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1 Zur Entwicklung des Lebensauf der Erde in:

Hans Dietrich Engelhardt

Was wird aus unserer Umwelt?, page 29 - 38

Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3965-6, ISBN online: 978-3-8288-6838-0, https://doi.org/10.5771/9783828868380-29

Tectum, Baden-Baden
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19 1 Zur Entwicklung des Lebens auf der Erde 1 1 Eckpunkte Der Mensch tritt – gemessen am Bestehen der Erde – erst sehr spät nach sehr, sehr langer Entwicklung als Lebewesen in der Biosphäre in Er scheinung. Kann man das, was vor dem Menschen war, immerhin alle mal 3,5 Milliarden Jahre Leben, einfach übergehen, wenn man mensch liches Sein in seinen Bedingungen, Möglichkeiten und in seinem Sinn verstehen will? Es wäre naiv, angesichts des mittlerweile verfügbaren Wissens über die Geschichte der Erde und des Lebens so zu verfahren. Wie haben wir Menschen uns entwickelt? Wovon leben wir Menschen? An welche Bedingungen ist menschliches Leben geknüpft? In welchem Verhältnis stehen Menschen zu anderen Lebewesen? Worin besteht also der Rahmen unseres Lebens, ohne den unser Leben nicht möglich ist? Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? Ein Zeitraffer Rückblick auf die Evolution und darin die Entwicklung des Menschen ist dazu bestimmt, einige grundlegende Leitlinien vorzustellen. Bis zum Beginn der Neuzeit schienen diese Fragen beantwortet und zwar von den zahlreichen Schöpfungsberichten der Jäger und Samm ler Gruppen, der Ethnien und den heiligen Überlieferungen der später dominierenden Weltreligionen. Die Unterschiede in den Schöpfungsge schichten störten kaum. Jede Gruppe glaubte wie selbstverständlich an die eigene Version. Dies hat sich geändert, als die Menschen sich deut lich vermehrten und ihre Gruppen/Ethnien immer häufiger mehr oder weniger freundliche oder auch konflikthafte bis kriegerische Kontak te miteinander hatten. Dies ist in erheblichem Maß auch in der Gegen wart noch so, allerdings teilweise garniert von heftigen Attacken gegen Andersgläubige. Dennoch wird diese Selbstgenügsamkeit der Religions gemeinschaften immer mehr durch die modernen Naturwissenschaften 20 zur entwIcklung des lebens auf der erde und ihre Untersuchungsergebnisse gestört und herausgefordert. Es be gann mit der kopernikanischen Wende vom geo zum heliozentrischen Weltbild, eine Wende, die zunächst keine hervorstechenden Wirkungen nach sich zog. Weitere Erkenntnisse der Astronomie und der späteren Astrophysik folgten, und mittlerweile haben die Naturwissenschaften die Erklärung der physischen Welt zu ihrer immer weniger bestrittenen Domäne gemacht. Unsere Erde ist um die 4,5 Milliarden Jahre alt, sagen die Erforscher der Erde und des Universums. Auf ein exaktes Datum kommt es da wohl auch nicht an; es wäre auch wissenschaftlich kaum begründbar. Angesichts dieser kaum vorstellbaren Zeiträume spielen ein paar Mil lionen Jahre mehr oder weniger auch keine so große Rolle. Wenn Wis senschaftler die Entwicklung der Erde nachzeichnen, sprechen sie fast immer von Zeiträumen, kaum von präzisen Daten. Deutlich prekärer zunächst für die europäischen Glaubensgemeinschaf ten, weil sie die Menschen und ihre Glaubensvorstellungen unmittelbar betreffen, waren dann die Entdeckungen von Charles Darwin und die weitere Ausarbeitung der Evolutionstheorie. Leben entwickelt sich seit ca. 3,5 bis 4 Milliarden Jahren. Wer ist schon in der Lage, sich einen Zeitraum von 3,5 Milliarden Jahren vorzustellen? Evolutionsbiologen haben sich Gedanken gemacht, wie man diesen Zeitraum und seinen Bezug zum Auftreten des homo sapiens verständlich machen kann. Sie haben dafür den Zeitraum eines Tages, den sich jeder vorstellen kann, gewählt. In diesem Tagesmodell erscheint der Mensch erst drei Sekun den vor 24 Uhr. Von ca. 86400 Sekunden Leben sind dem Menschen gerade einmal 3 Sekunden vorbehalten. Der Mensch ist also ein Neu ling, hat aber die Erde während seines noch sehr kurzen Aufenthalts umfassend nach seinen Vorstellungen gestaltet und immer wieder die jeweiligen eigenen Lebensbedingungen und die von anderen Lebewe sen ruiniert, rund um den Erdball, manchmal reparabel, immer wie der irreversibel. Bisher gibt es keine nennenswerten Anzeichen, dass er sein zerstörerisches Verhalten unterlässt; er nimmt sich, was er will und kriegen kann. Mit wenigen Ausnahmen war dies der Gang der Din ge bis heute; und ein Ende dieses Verhaltens ist nicht abzusehen. Im merhin wächst mittlerweile das Bewusstsein, dass dieses Verhalten die Lebensbedingungen der Art Mensch bedroht. Will der Mensch als Art noch eine längere Weile überleben, dann muss er irreversible Zerstö 21 eckpunkte rungen seiner Lebensbedingungen beenden bzw. vermeiden. Denn die Erde ist endlich und hat keinen Notausgang. Das Leben beginnt mit den Bakterien und entwickelt sich über end los erscheinende Zeiträume und zahlreiche Veränderungsschritte zu ei nem breiten, differenzierten Strom vielfältiger Arten. Betrachtet man die eher abstrakten Abstammungstafeln der Biologen, so kommt man aus dem Staunen kaum heraus, wie viele verschiedene Lebensformen es gab und gibt und wie genau die Abstammungslinien bestimmt werden können, nicht ohne Überraschungen für Laien, welche Urahnen denn welche Lebewesen und auch wir Menschen haben. Besonderes Aufsehen erregten folgende Aussagen Darwins: • Lebewesen haben eine gemeinsame Abstammung • Lebewesen entwickeln und verändern sich • Lebewesen verändern sich durch kleinste Anpassungsschritte an den Wandel ihrer Lebensumwelt und bewirken durch deren Viel zahl im Zeitablauf die Differenzierung und Ausprägung der Arten • Die natürliche Selektion ist der entscheidende Mechanismus der Evolution und bedeutet, dass die am besten an die Umweltbedin gungen angepassten Lebewesen/Arten ihren Genotypus durchset zen. Alle vier genannten Aussagen stehen in einem gewissen Kontrast zu – jedenfalls wörtlich verstandenen – kirchlichen Auffassungen, denen zufolge Lebewesen einzeln von Gott geschaffen wurden. Trotzdem: Man muss daraus keine Konfliktszene machen. Einige Kirchen können sich mit der Evolutionstheorie arrangieren, verstehen den Schöpfungs bericht der Bibel symbolisch und sehen keine unüberbrückbaren Ge gensätze, andere, vor allem die dem wörtlichen Verständnis der Bibel verpflichteten Kirchen, lehnen die Evolutionstheorie ab und beharren auf dem wörtlichen Bericht von Genesis 1 und 2 sowie qualifizierenden Ergänzungen in anderen Textstellen des Alten Testaments. Charles Darwin ist es, wie man mittlerweile gut belegen kann, gelungen, das zentrale Grundmuster der Entwicklung der Arten zu beschreiben. Danach erfolgt die Entwicklung des Lebens, der Arten und der einzel nen Lebewesen durch natürliche Selektion. Arten können sich an ver 22 zur entwIcklung des lebens auf der erde änderte Umweltbedingungen anpassen, indem sich einzelne ihrer Gene von Generation zu Generation verändern. Ausgangspunkt ist jeweils die genetische Variabilität in der Population einer Art. Individuen mit vorteilhaften Merkmalen für das Überleben und die Fortpflanzung pro duzieren mehr Nachwuchs und geben diese erfolgreichen Merkmale an ihre Nachkommen, die sich deshalb im Überlebenskampf behaup ten können, weiter. Weniger erfolgreiche können sich auf die Dauer nicht durchsetzen und verschwinden. Auf diese Weise entstehen erfolg reiche Anpassungsmuster an die Umweltbedingungen, immer wieder auch mehrere unterschiedliche nebeneinander, d. h. eine Ausdifferen zierung unterschiedlicher Arten und Differenzierungen innerhalb einer Art. Diese ungeheure Vielfalt erscheint wie ein riesiges Laboratorium, in dem die Evolution bei den bestehenden Arten jeweils unterschied liche Merkmale, auch Merkmalskombinationen testet, von denen, wie die verfügbaren paläontologischen Belege zeigen, relativ wenige dau erhaft überleben. Den Anflug einer Vorstellung über diese Lebensviel falt kann man in wissenschaftlichen Sammlungen erfahren, wo z. B. für eine bestimmte Schmetterlingsart, mehrere ca. 10 m lange Regale ste hen, raumhoch auf den Regalböden ausgefüllt mit kleinen Kästen, die jeweils mehrere Dutzend Varianten dieser Schmetterlingsart enthalten. Es gibt aber viele Schmetterlingsarten und viele, viele andere Tiere und analog natürlich auch unglaublich viele Pflanzen. Nach wie vor sind trotz langjähriger, intensiver gut dokumentierter Forschungen längst nicht alle zurzeit existierenden Tiere, Pilze und Pflanzen bekannt. Als ergiebige neue Fundstellen erweisen sich die verbliebenen Ur und Re genwälder und die Tiefen der Meere. Da die Umweltbedingungen unberechenbar sind und höchst unter schiedliche Faktoren das Leben ermöglichen bzw. das Aussterben ver ursachen oder die weitere Existenz ermöglichen können, erweisen sich Prognosen darüber, welche Arten aufgrund welcher Merkmale wie lan ge vorherrschen und wann verschwinden werden, als illusorisch. Wel che Arten überleben, hängt offensichtlich von vielen nicht berechen baren Faktoren und deren Kombinationen ab, den Genen und ihrer Variabilität und den vielfältigen Umweltbedingungen, zu denen zusätz lich zu fressbegierigen oder konkurrierenden anderen Lebewesen und der jeweils umgebenden Biosphäre auch Klima und Klimaänderun gen, geologische und tektonische Prozesse und Einflüsse aus dem Uni 23 eckpunkte versum, z. B. ausschlaggebend die Aktivitäten der Sonne sowie andere Himmelskörper gehören. Wer hätte sich vorher ausmalen können, dass ein ganzes Artenspekt rum wie die Erd Dinosaurier, die die Erde um die 400 Millionen Jah re beherrschten, vermutlich an den Folgen des Einschlags eines Mete oriten mit einem Durchmesser von ca. 10 km krepieren würden, für immer? War Größe für viele Millionen Jahre ein Überlebensvorteil für die Land Dinosaurier, so verwandelte sie sich nach dem Meteoritenein schlag, vermutlich in Verbindung mit einer lange andauernden Serie von Vulkanausbrüchen in Indien, zu einem Todesurteil. Geringe Größe mit einem Gewicht von angeblich unter sechs Kilogramm, was auf die damaligen Säugetiere zutraf, war in dieser Situation ein unschätzbarer Überlebensvorteil, und erst recht eine Behausung unter der Erdober fläche. Ob ein bestimmtes Merkmal einer Art das Überleben ermög licht oder das Aussterben verursacht, ist offensichtlich nicht prognos tizierbar. Jede unter bestimmten Bedingungen erfolgreiche biologische Neuerung kann bei wechselnden Bedingungen das endgültige Aus be deuten. Die Evolution erscheint wie ein unglaublich großes und diffe renziertes, natürliches Lebenslaboratorium. Die mittlerweile hochdifferenzierte Fototechnik ermöglicht es, die se wunderbare Vielfalt des Lebens aus bisher kaum vorstellbarer Nähe und in mehrfacher Vergrößerung kennen zu lernen, zu beobachten und nachzuerleben; sie führt uns allerdings auch immer wieder den kom promisslosen Kampf um das Überleben innerhalb und zwischen den Arten vor Augen. Wie können sich Lebewesen, ob Pflanzen, Tiere oder Pilze gegenüber ihren Fressfeinden und den sich ändernden Umwelt bedingungen behaupten und damit ihren Genotypus für eine gewisse Dauer überleben lassen? Fressen und gefressen werden, Wettbewerb und Kampf für das individuelle Überleben – und manchmal das der Art. Regelmäßig kämpfen Artgenossen unter einander und gegen ein ander um das beste Futter und den höchsten Rang mit dem Privileg der Fortpflanzung. Neben der vorherrschenden individuellen Auslese hat sich bei wenigen Arten eine kollektive Überlebensform entwickelt, die Wilson eusozial nennt (Wilson 2014, 137 230). Gemeint sind Lebe wesen, die in großen bis riesigen, arbeitsteiligen Lebensgemeinschaf ten zusammenleben: Bei einigen Säugetier und Insektenarten schüt zen immer wieder solidarische Verhaltensweisen einzelne Tiere und 24 zur entwIcklung des lebens auf der erde die Tiergemeinschaft und machen diese Arten zu den Beherrschern ih rer Lebensräume. Das bedeutet: Eusoziale, d. h. kooperative und altru istische Eigenschaften haben sich bisher bei wenigen Tierarten und bei Menschen als besonders erfolgreicher Selektionsmodus zur Durchset zung der Art bewährt. Ich komme später noch mehrmals auf dieses Se lektionsmuster zurück. Mag die Durchsetzung des eigenen Genotyps auf den ersten Blick als individualistisches Grundmuster erscheinen, so setzt es doch sowohl andere Artgenossen als auch die Vielfalt der Lebenswelt voraus. Ohne Artgenossen keine Rangkämpfe und keine Fortpflanzung, ohne andere Lebensformen, seien es Pflanzen, Pilze oder Tiere, keine Nahrungsquel len. Individueller Überlebenskampf und Vielfalt des Lebens bedingen sich also gegenseitig. Das individuelle Leben bleibt stets auf die Biodiversität angewiesen. Die Vielfalt des Lebens tendiert zu Gleichgewichtszu ständen, die jederzeit mit kleinen oder auch größeren Detailänderun gen oder auch tief greifenden Störungen konfrontiert sein können und deshalb stets vorläufig, jedoch auf eine neue Balance ausgerichtet sind, ohne diese immer zu erreichen. Die stetige Veränderung und die Viel falt sind der Motor des Lebens. Die Vielfalt des Lebens insgesamt und in diesem Rahmen zahlreiche einzelne Lebensformen wurden durch natürliche Katastrophen im Ver lauf der Entwicklung des Lebens wie schon angesprochen nicht nur häufig massiv bedroht, sondern immer wieder radikal reduziert und zu Neuanfängen gezwungen. Die meisten kleineren, fast alltäglichen Kata strophen und viele ihrer Wirkungen werden wohl im Dunkel der Na turgeschichte bleiben. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass etwa 99,9 % der Arten, die bisher auf der Erde existiert haben, nicht mehr le ben. Nicht nur individuelles Leben, sondern auch das Leben von Arten ist episodenhaft. Die meisten Lebensformen konnten sich also nur be grenzte Zeiträume behaupten und Teile dieser Erde beleben. Die aus gestorbenen Lebensformen wurden entweder von ungewöhnlichen Naturereignissen ausgelöscht oder konnten die notwendigen Anpas sungen an veränderte Umweltbedingungen nicht erreichen oder sie konnten sich ihren Fressfeinden nicht entziehen oder … verschwanden durch die menschliche Umgestaltungen von Landschaften, die ihnen die Lebensgrundlagen raubten: ein nach wie vor aktuelles Muster der Auslöschung von Arten. Und doch haben sich immer wieder neue Le 25 eckpunkte bensformen entwickelt. Die Evolution schreitet fort und bedroht auch menschliches Leben: Viren und Bakterien verändern sich so schnell und rasant, dass die Pharmazeuten, Mediziner und Biologen mit der Entwicklung von Impfstoffen nicht mehr Schritt halten können. Umgekehrt gibt es durchaus einige wenige Arten wie beispielsweise Krokodile, die teilweise mit erstaunlich geringen Veränderungen und minimaler Gehirnmasse viele Millionen Jahre durchgestanden haben. Es scheint also zu fast jedem Zeitpunkt relativ robuste, überlebensfä hige Lebensformen gegeben zu haben, die mit einer kaum veränderten biologischen Ausstattung viele Millionen Jahre überlebten, während an dere, sehr fragile, hochspezialisierte schon durch ziemlich geringe Um weltveränderungen akut bedroht sind und in kurzen Zeiträumen die er forderlichen Anpassungen nicht erbringen können. Seit es Menschen gibt, haben sie sehr gründlich zum Verschwinden vie ler Lebensformen beigetragen, durch Jagd und durch Zerstörung der Lebensräume. Die rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten ent hält viele Namen, auch unsere nächsten Verwandten, die Schimpan sen, aber auch die anderen Menschenaffen sind darunter, weil wir Men schen ihnen und vielen anderen Arten ihre Lebensgrundlagen nehmen oder sie auch töten, seit wir die Erde zunehmend zu unserer Ressour cenquelle gemacht haben. Nach wie vor beschleunigen wir Menschen mit unserer am Wachstum orientierten Entwicklung die Ausdünnung und Zerstörung der Biosphäre hinsichtlich Vielfalt und Volumen. Men schen sind wohl auch die erste Lebensform, die sich die technischen Möglichkeiten geschaffen hat, selbst ihre eigene Existenz auf der Erde zu beenden, sich selbst auszurotten. Die Lager mit Atomwaffen und di versen Giften sowie Bakterien sind prall gefüllt. In der Geschichte des Lebens hat es offensichtlich immer wieder Natur ereignisse gegeben, die direkt oder mittelbar zum Aussterben von Ar ten geführt haben. Ein für die Entwicklung von Menschen besonders wichtiges Datum in der Geschichte des Lebens ist das Naturereignis – sei es nun ein Vulkanausbruch oder der Meteoriteneinschlag auf der Halbinsel Yucatan oder auch eine Verkettung mehrerer Naturereignisse oder die Kombination anderer zusammenwirkender Faktoren gewesen –, das die Land Dinosaurier vor ca. 65,5 Millionen Jahren vernichtete. Zwar gab es auch zur Zeit der Land Dinosaurier bereits Säugetierarten. 26 zur entwIcklung des lebens auf der erde Erst das Verschwinden der Land Dinosaurier hat jedoch für die Säuge tiere die Entwicklungsspielräume geschaffen, die seitdem ihre wenig be hinderte Ausbreitung in breiter Artenvielfalt über große Teile des Erd balls ermöglichten. Über unendliche Entwicklungsstufen haben sich dann in vielen Millionen Jahren aus den Säugetieren schließlich auch die Kreaturen entwickelt, die wir Menschen nennen. Darwins Erkenntnisse stießen auf erbitterten Widerstand, vor allem von Theologen, die Darwins Theorie als Frontalangriff auf die Schöp fungslehre und andere theologische Aussagen empfanden und versuch ten, Darwin – selbst auch Theologe – Fehler nachzuweisen. Aber auch andere Wissenschaftler kritisierten Darwin. Die Lage hat sich zwischen zeitlich einigermaßen beruhigt. Die Grundgedanken Darwins erfuhren durch weitere Forschungen Bestätigung und Differenzierung und führ ten schließlich durch Verknüpfung mit den Vererbungsregeln von Gre gor Mendel und der sich entwickelnden Genetik und Molekularbiologie zur aktuellen Synthetischen Theorie der Evolution, die in besonderem Maß von der Entwicklung der DNA Analyse Methode und der auf die ser Grundlage erarbeiteten Ergebnisse profitierte. Die von Darwin be gründete Evolutionstheorie verbindet alle biologischen Teildisziplinen als grundlegende Klammer und ist von den Wissenschaften und darü ber hinaus allgemein anerkannt. Geblieben sind jedoch auch diejeni gen Religionsgemeinschaften, die – ohne einen Funken historisch kri tischen Denkens – ihre heiligen Schriften in der überlieferten Form für unantastbar halten und – rückwärts gewandt – jegliche Neuerung aus schließen. 1 2 Zusammenfassung Das Wissen über die Evolution kann mit einem Mosaik verglichen wer den, in dem sehr viele Steinchen – insbesondere aus den frühen Epo chen – fehlen, die vorhandenen aber dennoch einige rational und empi risch kaum bestreitbare Feststellungen und Herausforderungen für all das beinhalten, was Menschen denken und unternehmen: • Die Evolution hat stattgefunden; bisher hat sie eine unvorstellba re Vielfalt an Leben hervorgebracht, verschwinden und wieder neu entstehen und sich entwickeln lassen. Auch der Mensch ist ein Pro 27 zusammenfassung dukt der Evolution und hat im Tierreich nicht nur sehr nahe Ver wandte (die Schimpansen, andere Menschenaffen), sondern auch eine lange Ahnenkette, die in ihrer Abfolge die Entwicklungsschrit te menschlicher Fähigkeiten symbolisieren. Religionen bzw. ihre Repräsentanten werden sich auf Dauer nicht an diesen Erkennt nissen vorbeimogeln können und um eine interpretierende Modifi kation bzw. Neufassung ihrer Schöpfungsgeschichten nicht herum kommen, wollen sie ernst genommen werden. • Evolution ereignet sich weiterhin und erzeugt im sich wandelnden Kosmos immer wieder neue Konstellationen und Anpassungsbe darfe. Einen Weg zurück scheint es nicht zu geben. Neue Konstella tionen und neue Probleme brauchen neue Antworten und Lösun gen – das gilt auch für Religionen. • Aufgrund seiner einzigartigen Kapazitäten hat der Mensch zwar eine beherrschende Stellung auf der Erde erreicht. Menschsein ist aber dennoch nur eine Lebensform unter und mit unendlich vie len anderen Lebewesen. Auch Menschen überleben nur in und mit der Vielfalt der Lebensformen, von denen sie und wir buchstäblich physisch leben. Soweit Religionen zentral auf den Menschen aus gerichtet sind, werden sie ihre anthropozentrische Fixierung und ihre Vorstellungen zur Stellung des Menschen in der Natur über denken müssen. • Mit der fortgesetzten Missachtung der Einbindung in den Kosmos des Lebens vernichten wir Menschen unsere eigenen Lebensgrund lagen. Es ist deshalb unumgänglich, die Erhaltung dieser Vielfalt der Lebensformen in den Mittelpunkt menschlichen Bewusstseins und Handelns zu rücken, mit oder ohne Mitwirkung der Religio nen. Der Respekt vor anderen Lebewesen, ihr Schutz und ein dem entsprechender Umgang mit ihnen sind als Schlüsselqualifikatio nen des Menschen für längeres Verweilen auf der Erde anzusehen. • Die Verweildauer von Lebensformen, auch der menschlichen, auf der Erde ist begrenzt, als Einzelindividuen und als Art. Wie kann es sein, dass der Tod das Leben von Tieren und anderen Lebewe sen beendet, nicht aber das von Menschen? Ewiges Leben gibt es als menschliche Idee und Sehnsucht, aber nicht in empirischer Pers pektive. „Und alles weist darauf hin, dass, wenn unser Gehirn stirbt, es auch mit unserem Geist zu Ende ist“ (Suddendorf 2014, S. 20). Mit diesen Sachverhalten kommen fraglos schwierige Herausforde rungen auf Religionen und ihre Gläubigen zu, weil sich aus den je 28 zur entwIcklung des lebens auf der erde weiligen Jenseitsvorstellungen ihre existenziell zentralen Konzepte für das Diesseits ergeben. Manche Religionen haben sich bei die ser Sachlage mit feinsinnigen Vorstellungen beholfen, auf die spä ter eingegangen wird. • Durch Wettbewerb und Kampf vollzieht sich Überleben. Die bio logische Evolution kennt keine Moral und keine soziale Gerechtig keit. Demgegenüber schafft die Evolution mit dem Menschen etwas Neues: Sie hat in ihm die biologischen Grundlagen zur Entwick lung von Kultur und damit von Moral angelegt. Welche Rolle kön nen die – später zu diskutierende – menschliche Kultur und mit ihr die Moral im Überlebenskampf spielen? • Die in mehr oder weniger allen Religionen zentrale Frage nach dem Sinn des Lebens weist auf dem Hintergrund des Evolutionsgesche hens auf das Leben selbst zurück: Leben ist Selbstzweck, trägt sei nen Sinn in sich selbst und verweist damit auf die Eigenverantwort lichkeit von Menschen in ihren kleinen und ihren umfassenden Lebensgemeinschaften.

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Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.