Content

Thomas Weil, Kapitel 12.2: Soziale Arbeit in:

Johannes Schaller, Björn Eichmann (Ed.)

Gesundheit braucht kluge Köpfe, page 146 - 151

10 Jahre SRH Hochschule für Gesundheit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3988-5, ISBN online: 978-3-8288-6840-3, https://doi.org/10.5771/9783828868403-146

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Soziale Arbeit Weil, Thomas In der Bundesrepublik Deutschland etablierte sich Soziale Arbeit (So‐ zialarbeit/ Sozialpädagogik) im Zuge der Bildungsreformen der 1970er Jahre vor allem an den neu gegründeten Fachhochschulen. Diese Ent‐ wicklung nahm in den 1990er Jahren mit der neu entstehenden Dyna‐ mik der professionellen und wissenschaftlichen Begründung und Aus‐ arbeitung reflexiv-erkennender und aktiv-handelnder Sozialarbeiter an Fahrt auf. Die Nachfrage nach Studienplätzen ist heute fast ebenso un‐ gebrochen wie die Nachfrage nach Absolventen dieser Studiengänge (vgl. Kerncurriculum der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit DGSA 2016).1 Die Thesen des Wissenschaftsrates zur künftigen Entwicklung des Wissenschaftssystems in Deutschland aus dem Jahre 2000, die Aner‐ kennung der Sozialen Arbeit als eigenständige Fachwissenschaft durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und die Kultusministerkonfe‐ renz (KMK) im Jahre 2001 sowie zur gleichen Zeit die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen wiesen den Weg für Studienrefor‐ men in der hochschulischen Ausbildung für Soziale Arbeit und schaff‐ ten eine wesentliche Grundlage für Lehre und Forschung in der Sozia‐ len Arbeit. Über die letzten 40 Jahre hat sich gleichwohl an den Hoch‐ schulen im deutschen Sprachraum eine bemerkenswerte Sozialarbeits‐ Kapitel 12.2: 1 Die finale Fassung wurde am 29. April 2016 von der Mitgliederversammlung verab‐ schiedet. Der Text geht zu großen Teilen auf einen Entwurf zurück, der 2005 von einer Arbeitsgruppe der Sektion, Theorie-und Wissenschaftsentwicklung in der So‐ zialen Arbeit“ in der DGSA (Ernst Engelke, Manuela Leideritz, Konrad Maier, Ri‐ chard Sorg, Silvia Staub-Bernasconi) erstellt, jedoch von der DGSA insgesamt nie offiziell verabschiedet wurde, was hiermit nachgeholt wurde. Die in einem Diskussi‐ onsprozess eingeholte Rückmeldungen aus der DGSA berücksichtigend, beruht der vorliegende Text auf einer vom zu diesem Zeitpunkt aktivem Vorstand (Stefan Borr‐ mann, Gudrun Ehlert, Michaela Köttig, Dieter Röh, Sabine Stövesand, Christian Spatscheck, Barbara Thiessen) erarbeiteten Version. Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 146 forschung und -lehre entwickelt, von welcher vielfältige Impulse aus‐ gingen und ausgehen. Sie orientiert sich originär an der Sozialen Ar‐ beit und sozialarbeitswissenschaftlichen Fragestellungen. Ziel des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit ist eine akademische Ausbildung von Fachpersonen, die nicht nur krisenorientierte Inter‐ ventionsmethoden vermittelt, sondern auch ganzheitliche präventive Blickwinkel und Fachansätze. Damit soll den aktuellen gesellschaftli‐ chen Herausforderungen in der Arbeit mit und für Menschen über de‐ ren gesamte Lebensspanne auf hohem fachlichem Niveau begegnet werden. Hierfür wird den Studierenden nicht nur Fachwissen vermit‐ telt, sondern auch professionelle Haltungen, persönliche Stabilität und vor allem Reflexionsvermögen. Dies ist insofern besonders wichtig, da die Absolventen später auch durch sich selbst als Bezugspersonen jeweils Einfluss auf die Stär‐ kung und Stabilisierung von Familien und Personen in Krisensituatio‐ nen nehmen. Daher werden sie bereits im Studium befähigt, die eigene Person und die eigene Wirkung in der Interaktion mit anderen ein‐ schätzen zu können (Selbst- und Fremdwahrnehmung). Insgesamt kommt es also im Prozess der wissenschaftlichen Qualifizierung da‐ rauf an, bei den Studierenden eine akademische Grundhaltung zu be‐ fördern, die sie in die Lage versetzt, den Gegenstand ihrer Arbeit und ihre Rolle im Prozess der Wahrnehmung, Erklärung und Handlung kritisch zu reflektieren. Deswegen muss die Ausbildung dieser Reflexi‐ onsfähigkeit gegenüber reiner Wissensvermittlung oder -akkumulation immer im Vordergrund stehen (vgl. DGSA 2016). Unser Studienkonzept ist geprägt durch die stringente Orientie‐ rung der curricularen, inter- und transdisziplinären Wissensorganisa‐ tion am für die Soziale Arbeit geltenden Gegenstands- und Hand‐ lungsbereich des Verhinderns und der Bewältigung sozialer Probleme, die sich in ungleichen Möglichkeiten zur Lebensführung, unterschied‐ lichen Teilhabemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben sowie dem Mangel an Bildung, Gesundheit, Beschäftigung, Einkommen, sozialen Beziehungen und weiteren gesellschaftlichen Ressourcen zeigen. Da‐ rüber hinaus wurden die im internationalen Kontext vielfältigen theo‐ retischen und handlungstheoretischen Traditionen integriert, sowie die umfangreichen Ansätze zur Forschung von sozialarbeitsrelevanten Kapitel 12.2: Soziale Arbeit 147 Fragestellungen unter Berücksichtigung kontextueller, wie kontext‐ übergreifender Aspekte berücksichtigt. Uns geht es hierbei um die Umsetzung eines integrativen Professi‐ onsverständnisses, das sowohl mit direkten Mitteln der Bildung und Befähigung, der Existenzsicherung, der sozialen Unterstützung und Selbsthilfe als auch mit indirekten Mitteln, wie z.B. Sozialpolitischer Intervention oder dem Management sozialer Organisationen (vgl. Master Gesundheits- und Sozialmanagement) bzw. mithilfe der Einzel‐ fall-, Familien- und Gruppenarbeit, sowie mit sozialräumlich anset‐ zenden Methoden (u.a. Gemeinwesenarbeit) die Lebensführung der von sozialen Problemen betroffenen Menschen und insbesondere de‐ ren selbst gewählten Lebensentwürfen unterstützt und dabei die Ver‐ ursachung darin zum Ausdruck kommender Probleme durch gesell‐ schaftlicher Strukturen und Dynamiken thematisiert. Die SRH-Hochschule für Gesundheit Gera geht davon aus, dass Soziale Arbeit als Disziplin und Profession auf Beschreibungen, Erklä‐ rungen, Bewertungen und Verfahrensweisen beruht, die in einem be‐ stimmten gesellschaftlichen und organisationalen Umfeld, sowie in einem konkreten Problem- und Praxisfeld zum Tragen kommen. Wis‐ senschaftsbasierung und Berufsethik bzw. ein berufsethischer Kodex der Sozialen Arbeit ermöglichen die kritische Distanzierung, sowohl zu gesellschaftlichen Trägerinteressen, als auch zu individuellen Er‐ wartungen des Klientel, was wiederum für eine Profession konstitutiv ist. Die Studieninhalte unseres Studienganges Sozialer Arbeit bilden daher folgende Studienbereiche ab (vgl. Graphik der DGSA 2016): Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 148 Studienbereiche Sozialer Arbeit: Quelle: Kerncurriculum Soziale Arbeit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Ar‐ beit (2016) Im Rahmen des Studienbereichs Fachwissenschaftliche Grundlagen der Sozialen Arbeit werden die allgemeinen Grundlagen der Disziplin und Profession sowie die Ideen-, Theorie- und Sozialgeschichte des Helfens und Lernens, die theoretischen Grundlagen der Sozialen Ar‐ beit sowie der Professionalisierung vermittelt und kritisch reflektiert. In ihrem transdisziplinären Charakter integriert Soziale Arbeit das Wissen aus verschiedenen Disziplinen (Anthropologie, Biologie, Eth‐ nologie, Gender Studies, Gesundheitswissenschaften, Kulturwissen‐ schaften, Pädagogik, Philosophie, Psychologie, Politologie, Recht, So‐ ziologie, (Sozial-)Ökonomie, Kommunikations- und Medienwissen‐ schaft u.a.), um ihren Gegenstand erfassen und bearbeiten zu können. Diese Wissenschaften tragen je einzeln in unterschiedlicher Weise zur Erklärung von physischen, psychischen, wie sozialen und kulturellen Sachverhalten, ferner zu ihrer Bewertung wie ihrer Veränderung bei. Kapitel 12.2: Soziale Arbeit 149 Das heißt, dass sie Bezugspunkt für alle Studienbereiche sind. Die Übernahme von Elementen aus diesen (Fremd-)Disziplinen bildet den Studienbereich erweitertes Gegenstands- und Erklärungswissen Sozia‐ ler Arbeit ab. Als Handlungswissenschaft ist Soziale Arbeit auch auf normative Grundannahmen und deren Reflexion angewiesen. Sie bilden u.a. die Grundlage für Professionsethik und Professionskodex, aber auch für rechtliche und menschenrechtliche Begründungen. Dabei ist auf die Frage der Universalisierung versus kontextuelle Pluralisierung von Wertvorstellungen, Ethiken und Rechtsvorstellungen in diversen The‐ mengebieten einzugehen. Auch die Kenntnis der Rahmenbedingun‐ gen, unter denen Soziale Arbeit stattfindet, ist nicht nur Ausgangs‐ punkt für die Analyse von Handlungsspielräumen, sondern auch für eine Analyse im Hinblick auf die Notwendigkeit einer Veränderung dieser Bedingungen. Kriterien für die Auswahl von speziellen Hand‐ lungstheorien/Methoden können zum einen auf der Gestaltung von Lern-, Bildungs-, Hilfs-, Beratungs-, (sozial)politischen Aktivierungsund Organisationsprozessen von Individuen oder/ und Kollektiven oder/ und zum anderen - als sozialtherapeutische Interventionen - auf der Neugestaltung des gesellschaftlichen oder/ und institutionellen Umfeldes der Adressaten der Sozialen Arbeit liegen. Der Studienbe‐ reich Handlungsfelder und Zielgruppen umfasst Differenzierungskri‐ terien in Bezug auf Handlungs- bzw. Praxisfelder Sozialer Arbeit, wel‐ che in der Regel in ihrer Interdependenz behandelt werden. Im letzten Studienbereich geht es um die eigenständige Forschung Sozialer Arbeit, bezogen auf ihre spezifischen Fragestellungen, ihre Bedingungen und Folgen für ihre Adressaten, die Gesellschaft, sowie für die Profession selbst.2 Mit unserem neuen Studienangebot, welches die o.g. Studienberei‐ che abbildet, möchten wir zum einen denjenigen Studieninteressenten, welche an öffentlichen Hochschulen aufgrund des Numerus clausus keine Studienchance erhalten, ein attraktives Angebot für ein grund‐ ständiges Studium in der Sozialen Arbeit machen. Darüber hinaus 2 Auch der Deutsche Berufsverband für Soziale Arbeit und Heilpädagogik (DBSH) hat vor Jahren mit der Veröffentlichung seiner Vorstellung zu „Schlüsselkompeten‐ zen“ (2008) einen interessanten Versuch unternommen, zentrale Fähigkeiten profes‐ sioneller Sozialer Arbeit zu bestimmen. Kapitel 12: Weitere akademische Perspektiven für die Gesundheitsfachberufe 150 wollen wir ein passgenaues Angebot für verdiente Praktiker im sozia‐ len Sektor machen, indem wir es ermöglichen, in unserem berufsbe‐ gleitenden Bachelor-Studiengang Soziale Arbeit in nur vier Semestern zum ersten akademischen Abschluss zu kommen (vgl. § 63 ThürHG). Der nächste logische Schritt wird dann die Implementierung eines Masterstudienganges (nicht nur) für unsere SRH-Bachelorabsolventen mit dem Arbeitstitel: „Sozialer Wandel & Gesundheitsförderung“ (M. A.) sein. Kapitel 12.2: Soziale Arbeit 151

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Gesundheit braucht kluge Köpfe – seit zehn Jahren leistet die SRH Hochschule für Gesundheit dazu ihren Beitrag. Gesundheit ist ein zentraler Wirtschaftszweig in allen Industrienationen. In Zeiten des demografischen Wandels wächst er dynamisch. Zusätzlich verändern sich Verständnis und Menge unseres Wissens über Gesundheit. Die wichtigste Ressource zur Bewältigung dieser gesellschaftlichen Herausforderungen ist Bildung. Orientiert an den Interessen der Studierenden eröffnet die SRH Hochschule für Gesundheit jungen Menschen neue Chancen, an diesem Wandel teilzuhaben. Sie begegnen dabei modernen Ausbildungswegen, einer umfassenden Verzahnung von Theorie und Praxis und anspruchsvollen Forschungsprojekten. Die staatlich anerkannte, private SRH Hochschule für Gesundheit ist Teil des bundesweiten Netzwerkes der SRH-Gruppe. In ihren Gesundheits- und Bildungseinrichtungen engagieren sich über 13.000 Beschäftigte und ebenso viele Studierende. Dieser Band gibt einen Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt der Hochschule. Gleichzeitig berichtet er vom Aufbruch in eine Gesundheitswelt im Wandel. Vorgestellt werden die aktuell 15 Bachelor- und Masterstudiengänge in fünf verschiedenen Studienmodellen an sieben Standorten. Es werden Einblicke gegeben in Bachelor- und Masterthesen der vergangenen Jahre, sowie in aktuelle Forschungsprojekte. Viele kluge Köpfe hat die SRH Hochschule für Gesundheit für das Berufsleben qualifiziert. Im Wissen darum, dass innovative Bildung unersetzbar ist, werden viele weitere folgen.