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2 Forschungsfelder zur Berufseinmündung in:

Dirk Böpple

Berufseinmündung von Akademikern, page 27 - 116

Sequenzmuster der Übergänge zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3974-8, ISBN online: 978-3-8288-6839-7, https://doi.org/10.5771/9783828868397-27

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 81

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
2 Forschungsfelder zur Berufseinmündung Im folgenden Kapitel werden zuerst die Entwicklungen der (deutschsprachigen) soziologischen Lebenslaufforschung aufgearbeitet.6 Im Zuge dessen sind unterschiedliche theoretische Konzepte des Lebenslaufs mit ihren jeweiligen Implikationen zu analysieren. Dabei steht ihr Beitrag zur Klärung einer auf die Verbindung institutioneller Strukturen und individueller Prozesse ausgerichteten Fragestellung auf der einen Seite und der Einbindung der zeitlichen Dimensionen dieser Strukturen und Prozesse auf der anderen Seite im Vordergrund des Interesses. Die diskutierten Positionen müssen vor allem die Frage nach den Auswirkungen institutioneller Merkmale auf individuelle Lebensverläufe wie auch die Formung dieser Prozesse durch Handlungen individueller Akteure erklären können. Es muss also untersucht werden, welche Konzepte diese Verbindung zwischen Mikro- und Makroebene adäquat beschreiben können. In einem weiteren Schritt werden die vorgestellten Konzepte der Lebenslaufforschung von der Betrachtung gesamter Lebensläufe auf den Bereich der Übergänge in die Erwerbstätigkeit zugespitzt. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass das Erwerbsleben den zentralen Aspekt des ” modernen“ Lebenslaufs darstellt. ” Erwerbsarbeit und Beruf sind im Industriezeitalter zur Achse der Lebensführung geworden“ (Beck 1986: 220). Es geht dabei um die Frage, welche institutionellen Faktoren die Ausformung individueller Erwerbseintritte beeinflussen und umgekehrt; also um das interdependente Verhältnis von sozialem Wandel und individuellem Handeln. 6 Mit dem Begriff der Lebenslaufforschung wird Bezug auf die quantitativ ausgerichtete Forschungsrichtung genommen. In Abgrenzung hierzu steht der Begriff der Biographieforschung, welcher sich auf eine subjektiv deutbare Lebensgeschichte bezieht (Kohli 1978). Für einen Überblick über die frühere Geschichte der Lebenslaufforschung, vor allem die Entwicklung der amerikanischen Lebenslaufforschung der 1950er bis 1970er Jahre und ihre Wirkung auf die bundesrepublikanische Lebenslaufforschung seit den 1970er Jahre, siehe Ecarius (1996) und Weymann (1998b). 27 Festzuhalten ist, dass der Verlauf des Erwerbslebens stark durch die Phase des Erwerbseinstiegs bzw. der ersten beruflichen Allokation auf dem Arbeitsmarkt geprägt wird (Blossfeld 1985; Bührmann 2008; Böpple 2010; Falk et al. 2000; Scherger 2007; Weymann 1998a). Diese Pfadabhängigkeit lenkt den Fokus der Analysen auf die Phase der Berufseinmündung oder eher in den Worten des Lebenslaufparadigmas: Der Fokus wird auf den Übergang von der Ausbildung in den Beruf gerichtet. Die nun folgenden Konzepte der Lebenslaufforschung beruhen grundlegend auf dem von Ulrich Beck (1986) aufgezeigten Individualisierungsprozess in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945. Um die einzelnen Konzepte der Lebenslaufforschung zueinander in Bezug setzen zu können, und somit ihre Angemessenheit zur Klärung der in diesem Abschnitt aufgeworfenen Fragen zu beurteilen, wird zuerst eine Darstellung und Eingrenzung des von Beck beschriebenen Individualisierungsprozesses erfolgen. 2.1 Konzepte der Lebenslaufforschung Im folgenden Abschnitt wird zunächst der Begriff der ” Individualisierung“ diskutiert, der von Ulrich Beck – nicht ohne Grund, aber auch ohne tatsächlichen Beitrag zu Verbesserung (vgl. Fußnote 13 in Kippele 1998: 13) – als ” ein überbedeutungsvoller, mißverständlicher, vielleicht sogar Unbegriff“ (Beck 1986: 205) beschrieben wird. Bei der nun zu vollbringenden Begriffsbestimmung müssen eine Vielzahl von Einschränkungen vorgenommen werden, um eine Konzeption des Begriffs der Individualisierung zu erreichen, welche dem Gegenstandsbereich dieser Arbeit angemessen ist. Mit diesen Einschränkungen sind natürlich auch gewisse ” Verzichtserklärungen“ verbunden. Nichtsdestotrotz soll hier die Ansicht vertreten werden, dass es nicht eine Form der Unschärfe (im Sinne von Ungenauigkeit bzw. Unübersichtlichkeit7) ist, die diesen Eindruck der Missverständlichkeit hervorruft, sondern die 7 Vergleiche auch die von Jürgen Habermas bezeichnete ” Neue Unübersichtlichkeit“ (Habermas 1985). 28 Komplexität der aufgezeigten gesellschaftlichen Entwicklungen und Interpretationsmöglichkeiten. Jeder Versuch einer Erfassung und Beschreibung dieser gesellschaftlichen Veränderungen muss entweder in der Ulrich Beck vorgeworfenen Unschärfe (Junge 2002: 114) enden oder sich auf die Analyse ausgewählter Aspekte der unter dem Überbegriff ” Individualisierung“ zusammengefassten Veränderungen einzelner gesellschaftlicher Teilbereiche bzw. der soziologischen Teildisziplinen beschränken. Diesem Dilemma kann auch die vorliegende Arbeit nicht entgehen, ist sich der Problematik jedoch wohl bewusst. Als ” Ausweg“ aus diesem (oder treffender ” Umweg“ um dieses) Dilemma wird daher der Blickwinkel der quantitativen Lebenslaufforschung in Bezug auf den Übergang von der Ausbildung in die Erwerbstätigkeit in den Vordergrund gerückt. Mit dieser Arbeit wird nicht das Ziel verfolgt, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen des Individualisierungsprozesses zu untersuchen, sondern einen Ausschnitt des Lebenslaufs (den Übergang von der Ausbildung in die Erwerbstätigkeit) möglichst detailliert abzubilden und zu analysieren. Weniger Berücksichtigung finden sozialstrukturelle Aspekte der Individualisierung, die auf eine Analyse des Schwindens von Klassenstrukturen fokussieren. Ebenfalls weitestgehend unberücksichtigt bleiben Ungleichheitsaspekte, da der detaillierte Blick auf die horizontale Differenzierung von Qualifikationsebenen und Berufsebenen gerichtet wird und nicht auf eine vertikale Differenzierung, welche ungleiche Statuspositionen, Einkommen, Prestige usw. in den Blick nimmt. Vielmehr soll der Fokus der Arbeit auf die Dauer und Ausgestaltung der Übergänge als solche gelegt und keine weitere Analyse der Berufseinmündung (also im weitesten Sinne eine Untersuchung der Zielzustände) vorgenommen werden. Daher können die folgend nur kurz skizzierten Aspekte der Individualisierungsdebatte(n) nicht in allen ihren Facetten ausgeführt und in ihrer Bedeutung für den Lebenslauf und die Lebenslaufforschung berücksichtigt werden. In einem ersten Schritt werden nun die für diese Arbeit relevanten Blickwinkel auf die Lesarten der Beck’schen Individualisierungsthese aufgezeigt. In dieser ersten Annäherung gilt es, einen ” Analyseansatz [. . . ], mit dem 29 die soziale Gesamtstruktur“ (Vester 2010: 45) untersucht werden kann, von einem Analyseansatz, mit dem die Lebensverläufe der in einer Gesellschaft verorteten Individuen analysiert werden können, zu unterscheiden.8 Eine vergleichbare Unterscheidung schlägt Konietzka (2010: 63) mit der Formulierung eines ” entscheidungstheoretischen und eine[s] sozialstrukturellen Zugang[s]“ vor. Der sozialstrukturelle Zugang bezieht sich dabei auf die oben genannten gesamtgesellschaftlichen Individualisierungsprozesse, der entscheidungstheoretische Zugang auf die individuellen Lebensverläufe in einer Gesellschaft. ” Mit Blick auf die Strukturen des Lebenslaufs stellt sich Individualisierung demnach als Zunahme von biographischen Diskontinuitäten und allgemeiner Beschleunigung von Übergängen und Statuswechseln sowie steigende Vielfalt von Verlaufsmustern dar“ (Konietzka 2010: 67–68). Anhand dieser Unterscheidung lassen sich zwei Analyseebenen und mehrere Analysedimensionen differenzieren. Die grundlegenden Analyseebenen sind zum einen eine makrosoziologisch ausgerichtete Analyse gesellschaftlicher Strukturen und eine eher mikrosoziologisch ausgerichtete Analyse individueller Lebensverläufe. Beide Analyseebenen können sich wiederum mit verschiedenen Dimensionen beschäftigen und mit unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen untersucht werden. Aus einer ” vollständigen“ Betrachtung des Lebenslaufs heraus können die unterschiedlichen Ebenen und Dimensionen nicht separat betrachtet werden. Eine forschungspragmatische Haltung hingegen macht es unmöglich, alle Interdependenzen der Lebenslaufdimensionen zu berücksichtigen. So konstatiert bereits Elder (1975: 180), dass die Analysen zu sozialem Wandel im Lebenslauf mehr eine Ansammlung verschiedener Möglichkeiten an Forschungsfeldern als ein vollständiges Forschungsprogramm mit gesichertem Wissen darstellen. An dieser Feststellung hat sich auch in den aktuellen Debatten um die Dimensionen der Lebenslaufforschung nicht viel geändert. Gerade mit der Einsicht in 8 Dabei werden bewusst strukturfunktionalistische und systemtheoretische Ansätze in der Tradition von Parsons und Luhmann nicht berücksichtigt. Für einen Überblick über die Entwicklung der Lebenslaufforschung der 1950er und 1960er Jahre aus strukturfunktionalistischer Richtung siehe Weymann (1998a). 30 die Komplexität des Lebenslaufs bewegte sich die Lebenslaufforschung von dem anfänglichen Bestreben nach der Ausformulierung einer einheitlichen Theorie des Lebenslaufs hin zu einer Sichtweise der Lebenslaufperspektive. Im Zuge der erstgenannten Analyseebene der gesellschaftlichen Strukturen kann als Strukturdimension die Analyse gesellschaftlicher Klassenstrukturen und deren etwaige Auflösungs- oder Veränderungstendenzen in den Blick genommen werden. Als Vertreter dieser Ansätze lassen sich Goldthorpe (1985, 1987, 1996) sowie Erikson und Goldthorpe (1992) und mit einem stärker arbeitsmarkttheoretischen Bezug unter anderen Wright (1997) sowie Vester (2010: 45) und Scheuregger (2011: 47) verorten. Einen eher auf die Dimension von Lebensstilen und Milieus fokussierten Ansatz verfolgte Pierre Bourdieu (1982). Er unternimmt den Versuch, soziale Räume und Lebensstile miteinander zu verbinden (Ecarius 1996: 123; Vester 2010: 45). Eine weitere Analysedimension stellt die Betrachtung der Strukturierung sozialer Ungleichheit im Zuge der Individualisierungsprozesse dar. Die zweite Analyseebene individueller Lebensverläufe bezieht sich auf die individuellen Entscheidungen bzw. Handlungen im Lebenslauf. In der von Konietzka (2010: 63) vorgeschlagenen Terminologie ist hierunter der entscheidungstheoretische Zugang zu fassen. Dieser fokussiert auf die im Zuge der Individualisierung gestiegene individuelle Verantwortung von Entscheidungen im Lebenslauf bei erweiterten Handlungsspielräumen (Weymann 1989b). In den Worten von Peter A. Berger (1996) wird diese Unterscheidung anhand des Dualismus von ” Position“ und ” Person“ verdeutlicht. Die so entstehenden neuen Handlungsspielräume innerhalb neuer strukturgebender Institutionen nötigen dem Individuum die Übertragung von ” Struktur in Handeln“ (Berger 1996: 14) ab, ohne dabei auf vorhandene, traditionelle Vergemeinschaftungsinstanzen zurückgreifen zu können. Auch in diesem Sinne ist die Verantwortung auf das Individuum übertragen worden. Bei genauerer Betrachtung der Komplexität des Gegenstands der Lebenslaufforschung ist eine Trennung dieser beiden Analyseebenen nicht möglich, 31 ohne dabei wichtige Aspekte in der einen oder anderen Ausrichtung der Analysen unberücksichtigt zu lassen (siehe die Diskussion in Kapitel 2.1.3). Daher erscheint es aussichtsreicher, nicht zwischen den Analyseebenen zu differenzieren, sondern eine Einschränkung in Bezug auf die Analysedimensionen vorzunehmen. Der Fokus der Analysen in dieser Arbeit liegt auf dem Übergang vom Ausbildungssystem in das Erwerbssystem. Damit ist auch eine Eingrenzung des Forschungsvorhabens auf einen bestimmten Abschnitt im Lebenslauf verbunden (siehe Kapitel 2.1.4). Dennoch bleibt das Hauptaugenmerk auf die institutionelle Ebene gerichtet, also auf die Verteilung von Personen auf Positionen in einem stärker zeitlichen Bezugsrahmen. Somit wird die Verteilung von knappen Gütern und Ressourcen weitestgehend ausgeblendet. Weitere Differenzierungen bezüglich der oben genannten Analyseebenen können hinsichtlich der Methodenwahl getroffen werden. Werden Fragestellungen mit einem sozialstrukturellen Zugang traditioneller Weise mit Methoden der quantitativen Sozialforschung bearbeitet, können Analysen zu individuellen Lebensverläufen sowohl quantitativ als auch qualitativ angegangen werden (vgl. unter anderem v. Felden und Schiener 2010). Dabei hat sich in methodischer Hinsicht die begriffliche Unterscheidung zwischen der quantitativen Lebenslaufforschung und der qualitativen Biographieforschung etabliert (Kluge und Kelle 2001; Levy 1996a; Sackmann 2013). Ebenso beschränkt sich die Aufbereitung der aktuellen Forschung (theoretisch und empirisch9) zum Individualisierungsprozess auf die neueren Entwicklungen seit den 1980er Jahren. Dies bringt die Einschränkung mit sich, dass die Präzision der ” klassischen“ Konzeptionen des Individualisierungsprozesses von Karl Marx, Max Weber oder auch Emile Durkheim (vgl. ausführlich hierzu Kippele 1998) nicht aufgearbeitet wird. Diese entstammen allesamt einer Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und beziehen sich 9 Zur Unterscheidung zwischen den theoretischen Individualisierungskonzeptionen und deren Bezug zur empirischen ” Wirklichkeit“ siehe Fußnote 24 in Kippele (1998: 19). 32 daher auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, welche direkt auf die Auswirkungen der Industrialisierung bezogen sind. In der seit den 1980er Jahren neuerlich durch die Veröffentlichung der ” Risikogesellschaft“ von Ulrich Beck (1986) angestoßenen Individualisierungsdebatte werden diese Entwicklungen weitestgehend ausgeblendet und Bezug auf die Entwicklungen seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg genommen. Auch werden die Individualisierungstendenzen im familialen Bereich nicht weiter ausgeführt.10 2.1.1 Die Individualisierungsthese aus der Perspektive des Lebenslaufs Der Prozess der Individualisierung, wie er von Ulrich Beck (1986) beschrieben wird, kann grundlegend in den folgenden vier Punkten zusammengefasst werden. 1. Herauslösung des Individuums aus ständisch geprägten sozialen Klassen 2. Freisetzung (vor allem der Frauen) aus traditionellen familialen Beziehungsgefügen 3. Flexibilisierung von Erwerbsarbeitszeiten 4. Dezentralisierung der Arbeitsorte Dabei beziehen sich die ersten beiden Punkte auf die Reproduktionsdimension und die beiden letzten Punkte auf die Produktionsdimension (Beck 1986: 208–209). Die Folgen, die durch die oben genannten Prozesse der Individualisierung der Nachkriegszeit konstatiert werden, lassen sich auf der Ebene der gesellschaftlichen Reproduktion als eine Verschiebung der gesellschaftlichen Bezugnahme des Einzelnen weg von der sozialen Klasse und dem Bezugsrahmen der Familie hin zu einer individuell freigesetzten ” lebenswelt- 10 Der Bereich der Familie befindet sich auf einer Dimension parallel zu den in dieser Arbeit fokussierten Dimensionen des Lebenslaufs. Daher werden die Aspekte der Individualisierung im Bereich der Familie nur im Bezug auf den Übergang in die Erwerbstätigkeit angesprochen, wo diese einen relevanten Einfluss auf denselben haben. 33 lichen Reproduktionseinheit des Sozialen“ (Beck 1986: 209) beschreiben. Auf der Ebene der Produktion bedeutet Individualisierung eine Trennung der Erwerbs- und Privatsphäre, die vormals in der traditionellen Gemeinschaft zusammenfiel. Dieser Prozess der Individualisierung, also der Freisetzung des Einzelnen aus ständisch geprägten Klassengefügen und traditionellen familialen Beziehungsgefügen als Orientierungsrahmen des Handelns und der Lebensplanung, ist mit einer verstärkten Handlungsunsicherheit verbunden. Diese Freisetzungstendenzen verurteilen das Individuum zur Freiheit (ganz im Sinne Jean-Paul Sartes (vgl. Sartre 2009 [1943]: 764)). Der Einzelne muss nun unter Bedingungen erweiterter Handlungsmöglichkeiten entscheiden, ohne dabei auf gesellschaftliche ” Vorgaben“ qua sozialer Klasse rekurrieren zu können. Dies bedeutet aber nicht, dass sich gesellschaftliche Klassengefüge – und damit soziale Ungleichheiten – auflösen (vgl. Mayer und Blossfeld 1990), sondern dass die ständisch geprägten Klassenlagen nicht mehr geeignet sind, die gesellschaftlichen Strukturen adäquat zu beschreiben. Ebenfalls heißt das nicht, dass die sozialen Ungleichheiten verschwunden wären. Nach Beck ist dies ein ” widersprüchlicher Prozeß der Vergesellschaftung“, welcher zu ” individualisierten Existenzlagen“ führt. Das heißt, dass eine ” neue Unmittelbarkeit von Individuum und Gesellschaft“ (Beck 1986: 118) entsteht, die nicht mehr durch Klassenlagen vermittelt wird (ohne dabei jedoch Ungleichheitsgefüge abzubauen). Damit ist die Legitimation bestehender sozialer Ungleichheiten auf das Individuum ” übertragen“ worden (vgl. Beck 1986: 116–120; Ecarius 1996: 98–99). Neben dem Prozess der Individualisierung findet – und vordergründig dem zuwiderlaufend – auch ein Prozess der Standardisierung statt. Der ehemals durch soziale Klassen und den familialen Bezugsrahmen vollzogene Vergesellschaftungsprozess wird zunehmend in die ” Verantwortung“ des einzelnen Individuums verlagert. Die so neu entstehenden Vergesellschaftungsformen sind dabei durch einen hohen Grad an individueller Risikobewältigung geprägt, werden jedoch gleichzeitig durch institutionell hoch standardisierte 34 Vorgaben eingeschränkt.11 So ist es beispielsweise die individuelle Entscheidung jedes Einzelnen (und nicht mehr durch ständische Klassenstrukturen vorgegeben), ob und wie lange man in die eigene Bildung investiert oder welchen Beruf man ergreift. Wann man diese Investitionen vornimmt, ist dabei jedoch institutionell hochgradig standardisiert. Mit Institutionalisierung ist gemeint, dass an ” die Stelle traditionaler Bindungen und Sozialformen (soziale Klasse und Kleinfamilie)“ nun ” sekundäre Instanzen und Institutionen [treten], die den Lebenslauf des einzelnen prägen“ (Beck 1986: 211). Damit wird der individuelle Lebenslauf (bzw. die Biographie) von institutionell geformten Strukturen abhängig und zum Substitut für ständisch geprägte Lebenslaufmuster. Soziale Kontrolle wird also nicht mehr durch Zugehörigkeit der Individuen zu bestimmten sozialen Klassen hergestellt, sondern durch institutionenabhängige und standardisierte Lebensverläufe ( Beck 1986: 211–212; auch Brückner und Mayer 2005; Kohli 1985). Durch diese institutionellen Vorgaben werden die Lebensverläufe der freigesetzten Individuen gesellschaftlich festgelegt und somit gesellschaftspolitisch formbar bei gleichzeitiger Verlagerung des Risikos zu scheitern auf das Individuum. Die ” Haftung“ für einen gelungenen oder verfehlten Lebenslauf wird dem Individuum übertragen, wobei dieses nur an bestimmten institutionell vorgegebenen Momenten mit standardisierten Einflussmöglichkeiten steuernd eingreifen kann (Beck 1986: 217). Dies wird besonders in der Dreiteilung des Lebenslaufs in eine Vorbereitungsphase, eine Erwerbsphase und eine Ruhestandsphase deutlich. Die Entscheidung, ob und wann eine Schule besucht werden soll oder nicht, stellt sich dem Einzelnen durch die institutionell vorgegebene und rechtlich festgelegte Schulpflicht nicht (Institutionalisierung, Standardisierung), jedoch muss der Einzelne entscheiden, welche Schulform besucht werden soll (Individualisierung). Gleiches kann für die Entscheidung für oder gegen bzw. die Art der Ausbildung und Erwerbstätigkeit geltend gemacht werden. So entstehen 11 Gleichzeitig werden wiederum individuelle Risiken durch den Ausbau wohlfahrtsstaatlicher Sicherungssysteme zu einem Teil abgefedert. 35 ” durch institutionelle und lebensgeschichtliche Vorgaben [. . . ] gleichsam Bausätze biographischer Kombinationsmöglichkeiten“ (Beck 1986: 217; vgl. auch Ecarius 1996: 12 sowie Kohli 1985). Diese drei Komponenten der Beck’schen Individualisierungsthese (Individualisierung, Institutionalisierung und Standardisierung) sind nicht unabhängig oder gar gegensätzlich zu denken, sondern bilden vielmehr unterschiedliche Aspekte eines Prozesses ab. Monika Wohlrab-Sahr (1997) beschreibt dabei die Konzepte der Differenzierung und Pluralisierung als ” Individualisierung auf struktureller Ebene“ (Scherger 2007: 31). Damit ist gemeint, dass eine zunehmende Individualisierung und die damit verbundenen (neuen) Freiheiten bzw. ” Handlungsspielräume“ (Weymann 1989a) auf struktureller Ebene zu einer Pluralisierung und Differenzierung von Lebensformen führt. Dabei stehen Individualisierung, Differenzierung und Pluralisierung in einem interdependenten Verhältnis zueinander (Brückner und Mayer 2005). Erst die Freisetzung des Individuums aus ständischen Zwängen und Vorgaben ermöglichte eine Differenzierung und Pluralisierung von Lebensformen. Diese Entwicklung förderte gleichsam die Individualisierungstendenzen. Dieses Verhältnis gibt keine Auskunft darüber, welche Rolle dabei der ” Zurechnungsmodus“ (Wohlrab-Sahr 1997) bzw. die ” Haftung“ für die Ausgestaltung des individuellen Lebenslaufs spielt. Dieser Zurechnungsmodus ist, wie bereits angemerkt, dem Einzelnen selbst übertragen worden (vgl. Konietzka 2010: 63). Dabei gilt zu beachten, dass eine theoretische Pluralisierung an Möglichkeiten nicht zwingend zu einer Realisation dieser pluralen Möglichkeiten führen muss. Es geht also um das Spannungsverhältnis zwischen Faktizität und Geltung. So kann nicht ohne Weiteres aus einer faktischen Nachweisbarkeit einer Vervielfältigung unterschiedlicher Übergangsmuster (z. B. zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem) auf gestiegene Wahlmöglichkeiten im Sinne einer Pluralisierung von Handlungsalternativen geschlossen werden.12 12 Für eine tiefer gehende philosophische Diskussion zu Faktizität und Geltung siehe Habermas (1994); für eine auf die Lebenslaufforschung bezogene Diskussion siehe Behrens und Voges (1996: 30–31). 36 2.1.2 Konzeptionen des Lebenslaufs seit den 1980er Jahren Während die Individualisierungstendenzen, wie sie von Beck beschrieben werden, in der Lebenslaufforschung weitestgehend anerkannt sind, formierte sich die Debatte seit den 1980er Jahren vielmehr darum, welche Ursachen und welche Konsequenzen diese Individualisierungsschübe haben. Hier können drei unterschiedliche Sichtweisen bzw. Schwerpunktsetzungen auf den Individualisierungsprozess herauskristallisiert werden. Das erste Konzept geht auf Mayer und Müller (1989) zurück und beschreibt den durch staatliche Institutionen geprägten Lebensverlauf. Das zweite Konzept ist die These der Institutionalisierung des Lebenslaufs von Martin Kohli (1985). Die dritte Konzeption ist zugleich diejenige, welche zeitlich am frühesten entwickelt wurde und daher nicht direkt auf die Individualisierungsdebatte der 1980er Jahre Bezug nimmt. Das Konzept des Lebenslaufs als Statusbiographie wurde von René Levy (1977) beschrieben, stellt jedoch einen für die weitere Argumentation in dieser Arbeit sinnvollen begrifflichen Rahmen bereit. Im Folgenden werden nun die Kerngedanken und Differenzen der genannten Konzepte gegenübergestellt. Der durch Institutionen geprägte Lebensverlauf nach Karl Ulrich Mayer Karl Ulrich Mayer verwendet den Begriff des Lebensver laufs in Abgrenzung zum Begriffs des Lebenslaufs, um auf den Unterschied zwischen den individuellen Lebensverläufen und dem Lebenslauf als gesellschaftliche Strukturkategorie zu verweisen. Dabei sieht er die Entstehung des Lebenslaufs als Institution, welche den Lebensver lauf eines jeden formt, vor allem in dem Ausbau staatlicher Einflussnahme und einer zentralisierten Staatsgewalt begründet.13 Demnach ” ist der individuelle Lebensverlauf als eine 13 In einem Habermas’schen Sinne kann dies als ” Kolonialisierung der Lebenswelt“ interpretiert werden. So führt der Ausbau staatlicher Institutionen zur (weiteren) Differenzierung gesellschaftlicher bzw. sozialstaatlicher Subsysteme, welche sozialintegrative Aufgaben übernehmen, die vormals in der Lebenswelt (also der Gemeinschaft) verortet waren (Habermas 1995: 230–234). In anderen Worten werden Mechanismen der Vergesellschaf- 37 Abfolge von Aktivitäten und Ereignissen in verschiedenen Lebensbereichen und verschiedenen institutionalisierten Handlungsfeldern“ zu betrachten (Mayer 1990a: 9). Die Individualisierungsschübe sind begleitet von einer zunehmenden Tendenz des Staates, regulierend auf ehemals der Gemeinschaft übertragene Aufgaben einzuwirken. Mayer betont dabei die Parallelen zwischen der Entwicklung des modernen Wohlfahrtsstaates und der Herausbildung individueller Lebensverläufe (Mayer und Müller 1989; Mayer 1991). Während in der Zeit vor der Industrialisierung und der in diesem Zuge aufgekommenen Individualisierung die Aufgaben der Bildung, der Wohlstandssicherung und der beruflichen Ausbildung weitestgehend in der Gemeinschaft (im Sinne des traditionalen Haushalts) verortet waren, sind viele dieser Aufgaben auf staatliche Instanzen übertragen worden. Damit wurde eine ” formale Trennung zwischen der Familie und dem Betrieb [. . . ]“ durchgesetzt, so dass das Individuum nun nicht mehr ” primär Mitglied eines und desselben Kollektivs“ ist (Mayer und Müller 1989: 46). In dieser formalen Trennung sieht Mayer die Grundvoraussetzung für die Herausbildung eines strukturgebenden Momentes für die Lebensverläufe der Individuen. Die Trennung des privaten Lebensbereiches vom beruflichen Lebensbereich ermöglichte die Differenzierung unterschiedlicher sozialer Rollen eines Individuums. Diese Entwicklung wurde durch staatliche Eingriffe gefördert oder gar erst hervorgerufen. Durch die gesetzliche Abschaffung der Kinderarbeit oder die Einführung der Schulpflicht wurde eine vertikale Trennung von Lebensbereichen vorangetrieben, ebenso wie die Einführung einer Sozialversicherung und der allgemeine Ausbau des Wohlfahrtsstaates mit der Einführung eines gesetzlichen Rentenalters eine horizontale Trennung von Lebensabschnitten (Dreiteilung des Lebenslaufs) gefördert hat (Mayer und Müller 1989: 46). Die Einführung eines gesetzlichen Rentenalters und damit die Schaffung eines eigenständigen Lebensabschnittes des ” Alters“ setzt voraus, dass eine erwartbare Lebenszeit mit dem Erreichen eines hohen tung aus der Lebenswelt des Einzelnen herausgelöst und durch staatliche Institutionen (Systemebene) ersetzt. 38 Alters gegeben ist. Somit ergeben sich zwei Aspekte, die die Herausbildung eines institutionalisierten Lebenslaufs zur Bedingung haben: (1) die Ausweitung des erwartbaren Lebensalters (Imhof 1984) und (2) der Ausbau des Wohlfahrtsstaates zur Absicherung gegenüber nunmehr individualisierten Bedürfnissen und Risiken (Mayer und Müller 1989; Mayer 1991). Nur so konnten sich individualisierte Lebensverläufe überhaupt erst herausbilden. Jedoch betont Mayer neben den Aspekten der Institutionalisierung, welche er als eine Grundvoraussetzung des Individualisierungsprozesses erachtet, ebenfalls einen gesteigerten Grad an Standardisierung. In dem Maße, wie der Staat regulierend bestimmte Lebensereignisse beeinflusst, muss er dies immer im Rahmen rechtlich festgelegter und eindeutiger Vorschriften und Gesetze vollziehen. Standardisierung bedeutet in diesem Fall, dass die gesetzlichen Regelungen (z. B. der sozialen Sicherungssysteme) für alle Bürger (und auch Organisationen) Gültigkeit besitzen (Mayer und Müller 1989: 51– 53). Diese Standardisierung wird durch Altersnormen erheblich vereinfacht. ” Allgemeine Regeln definieren Verpflichtungen und legitime Ansprüche. Insbesondere enthalten diese Regeln und Verpflichtungen häufig Fristen, für die sie gelten. Aus der Perspektive des Individuums wird der kontinuierliche Fluß des Lebens transformiert in eine Serie von Situationen, in denen jeweils andere administrative Bedingungen gelten“ (Mayer und Müller 1989: 51–52). In einer zeitlichen Dimension standardisieren solche Regelungen die Abfolge von institutionalisierten Lebensphasen und damit auch die institutionell festgeschriebenen Übergänge. Der Eintritt in das Bildungssystem ist beispielsweise administrativ im Alter von sechs Jahren vorgesehen. Die institutionell standardisierte Dauer des Verbleibs im Bildungssystem beträgt mindestens neun Jahre (allgemeine gesetzliche Schulpflicht). Der Übergang in das Bildungssystem ist dabei durch die Anmeldung des Kindes durch seine Eltern (bzw. Erziehungsberechtigten) ebenfalls formal standardisiert. Ebenso ist der Übergang zur weiterführenden Schulform nach der Grundschule durch das Schulgesetz im Zuge der Schullaufbahnempfehlung formal geregelt. Erst nach dieser festgelegten Zeitspanne ist der Übergang von der 39 Vorbereitungsphase in die Erwerbsphase vorgesehen. Mit der Festlegung eines gesetzlichen Renteneintrittsalters wird nach der Erwerbsphase der Übergang in die Ruhestandsphase geregelt. Die Verbindung der auf der Makro-Ebene angesiedelten staatlichen Regelungen und der auf der Mikro-Ebene angesiedelten individuellen Entscheidungen sieht Mayer durch die funktionale Rationalität14 der Handlungen der Mitglieder einer Gesellschaft gegeben, diese staatlichen Angebote zu nutzen. Also werden die Lebensverläufe (zumindest partiell) anhand wohlfahrtsstaatlicher Angebote und Regelungen strukturiert, gegebenenfalls auch entgegen ursprünglich angedachter Lebensentwürfe (Mayer 1991: 181). Karl Ulrich Mayer fokussiert somit eine Sichtweise auf die Strukturierung des Lebenslaufs, indem er aufzeigt, ” wie die Institution des Wohlfahrtsstaates eine Bedeutungs- und Sinnstruktur mit sich bringt, die funktional rationales Handeln fördert und substantiell funktionales Handeln schwächt“ (Mayer und Müller 1989: 55). Abschließend kann die Position Mayers wie folgt beurteilt werden: Der Ausbau des Wohlfahrtsstaates erzeugt standardisierte Lebensverläufe, indem durch gesetzliche Regelungen und Altersnormierungen standardisierte Abschnitte im Lebensverlauf definiert werden (Bildungsphase, Erwerbstätigkeitsphase, Rentenphase). Dies geht einher mit einer Verringerung an individuellen Lebensverläufen bzw. -entwürfen. Jedoch darf hier (wie auch bei Beck) Individualisierung nicht mit Individualität gleichgesetzt werden. Zugleich fördert die auf Individuen und eben nicht auf Familien oder Kollektive ausgerichtete wohlfahrtsstaatliche Absicherung die Ausbildung individualisierter Lebensläufe in dem Sinne, dass die Gestaltung des Lebenslaufs mehr denn je dem Individuum obliegt und nicht mehr durch ständische Klassenstrukturen geprägt ist. Durch diese standardisierte 14 Mit dem Bezug auf funktionale Rationalität rekurriert Mayer auf die Unterscheidung zwischen substantiver und funktionaler Rationalität, welche auf Karl Mannheim zurückgeht (Mayer und Müller 1989: 54). 40 Regelung von Lebensverläufen treten die Übergangsereignisse zwischen den einzelnen Lebenslaufphasen stärker in den Vordergrund. Bezogen auf die Frage nach einer empirisch nachweisbaren Institutionalisierung oder De-Institutionalisierung vertritt Mayer die Auffassung, dass ” von einer zunehmenden De-Institutionalisierung von Lebensverläufen im Sinne einer geringeren gesellschaftlichen Prägung und Steuerung keine Rede sein kann“ (Mayer 1990b: 681). Also spricht sich Mayer gegen eine De-Institutionalisierung im Sinne einer De-Standardisierung von Lebensverläufen aus. Somit kann mit Karl Ulrich Mayer gesagt werden, dass der Lebenslauf zu einer gesellschaftlichen Institution geworden ist, welcher die ehemals durch Klassen- und Schichtungsstrukturen vollzogenen Vergesellschaftungsprozesse übernommen hat. Jedoch widerspricht dies nicht der Annahme einer zunehmenden Differenzierung von Lebenslaufmustern. Als grundlegend für die Differenzierung von Lebensverläufen erachtet Mayer die Bildungsinflation im Zuge der Bildungsexpansion. Durch die erhöhte Bildungsteilnahme der Frauen und die allgemeine Steigerung des Bildungsniveaus bei gleichzeitigen Veränderungen innerhalb des Wirtschaftssystems kam es zu einer Abschwächung der Passung von Ausbildung und beruflicher Tätigkeit mit der Folge von längeren Übergangsphasen in die erste Berufstätigkeit (Mayer und Müller 1989; Mayer 1991). Dies erforderte eine Ausdifferenzierung individueller Handlungsstrategien an den Übergängen im Lebenslauf. Institutionalisierung beschreibt also einen durch staatliche Institutionen geregelten Lebensverlauf. Differenzierung bedeutet die abnehmende Passung der staatlich institutionell vorgegebenen Regelungen und der individuellen Gestaltung von Lebensverläufen. Der Lebenslauf ist damit in Hinblick auf die Auflösung traditioneller Klassenund Schichtungsstrukturen als ” neue“ gesellschaftliche Institution hervorgetreten. Es kann in einem sozialstrukturellen Kontext durchaus von einer Institutionalisierung des Lebenslaufs gesprochen werden, wobei die Strukturierung von Lebensverläufen durch staatliche Institutionen zugenommen hat und Lebensverläufe vorhersagbarer geworden sind (Mayer 1990b: 680). 41 Dies widerspricht dabei aber nicht der These einer Differenzierung und Pluralisierung von Lebensver läufen. Der Lebenslauf als Institution zur Einordnung von Lebenslagen ist nicht zu verwechseln mit dem Konzept des durch Institutionen geregelten individuellen Lebensverlaufs, wie er von Mayer propagiert wird. Mit Blick auf die Individualebene und bezogen auf die Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit ” haben sich Erwerbsunterbrechungen und Phasen der Sucharbeitslosigkeit, insbesondere an der sogenannten Schwelle nach Abschluß der Berufsausbildung, erhöht“ (Mayer 1990b: 671). Die Institutionalisierung des Lebenslaufs nach Martin Kohli Die Position Martin Kohlis unterscheidet sich perspektivisch von der im vorangegangenen Abschnitt beschriebenen Position Karl Ulrich Mayers. Während Mayer den Schwerpunkt der Argumentation auf die prägende Wirkung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen auf den Lebensverlauf legt und damit die makrostrukturelle Ebene in den Vordergrund rückt, berücksichtigt Kohli die Handlungsebene weitaus stärker (Kohli 1985; Mayer 1986; Scherger 2007: 24). Kohli rückt dabei die Erwerbsarbeit in den Vordergrund der Argumentation. Diese stellt in seiner Sichtweise den ” Kernbereich“ des modernen Lebenslaufs dar (Kohli 2003: 531). Kohli betrachtet in seiner ursprünglichen Konzeption nur die langfristigen gesellschaftlichen Entwicklungen, die den ” langfristigen Strukturwandel [. . . ] des Lebenslaufs als Institution“ (Kohli 1985: 4) betreffen. Darin unterscheidet sich bereits die Position von Kohli zu der Mayers, da Mayer das interdependente Verhältnis von kurzfristigen Schwankungen (Kohorteneffekte) und langfristigen Entwicklungen (Individualisierungsschübe) in seine Darstellung des durch Institutionen geprägten Lebensverlaufs integriert. Einen weiteren maßgeblichen Unterschied der Position Kohlis zu der Mayers stellt die Wahl der Begrifflichkeiten dar. Indem Mayer von einem durch Institutionen geprägten Lebensver lauf spricht, beschreibt er die Ausgestaltung des Lebensverlaufs durch gesellschaftliche Institutionen. Martin Kohli beschreibt mit seiner 42 Darstellung der Institutionalisierung des Lebenslaufs etwas grundlegend anderes. Er zeigt auf, dass im Zuge der Individualisierung der Lebenslauf eine eigenständige gesellschaftliche Strukturdimension im Sinne einer Institution angenommen hat. Diese Position steht in keinem Widerspruch zur Sichtweise von Karl Ulrich Mayer, nimmt jedoch eine gänzlich andere Haltung ein. Kohli erklärt, wie es durch den Prozess der Individualisierung zu einer Ausgestaltung des Lebenslaufs als Institution gekommen ist und welche gesellschaftlichen Veränderungen und Prozesse diese Entwicklung notwendig werden ließen (Kohli 1985: 13). Kohli unterscheidet dabei vier gesellschaftliche Problemlagen, ” auf welche die Institutionalisierung des Lebenslaufs antwortet“ (Kohli 1985: 13): 1. Rationalisierung 2. Soziale Kontrolle 3. Sukzession 4. Integration Er hebt dabei die besondere Verknüpfung dieser Problemlagen ” mit der gesellschaftlichen Wirtschafts- und Arbeitsverfassung“ (Kohli 1985: 14) hervor. Auf struktureller Ebene ergibt sich eine altersbezogene Gliederung des Lebenslaufs grundlegend aus der ” Rationalisierung des Wirtschaftens“ (Kohli 1985: 14; Hervorh. D. B.), dies wird besonders bei der Dreiteilung des Lebenslaufs in eine Vorbereitungs-, Erwerbstätigkeits- und Ruhestandsphase (also um die Erwerbstätigkeit herum) ersichtlich. Diese Rationalisierung führte dazu, dass ” sachfremde“ Bereiche aus den Organisationsprinzipien des Wirtschaftssystems ausgegliedert wurden und Entscheidungsprozesse unter wirtschaftlich rationalen Gesichtspunkten erfolgen. Daraus resultierte eine ” Ausdifferenzierung der entsprechenden Lebensbereiche (z.B. Trennung von Arbeit und Familie)“ (Kohli 1985: 14). Dabei entstehen nicht nur parallel zum Wirtschaftssystem gelagerte Lebensbereiche, sondern auch zeitlich vor- und nachgelagerte Lebensbereiche, ” nämlich als Auslagerung der Lebensphase, die für die Vorbereitung auf die Erwerbstätigkeit notwendig ist, 43 und derjenigen, in der die Produktivität wieder abnimmt“ (Kohli 1985: 14). Auf der Handlungsebene bedeutet ” die Chronologisierung des Lebenslaufs [. . . ] auch die Grundlage für die Fremdtypisierung, z.B. unter dem Aspekt des ,lückenlosen Lebenslaufs‘, der vom Arbeitgeber als Beleg dafür verlangt wird, daß der Einstellungskandidat sich den Forderungen der wirtschaftlichen Rationalität bisher bruchlos unterzogen hat“ (Kohli 1985: 15). Kohli nimmt sowohl eine strukturelle wie auch eine individuelle Position in den Blick, wenn er die Aspekte der sozialen Kontrolle beschreibt. Auf der strukturellen Ebene betrifft soziale Kontrolle den durch die Individualisierung veränderten Vergesellschaftungsprozess. Dieser erfolgt nun nicht mehr über die (lokale) Gemeinschaft bzw. die Familie, sondern über den institutionalisierten Lebenslauf. Soziale Kontrolle wird dabei über staatliche Sicherungssysteme aufrechterhalten, da diese Funktion nun weniger über die Gemeinschaft vollzogen wird. Auf der individuellen Ebene bedeutet soziale Kontrolle eine veränderte bzw. neu entstandene ” biographische Perspektive“. Diese Perspektive gewährleistet für den Einzelnen, ” auch unter den Bedingungen der Individualisierung des Lebenslaufs nicht aus dem gesellschaftlichen Stützsystem herauszufallen“ (Kohli 1985: 16). An diesem Beispiel zeigt sich bereits die notwendige Verbindung zwischen Veränderungen auf der Makroebene und deren Auswirkungen auf der Mikroebene. Während die auf der Makroebene angesiedelten sozialen Sicherungssysteme eine gewisse langfristige Erwartbarkeit und Sicherheit der Lebensentwürfe schaffen, erzeugen sie eine individuelle Entlastung des Einzelnen von nun individualisierten Risiken, welche nicht mehr durch die lokale Gemeinschaft abgefangen werden (können). Die Rationalisierungsprozesse im Wirtschaftssystem und damit die Ausdifferenzierung der einzelnen Lebensbereiche erzeugen weiter individualisierte und aus dem familialen Bereich ausgegliederte Nachfolgeregelungen im Arbeitsleben. Die Sukzession der Arbeitspositionen erfolgt nun nicht mehr innerhalb der Gemeinschaft bzw. der Familie, sondern unter individualisierten Bedingungen auf einem freien Arbeitsmarkt, losgelöst von 44 gemeinschaftlichen und familialen Bezugssystemen. Die Unterscheidung zwischen internen und externen Abseitsmärkten führt zur Darstellung des Allokationsmechanismus als ” Vakanzwettbewerb“ oder ” Vakanzketten“. In dieser Betrachtung werden Positionen nur dann neu besetzt, wenn ihr bisheriger Inhaber diese verlassen hat, und nicht etwa, weil ein geeigneterer Kandidat verfügbar ist oder die Leistungen des aktuellen Inhabers nicht mehr ausreichend sind. Dies gilt ” in überraschende[m] Ausmaß auch [. . . ] im privaten Sektor“ (Kohli 1985: 17). Auf struktureller Ebene ist mit dieser Funktionsweise der Nachfolgeregelung die Ausgestaltung des Rentensystems eng verbunden. Durch die gesetzliche Regelung eines Renteneintrittsalters wird institutionell eine Grenze zum Übergang von der Erwerbsphase des Lebenslaufs in die Ruhestandsphase des Lebenslaufs geschaffen. In betrieblicher Sicht wird das Problem, ” die älteren Arbeitskräfte loszuwerden, um die Effizienz des Arbeitskräfteeinsatzes zu erhöhen und Platz für nachrückende Arbeitskräfte zu schaffen“ (Kohli 1985: 17) institutionalisiert und gesellschaftlich legitimiert. Auch hier wird der Aspekt der sozialen Kontrolle im Zuge des Individualisierungsprozesses sichtbar, da die älteren Arbeitnehmer die (monetäre) Absicherung des Lebenslaufs durch staatliche Institutionen gesichert wissen, welche vormals durch die Gemeinschaft bzw. die Familie aufgefangen wurden. Die Betriebe sind für diese Aufgabe weder vorgesehen noch in der Lage, da dies der Rationalisierung des Wirtschaftens entgegen steht (Kohli 1985: 17). Während sich das Problem der Sukzession auf die ” horizontale“ Dimension des Lebenslaufs (Dreiteilung des Lebenslaufs) bezieht, spricht das Problem der Integration die ” vertikale“ Dimension an. Hierbei geht es um die Integration der ausdifferenzierten Lebensbereiche, vor allem von Erwerbsarbeit und Familie. Durch die Ausdifferenzierung dieser Lebensbereiche erscheinen nun auch die Übergänge des Produktions- und Reproduktionsbereichs als getrennte Sphären. Die Betriebe stehen vor der Aufgabe, die individualisierte Lebenszeit der Arbeitskräfte mit den Ansprüchen des rationalen Wirtschaftens zu verknüpfen, während die Individuen die Koordinationsleis- 45 tung zwischen betrieblichen und familialen Lebensverläufen zu erbringen haben. In dieser Betrachtung des Zusammenspiels von Institutionalisierung und Individualisierung ist erneut die Widersprüchlichkeit des Individualisierungsprozesses, wie ihn auch Ulrich Beck (1986) deutlich macht, erkennbar. Es sind die zwei Seiten des Individualisierungsprozesses, welcher zum einen eine Pluralisierung von Handlungsmöglichkeiten bedeutet (Individualisierung) und diese pluralen Möglichkeiten auf institutionell vorgegebene Handlungsspielräume einschränkt (Institutionalisierung). Durch die gemeinsame Betrachtung der System- und Handlungsebene in der Konzeption des institutionalisierten Lebenslaufs von Kohli tritt wesentlich stärker das Verhältnis von Handlungs- und Systemebene zwischen dem Lebenslauf ” als institutionelle[m] Programm und als subjektive[r] Konstruktion“ in den Vordergrund (Kohli 1985: 20). Diese Unterscheidung drückt sich ebenfalls in der parallelen Entwicklung einer methodisch quantitativ orientierten Lebenslaufforschung und einer methodisch qualitativ orientierten Biographieforschung aus. Wie schon Karl Ulrich Mayer weist auch Martin Kohli bereits in der Mitte der 1980er Jahre darauf hin, dass eine empirisch feststellbare Aufweichung der Dreiteilung des Lebenslaufs zu verzeichnen ist. Dies wird sowohl an einer zunehmenden De-Standardisierung von familialen Lebensformen wie auch an einer ” Aufweichung der Grenzen der Erwerbsarbeit“ (Kohli 1985: 23) sichtbar. Daher stellt sich für ihn die Frage, ob es sich bei diesen Tendenzen lediglich um konjunkturelle Schwankungen handelt oder ob ein neuer Strukturwandel, weg von einer Standardisierung des Lebensverlaufs bzw. einer Institutionalisierung des Lebenslaufs hin zu einer De-Standardisierung und Entstrukturierung, stattfindet (vgl. Kohli 1985: 23). Der Lebenslauf als Statusbiographie nach René Levy Die Position von René Levy betont am prägnantesten die Verbindung zwischen der Mikro- und der Makroebene (Levy 1996a: 83). Er befindet sich mit 46 seinem Konzept der Statusbiographie zwischen den Positionen von Mayer und Kohli (vgl. auch Scherger 2007: 27–29). Dies zeigt sich verstärkt in neueren Arbeiten Levys, die zum einen die Notwendigkeit interdiziplinärer Ansätze stärker als Kohli betonen und zum anderen stärker als Mayer die Berücksichtigung institutioneller und individueller Aspekte in den Vordergrund rücken (Levy 2005). Levy berücksichtigt explizit die Möglichkeiten der institutionellen Einflussnahme auf individuelle Lebensläufe15 ( ” top-down effect“) sowie die von diesen Effekten unabhängige Veränderung von Lebensläufen und des dadurch entstehenden Einflusses auf die institutionellen Gegebenheiten ( ” bottom-up effect“) (Levy 1996a: 92). Dabei unterscheidet er nicht zwischen Lebenslaufforschung und Biographieforschung, da diese Unterscheidung auf den zugrunde liegenden Erkenntnisinteressen und auf den entsprechenden methodischen Analyseverfahren beruht, sondern richtet seine Argumentation auf individuelle Verläufe als einheitliche soziale Phänomene mit strukturellen und kulturellen Aspekten, die eine Anwendung quantitativer wie auch qualitativer Methoden erlaubt (Levy 1996a: 83). Damit spricht sich Levy für die Verbindung von Analysen individueller Verläufe mit Methoden qualitativer Sozialforschung und der Anwendung von quantitativen Methoden zur Verbindung von Mikro- und Makroebene aus.16 Genauso wie Mayer und Kohli betont auch Levy die ” horizontale“ Ausdifferenzierung des Lebenslaufs durch direkte, institutionell vorgegebene Ein- und Austrittsregelungen anhand von Altersnormen (Levy 1996a: 96). In seiner Darstellung zu direkten und indirekten Elementen der Institutionalisierung des Lebenslaufs wird am deutlichsten herausgearbeitet, dass 15 In dem Verständnis von Karl Ulrich Mayer auch von Lebensver läufen. 16 Wie in Kapitel 2.1.3 zu zeigen sein wird, ist es nicht zwingend notwendig, die individuelle Mikroebene ausschließlich mit qualitativen Methoden zu untersuchen. Wesentlich genauer erscheint die Unterscheidung zwischen qualitativer Biographieforschung und quantitativer Lebenslaufforschung. Diese Unterscheidung zielt jedoch eher auf das Erkenntnisinteresse von subjektiven Erfahrungen und Sinnstrukturen (Biographieforschung) und ” objektiven“ Verläufen und Lebenslaufmustern als sozialstrukturelle Positionssequenzen. 47 die einzelnen Institutionen des Lebenslaufs in ihrer jeweils eigenen Logik funktionieren. Dabei treten mehrere sowohl vertikale Lebenslaufdimensionen als auch horizontale Lebenslaufphasen auf, die vom Individuum koordiniert (Mikroebene) und auf institutioneller bzw. organisationaler Ebene harmonisiert (Makroebene) werden müssen. Er verweist auch darauf, dass nicht nur die individuellen Akteure in unterschiedlichen, zum Teil auch parallelen Lebenslaufdimensionen verortet sind (vertikale Dimension), sondern dass auch mehrere Institutionen des Lebenslaufs an der Ausgestaltungen und Regelung von Statuspassagen bzw. Übergängen zwischen den Lebenslaufphasen beteiligt sind (horizontale Dimension) (Levy 1996a: 96–98). Um die Komplexität von Lebensläufen angemessen analysieren zu können, spricht sich Levy nicht nur dafür aus, individuelle und institutionelle Faktoren gleichermaßen zu berücksichtigen und subjektive Sinnkonstruktionen wie auch institutionelle Strukturen mit qualitativen und quantitativen Methoden zu untersuchen, sondern möchte auch eine interdisziplinäre Herangehensweise stärker in den Vordergrund rücken, um eine theoretisch fundiertere Konzeption mikro- und makrostruktureller Faktoren genauer fassen zu können. So sind in dem von Levy (2005) vorgeschlagenen holistischen Ansatz der Lebenslaufforschung neben soziologischen Konzepten auf individueller Ebene auch Konzepte der (Sozial-)Psychologie zu berücksichtigen. Ebenso müssen auf struktureller Ebene demographische Konzepte des Lebenslaufs in den Blick genommen werden. Eine Untersuchung von Lebensläufen im theoretischen wie auch methodischen Paradigma nur einer wissenschaftlichen Disziplin (sei es die Soziologie, die Psychologie oder die Demographie) muss zwangsläufig wichtige Bereiche ausblenden. Aus einer forschungspragmatischen Sicht ist eine innerdisziplinäre Analyse von Lebensläufen zwar sinnvoll, wird der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes jedoch nur unzureichend gerecht. Levy vertritt damit eine Position zwischen oder besser gesagt ” über“ den Positionen Mayers und Kohlis. Damit ist gemeint, dass er im Sinne Mayers die institutionellen und wohlfahrtsstaatlichen Einflüsse auf den individuellen 48 Lebensverlauf berücksichtigt, gleichzeitig aber die Verbindung zwischen individuellen Entscheidungen und institutionellen Opportunitätsstrukturen stärker betont als Kohli. Somit beschreibt der von Levy entwickelte Ansatz den theoretisch umfassendsten, forschungspragmatisch jedoch auch am schwierigsten umzusetzenden Ansatz. Einen wichtigen Beitrag, der in dieser Arbeit aufgegriffen werden soll, leistet Levy (2005) durch die Ausarbeitung einer Terminologie der für die Lebenslaufforschung relevanten Begrifflichkeiten (trajectory, stage, transition, event), wie sie bei Mayer und Kohli nur implizit vorgenommen wird (siehe Kapitel 2.2, vor allem Abschnitt 2.2.4). Zwischenfazit: Perspektiven der Lebenslaufforschung Abgesehen von der Differenz in der Auffassung des Lebenslaufs als Institution (Kohli) und dem durch Institutionen gestalteten Lebensver lauf (Mayer) scheinen sich die oben vorgestellten Konzeptionen des modernen Lebenslaufs nur in ihren Begrifflichkeiten und unterschiedlichen theoretischen sowie methodologischen Schwerpunktsetzungen zu unterscheiden. Häufig sind die Positionen daher nicht ohne Weiteres vergleichbar, und eine direkte Gegenüberstellung kann keiner der Konzeptionen gerecht werden. Wenn von René Levy Mayer eine gegenteilige Position zu seiner eigenen unterstellt wird, missversteht er die Position Mayers in einem ” aktiven“ Verständnis des Einflusses von Institutionen auf den Lebensverlauf. Auf eine ähnliche Weise greift die Kritik an Mayers Ansatz zu kurz, wenn ihm unterstellt wird, er vertrete die Position, die ” Handlungsebene ganz auszublenden“ (Scherger 2007: 24). Hier folgt Mayer lediglich der Ansicht, dass die staatlichen Institutionen und die dadurch gegebenen Opportunitätsstrukturen die Handlungsspielräume der Individuen beeinflussen. Dass durch individuelle Handlungen diese Opportunitätsstrukturen durchaus beeinflusst werden können, ist damit nicht ausgeschlossen. Kohlis stärkere Berücksichtigung der Struktur- und Handlungsebene repräsentiert auf methodologischer Ebene nichts weniger als eine Verbindung von (quantitativer) Lebenslaufforschung 49 und (qualitativer) Biographieforschung, wie sie auch Levy (1996b) vertritt. Jedoch liegen diesen beiden Forschungsprogrammen unterschiedliche erkenntnistheoretische Grundpositionen zugrunde. Somit müssen diese beiden Blickwinkel auf den Lebenslauf ” als institutionelles Programm und als subjektive Konstruktion“ (Kohli 1985: 20) theoretisch zusammen gedacht werden, methodologisch sind diese beiden Positionen jedoch zu trennen. So erkennt auch Simone Scherger, dass Mayers Konzeption ” bei den leichter messbaren Phänomenen“ (Scherger 2007: 27) verbleibt, während sich Kohli ” dagegen mit der Behauptung von Emergenz und Autonomie auf ein Terrain [begibt], das messbaren Daten weniger zugänglich ist“ (Scherger 2007: 27). Eine ähnliche methodologische und begriffliche Diffusität kann René Levy unterstellt werden, wenn er konstatiert, dass die Normalbiographie und der Standardlebenslauf eine Doppelnatur haben (Levy 1996a: 93)17. Mit der Doppelnatur bezieht sich Levy lediglich auf die Gleichzeitigkeit von Erwartungssicherheit bzw. Planbarkeit des Lebenslaufs (security) auf der einen Seite und institutionellen Einschränkungen (restriction) auf der anderen Seite. Der methodologische Aspekt dieser Doppelnatur wird jedoch nicht erwähnt. So müssen die Begriffe der Normalbiographie und des Standardlebenslaufes ebenfalls als zwei Seiten einer Medaille betrachtet werden, nur diesmal auf methodologischer Ebene. Damit ist der von Levy (1977; 1996a; 2005) verfolgte Ansatz zwar der ” vollständigste“, jedoch auch theoretisch und methodisch anspruchsvollste. In nur wenigen Arbeiten waren die Voraussetzungen zur Umsetzung des von Levy vorgeschlagenen Ansatzes gegeben (v. Felden und Schiener 2010; Kluge und Kelle 2001; Leisering et al. 2001b; Sackmann und Wingens 2001). Auch in der vorliegenden Arbeit kann aufgrund forschungspragmatischer Restriktionen der durchaus attraktive Vorschlag zur Untersuchung von Lebensläufen, wie ihn René Levy vertritt, nicht umgesetzt werden. Dies soll jedoch nicht als Defizit verstanden werden. Anstelle einer in methodischer und theoretischer Sichtweise holistischen 17 ” normal biography or standard life courses have a double nature“ (Levy 1996a: 93) 50 Analyse von (gesamten) Lebensläufen wird eine detaillierte Untersuchung einzelner Übergänge vorgenommen. Gerade mit Blick auf die in dieser Arbeit vorgenommene Fokussierung auf Übergänge im Lebenslauf und der soeben diskutierten Vor- und Nachteile der vorgestellten Konzepte erscheint die Position Mayers in theoretischer Hinsicht besonders attraktiv. An den Übergängen kristallisieren sich die Bruchstellen des Lebenslaufs. An den Stellen im Lebenslauf, welche institutionell vorgegebene und hochgradig standardisierte Opportunitätsstrukturen aufweisen, zeigen sich die risikobehafteten Entscheidungen der Individuen besonders deutlich (Behrens und Voges 1996; Berger 1996; Leisering et al. 2001a: 6; Shanahan 2000). Ebenfalls für die Konzeption von Mayer spricht die Auffassung von Lutz Leisering, dass Lebensläufe nicht direkt beeinflusst, sondern ” indirekt durch soziale Mechanismen reguliert [werden], die die Umstände und Bedingungen für individuelles Handeln an Übergängen und Risikolagen strukturieren [. . . ]“ (Leisering et al. 2001a: 6). Mit Bezug auf die Institutionalisierung des Lebenslaufs erscheinen die Institutionen, die die Übergänge zwischen den einzelnen Lebenslaufphasen strukturieren als bedeutsam. Diese Überlegungen beziehen sich zum einen auf die zeitliche Abfolge und die Verweildauer in den jeweiligen Lebenslaufphasen. Zum anderen stellt sich die Frage, wie institutionelle Rahmenbedingungen die individuellen Entscheidungen beim Übergang zwischen den einzelnen Lebenslaufphasen beeinflussen. Dieser Frage wird im folgenden Abschnitt nachgegangen, wenn die Verbindung der makrostrukturellen Rahmenbedingungen und individuellen Handlungsentscheidungen diskutiert wird. 2.1.3 Die Mikro-Makro-Struktur des Lebenslaufs Im folgenden Abschnitt wird (1) auf die Verbindung zwischen makrostrukturellen Rahmenbedingungen seitens institutioneller Vorgaben bei den Übergängen zwischen den einzelnen Lebenslaufphasen und dem individuellen 51 Handeln eingegangen.18 Es geht also um die Frage, wie institutionelle Gelegenheitsstrukturen auf individuelle Entscheidungsprozesse wirken und somit die Lebensverläufe im Allgemeinen und Übergänge im Speziellen gestalten. Gleichzeitig prägen auch (2) individuelle Entscheidungen die institutionellen Rahmenbedingungen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass selten eine direkte Einflussnahme individuellen Handelns auf institutionelle Strukturen vorzufinden ist (Konietzka 2010: 41–47; Levy 1996a: 92). Die Gestaltung institutioneller Rahmenbedingungen erfolgt meistens durch politische Einflussnahme und nicht durch die Individuen, die diese Institutionen durchlaufen. So sind es zum Beispiel bildungspolitische oder arbeitsrechtliche Maßnahmen, die institutionelle Rahmenbedingungen des Übergangs vom Ausbildungssystem in das Erwerbssystem regeln (Hadjar und Becker 2011: 209; vgl. auch Kapitel 3). Zwischen diesen beiden Blick- und Wirkrichtungen ist (3) die Frage nach den individuellen Handlungslogiken der einzelnen Individuen angesiedelt. Dabei geht es darum, welche biographischen Entscheidungen von Individuen unter den gegebenen Gelegenheitsstrukturen bzw. Rahmenbedingungen getroffen werden (Hillmert 2004: 23–24). Mithin lassen sich drei unterschiedliche Fragestellungen differenzieren (vgl. Konietzka 2010: 41–47): 1. Wie strukturieren institutionelle Rahmenbedingungen die Gelegenheitsstrukturen der Individuen und damit die Handlungsspielräume bei den Übergängen im Lebenslauf? 2. Wie wirken die individuellen Entscheidungen bzw. Handlungen auf die institutionellen Rahmenbedingungen zurück? 3. Welche Handlungslogiken liegen den individuellen Handlungen unter den jeweils gegebenen Gelegenheitsstrukturen zugrunde? Bei der ersten Fragestellung geht es um die Auswirkungen institutioneller Regelungen auf individuelle Entscheidungen. Es wird davon ausgegangen, 18 Individuelles Handeln bezieht sich dabei sowohl auf die individuellen Absolventen als auch auf die Vertreter der entsprechenden Organisationen des Ausbildungs- und Erwerbssystems (siehe ausführlicher Abschnitt 2.2.3). 52 dass gerade an den Übergängen zwischen einzelnen Lebenslaufphasen die institutionellen Regelungen besonders deutlich sichtbar werden. Diese Annahme ist mit der Vorstellung verknüpft, dass die institutionellen Regelungen des ” Zielsystems“ (also die Lebenslaufphase, in die der Übergang mündet) bereits diesem Übergang vorgelagerte Entscheidungen beeinflussen, die im Rahmen institutioneller Vorgaben des ” Ausgangssystems“ (also der Lebenslaufphase, die verlassen wird) getroffen werden. Diese Überlegungen sollen an folgendem Beispiel illustriert werden: Im Zuge der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre fand eine (unintendierte) Entwertung von Bildungszertifikaten statt (Shavit und Müller 1998). Durch institutionelle Regelungen wurden im Bildungs- und Ausbildungssystem Anreizstrukturen geschaffen, in höhere Bildung zu investieren, mit der Aussicht auf bessere Beschäftigungschancen und höhere Produktivität sowie Bildungsrenditen und schlussendlich der (bildungs-) politischen Intention des Abbaus sozialer Ungleichheiten. Durch die fehlende Harmonisierung des Bildungs- bzw. Ausbildungssystems mit dem Erwerbssystem führte ein gestiegenes Bildungsniveau jedoch nicht zu einer gestiegenen Beschäftigtenquote und einer ” Egalisierung“ von Bildungsungleichheiten, sondern paradoxerweise zu einer Entwertung von Bildungszertifikaten (Pollmann-Schult 2006). Diese Entwicklung, einmal von nachfolgenden Kohorten wahrgenommen, führte dann zu einer Steigerung der Nachfrage nach tertiärer Bildung, da aus rationalen Gesichtspunkten, durch die Entwertung vormals für bestimmte berufliche Positionen ausreichender Bildungszertifikate, höherwertige Bildungszertifikate notwendig wurden. Dies kann wiederum als ein gesunkenes Passungsverhältnis der Ausbildungsabschlüsse zu den beruflichen Tätigkeitsfeldern aufgefasst werden. Wie kommen nun solche unintendierten Folgen zustande? Wie wirken institutionelle Rahmenbedingungen auf die Entscheidungen der einzelnen Individuen? Allgemein werden Gelegenheitsstrukturen geschaffen, welche die individuellen Handlungsspielräume unter dem Gesichtspunkt funktionaler Rationalität eingrenzen. Bezogen auf die Übergänge von der Hochschule 53 in die erste Erwerbstätigkeit müssen dabei sowohl die rationalen Handlungen der Gatekeeper (vgl. Struck 2001 und die Ausführungen in Abschnitt 2.2.3) des Ausgangs aus dem Bildungssystem (die Vergabe der Bildungszertifikate durch die Hochschulen) und die Gatekeeper des Eingangs in die Erwerbstätigkeit (die Personalmanager der Betriebe) berücksichtigt werden. Auf der anderen Seite sind es die rationalen Handlungen des einzelnen Individuums in beiden Bereichen, einmal als Absolvent der Hochschule und daran anschließend (aber nicht unabhängig davon) als Bewerber um eine Anstellung im Erwerbssystem. Unter der Berücksichtigung, dass die institutionellen Rahmenbedingungen nicht von den Mitgliedern der jeweiligen Institutionen (bzw. Organisationen)19 geformt werden, sondern in der Regel durch politische Vorgaben (z. B. allgemeine Schulpflicht, Hochschulgesetze, Kündigungsschutz, Gleichstellungsgesetz etc.), muss der Blick bei der Frage nach institutioneller Beeinflussung individuellen Handelns auf die Gatekeeper innerhalb der jeweiligen Institutionen gerichtet werden. Die Gatekeeper des Erwerbssystems, also die Personalverantwortlichen innerhalb einer Organisation, entscheiden unter institutionell eingeschränkten Handlungsalternativen. Ebenso erfolgen auf der Seite der Bewerber die individuellen Entscheidungen im Rahmen institutionell eingeschränkter Handlungsspielräume. Die expliziten Handlungen werden dabei immer von individuellen Akteuren vorgenommen. Daher beschränkt sich die Verbindung der Makro- und Mikroebene auf die institutionellen Vorgaben, unter denen die jeweiligen Mitglieder einzelner Institutionen und entsprechender Organisationen agieren. Dies sind jedoch meist ” sozialpolitische Setzungen“ (Behrens und Voges 1996) und damit nicht direkt in den sie betreffenden Institutionen verankert. Die institutionellen Regelungen oder auch sozialpolitischen Setzungen bieten 19 Organisationen bezeichnen dabei die einzelnen Betriebe oder Körperschaften. Institutionen bezeichnen die übergeordneten gesellschaftlichen Systeme wie z. B. die Institution des Bildungssystems oder des Erwerbssystems. Daher wird auch von institutionellen Regelungen gesprochen, da diese in der Regel allgemeine Gültigkeit für die Mitglieder einer Institution besitzen. 54 den individuellen Akteuren und Organisationen ein Anreizsystem durch institutionell vorgegebene Gratifikationen und Sanktionen. Für die Individuen und die Organisationen ist es demnach rational, diese Anreize bei den relevanten Entscheidungen im Lebenslauf miteinzubeziehen. Auf diese Weise formen institutionelle Vorgaben den Handlungsspielraum der Individuen in bestimmten Entscheidungssituationen (Behrens und Voges 1996). Auf der Ebene der Organisationen sind es die Gatekeeper, welche eben diese Gratifikationen und Sanktionen vergeben bzw. ausführen (vgl. Struck 2001). Bezogen auf den Übergang von der Ausbildung in die Erwerbstätigkeit bedeutet dies für die Bewerber um eine Anstellung (also die ” Anwärter“ zum Eintritt in das Erwerbssystem), dass die Entscheidung für oder gegen die Aufnahme einer Beschäftigung nicht alleine durch rational ökonomische Überlegungen beeinflusst wird. Die Kriterien für den Einstieg in das Erwerbssystem werden dabei auf Grundlage anderer Maßstäbe festgelegt als die Kriterien, die bei der Vergabe von Bildungszertifikaten im Bildungssystem angewandt werden. Mit anderen Worten: ” Es gibt keinen Mechanismus, der die Einrichtungen untereinander harmonisiert, obgleich viele von ihnen Verweildauern bei anderen Einrichtungen zur Zugangsbedingung machen“ (Behrens und Voges 1996: 22). Mit diesem Ansatz wird die Verknüpfung individueller Handlungen innerhalb institutioneller Strukturen stärker betont als dies beispielsweise in den Arbeiten von Kathrin Leuze (2010b) der Fall ist. Während Leuze im Ländervergleich das theoretische Konzept der ” Varieties of Capitalism“ (Hall und Soskice 2001) auf die Verbindung zwischen dem tertiären Bildungssystem und dem Erwerbssystem anwendet, welches stärker auf die institutionellen Rahmenbedingungen für die Organisationen des Arbeitsmarkts gerichtet ist, soll in dieser Arbeit nicht auf unterschiedliche nationalstaatliche ” Spielarten“ des Kapitalismus bzw. politischer Ökonomien sowie die daraus erwachsene institutionelle Kopplung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystems verwiesen werden. Vielmehr soll eine differenziertere Binnensicht auf die Un- 55 terschiede zwischen den beiden ” Spielarten“ des tertiären Bildungssystems, den Universitäten und den Fachhochschulen, eingenommen werden. Hierbei ist die Verzahnung von Ausbildungssystem und Erwerbssystem mit unterschiedlichen Passungsverhältnissen versehen. Auf der einen Seite sind die institutionellen Übergangsregelungen für spezifische Hochschulbzw. Abschlussarten unterschiedlich stark standardisiert. Auf der anderen Seite sind die Anforderungen der entsprechenden Berufsfelder unterschiedlicher Abschlusszertifikate (aber auch Studiengänge) seitens der Arbeitgeber weitaus weniger an diese Übergangsstrukturen angepasst; sie gehorchen vielmehr den allgemeinen Leitbildern des Erwerbssystems. Hier ist eine unterschiedlich starke Abstimmung bzw. Harmonisierung des Ausbildungssystems und des Erwerbssystems zu erwarten (Böpple 2010; Leisering et al. 2001b). Dabei folgen die Gatekeeper des Bildungssystems beim Austritt aus jenem System anderen normativen Leitlinien als die Gatekeeper beim Eintritt in das Erwerbssystem. Es werden teilbare Güter (z. B. Abschlussnoten) von den Gatekeepern des Ausbildungssystems (Prüfer) vergeben, die auf diese Weise die Absolventen anhand dieser Beurteilungen diskriminieren. Die Diskriminierung erfolgt in Hinblick auf die Beschäftigungschancen und die Verwertbarkeit der erlangten Abschlüsse auf dem Arbeitsmarkt. Die Gatekeeper des Erwerbssystems (Personalverantwortliche) ermöglichen auf Grundlage der Beurteilungen des Ausbildungssystems den Zugang zu nunmehr unteilbaren Gütern (den ausgeschriebenen Stellen). Gerade die Ausdifferenzierung verschiedener Bereiche in modernen Gesellschaften ermöglichte erst das Gatekeeping an den Übergängen der Gesellschaftsbereiche im Lebenslauf (Struck 2001: 35). ” Gatekeeper sind mit der Bearbeitung der Beziehungen der Organisation zur Umwelt betraut. Hierbei kann es sich, wie im Falle von Professoren oder Geschäftsführern [. . . ], um Nebenfunktionen handeln“ (Struck 2001: 39). An diesen Überlegungen zeigt sich, dass die Wirkung institutioneller Vorgaben auf den Lebenslauf über die in den Institutionen angesiedelten Gatekeeper vermittelt wird. Den die 56 Institutionen durchlaufenden Individuen kommt dabei die Aufgabe zu, diese unterschiedlichen normativen Leitbilder zu koordinieren (eine weitergehende Diskussion der Funktion von Gatekeepern erfolgt in Abschnitt 2.2.3). Im Folgenden wird daher eine begriffliche Differenzierung vorgeschlagen, die unter Koordination die Integration verschiedener paralleler und/oder aufeinanderfolgender Lebenslaufdimensionen bzw. -phasen, die auf individueller Ebene geleistet werden muss, versteht (Mikroebene). Hingegen soll der Begriff der Harmonisierung die Abstimmung bestimmter institutioneller Regelungen zwischen parallelen und/oder aufeinanderfolgender Lebenslaufphasen und -dimensionen bezeichnen (Makroebene). Genau diese Harmonisierung ist es, die Kathrin Leuze (2010b) mit den Konzepten der ” stratification“, ” occupational specifity“ und ” standardization“ beschreibt. Dabei bleibt jedoch immer noch die Frage offen, wie genau diese Harmonisierung auf institutioneller Ebene die individuellen Entscheidungen der beteiligten Akteure beeinflusst. Bei der zweiten Fragestellung nach der Wirkung individuellen Handelns auf institutionelle Regelungen müssen folgende Entscheidungsebenen differenziert werden: Auf der Handlungsebene gilt es, zwischen den systemübergreifenden Entscheidungen und systemimmanenten Entscheidungen zu differenzieren. So haben politische Entscheidungen einen Einfluss auf andere institutionelle Gesellschaftsbereiche und definieren die jeweiligen systemimmanenten Handlungsspielräume. Die so systemübergreifend geformten Handlungsspielräume schränken die jeweiligen Handlungsalternativen bei systemimmanenten Entscheidungen ein. Die individuellen Handlungen der Akteure des Bildungs- oder Erwerbssystems haben nur einen geringen und indirekten Einfluss auf die strukturellen Gegebenheiten der Institutionen, in denen sie sich befinden. Daraus resultiert die bereits angesprochene fehlende Passung zwischen den einzelnen Institutionen des Lebenslaufs. Somit steht im Rahmen dieser Arbeit vor allem die Frage nach den Auswirkungen der institutionellen Rahmenbedingungen einzelner Institutionen des Lebenslaufs 57 auf die individuellen Entscheidungen an den Übergängen im Lebensverlauf im Vordergrund. Die dritte Fragestellung nach den individuellen Handlungslogiken muss unter Berücksichtigung unterschiedlicher Analyseebenen betrachtet werden. Die erste Ebene wurde bereits bei der Frage nach der Beeinflussung individuellen Handelns durch institutionelle Strukturen diskutiert. Diese Strukturen stellen die institutionell gegebenen Handlungsalternativen bereit, beschäftigen sich also mit der Frage nach den Auswirkungen institutioneller Regelungen auf individuelles Handeln. Die weitere Analyseebene ist gänzlich auf der Handlungsebene verortet und fragt nach individuellen Ressourcen, Präferenzen und Einstellungen, die die jeweiligen Handlungsentscheidungen beeinflussen. Diese Betrachtung fokussiert demnach die individuelle Wahl der gegebenen Handlungsalternativen. Diese Fragestellung benötigt eine theoretisch fundierte Handlungstheorie wie zum Beispiel ein Modell rationalen Handelns (Blossfeld 1996). Gerade in Bezug auf die von Beck (1986) beschriebene Individualisierung wird auch aus soziologischer Perspektive die Berücksichtigung individueller Handlungen zunehmend bedeutender bei der Beschreibung und Erklärung von Lebensverläufen (Diewald 2001; Settersten und Gannon 2005). Dennoch soll die Analyseebene, die sich rein auf individuelle Handlungslogiken bezieht, im Rahmen dieser Arbeit weitestgehend ausgeblendet werden. Dies zum einen, da der Fokus dieser Arbeit auf das institutionelle Passungsverhältnis von Ausbildungs- und Erwerbssystem gerichtet ist, und zum anderen, da eine intensive Analyse individueller Faktoren durch die gegebene Datengrundlage nur äußerst eingeschränkt möglich wäre. Abschließend kann festgehalten werden, dass eine Bearbeitung der drei in diesem Abschnitt unterschiedenen Fragestellungen auf unterschiedliche Perspektiven zum Verhältnis von Struktur- und Handlungsebene verweist. Eine vollumfängliche Betrachtung dieser drei Perspektiven benötigt eine weitreichende interdisziplinäre Herangehensweise (Elder 1994; Levy 2005; Settersten und Gannon 2005). Die Frage nach der auf der Handlungsebene 58 verorteten Analyseebene ist tendenziell in einer psychologischen Forschungstradition verankert, während die Fokussierung auf die Strukturebene ein eher soziologisches bzw. demographisches Forschungsfeld darstellt. Daher sollte in Übereinstimmung mit Settersten und Gannon (2005) weniger eine Gegenüberstellung von Struktur- und Handlungsebene ( ” agency without structure“ oder ” structure without agency“) erfolgen, sondern vielmehr nach Handlungen innerhalb spezifischer Strukturen ( ” agency within structure“) gefragt werden. Einen fruchtbaren Ansatz zur Beschreibung von Handlungen innerhalb gegebener Strukturen stellt die Konzeption von ” Gatekeepern“ von Struck (2001) dar. Dieser Ansatz berücksichtigt die Handlungen individueller Akteure auf institutioneller Ebene (unter den Bedingungen institutioneller bzw. organisationaler Vorgaben) und stellt somit die Verbindung zwischen den in Institutionen angesiedelten individuellen Akteuren und den diese Institutionen durchlaufenden individuellen Akteuren dar. So können Fragen nach der Verbindung von institutionellen Makrostrukturen und individuellen Handlungen auf der Mikroebene im Rahmen von Übergangskonzeptionen umfassender beleuchtet werden (siehe Abschnitt 2.2.3). 2.1.4 Übergänge, Ereignisse, Verläufe, Sequenzen – zur zeitlichen Struktur des Lebenslaufs Im vorangegangenen Abschnitt wurde bereits die Unterscheidung zwischen horizontalen Lebenslaufphasen und vertikalen Lebenslaufdimensionen getroffen. Während auf der vertikalen Ebene der Lebenslaufdimensionen verschiedene, zum Teil auch parallel verlaufende Lebensbereiche angesiedelt sind (Familienverlauf, Erwerbsverlauf, Wohngeschichte etc.), beschreibt die horizontale Dimension die aufeinanderfolgenden Lebenslaufphasen (Vorbereitungsphase, Erwerbstätigkeitsphase, Ruhestandsphase). Davon zu unterscheiden ist die ebenfalls angesprochene Verbindung von institutionellen Gelegenheitsstrukturen und individuellen Handlungsmöglichkeiten. In diesem Abschnitt wird nun zuerst genauer auf die zeitliche Verknüpfung der 59 einzelnen Lebenslaufphasen eingegangen. In einem weiteren Schritt werden unterschiedliche Lebenslaufdimensionen unter Berücksichtigung der zeitlichen Struktur des Lebenslaufs in die Überlegungen miteinbezogen. Darauf aufbauend wird in Abschnitt 2.2 eine Kategorisierung der relevanten Begrifflichkeiten vorgenommen, die ohne eine genauere Spezifizierung des zeitlichen Fokuses nicht sinnvoll erstellt und angewendet werden kann. Bevor jedoch eine differenzierte Darstellung zeitlicher Strukturen im Lebenslauf erfolgen kann, muss eine analytische Unterscheidung bezüglich des Begriffs ” Zeit“ vorgenommen werden. Bezogen auf die horizontale Dimension verschiedener aufeinanderfolgender Lebenslaufphasen und der Verbindung von individueller Mikroebene und kollektiver Makroebene kann der Faktor Zeit in eine ” Lebenszeit auf der individuellen Ebene und die historische Zeit auf der kollektiven Ebene“ unterteilt werden (Berger 1996: 77; Konietzka 2010: 24). Dabei ist auf der Mikroebene vor allem das individuelle Lebensalter und auf der Makroebene der ” soziale und institutionelle Wandel über die historische Zeit“ (Konietzka 2010: 25) im Fokus der Aufmerksamkeit. Sowohl Aspekte des ” timings“ als auch des ” sequencings“ sind für die Strukturierung von Lebensläufen bedeutsam. Das Handeln von Individuen sowie die damit verbundenen Entscheidungen finden nicht nur zu einem bestimmten (individuellen und historischen) Zeitpunkt statt, sondern benötigen auch eine gewisse Zeit der Durchführung. Daher muss bei der Beschreibung von Lebensverläufen sowohl eine Altersstrukturierung von individuellen Handlungen als auch eine Lebenslaufstrukturierung berücksichtigt werden. Bestimmte Ereignisse sind an gewisse Alterserwartungen geknüpft (z. B. der Auszug aus dem Elternhaus, die erste Erwerbstätigkeit, Heirat, die Geburt des ersten Kindes etc.). Hierbei spielen gesellschaftliche Strukturen wie auch normative (Rollen-)Erwartungen eine entscheidende Rolle (Neugarten et al. 1965). Aber nicht nur normative Erwartungen, sondern auch institutionelle Vorgaben formen die Eintrittszeitpunkte ( ” timing“) wie auch die Abfolge ( ” sequencing“) von Ereignissen im Lebenslauf. Institutionelle 60 Vorgaben regeln über gesetzliche Altersvorschriften bestimmte Ereignisse, so dass beispielsweise die Möglichkeit der Eheschließung erst mit dem Erreichen der Volljährigkeit (in Deutschland tritt dies mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres ein) besteht. Eine gewisse Abfolge von Ereignissen im Lebenslauf ist dabei ebenfalls institutionell geregelt oder zumindest an normative Erwartungen geknüpft (z. B. die normative Vorstellung, dass zuerst geheiratet wird und dann Nachkommen gezeugt werden). Gleichzeitig finden individuelle Handlungen immer innerhalb eines gegebenen historischen Kontextes statt, so dass historische und gesellschaftliche Umstände ebenfalls die individuellen Entscheidungen und Handlungen beeinflussen. Die Verknüpfung individueller Lebenszeit und historischer Zeit wird durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kohorte abgebildet (Elder 1994; Ryder 1965). Je nachdem wie stark sich die historischen und sozialen Kontexte verschiedener (Geburts-)Kohorten unterscheiden, stellen die jeweiligen Lebenslaufmuster dieser Kohorten einen Indikator für sozialen Wandel dar. Somit können in der Verbindung von menschlichen Lebensverläufen und historischer Zeit die Veränderungen der Sozialstruktur einer Gesellschaft analysiert werden (Elder 1994: 5). Dies geschieht, indem Unterschiede individueller Lebensverläufe aufeinanderfolgender Kohorten (zum Teil) durch Veränderungen der gesellschaftlichen Umstände erklärt werden können (Konietzka 2010: 24–26). Nachdem die analytischen Besonderheiten der Zeitlichkeit von Lebensverläufen vorgestellt wurden, werden nun die inhaltlichen Aspekte sukzessiver Lebenslaufphasen in ihrem zeitlichen Verlauf betrachtet. Dabei steht vor allem die Verbindung horizontaler Lebenslaufphasen im Vordergrund des Interesses. Die Komplexität und Individualität einzelner Lebensverläufe macht es notwendig, eine gewisse Kategorisierung bzw. Typologisierung einzelner Lebenslaufphasen vorzunehmen. Davon vorerst unabhängig sollen parallel verlaufende Lebenslaufdimensionen in einem weiteren Schritt in die Überlegungen einbezogen werden. 61 Die Komplexität individueller Lebensverläufe kann demnach – wie in den vorangegangenen Abschnitten bereits angedeutet – in eine horizontale und vertikale Komplexität differenziert werden. Mit horizontaler Komplexität wird der Umstand beschrieben, dass eine Vielzahl an Lebenslaufphasen identifizierbar ist. So erscheint eine vereinfachte Dreiteilung des modernen Lebenslaufs in eine Vorbereitungs-, Aktivitäts- und Ruhestandsphase als (zu) stark idealisiert. Diese horizontale Einteilung vermag wiederkehrende Bildungsabschnitte (berufliche Weiterbildung, lebenslanges Lernen, nachgeholte bzw. berufsbegleitende Schul- oder Ausbildungsabschlüsse etc.) nur ungenügend abzubilden. Die Einteilung des Lebenslaufs in die drei von Kohli propagierten Phasen kann in einer detaillierten Sicht durchaus feiner untergliedert werden. So kann innerhalb der Vorbereitungsphase, welche sich in dieser Bezeichnung auf die Vorbereitung auf die Aktivitätsphase im Sinne einer beruflichen Aktivität bezieht, durchaus eine weitere Unterteilung in eine Vorschulphase, eine Schulbildungs- und Ausbildungsphase vorgenommen werden. Analog kann für die Aktivitätsphase verfahren werden. Der Bezug der Aktivitätsphase auf die Erwerbstätigkeit bezieht sich dabei auf den ” männlichen“ Lebenslauf und unterschlägt in weiten Teilen die Aktivitäten des ” weiblichen“ Lebenslaufs (Geissler und Krüger 1992). Dies wird umso deutlicher, wenn man beachtet, dass die ” Vorbereitungsphase“ hauptsächlich auf die Erwerbsarbeit vorbereitet. Ungeachtet der Frage nach der Feingliedrigkeit der Konzeption der einzelnen Lebenslaufphasen ist die Frage der Distinktion und Verbindung unterschiedlicher Lebenslaufphasen von besonderem Interesse. Wie bereits in Kapitel 2.1.3 angesprochen, tritt auf institutioneller Ebene das Problem der Harmonisierung auf. Dies beschreibt die Passung unterschiedlicher aufeinanderfolgender Lebenslaufphasen. Etwas freier formuliert geht es darum, wie gut die Vorbereitungsphase auf die anschließende Aktivitätsphase vorbereitet bzw. wie reibungslos Übergänge von einem System in das folgende verlaufen. Auf individueller Ebene kann die Abfolge und Struktur aneinandergrenzender Lebenslaufphasen als ” Sequential institutionalization“ 62 (Settersten und Gannon 2005: 51; Hervorh. i. Orig.) beschrieben werden. Der Grad der Institutionalisierung einzelner Lebenslaufphasen strukturiert dabei die Abfolge und das Durchlaufen spezifischer Lebenslaufphasen. Dies bezieht sich auf den Grad der Institutionalisierung innerhalb der jeweiligen Lebenslaufphasen. Sequenzielle Institutionalisierung beschreibt also die den Lebenslaufphasen inhärente Institutionalisierung und somit die möglichen Übergänge in angrenzende Lebenslaufphasen. Je stärker der Grad der Institutionalisierung, desto klarer sind die möglichen angrenzenden Lebenslaufphasen festgeschrieben. So ist es institutionell nicht möglich, nach der Ausbildung (Vorbereitungsphase) direkt in den Ruhestand zu gehen; es ist institutionell vorgesehen, in eine Erwerbstätigkeit überzugehen. Davon zu unterscheiden ist die ” Adjacent institutionalization“ (Settersten und Gannon 2005: 51; Hervorh. i. Orig.). Diese beschreibt den Grad der Institutionalisierung der Übergänge zwischen zwei aneinandergrenzenden Lebenslaufphasen. Je institutionalisierter der Lebenslauf ist, desto eindeutiger und reibungsloser sollten Übergänge zwischen den angrenzenden Lebenslaufphasen verlaufen (Settersten und Gannon 2005). Dies zeigt sich deutlich am Übergang von der Hochschule in den Beruf. Je stärker der mit einem Studiengang verbundene Abschluss standardisiert (und damit auch institutionell geregelt) ist, desto reibungsloser verläuft der Übergang in die erste Erwerbstätigkeit (vgl. Böpple 2010). Eine weitere Ebene der Komplexität (vertikale Komplexität) tritt in Erscheinung, wenn neben den horizontal angeordneten Lebenslaufphasen zusätzlich die vertikal angeordneten (zum Teil parallel verlaufenden) Lebenslaufdimensionen berücksichtigt werden.20 Settersten und Gannon (2005) sprechen hierbei von ” Simultaneous institutionalization“ (Settersten und Gannon 2005: 51; Hervorh. i. Orig.) und beziehen sich damit auf die gleichzeitige Zugehörigkeit von Individuen zu unterschiedlichen Lebenslaufdimensionen innerhalb einer spezifischen Lebenslaufphase. Dem Individuum kommt da- 20 Neben dem Erwerbsverlauf sind ebenso parallel dazu gelagert Familienverläufe oder die Wohngeschichte identifizierbar. 63 bei – und das verstärkt unter individualisierten Bedingungen, in denen der Zurechnungsmodus für einen ” gelungenen“ Lebenslauf mehr als je zuvor auf das Individuum übertragen ist – die Aufgabe der Koordination der parallel gelagerten Lebenslaufdimensionen zu. In Bezug auf die zeitliche Verknüpfung aufeinanderfolgender Lebenslaufphasen unter Berücksichtigung parallel verlaufender Lebenslaufdimensionen gilt es zu beachten, dass das ” Tempo“ verschiedener parallel verlaufender Lebenslaufdimensionen unterschiedlich sein kann (Abbott 1992; Levy 2005). Somit erscheint eine Einschränkung auf die Komplexität der Zugehörigkeit zu verschiedenen Lebenslaufdimensionen auf eine spezifische Lebenslaufphase als unangemessen (vgl. Settersten und Gannon 2005: 51). Viel plausibler ist es, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Tempi dieser Dimensionen, dass sogar die Zugehörigkeit zu einzelnen Lebenslaufdimensionen – bezogen auf eine Referenzdimension – eben diese Referenzdimension in ihrem zeitlichen Verlauf überdauern kann. Diese Überlegungen sollen nun an einem Beispiel verdeutlicht werden, bevor im folgenden Kapitel eine begriffliche Konkretisierung erfolgt. Parallel zum Erwerbsverlauf kann der Familienverlauf verortet werden, so dass die Koordinationsleistung des Individuums darin besteht, die Anforderungen des Erwerbssystems mit den Anforderungen der Familie zu vereinen. Unter individualisierten Bedingungen obliegt diese Leistung weit mehr dem einzelnen Individuum, als dies in vorindustriellen Gesellschaften und den traditionellen lokalen Gemeinschaften gegeben war. Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellte sich in dieser Abgrenzung in traditionellen Gemeinschaften zum größten Teil gar nicht, da eine strikte Trennung von (Erwerbs-)Arbeit und Familienarbeit nicht gegeben war. In modernen, arbeitsteilig organisierten Gesellschaften müssen die nun ausdifferenzierten Bereiche der Erwerbsarbeit und der Familie mehr oder weniger individuell koordiniert werden. ” Mehr oder weniger“ soll heißen, dass auch unter individualisierten Bedingungen die Koordination unterschiedlicher Lebensbereiche bzw. -dimensionen durch standardisierte und institutionell vorgegebene Re- 64 gelungen unterstützt werden kann. Hierbei ist zum Beispiel an die staatlich geregelten Ansprüche auf Kinderbetreuung oder die arbeitsrechtlich geregelten Verfahren des Mutterschutzes oder des Erziehungsurlaubs zu denken. Dennoch ist die Entscheidung über die Inanspruchnahme dieser Angebote in der Regel dem Individuum überlassen. Bis jetzt wurden einzelne Lebenslaufdimensionen, Lebenslaufphasen und die Übergänge zwischen denselben weitestgehend undifferenziert betrachtet. Es wurde das interdependente Verhältnis von Lebenslaufdimensionen und Lebenslaufphasen sowie den Übergängen zwischen diesen Phasen dargestellt und dabei verdeutlicht, dass eine Berücksichtigung aller dieser Faktoren aus forschungspragmatischen Gesichtspunkten nur schwerlich zu realisieren ist. Aus der Perspektive der Lebenslaufforschung sind fraglos gesamte Lebensverläufe von besonderem Interesse, jedoch beschränkt sich der Großteil der vorhandenen Forschungsergebnisse nicht nur auf spezifische Phasen im Lebensverlauf, sondern auch auf bestimmten Personengruppen. So untersucht Konietzka (2010) die Übergänge ins Erwachsenenalter, Tölke und Diewald (2002) den Übergang zur Elternschaft bei Männern, die Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008) Übergänge im Anschluss an den Sekundarbereich 1, Bornkessel und Asdonk (2011) den Übergang im Anschluss an die Sekundarstufe 2 in die Hochschule, Fink (2011) die Übergänge von der Schule in die berufliche Ausbildung, Westhoff (1995) sowie Wicht (2010) die Übergänge vom beruflichen Ausbildungssystem ins Erwerbssystem, Biggeri et al. (2001) sowie v. Felden und Schiener (2010) die Übergänge von der Universität in das Erwerbssystem; um nur einige wenige zu nennen. Dies hat verschiedene Gründe. Zum einen sind viele Studien aufgrund mangelnder Daten auf die Analyse einzelner Übergänge beschränkt, da schlichtweg die methodischen Entwicklungen zur Analyse von Längsschnittdaten zu neu sind, als dass zum jetzigen Zeitpunkt bereits aussagekräftige Daten über gesamte Lebensverläufe erhoben werden konnten. Ein weiteres Problem betrifft die komplexen Anforderungen an eine ” Theorie des Lebenslaufs“, welche gesamte Lebensverläufe adäquat beschreiben kann; eine solche Theorie 65 existiert nicht. Um gesamte Lebensverläufe theoretisch zu erfassen, müssten nicht nur soziologische Aspekte, sondern auch psychologische, demographische und politische Konzepte zur Beschreibung und Erklärung individueller Lebensverläufe berücksichtigt werden (vgl. Levy 2005). Der Problematik der Berücksichtigung interdisziplinärer Ansätze entkommt eine Fokussierung auf spezifische Übergänge anstelle der Fokussierung auf gesamte Lebensverläufe zwar nicht, da hierbei die verschiedenen vertikalen, also parallel verlaufenden Lebenslaufdimensionen weiterhin einen hohen Grad an Komplexität erzeugen. Dennoch bietet eine Eingrenzung der Analysen auf bestimmte Übergänge zwischen einzelnen Lebenslaufphasen den Vorteil, dass die horizontale Komplexität gesamter Lebensverläufe reduziert wird. Da sich gerade an den Übergängen die Bruchstellen des Lebenslaufs herauskristallisieren, wird im Folgenden eine Fokussierung auf Übergänge vorgenommen und keine spezifischen Lebenslaufphasen (z. B. der gesamte Erwerbsverlauf) den Untersuchungen zugrunde gelegt. An den Stellen im Lebenslauf, welche institutionell vorgegebene und hochgradig standardisierte Opportunitätsstrukturen aufweisen, zeigen sich die risikobehafteten Entscheidungen der Individuen besonders deutlich (Behrens und Voges 1996; Leisering et al. 2001a: 6; Shanahan 2000). Die in dieser Arbeit faktisch vorgenommene Einschränkung auf spezifische Übergänge und bestimmte diese Übergänge erlebenden bzw. durchlaufenden Personengruppen bezieht sich auf die Übergänge von Akademikern aus dem Ausbildungssystem in das Erwerbssystem. 2.2 Perspektiven der Übergangsforschung Wie im vorangegangenen Kapitel bereits angedeutet, ist es aus forschungspragmatischen Gründen (im Rahmen dieser Arbeit) nicht möglich, gesamte Lebensverläufe zu untersuchen. Ebenso wenig sollen einzelne Lebenslaufphasen Gegenstand der weiteren Untersuchungen dieser Arbeit sein. Da sich die Frage nach einer Standardisierung oder De-Standardisierung von 66 Lebensläufen besonders deutlich an den Übergängen zwischen den sukzessiven Lebenslaufphasen beobachten lässt, soll sich der weitere Fokus dieser Arbeit auf Übergänge im Lebenslauf beschränken. Die Übergangsforschung tritt dabei als Teildisziplin der Lebenslaufforschung auf. Hierbei geht es um die genauere Analyse der Übergänge an den Bruchstellen ( ” turning points“, Sackmann und Wingens 2001: 21; Levy 2005: 16) der einzelnen Lebenslaufphasen. Daher sollen im folgenden Abschnitt die bereits lose eingeführten Begrifflichkeiten auf die im vorangegangenen Abschnitt vorgenommene Spezifizierung der Betrachtungsebene eingegrenzt werden. Wie sich bereits bei der Darstellung horizontaler Lebenslaufphasen und vertikaler Lebenslaufdimensionen gezeigt hat, bedarf es einer Konkretisierung des Untersuchungsgegenstandes und des gewählten Untersuchungsfokus, um zu spezifizieren, wie genau ein Übergang definiert ist. In einer ersten Annäherung sind die klassischen ” Leitkonzepte des vorherrschenden Lebenslaufsparadigmas, ,Übergang‘ und ,Verlauf‘“ (Sackmann und Wingens 2001: 18) zu erörtern und kritisch zu hinterfragen. Diese beiden Begriffe gehen auf Elder (1985) zurück, der das Konzept des Übergangs definiert als Statuswechsel, die mehr oder weniger abrupt sind (Elder 1985: 31–32) Weitaus ungenauer wird jedoch das Konzept des Verlaufs, als Pfad, der durch den Alterungsprozess oder durch das Durchlaufen der Altersstruktur bestimmt ist, definiert (Elder 1985: 31). Wie auch Sackmann und Wingens (2001: 18–22) kritisch anmerken, wird in dieser klassischen Beschreibung der Leitkonzepte der Lebenslaufforschung nicht eindeutig klar, wie nun Übergänge einzelne Phasen des Lebensverlaufs zu einem gesamten Lebenslauf ” zusammensetzen“. Ebenfalls erscheint unter heutigen Gesichtspunkten die Trennung bzw. Gegenüberstellung des Übergangsbegriffs und des Ereignisbegriffs als nicht mehr angemessen. Dies liegt darin begründet, dass ” Übergang“ und ” Ereignis“ keine sich gegenseitig ausschließenden Konzepte darstellen, wobei das eine dem anderen vorgezogen werden könnte. Zwar sieht Elder bereits, dass viele Ereignisse im Lebensverlauf nicht auf punktuelle Ereignisse reduziert werden können (Sackmann und Wingens 2001: 19), 67 berücksichtigt jedoch nicht, dass dies lediglich eine Frage des Fokus bzw. der Perspektive ist. Daher soll in dieser Arbeit folgende Erweiterung der Konzeptionen ” Verlauf“ und ” Übergang“ vorschlagen werden. Die theoretische Bedeutung der Begriffe Verlauf, Übergang und Ereignis sollen je nach Analysefokus bzw. -perspektive durchaus unterschiedlich verwendet werden können. Durch den Bezug auf einen klar umrissenen Analysefokus soll erreicht werden, dass eine eindeutige Axiomatik erstellt werden kann, durch die das Problem der definitorischen Doppeldeutigkeit des Übergangsbegriffs als punktuelles Ereignis und auch seiner prozesshaften Struktur umgangen wird. Erste Ansätze eines solchen Versuchs finden sich bei Bührmann (2008) mit einem stärkeren Fokus auf die begriffliche Konzeption dieser Leitbegriffe im Rahmen qualitativer Forschungsvorhaben. Ebenfalls wurden erste Versuche mit einer Ausrichtung auf quantitative Methoden von Böpple (2010) vorgenommen. Dabei wurde eine erste Konkretisierung der Begrifflichkeiten anhand der Verbindung der methodischen Möglichkeiten von Ereignisanalysen und Sequenzmusteranalysen in Bezug auf die damit verbundenen theoretischen Konzepte ” Ereignis“ und ” Sequenz“ erreicht. Je nach Tiefe des Fokus auf den Lebenslauf bzw. auf einzelne Bereiche des Lebenslaufs ergeben sich unterschiedliche Konzeptionen eines ” Übergangs“ (vgl. Levy 2005: 20). So kann eine erste Unterscheidung zwischen ” punktuellen Übergangsereignissen“ und ” sequenziellen Übergangsprozessen“ (Böpple 2010: 80) getroffen werden. Welche Übergänge nun prozesshaft abgebildet werden (können) oder als punktuelle Ereignisse wiedergegeben werden, ist zum einen von der Detailliertheit der Daten und der forschungsleitenden Fragestellung abhängig. Zum anderen ist dies auch eine methodische Überlegung. Punktuelle Ereignisse können mit Methoden der Ereignisanalyse untersucht werden. Der prozesshafte Charakter von Übergängen mit einer detaillierteren Unterscheidung unterschiedlicher Zustände innerhalb einer Übergangsphase lässt sich mit Methoden der Sequenzmusteranalyse erfassen (siehe auch Kapitel 4). 68 Abbildung 2.1: Darstellung des dreigeteilten Lebenslaufs Vorbereitungsphase Ereignis: Geburt Aktivitätsphase Übergangsereignis Ruhestandsphase Übergangsereignis Ereignis: Tod Zeit t In der Perspektive der Lebenslaufforschung, welche gesamte Lebensverläufe fokussiert, erscheint eine ” idealtypische“ Dreiteilung des Lebenslaufs in eine Vorbereitungs-, Aktivitäts- und Ruhestandsphase durchaus sinnvoll. Hierbei treten Übergänge zwischen den einzelnen (horizontalen) Lebenslaufphasen in Erscheinung. In dieser groben Kategorisierung können die Übergänge zwischen den einzelnen Lebenslaufphasen als singuläre Ereignisse konzeptualisiert werden (siehe Abbildung 2.1). In der Perspektive der Übergangsforschung hingegen stehen die einzelnen Übergänge zwischen den Lebenslaufphasen im Fokus des Interesses. Kontrastierend zu Bührmann (2008) und anschließend an Böpple (2010) wird im Folgenden der Übergang von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit in den Blick genommen. Kontrastierend zu Bührmann ist die Darstellung der Übergangskonzepte vor allem dadurch, dass Konzepte entwickelt werden, die für eine quantitativ-empirische Operationalisierung des Übergangsbegriffs geeignet sind, während Bührmann einen qualitativ-empirischen Begriffsrahmen entwickelt. Anknüpfend an Böpple sind die folgenden Überlegungen, da ein quantitativ-empirischer Begriffsrahmen entwickelt wird, welcher um einen theoretischen Rahmen der Lebenslaufperspektive erweitert wird. Während die Tiefe des Fokus in einer Lebenslaufperspektive Übergänge als punktuelle Ereignisse konzeptualisiert, wird im Rahmen der Übergangsforschung ein detaillierterer Blick auf diese Übergänge selbst gelegt und 69 somit ein Fokus gewählt, der es ermöglicht, die Übergänge als sequenziellen Prozess abzubilden. In den nun folgenden Abschnitten werden die wichtigsten Konzepte der Übergangsforschung vorgestellt und diskutiert. Darauf aufbauend wird ein Konzept erarbeitet, das zum einen erklären kann, wie die einzelnen Lebenslaufphasen ” zusammengesetzt“ werden. Zum anderen wird abschließend ein quantitativ-empirisch operationalisierbarer Übergangsbegriff entwickelt, der der scheinbaren Dichotomie von Ereignischarakter und Prozesscharakter von Übergängen entgeht. 2.2.1 Der Übergang als Ritus Eine frühe Beschreibung von Übergängen im Lebenslauf wurde von Arnold van Gennep (2005 [1909]) ausgearbeitet. Dieser ethnologische Ansatz konzipiert Übergänge bereits in seiner Prozesshaftigkeit als Übergangsriten, wobei van Gennep zwischen Trennungsriten ( ” rites de séparation“), Schwellenund Umwandlungsriten ( ” rites de marge“) und Angliederungsriten ( ” rites d’agrégation“) unterscheidet (van Gennep 2005 [1909]: 21). Weiterentwickelt wurde dieser Ansatz von Victor Turner (2000 [1989]). Nach Turner kann der Beginn der Übergangsphase bzw. des Übergangsprozesses mit der Ablösungsphase beschrieben werden. Nach der Ablösungsphase aus der ” alten Welt“ folgt die Schwellenphase, welche durch eine Integrationsphase in die ” neue Welt“ beendet wird. So lässt sich auch der Übergang von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit in drei Phasen gliedern: (1) In der ersten Phase, der Trennungsphase oder Loslösungsphase, ” verweist symbolisches Verhalten auf die Loslösung eines Einzelnen oder einer Gruppe von einem früheren fixierten Punkt der Sozialstruktur, von einer Reihe kultureller Bedingungen (einem ,Zustand‘) oder von beidem gleichzeitig“ (Turner 2000 [1989]: 94). Dabei kann die Ablösung von der Hochschule durch die Prüfungsphase und die darauf folgende(n) Abschlussprüfung(en) als das von Turner beschriebene Ritual aufgefasst werden. Man löst sich durch 70 die spezielle Situation der Prüfungsphase – beispielsweise hat man in der Regel keine Seminare mehr zu besuchen und damit wird eine regelmäßige Anwesenheit weniger notwendig – aus der Sozialstruktur21 der Hochschule und bereitet sich in der darauffolgenden Schwellenphase auf den Eintritt in die Berufswelt vor. (2) In der auf die Trennungsphase folgenden Schwellenphase wird der Absolvent auf die neue Phase der Berufstätigkeit vorbereitet. Der Ritus der Schwellenphase ist die Zeugnisübergabe, zum Beispiel im Rahmen einer Absolventenfeier. Hier ist die Prüfung bereits abgelegt. Turner beschreibt den Zustand der Schwellenphase als ” notwendigerweise unbestimmt, da dieser Zustand und die Personen durch das Netz der Klassifikationen, die normalerweise Zustände und Positionen im kulturellen Raum fixieren, hindurchschlüpfen. Schwellenwesen sind weder hier noch da; sie sind weder das eine noch das andere, sondern befinden sich zwischen den vom Gesetz, der Tradition, der Konvention und dem Zeremonial fixierten Positionen“ (Turner 2000 [1989]: 95). Jedoch ist dieser Zustand nur für die darin befindlichen Personen unbestimmt, im gesellschaftlichen Kontext ist diese Phase des Übergangs durchaus normativ und institutionell geregelt und vorgesehen (Bührmann 2008: 20). Die Fokussierung Turners auf die Schwellenphase mag darin begründet sein, dass diese auch als die eigentliche Übergangsphase begriffen werden kann; man ist nicht mehr Student, aber auch noch nicht echter Teil der erwerbstätigen Bevölkerung, man befindet sich im Übergangsstadium. (3) Die Integrationsphase beschreibt nun den Eintritt in die berufliche Tätigkeit. Hierbei wird der neue Mitarbeiter in die Gepflogenheiten der neuen Umwelt eingeführt, sei es durch Trainee-Programme bzw. Einarbeitungsphasen oder durch die Gespräche mit und Hinweise von Kollegen auf die (informellen) Verhaltensregeln innerhalb des Betriebs. 21 Hier wird der Begriff der Sozialstruktur mit Verweis auf die Terminologie Turners verwendet. Um eine eindeutige und trennscharfe Terminologie zu verwenden, erscheint der Begriff der ” Umgebung“ oder ” Lebenswelt“ angemessener. 71 Im Gegensatz zu der von Turner (2000 [1989]) auf archaische Gesellschaften bezogenen Beschreibung des ” Schwellenzustandes“, bei der die Unbestimmtheit dieses Zustands durch eine Vielzahl von Symbolen untermauert wird, kann für moderne Gesellschaften gesagt werden, dass diese Symbole in ihrem Bedeutungsgehalt erweitert wurden. Dies geschieht vor allem unter dem Aspekt funktionaler Rationalität. So kann, bezogen auf den Übergang von der Hochschule in den Beruf, das Abschlusszeugnis, welches häufig im Rahmen einer Absolventenfeier (Zeremonie) übergeben wird, als Symbol für den Beginn des Schwellenzustandes ” Absolvent“ mit dem Abschluss des Studiums angesehen werden. Somit ist das Individuum nun nicht mehr Student, aber auch noch nicht vollständig im Erwerbsleben (dem nachfolgenden Zustand) angekommen. Die erweiterte symbolhafte Bedeutung, die in modernen Gesellschaften dem Abschlusszeugnis zukommt, ist nun die Relevanz dieses Zeugnisses für die darauffolgende Phase des Erwerbslebens. Durch die für den Einstieg in den Arbeitsmarkt und somit für die Angliederung bedeutsame Bewertung des Abschlusses unterscheidet sich die Beschreibung der ” Schwellenwesen“ in archaischen Gesellschaften von denen in modernen Gesellschaften. Beschreibt Turner (2000 [1989]) die ” Schwellenwesen“ noch als gleich und ohne hierarchische Gliederung organisierte Wesen, sind die Absolventen einer Hochschule nicht gleich. Durch die Bewertung des Studienabschlusses erfolgt eine Distinktion, die Auswirkungen auf die Angliederungsphase hat (siehe auch Struck 2001: 35 f.). Ebenso weisen die einzelnen Abschlussarten und die damit verbundenen unterschiedlich starken Standardisierungen derselben eine Distinktionsgrundlage für den Eintritt in das Erwerbssystem auf. Turner verweist auch auf ein ” in Schwellensituationen immer wiederkehrendes Thema, nämlich des Abstreifens aller Eigenschaften, die für die Zeit vor und nach dem Schwellenzustand kennzeichnend sind“ (Turner 2000 [1989]: 101–102). Auch in dieser Funktion unterscheiden sich die Schwellenphasen in archaischen Gesellschaften von den Schwellenphasen in modernen, ausdifferenzierten Gesellschaften. Mit der Auszeichnung des Studienabschlusses und der im Zeugnis durch eine Bewertung des Studienab- 72 schlusses vollzogenen Distinktion der Absolventen untereinander (aber auch durch die Distinktion der unterschiedlichen Hochschul- und Abschlussarten selbst) und der dadurch unterschiedlichen ” Verwertbarkeit“ dieses Abschlusses in der nachfolgenden Angliederungsphase (also dem Einstieg in die erste Erwerbstätigkeit) geschieht etwas völlig anderes. Es werden eben nicht alle vorherigen und nachfolgenden Eigenschaften abgestreift, sondern durch das Zeugnis explizit (symbolisch) auf in der Vergangenheit gezeigte bzw. erworbene Eigenschaften hingewiesen und diese in die Zukunft projiziert. Dies gilt vor allem für die unterschiedlichen Abschlussarten und die damit verbundenen unterschiedlich stark standardisierten Reglementierungen der Abschlussprüfungen bzw. den Anwendungsbezug der Hochschularten. Ebenso unzutreffend bei der Übertragung des Konzepts des ” Schwellenzustands“ in archaischen Gesellschaften auf Übergänge in modernen Gesellschaften ist die Feststellung Turners, dass ” Eigenschaften, Geschlechtslosigkeit und Anonymität [. . . ] für den Schwellenzustand äußerst charakteristisch [sind]. [. . . ] Alle Eigenschaften, die Kategorien und Gruppen in der strukturierten Sozialordnung unterscheiden, sind hier symbolisch vorübergehend außer Kraft gesetzt“ (Turner 2000 [1989]: 102). Vor allem die symbolische Loslösung der Übergangswesen aus der geltenden Sozialstruktur trifft nicht auf Absolventen (auch im Allgemeinen nicht auf Übergänge in modernen Gesellschaften) zu. So bringen bereits die vorangegangenen erworbenen sozialen Positionen eine gewisse sozialstrukturelle Ordnung mit sich, hinter die das Individuum qua erworbener Bildungszertifikate nicht mehr fallen kann. Der Absolvent einer Hochschule weist eine andere sozialstrukturelle Position auf als der Absolvent einer dualen Ausbildung. Diese Beschreibung der Schwellenphase als Kern eines Übergangs von einem sozialen Zustand in einen anderen beschränkt gleichzeitig die darunter zu fassenden Übergänge auf einen klar umgrenzten Bereich. ” Der Übergang von einem niedrigeren zu einem höheren Status erfolgt durch das Zwischenstadium der Statuslosigkeit“ (Turner 2000 [1989]: 97). Diese Beschreibung schließt daher Übergänge im Erwerbsleben (Jobwechsel) aus. Hier kann zwar 73 zweifelsohne ein Wechsel von einer statusniedrigeren in eine statushöhere Position erfolgen, jedoch ist das Zwischenstadium nicht (zwingend) durch eine Statuslosigkeit gekennzeichnet. Diese Sichtweise erscheint plausibel, wenn man den Zustand der ” Arbeitslosigkeit“ nicht als Zwischenstatus ansieht, sondern als einen im Erwerbsleben regulär vorkommenden Status betrachtet. Sie wird zudem unterstützt, da der nachfolgende Zustand in der Regel eine weitere Erwerbstätigkeit darstellt. Eine grundlegende Systematik oder Gemeinsamkeit der von Turner vielfältig beschriebenen Phänomene der Schwellenzustände (siehe zusammenfassend Turner (2000 [1989]: 122–123)) ist, dass es sich um Personen oder Prinzipien handelt, die ” 1. Lücken innerhalb der Sozialstruktur ausfüllen, 2. sich an ihren Grenzen aufhalten oder 3. ihre niedersten Sprossen besetzen.“ (Turner 2000 [1989]: 123). Turner bezieht sich dabei auf eine Definition von Sozialstruktur als ” einem Arrangement von Positionen und Status [. . . ]. Die meisten [Definitionen] beziehen sich auf die Institutionalisierung und die Dauerhaftigkeit von Gruppen und Beziehungen“ (Turner 2000 [1989]: 123; Hervorh. i. Orig.). Die Konzepte von van Gennep und Turner sehen Übergänge mit den zugehörigen Riten jedoch als stark institutionalisiert an. Diese Übergangsriten sind gesellschaftliche Institutionen, die nicht der individuellen Wahl unterliegen. Ebenso ist ihre Durchführung gesellschaftlich vorgeschrieben. Daher erscheint es – unter Berücksichtigung der in Abschnitt 2.1.1 aufgezeigten Individualisierungstendenzen – nicht angemessen, den auf vorindustrielle Gesellschaften angewandten Begriff des Übergangsritus auch auf Übergänge in modernen Gesellschaften zu übertragen. Auch die Beschreibung von Übergangsriten als singuläre Phasen, die nicht parallel zu anderen Übergangsphasen im Lebenslauf auftreten, erscheinen unter Berücksichtigung der bereits beschriebenen parallel verlaufenden Lebenslaufdimensionen ebenso wenig angemessen. Besonders der Aspekt der gesellschaftlichen Individualisierung legt nahe, dass das Konzept der Statuspassagen von Glaser und 74 Strauss (1971) besser geeignet scheint, das Phänomen von Übergängen im Lebenslauf moderner Gesellschaften adäquat zu erfassen. 2.2.2 Der Übergang als Statuspassage War der Übergang als Ritus von van Gennep und Turner noch primär auf archaische Gesellschaften bezogen, entwickelten Glaser und Strauss (1971) den Begriff der Statuspassage für moderne Gesellschaften. Dabei wird der Term ” Status“ im Sinne von (sozialem) Zustand verstanden. Der Term ” Passage“ bezieht sich auf den Übergang von einem Zustand in einen anderen. Für den Übergang von der Hochschule in den Beruf bedeutet dies den Wechsel vom Zustand des Studenten in den Zustand des Absolventen, wobei die Passage diesen Übergang bezeichnet. Im Gegensatz zu Riten sind Statuspassagen weitaus weniger institutionalisiert oder kulturell vorgegeben und mehr der individuellen Gestaltung des Einzelnen überlassen. Auch wird für den Ansatz der Statuspassagen gezeigt, dass es sich bei Status mitnichten um distinkte Zustände handelt. So kann man sich im Status des Studierenden befinden und gleichzeitig einen Wechsel vom Status ” unverheiratet“ zu ” verheiratet“ durchleben. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass der Unterschied zu Riten besonders darin besteht, dass im Dreiphasenmodell von Turner (2000 [1989]) der Übergang vom Studenten zum Erwerbstätigen mit der Übergangsphase ” Absolvent“ beschrieben wird. In der von Bührmann (2008) aufgezeigten Analogie der Statuspassagen von Glaser und Strauss (1971) zum Übergangsprozess von Hochschulabsolventen wird der Übergang vom Studierenden zum Absolventen beschrieben. Weiterhin ist bei dieser Analogie fraglich, ob der Zustand des Absolventen einen ” sozialen Status“, vergleichbar dem des Studierenden, darstellt oder nicht doch das von van Gennep beschriebene Schwellenstadium (vgl. Bührmann 2008: 22 ff.). Trifft der von Bührmann vorgeschlagene Bezug der Statuspassagen auf den Übergang von der Hochschule in den Beruf zu, beschreibt dies nur den Abgang von der Universität, jedoch nicht den Eingang in die Berufswelt. Gerade mit 75 Abbildung 2.2: Statuspassagen zwischen Hochschule und Beruf (in Anlehnung an Bührmann 2008: 22) Übergang 1 Status (z. B. Student) → Passage → Status (z. B. Absolvent) Übergang 2 Status (z. B. Student) → Passage → Status (z. B. Erwerbstätiger) Blick auf den Übergang von der Hochschule in den Beruf wäre dann jedoch letzterer von besonderem Interesse. So muss der von Bührmann (2008: 22 ff.) angebrachte Bezug des Konzepts der Statuspassagen um den Eintritt in die Berufswelt erweitert werden (Abbildung 2.2). Dies bedeutet eine genauere Spezifizierung des von van Gennep bzw. Turner entwickelten Ansatzes der Riten. Wobei im spezifischen Falle des Übergangs von der Hochschule in den Beruf als Statuspassage der ” Übergang 2“ in Abbildung 2.2 von besonderer Bedeutung ist. Während bei Glaser und Strauss der Begriff der Statuspassage auch Übergänge beinhaltet, die keinen Statuswechsel mit sich bringen, erfolgte eine Konkretisierung diesbezüglich im Rahmen des DFG-Sonderforschungsbereichs ” Statuspassagen und Risikolagen im Lebensverlauf“ an der Universität Bremen. Dabei wurden Statuspassagen auf Übergänge begrenzt, ” die sozial organisiert sind und zudem einen Wechsel des sozialen Status beinhalten“ (Bührmann 2008: 23). Geht man davon aus, dass ” Absolvent“ keinen sozialen Status darstellt, führt diese Einschränkung genau zu der oben beschriebenen Erweiterung der von Bührmann vorgeschlagenen Anwendung des Konzepts der Statuspassagen auf den Übergang in den Beruf (siehe ” Übergang 2“ in Abbildung 2.2). In der von Glaser und Strauss befürworteten ” Ausweitung“ dessen, was als Statuspassage verstanden werden kann, erscheint die Offenheit der Liste von Eigenschaften, die eine Statuspassage charakterisieren (siehe Glaser und Strauss 1971: 3–6), und die damit verbundene Vermeidung einer kla- 76 ren und abgegrenzten Definition einer Statuspassage als verständlich. Sie beschreiben das ursprüngliche Anwendungsgebiet der Statuspassagen aus der anthropologischen Forschung als zu eng gefasst (Glaser und Strauss 1971: 6). Mit Blick auf die von Glaser und Strauss geltend gemachte Intention erscheint diese Position nachvollziehbar und durchaus angemessen. Die Konzeption von Glaser und Strauss muss im Sinne der Anwendung der Grounded Theory (vgl. Glaser und Strauss 1967), im Rahmen einer qualitativ-empirischen Analyse, auf eine möglichst offene Definition dessen, was als Statuspassage erkannt wird, verweisen. Für eine quantitativ-empirische Fassung des Übergangsbegriffs im Sinne einer Statuspassage erscheint diese Offenheit der Definition jedoch wenig zielführend. Es geht darum, ganz bestimmte und klar abgegrenzte Übergänge (in diesem Fall der Übergang von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit) zu beschreiben und zu analysieren. Ebenfalls kann die Berücksichtigung mehrerer, mitunter parallel verlaufender Statuspassagen als eine sinnvolle Erweiterung der Arbeiten von van Gennep und Turner angesehen werden (siehe Glaser und Strauss 1971: 142–156). Die oben gemachte Anpassung des von Bührmann (2008) vorgeschlagenen Konzepts der Statuspassage erweitert in sinnvoller Weise das ursprüngliche Konzept von Glaser und Strauss und ist ebenfalls besser geeignet, die Übergänge in modernen Gesellschaften abzubilden, als dies das ethnologische Konzept der Übergangsriten von Arnold van Gennep und Victor Turner vermag. Torsten Bührmann spricht sich in der Folge seiner theoretischen Konzeption des Übergangs von der Hochschule in den Beruf für eine systemtheoretische Perspektive aus, um den Übergangsprozess mit Fokus auf die individuellen Handlungen und subjektiven Deutungen der ” Übergänger“ zu untersuchen. Jedoch wird in der Schwerpunktsetzung von Bührmann genau genommen der Einstieg in die Arbeitswelt untersucht und nicht der Übergang zwischen Hochschule und Erwerbssystem. Gerade wenn Bührmann auf die 77 Prozesshaftigkeit von Übergängen verweist (Bührmann 2008: 37), bleibt unverständlich, warum der Fokus auf die Integrationsphase gelegt und nicht die gesamte Phase des Übergangs (mit Loslösungs-, Schwellen- und Integrationsphase) betrachtet wird. So beschreibt Bührmann den Übergang als einen Wechsel von einem sozialen System in ein anderes soziales System, wobei der Systemwechsel auch einen Wechsel der Systemelemente mit sich bringt. ” In dem neuen sozialen System ,berufliche Institution‘ sind andere Personen relevanter als in der Universität. Waren es in der Universität insbesondere Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, aber auch Kommilitonen, von denen der Erfolgt abhing, so spielen diese Personen im Beruf so gut wir gar keine Rolle mehr“ (Bührmann 2008: 39). Was Bührmann mit diesen Worten beschreibt, ist eben nicht der Übergangsprozess und eventuelle Erfolgsfaktoren eines ” gelungenen“ Übergangs von der Hochschule in den Beruf, sondern lediglich die Faktoren, von denen ein erfolgreicher Abschluss des Studiums und ein erfolgreicher Einstieg in den Beruf abhängig sind. Vergessen wird bei dieser Beschreibung das Passungsverhältnis und die Verbindung des Ausbildungssystems mit dem Erwerbssystem. Es ist doch gerade die Verbindung (um nicht den Begriff des Übergangs zu verwenden) von Loslösungs- und Integrationsphase, welche den Übergang charakterisiert. Es ist die Phase nach dem Hochschulabschluss und vor der ersten Berufstätigkeit, die als Übergangsphase zu bezeichnen ist. Es sollen Übergangsprozesse untersucht werden und nicht Abschluss- oder Einstiegsprozesse. Nur aus dieser Perspektive ergibt eine Untersuchung der Dauer des Übergangs (z. B. der Dauer bis zum Erhalt einer ersten Anstellung) überhaupt Sinn. Es ist zwar richtig, dass in der Berufseinstiegsphase die Professoren und Mitarbeiter der Hochschule wenig bis gar keine Relevanz für den Berufseinstieg haben, jedoch kommt den Mitarbeitern des Ausbildungssystems wie auch den Personalverantwortlichen des Erwerbssystems im Rahmen des Übergangsprozesses eine gleichermaßen bedeutsame Rolle zu. Es gilt im Rahmen der Übergangsforschung, als Teilbereich der Lebenslaufforschung, das Passungsverhältnis zwischen Ausbildungssystem 78 und Erwerbssystem zu beleuchten. In diesem Kontext geht es vor allem darum, welche Bedeutung die Professoren und Mitarbeiter der Hochschule für den Übergang in die erste Erwerbstätigkeit haben, jedoch nicht für den Einstieg22. Es trifft ebenso nicht zu, wenn Bührmann es als entscheidend für den ” Verlauf des Übergangs“ ansieht, ” wie Kollegen und Vorgesetzte den Einstieg des neuen Mitarbeiters deuten“ (Bührmann 2008: 40). Die Deutung ist entscheidend für den Einstieg in die neue bzw. erste berufliche Tätigkeit, jedoch nicht für den Übergang, da dieser streng genommen mit der Anstellung bereits vollzogen ist. Es stimmt natürlich, wenn darauf verwiesen wird, dass zwischen dem Ausbildungssystem und dem Erwerbssystem ” zu einem beträchtlichen Teil unterschiedliche Regeln gelten“ (Bührmann 2008: 40), jedoch ist es gerade die Phase im Lebensverlauf, in der der Absolvent nicht mehr Teil des Ausbildungssystems und noch nicht Teil des Erwerbssystems ist, welche als Übergangsphase bezeichnet werden soll. Somit ist gerade diese Phase, in der weder die Regeln des alten Systems, noch die Regeln des neuen System gelten bzw. bekannt sind, die für die Übergangsforschung relevante Phase. Daher sind die gängigen Konzepte der Übergangsriten (van Gennep 2005 [1909]; Turner 2000 [1989]), der Statuspassagen (Glaser und Strauss 1971), der Transitionen (Welzer 1990) sowie der Übergänge aus systemtheoretischer Perspektive (Bührmann 2008; König und Volmer 2005) nicht geeignet, die soziologisch relevanten Verbindungen struktureller und institutioneller Gegebenheiten und individuellen Handelns, also die Verbindung von Mikround Makroebene, wie auch die Verbindung zweier aneinandergrenzender Lebenslaufphasen angemessen zu beschreiben. 22 Dabei soll der Einstieg den Prozess nach Erhalt einer Anstellung bezeichnen, also in den Worten Victor Turners die Integrationsphase. 79 2.2.3 Durch Gatekeeper vermittelte Übergänge Durch das Konzept der Gatekeeper (Behrens und Rabe-Kleberg 1992; Lewin 1951; Struck 2001) wird ein theoretischer Rahmen geschaffen, der es ermöglicht, makrostrukturelle Gelegenheitsstrukturen und individuelle Handlungen auf der Mikroebene zu vereinen.23 Darüber lässt sich eine theoretisch gehaltvolle Verbindung zwischen einzelnen Lebenslaufphasen herstellen. Die Gatekeeper sind die zentralen Akteure, welche die Übergänge zwischen einzelnen Lebenslaufphasen gestalten. Es sind die Gatekeeper, die unter institutionellen Rahmenbedingungen agieren und die Interessen der jeweiligen Organisationen auf der Individualebene vertreten. Mit dieser Konzeption wird ein detaillierter Blick auf die Mechanismen gelegt, wie die institutionellen Vorgaben des Ausbildungssystems, vermittelt durch individuelle Entscheidungen der relevanten Akteure, auf die Entscheidungen der Akteure des Erwerbssystems wirken. Damit wird der von Leuze (2010b) entwickelte Erklärungsansatz, welcher sowohl die institutionellen Vorgaben des Ausbildungssystems als auch die des Erwerbssystems berücksichtigt, um eine detaillierte Betrachtung der Verbindung zwischen makrostrukturellen Gegebenheiten und mikrostrukturellen Handlungen erweitert. Um im nachfolgenden Schritt ökonomische und soziologische Arbeitsmarkttheorien (siehe Abschnitt 2.3) sinnvoll in eine theoretische Fassung des Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit im Rahmen der Lebenslaufperspektive zu integrieren, bietet sich eine genauere Betrachtung des von Behrens und Rabe-Kleberg (1992) und Struck (2001) eingeführten Konzepts der ” Gatekeeper“ an. Eben diese Gatekeeper sind es, die auf handlungstheoretischer Ebene die Umsetzung institutioneller Strukturen vollziehen. So bemerkt bereits Torsten Bührmann (2008), dass in der Konzeption von Übergängen als Statuspassagen die Rolle der Gatekeeper nur am Rande Beachtung findet. Er versäumt jedoch in seiner Beschreibung der Übergänge 23 Mayer und Müller (1989: 57) beschreiben zwar den Staat als ” gate keeper“, verbleiben dabei jedoch vollständig auf der Makroebene. 80 als Statuspassagen und weiterführend als Transitionen die handlungstheoretisch wichtige Funktion der Gatekeeper näher auszuführen (vgl. Bührmann 2008: 22 ff.). Dabei lässt sich die im vorangegangenen Abschnitt in Frage gestellte Konzeption des Übergangs im Sinne einer Statuspassage mit Hilfe des Konzepts der Gatekeeper auflösen. Es muss weder, wie bei Glaser und Strauss (1971), eine sehr offene Definition dessen, was als Statuspassage begriffen wird, verwendet werden, noch muss man sich für einen Übergangsbegriff entscheiden, der einen Status ” Absolvent“ verwendet, welcher in der Konkretisierung keinen sozialen Status im engeren Sinne darstellt. Das Konzept der Gatekeeper sieht in Erweiterung der Statuspassagen je einen (oder mehrere) Gatekeeper bei der Loslösung aus einem Status und einen (oder mehrere) Gatekeeper beim Eingang in einen neuen Status vor. Im Falle des Übergangs von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit sind dies beim Austritt aus der Hochschule, also dem Verlassen des Status ” Student“, die Prüfer, welche die Bewertung der Abschlussprüfungen vornehmen. Bei Eintritt in die erste Erwerbstätigkeit sind die Gatekeeper durch die Personalverantwortlichen der entsprechenden Organisationen verkörpert. Durch diese Konzeption von Übergängen lassen sich gleich mehrere theoretische Anforderungen lösen. Zum einen kann durch die Funktion der Gatekeeper eine theoretisch sinnvolle Verbindung von strukturellen Gegebenheiten und individuellen Handlungen auf institutioneller Ebene hergestellt werden. Zum anderen lassen sich so Übergänge in ihrer Prozesshaftigkeit darstellen, und die Entscheidung, ob ein Übergang (im Sinne eines Statuswechsels) bereits beim Wechsel von ” Student“ zu ” Absolvent“ oder von ” Absolvent“ zum ” Erwerbstätigen“ erfolgt, erübrigt sich (vgl. Abbildung 2.2 auf Seite 76). Dieser Gedanke soll im Folgenden näher ausgeführt werden. Die Konzeption der Gatekeeper zielt auf eine Verbindung mikrostruktureller Handlungen und institutioneller Vorgaben auf der Makroebene, ohne dabei auf normative Konzepte wie ” Altersnormen“ zurückgreifen zu müssen. 81 ” Therefore, we aim to make do without any normativistic prestabilised harmony between societal and personality needs for continuity, and to avoid a view that sees socially integrative age norms as individual needs. Instead, we regard such ‘norms’ first and foremost as requirements and interpretative offers on the part of different gatekeeping organisations that decide and negotiate on entry to statuses, without assuming that there necessarily exists any coordination or harmony between them“ (Behrens und Rabe-Kleberg 1992: 237).24 Diese Konzeption erlaubt es, die Übergänge theoretisch zu fassen, ohne eine strukturelle Harmonisierung der Institutionen, zwischen denen der Übergang vollzogen wird, vorauszusetzen. Ebenso bleibt die Frage der individuellen Koordination der einzelnen Lebenslaufdimensionen konzeptionell offen, so dass die Möglichkeit besteht, unterschiedliche Instanzen in der Funktion eines Gatekeepers zu verorten. So kann im Zuge der Koordination zwischen Familie und Beruf in der familiären Dimension der Lebenspartner die Funktion des Gatekeepers einnehmen, während auf der Ebene der Erwerbstätigkeit der Personalverantwortliche einer Organisation des Erwerbssystems die Gatekeeperfunktion innehat. Beide haben einen Einfluss auf die individuelle Gestaltung des Übergangs in die Erwerbstätigkeit. So kann eine familiäre Bindung an einen bestimmten Ort die Berufswahl und/oder die Mobilität während der Übergangsphase beeinflussen. Ebenso können von organisationaler Seite Anforderungen an die Mobilität des Bewerbers gestellt werden, die mit den Anforderungen der Familie nicht vereinbar sind. Die Koordinationsleistung obliegt nun dem einzelnen Individuum und definiert gleichsam 24 Daher zielen wir darauf ab, keine normativ vorstabilisierte Harmonisierung zwischen sozialen und individuellen Bedürfnissen nach Kontinuität vorauszusetzen und eine Sichtweise zu vermeiden, die sozial integrative Altersnormen als individuelle Bedürfnisse ansieht. Hingegen betrachten wir solche ” Normen“ zuallererst als Voraussetzung und Interpretationsangebot für die Teile der verschiedenen Gatekeeping-Organisationen, die über den Zugang zu Statuspositionen entscheiden und verhandeln, ohne davon auszugehen es existiere notwendig eine Koordination oder Harmonisierung zwischen diesen (Übersetzung: D.B.). 82 die individuelle Situation, innerhalb derer eine Entscheidung getroffen werden muss. Ebenso ist durch die Konzeption der Gatekeeper sowohl bei Austritt aus dem Ausbildungssystem als auch bei Eintritt in das Erwerbssystem die Frage der Harmonisierung zwischen den beiden Systemen bzw. Lebenslaufphasen für eine genauere Analyse geöffnet. Es muss nun nicht mehr eine ungeprüfte Harmonisierung unterstellt werden, sondern der Grad der Harmonisierung zwischen den beiden Lebenslaufphasen kann anhand des Passungsverhältnisses der Abschlusszertifikate des Ausbildungssystems und der Reglementierung der Berufszugänge modelliert und empirisch überprüft werden (siehe zur Operationalisierung Abschnitt 4.1.5). Vergleichbar der Konkretisierung des weit gefassten Konzepts der ” Statuspassage“ von Glaser und Strauss (1971) im Rahmen der Arbeiten des Sonderforschungsbereichs 186 von nahezu allen denkbaren Übergängen im Lebenslauf auf Übergänge, ” die sozial organisiert sind und zudem einen Wechsel des sozialen Status beinhalten“ (Bührmann 2008: 23), erfolgt ebenfalls eine Zuspitzung des ursprünglichen Konzepts der ” Gatekeeper“ von Kurt Lewin (1951) auf vier Typen von Gatekeepern durch Behrens und Rabe-Kleberg (1992: 238–242). Sie schlagen folgende vier Typologien unterschiedlicher Gatekeeper vor: Typ I: professionelle Experten (z. B. Prüfer, Gutachter) Typ II: Repräsentanten von Organisationen (z. B. Personalverantwortliche) Typ III: direkte Vorgesetzte/Kollegen (z. B. Kommilitonen) Typ IV: Primärgruppen (z. B. Familie, Freunde) Behrens und Rabe-Kleberg (1992) sprechen sich weiter dafür aus, dass die Unterscheidung der vier Typen von Gatekeepern nicht anhand ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Organisationen bzw. Institutionen vorgenommen wird, sondern auf Grundlage des Grades der Formalisierung und der Intensität der Interaktion (siehe Abbildung 2.3). 83 Abbildung 2.3: Kontinuum der Gatekeeper (in Anlehnung an Behrens und Rabe-Kleberg 1992: 242) hoch niedrig Formalisierung institutionelle Gatekeeper nicht-institutionelle Gatekeeper I Professionelle Experten II Repräsentanten III Vorgesetzte/ Kollegen IV Primärgruppen niedrig hoch Intensität Diese Distinktionsgrundlage erweist sich als sinnvoll, schließt aber eine Zuordnung der Gatekeeper zu Institutionen nicht notwendigerweise aus. Im Folgenden wird argumentiert, dass sich, unter Berücksichtigung der Prozesshaftigkeit von Übergängen, die Einflussmöglichkeiten der Gatekeeper auf den Lebensverlauf eines Individuums im Zeitverlauf ändern. Dieser Effekt soll als Relevanz bezeichnet werden. Dabei verhält sich die Relevanz der Gatekeeper der Typen I und II gegenläufig zur Relevanz der Typen III und IV. Je näher also der Studienabschluss rückt, desto relevanter werden die Gatekeeper der Typen I und II (die Professoren, Mitarbeiter der Hochschule), gleichzeitig sinkt die Relevanz der Gatekeeper Typen III und IV (Kommilitonen, Freunde und Familie) in Bezug auf das markante Ereignis im Lebenslauf (also der Studienabschluss bzw. der Berufseinstieg). Dazu konsistent verhält sich der bereits von Behrens und Rabe-Kleberg (1992) aufgezeigte Grad der Formalisierung und die Intensität des Kontakts zu den Gatekeepern (siehe Abbildung 2.4). Dies schließt also eine Unterteilung in ” institutionelle“ und ” nicht-institutionelle“ Gatekeeper nicht aus. Es wird im Folgenden der Beschreibung von Bettina Hollstein gefolgt, die institutionelle Gatekeeper auf Personen einschränkt, ” die Ansprüche von Individuen beurteilen und tatsächlich Entscheidungen über Eintritt in und 84 Abbildung 2.4: Schematische Darstellung von Übergängen im Lebenslauf Loslösung Schwelle Integration Student Absolvent Erwerbstätiger Studienabschluss Berufseinstieg Repräsentanten Repräsentanten Phase Status Ereignis Gatekeeper Relevanz institutionell nicht-institutionell Zeit t Austritt aus bestimmten Statuspositionen treffen bzw. deren Handeln unmittelbare Konsequenzen für die soziale Positionierung eines Individuums hat [...]“ (Hollstein 2007: 56–57, Hervorh. i. Orig.). Mit der Bezeichnung von institutionellen Gatekeepern soll nicht primär eine Zugehörigkeit zu bestimmten Institutionen bzw. deren Organisationen ausgedrückt werden, sondern die tatsächliche Entscheidungs- und Handlungsmacht im Namen der Institutionen bzw. Organisationen; anders ausgedrückt sind institutionelle Gatekeeper diejenigen Akteure, deren Entscheidungen relevant für den Lebensverlauf des ” Übergängers“ sind. Somit sind nur die Gatekeeper der Typen I und II unter diese Kategorie zu fassen. Es geht also um die Ebene, auf der Entscheidungen getroffen oder Handlungen vollzogen werden, und nicht um eine bloße Zugehörigkeit zu bestimmten Institutionen oder Organisationen der betreffenden Gatekeeper. Diese Unterscheidung in Bezug auf Entscheidungsmacht der Gatekeeper und Konsequenzen der getroffenen Entscheidungen kann auf die unterschiedlichen Lebenslaufdimensionen projiziert werden. Institutionelle Gatekeeper agieren innerhalb derselben Lebenslaufdimension wie das entsprechende im 85 Übergang befindliche Individuum (bzw. das relevante Ereignis im Lebenslauf), während nicht-institutionelle Gatekeeper auf parallel dazu verlaufenden Dimensionen angesiedelt sind.25 Am Beispiel des Austritts aus der Hochschule sind institutionelle Gatekeeper die der Hochschule angehörigen Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter oder ganz allgemein gesprochen die Prüfer und Gutachter. Beim Eintritt in die Erwerbstätigkeit sind es die Personalverantwortlichen der entsprechenden Organisation. Somit können institutionelle Gatekeeper durch eine direkte und aktive Einflussnahme auf die Lebensläufe von Individuen charakterisiert werden, die außerhalb des Handlungsspielraums der betreffenden Individuen liegt. Nicht-institutionelle Gatekeeper hingegen kennzeichnen sich dadurch, dass die Einflussnahme nur dann auf die Lebensläufe von Individuen einwirkt, wenn diese ihre Entscheidungen an den nicht-institutionellen Gatekeepern orientieren. Je intensiver der Grad der Interaktion ist, desto früher findet eine Einflussnahme der Gatekeeper auf das im Übergang befindliche Individuum statt. Diese Hierarchisierung beschreiben Behrens und Rabe-Kleberg (1992) treffend am Beispiel der Arbeitssuche bzw. der Entscheidung für oder gegen die Bewerbung auf eine Stelle. Wenn bereits Familie, Freunde oder der Lebenspartner Einwände gegen eine Bewerbung vorbringen und dies die Entscheidung des Absolventen dergestalt beeinflusst, dass direkt von einer Bewerbung abgesehen wird, treten die Gatekeeper der Organisation erst gar nicht in Erscheinung. Dies bedeutet, dass die formalen Anforderungen der entsprechenden Organisationen erst gar nicht erfüllt werden müssen (Behrens und Rabe-Kleberg 1992: 242–243). Mit steigendem Grad der Formalisierung schwindet auch der Entscheidungsspielraum des im Übergang befindlichen Individuums. Während sich der 25 Das Ereignis des Studienabschlusses sowie des Berufseinstieges befindet sich in zwei aneinandergrenzenden Lebenslaufphasen und somit auf der gleichen Dimension. Das Ereignis der Geburt eines Kindes oder der Hochzeit kann jedoch parallel zu den bereits genannten Ereignissen stattfinden und befindet sich somit auf einer anderen Lebenslaufdimension. Die Geburt des Kindes ist ein Ereignis der Familiendimension, der Berufseintritt ein Ereignis der Erwerbsdimension. 86 Einzelne durchaus gegen den Rat oder die Meinung der Freunde, Familie oder Lebenspartner entscheiden kann, gilt dies nicht für die Erfüllung von institutionell oder organisational vorgegebenen Kriterien. Weder die formalen Kriterien und Vorgaben einer Organisation noch die Entscheidungen der entsprechenden Gatekeeper (professionelle Experten oder auch Repräsentanten) liegen im Einflussbereich des im Übergang befindlichen Individuums. Demnach kann gesagt werden, dass mit abnehmender Intensität der Interaktion auch der Einfluss des Individuums auf die Gestaltung des Übergangsprozesses schwindet. Gleichzeitig kann konstatiert werden, dass im Zuge der Individualisierung und Institutionalisierung von Lebensläufen die Orientierung der Gatekeeper wie auch der im Übergang befindlichen Individuen an gewisse Normalitätsvorstellungen des Lebenslaufs gekoppelt sind. Nun soll eine differenzierte Beschreibung der bereits angesprochenen Gatekeeper der Loslösungsphase und der Gatekeeper der Integrationsphase vorgenommen werden. Gerade die Erkenntnis, dass der Übergang zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem durch zwei Gatekeeper (auf derselben Lebenslaufdimension) gestaltet wird, ermöglicht eine theoretisch gehaltvolle Beschreibung von Übergangsprozessen in der Lebenslaufperspektive. Dann werden die in der Lebenslaufforschung relevanten Verbindungen zwischen angrenzenden Lebenslaufphasen theoretisch fassbar. Auf institutioneller Ebene ist gerade die Existenz von zwei Gatekeepern verantwortlich für ein fehlendes oder unzureichendes Passungsverhältnis zweier aneinandergrenzender Lebenslaufphasen. Wenn wir nun davon ausgehen, dass die Gatekeeper bereits in die Loslösungs- und auch noch in die Integrationsphase eingebunden sind, wird deutlich, dass Übergänge früher einsetzen und länger andauern, als dies durch eine Konzeption anhand von Ritualen oder Statuspassagen wiedergegeben werden kann. Dies ist damit zu erklären, dass Rituale an bestimmten zeitlich stark eingegrenzten Ereignissen festgemacht werden können (z. B. das Ritual der Zeugnisübergabe im Rahmen einer Examens- bzw. Absolventenfeier oder der Einstand beim Antritt einer 87 neuen Beschäftigung). Statuspassagen sind hingegen zu ungenau in ihrer Beschreibung der Aus- und Eintrittsprozesse. Daher soll im Folgenden die Verbindung zwischen den Gatekeepern der Loslösungsphase und den Gatekeepern der Integrationsphase genauer auf ihre Bedeutung für die Harmonisierung aneinandergrenzender Lebenslaufphasen untersucht werden. Es wird zu zeigen sein, dass für den Übergang von der Hochschule in den Beruf die Harmonisierung der Anforderungen des Ausbildungssystems und der Anforderungen des Erwerbssystems umso höher ist, je standardisierter die Austrittsprozesse aus dem Studium geregelt sind. Zudem wird argumentiert, dass die Gatekeeper der Loslösungsphase an Fachhochschulen stärker den Logiken des Erwerbssystems folgen als die Gatekeeper an Universitäten und so ebenfalls zu einer stärkeren Harmonisierung beitragen. Gatekeeper der Loslösungsphase Die Gatekeeper der Loslösungsphase stellen im organisationalen Kontext die Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universitäten bzw. Fachhochschulen dar. Allgemein gesprochen handelt es sich um die Prüfer, die die Abschlussprüfungen abnehmen und bewerten. Diese Gatekeeper sind den Typen I und II (professionelle Experten/Repräsentanten) zuzuordnen. Diese stehen also in direktem Kontakt (was noch keine Aussage über die Intensität der Interaktion beinhaltet) mit den Absolventen auf der Ebene des Ausbildungssystems und damit auch in der gleichen Lebenslaufdimension (dem organisationalen Kontext). Im Gegensatz dazu stehen Freunde, Familienmitglieder und Kommilitonen (Typ III und IV) zwar auch in direktem Kontakt mit den Absolventen (und diesmal mit stärkerer Intensität der Interaktion), haben jedoch weniger direkten Einfluss auf den tatsächlichen Verlauf des Studienabschlusses im organisationalen Kontext. Dies ist damit zu begründen, dass hierbei die Einflussnahme aus dem familialen Kontext heraus nur auf den Absolventen 88 erfolgen kann und somit nur indirekt bzw. einseitig auf den Verlauf des Studienabschlusses eingewirkt werden kann. Die Interaktion findet dabei zwischen Angehörigen unterschiedlicher Lebenslaufdimension bzw. -kontexte statt, zum einen ist es der organisationale Kontext und zum anderen der familiale. Bezogen auf das im Übergang befindliche Individuum (dem Studenten/Absolventen) bedeutet diese Differenzierung der Beeinflussung eine graduelle Verschiebung der gegebenen Opportunitätsstrukturen. Während die formalisierten Strukturen auf organisationaler Ebene nur in geringem Maße vom Studenten/Absolventen beeinflusst werden können, somit den Handlungs- und Entscheidungsspielraum durch Gatekeeper relativ klar eingrenzen, schränken die Gatekeeper des Typs III und IV den Entscheidungsspielraum des Studenten weitaus weniger stark ein. Es zeigt sich, dass in der Loslösungsphase der Entscheidungsspielraum des Studenten mit steigender Relevanz institutioneller Gatekeeper (was einer stärkeren Formalisierung entspricht) abnimmt. Damit wird auch deutlich, dass das Übergangsereignis nicht den eigentlichen Übergang einleitet oder terminiert, sondern sowohl davor als auch danach der Einfluss von Gatekeepern beobachtbar ist (siehe Abbildung 2.4). Bereits vor Eintritt in die ” Prüfungsphase“ haben Angehörige der Primärgruppen (Typ IV), Kommilitonen (Typ III), aber auch Dozenten (Typ II) und beispielsweise Mitarbeiter der Studienfachberatung (Typ I) einen Einfluss auf die Entscheidung, die Übergangsphase einzuleiten. Dies geschieht meist durch die formale Anmeldung zur Abschlussprüfung. Anhand dieser Beschreibung wird erneut deutlich, dass eine Konzeption der Übergänge, wie sie noch von Turner (2000 [1989]) oder van Gennep (2005 [1909]) vorgenommen wurde, in modernen Gesellschaften nicht mehr zutreffend ist. Während bei Übergängen in archaischen Gesellschaften die Entscheidung zum Übergang nicht im Ermessen des Übergängers lag, ist dieser im Zuge der Individualisierung in einem stärkeren Maße selbst für ein ” Einleiten“ und ” Gelingen“ des Übergangs verantwortlich. Dennoch sind strukturelle Rahmenbedingungen und institutionelle Vorgaben zu beachten, die ein ge- 89 wisses Maß an Sicherheit und Planbarkeit von Übergängen und damit auch von Lebensverläufen (wieder-)herstellen, also die Übergänge im Lebenslauf sozial strukturieren. Sicherheit und Planbarkeit beziehen sich sowohl auf einen institutionell geregelten und für alle gleichermaßen geltenden zeitlichen Rahmen als auch auf die zu erwartenden Bewertungen der Prüfer. Dies spielt eine gewichtige Rolle, da die durch die Gatekeeper vergebenen Abschlusszertifikate maßgeblich für den erfolgreichen Übergang in die (erste) Erwerbstätigkeit – also den Übergang in die nachfolgende Lebenslaufphase – sind. Nur unter diesen institutionalisierten Bedingungen kann eine Harmonisierung der aneinandergrenzenden Lebenslaufphasen erfolgen. Je stärker die institutionellen Rahmenbedingungen durch die Gatekeeper der Loslösungsphase formalisiert und standardisiert sind26, desto mehr Orientierungspunkte haben die Gatekeeper der Integrationsphase, die Übergänge zwischen diesen beiden Lebenslaufphasen (Studium und Beruf) aufeinander abzustimmen, also zu harmonisieren. Dabei kann – wie eingangs bereits angedeutet – der von Leuze (2010b) aufgegriffene Ansatz zur Erklärung der Wirkungsweisen der institutionellen Vorgaben des (Aus-)Bildungssystems auf eine Binnenansicht des deutschen Hochschulwesens übertragen werden. Leuze wendet die Konzepte der Stratifizierung des Bildungssystems, der Berufsbezogenheit der Ausbildungsgänge sowie der Standardisierung der Ausbildungsinhalte auf nationale Unterschiede gesamter Hochschulsysteme an. Als Kontrastfolie dienen ihr dabei die Unterscheidungen zwischen ” occupation-based“ und ” organisation-based“ (Leuze 2010b: 40; Hervorh. DB), wobei ersteres – welches bei Leuze dem deutschen Hochschulsystem entspricht – durch hoch standardisierte und berufsbezogene Ausbildungsgänge gekennzeichnet ist und letzteres durch eher allgemeinere Bildung mit weniger ausgeprägtem Berufsbezug bzw. institutioneller Standardisierung der Ausbildungsinhalte charakterisiert ist und bei Leuze dem britischen Ausbildungs- bzw. Hochschulsystem entspricht (Leuze 2010b: 40–43). Diese 26 Dabei ist die Umsetzung formaler Vorgaben durch die Gatekeeper auf der Handlungsebene gemeint. Wie bereits angemerkt, werden die strukturellen Entscheidungen häufig auf politischer Ebene getroffen. 90 Unterscheidung wird in dieser Arbeit auf die horizontale Differenzierung der stärker anwendungsbezogenen Fachhochschulen und der eher wissenschaftsnäheren Universitäten übertragen. Es wird also davon ausgegangen, dass die Gatekeeper an Fachhochschulen eher den Logiken des Erwerbssystems folgen, da die Ausbildung an Fachhochschulen stärker an der beruflichen Praxis orientiert ist und die Professoren und Mitarbeiter häufiger neben der wissenschaftlichen Qualifikation in höherem Maße über berufspraktische Erfahrung verfügen, als dies für die Gatekeeper an Universitäten geltend gemacht werden kann. Somit können die institutionellen Strukturen der Fachhochschulen als ” occupation-based“, die der Universitäten hingegen als ” organisation-based“ beschrieben werden, mit weniger ausgeprägter Berufsbezogenheit und einer stärkeren Ausrichtung an wissenschaftlicher (Grundlagen-)Forschung (Leuze 2010b: 108–109). Gatekeeper der Integrationsphase Die Gatekeeper der Integrationsphase stellen zumeist die Personalverantwortlichen (Typ II) der Betriebe dar, bei denen sich die Absolventen um eine Anstellung bewerben. Jedoch können auch Mitarbeiter des Arbeitsamts im Sinne von professionellen Experten (Typ I) als Gatekeeper in Erscheinung treten. Ebenso wie in der Loslösungsphase können auch in der Integrationsphase Familienmitglieder und Freunde oder (ehemalige) Kommilitonen (Typ III und IV) als Gatekeeper auftreten, jedoch erneut nicht auf der gleichen Ebene wie die Personalverantwortlichen der Organisationen. Die Relevanz von nicht-institutionellen Gatekeepern ist während der Schwellenphase zuerst hoch, da diese wie bereits angemerkt einen Einfluss auf die Entscheidungen der Absolventen für oder gegen die Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle oder auf die beruflichen Aspirationen der Absolventen haben. So können familiäre und räumliche Bindungen bereits eine Bewerbung auf eine räumlich entfernte Stelle ” unterbinden“. Umgekehrt kann das Vorhandensein von Kindern beim Studienabschluss die Bewerbung auf eine 91 unter Umständen inadäquate Beschäftigung ” beschleunigen“, da die finanzielle Absicherung der Familie die Entscheidung für oder gegen die Bewerbung auf eine Stelle beeinflussen kann. Jedoch beziehen sich die Einflussfaktoren lediglich ” einseitig“ auf die Entscheidungen und Handlungen der Absolventen. Über den tatsächlichen Anschluss der Übergangsphase, also den Erhalt und Antritt einer Stelle, entscheiden die institutionellen Gatekeeper. Somit verhält sich die Relevanz von institutionellen und nicht-institutionellen Gatekeepern während des Übergangs gegenläufig zueinander. Dennoch sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass das interdependente Verhältnis unterschiedlicher Lebenslaufdimensionen zu einer indirekten Einflussnahme auf strukturelle De-Standardisierungsprozesse anderer Dimensionen führen kann. So kann auf der Ebene der Familiendimension eine Individualisierung und Pluralisierung von Beziehungsformen durchaus indirekt Auswirkungen auf De-Standardisierungsprozesse beim Übergang in die Erwerbstätigkeit haben. Individualisierte und weniger standardisierte Familienformen ermöglichen einen flexibleren Handlungsspielraum beim Übergang in den Beruf. Es ist dann beispielsweise nicht mehr traditionell der Mann für die Produktionsdimension und die Frau für die Reproduktionsdimension verantwortlich, sondern diese Einteilung wird – sofern sie überhaupt in dieser klaren Abgrenzung erfolgt – anhand der besseren (Verdienst-)Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt getroffen. Mit der Entscheidung für die Bewerbung auf eine Stelle schwinden die Einflussmöglichkeiten und Handlungsoptionen des Absolventen und der Einfluss auf das ” Gelingen“ des Übergangs – also auf den Berufseinstieg – geht von den Personalverantwortlichen der Organisationen aus. Dabei sind die stark formalisierten ” Hürden“ des Bewerbungsverfahrens zu überstehen, welches mit einem niedrigen Grad an Intensität der Interaktion zwischen den Personalverantwortlichen der Organisation und dem Bewerber einhergeht. Zu diesem Zeitpunkt ist die Relevanz der institutionellen Gatekeeper hoch, da diese über die Einstellung entscheiden, während der Einfluss der Primärgruppen auf den Übergang in die erste Erwerbstätigkeit zu diesem Zeitpunkt 92 relativ gering ist. Mit erfolgreicher Bewerbung und dem Erhalt der ersten Anstellung schwindet die Relevanz der stark formalisiert agierenden Gatekeeper (Typ I und II) zu Gunsten des Einflusses der Vorgesetzten/Kollegen und Angehörigen der Primärgruppen (Typ III und IV) (vgl. Abbildung 2.4 auf Seite 85). Auch dieser Verlauf der Relevanz der Gatekeeper deckt sich mit der prozesshaften Konzeption des Übergangs im Sinne eines Verlaufs, der nicht durch ein statisches Ereignis erfasst werden kann. Bezogen auf die Harmonisierung der beiden Lebenslaufphasen, der (Aus-) Bildungs- und der Erwerbsphase, kommt den institutionellen Gatekeepern der Loslösungsphase und der Integrationsphase auf institutioneller Ebene eine bedeutsame Rolle zu. Beide Gatekeeper sind zwar auf der gleichen Lebenslaufdimension angesiedelt, jedoch nicht in der gleichen Lebenslaufphase. So sind die Handlungen beider Gatekeeper innerhalb der jeweiligen Lebenslaufphase unter Gesichtspunkten der funktionalen Rationalität für eine mutmaßlich fehlende Harmonisierung verantwortlich. Während sich die Handlungen und Beurteilungen der Gatekeeper des Ausbildungssystems an den Maßgaben und institutionellen Regelungen des Ausbildungssystems (im Speziellen der Hochschulen und des akademischen Lebens) orientieren, folgen die Handlungen und Einschätzungen der Gatekeeper beim Berufseinstieg den Logiken des Erwerbssystems. Dabei werden jedoch die Zertifikate (also die Abschlusszeugnisse) des Ausbildungssystems als eine von vielen Bewertungsgrundlagen bei der Entscheidung über die Einstellung der Absolventen bzw. Bewerber herangezogen. Bei der Vergabe dieser Zertifikate im Ausbildungssystem stehen wissenschaftliche Kriterien im Vordergrund, bei der Bewertung dieser Zertifikate durch Gatekeeper des Erwerbssystems werden jedoch ökonomische Kriterien zugrunde gelegt. Unter Berücksichtigung der horizontalen Differenzierung von Fachhochschulen und Universitäten wird erwartet, dass die Orientierung an wissenschaftlichen Kriterien an Universitäten stärker ausgeprägt ist als an Fachhochschulen und somit die Fachhochschulen in einer Binnendifferenzierung des deutschen Hoch- 93 schulsystems eine stärkere Harmonisierung bezüglich der Handlungen der Gatekeeper des Ausbildungssystems und des Erwerbssystems aufweisen. Bezogen auf die Koordination zweier (oder mehrerer) Lebenslaufdimensionen kommt dem Individuum die Aufgabe zu, die Anforderungen der unterschiedlichen Typen von Gatekeepern und die eigenen Anforderungen zu koordinieren. Zumeist ist bei den nicht-institutionellen Gatekeepern an Freunde, Familie oder auch Kommilitonen zu denken. Gerade die Koordinationsleistung mehrerer Lebenslaufdimensionen verdeutlicht die Interdependenzen von lebenslaufsrelevanten Entscheidungen und Handlungen. 2.2.4 Quantitativ-empirische Auffassung des Übergangsbegriffs Nachfolgend wird eine für quantitativ-empirische Analysen nutzbare Beschreibung und Operationalisierung des Übergangsbegriffs vorgenommen. Dabei wird bewusst nicht von ” Transitionen“ gesprochen, da dieser Begriff ” gesellschaftliche Strukturen, normative Erwartungen und institutionelle Rahmenbedingungen von Übergängen, aber auch die subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen der Individuen“ (v. Felden 2010: 185) beinhaltet. Damit bewegt sich die Transitionsforschung ” an einer Schnittstelle von individuellen Handlungspotentialen und Bewältigungsvermögen“ und betont stärker die subjektive Perspektive von Übergangserlebnissen. Der Transitionenbegriff scheint in Abgrenzung zum Übergangsbegriff eher geeignet, auch qualitative Forschungsansätze zu bedienen (v. Felden und Schiener 2010). Wie bereits im vorhergehenden Abschnitt angeklungen ist, muss der Übergang von der Hochschule in den Beruf (aber auch allgemein der Übergang vom Ausbildungssystem in das Erwerbssystem) in seiner Prozesshaftigkeit betrachtet werden. Es genügt dabei nicht, bloße Aus- und Eintrittsprozesse zu untersuchen, sondern es ist erforderlich, den gesamten Prozess von Loslösungs-, Schwellen- und Integrations- bzw. Eingliederungsphase zu berücksichtigen. Dennoch muss auch festgehalten werden, wie in Abschnitt 2.2.3 an der Kritik der Übergangskonzeption von Bührmann (2008) bereits deutlich 94 gemacht wurde, dass das Hauptaugenmerk auf der Schwellenphase liegt. Daher soll im Folgenden, wenn von Übergängen gesprochen wird, auf alle drei Phasen verwiesen werden. In der umfassenderen Perspektive des Lebenslaufs bedeutet dies, dass der Übergang vom Ausbildungssystem in das Erwerbssystem – also von einer Lebenslaufphase in die nächste – aus eben diesen drei Phasen besteht, welche jeweils durch bestimmte Ereignisse charakterisiert sind. So ist das zentrale Ereignis der Loslösungsphase, welches den Beginn der Schwellenphase markiert, der Abschluss des Studiums. Das zentrale Ereignis der Schwellenphase ist der Erhalt bzw. Antritt der ersten Erwerbstätigkeit. Dieses Ereignis markiert das Ende der Schwellenphase und leitet die Integrationsphase ein. Diese Ereignisse im Lebenslauf, welche weit verbreitet und vorhersehbar sind, werden als ” life course markers“ bezeichnet (George 1993: 360). Soll im Rahmen der Übergangsforschung die Dauer des Übergangs von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit untersucht werden, beziehen sich die Analysen auf die (zeitliche) Dauer zwischen diesen Ereignissen. Somit wird die Schwellenphase als zentrales Moment der Übergangsforschung in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Gerade bei der quantitativ-empirischen Analyse von Übergangsprozessen ist man darauf angewiesen, standardisierte Ereignisse benennen zu können, die sich standardisiert erheben und analysieren lassen. In Anlehnung an Levy (2005) soll daher ein Übergang als eine mehr oder weniger kurze Periode des Wechsels von einem Zustand in einen anderen charakterisiert werden. Oder wie Levy konkretisiert: Übergänge sind Momente eines relativ schnellen Wechsels, im Vergleich zu vorhergehenden und nachfolgenden Phasen relativ stabiler Zustände (vgl. Levy 2005: 15). Olaf Stuck folgend soll ergänzt werden, dass es sich dabei nicht nur um relativ stabile Ursprungs- und Folge- bzw. Zielzustände, sondern um ” markante Statuswechsel“ (Struck 2001: 31) handelt, die in ” gesellschaftliche Übergangsstrukturen“ (Sackmann und Wingens 2001: 22–23) eingebettet sind. Bezogen auf den Wechsel zwischen zwei Phasen ” relativ stabiler Zustände“ (Levy 2005: 15) sollen daher die Phasen der Ausbildung und die Phase der 95 Erwerbstätigkeit als relativ stabil erachtet werden. Somit ist nicht jeder Zustandswechsel als Übergang zu betrachten, sondern eben nur jene, die in eine relativ stabile, länger andauernde Lebenslaufphase überführen. Diese Definition schließt also kurzfristige Wechsel von Erwerbstätigkeiten oder anderen Beschäftigungsformen (bzw. allgemein von Zuständen) zwischen dem Abschluss des Studiums und dem Eintritt in die erste Erwerbstätigkeit aus. Episoden kurzfristiger Wechsel von Zuständen, die keine markanten Statuswechsel beinhalten, sollen durch die Erweiterung der Terminologie um den Begriff der Sequenz berücksichtigt werden (Sackmann und Wingens 2001). Übergangssequenzen beschreiben also eine Reihe kurzfristiger Zustandswechsel während eines Übergangs und bilden somit die Prozesshaftigkeit von Übergängen ab. Dadurch wird die statische Betrachtung von Übergängen als ” konturlose“ Phase zwischen zwei Ereignissen um eine prozesshafte Perspektive erweitert. Eine relativ kurzfristige Sequenz von Jobwechseln ist im Erwerbsverlauf, während die Zustandswechsel zwischen Ausbildung und der ersten Erwerbstätigkeit in der Schwellenphase zwischen zwei relativ stabilen Phasen im Lebenslauf zu verorten sind. Also sind Sequenzen sowohl in Phasen stabiler langfristiger Verläufe als auch bei kurzweiligen Übergängen denkbar. So wird auch eine frühe Konzeption von ” status transitions“ von Modell et al. (1976) um die Detailansicht erweitert, aber gleichzeitig die verwendete Terminologie ” unbrauchbar“. So wird mit den fünf Dimensionen ” prevalence“, ” timing“, ” spread“ sowie ” age-congruity“ und ” integration“ jeweils das Auftreten von Übergangsereignissen betrachtet. Diese Perspektive ist daher gröber als der verfolgte Ansatz einer Detailansicht von Übergängen. Die Phasen im Lebenslauf, die durch einen Übergang verbunden werden, sollen als Verlauf bezeichnet werden. Ein Verlauf beschreibt demnach einen relativ stabilen und länger andauernden Zeitraum, den ein Individuum in einem sozialen Status bzw. Zustand verbringt (Levy 2005: 11; Macmillan 2005a: 5; Sackmann und Wingens 2001: 42). Damit sind Verläufe gemeint, wie zum Beispiel der Bildungsverlauf, der Erwerbsverlauf oder auch der 96 Familienverlauf. Verläufe sind dabei stets durch Übergänge gerahmt, können jedoch auf unterschiedlichen Dimensionen des Lebenslaufs verortet sein. Der umfassende Begriff des Lebensverlaufs ist daher formal als eine Aneinanderreihung von Verläufen unterschiedlicher Zustände ohne markante Zustandswechsel27, die durch Übergänge verbunden sind, charakterisiert (Elder 1974, 1985; Levy 2005: 12; Macmillan 2005b: 5). Also sind Übergänge an den Start- und Endpunkten einzelner Verläufe zu verorten und kürzer in ihrer Dauer. Die Start- und Endzeitpunkte, welche einen Übergang einleiten, werden als Ereignisse beschrieben. Somit soll nur als Ereignis gelten, was einen Wechsel zwischen markanten Zuständen beschreibt und nicht jeglicher Wechsel von Zuständen. Die Definition von Ereignissen ist dementsprechend vom Forschungsgegenstand und Fokus des Interesses abhängig. Der dieser Arbeit zugrunde liegende Forschungsgegenstand – der Übergang von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit – grenzt die möglichen Ereignisse also auf den Abschluss des Studiums und den Einstieg in den Beruf ein. Ein Zustand bezeichnet die kleinste formale Einheit bzw. Lebenslaufposition, die von einem Individuum eingenommen werden kann. Zustände beschreiben sowohl Zustände im Sinne eines ” sozialen Status“, der beim Wechsel durch ein Ereignis eingeleitet wird, als auch die Elemente einer Sequenz, die keine Statuswechsel im engeren Sinne einleiten. So wird mit ” Zustand“ sowohl der Zustand ” erwerbstätig“ oder ” arbeitslos“ als auch ” verheiratet“ oder ” ledig“ bezeichnet. Es wird ersichtlich, dass je nach Forschungsgegenstand nahezu unendlich viele unterschiedliche Zustände definierbar sind. Daher ist es wichtig, bei der Auswahl der möglichen Zustände klar anzugeben, in welcher Lebenslaufdimension und -phase diese Zustände verortet werden und welche Relevanz sie für den Forschungsgegenstand haben. Es zeigt sich, dass die Definition des Zustandsraums , also die Anzahl und Arten von unterschiedlichen Zuständen, die von einem Individuum ein- 27 Unter einem markanten Wechsel wird z. B. der Wechsel/Übergang vom Bildungsverlauf in der Erwerbsverlauf verstanden. 97 genommen werden können, von der im Fokus der Analysen stehenden Lebenslaufphase und -dimension abhängig ist. Ebenso bestimmt die der Analyse zugrunde gelegte ” Zeiteinheit“ (d.h. die gemessene Zeiteinheit, die ein Individuum in einem Zustand verbleibt; z. B. monatsgenaue Erhebung von Erwerbstätigkeiten) die Menge an möglichen Zuständen innerhalb eines Zustandsraums. Dabei müssen sich die Zustände eines Zustandsraums gegenseitig ausschließen und möglichst vollständig definiert sein. Diese Definition bedingt, dass für unterschiedliche Lebenslaufdimensionen unterschiedliche Zustandsräume angegeben werden müssen. Die zugrunde gelegte Zeiteinheit bestimmt den Zustandsraum dergestalt, dass bei einer gemessenen Zeiteinheit, die größer als die ” natürliche“ Dauer des Zustands ist, der entsprechende Zustand nicht abgebildet werden kann, bzw. mit einer nicht mehr vertretbaren Ungenauigkeit der Informationen verbunden ist (für eine detaillierte Beschreibung des in dieser Arbeit definierten Zustandsraum siehe Tabelle 4.3 auf Seite 149). In einer groben Betrachtung gesamter Lebensverläufe kann der Eintritt in die Erwerbstätigkeit als singuläres Ereignis (z. B. noch nicht erwerbstätig → erste Erwerbstätigkeit) konzeptualisiert werden. Ebenso kann der Eintritt in den Arbeitsmarkt prozesshaft dargestellt werden, indem ein feingliedrigerer Zustandsraum zugrunde gelegt wird (z. B. noch nicht erwerbstätig → Praktikum → Volontariat → erste Erwerbstätigkeit).28 Demnach ist die Betrachtung eines Phänomens im Sinne eines Übergangs nicht allgemein gegeben, sondern immer auf einen vorangehenden und einen nachfolgenden Zustand bezogen. In Tabelle 2.1 werden die in dieser Arbeit verwendeten Definitionen der Begrifflichkeiten im Rahmen der Übergangsforschung zusammenfassend dargestellt. 28 Siehe auch beispielhaft die Differenzierung zwischen dem Ereignischarakter und der Prozesshaftigkeit einer Scheidung bei Levy (2005: 20). 98 Tabelle 2.1: Bestimmung der relevanten Begrifflichkeiten der Übergangsforschung Verlauf/Trajekt Unter einem Verlauf wird ein langfristiger Prozess einer relativ stabilen Phase im Lebenslauf verstanden, der keine markanten Zustandswechsel aufweist. Übergang/Transition Als Übergang werden relativ schnelle und markante Statuswechsel zwischen zwei relativ langen und stabilen Zuständen bzw. Verläufen im Lebenslauf bezeichnet. Sequenz/Episode Eine Sequenz beschreibt eine relativ kurze Abfolge von Zuständen mit weniger markanten Zustandswechseln, die nicht in gesellschaftliche Übergangsstrukturen eingebettet sind. Ereignis/Wendepunkt Ein Ereignis stellt ein punktuelles Vorkommnis im Lebenslauf dar, welches durch eine klar angebbare und kurze Zeitdauer gekennzeichnet ist. Zustand/Status Unter einem Zustand wird eine klar definierte Lebenslaufsposition bzw. ein (sozialer) Status verstanden, der von einem Individuum im Lebensverlauf eingenommen werden kann. Zustandsraum Der Zustandsraum beschreibt die für den jeweiligen Forschungsgegenstand bzw. die Forschungsperspektive und die jeweilige Lebenslaufdimension und -phase relevante und distinkte Menge an Lebenslaufspositionen, die von einem Individuum eingenommen werden kann. 2.3 Theorieansätze der Arbeitsmarktforschung Die folgenden Aspekte der ökonomischen und soziologischen Arbeitsmarktforschung basieren grundlegend auf dem neoklassischen Basismodell. Dieses behandelt den Arbeitsmarkt wie jeden anderen (Güter-)Markt. Das gehandelte Gut ist die ” Ware“ Arbeit. Dabei konkurrieren die Arbeitskräfte 99 auf dem Arbeitsmarkt um die von Seiten der Arbeitgeber29 angebotenen Stellen; sie konkurrieren also darum, die ihrerseits angebotene Arbeitskraft möglichst gewinnbringend zu ” verkaufen“. Der Gewinn bezieht sich in der neoklassischen Fassung noch ausschließlich auf die monetäre Entlohnung der geleisteten Arbeit. Der Arbeitsmarkt wird hierbei als perfekter Markt angesehen und zeichnet sich dadurch aus, dass sich bei konstanten Randbedingungen ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage einstellt. Zu den weiteren Grundannahmen gehören ein vollkommen rationaler und vollständig informierter Akteur, der zudem vollständig austauschbar ist und über vollkommene Mobilität verfügt. Erklärtes Ziel des Akteurs ist die Nutzenmaximierung in Abhängigkeit von Marktlohn (Arbeitszeit) und Freizeit (Anspruchslohn); die Arbeitgeber sind an der Gewinnmaximierung des Unternehmens interessiert. Dabei bildet die Produktivität des Arbeitnehmers auf einem Arbeitsplatz die Bemessungsgrundlage des Marktlohns (Hinz und Abraham 2008: 21 ff.). So würde die Abhängigkeit von Lohneinkommen und Freizeit bei der Nutzenmaximierung im neoklassischen Basismodell in den beiden Lebenslaufdimensionen des Erwerbsverlaufs (Arbeitszeit) und des Familienverlaufs (Freizeit) ihre Entsprechung finden. Aufgrund der offensichtlich unrealistischen Prämissen des neoklassischen Basismodells wurden darauf aufbauend verschiedene Ergänzungen und Varianten ausgearbeitet.30 Diese Erweiterungen lösen sich zum einen von der Annahme einer homogenen Verteilung des Produktionsfaktors Arbeit (Humankapital-Ansatz (Becker 1962, 1983; Mincer 1962; Schultz 1961)) und zum anderen von der Annahme einer vollkommenen Informiertheit der Akteure (Such- und Matching-Ansatz (McCall 1970; Mortensen 1970) bzw. 29 In der Arbeitsmarktökonomik wird in der Regel im umgekehrten Sinne von Arbeitnehmern als den Akteuren gesprochen, die die Arbeit nehmen, die ihnen die Arbeitgeber anbieten bzw. geben (Hinz und Abraham 2008: 20). In dieser Arbeit soll, um Verwirrungen zu vermeiden, der alltagssprachliche Gebrauch dieser Begriffe beibehalten werden. 30 Zu einer grundlegenden Kritik an den arbeitsmarkttheoretischen Modellen siehe vor allem Rothschild (1990). 100 Signaling-Ansatz (Spence 1973)), um die theoretischen Überlegungen an eine empirische Wirklichkeit anzupassen. Dabei geht die Humankapitaltheorie davon aus, dass die Produktivität der Arbeiter nicht gleich verteilt ist und die Investition in Bildung eine Steigerung des Humankapitals mit sich bringt. Die Humankapitaltheorie postuliert, dass unter Kenntnis der Bildungsrendite in Bezug auf die Lebensarbeitszeit solange in Bildung investiert wird, bis der Grenznutzen zwischen Bildungsinvestition und Anspruchslohn erreicht ist. Übertragen auf den Übergangsprozess von Hochschulabsolventen bedeutet dies, dass sich die Suchdauer nach der ersten Beschäftigung verkürzt, je geringer die zu erwartende Bildungsrendite ausfällt. Die Signaltheorie sowie die Such- und Matching-Ansätze gehen davon aus, dass die Produktivität der Arbeitskräfte im Vorfeld nicht bekannt ist und daher die individuellen Faktoren der Bewerber um eine Anstellung nur als Signale für die zu erwartende Produktivität gewertet werden können. In Abgrenzung zur Humankapitaltheorie postuliert die Signaltheorie eben nicht einen vollkommen informierten Akteur, sondern ” Unsicherheit“ auf Seiten der Arbeitgeber über die tatsächliche Produktivität der Arbeitnehmer und auf Seiten der Arbeitnehmer Unsicherheit über die zu erwartenden Arbeitsbedingungen. Um diese Unsicherheiten abzumildern, werden Signale als Hinweise auf die zu erwartende Produktivität bzw. die zu erwartenden Arbeitsbedingungen interpretiert. Ebenfalls kann in Bezug auf die Übergangsprozesse von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit mit den Such- und Matching-Ansätzen unterstellt werden, dass eine gewisse Dauer bis zum Erhalt der ersten Anstellung kein negatives Anzeichen eines schwierigeren Übergangs darstellt, sondern auch als bewusst in Kauf genommene Suchdauer bis zum Erhalt einer besseren bzw. adäquateren Anstellung verstanden werden kann. Weiter sind die theoretischen Ansätze dahingehend zu unterscheiden, ob der Fokus auf gute oder schlechte Jobs (Segementations-Ansatz ) oder auf 101 gut oder schlecht ausgebildete Arbeitnehmer (Humankapital-, Signalingsowie Such- und Matching-Ansatz ) gerichtet wird. Somit stehen strukturelle Aspekte des Arbeitsmarktes im Vordergrund der Segmentationstheorien während die Allokationsprozesse der Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt (oder den Arbeitsmärkten) bei den anderen Ansätzen im Vordergrund stehen. Im Rahmen dieser Arbeit soll ein besonderes Augenmerk auf Segmentations- Ansätze gelegt werden. Dies geschieht vor allem unter der Annahme, dass (1) die Arbeitsplätze für Hochqualifizierte verstärkt im primären Arbeitsmarktsektor und damit auf internen Arbeitsmärkten angesiedelt sind und dass (2) eine bezüglich des Bildungsniveaus homogene Gruppe analysiert wird und somit strukturelle Gegebenheiten stärker im Fokus des Interesses stehen als individuelle Bildungsunterschiede. Folgerichtig beschränken sich die nachfolgenden Ausführungen auf die strukturelle Ebene des Berufseinmündungsprozesses im Rahmen des segmentationstheoretischen Ansatzes. Dies erscheint geboten, da die Frage nach einem schwindenden Passungsverhältnis von Ausbildungs- und Erwerbssystem auf struktureller Ebene angesiedelt ist. Der im Folgenden fokussierte Ansatz des segmentierten Arbeitsmarkts setzt an der Prämisse des neoklassischen Modells an, dass Arbeitnehmer bezüglich der Qualität der angebotenen Arbeitskraft vollständig austauschbar und uneingeschränkt mobil sind. Die Überlegung, dass der Arbeitsmarkt in mehrere Teilarbeitsmärkte untergliedert ist, in denen unterschiedliche Regelungen gelten und Kräfte wirken, geht ursprünglich auf Piore (1970, 1975) zurück. Dabei bezieht sich Piore auf den US-amerikanischen Arbeitsmarkt, der als ” dualer Arbeitsmarkt“ konzipiert wird und aus einem primären und einem sekundären Segment besteht. Zusätzlich wird in Anpassung an die US-amerikanische Sozialstruktur eine Untergliederung des primären Sektors in höherwertige ( ” upper-tier“) und minderwertige ( ” lower-tier“) Jobs vorgeschlagen. Demnach werden die Arbeitsplätze des sekundären Sektors von Arbeitnehmern aus der Unterschicht ( ” lower class“), die minderwertigen 102 Arbeitsplätze des primären Sektors von Arbeitnehmern aus der Arbeiterschicht ( ” working class“) und die höherwertigen Arbeitsplätze des primären Sektors aus der Mittelschicht ( ” middle class“) besetzt (Piore 1975). In einer Erweiterung verbinden Doeringer und Piore (1976) das Konzept des dualen Arbeitsmarkts mit dem Konzept von internen Arbeitsmärkten. Damit führen sie frühe Überlegungen zu institutionellen Märkten von Kerr (1950, 1977 [1955]) sowie Ansätze der Arbeitskräfteschlange ( ” mobility chains“) von Thurow (1975, 1978) mit dem Konzept des dualen Arbeitsmarkts zusammen (Althauser 1989; Kalleberg und Sørensen 1979). Dennoch existieren wesentliche Unterschiede zwischen dem dualen Arbeitsmarkt mit einem primären und sekundären Segment und dem internen Arbeitsmarkt in Abgrenzung zum externen Arbeitsmarkt. Während die Segmente des dualen Arbeitsmarkts anhand der Eigenschaften der Arbeitsplätze charakterisiert werden, sind interne und externe Arbeitsmärkte zusätzlich durch eine unterschiedliche Arbeitsmarktstruktur gekennzeichnet. Die Arbeitsplätze des primären Sektors zeichnen sich durch relativ hohe Löhne, gute Arbeitsbedingungen, gute Aufstiegschancen und vor allem Beschäftigungsstabilität aus. Hingegen sind die Arbeitsplätze des sekundären Sektors durch niedrige Löhne, schlechtere Arbeitsbedingungen, geringe Aufstiegschancen und geringere Beschäftigungsstabilität gekennzeichnet (Piore 1975: 126–127). Interne und externe Arbeitsmärkte unterscheiden sich dahingehend, dass für interne Märkte die in der neoklassischen Ökonomie geltenden Marktmechanismen weitestgehend ausgehebelt sind. Vielmehr werden Job-Allokationen nicht durch freie Wettbewerbsstrukturen, sondern durch institutionelle Regelungen, Senioritätsregelungen etc. erreicht (Althauser 1989; Blossfeld und Mayer 1988; Kalleberg und Sørensen 1979). Ebenfalls ist der Zugang zu internen Arbeitsmärkten stark eingeschränkt und nur über bestimmte Eingangspositionen ( ” ports-of-entry“) möglich (Doeringer und Piore 1976; Kerr 1977 [1955]). Der Bezug auf einzelne Eingangspositionen verdeutlicht, warum sich das Konzept der internen Arbeitsmärkte nur bezüglich der Arbeitskräfte auf das neoklassische Basismodell beruft, 103 jedoch nicht in Bezug auf die Struktur des Arbeitsmarkts, da eben nicht von einem ” globalen“ Arbeitsmarkt ausgegangen wird, sondern der interne Arbeitsmarkt ursprünglich (jedoch nicht ausschließlich) auf einzelne Firmen bzw. Berufsgruppen beschränkt war (Althauser 1989; Doeringer und Piore 1976). Werner Sengenberger (1978a: 28) beschreibt die unterschiedlichen Formen interner Arbeitsmärkte wie folgt: ” Interne und externe Märkte sind durch Übergangspositionen (ports of entry, ports of exit) verbunden, über die sich der Austausch von Arbeitskräften vollzieht. Alle übrigen Arbeitsplätze werden durch interne Mobilität von Beschäftigten besetzt, die bereits Zutritt zu den internen Märkten erlangt haben. Folglich sind deren Arbeitsplatzpositionen dem direkten Einfluß des Wettbewerbs auf dem externen Arbeitsmarkt entzogen. Dadurch erfahren die Zugehörigen eines internen Arbeitsmarkts gegenüber Außenstehenden eine privilegiertere Behandlung. Der Umfang und die innere Struktur interner Märkte variieren beträchtlich, je nachdem, um welche Branche oder welchen Beruf es sich handelt. Ein interner Markt kann einen ganzen Industriezweig, einen bestimmten ,Beruf‘ in einer Region, einer Firma, einem Produktionsbetrieb oder in einem Teil eines Betriebs umfassen.“ Der entscheidende Unterschied zum neo-klassischen Arbeitsmarktmodell besteht darin, dass es nicht nur einen einzigen Markt gibt, auf dem unter freien Marktmechanismen Arbeitskraft gehandelt wird, sondern dass mehrere Teilarbeitsmärkte mit unterschiedlichen Eigenschaften und Funktionsweisen existieren. Zudem stehen die Arbeitsplätze und nicht mehr die Arbeitskraft im Fokus der Erklärung. Die Differenzierung erfolgt nun nicht mehr anhand gut oder schlecht ausgebildeter Arbeitskräfte, sondern in Bezug auf gute oder schlechte Jobs bzw. Arbeitsplätze (siehe überblicksartig Kalleberg und Sørensen 1979; in direktem Bezug auf die Lebenslaufperspektive Blossfeld und Mayer 1988; für den deutschen Arbeitsmarkt Lutz und Sengenberger 104 1974; Sengenberger 1978a, 1978b; für den US-amerikanischen Arbeitsmarkt grundlegend Doeringer und Piore 1976). Eine Anpassung dieser theoretischen Konzepte auf die Gegebenheiten des deutschen Arbeitsmarkts geht auf Lutz und Sengenberger (1974) zurück. Während in der ” amerikanischen Version“ zwischen zwei Teilarbeitsmärkten unterschieden wird, dem primären und dem sekundären Segment (Doeringer und Piore 1976), unterscheidet Sengenberger (1978a) in Anpassung an den deutschen Arbeitsmarkt drei Arbeitsmarktsegmente: 1. Jedermannarbeitsmärkte 2. fachliche Teilarbeitsmärkte 3. betriebliche Teilarbeitsmärkte Die Jedermannarbeitsmärkte zeichnen sich durch schlechte Arbeitsbedingungen, niedrige Arbeitsplatzsicherheit und schlechte Bezahlung aus. Hier werden unspezifische Qualifikationen ” gehandelt“, die weder für bestimmte Berufe noch für bestimmte Tätigkeiten typisch sind. Daher kann auf diesem Arbeitsmarkt die Arbeitskraft ohne große Verluste transferiert werden oder anders ausgedrückt, ein Arbeitsplatzwechsel erzeugt weder für den Arbeitnehmer noch den Arbeitgeber einen Nachteil, da die so abgewanderten Qualifikationen leicht ersetzt werden können bzw. aus der Sicht der Arbeitnehmer andernorts verlustfrei weiter verwertet werden können. Jedermannarbeitsmärkte weisen noch am ehesten die Struktur auf, wie sie durch die neoklassische Arbeitsmarkttheorie postuliert wird (Sengenberger 1978a: 61–63). Dieser Teilarbeitsmarkt entspricht ebenfalls weitestgehend dem sekundären Arbeitsmarkt, wie er von Doeringer und Piore (1976) konzipiert wurde. Bezogen auf Berufseinstiegsprozesse können diese Eigenschaften der Jedermannarbeitsmärkte einerseits dahingehend interpretiert werden, dass der Berufseinstieg in diesen Arbeitsmarkt vergleichsweise schnell und unkompliziert erfolgen sollte, da die Qualifikationsanforderungen sehr unspezifisch sind und daher eine Vielzahl an Joboptionen zur Verfügung stehen. Andererseits kann argumentiert werden, dass die Konkurrenz auf diesem Ar- 105 beitsmarkt besonders groß ist, da eine Selektion aufgrund unterschiedlicher Qualifikationsprofile nur schwer vollzogen werden kann. Ebenfalls scheint das Passungsverhältnis zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem im Sinne einer Harmonisierung der Anforderungen des Erwerbssystems und der Qualifikationen des Ausbildungssystem wenig bis überhaupt nicht relevant, da für diesen Arbeitsmarkt keine spezifischen Berufe der Tätigkeiten kennzeichnend sind. Vor allem in Bezug auf das in dieser Arbeit untersuchte Qualifikationsniveau der Akademiker spielt der Jedermannarbeitsmarkt eine äußerst untergeordnete Rolle. Die fachlichen Teilarbeitsmärkte hingegen sind durch fachliche Qualifikationen gekennzeichnet, die für bestimmte Berufe oder Branchen spezifisch sind. Dabei zeichnen sich diese Arbeitsmärkte durch eine überbetriebliche, aber berufs- oder branchenspezifische Transferierbarkeit der Arbeitskräfte aus. Diese Qualifikationen werden in ” überbetrieblich konzipierten und kontrollierten Ausbildungsgängen erworben“ (Sengenberger 1978a: 70). Die Arbeitsplätze dieses Teilarbeitsmarkts weisen eine hohe überbetriebliche Beschäftigungssicherheit und eine hohes Einkommen auf. Die betrieblichen Teilarbeitsmärkte beschreiben Arbeitsmärkte, die durch die Verwertung von Qualifikationen, die für die Tätigkeiten in einem bestimmten Betrieb spezifisch sind, gekennzeichnet sind. Diese Märkte charakterisieren damit den idealtypischen internen Arbeitsmarkt, wie er bereits von Kerr (1977 [1955]) beschrieben wurde. In Abbildung 2.5 werden die Beschreibungen der Arbeitsmarktstrukturen von Piore (1975) und Lutz und Sengenberger (1974) sowie Sengenberger (1978a) gegenübergestellt. Werner Sengenberger (1978a) wies bereits daraufhin, dass mit dem Modell des betriebsspezifischen Teilarbeitsmarkts eine weitere Annahme des neoklassischen Arbeitsmarktmodells in Frage gestellt wird. In betriebsspezifischen Teilmärkten entspricht eben nicht, wie es die neoklassische Theorie voraussagt, die Lohnhöhe dem tatsächlichen Marktwert eines Arbeitnehmers, sondern kann zeitweise darüber oder darunter liegen (Sengenberger 106 Abbildung 2.5: Segmente des dualen bzw. des dreigeteilten Arbeitsmarkts (in Anlehnung an Köhler und Krause 2010: 393) Teilarbeitsmärkte Intern Extern Primär ” good jobs“ interner Arbeitsmarkt (betriebsspezifische Qualifikationen) berufsfachlicher Arbeitsmarkt (berufsfachliche Qualifikationen) Sekundär ” bad jobs“ bei Piore und Lutz nicht besetzt Jedermannarbeitsmarkt (allgemeine, unspezifische Qualifikationen 1978a: 89–90). Exemplarisch kann hierfür die Entlohnung bzw. die Arbeitsplatzstruktur des öffentlichen Diensts angeführt werden. Zu Beginn der Beschäftigung in diesem Teilarbeitsmarkt werden relativ zur Produktivität des Arbeitnehmers geringere Löhne gezahlt, aber in festgelegten Intervallen Lohnsteigerungen in Aussicht gestellt. Ebenso ist der öffentliche Dienst beispielhaft für eine interne Arbeitsmarktstruktur, die an den unteren Positionen wenige Einstiegsmöglichkeiten ( ” ports of entry“) bietet und in der die weiteren aufsteigenden Arbeitsplätze durch interne Aufstiege besetzt werden. Dies wird vor allem dadurch ermöglicht, dass eine relativ kostengünstige betriebsspezifische Qualifizierung der Arbeitnehmer durch Training on the Job erfolgt. Die Qualifizierung für höherwertige Positionen wird bereits während der Ausübung der aktuellen Tätigkeit vollzogen, so dass die Aufstiegsoptionen und -positionen stark institutionalisiert und vorgezeichnet sind. Diese Sichtweise auf den bundesrepublikanischen Arbeitsmarkt bleibt in der Folge jedoch nicht unumstritten (Blien 1986; Becker 1990). So konnte gezeigt werden, dass die ursprüngliche Einteilung der Arbeitsmarktsegmente von Sengenberger (1978a) empirisch nur schwer nachweisbar war und eine differenziertere Sichtweise auf die Strukturierung des Arbeitsmarkts notwendig ist. Dabei wurde zum einen gezeigt, dass zwischen den Arbeitsmarktstrukturen der Privatwirtschaft und des öffentlichen Diensts 107 erhebliche Unterschiede fest zu machen sind (exemplarisch Becker 1990; Keller 1985). Zum anderen scheinen weitere berufs- und branchenspezifische Differenzierungen notwendig, um die Arbeitsmarktstruktur – sowohl in der Privatwirtschaft als auch im öffentlichen Dienst – adäquat zu beschreiben (Blien 1986). Weitere Kritikpunkte, die zu einem vorübergehenden Bedeutungsverlust des Segmentationsansatzes führten, waren zum einen die gesellschaftstheoretischen Arbeiten von Ulrich Beck (1986) zur Entstrukturierung der Klassengesellschaft, zum anderen die auf arbeits- und lebenslaufsoziologischer Ebene aufgekommene These der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses (Hoffmann und Walwei 1998; Mückenberger 1985) sowie der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen (Dörre 2006; vgl. auch Köhler et al. 2010). Im Zuge der Flexibilisierungsdebatte (Sill 2005; Szydlik 2008) wurde konstatiert, dass die Stabilität von Beschäftigungsformen abgenommen sowie die Heterogenität von Arbeitsmarktstrukturen zugenommen habe. Dennoch weisen eine Reihe von empirischen Arbeiten nach, dass eher Kontinuität langfristiger Beschäftigungsverhältnisse und stabile Arbeitsmarktstrukturen beobachtbar sind (Erlinghagen 2004; Mayer et al. 2010). Daher wurde in der Folge nicht von einer Auflösung bestehender Arbeitsmarktstrukturen ausgegangen, sondern eine Differenzierung interner Arbeitsmärkte ausgearbeitet, um den historischen, gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Entwicklungen Rechnung zu tragen. An die ursprünglichen Überlegungen zu internen Arbeitsmärkten anknüpfend, erweitert Lutz (2007) die Konzeption interner Arbeitsmärkte um folgende drei Grundtypen (vgl. auch Köhler et al. 2010: 161): 1. der klassische interne Arbeitsmarkt 2. der berufsfachliche interne Arbeitsmarkt 3. der ” bildungsstratifizierte“ interne Arbeitsmarkt Die Ausgestaltung des Arbeitsmarkts bzw. der Arbeitsmärkte in der Form interner Märkte geht mit einer historisch seit den 1950er Jahren sich entwi- 108 ckelnden gesellschaftlichen Veränderung einher. In den 1950er und 1960er Jahren kam es zuerst zu einer Herausbildung betriebsspezifischer Arbeitsmärkte, nachdem der Bedarf an einfachen Arbeitern des externen Jedermannarbeitsmarkts schnell gedeckt war. Einer der maßgeblichen Faktoren der Entstehung betriebs- und berufsspezifischer Arbeitsmärkte war die Steigerung des (gesamtdeutschen) Bildungsniveaus (Lutz 2007). Im Anschluss an den von Lutz und Sengenberger (1974) erarbeiteten Münchner Segmentationsansatz entwickelten Christoph Köhler und Olaf Struck im Rahmen des SFB 580 ” Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch. Diskontinuität, Tradition und Strukturbildung“ (Köhler et al. 2006) ein eigenes Konzept betrieblicher Beschäftigungssysteme. Entgegen der These der Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und der Flexibilisierung von Arbeit kommen die Arbeiten des SFB 580 zu dem Ergebnis, dass sich ” in den Großunternehmen unter dem Eindruck von Restrukturierungsprozessen und Entlassungswellen die Sicherheitskonstruktion der Beschäftigten“ (Köhler und Krause 2010: 399) zwar verändert hat, dennoch ” die Erwartung langfristiger Beschäftigung handlungsrelevant in dem Sinne [bleibt], dass Laufbahnen, Qualifizierungsprozesse und Gratifikationssysteme darauf ausgelegt werden“ (Köhler und Krause 2010: 399). Dieser neue Ansatz geht davon aus, dass innerhalb einzelner Organisationen ein betriebliches Beschäftigungssystem definiert ist ” als Teilmenge von Arbeitsplätzen und Arbeitskräften [. . . ], die sich nach innen (gegenüber anderen Arbeitsbereichen) und nach außen (gegenüber den überbetrieblichen Arbeitsmärkten) durch unterschiedliche Niveaus der Schließung abgrenzen“ (Köhler und Krause 2010: 398). Als maßgeblichen ” Indikator für den Grad der Schlie- ßung gegenüber den überbetrieblichen Teilarbeitsmärkten [wird] die in den innerbetrieblichen Allokationsräumen dominante Dauer der Beschäftigung“ (Köhler und Krause 2010: 398) angegeben. Somit werden die klassischen betriebsspezifischen Arbeitsmärkte als geschlossene Beschäftigungssysteme bezeichnet, die durch langfristige Beschäftigungsverhältnisse ausgezeichnet sind. Demgegenüber zeichnen sich offene 109 Beschäftigungssysteme durch kurz- und mittelfristige Beschäftigungsverhältnisse aus. ” Geschlossene Beschäftigungssysteme bilden den betrieblichen Baustein des Arbeitsmarktsegments interner Märkte, offene Systeme den Baustein externer Märkte“ (Köhler und Krause 2010: 399). Demnach sind die Befürchtungen einer wachsenden Generalisierung von Arbeitsmarktrisiken nur bedingt erkennbar; die Arbeitsmarktrisiken lassen sich nicht generalisieren, sondern gelten nur für bestimmte Segmente des Arbeitsmarkts (Köhler und Krause 2010). Aufgrund dieser Annahmen gilt es im Folgenden, speziell für den auf Akademiker eingeschränkten Arbeitsmarkt zu untersuchen, ob der ” Akademikerarbeitsmarkt“ ein typisches Arbeitsmarktsegment darstellt oder eine ungenaue Terminologie aufweist, indem der Akademikerarbeitsmarkt nicht nachweisbar ist und eher von Arbeitsmärkten für Akademiker gesprochen werden sollte. Die Unterteilung von internen Arbeitsmärkten in klassische interne Arbeitsmärkte, berufsfachliche interne Arbeitsmärkte sowie bildungsstratifizierte Arbeitsmärkte erscheint mit Blick auf die ” bildungshomogene“ Gruppe der Akademiker als unangemessen. Angemessener erscheint es, von bildungsstratifizierten Arbeitsmärkten auszugehen, die sich anhand der geforderten Qualifikationsprofile strukturieren, und erst in einem zweiten Schritt diese in klassische interne und berufsfachliche interne Arbeitsmärkte zu untergliedern. Diese Überlegung beruht auf der Annahme, dass ein Hochschulabschluss für eine ausbildungsadäquate Besetzung einer Stelle vorausgesetzt wird. Idealtypisch zeigt sich dies in den Qualifikationsanforderungen für den Einstieg in den gehobenen und höheren Dienst der Beamtenlaufbahnen. So verweist Burkhart Lutz (2007) darauf, dass in diesen Arbeitsmärkten die freien Arbeitsplätze ” vorrangig nach dem vorausgesetzten Niveau des Bildungsabschlusses und nicht nach dem erwünschten fachlichen Profil definiert“ werden (Lutz 2007: 68). Demnach sollte – unter der Annahme einer niveau- bzw. ausbildungsadäquaten Beschäftigung – der Arbeitsmarkt für Akademiker eine ” Teilmenge“ des bildungsstratifizierten Arbeitsmarkts sein. Exemplarisch zeigt sich die Einteilung dieses Arbeits- 110 markts im öffentlichen Dienst, der in einen einfachen, mittleren, höheren und gehobenen Dienst eingeteilt ist, für den jeweils bestimmte Bildungsabschlüsse die Zugangsbarrieren bilden. Dabei zeigt sich die institutionelle Kopplung zwischen dem Bildungssystem und dem öffentlichen Dienst daran, dass die vier Laufbahngruppen der Strukturierung des Bildungssystems entsprechen (v. Behr und Schultz-Wild 1973: 18). Belege dafür, dass man nur schwerlich von dem Akademikerarbeitsmarkt sprechen kann, finden sich ebenfalls bei Keller und Klein (1994), die herausarbeiten konnten, dass vor allem beim Berufseinstieg unterschiedliche Funktionsweisen der Arbeitsmärkte des öffentlichen Diensts und der Privatwirtschaft beobachtbar sind. Keller und Klein (1994) wie auch Leuze (2010a) können zeigen, dass eine nicht zu unterschätzende Mobilität von Akademikern zwischen der Privatwirtschaft und einer Anstellung im öffentlichen Dienst vorhanden ist. Daher scheint die These, dass ein Wechsel des Arbeitsmarktsegments (Privatwirtschaft bzw. öffentlicher Dienst) mit einem Verlust des akkumulierten Humankapitals verbunden ist und daher einen Wechsel zwischen den Segmenten unwahrscheinlicher macht, zu ungenau. Während Keller und Klein (1994) wie auch Leuze (2010a) auf Mobilitätsprozesse im Erwerbsverlauf abzielen, lässt sich dieses Konzept auch auf Eintrittsprozesse übertragen, so dass diese weniger nach der Unterscheidung ” öffentlicher Dienst“ versus ” Privatwirtschaft“ gegliedert sind, sondern viel eher durch den Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe. Dieser Eindruck erhärtet sich, berücksichtigt man die von Lutz (2007) vorgenommene Differenzierung der internen Arbeitsmärkte. Diese Überlegungen führen zu einem weiteren Konzept zur Segmentation von Arbeitsmärkten speziell für Akademiker, welches auf Kathrin Leuze (2010a) zurückgeht. Hierbei wird zum einen zwischen den beiden Arbeitsmarktsektoren Privatwirtschaft und öffentlicher Dienst und zum anderen zwischen Professionen bzw. professionellen Berufen und nicht professionel- 111 Abbildung 2.6: Segmentation von Arbeitsmärkten für Akademiker (in Anlehnung an Leuze 2010a: 29) schwach OLM stark schwach ILM stark Privatwirtschaft, keine Profession Privatwirtschaft, Profession Öffentlicher Dienst, keine Profession Öffentlicher Dienst, Profession OLM = Occupational Labour Market (berufsfachlicher interner Arbeitsmarkt) ILM = Internal Labour Market (betriebsspezifischer interner Arbeitsmarkt) len Berufen unterschieden (siehe Abbildung 2.6).31 Diese Bereiche werden wiederum anhand der Dimensionen des betrieblichen internen und des berufsfachlichen internen Arbeitsmarkts verortet. Dabei wird deutlich, dass bei einer Eingrenzung der Arbeitsmärkte auf Märkte für Akademiker lediglich betriebsinterne und berufsfachliche Arbeitsmärkte Beachtung finden, der Jedermannarbeitsmarkt ist für Akademiker weitestgehend uninteressant. Eine differenzierte Betrachtung des öffentlichen Sektors und des privatwirtschaftlichen Sektors ist in zweierlei Hinsicht relevant für diese Arbeit. (1) Der öffentliche Dienst bildet einen Bereich, ” der in allen westlichen Industrie- 31 Professionen bzw. professionelle Berufe werden von Leuze (2010a: 24) beschrieben als ” hochqualifizierte Berufe, für deren Ausübung bestimmte Zertifikate, z. B. ein Hochschulabschluss, Voraussetzung sind. Aufgrund dieser Zugangsvoraussetzungen sowie durch den Schutz professioneller Titel ist das Tätigkeitsfeld in Professionen stärker vor Konkurrenz geschützt als das anderer Berufe.“ Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass ein Hochschulabschluss lediglich eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Bezeichnung einer Tätigkeit als Profession darstellt. Das bedeutet, dass nicht alle Berufe, die einen Hochschulabschluss voraussetzen, als Profession zu bezeichnen sind. Weitere Abgrenzungsmerkmale von Professionen gegenüber anderen akademischen Berufen sind ein hohes Maß an Verantwortung sowie zumeist eine eigene Berufsethik (z. B. der Eid des Hippokrates der Ärzte). Demszky von der Hagen und Voß (2010: 762) beschreiben Professionen als ” Berufe, die sich durch besondere Erwerbs-, Qualifikations- und Kontrollchancen auszeichnen und deshalb oft ein ausgeprägtes Sozialprestige genießen“. Somit ist davon auszugehen, dass Akademiker vermehrt in professionellen Berufen – im Sinne von Professionen – und im (gehobenen und höheren) öffentlichen Dienst eine Anstellung finden. 112 nationen im Zuge des Ausbaus des Sozialstaates über mehrere Jahrzehnte permanent expandierte“ (Keller 1985: 649), und (2) sind ” Hochschulabschlüsse traditionell eine zentrale Voraussetzung für den Eintritt in den gehobenen und höheren Staatsdienst“ (Leuze 2010a: 27). Damit stellt der öffentliche Dienst gerade für hochqualifizierte Arbeitnehmer einen beträchtlichen Teil an Arbeitsplätzen zur Verfügung (Becker 1993; Leuze 2010a; siehe auch Abschnitt 3.7). Zusätzlich ist innerhalb des öffentlichen Diensts der ” Dualismus von privat-rechtlichem Arbeitnehmerstatus der Angestellten und Arbeiter und öffentlich-rechtlichem Dienstverhältnis der Beamten“ (Keller 1985: 649; Hervorh. i. Orig.) zu berücksichtigen. Wobei einschränkend erwähnt werden muss, dass Becker (1990) keine signifikanten Unterschiede zwischen Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes feststellen konnte. Aus Abbildung 2.6 wird ebenfalls ersichtlich, dass der öffentliche Dienst in stärkerem Maße Strukturen eines klassischen bzw. betriebsspezifischen Arbeitsmarkts aufweist. Dies ist eine sinnvolle Anpassung der Erkenntnis, dass die von Sengenberger (1978a) vorhergesagte interne Arbeitsmarktstruktur des betriebsspezifischen Teilarbeitsmarkts empirisch nicht nachgewiesen werden konnte. Vielmehr scheinen überbetriebliche Arbeitsplatzwechsel in der Privatwirtschaft die Regel und nicht die Ausnahme zu sein; das heißt, dass Arbeitsplatzwechsel in betriebsspezifischen Arbeitsmärkten nicht über innerbetriebliche Karriereleitern erfolgen (Becker 1990: 367). Demnach folgt die Arbeitsmarktstruktur in der Privatwirtschaft eher den Regeln eines berufsfachlichen internen Arbeitsmarkts. Hierbei ist die berufsfachliche Strukturierung umso stärker, je ” professioneller“ die Arbeitsplatzanforderungen sind. Auch hier zeigt sich erneut die starke Kopplung der Strukturen der akademischen Ausbildungsabschlüsse mit den Strukturen der Arbeitsmärkte für Akademiker. Demnach soll im Rahmen dieser Arbeit der Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe (siehe eingehender Abschnitt 4.1.5; auch Vicari 2014) für die Standardisierung wie auch für die berufsfachliche 113 Spezialisierung von Studiengängen und den damit verbundenen Berufen stehen. Daraus folgt, dass die Professionen im privatwirtschaftlichen Sektor sowie die Beschäftigten im öffentlichen Dienst (Professionen und keine Professionen) als geschlossene Systeme beschrieben werden können und somit besonders vor der Konkurrenz des externen Arbeitsmarkts geschützt sind. Während am einen Ende des Spektrums die professionellen Berufe im öffentlichen Dienst durch betriebliche wie auch berufsfachliche Strukturen geschützt werden, zeichnen sich die nicht-professionellen Berufe in der Privatwirtschaft durch einen verhältnismäßig schwachen Konkurrenzschutz aus. Die betriebsspezifische Arbeitsmarktstruktur des öffentlichen Diensts bringt zudem den Umstand mit sich, dass die beruflichen Karrieren bzw. die Erwerbsverläufe am stärksten durch die Berufseintrittspositionen bestimmt werden (Becker 1990: 374). Bevor im nachfolgenden Kapitel die Arbeitsmarktsituation von Akademikern beschrieben wird, soll zusammenfassend festgehalten werden, dass hochqualifizierte Arbeitnehmer besonders stark vor Konkurrenz des externen Markts geschützt sind. Dies zum einen, da durch die Eingrenzung des Akademikerarbeitsmarkts auf einen Teilbereich des bildungsstratifizierten internen Arbeitsmarkts bereits eine Schließung des Markts vor externer Konkurrenz von vornherein gegeben ist. Zum anderen erfolgt innerhalb dieser Eingrenzung eine weitere Schließung durch die Kopplung der Einstiegspositionen des Arbeitsmarkts für Akademiker mit den dafür vorgesehenen Abschlussarten der Hochschulen. Daher wird davon ausgegangen, dass je diffuser ein mit einem Studiengang verbundenes Berufsbild ist, desto stärker ist die Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt, umgekehrt wird unterstellt, dass je klarer ein Studiengang bzw. Abschluss auf einen konkreten Beruf (Profession und/oder Laufbahn im öffentlichen Dienst) hin ausgerichtet ist, desto stärker ist der Markt vor Konkurrenz geschützt. Weiter wird davon ausgegangen, dass der Berufseinstieg der gleichen Logik folgt. Je stärker 114 die Kopplung des Ausbildungssystems mit dem Erwerbssystem ausgeprägt ist, desto geradliniger verläuft der Übergang in den Arbeitsmarkt. Diese Sichtweise auf den Arbeitsmarkt, welcher zum einen zwischen dem öffentlichen und dem privatwirtschaftlichen Sektor (Leuze 2010a) und zum anderen zwischen koordinierter Marktwirtschaft (CME) und liberaler Marktwirtschaft (LME) im Ländervergleich (Leuze und Allmendinger 2008) unterscheidet, soll in dieser Arbeit auf die Binnensicht von Akademikern eingegrenzt werden. Dabei wird die horizontale Differenzierung zwischen wissenschaftsnahen Universitäten und anwendungsbezogenen Fachhochschulen in den Vordergrund gerückt. Im Vergleich zwischen der in Großbritannien vorherrschenden liberalen Marktwirtschaft und der damit einhergehenden losen Verbindung zwischen (tertiärem) Ausbildungs- und Erwerbssystem und der in Deutschland vorherrschenden starken Verbindung zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem (koordinierte Marktwirtschaft) wird deutlich, dass gerade diese starke Kopplung zu einem guten und reibungslosen Berufseinstieg führt. Dies gilt besonders für die stark berufsbezogene Ausbildung an Fachhochschulen (Leuze und Allmendinger 2008). Daran anknüpfend wird argumentiert, dass ein Fachhochschulstudium – im Vergleich zu Universitäten – eine stärkere Passung bezüglich der Anforderungen und Logiken des Arbeitsmarkts vorweist und daher die Berufseinstiegsprozesse von Fachhochschulabsolventen schneller und reibungsloser verlaufen sollten. 115

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Zusammenfassung

Wie verlaufen die Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit?

Einerseits werden Akademikern nach wie vor sehr gute Beschäftigungschancen nachgesagt. Andererseits mehren sich die Stimmen, die auch für Akademiker zunehmend längere und turbulentere Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit postulieren. Dirk Böpple geht aus einer stärker lebenslauftheoretischen Position einerseits der Frage nach, ob sich diese De-Standardisierungstendenzen sowohl auf die Übergangsdauer als auch auf die Ausgestaltung der Übergänge auswirken. Andererseits untersucht der Autor, welchen Einfluss strukturelle Merkmale des Bildungs- und Erwerbssystems auf die Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit ausüben und welche Aspekte durch individuelle Eigenschaften der Absolventen beeinflusst werden. Zur Beantwortung dieser Fragen wendet er neuste Verfahren der quantitativen empirischen Sozialforschung an.