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3 Forschung zur Berufseinmündung von Hochschulabsolventen in:

Dirk Böpple

Berufseinmündung von Akademikern, page 117 - 144

Sequenzmuster der Übergänge zwischen Hochschule und Arbeitsmarkt

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3974-8, ISBN online: 978-3-8288-6839-7, https://doi.org/10.5771/9783828868397-117

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 81

Tectum, Baden-Baden
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3 Forschung zur Berufseinmündung von Hochschulabsolventen Im folgenden Kapitel wird ein Überblick über die Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts seit den 1970er Jahren gegeben. Dabei wird der Fokus auf den qualifikationsspezifischen Arbeitsmarkt für Hochqualifizierte gelegt. Die Forschung zur Berufseinmündung von Hochschulabsolventen beinhaltet dabei Kennzahlen zur Ausbreitung und Struktur des tertiären Bildungssystems im Sinne einer Entwicklung zu einer Wissens- und Informationsgesellschaft, Aspekte des demographischen Wandels und auch die konjunkturelle Entwicklung der Wirtschaft und die damit verbundenen qualifikationsspezifischen Arbeitsmarktzahlen. Auf der Ebene der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung führten die hohen Geburtenzahlen in den 1950er und 1960er Jahren ebenso wie die in den 1960er Jahren angestoßene Bildungsexpansion zu einer Steigerung der Studierenden- und Absolventenzahlen bis in die 1980er Jahre hinein. Die Bildungsexpansion kann dabei als eine Reaktion auf den Sputnik-Schock aus dem Jahre 1957 (vorzugsweise in den USA) und der damit verbundenen wachsenden Einsicht in die Zusammenhänge zwischen Bildung und wirtschaftlichem Wachstum gesehen werden. In der Bundesrepublik Deutschland war die Bildungsexpansion vor allem von der mit den Schlagworten ” Bildungskatastrophe“ bzw. ” Bildungsnotstand“ (Picht 1964) und ” Bildung als Bürgerrecht“ (Dahrendorf 1965) geführten Debatte geleitet. Hierbei stand in der Argumentation von Picht (1964) das wirtschaftliche Wachstum einer Volkswirtschaft im Vordergrund. Auf theoretischer Ebene ist diese Argumentation mit der Humankapitaltheorie (Becker 1962) verknüpft, welche die Akkumulation von (höherer) Bildung mit einer Steigerung der Produktivität verknüpft und sich damit positiv auf den wirtschaftlichen Ertrag im Sinne von Wohlstand einer Volkswirtschaft auswirkt. Die Ausbildung der Menschen zu mündigen Bürgern, die befähigt werden sollen, aktiv am gesellschaftlichen und politischen Leben der noch relativ jungen Demokratie 117 teilnehmen zu können, waren die Beweggründe von Dahrendorf (1965). Diese Argumentationslinie war auch stärker in einem Ungleichheitskontext verortet und fokussierte den Abbau von sozialen Ungleichheiten durch eine stärkere Chancengleichheit im Bildungssystem (Hadjar und Becker 2011; Kühne 2009: 21–23; Tessaring und Werner 1981: 1–3). In diesem Zusammenhang waren es vor allem (bildungs-)politische Entscheidungen, die die Nachfrage nach und Inanspruchnahme von Bildungsangeboten steuerten. Es waren also Entscheidungen auf politischer Ebene, welche die individuellen Handlungslogiken der im Bildungssystem befindlichen Akteure beeinflussten und so zu einer Steigerung der Nachfrage nach (tertiärer) Bildung im Zuge der Bildungsexpansion führten (vgl. auch Abschnitt 2.1.3). Dabei können die Ziele, die mit den jeweiligen Handlungen verbunden sind, auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen verortet sein, die sich nicht exklusiv zueinander verhalten. So ist es möglich, mit der Investition in Bildung (aus Sicht der Humankapitaltheorie) eine Verbesserung der individuellen Position auf dem Arbeitsmarkt zu erreichen. Dadurch steigt volkswirtschaftlich gesehen die Produktivität des Wirtschaftssystems, wie es Picht (1964) gefordert hat. Ebenso ist damit eine gesteigerte Bildung verbunden, die in der Sichtweise von Dahrendorf (1965) zu einem Wachstum der politisch gebildeten und gesellschaftlich mündigen Bürgern führt. In diesem Abschnitt sollen jedoch, mit Blick auf den Fokus dieser Arbeit, nachfolgend die Dimension der sozialen Ungleichheit sowie kulturell-politische Entwicklungen weitestgehend ausgeblendet und lediglich arbeitsmarktrelevante Faktoren und Entwicklungslinien dargestellt werden. Bevor mit der Beschreibung des Arbeitsmarkts für Akademiker begonnen wird, muss noch ein methodischer Hinweis angeführt werden. Da der Übergang von Hochschulabsolventen im Mittelpunkt dieser Arbeit steht, ist es unvermeidbar, sowohl auf Absolventenzahlen wie auch auf statistisch quantifizierte Übergänge aus der Hochschule in das Erwerbssystem einzugehen. Bei diesem Anliegen erweist sich jedoch die Datenlage der amtlichen Statistiken – vor allem wenn längerfristige Zeitreihen benötigt werden – als 118 ” vielfältig“. Vielfältig meint hierbei, dass mehrere unterschiedliche amtliche Statistiken die gewünschten bzw. benötigten Informationen zur Verfügung stellen. Zum einen bietet das Statistische Bundesamt einen großen Datenbestand zu Geburten-, Studierenden- und Absolventenzahlen, jedoch keine Informationen zu Zu-, Ab- und Übergängen aus den jeweiligen Bildungsbzw. Ausbildungssystemen. Diese Informationen sowie entsprechend weit zurückreichende Zeitreihen zu qualifikationsspezifischen Arbeitslosen- und Erwerbsquoten werden hingegen durch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt für Arbeit (BA) zur Verfügung gestellt. Gerade bei den Übergangsmodellen der Bildungsgesamtrechnung (BGR) werden alle Übergänge aus dem Hochschulbereich berücksichtigt und nicht nur die im Fokus dieser Arbeit stehenden Übergänge der Absolventen des Hochschulsystems. So sind in den Übergangsmodellen der BGR auch die Übergänge enthalten, die ohne Abschluss das Hochschulsystem verlassen. Dieser ” Unschärfe“ bewusst, wird dennoch versucht, ein Bild des Arbeitsmarkts für Akademiker zu beschreiben, das dem Thema dieser Arbeit gerecht wird. Die jeweils verwendeten Datenquellen werden an den entsprechenden Stellen kenntlich gemacht. Eine weitere ” Unstimmigkeit“ bezüglich der beiden verwendeten Datenquellen, auf die hingewiesen werden muss, besteht in der Fortschreibung bzw. Aktualität der verfügbaren Zeitreihen. Während die Bildungsgesamtrechnung des IAB den Zeitraum von 1975 bis 2000 für Westdeutschland und für Ostdeutschland den Zeitraum von 1991 bis 2000 (für die ehemalige DDR den Zeitraum von 1980 bis 1989) abdeckt, liegen die Daten des Statistischen Bundesamts meist bis zum aktuellen Jahr 2015 (aber zumindest bis zum Jahr 2002) vor. Hingegen beginnen viele kontinuierlich aufbereitete Zeitreihen aus Gründen der Vergleichbarkeit erst mit dem Jahr 1991. Daher werden im Folgenden die Informationen, die aus den Daten der Bildungsgesamtrechnung gewonnen wurden, bis zum Jahr 2000 ausgewiesen, die Informationen des Statistischen Bundesamtes jedoch bis zum Jahr 2002.32 32 Das Jahr 2002 stellt den letzten Zeitpunkt des Hochschulabschlusses der in dieser Arbeit verwendeten Stichprobe dar. Siehe hierzu auch die Ausführungen in Abschnitt 4.1. 119 3.1 Der Arbeitsmarkt für Akademiker Der Arbeitsmarkt für Akademiker stellt einen Teilarbeitsmarkt dar, der in den letzten drei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts eine besondere Entwicklung und daran anknüpfend eine gestiegene Aufmerksamkeit erfahren hat. Im folgenden Abschnitt werden, ausgehend von der Bildungsexpansion der 1960er und 1970er Jahre, die Entwicklung der Studierendenund Absolventenzahlen beschrieben. Darauf aufbauend wird ein Überblick über die Arbeitsmarktchancen dieser Absolventen ausgebreitet. Ein zentraler Indikator für die Arbeitsmarktchancen (also wie gut der Arbeitsmarkt das Angebot an Arbeitskräften absorbieren kann) stellt die (qualifikationsspezifische) Arbeitslosenquote dar. Daneben gewinnt die Arbeitslosenquote an Aussagekraft, wenn sie in Bezug zur Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gesetzt wird (vgl. Allmendinger 1989: 24 f.; 36–40). Speziell für den Fokus dieser Arbeit auf Übergänge von Hochschulabsolventen in die erste Erwerbstätigkeit werden, zusätzlich zu den beiden zuvor genannten Indikatoren, die Übergangsbewegungen aus der Hochschule in das Erwerbssystem bzw. die Arbeitslosigkeit auf Grundlage der Bildungsgesamtrechnung (BGR) des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) dargestellt. Das Übergangsmodell der Bildungsgesamtrechnung33 weist dabei die aggregierten Bestände und Abgänge aus den einzelnen Konten34 der Bildungsgesamtrechnung aus. Konkret werden die spezifischen Bestände und 33 Genau genommen beziehen sich die Angaben auf die Übergangsergebnisse der BGR-1, da lediglich diese die Kennzahlen detailliert bis in das Jahr 1975 rückwirkend ausweisen. Die BGR-1 weist ” die Personenbestände in verschiedenen Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen, die Bestände der Arbeitslosen sowie die Erwerbs- und Nichterwerbstätigen für je ein Berichtsjahr nach Geburtsjahrgang und Geschlecht differenziert“ aus (Reinberg und Hummel 2006: 4). Im Gegensatz dazu weist die BGR-2 ” die Statuspositionen Arbeitslosigkeit, Erwerbs- und Nichterwerbstätigkeit sowie die Bestände im Ausbildungssystem [. . . ] nach Qualifikationsebenen [. . . ]“ aus (Reinberg und Hummel 2006: 4 f.). 34 In Anlehnung an die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) werden in der Bildungsgesamtrechnung die einzelnen Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen sowie die einzelnen Bereiche der Erwerbs- und Nichterwerbstätigkeit als ” Konten“ geführt (Reinberg und Hummel 2006: 5). 120 Ab- bzw. Übergänge aus der Hochschule (Fachhochschulen und Universitäten) in die Erwerbstätigkeit bzw. Arbeitslosigkeit dargestellt. Dabei gestaltet sowohl die Zahl der Studierenden bzw. Absolventen der Hochschulen als auch die Fähigkeit des Arbeitsmarkts, diese Absolventen aufzunehmen, die Übergangsprozesse von Hochschulabsolventen. Für den gesamten Beobachtungszeitraum (1975 bis 2002) gilt ausnahmslos, dass Akademiker im Vergleich mit anderen Qualifikationsstufen die besten Arbeitsmarktchancen besaßen und immer noch besitzen (Reinberg und Schreyer 2003; Reinberg und Hummel 2006: 67). Dabei werden Arbeitsmarktchancen im Sinne der Chancen, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen, interpretiert; damit sind noch keine Aussagen über die Adäquanz der Beschäftigungsverhältnisse getroffen. Adäquanz beschreibt in diesem Kontext die Verwertbarkeit bzw. Notwendigkeit der Ausbildungsinhalte zur Ausübung der beruflichen Tätigkeit. In Bezug auf die Adäquanz der Beschäftigung scheinen Frauen und Fachhochschulabsolventen stärker von inadäquater Beschäftigung betroffen zu sein (Büchel und Matiaske 1995; Büchel 1996). 3.2 Die Entwicklung der Studierendenzahlen In absoluten Zahlen gemessen stieg im Zuge der Bildungsexpansion die Zahl der Personen, die 15 Jahre und älter waren und sich im Bildungs- und Ausbildungssystem befanden, zwischen 1960 und 2000 in Westdeutschland von 2,4 Mio. auf 5,3 Mio.; das ist ein Anstieg um 120 Prozent. Auch wenn für Ostdeutschland zu Zeiten der DDR eine negative Entwicklung festgestellt werden konnte (die Zahl der im Bildungs- bzw. Ausbildungssystem befindlichen Personen ab 14 Jahren sank im Zeitraum von 1980 bis 1989), stiegen nach der Wiedervereinigung die Zahlen der Personen ab 15 Jahren im Bildungs- und Ausbildungssystem schnell an (Reinberg und Hummel 2006: 24). 121 Aus demographischer Perspektive beeinflusst die Geburtenentwicklung zeitversetzt auch die Stärke der ausbildungsrelevanten Jahrgänge. Für den Bereich der tertiären Bildung sind dies die Jahrgänge im Alter von 20 bis unter 25 Jahren (vgl. Reinberg und Hummel 2006). In Abbildung 3.1 ist dargestellt, wie die hohen Geburtenzahlen der 1950er und 1960er Jahre um 20 Jahre versetzt einen Anstieg der ausbildungsrelevanten Jahrgänge bewirken. Der sprunghafte Anstieg der Jahrgangsstärken der 20- bis 24-Jährigen im Jahr 1991 ist durch den Anstieg um die ostdeutsche Bevölkerung nach der Wiedervereinigung zu erklären, der in den Geburtenzahlen nicht abgebildet werden kann, da diese Informationen um circa 1971, also zu Zeiten der DDR, erhoben worden sein müssten. Ebenfalls ist aus Abbildung 3.1 ersichtlich, dass der demographische Effekt der geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre Mitte bis Ende der 1980er Jahre seinen Höhepunkt in Bezug auf die für Studienanfänger relevanten Alterskohorten der 20- bis 24-Jährigen hat. Danach sind (ausgenommen der durch die Wiedervereinigung bedingte Anstieg der Jahrgangsstärken) die absoluten Zahlen rückläufig (vgl. auch Reinberg und Hummel 2006: 25–29). Neben den absoluten Zahlen der ausbildungsrelevanten Jahrgänge, welche spätestens seit Mitte der 1980er Jahre rückläufig sind und erst um das Jahr 2000 wieder einen leichten Zuwachs erfahren, jedoch keinesfalls das Niveau der 1980er Jahre erreichen, zeigt ein Blick auf die Quote der Bildungsbeteiligung einen stetigen Anstieg der Anteile der im Bildungsund Ausbildungssystem befindlichen Personen bezogen auf die Personen vergleichbaren Alters. Diese Bildungsquoten geben also den Anteil der Bevölkerung im ausbildungsrelevanten Alter an, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt im Bildungs- oder Ausbildungssystem befinden. Waren im Jahr 1970 gerade 15 Prozent aller 20-Jährigen im Bildungssystem, sind es im Jahr 2000 bereits 50 Prozent dieser Altersgruppe. Vergleichbar stellen sich die Zahlen für die 25-Jährigen dar, welche im Jahr 1970 mit 7 Prozent und im Jahr 2000 mit 20 Prozent im Ausbildungssystem vertreten waren (Reinberg und Hummel 2006: 29). 122 Abbildung 3.1: Geburtenentwicklung und Entwicklung durchschnittlicher ausbildungsrelevanter Jahrgänge (Quellen: Statistisches Bundesamt 2015, IAB/BGR 2006; eigene Darstellung) 020 00 004 00 00 060 00 008 00 00 010 00 00 012 00 00 014 00 00 016 00 00 018 00 00 0 A nz ah l 19 50 19 55 19 60 19 65 19 70 19 75 19 80 19 85 19 90 19 95 20 00 Jahre Geburten Jahrgangstärken der 20−24−Jährigen Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. Als eine Folge der Bildungsexpansion zeigt sich der durchweg gestiegene Anteil der ausbildungsrelevanten Jahrgänge, die das allgemeinbildende Schulsystem mit der Hochschulreife (Abitur) bzw. Fachhochschulreife verlassen. Waren es in Westdeutschland 1975 noch gut 12 Prozent des Durchschnittsjahrgangs der 18- bis unter 21-jährigen Bevölkerung, stieg der Anteil bis zu Beginn der 1990er Jahre stark, danach weiterhin leicht auf knapp 24 Prozent an (berücksichtigt man noch die Personen, die die Hochschulzugangsberechtigung an Fachoberschulen, Fachgymnasien oder Berufsfachschulen erworben haben, beläuft sich der Anteil auf circa 37 Prozent eines Jahrgangs (Reinberg und Hummel 2006: 33)). Im gleichen Zeitfenster sank der Anteil der 15bis unter 17-jährigen Bevölkerung in Westdeutschland, der das allgemeinbildende Schulsystem ohne Abschluss verließ, von 12 Prozent (1975) auf knapp 9 Prozent (2000). Dabei erreichte der Anteil der ausbildungsrelevanten 123 Tabelle 3.1: Abgänge aus allgemeinbildenden Schulen nach Abschlussart von 1975 bis 2000 (Westdeutschland) (Quelle: Reinberg und Hummel (2006: 33); eigene Darstellung) Jahre 1975 1980 1985 1990 1995 2000 ohne Hauptschulabschluss1 12,1 10,3 8,3 8,5 8,0 8,9 mit Hauptschulabschluss1 35,4 35,1 36,7 29,2 28,5 28,1 mittlere Reife2 24,6 29,4 36,2 35,9 35,7 38,6 Hoch-/Fachhochschulreife3 12,7 15,0 20,1 21,6 22,7 23,8 1 Prozent des Durchschnittsjahrgangs der 15- bis 16-jährigen Bevölkerung. 2 Prozent des Durchschnittsjahrgangs der 16- bis 17-jährigen Bevölkerung. 3 Prozent des Durchschnittsjahrgangs der 18- bis 20-jährigen Bevölkerung. Bevölkerung ohne einen Abschluss seinen Tiefpunkt Mitte der 1990er Jahre (vgl. Tabelle 3.1). Für Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung zeichnet sich ein anderes Bild ab. Hier sind es nicht die Auswirkungen der Bildungsexpansion, sondern die Auswirkungen der strukturellen Veränderungen des allgemeinbildenden Schulwesens nach der Wende, welche durch die nun verfügbare freie Ausbildungswahl den Anteil der ausbildungsrelevanten Bevölkerung, die das Schulsystem ohne Abschluss verlassen hat, von anfänglich 5 Prozent im Jahr 1992 auf knapp 12 Prozent im Jahr 2000 steigerte. Eine vergleichbare Entwicklung zeichnete sich bei den Schulabgängern mit Hauptschulabschluss ab; hier steig der Anteil von knapp 8 Prozent (1992) auf fast 16 Prozent (2000). Lediglich der Anteil der ostdeutschen alterstypischen Bevölkerung mit Fachbzw. Hochschulreife stieg rasant von 15 Prozent auf fast 27 Prozent. Im Vergleich zu den Zahlen der ehemaligen DDR im Jahre 1989 verlief die Entwicklung der Abgänge aus dem allgemeinbildenden Schulsystem somit ambivalent (vgl. Tabelle 3.2). So stiegen die Anteile der alterstypischen Bevölkerung ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss vergleichsweise stark an, gleichzeitig verdreifachte sich auch der Anteil der Abgänger mit Fach- bzw. Hochschulreife (Reinberg und Hummel 2006: 35). Somit 124 Tabelle 3.2: Abgänge aus allgemeinbildenden Schulen nach Abschlussart von 1989 bis 2000 (ehem. DDR/Ostdeutschland) (Quelle: Reinberg und Hummel (2006: 35); eigene Darstellung) Jahre 1989 1992 1995 2000 ehem. DDR Ostdeutschland ohne Hauptschulabschluss1 1,9 5,3 9,8 11,8 mit Hauptschulabschluss1 10,3 7,9 14,5 15,9 mittlere Reife2 75,0 49,3 45,3 47,0 Hoch-/Fachhochschulreife3 9,1 15,0 28,6 26,9 1 Prozent des Durchschnittsjahrgangs der 15- bis 16-jährigen Bevölkerung. 2 Prozent des Durchschnittsjahrgangs der 16- bis 17-jährigen Bevölkerung. 3 Prozent des Durchschnittsjahrgangs der 18- bis 20-jährigen Bevölkerung. bekam durch die Ausweitung des allgemeinbildenden Schulsystems eine wachsende Zahl an jungen Menschen die Möglichkeit, die Schullaufbahn mit einer Hochschulzugangsberechtigung abzuschließen, und damit die Chance, an einer Universität oder Fachhochschule zu studieren. Im welchem Ausmaß dies genutzt wurde, wird anhand der gesamtdeutschen Studierendenzahlen im Vergleich zu den Bestandszahlen der Personen im dualen Ausbildungssystem verdeutlicht. Sowohl die Bestände des dualen Ausbildungssystems wie auch die Studierendenzahlen wuchsen im Zuge der Bildungsexpansion stark an. Ab Mitte der 1980er Jahre stiegen die Studierendenzahlen weiter an, während die Zahl der Menschen in einer betrieblichen Ausbildung zurückging: ” Im Jahr 1990 befanden sind erstmals mehr junge Menschen in einer Hoch- oder Fachhochschule als in einer betrieblichen Lehre“ (Reinberg und Hummel 2006: 36). Daran änderte auch der Zuwachs an Menschen im dualen Ausbildungssystem der ehemaligen DDR durch die Wiedervereinigung nichts. Erst in den frühen 1990er Jahren beginnen auch die Studierendenzahlen leicht zurückzugehen (vgl. Abbildung 3.2). Dies liegt jedoch nicht an einer gesunkenen Studierneigung der 125 Abbildung 3.2: Entwicklung der Studierenden- und Ausbildungszahlen von 1975 bis 2000 (Quelle: IAB/BGR 2006; eigene Darstellung) 020 00 0040 00 0060 00 0080 00 0010 00 00 0 12 00 00 0 14 00 00 0 16 00 00 0 18 00 00 0 20 00 00 0 22 00 00 0 A nz ah l 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Universität/Fachhochschule berufliche Lehre Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. Studienberechtigten, sondern vielmehr an den nun im ausbildungsrelevanten Alter befindlichen schwächeren Geburtenjahrgängen der 1970er Jahre. Vergleicht man die Entwicklung der absoluten Zahlen der weiblichen und der männlichen Studierenden, wird deutlich, dass der nur moderate Rückgang der gesamten Studierendenzahlen zu Beginn der 1990er Jahre vor allem auf die seit Anstoß der Bildungsexpansion ungebrochen stark ausgeprägte Studierneigung der Frauen an Universitäten zurückzuführen ist. Ohne den ungebrochenen Anstieg der weiblichen Studierendenzahlen wäre der Rückgang wesentlich stärker ausgeprägt (vgl. Abbildung 3.3). Wie bereits einleitend erwähnt, spiegeln weder die Studierendenzahlen noch die Übergangsquoten die tatsächliche Zahl der Hochschulabsolventen wider. Daher werden im folgenden Abschnitt Kennzahlen der Personen, die erfolgreich ein Hochschulstudium beenden und somit als Akademiker potenziell auf den Arbeitsmarkt strömen, dargestellt. Diese Zahlen beruhen auf den 126 Abbildung 3.3: Entwicklung der Studierendenzahlen in Deutschland von 1975 bis 2000 nach Geschlecht und Hochschulart getrennt (Quelle: IAB/BGR 2006; eigene Darstellung) 010 00 0020 00 0030 00 0040 00 0050 00 0060 00 0070 00 0080 00 0090 00 0010 00 00 0 11 00 00 0 12 00 00 0 A nz ah l 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Mann/Universität Mann/Fachhochschule Frau/Universität Frau/Fachhochschule Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. Information zu erfolgreich abgeschlossenen Prüfungen des Statistischen Bundesamtes und nicht auf den Abgängen der Bildungsgesamtrechnung. 3.3 Entwicklung der Absolventenzahlen Wie bereits bei den Studierendenzahlen führen auch bei den Absolventenzahlen die steigenden Geburtenzahlen der 1950er und 1960er Jahre zu einem Anstieg der absoluten Zahlen, wiederum um einige Jahre zeitversetzt. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die demographischen Effekte bei den Studierendenzahlen wie auch bei den Absolventenzahlen nur Auswirkungen auf die absoluten Zahlen haben. Die relativen Zahlen an Studierenden der Bevölkerung im vergleichbaren Alter sind dabei fast ausschließlich durch soziale Komponenten (die anhaltend hohe Studierneigung) geprägt (siehe die Argumentation und empirischen Belege in Reinberg und Hummel 2006: 127 Abbildung 3.4: Entwicklung der Hochschulabsolventenzahlen in Deutschland von 1975 bis 2002 nach Hochschulart getrennt (Quelle: Statistisches Bundesamt 2015; eigene Darstellung) 020 00 040 00 060 00 080 00 0 10 00 0012 00 0014 00 0016 00 0018 00 0020 00 0022 00 0024 00 00 A nz ah l 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Gesamt Universität Fachhochschule Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. Absolventen eines Lehramtsstudiums sind in den Univ.−Absolventen enthalten. 52–55). Demzufolge ist ein ausschlaggebender Faktor, der die Absolventenzahlen beeinflusst, die Quote der Höherqualifizierung, die sich durch die im Zuge der Bildungsexpansion gestiegene Zahl der Personen mit Fach- bzw. allgemeiner Hochschulreife entsprechend positiv auf die Studienanfängerzahlen und damit auch auf die Absolventenzahlen im Vergleich zum Rückgang der Geburtenzahlen auswirkt.35 Verfügten im Jahr 1976 gerade 5 Prozent der (west-)deutschen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (zwischen 15 und 64 Jahren) über einen Fachhochschul- bzw. Universitätsabschluss, waren es im Jahr 2000 bereits 13 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank der Anteil der Personen im erwerbsfähigen Alter ohne formalen Berufsabschluss von 45 Prozent im Jahr 1976 auf 35 Auch hier muss auf eine methodische Unschärfe hingewiesen werden. Während in den hier durchgeführten Analysen (vgl. Kapitel 5) ausschließlich der erste Hochschulabschluss berücksichtigt wird, werden in den amtlichen Statistiken auch Mehrfachqualifikationen ausgewiesen. 128 Abbildung 3.5: Entwicklung der Hochschulabsolventenzahlen in Deutschland von 1975 bis 2002 nach Geschlecht getrennt (Quelle: Statistisches Bundesamt 2015; eigene Darstellung) 02 00 00 40 00 06 00 00 80 00 010 00 001 20 00 014 00 00 A nz ah l 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Mann/Universität Mann/Fachhochschule Frau/Universität Frau/Fachhochschule Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. Absolventen eines Lehramtsstudiums sind in den Univ.−Absolventen enthalten. 30 Prozent im Jahre 2000 (Reinberg und Hummel 2002: 592). Entsprechend der bis 1992 stetig steigenden Studierendenzahlen steigt auch die Zahl der Absolventen – wieder etwas zeitversetzt – bis ins Jahr 1996 kontinuierlich an. Dies gilt für Fachhochschul- und Universitätsabsolventen gleicherma- ßen. Erst ab dem Jahr 1997 sind wiederum an beiden Hochschularten die Absolventenzahlen leicht rückläufig (vgl. Abbildung 3.4). Im Jahr 2000 verlassen erstmals mehr Frauen die Universität mit einem akademischen Abschluss als Männer. Somit setzt sich ein bereits bei den Studierendenzahlen beobachtetes Phänomen fort: Das Gros der aufgezeigten Entwicklungen geht auf die vermehrte Bildungsbeteiligung der Frauen zurück (vgl. Abbildung 3.5). Aber auch hier muss zwischen den absoluten Zahlen und den qualifikations- bzw. geschlechtsspezifischen Quoten unterschieden werden. Der Anteil der Fachhochschul- und Universitätsabsolventinnen an der weiblichen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter stieg 129 von 3 Prozent im Jahre 1976 auf 10 Prozent im Jahr 2000, ist dabei aber immer noch niedriger als der Anteil der Männer mit 15 Prozent (Reinberg und Hummel 2002: 593). Jedoch ist die Neigung, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, bei Frauen besonders stark von der erreichten Qualifikationsstufe abhängig. Je höher die Qualifikation, desto eher neigen Frauen dazu, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Daher ist davon auszugehen, dass die Erwerbsbeteiligung der Frauen weiterhin steigen wird und dies den Effekten des demographischen Wandels etwas stärker entgegenwirkt als die Erwerbsbeteiligung der Männer (Reinberg und Hummel 2002: 597). 3.4 Entwicklung der qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten Neben den qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquoten stellt das Bruttoinlandsprodukt einen zentralen makrostrukturellen Indikator dar, wie gut die Absolventen der Hochschulen auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können. Diese Indikatoren reflektieren die Opportunitätsstrukturen, die sich den Absolventen zum jeweiligen Zeitpunkt auf dem Arbeitsmarkt bieten. Die Veränderungen des Bruttoinlandsprodukts repräsentieren dabei die konjunkturelle Entwicklung des Landes; die Arbeitslosenquote repräsentiert die direkte Arbeitsmarktsituation. Das Bruttoinlandsprodukt stellt einen Indikator für die Entwicklung der Gesamtwirtschaft dar. Es wird dabei angenommen, dass in Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums die Unternehmen vermehrt Arbeitskräfte einstellen, während in wirtschaftlich schlechter gestellten Zeiten zumindest eine restriktivere Einstellungspolitik vertreten wird, wenn nicht sogar Arbeitsplätze abgebaut werden (Allmendinger 1989: 36). In der Zusammenschau mit der Arbeitslosenquote vervollständigt sich das Bild (Abbildung 3.6 und Abbildung 3.7). 130 Abbildung 3.6: Veränderung des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Deutschland von 1975 bis 2002 (Quelle: IAB 2009; eigene Darstellung) − 1 0 1 2 3 4 5 6 P ro ze nt 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. Während in den 1950er und 1960er Jahren Arbeitslosigkeit ein Phänomen darstellte, das Akademiker in der Regel nicht oder nur in Ausnahmen betraf, änderte sich die Situation ab Mitte der 1970er Jahre mit dem Aufkommen der ersten Ölkrise. Die Folge war ein erster Anstieg der Arbeitslosenzahlen von Akademikern. Somit waren spätestens ab diesem Zeitpunkt auch die Akademiker von der allgemein steigenden Arbeitslosigkeit betroffen. Dies traf Mitte der 1970er Jahre stärker auf Menschen mit Fachhochschulabschluss zu als auf Akademiker mit Universitätsabschluss, relativierte sich jedoch auf ein gleiches Maß zu Beginn der 1980er Jahre. Die Angleichung der Arbeitslosenquoten von Fachhochschul- und Universitätsabsolventen geht dabei hauptsächlich auf eine sinkende Arbeitslosenquote der Fachhochschulabsolventen zurück, während die Quote der Universitätsabsolventen relativ stabil bei knapp unter 2 Prozent blieb. Seit Mitte der 1980er Jahre entwickelten sich die Arbeitslosenquoten von Fachhochschul- und Universitätsabsolven- 131 Abbildung 3.7: Entwicklung der qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquote in Deutschland von 1975 bis 2002 (Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf, Nürnberg) 0 2 4 6 8 10 12 14 16 P ro ze nt 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Alle Qualifikationsstufen Universität Fachhochschule Bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen. Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. ten nahezu parallel, wobei die Quote der Fachhochschulabsolventen stets circa einen Prozentpunkt unter der Quote der Universitätsabsolventen lag (vgl. Abbildung 3.7). Die zu Beginn der 1980er Jahre einsetzende Rezession lässt auch die Arbeitsmarktchancen für Akademiker sinken. Dies drückt sich in einer steigenden Arbeitslosenquote von anfänglich 1,8 Prozent (1980) aus, die Mitte der 1980er Jahre ihren Höchstpunkt erreichte. Damit ist die Arbeitslosenquote der Akademiker immer noch niedriger als die aller anderen Qualifikationsgruppen; sie ist um knapp die Hälfte geringer als die Gesamtarbeitslosenquote (4,5 Prozent Akademiker zu 8,1 Prozent insgesamt im Jahr 1984) (vgl. Abbildung 3.7; auch Möller und Walwei 2009). Mit dem Ende der Rezessionsphase zum Ende der 1980er Jahre und der durch die Wiedervereinigung einsetzenden Boomphase (Büchel 1996: 281) markiert der 132 Beginn der 1990er Jahre mit einer Arbeitslosenquote für Akademiker von 3,1 Prozent im Jahre 1991 (insgesamt: 5,4 Prozent) den niedrigsten Stand seit Beginn der 1980er Jahre (Möller und Walwei 2009). Für Akademiker bedeutete dies jedoch nur einen geringen und auch kurzfristigen Rückgang der Arbeitslosenquote. Bereits Mitte der 1990er Jahre erreichte die Arbeitslosenquote für diese Qualifikationsgruppe wieder eine Wert von knapp 4 Prozent und lag damit nur knapp unter dem Niveau der 1980er Jahre. Jedoch erscheint diese Entwicklung relativ zur Gesamtarbeitslosenquote in einem wesentlich positiveren Licht. So stieg die Gesamtarbeitslosenquote nach der kurzen Erholung im Zuge der Wiedervereinigung bis ins Jahr 1997 steil an, während die Arbeitslosenquote der Akademiker auf nahezu gleichbleibendem Niveau verlief. Zum Ende der 1990er Jahre sank sowohl die Gesamtarbeitslosenquote als auch die Arbeitslosenquote der Akademiker wieder leicht ab. Jedoch hielt dieser konjunkturelle Aufschwung nicht lange an und ließ die Arbeitslosenquoten ab dem Jahr 2001 erneut steigen (Bach et al. 2002). Bei der Betrachtung der geschlechtsspezifischen Arbeitslosenquoten für Akademiker zeigt sich in den ” Krisenjahren“ der 1980er Jahre verstärkt bei Frauen eine Zunahme der Arbeitslosenquote. Während die Arbeitslosenquote der männlichen Fachhochschulabsolventen bereits seit den frühen 1980er Jahren unter den Werten der männlichen Universitätsabsolventen lag und auch bis zum Ende des Beobachtungszeitraums dort verblieb, verharrte die Arbeitslosenquote der weiblichen Fachhochschulabsolventen bis in das Jahr 1990 über dem Niveau der weiblichen Universitätsabsolventen; bis 1987 sogar deutlich. Ab den 1990er Jahren sinkt die Arbeitslosenquote weiblicher Fachhochschulabsolventen stark ab und liegt ab Mitte der 1990er Jahre sogar unter der Quote der männlichen Universitätsabsolventen. Somit scheinen Fachhochschulabsolventen – gemessen am Indikator der Arbeitslosenquote – etwas bessere Arbeitsmarktchancen als Universitätsabsolventen vorzufinden (vgl. Abbildung 3.8). 133 Abbildung 3.8: Entwicklung der qualifikationsspezifischen Arbeitslosenquote in Deutschland von 1975 bis 2002 nach Geschlecht getrennt (Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf, Nürnberg) 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 P ro ze nt 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Mann/Universität Mann/Fachhochschule Frau/Universität Frau/Fachhochschule Bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen. Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. 3.5 Übergänge aus der Hochschule Neben der Arbeitslosenquote wird die Übergangsquote aus der Hochschule in das Erwerbssystem wie auch in die Arbeitslosigkeit als ein weiterer Indikator für die Arbeitsmarktsituation interpretiert.36 Dabei gilt zu berücksichtigen, dass die Übergangsquote sowohl durch die makrostrukturelle Arbeitsmarktsituation als auch durch das individuelle Studier- und Übergangsverhalten geprägt wird. 36 Wie bereits einleitend angemerkt, werden in der Darstellung der Übergangsquoten sämtliche Übergänge eines Jahres aus dem Ausbildungssystem (Hochschulen) in das Erwerbssystem bzw. die Arbeitslosigkeit berücksichtigt. Die Berechnungen beruhen auf den Daten der Bildungsgesamtrechnung und differenzieren nicht zwischen Mehrfachabschlüssen und Studienabbrüchen. 134 Die Übergangsquote beschreibt den Anteil der Abgänger des Ausbildungssystems eines Jahres ungeachtet, ob der Abgang mit einem Abschluss verbunden ist oder das Studium abgebrochen wurde. Zudem beschreiben die Übergangsquoten nur ” direkte“ Übergänge im Zeitraum eines Berichtsjahres, da die Abgänge aus dem Bildungssystem mit den Zugängen im Erwerbssystem unter Berücksichtigung der ” Stayer“, also derjenigen Personen die weiterhin im Ausbildungssystem verbleiben, verrechnet werden (Reinberg und Hummel 2006: 11). Somit gibt die Übergangsquote den Anteil eines Abgangsjahrgangs37 an, der in diesem Jahr von der Hochschule in das Erwerbssystem bzw. in die Arbeitslosigkeit gewechselt ist. Die Übergänge in das Erwerbssystem sind in Abbildung 3.9 dargestellt und zeigen deutlich die Schwierigkeiten, die Fachhochschulabgänger von der Mitte 1970er Jahre bis zu Beginn der 1980er Jahre hatten, von der Fachhochschule direkt in eine Erwerbstätigkeit zu wechseln. 1975 gingen lediglich etwas mehr als 55 Prozent der Abgänger direkt in das Erwerbssystem über (im Vergleich dazu: berufliche Lehre: 74 Prozent, Universität: 73 Prozent; siehe auch Tabelle 3.3). Dann steigt der Anteil der Fachhochschulabgänger bis Anfang der 1980er Jahre – im Verhältnis zu Abgängern aus Universitäten und der beruflichen Lehre – auf ein vergleichbares Niveau an. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre sind alle Qualifikationsstufen von den Einflüssen der Krisenzeiten betroffen, so dass in den ersten Jahren der 1980er Jahre die Übergangsquoten aller Abgänger zurückgehen. Jedoch dauert dieser Trend für Abgänger aus der beruflichen Lehre wesentlich länger, setzt etwas früher ein und findet in einem wesentlich stärkeren Ausmaß statt als bei den Abgängern aus Fachhochschulen und Universitäten. Bei der Interpretation dieser Werte muss stets berücksichtigt werden, dass auch individuelle Abgangsentscheidungen der Menschen im Ausbildungssystem, in Zusammenschau mit der Arbeitsmarktsituation, die Entwicklung der Übergangsquoten beeinflusst. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass 37 Hier wird bewusst von ” Abgangsjahrgang“ und nicht von ” Abschlussjahrgang“ gesprochen, da auch Abgänger ohne Abschluss enthalten sind. 135 Abbildung 3.9: Entwicklung der Übergänge aus der Hochschule und der beruflichen Lehre in die Erwerbstätigkeit von 1975 bis 2000 (prozententualer Anteil eines Abgangsjahrgangs) (Quelle: IAB/BGR 2006; eigene Darstellung) 50 60 70 80 90 10 0 P ro ze nt 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Universität Fachhochschule berufliche Lehre Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. ein Studienabschluss oder -abgang hinausgezögert wird, wenn schlechte Arbeitsmarktchancen vorgefunden werden. Ab Mitte der 1980er Jahre verlaufen die Übergangsquoten von Universitätsund Fachhochschulabgängern ungefähr parallel (wobei die prozentualen Übergänge der Fachhochschulabgänger stets ein bis zwei Prozentpunkte unter der Quote der Universitätsabgänger liegen). Erst zum Ende der 1980er Jahre steigen die Übergangsquoten aller Qualifikationsebenen wieder an. Quasi komplementär zum Sinken der Übergangsquote zum Beginn der Krisenjahre erholen sich die Quoten der Fachhochschulabgänger früher, stärker und langfristiger als die der anderen beiden Qualifikationsgruppen. So haben sich mit der Wiedervereinigung im Jahre 1991 die Übergangsquoten in die Erwerbstätigkeit von Fachhochschulabsolventen denen der Universitätsabsolventen nahezu komplett angeglichen, während die Über- 136 Tabelle 3.3: Übergänge aus dem Ausbildungssystem in die Erwerbstätigkeit von 1975 bis 2000 (Quelle: Reinberg und Hummel (2006); eigene Berechnung) Jahre 1975 1980 1985 1990 1995 2000 Berufliche Lehre1 74,4 76,5 73,0 74,5 68,3 70,3 Fachhochschule1 56,5 71,0 70,7 71,8 74,4 78,7 Universität1 72,7 78,1 73,8 73,3 73,9 78,2 1 Prozent der Abgänge eines Jahres. Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. gänge von Abgängern einer beruflichen Lehre einem stetigen Abwärtstrend ausgesetzt sind, der sich Mitte der 1990er Jahre nur kurz umkehrt, um in der Folge auf einem Niveau der Krisenzeit der 1980er Jahre zu stagnieren (vgl. Tabelle 3.3). In dieser Entwicklung zeigt sich ebenfalls der Trend zur Höherqualifizierung und das Vermögen des Arbeitsmarkts, die Zahl der Abgänger des tertiären Bildungssystems entsprechend aufnehmen zu können. Denn unter Berücksichtigung der steigenden absoluten Zahlen an Abgängern der tertiären Bildungseinrichtungen ist eine stabile oder sogar steigende Quote an Übergängen eines Abgangsjahrgangs in die Erwerbstätigkeit positiv zu bewerten. Gleichzeitig zeigt eine ebenfalls steigende absolute Zahl (wenn auch nicht so stark) in Verbindung mit einer sinkenden Übergangsquote, dass der Arbeitsmarkt zunehmend ” Probleme“ aufweist, die Abgänger zu absorbieren. Ein vergleichbares Bild, wenn auch komplementär zu den Übergängen in die Erwerbstätigkeit, zeigen die Übergänge in die Arbeitslosigkeit. So sind es Mitte der 1970er Jahre auch die Abgänger der Fachhochschulen, die vergleichsweise häufig in die Arbeitslosigkeit wechseln. Während die Übergänge der Fachhochschulabgänger in die Erwerbstätigkeit vergleichsweise schwach von den 1980 einsetzenden Krisenjahren betroffen waren, übersteigt der Anteil der Übergange in die Arbeitslosigkeit den Anteil der 137 Abgänge von 1975 wesentlich stärker. In vergleichbarer Weise sind auch Abgänger der Universitäten und der beruflichen Lehre beim Übergang in die Arbeitslosigkeit betroffen. Während jedoch die Übergangsquoten von Fachhochschulabgängern in die Erwerbstätigkeit sich erst Anfang der 1990er Jahre an die Übergangsquoten der Universitätsabgänger angleichen (und diese minimal übertreffen), sinkt die Übergangsquote in die Arbeitslosigkeit der Fachhochschulabgänger bereits Mitte der 1980er Jahre unter die der Universitätsabgänger und verbleibt auch bis Anfang der 2000er Jahre darunter (siehe Abbildung 3.10). Die weltweite Rezession im Jahr 1993 machte sich auch in einem Anstieg der Übergänge in Arbeitslosigkeit bemerkbar. Während jedoch dieser Anstieg für die Abgänger von Universitäten und Fachhochschulen nur einen äußerst kurzweiligen Bruch in einem sonst seit 1987 andauernden Abwärtstrend der Übergänge in die Arbeitslosigkeit bedeutet, setzt sich der Anstieg der Übergangsquoten der Abgänger einer beruflichen Lehre weitestgehend unberührt fort. Erst der wirtschaftliche Aufschwung zwischen 1998 und 2001 führte auch bei den Übergangsquoten der Abgänger einer beruflichen Lehre zu einem Rückgang der Übergangsquote in die Arbeitslosigkeit (vgl. Abbildung 3.10; auch Allmendinger et al. 2005: 17). Während die Übergangsquoten vom Berufsbildungssystem in die Erwerbstätigkeit bereits Anfang der 1980er Jahre unter das Niveau der Universitätsabgänger sinken (vgl. Abbildung 3.9), steigen die Übergangsquoten in die Arbeitslosigkeit erst Anfang bis Mitte der 1990er Jahre über das Niveau der Universitätsabsolventen (vgl. Tabelle 3.4). Somit gehen bereits seit Anfang der 1980er Jahre anteilig weniger Abgänger eines Jahrgangs von einer beruflichen Lehre in die Erwerbstätigkeit und bis in die Anfänge der 1990er Jahre auch stetig weniger Abgänger eines Jahrgangs in die Arbeitslosigkeit über. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich das Verhältnis der Übergangsquoten in die Arbeitslosigkeit zwischen den Abgängern einer beruflichen Lehre und den Abgängern einer Fachhochschulausbildung innerhalb von 25 Jahren umgekehrt hat. Die Übergänge 138 Abbildung 3.10: Entwicklung der Übergänge aus der Hochschule und der beruflichen Lehre in die Arbeitslosigkeit von 1975 bis 2000 (prozentualer Anteil eines Abgangsjahrgangs) (Quelle: IAB/BGR 2006; eigene Darstellung) 0 5 10 15 20 P ro ze nt 19 75 19 77 19 79 19 81 19 83 19 85 19 87 19 89 19 91 19 93 19 95 19 97 19 99 20 01 Jahre Universität Fachhochschule berufliche Lehre Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. der Universitätsabsolventen haben sich ebenfalls – mit Ausnahme der alle Qualifikationsstufen betreffenden Krisenphase in den 1980er Jahren – stetig verbessert (von 6 Prozent im Jahr 1975 auf 2,5 Prozent im Jahr 2000; siehe Tabelle 3.4). Somit bestätigt sich deutlich, dass Akademiker mehr denn je die besten Arbeitsmarktchancen aufweisen (siehe auch Reinberg und Schreyer 2003; Reinberg und Hummel 2005, 2006). Dennoch ist mit den rein quantitativ durchaus positiv zu bewertenden Befunden zum Übergang in die erste Erwerbstätigkeit noch keine Information darüber gegeben, ob diese Beschäftigungsverhältnisse auch dem erreichten Qualifikationsniveau entsprechen. 139 Tabelle 3.4: Übergänge aus dem Ausbildungssystem in die Arbeitslosigkeit von 1975 bis 2000 (Quelle: Reinberg und Hummel (2006); eigene Berechnung) Jahre 1975 1980 1985 1990 1995 2000 Berufliche Lehre1 3,3 2,9 7,9 3,8 9,8 12,5 Fachhochschule1 13,9 7,9 12,3 5,2 4,7 2,2 Universität1 6,0 5,0 11,0 8,1 6,0 2,5 1 Prozent der Abgänge eines Jahres. Bis einschließlich 1991 sind die Werte für Westdeutschland ausgewiesen. 3.6 Adäquanz der Tätigkeit Nachdem vorangehend sowohl die Arbeitslosenquoten als auch die Übergangsquoten als Indikatoren für Arbeitsmarktchancen von Hochschulabsolventen vorgestellt wurden, soll im Folgenden die Ausbildungsadäquanz der Beschäftigung ergänzend angeführt werden. Während die Übergangsquoten auch Übergänge berücksichtigen, die das Ausbildungssystem nicht mit dem vorgesehenen Abschluss verlassen, gilt für die ” reine“ Arbeitslosenquote, dass sich auch Beschäftigungen weit unter dem erreichten Ausbildungsniveau positiv auf die Arbeitslosenquote der Akademiker auswirken. Mit dieser Erkenntnis rückte seit den 1990er Jahren vermehrt die Frage nach der Passung der Erwerbstätigkeit zum erreichten Ausbildungsniveau in den Fokus der Aufmerksamkeit. Zusätzlich erlangte die Frage ” in Zeiten sich verschärfender Haushaltsknappheiten“ (Büchel 1996: 280) an weiterer Relevanz. Die Passung der erworbenen Qualifikation und der ausgeübten Tätigkeit in der ersten Beschäftigung hat mithin weitreichende und anhaltende Folgen für den weiteren Erwerbsverlauf wie auf das zu erzielende Einkommen der Hochschulabsolventen (Boll und Leppin 2013; Klein 1994; Diem und Wolter 2013). Gerade bei Hochqualifizierten besteht eine erhöhte Möglichkeit ausbil- 140 dungsinadäquat38 beschäftigt zu sein, da eine Unterqualifizierung aufgrund des hohen Ausbildungsniveaus unwahrscheinlicher wird. Die Frage, welche Faktoren eine ausbildungsadäquate bzw. ausbildungsinadäquate Beschäftigung begünstigen, wurde in der Vergangenheit durchaus kontrovers diskutiert (in Bezug auf die Effekte einer Doppelqualifizierung siehe Büchel und Helberger (1995) und Lewin et al. (1996) sowie in Bezug auf einen eventuellen Karriereeffekt siehe Plicht et al. (1994) und Büchel (1996)). Dabei wird die Adäquanz der Beschäftigung in Bezug auf die erreichte Qualifikation unterschiedlich definiert und entsprechend operationalisiert. Die dabei diskutierten und verwendeten Konzeptionen berücksichtigten die Dimensionen der Anwendung der im Studium erworbenen Qualifikationen, der für die ausgeübte Tätigkeit notwendigen formalen Qualifikationen, die (subjektiv) erforderlichen kognitiven und fachlichen Fähigkeiten, ein für Hochschulabsolventen ” typisches“ bzw. vergleichbares Einkommen sowie die Attraktivität der mit der Erwerbstätigkeit verbundenen Aufgaben. Unter Attraktivität wird meist ein hoher Entscheidungsspielraum und eine entsprechende Verantwortlichkeit gegenüber der zu leistenden Arbeit verstanden (Burkhardt et al. 2000: 17 f.). Weiterhin wird zwischen horizontaler und vertikaler Adäquanz unterschieden, wobei die horizontale Adäquanz als die fachliche Passung der Ausbildungsinhalte zu den beruflichen Aufgaben definiert wird und die vertikale Adäquanz auf das Passungsverhältnis der erforderlichen Qualifikation für die ausgeübte Tätigkeit Bezug nimmt (Plicht et al. 1994). Die ersten umfassenden Studien zur ausbildungsadäquaten Beschäftigung von Akademikern wurden Mitte der 1990er Jahren von Plicht et al. (1994) und Büchel (1996) durchgeführt. Dabei attestieren Plicht et al. (1994) vor 38 Häufig wird auch der Begriff ” unterwertige“ Beschäftigung verwendet, um zu verdeutlichen, dass es sich um Beschäftigungsformen handelt, die unter dem erreichten Ausbildungsniveau liegen, für die man also überqualifiziert ist. Streng genommen sind auch Tätigkeiten ” ausbildungsinadäquat“, für die man unterqualifiziert ist. Für einen Überblick über verschiedene Definitionen von Überqualifizierung siehe Rumberger (1981: 8–19). 141 allem Frauen und Fachhochschulabsolventen ein höheres Risiko, ausbildungsinadäquat beschäftigt zu sein. Insgesamt werden für das Jahr 1991 zwischen 8 und 17 Prozent der Akademiker in inadäquaten Beschäftigungsverhältnissen verortet. Plicht et al. (1994) sehen vor allem in den ersten Jahren der Berufstätigkeit ein Problem inadäquater Beschäftigung und berufen sich auf einen ” Karriereeffekt“ (Büchel 1996), welcher im Laufe des Erwerbsverlaufs abnimmt, also eher ein Phänomen der Berufseinsteiger darstellt. Demgegenüber kann Büchel (1996) nachweisen, dass es sich keineswegs um ein ” Einstiegsproblem“ handelt, sondern die Zunahme ausbildungsinadäquater Beschäftigungen durch einen ” tiefgreifenden Wandel der Beschäftigtenstruktur am Akademiker-Arbeitsmarkt“ (Büchel 1996: 292) hervorgerufen wird und sich weiter manifestieren wird. Jedoch kommt Büchel (1996) in Bezug auf die stärkere Betroffenheit von Fachhochschulabsolventen und Frauen zu vergleichbaren Ergebnissen. Er identifiziert folgende ” Risikogruppen“: – Frauen – Fachhochschulabsolventen – Universitätsabsolventen mit beruflicher Ausbildung – Teilzeit- bzw. Geringfügigbeschäftigte – Beschäftigte in der Privatwirtschaft Häufig geht – vor allem bei Frauen – eine unterwertige Beschäftigung mit einer Teilzeitbeschäftigung einher (u. a. Lauterbach 1994: 179; Plicht et al. 1994). Ebenfalls wird eine Zunahme unterwertiger Beschäftigung im öffentlichen Dienst vorhergesehen. War der öffentliche Dienst bis in die 1990er Jahre ein Garant für eine ausbildungsadäquate Beschäftigung, nimmt auch in diesem Bereich der Anteil an unterwertiger oder zumindest an Teilzeitbeschäftigung seit den 1970er Jahren stetig zu. Der Ausbau von Teilzeitarbeitsplätzen in der Privatwirtschaft begann hingegen schon in den 1960er Jahren und hielt auch hier unvermindert an (Lauterbach 1994: 178–180). 142 3.7 Der öffentliche Dienst Der öffentliche Dienst stellt gerade für Akademiker einen besonders attraktiven Teilarbeitsmarkt dar, und da dieser auch anderen Marktmechanismen gehorcht als die Arbeitsmärkte der Privatwirtschaft (siehe auch Abschnitt 2.3), wird die Entwicklung der Beschäftigtenstruktur im öffentlichen Dienst gesondert dargestellt. In den 1970er Jahren fanden noch rund 60 Prozent der Hochqualifizierten im öffentlichen Dienst eine Anstellung (Blossfeld 1983; Tessaring 1977). Solange der öffentliche Sektor seit den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre expandierte und eine große Zahl der durch die Bildungsexpansion höher qualifizierten Berufsanfänger aufnehmen konnte, wurden die Auswirkungen der steigenden Anzahl an höher gebildeten Menschen weitestgehend durch den öffentlichen Dienst aufgefangen (Blossfeld 1983; Blossfeld und Becker 1989). Anfang der 1980er Jahre ist der öffentliche Dienst mit rund 20 Prozent aller Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Bundesrepublik Deutschland. Dabei wirkte sich die konjunkturelle Krise der 1980er Jahre auch auf die Haushaltslage der Bundesrepublik aus, so dass in der Folge auch im öffentlichen Dienst die Personalsituation angespannt war. Dies drückte sich in einer Erweiterung der Teilzeitbeschäftigungen aus, während gleichzeitig die Anzahl der Vollzeitbeschäftigten 1983 erstmals rückläufig war (Breidenstein 1984: 920–921). Konnte die Steigerung der Teilzeitbeschäftigungen bis 1987 noch die rückläufigen bzw. stagnierenden Zahlen der Vollzeitbeschäftigen annähernd ausgleichen, waren zum Ende der 1980er Jahre dann auch die Beschäftigungszahlen im öffentlichen Dienst insgesamt kurzzeitig rückläufig (Breidenstein 1991: 556). Auch in diesem Sektor machten sich die positiven Auswirkungen der Wiedervereinigung bemerkbar. Die Beschäftigtenzahlen stiegen im Jahr 1990 wieder an, vor allem konnte ein gestiegener Frauenanteil berichtet werden (39,3 Prozent (1983) zu 42,3 Prozent (1990); Breidenstein 1984: 923, 1991: 558). Jedoch hielt diese Boomphase nicht lange an, so dass ab 1993 insgesamt wieder 143 sinkende Beschäftigtenzahlen im öffentlichen Dienst berichtet werden, was ebenso auf die Anzahl der Frauen zutrifft. Für die Beschäftigtenzahlen im höheren und gehobenen Dienst39 stellt sich die Situation jedoch besser dar, so dass gut ein Drittel der Beschäftigen im höheren bzw. gehobenen Dienst arbeiten und die Anzahl der Stellen für höher qualifizierte Tätigkeiten im Vergleich zu den Vorjahren – wenn auch hauptsächlich durch die Schaffung neuer Teilzeitarbeitsplätze – weiter gestiegen ist (Breidenstein 1995: 569). Allgemein kann damit festgehalten werden, dass sich die Beschäftigungssituation in den für Akademiker relevanten Dienst- bzw. Besoldungsgruppen bis zum Beginn der 2000er Jahre unvermindert positiv entwickelt hat. Die konjunkturellen und haushaltsfiskalischen Engpässe wurden entweder durch die Umverlagerung auf Teilzeitarbeitsplätze abgefedert oder betrafen die mittleren und niedrigen Verdienst- und Besoldungsgruppen. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten lag im Jahr 2000 bei 24,7 Prozent und ist damit weiterhin höher als bei abhängig Erwerbstätigen insgesamt (19,8 Prozent). Ebenfalls ist die Frauenquote im Jahr 2000 weiterhin auf gut 50 Prozent gestiegen. Dabei waren Frauen – gemessen an der Gesamtzahl der Beschäftigten – deutlich stärker an der Steigerung der Beschäftigtenzahlen in den höheren und gehobenen Laufbahngruppen beteiligt (Breidenstein 2001). Die durchweg positiven Zugangs- und Berufschancen von Frauen im öffentlichen Dienst können von Keller und Klein (1994) auch im Vergleich zur Privatwirtschaft bestätigt werden. Stellt man die Entwicklungen der letzten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft gegenüber, wird deutlich, dass sowohl die Expansion des öffentlichen Diensts als auch die Tertiarisierung der Privatwirtschaft dazu führte, dass eine steigende Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften entstand. Jedoch setzte die Nachfrage im öffentlichen Dienst früher ein als in der Privatwirtschaft. 39 Da üblicherweise nur für Beamte und Richter eine Eingruppierung in Dienstklassen erfolgt, sollen die Angestellten stets den vergleichbaren Verdienst- bzw. Besoldungsgruppen zugeordnet werden. 144

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Zusammenfassung

Wie verlaufen die Übergänge von Akademikern in die erste Erwerbstätigkeit?

Einerseits werden Akademikern nach wie vor sehr gute Beschäftigungschancen nachgesagt. Andererseits mehren sich die Stimmen, die auch für Akademiker zunehmend längere und turbulentere Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit postulieren. Dirk Böpple geht aus einer stärker lebenslauftheoretischen Position einerseits der Frage nach, ob sich diese De-Standardisierungstendenzen sowohl auf die Übergangsdauer als auch auf die Ausgestaltung der Übergänge auswirken. Andererseits untersucht der Autor, welchen Einfluss strukturelle Merkmale des Bildungs- und Erwerbssystems auf die Übergänge in die erste Erwerbstätigkeit ausüben und welche Aspekte durch individuelle Eigenschaften der Absolventen beeinflusst werden. Zur Beantwortung dieser Fragen wendet er neuste Verfahren der quantitativen empirischen Sozialforschung an.