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1 Einleitung in:

Dirk Böpple

Berufseinmündung von Akademikern, page 9 - 26

Sequenzmuster der Übergänge zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3974-8, ISBN online: 978-3-8288-6839-7, https://doi.org/10.5771/9783828868397-9

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 81

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einleitung Der Berufseinmündungsprozess ist bereits vielfach zum Gegenstand soziologischer Forschung gemacht worden. Die thematische Verankerung erstreckt sich dabei von der ökonomischen Arbeitsmarktforschung über den Kontext der Ungleichheits- (Falk 2005; Windzio 2000) und der Mobilitätsforschung (Kappelhoff und Teckenberg 1987; Leuze 2010a; Scherer 2001) bis hin zur Bildungsforschung (Müller und Shavit 1998), um nur einige Schnittmengen zu nennen. In einer weiter gefassten Betrachtung lässt sich der Berufseinmündungsprozess auch im Rahmen des Lebenslaufparadigmas (Blossfeld und Mayer 1988; Falk et al. 2000) untersuchen. Dabei ist der Übergang zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem als solches weitaus weniger untersucht. Die Arbeiten im Rahmen der Ungleichheitsforschung untersuchen zumeist die Auswirkungen des Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit auf die Verteilung von Einkommen (z. B. Blossfeld 1985), Prestige (z. B. Müller 2001) und adäquaten Beschäftigungsverhältnissen (z. B. Diem und Wolter 2013). Dabei stehen häufig Fragen nach dem Zugang zu und der Verteilung von knappen Gütern im Vordergrund des Interesses. Perspektivisch werden dabei zumeist gesamte Lebensläufe in den Blick genommen und die Frage nach Individualisierung und (De-)Standardisierung gesamter Lebensverläufe oder zumindest ganzer Lebenslaufphasen untersucht. In der vorliegenden Arbeit wird hingegen eine detailliertere Perspektive eingenommen. Der Fokus wird auf die Details der Übergänge von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit gerichtet. Damit ist zum einen beabsichtigt, dass dieser Übergang als eigenständige Phase im Lebenslauf konzeptualisiert wird und nicht ” nur“ als punktuelles Ereignis, welches zwei angrenzende Lebenslaufphasen (die (Aus-)Bildungs- und Erwerbsphase) verbindet. Dabei ermöglicht die Perspektive der Übergangsforschung, die institutionellen Strukturen des Ausbildungssystems1 und des Arbeitsmarkts 1 Im Folgenden werden die Begriffe ” Ausbildungssystem“ und ” Bildungssystem“ sowie ” Erwerbssystem“ und ” Beschäftigungssystem“ synonym verwendet. 9 zu berücksichtigen und so die Auswirkungen institutioneller Gelegenheitsstrukturen des Ausbildungssystems auf die Ausgestaltung und Dauer der Übergänge von Akademikern2 in die erste Erwerbstätigkeit zu analysieren. Zum anderen wird der Blick auf die Verteilung von Zuständen und Aufenthalts- bzw. Übergangsdauern gelegt und nicht auf Aspekte vertikaler Ungleichheiten. Neben diesem konzeptionellen Anliegen – und dies ist eher komplementär zu verstehen – werden auf methodischer Ebene explorative Verfahren der Sequenzmusteranalyse mit konfirmatorischen Regressionsverfahren kombiniert. So wird versucht, den theoretischen ” Ansprüchen“ einer holistischen Betrachtungsweise (Levy 2005) der Prozesshaftigkeit von Übergängen Rechnung zu tragen. Daher stehen die Dauer und die Ausgestaltung der Übergangsverläufe bzw. -muster im Vordergrund des Interesses. Es geht also nicht um die Frage, wie ” gut“ oder ” erfolgreich“ (im Sinne von adäquater Beschäftigung, hohem bzw. adäquatem Einkommen, Befristung, aber auch Stabilität der Beschäftigung) der Übergang in die erste Erwerbstätigkeit vonstattengeht, sondern darum, wie ” schnell“ und/oder ” turbulent“ der Übergang erfolgt. Darauf aufbauend soll ein detaillierterer Blick auf die Zeit zwischen Ausbildung und Erwerbstätigkeit als eigenständige Phase des Übergangs geworfen werden. Grundlegend steht die nach wie vor höchst unterschiedlich aufgegriffene und beantwortete Individualisierungsthese Ulrich Becks im Vordergrund. Nachfolgend wird anhand eines Überblicks über den empirischen Forschungsstand der Problemaufriss skizziert. Daran anknüpfend werden das Anliegen und der Aufbau der vorliegenden Arbeit vorgestellt. 2 Indem die Begriffe ” Akademiker“ und ” Hochqualifizierte“ vom Einzelfall abstrahieren, wird auch von einem spezifischen Geschlecht abstrahiert. Somit werden im Folgenden diese Begriffe – sofern nicht explizit ausgewiesen – synonym für weibliche und männliche Hochschulabsolventen verwendet. Dabei unterscheiden diese Begriffe nicht, ob ein Fachhochschul- oder Universitätsstudium absolviert wurde. Sofern eine Differenzierung von Fachhochschul- und Universitätsabsolventen vorgenommen wird, wird dies explizit ausgewiesen. 10 1.1 Problemaufriss Die Untersuchung des Arbeitsmarkteintritts von Akademikern erfolgt häufig im Rahmen von Absolventenstudien, die meist rückblickende Einschätzungen des Studiums in den Vordergrund rücken und dessen Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt evaluieren möchten (vgl. überblicksartig Burkhardt et al. 2000 und für die Arbeiten des Hochschulinformationssystems HIS exemplarisch Briedis 2007). Ebenfalls ein verstärktes Interesse am Arbeitsmarkteintritt von Akademikern ist in der ökonomischen und soziologischen Arbeitsmarktforschung zu finden (exemplarisch Bellmann und Velling 2002). Seit den 1970er Jahren etablierte sich neben der stärker arbeitsmarktorientierten soziologischen Forschung auch der Bereich der Hochschulforschung, der explizit die Auswirkungen bildungs- bzw. hochschulpolitischer Entwicklungen auf die Arbeitsmarktchancen von Hochqualifizierten in den Blick nahm (vgl. zusammenfassend Kehm 2008). Ein Blick in die Literatur zeigt jedoch, dass Arbeiten zum Berufseinmündungsprozess von Akademikern im Kontext der Lebenslaufforschung bzw. Übergangsforschung, verglichen mit den Arbeiten zum Übergang von der Berufsausbildung in die Erwerbstätigkeit oder in das Erwachsenenalter, verhältnismäßig rar gesät sind. Dabei eröffnet gerade die Perspektive der Übergangsforschung die Möglichkeit, die Auswirkungen der institutionellen Strukturen des tertiären Bildungssystems auf die Übergangsprozesse von Hochschulabsolventen zu berücksichtigen (Leuze 2010b). Dieses ” Ungleichgewicht“ kann mitunter dadurch begründet werden, dass nach wie vor Akademiker die besten Arbeitsmarktchancen vorzuweisen haben und eine ” Dringlichkeit“ zur Erforschung der Ursachen und Gründe für einen ” weniger gelingenden“ Berufseinstieg eher beim Berufseinmündungsprozess von Absolventen beruflicher Ausbildungssysteme notwendig erscheint. Diese Vermutung liegt zumindest nahe, wenn man die steigenden Arbeitslosenzahlen von Absolventen einer beruflicher Ausbildung (vor allem im Vergleich mit Hochschulabsolventen) der vergangenen Jahrzehnten betrachtet (Allmendinger 2005; Reinberg und Hummel 2006: 64–65, 67; zusammenfassend auch Abschnitt 3.4). Eine Vielzahl wissen- 11 schaftlicher Studien weist auf eine wachsende Unsicherheit beim Eintritt in das Erwerbsleben von Ausbildungsabsolventen hin (Heinz et al. 1987; Kocka und Offe 2000; Parmentier et al. 1994). Für den Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung werden vergleichbare Tendenzen festgestellt (Protsch 2011; Reißig 2014). Diesen Erkenntnissen entgegengesetzt wird dem beruflichen Ausbildungssystem in Deutschland eine hohe Standardisierung der Ausbildungsinhalte und der damit verbundenen Abschlüsse zugeschrieben, was zu einer vergleichsweise hohen ” Übergangssicherheit beim Eintritt in den Arbeitsmarkt“ führt (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 180; Dütsch et al. 2013: 506; Konietzka 2002; Schaeper 1999). Diesem steht der andere Bereich des deutschen Bildungs- und Ausbildungssystems, die akademische Ausbildung, als traditionell klar abgegrenzter Bereich gegenüber. Jedoch ist seit einigen Jahrzehnten eine Annäherung dieser vormals relativ strikt getrennten Bereiche zu beobachten (Severing und Teichler 2013). Eine vergleichbar uneinheitliche Berichterstattung erfolgte in den vergangenen Jahrzehnten zu den Arbeitsmarktchancen von Hochschulabsolventen. Hier wurden die Prognosen und Befunde seit den 1960er Jahren von Schlagworten wie ” Absolventenschwemme“, ” Akademikerproletariat“, ” Taxifahrer Dr. phil.“ und ” Studentenbergen“ begleitet (Teichler 2007: 12; Weymann 1987). Dabei erhielten die jeweiligen Begriffe durchaus unterschiedliche Konnotationen. Während die ” Absolventenschwemme“ den Fokus der Kritik auf eine nicht mehr zu bewältigende Aufnahme der Absolventen tertiärer Bildung auf dem Arbeitsmarkt legte, fokussierten das ” akademische Proletariat“ (Schlaffke 1972) sowie ” Taxifahrer Dr. phil“ (Schlegelmilch 1987) stärker die durch steigende Absolventenzahlen und die befürchtete Aufnahmebeschränkung des Arbeitsmarkts entstehenden prekären Beschäftigungsverhältnisse. Mit Blick auf die Hochschulen selbst und damit nicht zuletzt auf die Qualität der Ausbildung gerichtet war der Begriff der ” Studentenberge“. Ebenso befinden Burkhardt et al. (2000: 9), dass seit ” Jahrzehnten [. . . ] die Beschäftigungssituation von Hochschulabsolventen in der Bundesrepublik mehr mit 12 Sorge als mit Optimismus verfolgt“ wird. Diesen Debatten stehen zumindest in einigen Bereichen zahlreiche empirische Untersuchungen entgegen, die Hochschulabsolventen nach wie vor die beste Arbeitsmarktsituation prognostizieren (Kühne 2009; Leuze und Allmendinger 2008; Müller 2001; Reinberg und Schreyer 2003; Reinberg und Hummel 2005). Auch die qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten geben Anlass zu einer positiven Einschätzung (Allmendinger 2005). Ebenfalls konnte gezeigt werden, dass im internationalen Vergleich auch das deutsche Hochschulsystem stark standardisiert ist und somit vergleichbar dem beruflichen Ausbildungssystem zu vergleichsweise guten Beschäftigungschancen führt (Leuze 2010b). Auf methodischer Ebene werden die bisherigen Arbeiten zum Übergangsprozess vom Ausbildungssystem in das Erwerbssystem bzw. dem Einmündungsprozess in das Erwerbssystem zumeist nur dem Wortlaut nach den gestellten Ansprüchen gerecht, Übergangsprozesse als Verlauf bzw. in ihrer Prozesshaftigkeit zu erfassen. Häufig wird von Berufs- oder Erwerbsverläufen gesprochen und so bereits sprachlich auf eine einzelne Lebenslaufphase Bezug genommen. Der überwiegende Anteil der Studien zur Berufseinmündung analysiert diesen Prozess mit Methoden der Ereignisanalyse, die, wie der Name bereits andeutet, Ereignisse und nicht Verläufe zum Gegenstand haben (Brüderl et al. 1991; Berger 1996; Drobnič et al. 1999; Dütsch et al. 2013; Kühne 2009; Matthes 2004; Scherger 2007; Windzio 2000). Berger und Sopp (1992) sowie Berger (1996) unterscheiden sogar zwischen der ” Dauer“ von Lebensphasen und ” Sequenzen“ von Ereignissen, erstellen eine Typologie von Erwerbsverläufen, verbleiben methodisch jedoch auf der Ebene des Vergleichs deskriptiver Maßzahlen. Gleichwohl ist bekannt, dass der Übergang vom Bildungssystem in das Erwerbssystem in einem Modell, das diesen Prozess als singuläres Ereignis abbildet, nicht adäquat erfasst werden kann (Allmendinger 1989; Böpple 2010; Kerckhoff 1995). Zudem gestaltete sich bisher eine Operationalisierung der Übergangsprozesse als ” echte Verläufe“ entweder mangels adäquater Methoden oder schlichtweg aufgrund 13 nicht vorhandener Daten mit der methodisch benötigten Verlaufsstruktur schwierig. Auf einer theoretischen und begrifflichen Ebene können zwei Aspekte identifiziert werden, die weiterhin eine detailliertere Analyse notwendig erscheinen lassen: (1) die im historisch-zeitlichen Kontext verortete Frage nach einer (De-)Standardisierung und/oder Individualisierung von Lebensläufen und den darin befindlichen Übergängen von Hochschulabsolventen und (2) die Frage nach der institutionellen Kopplung zwischen dem tertiären (Aus-)Bildungssystem und dem Arbeitsmarkt. Dabei werden die Begrifflichkeiten der (De-)Standardisierung, (De-)Institutionalisierung, (Ent-)Differenzierung, Pluralisierung und Individualisierung von Lebensverläufen nach wie vor diffus verwendet und höchst unterschiedlich gedeutet und beantwortet (Buchmann 1989a, 1989b; Berger 1996: 52; Scherger 2007: 96–100; Konietzka 2010: 123). Dies gilt für Lebensverläufe im Allgemeinen und den darin befindlichen Übergängen im Speziellen. Brückner und Mayer (2005) resümieren die Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts als eine Zeit, in der die vorherrschende wissenschaftliche Meinung von weniger standardisierten, weniger einheitlichen und weniger planbaren Lebensverläufen, die einem verstärkten Risiko des Scheiterns im Privaten wie Beruflichen ausgesetzt seien, ausging. Ergänzend wird eine differenzierte Stellung zur Standardisierung von Familien- und Berufsverläufen eingenommen. Während eine De-Standardisierung und Pluralisierung von Familienverläufen eindeutig festgestellt wird, finden sie wenig Bestätigung der De-Standardisierung in Bezug auf den Berufsverlauf (Brückner und Mayer 2005: 49). Die durchaus vorhandenen Versuche, dieses weite Feld theoretisch zu konkretisieren und begrifflich einzugrenzen (Scherger 2007; vor allem Wohlrab-Sahr 1992), scheinen die Begrifflichkeiten und Perspektiven auch ” nur“ neu zu ordnen. Dabei erscheint gerade die Frage, welche Perspektive bei der Beantwortung der Fragen nach (De-)Standardisierungsund Individualisierungsprozessen eingenommen wird, als entscheidend. Damit ist gemeint, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob gesamte 14 Lebensverläufe, einzelne (mehr oder weniger lange) Phasen im Lebensverlauf oder nur relativ kurze Übergangsphasen betrachtet werden. Eine De- Standardisierung von einzelnen Lebenslaufphasen, wie des Erwerbsverlaufs, müssen nicht zwangsläufig mit einer De-Standardisierung der Übergänge von der (Aus-)Bildungsphase in die Erwerbsphase einhergehen. So kann der Übergang in einen pluralisierten, de-standardisierten und entstrukturierten Erwerbsverlauf vollkommen standardisiert und einheitlich verlaufen. Ein weiterer Aspekt betrifft die Frage nach den genauen Mechanismen der institutionellen Kopplung zwischen dem (Aus-)Bildungssystem und dem Erwerbssystem in Bezug auf Hochschulabsolventen. Während dieser Aspekt für den Bereich der (dualen) Berufsausbildung eingehend untersucht ist (exemplarisch Allmendinger 1989; Shavit und Müller 1998), sind Analysen zu den Übergängen von Akademikern in den Arbeitsmarkt wesentlich seltener. Vor allem die Arbeiten von Leuze (2007; 2010a; 2010b) und Leuze und Allmendinger (2008) greifen diese Forschungslücke in neuerer Zeit auf. Jedoch beziehen sich diese auf Ländervergleiche, die zum Ziel haben, unterschiedliche Übergangsregime3 zweier oder mehrerer Länder und die zugrunde liegenden sozialen und institutionellen Mechanismen zu vergleichen. Dabei wird angenommen, dass das tertiäre (Aus-)Bildungssystem – vergleichbar dem beruflichen Ausbildungssystem – ein einheitliches Übergangsregime vorweist. Jedoch deuten gerade die Analysen zur institutionellen Beeinflussung der Übergänge zwischen der Hochschule und dem Arbeitsmarkt darauf hin, dass nennenswerte Unterschiede in den Mechanismen und Wirkungsweisen der institutionellen Strukturen unterschiedlicher Hochschularten zu erwarten sind (Leuze 2010b; Müller 2001; Teichler 2007). Daher ist die Unterscheidung, welche im Rahmen von Analysen des Übergangs von der Hochschule in den Beruf aber selten vorgenommen wird, 3 Der Begriff ” Übergangsregime“ bezieht sich dabei auf landeseinheitliche Übergangsformen. Im weiteren Verlauf soll der Begriff der Übergangsmuster verwendet werden, da dieser offener gegenüber individuellen Ausprägungen und konjunkturellen Veränderungen erscheint. 15 zwischen horizontaler und vertikaler Passung von Bildungs- und Beschäftigungssystem zu berücksichtigen. So wird trotz der bereits angeführten Klagen über die schwindende Verwertbarkeit des Hochschulstudiums auf dem Arbeitsmarkt ( ” Überqualifizierung“, ” Verdrängungswettbewerb“) weiterhin von einer normativen Geltung einer ” doppelten quantitativ-strukturellen Global-Passung von Bildungs- und Beschäftigunggsystem“ ausgegangen (Teichler 2007: 12). Weder in theoretischer noch in empirischer Hinsicht wird dieser Differenzierung in der Literatur angemessen Rechnung getragen (ansatzweise bei Matthes 2004; Teichler 2007; Vicari 2014). In einigen Studien zum Berufseinmündungsprozess wird die Passung zwischen Studienfach bzw. Fächerguppen und Beruf berücksichtigt und damit auf berufsfachliche Arbeitsmärkte Bezug genommen (Böpple 2010; Leuze 2010b). Während die vertikale Differenzierung auf Ungleichheitsaspekte (Statuspositionen, Einkommen, Prestige etc.) verweist, nimmt eine horizontale Differenzierung Bezug auf die Verwertbarkeit der Abschlüsse unterschiedlicher Hochschularten auf dem Arbeitsmarkt. Diese horizontale Dimensionen der Differenzierung kann wiederum in die zuvor genannten vertikalen Dimensionen des Passungsverhältnisses der unterschiedlichen Abschlüsse an den beiden Hochschularten eingeordnet werden. So erklärt der von Leuze (2010b) beschriebene Ansatz die Wirkungsweisen des institutionellen ” set-up“ von Ausbildungs- und Erwerbssystem auf die Ausgestaltung der Übergänge von Akademikern anhand der Konzepte der ” stratification“, ” occupational specifity“ und der ” standardization“, verbindet diese im Ländervergleich mit den institutionellen Kontexten zwischen unterschiedlich gewachsenen politischen Ökonomien und überträgt diese Überlegungen auf nationalstaatliche Vergleiche im Rahmen des ” Varieties of Capitalism-Ansatzes“ (Hall und Soskice 2001). Dabei wird der Schwerpunkt auf die Auswirkungen der institutionellen Rahmenbedingungen des Ausbildungssystems auf die Übergangsprozesse gelegt und weniger auf die Verbindung der auf der Mikroebene angesiedelten individuellen Handlungen der Akteure mit dem Ausbildungs- und Erwerbssystems. 16 Daher kann gesagt werden, dass ein markantes Defizit der bisherigen Untersuchungen zum Übergang von Hochschulabsolventen darin besteht, dass zum einen häufig eine ” einseitige“ Perspektive auf nur eine Lebenslaufphase, der Erwerbsphase, eingenommen wird. Zum anderen wird dabei zumeist ein relativ weiter Betrachtungsfokus gewählt, der den Übergang als ein mehr oder weniger punktuelles Ereignis konzeptualisiert. Dies führt auf methodischer Ebene dazu, dass dem Verlaufscharakter von Übergängen nur unzureichend Rechnung getragen wird. Dabei ” bedarf es vielmehr einer zeitbezogenen Analyse der Kombination zweier Lebensbereiche“, um das Passungsverhältnis von Ausbildung und beruflicher Tätigkeit adäquat zu erfassen (Matthes et al. 2008: 7 f.). Denn gerade bei stark institutionalisierten Übergängen wird der strukturellen Passung von Ausbildung und Beruf eine hohe Relevanz für den Verlauf des Übergangs zwischen Ausbildungssystem und Beschäftigungssystem zugesprochen. Zum anderen bedarf es einer differenzierteren Sichtweise, wie dieses Passungsverhältnis theoretisch gefasst und damit operationalisiert werden kann. Zumeist wird ein hohes Passungsverhältnis mit einem ” erfolgreichen“ Übergang gleichgesetzt. Jedoch wird ” Erfolg“ sehr unterschiedlich definiert. Dies geschieht unter anderem in Bezug auf horizontale bzw. vertikale Adäquanz der Tätigkeit, Einkommen, vertikale bzw. horizontale Passung von Ausbildungszertifikaten und beruflichen Zugangsvoraussetzungen, aber auch über das Prestige der beruflichen Tätigkeit (Kühne 2009). Während im Rahmen von Ereignisanalysen häufig die Übergangsraten oder -dauern bis zur ersten Erwerbstätigkeit untersucht werden, sagt dies noch nichts über die Ausgestaltung der Übergänge aus. Somit bleibt eine detaillierte Sicht auf den Übergang zwischen dem Bildungsund Beschäftigungssystem als eigenständige Phase undifferenziert, da nicht zwischen der Übergangsdauer und den Übergangsmustern unterschieden wird. So besteht erstens eine Unschärfe bei der Klärung der Frage, ob die Übergänge hinsichtlich der Dauer und/oder den Übergangsmustern de-standardisierter und/oder pluralisierter geworden sind. Zweitens ist zu untersuchen, ob im nationalen Kontext Unterschiede zwischen den stärker 17 anwendungsbezogenen Fachhochschulen und den eher wissenschaftsnäheren Universitäten zu beobachten sind. 1.2 Anliegen und Spezifika der Studie In dieser Arbeit soll nun ein Beitrag zur Klärung der zuvor beschriebenen Defizite der bisherigen Forschung geleistet werden. In einem ersten Schritt wird eine Konkretisierung des Übergangsbegriffs erfolgen, der den ” Übergang“ zwischen der Hochschule und dem Arbeitsmarkt klar von dem ” Einstieg“ in den Arbeitsmarkt abgrenzt. Dabei wird sich gegen eine umfassende Betrachtung ganzer Lebensläufe und auch ganzer Lebenslaufphasen (z. B. der (Aus-)Bildungsphase oder der Erwerbsphase) ausgesprochen, sondern vielmehr eine detaillierte Betrachtung des Zeitraums ” zwischen“ der (Aus-)Bildungsphase und der Erwerbsphase vorgenommen. Durch diese perspektivische Eingrenzung auf Übergänge und nicht auf ganze Lebenslaufphasen soll eine detailliertere Sicht auf die De-Standardisierungsprozesse von markanten Übergängen innerhalb der Lebensverläufe eingenommen werden. Dies geschieht, indem untersucht wird, ob De-Standardisierungstendenzen nicht nur in den Erwerbsverläufen, sondern auch (bereits) in der Übergangsphase zwischen der Ausbildung und dem Erwerbseintritt zu beobachten sind. Die Fokussierung (1) auf Übergänge und nicht gesamte Lebensverläufe sowie (2) auf den Übergang von der Ausbildungsphase in die Erwerbsphase, der innerhalb des modernen, dreigeteilten Lebenslaufs eine markante Übergangsphase darstellt, und nicht z. B. den Übergang in die Elternschaft4, erscheint besonders interessant, da dies einen höchst prägenden Übergang und für den weiteren Lebensverlauf weichenstellenden Prozess darstellt. Die Analyse wird auf eine homogene Qualifikationsgruppe (Akademiker) 4 Das ist ohne Zweifel ein prägender Abschnitt bzw. Übergang im Lebenslauf eines Menschen, der jedoch gemäß der in Abschnitt 2.2 noch näher zu erläuternden Konzeption des modernen dreigeteilten Lebenslaufs nicht im Mittelpunkt der Argumentation steht. 18 beschränkt, um so mögliche Unschärfen bei den Analysen zu vermeiden (z. B. durch unterschiedliche Arbeitsmarktstrukturen für unterschiedliche Qualifikationsstufen). Jedoch wird diesbezüglich angenommen, dass signifikante Unterschiede in den institutionellen Rahmenbedingungen zwischen Fachhochschulen und Universitäten bestehen. Somit ist davon auszugehen, dass die unterschiedlichen institutionellen Rahmungen durch die in Deutschland traditionell starke institutionelle Kopplung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem zu unterschiedlichen Übergangsmustern führen. Um jedoch sinnvoll von einer eigenständigen Übergangsphase sprechen zu können, die zwischen zwei Lebenslaufphasen liegt, muss die Perspektive des sequenziellen Übergangs von der Perspektive des punktuellen Einstiegs in den Beruf klar abgegrenzt werden. Daher wird in dieser Arbeit argumentiert, dass das Konzept der Gatekeeper (Behrens und Rabe-Kleberg 1992; Struck 2001) geeignet erscheint, eine theoretische Verbindung zwischen den institutionellen Strukturen und individuellen Handlungen der Akteure beim Verlassen des Ausbildungssystems und dem Eintritt in das Erwerbssystem herzustellen. Hierbei wird vor allem die Abgrenzung zu Berufseinstiegsprozessen im Vergleich zu Übergangsprozessen deutlich, da ein Übergang als zwischen den davor und danach folgenden Lebenslaufphasen liegend definiert wird. Durch diese Konzeption von Übergängen wird ermöglicht, Übergangsphasen im Sinne von punktuellen Übergangsereignissen und sequenziellen Übergangsprozessen zu unterscheiden. Zwar kann davon ausgegangen werden, dass eine De-Standardisierung und Pluralisierung von Erwerbsverläufen bereits in der Übergangsphase zu beobachten ist, es ist jedoch nicht auszuschließen, dass bei einer auf der Ebene des Qualifikationsniveaus homogenen Gruppe von Akademikern Unterschiede zwischen Fachhochschulabsolventen und Universitätsabsolventen in Bezug auf eine horizontale Differenzierung (anwendungsorientiert versus wissenschaftsnah) zu beobachten sind. Während die empirischen Ergebnisse zum Berufseinstieg von Hochschulabsolventen im Vergleich zu anderen Qualifikationsgruppen eindeutig ein positives 19 Bild zeichnen, ist die Frage in einer ” Binnenansicht“ weitaus weniger untersucht worden (vgl. Leuze und Allmendinger 2008: 65). In einem weiteren Schritt wird der Fokus dieser Arbeit auf (De-)Standardisierungstendenzen zwischen unterschiedlichen Hochschularten und den im tertiären Bildungssystem vergebenen Abschlussarten beim Übergang in das Beschäftigungssystem gelegt. Das Hauptaugenmerk wird hierbei nicht auf vertikale Ungleichheitsaspekte zwischen Fachhochschul- und Universitätsabsolventen gerichtet, sondern auf eine horizontale Differenzierung des Passungsverhältnisses der Abschlüsse unterschiedlicher Hochschularten und den damit verbundenen Berufsebenen. Dies führt dazu, dass weniger vertikale Arbeitsmarktungleichheiten im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen als vielmehr horizontale Passungsverhältnisse von Hochschul- bzw. Abschlussarten und bestimmten Berufsebenen. Dabei wird das Passungsverhältnis von Ausbildungssystem und Beschäftigungssystem anhand des Grades der Standardisierung der Abschlusszertifikate und des Grades der Regulierung der Berufszugänge operationalisiert (vgl. Vicari 2014). Wenngleich der horizontalen Differenzierung zwischen den stärker wissenschaftsnahen Universitätsabschlüssen und den stärker anwendungsbezogenen Fachhochschulabschlüssen ein eher geringer Einfluss auf Arbeitsmarktungleichheiten attestiert wird (Leuze und Allmendinger 2008: 68–69), wird in dieser Arbeit die These vertreten, dass (1) Fachhochschulabsolventen durch den stärkeren Anwendungsbezug der Ausbildung einen geradlinigeren, aber nicht zwingend schnelleren Übergang in die erste Erwerbstätigkeit aufweisen und (2) Universitätsabsolventen durch die an Universitäten differenziertere Struktur von Abschlussarten ” turbulentere“ Übergänge erleben. Weiter wird zu untersuchen sein, wie und ob sich ein hohes Passungsverhältnis von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem auf die Übergangsdauer auswirkt und wie sich die Übergangsmuster beim Übergang zwischen Hochschule und erster Beschäftigung darstellen. Neben der bereits angeführten Einschränkung des Gegenstandbereichs auf Übergänge von Akademikern und der Ausdifferenzierung der Perspektiven 20 zwischen punktuellen Ereignissen und prozesshaften Sequenzen wird der Fokus der Analysen weiter auf das strukturelle Passungsverhältnis von Ausbildungs- und Erwerbssystem gelegt und anhand individueller Merkmale kontrastiert. Es gilt zu prüfen, welchen Einfluss institutionelle und individuelle Merkmale auf den Übergangsprozess der Hochschulabsolventen haben. Auf der Mikroebene lässt sich die Struktur von Lebensläufen, aber auch von Übergängen ” als Abfolge von Ereignissen und Zuständen in der Lebenszeit“ sehen, welche ” zu einem gewissen Anteil das Produkt individuellen Handelns [sind]“ (Konietzka 2010: 25). Auf der Makroebene wird nun sozialer Wandel als die ” Veränderung in der Struktur eines sozialen Systems“ (Weymann 1998b: 14) verstanden. Somit kann die Kohortenzugehörigkeit der einzelnen Individuen als Verbindung zwischen individuellem Handeln auf der Mikroebene und sozialem Wandel auf der Makroebene verstanden werden (Konietzka 2010: 25). Um auf methodischer Ebene dieser differenzierten Sichtweise auf Übergänge angemessen begegnen zu können, wird – anknüpfend an die Perspektive von eigenständigen Übergangsphasen, die zwischen zwei Lebenslaufphasen verortet sind – die Untersuchung von (De-)Standardisierungstendenzen anhand ereignisanalytischer Verfahren um aktuelle Verfahren der Sequenzmusteranalyse erweitert. Während mit Methoden der Ereignisanalyse ” nur“ die Dauer bis zum Berufseintritt untersucht wird, ermöglicht die theoretische Konzeption eines sequenziellen Übergangsprozesses die Anwendung von Sequenzmusteranalysen und so eine detailliertere Analyse der verschiedenen ” Zustände“, die in der Zeit zwischen Hochschulabschluss und erster Beschäftigung eingenommen werden. Somit wird das bisherige Analysespektrum deskriptiver Auswertungen von (De-)Standardisierungstendenzen, welches sich hauptsächlich auf Kohortenvergleiche von Altersvarianzen, der Dauer zwischen Hochschulabschluss und erster Erwerbstätigkeit sowie der Verteilung von befristeten und unbefristeten Anstellungen erstreckt, um Maßzahlen zur Turbulenz und Diskrepanz der Übergangsmuster erweitert. Dabei können bereits auf deskriptiver Ebene Merkmale gesamter Über- 21 gangssequenzen und nicht nur punktuelle Merkmale erfasst werden. Die theoretisch eröffneten Perspektiven von Übergängen als Ereignis und als Prozess legen nahe, das methodische Repertoire der Ereignisanalysen zur Untersuchung von De-Standardisierungstendenzen anhand der Übergangsdauer um Verfahren der Sequenzmusteranalysen und so auch auf inferenzstatistischer Ebene die Analysen um die Perspektive von Übergangsmustern zu erweitern. Die Frage, ob Lebensläufe de-standardisierter geworden sind, lässt die Frage empirisch unbeantwortet, ob auch die Übergangsphasen im Lebenslauf de-standardisierter oder auch pluralisierter geworden sind. Wenn beispielsweise die Altersvarianz beim Übergang in die erste Beschäftigung im Kohortenvergleich zunimmt (Brückner und Mayer 2005), also die Individuen zu vermehrt unterschiedlichen Zeitpunkten im Lebenslauf diese Übergangsphase erleben, ist noch nichts darüber ausgesagt, ob die Übergänge an sich ebenfalls differenzierter oder weniger standardisiert verlaufen. Daher soll in dieser Arbeit eine ” methodische“ wie auch ” perspektivische“ Lücke geschlossen und ein detaillierter Blick auf die Übergangsprozesse bzw. -sequenzen eingenommen werden. Dabei soll methodisch dem prozesshaften Charakter dieser Übergänge Rechnung getragen werden, indem nicht nur punktuelle Ereignisse, sondern auch Differenzierungen gesamter Sequenzen ermöglicht werden. Durch die Verbindung von Ereignisanalysen mit Sequenzmusteranalysen kann sowohl die zeitliche Dimension des Übergangs als auch die Prozessdimension untersucht und so eine detaillierte und vollständigere Analyse des Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit vollzogen werden. Ziel ist es hierbei, die individuellen Übergangsverläufe in ihrer Prozesshaftigkeit zu betrachten und so die Ausgestaltung individueller Verlaufsmuster im Rahmen kontextueller Gegebenheiten zu untersuchen. Den Überlegungen zu Übergangsprozessen von Hochschulabsolventen wird in der vorliegenden Arbeit anhand aktueller Daten des Instituts für Ar- 22 beitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nachgegangen.5 Dabei bieten die Daten der Studie ” Arbeiten und Lernen im Wandel“ (ALWA) erstmalig die Möglichkeit, gesamte Lebensverläufe von mehr als 10 000 Personen der Geburtsjahrgänge 1956 bis 1988 monatsgenau zu betrachten. Die Daten geben nicht nur Auskunft über die einzelnen Bildungs- oder Erwerbsverläufe, sondern beinhalten auch Informationen über dazu parallel verlaufende Familien- und Partnerschaftsverläufe und die Wohngeschichte (Antoni et al. 2010). Diese Daten ermöglichen somit eine detaillierte Auswertung der Bildungs- und Erwerbsverläufe mit Methoden der Sequenzmusteranalyse (Abbott 1995; Abbott und Tsay 2000; Aisenbrey 2000). Folgende Fragen werden in der vorliegenden Arbeit aufgeworfen und ein Beitrag zu dessen Klärung geleistet: Können Standardisierungs- oder De-Standardisierungstendenzen bereits in der Übergangsphase zwischen Hochschule und Erwerbstätigkeit beobachtet werden? Wenn die Übergänge weniger standardisiert verlaufen, wie schlägt sich dies in der Dauer und dem Verlauf der Übergänge nieder? Sind Unterschiede zwischen verschiedenen Hochschulund Abschlussarten zu beobachten? In welchem Verhältnis stehen institutionelle Merkmale des Ausbildungs- und Erwerbssystems zu individuellen Merkmalen der Absolventen in Bezug auf einen schnellen und geradlinigen Übergang in die erste Erwerbstätigkeit? 1.3 Aufbau der Arbeit Zur Beantwortung der oben skizzierten Fragen werden in Kapitel 2 zuerst aktuelle Forschungsfelder zur Berufseinmündung dargestellt. Dabei verläuft die Argumentation vom Allgemeinen zum Speziellen. Konkret bedeutet dies, dass zunächst drei prominente und für diese Arbeit relevante Positionen 5 Die Datengrundlage dieser Arbeit bilden die faktisch anonymisierten Daten der Erhebung ” Arbeiten und Lernen im Wandel“ (ALWA). Der Datenzugang erfolgte über ein Scientific Use File, das über das Forschungsdatenzentrum der Bundesagentur für Arbeit im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zur Verfügung gestellt wurde (Projektnummer: 100683). 23 der Lebenslaufforschung skizziert und in Bezug zum Forschungsgegenstand dieser Arbeit diskutiert werden (Kapitel 2.1). Im Verlauf dieses Abschnitts wird es darum gehen, einen Überblick über die für diese Arbeit zentralen Konzepte der Lebenslaufforschung aufzubereiten. Dabei lässt sich der Berufseinmündungsprozess in der Lebenslaufperspektive anhand zweier Dimensionen charakterisieren: Mit der ersten Dimension wird die Zeitlichkeit des Übergangs von der Ausbildung in die erste Erwerbstätigkeit in den Mittelpunkt der Ausführungen gestellt. Damit werden vor allem aktuelle Forschungsergebnisse berücksichtigt, welche eine Längsschnittperspektive einnehmen und den Berufseinstieg in der zeitlichen Einbindung in den Lebenslauf als Übergang von der Ausbildungsphase zur Erwerbsphase betrachten. Die zweite Dimension lenkt ein besonderes Augenmerk auf die Mikro-Makro-Struktur des Lebenslaufes. Damit wird Bezug auf Forschungsarbeiten genommen, die unterschiedliche parallel verlaufende Lebenslaufphasen als makrostrukturellen Kontext in den Mittelpunkt ihrer Forschung rücken. In Kapitel 2.2 wird der Fokus von der allgemeinen Lebenslaufperspektive auf die speziellere Übergangsperspektive als solche gerichtet. Damit erfolgt eine Hinführung zur detaillierteren Beschreibung von Übergängen als eigenständige Phase im Lebensverlauf eines Menschen. Um den Übergang als eigenständige Phase konzeptualisieren zu können, werden unterschiedliche Konzepte der Übergangsforschung als Teil der Lebenslaufforschung diskutiert. Aufbauend auf die Diskussion dieser Positionen wird ein Konzept von ” Übergang“ entwickelt, das geeignet ist, den Übergang in seiner sequenziellen und punktuellen Form adäquat zu erfassen. Zum einen gilt es einen geeigneten Übergangsbegriff zu entwickeln, der es erlaubt, die horizontale und vertikale Komplexität des Übergangsprozesses angemessen zu erfassen. Unter horizontaler Komplexität soll die zeitliche Dimension des Übergangs verstanden werden. Der Übergang von der Hochschule in den Beruf erfolgt diesem Gedanken nach nicht direkt und unmittelbar, sondern nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch; es müssen Bewerbungen geschrieben 24 werden, Praktika werden absolviert oder es folgt ein ausgedehnter Urlaub nach erfolgreichem Abschluss des Studiums. Das heißt, es wird nicht nur die Dauer der Übergangsphase berücksichtigt, sondern auch welche ” Tätigkeiten“ in dieser Zeit des Übergangs ” ausgeübt“ wurden. Mit vertikaler Komplexität ist hingegen gemeint, dass parallel, aber nicht unabhängig von dieser Übergangsphase in das Erwerbsleben weitere Phasen des Lebenslaufes zu berücksichtigen sind. Hierzu zählt in erster Linie der Partnerschafts- und Familienverlauf. In Kapitel 2.3 werden anschließend an die Konzeption eines Übergangsbegriffs, der die Verbindung zweier getrennter Lebenslaufphasen beschreibt, theoretische Konzepte des Berufseinstiegs anhand relevanter ökonomischer und soziologischer Arbeitsmarkttheorien diskutiert. An diese Darstellung arbeitsmarkttheoretischer Konzepte anknüpfend werden in Kapitel 3 die relevanten Entwicklungen des Hochschulwesens und des Arbeitsmarkts seit den 1970er Jahren bis zur Jahrtausendwende nachgezeichnet. Dabei wird ein erweiterter Blick auf den Übergang von Hochschulabsolventen in die Erwerbstätigkeit eingenommen. Hierzu wird einerseits die Entwicklung der Studierenden- und Absolventenzahlen auf Seiten des (Aus-)Bildungssystems wiedergegeben. Bezogen auf das Erwerbssystem wird die Entwicklung der Arbeitsmarktsituation für Akademiker skizziert. Dadurch werden die strukturellen und institutionellen Veränderungen im Bildungs- und Ausbildungssystem aufgezeigt, um den Einfluss dieser Veränderungen auf den Übergang in die erste Erwerbstätigkeit nachvollziehen zu können. Eine eingehende Beschreibung der Datengrundlage sowie der relevanten Methoden erfolgt in Kapitel 4. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die erweiterten Methoden der Sequenzmusteranalyse gelegt, da diese einen detaillierteren und umfassenderen Blick auf (De-)Standardisierungsprozesse eröffnen und somit eine neuen methodischen Ansatz anbieten, die zum 25 Teil gegensätzlichen empirischen Ergebnisse in einer neuen Perspektive zu beurteilen. Die empirischen Ergebnisse der durchgeführten Analysen werden in Kapitel 5 präsentiert und im Kontext der theoretischen Annahmen reflektiert. Die Arbeit endet mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse und einem Ausblick auf Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschungsvorhaben sowie daran anschließende Forschungsfragen (Kapitel 6). 26

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Zusammenfassung

Wie verlaufen die Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit?

Einerseits werden Akademikern nach wie vor sehr gute Beschäftigungschancen nachgesagt. Andererseits mehren sich die Stimmen, die auch für Akademiker zunehmend längere und turbulentere Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit postulieren. Dirk Böpple geht aus einer stärker lebenslauftheoretischen Position einerseits der Frage nach, ob sich diese De-Standardisierungstendenzen sowohl auf die Übergangsdauer als auch auf die Ausgestaltung der Übergänge auswirken. Andererseits untersucht der Autor, welchen Einfluss strukturelle Merkmale des Bildungs- und Erwerbssystems auf die Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit ausüben und welche Aspekte durch individuelle Eigenschaften der Absolventen beeinflusst werden. Zur Beantwortung dieser Fragen wendet er neuste Verfahren der quantitativen empirischen Sozialforschung an.