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5 Auswertungen der empirischen Sekundäranalysen in:

Dirk Böpple

Berufseinmündung von Akademikern, page 185 - 270

Sequenzmuster der Übergänge zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3974-8, ISBN online: 978-3-8288-6839-7, https://doi.org/10.5771/9783828868397-185

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 81

Tectum, Baden-Baden
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5 Auswertungen der empirischen Sekundäranalysen Im folgenden Kapitel werden zuerst die theoretischen Überlegungen der vorangegangenen Kapitel mit Blick auf die Problemstellung dieser Arbeit verdichtet und darauf aufbauend Arbeitshypothesen formuliert (Abschnitt 5.1). In den darauffolgenden Abschnitten werden diese empirisch geprüft und eingehend diskutiert (Abschnitt 5.2). 5.1 Problemstellung und Arbeitshypothesen Anschließend an die theoretischen Überlegungen zu Berufseinmündungsprozessen anhand ausgewählter Konzepte der Lebenslaufforschung (Abschnitt 2.1) und der nachfolgenden Zuspitzung auf eine Übergangskonzeption (Abschnitt 2.2) sowie arbeitsmarkttheoretischer Konzepte (Abschnitt 2.3) werden nun die daraus abgeleiteten Hypothesen vorgestellt. Die Problemstellung dieser Arbeit gliedert sich in zwei Bereiche: Erstens wird eingangs der Frage nach einer Individualisierung und (De-)Standardisierung der Übergänge zwischen Hochschule und erster Erwerbstätigkeit im Kohortenvergleich nachgegangen. Daran anknüpfend werden zweitens diese Übergänge im Rahmen der beiden vorgestellten Perspektiven punktueller Übergangsereignisse und sequenzieller Übergangsprozesse untersucht. Dabei bezieht sich die Problemstellung der sequenziellen Übergangsprozesse auf die Ausgestaltung der Verlaufsmuster der Übergänge von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit und fokussiert den prozesshaften Charakter der Übergänge im Lebensverlauf. Damit wird eine detailliertere Betrachtung dessen, was zwischen Abschluss des Hochschulstudiums und Erhalt bzw. Antritt der ersten Erwerbstätigkeit geschieht, verfolgt. Wenn die Dauer des Übergangs in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wird, wird eine Perspektive eingenommen, welche die Berufseinmündung als Ereignis kon- 185 zeptualisiert. Damit steht weniger die Ausgestaltung der Übergänge im Vordergrund, sondern vielmehr ergänzend hierzu die Frage, welche Faktoren einen schnellen Berufseinstieg begünstigen bzw. verhindern. Gemeinsam ist den Analysen, dass die Aspekte der horizontalen Differenzierung der Hochschularten und des Grads der standardisierten Zertifizierung der Berufe als Maß für die Harmonisierung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem – im Sinne einer vertikalen Passung – im Vordergrund der Überlegungen stehen. Dabei verweist die horizontale Differenzierung auf das Passungsverhältnis mit mehr Gewicht auf der Ausbildungsseite, indem zwischen Anwendungsbezug und Wissenschaftsbezug der Hochschularten unterschieden wird, aber auch die Reaktion des Arbeitsmarkts nicht unberücksichtigt bleibt. Komplementär liegt beim Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe das Gewicht stärker auf der Arbeitsmarktseite, indem die institutionelle Regulierung der Berufszugänge, aber auch die häufig damit einhergehenden institutionell stärker regulierten Studieninhalte bzw. -abschlüsse repräsentiert werden. Somit spiegelt vor allem der Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe die Handlungsspielräume unter stärker oder schwächer institutionell regulierten Studienabschlüssen, aber auch Berufszugängen wider. Die Verbindung der Handlungsspielräume der Gatekeeper mit der institutionellen Passung zwischen den Ausbildungszertifikaten und der Regulierung der Berufszugänge repräsentiert dabei die Harmonisierung zwischen den beiden angrenzenden Lebenslaufphasen. Dabei wird ein Ansatz verfolgt, der weniger Fragen der sozialen Ungleichheit in Bezug auf den Zugang zu knappen und begehrten Ressourcen in den Vordergrund rückt (adäquate oder befristete Beschäftigungen, aber auch ” angemessene“ Einkommen), sondern auf unterschiedliche Verweildauern in bestimmten Phasen des Lebenslaufs abzielt. Das Interesse richtet sich damit auf die ” Aufteilung der gesamten Lebenszeit oder kürzerer Zeitabschnitte. Also [auf] variierende Aufenthaltszeiten in gesellschaftlichen Positionen“ (Berger 1996: 12; Hervorh. i. Orig.). Mit der Verknüpfung von Übergangsdauer, Übergangsmustern und Kohortenvergleichen wird daher 186 auf methodischer Ebene eine detailliertere Sichtweise auf das ” timing“ und ” sequencing“ von Übergängen in einer Perspektive der Lebenszeit und der historischen Zeit ermöglicht (vgl. Abschnitt 2.1.4). Unter Berücksichtigung der horizontalen Differenzierung der Hochschularten und des Grades der standardisierten Zertifizierung der Berufe ergibt sich die in Abbildung 5.1 dargestellte Matrix der Harmonisierung von Ausbildungsund Erwerbssystem und den damit angenommenen Handlungsspielräumen der institutionellen Gatekeeper. Die Handlungsspielräume der Gatekeeper der Loslösungsphase wie auch der Integrationsphase werden durch den Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe bedingt. Je stärker die Ausbildungszertifikate standardisiert und die Zugänge zu den damit verbundenen Berufen reglementiert sind, desto geringer sind die Handlungsspielräume der Gatekeeper im Sinne einer stärkeren institutionellen Regelung der Austrittsund Eingangsbedingungen. Zudem wird davon ausgegangen, dass die Handlungen der Gatekeeper des Ausbildungssystems stärker den Logiken des Erwerbssystems folgen, wenn es sich um anwendungsbezogene Fachhochschulen handelt, als bei den eher Abbildung 5.1: Harmonisierung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem niedrig Passungsverhältnis Ausbildungs- und Erwerbssystem hoch hoch Handlungsspielräume Gatekeeper niedrig Universität, niedrig standard. Zertifizierung des Berufs Fachhochschule, niedrig standard. Zertifizierung des Berufs Universität, hoch standard. Zertifizierung des Berufs Fachhochschule, hoch standard. Zertifizierung des Berufs 187 wissenschaftsnahen Universitäten, welche in stärkerem Maße an wissenschaftlichen und nicht an wirtschaftlichen Kriterien orientiert sind. Dies sollte dazu führen, dass die Harmonisierung zwischen Fachhochschulen und Erwerbssystem höher ist als zwischen Universitäten und dem Erwerbssystem. Den anwendungsorientierten Fachhochschulen wird ein ” geradlinigeres Verhältnis zum Zusammenhang von Bildungs- und Beschäftigungssystem“ (Teichler 2007: 20) attestiert, welches zu kürzeren Übergangsdauern und geradlinigeren Übergängen in die erste Erwerbstätigkeit führt. Einerseits kann erwartet werden, dass sich dieser Effekt für hoch standardisierte Berufe noch verstärkt (Leuze 2007; Leuze und Allmendinger 2008). Andererseits kann angenommen werden, dass mit steigendem Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe der positive Effekt der stärkeren Harmonisierung der anwendungsbezogenen Fachhochschulen abnimmt. Somit würde der stärkere Anwendungsbezug der Fachhochschulen gegenüber den Universitäten durch den hohen Grad der beruflichen Passung ausgeglichen, so dass der Effekt der beruflichen Standardisierung die ” Vorteile“ des höheren Anwendungsbezugs des Fachhochschulstudiums nivelliert. Es gilt also zu prüfen, ob bei hoch standardisierten Zertifizierungen der Berufe die Effekte berufsfachlicher Arbeitsmarktstrukturen gegenüber den stärker bildungsstratifizierten Arbeitsmarktstrukturen überwiegen. In Hinblick auf die Segmentation von Arbeitsmärkten für Akademiker ist davon auszugehen, dass die Einstiegspositionen von Berufen mit niedrig standardisierter Zertifizierung als offene Systeme betrachtet werden können und die Berufe mit hoher standardisierter Zertifizierung als geschlossene Systeme. Somit weisen die Tätigkeitsfelder mit einer hohen standardisierten Zertifizierung der Berufe stärker die Strukturen berufsfachlicher Arbeitsmärkte auf, als jene mit geringer Standardisierung; diesen kann dann eine Nähe zu bildungsstratifizierten Arbeitsmärkten unterstellt werden. In den folgenden Thesen stehen daher die Auswirkungen institutioneller Merkmale auf den Übergangsprozess zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt im Vordergrund. Dabei wird der Einfluss der Hochschulart unter Kontrolle 188 des Passungsverhältnisses zwischen Ausbildungszertifikat und Berufszugang untersucht. Da diese institutionelle Kopplung zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem in Deutschland traditionell stark ausgeprägt ist (im Vergleich zu Großbritannien siehe Leuze 2010a), wird davon ausgegangen, dass die erwarteten institutionellen Effekte auch unter Kontrolle individueller Merkmale bestehen bleiben. Es gilt also im Folgenden zu prüfen, ob (1) eine De-Standardisierung von Übergängen in die erste Erwerbstätigkeit im Kohortenvergleich zu beobachten ist; (2) ob die horizontale Differenzierung zwischen anwendungsbezogenen Fachhochschulen und wissenschaftsnäheren Universitäten unter Berücksichtigung unterschiedlich standardisierter Zertifizierungen der Berufe unterschiedliche Muster beim Übergang zwischen Hochschule und erster Erwerbstätigkeit hervorbringt; und es wird (3) mit Blick auf die Dauer des Übergangs zu prüfen sein, welche institutionellen und individuellen Faktoren die Dauer bis zur ersten Erwerbstätigkeit beeinflussen. Thesen zur De-Standardisierung Die Analysen zu einer tiefer gehenden Betrachtung von Individualisierungsund (De-)Standardisierungstendenzen der Übergänge zwischen Hochschule und erster Beschäftigung orientieren sich grundlegend an den Thesen von Ulrich Beck (1986). Im Zuge der dort aufgezeigten Individualisierungsprozesse wird eine ” Zunahme von biographischen Diskontinuitäten und allgemeiner Beschleunigung von Übergängen und Statuswechseln sowie steigende Vielfalt von Verlaufsmustern“ (Konietzka 2010: 67–68) postuliert.62 Ebenso folgt die Argumentation von Wohlrab-Sahr (1997) der These, dass erst die Freisetzung des Individuums aus ständischen Zwängen und Vorgaben eine Differenzierung und Pluralisierung von Lebensverläufen ermöglichte. Dabei wird betont, dass diese Freisetzung des Individuums auch mit einer 62 Wenn Dirk Konietzka von ” Übergängen“ spricht, sind in der hier verwendeten Terminologie ” Zustandswechsel“ gemeint. 189 Zunahme an risikobehafteten Entscheidungen verbunden ist, wobei die ” Entscheidungsmacht“ und damit auch die ” Haftung“ mehr denn je beim Individuum selber liegt. Auch Berger und Sopp (1992: 167) kommen zu dem Schluss, dass für den Zeitraum bis Anfang der 1980er Jahre eine ” Häufung diskontinuierlicher Erwerbsverlaufsmuster in den jüngeren Kohorten“ zu beobachten ist. Da gerade an den Übergängen zwischen zwei markanten Lebenslaufphasen diese risikobehafteten Entscheidungen besonders deutlich hervortreten, gilt es im Folgenden zu prüfen, ob im Kohortenvergleich tatsächlich (1) die Statuswechsel beim Übergang von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit zugenommen haben (Komplexität/Turbulenz) und (2) ob die Übergangsverläufe dabei nicht nur schnellere Statuswechsel (und damit mehr) aufweisen, sondern auch noch vielfältiger in der Ausgestaltung der Verlaufsmuster geworden sind (Diskrepanz) (vgl. Konietzka 2010; Mayer 1991). Der Argumentation von Brückner und Mayer (2005) folgend, sollte sich eine De-Standardisierung von Lebensverläufen, die mit einer Individualisierung von Übergängen zwischen den Lebenslaufphasen verbunden ist, in einer steigenden Varianz des Alters an den Übergangspunkten zwischen dem Bildungs- und Erwerbssystem beobachten lassen. Während Berger (1996) für die Geburtskohorten bis zum Jahr 1960 im Allgemeinen relativ konstante Altersmediane beim Ausbildungsaustritt und Berufseintritt feststellen kann, konstatiert er für Absolventen tertiärer Bildungsgänge eine stärkere Variation des Alters zu diesen Aus- und Eintrittszeitpunkten. Die dieser Arbeit zugrunde liegende Untersuchungspopulation der ALWA-Daten (Geburtskohorten 1956–1979) schließt annähernd an die Kohorten der von Berger untersuchten Population an. Damit können diese Entwicklungen angemessen weiter gezeichnet werden. Somit werden hier Kohorten untersucht, für die die Auswirkungen der Bildungsexpansion direkt wirksam werden. Die bei Berger (1996) zu beobachtende steigende Variation des Beginns der Übergangsphase der jüngsten Kohorte (seiner Untersuchungspopulation) und die Auswirkungen der Bildungsexpansion, welche zu einer höheren 190 und längeren Bildungsbeteiligung geführt haben, lassen erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzt. Resultierend daraus ist von einer weitergehenden Steigerung der Altersvarianz in den hier vorliegenden Daten auszugehen. Auch die Ergebnisse von Brückner und Mayer (2005) verweisen auf eine De-Standardisierung anhand der Varianz des Alters bei Austritt aus dem Bildungssystem. Die Autoren bemerken jedoch, dass die Frage offen bleibe, ob die Zunahme der Varianz tatsächlich ein geeigneter Indikator zur Messung von (De-)Standardisierung sei (Brückner und Mayer 2005: 48). Dabei ist auch kritisch anzumerken, dass die De-Standardisierung hierbei auf ” Altersnormen“ verweist und eine De-Standardisierung der Verläufe nur implizit enthalten ist. Es muss jedoch davon ausgegangen werden, dass eine vergleichbare und lediglich zeitversetzte Zunahme des durchschnittlichen Alters wie auch der Altersvarianz bei Ausbildungsende und Berufseintritt dafür spricht, dass die Übergänge an sich keiner Veränderung unterworfen sind. Diese ” punktuellen“ Indikatoren für eine (De-)Standardisierung von Austritts- und Eintrittszeitpunkten werden durch die in Abschnitt 4.2.2 beschriebenen Maßzahlen der Turbulenz und Diskrepanz um eine Längsschnittperspektive ergänzt. Mit der Methode der Diskrepanzanalyse kann zusätzlich ein detaillierterer Blick, unter Berücksichtigung des Verlaufscharakters von Übergängen, auf die Pluralisierung von Übergangsmustern gerichtet und so die Frage nach einer (De-)Standardisierung von Übergängen sinnvoll erweitert werden. Daher gilt es in den folgenden Analysen zu prüfen, ob diese punktuellen Indizien lediglich auf eine Verschiebung der Aus- und Eintrittszeitpunkte verweisen oder tatsächlich als Indikatoren für eine zunehmende De-Standardisierung gewertet werden können. Berücksichtigt man die horizontale Differenzierung der Hochschularten, kann erwartet werden, dass die Studieninhalte wie auch die Bewertung der anwendungsnäheren Fachhochschulabschlüsse durch die Gatekeeper des Bildungssystems (Typ I und II) eine größere Nähe zu den Kriterien des Erwerbssystems aufweisen und daher von einer stärkeren Harmonisierung der beiden Lebenslaufphasen auszugehen ist (siehe Abschnitt 2.2.3). Dies 191 wird anhand eines (1) jüngeren Austritts- und Eintrittsalters, (2) einer kürzeren Übergangsdauer sowie (3) weniger turbulenten und ” diskrepanten“ Übergangsverläufen der Fachhochschulabsolventen sichtbar werden. Weitere Aspekte einer De-Standardisierung von Übergängen betreffen die Zunahme von ” Übergangstätigkeiten“ zwischen dem Abschluss des ersten Hochschulstudiums und der ersten regulären Beschäftigung. Bei einer unterstellten De-Standardisierung von Übergängen sollte daher eine Zunahme der verbrachten Zeit in (Such-)Arbeitslosigkeit, geringfügigen Beschäftigungen, Praktika, aber auch selbst gewählter Nicht-Erwerbstätigkeit zu beobachten sein (Mayer 1990b). Diese Entwicklungen werden von Ulrich Beck (1986) als ” Flexibilisierung der Erwerbsarbeitszeiten“ beschrieben, und sie sollten sich ebenfalls in einer Zunahme von befristeten und Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen bemerkbar machen. Diese Annahme wird zudem durch die in Kapitel 3 beschriebene Entwicklung des Akademikerarbeitsmarkts gestützt. Dieser These widersprechen jedoch neuere empirische Arbeiten, die zeigen können, dass eher eine Kontinuität langfristiger Beschäftigungsverhältnisse und stabile Arbeitsmarktstrukturen beobachtbar sind (Erlinghagen 2004; Mayer et al. 2010). Somit muss geprüft werden, ob die durchschnittlich verbrachte Zeit in Teilzeit- und geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen und Praktika im Kohortenvergleich zugenommen hat. Ebenfalls soll dabei berücksichtigt werden, ob dies ein Übergangsphänomen ist oder sich im Erwerbsverlauf verfestigt. Ergänzend zu den deskriptiven Untersuchungen zu einer zeitlichen De-Standardisierung der Übergänge im Kohortenvergleich wird im Zuge einer multivariaten Analyse überprüft, ob die Komplexität bzw. Turbulenz der Übergangsverläufe im historischen Zeitverlauf zugenommen hat oder ob nicht vielmehr die horizontale Differenzierung zwischen anwendungsbezogenen Fachhochschulen und wissenschaftsnäheren Universitäten und das damit verbundene Passungsverhältnis zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem für einen turbulenteren Übergang verantwortlich sind. Geleitet werden die Analysen erneut von der Unterscheidung zwischen den insti- 192 tutionellen Merkmalen des Ausbildungssystems und des Erwerbssystems bzw. dem Arbeitsmarkt. Demnach kann auch hier davon ausgegangen werden, dass die stark standardisierten Zertifikate des Ausbildungssystems mit den dazu stark reglementierten Berufszugängen für weniger turbulente Übergänge verantwortlich sind. Da Geschlechterunterschiede beim Übergang in die erste Erwerbstätigkeit bereits vielfältig untersucht worden sind, werden sie im Rahmen dieser Arbeit weitestgehend ausgeblendet. Wie gezeigt werden konnte, ist kein signifikanter Geschlechterunterschied beim Übergang von Hochschulabsolventen in die erste Erwerbstätigkeit festzustellen (Falk 2005: 171–174; Leuze 2010b: 195). Lediglich bei Frauen, die bereits während des Studiums Kinder bekommen, ist von einer kürzeren Suchdauer bis zur ersten Anstellung auszugehen. Dennoch soll ein kurzer Verweis auf die Ergebnisse bisheriger Forschungen vorgenommen werden und dementsprechend für Frauen von einem turbulenteren und weniger geradlinigen Übergang ausgegangen werden. Dies dürfte auf die bereits genannten Aspekte der Komplexität und Turbulenz wie auch auf Befristungen und Teilzeitbeschäftigungen zutreffen (Büchel 1996; Falk 2005; Lauterbach 1994). Thesen zu den Übergangsmustern Neben der zeitlichen Entwicklung der Übergangsmuster im Kohortenvergleich, welche den sozialen Wandel der Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit fokussiert, wird eine differenzierte Analyse der Übergangsmuster angestrebt. Der explorative Charakter der Sequenzmusteranalyse erschwert die Vorhersage erwarteter Übergangsmuster und vor allem der diese Muster ” erzeugenden“ Effekte. Auch muss bei den zu charakterisierenden Übergangsmustern stets berücksichtigt werden, dass damit idealtypische Formen von Übergängen beschrieben werden. Die unter diesen Übergangsmustern zusammengefassten individuellen Verläufe werden nur zu einem gewissen Grad von der idealtypi- 193 schen Beschreibung der einzelnen Übergangscluster repräsentiert. Dennoch sollen im Folgenden kurz einige Annahmen zu den erwarteten Übergangsmustern vorgestellt werden. Wie in Abschnitt 4.2.1 bereits angesprochen, wird zwischen den Berufseinstiegs- und den Berufsverbleibsmustern unterschieden. Eine ” Vorhersage“ der erwarteten Übergangscluster orientiert sich an vorhergehenden Arbeiten, die mit Methoden der Sequenzmusteranalyse durchgeführt wurden. Die Gegenstände dieser Arbeiten beziehen sich einerseits auf Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit (vgl. Böpple 2010) und andererseits auf allgemeinere Arbeiten zum Übergang in das Erwachsenenalter, die den Übergang in die erste Erwerbstätigkeit als Teil desselben berücksichtigen (Schmidt 2012). Ausgehend von den nach wie vor guten Arbeitsmarktchancen von Akademikern (vgl. Kapitel 3) wird erwartet, dass ein Großteil der Absolventen relativ reibungslos in eine Vollzeitbeschäftigung übergeht. Diese Gruppe wird erwartungsgemäß recht heterogen in ihrer ” Zusammensetzung“ ausfallen. Damit ist gemeint, dass einige wenige, deutlich ” sichtbare“ Eigenschaften dieser Gruppe die Abwesenheit von Personen mit niedrigem Passungsverhältnis von Ausbildungszertifikat und beruflicher Tätigkeit sowie tendenziell höhere Anteile an Fachhochschulabsolventen sein werden. Individuelle Merkmale wie eine zusätzlich abgeschlossene Berufsausbildung dürften in diesem Cluster ebenfalls stärker vertreten sein. Eine weitere zu erwartende Gruppe von ” Übergängern“ werden die Personen darstellen, die im Anschluss an den ersten Studienabschluss eine obligatorische Phase der Weiterqualifizierung durchlaufen. Diese Gruppe dürfte allen voran von Absolventen mit Staatsexamina gebildet werden. Ihr wird aufgrund der angenommenen starken Passung von Ausbildungszertifikat und beruflicher Tätigkeit ein äußerst hoher Anteil an adäquater Beschäftigung sowie damit einhergehend ein großer Teil an Beschäftigungsverhältnissen im öffentlichen Dienst unterstellt. 194 Es wird sich zeigen, ob die Zunahme von Teilzeitbeschäftigungen und/oder anderen ” Übergangszuständen“ so weit reicht, dass sich dies in einer Ausgestaltung eines eigenständigen Clusters ausdrückt. Speziell die Zunahme an Teilzeitbeschäftigungen (siehe Kapitel 3) kann als Indiz für ein eigenständiges Teilzeitcluster herangezogen werden. Dies dürfte dann vor allem Frauen und Absolventen der weniger standardisierten Hochschulabschlüsse bzw. Berufsebenen betreffen (Lauterbach 1994; Schmidt 2012). Zweifelsohne wird sich eine als ” Übergangscluster“ zu bezeichnende Gruppe herauskristallisieren, nicht zuletzt aufgrund der an die Sequenzmusteranalyse anschließende hierarchische Clusteranalyse. Entsprechend diesem Clusterverfahren (Bortz 2005: 575–578; Ward 1963) werden zuerst diejenigen Personengruppen zusammengefasst, die die geringste Varianz innerhalb der Gruppe aufweisen. Am ” Ende“ des Verfahrens verbleibt somit eine ” Restgruppe“ mit entsprechend höherer Intragruppen-Varianz. In diesem Cluster werden diejenigen Personen zusammengefasst sein, die die turbulentesten Übergänge aufweisen. Bezogen auf den Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe werden vor allem die Absolventen der am wenigsten auf bestimmte Berufe ausgerichteten Magisterstudiengänge in diesem Cluster erwartet. In einem multivariaten Modell soll dabei geprüft werden, ob ein niedriges Passungsverhältnis zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem die Wahrscheinlichkeit diskontinuierlicher Übergangsmuster erhöht (Mayer und Müller 1989; Mayer 1991; Settersten und Gannon 2005). Hierbei wird vor allem geprüft, welcher Einfluss dem Passungsverhältnis von Ausbildungs- und Beschäftigungssystem zukommt und in welcher Weise sich die horizontale Differenzierung der Hochschularten auf den Einfluss des Passungsverhältnisses auswirkt. Die Art des erreichten Abschlusses wird von Seiten der Unternehmen unterschiedlich bewertet. Einerseits wird davon ausgegangen, dass die Art des Bildungsabschlusses ” erst im Verlauf der Beschäftigung voll wirksam“ wird (Teichler et al. 1984: 120), auf der anderen Seite kann vermutet werden, 195 dass die stärkere Berufsbezogenheit63 der Fachhochschulstudiengänge diesen Absolventen eindeutigere Berufsoptionen anbietet. Gerade die an Universitäten wesentlich stärker vertretenen geisteswissenschaftlichen Studiengänge lassen vermuten, dass vor allem die niedrig standardisierten universitären Studienabschlüsse häufiger mit diffuseren Berufsbildern verbunden sind und sich so die Berufsfindungsphase komplexer bzw. langwieriger gestaltet (Leuze 2010b). Demnach sollten sich Universitätsabsolventen mit niedrigem Zertifizierungsgrad besonders häufig im Übergangscluster befinden. Fachhochschulabsolventen hingegen wird eine höhere Wahrscheinlichkeit zugesprochen, im Vollzeitcluster vertreten zu sein. Von besonderem Interesse ist der in dieser Arbeit angedachte Vergleich der Berufseinstiegs- und der Berufsverbleibsmuster. Dabei wird sich zeigen, ob die Verlaufsmuster des Berufseinstiegs bereits relativ feste Erwerbsstrukturen etablieren, die sich im weiteren Berufsverbleib auch nahezu unverändert fortsetzen. Sollten sich die Annahmen der Such- und Matching-Theorien und des Job-Shopping-Ansatzes (Johnson 1978) bestätigen, müssten sich (1) unterschiedliche Ausgestaltungen der Cluster-Lösungen für Berufseinstieg und -verbleib ergeben und (2) zwischen den jeweiligen Cluster-Lösungen dieser beiden Perspektiven eine relativ hohe Mobilität zu beobachten sein. Sollte dies zutreffen, kann nur dann von einer temporären Übergangsphase gesprochen werden, wenn die Personen die in der Perspektive des Berufseinstiegs in einem Übergangscluster verortet sind, in relativ großen Anteilen in ein Erwerbstätigkeitscluster übergehen. Diese Bewegungen werden zusätzlich zur Typisierung der Berufseinstiegs- und Berufsverbleibscluster anhand einer Mobilitätsmatrix dargestellt. 63 Dies wird im Gegensatz zum stärkeren Forschungsbezug der universitären Studiengänge verstanden. 196 Thesen zur Übergangsdauer Während die Thesen zu den Übergangsmustern vorsehen, dass ein Großteil der Absolventen relativ direkt und reibungslos in die erste Erwerbstätigkeit übergeht, wird in der Perspektive des Übergangs als Ereignis der Fokus auf diejenigen Absolventen gelegt, welche keinen direkten Übergang erleben. Aufgrund der spezifischen Aufbereitung der Ereignisdaten beziehen sich diese Analysen daher auf die im Übergangscluster zusammengefassten Personen, welche keine der in Abschnitt 4.1.3 als Ereignis definierten Zustände zu Beginn des Beobachtungszeitraums aufweisen. Ergänzend hierzu wird eine vorausgehende Analyse durchgeführt, die darauf ausgerichtet ist zu untersuchen, welche Faktoren einen nahtlosen Übergang in die erste Erwerbstätigkeit begünstigen. Die Frage nach einem nahtlosen Übergang kann inhaltlich als ein Spezialfall der Argumentation für die Dauer des Übergangs angesehen werden, welcher eine Dauer von 0 aufweist. Daher beziehen sich im Folgenden die Thesen sowohl auf die Frage eines direkten Übergangs als auch auf die Frage der Dauer bis zum Antritt der ersten Beschäftigung. Sollten die eingangs aufgestellten Thesen zur Harmonisierung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem zutreffen, müssten sich die Übergangsdauer verkürzende Effekte beobachten lassen, je standardisierter der Grad der Zertifizierung des Berufs, also das institutionell geregelte Passungsverhältnis zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystem, ist (Mayer und Müller 1989; Mayer 1991). Dieser Effekt sollte sich für Fachhochschulabsolventen mit hoch standardisierten Berufen noch verstärken (Müller 2001). Aus der Perspektive des segmentierten Arbeitsmarkts kann ein hoher Grad an standardisierter Zertifizierung mit den beruflichen Eigenschaften einer Profession in Verbindung gebracht werden. Damit werden vor allem den Professionen mit hohem Passungsverhältnis zwischen Ausbildungs- und Beschäftigungssystem die Eigenschaften von berufsfachlichen Arbeitsmärkten zugesprochen (Leuze 2010a). Unter Berücksichtigung der horizontalen Differenzierung der Hochschularten wird davon ausgegangen, dass vor al- 197 lem Fachhochschulabsolventen gegenüber Universitätsabsolventen schneller in die erste Erwerbstätigkeit übergehen und dass diese Effekte der unterschiedlichen Hochschularten erst im Verlauf des Übergangs voll wirksam werden (Leuze 2007; Teichler 2007). Dabei wird unterstellt, dass gerade bei hoch standardisierten Berufen die Effekte der Hochschulart zurückgehen, so dass unter stark standardisierten Zertifizierungen der Abschlusszertifikate und starker Reglementierung des Berufszugangs der Anwendungsbezug der Fachhochschulen an Einfluss verliert. Daher wird erwartet, dass vor allem Fachhochschulabsolventen mit niedrig standardisierten Abschlüssen bzw. Berufen kürzere Übergangsdauern aufweisen. Je stärker die Ausbildungszertifikate und Berufszugänge standardisiert sind, desto weniger Einfluss geht von der horizontalen Differenzierung der Hochschularten aus. Den aufgezeigten Entwicklungen des Arbeitsmarkts für Akademiker entsprechend ist davon auszugehen, dass eine erste Anstellung im öffentlichen Dienst mit einer längeren Suchdauer verbunden ist. Dies zum einen, da die Beschäftigungschancen im öffentlichen Dienst abgenommen haben, und zum anderen, da der stärker an betriebsspezifischen Arbeitsmärkten orientierte öffentliche Sektor über weniger Einstiegspositionen verfügt, als dies im privatwirtschaftlichen Sektor der Fall ist, und vakante Stellen über betriebsinterne Aufstiege besetzt werden. Hingegen sollte die Einschränkung der Suche nach unbefristeten und/oder adäquaten Beschäftigungsverhältnissen die Suchdauer verlängern. Bezüglich der Frage nach dem Einfluss institutioneller und individueller Merkmale auf die Dauer des Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit werden individuelle Merkmale in die Analysen mit aufgenommen. Die Einflüsse der starken strukturellen bzw. institutionellen Kopplung zwischen Ausbildungsund Erwerbssystem in Deutschland (Leuze 2007; Müller 2001) sollten auch unter Kontrolle individueller Merkmale unverändert beobachtbar sein. Vergleichbar den Annahmen zum Einfluss der institutionellen Gatekeeper werden die nicht-institutionellen Gatekeeper der Familiendimension in 198 Form einer bestehenden Partnerschaft sowie Kindern im eigenen Haushalt zum Zeitpunkt des Studienabschlusses berücksichtigt. Den Annahmen der Humankapitaltheorie folgend, sollte das Vorhandensein von Kindern die Suchdauer verkürzen, da eine längere Phase der Sucharbeitslosigkeit unter Berücksichtigung der zu leistenden Versorgung des Kindes einen geringeren Grenznutzen zwischen Suchkosten und Ertrag zeitigt. In dieser Funktion werden Kinder auch als ” Gatekeeper“ mit indirektem Einfluss auf die Suchdauer und das Anspruchsniveau der Anstellung betrachtet. Ein weiterer Aspekt, der auch in der Form einer Gatekeeperfunktion indirekt wirkt, ist schlichtweg die verfügbare Zeit für eine Berufstätigkeit neben der Kinderbetreuung. Daher wird davon ausgegangen, dass Kinder einen die Suchdauer verkürzenden Effekt aufweisen, dieser Effekt dürfte vor allem zu Beginn des Suchprozesses zu beobachten sein und im weiteren Verlauf an Relevanz verlieren. Ein vergleichbarer Effekt wird von einer festen Partnerschaft erwartet. Da jedoch auch der Partner erwerbstätig sein kann und der Beeinflussung durch den Partner keine spezifische Richtung zugesprochen werden kann (so ist auch vorstellbar, dass der in den hier analysierten Daten erfasste Absolvent die Gatekeeperfunktion für den hier nicht befragten Partner einnimmt), wird die Funktion der nicht-institutionellen Gatekeeper über das Vorhandensein von Kindern abgebildet. Weitere individuelle Merkmale stellen Mehrfach- bzw. Zusatzqualifikationen dar, die vor oder während des Studiums erworben wurden. Diese vermitteln im Rahmen arbeitsmarkttheoretischer Überlegungen eine positive Signalwirkung auf dem Arbeitsmarkt. Eine vor dem Studium absolvierte berufliche Ausbildung kann einerseits die Arbeitsmarktchancen erhöhen (Berufserfahrung und eine höhere Zahl passender Stellen), andererseits aber auch das Risiko steigern, ausbildungsinadäquat beschäftigt zu sein.64 64 Hierbei bezieht sich die Adäquanz der Beschäftigung stets auf den höchsten erreichten (Aus-)Bildungsabschluss. 199 Zusatzqualifikationen im Sinne von Auslandsaufenthalten während des Studiums signalisieren ebenfalls eine erhöhte Produktivität sowie interkulturelle Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte verstärkt von Bedeutung sind. Dennoch wird, außer in internationalen Tätigkeitsfeldern, dem Auslandsstudium keine besonders hohe Bedeutung beim Übergang in die erste Erwerbstätigkeit beigemessen (Grotheer et al. 2012: 279–309; Rehn et al. 2011: 12–14). Der positiven Signalwirkung studienbezogener Auslandsaufenthalte kann entgegengesetzt werden, dass die Ausrichtung des individuellen Suchprozesses auf Tätigkeitsfelder mit internationaler Ausrichtung die Auswahl an vakanten Stellen mit gewünschtem internationalen Profil einschränkt und sich daraus resultierend die Suchdauer verlängert. Anknüpfend an Analysen von Fuchs und Sixt (2008) wird davon ausgegangen, dass die Kinder von Eltern ohne Hochschulabschluss eher auf eine Fachhochschule gehen als auf eine Universität. Darauf aufbauend wird der Argumentation von Fuchs und Sixt weiter gefolgt und angenommen, dass durch eine ungleiche Verteilung von sozialem und kulturellem Kapital aufgrund der akademischen Herkunft – bei gleichen Abschlüssen – auf dem Arbeitsmarkt anhaltende Ungleichheiten im Übergang in die erste Beschäftigung zu beobachten sind. In Abgrenzung zu Fuchs und Sixt, welche die vertikale Erst-Positionierung auf dem Arbeitsmarkt untersuchten und damit auf das Prestige der ersten Beschäftigung abzielen, sollen in dieser Arbeit die Dauer bis zum Antritt der ersten Anstellung sowie eventuelle Unterschiede in den Übergangsverläufen von Bildungsaufsteigern berücksichtigt werden. Abschließend können die zentralen Annahmen, die im folgenden Abschnitt untersucht und geklärt werden sollen, wie folgt zusammengefasst werden: 1. Im Zuge der Individualisierungsprozesse werden im Kohortenvergleich häufigere Zustandswechsel, eine steigende Vielfalt von Verlaufsmustern und länger andauernde Übergangsphasen auch bei den Übergängen zwischen Hochschule und erster Erwerbstätigkeit beobachtet. 200 2. Vor allem institutionelle Merkmale beeinflussen die Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit von Hochschulabsolventen. Dies wird für die Turbulenz, die Übergangsmuster und auch die Übergangsdauer angenommen. 3. Fachhochschulabsolventen weisen aufgrund des stärkeren Anwendungsbezugs eine stärkere institutionelle Passung zwischen Ausbildungsund Erwerbssystem auf und haben daher geradlinigere Übergangsmuster und kürzere Übergangsdauern. 4. Je stärker die Übergänge zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem standardisiert sind, desto schneller und geradliniger Verläuft der Übergang. 5. Der stärkere Anwendungsbezug der Fachhochschulstudiengänge verstärkt den positiven Effekt der Standardisierung zwischen Ausbildungsund Erwerbssystem. 5.2 Ergebnisse der Sekundäranalysen Die Darstellung der empirischen Befunde folgt der zuvor bereits angedeuteten Abfolge, so dass zuerst die mehrheitlich deskriptiven Befunde zu einer allgemeinen De-Standardisierung der Übergänge im Kohortenvergleich anhand neuerer methodischer Verfahren analysiert werden. Dieser erste Abschnitt endet mit einer multivariaten Analyse der Turbulenz der Übergangssequenzen und fasst die Ergebnisse zusammen. Die weiteren Abschnitte folgen diesem Darstellungsverlauf, so dass zuerst die Analysen zu spezifischen Übergangsmustern in der Berufseinstiegs- und in der Berufsverbleibsperspektive vorgestellt werden und dann in multivariaten Modellen die Determinanten der jeweiligen Übergangsmuster interpretiert werden. Abschließend wird das Bild der Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit 201 vervollständigt und die Dauer des Übergangs mit dem Berufseinstieg als Ereignis analysiert.65 5.2.1 Analysen zur (De-)Standardisierungsthese Zuerst werden die deskriptiven Ergebnisse des Übergangs von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit im Kohortenvergleich vorgestellt. In Abbildung 5.2 wird deutlich, dass die Streuung wie auch die Medianwerte des Alters bei Studienabschluss und Erwerbseintritt im Kohortenvergleich gestiegen sind. Die Gegenüberstellung von Universitäts- und Fachhochschulabsolventen zeigt, dass Universitätsabsolventen in der Regel etwas älter bei Abschluss des ersten Studiums sind als ihre Kommilitonen an Fachhochschulen. Somit decken sich die Befunde dieser Studie mit bereits vorhandenen Erkenntnissen zur Verschiebung des ersten Ausbildungsabschlusses in ein höheres Alter bei Absolventen des tertiären Bildungssystems (Berger und Sopp 1992; Scherger 2007). Während sich die Altersmediane zwischen Fachhochschul- und Universitätsabsolventen im Kohortenvergleich annähernd gleich entwickeln, steigt vor allem in der jüngsten Abschlusskohorte die Streuung des Alters bei Studienabschluss der Universitätsabsolventen stärker als bei der vergleichbaren Kohorte der Fachhochschulabsolventen. Dieser Anstieg des Abschlussalters kann zum Teil auch durch eine im Kohortenvergleich steigende Studiendauer erklärt werden. So steigt die Studiendauer von durchschnittlich 7 Semestern in der ältesten Kohorte (1976–1980) auf 12 Semester in der jüngsten Kohorte (1996–2002) kontinuierlich an. Demnach verschiebt sich der Abschluss der Ausbildungsphase in ein höheres Alter durch eine gestiegene Studiendauer. Die Übergangsdauer, also die durchschnittliche Zeitspanne bis zur ersten Erwerbstätigkeit, steigt in den älteren Abschlusskohorten zunächst stärker 65 Eine tabellarische Übersicht allgemeiner Maßzahlen der im Folgenden verwendeten Variablen ist in Tabelle A.3 im Anhang dargestellt. 202 Abbildung 5.2: Box-Plots des Alters bei Studienabschluss und Erwerbseinstieg von Universitäts- und Fachhochschulabsolventen im Kohortenvergleich (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 15 20 25 30 35 40 45 A lte r 19 76 −1 98 0 19 81 −1 98 5 19 86 −1 99 0 19 91 −1 99 5 19 96 −2 00 2 Abschlusskohorte Fachhochschule 15 20 25 30 35 40 45 A lte r 19 76 −1 98 0 19 81 −1 98 5 19 86 −1 99 0 19 91 −1 99 5 19 96 −2 00 2 Abschlusskohorte Universität Studienabschluss Berufseinstieg an, um dann wiederum für die jüngste Kohorte auf ein Niveau Mitte der 1980er Jahre zurückzugehen (siehe Tabelle 5.1). Berücksichtigt man ebenfalls die durchschnittliche Turbulenz der Übergangssequenzen und sieht einmal von der ältesten Abschlusskohorte (1976–1980) ab, deren Ausprägungen aufgrund der geringen Fallzahlen nur mit Vorsicht zu interpretieren sind, kann nicht auf eine zunehmende De-Standardisierung der Übergänge geschlossen werden. Vielmehr stützen die nicht durchgängig steigende Übergangsdauer sowie die relativ konstante Turbulenz die These eines Verschiebungseffekts. Während der Aufenthalt im (Aus-)Bildungssystem im Kohortenvergleich länger geworden ist und sich daher auch das Aus- 203 trittsalter entsprechend erhöht hat, zeigt ein erster Blick auf die Dauer der anschließenden Übergangsphase bis zum Erhalt der ersten regulären Anstellung, dass der Trend einer Verlängerung der Übergangsphase nicht über alle Kohorten hinweg in gleichem Maße beobachtet werden kann. Ebenfalls deutet die auf einem nahezu gleichbleibenden Niveau befindliche Turbulenz der Übergangsverläufe darauf hin, dass keine Zunahme an pluralisierten und differenzierteren Übergängen erwartet werden kann. Diese ersten vorsichtigen Interpretationen können als Hinweise gedeutet werden, dass die zu erwartenden De-Standardisierungstendenzen des Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit stärker an der Dauer des Übergangs zu beobachten sind als in einer tatsächlichen Ausdifferenzierung von vielfältigeren und häufigeren Zustandswechseln während der Übergangsphase. Tabelle 5.1: Ausgewählte Maßzahlen zur (De-)Standardisierung des Übergangs im Kohortenvergleich (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Abschlusskohorten 1976–1980 1981–1985 1986–1990 1991–1995 1996–2002 Studiendauer (Semester) 7,2 9,7 11,0 11,3 12,0 (1,5) (2,8) (3,2) (3,7) (4,1) Alter bei Studienab- 21,8 24,4 25,8 26,7 27,8 schluss (1,3) (1,9) (2,4) (2,8) (3,8) Alter bei Berufseinstieg 22,6 25,3 26,8 27,7 28,4 (2,7) (3,2) (3,3) (3,6) (3,8) Übergangsdauer (Mona- 3,8 4,9 6,7 6,9 5,1 te) (9,9) (11,5) (14,2) (13,5) (12,8) Entropie 0,142 0,150 0,153 0,151 0,152 (0,166) (0,156) (0,153) (0,148) (0,150) Komplexität 0,050 0,051 0,052 0,053 0,053 (0,060) (0,053) (0,052) (0,052) (0,052) Turbulenz 3,2 3,6 3,7 3,6 3,7 (2,6) (2,8) (2,7) (2,6) (2,6) Ausgewiesen sind Mittelwerte, Standardabweichungen in Klammern. 204 Weitere deskriptive Merkmale, die auf eine De-Standardisierung der Übergänge zwischen Hochschule und Erwerbssystem hinweisen können, sind die durchschnittlichen Verweildauern in den einzelnen Zuständen während der Übergangsphase. Bei der Interpretation dieser Angaben muss jedoch bedacht werden, dass der einheitliche Vergleichsmaßstab nicht die Dauer bis zum Erhalt der ersten Anstellung darstellt, sondern die gesamten beobachteten 72 Monate (6 Jahre) nach Studienabschluss, die in dieser Arbeit als Übergangsphase festgelegt wurden. Entsprechend den in Kapitel 3 beschriebenen Entwicklungen des Arbeitsmarkts für Akademiker zeigen die Ergebnisse der durchschnittlichen verbrachten Zeit in den unterschiedlichen Zuständen im Kohortenvergleich in die erwartete Richtung. Vor allem eine Zunahme an Teilzeitbeschäftigung und eine Abnahme an Vollzeitbeschäftigung können als markante Veränderungen zwischen den älteren und den jüngeren Kohorten festgestellt werden. Während die Absolventen der Kohorte 1976–1980 im Durchschnitt nur knapp einen Monat in Teilzeitbeschäftigung verbrachten, steigt diese Zahl bis auf knapp 6 Monate bei der Kohorte 1996–2002 an. Vergleichbar sinkt die anteilig verbrachte Zeit in einer Vollzeitbeschäftigung von durchschnittlich knapp 50 Monaten in der ältesten Kohorte auf gut 46 Monate in der jüngsten Abschlusskohorte. In den dazwischen liegenden Abschlusskohorten bleibt diese Zahl jedoch annähernd konstant bei rund 47 Monaten. Dies legt die Vermutung nahe, dass die Steigerung der Teilzeitbeschäftigungen nicht nur auf eine Abnahme der Vollzeitbeschäftigungen während der Übergangsphase zurückzuführen ist. Erwähnenswert sind vor allem die relativ konstanten Verweildauern der Zustände, die häufig für die Erklärung der Zunahme pluralisierter und differenzierter Übergangssequenzen herangezogenen werden. Im Einzelnen sind dies eine Zunahme an Praktika, geringfügigen Beschäftigungen sowie Phasen der (Such-)Arbeitslosigkeit in der Übergangsphase (Mayer 1990b). Gerade in Bezug auf Praktika und geringfügige Beschäftigungen zeigt sich, dass in den ersten 6 Jahren nach Studienabschluss die durchschnittlich verbrachte Zeit 205 in diesen Zuständen in den beiden ältesten Kohorten am höchsten ist. Dies gilt mit Ausnahme der ” Krisen-Kohorte“ der Jahre 1981–1985 auch für die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeitsepisoden. Letztlich zeichnen die Verweildauern in (weitergeführten) zusätzlichen Studienaufenthalten an Fachhochschulen und Universitäten kein einheitliches Bild. Zum einen deuten die relativ kurzen durchschnittlichen Studienzeiten nach dem ersten erfolgreichen Studienabschluss stärker auf Doppelstudien hin als auf eine erneute Aufnahme eines Studiums aufgrund von negativen Arbeitsmarkterfahrungen. Zum anderen ist dieses Bild nicht eindeutig, da für universitäre Studiengänge nach dem ersten Abschluss die Verweildauer gerade in den Kohorten, die von schlechten Arbeitsmarktentwicklungen und schlechteren Beschäftigungschancen geprägt sind, etwas höher sind als in den übrigen Kohorten. Ein derartiges Bild lässt sich für weiterführende Fachhochschulstudien nicht aufzeigen. Als eine plausible Erklärung in Anbetracht der längeren Phasen weiterer Studienaufenthalte (zumindest an Universitäten) erscheint die Möglichkeit, bei schlechten Beschäftigungschancen ein Zweitstudium aufzunehmen, um den Studierendenstatuts aufrechtzuerhalten und somit aus einer ” abgesicherteren“ Position auf Stellensuche zu gehen (siehe Tabelle 5.2). All diese Indizien weisen jedoch mehr auf eine Verschiebung des Zeitpunkts als auf eine De-Standardisierung der Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit bei Hochschulabsolventen hin. Vergleichbare Ergebnisse werden auch für eine gesamte Betrachtung aller Qualifikationsniveaus berichtet (Scherger 2007). Gerade die vergleichsweise stabile Entwicklung der Turbulenz im Kohortenvergleich stärkt die Annahme einer Verschiebung entgegen einer Tendenz zur Individualisierung und De-Standardisierung von Übergängen. Um diese ersten Annäherungen an die Frage, ob im Kohortenvergleich eine De-Standardisierung der Übergänge oder eher eine Verschiebung der Zeitpunkte (oder beides) stattfindet, eingehender zu untersuchen, werden nun die Diskrepanzen der Übergangsverläufe im Kohortenvergleich betrach- 206 tet.66 Deutet die relativ konstante Turbulenz im Kohortenvergleich auf eine stabile Entwicklung der Abfolge und Dauer der unterschiedlichen Zustände während der ersten 6 Jahre nach Studienabschluss hin, wird bei der Betrachtung der Diskrepanz eine Perspektive eingenommen, die die Unterschiede zwischen den einzelnen Sequenzen der jeweiligen Kohorten in den Fokus der Analysen rückt. Da die Diskrepanzanalyse auf den berechneten Ähnlichkeitsmatrizen gesamter Sequenzen beruht, ergibt sich die Möglichkeit, zwischen den Verläufen des Berufseinstiegs und den Verläufen des Berufsverbleibs zu unterscheiden. Wie bereits in Abschnitt 4.2 beschrieben, dient diese Unterscheidung auch der differenzierteren Darstellung der Übergangssequenzen hinsichtlich der Frage, ob bestimmte De-Standardisierungstendenzen beim Übergang in die erste Erwerbstätigkeit im Sinne eines ” Übergangsphänomens“ interpretiert werden können oder ob sich bereits zu Beginn der Tabelle 5.2: Tätigkeitsdauern des Übergangs im Kohortenvergleich (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Abschlusskohorten 1976–1980 1981–1985 1986–1990 1991–1995 1996–2002 FH 0,817 0,169 0,254 0,395 0,503 Uni 1,521 2,281 1,587 2,049 1,483 Ref./AiP./Prom. 7,282 7,317 10,096 10,873 9,971 Teil/ET 0,972 1,834 2,953 3,647 5,988 Voll/ET 49,507 47,920 47,573 47,886 46,396 Gering/ET 1,577 1,441 0,509 0,797 1,436 Praktikum 0,859 1,083 0,742 0,600 0,298 AL 2,324 3,275 2,340 2,190 2,327 EZ/Haus 1,282 3,837 3,164 2,301 2,396 Durchschnittlich verbrachte Zeit in Monaten. 66 Wie in Abschnitt 4.2.2 beschrieben, kann die Diskrepanz als Varianz zwischen den einzelnen Übergangssequenzen innerhalb der jeweiligen Abschlusskohorten interpretiert werden. 207 Tabelle 5.3: Diskrepanz der Übergangssequenzen des Berufseinstiegs und Berufsverbleibs im Kohortenvergleich (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Diskrepanz Abschlusskohorte Berufseinstieg Berufsverbleib Fallzahl 1976–1980 54,949 44,212 71 1981–1985 58,866 47,516 338 1986–1990 59,811 48,357 426 1991–1995 63,556 46,669 385 1996–2002 63,022 49,564 346 Total 61,311 47,996 1566 Levene 3,978∗∗ 0,610 Pseudo R2 0,005∗∗ 0,003 Teststatistik basierend auf 1 000 Permutationen. Signifikanzniveaus: +p < 0, 1;∗ p < 0, 05;∗∗ p < 0, 01;∗∗∗ p < 0, 001. Erwerbstätigkeitsphase anhaltende Strukturen etablieren, die im weiteren Verlauf auch auf de-standardisierte Erwerbsverläufe hinweisen. Daher werden im Folgenden jeweils die Diskrepanzen der Berufseinstiegs- und Berufsverbleibssequenzen gegenübergestellt. Tabelle 5.3 zeigt, dass sich lediglich die Diskrepanz der Übergangssequenzen des Berufseinstiegs signifikant zwischen den Abschlusskohorten unterscheidet. Somit kann die Zunahme der Diskrepanz in den beiden Perspektiven nur beim Berufseinstieg statistisch abgesichert auf die Kohortenunterschiede zurückgeführt werden. Wenn die vorangegangenen Analysen zu mutmaßlichen De-Standardisierungstendenzen ein Bild zeichneten, das mehr auf eine Verschiebung der Zeitpunkte der Übergänge im Lebenslauf hinwies, so legt die Betrachtung der Diskrepanz im Kohortenvergleich wiederum die Annahme nahe, dass die Übergangssequenzen vor allem zu Beginn des Übergangsprozesses (also in der Berufseinstiegsperspektive) tatsächlich differenzierter geworden sind. Auch hier zeigt sich, dass die beiden 208 jüngsten Abschlusskohorten beim Berufseinstieg vergleichbare Diskrepanzen aufweisen, die jüngste Kohorte weist sogar eine leicht sinkende Diskrepanz im Vergleich zur vorhergehenden Kohorte auf. Während die Diskrepanzen der Berufseinstiegsperspektive mehr oder weniger stetig zunehmen und nur in der jüngsten Kohorte leicht zurückgehen, ist das Bild, das sich in der Berufsverbleibsperspektive abzeichnet, etwas weniger geradlinig. Wenn auch – wie bereits erwähnt nicht signifikant – die Diskrepanzen im Vergleich der ältesten und der jüngsten Kohorte ansteigen, ist dieser Anstieg über alle Kohorten hinweg keineswegs so stetig wie in der Berufseinstiegs- Perspektive. So weist die Kohorte 1991–1995, welche die höchste Diskrepanz beim Berufseinstieg aufweist, die (mit Ausnahme der Kohorte 1976–1980) niedrigste Diskrepanz beim Berufsverbleib auf. Mit Blick auf die Ergebnisse der Diskrepanzanalysen erhärtet sich der Eindruck, dass nicht nur eine Verschiebung der Zeitpunkte, sondern auch eine gewisse Tendenz zu einer De-Standardisierung der Übergangssequenzen im Kohortenvergleich festgestellt werden kann. Eine Verschiebung der Zeitpunkte in ein höheres Lebensalter schließt eine gleichzeitige De-Standardisierung keineswegs aus. Somit nehmen die einzelnen durchlaufenen Zustände (Abfolge und Anzahl) keineswegs zu, aber die gesamten Sequenzen der Kohorten werden im Vergleich vielfältiger. Somit kann zumindest die These einer steigenden Vielfalt der Verlaufsmuster (Konietzka 2010) bestätigt werden. Neben der Querschnittsbetrachtung der Diskrepanzen bietet die Diskrepanzanalyse ebenfalls die Möglichkeit, den Einfluss der Kohortenzugehörigkeit im Längsschnitt zu interpretieren (Abbildung 5.3). Ein Blick auf den zeitlichen Verlauf der Diskrepanzen unterschiedlicher Abschlusskohorten zeigt, dass vor allem am Anfang und am Ende der Übergangsphase, also direkt nach dem Hochschulabschluss wie auch zunehmend ab ungefähr 2 Jahren nach Studienabschluss, der Effekt der Kohortenzugehörigkeit am größten ist bzw. erneut an Einfluss gewinnt (vgl. Pseudo R2 in Abbildung 5.3a). Das Bild des Berufsverbleibs präsentiert sich nahezu 209 A b b ild u n g 5.3: D isk rep an z d er Ü b ergan gsseq u en zen d es B eru fsein stiegs u n d B eru fsverb leib s im Z eitverlau f (A b sch lu sskoh orten ) (Q u elle: IA B /A L W A 2010; eigen e B erech n u n g) Zeit in M onaten Diskrepanz A bschlusskohorte 1976−1980 1981−1985 1986−1990 1991−1995 1996−2002 Total 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 6 7 8 9 10 11 Zeit in M onaten Pseudo R2 Levene 0.0025 0.0035 0.0045 0.0055 0.5 1.5 2.5 3.5 P seudo R 2 Levene 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 (a) B eru fsein stieg Zeit in M onaten Diskrepanz A bschlusskohorte 1976−1980 1981−1985 1896−1990 1991−1995 1996−2002 Total 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 6 7 8 9 Zeit in M onaten Pseudo R2 Levene 0.0025 0.0035 0.0045 0.4 0.6 0.8 1.0 P seudo R 2 Levene 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 (b ) B eru fsverb leib 210 gleich, jedoch wie bereits oben angemerkt nicht signifikant, weshalb auf eine eingehendere Interpretation verzichtet wird. In Anbetracht der bisherigen Ergebnisse erscheint die kritische Anmerkung von Brückner und Mayer (2005) gerechtfertigt, wenn sie in Frage stellen, ob die Altersvarianz ein geeignetes Mittel zur Analyse von De- Standardisierungstendenzen sei. Ebenfalls konnte ein Beitrag zur genaueren Klärung der Frage geleistet werden, ob diese Ergebnisse auf eine zeitliche Verschiebung oder auf eine tatsächliche De-Standardisierung hindeuten (Müller 2008: 56; Scherger 2007: 146). Die erweiterte Analyse mit Methoden der Diskrepanzanalyse konnte methodisch genauer zwischen zeitlichen Verschiebungen und einer Differenzierung von Zuständen wie auch gesamter Übergangsverläufe unterscheiden. Dabei wurde in einer ersten Annäherung deutlich, dass der zeitliche Verschiebungseffekt, welcher bekannterweise auf eine Verlängerung der (Aus-)Bildungszeiten im Zuge der Bildungsexpansion zurückzuführen ist, gleichzeitig von De-Standardisierungstendenzen begleitet ist. Bevor abschließend im multivariaten Modell geprüft wird, welche institutionellen und individuellen Merkmale einen Einfluss auf die Turbulenz der Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit haben, wird gezeigt, dass der unterstellte Zusammenhang zwischen Hochschul- bzw. Abschlussarten und dem Grad der standardisierten Zertifizierung des Berufs gegeben ist. Die durchschnittlichen Werte der standardisierten Zertifizierung des Berufs zeigen eindeutig, dass Magisterabschlüsse die niedrigste Zertifizierung und damit das geringste Passungsverhältnis von Ausbildungszertifikat und Beruf aufweisen. Am anderen Ende des Kontinuums befinden sich wiederum wie erwartet die Staatsexamensabschlüsse mit einem annähernd doppelt so hohen Wert. Der diesem relativ ähnliche Wert der Diplomabschlüsse der Fachhochschulabsolventen kann als weiteres Indiz für den stärkeren Anwendungsbezug der Fachhochschulen im Vergleich zu den wissenschaftsnäheren universitären (Diplom-)Abschlüssen gedeutet werden (Tabelle 5.4). Somit zeigt sich, dass die stark institutionell geregelten Studienabschlüsse und 211 Tabelle 5.4: Zusammenfassende Statistiken der standardisierten Zertifizierung des Berufs nach Abschlussarten (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Standardisierte Zertifizierung des Berufs Abschlussart Mittelwert Min. Max. Std.-Abw. Fallzahl Magister 0,460 0 1 0,367 55 Diplom (FH) 0,769 0 1 0,214 545 Diplom 0,667 0 1 0,304 536 Staatsexamen 0,799 0 1 0,248 187 Total 0,719 0 1 0,276 1323 Berufszugänge der Staatsexamensstudiengänge einerseits und der starke Anwendungsbezug der Fachhochschulabschlüsse bzw. -studiengänge andererseits ein starkes Passungsverhältnis zwischen Ausbildungsabschluss und Berufszugang abbilden. Nun wird im multivariaten Modell geprüft, ob ein hohes Passungsverhältnis zwischen Ausbildungssystem und Beschäftigungssystem zu weniger turbulenten Übergängen führt. Die Analysen beschränken sich auf die Turbulenz der Übergänge, da eine Gegenüberstellung einzelner Modelle für Entropie, Komplexität und Turbulenz gezeigt hat, dass zwar die inhaltliche Konzeption dieser Maßzahlen durchaus unterschiedlich ist, die Effekte jedoch sehr ähnlich ausfallen (hier nicht abgebildet). Tabelle 5.5 verdeutlicht vor allem, dass der Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe, im Sinne eines Passungsverhältnisses von Ausbildungsund Erwerbssystem, keinen signifikanten Einfluss auf die Turbulenz der Übergangssequenzen hat. Auch die Kohortenzugehörigkeit zeigt keinen signifikanten Effekt. Dies deckt sich mit der im Durchschnitt nahezu konstanten Turbulenz im bivariaten Kohortenvergleich (vgl. Tabelle 5.1 auf Seite 204). Vor allem Absolventen, die in ihrer ersten beruflichen Tätigkeit eine befristete Anstellung erhalten, zeigen signifikant turbulentere Übergänge. Entgegengesetzt hierzu weisen Absolventen, die in eine ausbildungsadäquate Beschäftigung einmünden geradlinigere und damit weniger turbulente 212 Tabelle 5.5: Institutionelle und individuelle Einflüsse auf die Turbulenz der Übergangssequenzen (OLS-Regression) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnungen) Turbulenz Modell 1 Modell 2 Modell 3 Institutionelle Merkmale Hochschulabschluss (Universität) 0,485∗∗∗ 0,497 0,481 Stand. Zertifizierung d. Berufs 0,308 0,320 0,351 Universität × Stand. Zert. d. Berufs −0,016 −0,065 Erste Stelle im öffentlichen Dienst 0,196 0,196 0,183 Erste Stelle befristet 1,965∗∗∗ 1,965∗∗∗ 1,962∗∗∗ Erste Stelle adäquat −0,559∗∗∗ −0,559∗∗∗ −0,568∗∗∗ Individuelle Merkmale mit Berufsausbildung −0,240 mit Auslandsaufenthalt −0,601∗ in Partnerschaft −0,154 mit Kindern −0,088 Abschlusskohorte: 1976–1980 (Ref.) 1981–1985 0,251 1986–1990 0,340 1991–1995 0,205 1996–2002 0,222 Kontrollvariablen Geschlecht (weiblich) 0,832∗∗∗ 0,832∗∗∗ 0,845∗∗∗ Alter bei Abschluss (zentriert)a 0,032 0,032 0,051+ Akademisches Elternhaus −0,040 −0,040 −0,034 Geburtsort: Westdeutschland (Ref.) Ostdeutschland −0,024 −0,024 0,084 Ausland 0,304 0,304 0,322 Dauer bis erster Job (Monate) 0,050∗∗∗ 0,050∗∗∗ 0,050∗∗∗ Korr. R2 0,277∗∗∗ 0,276∗∗∗ 0,277∗∗∗ Freiheitsgrade 11 12 20 Fallzahl N 1309 1309 1309 a Das Alter wurde am Mittelwert von 26 Jahren zentriert. Ausgewiesen sind unstandardisierte Koeffizienten. Signifikanzniveaus: +p < 0, 10;∗ p < 0, 05;∗∗ p < 0, 01;∗∗∗ p < 0, 001. 213 Übergänge auf. Ebenso haben Frauen turbulentere Übergangssequenzen als Männer. Frauen bekleiden häufiger Teilzeitbeschäftigungen und nehmen ebenfalls wesentlich häufiger Eltern- bzw. Erziehungszeiten in Anspruch. Dies erweitert die tatsächlich vorkommenden Zustände bei Frauen und führt schon deswegen zu einer höheren Komplexität der Verläufe. Dabei verweist die Turbulenz nicht nur auf ein Mehr an Zuständen, sondern belegt auch, dass Frauen häufigere Zustandswechsel erleben. Der einzige signifikante Effekt der individuellen Merkmale stellt ein Auslandsaufenthalt während des Studiums dar. Absolventen, die über die Erfahrung eines Auslandsaufenthalts verfügen, haben demnach weniger turbulente Übergänge. Dieser – wenn auch schwach signifikante – Effekt stützt die These, dass die positive Signalwirkung eines Auslandsaufenthalts beobachtet werden kann und weniger die negativen Auswirkungen der unter Umständen verlängerten Studienzeit. Somit kann die Position von Rehn et al. (2011) und Grotheer et al. (2012), einem Auslandsaufenthalt würde keine besonders hohe Bedeutung beigemessen, nicht bestätigt werden (vgl. auch Seite 200). Da die Dauer bis zum Erhalt der ersten Anstellung in den Modellen kontrolliert wird, kann davon ausgegangen werden, dass zu einem gewissen Grad diese Turbulenzen auf die Zeit vor Erhalt der ersten Stelle zu beziehen sind. Nicht unterschieden wird in dieser Konzeption der Übergangsphase auf 72 Monate nach Studienabschluss zwischen den Zustandswechseln, die vor und nach Antritt der ersten Stelle beobachtet werden. Hierbei offenbaren sich die Grenzen, die bei der Analyse der Turbulenz gesetzt sind. Da die Turbulenz auf vollständigen Verläufen über die gesamten 72 Monate beruht, ist der Wert bei Absolventen, die relativ schnell in einen bestimmten Zustand münden und diesen auch lange Zeit ausfüllen, am niedrigsten. Demnach können keine inhaltlichen Aussagen darüber getroffen werden, welche Zustände in den mehr oder weniger turbulenten Verläufen vorherrschend sind. Somit scheint eine Trennung der Fragen nach der Dauer bis zum Erhalt der ersten Anstellung und der Turbulenz der Übergangsverläufe durchaus gerechtfertigt. Der Erkenntniswert der Analysen der Turbulenz der 214 Übergangssequenzen beschränkt sich auf die reine Turbulenz, ohne dabei Aussagen über die Ausgestaltung bzw. ” Qualität“ der Verläufe oder die ” Geschwindigkeit“ bis zum Erhalt der ersten Stelle treffen zu können. Daher werden anknüpfend an die Analysen zu De-Standardisierungstendenzen der Übergänge differenzierte Modelle zur Dauer und zur Ausgestaltung der Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit vorgestellt. Bevor jedoch die Übergangsdauer und die Übergangsmuster eingehender analysiert werden, sollen noch die Diskrepanzen der unterschiedlichen Abschlussarten aufgezeigt werden. Wie Walter Müller (2001) bereits zeigen konnte, sind unter den Akademikern vor allem Fachhochschulabsolventen als ” Gewinner“ der Bildungsexpansion zu bezeichnen. Während Hochschulabsolventen allgemein im Vergleich zu niedrigeren Qualifikationsstufen ihre gute Arbeitsmarktposition behaupten oder sogar noch verbessern konnten, haben in einer Binnensicht der einzelnen Hochschulabschlüsse vor allem die Fachhochschulabsolventen zu dieser Entwicklung beigetragen. Daher wird nun neben den Veränderungen im Kohortenvergleich auch die Frage beantwortet, in welchem Ausmaß die unterschiedlichen Studiengangarten zu unterschiedlichen Übergangsverläufen führen.67 Dieser Frage liegt die Idee zugrunde, dass bereits mit den unterschiedlichen Studiengängen unterschiedlich stark ausgeprägte und zugespitzte Berufsbilder bzw. -ebenen verbunden sind. Daher sollten besonders Staatsexamensstudiengänge, aufgrund der angenommenen hohen institutionellen Regulierung der Abschlusszertifikate und der in der Regel wesentlich enger fokussierten Berufsbilder, eine schwach ausgeprägte Diskrepanz aufweisen. Die Unterschiede der einzelnen Übergangssequenzen können tatsächlich relativ gut durch die verschiedenen Abschlussarten erklärt werden. Dies gilt sowohl 67 Auf eine Darstellung der Analysen der Hochschularten wurde verzichtet, da der einzig vercodete Abschluss für Fachhochschulen die Abschlussart ” Diplom (FH)“ darstellt. Somit können weitaus differenziertere Aussagen über die Art der Studienabschlüsse erreicht werden, ohne dabei die Unterscheidung zwischen den Hochschularten zu vernachlässigen. Eine Darstellung der Diskrepanzen der Hochschularten im Zeitverlauf findet sich im Anhang in Tabelle A.4 und Abbildung A.1. 215 für den Berufseinstieg als auch für den Berufsverbleib. Tabelle 5.6 zeigt, dass erstaunlicherweise in der Perspektive des Berufseinstiegs gerade die Absolventen der Staatsexamensstudiengänge die höchste Diskrepanz, neben der erwartet hohen Diskrepanz unter den Magisterabschlüssen, aufweisen. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass im Anschluss an den ersten universitären Abschluss mit dem ersten Staatsexamen die obligatorisch anschließende Qualifikationsphase zum Erhalt des zweiten bzw. dritten Staatsexamens je nach Fachrichtung unterschiedlich lange dauert. So beträgt die Dauer des Referendariats im Rahmen der lehramtsbezogenen Staatsexamensabschlüsse in der Regel zwei Jahre, wohingegen der juristische Vorbereitungsdienst oder ein Volontariat meist auf ein Jahr begrenzt sind. Für Mediziner kann die Ausbildung zum Facharzt fünf Jahre und mehr in Anspruch nehmen.68 Daher ist zu vermuten, dass die hohe Diskrepanz bei den Übergangsverläufen der Staatsexamensabschlüsse durchaus (auch) auf diese Unterschiede zurückgeführt werden kann. Ebenfalls erwartet und erklärbar durch die horizontale Differenzierung der Hochschularten zeigt sich für die Absolventen mit einem Fachhochschuldiplom die geringste Diskrepanz innerhalb der Übergangssequenzen. Dies gilt wiederum für den Berufseinstieg und den Berufsverbleib gleichermaßen. Somit zeigen die in beiden Perspektiven signifikanten Teststatistiken (Levene- Test und Pseudo R2), dass die Diskrepanz der Übergangsverläufe stark durch die Art des Hochschulabschlusses geprägt ist. Die Gruppenunterschiede treten in der Perspektive des Berufsverbleibs noch deutlicher hervor als beim Berufseinstieg. Hingegen sinkt die Erklärungskraft der Gruppenunterschiede durch die jeweiligen Abschlussarten leicht, wenn der Berufsverbleib der Absolventen in den Fokus der Betrachtung gerückt wird. Dies stützt die These von Ulrich Teichler, dass die Art des Bildungsabschlusses ” erst im Verlauf der Beschäftigung voll wirksam“ wird (Teichler et al. 1984: 120). Diese Annahme wird weiterhin gestützt, wenn man die Veränderungen der 68 Eine genaue Unterscheidung zwischen einer Facharztausbildung und der Phase des Arztes im Praktikum (A.i.P.) konnte aufgrund ungenauer Angaben in den Daten nicht vorgenommen werden. 216 Tabelle 5.6: Diskrepanz der Übergangssequenzen des Berufseinstiegs und Berufsverbleibs unterschiedlicher Abschlussarten (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Diskrepanz Abschlussart Berufseinstieg Berufsverbleib Fallzahl Magister 68,099 62,913 57 Diplom (FH) 52,062 35,628 549 Diplom 59,351 47,121 546 Staatsexamen 68,123 57,750 190 Total 60,067 46,034 1342 Levene 19,537∗∗ 28,332∗∗ Pseudo R2 0,035∗∗ 0,031∗∗ Teststatistik basierend auf 1 000 Permutationen. Signifikanzniveaus: +p < 0, 1;∗ p < 0, 05;∗∗ p < 0, 01;∗∗∗ p < 0, 001. Diskrepanzen des Berufseinstiegs und des Berufsverbleibs gegenüberstellt. Es zeigt sich, dass einzig die Absolventen der Magisterstudiengänge eine Reduktion der Diskrepanz von weniger als 10 Einheiten aufweisen. Somit weisen die Übergangssequenzen der Magisterabsolventen in der Perspektive des beruflichen Verbleibs eine wesentlich höhere Diskrepanz als die übrigen Abschlussarten auf. Die Unterschiede der Übergangssequenzen der Magisterabsolventen gleichen sich am wenigsten an. Die Übergangssequenzen der Absolventen von Diplomstudiengängen an Fachhochschulen weisen im Gegensatz dazu die stärkste Angleichung untereinander auf. Dabei nehmen die Fachhochschulabsolventen in der Perspektive des Berufsverbleibs stärker uniforme Verlaufsmuster an als die Absolventen universitärer Diplomstudiengänge. Damit deutet sich auch hier eine Bestätigung für die theoretisch formulierte Annahme an, dass gerade der Anwendungsbezug der Studiengänge an Fachhochschulen für einen geradlinigen und vor allem einheitlicheren Übergang verantwortlich ist. Die deutlich niedrigere Diskrepanz der Übergangssequen- 217 zen von Absolventen mit einem Fachhochschuldiplom in der Perspektive des Berufsverbleibs spricht dafür, dass diese Absolventen relativ schnell und gleichförmig in einen einheitlichen Zustand übergehen. Diese Annahme wird zudem durch den hohen Anteil an verbrachter Zeit im Zustand ” Vollzeiterwerbstätig“ untermauert. Die Diskrepanzen im zeitlichen Verlauf der Übergangsphase zeigen, dass der oben bereits angedeutete Erklärungsansatz für die theoretisch unerwartet hohe Diskrepanz der Absolventen der Staatsexamensstudiengänge tatsächlich plausibel ist. Gerade im Zeitraum zwischen dem ersten und dem zweiten Jahr nach Studienabschluss steigt die Diskrepanz dieser Abschlüsse stark an. In der Zeit davor und danach sinkt die Diskrepanz der Verlaufsmuster relativ steil ab (Abbildung 5.4). Somit dürfte die hohe Diskrepanz der Staatsexamensstudiengänge auf die unterschiedlich lange andauernden, obligatorischen Qualifikationsphasen zurückzuführen sein.69 Die durchweg heterogensten Übergangsverläufe weisen erwartungsgemäß die Absolventen universitärer Magisterstudiengänge auf. Dies wurde erwartet, da in der Regel die mit dieser Abschlussart verbundenen Berufsbilder am diffusesten sind (Böpple 2010). Am anderen Ende des Spektrums können die Diskrepanzen der Fachhochschulabsolventen verortet werden. Deren Verläufe weisen durchweg die niedrigste Diskrepanz auf, die zudem im Zeitverlauf noch am stärksten zurückgeht. Damit weisen die Absolventen mit Fachhochschuldiplom nicht nur zu Beginn der Übergangsphase wesentlich homogenere Zustandsverteilungen auf, diese Homogenität nimmt im Verlauf auch noch am stärksten zu. Es konnte gezeigt werden, dass eine klare ” Hierarchie“ der Diskrepanz bezüglich der Abschlussarten beobachtet werden kann. Die mit Abstand homogensten Übergangssequenzen sind unter den Absolventen von Diplom- 69 Durch eine genauere Differenzierung der unterschiedlichen Zustände wäre diese Ungenauigkeit zu umgehen. Jedoch erlauben erstens die verwendeten Daten keine valide Feingliederung dieser Studiengangarten. Zweitens würde dies den Zustandsraum weiter erhöhen, was zu Lasten der Vergleichbarkeit der später beschriebenen Sequenzmusteranalyse führen würde. 218 A b b il d u n g 5. 4: D is k re p an z d er Ü b er ga n gs se q u en ze n d es B er u fs ei n st ie gs u n d B er u fs ve rb le ib s im Z ei tv er la u f (A b sc h lu ss ar t) (Q u el le : IA B /A L W A 20 10 ; ei ge n e B er ec h n u n g) Ze it in M on at en Diskrepanz A bs ch lu ss ar t M ag is te r D ip lo m (F H ) D ip lo m S ta at se xa m en To ta l 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 3.55.57.59.512.515.5 Ze it in M on at en Pseudo R2 Levene 0.020.040.060.080.100.12 10203040 P se ud o R 2 Le ve ne 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 (a ) B er u fs ei n st ie g Ze it in M on at en Diskrepanz A bs ch lu ss ar t M ag is te r D ip lo m (F H ) D ip lo m S ta at se xa m en To ta l 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 3.55.57.59.511.514.5 Ze it in M on at en Pseudo R2 Levene 0.020.060.10 1015202530354045 P se ud o R 2 Le ve ne 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 (b ) B er u fs ve rb le ib 219 studiengängen an Fachhochschulen zu erkennen, gefolgt von den Absolventen universitärer Diplomstudiengänge. Lässt man den starken Anstieg der Diskrepanz im zweiten Jahr nach Studienabschluss bei den Absolventen der Staatsexamensstudiengänge unberücksichtigt, sind unter den Magisterabsolventen durchweg die heterogensten Übergangssequenzen zu verzeichnen. Zudem nehmen die Abstände der Diskrepanzen zwischen den einzelnen Abschlussarten im Verlauf der Übergangsphase zu. Dies bedeutet, dass sich die Unterschiede der Abschlussarten bezüglich der Heterogenität der Übergangssequenzen im Zeitverlauf sogar verstärken. Abschließend sollen die bisherigen Analysen zur De-Standardisierung von Übergängen in die erste Erwerbstätigkeit durch eine kurze Beschreibung der Entwicklungen zur Befristung, Adäquanz und den Anstellungen im öffentlichen Dienst vervollständigt werden. Abbildung 5.5 zeigt für Universitätsund Fachhochschulabsolventen getrennt, dass die in Kapitel 3 aufgezeigte Entwicklung des Arbeitsmarkts für Akademiker mit den vorliegenden Daten untermauert werden kann. Dies trifft im Kohortenvergleich vor allem auf den Anstieg befristeter Beschäftigungsverhältnisse der Universitätsabsolventen zu. In der jüngsten Abschlusskohorte der Universitätsabsolventen sind erstmals mehr befristete als unbefristete Beschäftigungsverhältnisse zu beobachten. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Fachhochschul- und Universitätsabsolventen. Während grob zusammengefasst das Verhältnis von befristeten zu unbefristeten Beschäftigungen bei Fachhochschulabsolventen ungefähr 20 zu 80 Prozent beträgt, ist dieses Verhältnis bei Universitätsabsolventen wesentlich ” ausgeglichener“: Hier stehen circa 45 Prozent befristeten Anstellungen circa 55 Prozent unbefristete erste Stellen gegenüber. Vor allem in der jüngsten Kohorte (1996–2002) berichten die Universitätsabsolventen erstmals von mehr Befristungen als Entfristungen. Somit scheint die Zunahme an Befristungen ein ” Problem“ der Universitätsabsolventen zu sein und stellt sich weitaus weniger brisant für Fachhochschulabsolventen dar (vgl. Abbildung 5.5a und 5.5b). 220 Abbildung 5.5: Verteilung berufsbezogener Merkmale von Fachhochschulund Universitätsabsolventen im Kohortenvergleich (Prozent; Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 22.9 77.1 20.2 79.8 19.5 80.5 22.8 77.2 16.2 83.8 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Prozent 1996−2002 1991−1995 1986−1990 1981−1985 1976−1980 unbefristet befristet (a) Fachhochschule: Erste Stelle befristet/ unbefristet 55.9 44.1 48.8 51.2 41.9 58.1 41.7 58.3 45.2 54.8 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Prozent 1996−2002 1991−1995 1986−1990 1981−1985 1976−1980 unbefristet befristet (b) Universität: Erste Stelle befristet/ unbefristet 24.8 75.2 31.1 68.9 31.4 68.6 31.7 68.3 43.2 56.8 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Prozent 1996−2002 1991−1995 1986−1990 1981−1985 1976−1980 Privatwirtschaft Öffentlicher Dienst (c) Fachhochschule: Erste Stelle im öffentlichen Dienst/Privatwirtschaft 43.4 56.6 34.6 65.4 46.1 53.9 51.8 48.2 69.7 30.3 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Prozent 1996−2002 1991−1995 1986−1990 1981−1985 1976−1980 Privatwirtschaft Öffentlicher Dienst (d) Universität: Erste Stelle im öffentlichen Dienst/Privatwirtschaft 79.7 20.3 77.5 22.5 74.5 25.5 70.0 30.0 73.0 27.0 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Prozent 1996−2002 1991−1995 1986−1990 1981−1985 1976−1980 inadäquat adäquat (e) Fachhochschule: Erste Stelle adäquat/ inadäquat 73.4 26.6 81.7 18.3 86.7 13.3 83.7 16.3 78.8 21.2 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Prozent 1996−2002 1991−1995 1986−1990 1981−1985 1976−1980 inadäquat adäquat (f) Universität: Erste Stelle adäquat/ inadäquat 221 Bei der Betrachtung der Anstellungen im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft sticht der hohe Anteil an Hochschulabsolventen der Abschlusskohorte 1976–1980, die ihre erste Anstellung im öffentlichen Dienst finden, deutlich hervor. Dies gilt für Fachhochschulabsolventen wie auch für Universitätsabsolventen, jedoch für letztere in einem wesentlich stärkeren Ausmaß. Während bis in die 1980er Jahre hinein rund 50 Prozent der Universitätsabsolventen ihre erste Anstellung im öffentlichen Dienst antraten, bleiben die Fachhochschulabsolventen durchweg weit unter dieser Quote. Auch hier kann dieser vergleichsweise geringe Anteil an Berufsanfängern mit Fachhochschulabschluss im öffentlichen Dienst auf die stärker anwendungsbezogenen Studiengänge und inhaltlichen Ausrichtungen der Fachhochschulen im Vergleich zu den wesentlich wissenschaftsnäheren Universitätsabschlüssen zurückgeführt werden. Insgesamt sinkt der Anteil der im öffentlichen Dienst Beschäftigten relativ beständig über die Kohorten hinweg. Lediglich in der jüngsten Kohorte der Universitätsabsolventen ist ein erneuter Anstieg der Anstellungen im öffentlichen Dienst zu verzeichnen. Eine inadäquate Beschäftigung scheint für Akademiker beider Hochschularten kein ernst zu nehmendes Problem darzustellen. So geben über alle Kohorten hinweg immer mindestens 70 Prozent der Befragten an, ausbildungsadäquat beschäftigt zu sein. Möchte man – mit der gebotenen Vorsicht – die vorhandenen leichten Schwankungen interpretieren, zeigt sich, dass bei den Fachhochschulabsolventen im Kohortenvergleich ein leichter Anstieg an adäquaten Tätigkeiten zu verzeichnen ist, während gegenläufig hierzu die adäquaten Tätigkeiten der ersten Beschäftigungen bei Universitätsabsolventen eher rückläufig sind. Hierbei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass dieser Effekt auch durch ein ” Upskilling“ der Stellenanforderungen hervorgerufen werden kann und somit nicht vorschnell auf ein gleichbleibendes Tätigkeitsniveau geschlossen werden sollte. Dies vor allem, da die Bewertung der Adäquanz auf der Selbstauskunft und -einschätzung der Befragten beruht. 222 Zusammenfassung der Analysen zur De-Standardisierung von Übergängen Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass zum einen eine Analyse von De-Standardisierungstendenzen auf verschiedenen ” Ebenen“ durchgeführt werden muss, um ein genaueres Bild dieser Prozesse zu erhalten. Während unumstritten im Kohortenvergleich von einem Verschiebungseffekt der Übergänge in ein höheres Alter gesprochen werden kann, zeigt sich für die Turbulenz wie auch die Diskrepanz der Übergangsverläufe ein weniger einheitliches Bild. Eindeutig lassen sich im Kohortenvergleich die Steigerung des Alters bei Abschluss des Studiums sowie die Steigerung der Varianz desselben im Kohortenvergleich beobachten. Diese Ergebnisse decken sich mit den Befunden anderer Studien (Berger und Sopp 1992; Berger 1996; Brückner und Mayer 2005). Daher kann gesagt werden, dass die verbrachte Zeit in der (Aus-)Bildungsphase zugenommen hat und ebenfalls die Zeitpunkte, wann das (Aus-)Bildungssystem verlassen wird, über die Kohorten hinweg stärker variieren. Dieser Trend setzt sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, beschleunigt durch die Auswirkungen der Bildungsexpansion, bis zur Jahrtausendwende unvermindert fort. Entsprechendes gilt für das Alter beim Berufseinstieg. Sollten die Übergangsphasen in die erste Berufstätigkeit, wie von Mayer und Müller (1989) und Mayer (1991) angenommen, durch die allgemeine Steigerung des Bildungsniveaus und die Veränderungen im Wirtschaftssystem länger andauern, müssten auch im Kohortenvergleich die Abstände zwischen Austritt aus dem (Aus-)Bildungssystem und Eintritt in das Erwerbssystem größer werden. Dies ist jedoch nicht der Fall. Somit kann von einer De-Standardisierung der Austrittszeitpunkte im Sinne einer Verschiebung gesprochen werden, jedoch nicht uneingeschränkt von einer Verlängerung der Übergangsphasen in die erste Berufstätigkeit. Ebenso kann keine Beschleunigung und Zunahme von Statuswechseln im Sinne von turbulenteren Übergängen, wie von Konietzka (2010) postuliert, festgestellt werden. Die Diskrepanzen der gesamten Verläufe im Kohor- 223 tenvergleich haben zwar zugenommen, sind jedoch nur in der Berufseinstiegsperspektive signifikant. Dabei können die Diskrepanzen der Verläufe durch die Kohortenzugehörigkeit nur schlecht ” erklärt“ werden. Somit kann im Kohortenvergleich nur unter starken Einschränkungen von einer Zunahme der Vielfalt der Verlaufsmuster gesprochen werden. Die Tatsache, dass die Vielfalt der Verlaufsmuster nur in der Berufseinstiegsperspektive einen geringen, aber immerhin signifikanten Unterschied zeigt, spricht mehr für ein ” Übergangsphänomen“ als für eine dauerhafte Verfestigung de-standardisierter Übergänge, welche sich in ebenfalls de-standardisierten Erwerbsverläufen fortführt. Es scheint vielmehr, dass eine Auflösung des ohnehin als ” historische Ausnahmeerscheinung“ identifizierten Phänomens des Normalarbeitsverhältnisses zu beobachten ist, welche jedoch nicht durch ein Mehr an Arbeitslosigkeit, häufigere Zustandswechsel und turbulentere Übergänge gekennzeichnet ist, sondern lediglich durch eine leichte Verschiebung von Vollzeitbeschäftigungen hin zu mehr Teilzeitbeschäftigungen. Zusammenfassend entsteht der Eindruck, dass die vielfach angeführten Tendenzen einer De-Standardisierung von Lebensläufen und den darin vorkommenden Übergängen für Akademiker weitaus weniger relevant sind, als es in den bezüglich des Qualifikationsniveaus undifferenzierteren Studien den Anschein hat. Dies gilt vor allem für De-Standardisierungstendenzen mit einem zeitlichen Bezugsrahmen, wie er in dieser Arbeit gewählt wurde. Eine Bezugnahme auf distributive Aspekte, wie die Zunahme von Befristungen, die Abnahme adäquater Beschäftigungen, aber auch eine Zunahme von Teilzeitbeschäftigungen, zeigt jedoch, dass in diesen Bereichen durchaus stärkere Indizien für die Aufrechterhaltung der De-Standardisierungsthese gegeben sind. Demnach wird als ein erstes Teilergebnis der differenzierten Betrachtung der Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit festgehalten, dass eine De-Standardisierung im Sinne einer Verlängerung von Übergangszeiten sowie einer Differenzierung und Pluralisierung von Verläufen nur in Ansätzen festgestellt werden kann. Vielmehr scheint ein Verschiebungseffekt 224 vorzuliegen, welcher aber weder eine konstante Verlängerung der Übergangsdauer noch eine Erhöhung der Turbulenz oder eine signifikante Ausweitung der Diskrepanz der Übergangsverläufe mit sich bringt. Da sich das Hochschulsystem seit der Bildungsexpansion der 1970er Jahre kaum verändert hat, werden diese Verschiebungseffekte auf die Auswirkungen der Bildungsexpansion bezogen und vor allem an einer gestiegenen Studiendauer festgemacht. Unterscheidet man zwischen Fachhochschulen und Universitäten, haben erstere durchaus nennenswerte Reformen durchlebt. Durch die an Universitäten angelehnten Strukturen und Zugangsvoraussetzungen konnten sich die Fachhochschulen stärker vom beruflichen Ausbildungswesen differenzieren und gleichzeitig die starke Berufsbezogenheit beibehalten. Dadurch erhielten sie eine Zuordnung zum Hochschulbereich, ohne die horizontale Differenzierung zu den Universitäten aufgeben zu müssen (Müller 2001: 33). Diese Entwicklungen werden bei der Betrachtung der unterschiedlichen Hochschularten bzw. der entsprechenden Abschlussarten deutlich. So zeigen die Übergangssequenzen der Fachhochschulabsolventen die bei weitem niedrigsten Diskrepanzen beim Berufseinstieg. Der Abstand zwischen Universitätsabsolventen und Fachhochschulabsolventen verstärkt sich bei der Betrachtung der Übergänge in der Perspektive des Berufsverbleibs nochmals. 5.2.2 Auswertungen zu den Übergangsmustern Die Auswertungen der Übergänge von Hochschulabsolventen in die erste Erwerbstätigkeit im Kohortenvergleich konnten keine eindeutigen und markanten De-Standardisierungstendenzen aufzeigen. Vielmehr legt die Aufschlüsselung der deskriptiven Beschreibungen nach Hochschul- bzw. Abschlussarten nahe, den Fokus auf eine differenziertere Betrachtung einzelner Absolventengruppen zu richten. Daher wird im folgenden Abschnitt zuerst auf die allgemeine Ausgestaltung der Übergangsmuster eingegangen. Daran anknüpfend werden sowohl Berufseinstiegs- als auch Berufsverbleibsmus- 225 ter gegenübergestellt und anschließend geprüft, ob hochschulspezifische Übergangsmuster identifiziert werden können. Bereits die deskriptive Darstellung der Übergangssequenzen in Abbildung 5.6 zeigt die relative ” Dominanz“ direkt oder zumindest schnell einsetzender Vollzeiterwerbstätigkeit. In der Grafik ” Übergangssequenzen“ (links oben) weisen ungefähr die Hälfte aller Befragten direkt nach Studienabschluss eine Vollzeitbeschäftigung auf und der Großteil dieser Personen bleibt auch die gesamten sechs Jahre des Beobachtungszeitraums in diesem Zustand. Dennoch sind gerade zu Beginn des Übergangs auch kürzere Arbeitslosigkeitsepisoden erkennbar. Eine genauere Ansicht der Verteilung der einzelnen Zustände im Zeitverlauf bietet die Abbildung der Zustandsverteilungen (links unten). So sind direkt nach dem Abschluss des Studiums 13 Prozent der Absolventen zunächst arbeitslos bzw. arbeitsuchend. Jedoch reduziert sich dieser Anteil innerhalb der ersten 6 Monate auf 6 Prozent. Im gleichen Zeitraum steigen die Anteile an Vollzeitbeschäftigungen um 6 Prozentpunkte (von 46 Prozent auf 52 Prozent) und die der Qualifikationsphasen (Referendariat, Volontariat, juristischer Vorbereitungsdienst, A.i.P., Promotion) um 5 Prozentpunkte (von 15 Prozent auf 20 Prozent). Auch die zehn häufigsten Sequenzarten (Abbildung 5.6 rechts oben) zeigen, dass der Großteil der Absolventen direkt und dauerhaft in eine Vollzeitbeschäftigung übergeht.70 Mit weitem Abstand folgen darauf Sequenzen, die direkt eine an das Studium anschließende Qualifikationsphase bzw. Teilzeitbeschäftigungen beinhalten. Erwähnenswert ist hierbei vor allem, dass die drei am häufigsten vorkommenden Sequenzmuster nicht nur direkt in Beschäftigungsverhältnisse übergehen, sondern dass diese auch dauerhaft, also die gesamten 72 Monate, dort verbleiben. Neben mehr oder weniger kurzen, aber fast nie länger als 6 Monate andauernden Phasen anfänglicher (Such-)Arbeitslosigkeit differenzieren sich die Qualifikationsphasen (Referendariat/A.i.P./Promotion) nach deren Dauer. Sie weisen entweder eine 70 Die ” Dicke“ der Balken spiegelt die relative Häufigkeit der einzelnen Sequenzarten in der Grundgesamtheit wider. 226 Abbildung 5.6: Zusammenfassende Darstellung der Übergangssequenzen (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) einjährige oder zweijährige Qualifikationsphase auf, die anschließend direkt in eine Vollzeitbeschäftigung übergeht. Daneben kommen auch durchgehende Phasen von Zeit- bzw. Berufssoldaten unter den zehn häufigsten Sequenzarten vor. Bereits hier deutet sich an, dass von einer Prekarisierung oder Entstrukturierung in der Übergangsphase zwischen Studium und Beruf nicht gesprochen werden kann. Jedoch muss berücksichtigt werden, dass 227 Prekarisierung häufig auf eine zunehmende Befristung von Arbeitsverträgen bezogen wird und Entstrukturierung damit einhergehend auf eine wachsende Unsicherheit kontinuierlicher Beschäftigungsverhältnisse verweist.71 Die hier vorgestellten Untersuchungen beziehen sich jedoch nicht auf eine qualitative Beurteilung von Übergangsprozessen, sondern auf eine strukturelle Perspektive. Die im Verlauf der Übergangsphase kontinuierlich sinkende Querschnittsentropie72 (von 0,7 auf 0,4) weist auf eine zunehmende Angleichung bzw. Homogenisierung der Zustände im zeitlichen Verlauf hin. Auch im Kohortenvergleich zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede in der Entropie. Durchweg kann eine anfängliche Querschnittsentropie zwischen 0,6 und 0,7 (im ersten Monat nach Studienabschluss) über alle Abschlusskohorten hinweg beobachtet werden. Ebenso homogen erscheint die Entropie am Ende des Untersuchungszeitraums (in Monat 72 nach Studienabschluss) mit einem Wert von 0,4. Geringfügige Schwankungen in der zweiten Nachkommastelle werden an dieser Stelle nicht inhaltlich interpretiert. Übergangsmuster des Berufseinstiegs Nach dieser ersten groben Beschreibung der Übergangssequenzen werden nun die mittels Sequenzmusteranalyse erstellten Übergangsmuster der Berufseinstiegsperspektive vorgestellt. Die Auswahl der ” besten“ Cluster- Lösung erfolgte hierbei anhand unterschiedlicher statistischer Verfahren. Zum einen wurde ein Dendrogramm herangezogen (Abbildung A.2 im Anhang), welches recht eindeutig eine 3-Cluster-Lösung vorschlägt. Zu dieser stärker visuellen ” Entscheidungshilfe“ wurden weitere, stärker auf statisti- 71 Stellenwechsel, die keine Arbeitslosigkeitsepisoden beinhalten, wurden nicht berücksichtigt, so dass lediglich die Dauerhaftigkeit der Beschäftigung abgebildet wird, jedoch keine Aussage darüber getroffen werden kann, ob die Absolventen bei ein und demselben Arbeitgeber beschäftigt waren. 72 Zur Unterscheidung zwischen Querschnitts- und Längsschnittsentropie siehe Abschnitt 4.2.2. 228 schen Maßzahlen beruhende Verfahren hinzugezogen. Hierbei handelt es sich um eine Auswahl an in der neueren Literatur diskutierten Verfahren zur Bestimmung der optimalen Clusteranzahl.73 Die Beurteilung der Qualität der Cluster-Lösungen anhand dieser Maßzahlen führte zu keiner eindeutigen Lösung. So schlugen entgegen der Interpretation des Dendrogramms die meisten angewendeten Verfahren eine 4-Cluster-Lösung vor (siehe Abbildung 5.7). Schlussendlich wurde eine 4-Cluster-Lösung gewählt, da die so erzeugten Gruppen an Übergangsmustern auf der einen Seite genügend fein zwischen unterschiedlichen Übergangsarten differenzierten und auf der anderen Seite die Gruppierungen nicht zu feingliedrig wurden, so dass die Anzahl der einzelnen Übergangsmuster gleichzeitig eine sinnvolle Reduktion bzw. Typisierung darstellt. Ein weiterer Anhaltspunkt, der für die 4-Cluster-Lösung spricht, ergibt sich aus der Darstellung der für die jeweiligen Cluster ” repräsentativen Sequenzen“. Hierbei zeigte sich, dass für die vier einzelnen Cluster jeweils weniger Sequenzen benötigt werden, um diese Typologie des Clusters treffend zu beschreiben. Die repräsentativen Sequenzen der einzelnen Cluster sind in Abbildung 5.8 abgebildet.74 Darin wird deutlich, dass die abgebildeten 8 Sequenzen des ersten Clusters fast 36 Prozent der im ersten Cluster vorhandenen Sequenzen abdecken (Abbildung 5.8 links oben). Dies bedeutet, dass 8 Sequenzen bereits 36 Prozent der insgesamt 656 enthaltenen Sequenzen repräsentieren. Anhand der visuellen Darstellung der repräsentativen Sequenzen soll dieses erste Cluster als Vollzeitcluster bezeichnet werden. Entsprechend gut können anhand dieser Darstellungen auch die verbleibenden Cluster charakterisiert werden. So kann für jedes Cluster eine Abdeckungsrate von mindestens 30 Prozent erreicht werden. Auch die visuelle Darstellung der repräsentativen Sequenzen ermöglicht eine recht eindeutige Beschreibung der einzelnen 73 Für eine genaue Beschreibung der einzelnen Verfahren sei auf Studer (2013) verwiesen. 74 Eine eingehende Beschreibung und Diskussion der Berechnung der repräsentativen Sequenzen erfolgt in Gabadinho et al. (2011b). 229 Abbildung 5.7: Qualitätskriterien der Cluster-Lösungen (Berufseinstieg) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 2 4 6 8 10 12 14 −2 −1 0 1 2 3 N clusters In di ca to rs ASW ( −2.3 / 1.5 ) PBC ( −2.06 / 1.01 ) HGSD ( −1.84 / 0.91 ) CH ( −0.78 / 2.86 ) HC ( −1.84 / 0.8 ) Cluster. Von links oben nach rechts unten werden die Cluster im Folgenden als Vollzeit-, Qualifikations-, Übergangs- und Teilzeitcluster bezeichnet. Zusätzlich zur visuellen Typologisierung der einzelnen Übergangscluster sind die durchschnittlichen Verweildauern in den einzelnen Zuständen in Tabelle A.5 im Anhang dargestellt. Wie erwartet, bildet sich ein Vollzeitcluster heraus (Abbildung 5.9 links oben). Diese Übergangssequenzen beschreiben einen direkten Übergang in eine Vollzeitbeschäftigung, der für den größten Teil der Absolventen auch die gesamten 6 Jahre fortbesteht. Alle Personen des Vollzeitclusters sind im ersten Jahr nach Studienabschluss ausnahmslos vollzeitbeschäftigt und auch danach sind die hinzukommenden Anteile an differierenden Sequenzen marginal. Diese fast vollständig homogene Gruppe deckt bereits knapp 230 42 Prozent aller Befragten ab. Dabei sind Universitäts- und Fachhochschulabsolventen nahezu gleichmäßig in diesem Cluster verteilt (48 Prozent zu 52 Prozent). Dennoch wird im Vergleich mit den Verteilungen der Absolventen unterschiedlicher Hochschularten deutlich, dass in keinem anderen Cluster anteilig so viele Fachhochschulabsolventen enthalten sind wie im Vollzeitcluster. Der Anteil an unbefristeten Beschäftigungen ist mit knapp 88 Prozent höher als in jedem anderen Cluster. Ebenfalls leicht erhöht erscheint der Anteil der in Ostdeutschland geborenen Absolventen sowie der Männer im Vergleich zu den Frauen (56 Prozent zu 44 Prozent) (siehe Tabelle A.6, A.7 und A.8 im Anhang). Ebenfalls erwartet wurde eine Gruppe an ” Übergängern“, die maßgeblich durch die Art des Studienabschlusses eine mehr oder weniger lange Phase einer an das Studium anschließenden Qualifikationsphase aufweist (Qualifikationscluster in Abbildung 5.9 rechts oben). Diese Gruppe geht im Anschluss an die Qualifikationsphase mehrheitlich direkt in eine Vollzeitbeschäftigung über, so dass auch hier keine Verzögerung oder sogar Prekarisierung der Übergangsprozesse zu erkennen ist. 15 Prozent der Übergänge der Absolventen können mit diesem Muster beschrieben werden. Ein drittes Cluster beschreibt die direkten Übergänge in eine Teilzeitbeschäftigung. Diese Personen verbleiben auch mehr oder weniger den gesamten Beobachtungszeitraum in einer Teilzeitbeschäftigung (Abbildung 5.9 rechts unten). Diese Gruppe spielt jedoch in absoluten Zahlen gemessen eine untergeordnete Rolle. Lediglich 33 Personen entfallen auf dieses Cluster. Das Übergangscluster 75 (Abbildung 5.9 links unten) umfasst mit 41 Prozent fast genauso viele Absolventen wie das Vollzeitcluster. Somit erleben ebenso viele Absolventen einen weniger klar strukturierten Übergang in die erste 75 Hier wird der Begriff des ” Übergangsclusters“ gewählt, da dieser gegenüber den Formulierungen ” diskontinuierlich“ oder ” prekär“ neutraler erscheint. Wie bereits angemerkt, soll dieses Cluster nicht in einer ” wertenden“ Form beschrieben werden. Während ” diskontinuierlich“ auf mehrere Zustandswechsel verweist und ” prekär“ eher die Qualität der Beschäftigungsformen beschreibt, soll mit dem Begriff ” Übergang“ ein Muster bezeichnet werden, das auf eine gewisse Zeit des Übergangs Bezug nimmt und damit nicht direkt in eine reguläre Beschäftigung übergeht. 231 Abbildung 5.8: Repräsentative Sequenzen (Berufseinstieg) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Vollzeit Zeit in Monaten 8 re pr es en ta tiv e( s) (n =6 56 ) Criterion=rep. score, coverage=35.8% ● ● ● ● ●● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Qualifikation Zeit in Monaten 21 re pr es en ta tiv e( s) (n =2 42 ) Criterion=rep. score, coverage=44.6% ● ● ● ●● ● ●● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 232 Übergang Zeit in Monaten 10 re pr es en ta tiv e( s) (n =6 35 ) Criterion=rep. score, coverage=36.1% ● ● ● ●●● ●●● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Teilzeit Zeit in Monaten 3 re pr es en ta tiv e( s) (n =3 3) Criterion=rep. score, coverage=30.3% ● ● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 233 Abbildung 5.9: Zustandsverteilungen der Cluster-Lösung (Berufseinstieg) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Vollzeit Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 65 6) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Qualifikation Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 24 2) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 234 Übergang Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 63 5) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Teilzeit Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 33 ) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 235 Erwerbstätigkeit wie einen direkten Übergang in eine Vollzeiterwerbstätigkeit. Im Kohortenvergleich (Abbildung 5.10) zeigt sich, dass die Verteilung der Übergangscluster erstaunlich stabil verläuft. Zwischen 1976 und 1990 sind so gut wie keine Veränderungen in der Verteilung der Übergangsmuster erkennbar. Erst im Zeitraum nach der Wiedervereinigung können stärker sinkende Anteile an Übergangsmustern des ” Vollzeittypus“ beobachtet werden. Ebenso steigen nach der Wiedervereinigung die Anteile an Absolventen im Übergangscluster. Jedoch kann hier nicht von einem anhaltenden Trend gesprochen werden, da in der jüngsten Kohorte (1996–2002) die Anteile des ” Vollzeittypus“ erneut steigen und die Anteile des ” Übergangstypus“ wieder leicht sinken. Einzig die moderate Zunahme an Übergängen in eine kontinuierliche Teilzeitbeschäftigung kann über alle Kohorten hinweg beobachtet werden. Abbildung 5.10: Verteilung der Übergangsmuster im Kohortenvergleich (Berufseinstieg) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 49.3 15.5 35.2 45.9 14.2 39.3 0.6 46.5 15.0 36.9 1.6 35.3 17.4 45.2 2.1 38.2 15.0 42.2 4.6 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 10 0 P ro ze nt 1976−1980 1981−1985 1986−1990 1991−1995 1996−2002 Vollzeit Qualifikation Übergang Teilzeit 236 Die Gründe für die leichte Zunahme an Absolventen, die ein Übergang im Sinne des Übergangsclusters erleben, werden nun im Rahmen multivariater Analysen genauer untersucht (Tabelle 5.7). Hierbei muss darauf hingewiesen werden, dass keine signifikanten Kohorteneffekte festgestellt werden konnten, daher wird das genaue Abschlussjahr in die Analysen miteinbezogen, um zu prüfen, ob im Zeitverlauf die Zugehörigkeit zu spezifischen Übergangsmustern ” wahrscheinlicher“ wird. Ebenfalls wurde auf eine differenzierte Betrachtung unterschiedlicher Abschlussarten verzichtet, da dies zu sehr kleinen Gruppengrößen bei einigen Abschlussarten in den jeweiligen Clustern führte. Stattdessen wird in allen nachfolgenden multivariaten Analysen die Unterscheidung zwischen anwendungsbezogenen Fachhochschul- und wissenschaftsnahen Universitätsabschlüssen als Indikator für die horizontale Differenzierung der Hochschularten verwendet. Sowohl die Modellgüte als auch die einzelnen Koeffizienten unterschieden sich kaum im Vergleich der beiden Modelle und so wurde dem ” sparsameren“ Modell der Vorzug gegeben. Die Vermutung, dass die Zunahme der Absolventen im Übergangscluster durch die Folgen der Wiedervereinigung erklärt werden kann, muss verneint werden. Es zeigt sich, dass vielmehr das Gegenteil der Fall ist. Die Wahrscheinlichkeit, eine Übergangsphase in die erste Erwerbstätigkeit zu erleben und keinen direkten Einstieg in eine Vollzeiterwerbstätigkeit, ist für in Ostdeutschland geborene Akademiker signifikant niedriger als für westdeutsche Akademiker. Ein vergleichbarer Effekt kann für die Zugehörigkeit zum Qualifikationscluster festgestellt werden, Ostdeutsche sind signifikant seltener in diesem Cluster vertreten als im Vollzeitcluster. Somit scheinen gerade die in Ostdeutschland geborenen Akademiker gute Chancen auf einen schnellen und reibungslosen Übergang in eine Vollzeiterwerbstätigkeit zu haben. Konnte in den deskriptiven Analysen der Übergangsmuster im Kohortenvergleich eine leichte Zunahme der Absolventen im Übergangscluster beobachtet werden (vgl. Abbildung 5.10), so war kein Kohorteneffekt im multivariaten 237 Tabelle 5.7: Determinanten der spezifischen Übergangsmuster des Berufseinstiegs (Multinomiales Logit-Modell) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Übergangsmuster (Berufseinstieg) Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 (Qualifikation) (Übergang) (Teilzeit) Institutionelle Merkmale Hochschulabschluss (Universität) 3,275 2,164+ 6,233 Stand. Zertifizierung d. Berufs 0,776 0,926 0,346 Universität × Stand. Zert. d. Berufs 1,137 0,849 0,213 Erste Stelle im öffentlichen Dienst 1,280 1,107 1,614 Erste Stelle befristet 24,722∗∗∗ 4,338∗∗∗ 1,811 Erste Stelle adäquat 26,941∗∗∗ 0,749+ 0,299∗ Individuelle Merkmale mit Berufsausbildung 0,709 0,694∗ 1,580 mit Auslandsaufenthalt 1,026 0,589+ 2,640 in Partnerschaft 0,830 0,824 1,602 mit Kindern 1,825+ 1,319 1,386 Abschlussjahr 1,028 1,024+ 1,136∗ Kontrollvariablen Geschlecht (weiblich) 1,075 1,028 1,738 Alter bei Abschluss (zentriert)a 0,956 0,998 0,990 Akademisches Elternhaus 1,090 1,288+ 0,849 Geburtsort: Westdeutschland (Ref.) Ostdeutschland 0,262∗∗∗ 0,468∗∗∗ 0,694 Ausland 0,458 1,070 0,931 Korr. McFadden R2 0, 180∗∗∗ AIC 2412 BIC 2677 Fallzahl N 1355 a Das Alter wurde am Mittelwert von 26 Jahren zentriert. Referenzkategorie: Cluster 1 ” Vollzeit“; ausgewiesen sind Odds-Ratios. Signifikanzniveaus: +p < 0, 10;∗ p < 0, 05;∗∗ p < 0, 01;∗∗∗ p < 0, 001. 238 Modell zu erkennen. Dennoch zeigen die multivariaten Analysen, dass die Wahrscheinlichkeit eines diskontinuierlichen Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit im Zeitverlauf leicht steigt. Je später der Studienabschluss erreicht wird, desto eher erleben die Absolventen einen diskontinuierlichen Übergang im Vergleich zu einem direkten Übergang in eine Vollzeitbeschäftigung (siehe auch Abbildung 5.11). Ebenfalls steigt die Wahrscheinlichkeit jüngerer Abschlussjahrgänge, dem Teilzeitcluster anzugehören. Somit kann von einer leichten Tendenz zur De-Standardisierung von Übergängen gesprochen werden. Diese De-Standardisierungstendenzen sollten jedoch vorsichtig interpretiert werden, da die Ergebnisse zum einen schwach bis sehr schwach signifikant sind und zum anderen die Gruppe der Teilzeitmuster sehr schwach besetzt ist. Weiterhin zeigt sich, dass die Anstellungen, welche über einen eher diskontinuierlichen Übergang gefunden werden, mit einer vierfach höheren Wahrscheinlichkeit befristet sind als Anstellungen der Akademiker im Vollzeitcluster. Auch finden sich die bereits in den deskriptiven Darstellungen angedeuteten Vorteile der Fachhochschulabsolventen wieder, einen ” reibungslosen“ Übergang in die erste Erwerbstätigkeit zu erleben. Absolventen universitärer Studiengänge weisen eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit diskontinuierlicher Übergänge auf als die Absolventen von Fachhochschulen (wenn auch nur schwach signifikant). In den vorangegangenen Analysen wurde der Frage nach einer De-Standardisierung der Übergangsmuster in die erste Erwerbstätigkeit in einer historischen Perspektive betrachtet. Dabei deutete sich eine Zunahme an diskontinuierlichen Übergängen an und konnte anhand deskriptiver Befunde auch bestätigt werden. Die multivariaten Analysen schwächen dieses Bild jedoch wieder. Auch wenn hier kein Wandel des Passungsverhältnisses im Zeitverlauf untersucht wurde, konnten dennoch die unterschiedlichen Effekte des Passungsverhältnisses von Ausbildung und Beruf anhand der standardisierten Zertifizierung des Berufs für Universitäts- und Fachhochschulabsolventen differenziert dargestellt werden. Die zugrunde gelegte Annahme, dass der Übergang in die erste Erwerbstätigkeit umso gerad- 239 Abbildung 5.11: Geschätzte Wahrscheinlichkeit eines Übergangsmusters (Berufseinstieg) in Abhängigkeit des Abschlussjahres (Predictive Margins) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 0 .1 .2 .3 .4 .5 .6 .7 .8 W ah rs ch ei nl ic hk ei t d er C lu st er zu ge hö rig ke it 19 76 19 78 19 80 19 82 19 84 19 86 19 88 19 90 19 92 19 94 19 96 19 98 20 00 20 02 Abschlussjahr Vollzeit Qualifikation Übergang Teilzeit liniger verläuft, je standardisierter dieses Passungsverhältnis ausgeprägt ist, kann jedoch nicht bestätigt werden. Der Grad der standardisierten Zertifizierung des Berufs zeigt im multivariaten Modell keine signifikanten Effekte. Nachdem nun die Übergangsmuster in der Perspektive des Berufseinstiegs eingehender untersucht wurden, soll nachfolgend die Perspektive des Berufsverbleibs dargestellt werden. Hierbei steht wiederum die Idee eines detaillierteren Blicks auf den Übergang von der Hochschule in die erste Erwerbstätigkeit im Fokus. Mit diesem Perspektivenwechsel soll berücksichtigt werden, dass ein diskontinuierlicher Übergang durchaus eine kurze Phase des Übergangs nach Abschluss des Studiums beschreiben kann, der jedoch nicht zwingend langfristige Schwierigkeiten beim Berufseintritt beschreiben muss. Daher wird nun untersucht, welche Übergangsmuster aufgedeckt werden 240 können, die den Berufsverbleib am Ende des sechsjährigen Beobachtungszeitraums beschreiben. Übergangsmuster des Berufsverbleibs Die Bestimmung der Anzahl der Cluster des Berufsverbleibs erfolgte analog zu dem bereits beschriebenen Verfahren bei der Bestimmung der Cluster des Berufseinstiegs. Dabei konnten die in Abbildung 5.13 dargestellten Übergangsmuster identifiziert werden. Die Cluster des Berufsverbleibs differenzieren sich in sechs unterschiedliche Gruppen, die mit Ausnahme des ersten Clusters durchweg eine Abdeckungsrate von über 40 Prozent aufweisen und durchweg maximal fünf Sequenzen benötigen, um die jeweiligen Cluster repräsentativ zu beschreiben (Abbildung 5.12). Demnach können die Übergangsmuster des Berufsverbleibs folgendermaßen typisiert werden: Cluster 1 wird in Analogie zu den Clustern des Berufseinstiegs als Vollzeitcluster bezeichnet. Cluster 2 zeichnet sich durch eine lang andauernde Qualifikationsphase aus, die den gesamten Beobachtungszeitraum andauert. Hier kann bereits jetzt vermutet werden, dass es sich hierbei um Promotionen oder Facharztausbildungen handelt; dieses Cluster soll als Promotionscluster bezeichnet werden. Cluster 3 wird – ebenfalls analog zu den Berufseinstiegsclustern – als Übergangscluster bezeichnet, da diese Übergangssequenzen einerseits die heterogensten Zustandsverteilungen aufweisen und andererseits zum Ende des Beobachtungszeitraums am häufigsten in eine Phase der Arbeitslosigkeit münden. Cluster 4 erscheint als eine differenzierte Form des Qualifikationsclusters, welches jedoch Qualifikationsphasen kürzerer Dauer beinhaltet, die daran anschließend direkt in eine Vollzeiterwerbstätigkeit übergehen; dieses Cluster soll daher als Referendariatscluster bezeichnet werden. Cluster 5 wird als Teilzeitcluster bezeichnet und findet seine Entsprechung ebenfalls in der Typisierung der Berufseinstiegscluster. Das letzte Cluster ist – vergleichbar der Ausdifferenzierung der Qualifikationscluster – als 241 Abbildung 5.12: Repräsentative Sequenzen (Berufsverbleib) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Vollzeit Zeit in Monaten 1 re pr es en ta tiv e( s) (n =9 27 ) Criterion=rep. score, coverage=37.4% ● ● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Übergang Zeit in Monaten 5 re pr es en ta tiv e( s) (n =1 82 ) Criterion=rep. score, coverage=44% ● ● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Promotion Zeit in Monaten 3 re pr es en ta tiv e( s) (n =6 1) Criterion=rep. score, coverage=45.9% ● ● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 242 Repräsentative Sequenzen (Berufsverbleib) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Promotion Zeit in Monaten 3 re pr es en ta tiv e( s) (n =6 1) Criterion=rep. score, coverage=45.9% ● ● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Referendariat Zeit in Monaten 3 re pr es en ta tiv e( s) (n =2 19 ) Criterion=rep. score, coverage=42% ● ● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Hausarbeit/Erziehung Zeit in Monaten 1 re pr es en ta tiv e( s) (n =9 6) Criterion=rep. score, coverage=41.7% ● ● ● 0 36 72 108 144 B A (A) Discrepancy (mean dist. to center) (B) Mean dist. to representative seq. 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 243 Hausarbeits-/Erziehungscluster zu beschreiben, da die darin enthaltenen Übergangssequenzen mehrheitlich aus einer anfänglichen Erwerbstätigkeit in Hausarbeits- bzw. Erziehungszeit-Zustände übergehen. Die Übergangsmuster des Berufsverbleibs machen deutlich, dass nach der in dieser Arbeit definierten Übergangsphase von 6 Jahren 73 Prozent der Absolventen einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen (Vollzeitcluster und Referendariatscluster). Lediglich 178 Personen (18 Prozent) können innerhalb dieser 6 Jahre kein ” stabiles“ Beschäftigungsverhältnis vorweisen (Übergangscluster und Hausarbeits-/Erziehungscluster). Der Anteil der in Teilzeit beschäftigten Personen steigt leicht auf 81 Personen an. Dies betrifft nach wie vor hauptsächlich Frauen (siehe Tabelle A.12 im Anhang). Ein erstes Indiz für eine relativ ” reibungslose“ Übergangsphase stellt der stark gesunkene Anteil an Personen im Übergangscluster dar, wenn man die Berufseinstiegs- mit den Berufsverbleibsclustern vergleicht (635 zu 182 Personen). Damit weisen rund 40 Prozent der Absolventen zwar einen eher diskontinuierlichen Übergang in die erste Erwerbstätigkeit auf, jedoch verbleiben nach 6 Jahren nur knapp 12 Prozent in diesem Cluster. Vergleicht man nun die kohortenspezifischen Verteilungen der Absolventen auf die Cluster des Berufsverbleibs zeigt sich auch hier, dass der Anteil an Personen im Vollzeitcluster tendenziell sinkt, jedoch keineswegs so ausgeprägt und konstant wie in der Perspektive des Berufseinstiegs. Berücksichtigt man die bereits in Kapitel 3 aufgezeigte Zunahme an Teilzeitstellen und die Abnahme der Anteile an Absolventen im Übergangscluster, ist die Quote der Voll- und Teilzeitbeschäftigungen im Kohortenvergleich sogar gestiegen (Abbildung 5.14). Diese Betrachtung von Berufseinstieg und Berufsverbleib lässt die These einer De-Standardisierung der Übergänge von Akademikern durchaus fragwürdig erscheinen. Von besonderem Interesse beim Vergleich des Berufseinstiegs und -verbleibs sind die Wanderungsbewegungen zwischen den Clustern dieser beiden Perspektiven. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie sich die Personen 244 des Übergangsclusters des Berufseinstiegs in der Berufsverbleibsperspektive positionieren. Je stärker die Zusammensetzung des eher als diskontinuierlich zu beschreibenden Übergangsclusters beim Berufseinstieg ” ausgetauscht“ wird, desto eher kann von einem ” Übergangsphänomen“ gesprochen werden und nicht von einem dauerhaften und manifesten Problem beim Übergang in den Beruf. Daher werden im Folgenden anhand einer Mobilitätsmatrix die Wanderungen zwischen den Berufseintrittsclustern und den Berufsverbleibsclustern dargestellt (Abbildung 5.15). Darin wird deutlich, dass das Übergangscluster des Berufseinstiegs die weitaus größten Abströme (knapp 84 Prozent) aufweist. Dies ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Personen, welche direkt nach dem Studienabschluss einen diskontinuierlichen Übergang aufweisen, zu weiten Teilen innerhalb der beobachteten 6 Jahre in eine reguläre Beschäftigung übergehen. 49 Prozent der anfänglich im Übergangscluster vertretenen Absolventen befinden sich in der Berufsverbleibsperspektive im Vollzeitcluster, 17 Prozent gehen in das Referendariatscluster über. Dies zeigt, dass der relativ hohe Anteil an Absolventen im Übergangscluster der Berufseinstiegsperspektive tatsächlich nur anfängliche Schwierigkeiten beim Berufseinstieg hat und mehrheitlich in eine reguläre Beschäftigung übergeht. Den in absoluten Zahlen gemessenen stärksten Zuwachs kann das Vollzeitcluster des Berufsverbleibs verbuchen. So münden innerhalb der 6 Jahre nach Studienabschluss 413 Personen aus dem Übergangs- und dem Qualifikationscluster in eine Vollzeitbeschäftigung. Erneut soll in einem multivariaten Modell geprüft werden, welche Determinanten die Clusterzugehörigkeit beeinflussen (Tabelle 5.8). Auch hier wird – wie bereits im Modell zu den Berufseinstiegsclustern – deutlich, dass das Passungsverhältnis von Ausbildung und Beruf keinen signifikanten Einfluss auf die Ausgestaltung der Übergangsmuster hat. Ebenfalls zeigt sich, dass auch in diesem Modell die nennenswerten Einflüsse von institutionellen und nicht von individuellen Faktoren ausgehen. Absolventen, die im Promotionscluster verbleiben, haben jedoch signifikant mehr Auslandsaufenthalte während ihres Studiums absolviert als die Absolventen im Vollzeitcluster. 245 Abbildung 5.13: Zustandsverteilungen der Cluster-Lösung (Berufsverbleib) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Vollzeit Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 92 7) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Übergang Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 18 2) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Teilzeit Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 81 ) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 246 Promotion Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 61 ) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Referendariat Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 21 9) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Hausarbeit/Erziehung Zeit in Monaten Fr eq . ( n= 96 ) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 berufl. Ausbildung Meister/Techniker Zweit−/Aufbaustudium (FH) Zweit−/Aufbaustudium (Uni) Referendariat/A.i.P./Promotion Weiterbildung Wehr−/Zivildienst Praktikum/HiWi/ABM geringfügig erwerbstätig teilzeit erwerbstätig vollzeit erwerbstätig Zeit−/Berufssoldat arbeitslos/−suchend Elternzeit/Hausfrau/−mann nicht erwerbstätig 247 Während in der Berufseinstiegsperspektive Auslandsaufenthalte die Wahrscheinlichkeit eines diskontinuierlichen Übergangsmusters senken, trifft dies für die Berufsverbleibsperspektive nicht mehr zu. Demnach scheinen studienbezogene Auslandsaufenthalte zu Beginn der Übergangsphase relevant, aber nicht im weiteren Verlauf. Ebenso verdeutlicht die Differenzierung des Qualifikationsclusters in ein Promotionscluster und ein Referendariatscluster, dass Absolventen, die mindestens einen Monat zu Studienzwecken im Ausland verbracht haben, mit einer mehr als doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit im Promotionscluster vertreten sind als im Vollzeitcluster. Für die Wahrscheinlichkeit, dem Referendariatscluster anzugehören, kann kein signifikanter Effekt beobachtet werden. Auch wenn Frauen bereits in der Berufseinstiegsperspektive überproportional häufig im Teilzeitcluster vertreten waren, konnte im multivariaten Modell kein signifikanter Einfluss des Geschlechts festgestellt werden. Ein Abbildung 5.14: Verteilung der Übergangsmuster im Kohortenvergleich (Berufsverbleib) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 63.4 21.1 9.9 2.8 60.4 14.8 12.1 2.4 8.6 57.0 4.9 10.1 17.6 3.8 6.6 60.3 5.2 9.4 13.8 7.0 4.4 58.7 3.8 11.0 12.4 8.4 5.8 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 10 0 P ro ze nt 1976−1980 1981−1985 1986−1990 1991−1995 1996−2002 Werte unter 2% sind nicht explizit ausgewiesen. Vollzeit Promotion Übergang Referendariat Teilzeit Hausarbeit/Erziehung 248 wesentlich anderes Bild zeichnet die Berufsverbleibsperspektive. Hier ist für Frauen die Wahrscheinlichkeit fast um ein Fünffaches höher einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen; noch ausgeprägter ist der Effekt bei der Wahrscheinlichkeit, einer Hausarbeits- oder Erziehungstätigkeit nachzugehen. Somit scheinen sich Frauen vor allem im Verlauf nach dem Abschluss ihres Studiums vermehrt für Teilzeitbeschäftigungen und/oder Hausarbeit bzw. die Kindererziehung zu entscheiden. Erstaunlicherweise sind Absolventen, die zum Zeitpunkt des Studienabschlusses bereits Kinder haben, signifikant seltener im Hausarbeits-/Erziehungscluster zu finden. Somit scheint es unter Berücksichtigung des signifikanten Effekts von Kindern auf einen Verbleib in einer Teilzeitbeschäftigung, dass Absolventen, die bereits zum Zeitpunkt des Studienabschlusses Kinder haben, mit einer drei mal höheren Wahrscheinlichkeit in einer Teilzeit- als in einer Vollzeitbeschäftigung erwerbstätig sind. Vergleicht man diese Effekte mit den Analysen der Berufseinstiegscluster, scheinen die Absolventen mit Kindern innerhalb Abbildung 5.15: Mobilitätsmatrix der Absolventen zwischen den Clustern des Berufseinstiegs und des Berufsverbleibs (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) Berufsverbleib Cluster 1 Cluster 2 Cluster 3 Cluster 4 Cluster 5 Cluster 6 Abgang (Vollzeit) (Promotion) (Übergang) (Referendariat) (Teilzeit) (Hausarbeit) Total B er u fs ei n st ie g Cluster 1 4 47 52 10 29 142 (Vollzeit) (21,6%) Cluster 2 100 29 10 14 153 (Qualifikation) (63,2%) Cluster 3 313 21 107 38 52 531 (Übergang) (83,6%) Cluster 4 0 0 2 7 1 10 (Teilzeit) (30,3%) Zuwachs 413 25 78 166 58 96 836 Total (44,6%) (41,0%) (42,9%) (75,8%) (71,6%) (100%) (53,4%) 249 der ersten 6 Jahre nach Studienabschluss (wieder) auf den Arbeitsmarkt zu strömen. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass der Effekt des Abschlussjahres auf einen diskontinuierlichen Übergang, wie er in der Perspektive des Berufseinstiegs beobachtet werden konnte, im weiteren Berufsverbleib nicht mehr signifikant ist. Die im Zeitverlauf zunehmende Wahrscheinlichkeit, einer Teilzeitbeschäftigung nachzugehen, kann in beiden Perspektiven beobachtet werden und gilt daher auch im multivariaten Modell als gesichert. Auch in der Perspektive des Berufsverbleibs gehen in Ostdeutschland geborene Akademiker weitaus seltener einer Teilzeit- anstelle einer Vollzeitbeschäftigung nach. Jedoch geht der ” schützende“ Effekt der Sozialisation in Ostdeutschland vor einem diskontinuierlichen Übergang, wie er in der Berufseinstiegsperspektive beobachtet werden konnte, beim Berufsverbleib verloren. Hier sind es nun die im Ausland geborenen Akademiker, welche eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit aufweisen, nach 6 Jahren weniger konstant auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen zu können als ihre westdeutschen Kommilitonen. Wie bereits bei den Übergangsmustern der Berufseinstiegsperspektive sind im Vergleich zum Vollzeitcluster die Wahrscheinlichkeiten, eine befristete erste Anstellung zu bekleiden, in fast allen anderen Clustern signifikant höher. Ein vergleichbares Bild zeichnet sich bei den Anstellungen im öffentlichen Dienst ab. So ist erwartbar die Wahrscheinlichkeit höher, im Promotionsund im Referendariatscluster im öffentlichen Dienst beschäftigt zu sein. Dies ist schon aufgrund des für dieses Cluster erwartungsgemäß hohen Anteils an Absolventen eines Staatsexamensstudiengangs wenig überraschend, jedoch erstaunt der negative Effekt von hochgradig standardisierten Berufen der Universitätsabsolventen auf die Zugehörigkeit zum Referendariatscluster. Hier wurde erwartet, dass gerade die stark standardisierte Zertifizierung der Staatsexamensstudiengänge (die nur an Universitäten vergeben werden) wirksam werden. Betrachtet man die geschätzten Wahrscheinlichkeiten der Clusterzugehörigkeit im Zeitverlauf, wird deutlich, dass in der Berufsverbleibsperspektive die Wahrscheinlichkeit, dem Vollzeitcluster anzugehören, 250 T ab el le 5. 8: D et er m in an te n d er sp ez ifi sc h en Ü b er ga n gs m u st er d es B er u fs ve rb le ib s (M u lt in om ia le s L og it - M o d el l) (Q u el le : IA B /A L W A 20 10 ; ei ge n e B er ec h n u n g) Ü b er ga n gs m u st er (B er u fs ve rl au f) C lu st er 2 C lu st er 3 C lu st er 4 C lu st er 5 C lu st er 6 (P ro m ot io n ) (Ü b er ga n g) (R ef er en d ar ia t) (T ei lz ei t) (H au sa rb ./ E rz .) In st it u ti on el le M er km al e H o ch sc h u la b sc h lu ss (U n iv er si tä t) −b 2, 39 3 8, 62 9∗ ∗ 3, 93 1 10 ,3 20 ∗ S ta n d . Z er ti fi zi er u n g d . B er u fs 1, 49 1 0, 89 4 3, 20 0 1, 46 7 11 ,4 46 + U n iv er si tä t × S ta n d . Z er t. d . B er u fs 0, 54 2 0, 68 0 0, 16 6+ 0, 21 5 0, 07 9+ E rs te S te ll e im öff en tl ic h en D ie n st 2, 02 2+ 1, 56 7∗ 1, 67 3∗ ∗ 1, 61 7 1, 05 6 E rs te S te ll e b ef ri st et 3, 21 0∗ ∗ 1, 94 4∗ ∗ 2, 56 5∗ ∗∗ 1, 71 5 1, 69 7+ E rs te S te ll e ad äq u at 1, 08 3 0, 49 0∗ ∗ 0, 75 8 0, 50 1+ 1, 03 5 In di vi du el le M er km al e m it B er u fs au sb il d u n g 0, 12 8∗ ∗ 1, 05 8 0, 91 0 1, 15 0 1, 16 7 m it A u sl an d sa u fe n th al t 2, 53 6∗ 1, 66 1 1, 14 3 2, 18 7 1, 42 8 in P ar tn er sc h af t 0, 83 3 1, 08 7 0, 74 2 1, 19 0 1, 21 4 m it K in d er n 0, 44 0 1, 13 5 0, 98 1 3, 17 0∗ ∗ 0, 08 3∗ A b sc h lu ss ja h r 0, 98 7 0, 98 3 1, 00 3 1, 06 2∗ 0, 97 5 K on tr ol lv ar ia bl en G es ch le ch t (w ei b li ch ) 1, 01 5 1, 23 3 1, 15 2 4, 84 1∗ ∗∗ 13 0, 46 1∗ ∗∗ A lt er b ei A b sc h lu ss (z en tr ie rt )a 1, 25 8∗ ∗ 0, 93 1 0, 96 0 1, 01 4 1, 02 2 A ka d em is ch es E lt er n h au s 2, 09 2∗ 0, 93 5 1, 09 4 1, 63 4 1, 00 2 G eb u rt so rt : W es td eu ts ch la n d (R ef .) O st d eu ts ch la n d 2, 34 2+ 0, 87 1 1, 11 2 0, 35 9+ 0, 63 5 A u sl an d 2, 35 1 1, 84 6+ 0, 97 6 1, 77 9 1, 59 6 K or r. M cF ad d en R 2 0, 08 2∗ ∗∗ A IC 30 11 B IC 34 54 F al lz ah l N 13 55 a D as A lt er w u rd e am M it te lw er t vo n 26 J ah re n ze n tr ie rt . b K o effi zi en te n n ic h t au sg ew ie se n , d a d ie se G ru p p e zu ge ri n g b es et zt is t. R ef er en zk at eg or ie : C lu st er 1 ”V ol lz ei t“ ; au sg ew ie se n si n d O d d s- R at io s. S ig n ifi ka n zn iv ea u s: + p < 0, 10 ;∗ p < 0, 05 ;∗ ∗ p < 0, 01 ;∗ ∗∗ p < 0, 00 1. 251 Abbildung 5.16: Geschätzte Wahrscheinlichkeit eines Übergangsmusters (Berufsverbleib) in Abhängigkeit des Abschlussjahres (Predictive Margins) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 0 .1 .2 .3 .4 .5 .6 .7 .8 .9 1 W ah rs ch ei nl ic hk ei t d er C lu st er zu ge hö rig ke it 19 76 19 78 19 80 19 82 19 84 19 86 19 88 19 90 19 92 19 94 19 96 19 98 20 00 20 02 Abschlussjahr Vollzeit Promotion Übergang Referendariat Teilzeit Hausarbeit/Erziehung nahezu linear verläuft. Vor allem beträgt sie durchweg über 60 Prozent, während die verbleibenden Übergangsmuster eine eher untergeordnete Rolle spielen (Abbildung 5.16). Zusammenfassung der Ergebnisse zu den Analysen der Übergangsmuster Abschließend sollen die Analysen zu den Übergangsmustern der Berufseinstiegs- und der Berufsverbleibsperspektive zusammenfassend diskutiert werden. Wie bereits bei der Formulierung der Arbeitshypothesen angemerkt, können nur wenige empirische Vergleiche zu bestehenden Ergebnissen gezogen werden, da die Literatur kaum Anhaltspunkte zu Analysen von Übergängen in die erste Erwerbstätigkeit mittels Sequenzmusteranalysen bereithält. Vielmehr beziehen sich die meisten theoretischen wie auch empirischen 252 Arbeiten lediglich auf die Dauer des Übergangs, welche im nachfolgenden Abschnitt untersucht wird. Dennoch konnte gezeigt werden, dass, mit wenigen Ausnahmen, weder das Passungsverhältnis zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem noch die Art der besuchten Hochschule nennenswerte Effekte auf die Ausgestaltung der Übergangsmuster vorweisen konnten. Damit müssen die eingangs aufgestellten Annahmen, eine starke Harmonisierung zwischen Ausbildungsund Erwerbssystem führe zu geradlinigeren Übergängen, zurückgewiesen werden. Ohne hiermit Aussagen über eine historische Entwicklung machen zu können, kann gesagt werden, dass ein niedriges Passungsverhältnis zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem keine signifikanten Auswirkungen auf die Ausgestaltung der Übergänge hat. Damit ist auch die Einsicht verbunden, dass der Erklärungswert multivariater Analysen zu den Übergangsmustern als eingeschränkt zu bezeichnen ist. Dennoch konnten einige Erkenntnisse gewonnen werden. So konnte gezeigt werden, dass die Gruppe der Personen im Übergangs- und Qualifikationscluster, im Vergleich zu den direkt und dauerhaft in eine Vollzeitbeschäftigung einmündenden Absolventen, wesentlich häufiger in befristete Arbeitsverhältnisse übergeht, auch wenn dies wie im Falle des Übergangsclusters mehrheitlich Vollzeitbeschäftigungen sind. Hier scheint ein doppelter Effekt zu wirken. Die Personen im Übergangscluster haben nicht nur ” Anlaufschwierigkeiten“, sondern landen auch häufiger in befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Dieser Effekt bleibt in der Berufsverbleibsperspektive auch unter Kontrolle individueller Merkmale bestehen. Dennoch sollen diese Ergebnisse keinen Anlass für ein negatives Gesamturteil geben. Die Mehrheit der Absolventen geht direkt in eine Vollzeitbeschäftigung über. Der anfänglich fast gleich hohe Anteil an Absolventen mit einem weniger ” reibungslosen“ Übergang (Übergangscluster) geht in der Berufsverbleibsperspektive ebenfalls in eine Vollzeitbeschäftigung über. Nur ein geringer Anteil verbleibt in weniger stabilen Beschäftigungsformen. Ein noch geringerer Anteil ist von Teilzeitbeschäftigungen betroffen; dies sind dann vornehmlich Frauen. 253 Bezüglich des Einflusses der Harmonisierung von Ausbildungssystem und Erwerbssystem auf die Ausgestaltung der Übergangsmuster zeigt sich, dass weder von der Art des Hochschulabschlusses und dem damit assoziierten Anwendungsbezug der Fachhochschulen noch von dem Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe ein nennenswerter Effekt auf die Clusterzuordnung ausgeht. Lediglich tendenziell signifikant zeigen sich Effekte, dass Universitätsabsolventen mit niedrigem Passungsverhältnis zwischen Ausbildungszertifikat und Beruf eine höhere Chance haben, im Übergangscluster und nicht im Vollzeitcluster vertreten zu sein; diese verschwinden jedoch in der Berufsverbleibsperspektive. Entgegen der Annahme, Universitätsabsolventen, die ihr Studium mit einem Staatsexamen abschließen, seien durch hoch standardisierte Ausbildungszertifikate und damit verbundenen strikten Berufszugangsregelungen charakterisiert, zeigen die multivariaten Ergebnisse ein anderes Bild. Während die deskriptiven Analysen darauf hinweisen, dass tatsächlich Absolventen mit Staatsexamina häufiger im Qualifikationscluster (Berufseinstieg) bzw. dem Referendariatscluster (Berufsverbleib) vertreten sind, kann dies im multivariaten Modell nicht durch ein hohes Passungsverhältnis zwischen Ausbildungssystem und Erwerbssystem wiedergegeben werden. Vielmehr scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, dem Referendariatscluster (Berufsverbleib) anzugehören, ist signifikant höher für Universitätsabsolventen mit niedrigem Passungsverhältnis zwischen Ausbildung und Beruf. Dieser Effekt kann jedoch als ” Artefakt“ gewertet werden, da wie bereits in Abschnitt 5.1 angemerkt, die Beschreibungen der Übergangsmuster nur idealtypische Bezeichnungen darstellen. Somit erscheint gerade die Zusammensetzung der Übergangsmuster des Referendariatsclusters in der Berufsverbleibsperspektive stark heterogen und weist eine gewisse Nähe zum Übergangscluster auf. Bezüglich einer postulierten Individualisierung von Lebensläufen und der damit verbundenen allgemeinen Beschleunigung von Statuswechseln und einer steigenden Vielfalt von Verlaufsmustern (Konietzka 2010: 67–68) muss 254 gesagt werden, dass dies für den spezifischen Übergang von der Hochschule in den Arbeitsmarkt für Akademiker nur sehr eingeschränkt festgestellt werden konnte. Weder haben die ” diskontinuierlichen“ Übergangsmuster im Kohortenvergleich signifikant zugenommen, noch konnte eine Steigerung der Turbulenz als Maß der Beschleunigung und Zunahme von Status- bzw. Zustandswechseln nachgewiesen werden. So scheinen nicht nur die relevanten Arbeitsmarktindikatoren für Akademiker äußerst stabil, sondern auch die Übergangsmuster und -sequenzen. Lediglich in der Berufseinstiegsperspektive konnte eine leichte Pluralisierung der Übergangssequenzen im Kohortenvergleich beobachtet werden (gemessen an der Zunahme der durchschnittlichen Diskrepanz). Jedoch zeichnete sich auch hier kein anhaltender Trend ab, und es scheint sich nicht um einen für den weiteren Erwerbsverlauf bedeutenden, sprich anhaltenden Effekt zu handeln. Betrachtet man die geschätzten Wahrscheinlichkeiten der Clusterzugehörigkeit der Berufseinstiegsperspektive, zeigt sich deutlich, dass von einem Übergangsphänomen auszugehen ist, wenn man die im Zeitverlauf steigende Wahrscheinlichkeit der Zugehörigkeit zum Übergangscluster interpretiert. Im Vergleich mit der Berufsverbleibsperspektive zeigt sich, dass die geschätzte Wahrscheinlichkeit, am Ende der Übergangsphase in einer längerfristig anhaltenden Vollzeitanstellung beschäftigt zu sein, mit rund 60 Prozent weit höher ausfällt als in der Berufseinstiegsperspektive. Als noch markanter erweist sich der Abstand zu den anderen Übergangsmustern des Berufsverbleibs. 5.2.3 Auswertungen zur Übergangsdauer Abschließend werden nun die Determinanten der Übergangsdauer in den Blick genommen. In einer ersten Analyse wird der Frage nachgegangen, welche Faktoren die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, einen nahtlosen Übergang in die erste Erwerbstätigkeit zu erleben. In einem zweiten Schritt werden diejenigen Absolventen genauer untersucht, die keinen nahtlosen Übergang 255 erleben, und die Determinanten der Übergangsdauer in den Mittelpunkt der Analysen gestellt. Hierbei ist erneut die Unterscheidung zwischen institutionellen und individuellen Merkmalen relevant. Während einerseits im Zuge der Individualisierungsthese angenommen werden kann, dass das Individuum mehr denn je die Haftung für einen ” gelungenen“ Übergang innehat, kann anderseits argumentiert werden, dass diese Verantwortung bei gleichzeitiger institutioneller Standardisierung weniger als eine Verlagerung der Entscheidungs- und Handlungsoptionen als vielmehr der Verantwortung auf das Individuum verstanden werden kann. Demnach ist zum einen zu klären, welche Einflüsse von institutionellen und welche von individuellen Merkmalen ausgehen. Dabei wird, wie eingangs bereits dargelegt, davon ausgegangen, dass die Harmonisierung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem umso stärker ist, je höher das Passungsverhältnis zwischen diesen beiden Bereichen ist und je standardisierter die Abschlusszertifikate und Berufszugänge reguliert sind. Die institutionelle Standardisierung des deutschen Ausbildungs- und Erwerbssystems ist im Allgemeinen hoch (Leuze 2010b), was erwarten lässt, dass die individuellen Einflüsse gering ausfallen. Demnach kann tatsächlich argumentiert werden, dass ” nur“ die Verantwortung eines ” gelungenen“ Lebenslaufs dem Individuum übertragen wurde, jedoch eine Einflussnahme unter institutionell standardisierten Bedingungen eher gering ausfällt. Zum anderen ist zu klären, ob der angenommene ” Verstärkungseffekt“ der anwendungsbezogenen Fachhochschulabschlüsse bei hoch standardisierten Berufen zu beobachten ist oder ob nicht ein steigender Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe den Einfluss des Anwendungsbezugs nivelliert. Die in Tabelle 5.9 dargestellten Ergebnisse zeigen vor allem, dass das gewählte Modell zur Erklärung eines nahtlosen Übergangs nicht besonders geeignet ist (R2 = 0, 009). Die Werte des Akaike und des Bayesschen Informations- Kriteriums (AIC und BIC) verweisen darauf, dass die erweiterten Modelle 2 und 3 keinen relevanten Zuwachs an Erklärungskraft gegenüber dem sparsameren ersten Modell erbringen. Diese Ergebnisse bezüglich der Modellgüte 256 lassen die eingangs gemachte Annahme, dass die Frage nach einem direkten Übergang ein ” Spezialfall“ der Frage nach der Dauer des Übergangs mit einer Dauer von 0 Monaten sei, wenig plausibel erscheinen. Dies vor allem, wenn man die Ergebnisse mit den Auswertungen der nachfolgenden Analyse der Übergangsdauer (Tabelle 5.10) vergleicht. Vielmehr deutet sich an, dass die Faktoren, die einen direkten Einstieg begünstigen, anders gelagert sind Tabelle 5.9: Wahrscheinlichkeit eines direkten Berufseinstiegs (Logistisches Regressionsmodell) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnungen) Modell 1 Modell 2 Modell 3 Insititutionelle Merkmale Hochschulabschluss (Universität) 0,678∗∗ 0,722 0,718 Stand. Zertifizierung d. Berufs 1,016 1,084 1,028 Universität × Stand. Zert. Beruf 0,921 1,014 Erste Stelle im öffentlichen Dienst 1,162 1,162 1,221 Erste Stelle befristet 0,821 0,821 0,827 Erste Stelle adäquat 0,904 0,905 0,902 Individuelle Merkmale mit Berufsausbildung 1,444∗ mit Auslandsaufenthalt 1,876∗ in Partnerschaft 1,101 mit Kindern 0,809 Abschlussjahr 0,993 Kontrollvariablen Geschlecht (weiblich) 1,014 1,015 1,021 Alter bei Abschluss (zentriert)a 0,985 0,985 0,976 Akademisches Elternhaus 0,806+ 0,806+ 0,802+ Geburtsort: Westdeutschland (Ref.) Ostdeutschland 1,899∗∗∗ 1,901∗∗∗ 1,813∗∗ Ausland 0,975 0,977 0,998 Korr. McFadden R2 0,009∗∗∗ 0,008∗∗∗ 0,009∗∗∗ AIC 1662 1664 1663 BIC 1720 1727 1751 Fallzahl N 1355 1355 1355 a Das Alter wurde am Mittelwert von 26 Jahren zentriert. Ausgewiesen sind Odds-Ratios. Signifikanzniveaus: +p < 0, 10;∗ p < 0, 05;∗∗ p < 0, 01;∗∗∗ p < 0, 001. 257 als diejenigen Faktoren, die die Dauer der Übergangsphase beeinflussen. Nur für in Ostdeutschland geborene Absolventen zeigt sich über alle drei Modelle hinweg ein signifikant positiver Effekt auf die Wahrscheinlichkeit eines nahtlosen Berufseinstiegs. Der in Modell 1 noch signifikant negative Effekt niedrig standardisierter Universitätsabschlüsse verliert bereits in Modell 2 mit der differenzierten Betrachtung zwischen niedrig bzw. hoch standardisierten Fachhochschul- und Universitätsabschlüssen seine Erklärungskraft. Letztlich lassen jedoch Zusatzqualifikationen wie eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie studienbezogene Auslandsaufenthalte einen direkten Berufseinstieg wahrscheinlicher werden. Beide Effekte können als positives Signal im Sinne von Berufserfahrung oder internationaler bzw. interkultureller Kompetenzen interpretiert werden. In Bezug auf die Determinanten eines direkten Berufseinstiegs bleibt zu sagen, dass – unter Berücksichtigung der allgemein sehr schwachen Erklärungskraft des Modells – eher individuelle Merkmale relevant sind. Vergleichbare Analysen eines direkten oder verzögerten Berufseinstiegs von Akademikern zeigten, dass Kinder zum Zeitpunkt des Hochschulabschlusses einen entsprechend der Humankapitaltheorie positiven Effekt auf einen nahtlosen Übergang haben (Kühne 2009: 140), welche in dieser Arbeit nicht nachgewiesen werden konnte. Nachdem die Gründe für oder gegen einen nahtlosen Berufseinstieg anhand der ausgewählten Determinanten im vorangegangenen Modell nur unzureichend erklärt werden konnten, richtet sich die nachfolgende Analyse auf diejenigen Absolventen, die keinen direkten Übergang in die erste Erwerbstätigkeit erleben. Es steht die Frage im Mittelpunkt, ob die Dauer des Übergangs in das erste Beschäftigungsverhältnis durch die starke institutionelle Kopplung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem erklärt werden kann. In einer differenzierteren Betrachtung des Passungsverhältnisses zwischen diesen beiden Lebenslaufphasen wird der Einfluss der standardisierten Zertifizierung der Berufe unter Kontrolle der horizontalen Differenzierung anwendungsbezogener Fachhochschulen und wissenschaftsnäherer Universitäten auf die Übergangsdauer in den Blick genommen. Dabei wird erwartet, 258 wie in Abschnitt 5.1 argumentiert, dass die Übergangsdauer umso kürzer ist, je standardisierter die Abschlusszertifikate und Berufszugangsregelungen sind. Die Gatekeeper des Ausbildungssystems sind dabei in ihren Handlungsspielräumen durch die institutionelle Regulierung der Studieninhalte und Abschlussprüfungen gebunden. Dies versetzt die Gatekeeper auf der Arbeitsmarktseite in die Lage, bei der Auswahl geeigneter Arbeitnehmer auf erwartbare und einheitliche Standards bei der Beurteilung der Ausbildungszertifikate zurückgreifen zu können. Dies vereinfacht die Einschätzung der zu erwartenden Produktivität der Bewerber anhand der Ausbildungszertifikate und weniger über individuelle Merkmale, die eine höhere Unsicherheit mit sich bringen. Schlussendlich sollte dies zu einem besseren, aber vor allem schnelleren Berufseinstieg führen. Diese Thesen werden zuerst anhand bivariater Analysen untersucht, um daraufhin in einem multivariaten Modell die Einflüsse unter Kontrolle der in Abschnitt 4.1.5 beschriebenen Variablen zu testen. Eine erste Einschätzung der Übergangsdauer zeigt, dass nach sechs Monaten rund 50 Prozent der Absolventen, die nicht direkt nach Studienabschluss in eine Erwerbstätigkeit übergehen, eine Anstellung gefunden haben. Wie die Bewegungen zwischen den Clustern des Berufseinstiegs und Berufsverbleibs gezeigt haben, scheinen einmal erwerbstätige Absolventen dies zum größten Teil auch zu bleiben. Die in Abbildung 5.17 dargestellten Überlebenskurven (Kaplan-Meier- Kurven) institutioneller Merkmale verweisen bereits darauf, dass keine Unterschiede zwischen Fachhochschul- und Universitätsabsolventen per se erkennbar sind (Abbildung 5.17a). Jedoch finden Fachhochschulabsolventen mit niedrigem Standardisierungsgrad der Berufe schneller eine Anstellung als Universitätsabsolventen (Abbildung 5.17c). Ein umgekehrter Effekt zeigt sich für die Absolventen mit höherem Standardisierungsgrad der Berufe (Abbildung 5.17d). Dies deutet auf die eingangs gemachte Annahme hin, dass der Einfluss der standardisierten Zertifizierung der Berufe für Fachhochschulabsolventen anders wirkt als für Universitätsabsolventen. Die 259 Abbildung 5.17: Kaplan-Meier-Überlebensfunktion ausgewählter institutioneller Merkmale (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss Fachhochschule Universität Hochschulart (a) Hochschulart 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss Privatwirtschaft Öffentlicher Dienst Wirtschaftssektor (b) Öffentlicher Dienst 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss Fachhochschule Universität Hochschulart & niedriger Grad d. stand. Zert. Grad d. stand. Zertifizierung d. Berufs <= 0,5. (c) Hochschulart & niedrig stand. Zertifizierung der Berufe 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss Fachhochschule Universität Hochschulart & hoher Grad d. stand. Zert. Grad d. stand. Zertifizierung d. Berufs >= 0,5. (d) Hochschulart & hohe stand. Zertifizierung der Berufe Unterschiede zwischen einer Anstellung im öffentlichen Dienst oder der Privatwirtschaft zeigen, dass die Übergänge in den privatwirtschaftlichen Sektor etwas schneller geschehen. Dies kann durch die stärkere Schließung des öffentlichen Sektors und die damit verbundene geringere Anzahl an Einstiegspositionen erklärt werden (Abbildung 5.17b). Die Auswertungen der Frage nach einem nahtlosen Berufseinstieg zeigten, dass eine vor dem Studium abgeschlossene Berufsausbildung einen erwartet 260 Abbildung 5.18: Kaplan-Meier-Überlebensfunktion ausgewählter individueller und kontrollierter Merkmale (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss Nein Ja Berufsausbildung (a) abgeschlossene Berufsausbildung 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss Nein Ja Kinder (b) Kinder bei Studienabschluss 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss männlich weiblich Geschlecht (c) Geschlecht 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 A nt ei l o hn e B es ch äf tig un g 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss 1976−1980 1981−1985 1986−1990 1991−1995 1996−2002 Abschlusskohorte (d) Abschlusskohorte positiven Effekt hatte (siehe Tabelle 5.9). Diese Effekte können in Bezug auf die Übergangsdauer bzw. -geschwindigkeit ebenfalls beobachtet werden, jedoch schwächer. Absolventen mit zusätzlicher Berufsausbildung weisen etwas kürzere Übergangszeiten auf (Abbildung 5.18a). Es scheint, als ob eine zusätzliche Berufsausbildung einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Dauer des Übergangs hat. Hier dürften die Art der Berufsausbildung 261 sowie das studierte Fach eine weitere Klärung dieser Effekte anbieten.76 Wesentlich relevanter für die hier untersuchte Fragestellung ist hingegen der Effekt von Kindern auf die Dauer des Übergangs (Abbildung 5.18b). Absolventen mit Kindern weisen relativ deutlich längere Übergangszeiten auf als Absolventen ohne Kinder. Demnach scheint auch die Funktionsweise nichtinstitutioneller Gatekeeper zumindest im bivariaten Fall erkennbar zu sein. Ein vergleichbares Bild zeigt die Gegenüberstellung der Überlebenskurven von Männern und Frauen (Abbildung 5.18c). Der Vergleich unterschiedlicher Abschlusskohorten zeigt, dass vor allem die jüngeren Abschlusskohorten einen schnelleren Übergang in die erste Erwerbstätigkeit erleben. Dies widerspricht auf den ersten Blick der vielfach vertretenen Ansicht, dass die Übergänge in den Beruf zunehmend durch längere und diskontinuierliche Übergangsphasen geprägt seien (Abbildung 5.18d). Nach dieser ersten Betrachtung bivariater Überlebenskurven wird im multivariaten Modell geprüft, ob der angenommene ” Verstärkungseffekt“ hoch standardisierter Fachhochschulabschlüsse empirisch nachweisbar ist. Hierzu werden erneut drei Modelle geschätzt, um die getrennten Effekte (1) der horizontalen Differenzierung zwischen Fachhochschulen und Universitäten, (2) unter Berücksichtigung unterschiedlicher Grade der standardisierten Zertifizierung der Berufe und (3) unter Kontrolle individueller Merkmale, zu ermitteln. Modell 1 in Tabelle 5.10 zeigt anfänglich keine signifikanten Effekte der Hochschulart, jedoch einen hochsignifikanten Effekt der standardisierten Zertifizierung der Berufe. Je stärker die Abschlusszertifikate und die Berufszugangsregelungen institutionell standardisiert sind, desto schneller gehen die Absolventen in eine Erwerbstätigkeit über.77 Jedoch wird unter 76 Zur Begründung des Verzichts auf eine differenzierte Analyse der Studienfächer siehe Abschnitt 4.1.5. 77 Negative Vorzeichen verweisen auf einen die Übergangsdauer verkürzenden Effekt, positive Vorzeichen auf eine zeitliche Verzögerung (siehe die Erläuterungen in Abschnitt 4.2.3). 262 Kontrolle der Interaktion zwischen Hochschulart und dem Grad der standardisierten Zertifizierung der Berufe in Modell 2 deutlich, dass der Einfluss dieser Standardisierung für Fachhochschul- und Universitätsabsolventen unterschiedliche Effekte zeitigt. Während sich für Absolventen universitärer Studiengänge die Übergangsdauer verkürzt, je standardisierter die institutionellen Vorgaben zur Vergabe der Abschlusszertifikate geregelt sind, ist ein gegenteiliger Effekt für Fachhochschulabsolventen erkennbar. Hier verlängert eine höhere Standardisierung der Ausbildungszertifikate und Berufszugänge die Dauer der Übergangsphase. Somit kann der angenommene ” Verstärkungseffekt“ des Anwendungsbezugs der Fachhochschulstudiengänge und die damit unterstellte verstärkte Harmonisierung zwischen Ausbildungsund Erwerbssystem für hoch standardisierte Berufe nicht aufrechterhalten werden. Vielmehr weist der Einfluss der Hochschulart einen gegenläufigen Effekt auf. Dieser Effekt bleibt auch unter Kontrolle individueller Merkmale unvermindert bestehen (Modell 3). Die ursprünglich aufgestellte These eines positiven Einflusses der stärkeren berufsbezogenen Praxis von Fachhochschulen und die damit verbundene Annahme, dass die Gatekeeper der Fachhochschulen stärker den Logiken des Erwerbssystems folgen und somit zu einer stärkeren Harmonisierung zwischen Ausbildungssystem und Beschäftigungssystem beitragen, kann nicht uneingeschränkt für alle Fachhochschulabsolventen geltend gemacht werden. Diese Effekte sind in der Gegenüberstellung der Überlebenskurven sowie der geschätzten Median-Zeit bis zum Erhalt der ersten Anstellung in Abbildung 5.19 anschaulich dargestellt. Bei hoher Standardisierung der Abschlusszertifikate geht der positive – die Übergangsdauer verkürzende – Effekt der anwendungsbezogenen Fachhochschulabschlüsse verloren (siehe Abbildung 5.19b und 5.19d). Somit profitieren vor allem Fachhochschulabsolventen mit niedrig standardisierten Abschlusszertifikaten und entsprechend breiten und unregulierten Berufszugängen von den positiven Effekten des stärkeren Anwendungsbezugs der Fachhochschulen. Hingegen weisen Fachhochschulabsolventen mit hoch standardisierten Abschlusszertifi- 263 Tabelle 5.10: Determinanten der Übergangsdauer in die erste Beschäftigung (Log-normales Regressionsmodell, AFT-Metrik) (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnungen) Modell 1 Modell 2 Modell 3 Institutionelle Merkmale Hochschulabschluss (Universität) −0,120 1,615∗∗∗ 1,700∗∗∗ Stand. Zertifizierung d. Berufs −0,775∗∗∗ 1,206∗∗ 1,241∗∗ Universität × Stand. Zert. Beruf −2,220∗∗∗ −2,334∗∗∗ Erste Stelle im öffentlichen Dienst 0,370∗∗ 0,361∗∗ 0,343∗∗ Erste Stelle befristet −0,244∗ −0,215+ −0,206+ Erste Stelle adäquat −0,222 −0,207 −0,188 Individuelle Merkmale mit Berufsausbildung 0,051 mit Auslandsaufenthalt 0,576∗ in Partnerschaft −0,114 mit Kindern 0,359∗ Abschlussjahr −0,017+ Kontrollvariablen Geschlecht (weiblich) 0,145 0,124 0,167 Alter bei Abschluss (zentriert)a −0,082∗∗∗ −0,083∗∗∗ −0,076∗∗∗ Akademisches Elternhaus −0,120 −0,132 −0,151 Geburtsort: Westdeutschland (Ref.) Ostdeutschland −0,253+ −0,266+ −0,258 Ausland 0,485∗ 0,487∗ 0,522∗ Konstante 2,828∗∗∗ 1,270∗∗∗ 34,158+ Formparameter σ Hochschulabschluss (Universität) −0,163∗ 0,539+ 0,563∗ Stand. Zertifizierung d. Berufs −0,244+ 0,571+ 0,543+ Universität × Stand. Zert. Beruf −0,841∗ −0,888∗ mit Kindern 0,046 Konstante 0,336∗∗ −0,349 −0,342 AIC 1252 1240 1240 BIC 1310 1306 1330 LR-Raito Test χ2 61,46∗∗∗ 77,34∗∗∗ 90,08∗∗∗ Fallzahl N 453 453 453 a Das Alter wurde am Mittelwert von 26 Jahren zentriert. Signifikanzniveaus: +p < 0, 10;∗ p < 0, 05;∗∗ p < 0, 01;∗∗∗ p < 0, 001. 264 katen und Berufszugängen gegenüber ihren Kommilitonen mit universitären Abschlüssen eine längere Suchdauer auf. Je stärker die Gatekeeper des Erwerbssystems auf standardisierte Ausbildungszertifikate als mithin notwendige Bedingung für die Ausübung einer Tätigkeit zurückgreifen können, um die Produktivität oder Eignung eines Bewerbers einzuschätzen, desto weniger müssen sie weichere Kriterien wie einen allgemeinen Anwendungsbezug bzw. eine stärkere berufliche Praxis von Fachhochschulabschlüssen heranziehen. Gerade unter diesen in- Abbildung 5.19: Überlebenskurve und Predictive Margins der Hochschularten (Quelle: IAB/ALWA 2010; eigene Berechnung) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 Ü be rle be ns fu nk tio n 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss Fachhochschule Universität (a) Überlebenskurve (Modell 1) 0. 0 0. 2 0. 4 0. 6 0. 8 1. 0 Ü be rle be ns fu nk tio n 0 6 12 18 24 30 36 42 48 54 60 66 72 Monate seit Studienabschluss FH/niedrige Zertifizierung Uni/niedrige Zertifizierung FH/hohe Zertifizierung Uni/hohe Zertifizierung (b) Überlebenskurve (Modell 3) 5 10 15 20 V or he rg es ag te r M ed ia n Z ei t _ T 0 .2 .4 .6 .8 1 Grad d. stand. Zertifizierung der Berufe Fachhochschule Universität (c) Predictive Margins (Modell 1) 0 5 10 15 20 25 V or he rg es ag te r M ed ia n Z ei t _ T 0 .2 .4 .6 .8 1 Grad d. stand. Zertifizierung der Berufe Fachhochschule Universität (d) Predictive Margins (Modell 3) 265 stitutionell hoch standardisierten Bedingungen kommt das höhere Prestige universitärer Abschlüsse zur Geltung. Die in Abschnitt 2.2.3 diskutierte zeitliche Relevanz der institutionellen wie auch nicht-institutionellen Gatekeeper wird anhand des Formparameters des log-normalen Modells abgebildet. Demnach nimmt die Relevanz schwach standardisierter Universitätsabschlüsse sowie hoch standardisierter Fachhochschulabschlüsse zu, je länger der Übergangsprozess andauert. Ein genau entgegengesetztes Bild zeigt sich für niedrig standardisierte Fachhochschulabschlüsse und hoch standardisierte Universitätsabschlüsse. Hier nimmt die Relevanz im Zeitverlauf ab. Somit verstärkt sich der verzögernde Effekt niedrig standardisierter Universitätsabschlüsse sowie hoch standardisierter Fachhochschulabschlüsse, je länger die Suche andauert. Ein entgegengesetztes Bild ergibt sich wiederum für hoch standardisierte Universitätsabschlüsse und niedrig standardisierte Fachhochschulabschlüsse. Hier weisen die Koeffizienten des Formparameters σ auf eine Verstärkung des die Suchdauer verkürzenden Effekts hin. Der ursprünglich angenommene ” Verstärkungseffekt“ des Anwendungsbezugs von Fachhochhochschulabschlüssen bei hoch standardisierten Berufen kann demnach nicht beobachtet werden. Jedoch zeigen die Analysen der Lageparameter des log-normalen Modells, dass niedrig standardisierte Universitätsabschlüsse einen den Übergangsprozess verzögernden Effekt haben, und die Formparameter zeigen, dass sich dieser Effekt verstärkt, je länger der Übergangsprozess andauert. Somit kann in diesen Modellen der Zeit ein ” Verstärkungseffekt“ zugesprochen werden, jedoch nicht dem Anwendungsbezug der Fachhochschulen. Die angenommene Relevanz nicht-institutioneller Gatekeeper kann hingegen nur teilweise bestätigt werden. Lediglich zu Beginn des Übergangsprozesses können schwach signifikante Effekte von Kindern im Haushalt beobachtet werden. Diese verzögern, entgegen den Annahmen der Humankapitaltheorie, die Dauer des Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit. 266 Bezüglich des Einflusses individueller Merkmale wurde bereits darauf verwiesen, dass es vor allem institutionelle Faktoren sind, die den Übergang in die erste Beschäftigung strukturieren. Dennoch kommt auch individuellen Einflüssen eine gewisse Bedeutung zu. So zeigt sich, dass für jüngere Abschlussjahrgänge der Übergang in die erste Beschäftigung etwas schneller erfolgt (auch wenn diese Ergebnisse sehr vorsichtig zu behandeln sind, da nur schwach signifikant).78 Demnach können hier keine De- Standardisierungstendenzen im Sinne einer Verlängerung der Übergangsphasen (Mayer und Müller 1989) festgestellt werden, die Entwicklung scheint eher in die entgegengesetzte Richtung zu verlaufen. Auch hier wird deutlich, dass sich die vielfach proklamierten De-Standardisierungs- und Individualisierungstendenzen auf Aspekte vertikaler Ungleichheiten beziehen, jedoch nicht auf zeitliche Aspekte des Übergangs. Zusammenfassung der Ergebnisse zu den Analysen der Übergangsdauer Abschließend müssen mit Blick auf die Unterscheidung zwischen einem nahtlosen Übergang und der Übergangsdauer der Personen, die keine Anstellung direkt nach Studienabschluss finden, unterschiedliche Erklärungsansätze gesucht werden. So ist vor allem das Modell zur Erklärung eines nahtlosen Übergangs nicht geeignet, Effekte zu identifizieren, die einen nahtlosen Übergang bedingen. Vor allem ist es nicht die angenommene institutionelle Kopplung zwischen anwendungsbezogenen Fachhochschulen und stark reglementierten Berufszugängen, die einen nahtlosen Übergang wahrscheinlicher werden lässt. Vielmehr scheinen andere Effekte einen direkten Übergang zu bedingen. Betrachtet man die starken Einflüsse institutioneller Determinanten der Übergangsdauer (Tabelle 5.10) im Vergleich zu der im Gesamten sehr schwachen Erklärungskraft der Analysen eines nahtlosen Übergangs (Tabelle 5.9), wird evident, dass die Annahme, der Prozess des nahtlosen 78 Auch hier wurde auf die Berücksichtigung von Kohorteneffekten verzichtet, um erstens die Vergleichbarkeit zu den vorangegangenen Analysen zu erhöhen und zweitens da keinerlei signifikante Effekte zu beobachten waren. 267 Übergangs sei eine Variante einer sehr kurzen Übergangsdauer, nicht aufrechterhalten werden kann.79 Während die gewählten Determinanten die unterschiedlichen Übergangsdauern gut auf institutionelle Faktoren zurückführen können, trifft dies auf einen nahtlosen Übergang keineswegs zu. In diesem Fall ist davon auszugehen, dass relevante Faktoren wie der Zeitpunkt der ersten Bewerbung, die Anzahl verschickter Bewerbungen, aber auch die Abschlussnote für einen nahtlosen Übergang durchaus von Bedeutung sind. Aufgrund der Datenlage konnten diese Informationen in dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden. Auch wenn Kühne (2009) keinen signifikanten Effekt der Abschlussnote auf die Dauer des Übergangs nachweisen konnte, ist nicht auszuschließen, dass bei einer differenzierteren Betrachtung der Übergangsdauer, unter Kontrolle unterschiedlicher Standardisierungsgrade zwischen Ausbildungszertifikat und Berufszugang, die Note an Einfluss gewinnt. Vor allem bei hoch standardisierten Abschlusszertifikaten und der damit einhergehenden stärkeren berufsfachlichen Schließung kann vermutet werden, dass die Abschlussnote an Relevanz gewinnt, während bei niedrig standardisierten Abschlüssen stärker die berufliche Praxis oder das studierte Fach in den Vordergrund treten. Die Analysen der Übergangsdauer zeigen dennoch deutlich, dass vor allem institutionelle Faktoren die Dauer der Übergangsphase bestimmen. Dabei sind deutlich unterschiedliche Effekte für Universitäts- und Fachhochschulabsolventen zu erkennen, so dass von einer binären Binnendifferenzierung des deutschen Hochschulsystems ausgegangen werden kann (Leuze 2010b: 139–140). Diese Unterschiede entfalten sich zum einen entlang der horizontalen Differenzierung zwischen den anwendungsbezogenen Fachhochschulen und den stärker wissenschaftsnahen Universitäten und auf einer vertikalen Ebene anhand des Grads der standardisierten Zertifizierung der Berufe. Dennoch konnte der eingangs angenommene ” Verstärkungseffekt“ von hoch 79 Tatsächlich könnte argumentiert werden, dass die auf Monatsbasis verfügbaren Daten eine zu grobe Zeitmessung bereitstellen und somit Verfahren zu Analyse zeitdiskreter Verlaufsdaten angemessener wären. Jedoch widerspricht die Gegenüberstellung der Analysen in Tabelle 5.9 und Tabelle 5.10 dieser Ansicht. 268 standardisierten Studiengängen bzw. Berufen in Kombination mit einem Fachhochschulstudium nicht nachgewiesen werden. Es konnten vielmehr ” kompensatorische“ Effekte beobachtet werden. So wirkt der stärkere Anwendungsbezug der Fachhochschulen bei Studiengängen bzw. Berufen, die einen niedrigen Grad der standardisierten Zertifizierung aufweisen, verkürzend auf die Übergangsdauer. Hingegen schwindet dieser Effekt mit steigender Standardisierung der Abschlusszertifikate und der entsprechenden Regulierung des Berufszugangs und kehrt sich bei sehr stark standardisierten Berufen sogar um. Somit konnte in einer differenzierten Betrachtung der horizontalen Differenzierung zwischen Fachhochschulen und Universitäten gezeigt werden, dass der positive Effekt des Anwendungsbezugs der Fachhochschulen verschwindet bzw. sich sogar umkehrt, je stärker die Studiengänge bzw. -abschlüsse und die damit verbundenen Berufsebenen standardisiert bzw. reguliert sind. In dieser differenzierten Betrachtung der Dauer des Übergangs vom Ausbildungssystem in die erste Erwerbstätigkeit von Akademikern können nun nicht mehr pauschal Fachhochschulabsolventen als ” Gewinner“ der Bildungsexpansion bezeichnet werden (vgl. Müller 2001). Zusammenfassend kann gesagt werden, dass vor allem die Dauer des Übergangs in die erste Erwerbstätigkeit durch institutionelle Strukturen geprägt wird. Dabei zeigten die Analysen jedoch, dass eine einheitliche Antwort bezüglich des Effektes einer hohen Passung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem auch für Hochschulabsolventen differenziert betrachtet werden muss. Je stärker das Passungsverhältnis zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem standardisiert ist, desto schneller und reibungsloser gelingt dieser Übergang für Universitätsabsolventen. Ein umgekehrtes Bild zeichnen die Übergangsdauern der Fachhochschulabsolventen in Bezug auf ein hohes Passungsverhältnis zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt. Dies bestätigt zum einen die von Mayer (1990b) vertretene Position, dass von einer De-Institutionalisierung von Lebensläufen und damit auch den darin vorkommenden Übergängen, die die einzelnen Lebenslaufphasen verbinden, keine Rede sein kann; zeigt zum anderen aber auch, dass für unterschiedliche 269 Hochschularten in Deutschland unterschiedliche, sich gegenseitig ergänzende oder aufhebende Effekte wirken. Dass die Übergänge zwischen dem beruflichen Ausbildungssystem und dem Arbeitsmarkt in Deutschland hoch standardisiert und institutionalisiert sind, wurde bereits vielfältig belegt (Allmendinger 1989; Falk et al. 2000; Konietzka und Seibert 2001; Shavit und Müller 1998). Die Fragestellung nach der institutionellen Kopplung zwischen Ausbildungs- und Erwerbssystem wurde von Leuze (2010b) auf Absolventen tertiärer Bildungseinrichtungen übertragen und auf einen Ländervergleich zwischen Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland angewendet. Die für Deutschland herausgearbeitete stärkere institutionelle Kopplung und deren Folgen für den Erwerbseinstieg von Hochschulabsolventen konnten in dieser Arbeit auf eine Binnendifferenzierung des deutschen Hochschulwesens übertragen werden. Dabei konnte gezeigt werden, dass nicht nur im internationalen Vergleich die stärkere Berufsbezogenheit des Ausbildungssystems in Verbindung mit einer stärkeren institutionellen Standardisierung des Ausbildungs- und Erwerbssystems zu einem schnelleren und reibungsloseren Übergang in die erste Erwerbstätigkeit führt, sondern auch im nationalen Vergleich zwischen zwei unterschiedlich ausgerichteten Hochschularten des tertiären Bildungssystems ein Unterschied entlang dieser institutionellen Merkmale festgestellt werden kann. 270

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References

Zusammenfassung

Wie verlaufen die Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit?

Einerseits werden Akademikern nach wie vor sehr gute Beschäftigungschancen nachgesagt. Andererseits mehren sich die Stimmen, die auch für Akademiker zunehmend längere und turbulentere Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit postulieren. Dirk Böpple geht aus einer stärker lebenslauftheoretischen Position einerseits der Frage nach, ob sich diese De-Standardisierungstendenzen sowohl auf die Übergangsdauer als auch auf die Ausgestaltung der Übergänge auswirken. Andererseits untersucht der Autor, welchen Einfluss strukturelle Merkmale des Bildungs- und Erwerbssystems auf die Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit ausüben und welche Aspekte durch individuelle Eigenschaften der Absolventen beeinflusst werden. Zur Beantwortung dieser Fragen wendet er neuste Verfahren der quantitativen empirischen Sozialforschung an.