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3 Entstehung, Vielfalt undFunktionen von Religionen in:

Hans Dietrich Engelhardt

Was wird aus unserer Umwelt?, page 65 - 106

Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3965-6, ISBN online: 978-3-8288-6838-0, https://doi.org/10.5771/9783828868380-65

Tectum, Baden-Baden
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55 3 Entstehung, Vielfalt und Funktionen von Religionen Im vorausgegangenen Text habe ich unter Bezug auf Suddendorf und Wilson die vorläufigen Ergebnisse der Evolution des Menschen darge stellt. Eine bedeutsame Zwischenstation auf dem Weg zu diesen außer ordentlichen Fähigkeiten ist die biologische Entwicklung der sozialen Natur des Menschen, die durch die zur Aufzucht der Kinder unerläss liche Empathieentfaltung (Bellah 2011) und das kooperative, arbeits teilige Zusammenleben in festen Lagern (Wilson 2014) eine intensive und nachhaltige Ausprägung erfuhr. Suddendorf und Wilson sprechen von der Kultur als dem zweiten, dem sozialen Vererbungssystem, dem sie Vorteile in der weiteren Evolution des Menschen zuschreiben: Die Kultur als soziales Vererbungssystem erlaubt einerseits eine sehr viel schnellere Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen als dies auf rein biologischem Wege möglich wäre. Andererseits beinhal tet die selbst produzierte Kultur auch ein gewisses Maß an selbständiger Steuerung der eigenen Entwicklung. Folgt man diesem Gedanken, dann sind die Inhalte der Kultur als von Menschen entwickelte Leitlinien für menschliches Leben und seine Entwicklung zu sehen: Menschen ent wickeln wichtige Leitlinien ihres Lebens und ihrer Entwicklung selbst im von der biologischen Ausstattung gesetzten Rahmen, an dessen Er weiterung sie mit der Entwicklung der Kultur selbst auch aktiv beteiligt sind. Es gibt also ein nur biologisches und ein – biologisch bedingtes – sozio kulturelles Steuerungssystem im Menschen. Letzteres könnte auch die Funktion eines Korrektivs der destruktiven Auswüchse der Konkurrenz sowohl unter Individuen als auch zwischen Gruppen über nehmen. Die beiden Steuerungssysteme können gravierende Folgen für menschliches Überleben oder Verschwinden bewirken, graduell oder bis zur totalen physischen Vernichtung. Ich werde damit verbundene Chancen in Kapitel 7 aufnehmen. 56 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Sind sozio kulturelle Steuerungssysteme bloße Sammelsurien von Ide en und praktischen Rezepten für das alltägliche Leben? Oder gibt es in ihnen eine Sinn deutende und deshalb strukturierende Verknüpfung? Es sind die Religionen, die das Menschsein in der Welt deuten und das gesammelte Wissen, die Erfahrungen und die Ideen von Personen und Gruppen zu einem zukunftsweisenden, inhaltlich mehr oder weniger stimmigen und sinnhaften Gefüge aus Erklärungen und Verhaltensregeln verbinden. Als mit den modernen Menschen die Religionen entstan den, gab es bereits die Kulturen der Jäger und Sammlergruppen, deren Elemente von dem sich entwickelnden Selbstverständnis der Gruppen durchdrungen und zu einem neuen Ganzen deutend umgeformt wur den. Man kann davon ausgehen, dass Religionen als deutende und ord nende Kräfte die Kulturelemente so stark durchdrangen, dass eine Un terscheidung beider: was ist Religion und was ist Kultur in zahlreichen Religionen/Kulturen über längere Zeiträume unmöglich war. Die fort schreitende Differenzierung und Spezialisierung menschlichen Den kens und Tuns führte schließlich dazu, dass sich immer mehr Erzeug nisse menschlichen Geistes außerhalb der Religionen entwickelten und zu einem im Einzelnen unterschiedlich bedeutsamen Aspekt der Kultur, d. h. des gesamten menschlichen Handelns und Denkens wurden. Wie Kapitel vier zeigen wird, musste religiöses Denken dem Zuwachs an Er fahrung und Wissen immer mehr weichen. Gegenwärtig bestehen so wohl säkulare als auch umfassend religiös bestimmte Kulturen und Ge sellschaften. In den Jäger und Sammlergruppen und den sich später entwickelnden Stammesverbänden und auch darüber hinaus waren es lange Zeit die insgesamt sehr zahlreichen Schöpfungsmythen und die mit ihnen ver knüpften Vorstellungen und Verhaltensregeln, die die Gruppen, Stam mesverbände, Gesellschaften oder Staaten gewissermaßen als rote Fä den durch die Lebenswelten führten und damit zu Wegweisern wurden. Häufig haben diese Wegweiser in das Überleben bedrohende Situati onen geführt, weil die Folgen eigener Zielsetzungen und Verhaltens weisen nicht oder zu spät erkannt wurden. Die Sicherung der Zukunft durch eigene Zielsetzungen und darauf abgestimmte Verhaltensweisen hat sich immer wieder als schwierig, weil unvorhersehbar und mehr deutig erwiesen und war häufig mit erheblichen Problemen behaftet. Dennoch bleibt die Aufgabe, Zukunft durch eigene Anstrengungen zu 57 skelette, knochen, werkzeuge, artefakte als auskunfteIen ermöglichen. Insofern könnte man diese Wegweiser auch als mehr oder weniger begründete Glaubensvorstellungen für gelingende Zukunftsge staltung sehen. Auch Max Weber (1964 [1921], S. 317) hebt die Zielorientierung und eine gewisse Rationalität von Religionen hervor, die eigene Lebenswelt posi tiv zu gestalten: „Religiös oder magisch motiviertes Handeln ist, in sei nem urwüchsigen Bestande, diesseitig ausgerichtet … ein mindestens relativ rationales Handeln: wenn auch nicht notwendig ein Handeln nach Mitteln und Zwecken, so doch nach Erfahrungsregeln …Das reli giöse oder »magische« Handeln oder Denken ist also gar nicht aus dem Kreise des alltäglichen Zweckhandelns auszusondern, zumal auch sei ne Zwecke selbst überwiegend ökonomische sind. Nur wir, vom Stand punkt unserer heutigen Naturanschauung aus, würden dabei objektiv »richtige« und »unrichtige« Kausalzurechnungen unterscheiden und die letzteren als irrational, das entsprechende Handeln als »Zauberei« ansehen können“. Was wissen wir über die Entstehung von Religionen und ihre Eigenart? 3 1 Skelette, Knochen, Werkzeuge, Artefakte als Auskunfteien Uralte Knochen und Skelette werden durch die methodisch gesicherte Erklärung und Interpretation der Paläontologen, Anthropologen, Bio logen und anderer Spezialisten zu erstaunlichen Auskunfteien über ihre früheren Besitzer/Eigner. Man ist immer wieder erstaunt, was alles die se ehrwürdigen Überreste früherer Menschen und Tiere über sich er zählen lassen, Alter, Geschlecht, Krankheiten, einige Lebensumstän de, Ernährungsstatus, Mangelernährung, Todesursachen und manches andere. Man könnte die Knochen, Skelette und auch andere ausgegra bene Gegenstände als Dateien mit bestimmtem, d. h. leider aber auch begrenztem Aussagegehalt betrachten; sie sagen uns leider wenig oder nichts, was ihre Inhaber zu Lebzeiten gedacht und gefühlt haben. Mit ei nem Alter von ca. 75.000 Jahren sind Höhlenmalereien in Südafrika die ältesten symbolischen Darstellungen. Die große Zeit der Höhlenmale rei, insbesondere in Südfrankreich und Nordspanien, begann ca. 35.000 Jahre vor heute. Mehr als 200 Höhlen zeigen viele Tierdarstellungen. Die ältesten figürlichen Darstellungen wurden in Höhlen in der Umge 58 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen bung von Blaubeuren in Baden Württemberg gefunden und werden auf die Zeit zwischen 35.000 und 40.000 Jahren vor heute datiert: die be rühmte Venus vom Hohle Fels, aber auch Darstellungen von Tieren und Mischwesen sowie beschädigte Flöten sind im Urgeschichtlichen Muse um in Blaubeuren neben anderen Funden zu sehen. Aber was bedeuten diese Darstellungen? In welche Gedankenkontexte gehören sie? Die weit auseinander gehenden Deutungen zeigen, dass dabei auch die Spezialis ten im Dunkeln tappen, es mehr Fragen als Antworten gibt. Das bislang älteste Bauwerk wurde am Göbekli Tepe in der südöstli chen Türkei entdeckt: eine riesige Tempelanlage, in den ältesten Schich ten ca. 11.500 Jahre alt. Halbreliefs, Skulpturen, Vollplastiken, Pfeiler u. a. zeigen, wie gut die Techniken der Steinbearbeitung bereits beherrscht wurden. Da eben diese Qualität von Architektur und künstlerischer Ge staltung nicht einfach so plötzlich von heute auf morgen da sein kann, muss dem Bau dieser Anlage eine beachtliche Periode des Lernens vor ausgegangen sein, die zusätzlich eine gewisse Dauerhaftigkeit von Sied lungen im Umfeld und die Freisetzung von Menschen für derartige Aufgaben vorausgesetzt haben. Wie lange, bleibt in jeder Hinsicht offen. Es gibt eben keine Anhaltspunkte. Aber auch zur Bedeutung der ural ten Monumente gibt es mehr Fragen als Antworten. Die Schrift wurde im vierten vorchristlichen Jahrtausend im alten Me sopotamien zur Dokumentation und Abwicklung des Warenhandels er funden, diente erst wesentlich später der Weitergabe religiöser Über lieferungen und der Gedankenwelt von Personen, Ereignissen und Kulturen. Man verließ sich wie gewohnt auf die mündliche Überliefe rung, in manchen religiösen Kontexten noch heute. Informationen über religiöse Vorstellungswelten aus früheren Zeiträumen liefern uns die äl teren Texte allenfalls andeutungsweise. Nachweislich alte archäologische Belege über die Gedankenwelt der Menschen von vor wenigstens einigen 10.000 Jahren, welcher Art auch immer, sind äußerst spärlich. Von Belegen über die Gedanken welt schriftloser Völker aus der Frühzeit von homo sapiens, homo ne andertalensis, homo erectus vor 200.000 Jahren oder noch früher kann keine Rede sein. Wie also können wir uns ein genaueres Bild von den damaligen Jäger und Sammlergruppen und ihren Vorstellungswelten machen? 59 dIe sozIalanthropologIsche lIteratur 3 2 Die sozialanthropologische Literatur: Eine Brücke zu den Religionen von Jäger- und Sammlergruppen Die Menschheitsgeschichte hatte in den unterschiedlichen Regionen der Erde überaus divergierende Verläufe. Während sich in einigen Re gionen, vorzugsweise in ausgedehnten, savannenartigen Flusstälern seit ca. 10.000 Jahren v. h. Hochkulturen zu entwickeln begannen, lebten insbesondere in riesigen Urwaldbereichen kleine Menschengruppen, so genannte Jäger und Sammlergruppen, auch einige größere Stammesge sellschaften weiterhin auf einem sehr einfachen Lebens und Kulturni veau, vielfach bis ins 18. Jahrhundert und in einigen Fällen bis in die Gegenwart. Dies konnte gelingen, weil diese Gruppen kaum Kontakte zu den entwickelten Kulturen hatten und ihre Siedlungsräume für die kolonialen Eroberer zunächst uninteressante Landstriche waren. Diese Gruppen zogen seit dem achtzehnten Jahrhundert viele Wissenschaft ler an, die die Lebens und Denkweise dieser schriftlosen Ethnien ana lysierten und beschrieben, um dadurch an überschaubaren Beispielen Aufschluss über die Funktionsweise von Gesellschaften zu gewinnen. Dem Wahrheitsgehalt der mit dieser Vorgehensweise verknüpften Hy pothese, diese Gesellschaften könnten über die Funktionsweise von Ge sellschaften generell Aufschluss geben, werde ich später nachgehen. In unserem Zusammenhang ist zunächst von Interesse, dass zum gegen wärtigen Zeitpunkt gleichzeitig, aber jeweils in unterschiedlichen phy sischen Kontexten einige Gesellschaften im Miniformat noch auf dem kulturellen Niveau der Steinzeit leben, andere auf modernstem Zivilisa tionsniveau, und wieder andere zwischen diesen Extremen zu lokalisie ren sind. Die sozialanthropologische Literatur kann deshalb als Brücke zur Gedankenwelt und Lebensweise schriftloser Völker, auch früher le bender Ethnien dienen. Selbstverständlich sind schriftlose Völker der Gegenwart nicht unmittelbar mit Jäger und Sammlergruppen gleichzusetzen, die vor 100.000 Jahren oder noch früher gelebt haben. Den noch kann man davon ausgehen, dass die Kultur und die Lebensweise einer schriftlosen Jäger und Sammlergruppe die Antwort auf die Her ausforderungen ihrer jeweiligen Umwelt darstellt. Auf dieser Grundlage ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Kenntnisse und unser Verständ nis schriftloser Gesellschaften, gewonnen in den vergangenen drei Jahr hunderten, nahe an hinsichtlich der Lebensweise und Umweltbedin gungen vergleichbare Gesellschaften längst vergangener Zeiten führen. 60 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Die sozialanthropologischen Untersuchungen berichten detailliert über die Schöpfungsgeschichten, religiöse Rituale, die Familienstrukturen, über Übergangsriten zu Geburt und Tod, die Initiationsriten für junge Männer und Frauen, die Bedeutung von Tieren, bestimmten Pflanzen, über Vorstellungen und Deutungen von Mond, Sonne, Sterne, Ahnen, Geister, die Funktionen von Schamanen und Zauberern und andere ört lich oder regional wichtige Themen. Solche im Einzelnen unterschied liche, aber von der Denkweise ähnliche Vorstellungswelten schriftloser Völker, in der Form von Geschichten mündlich überliefert, charakteri sieren ihr Selbstverständnis über die Grundfragen ihres Lebens, ihr Wo her und ihr Wohin. Sie sind Antworten auf die Herausforderungen ih rer Umwelt. Sie bieten nach ihrem Erfahrungs und Wissensstand sowie ihren materiellen, emotionalen und geistigen Bedürfnissen umfassende und ganzheitliche Orientierung, in der alles, was im Alltag vorkommt und beispielhaft soeben beschrieben wurde, seine Bedeutung zugewie sen bekommt und in der auch außergewöhnliche Ereignisse ihre Be deutung und Deutung erhalten. Sie sind der Schlüssel, um die Zukunft zu bewältigen. Sie sind als soziales Phänomen das, was man üblicher weise als Religion bezeichnet. Alle schriftlosen Völker dürften Religion im skizzierten Sinn irgendwann entwickelt haben. Denn alle brauch ten dringend Orientierung für ihre Zukunft. Aber seit wann hatten die se Gruppen Religionen, kollektive Selbstverständnisse, Welterklärungs formen oder wie immer man diese Wegweiser bezeichnen mag? Schon immer? Wohl kaum. Der Frage nach dem Wann ist wohl auch weniger wichtig als die Frage, wie und warum die Religionen entstanden sind. 3 3 Wie sind Religionen entstanden? Für die Beantwortung dieser Frage ist mit einer empirisch eindeutigen, weil belegbaren Antwort, wenn überhaupt, in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Auf welchen Belegen sollte sie denn aufbauen? Es bleibt des halb nur der Versuch, anhand der bekannten Daten und Fortschritte im abgelaufenen Entwicklungsprozess des Menschen die entscheiden de Phase zu rekonstruieren. In guter Gesellschaft mit anderen Autoren (Dawkins 1990, Bellah 2011, Wilson 2014) verorte ich die Entwicklung von Religionen in den komplexen und langwierigen Prozessen, in denen Menschen sich ihrer selbst, ihrer Artgenossen und ihrer Lebenswelt, ihres 61 wIe sInd relIgIonen entstanden? Lebens und ihres Todes, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft bewusst wurden und damit ein kollektives Selbstverständnis entwickelten: Religion. Die in der Evolution einzigartige Entwicklung des Menschen von ei ner geschichtslos und episodenhaft lebenden Kreatur zu einem selbst reflexiven Lebewesen mit Geschichte legt es nahe, eine Erklärung für die damit verbundenen, komplexen Prozesse nicht in einem plötzlichen Entwicklungssprung, sondern im Zusammenwirken mehrerer ineinan der greifender, sich wechselseitig beeinflussender und stimulierender Faktoren zu vermuten, z. B. in der Co emergence hypothesis (Frans de Waal, Robert N. Bellah) und/oder der Gen Kultur Koevolution (Wil son u. a.). Diese beiden Erklärungsansätze bearbeiten und akzentuieren den gleichen Grundgedanken entsprechend ihren Fachgebieten in un terschiedlicher Weise (vgl. auch Abschnitt 2.4.3). Vieles spricht dafür, dass die Fähigkeit zu reflexivem Denken sich zu sammen mit anderen Fähigkeiten unter wechselseitiger Beeinflussung entwickelt hat. Eine zentrale Rolle spielte offensichtlich die elterliche Sorge für die nachwachsenden Kinder. In ihr laufen mehrere Entwick lungen in wechselseitiger Stimulation zusammen und vermutlich, weil sich gegenseitig bedingend, parallel ab: das arbeitsteilige Zusammen leben in festen Lagern, empathische Zuwendung zu anderen Personen, die bewusste Wahrnehmung von sich selbst und den anderen Gruppen mitgliedern, die Erfahrung von Verbundenheit mit anderen Personen durch zunächst symbolische, später sprachliche Kommunikation, die Fähigkeit, Verknüpfungen zwischen unterschiedlichen Ereignissen zu erkennen, die Wahrnehmung von Zeitabläufen über den Augenblick hinaus, sei es die Erinnerung an Vergangenes oder besorgtes Grübeln über künftiges Leben. Alle diese Kapazitäten können nicht urplötzlich einfach „da“ gewesen, aufgetaucht sein; sie und ihre biologischen Vor aussetzungen im Gehirn dürften sich allmählich über lange Zeiträume entwickelt haben, ohne dass man diesen Prozess im Einzelnen nach zeichnen kann. Als sich diese Kapazitäten zu entwickeln beginnen, signalisieren sie, dass der Mensch die fraglose, selbstverständliche und augenblicksbezo gene Eingebundenheit in seine Umwelt zu verlassen im Begriff war. Je mehr der Mensch sich aus dieser fraglosen Eingebundenheit in die Um welt und ihrer Selbstverständlichkeit mental herausgelöst hat und ihr 62 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen mit einer gewissen Distanz als teilnehmender Beobachter gegenüberge treten ist, desto mehr muss dieser Bewusstwerdungsprozess, wie mehr fach in der Literatur beschrieben, bei ihm Ängste, Unsicherheit, Zu kunftsangst und Desorientierung ausgelöst haben, ihm als unheimlich und deshalb bedrohlich erschienen sein. Was ehedem in der ursprüng lichen, eigenen Lebenswelt vor der Entwicklung des Selbstbewusstseins selbstverständlich erschien, einfach von Situation zu Situation alltäg lich gegeben war, wurde nun im Zuge einsetzenden Selbstbewusstseins rätselhaft und erklärungsbedürftig, insbesondere in Bezug auf das eige ne Leben und den eigenen Tod, die Beziehungen zu den Gruppenmit gliedern, die mit denselben Erlebnissen konfrontiert waren, zur Umwelt und zum Überleben. Bisherige Tatsachen und Selbstverständlichkeiten werden zu Problemen. Durch Triebe und Instinkte sowie Erlerntes ge steuerte Verhaltensweisen reichten jetzt nicht mehr aus, hinterließen viele klärungsbedürftige Fragen und bedurften einer Sicherheit vermit telnden Ergänzung. Die unzureichende Steuerung durch Triebe, ange borene Verhaltensweisen und Erlerntes sowie die im Zuge des Bewusst werdens aufkommenden Gefühle der Unsicherheit und Bedrohung müssen Impulse ausgelöst haben, diese Mangelsituation zu beheben und durch die schrittweise Entwicklung von Kapazitäten (Gehirnfunk tionen) zu bewältigen. Solche Kapazitäten ermöglichen es Menschen, ihr eigenes Dasein selbst zu verstehen und zu deuten, in Beziehung zu setzen zu den Phänomenen ihrer natürlichen Umwelt und des Kos mos: Menschen entwickeln ein Selbstverständnis, ein Verständnis ih rer selbst in ihrer Lebenswelt. Einerseits tauschen Menschen auf diese Weise die qualvolle, nagende Unsicherheit für ein Stück individueller Sicherheit und Orientierung ein. Andererseits fühlen sie sich in Grup pen sicherer und erarbeiten einen verbindenden, Richtung weisenden sozialen Orientierungsrahmen für Verhaltensweisen, der die Konkur renz unter einander ordnet und allen Gruppenmitgliedern Überlebens chancen einräumt. Ich habe Bellah, Wilson, de Waal, Suddendorf und andere Forscher so verstanden, dass sich in den modernen Menschen allmählich in einem komplexen Wechselspiel von biologischen und kulturellen Prozessen diejenigen menschlichen Qualifikationen und Kapazitäten zusammen entwickelt haben, die die Sonderstellung des Menschen in der Natur ausmachen: Empathie, Kooperation, Sprache, Gedächtnis, reflexives Denken, Zeitempfinden und Kultur. Alle diese Kapazitäten können so 63 wIe sInd relIgIonen entstanden? wohl als Prozesse als auch als Produkte von Prozessen verstanden und wirksam werden. Im wechselseitigen Zusammenspiel dieser besonde ren Kapazitäten kann Religion als ordnende und Sinn deutende Kraft verstanden werden, die sich gleichzeitig mit den menschlichen Kapazi täten und durch sie entwickelt. Auch Religion ist demnach als fortlau fender Prozess des neu Verstehens und Ordnens und als Ergebnis von ordnenden Prozessen zu sehen. Religion ist in dieser Sichtweise ein zen traler Aspekt des Zusammenlebens; es geht darum, die Bedeutung und den Stellenwert alltäglicher individueller und gemeinschaftlicher Tätig keiten, von Prozessen und Gegebenheiten der Natur, der Umwelt und des Kosmos zu ergründen und als sinnvollen Zusammenhang zu verste hen und zu gestalten. Diese Rekonstruktion der Entstehung von Religi on passt in all das, was wir über die Geschichte der Religionen und der Menschheit wissen; sie weist die Entstehung von Religionen als notwen dige Folge der Evolution, aber dennoch als selbständiges soziales Pro dukt von Menschen aus. Die entwickelten Kapazitäten brauchten, um nicht im individualisti schen Konkurrenzkampf unter Individuen und unter Teilgruppen ihre für das Überleben wirksamen Effekte zu verlieren, ins Leere laufen zu lassen, eine ordnende Kraft, die Ordnung aus den alltäglichen Verstri ckungen auf eine außeralltägliche, nämlich übernatürliche Ebene hob und ihr damit gegenüber partikularistischen und individualistischen Sonderwegen die erforderliche Legitimation verschaffte. Religionen sind in dieser Sichtweise geistige Produkte von Menschen, die zukunftsorientierte Antworten auf die Herausforderungen ihrer Lebenswelt su chen. Die sozialanthropologischen Untersuchungen bestätigen ziemlich einhellig den sozialintegrativen Charakter der religiösen Vorstellungs welten in den untersuchten schriftlosen Ethnien (Durkheim, Radcliffe Brown, Mead, Malinowski, Evans Pritchard u. a.) bei gleichzeitiger Vor kodierung und sinnhafter Deutung des individuellen Lebenslaufs. Mit diesem Argumentationskontext stehe ich generell allen Versuchen, die die Entstehung der Religion auf eine einzelne Ursache, sei es ein au ßerordentliches Naturereignis wie z. B. den Ausbruch des Vulkans Toba (Rossano 2009) oder ein bestimmtes Gen zurückführen wollen, kri tisch gegenüber, schon einmal abgesehen von den geradezu abenteu erlichen Generalisierungen auf dürftiger Daten und Belegbasis wie im Text von Rossano. Eine – nicht ganz so – dürftige Belegbasis kann man 64 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen der von mir vorgestellten Rekonstruktion freilich auch vorwerfen. Al lerdings fühle ich mich mit meiner Verortung der Entstehung von Re ligionen im Kontext der Evolution und der Entwicklung des Menschen wie bereits erwähnt in guter Gesellschaft mit anderen Autoren: Die Evo lution selbst hat mit der Entwicklung des Gehirns und den damit ver bundenen menschlichen Fähigkeiten, zu denken und sich in Beziehung zur Umwelt zu setzen, eine erklärende, ordnende und sinnstiftende Kraft notwendig gemacht, geradezu herausgefordert. Wir nennen diese Kraft Religion oder umschreiben das damit Gemeinte mit anderen Be griffen: Kollektives Selbstverständnis, Seinsgefüge, Welterklärungsmo dell, Deutungssystem, freilich jeweils mit unterschiedlichen Konnota tionen … Die Evolution hat Menschen letztendlich durch die biokulturell veran lasste Erweiterung der Gehirnfunktionen in die Lage versetzt, die rela tiv geringe Ausstattung mit biologischen Automatismen durch koope rativ entwickelte, soziokulturelle Steuerungsinstrumente: Deutungen, Verhaltensregeln und Rituale für alltägliche Lebensvollzüge nicht nur auszugleichen, sondern zu flexibilisieren und reaktionsschneller zu ma chen. Die sozio kulturellen Steuerungsinstrumente stellen offensicht lich zusätzliche Verhaltenspotenziale bereit und können bei probleman gemessenem Einsatz die Überlebenschancen in Krisenphasen erweitern, schnell und flexibel. Mit den soziokulturellen Steuerungsinstrumenten übernimmt der Mensch selbst ein Stück weit eigenständig die Regie bei der Gestaltung der eigenen Lebenswelt durch geeignete Strategien und Handlungswege. Es handelt sich um biologisch induzierte Teilselbstän digkeit von den biologischen Zwängen. Religion umfasst beides, eine auf die Lebensverhältnisse bezogene, ganzheitliche Deutung des Menschseins in der Gruppe/Gesellschaft und im Kosmos und darin eingebettet die individuelle Sinngebung. Re ligionen sind in dieser Sichtweise geistige Produkte von Menschen, die die Fragen ihres Woher und Wohin klären, Bewusstseinsinhalte von Menschen ordnen und zu verbindlichen Orientierungsmustern ihrer Gruppen machen. Regelmäßig kommt es in solchen Prozessen der Re ligionsentwicklung zu einer Proklamierung von mächtigen Geistern, Dämonen, Gottheiten, Göttern, die als unantastbare, übernatürliche In stanzen die Deutungen, Verhaltensregeln und alltäglichen Rituale mit Autorität ausstatten. Fehlt der immanent begründeten Ordnung die er 65 wIe sInd relIgIonen entstanden? forderliche Legitimität und Verhaltenskontrolle? Ist die Erfindung von übernatürlichen Wesen der entscheidende Notnagel für Konformität und soziale Ordnung, die Bedingung, ohne die es nicht geht? Mit dieser Erhebung von Deutungen, Verhaltensregeln und Ritualen in übernatürliche Sphären erfolgt eine Sakralisierung all dessen, was die Lebenswelt der Gruppenmitglieder ausmacht: Gemeinschaftshand lungen von Ritualen zu typischen Lebensstationen (Geburt, Erwach senwerden, Heirat, Tod) bis zu Kriegserklärungen, und individuel le Verhaltensvorschriften aller Art. Soziales Fehlverhalten wird damit zu einem Verstoß, zu einer Auflehnung gegen die göttliche Ordnung. Gleichzeitig vollzieht sich mit dieser Sakralisierung eine Übertragung der Verantwortung insbesondere für außergewöhnliche Ereignisse auf diese übernatürlichen Kräfte. Das bedeutet: Für den alltäglichen sozi alen Routinebetrieb sorgen die allen Gruppenmitgliedern bekannten sakralen Verhaltensregeln und Rituale, außergewöhnliche Ereignisse werden dem Wirken der übernatürlichen Wesen zugeschrieben und bedürfen der Deutung durch ihre irdischen Interpreten: die religiösen Autoritäten. Die religiösen Autoritäten – Schamanen, Zauberer, Medi zinmänner, Mönche, Priester oder auch andere – verstehen sich als Be auftragte, als Kontaktpersonen oder gar Stellvertreter der gruppeneige nen übernatürlichen Wesen. Sie nehmen für sich in Anspruch, deren Willen zu vollziehen; sie reklamieren damit eine weitreichende Hand lungsvollmacht für sich, weisen Verantwortung aber den allmächtigen übernatürlichen Wesen zu und gewinnen damit weite Interpretations spielräume zur Erklärung, ohne selbst Unmut und Aggression auf sich zu ziehen – eine sehr häufig eingesetzte Strategie bis in die Gegenwart. Diese Verschiebung der Verantwortung für Probleme im Diesseits auf übernatürliche Wesen und die Verschiebung der Lösung im Diesseits unlösbarer Probleme in das Jenseits charakterisiert zahlreiche Religio nen; sie können als mehr oder weniger bewusstes Eingeständnis religi öser Autoritäten verstanden werden, soziale Gerechtigkeit und den an gemessenen Umgang mit Problemen in eigener Regie im Diesseits nicht bewirken zu können. Evolutionsbiologen würden die Ursachen für die se Unvermögen in den destruktiven Anteilen der Multi Level Selektion verorten. Ich werde noch auf diese Zusammenhänge zurückkommen (vgl. Abschnitt 7.1.5) 66 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Religionen waren generell bis in die Neuzeit umfassende Bezugsrah men zur Erklärung aller Ereignisse. Außergewöhnliche Naturereignisse waren stets Kristallisationspunkte religiöser Deutungen, z. B. als Strafe der Götter für menschliches Fehlverhalten. Im Alten Testament z. B. die 7 Plagen, die über Ägypten kommen; die Geschichte von Sodom und Gomorrha und im Neuen Testament z. B. die Naturereignisse um die Kreuzigung in den synoptischen Evangelien, weiter Stellen in der Apo kalypse des Johannes. Als Columbus 1492 auf seiner Fahrt nach „West indien“ Teneriffa passierte, wurden er und seine Mannschaft Zeugen eines Vulkanausbruchs des Pico del Teide, des mit 3718 m höchsten Ber ges Spaniens. Die Mannschaft schlotterte vor Angst, sah dies als böses Vorzeichen und war nur mühsam zur Weiterfahrt zu bringen … Bis in das 18. Jahrhundert hinein wurden im christlichen Europa extreme Naturereignisse religiös als Strafe Gottes gedeutet. Mit anderen Wor ten: Gott gilt als Gestalter der geschichtlichen Abläufe, eine je nach Ak zentsetzung mehr oder weniger deterministische Sichtweise. Auch in den religiösen Schriften anderer Religionen sind viele Beispiele für sol che Deutungen zu finden. Das verheerende Erdbeben um Lissabon 1755 führte indessen zu intensiven Diskursen unter den der Aufklärung zu gewandten Intellektuellen über die Ursachen der Katastrophe; es war einer der Ausgangspunkte, abseits des Theodizee Problems nach na türlichen Ursachen für das Erdbeben zu forschen. Das moderne Ge schichtsverständnis begann Gestalt zu gewinnen: Die Ereignisse auf der Erde werden nun teilweise als Ergebnisse natürlicher Prozesse angese hen und auf ihre Ursachen hin untersucht und teilweise als Ergebnisse menschlicher Handlungen betrachtet und analysiert. 3 4 Wann sind Religionen entstanden? Religionen sind also in den Jäger und Sammlergruppen als Wegweiser für alle diejenigen Probleme entstanden, die im Bewusstsein der Mitglieder auftauchten und einer Lösung bedurften; sie sind also als notwendige – oder genauer – Not wendende Phase der Evolution des Menschen zu verstehen. Aber wann sind Religionen entstanden? Trifft die vorausgegangene Rekonstruktion zu, dann ist in dem Zeitraum, in dem Menschen ein Bewusstsein ihrer selbst, ihrer Mitmenschen und ihrer Umwelt entwickelten, auch Religion entstanden. Aber wann war das? Wilson stellt einen Zusammenhang zwischen dem erwachenden 67 wann sInd relIgIonen entstanden? Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit und der Entstehung von Reli gionen her. Da die frühesten nachgewiesenen Beerdigungen vor ca. 95.000 Jahren stattgefunden haben sollen, nennt er den Zeitraum von 100.000 bis 75.000 Jahren vor heute als wahrscheinliche Entstehungs phase der Religion. Auch andere Forscher sehen in Beerdigungen ei nen Hinweis auf rituelle Praktiken. Allerdings ist der Zeitpunkt der ers ten nachgewiesenen Bestattung wie so viele andere für die Evolution relevante Ereignisse ein reiner Zufallstreffer. Beerdigungen oder ande re auch rituelle Formen der Begehung von Todesfällen oder wesentli chen Lebensereignissen könnten auch schon sehr viel früher vollzogen worden sein. Die Fixierung der Religionsentstehung auf Beerdigungs riten scheint mir einseitig und deshalb willkürlich. Es könnten durch aus auch andere Ereignisse zu Ritualen Anlass gegeben haben, z. B. die in Jäger und Sammlergruppen üblichen Riten bei wichtigen Lebenssta tionen: Geburt, Übergang vom Mädchen zur Frau, vom Knaben zum Mann, Eheschließung, eben die Übergangsriten. Solche Rituale kennen wir aus den sozialanthropologischen Untersuchungen, aber auch von den noch überlebenden Jäger und Sammlergruppen. Der Mangel und die Zufälligkeit von archäologischen Funden mahnen dazu, sich nicht zu sehr auf die vorhandenen Funde zu fixieren, als wä ren diese schon der Weisheit letzter Schluss, und daraus Hypothesenge bäude zu konstruieren, die dann, schon allein weil es sie gibt, noch lange verteidigt werden, um einen Gesichtsverlust zu vermeiden. Wenn Men schen über viele Hunderttausend Jahre befestigte Lager bauen, mitein ander kommunizieren, arbeitsteilig, d. h. kooperativ ihr Leben organi sieren, hinreichend Empathie für ihre total hilflosen Kinder entwickeln sowie gemeinschaftlich große Wildtiere jagen konnten – dann bestand ja offensichtlich ein gewisses Kommunikations und Reflexionsniveau, in die Vergangenheit und in die Zukunft gerichtet. Es wäre also durch aus plausibel und es spricht meines Wissens nichts dagegen, dass Reli gionen oder Anfänge religiösen Denkens z. B. in der Form von Ritualen schon sehr viel früher entstanden sind. Religionen können durchaus Jä ger Sammler Gruppen deutlich vor den oben genannten Zeitangaben mit gemeinsamen Ritualen, d. h. der wechselseitigen Inszenierung und Versicherung gemeinschaftlicher Verbundenheit begonnen und erst all mählich differenzierte Ausformungen angenommen haben. 68 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Ich denke, die Festlegung der Entstehungszeit von Religionen ist ge genwärtig primär ein Feld für Spekulationen, freundlicher ausgedrückt: für mehr oder weniger begründete Hypothesen. Für den weiteren Ge dankengang spielt der Entstehungszeitpunkt von Religionen keine Rol le: Sie bestehen seit dem Zeitpunkt x und zwar zunächst anscheinend überall, wo Menschen in Gruppen leben. 3 5 Vielfalt der Religionen Während wir uns bei der Geschichte der Evolution ebenso wie bei der Stammesgeschichte des Menschen weit überwiegend mit spärlichen Fossilienfunden, verteilt über kaum vorstellbare Zeiträume, begnü gen müssen, mehren sich seit dem Bau der Tempelanlage von Göbekli Tepe die archäologischen Funde immer mehr. Zunächst handelt es sich um die Entdeckung von Siedlungen und Gebrauchsgegenständen. Im mer häufiger gestatten die archäologischen Funde erste Einblicke in die Götterglauben Religionen in den frühen, staatsähnlichen sozialen Kon texten. Später verdichten sich die Informationen durch archäologische Entdeckungen von Bauten, Gebrauchsgegenständen, Statuen u. a. sowie schriftliche Dokumente. Die sich entwickelnde Vielfalt der Religionen führte schließlich bis in die Gegenwart zu einem sehr breiten, kaum noch überschaubaren, ideenreichen Spektrum der Vorstellungswelten über das Menschsein. Zwar wurden zahlreiche indigene Völker in den vergangenen Jahrhun derten ausgelöscht, sei es durch eingeschleppte Krankheiten oder/und durch Mord. Einige konnten die unmittelbar lebensbedrohlichen Zu dringlichkeiten der mächtigen und entwickelten Staaten dennoch als soziale und religiöse Gemeinschaften überstehen, weil ihre Lebens grundlagen noch nicht der materiellen Gier der entwickelten Staaten anheimgefallen waren oder – Glück für die betroffenen Ethnien – eine wie auch immer geartete Ausbeutung nicht lohnenswert erscheinen las sen. Eher ausnahmsweise können indigene Völker ihre traditionelle Le bensweise fortsetzen, weil sie – unabhängig vom materiellen Wert ihrer Lebenswelt – von den Staaten, die diese Gebiete als ihr Hoheitsgebiet beanspruchen, respektiert und ihre Lebensräume wirksam unter Schutz gestellt werden. Wie schwer es indigene Völker nach wie vor haben, überhaupt zu überleben, sich der Gier der mächtigen Konzerne und ih 69 vIelfalt der relIgIonen rer Beschützer zu widersetzen oder gar in ihrem angestammten Lebens raum nach ihren Vorstellungen weiterleben zu können, veranschauli chen viele Berichte derer, die sich für die Lebens und Menschenrechte indigener Gruppen einsetzen. In Deutschland und weiteren neun Län dern sind dies beispielsweise die Gesellschaft für bedrohte Völker mit ihren regelmäßigen Rundbriefen und Hilfsaktionen sowie andere enga gierte Aktionsgruppen. Weltweit engagieren sich Amnesty Internatio nal, Abteilungen der UNO und andere Menschenrechtsorganisationen für indigene Völker. Mit dem Landraub der Kolonialmächte hat sich seit dem Ende des Mit telalters die Religionsszenerie in den betroffenen Ländern sehr weit reichend verändert. Viele der ehemals schriftlosen indigenen Völker konnten sich dem Anpassungsdruck der Kolonialmächte, der mit ih nen anbrandenden modernen Zivilisationen und der beiden folgenden Missionare nicht entziehen. Die Missionierungen waren häufig mit sehr erfinderisch lockenden Repressalien und unverhohlener Herrschafts ausübung verknüpft. So kam es z. B. unter dem Namen von christli chen Kirchen in Mexiko, den Andenländern, in zahlreichen afrikani schen Ländern, in Neuguinea mit seinen um die 900 Stämmen (!!!) zur Vermischung bodenständiger Überlieferungen und Rituale mit christ lichen Lehren, d. h. zu synkretistischen Religionsformen, die rational betrachtet als neue Religionsformen einzustufen sind, auch wenn sie von den „Mutterreligionen“ in Europa und den USA als christlich dar gestellt und vereinnahmt werden. Wie hätte die Entwicklung denn an ders laufen können? Auch wenn es bis in die Gegenwart oft – meistens erfolglos – versucht wurde: Es ist so gut wie ausgeschlossen, der jeweils bodenständigen Bevölkerung alle mit ihren alten Traditionen verbun denen Identitätsmerkmale zu entziehen und ihr eine neue, fremde Kul tur mit einer neuen Identität quasi durch Gehirnwäsche aufzupressen. In Peru, Bolivien und anderen Andenländern ist die Volksreligiosität als polytheistisch zu bezeichnen. Zum mit der Dreieinigkeitslehre oh nehin schwer vermittelbaren christlichen Monotheismus kommen ver breitet nach wie vor die Verehrung der Sonne, der Mutter Erde und der Herren Berge dazu – alle drei nachvollziehbar Leben bedingende und spendende Kräfte in der alten, jetzt christlich überformten Naturreligi on. Da von Monotheismus zu sprechen, ist eine Mogelpackung. 70 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Während im Vorderen Orient aufgrund der erfolgreichen Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht die Überzeugung reifen konnte, dass man die Natur beherrsche und sie in den eigenen Welterklärungen nur eine untergeordnete Bedeutung hat, haben in den Andenländern Missern ten, Dürreperioden, die exponierten Hochlagen der bewohnbaren Ge biete sowie Naturkatastrophen (Erdbeben) immer wieder neu die Ab hängigkeit der Menschen von der Natur deutlich in Erinnerung gerufen, auch wenn für manche der genannten Bedrohungen überlegte Vorsor ge getroffen wurde, z. B. in der Form sorgfältiger Vorratswirtschaft. Die Natur, hier repräsentiert durch Sonne = Wärme und Energie, Erde = Fruchtbarkeit und Berge (Gletscher) = Wasser, blieb deshalb der durch aus plausible Bezugsrahmen menschlichen Selbstverständnisses, teil weise bis heute. An eine weitgehende Ausklammerung der Natur aus dem menschlichen Bezugsrahmen und einen Rückzug des Menschen auf sich selbst, wie sich dies im Vorderen Orient und an anderen Or ten vollzog, war in der Zeit der Inka und danach nicht zu denken. Ge genwärtig erinnert die fortschreitende Wasserverknappung infolge des Klimawandels erneut an die Wasser spendenden Herren Berge (Hau ser 1959), die auch in Kathedralen der Andenländer in der künstleri schen Ausgestaltung in der Darstellung der Marienfiguren symbolisch präsent sind. In den meisten von Kolonialmächten und Eroberern heimgesuchten Ländern haben sich synkretistische Vorstellungswelten gebildet und durchgesetzt und zwar unter starkem Einfluss der mitimportierten, oft überlegenen Zivilisation. In den Kernländern von Islam, Hinduis mus und Buddhismus konnten die christlichen Missionsgesellschaf ten, wenn überhaupt, nur kleine Minderheiten an christliche Bekennt nisse binden, soweit nicht ohnehin kleine religiöse Minderheiten über Jahrhunderte überlebt hatten wie in Palästina, dem Zweistromland und Ägypten. Schriftliche Quellen entstehen, seit sich die Schrift als bevorzugte Über lieferungsform auch für religiöse und literarische Inhalte durchsetzte, also seit ca. 4.200 Jahren v. h. Gerade die wenigen wirklich alten Texte sind sehr wertvolle Quellen, weil sie häufig, wie die historisch kritische Forschung zeigen kann, weit ältere mündliche Überlieferungselemente erschließen und damit in die Zeit weit vor der Erfindung der Schrift hi neinreichen wie beispielsweise die Erzählungen vom Paradies und den 71 vIelfalt der relIgIonen Fluten. Archäologische Funde, religiöse Architektur und Kunstwer ke ergänzen und korrigieren manchmal Texte. Insgesamt steht uns ein reichhaltiges, nur noch schwer zu überblickendes ethnologisches, re ligionsgeschichtliches, sozialanthropologisches, religionssoziologisches, archäologisches usw. Material zur Verfügung. Vielfalt der Religionen bedeutet einerseits das Neben und Nachein ander zahlreicher unterschiedlicher Religionen. Wie im nächsten Ab schnitt genauer zu erklären sein wird, stellen die einzelnen Religio nen nur selten monolithische Blöcke dar, sondern weisen auch in sich selbst ein mehr oder weniger buntes Spektrum religiöser Ausrichtun gen auf, bedingt durch unterschiedliche Lebenslagen, die Persönlichkeit der Gläubigen, die jeweiligen Umweltbedingungen und – nicht zuletzt – durch Einflüsse anderer Religionen. Die aktuelle Situation zeigt sich widersprüchlich. Während in Euro pa die traditionellen christlichen Religionsgemeinschaften Mitglieder und Akzeptanz ihrer Lehren und Moralvorstellungen verlieren, gibt es zahllose kleinere religiöse Gruppen, oft fundamentale Variationen der christlichen Kirchen, die z. B. in Deutschland statistisch in der Kate gorie der Konfessionslosen – etwas mehr als ein Drittel der Bevölke rung – mitenthalten sind; sie signalisieren zusammen mit anderen Indi katoren, dass die Nachfrage nach Orientierung groß ist. Die politische Bedeutung der christlichen Kirchen in Europa befindet sich im Sink flug; ihr Einfluss auf politische Entscheidungen ist eher begrenzt, wenn man von den in säkularisierter Form auch in Gesetzen weiter wirken den christlichen Inhalten absieht. Immer wieder beschweren sich Poli tiker über Stellungnahmen der Kirchen zu politischen Fragen, die sie als Einmischungen zurückweisen; damit dokumentieren sie freilich ihr mangelndes Verständnis von Religionen, die mit ihrem Mensch – und Weltverständnis fast durchgängig einen allgemeinen Geltungsanspruch verbinden. Weltweit erleben die Revitalisierung von Religionen und der Zustrom zu ihnen einen beachtlichen Aufschwung. In den USA haben in den letzten Jahrzehnten die Zugehörigkeit zu einer meist christlichen Re ligionsgemeinschaft, der Glaube an einen Gott und der politische Ein fluss der Kirchen deutlich zugenommen: gegen die Evangelikalen ist in den USA zurzeit ein Wahlkampf nicht zu gewinnen. Der in einigen ara 72 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen bischen Ländern und darüber hinaus beheimatete fundamentalistische Islam entfaltet mit seinem generellen Geltungsanspruch eine enorme aggressive Dynamik zunächst innerhalb des Islam, mittlerweile aber auch nach außen in Afrika, Europa und eher selten in den USA. Afrika erlebt einen besonders starken Zustrom zu den Religionen. Insgesamt haben sich unter den vielfältigen Religionsgemeinschaften die großen einschließlich ihrer synkretistischen Varianten durchgesetzt: Christ liche Kirchen und Gruppierungen, islamische Religionsgemeinschaf ten, Buddhismus, Hinduismus. Das Judentum, quantitativ nicht mit den genannten vergleichbar, übt dennoch merklichen politischen Ein fluss aus. Zusätzlich bestehen zahlreiche andere Religionsgemeinschaf ten, mehr oder weniger selbstgenügsam. Über die Entwicklungen in Ja pan und China ist gegenwärtig nur schwer ein klares Bild zu gewinnen. Die Volksrepublik China betrachtet Religionsgemeinschaften und ihre Gläubigen, wenn sie sich Autoritäten bzw. Institutionen außerhalb Chi nas zuordnen, als illoyale Gesetzbrecher und geht gegen diese erbar mungslos vor, nicht nur gegen Tibeter und Uiguren, sondern auch ge gen die römisch katholische Kirche. Mit Ausnahme von Europa sind Religionen, traditionelle, ihre funda mentalistischen Ableger ebenso wie neu entstehende religiöse Gruppie rungen, weltweit im Aufwind, wie zahlreiche Veröffentlichungen zeigen. Darin äußert sich die Suche nach einem Orientierungsrahmen, nach Identität und nach Wegweisung in die Zukunft, eine Suche, die in einer Zeitepoche raschen Wandels und soziokultureller Umbrüche als nor male, ja notwendige Reaktion einzuschätzen ist. 3 6 Vielfalt der Religionen – Warum? Besonders auffällig ist, dass Menschengruppen, die zur Zeit ihrer Aus breitung über die Kontinente vor zwischen 100.000 bis 50.000 Jahren sehr wahrscheinlich einen zwar nicht gleichen aber doch ähnlichen Ent wicklungsstand aufwiesen, in der Folgezeit nach vielen Tausend Jahren sehr unterschiedliche Entwicklungsniveaus aufweisen. Einige Grup pen haben sich über Jahrtausende hinweg nur wenig verändert wie die erst kürzlich ausgerotteten und die noch existierenden Jäger Sammler gruppen. Andere haben sich schnell entwickelt und die gegenwärtig am weitesten fortgeschrittene Stufe im Sinne technisch wissenschaftlicher 73 vIelfalt der relIgIonen – warum? und wirtschaftlicher Entwicklung erreicht. Wieder andere wie islami sche Strömungen haben eine Hochkultur hervorgebracht und sind den noch wieder auf frühere Niveaus zurückgefallen, wo sie teilweise jetzt noch verharren, aber teilweise nach neuen Wegen suchen. Wir haben es also auf der Erde mit sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen von Gesellschaften zu tun, die von den ursprünglichen animistischen Jäger und Sammlergruppen bis zu hoch entwickelten Gesellschaften reichen – gleichzeitig. Einige Autoren verweisen darauf, dass sich Gruppen pri mär in savannenartigen Flussebenen insbesondere auf der Grundlage von Ackerbau und Viehzucht weiterentwickelt haben, während die in dichten Wäldern lebenden Gruppen weitgehend auf ihrem Entwick lungsstand verharrten. Es spricht vieles dafür, dass die genannten spe zifischen Rahmenbedingungen unterschiedliche Grenzen setzen oder Entwicklungsanreize bereitstellen. Mit „hoch entwickelt“ sind hier Gesellschaften mit einem hohen Grad sozialer Differenzierung und Arbeitsteilung, mit fortgeschrittener Wis senschaft und Technologie sowie hoher Produktivität gemeint. Häufig bieten solche Gesellschaften besonders komfortable Lebensbedingun gen für die Bevölkerungsmehrheit, ohne dass dies als ein Maßstab für individuelle Lebensfreude oder erfülltes Zusammenleben zu sehen ist. Jedenfalls haben so manche Forscher mit den Buschmännern in der Kalahari Wüste sehr menschenfreundliche und beglückende Erfah rungen gemacht. In Ladakh, laut Prokopf Dollareinkommen eine der ärmsten Regionen der Erde, leben viele zufriedene, in sich selbst ru hende Menschen, sicher relativ mehr als in den meisten Industriegesell schaften. Ich denke, die verbreitete Ausgeglichenheit und Zufriedenheit vieler Menschen in Ladakh und anderen von Buddhisten besiedelten Regionen haben sehr viel mit ihrer Religion zu tun. Und relative Armut ist, sofern die Lebensmittelversorgung wie in Ladakh mittlerweile eini germaßen gesichert werden kann, kein Hinderungsgrund für Zufrie denheit und Ausgeglichenheit, schon eher extreme soziale Ungleichheit. Festzustellen sind also sowohl unterschiedliche Religionen von Grup pen und Gesellschaften als auch unterschiedliche Entwicklungsstufen von Gesellschaften. Diese beiden Sachverhalte sind in gewisser Weise auf einander bezogen und spielen für Politik und Demokratiefähig keit sowie die Einstellung zur Umweltproblematik eine erhebliche Rolle. 74 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Man kann in der Religionsgeschichte feststellen, dass mehrere Grup pen/Gesellschaften bei ähnlichen Entwicklungsstufen auch bestimmte Ähnlichkeiten in ihrem religiösen Denken aufweisen. Bestimmten Le benswelten scheinen also auch ähnliche, erklärungsbedürftige Proble me eigen zu sein, auf die auch mit ähnlichen Deutungen und ähnlichen Typen von Verhaltensweisen reagiert wird. So lassen sich in Jäger und Sammlergruppen ziemlich durchgängig animistische Vorstellungswel ten feststellen, die jedoch von Gruppe zu Gruppe deutliche Unterschie de aufweisen. Animismus ist hier als übergreifender Begriff für eine be stimmte Erfassung und Deutung der natürlichen Umwelt zu verstehen. Auch bei ähnlichem bzw. gleichem Entwicklungsstand und ähnlichen Problemlagen bestehen wesentliche Spielräume für Wahrnehmung und Deutung der eigenen Existenz in der Lebensumwelt. Man kann den noch von einem engen Zusammenhang von Lebenswelt und Religion ausgehen, jedoch keineswegs von einem Automatismus oder von einer mehr oder weniger strikten Kausalität. Analoge Verhältnisse bestehen auch bei späteren Entwicklungsstufen: Es gibt gleiche/ähnliche Merkmale innerhalb einer Entwicklungsstufe (vgl. hierzu Bellah 2011). Als sich z. B. in mehreren Regionen der Erde Sicherung der Existenz durch planmäßigen Ackerbau und durch Do mestizierung von Haustieren herausgebildet hatte, war dies verbunden mit der Entstehung größerer Dauersiedlungen und Städte, Handel, ei genen politischen Institutionen, berufsmäßigen religiösen Funktionä ren, Heiligtümern und meistens polytheistischen Deutungsmustern. Letztere unterscheiden sich jedoch deutlich voneinander und sind übli cherweise mit unterschiedlichen Ritualen verknüpft. Wie bei den Jäger und Sammlergruppen gibt es also eine gleiche oder doch sehr ähnliche sozio ökonomische Ausgangslage und ein religiöses Deutungsgrund muster mit unterschiedlichen konkreten Differenzierungen. Paralle len in der Ausgangssituation und in den Deutungsmustern weisen auf vergleichbare Lebensgrundprobleme hin, deren Beantwortungsmuster ebenfalls ähnliche Merkmale erkennen lassen. Bei den Jäger und Sammlergruppen kann man aufgrund der relativ kleinen Mitgliederzahl und sehr ähnlicher Lebensbedingungen der Mitglieder davon ausgehen, dass es ein im Wesentlichen gemeinsames Bewusstsein jeweils in den einzelnen Gruppen gab und noch gibt. Die se Aussage kann man jedoch nicht auf die großen Gegenwartsgesell 75 vIelfalt der relIgIonen – warum? schaften mit ihren hochdifferenzierten Sozialstrukturen übertragen. In Verbindung mit der sozialen Differenzierung von Gesellschaften sind deshalb innerhalb der Gesellschaften unterschiedliche Lebenslagen und Lebenswelten entstanden. Anders ausgedrückt: Die erklärungs bedürftige Wirklichkeit umfasst je nach gesellschaftlichem Standort unterschiedliche Sets von lebensbestimmenden Merkmalen. Ein ein ziges zentrales Selbstverständnis, eine einzige Religion wird diesen un terschiedlichen Lebenswelten nur dann gerecht, wenn sie Freiräume für divergierende Alltagsinterpretationen des Selbstverständnisses so wie unterschiedliche Formen religiöser Praxis duldet oder bewusst in szeniert. Auch in weniger differenzierten Gesellschaften entwickelten sich entsprechend den Hauptlebenslagen bestimmte besondere Ausprä gungen religiöser Glaubensvorstellungen und religiöser Praxis inner halb einer Religion. Man spricht immer noch von Volksreligiosität, von bäuerlicher Religiosität und anderen spezifischen Ausformungen von Religiosität. Die Religiosität der Mönche war eine andere als die der Ge bildeten. Vielfalt von kollektivem Selbstverständnis entwickelt sich zu nehmend innerhalb von Glaubensgemeinschaften. Auch innerhalb von Lebenslagen waren und sind personenbezogene Unterschiede der Reli giosität häufig. Unterschiedliche alltägliche Lebenswelten produzieren auch unterschiedliche kollektive Selbstverständnisse, sicher mit erheb lichen Schwankungsspielräumen. Differenzierte, moderne Gesellschaf ten kommen mit dem traditionellen Muster: eine Gesellschaft = eine Religion schon längere Zeit nicht mehr aus. Sie stellen die Wahl der Re ligion im Rahmen einer für alle Bürger geltenden Ordnung frei und ver stehen sich als säkulare Gesellschaften: Pluralismus. Das bedeutet aber, dass die Wahl einer Religion nicht mehr von der Gesellschaft vorgege ben wird, sondern eine private, persönliche Angelegenheit, ein indivi duelles Rechtsgut wird. Diese Beschreibung führt zu zwei Problemkreisen, die in späteren Ka piteln behandelt werden sollen. Erstens: Bedenkt man den Anspruch von Religionsgemeinschaften, ihren Mitgliedern als Wegweiser Orien tierung für ihre Lebensführung zu bieten, dann ist nicht nur mit merkli chen Spannungen zwischen den Geltungsansprüchen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und der staatlichen Rechtsordnung zu rech nen. Die Zwangsprivatisierung von Religion passt nicht zu ihren um fassenden Gestaltungsansprüchen und trägt daher den Keim zu ihrer Überwindung in sich. In Kapitel 7.2.3 gehe ich genauer auf den Plura 76 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen lismus als Zukunftsmodell für Gesellschaften ein. Zweitens: Die fort schreitende Anhäufung von Wissen und die ebenso fortschreitende so ziale Differenzierung führen zu einer von Einzelnen und auch kleinen Gruppen nicht mehr überschaubaren Vielfalt und Komplexität von Le benswelten. Überschaubar bleiben nur noch Ausschnitte der Lebens welt, für die sich spezialisierte Deutungsansprüche und hoheiten be reits entwickelt haben und weiter entwickeln werden. Umfassende, wie früher auch das Überleben der Art Mensch berücksichtigende Deu tungen des Menschseins werden nicht ohne das Zusammenwirken al ler dann relevanter Deutungshoheiten möglich sein. Ob diese zustande kommen und sich auch durchsetzen können bleibt offen (vgl. Kap. 4.5). Unterschiedliche Lebensbedingungen führen zu unterschiedlichen Le benswelten. Vielfalt von Lebenswelten beinhaltet unterschiedliche He rausforderungen und ebenso unterschiedliche Antworten, zieht Viel falt von Religionen nach sich. Auf den ersten Blick erscheinen solche nach Zeit und Ort unterschiedlichen Herausforderungen als objekti ve Sachverhalte, die sie sein können. Tatsächlich unterliegen bestimm te herausfordernde Ereignisse immer auch nach Interessenlage diver gierenden Deutungen und Bewertungen und sind deshalb als objektive Gegebenheiten nur schwer auszumachen. Bereits im Alten Testament findet man in den Heils und Unheilspropheten beispielhaft derartige polarisierende Interpretationen, die sich – nicht immer polarisierend – durch die Geschichte bis in die Gegenwart ziehen. Meistens setzen sich die Deutungsmuster der herrschenden Eliten durch, die manchmal un ter dem Druck der Verhältnisse modifiziert bzw. nachgebessert werden. Eine gegenwärtig zentrale Herausforderung für die Erde sind die Um weltprobleme und ihre Bewältigung: Sind die anstehenden Probleme technokratisch innerhalb des kapitalistischen Systems zu lösen, wie die herrschenden Eliten meinen, oder nur durch einen umfassenden Sys temwandel unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit, wie Intellek tuelle, Wissenschaftler, zivilgesellschaftliche Organisationen und einige prominente religiöse Autoritäten meinen? Ein und dieselbe Lebenswelt kann von unterschiedlichen Individuen und Gruppen auf jeweils andere Weise wahrgenommen, interpretiert und mit eigenen Ideen verknüpft werden. Die offensichtliche Vielfalt menschlicher Persönlichkeiten und Bedürfnisse erweitert zusätzlich die Variationsbreite der Religionen in das fast Grenzenlose. Religio 77 vIelfalt der relIgIonen – warum? nen kommen den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen auch auf ihre Weise entgegen, indem sie jeweils unterschiedliche Ausschnit te der Lebenswirklichkeit fokussieren und andere ausblenden; nahezu alle praktizieren eine gewisse selektive Wahrnehmung und Gewichtung der Lebenswirklichkeit, bis hin zu offensichtlichen Realitätsverweige rungen. Vielfalt von Religionen ist also unvermeidlich, normal. In auf fallendem Gegensatz zu diesem Befund stehen die Selbsteinschätzun gen der meisten Religionen, die ihre Einzigartigkeit und häufig – noch einen Schritt weiter – Allgemeingültigkeit beanspruchen und das für alle Zukunft, als ob es die zahllosen anderen Religionen und den Wan del in der Geschichte nicht gäbe. Was folgt aus dieser Selbsteinschätzung? Die Antwort hängt von vielen einzelnen Faktoren ab und ist deshalb kaum in genereller Form mög lich. Eine typische Folge, die sich geschichtlich immer wieder ergeben hat und auch für den Kontext dieses Buches relevant ist, sei kurz be schrieben. Insbesondere autoritär hierarchisch geprägte Religions gemeinschaften verlieren immer wieder den Anschluss an die gesell schaftliche oder auch internationale Entwicklung, weil sie sich selbst an die „bewährten“ Lehren halten und ihre Mitglieder nach Kräften am Zugang zu neuen, verfügbaren Erfahrungen durch ausgeprägte Kont rolle mit der Androhung des Heilsentzugs hindern. Innerhalb von ge schlossenen Gesellschaften können sie damit erfolgreich sein, sie kön nen wie islamische Religionsgemeinschaften zu Beginn der Neuzeit aber von der internationalen Entwicklung abgehängt werden. Nicht we nige islamische Staaten befinden sich in dieser Zwickmühle zwischen blockierender Tradition und Moderne, weil die religiösen Autoritäten ein konsequentes Denken und Handeln in Ursache Wirkungszusam menhängen – ein Merkmal der Moderne – durch normative Vorgaben stark behindern, ihre Mitglieder in einem normativen Käfig blockieren: jedes Wert oder Vorurteil verhindert die Sicht auf Sachverhalte, Prob leme und Perspektiven. In pluralistischen Gesellschaften mit freier Re ligionswahl und damit eingeschränkten Kontrollchancen einer Religi onsgemeinschaft wächst die Distanz der Mitglieder, die sich nicht von neuen Erfahrungen und Ideen abhalten lassen, sich der Kontrolle ent ziehen, und es kommt wie in vielen Ländern Europas zu Austrittswellen und weitreichenden Funktionsverlusten der Religionsgemeinschaften. Für die Bewältigung der Umweltkrise könnte diese Situation Vorteile ergeben. Einerseits besteht die Chance zu mehr eigenständiger Verant 78 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen wortungsbereitschaft und zivilgesellschaftlicher Organisation der ehe maligen Kirchenmitglieder. Andererseits versuchen religiöse Autori täten neuerdings auf den Umweltzug aufzuspringen, erinnern sich an die Verantwortung für die Schöpfung, durchaus aus Überzeugung. Dar aus könnte sich auch für die in inhaltlicher Hinsicht kirchentreuen, ver bliebenen Mitglieder – nicht alle Kirchensteuerzahler – ein Impuls von oben zum Engagement in den vitalen Umweltfragen ergeben. Dies gilt deutlich mehr für die strikt hierarchische römisch katholische Kirche als die synodal organisierten protestantischen Religionsgemeinschaften, deren Mitglieder schon immer sehr frei in ihren Entscheidungen waren. 3 7 Religion: Einheit in der Vielfalt? 3 7 1 Eine Religionen übergreifende Definition? Unbestritten hat sich Max Weber sehr intensiv mit Religionen auseinan dergesetzt und ist dabei zu Aussagen gekommen, die nach fast hundert Jahren immer noch mehr oder weniger kontrovers diskutiert werden (Weber, 1964 [1921]). Bezeichnenderweise hat er eine allgemeine, um fassende Definition von Religion bewusst unterlassen und sich auf den ihm wichtigen Gesichtspunkt: Religion als eine bestimmte Art von Ge meinschaftshandeln beschränkt. Auch sonst hat er sich mit exakten be grifflichen Bestimmungen von komplexen Kollektiven zurückgehalten. Man kann in dieser bewussten Zurückhaltung die weise Einsicht ver muten, dass man die vielschichtigen, teils gegenläufigen Facetten sol cher komplexer Phänomene, wie es Gesellschaft und Religion nun eben sind, auf dem Wege der Definition nicht angemessen einfangen und re präsentieren kann. Bleiben wir bei Religion: Wie auch immer man Re ligion definiert, das Ergebnis wird Einseitigkeiten offenbaren und der soeben beschriebenen Vielfalt nicht gerecht werden können; oder es überschreitet den Charakter üblicher Definitionspraxis durch langat mige Aufzählungen. Definitionen von Religion verdeutlichen mehr die Sichtweise des Urhebers, seine Schwerpunktsetzungen, was er für un bedeutend, nicht berücksichtigenswert hält. Mit anderen Worten: die Begriffsbildung charakterisiert auch die Einstellung und Bewertung des Urhebers, nicht nur den zu definierenden Gegenstand. Das mag auch bei anderen Begriffsbildungen grundsätzlich zutreffen, tritt jedoch bei Religionen, die auffällig mit Emotionen und Werthaltungen aufgeladen 79 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? sind, besonders ins Blickfeld. Die vielschichtige Mannigfaltigkeit religi öser Aspekte lässt sich offensichtlich nicht ohne weiteres abstrahierend in einigen übergeordneten Merkmalen oder in einem Kategorienraster zusammenfassen. Zu unterschiedlich sind die Inhalte, die individuellen und sozialen Aspekte, ihre Gewichtung und Verknüpfung, die zusam men das Profil einer Religion bestimmen. Auch den Religionswissen schaftlern ist es bisher nicht gelungen, ihren Gegenstand eindeutig zu bestimmen und abzugrenzen. Dabei spielt wohl die unmittelbare Nähe von Religion und Religiösem zur jeweiligen Kultur einer Gruppe oder Gesellschaft und zur existenziellen Grundbefindlichkeit der ihr ange hörenden Menschen eine zentrale Rolle. Die Suche nach der eigenen Mitte, nach dem Woher und Wohin geht sowohl in sozialer als auch in individueller Hinsicht mit seinen vielgestaltigen Varianten divergieren de Wege und lässt sich auf der wissenschaftlich wünschbaren rationalen Ebene nur aspektweise abbilden. Das Ganze dessen, was Religionen ausmacht, ist auf rationalem Wege nicht zu erfassen. Mit der Untersu chung von komplexen Gesamtgebilden haben Sozialwissenschaftler seit jeher massive Probleme. Ich verzichte aus den genannten Gründen darauf, eine Definition von Religion zu präsentieren, die all das umfasst, was Religionen ausma chen kann. Wie bereits mehrfach angesprochen hebe ich einen meines Erachtens übergreifenden Aspekt von Religion hervor: Religionen be inhalten kollektive Selbstverständnisse, darauf bezogene Wertvorstel lungen und zukunftsorientierte Wegweisungen. Diese hochabstrak te Beschreibung bietet Raum für ein sehr breites Spektrum konkreter Ausprägungen und schließt darüber hinausgehende Merkmale bewusst nicht aus. Im vorausgegangenen Text standen Hintergründe für die Vielfalt von Religionen im Mittelpunkt. Der folgende Abschnitt soll die Vielfalt der Religionen in unterschiedlichen Dimensionen beispielhaft aufzeigen. 3 7 2 Religionsverständnisse Nähert man sich dem, was Religion meinen könnte, durch die Lektü re von Äußerungen und Begriffsbestimmungen von Theologen, Reli gionswissenschaftlern, Soziologen, Sozialanthropologen oder anderen Personen, dann dürften unterschiedliche Sichtweisen alle diejenigen in 80 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Enttäuschung und Verwirrung versetzen, die ein klares, einheitliches Ergebnis erwarten oder wenigstens erhoffen. Immerhin stammen diese Sichtweisen von Menschen, die sich sehr intensiv mit Religionen ausei nandergesetzt haben. Handelt es sich bei den unterschiedlichen Äuße rungen über Religion wirklich um ein und dieselbe Sache? Gibt es eine einheitliche Botschaft in der Vielheit der Religionen? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit fasse ich ähnliche Äußerungen in Typen zusammen, die ich nach den jeweiligen Schwerpunktsetzungen bilde. Wenn ich ähnliche Äußerungen zusammenfasse, nehme ich auf unterschiedliche Nuancierungen keine Rücksicht, reduziere ich bereits Vielfalt. Mit Schwerpunktsetzung meine ich, dass die Urheber von Be griffsbestimmungen bestimmte Merkmale von Religionen in den Mit telpunkt stellen und andere für weniger wichtig halten, aber auch nicht ablehnen. Auf diese weniger gewichteten Merkmale gehe ich hier nicht ein, reduziere also wieder Komplexität. Ich betreibe diese Typenbildung dennoch, um den Überblick zu erleichtern. Einige Autoren zielen auf das Wesen der Religion: „Religion ist das Er lebnis des Heiligen“ (Otto, Wach, ähnlich Mill u. a.). Nach dieser In haltsbestimmung handelt es sich bei Religion um eine persönliche Be ziehung zu etwas von höchster Bedeutung, eine Beziehung, in der subjektive Gefühle und Erfahrungen die zentrale Rolle spielen. Sozia le Gesichtspunkte spielen in diesem Verständnis zunächst keine Rol le, sind eher abgeleiteter Natur. Die Wissenschaften bleiben außen vor, denn zum Wesen der Religion können – und wollen – viele Wissen schaftler keine Aussage machen; sie schauen als Wissenschaftler von au ßen auf etwas, das nach Auffassung der Insider verstandesmäßig allein nicht zu verstehen ist; sie ziehen sich oft aus der Affäre, indem sie nur bestimmte Aspekte von Religion aufgreifen und zum eigentlichen Kern von Religion schweigen. Schließlich ist „Erleben“ eine höchst subjekti ve Angelegenheit, Wissenschaft (ler) jedoch der Objektivität verpflich tet, was immer das im Einzelfall heißt. Aber: Auch Gläubige welcher Art auch immer haben vom Wesen der Religion, von dem, was sie an Religi on zutiefst bewegt, höchst unterschiedliche Vorstellungen. Sozialanthropologen beziehen genau die gegenteilige Position und se hen Religionen als soziale Institutionen, als einigendes Band der Gesell schaft, das durch ein gemeinsames Selbstverständnis und regelmäßige 81 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? Rituale alle Mitglieder verbindet (Radcliffe Brown, Goode, Durkheim, Malinowski, u. a.) und soziale Ordnung schafft und ermöglicht. Die in dividuelle Komponente, das ureigentliche persönliche Berührtsein von Religion gibt es ja auch; es rückt hier jedoch in den Hintergrund. Wieder andere variieren die zuletzt genannte Sichtweise, betonen wie diese die integrative Funktion von Religionen, heben jedoch den rati onalen Charakter von Religionen hervor, die als Systeme der Erklärung und Deutung menschlichen Lebens Orientierung bieten, für Individuen und Gruppen bzw. Gesellschaften (Davis, Glock, Yinger). Die beson dere Hervorhebung des rationalen Elements schließt oft die besonde re Betonung von Ethik und Moral ein, so dass religiöse Praxis in erster Linie peinlich genaue Beachtung der moralischen Vorgaben und gege benenfalls der Rituale beinhaltet. Damit bleibt wenig Raum für Gefüh le und persönliche Erfahrungen von Transzendenz. Nicht zufällig sagt man protestantischen Kirchen, insbesondere den reformierten Kirchen nach dem Muster von Calvin und Zwingli mit ihrem Verzicht auf künst lerische Gestaltung der Kirchen und Musik eine gewisse Kälte und Ge fühlsarmut, ja eine Verbannung der Lebensfreude aus dem Glauben nach. In vielen Religionen, nicht nur, aber besonders in deren Versionen der Volksfrömmigkeit steht die Lösung lebenspraktischer Probleme im Vor dergrund. Geister, Dämonen und Götter sollen durch eigene Opfer und Leistungen dazu gebracht werden, bestimmte Wünsche zu erfüllen oder von bedrohlichen Aktionen abzulassen. In vielen Gesellschaften und ihren Religionen spielte z. B. die Beschaffung von Regen eine große Rol le und führte zu umfassenden zeremoniellen Anstrengungen. Die Op ferbereitschaft dabei reicht oft sehr, sehr weit und schließt (schloss) im mer wieder auch Menschenopfer ein. Generell waren Menschenopfer in den Entwicklungsstadien von Stammesgesellschaften und den fol genden Häuptlingsgesellschaften nahezu weltweit verbreitet. Es geht also um eine Art Tauschhandel der religiösen Gemeinschaft als ganzer oder auch bei einzelnen gläubigen Individuen: Ich gebe Dir, Gott, et was und Du gibst mir Mensch – gefälligst –, was ich mir wünsche. Für die eigene Leistung wird Gegenleistung eingefordert. Tritt die Erfüllung des individuellen Wunsches nicht ein, wird das Bild eines Heiligen, ei nes Gottes auch schon einmal angespuckt. Auf der sozialen Ebene kann das Ausbleiben der Wunscherfüllung z. B. des Regens durchaus zur In 82 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen fragestellung der Religion bzw. ihrer Repräsentanten führen und auch die soziale Ordnung bedrohen wie bei den Kulturen, die die vorspani sche Zeit im Gebiet des heutigen Mexiko prägten. Die übernatürlichen Ansprechpartner erscheinen dabei als eine Art besonders mächtiger Wesen, denen ansonsten menschliche Eigenschaften und Fähigkeiten, positive wie auch negative, zugeschrieben werden. Man spricht von an thropomorphen Vorstellungen über die Welt der Geister, Gottheiten, Götter usw., Vorstellungen, die sich in mehr oder weniger großen An teilen durch sehr viele, wenn nicht gar alle Religionen ziehen. Seit uralten Zeiten gibt es auch Politiker, die Religionen als Mittel zur Gewährleistung sozialer Ordnung instrumentell einsetzen, weil diese die Bevölkerung ruhig halten (Ashoka, Ruskin und viele andere). Reli gion als Herrschaftstechnologie. Karl Marx hat das auch so gesehen, aber sehr bedauert, weil Religion die Bevölkerung nach seiner Meinung da ran hindert, das wahre Bewusstsein ihrer Lebenslage zu gewinnen und sich für ihre Interessen zu engagieren. Ganz falsch ist diese Behauptung ja nicht, aber eben wieder nur ein Aspekt. Eine genauere Analyse unterschiedlicher Religionen und Religionsver ständnisse könnte möglicherweise kleinere gemeinsame Schnittmen gen ergeben, um zu einem übergreifenden Religionsverständnis vor zustoßen. Doch was wäre damit gewonnen? Der Aussagewert solcher analytisch gewonnener Gemeinsamer Merkmale wäre gering, mögli cherweise würde er auch mehr Übereinstimmung vortäuschen als sie real besteht. Tatsächlich sind Religionen historisch gewachsene Ganz heiten. In ihnen haben einzelne Merkmale einen spezifischen Stellen wert, der sich, weil kontextbezogen der Verallgemeinerung regelmäßig entzieht. Nimmt man ein solches Merkmal aus dem Gesamtrahmen, so verliert es seinen Sitz im Leben, seinen durch den Gesamtrahmen be stimmten Sinn. Mit anderen Worten: Es ist kaum möglich, ein Merkmal einer Religion ohne Bedeutungsverlust bzw. verschiebung aus ihrem Kontext zu nehmen. Würde man dies dennoch tun, so sind auf diese Weise erzielte gemeinsame Merkmale unterschiedlicher Religionen ih res Sinns entfremdete, neue gedankliche Konstrukte und täuschen nur Gemeinsamkeit vor. Bleibt noch ein weiteres Problem: Aus dem Zu sammenhang gerissene einzelne gemeinsame Merkmale von Religio nen stellen zusammen ein Sammelsurium von sprachlich und symbo lisch ermittelten, im Sinn veränderten Merkmalen, keine neue Ganzheit 83 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? und schon gar nicht eine historisch gewachsene dar. Man kann aus ei ner solchen Analyse über Religionen viel lernen, ein übergreifendes, be lastbares Verständnis von Religion kommt nicht dabei heraus. Es bleibt die Erkenntnis der Religionsvielfalt. 3 7 3 Zur Wegweiserfunktion von Religionen Um die Vielfalt von Religionen nachvollziehen zu können, kommt man nicht darum herum, die Vielfalt von Formen und Grundlagen des Le bens und der Lebensumwelt und die Eigenart des Menschen, d. h. sei ne Todesängste, seine innere Zerrissenheit und seine damit verbundene Suche nach Sicherheit und Gewissheit einzubeziehen. An diese Erfah rung der inneren Widersprüchlichkeit menschlichen Seins knüpft Je remia an: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?“ Und er fährt mit der Lösung fort, die er in der Ausrich tung des Lebens auf Gott sieht: „Ich, der Herr kann das Herz ergrün den“ (Jer. 17: 9f.). Im Kontext dieses Bibelverses geht es um die Ausrich tung des Lebens, um grundsätzliche und konkrete Orientierung, um Zukunft. Ähnlich Augustin (Confessiones): Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in der Ausrichtung auf Dich (inqietum est cor nostrum donec requiescat in te). Beide willkürlich aus der christlichen Traditi on ausgewählte Textstellen – es gäbe viele andere – stehen für inhaltlich vergleichbare in anderen Religionen und verdeutlichen Religionen bzw. ihre Gottheiten als Wegweiser, die Sicherheit und Gewissheit durch ein klares Bild des Menschseins in der Welt und darauf bezogene Verhal tensvorgaben geben. Es geht um Orientierung im gegenwärtigen und künftigen Leben, d. h. um die Bewältigung der Zukunft. In den voraus gegangenen Abschnitten war von dieser Wegweiserfunktion, die seit ih rer Entstehung und wegen der Ursachen ihrer Entstehung offensichtlich alle Religionen charakterisiert, bereits die Rede, auch wenn die gewie senen Wege aus den bereits erörterten Gründen vielfältige Variationen zeigen. Die Frage nach der Bewältigung von Gegenwart und Zukunft scheint mehr oder weniger allen Religionen eigen zu sein. Mit dieser Gemeinsamkeit aller (?) Religionen befindet man sich auf einem sehr hohen Abstraktionsniveau, die konkreten Ausformungen sind vielge staltig. 84 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen In der öffentlichen Diskussion wird immer wieder auf gemeinsame Merkmale vieler Religionen hingewiesen, um einen Weg zur Beilegung von Konflikten und zu gemeinsamem Handeln zu eröffnen. Verbands artige Zusammenschlüsse von ähnlichen Religionsgemeinschaften wie z. B. die Evangelischen Kirchen in Deutschland EKD oder der Ökume nischen Rat der Kirchen sind zweifellos geeignete Maßnahmen, um Ge meinsamkeiten zu stärken, Trennendes zu vermindern und gemein sam im öffentlichen Raum Gehör zu finden. Funktionsfähig sind solche Zusammenschlüsse jedoch nur, wenn die beteiligten Mitglieder die je weils anderen respektieren und bereit sind, die Gemeinsamkeiten über die eigene Profilierung zu stellen. Dieses Handlungsmodell ist als Aus nahme zu werten; es bedarf der Erklärung, wenn es gelingt und wie es gelingt. Als allgemeines Modell der Konfliktlösung unter Religionen konnte sich das Modell gemeinsamer Verbände oder auch Foren bis her nicht durchsetzen. Viele Religionen gewinnen ihr eigenes, speziel les Profil, indem sie die Unterschiede zu den anderen Religionen beto nen, die einer solchen Zusammenarbeit im Wege stehen. Beispielsweise gibt es eine beachtliche Zahl römisch katholischer und protestantischer Theologen, die die theologischen Differenzen beider Konfessionen für überbrückbar halten, nicht jedoch die kirchenrechtlichen. Als soziale Gebilde mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Geltungsanspruch befinden sich die Religionsgemeinschaften mittlerweile im „Religions markt“ in einem existenziellen Wettbewerb untereinander, teils inner halb von pluralistischen Gesellschaften und teils international. Dieser Wettbewerb erzeugt Abstand und Misstrauen, begrenzt Vertrauen und produziert auch Konflikt. Abgrenzung und Konflikte, häufig auf Leben und Tod, ziehen sich durch die Religionsgeschichte bis in die Gegenwart und belasten die dringliche Gestaltung der Zukunft zwecks Überleben nachhaltig. Die Wegweiserfunktion in der Gruppe oder Gesellschaft wandelt sich in der Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Wegweisern zur Legitimation grausiger Gemetzel (vgl. 5.3., 7.2). 3 7 4 Tod und soziale Ungerechtigkeit als verbreitete Themen von Religionen In vielen Religionen hat die Überzeugung zentrale Bedeutung, dass der Mensch erlösungsbedürftig ist. Diese Einschätzung beruht auf zwei weit – universell? – verbreiteten menschlichen Grundleiden, die sich aus der 85 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? Entwicklungsgeschichte des Menschen ergeben. Als der Mensch sich seiner selbst bewusst wurde, war er einerseits mit dem Bewusstsein des Todes konfrontiert. Diese Konfrontation mit dem physischen Tod, dass das Leben zu Ende geht, sprengt bis heute die Vorstellungskraft vieler Menschen. Dass mit dem Tod jegliches Leben, das eigene und das nahe stehender Personen, beendet sein soll, diese Vorstellung scheint für sehr viele Menschen unerträglich zu sein. Bei Tieren wird der Tod in den abrahamistischen Religionen – zusammen deutlich über die Hälf te der zurzeit lebenden Menschen – dagegen als selbstverständlich an gesehen, jedenfalls kaum darüber nachgedacht. Der Tod bzw. das wie auch immer geartete Weiterleben nach dem physischen Tod ist deshalb ein zentrales lösungsbedürftiges Anliegen. Deshalb haben viele Religi onen, unter ihnen die gegenwärtig zahlenmäßig dominierenden christ lichen Kirchen, islamische Glaubensgemeinschaften, Hinduismus und Buddhismus, auch das Judentum in jeweils unterschiedlichen Formen Vorstellungen über die Fortdauer des Lebens nach dem physischen Tod entwickelt. Als Generalnenner dieser Vorstellungen könnte die Erlö sung von der Vergänglichkeit in einer weiteren Existenz verstanden werden, jeweils verbunden mit ausgeprägten religionsspezifischen Dif ferenzierungen und Einbindungen. Die Betonung der Erlösungsbedürf tigkeit zielt hier darauf, verbreitete, nahezu universale menschliche Fra gen, Ängste und Bedürfnisse zu benennen. Auf diese Fragen haben die genannten Religionsgemeinschaften unterschiedliche Antworten ge geben, die ihre Eigenart ausmachen und hier ausdrücklich nicht ver wischt werden sollen. Ein bemerkenswerter Unterschied zwischen abra hamistsichen Religionen und fernöstlichen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus ist in ihrem Zeitverständnis zu sehen. Die abrahamis tischen Religionen folgen einem linearen Lebenszeitmodell, das mit der Geburt beginnt und den physischen Tod als Übergang in ein ewiges Le ben sieht. Hinduismus und Buddhismus sehen dagegen Leben als Kreis lauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt bis zur Erlösung von der Ver gänglichkeit, so sie denn erreicht wird. Andererseits haben sich Menschen in ihrer Entwicklungsgeschichte zu einem Zusammenleben in Gruppen zusammengefunden, um besser überleben zu können. Das Zusammenleben in Gruppen funktionier te nur durch Regeln. Die diesseitige Welt mit ihren Regeln wird, wie die diversen Dokumente zeigen, von einer weit überwältigenden Mehr heit der Menschen nicht nur als unvollkommen, sondern als zutiefst 86 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen ungerecht erfahren, weil die Regeln von ihrer Anlage her bestimmte Gruppenmitglieder besonders begünstigen bzw. andere benachteiligen und sich die Begünstigten auch weniger an die bestehenden Regeln hal ten. Das in der diesseitigen Welt erlittene Unrecht bedarf deshalb im Bewusstsein der Menschen einer grundlegenden Korrektur bzw. Kom pensation in der geglaubten jenseitigen Welt. Mit dieser Einschätzung rebellieren Gläubige vieler Religionen und mit ihnen beachtliche Teile der Menschheit offensichtlich gegen das – durchaus selbst erfahrene – Grundgesetz der Evolution und dessen Lebenswirklichkeit: Die Stärks ten überleben nicht nur individuell, sondern auch mit ihren Nach kommen: Ihr Erfolg zeigt sich auch daran, dass es Ihnen gelingt, die für sich selbst vorteilhaften Regeln in der Gruppe durchzusetzen. Re ligionen schaffen sich mit ihrer Vorstellung einer ewigen und gerech ten jenseitigen Welt ein Gegenmodell zum Evolutionsgesetz des Lebens, eine gerechte, ewige neue Welt, in der im Diesseits erlittenes Unrecht im Jenseits mit Belohnungen wieder gut gemacht wird. Belohnung der Aufrichtigen und Bestrafung von Übeltätern sowie Rache für zugefüg tes Leid sind also wesentliche, sehr menschliche Elemente der Paradies vorstellungen (letzteres nicht in Hinduismus und Buddhismus). Mit der Vorstellung des Paradieses (im Buddhismus: Eingehen in das Absolu te) bzw. einer Hölle verbindet sich für beide Grundleiden eine Befrei ung. Letztlich läuft diese Haltung auf eine umfassende Ablehnung der gegebenen Lebenswirklichkeit hinaus, die vor allem deshalb ertragen werden kann, weil es eine große Hoffnung auf ein ewiges, besseres Jen seits gibt. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass das Lebensmodell der Evolutionstheorie, wäre es die einzige, Leben bestimmende Wahr heit, für viele Menschen eine unerträgliche, weil hoffnungslose Vorstel lung ist. Man kann diese Wirklichkeitseinschätzung von Religionen mit der Aufteilung in eine ungerechte, leidvolle, vergängliche diesseitige Welt und eine gerechte, freudvolle ewige jenseitige Welt auch als relativ frühe Einsicht verstehen, dass Menschen, Religionen und Gesellschaften das Ziel, selbst eine gerechte und freudenreiche irdische Welt zu schaffen, als unrealisierbar aufgegeben haben und dieses – unerreichbare – aber ersehnte Ziel deshalb ins Jenseits verlegen. Damit wird das diesseitige Leben einigermaßen erträglich und erhält für zwei Grundprobleme: Tod und soziale Ungerechtigkeit im Jenseits eine erstrebenswerte Lö sung. Offensichtlich reicht der Sanktionsdruck mit dem Ausschluss aus 87 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? den wie auch immer gearteten Paradiesen nicht aus, um die diesseitige Welt besser und gerechter zu machen, d. h. die Verlockung zu persönli chen Vorteilen durch fragwürdiges regelwidriges Verhalten zu vermei den. Die Drohung mit der Hölle scheint gerade einmal auszureichen, um Regelwidrigkeit soweit zu bremsen, dass Zusammenleben noch ei nigermaßen gelingt. Der Abschreckungseffekt der Höllen scheint nur begrenzte Wirkung zu entfalten, nicht alle Menschen zu erreichen; aber immerhin kann er leidlich geregelte Lebensverhältnisse bewirken, blo ßes Chaos verhindern, vielerorts, nicht überall und nicht unbedingt dauerhaft. Es liegt deshalb nahe, die Bereitschaft zur Glaubenstreue ein schließlich der damit eingeforderten Verhaltensweisen eher bei den we niger erfolgreichen Bevölkerungskreisen, in welcher Gesellschaft auch immer, zu vermuten. Warum sollten auch die im Diesseits Erfolgrei chen so viel Sehnsucht auf das Jenseits entwickeln? Ihre vom Erfolg ver wöhnte Lebensfreude übt auch weniger Druck auf sie aus, sich nach dem angeblich besseren Jenseits zu sehnen und die diesbezüglich ein geforderten Verhaltensweisen treu zu befolgen. Für die Erfolgreichen findet das Leben zuallererst einmal hier im Diesseits statt. Die Vertrös tung auf das Jenseits greift bei den Erfolgreichen deshalb weniger. Wel che Wirkung erzielt der Abschreckungsfaktor Hölle für das Verhalten der Erfolgreichen? Wären ohne ihn die Lebensverhältnisse noch weit chaotischer? Selbstverständlich gibt es Ausnahmen: Die reformierten christlichen Glaubensgemeinschaften lassen mit ihrer Prädestinations lehre gerade die Erfolgreichen in den Himmel kommen und spornen so zu rastloser innerweltlicher Arbeit und Askese an. Mittelbar kann die Aufteilung in eine schlechte und ungerechte dies seitige und eine gute gerechte jenseitige Welt auch als Bestätigung ver standen werden, dass die Regeln der Evolution, insbesondere die indivi dualistische Variante wirksam, bedrückend wirksam sind. Menschliche Anstrengungen sind zwar in der Lage, die Auswirkungen dieser Evolu tionsregeln durch die altruistischen Elemente aus der Gruppenselekti on in ihrer Härte zu reduzieren, sei es durch Maßnahmen im Hier und Jetzt oder durch die Konzentration auf die jenseitige Welt; sie vermö gen es allerdings nicht, diese Regeln der Evolution zu brechen, außer Kraft zu setzen. 88 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen 3 7 5 Erlösungswege Mit dem Tod erfolgt der Übergang von der diesseitigen Welt in die jen seitige, wenn die Bewährung im Diesseits erfolgreich bestanden wird. Gläubige können sich, indem sie die von den Religionen festgelegten Lehren verinnerlichen und die Verhaltensvorschriften einhalten, das er sehnte Jenseits erarbeiten. Man spricht dabei auch von Erlösungswe gen, die insgesamt Religionen übergreifend ein breites, schwer über schaubares Spektrum umfassen, aber auch innerhalb einer Religion mehrere Alternativen erlauben, die wiederum von der Art der gewähl ten Lebensführung abhängen. Mit anderen Worten etwas vereinfacht: Es gibt jeweils Erlösungswege für Menschen, bei denen Religion eine mehr oder weniger wichtige Dimension ihres Lebens ausmacht, ich nenne sie Erlösungswege für „Normalverbraucher“. Es gibt zudem Er lösungswege für Menschen, die ihren Glauben in den Mittelpunkt ih res Lebens stellen und all ihr Tun darauf ausrichten, weil sie sich nur mit dieser totalen Hingabe sicher fühlen, das Heilsziel zu erreichen. Ich nenne diese Menschen in Anlehnung an Max Weber „religiöse Virtu osen“, um das Außergewöhnliche ihrer Lebensführung hervorzuheben. Die Erlösungswege sind jeweils angepasst an die jeweiligen gesellschaft lichen Lebensbedingungen, was auch sonst? Sie sind als Reaktionen auf bestimmte historische Gegebenheiten, aber auch die persönlichen Le benslagen der Gläubigen zu verstehen und weisen deshalb zahlreiche Variationen auf. In vielen Religionen sind die Erlösungswege für Normalverbraucher ziemlich fest vorgegeben und unterliegen einer mehr oder weniger strengen Kontrolle: Dazu gehören z. B. in der römisch katholischen Kirche der Glaube an die kirchliche Lehre, der regelmäßige Besuch der Messe, die Teilnahme an den Sakramenten bzw. die Bitte um ihren Voll zug und die Einhaltung der kirchlichen Moralvorschriften. Erlösungs wege für „religiöse Virtuosen“ sind die mit Keuschheitsgelöbnis verbun denen Lebenswege als Priester in der Welt oder als Mönch/Nonne in der Abgeschiedenheit eines Klosters oder auch mit einer Aufgabe au ßerhalb. Das angestrebte Paradies kann erreicht werden durch eigenes normgerechtes Verhalten in Verbindung mit der Gnade Gottes für die Vergebung der – unvermeidlichen – Sünden. Die Erlösung ist immer an die Einbindung in den kirchlichen Vollzugskontext der Kirche ge bunden: Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil (Extra ecclesiam salus 89 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? non est). Diese apodiktische kirchliche Doktrin erweist sich allerdings als janusköpfig: Zwar bindet sie einerseits die Gläubigen an die kirch liche Ordnung und Disziplin. Andererseits erlegt sie der Kirche auch die Verpflichtung auf, Seelsorge und Sakramentsvollzug um des Heils der Gläubigen willen zu garantieren. Die gegenwärtig laufenden orga nisatorischen Anpassungen an den offensichtlichen Priestermangel in Deutschland legen die Vermutung nahe, dass die verfasste Kirche ihre Verpflichtung nicht mehr wirklich erfüllen kann und für die Aufrecht erhaltung des Zölibats tatsächlich die Verwahrlosung der Seelsorge in Kauf nimmt. Was für eine Abwertung der Seelsorge steckt in dieser Pri oritätensetzung! Nicht in allen Religionen sind die Erlösungswege so klar definiert. Die evangelischen Kirchen übertragen ihren Gläubigen auf der Grundla ge des allgemeinen Priestertums der Gläubigen weitgehend die Verant wortung für ihren Erlösungsweg, der von den pastoralen Kirchenver tretern zwar begleitet, aber weder standardisiert ist noch kontrolliert und sanktioniert wird: der Gläubige tritt in Eigenverantwortung vor Gott. Die Synodenmitglieder (Kirchenparlamentarier) bestimmen als gewählte Repräsentanten der Gläubigen in den Kirchengemeinden den Rahmen für christliches, auf Erlösung ausgerichtetes Verhalten auf der Grundlage ihrer Auslegung der Bibel, die Richtschnur für die Gläubi gen und die Gemeinden ist. Die gewählten Kirchenführer übernehmen nur in begrenztem Umfang Kontrollfunktionen. Die Verantwortung für den eigenen Heilsweg bleibt beim Gläubigen. In den meisten Religionen spielen vorgegebene Verhaltensregeln eine zentrale Rolle. Wesentliche Unterschiede bestehen in der Ausgestaltung solcher Verhaltensregeln. Häufig stehen im Mittelpunkt primär die Teil nahme an bzw. die aktive Gestaltung von Ritualen und Riten sowie Ze remonien. Viele Religionen, z. B. die islamischen Religionsgemeinschaf ten als Gesetzesreligionen, schreiben ganz konkrete Verhaltensweisen für mehr oder weniger alle alltäglichen Lebensbereiche gestern, heu te und für immer vor und behindern damit zwangsläufig sozialen Wan del. Andere Religionen wie christliche Kirchen legen in ausgewählten Lebensbereichen konkrete Regeln fest und geben zusätzlich z. B. in der Form der Zehn Gebote einen generalisierten Verhaltenskodex für alle Verhaltensbereiche vor. Nahezu durchgängig gilt die Einhaltung der Verhaltensvorgaben der eigenen Glaubensgemeinschaft als Zugangs 90 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen bedingung zur jenseitigen Welt, oft in Verbindung mit dem göttlichen Gnadenerweis. Im Buddhismus stehen weniger konkrete Vorhaltensvorgaben, sondern in der Form des achtfachen Pfads Leitlinien für Verhalten im Mittel punkt (rechte Einsicht, rechter Entschluss, rechte Rede, rechtes Verhal ten, rechter Lebensunterhalt, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Meditation). Der Heilsweg wird vom Gläubigen, gegebenenfalls mit Unterstützung eines Lehrers, vollzogen und zielt darauf, den Kreis lauf der Wiedergeburten, d. h. der Vergänglichkeit und des Vorläufigen zu verlassen und in das Absolute (Nirvana) einzugehen. Dabei steht im Mittelpunkt das Bemühen des Gläubigen, selbst oder mit Unterstützung eines Lehrers am Geländer der acht Tugenden den richtigen Weg zu fin den. Es handelt sich also um Selbsterlösung, im Mahayana Buddhismus erleichtert durch hilfreiche Bodhisatvas. Auch der Buddhismus kennt mehrere Variationen von Erlösungswegen. Im klassischen (Hinanyana) Buddhismus ist es z. B. in Myanmar und Thailand üblich, dass junge Männer für ein Jahr in ein Kloster gehen, sich also zeitlich befristet aus der Welt zurückziehen. Es gibt weiter die Möglichkeit einer Zweiteilung des Lebens, nämlich zuerst die mit dem Alltagsleben verbundenen Auf gaben in Familie und Gesellschaft zu erfüllen und danach weltflüchtig zu werden und durch Meditation dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Der Weg der Selbsterlösung vollzieht sich als geistig seeli scher Prozess der Loslösung aus den Verstrickungen in die Vergänglich keit (vgl. Lebensrad). Diese Loslösung stellt an den Gläubigen überaus hohe Ansprüche. Im tibetischen Buddhismus sind deshalb andere For men der Selbsterlösung verbreitet, die den geistig seelischen Prozess durch andere, durchaus strapaziöse Eigenleistungen ersetzen, gewisser maßen operationalisieren: durch Wallfahrten zu heiligen Stätten, reli giösen Festen, Umrunden des heiligen Berges Kailash, eventuell unter ausgesprochen strapaziösen Bedingungen, indem Pilger mit ihrem Kör per den Pilgerweg ausmessen, immerhin gut 40 km bergauf und bergab, über eine Höhe von 5600 m. Das Spektrum der gebotenen Verhaltens weisen reicht also von ganz präzisen, im Zeitablauf nahezu unveränder lichen Vorgaben bis zu allgemeinen Verhaltensleitlinien, die Gläubige dann im Einzelfall selbst oder mit ihrem Lehrer konkretisieren: Was be deutet denn rechte Einsicht, rechte Achtsamkeit und rechtes Verhalten in einer unklaren Situation oder einem Streitfall? 91 relIgIon: eInheIt In der vIelfalt? Besondere Verhältnisse entstehen bei Religionen, in denen die Prädes tination in einer der feststellbaren Versionen das Denken und Handeln der Gläubigen prägt, weil sie z. B. in calvinistisch bestimmten Formen einen schwer erträglichen Dauerbewährungsdruck zu rastloser Arbeit erzeugt, damit Gläubige ihre Erwählung durch Gott an ihrem berufli chen Erfolg erkennen können. Dieser Motivationsdruck zeigt fließende Übergänge zum religiösen Virtuosentum, insbesondere zur innerweltli chen Askese mit ihrer ambivalenten Haltung gegenüber der Welt: Einer seits wird die Welt als Versuchung abgelehnt, andererseits wird sie als Gottes Schöpfung erkannt und erfordert deshalb ihre verantwortungs volle Gestaltung. Zwei andere Formen des religiösen Virtuosentums gehen mit der Welt flucht einen Schritt weiter; sie lehnen die Welt als sündig und vom Heil wegführend ab. Die eine definiert das Leben in dieser Welt vollständig aus dem Blickwinkel des Jenseits und führt zu einem asketischen Le ben außerhalb des üblichen Alltags, aber mit häufig großen Spannun gen zur Welt. Die andere Form der Weltflucht äußert sich in mystischer Kontemplation, strebt danach, alle störenden Einflüsse der Welt auszu schalten auf der Suche nach der Versenkung im Göttlichen, der mysti schen Vereinigung (Unio mystica). Zuletzt sollen zwei Erlösungswege Erwähnung finden, die das ewige Heil konsequent von einem allmächtigen Gott oder Göttern und Geis tern erwarten und dabei die Eigenleistung als unbedeutend ansehen. Denn: Wer wie viele Religionen vom allmächtigen Gott spricht, begibt sich in einen Widerspruch, wenn er für sich selbst eine Eigenleistung zur Erreichung des Heils glaubt einbringen zu können und sich damit zu einem – zwar kleinen – Gegenüber von Gott modelliert. Für eine die ser Überzeugungen kann der von Grund auf verdorbene Mensch – so die Ausgangsprämisse – Erlösung nur durch bedingungslosen Glauben und ebensolches Gottvertrauen erlangen, indem er sich voll auf Gottes Gnade verlässt. Ist der bedingungslose Glaube nicht auch eine Leistung? Der zweite Erlösungsweg erwartet Heil von der priesterlichen Vermitt lung zwischen Gott und Mensch durch das Sakrament, das durch den korrekten Vollzug wirksam wird (ex opere operato) oder wie in Religio nen früherer Entwicklungsstufen oder modernen synkretistischen Ver sionen durch Vermittlung von Zauberern und Schamanen in der Form magischer oder auch anderer Praktiken. 92 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Die Erlösungswege umfassen also ein breites, hier nur beispielhaft an jüngeren Religionen beschriebenes Spektrum von Möglichkeiten, die von der vollständigen Hingabe an einen Gott bis zur kompletten Selbst erlösung reichen und teilweise immer noch uralte religiöse Vorstellun gen und Praktiken transportieren. Religion hat begonnen als Prozess der allmählichen Selbstwahrneh mung des Menschen, die sich schließlich in Auseinandersetzung mit den Lebensumwelten zu ersten Vorstellungen eines Selbstverständ nisses verdichtete, um Orientierung für Überleben sichernde Verhal tensweisen zu gewinnen: mental und real. Religion ist insofern beides: Prozess und – sich entwickelndes – Ergebnis dieses Prozesses. Als Pro zessergebnis beinhaltet Religion Antworten des Menschen auf sein Wo her und sein Wohin, Antworten, in denen sich die aktuellen Lebensbe dingungen und deren Reflexion, aber ebenso Merkmale menschlicher Eigenart spiegeln, und die die weitere Entwicklung bestimmen. Religionsgeschichte ist die Aufeinanderfolge menschlicher kollektiver Selbstverständnisse, die sich im Miteinander und Gegeneinander von Individuen, Gruppen und Gesellschaften herausbilden. Die gegenwär tige – durchaus verwirrende – Vielfalt von Religionen spiegelt unter schiedliche Impulspakete für die Entwicklung von kollektivem Selbst verständnis: Die Auseinandersetzung mit den höchst unterschiedlichen materiellen Lebensbedingungen von Steinzeitverhältnissen bis zu mo dernen Zivilisationen, unterschiedliche kulturelle Entwicklungsstufen und Traditionen sowie materielle, vielfältige emotionale und geistige menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte. Wenn man überhaupt von einem gemeinsamen Nenner von Religio nen sprechen will, so ist dieser auf einem hohen Abstraktionsniveau an gesiedelt: Er ist in der gruppenbezogenen Suche und Gewinnung des menschlichen Selbstverständnisses zu sehen, das auf der individuel len Ebene als geistig seelisches Zuhause und eine daraus erwachsende Lebensführung beschrieben werden kann. Suche vollzieht sich durch Fragen, die aus den gegenwärtigen und zukünftigen Lebensbedingun gen sowie den menschlichen Sehnsüchten erwachsen und sich deshalb ebenso unterscheiden wie die Antworten. Aber Antworten werden ge braucht, weil sie dem Leben die unerlässliche Orientierung geben, in dividuell und sozial. Und neue Probleme und Situationen haben bisher 93 zusammenfassung immer wieder auch neue Antworten und Wegweiser gefunden, die sich aber bewähren müssen: Bieten sie für die individuelle und soziale Le bensgestaltung gegenwärtig und für die Zukunft verlässliche Wegwei ser? Sind die Religionen und Weltanschauungsgemeinschaften der Ge genwart verlässliche Wegweiser für die Zukunft? Wie viel Vielfalt der Religionen und ihrer Orientierungen kann sich die Menschheit leisten, wenn sie die sich abzeichnenden Zukunftsaufgaben bewältigen will? 3 8 Zusammenfassung Religionen sind entstanden, als sich Menschen ihrer selbst bewusst wurden und, um sich zurecht zu finden, Antworten auf die Herausfor derungen der Umwelt suchten. Religionen waren in ihrer Zielperspektive von Anfang an zukunftsbezogen; sie haben sich als Wegweiser in die Zukunft entwickelt – bis in die Gegenwart. Das hat die gegenwärtig zah lenmäßig vorherrschenden Religionen nicht daran gehindert, die Zu kunft ausschließlich mit ausdrücklichem Rückbezug auf weit zurück liegende Offenbarungen mitgestalten zu wollen. Dieser ausschließliche Zugang zur Zukunft kann sich mittel und langfristig kaum bewähren, weil er für das Überleben der Menschen bedeutsame Entwicklungen wie Reduktion der Biosphäre, Klimawandel und Umweltverseuchung, für die die Deutungshoheit schon geraume Zeit von den Naturwissen schaften übernommen wurde (vgl. Kap. 4.5), nur sehr zögerlich berück sichtigt. Die gefundenen Antworten in der Form einer erklärenden Sinndeu tung der wahrgenommenen lebenden und materiellen Teile der Welt in Verbindung mit Ritualen und Verhaltensregeln für Individuen und Gruppen übernehmen die Funktion als Wegweiser für die Zukunft, die das weitere Leben sowohl der einzelnen Menschen als auch der Grup pe als ganzer leiten und gewährleisten sollen. Regelmäßig werden diese Wegweiser mit übernatürlichen Kräften, Geistern, Wesenheiten, Göt tern in Verbindung gebracht und legitimiert. Menschsein heißt vom Be ginn des Sich Bewusst Werdens an, eingebunden zu sein in eine Grup pe, ihr Verständnis des Menschseins und ihre darauf bezogene Weg weisende Ordnung. Religionen kommt deshalb zentrale Bedeutung für die Gruppe und ihre Mitglieder zu. 94 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Betrachtet man Religionen als Antworten eines Sozialverbandes auf die Herausforderungen der jeweiligen Umwelt, so unterliegen sie nahe zu zwangsläufig aus unterschiedlichen Gründen Veränderungen, denn die Lebensumwelt ändert sich durch eigene Aktivitäten, durch natürli che Ereignisse und Prozesse sowie kosmische Einflüsse. Einerseits kön nen Religionen trotz eines beachtlichen Beharrungsvermögens nicht vermeiden, ihre Vorstellungswelt mit den sich ändernden Lebensbe dingungen kompatibel zu machen und wenigstens die gröbsten Wider sprüche zwischen eigener Welterklärung und neuen Erkenntnissen ir gendwie zu glätten, plausibel zu machen. Häufig geschieht dies durch Neuinterpretation oder Modifizierung umstrittener Aussagen. Ande rerseits kann gerade das Beharrungsvermögen religiöser Autoritäten zwecks Behauptung der eigenen Position darauf ausgerichtet sein, Ver änderungen durch Vervollkommnung der Kontrolle der Gläubigen zu verhindern. Dem Beharrungsvermögen zum Trotz haben sich Religi onen über die Jahrtausende immer wieder modifiziert und neu entwi ckelt, weil sich Teile der Lebenswelt veränderten und neue Wegweisun gen benötigt wurden. Gerade weil sich im kollektiven Selbstverständnis unterschiedliche Erfahrungen, Erkenntnisse und Lebensumwelten zu einem mehr oder weniger stimmigen Gesamtbild verdichten, ist die Vielfalt der Religionen eine normale und notwendige Entwicklung, die durch die Ideenvielfalt von einzelnen Personen und Deutungsspielräu men zusätzlich erweitert wird. Sowohl im Längsschnitt der Religionsge schichte als auch im Querschnitt einer Zeitepoche zeigt sich diese Viel falt. Auf hohem Abstraktionsniveau sind jedenfalls in den hinsichtlich der Mitgliederzahl großen Religionen ähnliche Themen/Fragen festzustel len, die in Versuchung führen könnten, von einer Einheit in der Vielheit zu sprechen: Religionen als zukunftsorientierte Welterklärungen, Tod, soziale Ungerechtigkeit, Erlösungswege, Transzendenzbezug als zentra le Themen. Die konkreten Antworten zu diesen Fragen fallen jedoch unterschiedlich aus. Es sind die Unterschiede, verbunden mit allge meinen und oft absoluten Geltungsansprüchen, die die Geschichte der Menschheit zu einer Kette religiöser, oft gewaltsamer Konflikte machen. 95 zusammenfassung Mit einigen Kernsätzen fasse ich meine Einschätzung von Religionen zusammen: • Leben besteht aus Veränderungen. Veränderung schafft neues Wis sen, neue Erfahrungen, neue Fähigkeiten, neue Situationen und neue Herausforderungen. Neue Situationen und Herausforderun gen brauchen neue Antworten, auch mit neuem Wissen. Heilsleh ren sind menschliche Geistesprodukte und als solche stets vorläufig. Offenbarung ist eine geschichtliche Erscheinung und unterliegt als solche der Veränderung. • Vielfalt von Religionen resultiert aus der Vielfalt der Lebensbedin gungen und der Lebenslagen, aus der Vielfalt von deren Deutung und Veränderung. Vielfalt von Religionen hat eine lange Tradition und ist auch in modernen komplexen Gesellschaften der Normal zustand. Religionen entstanden, modifizierten sich, verschwanden und entstehen auch wieder neu. • Religionen bestimmten, teilweise bis in die Gegenwart, maßgeblich die Regelsysteme des alltäglichen Lebens. Man kann deshalb zahl reiche Religionen als diejenigen Institutionen verstehen, die die al truistischen Verhaltensanteile der Gruppenselektion als Korrektiv der individuellen und kollektiven Egoismen zu ihrem Programm gemacht, im Laufe ihrer Geschichte verfestigt und zu Grundbe standteilen gesellschaftlicher Ordnungen gemacht haben. Als maßgebliche Kulturträger haben sie Architektur, bildende Küns te, Musik und Wissenschaften nachhaltig geprägt, aber mit ihren Wertsetzungen auch Denkprozesse kanalisiert. Jedes Wert oder Vorurteil verstellt die Sicht auf Sachverhalte, Probleme und Pers pektiven. • Als Erklärungen des Menschseins in der Welt umfassen Religio nen Wertsetzungen mit nicht mehr hinterfragbaren Überzeugun gen/Axiomen. Religionen fordern damit – unvermeidlich – mehr oder weniger Opfer des Intellekts, d. h. das Hintanstellen von all täglichen Erfahrungen ebenso wie von rationalen Überlegungen zugunsten nicht mehr hinterfragbarer Überzeugungen/Axiome. Religionen geraten zwar nahezu zwangsläufig in einen Zwiespalt zwischen Sinnbezug einerseits und Alltagserfahrung bzw. Rationa lität andererseits. Diese Diskrepanz mag zwar in Einzelfällen im mer wieder auflösbar sein, grundsätzlich kann man ihr nicht ent gehen. Die Wirklichkeit bleibt voller Widersprüche, rationales 96 entstehung, vIelfalt und funktIonen von relIgIonen Denken ein zu enger Bezugsrahmen. Gerade deshalb besteht die besondere Leistung der Religionen darin, die unterschiedlichen Di mensionen des Lebens im Blick zu behalten und in einem mög lichst stimmigen Gesamtbild zusammenzuführen. • Die Vielfalt der Religionen ist eine Tatsache und als solche plausi bel, sie steht in einem merkwürdigen Widerspruch zum allgemei nen Geltungsanspruch der meisten Religionsgemeinschaften. • Die Vielfalt der Religionen, ihre Geltungsansprüche und das da raus erwachsende Konfliktpotenzial stellen schwer überwindbare Hindernisse dar, wenn, wie bei den Umweltproblemen, existenziel le globale Probleme gemeinsam bewältigt werden müssen: Gibt es einen gemeinsamen Bezugspunkt, der die Zurückstellung von Kon flikten einerseits und andererseits die gemeinsame Anstrengung für die Erhaltung der Lebensbedingungen aller ermöglicht? Dieser ge meinsame Bezugspunkt kann die Achtung vor dem Leben sein.

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Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.