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2 Der Mensch im Kosmos des Lebens in:

Hans Dietrich Engelhardt

Was wird aus unserer Umwelt?, page 39 - 64

Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3965-6, ISBN online: 978-3-8288-6838-0, https://doi.org/10.5771/9783828868380-39

Tectum, Baden-Baden
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29 2 Der Mensch im Kosmos des Lebens 2 1 Von 23 Menschenarten überlebt nur eine: Der moderne Mensch (homo sapiens) Die Auseinandersetzung mit der Evolution hat zu einigen, wie ich mei ne, bedeutsamen Aussagen über die Positionierung des Menschen im Prozess des Lebens geführt, die wir, seit wir diese Aussagen kennen, bei dem Nachdenken über das Menschsein, seine Bedeutung und seinen Sinn nicht außer Acht lassen können. Auf diesem Hintergrund will ich nun der Frage nachgehen, ob sich aus der Stammesgeschichte des Men schen bedeutsame weitere Bezugspunkte für menschliches Selbstver ständnis: für Religion ableiten lassen. Unter „Stammesgeschichte des Menschen“ versteht man die Entwick lung des modernen Menschen homo sapiens und seiner noch lebenden nächsten Verwandten, der Menschenaffen, aus gemeinsamen Vorfah ren. Es scheint weitgehende Übereinstimmung darüber zu bestehen, wo diese Stammesgeschichte ihren Ursprung hat, nämlich in der gemein samen, aber unbekannten Vorgängerpopulation von Menschen und Schimpansen, die als unsere nächsten Verwandten gelten und mit uns 95 % des Erbguts teilen. Genetische und molekularbiologische Befunde sind die Grundlagen dieser Aussagen. Die Stammesgeschichte der Men schenartigen vollzieht sich in einem Zeitraum, der zwischen 23 und 16 Millionen Jahre (!) zurückliegt, in Ostafrika. Die angegebene Zeitspan ne signalisiert bereits, dass präzise und gleichermaßen verlässliche An gaben offensichtlich schwierig bzw. unmöglich sind. Obwohl eine Reihe von Fossilienfunden vorliegt und ausgewertet wurde, sind die Inseln si cheren Wissens ziemlich verstreut und klein, aber dennoch von großer Bedeutung. Von einer lückenlosen Entwicklungsgeschichte des Men schen sind die Wissenschaftler, die sich auch wegen der mageren Daten lage in vielen Fragen uneinig sind, nahezu unerreichbar weit entfernt. Die insgesamt spärlichen, zufälligen Fossilienfunde lassen dennoch er kennen, dass die Evolution die frühen Menschenartigen in mehrere 30 der mensch Im kosmos des lebens unterscheidbare Arten ausdifferenziert hatte, die sich jedoch mit Aus nahme der Art, aus der sich homo sapiens entwickelt hat, alle nicht be haupten konnten. Die Evolution fraß ihre Produkte. „Noch zu Lebzei ten der Neandertaler waren die archaischen Stämme des homo sapiens in Afrika weitgehend isoliert; ihre Nachfahren aber sollten sich schon bald geradezu explosionsartig über den Kontinent hinaus ausbreiten … Im Laufe dieses Prozesses wurden alle anderen Menschenarten, denen sie begegneten, verdrängt und ausgelöscht“ (Wilson 2014, S. 26 f.). Über die Ursachen des Aussterbens vieler hominini gibt es verständli cherweise keine genauen Informationen. Ziemlich sicher gehören Ver änderungen des Nahrungsmittelangebots durch Klimaveränderungen, jagdbedingtes Aussterben von Tieren, Tod durch Raubtiere, gegensei tige Bekämpfung, Naturkatastrophen, aber auch weitere nicht bekann te Faktoren zu den Ursachen des Aussterbens. Thomas Suddendorf fasst den nach seiner Meinung von den meisten Forschern geteilten For schungsstand in einer Grafik (Suddendorf 2014, S. 319) zusammen, die sich auf den Zeitraum der vergangenen 6 Millionen Jahre bezieht, seit dem die hominini und die Menschenaffen eine jeweils eigenständige Entwicklung durchlaufen. Danach haben in diesem Zeitraum 23 unter schiedliche hominini gelebt, die meisten davon konnten sich nur relativ kurze Zeiträume behaupten, vier (australopithecus africanus, australo pithecus aforensis, paranthropos boisei, homo habilis) schafften immer hin ca. eine Million Jahre. Homo erectus hat mit ca. 1,8 Millionen Jahren am längsten überlebt. Wir moderne Menschen haben unsere eigentli che Bewährungsprobe noch vor uns. Wir sind die letzten Menschen. Auch von unseren Verwandten, den Menschenaffen, haben nur weni ge überlebt und diese wenigen: Schimpansen als unsere nächsten Ver wandten und Orang Uta stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Über die zeitliche Datierung der einzelnen Entwicklungsphasen des Menschen – schon die wenigen bisher angegebenen Zahlen lassen dies vermuten – bestehen große Unsicherheiten. Da werden von Paläoanth ropologen und Evolutionsbiologen mehrere Millionen Jahre hin und hergeschoben! Das sind Zeiträume, die sich der Vorstellungskraft der meisten „Normalverbraucher“ hoffnungslos entziehen! 31 von 23 menschenarten überlebt nur eIne: der moderne mensch (homo sapIens) Den weitaus größten Teil der Stammesgeschichte haben sich Men schengruppen, nach allem was in der einschlägigen Literatur nachzu lesen ist, als Jäger und Sammler das Überleben erarbeiten müssen. Wa ren die frühen Menschen ursprünglich Pflanzenfresser, so reicherten sie vermutlich vor ca. zwei bis drei Millionen Jahren ihren Speiseplan mit Fleisch an, zunächst wohl Aas und kleinere Tiere, deren sie hab haft wurden. Schließlich gingen sie zu systematischer Jagd über. Man geht davon aus, dass diese Anreicherung mit Eiweiß aus dem Fleisch sich vorteilhaft auf die Erweiterung des Gehirns auswirkte. Dazu haben Menschen sich schon sehr früh Werkzeuge geschaffen. Paläontologen haben jedenfalls Steinwerkzeuge: Faustkeile gefunden, die ca. 2,5 Milli onen alt sind. Man hat also davon auszugehen, dass mindestens seit die ser Zeit Werkzeuge hergestellt wurden und in Gebrauch waren. Es ist aber durchaus möglich und auch wahrscheinlich, dass schon deutlich früher Werkzeuge hergestellt und benutzt wurden und somit ein gewis ses Ausmaß an instrumenteller Intelligenz bereits vorhanden war. Bis her fehlen dazu Belege aus früheren Zeiten, die, wenn sie denn noch ge funden werden sollten, nach einer derart langen Zeit ohnehin als reine Glückstreffer einzuschätzen sind. Wahrscheinlich waren auch vor 2,5 Millionen Jahren schon zusätzlich Werkzeuge aus anderen, leichter bearbeitbaren z. B. organischen und deshalb verrottenden Materialien wie Holz, Knochen, Fasern usw. im Werkzeugsortiment, die die Zeiten bis heute nicht überstanden haben. Werkzeuge förderten auch die Überlebenschancen, weil man sich gegen die ungleich stärkeren und schnelleren Raubtiere auch aus der Distanz wehren konnte, mit Lanzen, Stöcken, Schleudern, Wurfgeschoßen. Im Unterschied zu den Menschenaffen verfügten die hominini körperlich über die Fähigkeit, Gegenstände z. B. Speere, Prügel und Steine zu wer fen und zu schleudern. Ein Schlüsselereignis in der Entwicklung des Menschen war die Beherr schung des Feuers. Die umherziehenden Jäger und Sammler waren auf das Feuer durch die Erfahrungen von und mit Wildfeuern aufmerksam geworden und hatten dessen Vorteile für die Jagd, die Erzeugung von Wärme sowie die Zubereitung von Nahrung kennen gelernt. Wildfeu er hatte ja geradezu fertig gegarte Braten produziert. Mit dem Verlust des Fells, d. h. der Behaarung, hat sich anscheinend die neue Jagdme thode entwickelt, Tiere bis zur Erschöpfung zu hetzen. Mit dem Verlust 32 der mensch Im kosmos des lebens des Fells und der parallelen Entwicklung der Schweißdrüsen entwickel te der Mensch ein Temperaturausgleichssystem, das bei intensiver Be wegung den laufenden Jägern eine schnelle Wärmeabfuhr ermöglichte, ihre Körper vor Überhitzung schützte. Mit dieser Ausstattung war der Mensch seinen Beutetieren deutlich überlegen, avancierte zum Dauer läufer und konnte seine weit schneller erschöpften Jagdziele bis zur Er schöpfung hetzen und dann töten. Dennoch hätten sich die homini ni als Einzelgänger nicht gegen die ungleich stärkeren und schnelleren Raubtiere behaupten können. In relativ kleinen egalitären Gruppen, er weiterten Familienverbänden, waren sie in der Lage, durch Sammeln pflanzlicher Nahrung und gemeinschaftliche, kooperative Jagd die er forderlichen Nahrungsmittel zu beschaffen, Schutz für die nachwach senden Kinder zu gewährleisten und gemeinsam den unmittelbaren all täglichen Bedrohungen durch Raubtiere zu trotzen. Egalitär im Sinne der Gleichbehandlung der Mitglieder bei der Verteilung der erbeute ten Nahrungsmittel und anderer lebenswichtigen Ressourcen mussten die Gruppen sein, weil nur mit dieser Solidarität das Überleben aller Mitglieder gesichert werden konnte. Vor einem analogen Problem, al lerdings in überaus umfangreichen Dimensionen, steht die Mensch heit gegenwärtig. Kooperation und Solidarität auf staatlicher und Staa ten übergreifender Ebene wird notwendig sein, um die Probleme von Klimawandel bis Artenschwund zu bewältigen. Ob die Menschheit diese mentale Einsicht und das darauf bezogene, konsequente Verhal ten noch entwickeln kann? Im letzten Kapitel werden wir dieser Frage nachgehen. Für die Entwicklung zu derart ausgeprägt sozialen Lebewesen war nach Wilson der Aufbau von wechselnden Lagerstätten entscheidend, die in der Form von Nestern auch bei den wenigen anderen eusozialen Tierar ten ein wichtiges Entwicklungsstadium darstellten. Lager machten Ar beitsteilung notwendig und führten damit zu Kooperationsformen und sozialer Organisation. „Soziale Intelligenz hatte daher immer eine hohe Priorität. Ein geschärfter Sinn für Empathie kann alles verändern, denn er befähigt dazu zu manipulieren, Kooperation zu erwirken oder auch zu betrügen. Um es so einfach wie möglich zu sagen: Soziale Gewitzt heit lohnt sich. … Die Kohäsion, die sich zwangsläufig aus der Konzen tration von Gruppen an geschützten Orten ergab, war mehr als nur ein Schritt im Labyrinth der Evolution. Sie war, wie ich später ausführen werde, das Ereignis, das die Zielgerade zum modernen homo sapiens 33 von 23 menschenarten überlebt nur eIne: der moderne mensch (homo sapIens) eröffnete“ (Wilson 2014, S.59). Zusammenleben in Gruppen führt nahe zu zwangsläufig zu sozialen Regelungssystemen. Bei solchen Gruppen handelte es sich um erweiterte Familien bzw. Stammesverbände, wie wir sie und Sammlergruppen im Amazonasbecken, auf den Andama nen und auf Borneo u. a. nicht in gleicher aber in vergleichbarer Weise finden; sie weisen quantitativ überschaubare Größen auf, um den Nah rungsbedarf aus dem Lebensumfeld sicherstellen zu können. Zusätzlich haben jedoch weitere Bedrohungen das Überleben der Jä ger und Sammlergruppen erschwert, aber gleichzeitig ihre biologische Anpassung vorangetrieben bzw. erzwungen: Nahrungsmittelknappheit wegen Veränderung der Vegetation als Folge von Klimaänderungen, z. B. Austrocknung in Ostafrika, vorrückende Gletscher in Nordeuro pa und Nordasien. Weitere Bedrohungen waren Fluten, Veränderun gen des Meeresspiegels, aber auch um Nahrungsmittel konkurrierende andere Gruppen. Größere und auch kleinere Vulkanausbrüche haben viele Gruppen ausgelöscht und die Lebensbedingungen für die Überle benden sehr erschwert. Vor ca. 70.000 Jahren hatte der Ausbruch des Vulkans Toba verheerende Folgen für viele Gruppen, teilweise durch Temperaturabsenkungen für mehrere Jahre. Man kann also davon ausgehen, dass sich der moderne Mensch in sei ner Kombination aus genetischer Ausstattung und selbst entwickelter Kultur, insbesondere der kognitiven und sozialen Fähigkeiten eine ge wisse Überlegenheit verschaffte und im Zuge seiner Verbreitung über alle Kontinente erfolgreich gegen die verbliebenen Hominiden – und gegen Raubtiere – durchsetzen und auch den Naturgewalten trotzen konnte. Dennoch: Offen bleibt die Frage, warum der moderne Mensch unter sich stets verändernden Umweltbedingungen neue Kapazitäten entwickeln konnte, andere Menschenarten wie die Denisova Menschen und die Neandertaler aber anscheinend weniger innovativ waren und verschwunden sind. Die Einschätzung der Neandertaler unterliegt seit einigen Jahren einem noch nicht abgeschlossenen Wandel. Zurzeit wer den mehrere Faktoren für ihr Verschwinden als eigene Gruppierung ur sächlich angesehen. Spezielle DNA Analysen zeigen, dass sich Neander taler mit den modernen Menschen vermischten und in unseren Genen einen Anteil von zwei bis sechs Prozent hinterlassen haben. Ihr Ver schwinden scheint noch nicht endgültig geklärt. Vulkanologen führen das Aussterben auf den Ausbruch der phlegräischen Felder nahe Nea 34 der mensch Im kosmos des lebens pel und des Vesuvs vor etwa 37.000 Jahren zurück. Dieser Ausbruch soll nachweislich im größten Teil der Siedlungsbiete der Neandertaler de ren Nahrungsmittelgrundlage zerstört haben. Weitere ergänzende Er klärungen sind zu erwarten. „Angesichts der unbestrittenen Tatsache, dass es mancherorts zu Kreuzungen kam, beschreibt eine Kombinati on von Out of Africa Theorie und multiregionaler Theorie wohl vor erst die komplexe Entwicklung zum modernen Menschen am besten“ (Suddendorf 2014, S. 355). Knochenfunde in Südchina mit einem Alter von um 100.000 Jahren v. h. sowie noch deutlich ältere Werkzeugfun de an unterschiedlichen Örtlichkeiten der arabischen Halbinsel, wo ar chäologische Untersuchungen gerade erst begonnen haben, lassen ver muten, dass dort und andernorts noch einige Überraschungen über die Menschheitsgeschichte zu erwarten sind. 2 2 Der große Durchbruch von homo sapiens: Stichworte Kleine Entwicklungsschritte des Menschen haben in frühen Entwick lungsstadien Jahrmillionen benötigt. So haben sich z. B. die Faustkeile etwa eine Million Jahre lang nicht wesentlich geändert. Aber was sind „kleine Entwicklungsschritte“? Woran sind sie zu messen? Aus der heutigen Perspektive hat sich der Mensch ziemlich lange in egalitären Gruppen von Jägern und Sammlern mit einfachen, aber of fensichtlich ausreichend wirksamen und schließlich auch deutlich ver besserten Werkzeugen und Waffen durchschlagen müssen, um sich dann innerhalb von ca. 60.000 Jahren in immer schnelleren und grö ßeren Sprüngen in die moderne Technologie und Lebensweise zu ka tapultieren. Gemessen an den meist kleinen und langwierigen Verän derungen in der vorausgegangenen Evolutionsgeschichte hat sich also, was die Effekte und schließlich auch die biologischen Anlagen anbe langt, eine sehr schnelle und faszinierende Umwälzung vollzogen. „Das liegt daran, dass das Aufkommen irgendeiner Innovation das Aufkom men bestimmter anderer Innovationen möglich machte, und wenn sie sich als nützlich erwiesen, verbreiteten sie sich daraufhin mit größerer Wahrscheinlichkeit“ (Wilson, 2014, S.116). Zusätzlich hat die Auswan derung aus Afrika die Entwicklung noch einmal deutlich beschleunigt und zwar durch eine Vielzahl von Mutationen, die ihrerseits durch das 35 der grosse durchbruch von homo sapIens: stIchworte rasche Bevölkerungswachstum und die sich verbessernden Umwelt bedingungen angetrieben wurde. Schon damals verfügten die moder nen Menschen bereits im Wesentlichen über die Kapazitäten, die sie dann bei der zwischen 10.000 und 15.000 Jahre vor heute einsetzen den kulturellen Revolution brauchten. Warum schlummerten diese Fä higkeiten so lange? Es ist zumindest eine plausible Hypothese, dass sich die typisch menschlichen Fähigkeiten – ich gehe im Folgenden darauf ein – in einem längeren Prozess zwar schon sehr weit entwickelt hat ten, aber nicht entfalten konnten, weil diese Kräfte durch die dringliche und stetige Nahrungssuche gebunden waren. Man geht zurzeit davon aus, dass die Entwicklung der Landwirtschaft mit Ackerbau und Tier zucht, d. h. die Planbarkeit und Sicherheit ausreichender Nahrungsmit telproduktion die entscheidende Innovation war, die viele Menschen von den Aufgaben der Nahrungsmittelbeschaffung befreite und ihnen Gestaltungsfreiräume für ihre Fähigkeitspotenziale bescherte. Die Wur zeln der Landwirtschaft reichen zwar wesentlich weiter zurück. Aber die systematische und gleichzeitig erfolgreiche Entwicklung der Land wirtschaft vollzog sich ab ca. 10.000 vor heute in mindestens acht Welt regionen sowohl systematisch als auch unabhängig voneinander: zuerst im Zweistromland und in Ägypten, im mittleren Afrika (Sahelzone), an den Flüssen Indus und Ganges, in China, in Nord , Mittel und Südame rika (Wilson 2014, S. 117). Nahezu explosionsartig entwickelten sich in den genannten Weltregio nen auf der Grundlage von Landwirtschaft üppige Kulturen: • Domestizierung von Haustieren und Ackerbau ermöglichen die vorausschauende Planung und Sicherung der Nahrungsmittel. Bei des ermöglicht gleichzeitig, sesshaft zu werden, dauerhafte, schüt zende Siedlungen zu bauen und Werkzeuge für den täglichen Ge brauch auch in größerem Umfang zu entwickeln und vorzuhalten. Eigentumsstrukturen entstehen, die Ungleichheit nimmt zu. • Die Bevölkerung wächst rasch, ebenso die Begehrlichkeit der noch nicht so erfolgreichen angrenzenden Stämme und der Neid unter einander. Räuberische Kriegszüge nehmen zu. • Unterschiedliche Handwerkszweige produzieren Güter, Handel entsteht und in seinem Kontext die Schrift, Ansätze zur Geldwirt schaft, diverse Technologien für Bauten, Herstellung von Schiffen, Vermessung, Metallbearbeitung, Transport (Erfindung des Rades), 36 der mensch Im kosmos des lebens Metalltechnologien, bestimmte Wissenschaftszweige entwickeln sich. • Erstaunlich schnell werden kolossale Bauten erstellt, z. B. die mög licherweise bisher ersten Tempel Göbekli Tepe in Südanatolien um 11.500 v. h., dann deutlich später im Zweistromland, weiter Pyrami den, Tempel und Paläste in Ägypten u. a. und künden von erstaunli chem bautechnischen Wissen, Beherrschung der Steinbearbeitung, später der Metallbearbeitung und kaum glaublicher Transportleis tungen von Schwerstgütern, all dies oft im Kontext der Religion. • Die zivilisatorischen Bauten von Schiffen, Häfen, Straßen, Brücken, Aquädukten, Trink und Abwasserleitungen, Theatern, Sportstätten sowie Bädern in den Städten des römischen Reiches waren tech nologische Glanzleistungen. Ihr hoher Standard konnte nach dem Untergang des weströmischen Reiches auch nicht annähernd auf rechterhalten werden; er verfiel zunächst einmal und wurde – je denfalls in wichtigen Teilbereichen z. B. der Hygiene – erst nach deutlich mehr als einem Jahrtausend in Europa wieder erreicht. • Kurz: Von den modernen Produktionstechniken bis zu den Ein richtungen und Geräten der elektronischen Kommunikation oder gar den komplexen Zerstörungstechnologien haben Menschen vielfältige Techniken entwickelt, die das Leben der Individuen und der Gesellschaften prägen, erleichtern und immer wieder umgestal ten, unter ständigen Veränderungs und Anpassungsdruck setzen und fortlaufend neue technische Artefakte und Chancen schaffen sowie umwälzende soziale Folgewirkungen nach sich ziehen. • In der Weltbevölkerung – mittlerweile über 7 Milliarden Menschen – leben die wirtschaftlichen und oft auch die politischen Eliten als eine kleine Minderheit komfortabel bis luxuriös und zwar in allen Gesellschaften; sie zwingen den großen „Rest“ zur mehr oder weni ger bedingungslosen Unterordnung unter ihre Ziele. Am Kern der Evolutionsmechanismen: Auslese der Stärkeren/Erfolgreichen hat sich im Laufe der Entwicklung also nicht viel geändert. Die enor men technologischen Möglichkeiten haben aber im Rahmen der Konkurrenz sowohl innerhalb als auch zwischen Staaten zu eben so enormen Zerstörungen und Massentötungen geführt. Der zwei te Weltkrieg soll um die 55.000.000 Menschenleben gekostet ha ben, bei der chinesischen Revolution Maos wird von dreißig bis sechzig Millionen Opfern gesprochen und Stalin hat einige Milli onen Landsleute töten lassen. Die Zerstörungen von Städten und 37 dIe kehrseIte des erfolges Infrastruktur haben im zweiten Weltkrieg bisher nicht dagewesene Größenordnungen erreicht. Die Gemetzel und Zerstörungen dau ern an, Lernprozesse aus leidvollen Erfahrungen sind nur verein zelt zu beobachten. • Allerdings haben mit dem Auftreten des Menschen die Steuerungs mechanismen eine wesentliche Erweiterung erfahren. Zu den bio logischen Steuerungsmechanismen kommt in der Form der Kul tur ein soziokultureller dazu, der bei den Überlebenschancen der Menschen beträchtliche Bedeutung durch Begünstigung oder Aus steuerung gewinnt. Ob sich die soziokulturelle Produktion solcher sozialer Steuerungsmechanismen schnell genug entwickeln kann, um die zahlreichen, meistens hausgemachten Bedrohungsszenari en hinreichend zu kontrollieren, erscheint zum gegenwärtigen Zeit punkt fraglich, aber durchaus noch möglich. Für den größten Teil der Weltbevölkerung, nicht nur, aber insbesondere in den Entwick lungsländern gilt nach wie vor die in Psalm 90,10 formulierte Le benserfahrung: „Unser Leben währet siebzig Jahre und wenn’s hoch kommt achtzig Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fähret schnell dahin als flögen wir da von“. 2 3 Die Kehrseite des Erfolges In diesem Abschnitt möchte ich die diesbezüglichen Ausführungen in der Einleitung noch einmal aufnehmen, da der dargestellte Selbstbe dienungsmodus des Menschen viele Jahrtausende trotz einschneiden der Einschränkungen und anderer Folgen das Überleben der Gruppen oft sicherte. Aufgrund des Bevölkerungswachstums, des hohen Res sourcenverbrauchs und der teilweise aufwendigen Lebensführung ins besondere in den reichen Ländern stößt diese Selbstbedienung aus den Ressourcen der Erde an kaum überschreitbare Grenzen. Die vom Men schen selbst verursachten Schädigungen der natürlichen und der selbst erzeugten Umwelt sowie zunehmender Ressourcenverbrauch führen bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt regional unterschiedlich zu im mer mehr Erkrankungen und Todesfällen und werden bei fehlender Umsteuerung unweigerlich in unterschiedliche Formen von Zusam menbrüchen einmünden, die in den Veröffentlichungen für den Club of Rome für wahrscheinlich gehalten werden. Religionen als zukunfts 38 der mensch Im kosmos des lebens orientierte Deutungen menschlichen Lebens und als Wegweisungen konnten diese Formen des fehlgeleiteten Verhaltens augenscheinlich zu keinem Zeitpunkt vermeiden und waren damit – trotz guten Willens – auch überfordert. Die Vorstellung von einem zukunftsorientierten vor sorgenden Umweltverhalten übersteigt die erforderlichen menschli chen Kapazitäten: Zuverlässige Abschätzung der künftigen Entwick lung, Beherrschung des notwendigen Wissens und gesellschaftliche bzw. politische Durchsetzung der für notwendig gehaltenen Maßnah men einschließlich gravierender gesellschaftlicher Veränderungen sind überaus schwer erreichbar. Insbesondere verlässliche Vorhersagen und politische Umsteuerung stoßen auf große Schwierigkeiten. Offensicht lich überfordert die Aufgabe, in der Gegenwart Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und dabei Einschränkungen für das unmittelbare Hier und Jetzt in Kauf zu nehmen zwar nicht einzelne Personen und Gruppen, aber erfahrungsgemäß größere soziale Verbände und Gesell schaften. Aktuelle Einschränkungen zugunsten späteren Wohlergehens scheinen sozial und politisch nur selten durchsetzbar zu sein. Das war über die Jahrtausende so. Sollte es zukünftig anders werden? Demokra tische Systeme mit periodischer Wahl bzw. Abwahl ihrer Repräsentan ten und entsprechend kurzfristiger Handlungsperspektive tun sich da besonders schwer. Um weitreichende Zusammenbrüche zu vermeiden muss sich etwas ändern: Die Möglichkeiten der Zukunftsprognose, der Wissens und Technologiebeschaffung und vor allem der politischen Durchsetzung müssen mit allen verfügbaren Kräften erweitert werden. Ein für meinen Argumentationsgang wesentlicher Sachverhalt unter scheidet die Vergangenheit von der Gegenwart: Wissenschaften sind, anders als die früheren Unheilspropheten, durchaus in der Lage, die Bedrohungen z. B. die Klimaveränderungen mindestens teilweise zu er kennen und den Entscheidungsträgern mögliche Abhilfemaßnahmen vorzuschlagen, und sie tun es auch. Deren Umsetzung braucht starke Politiker, eine starke Zivilgesellschaft und die für die Schöpfung kämp fenden Religionen. Die verbreitete Wachstumsorientierung kommt der Devise nahe: nach uns die Sintflut, die in der Form des steigenden Mee resspiegels im konkreten und übertragenen Sinn durchaus realistisch ist. Die Minderheit der gut organisierten Stärkeren ist meistens in der Lage, der nicht organisierten Mehrheit ihre Vorstellungen aufzuzwingen. Ge lingt es in dieser Konstellation, die in den besonderen Kapazitäten der Menschen liegenden Ressourcen einschließlich der Moral zu mobilisie 39 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen ren, um mit den Potenzialen der Kultur, der Zivilgesellschaft und der Religionen die evolutionär egoistischen Kräfte einzudämmen und zu gunsten des Überlebens zu kanalisieren? 2 4 Die besonderen Qualifikationen des Menschen Welche besonderen Entwicklungen in der Natur des Menschen haben ihn zur Eroberung weiter Teile der Erde, zum dominierenden Lebewe sen heranreifen lassen, ihn an die Spitze der Fresshierarchie befördert? Worin ist der Mensch anderen Lebewesen überlegen, was kann er bes ser? War die Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten nun ein klei ner Schritt der Evolution, nur mit riesigen Folgen, oder war sie auch unter Gesichtspunkten der Evolution ein außerordentlicher Entwick lungssprung? Für einen außerordentlichen Entwicklungssprung spricht nicht nur das ambivalente Ergebnis: die Eroberung der Erde mit der Verdrängung bzw. Ausrottung vieler Tier und Pflanzenarten. Auch die Fähigkeiten des Menschen sind einzigartig im Kosmos des Lebendigen. Die Evolution geht mit den im Menschen bereits vollzogenen Verän derungen neue, bisher nicht beschrittene Wege, indem sie Kultur als selbständigen Steuerungsmechanismus zusätzlich zu Trieben und In stinkten möglich macht. Forschung versucht, diesen Werdegang des Menschen zu rekonstruieren. Worin bestehen die besonderen Qualitä ten des Menschen? 2 4 1 Die ambivalente biologische Ausstattung des Menschen: Die Multi-level-Selektion Die Grundlagen tierischen ebenso wie menschlichen Verhaltens liegen in der Evolution, in den Anlagen, die sich in der Evolution herausgebil det haben. Die Evolution des Menschen ist dabei ein einzigartiger Son derfall. „Die Evolutionsdynamik des Menschen wird sowohl von der individuellen Ebene als auch von der Gruppenselektion angetrieben“ (Wilson 2014, 68 f.). Allgemein geläufig ist mittlerweile das Konzept der individuellen Selektion, der zufolge sich Menschen mit für das Überle ben vorteilhaften Merkmalen im Konkurrenzkampf gegen andere mit weniger vorteilhaften Merkmalen durchsetzen und ihre vorteilhaften Merkmale an ihre Nachkommen weitergeben, während Menschen mit 40 der mensch Im kosmos des lebens weniger vorteilhaften Merkmalen weniger Nachkommen erzeugen und ihre weniger erfolgreiche Merkmalskombination irgendwann schließ lich verschwindet. In diesem Prozess kommt es – zunächst – auf die er folgreiche Durchsetzung des eigenen Genotyps, auf das faktische Dass der erfolgreichen Durchsetzung an, gleichgültig, worauf sie beruht. Cle verness, Betrug, List, Raffinesse, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, soziale Intelligenz und andere Eigenschaften sowie Fähigkeiten können Weg bereiter des Erfolges: der Durchsetzung des eigenen Genotyps sein. „In der Geschichte des Lebens dominierte weitgehend die natürliche Se lektion auf der Ebene des Individuums, die Strategien zur größtmög lichen Steigerung des eigenen reproduktionsfähigen Nachwuchses för derte. Normalerweise formt die Physiologie Verhalten der Organismen so aus, dass sie einem solitären Leben angepasst sind oder allenfalls der Zugehörigkeit zu einer lose organisierten Gruppe. Die Herausbildung der Eusozialität, bei der Organismen sich genau gegenteilig verhalten, war in der Geschichte des Lebens selten, weil die Gruppenselektion eine außerordentliche Macht entwickeln muss, um die individuelle Selekti on zu übertrumpfen“ (Wilson 2014, S. 72). Bei Menschen hat sich die Gruppenselektion dennoch entwickeln kön nen und – vermutlich – auch entwickeln müssen, weil Gruppen oder Stammesverbände im Konkurrenzkampf um Nahrungsmittel, vorteil hafte Lagerplätze und andere Ressourcen, für den Schutz des Nach wuchses und die Abwehr von Raubtieren und feindseligen Artgenos sen weit bessere Überlebenschancen boten als ein solitäres Leben. Die Gruppe war also schon sehr früh Schutz und Entwicklungsraum für ihre Mitglieder. Im Konkurrenzkampf hängt der Erfolg von Gruppen entscheidend von gelingender Kooperation und Solidarität ab. Beide erfordern jedoch, dass die Mitglieder ihre individuellen Interessen zu rückstellen und sich den Zielen und Regeln der eigenen Gruppe unter ordnen: Altruismus, Konformität, Tapferkeit sind hier zentrale Tugen den. Die Geschichte der Menschheit entwickelte sich wegen der besseren Überlebenschancen durch und mit Gruppen. Über sehr lange Zeiträu me, wahrscheinlich mehrere Millionen Jahre waren dies kleine Grup pen in der Form von erweiterten Familien mit egalitärer Struktur, deren Fundierung und Stärke in der wechselseitigen Abhängigkeit bestand. Größere Verbände als Stammesgesellschaften konnten sich erst bilden, 41 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen als sich mit der Erfindung erster Formen der Landwirtschaft die Ernäh rungsgrundlage radikal veränderte und Sesshaftigkeit ermöglichte; sie entwickelten im Gegensatz zu den egalitären Jäger und Sammlergrup pen strikt hierarchische Strukturen, die wesentlich auf Eigentumsun terschieden aufbauten. Schließlich entwickelten sich umfassende hier archische Staatsgebilde mit spezialisierten Verwaltungsstäben. In jeder Entwicklungsphase gab es massive, oft gewaltsame Konflikte – bis in die Gegenwart. Die Vorteile der Zugehörigkeit zu einer Gruppe und der Zurückstellung eigener individueller Interessen überwogen eindeu tig die daraus entstehenden Nachteile, konnten jedoch die individuelle Selektion, die untrennbar mit der Durchsetzung des eigenen Genotyps verbunden ist und der Durchsetzung individueller Interessen beson deren Nachdruck verleiht, nicht ausschalten. Da der Erfolg der Grup pe entscheidend von ihrem Zusammenhalt abhängt, wurde die erfor derliche Solidarität in der Gruppe auch häufig erreicht, blieb aber labil und stets bedroht von auf den eigenen Vorteil bedachten Mitgliedern. In Bezug auf die Wirksamkeit von individueller und Gruppenselektion „gilt in der genetischen Sozialevolution eine eiserne Regel. Danach sind egoistische Individuen altruistischen Individuen überlegen, während Gruppen von Altruisten Gruppen von egoistischen Individuen überle gen sind … Jedes Mitglied einer Gesellschaft verfügt sowohl über Gene, an deren Produktion die Individualselektion, als auch Gene, an denen die Gruppenselektion angreift“ (Wilson 2014, S. 291). Es besteht also unvermeidlich ein Neben , In und Gegeneinander von egoistischen und altruistischen Strebungen und zwar sowohl in den einzelnen Individuen als auch in den sozialen Verknüpfungen. Daraus ergeben sich • intensive, teils auch gewaltsame Konflikte zwischen Gruppen, • instabile, weil durch individuelle Vorteilsnahme bedrohte Grup penzusammensetzungen, • ständige Auseinandersetzungen zwischen egoistischen und grup penbezogenen Verhaltensmustern, • hoher Stellenwert sozialer Intelligenz, • kreative und produktive Kräfte in Kultur und Kunst. „In unserer Natur existiert das Schlimmste neben dem Besten, und das wird immer so bleiben. Wollten wir es entwirren (wenn das überhaupt 42 der mensch Im kosmos des lebens möglich wäre), so wären wir keine Menschen mehr“ (Wilson 2014, S. 74). Aus der Multi level Selektion erwachsen gegenläufige Effekte, die im Sinne der sozialen Ordnung oder auch aus dem Deutungskontext von Religionen als „böse“ oder „gut“ bewertet und sanktioniert werden. Da bei sind die bösen bzw. sündhaften, weil egoistischen Verhaltensweisen großenteils der individuellen Selektion, die konformen bzw. ehrenwer ten weitgehend der Gruppenselektion zuzurechnen. Wilson, Suddendorf und andere Forscher weisen dem Evolutionspro dukt Kultur einen hohen Stellenwert zu, weil es als soziale Vererbung ei nen neuen, zusätzlichen reaktionsschnellen und variationsreichen Steu erungsmechanismus individuellen und sozialen Lebens darstellt. Es erwächst immer wieder neu aus den Leistungspotenzialen des mensch lichen Gehirns in der Auseinandersetzung mit der natürlichen und so zialen Umwelt und kann weitgehend als Produkt der Gruppenselektion gelten, die „ganz klar der Prozess ist, der für das fortgeschrittene Sozial verhalten verantwortlich ist“ (Wilson 2014, S. 346). Um es noch einmal hervorzuheben: Im Verlauf der menschlichen Evolution haben sich die Gruppe als Form des Zusammenlebens und mit ihr die Kultur als Steuerungselement und als Inbegriff menschlicher Kreativität und Produktivität der Gruppe entwickelt. Die Gruppe ist also als Wiege, als Produzent der Kultur zu betrachten ebenso wie die Kultur mit ihren Regelungssystemen das Bestehen der Gruppe sichert. Gruppe und Kultur sind also untrennbar auf einander bezogen, interdependent. In den sozialen Prozessen der Gruppe bzw. der Gruppen realisieren sich also die kreativen Potenziale zu den vielfältigen Erzeugnissen, die wir Kultur nennen, und der weiteren menschlichen Entwicklung. Man kann mit Wilson davon ausgehen, dass die Gruppenselektion im Laufe der Evolution des Menschen gegenüber der individuellen Selek tion, die ursprünglich im Vordergrund stand, deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Es erscheint deshalb nicht abwegig, mit einer gezielten Stärkung der Gruppenselektion, möglicherweise sogar auf internatio naler Ebene, die eusozialen, für das Überleben förderlichen Verhaltens elemente zu stärken, um den aktuellen Bedrohungsszenarien, die we sentlich aus individueller Selektion erwachsen, wirksam zu begegnen. 43 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen Zur Klärung dieser Frage gehe ich zunächst auf wichtige Gemeinsam keiten und Unterschiede bei Menschen und Säugetieren, und danach auf die besonderen Qualitäten des Menschen ein. 2 4 2 Gemeinsamkeiten im Steuerungssystem von Säugetieren und Menschen Bei Säugetieren ebenso wie bei Menschen erfolgt die Sicherung des Überlebens durch zwei jeweils unterschiedlich gewichtete, sich ergän zende Steuerungsmechanismen. Einerseits lassen sich beide in ihrem Verhalten von biologisch angelegten Leitstellen, nämlich Trieben und angeborenem Verhalten lenken. Unter angeborenem Verhalten wird ein „hierarchisch organisierter Mechanismus im Nervensystem verstanden, der auf bestimmte innere und äußere, vorwarnende, auslösende und richtende Impulse anspricht und sie mit lebens und arterhaltenden Be wegungen beantwortet: also ein komplexes System aus Schlüsselreizen, hierdurch verursachten inneren Zustandsänderungen und nachfolgen den Aktivitäten“ (Tinbergen 1956, http://de.wikipedia.org/wiki/Instinkt S.3). Soweit Verhalten durch Triebe und angeborenes Verhalten gesteu ert wird, folgt es einem biologisch angelegten Automatismus, der we nige Verhaltensspielräume lässt. Für die Säugetiere – und auch für Vö gel – ist es kennzeichnend, dass Instinkte und Triebe eben gerade nicht ihr gesamtes Verhaltensrepertoire bestimmen und abdecken. Vielmehr werden diese biologisch angelegten Steuerungsmechanismen des Ver haltens andererseits ergänzt durch genetisch angelegte Dispositions spielräume, die im Prozess des Heranwachsens Lernprozesse von der Mutter bzw. den Eltern und gegebenenfalls anderen Artgenossen er möglichen, also wesentlich sozial vermittelt werden. Dieselben Dispo sitionen lassen auch Lernen aus eigener Erfahrung zu. Damit verliert die Verhaltenssteuerung ihre Starrheit und ihre mechanistische Eigen art. Verhalten wird teilweise flexibel, gestaltbar, wandelbar und kann sich relativ kurzfristig an sich ändernde äußere Bedingungen anpassen. Insgesamt scheint bei Säugetieren dieses kombinierte Steuerungssys tem erfolgreich zu funktionieren und grundsätzlich das Überleben der meisten Arten zu ermöglichen – wenn Eingriffe des Menschen und gra vierende Veränderungen der Umwelt unterbleiben. Dennoch bleibt an zumerken, dass auch ältere Steuerungssysteme nach wie vor Überleben sichern. So überleben viele Tierarten, die fast ausschließlich durch an 44 der mensch Im kosmos des lebens geborenes Verhalten geprägt sind, z. B. viele Amphibien, fast alle Fische. Ebenso können sich andere Arten z. B. die Vögel als Nachkommen der Dinosaurier behaupten. Das Überlebensmodell der Säugetiere: Biologi sche Ausstattung und soziales Lernen ist eines neben anderen. Ferner ist die Lernfähigkeit kein Garant dafür, in welchem Maße überlebensrelevante Verhaltensweisen tatsächlich gelernt werden. Lernfähigkeit ist grundsätzlich im Rahmen der Disposition offen. Über diese Steuerungsmechanismen hinaus hat die Evolution hinaus nur beim Menschen einen grundsätzlich neuen Steuerungsmechanis mus angebahnt und eingeleitet: die Gruppe als Lebensort und Produ zent der Kultur sowie ihre kognitiven und soziale Voraussetzungen. 2 4 3 Elterliche Sorge und Zusammenleben in Lagern als Keimzellen der sozialen Natur des Menschen Evolutionsbiologen und Sozialwissenschaftler setzen bei der Beantwor tung der Frage, wie es bei Menschen zur Entwicklung der sozialen Na tur kommt, typisch fachspezifische Schwerpunkte. Wie die weiteren Ausführungen zeigen werden, ergänzen sich beide Erklärungsansätze zu einem stimmigen Gesamtbild und lösen zusammen die fachspezifi schen Engführungen und Verkürzungen auf. Wilson (2014) bezieht sich auf die insgesamt sehr wenigen Tierarten, die ausgeprägt soziales, d. h. altruistisches, kooperatives Verhalten – Wil son spricht von eusozialem Verhalten – entwickelt haben, und stellt fest, dass bei allen durchgängig der Bau eines Nestes eine grundlegende Ent wicklungsphase gewesen ist. Wilson ordnet also menschliches Verhal ten in die allgemeine Evolutionssystematik ein und zieht entsprechende Vergleiche zu eusozialen Tierarten, vor allem Insekten. Die periodische Errichtung von festen Lagern während der Wanderung zwecks Nah rungssuche sieht er im Kontext der Evolutionssystematik deshalb als passende Analogie zum Nestbau. In Lagern, die sich über eine Milli on Jahre zurück nachweisen lassen, funktioniere das Zusammenleben durch Arbeitsteilung: Die Mitglieder der Gruppe übernähmen ein zeln und zu mehreren zusammen unterschiedliche Aufgaben, die zum Überleben der ganzen Gruppe notwendig sind: Sammeln von pflanz licher Nahrung wie Früchten, Samen, Wurzeln, Blätter u. a., gemein 45 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen schaftliche Jagd auf Tiere, Schutz des Lagers und der nachwachsenden Kinder usw. Die Kooperation mit verteilten Aufgaben sichert bei euso zialen Tieren ebenso wie bei Menschen das Überleben und macht ange sichts des lange gebräuchlichen Lagerbaus deutlich, dass die ausgeprägt soziale Eigenart der Menschen weit in die Vorgeschichte zurückreicht. Bellah (2011) und andere Sozialwissenschaftler konzentrieren sich da gegen fachspezifisch auf den Sozialisationsprozess und dabei auf die schrittweise Entwicklung sozialer und anderer menschlicher Fähigkei ten in frühen Entwicklungsstadien der Menschen. Dabei steht bei der Aufzucht des menschlichen Nachwuchses die Empathie der elterlichen Sorge im Mittelpunkt, weil sich an ihr besser als auf andere Weise ver deutlichen lässt, wie soziale Beziehungsfähigkeit entsteht und welche anderen z. B. kognitiven und emotionalen Fähigkeiten dabei eine un entbehrliche Rolle spielen. Aus dieser besonderen Eigenart der elter lichen Sorge erwachse letztendlich die soziale Prägung des Menschen, die über die von Tieren weit hinausgehe und deshalb eine ansonsten in der Evolution auch nicht annähernd beobachtbare Qualität und Kapazität darstelle. Die Ausstattung des Menschen mit Instinkten und Trieben, ist, vergli chen mit anderen Säugetierarten, weniger stark ausgeprägt. Man spricht von Instinktarmut (Gehlen 1940) und meint damit zweierlei: die relativ geringe Ausstattung mit angeborenen Verhaltensweisen einerseits und die Chance umfassender Entwicklung aufgrund ausgeprägter Weltof fenheit und Formbarkeit andererseits. Zum Zeitpunkt der Geburt wei sen Menschen im Vergleich zu Säugetieren einen biologischen Aus stattungs bzw. Reifungsrückstand von ca. einem Jahr auf und sind umfassend hilflos: Sie benötigen deshalb sehr intensive und – vergli chen mit den Schimpansen, unseren nächsten Verwandten – lange an dauernde elterliche Sorge. Obwohl auch unter den Säugetieren beacht liche Unterschiede in der Intensität und Dauer der elterlichen Sorge bestehen, so handelt es sich beim Menschen nicht nur um einen gradu ellen Unterschied zur elterlichen Sorge der Säugetiere, sondern um eine andere qualitative Prägung der elterlichen Sorge, die zusätzlich zu Er nährung und Schutz auch die Förderung des Bewegungsapparates, die Entwicklung des Fühlens, der sozialen Beziehungsfähigkeit, der Spra che, der sozialen Regeln und des Denkens beinhaltet. Es handelt sich also bei der elterlichen Sorge um die Vermittlung eines breiten, ein 46 der mensch Im kosmos des lebens zigartigen Spektrums von teilweise hochkomplexen Fähigkeiten, ei nes Spektrums, das in vergleichbarer Weise weder bei unseren nächs ten Verwandten, den Schimpansen, und erst recht nicht bei anderen Lebewesen zu beobachten ist. Neu geborene Kälber, Fohlen, Lämmer usw. stehen kurz nach der Geburt schon – vielleicht noch etwas wack lig – auf den eigenen Beinen und folgen ihren Müttern – selbständig. Sie können auch wie in zahlreichen Zuchtbetrieben üblich, von ihren Müttern und anderen erwachsenen Artgenossen getrennt aufgezogen werden, weil sie ihr biologisches Entwicklungsprogramm so durchlau fen können. Beides ist undenkbar bei Menschen. Mit dieser totalen Ab hängigkeit der neu geborenen Menschlein erhalten zunächst die unmit telbaren Überlebenshilfen der Mutter zentrale, d. h. lebensnotwendige Bedeutung. Bald folgt die schrittweise Einübung in die gerade genann ten Fähigkeiten sowie den sozialen Kontext der Kultur, der zusätzlich zu den biologischen Vorgaben das Leben der nachwachsenden Kin der nachhaltig prägt. Bei Tieren undenkbar. Die elterliche Sorge hat bei Menschen als Keimzelle des sozialen Lebens eine Schlüsselfunktion. Beides, die relative Instinktreduktion des Menschen einerseits und die umfassende Hilflosigkeit des Menschen bei der Geburt andererseits markieren Leben bedrohende Mangelsituationen, die eines Ausgleichs, einer Kompensation bedürfen, wenn Menschen weiter überlebensfähig bleiben sollen. Die Natur des Menschen reagiert auf diese Erfahrung von Mangel und Unsicherheit mit der Entwicklung neuer Kapazitäten (Bellah): Soziale Kapazitäten kompensieren die genannten biologischen Schwachstellen, überbrücken die Steuerungslücke und zwar durch die lange andauernde und intensive Betreuung in der elterlichen Sorge. Un ter Gesichtspunkten der Evolution können Weltoffenheit und weitge hende Formbarkeit als enorme Vorteile gesehen werden, weil sie im Kontext mehrerer Genrationen eine schnellere Anpassung an geänder te Umweltbedingungen erlaubt als dies durch die eher langwierige Ver änderung der Gene möglich wäre. Die weitere Existenz der Art Mensch ist an die Bedingung geknüpft, Empathie für den Nachwuchs bereit zu stellen, seine Bedürfnisse zu er fassen und zu befriedigen. In der Zuwendung zu den Säuglingen kommt es darauf an, ihre äußeren Verhaltensimpulse in der Form von Bewe gung, Schreien, Mimik und Gestik richtig zu erfühlen, entschlüsseln zu lernen und angemessen auf die verstandenen Bedürfnisse zu reagieren. 47 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen Aus Verständnis wird Verständigung und symbolische Kommunikation, und schließlich entsteht im Verbund mit der physiologischen Entwick lung der Stimmbänder Sprache. Angesichts der umfassenden Hilflosig keit des Menschen Nachwuchses nach der Geburt dauert die Phase, die Bedürfnisse des Neugeborenen zu verstehen und reagierend zu befrie digen ziemlich lange, bevor sprachliche Formen der Kommunikation einsetzen können und dann später lebenserhaltende Verhaltensweisen im weiteren Sinne – also über Essen, Trinken und Schlafen hinaus – vermittelt werden können. Empathie ist eine fundamentale Ressour ce von Lebewesen, sie ermöglicht einen direkten Zugang zum fremden Anderen, sie ist die Basis aller sozialen Bindung und anderer Schlüssel kapazitäten. Die Entfaltung von Empathie ist ohne die gleichzeitige Ausprägung an derer, mehr oder weniger bewusst steuerbarer Fähigkeiten nicht mög lich: Gleichzeitig muss ein Vermögen entstehen, Lebewesen und Um welt sowie beider Eigenschaften zu erkennen, zu unterscheiden und einzuschätzen, Situationen zu verstehen und daraus für das Überleben wichtige Konsequenzen für das Verhalten zu ziehen, Wirkungen unter Bezug auf Ursachen mindestens ansatzweise zu beurteilen. Empathie ist dementsprechend stets von differenzierenden Prozessen des Erkennens, Einordnens und Folgerns, d. h. von kognitiven Fähigkeiten durchzogen. Solche Fähigkeiten, die wir mit den Begriffen Intelligenz, Kommunika tion und Soziabilität bezeichnen, haben sich offensichtlich zusammen mit Empathie in der Ausbildung der elterlichen Sorge entwickelt, beim Menschen aufgrund der totalen Hilfsbedürftigkeit des Nachwuchses in einer einzigartigen, ansonsten nirgends feststellbaren Weise. Die be schriebenen Kapazitäten sind als Grundlagen sozialen Verhaltens und des Lebens in Gruppen anzusehen. Die elterliche Sorge bietet darüber hinaus einen geschützten Freiraum, der frei ist von den auf Selbsterhaltung ausgerichteten Zielsetzungen und Tätigkeiten des alltäglichen Lebens und Möglichkeiten bereitstellt, etwas um seiner selbst willen zu tun: Spiel, insbesondere das soziale Spiel. Es findet außerhalb des alltäglichen Lebens in einem entspannten Rahmen statt, erfolgt nach Regeln mit geteilten Absichten, hat keine ei genen Ziele, trägt seinen Sinn in sich selbst; in ihm werden alltägliche Verhaltensweisen angewandt, aber ohne deren Ziele. Spiel impliziert Wiederholung, Wiederholung festigt Gelerntes und Geübtes. Im Spiel 48 der mensch Im kosmos des lebens sind die Beziehungen egalitär, und zwar auch in sonst hierarchischen Strukturen. Spiel ist eine neue Kapazität mit dem Potenzial, weitere Ka pazitäten zu entwickeln. Spiel ist ein Ausdruck für die Offenheit und Formbarkeit des Lernens, ein Platz für Experimente und Innovation jenseits alltäglicher Existenzsicherungsaufgaben. Menschsein ist also eingebettet in eine tiefe biologische Geschichte (Bellah 2011). 2 4 4 Was macht den Menschen zum Menschen? Was macht den Menschen im Unterschied zum Affen aus? Biologisch genetisch sind wir andere Affen mit kleinen körperlichen Unterschie den (Verlust des Fells, Fähigkeit unterschiedliche Haltungen einzu nehmen und schnell zu wechseln, körperliche Voraussetzungen zum Werfen und Schleudern), mental eine völlig andere Art. Wilson hat te die einzigartigen Merkmale menschlichen Seins aus der Evolution abgeleitet. Suddendorf ist den hervorstechenden Fähigkeiten des Men schen in einem empirischen Vergleich von Menschen und Schimpan sen, den nächsten Verwandten des Menschen nachgegangen. Folgt man den von Thomas Suddendorf (Suddendorf 2014) dargestellten Ergeb nissen, so zeichnen sich weitreichende Unterschiede ab. Ich fasse seine Darstellung in einer tabellarischen Gegenüberstellung zusammen: 49 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen Menschenaffen ç Qualifikationen è Menschen Über ein sehr begrenztes Verständnis grundlegender mentaler Vorgänge kommen die Menschenaffen nicht hinaus: die grundlegendsten menschlichen, sozio-kognitiven Fähigkeiten des Menschen fehlen ihnen. ç Empathie è ç Gedankenlesen è Das Bedürfnis, sich mit anderen mental zu verbinden, andere zu verstehen und mit ihnen in einen Austausch einzutreten, durchdringt einen Großteil menschlicher Handlungen. Über akustische, haptische und visuelle Signale im Kontext von Nahrung und Warnrufen hinaus finden sich keine Hinweise auf eine ausgebildete Sprache. ç Sprache è Menschen haben ein differenziertes, offenes System von Begriffen mit Syntaxregeln entwickelt, das sich auf die Lebensprozesse bezieht, aber Abstraktion durch Andocken an Alltagssituationen und Generalisierung zulässt. Tiere verfügen nur über ein begrenztes Zeitempfinden, erinnern sich in engem Rahmen an Vorgehensweisen und Fakten. Ihr Erleben ist gegenwartsbezogen, weder auf die Vergangenheit noch auf die Zukunft gerichtet. ç Gedächtnis è Menschen verfügen über ein Zeitempfinden, das ihnen ermöglicht, sich an Fähigkeiten, Fakten und Ereignisse zu erinnern und diese Fähigkeiten für die Bewältigung der Zukunft einzusetzen; sie können sich in vergangene und künftige Zeiten hineindenken, „Szenarien“ entwickeln. In einfachen Formen ist Denkfähigkeit bei Tieren nachweisbar, aber durch die eingeschränkte, aber ausschlaggebende Kapazität des Arbeitsgedächtnisses sehr begrenzt. ç Denken è Menschen sind fähig, sich Ziele zu setzen und diese mit rationalen Überlegungen, z. B. durch Vergleich verschiedener Szenarien, zu erreichen. Dafür ist die beachtliche Kapazität des Arbeitsgedächtnisses die Grundlage. 50 der mensch Im kosmos des lebens Menschenaffen ç Qualifikationen è Menschen Die Grundlagen von Kulturentwicklung: Austausch und Kooperation sind bei Tieren nur rudimentär vorhanden, dementsprechend ebenso Verhaltenstraditionen. ç Traditionen/Kultur è Menschen schaffen Kultur, indem sie Erfahrungen, Wissen, Innovationen – Produkte von Austausch und Kooperation auf der Grundlage von Gegenseitigkeit – an nachwachsende Generationen weitergeben und sich selbst und ihre Nachkommen damit in eine kulturelle Matrix einordnen. Mit der Kultur entsteht zusätzlich zum genetischen Erbe ein zweites Vererbungssystem, das als flexibel gestaltbares System Überlebensvorteile beinhaltet. Tiere, insbesondere die großen Menschenaffen verfügen zwar über Vorformen sozialer Normen, es gibt aber keine Grundlage für selbstreflexive moralische Erwägungen und die Annahme eines Moralkodexes bei Tieren, da die nötigen Voraussetzungen nur rudimentär entwickelt sind. ç Moral è Zwecks Zusammenleben und Überleben haben Menschen für ihre Gruppen und Gesellschaften Systeme von Regeln = Moral entwickelt, die auf den drei bereits genannten menschlichen Qualifikationen Empathie, Gegenseitigkeit und Selbstreflexion aufbauen. Es zeigt sich, dass die Tiere und hier besonders die Großen Menschen affen als unsere nächsten Verwandten bei den verglichenen Qualifi kationen nur rudimentäre Leistungen erbringen und über das Niveau von zweijährigen Kindern üblicherweise nicht hinauskommen. Sud dendorfs Buch beinhaltet eine ebenso eindrucksvolle wie empirisch be gründete Profilierung und Heraushebung der besonderen Qualifikatio nen des Menschen. „In allen sechs Bereichen finden wir immer wieder zwei wichtige Merkmale, die den Unterschied zwischen uns und den Menschenaffen ausmachen: unsere unbegrenzte Fähigkeit zur Vorstel 51 dIe besonderen QualIfIkatIonen des menschen lung und Reflexion über verschiedene Situationen sowie unser tiefes Bedürfnis, uns über die von unserem Geist geschaffenen Szenarien mit anderen auszutauschen. Offenbar waren es vorwiegend diese beiden At tribute, die unseren Vorfahren den Schritt über die Kluft ermöglich ten und die unter Tieren übliche Kommunikation in ein System offe ner Sprache verwandelten, das Gedächtnis in die Fähigkeit zu mentalen Zeitreisen, soziale Wahrnehmung in Theory of Mind, Problemlösungs verhalten in abstraktes Denken, soziale Tradition in eine kumulative Kultur und Empathie in Moral.“ (Suddendorf 2014, S. 290 f.) Der Kultur weist Suddendorf im Überlebensprozess eine herausgeho bene Rolle zu: „Das wichtigste Kriterium der menschlichen Kultur ist also, dass sie zusätzlich zum genetischen Erbe als zweites Vererbungs system fungiert. Wie Gene, die selektiert wurden, weil sie Individuen ei nen Anpassungsvorteil verschafften, kann auch die kulturelle Informa tion deutlich sichtbare Überlebens und Reproduktionsvorteile bringen. Ein offensichtlicher Vorteil der kulturellen Evolution ist der, dass sie uns befähigt, uns viel schneller anzupassen, als uns das auf biologischer Ebene möglich wäre. Genau das mag uns einen weiteren Vorsprung vor anderen Lebewesen verschafft haben“ (Suddendorf 2014, S. 227). Bei Tieren hat Suddendorf auf der Grundlage seiner empirischer Unter suchungen und Vergleiche keine Anhaltspunkte für reflexives Denken gefunden. Die vorgelegten Ergebnisse, auch zur Frage der Selbsterken nung der Menschenaffen, zeigen mit an Sicherheit grenzender Wahr scheinlichkeit, dass es etwas dem Selbstverständnis des Menschen Ähn liches bzw. Vergleichbares bei Tieren nicht gibt, dass diese die Frage nach dem Sinn ihres Lebens nicht stellen und nicht beantworten kön nen. Ihr Leben trägt seinen Sinn in sich selbst, ist Selbstzweck. Wilson erkennt in der rasanten Entwicklung des Menschen aber auch erhebliche Probleme für den Menschen selbst und die Biosphäre ins gesamt. „In der gesamten prähistorischen Zeit … war das Netzwerk je des Einzelnen im Grunde identisch mit der Gruppe, der er angehörte … In den modernen Industrieländern sind die Netzwerke mittlerweile so komplex, dass unser ererbter steinzeitlicher Geist davon völlig überfor dert wird. Unsere Instinkte wünschen sich noch heute die überschauba ren, geeinten Banden Netzwerke … Auf die Zivilisation sind unsere In stinkte weiterhin nicht vorbereitet“ (Wilson 2014, S. 292). Gemessen am 52 der mensch Im kosmos des lebens Evolutionstempo anderer Lebewesen entwickelte sich homo sapiens un gemein schnell und verbreitete sich in ca. 60.000 Jahren über den Erd ball. „Die Zeit war zu knapp, als dass unsere Evolution koordiniert mit dem Rest der Biosphäre hätte ablaufen können. Andere Arten waren auf den Ansturm nicht vorbereitet. Dieses Manko hatte schon bald schlim me Auswirkungen auf das restliche Leben“ (Wilson 2014, S. 25). 2 5 Zusammenfassung Die frühe Stammesgeschichte des Menschen zeigt ein Kommen und Gehen der Menschenartigen, den episodenhaften Charakter ihres Auf tretens. Die Unwägbarkeiten der Evolution und der natürlichen Um welt sowie vermutlich die Menschenartigen selbst haben 22 von 23 Men schenarten wieder aussterben lassen. Auch der moderne Mensch war schon, wie berichtet wird, mehrfach vom Aussterben bedroht, auf klei ne Populationen (angeblich um 600 Menschen) geschrumpft, die sich jedoch wieder erholten. Schließlich breitete sich homo sapiens fast über die ganze Erde aus. Wann und wie dies geschah, auf diese Fragen verän dern sich die Antworten wegen neuer Fossilienfunde z. B. in China und Australien, aber auch in anderen Regionen, ständig. Eine abschließende Klärung ist kaum zu erwarten. Mit der Entwicklung des Menschen geht die Evolution zweifach neue Wege und zwar mit der multi level Selektion und der Schaffung der biologischen Grundlagen für Kulturentwicklung. Erstens zur multi level Selektion: Bei Menschen hat sich die Gruppenselektion zusätz lich zur individuellen Selektion entwickeln können und – vermutlich – auch entwickeln müssen, weil Gruppen oder Stammesverbände im Konkurrenzkampf um Nahrungsmittel, vorteilhafte Lagerplätze und andere Ressourcen, für den Schutz des Nachwuchses und die Abwehr von Raubtieren und feindseligen Artgenossen weit bessere Überlebens chancen boten als ein solitäres Leben. Im Konkurrenzkampf hängt der Erfolg von Gruppen entscheidend von gelingender Kooperation ab. Ko operation erfordert jedoch, dass die Mitglieder ihre individuellen Inter essen zurückstellen und sich den Zielen und Regeln der eigenen Grup pe unterordnen: Altruismus, Konformität, Tapferkeit sind hier zentrale Tugenden. Hinsichtlich der Wirksamkeit ist davon auszugehen, dass egoistische Individuen altruistischen, Gruppen von Altruisten jedoch 53 zusammenfassung Gruppen von Egoisten überlegen sind. Die Geschichte der Menschheit entwickelte sich wegen der besseren Überlebenschancen durch und mit Gruppen, so dass die Gruppenselektion im Verlauf der menschlichen Entwicklung fortschreitend an Bedeutung gewann. Dennoch: Es be steht unvermeidlich ein Neben , In und Gegeneinander von egoisti schen und altruistischen Strebungen und zwar sowohl in den einzelnen Individuen als auch in den sozialen Verknüpfungen. Zweitens zu den biologischen Grundlagen der Kulturentwicklung. Das Leben der Menschen in Gruppen hat sich offensichtlich durchgesetzt, weil sie dem Menschen bessere Überlebenschancen bieten als das Leben als einzelner. Die Gruppe hat sich dann von einer Überlebensgemein schaft zu einem sozialen Lebensraum entwickelt, in dem Menschen all mählich die sie vor anderen Lebewesen auszeichnenden Merkmale und Fähigkeiten: Empathie und Gedankenlesen, Sprache, Gedächtnis, Den ken und moralisches Verhalten erwarben und durch den Einsatz dieser Fähigkeiten das entwickelten, das wir Kultur nennen. Kultur wird als Insgesamt aller von einer Gruppe oder einem größeren Sozialverband z. B. einer Gesellschaft und ihren Mitgliedern gestalteten typischen ma teriellen, sozialen, geistigen, künstlerischen und technischen Erfindun gen und Produkte verstanden. Da die Herstellung von Werkzeugen ebenso wie die soziale Gestaltung des Lebens mehr als eine Million Jah re in die Menschheitsgeschichte zurückverfolgt werden können, ist Kul tur in ihren einfachen Anfangsformen als der Anfang des Menschseins aufzufassen. Gruppe und Kultur sind eng aufeinander bezogen, interde pendent, gewissermaßen Bezeichnungen für zwei Perspektiven auf ei nen Gesamtzusammenhang. Suddendorf und Wilson sprechen von der Kultur als dem zweitem, dem sozialen Vererbungssystem, dem sie Vorteile in der weiteren Evolution des Menschen zuschreiben: Die Kultur als soziales Vererbungssystem er laubt einerseits eine sehr viel schnellere Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen als dies auf rein biologischem Wege möglich wäre. Andererseits beinhaltet die selbst produzierte Kultur auch ein gewisses Maß an selbständiger Steuerung der eigenen Entwicklung. Während Tierarten einschließlich der Menschenaffen ihre jeweilige Überlebensfähigkeit aus spezifischen, oft hochspezialisierten Fähigkei ten, z. B. Schnelligkeit, Stärke, Giften, Kälteresistenz von Fell und Haut, 54 der mensch Im kosmos des lebens besonderer Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane usw. gewinnen, entwickelt der Mensch seine Stärken als Generalist, d. h. durch Fähigkeiten und Qualifikationen, die universell einsetzbar sind: Sprache, Gedächtnis, Empathie, Denken, Teilhabe an der Kultur, Moral und – als koordinie rendes und strukturierendes Element das kollektive Selbstverständnis, auch Religion genannt. Die dargestellte Sonderstellung des Menschen ist ambivalent und schlägt sich auch in der Entwicklung seines Selbstverständnisses nie der, das vielerorts in einen Dominanzanspruch mit beliebiger Gestal tungsfreiheit einmündet, nicht ohne verheerende Folgeschäden und neuerdings hausgemachte Bedrohungsszenarien für sein eigenes Über leben zu produzieren. Die durch seine Fähigkeiten begründete Sonder stellung ändert – wie oben bereits dargestellt – nichts an seiner Einge bundenheit in die und seine Abhängigkeit von der Welt des Lebens; sie bietet ihm aber in seiner biologischen Ausstattung eigenständige Ge staltungspotenziale, um durch eigenes Handeln steuernd auf die Bio sphäre, die seine Lebensbedingung ist, einzuwirken. Chancen zu einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Gestaltung der Erde liegen in der Kombination aus zunehmender Bedeutung der Gruppenselektion, ihren altruistischen Effekten für die Kultur sowie der biologisch ange legten Formbarkeit des Menschen. Hat die Gruppenselektion auch ge sellschaftsübergreifend eine Chance? Eine Wende im Strudel der Be drohungsszenarien ist noch möglich, noch nicht ausgeschlossen. Aber die noch nutzbare Zeit wird, wie die Untersuchungen zur Nachhaltig keit zeigen, immer knapper. Welche Rolle werden Religionen in den Zu kunftsszenarien spielen?

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Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.