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Hans Dietrich Engelhardt

Was wird aus unserer Umwelt?

Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3965-6, ISBN online: 978-3-8288-6838-0, https://doi.org/10.5771/9783828868380

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Hans Dietrich Engelhardt Was wird aus unserer Umwelt? Hans Dietrich Engelhardt Was wird aus unserer Umwelt? Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur Tectum Verlag Hans Dietrich Engelhardt Was wird aus unserer Umwelt? Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 ISBN 978-3-8288-6838-0 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN 978-3-8288-3965-6 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes #103983228 von Jagoush, www.fotolia.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Für meine Enkel Romy, Berna und Tim, stellvertretend für alle Kinder V Inhaltsverzeichnis Einleitung 1 1 Zur Entwicklung des Lebens auf der Erde 19 1 1 Eckpunkte 19 1 2 Zusammenfassung 26 2 Der Mensch im Kosmos des Lebens 29 2 1 Von 23 Menschenarten überlebt nur eine: Der moderne Mensch (homo sapiens) 29 2 2 Der große Durchbruch von homo sapiens: Stichworte 34 2 3 Die Kehrseite des Erfolges 37 2 4 Die besonderen Qualifikationen des Menschen 39 2.4.1 Die ambivalente biologische Ausstattung des Menschen: Die Multi-level-Selektion . . . . 39 2.4.2 Gemeinsamkeiten im Steuerungssystem von Säugetieren und Menschen . . . . . . . . . . . . 43 2.4.3 Elterliche Sorge und Zusammenleben in Lagern als Keimzellen der sozialen Natur des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 2.4.4 Was macht den Menschen zum Menschen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 2 5 Zusammenfassung 52 3 Entstehung, Vielfalt und Funktionen von Religionen 55 3 1 Skelette, Knochen, Werkzeuge, Artefakte als Auskunfteien 57 3 2 Die sozialanthropologische Literatur: Eine Brücke zu den Religionen von Jägerund Sammlergruppen 59 VI InhaltsverzeIchnIs 3 3 Wie sind Religionen entstanden? 60 3 4 Wann sind Religionen entstanden? 66 3 5 Vielfalt der Religionen 68 3 6 Vielfalt der Religionen – Warum? 72 3 7 Religion: Einheit in der Vielfalt? 78 3.7.1 Eine Religionen übergreifende Definition? . . . 78 3.7.2 Religionsverständnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 3.7.3 Zur Wegweiserfunktion von Religionen . . . . . 83 3.7.4 Tod und soziale Ungerechtigkeit als verbreitete Themen von Religionen . . . . . . . . 84 3.7.5 Erlösungswege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 3 8 Zusammenfassung 93 4 Die Beziehung des Menschen zu Biosphäre und weiterer Umwelt in der Religionsgeschichte 97 4 1 Drei Entwicklungsphasen in der Religionsgeschichte im Überblick 97 4 2 Die Natur als Bezugsrahmen menschlichen Selbstverständnisses 100 4 3 Zentrierung auf den Menschen – Marginalisierung des nicht menschlichen Lebens 101 4 4 Die Aufklärung und die Folgen 110 4 5 Deutungshoheit: Vom Monopol der Kirchen zu einer differenzierten Struktur 116 4.5.1 Galileo Galilei und die universale Deutungshoheit der römisch-katholischen Kirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 4.5.2 Neue Blütezeit und Machtverfall . . . . . . . . . . . . 119 4.5.3 Der große Umbruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 4.5.4 Die Säkularisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 4.5.5 Die Geburt des modernen Staates . . . . . . . . . . 122 4.5.6 Ein neues Legitimationsprinzip setzt sich durch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 VII InhaltsverzeIchnIs 4.5.7 Legitimation durch Fachkompetenz . . . . . . . . 125 4.5.8 Entmythologisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 4 6 Zusammenfassung und Verortung klärungsbedürftiger Probleme 130 4.6.1 Drei Entwicklungsphasen in der Entwicklung der Religionen – zwei bedeutsame Zäsuren 131 4.6.2 Lokalisierung klärungsbedürftiger Probleme 136 5 Was wird aus den Religionen? 139 5 1 Sind Religionen Auslaufmodelle? 139 5 2 Religionskritik 145 5 3 Das Doppelgesicht der Religionen 153 5 4 Entwicklungstendenzen der Religionen 156 5 5 Achtung vor dem Leben als gemeinsame Grundlage 160 5 6 Zusammenfassung 164 6 Religion und Wissenschaft: Eine neue Beziehung zwischen ihnen wird gebraucht 167 6 1 Zur Geschichte ihres Verhältnisses 167 6 2 Wissenschaft braucht Religion 172 6 3 Religionen brauchen Wissenschaft 180 6 4 Religion und Wissenschaft: Anfänge zu einem neuen Verhältnis? 180 6 5 Zusammenfassung 192 7 Wie kann Zukunft gelingen? 195 7 1 Zur gegenwärtigen Situation bei Klimawandel, Umweltbelastungen und Biosphäre 197 7.1.1 Umweltbelastungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 7.1.2 Globale Umweltbelastungen: Klimawandel & Co. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 7.1.3 Die fortschreitende Reduzierung der Biodiversität als Zeitbombe . . . . . . . . . . . . . 204 VIII InhaltsverzeIchnIs 7 2 Hindernisse für die Bewältigung der Umweltprobleme 212 7.2.1 Konfliktformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 7.2.2 Zur weltweiten Konfliktlage . . . . . . . . . . . . . . . . 213 7.2.3 Was tun mit den Religionskonflikten? . . . . . . . 217 7.2.4 Die positive Botschaft: Gemeinsame Beschlüsse und Maßnahmen trotz Konflikten 229 7.2.5 Der Konflikt über die Zukunft: Wachstum oder Nachhaltigkeit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 7.2.6 Die Beharrlichkeit der Bevölkerung als Problem für den Paradigmenwechsel . . . . . . . 244 7.2.7 Die Multi-Level-Selektion: Erklärungsansatz und Zukunftsperspektive? . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 7.2.8 Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 7 3 Mit gemeinsamen Überzeugungen zu Nachhaltigkeitsallianzen 252 7.3.1 Die Weltgemeinschaft: Vom Markt zum Gemeinwesen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254 7.3.2 Nichtregierungsorganisationen: Akteure für eine Weltzivilgesellschaft? . . . . . . 260 7.3.3 Mitmenschlichkeit in den Gesellschaften als Unterstützungsreservoir . . . . . . . . . . . . . . . . 267 7.3.4 Nachhaltigkeit: ein unentbehrlicher Wissenspool . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 7.3.5 Gemeinsames im Selbstverständnis: Religionen und Nachhaltigkeitsperspektive 272 7.3.6 Gemeinsames in der Ethik: Handeln braucht eine ethische Grundlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282 7.3.7 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 Literatur 293 1 Einleitung Seit Menschen ein Bewusstsein ihrer Selbst in ihrer Umwelt und schließlich ein umfassendes Selbstverständnis entwickelt haben, war dieses Selbstverständnis Richtschnur für die Gestaltung ihres Lebens und den Umgang mit ihrer Umwelt, selbstverständlich mit den Abstri chen, die sich aus dem naturgegebenen Egoismus und der Begrenztheit der menschlichen Natur ergeben. Menschliches Selbstverständnis hat sich in den Gesellschaften primär in zahlreichen und vielfältigen Reli gionen einerseits als Antwort auf die Herausforderungen gewandelter Umwelten und andererseits als Produkt menschlicher Bedürfnisse und Sehnsüchte konkretisiert und deshalb im Laufe der Geschichte grundle gende Veränderungen erfahren. Gegenwärtig fordern die Naturwissen schaften mit ihren auf das Hier und Jetzt bezogenen Erklärungsansät zen die an Transzendenz orientierten Religionen in besonderer Weise heraus; sie haben die Industrialisierung und die Entwicklung der mo dernen Zivilisation (mit) ermöglicht; mit diesen Wirkungen haben sie dazu beigetragen, die gesellschaftlichen Ziele und das gelebte Selbst verständnis weithin auf materielles Wachstum und materiellen Kon sum hin zu verschieben und die Bevölkerungsexplosion auf der Erde rasant zu beschleunigen. Die Fixierung auf materielles Wachstum hat weltweit die Entscheidungsträger und wesentliche Teile der Bevölke rungen erfasst und drängt andere, oft qualitative Ziele in den Hinter grund – die Gier spornt an. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird zunehmend deutlich, dass dieses neue Selbstverständnis in den Indus trieländern und darüber hinaus lebensbedrohliche Veränderungen der Umwelt bewirkt: von der Abholzung der Wälder über die Klimaverän derung, die Ressourcenverknappung und vieles mehr bis hin zur fort schreitenden Zerstörung der Biodiversität, die unsere Lebensgrundlage darstellt: Die gegenwärtige menschliche Lebensweise bedroht ihre eige ne Zukunft. Der Wandel des menschlichen Selbstverständnisses spielt deshalb eine Schlüsselrolle für die Erhaltung menschlicher Lebensbe dingungen. Gefordert sind menschliche Selbstverständnisse, in denen trotz sonstiger Unterschiede die Achtung vor dem Leben und darauf aufbauende Nachhaltigkeit im Mittelpunkt stehen. Nachhaltigkeitsfor 2 eInleItung scher, mehrere große Religionsgemeinschaften, Biologen, immer mehr zivilgesellschaftliche Organisationen und viele Einzelpersonen stehen für die genannten Grundlagen des neuen Selbstverständnisses. Religi onsgemeinschaften sind als Sinngebungsinstanzen, die schon immer das Warum und das Wie des Lebens und deshalb qualitative Lebens inhalte in den Mittelpunkt stellen, wesentliche Partner für alle, die jetzt mit einer Neuorientierung die Weichen für die dauerhafte Erhaltung der Lebensbedingungen stellen wollen. Diese Personenkreise werden gegenüber den Entscheidungsträgern und in den Bevölkerungen der Staaten ihre Potenziale erst entfalten können, wenn sie sich aus der Ver einzelung lösen und zu Nachhaltigkeitsallianzen zusammenschließen, um den unerlässlichen Paradigmenwechsel von Wachstum zu Nachhal tigkeit durch neue Mehrheitsbildung erreichen zu können. Dies ist der Steckbrief dieses Buches. Die zentrale These dieses Bu ches lautet, dass sich die Religionsgemeinschaften und die Akteure für Nachhaltigkeit trotz vieler Unterschiede gemeinsam darauf verständi gen sollten, das Wichtigste, das wir haben: das Leben und seine Erhal tung in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen. Auf die Achtung vor dem Leben und seine Erhaltung ausgerichtete Selbstverständnisse sind unverzichtbare Bausteine zur Bewältigung der Umweltprobleme. Die vorliegenden Lösungsvorschläge für die Bewältigung der Umwelt risiken (z. B. WWF 2014; Randers/Maxton 2016) und möglicherweise auch neue sind bei ihrer Umsetzung auf Personen, Initiativen, Organi sationen und Entscheidungsträger angewiesen, die aus innerster Über zeugung mitwirken. Die Vorlage von geeigneten Problemlösungspro grammen – immerhin höchst respektable Leistungen – schafft weder in der Bevölkerung noch unter den wirtschaftlichen und politischen Ent scheidungsträgern die notwendigen Handlungsantriebe. Durch Über zeugungen geprägte Menschen können die notwendige Tatkraft entwi ckeln, sie können auf gegenwärtige Annehmlichkeiten verzichten und die von vielen Seiten geforderten Solidaritätsleistungen erbringen, de ren Nutzen anderen Personen und/oder zukünftigen Generationen zu gutekommt. Ohne die beträchtliche Einschränkung der aktuellen Kon sumgewohnheiten in den reichen Ländern kann die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks (vgl. Kap. 7.1.2), d. h. die ausgeglichene Ba lance von Versorgungs und Entsorgungskapazität der Erde nicht gelin gen. Wenn wir erst durch Katastrophen zum Handeln gezwungen wer den, kommen unsere Aktionen zu spät. 3 eInleItung Dieses Buch wendet sich an alle, die ihren Kindern und Enkeln einiger maßen gute Lebensbedingungen hinterlassen möchten; es will die Aus einandersetzung mit den anstehenden Zukunftsproblemen und die Be teiligung an zivilgesellschaftlichen Initiativen/Organisationen für eine nachhaltige Gesellschaft anregen. Die künftigen Lebensbedingungen sind diesen Einsatz wert. Die folgenden Ausführungen skizzieren zunächst den Rahmen des Le bens und traditionelle sowie moderne Erklärungen zu natürlichen Er eignissen und Prozessen, thematisieren dann das Verhältnis von Selbst verständnis bzw. Religion und Umwelt und stellen schließlich die Gedankengänge der folgenden Kapitel vor. Vulkanausbrüche, steigende bzw. fallende Meeresspiegel, Fluten, Brän de, Meteoriteneinschläge, Temperaturstürze und andere Naturereignis se, die von uns Menschen heute als Klima bzw. Umweltkatastrophen verstanden werden, begleiteten von Anfang an die Entwicklung des Le bens, haben viele Arten ausgelöscht und mit den verbliebenen Arten immer wieder die Evolution zu neuen Entwicklungen herausgefordert, lange bevor wir Menschen auf der Bühne des Lebens erschienen, wie uns wissenschaftliche Untersuchungen aus unterschiedlichen Diszip linen anhand differenzierter Expertisen vermitteln. Bemerkenswert ist dennoch, dass die natürlichen Gestaltungskräfte auf unserer Erde eine Konstellation von Bedingungen geschaffen haben, die im Unterschied zu den bisher bekannten Gestirnen die Entfaltung von Leben ermög lichte und dies immer noch tut. Auch die Entwicklung des Menschen erfolgte unter immer wieder wech selnden Klimabedingungen, war offensichtlich mehrfach generell be droht durch Eis und Kaltzeiten und dementsprechend stark reduzier te Lebensräume. Auch Vulkanausbrüche haben mindestens in größeren Regionen Leben gefährdet, reduziert oder ausgelöscht. Ascheschich ten aus dem Toba Ausbruch auf Sumatra um 70.000 v. h. (vor heute) wurden selbst in Afrika festgestellt, die Wirkungen auf Menschen sind umstritten. Der Ausbruch der Phlegräischen Felder vor ca. 37.000 Jah ren traf mit seinen Auswirkungen vor allem die Siedlungsgebiete der Neandertaler, deren Reste die Katastrophe nicht sehr lange überlebten. Während Tiere weit überwiegend zum Leben und Überleben auf spe zifische Umweltbedingungen angewiesen sind, weist der Mensch eine 4 eInleItung große Anpassungsfähigkeit an höchst unterschiedliche Umweltbedin gungen auf. Diese Eigenart war für seine weltweite Verbreitung und das Überleben der Art ein entscheidender Vorteil, so dass auch bei größe ren Klimaeinbrüchen wie den Eiszeiten bisher immer Menschengrup pen eine zum Überleben geeignete Region finden konnten, wenngleich viele Gruppen nicht überlebten. Die fortgeschrittenen Untersuchungs methoden der Geologie, der archäologischen Anthropologie, der Mik robiologie, Genetik und anderer Disziplinen ermöglichen mittlerwei le mit ihren Forschungsergebnissen Historikern, ein immer genaueres Bild nachzuzeichnen, dass und wie Klimaveränderungen die Entwick lung des Menschen, die Entfaltung oder auch Zerstörung von Weltrei chen und Kulturen maßgeblich beeinflusst haben; sie füllen damit ei nerseits einige Wissenslücken und führen andererseits zu erheblichen Korrekturen bisheriger Erkenntnisse (Lamb 1982, Behringer 2007). So stellen Buchner und Buchner in einer Tabelle vorgeschichtliche Ent wicklungen des Menschen und Klimaveränderungen von 5,5 Millionen Jahren v. h. bis 6000 v. h. gegenüber; sie konkretisieren die Klimaein flüsse auf die menschliche Entwicklung und Geschichte ferner, indem sie in einer Graphik Temperaturverlauf und frühmenschliche Entwick lungen von 250.000 v. h. bis 10.000 v. h. aufzeigen (Buchner & Buch ner 2005, S. 83 bzw. S. 81). Solche Forschungsergebnisse machen immer wieder neu bewusst, wie bedroht und stets vorläufig menschliches Le ben nun einmal ist. Plattentektonische Veränderungen wie die Verbindungen von Süd und Nordamerika ca. 2,5 Millionen Jahre vor heute und von Afrika und Asien ca. 5,5 Millionen Jahren v. h. veränderten die Meeres und Luft strömungen und damit die Lebensbedingungen für Pflanzen und Tie re umfassend. Die Verbindung von Nord und Südamerika ließ den Golfstrom mit seinen Klimafolgen entstehen. Auch Vulkanausbrüche, Eiszeiten, abrupte Temperaturstürze u. a. führten zu radikalen Verän derungen in der Biosphäre insgesamt und damit bei den Lebensbedin gungen des Menschen; solche Ereignisse bleiben natürliche Bedrohun gen, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte, denen er ziemlich hilflos ausgesetzt war und bleibt und auf die er als Generalist nur mehr oder weniger geschickt reagieren kann, was er ja auch versucht hat. Zu den natürlichen Bedrohungen kommen die von uns Menschen ei genständig entwickelten dazu. Dies sind seit vielen Jahrtausenden ei 5 eInleItung nerseits die Eingriffe in die Biosphäre, d. h. die Schädigungen der natür lichen Lebensbedingungen durch Übernutzung, Raubbau bis hin zur Ausrottung von jagdbaren und anderen Tieren und zur Verödung größe rer Regionen durch hemmungslose Abholzung und andere Aktivitäten. Andererseits gibt es neuerdings diverse Eigenbeiträge zu nachteiligen Veränderungen des Klimas – daher das „fast“ einige Sätze zuvor – sowie die selbst produzierten Zerstörungspotenziale: die beachtli chen, Gesundheit gefährdenden „Kollateralschäden“ der industriellen Produktion und des Verkehrs, eine umfangreiche Giftproduktion, die Kernkraftrisiken und die reichhaltigen Waffenarsenale. Auf die haus gemachten Bedrohungen kann der Mensch Einfluss nehmen; er könnte sie abschwächen, begrenzen, unschädlich machen oder beseitigen. Der Wille dazu ist eher zaghaft, weil es weithin an der Einsicht in die Not wendigkeit fehlt und/oder die anderen aktuellen Tagesprobleme eine mittel und längerfristige Orientierung be bzw. verhindern. Eindeutig ist der teilweise hausgemachte Temperaturanstieg seit ca. 150 Jahren durch Treibhausgase und andere Aktivitäten. Eine positive Inter pretation der Temperaturerhöhung besagt, dass sie eine neue Eiszeit ver hindert habe. Die einsetzende Industrialisierung, Höchststand der Glet scher um 1870 und beginnender Temperaturanstieg im 19. Jahrhundert lassen diese Sichtweise durchaus plausibel erscheinen. Klar ist, dass eine weitere Klimaerwärmung zusätzlich zu den bereits spürbaren und mas sive Schäden produzierenden Wetterkapriolen den Meeresspiegel deut lich ansteigen lässt, der bereits einige polynesische Inseln unbewohnbar gemacht hat und merkliche küstennahe Bevölkerungsteile in Bangla desch in die Flucht treibt. Mittel und langfristig sind zahlreiche In seln, Metropolregionen und Küstenebenen bedroht, nicht wenige auch in den USA. Sehr wahrscheinlich ist, dass sich die Klimaerwärmung ohne einschneidende Gegenmaßnahmen fortsetzen wird. Das haben die meisten Staaten begriffen und auf der Pariser Klimakonferenz je weils selbst entwickelte Maßnahmenpakete beschlossen. Ob die Klima erwärmung ohne Gegenmaßnahmen weiter fortschreitet, ist dennoch nicht völlig sicher, und es werden auch andere mögliche Entwicklungs varianten diskutiert. Die Klimaerwärmung könnte über kurz oder lang auch eine Kaltzeit produzieren, falls der Golfstrom – im 21. Jahrhun dert unwahrscheinlich – durch die enormen Süßwasserschmelzwasser vom grönländischen Inlandeis aussetzen sollte. Sicher ist jedoch, dass die Menschheit ein kaum absehbares Bedrohungspotenzial mit weltweit 6 eInleItung chaotischen Verhältnissen riskiert, wenn sie nichts gegen die Klimaer wärmung unternimmt. Auch bei den anderen, weniger ernst genomme nen, hausgemachten Umweltbedrohungen, seien sie global oder auch nur regional wirksam, gibt es keine Alternative zu unverzüglichen Ge genmaßnahmen, die in vielen Belangen z. B. der Rettung der Weltmeere und der Biodiversität ohne internationale Kooperation, nicht zustande kommen und gelingen können. Der vielerorts beklagenswerte und Ge sundheit gefährdende Zustand z. B. von Luft und Gewässern ist insge samt als eindringlicher Aufruf zu entschlossenem, kooperativem Han deln anzusehen. Die ersten Umweltkatastrophen, von denen uns unsere Vorfahren nach langer mündlicher Überlieferung in unterschiedlichen schrift lichen Quellen berichteten, sind die Sintfluten; solche und andere au ßergewöhnliche natürliche Ereignisse wurden damals und bis in das 19. Jahrhundert ziemlich durchgängig als Strafe der Götter bzw. Gottes für menschliches Fehlverhalten verstanden und zwecks Vermeidung in der Zukunft mit Forderungen zu einem Gott gefälligen Verhalten, mit Menschenopfern oder auch anderen Leistungen zur Versöhnung der übernatürlichen Wesenheiten verknüpft. Nach wie vor dürften es welt weit viele Menschen sein, die an der alten Vorstellung von der göttli chen Steuerung der Geschichte festhalten. Erfahrungen mit der Umwelt und religiöses Denken bilden offensichtlich im Bewusstsein der Men schen einen selbstverständlichen Zusammenhang, bei der überwiegen den Mehrheit bis heute. Seit der Aufklärung und der explosionsartigen Entwicklung der Wis senschaften gewinnt eine andere Sichtweise, die Erklärung für jegli che Ereignisse in empirisch nachweisbaren Ursache Wirkungszusam menhängen sucht und findet, zunehmend an Geltung und praktischer Anwendung. Die Erfahrungen mit den Sintfluten, die offensichtlich zahlreiche Menschen getötet und noch mehr vertrieben haben müs sen, haben sich so tief in das Bewusstsein der Menschen eingegraben, dass sie über einige Jahrtausende mündlich überliefert wurden, bevor sie schließlich schriftlich niedergelegt wurden, zuerst im Gilgamesch epos und deutlich später nach dessen Vorlage im Alten Testament. Die auf das alte Mesopotamien bezogenen Wissenschaften waren durchaus der Auffassung, dass hinter den Flutberichten reale Erfahrungen ste cken müssten, es fehlten jedoch lange empirische Belege. Neuerdings 7 eInleItung wissen wir aus geologischen, klima und kulturhistorischen Untersu chungen (Buchner/Buchner 2005), dass sich diese Fluten tatsächlich ereignet haben und nachgewiesen werden können. Mythen über gro ße Fluten gibt es auch andernorts. Weitere hochgradig klimarelevante Fluten kaum vorstellbaren Ausmaßes werden von Geologen für Nord amerika belegt, ohne dass es dafür menschliche Zeugnisse gäbe und geben konnte. Geologen sehen all diese Fluten gegenwärtig nicht als Strafe Gottes, sondern als Folge der schmelzenden Eismassen, die sich während der Entwicklung der letzten Eiszeit in den kälteren Regionen und auf den Gebirgen aufgetürmt hatten und den Meeresspiegel auf ca. 130 m unter dem heutigen Stand sinken ließen. Vor der Eisschmelze und auf dem Höhepunkt der Eiszeit war der Per sische Golf von der damaligen Mündung von Euphrat/Tigris bis über die Meerenge von Hormoz hinaus eine Ebene mit einigen Süßwasser seen, durchflossen von einem Fluss, dem vereinten Euphrat und Ti gris. Lange Zeit war diese Ebene ebenso wie große Teile Arabiens of fensichtlich besiedelt. Die Eisschmelze hat im Verlauf von ca. 10.000 Jahren, von etwa 18.000 v. h. bis 7.000 v. h. den Meeresspiegel im Per sischen Golf in vier Schüben wieder auf das heutige Niveau angehoben und die Bewohner von dort vertrieben. Buchner und Buchner beschrei ben diese Vorgänge und sehen die vierte Flut zwischen 8000 v. h. und 7.000 v. h. als die Flut an, auf die Gilgameschepos und Bibel Bezug neh men: sie stützen ihre Auffassung auf die Berichte beider Quellen, die sie mit den örtlich und regional nachweisbaren Gegebenheiten verglichen haben. Nach der vierten Flut bedeckte das Meer die nach den ersten drei Flutphasen noch verbliebenen Ebenen des Persischen Golfs. Sie be richten, dass die Bucht Bandar Abbas auf der Nordseite des Persischen Golfes der Beschreibung des Paradieses im Gilgameschepos sehr nahe kommt und keine andere Landschaft weit und breit auf diese Beschrei bung passt. Diese Bucht und ihr Versinken in den Fluten könnten also reale Bezugspunkte für die schriftlichen Überlieferungen und ihre da malige Deutung sein (Buchner & Buchner 2005, S.  221–231). Wir zie hen eine Folgerung: Mythologische Sinnkonstruktionen zu zentralen Erfahrungen verführen dazu, in den vorgegebenen Kontexten zu ver harren und Unverständliches übernatürlichen Wesenheiten zuzuschrei ben. Durch Entmythologisierung gewinnt menschliche Erfahrung an Bedeutung. Das Denken in empirisch gesicherten Ursache Wirkungs 8 eInleItung zusammenhängen als extreme Form entmythologisierten Nachdenkens eröffnet deshalb auch neue Handlungsperspektiven. Versteht man Religion in einer ersten Annäherung als Selbstverständ nis von Menschengruppen in ihrer sozialen und natürlichen Lebens welt1, so ist mit unmittelbaren Auswirkungen dieses Selbstverständnis ses auf ihr Verhalten in und gegenüber der Umwelt zu rechnen. Umwelt kann als ein Komplex von natürlichen Gegebenheiten/Kräften und von Menschen gestalteten Ressourcen verstanden werden, in dem und für den Menschen sich mittels ihres Selbstverständnisses Orientierung und Lebensmöglichkeiten suchen und verschaffen. Religionen und Umwelt waren, soweit wir zurückblicken können, we gen ihrer existenziellen Bedeutung stets eng auf einander bezogen; bei de sind seit einigen Jahren zu zentralen Themen in der öffentlichen und politischen Diskussion geworden. Beide sind in regional unterschied lichem Ausmaß weltweit von zunehmender Bedeutung, ausgesproche ne Wachstumsfelder. Beide hängen eng mit individuellem und sozialem Wohlergehen zusammen. Beide sind durch Wechselbeziehungen mitei nander verbunden. Beide mobilisieren höchst unterschiedliche Gefühle, von bedingungsloser Hingabe bis zu extremer Konfrontation. Manche Leser mögen es für unsinnig erklären, den Beziehungen zwi schen derart komplexen, Leben bestimmenden Konglomeraten wie Re ligion einerseits und Umwelt anderseits nachgehen zu wollen. Aber auf vielfältige Weise ist das Schicksal großer Teile der Weltbevölkerung mit beiden und ihrer Beziehung zueinander verbunden. Man ist also gut beraten, diese Beziehung näher zu überprüfen und herauszufinden, wie sich diese Beziehung entwickelt und was sie für unsere Gegenwart und Zukunft bedeutet. 1 An dieser Stelle wird von einer genaueren Definition von Religion abgesehen, weil in einigen der folgenden Kapitel differenzierend auf Religion eingegan gen wird. Selbstverständnis des Menschen hat sich auch in der philosophischen Tradition sowie in immanent ausgerichteten Weltanschauungsgemeinschaften entwickelt. Auf beide gehe ich hier nicht ein, weil sie keine dauerhaften sozia len Organisationen bilden konnten. Individuelles, von Religionsgemeinschaf ten unabhängiges Selbstverständnis nimmt zwar quantitativ zu, wird aber we gen seiner inselartigen Isolation nicht systematisch thematisiert. 9 eInleItung Wer Götter oder einen Gott als die wirkenden Kräfte im Universum und auf der Erde sieht, wird die eigene Verantwortung für die natürli che und selbst gestaltete Umwelt anders einschätzen als Personen, die in empirisch belegbaren Ursache Wirkungszusammenhängen denken und Handlungen danach planen. Mit diesen beiden gegensätzlichen Po sitionen soll verdeutlicht werden, dass das Selbstverständnis wesentli chen Einfluss auf das Verantwortungsgefühl und das Verhalten gegen über der Umwelt ausübt. Selbstverständlich gibt es tatsächlich zwischen den beschriebenen Extremen zahlreiche Abstufungen und Kombinati onen. Denn der Glaube an einen Gott reduziert nicht automatisch die persönliche Verantwortung für die Umwelt auf null, sondern kann ein breites Spektrum der Abstufungen von Verantwortungsgraden umfas sen, verankert jedoch das Leben generell in einem vorgegebenen, sinn haft gesteuerten Gesamtzusammenhang mit Ausrichtung auf das Jen seits. Dennoch ist kaum zu bestreiten, dass mit einer konsequenten Ausrichtung auf das Übernatürliche die Zukunft des Diesseits an Be deutung verliert und damit auch die Verantwortungsbereitschaft des Menschen. Das Diesseits wird zum Zubringer für die übernatürliche Welt herabgestuft. Umgekehrt ist der idealtypische rationale Empiriker eher ein real nicht existentes Konstrukt. Die Antriebskraft zum Han deln und die Handlungsziele kommen aus den Kräften des Genoms, d. h. dem leben wollen und der sozialen Einbindung, also aus einem na türlichen individuellen und kollektiven Egoismus, und nutzen mit den daraus erwachsenden Vorentscheidungen empirisch rationales Denken lediglich als Hilfsmittel zur Verwirklichung angestrebter Ziele. Verant wortung für die Umwelt steht in beiden Zugängen zum Selbstverständ nis des Menschen nicht wie von selbst an erster Stelle, sondern steht im Konflikt mit anderen Zielsetzungen. Im Kontext eines Denkens in empirischen Ursache Wirkungszusammenhängen fällt es allerdings schwer, im Weltgeschehen einen sinnhaften, Halt gebenden, von Perso nen unabhängigen Ablauf zu erkennen. Ohne den Glauben an göttliche Weltgestalter geraten die Handlungsmöglichkeiten und zwänge des Menschen und seine Verantwortung für die beobachtbaren Verhältnis se stärker in den Fokus. Die Beziehung zwischen dem Selbstverständ nis des Menschen und dem Zustand der Umwelt wird Gegenstand des Nachdenkens, weil sie, sei es positiv oder negativ, in hohem Ausmaß die Lebensbedingungen des Menschen und die anderer Lebewesen, von de nen wir leben, beeinflusst. Diese Beziehung entwickelt sich aber in ei nem Feld massiver Interessen und Machtkonflikte, die häufig nicht zu 10 eInleItung gunsten günstiger Lebensbedingungen, sondern aus dem Blickwinkel von Partikularinteressen oder auch ohne Kenntnis notwendiger Maß nahmen entschieden wurden und werden. Menschen verstanden und verstehen oft nicht, welche Schwierigkeiten sie sich und ihren Lebensbedingungen mit ihren Verhaltensweisen auf laden. Häufig kommt die Einsicht in fehlendes Verständnis und Fehl verhalten, wenn sie denn überhaupt kommt, zu spät, weil irreversible Schäden eingetreten sind wie bei vielen großräumigen Abholzaktionen. Der Mensch hat sich genommen, was er zu brauchen glaubte und haben wollte. Das war immer wieder zu viel, beeinträchtigte oft die Lebensbe dingungen und zwang zu unterschiedlichen Kompensationen von her ber Einschränkung der Lebensführung bis Flucht, bis in die Gegenwart. Dennoch kommt der Mensch nicht daran vorbei, sich zwecks der ei genen Selbstbehauptung immer wieder neu ein Bild davon zu machen, auf welche Weise er in und mit der Umwelt auf Dauer bestehen und überleben kann, welche Vorstellungen und Leitbilder ihn dabei erfolg reich führen können. In dem jeweiligen Zustand der unterschiedlichen regionalen und globalen Umwelten spiegeln sich deshalb zusätzlich zu natürlichen Ereignissen und Prozessen in hohem Ausmaß die diversen Selbstverständnisse der Menschen, ihre Interessen und Machtkonflikte sowie ihre Kenntnisse der komplizierten Lebensbedingungen. Ändert sich die Umwelt auf natürliche und/oder hausgemachte Weise, so ist der Mensch herausgefordert, sein Selbstverständnis und sein Verhalten gegenüber der Umwelt so neu zu justieren, dass er sein Überleben auf Dauer sichern kann. Umwelt und Selbstverständnis des Menschen beeinflussen sich also ge genseitig und befinden sich beide in einem Prozess mehr oder weniger stetiger Spannung und Veränderung. Soweit man zurückblicken kann, hat der Mensch immer wieder massive Schwierigkeiten, sein Selbstver ständnis und sein tatsächliches Umweltverhalten problemangemessen auf die zu bewältigenden Probleme abzustimmen, zu modifizieren und zu gestalten, um in seiner jeweiligen regionalen Umwelt seine von ihm beeinflussbaren und wandelbaren Lebensbedingungen erhalten zu kön nen, bis heute. Im Grunde genommen ist ein derartiges idealtypisches Modell des vorsorgenden Umweltverhaltens auch eine unrealistische Vorstellung, weil diese nur unter drei grundsätzlich irrealen Vorausset zungen realisierbar wäre: einer jeweils immer wieder neuen zuverläs 11 eInleItung sigen Einschätzung der bevorstehenden Entwicklung, der Verfügung über die jeweils erforderlichen Wissensbestände für geeignete Steue rungsmaßnahmen und der jeweiligen gesellschaftlichen Durchsetzung notwendiger Veränderungen aktueller Verhaltensstandards zugunsten zukünftigen Lebens. Aber vor eben dieser Aufgabe steht die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten: sie soll eine Aufgabe meistern, die sie bisher nicht geleistet hat und auch nicht zustande bringen musste, eine Aufgabe, die nach menschlichem Ermessen auch nicht zu leisten ist. Die Menschheit muss also diesen qualitativen Entwicklungssprung machen, weil sie an die Grenzen des Wachstums gestoßen ist. Seit Ende des 20. Jahrhunderts überschreitet die Nutzung der Erde durch den Menschen immer mehr die mittel und langfristig leistbare Versorgungs und Entsorgungskapazität der Erde, insbesondere, aber nicht nur in den Industrieländern. Die aktuellen Nutzungsgewohnhei ten der Ressourcen können auf dem gegenwärtigen Niveau nur noch begrenzte Zeit realisiert werden und werden die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen, d. h. der gegenwärtig und später Geborenen voraussichtlich drastisch einschränken. Auf einer fast vollständig erschlossenen Erde gibt es so gut wie keine freien Siedlungsräume für größere Ströme von Umweltflüchtlingen mehr, sondern – vorläufig – allenfalls freiwillige Aufnahme von poli tisch Verfolgten und streng kontrollierte Einwanderung in wenigen Ländern (Kanada, Australien u. a.). Für Umweltflüchtlinge aus Polyne sien haben Neuseeland und Australien Aufnahme angeboten, vorläu fig. Ansonsten sperren sich die meisten Länder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen welcher Art auch immer. Über einen Notausgang ver fügt die Erde nicht. Die traditionelle Kompensation, Umweltproblemen durch Flucht auszuweichen, trägt nicht mehr. Grundlegende Neuori entierung und dementsprechende Verhaltensänderung werden unum gänglich. Durch die Bevölkerungsvermehrung und die ziemlich hemmungslo se Ressourcennutzung ist die Menschheit zum ersten Mal im Begriff, an klare, mittel und langfristig nicht zu überschreitende Grenzen der Versorgung und Entsorgung zu stoßen. Seit der Veröffentlichung von „Grenzen des Wachstums“ (Meadows u. a. 1972) haben sich zwar eini ge Details verschoben, mangels ausreichender zwischenzeitlicher Steue 12 eInleItung rungsmaßnahmen ist jedoch, wenn man den Folgeuntersuchungen von 1992, 2006 und 2012 sowie den Ergebnissen der weiteren Nachhaltig keitsforschung glaubt, eine Dramatisierung der Situation eingetreten, weil die verbleibenden Handlungsspielräume enger geworden sind und die erforderlichen Finanzmittel mit weiteren Verzögerungen wesent lich steigen werden. Die bisherigen Umweltschutzmaßnahmen reichen nicht mehr aus, weil die ziemlich weltweit auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Systeme der Wirtschaft und Politik mit ihrem immer noch gewollten und steigenden Ressourcenverbrauch bei gleichzeitig unzureichenden Entsorgungseinrichtungen selbst das zentrale Problem darstellen und die dauerhafte Versorgung der Weltbevölkerung in Fra ge stellen. Eine grundsätzliche Um bzw. Neuorientierung mehr oder weniger aller Staaten je für sich und der internationalen Gemeinschaft wird nicht zu vermeiden sein. Die angesprochenen Grenzen des Wachs tums verlangen der Menschheit etwas ganz und gar Neues ab: Sie muss zeitlich sehr weit vorausdenken und über das hier und jetzt hinaus die Lebensmöglichkeiten der künftigen Generationen in ihre aktuellen, ge genwartsbezogenen Planungen einbeziehen und steht damit vor einer Aufgabe, die selbst bei bestem Willen kaum ohne weit reichende Fehl entscheidungen leistbar sein wird. Zwar werden insbesondere für die nachhaltige Produktion der Versor gungsgüter und die erforderlichen Entsorgungskapazitäten auch neue technologische Entwicklungen gebraucht. Die eigentlich schwierigen Aufgaben zur Sicherung dauerhafter Versorgung der künftigen Welt bevölkerung und deren Lebensbedingungen liegen jedoch in den er forderlichen gesellschaftlichen Veränderungen: Das weit verbreite te, auf materiellen Konsum und Wirtschaftswachstum ausgerichtete Selbstverständnis werden die knappen Ressourcen auf Dauer in den reichen Ländern nicht mehr zulassen, erst recht nicht in den armen. Vom Wechsel zu einer von Nachhaltigkeit geprägten Lebens und Wirt schaftsform sind die hoch entwickelten Industrieländer aus zwei Grün den weit mehr betroffen als die ärmeren Länder. Einerseits müssen sie ihre feingliedrig auf Wachstum abgestimmten sozialen und wirtschaft lichen Strukturen mit weit reichenden Einschränkungen und Umver teilungen umgestalten, um ihren mehrfach überzogenen ökologischen Fußabdruck (vgl. Abschnitt 7.1) zu reduzieren, höchstwahrscheinlich unter heftigen Konflikten. Andererseits werden die reichen Länder ihre Unterstützung der armen Länder bei deren Umstellung auf Nachhal 13 eInleItung tigkeit kaum verweigern können. Die allgemeine Ressourcenverknap pung wird in Verbindung mit der erwarteten Bevölkerungszunahme in den Armutsregionen – man spricht z. B. in Afrika von einer Verdopp lung bis Verdreifachung der Bevölkerung bis 2050 – die ohnehin schon schwierige Situation weiter verschärfen. Riesige Migrationsströme sind wahrscheinlich. Das Selbstverständnis und die mit ihm verbundenen Ziele und Verhal tensmuster werden in der Auseinandersetzung um die Erhaltung der Lebensbedingungen eine Schlüsselrolle spielen und ziehen sich deshalb als Themen durch alle Kapitel. Eine zweite, mit dem Selbstverständnis verbundene Schlüsselrolle betrifft die Frage, ob und wie die weltweiten Konfliktpotenziale soweit kanalisiert werden können, dass die zur Pro blembewältigung erforderlichen nationalen sowie internationalen Ko operationsbeziehungen arbeitsfähig wirken können. Zur Klärung wichtiger Aspekte des Selbstverständnisses setzt die fol gende Abhandlung mit grundlegenden Eckpunkten der Evolution für menschliches Leben und der Entwicklung des Menschen ein, geht dann der Entstehung und Entfaltung menschlichen Selbstverständnisses in den Religionen nach, verfolgt die Haltung der Religionen zur Natur im Verlauf der Religionsgeschichte bis in die Gegenwart und fragt nach der Zukunft der Religion. Zentrale Bedeutung hat aus meiner Perspektive ein neues kooperatives Verhältnis von Religion und Wissenschaft, das der Wissenschaft und ihrer praktischen Anwendung Leben erhaltende Grenzen setzt und die Religionen zur Klärung ihres Selbstverständnis ses mit den Erkenntnissen der Wissenschaft in Verbindung bringt. Un ter Bezug auf die aktuellen Befunde zur Umwelt und das Konfliktpoten zial werden Möglichkeiten sondiert, wie Nachhaltigkeit, gegründet auf die Achtung vor dem Leben, zur Basis moderner Gesellschaften werden kann, um die Lebensbedingungen dauerhaft zu erhalten. Der erste zentrale Bezugsrahmen für das Gewordensein des Menschen ist die Evolution, die einige – rational kaum bestreitbare – Erkenntnis se und Kriterien für die Einschätzung von Religionen und ihre Erfin der bereitstellt. Das erste Kapitel geht deshalb zusammenfassend auf solche wichtige Erkenntnisse aus der Evolution als bestimmende Be zugspunkte und Beurteilungskriterien ein. Die Evolution ist als riesiges Entwicklungslaboratorium von Leben in hohem Grade abhängig von 14 eInleItung den natürlichen Gestaltungskräften der Erde und des Universums. Be kanntlich sind die Rahmenbedingungen für die Entstehung von Leben, wenn überhaupt, nur auf wenigen Gestirnen wahrscheinlich. Auf diese Gestaltungskräfte gehe ich trotz ihrer Ausschlag gebenden Bedeutung nicht in der Form eines eigenen Kapitels, sondern quer durch die Kapi tel dann punktuell ein, wenn ein Bezug zu ihnen zum Verständnis not wendig erscheint. Das zweite Kapitel behandelt die Entwicklung des Menschen zu seiner beherrschenden Stellung im Kosmos des Lebens; es geht dabei auf die Evolutionsgesetze ein, die auch im Argumentationsverlauf der Kapitel 5–7 immer wieder eine wesentliche Rolle spielen, da sie menschliches Denken und Verhalten maßgeblich mitsteuern: denn die Sicherung künftiger Lebensbedingungen hängt entscheidend von der probleman gemessenen Steuerung menschlichen Verhaltens ab, soweit Menschen darauf Einfluss haben. In Kapitel 3 versuche ich einen Überblick über die Vielfalt der Religi onen zu geben und sehe Religionen dabei als in Gruppen, größeren Sozialverbänden oder Gesellschaften von Menschen geschaffene Vor stellungswelten, die ihm sowohl Selbstverständnis als auch Zukunft weisende Orientierung geben. In Religionen verbinden sich einerseits Antworten des Menschen auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeitepochen und andererseits Vorstellungen, die aus seinen Bedürfnis sen, Sehnsüchten und Prägungen erwachsen. In den letzten Jahrhun derten haben viele Menschen in der Auseinandersetzung insbesondere mit der Aufklärung unabhängig von Religionen im soeben definierten Sinn persönliche, d. h. individuelle Selbstverständnisse entwickelt, auf die, soweit sie in isoliert individualistischer Eigenart verharren, in die ser Abhandlung nur gelegentlich als Tatsache eingegangen wird. Der Kontext der Gemeinde bzw. anderer Formen sozialer Einbindung von individueller Religiosität wird hier als elementares Markenzeichen von Re ligion angesehen. Das vierte Kapitel geht auf drei Formen der Beziehung zwischen Reli gion und Umwelt in der Religionsgeschichte ein, die sich im zeitlichen Ablauf der Menschheitsgeschichte entwickelt haben, aber dennoch alle drei nach wie vor präsent sind, weil sie unterschiedliche Entwicklungs stadien, Erfahrungswelten und Denkhorizonte von Gesellschaften re 15 eInleItung präsentieren. Die erste Beziehungsform kann als mythologische Einheit von Mensch, belebter und materieller Umwelt und transzendenten We sen beschrieben werden. Gemeint sind animistische und mit Gotthei ten verbundene Naturreligionen. Die zweite Beziehungsform weist zwei Versionen auf. Beide entmythologisieren in gewisser Weise die Bezie hung des Menschen zur Natur und stellen ihn selbst in den Mittelpunkt; die abrahamistische Form entsakralisiert die Natur in verdinglichter Form. Die mythologische Einheit von Menschen, anderen Lebewesen, Natur und transzendenten Wesenheiten zerbricht. Die buddhistischen Traditionen halten an der Ganzheit und an der Achtung vor allem Le ben bis heute fest. In der dritten gegenwärtigen Beziehungsform werden sich einige Religionen zwar wieder ihrer ehemals engen Beziehung zur Umwelt und ihrer Verantwortung für die belebte und materielle Umwelt bewusst. Im Zuge der Entwicklung zur modernen Zivilisation haben al lerdings insbesondere die Naturwissenschaften die Definitionsmacht über die physische Natur und Umwelt übernommen und verweisen Re ligionen zunehmend auf Sinngebung in transzendenten Kontexten; sie entziehen den Religionen damit in den Ländern der westlichen Zivilisa tion in vielen Lebensbereichen ausgeübte Kontrollfunktionen. Die Pri orisierung des Wirtschaftswachstums durch die Entscheidungsträger in Wirtschaft, Finanzwelt und Politik ist mit weitgehender Kontrolle über die zentralen Lebensbereiche verbunden und führt dazu, dass die Be wahrung der zwar lebensnotwendigen, aber bedrohten Biosphäre nur geringe Beachtung findet und zu wenig zum Zuge kommt. An dieser Stelle möchte ich besonders hervorheben, dass es mir in die sem Kapitel um die Darstellung von Entwicklungen geht, d. h. darum, wie die moderne Zivilisation mit ihren Begleiterscheinungen höchst wahrscheinlich entstanden ist. Dies hat nichts mit irgendwelchen Schuldzuschreibungen zu tun, die in der Analyse von geschichtlichen Abläufen zunächst einmal nichts zu suchen haben. Die nach der Analy se folgenden Bewertungen orientieren sich an dem mittel bis langfris tigen Überleben großer Teile der Weltbevölkerung. Das fünfte Kapitel versucht zu klären, was wir von Religionen in Zu kunft zu erwarten haben. Welche Vermutungen lassen sich aus dem ge genwärtigen Erscheinungsbild der Religionen und menschlicher Be dürfnislagen ableiten? Welche Entwicklungen zeichnen sich über die Zukunft der Religionen selbst ab? Gibt es Möglichkeiten, den provo 16 eInleItung zierenden Geltungsanspruch der Religionen und das damit verbunde ne Konfliktpotenzial unter Kontrolle zu bringen? Gibt es einen gemein samen Bezugspunkt in den Deutungssystemen, auf den sich mehr oder weniger alle Religionen einigen können und der Grundlage für gemein sames Handeln angesichts der drohenden globalen Krisen sein kann? Seit geraumer Zeit stehen rationales Denken und Sinndeutung mensch lichen Lebens, verkörpert durch Wissenschaft und Religionen, in einem manifesten Spannungsverhältnis zueinander. Das sechste Kapitel geht der Entwicklung dieses Verhältnisses nach und plädiert für eine neue kooperative Beziehung zwischen beiden, da die bedrohlichen Zukunfts szenarien nur durch beide bewältigt werden können. Religion im Sinne eines zukunftsbezogenen Selbstverständnisses sollte wieder zu einem zielorientierten Bezugsrahmen für Wissenschaft und ihre Anwendung werden, der sich an der Achtung vor dem Leben orientiert und dia logisch von beiden entwickelt werden muss. Von den Ergebnissen der Wissenschaft sollten Religionen lernen, was denn die Wirklichkeit ist, für die Menschen eine sinnhafte Deutung zur Orientierung in der Welt brauchen. Im Abschlusskapitel sieben werden die Ergebnisse und Argumente der vorausgegangenen Kapitel unter dem Gesichtspunkt zusammengeführt, wie die anstehenden Bedrohungen vermieden oder – da sie bereits be gonnen haben sich zu ereignen – wenigstens vermindert werden kön nen. Zu diesem Zweck wird zuerst die Bedrohungslage einerseits durch die Umweltbelastungen und andererseits durch die Kräfte bindenden und entzweienden, weltweiten Konfliktlagen zusammengefasst. Unter den denkbaren Varianten zum Umgang mit den anstehenden Umwelt problemen fokussieren die folgenden Abschnitte unter Kap.7.3 die Um stellung der gesellschaftlichen Organisation in den Ländern der Erde unter dem Leitbild Nachhaltigkeit, weil nur auf diese Weise die dauer hafte Versorgung der Weltbevölkerung mit den lebensnotwendigen Gü tern erreicht werden kann. Mit Nachhaltigkeit sind zwei grundlegende Implikationen verbunden. Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn sich im Selbstverständnis der Länder/Staaten weltweit die Achtung vor dem Leben und Solidarität als weitere Leitbilder durchsetzen. Achtung vor dem Leben ermöglicht die Erhaltung der ökologischen Lebensbedin gungen. Solidarität hat sich als Grundlage des Steuerungsinstrumentes Kultur in der sozialen Selektion entwickelt und ist für die notwendi 17 eInleItung gen Neustrukturierungen und Umverteilungen unerlässlich. Nachhal tigkeit und mit ihr Achtung vor dem Leben und Solidarität müssen zu Leitbildern für individuelle Lebensorientierung sowie für gesellschaftli che, wirtschaftliche und politische Entscheidungen werden. Das ist viel verlangt, aber langfristig eine Überlebensbedingung für die Weltbevölkerung. Dem weit gespannten inhaltlichen Problemfeld entspricht eine eben so weit gespannte Literaturauswahl, die Ergebnisse zahlreicher wissen schaftlicher Disziplinen einbezieht. Viele einbezogene Sachverhalte sind bereits mehr oder weniger allgemein bekannt und werden deshalb nicht im Detail mit Quellenangaben ausgewiesen. Auf Umweltprobleme gehe ich primär zusammenfassend und hinsichtlich ihrer mittel bzw. lang fristigen Bedrohung ein, zumal es zu fast allen Problemfeldern diffe renzierte Ausarbeitungen der einschlägigen Experten gibt. Einen zu sammenfassenden, allgemein verständlichen Überblick bieten Harald Lesch und Klaus Kamphausen (2016). Religionen und ihre Eigenart so wie ihre Geschichte spielen in diesem Text eine zentrale Rolle, weil sie als Selbstverständnisse von Menschen das Zünglein an der Waage sein könnten, das zu einer Neuorientierung maßgeblich beitragen könnte. 19 1 Zur Entwicklung des Lebens auf der Erde 1 1 Eckpunkte Der Mensch tritt – gemessen am Bestehen der Erde – erst sehr spät nach sehr, sehr langer Entwicklung als Lebewesen in der Biosphäre in Er scheinung. Kann man das, was vor dem Menschen war, immerhin alle mal 3,5 Milliarden Jahre Leben, einfach übergehen, wenn man mensch liches Sein in seinen Bedingungen, Möglichkeiten und in seinem Sinn verstehen will? Es wäre naiv, angesichts des mittlerweile verfügbaren Wissens über die Geschichte der Erde und des Lebens so zu verfahren. Wie haben wir Menschen uns entwickelt? Wovon leben wir Menschen? An welche Bedingungen ist menschliches Leben geknüpft? In welchem Verhältnis stehen Menschen zu anderen Lebewesen? Worin besteht also der Rahmen unseres Lebens, ohne den unser Leben nicht möglich ist? Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? Ein Zeitraffer Rückblick auf die Evolution und darin die Entwicklung des Menschen ist dazu bestimmt, einige grundlegende Leitlinien vorzustellen. Bis zum Beginn der Neuzeit schienen diese Fragen beantwortet und zwar von den zahlreichen Schöpfungsberichten der Jäger und Samm ler Gruppen, der Ethnien und den heiligen Überlieferungen der später dominierenden Weltreligionen. Die Unterschiede in den Schöpfungsge schichten störten kaum. Jede Gruppe glaubte wie selbstverständlich an die eigene Version. Dies hat sich geändert, als die Menschen sich deut lich vermehrten und ihre Gruppen/Ethnien immer häufiger mehr oder weniger freundliche oder auch konflikthafte bis kriegerische Kontak te miteinander hatten. Dies ist in erheblichem Maß auch in der Gegen wart noch so, allerdings teilweise garniert von heftigen Attacken gegen Andersgläubige. Dennoch wird diese Selbstgenügsamkeit der Religions gemeinschaften immer mehr durch die modernen Naturwissenschaften 20 zur entwIcklung des lebens auf der erde und ihre Untersuchungsergebnisse gestört und herausgefordert. Es be gann mit der kopernikanischen Wende vom geo zum heliozentrischen Weltbild, eine Wende, die zunächst keine hervorstechenden Wirkungen nach sich zog. Weitere Erkenntnisse der Astronomie und der späteren Astrophysik folgten, und mittlerweile haben die Naturwissenschaften die Erklärung der physischen Welt zu ihrer immer weniger bestrittenen Domäne gemacht. Unsere Erde ist um die 4,5 Milliarden Jahre alt, sagen die Erforscher der Erde und des Universums. Auf ein exaktes Datum kommt es da wohl auch nicht an; es wäre auch wissenschaftlich kaum begründbar. Angesichts dieser kaum vorstellbaren Zeiträume spielen ein paar Mil lionen Jahre mehr oder weniger auch keine so große Rolle. Wenn Wis senschaftler die Entwicklung der Erde nachzeichnen, sprechen sie fast immer von Zeiträumen, kaum von präzisen Daten. Deutlich prekärer zunächst für die europäischen Glaubensgemeinschaf ten, weil sie die Menschen und ihre Glaubensvorstellungen unmittelbar betreffen, waren dann die Entdeckungen von Charles Darwin und die weitere Ausarbeitung der Evolutionstheorie. Leben entwickelt sich seit ca. 3,5 bis 4 Milliarden Jahren. Wer ist schon in der Lage, sich einen Zeitraum von 3,5 Milliarden Jahren vorzustellen? Evolutionsbiologen haben sich Gedanken gemacht, wie man diesen Zeitraum und seinen Bezug zum Auftreten des homo sapiens verständlich machen kann. Sie haben dafür den Zeitraum eines Tages, den sich jeder vorstellen kann, gewählt. In diesem Tagesmodell erscheint der Mensch erst drei Sekun den vor 24 Uhr. Von ca. 86400 Sekunden Leben sind dem Menschen gerade einmal 3 Sekunden vorbehalten. Der Mensch ist also ein Neu ling, hat aber die Erde während seines noch sehr kurzen Aufenthalts umfassend nach seinen Vorstellungen gestaltet und immer wieder die jeweiligen eigenen Lebensbedingungen und die von anderen Lebewe sen ruiniert, rund um den Erdball, manchmal reparabel, immer wie der irreversibel. Bisher gibt es keine nennenswerten Anzeichen, dass er sein zerstörerisches Verhalten unterlässt; er nimmt sich, was er will und kriegen kann. Mit wenigen Ausnahmen war dies der Gang der Din ge bis heute; und ein Ende dieses Verhaltens ist nicht abzusehen. Im merhin wächst mittlerweile das Bewusstsein, dass dieses Verhalten die Lebensbedingungen der Art Mensch bedroht. Will der Mensch als Art noch eine längere Weile überleben, dann muss er irreversible Zerstö 21 eckpunkte rungen seiner Lebensbedingungen beenden bzw. vermeiden. Denn die Erde ist endlich und hat keinen Notausgang. Das Leben beginnt mit den Bakterien und entwickelt sich über end los erscheinende Zeiträume und zahlreiche Veränderungsschritte zu ei nem breiten, differenzierten Strom vielfältiger Arten. Betrachtet man die eher abstrakten Abstammungstafeln der Biologen, so kommt man aus dem Staunen kaum heraus, wie viele verschiedene Lebensformen es gab und gibt und wie genau die Abstammungslinien bestimmt werden können, nicht ohne Überraschungen für Laien, welche Urahnen denn welche Lebewesen und auch wir Menschen haben. Besonderes Aufsehen erregten folgende Aussagen Darwins: • Lebewesen haben eine gemeinsame Abstammung • Lebewesen entwickeln und verändern sich • Lebewesen verändern sich durch kleinste Anpassungsschritte an den Wandel ihrer Lebensumwelt und bewirken durch deren Viel zahl im Zeitablauf die Differenzierung und Ausprägung der Arten • Die natürliche Selektion ist der entscheidende Mechanismus der Evolution und bedeutet, dass die am besten an die Umweltbedin gungen angepassten Lebewesen/Arten ihren Genotypus durchset zen. Alle vier genannten Aussagen stehen in einem gewissen Kontrast zu – jedenfalls wörtlich verstandenen – kirchlichen Auffassungen, denen zufolge Lebewesen einzeln von Gott geschaffen wurden. Trotzdem: Man muss daraus keine Konfliktszene machen. Einige Kirchen können sich mit der Evolutionstheorie arrangieren, verstehen den Schöpfungs bericht der Bibel symbolisch und sehen keine unüberbrückbaren Ge gensätze, andere, vor allem die dem wörtlichen Verständnis der Bibel verpflichteten Kirchen, lehnen die Evolutionstheorie ab und beharren auf dem wörtlichen Bericht von Genesis 1 und 2 sowie qualifizierenden Ergänzungen in anderen Textstellen des Alten Testaments. Charles Darwin ist es, wie man mittlerweile gut belegen kann, gelungen, das zentrale Grundmuster der Entwicklung der Arten zu beschreiben. Danach erfolgt die Entwicklung des Lebens, der Arten und der einzel nen Lebewesen durch natürliche Selektion. Arten können sich an ver 22 zur entwIcklung des lebens auf der erde änderte Umweltbedingungen anpassen, indem sich einzelne ihrer Gene von Generation zu Generation verändern. Ausgangspunkt ist jeweils die genetische Variabilität in der Population einer Art. Individuen mit vorteilhaften Merkmalen für das Überleben und die Fortpflanzung pro duzieren mehr Nachwuchs und geben diese erfolgreichen Merkmale an ihre Nachkommen, die sich deshalb im Überlebenskampf behaup ten können, weiter. Weniger erfolgreiche können sich auf die Dauer nicht durchsetzen und verschwinden. Auf diese Weise entstehen erfolg reiche Anpassungsmuster an die Umweltbedingungen, immer wieder auch mehrere unterschiedliche nebeneinander, d. h. eine Ausdifferen zierung unterschiedlicher Arten und Differenzierungen innerhalb einer Art. Diese ungeheure Vielfalt erscheint wie ein riesiges Laboratorium, in dem die Evolution bei den bestehenden Arten jeweils unterschied liche Merkmale, auch Merkmalskombinationen testet, von denen, wie die verfügbaren paläontologischen Belege zeigen, relativ wenige dau erhaft überleben. Den Anflug einer Vorstellung über diese Lebensviel falt kann man in wissenschaftlichen Sammlungen erfahren, wo z. B. für eine bestimmte Schmetterlingsart, mehrere ca. 10 m lange Regale ste hen, raumhoch auf den Regalböden ausgefüllt mit kleinen Kästen, die jeweils mehrere Dutzend Varianten dieser Schmetterlingsart enthalten. Es gibt aber viele Schmetterlingsarten und viele, viele andere Tiere und analog natürlich auch unglaublich viele Pflanzen. Nach wie vor sind trotz langjähriger, intensiver gut dokumentierter Forschungen längst nicht alle zurzeit existierenden Tiere, Pilze und Pflanzen bekannt. Als ergiebige neue Fundstellen erweisen sich die verbliebenen Ur und Re genwälder und die Tiefen der Meere. Da die Umweltbedingungen unberechenbar sind und höchst unter schiedliche Faktoren das Leben ermöglichen bzw. das Aussterben ver ursachen oder die weitere Existenz ermöglichen können, erweisen sich Prognosen darüber, welche Arten aufgrund welcher Merkmale wie lan ge vorherrschen und wann verschwinden werden, als illusorisch. Wel che Arten überleben, hängt offensichtlich von vielen nicht berechen baren Faktoren und deren Kombinationen ab, den Genen und ihrer Variabilität und den vielfältigen Umweltbedingungen, zu denen zusätz lich zu fressbegierigen oder konkurrierenden anderen Lebewesen und der jeweils umgebenden Biosphäre auch Klima und Klimaänderun gen, geologische und tektonische Prozesse und Einflüsse aus dem Uni 23 eckpunkte versum, z. B. ausschlaggebend die Aktivitäten der Sonne sowie andere Himmelskörper gehören. Wer hätte sich vorher ausmalen können, dass ein ganzes Artenspekt rum wie die Erd Dinosaurier, die die Erde um die 400 Millionen Jah re beherrschten, vermutlich an den Folgen des Einschlags eines Mete oriten mit einem Durchmesser von ca. 10 km krepieren würden, für immer? War Größe für viele Millionen Jahre ein Überlebensvorteil für die Land Dinosaurier, so verwandelte sie sich nach dem Meteoritenein schlag, vermutlich in Verbindung mit einer lange andauernden Serie von Vulkanausbrüchen in Indien, zu einem Todesurteil. Geringe Größe mit einem Gewicht von angeblich unter sechs Kilogramm, was auf die damaligen Säugetiere zutraf, war in dieser Situation ein unschätzbarer Überlebensvorteil, und erst recht eine Behausung unter der Erdober fläche. Ob ein bestimmtes Merkmal einer Art das Überleben ermög licht oder das Aussterben verursacht, ist offensichtlich nicht prognos tizierbar. Jede unter bestimmten Bedingungen erfolgreiche biologische Neuerung kann bei wechselnden Bedingungen das endgültige Aus be deuten. Die Evolution erscheint wie ein unglaublich großes und diffe renziertes, natürliches Lebenslaboratorium. Die mittlerweile hochdifferenzierte Fototechnik ermöglicht es, die se wunderbare Vielfalt des Lebens aus bisher kaum vorstellbarer Nähe und in mehrfacher Vergrößerung kennen zu lernen, zu beobachten und nachzuerleben; sie führt uns allerdings auch immer wieder den kom promisslosen Kampf um das Überleben innerhalb und zwischen den Arten vor Augen. Wie können sich Lebewesen, ob Pflanzen, Tiere oder Pilze gegenüber ihren Fressfeinden und den sich ändernden Umwelt bedingungen behaupten und damit ihren Genotypus für eine gewisse Dauer überleben lassen? Fressen und gefressen werden, Wettbewerb und Kampf für das individuelle Überleben – und manchmal das der Art. Regelmäßig kämpfen Artgenossen unter einander und gegen ein ander um das beste Futter und den höchsten Rang mit dem Privileg der Fortpflanzung. Neben der vorherrschenden individuellen Auslese hat sich bei wenigen Arten eine kollektive Überlebensform entwickelt, die Wilson eusozial nennt (Wilson 2014, 137 230). Gemeint sind Lebe wesen, die in großen bis riesigen, arbeitsteiligen Lebensgemeinschaf ten zusammenleben: Bei einigen Säugetier und Insektenarten schüt zen immer wieder solidarische Verhaltensweisen einzelne Tiere und 24 zur entwIcklung des lebens auf der erde die Tiergemeinschaft und machen diese Arten zu den Beherrschern ih rer Lebensräume. Das bedeutet: Eusoziale, d. h. kooperative und altru istische Eigenschaften haben sich bisher bei wenigen Tierarten und bei Menschen als besonders erfolgreicher Selektionsmodus zur Durchset zung der Art bewährt. Ich komme später noch mehrmals auf dieses Se lektionsmuster zurück. Mag die Durchsetzung des eigenen Genotyps auf den ersten Blick als individualistisches Grundmuster erscheinen, so setzt es doch sowohl andere Artgenossen als auch die Vielfalt der Lebenswelt voraus. Ohne Artgenossen keine Rangkämpfe und keine Fortpflanzung, ohne andere Lebensformen, seien es Pflanzen, Pilze oder Tiere, keine Nahrungsquel len. Individueller Überlebenskampf und Vielfalt des Lebens bedingen sich also gegenseitig. Das individuelle Leben bleibt stets auf die Biodiversität angewiesen. Die Vielfalt des Lebens tendiert zu Gleichgewichtszu ständen, die jederzeit mit kleinen oder auch größeren Detailänderun gen oder auch tief greifenden Störungen konfrontiert sein können und deshalb stets vorläufig, jedoch auf eine neue Balance ausgerichtet sind, ohne diese immer zu erreichen. Die stetige Veränderung und die Viel falt sind der Motor des Lebens. Die Vielfalt des Lebens insgesamt und in diesem Rahmen zahlreiche einzelne Lebensformen wurden durch natürliche Katastrophen im Ver lauf der Entwicklung des Lebens wie schon angesprochen nicht nur häufig massiv bedroht, sondern immer wieder radikal reduziert und zu Neuanfängen gezwungen. Die meisten kleineren, fast alltäglichen Kata strophen und viele ihrer Wirkungen werden wohl im Dunkel der Na turgeschichte bleiben. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass etwa 99,9 % der Arten, die bisher auf der Erde existiert haben, nicht mehr le ben. Nicht nur individuelles Leben, sondern auch das Leben von Arten ist episodenhaft. Die meisten Lebensformen konnten sich also nur be grenzte Zeiträume behaupten und Teile dieser Erde beleben. Die aus gestorbenen Lebensformen wurden entweder von ungewöhnlichen Naturereignissen ausgelöscht oder konnten die notwendigen Anpas sungen an veränderte Umweltbedingungen nicht erreichen oder sie konnten sich ihren Fressfeinden nicht entziehen oder … verschwanden durch die menschliche Umgestaltungen von Landschaften, die ihnen die Lebensgrundlagen raubten: ein nach wie vor aktuelles Muster der Auslöschung von Arten. Und doch haben sich immer wieder neue Le 25 eckpunkte bensformen entwickelt. Die Evolution schreitet fort und bedroht auch menschliches Leben: Viren und Bakterien verändern sich so schnell und rasant, dass die Pharmazeuten, Mediziner und Biologen mit der Entwicklung von Impfstoffen nicht mehr Schritt halten können. Umgekehrt gibt es durchaus einige wenige Arten wie beispielsweise Krokodile, die teilweise mit erstaunlich geringen Veränderungen und minimaler Gehirnmasse viele Millionen Jahre durchgestanden haben. Es scheint also zu fast jedem Zeitpunkt relativ robuste, überlebensfä hige Lebensformen gegeben zu haben, die mit einer kaum veränderten biologischen Ausstattung viele Millionen Jahre überlebten, während an dere, sehr fragile, hochspezialisierte schon durch ziemlich geringe Um weltveränderungen akut bedroht sind und in kurzen Zeiträumen die er forderlichen Anpassungen nicht erbringen können. Seit es Menschen gibt, haben sie sehr gründlich zum Verschwinden vie ler Lebensformen beigetragen, durch Jagd und durch Zerstörung der Lebensräume. Die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten ent hält viele Namen, auch unsere nächsten Verwandten, die Schimpan sen, aber auch die anderen Menschenaffen sind darunter, weil wir Men schen ihnen und vielen anderen Arten ihre Lebensgrundlagen nehmen oder sie auch töten, seit wir die Erde zunehmend zu unserer Ressour cenquelle gemacht haben. Nach wie vor beschleunigen wir Menschen mit unserer am Wachstum orientierten Entwicklung die Ausdünnung und Zerstörung der Biosphäre hinsichtlich Vielfalt und Volumen. Men schen sind wohl auch die erste Lebensform, die sich die technischen Möglichkeiten geschaffen hat, selbst ihre eigene Existenz auf der Erde zu beenden, sich selbst auszurotten. Die Lager mit Atomwaffen und di versen Giften sowie Bakterien sind prall gefüllt. In der Geschichte des Lebens hat es offensichtlich immer wieder Natur ereignisse gegeben, die direkt oder mittelbar zum Aussterben von Ar ten geführt haben. Ein für die Entwicklung von Menschen besonders wichtiges Datum in der Geschichte des Lebens ist das Naturereignis – sei es nun ein Vulkanausbruch oder der Meteoriteneinschlag auf der Halbinsel Yucatan oder auch eine Verkettung mehrerer Naturereignisse oder die Kombination anderer zusammenwirkender Faktoren gewesen –, das die Land Dinosaurier vor ca. 65,5 Millionen Jahren vernichtete. Zwar gab es auch zur Zeit der Land Dinosaurier bereits Säugetierarten. 26 zur entwIcklung des lebens auf der erde Erst das Verschwinden der Land Dinosaurier hat jedoch für die Säuge tiere die Entwicklungsspielräume geschaffen, die seitdem ihre wenig be hinderte Ausbreitung in breiter Artenvielfalt über große Teile des Erd balls ermöglichten. Über unendliche Entwicklungsstufen haben sich dann in vielen Millionen Jahren aus den Säugetieren schließlich auch die Kreaturen entwickelt, die wir Menschen nennen. Darwins Erkenntnisse stießen auf erbitterten Widerstand, vor allem von Theologen, die Darwins Theorie als Frontalangriff auf die Schöp fungslehre und andere theologische Aussagen empfanden und versuch ten, Darwin – selbst auch Theologe – Fehler nachzuweisen. Aber auch andere Wissenschaftler kritisierten Darwin. Die Lage hat sich zwischen zeitlich einigermaßen beruhigt. Die Grundgedanken Darwins erfuhren durch weitere Forschungen Bestätigung und Differenzierung und führ ten schließlich durch Verknüpfung mit den Vererbungsregeln von Gre gor Mendel und der sich entwickelnden Genetik und Molekularbiologie zur aktuellen Synthetischen Theorie der Evolution, die in besonderem Maß von der Entwicklung der DNA Analyse Methode und der auf die ser Grundlage erarbeiteten Ergebnisse profitierte. Die von Darwin be gründete Evolutionstheorie verbindet alle biologischen Teildisziplinen als grundlegende Klammer und ist von den Wissenschaften und darü ber hinaus allgemein anerkannt. Geblieben sind jedoch auch diejeni gen Religionsgemeinschaften, die – ohne einen Funken historisch kri tischen Denkens – ihre heiligen Schriften in der überlieferten Form für unantastbar halten und – rückwärts gewandt – jegliche Neuerung aus schließen. 1 2 Zusammenfassung Das Wissen über die Evolution kann mit einem Mosaik verglichen wer den, in dem sehr viele Steinchen – insbesondere aus den frühen Epo chen – fehlen, die vorhandenen aber dennoch einige rational und empi risch kaum bestreitbare Feststellungen und Herausforderungen für all das beinhalten, was Menschen denken und unternehmen: • Die Evolution hat stattgefunden; bisher hat sie eine unvorstellba re Vielfalt an Leben hervorgebracht, verschwinden und wieder neu entstehen und sich entwickeln lassen. Auch der Mensch ist ein Pro 27 zusammenfassung dukt der Evolution und hat im Tierreich nicht nur sehr nahe Ver wandte (die Schimpansen, andere Menschenaffen), sondern auch eine lange Ahnenkette, die in ihrer Abfolge die Entwicklungsschrit te menschlicher Fähigkeiten symbolisieren. Religionen bzw. ihre Repräsentanten werden sich auf Dauer nicht an diesen Erkennt nissen vorbeimogeln können und um eine interpretierende Modifi kation bzw. Neufassung ihrer Schöpfungsgeschichten nicht herum kommen, wollen sie ernst genommen werden. • Evolution ereignet sich weiterhin und erzeugt im sich wandelnden Kosmos immer wieder neue Konstellationen und Anpassungsbe darfe. Einen Weg zurück scheint es nicht zu geben. Neue Konstella tionen und neue Probleme brauchen neue Antworten und Lösun gen – das gilt auch für Religionen. • Aufgrund seiner einzigartigen Kapazitäten hat der Mensch zwar eine beherrschende Stellung auf der Erde erreicht. Menschsein ist aber dennoch nur eine Lebensform unter und mit unendlich vie len anderen Lebewesen. Auch Menschen überleben nur in und mit der Vielfalt der Lebensformen, von denen sie und wir buchstäblich physisch leben. Soweit Religionen zentral auf den Menschen aus gerichtet sind, werden sie ihre anthropozentrische Fixierung und ihre Vorstellungen zur Stellung des Menschen in der Natur über denken müssen. • Mit der fortgesetzten Missachtung der Einbindung in den Kosmos des Lebens vernichten wir Menschen unsere eigenen Lebensgrund lagen. Es ist deshalb unumgänglich, die Erhaltung dieser Vielfalt der Lebensformen in den Mittelpunkt menschlichen Bewusstseins und Handelns zu rücken, mit oder ohne Mitwirkung der Religio nen. Der Respekt vor anderen Lebewesen, ihr Schutz und ein dem entsprechender Umgang mit ihnen sind als Schlüsselqualifikatio nen des Menschen für längeres Verweilen auf der Erde anzusehen. • Die Verweildauer von Lebensformen, auch der menschlichen, auf der Erde ist begrenzt, als Einzelindividuen und als Art. Wie kann es sein, dass der Tod das Leben von Tieren und anderen Lebewe sen beendet, nicht aber das von Menschen? Ewiges Leben gibt es als menschliche Idee und Sehnsucht, aber nicht in empirischer Pers pektive. „Und alles weist darauf hin, dass, wenn unser Gehirn stirbt, es auch mit unserem Geist zu Ende ist“ (Suddendorf 2014, S. 20). Mit diesen Sachverhalten kommen fraglos schwierige Herausforde rungen auf Religionen und ihre Gläubigen zu, weil sich aus den je 28 zur entwIcklung des lebens auf der erde weiligen Jenseitsvorstellungen ihre existenziell zentralen Konzepte für das Diesseits ergeben. Manche Religionen haben sich bei die ser Sachlage mit feinsinnigen Vorstellungen beholfen, auf die spä ter eingegangen wird. • Durch Wettbewerb und Kampf vollzieht sich Überleben. Die bio logische Evolution kennt keine Moral und keine soziale Gerechtig keit. Demgegenüber schafft die Evolution mit dem Menschen etwas Neues: Sie hat in ihm die biologischen Grundlagen zur Entwick lung von Kultur und damit von Moral angelegt. Welche Rolle kön nen die – später zu diskutierende – menschliche Kultur und mit ihr die Moral im Überlebenskampf spielen? • Die in mehr oder weniger allen Religionen zentrale Frage nach dem Sinn des Lebens weist auf dem Hintergrund des Evolutionsgesche hens auf das Leben selbst zurück: Leben ist Selbstzweck, trägt sei nen Sinn in sich selbst und verweist damit auf die Eigenverantwort lichkeit von Menschen in ihren kleinen und ihren umfassenden Lebensgemeinschaften. 29 2 Der Mensch im Kosmos des Lebens 2 1 Von 23 Menschenarten überlebt nur eine: Der moderne Mensch (homo sapiens) Die Auseinandersetzung mit der Evolution hat zu einigen, wie ich mei ne, bedeutsamen Aussagen über die Positionierung des Menschen im Prozess des Lebens geführt, die wir, seit wir diese Aussagen kennen, bei dem Nachdenken über das Menschsein, seine Bedeutung und seinen Sinn nicht außer Acht lassen können. Auf diesem Hintergrund will ich nun der Frage nachgehen, ob sich aus der Stammesgeschichte des Men schen bedeutsame weitere Bezugspunkte für menschliches Selbstver ständnis: für Religion ableiten lassen. Unter „Stammesgeschichte des Menschen“ versteht man die Entwick lung des modernen Menschen homo sapiens und seiner noch lebenden nächsten Verwandten, der Menschenaffen, aus gemeinsamen Vorfah ren. Es scheint weitgehende Übereinstimmung darüber zu bestehen, wo diese Stammesgeschichte ihren Ursprung hat, nämlich in der gemein samen, aber unbekannten Vorgängerpopulation von Menschen und Schimpansen, die als unsere nächsten Verwandten gelten und mit uns 95 % des Erbguts teilen. Genetische und molekularbiologische Befunde sind die Grundlagen dieser Aussagen. Die Stammesgeschichte der Men schenartigen vollzieht sich in einem Zeitraum, der zwischen 23 und 16 Millionen Jahre (!) zurückliegt, in Ostafrika. Die angegebene Zeitspan ne signalisiert bereits, dass präzise und gleichermaßen verlässliche An gaben offensichtlich schwierig bzw. unmöglich sind. Obwohl eine Reihe von Fossilienfunden vorliegt und ausgewertet wurde, sind die Inseln si cheren Wissens ziemlich verstreut und klein, aber dennoch von großer Bedeutung. Von einer lückenlosen Entwicklungsgeschichte des Men schen sind die Wissenschaftler, die sich auch wegen der mageren Daten lage in vielen Fragen uneinig sind, nahezu unerreichbar weit entfernt. Die insgesamt spärlichen, zufälligen Fossilienfunde lassen dennoch er kennen, dass die Evolution die frühen Menschenartigen in mehrere 30 der mensch Im kosmos des lebens unterscheidbare Arten ausdifferenziert hatte, die sich jedoch mit Aus nahme der Art, aus der sich homo sapiens entwickelt hat, alle nicht be haupten konnten. Die Evolution fraß ihre Produkte. „Noch zu Lebzei ten der Neandertaler waren die archaischen Stämme des homo sapiens in Afrika weitgehend isoliert; ihre Nachfahren aber sollten sich schon bald geradezu explosionsartig über den Kontinent hinaus ausbreiten … Im Laufe dieses Prozesses wurden alle anderen Menschenarten, denen sie begegneten, verdrängt und ausgelöscht“ (Wilson 2014, S. 26 f.). Über die Ursachen des Aussterbens vieler hominini gibt es verständli cherweise keine genauen Informationen. Ziemlich sicher gehören Ver änderungen des Nahrungsmittelangebots durch Klimaveränderungen, jagdbedingtes Aussterben von Tieren, Tod durch Raubtiere, gegensei tige Bekämpfung, Naturkatastrophen, aber auch weitere nicht bekann te Faktoren zu den Ursachen des Aussterbens. Thomas Suddendorf fasst den nach seiner Meinung von den meisten Forschern geteilten For schungsstand in einer Grafik (Suddendorf 2014, S. 319) zusammen, die sich auf den Zeitraum der vergangenen 6 Millionen Jahre bezieht, seit dem die hominini und die Menschenaffen eine jeweils eigenständige Entwicklung durchlaufen. Danach haben in diesem Zeitraum 23 unter schiedliche hominini gelebt, die meisten davon konnten sich nur relativ kurze Zeiträume behaupten, vier (australopithecus africanus, australo pithecus aforensis, paranthropos boisei, homo habilis) schafften immer hin ca. eine Million Jahre. Homo erectus hat mit ca. 1,8 Millionen Jahren am längsten überlebt. Wir moderne Menschen haben unsere eigentli che Bewährungsprobe noch vor uns. Wir sind die letzten Menschen. Auch von unseren Verwandten, den Menschenaffen, haben nur weni ge überlebt und diese wenigen: Schimpansen als unsere nächsten Ver wandten und Orang Uta stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Über die zeitliche Datierung der einzelnen Entwicklungsphasen des Menschen – schon die wenigen bisher angegebenen Zahlen lassen dies vermuten – bestehen große Unsicherheiten. Da werden von Paläoanth ropologen und Evolutionsbiologen mehrere Millionen Jahre hin und hergeschoben! Das sind Zeiträume, die sich der Vorstellungskraft der meisten „Normalverbraucher“ hoffnungslos entziehen! 31 von 23 menschenarten überlebt nur eIne: der moderne mensch (homo sapIens) Den weitaus größten Teil der Stammesgeschichte haben sich Men schengruppen, nach allem was in der einschlägigen Literatur nachzu lesen ist, als Jäger und Sammler das Überleben erarbeiten müssen. Wa ren die frühen Menschen ursprünglich Pflanzenfresser, so reicherten sie vermutlich vor ca. zwei bis drei Millionen Jahren ihren Speiseplan mit Fleisch an, zunächst wohl Aas und kleinere Tiere, deren sie hab haft wurden. Schließlich gingen sie zu systematischer Jagd über. Man geht davon aus, dass diese Anreicherung mit Eiweiß aus dem Fleisch sich vorteilhaft auf die Erweiterung des Gehirns auswirkte. Dazu haben Menschen sich schon sehr früh Werkzeuge geschaffen. Paläontologen haben jedenfalls Steinwerkzeuge: Faustkeile gefunden, die ca. 2,5 Milli onen alt sind. Man hat also davon auszugehen, dass mindestens seit die ser Zeit Werkzeuge hergestellt wurden und in Gebrauch waren. Es ist aber durchaus möglich und auch wahrscheinlich, dass schon deutlich früher Werkzeuge hergestellt und benutzt wurden und somit ein gewis ses Ausmaß an instrumenteller Intelligenz bereits vorhanden war. Bis her fehlen dazu Belege aus früheren Zeiten, die, wenn sie denn noch ge funden werden sollten, nach einer derart langen Zeit ohnehin als reine Glückstreffer einzuschätzen sind. Wahrscheinlich waren auch vor 2,5 Millionen Jahren schon zusätzlich Werkzeuge aus anderen, leichter bearbeitbaren z. B. organischen und deshalb verrottenden Materialien wie Holz, Knochen, Fasern usw. im Werkzeugsortiment, die die Zeiten bis heute nicht überstanden haben. Werkzeuge förderten auch die Überlebenschancen, weil man sich gegen die ungleich stärkeren und schnelleren Raubtiere auch aus der Distanz wehren konnte, mit Lanzen, Stöcken, Schleudern, Wurfgeschoßen. Im Unterschied zu den Menschenaffen verfügten die hominini körperlich über die Fähigkeit, Gegenstände z. B. Speere, Prügel und Steine zu wer fen und zu schleudern. Ein Schlüsselereignis in der Entwicklung des Menschen war die Beherr schung des Feuers. Die umherziehenden Jäger und Sammler waren auf das Feuer durch die Erfahrungen von und mit Wildfeuern aufmerksam geworden und hatten dessen Vorteile für die Jagd, die Erzeugung von Wärme sowie die Zubereitung von Nahrung kennen gelernt. Wildfeu er hatte ja geradezu fertig gegarte Braten produziert. Mit dem Verlust des Fells, d. h. der Behaarung, hat sich anscheinend die neue Jagdme thode entwickelt, Tiere bis zur Erschöpfung zu hetzen. Mit dem Verlust 32 der mensch Im kosmos des lebens des Fells und der parallelen Entwicklung der Schweißdrüsen entwickel te der Mensch ein Temperaturausgleichssystem, das bei intensiver Be wegung den laufenden Jägern eine schnelle Wärmeabfuhr ermöglichte, ihre Körper vor Überhitzung schützte. Mit dieser Ausstattung war der Mensch seinen Beutetieren deutlich überlegen, avancierte zum Dauer läufer und konnte seine weit schneller erschöpften Jagdziele bis zur Er schöpfung hetzen und dann töten. Dennoch hätten sich die homini ni als Einzelgänger nicht gegen die ungleich stärkeren und schnelleren Raubtiere behaupten können. In relativ kleinen egalitären Gruppen, er weiterten Familienverbänden, waren sie in der Lage, durch Sammeln pflanzlicher Nahrung und gemeinschaftliche, kooperative Jagd die er forderlichen Nahrungsmittel zu beschaffen, Schutz für die nachwach senden Kinder zu gewährleisten und gemeinsam den unmittelbaren all täglichen Bedrohungen durch Raubtiere zu trotzen. Egalitär im Sinne der Gleichbehandlung der Mitglieder bei der Verteilung der erbeute ten Nahrungsmittel und anderer lebenswichtigen Ressourcen mussten die Gruppen sein, weil nur mit dieser Solidarität das Überleben aller Mitglieder gesichert werden konnte. Vor einem analogen Problem, al lerdings in überaus umfangreichen Dimensionen, steht die Mensch heit gegenwärtig. Kooperation und Solidarität auf staatlicher und Staa ten übergreifender Ebene wird notwendig sein, um die Probleme von Klimawandel bis Artenschwund zu bewältigen. Ob die Menschheit diese mentale Einsicht und das darauf bezogene, konsequente Verhal ten noch entwickeln kann? Im letzten Kapitel werden wir dieser Frage nachgehen. Für die Entwicklung zu derart ausgeprägt sozialen Lebewesen war nach Wilson der Aufbau von wechselnden Lagerstätten entscheidend, die in der Form von Nestern auch bei den wenigen anderen eusozialen Tierar ten ein wichtiges Entwicklungsstadium darstellten. Lager machten Ar beitsteilung notwendig und führten damit zu Kooperationsformen und sozialer Organisation. „Soziale Intelligenz hatte daher immer eine hohe Priorität. Ein geschärfter Sinn für Empathie kann alles verändern, denn er befähigt dazu zu manipulieren, Kooperation zu erwirken oder auch zu betrügen. Um es so einfach wie möglich zu sagen: Soziale Gewitzt heit lohnt sich. … Die Kohäsion, die sich zwangsläufig aus der Konzen tration von Gruppen an geschützten Orten ergab, war mehr als nur ein Schritt im Labyrinth der Evolution. Sie war, wie ich später ausführen werde, das Ereignis, das die Zielgerade zum modernen homo sapiens 33 von 23 menschenarten überlebt nur eIne: der moderne mensch (homo sapIens) eröffnete“ (Wilson 2014, S.59). Zusammenleben in Gruppen führt nahe zu zwangsläufig zu sozialen Regelungssystemen. Bei solchen Gruppen handelte es sich um erweiterte Familien bzw. Stammesverbände, wie wir sie und Sammlergruppen im Amazonasbecken, auf den Andama nen und auf Borneo u. a. nicht in gleicher aber in vergleichbarer Weise finden; sie weisen quantitativ überschaubare Größen auf, um den Nah rungsbedarf aus dem Lebensumfeld sicherstellen zu können. Zusätzlich haben jedoch weitere Bedrohungen das Überleben der Jä ger und Sammlergruppen erschwert, aber gleichzeitig ihre biologische Anpassung vorangetrieben bzw. erzwungen: Nahrungsmittelknappheit wegen Veränderung der Vegetation als Folge von Klimaänderungen, z. B. Austrocknung in Ostafrika, vorrückende Gletscher in Nordeuro pa und Nordasien. Weitere Bedrohungen waren Fluten, Veränderun gen des Meeresspiegels, aber auch um Nahrungsmittel konkurrierende andere Gruppen. Größere und auch kleinere Vulkanausbrüche haben viele Gruppen ausgelöscht und die Lebensbedingungen für die Überle benden sehr erschwert. Vor ca. 70.000 Jahren hatte der Ausbruch des Vulkans Toba verheerende Folgen für viele Gruppen, teilweise durch Temperaturabsenkungen für mehrere Jahre. Man kann also davon ausgehen, dass sich der moderne Mensch in sei ner Kombination aus genetischer Ausstattung und selbst entwickelter Kultur, insbesondere der kognitiven und sozialen Fähigkeiten eine ge wisse Überlegenheit verschaffte und im Zuge seiner Verbreitung über alle Kontinente erfolgreich gegen die verbliebenen Hominiden – und gegen Raubtiere – durchsetzen und auch den Naturgewalten trotzen konnte. Dennoch: Offen bleibt die Frage, warum der moderne Mensch unter sich stets verändernden Umweltbedingungen neue Kapazitäten entwickeln konnte, andere Menschenarten wie die Denisova Menschen und die Neandertaler aber anscheinend weniger innovativ waren und verschwunden sind. Die Einschätzung der Neandertaler unterliegt seit einigen Jahren einem noch nicht abgeschlossenen Wandel. Zurzeit wer den mehrere Faktoren für ihr Verschwinden als eigene Gruppierung ur sächlich angesehen. Spezielle DNA Analysen zeigen, dass sich Neander taler mit den modernen Menschen vermischten und in unseren Genen einen Anteil von zwei bis sechs Prozent hinterlassen haben. Ihr Ver schwinden scheint noch nicht endgültig geklärt. Vulkanologen führen das Aussterben auf den Ausbruch der phlegräischen Felder nahe Nea 34 der mensch Im kosmos des lebens pel und des Vesuvs vor etwa 37.000 Jahren zurück. Dieser Ausbruch soll nachweislich im größten Teil der Siedlungsbiete der Neandertaler de ren Nahrungsmittelgrundlage zerstört haben. Weitere ergänzende Er klärungen sind zu erwarten. „Angesichts der unbestrittenen Tatsache, dass es mancherorts zu Kreuzungen kam, beschreibt eine Kombinati on von Out of Africa Theorie und multiregionaler Theorie wohl vor erst die komplexe Entwicklung zum modernen Menschen am besten“ (Suddendorf 2014, S. 355). Knochenfunde in Südchina mit einem Alter von um 100.000 Jahren v. h. sowie noch deutlich ältere Werkzeugfun de an unterschiedlichen Örtlichkeiten der arabischen Halbinsel, wo ar chäologische Untersuchungen gerade erst begonnen haben, lassen ver muten, dass dort und andernorts noch einige Überraschungen über die Menschheitsgeschichte zu erwarten sind. 2 2 Der große Durchbruch von homo sapiens: Stichworte Kleine Entwicklungsschritte des Menschen haben in frühen Entwick lungsstadien Jahrmillionen benötigt. So haben sich z. B. die Faustkeile etwa eine Million Jahre lang nicht wesentlich geändert. Aber was sind „kleine Entwicklungsschritte“? Woran sind sie zu messen? Aus der heutigen Perspektive hat sich der Mensch ziemlich lange in egalitären Gruppen von Jägern und Sammlern mit einfachen, aber of fensichtlich ausreichend wirksamen und schließlich auch deutlich ver besserten Werkzeugen und Waffen durchschlagen müssen, um sich dann innerhalb von ca. 60.000 Jahren in immer schnelleren und grö ßeren Sprüngen in die moderne Technologie und Lebensweise zu ka tapultieren. Gemessen an den meist kleinen und langwierigen Verän derungen in der vorausgegangenen Evolutionsgeschichte hat sich also, was die Effekte und schließlich auch die biologischen Anlagen anbe langt, eine sehr schnelle und faszinierende Umwälzung vollzogen. „Das liegt daran, dass das Aufkommen irgendeiner Innovation das Aufkom men bestimmter anderer Innovationen möglich machte, und wenn sie sich als nützlich erwiesen, verbreiteten sie sich daraufhin mit größerer Wahrscheinlichkeit“ (Wilson, 2014, S.116). Zusätzlich hat die Auswan derung aus Afrika die Entwicklung noch einmal deutlich beschleunigt und zwar durch eine Vielzahl von Mutationen, die ihrerseits durch das 35 der grosse durchbruch von homo sapIens: stIchworte rasche Bevölkerungswachstum und die sich verbessernden Umwelt bedingungen angetrieben wurde. Schon damals verfügten die moder nen Menschen bereits im Wesentlichen über die Kapazitäten, die sie dann bei der zwischen 10.000 und 15.000 Jahre vor heute einsetzen den kulturellen Revolution brauchten. Warum schlummerten diese Fä higkeiten so lange? Es ist zumindest eine plausible Hypothese, dass sich die typisch menschlichen Fähigkeiten – ich gehe im Folgenden darauf ein – in einem längeren Prozess zwar schon sehr weit entwickelt hat ten, aber nicht entfalten konnten, weil diese Kräfte durch die dringliche und stetige Nahrungssuche gebunden waren. Man geht zurzeit davon aus, dass die Entwicklung der Landwirtschaft mit Ackerbau und Tier zucht, d. h. die Planbarkeit und Sicherheit ausreichender Nahrungsmit telproduktion die entscheidende Innovation war, die viele Menschen von den Aufgaben der Nahrungsmittelbeschaffung befreite und ihnen Gestaltungsfreiräume für ihre Fähigkeitspotenziale bescherte. Die Wur zeln der Landwirtschaft reichen zwar wesentlich weiter zurück. Aber die systematische und gleichzeitig erfolgreiche Entwicklung der Land wirtschaft vollzog sich ab ca. 10.000 vor heute in mindestens acht Welt regionen sowohl systematisch als auch unabhängig voneinander: zuerst im Zweistromland und in Ägypten, im mittleren Afrika (Sahelzone), an den Flüssen Indus und Ganges, in China, in Nord , Mittel und Südame rika (Wilson 2014, S. 117). Nahezu explosionsartig entwickelten sich in den genannten Weltregio nen auf der Grundlage von Landwirtschaft üppige Kulturen: • Domestizierung von Haustieren und Ackerbau ermöglichen die vorausschauende Planung und Sicherung der Nahrungsmittel. Bei des ermöglicht gleichzeitig, sesshaft zu werden, dauerhafte, schüt zende Siedlungen zu bauen und Werkzeuge für den täglichen Ge brauch auch in größerem Umfang zu entwickeln und vorzuhalten. Eigentumsstrukturen entstehen, die Ungleichheit nimmt zu. • Die Bevölkerung wächst rasch, ebenso die Begehrlichkeit der noch nicht so erfolgreichen angrenzenden Stämme und der Neid unter einander. Räuberische Kriegszüge nehmen zu. • Unterschiedliche Handwerkszweige produzieren Güter, Handel entsteht und in seinem Kontext die Schrift, Ansätze zur Geldwirt schaft, diverse Technologien für Bauten, Herstellung von Schiffen, Vermessung, Metallbearbeitung, Transport (Erfindung des Rades), 36 der mensch Im kosmos des lebens Metalltechnologien, bestimmte Wissenschaftszweige entwickeln sich. • Erstaunlich schnell werden kolossale Bauten erstellt, z. B. die mög licherweise bisher ersten Tempel Göbekli Tepe in Südanatolien um 11.500 v. h., dann deutlich später im Zweistromland, weiter Pyrami den, Tempel und Paläste in Ägypten u. a. und künden von erstaunli chem bautechnischen Wissen, Beherrschung der Steinbearbeitung, später der Metallbearbeitung und kaum glaublicher Transportleis tungen von Schwerstgütern, all dies oft im Kontext der Religion. • Die zivilisatorischen Bauten von Schiffen, Häfen, Straßen, Brücken, Aquädukten, Trink und Abwasserleitungen, Theatern, Sportstätten sowie Bädern in den Städten des römischen Reiches waren tech nologische Glanzleistungen. Ihr hoher Standard konnte nach dem Untergang des weströmischen Reiches auch nicht annähernd auf rechterhalten werden; er verfiel zunächst einmal und wurde – je denfalls in wichtigen Teilbereichen z. B. der Hygiene – erst nach deutlich mehr als einem Jahrtausend in Europa wieder erreicht. • Kurz: Von den modernen Produktionstechniken bis zu den Ein richtungen und Geräten der elektronischen Kommunikation oder gar den komplexen Zerstörungstechnologien haben Menschen vielfältige Techniken entwickelt, die das Leben der Individuen und der Gesellschaften prägen, erleichtern und immer wieder umgestal ten, unter ständigen Veränderungs und Anpassungsdruck setzen und fortlaufend neue technische Artefakte und Chancen schaffen sowie umwälzende soziale Folgewirkungen nach sich ziehen. • In der Weltbevölkerung – mittlerweile über 7 Milliarden Menschen – leben die wirtschaftlichen und oft auch die politischen Eliten als eine kleine Minderheit komfortabel bis luxuriös und zwar in allen Gesellschaften; sie zwingen den großen „Rest“ zur mehr oder weni ger bedingungslosen Unterordnung unter ihre Ziele. Am Kern der Evolutionsmechanismen: Auslese der Stärkeren/Erfolgreichen hat sich im Laufe der Entwicklung also nicht viel geändert. Die enor men technologischen Möglichkeiten haben aber im Rahmen der Konkurrenz sowohl innerhalb als auch zwischen Staaten zu eben so enormen Zerstörungen und Massentötungen geführt. Der zwei te Weltkrieg soll um die 55.000.000 Menschenleben gekostet ha ben, bei der chinesischen Revolution Maos wird von dreißig bis sechzig Millionen Opfern gesprochen und Stalin hat einige Milli onen Landsleute töten lassen. Die Zerstörungen von Städten und 37 dIe kehrseIte des erfolges Infrastruktur haben im zweiten Weltkrieg bisher nicht dagewesene Größenordnungen erreicht. Die Gemetzel und Zerstörungen dau ern an, Lernprozesse aus leidvollen Erfahrungen sind nur verein zelt zu beobachten. • Allerdings haben mit dem Auftreten des Menschen die Steuerungs mechanismen eine wesentliche Erweiterung erfahren. Zu den bio logischen Steuerungsmechanismen kommt in der Form der Kul tur ein soziokultureller dazu, der bei den Überlebenschancen der Menschen beträchtliche Bedeutung durch Begünstigung oder Aus steuerung gewinnt. Ob sich die soziokulturelle Produktion solcher sozialer Steuerungsmechanismen schnell genug entwickeln kann, um die zahlreichen, meistens hausgemachten Bedrohungsszenari en hinreichend zu kontrollieren, erscheint zum gegenwärtigen Zeit punkt fraglich, aber durchaus noch möglich. Für den größten Teil der Weltbevölkerung, nicht nur, aber insbesondere in den Entwick lungsländern gilt nach wie vor die in Psalm 90,10 formulierte Le benserfahrung: „Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn’s hoch kommt achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin als flögen wir da von“. 2 3 Die Kehrseite des Erfolges In diesem Abschnitt möchte ich die diesbezüglichen Ausführungen in der Einleitung noch einmal aufnehmen, da der dargestellte Selbstbe dienungsmodus des Menschen viele Jahrtausende trotz einschneiden der Einschränkungen und anderer Folgen das Überleben der Gruppen oft sicherte. Aufgrund des Bevölkerungswachstums, des hohen Res sourcenverbrauchs und der teilweise aufwendigen Lebensführung ins besondere in den reichen Ländern stößt diese Selbstbedienung aus den Ressourcen der Erde an kaum überschreitbare Grenzen. Die vom Men schen selbst verursachten Schädigungen der natürlichen und der selbst erzeugten Umwelt sowie zunehmender Ressourcenverbrauch führen bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt regional unterschiedlich zu im mer mehr Erkrankungen und Todesfällen und werden bei fehlender Umsteuerung unweigerlich in unterschiedliche Formen von Zusam menbrüchen einmünden, die in den Veröffentlichungen für den Club of Rome für wahrscheinlich gehalten werden. Religionen als zukunfts 38 der mensch Im kosmos des lebens orientierte Deutungen menschlichen Lebens und als Wegweisungen konnten diese Formen des fehlgeleiteten Verhaltens augenscheinlich zu keinem Zeitpunkt vermeiden und waren damit – trotz guten Willens – auch überfordert. Die Vorstellung von einem zukunftsorientierten vor sorgenden Umweltverhalten übersteigt die erforderlichen menschli chen Kapazitäten: Zuverlässige Abschätzung der künftigen Entwick lung, Beherrschung des notwendigen Wissens und gesellschaftliche bzw. politische Durchsetzung der für notwendig gehaltenen Maßnah men einschließlich gravierender gesellschaftlicher Veränderungen sind überaus schwer erreichbar. Insbesondere verlässliche Vorhersagen und politische Umsteuerung stoßen auf große Schwierigkeiten. Offensicht lich überfordert die Aufgabe, in der Gegenwart Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und dabei Einschränkungen für das unmittelbare Hier und Jetzt in Kauf zu nehmen zwar nicht einzelne Personen und Gruppen, aber erfahrungsgemäß größere soziale Verbände und Gesell schaften. Aktuelle Einschränkungen zugunsten späteren Wohlergehens scheinen sozial und politisch nur selten durchsetzbar zu sein. Das war über die Jahrtausende so. Sollte es zukünftig anders werden? Demokra tische Systeme mit periodischer Wahl bzw. Abwahl ihrer Repräsentan ten und entsprechend kurzfristiger Handlungsperspektive tun sich da besonders schwer. Um weitreichende Zusammenbrüche zu vermeiden muss sich etwas ändern: Die Möglichkeiten der Zukunftsprognose, der Wissens und Technologiebeschaffung und vor allem der politischen Durchsetzung müssen mit allen verfügbaren Kräften erweitert werden. Ein für meinen Argumentationsgang wesentlicher Sachverhalt unter scheidet die Vergangenheit von der Gegenwart: Wissenschaften sind, anders als die früheren Unheilspropheten, durchaus in der Lage, die Bedrohungen z. B. die Klimaveränderungen mindestens teilweise zu er kennen und den Entscheidungsträgern mögliche Abhilfemaßnahmen vorzuschlagen, und sie tun es auch. Deren Umsetzung braucht starke Politiker, eine starke Zivilgesellschaft und die für die Schöpfung kämp fenden Religionen. Die verbreitete Wachstumsorientierung kommt der Devise nahe: nach uns die Sintflut, die in der Form des steigenden Mee resspiegels im konkreten und übertragenen Sinn durchaus realistisch ist. Die Minderheit der gut organisierten Stärkeren ist meistens in der Lage, der nicht organisierten Mehrheit ihre Vorstellungen aufzuzwingen. Ge lingt es in dieser Konstellation, die in den besonderen Kapazitäten der Menschen liegenden Ressourcen einschließlich der Moral zu mobilisie 39 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen ren, um mit den Potenzialen der Kultur, der Zivilgesellschaft und der Religionen die evolutionär egoistischen Kräfte einzudämmen und zu gunsten des Überlebens zu kanalisieren? 2 4 Die besonderen Qualifikationen des Menschen Welche besonderen Entwicklungen in der Natur des Menschen haben ihn zur Eroberung weiter Teile der Erde, zum dominierenden Lebewe sen heranreifen lassen, ihn an die Spitze der Fresshierarchie befördert? Worin ist der Mensch anderen Lebewesen überlegen, was kann er bes ser? War die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten nun ein klei ner Schritt der Evolution, nur mit riesigen Folgen, oder war sie auch unter Gesichtspunkten der Evolution ein außerordentlicher Entwick lungssprung? Für einen außerordentlichen Entwicklungssprung spricht nicht nur das ambivalente Ergebnis: die Eroberung der Erde mit der Verdrängung bzw. Ausrottung vieler Tier und Pflanzenarten. Auch die Fähigkeiten des Menschen sind einzigartig im Kosmos des Lebendigen. Die Evolution geht mit den im Menschen bereits vollzogenen Verän derungen neue, bisher nicht beschrittene Wege, indem sie Kultur als selbständigen Steuerungsmechanismus zusätzlich zu Trieben und In stinkten möglich macht. Forschung versucht, diesen Werdegang des Menschen zu rekonstruieren. Worin bestehen die besonderen Qualitä ten des Menschen? 2 4 1 Die ambivalente biologische Ausstattung des Menschen: Die Multi-level-Selektion Die Grundlagen tierischen ebenso wie menschlichen Verhaltens liegen in der Evolution, in den Anlagen, die sich in der Evolution herausgebil det haben. Die Evolution des Menschen ist dabei ein einzigartiger Son derfall. „Die Evolutionsdynamik des Menschen wird sowohl von der individuellen Ebene als auch von der Gruppenselektion angetrieben“ (Wilson 2014, 68 f.). Allgemein geläufig ist mittlerweile das Konzept der individuellen Selektion, der zufolge sich Menschen mit für das Überle ben vorteilhaften Merkmalen im Konkurrenzkampf gegen andere mit weniger vorteilhaften Merkmalen durchsetzen und ihre vorteilhaften Merkmale an ihre Nachkommen weitergeben, während Menschen mit 40 der mensch Im kosmos des lebens weniger vorteilhaften Merkmalen weniger Nachkommen erzeugen und ihre weniger erfolgreiche Merkmalskombination irgendwann schließ lich verschwindet. In diesem Prozess kommt es – zunächst – auf die er folgreiche Durchsetzung des eigenen Genotyps, auf das faktische Dass der erfolgreichen Durchsetzung an, gleichgültig, worauf sie beruht. Cle verness, Betrug, List, Raffinesse, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, soziale Intelligenz und andere Eigenschaften sowie Fähigkeiten können Weg bereiter des Erfolges: der Durchsetzung des eigenen Genotyps sein. „In der Geschichte des Lebens dominierte weitgehend die natürliche Se lektion auf der Ebene des Individuums, die Strategien zur größtmög lichen Steigerung des eigenen reproduktionsfähigen Nachwuchses för derte. Normalerweise formt die Physiologie Verhalten der Organismen so aus, dass sie einem solitären Leben angepasst sind oder allenfalls der Zugehörigkeit zu einer lose organisierten Gruppe. Die Herausbildung der Eusozialität, bei der Organismen sich genau gegenteilig verhalten, war in der Geschichte des Lebens selten, weil die Gruppenselektion eine außerordentliche Macht entwickeln muss, um die individuelle Selekti on zu übertrumpfen“ (Wilson 2014, S. 72). Bei Menschen hat sich die Gruppenselektion dennoch entwickeln kön nen und – vermutlich – auch entwickeln müssen, weil Gruppen oder Stammesverbände im Konkurrenzkampf um Nahrungsmittel, vorteil hafte Lagerplätze und andere Ressourcen, für den Schutz des Nach wuchses und die Abwehr von Raubtieren und feindseligen Artgenos sen weit bessere Überlebenschancen boten als ein solitäres Leben. Die Gruppe war also schon sehr früh Schutz und Entwicklungsraum für ihre Mitglieder. Im Konkurrenzkampf hängt der Erfolg von Gruppen entscheidend von gelingender Kooperation und Solidarität ab. Beide erfordern jedoch, dass die Mitglieder ihre individuellen Interessen zu rückstellen und sich den Zielen und Regeln der eigenen Gruppe unter ordnen: Altruismus, Konformität, Tapferkeit sind hier zentrale Tugen den. Die Geschichte der Menschheit entwickelte sich wegen der besseren Überlebenschancen durch und mit Gruppen. Über sehr lange Zeiträu me, wahrscheinlich mehrere Millionen Jahre waren dies kleine Grup pen in der Form von erweiterten Familien mit egalitärer Struktur, deren Fundierung und Stärke in der wechselseitigen Abhängigkeit bestand. Größere Verbände als Stammesgesellschaften konnten sich erst bilden, 41 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen als sich mit der Erfindung erster Formen der Landwirtschaft die Ernäh rungsgrundlage radikal veränderte und Sesshaftigkeit ermöglichte; sie entwickelten im Gegensatz zu den egalitären Jäger und Sammlergrup pen strikt hierarchische Strukturen, die wesentlich auf Eigentumsun terschieden aufbauten. Schließlich entwickelten sich umfassende hier archische Staatsgebilde mit spezialisierten Verwaltungsstäben. In jeder Entwicklungsphase gab es massive, oft gewaltsame Konflikte – bis in die Gegenwart. Die Vorteile der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der Zurückstellung eigener individueller Interessen überwogen eindeu tig die daraus entstehenden Nachteile, konnten jedoch die individuelle Selektion, die untrennbar mit der Durchsetzung des eigenen Genotyps verbunden ist und der Durchsetzung individueller Interessen beson deren Nachdruck verleiht, nicht ausschalten. Da der Erfolg der Grup pe entscheidend von ihrem Zusammenhalt abhängt, wurde die erfor derliche Solidarität in der Gruppe auch häufig erreicht, blieb aber labil und stets bedroht von auf den eigenen Vorteil bedachten Mitgliedern. In Bezug auf die Wirksamkeit von individueller und Gruppenselektion „gilt in der genetischen Sozialevolution eine eiserne Regel. Danach sind egoistische Individuen altruistischen Individuen überlegen, während Gruppen von Altruisten Gruppen von egoistischen Individuen überle gen sind … Jedes Mitglied einer Gesellschaft verfügt sowohl über Gene, an deren Produktion die Individualselektion, als auch Gene, an denen die Gruppenselektion angreift“ (Wilson 2014, S. 291). Es besteht also unvermeidlich ein Neben , In und Gegeneinander von egoistischen und altruistischen Strebungen und zwar sowohl in den einzelnen Individuen als auch in den sozialen Verknüpfungen. Daraus ergeben sich • intensive, teils auch gewaltsame Konflikte zwischen Gruppen, • instabile, weil durch individuelle Vorteilsnahme bedrohte Grup penzusammensetzungen, • ständige Auseinandersetzungen zwischen egoistischen und grup penbezogenen Verhaltensmustern, • hoher Stellenwert sozialer Intelligenz, • kreative und produktive Kräfte in Kultur und Kunst. „In unserer Natur existiert das Schlimmste neben dem Besten, und das wird immer so bleiben. Wollten wir es entwirren (wenn das überhaupt 42 der mensch Im kosmos des lebens möglich wäre), so wären wir keine Menschen mehr“ (Wilson 2014, S. 74). Aus der Multi level Selektion erwachsen gegenläufige Effekte, die im Sinne der sozialen Ordnung oder auch aus dem Deutungskontext von Religionen als „böse“ oder „gut“ bewertet und sanktioniert werden. Da bei sind die bösen bzw. sündhaften, weil egoistischen Verhaltensweisen großenteils der individuellen Selektion, die konformen bzw. ehrenwer ten weitgehend der Gruppenselektion zuzurechnen. Wilson, Suddendorf und andere Forscher weisen dem Evolutionspro dukt Kultur einen hohen Stellenwert zu, weil es als soziale Vererbung ei nen neuen, zusätzlichen reaktionsschnellen und variationsreichen Steu erungsmechanismus individuellen und sozialen Lebens darstellt. Es erwächst immer wieder neu aus den Leistungspotenzialen des mensch lichen Gehirns in der Auseinandersetzung mit der natürlichen und so zialen Umwelt und kann weitgehend als Produkt der Gruppenselektion gelten, die „ganz klar der Prozess ist, der für das fortgeschrittene Sozial verhalten verantwortlich ist“ (Wilson 2014, S. 346). Um es noch einmal hervorzuheben: Im Verlauf der menschlichen Evolution haben sich die Gruppe als Form des Zusammenlebens und mit ihr die Kultur als Steuerungselement und als Inbegriff menschlicher Kreativität und Produktivität der Gruppe entwickelt. Die Gruppe ist also als Wiege, als Produzent der Kultur zu betrachten ebenso wie die Kultur mit ihren Regelungssystemen das Bestehen der Gruppe sichert. Gruppe und Kultur sind also untrennbar auf einander bezogen, interdependent. In den sozialen Prozessen der Gruppe bzw. der Gruppen realisieren sich also die kreativen Potenziale zu den vielfältigen Erzeugnissen, die wir Kultur nennen, und der weiteren menschlichen Entwicklung. Man kann mit Wilson davon ausgehen, dass die Gruppenselektion im Laufe der Evolution des Menschen gegenüber der individuellen Selek tion, die ursprünglich im Vordergrund stand, deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Es erscheint deshalb nicht abwegig, mit einer gezielten Stärkung der Gruppenselektion, möglicherweise sogar auf internatio naler Ebene, die eusozialen, für das Überleben förderlichen Verhaltens elemente zu stärken, um den aktuellen Bedrohungsszenarien, die we sentlich aus individueller Selektion erwachsen, wirksam zu begegnen. 43 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen Zur Klärung dieser Frage gehe ich zunächst auf wichtige Gemeinsam keiten und Unterschiede bei Menschen und Säugetieren, und danach auf die besonderen Qualitäten des Menschen ein. 2 4 2 Gemeinsamkeiten im Steuerungssystem von Säugetieren und Menschen Bei Säugetieren ebenso wie bei Menschen erfolgt die Sicherung des Überlebens durch zwei jeweils unterschiedlich gewichtete, sich ergän zende Steuerungsmechanismen. Einerseits lassen sich beide in ihrem Verhalten von biologisch angelegten Leitstellen, nämlich Trieben und angeborenem Verhalten lenken. Unter angeborenem Verhalten wird ein „hierarchisch organisierter Mechanismus im Nervensystem verstanden, der auf bestimmte innere und äußere, vorwarnende, auslösende und richtende Impulse anspricht und sie mit lebens und arterhaltenden Be wegungen beantwortet: also ein komplexes System aus Schlüsselreizen, hierdurch verursachten inneren Zustandsänderungen und nachfolgen den Aktivitäten“ (Tinbergen 1956, http://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt S.3). Soweit Verhalten durch Triebe und angeborenes Verhalten gesteu ert wird, folgt es einem biologisch angelegten Automatismus, der we nige Verhaltensspielräume lässt. Für die Säugetiere – und auch für Vö gel – ist es kennzeichnend, dass Instinkte und Triebe eben gerade nicht ihr gesamtes Verhaltensrepertoire bestimmen und abdecken. Vielmehr werden diese biologisch angelegten Steuerungsmechanismen des Ver haltens andererseits ergänzt durch genetisch angelegte Dispositions spielräume, die im Prozess des Heranwachsens Lernprozesse von der Mutter bzw. den Eltern und gegebenenfalls anderen Artgenossen er möglichen, also wesentlich sozial vermittelt werden. Dieselben Dispo sitionen lassen auch Lernen aus eigener Erfahrung zu. Damit verliert die Verhaltenssteuerung ihre Starrheit und ihre mechanistische Eigen art. Verhalten wird teilweise flexibel, gestaltbar, wandelbar und kann sich relativ kurzfristig an sich ändernde äußere Bedingungen anpassen. Insgesamt scheint bei Säugetieren dieses kombinierte Steuerungssys tem erfolgreich zu funktionieren und grundsätzlich das Überleben der meisten Arten zu ermöglichen – wenn Eingriffe des Menschen und gra vierende Veränderungen der Umwelt unterbleiben. Dennoch bleibt an zumerken, dass auch ältere Steuerungssysteme nach wie vor Überleben sichern. So überleben viele Tierarten, die fast ausschließlich durch an 44 der mensch Im kosmos des lebens geborenes Verhalten geprägt sind, z. B. viele Amphibien, fast alle Fische. Ebenso können sich andere Arten z. B. die Vögel als Nachkommen der Dinosaurier behaupten. Das Überlebensmodell der Säugetiere: Biologi sche Ausstattung und soziales Lernen ist eines neben anderen. Ferner ist die Lernfähigkeit kein Garant dafür, in welchem Maße überlebensrelevante Verhaltensweisen tatsächlich gelernt werden. Lernfähigkeit ist grundsätzlich im Rahmen der Disposition offen. Über diese Steuerungsmechanismen hinaus hat die Evolution hinaus nur beim Menschen einen grundsätzlich neuen Steuerungsmechanis mus angebahnt und eingeleitet: die Gruppe als Lebensort und Produ zent der Kultur sowie ihre kognitiven und soziale Voraussetzungen. 2 4 3 Elterliche Sorge und Zusammenleben in Lagern als Keimzellen der sozialen Natur des Menschen Evolutionsbiologen und Sozialwissenschaftler setzen bei der Beantwor tung der Frage, wie es bei Menschen zur Entwicklung der sozialen Na tur kommt, typisch fachspezifische Schwerpunkte. Wie die weiteren Ausführungen zeigen werden, ergänzen sich beide Erklärungsansätze zu einem stimmigen Gesamtbild und lösen zusammen die fachspezifi schen Engführungen und Verkürzungen auf. Wilson (2014) bezieht sich auf die insgesamt sehr wenigen Tierarten, die ausgeprägt soziales, d. h. altruistisches, kooperatives Verhalten – Wil son spricht von eusozialem Verhalten – entwickelt haben, und stellt fest, dass bei allen durchgängig der Bau eines Nestes eine grundlegende Ent wicklungsphase gewesen ist. Wilson ordnet also menschliches Verhal ten in die allgemeine Evolutionssystematik ein und zieht entsprechende Vergleiche zu eusozialen Tierarten, vor allem Insekten. Die periodische Errichtung von festen Lagern während der Wanderung zwecks Nah rungssuche sieht er im Kontext der Evolutionssystematik deshalb als passende Analogie zum Nestbau. In Lagern, die sich über eine Milli on Jahre zurück nachweisen lassen, funktioniere das Zusammenleben durch Arbeitsteilung: Die Mitglieder der Gruppe übernähmen ein zeln und zu mehreren zusammen unterschiedliche Aufgaben, die zum Überleben der ganzen Gruppe notwendig sind: Sammeln von pflanz licher Nahrung wie Früchten, Samen, Wurzeln, Blätter u. a., gemein 45 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen schaftliche Jagd auf Tiere, Schutz des Lagers und der nachwachsenden Kinder usw. Die Kooperation mit verteilten Aufgaben sichert bei euso zialen Tieren ebenso wie bei Menschen das Überleben und macht ange sichts des lange gebräuchlichen Lagerbaus deutlich, dass die ausgeprägt soziale Eigenart der Menschen weit in die Vorgeschichte zurückreicht. Bellah (2011) und andere Sozialwissenschaftler konzentrieren sich da gegen fachspezifisch auf den Sozialisationsprozess und dabei auf die schrittweise Entwicklung sozialer und anderer menschlicher Fähigkei ten in frühen Entwicklungsstadien der Menschen. Dabei steht bei der Aufzucht des menschlichen Nachwuchses die Empathie der elterlichen Sorge im Mittelpunkt, weil sich an ihr besser als auf andere Weise ver deutlichen lässt, wie soziale Beziehungsfähigkeit entsteht und welche anderen z. B. kognitiven und emotionalen Fähigkeiten dabei eine un entbehrliche Rolle spielen. Aus dieser besonderen Eigenart der elter lichen Sorge erwachse letztendlich die soziale Prägung des Menschen, die über die von Tieren weit hinausgehe und deshalb eine ansonsten in der Evolution auch nicht annähernd beobachtbare Qualität und Kapazität darstelle. Die Ausstattung des Menschen mit Instinkten und Trieben, ist, vergli chen mit anderen Säugetierarten, weniger stark ausgeprägt. Man spricht von Instinktarmut (Gehlen 1940) und meint damit zweierlei: die relativ geringe Ausstattung mit angeborenen Verhaltensweisen einerseits und die Chance umfassender Entwicklung aufgrund ausgeprägter Weltof fenheit und Formbarkeit andererseits. Zum Zeitpunkt der Geburt wei sen Menschen im Vergleich zu Säugetieren einen biologischen Aus stattungs bzw. Reifungsrückstand von ca. einem Jahr auf und sind umfassend hilflos: Sie benötigen deshalb sehr intensive und – vergli chen mit den Schimpansen, unseren nächsten Verwandten – lange an dauernde elterliche Sorge. Obwohl auch unter den Säugetieren beacht liche Unterschiede in der Intensität und Dauer der elterlichen Sorge bestehen, so handelt es sich beim Menschen nicht nur um einen gradu ellen Unterschied zur elterlichen Sorge der Säugetiere, sondern um eine andere qualitative Prägung der elterlichen Sorge, die zusätzlich zu Er nährung und Schutz auch die Förderung des Bewegungsapparates, die Entwicklung des Fühlens, der sozialen Beziehungsfähigkeit, der Spra che, der sozialen Regeln und des Denkens beinhaltet. Es handelt sich also bei der elterlichen Sorge um die Vermittlung eines breiten, ein 46 der mensch Im kosmos des lebens zigartigen Spektrums von teilweise hochkomplexen Fähigkeiten, ei nes Spektrums, das in vergleichbarer Weise weder bei unseren nächs ten Verwandten, den Schimpansen, und erst recht nicht bei anderen Lebewesen zu beobachten ist. Neu geborene Kälber, Fohlen, Lämmer usw. stehen kurz nach der Geburt schon – vielleicht noch etwas wack lig – auf den eigenen Beinen und folgen ihren Müttern – selbständig. Sie können auch wie in zahlreichen Zuchtbetrieben üblich, von ihren Müttern und anderen erwachsenen Artgenossen getrennt aufgezogen werden, weil sie ihr biologisches Entwicklungsprogramm so durchlau fen können. Beides ist undenkbar bei Menschen. Mit dieser totalen Ab hängigkeit der neu geborenen Menschlein erhalten zunächst die unmit telbaren Überlebenshilfen der Mutter zentrale, d. h. lebensnotwendige Bedeutung. Bald folgt die schrittweise Einübung in die gerade genann ten Fähigkeiten sowie den sozialen Kontext der Kultur, der zusätzlich zu den biologischen Vorgaben das Leben der nachwachsenden Kin der nachhaltig prägt. Bei Tieren undenkbar. Die elterliche Sorge hat bei Menschen als Keimzelle des sozialen Lebens eine Schlüsselfunktion. Beides, die relative Instinktreduktion des Menschen einerseits und die umfassende Hilflosigkeit des Menschen bei der Geburt andererseits markieren Leben bedrohende Mangelsituationen, die eines Ausgleichs, einer Kompensation bedürfen, wenn Menschen weiter überlebensfähig bleiben sollen. Die Natur des Menschen reagiert auf diese Erfahrung von Mangel und Unsicherheit mit der Entwicklung neuer Kapazitäten (Bellah): Soziale Kapazitäten kompensieren die genannten biologischen Schwachstellen, überbrücken die Steuerungslücke und zwar durch die lange andauernde und intensive Betreuung in der elterlichen Sorge. Un ter Gesichtspunkten der Evolution können Weltoffenheit und weitge hende Formbarkeit als enorme Vorteile gesehen werden, weil sie im Kontext mehrerer Genrationen eine schnellere Anpassung an geänder te Umweltbedingungen erlaubt als dies durch die eher langwierige Ver änderung der Gene möglich wäre. Die weitere Existenz der Art Mensch ist an die Bedingung geknüpft, Empathie für den Nachwuchs bereit zu stellen, seine Bedürfnisse zu er fassen und zu befriedigen. In der Zuwendung zu den Säuglingen kommt es darauf an, ihre äußeren Verhaltensimpulse in der Form von Bewe gung, Schreien, Mimik und Gestik richtig zu erfühlen, entschlüsseln zu lernen und angemessen auf die verstandenen Bedürfnisse zu reagieren. 47 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen Aus Verständnis wird Verständigung und symbolische Kommunikation, und schließlich entsteht im Verbund mit der physiologischen Entwick lung der Stimmbänder Sprache. Angesichts der umfassenden Hilflosig keit des Menschen Nachwuchses nach der Geburt dauert die Phase, die Bedürfnisse des Neugeborenen zu verstehen und reagierend zu befrie digen ziemlich lange, bevor sprachliche Formen der Kommunikation einsetzen können und dann später lebenserhaltende Verhaltensweisen im weiteren Sinne – also über Essen, Trinken und Schlafen hinaus – vermittelt werden können. Empathie ist eine fundamentale Ressour ce von Lebewesen, sie ermöglicht einen direkten Zugang zum fremden Anderen, sie ist die Basis aller sozialen Bindung und anderer Schlüssel kapazitäten. Die Entfaltung von Empathie ist ohne die gleichzeitige Ausprägung an derer, mehr oder weniger bewusst steuerbarer Fähigkeiten nicht mög lich: Gleichzeitig muss ein Vermögen entstehen, Lebewesen und Um welt sowie beider Eigenschaften zu erkennen, zu unterscheiden und einzuschätzen, Situationen zu verstehen und daraus für das Überleben wichtige Konsequenzen für das Verhalten zu ziehen, Wirkungen unter Bezug auf Ursachen mindestens ansatzweise zu beurteilen. Empathie ist dementsprechend stets von differenzierenden Prozessen des Erkennens, Einordnens und Folgerns, d. h. von kognitiven Fähigkeiten durchzogen. Solche Fähigkeiten, die wir mit den Begriffen Intelligenz, Kommunika tion und Soziabilität bezeichnen, haben sich offensichtlich zusammen mit Empathie in der Ausbildung der elterlichen Sorge entwickelt, beim Menschen aufgrund der totalen Hilfsbedürftigkeit des Nachwuchses in einer einzigartigen, ansonsten nirgends feststellbaren Weise. Die be schriebenen Kapazitäten sind als Grundlagen sozialen Verhaltens und des Lebens in Gruppen anzusehen. Die elterliche Sorge bietet darüber hinaus einen geschützten Freiraum, der frei ist von den auf Selbsterhaltung ausgerichteten Zielsetzungen und Tätigkeiten des alltäglichen Lebens und Möglichkeiten bereitstellt, etwas um seiner selbst willen zu tun: Spiel, insbesondere das soziale Spiel. Es findet außerhalb des alltäglichen Lebens in einem entspannten Rahmen statt, erfolgt nach Regeln mit geteilten Absichten, hat keine ei genen Ziele, trägt seinen Sinn in sich selbst; in ihm werden alltägliche Verhaltensweisen angewandt, aber ohne deren Ziele. Spiel impliziert Wiederholung, Wiederholung festigt Gelerntes und Geübtes. Im Spiel 48 der mensch Im kosmos des lebens sind die Beziehungen egalitär, und zwar auch in sonst hierarchischen Strukturen. Spiel ist eine neue Kapazität mit dem Potenzial, weitere Ka pazitäten zu entwickeln. Spiel ist ein Ausdruck für die Offenheit und Formbarkeit des Lernens, ein Platz für Experimente und Innovation jenseits alltäglicher Existenzsicherungsaufgaben. Menschsein ist also eingebettet in eine tiefe biologische Geschichte (Bellah 2011). 2 4 4 Was macht den Menschen zum Menschen? Was macht den Menschen im Unterschied zum Affen aus? Biologisch genetisch sind wir andere Affen mit kleinen körperlichen Unterschie den (Verlust des Fells, Fähigkeit unterschiedliche Haltungen einzu nehmen und schnell zu wechseln, körperliche Voraussetzungen zum Werfen und Schleudern), mental eine völlig andere Art. Wilson hat te die einzigartigen Merkmale menschlichen Seins aus der Evolution abgeleitet. Suddendorf ist den hervorstechenden Fähigkeiten des Men schen in einem empirischen Vergleich von Menschen und Schimpan sen, den nächsten Verwandten des Menschen nachgegangen. Folgt man den von Thomas Suddendorf (Suddendorf 2014) dargestellten Ergeb nissen, so zeichnen sich weitreichende Unterschiede ab. Ich fasse seine Darstellung in einer tabellarischen Gegenüberstellung zusammen: 49 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen Menschenaffen ç Qualifikationen è Menschen Über ein sehr begrenztes Verständnis grundlegender mentaler Vorgänge kommen die Menschenaffen nicht hinaus: die grundlegendsten menschlichen, sozio-kognitiven Fähigkeiten des Menschen fehlen ihnen. ç Empathie è ç Gedankenlesen è Das Bedürfnis, sich mit anderen mental zu verbinden, andere zu verstehen und mit ihnen in einen Austausch einzutreten, durchdringt einen Großteil menschlicher Handlungen. Über akustische, haptische und visuelle Signale im Kontext von Nahrung und Warnrufen hinaus finden sich keine Hinweise auf eine ausgebildete Sprache. ç Sprache è Menschen haben ein differenziertes, offenes System von Begriffen mit Syntaxregeln entwickelt, das sich auf die Lebensprozesse bezieht, aber Abstraktion durch Andocken an Alltagssituationen und Generalisierung zulässt. Tiere verfügen nur über ein begrenztes Zeitempfinden, erinnern sich in engem Rahmen an Vorgehensweisen und Fakten. Ihr Erleben ist gegenwartsbezogen, weder auf die Vergangenheit noch auf die Zukunft gerichtet. ç Gedächtnis è Menschen verfügen über ein Zeitempfinden, das ihnen ermöglicht, sich an Fähigkeiten, Fakten und Ereignisse zu erinnern und diese Fähigkeiten für die Bewältigung der Zukunft einzusetzen; sie können sich in vergangene und künftige Zeiten hineindenken, „Szenarien“ entwickeln. In einfachen Formen ist Denkfähigkeit bei Tieren nachweisbar, aber durch die eingeschränkte, aber ausschlaggebende Kapazität des Arbeitsgedächtnisses sehr begrenzt. ç Denken è Menschen sind fähig, sich Ziele zu setzen und diese mit rationalen Überlegungen, z. B. durch Vergleich verschiedener Szenarien, zu erreichen. Dafür ist die beachtliche Kapazität des Arbeitsgedächtnisses die Grundlage. 50 der mensch Im kosmos des lebens Menschenaffen ç Qualifikationen è Menschen Die Grundlagen von Kulturentwicklung: Austausch und Kooperation sind bei Tieren nur rudimentär vorhanden, dementsprechend ebenso Verhaltenstraditionen. ç Traditionen/Kultur è Menschen schaffen Kultur, indem sie Erfahrungen, Wissen, Innovationen – Produkte von Austausch und Kooperation auf der Grundlage von Gegenseitigkeit – an nachwachsende Generationen weitergeben und sich selbst und ihre Nachkommen damit in eine kulturelle Matrix einordnen. Mit der Kultur entsteht zusätzlich zum genetischen Erbe ein zweites Vererbungssystem, das als flexibel gestaltbares System Überlebensvorteile beinhaltet. Tiere, insbesondere die großen Menschenaffen verfügen zwar über Vorformen sozialer Normen, es gibt aber keine Grundlage für selbstreflexive moralische Erwägungen und die Annahme eines Moralkodexes bei Tieren, da die nötigen Voraussetzungen nur rudimentär entwickelt sind. ç Moral è Zwecks Zusammenleben und Überleben haben Menschen für ihre Gruppen und Gesellschaften Systeme von Regeln = Moral entwickelt, die auf den drei bereits genannten menschlichen Qualifikationen Empathie, Gegenseitigkeit und Selbstreflexion aufbauen. Es zeigt sich, dass die Tiere und hier besonders die Großen Menschen affen als unsere nächsten Verwandten bei den verglichenen Qualifi kationen nur rudimentäre Leistungen erbringen und über das Niveau von zweijährigen Kindern üblicherweise nicht hinauskommen. Sud dendorfs Buch beinhaltet eine ebenso eindrucksvolle wie empirisch be gründete Profilierung und Heraushebung der besonderen Qualifikatio nen des Menschen. „In allen sechs Bereichen finden wir immer wieder zwei wichtige Merkmale, die den Unterschied zwischen uns und den Menschenaffen ausmachen: unsere unbegrenzte Fähigkeit zur Vorstel 51 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen lung und Reflexion über verschiedene Situationen sowie unser tiefes Bedürfnis, uns über die von unserem Geist geschaffenen Szenarien mit anderen auszutauschen. Offenbar waren es vorwiegend diese beiden At tribute, die unseren Vorfahren den Schritt über die Kluft ermöglich ten und die unter Tieren übliche Kommunikation in ein System offe ner Sprache verwandelten, das Gedächtnis in die Fähigkeit zu mentalen Zeitreisen, soziale Wahrnehmung in Theory of Mind, Problemlösungs verhalten in abstraktes Denken, soziale Tradition in eine kumulative Kultur und Empathie in Moral.“ (Suddendorf 2014, S. 290 f.) Der Kultur weist Suddendorf im Überlebensprozess eine herausgeho bene Rolle zu: „Das wichtigste Kriterium der menschlichen Kultur ist also, dass sie zusätzlich zum genetischen Erbe als zweites Vererbungs system fungiert. Wie Gene, die selektiert wurden, weil sie Individuen ei nen Anpassungsvorteil verschafften, kann auch die kulturelle Informa tion deutlich sichtbare Überlebens und Reproduktionsvorteile bringen. Ein offensichtlicher Vorteil der kulturellen Evolution ist der, dass sie uns befähigt, uns viel schneller anzupassen, als uns das auf biologischer Ebene möglich wäre. Genau das mag uns einen weiteren Vorsprung vor anderen Lebewesen verschafft haben“ (Suddendorf 2014, S. 227). Bei Tieren hat Suddendorf auf der Grundlage seiner empirischer Unter suchungen und Vergleiche keine Anhaltspunkte für reflexives Denken gefunden. Die vorgelegten Ergebnisse, auch zur Frage der Selbsterken nung der Menschenaffen, zeigen mit an Sicherheit grenzender Wahr scheinlichkeit, dass es etwas dem Selbstverständnis des Menschen Ähn liches bzw. Vergleichbares bei Tieren nicht gibt, dass diese die Frage nach dem Sinn ihres Lebens nicht stellen und nicht beantworten kön nen. Ihr Leben trägt seinen Sinn in sich selbst, ist Selbstzweck. Wilson erkennt in der rasanten Entwicklung des Menschen aber auch erhebliche Probleme für den Menschen selbst und die Biosphäre ins gesamt. „In der gesamten prähistorischen Zeit … war das Netzwerk je des Einzelnen im Grunde identisch mit der Gruppe, der er angehörte … In den modernen Industrieländern sind die Netzwerke mittlerweile so komplex, dass unser ererbter steinzeitlicher Geist davon völlig überfor dert wird. Unsere Instinkte wünschen sich noch heute die überschauba ren, geeinten Banden Netzwerke … Auf die Zivilisation sind unsere In stinkte weiterhin nicht vorbereitet“ (Wilson 2014, S. 292). Gemessen am 52 der mensch Im kosmos des lebens Evolutionstempo anderer Lebewesen entwickelte sich homo sapiens un gemein schnell und verbreitete sich in ca. 60.000 Jahren über den Erd ball. „Die Zeit war zu knapp, als dass unsere Evolution koordiniert mit dem Rest der Biosphäre hätte ablaufen können. Andere Arten waren auf den Ansturm nicht vorbereitet. Dieses Manko hatte schon bald schlim me Auswirkungen auf das restliche Leben“ (Wilson 2014, S. 25). 2 5 Zusammenfassung Die frühe Stammesgeschichte des Menschen zeigt ein Kommen und Gehen der Menschenartigen, den episodenhaften Charakter ihres Auf tretens. Die Unwägbarkeiten der Evolution und der natürlichen Um welt sowie vermutlich die Menschenartigen selbst haben 22 von 23 Men schenarten wieder aussterben lassen. Auch der moderne Mensch war schon, wie berichtet wird, mehrfach vom Aussterben bedroht, auf klei ne Populationen (angeblich um 600 Menschen) geschrumpft, die sich jedoch wieder erholten. Schließlich breitete sich homo sapiens fast über die ganze Erde aus. Wann und wie dies geschah, auf diese Fragen verän dern sich die Antworten wegen neuer Fossilienfunde z. B. in China und Australien, aber auch in anderen Regionen, ständig. Eine abschließende Klärung ist kaum zu erwarten. Mit der Entwicklung des Menschen geht die Evolution zweifach neue Wege und zwar mit der multi level Selektion und der Schaffung der biologischen Grundlagen für Kulturentwicklung. Erstens zur multi level Selektion: Bei Menschen hat sich die Gruppenselektion zusätz lich zur individuellen Selektion entwickeln können und – vermutlich – auch entwickeln müssen, weil Gruppen oder Stammesverbände im Konkurrenzkampf um Nahrungsmittel, vorteilhafte Lagerplätze und andere Ressourcen, für den Schutz des Nachwuchses und die Abwehr von Raubtieren und feindseligen Artgenossen weit bessere Überlebens chancen boten als ein solitäres Leben. Im Konkurrenzkampf hängt der Erfolg von Gruppen entscheidend von gelingender Kooperation ab. Ko operation erfordert jedoch, dass die Mitglieder ihre individuellen Inter essen zurückstellen und sich den Zielen und Regeln der eigenen Grup pe unterordnen: Altruismus, Konformität, Tapferkeit sind hier zentrale Tugenden. Hinsichtlich der Wirksamkeit ist davon auszugehen, dass egoistische Individuen altruistischen, Gruppen von Altruisten jedoch 53 zusammenfassung Gruppen von Egoisten überlegen sind. Die Geschichte der Menschheit entwickelte sich wegen der besseren Überlebenschancen durch und mit Gruppen, so dass die Gruppenselektion im Verlauf der menschlichen Entwicklung fortschreitend an Bedeutung gewann. Dennoch: Es be steht unvermeidlich ein Neben , In und Gegeneinander von egoisti schen und altruistischen Strebungen und zwar sowohl in den einzelnen Individuen als auch in den sozialen Verknüpfungen. Zweitens zu den biologischen Grundlagen der Kulturentwicklung. Das Leben der Menschen in Gruppen hat sich offensichtlich durchgesetzt, weil sie dem Menschen bessere Überlebenschancen bieten als das Leben als einzelner. Die Gruppe hat sich dann von einer Überlebensgemein schaft zu einem sozialen Lebensraum entwickelt, in dem Menschen all mählich die sie vor anderen Lebewesen auszeichnenden Merkmale und Fähigkeiten: Empathie und Gedankenlesen, Sprache, Gedächtnis, Den ken und moralisches Verhalten erwarben und durch den Einsatz dieser Fähigkeiten das entwickelten, das wir Kultur nennen. Kultur wird als Insgesamt aller von einer Gruppe oder einem größeren Sozialverband z. B. einer Gesellschaft und ihren Mitgliedern gestalteten typischen ma teriellen, sozialen, geistigen, künstlerischen und technischen Erfindun gen und Produkte verstanden. Da die Herstellung von Werkzeugen ebenso wie die soziale Gestaltung des Lebens mehr als eine Million Jah re in die Menschheitsgeschichte zurückverfolgt werden können, ist Kul tur in ihren einfachen Anfangsformen als der Anfang des Menschseins aufzufassen. Gruppe und Kultur sind eng aufeinander bezogen, interde pendent, gewissermaßen Bezeichnungen für zwei Perspektiven auf ei nen Gesamtzusammenhang. Suddendorf und Wilson sprechen von der Kultur als dem zweitem, dem sozialen Vererbungssystem, dem sie Vorteile in der weiteren Evolution des Menschen zuschreiben: Die Kultur als soziales Vererbungssystem er laubt einerseits eine sehr viel schnellere Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen als dies auf rein biologischem Wege möglich wäre. Andererseits beinhaltet die selbst produzierte Kultur auch ein gewisses Maß an selbständiger Steuerung der eigenen Entwicklung. Während Tierarten einschließlich der Menschenaffen ihre jeweilige Überlebensfähigkeit aus spezifischen, oft hochspezialisierten Fähigkei ten, z. B. Schnelligkeit, Stärke, Giften, Kälteresistenz von Fell und Haut, 54 der mensch Im kosmos des lebens besonderer Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane usw. gewinnen, entwickelt der Mensch seine Stärken als Generalist, d. h. durch Fähigkeiten und Qualifikationen, die universell einsetzbar sind: Sprache, Gedächtnis, Empathie, Denken, Teilhabe an der Kultur, Moral und – als koordinie rendes und strukturierendes Element das kollektive Selbstverständnis, auch Religion genannt. Die dargestellte Sonderstellung des Menschen ist ambivalent und schlägt sich auch in der Entwicklung seines Selbstverständnisses nie der, das vielerorts in einen Dominanzanspruch mit beliebiger Gestal tungsfreiheit einmündet, nicht ohne verheerende Folgeschäden und neuerdings hausgemachte Bedrohungsszenarien für sein eigenes Über leben zu produzieren. Die durch seine Fähigkeiten begründete Sonder stellung ändert – wie oben bereits dargestellt – nichts an seiner Einge bundenheit in die und seine Abhängigkeit von der Welt des Lebens; sie bietet ihm aber in seiner biologischen Ausstattung eigenständige Ge staltungspotenziale, um durch eigenes Handeln steuernd auf die Bio sphäre, die seine Lebensbedingung ist, einzuwirken. Chancen zu einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Gestaltung der Erde liegen in der Kombination aus zunehmender Bedeutung der Gruppenselektion, ihren altruistischen Effekten für die Kultur sowie der biologisch ange legten Formbarkeit des Menschen. Hat die Gruppenselektion auch ge sellschaftsübergreifend eine Chance? Eine Wende im Strudel der Be drohungsszenarien ist noch möglich, noch nicht ausgeschlossen. Aber die noch nutzbare Zeit wird, wie die Untersuchungen zur Nachhaltig keit zeigen, immer knapper. Welche Rolle werden Religionen in den Zu kunftsszenarien spielen? 55 3 Entstehung, Vielfalt und Funktionen von Religionen Im vorausgegangenen Text habe ich unter Bezug auf Suddendorf und Wilson die vorläufigen Ergebnisse der Evolution des Menschen darge stellt. Eine bedeutsame Zwischenstation auf dem Weg zu diesen außer ordentlichen Fähigkeiten ist die biologische Entwicklung der sozialen Natur des Menschen, die durch die zur Aufzucht der Kinder unerläss liche Empathieentfaltung (Bellah 2011) und das kooperative, arbeits teilige Zusammenleben in festen Lagern (Wilson 2014) eine intensive und nachhaltige Ausprägung erfuhr. Suddendorf und Wilson sprechen von der Kultur als dem zweiten, dem sozialen Vererbungssystem, dem sie Vorteile in der weiteren Evolution des Menschen zuschreiben: Die Kultur als soziales Vererbungssystem erlaubt einerseits eine sehr viel schnellere Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen als dies auf rein biologischem Wege möglich wäre. Andererseits beinhal tet die selbst produzierte Kultur auch ein gewisses Maß an selbständiger Steuerung der eigenen Entwicklung. Folgt man diesem Gedanken, dann sind die Inhalte der Kultur als von Menschen entwickelte Leitlinien für menschliches Leben und seine Entwicklung zu sehen: Menschen ent wickeln wichtige Leitlinien ihres Lebens und ihrer Entwicklung selbst im von der biologischen Ausstattung gesetzten Rahmen, an dessen Er weiterung sie mit der Entwicklung der Kultur selbst auch aktiv beteiligt sind. Es gibt also ein nur biologisches und ein – biologisch bedingtes – sozio kulturelles Steuerungssystem im Menschen. Letzteres könnte auch die Funktion eines Korrektivs der destruktiven Auswüchse der Konkurrenz sowohl unter Individuen als auch zwischen Gruppen über nehmen. Die beiden Steuerungssysteme können gravierende Folgen für menschliches Überleben oder Verschwinden bewirken, graduell oder bis zur totalen physischen Vernichtung. Ich werde damit verbundene Chancen in Kapitel 7 aufnehmen. 56 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Sind sozio kulturelle Steuerungssysteme bloße Sammelsurien von Ide en und praktischen Rezepten für das alltägliche Leben? Oder gibt es in ihnen eine Sinn deutende und deshalb strukturierende Verknüpfung? Es sind die Religionen, die das Menschsein in der Welt deuten und das gesammelte Wissen, die Erfahrungen und die Ideen von Personen und Gruppen zu einem zukunftsweisenden, inhaltlich mehr oder weniger stimmigen und sinnhaften Gefüge aus Erklärungen und Verhaltensregeln verbinden. Als mit den modernen Menschen die Religionen entstan den, gab es bereits die Kulturen der Jäger und Sammlergruppen, deren Elemente von dem sich entwickelnden Selbstverständnis der Gruppen durchdrungen und zu einem neuen Ganzen deutend umgeformt wur den. Man kann davon ausgehen, dass Religionen als deutende und ord nende Kräfte die Kulturelemente so stark durchdrangen, dass eine Un terscheidung beider: was ist Religion und was ist Kultur in zahlreichen Religionen/Kulturen über längere Zeiträume unmöglich war. Die fort schreitende Differenzierung und Spezialisierung menschlichen Den kens und Tuns führte schließlich dazu, dass sich immer mehr Erzeug nisse menschlichen Geistes außerhalb der Religionen entwickelten und zu einem im Einzelnen unterschiedlich bedeutsamen Aspekt der Kultur, d. h. des gesamten menschlichen Handelns und Denkens wurden. Wie Kapitel vier zeigen wird, musste religiöses Denken dem Zuwachs an Er fahrung und Wissen immer mehr weichen. Gegenwärtig bestehen so wohl säkulare als auch umfassend religiös bestimmte Kulturen und Ge sellschaften. In den Jäger und Sammlergruppen und den sich später entwickelnden Stammesverbänden und auch darüber hinaus waren es lange Zeit die insgesamt sehr zahlreichen Schöpfungsmythen und die mit ihnen ver knüpften Vorstellungen und Verhaltensregeln, die die Gruppen, Stam mesverbände, Gesellschaften oder Staaten gewissermaßen als rote Fä den durch die Lebenswelten führten und damit zu Wegweisern wurden. Häufig haben diese Wegweiser in das Überleben bedrohende Situati onen geführt, weil die Folgen eigener Zielsetzungen und Verhaltens weisen nicht oder zu spät erkannt wurden. Die Sicherung der Zukunft durch eigene Zielsetzungen und darauf abgestimmte Verhaltensweisen hat sich immer wieder als schwierig, weil unvorhersehbar und mehr deutig erwiesen und war häufig mit erheblichen Problemen behaftet. Dennoch bleibt die Aufgabe, Zukunft durch eigene Anstrengungen zu 57 skelette, knochen, werkzeuge, artefakte als auskunfteIen ermöglichen. Insofern könnte man diese Wegweiser auch als mehr oder weniger begründete Glaubensvorstellungen für gelingende Zukunftsge staltung sehen. Auch Max Weber (1964 [1921], S. 317) hebt die Zielorientierung und eine gewisse Rationalität von Religionen hervor, die eigene Lebenswelt posi tiv zu gestalten: „Religiös oder magisch motiviertes Handeln ist, in sei nem urwüchsigen Bestande, diesseitig ausgerichtet … ein mindestens relativ rationales Handeln: wenn auch nicht notwendig ein Handeln nach Mitteln und Zwecken, so doch nach Erfahrungsregeln …Das reli giöse oder »magische« Handeln oder Denken ist also gar nicht aus dem Kreise des alltäglichen Zweckhandelns auszusondern, zumal auch sei ne Zwecke selbst überwiegend ökonomische sind. Nur wir, vom Stand punkt unserer heutigen Naturanschauung aus, würden dabei objektiv »richtige« und »unrichtige« Kausalzurechnungen unterscheiden und die letzteren als irrational, das entsprechende Handeln als »Zauberei« ansehen können“. Was wissen wir über die Entstehung von Religionen und ihre Eigenart? 3 1 Skelette, Knochen, Werkzeuge, Artefakte als Auskunfteien Uralte Knochen und Skelette werden durch die methodisch gesicherte Erklärung und Interpretation der Paläontologen, Anthropologen, Bio logen und anderer Spezialisten zu erstaunlichen Auskunfteien über ihre früheren Besitzer/Eigner. Man ist immer wieder erstaunt, was alles die se ehrwürdigen Überreste früherer Menschen und Tiere über sich er zählen lassen, Alter, Geschlecht, Krankheiten, einige Lebensumstän de, Ernährungsstatus, Mangelernährung, Todesursachen und manches andere. Man könnte die Knochen, Skelette und auch andere ausgegra bene Gegenstände als Dateien mit bestimmtem, d. h. leider aber auch begrenztem Aussagegehalt betrachten; sie sagen uns leider wenig oder nichts, was ihre Inhaber zu Lebzeiten gedacht und gefühlt haben. Mit ei nem Alter von ca. 75.000 Jahren sind Höhlenmalereien in Südafrika die ältesten symbolischen Darstellungen. Die große Zeit der Höhlenmale rei, insbesondere in Südfrankreich und Nordspanien, begann ca. 35.000 Jahre vor heute. Mehr als 200 Höhlen zeigen viele Tierdarstellungen. Die ältesten figürlichen Darstellungen wurden in Höhlen in der Umge 58 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen bung von Blaubeuren in Baden Württemberg gefunden und werden auf die Zeit zwischen 35.000 und 40.000 Jahren vor heute datiert: die be rühmte Venus vom Hohle Fels, aber auch Darstellungen von Tieren und Mischwesen sowie beschädigte Flöten sind im Urgeschichtlichen Muse um in Blaubeuren neben anderen Funden zu sehen. Aber was bedeuten diese Darstellungen? In welche Gedankenkontexte gehören sie? Die weit auseinander gehenden Deutungen zeigen, dass dabei auch die Spezialis ten im Dunkeln tappen, es mehr Fragen als Antworten gibt. Das bislang älteste Bauwerk wurde am Göbekli Tepe in der südöstli chen Türkei entdeckt: eine riesige Tempelanlage, in den ältesten Schich ten ca. 11.500 Jahre alt. Halbreliefs, Skulpturen, Vollplastiken, Pfeiler u. a. zeigen, wie gut die Techniken der Steinbearbeitung bereits beherrscht wurden. Da eben diese Qualität von Architektur und künstlerischer Ge staltung nicht einfach so plötzlich von heute auf morgen da sein kann, muss dem Bau dieser Anlage eine beachtliche Periode des Lernens vor ausgegangen sein, die zusätzlich eine gewisse Dauerhaftigkeit von Sied lungen im Umfeld und die Freisetzung von Menschen für derartige Aufgaben vorausgesetzt haben. Wie lange, bleibt in jeder Hinsicht offen. Es gibt eben keine Anhaltspunkte. Aber auch zur Bedeutung der ural ten Monumente gibt es mehr Fragen als Antworten. Die Schrift wurde im vierten vorchristlichen Jahrtausend im alten Me sopotamien zur Dokumentation und Abwicklung des Warenhandels er funden, diente erst wesentlich später der Weitergabe religiöser Über lieferungen und der Gedankenwelt von Personen, Ereignissen und Kulturen. Man verließ sich wie gewohnt auf die mündliche Überliefe rung, in manchen religiösen Kontexten noch heute. Informationen über religiöse Vorstellungswelten aus früheren Zeiträumen liefern uns die äl teren Texte allenfalls andeutungsweise. Nachweislich alte archäologische Belege über die Gedankenwelt der Menschen von vor wenigstens einigen 10.000 Jahren, welcher Art auch immer, sind äußerst spärlich. Von Belegen über die Gedanken welt schriftloser Völker aus der Frühzeit von homo sapiens, homo ne andertalensis, homo erectus vor 200.000 Jahren oder noch früher kann keine Rede sein. Wie also können wir uns ein genaueres Bild von den damaligen Jäger und Sammlergruppen und ihren Vorstellungswelten machen? 59 dIe sozIalanthropologIsche lIteratur 3 2 Die sozialanthropologische Literatur: Eine Brücke zu den Religionen von Jäger- und Sammlergruppen Die Menschheitsgeschichte hatte in den unterschiedlichen Regionen der Erde überaus divergierende Verläufe. Während sich in einigen Re gionen, vorzugsweise in ausgedehnten, savannenartigen Flusstälern seit ca. 10.000 Jahren v. h. Hochkulturen zu entwickeln begannen, lebten insbesondere in riesigen Urwaldbereichen kleine Menschengruppen, so genannte Jäger und Sammlergruppen, auch einige größere Stammesge sellschaften weiterhin auf einem sehr einfachen Lebens und Kulturni veau, vielfach bis ins 18. Jahrhundert und in einigen Fällen bis in die Gegenwart. Dies konnte gelingen, weil diese Gruppen kaum Kontakte zu den entwickelten Kulturen hatten und ihre Siedlungsräume für die kolonialen Eroberer zunächst uninteressante Landstriche waren. Diese Gruppen zogen seit dem achtzehnten Jahrhundert viele Wissenschaft ler an, die die Lebens und Denkweise dieser schriftlosen Ethnien ana lysierten und beschrieben, um dadurch an überschaubaren Beispielen Aufschluss über die Funktionsweise von Gesellschaften zu gewinnen. Dem Wahrheitsgehalt der mit dieser Vorgehensweise verknüpften Hy pothese, diese Gesellschaften könnten über die Funktionsweise von Ge sellschaften generell Aufschluss geben, werde ich später nachgehen. In unserem Zusammenhang ist zunächst von Interesse, dass zum gegen wärtigen Zeitpunkt gleichzeitig, aber jeweils in unterschiedlichen phy sischen Kontexten einige Gesellschaften im Miniformat noch auf dem kulturellen Niveau der Steinzeit leben, andere auf modernstem Zivilisa tionsniveau, und wieder andere zwischen diesen Extremen zu lokalisie ren sind. Die sozialanthropologische Literatur kann deshalb als Brücke zur Gedankenwelt und Lebensweise schriftloser Völker, auch früher le bender Ethnien dienen. Selbstverständlich sind schriftlose Völker der Gegenwart nicht unmittelbar mit Jäger und Sammlergruppen gleichzusetzen, die vor 100.000 Jahren oder noch früher gelebt haben. Den noch kann man davon ausgehen, dass die Kultur und die Lebensweise einer schriftlosen Jäger und Sammlergruppe die Antwort auf die Her ausforderungen ihrer jeweiligen Umwelt darstellt. Auf dieser Grundlage ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Kenntnisse und unser Verständ nis schriftloser Gesellschaften, gewonnen in den vergangenen drei Jahr hunderten, nahe an hinsichtlich der Lebensweise und Umweltbedin gungen vergleichbare Gesellschaften längst vergangener Zeiten führen. 60 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Die sozialanthropologischen Untersuchungen berichten detailliert über die Schöpfungsgeschichten, religiöse Rituale, die Familienstrukturen, über Übergangsriten zu Geburt und Tod, die Initiationsriten für junge Männer und Frauen, die Bedeutung von Tieren, bestimmten Pflanzen, über Vorstellungen und Deutungen von Mond, Sonne, Sterne, Ahnen, Geister, die Funktionen von Schamanen und Zauberern und andere ört lich oder regional wichtige Themen. Solche im Einzelnen unterschied liche, aber von der Denkweise ähnliche Vorstellungswelten schriftloser Völker, in der Form von Geschichten mündlich überliefert, charakteri sieren ihr Selbstverständnis über die Grundfragen ihres Lebens, ihr Wo her und ihr Wohin. Sie sind Antworten auf die Herausforderungen ih rer Umwelt. Sie bieten nach ihrem Erfahrungs und Wissensstand sowie ihren materiellen, emotionalen und geistigen Bedürfnissen umfassende und ganzheitliche Orientierung, in der alles, was im Alltag vorkommt und beispielhaft soeben beschrieben wurde, seine Bedeutung zugewie sen bekommt und in der auch außergewöhnliche Ereignisse ihre Be deutung und Deutung erhalten. Sie sind der Schlüssel, um die Zukunft zu bewältigen. Sie sind als soziales Phänomen das, was man üblicher weise als Religion bezeichnet. Alle schriftlosen Völker dürften Religion im skizzierten Sinn irgendwann entwickelt haben. Denn alle brauch ten dringend Orientierung für ihre Zukunft. Aber seit wann hatten die se Gruppen Religionen, kollektive Selbstverständnisse, Welterklärungs formen oder wie immer man diese Wegweiser bezeichnen mag? Schon immer? Wohl kaum. Der Frage nach dem Wann ist wohl auch weniger wichtig als die Frage, wie und warum die Religionen entstanden sind. 3 3 Wie sind Religionen entstanden? Für die Beantwortung dieser Frage ist mit einer empirisch eindeutigen, weil belegbaren Antwort, wenn überhaupt, in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Auf welchen Belegen sollte sie denn aufbauen? Es bleibt des halb nur der Versuch, anhand der bekannten Daten und Fortschritte im abgelaufenen Entwicklungsprozess des Menschen die entscheiden de Phase zu rekonstruieren. In guter Gesellschaft mit anderen Autoren (Dawkins 1990, Bellah 2011, Wilson 2014) verorte ich die Entwicklung von Religionen in den komplexen und langwierigen Prozessen, in denen Menschen sich ihrer selbst, ihrer Artgenossen und ihrer Lebenswelt, ihres 61 wIe sInd relIgIonen entstanden? Lebens und ihres Todes, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft bewusst wurden und damit ein kollektives Selbstverständnis entwickelten: Religion. Die in der Evolution einzigartige Entwicklung des Menschen von ei ner geschichtslos und episodenhaft lebenden Kreatur zu einem selbst reflexiven Lebewesen mit Geschichte legt es nahe, eine Erklärung für die damit verbundenen, komplexen Prozesse nicht in einem plötzlichen Entwicklungssprung, sondern im Zusammenwirken mehrerer ineinan der greifender, sich wechselseitig beeinflussender und stimulierender Faktoren zu vermuten, z. B. in der Co emergence hypothesis (Frans de Waal, Robert N. Bellah) und/oder der Gen Kultur Koevolution (Wil son u. a.). Diese beiden Erklärungsansätze bearbeiten und akzentuieren den gleichen Grundgedanken entsprechend ihren Fachgebieten in un terschiedlicher Weise (vgl. auch Abschnitt 2.4.3). Vieles spricht dafür, dass die Fähigkeit zu reflexivem Denken sich zu sammen mit anderen Fähigkeiten unter wechselseitiger Beeinflussung entwickelt hat. Eine zentrale Rolle spielte offensichtlich die elterliche Sorge für die nachwachsenden Kinder. In ihr laufen mehrere Entwick lungen in wechselseitiger Stimulation zusammen und vermutlich, weil sich gegenseitig bedingend, parallel ab: das arbeitsteilige Zusammen leben in festen Lagern, empathische Zuwendung zu anderen Personen, die bewusste Wahrnehmung von sich selbst und den anderen Gruppen mitgliedern, die Erfahrung von Verbundenheit mit anderen Personen durch zunächst symbolische, später sprachliche Kommunikation, die Fähigkeit, Verknüpfungen zwischen unterschiedlichen Ereignissen zu erkennen, die Wahrnehmung von Zeitabläufen über den Augenblick hinaus, sei es die Erinnerung an Vergangenes oder besorgtes Grübeln über künftiges Leben. Alle diese Kapazitäten können nicht urplötzlich einfach „da“ gewesen, aufgetaucht sein; sie und ihre biologischen Vor aussetzungen im Gehirn dürften sich allmählich über lange Zeiträume entwickelt haben, ohne dass man diesen Prozess im Einzelnen nach zeichnen kann. Als sich diese Kapazitäten zu entwickeln beginnen, signalisieren sie, dass der Mensch die fraglose, selbstverständliche und augenblicksbezo gene Eingebundenheit in seine Umwelt zu verlassen im Begriff war. Je mehr der Mensch sich aus dieser fraglosen Eingebundenheit in die Um welt und ihrer Selbstverständlichkeit mental herausgelöst hat und ihr 62 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen mit einer gewissen Distanz als teilnehmender Beobachter gegenüberge treten ist, desto mehr muss dieser Bewusstwerdungsprozess, wie mehr fach in der Literatur beschrieben, bei ihm Ängste, Unsicherheit, Zu kunftsangst und Desorientierung ausgelöst haben, ihm als unheimlich und deshalb bedrohlich erschienen sein. Was ehedem in der ursprüng lichen, eigenen Lebenswelt vor der Entwicklung des Selbstbewusstseins selbstverständlich erschien, einfach von Situation zu Situation alltäg lich gegeben war, wurde nun im Zuge einsetzenden Selbstbewusstseins rätselhaft und erklärungsbedürftig, insbesondere in Bezug auf das eige ne Leben und den eigenen Tod, die Beziehungen zu den Gruppenmit gliedern, die mit denselben Erlebnissen konfrontiert waren, zur Umwelt und zum Überleben. Bisherige Tatsachen und Selbstverständlichkeiten werden zu Problemen. Durch Triebe und Instinkte sowie Erlerntes ge steuerte Verhaltensweisen reichten jetzt nicht mehr aus, hinterließen viele klärungsbedürftige Fragen und bedurften einer Sicherheit vermit telnden Ergänzung. Die unzureichende Steuerung durch Triebe, ange borene Verhaltensweisen und Erlerntes sowie die im Zuge des Bewusst werdens aufkommenden Gefühle der Unsicherheit und Bedrohung müssen Impulse ausgelöst haben, diese Mangelsituation zu beheben und durch die schrittweise Entwicklung von Kapazitäten (Gehirnfunk tionen) zu bewältigen. Solche Kapazitäten ermöglichen es Menschen, ihr eigenes Dasein selbst zu verstehen und zu deuten, in Beziehung zu setzen zu den Phänomenen ihrer natürlichen Umwelt und des Kos mos: Menschen entwickeln ein Selbstverständnis, ein Verständnis ih rer selbst in ihrer Lebenswelt. Einerseits tauschen Menschen auf diese Weise die qualvolle, nagende Unsicherheit für ein Stück individueller Sicherheit und Orientierung ein. Andererseits fühlen sie sich in Grup pen sicherer und erarbeiten einen verbindenden, Richtung weisenden sozialen Orientierungsrahmen für Verhaltensweisen, der die Konkur renz unter einander ordnet und allen Gruppenmitgliedern Überlebens chancen einräumt. Ich habe Bellah, Wilson, de Waal, Suddendorf und andere Forscher so verstanden, dass sich in den modernen Menschen allmählich in einem komplexen Wechselspiel von biologischen und kulturellen Prozessen diejenigen menschlichen Qualifikationen und Kapazitäten zusammen entwickelt haben, die die Sonderstellung des Menschen in der Natur ausmachen: Empathie, Kooperation, Sprache, Gedächtnis, reflexives Denken, Zeitempfinden und Kultur. Alle diese Kapazitäten können so 63 wIe sInd relIgIonen entstanden? wohl als Prozesse als auch als Produkte von Prozessen verstanden und wirksam werden. Im wechselseitigen Zusammenspiel dieser besonde ren Kapazitäten kann Religion als ordnende und Sinn deutende Kraft verstanden werden, die sich gleichzeitig mit den menschlichen Kapazi täten und durch sie entwickelt. Auch Religion ist demnach als fortlau fender Prozess des neu Verstehens und Ordnens und als Ergebnis von ordnenden Prozessen zu sehen. Religion ist in dieser Sichtweise ein zen traler Aspekt des Zusammenlebens; es geht darum, die Bedeutung und den Stellenwert alltäglicher individueller und gemeinschaftlicher Tätig keiten, von Prozessen und Gegebenheiten der Natur, der Umwelt und des Kosmos zu ergründen und als sinnvollen Zusammenhang zu verste hen und zu gestalten. Diese Rekonstruktion der Entstehung von Religi on passt in all das, was wir über die Geschichte der Religionen und der Menschheit wissen; sie weist die Entstehung von Religionen als notwen dige Folge der Evolution, aber dennoch als selbständiges soziales Pro dukt von Menschen aus. Die entwickelten Kapazitäten brauchten, um nicht im individualisti schen Konkurrenzkampf unter Individuen und unter Teilgruppen ihre für das Überleben wirksamen Effekte zu verlieren, ins Leere laufen zu lassen, eine ordnende Kraft, die Ordnung aus den alltäglichen Verstri ckungen auf eine außeralltägliche, nämlich übernatürliche Ebene hob und ihr damit gegenüber partikularistischen und individualistischen Sonderwegen die erforderliche Legitimation verschaffte. Religionen sind in dieser Sichtweise geistige Produkte von Menschen, die zukunftsorientierte Antworten auf die Herausforderungen ihrer Lebenswelt su chen. Die sozialanthropologischen Untersuchungen bestätigen ziemlich einhellig den sozialintegrativen Charakter der religiösen Vorstellungs welten in den untersuchten schriftlosen Ethnien (Durkheim, Radcliffe Brown, Mead, Malinowski, Evans Pritchard u. a.) bei gleichzeitiger Vor kodierung und sinnhafter Deutung des individuellen Lebenslaufs. Mit diesem Argumentationskontext stehe ich generell allen Versuchen, die die Entstehung der Religion auf eine einzelne Ursache, sei es ein au ßerordentliches Naturereignis wie z. B. den Ausbruch des Vulkans Toba (Rossano 2009) oder ein bestimmtes Gen zurückführen wollen, kri tisch gegenüber, schon einmal abgesehen von den geradezu abenteu erlichen Generalisierungen auf dürftiger Daten und Belegbasis wie im Text von Rossano. Eine – nicht ganz so – dürftige Belegbasis kann man 64 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen der von mir vorgestellten Rekonstruktion freilich auch vorwerfen. Al lerdings fühle ich mich mit meiner Verortung der Entstehung von Re ligionen im Kontext der Evolution und der Entwicklung des Menschen wie bereits erwähnt in guter Gesellschaft mit anderen Autoren: Die Evo lution selbst hat mit der Entwicklung des Gehirns und den damit ver bundenen menschlichen Fähigkeiten, zu denken und sich in Beziehung zur Umwelt zu setzen, eine erklärende, ordnende und sinnstiftende Kraft notwendig gemacht, geradezu herausgefordert. Wir nennen diese Kraft Religion oder umschreiben das damit Gemeinte mit anderen Be griffen: Kollektives Selbstverständnis, Seinsgefüge, Welterklärungsmo dell, Deutungssystem, freilich jeweils mit unterschiedlichen Konnota tionen … Die Evolution hat Menschen letztendlich durch die biokulturell veran lasste Erweiterung der Gehirnfunktionen in die Lage versetzt, die rela tiv geringe Ausstattung mit biologischen Automatismen durch koope rativ entwickelte, soziokulturelle Steuerungsinstrumente: Deutungen, Verhaltensregeln und Rituale für alltägliche Lebensvollzüge nicht nur auszugleichen, sondern zu flexibilisieren und reaktionsschneller zu ma chen. Die sozio kulturellen Steuerungsinstrumente stellen offensicht lich zusätzliche Verhaltenspotenziale bereit und können bei probleman gemessenem Einsatz die Überlebenschancen in Krisenphasen erweitern, schnell und flexibel. Mit den soziokulturellen Steuerungsinstrumenten übernimmt der Mensch selbst ein Stück weit eigenständig die Regie bei der Gestaltung der eigenen Lebenswelt durch geeignete Strategien und Handlungswege. Es handelt sich um biologisch induzierte Teilselbstän digkeit von den biologischen Zwängen. Religion umfasst beides, eine auf die Lebensverhältnisse bezogene, ganzheitliche Deutung des Menschseins in der Gruppe/Gesellschaft und im Kosmos und darin eingebettet die individuelle Sinngebung. Re ligionen sind in dieser Sichtweise geistige Produkte von Menschen, die die Fragen ihres Woher und Wohin klären, Bewusstseinsinhalte von Menschen ordnen und zu verbindlichen Orientierungsmustern ihrer Gruppen machen. Regelmäßig kommt es in solchen Prozessen der Re ligionsentwicklung zu einer Proklamierung von mächtigen Geistern, Dämonen, Gottheiten, Göttern, die als unantastbare, übernatürliche In stanzen die Deutungen, Verhaltensregeln und alltäglichen Rituale mit Autorität ausstatten. Fehlt der immanent begründeten Ordnung die er 65 wIe sInd relIgIonen entstanden? forderliche Legitimität und Verhaltenskontrolle? Ist die Erfindung von übernatürlichen Wesen der entscheidende Notnagel für Konformität und soziale Ordnung, die Bedingung, ohne die es nicht geht? Mit dieser Erhebung von Deutungen, Verhaltensregeln und Ritualen in übernatürliche Sphären erfolgt eine Sakralisierung all dessen, was die Lebenswelt der Gruppenmitglieder ausmacht: Gemeinschaftshand lungen von Ritualen zu typischen Lebensstationen (Geburt, Erwach senwerden, Heirat, Tod) bis zu Kriegserklärungen, und individuel le Verhaltensvorschriften aller Art. Soziales Fehlverhalten wird damit zu einem Verstoß, zu einer Auflehnung gegen die göttliche Ordnung. Gleichzeitig vollzieht sich mit dieser Sakralisierung eine Übertragung der Verantwortung insbesondere für außergewöhnliche Ereignisse auf diese übernatürlichen Kräfte. Das bedeutet: Für den alltäglichen sozi alen Routinebetrieb sorgen die allen Gruppenmitgliedern bekannten sakralen Verhaltensregeln und Rituale, außergewöhnliche Ereignisse werden dem Wirken der übernatürlichen Wesen zugeschrieben und bedürfen der Deutung durch ihre irdischen Interpreten: die religiösen Autoritäten. Die religiösen Autoritäten – Schamanen, Zauberer, Medi zinmänner, Mönche, Priester oder auch andere – verstehen sich als Be auftragte, als Kontaktpersonen oder gar Stellvertreter der gruppeneige nen übernatürlichen Wesen. Sie nehmen für sich in Anspruch, deren Willen zu vollziehen; sie reklamieren damit eine weitreichende Hand lungsvollmacht für sich, weisen Verantwortung aber den allmächtigen übernatürlichen Wesen zu und gewinnen damit weite Interpretations spielräume zur Erklärung, ohne selbst Unmut und Aggression auf sich zu ziehen – eine sehr häufig eingesetzte Strategie bis in die Gegenwart. Diese Verschiebung der Verantwortung für Probleme im Diesseits auf übernatürliche Wesen und die Verschiebung der Lösung im Diesseits unlösbarer Probleme in das Jenseits charakterisiert zahlreiche Religio nen; sie können als mehr oder weniger bewusstes Eingeständnis religi öser Autoritäten verstanden werden, soziale Gerechtigkeit und den an gemessenen Umgang mit Problemen in eigener Regie im Diesseits nicht bewirken zu können. Evolutionsbiologen würden die Ursachen für die se Unvermögen in den destruktiven Anteilen der Multi Level Selektion verorten. Ich werde noch auf diese Zusammenhänge zurückkommen (vgl. Abschnitt 7.1.5) 66 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Religionen waren generell bis in die Neuzeit umfassende Bezugsrah men zur Erklärung aller Ereignisse. Außergewöhnliche Naturereignisse waren stets Kristallisationspunkte religiöser Deutungen, z. B. als Strafe der Götter für menschliches Fehlverhalten. Im Alten Testament z. B. die 7 Plagen, die über Ägypten kommen; die Geschichte von Sodom und Gomorrha und im Neuen Testament z. B. die Naturereignisse um die Kreuzigung in den synoptischen Evangelien, weiter Stellen in der Apo kalypse des Johannes. Als Columbus 1492 auf seiner Fahrt nach „West indien“ Teneriffa passierte, wurden er und seine Mannschaft Zeugen eines Vulkanausbruchs des Pico del Teide, des mit 3718 m höchsten Ber ges Spaniens. Die Mannschaft schlotterte vor Angst, sah dies als böses Vorzeichen und war nur mühsam zur Weiterfahrt zu bringen … Bis in das 18. Jahrhundert hinein wurden im christlichen Europa extreme Naturereignisse religiös als Strafe Gottes gedeutet. Mit anderen Wor ten: Gott gilt als Gestalter der geschichtlichen Abläufe, eine je nach Ak zentsetzung mehr oder weniger deterministische Sichtweise. Auch in den religiösen Schriften anderer Religionen sind viele Beispiele für sol che Deutungen zu finden. Das verheerende Erdbeben um Lissabon 1755 führte indessen zu intensiven Diskursen unter den der Aufklärung zu gewandten Intellektuellen über die Ursachen der Katastrophe; es war einer der Ausgangspunkte, abseits des Theodizee Problems nach na türlichen Ursachen für das Erdbeben zu forschen. Das moderne Ge schichtsverständnis begann Gestalt zu gewinnen: Die Ereignisse auf der Erde werden nun teilweise als Ergebnisse natürlicher Prozesse angese hen und auf ihre Ursachen hin untersucht und teilweise als Ergebnisse menschlicher Handlungen betrachtet und analysiert. 3 4 Wann sind Religionen entstanden? Religionen sind also in den Jäger und Sammlergruppen als Wegweiser für alle diejenigen Probleme entstanden, die im Bewusstsein der Mitglieder auftauchten und einer Lösung bedurften; sie sind also als notwendige – oder genauer – Not wendende Phase der Evolution des Menschen zu verstehen. Aber wann sind Religionen entstanden? Trifft die vorausgegangene Rekonstruktion zu, dann ist in dem Zeitraum, in dem Menschen ein Bewusstsein ihrer selbst, ihrer Mitmenschen und ihrer Umwelt entwickelten, auch Religion entstanden. Aber wann war das? Wilson stellt einen Zusammenhang zwischen dem erwachenden 67 wann sInd relIgIonen entstanden? Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und der Entstehung von Reli gionen her. Da die frühesten nachgewiesenen Beerdigungen vor ca. 95.000 Jahren stattgefunden haben sollen, nennt er den Zeitraum von 100.000 bis 75.000 Jahren vor heute als wahrscheinliche Entstehungs phase der Religion. Auch andere Forscher sehen in Beerdigungen ei nen Hinweis auf rituelle Praktiken. Allerdings ist der Zeitpunkt der ers ten nachgewiesenen Bestattung wie so viele andere für die Evolution relevante Ereignisse ein reiner Zufallstreffer. Beerdigungen oder ande re auch rituelle Formen der Begehung von Todesfällen oder wesentli chen Lebensereignissen könnten auch schon sehr viel früher vollzogen worden sein. Die Fixierung der Religionsentstehung auf Beerdigungs riten scheint mir einseitig und deshalb willkürlich. Es könnten durch aus auch andere Ereignisse zu Ritualen Anlass gegeben haben, z. B. die in Jäger und Sammlergruppen üblichen Riten bei wichtigen Lebenssta tionen: Geburt, Übergang vom Mädchen zur Frau, vom Knaben zum Mann, Eheschließung, eben die Übergangsriten. Solche Rituale kennen wir aus den sozialanthropologischen Untersuchungen, aber auch von den noch überlebenden Jäger und Sammlergruppen. Der Mangel und die Zufälligkeit von archäologischen Funden mahnen dazu, sich nicht zu sehr auf die vorhandenen Funde zu fixieren, als wä ren diese schon der Weisheit letzter Schluss, und daraus Hypothesenge bäude zu konstruieren, die dann, schon allein weil es sie gibt, noch lange verteidigt werden, um einen Gesichtsverlust zu vermeiden. Wenn Men schen über viele Hunderttausend Jahre befestigte Lager bauen, mitein ander kommunizieren, arbeitsteilig, d. h. kooperativ ihr Leben organi sieren, hinreichend Empathie für ihre total hilflosen Kinder entwickeln sowie gemeinschaftlich große Wildtiere jagen konnten – dann bestand ja offensichtlich ein gewisses Kommunikations und Reflexionsniveau, in die Vergangenheit und in die Zukunft gerichtet. Es wäre also durch aus plausibel und es spricht meines Wissens nichts dagegen, dass Reli gionen oder Anfänge religiösen Denkens z. B. in der Form von Ritualen schon sehr viel früher entstanden sind. Religionen können durchaus Jä ger Sammler Gruppen deutlich vor den oben genannten Zeitangaben mit gemeinsamen Ritualen, d. h. der wechselseitigen Inszenierung und Versicherung gemeinschaftlicher Verbundenheit begonnen und erst all mählich differenzierte Ausformungen angenommen haben. 68 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Ich denke, die Festlegung der Entstehungszeit von Religionen ist ge genwärtig primär ein Feld für Spekulationen, freundlicher ausgedrückt: für mehr oder weniger begründete Hypothesen. Für den weiteren Ge dankengang spielt der Entstehungszeitpunkt von Religionen keine Rol le: Sie bestehen seit dem Zeitpunkt x und zwar zunächst anscheinend überall, wo Menschen in Gruppen leben. 3 5 Vielfalt der Religionen Während wir uns bei der Geschichte der Evolution ebenso wie bei der Stammesgeschichte des Menschen weit überwiegend mit spärlichen Fossilienfunden, verteilt über kaum vorstellbare Zeiträume, begnü gen müssen, mehren sich seit dem Bau der Tempelanlage von Göbekli Tepe die archäologischen Funde immer mehr. Zunächst handelt es sich um die Entdeckung von Siedlungen und Gebrauchsgegenständen. Im mer häufiger gestatten die archäologischen Funde erste Einblicke in die Götterglauben Religionen in den frühen, staatsähnlichen sozialen Kon texten. Später verdichten sich die Informationen durch archäologische Entdeckungen von Bauten, Gebrauchsgegenständen, Statuen u. a. sowie schriftliche Dokumente. Die sich entwickelnde Vielfalt der Religionen führte schließlich bis in die Gegenwart zu einem sehr breiten, kaum noch überschaubaren, ideenreichen Spektrum der Vorstellungswelten über das Menschsein. Zwar wurden zahlreiche indigene Völker in den vergangenen Jahrhun derten ausgelöscht, sei es durch eingeschleppte Krankheiten oder/und durch Mord. Einige konnten die unmittelbar lebensbedrohlichen Zu dringlichkeiten der mächtigen und entwickelten Staaten dennoch als soziale und religiöse Gemeinschaften überstehen, weil ihre Lebens grundlagen noch nicht der materiellen Gier der entwickelten Staaten anheimgefallen waren oder – Glück für die betroffenen Ethnien – eine wie auch immer geartete Ausbeutung nicht lohnenswert erscheinen las sen. Eher ausnahmsweise können indigene Völker ihre traditionelle Le bensweise fortsetzen, weil sie – unabhängig vom materiellen Wert ihrer Lebenswelt – von den Staaten, die diese Gebiete als ihr Hoheitsgebiet beanspruchen, respektiert und ihre Lebensräume wirksam unter Schutz gestellt werden. Wie schwer es indigene Völker nach wie vor haben, überhaupt zu überleben, sich der Gier der mächtigen Konzerne und ih 69 vIelfalt der relIgIonen rer Beschützer zu widersetzen oder gar in ihrem angestammten Lebens raum nach ihren Vorstellungen weiterleben zu können, veranschauli chen viele Berichte derer, die sich für die Lebens und Menschenrechte indigener Gruppen einsetzen. In Deutschland und weiteren neun Län dern sind dies beispielsweise die Gesellschaft für bedrohte Völker mit ihren regelmäßigen Rundbriefen und Hilfsaktionen sowie andere enga gierte Aktionsgruppen. Weltweit engagieren sich Amnesty Internatio nal, Abteilungen der UNO und andere Menschenrechtsorganisationen für indigene Völker. Mit dem Landraub der Kolonialmächte hat sich seit dem Ende des Mit telalters die Religionsszenerie in den betroffenen Ländern sehr weit reichend verändert. Viele der ehemals schriftlosen indigenen Völker konnten sich dem Anpassungsdruck der Kolonialmächte, der mit ih nen anbrandenden modernen Zivilisationen und der beiden folgenden Missionare nicht entziehen. Die Missionierungen waren häufig mit sehr erfinderisch lockenden Repressalien und unverhohlener Herrschafts ausübung verknüpft. So kam es z. B. unter dem Namen von christli chen Kirchen in Mexiko, den Andenländern, in zahlreichen afrikani schen Ländern, in Neuguinea mit seinen um die 900 Stämmen (!!!) zur Vermischung bodenständiger Überlieferungen und Rituale mit christ lichen Lehren, d. h. zu synkretistischen Religionsformen, die rational betrachtet als neue Religionsformen einzustufen sind, auch wenn sie von den „Mutterreligionen“ in Europa und den USA als christlich dar gestellt und vereinnahmt werden. Wie hätte die Entwicklung denn an ders laufen können? Auch wenn es bis in die Gegenwart oft – meistens erfolglos – versucht wurde: Es ist so gut wie ausgeschlossen, der jeweils bodenständigen Bevölkerung alle mit ihren alten Traditionen verbun denen Identitätsmerkmale zu entziehen und ihr eine neue, fremde Kul tur mit einer neuen Identität quasi durch Gehirnwäsche aufzupressen. In Peru, Bolivien und anderen Andenländern ist die Volksreligiosität als polytheistisch zu bezeichnen. Zum mit der Dreieinigkeitslehre oh nehin schwer vermittelbaren christlichen Monotheismus kommen ver breitet nach wie vor die Verehrung der Sonne, der Mutter Erde und der Herren Berge dazu – alle drei nachvollziehbar Leben bedingende und spendende Kräfte in der alten, jetzt christlich überformten Naturreligi on. Da von Monotheismus zu sprechen, ist eine Mogelpackung. 70 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Während im Vorderen Orient aufgrund der erfolgreichen Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht die Überzeugung reifen konnte, dass man die Natur beherrsche und sie in den eigenen Welterklärungen nur eine untergeordnete Bedeutung hat, haben in den Andenländern Missern ten, Dürreperioden, die exponierten Hochlagen der bewohnbaren Ge biete sowie Naturkatastrophen (Erdbeben) immer wieder neu die Ab hängigkeit der Menschen von der Natur deutlich in Erinnerung gerufen, auch wenn für manche der genannten Bedrohungen überlegte Vorsor ge getroffen wurde, z. B. in der Form sorgfältiger Vorratswirtschaft. Die Natur, hier repräsentiert durch Sonne = Wärme und Energie, Erde = Fruchtbarkeit und Berge (Gletscher) = Wasser, blieb deshalb der durch aus plausible Bezugsrahmen menschlichen Selbstverständnisses, teil weise bis heute. An eine weitgehende Ausklammerung der Natur aus dem menschlichen Bezugsrahmen und einen Rückzug des Menschen auf sich selbst, wie sich dies im Vorderen Orient und an anderen Or ten vollzog, war in der Zeit der Inka und danach nicht zu denken. Ge genwärtig erinnert die fortschreitende Wasserverknappung infolge des Klimawandels erneut an die Wasser spendenden Herren Berge (Hau ser 1959), die auch in Kathedralen der Andenländer in der künstleri schen Ausgestaltung in der Darstellung der Marienfiguren symbolisch präsent sind. In den meisten von Kolonialmächten und Eroberern heimgesuchten Ländern haben sich synkretistische Vorstellungswelten gebildet und durchgesetzt und zwar unter starkem Einfluss der mitimportierten, oft überlegenen Zivilisation. In den Kernländern von Islam, Hinduis mus und Buddhismus konnten die christlichen Missionsgesellschaf ten, wenn überhaupt, nur kleine Minderheiten an christliche Bekennt nisse binden, soweit nicht ohnehin kleine religiöse Minderheiten über Jahrhunderte überlebt hatten wie in Palästina, dem Zweistromland und Ägypten. Schriftliche Quellen entstehen, seit sich die Schrift als bevorzugte Über lieferungsform auch für religiöse und literarische Inhalte durchsetzte, also seit ca. 4.200 Jahren v. h. Gerade die wenigen wirklich alten Texte sind sehr wertvolle Quellen, weil sie häufig, wie die historisch kritische Forschung zeigen kann, weit ältere mündliche Überlieferungselemente erschließen und damit in die Zeit weit vor der Erfindung der Schrift hi neinreichen wie beispielsweise die Erzählungen vom Paradies und den 71 vIelfalt der relIgIonen Fluten. Archäologische Funde, religiöse Architektur und Kunstwer ke ergänzen und korrigieren manchmal Texte. Insgesamt steht uns ein reichhaltiges, nur noch schwer zu überblickendes ethnologisches, re ligionsgeschichtliches, sozialanthropologisches, religionssoziologisches, archäologisches usw. Material zur Verfügung. Vielfalt der Religionen bedeutet einerseits das Neben und Nachein ander zahlreicher unterschiedlicher Religionen. Wie im nächsten Ab schnitt genauer zu erklären sein wird, stellen die einzelnen Religio nen nur selten monolithische Blöcke dar, sondern weisen auch in sich selbst ein mehr oder weniger buntes Spektrum religiöser Ausrichtun gen auf, bedingt durch unterschiedliche Lebenslagen, die Persönlichkeit der Gläubigen, die jeweiligen Umweltbedingungen und – nicht zuletzt – durch Einflüsse anderer Religionen. Die aktuelle Situation zeigt sich widersprüchlich. Während in Euro pa die traditionellen christlichen Religionsgemeinschaften Mitglieder und Akzeptanz ihrer Lehren und Moralvorstellungen verlieren, gibt es zahllose kleinere religiöse Gruppen, oft fundamentale Variationen der christlichen Kirchen, die z. B. in Deutschland statistisch in der Kate gorie der Konfessionslosen – etwas mehr als ein Drittel der Bevölke rung – mitenthalten sind; sie signalisieren zusammen mit anderen Indi katoren, dass die Nachfrage nach Orientierung groß ist. Die politische Bedeutung der christlichen Kirchen in Europa befindet sich im Sink flug; ihr Einfluss auf politische Entscheidungen ist eher begrenzt, wenn man von den in säkularisierter Form auch in Gesetzen weiter wirken den christlichen Inhalten absieht. Immer wieder beschweren sich Poli tiker über Stellungnahmen der Kirchen zu politischen Fragen, die sie als Einmischungen zurückweisen; damit dokumentieren sie freilich ihr mangelndes Verständnis von Religionen, die mit ihrem Mensch – und Weltverständnis fast durchgängig einen allgemeinen Geltungsanspruch verbinden. Weltweit erleben die Revitalisierung von Religionen und der Zustrom zu ihnen einen beachtlichen Aufschwung. In den USA haben in den letzten Jahrzehnten die Zugehörigkeit zu einer meist christlichen Re ligionsgemeinschaft, der Glaube an einen Gott und der politische Ein fluss der Kirchen deutlich zugenommen: gegen die Evangelikalen ist in den USA zurzeit ein Wahlkampf nicht zu gewinnen. Der in einigen ara 72 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen bischen Ländern und darüber hinaus beheimatete fundamentalistische Islam entfaltet mit seinem generellen Geltungsanspruch eine enorme aggressive Dynamik zunächst innerhalb des Islam, mittlerweile aber auch nach außen in Afrika, Europa und eher selten in den USA. Afrika erlebt einen besonders starken Zustrom zu den Religionen. Insgesamt haben sich unter den vielfältigen Religionsgemeinschaften die großen einschließlich ihrer synkretistischen Varianten durchgesetzt: Christ liche Kirchen und Gruppierungen, islamische Religionsgemeinschaf ten, Buddhismus, Hinduismus. Das Judentum, quantitativ nicht mit den genannten vergleichbar, übt dennoch merklichen politischen Ein fluss aus. Zusätzlich bestehen zahlreiche andere Religionsgemeinschaf ten, mehr oder weniger selbstgenügsam. Über die Entwicklungen in Ja pan und China ist gegenwärtig nur schwer ein klares Bild zu gewinnen. Die Volksrepublik China betrachtet Religionsgemeinschaften und ihre Gläubigen, wenn sie sich Autoritäten bzw. Institutionen außerhalb Chi nas zuordnen, als illoyale Gesetzbrecher und geht gegen diese erbar mungslos vor, nicht nur gegen Tibeter und Uiguren, sondern auch ge gen die römisch katholische Kirche. Mit Ausnahme von Europa sind Religionen, traditionelle, ihre funda mentalistischen Ableger ebenso wie neu entstehende religiöse Gruppie rungen, weltweit im Aufwind, wie zahlreiche Veröffentlichungen zeigen. Darin äußert sich die Suche nach einem Orientierungsrahmen, nach Identität und nach Wegweisung in die Zukunft, eine Suche, die in einer Zeitepoche raschen Wandels und soziokultureller Umbrüche als nor male, ja notwendige Reaktion einzuschätzen ist. 3 6 Vielfalt der Religionen – Warum? Besonders auffällig ist, dass Menschengruppen, die zur Zeit ihrer Aus breitung über die Kontinente vor zwischen 100.000 bis 50.000 Jahren sehr wahrscheinlich einen zwar nicht gleichen aber doch ähnlichen Ent wicklungsstand aufwiesen, in der Folgezeit nach vielen Tausend Jahren sehr unterschiedliche Entwicklungsniveaus aufweisen. Einige Grup pen haben sich über Jahrtausende hinweg nur wenig verändert wie die erst kürzlich ausgerotteten und die noch existierenden Jäger Sammler gruppen. Andere haben sich schnell entwickelt und die gegenwärtig am weitesten fortgeschrittene Stufe im Sinne technisch wissenschaftlicher 73 vIelfalt der relIgIonen – warum? und wirtschaftlicher Entwicklung erreicht. Wieder andere wie islami sche Strömungen haben eine Hochkultur hervorgebracht und sind den noch wieder auf frühere Niveaus zurückgefallen, wo sie teilweise jetzt noch verharren, aber teilweise nach neuen Wegen suchen. Wir haben es also auf der Erde mit sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen von Gesellschaften zu tun, die von den ursprünglichen animistischen Jäger und Sammlergruppen bis zu hoch entwickelten Gesellschaften reichen – gleichzeitig. Einige Autoren verweisen darauf, dass sich Gruppen pri mär in savannenartigen Flussebenen insbesondere auf der Grundlage von Ackerbau und Viehzucht weiterentwickelt haben, während die in dichten Wäldern lebenden Gruppen weitgehend auf ihrem Entwick lungsstand verharrten. Es spricht vieles dafür, dass die genannten spe zifischen Rahmenbedingungen unterschiedliche Grenzen setzen oder Entwicklungsanreize bereitstellen. Mit „hoch entwickelt“ sind hier Gesellschaften mit einem hohen Grad sozialer Differenzierung und Arbeitsteilung, mit fortgeschrittener Wis senschaft und Technologie sowie hoher Produktivität gemeint. Häufig bieten solche Gesellschaften besonders komfortable Lebensbedingun gen für die Bevölkerungsmehrheit, ohne dass dies als ein Maßstab für individuelle Lebensfreude oder erfülltes Zusammenleben zu sehen ist. Jedenfalls haben so manche Forscher mit den Buschmännern in der Kalahari Wüste sehr menschenfreundliche und beglückende Erfah rungen gemacht. In Ladakh, laut Prokopf Dollareinkommen eine der ärmsten Regionen der Erde, leben viele zufriedene, in sich selbst ru hende Menschen, sicher relativ mehr als in den meisten Industriegesell schaften. Ich denke, die verbreitete Ausgeglichenheit und Zufriedenheit vieler Menschen in Ladakh und anderen von Buddhisten besiedelten Regionen haben sehr viel mit ihrer Religion zu tun. Und relative Armut ist, sofern die Lebensmittelversorgung wie in Ladakh mittlerweile eini germaßen gesichert werden kann, kein Hinderungsgrund für Zufrie denheit und Ausgeglichenheit, schon eher extreme soziale Ungleichheit. Festzustellen sind also sowohl unterschiedliche Religionen von Grup pen und Gesellschaften als auch unterschiedliche Entwicklungsstufen von Gesellschaften. Diese beiden Sachverhalte sind in gewisser Weise auf einander bezogen und spielen für Politik und Demokratiefähig keit sowie die Einstellung zur Umweltproblematik eine erhebliche Rolle. 74 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Man kann in der Religionsgeschichte feststellen, dass mehrere Grup pen/Gesellschaften bei ähnlichen Entwicklungsstufen auch bestimmte Ähnlichkeiten in ihrem religiösen Denken aufweisen. Bestimmten Le benswelten scheinen also auch ähnliche, erklärungsbedürftige Proble me eigen zu sein, auf die auch mit ähnlichen Deutungen und ähnlichen Typen von Verhaltensweisen reagiert wird. So lassen sich in Jäger und Sammlergruppen ziemlich durchgängig animistische Vorstellungswel ten feststellen, die jedoch von Gruppe zu Gruppe deutliche Unterschie de aufweisen. Animismus ist hier als übergreifender Begriff für eine be stimmte Erfassung und Deutung der natürlichen Umwelt zu verstehen. Auch bei ähnlichem bzw. gleichem Entwicklungsstand und ähnlichen Problemlagen bestehen wesentliche Spielräume für Wahrnehmung und Deutung der eigenen Existenz in der Lebensumwelt. Man kann den noch von einem engen Zusammenhang von Lebenswelt und Religion ausgehen, jedoch keineswegs von einem Automatismus oder von einer mehr oder weniger strikten Kausalität. Analoge Verhältnisse bestehen auch bei späteren Entwicklungsstufen: Es gibt gleiche/ähnliche Merkmale innerhalb einer Entwicklungsstufe (vgl. hierzu Bellah 2011). Als sich z. B. in mehreren Regionen der Erde Sicherung der Existenz durch planmäßigen Ackerbau und durch Do mestizierung von Haustieren herausgebildet hatte, war dies verbunden mit der Entstehung größerer Dauersiedlungen und Städte, Handel, ei genen politischen Institutionen, berufsmäßigen religiösen Funktionä ren, Heiligtümern und meistens polytheistischen Deutungsmustern. Letztere unterscheiden sich jedoch deutlich voneinander und sind übli cherweise mit unterschiedlichen Ritualen verknüpft. Wie bei den Jäger und Sammlergruppen gibt es also eine gleiche oder doch sehr ähnliche sozio ökonomische Ausgangslage und ein religiöses Deutungsgrund muster mit unterschiedlichen konkreten Differenzierungen. Paralle len in der Ausgangssituation und in den Deutungsmustern weisen auf vergleichbare Lebensgrundprobleme hin, deren Beantwortungsmuster ebenfalls ähnliche Merkmale erkennen lassen. Bei den Jäger und Sammlergruppen kann man aufgrund der relativ kleinen Mitgliederzahl und sehr ähnlicher Lebensbedingungen der Mitglieder davon ausgehen, dass es ein im Wesentlichen gemeinsames Bewusstsein jeweils in den einzelnen Gruppen gab und noch gibt. Die se Aussage kann man jedoch nicht auf die großen Gegenwartsgesell 75 vIelfalt der relIgIonen – warum? schaften mit ihren hochdifferenzierten Sozialstrukturen übertragen. In Verbindung mit der sozialen Differenzierung von Gesellschaften sind deshalb innerhalb der Gesellschaften unterschiedliche Lebenslagen und Lebenswelten entstanden. Anders ausgedrückt: Die erklärungs bedürftige Wirklichkeit umfasst je nach gesellschaftlichem Standort unterschiedliche Sets von lebensbestimmenden Merkmalen. Ein ein ziges zentrales Selbstverständnis, eine einzige Religion wird diesen un terschiedlichen Lebenswelten nur dann gerecht, wenn sie Freiräume für divergierende Alltagsinterpretationen des Selbstverständnisses so wie unterschiedliche Formen religiöser Praxis duldet oder bewusst in szeniert. Auch in weniger differenzierten Gesellschaften entwickelten sich entsprechend den Hauptlebenslagen bestimmte besondere Ausprä gungen religiöser Glaubensvorstellungen und religiöser Praxis inner halb einer Religion. Man spricht immer noch von Volksreligiosität, von bäuerlicher Religiosität und anderen spezifischen Ausformungen von Religiosität. Die Religiosität der Mönche war eine andere als die der Ge bildeten. Vielfalt von kollektivem Selbstverständnis entwickelt sich zu nehmend innerhalb von Glaubensgemeinschaften. Auch innerhalb von Lebenslagen waren und sind personenbezogene Unterschiede der Reli giosität häufig. Unterschiedliche alltägliche Lebenswelten produzieren auch unterschiedliche kollektive Selbstverständnisse, sicher mit erheb lichen Schwankungsspielräumen. Differenzierte, moderne Gesellschaf ten kommen mit dem traditionellen Muster: eine Gesellschaft = eine Religion schon längere Zeit nicht mehr aus. Sie stellen die Wahl der Re ligion im Rahmen einer für alle Bürger geltenden Ordnung frei und ver stehen sich als säkulare Gesellschaften: Pluralismus. Das bedeutet aber, dass die Wahl einer Religion nicht mehr von der Gesellschaft vorgege ben wird, sondern eine private, persönliche Angelegenheit, ein indivi duelles Rechtsgut wird. Diese Beschreibung führt zu zwei Problemkreisen, die in späteren Ka piteln behandelt werden sollen. Erstens: Bedenkt man den Anspruch von Religionsgemeinschaften, ihren Mitgliedern als Wegweiser Orien tierung für ihre Lebensführung zu bieten, dann ist nicht nur mit merkli chen Spannungen zwischen den Geltungsansprüchen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und der staatlichen Rechtsordnung zu rech nen. Die Zwangsprivatisierung von Religion passt nicht zu ihren um fassenden Gestaltungsansprüchen und trägt daher den Keim zu ihrer Überwindung in sich. In Kapitel 7.2.3 gehe ich genauer auf den Plura 76 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen lismus als Zukunftsmodell für Gesellschaften ein. Zweitens: Die fort schreitende Anhäufung von Wissen und die ebenso fortschreitende so ziale Differenzierung führen zu einer von Einzelnen und auch kleinen Gruppen nicht mehr überschaubaren Vielfalt und Komplexität von Le benswelten. Überschaubar bleiben nur noch Ausschnitte der Lebens welt, für die sich spezialisierte Deutungsansprüche und hoheiten be reits entwickelt haben und weiter entwickeln werden. Umfassende, wie früher auch das Überleben der Art Mensch berücksichtigende Deu tungen des Menschseins werden nicht ohne das Zusammenwirken al ler dann relevanter Deutungshoheiten möglich sein. Ob diese zustande kommen und sich auch durchsetzen können bleibt offen (vgl. Kap. 4.5). Unterschiedliche Lebensbedingungen führen zu unterschiedlichen Le benswelten. Vielfalt von Lebenswelten beinhaltet unterschiedliche He rausforderungen und ebenso unterschiedliche Antworten, zieht Viel falt von Religionen nach sich. Auf den ersten Blick erscheinen solche nach Zeit und Ort unterschiedlichen Herausforderungen als objekti ve Sachverhalte, die sie sein können. Tatsächlich unterliegen bestimm te herausfordernde Ereignisse immer auch nach Interessenlage diver gierenden Deutungen und Bewertungen und sind deshalb als objektive Gegebenheiten nur schwer auszumachen. Bereits im Alten Testament findet man in den Heils und Unheilspropheten beispielhaft derartige polarisierende Interpretationen, die sich – nicht immer polarisierend – durch die Geschichte bis in die Gegenwart ziehen. Meistens setzen sich die Deutungsmuster der herrschenden Eliten durch, die manchmal un ter dem Druck der Verhältnisse modifiziert bzw. nachgebessert werden. Eine gegenwärtig zentrale Herausforderung für die Erde sind die Um weltprobleme und ihre Bewältigung: Sind die anstehenden Probleme technokratisch innerhalb des kapitalistischen Systems zu lösen, wie die herrschenden Eliten meinen, oder nur durch einen umfassenden Sys temwandel unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, wie Intellek tuelle, Wissenschaftler, zivilgesellschaftliche Organisationen und einige prominente religiöse Autoritäten meinen? Ein und dieselbe Lebenswelt kann von unterschiedlichen Individuen und Gruppen auf jeweils andere Weise wahrgenommen, interpretiert und mit eigenen Ideen verknüpft werden. Die offensichtliche Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten und Bedürfnisse erweitert zusätzlich die Variationsbreite der Religionen in das fast Grenzenlose. Religio 77 vIelfalt der relIgIonen – warum? nen kommen den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen auch auf ihre Weise entgegen, indem sie jeweils unterschiedliche Ausschnit te der Lebenswirklichkeit fokussieren und andere ausblenden; nahezu alle praktizieren eine gewisse selektive Wahrnehmung und Gewichtung der Lebenswirklichkeit, bis hin zu offensichtlichen Realitätsverweige rungen. Vielfalt von Religionen ist also unvermeidlich, normal. In auf fallendem Gegensatz zu diesem Befund stehen die Selbsteinschätzun gen der meisten Religionen, die ihre Einzigartigkeit und häufig – noch einen Schritt weiter – Allgemeingültigkeit beanspruchen und das für alle Zukunft, als ob es die zahllosen anderen Religionen und den Wan del in der Geschichte nicht gäbe. Was folgt aus dieser Selbsteinschätzung? Die Antwort hängt von vielen einzelnen Faktoren ab und ist deshalb kaum in genereller Form mög lich. Eine typische Folge, die sich geschichtlich immer wieder ergeben hat und auch für den Kontext dieses Buches relevant ist, sei kurz be schrieben. Insbesondere autoritär hierarchisch geprägte Religions gemeinschaften verlieren immer wieder den Anschluss an die gesell schaftliche oder auch internationale Entwicklung, weil sie sich selbst an die „bewährten“ Lehren halten und ihre Mitglieder nach Kräften am Zugang zu neuen, verfügbaren Erfahrungen durch ausgeprägte Kont rolle mit der Androhung des Heilsentzugs hindern. Innerhalb von ge schlossenen Gesellschaften können sie damit erfolgreich sein, sie kön nen wie islamische Religionsgemeinschaften zu Beginn der Neuzeit aber von der internationalen Entwicklung abgehängt werden. Nicht we nige islamische Staaten befinden sich in dieser Zwickmühle zwischen blockierender Tradition und Moderne, weil die religiösen Autoritäten ein konsequentes Denken und Handeln in Ursache Wirkungszusam menhängen – ein Merkmal der Moderne – durch normative Vorgaben stark behindern, ihre Mitglieder in einem normativen Käfig blockieren: jedes Wert oder Vorurteil verhindert die Sicht auf Sachverhalte, Prob leme und Perspektiven. In pluralistischen Gesellschaften mit freier Re ligionswahl und damit eingeschränkten Kontrollchancen einer Religi onsgemeinschaft wächst die Distanz der Mitglieder, die sich nicht von neuen Erfahrungen und Ideen abhalten lassen, sich der Kontrolle ent ziehen, und es kommt wie in vielen Ländern Europas zu Austrittswellen und weitreichenden Funktionsverlusten der Religionsgemeinschaften. Für die Bewältigung der Umweltkrise könnte diese Situation Vorteile ergeben. Einerseits besteht die Chance zu mehr eigenständiger Verant 78 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen wortungsbereitschaft und zivilgesellschaftlicher Organisation der ehe maligen Kirchenmitglieder. Andererseits versuchen religiöse Autori täten neuerdings auf den Umweltzug aufzuspringen, erinnern sich an die Verantwortung für die Schöpfung, durchaus aus Überzeugung. Dar aus könnte sich auch für die in inhaltlicher Hinsicht kirchentreuen, ver bliebenen Mitglieder – nicht alle Kirchensteuerzahler – ein Impuls von oben zum Engagement in den vitalen Umweltfragen ergeben. Dies gilt deutlich mehr für die strikt hierarchische römisch katholische Kirche als die synodal organisierten protestantischen Religionsgemeinschaften, deren Mitglieder schon immer sehr frei in ihren Entscheidungen waren. 3 7 Religion: Einheit in der Vielfalt? 3 7 1 Eine Religionen übergreifende Definition? Unbestritten hat sich Max Weber sehr intensiv mit Religionen auseinan dergesetzt und ist dabei zu Aussagen gekommen, die nach fast hundert Jahren immer noch mehr oder weniger kontrovers diskutiert werden (Weber, 1964 [1921]). Bezeichnenderweise hat er eine allgemeine, um fassende Definition von Religion bewusst unterlassen und sich auf den ihm wichtigen Gesichtspunkt: Religion als eine bestimmte Art von Ge meinschaftshandeln beschränkt. Auch sonst hat er sich mit exakten be grifflichen Bestimmungen von komplexen Kollektiven zurückgehalten. Man kann in dieser bewussten Zurückhaltung die weise Einsicht ver muten, dass man die vielschichtigen, teils gegenläufigen Facetten sol cher komplexer Phänomene, wie es Gesellschaft und Religion nun eben sind, auf dem Wege der Definition nicht angemessen einfangen und re präsentieren kann. Bleiben wir bei Religion: Wie auch immer man Re ligion definiert, das Ergebnis wird Einseitigkeiten offenbaren und der soeben beschriebenen Vielfalt nicht gerecht werden können; oder es überschreitet den Charakter üblicher Definitionspraxis durch langat mige Aufzählungen. Definitionen von Religion verdeutlichen mehr die Sichtweise des Urhebers, seine Schwerpunktsetzungen, was er für un bedeutend, nicht berücksichtigenswert hält. Mit anderen Worten: die Begriffsbildung charakterisiert auch die Einstellung und Bewertung des Urhebers, nicht nur den zu definierenden Gegenstand. Das mag auch bei anderen Begriffsbildungen grundsätzlich zutreffen, tritt jedoch bei Religionen, die auffällig mit Emotionen und Werthaltungen aufgeladen 79 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? sind, besonders ins Blickfeld. Die vielschichtige Mannigfaltigkeit religi öser Aspekte lässt sich offensichtlich nicht ohne weiteres abstrahierend in einigen übergeordneten Merkmalen oder in einem Kategorienraster zusammenfassen. Zu unterschiedlich sind die Inhalte, die individuellen und sozialen Aspekte, ihre Gewichtung und Verknüpfung, die zusam men das Profil einer Religion bestimmen. Auch den Religionswissen schaftlern ist es bisher nicht gelungen, ihren Gegenstand eindeutig zu bestimmen und abzugrenzen. Dabei spielt wohl die unmittelbare Nähe von Religion und Religiösem zur jeweiligen Kultur einer Gruppe oder Gesellschaft und zur existenziellen Grundbefindlichkeit der ihr ange hörenden Menschen eine zentrale Rolle. Die Suche nach der eigenen Mitte, nach dem Woher und Wohin geht sowohl in sozialer als auch in individueller Hinsicht mit seinen vielgestaltigen Varianten divergieren de Wege und lässt sich auf der wissenschaftlich wünschbaren rationalen Ebene nur aspektweise abbilden. Das Ganze dessen, was Religionen ausmacht, ist auf rationalem Wege nicht zu erfassen. Mit der Untersu chung von komplexen Gesamtgebilden haben Sozialwissenschaftler seit jeher massive Probleme. Ich verzichte aus den genannten Gründen darauf, eine Definition von Religion zu präsentieren, die all das umfasst, was Religionen ausma chen kann. Wie bereits mehrfach angesprochen hebe ich einen meines Erachtens übergreifenden Aspekt von Religion hervor: Religionen be inhalten kollektive Selbstverständnisse, darauf bezogene Wertvorstel lungen und zukunftsorientierte Wegweisungen. Diese hochabstrak te Beschreibung bietet Raum für ein sehr breites Spektrum konkreter Ausprägungen und schließt darüber hinausgehende Merkmale bewusst nicht aus. Im vorausgegangenen Text standen Hintergründe für die Vielfalt von Religionen im Mittelpunkt. Der folgende Abschnitt soll die Vielfalt der Religionen in unterschiedlichen Dimensionen beispielhaft aufzeigen. 3 7 2 Religionsverständnisse Nähert man sich dem, was Religion meinen könnte, durch die Lektü re von Äußerungen und Begriffsbestimmungen von Theologen, Reli gionswissenschaftlern, Soziologen, Sozialanthropologen oder anderen Personen, dann dürften unterschiedliche Sichtweisen alle diejenigen in 80 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Enttäuschung und Verwirrung versetzen, die ein klares, einheitliches Ergebnis erwarten oder wenigstens erhoffen. Immerhin stammen diese Sichtweisen von Menschen, die sich sehr intensiv mit Religionen ausei nandergesetzt haben. Handelt es sich bei den unterschiedlichen Äuße rungen über Religion wirklich um ein und dieselbe Sache? Gibt es eine einheitliche Botschaft in der Vielheit der Religionen? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit fasse ich ähnliche Äußerungen in Typen zusammen, die ich nach den jeweiligen Schwerpunktsetzungen bilde. Wenn ich ähnliche Äußerungen zusammenfasse, nehme ich auf unterschiedliche Nuancierungen keine Rücksicht, reduziere ich bereits Vielfalt. Mit Schwerpunktsetzung meine ich, dass die Urheber von Be griffsbestimmungen bestimmte Merkmale von Religionen in den Mit telpunkt stellen und andere für weniger wichtig halten, aber auch nicht ablehnen. Auf diese weniger gewichteten Merkmale gehe ich hier nicht ein, reduziere also wieder Komplexität. Ich betreibe diese Typenbildung dennoch, um den Überblick zu erleichtern. Einige Autoren zielen auf das Wesen der Religion: „Religion ist das Er lebnis des Heiligen“ (Otto, Wach, ähnlich Mill u. a.). Nach dieser In haltsbestimmung handelt es sich bei Religion um eine persönliche Be ziehung zu etwas von höchster Bedeutung, eine Beziehung, in der subjektive Gefühle und Erfahrungen die zentrale Rolle spielen. Sozia le Gesichtspunkte spielen in diesem Verständnis zunächst keine Rol le, sind eher abgeleiteter Natur. Die Wissenschaften bleiben außen vor, denn zum Wesen der Religion können – und wollen – viele Wissen schaftler keine Aussage machen; sie schauen als Wissenschaftler von au ßen auf etwas, das nach Auffassung der Insider verstandesmäßig allein nicht zu verstehen ist; sie ziehen sich oft aus der Affäre, indem sie nur bestimmte Aspekte von Religion aufgreifen und zum eigentlichen Kern von Religion schweigen. Schließlich ist „Erleben“ eine höchst subjekti ve Angelegenheit, Wissenschaft (ler) jedoch der Objektivität verpflich tet, was immer das im Einzelfall heißt. Aber: Auch Gläubige welcher Art auch immer haben vom Wesen der Religion, von dem, was sie an Religi on zutiefst bewegt, höchst unterschiedliche Vorstellungen. Sozialanthropologen beziehen genau die gegenteilige Position und se hen Religionen als soziale Institutionen, als einigendes Band der Gesell schaft, das durch ein gemeinsames Selbstverständnis und regelmäßige 81 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? Rituale alle Mitglieder verbindet (Radcliffe Brown, Goode, Durkheim, Malinowski, u. a.) und soziale Ordnung schafft und ermöglicht. Die in dividuelle Komponente, das ureigentliche persönliche Berührtsein von Religion gibt es ja auch; es rückt hier jedoch in den Hintergrund. Wieder andere variieren die zuletzt genannte Sichtweise, betonen wie diese die integrative Funktion von Religionen, heben jedoch den rati onalen Charakter von Religionen hervor, die als Systeme der Erklärung und Deutung menschlichen Lebens Orientierung bieten, für Individuen und Gruppen bzw. Gesellschaften (Davis, Glock, Yinger). Die beson dere Hervorhebung des rationalen Elements schließt oft die besonde re Betonung von Ethik und Moral ein, so dass religiöse Praxis in erster Linie peinlich genaue Beachtung der moralischen Vorgaben und gege benenfalls der Rituale beinhaltet. Damit bleibt wenig Raum für Gefüh le und persönliche Erfahrungen von Transzendenz. Nicht zufällig sagt man protestantischen Kirchen, insbesondere den reformierten Kirchen nach dem Muster von Calvin und Zwingli mit ihrem Verzicht auf künst lerische Gestaltung der Kirchen und Musik eine gewisse Kälte und Ge fühlsarmut, ja eine Verbannung der Lebensfreude aus dem Glauben nach. In vielen Religionen, nicht nur, aber besonders in deren Versionen der Volksfrömmigkeit steht die Lösung lebenspraktischer Probleme im Vor dergrund. Geister, Dämonen und Götter sollen durch eigene Opfer und Leistungen dazu gebracht werden, bestimmte Wünsche zu erfüllen oder von bedrohlichen Aktionen abzulassen. In vielen Gesellschaften und ihren Religionen spielte z. B. die Beschaffung von Regen eine große Rol le und führte zu umfassenden zeremoniellen Anstrengungen. Die Op ferbereitschaft dabei reicht oft sehr, sehr weit und schließt (schloss) im mer wieder auch Menschenopfer ein. Generell waren Menschenopfer in den Entwicklungsstadien von Stammesgesellschaften und den fol genden Häuptlingsgesellschaften nahezu weltweit verbreitet. Es geht also um eine Art Tauschhandel der religiösen Gemeinschaft als ganzer oder auch bei einzelnen gläubigen Individuen: Ich gebe Dir, Gott, et was und Du gibst mir Mensch – gefälligst –, was ich mir wünsche. Für die eigene Leistung wird Gegenleistung eingefordert. Tritt die Erfüllung des individuellen Wunsches nicht ein, wird das Bild eines Heiligen, ei nes Gottes auch schon einmal angespuckt. Auf der sozialen Ebene kann das Ausbleiben der Wunscherfüllung z. B. des Regens durchaus zur In 82 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen fragestellung der Religion bzw. ihrer Repräsentanten führen und auch die soziale Ordnung bedrohen wie bei den Kulturen, die die vorspani sche Zeit im Gebiet des heutigen Mexiko prägten. Die übernatürlichen Ansprechpartner erscheinen dabei als eine Art besonders mächtiger Wesen, denen ansonsten menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten, positive wie auch negative, zugeschrieben werden. Man spricht von an thropomorphen Vorstellungen über die Welt der Geister, Gottheiten, Götter usw., Vorstellungen, die sich in mehr oder weniger großen An teilen durch sehr viele, wenn nicht gar alle Religionen ziehen. Seit uralten Zeiten gibt es auch Politiker, die Religionen als Mittel zur Gewährleistung sozialer Ordnung instrumentell einsetzen, weil diese die Bevölkerung ruhig halten (Ashoka, Ruskin und viele andere). Reli gion als Herrschaftstechnologie. Karl Marx hat das auch so gesehen, aber sehr bedauert, weil Religion die Bevölkerung nach seiner Meinung da ran hindert, das wahre Bewusstsein ihrer Lebenslage zu gewinnen und sich für ihre Interessen zu engagieren. Ganz falsch ist diese Behauptung ja nicht, aber eben wieder nur ein Aspekt. Eine genauere Analyse unterschiedlicher Religionen und Religionsver ständnisse könnte möglicherweise kleinere gemeinsame Schnittmen gen ergeben, um zu einem übergreifenden Religionsverständnis vor zustoßen. Doch was wäre damit gewonnen? Der Aussagewert solcher analytisch gewonnener Gemeinsamer Merkmale wäre gering, mögli cherweise würde er auch mehr Übereinstimmung vortäuschen als sie real besteht. Tatsächlich sind Religionen historisch gewachsene Ganz heiten. In ihnen haben einzelne Merkmale einen spezifischen Stellen wert, der sich, weil kontextbezogen der Verallgemeinerung regelmäßig entzieht. Nimmt man ein solches Merkmal aus dem Gesamtrahmen, so verliert es seinen Sitz im Leben, seinen durch den Gesamtrahmen be stimmten Sinn. Mit anderen Worten: Es ist kaum möglich, ein Merkmal einer Religion ohne Bedeutungsverlust bzw. verschiebung aus ihrem Kontext zu nehmen. Würde man dies dennoch tun, so sind auf diese Weise erzielte gemeinsame Merkmale unterschiedlicher Religionen ih res Sinns entfremdete, neue gedankliche Konstrukte und täuschen nur Gemeinsamkeit vor. Bleibt noch ein weiteres Problem: Aus dem Zu sammenhang gerissene einzelne gemeinsame Merkmale von Religio nen stellen zusammen ein Sammelsurium von sprachlich und symbo lisch ermittelten, im Sinn veränderten Merkmalen, keine neue Ganzheit 83 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? und schon gar nicht eine historisch gewachsene dar. Man kann aus ei ner solchen Analyse über Religionen viel lernen, ein übergreifendes, be lastbares Verständnis von Religion kommt nicht dabei heraus. Es bleibt die Erkenntnis der Religionsvielfalt. 3 7 3 Zur Wegweiserfunktion von Religionen Um die Vielfalt von Religionen nachvollziehen zu können, kommt man nicht darum herum, die Vielfalt von Formen und Grundlagen des Le bens und der Lebensumwelt und die Eigenart des Menschen, d. h. sei ne Todesängste, seine innere Zerrissenheit und seine damit verbundene Suche nach Sicherheit und Gewissheit einzubeziehen. An diese Erfah rung der inneren Widersprüchlichkeit menschlichen Seins knüpft Je remia an: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“ Und er fährt mit der Lösung fort, die er in der Ausrich tung des Lebens auf Gott sieht: „Ich, der Herr kann das Herz ergrün den“ (Jer. 17: 9f.). Im Kontext dieses Bibelverses geht es um die Ausrich tung des Lebens, um grundsätzliche und konkrete Orientierung, um Zukunft. Ähnlich Augustin (Confessiones): Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in der Ausrichtung auf Dich (inqietum est cor nostrum donec requiescat in te). Beide willkürlich aus der christlichen Traditi on ausgewählte Textstellen – es gäbe viele andere – stehen für inhaltlich vergleichbare in anderen Religionen und verdeutlichen Religionen bzw. ihre Gottheiten als Wegweiser, die Sicherheit und Gewissheit durch ein klares Bild des Menschseins in der Welt und darauf bezogene Verhal tensvorgaben geben. Es geht um Orientierung im gegenwärtigen und künftigen Leben, d. h. um die Bewältigung der Zukunft. In den voraus gegangenen Abschnitten war von dieser Wegweiserfunktion, die seit ih rer Entstehung und wegen der Ursachen ihrer Entstehung offensichtlich alle Religionen charakterisiert, bereits die Rede, auch wenn die gewie senen Wege aus den bereits erörterten Gründen vielfältige Variationen zeigen. Die Frage nach der Bewältigung von Gegenwart und Zukunft scheint mehr oder weniger allen Religionen eigen zu sein. Mit dieser Gemeinsamkeit aller (?) Religionen befindet man sich auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau, die konkreten Ausformungen sind vielge staltig. 84 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen In der öffentlichen Diskussion wird immer wieder auf gemeinsame Merkmale vieler Religionen hingewiesen, um einen Weg zur Beilegung von Konflikten und zu gemeinsamem Handeln zu eröffnen. Verbands artige Zusammenschlüsse von ähnlichen Religionsgemeinschaften wie z. B. die Evangelischen Kirchen in Deutschland EKD oder der Ökume nischen Rat der Kirchen sind zweifellos geeignete Maßnahmen, um Ge meinsamkeiten zu stärken, Trennendes zu vermindern und gemein sam im öffentlichen Raum Gehör zu finden. Funktionsfähig sind solche Zusammenschlüsse jedoch nur, wenn die beteiligten Mitglieder die je weils anderen respektieren und bereit sind, die Gemeinsamkeiten über die eigene Profilierung zu stellen. Dieses Handlungsmodell ist als Aus nahme zu werten; es bedarf der Erklärung, wenn es gelingt und wie es gelingt. Als allgemeines Modell der Konfliktlösung unter Religionen konnte sich das Modell gemeinsamer Verbände oder auch Foren bis her nicht durchsetzen. Viele Religionen gewinnen ihr eigenes, speziel les Profil, indem sie die Unterschiede zu den anderen Religionen beto nen, die einer solchen Zusammenarbeit im Wege stehen. Beispielsweise gibt es eine beachtliche Zahl römisch katholischer und protestantischer Theologen, die die theologischen Differenzen beider Konfessionen für überbrückbar halten, nicht jedoch die kirchenrechtlichen. Als soziale Gebilde mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Geltungsanspruch befinden sich die Religionsgemeinschaften mittlerweile im „Religions markt“ in einem existenziellen Wettbewerb untereinander, teils inner halb von pluralistischen Gesellschaften und teils international. Dieser Wettbewerb erzeugt Abstand und Misstrauen, begrenzt Vertrauen und produziert auch Konflikt. Abgrenzung und Konflikte, häufig auf Leben und Tod, ziehen sich durch die Religionsgeschichte bis in die Gegenwart und belasten die dringliche Gestaltung der Zukunft zwecks Überleben nachhaltig. Die Wegweiserfunktion in der Gruppe oder Gesellschaft wandelt sich in der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Wegweisern zur Legitimation grausiger Gemetzel (vgl. 5.3., 7.2). 3 7 4 Tod und soziale Ungerechtigkeit als verbreitete Themen von Religionen In vielen Religionen hat die Überzeugung zentrale Bedeutung, dass der Mensch erlösungsbedürftig ist. Diese Einschätzung beruht auf zwei weit – universell? – verbreiteten menschlichen Grundleiden, die sich aus der 85 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? Entwicklungsgeschichte des Menschen ergeben. Als der Mensch sich seiner selbst bewusst wurde, war er einerseits mit dem Bewusstsein des Todes konfrontiert. Diese Konfrontation mit dem physischen Tod, dass das Leben zu Ende geht, sprengt bis heute die Vorstellungskraft vieler Menschen. Dass mit dem Tod jegliches Leben, das eigene und das nahe stehender Personen, beendet sein soll, diese Vorstellung scheint für sehr viele Menschen unerträglich zu sein. Bei Tieren wird der Tod in den abrahamistischen Religionen – zusammen deutlich über die Hälf te der zurzeit lebenden Menschen – dagegen als selbstverständlich an gesehen, jedenfalls kaum darüber nachgedacht. Der Tod bzw. das wie auch immer geartete Weiterleben nach dem physischen Tod ist deshalb ein zentrales lösungsbedürftiges Anliegen. Deshalb haben viele Religi onen, unter ihnen die gegenwärtig zahlenmäßig dominierenden christ lichen Kirchen, islamische Glaubensgemeinschaften, Hinduismus und Buddhismus, auch das Judentum in jeweils unterschiedlichen Formen Vorstellungen über die Fortdauer des Lebens nach dem physischen Tod entwickelt. Als Generalnenner dieser Vorstellungen könnte die Erlö sung von der Vergänglichkeit in einer weiteren Existenz verstanden werden, jeweils verbunden mit ausgeprägten religionsspezifischen Dif ferenzierungen und Einbindungen. Die Betonung der Erlösungsbedürf tigkeit zielt hier darauf, verbreitete, nahezu universale menschliche Fra gen, Ängste und Bedürfnisse zu benennen. Auf diese Fragen haben die genannten Religionsgemeinschaften unterschiedliche Antworten ge geben, die ihre Eigenart ausmachen und hier ausdrücklich nicht ver wischt werden sollen. Ein bemerkenswerter Unterschied zwischen abra hamistsichen Religionen und fernöstlichen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus ist in ihrem Zeitverständnis zu sehen. Die abrahamis tischen Religionen folgen einem linearen Lebenszeitmodell, das mit der Geburt beginnt und den physischen Tod als Übergang in ein ewiges Le ben sieht. Hinduismus und Buddhismus sehen dagegen Leben als Kreis lauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt bis zur Erlösung von der Ver gänglichkeit, so sie denn erreicht wird. Andererseits haben sich Menschen in ihrer Entwicklungsgeschichte zu einem Zusammenleben in Gruppen zusammengefunden, um besser überleben zu können. Das Zusammenleben in Gruppen funktionier te nur durch Regeln. Die diesseitige Welt mit ihren Regeln wird, wie die diversen Dokumente zeigen, von einer weit überwältigenden Mehr heit der Menschen nicht nur als unvollkommen, sondern als zutiefst 86 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen ungerecht erfahren, weil die Regeln von ihrer Anlage her bestimmte Gruppenmitglieder besonders begünstigen bzw. andere benachteiligen und sich die Begünstigten auch weniger an die bestehenden Regeln hal ten. Das in der diesseitigen Welt erlittene Unrecht bedarf deshalb im Bewusstsein der Menschen einer grundlegenden Korrektur bzw. Kom pensation in der geglaubten jenseitigen Welt. Mit dieser Einschätzung rebellieren Gläubige vieler Religionen und mit ihnen beachtliche Teile der Menschheit offensichtlich gegen das – durchaus selbst erfahrene – Grundgesetz der Evolution und dessen Lebenswirklichkeit: Die Stärks ten überleben nicht nur individuell, sondern auch mit ihren Nach kommen: Ihr Erfolg zeigt sich auch daran, dass es Ihnen gelingt, die für sich selbst vorteilhaften Regeln in der Gruppe durchzusetzen. Re ligionen schaffen sich mit ihrer Vorstellung einer ewigen und gerech ten jenseitigen Welt ein Gegenmodell zum Evolutionsgesetz des Lebens, eine gerechte, ewige neue Welt, in der im Diesseits erlittenes Unrecht im Jenseits mit Belohnungen wieder gut gemacht wird. Belohnung der Aufrichtigen und Bestrafung von Übeltätern sowie Rache für zugefüg tes Leid sind also wesentliche, sehr menschliche Elemente der Paradies vorstellungen (letzteres nicht in Hinduismus und Buddhismus). Mit der Vorstellung des Paradieses (im Buddhismus: Eingehen in das Absolu te) bzw. einer Hölle verbindet sich für beide Grundleiden eine Befrei ung. Letztlich läuft diese Haltung auf eine umfassende Ablehnung der gegebenen Lebenswirklichkeit hinaus, die vor allem deshalb ertragen werden kann, weil es eine große Hoffnung auf ein ewiges, besseres Jen seits gibt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass das Lebensmodell der Evolutionstheorie, wäre es die einzige, Leben bestimmende Wahr heit, für viele Menschen eine unerträgliche, weil hoffnungslose Vorstel lung ist. Man kann diese Wirklichkeitseinschätzung von Religionen mit der Aufteilung in eine ungerechte, leidvolle, vergängliche diesseitige Welt und eine gerechte, freudvolle ewige jenseitige Welt auch als relativ frühe Einsicht verstehen, dass Menschen, Religionen und Gesellschaften das Ziel, selbst eine gerechte und freudenreiche irdische Welt zu schaffen, als unrealisierbar aufgegeben haben und dieses – unerreichbare – aber ersehnte Ziel deshalb ins Jenseits verlegen. Damit wird das diesseitige Leben einigermaßen erträglich und erhält für zwei Grundprobleme: Tod und soziale Ungerechtigkeit im Jenseits eine erstrebenswerte Lö sung. Offensichtlich reicht der Sanktionsdruck mit dem Ausschluss aus 87 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? den wie auch immer gearteten Paradiesen nicht aus, um die diesseitige Welt besser und gerechter zu machen, d. h. die Verlockung zu persönli chen Vorteilen durch fragwürdiges regelwidriges Verhalten zu vermei den. Die Drohung mit der Hölle scheint gerade einmal auszureichen, um Regelwidrigkeit soweit zu bremsen, dass Zusammenleben noch ei nigermaßen gelingt. Der Abschreckungseffekt der Höllen scheint nur begrenzte Wirkung zu entfalten, nicht alle Menschen zu erreichen; aber immerhin kann er leidlich geregelte Lebensverhältnisse bewirken, blo ßes Chaos verhindern, vielerorts, nicht überall und nicht unbedingt dauerhaft. Es liegt deshalb nahe, die Bereitschaft zur Glaubenstreue ein schließlich der damit eingeforderten Verhaltensweisen eher bei den we niger erfolgreichen Bevölkerungskreisen, in welcher Gesellschaft auch immer, zu vermuten. Warum sollten auch die im Diesseits Erfolgrei chen so viel Sehnsucht auf das Jenseits entwickeln? Ihre vom Erfolg ver wöhnte Lebensfreude übt auch weniger Druck auf sie aus, sich nach dem angeblich besseren Jenseits zu sehnen und die diesbezüglich ein geforderten Verhaltensweisen treu zu befolgen. Für die Erfolgreichen findet das Leben zuallererst einmal hier im Diesseits statt. Die Vertrös tung auf das Jenseits greift bei den Erfolgreichen deshalb weniger. Wel che Wirkung erzielt der Abschreckungsfaktor Hölle für das Verhalten der Erfolgreichen? Wären ohne ihn die Lebensverhältnisse noch weit chaotischer? Selbstverständlich gibt es Ausnahmen: Die reformierten christlichen Glaubensgemeinschaften lassen mit ihrer Prädestinations lehre gerade die Erfolgreichen in den Himmel kommen und spornen so zu rastloser innerweltlicher Arbeit und Askese an. Mittelbar kann die Aufteilung in eine schlechte und ungerechte dies seitige und eine gute gerechte jenseitige Welt auch als Bestätigung ver standen werden, dass die Regeln der Evolution, insbesondere die indivi dualistische Variante wirksam, bedrückend wirksam sind. Menschliche Anstrengungen sind zwar in der Lage, die Auswirkungen dieser Evolu tionsregeln durch die altruistischen Elemente aus der Gruppenselekti on in ihrer Härte zu reduzieren, sei es durch Maßnahmen im Hier und Jetzt oder durch die Konzentration auf die jenseitige Welt; sie vermö gen es allerdings nicht, diese Regeln der Evolution zu brechen, außer Kraft zu setzen. 88 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen 3 7 5 Erlösungswege Mit dem Tod erfolgt der Übergang von der diesseitigen Welt in die jen seitige, wenn die Bewährung im Diesseits erfolgreich bestanden wird. Gläubige können sich, indem sie die von den Religionen festgelegten Lehren verinnerlichen und die Verhaltensvorschriften einhalten, das er sehnte Jenseits erarbeiten. Man spricht dabei auch von Erlösungswe gen, die insgesamt Religionen übergreifend ein breites, schwer über schaubares Spektrum umfassen, aber auch innerhalb einer Religion mehrere Alternativen erlauben, die wiederum von der Art der gewähl ten Lebensführung abhängen. Mit anderen Worten etwas vereinfacht: Es gibt jeweils Erlösungswege für Menschen, bei denen Religion eine mehr oder weniger wichtige Dimension ihres Lebens ausmacht, ich nenne sie Erlösungswege für „Normalverbraucher“. Es gibt zudem Er lösungswege für Menschen, die ihren Glauben in den Mittelpunkt ih res Lebens stellen und all ihr Tun darauf ausrichten, weil sie sich nur mit dieser totalen Hingabe sicher fühlen, das Heilsziel zu erreichen. Ich nenne diese Menschen in Anlehnung an Max Weber „religiöse Virtu osen“, um das Außergewöhnliche ihrer Lebensführung hervorzuheben. Die Erlösungswege sind jeweils angepasst an die jeweiligen gesellschaft lichen Lebensbedingungen, was auch sonst? Sie sind als Reaktionen auf bestimmte historische Gegebenheiten, aber auch die persönlichen Le benslagen der Gläubigen zu verstehen und weisen deshalb zahlreiche Variationen auf. In vielen Religionen sind die Erlösungswege für Normalverbraucher ziemlich fest vorgegeben und unterliegen einer mehr oder weniger strengen Kontrolle: Dazu gehören z. B. in der römisch katholischen Kirche der Glaube an die kirchliche Lehre, der regelmäßige Besuch der Messe, die Teilnahme an den Sakramenten bzw. die Bitte um ihren Voll zug und die Einhaltung der kirchlichen Moralvorschriften. Erlösungs wege für „religiöse Virtuosen“ sind die mit Keuschheitsgelöbnis verbun denen Lebenswege als Priester in der Welt oder als Mönch/Nonne in der Abgeschiedenheit eines Klosters oder auch mit einer Aufgabe au ßerhalb. Das angestrebte Paradies kann erreicht werden durch eigenes normgerechtes Verhalten in Verbindung mit der Gnade Gottes für die Vergebung der – unvermeidlichen – Sünden. Die Erlösung ist immer an die Einbindung in den kirchlichen Vollzugskontext der Kirche ge bunden: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil (Extra ecclesiam salus 89 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? non est). Diese apodiktische kirchliche Doktrin erweist sich allerdings als janusköpfig: Zwar bindet sie einerseits die Gläubigen an die kirch liche Ordnung und Disziplin. Andererseits erlegt sie der Kirche auch die Verpflichtung auf, Seelsorge und Sakramentsvollzug um des Heils der Gläubigen willen zu garantieren. Die gegenwärtig laufenden orga nisatorischen Anpassungen an den offensichtlichen Priestermangel in Deutschland legen die Vermutung nahe, dass die verfasste Kirche ihre Verpflichtung nicht mehr wirklich erfüllen kann und für die Aufrecht erhaltung des Zölibats tatsächlich die Verwahrlosung der Seelsorge in Kauf nimmt. Was für eine Abwertung der Seelsorge steckt in dieser Pri oritätensetzung! Nicht in allen Religionen sind die Erlösungswege so klar definiert. Die evangelischen Kirchen übertragen ihren Gläubigen auf der Grundla ge des allgemeinen Priestertums der Gläubigen weitgehend die Verant wortung für ihren Erlösungsweg, der von den pastoralen Kirchenver tretern zwar begleitet, aber weder standardisiert ist noch kontrolliert und sanktioniert wird: der Gläubige tritt in Eigenverantwortung vor Gott. Die Synodenmitglieder (Kirchenparlamentarier) bestimmen als gewählte Repräsentanten der Gläubigen in den Kirchengemeinden den Rahmen für christliches, auf Erlösung ausgerichtetes Verhalten auf der Grundlage ihrer Auslegung der Bibel, die Richtschnur für die Gläubi gen und die Gemeinden ist. Die gewählten Kirchenführer übernehmen nur in begrenztem Umfang Kontrollfunktionen. Die Verantwortung für den eigenen Heilsweg bleibt beim Gläubigen. In den meisten Religionen spielen vorgegebene Verhaltensregeln eine zentrale Rolle. Wesentliche Unterschiede bestehen in der Ausgestaltung solcher Verhaltensregeln. Häufig stehen im Mittelpunkt primär die Teil nahme an bzw. die aktive Gestaltung von Ritualen und Riten sowie Ze remonien. Viele Religionen, z. B. die islamischen Religionsgemeinschaf ten als Gesetzesreligionen, schreiben ganz konkrete Verhaltensweisen für mehr oder weniger alle alltäglichen Lebensbereiche gestern, heu te und für immer vor und behindern damit zwangsläufig sozialen Wan del. Andere Religionen wie christliche Kirchen legen in ausgewählten Lebensbereichen konkrete Regeln fest und geben zusätzlich z. B. in der Form der Zehn Gebote einen generalisierten Verhaltenskodex für alle Verhaltensbereiche vor. Nahezu durchgängig gilt die Einhaltung der Verhaltensvorgaben der eigenen Glaubensgemeinschaft als Zugangs 90 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen bedingung zur jenseitigen Welt, oft in Verbindung mit dem göttlichen Gnadenerweis. Im Buddhismus stehen weniger konkrete Vorhaltensvorgaben, sondern in der Form des achtfachen Pfads Leitlinien für Verhalten im Mittel punkt (rechte Einsicht, rechter Entschluss, rechte Rede, rechtes Verhal ten, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Meditation). Der Heilsweg wird vom Gläubigen, gegebenenfalls mit Unterstützung eines Lehrers, vollzogen und zielt darauf, den Kreis lauf der Wiedergeburten, d. h. der Vergänglichkeit und des Vorläufigen zu verlassen und in das Absolute (Nirvana) einzugehen. Dabei steht im Mittelpunkt das Bemühen des Gläubigen, selbst oder mit Unterstützung eines Lehrers am Geländer der acht Tugenden den richtigen Weg zu fin den. Es handelt sich also um Selbsterlösung, im Mahayana Buddhismus erleichtert durch hilfreiche Bodhisatvas. Auch der Buddhismus kennt mehrere Variationen von Erlösungswegen. Im klassischen (Hinanyana) Buddhismus ist es z. B. in Myanmar und Thailand üblich, dass junge Männer für ein Jahr in ein Kloster gehen, sich also zeitlich befristet aus der Welt zurückziehen. Es gibt weiter die Möglichkeit einer Zweiteilung des Lebens, nämlich zuerst die mit dem Alltagsleben verbundenen Auf gaben in Familie und Gesellschaft zu erfüllen und danach weltflüchtig zu werden und durch Meditation dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Der Weg der Selbsterlösung vollzieht sich als geistig seeli scher Prozess der Loslösung aus den Verstrickungen in die Vergänglich keit (vgl. Lebensrad). Diese Loslösung stellt an den Gläubigen überaus hohe Ansprüche. Im tibetischen Buddhismus sind deshalb andere For men der Selbsterlösung verbreitet, die den geistig seelischen Prozess durch andere, durchaus strapaziöse Eigenleistungen ersetzen, gewisser maßen operationalisieren: durch Wallfahrten zu heiligen Stätten, reli giösen Festen, Umrunden des heiligen Berges Kailash, eventuell unter ausgesprochen strapaziösen Bedingungen, indem Pilger mit ihrem Kör per den Pilgerweg ausmessen, immerhin gut 40 km bergauf und bergab, über eine Höhe von 5600 m. Das Spektrum der gebotenen Verhaltens weisen reicht also von ganz präzisen, im Zeitablauf nahezu unveränder lichen Vorgaben bis zu allgemeinen Verhaltensleitlinien, die Gläubige dann im Einzelfall selbst oder mit ihrem Lehrer konkretisieren: Was be deutet denn rechte Einsicht, rechte Achtsamkeit und rechtes Verhalten in einer unklaren Situation oder einem Streitfall? 91 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? Besondere Verhältnisse entstehen bei Religionen, in denen die Prädes tination in einer der feststellbaren Versionen das Denken und Handeln der Gläubigen prägt, weil sie z. B. in calvinistisch bestimmten Formen einen schwer erträglichen Dauerbewährungsdruck zu rastloser Arbeit erzeugt, damit Gläubige ihre Erwählung durch Gott an ihrem berufli chen Erfolg erkennen können. Dieser Motivationsdruck zeigt fließende Übergänge zum religiösen Virtuosentum, insbesondere zur innerweltli chen Askese mit ihrer ambivalenten Haltung gegenüber der Welt: Einer seits wird die Welt als Versuchung abgelehnt, andererseits wird sie als Gottes Schöpfung erkannt und erfordert deshalb ihre verantwortungs volle Gestaltung. Zwei andere Formen des religiösen Virtuosentums gehen mit der Welt flucht einen Schritt weiter; sie lehnen die Welt als sündig und vom Heil wegführend ab. Die eine definiert das Leben in dieser Welt vollständig aus dem Blickwinkel des Jenseits und führt zu einem asketischen Le ben außerhalb des üblichen Alltags, aber mit häufig großen Spannun gen zur Welt. Die andere Form der Weltflucht äußert sich in mystischer Kontemplation, strebt danach, alle störenden Einflüsse der Welt auszu schalten auf der Suche nach der Versenkung im Göttlichen, der mysti schen Vereinigung (Unio mystica). Zuletzt sollen zwei Erlösungswege Erwähnung finden, die das ewige Heil konsequent von einem allmächtigen Gott oder Göttern und Geis tern erwarten und dabei die Eigenleistung als unbedeutend ansehen. Denn: Wer wie viele Religionen vom allmächtigen Gott spricht, begibt sich in einen Widerspruch, wenn er für sich selbst eine Eigenleistung zur Erreichung des Heils glaubt einbringen zu können und sich damit zu einem – zwar kleinen – Gegenüber von Gott modelliert. Für eine die ser Überzeugungen kann der von Grund auf verdorbene Mensch – so die Ausgangsprämisse – Erlösung nur durch bedingungslosen Glauben und ebensolches Gottvertrauen erlangen, indem er sich voll auf Gottes Gnade verlässt. Ist der bedingungslose Glaube nicht auch eine Leistung? Der zweite Erlösungsweg erwartet Heil von der priesterlichen Vermitt lung zwischen Gott und Mensch durch das Sakrament, das durch den korrekten Vollzug wirksam wird (ex opere operato) oder wie in Religio nen früherer Entwicklungsstufen oder modernen synkretistischen Ver sionen durch Vermittlung von Zauberern und Schamanen in der Form magischer oder auch anderer Praktiken. 92 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Die Erlösungswege umfassen also ein breites, hier nur beispielhaft an jüngeren Religionen beschriebenes Spektrum von Möglichkeiten, die von der vollständigen Hingabe an einen Gott bis zur kompletten Selbst erlösung reichen und teilweise immer noch uralte religiöse Vorstellun gen und Praktiken transportieren. Religion hat begonnen als Prozess der allmählichen Selbstwahrneh mung des Menschen, die sich schließlich in Auseinandersetzung mit den Lebensumwelten zu ersten Vorstellungen eines Selbstverständ nisses verdichtete, um Orientierung für Überleben sichernde Verhal tensweisen zu gewinnen: mental und real. Religion ist insofern beides: Prozess und – sich entwickelndes – Ergebnis dieses Prozesses. Als Pro zessergebnis beinhaltet Religion Antworten des Menschen auf sein Wo her und sein Wohin, Antworten, in denen sich die aktuellen Lebensbe dingungen und deren Reflexion, aber ebenso Merkmale menschlicher Eigenart spiegeln, und die die weitere Entwicklung bestimmen. Religionsgeschichte ist die Aufeinanderfolge menschlicher kollektiver Selbstverständnisse, die sich im Miteinander und Gegeneinander von Individuen, Gruppen und Gesellschaften herausbilden. Die gegenwär tige – durchaus verwirrende – Vielfalt von Religionen spiegelt unter schiedliche Impulspakete für die Entwicklung von kollektivem Selbst verständnis: Die Auseinandersetzung mit den höchst unterschiedlichen materiellen Lebensbedingungen von Steinzeitverhältnissen bis zu mo dernen Zivilisationen, unterschiedliche kulturelle Entwicklungsstufen und Traditionen sowie materielle, vielfältige emotionale und geistige menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte. Wenn man überhaupt von einem gemeinsamen Nenner von Religio nen sprechen will, so ist dieser auf einem hohen Abstraktionsniveau an gesiedelt: Er ist in der gruppenbezogenen Suche und Gewinnung des menschlichen Selbstverständnisses zu sehen, das auf der individuel len Ebene als geistig seelisches Zuhause und eine daraus erwachsende Lebensführung beschrieben werden kann. Suche vollzieht sich durch Fragen, die aus den gegenwärtigen und zukünftigen Lebensbedingun gen sowie den menschlichen Sehnsüchten erwachsen und sich deshalb ebenso unterscheiden wie die Antworten. Aber Antworten werden ge braucht, weil sie dem Leben die unerlässliche Orientierung geben, in dividuell und sozial. Und neue Probleme und Situationen haben bisher 93 zusammenfassung immer wieder auch neue Antworten und Wegweiser gefunden, die sich aber bewähren müssen: Bieten sie für die individuelle und soziale Le bensgestaltung gegenwärtig und für die Zukunft verlässliche Wegwei ser? Sind die Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften der Ge genwart verlässliche Wegweiser für die Zukunft? Wie viel Vielfalt der Religionen und ihrer Orientierungen kann sich die Menschheit leisten, wenn sie die sich abzeichnenden Zukunftsaufgaben bewältigen will? 3 8 Zusammenfassung Religionen sind entstanden, als sich Menschen ihrer selbst bewusst wurden und, um sich zurecht zu finden, Antworten auf die Herausfor derungen der Umwelt suchten. Religionen waren in ihrer Zielperspektive von Anfang an zukunftsbezogen; sie haben sich als Wegweiser in die Zukunft entwickelt – bis in die Gegenwart. Das hat die gegenwärtig zah lenmäßig vorherrschenden Religionen nicht daran gehindert, die Zu kunft ausschließlich mit ausdrücklichem Rückbezug auf weit zurück liegende Offenbarungen mitgestalten zu wollen. Dieser ausschließliche Zugang zur Zukunft kann sich mittel und langfristig kaum bewähren, weil er für das Überleben der Menschen bedeutsame Entwicklungen wie Reduktion der Biosphäre, Klimawandel und Umweltverseuchung, für die die Deutungshoheit schon geraume Zeit von den Naturwissen schaften übernommen wurde (vgl. Kap. 4.5), nur sehr zögerlich berück sichtigt. Die gefundenen Antworten in der Form einer erklärenden Sinndeu tung der wahrgenommenen lebenden und materiellen Teile der Welt in Verbindung mit Ritualen und Verhaltensregeln für Individuen und Gruppen übernehmen die Funktion als Wegweiser für die Zukunft, die das weitere Leben sowohl der einzelnen Menschen als auch der Grup pe als ganzer leiten und gewährleisten sollen. Regelmäßig werden diese Wegweiser mit übernatürlichen Kräften, Geistern, Wesenheiten, Göt tern in Verbindung gebracht und legitimiert. Menschsein heißt vom Be ginn des Sich Bewusst Werdens an, eingebunden zu sein in eine Grup pe, ihr Verständnis des Menschseins und ihre darauf bezogene Weg weisende Ordnung. Religionen kommt deshalb zentrale Bedeutung für die Gruppe und ihre Mitglieder zu. 94 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Betrachtet man Religionen als Antworten eines Sozialverbandes auf die Herausforderungen der jeweiligen Umwelt, so unterliegen sie nahe zu zwangsläufig aus unterschiedlichen Gründen Veränderungen, denn die Lebensumwelt ändert sich durch eigene Aktivitäten, durch natürli che Ereignisse und Prozesse sowie kosmische Einflüsse. Einerseits kön nen Religionen trotz eines beachtlichen Beharrungsvermögens nicht vermeiden, ihre Vorstellungswelt mit den sich ändernden Lebensbe dingungen kompatibel zu machen und wenigstens die gröbsten Wider sprüche zwischen eigener Welterklärung und neuen Erkenntnissen ir gendwie zu glätten, plausibel zu machen. Häufig geschieht dies durch Neuinterpretation oder Modifizierung umstrittener Aussagen. Ande rerseits kann gerade das Beharrungsvermögen religiöser Autoritäten zwecks Behauptung der eigenen Position darauf ausgerichtet sein, Ver änderungen durch Vervollkommnung der Kontrolle der Gläubigen zu verhindern. Dem Beharrungsvermögen zum Trotz haben sich Religi onen über die Jahrtausende immer wieder modifiziert und neu entwi ckelt, weil sich Teile der Lebenswelt veränderten und neue Wegweisun gen benötigt wurden. Gerade weil sich im kollektiven Selbstverständnis unterschiedliche Erfahrungen, Erkenntnisse und Lebensumwelten zu einem mehr oder weniger stimmigen Gesamtbild verdichten, ist die Vielfalt der Religionen eine normale und notwendige Entwicklung, die durch die Ideenvielfalt von einzelnen Personen und Deutungsspielräu men zusätzlich erweitert wird. Sowohl im Längsschnitt der Religionsge schichte als auch im Querschnitt einer Zeitepoche zeigt sich diese Viel falt. Auf hohem Abstraktionsniveau sind jedenfalls in den hinsichtlich der Mitgliederzahl großen Religionen ähnliche Themen/Fragen festzustel len, die in Versuchung führen könnten, von einer Einheit in der Vielheit zu sprechen: Religionen als zukunftsorientierte Welterklärungen, Tod, soziale Ungerechtigkeit, Erlösungswege, Transzendenzbezug als zentra le Themen. Die konkreten Antworten zu diesen Fragen fallen jedoch unterschiedlich aus. Es sind die Unterschiede, verbunden mit allge meinen und oft absoluten Geltungsansprüchen, die die Geschichte der Menschheit zu einer Kette religiöser, oft gewaltsamer Konflikte machen. 95 zusammenfassung Mit einigen Kernsätzen fasse ich meine Einschätzung von Religionen zusammen: • Leben besteht aus Veränderungen. Veränderung schafft neues Wis sen, neue Erfahrungen, neue Fähigkeiten, neue Situationen und neue Herausforderungen. Neue Situationen und Herausforderun gen brauchen neue Antworten, auch mit neuem Wissen. Heilsleh ren sind menschliche Geistesprodukte und als solche stets vorläufig. Offenbarung ist eine geschichtliche Erscheinung und unterliegt als solche der Veränderung. • Vielfalt von Religionen resultiert aus der Vielfalt der Lebensbedin gungen und der Lebenslagen, aus der Vielfalt von deren Deutung und Veränderung. Vielfalt von Religionen hat eine lange Tradition und ist auch in modernen komplexen Gesellschaften der Normal zustand. Religionen entstanden, modifizierten sich, verschwanden und entstehen auch wieder neu. • Religionen bestimmten, teilweise bis in die Gegenwart, maßgeblich die Regelsysteme des alltäglichen Lebens. Man kann deshalb zahl reiche Religionen als diejenigen Institutionen verstehen, die die al truistischen Verhaltensanteile der Gruppenselektion als Korrektiv der individuellen und kollektiven Egoismen zu ihrem Programm gemacht, im Laufe ihrer Geschichte verfestigt und zu Grundbe standteilen gesellschaftlicher Ordnungen gemacht haben. Als maßgebliche Kulturträger haben sie Architektur, bildende Küns te, Musik und Wissenschaften nachhaltig geprägt, aber mit ihren Wertsetzungen auch Denkprozesse kanalisiert. Jedes Wert oder Vorurteil verstellt die Sicht auf Sachverhalte, Probleme und Pers pektiven. • Als Erklärungen des Menschseins in der Welt umfassen Religio nen Wertsetzungen mit nicht mehr hinterfragbaren Überzeugun gen/Axiomen. Religionen fordern damit – unvermeidlich – mehr oder weniger Opfer des Intellekts, d. h. das Hintanstellen von all täglichen Erfahrungen ebenso wie von rationalen Überlegungen zugunsten nicht mehr hinterfragbarer Überzeugungen/Axiome. Religionen geraten zwar nahezu zwangsläufig in einen Zwiespalt zwischen Sinnbezug einerseits und Alltagserfahrung bzw. Rationa lität andererseits. Diese Diskrepanz mag zwar in Einzelfällen im mer wieder auflösbar sein, grundsätzlich kann man ihr nicht ent gehen. Die Wirklichkeit bleibt voller Widersprüche, rationales 96 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Denken ein zu enger Bezugsrahmen. Gerade deshalb besteht die besondere Leistung der Religionen darin, die unterschiedlichen Di mensionen des Lebens im Blick zu behalten und in einem mög lichst stimmigen Gesamtbild zusammenzuführen. • Die Vielfalt der Religionen ist eine Tatsache und als solche plausi bel, sie steht in einem merkwürdigen Widerspruch zum allgemei nen Geltungsanspruch der meisten Religionsgemeinschaften. • Die Vielfalt der Religionen, ihre Geltungsansprüche und das da raus erwachsende Konfliktpotenzial stellen schwer überwindbare Hindernisse dar, wenn, wie bei den Umweltproblemen, existenziel le globale Probleme gemeinsam bewältigt werden müssen: Gibt es einen gemeinsamen Bezugspunkt, der die Zurückstellung von Kon flikten einerseits und andererseits die gemeinsame Anstrengung für die Erhaltung der Lebensbedingungen aller ermöglicht? Dieser ge meinsame Bezugspunkt kann die Achtung vor dem Leben sein. 97 4 Die Beziehung des Menschen zu Biosphäre und weiterer Umwelt in der Religionsgeschichte 4 1 Drei Entwicklungsphasen in der Religionsgeschichte im Überblick In diesem Abschnitt sollen drei markante Entwicklungsphasen der Be ziehung des Menschen zur Biosphäre und der weiteren Umwelt im Ver lauf der Religionsgeschichte herausgearbeitet werden. Dabei stehen die Religionsgemeinschaften des abrahamistischen Traditionsstroms und in ihm die jüdischen und christlichen Religionsgemeinschaften im Mit telpunkt, aus denen sich die moderne Zivilisation in Europa und Ame rika entwickelt hat. Es geht mir also um einen kleinen, aber sehr bedeut samen Ausschnitt aus der Religionsgeschichte. Religionsgeschichte war und ist bis in die Gegenwart zugleich Kulturgeschichte, weil es in dem bisherigen geschichtlich dokumentierten Zeitraum kaum Phasen gab, die nicht in enger Beziehung und Verflechtung mit der jeweiligen Re ligion einer Gesellschaft standen: Menschliches Selbstverständnis weist die Richtung. Die zu markierenden Veränderungen haben direkt und/ oder mittelbar die weitere Entwicklung vieler Religionen, ihres Verhält nisses zur Biosphäre und zur materiellen Umwelt nach sich gezogen. Die erste Entwicklungsphase beginnt mit dem Entstehen von Religio nen. Inhaltlich handelt es sich in dieser Phase um allumfassende my thologische Deutungen menschlichen Seins im Kontext der gesamten jeweils bekannten Biosphäre und der materiellen Umwelt. Der Mensch sah sich als Teil der Biosphäre und war sich seiner Abhängigkeit von ihr wohl bewusst. Um bedeutsame, mächtige Geister bzw. übernatürliche Wesenheiten wohlgesonnen zu stimmen, waren Menschen zu außeror dentlichen Leistungen bis hin zu Menschenopfern bereit. Respekt und Angst vor der Natur prägte die Menschen damals. Konkret handelt es sich um die Regionen der Erde, in denen Jäger und Sammlergruppen von dem überlebten, was sie an Früchten einsammelten und an Tieren erjagen konnten: Ein Leben von der Hand in den Mund. Man spricht bei dieser Deutungsform menschlichen Lebens auch von Naturreligi 98 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte onen, die ein breites Spektrum umfassen, aber auch deutlich über das Jäger/Sammlerleben hinausgingen und größere Sozialverbände umfas sen konnten. Diese Deutungsformen haben bei den wenigen verbliebe nen, zahlenmäßig kleinen schriftlosen Ethnien abseits von den großen kulturellen Entwicklungen besonders in den Regenwäldern bis in die Gegenwart überdauert, spielen jedoch auf der großen Weltbühne keine nennenswerte Rolle. Die betroffenen Ethnien befinden sich mit ihren Lebensformen gegen die ökonomischen und politischen Begehrlich keiten in einem überaus schwierigen, fast hoffnungslosen Überlebens kampf. Dennoch: Die Einsicht, nach besten Kräften die Biosphäre, ihre Artenvielfalt und die weitere Umwelt als eigene Lebensgrundlage zu be greifen, kann, auch wenn dies nicht immer gelang, nach allem, was wir von der Evolution wissen, als die beste Art verstanden werden, das eige ne Überleben zu sichern – damals und gegenwärtig. Die zweite Entwicklungsphase beginnt mit den überaus erfolgreichen Versuchen, die überlebenswichtigen Nahrungsmittel durch systema tische Landwirtschaft: Ackerbau und Haustierzucht unter die eige ne Kontrolle zu bringen. Dieser „Sieg“ über die bislang unberechen bar erscheinende Natur ließ den Respekt vor der Natur verkümmern und auf bescheidene Reste zusammenschmelzen. Die Natur wird ent mythologisiert. Ein Überlegenheitsgefühl verbreitete sich. Mit der Ent wicklung der Landwirtschaft vollzog sich eine explosionsartige Ent faltung von Kultur und Technologie – mit gewissen Unterbrechungen und Rückschlägen bis heute. Überlegenheitsgefühl und rasante Kul turentwicklung schlugen sich in einem Selbstverständnis nieder, das zwar an der allumfassenden Deutung menschlichen Seins festhielt, das aber den Menschen in den Mittelpunkt rückte und die nicht mensch liche Biosphäre zur Randerscheinung degradierte, für die der Mensch zu sorgen hatte. Die anthropozentrische Prägung charakterisiert das Selbstverständnis vieler Landwirtschaft betreibender Gesellschaften, unter ihnen die Religionsgemeinschaften des abrahamistischen Tradi tionsstroms. Einige Bausteine früher mündlicher Überlieferung, wahr scheinlich aus der Zeit von etwa 8000 bsi 7000 v. h., z. B. die Erzählung von der Sintflut und der Vertreibung aus dem Paradies wurden später in unterschiedlichen Religionen des Vorderen Orients aufgenommen (vgl. Einleitung, Buchner & Buchner 2005). Das anthropozentrische Selbst verständnis prägt nach wie vor die mitgliederstarken Religionsgemein 99 dreI entwIcklungsphasen In der relIgIonsgeschIchte Im überblIck schaften der Gegenwart trotz aller Korrekturversuche und beherrscht die säkularisierten Lebensbereiche. Der Buddhismus teilt mit den abrahamistischen Religionen die anth ropozentrische Ausrichtung, und zwar in einer ausgeprägt individua listischen Zuspitzung, aber doch in einem ökologischen Kontext: er be trachtet den Menschen als Teil der zu respektierenden Biosphäre, was sich u. a. in einem Tötungsverbot für Tiere äußert. Im buddhistischen Kontext hat die Achtung vor dem Leben zentrale Bedeutung. Auf die damit verbundenen Optionen gehe ich später ein. Die dritte Entwicklungsphase entwickelt sich zur Epoche der Wissen schaften. In den westlichen Ländern wird den Religionsgemeinschaften die alleinige Deutungshoheit menschlicher Existenz abgesprochen. Die Wissenschaften und andere Institutionen beanspruchen für ihre Zu ständigkeitsbereiche die eigene Deutungshoheit. Modernes Selbstver ständnis muss sich deshalb aus dem Zusammenwirken der Deutungs hoheiten entwickeln. Diese Entwicklungsphase setzt mit der Abkehr vom ptolemäischen Weltbild und der Hinwendung zum heliozent rischen Weltbild ein; sie erfährt wesentliche Impulse von den islami schen Wissenschaften und entwickelt sich im Zeitalter der Aufklärung mit einem rational-empirischen Welt- und Menschenverständnis in den Ländern des lateinischen Christentums rasant weiter. Mit der rational empirischen Methodik der Welterfassung gewinnen die theoretischen und angewandten Wissenschaften sprunghaft an Bedeutung und bean spruchen fortschreitend die Deutungshoheit für ihre jeweiligen Fach gebiete für sich. Die christlichen Religionsgemeinschaften verlieren aus dem Blickwinkel von Bürgern und Staat zunehmend die Zuständigkeit für eine allumfassende und allgemein verbindliche Deutung mensch lichen Seins und werden auf die Zuständigkeit für das Übernatürliche reduziert. In den vergangenen fünf Jahrzehnten haben unterschiedli che Wissenschaftsdisziplinen eine Art Wächterfunktion übernommen und weisen auf dem Hintergrund ihres Wissens auf die vielfältigen Be drohungen der Lebensbedingungen hin und geben Empfehlungen zur Abhilfe und Problembewältigung. Dabei gerät – zusätzlich zu anderen Bedrohungsszenarien wie z. B. der Klimaerwärmung – das seit dem Un tergang der Dinosaurier größte Artensterben immer mehr in den Fokus. Werden einschlägige Wissenschaften in der Lage sein, den Respekt vor der Natur, die Achtung vor dem Leben in unser Selbstverständnis zu 100 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte rückzubringen? Werden Religionsgemeinschaften die erforderliche Tat kraft aufbringen, die heilsgeschichtliche Verantwortung für die Bewah rung der Schöpfung bei ihren Gläubigen verhaltenswirksam wach zu rütteln? Kann in der jetzigen dritten Entwicklungsphase die Rückge winnung des Respekts gegenüber dem Leben im Selbstverständnis des Menschen zum Programm werden? 4 2 Die Natur als Bezugsrahmen menschlichen Selbstverständnisses Die Darstellung in Kapitel 3 erlaubt es mir, die an dieser Stelle wichtigen Inhalte kurz zu fassen. Für die Religionen der Jäger und Sammler sowie der ihnen folgenden größeren Gemeinschaften der Stammesverbände ist es charakteristisch, dass sie alle Ereignisse, sowohl die alltäglichen als auch die außergewöhnlichen, im Rahmen ihrer sei es animistischen sei es von Naturgottheiten geprägten Vorstellungswelt verstehen, deu ten und mit ihrer Meinung nach angemessenen Reaktionen beantwor ten. Diese ganzheitlich umfassende Deutung der Lebenswelt im Rah men der belebten und materiellen Natur spielt die zentrale Rolle. Für unser Verständnis dieser animistischen Vorstellungswelt ist es ohne Be deutung, in welchem Ausmaß diese Vorstellungswelt auf nach „wissen schaftlicher“ Einschätzung richtigen Beurteilungen beruht. Es kommt vielmehr darauf an, die von den Betroffenen nach dem Stande ihres Wissens, ihrer Bedürfnisse, Ängste und ihrer Erfahrungen vollzogenen Zuordnungen, Deutungen und die daraus abgeleiteten Folgerungen für das eigene Verhalten nachzuvollziehen. In dieser allumfassenden ani mistischen bzw. naturalistischen Vorstellungswelt kommt den jeweils umgebenden Pflanzen und Tieren sowie auch den Elementen der Natur und des Kosmos zentrale Bedeutung zu. Dies gilt in ähnlicher Weise auch gegenwärtig noch für die Religionen der Andenländer in Südamerika, obwohl dort Ackerbau und Viehzucht schon lange vor den Inkas selbstverständlich waren. In den Andenlän dern wurden die Lebensgrundlagen, d. h. die Leben ermöglichenden Kräfte der Natur, zu Gottheiten und haben zu spezifischen Kulten und Kultstätten geführt: für die Sonne, für Mutter Erde und für die Her ren Berge (als Quellen des Wassers). Auf der Grundlage des den Inkas verfügbaren Wissens und ihrer Erfahrungen sind diese Verknüpfungen 101 zentrIerung auf den menschen – margInalIsIerung des nIcht menschlIchen lebens der Lebensgrundlagen mit der mythisch religiösen Selbstdeutung des menschlichen Lebens nachvollziehbar, in sich stimmig und plausibel. Die Kulte für Sonne und Berge verbinden sich – einmalig weltweit – un ter anderem in den Kultstätten, die die Inkas auf zahlreichen hohen Ber gen, maximal bis in 6739 m Höhe (LLullaillaco) angelegt haben, wahr scheinlich verbunden mit Menschenopfern. Jedenfalls ist diese religiöse Vorstellungswelt wirklichkeitsnah und behauptet sich in den Köpfen der Bevölkerung nach wie vor neben dem aufoktroyierten Katholizis mus, mit dem sie sich zu einem synkretistischen Gebilde verbindet. Warum können sich die überlieferten Traditionen weiter behaupten, obwohl in der römisch katholischen Kirche ein alternatives Religions angebot zur Verfügung steht? Im Unterschied zu Zweistromland und Nil sind in den Andenländern die Bedrohungen durch die Naturgewal ten bis in die Gegenwart präsent geblieben: Vulkanausbrüche, Erdbe ben, Dürren sowie extreme Wetter und Klimaschwankungen vor allem in den Hochlagen über 2500 m bedrohen immer wieder die Lebenswelt der Bevölkerung. Unter diesen Lebensbedingungen konnte kein Ein druck der Naturbeherrschung aufkommen. Die belebte und materielle Natur blieb als bedrohliche Lebensbedingung immer im Blickfeld. 4 3 Zentrierung auf den Menschen – Marginalisierung des nicht menschlichen Lebens Eine meines Erachtens wesentliche Zäsur tritt mit dem Entstehen von Buddhismus, Judentum, Christentum und Islam ein. Ich greife diese vier Religionen auf, weil ich ihnen internationale Bedeutung zuschreibe. Alle vier genannten Religionen, besser spricht man wohl von Traditions strömen, halten zwar daran fest, eine allumfassende Deutung mensch lichen Lebens in der Welt zu beinhalten. Selbstverständlich spielte auch in den Naturreligionen der Mensch die zentrale Rolle, denn er war es, der Selbstverständnis und Orientierung in seiner Lebensumwelt such te. Dies tat er jedoch im Kontext der Natur. Man konnte von einer my thisch geprägten Einheit von übernatürlichen Wesen, Mensch und Welt sprechen. In den genannten Weltreligionen tritt eine wesentliche Ver schiebung des Schwerpunkts ein. Die soeben erwähnte mythische Ein heit zerbricht. Die natürliche Umwelt verschwindet zwar nicht völlig 102 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte aus der Betrachtung, tritt aber in den Hintergrund, verliert ihre zent rale Bedeutung als Bezugsrahmen des eigenen Selbstverständnisses. In den Mittelpunkt rückt der Mensch, sein Weg auf dieser Erde und darü ber hinaus. Die materielle Umwelt und die Biosphäre werden in diesen Selbstverständnissen – mit Ausnahme des Buddhismus – nur objekthaft einbezogen, erscheinen zwar als Gottes zu bewahrende Schöpfung, aber darüber hinaus als nahezu selbstverständliche Gegebenheiten zur Nut zung durch den Menschen. Im Buddhismus besteht zwar eine besonders ausgeprägte Ausrichtung auf den individuellen Heilsweg, der als Selbsterlösung beschrieben wer den kann. Von den anderen genannten Religionen unterscheidet er sich jedoch durch die grundsätzliche Achtung auch der nicht menschlichen Lebewesen, denen in einer hierarchischen Ordnung zwar unterschied liche Wertigkeiten zugeordnet werden, die aber dennoch im Gesamt zusammenhang der Biosphäre gesehen werden. Folgerichtig verbietet der Buddhismus seinen Anhängern, Tiere zu töten. Der Buddhismus zieht – wie in der modernen Biologie (!) – keine grundsätzliche Gren ze zwischen Menschen und Tieren, wie das Lebensrad anschaulich zeigt. Vielmehr betrachtet er Menschen und Tiere in einem Kontinu um des Lebens als Lebewesen unterschiedlicher Wertigkeit. Auch eine Art Bergbauverbot (im tibetischen Mahayana Buddhismus) verdeut licht die Wertschätzung der Erde als unverletzlichen Lebensraum. Die se grundlegenden Positionen des Buddhismus könnten eine hochmo derne Grundlage der globalen Entwicklung bereitstellen, weil sie mit den Ergebnissen der Evolutionsbiologie in entscheidenden Aspekten übereinstimmen und deshalb gegenüber der Biosphäre eine Grundhal tung und entsprechende konkrete Verhaltensweisen fördern, die ent scheidend zur Erhaltung der Biodiversität beitragen könnten, wenn ja wenn … Zwei Merkmale des Buddhismus lassen diese für die globale Entwick lung potenziell besonders bedeutsamen Einschätzungen weltweit bisher nur begrenzt zur Entfaltung kommen. Einerseits ist der Buddhismus zentral auf den Menschen und seinen Heilsweg ausgerichtet und ver sorgt die Gläubigen mit einer kompakt gefassten Analyse menschlichen Seins und ebenso kompakt formulierten Wegweisungen zur Selbster lösung. Diese Vorstellung der Selbsterlösung steht hinsichtlich der zu gewiesenen Eigenverantwortlichkeit der Menschen in einer gewissen 103 zentrIerung auf den menschen – margInalIsIerung des nIcht menschlIchen lebens Nähe zu später zu diskutierenden Aussagen der vorliegenden Abhand lung (Kap. 5.5). Andererseits ist die Fixierung auf den Erlösungsweg des Menschen so stark ausgeprägt, dass die oben beschriebene Haltung zur Lebenswelt zwar im individuellen Verhalten der Anhänger, bisher je doch im internationalen Politikgerangel nur eine geringe Rolle spielt. In den vom Theravada Buddhismus geprägten Ländern Myanmar, Thai land, Laos und Kambodscha, teilweise auch in Vietnam wirken sich buddhistische Überzeugungen selbstverständlich deutlich auf die Ess gewohnheiten und den Umgang mit Tieren und generell mit der Bio sphäre aus. In Zahlen ausgedrückt sind vom Theravada Buddhismus ca. 137 Millionen Menschen und eine Fläche von ca. 1,6 Millionen qkm ge prägt. Der Mahayana Buddhismus, primär in Tibet, einigen angrenzen den Regionen, in der Mongolei und in den westlichen Ländern in klei nen Gruppen verbreitet, ist zahlenmäßig schwer einzuschätzen. Falls die vom Dalai Lama genannten Zahlen zum Buddhismus in China zu treffen (Dalai Lama 2015, S. 40), könnten um die 420 Millionen Gläu bige dem Mahayana Buddhismus zuzurechnen sein. Der Dalai Lama setzt sich seit den 90er Jahren in zahlreichen Reden mit viel Engage ment für den Schutz von Umwelt und Leben in der Öffentlichkeit ein (vgl. Kap.6.4) und erntet dafür viel Anerkennung von verschiedenen Seiten. Ob sich daraus erfassbare Wirkungen entwickeln? In gewisser Weise ist der Buddhismus apolitisch. Die hochgradige In dividualisierung ist also Stärke und Schwäche zugleich. Der hochgra dig individualistische Charakter minimiert die religiös motivierte so ziale Organisation in Gemeinden. Es ist deshalb kein Zufall, dass der sozial durchorganisierte Islam den sozial wenig organisierten und rela tiv friedfertigen Buddhismus aus den Landschaften, die heute die Staa ten Indien, Pakistan, Afghanistan und westliches China abbilden, in re lativ kurzer Zeit eliminiert hat. Dennoch: Einige Merkmale machen den Buddhismus auch in der west lichen Zivilisation attraktiv. Der Buddhismus stellt den – höchst an spruchsvollen – individuellen Heilsweg als eigenes Bemühen der Gläu bigen in den Mittelpunkt. Er kommt damit allen auf Selbstbestimmung bedachten Menschen entgegen und befreit den individuellen Heilsweg, auch mangels einer ausgeprägten Dogmatik, weitgehend von der insti tutionellen Herrschaftsbeziehung. Damit verlangt er seinen Anhängern weniger und leichter verkraftbare Opfer des Intellekts ab als die abraha 104 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte mistischen Religionen. Er kommt in seinen Kernaussagen zur Analy se des Menschseins und seinen Wegweisungen mit wenig ortstypischen Kulturelementen aus. Mit diesen Merkmalen ist der Buddhismus auch attraktiv für Menschen in westlich geprägten Gesellschaften, insbeson dere für Personen mit einem gehobenen Bildungsstand. Der Buddhis mus hat offensichtlich ausgeprägte universalistische Züge und konnte deshalb in den westlichen Zivilisationen mit bisher eher kleinen Grup pen Fuß fassen. Was die Einschätzung des nicht menschlichen Lebens anbelangt, bie ten die abrahamistischen Religionen eine ganz andere Perspekti ve. Üblicherweise greifen Interpreten zur Klärung des jüdischen und christlichen Verständnisses auf den Schöpfungsbericht bzw. die Schöp fungsberichte zurück. Allerdings kommt es bei einigen dieser Interpre tationen immer wieder zu krassen Fehldeutungen, die aus einer ober flächlichen, weil kontextfernen Wahrnehmung der Schöpfungsberichte resultieren und in den plakativen Schuldvorwurf münden, die aktuel le Ausbeutung der Natur durch den Menschen für seine eigenen Ziele sei auf die christliche Tradition und ihre Grundlage: die Bibel zurück zuführen (z. B. Kade 1971, Amery 1972). Die erste Nachlässigkeit: In die ser Interpretation wird aus Herrschaft flugs Ausbeutung, häufig wieder holt und dennoch falsch. Herrschaft meint verantwortliche Verwaltung der Schöpfung. Diese Sichtweise ist keine apologetische Wortklauberei, sondern ergibt sich zweitens folgerichtig aus der Beziehung von Gott zum Menschen: Gott ist der Herr, der Mensch sein Geschöpf, seinem Willen untergeben und im heilsgeschichtlichen Horizont zur Rechen schaft über sein Tun verpflichtet. Anders ausgedrückt: Menschliches Tun bleibt unter der Kontrolle Gottes, muss sich in mitkreatürlicher Verantwortung bewähren, d. h. die anderen Geschöpfe als Geschöpfe Gottes respektieren. Die Übertragung der Herrschaft über die anderen Geschöpfe ist also vorläufig, gewissermaßen zur Bewährung ausgesetzt, und alles andere als ein Freibrief für selbstherrliche Willkür. Bereits der zweite Schöpfungsbericht in Genesis 2 ab Vers 4 hätte so manche Kritiker warnen müssen. Mehrfach finden sich in der Bibel Passagen, die die mitkreatürliche Solidarität des Menschen mit den anderen Ge schöpfen hervorheben. Der Bibel kann man also schwerlich einen Auf ruf zur Ausbeutung der Schöpfung anlasten. Im Gegenteil: Auf dem Hintergrund der Erfahrung der Naturausbeutung in der vorausgegan genen Zeit sind die beiden Schöpfungsberichte eine Aufforderung zum 105 zentrIerung auf den menschen – margInalIsIerung des nIcht menschlIchen lebens bedachten Umgang mit der Natur unter der Sanktionsdrohung Gottes, das heilsgeschichtliche Versprechen zu widerrufen. Eine ganz andere Sache ist die Feststellung, dass diese Übertragung von Verantwortung für die Schöpfung, wie sie sich in der Bibel findet, in der Lehre und in der Lebenspraxis der Gläubigen durch viele Jahrhunderte nur eine geringe Rolle spielte, d. h. eine wenig ausgeprägte Traditionsli nie war und weithin noch ist. Offensichtlich waren die Gläubigen dieser Verantwortung nicht gewachsen und haben sich, wie in ihnen von der Evolution angelegt, aus der belebten und unbelebten Natur wie eh und je das herausgeholt, was sie haben wollten, eher ausnahmsweise in mit kreatürlicher Verantwortung. Unzweifelhaft weisen der Schöpfungsbe richt und die Bibel insgesamt dem Menschen eine Sonderstellung in der Schöpfung zu und lassen damit eine ausgeprägt anthropozentrische Ausrichtung erkennen. Auch die Evolutionsforschung sieht diese Son derstellung des Menschen, betont allerdings auch seine Eingebunden heit in die Biosphäre und seine Abhängigkeit von ihr – im Unterschied zur Bibel. Aber auch hier scheint es mir absurd, Schuldzuschreibungen vorzunehmen. Wie hätten Menschen in den vergangenen Jahrtausen den die immer wieder fatalen Folgen ihres Handelns voraussehen kön nen? Es geht hier um eine sehr bedeutsame Entwicklungslinie in der Menschheitsgeschichte, die wir weiter verfolgen, weil sie bis in die Ge genwart führt. Auch der Koran, Sure 16, 1–17, 65–69, 79–82, Sure 20, 53–55, Sure 35 in verschiedenen Versen preist den Schöpfergott Allah mit den von ihm geschaffenen Geschöpfen, die Menschen für sich nutzen dürfen. Aus sagen, die auf Ausbeutung hindeuten können, habe ich nicht gefunden. Noch deutlich stärker als im Alten Testament wird wiederholt die All macht Allahs betont und die Unterordnung des Menschen eingefordert, Ungehorsam mit Strafen bedroht. Im Koran wie im Alten Testament ist die Nutzung der Geschöpfe Gottes strikt eingebunden in die Gott Mensch Beziehung. Vergleichbar ist ebenso die Sonderstellung des Menschen, die in den Formulierungen des Alten Testaments sprachlich und inhaltlich markanter erscheint. In den abrahamistischen Religionen wird letztlich nur die Entwicklung zu Landwirtschaft und Viehzucht, die sich im Vorderen Orient in den vorausgegangenen Jahrtausenden vollzogen hatte, als Erfahrung, Sach 106 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte verhalt und als Leitbild verstanden und gelebt: Mit Ackerbau und Vieh zucht glaubte man mit der Nahrungsmittelbeschaffung das „übrige“ Leben unter Kontrolle zu haben. Der Eigenwert nicht menschlichen Lebens und die Abhängigkeit des Menschen von ihm sind im Bewusst sein zurückgetreten, waren also nur zeitweise Gegenstand der Reflexi on und stellen eine wenig ausgeprägte Traditionslinie dar – letztendlich mit fatalen Folgen. In dieser Hinsicht besteht also ein grundlegender Unterschied sowohl zum Buddhismus als auch zu den Ergebnissen der Evolutionsforschung. Im Judentum, in Christentum und Islam bedeutet die Zentrierung auf den Menschen eine Vernachlässigung, ja Abwertung der übrigen Natur, die man nach den gemachten Erfahrungen beliebig gestalten zu kön nen glaubte. Damit werden Religionen aus eigener Perspektive unab hängig von einer bestimmten physischen Umwelt, potenziell univer sal. Alle nicht menschlichen Teile des Lebens: Pflanzen, Tiere, Pilze und ökologische Systeme stehen zur Disposition; sie spielen im alltägli chen Deutungsrahmen eine untergeordnete Rolle und werden nur noch bei außergewöhnlichen Ereignissen zum Gegenstand religiöser Refle xion. Mit dieser Fehleinschätzung des nicht menschlichen Lebens und seiner Marginalisierung im religiösen Denken und im religiös moti vierten Verhalten geht den abrahamistischen Religionen ein Orientie rungspunkt verloren, ohne den auf Dauer ein Überleben des Menschen hochgradig gefährdet ist. Erst in der jüngsten Vergangenheit nach dem zweiten Weltkrieg gewinnt die Verantwortung für die Schöpfung in protestantischen Kirchen, in der römisch katholischen Kirche und im Buddhismus wieder an Aktualität. Es entwickeln sich Initiativen zum Schutz der Umwelt, offensichtlich angeregt durch Umweltuntersuchun gen (vgl. Kap.6.4). An der Entwicklung zur modernen Zivilisation in den westlich gepräg ten Ländern sind die drei Religionen in unterschiedlicher Weise betei ligt. Der Islam war im Mittelalter führend in mehreren Wissenschaften und verfügte auch sonst über eine hoch entwickelte Kultur, die damals Impulse für das Abendland setzte und deren verbliebene geistige, künst lerische und architektonische Leistungen auch in der Gegenwart hohe Bewunderung erfahren und in der UNESCO Liste des Weltkulturerbes feste Plätze haben. Der Islam konnte dieses hohe Niveau jedoch nicht aufrechterhalten oder gar weiter entwickeln. Von der Entwicklung in 107 zentrIerung auf den menschen – margInalIsIerung des nIcht menschlIchen lebens Europa und später in den USA waren und blieben die islamischen Staa ten abgekoppelt. Dan Diner (2010) kommt in seiner profunden histo rischen Analyse zu dem Ergebnis, dass die eingetretene Sakralisierung des gesamten Lebens eine grundlegende Weiterentwicklung in den is lamischen Ländern unmöglich machte. Die gegenwärtige ökonomisch teilweise günstige Situation täusche über den tatsächlichen Entwick lungsstand hinweg, den ein – wohlgemerkt – arabisches Autorenkollek tiv im Arab Human Development Report (AHDR 2002) beschreibt; sie sei nicht Ergebnis einer eigenständigen sozio kulturellen Entwicklung, sondern auf den Verkauf der begehrten Rohstoffe Erdöl und Erdgas zu rückzuführen, deren reichliche Erträge zwar in einigen Ländern die Ali mentierung der Bevölkerung ermögliche, eine eigenständige, dem Wes ten vergleichbare Entwicklung aber durch Sakralisierung des status quo des gesamten Lebens blockiere (Diner 2010). Die islamischen, insbe sondere die arabischen Staaten sind deshalb zwar Nutznießer der mo dernen zivilisatorischen Entwicklung, indem sie deren technologische Produkte übernehmen. Eine Beteiligung an der Grundlagenforschung und damit die Förderung einer eigenständigen Entwicklung unterblei ben jedoch, weil die Prämissen der rational empirischen Erkenntnisge winnung dem Islam und seiner Wertordnung widersprechen, mit ih nen unvereinbar sind. Die islamischen arabischen Staaten sind deshalb nur mittelbar an der Entstehung der modernen zivilisatorischen Ent wicklung, aber durch Nutzung der zivilisatorischen Errungenschaften durchaus ebenso an deren Segnungen wie risikoreichen Folgeproble men z. B. im Kontext von Rohöl beteiligt. In den aktuellen Konflikten innerhalb der islamischen Welt sowie zwischen ihr und den westlichen Ländern spielt diese Sakralisierung einer bestimmten Islamdeutung die zentrale Rolle – und wird die internationale Politik noch lange beschäf tigen. Das Judentum hat, obwohl es wie der Islam eine Gesetzesreligion ist, aufgrund seiner Diasporasituationen schon sehr früh eine Aufteilung von sakralen und weltlichen, d. h. säkularisierten Lebenssphären vor nehmen müssen und konnte sich deshalb ohne bedeutsame religiöse Hindernisse an der zivilisatorischen Entwicklung – sehr erfolgreich – beteiligen. Allerdings blieb eine orthodoxe Minderheit, die durchaus als Analogie zum orthodoxen Islam anzusehen ist und wie dieser von den Segnungen der Moderne profitiert, sie aber im Kern ablehnt. Der Ausschluss der Juden aus einer Reihe traditioneller Berufe in Europa im 108 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte Mittelalter hat sie regelrecht in sich neu entwickelnde Tätigkeiten im Fi nanzwesen, in der Wissenschaft, im Handel und anderen Aktionsfel dern hineingetrieben und ihre dort erreichten Erfolge sehr begünstigt. Die Kirchen der Reformation haben durch ihre Neuerungen maßgeb lich an der Vorbereitung der zivilisatorischen Entwicklung mitgewirkt. Mit der Reformation Martin Luthers, aber auch mit den parallelen Be wegungen von Zwingli und Calvin entwickelte sich einerseits die grundsätzliche Verschiebung der Deutungshoheit in Fragen des Glaubens und der Moral von der hierarchisch verfassten Institution auf das Individuum: Die einzelnen Gläubigen als Individuen übernahmen in Verbin dung mit der Gemeinschaft der Gläubigen die Deutungshoheit und Definitions macht in Glaubensfragen. Das individuelle Gewissen wird zu einer In stanz der religiösen Deutungshoheit in Verbindung mit dem Glauben der Gemeinde, was die Formulierung allgemeines Priestertum der Gläubigen ausdrückt. Die Kirchen, die sich unter Bezug auf Calvin, Zwingli und auch andere ähnlich orientierte Reformatoren bildeten, setzten die beschriebene Neuorientierung schneller und konsequenter um als die lutherischen Kirchen; in ihnen werden die Rep räsentanten der Kirche von den Gläubigen gewählt: Der auf den Glauben bezogene Individuali sierungsprozess hat einen politischen Individualisierungs und – später – Demokratisierungsprozess sehr begünstigt. Die soziale Organisation der reformatorischen Kirchen verändert sich grundlegend. Das Mo dell einer übergeordneten, unabhängigen, absoluten oder gar unfehl baren Institution der Deutungshoheit ist mit diesen Verlagerungen in den reformatorischen Kirchen grundsätzlich aufgegeben. Der einzelne Mensch wird von einem hierokratisch verwalteten Gläubigen zu einer eigenständigen religiösen Instanz. Andererseits erfährt die Berufsarbeit in der Theologie aller Reformatoren eine wesentliche Aufwertung; sie be kommt dann insbesondere in Verbindung mit der Prädestinationsleh re zentrale religiöse Bedeutung in der Ethik der innerweltlichen Askese, mit der sich Max Weber in seinem berühmten Aufsatz: Die protestanti sche Ethik und der Geist des Kapitalismus intensiv auseinandergesetzt hatte (Weber 1920). Die innerweltliche Askese entfaltete schließlich in der Arbeitswelt eine rationale, sich verselbständigende Eigendynamik. Beide: Die Teilindividualisierung der Deutungshoheit und die religiö se Deutung der Berufsarbeit sind zusammen mit ihrer sozialen Umset zungen entscheidende Wegbereiter der folgenden Aufklärung und Sä kularisierung. 109 zentrIerung auf den menschen – margInalIsIerung des nIcht menschlIchen lebens Es bleibt festzuhalten, dass es in den christlichen Religionsgemeinschaf ten/Kirchen von Anfang an eine anthropozentrische Fixierung gab, aus der sich schließlich durch die reformatorischen Entwicklungen eine re ligiös begründete, individuenbezogene Eigendynamik entwickelte, in der kein nennenswerter Raum für den nicht menschlichen Kosmos des Lebens blieb. Dennoch hielten die abrahamistischen Religionen und unter ihnen die Kirchen an dem Anspruch fest, mit ihren jeweiligen Lehren allumfassende Welterklärungsmodelle, teils mit Alleingültig keitsansprüchen darzustellen. Es geht mir hier nicht darum, Schuldzuschreibungen vorzunehmen, sondern ein Glied in der Entwicklungskette darstellen, zu der insbe sondere die reformatorischen Kirchen wesentlich beigetragen haben. Diese Entwicklung hat sich jedoch, wie der folgende Abschnitt zeigen wird, verselbständigt und, vorangetrieben durch die Impulse der Auf klärung und ihrer Folgen, seiner ursprünglich religiös ethischen Wur zeln und Einbindung entledigt. Das vorläufige Ergebnis dieser Entwick lung ist ein ziemlich geschlossenes, sozioökonomisches, Gesellschaften übergreifendes System, angetrieben durch Machtstreben und materi elle Gewinnorientierung als Selbstzweck, ohne nennenswerte inhaltli che Zielsetzung und ethische Orientierung. Wurde dieses System wäh rend seiner Entwicklung durchaus von ethischen Bindungen getragen, begleitet und reguliert, so eliminiert das System im Zuge der Säkula risierung diese regulatorischen Fesseln zugunsten fast unbegrenzten Machtstrebens und hemmungsloser Gewinnorientierung = Raubtier kapitalismus. In diesem System haben die Erhaltung der Biosphäre und Klimaschutzmaßnahmen keinen hohen Stellenwert, da sie Macht und Gewinnstreben begrenzen. Aus meinem Religionsverständnis gesehen reagiert Papst Franziskus mit seiner Enzyklika Laudato si’ auf die sich anbahnenden vielfältigen Bedrohungen und thematisiert damit die Verantwortung seiner Kirche für das „gemeinsame Haus“. Ob in religiösem oder auch säkularisiertem Gewand: Die anthropozen trische Engführung der Gestaltung der Erde bewirkt mit ihren Folgen bei Klima, Umwelt und Biosphäre eine prekäre, fortschreitende Bedro hung menschlichen und nicht menschlichen Lebens in der absehbaren Zukunft. Die gegenwärtig angestrebten Gegenmaßnahmen sind rein technokratisch nur auf die Folgen der problematischen Wachstumso rientierung, d. h. auf die Bewältigung der Kollateralschäden der kapi 110 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte talistischen Paradigmen ausgerichtet, ohne diese selbst zu korrigieren, und treffen die aktuelle Problemlage nur aspektweise. Weitgehend un terschätzt werden dabei die drastische, sich noch beschleunigende Re duzierung und Zerstörung der Biodiversität durch die nach wie vor an gestrebten konkreten Formen des Wachstums weltweit. Einigermaßen funktionsfähige ökologische Systeme aber sind unsere Lebensgrundla ge. Wir sägen eifrig an dem Ast, auf dem wir noch sitzen. Analysiert man die beschriebene Zivilisationsentwicklung mit dem In strumentarium der Multi Level Selektion (vgl. Kap. 2), dann hat die Entwicklung zunächst mit einem kulturellen Steuerungsmechanismus in der Form der ethisch religiösen Einbindung der gewinnorientierten Arbeit begonnen. Im Laufe der Entwicklung hat sich dann wegen der materiellen Gewinnchancen der innerweltlichen Askese jedoch eine Mischung aus individuellem und Gruppenegoismus durchgesetzt und den kulturellen Steuerungsmechanismus schrittweise beseitigt. Übrig bleiben – vorerst – individueller und Gruppenegoismus, die beiden An triebsmodelle der Evolution. Dennoch gibt es die soziokulturellen Steu erungsmechanismen noch. Es ist eine höchst spannende Frage, ob diese soziokulturellen Steuerungsmechanismen und ihre Verfechter rechtzeitig so viel Einfluss gewinnen, um die Machteliten zum Umsteuern zu nötigen und die breite Bevölkerung zur grundlegenden Veränderung ihrer Lebensführung zu motivieren. Es geht also um die Gewinnung ei ner am Leben orientierten Gesellschafts und Wirtschaftsentwicklung. In Kapitel 7 gehe ich dieser Frage nach. 4 4 Die Aufklärung und die Folgen Die zweite, grundlegende Zäsur in der Religionsgeschichte und damit ihre dritte Epoche werden auf der Grundlage der soeben beschriebe nen Entwicklungen im 17. und 18. Jahrhundert durch die Bewegung der Aufklärung in Gang gesetzt, deren Wirkungsketten in der Folgezeit bis in die Gegenwart Europa und weite Teile der Erde grundlegend verän dern, ja geradezu umkrempeln. Kulturgeschichtlich kann die Epoche der Aufklärung mit ihrer geradezu mythologischen Verherrlichung der Vernunft und ihrer rationalen Urteilskraft nach der Auffassung ihrer geistigen Väter als fortschrittliches Gegenmodell zum Mittelalter ver standen werden, einem Mittelalter, dem Aberglaube, Dunkelheit und 111 dIe aufklärung und dIe folgen – im Vergleich mit der Antike – Rückständigkeit zugeschrieben werden. Der sich in Europa verbreitenden Aufklärungsbewegung ist ein starker Fortschrittsoptimismus eigen. Da im Fokus meiner Analyse die Zäsur in der Religionsgeschichte steht, beschränke ich mich auf die dafür zen tralen Aspekte: die mit der Aufklärung verbundene Denkweise und das Menschenbild, um das Verständnis der umwälzenden Folgewirkungen für die Stellung von Religionen in der westlichen Welt zu ermöglichen. Die geistigen Väter der Aufklärung und ihre Nachfolger knüpfen an der vorausgegangenen, religiös bestimmten Individualisierung an und er weitern sie zu einem generellen Menschenbild ohne Religionsbezug. Der rationale Umgang mit jedweden Problemen und Aufgaben wird als universelle, nicht nur fachspezifische Verfahrensweise gesehen. Ra tionales Denken ist eine individuelle Kompetenz und führt deshalb zur weiteren Aufwertung des Individuums, dem auf der Grundlage seiner Kompetenz eine gewisse eigenständige Handlungsfreiheit und Bildung sowie Bürger und allgemeine Menschenrechte eingeräumt werden. In dividuen wird die Fähigkeit zuerkannt, sich durch rationales Denken, d. h. empirisch überprüfbare Vorgehensweisen selbst Kenntnisse und Erklärung über alle die Dinge zu verschaffen, die sie umgeben. Ratio nale Vorgehensweise ist allgemeines Erkenntnisprinzip. Im Mittelpunkt der Erkenntnisgewinnung steht die systematische Erklärung von Ursa che Wirkungs Beziehungen in allen Themenfeldern einschließlich des Menschenbildes und des kollektiven Selbstverständnisses. Diese me thodische Vorgehensweise zur Klärung jedweder Probleme kann man mit den folgenden Arbeitsschritten beschreiben: Formulierung eines zu klärenden Problems, Sammlung von problemrelevanten Daten durch Beobachtung und andere geeignete Untersuchungstechniken, Entwick lung von problembezogenen Hypothesen über ursächliche, problem bezogene Zusammenhänge und empirische Überprüfung der Hypo thesen. Letztlich handelt es sich um eine induktive Methodik, die an überschaubaren Problemen/Aufgaben mit Untersuchungen ansetzt, de ren Ergebnisse verknüpft und auf diesem Weg zu immer sowohl präzi seren als auch umfassenderen Gesamtbildern vorstößt. Ansätze zu dieser Art der Erkenntnisgewinnung und des Denkens dürf ten sich bereits entwickelt haben, als Menschen in den alten Kulturen im Zweistromland und am Nil mit der Errichtung von Monumentalbauten und den großen Bewässerungsprojekten begannen. Ohne die skizzier 112 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte te Denkweise wären diese bewunderungswürdigen Anlagen mit ihrem hohen Niveau handwerklicher Materialbeherrschung und anspruchs voller Arbeitsorganisation nicht möglich gewesen; sie beschränkte sich jedoch auf begrenzte Ausschnitte der Wirklichkeit und bestand ohne nennenswerte Konflikte neben den damaligen religiösen Welt erklärungen, erhob zunächst keinen Anspruch, die einzig richtige Er klärungsmethode für alle denkbaren Probleme menschlichen Seins zu sein. Diese Denkweise reicht in ihrer schriftlichen Formulierung in die griechische Antike des sechsten und fünften vorchristlichen Jahrhun derts (Anaximander, Demokrit, Anaxagoras, Philolaos) zurück, prägte die Zivilisationsleistungen des römischen Imperiums und hat viel spä ter in der Renaissance durch die Impulse aus der damaligen islamischen Hochkultur eine neue Belebung erfahren. Mit Nikolaus Kopernikus, Jo hannes Kepler und Galileo Galilei und vielen anderen Forschern setzte sich seit dem 15. Jahrhundert mit der zunehmenden Lösung der Natur wissenschaften aus der kirchlichen Bevormundung und mit dem Be deutungsgewinn ihrer Methodik das neue Erklärungsmodell von Natur und Mensch immer mehr mit dem Anspruch durch, die allein relevan te Zugangsweise zur Erklärung aller feststellbaren Phänomene zu sein. Das war eine offene Kampfansage an die im 18. Jahrhundert bereits wankenden Kirchen: Der Alleingültigkeitsanspruch der Kirchen wur de abgelehnt und für die eigene Methodik reklamiert, die gleichzeitig zwei Funktionen erfüllte: Untersuchungsmethode und kritischer Maß stab für die erzielten Ergebnisse zu sein. Der Siegeszug dieser rational empirischen Methodik setzte ein, als sie, verbunden mit der Proklamierung des selbständig denkenden und handelnden Individuums, als allgemeine und einzige für alle Sachge biete taugliche Erkenntnismethode angesehen wurde und schnelle Ver breitung fand. Es kam zu einem explosionsartigen Anwachsen wis senschaftlicher Untersuchungen in zahlreichen Sachgebieten und zu rasanten Entwicklungen primär in Naturwissenschaften und Technolo gien. Die politischen Eliten legten dieses rationale Welterklärungsmo dell der Neugestaltung der Staaten zugrunde, gewissermaßen in einer Revolution von oben. Ein Strom von Innovationen in der industriellen Produktion schuf neue Produkte für den Alltag, Maschinen, Dampf schiffe, Eisenbahnen usw. … und im Verlauf des 19. Jahrhunderts ne ben diversen Verbesserungen auch tiefgreifende soziale Verwerfungen. 113 dIe aufklärung und dIe folgen Rational empirische Betrachtungen erschüttern und untergraben nach wie vor religiöse Lehren, indem sie diese konsequent mit nachprüfba ren Erfahrungen konfrontieren und damit ihren Wahrheitsgehalt be streiten. Damit wird gleichzeitig die Glaubwürdigkeit und Autorität der auf dem Offenbarungsglauben, teilweise auf bedingungslosem Gehor sam und auf Konformität beharrenden Kirchen in Frage gestellt, bis in die Gegenwart. Dass zunächst primär die christlichen Kirchen in den Sog der Entzauberung ihrer Lehren, der Entmythologisierung ihrer Vorstellungswelt durch rational empirische Argumentationen gerieten, ist auf den Umstand zurückzuführen, dass sich diese Erkenntnismetho de in ihrem angestammten Wirkungsbereich nicht nur, aber auch aus eigenen Kulturelementen entwickelte, von vielen Forschern als gezieltes Gegenmodell zur christlichen Offenbarung gedacht. Auch Religionen müssen sich mit diesem Erklärungsmodell und den dadurch erzielten Forschungsergebnissen auseinandersetzen, wenn sie ihren Anspruch, das kollektive Selbstverständnis menschlichen Lebens umfassend zu repräsentieren, ernst nehmen. Ausklammerung solider wissenschaftlicher Erkenntnisse aus dem Nachdenken über das Selbst verständnis des Menschen bedeutet, dem Konflikt mit augenscheinlich wichtigen neuen Erfahrungen aus dem Weg zu gehen, weil man sich vor den mit ihnen verbundenen Herausforderungen scheut. Diese Konflikt scheu mag zunächst bequemer sein, kann aber gleichzeitig ein Schritt aus der Gesellschaft sein. Der Siegeszug der rational empirischen Erkenntnisgewinnung hat mit ihrem enormen Innovationspotenzial einerseits die konkrete Lebens wirklichkeit der Menschen weitreichend verändert und andererseits zu wesentlichen grundsätzlichen Veränderungen und Konfrontationen in denjenigen europäischen Ländern geführt, in denen diejenigen Glau bensgemeinschaften beherrschend waren, die sich aus dem Traditions strom des weströmischen Reiches entwickelt hatten. Die angesproche nen grundsätzlichen Veränderungen vollzogen sich schrittweise über relativ lange Zeiträume seit Beginn des 18. Jahrhunderts; sie gewan nen zuerst in den protestantisch reformiert geprägten Ländern kon krete Gestalt und mit teilweise beachtlicher Verzögerung dann auch in römisch katholisch geprägten Ländern. 114 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte Zwischenruf. Die ausschließliche Hervorhebung der Vernunft blieb natürlich nicht lange ohne Widerspruch; sie wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Epoche der Romantik und des Idealismus von zahlreichen Personen in einer ausgesprochenen Gegenbewegung nach drücklich in Frage gestellt. Diese Kritik kann sich zweifelsohne auf die ausgeprägt emotionalen und dabei selbstzwecklichen Strebungen und Handlungsweisen des Menschen berufen, die sich häufig einer ratio nal empirischen Mittel – Zweck – Logik entziehen, aber das Handeln des Menschen auf allen Ebenen, von den Primärgruppen bis zu kom plexen Gesellschaften und deren Mit und Gegeneinander nachhaltig bestimmen. Rational empirisches Denken und Handeln ist eben nur eine Methodik, die für mehr oder weniger alle Ziele dienstbar gemacht werden kann und wird; es führt bisher in begrenzten Kontexten eben so zu erstaunlichen Leistungen wie destruktiven Katastrophen; ob es angesichts der ziemlich eigendynamischen Entwicklung menschlicher Zielsetzungen auch im Kampf um das Überleben der Menschheit recht zeitig greifen wird, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt fraglich. Im Mittel punkt der politischen Zielkataloge steht Wirtschaftswachstum in allen Variationen. Die ja durchaus nahe liegenden Probleme wie die Bedro hungen durch Klimawandel, Radioaktivität, Erhaltung der Weltmeere und der Biosphäre usw. kommen in der Zielgewichtung nicht über Ne benschauplätze hinaus, obwohl der Umgang mit ihnen über die noch möglichen Zukünfte entscheidet. Mittlerweile kann man sich kaum dem Eindruck entziehen, dass der sich vergrößernde Problemstau nicht mehr bewältigt werden kann. Ich nehme die Probleme mit der Rati onalität später noch einmal zusammen mit der Religionsentwicklung (vgl. Kap. 5.1) und der von Wilson vorgetragenen Multi Level Selekti on (Kap. 7.1.5) auf und gehe dabei auf Wesentliches außerhalb der Rati onalität ein. Hier stehen zunächst die umwälzenden Entwicklungen, die sich mit dem Siegeszug der empirischen rationalen Methodik ergeben, im Mittelpunkt; sie haben sich vollzogen. Im folgenden Abschnitt stehen vier wesentliche grundsätzliche Verän derungen und ihre realen Folgen in Europa im Mittelpunkt, die sowohl die Lage der christlichen Kirchen – später möglicherweise auch anderer Religionen – sowie die Organisation der betroffenen Staaten grundsätz lich und nachhaltig verändern: 115 dIe aufklärung und dIe folgen • Die rationale Betrachtung der Welt macht vor den Kirchen und ih ren Lehren nicht Halt. Viele Jahrhunderte wurden Kritik und andere Auslegungen der kirchlichen Lehren unterdrückt und erbarmungs los verfolgt. Im 18. Jahrhundert werden jedoch die intellektuellen und politischen Eliten zu Wortführern der Kritik an den kirchli chen Institutionen und beteiligen sich damit an einer kaum unter brochenen Welle der Entmythologisierung der kirchlichen Lehren, die die Autorität und Glaubwürdigkeit der Kirchen untergräbt, bis in die Gegenwart. Diese von oben kommende Distanzierung von den Kirchen ebnet der breiten Bevölkerung, von Kontrolle befreit, den Weg, sich ihrerseits von den Kirchen und ihren Lehren loszu sagen. Wellen der Entkirchlichung ergreifen im 18. und 19. Jahr hundert diverse Bevölkerungskreise, insbesondere die Intellektuel len und die sich entwickelnde Arbeiterschaft. Religionsfreiheit setzt sich durch und nimmt den Kirchen die lieb gewonnenen Sankti onsmittel über Zwangsmitglieder. De facto reduziert sich der Ein fluss der Kirchen auf ihre Überzeugungskraft für Denken und Le bensführung der Mitglieder und die Inhalte, die in säkularisierter Form, sei es als Sitte oder als geltendes Recht zu säkularen gesell schaftlichen Kulturgütern werden, aber außerhalb kirchlicher Kon trolle lokalisiert sind. • Als Produkte der Aufklärung gewinnen zwei Legitimationsprinzipi en weit reichende Bedeutung: Legitimation durch Verfahren und Legitimation durch rational-empirische Beweisführung verändern die gesellschaftlichen, Geltung beanspruchenden Entscheidungspro zesse und deren Ergebnisse grundlegend und entwickeln eine Ei gendynamik. Mehrheiten entscheiden nun über Ziele und Projekte. Sachverstand entscheidet im Rahmen der Zuständigkeit über rich tig oder falsch, bleibt mangels hinreichenden Wissens auch immer wieder ohne Antwort. Auf ein allgemein verbindliches Welterklä rungsmodell wird verzichtet; die Handlungsgrundlage in den Ge sellschaften wird durch allgemeine, locker verknüpfte Grundsatz aussagen bzw. Rechte in staatlichen Verfassungen geschaffen, die unterschiedliche Schwerpunktsetzungen z. B. durch Religionen zu lassen, aber mit den ihr zugeordneten Institutionen Regierung, Par lament und Rechtsprechung umfassende Geltung beanspruchen. • Im Zuge der Entfaltung von Wissenschaften und anderen sozialen Institutionen entwickelt sich eine Struktur von inhaltlich begrenzten Deutungshoheiten, die das Monopol der Deutungshoheit durch 116 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte die christlichen Kirchen ablöst. Den Kirchen wird de facto nur noch Deutungshoheit für transzendentale Vorstellungswelten und – be grenzt – für Fragen der Moral zugestanden. Die Wissenschaften und diverse Institutionen beanspruchen das Diesseits als ihre Do mäne der Deutungshoheit und finden dafür – das ist entscheidend – auch weitgehend Akzeptanz in der Bevölkerung. Die rational empirische Methodik wird zur Standardmethode in Analyse und Beweisführung und unterwirft ihre Ergebnisse der methodisch begründeten Revision. Der ehemalige Anspruch auf Allgemein gültigkeit wird – jedenfalls außerhalb der Religionen – weitgehend aufgegeben. • Diese grundlegenden Veränderungen in der Wahrheits und Ent scheidungsfindung sowie in den darauf bezogenen gesellschaft lichen Umwälzungen vollziehen sich zunächst im Kerngebiet der christlichen Konfessionen und auch dort konfessionsspezifisch durchaus unterschiedlich. Der „Rest“ der bevölkerten Erde zeigt höchst unterschiedliche Reaktionen von weitgehender Adaption und Anpassung an die eigene Kultur – z. B. in Japan – über selektive Einbeziehung mit normativer Gängelung (Sozial und Geschichts wissenschaft) in China, bis zu totaler, teilweise auch aggressiver Ablehnung des zugrundeliegenden Denkmodells, z. B. in einigen – nicht allen – islamisch bestimmten Staaten. 4 5 Deutungshoheit: Vom Monopol der Kirchen zu einer differenzierten Struktur Unter Deutungshoheit wird hier die Kompetenz verstanden, das Sys tem der Sinndeutung menschlicher Existenz, damit verbundene Werte und Verhaltensweisen für einen angebbaren Personenkreis oder gene rell verbindlich festzulegen und zu interpretieren. Diese Deutungsho heit über Menschsein in Gesellschaft und Welt war, seit es Religionen gibt, in fast allen Gesellschaften bei den Repräsentanten der Religionen, seien es Zauberer, Schamanen, Priester oder andere führende religiö se Autoritäten, monopolisiert: Es galt, ein Stamm bzw. eine Gesellschaft hat nur eine Religion. Dennoch gab es zeitweise ein Nebeneinander un terschiedlicher Religionen, z. B. ein rechtlich verbrieftes Nebeneinander nur kurzfristig im spätrömischen Reich seit dem Jahr 314 und im osma 117 deutungshoheIt: vom monopol der kIrchen zu eIner dIfferenzIerten struktur nischen Reich sowie ein geduldetes mit untergeordnetem Rechtsstatus im islamischen Vorderen Orient im Mittelalter. Die Monopolisierung hatte über den weitaus größten Zeitraum der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit grundsätzlich Bestand, wäh rend sich die inhaltlichen Aussagen, die Rituale und das Erscheinungs bild der Religionen wegen der sich verändernden Lebensverhältnisse und Herausforderungen im Zeitablauf durchaus wesentlich änderten. In Nord , Mittel , Süd und Westeuropa verfestigte die römisch katho lische Kirche seit ihrer Institutionalisierung im späten weströmischen Reich ihre Rolle als maßgebende Deutungsinstanz und konnte diese Po sition auch gegen religiöse Erneuerungsbewegungen (Katharer, Hussi ten) behaupten. Diese Situation änderte sich – bezogen auf große Tei le Europas – mit der Reformation, die in die zweite Kirchenspaltung mündete. Aus hier nicht weiter zu erörternden Gründen gelang es der römisch katholischen Kirche in der Reformationszeit und danach nur in geringem Ausmaß, die reformatorischen Bewegungen wieder un ter Kontrolle zu bringen, d. h. die Reformbewegungen in die Kirche zurückzuholen oder zu eliminieren. Die Regionen Tirol und Salzburg wurden in der Gegenreformation mit Gewalt für die katholische Kirche zurückerobert. Nach den Konfessionskriegen gab es im Heiligen Römi schen Reich deutscher Nation die römisch katholische Kirche und un terschiedlich geprägte protestantische Kirchen und damit zwei Modelle der Deutungshoheit: Das von der römisch katholischen Kirche prak tizierte Modell der hierarchisch verfassten Kirche und das (teil) indi vidualisierte, synodale (demokratische) Modell der protestantischen Kirchen. Eine Übergangslösung lag in der absolutistischen Regelung, den jeweiligen Landesherrn über das Glaubensbekenntnis der Unter tanen entscheiden zu lassen – wes das Land des der Glaube. Diese Re gelung konnte selbstverständlich angesichts der von Protestanten be anspruchten individuellen Gewissensentscheidung keine Dauerlösung sein. Aber: Zu diesem Zeitpunkt lag die Deutungshoheit noch bei den unterschiedlichen Bekenntnissen. Dies veränderte sich mit der Aus breitung der Denkweise der Aufklärung und deren Folgen unaufhalt sam. Schließlich kam es auf dem deutschen Staatsgebiet quer durch das Kleinstaatensammelsurium immer mehr zu einem Nebeneinander un terschiedlicher christlicher Bekenntnisse und des Judentums: Die plu ralistische Gesellschaft gewann mit Religionsgemeinschaften weströ misch christlichen Charakters und Judentum Konturen. Zwar hielten 118 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte die Kirchen verständlicherweise an dem Anspruch fest, sie allein könn ten als Hüter der christlichen Tradition das Menschsein in der Gesell schaft und der Welt auf der Grundlage der Offenbarung der Bibel rich tig verstehen, deuten und vermitteln. Die turbulenten, schnellen und enorm innovativen gesellschaftlichen Entwicklungen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts produzierten jedoch zunehmend Lebenswelten, in de nen dieser Anspruch immer weniger respektiert wurde und mangels der verloren gegangenen Sanktionsmöglichkeiten früherer Zeiten auch nicht mehr erzwungen werden konnte. Im Gegenteil: Auf der Grund lage primär naturwissenschaftlicher Ergebnisse wurden Nachweise ge führt, inwiefern und warum das geozentrische kirchliche Bild von Erde und Kosmos nicht den – empirisch nachweisbaren – Tatsachen ent spricht. Mit anderen Worten: Die Infragestellung des bislang sakrosank ten Deutungsmonopols durch rational und empirisch nachvollziehba re Argumentationsketten machte den Kirchen zu schaffen. Wie kann das denn, wer auch immer, wagen? Ich denke diese Infragestellung der kirchlichen Deutungshoheit nagt nach wie vor insbesondere an der rö misch katholischen Kirche. Diese Übergangssituation von der absoluten, respektierten Deutungs hoheit in eine Situation, in der die Kirchen nicht nur ihre Deutungsho heit einschränken und mit anderen gut begründeten Ansprüchen teilen müssen, sondern auch unter eine ausgeprägte, durchaus auch detail lierte Kontrolle der Staaten gerieten, soll durch einige bedeutsame ge schichtliche Entwicklungen und Ereignisse charakterisiert werden. Mit der angestrebten holzschnittartigen Kürze nehme ich in Kauf, unvoll ständig und, hoffentlich selten, besser gar nicht einseitig zu bleiben. 4 5 1 Galileo Galilei und die universale Deutungshoheit der römisch-katholischen Kirche Berühmt ist die Auseinandersetzung der verfassten römisch katholi schen Kirche mit Galileo Galilei. Die Lektüre von Berichten über die se Auseinandersetzung zeigt sehr deutlich, welche kaum überschätzba re Bedeutung die Deutungshoheit, letztlich der universelle Anspruch auf Weltherrschaft und damit die Verfügung über alle wesentlichen In halte für die römisch katholische Kirche hatten. Wie ist es sonst zu er klären, dass die verfasste Kirche 351 Jahre brauchte, um Galileo Galilei 119 deutungshoheIt: vom monopol der kIrchen zu eIner dIfferenzIerten struktur zu rehabilitieren? Das war am 02.11.1992. Wie auch die einzelnen Pha sen dieser Auseinandersetzung mit Galileo Galilei, aber auch die Jahr hunderte währende wissenschaftliche Arbeit in den Klöstern und deren noch vorhandene Produkte zeigen, war und ist die römisch katholische Kirche – in Grenzen – sehr offen für Wissenschaft. Dies gilt jedenfalls im Vergleich mit mehreren anderen großen Religionen. Die irrationa le und historisch widersinnige Verklemmtheit der Evangelikalen, die an die wörtliche Inspiration der Bibel glauben, ist ihr jedenfalls fremd. Gerade wegen dieser Offenheit für Wissenschaft ist es für die römisch katholische Kirche besonders schmerzhaft und gleichermaßen unge wohnt, den Anspruch der Deutungshoheit fachgebietsweise an andere Institutionen schrittweise zu verlieren und selbst Gegenstand von mas siver Kritik und Infragestellung zu werden. 4 5 2 Neue Blütezeit und Machtverfall Schon zum Ende des 17. und während der ersten zwei Drittel des 18.  Jahrhunderts erlebte insbesondere die römisch katholische Kirche z. B. im deutschsprachigen Raum eine neue Blütezeit, der wir zahlrei che architektonische und künstlerische Meisterwerke verdanken. Die Klöster wurden ausgebaut, zahlreiche Klosterkirchen wurden entwe der um oder neugebaut, teils noch im Barockstil, teils schon als Roko kokirchen, und zeugten von der schöpferischen Kraft, vom Reichtum und der Macht der Klöster – und weckten Neid und Argwohn. Auch in der Gegenwart beeindrucken die noch erhaltenen Klöster mit ih ren imposanten Ausmaßen, ihrer architektonischen Harmonie und ih rer künstlerischen Pracht. Noch die zum Schloss der Wittelsbacher zu rückgebaute Version (ohne Westflügel und mit niedrigeren Türmen) des ehemaligen Benediktinerklosters Tegernsee hat immer noch einen Umfang, der einen 500 m Lauf der Gymnasiasten ermöglichte. „Als die süddeutschen Klöster nach dem Dreißigjährigen Krieg, zunächst nur langsam, im 18. Jahrhundert aber zu einem wahren Furioso ansetzten, sich durch Neubauten zu komplettieren und darzustellen, erfolgte dies nach Konzepten, welche die Aufgaben der Klöster im „ora et labora“ formulierten. Noch vor der Jahrhundertmitte kann man beobachten, wie die Bildprogramme sehr beredt wurden. Es ist als setzte sich der Organismus Kloster ahnungsvoll zur Wehr gegenüber drohenden An griffen“ (Bauer 1991, S. 36). Gleichzeitig mit diesem jedenfalls äußerlich 120 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte dokumentierten Selbstbewusstsein zehrte jedoch das Gedankengut der Aufklärung an den Grundlagen der Kirchen: den inhaltlichen Aussagen der Lehre und den Legitimationsgrundlagen. 4 5 3 Der große Umbruch Aus Kreisen aufgeklärter Intellektueller und Politiker kamen zahlrei che kritische und manchmal feindliche Äußerungen über die Kirche. Die rationale Denkweise machte auch nicht vor den Toren der Kirche und insbesondere ihren wissenschaftlich engagierten Mönchen halt. Gedankengut der Aufklärung verbreitete sich also auch in kirchlichen Kreisen. Außerhalb der Klöster standen insbesondere ihr Nutzen, ihre wirtschaftliche Macht und ihre Privilegien in der Kritik. Vielen Lan desfürsten waren die Privilegien der Klöster, z. B. die Steuerfreiheit und ihr erheblicher Grundbesitz ein Dorn im Auge. Im damaligen Bayern (ohne Franken und Schwaben) waren 56 % der Bauern unter klöster licher Herrschaft. Einige Landesfürsten begannen bereits in der zwei ten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit der Aufhebung von Klöstern, die schließlich im römisch katholischen Europa viele Länder erfasste: Frankreich, Deutschland, Österreich, Bayern, Spanien. Joseph II. von Österreich ließ bei seiner Aufhebung von fast 800 Klöstern, sorgfältig ausgewählt, „nützliche“ Klöster bestehen: die großen traditionsreichen Benediktinerabteien Melk, St. Florian und Kremsmünster mit ihren Bi bliotheken, Archiven und Kunstschätzen sowie die erzieherisch und so zial tägigen. Bayern räumte 1803 alle ab. 4 5 4 Die Säkularisation Schon kurze Zeit nach dem erneuten Aufblühen der Klöster war die Macht der Kirche so geschwunden, dass 1803 im Reichsdeputations hauptschluss in Regensburg die geistlichen Fürstentümer mit Ausnah me von Mainz aufgelöst, noch bestehende Klöster und fürstbischöfliche Residenzen säkularisiert werden konnten. Schließlich war der Reichde putationshauptschluss von 1803, letztes Gesetz des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, nur der vorläufige Abschluss eines Prozes ses, der schon lange vorher eingesetzt hatte. Die Macht der Landesfürs ten war in ähnlicher Weise gestiegen wie die der Kirche sank. Aus den 121 deutungshoheIt: vom monopol der kIrchen zu eIner dIfferenzIerten struktur Klöstern kam erstaunlich wenig Gegenwehr gegen die Säkularisation. Der eigentlich beabsichtigte wirtschaftliche Gewinn aus der Säkularisa tion sollte die klammen Staatskassen auffüllen; er ist je nach Land un terschiedlich ausgefallen, aber auch umstritten. Die Menge der auf dem Markt angebotenen ehemaligen kirchlichen Besitztümer hatte einen enormen Preisverfall zur Folge. Viele wertvolle Kulturgüter wurden ge zielt in Museen und Bibliotheken gebracht, nicht wenige vergammelten oder wurden verschleudert. Als Rechtsnachfolger der Klöster übernah men die Staaten auch erhebliche Erhaltungsverpflichtungen, z. B. die immer noch aktuellen Baulasten. Säkularisation meint beides: die Übernahme von Kirchengut und von Hoheitsrechten. In ihrem Hoheitsgebiet erfahren die Staaten also eine Erweiterung der Macht durch einen Zuwachs an Rechten, unter denen das Recht der Steuererhebung mittel und langfristig von besonderer Bedeutung ist. Ehemalige Untertanen der Klöster wurden nun Steuer zahler und Bürger der Staaten. „Mit den Klöstern war im Süden und Westen die stärkste vormoderne, nichtstaatliche Machtbastion vernich tet und damit erst die Durchsetzung der Staatssouveränität, die Begrün dung des modernen Staates ermöglicht. Die Aufhebung all der autono men Institutionen mit ihren eigenen Rechten, Abgaben, Immunitäten und Privilegien, dieser Zwischengewalten zwischen Untertan und Staat, stärkte den Staat im Kampf gegen die Feudalität“ (Nipperdey 1991, S.  74). Die Säkularisation bedeutet also für Deutschland und für an dere Länder den Aufbruch in eine neue Zeit, machte den Weg frei für neue gesellschaftliche Entwicklungen. Einerseits nötigte die Aufhebung geistlicher Fürstentümer die Bischöfe, sich auf die innere Erneuerung der Kirche zu konzentrieren, ohne Ablenkung durch die weltlichen Ge schäfte. Andererseits schuf die Aufhebung der geistlichen Fürstentümer, der Klöster und geistlichen Stiftungen, die gleichzeitige Mediatisierung kleiner weltlicher Herrschaften und die Einbindung vieler Reichsstäd te in das umgebende Territorium in Deutschland erst jene Vorausset zungen, die dann wenig später den „modernen, zentralistisch einheitli chen, säkularen und bürokratischen Staat“ (Nipperdey 1991, S. 77) erst möglich machten. 122 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte 4 5 5 Die Geburt des modernen Staates Die Emanzipation des Individuums, die bereits in mittelalterlichen Städten begonnen und enorme Schubkraft durch die reformatorischen Bewegungen erhalten hatte, setzte sich in der Aufklärung auf breiter Ebene fort, erfasste in säkularisierter und generalisierter Version alle Lebensbereiche und führte schließlich zu einem neuen Staatsverständ nis: zur Vorstellungswelt der bürgerlichen Gesellschaft, die sich auf bürgerliche Freiheit und rechtliche Gleichheit des Einzelnen gründe te und sich in der französischen Revolution Bahn brach. Diese neuen Leitbilder erfassten, wie Thomas Nipperdey (Nipperdey 1991, S.  31 f.) beschreibt, auch deutsche Länder und in ihnen das Herrschaftsestab lishment, das gewissermaßen in einer Revolution von oben die „Revo lutionierung der Verhältnisse in den Bahnen von Ordnung und Evolu tion und durch die starke Autorität eines monarchisch bürokratischen Staates“ betrieb. „Diese Revolution von oben sollte die alten Ordnun gen, die weder den neuen Anforderungen noch den neuen Normen entsprach, abschaffen, sollte Staat und Gesellschaft modernisieren. Sie sollte 1. Macht und Durchsetzungskraft des Staates konzentrieren und intensivieren, sollte ihn gegen alle feudale und partikulare Herrschaft rationaler und effektiver machen, sollte seine Souveränität auch nach innen und bis zum letzten Einwohner erst eigentlich etablieren. Sie soll te 2. seine Teilgebiete zu einer Einheit zusammenfassen, ihn integrie ren. Sie sollte 3. an die Stelle der Ständegesellschaft eine Gesellschaft rechtsgleicher Bürger setzen und die Kräfte des einzelnen im Interesse gerade der Gesamtheit von feudal korporativen Bindungen (und staat licher Bevormundung) emanzipieren … Träger der revolutionären Re form waren nicht die Massen, nicht eine bürgerliche Gesellschaft, son dern die Beamten“ (S. 32). Derartige Staatskonzepte führten zu einschneidenden Reformen der Religionspolitik: „Alle Staaten hatten jetzt Untertanen verschiedener Konfession … überall wurde Toleranz eingeführt und vielfach auch die Gleichberechtigung, die Parität der Konfessionen … Neben dem Prinzip der Parität stand die staatliche Kirchenhoheit … Überall wurde die Auf sicht über die Kirchen scharf angezogen, die Wahrnehmung staatlicher Hoheitsrechte verschärft. Die Sonderrechte der Geistlichkeit wurden im Sinne der allgemeinen Rechtsgleichheit aufgehoben … Kurz: Die Kirche regierte sich nicht selbst, sondern wurde vom Staat über eine eigene Kir 123 deutungshoheIt: vom monopol der kIrchen zu eIner dIfferenzIerten struktur chenverwaltung und einen zuständigen Kirchenminister regiert“ (S. 73). Der Staat mischte sich selbst in nebensächliche Details ein. Nicht nur in Europa und den USA, sondern auch in anderen Ländern der Erde übernehmen in der Folgezeit immer mehr die Staaten die Rol le von höchsten säkularen Deutungsinstanzen: Sie legen in ihren Ver fassungen – seien sie nun eher autokratisch oder auch demokratisch – grundlegende Ziele, Werte und Verhal tensmuster als übergreifenden Rahmen für alle Bürger verbindlich fest. Der ehemaligen Rolle der Kir che als Deutungsinstanz ähnelt die staatliche einerseits wegen des Gel tungsanspruchs als höchste Entscheidungsinstanz im Staatsgebiet – und unter besonderen Bedingungen darüber hinaus. Nur ähnlich und nicht gleich ist diese Rolle andererseits, weil diese Staaten weitgehend auf transzendentale Bezüge verzichten. Dennoch: Mit diesem staatlichen Rah men müssen sich alle Organisationen, Institutionen und Personen arrangie ren, auch die traditionellen Deutungsinstitutionen und ande re, gegebenenfalls auch durch Migration hinzukommende und sich neu entwickelnde Religionsgemeinschaften. Diese Zurückstufung, Un terordnung und Einschränkung der Handlungsfelder der Religionsge meinschaften führte von Anfang an bis in die Gegenwart immer wie der anhand konkreter Problemfälle zu Konflikten über die Reichweite staatlicher Rechtsgestaltung und religiöser Freiheit. Tatsächlich beste hen nicht auflösbare Unvereinbarkeiten zwischen staatlichen Recht setzungen und Vorstellungen der Religionsgemeinschaften. Mit an deren Worten: Staatliche Rechtsetzung impliziert Wertsetzungen, die von einzelnen Religionsgemeinschaften mehr oder weniger heftig kri tisiert werden, z. B. gegenwärtig die weit reichenden individuellen Ent scheidungsrechte im Feld von Ehe und Familie, Leben und Tod. Diesen bedeutsamen Spannungszonen zwischen staatlichem Recht und Reli gionsfreiheit im Pluralismus gehe ich in Abschnitt 7.2.2 genauer nach, weil für Religionsfrieden bestimmte Gesellschaftsmodelle unerlässlich sind für die Bewältigung Staaten übergreifender Problemlösungen. 4 5 6 Ein neues Legitimationsprinzip setzt sich durch Lange Zeit wurden die meisten sozialen und politischen Entscheidun gen auf der Grundlage vorgegebener Normen in hierarchischen Struk turen von zur Entscheidung bevollmächtigten Autoritäten getroffen. 124 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte Dieses Entscheidungsmodell ist auch nach wie vor verbreitet und in vie len Kontexten durchaus zielführend. Mit der Entwicklung demokrati scher Gesellschaften setzt sich zusätzlich ein anderes Legitimationsprin zip durch, das ansatzweise auch schon in vorangegangenen Epochen, allerdings in begrenzten Kontexten, Bedeutung hatte: Entscheidungen werden nach jeweils in Organisationen festgelegten Regeln gleichbe rechtigt von stimmberechtigten Mitgliedern mit Mehrheit beschlossen. Vorgegeben wird bei dieser Vorgehensweise ein im Vorfeld entwickel tes Entscheidungsverfahren. Eine Entscheidung gilt als rechtmäßig ge troffen und verbindlich, wenn sie durch die im Reglement vorgesehe ne Mehrheit korrekt beschlossen wurde. Man spricht von Legitimation durch Verfahren. Dieses Legitimationsprinzip erwächst aus dem Men schenbild der Aufklärung in Verbindung mit dem oben skizzierten Konzept der aus rechtsgleichen Bürgern bestehenden, bürokratisch re gierten Gesellschaft und kann als folgerichtige Ausgestaltung und Um setzung des neuen Menschenbildes hinein in gesellschaftliche und po litische Prozesse verstanden werden, weil es die mündigen Bürger in Prozesse der Entscheidungsfindung einbezieht. Gegenwärtig findet Le gitimation durch Verfahren in vielen Lebensbereichen, sei es generell oder sei es auch situationsspezifisch, Anwendung: Im politischen Feld werden auf allen politischen Ebenen Mandats und Amtsträger von den jeweils betroffenen Bürgern gewählt, weil sie jeweils als Repräsen tanten bestimmter Programme gelten. In Genossenschaften, Verbän den und Vereinen werden Leitungspersonen und Ziele durch Wahl be stimmt. In Kapitalgesellschaften stimmen die Mitglieder über den Kurs ihrer Gesellschaft ab. Gewerkschaftsmitglieder wählen ihre Vertreter. Es gibt kaum noch Organisationen, in denen Wahlverfahren gar keine Rolle spielen. Hierarchisch organisierte Religionen z. B. die römisch ka tholische Kirche lehnen Legitimation durch Verfahren – jedenfalls auf der Ebene der einfachen Gläubigen und des niederen Klerus ab, weil man den Mitgliedern die Fähigkeit zu derartigen Entscheidungen ab spricht, weil sie die innerorganisatorische Herrschaftsstruktur bedroht und die normative Ebene individualisiert, d. h. in den Entscheidungs bereich des einzelnen zur Abstimmung Berechtigten verlagert. Unter den Geweihten des höheren Klerus spielt indes Legitimation durch Ver fahren durchaus eine Rolle, unter Bischöfen und Kardinälen. Gerade in der Individualisierung der normativen Ebene liegt aber auch die Stär ke des Verfahrens: es sucht keine Antworten auf Wahrheitsfragen, son dern zielt auf schnelle, effiziente Entscheidungen für alltägliche Abläufe. 125 deutungshoheIt: vom monopol der kIrchen zu eIner dIfferenzIerten struktur Freilich lassen sich normative Aspekte auf diese Weise nicht ausschlie ßen; sie bekommen aber eine andere Wertigkeit, indem sie Bestandteil der Diskussion werden, ohne sie von vorneherein zu präjudizieren. 4 5 7 Legitimation durch Fachkompetenz Die explosionsartige Entwicklung der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften und der Technologien, führte zur Industrialisie rung und in ihrem Kontext zu vielfältigen, grundlegenden und zugleich überaus komplexen Veränderungen. Im Verlauf dieser Entwicklungen hat sich Deutungshoheit strukturell grundlegend verändert. Wesentli ches Merkmal dieses höchst komplexen Prozesses ist es, dass Gruppen, Organisationen, Institutionen – und in neuester Zeit nun auch Indivi duen – für die von ihnen reklamierten Gegenstands bzw. Zuständig keitsbereiche selbst die Deutungshoheit beanspruchen und dafür – das ist entscheidend – auch ge sellschaftliche Akzeptanz gewinnen, ob dies die traditionellen Deutungs institutionen nun akzeptieren oder nicht. Geradezu exemplarisch zeigen die Auseinandersetzungen um Galileo Galilei, dass die Deutungshoheit und Zuständigkeit für die diversen Ge genstandsbereiche von traditionellen Deutungsinstitutionen auf dafür spezialisierte und kompetente Einrichtun gen und Institutionen über gehen, die beanspruchte Allzuständigkeit der Kirchen aufhört zu beste hen und beansprucht zu werden. So entstand neben einander eine Viel falt von jeweils auf Teilbereiche bezogenen Deu tungshoheiten in den Gesellschaftsbereichen, Institutionen, Wissenschaften usw., mit denen jeweils Optionen zur meist verbindlichen Entscheidung und Kontrol le über Wert und Normsetzungen sowie Sachfragen verbunden sind. Insgesamt hat dieser immer noch fortschreitende Prozess eine dop pelte Funktion. Er führt einerseits von allzuständigen, absoluten Deu tungsinstitutionen zu einer sich weiter ausdifferenzierenden und kom plizierenden Struktur von Teildeu tungshoheiten in Wissenschaften und in den gesellschaftlichen Institutionen. Andererseits mündet er in eine fortlaufende Verminde rung von Zuständigkeit und damit von Einfluss/ Macht der traditionellen Deutungsinstitutionen, denen Gestaltungs und Kontrolloptionen in der Ge sellschaft entzogen werden, weil sie von den neuen bereichsspezifischen Deutungsinstitutionen übernom men und ausgeübt werden. Forscher beanspruchen für ihre rational empirisch untersuchbaren Gegenstandsbereiche die Deutungshoheit. 126 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte Damit gewinnt ein in begrenzten Teilbereichen bewährtes Legitima tionsprinzip generelle Bedeutung: Legitimation durch Fachkompetenz. Deutungshoheit können Personen/Wissenschaftsdisziplinen für Aussa gen beanspruchen, die rational empirisch eindeutig ausgewiesen wer den können. Dass es mit der Eindeutigkeit und der Seriosität von Wis senschaft aus welchen Gründen auch immer relativ häufig Probleme gibt, soll hier nicht weiter verfolgt werden. Es kann jedoch trotz unbe streitbarer Mängel im Wissenschaftsbetrieb festgehalten werden, dass jedenfalls mit den erzielten unstrittigen Ergebnissen ein eigener Gel tungs und Deutungsanspruch verbunden ist. Üblicherweise wird diese Legitimationsform den Personen bzw. Sozietäten zugesprochen, die ein bestimmtes Sachgebiet aufgrund von Ausbildung und Erfahrung be herrschen. Stets bleibt jedoch die Fachlichkeit von Personen und von erzielten Forschungsergebnissen unter dem Vorbehalt der Revision durch die rational empirische Methodik. Je mehr sich Wissenschaft auf Grund der fortschreitenden Speziali sierung in immer kleinere spezifische Gegenstandsbereiche aufspaltet, desto differenzierter entwickelt sich die Struktur der Deutungshoheiten auf der Grundlage der Legitimation durch rational empirische Verfah rensweise. Diese Entwicklungstendenz gilt analog in gleicher Weise im Feld der anderen Institutionen, die ihre eigenen Deutungshoheiten ent wickeln und ausdifferenzieren. Folgt man diesem Erklärungsmuster, so wird das Diesseits letztendlich mehr oder weniger lückenlos durch jene rational empirisch geprägten Denk und Erklärungsweisen besetzt. In diesem Denkmodell bleiben für Religionen nur noch die auf Transzen denz bzw. Sinndeutung menschlicher Existenz bezogenen Vorstellungs inhalte übrig, die konsequent durchdacht, immer noch ein beachtliches Verhaltensspektrum beanspruchen könnten, wenn und weil sie diessei tiges Verhalten von transzendenten Vorstellungen her strukturieren. 4 5 8 Entmythologisierung Unter den Forschungszweigen spielt die Geschichtswissenschaft eine besondere Rolle, weil zur Zeit der Aufklärung das moderne Verständ nis von Geschichte im Entstehen begriffen ist und das traditionelle Er klärungsmodell, Geschichte als Ergebnis göttlichen Wirkens zu ver stehen zunehmend ablöst. Zum Forschungsfeld der Geschichte gehört 127 deutungshoheIt: vom monopol der kIrchen zu eIner dIfferenzIerten struktur alles, was geworden ist und – vor allem – wie es geworden ist. Das Was und das Wie versucht man auf der Grundlage von systematisch und kritisch hinterfragten Quellen – seien es mündliche Überlieferungen, Schriften, künstlerische Werke, Bauten, Monumente, Tempel, Skelette, archäologische Materialien und manches mehr – zu erfassen und em pirisch nachweisbar darzustellen. Dabei spielt die bereits beschriebene rational empirische Methodik in ihrer auf Texte ausgerichteten Form eine wesentliche Rolle. Geschichte wird damit säkularisiert, verwelt licht, aus der zugeschriebenen sakralen Aura der jeweiligen Schöpfungs mythologie herausgenommen, analysiert und kritisch reflektierbar. Die überkommene Vorstellung, Geschichte als Ergebnis des göttlichen Wir kens zu verstehen, wird damit, ohne zu verschwinden, im christlich be einflussten Teil der Welt zunehmend zurückgedrängt und verliert in der Geschichtswissenschaft als Erklärungsmodell gänzlich ihre Bedeutung. Das Ziel, das Gewordensein von was auch immer ursächlich und beleg bar zu analysieren, trifft insbesondere die Buchreligionen an einem sehr empfindlichen Nerv, weil ihr Selbstverständnis oder wesentliche Teile davon in ihren heiligen Schriften dokumentiert sind und nun mit an ders lautenden wissenschaftlichen Befunden rational empirischer Ana lyse konfrontiert werden. In erster Linie protestantische Theologen (z. B. Bultmann 1967 [1921], Käsemann 1965 für das Neue Testament, Weiser 1957, Noth 1959, für das Alte Testament) haben diese historisch-kritische Methodik an den Texten der Bibel zur Standardmethode der Exegese im aufgeklärten Protestantismus entwickelt, um den gemeinten Inhalt der Texte: ihren Ort im Leben, ihre Entstehung und ihre Bedeutung besser verstehen zu können. Ergebnis solcher Forschung ist durchaus besseres Verständnis: Man versteht, wie und unter welchen Umständen die Tex te entstanden sind, welche Quellen in ihnen zusammenlaufen, was sie damals bedeutet haben. Der geschichtliche Entstehungsprozess wird da durch transparent und droht seinerseits, den Texten die sakrale Aura zu nehmen und sie in die normalen alltäglichen Lebensabläufe einzuord nen: Entmythologisierung. Sie spielt im Prozess der aktuellen Säkulari sierung und Entkirchlichung entgegen der Absicht von Bultmann und Kollegen eine sehr bedeutsame Rolle. Die Wertschätzung der historisch kritischen Forschung hielt sich offen sichtlich wegen der realen und befürchteten Kollateralschäden in den Kirchen in Grenzen. In Europa konnten sich weder der konservative Protestantismus noch die römisch katholische Kirche mit dieser Exe 128 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte gese Methode so richtig anfreunden. Weitgehend unbeachtet blieb die historisch kritische Methodik in der griechisch orthodoxen Kirche und bei den dem Protestantismus zuzurechnenden evangelikalen Glaubens gemeinschaften in Amerika, die in merklichen Anteilen an die Verbal inspiration der Bibel, d. h. den Wortlaut der biblischen Texte und ihre göttliche Herkunft glauben. Bei buddhistischen und islamischen Autori täten spielt die historisch kritische Methode bisher noch keine nennens werte Rolle, sehr wohl jedoch bei Religionswissenschaftlern, die sich wissenschaftlich mit Islam und Buddhismus auseinandersetzen. Ob die historisch kritische Methodik jemals Eingang bei islamischen und bud dhistischen Lehren und Lehrern finden wird, ist gegenwärtig schwer ein zuschätzen. Die Substanz des Buddhismus würde nach meiner Einschät zung durch die historisch kritische Methodik wenig tangiert. Im Islam würde der Einzug der historisch kritischen Methode in die Erforschung und Exegese des Koran jedoch eine Reihe von Glaubensinhalten und nach Mohamed entstandenen Vorstellungen entmythologisieren und sehr wahrscheinlich die gegenwärtig ohnehin schon höchst feindseli gen und gewaltsamen Konflikte unter den islamischen Glaubensgemein schaften um den „wahren“ Islam wesentlich verschärfen. Fazit: Bisher konnte die historisch kritische Methode in christlichen Glaubensgemeinschaften – gemessen an der Gesamtheit – nur gering fügig Akzeptanz gewinnen, sowohl bei den (noch) Gläubigen als auch bei den Religionsprofis. In der fortschreitenden Austrittsbewegung aus den Kirchen spielt der Denkhorizont der historisch kritischen Metho de, der auch viele andere Lebensbereiche prägt, jedoch eine zentrale Rolle, weil er die Entfremdung von den christlichen Lehren begünstigt. In nicht christlichen Glaubensgemeinschaften spielt sie meines Wis sens bisher keine nennenswerte Rolle, obwohl es auch bei ihnen Ent fremdung von Gläubigen gibt. Lieb gewonnene, weil existenziell be deutsame Mythen, sind offensichtlich gegen noch so triftige Argumente und Belege erstaunlich resistent. Anders ausgedrückt: Das eigene Welt erklärungssystem, die eigene vertraute Seinsordnung, das eigene, kol lektiv eingebundene Selbstverständnis, die Orientierung in dieser Welt oder wie man das Koordinatensystem der Lebensführung auch nen nen mag, hat einen so hohen Stellenwert im Bewusstsein der Gläubi gen, dass die meisten von ihnen diese Wegweiser nicht wegen einiger noch so stringenter empirischer Widerlegungen aufgeben wollen. Wi dersprüche sind etwas Alltägliches. Würde man diese Wegweiser auf 129 deutungshoheIt: vom monopol der kIrchen zu eIner dIfferenzIerten struktur geben, dann wäre Neuorientierung nötig, aber wie und wohin? Die Urangst vor Neuem, vor Ungewissheit schreckt ab, sich auf neue, un gewisse Wege zu begeben. Denn: Nicht alle Wahrheiten machen frei; sie können auch belasten, hilflos machen, oder gar eine radikale Ver änderung der Lebensführung einfordern, wie die aktuellen, miteinan der verknüpften Krisenszenarien von Klimaveränderung bis Einbruch der Biosphäre nahelegen und aus der Bevölkerung und von potenziel len Verlierern solcher Neuorientierung erheblichen Widerstand erfah ren. Der Rückzug in den vertrauten Bereich ist seit jeher ein wichtiges Mittel, Ängste nicht aufkommen zu lassen, den bewährten Lebensraum und sich selbst vor Überforderungen zu schützen, weil man sich den Herausforderungen nicht gewachsen fühlt. Eine derartige Verhaltens weise ist als allgemeines Verhaltensmuster weit verbreitet und sehr ver ständlich. Vermutlich verwenden mehr oder weniger alle Menschen diese Verhaltensmuster, weil sie auch Grenzen ziehen wollen und müs sen. Als kollektives Verhaltensmodell kann ein derartiges Verhaltens muster eine Religionsgemeinschaft ins Abseits führen, insbesonde re wenn es zum Standardverhalten z. B. gegenüber Wissenschaft oder auch anderen neuen Erfahrungen wird. Es handelt sich um eine Art von Wirklichkeitsverweigerung. Etwas provokativ kann man vom Rückzug in die religiös oder wie auch immer gestaltete Kuschelecke sprechen. Langfristig könnte gerade das Verharren im angeblich Bewährten, sei es religiöser oder anderer Natur, allerdings der Beginn einer Emigration aus der Gesellschaft sein. Auf die Umweltprobleme bezogen ist ein der artiges Verhalten in allen Bevölkerungskreisen weit verbreitet; es könn te der Anfang vom Ende, oder doch der Anfang von einer Katastro phe bisher ungekannten Ausmaßes durch Klimaveränderung, Einbruch der Biosphäre oder andere Bedrohungen sein. Und: Für langfristige und noch dazu in die Lebensführung stark eingreifende Neuorientierungen waren bisher die notwendigen breiten Mehrheiten nicht zu gewinnen. Die allenthalben sprießenden Widerstände selbst gegen bescheidene zukunftsorientierte Veränderungen quer durch zahlreiche entwickelte und weniger entwickelte Gesellschaften lassen wenig Hoffnung auf eine durchgreifende Neuorientierung aufkommen. Die bescheidene, verblie bene Hoffnung gründet auf die – wie Wilson sagen würde – eusozia len Produkte der Evolution, die sich in den weltweit zahlreichen Orga nisationen, Kleingruppen, sozialen Bewegungen und auch Religionen manifestieren, soweit sie sich für Frieden, Hilfe der Schwachen und 130 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte Kranken, Erhaltung und Pflege von Umwelt und Biosphäre usw. mit be wundernswertem Engagement einsetzen. 4 6 Zusammenfassung und Verortung klärungsbedürftiger Probleme In den vorausgegangen Analysen dieses Kapitels ebenso wie in dieser Zusammenfassung und einigen Folgerungen konzentriere ich mich auf die zentralen Entwicklungslinien der Religionen, die, wie mehrfach dar gestellt, ziemlich durchgängig, wie unterschiedlich auch immer, die Be wältigung der Zukunft beinhalten. Mit dieser Fokussierung nehme ich in Kauf, so manche Beiträger zu dieser Entwicklung zu vernachlässigen bzw. zu übergehen. Ich reduziere also die Komplexität, um nicht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr zu sehen. Dennoch ist mir daran gelegen, diese Entwicklungsstränge möglichst zutreffend darzustellen. Insbesondere Leser aus den Religionsgemeinschaften der abrahamisti schen Tradition könnten meine Analyse und Darstellung als Anklage, als Schuldzuschreibung für die längst angelaufenen desaströsen, haus gemachten Entwicklungen wie die Klimaerwärmung, die Besorgnis er regende drastische Reduktion der Biosphäre und die Umweltverseu chung verstehen. Eine derartige Vorgehensweise widerspricht zutiefst meinem Anliegen, ursächliche Zusammenhänge für die aktuelle Lage aufzuzeigen, damit daraus Steuerungsmöglichkeiten abgeleitet werden können, um die angesprochenen Krisenentwicklungen, die ja schon ge raume Zeit im Gange sind, wenigstens zu vermindern und einzugren zen. Die dargestellten Entwicklungen und ihre jeweiligen Ergebnisse sind selbst als Produkte zahlreicher innovativer Ideen und deren Zu sammenwirken zu verstehen, Ideen, die auf eine bessere Bewältigung der Zukunft zielten, aber auch neue, immer wieder fatale Probleme schufen. Es ist abwegig, in solchen hochkomplexen Prozessen, die sich aus zahlreichen einzelnen Elementen mehr oder weniger zufällig erge ben haben, an einzelne Innovatoren Schuldzuschreibungen zu vertei len, Schuldige herauszupicken. Dies wäre willkürlich, inhaltlich nicht zu begründen und löst überdies die Probleme nicht. Die Ursachen der abgelaufenen Entwicklungen zu analysieren ermöglicht jedoch, sie zu verstehen und daraus – hoffentlich – Konsequenzen für erforderliche Korrekturen und Steuerungsprozesse zu ziehen. 131 zusammenfassung und verortung klärungsbedürftIger probleme Je hilfreicher und Gewinn bringender Innovationen sind, desto mehr Personen, Gruppen, Organisationen und Institutionen werden sie sich zu eigen machen, um im Wettbewerb daraus Vorteile ziehen. Häufig sind schädliche oder gar verderbliche Folgen innovativer Entwicklun gen erst in einem späteren Stadium ihrer Nutzung zu erkennen und auch bei bestem Willen nur teilweise zu vermeiden. In der Ambivalenz vieler gerade bedeutsamer, weil gewinnträchtiger Innovationen liegen deshalb schwer zu lösende Probleme. Im Umgang mit ambivalenten In novationen ist zwecks Schadensminimierung das in Europa gängige Vorsorgeprinzip klar dem in den USA und andernorts üblichen Abwar ten bis zum Nachweis von Schäden vorzuziehen. Schuldhaft wird ein Verhalten, wenn seine negativen Folgen für den Verursacher und die Allgemeinheit offensichtlich werden und es den noch fortgesetzt wird. Mittlerweile zeigen Wissenschaften ziemlich zu verlässig weil empirisch belegt beides auf: sowohl die Bedrohungen von Klima, Biosphäre und Umwelt und ihre Ursachen als auch dringend er forderliche Abhilfemaßnahmen. Den Ambivalenzen von Entwicklun gen durch Vorsorgemaßnahmen vollständig zu entgehen, ist letztend lich nur sehr bedingt möglich. Dennoch: Soweit Kapitaleigner und ihre Helfer, Politiker und Regierungen sowie andere Personen und Gruppie rungen trotz einschlägiger Warnungen ohne Rücksicht auf Klima, Bio sphäre und Umwelt ihren Vorteil suchen, tragen sie Schuld an der Schä digung bzw. Zerstörung der Lebensgrundlagen. In diesem Sinn gibt es zahlreiche Schuldige bzw. Unbelehrbare. 4 6 1 Drei Entwicklungsphasen in der Entwicklung der Religionen – zwei bedeutsame Zäsuren Die Entwicklung von Religionen weist im Hinblick auf die hier inte ressierenden Gesichtspunkte der Zukunftsgestaltung und des Überle bens der Art Mensch drei Entwicklungsphasen und zwei grundlegende Zäsuren auf, bei denen ich die mir wesentlich erscheinenden zentra len Entwicklungslinien zusammenfasse, weil sie in ein fehlgeleitetes, korrekturbedürftiges, die menschlichen Lebensgrundlagen bedrohen des Selbstverständnis und damit in die aktuellen Problemszenarien ein münden: Dies ist das Schlüsselproblem für die Zukunft. 132 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte Die Jäger und Sammlergruppen und ebenso die deutlich größeren Stammesgesellschaften hatten bei ihren Weg weisenden Erklärungen des Menschseins in der Welt jeweils stets die Gesamtheit der lebenden und materiellen Natur im Blickfeld, weil ihre Abhängigkeit von der Na tur so häufig offenkundig wurde, dass man sie nicht außer Acht lassen konnte, sondern in das eigene Seinsverständnis einbeziehen musste. In Religionen der Ureinwohner Asiens, Afrikas, Australiens und Ameri kas blieb diese Ausrichtung auf die Gesamtheit der lebenden und mate riellen Natur bis auf den heutigen Tag im Mittelpunkt ihrer Deutungs systeme. Die erste bedeutungsvolle Zäsur entwickelt sich im Laufe der Umwälzungen menschlichen Lebens durch die Entfaltung der Land wirtschaft, schriftlich dokumentiert vor mindestens 2600 Jahren vor heute und zwar zeitlich versetzt mit den sogenannten abrahamistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Die Natur wurde ent mythologisiert und verlor deutlich von ihrer Bedrohlichkeit durch die Nahrungsmittelsicherung mittels Ackerbau und Viehzucht, insbeson dere in den Flussebenen des Orients und angrenzenden Regionen, so als würde sie bereits beherrscht. Im Menschen und Weltverständnis rückte nun der Lebens und Heilsweg des Menschen mit seinen Be dürfnissen und Problemen in den Mittelpunkt. Die „übrige“ Biosphä re geriet zur Nebensache, kam über eine bloße Hilfsmittelfunktion für den Menschen nicht nennenswert hinaus, weil der Auftrag zur Bewah rung der nicht menschlichen Geschöpfe laut Bibel und Koran sowohl in der Lehre als auch in der Lebenswirklichkeit nur einen geringen Stel lenwert hatte, eine randständige Traditionslinie darstellte. Die Abhän gigkeit von der Biosphäre geriet aus dem Blickfeld bis heute – mit fa talen Folgen, wie wir heute wissen. Diese Folgen dieses Sinneswandels konnten die Menschen damals trotz negativer Begleiterscheinungen ihrer Naturhandhabung sicher nicht erkennen. Diese anthropozentri sche Grundeinstellung manifestiert sich darüber hinaus in säkularisier ter Form, häufig losgelöst von den religiösen und ethischen Kontexten, als materialistisch und technokratisch geprägte Zivilisation mit einer schwer steuerbaren Eigendynamik. Die buddhistischen Glaubensrichtungen beinhalten zwar auch eine ext rem anthropozentrische Heilslehre, ziehen aber keine den abrahamisti schen Religionen vergleichbare Trennungslinien zwischen Mensch und übriger Lebenswelt; sie sehen den Menschen als höchste Lebensform, aber als Teil im Strom des Lebens. Der Buddhismus hat die Achtung vor 133 zusammenfassung und verortung klärungsbedürftIger probleme dem nicht menschlichen Leben nie aus dem Blickfeld verloren, konnte allerdings bedauerlicherweise auch keinen nennenswerten Einfluss auf die von Europa ausgehende Zivilisationsentwicklung nehmen. Seit über zwei Jahrhunderten führen die moderne Zivilisation und mit ihr der Verbund von technologischem Knowhow, gewinnorientierter Produktion und Bevölkerungswachstum in mehr oder weniger allen Produktionsfeldern einschließlich der Landwirtschaft zur fortschrei tenden Schädigung bzw. Zerstörung von Biosphäre, Klima und Um welt. Besonders prekär ist dabei die drastische Reduzierung der Arten und der Populationen der überlebenden Arten, weil eine artenreiche Biosphäre für das Überleben der Art Mensch und selbstverständlich auch für viele andere Lebewesen unerlässlich ist. Der Tunnelblick auf die schnelle Effizienz begünstigt kurzfristig die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln, stellt aber die mittel und langfristige Versorgung der Weltbevölkerung in Frage. Ökologische Landwirtschaft könnte die langfristige Versorgung ermöglichen und mit der Konzentration auf pflanzliche Nahrung andere Probleme z. B. die Klimaerwärmung redu zieren. Es ist unverantwortlich riskant, die Belastbarkeit größerer öko logischer Systeme bis an die Grenze ausreizen zu wollen. Die zweite grundlegende Zäsur und mit ihr die dritte Entwicklungs phase der Religionsgemeinschaften wird zunächst in Teilen Europas durch die Aufklärung eingeleitet, deren rational empirisches Denkmo dell einerseits die mythologische Vorstellungswelt der Religionsgemein schaften in Frage stellte und damit die Glaubwürdigkeit der kirchlichen Lehren. Andererseits führte die rational empirische Methodik zu einer explosionsartigen Entwicklung der Wissenschaften, die die Bevormun dung durch die Kirchen zurückwiesen und für die von ihnen erforsch ten Fachgebiete Deutungshoheit beanspruchten. Damit zerbricht das Monopol der Deutungshoheit der Religionen. Im Zuge der Rationali sierung und ihrer Denkweise setzen sich zwei Legitimationsprinzipien durch. Für Entscheidungsverfahren setzt sich für immer mehr Problem stellungen die Mehrheitsentscheidung: Legitimation durch Verfah ren durch. Damit scheiden konfessionelle Wert und Normvorstellun gen und religiöse Autoritäten als übergeordnete Bezugspunkte aus der Entscheidungsfindung aus. Für die Sachargumentation wird die ratio nal empirische Beweisführung ohne Rücksicht auf normative Gesichts punkte verbindlich: Legitimation durch Sachverstand, wobei die Ergeb 134 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte nisse sachverständiger Beweisführung stets unter dem Vorbehalt der methodischen Kontrolle stehen. Tatsächlich wird das Deutungsmonopol der Religionsgemeinschaften durch eine Struktur fachgebietsbezogener Deutungshoheiten ersetzt, die sich im Zuge der Spezialisierung der Fachgebiete und Institutionen immer weiter ausdifferenziert und fortan die Wegweisung übernimmt. Es beginnt ein Prozess, in dem sich menschliches Selbstverständnis aus unterschiedlichen Quellen entwickelt, unter denen Religionen eine sein können. Da Wissenschaften und Institutionen das Hier und Jetzt als ihre Domäne für sich reklamieren, werden Religionsgemeinschaften weitgehend auf die Sinnfrage und das Übernatürliche reduziert. Anders ausgedrückt: Menschliches Selbstverständnis muss, wenn es zukunfts fähig sein will, fortan aus dem Zusammenwirken unterschiedlicher Per sonen und Institutionen entstehen (vgl. Kap. 6). Damit ist der aktuelle Entwicklungsstand hinsichtlich der Deutungsho heit beschrieben, der in den zahlreichen Gesellschaften, und zwar nicht nur jenen aus dem europäisch christlichen Traditionsstrom, mit unter schiedlichen Akzentuierungen mehr oder weniger, jedenfalls offiziell geteilt wird. In den jeweiligen Bevölkerungen dieser Länder dürfte die beschriebene Einschätzung jedoch nicht durchgängig anzutreffen sein. Sakrale Offenbarungen bleiben für stattliche Minderheiten und teilwei se auch Mehrheiten weltweit für viele Gesellschaften bestimmend. Fazit: Die Fokussierung auf den Heilsweg des Menschen – manche Au toren sprechen vom Heilsprivileg des Menschen – hat zunächst zu ei ner Marginalisierung der „übrigen“ Biosphäre in den Deutungen des Menschseins der abrahamistischen Religionen und dann in den folgen den Entwicklungen zu mehreren Bedrohungsszenarien geführt. Mit der Marginalisierung der Biosphäre und der Stellung des Menschen im Erd system im Selbstverständnis wird man die bereits im Gange befindli chen Bedrohungen nicht bewältigen können. Man wird vielmehr ein Selbstverständnis entwickeln müssen, das die Eingebundenheit des Menschen in die Biosphäre und in das Erdsystem als Basis berücksich tigt (vgl. Kap. 5.5 und 6.4). Ob sich Religionsgemeinschaften für eine derartige Erweiterung bzw. Modifizierung ihrer Vorstellungen öffnen werden? Die wünschenswerte Richtung zeichnet sich schon seit eini gen Jahrzehnten in den der Nachhaltigkeitsforschung zuzurechnenden 135 zusammenfassung und verortung klärungsbedürftIger probleme Wissenschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen, auch in ei nigen Religionsgemeinschaften ab. Die vorherrschende gesellschaftliche Praxis zeigt gegenläufige Struktu ren zu dem notwenigen neuen Selbstverständnis: Aus der primär von der christlichen Tradition, insbesondere vom reformierten Protestan tismus angestoßenen Entwicklung zur modernen Arbeitswelt und aus den Ideen der Aufklärung ist etwas ganz Neues entstanden: eine weit gehend säkulare, äußerst dynamische, weil gewinnorientierte Zivilisa tion. Sie übernimmt einerseits die Marginalisierung der Biosphäre, die Arbeitsethik und die rational empirische Methodik aus der Tradition und kultiviert sie weiter. Andererseits entzieht sie sich immer mehr der moralischen Kontrolle durch religiöse Autoritäten und/oder ethische Bindungen, weil sie sich durch geradezu explosive Wissenskumula tion und daraus erwachsende wirtschaftliche und politische Macht selbst le gitimiert und damit quasi zu einem Ziel in sich selbst unentbehrlich macht. Die primär durch Gewinnmaximierung angetriebene Zivilisa tionsdynamik mündet ein in die systematische Abwehr und Bekämp fung aller Einschränkungen und Gegenbewegungen, ob es sich um staatliche Gesetze, Einsprüche von Bürgern, zivilgesellschaftliche Orga nisationen, Umweltschutzauflagen, Forderungen zur Minimierung der Klimaveränderung usw. handelt. Die vorherrschende Gewinnmaximie rung – es gibt daneben ja auch noch andere Orientierungen und auch Gegenbewegungen – bringt immer größere Konzerne und Konzernalli anzen hervor, die sich zunehmend der politischen Kontrolle entziehen. Die mehrfach angesprochenen bereits laufenden Krisenentwicklungen wurzeln nicht ausschließlich aber doch entscheidend in kaum kontrol lierter bzw. kontrollierbarer Gewinnmaximierung. Das Nebeneinander und manchmal auch das produktive Miteinan der unterschiedlicher sachgebietsbezogener Deutungshoheiten innerhalb einer Gesellschaft für ein neues Selbstverständnis dürften häufig bis regelmäßig mit vielerlei Ungereimtheiten, Diskontinuitäten, Gegen sätzen und Konflikten um Einfluss und Macht verbunden sein, wenn sie denn gelingen. Die Frage, wie Einheit in und mit der Vielfalt der Deutungshoheiten gelingen kann, bleibt eine dauerhafte Herausforde rung. Vielfalt umfasst in diesem Kontext dabei zweierlei, einerseits die unterschiedlichen sachgebietsbezogenen Deutungshoheiten und ande rerseits die Vielfalt der Sinndeutungsansätze der Religionsgemeinschaf 136 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte ten, eine höchst komplexe gesellschaftliche Situation (vgl. Pluralismus in Kap.7.2.2). In den Beziehungen zwischen Gesellschaften stehen sich, ohne dass eine Ende abzusehen wäre, zwei Modelle gegenüber: das eher demo kratische System der sachgebietsbezogenen Deutungshoheiten und das der sakral bzw. ideologisch begründeten Ordnungskonzepte, wenn man hier sich herausbildende Zwischenformen zurückstellt. Gesell schaften des zuerst genannten Modells verfügen aufgrund des hohen Stellenwerts des rational empirischen Denkmodells über riesige Ent wicklungspotenziale, die den sakral dominierten Gesellschaften wegen ihrer Normierung erlaubter Wissenschaft nur begrenzt verfügbar sind. Die Auseinandersetzung gestaltet sich auch deshalb so unversöhnlich, weil beide Seiten an ihrem Modell beharrlich festhalten. Der westlichen Zivilisation und ihrer geradezu unheimlichen Dynamik können sich auch Gesellschaften mit völlig anders gearteten Traditionen kaum ent ziehen, weil sie effiziente Aufgabenerfüllung bietet. 4 6 2 Lokalisierung klärungsbedürftiger Probleme Religionen haben lange Zeit für Gesellschaften und ihre Mitglieder Wegweisungen für die Gegenwart und Zukunft entwickelt. Dement sprechend ergeben sich aus den vorausgegangenen Argumentations strängen und Situationsbeschreibungen mehrere klärungsbedürftige, zukunftsbezogene Probleme. • Die fortschreitende Rationalisierung der Denk und Handlungs formen seit der Aufklärung hat viele Menschen veranlasst, ihre Glaubensgemeinschaften aus unterschiedlichen Gründen zu ver lassen, weil sie z. B. die Lehren nicht mehr als glaubwürdig empfan den, sich bevormundet fühlten, keine hilfreichen Orientierungen für ihre Lebensführung mehr sahen oder aus anderen Gründen: Die innere Beziehung zu ihren Glaubensgemeinschaften ist vielen Gläubigen verloren gegangen, auch unter Mitwirkung der Rationa lisierung. In Deutschland schreitet die Austrittswelle aus den tradi tionellen Volkskirchen, in denen zusammen nur noch ca. 60 % der Bevölkerung Mitglieder sind, unvermindert fort, steigert sich eher noch. Außerhalb Europas wächst dagegen die Zuwendung zu Reli 137 zusammenfassung und verortung klärungsbedürftIger probleme gionen. Wie ist diese Entwicklung einzuschätzen? Macht die fort schreitende Rationalisierung des Denkens und Handelns die Reli gionen in Europa und – möglicherweise später in anderen Teilen der Erde – zum Auslaufmodell, weil sich in allen wichtigen Lebens bereichen angeblich rationale Denk und Handlungsweisen durch setzen? Was wird aus den Religionen? Die Eigenart von Religionen, Sinndeutung des Lebens und Wegweisungen für Zukunft zu geben, mündet regelmäßig ein in oft universale Geltungsansprüche und, in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen oft in erbitterte Konflikte und Kriege. Kriege behindern bzw. verhindern gemeinsa mes Handeln, das für die Bewältigung der gemeinsamen Probleme unerlässlich ist, innerhalb und zwischen Staaten. Wie kann mit den interreligiösen Konflikten umgegangen werden? • Seit mittlerweile etwa 300 Jahren haben die Wissenschaften und zwar nicht nur die Naturwissenschaften einen enormen Bedeu tungszuwachs in mehr oder weniger allen Lebensbereichen erfah ren. Der aus den Wissenschaften abgeleitete Sachverstand wirkt nachhaltig ein auf die Güterproduktion, viele Dienstleistungen, das Gesundheits und Bildungswesen, die Abläufe von alltäglichen, aber auch von rechtlichen Entscheidungsprozessen, die Lösung zahlrei cher Probleme u. a. Wissenschaften sind in fast allen Lebensberei chen allgegenwärtig. Wie bereits mehrfach angesprochen, führt die mit rational empirischer Methodik verbundene Vielseitigkeit und Effizienz über die Nutzung durch gewinnorientierte Wirtschafts konzerne, Politiker und durch die konsumorientierte Bevölkerung neben zahlreichen Verbesserungen der Lebenslagen auch zu weit reichenden Bedrohungen unserer Lebensbedingungen: die drama tische Reduktion der Biosphäre, die Erwärmung des Klimas und die Verseuchung der Umwelt. Zwischen diesen drei miteinander verbundenen Problemszenarien gibt es zahlreiche Wechselwirkun gen, so dass es nicht genügt, sich auf eines der drei zurückzuziehen. Welche Rolle können da die Religionen, die ursprünglich Wegwei sungen für die Zukunft entwickelt haben, spielen? Was fehlt der Wissenschaft, um die beschriebenen Fehlentwicklungen zu vermei den? Wie wird sich das Verhältnis zwischen Wissenschaften und Religion entwickeln? Was können die Religionen zur Problemlö sung beitragen? • Soweit man das zurückverfolgen kann, sind die sich aneinander reihenden Konflikte, nach aller bisherigen Erfahrung der Normal- 138 dIe bezIehung des menschen zu bIosphäre und weIterer umwelt In der relIgIonsgeschIchte zustand der Menschheit. Wenn dies quasi naturgesetzlich ist, wa rum sollte dann eine Änderung dieses naturgesetzlichen Normalzustandes möglich sein oder gar angestrebt werden? Erstens: die Situation der gemeinsamen Heimstatt Erde hat sich geändert. Der Mensch bzw. vor allem die entwickelten Länder haben die Lebens bedingungen, stichwortartig mit Klima, Biosphäre und Umwelt umschrieben, dermaßen geschädigt, dass Konflikte gemeinsame Aktionen zur Erhaltung der Lebensbedingungen verhindern. Ge waltsame Konflikte binden Kräfte und lösen meistens keine Prob leme, jedenfalls kaum die Aufgabe, die Lebensbedingungen auf der Erde zu erhalten. Ausweichmöglichkeiten gibt es auf der begrenz ten Erde nicht. Es könnte im Konfliktgerangel nur Verlierer geben. Zweitens: Nur durch gemeinsame Anstrengungen besteht die Chan ce, die Lebensbedingungen wieder zu verbessern bzw. auf dem ge genwärtigen Stand zu halten. Zur Bewältigung dieser Aufgabe hat sich in der Evolution des Menschen etwas Neues entwickelt: Kul tur. Die bereits bestehende Kultur für das Leben muss weiter entwi ckelt und durchgesetzt werden. Dazu müssen drei Probleme in An griff genommen werden: Wie können innerhalb einer Gesellschaft mehrere unterschiedliche Religionen einigermaßen friedlich beste hen? Welches Arrangement ist geeignet, um die Religionskonflikte zwischen Gesellschaften zu minimieren? Wie kann Einigung über die zur Problemlösung erforderlichen Maßnahmen erzielt werden? Die fortschreitende Vermehrung der Erdbevölkerung und ihr zu sätzlicher Bedarf an natürlichen und materiellen Ressourcen er schwert die Lösung dieser Aufgaben ungemein. 139 5 Was wird aus den Religionen? 5 1 Sind Religionen Auslaufmodelle? Viele Menschen sehen Religion als Auslaufmodell für die Erklärung der Welt und beziehen sich dabei auf unvereinbare Gegensätze zwi schen Religion und Wissenschaft, insbesondere auf Aussagen von Re ligionen über Erscheinungen der realen Welt, die von Wissenschaften als nachweislich falsch nachgewiesen werden. Derartige Sichtweisen sind verbreitet, erst recht bei Wissenschaftlern, vor allem Naturwissen schaftlern; schließlich beschäftigen sie sich so intensiv und durchaus erfolgreich mit der rational empirischen Erklärung der Funktionszu sammenhänge auf der Erde und im Universum, dass auf der Grundla ge soliden weil belegbaren Wissens die unterschiedlichen mythologi schen Annäherungen an die Wirklichkeit, wenn man sie wörtlich ernst nimmt, kaum bestehen können, soweit sie sich auf die reale Welt bezie hen. Es gibt nun einmal Gegenstandsbereiche und darin Aussagen, die man klar als richtig bzw. falsch bezeichnen kann. Untersuchungen wäh rend des 20. Jahrhunderts in den USA zufolge ist der Anteil der Natur wissenschaftler, die an Gott oder ein göttliches Wesen glauben, bis zum Jahrhundertende auf nahe Null gesunken (vgl. Wilson 2014, S. 307). Dementsprechend erwarten viele Menschen, dass Religionen mit zu nehmender Rationalisierung der Lebensvollzüge überflüssig werden. Ich denke, diese Beurteilung von Religion resultiert aus mehreren Fehl einschätzungen. Erstens handelt es sich um ein Missverständnis dessen, was Religion im Kern ausmacht. Zweitens führt beides: eine Verabsolutierung des empirisch-rationalen Denkens oder alternativ der Religion in die Irre und zu falschen Schlüssen. Drittens entwickelt sich insbesondere in der westlichen Zivilisation zunehmend die Vorstellung, dass Religion und Wissenschaft je eigene Formen sind, mit der Lebenswirklichkeit der Menschen umzugehen, und letztendlich auf einander angewiesen sind, sich bedingen, wenn die Lebensbedingungen auf dieser Erde längerfristig erhalten bleiben sollen. Ich halte es deshalb für überholt, Religion und Wissenschaft als miteinander konkurrierende Modelle der Welterklärung zu verstehen. 140 was wIrd aus den relIgIonen? Erstens: Während Wissenschaft damit zufrieden ist, die für uns erfahr bare Wirklichkeit in der Form von eindeutig belegbaren Ursache Wir kungszusammenhängen zu erfassen und zu erklären, gehen Religio nen über bloße Erklärungen der realen Welt des Menschen hinaus und deuten diese sinnhaft, stets mit dem Blick in die Zukunft, um Orien tierung und Handlungsmodelle zu gewinnen. Wissenschaftliche Erklä rungen der Welt haben die bildhaften Welterklärungen nicht nur der christlichen Glaubensgemeinschaften besonders in den letzten drei Jahrhunderten durch empirisch belegte Forschungsergebnisse in Fra ge gestellt – Stichwort Entmythologisierung –, in das Feld der sinnhaf ten Deutung menschlichen Seins wollten und konnten sie jedoch nicht eindringen; sie haben sich ja an das Hier und Jetzt gebunden. Aber jede Sinndeutung beruht auf einer nicht mehr hinterfragbaren Leitvorstel lung, einem Axiom, einer geglaubten Offenbarung oder wie man diesen grundlegenden Ausgangs und Bezugspunkt des Lebens auch sonst be zeichnen will, und gibt dem Leben eine Richtung. In den meisten Reli gionen spielt die Sinnfrage eine entscheidende Rolle, weil sie mensch lichen Bedürfnissen nach Orientierung und Sinnhaftigkeit entspricht. Orientierung erwächst aus der Entscheidung für etwas von grundsätz licher Bedeutung. Es geht immer auch um Wegweisung in die Zukunft, nicht nur um den status quo und die Klärung konkreter wenn … dann Kontexte. Die rasante Kultur und Wissenschaftsentwicklung hat zu der vielfach geteilten Einschätzung geführt, dass die Erklärung der vorgefundenen Realität bei den Wissenschaften gut aufgehoben ist. Es zeichnet sich also ab, dass sich eine Aufgabenteilung zwischen Religionen und Wis senschaften einstellt. Religionen kümmern sich um die Sinndeutung menschlichen Lebens und dessen Ausrichtung in der realen Welt und dies häufig, aber nicht zwangsläufig unter Bezug auf Übernatürliches, Wissenschaften um die reale Welt. Die Zeit der Allzuständigkeit der Re ligionen scheint mir jedenfalls in den zentralen Institutionen und über wiegend im Bewusstsein der Bevölkerungen der westlichen Länder, teil weise auch darüber hinaus, vorbei zu sein. Wie Kap. 6.4 zeigen wird, teilen diese Auffassung auch die Repräsentanten einiger Weltreligionen. Zweitens: Der Mensch ist kein rationales Lebewesen; bei seinen eige nen Aktionen folgt er den Impulsen seiner Gene, seinen verbliebenen Instinkten, seinen anerzogenen und wohl auch selbst entwickelten Vor 141 sInd relIgIonen auslaufmodelle? stellungen sowie seinen Gefühlen, die geradezu übermächtig sind in ihm. Was ist rational an der Begeisterung für Fußball? Wie kommt es, dass bestimmte Formen des Aberglaubens übliches Verhalten sind, z. B. anderen nahe stehenden Menschen nicht vor dem Termineintritt zum Geburtstag oder einem anderen Lebensereignis zu gratulieren? Immer wieder überrascht die Aufgeschlossenheit, ja geradezu Anfälligkeit vie ler Menschen für Wunder und rational eher unzugängliche Sachverhal te. Nicht weniger erstaunlich ist die verbreitete Bereitschaft, rationale Erklärungen für persönlich unangenehme Ereignisse zurückzuweisen und sich stattdessen immer wieder auf Verschwörungstheorien ein zulassen. Wie kommt es, dass Erklärung durch bloße assoziative Ver knüpfung von Ereignissen im Alltag so verbreitet ist und oft akzeptiert wird, auch wenn rationale Erklärungen einfach und offensichtlich sind? Was hat es mit Rationalität zu tun, wenn Menschen eindeutig bewiese ne Sachverhalte nicht akzeptieren können oder wollen? Wie ist zu er klären, dass Menschen Jahrzehnte lang Lotterie spielen, obwohl sie die geringen Gewinnwahrscheinlichkeiten kennen? Für die Erklärung von Ereignissen folgen viele Menschen vorzugsweise ihren Erfahrungen, selbst wenn sie im Umgang mit rationalem Denken geübt sind. Rationalität nutzt der Mensch als Mittel, als bloße Methode, um ei nige seiner Ziele zu erreichen und auch, aber keineswegs ausschließ lich, um bestimmten Sachverhalten auf den Grund zu gehen, besonders im beruflichen Feld. In den Lebensbereichen, in denen das rational empirische Denk und Methodenmodell vorteilhaft einsetzbar ist, hat es die menschliche Lebenssituation zu einer sich ständig beschleuni genden Entwicklung, allerdings auch zu problematischen Folgeerschei nungen getrieben. Das war´s auch schon mit der Rationalität. Das ratio nale Denkmodell greift jedoch bei der Erklärung menschlichen Lebens viel zu kurz. Wo kommen denn die Ziele her, denen das rational empi rische Modell dient? Die Ziele des Menschen haben wenig mit Rationa lität zu tun; sie erwachsen aus dem „leben wollen“, der Gier auf immer mehr, dem Neid auf andere Leute, der Durchsetzung des eigenen Geno typs, wie die Evolutionsbiologen sagen. Dieses „leben wollen“ umfasst ein breites Spektrum an Impulsen und beinhaltet außer den teilweise rationalisierbaren Tätigkeiten zur Erhaltung des eigenen Lebens in ent scheidendem Umfang emotional befriedigende, selbstzweckliche Hand lungen, die ihren Sinn in sich selbst tragen – oder auch nicht – und zen traler Inhalt von Leben sind. Handeln ist zwar oft darauf ausgerichtet, 142 was wIrd aus den relIgIonen? bestimmte Ziele zu erreichen, häufig ist es jedoch Selbstzweck: Man tut etwas, weil es Spaß macht, Lebensfreude vermittelt; es drückt sich z. B. in unterschiedlichen Formen des Spiels: Sport, Kommunikation, Mu sik, Gemeinschaft, Kunst u. a. aus. Heutzutage sind Menschen, wenn sie denn dazu materiell in der Lage sind, bereit, große Summen für solche selbstzwecklichen Ziele, beispielsweise Erlebnisse mit CDs, für Konzer te, Sportveranstaltungen, Urlaube und andere Vergnügungen auszuge ben. Diese Beispiele zeigen aber auch, wie eng selbstzweckliches und ra tionales Verhalten miteinander verflochten sind. Des einen Vergnügen ist des anderen Berufsarbeit zur Lebenserhaltung. Auch „Denken“ kann, muss aber nicht zielbezogen sein, kann einfach Spaß machen. Die Lis te der selbstzwecklichen Tätigkeiten und ihrer Ambivalenzen ist lang. Warum gehen Menschen in den diversen Extremsportarten beachtliche Lebensrisiken ein, machen Klettern, Tauchen, Freeriding, Mountainbi ken und so manche anderen Tätigkeiten zu ihrem zentralen Lebensin halt? Leben ist Prozess, ist Erleben, auch Denken. Auch lebensnotwen dige Tätigkeiten wie Essen und Trinken haben ihre selbstzweckliche, erlebnisbezogene Komponente, sie sind lebensnotwendig und mit Ge nuss verbunden. Davon leben zahlreiche Gourmetrestaurants. Einige Wissenschaftler betonen zurecht die zentrale Bedeutung selbstzweckli cher Tätigkeiten, vor allem des Spiels, in der Entwicklung des Menschen und generell (Huizinga 1956, Bellah 2011). Zusätzlich zu diesen auf das Individuum bezogenen nicht rationalen, aber Leben bestimmenden Komponenten menschlichen Lebens hatten und haben mehr oder we niger abenteuerliche kollektive Ideologien, mitunter mit religiöser Un termalung, prägende Bedeutung für den Verlauf der Geschichte. In ei nigen Staaten feiern ziemlich abstruse völkische Geschichtsideologien, eine Art von nationalen Schöpfungsmythen, wieder fröhliche Urstände. Drittens: Religionen wegen mangelnder Rationalität abzulehnen, er scheint mir vorschnell und allzu schematisch in entweder/oder Katego rien gedacht und widerspricht ganz und gar der häufigen Vermischung bzw. gewollten Verbindung der Wirklichkeitsdimensionen. Einerseits: Als Versuch, das Leben als Ganzes zu erfassen und zu deuten, steckt hin ter Religionen durchaus intensives rationales Bemühen. „Religiös oder magisch motiviertes Handeln ist ferner, gerade in seiner urwüchsigen Gestalt, ein mindestens relativ rationales Handeln: wenn auch nicht notwendig ein Handeln nach Mitteln und Zwecken, so doch nach Er fahrungsregeln“ (Weber 1964 [1921], S.  317). Religiöse Autoritäten ver 143 sInd relIgIonen auslaufmodelle? suchten, nach dem Stand des aktuellen Wissens, ihrer Erfahrungen und durchaus auch ihres Charisma, Herausforderungen der Lebensum welt, zentrale Bedarfe und Bedürfnisse der Gruppe/Gesellschaft, der In dividuen, Gegebenheiten der belebten und unbelebten Natur und an deres in einen stimmigen und sinnhaften Zusammenhang zu bringen. Andererseits: Weil Religionen das Ganze des Lebens im Blickfeld ha ben, sind sie unausweichlich auch mit den Problemen, Zufällen, Span nungen, Emotionen, Skurrilitäten, Aversionen, Widersprüchen, Unge reimtheiten und anderen Eigenheiten des Lebens konfrontiert, die in keine rationale Schublade passen, aber das alltägliche Leben durchzie hen; sie setzen sich mit ihnen auseinander und sprengen deshalb den einseitigen und zu engen rational empirischen Rahmen. Denn auch au ßergewöhnliche Ideen und absurd erscheinende Vorstellungswelten ha ben allein dadurch, dass sie gedacht werden, eine Form von Realität mit nicht selten weit reichenden Folgen. Rationalisten machen es sich zu leicht, wenn sie alles mit ihrer Methodik nicht Erfassbare als nicht exis tent ausklammern. Religionen dagegen versuchen, menschliche Trie be und Emotionen, individuelle Bedürfnisse und soziale Notwendig keiten, rational empirische Erklärungs und Leistungspotenziale: eben die ungemein bunte Lebenswirklichkeit unter „einen Hut“ zu kriegen. Ich denke, in dem beschriebenen Bemühen der Religionen stecken zu sätzlich zu mancherlei Gefühlen von Lustgewinn bis Lebensangst, von Desorientierung bis Gewissheit, von Rationalität bis unbändiger Vita lität zahlreiche Prozesse des rationalen Abwägens und die Absicht, das Ganze des Lebens erfahrbar und lebbar zu machen, Widersprüchliches einzubeziehen, nicht auszuklammern. Sollte dies auf rein rational em pirischer Basis wirklich möglich sein? Ich möchte an dieser Stelle auf die Vielfalt des Lebens hinweisen, mit denen Religionen umzugehen ge nötigt und gewillt sind, um Verständnis für ihre vielfältigen Verknüp fungen unterschiedlicher Lebenselemente zu wecken, ohne dies alles zu teilen. An anderer Stelle wird noch darauf einzugehen sein, dass Wis senschaft nach wie vor große Probleme damit hat, Ganzheiten angemes sen zu erfassen (vgl. Kap, 6.1). Und um das Ganze des Lebens geht es bei Religion. Und selbst die Summe der Teile des Ganzen wird man wohl kaum bilden können. Fazit: Eine Aufteilung der Zugänge zur menschlichen Lebenswelt und ihrer Deutung nach rationalen oder anderen Entweder oder Kriterien geht also nicht auf, weil ziemlich regelmäßig rationale, emotionale, in 144 was wIrd aus den relIgIonen? tuitive, triebhafte und andere Denk , Erlebnis , Handlungs und Gestal tungsformen miteinander verflochten sind. Würde man das Rationale zum allein bestimmenden Definitionskriterium der Lebenswirklichkeit machen, dann würden alle anderen Zugänge zum Leben in der – be achtlich umfangreichen und vielgestaltigen – Residualkategorie „nicht rational“ und den damit verbundenen negativen Konnotationen ver schwinden. Das mag auch tatsächlich oft in ähnlicher Weise praktiziert werden, deckt aber nur einen kleinen Ausschnitt der menschlichen Le benswirklichkeit ab und zieht, wenn man so vorgeht, regelmäßig massi ve Probleme des individuellen Lebens und des Zusammenlebens nach sich. Wählt man als zentralen Bezugspunkt z. B. Lebensvollzüge, dann würde rationales Denken und Verhalten als eine Form unter mehreren anderen erscheinen und die dominierende Definitionsmacht verlieren, die es dadurch erhält, dass nach ihm – fast – alles bemessen wird. Eine derartige Überbewertung rationaler Denkweise ist nur möglich, wenn man die jeweiligen Ziele als gegeben und selbstverständlich voraussetzt und aus jeder Infragestellung ausklammert. Qualitative Merkmale des Lebens – und dazu gehören zentral emotionales Erleben, Sinnhaftigkeit und Zukunftsorientierung – sind mit rational empirischen Ansätzen nur begrenzt zu erfassen, weil sie sich jedenfalls in wesentlichen Aspek ten auf der Ebene unmittelbarer Erfahrung und nonverbaler Kommuni kation vollziehen, sich der quantifizierenden Erfassung in wesentlichen Hinsichten entziehen, z. B. bei zahlreichen Formen von Gemeinschafts erlebnissen. Bedauerlicherweise führt diese begrenzte quantitative Er fassbarkeit und Bewertung qualitativer Lebensmerkmale auch zu ihrer Unterschätzung und mangelnden Beachtung, eben weil andere Ein schätzungsformen, die sich der quantifizierenden Bewertung entziehen, wegen fehlender Berechenbarkeit verunsichern und deshalb gemieden werden. Aber Zufall, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit sind konstituierende Elemente der Evolution und des alltäglichen Lebens. Mehr als ein gewisses Maß an Ordnung, Berechenbarkeit und durchaus ambivalenter Zielerreichung kann Rationalität wohl kaum erreichen. Von Auslaufmodell kann keine Rede sein. Religion als Sinngebungsins tanz wird gebraucht und uns deshalb erhalten bleiben. Einzelne Religi onen werden verschwinden, andere neu entstehen, wieder andere wer den sich neu erfinden, neu erfinden müssen …, weil die Zukunft sie vor neue Herausforderungen stellt. Neben den organisierten Religio nen mit ihren kollektiven Selbstverständnissen gewinnen individuelle 145 relIgIonskrItIk Selbstverständnisse an Bedeutung. Klar ist aber auch, dass die moder ne Zivilisation an die Religionen höchst komplexe Herausforderungen heranträgt, die in den Zukunftsweisungen nicht einfach ausgeklammert werden können. Ob und welche der religiösen Wegweisungen sich die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen als zentrales Ziel zu eigen ma chen, Antworten auf diese Frage beginnen sich abzuzeichnen: Gewis se Ansätze sind bereits erkennbar. Dazu in Abschnitt drei, in Kapitel sechs und sieben. 5 2 Religionskritik Auf die eher plumpen Polemiker und Spötter in der Religionskritik gehe ich hier nicht ein. Aber auch nach meiner Einschätzung begründete kri tische Beurteilungen der Religionen sparen nicht mit deutlichen Worten und stützen sich wie die Evolutionsbiologen Edward O. Wilson (2014), Richard Dawkins (1990), aber auch der Physiker Hawking (2010) auf wissenschaftliche Argumentationskontexte, auf deren Grundlage sie die Welt, in der wir leben, erklären und Religionen mehr oder weniger ag gressiv attackieren. In der Auseinandersetzung mit der Religionskritik von Wilson lassen sich einige zentrale Aspekte klären. Nachdem Wilson (Wilson 2014) zunächst auf die positiven Wirkungen von Religionen für die Menschheit in der Vergangenheit eingegangen ist, fährt er fort: „Warum sind wir dann gut beraten, die Mythen und Götter der organisierten Religionen offen in Frage zu stellen? Weil sie verdummen und entzweien … Als erster Schritt zur Befreiung der Menschheit von den oppressiven Formen des Tribalismus würde sich anbieten, mit dem gegebenen Respekt die Anmaßung derjenigen Machthaber zurückzuweisen, die von sich behaupten, im Namen Gottes zu sprechen, besondere Stellvertreter Gottes zu sein oder über eine exklusive Kenntnis von Gottes Willen zu verfügen … Ein anderes Argument für eine neue Aufklärung lautet, dass wir auf diesem Planeten mit allem, was wir an Vernunft und Verständnis aufbringen können, allein und damit als Einzige für unsere Handlungen als Art verantwortlich sind. Der Planet, den wir erobert haben, ist nicht einfach eine Station auf dem Weg in eine bessere Welt da draußen in irgendeiner anderen Dimension. Auf eine moralische Vorschrift können wir uns mit Sicherheit einigen: Wir müssen damit aufhören, unsere Heimat zu zerstören, die einzige Heimat, die die Menschheit je 146 was wIrd aus den relIgIonen? haben wird … Der Konflikt zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und den Lehren der organisierten Religionen ist unlösbar. Die Kluft wird immer größer werden und für nie endende Kontroversen sorgen, solange religiöse Führer weiter unhaltbare Behauptungen über natürliche Ursachen der Realität aufstellen“ (Wilson 2014, S. 350–353). Diese eindringlichen Sätze sind ein Aufschrei im Bewusstsein der dro henden Katastrophen; sie treffen die aktuelle Situation als Aufgabenbe schreibung punktgenau: Es geht um Einigkeit anstelle von religiös oder machpolitisch motivierten Kriegen, um Eigenverantwortung der Men schen und um Konzentration auf das Wesentliche, die Erhaltung der „einzigen Heimat, die die Menschheit je haben wird“. Immerhin gibt es vom Ökumenischen Rat der Kirchen, vom Dalai Lama und Papst Fran ziskus, wie später darzulegen ist, mit in der Sache ähnlichen Äußerun gen Schritte in die richtige Richtung. Aber es gibt nur wenige Anzeichen dafür, dass die Voraussetzungen dieser Aufgabe, nämlich gemeinsame Aktion aufgrund gemeinsamer Einsicht, mit der erforderlichen Inten sität von der Ebene der Utopie und der guten Absichten in die Niede rungen der weltpolitischen Praxis gelangen werden. Die von den do minierenden wirtschaftlichen und politischen Eliten vorangetriebenen Entwicklungen und die zahlreichen Konflikte gehen jedenfalls – mit al lenfalls technokratischen Korrekturen – in die entgegengesetzte Rich tung und tragen weiterhin zur Verschlechterung bei Klima, Umwelt und Biosphäre bei. Es ist nicht zu bestreiten, dass Religionen verdummen oder, dezenter und präziser ausgedrückt, Blockaden gegen mehr oder weniger selbst verständliche Erkenntnisse durch Sakralisierung von Aussagen aufbau en. So führt der Glaube an die wörtliche Inspiration der Bibel mit seiner Blindheit für geschichtliche Prozesse zu zahlreichen mehr oder weni ger grotesken Wirklichkeitsverweigerungen. Es gilt der Satz: Jedes Wert oder Vorurteil verstellt die Sicht auf Sachverhalte, Probleme und Per spektiven. Islamische Glaubensinhalte enthalten zahlreiche alltägliche wie historische Fixierungen mit vielen Wirklichkeitsverweigerungen, die eine sachliche weil historisch fundierte Diskussion mit Muslimen erschweren oder gar unmöglich machen. Infragestellung ausgeschlos sen. Keine Religion kommt wohl ohne solche Blockaden oder Ausblen dungen der Wirklichkeit aus, die man auch Opfer des Intellekts nen nen kann. Aber so manche dieser Ausblendungen sind angesichts des 147 relIgIonskrItIk wissenschaftlichen Kenntnisstandes nicht nur eine harte Zumutung für Rationalisten, sondern laufen wie die Leugnung des Klimawandels auf Ignorierung realer Lebensbedrohungen hinaus. Der Buddhismus fällt unter den sogenannten Weltreligionen besonders auf, weil er unge wöhnlich wenige Opfer des Intellekts fordert. Das Konfliktpotenzial der Religionen ist nicht zu übersehen und wird im nächsten Abschnitt aufgenommen. Die zurecht beklagte Hybris ist ein geradezu typisches Merkmal der meisten Religionen und eine Tatsache, die viele Gläubige, gerade weil sie gläubig sind, beruhigt und in Gewissheit in ihrer individuel len, heilsbezogenen Kuschelecke einlullt; sie nimmt die Angst; sie mag auch bislang nachdenkliche Gläubige durchaus abschrecken; sie wird jedoch nicht einfach verschwinden, nur weil man ihre Berechtigung anficht, denn die versprochene Heilsgewissheit ist ein heiß begehrtes Gut, das sich sehr viele Gläubige, in die Schwierigkeiten und Enttäu schungen dieser Welt verstrickt, unter keinen Umständen nehmen las sen. Die Erklärungen und Deutungen der Welt vieler Religionen mögen mehr oder weniger legendenhaft, „falsch“ oder spekulativ sein, sie ha ben jedoch unschätzbare Vorteile: Sie sind in den Grundzügen einfach und überschaubar und befriedigen existenzielle menschliche Bedürf nisse: Die Befreiung von Urängsten, den Wunsch nach Sinngebung und Orientierung, und damit Identität und geordnete soziale Verhältnisse für das diesseitige Leben, und dessen wie auch immer vorgestellte Fort dauer mit dem anderweltlichen Ausgleich in einer ewigen, übernatürli chen, freudvollen, gerechten, jenseitigen Sehnsuchtswelt, eben alledem, was das Diesseits nicht bietet. Für sehr viele Menschen sind diese Leis tungen ihrer Religion so wichtig, dass wissenschaftliche Forschungser gebnisse, welche auch immer, dagegen so schnell keine Chance haben, z. B. die Evolutionslehre gegen die – wörtlich verstandenen – Schöp fungsberichte der Genesis. „Welt erklärende Religionen“ haben deshalb gute Chancen, noch lange zu überleben, vielleicht auch eine neue Blü tezeit zu erleben, in welchen Gegensätzen zu „wissenschaftlich“ nachge wiesenen Sachlagen sie auch stehen mögen. Und: Die nervende Arro ganz bzw. die Selbstgewissheit religiöser Autoritäten könnte geradezu eine notwendige Voraussetzung des Glaubens sein. Denn die tatsäch liche Komplexität und fehlende Überschaubarkeit der gegenwärtigen Lebensverhältnisse weckt Bedürfnisse nach einfachen, aber verlässli- 148 was wIrd aus den relIgIonen? chen Erklärungen und Rezepten, wie die Erfahrung und auch die welt weite Entwicklung der Religiosität zeigt (z. B. Graf 2007, Vollmuth 2015 u. a.). Und wer traut sich schon zu, sich einen klaren Überblick über das Sammelsurium wissenschaftlicher Untersuchungen zu verschaffen. Und: Welche wissenschaftlichen Untersuchungen sind vertrauenswür dig? Überdies bewahrt die Abschottung von den unangenehmen Kri senszenarien davor, seine eigene Lebensführung in Frage zu stellen und grundsätzlich zu ändern. Denn genau das ist damit gemeint, wenn Wil son dazu aufruft, „aufzuhören, unsere Heimat zu zerstören“. Die Jen seitsorientierung entwertet das Diesseits und vermindert Anstrengun gen zu seiner Erhaltung. Fazit: Rationales Erkennen und menschliche Sehnsüchte, das sind zwei sehr unterschiedliche und reibungsintensive Zugänge zum Leben. Wer sonst als wir Menschen könnte Verantwortung für unsere Erde übernehmen? Wir Menschen sind es, die ihre eigenen Lebensgrundla gen gestalten und auch ruinieren. Aber das Abschieben von Verantwor tung auf Übernatürliches: allmächtige Götter, außerordentliche Kräfte oder andere übernatürliche Wesenheiten ist geradezu ein Markenzei chen vieler Religionen und/oder ihrer simplifizierten volkstümlichen Versionen, weil es von Verantwortung entlastet. Weil Menschen dieser Verantwortung nicht gerecht werden konnten, nahmen sie ihre überna türlichen Ankerplätze in die Pflicht, die es richten sollen. Diese überna türlichen Instanzen haben Menschen eingeführt und gebraucht, weil sie es aus eigener Kraft nicht geschafft haben, eine geordnete Lebenswelt und verhaltenswirksame Kontrollen durchzusetzen, um funktionsfä hige Gemeinwesen und gleichzeitig individuelle, Bedürfnisse befriedi gende Lebensperspektiven zu schaffen. Die übernatürlichen Helfer sind also zuerst das Eingeständnis, aus eigener Kraft keine geordneten und zukunftsfähigen Lebensabläufe schaffen zu können, sie sind geliehene Macht. Die Götter bzw. andere übernatürliche Wesenheiten als immer präsente, drohende Keule waren notwendig, um die individuellen und kollektiven Egoismen der Menschen wenigstens in kleinem Maßstab an der Chaosproduktion zu hindern und in einzelnen sozialen Einheiten/ Gesellschaften wenigstens zeitweise geordnete Lebensverhältnisse auf zubauen. Die Entmythologisierung der übernatürlichen Keulen kann deshalb auch als Bedrohung sozialer Ordnungen verstanden werden. 149 relIgIonskrItIk Weil es viele „übernatürliche Keulen“ mit jeweils begrenztem Wir kungsbereich waren, sind so manche der unterschiedlichen religiös ge prägten Territorien miteinander in schwere Konflikte geraten, wie es im folgenden Abschnitt beschrieben wird. Dieses Konflikt und Gewalt potenzial der Religionen und der mit ihnen verknüpften Motive und Mächte droht sich Kräfte absorbierend so zu verselbständigen, dass für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen keine Kraft und Zeitressour cen übrig bleiben. Die Lösung grundsätzlicher Probleme des Zusammenlebens wird in vielen Religionen ins Jenseits und zu Übernatürlichem geschoben, weil sie im Hier und Jetzt nicht gelingt: Eine Bankrotterklärung oder das Er gebnis nach wie vor wirkender Urängste? Können wir leisten, was un sere Vorfahren nicht vermochten? Schaffen wir, mündig zu werden und die anstehenden Probleme anzupacken? Es ist unsere Aufgabe. Die aktuelle Situation ernüchtert. Gerade die Nation, die sich in Überle genheitsphantasien geradezu suhlt, die sich oft auf Gott beruft, die Welt meister in der Umweltverschmutzung und Zerstörung der Biosphäre und rekordverdächtig für die Erwärmung der Erde ist und für den be sonders verschwenderischen Verbrauch der verfügbaren Ressourcen sorgt, befindet sich bisher noch im Anfangsstadium, überhaupt den aktuellen Wissenstand über den Zustand der Erde und den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen und sich ihrer Verantwortung zu stellen. Wirklichkeitsverweigerung. Ein Bewusstsein der Bedrohung der Le bensgrundlagen besteht gerade einmal in kleinen, aber ohnmächtigen Zirkeln. Wie soll man dies dann von den Habenichtsländern verlangen, von denen einige bereits unter den anhebenden Katastrophen leiden? Abhilfemaßnahmen, um die „einzige Heimat, die die Menschheit je ha ben wird“ zu erhalten, sind alles andere als verbreitet, stecken, weltweit gesehen, in den Kinderschuhen. Es sind nur wenige Länder, arme wie reiche, die gegenwärtig Verantwortung zu übernehmen bereit sind. An Einigkeit, die Zerstörung der Erde zu bekämpfen, ist aus den genann ten Gründen gegenwärtig gerade einmal ansatzweise zu denken. Wie der einmal sind es die Ohnmächtigen, Wissenschaftler, zahlreiche Ein zelpersonen, Initiativen und Nicht Regierungs Organisationen (NRO) die mit Worten und Taten für eine radikale Änderung der Wirtschafts politik eintreten, bisher nur mit bescheidener Wirkung. Und dann trifft es immer wieder diejenigen, die wie z. B. die ohnehin um ihre Existenz 150 was wIrd aus den relIgIonen? kämpfenden Inuits, deren Jagdrechte auf Betreiben von Greenpeace eingeschränkt wurden. Reduziert man Religionen, wie es Wilson, Dawkins und Hawking je weils jeder auf seine Weise tun, auf Welterklärung, dann treffen deren Aussagen zu, man brauche Religionen nicht zum Verständnis der Welt und der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion sei unlösbar. Reli gion wäre störend, überflüssig, kontraproduktiv. Nach dieser Denkwei se lägen Wohl und Wehe der Menschheit allein in rationalem Denken und in einem Verhalten, für das Wilson eine Unterlassung als Zielvor gabe macht: „Wir müssen damit aufhören, unsere Heimat zu zerstören“. Hinter diesem scheinbar harmlos und passiv daherkommenden Wort „aufhören“ steckt die überaus umfassende und schwierige Neuorientie rung, die auf eine radikale Umkrempelung der gegenwärtigen Lebens und Wirtschaftsformen und der ihnen zugrundeliegenden Ziele hin ausläuft. Denn die zurecht kritisierte Zerstörung unserer Heimat ist der „Kollateralschaden“ einer gigantischen Gewinnmaximierungsmaschi nerie, die von den herrschenden wirtschaftlichen und politischen Eli ten gezielt und energisch vorangetrieben wird und in die die Bevölke rungen, freiwillig oder gezwungen, mehr oder weniger vorteilhaft oder benachteiligt, ziemlich engmaschig eingegliedert sind. Widerstand und Aussteigen sind sehr schwierig. Mit der Zerstörung aufhören bedeutet letztlich die Neuorganisation von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit die ser Forderung, die er so nicht formuliert aber implizit meint, steht Wil son nicht allein da. Auch viele NRO, Autoritäten von Religionen und auch Wissenschaftler fordern je auf ihre Weise eine grundsätzliche Neu orientierung, weil einzelne technokratische Maßnahmen die Ursachen der Probleme, allen voran die Orientierung am Wachstum und entspre chende Folgen, allenfalls teilweise beeinflussen. Es zeichnet sich also ab, dass die Bedrohungsszenarien nur in einer gigantischen, weil nachhalti gen Neuorganisation der Gesellschaften zu bewältigen sind, die alle bis herigen menschlichen Leistungen weit übersteigt. Woher sollen dazu die Antriebe kommen, wenn nicht aus einer tiefen Überzeugung über den Sinn des Lebens? Zwei Aussagen halte ich für problematisch: Die Überschätzung der Ra tionalität einschließlich der gegenwärtigen Wissenschaft und die pauschale Absage an die Religionen. Zuerst zur Rationalität, von der bereits die Rede war. Wissenschaft und Technologie betreiben im günstigsten 151 relIgIonskrItIk Fall methodisch korrekte Erforschung definierter Aufgaben und Zu sammenhänge; sie können damit allen möglichen Zielen und Herren dienen und tun dies auch. Genau das ist das zentrales Problem: Der gegenwärtige, weltweite Einsatz von rationaler Methodik in den Tech nologien der Wirtschaft orientiert sich erschreckend häufig weniger an „Wahrheitssuche“ als am erzielbaren Gewinn und führt zu zahlrei chen für Biosphäre, Umwelt und Klima schädlichen Produkten bzw. Nebenwirkungen. Geforderte Schutzmaßnahmen für Biosphäre, Kli ma und Umwelt werden trickreich minimiert oder umgangen (vgl. die Äußerungen von Achim Steiner in Balser 2010 vgl. 7.3) – und zu we nig eingefordert. Die zuständigen politischen Institutionen sind – in den einzelnen Ländern unterschiedlich – nicht willens oder in der Lage, wirksame Kontrollmaßnahmen durchzusetzen, weil auch sie am Wirt schaftswachstum interessiert sind. Wissenschaft und Technologie brau chen inhaltliche Ziele und Kontrolle (vgl. 6.2). War man im Laufe des 19.  Jahrhunderts froh, die Bevormundung der Wissenschaften durch die Religion abschütteln zu können, so wird in der Gegenwart immer deutlicher, dass Forschung ohne inhaltlichen Orientierungsrahmen zur Bedrohung des Lebens zu werden droht. Jeder Eingriff in „unsere Heimat“, mehr oder weniger jede Entwicklung, kann ein Akt der Zerstörung sein; jede Entwicklung wird damit zum Ort einer Güterabwägung zwischen gegenläufigen Zielen. Die Belange von Biosphäre, Klima und Umwelt werden dabei weltweit sehr unterschiedlich einbezogen, in vielen Ländern eher nachrangig, in anderen z. B. Deutschland, kann man Ansätze einer ernsthaften Berücksichtigung nicht bestreiten. Trotzdem ist der Verbrauch von Landschaft und Biosphäre enorm, in vielen anderen Ländern erschreckend. Entwicklung geht regelmäßig mit dem Verlust von Biosphäre einher. Wissenschaftliche Methodik erhält ihre Bedeutung von den Zielen, für die sie eingesetzt wird. Und diese Ziele, Gewinnmaximierung in Verbindung mit Wirtschaftswachstum werden von den wirtschaftlichen und politischen Eliten nicht in Frage gestellt. Grenzziehungen für Wissenschaft und ihre Anwendung sind deshalb im gesellschaftlichen Interesse unbedingt notwendig (vgl. Kap. 6.2). Falls sich weltweit die Bereitschaft entwickelt, Wirtschaftsund Lebensweise unter Bezug auf Klima, Biosphäre und Umwelt neu zu organisieren, sind die notwendigen technokratischen Instrumente in der wissenschaftlich und technokratisch hoch entwickelten Zivilisation rela- 152 was wIrd aus den relIgIonen? tiv leicht zu finden. Mit der unumgänglichen Neuorientierung sieht es dagegen düster aus. Im Glauben an seriöse Wissenschaft folgt Wilson seiner Form von Reli gion und übergeht dabei seine eigenen Erkenntnisse: „Bewusstes Den ken wird von der Emotion gesteuert; dem Überleben und der Fortpflan zung ist es voll und ganz ergeben“ (Wilson 2014, S.  17). Wissenschaft ist, ob wir wollen oder nicht, Bestanteil menschlichen Tuns und damit auch in dessen eigennützige, seien es individuellen oder auch kollekti ven Verwerfungen, verstrickt. Sich und das eigene Tun in Frage zu stel len, ist weithin verpönt, auch in der Wissenschaft. Ludwig Klages hat mit seiner Forderung zur kritischen Selbstkontrolle des Geistes nur we nig Zuspruch, aber heftige Kritik erfahren (Klages 1972). Aber insbeson dere im Hinblick auf die Zivilisationsentwicklung und die drei Krisens zenarien hat eben diese Selbstkontrolle des Geistes für Gegenwart und Zukunft besondere Aktualität gewonnen: Wohin steuert unser Geist? (vgl. hierzu auch Kap. 6). Nun zur Religion. Ich knüpfe an Abschnitt 5.1 an. Religionen, so wie ich sie kennen gelernt habe, erschöpfen sich nicht in rückwärtsgewand ten Welterklärungen, in Erklärungen von dem, was ist und was wir von der Welt wahrnehmen. Vielmehr waren Religionen stets auf Zu kunft bezogen und könnten gegenwärtig auch ohne eigene Erklärun gen der physischen Welt auskommen. Diese Aufgabe haben Religionen zwar Jahrtausende mit den jeweils verfügbaren Mitteln wahrgenom men. Mittlerweile ist es aber an der Zeit, diese Aufgabe den Wissen schaften zu überlassen, die für die Erklärung der physischen Welt die geeigneten Instrumente entwickelt und beeindruckende Ergebnisse er zielt haben. Dennoch sind Religionen nicht überflüssig, weil sie Men schen etwas bieten können, was Wissenschaften vergleichbar nicht leisten können und wollen: sie vermitteln Wegweisungen, wie die Zu kunft zu bewältigen ist und welches Ziel sowie welchen Sinn ihr Leben hat. Das Leben als Aufgabe steht im Mittelpunkt. Solche Wegweisun gen werden allerdings die wissenschaftlichen Erklärungen des Hier und Jetzt und ihrer Abläufe nicht ohne weiteres auf Dauer ignorieren kön nen; tun sie es dennoch, so gehen sie das Risiko ein, aus der Geschichte abgekoppelt zu werden und ihre Anhänger in eine Sackgasse zu manö vrieren, ihnen die Zukunft zu verbauen. Erstaunlich viele fundamenta listische Strömungen scheinen diesen Weg zu gehen. In jedem Fall bau 153 das doppelgesIcht der relIgIonen en Religionen – zwangsläufig – auf bestimmten geglaubten, und deshalb nicht mehr hinterfragbaren Vorstellungen oder Überzeugungen auf. Vie le Religionsgemeinschaften versehen ihre Wegweisungen mit „letzten“ sinnhaften Zielen, seien es Paradiese oder wie im Buddhismus das Aus scheiden aus dem Kreislauf der Wiedergeburten – dem Vergänglichen – mit dem Eingehen in das Absolute. Eine solche Sinngebungsfunktion ist sowohl für Gesellschaften als auch für Individuen auf Dauer unent behrlich, weil sie dem Leben, Denken, Fühlen und Handeln eine Aus richtung gibt und als eine zentrale Koordinationsstelle für alles Tun fungiert, ohne die Menschen nur im vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmen hin und herschlingern, orientierungslos. An einer solchen Wegweisung, die die gegenwärtigen Herausforderungen – Erhaltung und Schutz von Biosphäre und Umwelt, Minderung der Klimaerwär mung – in ihre Deutung menschlichen Lebens einbezieht, besteht gro ßer Mangel. Soweit sie sich gegenwärtig z. B. aus zahlreichen Ansätzen und Initiativen auch außerhalb der Religionen entwickelt, besteht ihr zentraler Inhalt in der Erhaltung der Lebensbedingungen; sie kann sich jedoch bisher nicht entscheidend gegen die dominierenden wirtschaft lichen und politischen Eliten und deren Wachstumsideologie durchset zen, wohl auch nicht gegen die am Hier und Jetzt, weniger am Mor gen interessierten Bevölkerungsmehrheiten weltweit. Ist der Zwergstaat Bhutan im Himalaya mit seinem Verfassungsziel Bruttosozialglück in mitten des weltpolitischen Chaos ein wirklichkeitsfremder Exot oder doch ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft? 5 3 Das Doppelgesicht der Religionen Man kann die weltweite Zuwendung zu Religionen angesichts verbrei teter Entwurzelungsprozesse im Zuge des beängstigend schnellen so zialen Wandels als Suche nach Wegweisung in Verbindung mit der Einbindung in ein verlässliches und von Sinn erfülltes und geordne tes Gemeinwesen verstehen. Sozialanthropologen und Soziologen spra chen früher von der Integrationsfunktion der Religion. Zahlreiche so zialanthropologische Untersuchungen belegen diese Aussage (vgl. Kap. 4.2). Auch in der Religionssoziologie der fünfziger und sechziger Jah re des vergangenen Jahrhunderts spielte die Integrationsfunktion der Religion eine wichtige Rolle (Yinger, Davis, Glock, James, Goode u. a.). 154 was wIrd aus den relIgIonen? Nach Durkheim (Durkheim 1912, S. 47) verbindet eine Religion die ihr angehörenden Menschen durch die Deutung menschlicher Existenz in Verbindung mit einem System von Glaubensvorstellungen und Ver haltensnormen zu einer moralischen Gemeinschaft, und zwar generell und überall. Das kann die eine durchaus positive Wirkung von Religion sein und das ist auch sehr häufig so gewesen, teilweise immer noch. Die Wirkung nach innen in die Religionsgemeinschaft erscheint also kons truktiv und führt häufig zu beidem: einer religiös legitimierten sozia len Ordnung und zu individuell sinnhaften Lebensperspektiven und auf dieser Grundlage zu erfolgreicher Selbstbehauptung dieser sozial religi ösen Gruppe/Gesellschaft. Aber was ist mit den Menschen, die nicht zu einer solchen Religion oder gar zu einer anderen Religion gehören? Der Glaube an die Ein maligkeit und Überlegenheit der eigenen Religion führt nahezu regel mäßig zu beidem: zur Abwertung von Menschen anderer Religionen bis hin zu ihrer Ausrottung und, soweit wir zurückblicken können, zu endlosen, häufig gewaltsamen Konflikten und unvorstellbar grausamen Kriegen, bis heute. Sieger beanspruchten für sich, die stärkeren Götter oder den einzig wahren Gott auf ihrer Seite zu haben. Die Bevölkerun gen wurden oft niedergemetzelt, Überlebende zur Konversion gezwun gen, gelegentlich, aber eher ausnahmsweise, auch mit ihrer ursprüngli chen Religion als Minderheit geduldet. Die Geschichte der Religionen ist zu großen Teilen eine Geschichte erbarmungsloser Religionskriege, in denen die Tötung von Feinden mit religiösen Legitimationen verse hen und zu besonderen Heldentaten mit heilsbezogenen Belohnungen, z. B. unmittelbarem Eingang ins Paradies, hochstilisiert wurden und werden. Ausgangspunkt solcher Religionskriege konnte einerseits die Religion zwecks weiterer Ausbreitung sein, häufig verbunden mit öko nomischen und politischen Motiven, andererseits nutzten so manche Herrscher die mit Religion verknüpfte Motivation zur Steigerung der Kampfkraft ihrer Truppen und zur Effektivierung und Legitimation ih rer Herrschaft. Religion und Politik haben in zahlreichen Variationen kooperiert, immer wieder zum Schaden der betroffenen Menschen, na türlich einschließlich der Soldaten, die auch für zweifelhafte Ziele ihr Leben einsetzen mussten. Man hat die Konflikte zwischen Religionen bisher weitgehend als eine Art unabänderliches Naturereignis und Schicksal hingenommen. Das 155 das doppelgesIcht der relIgIonen kann so kaum weitergehen. Auch in Wilsons Religionskritik und – wie später zu zeigen sein wird – in der Argumentation des Dalai Lama und von Hans Küng ist das Konfliktpotenzial der Religionen ein zentraler Bestandteil der Kritik, weil es eine weltweite Einigung zugunsten der Lebensbedingungen und für Maßnahmen zugunsten von Biosphäre, Klima und Umwelt behindert. Nur von der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung getragene, gemeinsame Anstrengungen haben die Chance, diese Aufgaben und angemessene Maßnahmen erfolgreich durchzuführen. Ohne eine Befriedung der Religionen sind die globalen Probleme nur schwer zu bewältigen. Wie die aktuellen Berichte in den Medien verdeutlichen, beeinflussen gegenwärtig Konflikte mit religiösen Aspekten, religiös motivierte oder gerechtfertigte Morde und Terroranschläge bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen die sozialen Beziehungen in und zwischen zahl reichen Gesellschaften; sie sind, je nach Eigenart, alltägliche Realität und Normalität, jedenfalls nicht Ausnahmen, die man vernachlässigen könnte. Es sind jedoch gegenwärtig primär die fundamentalistischen Ausprägungen von Religion, die zu unterschiedlichen Abstufungen von Aggression bis hin zu brutaler Gewalt neigen und als Störenfrie de auch die Weltmächte zu Wachsamkeit und Abwehrmaßnahmen nö tigen, während sich die meisten christlichen und buddhistischen Religi onsgemeinschaften jedenfalls gegenwärtig einem friedlichen Mit und Nebeneinander verpflichtet fühlen. Im Vorderen Orient haben Religionskonflikte zur faktischen Auflösung von Staaten geführt, weitere Staaten sind von den Folgewirkungen be droht, bürgerkriegsähnliche Zustände mit religiösem Hintergrund sind in mehreren Ländern verbreitet. Auch weite Teile von Kamerun bis zum Mittelmeer leiden unter Konflikten mit fundamentalistischen isla mischen Gruppen. Darüber hinaus haben sich diese Konflikte interna tionalisiert, wie die Terroranschläge in Europa einschließlich Russland und den USA zeigen. Die fundamentalistischen, oft sehr aggressiven Versionen fast aller Religionstraditionsströme – aus Christentum, Is lam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus – scheinen zurzeit weit ak tiver und erfolgreicher zu sein als ihre Herkunftstraditionen; in ihnen zeigt sich immer wieder sowohl ein großes Abgrenzungsbedürfnis nach außen als auch eine beachtliche Aktions und Gewaltbereitschaft. Selbst mit friedlichen Fundamentalisten gibt es ein großes Problem: Man 156 was wIrd aus den relIgIonen? kann mit ihnen kaum verhandeln und Kompromisse schließen, weil beides ihrer Grundeinstellung widerspricht und sie zu wissen glauben, was richtig und falsch ist. Mit innenpolitischen Konflikten ist in allen Gesellschaften zu rechnen, in denen starke fundamentalistische Religionsgemeinschaften bestehen. Starke religiöse Gruppen schränken die innen und außenpolitischen Handlungsspielräume z. B. auch in den USA erheblich ein: Ein amerika nischer Präsident wird es kaum wagen, politische Initiativen gegen die Interessen der Evangelikalen oder der Juden, z. B. einschneidende Ein griffe in die israelische Politik, zu starten. Man muss sehr wahrscheinlich damit rechnen, dass die bereits gegen wärtig ausgesprochen aggressiven bis gewaltsamen Konflikte innerhalb größerer Religionsgruppierungen und zwischen ihnen weiter andauern und sich eher noch verschärfen. Für die Einigung sowohl der Staaten als auch der Religionen für wirksame Maßnahmen zugunsten von Kli ma, Biosphäre und Umwelt, d. h. des Überlebens des Menschen, ist dies eine fatale Fortsetzung herkömmlicher Verhaltensmodi. Das Gewaltpo tenzial der Religionen beeinträchtigt das soziale Leben in vielen Gesell schaften, bindet derzeit die Kräfte der Politiker in hohem Maße und beeinträchtigt die Verfolgung der zentralen überlebenswichtigen Ziele. Hier wurde das Konflikt und Gewaltpotenzial der Religionen ange sprochen. Das bedeutet nicht, das politische und ökonomische Konflikt und Gewaltpotenzial zu übersehen oder zu verharmlosen. Allerdings kann man hier ansatzweise Verhandlungs und Kompromissbereit schaft erkennen, für gemeinsame, alle Länder angehende Probleme auch Lösungen anzustreben und zu erarbeiten. Nach einigen nahezu vergeblichen Versuchen sind die Ergebnisse der Pariser Umweltkonfe renz im Dezember 2015 ein offensichtlicher Fortschritt und Lichtblick (vgl. Kap. 7.2.4). 5 4 Entwicklungstendenzen der Religionen Die Wegweisungsfunktion, die Religionen über die Jahrtausende aus geübt haben, dürfte auch weiterhin für die Gegenwart und Zukunft für Menschen und Gesellschaften vonnöten sein. Wer oder was sollte denn 157 entwIcklungstendenzen der relIgIonen diese Funktion an ihrer Stelle übernehmen? Die Frage ist allerdings, ob die Religionen in ihrer gegenwärtigen Verfassung, mit ihren gegen wärtigen Akzentsetzungen wirklich Wegweisungen in die Zukunft sein können und an der Bewältigung der großen Krisenszenarien mitwir ken können. Die Religionslandschaft steht unter Veränderungsdruck, sie wird kaum ohne wesentliche Veränderungen auskommen. Ob und inwiefern Religionen für die Bewältigung der anstehenden Probleme hilfreich sein können, ist eine grundlegende Frage. Für die nähere Zukunft zeichnen sich gegenwärtig zwei Entwicklungs trends ab. Mit dem Wort Entwicklungstrend soll hier ausgedrückt wer den, dass die Entwicklung der Religionen relativ schnell ganz anders verlaufen kann. Nach den vorausgegangenen Argumenten ist davon auszugehen, dass Religionen als kollektive Deutungen des Mensch seins weiter bestehen werden; jedenfalls einige unter ihnen werden auf die Herausforderungen, die von der erfolgreichen empirisch rationa len Wirtschafts und Konsummaschinerie, von der Globalisierung und den beschriebenen Krisenszenarien ausgehen, neue Antworten suchen. Damit dürften wesentliche Modifizierungen und Akzentverschiebun gen im gegenwärtigen Repertoire der Religionen verbunden sein, damit sie ihrer Funktion, Wegweiser in Gegenwart und Zukunft zu sein, ge recht werden können, nicht hoffnungslos hinter den Herausforderun gen der Zeit zurückbleiben und das schon spürbare Vakuum hinterlas sen. Denn die meisten Religionsrepräsentanten waren und wollen auch weiter Wegweiser in die Zukunft sein. Derartige Modifizierungen und Akzentverschiebungen zeichnen sich teilweise bereits seit kurzer Zeit bei einigen traditionellen Religionen (vgl. Kap. 6.4) ab. Immerhin gibt es etwas, das man Aufbruch nennen kann, und insofern auch Hoffnung auf vorteilhafte Veränderung. Gänzlich neue Ansätze, das Menschsein unter Berücksichtigung der benannten Krisenszenarien plausibel zu deuten, gewinnen bisher noch keine breite Resonanz und Akzeptanz. Ein zweiter Trend lässt sich bei den fundamentalistischen Religionsge meinschaften, die in allen großen Religionstraditionen zu finden sind, beobachten. Sie sehen ihre Zukunft in der Rückbesinnung und Idea lisierung althergebrachter, unantastbarer Offenbarungen und deuten, soweit sie die sich bereits vollziehenden Krisenszenarien überhaupt wahrzunehmen bereit sind, diese jeweils durch ihre sakrale Brille. Als 158 was wIrd aus den relIgIonen? besonders veränderungsresistent und konfliktbereit zur Bewahrung ei ner idealisierten Lebensform fallen Gesetzesreligionen auf. Ein Reaktionsmuster fundamentalistischer Glaubensgemeinschaften besteht darin, bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse, die ihren Leh ren widersprechen, nicht zu akzeptieren. Beispielsweise hat die Evolu tionslehre bei den evangelikalen Gruppen, angeblich ca. 50 % der Be völkerung der USA, keine Chance gegen die biblische Schöpfungslehre. Auch sonst ziehen Fundamentalisten das Opfer des Intellekts vor, wenn Widersprüche zwischen eigenen religiösen Vorstellungen und der do kumentierten Wirklichkeit auftreten: Man kann das partielle Wirklichkeitsverweigerung nennen. Ich bin auf dieses typische menschliche Ver haltensmuster schon an anderer Stelle eingegangen. Ein zweites Muster besteht in der religiösen Umdeutung, insofern unleugbare moderne Krisenentwicklungen als gezielte göttliche Aktionen, häufig als göttli che Strafen im heilsgeschichtlichen Kontext interpretiert werden. So wird die Verantwortung für diese Entwicklungen dem allmächtigen Gott bzw. den unantastbaren Göttern zugeschoben. Eine Motivierung zu eigener Problembearbeitung kann aus solchen Sichtweisen nicht ent stehen. Auf der Grundlage derartiger fundamentalistischer Orientie rungen, die im Einzelnen durchaus unterschiedlich sind, sieht die Zu kunftsprognose für Biosphäre, Klima und Umwelt düster aus, weil die Umdeutung der Wirklichkeit Problembewusstsein und Veränderungs bereitschaft kaum entstehen lassen. Ob die oben beschriebene Vielfalt der Religionen erhalten bleibt oder ob sie im Zuge der Globalisierung und der damit verbundenen mindes tens partiellen Angleichung von Denkmustern, Lebensläufen und Le bensverhältnissen in vielen Ländern generell auch abnimmt, bleibt ab zuwarten, denn die Lebenslagen der Menschen dürften auch in Zukunft innerhalb von Gesellschaften und zwischen ihnen ein breites Spektrum umfassen. Vielfalt der Lebenslagen wird mit einer gewissen Vielfalt von Sinndeutungen menschlichen Seins verbunden bleiben. Denn Lebens sinn ist mehr oder weniger eng verbunden mit den jeweiligen Lebens wirklichkeiten. Man könnte es also schon als besonders günstige Ent wicklung einschätzen, wenn es trotzdem unter den unterschiedlichen Religionen zugunsten der Sicherung des Überlebens zu einer gemeinsa men Zielsetzung und zu einem gemeinsamen Aktionsprogramm kom men sollte, denen eine quantitativ große Mehrheit zustimmt, trotz aller 159 entwIcklungstendenzen der relIgIonen anderen Unterschiede. Ich halte es allerdings für wahrscheinlich, dass so manche Religionsgemeinschaft – man kann das beharrlich oder auch lernunfähig und starrsinnig nennen – an ihren traditionellen Vorstel lungen festhält, ohne Rücksicht auf Brüche und Unvereinbarkeiten mit der aktuellen Lebenswelt, die ohnehin in allen Gesellschaften bestehen und die meisten Menschen auch nicht stören, weil sie sie nicht wahr nehmen oder als normal betrachten. Religionsgemeinschaften, die aus schließlich religiös legitimierte Denk und Verhaltensmuster dulden, müssen mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen, sich weiterhin in sä kularen Staaten zu behaupten. Die mit Wirklichkeitsverweigerung häu fig einhergehende Doppelmoral wird die Probleme nicht dauerhaft lö sen können. Der soziale Wandel vollzieht sich in allen Teilen der bewohnten Erde immer schneller. Besonders davon betroffen sind die als Entwicklungs länder bezeichneten Gesellschaften, weil sie in wenigen Jahren mit schnellen Entwicklungssprüngen konfrontiert sind, die Entwurzelung und Desorientierung begünstigen, oft verbunden mit weiterer Verelen dung. Die immer wieder beschriebene steigende Zuwendung zu Religi onen (z. B. Graf 2007, Vollmuth 2015) kann deshalb als Suche nach Ori entierung, Identität und neuen Sicherheiten verstanden werden. Aber auch in den entwickelten westlichen Ländern konfrontiert der im mer noch schnelle soziale Wandel die Bevölkerung mit Identitäts und Orientierungsproblemen, die sich mangels überzeugender Alternativen in der Schwächung und Auflösung sozialer Kontexte und Verbindlich keiten, in anarchischen Tendenzen sowie heftigen, teils gewaltsamen Auseinandersetzungen z. B. im Umfeld von Fußballspielen, Demonst rationen u. a. spiegeln, aber auch im wachsenden Unterstützungsbedarf von Familien, Kindern und Jugendlichen, in der Kriminalitätsentwick lung und in zunehmenden Schwierigkeiten selbständiger Lebensfüh rung in Erscheinung treten. Gleichzeitig ist dennoch in Europa weiterhin damit zu rechnen, dass die Mitgliederzahl der traditionellen Kirchen weiter schrumpfen wird. Von den Austretenden bleibt ein – jedenfalls für Deutschland nicht genau quantifizierbarer Teil – religiös ungebunden und entwickelt manch mal individuell ein Selbstverständnis. Man spricht bei diesem Perso nenkreis auch von religiöser Bastelmentalität. Ein nicht genau quantifi 160 was wIrd aus den relIgIonen? zierbarer Teil bleibt ohne Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft. Ob es auf Dauer auch ohne Selbstverständnis geht? Der Rest wechselt zu anderen Religionsgemeinschaften. Dass der Rück zug aus den traditionellen Kirchen in Europa gleichzeitig auch als Ent fremdung von traditionellen christlichen Glaubensinhalten wie dem Gottesglauben und dem Glauben an ein Leben nach dem Tode zu ver stehen ist, lassen die Vergleichszahlen auf der Grundlage von Umfragen in den USA und europäischen Staaten vermuten, auf die sich Wilson bezieht (2014, S.  307 f.). Diese Umfragen weisen gravierende Unter schiede zwischen den USA und europäischen Ländern nach. Den Pro testanten zuzuordnende Religionsgemeinschaften in den USA waren vorherrschend eher konservativ und standen der historisch kritischen Exegese der Bibel (Stichwort Entmythologisierung) stets kritisch und ablehnend gegenüber, verblieben in einem eher mythologischen Ge schichts und Bibelverständnis. Ob die Entfremdung von bestimmten Glaubensinhalten in Europa generell als Verminderung religiöser Bin dungsbereitschaft der Menschen zu deuten ist, bleibt dennoch offen. Es könnte auch sein, dass kirchenferne Personenkreise sehr wohl, wenn es das denn gäbe, für ein Selbstverständnis zu begeistern wären, das die geistigen Grundlagen der Moderne respektiert, einbezieht und eine dazu passende Deutung menschlichen Seins beinhaltet. Denn auch Kir chenferne brauchen ein Selbstverständnis, eine Vorstellung dessen, wo her sie kommen, was sie sind und wohin sie gehen. 5 5 Achtung vor dem Leben als gemeinsame Grundlage Nach meinem Geschichtsverständnis sind es, wie bereits dargestellt, die Menschen, die auf der Grundlage ihrer in der Evolution entwickelten Fähigkeiten die Erde erobert haben und gestalten bzw. zerstören. Sie sind es, die kollektive Selbstverständnisse, Religionen genannt, entwi ckelt haben, als sie sich ihrer selbst bewusst wurden, weil sie Orientie rung und Wegweisung für die Zukunft brauchten. Sie sind es, die ihre Religionen immer wieder, meist sehr zögerlich, an die sich ändernden Lebensverhältnisse angepasst haben. Sie sind es, die sich in ihren Religi onen übernatürliche Instanzen ersonnen haben, die Garanten für funk tionsfähige Gemeinwesen und gleichzeitig für individuelle Bedürfnis 161 achtung vor dem leben als gemeInsame grundlage se befriedigende Lebensperspektiven sind. Sie sind es aber auch, die die Geschichte der Menschheit mit einer endlosen Kette von Religionskrie gen und politisch oder wirtschaftlich motivierten Konflikten versehen haben. Sie sind es, die jetzt durch die hausgemachten Bedrohungen un ter Druck gesetzt werden, die gewaltsamen Konflikte zu beenden, durch friedliche Konfliktformen zu ersetzen und ungeachtet aller Unterschie de unter den Religionen und Staaten eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf der gemeinsame Ziele und Programme zur Erhaltung der mensch lichen Lebensbedingungen erarbeitet und durchgesetzt werden. Das ist eine enorme Aufgabe: Sie bedeutet, über alle bisherigen menschlichen Leistungen weit hinauszuwachsen, eine neue Stufe menschlichen Mit und Gegeneinanders zu erreichen. Die Frage ist also, ob wir Menschen es schaffen, ohne die übernatürlichen Keulen, nicht nur in kleinen Ein heiten, sondern weltweit geordnete und zukunftsfähige Lebensverhält nisse aufzubauen, d. h. die gemeinsamen Interessen aller bzw. fast aller Staaten in den Mittelpunkt zu stellen und dadurch als Weltgemeinschaft oder realistischer: als Weltzweckverband handlungsfähig zu werden. Ein zaghafter Anfang ist bei der Klimakonferenz in Paris gelungen (vgl. Kap. 7.2.4). Wenn wir diese Fähigkeit zur eigenständigen Gestaltung geordneter Lebensverhältnisse weltweit erarbeiten und erstreiten könnten, wäre dies ein qualitativer Sprung in der menschlichen Evolution. Diese Sätze zu schreiben macht nur Sinn, weil auch in der Gegenwart schon bestimmte an Gemeinsamkeit orientierte Strukturen und Prozesse vor handen und manchmal erfolgreich sind. Auf ihnen kann man aufbauen, sie kann man erweitern. Die bisherigen Analysen zu Religionen fallen zwiespältig aus. Auf Re ligion im Sinne eines Selbstverständnisses können wir dennoch nicht verzichten; wir brauchen es, um einen gangbaren Weg zur Fortsetzung menschlichen Lebens zu finden. Einen solchen gangbaren Weg finden wir nur auf der Grundlage einer Haltung/Überzeugung, die dem Leben insgesamt, nicht nur einzelnen Lebewesen mit Achtung begegnet und sich in darauf bezogenem Verhalten ausdrückt, auch wenn das Selbst verständnis darüber hinaus so vielfältig ausfällt wie bisher. Diese Rich tungsangabe macht implizit deutlich, dass diese Haltung zum gegen wärtigen Zeitpunkt, im Weltmaßstab gesehen, gerade einmal teilweise festzustellen ist, sich also noch unter dem Druck der im Gange befind lichen Bedrohungsszenarien entwickeln muss. 162 was wIrd aus den relIgIonen? Im Buddhismus spielt die Achtung vor dem Leben seit jeher eine zent rale Rolle und prägt auch in hohem Maß das alltägliche Verhalten von immerhin mehreren hundert Millionen Gläubigen. Das Tötungsver bot auch für Tiere mag zwar nicht immer und überall voll durchgehal ten werden, es übt nichtsdestoweniger auf die Lebensführung und die Nahrungsmittelbeschaffung der Gläubigen und deren Folgewirkungen nachhaltigen Einfluss aus, der insbesondere im Vergleich mit westli chen Gesellschaften in mehreren Hinsichten unübersehbar ist (Fleisch verzehr, Umgang mit Tieren, Produktion Methangas). Buddhistische Kulturen zeigen, dass Achtung vor dem Leben als ein grundlegendes Element einer Kultur von allen Angehörigen gelebt werden kann, nicht nur von religiösen Virtuosen. Immer schon sind es die kollektiven Selbstverständnisse, die die Men schen auf allen sozialen Ebenen zu zielorientierten individuellen und vor allem sozial koordinierten Handlungen befähigen. Auch hoch gradig destruktive und dissoziative Handlungen stammen regelmä ßig aus einem Selbstverständnis. Wenn also solche Selbstverständ nisse in ihren Auswirkungen die eigenen Lebensgrundlagen und die anderer Lebewesen schädigen oder gar zerstören, liegt ein fehlgeleite tes weil lebensbedrohendes bzw. selbstzerstörerisches Selbstverständnis vor. Die treibenden Kräfte der Zivilisationsentwicklung, aber auch ihre Nachfolger in anderen Ländern haben in ihrer Fixierung auf das eigene individuelle und kollektive Wohlergehen den generellen Lebenskontext aus dem Blickfeld verloren und treiben auf umfassende globale Krisen bzw. Katastrophen zu. Menschliches Leben macht dann sich selbst zum Geschädigten und Feind. Die Ausrichtung des Lebens hat sich dann – bewusst oder unbewusst – auf Selbstzerstörung hin entwickelt und wird damit widersinnig und kontraproduktiv. Menschliches Selbstverständ nis war ja entstanden, um Orientierung für das Leben in Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Eine Neujustierung unserer Selbstverständnisse und unserer Ziele wird deshalb wie bereits angesprochen unumgäng lich, weil die überkommenen individuellen und kollektiven Egoismen, Ziele und Gierattacken eine Leben bedrohende Fehlentwicklung einge leitet haben. Diese Fehlentwicklung zwingt uns in Verbindung mit der grundsätz lichen Eigenverantwortlichkeit des Menschen zu einer Neubesinnung auf unsere eigentlichen Grundlagen und Ressourcen. Unsere Wurzeln 163 achtung vor dem leben als gemeInsame grundlage liegen im Strom des Lebens, aus dem wir uns entwickelt haben, der un sere Lebensgrundlage ist und bleibt, weil es außerhalb für uns keine Existenzmöglichkeit gibt. Diese Einbindung in die Biosphäre und ih ren Artenreichtum ist unsere Überlebensbedingung. Im Zuge der Evo lution konnten wir geistige Kapazitäten entwickeln, die uns in der Bio sphäre eine herausgehobene Stellung verleihen. Diese Stellung bringt es mit sich, dass wir Menschen auch die einzige Lebensform sind, die für die Erhaltung des Lebenskosmos aktiv und zielgerichtet wirken kann. Wir haben nichts anderes als unser Leben; es ist für uns Sinn, trägt sei nen Sinn in sich selbst, wenn wir es sinnvoll gestalten. Und umgekehrt: Wenn wir unser Leben nicht sinnvoll gestalten, fehlt unserem Leben der Sinn. Unser Leben und das Leben generell muss deshalb beides sein: Ausgangs und Zielpunkt unseres Denkens und Handelns. Ob unser Le ben sinnhaft ist und wird, ob es auch Zukunft haben wird, individuell, sozial und als Art, hängt maßgeblich von uns ab. Es ist unsere Aufgabe, zusammen mit unseren Mitmenschen aus dem Leben etwas Sinnhaftes zu machen. Der erste und unumgängliche Schritt zur gemeinschaftli chen Gestaltung und Ermöglichung des Lebens besteht darin, Achtung vor dem Leben, dem unsrigen und dem anderer Lebewesen zu lernen und daraus Umgangsformen miteinander zu entwickeln. Wenn wir das Leben nicht zu achten lernen, wird es uns abhandenkommen: in we sentlichen Teilen die Biosphäre, von der und in der wir leben, und un ser eigenes Leben. Wer denn sonst als wir soll dies tun? Die Evolution hat in uns mit den geistigen Kapazitäten auch das Poten zial angelegt, mitmenschliche Verhaltensmuster zu entwickeln. Religi onen haben bei der Ausformung dieser altruistischen Qualitäten von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt. Es gibt zur Kultivierung des altruistischen Fähigkeitsspektrums des Menschen im Kampf um das Überleben keine Alternative. Die hier formulierte Position steht der später darzustellenden Auffas sung des Dalai Lama (vgl. Kap. 6.4) in den zentralen Punkten sehr nahe. Oben habe ich auf den Buddhismus hingewiesen, in dem sich die Ach tung vor dem Leben als ein gelebtes Merkmal der Lebensführung und Kultur bewährt hat. Die Achtung vor dem Leben: könnte sie nicht das gemeinsame Band auf dieser Erde werden, das alle verbindet und uns ermöglicht, gemeinsam Ziele und Maßnahmen zur Erhaltung unserer 164 was wIrd aus den relIgIonen? Lebensbedingungen zu entwickeln und Konflikte friedlich auszutra gen? Selbstverständlich kann man die Achtung vor dem Leben auch auf andere Weise begründen als ich es tue und dennoch für die Erhaltung der Lebensbedingungen mitwirken. Welchen Sinn kann ein Selbstver ständnis von Menschen in Zukunft noch haben, das sich nicht auf die Achtung vor dem Leben stützt? 5 6 Zusammenfassung Nachfolgend fasse ich die Leitgedanken dieses Kapitels zusammen: • Religionen konzentrieren sich auf den sinnhaften Gesamtzusammenhang menschlicher Existenz und auf Wegweisung für die Zukunft; sie versuchen dabei, sich möglichst nahe an die biologisch und soziokulturell bestimmte Bedürfnislage des Menschen anzunä hern, indem sie die vielfältigen menschlichen Lebenswelten, darun ter unter anderen Lebensvollzügen auch rationale Bezüge, respek tieren, im Lichte grundlegender Überzeugungen verstehen und zu einer Wegweisung bündeln. Religion wird als Sinngebungsinstanz und Wegweiser gebraucht und uns deshalb voraussichtlich erhalten bleiben. Von Auslaufmodell kann keine Rede sein. Demgegenüber beschäftigen sich Wissenschaften mit der Beschreibung und Erklä rung der realen Phänomene und Wirkungszusammenhänge unse rer globalen und universalen Lebenswelt, soweit sie mit empirisch rationaler Methodik zugänglich sind. Gegenwärtig bahnt sich also eine Aufgabenteilung von Religionen und Wissenschaften an. • Wilsons Kritik halte ich in drei Punkten für berechtigt: Religionen entzweien, Religionen verdummen durch partielle Realitätsver weigerung und irreführende Aussagen über die Realität, Religio nen neigen zu Anmaßung. Seine Verkürzung von Religion auf ein mit der Wissenschaft konkurrierendes Erklärungsmodell der Welt stimmt nicht mehr generell, und sie übersieht die Sinn deutende und Weg weisende Funktion von Religionen, die auf tief verwur zelten menschlichen Bedürfnissen aufbauen. Diese Einschätzung weist jedoch unterschiedliche Facetten auf und spiegelt in der Be schreibung eindimensionale Eindeutigkeit, die wegen ihrer unter schiedlichen Facetten keinen dauerhaften Bestand haben kann. 165 zusammenfassung • Religionen bewirken nach Innen zukunftsorientierte Ordnungen und ebensolche individuellen Lebensperspektiven. Ganz anders ist die Wirkung nach außen, weil es zahlreiche Religionen gibt: Der Glaube an die Einmaligkeit und Überlegenheit der eigenen Religi on führt nahezu häufig zu beidem: zur Abwertung von Menschen anderer Religionen bis hin zu ihrer Ausrottung und, soweit wir zu rückblicken können, zu endlosen, häufig gewaltsamen Konflikten und unvorstellbar grausamen Kriegen, bis heute. Religionen sind deshalb mit ihrem Gewaltpotenzial eine Bedrohung für die welt weit erforderlichen gemeinschaftlichen Aktionen zugunsten der Biosphäre, des Klimas und der Umwelt. • Zwei entgegengesetzte Entwicklungstrends zeichnen sich ab. Ers tens: Einige Religionsgemeinschaften mit hohen Mitgliederzahlen (Ökumenischer Rat der Kirchen, römisch katholische Kirche, grie chisch orthodoxe Kirche, Mahayana Buddhismus) beziehen seit Kurzem explizit die Probleme um Klima, Biosphäre und Umwelt in ihre sinndeutenden Kontexte ein (vgl. Kap.6.). Besonders aus geprägt ist bei ihnen durchgängig der ausdrückliche Appell für ge meinsame, überkonfessionelle Übereinkünfte und Aktionen. Zwei tens: In der weltweiten Zuwendung zur Religion gewinnen primär die fundamentalistischen Versionen aus den genannten Traditions strömen und auch andere neue Mitglieder. Von den fundamenta listischen Religionsgemeinschaften ist überwiegend wenig kon struktives Engagement in den Problemfeldern Biosphäre, Klima, Umwelt zu erwarten, weil ihre verabsolutierten Überzeugungen Abgrenzung bedeuten und keine Verhandlungs und Kompromiss bereitschaft erkennen lassen. • Aus dem verbreiteten Anthropozentrismus sind durch komplexe Entwicklungen Bedrohungen unserer Lebensgrundlagen entstan den. Um eine Handlungsgrundlage für Konzepte und Maßnahmen in den Problemfeldern Biosphäre, Klima und Umwelt zu erhalten, ist eine Neujustierung unserer Ausgangsbasis, d. h. unseres Selbst verständnisses unumgänglich. Im Interesse des eigenen Überlebens müssen die gesamte Biosphäre und ihre Erhaltung in den Mittel punkt unseres Denkens und Handelns rücken. Es zeigt sich unab weisbar, dass der Menschenwunsch zu leben auf Dauer an die Ach tung vor dem Leben insgesamt gebunden ist. Der Buddhismus zeigt uns seit über 2000 Jahren, dass und wie Achtung vor dem Leben als tragfähiges Element der Kultur gelebt werden kann. Die Erhal 166 was wIrd aus den relIgIonen? tung der Lebensgrundlagen kann gelingen, wenn das altruistische Fähigkeitsspektrum des Menschen weiterentwickelt wird und die verbreiteten Konflikte durch gemeinsame Anstrengungen über wunden werden. 167 6 Religion und Wissenschaft: Eine neue Beziehung zwischen ihnen wird gebraucht Im Verlauf der Darstellung war von beiden immer wieder die Rede, von Religion und Wissenschaft. Dabei hat sich gezeigt, dass die Konfronta tionen zwischen beiden und die einseitige Parteinahme für eine Seite nicht weiterführen. Ich gehe davon aus, dass wir beide brauchen: Wis senschaft und Religion. Auch Einstein war dieser Auffassung. Ihm wird folgende Äußerung zugeschrieben: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind“. 6 1 Zur Geschichte ihres Verhältnisses Die Wurzeln von Religion und Wissenschaft reichen weit in die Ge schichte des Menschen zurück. Beide Denkformen versuchten, Wirkungszusammenhänge zu erfassen und zu erklären. Religionen zielten und zielen dabei bis heute auf den Gesamtzusammenhang des Lebens und darin auf den Sinn des menschlichen Lebens, um Orientierung für die Gestaltung der Zukunft zu gewinnen. Die ersten Versuche von rational empirischer Erklärung (Wissenschaft) setzten an konkreten Problemen, vor allem an konkreten Alltagsproblemen an, für die eine Erklärung zwecks vorteilhafter Anwendung gesucht wurde, um die Le bensführung zu erleichtern. Einen ersten Ansatz von Wissenschaft, eine erste Form des Denkens in Ursache Wirkungszusammenhängen könn te man deshalb in der Herstellung von Werkzeugen sehen, z. B. eine Steinart gezielt auszusuchen und so zu bearbeiten, dass man damit er legte Beutetiere zerteilen kann. Dazu braucht man schon differenzierte Einzelkenntnisse über geeignete Steinarten, deren Fundorte, Bearbei tungsmöglichkeiten usw. Der Ansatzpunkt an Einzelproblemen bestimmt Wissenschaft immer noch, allerdings mit der Absicht, aus zahlreichen erforschten Details 168 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht schließlich umfassende und komplexe Wirkungszusammenhänge nicht nur aber auch für praktische Umsetzungsmöglichkeiten zu erfassen. Die Untersuchungsmethoden haben sich insbesondere in den vergan genen zwei Jahrhunderten auf der Grundlage des Grundmusters enorm ausdifferenziert und sind disziplinbezogen zu eigenen Forschungs schwerpunkten geworden. In jüngster Zeit werden auch Versuche zur Untersuchung komplexer Systeme unternommen z. B. des Erdsystems in der Klimafolgenforschung. Wissenschaftliche Forschung ist bisher nur sehr begrenzt in der Lage, Ganzheiten und komplexe Gebilde als solche mit zuverlässigen Ergebnissen zu untersuchen. Nach wie vor ver sucht man solche Ganzheiten, z. B. Gesellschaften, durch Untergliede rung in viele Einzelprobleme zu erfassen und dann zu größeren Einhei ten zusammenzufassen. Aber: Das Ganze ist stets mehr oder richtiger: etwas anderes als die Summe seiner Teile, soweit man aus unterschied lichen Teilen überhaupt „Summen“ bilden kann. Auch Systemanalysen haben da immer noch ihre Grenzen. Ferner: lebenswichtige qualitative Aspekte des Lebens sind wissenschaftlich trotz emsiger Bemühungen nicht vollständig und befriedigend auszuleuchten: Was ist Lebensquali tät? Was sind gelingende soziale Beziehungen? Was ist erfülltes Leben? Welchen Sinn hat Leben? Dass Religionen entstanden sind, als der Mensch sich seiner selbst be wusst wurde und Orientierung suchte, davon war bereits die Rede. Mitt lerweile versuchen sich erstaunlich viele wissenschaftlichen Disziplinen darin, Religion als solche und die Vielfalt der Religionen zu ergründen und kapitulieren – trotz interessanter Ergebnisse – vor zentralen Fra gen, weil die wissenschaftliche Methodik ihre offensichtlichen Grenzen hat. Gerade zentrale Dimensionen des Lebens entziehen sich der em pirisch rationalen Methodik, sind auf intuitive, ganzheitliche Zugän ge, eine Art kombinatorische Gesamtschau vielschichtiger und unter schiedlicher, aufeinander bezogener Elemente angewiesen. Man fühlt sich an Goethe erinnert: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erja gen“ (Goethe, Faust, Teil I). Wissenschaft als meistens am Detail ansetzender Versuch, Wirkungs zusammenhänge im Kontext alltäglicher Bewältigung und Gestaltung des Lebens zu erfassen, erfuhr einen besonderen Entwicklungsschub, als Ackerbau und Viehzucht relativ schnell zu festen Dauersiedlun gen, Dörfern und schließlich größeren Städten führten und damit di 169 zur geschIchte Ihres verhältnIsses verse Handwerkszweige mit beachtlicher Materialbeherrschung ent standen. Solche Entwicklungen vollzogen sich offensichtlich wie bereits angesprochen unabhängig voneinander in savannenartigen Flusstälern, während sie bei den in Wäldern lebenden Menschengruppen ausblie ben. Mit anderen Worten: Die Lebensumwelt in einer bestimmten Art von Flusstälern beinhaltete wesentliche und für die Zukunft des Men schen entscheidende Entwicklungsanreize. Die antiken Monumente von der Tempelanlage im heute türkischen Göbekli Tepe über die frü hen Bewässerungsanlagen in den großen Flusstälern des Orients, die Pyramiden und Tempel in Ägypten, die zivilisatorischen Bauten der Römer wie Aquädukte, Baumaschinen oder das Kolosseum bis zur Ha gia Sophia im damaligen Konstantinopel usw. waren nur mit einem sich differenzierenden, präzisen und bewundernswerten Wissen, handwerk lichem Können und einer ausgeklügelten Materialbeschaffungs und Arbeitsorganisation zu erstellen – und bestehen teilweise bis in die Ge genwart. Das nötigt mir sehr großen Respekt ab, sobald ich an die Be nutzbarkeit einer heutigen Autobahnbrücke von kaum vierzig Jahren denke. Man kann von unseren Vorfahren viel zum Thema Nachhaltig keit lernen. Religion und Wissenschaft haben eine vergleichbare Ausgangssituation: Sie beginnen beide mit einer Situation der Ungewissheit und streben in die Lage verbesserten Wissens. Beide wollen Wirkungszusammenhänge erklären. Religion ist aus den oben beschriebenen existenziellen Grün den an Aussagen über den gegenwärtigen und zukünftigen Gesamtzu sammenhang des Lebens interessiert, der immer unbekannte Sachver halte und Prozesse enthält. Um aus diesen Unbekannten verlässliche Größen zu machen, behilft sich Religion mit Annahmen, Überzeugun gen oder Glaubensvorstellungen, die als unbestreitbare Größen, gewis sermaßen als unhinterfragbar gesetzt werden und die Kluft zwischen Wissen und Nichtwissen überbrücken. Eben diese Überbrückungsele mente haben die existenziellen Bedürfnisse der Gläubigen befriedigt; sie und ihre Funktionen waren aber immer angreifbar und werden bis heute in Frage gestellt. Naturwissenschaft setzt sich dieser Unsicher heit nicht aus, sondern zielt zunächst auf empirisch eindeutig beleg bare Aussagen über zunächst kleinere Wirkungszusammenhänge, die schließlich zu größeren Gefügen von Zusammenhängen und schließ lich hochkomplexen Aussagensystemen zusammengefügt werden. Wis senschaftler sind sich ihrer möglichen Fehler bewusst und deshalb offen 170 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht für Korrekturen auf der Grundlage ihrer Methode. Religionen neigen dagegen dazu, ihre ungewissen Überbrückungselemente zu verabsolu tieren und so der Kritik und dem Wandel zu entziehen, bis sie schließ lich von anderen Religionen abgelöst und verdrängt werden. Dennoch bieten Religionen ihren Gläubigen und deren Gesellschaften etwas, das Wissenschaft nicht bieten kann: Lebenssinn und Orientierung. Die beiden Erklärungsmodelle von Religion und Wissenschaft kamen bis in die Neuzeit ohne größere Konflikte aus, weil sie sich einerseits auf unterschiedliche Zielbereiche bezogen und sich die Religionen andererseits auch noch lange im nur wenig hinterfragten mythologi schen Welterklärungsmodus bewegen konnten und dies überwiegend immer noch tun: Mythologische Elemente prägen religiöse Welterklä rungen nach wie vor und weltweit. Dementsprechend verfügten Religi onen über das Monopol der umfassenden Welterklärung und behaup teten es in der westlichen Welt bis in das 17. Jahrhundert, auch wenn es zwischenzeitlich gelegentlich kritisiert oder bestritten wurde und seit dem 14. Jahrhundert zunächst unter europäischen Astronomie Gelehr ten immer mehr in Frage gestellt wurde und schließlich offenen Wi derspruch erfuhr (Galileo Galilei). Die entscheidende und grundlegen de Veränderung trat in Teilen Europas ein, als von den Wortführern der Aufklärung die rational empirische Vorgehensweise, obwohl sie konkret schon seit langem praktiziert wurde und als Fortschrittsmotor fungierte, zum unbeschränkt gültigen Erklärungsmodell für alle inhalt lichen Felder einschließlich der Religion erhoben wurde und der Welt erklärung der Kirchen auf der Grundlage der Offenbarung nun konkur rierend gegenübertrat. Damals war dies eine unglaubliche Provokation der Kirchen und viele ihrer Gläubigen und für zahlreiche Religionen ist dies immer noch so. Obwohl sich in der Romantik bald, durchaus begründet, eine Gegenbewegung zur Verabsolutierung des rationalen Welterklärungsmodells entwickelte, war sein Siegeszug als methodisches Verfahren der Wissenschaften und technologischen Anwendun gen, bei der Entscheidungsfindung und bei zahllosen Alltagsbelangen nicht mehr zu stoppen. Bedauerlicherweise werden die Grenzen der Leistungsfähigkeit dieser Methodik insbesondere bei qualitativen Zusammenhängen, z. B. bei zwischenmenschlichen Beziehungen und Sinnkontexten, oft zu wenig erkannt und respektiert nach dem Motto, was nicht empirisch genau 171 zur geschIchte Ihres verhältnIsses belegbar ist, existiert nicht. Diese Sichtweise mündet ein in eine Ab wertung der qualitativen Bestandteile im Leben. Wer im Sozialbereich, Erziehungsbereich oder auch anderen menschenbezogenen Arbeitsfel dern tätig ist, kann von vielen frustrierenden, diesbezüglichen Erfah rungen einschließlich geringer Bezahlung berichten. Dennoch: Die qualitativen Elemente in den Lebensvollzügen sind es, die als „Öl im gesellschaftlichen Getriebe“ Zusammenleben noch ermöglichen, Chaos verhindern. Umgekehrt: Wo dieser verbindende „soziale Mörtel“ fehlt und die diversen individuellen und kollektiven Egoismen aufeinander prallen, kommt es schnell zu Chaos. In der Sprache der Evolutionstheo rie von Wilson ausgedrückt heißt das: Soweit eine Gesellschaft im Wett bewerb mit anderen Gesellschaften egoistische Strebungen eindämmen und altruistische fördern kann, wird sie sich behaupten und auch das Leben ihrer Bürger sichern können. Die besondere Wirksamkeit der von Vertretern der Aufklärung einge brachten und verabsolutierten Denkweise beruht darauf, dass sie ers tens damals über die Studierstuben der Intellektuellen und Gelehrten sowie die bürgerlichen Gesprächszirkel hinaus Eingang in die politi schen Führungskreise fand; sie konkretisierte sich in der Säkularisation sowie in den ihr folgenden grundlegenden Reformen der Staatsorgani sation gewissermaßen als Revolution von oben (vgl. Kap. 4), allerdings zunächst nur in Teilen Europas und Amerikas. Zweitens begann mit dem Denkmodell der Aufklärung der kometenhafte Aufstieg der Wis senschaften, deren Denkweise und kritische Äußerungen an der Glaub würdigkeit der mythologischen Gehalte der Offenbarungen und ihrer Lehren nagte, also die Kirchen nachhaltig schwächte. Drittens führte, wie dargestellt, die hochdynamische Entwicklung der neuen Zivilisa tion mithilfe der Wissenschaften und ihrer fortschreitenden Wissens kumulation zur Etablierung neuer auf Fachgebiete bezogener Deu tungshoheiten von Wissenschaften und anderen Institutionen z. B. des öffentlichen Rechts, die über richtig oder falsch, über verbotenes, gebo tenes oder erlaubtes Verhalten entscheiden und damit normative Ent scheidungen fortschreitend säkularisieren. Dementsprechend gewann viertens diese neue dennoch nur scheinbar rational geprägte Zivilisa tion, weil sie mit ihren zahlreichen Produktionsbetrieben ökonomisch erfolgreich war und die Bevölkerung in Arbeit und Brot brachte, einen überaus starken Einfluss auf die Lebensführung der Bevölkerung und führte damit gleichzeitig zu einem drastischen und für die Kirchen dra 172 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht matischen Ausschluss aus zentralen Lebensbereichen. Man spricht von Funktionsverlust. Warum ist diese Zivilisation nur scheinbar rational? Weil ihre Ziele, seien es Selbstverwirklichung, selbstzweckliche Ziele, Gewinn und Machtmaximierung oder auch andere aus dem bloßen sei es individuellen oder kollektiven Durchsetzungsanspruch resultieren. Die Auseinandersetzungen zwischen Religion und Wissenschaft über die Deutungshoheit sind zwar weltweit gesehen längst nicht über wunden. Dennoch bahnt sich im Rahmen der westlichen Zivilisati on eine grundlegende Veränderung an, die man auch als Aufgabentei lung bezeichnen kann. Die Wissenschaft übernimmt die Erklärung des Hier und Jetzt der physischen Welt, Religion hat es mit der Sinndeu tung menschlicher Existenz zu tun, richtet sich an ihren grundlegen den Überzeugungen aus und kann dabei die Achtung vor dem Leben nicht übergehen: Sie ist Bestandteil der Schöpfung und der Fortdauer des Lebens. Dennoch bleiben Religion und Wissenschaft aufeinander bezogen. Wissenschaft braucht Religion, insofern letztere menschliche Existenz deutet, Wegweisungen entwickelt und lebensdienliche Ziele de finiert und damit auch Grenzen für Wissenschaft zieht – ziehen sollte. Religion braucht Wissenschaft, um die Lebenswirklichkeit, für die sie Orientierung leisten will, zu verstehen. 6 2 Wissenschaft braucht Religion Mit der Aufklärung entwickelten sich zwischen Wissenschaft und Reli gion einige Konfliktfelder. Auf zwei möchte ich eingehen. Ein Konfliktfeld zwischen den Kirchen einerseits und Wissenschaft und anderen Institutionen andererseits bezieht sich auf die jeweiligen An sprüche auf Deutungshoheit. Die Kirchen, insbesondere die römisch katholische Kirche wollte die Deutungshoheit über alle Inhalte nicht aufgeben und kämpfte geradezu verbissen um ihren Einfluss in Staat und Gesellschaft. Wissenschaften und andere Institutionen pochten dagegen auf ihre fachgebietsbezogene Deutungshoheit. Die Spannung zwischen der römisch katholischen Kirche und insbesondere der Na turwissenschaft hielt deshalb lange an. 1966 hat das Vatikanum II in dieser Frage klar entschieden: „Die weltlichen Sachbereiche und die entsprechenden profanen Wissenschaften sind autonom; sie sollen lege 173 wIssenschaft braucht relIgIon artis, nach ihren eigenen Gesetzen, ohne Bevormundung durch die Theologie betrieben werden“ (Wolf 2015). Diese grundlegende Verän derung fand wie auch andere hoffnungsvollen Entscheidungen des Va tikanum II im innerkirchlichen Raum zunächst wenig Niederschlag. Dennoch: Die grundlegende Klärung des Verhältnisses zwischen rö misch katholischer Kirche und Wissenschaft wird durch die Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus (2015) auch auf einer konkreten Ebene bestätigt und unmissverständlich umgesetzt. Den Umgang der Enzykli ka mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften zum Klimawandel be stätigt die Anerkennung der jeweils fachgebietsbezogenen Deutungsho heit der Naturwissenschaften und anderer weltlicher Sachbereiche und beendet den Anspruch der Deutungshoheit über alle Inhalte. Der Kon flikt ist also, jedenfalls bezogen auf die römisch katholische Kirche und auch auf viele protestantischen Glaubensgemeinschaften, beendet. Für die protestantisch evangelikalen Kirchen in den USA trifft dies nur teil weise zu. In anderen Religionen, z. B. einigen islamischen Religionsgemeinschaf ten, ist dieser Konflikt in vollem Gange und Hintergrund der Ablehnung westlicher Kultur und Lebensart. Wieder einige ebenfalls islamische Religionsgemeinschaften halten an dem Monopol der Deutungshoheit der Religion fest. In wieder anderen Religionsgemeinschaften hat diese Auseinandersetzung noch gar nicht begonnen. Aber warum braucht Wissenschaft Religion? Mittlerweile besteht weit hin Konsens darüber, dass die Erklärung der physischen Realität der Erde und des Universums den Erkenntnismethoden der Wissenschaft zuzuordnen ist; sie wäre dort auch gut aufgehoben, wenn, ja wenn sich die Wissenschaften und ihre praktischen Umsetzungen ihrer Verant wortung für Klima, Umwelt und Biosphäre bewusst wären; sie sind dies aber nur partiell. Der Großteil der Probleme mit Biosphäre, Klima und Umwelt erwächst einerseits aus notwendigen Versorgungsbedarfen, aber andererseits auch aus der sorglosen Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse zugunsten von materieller Gewinnmaximierung und Macht und – das ist das zentrale Problem – verbunden mit fein gesponnenen Netzen von Abhängigkeiten in den Gesellschaften und in der Politik. Wer sich aus solchen Abhängigkeiten befreien will, steht schnell vor dem Nichts und im gesellschaftlichen Abseits – Ausgang ungewiss. Wil sons Wissenschaftsverständnis scheint mir sehr idealistisch, er ist ein 174 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht Wissenschaftsgläubiger, sieht sich offensichtlich tatsächlich der Wahr heit verpflichtet; dies trifft nur für einen Teil der Wissenschaftler, ins besondere für die Grundlagenwissenschaften (die weniger vermarktbar sind), zu. Wissenschaft ist wie alles andere Menschliche tatsächlich von allem Menschlichen, auch Fragwürdigem durchzogen: Eitelkeit, Selbst behauptung, Betrug, Fälschung und diversen anderen Ausprägungen des Vorteilsstrebens. Die Wahrheitssuche bleibt dabei immer wieder auf der Strecke. Die Selbstbefreiung der Wissenschaft von der kirch lichen Bevormundung ist zunächst von vielen begrüßt worden, nach vollziehbar und wünschenswert, aber welchen Zielen dient die Wis senschaft nun? Ist Wissenschaft damit Selbstzweck, dient sie mit ihrem Methodeninstrumentarium allen beliebigen Herren? Wissenschaft hat sich gegenwärtig offensichtlich weitgehend übergreifenden inhaltlichen Ziel und Sinnvorstellungen entzogen und ist bei nahezu allen Auftrag gebern zu finden, die mehr oder weniger mit Geldscheinen winken. Das kann um des Überlebens willen nicht so bleiben. Deshalb ist ein zweites Konfliktfeld zwischen einigen christlichen Kir chen und anderen Religionen einerseits und besonders den auf Le bewesen bezogenen Wissenschaften deutlich brisanter, weil es die menschlichen Lebensgrundlagen unmittelbar betrifft: es geht um die grundsätzliche Frage, ob sich Wissenschaft alle Untersuchungsziele an Menschen und auch anderen Lebewesen vornehmen darf, die for schungstechnisch machbar sind und möglicherweise sowohl positive Effekte im Gesundheitswesen als auch erhebliche ökonomische, aber ethisch fragwürdige Verwertungsmöglichkeiten ermöglichen. Wie frei kann und soll Wissenschaft sein? Im Mittelpunkt dieser Auseinander setzungen stehen dabei gentechnische Veränderungen bei Pflanzen, Tieren und Menschen, die Behandlung von Tieren für die Fleischerzeu gung, die allein auf kurzfristige Effizienz ausgerichtete Gestaltung der Landwirtschaft durch große Nahrungsmittelkonzerne und weitere Zie le im Feld der biotechnischen Forschung und Produktion. Unter Rück bezug auf die Offenbarung lehnen einige Kirchen und andere Religio nen mit ihren eigenen Begründungen bestimmte, auf den Menschen und andere Lebewesen bezogene Forschungen und darauf aufbauen de praktische Umsetzungen ab, weil derartige manipulative Eingriffe in das göttliche Schöpfungsgeschehen dem Menschen nicht zustehen und ethisch fragwürdig sind. Man kann das als weltanschauliche Auffassung abtun, weil es an empirischen Belegen mangelt. Aber: Auch Biologen 175 wIssenschaft braucht relIgIon warnen vor fatalen, weil unabsehbaren Wirkungen. Es gibt also sowohl religiöse als auch wissenschaftliche Argumente gegen grenzenlose For schungen an Lebewesen und entsprechende biotechnische Produktion und Verwertung. Seit 2012 hat sich die neue Gentechnikmethode CRISPR Cas9 (Clus tered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) in Windesei le unter den Molekularbiologen und Genetikern durchgesetzt, weil sie einfach, schnell und preiswert eingesetzt werden kann. Das Verfahren wurde von Emmanuelle Charpentier entwickelt und mit Jennifer Doud na zwecks simpler Handhabung radikal vereinfacht: „CRISPR Cas9 ist ein gentechnisches Verfahren. Laiensprachlich wird es auch Gensche re genannt. Wie mit einem Skalpell kann das Erbgut verändert werden („genome editing“). Eine Gensequenz kann zerschnitten, ausgeschal tet oder durch andere ersetzt werden. Das funktioniert bei allen Zel len – Viren, Hefen, Pflanzen, Tieren und auch beim Menschen“ (http:// www.3sat.de/Page/?source=/scobel/186063/index.html). Von dieser Me thode, die zurzeit vielfältig erprobt wird, erwarten Forscher grundle gende Fortschritte in der Krankheitsbekämpfung. Die Methode erlaubt allerdings auch Eingriffe in die Genpools des Menschen. Und welche geniale Entdeckung bleibt schon ohne heftigen Missbrauch? Großes Po tenzial und ebenso große Gefahren liegen also nah bei einander. Die Befreiung der Wissenschaft von der Bevormundung durch Kirchen hat zu einem kaum kontrollierten Forschungsverhalten geführt, das mehr oder weniger allen Herren dient, wenn es lohnende durchaus eh renwerte Ziele gibt oder andernfalls die Entlohnung stimmt. Und vie le dieser Herren, häufig Großkonzerne, interessieren sich nur für eins: Gewinnmaximierung und Marktkontrolle, ohne Rücksicht auf Klima, Umwelt, Biosphäre, Bevölkerung – und ethische Bedenken. Die diversen Länderregierungen nehmen zu diesen Problemkreisen un terschiedliche Positionen ein; einige regeln in ihren Rechtsordnungen die Möglichkeiten und Grenzen von biotechnischer sowie anderer in dustrieller Forschung und Produktion. Offensichtlich lassen die USA wie auch andere Staaten ihren Wissenschaftlern und Betrieben weit mehr Freiraum als dies in Europa üblich ist. Deutschland scheint in die sen Fragen mithilfe der Ethik Kommission ethisch begründete, stärker einschränkende Grenzen für biotechnische Forschung und Produktion 176 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht zu ziehen als andere Länder. Betroffene Unternehmen sehen darin eine Benachteiligung im Wettbewerb mit ausländischen Firmen im Feld der Biotechnik und drohen mit Abwanderung. Die Religionen beeinflussen die Regelungen in den einzelnen Staaten eher indirekt bisher in unter schiedlicher Weise. Eine staatenübergreifende Regelung der Grundsatz frage ist gegenwärtig nicht abzusehen. Selbst wenn diese Grundsatzfrage gelöst werden könnte, eine derarti ge Regelung würde zu kurz greifen. Seit es Menschen gibt, sind Aus rottung von Tieren und Pflanzen eine Begleiterscheinung menschlicher Entwicklung. Menschen nehmen was sie kriegen können, ohne Rück sicht auf Verluste, und seien es die eigenen Siedlungsgebiete, die ver loren gehen und zur Abwanderung nötigen. Aus der zivilisatorischen Entwicklung entstehen also seit Anbeginn Beeinträchtigungen der Bio sphäre. Man kann die Entwicklung der Menschheit als eine Folge von Eingriffen in die Biosphäre beschreiben. Im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte haben diese Eingriffe ein immer bedrohlicheres Ausmaß erreicht: Durch den „normalen“ Verbrauch von Landschaft durch Er schließungs und Nutzungsprojekte, durch Raubbau, durch die Quan tität und Qualität der in die Biosphäre gelangenden Schadstoffe, durch gezielten, großflächigen Einsatz von Pestiziden und technischen Groß geräten in der Landwirtschaft, durch belastende Abfälle von Produkti onsprozessen in Gewerbe und Industrie, durch bedrohliche Nebenwir kungen aus der Energieproduktion, sei es durch Gase oder radioaktive Strahlung, durch Einsatz von moderner Waffentechnik in den nicht ab reißenden Kriegen, durch Müllberge zu Land und in den Weltmeeren usw. Insgesamt führen diese hausgemachten Problemszenarien zu einer massiven Verminderung der Arten und der Populationen der verbliebe nen Arten, zu Umweltverschmutzung und Klimawandel; sie bedrohen letztlich die Lebensbedingungen des Menschen. Wie viel menschliche Entwicklung verträgt die Biosphäre, ohne ihre Eigenschaft als Lebens grundlage für den Menschen zu verlieren? Obwohl diese Konfliktlage bekannt ist und z. B. in Deutschland, aber auch andernorts, erstaunlich viele auch sehr teure staatliche Gegen maßnahmen, Naturschutzgesetze, Schutzgebiete, artenbezogene Len kung von Entwicklungsmaßnahmen und vieles andere eingesetzt wer den, und obwohl viele Freiwillige in Naturschutzverbänden aller Art aktiv sind und sich als Interessenverbände praktisch und politisch en 177 wIssenschaft braucht relIgIon gagieren, schreitet die Verminderung der Arten und der Populationen der verbleibenden Arten dramatisch fort. Gegenwärtig vollzieht sich das größte Artensterben seit der Zeit, als Dinosaurier und viele ande re Arten wie bereits beschrieben ausstarben. Solange die auf Wachstum zielende Entwicklung andauert, wird auch der Schwund der Artenviel falt in der Biosphäre nicht aufzuhalten, jedoch mit viel gutem Willen und Aufwand durchaus zu bremsen sein. Die Grenzen zwischen „er laubter“ und „verbotener“, vorteilhafter und schädlicher Entwicklung sind schwer zu ziehen. Unkontrollierte Weiterentwicklung und ihre Dy namik könnten die menschliche Existenz gefährden. Der angemessene Umgang mit der weiteren Entwicklung menschlicher Aktivitäten wird immer mehr zum noch nicht gelösten Problem. Zusätzlich zur Behebung bereits eingetretener Belastungen kommt es zukünftig darauf an, die Vermeidung von Belastungen voran zu treiben. Das Vorsorgeprinzip, in Europa seit Langem in ausgewählten Bereichen Grundlage der Vermeidung von Belastungen, bedarf hier einer weite ren konsequenten Intensivierung und Ausweitung auf weitere Techno logiebereiche sowie vor allem einer internationaler Verbreitung. Den noch bleibt die Frage, wie viel und wie lange sich die Menschheit noch eine expansive Entwicklung leisten kann oder doch ein Kreislaufmodell entwickeln muss. Die vorgetragenen Argumente laufen unmissverständlich auf die Schlussfolgerung hinaus, dass Wissenschaften und ihre technologi schen Anwendungen sich im Interesse der Artenvielfalt und damit der Lebensbedingungen des Menschen an steuernde ethische Leitlinien und dabei auch konkrete Normen binden müssen, und zwar sowohl in nerhalb von Gesellschaften als auch international. Wissenschaften ha ben dem Leben zu dienen und erfahren darin ihre Sinnbestimmung und Zielrichtung. Sinn gebende, ethisch orientierte Institutionen waren bisher Religionen. Leben, und zwar auch nicht menschliches Leben zu erhalten, muss wie der in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns der Religionen rü cken, über Lehrschreiben und Proklamationen hinaus. Wissenschaft und die auf ihr aufbauenden Wirtschafts- und Finanzinstitutionen brauchen ein ethisches Geländer, sie brauchen die Bindung an ein sinnerfülltes Gesamtziel: die Erhaltung der Artenvielfalt Biosphäre, die Lebensgrundla- 178 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht ge der Menschen ist. Eine von allen ethisch begründeten Beschränkungen befreite Wissenschaft und Technologie kann sich die Menschheit im Interesse des eigenen Überlebens nicht mehr leisten. Die aktuelle Lage bei Um welt, Klima und Biosphäre ist also eine enorme Herausforderung für die Religionen und die Wissenschaft. Gemeint ist hier nicht eine neue Be vormundung von Wissenschaft durch Religionen, sondern eine dialogi sche Entwicklung neuer Steuerungselemente aus der Achtung vor dem Leben. An dieser Entwicklung sollten sich Religionen und öffentliche Institutionen einerseits sowie Wissenschaft und ihre industriellen An wender andererseits beteiligen. Ziel eines solchen Dialogs müsste die Selbstbindung von Wissenschaft und ihren Anwendern an die Erhal tung der Artenvielfalt in der Biosphäre und des menschlichen Lebens und damit zugleich die Minderung von Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung sowie der Schutz der Biosphäre sein. Unumgänglich ist eine neue Ethik im Umgang mit der Biosphäre, sind neue bzw. er neuerte Wegweiser. Und solche Wegweiser kommen ohne Rückbezug auf eine Deutung menschlichen Seins kaum aus. Wegweiser zu sein, ha ben Religionen stets versucht; sie haben begonnen, diese Entwicklungs linie wieder aufzunehmen. Eine solche Umweltethik muss auch die Möglichkeit einschließen, auf Technologien generell oder mit klaren Begrenzungen zu verzichten, um lebensfeindliche Folgen auszuschließen oder doch zu minimieren. Dies ist bisher nur ansatzweise gelungen. Im Gegenteil: Immer mehr Büchsen der Pandora tun sich auf, weil es mächtige Personen und Or ganisationen darauf anlegen, bestimmte hochriskante Technologien für Machtgewinn oder aus materieller Gier auch gegen Widerstand ohne Rücksicht auf die ökologischen Folgeprobleme durchzusetzen und zu nutzen. Ob hier ein Umdenken gelingt? Wer nichts von Religionen, ihren Offenbarungen und ihren Äußerun gen hält, müsste auch unter Bezug auf unser eigenes Überleben zu dem Ergebnis kommen, dass die Achtung vor dem Leben anderer Lebewesen die Grundlage unseres eigenen menschlichen Lebens und Überlebens ist: Wir sind auf Gedeih und Verderb eingebunden in die Biosphäre, die unsere Lebensgrundlage ist. Grundsätzlich verändernde Eingriffe in die Biosphäre und ihre großräumige Zerstörung bedrohen unsere eige ne Lebensgrundlage und lassen uns an den Ästen sägen, auf denen wir noch sitzen. Der bloße Selbsterhaltungstrieb, das Interesse am eigenen 179 wIssenschaft braucht relIgIon Überleben und dem der Enkel und Urenkel müsste also zu der Einsicht führen, die Biodiversität zu erhalten und aus ihr alle Beeinträchtigun gen nach bestem Willen und Vermögen fernzuhalten, und nicht noch – wider besseres Wissen – zusätzliche Bedrohungen einzutragen. Wissenschaft unterliegt gegenwärtig in mehreren Ländern in sehr un terschiedlichen Formen normativen, ethisch und/oder politisch be gründeten Beschränkungen. Besonders ausgeprägt sind solche nor mativen Beschränkungen in einigen islamischen Ländern, wo sie für Wissenschaft im westlichen Sinn nur recht enge Entwicklungsmöglich keiten übrig lassen wie bereits angesprochen. Die kommunistische Leit kultur in China macht insbesondere den historischen, sozial und geis teswissenschaftlichen Disziplinen klare normative Vorgaben, die sich primär am Selbstbild des Staates aus der Sicht der kommunistischen Partei orientieren und konsequent kontrolliert bzw. auch sanktioniert werden. Das Überleben des Menschen und der Schutz der Biosphäre spielen dabei in der Praxis bisher noch eine zu geringe Rolle. Allerdings wächst der Druck zur Veränderung durch massive Beeinträchtigungen der Gesundheit der Bevölkerung. Ohne hier auf die weltweite Entwicklung im Einzelnen eingehen zu können, will ich festhalten, dass die produktiven Elemente dieser west lichen Zivilisation sich mit allen wenn und aber in mehr oder weniger allen Ländern eingenistet und durchgesetzt haben, weil die effiziente Technologie bei der Lösung der jeweiligen Probleme vor Ort hilfreich zu sein verspricht. Es ist für traditionell geprägte Gesellschaften kaum möglich, sich dem Sog der ursprünglich westlichen Zivilisation völ lig zu entziehen. Wissenschaft, Ausbildung und moderne Produktion werden deshalb in den meisten Ländern nach Kräften gefördert. Häu fig kommt es zu einer Art diffuser Zweiteilung. Auf der einen Seite ste hen Ausschnitte der modernen westlichen Zivilisation mit Wissen schaft und mehr oder weniger moderner Wirtschaft und Arbeitswelt. Dazu steht auf der anderen Seite in merkwürdigem Kontrast ziemlich unverbunden eine traditionell geprägte soziokulturelle Lebenswelt, z. B. in zahlreichen Ländern Afrikas und Asiens. Das Problemlösungspoten zial der modernen westlichen Zivilisation wird global eingesetzt und hinterlässt auch global seine lebensbedrohlichen Begleiterscheinungen. Auch ethisch begründete Zielsetzung und Begrenzung braucht deshalb eine globale Ausrichtung. 180 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht 6 3 Religionen brauchen Wissenschaft Oben wurde Sinn und Ziel der Wissenschaft in der Erhaltung und im Schutz unserer Lebensbedingungen einschließlich der Biosphäre veror tet. Religionen brauchen die Wissenschaften, die ihnen ihre Ergebnisse über die sich entwickelnde physische Welt liefern, damit sie die Lebens wirklichkeit genau kennen lernen, für die sie ihren Gläubigen zukunftsorientierte Wegweisung und sinnhafte Deutung ihres Lebens vermitteln wollen. Dabei kommt es darauf an, gerade die prekären Zukunftspro bleme d. h. Schutz und Erhaltung von Biosphäre und Umwelt sowie die Reduzierung des Klimawandels u. a. einzubeziehen. Die Ausblendung offensichtlicher Problembereiche, die Weigerung, wichtige Entwicklun gen zur Kenntnis zu nehmen, führt in bedrohliche Sackgassen. Religionen brauchen Wissenschaften als Zuträger wissenschaftlicher Erkenntnisse über reale Zusammenhänge und als Kooperationspartner. 6 4 Religion und Wissenschaft: Anfänge zu einem neuen Verhältnis? Umwelt, Biosphäre und Klima sind als Problemzonen in vielen Län dern und ihren Bevölkerungen mehr oder weniger angekommen und ziehen unterschiedlich Reaktionen in der öffentlichen Diskussion, in der Gesetzgebung und in Initiativen und Verbänden nach sich. Die Be geisterung für die drei miteinander verknüpften Problemzonen variiert je nach Interessenlage erheblich. Deutlich weniger Aufmerksamkeit er fährt die Biosphäre, wenn man von der auf Fleischtierhaltung bezoge nen Dauerdiskussion in Deutschland absieht. Bei den beiden großen Kirchen in Deutschland, deren Mitglieder mitt lerweile auf zusammen ca. 60 % der Bevölkerung geschrumpft sind, ist das Umweltthema relativ früh angekommen. Vor 45 Jahren hat der Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKiD) dem Sozialwissen schaftlichen Institut der Evangelischen Kirchen in Deutschland (SWI) den Auftrag erteilt, das Thema Kirche und Umweltschutz zu erforschen und an die Gliedkirchen heranzutragen. Dies war noch vor dem Er scheinen der „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome. Wir – ich war damals Mitglied des SWI – haben uns dann als interdisziplinäres Team (ein Volkswirt, ein Soziologe, ein Theologe, ein Politologe) zu 181 relIgIon und wIssenschaft: anfänge zu eInem neuen verhältnIs? erst mit dem Verhältnis von Umwelt, Lebenswelt und Gesellschaft aus einandergesetzt (Sozialwissenschaftliches Institut der EKiD 1973). Da nach haben wir zwar von unseren einzelnen Wissenschaftsdisziplinen her, jedoch mit zahlreichen Teamgesprächen zu den Einzelbeiträgen, unterschiedliche Aspekte und Probleme einer Umweltethik erarbeitet (Engelhardt u. a. 1975). Dabei bin ich den gesellschaftlichen Ursachen und ethischen Aspekten der Umweltverschmutzung nachgegangen. Schon damals war offensichtlich, wie untrennbar die Umweltproble me mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation der Gesellschaft(en) verknüpft waren und eine entscheidende Verbesse rung der Umweltsituation nur mit einer Umorientierung im Selbstver ständnis und in der Lebensführung der Individuen sowie in einer neu en inhaltlichen Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaftspolitik erreicht werden könnte (Engelhardt 1972, 1975b). Schon damals zeigte sich also, dass einzelne technische Abhilfemaßnahmen zwar Verbesse rung bringen konnten, dass die eigentlichen Umweltprobleme jedoch in einem fehlgeleiteten Naturverständnis und einer falsch justierten Wirt schafts und Gesellschaftspolitik zu verorten waren. Seit dieser Zeit ist das Eintreten für eine nachhaltige Umwelt stets mit Zivilisationskritik verbunden. Wer sich über am Detail ansetzende Umweltaktivitäten hi naus grundsätzlich für Umwelt einsetzt, gerät nahezu zwangsläufig in Konflikt mit den herrschenden Leitbildern und den ihnen folgenden Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Bevölkerung. Wie ein roter Faden zieht sich diese Einschätzung durch die seit damals anwachsende wis senschaftliche Literatur zur Nachhaltigkeit (vgl. Kap. 7.5). Auch die Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg hat sich mit dem Umweltthema beschäftigt. Beide Institute hatten regelmäßige Konsultationen. Unserem Auftrag entsprechend haben wir damals unsere Ergebnisse durch Vorträge und Diskussion in Kirchengemeinden und Akademi en, aber auch durch geeignete Materialien (Engelhardt u. a. 1972, 1975d) weiter gegeben. Wir haben aktuelle Konfliktfälle zwischen Industrie und Bevölkerung im Ruhrgebiet aufgegriffen und dabei erfahren, mit welchen harten Bandagen und nicht immer seriösen Mitteln Konzer ne ihre Interessen gegen alle Kritiker, Medien, die Bevölkerung und die zuständigen örtlichen Behörden vertreten und durchsetzen, häufig 182 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht mit dem Totschlagargument „Arbeitsplatzsicherung“, das auf politische Entscheidungsträger wie KO Tropfen wirkt. Die EKiD hat die Stelle eines Umweltbeauftragten geschaffen und da mals mit dem Pfarrer Kurt Oeser besetzt, mit dem wir eng zusammen gearbeitet haben. Die Gliedkirchen der EKiD sind diesem Beispiel gefolgt. Seitdem haben die Landeskirchen Stellen für Umweltpfarrer ge schaffen, um diese Problematik in den kirchlichen Alltag zu transpor tieren. Es gibt in allen evangelischen Landeskirchen Deutschlands zahl reiche Umweltinitiativen verschiedener Ausrichtung, die immer wieder die konfessionellen Grenzen durchbrechen. Mittlerweile gibt es sogar Umweltzertifikate für umweltgerechte Organisation der Aktivitäten in Kirchengemeinden. Der Theologe und Biologe Günther Altner (1972, 1975, 1987) hat sich ausdauernd für eine theologische Aufwertung der Biosphäre, d. h. für eine weniger anthropozentrische Schöpfungstheologie eingesetzt. Fer ner hat er sich intensiv und lebenslang für den Dialog zwischen Theo logie und Naturwissenschaften sowie Kirche und Naturwissenschaften eingesetzt. Heinrich Bedford Strohm, Bischof der Evang. Luth. Kirche in Bayern und Vorsitzender des Rates der EKD, hat aus seiner profun den Kenntnis meinen Eindruck in einer persönlichen Mitteilung bestä tigt, „dass Altner insgesamt leider nicht die Rezeption in Theologie und Ethik gefunden hat, die er verdient hatte“. Nach meiner Einschätzung haben die evangelischen Kirchen in Deutschland seit damals ihre Verantwortung erkannt und wahrgenom men. In den Kirchengemeinden ist dies auch angekommen. Die Hal tung zur Biosphäre, ein besonderes Anliegen von Günter Altner, hat sich nicht nennenswert verändert. Als internationaler Zusammenschluss von 345 Kirchen mit über 500 Millionen Mitgliedern befasst sich der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) seit den siebziger Jahren mit den Herausforderungen durch Um weltverschmutzung. Der ÖRK setzt sich seitdem intensiv und ganzheit lich für ökologische Gerechtigkeit ein und verbindet dabei ähnlich wie später Papst Franziskus soziale Gerechtigkeit und Umweltanliegen. „Er (der ÖRK) wendet sich gegen die Zerstörung der Erde durch die Men schen und zugleich gegen den Missbrauch wirtschaftlicher und politi 183 relIgIon und wIssenschaft: anfänge zu eInem neuen verhältnIs? scher Macht, der dazu führt, dass insbesondere die Ärmsten unter Um weltschäden leiden … Die gegenwärtige Arbeit des ÖRK für ökologische Gerechtigkeit umfasst das Ökumenische Wassernetzwerk, die Kampag ne zum Klimawandel und das Projekt Armut, Reichtum und Umwelt“ (www.oikumene.org/de/was-wir-tun/oerk-engagement-fuer-oekologischegerechtigkeit). Dieses Engagement vollzieht sich über eigene Konferen zen, Arbeitsgruppen, Projekte, zahlreiche Einzelaktionen, Gespräche und die Beteiligung an den UN Klimakonferenzen. Auf der Klimakon ferenz im November 2015 in Paris hat sich der ÖRK mit allen Kräften für ökologische Gerechtigkeit und damit verbundene Einzelziele einsetzt. Weiterhin gibt es seit 1974 zahlreiche ökumenische Versammlungen und andere Aktionen, die sich für Umweltbelange einsetzen. Auch in der römisch katholischen Kirche Deutschlands wurden haupt amtliche Kräfte mit der Aufgabe betraut, Umweltschutzfragen aus kirchlicher Sichtweise in die Gemeinden zu tragen. Ein Neuanfang in der Haltung der römisch katholischen Kirche zu den aktuellen internationalen Bedrohungen durch Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung könnte die Enzyklika Laudato Si’ von Papst Franziskus (2015) werden, wenn ihr der wünschenswerte innerkirch liche Erfolg beschieden sein sollte. Zwar haben drei seiner unmittelba ren Vorgänger bereits auf die anstehenden Problematiken hingewiesen. Aber insgesamt ist die anthropozentrische Prägung der Interpretati on der biblischen Erzählungen zur Schöpfung während der Kirchen geschichte nicht zu übersehen. Papst Franziskus hat sich bei seiner Na menswahl bekanntlich sehr gezielt auf Franz von Assisi bezogen: Er ist Namensgeber und Programm zugleich, sowohl hinsichtlich seiner ei genen Lebensführung als auch für die Ausrichtung seiner Kirche. Bei der Abfassung seiner Enzyklika hat sich Papst Franziskus intensiv vom Gründer und Leiter des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung Hans Joachim Schellnhuber, der bei der Präsentation der Enzyklika mitgewirkt hat, beraten lassen. Bereits dieser Umstand weist auf eine neue Offenheit der römisch katholischen Kirche gegenüber insbeson dere den Naturwissenschaften hin, mit denen sie über Jahrhunderte in einem ausgeprägten Spannungsverhältnis stand. Papst Franziskus nimmt in seiner Enzyklika eine in der Kirchenge schichte wenig ausgeprägte Traditionslinie der Schöpfungstheologie 184 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht auf, die von Franz von Assisi beispielhaft repräsentiert wird und für uns heute in dessen berühmten Sonnengesang fassbar wird, und weist ihr zentrale Bedeutung für die Ausrichtung seiner Kirche zu. Franz von Assisi versteht das, was wir heute Biosphäre nennen, als Ganzheit und drückt das in seinem berühmten Sonnengesang, einem lobpreisenden Gebet, sehr poetisch und anrührend aus (Berg/Lehmann 2009, S, 64): „Gelobt seist Du, mein Herr, mit allen Deinen Geschöpfen, zumal dem Herrn Bruder Sonne, welcher der Tag ist und durch den Du uns erleuchtest. Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz: Von Dir, Höchster, ein Sinnbild. Gelobt seist Du, mein Herr, durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken und heiteres und jegliches, durch Wetter, durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst. Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch. Gelobt seist du, mein Herr, durch Bruder Feuer, durch das du die Nacht erleuchtest; und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.“ Sowohl Vertreter der ökologischen Bewegung als auch Kritiker der an thropozentrischen Ausrichtung der christlichen Theologien innerhalb und außerhalb der Kirchen sehen in Franz von Assisi das große öko logische Vorbild. Es kommt nicht von ungefähr, dass Papst Franziskus zwischen Franz von Assisi und der Gegenwart keine weiteren kirchen historischen Rückbezüge vornimmt. Gut 800 Jahre später erregt Albert Schweitzer, der Theologe, Musikwissenschaftler, Orgelvirtuose und Arzt mit seinem persönlich gelebten Monitum: „Ehrfurcht vor dem Le ben“ (Schweitzer 1991) Aufsehen. Franz von Assisi und Albert Schweit zer wurden für ihre gelebte Haltung sehr verehrt, aber sie blieben Ein zelkämpfer, denen ihre kirchlichen Umfelder nur bedingt und zögerlich 185 relIgIon und wIssenschaft: anfänge zu eInem neuen verhältnIs? folgen wollten. Die ganzheitliche Sicht der Biosphäre war in den Theo logien auch der anderen Kirchen wenig ausgeprägt. Es sind primär vier Besonderheiten der Enzyklika Laudato si’, die mich in meinem Argumentationszusammenhang dazu veranlassen, darauf einzugehen und ihr eine gewisse Leitbildfunktion zuzuschreiben: die Akzeptanz der Wissenschaften, hier besonders der Naturwissenschaf ten, der ausgeprägt ökologische Charakter der in der Enzyklika formu lierten Schöpfungstheologie, die Verknüpfung der ökologischen mit der sozialen Krise und die Zivilisationskritik mit der Forderung anderer Le bensstile. Alle vier Leitlinien durchziehen die Enzyklika. Obwohl bereits im Vaticanum II, also vor 50 Jahren, der Eigenwert der Wissenschaften hervorgehoben wird, kann man in der Art, in der in der Enzyklika von den Naturwissenschaften und ihren Forschungs ergebnissen Gebrauch gemacht wird, einen Durchbruch und Neuan fang sehen. Hatte das Vaticanum II allgemein und grundsätzlich den Eigenwert der Wissenschaften festgestellt – in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein ungeheurer, aber schnell beiseitegeschobener Fort schritt –, so behandelt die Enzyklika die konkreten Forschungsergebnisse zu Klima, Umwelt und Biosphäre als selbstverständliche weil eigenwer tige Bausteine in der Sorge um das „gemeinsame Haus“. Papst Fran ziskus erkennt – in meinen Worten – den Naturwissenschaften fach gebietsbezogene Deutungshoheit zu und sieht im Dialog der Kirche mit den Wissenschaften Lösungsmöglichkeiten für das „gemeinsame Haus“; er verabschiedet sich damit von dem alten Leitbild seiner Kir che, die Herrschaft über alle Inhalte zu beanspruchen. Letztlich ist die römisch katholische Kirche mit dieser neuen und offenen Haltung in der Moderne angekommen und wird damit zum Gesprächspartner von Wissenschaften und anderen Institutionen auf gleicher Augenhöhe. Mit dem ausgeprägt ökologischen Charakter seiner Schöpfungstheolo gie belebt Franziskus nicht nur eine alte vernachlässigte Traditionsli nie neu, sondern er macht sie zur Grundlage der Rettung des „gemein samen Hauses“. Damit holt er für die Gläubigen die für die eigenen Zukünfte zentralen Lebensbereiche in die Kirche zurück, um die sich bisher vor allem andere gekümmert haben und die angesichts der do minierenden anthropozentrischen Engführung weitgehend aus dem 186 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht Blickfeld verschwunden waren. Man kann von einer ökologischen Wende im Lehramt der römisch katholischen Kirche sprechen. Es fällt auf, dass Papst Franziskus seine ökologische Schöpfungstheolo gie selbst ausschließlich anhand von Bibelstellen ohne Rückbezug auf kirchliche Autoritäten und Tradition entwickelt. In den übrigen Tei len seiner Enzyklika bezieht er sich in theologischen Argumentationen wie üblich auf Schrift und Lehramt, das in Äußerungen aus nationa len Bischofssynoden der Gegenwart zum Ausdruck kommt. Theologen finden nur ausnahmsweise Erwähnung. Thomas von Aquin, gewisser maßen Fundament der katholischen Lehrtradition, kommt an einigen Stellen zu Wort. Die geforderte gemeinsame Anstrengung für das gemeinsame Haus ist nur zu verwirklichen, wenn die extremen Notlagen und Ungerechtig keiten beseitigt werden. Andernfalls werden heftige Konflikte um das Lebensrecht Benachteiligter gemeinsamen Strategien, welcher Art auch immer, die Grundlage entziehen. Mit anderen Worten: Es müssen meh rere Problemszenarien gleichzeitig bzw. in kurzer Reihenfolge bewältigt werden: Ohne soziale Gerechtigkeit sind Maßnahmen zugunsten von Klima, Umwelt und Biosphäre kaum durchzusetzen. Die vorgenommenen Situationsanalysen zeigen eine grundsätzliche und massive Zivilisationskritik, in der die spezifisch kirchliche Kritik an materialistischer und individualistischer Grundorientierung zum Ausdruck kommt. Es ist deshalb gut nachvollziehbar, dass sich immer wieder ein Hauch von Zweifel in der Enzyklika bemerkbar macht, ob die Biosphäre und mit ihr die Menschen angesichts der erdrückenden Übermacht des egozentrischen und problemblinden Wirtschafts und Finanzsektors noch zu retten sind. Je mehr man sich mit den drei Prob lemszenarien auseinandersetzt, desto mehr wachsen die Zweifel. Die Enzyklika wendet sich sowohl an die Gläubigen der katholischen Kirche als auch an die übrige Welt: die Menschen, die guten Willens sind. Man kann die Enzyklika als eine Art aktivierenden Neuanfang mit den eigenen Gläubigen und anderen Gleichgesinnten für die Zu kunft der Schöpfung auffassen. Ob die angestrebte Mobilisierung für das „gemeinsame Haus“ gelingt? Es ist zu hoffen, denn das „gemein same Haus“ braucht jede erdenkliche Unterstützung, wenn es das ge 187 relIgIon und wIssenschaft: anfänge zu eInem neuen verhältnIs? meinsame Haus bleiben soll. Die festgestellten Veränderungen sind sehr bedrohlich und bringen uns bei wichtigen überregionalen Klimadeter minanten des Erdsystems immer näher an die Phasen heran, bei denen nicht nur graduelle, sondern plötzliche und irreversible Änderungen eintreten, wie der renommierte Klimaexperte Hans Joachim Schelln huber, Gründer und Leiter des Potsdam Instituts für Klimafolgenfor schung ausführt. Solche diskontinuierliche Veränderungen, als Kipp elemente bezeichnet, werden beim Abschmelzen der großen Eisflächen, bei den Meeresströmungen, im System der Winde und bei der Entwal dung tropischen Regenwalds für möglich und, im Falle ausbleibender Gegenmaßnahmen, für wahrscheinlich gehalten. Weitere Kippelemen te wurden identifiziert und werden diskutiert (https://de.wikipedia.org/ wiki/Kippelemente im Erdsystem ). Sowohl der berühmte, hier und von Papst Franziskus zitierte Son nengesang des Franz von Assisi als auch Franziskus’ Darstellung der Schöpfung anhand des Alten Testaments vermitteln ein ziemlich har monisches Bild der Natur. Viele Naturbegeisterte äußern ähnliche Er fahrungen. Auch ich habe dies bei meinen ungezählten, oft sehr ausge dehnten Wanderungen und Expeditionen so erlebt. Dennoch ist diese Harmonie ein Trugbild. Tatsächlich erleben wir in der Natur immer wieder neue Momentaufnahmen aus einem gnadenlosen Kampf um das Überleben von Pflanzen, Tieren, Pilzen, Ökosystemen in einem von uns wahrgenommenen ökologischen Ausschnitt. Wer immer wieder dieselben Orte aufsucht, wird gut beobachten können, was sich nicht merklich verändert, welche Lebewesen sich an diesen Orten durchset zen, andere verdrängen und welche verschwunden sind. Immer mehr Arten verschwinden nicht nur ortsbezogen, sondern generell als Fol ge menschlicher Eingriffe, mittlerweile ziemlich umfassend dokumen tiert in den Roten Listen der bedrohten bzw. ausgestorbenen Arten. An fang der sechziger Jahre konnte man am Alpenrand vom Bodensee bis nach Berchtesgaden Wiesen sehen, die im April von den gelben Schlüs selblumen und im Sommer von zahlreichen anderen Blumen geprägt waren. Biodiversität. Es war einmal … Die Schlüsselblumen und zahl reiche andere Wiesenblumen sind zwar nicht ausgestorben, aber doch je nach Art zu ortsspezifischen Seltenheiten geworden. Wiesen wie da mals findet man nur noch an wenigen Orten. Wir Menschen erleben die Natur gerne als harmonisches Zusammenleben. Es gibt sicher auch re lativ stabile ökologische Systeme, aber der teils hausgemachte und der 188 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht teilweise auf andere Weise bedingte Wandel ist, wenn man es wahrneh men will, zu erkennen. Auch andere religiöse Autoritäten wie der Ökumenische Patriarch Bar tholomäus rechnen die aktuellen ökologischen Probleme nicht nur aber auch zum christlichen Verantwortungsbereich. Ich möchte auf seine Stellungnahme hier nicht eingehen. Seit Beginn der neunziger Jahre hat sich der Dalai Lama, bis 2011 reli giöses und politisches Oberhaupt der Tibeter (in der Exilregierung in Dharamsala/Indien) und nach wie vor höchste religiöse Autorität im Mahayana Buddhismus immer wieder in Interviews und nun auch in Büchern zur Umweltproblematik geäußert, weil sie aus seiner Sicht un sere Überlebensfrage ist. Um diese Überlebensfrage zu lösen, hat er kürzlich sein Konzept der säkularen Ethik vorgestellt (Dalai Lama 2013, 2015). Erschüttert von den Terroranschlägen in Paris im Januar 2015 sag te der Dalai Lama: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heiligen Schriften bergen ein Gewaltpotenzial in sich. Deshalb brau chen wir eine säkulare Ethik jenseits aller Religionen. In den Schulen ist Ethik Unterricht wichtiger als Religionsunterricht. Warum? Weil zum Überleben der Menschheit das Bewusstsein des Gemeinsamen wichti ger ist als das ständige Hervorheben des Trennenden“ (Dalai Lama in Alt, 2015, S. 7). Diese Aussage differenziert der Dalai Lama an anderer Stelle: „Doch keine auf der Basis einer Religion entwickelte Antwort auf das Problem der Vernachlässigung unserer inneren Werte kann heu te für alle gelten, und deshalb ist solch eine Basis nicht mehr angemes sen. Was wir heute brauchen, ist eine ethische Grundlage, die sich nicht auf Glaubenssysteme bezieht und daher sowohl für religiöse als auch für nichtreligiöse Menschen annehmbar ist: eine säkulare Ethik“ (Dalai Lama 2013, S. 14). Der Sprachgebrauch „säkulare“ Ethik bezieht sich auf die indische Tradition, ist aber im europäischen Kulturkontext miss verständlich. Den kulturgeschichtlichen Erläuterungen des Dalai Lama folgend, meint säkulare Ethik eine Religionen übergreifende Ethik. Der Dalai Lama ist davon überzeugt, dass diese Religionen übergreifende Ethik dialogisch entwickelt werden kann und muss, keiner Religion wi derspricht, aber auch von keiner Religion abhängig ist; er ist weiterhin davon überzeugt, dass eine solche Ethik gebraucht wird, um die anhe benden Katastrophen bei Umwelt, Biosphäre und Klima zu vermeiden 189 relIgIon und wIssenschaft: anfänge zu eInem neuen verhältnIs? oder abzuschwächen. Mit der Religionen übergreifenden Ethik ergäbe sich eine gemeinsame ethische Plattform, in der wir Menschen unse re inneren Werte entwickeln und damit mittelfristig eine Transformation der Werte herbeiführen können, die die gegenwärtig vorherrschen den materialistischen Leitbilder und Verhaltensmuster verdrängt und ersetzt. Es geht also darum, das Konfliktpotenzial zwischen Religionen und ihren ethischen Vorstellungen durch eine Religionen übergreifen de Ethik zu überwinden, „Brücken zwischen den religiösen, kulturellen und ethnischen Unterschieden zu bauen und uns auf einer elementaren menschlichen Ebene anzusprechen“ (ebenda s. 29). Auch Hans Küng als profilierter, kritischer katholischer Theologe sieht den Religionsfrie den als Voraussetzung für die Lösung der anstehenden globalen Prob leme (Küng 2012). Ethik sieht der Dalai Lama in der menschlichen Natur verankert; er ist sich zwar der „zerstörerischen Neigungen“ des Menschen bewusst, ent scheidet sich selbst aber für die Einschätzung, „dass die menschliche Natur vor allem zur Güte neigt und von dem Wunsch nach einem fried lichen Leben bestimmt wird“. Dementsprechend „können wir Ethik als vollkommen natürliches und rationales Mittel zur Verwirklichung un seres Potenzials begreifen. Aus dieser Perspektive besteht Ethik weni ger aus Regeln und Vorschriften, die es zu befolgen gilt, als vielmehr aus Prinzipien für eine innere Selbstkontrolle zur Förderung jener Aspekte unseres Wesens, die wir als förderlich für unser eigenes Wohl und für das unserer Mitmenschen erkannt haben (ebenda S. 36.). … Das erste Prinzip besteht in der Anerkennung unseres gemeinsamen Menschseins und unseres gemeinsamen Strebens nach Glück und der Vermeidung von Leid. Das zweite Prinzip besteht darin, dass wir unsere gegenseitige Abhängigkeit als Grundzug der menschlichen Wirklichkeit, einschließ lich unserer biologischen Wirklichkeit als soziale Tiere, begreifen. An hand dieser zwei Prinzipien können wir lernen, die unlösbare Verbin dung zwischen unserem eigenen Wohlergehen und dem Wohlergehen anderer zu verstehen und ein echtes Interesse am Wohl anderer zu ent wickeln. Zusammen bilden sie in meinen Augen ein geeignetes Fun dament, auf dem sich ein ethisches Bewusstsein und die Kultivierung innerer Werte gründen lassen“ (ebenda, S.  37). Die generelle wechsel seitige Abhängigkeit der Menschen voneinander bedeutet konkret, dass unser Glück und Wohlergehen auch von anderen Menschen gefördert oder beeinträchtigt werden. Deshalb erhält die Fähigkeit, sich in ande 190 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht re einzufühlen, wesentliche Bedeutung und zwar für uns selbst und für andere. Für den Dalai Lama ist Mitgefühl deshalb diejenige grundle gende Haltung des Menschen, auf die alle inneren Werte, z. B. Fürsorge, Zuneigung, Warmherzigkeit, Güte, Geduld, Versöhnlichkeit, Großzü gigkeit Toleranz, Aufmerksamkeit, Achtsamkeit, tiefgründiges Fühlen und Denken bezogen sind. Indem er das allen Menschen geltende, uni versale Mitgefühl zur generellen Richtschnur für ethische Entscheidun gen macht, übertrifft er die ohnehin sehr radikale Bergpredigt mit ihrer Forderung, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Mitgefühl und innere Werte bedürfen der ständigen Pflege und Ent wicklung, weil sie Glück und Zufriedenheit bedingen. Diese Entwick lung kann nur dialogisch betrieben werden und muss auf Gewaltlosig keit, friedlicher Konfliktlösung und Gleichberechtigung von Männern und Frauen aufbauen. Die säkulare Ethik bezieht ihre Glaubwürdigkeit und eine gewisse Wirklichkeitsnähe aus zwei auf Menschen gerichteten Perspektiven: Ei nerseits entwickelt der Dalai Lama seine säkulare Ethik aus der Eigen art des Menschen, ohne auf Übernatürliches, d. h. nicht Überprüfbares wie göttliche Offenbarungen, Götter, Wesenheiten, Glaubenslehren usw. als Garanten Bezug zu nehmen bzw. Bezug nehmen zu müssen. An dererseits erwachsen Glaubwürdigkeit und Wirklichkeitsnähe aus der Zielsetzung, die bedrohte Lebenswelt der Menschen zu erhalten. Nach meinem Verständnis des Buddhismus folgt der Dalai Lama dabei kon sequent buddhistischen Vorstellungen, indem er Ethik nicht als diffe renziertes Regelsystem, sondern als Haltungen und Einstellungen ver steht: es geht um den richtigen Weg, der durch Mitgefühl bestimmt wird. Letztlich schreitet der Dalai Lama mit der säkularen Ethik von der individuellen Selbsterlösung zur kollektiven fort: Der Dalai Lama hat diesen Ansatz einer säkularen Ethik entworfen, weil die globale Ent wicklung von zahlreichen lösungsbedürftigen Problemzonen durchzo gen ist, deren Bewältigung nur durch gemeinschaftliche Aktion auf der Grundlage ethischer Achtsamkeit und innerer Werte gelingen kann. Seine Ethik stützt sich in ihrer Fundierung und ihrer Zielsetzung auf das Hier und Jetzt. Seine Zivilisationskritik zielt auf die materialisti sche Prägung der Gesellschaften, die Menschen zu Teilen einer „riesi gen Gelderzeugungsmaschine“ werden lässt, extreme soziale Ungleich heit erzeugt und die Lebensgrundlagen bedroht. 191 relIgIon und wIssenschaft: anfänge zu eInem neuen verhältnIs? Indem sich der Dalai Lama in seiner Ethik ausschließlich auf die mit menschlichen Merkmale des Menschen bezieht, folgt er zwar auch der Einsicht, dass nur gemeinsame Aktionen die ökologische Krise bewäl tigen können. Er folgt jedoch auch seinem unerschütterlichen Optimis mus. Aus der Perspektive der modernen Evolutionstheorie beschränkt sich der Dalai damit auf den Anteil der menschlicher Antriebe, die sich beim Individuum entwickelt haben, um durch Selbstlosigkeit und Un terordnung der eigenen Gruppe mehr Durchsetzungsfähigkeit in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen zu verleihen und dadurch selbst zu überleben. Die egoistischen Antriebe übergeht er jedoch, weil er von ihnen keinen Beitrag zur Problemlösung erwartet. Anders ausge drückt: Es gibt zur Kultivierung des altruistischen Fähigkeitsspektrums des Menschen im Kampf um das Überleben keine Alternative. Gegen seitige Bekämpfung oder gar Eliminierung ändert an der Umweltkrise nichts. Dies ist eine ganz und gar neue Situation in der Menschheitsge schichte. Ich komme später darauf zurück. Man muss aber nicht Protestant, Katholik, griechisch orthodoxer Christ oder Buddhist sein, um nach intensiver Beschäftigung mit den großen Problemszenarien und mit der herrschenden Wachstumsorien tierung der Wirtschaftskonzerne zu ähnlichen Ergebnissen zu gelan gen und an der Erhaltung der Biosphäre ausgerichtete Neuorientierung individueller und sozialer Lebensformen für unumgänglich zu halten. Schon 1972 hatte der Club of Rome auf die Grenzen des Wachstums mit sorgfältig recherchierten Daten und Computeranalysen hingewie sen (Meadows u. a. 1972). Weitere Analysen aus diesem Autorenkreis folgten 1992, 2006, 2012), und zahlreiche Veröffentlichungen anderer Autoren zur Nachhaltigkeit. Unisono wird ein grundlegender an Nachhaltigkeit orientierter Systemwandel der Gesellschaften gefordert. Ohne grundlegende Verhaltensänderungen breiter Bevölkerungskreise, allein durch technische Abhilfemaßnahmen wird die ökologische Krise nicht zu meistern sein. Der Ruf nach Verhaltensänderungen wird also von vielen Experten und Ökologie-Engagierten außerhalb der katholischen Kirche schon seit geraumer Zeit erhoben, auch vom Ökumenischen Rat der Kirchen und vom Dalai Lama. 192 relIgIon und wIssenschaft: eIne neue bezIehung zwIschen Ihnen wIrd gebraucht 6 5 Zusammenfassung Können Religionen zur Bewältigung der ökologischen Krise beitragen? Warum? Als Weg weisende und an Sinngebung orientierte Institutio nen könnten sie auf eine Änderung von fehlgeleiteten weil inhaltslee ren und Leben bedrohenden Haltungen und Zielen drängen und daran mitwirken, dass die Erhaltung der Lebensbedingungen des Menschen in den Mittelpunkt individueller, gesellschaftlicher und politischer Be mühungen rückt: die Erhaltung der Biosphäre, die Begrenzung der Kli maerwärmung und der Umweltschutz. • Über den größten Teil der Geschichte bestanden Religionen als mehr oder weniger verbindliche Erklärungen der Welt und wis senschaftliches Denken in der Form von Technologien ohne grö ßere Konflikte nebeneinander und besetzten unterschiedliche Fel der der Wirklichkeit. Eine weithin wirksame Änderung trat ein, als das rational empirische Denken auf dem Hintergrund der Aufklä rung den Anspruch erhob, die allein passende Methodik zu allen Feldern der Wirklichkeit zu sein. Zwischen Religion und Wissen schaft entstanden nun Konflikte um die Deutungshoheit und in der Folge über die Freiheit der Wissenschaft. • Die Selbstbefreiung der Wissenschaften von der Bevormundung durch Kirchen hat auch Technologien und Produktionszweige er möglicht, deren Produkte grundsätzlich problematisch sind oder – häufiger – die Lebensbedingungen für Lebewesen aller Art ein schließlich des Menschen massiv bedrohen. Angewandte Wissen schaft wendet sich also in vielfältigen Formen gegen das Leben. Für Wissenschaften und Wirtschaft sind deshalb steuernde Maßnah men unerlässlich, die sich an der Ehrfurcht vor dem Leben und der Erhaltung der Biosphäre orientieren. Wissenschaften und Wirt schaft brauchen eine übergreifende Zielsetzung und Sinngebung, die auf der Achtung vor dem Leben aufbauen und die Erhaltung der Lebensbedingungen beinhalten. In diesem Sinn brauchen Wissenschaft und Wirtschaft Religion: ein neues auf das Leben bezogenes und von den Beteiligten ausgehandeltes Selbstverständnis und eine darauf bezogene ethisch begründete Steuerung anstelle der pro fit und machtorientierten, aber gleichzeitig sinnentleerten Belie bigkeit. Ob und welchen Beitrag die traditionellen, möglicherweise modifizierten Religionsgemeinschaften und/oder möglicherweise 193 zusammenfassung neue Sinnproduzenten zu diesen Steuerungsmaßnahmen beitra gen werden, bleibt abzuwarten. Klar ist: sie werden gebraucht und sie haben sich auch auf den Weg gemacht. • Wollen Religionsgemeinschaften oder andere neue Sinnproduzen ten an Steuerungsinstrumenten für Wissenschaft und Wirtschaft mitwirken, die sich an der Erhaltung der Biosphäre orientieren, dann sind sie auf die Kooperation mit Wissenschaft und Wirtschaft, die über das einschlägige Wissen verfügen, angewiesen. Religionen brauchen Wissenschaften. • Es geht mir in meiner Beschreibung und Analyse von Äußerungen und Aktionen aus Religionsgemeinschaften darum, Ansatzpunkte und Bundesgenossen für eine Bewältigung der ökologischen Kri se zu finden. Deshalb werde ich hier die weiter führenden Gemeinsamkeiten hervorheben. Erstens: Die inhaltslose, selbstzweckliche Gewinnmaximierung auf der Ebene der Wirtschafts und Finanz systeme und die ihr auf der Ebene individueller Lebensführung entsprechende materialistische Konsumorientierung – darin sind sich die Spitzen der großen Kirchen, des Buddhismus, aber auch viele Wissenschaftler, zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und auch UN Abteilungen einig – schädigen bereits jetzt unsere Lebensgrundlagen: Biosphäre, Klima und Umwelt in lebensfeind licher Weise und bedrohen künftiges Leben. Die Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft auf der Grundlage von Nachhaltigkeit ist deshalb unumgänglich. Diese Erkenntnis veranlasst zweitens Religi onsgemeinschaften (und andere Gruppen), diese Probleme in den Mittelpunkt ethischer Überlegungen zu rücken und eine dem Leben dienende Neujustierung auf innere Werte und die Erhaltung der Lebensbedingungen hin selbst vorzunehmen und gegenüber der Bevöl kerung und den Entscheidungsinstitutionen anzumahnen. Es gibt – drittens – zur Kultivierung des altruistischen Fähigkeitsspektrums des Menschen im Kampf um das Überleben keine Alternative, weil ökologische Krise und extreme soziale Ungerechtigkeit zusammen hängen und nur zusammen gelöst werden können. Viertens müs sen für die Bewältigung der ökologischen Krise an die Stelle der herkömmlichen internationalen Konflikte und Kriege – das ist neu – gemeinschaftliche, Gesellschaften und Religionen übergreifende Bemühungen treten. Ohne größere soziale Gerechtigkeit keine Reduktion von gewaltsamen Konflikten und Kriegen, ohne Minimierung gewaltsamer Konflikte keine gemeinsamen Ziele und Programme und folglich keine Lösung der beschriebenen Probleme. 195 7 Wie kann Zukunft gelingen? Für die unterschiedlichen regionalen und globalen Felder der Umwelt liegen zahlreiche Situationsanalysen vor, die weitgehend darin über einstimmen, dass die Fortsetzung der globalen Wachstumspolitik zu vielfältigen Zusammenbrüchen der Lebensbedingungen führen wird. Solche Zusammenbrüche können nur vermieden werden, wenn Wirt schaft, Gesellschaft und Lebensführung unter dem Leitbild der Nach haltigkeit (dazu genauer in Kap. 7.2.5) umstrukturiert werden. Jorgen Randers, Mitautor der Berichte an den Club of Rome (1972, 1992, 2006) und Alleinverfasser des letzten Berichts (2012), resümiert die Entwick lung der „Nachhaltigkeitsrevolution“ folgendermaßen: „Die Nachhal tigkeitsrevolution hat also bereits begonnen, sie steckt aber noch in den Kinderschuhen … Es ist schwer zu sagen, ob die neue nachhaltige Welt eine attraktive sein wird oder ob es den Menschen deutlich weni ger wohlergehen wird als heute. Das hängt davon ab, was die Mensch heit für den Rest des 21. Jahrhunderts zu tun gedenkt. Wie aus der Prog nose in diesem Buch hervorgeht, bin ich der Überzeugung, dass im Jahr 2052 der Übergang zur Nachhaltigkeit erst zur Hälfte vollendet ist, und dass dieser Übergang in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in ernste Schwierigkeiten gerät. Will sich die Weltgesellschaft am Ende des Jahr hunderts in einer erstrebenswerten und stabilen Situation wiederfin den, dann wird sie nach 2052 ein Wunder vollbringen müssen“ (Rand ers 2012, S. 33 f.). Die Forderung der Nachhaltigkeitsrevolution beruht wie alle in die Zu kunft weisenden Vorschläge auf ermittelten Tatsachen und Prämissen mit unterschiedlichen Facetten. Zunächst ist festzuhalten, dass die in der einschlägigen Literatur mehrfach geschilderte bedrohliche Lage der Menschheit durch das Verhalten des Menschen und seiner Institutionen in der westlichen Zivilisation entstanden ist und, ohne dass eine grund sätzliche Änderung in Sichtweite ist, ungebrochen fortgesetzt wird. Die meisten anderen Länder ahmen diesen Modus der laufenden Verbesse rung der materiellen Lebensverhältnisse nach: Die Menschen in den är meren und ganz armen Länder wollen materiell so leben können wie 196 wIe kann zukunft gelIngen? die in den reichen. Dies sind verständliche, aber unerfüllbare Wünsche. Die knappen Ressourcen unserer Erde lassen eindeutig erkennen, dass beide Ziele nur kurzfristig fortgeführt werden können: Auf Dauer kön nen die reichen Länder ihre Lebensweise weder fortsetzen noch mate riell verbessern und die armen haben mit Ausnahme einzelner Perso nen/Familien keine Chance, die Lebensverhältnisse der reichen Länder auch nur näherungsweise zu erreichen. Vielmehr ist mit erheblichen Verschlechterungen und auch größeren Hungersnöten zu rechnen. In den beschriebenen gegenwärtig vorherrschenden Verhaltensformen konkretisieren sich die dargestellten Mechanismen der Evolution in der individuellen und sozialen Selektion. Mit anderen Worten: Die Selekti on hat mit ihren Mechanismen die Menschheit in eine Entwicklungs sackgasse gebracht. Würden insbesondere die individuellen und kollek tiven Egoismen als Selektionsmechanismen der Evolution weiter wie bisher fortwirken, so wären unerbittliche, wahrscheinlich auch gewalt same Auseinandersetzungen um die Ressourcen mit katastrophalen Folgen nicht zu umgehen, weil die Ressourcen der Erde begrenzt sind. Es ist fraglich, ob es in dieser Auseinandersetzung einen bzw. mehre re Sieger geben würde. Wahrscheinlich würde es primär oder auch nur Verlierer geben. Die Autoren der Berichte an den Club of Rome legen ihren Überle gungen ein anderes, dennoch sehr altes Lebensmodell zugrunde. Sie knüpfen in der Sache an dem Evolutionsprodukt Kultur an, die bereits in den frühen egalitären Formen des Zusammenlebens bei den Jäger und Sammlergruppen die Mitmenschlichkeit als Überlebensgarant ent wickelte: Die Mitglieder der Gruppe stellen ihre individuell persönli chen Interessen zugunsten des Überlebens und der Funktionsfähigkeit der Gruppe zurück, weil sie damit auch selbst in der Gruppe bessere Überlebenschancen haben, als wenn sie ihren Egoismen freien Lauf lie ßen und sich als Einzellebewesen durchschlagen müssten. Im Buddhis mus wird das Mitgefühl zu einem tragenden Element des Zusammen lebens, in den christlichen Religionsgemeinschaften die Nächstenliebe usw. Diese Traditionslinie hat sich bis in die Gegenwart in Religionen, säkularen Rechtssystemen, politischen, philosophischen und anderen Kontexten fortgesetzt und differenziert, auch wenn sie zwar das Zu sammenleben ermöglichte, aber die individuellen und kollektiven Ego ismen nur begrenzt, jedenfalls noch nicht ausreichend wirksam zu 197 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre rückdrängen konnte. Die Erkenntnis und Lebenspraxis der Jäger und Sammlergruppen, dass nur die Gemeinschaft und das Zurückstellen individueller sowie partikularer Interessen das Überleben der Gruppe und der einzelnen Mitglieder sichert, wird in der Moderne unter Be zug auf die Weltbevölkerung mit ihren erkennbaren Grenzen des Wachs tums wieder hochaktuell. Auf globaler und auf regionaler (staatlicher) Ebene brauchen die gemeinsamen Interessen Vorrang vor partikularen, um lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Die Autoren der Berichte an den Club of Rome, UN Abteilungen, Forscher und zivilgesellschaftliche Vereinigungen und andere setzen als zweite Prämisse für ihre Vorschlä ge die Versorgung der gesamten Weltbevölkerung mit der Maßgabe der Beendigung ihres Wachstums; sie beziehen sich damit inhaltlich auf die Menschenrechtskonventionen. Mit diesen Prämissen ist die Nachhal tigkeitsrevolution der einzige gangbare Weg: sie erfordert die grundle gende Neugestaltung der individuellen Lebensführung, des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Handelns insbesondere in den reichen Gesellschaften der westlichen Zivilisation mit ihrem riesigen Ressour cenverbrauch. Das Wort Nachhaltigkeitsrevolution ist dabei mit allen seinen Konnotationen keine Übertreibung. Kann sie gelingen? In Abschnitt 7.1 fasse ich die Umweltprobleme als Ausgangspunkt der zukünftigen Probleme zusammen. Abschnitt 7.2 thematisiert die welt weiten Konflikte und die offensichtlich zunehmenden Spannungen und Blockaden in zahlreichen Ländern als wesentliche Hemmnisse für ge meinsame Aktionen. Abschnitt 7.3 sondiert, welche kulturellen Poten ziale und welche Akteure für die Nachhaltigkeitsrevolution mobilisiert werden können und welche Beiträge von Religionen erhofft werden. 7 1 Zur gegenwärtigen Situation bei Klimawandel, Umweltbelastungen und Biosphäre 7 1 1 Umweltbelastungen Die zusammenfassende Beschreibung der anthropogenen Bedrohung menschlicher Lebensverhältnisse erfolgt besonders häufig unter den Leitbegriffen Klimawandel und Umweltbelastungen bzw. Umweltzerstörungen. Deutlich seltener, aber zunehmend eindringlicher ist in der Weltöffentlichkeit von der dramatischen Reduzierung der Biosphäre 198 wIe kann zukunft gelIngen? insgesamt, insbesondere der Vielfalt der Arten (Biodiversität) und ih rer Populationen die Rede. Obwohl weitere Fortschritte dieser Reduzie rungsprozesse menschliches Leben unmittelbar bedrohen und auch be enden könnten, partiell oder insgesamt, reichen selbst teilweise intensiv und aufwendig betriebene Gegenmaßnahmen wie z. B. in Deutschland (dazu später) gerade einmal dazu aus, diese Prozesse selektiv zu ver langsamen. Im Gegenteil: Die grundsätzlich von Wirtschaft und Po litik gewollte Wachstumsorientierung beschleunigt diese Prozesse in Deutschland und weltweit fortschreitend, in einigen Ländern/Regionen noch zusätzlich verstärkt durch das erhebliche Wachstum der Bevölke rung, z. B. in Indonesien, Indien, Afrika, Lateinamerika. Die genannten Leitbegriffe sind nicht trennscharf, weisen gemeinsame Schnittmengen der jeweils gemeinten Inhalte auf. Darüber hinaus wer den zahlreiche Wechselwirkungen zwischen Umweltbelastungen, Bio sphäre und Klimawandel beobachtet, teilweise untersucht und auch teilweise bekämpft. Umweltbelastungen bzw. Umweltzerstörungen und als Reaktion darauf Umweltschutzmaßnahmen sind Sammelbegriffe für alle möglichen von Menschen verursachten Schädigungen oder gar Zerstörungen wichtiger Teile unserer Lebenswelt. Man unterscheidet zwischen örtlichen und regionalen Umweltbelastungen einerseits und weiträumigen bis globalen andererseits und sieht damit Einzelstaaten bzw. die Weltgemeinschaft in der Verantwortung. Zunächst zu den lokalen und regionalen Umweltbelastungen, um die sich die nationalen Regierungen und ihre Behörden, aber auch nicht nur in Deutschland z. B. im Naturschutz zahlreiche Einzelpersonen, Vereine und Verbände kümmern und mit Klagen vor Gericht merkli che Erfolge erzielen. So wurde beispielweise die Stadt Hamburg gericht lich dazu verurteilt, in Sachen Elbvertiefung vor Beginn der Projekt arbeiten ihre ökologischen Hausaufgaben zu machen. Gewisse Erfolge hat der Umweltschutz in Deutschland bei Luftreinhaltung, deutlich mehr im Wasserschutz und im Naturschutz erreicht, der auch in der öffentlichen Planung eine wesentliche Rolle spielt. Darüber hinaus ge lingt Naturschutz vorzugsweise in den Belangen, für die breite öffent liche Aufmerksamkeit erzielt werden kann, wie die Bedrohung großer, optisch auffälliger Wildtierarten wie bengalischer Königstiger, Elefan ten, Geparden, Nashörner, Eisbären, Greifvögel, Auerhähne, Wölfe, Luxe, Braunbären, Wale usw. Allerdings ist es gerade bei der Errich 199 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre tung von Schutzgebieten und Nationalparks unerlässlich, den von ein schränkenden Schutzmaßnahmen betroffenen Menschen entsprechen den Ausgleich für den Verlust ihrer Lebensgrundlagen in der Form von Jagd und Anbaugebieten zu verschaffen und sie so einzubeziehen, wie es vielerorts in Nationalparks bereits praktiziert wird. Naturschutz geht nicht ohne Menschenschutz. Der Einsatz für den Umweltschutz weist von Land zu Land gravie rende Unterschiede auf und nährt die Vermutung, dass in einer Rei he von Staaten erhebliche Einbrüche in die gesellschaftliche Entwick lung durch massive Umweltprobleme bereits eingetreten und weiter zu erwarten sind. Insbesondere die Schwellenländer China, Indien, Bra silien, aber auch andere haben in den vergangenen Jahrzehnten akute Gesundheitsgefährdungen durch Wasser und Luftverschmutzung zu gunsten von Wirtschaftswachstum in Kauf genommen und sind jetzt mit steigenden umweltbedingten Sterberaten und kurzfristig kaum lös baren Problemen konfrontiert. Nicht mehr aufschiebbare Maßnahmen werden erhebliche finanzielle Mittel binden und folglich die Wachs tumschancen bald drastisch nach unten korrigieren. Das Verschwinden vieler für die Bodenfruchtbarkeit und die natürli chen Ausgleichswirkungen wichtiger Klein und Kleinsttiere, Pilze und Mikroorganismen, kurz: die Verarmung und Bedrohung ökologischer Systeme findet den Weg deutlich mühsamer von den Biologen und an deren Fachleuten in die Öffentlichkeit oder gar in die politischen Ent scheidungszirkel. Nach Recherchen von Meadows, Randers und Me adows (2015 [2006], S.  61–66) sind 38 % der für Ackerbau genutzten Fläche bereits degradiert, ebenso 21 % der Weideflächen und 18 % der Waldgebiete. Hauptverursacher derartiger Umweltschäden ist die mo derne industrielle Landwirtschaft mit ihren Arsenalen an Düngern, Pflanzenschutzmitteln, Hormonen, Tierarzneimitteln, riesigen, schwe ren Gerätschaften u. a., die zwar kurzfristig höhere Gewinne der Bauern und vor allem der Landwirtschaftskonzerne in Aussicht stellt, die aber eine ökologische und das heißt nachhaltige Bewirtschaftung verhindert. Häufig erhält schnelles Wirtschaftswachstum klare Priorität insbeson dere vor dem Schutz weniger publikumswirksamer aber dennoch be drohlicher Umweltschäden, fast überall. Hier aber ticken Zeitbomben. 200 wIe kann zukunft gelIngen? Beispielsweise wurden und werden in Deutschland durchaus wichti ge und grundlegende Maßnahmen für Boden, Gewässer und Luft er griffen, um Umweltbelastungen deutlich zu vermindern oder auch zu beseitigen. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts galt manchen Forschern in meiner Heimat Tegernsee der See bereits als umgekippt. Tatsächlich hat man vor 60 Jahren mit einer Ringkanali sation wohl doch noch die letzte Chance zur Rettung des malerischen Gewässers genutzt. Schon seit über 30 Jahren hat das Wasser des Sees wie das der anderen oberbayerischen Seen mit ähnlichen Anlagen wie der Trinkwasserqualität. Dieses Beispiel soll zeigen, dass viele Umwelt schädigungen technokratisch vermindert oder beseitigt werden können und auch wurden. Ich möchte hier gerade wegen meiner durchaus kri tischen Haltung ausdrücklich hervorheben, dass fortlaufend neue Maß nahmen zur Verminderung oder Beseitigung von Umweltbelastungen eingerichtet werden, alte Anlagen werden gewartet und/oder moder nisiert. Dennoch gibt es auch im relativ umweltschutzfreundlichen Deutschland zahlreiche Mängel. Oft unterbleiben notwendige Maß nahmen, häufig wartet man allzu lange damit, und der Weg von der Problemdiagnose bis zur Problemlösung dauert meist viele Jahre, in vielen Fällen zu lange. Zu viele getroffene Maßnahmen greifen aus un terschiedlichen Gründen zu wenig. Immer wieder hapert es bei den zuständigen Aufsichtsbehörden am nö tigen Durchsetzungswillen. Aus Rücksicht auf die Verursacher duldet man Rechtsverstöße oder schaut gezielt weg. Allzu oft muss das All zweck und Totschlagargument herhalten, die Einhaltung der Um weltvorschriften bedrohe Arbeitsplätze. Bereits die enorme Durch schlagskraft dieses Arguments weist auf den verbesserungsbedürftigen Stellenwert des Umweltschutzes hin. Auch oberste Bundesbehörden und politische Instanzen zeigen immer wieder ein fragwürdiges Ver halten mit gezielter Blindheit, gespielter Ahnungslosigkeit und bekannt unwirksamen Messmethoden, z. B. in der Auseinandersetzung um die Luftverschmutzung durch Kraftfahrzeuge in Ballungszentren im Kon text des VW Skandals (vgl. Leyendecker u. a. 2017). Immerhin führt die Luftverschmutzung auch hierzulande jährlich zu mehreren tausend vor zeitigen Sterbefällen. Korrekte und für ihre Umweltschutzaufgaben en gagierte Beamte machen sich da in ihren Behörden leicht unbeliebt und finden sich schnell in der Rolle des isolierten Nestbeschmutzers wie der, wenn sie politisch motivierte Vorgaben, Maulkörbe und Unterlas 201 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre sungsvorgaben, die den Luftreinhaltungszielen entgegenwirken, nicht akzeptieren wollen. „Spätestens 2003 hätte die Öffentlichkeit auf Tricks aufmerksam werden müssen“, meint Axel Friedrich auf der Grundla ge eigener Untersuchungen, früher Abteilungsleiter im Umweltbundes amt (Balser/Bauchmüller 2017, S.  13). Sein Alarmschlagen blieb ohne Resonanz. Zur gegenwärtigen Diskussion meint er: „Wenn alle Sachver ständigen, alle Zeugen heute versichern, sie hätten nie etwas davon ge hört, dann gibt es dafür nur eine Erklärung: kollektive Demenz“ (eben da S. 13). Auch der Artenschutz von Pflanzen und Tieren mit technokratischen Mitteln hat in vielen Ländern einen hohen Stellenwert, spielt bei Ent wicklungsprojekten z. B. Verkehrsplanungen eine wichtige Rolle und äußert sich ebenso in einzelnen Schutzmaßnahmen durch Zugangs sperrungen zu Brutzonen im Schilf von Seen oder in Felswänden, auf wendigen Wildwechselbrücken über Autobahnen, aber auch in der Ausweisung von Naturschutzgebieten und Nationalparks. Dennoch: Technokratische Maßnahmen stoßen auch bei bestem Willen auf eine schwer überwindbare Grenze, wenn nicht nur einzelne Verhaltenswei sen zum Schutz von Tier und Pflanzenarten geändert und erzwungen werden müssen, sondern die grundsätzliche Ausrichtung des mensch lichen Verhaltens einer Änderung bedarf. Die Entwicklung des Men schen ist seit jeher fast ausnahmslos mit Beeinträchtigungen von Natur, partieller bis umfassender Zerstörung verbunden. Dabei haben manche Akteure der Entwicklung auch nicht vor zahlreichen Jäger Sammler Gruppen haltgemacht, die, sei es durch Epidemien, Mord oder sei es durch Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen aus dem Weg geräumt wur den. Die entscheidende Frage lautet, wie viel solcher Naturzerstörung durch unsere Entwicklung können wir uns noch leisten? Schließlich sind wir auf die produktiven und regenerativen Leistungen der Na tur angewiesen. Wann schlägt die eigene Entwicklung des Menschen, bewirkt durch anspruchsvolle Projekte mit in Kauf genommener Na turzerstörung, in die Bedrohung der menschlichen Lebensbedingun gen um? Unbestritten ist die artenreiche Biosphäre die Lebensgrund lage der Menschen. Die Biosphäre besteht auch ohne uns weiter, wir aber brauchen eine für unser Überleben taugliche Vielfalt der Arten in den ökologischen Systemen für unsere Nahrungsmittelversorgung. Ich komme später darauf zurück, dass technokratische Maßnahmen allein nicht zielführend sein können. 202 wIe kann zukunft gelIngen? Generell führt die Wasser und Luftverschmutzung in zahlreichen Me tropolregionen weltweit neben schweren Belastungen zu zahlreichen Todesfällen. Der Wasserbericht der Unesco von 2012 nennt schauri ge Zahlen. 2010 hatten 884 Millionen Menschen – ca. 12 % der Weltbe völkerung – kein sauberes Trinkwasser, 3,5 Millionen starben an den Folgen, die Ausbreitung von Seuchen wird begünstigt, 100.000 Chole ra Tote. Abwässer aus Städten gehen weltweit zu 80 %, in Entwicklungs ländern zu 90 % unbehandelt in Flüsse, Seen, Meere (Deutsche Unesco Kommission e.V. 2012). Die kumulierten unbehandelten Abwässer der einzelnen Länder münden zwangsläufig in ein globales Problem: die fortgeschrittene Verseuchung der Weltmeere. Auch andere Umwelt belastzungen z. B. radioaktive Substanzen halten sich nicht an Länder grenzen und betreffen immer wieder größere, mehrere Länder um spannende Regionen. Der Verschmutzungsgrad der Meere ist deshalb dramatisch, weil er sich negativ auf die Meereslebewesen und damit eine für uns Menschen bedeutsame Nahrungskette auswirkt, solange diese die Überfischung noch übersteht. Umweltbelastungen töten be reits seit geraumer Zeit Menschen und belasten selbstverständlich auch Tiere, Pflanzen und ökologische Systeme. Tod als Folge von Umweltbe lastungen: Das ist schon Gegenwart. In den Ballungsgebieten steigen die umweltbedingten Todesfälle durch Luftverschmutzung rapide, vor allem in Ländern mit geringen Schutzmaßnahmen, wo Umweltbelas tungen zunehmend obere Plätze in der Häufigkeitsverteilung der To desursachen einnehmen. 7 1 2 Globale Umweltbelastungen: Klimawandel & Co Globale Umweltbelastungen umfassen Schädigungen und Zerstörun gen der Umwelt, die viele oder alle Länder der Erde betreffen und bei denen isolierte Gegenmaßnahmen eines oder mehrerer Länder ziem lich wirkungslos bleiben, z. B. die Verseuchung der Weltmeere mit Ab wässern aus den Metropolregionen, mit Schiffsabfällen aller Art, Erdöl, Kunststoffen u. a., die Überfischung der Weltmeere und der Klimawan del. In der Vielfalt von Umweltbeeinträchtigungen hat sich der Klima wandel als eine spezifische, aber besonders bedeutsame, globale Um weltschädigung mit ausuferndem Bedrohungsspektrum herausgestellt und deshalb weltweite politische Aufmerksamkeit und Aktivität er zeugt. Der aktuelle Klimawandel ist mit hohem Anteil ein Produkt des 203 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre Menschen, zu dem mehr oder weniger alle Länder dieser Erde durch ihre Produktion von Treibhausgasen beitragen und den Wärmerück stau in der Erdatmosphäre mit verursachen. Die hausgemachten An teile der Klimaerwärmung zeigen aber auch, dass gewisse Steuerungs möglichkeiten durch menschliche Entscheidungen und Maßnahmen möglich sind. Unbestritten ist, dass die Industrieländer durch ihre Vor reiterrolle während der Industrialisierung und auch durch ihre aktuel le Massenproduktion von Treibhausgasen die Hauptverursacher dieses globalen Problems sind, wie die Daten zum ökologischen Fußabdruck zeigen. Der ökologische Fußabdruck fasst alle Ressourcen, die eine Per son für den Alltag verbraucht, in dem Flächenmaß Hektar zusammen und setzt diese Fläche zur Bereitstellung dieser Ressourcen zu der auf der Erde verfügbaren Fläche in Beziehung. Die Menschheit verbraucht danach zurzeit im globalen Durchschnitt 1,5 Mal so viel Ressourcen als die räumlich begrenzte Erde auf Dauer verkraften kann. Die Maßein heit des ökologischen Fußabdrucks liegt dabei in Deutschland bei Fak tor 4,6, in Dänemark bei 8,3, in den USA bei 7,2 und in Katar bei 11,7, mit steigender Tendenz. Die bevölkerungsreichen Länder China und Indi en mit sehr vielen armen Menschen liegen dabei mit 2,1 bzw. 0,9 ver gleichsweise günstig. (WWF 2014, S. 9–21). Nach den vorliegenden Da ten leben also vorwiegend die Industriestaaten mit gigantischem weil verschwenderischem Ressourcenverbrauch und problematischer Scha denbeseitigung weit über ihre ökologischen Verhältnisse. Dennoch tra gen die Schwellenländer und auch die Entwicklungsländer mittlerwei le auch erheblich zur globalen Erwärmung bei. Ohne ihre Mitwirkung kann also eine Klimaerwärmungsbremse nicht funktionsfähig werden, auch wenn sie dabei Unterstützung brauchen und auch erhalten. Die Daten zum ökologischen Fußabdruck legen nahe, dass primär die In dustrieländer ihren Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren und neu organisieren müssen, während die armen bzw. ärmeren Länder den ih ren nur geringfügig steigern können. Bei einer Steigerung der Erddurchschnittstemperatur von deutlich mehr als 2° C erwarten die Forscher einschneidende, bedrohliche Fol gewirkungen: Weitere forcierte Schmelze der Eisflächen weltweit, des halb bedrohlicher Anstieg der Meeresspiegel, Überflutung von flachen Inseln und zahlreichen, dicht bewohnten Metropolregionen am Meer, weitere Zunahme extremer Wetterlagen, Entstehung neuer Trockenge biete, Verlust von Anbauflächen für Nahrungsmittel, Veränderung der 204 wIe kann zukunft gelIngen? bedeutsamen Meeres und Luftströmungen (Jetströme, Golfstrom) und so manches mehr. Neuere Untersuchungen weisen auf die unerwartete Beschleunigung der Abschmelzprozesse hin. Die nur sehr schleppend anlaufenden Korrekturmaßnahmen rücken diese Bedrohungsszenari en in eine realistische Perspektive, zumal die Klimaerwärmung in den Polregionen deutlich über dem globalen Durchschnitt liegt. Sollen die Temperatursteigerung und die erwarteten Folgewirkungen verhindert oder wenigstens gemindert werden, so können globale Umweltschädi gungen und speziell die Klimaerwärmung nur durch gemeinsame An strengungen mehr oder weniger aller Länder erreicht werden. Und das müsste sehr bald geschehen. Eine institutionelle Basis zur Gewinnung gemeinsamer Ziele und Pro gramme gibt es schon länger. Zuerst war es der Völkerbund und seit geraumer Zeit sind es die United Nations (UN) und ihre Organisatio nen, die diese Basis für gemeinschaftliche, Gesellschaften übergreifende Entwicklung von Zielen und Programmen darstellen und wie das UN Umweltprogramm umfassende Analysen erstellen und Maßnahmen bündel erarbeiten, mangels Akzeptanz durch die Staaten allerdings mit bescheidenem Erfolg. Dennoch bleibt bisher die ziemlich nüchterne Bi lanz, dass, abgesehen von den sozialen und kulturellen Programmen, insbesondere die Großmächte, aber auch kleinere Rumpelstilzchenstaa ten bisher gemeinsame Zielsetzungen und Programme immer wieder blockiert haben, wenn es ihren vermeintlichen nationalen Interessen widersprach, als ob die Dämpfung der Klimaerwärmung nicht auch na tionales Ziel aller wären. Das Gerangel um weltpolitische Machtpositi onen und wirtschaftliche Ressourcen sowie religiöse und ideologische Konflikte haben gemeinsame Arbeit an Zielen und Programmen zu gunsten der gesamten bewohnten Erde – zu zwei Ausnahmen später – meistens ins Leere laufen lassen. Warum? Häufig fehlt die Einsicht und/ oder die aktuellen politischen Probleme verdrängen Umweltprobleme aus der Prioritätenliste. 7 1 3 Die fortschreitende Reduzierung der Biodiversität als Zeitbombe Doch es gibt hochaktuelle und für die Zukunft sehr brisante Proble me, die auch auf UN Klimakonferenzen wenig Resonanz finden, weil 205 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre ihre Dringlichkeit in den politischen Arenen verdrängt oder ignoriert wird. Die Biodiversität, d. h. die Vielfalt der Tiere, Pflanzen, Pilze und ihrer Populationen sowie die vielfältigen Biotoptypen und ökologi schen Systeme stellen immerhin unsere Lebensgrundlage dar, erbrin gen lebensnotwendige ökologische Dienstleistungen für den Menschen, leiden aber durch menschliche Einwirkungen an fortschreitender, dra matischer Auszehrung, mit weiter zunehmendem Tempo. Diese Redu zierung der Biodiversität resultiert ursächlich und unmittelbar aus der menschlichen Entwicklung seit deren Beginn. Wie also kann menschli che Entwicklung aktiv weiter vorangetrieben werden, wenn sie doch die Lebensbedingungen des Menschen bedroht? Wilson sieht die lebendige Welt in einem beängstigenden Zustand und schlägt als Lösung vor, die Hälfte der Erdoberfläche Natur in möglichst großen Einzelflächen un ter Schutz zu stellen und der Natur zu überlassen, damit sich die Arten vielfalt weiter entfalten kann (Wilson 2016, S. 225–231). Die alarmieren de Bedrohung der Artenvielfalt ist die schlechte und sehr bedrohliche Nachricht und gleichzeitig eine überaus anspruchsvolle Aufgabe. Das Entstehen und Verschwinden von Lebewesen hat einerseits seit Be ginn des Lebens den Lauf der Evolution begleitet, nicht selten in sehr dramatischen regionalen und/oder globalen Umbrüchen und Ereignis sen wie durch Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche, Klimaverände rungen, Kontinentalverschiebung u. a. Aber andererseits haben Men schen, seit es sie gibt, selbst sehr umfassend zur Reduzierung bzw. zum Aussterben zahlreicher Arten beigetragen und diesen Prozess erheblich beschleunigt einfach durch die Art, wie sie gelebt haben. Bisher haben sie sich in und aus ihren Siedlungsgebieten an den Ressourcen nach Be lieben bedient und sind, falls die Ressourcen erschöpft waren, weiter gezogen. In manchen Regionen hat sich auch mehr oder weniger ge zielt und zufällig eine Art Gleichgewicht von verbrauchten und nach wachsenden Nahrungsressourcen eingestellt. Einigen Stämmen ist es eher ausnahmsweise durchaus gelungen, die ökologischen Systeme ih res Siedlungsgebiets zu verstehen, zu respektieren und ihr eigenes Ver halten darauf einzustellen. Vor vermutlich deutlich mehr als 12.000 Jah ren begannen Menschen dann zuerst mit Ackerbau und später auch mit Viehzucht sesshaft zu werden und verdrängten mit ihren Anlagen ur sprüngliche Natur und Lebewesen aller Art immer mehr bis heute; sie haben die weißen Flecken auf der Landkarte weitgehend beseitigt, ohne auch nur annähernd alle Details zu kennen. Dabei ist hier „Landkarte“ 206 wIe kann zukunft gelIngen? wörtlich zu verstehen: Von den Meerestiefen weiß man noch sehr we nig. Mit großer Sorge werden immer wieder hausgemachte, lokal begrenz te ökologische Katastrophen und Zusammenbrüche festgestellt, z. B. die Ölverseuchungen im nördlichen Pazifik vor der Küste Alaskas durch die Exxon Valdez, die Versenkung von radioaktivem Müll im Eismeer durch Russland, im Golf von Mexiko durch misslungene bzw. fehler hafte Bohrungen der British Petrol (BP), in Nigeria durch verantwor tungsloses Management, in Kanada durch Ölsandausbeutung mit öko logischem Ödland (Alberta), verseuchten Gewässern und steigenden Krebsraten als Folgen, radioaktive Kontaminierung größerer Land schaften und Meeresteile durch Atombombenversuche in der Südsee, durch große Atomkraftwerksunfälle in Three Miles Island, Tschernobyl, Fukushima, durch die Wiederaufbereitungsanlagen in Majak im Süd ural und Windscale/Sellafield, zahlreichen mit Quecksilber verseuch te Landschaften als Folge von Bergbau, industriebedingte Verseuchung weiter Landstriche im Umfeld von Bitterfeld in Deutschland. Umfang reiche amerikanische und russische Erschließungsvorhaben im Nord meer mit seiner hochempfindlichen Ökologie wecken böse Ahnungen. Bedauerlicherweise ließe sich diese Liste noch lange fortsetzen, wenn man die einzelnen Staaten systematisch durchginge. Mutter Erde ist mit zahlreichen ökologisch verödeten Gebieten bedeckt, die weiter zuneh men. Die Biosphäre treibt in Richtung auf weitere regionale oder auch weiter gespannte Katastrophen zu und zwar durch unsere ausbeute rische Art, wie wir Menschen die Erde managen, bewirtschaften und nach unserem Gutdünken entwickeln. Real nehmen verseuchte Land striche und Gewässer als „Fälle“ und flächenmäßig zu, die Zahl der Ar ten und die Populationen innerhalb der überlebenden Arten nehmen dramatisch ab, gleichzeitig wachsen die Ansprüche an natürliche Res sourcen durch das fortschreitende Anspruchsverhalten und das Bevöl kerungswachstum. Man wird gerade bei zunehmenden ökologischen Katastrophen nicht immer darauf warten können, bis in den wie auch immer verseuchten Gebieten die Regenerierung auf natürliche Weise einsetzt oder technokratisch betrieben wird wie in den ostdeutschen In dustriekloaken nach der Wiedervereinigung. Mehrere schwer steuerbare weltweite Orientierungen und Prozesse be drohen zusammen, gewissermaßen synergetisch, die Vielfalt der Bio 207 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre sphäre, je länger umso mehr: die weltweite, ungebrochene Wachs tumsorientierung mit ihren Umweltschäden bei sich gleichzeitig verknappenden Ressourcen, die nach wie vor beachtliche Zunahme der Weltbevölkerung, die fortschreitende Industrialisierung der Landwirt schaft u. a. Ihre Arsenale an chemischen Düngern, Pflanzenschutzmit teln, Hormonen, Tierarzneimitteln und riesigen und schweren Gerät schaften und weitere Faktoren führen zu fortschreitender Reduktion der Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen und ganzen Biotopen (vgl. die Roten Listen gefährdeter Arten auf internationaler und auf regionaler Ebene) und zur nachhaltigen Schädigung/Zerstörung komplexer, öko logischer Systeme. Neu daran ist einerseits die Größe der geschädig ten bzw. zerstörten ökologischen Systeme und andererseits, dass die beschriebene Auszehrung der einzelnen miteinander vernetzten öko logischen Systeme nicht nur in einzelne weitere Zusammenbrüche, sondern in Kettenreaktionen einmünden könnte. Es wird zu eng, ei gentlich überall auf der bewohnten bzw. nur ausgebeuteten Erde. Die Spielräume menschlicher Nutzung und Ausbeutung schwinden, sind weitgehend ausgeschöpft. Nahezu überall stoßen menschliche Entwick lungsprojekte an die biologischen Kapazitätsgrenzen der Regeneration. Biologen ist die prekäre Situation bewusst, die herrschenden Allianzen ignorieren sie und tun wenig, fast nichts. Die Grenzen des Wachstums: Sind sie bereits überschritten? Oder gibt es noch Handlungsspielräume und wie groß sind sie? Eine Lösung für die bedrohlich gegenläufigen Entwicklungen von Mensch und Biosphäre kann nur in einer auf Nach haltigkeit zielenden, umfassenden Gesamtstrategie bestehen (vgl. Ab schnitt 7.2.5), z. B. der wesentlichen Erweiterung der Schutzzonen, wie Wilson vorschlägt. Aber: Die Vielfalt des Lebens ist und bleibt unsere Lebensgrundlage. In den besiedelten Gebieten sind es die zahlreiche Aktivitäten der norma len menschlichen Entwicklung, die diese Reduzierung der Biodiversität und der belebten Natur tagtäglich bewirken. Der Flächenverbrauch für Siedlung, Verkehr, Industrieanlagen u. a. betrug in Deutschland täglich 73 ha im Mittel für die Jahre 2010–2013, mit einschneidenden Folgen; er ist zusammen mit der Landschaftszerschneidung eine der wichtigs ten Ursachen für das Artensterben. Die Weltbevölkerung wächst weiter, die Arten und die Populationen der verbleibenden Arten nehmen ga loppierend ab. 208 wIe kann zukunft gelIngen? Bestimmte gegenwärtige Formen Landwirtschaft zu betreiben, sind als Hochrisikopolitik einzuschätzen. Die Wirtschaft und mit ihr die fort schreitende Industrialisierung der Landwirtschaft fokussieren auf kurz fristige ökonomische Effizienz, nicht auf Nachhaltigkeit, d. h. langfris tige Nutzung. Beispiel 1: Die Pflanzenselektion. Die industrialisierte Landwirtschaft produziert mit ihrem Instrumentarium: schweren Ma schinen, Pflanzenschutzmitteln, chemischen Düngern, hohem Pesti zideinsatz, teilweise auch durch Monokulturen, großflächiger Anbau, gentechnische Selektion u. a. fortschreitende Bodendegradierung, teil weise auch irreversible ökologische Schäden, Trinkwasserprobleme und problematische Rückstände in Nahrungsmitteln. Das Prinzip der Saat gutproduzenten ist Anbau selektierter, patentierter Sorten in riesigen Mengen, eine ethisch fragwürdige und hochriskante Vorgehensweise. Charisius weist auf die enormen Risiken dieser Selektionspolitik durch Erreger von pflanzlichen Infektionskrankheiten hin: „Ihre Namen sind TilV, Ug99 und Phytophthora … Sie vernichten die Nahrungsgrundlage von Hunderten Millionen Menschen. Das Virus TiLV etwa bringt den Süßwasserfisch Tilapia um. Ug99 ist ein Pilz der Weizen sterben lässt. Phytophthora, ebenfalls ein Pilz, befällt Kartoffeln und andere Früch te … 90 % aller Weizensorten sind anfällig für den Pilz, der sich von Ostafrika aus über die Welt verteilt. In Afghanistan bedroht er schon die Ernährung der Menschen. Und was Phytophthora angeht, zeigt die Geschichte: Mindestens eine Million Iren verhungerten Mitte des 19.  Jahrhunderts, weil die von Phytophthora ausgelöste Kartoffelfäule das wichtigste Grundnahrungsmittel vernichtet hatte, anderthalb Milli onen Menschen wanderten aus. Derzeit breitet sich ein Stamm namens Blue 13 in Südeuropa aus, er ist aggressiv wie nie und widersteht allen Pflanzenschutzmitteln. Die Welternährung hängt von etwa 150 Pflan zen ab, drei von ihnen – Reis, Mais und Weizen – liefern allein mehr als die Hälfte der Nahrungsenergie“ (Charisius 2016b, S. 33). Der plötzliche Ausfall selektierter Sorten durch Schädlinge kann zu großen Hungers nöten führen, die auch durch die diversen Samenbanken nicht von jetzt auf gleich behoben werden können. Falls sich diese Hochrisikotech nik mit selektierten, genveränderten Nahrungsmitteln in der Landwirt schaft trotz zunehmender Gegenwehr weiter durchsetzen sollte, ist mit unkalkulierbaren ökologischen und gesundheitlichen Risiken sowie einer großflächigen Kontaminierung nebst Folgeschäden zu rechnen. Genveränderte Pflanzen wurden von Monsanto mit dem Argument propagiert, sie würden höhere Erträge liefern und geringere Mengen an 209 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre Pestiziden benötigen. Folgt man dem Datenvergleich Hakims von gen veränderten Pflanzen in den USA und traditionellem Anbau in Europa (Hakim 2016), so werden beide Versprechungen nicht eingelöst. Dem entsprechend ziehen vor allem die Saatgutkonzerne Vorteile aus gen technisch veränderten Pflanzen, während die gesundheitlichen Risiken und die ökologischen Folgeprobleme den betroffenen Bauern und Ver brauchern aufgebürdet werden. Beispiel 2: Der Umgang mit Phosphor bzw. Phosphat. Phosphor in der Form von Phosphat gilt als das wichtigste Wachstum fördernde bzw. be grenzende Element im Ökosystem und wird von allen Lebewesen ge braucht. Die Ertragssteigerungen der Landwirtschaft wurden seit dem zweiten Weltkrieg wesentlich durch Düngung mit Phosphat erreicht. Phosphat gehört zu den nicht erneuerbaren Rohstoffen. Die bekannten abbauwürdigen Phosphatlagerstätten sind nach Expertenmeinung sehr bald erschöpft, einige sagen ab 2020, andere etwas später. Was dann? Es gibt keinen Ersatz für Phosphat. Die Zeit drängt also. Es gibt spärli che Versuche der Rückgewinnung von Phosphat. Die negativen Folgen der aktuellen Handhabung der Phosphatdüngung: Eutrophierung der Gewässer durch Ausschwemmung und Anreicherung der Böden mit im gebräuchlichen Phosphat enthaltenen Schadstoffen wie Cadmium, radioaktiven Substanzen u. a. kommen dazu. Das Bundeslandwirt schaftsministerium unter Frau Aigner hat entsprechende Recherchen vor einigen Jahren totgeschwiegen. Von einem nachhaltigen Umgang mit diesem wichtigen Rohstoff kann nicht die Rede sein. Beispiel 3: Der Pestizideinsatz. Bei den Pestiziden wiederholt sich seit vielen Jahrzehnten in Variationen dasselbe Szenario: Ein Hersteller fin det einen Wirkstoff heraus, mit dem man, so die Anpreisung, einen spezifischen Schädling erfolgreich bekämpfen und viel Geld verdienen kann. Es folgen Testversuche des Herstellers, durch die die Unbedenk lichkeit des Wirkstoffs für andere Tiere nachgewiesen werden soll. Üb licherweise wählen die Hersteller dazu wenige Modellorganismen aus, reduzieren die Komplexität der Natur also bedenklich. Die interesse geleiteten Testuntersuchungen führen zunächst zur Vertriebsgeneh migung. Unabhängige Studien folgen und weisen die Mängel der Test untersuchungen und weitreichende Schadwirkungen des Pestizids bei Mensch und Natur nach. Das Pestizid wird von den Aufsichtsbehörden verboten. Doch die ausgebrachten Gifte bleiben in der Natur, verbreiten 210 wIe kann zukunft gelIngen? sich in und durch Wasser und Wind weltweit. Dass sich die Wirkung von Pestiziden artspezifisch begrenzen ließe, erweist sich immer wie der als ziemlich naive Illusion bzw. durch Geldgier motivierte Vorspie gelung falscher Tatsachen. DDT ist Jahrzehnte nach dem fast weltweiten Verbot überall auf der Erde nachweisbar, auch in den Polregionen. Und dann wiederholt sich das Szenario von neuem, immer wieder. Ein neu es Pestizid wird angepriesen … Wie lange soll dieses Umwelt Gewinn Ping Pong weitergehen? Gegenwärtig tobt der Kampf um den Einsatz der Stoffklasse der Neo nicotinoide und des Glyphosat. Beide sind meistverkaufte Pestizide. Es geht also um viel Geld und mit entsprechend aggressiver Dreistigkeit streiten die Herstellerkonzerne mit Aufsichtsbehörden oder vor Gerich ten um die weitere Vertriebsgenehmigung, ohne jegliche Einsicht in die fatalen Folgen ihrer Produkte. Neonicotioide (Sparmann/Zankl 2017) sind maßgeblich an der dramatischen Dezimierung der Bienen und der Bestäuber und Insekten überhaupt beteiligt, weil sie sich weit über die Einsatzgebiete hinaus verbreiten. Die Funktionsfähigkeit der Ökosys teme hängt von den Insekten ab. Eine umfassende Bestandsaufnahme hat die Intergovernmental Science Policy Plattform on Biodiversity and Ecosystem Services, eine UN Organisation, vorgelegt (http://www.ipbes.net/sites/default/files/downloads/pdf/polination_chapters_final.pdf). Auch falls Glyphosat keinen nennenswerten Einfluss auf Krebserkran kungen haben sollte, es lässt dennoch vielerorts, wo es in der Natur und in Lebensmitteln auftaucht, fatale Nebenwirkungen erkennen. Viele Forscher halten die Aufsichtsbehörden, die sich primär auf die in teressengeleiteten Tests der Konzerne verlassen und selbst kaum unab hängige Untersuchungen durchführen und auf seriöse Forscher ange wiesen sind, für naiv, rückständig und befangen. Es spricht viel dafür, dass die von Pestiziden verursachten ökologischen Schäden häufig die damit erzielten Gewinne weit übersteigen. Aber: Bienen und andere Be stäuber stellen keine Rechnung, aber sie verschwinden lautlos und mit ihnen ihre ökologischen Dienstleistungen. Würden diese ökologischen Dienstleistungen der Bestäuber als Kosten von Pestiziden in deren Prei sen berücksichtigt und müssten die Hersteller für Umweltschäden haf ten, wären viele Pestizide unerschwinglich bzw. es gäbe mangels Rendite keine Hersteller. Die Gesellschaften werden für die Risiken der Herstel ler in die Haftung genommen. Ob die Gerichte und dann vor allem die 211 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre Politiker in den anstehenden und folgenden Konflikten die richtigen Entscheidungen, nämlich die zugunsten der ökologischen Systeme und damit der menschlichen Lebensgrundlagen treffen werden? Gegenwär tig gibt es dafür keine nennenswerten Anzeichen. Hochrisikopolitik. Der Leiter des UNEP (United Nation Environment Programme), Achim Steiner, zieht in einem Interview mit Markus Balser eine deprimieren de Bilanz der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch die Wirtschaft. Allein die 3000 bedeutendsten Unternehmen ver ursachen einer UN Studie zufolge jährliche Umweltschäden von zwei Billionen Euro. Originalton Steiner: „Das natürliche Kapital der Welt wird in großem Stil vernichtet … Der Raubbau an der Natur durch die Wirtschaft setzt sich seit Jahren ungebremst fort … Ein sechstes globa les Massensterben hat begonnen … In vielen Konzernen gilt noch im mer die Devise: Natürliche Ressourcen sind unerschöpflich. Dabei müs sen wir längst schmerzhaft spüren, dass das nicht mehr stimmt … Viele Volkswirtschaften sind noch immer blind für den enormen Einfluss der Artenvielfalt von Tieren, Pflanzen und anderen Lebensformen und ihre Rolle für das Ökosystem … Kosten für Umweltschäden tragen Versi cherer, die Bevölkerung und Steuerzahler“. Eine aktuelle Schätzung des United Nation Environment Programme kommt zu dem Ergebnis, dass die Arten heute 100 mal schneller aussterben als von der Evolution vor gegeben (Balser 2010). Die Beschlüsse der Pariser UN Klimakonferenz 2015 laufen darauf hin aus, andere globale Probleme als die in Paris diskutierten (z. B. Verseu chung der Meere) und die Biosphären Zeitbombe vorläufig weitgehend zu ignorieren, an Wachstumszielen festzuhalten, negative Folgeerschei nungen des Wachstums als mehr oder weniger unvermeidbare Kollate ralschäden zu definieren und technokratisch anzugehen, d. h. die Schä den zu reparieren, aber die Ursachen des Dilemmas auszuklammern. Zudem ist damit zu rechnen, dass aus dem forcierten Wachstum neue „Baustellen“ entstehen, die die betroffenen Länder vor schwer lösbare Aufgaben stellen. Grenzen des Wachstums, seit 1972 von Experten er forscht, diskutiert, fortgeschrieben und mit grundsätzlich praktikablen Vorschlägen versehen (Meadows u. a. 1972, 2006), finden keinen nen nenswerten Widerhall bei den wirtschaftlichen und politischen Eliten. 212 wIe kann zukunft gelIngen? Die Biodiversitätszeitbombe wird sich also weiter entwickeln und die Risiken für die Lebensbedingungen des Menschen erhöhen. Wirksam zu entschärfen wäre sie vermutlich, wenn überhaupt, nur durch einen radikalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft und beider Steue rung unter dem Leitbild Nachhaltigkeit, weltweit. Zahlreiche Untersu chungen sehen nur diesen Weg, auch die zu den Grenzen des Wachs tums. Aber wer soll diesen Prozess auf den Weg bringen? Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger setzen nach wie vor auf Wachstum, vermutlich auch große Teile der Bevölkerungen. Der Ökumenischer Rat der Kirchen, der Dalai Lama und Papst Franzis kus betonen in ihren Äußerungen übereinstimmend die Notwendigkeit einer radikalen Veränderung der Leitziele sowohl der wirtschaftlichen und politischen Institutionen als auch der individuellen Lebensführung. Ob ihre fundamentale Zivilisationskritik auch innerhalb ihrer Religi onsgemeinschaften mehrheitliche Akzeptanz und persönliche Bereit schaft zum engagierten Einsatz für die Umwelt finden können, bleibt abzuwarten. Gegebenenfalls wäre dies eine hoffnungsvolle Basis für die in absehbarer Zeit unabdingbaren Veränderungen in der individuellen Lebensführung, in Wirtschaft und Gesellschaft. 7 2 Hindernisse für die Bewältigung der Umweltprobleme 7 2 1 Konfliktformen In einigen Passagen vorausgegangener Kapitel wurde mehrfach insbe sondere auf die gewaltsamen Konflikte hingewiesen, die die Mensch heitsgeschichte bis in die Gegenwart begleiten und die, wie beschrieben, als Antriebskräfte der Evolution anzusehen sind. Es stellt sich also die Frage, ob diese gewaltsamen Konflikte soweit auf friedliche Auseinan dersetzungen und Regelungen zurückgeführt werden können, dass die erforderlichen gemeinsamen Anstrengungen zur Bewältigung der an stehenden Probleme nicht blockiert werden. Wie bereits erwähnt, wür de die Fortdauer der gewaltsamen Konflikte sehr wahrscheinlich kei ne Sieger, sondern nur Verlierer hinterlassen, weil die Erhaltung der Lebensbedingungen aller Menschen durch gemeinsame Anstrengun gen im Schlachtgetümmel nicht realisiert werden könnte. 213 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme In diesem Kontext werden zwei Konfliktformen unterschieden, die für die Erhaltung der Lebensbedingungen des Menschen zentrale Be deutung haben. Erstens handelt es sich um Konflikte zwischen Groß gruppen, zwischen Gesellschaften oder gar Staatenbünden. Diese alt hergebrachte Konfliktform ist, wie schon erwähnt, in der Evolution bereits angelegt, ursprünglich als Selbstbehauptung der Gruppe und als Schutzfunktion der Gruppe für ihre Mitglieder begründet. Sie ist letzt endlich auch ein Kampf um die Macht und Selbsterhaltung zwischen Gruppen, wo auch immer und mit welchen Motiven auch immer, häu fig mit Gewalt in der Form von Kriegen. Zweitens hat sich offensichtlich nach dem zweiten Weltkrieg als Folge der weltweiten Verflechtungen eine Konfliktform erst neu entwickelt. Die wirtschaftlichen und politi schen Entscheidungsträger mehr oder weniger aller Staaten verfolgen eine Wachstumspolitik um jeden Preis und geraten damit in Gegensatz zu Teilen der intellektuellen Eliten, zu Religionen und zu bürgerschaft lichen Initiativen und Verbänden, die eine Abkehr von der Wachstum spolitik und stattdessen eine konsequente Orientierung an der Nach haltigkeit der Lebensgrundlagen einfordern. Diese Konfliktform zeigt zwei Varianten. Bei den meisten entwickelten Gesellschaften verläuft die Konfliktlinie quer durch die Gesellschaften/Staaten zwischen Ent scheidungsträgern und Teilen der Zivilgesellschaft, die eine Mitwirkung und Korrektur bei den Entwicklungszielen der Gesellschaft einfordern. Da die Entscheidungsträger der Industriestaaten zusätzliche Anstren gungen gegen die Klimaerwärmung von den Entwicklungsländern ein fordern, kommt es hier auch zum Konflikt zwischen reichen und armen Ländern, wobei letztere mit Hinweis auf die langjährige Verschmut zungspraxis der Industrieländer deren Unterstützung bzw. Kostenüber nahme verlangen. Zu einem Teil verläuft eine Konfliktlinie also auch zwischen den Industrie und Entwicklungsländern. 7 2 2 Zur weltweiten Konfliktlage Im vorausgegangenen Kapitel wurden mehrfach die Konflikte als Hin dernis für gemeinschaftliche Ziele und Aktionen weltweit benannt. Wie sind die aktuellen Konfliktlagen zu beurteilen? Man kann zwischen quasi globalen Konflikten unter den großen Macht blöcken USA, China, Indien (?) Russland, Europäische Union und re 214 wIe kann zukunft gelIngen? gional begrenzteren Konfliktzonen unterscheiden. Zusätzlich gibt es in kleinerem Maßstab dauerhaft angespannte bilaterale Verhältnisse quer über den Globus, die wir hier übergehen. Die USA, Japan, China, Eu ropäische Union, Indien und Russland verfolgen mit gespannter Auf merksamkeit, nicht ohne wenig produktive Sticheleien, die Aktionen des jeweils anderen gewissermaßen als Konkurrenten. Einen dritten Weltkrieg haben die ehrgeizigen Machthaber jedoch vermieden. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sie die unabsehbaren Risiken eines neuen Weltkriegs scheuen und deshalb darauf achten, kriegerische Aus einandersetzungen gezielt regional zu begrenzen, z. B. in der Ukraine, wo es letztlich um den Einflussbereich Russlands geht, der seit der Er weiterung der Europäischen Union und der Nato auf die ehemaligen Ostblockstaaten erheblich geschrumpft ist. Dieser Konflikt könnte im Falle von Eskalationen zu einem Großbrand werden. Allem Anschein nach wollen weder Russland noch die Nato und ihre Partner eine derar tige Eskalation des Konflikts, aber eigene Interessen sichern. Dies ist die für diesen Kontext wesentliche Botschaft. In großen Teilen ist fast ganz Nordafrika ebenso wie der Vordere Orient von gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt. In Ost und Westafri ka haben islamisch fundamentalistische Überzeugungen neben ethni schen Aspekten zentrale Bedeutung. Die Kämpfe auf den Staatsgebie ten des Irak, Syriens und Lybiens, die teilweise Bürgerkriegscharakter aufweisen und in der Form des Islamischen Staates eine neue Staats gründung einschließen, werden zusätzlich zu den religiösen, teils fun damentalistischen Motiven beteiligter Gruppen von nationalistischen Interessen der formell unbeteiligten, aber tatsächlich auf unterschied liche Weise mitwirkenden Staaten Iran, Saudi Arabien, Ägypten und Türkei beeinflusst. Die Situation vor Ort wird als verworren und un übersichtlich beschrieben. Die Expansion des auch in anderen Ländern höchst aggressiv aktiven islamischen Staats hat zu Interventionen von Russland, der USA und Staaten der europäischen Union und anderen geführt, Interventionen, die auch wegen der unterschiedlichen Inter essen die hoch gefährliche Gemengelage noch gefährlicher und kom plizierter machen. Eine dauerhafte Befriedung ist noch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Vier Nationen stehen in den Startlöchern, um sich für die Vormachtstellung im Nahen Osten zu profilieren (Iran, Saudi Arabi en, Ägypten, Türkei). Man kann nur hoffen, dass sich die Kämpfe nicht durch Eskalationen welcher Art auch immer noch mehr ausweiten. 215 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Die verworrene Konfliktlage im Nahen Osten schafft im Übrigen in der Europäischen Union als ganzer mit dem Flüchtlingsproblem eine tief greifende Krisensituation mit sich polarisierenden Haltungen, die als Destabilisierung und Machtverlust nach innen und außen zu verstehen ist. Darüber hinaus entstehen, sei es durch Terroranschläge oder de ren Androhung oder sei es durch den Flüchtlingsandrang und seine Be wältigung, sowohl in Deutschland als auch in der Europäischen Union deutliche Konfrontationen auf den politischen Ebenen als auch in den Bevölkerungen, Konfrontationen, die sich in nationalen Sonderwegen, in Demonstrationen und gewaltsamen Entladungen äußern. Insgesamt bewirken die gleichermaßen chaotischen wie gewaltsamen Auseinan dersetzungen im Nahen Osten und in Afrika eine Schwächung der Eu ropäischen Union und einiger ihrer Staaten, indem sie lähmenden, in ternen Streit erzeugen und für andere Aufgaben benötigte personelle und materielle Ressourcen binden. Auf dem amerikanischen Kontinent (Nord und Südamerika) sind seit geraumer Zeit keine gewaltsamen Konflikte zwischen Staaten fest zustellen und hoffentlich auch nicht zu erwarten, wenngleich die in nenpolitische Lage in einigen Staaten (Venezuela, Mexiko, Kolumbien) funktionsfähige Gemeinwesen kaum zustande kommen lässt und das Scheitern dieser Staaten droht. Die zahlreichen Brennpunkte von akuten Krisen und gewaltsamen Konflikten geben Anlass zur Sorge und führen dazu, dass von der UNO und der NATO diverse Einsätze als Befriedungs und Unterstützungs programme gefahren werden, an denen sich insgesamt viele Staaten be teiligen. Aus Deutschland gab es am 12.01.2016 (www.bundeswehr.de ) 17 Bundeswehreinsätze in Europa und dem Mittelmeer, in Asien, in Ost und Westafrika. Die skizzierte Konfliktlage zeigt eine auffällige Konzentration auf Vor derasien, Nord , West und Ostafrika. In diesen gewaltsamen Konflik ten spielen neben politischen, wirtschaftlichen und manchmal eth nischen Aspekten religiöse Überzeugungen eine zentrale Rolle. Es handelt sich dabei überwiegend um Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Ausprägungen des Islam, die sich allerdings auch ge gen religiöse Minderheiten und, wie in Teilen von Afrika, z. B. in Ni geria, im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik, gegen 216 wIe kann zukunft gelIngen? dort vorherrschende christliche Glaubensgemeinschaften richten. Man kann aus diesem Sachverhalt einerseits den Schluss ziehen, dass zurzeit weltweit gewaltsame Konflikte überwiegen, in denen religiöse Überzeu gungen neben anderen Motiven eine herausragende Rolle spielen. Hier setzt sich also die Geschichte fort, ein Ende ist nicht abzusehen. Das ist die bedauerliche Botschaft. Unter den zahlreichen fundamentalisti schen Religionsgemeinschaften sind gegenwärtig einige islamische mit ihrer ausgeprägten Aggressivität und ihrem hemmungslosen Morden auch unter Einsatz des Lebens der Anhänger besonders gefährlich für die störungsanfälligen westlichen Gesellschaften. Bisher gelingt nicht einmal ihre Begrenzung. Während die Nachrichten auf die Nahostkonflikte fixiert sind, drin gen andere Konfliktlagen weniger im Bewusstsein der Öffentlichkeit durch. Der indische Präsident Modi lässt der gleichermaßen funda mentalistischen und nationalistischen Hindutva Bewegung irritierend große Entfaltungsspielräume, so dass Muslime, religiöse Minderheiten und Intellektuelle als Opfer von Gewaltexzessen nicht mit dem Schutz der staatlichen Institutionen rechnen können. Wer den Hindutva Ge folgsleuten mit Kritik entgegentritt, lebt gefährlich, riskiert sein Leben ( Nagarkar 2016). Die bestehende Rechtsordnung wird in den genannten und zahlreichen anderen Fällen faktisch nicht vollzogen. Pakistan und Afghanistan leiden unter dem Terror der Taliban. In Tibet unterdrückt die chinesische Zentralregierung nach wie vor die freie Religionsaus übung der Bevölkerung. Auf den Philippinen und in Malaysia schwe len die Konflikte mit islamischen Gruppen mit periodischen Aktuali sierungen vor sich hin. Die Fluchtbewegungen aus zahlreichen Staaten und die beschriebenen Konfliktszenarien weisen darauf hin, dass es aus unterschiedlichen Gründen in immer mehr Staaten kaum gelingt, funk tionsfähige staatliche Gemeinwesen zu schaffen oder zu erhalten. In den übrigen Teilen der Erde gibt es zwar auch immer wieder Ausei nandersetzungen um und über Religionsgemeinschaften und ihre Leh ren, sie bleiben aber weit überwiegend friedlich, Gewaltexzesse sind sel ten. Man kann also, abgesehen von den terroristischen Interventionen, außerhalb der soeben beschriebenen Gebiete von einer Entwicklung in Richtung auf Koexistenz religiöser Gemeinschaften und Vorstellungs welten in mehr oder weniger pluralistischen Gesellschaften sprechen: in Europa, Amerika, Australien, Teilen von Asien und Afrika. Das ist die 217 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme positive Botschaft. Weil gewaltsame Konflikte um Machtgewinn oder Ressourcen auf globaler Ebene seit dem zweiten Weltkrieg vermieden werden, kann man aus dem dargestellten Sachverhalt bisher anderer seits folgern, dass die politischen Machthaber bemüht sind, ihre Konflik te möglichst ohne Gewalt auszutragen oder Gewalt in begrenztem Rah men zu fahren, weil sie sich der unkalkulierbaren Risiken und Kosten von globalen Kriegen bewusst geworden sind. Man könnte diese offen sichtliche Vorsicht bei weit reichenden Kriegsentscheidungen als Ein sicht verstehen, dass solche Kriege nicht mehr zu gewinnen sind bzw. für die Initiatoren mehr Schaden als Nutzen bewirken können. Für Russland könnte das Desaster in Afghanistan mit der folgenden Popu larisierung von Drogen im eigenen Land ebenso wie die Auflösung der Sowjetunion eine Warnung gewesen sein. Für die USA war die Schlap pe in Vietnam eine erste, aber wohl noch keine hinreichende Warnung vor Angriffskriegen. Denn G.W. Bush hat ja noch den Irakkrieg herbei gelogen, der nur kurzfristig als Sieg verbucht werden konnte, kein Pro blem wirklich gelöst, aber in entscheidendem Maße die Ausgangslage für das aktuelle Kriegsfiasko im Vorderen Orient produziert hat. Man kann sich nicht sicher sein, dass die Amerikaner diese Lektionen wirk lich verstanden haben. Tritt das Land doch immer wieder so auf, als könne es autark, unabhängig von anderen Ländern seine Entscheidun gen treffen und Probleme durch Kriege lösen. Jedenfalls fehlt den agie renden Politikern häufig Respekt, Kenntnis und Verständnis für andere Kulturen. Daraus erwachsen nicht beabsichtigte, negative Folgen auch für die USA selbst. Fazit: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde bisher ein dritter teils mit Glück, teils wohl bedacht, vermieden. 7 2 3 Was tun mit den Religionskonflikten? Die Wurzeln der Religionskonflikte liegen, soweit es nicht um Miss brauch/Einsatz von Religionen mit ganz anderem Interessenhinter grund handelt, in der Eigenart und dem Anspruch der Religionen, über die eine wahre Deutung menschlicher Existenz und die damit verbun denen Wegweisungen zu verfügen. Religionsgemeinschaften wähnen sich deshalb legitimiert, andere Religionen zu bekämpfen, auszurotten oder ihre Anhänger zu missionieren bzw. zur Konversion zu zwingen. 218 wIe kann zukunft gelIngen? Dieses Denkmuster hat zu den bereits erwähnten Religionskriegen ge führt. Es mag auch einzelne Religionsgemeinschaften gegeben haben, die ohne diesen Herrschaftsanspruch ausgekommen sind. Wenn Religionen dieser Anspruch auf Absolutheit innewohnt, wie kann es dann überhaupt zu pluralistischen Gesellschaften, zu einem friedli chen Nebeneinander kommen? Nicht wenige westliche Politiker prei sen das demokratische Gesellschaftsmodell als Lösung an und verken nen dabei die beschriebenen Hintergründe religiöser Konflikte ebenso wie die örtlichen Kulturtraditionen, die für die Etablierung von ange messenen Herrschaftssystemen zu berücksichtigen sind. Ich rechne hier nicht mit einem für alle Länder und Konflikte anwendbaren Lösungs modell, das sich wiederholt anwenden ließe. Man wird diese Frage viel mehr in jedem Einzelfall anhand der geschichtlichen und kulturellen Ausgangssituation und der in ihr wirkenden maßgeblichen Machtha ber klären müssen. Im christlichen Europa haben die Kirchen trotz der unsäglichen Kriegsgemetzel untereinander nicht aus eigenem Antrieb zu pluralistischen Gesellschaften gefunden. Es waren die Staaten, die die Kirchen zu einem friedlichen Nebeneinander genötigt haben, weil das Gezänk unter den Kirchen und der kirchliche Einfluss die staatli che und gesellschaftliche Entwicklung beeinträchtigt und behindert ha ben (vgl. Kap. 4.5.4, 4.5.5). Insbesondere die römisch katholische Kirche hat sich gegen den Entzug von Einfluss und Gestaltungsrechten vehe ment gewehrt und sie versucht es noch heute, soweit sie dazu Chancen sieht wie lange Zeit in ihren europäischen Hochburgen Spanien und Ita lien; sie hat sich mittlerweile mit der Situation abgefunden und auch die freie Wahl der Religion als Menschenrecht anerkannt (Wolf, H.H., 1966). Dies ist mitnichten als Verzicht auf eigene gesellschaftliche Gestaltung zu verstehen, wo immer diese möglich erscheint. Auch außerhalb Europas gilt in einigen Ländern mit unterschiedlichen Akzenten die freie Wahl der Religion und hat letztlich zu einer Art Reli gionsmarkt geführt, in dem die in einer Gesellschaft aktiven Religions gemeinschaften in einem gewissen Wettbewerb miteinander stehen und um Anhänger konkurrieren. Viele religiöse Minderheiten sind wegen der Verfolgung in Europa in die USA ausgewandert und haben deshalb aus dieser Erfahrung selbst von Anfang an die Freiheit der Religions ausübung in ihre Verfassung eingebracht, ein Novum in der Geschichte. Selbst im osmanischen Reichlebten lebten lange Zeit mehr Christen als 219 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Muslime, ermöglicht durch die Unterordnung religiöser Bekenntnisse unter die dominante säkular politische Rechtsstruktur, eine Vorausset zung für die pluralistischen Gesellschaften der Gegenwart. Weil den meisten Religionen der Anspruch auf Allgemeingültigkeit in newohnt, ist ihnen auch das Potenzial zum Fundamentalismus eigen, das in zahlreichen Religionen epochenweise von einer latenten in eine manifeste Phase und umgekehrt übergangen ist und weiter übergehen kann. Die fundamentalistischen Gruppen akzeptieren nur die Welter klärung ihres Glaubens und lehnen alle weltlichen Erklärungen, die sä kularen Institutionen und ihre Verbindlichkeiten ab. Der allgemeine Geltungsanspruch von Religionen wird zum Fundamentalismus, wenn er sich aktiv und aggressiv gegen andere Religionen oder die säkulare Rechtsordnung wendet, sei es durch grundsätzliche verbale Attacken, Erschwerung der Lebensverhältnisse, Entzug von Rechten, Formen physischer Bedrohung, Konversionszwang oder physische Vernichtung durch Gewaltanwendung. Eine präzise Grenzziehung bleibt schwierig. Gewöhnlich wird zwischen friedlichen und deshalb unauffälligen fun damentalistischen Religionsgemeinschaften, wie z. B. den Zeugen Jeho vas und den hochgradig aggressiven und gewaltbereiten unterschieden, die andere Religionen beseitigen und weltliche Gesellschaften ummo deln wollen bzw. aktiv darauf hinarbeiten. Damit das Neben und Gegeneinander der Religionsgemeinschaften friedlich bleibt, ist eine gemeinsame, verbindende Basis mit einer ver bindlich regelnden Institution unabdingbar. Der Staat ist in den gegen wärtigen pluralistischen Gesellschaften diese höchste Instanz, die das generelle Wertekonzept der Gesellschaft und konkrete Verhaltensricht linien allgemein verbindlich festlegt, interpretiert und kontrolliert, d. h. die Rahmenbedingungen für Individuen, Organisationen und eben auch Religionsgemeinschaften schafft. Es ist ein unverzeihlicher Fehler, dieses generelle gemeinsame Wertekonzept, wie viele Liberale dies tun, nur formalistisch aber gerade deshalb universal zu sehen. Es ist viel mehr eng mit der Geschichte eines Landes verbunden. Wie nicht an ders zu erwarten war, hat die jeweilige Geschichte der einzelnen Länder unterschiedliche Ausprägungen pluralistischer Gesellschaften hervor gebracht. Treten Gruppen ohne den angestammten historischen Hin tergrund in eine solche Gesellschaft ein, ist nahezu zwangsläufig mit 220 wIe kann zukunft gelIngen? Problemen zu rechnen, wie die Schwierigkeiten mit der Integration der diversen Migrantenströme in mehreren Ländern zeigen. Hier interessiert das Grundmodell pluralistischer Gesellschaften, auf dessen Vorgeschichte, z. B. den Religionsfrieden im römischen Reich ab 313 durch die Mailänder Vereinbarung oder auch die Duldung ande rer Religionsgemeinschaften im mittelalterlichen Islam hier nicht einge gangen wird. Gemeint sind hier demokratische, rechtsstaatliche Gesell schaften, die den Bürgern generell das Recht der freien Religionswahl unter Bedingungen einräumen. Erstens: Sowohl die Glaubensgemein schaft als Organisation als auch ihre Gläubigen müssen den Staat als höchste Entscheidungsinstanz und seine staatliche Ordnung anerken nen. Zweitens: Die Konzeption einer pluralistischen Gesellschaft im pliziert die Aussage, dass mehrere Deutungen von Menschsein, Ge sellschaft und Welt in der Gesellschaft ein Existenzrecht haben – ein Gegensatz zur Sichtweise fast aller Religionen, die ihre eigene Perspek tive für die allein richtige halten. Drittens: Pluralistische Gesellschaften setzen eine Entkopplung von Staat/Gesellschaft und Religion voraus. In der westlichen Zivilisation hat sich diese Entkopplung schrittweise ent wickelt, als das Monopol der Deutung des Menschseins der Religionen durch eine Struktur von Deutungshoheiten abgelöst wurde (= Entsak ralisierung) und auf diese Weise Regelung und Kontrolle von Lebens bereichen immer mehr auf den Staat und andere Institutionen über ging, also „religionsfreie“ Lebensbereiche entstanden. Damit ist ein einschneidender Machtverlust der Religionen verbunden. Die Deutung von Menschsein in der Welt aus einer Hand ist zwar nicht dem An spruch nach, aber real in den Ländern der westlichen Welt zerbrochen und wird nun arbeitsteilig und kooperativ von vielen beteiligten Insti tutionen versucht und – partiell – geleistet. Viertens: Religion verliert damit den Anspruch auf die Gestaltung der Gesellschaft, wird Privatsa che. So das Modell. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint dieses hier nur grob skizzier te Pluralismusmodell in den Gesellschaften der westlichen Zivilisation einigermaßen zu funktionieren. Dafür seien zwei Gründe genannt. Einerseits sind die Religionsgemeinschaften schwach, weil die Regelung und Kontrolle zentraler Lebensbereiche (Wirtschaft, Arbeit, Freizeit, öf fentliche Verwaltung, Gesetzgebung) vom Staat und von anderen Insti tutionen übernommen wurde und dominiert wird. Stärke bzw. Schwä 221 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme che von Religionen werden nicht ausschließlich, aber maßgeblich durch zwei Merkmale bestimmt. Je mehr einerseits Lebensbereiche einer Ge sellschaft durch Religionen geregelt und direkt oder mittelbar kontrol liert werden und je mehr die Mitglieder den religiösen Weisungen fol gen, desto stärker ist eine Religion – und umgekehrt. Ein Extrem ist die alle Lebensbereiche umfassende Sakralisierung des Werte und Verhal tenskodexes. Das andere der Rückzug von Religionen auf Transzenden tales, der in sich widersprüchlich ist, weil Religionen immer auch Weg weisung für das Diesseits leisten wollten und wollen. Hinsichtlich der Wert und Verhaltenskontrolle sind die Religionen in den meisten west lich geprägten Gesellschaften mehr oder weniger schwach, weil ihnen in zentralen Lebensbereichen keine Deutungshoheit zugestanden wird. Zugespitzt formuliert ist eine funktionsfähige pluralistische Gesellschaft auf schwache Religionen im beschriebenen Sinn angewiesen. Starke Re ligionen nehmen unweigerlich erheblichen Einfluss auf die Gesetzge bung und drängen andere Religionsgemeinschaften an den Rand. Andererseits enthalten die bisher in den Ländern der westlichen Zivilisation aktiven traditionellen Religionsgemeinschaften gegenwärtig relativ we nig Konfliktpotenzial, weil sie fast ausschließlich aus demselben christ lichen Traditionszusammenhang stammen und daher ihre Wert und Moralvorstellungen ähnlich sind und teilweise in säkularisierter Form in die staatliche Ordnung eingegangen sind. Diese Situation beginnt sich durch die Zuwanderung islamischer Glaubensgemeinschaften zu ändern. Aus dem gegenwärtigen Funktionieren zu schließen, dass die ses Pluralismuskonzept auch in Zukunft noch sicher funktionieren wer de, ist ein Trugschluss. Das beschriebene Pluralismusmodell bleibt nur erfolgreich, solange die formulierten Bedingungen sich nicht wesent lich verändern: Wenn die Religionsgemeinschaften einer Gesellschaft im soeben beschriebenen Sinn schwach sind und in ihren Wert und Verhaltenskodizes keine völlig unvereinbaren inhaltlichen Positionen aufweisen, die eine gemeinsame staatliche Ordnung unmöglich ma chen. Dementsprechend passen in die deutsche Gesellschaft nur Mig ranten, die neben ihrer religiösen Ordnung die staatliche respektieren. Dieses Pluralismuskonzept impliziert auf Deutschland bezogen einige zu wenig durchdachte und daher kaum haltbare Annahmen und auch konzeptbedingte Bedrohungspotenziale; es dürfte deshalb kaum geeig net sein, alle gegenwärtig bestehenden Religionen in einem staatlichen 222 wIe kann zukunft gelIngen? Gemeinwesen einigermaßen friedlich neben einander existieren zu las sen. Erstens: Die Vorstellung, man könnte Religionen auf den Privatbereich beschränken, widerspricht dem allgemeinen Geltungsanspruch der meisten Religionen. Religionsgemeinschaften sind soziale Systeme mit einem ausgeprägten Selbstverständnis, mit Vorstellungen über das Wa rum und das Wie des Lebens und wollen diese Vorstellungen zu sozi aler Wirklichkeit machen. Religionen akzeptieren den Staat als oberste Rechtsetzungsinstanz zumindest formell. Die Gestaltung der Gesell schaft nach eigenen Vorstellungen stellen Religionsgemeinschaften je doch nur in dem Sinn zurück, dass sie nicht auf deren generelle Durch setzung pochen. Tatsächlich setzen sie ihre Vorstellungen im Rahmen der Selbstverwaltung in eigenen Einrichtungen durch; mehrere Reprä sentanten von Religionsgemeinschaften äußern sich periodisch zu ak tuellen politischen Themen, z. B. zur Flüchtlingsproblematik, sehr zum Verdruss so mancher Politiker; sie nehmen sich mit ihrem Anspruch nur zurück, um überhaupt in einer Gesellschaft präsent sein zu können; sie tun dies entgegen dem eigenen Anspruch nur, wenn und solange die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse sie zu dieser Selbstbeschrän kung zwingen, d. h. wenn sie selbst zu schwach zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen sind. Schwäche bedeutet hier, dass der Staat und andere Institutionen wie Wissenschaft, Gewerkschaften, Verbände usw. sach gebietsbezogen Ziele, Normen und Maßnahmen kontrollieren. Tat sächlich versuchen Religionsgemeinschaften mit den ihnen verfügba ren Mitteln auf die Gesetzgebung in ihrem Sinn Einfluss zu nehmen, durchaus legal wie die zahlreichen anderen Lobbyverbände. Privati sierung der Religion ist das nicht. Verquickungen von Staat und Kir chen bzw. anderen Religionsgemeinschaften sind weder in Deutschland noch in Ländern mit formal strikter Trennung von Staat und Kirche zu übersehen. Zweitens stehen pluralistische Gesellschaften vor der schwierigen Auf gabe, für mehrere unterschiedliche, nicht selten widersprüchliche reli giöse Wert und Deutungssysteme einen übergreifenden, möglichst wi derspruchsarmen rechtlichen Rahmen ohne allzu viele Sonderrechte für einzelne Gruppierungen zu entwickeln, um soziale Ordnung zu ermög lichen. Ein widerspruchsarmer rechtlicher Rahmen muss mit mehreren Problemen zurechtkommen: Einerseits implizieren unterschiedliche 223 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Religionen mit ihren je eigenen Geltungsansprüchen unterschiedliche Lebensentwürfe für ihre Mitglieder und damit nicht auflösbare Wider sprüche, oft auch Gegensätze. Andererseits beinhalten die je eigenen Geltungsansprüche der Religionen keinesfalls die volle inhaltliche An erkennung der Rahmenregelungen des Staates und seiner Entscheidun gen, die mehr oder weniger zustimmend oder auch kritisch hingenom men werden. Religionsgemeinschaften stehen den häufig weit gefassten staatlichen Verhaltensregelungen immer wieder kritisch gegenüber und fassen sie im Rahmen ihrer Selbstverwaltungskompetenz nach ihren Prämissen, meistens deutlich strenger und mit deutlich weniger Wahl möglichkeiten, in Deutschland z. B. in den Feldern Familie, Leben und Tod, Sexualmoral, Arbeitsrecht u. a. Der Staat respektiert in einigen Fel dern kirchliche Regelungsansprüche mit dem Effekt, dass in den Kir chen andere Regeln gelten und durchgesetzt werden können als außer halb: Partieller Verzicht des Staates auf Durchsetzung seines Rechts und individueller Verzicht auf staatliches Recht durch Personen in kirchli chen Einrichtungen. Der Staat hat in Deutschland aber auch neue Ak zente gesetzt, indem er etwa seit 1990 auf der Grundlage der Würde der Person den Selbstbestimmungsrechten des Individuums z. B. in sozialen Belangen und im Sozialrecht erhebliche Entscheidungsbefugnisse zu ethisch bedeutsamen Problemen eingeräumt hat, Entscheidungsbefug nisse, mit denen sich die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und auch der Mitglieder der Kirchen identifizieren. Für die Kirchen ist diese weitgehende Individualisierung ethischer Entscheidungen nicht akzeptabel. Infolge solcher und anderer Diskrepanzen bleibt das Ver hältnis von staatlicher Oberhoheit einerseits und Religionsfreiheit so wie Selbstverwaltung der Religionen andererseits eine labile, konflikt trächtige und stets neu zu entwickelnde Balance. Die Geschichte der deutschen pluralistischen Gesellschaft ist reich an solchen Konflikten einschließlich zahlreicher Prozesse vor den staatlichen Gerichten mit Güterabwägungen zwischen verschiedenen Rechten, bis zum heutigen Tag. Das führt auch zu Ungleichheitseffekten vor dem Recht. Ein simp les Beispiel: Muslime und Juden dürfen Tiere durch Schächten schlach ten, weil das Schächten als Teil der Religionsausübung gesehen wird, die Vorrang vor dem Tierschutz hat, andere Bürger dürfen dies nicht. Staat liches Recht wird also durch den Vorrang der freien Religionsausübung immer wieder ausgehebelt. 224 wIe kann zukunft gelIngen? Drittens: In Artikel 4 legt das deutsche Grundgesetz die Freiheit des re ligiösen Bekenntnisses fest: „(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewis sens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekennt nisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Diese Formulierung ist, ohne jede Einschränkungen, wie sie in anderen Grundrechtsartikeln zu finden sind, vorsichtig aus gedrückt, irreführend. Vermutlich haben die Väter des Grundgesetzes dabei nicht an totalitäre Religionsformen gedacht, die außer ihren ei genen Überzeugungen keine andere dulden, die demokratische Ver fassung des Staates ablehnen und aktiv bekämpfen. In diese Kategorie gehören viele fundamentalistische Religionen, darunter insbesondere diejenigen mit einer ausgeprägten Neigung zur gewaltsamen Durchset zung der eigenen Überzeugungen, z. B. die Salafisten, aber auch radi kale politische Gruppierungen. So schrankenlos, wie Artikel 4 formu liert, kann die Wahl der Religion also real nicht sein und bleiben. Es ist fraglich, ob sich diese unbegrenzte Glaubensfreiheit angesichts un terschiedlicher kampfbereiter fundamentalistischer Gruppen auf Dauer in der bestehenden Formulierung aufrechterhalten lässt. Der pluralisti sche deutsche Staat ist wie bisher mit Religionsgemeinschaften funkti onsfähig, die die demokratische Verfassung und den Staat als höchste säkulare Entscheidungsinstanz respektieren. Sehr viel schwieriger ist die Entwicklung einer pluralistischen Gesell schaft mit sehr unterschiedlichen oder gar gegensätzlichen Wertkonfigu rationen von Religions oder Weltanschauungsgemeinschaften. Gegen sätze bzw. krasse Unterschiede lassen sich nicht einfach wegdiskutieren oder gar harmonisieren oder beliebig in die Selbstverwaltung der Reli gionsgemeinschaften verlegen. Das unerlässliche Minimum gemeinsa mer grundlegender Inhalte = Werte ist dann nicht mehr zu erreichen. Eklatante Unterschiede unter Religionsgemeinschaften in der Einstel lung zu Grundrechten, Legitimationsprinzipien, der Stellung von Män nern und Frauen in der Gesellschaft, zu Toleranz Andersdenkender usw. stellt die Funktionsfähigkeit der Rechtsordnung in Frage. Wenn Reli gionsgemeinschaften mit ihren Überzeugungen in deutlichem Gegen satz zu zentralen Inhalten des Grundgesetzes und von Ausführungsge setzen stehen, wird der Staat für seinen Fortbestand Grenzen ziehen müssen. Auch offene Staaten müssen Grenzen ziehen. Es bleibt abzuwar ten, inwiefern sich islamische Gruppierungen zu der zwingend erfor derlichen Übernahme zentraler Grundgesetzinhalte bereitfinden, d. h. 225 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme sich neben ihrer religiös bestimmten auf die staatlich geregelte, säkula re Lebenswelt einlassen. In der Konsequenz wäre damit eine Änderung eigener traditioneller, religiös begründeter Wertsetzungen verbunden. Der Konflikt über die Reichweite staatlicher Rechtsordnung bzw. der Selbstverwaltung der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften zieht sich seit Jahrhunderten durch die deutsche Geschichte und wird durch das Auftreten islamischer Glaubensgemeinschaften mit anderem geschichtlichen Hintergrund sowohl erweitert als auch kompliziert. Es mag sein, dass eine pluralistische Gesellschaft mit kleinen sehr spezi fisch geprägten religiösen Minderheiten in einem Sonderstatus funktio nieren kann. Bei quantitativ großen Religionsgemeinschaften mit vom Grundgesetz deutlich abweichendem Wertekodex sind jedoch erhebli che Wertkonflikte zu erwarten und sogenannte „Parallelgesellschaften“, die dann einfach da sind und da bleiben, kaum zu vermeiden. Es ist doch eine ziemlich naive Vorstellung, man könnte die konsequent Gläu bigen unter den vier Millionen hier lebenden Muslimen in ihren mit dem Grundgesetz nicht konformen Werthaltungen einfach umpolen. Viertens: Es gibt nur wenige Beispiele für pluralistische Gesellschaften, in denen sehr unterschiedliche Religionsgemeinschaften nebeneinan der koexistieren. Muslime sind in Indien, jedenfalls gemessen an den Hindus, eine religiöse Minderheit, aber immer noch das Dreifache der deutschen Bevölkerung. Wer will angesichts der häufigen Gewaltexzes se und Terroranschläge zwischen diesen und anderen Religionsgemein schaften von funktionierendem Zusammenleben sprechen? Ein zweites Beispiel ist anders einzuschätzen: Im Libanon leben mehrere christliche und islamische Religionsgemeinschaften (Engelhardt 1968). Tatsäch lich handelt es sich um mehrere Parallelgesellschaften, die durch ein kompliziertes Regelungssystem als Nation trotz jahrzehntelanger Re pressalien und Störungen von außen noch zusammengehalten werden, immerhin schon über ein halbes Jahrhundert. Es ist sicher schwierig, mehrere religiös geprägte Parallelgesellschaften in einem Staat zusam menzufassen. Wenn ein von allen geteiltes Zugehörigkeitsgefühl besteht und andere Voraussetzungen gegeben sind, z. B. mehr oder weniger ge schlossene Siedlungsgebiete, dann könnte ein derartiger pluralistischer Staat funktionsfähig sein, weil er durch eine gemeinsame Geschichte oder ein übergreifendes nationales Selbstverständnis zusammen gehal ten wird. Der Libanon hat die Fortsetzung der gemeinsamen Staatlich keit bisher geschafft. Eine aggressiv fundamentalistische Gruppe würde 226 wIe kann zukunft gelIngen? diesen Rahmen allerdings sprengen können, und diese Gefahr besteht durchaus real. Die Möglichkeit, dass eine Gruppe z. B. durch eine höhe re Geburtenrate eine klare Mehrheit erhält und in Macht zwecks Um gestaltung der Gesellschaft umsetzt, ist im Libanon bei den islamischen Religionsgemeinschaften eine vorstellbare Entwicklung. Dennoch: Das Zusammenleben mehrerer auch sehr unterschiedlicher Parallelge sellschaften in einem Staat ist ein denkbares und auch real vorstellba res Modell einer pluralistischen Gesellschaft. In den Niederlanden hat man in den 50er und 60er Jahren von Versäulung gesprochen und da mit die Organisation eines großen Teils der Sozialbezüge der Bürger im Rahmen ihrer Religionsgemeinschaften gemeint (Goddjin/Kruijt 1965). Man darf gespannt sein, wie sich die hohen Geburtenraten der ortho doxen Juden in Israel, die der Latinos in den USA, die der Afrikaner ge nerell usw. in naher Zukunft auf die Gestaltung der Gesellschaften aus wirken. Es ist eine wirklichkeitsnahe Vermutung, dass sich in Zukunft im Zuge der weiter zu erwartenden Migrationsströme in den „Gastge sellschaften“ Parallelgesellschaften weiter ausprägen und entwickeln, denn Afrika mit zahlreichen kaum funktionsfähigen Staaten wird bis 2060 seine Bevölkerungszahl voraussichtlich verdoppeln oder verdrei fachen. Jedenfalls beinhaltet der Vorschlag mancher Politiker, man sol le per Gesetz und Unterschrift muslimisch oder auf andere Weise so zialisierte Flüchtlinge zu verfassungstreuen Deutschen und Europäern machen, eine Aufforderung zur partiellen Konversion, einer Art Ge hirnwäsche und ist als ziemlich wirklichkeitsfremd einzuschätzen. In Bezug auf islamische Religionsgemeinschaften scheinen viele Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens keine Vorstellung darüber zu haben, welche Probleme und Widerstände aus dem Merkmal Gesetzesreligion für die gesellschaftliche Integration erwachsen. Tatsächlich laufen die aktuelle Lage und die zu erwartenden Entwicklungen auf die Einschränkung einer völlig unbegrenzten Religionsfreiheit, wie sie Ar tikel 4 des Grundgesetzes formuliert, d. h. auf Grenzziehungen hinaus. Der pluralistische, demokratisch verfasste Rechtsstaat ist fünftens von innen und von außen störanfällig und gefährdet. Seine demokratische Verfassung bietet einerseits radikalen Strömungen ideale Entwicklungs möglichkeiten – unter Krisenbedingungen bis zur Machtübernahme wie 1933. Die gegenwärtige Erfolgssträhne rechtsradikaler Politiker und Bewegungen in vielen Staaten stimmt nachdenklich. So manche eu ropäische Staaten, auch Deutschland, tun sich schwer damit, die fun 227 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme damentalistischen Gruppen wie z. B. die Salafisten, die das Grundge setz offen ablehnen und bekämpfen, unter Kontrolle zu bringen und die Verbreitung ihrer Lehren zu verhindern. Andererseits kann Bedro hungspotenzial auch in starken pluralistischen Gesellschaften von au ßen kommen und Massenpsychosen auslösen. Der Terrorakt gegen das World Trade Center hat in den USA einen kräftigen Rechtsruck mit ins titutionellen Vorsorgemaßnahmen und verbreiteten Spitzelaktionen er zeugt. Wie viele kleinere Terrorakte von außen verkraftet das System der USA, ohne seinen offenen, pluralistischen Charakter aufzugeben? Wie viele desaströse oder auch kleinere Terrorakte würden Frankreich, Deutschland oder andere Staaten verkraften, ohne ihren liberalen Cha rakter einzuschränken oder aufzugeben? An Drohungen fehlt es nicht. Es liegt mir fern, den Lesern das demokratische, pluralistische Gesell schaftsmodell zu vermiesen, ist es doch das einzige, das Freiheit als Ent faltung der Persönlichkeit des Einzelnen wirklich ermöglicht, das aber eben auch dem Missbrauch von Freiheit gute Entwicklungschancen einräumt. Weil mir an einer funktionierenden demokratischen, rechts staatlichen und pluralistischen Gesellschaft sehr gelegen ist, muss ich darauf hinweisen, dass sie keine Selbstverständlichkeit und kein Selbst läufer ist und der sehr wachsamen Pflege durch offene Diskurse und konsequente Kontrolle bedarf. Moderne pluralistische Gesellschaften können in ihrem differenzierten Funktionsgefüge der alltäglichen Ab läufe mit geringem Aufwand empfindlich beeinträchtigt und behindert werden, wie die diversen Terroranschläge von außen, aber auch zahlrei che rechtsradikale Aktionen aus der Bevölkerung von wem auch immer zeigen. Die beobachtbare Neigung von Politikern, Medien und aus der Bevölkerung, hoch emotional bis hysterisch auf Terrorakte zu reagieren, ist sehr gut nachzuvollziehen, weil sie sich aus dem plausiblen Gefühl der individuellen und auch institutionellen Wehrlosigkeit entwickelt; sie mobilisiert aber vor allem Emotionen und kaum Problemlösungen. Offene demokratische Gesellschaften müssen sich wie alle Individu en, Gruppen und Organisationen in ihnen definieren und kommen nicht ohne Grenzziehung aus; sie werden sich nicht auf den inhaltlich widersinnigen, liberalen Formalismus der Religionsfreiheit verlassen können und sich über die Reichweite der Religionsfreiheit und staatli cher Rechtsordnung mehr als bisher Gedanken machen müssen. Offe 228 wIe kann zukunft gelIngen? ne, demokratische Gesellschaften können aus den genannten Gründen zwecks Selbsterhaltung nur bestimmte Religionen akzeptieren, • die den Staat als höchste Entscheidungsinstanz und seine Rechts ordnung respektieren, • die hinsichtlich ihrer Werte und ihrer Moralvorstellungen nicht in markantem Gegensatz zur Landeskultur und untereinander stehen, • die anderen Religionsgemeinschaften fair und friedlich begegnen und • die sich auf eine Zweiteilung der Kultur in einen säkularen und ei nen religiösen bzw. sakralen Bereich einlassen und den säkularen als gemeinsames Bindeglied anerkennen. Fazit: Im Grunde eignet sich das pluralistische Gesellschaftsmodell nur für Religionen, die bereits die Entwicklung zur Zweiteilung der Lebens welt in einen säkularen und einen religiösen Bereich vollzogen haben oder im Begriff sind dies zu tun. Der durch staatliche Rechtsordnung und Kontrolle geregelte Bereich ist der säkulare, der das Bindeglied und die gemeinsame Basis für eine Koexistenz der unterschiedlichen Reli gionsgemeinschaften darstellt. Je umfassender dieser säkulare Bereich ist, desto solider ist die Basis der pluralistischen Gesellschaft. Für fun damentalistische Religionen mit vollständig sakralisiertem Wert und Verhaltenskodex ist mangels gemeinsamer Basis kein Platz in plura listischen Gesellschaften, und in der Weltgemeinschaft sind sie ein ge fährlicher Störfaktor, wenn sie mit ihrer Gewaltbereitschaft und ihrem einseitigen Missionsdrang die bereits bestehenden weltweiten Wech selbeziehungen und die Entstehung gemeinsamer übergreifender Ord nungen behindern. Da Fundamentalismus umfassende, emotional verwurzelte Selbstgewissheit beinhaltet, können Konflikte auch kaum durch Verhandlungen kanalisiert bzw. eingedämmt werden. Zur unmit telbaren Abwehr und/oder zur Abschreckung fundamentalistischer Re ligionsgemeinschaften bleibt nur die – stärkere und falls notwendig – wehrhafte Gegenmacht, ein ernüchterndes Fazit. Eine friedliche Ver meidungsstrategie für Konflikte unter fundamentalistischen Religions gemeinschaften und/oder zwischen ihnen und friedlichen ist nicht in Sichtweite. Auf welcher Basis sollte sie auch aufbauen? 229 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme 7 2 4 Die positive Botschaft: Gemeinsame Beschlüsse und Maßnahmen trotz Konflikten Es ist realistisch und auch zu hoffen, dass die Welt und Großmächte angesichts ihrer immensen Tötungs und Vernichtungspotenziale wei terhin einen globalen Konflikt vermeiden und militärische Einätze re gional begrenzen. Diese Vorsicht schafft Handlungsspielräume, um auf die gemeinsamen Bedrohungen durch Klimawandel, Umweltverseu chung und Biosphärenschwund mit gemeinsamen Abhilfemaßnahmen zu reagieren. Dies scheint – ein hoffnungsvoller Lichtblick – trotz der weltweiten Konfliktlagen bei zwei globalen Bedrohungen zu gelingen. Die Beschlüsse und die bereits vollzogenen Maßnahmen zur Erhaltung und zur Regenerierung der Ozonschicht greifen offensichtlich bereits, haben aber von der Problemerkennung bis zum Einsatz der Maßnah men an die drei Jahrzehnte benötigt. Die Bilanz der bisherigen UN Umweltschutz und Klimaschutzkon ferenzen seit 1972 in Stockholm bis einschließlich der Konferenz in Kopenhagen 2014 sieht eher düster aus. Die notwendigen Fortschrit te sind bei den vorangegangenen UN Klimaschutzkonferenzen über vierzig Jahre lang nicht erzielt worden. Die Erwartungen an die Kli makonferenz in Paris 2015 schwankten vorher nach den vorausgegan genen Verhandlungspleiten zwischen Pessimismus und einem gewis sen, vorsichtigen Optimismus. Die UN Klimakonferenz von Paris 2015 hat immerhin zwecks Begrenzung der Klimaerwärmung zu gemeinsa men Beschlüssen geführt. Die Durchführung fordert von allen Beteilig ten erhebliche Anstrengungen ein. Erfreulicherweise konnten sich die Teilnehmerländer tatsächlich auf gemeinsame Ziele und von einzelnen Ländern selbst vorgeschlagene staatsspezifische Programme einigen, die in der Summe den weltweiten Temperaturanstieg begrenzen sollen: „Das Ziel des Übereinkommens ist in Artikel 2 „Verbesserung der Umsetzung“ des UNFCCC [United Nations Framework Convention on Climate Change] wie folgt geregelt: (a) Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2° C über dem vorindustriellen Niveau, wenn möglich auf 1,5° C über dem vorindustriellen Niveau. Dadurch sollen die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels deutlich reduziert werden; 230 wIe kann zukunft gelIngen? (b) Die Stärkung der Fähigkeit, sich durch eine Förderung der Klimaresistenz und geringeren Treibhausgasemissionen an die nachteiligen Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Dieses soll in einer Weise geschehen, die nicht die Nahrungsmittelproduktion bedroht; (c) Stärkung der Finanzströme, die zu einem Weg mit niedrigen Treibhausgasemissionen und klimaresistenter Entwicklung führen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Paris-Abkommen) Das Abkommen ist völkerrechtlich verbindlich, enthält aber viele eher vage Formulierungen und keine Sanktionen für den Fall der Nichterfül lung eingegangener Verpflichtungen vonseiten der Länder, die das Ab kommen ratifizieren. Trotz dieser Einschränkungen wurde zum zweiten Mal global ein ent scheidender Fortschritt erzielt, der Hoffnung macht und Erleichterung schafft: Es gibt unter den beteiligten Ländern die Einsicht und eine nicht selbstverständliche Einigkeit, dass in Sachen Klimawandel und insbesondere hinsichtlich der Verwendung von fossilen Brennstoffen zur Energiegewinnung akuter Handlungsbedarf besteht, der sich in den vorliegenden Beschlüssen äußert. Wenn man optimistisch – und das ist sehr optimistisch – unterstellt, dass das Endziel von höchstens 2° C Er wärmung tatsächlich erreicht wird, dürften auch einige positive Wir kungen zugunsten der Biosphäre und anderer Umweltziele, z. B. Stopp der unkontrollierten Regenwaldabholzung, dabei abfallen. Bezogen auf die Ozon und Klimaschutzziele sowie einen kleinen Aus schnitt aus dem Meeresschutz haben sich die Staaten der Erde also zu einer Weltgemeinschaft, richtiger Weltzweckverband zusammengefun den. Das dazu gehörige, zielführende Verhalten muss noch entstehen und eingefordert werden. Besonders bemerkenswert scheint mir, dass in diesem internationalen Aushandlungsprozess diese Zielsetzungen zur Eindämmung der Klimaerwärmung trotz der religiösen Konflik te und der unterschiedlichen politischen Interessen und Konfliktlagen vereinbart wurden. Auch Repräsentanten großer Religionsgemein schaften haben sich positiv zu den Konferenzergebnissen geäußert. Das ist die positive Nachricht: Die teilnehmenden Staaten sind sich der ge meinsamen Betroffenheit durch die Klimaerwärmung bewusst, zu ge meinsamen Aktionen bereit und stellen dafür andere konfligierende 231 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Interessen zurück. Man kann nur hoffen, dass dieser Start zu gemeinsa men Aktionen fortgesetzt wird und nicht zu spät kommt, weil die Natur nicht auf Saumselige wartet. Am 28.10.2016 hat die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis, bestehend aus den 24 zuständigen Ländern und der Europäischen Union, beschlossen, eine Fläche von 1,55 Millionen Quadratkilometern im Rossmeer vor der Antarktis ab 01.12.2017 für 35 Jahre als Meeresschutzgebiet auszuweisen. Andere Meeresteile um die Antarktis sollen als Schutzgebiete folgen. Die Meere um die Antark tis gelten als bisher weitgehend intakte ökologische Systeme und ver danken diese gute Verfassung primär den gefährlichen unberechenba ren Eis und Witterungsverhältnissen sowie den riesigen Entfernungen zu den Fischereiländern; sie haben wegen der dort lebenden Tierarten und der bestehenden, noch intakten Nahrungsketten weltweite Bedeu tung. Damit hat sich für den Meeresschutz ein kleiner Fortschritt erge ben. Weit schwieriger gestalten sich die ausstehenden, aber unerläss lichen Meeresschutzmaßnahmen zwischen den Kontinenten nördlich des Äquators. Zwei dringliche globale Problembündel warten zwecks Bewältigung auf weitere internationale Anstrengungen: Die zu Kloaken verkommenden und bald fischlosen Weltmeere und der Biosphärenschwund. Die ge glückten Kooperationen in allen Ehren. Dennoch bleibt ein gravieren des Handicap: Der Weg von der wissenschaftlichen Problemerkennung zur Akzeptanz durch Politiker und dann weiter zu globalen Zielver einbarungen und schließlich zu wirksamen globalen Aktionen dauert Jahrzehnte, im Fall des Klimawandels fast ein halbes Jahrhundert. Es ist damit zu rechnen, dass die zwischenzeitlich in einzelnen Schadens bereichen weiter anwachsenden Problemstaus teilweise zu irreversiblen Zerstörungen führen, und im Falle noch bestehender Lösungsmöglich keiten die Kosten durch die Verzögerung geradezu explodieren. Die eher paradoxen Versuche zur Bewältigung der Kriegsszenerie im Nahen Osten und die zunehmende Abwehrfront weisen darauf hin, dass die gemeinsamen Probleme in der Form der globalen Netzwer ke mehr Beachtung finden, obwohl die offensichtlich unterschiedli chen Interessen der Beteiligten die nach wie vor dominante nationa listische Orientierung verdeutlichen. In diesem Kontext könnte eine 232 wIe kann zukunft gelIngen? gezielte Eingrenzung und Marginalisierung der Religionskriege die Be wältigung der globalen Aufgaben und Entwicklungen zu Staaten über greifender Verständigung begünstigen. Es bleibt ein beruhigendes Fazit: Obwohl es die politischen und religiösen Konflikte jetzt und vermutlich auch weiterhin gibt, können die Staaten auf dieser Erde zur Bewältigung globaler Probleme doch erforderliche Maßnahmenpakete in Gang setzen. Allerdings könnte der in vielen Ländern erstarkende Nationalismus in Verbindung mit innerstaatlicher Desintegration bzw. Handlungsbe schränkung die beschriebenen kooperativen Ansätze wieder zum Erlie gen bringen. 7 2 5 Der Konflikt über die Zukunft: Wachstum oder Nachhaltigkeit? Beeinträchtigen die beschriebenen Konflikte die Staaten, sich über haupt zur Auseinandersetzung über gemeinsame Probleme, Ziele und zielführende Maßnahmen zusammen zu finden, so geht es bei der zwei ten Konfliktform um die Methode, wie die Erhaltung der menschlichen Lebensbedingungen erreicht werden kann. Dabei steht die Front mehr oder weniger aller Staaten und aller Wirtschaftskonzerne der Gruppie rung von Wissenschaftlern, Religionen, zivilgesellschaftlichen natio nalen und internationalen Initiativen und Organisationen gegenüber: Goliath gegen David? Unter den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern al ler Staaten besteht eine hochgradige Einigkeit darin, dass Wirtschafts wachstum für die absehbare Zukunft das Generalziel der Entwicklung sein soll. Üblicherweise wird argumentiert, dass nur mit wachsender Wirtschaft der Wohlstand erhalten, die Armut verringert oder besei tigt und der erforderliche Umweltschutz bezahlt werden kann. Mittel zur Problemlösung sind in dieser Vorstellungswelt Markt und Tech nologie. Lange Zeit hat das auch mit gewissen Abstrichen funktioniert. Die Losung ist also auch gegenwärtig: weiter wie bisher, aber mit Kor rekturen der „Kollateralschäden“ und mit systemdienlichen Nachhal tigkeitsmaßnahmen. Es ist sicher nicht zu bestreiten, dass diese Auf fassung von einem großen wenn nicht sogar überwiegenden Teil der jeweiligen Bevölkerungen akzeptiert wird, weil er Wohlstandsminde 233 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme rungen und gravierende Änderungen der Lebensführung durch eine Nachhaltigkeitspolitik fürchtet, soweit überhaupt das Nachhaltigkeits paradigma bekannt ist. Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, dass die Begründung des Wirtschaftswachstums in zentralen Punkten von den feststellbaren Tatsachen seit Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhun derts widerlegt wird und in der Substanz vor allem auf Eigennutz, Glau bensvorstellungen und/oder Trugschlüssen, jedenfalls nicht auf Wissen über den begrenzten Planeten beruht. Zwar wird der Wohlstand für be stimmte Bevölkerungsteile in den wohlhabenden Länden gegenwärtig erhalten, teilweise vermehrt, jedoch ohne Zukunftsperspektive für künf tige Generationen. Die Armut besteht weiter, die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit nehmen eher zu als ab, weltweit warten auf den Umweltschutz gigantische Aufgaben wie beschrieben, die Weltbevöl kerung in den armen Ländern wächst weiter und ebenso ihr Ressour cenbedarf, während einige nicht erneuerbare Ressourcen zur Neige ge hen und die erneuerbaren Ressourcen zunehmend veröden. Die durch Geldgier verursachten Umweltschäden übersteigen die Investitionen in den Umweltschutz um ein Vielfaches (vgl. Abschnitt 7.1.3). Damit ist die Legitimation für die Wachstumsorientierung von Politik und Wirt schaft verloren gegangen, nicht jedoch ihr Herrschaftsanspruch und ihre Macht. Die zurzeit fortschreitenden Digitalisierungs und Automatisierungs prozesse lassen massenhafte Arbeitsplatzverluste und Verarmungspro zesse beträchtlicher Bevölkerungsteile d. h. eine neue soziale Frage mit erheblich steigender sozialer Ungleichheit, Polarisierung und heftigen sozialen Unruhen erwarten. Das wäre, wenn sich denn Digitalisierung und Automatisierung so vollziehen, wie das einige Experten vermu ten, genau die gegenteilige Entwicklung, die zur Bewältigung der Um weltprobleme als notwendig erachtet wird: nämlich die deutliche Ver minderung sozialer Ungleichheit in den Staaten und international. Die seltsam einmütige Verwendung des Begriffs „bedingungsloses Grund einkommen“ bei weit auseinandergehenden Interessen der Diskutanten, auch von Vertretern der Wirtschaft, mutet geradezu gespenstisch an. Gegenwärtig ist diese Diskussion sowohl sozial als auch wirtschafts politisch noch ziemlich unausgegoren. Gesellschaftspolitisch wäre eine almosenartige Alimentierung eines Heers arbeitsloser Grundeinkom menbezieher letztlich die Preisgabe zentraler verfassungsrechtlicher Ziele, die Beerdigung der sozialen Marktwirtschaft erster Klasse und 234 wIe kann zukunft gelIngen? die Preisgabe der Menschenwürde mangels Teilhabe an der Gesellschaft (vgl. zur Diskussion Büschemann, 2016; Grosser 2016; Hagelüken 2016; Borchardt 2016; Meixner 2017), falls eine derartige politische Vorge hensweise überhaupt wirtschaftlich machbar wäre. Die Digitalisierungs und Automatisierungsentwicklung weist jedoch auch dann, wenn sie gesellschaftspolitisch mit guten neuen Arbeitsplätzen bewältigt werden sollte, sehr deutlich auf das zunehmende Auseinanderdriften von Tech nologieentwicklung und Umweltnotwendigkeiten hin. Kann man die Technologieentwicklung einfach ungesteuert sich entwickeln lassen? Während Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik verbissen an ihrem Leitbild Wirtschaftswachstum festhalten, können nur we nige Länder trotz großer Anstrengungen entsprechend klare Erfolgs bilanzen vorweisen. Ist der zurzeit praktizierte Kapitalismus das rich tige System? Stößt der Kapitalismus bzw. die praktizierte Form eines hemmungslosen und asozialen Kapitalismus an Grenzen? Unter Hin weis auf Mentalitätsänderungen in der jungen Generation, die angeb lich lieber teilt statt besitzt, und unter Hinweis auf die enormen Steige rungen der Produktivität durch die moderne Kommunikationstechnik äußert Jeremy Rifkin (Rifkin 2014) die Meinung, dass eine neue indust rielle Revolution bevorstehe, der Kapitalismus nicht mehr funktioniere und von einem Super Netz abgelöst werde, das Kommunikation, Ener gieverteilung und Logistik bündelt“ (Bohsem/Hulverscheidt 2014, S.19). Rifkin knüpft zwar an realen Gegebenheiten an, entwirft dann jedoch eher Zukunftsvisionen, deren empirische Evidenz sich dem Leser nur schwer erschließt. Gegenwärtig sind keine überzeugenden Anzeichen zu erkennen, die eine Ablösung des kapitalistischen Systems durch eine andere Wirtschaftsform ankündigen. Dennoch spricht viel für Rifkins Einschätzung, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert. Denn der Kapitalismus scheitert bei der Bewältigung der sich bereits ereignenden Weltprobleme und kriselt in vielen Ländern vor sich hin. Bezogen auf Umweltprobleme hat sich der „Markt“ bisher nicht als erfolgreicher Re gulator bewährt. Ohne sich für die Bewältigung der anstehenden Prob leme als das angemessene System profilieren zu können, hat der Kapita lismus die meisten Länder der Erde dennoch fest im Griff. Die Gewinnmaximierungsstrategien von Bankern und vielen Unter nehmern haben sich im Laufe der Kapitalismusentwicklung weitgehend von ethischen Grundsätzen verabschiedet und verlagern, wie globale 235 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Krisen z. B. der Banken zeigen, die Risiken ihrer spekulativen Aktio nen auf die Bevölkerungen. Die Verfechter des Kapitalismus und der marktradikalen Praxis beschwichtigen die Bevölkerungen vieler Staa ten überdies mit dem Versprechen weiteren Konsumwachstums und behindern damit auch die bloße Wahrnehmung der anstehenden Pro bleme. Ihre Leitziele Wettbewerb, Individualismus und konsumorien tierte Lebensführung stehen in deutlichem Gegensatz zu der Solidarität der Menschen untereinander, die von vielen Seiten zur Bewältigung der anstehenden Probleme als entscheidende menschliche Qualität für un umgänglich gehalten wird. Letztlich verkümmert in der marktradikalen Praxis die altruistische Komponente des Menschseins: ein Rückschritt in der menschlichen Entwicklung. Viele Wissenschaftler, einige Abteilungen der UNO, der World Wide Fund of Nature (WWF), Repräsentanten des Ökumenischen Rates der Kirchen, der römisch katholischen Kirche und des Mahayana Buddhis mus und zahlreiche bürgerschaftliche Initiativen sowie Organisationen in zahlreichen Ländern sehen die Zukunft der menschlichen Lebens bedingungen gerade durch die Fixierung auf Wachstum und kurzfris tige Gewinnmaximierung sowie die daraus erwachsenden Probleme bedroht. Dazu zählen der Raubbau und Verschleiß bei nicht erneuer baren Ressourcen, die Verödung sowie Qualitätsminderung der erneu erbaren Ressourcen Land, Weiden, Wälder sowie Inhalts und Sinnlo sigkeit menschlicher Lebensführung. Auf einem begrenzten Planeten ist angesichts anhebender Überbevölkerung kein grenzenloses Wachs tum möglich; sie plädieren deshalb für eine Neuorientierung der indivi duellen Lebensführung und gleichermaßen der Gesellschaft sowie der Wirtschaft. Neuorientierung ist notwendig geworden, weil die aktuelle konsumorientierte, geld und materialmäßig aufwendige Lebensweise mangels Ressourcen in den reichen Ländern nicht mehr lange aufrecht erhalten und in den armen Ländern nie erreicht werden kann. Neuori entierung zielt auf die dauerhafte Versorgung der gesamten Weltbevöl kerung und damit auf die Erhaltung und Pflege der erneuerbaren und der nicht erneuerbaren Ressourcen: Nachhaltigkeit in allen Lebensbe reichen. Gegenüber diesem in sich stimmigen Konzept für die Gestaltung der Zukunft verweisen die Wachstumsfetischisten zur Problemlösung auf die allgemeinen Mechanismen der Technologie und des Marktes. Die 236 wIe kann zukunft gelIngen? se Mechanismen haben jedoch das aktuelle Dilemma miterzeugt, weil inhaltliche Ziele und damit ethische und politische Gesichtspunkte ge genüber individuellen und kollektiven Gewinnmaximierungsmotiven in den Hintergrund gedrängt wurden, abhängige Variable wurden. Die ser Verweis auf Technologie und Markt kann als partieller Politikver zicht in zentralen Feldern der Lebenswirklichkeit verstanden werden. Letztendlich fehlt ein schlüssiges Konzept für die dauerhafte Versor gung der Weltbevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern. Die welt weit verbreiteten Liberalisierungsbemühungen verstärken den ohnehin dominierenden individuellen und kollektiven Egoismus weiter zulasten solidarischen Verhaltens; sie münden, was den bevorstehenden Kampf um die Ressourcen anbelangt, ein in die Durchsetzung des bzw. der Stärkeren, d. h. eine bittere Niederlage der Menschenrechtsbewegungen bzw. einen Rückschritt in der so notwendigen Entwicklung von Solida rität. Seit der 1972er Veröffentlichung zu den Grenzen des Wachstums hat sich eine umfassende, differenzierte und zugleich überzeugende Litera tur entwickelt, warum dieser epochale Paradigmenwandel zur Nachhal tigkeit notwendig ist und wie er erreicht werden kann. Ob es tatsächlich und rechtzeitig die von Randers geforderte Nachhaltigkeitsrevolution geben wird? Die Machtunterschiede und ebenso die Differenzen in den Vorstellungs welten der beiden Konfliktgruppierungen könnten größer kaum sein. Dennoch bestehen gewisse symbiotische Kontakte zwischen den Blö cken. Die zivilgesellschaftlichen Nachhaltigkeitsakteure finanzieren in Deutschland trotz erheblicher ehrenamtlicher Arbeit teilweise Kosten ihrer Arbeit aus öffentlichen Zuwendungen; sie beteiligen sich auf un terschiedlichen Ebenen an der politischen Willensbildung und setzen auch so manche Maßnahme durch; sie leisten also mit ihrem Wissen und ihrem Engagement aktive und reale Beiträge zum Umweltschutz – und entlasten damit die öffentlichen Institutionen von eigenen Auf wendungen und von bürgerschaftlicher Kritik. An der grundsätzlichen Haltung der öffentlichen Institutionen ändert dies bisher wenig: Nach haltigkeit ist im Detail erwünscht, jedoch nicht als Organisationsprin zip der Gesellschaft. Bis auf weiteres ist nicht damit zu rechnen, dass die Nachhaltigkeitsvertreter als David sich gegen den Goliath der Wirt schafts und Politikeliten sowie der Bevölkerungsmehrheiten durchset 237 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme zen werden. Dennoch ist der Konflikt noch nicht zu Ende; auch wenn er bislang nicht gewaltsam ist, hängt für die Erhaltung der Lebensbe dingungen auf der Erde fast alles vom Ausgang dieses Konfliktes ab. Die Nachhaltigkeitsdebatte ist aus den realen Zukunftsproblemen entstan den. Wirtschaftswachstum oder Nachhaltigkeit: Eine echte Alternative kann diese Frage nur für Menschen, Gruppen, Organisationen und Institu tionen bedeuten, die sich bisher entweder nicht mit den bedrohlichen Folgewirkungen durch die aktuell dominierende Wachstumsorientie rung auseinandergesetzt haben und in mehr oder weniger blindem Fortschrittsglauben verharren. Es ist auch nicht unrealistisch, dass so manche Politiker sich der Problemlage bewusst sind und auf die Durch setzungskraft der entwickelten gegen die armen Länder setzen. Die Reduktion der Wahrnehmung auf die angenehmen Facetten der Gegenwart konnte schon immer zahlreiche Anhänger gewinnen. Wer sich mit den aktuellen Problemen von der lokalen Feinstaubbelastung in den Städten bis zur globalen Kohlendioxidbelastung der Atmosphäre auch nur oberflächlich auseinandersetzt, wird sich zugunsten der eige nen Enkelinnen und Enkel für den sicher überaus beschwerlichen Weg in eine nachhaltige Gesellschaft entscheiden. Aber wie soll das gehen, wenn die Entscheidungsträger aus Wirtschaft und in ihrem Schlepp tau die aus der Politik abblocken? Je früher nach den Anfangserfolgen mit den erneuerbaren Energien der konsequente Start in die nachhalti ge Gesellschaft erfolgt, desto mehr Zeit besteht für durchdachte Planun gen und Maßnahmen und desto kostengünstiger sind die notwendigen Investitionen, und umgekehrt. Die Vorstellung, dass es unbegrenztes Wachstum gäbe, ist in der Kul turgeschichte seit der Entdeckung von Ackerbau und Viehzucht eine selbstverständliche Erfahrung, die auch die Epoche der Industrialisie rung einschließt und von den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik auch für die Zukunft geglaubt wird. Offenbar ist der Gedanke, dass bisher Selbstverständliches wie das Wachstum auf einmal zu ei nem Problem werden könnte, weil die Erde als Territorium und mit ih ren Ressourcen begrenzt ist, für die Entscheidungsträger und die große Masse der Weltbevölkerung, die von diesen Ressourcen überwiegend nur geringfügig profitiert hat, unvorstellbar. Neu ist also zweierlei: ei 238 wIe kann zukunft gelIngen? nerseits geht es darum, sich überhaupt mit den sich auftuenden Ent wicklungsgrenzen abzufinden. Andererseits entsteht mit dieser Be grenzung die völlig neue Herausforderung, das eigene Verhalten daran auszurichten, dass auch spätere Generationen noch ausreichende Res sourcen für ihre Lebensführung vorfinden. Ist das eine Überforderung? Darüber machen sich bereits viele Forscher, Religionen, zivilgesell schaftliche Organisationen, Abteilungen der UNO, der WWF, einzelne Personen konstruktive Gedanken; sie bilden jedoch eine ziemlich ein flusslose Minderheit in den wirtschaftlichen und politischen Entschei dungskontexten. Ich komme noch einmal auf die in der Einleitung angesprochene Unter suchungsreihe zu den Grenzen des Wachstums zurück. Unter der Lei tung von Dennis Meadows untersuchte ein Team von 16 Mitarbeiterin nen und Mitarbeitern „mithilfe der Theorie zur Systemdynamik und Computermodellen die langfristigen Ursachen und Konsequenzen des Wachstums der Weltbevölkerung und der materiellen Seite der Wirt schaft“ (Meadows u. a. 1972). Die Untersuchung ergab, dass sehr wahr scheinlich Zusammenbrüche erfolgen würden, wenn korrigierende Abhilfemaßnahmen ausblieben, die sich, über bloß verzögernde tech nologische Maßnahmen bei ansonsten gleichen Zielen und Verhaltens weisen hinaus, an dem für die natürlichen Systeme tragbaren Niveau orientieren müssen: Nachhaltigkeit. Die folgenden Untersuchungen von 1992, 2006 und 2012 untermauerten und präzisierten in den zen tralen Punkten die Folgerungen von 1972. Neu war das Ergebnis, dass die Menschheit 1992 die Kapazitätsgrenzen der Erde bereits überschrit ten hatte, sie weiter zunehmend überschreitet und „dass sich die Wege in die Zukunft verengt haben“ (2006, S.  13), weil seit 1972 nur weni ge Anstrengungen in Richtung Nachhaltigkeit unternommen wurden. Der Wachstumsideologie und den von da drohenden Zusammenbrü chen setzen die Autoren als Leitbild von individueller Lebensführung, Wirtschaft und Gesellschaft Nachhaltigkeit entgegen. Über die Definition von Nachhaltigkeit gibt es, wie so oft in der Wissen schaft, keine Einigkeit. Von einer Diskussion der Definitionsvorschlä ge sehe ich ab und fokussiere den Umgang mit Ressourcen als Kern des Umweltproblems, denn die aktuelle Auseinandersetzung kreist um die Frage, wie mit den Ressourcen umzugehen ist. Um eine Vorstellung von dem zu vermitteln, was mit Nachhaltigkeit: mit dem nachhaltigen 239 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Umgang mit Ressourcen gemeint ist, zitiere ich die Beschreibung von Herman Daly in der Übersetzung von Andreas Held (Daly in Meadows 2016 [2006], S. 54): • „Bei erneuerbaren Ressourcen – wie Böden, Wasser, Wälder, Fischbe stände – darf die Nutzungsrate, wenn sie nachhaltig sein soll, nicht größer sein als die Regenerationsrate der Quelle. (So ist Fischfang nicht nachhaltig, wenn mehr Fische gefangen werden, als nach wachsen können.) • Bei nicht erneuerbaren Ressourcen – wie fossilen Brennstoffen, hochwertigen Mineralerzen, fossilem Grundwasser – darf die Nut zungsrate die Nutzungsrate nachhaltig genutzter erneuerbarer Res sourcen nicht überschreiten, die die nicht erneuerbaren Ressourcen ersetzen soll. (So würde ein Ölvorkommen beispielsweise nachhal tig genutzt, wenn Teile des Ertrags daraus systematisch in Wind parks, Photovoltaikanlagen und Aufforstungen investiert würden, sodass nach Erschöpfung der Ölvorräte ein gleichwertiger Strom erneuerbarer Energie vorhanden wäre.) • Bei einem Schadstoff darf die Emissionsrate nicht höher sein als die Rate, mit der er in einer Senke abgebaut, absorbiert oder unschäd lich gemacht werden kann. (Beispielsweise dürfen nährstoffreiche Abwässer in einen Fluss, einen See oder das Grundwasser nur in Mengen eingeleitet werden, die von Bakterien und anderen Orga nismen noch absorbiert werden können, ohne dass durch Überdün gung das aquatische Ökosystem destabilisiert wird und „kippt“.)“ Der Bestand von erneuerbaren Ressourcen darf also nicht zurückgehen, der Schadstoffpegel darf nicht ansteigen, der Bestand einer nicht erneu erbaren Ressource darf nicht verringert werden, ohne dass Aussicht auf Ersatz durch eine erneuerbare Ressource besteht. Daly beschreibt also, welche Kriterien für den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen einzu halten sind. Das ist offensichtlich unbestritten. Die Meinungsverschie denheiten und die Schwierigkeiten setzen bei der Frage ein, wie man diese Kriterien denn auch in funktionierende gesellschaftliche Struk turen und bei den Menschen in alltägliches Verhalten umsetzen kann. Meadows u. a. gehen anhand von breit recherchierten Daten davon aus, dass diese Kriterien Dalys für Nachhaltigkeit global gesehen zuneh mend nicht eingehalten werden. Anders ausgedrückt: Der Ressourcen 240 wIe kann zukunft gelIngen? verbrauch des Menschen – eine unter dem Begriff „ökologischer Fuß abdruck des Menschen“ entwickelte ziemlich komplizierte Messgröße (Wackernagel u. a. 2002) – übersteigt immer mehr die Ver und Entsor gungskapazität der Erde und macht damit „grundlegende Veränderun gen unvermeidlich“ (Meadows u. a. 2016 [2006] S.  51 131). Es werden also unter dem Gesichtspunkt dauerhafter Versorgung der Weltbevöl kerung erstens zu viele nicht erneuerbare Ressourcen verbraucht und erneuerbare heruntergewirtschaftet sowie dies zweitens mit Leben be drohenden Wirkungen. Unumgänglich ist demnach eine andere, d. h. eine nachhaltige Ressourcennutzung, die auch für die kommenden Ge nerationen ein auskömmliches Leben ermöglicht. Die Autoren gehen von einem breiten Spektrum an Interventionsmöglichkeiten aus; sie be tonen wegen der fortschreitenden Probleme allerdings immer wieder die Notwendigkeit schneller Reaktionen; sie sehen es als großes Pro blem, dass die Staaten als Akteure mit ihren zuständigen Institutio nen zweimal viel Zeit verstreichen lassen, einmal bis sie die Problem lage erfassen und zum zweiten Mal bis sie angemessene Maßnahmen durchführen. Eine Lösung der sich exponentiell entwickelnden Prob leme im Rahmen von an Wachstum orientierten Staaten mittels Markt und Technologie als quasi automatisch regelnden Instrumenten schlie ßen die Autoren aus. Selbstverständlich bleiben Technologien zentra le Instrumente, die jedoch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit für spezifizierte Ziele geplant, entwickelt und eingesetzt werden müs sen. Die Technologie rückt also von einer übergeordneten quasi auto nomen Steuerungsfunktion in eine dienende: Ihr müssen grundlegende Richtungsentscheidungen für nachhaltige Gesellschaften vorausgehen. Dennoch ist damit zu rechnen, dass der Paradigmenwechsel von der Wachstums zur Nachhaltigkeitsorientierung durch Bahn brechende technologische Neuerungen immer wieder, z. B. die Energieversorgung durch erneuerbare Energien und andere Innovationen verzögert und dadurch unter Zeitdruck immer schwieriger wird. Meadows u. a. haben die Grenzen des Wachstums als globales Problem untersucht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich der Überhang des Ressourcenverbrauchs über die Ver und Entsorgungskapazität in den Regionen der Erde schon bisher unterschiedlich entwickelt hat und dass diese Nachhaltigkeitslücken wahrscheinlich auch in Zukunft sowohl unterschiedliche Verläufe als auch je eigene Profile haben wer 241 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme den, jeweils abhängig von den regionalen Bedingungen und dem Ein satz von Abhilfemaßnahmen. Insofern liegt es, abgesehen von globalen Umweltproblemen (Klima, Weltmeere) auch weitgehend in der Verant wortung der einzelnen Staaten, wie viel Weitsicht und Energie sie in ihre zukünftigen, regionalen Lebensbedingungen zu investieren in der Lage sind. Die gegenwärtige Situation vieler Staaten lässt allerdings be fürchten, dass Kapitalmangel und die fehlende Funktionsfähigkeit ih rer Regierungen einerseits und mangelndes technologisches Wissen andererseits die Wahrscheinlichkeit unzureichender eigener Nachhal tigkeitsbemühungen erhöht und Unterstützung von außen unumgäng lich macht. Falls sich die aktuellen internationalen Strukturtendenzen, d. h. die Ausbeutung der armen durch die reichen Staaten wie gewohnt fortsetzen sollten, werden Zusammenbrüche zuerst besonders die ar men Länder treffen. Neben den Untersuchungen von Meadows, Randers, Wackernagel, Daly und Kollegen, Bossel, WWF u. a. erforschen seit 1972 zahlreiche Forschungsinstitute, wie Nachhaltigkeit schrittweise in lebbare Struk turen und Verhaltensmuster umgesetzt werden kann. Die geforderten Veränderungen decken insgesamt ein breites Spektrum an nachvoll ziehbaren Maßnahmen ab, unter denen viele auch unmittelbar umsetz bar erscheinen, sofern sich, sei es auf der Ebene aller Staaten oder sei es innerhalb der einzelnen Gesellschaften, die Einsicht über ihre Not wendigkeit durchsetzen kann. Auf diesen Teil der Maßnahmen (WWF 2014; Randers/Maxton 2016) wird hier nicht weiter eingegangen. Nach vollziehbare, d. h. plausible Maßnahmen sind aber nicht zwangsläufig auch umstandslos durchführbare Maßnahmen. Während im Kontext nachhaltiger Ressourcennutzung nach meiner Kenntnis die benötigten und mindestens teilweise neu zu entwickelnden Technologien keine un überwindliche Hürde darstellen werden, erfordert die Umsetzung der geforderten personenbezogenen, sozialen und gesellschaftlichen Ver änderungen zusätzlich zu den Nachhaltigkeitsfachleuten auch verant wortungsbewusste Politiker und einsichtige Bürger: Ihnen werden Fä higkeiten und Eigenschaften abverlangt, die bisher gerade einmal bei kleinen Minderheiten festgestellt werden, immerhin. Auf den ersten Blick lassen die harmlos und selbstverständlich daher kommenden Verhaltensvorgaben von Daly nicht erkennen, welche enormen Umwälzungen in Wirtschaft, Gesellschaft und der alltägli 242 wIe kann zukunft gelIngen? chen Lebensführung der Individuen aus ihrer Veralltäglichung erwach sen würden. Es ist keine Übertreibung, wenn Meadows u. a. nach der landwirtschaftlichen und später der industriellen Revolution nun den Übergang zur Nachhaltigkeit als die dritte bevorstehende Revolution bezeichnen. Falls diese Revolution denn gelingen sollte, übertrifft sie die vorausgehenden bei weitem. Während bereits die landwirtschaftli che und die industrielle Revolution durch folgenreiche Entdeckungen und auch völlig unerwartete soziale Herausforderungen sowie Entwick lungen geprägt waren, fordert die Nachhaltigkeitsrevolution von Men schen und Gesellschaften Veränderungen ein, die sich von den in ihnen durch die Evolution angelegten Mustern, nämlich dem individuellen und kollektiven Egoismus grundsätzlich unterscheiden. Für diese personenbezogenen, sozialen und gesellschaftlichen Verände rungen werden wie selbstverständlich sehr grundsätzliche Veränderun gen für unumgänglich gehalten: • Die Gesellschaft soll sich von durch Konkurrenz bestimmten Wachstumszielen zu von Kooperation bestimmten Entwicklungs zielen und • von sozialer Ungerechtigkeit zu sozial gerechter Verteilung entwi ckeln (z. B. bezogen auf Armut und Arbeitsplätze). • Die Individuen sollen sich von materiellen Konsumbedürfnissen zu inneren Werten und • von Konkurrenz und Egoismus zu partnerschaftlichem Verhalten verändern. Was da eingefordert wird, ist nicht weniger als ein Alternativprogramm zu den Entwicklungsgesetzen der Evolution und konkret eine indivi duelle sowie strukturelle Hinwendung zu einer Solidarität, die alle bis her erbrachten Solidaritätsleistungen bei weitem in den Schatten stellt. Wenn diese umfassende Neuorientierung gelingen sollte, dann würde sie eine völlig neue Qualität in die Menschheitsentwicklung bringen. Auf den einzelnen Menschen und seine soziale Einbindung bezogen hatten Judentum, Christentum und Buddhismus bereits teilweise vor ca. 2500 Jahren mit dem Gebot der Nächstenliebe bzw. dem, was Mitge fühl nach dem Verständnis des Dalai Lama bedeutet, ein ähnliches Kon trastprogramm zu den Entwicklungsgesetzen der Evolution angemahnt, 243 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme mit einem gewissen Erfolg. Ohne diese Traditionsgeschichte wären z. B. die Menschenrechte in der Charta der Vereinten Nationen kaum entstanden. Der zwischenzeitliche Geschichtsverlauf macht aber auch deutlich, dass die Menschen mit dieser Vorgabe bis heute mehrheitlich überfordert waren und immer noch sind. Die gegenwärtige, weltwei te Staatenwelt zeigt zu diesen Gegensätzen keine eindeutig nur in eine Richtung weisenden Belege, zumal sie durchaus wesentliche kulturel le Unterschiede aufweist. Einerseits ist die Dominanz von Wachstums zielen, sozialer Ungerechtigkeit, materiellen Konsumbedürfnissen und Egoismus trotz unterschiedlicher Ausprägungen und Abstufungen un verkennbar, ebenso damit assoziierte Phänomene wie Konflikte auf al len Ebenen, Betrügereien und Übervorteilen in zwischenmenschlichen und zwischenorganisatorischen Kontexten. Aber trotz Konflikten und egoistischer Berechnung gibt es auch bei diesem Orientierungsmuster Kooperation und zwischenmenschliches Vertrauen. Andererseits gibt es quer durch zahlreiche Gesellschaften die Menschen, bei denen inne re Werte und partnerschaftlich altruistische Ausrichtung das zwischen menschliche Verhalten überwiegend prägen und dadurch Gesellschaft erst möglich machen. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass die Ide altypen des Egoisten und des Altruisten real eher selten vorkommende Extreme darstellen und normalerweise beide Verhaltensdispositionen in jeweils unterschiedlichen Mischungen die Personen prägen. Dabei hat es der partnerschaftlich altruistische Verhaltensmodus besonders schwer, das vorherrschende Verhaltensmuster zu werden, weil hier der eherne Erfahrungssatz der Evolution zum Tragen kommt: „In Koloni en aus tatsächlich kooperierenden Individuen (…) belohnt die Selek tion unter genetisch unterschiedlichen Einzelmitgliedern egoistisches Verhalten. Im menschlichen Gruppenvergleich dagegen belohnt die Se lektion normalerweise Altruismus zwischen den Koloniemitgliedern“ (Wilson 2014, S. 197). Es ist also davon auszugehen, dass egoistisches Verhalten, positiv aus gedrückt Durchsetzungsvermögen, häufig bei Menschen in Entschei dungspositionen zu finden ist und dort ja auch gebraucht wird, um bei der Regeldurchsetzung wirksam zu sein. Durchsetzung der eigenen Person gegenüber anderen Menschen ist aber durchaus häufig mit po sitiven inhaltlichen Zielen verbunden und zugunsten von Akzeptanz auch darauf angewiesen. Andererseits ist es für die Verbreitung von al truistischem Verhalten durchaus nachteilig, dass es zwar anderen Men 244 wIe kann zukunft gelIngen? schen und dem Gemeinwesen nützt, aber mangels Durchsetzungsver mögen auch weniger erfolgreich ist und weniger belohnt wird. Dieser zunächst bestehende Wettbewerbsnachteil des altruistischen Verhal tens in der Ausgangssituation kann in der an Nachhaltigkeit orien tierten Neuorganisation von Wirtschaft und Gesellschaft nur behoben werden, wenn altruistisches Verhalten als typisches Verhaltensmuster gewollt wird, weil es überlebensnotwendig ist und deshalb seinen Sinn in sich selbst trägt; wenn es überdies belohnt wird, trägt dies weiter zu seiner Verbreitung bei. Denn solidarisches Verhalten wird als wesentli ches Element in nachhaltigen Gesellschaften gesehen. Letztlich geht es um angemessene Mischungsverhältnisse beider Komponenten in den Menschen und den sozialen Strukturen und um eine Balance von Ego ismus und Altruismus im gesellschaftlichen Wertekanon, wobei letzte rer einen deutlich höheren Stellenwert erhalten muss als dies gegenwär tig der Fall ist. Eine derartige Entwicklung wäre, falls sie denn gelänge, als der notwendige qualitative Sprung in der Evolution einzuschätzen, der in Verbindung mit entsprechenden gesellschaftlichen Strukturver änderungen Nachhaltigkeit ermöglichen könnte. 7 2 6 Die Beharrlichkeit der Bevölkerung als Problem für den Paradigmenwechsel In den vorausgegangenen Abschnitten war immer wieder von den Ent scheidungsträgern der Wirtschaft und in ihrem Schlepptau von den Politikern als Bannerträger des Wirtschaftswachstums die Rede. Man muss jedoch davon ausgehen, dass die Bevölkerungen zu großen Tei len aus diesem Wirtschaftswachstum für ihre Lebensführung erhebli che Vorteile bezogen. Werden diese „Besitzstände“ durch die von der Nachhaltigkeitsallianz eingeforderte Solidarität merklich eingeschränkt, der Konsum und die diversen Freizügigkeiten reduziert, so ist mit er heblichen, auch gewaltsamen Widerständen zu rechnen. Die meisten Menschen fokussieren die Gegenwart und die nähere Zukunft, wie zahlreiche sprichwörtliche Weisheiten und die alltäglichen politischen Auseinandersetzungen zwischen Politikern, Interessenverbänden, Wis senschaft, Religionen, Bürgerinitiativen usw. zeigen. Auch eher rela tiv kleine, durchaus zukunftsorientierte Veränderungen wie die Erhö hung des Rentenalters führen zu erbitterten Widerständen. Weiter in die Zukunft reichende Ziele wie die dauerhafte Sicherung der Versor 245 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme gung der Weltbevölkerung werden in den breiten Bevölkerungskreisen kaum, eher von einer Minderheit wahrgenommen: bei Wissenschaft lern, intellektuellen Eliten und denjenigen Personenkreisen, die bereits mit Umweltproblemen welcher Art auch immer direkt konfrontiert sind. Menschen reagieren primär auf unmittelbare eigene Betroffenheit und Erfahrungen. Ereignisse in weiter Entfernung gehören selten bzw. nur kurzfristig dazu. Erschwerend kommt dazu, dass eine sensorische Wahrnehmung bei Umweltbelastungen z. B. durch Feinstaub und Ra dioaktivität auch bei direkter Exposition nicht möglich ist. Es ist auch nicht zu übersehen, dass einige Milliarden Menschen voll und ganz da mit ausgelastet sind, überhaupt zu überleben. Ohne diese offensichtlich erwartbaren Widerstände hier weiter zu dif ferenzieren, bleibt festzuhalten, dass die Durchsetzung einer Politik, die vorausschauend die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts und die gesamte Weltbevölkerung in den Mittelpunkt rückt und dafür markante Einbu ßen und Veränderungen einfordert, auf erbitterte, gewaltsame Wider stände treffen wird. Es ist zweifelhaft, ob demokratische Systeme diese Aufgabe erfolgreich schultern können, ob es ohne rigorose diktatori sche Zwangsmaßnahmen gehen wird und ob sich diese gegebenenfalls behaupten können. 7 2 7 Die Multi-Level-Selektion: Erklärungsansatz und Zukunftsperspektive? Eine plausible Erklärung des Dilemmas und gleichzeitig auch ei nen Hoffnungsschimmer für eine Problemlösung bietet die von Wil son formulierte Multi Level Theorie, von der bereits die Rede war (vgl. 2.4.1). Danach gibt es nur in der menschlichen Evolution zwei Selektionsmuster: Das individuelle Selektionsmuster bewirkt im Wettbewerb einzelner Individuen, dass sich der aus welchen Gründen auch immer Stärkere und Egoistischere durchsetzt und seine Anlagen und Fähig keitspotenziale an seine Nachkommenschaft weitergibt usw. Die Un terlegenen verschwinden dagegen aus dem Lebenskosmos. Das indi viduelle Selektionsmuster begünstigt und belohnt extremen Egoismus, Schläue, Einfühlungsvermögen, Weitsicht, Betrug, List, soziale und ko gnitive Intelligenz, strategisches Denken u. a., kurz: alle Fähigkeiten, die die Durchsetzung gegen Mitbewerber ermöglichen. Da sich Menschen 246 wIe kann zukunft gelIngen? zwecks des eigenen Überlebens schon sehr früh in Gruppen zusam mengefunden haben, entwickelte sich in der Evolution des Menschen auch die Konkurrenz zwischen Gruppen und in den Gruppen das, was wir Kultur nennen: gemeinsame Werte und Regeln des Mit und Ge geneinander: Moral. Gruppen – und damit auch ihre einzelnen Mitglie der – waren in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen dann er folgreich, wenn die einzelnen Mitglieder ihr Verhalten dem Wohl der eigenen Gruppe unterordneten und dadurch „altruistische“ Verhaltens muster entwickelten und schließlich auch vererbten. Folgt man Wil son, so haben sich im Lauf der menschlichen Entwicklung die altru istischen Verhaltensmuster und mit ihnen die Kulturen immer weiter ausgeprägt und verstärkt, ohne dass das Nebeneinander von individuel ler und Gruppenselektion verschwunden wäre. Tatsächlich findet man in der weltweiten Gemengelage die Elemente wieder, von denen die Multi Level Theorie handelt. Einerseits findet man reichlich die ehrgeizigen Einzelkämpfer, die vor allem an sich und die eigene vorteilhafte Entwicklung denken und sie teilweise zum Vor teil und teilweise und zum Nachteil anderer durchsetzen, durchaus mit besonderen Fähigkeiten, aber auch mit regelwidrigen Methoden und starkem Ellenbogeneinsatz. Mit anderen Worten: Viele Egomanen nüt zen mit ihrem Ehrgeiz, mit guten Ideen und mit ihrer Energie als Ent wicklungsmotoren häufig dem Allgemeinwohl. Es gibt aber eben auch die unbelehrbaren Narzissten, die vor allem Schaden anrichten. Weil der individuelle Wettstreit mit anderen Einzelpersonen nur begrenz te Erfolge ermöglicht, nutzen und instrumentalisieren viele Menschen Gruppen, auch Organisationen so lange für ihre Zwecke, wie sie ihnen nutzen. Der individuelle Erfolg ist also mehr denn je an Gruppen, Ver bände, Organisationen usw. gebunden. Der Erfolg in und mit der Grup pe führt häufig zu Konflikten mit anderen Gruppen, die den gleichen oder auch einen ähnlichen, aber konkurrierenden Weg gehen wollen und sich von anderen beeinträchtigt, gestört oder auch angegriffen füh len. Andererseits zeigt die weltweite Gemengelage wie eh und je das politisch, wirtschaftlich, religiös oder auch gemischt motivierte Macht gerangel zwischen Großgruppen bzw. Staaten. In diesem Kontext voll zieht sich teils die Konformität mit den Regeln aus Überzeugung, teils die Disziplinierung der jeweiligen Gesellschaftsmitglieder zum Wohle des Ganzen durch ideologischen Loyalitätszwang, durch Arbeitsdiszip lin und Unterordnung oder sogar durch freiwilligen Einsatz des Lebens 247 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme oder andere Formen eines jeweils erwünschten Altruismus. Dabei kann die Bereitschaft zu altruistischem Verhalten nicht mehr allein aus ge sellschaftlichem Druck zugunsten des Überlebens der Gesellschaft ab geleitet werden. Bei großen Teilen der Gesellschaft ist altruistisches Ver halten, so die alltägliche Erfahrung, zu einer eigenständigen, die Person prägenden, vererbbaren Verhaltensdisposition geworden. Viele Per sonen können gar nicht anders als sich altruistisch zu verhalten. Bei de Verhaltensdispositionen: Egoismus und Altruismus, oft in einer ge wissen Verquickung, charakterisieren menschliches Verhalten und sind beide notwendige, Leben erhaltende Antriebe. Die daraus erwachsen den Konflikte auf unterschiedlichen Ebenen sind deshalb normale Er scheinungen. Was also macht die weltweiten politischen, wirtschaftli chen und religiösen Konflikte der Gegenwart zu etwas Besonderem, zu einem gefährlichen Störfaktor? Wo liegen gegenwärtig die Probleme mit etwas eigentlich Normalem: nämlich sozialen Konflikten? Verlierer und Sieger gab es doch immer, bisher. Ich denke, die menschliche Entwicklung hat zu einer ganz und gar neu en Situation geführt, in der es – im Unterschied zu vergangenen Zeit altern – bei einer Fortsetzung des nationalstaatlichen und religiösen Dauergezänks nicht mehr Sieger und Verlierer, sondern nur Verlierer geben könnte, weil die Bewältigung der für alle vordringlichen Über lebensaufgaben – Klima, Meere, Biosphäre, friedliche Konfliktbewälti gung – zu wenig Beachtung erfährt. Es gibt gegenwärtig mehrere von uns Menschen zu verantwortende realistische Szenarien, die schon in absehbaren Zeiträumen nicht nur einzelne Staaten, sondern große Teile der Menschheit oder – im Extrem – die Art Mensch bedrohen: • Das erste hier nur zu nennende Szenarium besteht in den Selbstver nichtungsarsenalen. Mehrere Staaten haben zur Selbstbehauptung in den kriegerischen Auseinandersetzungen höchst effiziente Waf fenarsenale geschaffen, mithilfe derer sie große Teile der Weltbevöl kerung oder sogar die Art Mensch auslöschen könnten (Biologische und chemische Giftarsenale, Atombomben, Wasserstoffbomben & Co.). Die Fähigkeit, sich als Art selbst mit eigener Technologie aus löschen zu können, hat der Mensch als erste Art hervorgebracht. Mehrere Staaten verfügen über solche Mordarsenale. Ihr Erstein satz und folgende Eskalationsprozesse könnten wahrscheinlicher aus Zufällen als aus bewussten Entscheidungen resultieren, da sich 248 wIe kann zukunft gelIngen? die Repräsentanten der Welt und Großmächte zunehmend der Ri siken durch globale Kriege bewusst zu werden scheinen. • Die bereits angesprochenen hausgemachten globalen und regio nal begrenzten Umweltschäden/Umweltzerstörungen, unter ihnen die Klimaerwärmung, könnten große Teile der Weltbevölkerung in neue, d. h. neben den bereits bestehenden zusätzliche lebensbe drohliche Situationen versetzen, und diverse katastrophale Ketten reaktionen auslösen. Auch diese Fähigkeit, globale Naturprozesse selbst zu beeinflussen, haben Menschen als erste entwickelt. Um fassende Gegenmaßnahmen sind zwar angedacht und beschlossen, aber noch keineswegs vollzogen. Beunruhigend sind auch Beob achtungen, dass die Klimaerwärmung z. B. in den beiden überaus bedeutsamen Polregionen deutlich schneller erfolgt und weiter er folgen könnte als bisher angenommen wurde, d. h. dass einige Kip pelemente2 ihren unaufhaltsamen Weg schon bald und irreversibel beginnen könnten. • Ein drittes hausgemachtes Problembündel ist in der bereits be schriebenen, dramatischen Reduzierung der Biosphäre generell und hier besonders der Biodiversität zu sehen. In mehr oder we niger 12.000 Jahren und mit erheblicher Beschleunigung in den letzten drei Jahrhunderten wurden zahlreiche Arten durch Verän derung oder Vernichtung ihrer Lebensräume zu bedrohten Arten gemacht oder zum Aussterben verurteilt und damit die Lebensbe dingungen nachhaltig geschädigt. Angesichts dieser hausgemachten Bedrohungen führen die traditionel len Konfliktformen um Macht oder Vorherrschaft, seien sie wirtschaft lich, politisch oder religiös motiviert, nicht weiter; sie behindern bzw. blockieren konstruktive Maßnahmenpakete. Man kann nicht mehr auf „Markt“ und „Technologie“ als quasiautomatische Regulatoren vertrau 2 „Als Kippelement (englisch: Tipping Element) wird in der Erdsystemforschung ein überregionaler Bestandteil des globalen Klimasystems bezeichnet, der be reits durch geringe äußere Einflüsse in einen neuen Zustand versetzt werden kann, wenn er einen sogenannten Kipp Punkt (Tipping Point) erreicht hat. Diese Änderungen können sich abrupt vollziehen und zum Teil unumkehr bar sein“. (https://de.wikipedia.org/Kippelemente_im_Erdsystem, abgerufen am 18.08.2016). Joachim Schellnhuber, Gründer und Leiter des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, hat das Konzept der Kippelemente um 2000 in die Forschungsgemeinschaft eingebracht. Literarturangaben im Internetartikel. 249 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme en. Im Unterschied zu vergangenen Zeiten ist mit den globalen Bedro hungen die Notwendigkeit zu mittel und langfristigen Zielsetzungen und Programmen verbunden, die mehr oder weniger alle Staaten die ser Erde trotz aller sonstigen Unterschiede zusammen entwickeln und durchsetzen, um das Menschen Mögliche für zukünftiges menschliches Leben zu tun. In den Denkkategorien der Multi Level Theorie heißt das, dass sich die Staaten der Erde, wie in den Vereinten Nationen an gedacht, als Weltgemeinschaft bzw. als Weltzweckverband verstehen, die bzw. der zur Bewältigung der skizzierten Bedrohungen passende Lö sungen sucht und dafür bei ihren jeweiligen Gesellschaften und deren Bevölkerungen entsprechende zielführende „altruistische“ Verhaltens weisen durchsetzt. Dieses altruistische Verhalten beinhaltet konkret deutliche Einschränkungen in Konsum und Freizeitgewohnheiten so wie Teilen mit anderen, d. h. erhebliche Umverteilungen. Das Ziel, für das „altruistische“ Verhaltensweisen in den einzelnen Staaten mobili siert und eingefordert werden müssen, besteht in der dauerhaften Er haltung der Lebensbedingungen. Falls dies gelingen sollte, korrigieren wir also selbst unser früheres Verhalten, weil dies überlebensnotwendig ist. Dies wäre ein qualitativer Sprung in der menschlichen Entwicklung. Im Potenzial zur Kulturentwicklung, das die Evolution dem Menschen zusätzlich auf seinem Weg mitgegeben hat, sind zwei Komponenten zur Bewältigung der anstehenden Probleme enthalten. Einerseits handelt es um die Fähigkeit, das erforderliche Wissen für erforderliche Maß nahmenpakete zu produzieren. Andererseits verfügt der Mensch über begrenzte Kapazitäten, seine eigene Entwicklung in den Gesellschaften durch selbst bestimmte Zielsetzungen und geeignete Regelsysteme zu steuern. In beiden Fähigkeitsbündeln und dem solidarischen Verhalten liegt der Hoffnungsschimmer zur Problemlösung. Damit aus dem Hoff nungsschimmer Wirklichkeit werden kann, muss das globale Überle bensinteresse weltweit als gemeinsames Ziel Priorität gewinnen, so dass die bestehenden und kaum vermeidbaren Konflikte kontrolliert werden können. Bleibt es nun bei dem bekannten Gezänk zwischen Wirtschaftskon zernen, zwischen Staaten, zwischen Religionen usw. oder können sich weltweit, Staaten übergreifend, ein gemeinsames Verantwortungsgefühl und deshalb gemeinsame Aktionen zugunsten der Lebensbedingungen aller entwickeln? Werden sich also die „altruistischen“ Verhaltensmus ter noch rechtzeitig soweit entwickeln, dass sie nicht nur innerhalb der 250 wIe kann zukunft gelIngen? eigenen Gruppe/Gesellschaft, sondern auch Gesellschaften übergrei fend wirksam werden können? 7 2 8 Zwischenfazit Ziehen wir ein kurzes Zwischenfazit: Ohne wirksame und grundsätz liche Neuorientierung reichen weder die nicht erneuerbaren noch die erneuerbaren Ressourcen für künftige Generationen. Zudem nehmen die Kosten zur Bewältigung der Umweltbelastungen wegen der quälend langsam eingeleiteten Maßnahmenpakete bei immer enger werdendem Zeitfenster fortlaufend zu und werden statt Wachstum Rückgang der Wirtschaftsleistung und des individuellen Konsums – möglicherweise allerdings zu spät – erzwingen. • Seit mehr als zwanzig Jahren überschreitet global der Ressourcen verbrauch primär der reichen Länder mit steigender Tendenz die Ver und Entsorgungskapazität der Erde bei weiterhin anhalten dem Bevölkerungswachstum. Problembewältigung auf Dauer be deutet ausgeglichene Balance zwischen Ressourcenverbrauch und Ver bzw. Entsorgungskapazität der Erde, ohne weiteres Bevölke rungswachstum. • In zentralen Politikfeldern wie Landwirtschaft, Güterproduktion, Freizeit/Konsum, Ressourcenverbrauch u. a. laufen die Entwick lungen gegenwärtig weit überwiegend in Richtungen, die der er forderlichen Nachhaltigkeit entgegenwirken. Problembewältigung braucht in allen Lebensbereichen Orientierung an Nachhaltigkeits kriterien. • Die soziale Ungleichheit/Ungerechtigkeit wächst innerhalb und zwischen Ländern weltweit und baut immer größere Hürden für die Bewältigung der Umweltkrise auf, die ohne ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit und ohne stagnierendes Bevölkerungs wachstum nicht zu erreichen ist. Solidarität besteht bisher real aus Almosen und Hilfeleistungen für die Armen und Not Leidenden. Soziale Gerechtigkeit braucht eine strukturelle Lösung, d. h. eine systematische, sozial gerechte Umverteilung der lebensnotwendi gen Ressourcen. Dann hört auch das Bevölkerungswachstum auf. • Gewaltsame Religionskonflikte behindern gemeinsame Anstren gungen zur Problembewältigung. Ein genereller Religionsfriede 251 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme ist nicht in Sicht, wohl aber in der Form des Pluralismus ein un ter bestimmten Bedingungen funktionierendes Befriedungsmodell. Fundamentalistische Religionsgemeinschaften bleiben voraussicht lich ein bleibendes Problem, zumal der rasche soziale Wandel in Verbindung mit seinen kaum entwirrbaren Facetten und Kontex ten die Sehnsucht nach überschaubaren und Gewissheit bietenden Deutungsformen des Menschseins sehr begünstigt. • Nationalistische Politik nimmt in zahlreichen Staaten zu und be hindert gemeinsame Anstrengungen zur Problemlösung und ist angesichts der globalen Verflechtungen als widersinniger Ana chronismus zu beurteilen; sie ist auf der Grundlage der Evolutions mechanismen allerdings durchaus plausibel. Problembewältigung braucht jedoch die konsequente Einbeziehung der globalen Proble me in die Politik der Staaten. • Die aktuellen globalen Entwicklungen zu unbegrenzter Liberalisie rung – man kann auch von Sozialdarwinismus sprechen – begüns tigen die Verfestigung von individuellen und kollektiven Egoismen, d. h. genau das Gegenteil von den Verhaltensweisen, die von der Nachhaltigkeitsallianz zur Problembewältigung für unumgänglich gehalten werden: Nächstenliebe, Mitgefühl, Solidarität, Teilen, Par tizipation, Umverteilung, wie die unterschiedlichen Wortwahlen für denselben Sachverhalt zeigen. • Dem geradezu beängstigenden und zeitlich dringlichen Verände rungsbedarf weltweit, jedoch primär in den entwickelten Ländern, steht eine geringe Veränderungsbereitschaft der Entscheidungsträ ger und Bevölkerungen der Staaten entgegen, die sich bereits ge gen relativ kleine und kurzfristig politisch für notwendig gehaltene Veränderungen zur Besitzstandswahrung heftig zur Wehr setzen. Woher soll dann die mehrheitliche Einsicht in umwälzende Ver änderungen und individuelle Einschränkungen kommen, die die künftige Versorgung der Menschheit sichern sollen? Ich habe er hebliche Zweifel daran, dass demokratische Systeme diese Verän derungen auf den Weg bringen können. • Die soeben zusammengefassten Problembündel zeigen an, dass die Sicherung der dauerhaften Versorgung der Weltbevölkerung durch die Orientierung an Nachhaltigkeit eine denkbar schwierige gesell schaftliche, wirtschaftliche und politische Aufgabe darstellt, die mit einem enormen Konfliktpotenzial verbunden sein dürfte, weil sich für alle Menschen vieles ändern müsste. Ich kann zwar gut nach 252 wIe kann zukunft gelIngen? vollziehen, dass Politiker, soweit sie die bevorstehenden Aufgaben überhaupt erfassen, vor dieser Mammutaufgabe zurückschrecken. Die in Kauf genommene zeitliche Verzögerung wird allerdings auch die späteren Erfolgsaussichten drastisch reduzieren und die Kosten erhöhen. Wie mit den anstehenden Umwelt und Versorgungskrisen letztend lich umgegangen wird, entscheidet sich vermutlich in erbitterten Aus einandersetzungen. In ihnen wird das Selbstverständnis des Menschen – welches auch immer – eine zentrale Rolle spielen. Setzen sich die indi viduellen und kollektiven Egoismen sowie ihre Leitbilder wie bisher ur wüchsig durch? Oder können die Staaten noch rechtzeitig und ausrei chend die im Menschen auch angelegte Solidarität so weit entwickeln und zur Geltung kommen lassen, dass die gemeinsamen Interessen: die dauerhafte Erhaltung der Lebensbedingungen der Weltbevölkerung er reicht werden? Anders ausgedrückt: Kann die Kultur des Menschen als Steuerungsinstrument der eigenen Entwicklung auf der Grundlage der Solidarität in der Weise gestärkt werden, dass die bevorstehenden Auf gaben gemeistert werden können? Welche Kräfte können für die erfor derliche Solidarität mobilisiert werden? 7 3 Mit gemeinsamen Überzeugungen zu Nachhaltigkeitsallianzen Es zeichnet sich also eine mittel und langfristige Bedrohungslage ab, wenn weiter am System ansetzende Abhilfemaßnahmen in Richtung auf Nachhaltigkeit unterbleiben. Der Weg zu erneuerbaren Energien ist ein guter Anfang, steckt aber weltweit noch in den Kinderschuhen und verzögert im Erfolgsfall wegen seiner entlastenden Wirkungen für die Staaten und die Wirtschaft den Paradigmenwechsel zur Nachhal tigkeit; er dürfte sich günstig auf die globale Temperaturerhöhung aus wirken, aber von politischen Entscheidungsträgern als Stabilisierungs maßnahme zur Fortsetzung des Wirtschaftswachstums gesehen werden. Es ist offen, an welchen Schwachpunkten, wann, wo und mit welcher Heftigkeit die Einbrüche einsetzen und welche Entwicklung sie neh men werden. Diesbezügliche Wenn Dann Spekulationen werden wir hier unterlassen. Es ist den bereits zitierten Untersuchungen folgend allerdings sehr wahrscheinlich, dass solche Einbrüche erfolgen werden, 253 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen wenn nicht energisch Abhilfemaßnahmen getroffen werden. Den Me chanismen der Evolution und dem bisherigen Verlauf der Geschichte folgend dürfte ein erbitterter Kampf um Überleben und Ressourcen die eine wahrscheinliche Variante sein, mit den Katastrophen umzugehen. Unter Bezug auf die in der menschlichen Kultur enthaltenen Steue rungsmöglichkeiten der menschlichen Entwicklung, möchte ich auf die andere noch mögliche Variante: die Vermeidung katastrophen artiger Einbrüche durch eine weltweit mehrheitliche Orientierung an Nachhaltigkeit mit Solidarität eingehen. Dieses Ziel kann durch eine Nachhaltigkeitsallianz erreicht werden, in der sich Personen, Religionen, Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen, wissenschaftliche Einrichtungen und andere gesellschaftliche Kräfte trotz mancher Un terschiede zusammenfinden, um einen Meinungswandel in den Bevöl kerungen der Länder herbeizuführen und letztendlich die politischen Entscheidungsträger zur nachhaltigen Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft zu nötigen. Der weit überwiegende Teil der Bevölke rungen und Politiker hat allem Anschein zurzeit keine Vorstellungen davon, welche tief greifenden Änderungen ihnen in Zukunft abverlangt werden. Die vielgestaltigen regionalen und globalen Facetten der Beziehung der Menschen zu ihren Umwelten bringen es mit sich, dass die konkret er forderlichen Maßnahmen regional sehr differenziert ausfallen werden, aber drei miteinander verbundene Leitziele miteinander umsetzen soll ten: • die Achtung vor dem Leben und • die dauerhafte Sicherung der Versorgungs und Entsorgungskapa zitäten (Nachhaltigkeit) • für die gesamte Weltbevölkerung. Diese drei Leitziele mögen manchem Leser selbstverständlich erschei nen, sie werden allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenn über haupt nur an wenigen Orten auf der Erde wenigstens bruchstückhaft realisiert. Angesichts der weltweit erheblichen Unterschiede hinsicht lich Entwicklung, Kultur, Wohlstand, Macht und anderer Indikatoren wäre es eine außerordentliche Leistung, wenn diese Leitziele auch nur näherungsweise erreicht werden könnten und auch die armen Länder 254 wIe kann zukunft gelIngen? daran teilhaben können. Der Bezug auf die Weltbevölkerung, d. h. auf die Menschenrechte, schließt die einseitige Regelung der Umwelt und Ressourcenprobleme einer kleinen mächtigen und wohlhabenden Min derheit zulasten der armen Bevölkerungsmehrheit aus. Bedauerlicher weise werden die Menschenrechte – ein Ergebnis primär aus der westli chen Traditionsgeschichte – nicht weltweit geteilt und sind deshalb kein wirklich gemeinsamer Bezugspunkt für alle Länder. Generell erschwe ren nur bruchstückhaft gemeinsame ethische Grundlagen und Über zeugungen den Prozess, gemeinsame Ziele und Maßnahmen zu erarbei ten. Die drei Leitziele sind ohne eine gemeinsame ethische Grundlage nicht zu erreichen. In den bisher vorgetragenen Argumentationskontexten wurde immer wieder das Selbstverständnis des Menschen, das sich insbesondere in den Religionen ausdrückt, als zentraler Ausgangs und Bezugspunkt für den Umgang mit der Umwelt hervorgehoben. Trotz aller Unter schiede und Konflikte teilen Nachhaltigkeitsforscher, die in Abschnit ten 6.4 und 6.5. genannten und möglicherweise auch andere Religions gemeinschaften, zivilgesellschaftliche Initiativen und Organisationen, einige Repräsentanten der UNO die oben genannten Ziele und damit den Kern eines Selbstverständnisses, das sich als Grundlage für einzelne koordinierte oder auch gemeinsame Aktionen zu einem späteren Zeit punkt eignet. Bisher kann man bei den genannten Gruppierungen zwar von einer Allianz im geistigen und intellektuellen, noch nicht jedoch im organisatorischen Sinn sprechen. Der Schritt zu einer organisatori schen Verbindung würde den Einfluss und die Durchsetzungsfähigkeit solcher nationalen und internationalen Nachhaltigkeitsallianzen we sentlich verstärken. In den folgenden Abschnitten gehe ich auf einige bereits bestehende Bausteine der wünschenswerten Nachhaltigkeitsalli anzen ein. Zu diesen Bausteinen gehören auch Aktionen und Maßnah menpakete des Umweltprogramms (United Nation Environment Pro gram) der UNO. 7 3 1 Die Weltgemeinschaft: Vom Markt zum Gemeinwesen? Schon seit einigen Jahrzehnten organisieren UNO und NATO – mit be grenztem Erfolg – Einsätze in Krisengebieten zur Befriedung, weil ihre Repräsentanten die weltweiten negativen Ausstrahlungen solcher Kri 255 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen sen fürchten. Nach dieser Einschätzung kann man regionale gewaltsa me Konflikte nicht mehr wie in früheren Zeiten sich selbst überlassen, bis sie vor Ort entschieden sind, und dann mit den neuen/alten Macht habern wieder in Kontakt treten. Denn eine solche Verfahrensweise birgt zu viele Risiken über den Konfliktherd hinaus; sie könnte Initial zündung für einen unerwünschten Flächenbrand sein oder das Geflecht der bereits bestehenden vielfältigen zwischenstaatlichen Wechselbezie hungen beeinträchtigen. So werden offensichtlich die kriegerischen Auseinandersetzungen auf den Territorien von Irak und Syrien von vie len Politikern mittlerweile als großes Bedrohungspotenzial über diese Regionen hinaus verstanden. Diese Befürchtung wird durch die realen und angedrohten Terrorakte auch bestätigt. Auf dieser Wahrnehmungs ebene ist auch die einigermaßen seltsame Koalition (USA, Russland, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Türkei, Iran, Saudi Arabien u. a.), die sich zur Bekämpfung des Islamischen Staats zusammengetan hat, zu verstehen. Die diversen Befriedungsversuche weisen also dar auf hin, dass es ausgeprägte, weltweite Verflechtungen und ein von vie len Staaten geteiltes vitales Interesse daran tatsächlich gibt und dass die se Verflechtungen als ein schützenswertes Gut angesehen werden, auch wenn die dafür eingesetzten Energien bisher überschaubar bleiben. Jedenfalls erkennt ein Teil der politischen Akteure, dass die meisten Staaten in zahlreichen Belangen keine autonomen Entscheidungsträger mehr sind. Auch wenn die Staaten hinsichtlich ihrer Entscheidungs spielräume bzw. Abhängigkeitsverhältnisse gravierende Unterschiede aufweisen, so sind sie doch in wesentlichen Bezügen mit einander ver flochten und in einer Weise voneinander abhängig, dass eine Unter brechung dieser Wechselbeziehungen unangenehme bis katastrophale Auswirkungen für das jeweils eigene Land haben kann. Real bilden die Staaten bereits ein mehr oder weniger enges sozioökonomisches Geflecht mit vielschichtigen, teils wechselseitigen teils einseitigen Abhängigkeiten. Hier von Weltgemeinschaft oder auch Weltkultur zu sprechen, ist wohl doch zu überschwänglich, irreführend und zu hoch gegriffen. Die mit dem Begriff Gemeinschaft verbundenen positiven zwischenmenschli chen Konnotationen tauchen im Mit und Gegeneinander der Gesell schaften und Staaten eher selten auf. Die Staaten haben große Mühe, bereits zu den dringlichen, weil überlebenswichtigen Aufgaben eine ge meinsame Plattform zu finden. Der nüchterne Begriff Weltzweckverband wäre da ehrlicher und, falls er zum Funktionieren kommt, ein 256 wIe kann zukunft gelIngen? kaum überschätzbar hohes Gut. Jedenfalls gibt es vollständig autonome Staaten allenfalls dem Anspruch nach, jedoch nicht mehr in der Funk tionsweise des Weltgeschehens. Viele Staaten haben dies nur noch nicht so klar begriffen, dass ihr Verständnis auch ihr Verhalten bestimmt. Treibende Kräfte für weltweite Beziehungen waren von jeher – also al lemal seit mindestens 8000 Jahren – die Interessen am Güteraustausch, der über teilweise sehr lange Land und Meereshandelswege erfolgte. „Bernsteinstraße“ oder „Seidenstraße“ waren solche von Legenden be gleitete Handelswege. Den Händlern folgten später die kolonialen Welt eroberer und ihnen die Religionen, manchmal auch in anderer Rei henfolge. Mehr oder weniger parallel zur Entwicklung der modernen Wirtschaft im Verlauf der Industrialisierung haben dann Wirtschafts und Handelskonzerne ein immer engeres Netz von Austauschbezie hungen über die Erde ausgebreitet. Gegenwärtig steuern die transna tionalen Konzerne auf die Zahl 50.000 zu, ein enormer Zuwachs seit dem zweiten Weltkrieg. Es entstanden weitere Verflechtungen: durch Kommunikationsmittel mit Funk, Telefon und schließlich Internet, die Verkehrsmittel mit Schiff, Bahn, Flugzeug und Automobilen, globale Freizeitunternehmungen und Sportverbände, globale Wissenschafts vereinigungen, transnationale Interessengruppen, internationale Re gierungsorganisationen und Nicht Regierungsorganisationen – und – mittlerweile internationale Terrororganisationen, die all diese Netzwer ke empfindlich zu stören in der Lage sind, wie die täglichen Medien berichte zeigen. Die vielfältigen internationalen Beziehungen äußern sich in bilateralen und multilateralen Verträgen zwischen Ländern und mittlerweile mehreren hundert transnationalen Regimen, in Symposi en und Konferenzen, aber auch in einseitigen, oft auch ausbeuterischen Abhängigkeiten. So hat die überaus riskante Immobilienfinanzierung in den USA mit der Pleite von Lehman Brothers eine Kettenreaktion welt weiter Banken und Wirtschaftsprobleme bis an die Grenze von Staats bankrotts ausgelöst. Wenn ein Industrieland von einer Rezession oder einem Terrorakt heimgesucht wird, darben in einem anderen die Feri enhotels. Wenn in China das Wirtschaftswachstum zurückgeht, schwä chelt in Frankfurt und andernorts die Börse … usw. Es besteht also be reits eine weit verzweigte Struktur von vielfältigen Vernetzungen, die allerdings in vielen Gehirnen, sei es der Bevölkerung, sei es insbeson dere der politischen Eliten noch nicht in der Weise angekommen ist, dass diese Erkenntnis auch in ausreichende Regelungsstrukturen und 257 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen passendes Verhalten umgesetzt wird. So manche Potentaten der Welt und Großmächte, aber auch kleine Rumpelstilzchenstaaten verhalten sich immer wieder so, als ob sie autark und autonom wären und – fast – beliebige Entscheidungen treffen können, und sie treffen aus Stolz, An maßung oder nationalem Ehrgefühl oder anderen Motiven Entschei dungen, die ihrem eigenen Land weit mehr schaden als den ins Auge gefassten Personen/ Organisationen/ Staaten. Das Sein ist dem Be wusstsein weit vorausgeeilt. Mit dem gegenwärtigen Zustand des real praktizierten aber politisch und rechtlich nur bruchstückweise existenten Weltzweckverbandes sind mehrere unerfreuliche Konsequenzen verbunden: Erstens ist den politi schen Eliten in erheblichem Ausmaß die Kontrolle über Wirtschaftskon zerne, Banken und andere Global Player, z. B. manche Sportverbände und Internetgiganten entglitten, die für ihre Aktivitäten und Entschei dungen flexibel auf die Länder mit den jeweils günstigsten Rahmenbe dingungen fokussieren können, dies auch tun und für Gewinnmaximie rung und andere Machenschaften geradezu paradiesische Verhältnisse vorfinden. Dieser Sachverhalt zeigt zweitens, dass die politischen und rechtlichen Strukturen des Weltzweckverbandes noch weithin fehlen, die die Steuerung und Kontrolle der globalen Wirtschafts und Finanz player und anderer Akteure (Internet) ermöglichen könnten. Die in er heblichem Maße gestaltbaren, noch bestehenden Handlungsspielräu me führen drittens zu rechtsfreien oder fast rechtsfreien Räumen, so dass sich die globalen Wirtschafts und Finanzplayer zugunsten wirt schaftlicher Vorteile über übliche ethische und rechtliche Vorgaben ih rer Ursprungsländer hinwegsetzen können und einige davon auch mehr oder weniger dreist Gebrauch machen (Großbanken, Wirtschaftskon zerne, Internetkonzerne u. a.). Es besteht also ein erheblicher Nachhol bedarf für international verbindliche Regulierungen. Viertens agieren viele Politiker der Führungsetagen nach wie vor primär nationalistisch, statt sich stärker auf Kooperation und Abstimmung im internationa len Bereich auszurichten. Fünftens leben auch die meisten Staatsvöl ker noch ihren Kantönligeist. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Weltgemeinschaft als tatsächliches Ereignis ziemlich schnell und urwüchsig entwickelt, nur teilweise gelenkt durch ein Spektrum von Verträgen für meist wirtschaftliche, aber auch Sicherheitsinteressen mit unterschiedlichen Beteiligten in unterschiedlichen Geltungsberei chen. Eher ausnahmsweise waren z. B. an den Beschlüssen der UN Kli 258 wIe kann zukunft gelIngen? makonferenz in Paris 2015 fast alle Staaten beteiligt. Solche Sternstun den ereignen sich aufgrund der divergierenden nationalen Interessen nur selten. Für alle fünf genannten Schwachpunkte sind Nachbesserun gen notwendig, damit nachhaltige Maßnahmen zur Eindämmung des Temperaturanstiegs, der globalen Umweltverseuchungen und des Bio sphärenschwundes eingeleitet und konsequent durchgezogen werden können. Besondere Bedeutung hat dabei die Aufgabe, die verloren ge gangene politische Kontrolle über die großen Banken und Wirtschafts konzerne zurückzugewinnen und im Sinne der Erhaltung von Umwelt, aktuellem Klimastatus und Biosphäre zu optimieren. Die Entwicklung von weltweiten Vernetzungen schreitet fort, ohne dass dafür ein staatenübergreifender Rechts und Funktionsrahmen beste hen würde. Wie kann ein derartiger Rechtsrahmen geschaffen werden? Ein systematisch erarbeiteter rechtlicher Gesamtrahmen hätte wohl ge genwärtig kaum eine Chance, die erforderlichen Mehrheiten unter den Staaten zu erreichen, weil viele Staaten derartige Bindungen als Unter ordnung, als Verlust eigenstaatlicher Entscheidungsfreiheit und Souve ränität ablehnen würden. Zweifel sind durchaus berechtigt, ob ein sol cher umfassender staatenübergreifender Rechtsrahmen notwendig und hilfreich wäre. Wie aber können die genannten urwüchsigen Verflechtungen dennoch in ihrer Beliebigkeit und Willkür eingeschränkt, normalisiert und kon trolliert werden? Der Regelungs und Kontrollbedarf in einzelnen Pro blemfeldern könnte durch diesbezügliche Verträge aller beteiligten Staaten gedeckt werden, analog zu den Beschlüssen der Pariser UN Kli makonferenz. Auf diese Weise könnten nach und nach bei Bedarf auf induktivem Weg bestimmte Gegenstandsbereiche einer sachgebiets bezogenen Regelung und Kontrolle unterzogen werden. Diese Vorge hensweise mag weniger systematisch und umfassend sein, macht diesen Mangel jedoch durch größere Realitätsnähe, geringeren Aufwand und leichtere Durchsetzbarkeit mehr als wett und respektiert die Eigenstaat lichkeit der beteiligten Staaten und ihre unterschiedlichen Kulturen in größtmöglichem Ausmaß. Die gemeinsamen Interessen der Staaten ste hen im Mittelpunkt und dafür sind nur Kooperationen bzw. Kooperati onsnetzwerke auf der Basis der bestehenden internationalen Organisa tionen notwendig, mehr nicht. 259 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Die Beschlüsse zur „Reparatur“ des Ozonlochs und die UN Klimakon ferenz in Paris 2015 haben zwar einen guten Anfang zum Schutz unserer Lebensbedingungen gemacht. Für mehrere Problemszenarien fehlen jedoch vergleichbare Einigungsbeschlüsse. So sind die Weltmeere Ge meingut aller Staaten; sie sind aber durch die willkürliche Ausbeutung vieler z. B. hinsichtlich Überfischung und Verseuchung mit zahlreichen gefährlichen Abfällen und Substanzen als ökologische Systeme und Nahrungsquellen sehr bedroht. Ebenso ist die Erhaltung der Biosphäre und in ihr der Biodiversität, d. h. unserer Lebensgrundlage, ein ungelös tes und schwer lösbares Problem, wie auch die UN Konferenz für Um welt und Entwicklung in Rio 1992 festgestellt hat, jedoch ohne nennens werte Folgemaßnahmen. Zurzeit ist es schwer einzuschätzen, welchen Handlungsspielraum zugunsten von Nachhaltigkeit die Leiter des UN Umweltprogramms und die UN Umwelt und Klimakonferenzen in der Nachhaltigkeitsdebatte und in erwünschten Nachhaltigkeitsallian zen zukünftig von den Staaten zugestanden bekommen. Zwar haben im September 2015 in New York auf dem UNO Gipfel 193 Länder einstim mig der Agenda 2030 mit 17 hoch gesteckten Zielen zugestimmt. Solan ge die aktuellen nationalen und internationalen Machtstrukturen sich nicht wesentlich ändern, bleiben für die Umsetzung dieser Ziele aber nur bescheidene Entfaltungsspielräume. Im Kontext der Zielformulie rungen erscheint Nachhaltigkeit weniger als angestrebtes Organisati onsprinzip von Wirtschaft und Gesellschaft wie es die Nachhaltigkeits forschung versteht, sondern als ein Aspekt der jeweiligen Zielbereiche unter anderen. Man könnte die Agenda 2030 auch als Beruhigungspil le für die Bevölkerung angesichts der in der Sache bedrohlichen und im Zeitablauf sich zuspitzenden Kritik aus Wissenschaftskreisen verstehen. Die Botschaft der Agenda 2030 bedeutet: Wir nehmen in allen Zielbe reichen Korrekturen vor, behalten die Entwicklungsrichtung aber bei. Eine grundsätzliche Umorientierung sieht anders aus. Fazit: Für den Weltzweckverband als gemeinsamen Aktionsraum so viel Regelungen wie nötig und so wenige Regelungen wie möglich. 260 wIe kann zukunft gelIngen? 7 3 2 Nichtregierungsorganisationen: Akteure für eine Weltzivilgesellschaft? Roland Roth geht dieser Frage in einer Literaturanalyse nach, auf die dieser Abschnitt immer wieder Bezug nimmt (Roth. http://boell-hessen. de/archivseite/pol/ngos.htm). Nichtregierungsorganisationen (NRO): Dieses Wortungetüm, um nicht zu sagen Unwort, lässt keine inhaltliche Beschreibung dessen erwarten, was NRO hinsichtlich Zielsetzung, Organisationsform, Bezug zum Ge sellschaftssystem und Aktionsform u. a. ausmacht; es unterstellt Regie rungs Organisationen als die eigentlich bedeutsamen und versammelt alle anderen Organisationen in einer überaus vielfältigen Residualkate gorie, der das hier abwertende Merkmal anhaftet, nicht Regierungsor ganisation zu sein. Was NRO wirklich sind, interessiert nicht. Die damit vollzogene pauschale Abwertung der NRO ist gleichermaßen unsin nig wie zeitgeschichtlich typisch. Unsinnig ist die Abwertung der NRO ebenso wie die Hervorhebung der Regierungsorganisationen, weil es ohne die NRO, d. h. ohne die Gesellschaft keine Regierungsorganisati onen gäbe. Weil es die NRO, d. h. die Gesellschaft gibt, gibt es auch Re gierungsorganisationen. Zeitgeschichtlich typisch ist diese Abwertung wegen des damaligen Politikverständnisses, in dem Selbstbestimmung und Partizipation der Bürger an der Gestaltung der Gesellschaft – noch – keinen Platz im Denkhorizont der Politiker hatten, als störend und läs tig empfunden wurden. Die Gründung von immer mehr NRO seit den 60er Jahren charakterisiert denn auch den Aufbruch der jungen Ge neration in ein neues Politikverständnis, einer Generation, die, analog zur Studentenbewegung, den hierarchischen Institutionen und spezi ell dem hierarchisch angelegten Regierungshandeln eine partizipativ und demokratisch geprägte Form politischen Handelns entgegenstellte, auch praktizierte und damit die überkommene Top down Politik störte. Mit der rapiden Zunahme der lokalen/regionalen ebenso wie der trans nationalen NRO entstehen also neue, unkonventionelle Formen der po litischen Beteiligung, die für die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1968 typisch sind und dieses Land in den folgenden Jahrzehnten er heblich verändert, demokratisiert und modernisiert haben (Rucht 1994; Engelhardt 2011). 261 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Ich denke, es war ein Fehler der Fachwissenschaftler, sich auf dieses zu geschriebene, fremdbestimmte Wortungetüm, d. h. die Nomenklatur der Regierung überhaupt einzulassen und sich mit Definitionsversu chen ohne Aussicht auf ein konsensfähiges Ergebnis abzumühen. Ro land Roth hat versucht, durch die Vielfalt der NRO und das bestehen de Definitionschaos einige klärende Schneisen zu schlagen und sieht den „Containerbegriff “ als wesentliches Hindernis, für NRO zu sinnvollen Verallgemeinerungen zu kommen (Roth 2016). Es macht eben keinen Sinn, hinsichtlich Zielsetzung, Organisationsform, Bezug zum Gesellschaftssystem und Aktionsform und auch anderen Kriterien der art unterschiedliche Organisationen unter ein begriffliches Dach brin gen zu wollen. Roth spricht von „verschiedenen NRO Welten“, die eine unübersehbare Realität sind. Man wird das NRO Etikett wohl durch die bekannten inhaltlich aussagekräftigen Bezeichnungen der am po litischen Prozess beteiligten Organisationen und sozialen Bewegungen ersetzen müssen und damit die unsinnige Dichotomisierung der Ge sellschaft in Regierungs und Nichtregierungsorganisationen beseitigen. Da an dieser Stelle die definitorisch verfahrene Situation nicht behoben werden kann, werde ich im folgenden Text NRO wie üblich als schwam migen Sammelbegriff gebrauchen. In mir wichtig erscheinenden Kon texten werde ich auf Ausschnitte der NRO: die sozialen Bewegungen und bestimmte Interessenverbände im Feld von Umweltproblemen ge nauer eingehen, weil ich sie als innovative und treibende Kräfte bzw. wichtige demokratische Akteure für die Gestaltung zukunftsfähiger Ge sellschaften einschätze. Im folgenden Abschnitt möchte ich auf eine an dere Gruppe von Initiativen und Organisationen aus dem „Container“ NRO eingehen, die unter dem Gesichtspunkt ihrer speziellen Thema tik zunächst nichts mit Umweltproblemen zu tun haben, aber durch ihr Menschen und Weltbild konsequent und engagiert für die altruistische Komponente menschlichen Verhaltens eintreten, deren Einflussgewinn für eine Bewältigung der Umwelt und Überlebensprobleme ausschlag gebend sein wird. Trotz der anfänglich frostigen Behandlung durch die herrschenden Kreise hat es jedenfalls ein beachtlicher Teil aus dem residualen Organi sationssammelsurium von „Ärzte ohne Grenzen“ bis „Zeugen Jehovas“ im Laufe der Jahrzehnte geschafft, sich Gehör und Respekt zu verschaf fen. Einigen NRO ist es gelungen, Konsultationsstatus bei diversen Re gierungen und internationalen Gremien wie im System der Vereinten 262 wIe kann zukunft gelIngen? Nationen und in transnationalen Wirtschaftsorganisationen zu errei chen. Diese beachtliche Karriere ist jedoch ambivalent. Einerseits kom men durch diese Akzeptanz wichtige und wie im Falle Deutschlands neue Impulse zur Modernisierung der Gesellschaft in die Politik. An dererseits zieht diese Akzeptanz und Kooperation jedoch – unvermeid lich, wie man seit langem weiß – beträchtliche Veränderungen der NRO selbst nach sich. Mit der Akzeptanz – das gilt besonders für die sozialen Bewegungen – änderte sich die Position im System, Kooperation dräng te Agitation zurück, die häufig beachtliche öffentliche Subventionierung führte immer wieder zu einer Art symbiotischer Beziehung zu öffent lichen Institutionen, wirkte mäßigend auf Kritik, Sprachgebrauch und Verhaltensformen ein. Die Routinisierung der Tätigkeit und die Einbin dung der NRO in die institutionellen Systeme haben die unterschiedli chen Positionen verunklaren lassen und gerade bei sozialen Bewegun gen die Bindungen an die lokale Basis immer wieder unterbrochen bzw. konflikthaft werden lassen. Dennoch: Die sozialen Bewegungen als ein grundlegender Zweig der NRO haben in Deutschland in mehreren Po litikfeldern grundsätzliche Änderungen und Neuorientierungen ange stoßen und bei ihrer Umsetzung mitgewirkt. Die ökologischen Bewe gungen haben die Abkehr von der Kernenergie und die Hinwendung zu den erneuerbaren Energien als Programme in die Gesellschaft und in die Politik hineingetragen und begleitet. Neue Kernkraftwerke waren in der Gesellschaft nicht mehr durchsetzbar. Auch der erreichte Stand des Naturschutzes beruht wesentlich auf der unermüdlichen Arbeit der in diesem Feld engagierten vielfältigen Initiativen, Vereine und Verbän de und den daraus entwickelten rechtlichen Leitlinien. Auch in ande ren Lebensbereichen haben soziale Bewegungen mit ihren an Selbst bestimmung und Mitbestimmung orientierten Handlungskonzepten bemerkenswerte Veränderungen in der Gesellschaft bis in die Ausrich tung der Gesetze angestoßen. Die Selbsthilfeinitiativen des Sozial und Gesundheitsbereichs haben, die anfangs teils belächelt teils als störend empfunden und von Politikern zunächst im karitativen Bereich abge legt wurden, haben schließlich entscheidenden Einfluss auf die an Mit bestimmung und Partizipation orientierte Neuausrichtung des Sozial gesetzbuches ab 1991 ausgeübt. In Deutschland konnten die sozialen Bewegungen als eine Form der NRO Selbstbestimmung und Mitbe stimmung als wesentliche Elemente der politischen Willensbildung in die Gesellschaft hineintragen und in mehreren Lebensbereichen nach haltigen Einfluss auf deren Modernisierung ausüben. Mit den sozialen 263 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Bewegungen und Initiativen hat die Zivilgesellschaft die Mitgestaltung der Gesellschaft in Deutschland übernommen. Haben die transnationalen umweltbezogenen NRO eine vergleichba re Position in der Weltgemeinschaft? Können sie eine Weltzivilgesell schaft „im Sinne eines gemeinsamen Bezugsrahmens“, einer gemeinsa men Weltkultur begründen? „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelten Nichtregierungsorganisationen (NRO) als politische Hoffnungsträger für eine neue transnationale Ord nung … Indem NRO über Grenzen hinweg gemeinsame regionale und globale Problemlagen auf die Tagesordnung setzen, nach gemeinsamen Lösungen suchen und sich an deren Umsetzung beteiligen, werden sie zur Avantgarde einer heraufziehenden Weltzivilgesellschaft gesehen. Sie übernehmen dabei transnational häufig jene katalysatorischen Auf gaben, die im nationalen Rahmen von Protesten und sozialen Bewe gungen erfüllt werden“ (Roth, S.1). Können transnationale NRO diese ihnen zugeschriebene Aufgabe erfüllen, dieser Vision gerecht werden? Die vorliegenden Untersuchungen können die Idee „einer sich entwi ckelnden und vereinheitlichenden Bewegung“ nicht bestätigen. Im Ge genteil: „Aktive Kooperation und Vernetzung über Grenzen hinweg sind weit weniger verbreitet als Prozesse der Diffusion … Eine reichhal tige vergleichende Literatur über einzelne Mobilisierungen, soziale Be wegungen und nationale Bewegungssektoren stimmt darüber überein, dass stark national geprägte Gegebenheiten (…) entscheidend für die Bedeutung, den Einfluss, das Profil und die Erfolge sozialer Bewegun gen sind (…). Der allgemeine Trend geht heute dabei nicht in Richtung Vereinheitlichung und Verallgemeinerung, sondern in Richtung wach sender Pluralität und Differenzierung innerhalb von Bewegungen so wie zwischen regionalen und nationalen Bewegungen“ (Roth S. 6). Die bereits oben genannten Folgen der Kooperation und Einbindung von NRO in institutionelle Bezüge gewinnen auf der internationalen Ebene eher noch verschärft an Bedeutung, da das Interesse an Selbst behauptung, die divergierenden Interessenlagen der Nationen und der sonst beteiligten Akteure einen erheblichen Anpassungsdruck in Rich tung auf Konsensergebnisse erzeugen und damit die Entfernung oder gar Abkoppelung von der ursprünglichen Basis begünstigen. 264 wIe kann zukunft gelIngen? Dass sich mit und durch die NRO und ihre Aktivitäten eine globale Weltkultur bzw. Zivilgesellschaft entwickeln soll, ist einerseits als maß lose Überforderung ihrer Kapazitäten einzuschätzen, schon einmal ab gesehen von den nationalistischen Gegenkräften der Staaten, die zur Selbsterhaltung lebenswichtig sind. Die Vorstellung einer solchen Welt kultur ist andererseits als ein hochabstraktes Konstrukt zu sehen, das die weltweit in vielen Hinsichten unterschiedlichen lokalen Lebens wirklichkeiten und die damit verbundenen Identitäten nicht abbilden kann. Zwar sind gewisse vereinheitlichende Entwicklungen quer durch die Kulturen durch die sich weiter entwickelnden weltweiten Wechsel beziehungen nicht zu übersehen, wahrscheinlich zur Zukunftssiche rung auch notwendig. Die höchst unterschiedlichen Kulturtraditio nen auf der Erde lassen sich aber nicht zugunsten einer übergeordneten Weltkultur ohne örtliche und geschichtliche Bezüge ersetzen, zumal die Angleichung der sozioökonomischen Lebensbedingungen durch Res sourcenmangel, Bevölkerungswachstum und Machtunterschiede so wohl der Nationen als auch der NRO auf Grenzen stößt. Die Lebensor te sind es, an denen und um die sich Identität entwickelt. Man kann das gesellschaftliche Sein nicht aus der Bewusstseinsbildung ausklam mern. Und umgekehrt wird das gesellschaftliche Sein durch die eigene Geschichte und die eigene Kultur mitbestimmt. Die unterschiedlichen Kulturen bleiben für die jeweiligen Gesellschaften die maßgebende Existenzgrundlage, werden sich jedoch auch und gerade durch interna tionale Einflüsse weiter entwickeln und aus alten Traditionen und neu en Impulsen neue Synthesen bilden. Man sollte sich immer wieder die große Spannweite gesellschaftlicher Entwicklungsphasen bewusst ma chen, die von indigenen Gruppen über vielfältige Kulturformen bis zu technisch, wirtschaftlich, intellektuell und sozial überaus differenzier ten Gesellschaften reicht. Die Entwicklung einer Weltkultur ist nicht nur eine Überforderung der NRO, sondern, wie soeben dargelegt, keine Vision, die zur Vielfalt der Gesellschaften und Kulturen und ihren höchst unterschiedlichen Ent wicklungsphasen passt. Dennoch sind die globalen umweltbezogenen NRO überaus hilfreich und nicht zu ersetzen. Ihre Arbeit mit Projekten löst konkrete Proble me und vermindert andere, recherchiert bestehende, informiert über aktuelle Sachverhalte und Entwicklungen. Die NRO können einen we 265 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen sentlichen Beitrag zu dem wünschenswerten Weltzweckverband und zur Umweltproblematik generell leisten, indem sie als demokratische und moralische, auf Menschenrechte und Lebensbedingungen bezoge ne Stimmen Machtmissbrauch und Fehlentwicklungen auf die interna tionale Tagesordnung setzen. Auch auf nationaler Ebene werden die Initiativen der Zivilgesellschaft die Mobilisierung zur Umsteuerung der staatlichen Ziele und Maßnah men mit in Gang bringen müssen. Als Profiteure der aktuellen Situation und als mögliche Verlierer einer an Nachhaltigkeit orientierten Gesell schaftssteuerung werden die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Po litik wie bisher vor allem auf hohen Handlungsdruck reagieren. Globale NRO, in welchem Arbeitsfeld auch immer, sind bedauerlicher weise in vielen autoritär geprägten Staaten unerwünscht und müssen Repressalien oder auch Verbote befürchten, weil ihre Öffentlichkeits arbeit der regierungsamtlichen Politik den Spiegel vorhält, falsche In formationen korrigiert, unterdrückte anbietet und den interessierten Bürgern einen Zugang zu einem breiten, unzensierten feldbezogenen Fundus von Fakten, Ideen und Zusammenhängen öffnet. Globale NRO können also nur in einigermaßen freien Gesellschaften arbeiten. Man kann deshalb davon ausgehen, dass weit weniger als die Hälfte der Welt bevölkerung Zugang zu ungeschönten Daten im Umweltschutz hat, ab gesehen von den technischen Ausrüstungen. Die Internetnutzung könnte diesen Mangel jedoch wenigstens etwas ausgleichen. Immer noch zahlreiche NRO z. B. die großen umweltbezogenen wie Greenpeace, der World Wild Fund for Nature (WWF) und die Weltna turschutzunion arbeiten, soweit man es ihnen gestattet, weltweit durch Öffentlichkeitsarbeit, Beteiligung bei einschlägigen Konferenzen und durch zahlreiche eigene Projekte für Natur und Umwelt. Die Wirkung der genannten NRO beruht wesentlich auf dem Sachverstand und Ein satz ihrer Mitglieder, die beide dubiose politische Kungeleien aufdecken und möglichst wirksam in die Öffentlichkeit tragen. Der WWF hat sich ursprünglich primär für den Tierschutz eingesetzt und schließlich zu einem international aktiven Verband entwickelt, der sich für die Nach haltigkeit in der gesamten Natur engagiert und dabei konventionelle Interventionspraktiken einsetzt. Greenpeace bedient sich immer wie der spektakulärer und für die Aktivisten manchmal lebensgefährlicher 266 wIe kann zukunft gelIngen? Konfrontationen mit Umweltsündern. Beide sind in der Lage, durch ihre Aktionen eklatante Sünden an der Natur öffentlich zu machen, manchmal zu lindern, zu beheben oder für dauerhafte Erhaltungsmaß nahmen zu sorgen; sie sind deshalb konkret bei bedeutenden Umwelt konflikten erfolgreich und als agierendes, stets präsentes ökologisches Gewissen in der Öffentlichkeit und auch bei einschlägigen Institutio nen respektiert, bei anderen durchaus auch verhasst; bedauerlicherwei se konnten weder sie noch andere NRO eine grundlegende Trendwen de der herrschenden Wachstumsorientierung auch nur anbahnen. Es ist durchaus nicht auszuschließen, dass die NRO ungewollt eine gewis se entlastende Wirkung auf Regierungen ausüben, indem sie Umwelt probleme aufgreifen und zu ihrer Lösung beitragen. NRO symbolisieren gegenüber dem dominanten sei es individuellen oder auch kollektiven Vorteilsstreben in der menschlichen Entwicklung die sozialverantwortliche, altruistische und politisch aktive Komponen te, die weltpolitisch wesentlich an Bedeutung gewinnen muss, wenn die Korrektur der bestehenden Schieflage noch Aussicht auf Erfolg haben soll. Zwei weitere Formen zivilgesellschaftlicher Aktivität stellen die Stiftun gen im Umweltbereich und die zahlreiche Vereine und Verbände des Naturschutzes dar. So gibt es z. B. in Deutschland über 600 Stiftungen, von denen die weit überwiegende Zahl konkrete örtliche Projekte oder spezifische Ziele z. B. Tierschutz überörtlich verfolgen. Wenige Stiftun gen sind so groß, dass sie Umwelt als Gesamtproblem mit seinen Ver zweigungen zu ihrem Thema machen können. Fast alle Stiftungen wol len Teile der bestehenden Umwelt in der Gesellschaft wie sie ist erhalten oder verbessern und setzen dafür beachtliche Vermögenswerte ein. Ei nige wenige Stiftungen setzen auch systemkritische Akzente und ver orten Umweltprobleme in gesellschaftlichen Strukturen. Zahlreiche Vereine und Verbände setzen sich ausschließlich oder mit Teilen ihrer Kapazität insbesondere im Naturschutz ein und werden im Sinne ih rer jeweiligen Ziele auch immer wieder auf örtlicher, regionaler und ge samtgesellschaftlicher Ebene politisch aktiv. Die Mitglieder dieser Ver eine und Verbände leisten einerseits zugunsten ihrer selbst gewählten Aufgaben sehr viel ehrenamtliche Arbeit, die auf andere Weise nicht er setzt werden kann. Andererseits repräsentieren die Mitglieder immer 267 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen wieder einen erstaunlichen Fundus an naturbezogenem Wissen, auf das die jeweils zuständigen Behörden bei ihren Planungen angewiesen sind. Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, Vereine und Verbände im Umweltbereich zeigen, dass die Sorge um eine „heile“ Umwelt in der Bevölkerung weit verbreitet ist und finanziellen Einsatz und vielfältige ehrenamtliche Tätigkeiten mobilisieren kann. 7 3 3 Mitmenschlichkeit in den Gesellschaften als Unterstützungsreservoir Unterstützung für die Gewinnung eines problemangemessenen Um gangs mit der Umwelt könnte von Initiativen, Organisation und Ver bänden kommen, die nach ihren spezifischen Zielen nichts mit der Umwelt zu tun haben. Es handelt sich dabei um ein erstaunlich breites Spektrum von nationalen und internationalen Initiativen, Organisatio nen und Verbänden, deren Selbstverständnis und Handeln, sei es beruf lich oder ehrenamtlich, von der mitmenschlichen, altruistischen Kom ponente des Menschen geprägt ist. Von einem Spektrum spreche ich, weil in ihnen die Ziele, die Organisations und Handlungsformen so wie die politische Ausrichtung weit streuen. Auf der Ebene der Perso nen konkretisiert sich die mitmenschliche Ausrichtung zwischen und mit zwei Extremen: dem mitmenschlichen Gewohnheitsmenschen ( tä ter) und dem politisch kämpferischen Aktivisten. Ohne genauer darauf eingehen zu können, sollen doch einige Bezeichnungen und Namen das gemeinte Feld stichwortartig umreißen: • Menschenrechtsgruppierungen mit breitem Gegenstandsspektrum. Auf einer unvollständigen Wikipedialiste finden sich 60 Gruppen und Organisationen von Amnesty International bis Weltorganisati on gegen Folter, teilweise international aufgestellt. • Friedensgruppen • Zahlreiche Bildungseinrichtungen sind darauf ausgerichtet, mit menschliches Verhalten zu praktizieren und zu vermitteln. • Zahlreiche Sporteinrichtungen versuchen eine Balance zwischen Wettbewerb und Fairness zu finden und arbeiten damit an einem für Gegenwart und Zukunft entscheidenden Problem. 268 wIe kann zukunft gelIngen? • Vielfältige Einrichtungen und Verbände der sozialen Wohlfahrt, leisten national und international Hilfen für Menschen, die Hilfe brauchen. Die ehrenamtlich Aktiven aller Gruppierungen sind meistens als „Über zeugungstäter“ mit ausgeprägtem Handlungsdrang und mitmensch licher Motivation einzustufen. Weniger auffällig, aber quantitativ um fassend sind dagegen die sozialen und pädagogischen Berufsfelder, in denen die mitmenschliche Motivation ein wesentliches Element der Be rufsqualifikation ist. Der Zustrom zu den sozialen und pädagogischen Berufen ist trotz relativ geringer Entlohnung nach wie vor ungebrochen stark und belegt die altruistische Grundhaltung als prägendes Merkmal dieser Berufsgruppen. Diese mit mitmenschlicher Motivation wirkenden Personen, Initiativen und Organisationen umfassen beachtliche Teile der jeweiligen Bevölke rungen zahlreicher Länder. Sie sind als aus Überzeugung aktive Unter stützer einer altruistisch ausgerichteten Politik einzuschätzen und mög licherweise wahlrelevant aktivierbar, sobald die dringliche Lösung der Umweltprobleme, sei es durch einen erneuten Skandal oder auf ande re Weise, auf die öffentliche Tagesordnung kommt. Allerdings zeigt sich auch, dass die sozialen Berufe doch stark auf die unmittelbare Hand lungsebene fokussiert sind und deshalb ein relativ geringes Interesse für die politische Beteiligung zeigen. Obwohl das individuelle Vorteilsstreben in der Bevölkerung zwecks ei gener Daseinsgestaltung naturgemäß verbreitet ist und sein muss, so ist das bei denselben Personen gleichzeitig vorhandene mitmenschliche Potenzial, wie z. B. in Deutschland die beachtliche Spendenbereitschaft, Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge und die verbreiteten ehrenamtlichen Tätigkeiten zeigen, nicht zu unterschätzen und im Falle offensichtlicher und nachvollziehbarer Notlagen durchaus teilweise aktivierbar. Diese Hinweise zeigen, dass die altruistisch ausgerichteten Motivationsantei le in der Bevölkerung noch nicht im Strudel des wirtschaftlichen Wett bewerbs versunken sind, obwohl der Konkurrenzdruck weiter anwächst und mit der wachsenden Arbeitsverdichtung individuell bedrohlich wird. 269 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Die politischen Entscheidungsträger sind bisher in diesem Text vor al lem als mehr oder weniger verbissene Wachstumsvertreter dargestellt worden. Das sind sie auch, aber nicht nur. Es gibt bei ihnen auch ein Bewusstsein, dass die mitmenschlichen Motivationsanteile in der Be völkerung ausschlaggebend für eine funktionsfähige gesellschaftli che Ordnung sind und deshalb in den politischen Güterabwägungen durchaus eine wesentliche Rolle spielen müssen. Die in unterschiedli chen Lebensbereichen verbreitete altruistische Grundhaltung bildet ein beachtliches Unterstützungsreservoir, aus dem für politische Weichen stellungen aktivierend geschöpft werden kann. In offensichtlich prekä ren gesellschaftlichen Notlagen ist deshalb ein Meinungsumschwung sowohl in der Bevölkerung als auch auf den politischen Ebenen eine re alistische Option. Es ist deshalb immer noch möglich, dass die gegen wärtig unverkennbare Wachstumsorientierung, die für die dauerhafte Versorgung der Weltbevölkerung höchst bedrohlich ist, doch noch zu rückgefahren wird und schrittweise einer Nachhaltigkeitsorientierung Platz machen muss. Die in diesem Abschnitt skizzierten Ressourcen an Mitmenschlich keit/Solidarität dürften sich allerdings von Land zu Land teilweise we sentlich unterscheiden und möglicherweise durch ganz andere ersetzt werden. Schwierig könnte es in den Ländern werden, die, aus welchen Gründen auch immer, nur auf geringe Solidaritätsreserven über die Fa milien hinaus zurückgreifen können. 7 3 4 Nachhaltigkeit: ein unentbehrlicher Wissenspool Die an den Berichten für den Club of Rome beteiligten Wissenschaft ler werden sich selbst bei ihrer ersten Untersuchung 1972 wohl eher als Wirtschaftswissenschaftler denn als Nachhaltigkeits oder Umweltfor scher gesehen haben. Sie wurden aber im Verlauf ihrer vier Untersu chungen durch ihre Ergebnisse, unterstützt und erweitert durch die Er gebnisse anderer Forscher, dazu genötigt, anstelle der vorherrschenden Wachstumsideologie eine an Nachhaltigkeit orientierte Gesellschafts und Wirtschaftsausrichtung anzumahnen, um die dauerhafte Versorgung der Weltbevölkerung angesichts zur Neige gehender Ressourcen und einer deutlichen Überbeanspruchung der ökologischen Systeme zu ermöglichen; ihre Änderungsvorschläge machten sie zu Nachhaltig 270 wIe kann zukunft gelIngen? keitsforschern. Trotz der alarmierenden, aber offensichtlich nicht will kommenen Forschungsergebnisse hat sich an den politischen Wachs tumsorientierungen nichts Wesentliches geändert. Allerdings wird der in vielen Ländern ausbleibende bzw. spärliche Erfolg dieser Bemühun gen von vielen Wirtschaftswissenschaftlern erkannt und als großes Pro blem gesehen. Geht die Zeit des Wirtschaftswachstums zu Ende? Hat sich dieses Gesellschafts und Wirtschaftsmodell überlebt? Hier sollen die zu Nachhaltigkeit mahnenden, bereits vorgetragenen Argumentationsstränge nicht noch einmal wiederholt werden. Es geht mir an dieser Stelle darum, das enorme Wissenskapital der Nachhal tigkeitsforschung sowie der im Umweltprogramm der UN erarbeite ten Materialien und Vorschläge als entscheidende Voraussetzung und Grundlage der politischen Wirksamkeit einer hoffentlich noch entste henden Nachhaltigkeitsallianz hervorzuheben. Ob und wie viele der Forscher sich in politische Aktionen einbeziehen lassen, ist schwer zu beurteilen, zumal sich Wissenschaftler erfahrungsgemäß nur in rela tiv geringer Zahl aktiv, d. h. nicht nur in gutachtender Funktion, in die politische Arena begeben. Aber das von ihnen erarbeitete Wissenspo tenzial ist in der anstehenden politischen Auseinandersetzung unent behrlich, um der vorherrschenden Form der bloß materiell orientierten, von Gier gesteuerten Wachstumsideologie die Grundlage zu entziehen. Dass aus Nachhaltigkeitswissen auch Nachhaltigkeitspolitik wird, dazu braucht es engagierte Akteure in der Zivilgesellschaft und auch in der Politik. Die Wachstumsorientierung schließt Nachhaltigkeitspolitik nicht grund sätzlich aus. Gerade im Interesse des weiteren Wachstums muss der Be darf an Energie anders als bisher durch erneuerbare Energien (Wind, Sonne, Wasser, Wasserstoff …) zur Begrenzung der Klimaerwärmung gelöst werden und erfährt deshalb besondere Förderung in vielen Teilen der Erde. Dieses Leitziel: Nachhaltigkeit für Wachstum lässt sich nicht beliebig auf andere Bedarfsbereiche übertragen. Viele Staaten versu chen deshalb zugunsten des weiteren Wirtschaftswachstums zweigleisig zu fahren: Nachhaltigkeit, wo es dem Wachstum nützt oder ihm nicht schadet, darüber hinaus aber keine generelle Orientierung an Nachhal tigkeit, weil Politiker die damit verbundenen, vermutlich heftigen Pro teste und Verteilungskonflikte fürchten. Diese zweigleisige Vorgehens weise, begrenzt auf Forderungen aus der Zivilgesellschaft insbesondere 271 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen der sozialen Bewegungen und anderer Kritiker (Verbände!!!) einzuge hen, aber dennoch die eigenen Ziele konsequent weiter zu verfolgen, hat die deutsche Bundesregierung seit den 80er Jahren des 20. Jahrhun derts immer wieder zu fahren versucht, nicht immer mit Erfolg. Die Antikernkraft und die Ökologiebewegungen haben jedenfalls den ge planten Bau neuer Kernkraftwerke durch ihre Aktionen unmöglich ge macht, zur baldigen Stilllegung der bestehenden beigetragen und den Übergang zu erneuerbaren Energien angebahnt: Gegen die Kernkraft gegner war eine Wahl kaum noch zu gewinnen. Dieses Beispiel zeigt, dass soziale Bewegungen durchaus in der Lage sind, Ziele der Politik bzw. der Interessenverbände zu verändern. Wie in fast allen Politikfeldern bleibt die deutsche Bundesregierung in Kontakt mit oppositionellen Gruppen. Auch über Nachhaltigkeit ste hen der Bundesregierung einerseits über ihre Bundesanstalten für Na turschutz, Strahlenschutz, Umwelt, Seeschifffahrt und Hydrographie sowie Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, und Behörden der Bundeswehr und andererseits durch die von ihr selbst geförderten Forschungsprojekte und wissenschaftlichen Institute sowie zahlreiche Berater alle erdenklichen Informationen zur Verfügung, um im Notfall in Details oder in größerem Umfang umzusteuern. Diese Quellen kön nen zum überwiegenden Teil auch von umweltbezogenen Initiativen und Organisationen genutzt werden. Bisher führt dieser stattliche Wis senspool nur begrenzt zu einer Modifizierung, jedoch zu keiner Revisi on der politischen Ziele. Zusätzlich zu der in den wesentlichen Passagen meist verständlich geschriebenen wissenschaftlichen Literatur bieten Berichte der einschlägigen Bundesanstalten, das Lexikon zur Nachhal tigkeit im Internet sowie zahlreiche auf Stichworte bezogene Artikel im Internet umfassende und verständliche Informationen mit zahlreichen weiteren Verweisen. Unter http://ökologischerfussabdruck.de/ kann je der seinen eigenen persönlichen Fußabdruck berechnen. Eine darüber hinausgehende wichtige Informationsquelle ist in den Veröffentlichungen und eigenen Forschungsprojekten des Umweltpro gramms der Vereinten Nationen und anderer UN Behörden zu sehen, auch wenn sie wegen ablehnender Haltungen der Regierungsvertreter nur in geringem Ausmaß politische Wirksamkeit nach sich ziehen. Mir scheinen die zuständigen UN Behörden selbst stärker sachorientiert in Umweltfragen zu agieren als das deutsche Bundesministerium für Um 272 wIe kann zukunft gelIngen? welt, weil sie keiner gesamtpolitischen Kabinettsdisziplin unterliegen, ähnlich wie Forschungseinrichtungen. Fazit: Die auch politisch geförderte Nachhaltigkeitsforschung ist und bleibt eine unentbehrliche Quelle für alle Personen, Gruppen, Initia tiven und Organisationen, die sich für die politische Umsetzung von Nachhaltigkeit einsetzen und eine Trendwende erreichen wollen. Der bereits bestehende Wissenspool ist weitgehend über Internet und da mit öffentlich leicht erreichbar. 7 3 5 Gemeinsames im Selbstverständnis: Religionen und Nachhaltigkeitsperspektive Viele Menschen mögen fragen, wieso denn ausgerechnet die Religio nen? Seit es Religionen gibt, war das Warum und das Wie des Lebens das zen trale Thema der Religionen. Wie Leben zukünftig noch gelingen kann, das ist das aktuelle Thema für die kommenden Jahrzehnte. Die Antwor ten der Religionen auf die jeweiligen zeitgeschichtlichen Herausforde rungen waren, wie oben beschrieben, sehr reich an Variationen, oft um stritten, gerade auch jetzt in der Gegenwart. Das weist wiederum auf die Vielfalt des Lebens zurück, positiv im Sinn höchst unterschiedlicher Le bensentwürfe, negativ im Sinn von extrem egoistischer, sei es individu eller Rechthaberei oder kollektiver Herrschsucht. Zwar waren Religio nen stets zukunftsorientiert, aber ebenso konsequent rückbezogen auf traditionelle Erklärungen und Rezepte. Ob diese allein noch weiterhel fen, mag bezweifelt werden. Auf jeden Fall brauchen die Staaten für die neuen gemeinsamen Probleme – Klimaerwärmung, Umweltschutz und Erhaltung der ökologischen Lebensbedingungen – zusätzlich neue Lö sungen durch ein punktuelles gemeinsames Selbstverständnis und eine damit verbundene Ethik. Punktuell meint dabei, wie bereits mehrfach argumentiert, die Achtung vor dem Leben und eine darauf bezogene Ethik als gemeinsamen Bezugspunkt trotz ansonsten unterschiedlicher Deutung des menschlichen Lebens. Die Fraktion der Wachstumskritiker scheint zuzunehmen, jedenfalls in mehr oder weniger intellektuellen Kreisen, z. B. durch Veröffentlichun 273 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen gen mit unterschiedlichen Zugängen, religiösen, ökologischen, wirt schaftlichen, psychologischen u. a. Offensichtlich können sich einzelne Personen, Gruppen und Verbände die Freiheit nehmen, über Wahlpe rioden hinauszudenken und angesichts der unübersehbaren Krisens zenarien die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Lebens in der Zukunft auszuloten. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen betonen immer wieder, wie sehr uns die Zeit davonläuft, und dass jede Verzögerung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen die Probleme verschärft und die Kosten der Problembewältigung exponentiell erhöht. Warum klammern sich insbesondere Politiker so vehement an die Wachstums ideologie? Warum geht die Konferenz Rio 2012 zur Nachhaltigkeit mit ausdifferenzierten Vorlagen ohne greifbares Ergebnis zu Ende? Warum verlieren sich weltweit viele Politiker ohne wirkliche Langzeitperspekti ve in fortlaufenden Löcherstopfgesetzen, während andere nichts Besse res zu tun haben, als persönliche und nationale Eitelkeiten zu bedienen? Ist die Demokratie die passende Steuerungsform, um über Jahrzehnte hinaus die Weichen für gute Lebensbedingungen kommender Genera tionen zu stellen? Offensichtlich sind viele Politiker seit Langem nicht in der Lage, die notwendige Zeit und Energie für langfristig bedeutsame Weichenstel lungen zu investieren und diese den Bevölkerungen verständlich zu machen, weil sie bereits mit der Komplexität der alltäglichen Probleme und Streitereien voll ausgelastet, nicht selten überfordert sind. Zahlrei che Staaten sind in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt, Tendenz steigend; sie können sich offensichtlich dem Druck der tonangebenden Wirtschafts und Finanzeliten kaum entziehen. Dieser Druck kommt also von Personen und Verbänden, die selbst im Zirkel von kurzfristigem Wachstum und Gewinn gefangen sind und mit diesem grundle genden Paradigma Gesellschaft und Staat im Griff haben, um nicht zu sagen terrorisieren. Da bleibt nicht viel Raum zur selbständigen Ent wicklung von Zukunftskonzepten über Wahlperioden hinaus. Ange sichts deutlich eingeschränkter Handlungsfähigkeit und Einsichtswil ligkeit vieler Staaten richtet sich die Hoffnung auf zivilgesellschaftliche Initiativen und soziale Bewegungen: eine Nachhaltigkeitsallianz. Aus der Evolutionsgeschichte wissen wir, dass Lebewesen mit ihren Le benskonzepten nur solange überleben, wie die Bedingungen ihres Er folges gegeben sind. Ändern sich die Lebensbedingungen, so muss sich 274 wIe kann zukunft gelIngen? das Lebenskonzept ändern, d. h. an die veränderten Lebensbedingun gen anpassen oder diese Lebensform verschwindet. Dies ist die neue Si tuation, vor der die Menschheit steht, wie die Daten zum ökologischen Fußabdruck (vgl. Kap. 7.1.2), weitere vorgetragene Materialien und die reichhaltige wissenschaftliche Literatur zeigen: In Verbindung mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum nötigen die begrenzten Ressour cen den Menschen, sich auf den nachhaltigen Umgang mit den Res sourcen umzustellen und dies in den vor uns liegenden Jahrzehnten. Ändert die Menschheit ihr aktuell dominantes Lebenskonzept „mate rielles Wachstum“ nicht oder nicht ausreichend sowie rechtzeitig ge nug, so folgen zunächst regionale Zusammenbrüche, denen globale Zu sammenbrüche angesichts des zunehmend engmaschigen Netzes der weltweiten Verflechtungen folgen können, aber nicht detailliert vor hersehbar sind. Nach den vorliegenden Daten leben vorwiegend die In dustriestaaten um ein Mehrfaches über ihre ökologischen Verhältnisse; sie sind es deshalb in erster Linie, bei denen überhaupt Einschränkun gen möglich sind und die ihren Lebensstil deshalb grundlegend um stellen müssen. Für die meisten Länder gilt, dass Einschränkungen des Konsums – unter Gesichtspunkten ausreichender Versorgung – nur bei den kleinen Mittel und Oberschichten möglich, aber real nur schwer durchzusetzen sind. Die erforderliche Anpassung muss zuallererst in den Köpfen der Men schen stattfinden und zur Verinnerlichung dreier Problembündel füh ren: Beschränkung der Klimaerwärmung, Umweltschutz und Erhal tung der ökologischen Lebensbedingungen. Aus der Verinnerlichung dieser Bedrohungen können dann Erweiterungen im Selbstverständnis und in den ethischen Verhaltensstandards erwachsen. In der Evolution des Menschen haben sich zwei grundlegende Vitalkräf te, man kann auch Ressourcen sagen, entwickelt: Der individuelle und kollektive Egoismus einerseits sowie durch letzteren auch das, was Men schen miteinander verbindet und das man Kultur nennt andererseits: Systeme von gemeinsamen Deutungen des Menschseins, Werten und Regeln, darunter vor allem die altruistische Ausrichtung. Kultur kann man als ein in gewisser Weise eigenständiges Steuerungssystem des Menschen neben den Antriebskräften der Evolution verstehen, sicher lich entstanden auf den während der Evolution entwickelten Grundla gen. Die Zukunftsfrage ist, ob sich die Ressource Egoismus durch die 275 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen zweite Ressource Kultur und in ihr die Solidarität soweit domestizieren lässt, dass sie zwar als Antrieb erhalten bleibt, aber ihre destruktiven Wirkungen weitgehend verliert und die unerlässliche Schwerpunktver lagerung von isolierter, egoistischer, konkurrierender auf ge meinsame, partizipative Problembearbeitung, d. h. Zukunftssicherung ermöglicht. Denn die Entwicklung von Partizipation, Teilen, Solidarität, sozialer Gerechtigkeit sind die von vielen Autoren geforderten Veränderungen der Gesellschaft, die für die Realisierung von Nachhaltigkeit für unum gänglich gehalten werden. Die mit Achtung vor dem Leben und daraus folgend Nachhaltigkeit gemeinten Inhalte wären also als das neue, zu kunftsfähige Lebenskonzept der Menschheit zu verstehen, das in beste henden Selbstverständnissen/Religionen zentrale Bedeutung gewinnen muss. Die Zukunftsfähigkeit der Menschheit wird sich demnach daran entscheiden, ob und gegebenenfalls in welchem Maße die Bändigung der Egoismen durch die Kultur gelingt. Vergleicht man die Inhalte von Nachhaltigkeit mit den Aussagen des Al ten Testaments, so ist beides festzustellen: eine wesentliche gemeinsame Schnittmenge und Unterschiede. Beide teilen die Sorge für andere Le bewesen und treten für einen bewahrenden Umgang mit ihnen ein. Un terschiede liegen in der Begründung und – zwangsläufig – im Hinter grundwissen. In der konfessionellen Lesart des Alten Testaments sorgt sich Gott um seine Geschöpfe und gibt dem Menschen den Auftrag, sich um seine Geschöpfe zu kümmern. Der Mensch hat diesen Auftrag auszuführen, um sich durch Gehorsam für das in Aussicht gestellte ewi ge Heil zu qualifizieren. Es ist also nicht die eigene Erkenntnis des Men schen, die anderen Geschöpfe zu bewahren. Dass dieser Auftrag Gottes dennoch bis in die Gegenwart ein weniger bedeutsames Feld menschli cher Aufmerksamkeit gewesen ist, ergibt sich aus der durch und durch anthropozentrischen Grundausrichtung der Bibel, die den Menschen durchaus richtig als einzigartig hervorhebt, aber das übrige Leben qua si in eine nützliche, lebensdienliche, immerhin bewahrungsbedürftige Residualkategorie verweist. Dies ist, wie bereits erwähnt, wegen der da mals bereits erfolgreichen eigenständigen Nahrungsmittelversorgung nachzuvollziehen, zumal die Leistungsgrenzen der Natur damals – und ebenso auch gegenwärtig – nur teilweise erkennbar waren, obwohl es lokale Zusammenbrüche ökologischer Systeme durch menschliche Ein wirkung seit der Entwicklung von Homo sapiens gegeben hat. 276 wIe kann zukunft gelIngen? Den göttlichen Auftrag zum sorgsamen Umgang mit anderen Lebewe sen könnte man als Kontrapunkt zu den Gesetzen der Evolution verste hen: Überleben der auf welche Weise auch immer Stärksten. Auf der ei nen Seite Bewahrung, auf der anderen Egoismus als Allzweckwerkzeug. Komplettiert wird dieser Kontrapunkt durch das Gebot der Nächsten liebe im Dekalog, der auch den Menschen gezielt aus dem genannten Evolutionsmodus herausnimmt und in eine mitmenschliche Gemeinschaft stellt. Liest man die Bibel als historisches Dokument, d. h. als Dokument menschlichen Selbstverständnisses, das von Menschen ersonnen wurde und nach einer langen mündlichen Überlieferungsgeschichte von Men schen für Menschen aufgeschrieben wurde, so sind die hier relevanten Textausschnitte als vehementer Widerspruch menschlicher Kultur ge gen das Fressen und Gefressen werden, das evolutionsgeschichtliche Ausleseprinzip zu verstehen. Das Alte Testament als Dokument früher menschlicher Kultur schafft mit den Schöpfungsberichten und dem De kalog eine selbständige Steuerung des Lebens nach neuen Prinzipien: Sorge für die Lebensumwelt des Menschen und Gestaltung menschli chen Lebens auf der Grundlage mitmenschlicher Zuwendung. Die säkulare und historische Lesart des Alten Testaments macht die neuen Ge staltungsprinzipien zu Erkenntnissen des menschlichen Geistes, die ihre Legitimation und Autorität erhalten, indem sie einem allmächti gen, übernatürlichen Wesen: Gott zugeschrieben werden. Mit anderen Worten: Menschen haben schon sehr früh die Schattenseiten ihrer Le bensform erkannt: den Raubbau an der Natur und die durch individu elle und kollektive Egoismen zerrissene Lebensweise. Zentrale Inhalte menschlicher Kultur sind untrennbar mit der Entwicklung von Religi on verwoben. Ähnlich wie in der historischen Deutung des Alten Testaments erwach sen auch die Vorschläge zur Nachhaltigkeit aus Zweifeln am aktuel len Selbstverständnis und an seinen Wirkungen. Einerseits handelt es sich um Zweifel am Sinn einer Orientierung an ziel und inhaltslosem Wachstum und Gewinnstreben, andererseits an einer endlosen Folge bloß augenblicksartiger Konsumvergnügungen, ohne dass dabei eine sinnhafte Verknüpfung sichtbar würde. Die Forderung der Nachhaltig keit erwächst aus der Achtung nicht nur vor einzelnen Lebewesen oder Lebewesengruppen, sondern vor dem Leben insgesamt, von dem auch 277 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen menschliches Leben ein Teil ist. Die Nachhaltigkeitsperspektive kriti siert also die aktuelle, nur selektive Achtung von Lebewesen, Menschen, Gesellschaften, Religionen usw. Diese Sichtweise passt durchaus in die Lehren vieler Religionsgemeinschaften und deren eigene Begründungs zusammenhänge; sie kann aber auch unabhängig von religiösen Sinn kontexten als immanente Begründung menschlichen Lebens verstan den werden: Leben ist das höchste Gut des Menschen, das menschliche Existenz ausmacht. Nur als Lebewesen hat der Mensch ein Sein: Leben ist Selbstzweck, trägt seinen Sinn in sich selbst. Mit dieser immanenten Begründung von Nachhaltigkeit aus dem Le bensprozess muss man keinen allgemeinen Geltungsanspruch verbin den. Diese Begründung scheint mir jedoch im Hinblick auf die Ge schichte der Evolution und des Menschen plausibel zu sein, da sie an dem Erfahrbaren ansetzt und den Menschen als die für die Erde ver antwortliche Instanz in den Mittelpunkt rückt; sie kann auch von nicht religiös gebundenen Personen, die jedenfalls in Europa zunehmen, un mittelbar nachvollzogen werden. Selbstverständlich weisen auch ande re Begründungen von Nachhaltigkeit eine gewisse kontextgebundene Plausibilität auf. Mir scheint entscheidend, dass die Achtung vor dem Leben aus unterschiedlichen religiösen, kulturellen, philosophischen und anderen Perspektiven zu einem gemeinsamen globalen Band wer den kann. Wer das nicht akzeptieren kann, lebt im Widerspruch mit sich selbst. Mit anderen Worten: Die unterschiedlichen Kulturen und Länder haben jeweils eigene Sinnstrukturen und Lebenskontexte, aber auch – was sie teilweise erst lernen müssen – gemeinsame Lebensprobleme. Um die beschriebenen gemeinsamen Lebensprobleme zu bewälti gen, müssen alle Länder trotz aller sonstigen Unterschiede einen geteil ten, gemeinsamen Bezugspunkt haben, der sie handlungsfähig macht. Dieser gemeinsame Bezugspunkt ist in der Achtung vor dem Leben zu sehen und fordert Nachhaltigkeit ein. Die Darstellung in Kap. 6.4 zeigt, dass eine Religionen und Staaten übergreifende Ethik der Nachhaltig keit immer mehr Zustimmung gewinnt. Schwerpunktmäßig setzt sich die Nachhaltigkeitsfraktion aus vielen nachdenkenden Menschen, qualifizierten Intellektuellen, Wissenschaft lern, Instituten, NRO u. a. zusammen, die ihre Vorschläge zur Nachhal tigkeit auf breit gestreute Analysen und Ergebnisse von biologischen, demographischen, ökonomischen, soziologischen, ethischen, agrarwis 278 wIe kann zukunft gelIngen? senschaftlichen, technologischen und anderen Untersuchungen grün den. Diese Untersuchungen führen von unterschiedlichen Ausgangs punkten dennoch zu denselben Folgerungen. Erstens: Die Fortsetzung der Wachstumsorientierung führt durch das steigende Missverhältnis von Ressourcenverbrauch und Ver und Entsorgungskapazität zwangs läufig in unübersehbare Zusammenbrüche. Zweitens: Auskömmli ches, zukünftiges Leben auf der Erde für alle Bewohner ist auf Nach haltigkeit in allen Lebensbezügen, d. h. eine ausgeglichene Bilanz von Ressourcenverbrauch und Ver bzw. Entsorgungskapazität angewie sen. Drittens: Die ausgeglichene Bilanz kann nur gelingen, wenn sie auf der Achtung vor dem Leben insgesamt, dem aller Menschen und dem der nicht menschlichen Lebewesen aufbaut. Viertens: Die Entwicklung nachhaltiger Gesellschaften ist nur durch die radikale Umsteuerung in der Ausrichtung der Gesellschaft und der Lebensführung der Bürger zu erreichen und zwar durch den Übergang zu Teilen, Partizipation, Soli darität in den sozialen Bezügen; sie mündet zwangsläufig in eine neue Ethik ein, die Gesellschaften und Religionen übergreift. Die Begrün dung von Nachhaltigkeit in allen Lebensbezügen und unumgänglicher Solidarität erwächst aus der durch Forschung und Reflektion erarbei teten Erkenntnis, dass es grundsätzlich nur diesen einen Weg gibt, für den allerdings unterschiedliche Maßnahmenbündel arrangiert werden können. Die Bibel und die Nachhaltigkeitsdebatte stimmen also in zwei grund legenden Wegweisungen in der Sache überein: Sorgfältiger Umgang mit der Biosphäre und solidarischer Umgang mit den Mitmenschen, allerdings mit unterschiedlicher Gewichtung. Die Begründungen un terscheiden sich: einerseits erfolgt in der konfessionellen Lesart der Bi bel die Legitimation durch den Rückbezug auf den allmächtigen Gott, andererseits erfolgt sie bei Teilen der Nachhaltigkeitsgruppierung als Rückbezug auf die Achtung vor dem Leben als Selbstverständnis und auf die eigene Erkenntnis sowie Verantwortung. Die historische Les art des Alten Testaments und die Nachhaltigkeitsvision weisen beide auf die menschliche Erfahrung und Erkenntnis als wertschöpfende und steuernde Instanz hin. Die Ausgangslage ist bei beiden strukturell ähn lich: Menschen suchen einen Neubeginn mit neuen Lebensmodellen, weil die alten offenbar nicht mehr funktionieren und nicht mehr als zukunftsweisend erscheinen. Freilich bedeuteten verantwortungsvoller 279 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Umgang mit der Biosphäre und solidarische Lebensweise konkret da mals etwas anderes als heute. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass der Buddhismus die Gesamt heit des Lebens nicht nur in seinem Weltverständnis, sondern auch in der Lebensgestaltung stets im Blick behalten hat, was den abrahamisti schen Religionsgemeinschaften nicht gelungen ist. Die Natur wird als große Einheit verstanden, in der die Achtung vor dem Leben und der materiellen Natur einen hohen Rang einnimmt, die im Tötungs und Bergbauverbot ihren konkreten Ausdruck findet und mit dieser Kon kretisierung auch weit reichende reale Auswirkungen in der Lebens wirklichkeit hatte und noch hat. Auch in anderen Religionen, insbeson dere Naturreligionen, auf die hier nicht weiter eingegangen wird, finden sich Vorstellungen, die in die gleiche Richtung gehen. Fazit: Schon sehr früh haben sich in der menschlichen Kulturgeschich te Leitbilder darüber entwickelt, dass man die Natur bewahren und die menschlichen Lebensverhältnisse auf der Grundlage von Solidarität entwickeln soll. Beide Leitbilder haben sich in der Lebensführung der Menschen und der Handlungsweise der Gesellschaften nur bruchstück haft durchsetzen können. Individuelle und kollektive Egoismen prägen wie eh und je die Gesellschaften, verwoben und verzahnt auf manch mal merkwürdige Weise mit altruistischen Verhaltensnormen und Ins titutionen. Das Neben , In und Gegeneinander dieser Verhaltenskom ponenten scheint über die Jahrtausende hinweg bis heute ein insgesamt dauerhaftes und stabiles Arrangement mit gewissen Schwankungen ge wesen zu sein. Anders ausgedrückt: Man kann langfristig und global gesehen zwar einen Bedeutungszuwachs des Solidaritätsgedankens, der Nächstenliebe, des Teilens, der Partizipation, der sozialen Gerechtigkeit – dies die verwendeten Begriffe – auch als Ergebnisse des Wirkens von Religionen feststellen. In der Tat ist der Egoismus generell eine wesent liche Erfolgsbedingung für Menschen in welchem Lebensbereich auch immer, während in der Gegenwart der Solidaritätsgedanke die Hoff nung der schwächeren Teile der Bevölkerung und der ebenfalls schwa chen im Sinne von machtlosen intellektuellen bzw. religiösen Autori täten in den wohlhabenden Staaten charakterisiert. Einzelne Staaten mögen da Ausnahmen sein. Gerade der weitere Bedeutungszuwachs des Solidaritätsgedankens ist jedoch der Schlüssel zur Entwicklung von nachhaltigen Gesellschaften der Gegenwart und Zukunft. 280 wIe kann zukunft gelIngen? Folgt man den Nachhaltigkeitsexperten, dann liegt hier die Bewäh rungsprobe der Menschheit oder etwas bescheidener: vieler Regionen und Religionen der Erde. Die Umsetzung setzt jedoch einen Bewusst seinswandel, ein neues bzw. wieder neu belebtes und aktualisiertes Selbstverständnis der Glaubensgemeinschaften, der Bevölkerungen und der Entscheidungsträger voraus. Dieses Selbstverständnis grün det in der Achtung vor dem Leben und erfordert zu seiner dauerhaften Verwirklichung beides: Nachhaltigkeit und Solidarität; es wird gegen wärtig von Repräsentanten des Ökumenischen Rates der Kirchen, der römisch katholischen Kirche, des Mahayana Buddhismus, von Wis senschaftlern und zivilgesellschaftlichen Initiativen und Organisatio nen getragen. Denkschriften, Enzykliken und Memoranden von Religionen sowie einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen sind zunächst wesent liche Schritte, um die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungs träger innerhalb von Ländern und auf der internationalen Ebene argu mentativ unter Druck zu setzen und mit den vorliegenden Szenarien zu konfrontieren und ihnen auf dieser Grundlage Kurskorrekturen in Richtung auf Nachhaltigkeit abzufordern. Zusammen mit den Nach haltigkeitsexperten und zivilgesellschaftlichen Organisationen können die Religionsgemeinschaften von den Entscheidungsträgern für die von ihnen eingegangen Risiken durch Nichtstun und Verzögerungstakti ken Rechenschaft einfordern. Derartige politische Initiativen für die Er haltung des gemeinsamen Hauses werden allein nicht ausreichen und brauchen, um wirksam zu werden, flankierende Maßnahmen durch eine möglichst breite Mobilisierung der Gläubigen und aller Nachhal tigkeitssympathisanten zu wahlrelevanten sozialen Bewegungen. Zwar haben in Deutschland schon mehrfach soziale Bewegungen politische Kursänderungen bewirkt. Dennoch bleibt es vorerst offen, ob, gegebe nenfalls in welchem Maß und welchem Zeitraum die Mobilisierung der Bevölkerung, die ja selbst erhebliche Veränderungen in ihrer Lebens führung wird hinnehmen und durchführen müssen, gelingen kann. Bedauerlicherweise gilt bisher – ich denke ausnahmslos – die Erfah rung, dass die Bevölkerungen in ihren Mehrheiten bisher noch nie be reit waren, freiwillig zugunsten zukünftiger Lebenschancen erhebli che Einschränkungen und Veränderungen in der aktuellen Gegenwart zu akzeptieren. Ist der demokratische Staat die geeignete Regierungs form, um die erforderlichen Maßnahmen für Klima , Umwelt und Bio 281 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen sphärenschutz durchzuführen? Zweifel sind angebracht, müssen erlaubt bleiben. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben die UN und auch einzelne Staaten zwar Lebensmittel und andere Hilfsgüter aus der Überschuss produktion und aus eigenen Mitteln in beachtlichem Umfang, aber im mer noch nicht ausreichend, in Regionen geschickt, in denen durch Bürgerkriege, Missernten und andere Katastrophen Notlagen entstan den. Das sind zurzeit viele Milliarden. An die Veränderung der eigenen Sozial und Verteilungsstrukturen haben die reichen Länder dabei je doch bisher nicht gedacht. Zu Solidaritätsleistungen in der Form eige ner struktureller Verteilungsveränderungen waren Gesellschaften und ihre Bürger bisher nicht in der Lage. Gerade aber diese große Umver teilung in den Gesellschaften und zwischen ihnen meinen die Nachhal tigkeitsgruppierungen und die Religionsvertreter, weil der Gesamtver brauch reduziert und deshalb neu verteilt werden muss, um nachhaltig werden zu können. Gelingt diese Hinwendung zum Solidaritätsprinzip, dann ist dies ein qualitativer Sprung, gewissermaßen eine Metamorpho se des Menschen, die die Mechanismen der Evolution, jedenfalls was den Menschen angeht, zwar nicht aufhebt, aber doch zu einer größeren anteiligen Selbststeuerung der Entwicklung hin verschiebt. Die oben angesprochene, noch zu erarbeitende Nachhaltigkeitsethik ist dabei als Wegbereiter zu sehen. Da der Mensch sich auf der Erde gegenüber an deren früheren Fressfeinden durchgesetzt hat, würde ihn die Reduktion bzw. die Verminderung der egoistischen Antriebsenergien nicht selbst bedrohen, aber seine Vitalität möglicherweise einschränken. Es ist nicht zu übersehen, dass sich in europäischen Gesellschaften Menschen in Gruppen zusammentun, die die Abkehr von der widersin nigen Wachstumsideologie fordern und selbst an unterschiedlichen al ternativen Wirtschafts bzw. Gesellschaftskonzepten arbeiten (www.Lebensministerium.at S.  13). Auch die Veröffentlichungen zur Kritik der Wachstumsideologie und zu Alternativen nahmen in den letzten Jah ren sprunghaft zu. Angeblich trauen 82 % der Deutschen der aktuellen Wirtschaftsorganisation keine erfolgreiche Zukunft zu; werden sie aber auch einen Systemwechsel unterstützen, wenn sie ihren Konsum spür bar einschränken müssen, was die Nachhaltigkeitsgruppierungen für unausweichlich halten? Gerade die aktuellen Zukunftsprojekte: die in ternationalen Handelsverträge TTP, TTIP und CETA stellen die Wei 282 wIe kann zukunft gelIngen? chen falsch, weil sie durch die Begünstigung der Gier großer Konzerne auch den individuellen Egoismus fördern und solidarische Verhaltens weisen auf fast allen sozialen Ebenen nicht zur Entfaltung kommen las sen. Unter dem Titel: „Sie zerstören ihr eigenes Werk“ analysiert der Ökonom und Nobelpreisträger (2001) Joseph E. Stieglitz die Effekte von TTP und TTIP. Nach seiner Analyse untergraben sie die Politik, die Ob ama und Merkel mit dem Pariser Abkommen verbinden, und stärken bestehende Strukturen (Stieglitz 2016). 7 3 6 Gemeinsames in der Ethik: Handeln braucht eine ethische Grundlage In den vorausgegangenen Kapiteln und Abschnitten wurde immer wie der auf die Vielfalt der Kulturen, der Religionen und der gesellschaft lichen Entwicklungsphasen hingewiesen, die als Gegebenheit zu ak zeptieren ist und vielfältigen elementaren individuellen und sozialen Bedürfnissen dient. Lange Zeit ist es bei einem Nebeneinander und häufig auch Gegeneinander geblieben. Die Kulturen hatten ihre eige nen Wertsysteme und ethischen Vorstellungen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ändert sich die Lage der Menschheit in zwei wich tigen Hinsichten erheblich und stellt auch die Ethik vor neue Probleme. Einerseits verdichten sich schon seit mehreren Jahrtausenden bestehen de Handelsbeziehungen zwischen Staaten zu einem dichten Netz glo baler Verflechtungen und wechselseitiger Abhängigkeiten. Andererseits entstehen mit der wachsenden industriellen Güterproduktion primär in den westlichen Ländern mehrere hausgemachte Probleme (Ozon loch, Klimaerwärmung, Meerverseuchung, Ressourcenverknappung, lebensfeindliche Folgen der Industrieproduktion usw.), die im Begriff sind, für alle Staaten zur Bedrohung zu werden. Neu an den beiden fortschreitenden Entwicklungen ist, dass durch sie gemeinsame Proble me der Staaten entstanden sind und schrittweise von den wirtschaftli chen und politischen Entscheidungsträgern auch wahrgenommen wer den. Die neuen gemeinsamen Probleme brauchen zu ihrer Bewältigung gemeinsames Zusammenwirken der Staaten, das erst durch Verständi gung, d. h. ein problembezogenes gemeinsames Selbstverständnis und als Handlungsgrundlage eine gemeinsame problembezogene ethische Basis funktionsfähig wird. 283 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Hans Küng nennt diese global erforderliche Ethik Weltethos, beschreibt die intensive Arbeit an dem Projekt Weltethos seit 1989 und listet die einschlägige Literatur auf (Küng 2012). Sein Bestreben ist, in den Tra ditionsströmen diejenigen gemeinsamen Elemente herauszufinden, die für ein Weltethos als Plattform für gemeinsame, Gesellschaften und Religionen übergreifende Orientierungen und Handlungsweisen als Grundlage dienen können. Seiner Charakterisierung von Weltethos (S.  19–41) kann man weitgehend zustimmen. Besonders hervorzuhe ben ist seine mehrfach wiederholte Auffassung, dass Weltethos kein weltweiter Ersatz für die vielfältigen Ethiksysteme ist, sondern sich nur auf die Bereiche des Gesellschaften und Religionen übergreifenden, gemeinsamen Handelns bezieht, d. h. den bestehenden Ethiksystemen nur ein Element hinzufügen will. Dies ist, wie die Abschnitte 7.3.1 und 7.3.2 zeigen, auch die hier vertretene Sichtweise. Es ist allerdings wahr scheinlich, dass eine solche ergänzende Hinzufügung von Gesellschaf ten und Religionen übergreifenden Ethikbausteinen den Charakter der jeweiligen Ethiksysteme wesentlich verändert, etwas Neues aus ihnen macht. Der Rückbezug auf die unterschiedlichen Traditionsströme bie tet für die Individualethik, die zwischenmenschlichen und gesellschaft lichen Bezüge eine wertvolle Grundlage. Er bleibt jedoch im anthropo zentrischen Denken befangen. Für die neuen gemeinsamen Probleme: Beschränkung der Klimaerwärmung, Umweltschutz und Erhaltung der ökologischen Lebensbedingungen des Menschen, die sich im Sinne der Achtung vor dem Leben unter dem Begriff Nachhaltigkeit zusammen fassen lassen, werden dringend neue Zugänge benötigt. Ich gehe deshalb davon aus, dass der Rückbezug auf die Traditionen ergänzt werden muss durch die induktive Entwicklung ethischer Ori entierungen und konkreter Verhaltensvorgaben. Inhaltlich besteht die Achtung vor dem Leben in den Orientierungspunkten und Verhaltens mustern, die sich unter Bezug auf Nachhaltigkeit im oben definierten Sinn konkretisieren lassen. Achtung vor dem Leben kann praktiziert werden, indem die aus Nachhaltigkeit resultierenden Verhaltensmaß gaben die Lebensführung der Menschen, der Gesellschaften und ihrer Institutionen prägen. Mit anderen Worten: Nachhaltigkeit ist als ethi sches Leitziel zu verstehen, das in konkreten, jeweils feldbezogenen Ver haltensnormen zum Ausdruck kommt. Eine für die Ethik neue Situation besteht darin, dass das Leben und das Verhalten des Menschen in grundlegenden Teilen von der Erhaltung der nicht menschlichen Le 284 wIe kann zukunft gelIngen? benswelt her gedacht und entworfen werden muss. Nachhaltige Verhal tensstandards müssen, soweit sie sich auf die Biosphäre beziehen, von den jeweiligen Lebensbedingungen von Tieren, Pflanzen, Pilzen, öko logischen Systemen her induktiv entwickelt werden: Durch welche Ver haltensweisen können Lebensbedingungen von Tieren, Pflanzen, Pilzen, ökologischen Systemen beachtet werden, damit sie weiterleben können, sich dadurch Nachhaltigkeit im Sinne der Achtung vor dem Leben voll zieht und die menschlichen Lebensbedingungen gesichert werden? We sentlich komplizierter wird die Sachlage, wenn es um die Existenz von ökologischen Systemen, z. B. Nahrungsketten geht. Um diese Leben er haltenden Verhaltensweisen ausfindig zu machen, müssen zwangsläu fig Fachwissenschaftler aus den Biowissenschaften in die ethische Dis kussion einbezogen werden, werden Fachwissenschaftler zu Partnern in der Ethikdebatte. Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien und andere Lebewe sen sowie ökologische Systeme treten damit als Bezugspunkte mensch licher Ethiküberlegungen aus wohlverstandenem Eigeninteresse in den Mittelpunkt. Mit anderen Worten: Die nicht menschliche Biosphäre wird in Zukunft die Freiheit des Menschen und sein Verhalten umfas send begrenzen und steuern. Damit kommt es zu neuen Schwerpunkt setzungen in der Ethik: Die bisher weitgehend anthropozentrisch an gelegten Ethiken müssen die Biosphäre insgesamt in den Mittelpunkt stellen. Sie erhalten mit dieser Schwerpunktverschiebung einen völlig neuen Charakter. Die ökologischen Verhältnisse weisen weltweit enorme Unterschiede auf. Es scheint mir deshalb noch offen zu sein, ob man zur Umsetzung von Nachhaltigkeit weltweit gleiche oder wenigstens ähnliche ethische Leitziele auf einer weniger abstrakten, feldbezogenen Ebene erarbeiten kann. Aus demselben Grund werden die konkreten Verhaltensvorga ben zwangsläufig unterschiedlich ausfallen. Dies gilt analog für die Er haltung nicht erneuerbarer materieller Ressourcen und in Bezug auf nicht menschliche Lebewesen. Die Nachhaltigkeitsforschung aus den unterschiedlichen Wissenschaftszweigen gewinnt deshalb besondere Bedeutung, um die notwendigen Verhaltensstandards und ethischen Leitsätze von den konkreten Umständen her zu entwickeln. Die alltägliche Lebenswirklichkeit nach dem Leitbild Nachhaltigkeit würde voraussichtlich in erheblichem Umfang von auf Nachhaltigkeit zielenden Verhaltensnormen geprägt sein. Ich halte es deshalb für sehr 285 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen wahrscheinlich, dass die Entwicklung von ethischen Leitzielen und konkreten Verhaltensvorgaben unter dem Leitbild Nachhaltigkeit auch zur Modifikation traditioneller ethischer und moralischer Vorstellun gen und deren Stellenwert führt, in den jeweiligen ethischen Systemen also neue Schwerpunkte setzt, sie qualitativ im Gesamtbild verändert: Die auf Nachhaltigkeit zielenden ethischen Leitziele und Verhaltens normen gewinnen mittelbar menschliches Leben erhaltende Bedeutung. Indem nicht menschliches Leben geschützt wird, erfolgt die Sicherung menschlicher Lebensbedingungen. Eine solche globale Nachhaltigkeit sethik wird vermutlich erhebliche Rückwirkungen auf kulturell und re gional geprägte Gewohnheiten ausüben; sie kann nicht einfach additiv den bereits bestehenden ethischen Konzepten der Kulturen hinzugefügt werden, muss anschlussfähig sein und integriert werden. Die indukti ve, von den Problemen ausgehende Entwicklung einer solchen Nach haltigkeitsethik muss, wenn sie eine Durchsetzungschance haben soll, dialogisch durch die konkret mit Nachhaltigkeitsproblemen konfron tierten Berufe/Personen, Repräsentanten von Religionsgemeinschaften und anderen Beteiligten jeweils kontextbezogen, falls notwendig auf in ternationaler Ebene erfolgen. 7 3 7 Zusammenfassung Wir sind von den hausgemachten und deshalb beeinflussbaren Bedro hungen der menschlichen Lebensbedingungen ausgegangen und ha ben im Rückblick die Entwicklung des Menschen und seines Selbstver ständnisses nachgezeichnet, das sich über viele Jahrtausende entwickelt und unter Bezug auf seine teils vorgefundene und teils selbst geschaf fene Umwelt variationsreich verändert hat. Menschliches Selbstver ständnis drückt sich vor allem in den Religionen aus und umfasst Vor stellungen über das Warum und das Wie des Lebens in der von ihm wahrgenommenen Welt im Wandel der Zeiten bis in die Gegenwart. Die vom Menschen teilweise und zunehmend selbst geschaffenen Le benswelten spiegelten zu allen Zeiten sowohl sein Selbstverständnis als auch sein Vermögen bzw. Unvermögen, mit seiner Umwelt so umzuge hen, dass seine Lebensbedingungen erhalten bleiben. Trotz vieler Rück schläge und Fehlentwicklungen im Laufe der Menschheitsgeschichte ist es dem Menschen insgesamt überaus erfolgreich gelungen, sich als Art 286 wIe kann zukunft gelIngen? nicht zur zu behaupten, sondern sich über die ganze Erde auszubreiten, auf Kosten der anderen Lebewesen. In jüngster Zeit haben sich die rationalen Kapazitäten und Potenziale des Menschen sprunghaft weiter entwickelt; sie beeinflussen die Selbst verständnisse nachhaltig in erstaunlich unterschiedliche Richtungen, weil sie die Lebensführung der Menschen durch die vielfältigen tech nologischen Errungenschaften weithin prägen und durch schnellen Wandel verunsichern; sie sind einerseits in vielen Bereichen von Nah rungsmittelproduktion bis gesundheitlicher Versorgung – auch durch Raubbau – sehr erfolgreich gewesen, können dennoch für die immer noch zunehmende Weltbevölkerung auf Dauer nicht genügend Res sourcen zur Verfügung stellen, keinesfalls nach aktuellen westlichen Standards. Andererseits hat der Mensch mit seinen produktiven Poten zialen im Erfolgsrausch seine eigenen Lebensbedingungen viel zu sehr aus dem Blickfeld verloren: die Klimaerwärmung mit ihren Auswirkun gen, die Überfischung und Verseuchung der Weltmeere, die ökologische Tragfähigkeit der Natur und so weiter wie oben beschrieben. Alle die se Bedrohungen entstehen weit überwiegend aus einem fehl geleiteten, materialistischen, kurzfristig ausgerichteten und – bedauerlicherweise – verbreiteten Selbstverständnis, in dem die natürlichen Ressourcen so behandelt werden, als stünden sie unbegrenzt auf Dauer zur Verfügung. Die eigensinnige und kaum reflektierte Beibehaltung dieses Selbstver ständnisses durch die meisten Entscheidungsträger, d. h. die fehlende bzw. sehr begrenzte Einsicht in die bereits entstandenen Problemlagen und die fehlende Bereitschaft, das Selbstverständnis der Bedrohungsla ge anzupassen, stellen das zentrale, lösungsbedürftige Problem dar. Die Einsicht in die Fehlentwicklung und der Wille zum notwendigen Pa radigmenwechsel fehlen bisher auf der Seite der Entscheidungsträger und in weiten Teilen der ziemlich ahnungslosen Bevölkerungsmehr heiten weitgehend, ohne Aussicht auf ein Umdenken: eine Hochrisiko politik. Demgegenüber finden auf langfristige Erhaltung der Lebensbe dingungen ausgerichtete Minderheiten zu wenig Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Um die sich anbahnenden katastrophalen Einbrüche zu vermeiden, bleibt, wenn man am Ziel der dauerhaften Versorgung der Weltbevölkerung festhält, nur die Chance, die nachhaltige Organisati on von Gesellschaften und Wirtschaft voranzutreiben: eine Nachhaltigkeitsallianz zu gründen und politisch mobil zu machen. 287 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen • Soweit ein gemeinsames Selbstverständnis unter den Staaten be steht, orientiert es sich nach wie vor am Wirtschaftswachstum: Je der Staat will für sich mehr haben. Ein auf Nachhaltigkeit zielen des Selbstverständnis, das sich an der Achtung vor dem Leben und der dauerhaften Versorgung der Weltbevölkerung orientiert, ist ge genwärtig primär bei Forschern, zivilgesellschaftlichen Initiativen, Intellektuellen, Religionsgemeinschaften u. a., jedoch nur sehr ein geschränkt bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträ gern und in Bevölkerungsmehrheiten entwickelt; für die Nachhal tigkeitsrevolution ist es auf weite Verbreitung in den Gesellschaften angewiesen. Es ist zu hoffen, dass aus den genannten, noch neben einander wirkenden Kreisen mit ähnlichen Überzeugungen und Zielen politisch aktive Nachhaltigkeitsallianzen entstehen, die letzt endlich einen gesellschaftlichen Meinungsumschwung zugunsten von Nachhaltigkeit und ein entsprechendes politisches Umsteuern einleiten. • Die politischen Entscheidungsträger halten geradezu verbissen an Wachstumszielen fest und versuchen diese durch – umstritte ne – Handelsverträge zu optimieren. Trotzdem sind diesbezügliche Erfolge zurzeit eher die Ausnahme als die Regel. Die politischen Entscheidungsträger sind also im Sinn ihrer eigenen Ziele wenig erfolgreich. Diese Misserfolge müssten sie nachdenklich machen, tun es aber nicht, bieten aber dennoch die Chance, die vorhande ne Verunsicherung zur Propagierung der notwendigen Umorien tierung zu nutzen. Angesichts der objektiven Wachstumsgrenzen und des fortschreitenden Bevölkerungswachstums wird ein im Sinn von Bevölkerungszahl und Ressourcenverbrauch nicht expan dierendes Lebensmodell, d. h. der Übergang in kreislaufartige Ge sellschafts bzw. Wirtschaftsmodelle mittelfristig gezielt angestrebt werden müssen. • Die zwei zentralen und mit Abstand schwierigsten Probleme/Auf gaben bei der Umstellung der gesellschaftlichen und wirtschaft lichen Organisation bestehen darin, einerseits die Einsicht in die unbestreitbare Abhängigkeit menschlichen Lebens von der Bio sphäre und erforderliche verhaltenswirksame Schutzmaßnahmen – nicht nur von attraktiven Tierarten – mehrheitsfähig zu vermit teln und andererseits die unerlässliche Solidarität für die kaum ver meidbaren Umverteilungsprozesse herbeizuführen. Ohne Bewusst seinsänderung ist Solidarität nicht zu erwarten. Die überzogenen 288 wIe kann zukunft gelIngen? Entwicklungschancen der materiellen Gier brauchen eine struk turelle Begrenzung, so dass die extreme und weiter zunehmende soziale Ungleichheit in eine leistungsgerechte Einkommens und Vermögensverteilung überführt werden kann. Schließlich werden die Bürger ihren materiellen Konsum auf lebensnotwendige Gü ter beschränken und erfülltes Leben in qualitativen, selbstzweckli chen Kontexten suchen müssen, z. B. in sozialen, geistigen, künst lerischen, sportlichen und anderen Aktivitäten. Ohne ein neues Selbstverständnis, das die Achtung vor dem Leben mit allen Kon sequenzen beinhalten muss, können die für notwendig gehaltenen Veränderungen kaum gelingen. Ohne Bewusstseinsveränderungen mit dem neuen Selbstverständnis fehlt den Umverteilungen und Einschränkungen die unabdingbare Begründung und den Bürgern die Motivation zur Mitwirkung. • Betroffen sind von der notwenigen gesellschaftlichen Neuorientie rung in besonderer Weise die wohlhabenden Länder, weil sie ihre ökologischen Fußabdrücke ebenso drastisch überschreiten wie sie sie reduzieren müssen. Das wird ohne massive Einschränkungen kaum möglich sein. Wie sollen denn fünf bis zehnfach überzoge ne Fußabdrücke anders reduziert werden als durch Einsparungen und Umverteilungen? Gleichzeitig werden die reichen Länder sich darauf einstellen müssen, den armen die zur Versorgung ihrer Be völkerungen notwendigen Güter zunächst zur Verfügung zu stel len. Weiterhin geht es darum, die armen Staaten bei ihren meistens bestehenden Bemühungen um eigenständige Versorgung nicht wie häufig bisher zu behindern und abhängig zu halten, sondern zu un terstützen. Ohne neues Selbstverständnis scheitern diese Aufgaben. • Der erforderliche Paradigmenwechsel zu Nachhaltigkeit bedeutet zunächst, dass nun endlich auch Politik, Wissenschaft, Technolo gie und Wirtschaft den Aufforderungen der Biologen und Nach haltigkeitsforscher folgen, ein auf die Erhaltung der menschlichen Lebensbedingungen bezogenes Selbstverständnis entwickeln und von Leben gefährdenden Forschungszielen und Produkten abse hen bzw. sorgfältige Missbrauchsvorsorge treffen. Ausschließlich auf materiellen Gewinn ausgerichtete Wissenschaft und Technolo gie ohne ethische Rückbindung an die Erhaltung der Lebensbedin gungen kann sich die Menschheit nicht mehr leisten. Diese not wendige Neuorientierung muss durch politischen Druck aus den Nachhaltigkeitsallianzen angeregt und beschleunigt werden. 289 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen • Die Nachhaltigkeitsforschung erarbeitet seit einigen Jahrzehnten zunehmend Forschungsergebnisse unter dem Gesichtspunkt, wie man Nachhaltigkeit in den relevanten Feldern praktizieren kann. Dieser Wissenspool ist in allgemein verständlicher Sprache, z. B. im Internet weitgehend zugänglich, von zentraler Bedeutung und für politische Aktionen nutzbar. Für die bevorstehenden Aufga ben im Feld des nachhaltigen Produktions und Konsumverhaltens braucht die Nachhaltigkeitsforschung weitere finanzielle Unter stützung, die man aus zwar interessanten, aber ziemlich nutzlosen Forschungsprojekten, z. B. der Weltraumforschung abziehen kann: denn eine Auswanderung aus einer lebensuntauglichen Erde hat keine Chance. Wohin denn? Forscher werden als Experten auch in gutachtender Funktion und, soweit sie dazu bereit sind, auch in po litischen Ämtern gebraucht. • Die vorliegenden, respektablen Programme des WWF (WWF 2014), von Randers und Maxton (Randers/Maxton 2016) und weitere bie ten hilfreiche Ansätze, bedürfen zur Umsetzung von Nachhaltigkeit der Einbindung in das auf Lebenserhaltung ausgerichtete Selbstverständnis, um die notwendige Motivationsschubkraft zu entwickeln. Weil die für notwendig gehaltenen solidarischen Verhaltensände rungen in einer Phase des Wohlergehens in absehbarer Zeit not wendig sind, die angestrebten Wirkungen aber kommenden Gene rationen zugutekommen, müssen sie aus Überzeugung erwachsen. Wer vermindert seine materielle Lebensqualität freiwillig ohne tief greifende Begründungen? Weil die gegenwärtigen Bevölkerungen jedenfalls in den reichen Ländern in relativ hohen Anteilen in ei nem bisher nicht gekannten Wohlstand leben, stößt dessen Aufga be oder doch sehr wesentliche Reduktion entweder unweigerlich auf erbitterten Widerstand oder ist zur Umsetzung auf die existen ziell begründete Einsicht und Überzeugung von einer notwendigen Neuorientierung der Mehrheitsbevölkerung angewiesen. • Wilson entwirft in „Die Hälfte der Erde“ (Wilson 2016) ein Pro gramm für die Erhaltung der Biodiversität der Biosphäre. Danach sollte die Hälfte der Erdflächen der Natur vorbehalten bleiben und die Biodiversität erhalten können, was ungefähr einer Verdreifa chung der Schutzgebiete entspricht. Aus dieser Perspektive der Er haltung der Biodiversität nimmt Wilson auch die Verknüpfungen mit den anderen Umweltproblemzonen vor: Klimawandel, Mee resverseuchung usw. Indem Wilson die Biodiversität, den „Schutz 290 wIe kann zukunft gelIngen? des Naturkapitals“ (WWF 2014) als wichtigste Lebensbedingung für den Menschen in den Mittelpunkt stellt, schafft er zugleich den Ausgangs und Zielpunkt für eine zweckmäßige Abstimmung und Strukturierung aller auf Nachhaltigkeit bezogenen Maßnahmen vorschläge unterschiedlicher Autoren. Auch Wilsons Programm, so einleuchtend wie es ist, ist zum Erfolg darauf angewiesen, dass die konsequente Achtung vor dem Leben zum Kernelement in den Selbstverständnissen auf diesem Erdball – und mehrheitsfähig in den Bevölkerungen und bei den Entscheidungsträgern wird. • NRO als nationale und internationale zivilgesellschaftliche Initia tiven, soziale Bewegungen und Organisationen wirken als unent behrliche Informationsbörsen, Mobilisierungsinstanzen und Mah ner auf dem Weg zu nachhaltiger Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft und werden in dieser Funktion dringend gebraucht, um die Bevölkerung und saumselige Politiker aufzurütteln. Als po litisch interessierte Kritiker verfolgen sie die politischen Abläufe genau und sind deshalb in der Lage, Täuschungs und Überrum pelungsversuche von politischen Kreisen z. B. bei den aktuell disku tierten Handelsverträgen aufzudecken und die Bevölkerung zu Ge genmaßnahmen zu mobilisieren. • Die Staaten der Erde haben mit ihren Regelungen zum Ozonloch und zur Klimaerwärmung erste Schritte in Richtung auf Nachhal tigkeit getan. Die reale Erfüllung steht für die Klimaerwärmung noch aus. Diese Bemühungen bedürfen der Fortsetzung, Intensivierung und der Erweiterung auf andere Problemfelder z. B. auf den Schutz der Meere und der Artenvielfalt. • Die weltweit hoch entwickelten Austauschbeziehungen und die Be wältigung der sich anbahnenden Probleme werden durch ein offen sichtliches Defizit an gemeinsamen ethischen Bezugspunkten in den Selbstverständnissen der Staaten und Kulturen sehr stark beein trächtigt. Weil davon menschliches Weiterleben abhängig ist, sind diese gemeinsamen, d. h. von der großen Mehrheit der Staaten ge teilten ethischen Grundlagen in der Achtung vor dem Leben und dem nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen zu verorten. Als Sinngebungsinstitutionen können in diesem Kommunikationspro zess Religionen, für die das Warum und Wie des Lebens stets im Mittelpunkt stand, sowohl auf nationaler als auch auf internatio naler Ebene eine wichtige Rolle spielen. Auf diesen kooperativ er arbeiteten ethischen Grundlagen können die dringend benötigten, 291 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen einschlägigen, problembezogenen und fairen Regelungen aufbauen, die die internationale Freibeuterei transnationaler Konzerne und den verschwenderischen Umgang mit Ressourcen zugunsten von Nachhaltigkeit unterbindet; dazu ist massiver Druck aus den Nach haltigkeitsallianzen notwendig, um die intensive Auseinanderset zung mit den komplexen Umwelt und Ressourcenproblemen und die Erarbeitung von geeigneten Bewältigungskonzepten für beide zu erzwingen. Insgesamt kommt man nicht an der Erkenntnis vorbei, dass die Merk male der Zeitenwende, die sich in der Begrenztheit der Erde, der Ver knappung der Ressourcen, dem Klimawandel, zahlreichen Umweltpro blemen, der Auszehrung der Biodiversität u. a. äußern, von der großen Mehrheit der Bevölkerungen und auch der Entscheidungsträger noch nicht wahrgenommen oder jedenfalls nicht ernst genommen werden. Das mittlerweile verfügbare Wissen um den eintretenden Epochen wechsel ist teilweise vorhanden, braucht aber Erweiterungen. Es fehlt die Bereitschaft, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen und tatkräftige Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Devise ist, weiter so wie bisher. In zwei grundlegenden Hinsichten erweisen sich die Jäger und Sammler gruppen als Lernmodell. Zum einen waren sie sich stets Ihrer Abhän gigkeit von der Biosphäre bewusst und sind, wie die Ausbreitung über die Erde zeigt, damit trotz wiederholter selbst verursachter Fehlentwick lungen mehr oder weniger erfolgreich umgegangen. Dieses Bewusst sein der Abhängigkeit von der Biosphäre ist seit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, der Entwicklung von Siedlungen und Städten weitgehend verschwunden und wurde von der vorherrschenden Aus beutungsmentalität ersetzt, bedarf aber überaus dringlich einer raschen Wiederbelebung, die wie beschrieben im Gange ist und eine breite Ba sis in den Köpfen der Bevölkerung braucht. Die Jäger und Sammler gruppen haben andererseits individuelles Vorteilsstreben Einzelner zu lasten der anderen Gruppenmitglieder durch ihre egalitären Strukturen bekämpft, dadurch das Überleben der Gruppen als ganzer, und damit auch der einzelnen Mitglieder gesichert. Die Jäger und Sammlergrup pen waren sich also ihrer physischen und sozialen Existenzbedingungen bewusst und haben sie respektiert. Vor einem anlogen Problem steht die Menschheit heute sowohl innerhalb als auch zwischen Staaten auf einer allerdings weit komplexeren Ebene. Angesichts fortschreitender Destabilisierungen zahlreicher Staaten wird auf den nationalen Ebe 292 wIe kann zukunft gelIngen? nen die Eindämmung von Egoismen von Individuen, Gruppen, Banken, Konzernen mittels Solidarität zugunsten des künftigen Gemeinwohls zum Prüfstein für die Überlebensfähigkeit der Staaten/Gesellschaften. Auf der internationalen Ebene ist analog dazu die Eindämmung von Gewalt und vielfältigen individuellen und kollektiven Egoismen ebenso unumgänglich wie die Solidarität der reichen und deshalb starken Staa ten zugunsten der armen und deshalb schwachen Staaten. Ohne die se Solidaritätsprozesse werden die beschriebenen gemeinsamen Prob leme – unter den oben beschriebenen Prämissen – nicht zu lösen sein. Die Zukunftsfähigkeit der Menschheit wird sich demnach daran ent scheiden, ob und gegebenenfalls in welchem Maße die Kontrolle der individuellen und kollektiven Egoismen durch eine solidarisch akzen tuierte Kultur gelingt. Gemeint ist hier keine Beseitigung der individu ellen und kollektiven Egoismen, sondern ihre Zügelung zugunsten des Gemeinwohls, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Wenn man erst auf den Druck unmittelbarer apokalyptischer Situatio nen reagiert, könnte es, wie viele der zitierten namhaften Autoren mei nen, zu spät sein. 293 Literatur Aichelin, Helmut (1974): „Das Janusgesicht der neuen Religiosität. Von der Vielfalt religiöser Aufbrüche“, in: Evangelische Kommentare, September 1974, H. 9, S. 540–545. Alt, Franz (2015): „Vorwort. Ich kenne keine Feinde“, in: Dalai Lama: Der Appell des Dalai Lama an die Welt. Ethik ist wichtiger als Religion, Wals bei Salzburg: Benevento Publishing, S. 5–7. Altner, Günter (1972): Schöpfung am Abgrund – Die Theologie vor der Umweltfrage, Neukirchen Vluyn: Neukirchener Verlag. Altner, Günter (1975): „Ist die Ausbeutung der Natur im christlichen Denken begründet“? In: Engelhardt u. a. (Hrsg.): Umweltstrategie. 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Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.

References

Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.