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6 Fazit und Ausblick in:

Dirk Böpple

Berufseinmündung von Akademikern, page 271 - 278

Sequenzmuster der Übergänge zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3974-8, ISBN online: 978-3-8288-6839-7, https://doi.org/10.5771/9783828868397-271

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 81

Tectum, Baden-Baden
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6 Fazit und Ausblick Das mit dieser Arbeit verfolgte Forschungsinteresse richtete sich auf unterschiedliche Aspekte des Übergangs von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit. Ein erster Aspekt zielte auf eine mutmaßlich zu beobachtende De-Standardisierung der Übergänge zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem im Lebensverlauf. Damit wurde eine historische Längsschnittperspektive eingenommen, welche von theoretischen Überlegungen zur Individualisierung und Institutionalisierung von Lebensverläufen geleitet war. Hierbei stand vor allem die Frage im Vordergrund, ob eine methodisch differenzierte und auf Akademiker bezogene detailliertere Analyse der Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit die nach wie vor nicht eindeutig geklärte Frage nach einer zunehmenden De-Standardisierung und Individualisierung von Übergängen im Lebensverlauf voranbringen kann. Methodisch war damit die Annahme verbunden, dass eine Analyse von De-Standardisierungstendenzen mit Methoden der Sequenzmusteranalyse zu einer weiteren Klärung dieser Frage beitragen kann. Der zweite Aspekt, der im Rahmen dieser Arbeit verfolgt wurde, bezog sich auf eine detailliertere Betrachtung der Übergangsphase, indem die Analysen zur Dauer des Übergangs um die Ausgestaltung von Übergangsmustern erweitert wurden. Hierbei war vor allem die theoretische Annahme forschungsleitend, dass der Grad der Harmonisierung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem maßgeblich für einen reibungslosen Übergang verantwortlich ist. Diese Überlegungen wurden durch Konzepte der Übergangsforschung gerahmt, um die institutionellen Rahmenbedingungen auf der Makroebene mit den individuellen Handlungen auf der Mikroebene theoretisch über das Konzept der Gatekeeper zu verbinden. Damit verbleiben die empirischen Analysen auf der institutionellen Ebene, geben jedoch eine theoretische Perspektive an die Hand, welche die Auswirkungen institutioneller Gelegenheitsstrukturen auf die individuellen Handlungen auf der Mikroebene erklären können. Durch die Perspektive der Lebenslauf- bzw. Übergangsfor- 271 schung wurde ermöglicht, die Gelegenheitsstrukturen der Ausbildungsphase wie auch der Erwerbsphase beim Übergang von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit zu berücksichtigen. Auch hierbei wurde auf einer methodischen Ebene der Ansatz verfolgt, durch Sequenzmusteranalysen einen detaillierteren Einblick in die Ausgestaltung der Übergangsphase zu erhalten. Die Analysen dieser Arbeit konnten zeigen, dass keine eindeutigen De-Standardisierungs- oder Standardisierungstendenzen der Übergänge von Hochschulabsolventen in die erste Erwerbstätigkeit zu beobachten sind. In vielen Bereichen konnten die Erkenntnisse anderer Studien nachvollzogen bzw. bestätigt werden (Brückner und Mayer 2005; Scherger 2007; Schmidt 2012). So kann auch hier kein eindeutiger Trend in Richtung einer De-Standardisierung der Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit festgestellt werden. Vielmehr scheint sich zu Beginn der 2000er Jahre eine Trendwende abzuzeichnen, welche eher die These einer konjunkturellen Schwankung stärkt, die seit dem Schwinden eines gerade für Akademiker vorherrschenden ” Normalarbeitsverhältnisses“ der 1950er und 1960er Jahre zu beobachten ist. Diese Ergebnisse sind mit einer gewissen Vorsicht zu formulieren, da erstens die Daten nur bis zum Jahr 2002 Aufschluss geben und – wie bereits erwähnt – die beobachteten Effekte nur schwach ausgeprägt sind. So können die Analysen zu einer etwaigen De-Standardisierung der Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit in den treffenden Worten beschrieben werden, dass die ” Übergänge in der Phase des jungen Erwachsenenalters seit den 1960er Jahren schwachen, nicht linearen, sondern sehr wechselhaften Standardisierungs- und De-Standardisierungsprozessen“ unterlagen (Schmidt 2012: 461–462). Dies kann vor allem für Akademiker geltend gemacht werden, so dass eine zeitliche De-Standardisierung bestenfalls schwach erkennbar wurde. Vielmehr scheinen sich die häufig proklamierten De-Standardisierungs- und Erosionstendenzen auf Aspekte der Qualität und Sicherheit der Beschäftigungsverhältnisse zu beziehen und weniger auf zeitliche Aspekte von verlängerten Übergangsphasen und turbulenteren 272 Übergangsmustern (Konietzka 2010). Gerade die seit den 1960er Jahren häufig konstatierten turbulenter werdenden Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit (Buchmann 1989b; Shanahan 2000) konnten mit den vorliegenden Daten nicht bestätigt werden. Ebenso konnten keine institutionellen Einflüsse der Art der besuchten Hochschule oder des Grades der Harmonisierung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem auf die Ausprägung der Turbulenz der Übergangssequenzen festgestellt werden. Auch dies widerspricht der Annahme, dass ein stärkeres Passungsverhältnis von Ausbildung und Beruf zu geradlinigeren und damit weniger turbulenten Übergängen führen würde. In methodischer Hinsicht wurde ein ertragreicher Beitrag zur Diskussion um eine De-Standardisierung von Übergängen geleistet. Durch die Anwendung von Diskrepanzanalysen konnten gesamte Übergangssequenzen hinsichtlich der Frage nach einer De-Standardisierung von Übergängen beleuchtet werden. Auch hierbei konnten keine eindeutigen Ergebnisse, die auf eine De-Standardisierung der Übergangsphasen zwischen der Hochschulausbildung und der ersten Erwerbstätigkeit hinweisen, festgestellt werden. Die lediglich in der Berufseinstiegsperspektive signifikanten Ergebnisse einer steigenden Diskrepanz im Kohortenvergleich verweist dabei stärker auf ein ” Übergangsphänomen“ von kurzer Dauer als auf einen sich manifestierenden Trend, der sich im weiteren Erwerbsverlauf fortsetzt. Während eindeutig längere Ausbildungsphasen und steigende Altersvarianzen beim Austritt aus dem Ausbildungssystem wie auch beim Eintritt in das Erwerbssystem zu beobachten sind, verweisen die Analysen zur Komplexität und Turbulenz der Übergänge darauf, dass vielmehr von einer Verschiebung der Aus- und Eintrittszeitpunkte gesprochen werden kann als von einer De-Standardisierung der Übergangsphasen als solche. Im Vergleich der beiden in Deutschland am stärksten vertretenen Hochschularten – der stärker anwendungsbezogenen Fachhochschulen und der mehr wissenschaftsnahen Universitäten – sind vor allem die Universitätsabsolventen von diesen Entwicklungen betroffen. Die Betrachtung der zeitlichen 273 Entwicklungen der Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit zeigt, dass die Absolventen von Fachhochschulen am stärksten von den Erträgen der Bildungsexpansion profitieren konnten. Dies deutet darauf hin, dass sich die Fachhochschulen besser an die veränderten Bedürfnisse des Arbeitsmarkts anpassen konnten. Der zweite Strang dieser Arbeit widmete sich der detaillierten und differenzierten Analyse der Übergänge in einer Längsschnittperspektive, die zwischen punktuellen Übergangsereignissen und sequenziellen Übergangsprozessen unterschied. Detaillierter als in vorhandenen Studien zum Übergang in die erste Erwerbstätigkeit waren die Analysen, da sowohl die Seite des Ausbildungssystems als auch die Arbeitsmarktseite berücksichtigt wurde und somit das Passungsverhältnis bzw. die Harmonisierung zweier angrenzender Lebenslaufphasen in den Blick genommen wurde. Dabei wurde eine Binnensicht auf das deutsche tertiäre Ausbildungssystem eingenommen, die zwischen Fachhochschulen und Universitäten sowie dem Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe differenzierte. Weiterhin wurde zwischen Übergangsmustern und Übergangsdauern unterschieden und so ein detaillierterer Blick auf die Ausgestaltung und die Dauer der Übergangsphase zwischen Hochschule und Erwerbstätigkeit gerichtet. Diese Differenzierung erwies sich als sinnvoll, da gezeigt werden konnte, dass andere Mechanismen für die Ausgestaltung der Übergangsmuster verantwortlich zu sein scheinen als für die Dauer des Übergangs. Die Annahme, dass hoch standardisierte deutsche tertiäre Ausbildungssystem sorge bereits mit einer hohen Kopplung zwischen den Ausbildungsinhalten und den für die entsprechenden Berufe benötigten Qualifikationen für reibungslosere und schnellere Übergänge von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit (Leuze 2010b), muss differenzierter betrachtet werden. Während die angenommenen institutionellen Determinanten die Dauer des Übergangs gut erklären konnten und die stärkere Harmonisierung zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem zu kürzeren Übergangsdauern führte, konnten diese Effekte für die Übergangsmuster nicht identifiziert werden. Außerdem gestalten sich 274 die Auswirkungen der stärkeren institutionellen Harmonisierung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem für Fachhochschulabsolventen und Universitätsabsolventen unterschiedlich. Für Studiengänge und Berufe, die durch einen niedrigen Grad an standardisierter Zertifizierung gekennzeichnet sind, wirkt sich der stärkere Anwendungsbezug der Fachhochschulen positiv auf die Übergangsdauer aus. Hingegen kehrt sich dieser Effekt bei zunehmender institutioneller Standardisierung um, so dass bei hoch standardisierten Abschlüssen und stark regulierten Berufszugängen Universitätsabsolventen kürzere Übergangsdauern aufweisen. Somit kompensiert ein hoher Grad an institutioneller Standardisierung des Ausbildungssystems und der Zugangsregelungen des Arbeitsmarkts den positiven Effekt des Anwendungsbezugs der Fachhochschulen. Dies konnte wiederum in der Perspektive der Übergangsforschung durch die eingeschränkten Handlungsspielräume der Gatekeeper auf der Loslösungs- und der Integrationsphase erklärt werden. Je stärker sich die Vergabe der Ausbildungszertifikate an berufsspezifisch einheitlichen Standards orientiert, desto besser können die Gatekeeper des Erwerbssystems die Informationen der entsprechenden Bewerber einschätzen, ohne auf individuelle Merkmale zurückgreifen zu müssen. Ebenfalls verliert der allgemein stärkere Berufsbezug der Fachhochschulen an Bedeutung, da nun spezifische berufsfachliche Standards herangezogen werden können. Damit kann abschließend ein positives Bild der Übergänge von Hochschulabsolventen in die erste Erwerbstätigkeit gezeichnet werden. Die Mehrheit der Absolventen geht direkt in eine adäquate Beschäftigung über. Diejenigen Absolventen, die eine Übergangsphase aufweisen, erleben diese zumeist als eine relativ kurze Phase und münden innerhalb der ersten sechs Jahre nach Studienabschluss in ein andauerndes Beschäftigungsverhältnis ein. Wenn sie nicht direkt nach Studienabschluss in ein Beschäftigungsverhältnis übergehen, dauert es im Schnitt rund sechs Monate bis zum Erhalt der ersten Anstellung. Neben den durchaus wertvollen Ergebnissen, die im Rahmen dieser Arbeit herausgearbeitet wurden, sollen einige kritische Anmerkungen bezüglich 275 der methodischen Verfahren wie auch der theoretischen Konzeptionen nicht zurückgehalten werden. Auf einer methodischen Ebene muss gesagt werden, dass der erwartete Mehrwert der Sequenzmusteranalysen zur differenzierten Betrachtung von Übergangsmustern und Übergangsdauern als eingeschränkt bezeichnet werden kann. Neben der Erkenntnis, dass die angenommenen institutionellen Faktoren lediglich auf die Dauer des Übergangs einen Einfluss haben, jedoch nicht auf die Ausgestaltung der Übergangsmuster und auch nicht auf die Wahrscheinlichkeit eines nahtlosen Übergangs, ergaben die multivariaten Auswertungen der Übergangsmuster wenig neue Erkenntnisse, die eine leichte und ansprechende Visualisierung der Übergangssequenzen überschreiten. Dabei zeigte sich, dass die Diskrepanzanalyse die ertragreichsten Einsichten zur Frage einer De-Standardisierung von Übergängen lieferte. Ein weiterer Aspekt, der für weiterführende Forschungen methodisch attraktiv erscheint, ist eine Analyse unterschiedlicher Hochschularten und Studienfächer im Rahmen einer Mehrebenenanalyse, um die in dieser Arbeit theoretisch gefassten Effekte institutioneller und individueller Merkmale auch methodisch feiner unterscheiden zu können. Ebenso konnten nicht alle theoretisch und inhaltlich relevanten Aspekte des Übergangs von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit im Rahmen dieser Arbeit berücksichtigt werden. So verbleiben für weitergehende Analysen durchaus offene Fragen bezüglich fachspezifischer Effekte, möglicher Jobwechsel und damit einhergehend der Stabilität der ersten Beschäftigungsverhältnisse. Während eine feinere Differenzierung unterschiedlicher Studienfächer oder Fächergruppen im Zuge von Mehrebenenmodellen einen tieferen Einblick in fachspezifische Arbeitsmärkte ermöglicht, verspricht die Analyse der Häufigkeit von Stellenwechseln innerhalb der Übergangsphase ein besseres Verständnis der Determinanten der Stabilität der ersten Beschäftigungsverhältnisse von Akademikern. 276

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Zusammenfassung

Wie verlaufen die Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit?

Einerseits werden Akademikern nach wie vor sehr gute Beschäftigungschancen nachgesagt. Andererseits mehren sich die Stimmen, die auch für Akademiker zunehmend längere und turbulentere Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit postulieren. Dirk Böpple geht aus einer stärker lebenslauftheoretischen Position einerseits der Frage nach, ob sich diese De-Standardisierungstendenzen sowohl auf die Übergangsdauer als auch auf die Ausgestaltung der Übergänge auswirken. Andererseits untersucht der Autor, welchen Einfluss strukturelle Merkmale des Bildungs- und Erwerbssystems auf die Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit ausüben und welche Aspekte durch individuelle Eigenschaften der Absolventen beeinflusst werden. Zur Beantwortung dieser Fragen wendet er neuste Verfahren der quantitativen empirischen Sozialforschung an.