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7 Wie kann Zukunft gelingen? in:

Hans Dietrich Engelhardt

Was wird aus unserer Umwelt?, page 205 - 302

Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3965-6, ISBN online: 978-3-8288-6838-0, https://doi.org/10.5771/9783828868380-205

Tectum, Baden-Baden
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195 7 Wie kann Zukunft gelingen? Für die unterschiedlichen regionalen und globalen Felder der Umwelt liegen zahlreiche Situationsanalysen vor, die weitgehend darin über einstimmen, dass die Fortsetzung der globalen Wachstumspolitik zu vielfältigen Zusammenbrüchen der Lebensbedingungen führen wird. Solche Zusammenbrüche können nur vermieden werden, wenn Wirt schaft, Gesellschaft und Lebensführung unter dem Leitbild der Nach haltigkeit (dazu genauer in Kap. 7.2.5) umstrukturiert werden. Jorgen Randers, Mitautor der Berichte an den Club of Rome (1972, 1992, 2006) und Alleinverfasser des letzten Berichts (2012), resümiert die Entwick lung der „Nachhaltigkeitsrevolution“ folgendermaßen: „Die Nachhal tigkeitsrevolution hat also bereits begonnen, sie steckt aber noch in den Kinderschuhen … Es ist schwer zu sagen, ob die neue nachhaltige Welt eine attraktive sein wird oder ob es den Menschen deutlich weni ger wohlergehen wird als heute. Das hängt davon ab, was die Mensch heit für den Rest des 21. Jahrhunderts zu tun gedenkt. Wie aus der Prog nose in diesem Buch hervorgeht, bin ich der Überzeugung, dass im Jahr 2052 der Übergang zur Nachhaltigkeit erst zur Hälfte vollendet ist, und dass dieser Übergang in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in ernste Schwierigkeiten gerät. Will sich die Weltgesellschaft am Ende des Jahr hunderts in einer erstrebenswerten und stabilen Situation wiederfin den, dann wird sie nach 2052 ein Wunder vollbringen müssen“ (Rand ers 2012, S. 33 f.). Die Forderung der Nachhaltigkeitsrevolution beruht wie alle in die Zu kunft weisenden Vorschläge auf ermittelten Tatsachen und Prämissen mit unterschiedlichen Facetten. Zunächst ist festzuhalten, dass die in der einschlägigen Literatur mehrfach geschilderte bedrohliche Lage der Menschheit durch das Verhalten des Menschen und seiner Institutionen in der westlichen Zivilisation entstanden ist und, ohne dass eine grund sätzliche Änderung in Sichtweite ist, ungebrochen fortgesetzt wird. Die meisten anderen Länder ahmen diesen Modus der laufenden Verbesse rung der materiellen Lebensverhältnisse nach: Die Menschen in den är meren und ganz armen Länder wollen materiell so leben können wie 196 wIe kann zukunft gelIngen? die in den reichen. Dies sind verständliche, aber unerfüllbare Wünsche. Die knappen Ressourcen unserer Erde lassen eindeutig erkennen, dass beide Ziele nur kurzfristig fortgeführt werden können: Auf Dauer kön nen die reichen Länder ihre Lebensweise weder fortsetzen noch mate riell verbessern und die armen haben mit Ausnahme einzelner Perso nen/Familien keine Chance, die Lebensverhältnisse der reichen Länder auch nur näherungsweise zu erreichen. Vielmehr ist mit erheblichen Verschlechterungen und auch größeren Hungersnöten zu rechnen. In den beschriebenen gegenwärtig vorherrschenden Verhaltensformen konkretisieren sich die dargestellten Mechanismen der Evolution in der individuellen und sozialen Selektion. Mit anderen Worten: Die Selekti on hat mit ihren Mechanismen die Menschheit in eine Entwicklungs sackgasse gebracht. Würden insbesondere die individuellen und kollek tiven Egoismen als Selektionsmechanismen der Evolution weiter wie bisher fortwirken, so wären unerbittliche, wahrscheinlich auch gewalt same Auseinandersetzungen um die Ressourcen mit katastrophalen Folgen nicht zu umgehen, weil die Ressourcen der Erde begrenzt sind. Es ist fraglich, ob es in dieser Auseinandersetzung einen bzw. mehre re Sieger geben würde. Wahrscheinlich würde es primär oder auch nur Verlierer geben. Die Autoren der Berichte an den Club of Rome legen ihren Überle gungen ein anderes, dennoch sehr altes Lebensmodell zugrunde. Sie knüpfen in der Sache an dem Evolutionsprodukt Kultur an, die bereits in den frühen egalitären Formen des Zusammenlebens bei den Jäger und Sammlergruppen die Mitmenschlichkeit als Überlebensgarant ent wickelte: Die Mitglieder der Gruppe stellen ihre individuell persönli chen Interessen zugunsten des Überlebens und der Funktionsfähigkeit der Gruppe zurück, weil sie damit auch selbst in der Gruppe bessere Überlebenschancen haben, als wenn sie ihren Egoismen freien Lauf lie ßen und sich als Einzellebewesen durchschlagen müssten. Im Buddhis mus wird das Mitgefühl zu einem tragenden Element des Zusammen lebens, in den christlichen Religionsgemeinschaften die Nächstenliebe usw. Diese Traditionslinie hat sich bis in die Gegenwart in Religionen, säkularen Rechtssystemen, politischen, philosophischen und anderen Kontexten fortgesetzt und differenziert, auch wenn sie zwar das Zu sammenleben ermöglichte, aber die individuellen und kollektiven Ego ismen nur begrenzt, jedenfalls noch nicht ausreichend wirksam zu 197 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre rückdrängen konnte. Die Erkenntnis und Lebenspraxis der Jäger und Sammlergruppen, dass nur die Gemeinschaft und das Zurückstellen individueller sowie partikularer Interessen das Überleben der Gruppe und der einzelnen Mitglieder sichert, wird in der Moderne unter Be zug auf die Weltbevölkerung mit ihren erkennbaren Grenzen des Wachs tums wieder hochaktuell. Auf globaler und auf regionaler (staatlicher) Ebene brauchen die gemeinsamen Interessen Vorrang vor partikularen, um lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Die Autoren der Berichte an den Club of Rome, UN Abteilungen, Forscher und zivilgesellschaftliche Vereinigungen und andere setzen als zweite Prämisse für ihre Vorschlä ge die Versorgung der gesamten Weltbevölkerung mit der Maßgabe der Beendigung ihres Wachstums; sie beziehen sich damit inhaltlich auf die Menschenrechtskonventionen. Mit diesen Prämissen ist die Nachhal tigkeitsrevolution der einzige gangbare Weg: sie erfordert die grundle gende Neugestaltung der individuellen Lebensführung, des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Handelns insbesondere in den reichen Gesellschaften der westlichen Zivilisation mit ihrem riesigen Ressour cenverbrauch. Das Wort Nachhaltigkeitsrevolution ist dabei mit allen seinen Konnotationen keine Übertreibung. Kann sie gelingen? In Abschnitt 7.1 fasse ich die Umweltprobleme als Ausgangspunkt der zukünftigen Probleme zusammen. Abschnitt 7.2 thematisiert die welt weiten Konflikte und die offensichtlich zunehmenden Spannungen und Blockaden in zahlreichen Ländern als wesentliche Hemmnisse für ge meinsame Aktionen. Abschnitt 7.3 sondiert, welche kulturellen Poten ziale und welche Akteure für die Nachhaltigkeitsrevolution mobilisiert werden können und welche Beiträge von Religionen erhofft werden. 7 1 Zur gegenwärtigen Situation bei Klimawandel, Umweltbelastungen und Biosphäre 7 1 1 Umweltbelastungen Die zusammenfassende Beschreibung der anthropogenen Bedrohung menschlicher Lebensverhältnisse erfolgt besonders häufig unter den Leitbegriffen Klimawandel und Umweltbelastungen bzw. Umweltzerstörungen. Deutlich seltener, aber zunehmend eindringlicher ist in der Weltöffentlichkeit von der dramatischen Reduzierung der Biosphäre 198 wIe kann zukunft gelIngen? insgesamt, insbesondere der Vielfalt der Arten (Biodiversität) und ih rer Populationen die Rede. Obwohl weitere Fortschritte dieser Reduzie rungsprozesse menschliches Leben unmittelbar bedrohen und auch be enden könnten, partiell oder insgesamt, reichen selbst teilweise intensiv und aufwendig betriebene Gegenmaßnahmen wie z. B. in Deutschland (dazu später) gerade einmal dazu aus, diese Prozesse selektiv zu ver langsamen. Im Gegenteil: Die grundsätzlich von Wirtschaft und Po litik gewollte Wachstumsorientierung beschleunigt diese Prozesse in Deutschland und weltweit fortschreitend, in einigen Ländern/Regionen noch zusätzlich verstärkt durch das erhebliche Wachstum der Bevölke rung, z. B. in Indonesien, Indien, Afrika, Lateinamerika. Die genannten Leitbegriffe sind nicht trennscharf, weisen gemeinsame Schnittmengen der jeweils gemeinten Inhalte auf. Darüber hinaus wer den zahlreiche Wechselwirkungen zwischen Umweltbelastungen, Bio sphäre und Klimawandel beobachtet, teilweise untersucht und auch teilweise bekämpft. Umweltbelastungen bzw. Umweltzerstörungen und als Reaktion darauf Umweltschutzmaßnahmen sind Sammelbegriffe für alle möglichen von Menschen verursachten Schädigungen oder gar Zerstörungen wichtiger Teile unserer Lebenswelt. Man unterscheidet zwischen örtlichen und regionalen Umweltbelastungen einerseits und weiträumigen bis globalen andererseits und sieht damit Einzelstaaten bzw. die Weltgemeinschaft in der Verantwortung. Zunächst zu den lokalen und regionalen Umweltbelastungen, um die sich die nationalen Regierungen und ihre Behörden, aber auch nicht nur in Deutschland z. B. im Naturschutz zahlreiche Einzelpersonen, Vereine und Verbände kümmern und mit Klagen vor Gericht merkli che Erfolge erzielen. So wurde beispielweise die Stadt Hamburg gericht lich dazu verurteilt, in Sachen Elbvertiefung vor Beginn der Projekt arbeiten ihre ökologischen Hausaufgaben zu machen. Gewisse Erfolge hat der Umweltschutz in Deutschland bei Luftreinhaltung, deutlich mehr im Wasserschutz und im Naturschutz erreicht, der auch in der öffentlichen Planung eine wesentliche Rolle spielt. Darüber hinaus ge lingt Naturschutz vorzugsweise in den Belangen, für die breite öffent liche Aufmerksamkeit erzielt werden kann, wie die Bedrohung großer, optisch auffälliger Wildtierarten wie bengalischer Königstiger, Elefan ten, Geparden, Nashörner, Eisbären, Greifvögel, Auerhähne, Wölfe, Luxe, Braunbären, Wale usw. Allerdings ist es gerade bei der Errich 199 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre tung von Schutzgebieten und Nationalparks unerlässlich, den von ein schränkenden Schutzmaßnahmen betroffenen Menschen entsprechen den Ausgleich für den Verlust ihrer Lebensgrundlagen in der Form von Jagd und Anbaugebieten zu verschaffen und sie so einzubeziehen, wie es vielerorts in Nationalparks bereits praktiziert wird. Naturschutz geht nicht ohne Menschenschutz. Der Einsatz für den Umweltschutz weist von Land zu Land gravie rende Unterschiede auf und nährt die Vermutung, dass in einer Rei he von Staaten erhebliche Einbrüche in die gesellschaftliche Entwick lung durch massive Umweltprobleme bereits eingetreten und weiter zu erwarten sind. Insbesondere die Schwellenländer China, Indien, Bra silien, aber auch andere haben in den vergangenen Jahrzehnten akute Gesundheitsgefährdungen durch Wasser und Luftverschmutzung zu gunsten von Wirtschaftswachstum in Kauf genommen und sind jetzt mit steigenden umweltbedingten Sterberaten und kurzfristig kaum lös baren Problemen konfrontiert. Nicht mehr aufschiebbare Maßnahmen werden erhebliche finanzielle Mittel binden und folglich die Wachs tumschancen bald drastisch nach unten korrigieren. Das Verschwinden vieler für die Bodenfruchtbarkeit und die natürli chen Ausgleichswirkungen wichtiger Klein und Kleinsttiere, Pilze und Mikroorganismen, kurz: die Verarmung und Bedrohung ökologischer Systeme findet den Weg deutlich mühsamer von den Biologen und an deren Fachleuten in die Öffentlichkeit oder gar in die politischen Ent scheidungszirkel. Nach Recherchen von Meadows, Randers und Me adows (2015 [2006], S.  61–66) sind 38 % der für Ackerbau genutzten Fläche bereits degradiert, ebenso 21 % der Weideflächen und 18 % der Waldgebiete. Hauptverursacher derartiger Umweltschäden ist die mo derne industrielle Landwirtschaft mit ihren Arsenalen an Düngern, Pflanzenschutzmitteln, Hormonen, Tierarzneimitteln, riesigen, schwe ren Gerätschaften u. a., die zwar kurzfristig höhere Gewinne der Bauern und vor allem der Landwirtschaftskonzerne in Aussicht stellt, die aber eine ökologische und das heißt nachhaltige Bewirtschaftung verhindert. Häufig erhält schnelles Wirtschaftswachstum klare Priorität insbeson dere vor dem Schutz weniger publikumswirksamer aber dennoch be drohlicher Umweltschäden, fast überall. Hier aber ticken Zeitbomben. 200 wIe kann zukunft gelIngen? Beispielsweise wurden und werden in Deutschland durchaus wichti ge und grundlegende Maßnahmen für Boden, Gewässer und Luft er griffen, um Umweltbelastungen deutlich zu vermindern oder auch zu beseitigen. In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts galt manchen Forschern in meiner Heimat Tegernsee der See bereits als umgekippt. Tatsächlich hat man vor 60 Jahren mit einer Ringkanali sation wohl doch noch die letzte Chance zur Rettung des malerischen Gewässers genutzt. Schon seit über 30 Jahren hat das Wasser des Sees wie das der anderen oberbayerischen Seen mit ähnlichen Anlagen wie der Trinkwasserqualität. Dieses Beispiel soll zeigen, dass viele Umwelt schädigungen technokratisch vermindert oder beseitigt werden können und auch wurden. Ich möchte hier gerade wegen meiner durchaus kri tischen Haltung ausdrücklich hervorheben, dass fortlaufend neue Maß nahmen zur Verminderung oder Beseitigung von Umweltbelastungen eingerichtet werden, alte Anlagen werden gewartet und/oder moder nisiert. Dennoch gibt es auch im relativ umweltschutzfreundlichen Deutschland zahlreiche Mängel. Oft unterbleiben notwendige Maß nahmen, häufig wartet man allzu lange damit, und der Weg von der Problemdiagnose bis zur Problemlösung dauert meist viele Jahre, in vielen Fällen zu lange. Zu viele getroffene Maßnahmen greifen aus un terschiedlichen Gründen zu wenig. Immer wieder hapert es bei den zuständigen Aufsichtsbehörden am nö tigen Durchsetzungswillen. Aus Rücksicht auf die Verursacher duldet man Rechtsverstöße oder schaut gezielt weg. Allzu oft muss das All zweck und Totschlagargument herhalten, die Einhaltung der Um weltvorschriften bedrohe Arbeitsplätze. Bereits die enorme Durch schlagskraft dieses Arguments weist auf den verbesserungsbedürftigen Stellenwert des Umweltschutzes hin. Auch oberste Bundesbehörden und politische Instanzen zeigen immer wieder ein fragwürdiges Ver halten mit gezielter Blindheit, gespielter Ahnungslosigkeit und bekannt unwirksamen Messmethoden, z. B. in der Auseinandersetzung um die Luftverschmutzung durch Kraftfahrzeuge in Ballungszentren im Kon text des VW Skandals (vgl. Leyendecker u. a. 2017). Immerhin führt die Luftverschmutzung auch hierzulande jährlich zu mehreren tausend vor zeitigen Sterbefällen. Korrekte und für ihre Umweltschutzaufgaben en gagierte Beamte machen sich da in ihren Behörden leicht unbeliebt und finden sich schnell in der Rolle des isolierten Nestbeschmutzers wie der, wenn sie politisch motivierte Vorgaben, Maulkörbe und Unterlas 201 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre sungsvorgaben, die den Luftreinhaltungszielen entgegenwirken, nicht akzeptieren wollen. „Spätestens 2003 hätte die Öffentlichkeit auf Tricks aufmerksam werden müssen“, meint Axel Friedrich auf der Grundla ge eigener Untersuchungen, früher Abteilungsleiter im Umweltbundes amt (Balser/Bauchmüller 2017, S.  13). Sein Alarmschlagen blieb ohne Resonanz. Zur gegenwärtigen Diskussion meint er: „Wenn alle Sachver ständigen, alle Zeugen heute versichern, sie hätten nie etwas davon ge hört, dann gibt es dafür nur eine Erklärung: kollektive Demenz“ (eben da S. 13). Auch der Artenschutz von Pflanzen und Tieren mit technokratischen Mitteln hat in vielen Ländern einen hohen Stellenwert, spielt bei Ent wicklungsprojekten z. B. Verkehrsplanungen eine wichtige Rolle und äußert sich ebenso in einzelnen Schutzmaßnahmen durch Zugangs sperrungen zu Brutzonen im Schilf von Seen oder in Felswänden, auf wendigen Wildwechselbrücken über Autobahnen, aber auch in der Ausweisung von Naturschutzgebieten und Nationalparks. Dennoch: Technokratische Maßnahmen stoßen auch bei bestem Willen auf eine schwer überwindbare Grenze, wenn nicht nur einzelne Verhaltenswei sen zum Schutz von Tier und Pflanzenarten geändert und erzwungen werden müssen, sondern die grundsätzliche Ausrichtung des mensch lichen Verhaltens einer Änderung bedarf. Die Entwicklung des Men schen ist seit jeher fast ausnahmslos mit Beeinträchtigungen von Natur, partieller bis umfassender Zerstörung verbunden. Dabei haben manche Akteure der Entwicklung auch nicht vor zahlreichen Jäger Sammler Gruppen haltgemacht, die, sei es durch Epidemien, Mord oder sei es durch Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen aus dem Weg geräumt wur den. Die entscheidende Frage lautet, wie viel solcher Naturzerstörung durch unsere Entwicklung können wir uns noch leisten? Schließlich sind wir auf die produktiven und regenerativen Leistungen der Na tur angewiesen. Wann schlägt die eigene Entwicklung des Menschen, bewirkt durch anspruchsvolle Projekte mit in Kauf genommener Na turzerstörung, in die Bedrohung der menschlichen Lebensbedingun gen um? Unbestritten ist die artenreiche Biosphäre die Lebensgrund lage der Menschen. Die Biosphäre besteht auch ohne uns weiter, wir aber brauchen eine für unser Überleben taugliche Vielfalt der Arten in den ökologischen Systemen für unsere Nahrungsmittelversorgung. Ich komme später darauf zurück, dass technokratische Maßnahmen allein nicht zielführend sein können. 202 wIe kann zukunft gelIngen? Generell führt die Wasser und Luftverschmutzung in zahlreichen Me tropolregionen weltweit neben schweren Belastungen zu zahlreichen Todesfällen. Der Wasserbericht der Unesco von 2012 nennt schauri ge Zahlen. 2010 hatten 884 Millionen Menschen – ca. 12 % der Weltbe völkerung – kein sauberes Trinkwasser, 3,5 Millionen starben an den Folgen, die Ausbreitung von Seuchen wird begünstigt, 100.000 Chole ra Tote. Abwässer aus Städten gehen weltweit zu 80 %, in Entwicklungs ländern zu 90 % unbehandelt in Flüsse, Seen, Meere (Deutsche Unesco Kommission e.V. 2012). Die kumulierten unbehandelten Abwässer der einzelnen Länder münden zwangsläufig in ein globales Problem: die fortgeschrittene Verseuchung der Weltmeere. Auch andere Umwelt belastzungen z. B. radioaktive Substanzen halten sich nicht an Länder grenzen und betreffen immer wieder größere, mehrere Länder um spannende Regionen. Der Verschmutzungsgrad der Meere ist deshalb dramatisch, weil er sich negativ auf die Meereslebewesen und damit eine für uns Menschen bedeutsame Nahrungskette auswirkt, solange diese die Überfischung noch übersteht. Umweltbelastungen töten be reits seit geraumer Zeit Menschen und belasten selbstverständlich auch Tiere, Pflanzen und ökologische Systeme. Tod als Folge von Umweltbe lastungen: Das ist schon Gegenwart. In den Ballungsgebieten steigen die umweltbedingten Todesfälle durch Luftverschmutzung rapide, vor allem in Ländern mit geringen Schutzmaßnahmen, wo Umweltbelas tungen zunehmend obere Plätze in der Häufigkeitsverteilung der To desursachen einnehmen. 7 1 2 Globale Umweltbelastungen: Klimawandel & Co Globale Umweltbelastungen umfassen Schädigungen und Zerstörun gen der Umwelt, die viele oder alle Länder der Erde betreffen und bei denen isolierte Gegenmaßnahmen eines oder mehrerer Länder ziem lich wirkungslos bleiben, z. B. die Verseuchung der Weltmeere mit Ab wässern aus den Metropolregionen, mit Schiffsabfällen aller Art, Erdöl, Kunststoffen u. a., die Überfischung der Weltmeere und der Klimawan del. In der Vielfalt von Umweltbeeinträchtigungen hat sich der Klima wandel als eine spezifische, aber besonders bedeutsame, globale Um weltschädigung mit ausuferndem Bedrohungsspektrum herausgestellt und deshalb weltweite politische Aufmerksamkeit und Aktivität er zeugt. Der aktuelle Klimawandel ist mit hohem Anteil ein Produkt des 203 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre Menschen, zu dem mehr oder weniger alle Länder dieser Erde durch ihre Produktion von Treibhausgasen beitragen und den Wärmerück stau in der Erdatmosphäre mit verursachen. Die hausgemachten An teile der Klimaerwärmung zeigen aber auch, dass gewisse Steuerungs möglichkeiten durch menschliche Entscheidungen und Maßnahmen möglich sind. Unbestritten ist, dass die Industrieländer durch ihre Vor reiterrolle während der Industrialisierung und auch durch ihre aktuel le Massenproduktion von Treibhausgasen die Hauptverursacher dieses globalen Problems sind, wie die Daten zum ökologischen Fußabdruck zeigen. Der ökologische Fußabdruck fasst alle Ressourcen, die eine Per son für den Alltag verbraucht, in dem Flächenmaß Hektar zusammen und setzt diese Fläche zur Bereitstellung dieser Ressourcen zu der auf der Erde verfügbaren Fläche in Beziehung. Die Menschheit verbraucht danach zurzeit im globalen Durchschnitt 1,5 Mal so viel Ressourcen als die räumlich begrenzte Erde auf Dauer verkraften kann. Die Maßein heit des ökologischen Fußabdrucks liegt dabei in Deutschland bei Fak tor 4,6, in Dänemark bei 8,3, in den USA bei 7,2 und in Katar bei 11,7, mit steigender Tendenz. Die bevölkerungsreichen Länder China und Indi en mit sehr vielen armen Menschen liegen dabei mit 2,1 bzw. 0,9 ver gleichsweise günstig. (WWF 2014, S. 9–21). Nach den vorliegenden Da ten leben also vorwiegend die Industriestaaten mit gigantischem weil verschwenderischem Ressourcenverbrauch und problematischer Scha denbeseitigung weit über ihre ökologischen Verhältnisse. Dennoch tra gen die Schwellenländer und auch die Entwicklungsländer mittlerwei le auch erheblich zur globalen Erwärmung bei. Ohne ihre Mitwirkung kann also eine Klimaerwärmungsbremse nicht funktionsfähig werden, auch wenn sie dabei Unterstützung brauchen und auch erhalten. Die Daten zum ökologischen Fußabdruck legen nahe, dass primär die In dustrieländer ihren Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren und neu organisieren müssen, während die armen bzw. ärmeren Länder den ih ren nur geringfügig steigern können. Bei einer Steigerung der Erddurchschnittstemperatur von deutlich mehr als 2° C erwarten die Forscher einschneidende, bedrohliche Fol gewirkungen: Weitere forcierte Schmelze der Eisflächen weltweit, des halb bedrohlicher Anstieg der Meeresspiegel, Überflutung von flachen Inseln und zahlreichen, dicht bewohnten Metropolregionen am Meer, weitere Zunahme extremer Wetterlagen, Entstehung neuer Trockenge biete, Verlust von Anbauflächen für Nahrungsmittel, Veränderung der 204 wIe kann zukunft gelIngen? bedeutsamen Meeres und Luftströmungen (Jetströme, Golfstrom) und so manches mehr. Neuere Untersuchungen weisen auf die unerwartete Beschleunigung der Abschmelzprozesse hin. Die nur sehr schleppend anlaufenden Korrekturmaßnahmen rücken diese Bedrohungsszenari en in eine realistische Perspektive, zumal die Klimaerwärmung in den Polregionen deutlich über dem globalen Durchschnitt liegt. Sollen die Temperatursteigerung und die erwarteten Folgewirkungen verhindert oder wenigstens gemindert werden, so können globale Umweltschädi gungen und speziell die Klimaerwärmung nur durch gemeinsame An strengungen mehr oder weniger aller Länder erreicht werden. Und das müsste sehr bald geschehen. Eine institutionelle Basis zur Gewinnung gemeinsamer Ziele und Pro gramme gibt es schon länger. Zuerst war es der Völkerbund und seit geraumer Zeit sind es die United Nations (UN) und ihre Organisatio nen, die diese Basis für gemeinschaftliche, Gesellschaften übergreifende Entwicklung von Zielen und Programmen darstellen und wie das UN Umweltprogramm umfassende Analysen erstellen und Maßnahmen bündel erarbeiten, mangels Akzeptanz durch die Staaten allerdings mit bescheidenem Erfolg. Dennoch bleibt bisher die ziemlich nüchterne Bi lanz, dass, abgesehen von den sozialen und kulturellen Programmen, insbesondere die Großmächte, aber auch kleinere Rumpelstilzchenstaa ten bisher gemeinsame Zielsetzungen und Programme immer wieder blockiert haben, wenn es ihren vermeintlichen nationalen Interessen widersprach, als ob die Dämpfung der Klimaerwärmung nicht auch na tionales Ziel aller wären. Das Gerangel um weltpolitische Machtpositi onen und wirtschaftliche Ressourcen sowie religiöse und ideologische Konflikte haben gemeinsame Arbeit an Zielen und Programmen zu gunsten der gesamten bewohnten Erde – zu zwei Ausnahmen später – meistens ins Leere laufen lassen. Warum? Häufig fehlt die Einsicht und/ oder die aktuellen politischen Probleme verdrängen Umweltprobleme aus der Prioritätenliste. 7 1 3 Die fortschreitende Reduzierung der Biodiversität als Zeitbombe Doch es gibt hochaktuelle und für die Zukunft sehr brisante Proble me, die auch auf UN Klimakonferenzen wenig Resonanz finden, weil 205 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre ihre Dringlichkeit in den politischen Arenen verdrängt oder ignoriert wird. Die Biodiversität, d. h. die Vielfalt der Tiere, Pflanzen, Pilze und ihrer Populationen sowie die vielfältigen Biotoptypen und ökologi schen Systeme stellen immerhin unsere Lebensgrundlage dar, erbrin gen lebensnotwendige ökologische Dienstleistungen für den Menschen, leiden aber durch menschliche Einwirkungen an fortschreitender, dra matischer Auszehrung, mit weiter zunehmendem Tempo. Diese Redu zierung der Biodiversität resultiert ursächlich und unmittelbar aus der menschlichen Entwicklung seit deren Beginn. Wie also kann menschli che Entwicklung aktiv weiter vorangetrieben werden, wenn sie doch die Lebensbedingungen des Menschen bedroht? Wilson sieht die lebendige Welt in einem beängstigenden Zustand und schlägt als Lösung vor, die Hälfte der Erdoberfläche Natur in möglichst großen Einzelflächen un ter Schutz zu stellen und der Natur zu überlassen, damit sich die Arten vielfalt weiter entfalten kann (Wilson 2016, S. 225–231). Die alarmieren de Bedrohung der Artenvielfalt ist die schlechte und sehr bedrohliche Nachricht und gleichzeitig eine überaus anspruchsvolle Aufgabe. Das Entstehen und Verschwinden von Lebewesen hat einerseits seit Be ginn des Lebens den Lauf der Evolution begleitet, nicht selten in sehr dramatischen regionalen und/oder globalen Umbrüchen und Ereignis sen wie durch Meteoriteneinschläge, Vulkanausbrüche, Klimaverände rungen, Kontinentalverschiebung u. a. Aber andererseits haben Men schen, seit es sie gibt, selbst sehr umfassend zur Reduzierung bzw. zum Aussterben zahlreicher Arten beigetragen und diesen Prozess erheblich beschleunigt einfach durch die Art, wie sie gelebt haben. Bisher haben sie sich in und aus ihren Siedlungsgebieten an den Ressourcen nach Be lieben bedient und sind, falls die Ressourcen erschöpft waren, weiter gezogen. In manchen Regionen hat sich auch mehr oder weniger ge zielt und zufällig eine Art Gleichgewicht von verbrauchten und nach wachsenden Nahrungsressourcen eingestellt. Einigen Stämmen ist es eher ausnahmsweise durchaus gelungen, die ökologischen Systeme ih res Siedlungsgebiets zu verstehen, zu respektieren und ihr eigenes Ver halten darauf einzustellen. Vor vermutlich deutlich mehr als 12.000 Jah ren begannen Menschen dann zuerst mit Ackerbau und später auch mit Viehzucht sesshaft zu werden und verdrängten mit ihren Anlagen ur sprüngliche Natur und Lebewesen aller Art immer mehr bis heute; sie haben die weißen Flecken auf der Landkarte weitgehend beseitigt, ohne auch nur annähernd alle Details zu kennen. Dabei ist hier „Landkarte“ 206 wIe kann zukunft gelIngen? wörtlich zu verstehen: Von den Meerestiefen weiß man noch sehr we nig. Mit großer Sorge werden immer wieder hausgemachte, lokal begrenz te ökologische Katastrophen und Zusammenbrüche festgestellt, z. B. die Ölverseuchungen im nördlichen Pazifik vor der Küste Alaskas durch die Exxon Valdez, die Versenkung von radioaktivem Müll im Eismeer durch Russland, im Golf von Mexiko durch misslungene bzw. fehler hafte Bohrungen der British Petrol (BP), in Nigeria durch verantwor tungsloses Management, in Kanada durch Ölsandausbeutung mit öko logischem Ödland (Alberta), verseuchten Gewässern und steigenden Krebsraten als Folgen, radioaktive Kontaminierung größerer Land schaften und Meeresteile durch Atombombenversuche in der Südsee, durch große Atomkraftwerksunfälle in Three Miles Island, Tschernobyl, Fukushima, durch die Wiederaufbereitungsanlagen in Majak im Süd ural und Windscale/Sellafield, zahlreichen mit Quecksilber verseuch te Landschaften als Folge von Bergbau, industriebedingte Verseuchung weiter Landstriche im Umfeld von Bitterfeld in Deutschland. Umfang reiche amerikanische und russische Erschließungsvorhaben im Nord meer mit seiner hochempfindlichen Ökologie wecken böse Ahnungen. Bedauerlicherweise ließe sich diese Liste noch lange fortsetzen, wenn man die einzelnen Staaten systematisch durchginge. Mutter Erde ist mit zahlreichen ökologisch verödeten Gebieten bedeckt, die weiter zuneh men. Die Biosphäre treibt in Richtung auf weitere regionale oder auch weiter gespannte Katastrophen zu und zwar durch unsere ausbeute rische Art, wie wir Menschen die Erde managen, bewirtschaften und nach unserem Gutdünken entwickeln. Real nehmen verseuchte Land striche und Gewässer als „Fälle“ und flächenmäßig zu, die Zahl der Ar ten und die Populationen innerhalb der überlebenden Arten nehmen dramatisch ab, gleichzeitig wachsen die Ansprüche an natürliche Res sourcen durch das fortschreitende Anspruchsverhalten und das Bevöl kerungswachstum. Man wird gerade bei zunehmenden ökologischen Katastrophen nicht immer darauf warten können, bis in den wie auch immer verseuchten Gebieten die Regenerierung auf natürliche Weise einsetzt oder technokratisch betrieben wird wie in den ostdeutschen In dustriekloaken nach der Wiedervereinigung. Mehrere schwer steuerbare weltweite Orientierungen und Prozesse be drohen zusammen, gewissermaßen synergetisch, die Vielfalt der Bio 207 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre sphäre, je länger umso mehr: die weltweite, ungebrochene Wachs tumsorientierung mit ihren Umweltschäden bei sich gleichzeitig verknappenden Ressourcen, die nach wie vor beachtliche Zunahme der Weltbevölkerung, die fortschreitende Industrialisierung der Landwirt schaft u. a. Ihre Arsenale an chemischen Düngern, Pflanzenschutzmit teln, Hormonen, Tierarzneimitteln und riesigen und schweren Gerät schaften und weitere Faktoren führen zu fortschreitender Reduktion der Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen und ganzen Biotopen (vgl. die Roten Listen gefährdeter Arten auf internationaler und auf regionaler Ebene) und zur nachhaltigen Schädigung/Zerstörung komplexer, öko logischer Systeme. Neu daran ist einerseits die Größe der geschädig ten bzw. zerstörten ökologischen Systeme und andererseits, dass die beschriebene Auszehrung der einzelnen miteinander vernetzten öko logischen Systeme nicht nur in einzelne weitere Zusammenbrüche, sondern in Kettenreaktionen einmünden könnte. Es wird zu eng, ei gentlich überall auf der bewohnten bzw. nur ausgebeuteten Erde. Die Spielräume menschlicher Nutzung und Ausbeutung schwinden, sind weitgehend ausgeschöpft. Nahezu überall stoßen menschliche Entwick lungsprojekte an die biologischen Kapazitätsgrenzen der Regeneration. Biologen ist die prekäre Situation bewusst, die herrschenden Allianzen ignorieren sie und tun wenig, fast nichts. Die Grenzen des Wachstums: Sind sie bereits überschritten? Oder gibt es noch Handlungsspielräume und wie groß sind sie? Eine Lösung für die bedrohlich gegenläufigen Entwicklungen von Mensch und Biosphäre kann nur in einer auf Nach haltigkeit zielenden, umfassenden Gesamtstrategie bestehen (vgl. Ab schnitt 7.2.5), z. B. der wesentlichen Erweiterung der Schutzzonen, wie Wilson vorschlägt. Aber: Die Vielfalt des Lebens ist und bleibt unsere Lebensgrundlage. In den besiedelten Gebieten sind es die zahlreiche Aktivitäten der norma len menschlichen Entwicklung, die diese Reduzierung der Biodiversität und der belebten Natur tagtäglich bewirken. Der Flächenverbrauch für Siedlung, Verkehr, Industrieanlagen u. a. betrug in Deutschland täglich 73 ha im Mittel für die Jahre 2010–2013, mit einschneidenden Folgen; er ist zusammen mit der Landschaftszerschneidung eine der wichtigs ten Ursachen für das Artensterben. Die Weltbevölkerung wächst weiter, die Arten und die Populationen der verbleibenden Arten nehmen ga loppierend ab. 208 wIe kann zukunft gelIngen? Bestimmte gegenwärtige Formen Landwirtschaft zu betreiben, sind als Hochrisikopolitik einzuschätzen. Die Wirtschaft und mit ihr die fort schreitende Industrialisierung der Landwirtschaft fokussieren auf kurz fristige ökonomische Effizienz, nicht auf Nachhaltigkeit, d. h. langfris tige Nutzung. Beispiel 1: Die Pflanzenselektion. Die industrialisierte Landwirtschaft produziert mit ihrem Instrumentarium: schweren Ma schinen, Pflanzenschutzmitteln, chemischen Düngern, hohem Pesti zideinsatz, teilweise auch durch Monokulturen, großflächiger Anbau, gentechnische Selektion u. a. fortschreitende Bodendegradierung, teil weise auch irreversible ökologische Schäden, Trinkwasserprobleme und problematische Rückstände in Nahrungsmitteln. Das Prinzip der Saat gutproduzenten ist Anbau selektierter, patentierter Sorten in riesigen Mengen, eine ethisch fragwürdige und hochriskante Vorgehensweise. Charisius weist auf die enormen Risiken dieser Selektionspolitik durch Erreger von pflanzlichen Infektionskrankheiten hin: „Ihre Namen sind TilV, Ug99 und Phytophthora … Sie vernichten die Nahrungsgrundlage von Hunderten Millionen Menschen. Das Virus TiLV etwa bringt den Süßwasserfisch Tilapia um. Ug99 ist ein Pilz der Weizen sterben lässt. Phytophthora, ebenfalls ein Pilz, befällt Kartoffeln und andere Früch te … 90 % aller Weizensorten sind anfällig für den Pilz, der sich von Ostafrika aus über die Welt verteilt. In Afghanistan bedroht er schon die Ernährung der Menschen. Und was Phytophthora angeht, zeigt die Geschichte: Mindestens eine Million Iren verhungerten Mitte des 19.  Jahrhunderts, weil die von Phytophthora ausgelöste Kartoffelfäule das wichtigste Grundnahrungsmittel vernichtet hatte, anderthalb Milli onen Menschen wanderten aus. Derzeit breitet sich ein Stamm namens Blue 13 in Südeuropa aus, er ist aggressiv wie nie und widersteht allen Pflanzenschutzmitteln. Die Welternährung hängt von etwa 150 Pflan zen ab, drei von ihnen – Reis, Mais und Weizen – liefern allein mehr als die Hälfte der Nahrungsenergie“ (Charisius 2016b, S. 33). Der plötzliche Ausfall selektierter Sorten durch Schädlinge kann zu großen Hungers nöten führen, die auch durch die diversen Samenbanken nicht von jetzt auf gleich behoben werden können. Falls sich diese Hochrisikotech nik mit selektierten, genveränderten Nahrungsmitteln in der Landwirt schaft trotz zunehmender Gegenwehr weiter durchsetzen sollte, ist mit unkalkulierbaren ökologischen und gesundheitlichen Risiken sowie einer großflächigen Kontaminierung nebst Folgeschäden zu rechnen. Genveränderte Pflanzen wurden von Monsanto mit dem Argument propagiert, sie würden höhere Erträge liefern und geringere Mengen an 209 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre Pestiziden benötigen. Folgt man dem Datenvergleich Hakims von gen veränderten Pflanzen in den USA und traditionellem Anbau in Europa (Hakim 2016), so werden beide Versprechungen nicht eingelöst. Dem entsprechend ziehen vor allem die Saatgutkonzerne Vorteile aus gen technisch veränderten Pflanzen, während die gesundheitlichen Risiken und die ökologischen Folgeprobleme den betroffenen Bauern und Ver brauchern aufgebürdet werden. Beispiel 2: Der Umgang mit Phosphor bzw. Phosphat. Phosphor in der Form von Phosphat gilt als das wichtigste Wachstum fördernde bzw. be grenzende Element im Ökosystem und wird von allen Lebewesen ge braucht. Die Ertragssteigerungen der Landwirtschaft wurden seit dem zweiten Weltkrieg wesentlich durch Düngung mit Phosphat erreicht. Phosphat gehört zu den nicht erneuerbaren Rohstoffen. Die bekannten abbauwürdigen Phosphatlagerstätten sind nach Expertenmeinung sehr bald erschöpft, einige sagen ab 2020, andere etwas später. Was dann? Es gibt keinen Ersatz für Phosphat. Die Zeit drängt also. Es gibt spärli che Versuche der Rückgewinnung von Phosphat. Die negativen Folgen der aktuellen Handhabung der Phosphatdüngung: Eutrophierung der Gewässer durch Ausschwemmung und Anreicherung der Böden mit im gebräuchlichen Phosphat enthaltenen Schadstoffen wie Cadmium, radioaktiven Substanzen u. a. kommen dazu. Das Bundeslandwirt schaftsministerium unter Frau Aigner hat entsprechende Recherchen vor einigen Jahren totgeschwiegen. Von einem nachhaltigen Umgang mit diesem wichtigen Rohstoff kann nicht die Rede sein. Beispiel 3: Der Pestizideinsatz. Bei den Pestiziden wiederholt sich seit vielen Jahrzehnten in Variationen dasselbe Szenario: Ein Hersteller fin det einen Wirkstoff heraus, mit dem man, so die Anpreisung, einen spezifischen Schädling erfolgreich bekämpfen und viel Geld verdienen kann. Es folgen Testversuche des Herstellers, durch die die Unbedenk lichkeit des Wirkstoffs für andere Tiere nachgewiesen werden soll. Üb licherweise wählen die Hersteller dazu wenige Modellorganismen aus, reduzieren die Komplexität der Natur also bedenklich. Die interesse geleiteten Testuntersuchungen führen zunächst zur Vertriebsgeneh migung. Unabhängige Studien folgen und weisen die Mängel der Test untersuchungen und weitreichende Schadwirkungen des Pestizids bei Mensch und Natur nach. Das Pestizid wird von den Aufsichtsbehörden verboten. Doch die ausgebrachten Gifte bleiben in der Natur, verbreiten 210 wIe kann zukunft gelIngen? sich in und durch Wasser und Wind weltweit. Dass sich die Wirkung von Pestiziden artspezifisch begrenzen ließe, erweist sich immer wie der als ziemlich naive Illusion bzw. durch Geldgier motivierte Vorspie gelung falscher Tatsachen. DDT ist Jahrzehnte nach dem fast weltweiten Verbot überall auf der Erde nachweisbar, auch in den Polregionen. Und dann wiederholt sich das Szenario von neuem, immer wieder. Ein neu es Pestizid wird angepriesen … Wie lange soll dieses Umwelt Gewinn Ping Pong weitergehen? Gegenwärtig tobt der Kampf um den Einsatz der Stoffklasse der Neo nicotinoide und des Glyphosat. Beide sind meistverkaufte Pestizide. Es geht also um viel Geld und mit entsprechend aggressiver Dreistigkeit streiten die Herstellerkonzerne mit Aufsichtsbehörden oder vor Gerich ten um die weitere Vertriebsgenehmigung, ohne jegliche Einsicht in die fatalen Folgen ihrer Produkte. Neonicotioide (Sparmann/Zankl 2017) sind maßgeblich an der dramatischen Dezimierung der Bienen und der Bestäuber und Insekten überhaupt beteiligt, weil sie sich weit über die Einsatzgebiete hinaus verbreiten. Die Funktionsfähigkeit der Ökosys teme hängt von den Insekten ab. Eine umfassende Bestandsaufnahme hat die Intergovernmental Science Policy Plattform on Biodiversity and Ecosystem Services, eine UN Organisation, vorgelegt (http://www.ipbes.net/sites/default/files/downloads/pdf/polination_chapters_final.pdf). Auch falls Glyphosat keinen nennenswerten Einfluss auf Krebserkran kungen haben sollte, es lässt dennoch vielerorts, wo es in der Natur und in Lebensmitteln auftaucht, fatale Nebenwirkungen erkennen. Viele Forscher halten die Aufsichtsbehörden, die sich primär auf die in teressengeleiteten Tests der Konzerne verlassen und selbst kaum unab hängige Untersuchungen durchführen und auf seriöse Forscher ange wiesen sind, für naiv, rückständig und befangen. Es spricht viel dafür, dass die von Pestiziden verursachten ökologischen Schäden häufig die damit erzielten Gewinne weit übersteigen. Aber: Bienen und andere Be stäuber stellen keine Rechnung, aber sie verschwinden lautlos und mit ihnen ihre ökologischen Dienstleistungen. Würden diese ökologischen Dienstleistungen der Bestäuber als Kosten von Pestiziden in deren Prei sen berücksichtigt und müssten die Hersteller für Umweltschäden haf ten, wären viele Pestizide unerschwinglich bzw. es gäbe mangels Rendite keine Hersteller. Die Gesellschaften werden für die Risiken der Herstel ler in die Haftung genommen. Ob die Gerichte und dann vor allem die 211 zur gegenwärtIgen sItuatIon beI klImawandel, umweltbelastungen und bIosphäre Politiker in den anstehenden und folgenden Konflikten die richtigen Entscheidungen, nämlich die zugunsten der ökologischen Systeme und damit der menschlichen Lebensgrundlagen treffen werden? Gegenwär tig gibt es dafür keine nennenswerten Anzeichen. Hochrisikopolitik. Der Leiter des UNEP (United Nation Environment Programme), Achim Steiner, zieht in einem Interview mit Markus Balser eine deprimieren de Bilanz der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen durch die Wirtschaft. Allein die 3000 bedeutendsten Unternehmen ver ursachen einer UN Studie zufolge jährliche Umweltschäden von zwei Billionen Euro. Originalton Steiner: „Das natürliche Kapital der Welt wird in großem Stil vernichtet … Der Raubbau an der Natur durch die Wirtschaft setzt sich seit Jahren ungebremst fort … Ein sechstes globa les Massensterben hat begonnen … In vielen Konzernen gilt noch im mer die Devise: Natürliche Ressourcen sind unerschöpflich. Dabei müs sen wir längst schmerzhaft spüren, dass das nicht mehr stimmt … Viele Volkswirtschaften sind noch immer blind für den enormen Einfluss der Artenvielfalt von Tieren, Pflanzen und anderen Lebensformen und ihre Rolle für das Ökosystem … Kosten für Umweltschäden tragen Versi cherer, die Bevölkerung und Steuerzahler“. Eine aktuelle Schätzung des United Nation Environment Programme kommt zu dem Ergebnis, dass die Arten heute 100 mal schneller aussterben als von der Evolution vor gegeben (Balser 2010). Die Beschlüsse der Pariser UN Klimakonferenz 2015 laufen darauf hin aus, andere globale Probleme als die in Paris diskutierten (z. B. Verseu chung der Meere) und die Biosphären Zeitbombe vorläufig weitgehend zu ignorieren, an Wachstumszielen festzuhalten, negative Folgeerschei nungen des Wachstums als mehr oder weniger unvermeidbare Kollate ralschäden zu definieren und technokratisch anzugehen, d. h. die Schä den zu reparieren, aber die Ursachen des Dilemmas auszuklammern. Zudem ist damit zu rechnen, dass aus dem forcierten Wachstum neue „Baustellen“ entstehen, die die betroffenen Länder vor schwer lösbare Aufgaben stellen. Grenzen des Wachstums, seit 1972 von Experten er forscht, diskutiert, fortgeschrieben und mit grundsätzlich praktikablen Vorschlägen versehen (Meadows u. a. 1972, 2006), finden keinen nen nenswerten Widerhall bei den wirtschaftlichen und politischen Eliten. 212 wIe kann zukunft gelIngen? Die Biodiversitätszeitbombe wird sich also weiter entwickeln und die Risiken für die Lebensbedingungen des Menschen erhöhen. Wirksam zu entschärfen wäre sie vermutlich, wenn überhaupt, nur durch einen radikalen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft und beider Steue rung unter dem Leitbild Nachhaltigkeit, weltweit. Zahlreiche Untersu chungen sehen nur diesen Weg, auch die zu den Grenzen des Wachs tums. Aber wer soll diesen Prozess auf den Weg bringen? Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger setzen nach wie vor auf Wachstum, vermutlich auch große Teile der Bevölkerungen. Der Ökumenischer Rat der Kirchen, der Dalai Lama und Papst Franzis kus betonen in ihren Äußerungen übereinstimmend die Notwendigkeit einer radikalen Veränderung der Leitziele sowohl der wirtschaftlichen und politischen Institutionen als auch der individuellen Lebensführung. Ob ihre fundamentale Zivilisationskritik auch innerhalb ihrer Religi onsgemeinschaften mehrheitliche Akzeptanz und persönliche Bereit schaft zum engagierten Einsatz für die Umwelt finden können, bleibt abzuwarten. Gegebenenfalls wäre dies eine hoffnungsvolle Basis für die in absehbarer Zeit unabdingbaren Veränderungen in der individuellen Lebensführung, in Wirtschaft und Gesellschaft. 7 2 Hindernisse für die Bewältigung der Umweltprobleme 7 2 1 Konfliktformen In einigen Passagen vorausgegangener Kapitel wurde mehrfach insbe sondere auf die gewaltsamen Konflikte hingewiesen, die die Mensch heitsgeschichte bis in die Gegenwart begleiten und die, wie beschrieben, als Antriebskräfte der Evolution anzusehen sind. Es stellt sich also die Frage, ob diese gewaltsamen Konflikte soweit auf friedliche Auseinan dersetzungen und Regelungen zurückgeführt werden können, dass die erforderlichen gemeinsamen Anstrengungen zur Bewältigung der an stehenden Probleme nicht blockiert werden. Wie bereits erwähnt, wür de die Fortdauer der gewaltsamen Konflikte sehr wahrscheinlich kei ne Sieger, sondern nur Verlierer hinterlassen, weil die Erhaltung der Lebensbedingungen aller Menschen durch gemeinsame Anstrengun gen im Schlachtgetümmel nicht realisiert werden könnte. 213 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme In diesem Kontext werden zwei Konfliktformen unterschieden, die für die Erhaltung der Lebensbedingungen des Menschen zentrale Be deutung haben. Erstens handelt es sich um Konflikte zwischen Groß gruppen, zwischen Gesellschaften oder gar Staatenbünden. Diese alt hergebrachte Konfliktform ist, wie schon erwähnt, in der Evolution bereits angelegt, ursprünglich als Selbstbehauptung der Gruppe und als Schutzfunktion der Gruppe für ihre Mitglieder begründet. Sie ist letzt endlich auch ein Kampf um die Macht und Selbsterhaltung zwischen Gruppen, wo auch immer und mit welchen Motiven auch immer, häu fig mit Gewalt in der Form von Kriegen. Zweitens hat sich offensichtlich nach dem zweiten Weltkrieg als Folge der weltweiten Verflechtungen eine Konfliktform erst neu entwickelt. Die wirtschaftlichen und politi schen Entscheidungsträger mehr oder weniger aller Staaten verfolgen eine Wachstumspolitik um jeden Preis und geraten damit in Gegensatz zu Teilen der intellektuellen Eliten, zu Religionen und zu bürgerschaft lichen Initiativen und Verbänden, die eine Abkehr von der Wachstum spolitik und stattdessen eine konsequente Orientierung an der Nach haltigkeit der Lebensgrundlagen einfordern. Diese Konfliktform zeigt zwei Varianten. Bei den meisten entwickelten Gesellschaften verläuft die Konfliktlinie quer durch die Gesellschaften/Staaten zwischen Ent scheidungsträgern und Teilen der Zivilgesellschaft, die eine Mitwirkung und Korrektur bei den Entwicklungszielen der Gesellschaft einfordern. Da die Entscheidungsträger der Industriestaaten zusätzliche Anstren gungen gegen die Klimaerwärmung von den Entwicklungsländern ein fordern, kommt es hier auch zum Konflikt zwischen reichen und armen Ländern, wobei letztere mit Hinweis auf die langjährige Verschmut zungspraxis der Industrieländer deren Unterstützung bzw. Kostenüber nahme verlangen. Zu einem Teil verläuft eine Konfliktlinie also auch zwischen den Industrie und Entwicklungsländern. 7 2 2 Zur weltweiten Konfliktlage Im vorausgegangenen Kapitel wurden mehrfach die Konflikte als Hin dernis für gemeinschaftliche Ziele und Aktionen weltweit benannt. Wie sind die aktuellen Konfliktlagen zu beurteilen? Man kann zwischen quasi globalen Konflikten unter den großen Macht blöcken USA, China, Indien (?) Russland, Europäische Union und re 214 wIe kann zukunft gelIngen? gional begrenzteren Konfliktzonen unterscheiden. Zusätzlich gibt es in kleinerem Maßstab dauerhaft angespannte bilaterale Verhältnisse quer über den Globus, die wir hier übergehen. Die USA, Japan, China, Eu ropäische Union, Indien und Russland verfolgen mit gespannter Auf merksamkeit, nicht ohne wenig produktive Sticheleien, die Aktionen des jeweils anderen gewissermaßen als Konkurrenten. Einen dritten Weltkrieg haben die ehrgeizigen Machthaber jedoch vermieden. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sie die unabsehbaren Risiken eines neuen Weltkriegs scheuen und deshalb darauf achten, kriegerische Aus einandersetzungen gezielt regional zu begrenzen, z. B. in der Ukraine, wo es letztlich um den Einflussbereich Russlands geht, der seit der Er weiterung der Europäischen Union und der Nato auf die ehemaligen Ostblockstaaten erheblich geschrumpft ist. Dieser Konflikt könnte im Falle von Eskalationen zu einem Großbrand werden. Allem Anschein nach wollen weder Russland noch die Nato und ihre Partner eine derar tige Eskalation des Konflikts, aber eigene Interessen sichern. Dies ist die für diesen Kontext wesentliche Botschaft. In großen Teilen ist fast ganz Nordafrika ebenso wie der Vordere Orient von gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt. In Ost und Westafri ka haben islamisch fundamentalistische Überzeugungen neben ethni schen Aspekten zentrale Bedeutung. Die Kämpfe auf den Staatsgebie ten des Irak, Syriens und Lybiens, die teilweise Bürgerkriegscharakter aufweisen und in der Form des Islamischen Staates eine neue Staats gründung einschließen, werden zusätzlich zu den religiösen, teils fun damentalistischen Motiven beteiligter Gruppen von nationalistischen Interessen der formell unbeteiligten, aber tatsächlich auf unterschied liche Weise mitwirkenden Staaten Iran, Saudi Arabien, Ägypten und Türkei beeinflusst. Die Situation vor Ort wird als verworren und un übersichtlich beschrieben. Die Expansion des auch in anderen Ländern höchst aggressiv aktiven islamischen Staats hat zu Interventionen von Russland, der USA und Staaten der europäischen Union und anderen geführt, Interventionen, die auch wegen der unterschiedlichen Inter essen die hoch gefährliche Gemengelage noch gefährlicher und kom plizierter machen. Eine dauerhafte Befriedung ist noch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Vier Nationen stehen in den Startlöchern, um sich für die Vormachtstellung im Nahen Osten zu profilieren (Iran, Saudi Arabi en, Ägypten, Türkei). Man kann nur hoffen, dass sich die Kämpfe nicht durch Eskalationen welcher Art auch immer noch mehr ausweiten. 215 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Die verworrene Konfliktlage im Nahen Osten schafft im Übrigen in der Europäischen Union als ganzer mit dem Flüchtlingsproblem eine tief greifende Krisensituation mit sich polarisierenden Haltungen, die als Destabilisierung und Machtverlust nach innen und außen zu verstehen ist. Darüber hinaus entstehen, sei es durch Terroranschläge oder de ren Androhung oder sei es durch den Flüchtlingsandrang und seine Be wältigung, sowohl in Deutschland als auch in der Europäischen Union deutliche Konfrontationen auf den politischen Ebenen als auch in den Bevölkerungen, Konfrontationen, die sich in nationalen Sonderwegen, in Demonstrationen und gewaltsamen Entladungen äußern. Insgesamt bewirken die gleichermaßen chaotischen wie gewaltsamen Auseinan dersetzungen im Nahen Osten und in Afrika eine Schwächung der Eu ropäischen Union und einiger ihrer Staaten, indem sie lähmenden, in ternen Streit erzeugen und für andere Aufgaben benötigte personelle und materielle Ressourcen binden. Auf dem amerikanischen Kontinent (Nord und Südamerika) sind seit geraumer Zeit keine gewaltsamen Konflikte zwischen Staaten fest zustellen und hoffentlich auch nicht zu erwarten, wenngleich die in nenpolitische Lage in einigen Staaten (Venezuela, Mexiko, Kolumbien) funktionsfähige Gemeinwesen kaum zustande kommen lässt und das Scheitern dieser Staaten droht. Die zahlreichen Brennpunkte von akuten Krisen und gewaltsamen Konflikten geben Anlass zur Sorge und führen dazu, dass von der UNO und der NATO diverse Einsätze als Befriedungs und Unterstützungs programme gefahren werden, an denen sich insgesamt viele Staaten be teiligen. Aus Deutschland gab es am 12.01.2016 (www.bundeswehr.de ) 17 Bundeswehreinsätze in Europa und dem Mittelmeer, in Asien, in Ost und Westafrika. Die skizzierte Konfliktlage zeigt eine auffällige Konzentration auf Vor derasien, Nord , West und Ostafrika. In diesen gewaltsamen Konflik ten spielen neben politischen, wirtschaftlichen und manchmal eth nischen Aspekten religiöse Überzeugungen eine zentrale Rolle. Es handelt sich dabei überwiegend um Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Ausprägungen des Islam, die sich allerdings auch ge gen religiöse Minderheiten und, wie in Teilen von Afrika, z. B. in Ni geria, im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik, gegen 216 wIe kann zukunft gelIngen? dort vorherrschende christliche Glaubensgemeinschaften richten. Man kann aus diesem Sachverhalt einerseits den Schluss ziehen, dass zurzeit weltweit gewaltsame Konflikte überwiegen, in denen religiöse Überzeu gungen neben anderen Motiven eine herausragende Rolle spielen. Hier setzt sich also die Geschichte fort, ein Ende ist nicht abzusehen. Das ist die bedauerliche Botschaft. Unter den zahlreichen fundamentalisti schen Religionsgemeinschaften sind gegenwärtig einige islamische mit ihrer ausgeprägten Aggressivität und ihrem hemmungslosen Morden auch unter Einsatz des Lebens der Anhänger besonders gefährlich für die störungsanfälligen westlichen Gesellschaften. Bisher gelingt nicht einmal ihre Begrenzung. Während die Nachrichten auf die Nahostkonflikte fixiert sind, drin gen andere Konfliktlagen weniger im Bewusstsein der Öffentlichkeit durch. Der indische Präsident Modi lässt der gleichermaßen funda mentalistischen und nationalistischen Hindutva Bewegung irritierend große Entfaltungsspielräume, so dass Muslime, religiöse Minderheiten und Intellektuelle als Opfer von Gewaltexzessen nicht mit dem Schutz der staatlichen Institutionen rechnen können. Wer den Hindutva Ge folgsleuten mit Kritik entgegentritt, lebt gefährlich, riskiert sein Leben ( Nagarkar 2016). Die bestehende Rechtsordnung wird in den genannten und zahlreichen anderen Fällen faktisch nicht vollzogen. Pakistan und Afghanistan leiden unter dem Terror der Taliban. In Tibet unterdrückt die chinesische Zentralregierung nach wie vor die freie Religionsaus übung der Bevölkerung. Auf den Philippinen und in Malaysia schwe len die Konflikte mit islamischen Gruppen mit periodischen Aktuali sierungen vor sich hin. Die Fluchtbewegungen aus zahlreichen Staaten und die beschriebenen Konfliktszenarien weisen darauf hin, dass es aus unterschiedlichen Gründen in immer mehr Staaten kaum gelingt, funk tionsfähige staatliche Gemeinwesen zu schaffen oder zu erhalten. In den übrigen Teilen der Erde gibt es zwar auch immer wieder Ausei nandersetzungen um und über Religionsgemeinschaften und ihre Leh ren, sie bleiben aber weit überwiegend friedlich, Gewaltexzesse sind sel ten. Man kann also, abgesehen von den terroristischen Interventionen, außerhalb der soeben beschriebenen Gebiete von einer Entwicklung in Richtung auf Koexistenz religiöser Gemeinschaften und Vorstellungs welten in mehr oder weniger pluralistischen Gesellschaften sprechen: in Europa, Amerika, Australien, Teilen von Asien und Afrika. Das ist die 217 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme positive Botschaft. Weil gewaltsame Konflikte um Machtgewinn oder Ressourcen auf globaler Ebene seit dem zweiten Weltkrieg vermieden werden, kann man aus dem dargestellten Sachverhalt bisher anderer seits folgern, dass die politischen Machthaber bemüht sind, ihre Konflik te möglichst ohne Gewalt auszutragen oder Gewalt in begrenztem Rah men zu fahren, weil sie sich der unkalkulierbaren Risiken und Kosten von globalen Kriegen bewusst geworden sind. Man könnte diese offen sichtliche Vorsicht bei weit reichenden Kriegsentscheidungen als Ein sicht verstehen, dass solche Kriege nicht mehr zu gewinnen sind bzw. für die Initiatoren mehr Schaden als Nutzen bewirken können. Für Russland könnte das Desaster in Afghanistan mit der folgenden Popu larisierung von Drogen im eigenen Land ebenso wie die Auflösung der Sowjetunion eine Warnung gewesen sein. Für die USA war die Schlap pe in Vietnam eine erste, aber wohl noch keine hinreichende Warnung vor Angriffskriegen. Denn G.W. Bush hat ja noch den Irakkrieg herbei gelogen, der nur kurzfristig als Sieg verbucht werden konnte, kein Pro blem wirklich gelöst, aber in entscheidendem Maße die Ausgangslage für das aktuelle Kriegsfiasko im Vorderen Orient produziert hat. Man kann sich nicht sicher sein, dass die Amerikaner diese Lektionen wirk lich verstanden haben. Tritt das Land doch immer wieder so auf, als könne es autark, unabhängig von anderen Ländern seine Entscheidun gen treffen und Probleme durch Kriege lösen. Jedenfalls fehlt den agie renden Politikern häufig Respekt, Kenntnis und Verständnis für andere Kulturen. Daraus erwachsen nicht beabsichtigte, negative Folgen auch für die USA selbst. Fazit: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde bisher ein dritter teils mit Glück, teils wohl bedacht, vermieden. 7 2 3 Was tun mit den Religionskonflikten? Die Wurzeln der Religionskonflikte liegen, soweit es nicht um Miss brauch/Einsatz von Religionen mit ganz anderem Interessenhinter grund handelt, in der Eigenart und dem Anspruch der Religionen, über die eine wahre Deutung menschlicher Existenz und die damit verbun denen Wegweisungen zu verfügen. Religionsgemeinschaften wähnen sich deshalb legitimiert, andere Religionen zu bekämpfen, auszurotten oder ihre Anhänger zu missionieren bzw. zur Konversion zu zwingen. 218 wIe kann zukunft gelIngen? Dieses Denkmuster hat zu den bereits erwähnten Religionskriegen ge führt. Es mag auch einzelne Religionsgemeinschaften gegeben haben, die ohne diesen Herrschaftsanspruch ausgekommen sind. Wenn Religionen dieser Anspruch auf Absolutheit innewohnt, wie kann es dann überhaupt zu pluralistischen Gesellschaften, zu einem friedli chen Nebeneinander kommen? Nicht wenige westliche Politiker prei sen das demokratische Gesellschaftsmodell als Lösung an und verken nen dabei die beschriebenen Hintergründe religiöser Konflikte ebenso wie die örtlichen Kulturtraditionen, die für die Etablierung von ange messenen Herrschaftssystemen zu berücksichtigen sind. Ich rechne hier nicht mit einem für alle Länder und Konflikte anwendbaren Lösungs modell, das sich wiederholt anwenden ließe. Man wird diese Frage viel mehr in jedem Einzelfall anhand der geschichtlichen und kulturellen Ausgangssituation und der in ihr wirkenden maßgeblichen Machtha ber klären müssen. Im christlichen Europa haben die Kirchen trotz der unsäglichen Kriegsgemetzel untereinander nicht aus eigenem Antrieb zu pluralistischen Gesellschaften gefunden. Es waren die Staaten, die die Kirchen zu einem friedlichen Nebeneinander genötigt haben, weil das Gezänk unter den Kirchen und der kirchliche Einfluss die staatli che und gesellschaftliche Entwicklung beeinträchtigt und behindert ha ben (vgl. Kap. 4.5.4, 4.5.5). Insbesondere die römisch katholische Kirche hat sich gegen den Entzug von Einfluss und Gestaltungsrechten vehe ment gewehrt und sie versucht es noch heute, soweit sie dazu Chancen sieht wie lange Zeit in ihren europäischen Hochburgen Spanien und Ita lien; sie hat sich mittlerweile mit der Situation abgefunden und auch die freie Wahl der Religion als Menschenrecht anerkannt (Wolf, H.H., 1966). Dies ist mitnichten als Verzicht auf eigene gesellschaftliche Gestaltung zu verstehen, wo immer diese möglich erscheint. Auch außerhalb Europas gilt in einigen Ländern mit unterschiedlichen Akzenten die freie Wahl der Religion und hat letztlich zu einer Art Reli gionsmarkt geführt, in dem die in einer Gesellschaft aktiven Religions gemeinschaften in einem gewissen Wettbewerb miteinander stehen und um Anhänger konkurrieren. Viele religiöse Minderheiten sind wegen der Verfolgung in Europa in die USA ausgewandert und haben deshalb aus dieser Erfahrung selbst von Anfang an die Freiheit der Religions ausübung in ihre Verfassung eingebracht, ein Novum in der Geschichte. Selbst im osmanischen Reichlebten lebten lange Zeit mehr Christen als 219 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Muslime, ermöglicht durch die Unterordnung religiöser Bekenntnisse unter die dominante säkular politische Rechtsstruktur, eine Vorausset zung für die pluralistischen Gesellschaften der Gegenwart. Weil den meisten Religionen der Anspruch auf Allgemeingültigkeit in newohnt, ist ihnen auch das Potenzial zum Fundamentalismus eigen, das in zahlreichen Religionen epochenweise von einer latenten in eine manifeste Phase und umgekehrt übergangen ist und weiter übergehen kann. Die fundamentalistischen Gruppen akzeptieren nur die Welter klärung ihres Glaubens und lehnen alle weltlichen Erklärungen, die sä kularen Institutionen und ihre Verbindlichkeiten ab. Der allgemeine Geltungsanspruch von Religionen wird zum Fundamentalismus, wenn er sich aktiv und aggressiv gegen andere Religionen oder die säkulare Rechtsordnung wendet, sei es durch grundsätzliche verbale Attacken, Erschwerung der Lebensverhältnisse, Entzug von Rechten, Formen physischer Bedrohung, Konversionszwang oder physische Vernichtung durch Gewaltanwendung. Eine präzise Grenzziehung bleibt schwierig. Gewöhnlich wird zwischen friedlichen und deshalb unauffälligen fun damentalistischen Religionsgemeinschaften, wie z. B. den Zeugen Jeho vas und den hochgradig aggressiven und gewaltbereiten unterschieden, die andere Religionen beseitigen und weltliche Gesellschaften ummo deln wollen bzw. aktiv darauf hinarbeiten. Damit das Neben und Gegeneinander der Religionsgemeinschaften friedlich bleibt, ist eine gemeinsame, verbindende Basis mit einer ver bindlich regelnden Institution unabdingbar. Der Staat ist in den gegen wärtigen pluralistischen Gesellschaften diese höchste Instanz, die das generelle Wertekonzept der Gesellschaft und konkrete Verhaltensricht linien allgemein verbindlich festlegt, interpretiert und kontrolliert, d. h. die Rahmenbedingungen für Individuen, Organisationen und eben auch Religionsgemeinschaften schafft. Es ist ein unverzeihlicher Fehler, dieses generelle gemeinsame Wertekonzept, wie viele Liberale dies tun, nur formalistisch aber gerade deshalb universal zu sehen. Es ist viel mehr eng mit der Geschichte eines Landes verbunden. Wie nicht an ders zu erwarten war, hat die jeweilige Geschichte der einzelnen Länder unterschiedliche Ausprägungen pluralistischer Gesellschaften hervor gebracht. Treten Gruppen ohne den angestammten historischen Hin tergrund in eine solche Gesellschaft ein, ist nahezu zwangsläufig mit 220 wIe kann zukunft gelIngen? Problemen zu rechnen, wie die Schwierigkeiten mit der Integration der diversen Migrantenströme in mehreren Ländern zeigen. Hier interessiert das Grundmodell pluralistischer Gesellschaften, auf dessen Vorgeschichte, z. B. den Religionsfrieden im römischen Reich ab 313 durch die Mailänder Vereinbarung oder auch die Duldung ande rer Religionsgemeinschaften im mittelalterlichen Islam hier nicht einge gangen wird. Gemeint sind hier demokratische, rechtsstaatliche Gesell schaften, die den Bürgern generell das Recht der freien Religionswahl unter Bedingungen einräumen. Erstens: Sowohl die Glaubensgemein schaft als Organisation als auch ihre Gläubigen müssen den Staat als höchste Entscheidungsinstanz und seine staatliche Ordnung anerken nen. Zweitens: Die Konzeption einer pluralistischen Gesellschaft im pliziert die Aussage, dass mehrere Deutungen von Menschsein, Ge sellschaft und Welt in der Gesellschaft ein Existenzrecht haben – ein Gegensatz zur Sichtweise fast aller Religionen, die ihre eigene Perspek tive für die allein richtige halten. Drittens: Pluralistische Gesellschaften setzen eine Entkopplung von Staat/Gesellschaft und Religion voraus. In der westlichen Zivilisation hat sich diese Entkopplung schrittweise ent wickelt, als das Monopol der Deutung des Menschseins der Religionen durch eine Struktur von Deutungshoheiten abgelöst wurde (= Entsak ralisierung) und auf diese Weise Regelung und Kontrolle von Lebens bereichen immer mehr auf den Staat und andere Institutionen über ging, also „religionsfreie“ Lebensbereiche entstanden. Damit ist ein einschneidender Machtverlust der Religionen verbunden. Die Deutung von Menschsein in der Welt aus einer Hand ist zwar nicht dem An spruch nach, aber real in den Ländern der westlichen Welt zerbrochen und wird nun arbeitsteilig und kooperativ von vielen beteiligten Insti tutionen versucht und – partiell – geleistet. Viertens: Religion verliert damit den Anspruch auf die Gestaltung der Gesellschaft, wird Privatsa che. So das Modell. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint dieses hier nur grob skizzier te Pluralismusmodell in den Gesellschaften der westlichen Zivilisation einigermaßen zu funktionieren. Dafür seien zwei Gründe genannt. Einerseits sind die Religionsgemeinschaften schwach, weil die Regelung und Kontrolle zentraler Lebensbereiche (Wirtschaft, Arbeit, Freizeit, öf fentliche Verwaltung, Gesetzgebung) vom Staat und von anderen Insti tutionen übernommen wurde und dominiert wird. Stärke bzw. Schwä 221 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme che von Religionen werden nicht ausschließlich, aber maßgeblich durch zwei Merkmale bestimmt. Je mehr einerseits Lebensbereiche einer Ge sellschaft durch Religionen geregelt und direkt oder mittelbar kontrol liert werden und je mehr die Mitglieder den religiösen Weisungen fol gen, desto stärker ist eine Religion – und umgekehrt. Ein Extrem ist die alle Lebensbereiche umfassende Sakralisierung des Werte und Verhal tenskodexes. Das andere der Rückzug von Religionen auf Transzenden tales, der in sich widersprüchlich ist, weil Religionen immer auch Weg weisung für das Diesseits leisten wollten und wollen. Hinsichtlich der Wert und Verhaltenskontrolle sind die Religionen in den meisten west lich geprägten Gesellschaften mehr oder weniger schwach, weil ihnen in zentralen Lebensbereichen keine Deutungshoheit zugestanden wird. Zugespitzt formuliert ist eine funktionsfähige pluralistische Gesellschaft auf schwache Religionen im beschriebenen Sinn angewiesen. Starke Re ligionen nehmen unweigerlich erheblichen Einfluss auf die Gesetzge bung und drängen andere Religionsgemeinschaften an den Rand. Andererseits enthalten die bisher in den Ländern der westlichen Zivilisation aktiven traditionellen Religionsgemeinschaften gegenwärtig relativ we nig Konfliktpotenzial, weil sie fast ausschließlich aus demselben christ lichen Traditionszusammenhang stammen und daher ihre Wert und Moralvorstellungen ähnlich sind und teilweise in säkularisierter Form in die staatliche Ordnung eingegangen sind. Diese Situation beginnt sich durch die Zuwanderung islamischer Glaubensgemeinschaften zu ändern. Aus dem gegenwärtigen Funktionieren zu schließen, dass die ses Pluralismuskonzept auch in Zukunft noch sicher funktionieren wer de, ist ein Trugschluss. Das beschriebene Pluralismusmodell bleibt nur erfolgreich, solange die formulierten Bedingungen sich nicht wesent lich verändern: Wenn die Religionsgemeinschaften einer Gesellschaft im soeben beschriebenen Sinn schwach sind und in ihren Wert und Verhaltenskodizes keine völlig unvereinbaren inhaltlichen Positionen aufweisen, die eine gemeinsame staatliche Ordnung unmöglich ma chen. Dementsprechend passen in die deutsche Gesellschaft nur Mig ranten, die neben ihrer religiösen Ordnung die staatliche respektieren. Dieses Pluralismuskonzept impliziert auf Deutschland bezogen einige zu wenig durchdachte und daher kaum haltbare Annahmen und auch konzeptbedingte Bedrohungspotenziale; es dürfte deshalb kaum geeig net sein, alle gegenwärtig bestehenden Religionen in einem staatlichen 222 wIe kann zukunft gelIngen? Gemeinwesen einigermaßen friedlich neben einander existieren zu las sen. Erstens: Die Vorstellung, man könnte Religionen auf den Privatbereich beschränken, widerspricht dem allgemeinen Geltungsanspruch der meisten Religionen. Religionsgemeinschaften sind soziale Systeme mit einem ausgeprägten Selbstverständnis, mit Vorstellungen über das Wa rum und das Wie des Lebens und wollen diese Vorstellungen zu sozi aler Wirklichkeit machen. Religionen akzeptieren den Staat als oberste Rechtsetzungsinstanz zumindest formell. Die Gestaltung der Gesell schaft nach eigenen Vorstellungen stellen Religionsgemeinschaften je doch nur in dem Sinn zurück, dass sie nicht auf deren generelle Durch setzung pochen. Tatsächlich setzen sie ihre Vorstellungen im Rahmen der Selbstverwaltung in eigenen Einrichtungen durch; mehrere Reprä sentanten von Religionsgemeinschaften äußern sich periodisch zu ak tuellen politischen Themen, z. B. zur Flüchtlingsproblematik, sehr zum Verdruss so mancher Politiker; sie nehmen sich mit ihrem Anspruch nur zurück, um überhaupt in einer Gesellschaft präsent sein zu können; sie tun dies entgegen dem eigenen Anspruch nur, wenn und solange die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse sie zu dieser Selbstbeschrän kung zwingen, d. h. wenn sie selbst zu schwach zur Durchsetzung ihrer Vorstellungen sind. Schwäche bedeutet hier, dass der Staat und andere Institutionen wie Wissenschaft, Gewerkschaften, Verbände usw. sach gebietsbezogen Ziele, Normen und Maßnahmen kontrollieren. Tat sächlich versuchen Religionsgemeinschaften mit den ihnen verfügba ren Mitteln auf die Gesetzgebung in ihrem Sinn Einfluss zu nehmen, durchaus legal wie die zahlreichen anderen Lobbyverbände. Privati sierung der Religion ist das nicht. Verquickungen von Staat und Kir chen bzw. anderen Religionsgemeinschaften sind weder in Deutschland noch in Ländern mit formal strikter Trennung von Staat und Kirche zu übersehen. Zweitens stehen pluralistische Gesellschaften vor der schwierigen Auf gabe, für mehrere unterschiedliche, nicht selten widersprüchliche reli giöse Wert und Deutungssysteme einen übergreifenden, möglichst wi derspruchsarmen rechtlichen Rahmen ohne allzu viele Sonderrechte für einzelne Gruppierungen zu entwickeln, um soziale Ordnung zu ermög lichen. Ein widerspruchsarmer rechtlicher Rahmen muss mit mehreren Problemen zurechtkommen: Einerseits implizieren unterschiedliche 223 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Religionen mit ihren je eigenen Geltungsansprüchen unterschiedliche Lebensentwürfe für ihre Mitglieder und damit nicht auflösbare Wider sprüche, oft auch Gegensätze. Andererseits beinhalten die je eigenen Geltungsansprüche der Religionen keinesfalls die volle inhaltliche An erkennung der Rahmenregelungen des Staates und seiner Entscheidun gen, die mehr oder weniger zustimmend oder auch kritisch hingenom men werden. Religionsgemeinschaften stehen den häufig weit gefassten staatlichen Verhaltensregelungen immer wieder kritisch gegenüber und fassen sie im Rahmen ihrer Selbstverwaltungskompetenz nach ihren Prämissen, meistens deutlich strenger und mit deutlich weniger Wahl möglichkeiten, in Deutschland z. B. in den Feldern Familie, Leben und Tod, Sexualmoral, Arbeitsrecht u. a. Der Staat respektiert in einigen Fel dern kirchliche Regelungsansprüche mit dem Effekt, dass in den Kir chen andere Regeln gelten und durchgesetzt werden können als außer halb: Partieller Verzicht des Staates auf Durchsetzung seines Rechts und individueller Verzicht auf staatliches Recht durch Personen in kirchli chen Einrichtungen. Der Staat hat in Deutschland aber auch neue Ak zente gesetzt, indem er etwa seit 1990 auf der Grundlage der Würde der Person den Selbstbestimmungsrechten des Individuums z. B. in sozialen Belangen und im Sozialrecht erhebliche Entscheidungsbefugnisse zu ethisch bedeutsamen Problemen eingeräumt hat, Entscheidungsbefug nisse, mit denen sich die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und auch der Mitglieder der Kirchen identifizieren. Für die Kirchen ist diese weitgehende Individualisierung ethischer Entscheidungen nicht akzeptabel. Infolge solcher und anderer Diskrepanzen bleibt das Ver hältnis von staatlicher Oberhoheit einerseits und Religionsfreiheit so wie Selbstverwaltung der Religionen andererseits eine labile, konflikt trächtige und stets neu zu entwickelnde Balance. Die Geschichte der deutschen pluralistischen Gesellschaft ist reich an solchen Konflikten einschließlich zahlreicher Prozesse vor den staatlichen Gerichten mit Güterabwägungen zwischen verschiedenen Rechten, bis zum heutigen Tag. Das führt auch zu Ungleichheitseffekten vor dem Recht. Ein simp les Beispiel: Muslime und Juden dürfen Tiere durch Schächten schlach ten, weil das Schächten als Teil der Religionsausübung gesehen wird, die Vorrang vor dem Tierschutz hat, andere Bürger dürfen dies nicht. Staat liches Recht wird also durch den Vorrang der freien Religionsausübung immer wieder ausgehebelt. 224 wIe kann zukunft gelIngen? Drittens: In Artikel 4 legt das deutsche Grundgesetz die Freiheit des re ligiösen Bekenntnisses fest: „(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewis sens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekennt nisses sind unverletzlich. (2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.“ Diese Formulierung ist, ohne jede Einschränkungen, wie sie in anderen Grundrechtsartikeln zu finden sind, vorsichtig aus gedrückt, irreführend. Vermutlich haben die Väter des Grundgesetzes dabei nicht an totalitäre Religionsformen gedacht, die außer ihren ei genen Überzeugungen keine andere dulden, die demokratische Ver fassung des Staates ablehnen und aktiv bekämpfen. In diese Kategorie gehören viele fundamentalistische Religionen, darunter insbesondere diejenigen mit einer ausgeprägten Neigung zur gewaltsamen Durchset zung der eigenen Überzeugungen, z. B. die Salafisten, aber auch radi kale politische Gruppierungen. So schrankenlos, wie Artikel 4 formu liert, kann die Wahl der Religion also real nicht sein und bleiben. Es ist fraglich, ob sich diese unbegrenzte Glaubensfreiheit angesichts un terschiedlicher kampfbereiter fundamentalistischer Gruppen auf Dauer in der bestehenden Formulierung aufrechterhalten lässt. Der pluralisti sche deutsche Staat ist wie bisher mit Religionsgemeinschaften funkti onsfähig, die die demokratische Verfassung und den Staat als höchste säkulare Entscheidungsinstanz respektieren. Sehr viel schwieriger ist die Entwicklung einer pluralistischen Gesell schaft mit sehr unterschiedlichen oder gar gegensätzlichen Wertkonfigu rationen von Religions oder Weltanschauungsgemeinschaften. Gegen sätze bzw. krasse Unterschiede lassen sich nicht einfach wegdiskutieren oder gar harmonisieren oder beliebig in die Selbstverwaltung der Reli gionsgemeinschaften verlegen. Das unerlässliche Minimum gemeinsa mer grundlegender Inhalte = Werte ist dann nicht mehr zu erreichen. Eklatante Unterschiede unter Religionsgemeinschaften in der Einstel lung zu Grundrechten, Legitimationsprinzipien, der Stellung von Män nern und Frauen in der Gesellschaft, zu Toleranz Andersdenkender usw. stellt die Funktionsfähigkeit der Rechtsordnung in Frage. Wenn Reli gionsgemeinschaften mit ihren Überzeugungen in deutlichem Gegen satz zu zentralen Inhalten des Grundgesetzes und von Ausführungsge setzen stehen, wird der Staat für seinen Fortbestand Grenzen ziehen müssen. Auch offene Staaten müssen Grenzen ziehen. Es bleibt abzuwar ten, inwiefern sich islamische Gruppierungen zu der zwingend erfor derlichen Übernahme zentraler Grundgesetzinhalte bereitfinden, d. h. 225 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme sich neben ihrer religiös bestimmten auf die staatlich geregelte, säkula re Lebenswelt einlassen. In der Konsequenz wäre damit eine Änderung eigener traditioneller, religiös begründeter Wertsetzungen verbunden. Der Konflikt über die Reichweite staatlicher Rechtsordnung bzw. der Selbstverwaltung der Kirchen und anderer Religionsgemeinschaften zieht sich seit Jahrhunderten durch die deutsche Geschichte und wird durch das Auftreten islamischer Glaubensgemeinschaften mit anderem geschichtlichen Hintergrund sowohl erweitert als auch kompliziert. Es mag sein, dass eine pluralistische Gesellschaft mit kleinen sehr spezi fisch geprägten religiösen Minderheiten in einem Sonderstatus funktio nieren kann. Bei quantitativ großen Religionsgemeinschaften mit vom Grundgesetz deutlich abweichendem Wertekodex sind jedoch erhebli che Wertkonflikte zu erwarten und sogenannte „Parallelgesellschaften“, die dann einfach da sind und da bleiben, kaum zu vermeiden. Es ist doch eine ziemlich naive Vorstellung, man könnte die konsequent Gläu bigen unter den vier Millionen hier lebenden Muslimen in ihren mit dem Grundgesetz nicht konformen Werthaltungen einfach umpolen. Viertens: Es gibt nur wenige Beispiele für pluralistische Gesellschaften, in denen sehr unterschiedliche Religionsgemeinschaften nebeneinan der koexistieren. Muslime sind in Indien, jedenfalls gemessen an den Hindus, eine religiöse Minderheit, aber immer noch das Dreifache der deutschen Bevölkerung. Wer will angesichts der häufigen Gewaltexzes se und Terroranschläge zwischen diesen und anderen Religionsgemein schaften von funktionierendem Zusammenleben sprechen? Ein zweites Beispiel ist anders einzuschätzen: Im Libanon leben mehrere christliche und islamische Religionsgemeinschaften (Engelhardt 1968). Tatsäch lich handelt es sich um mehrere Parallelgesellschaften, die durch ein kompliziertes Regelungssystem als Nation trotz jahrzehntelanger Re pressalien und Störungen von außen noch zusammengehalten werden, immerhin schon über ein halbes Jahrhundert. Es ist sicher schwierig, mehrere religiös geprägte Parallelgesellschaften in einem Staat zusam menzufassen. Wenn ein von allen geteiltes Zugehörigkeitsgefühl besteht und andere Voraussetzungen gegeben sind, z. B. mehr oder weniger ge schlossene Siedlungsgebiete, dann könnte ein derartiger pluralistischer Staat funktionsfähig sein, weil er durch eine gemeinsame Geschichte oder ein übergreifendes nationales Selbstverständnis zusammen gehal ten wird. Der Libanon hat die Fortsetzung der gemeinsamen Staatlich keit bisher geschafft. Eine aggressiv fundamentalistische Gruppe würde 226 wIe kann zukunft gelIngen? diesen Rahmen allerdings sprengen können, und diese Gefahr besteht durchaus real. Die Möglichkeit, dass eine Gruppe z. B. durch eine höhe re Geburtenrate eine klare Mehrheit erhält und in Macht zwecks Um gestaltung der Gesellschaft umsetzt, ist im Libanon bei den islamischen Religionsgemeinschaften eine vorstellbare Entwicklung. Dennoch: Das Zusammenleben mehrerer auch sehr unterschiedlicher Parallelge sellschaften in einem Staat ist ein denkbares und auch real vorstellba res Modell einer pluralistischen Gesellschaft. In den Niederlanden hat man in den 50er und 60er Jahren von Versäulung gesprochen und da mit die Organisation eines großen Teils der Sozialbezüge der Bürger im Rahmen ihrer Religionsgemeinschaften gemeint (Goddjin/Kruijt 1965). Man darf gespannt sein, wie sich die hohen Geburtenraten der ortho doxen Juden in Israel, die der Latinos in den USA, die der Afrikaner ge nerell usw. in naher Zukunft auf die Gestaltung der Gesellschaften aus wirken. Es ist eine wirklichkeitsnahe Vermutung, dass sich in Zukunft im Zuge der weiter zu erwartenden Migrationsströme in den „Gastge sellschaften“ Parallelgesellschaften weiter ausprägen und entwickeln, denn Afrika mit zahlreichen kaum funktionsfähigen Staaten wird bis 2060 seine Bevölkerungszahl voraussichtlich verdoppeln oder verdrei fachen. Jedenfalls beinhaltet der Vorschlag mancher Politiker, man sol le per Gesetz und Unterschrift muslimisch oder auf andere Weise so zialisierte Flüchtlinge zu verfassungstreuen Deutschen und Europäern machen, eine Aufforderung zur partiellen Konversion, einer Art Ge hirnwäsche und ist als ziemlich wirklichkeitsfremd einzuschätzen. In Bezug auf islamische Religionsgemeinschaften scheinen viele Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens keine Vorstellung darüber zu haben, welche Probleme und Widerstände aus dem Merkmal Gesetzesreligion für die gesellschaftliche Integration erwachsen. Tatsächlich laufen die aktuelle Lage und die zu erwartenden Entwicklungen auf die Einschränkung einer völlig unbegrenzten Religionsfreiheit, wie sie Ar tikel 4 des Grundgesetzes formuliert, d. h. auf Grenzziehungen hinaus. Der pluralistische, demokratisch verfasste Rechtsstaat ist fünftens von innen und von außen störanfällig und gefährdet. Seine demokratische Verfassung bietet einerseits radikalen Strömungen ideale Entwicklungs möglichkeiten – unter Krisenbedingungen bis zur Machtübernahme wie 1933. Die gegenwärtige Erfolgssträhne rechtsradikaler Politiker und Bewegungen in vielen Staaten stimmt nachdenklich. So manche eu ropäische Staaten, auch Deutschland, tun sich schwer damit, die fun 227 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme damentalistischen Gruppen wie z. B. die Salafisten, die das Grundge setz offen ablehnen und bekämpfen, unter Kontrolle zu bringen und die Verbreitung ihrer Lehren zu verhindern. Andererseits kann Bedro hungspotenzial auch in starken pluralistischen Gesellschaften von au ßen kommen und Massenpsychosen auslösen. Der Terrorakt gegen das World Trade Center hat in den USA einen kräftigen Rechtsruck mit ins titutionellen Vorsorgemaßnahmen und verbreiteten Spitzelaktionen er zeugt. Wie viele kleinere Terrorakte von außen verkraftet das System der USA, ohne seinen offenen, pluralistischen Charakter aufzugeben? Wie viele desaströse oder auch kleinere Terrorakte würden Frankreich, Deutschland oder andere Staaten verkraften, ohne ihren liberalen Cha rakter einzuschränken oder aufzugeben? An Drohungen fehlt es nicht. Es liegt mir fern, den Lesern das demokratische, pluralistische Gesell schaftsmodell zu vermiesen, ist es doch das einzige, das Freiheit als Ent faltung der Persönlichkeit des Einzelnen wirklich ermöglicht, das aber eben auch dem Missbrauch von Freiheit gute Entwicklungschancen einräumt. Weil mir an einer funktionierenden demokratischen, rechts staatlichen und pluralistischen Gesellschaft sehr gelegen ist, muss ich darauf hinweisen, dass sie keine Selbstverständlichkeit und kein Selbst läufer ist und der sehr wachsamen Pflege durch offene Diskurse und konsequente Kontrolle bedarf. Moderne pluralistische Gesellschaften können in ihrem differenzierten Funktionsgefüge der alltäglichen Ab läufe mit geringem Aufwand empfindlich beeinträchtigt und behindert werden, wie die diversen Terroranschläge von außen, aber auch zahlrei che rechtsradikale Aktionen aus der Bevölkerung von wem auch immer zeigen. Die beobachtbare Neigung von Politikern, Medien und aus der Bevölkerung, hoch emotional bis hysterisch auf Terrorakte zu reagieren, ist sehr gut nachzuvollziehen, weil sie sich aus dem plausiblen Gefühl der individuellen und auch institutionellen Wehrlosigkeit entwickelt; sie mobilisiert aber vor allem Emotionen und kaum Problemlösungen. Offene demokratische Gesellschaften müssen sich wie alle Individu en, Gruppen und Organisationen in ihnen definieren und kommen nicht ohne Grenzziehung aus; sie werden sich nicht auf den inhaltlich widersinnigen, liberalen Formalismus der Religionsfreiheit verlassen können und sich über die Reichweite der Religionsfreiheit und staatli cher Rechtsordnung mehr als bisher Gedanken machen müssen. Offe 228 wIe kann zukunft gelIngen? ne, demokratische Gesellschaften können aus den genannten Gründen zwecks Selbsterhaltung nur bestimmte Religionen akzeptieren, • die den Staat als höchste Entscheidungsinstanz und seine Rechts ordnung respektieren, • die hinsichtlich ihrer Werte und ihrer Moralvorstellungen nicht in markantem Gegensatz zur Landeskultur und untereinander stehen, • die anderen Religionsgemeinschaften fair und friedlich begegnen und • die sich auf eine Zweiteilung der Kultur in einen säkularen und ei nen religiösen bzw. sakralen Bereich einlassen und den säkularen als gemeinsames Bindeglied anerkennen. Fazit: Im Grunde eignet sich das pluralistische Gesellschaftsmodell nur für Religionen, die bereits die Entwicklung zur Zweiteilung der Lebens welt in einen säkularen und einen religiösen Bereich vollzogen haben oder im Begriff sind dies zu tun. Der durch staatliche Rechtsordnung und Kontrolle geregelte Bereich ist der säkulare, der das Bindeglied und die gemeinsame Basis für eine Koexistenz der unterschiedlichen Reli gionsgemeinschaften darstellt. Je umfassender dieser säkulare Bereich ist, desto solider ist die Basis der pluralistischen Gesellschaft. Für fun damentalistische Religionen mit vollständig sakralisiertem Wert und Verhaltenskodex ist mangels gemeinsamer Basis kein Platz in plura listischen Gesellschaften, und in der Weltgemeinschaft sind sie ein ge fährlicher Störfaktor, wenn sie mit ihrer Gewaltbereitschaft und ihrem einseitigen Missionsdrang die bereits bestehenden weltweiten Wech selbeziehungen und die Entstehung gemeinsamer übergreifender Ord nungen behindern. Da Fundamentalismus umfassende, emotional verwurzelte Selbstgewissheit beinhaltet, können Konflikte auch kaum durch Verhandlungen kanalisiert bzw. eingedämmt werden. Zur unmit telbaren Abwehr und/oder zur Abschreckung fundamentalistischer Re ligionsgemeinschaften bleibt nur die – stärkere und falls notwendig – wehrhafte Gegenmacht, ein ernüchterndes Fazit. Eine friedliche Ver meidungsstrategie für Konflikte unter fundamentalistischen Religions gemeinschaften und/oder zwischen ihnen und friedlichen ist nicht in Sichtweite. Auf welcher Basis sollte sie auch aufbauen? 229 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme 7 2 4 Die positive Botschaft: Gemeinsame Beschlüsse und Maßnahmen trotz Konflikten Es ist realistisch und auch zu hoffen, dass die Welt und Großmächte angesichts ihrer immensen Tötungs und Vernichtungspotenziale wei terhin einen globalen Konflikt vermeiden und militärische Einätze re gional begrenzen. Diese Vorsicht schafft Handlungsspielräume, um auf die gemeinsamen Bedrohungen durch Klimawandel, Umweltverseu chung und Biosphärenschwund mit gemeinsamen Abhilfemaßnahmen zu reagieren. Dies scheint – ein hoffnungsvoller Lichtblick – trotz der weltweiten Konfliktlagen bei zwei globalen Bedrohungen zu gelingen. Die Beschlüsse und die bereits vollzogenen Maßnahmen zur Erhaltung und zur Regenerierung der Ozonschicht greifen offensichtlich bereits, haben aber von der Problemerkennung bis zum Einsatz der Maßnah men an die drei Jahrzehnte benötigt. Die Bilanz der bisherigen UN Umweltschutz und Klimaschutzkon ferenzen seit 1972 in Stockholm bis einschließlich der Konferenz in Kopenhagen 2014 sieht eher düster aus. Die notwendigen Fortschrit te sind bei den vorangegangenen UN Klimaschutzkonferenzen über vierzig Jahre lang nicht erzielt worden. Die Erwartungen an die Kli makonferenz in Paris 2015 schwankten vorher nach den vorausgegan genen Verhandlungspleiten zwischen Pessimismus und einem gewis sen, vorsichtigen Optimismus. Die UN Klimakonferenz von Paris 2015 hat immerhin zwecks Begrenzung der Klimaerwärmung zu gemeinsa men Beschlüssen geführt. Die Durchführung fordert von allen Beteilig ten erhebliche Anstrengungen ein. Erfreulicherweise konnten sich die Teilnehmerländer tatsächlich auf gemeinsame Ziele und von einzelnen Ländern selbst vorgeschlagene staatsspezifische Programme einigen, die in der Summe den weltweiten Temperaturanstieg begrenzen sollen: „Das Ziel des Übereinkommens ist in Artikel 2 „Verbesserung der Umsetzung“ des UNFCCC [United Nations Framework Convention on Climate Change] wie folgt geregelt: (a) Begrenzung des Anstiegs der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2° C über dem vorindustriellen Niveau, wenn möglich auf 1,5° C über dem vorindustriellen Niveau. Dadurch sollen die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels deutlich reduziert werden; 230 wIe kann zukunft gelIngen? (b) Die Stärkung der Fähigkeit, sich durch eine Förderung der Klimaresistenz und geringeren Treibhausgasemissionen an die nachteiligen Auswirkungen des Klimawandels anzupassen. Dieses soll in einer Weise geschehen, die nicht die Nahrungsmittelproduktion bedroht; (c) Stärkung der Finanzströme, die zu einem Weg mit niedrigen Treibhausgasemissionen und klimaresistenter Entwicklung führen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Paris-Abkommen) Das Abkommen ist völkerrechtlich verbindlich, enthält aber viele eher vage Formulierungen und keine Sanktionen für den Fall der Nichterfül lung eingegangener Verpflichtungen vonseiten der Länder, die das Ab kommen ratifizieren. Trotz dieser Einschränkungen wurde zum zweiten Mal global ein ent scheidender Fortschritt erzielt, der Hoffnung macht und Erleichterung schafft: Es gibt unter den beteiligten Ländern die Einsicht und eine nicht selbstverständliche Einigkeit, dass in Sachen Klimawandel und insbesondere hinsichtlich der Verwendung von fossilen Brennstoffen zur Energiegewinnung akuter Handlungsbedarf besteht, der sich in den vorliegenden Beschlüssen äußert. Wenn man optimistisch – und das ist sehr optimistisch – unterstellt, dass das Endziel von höchstens 2° C Er wärmung tatsächlich erreicht wird, dürften auch einige positive Wir kungen zugunsten der Biosphäre und anderer Umweltziele, z. B. Stopp der unkontrollierten Regenwaldabholzung, dabei abfallen. Bezogen auf die Ozon und Klimaschutzziele sowie einen kleinen Aus schnitt aus dem Meeresschutz haben sich die Staaten der Erde also zu einer Weltgemeinschaft, richtiger Weltzweckverband zusammengefun den. Das dazu gehörige, zielführende Verhalten muss noch entstehen und eingefordert werden. Besonders bemerkenswert scheint mir, dass in diesem internationalen Aushandlungsprozess diese Zielsetzungen zur Eindämmung der Klimaerwärmung trotz der religiösen Konflik te und der unterschiedlichen politischen Interessen und Konfliktlagen vereinbart wurden. Auch Repräsentanten großer Religionsgemein schaften haben sich positiv zu den Konferenzergebnissen geäußert. Das ist die positive Nachricht: Die teilnehmenden Staaten sind sich der ge meinsamen Betroffenheit durch die Klimaerwärmung bewusst, zu ge meinsamen Aktionen bereit und stellen dafür andere konfligierende 231 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Interessen zurück. Man kann nur hoffen, dass dieser Start zu gemeinsa men Aktionen fortgesetzt wird und nicht zu spät kommt, weil die Natur nicht auf Saumselige wartet. Am 28.10.2016 hat die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis, bestehend aus den 24 zuständigen Ländern und der Europäischen Union, beschlossen, eine Fläche von 1,55 Millionen Quadratkilometern im Rossmeer vor der Antarktis ab 01.12.2017 für 35 Jahre als Meeresschutzgebiet auszuweisen. Andere Meeresteile um die Antarktis sollen als Schutzgebiete folgen. Die Meere um die Antark tis gelten als bisher weitgehend intakte ökologische Systeme und ver danken diese gute Verfassung primär den gefährlichen unberechenba ren Eis und Witterungsverhältnissen sowie den riesigen Entfernungen zu den Fischereiländern; sie haben wegen der dort lebenden Tierarten und der bestehenden, noch intakten Nahrungsketten weltweite Bedeu tung. Damit hat sich für den Meeresschutz ein kleiner Fortschritt erge ben. Weit schwieriger gestalten sich die ausstehenden, aber unerläss lichen Meeresschutzmaßnahmen zwischen den Kontinenten nördlich des Äquators. Zwei dringliche globale Problembündel warten zwecks Bewältigung auf weitere internationale Anstrengungen: Die zu Kloaken verkommenden und bald fischlosen Weltmeere und der Biosphärenschwund. Die ge glückten Kooperationen in allen Ehren. Dennoch bleibt ein gravieren des Handicap: Der Weg von der wissenschaftlichen Problemerkennung zur Akzeptanz durch Politiker und dann weiter zu globalen Zielver einbarungen und schließlich zu wirksamen globalen Aktionen dauert Jahrzehnte, im Fall des Klimawandels fast ein halbes Jahrhundert. Es ist damit zu rechnen, dass die zwischenzeitlich in einzelnen Schadens bereichen weiter anwachsenden Problemstaus teilweise zu irreversiblen Zerstörungen führen, und im Falle noch bestehender Lösungsmöglich keiten die Kosten durch die Verzögerung geradezu explodieren. Die eher paradoxen Versuche zur Bewältigung der Kriegsszenerie im Nahen Osten und die zunehmende Abwehrfront weisen darauf hin, dass die gemeinsamen Probleme in der Form der globalen Netzwer ke mehr Beachtung finden, obwohl die offensichtlich unterschiedli chen Interessen der Beteiligten die nach wie vor dominante nationa listische Orientierung verdeutlichen. In diesem Kontext könnte eine 232 wIe kann zukunft gelIngen? gezielte Eingrenzung und Marginalisierung der Religionskriege die Be wältigung der globalen Aufgaben und Entwicklungen zu Staaten über greifender Verständigung begünstigen. Es bleibt ein beruhigendes Fazit: Obwohl es die politischen und religiösen Konflikte jetzt und vermutlich auch weiterhin gibt, können die Staaten auf dieser Erde zur Bewältigung globaler Probleme doch erforderliche Maßnahmenpakete in Gang setzen. Allerdings könnte der in vielen Ländern erstarkende Nationalismus in Verbindung mit innerstaatlicher Desintegration bzw. Handlungsbe schränkung die beschriebenen kooperativen Ansätze wieder zum Erlie gen bringen. 7 2 5 Der Konflikt über die Zukunft: Wachstum oder Nachhaltigkeit? Beeinträchtigen die beschriebenen Konflikte die Staaten, sich über haupt zur Auseinandersetzung über gemeinsame Probleme, Ziele und zielführende Maßnahmen zusammen zu finden, so geht es bei der zwei ten Konfliktform um die Methode, wie die Erhaltung der menschlichen Lebensbedingungen erreicht werden kann. Dabei steht die Front mehr oder weniger aller Staaten und aller Wirtschaftskonzerne der Gruppie rung von Wissenschaftlern, Religionen, zivilgesellschaftlichen natio nalen und internationalen Initiativen und Organisationen gegenüber: Goliath gegen David? Unter den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern al ler Staaten besteht eine hochgradige Einigkeit darin, dass Wirtschafts wachstum für die absehbare Zukunft das Generalziel der Entwicklung sein soll. Üblicherweise wird argumentiert, dass nur mit wachsender Wirtschaft der Wohlstand erhalten, die Armut verringert oder besei tigt und der erforderliche Umweltschutz bezahlt werden kann. Mittel zur Problemlösung sind in dieser Vorstellungswelt Markt und Tech nologie. Lange Zeit hat das auch mit gewissen Abstrichen funktioniert. Die Losung ist also auch gegenwärtig: weiter wie bisher, aber mit Kor rekturen der „Kollateralschäden“ und mit systemdienlichen Nachhal tigkeitsmaßnahmen. Es ist sicher nicht zu bestreiten, dass diese Auf fassung von einem großen wenn nicht sogar überwiegenden Teil der jeweiligen Bevölkerungen akzeptiert wird, weil er Wohlstandsminde 233 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme rungen und gravierende Änderungen der Lebensführung durch eine Nachhaltigkeitspolitik fürchtet, soweit überhaupt das Nachhaltigkeits paradigma bekannt ist. Dabei spielt es anscheinend keine Rolle, dass die Begründung des Wirtschaftswachstums in zentralen Punkten von den feststellbaren Tatsachen seit Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhun derts widerlegt wird und in der Substanz vor allem auf Eigennutz, Glau bensvorstellungen und/oder Trugschlüssen, jedenfalls nicht auf Wissen über den begrenzten Planeten beruht. Zwar wird der Wohlstand für be stimmte Bevölkerungsteile in den wohlhabenden Länden gegenwärtig erhalten, teilweise vermehrt, jedoch ohne Zukunftsperspektive für künf tige Generationen. Die Armut besteht weiter, die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit nehmen eher zu als ab, weltweit warten auf den Umweltschutz gigantische Aufgaben wie beschrieben, die Weltbevöl kerung in den armen Ländern wächst weiter und ebenso ihr Ressour cenbedarf, während einige nicht erneuerbare Ressourcen zur Neige ge hen und die erneuerbaren Ressourcen zunehmend veröden. Die durch Geldgier verursachten Umweltschäden übersteigen die Investitionen in den Umweltschutz um ein Vielfaches (vgl. Abschnitt 7.1.3). Damit ist die Legitimation für die Wachstumsorientierung von Politik und Wirt schaft verloren gegangen, nicht jedoch ihr Herrschaftsanspruch und ihre Macht. Die zurzeit fortschreitenden Digitalisierungs und Automatisierungs prozesse lassen massenhafte Arbeitsplatzverluste und Verarmungspro zesse beträchtlicher Bevölkerungsteile d. h. eine neue soziale Frage mit erheblich steigender sozialer Ungleichheit, Polarisierung und heftigen sozialen Unruhen erwarten. Das wäre, wenn sich denn Digitalisierung und Automatisierung so vollziehen, wie das einige Experten vermu ten, genau die gegenteilige Entwicklung, die zur Bewältigung der Um weltprobleme als notwendig erachtet wird: nämlich die deutliche Ver minderung sozialer Ungleichheit in den Staaten und international. Die seltsam einmütige Verwendung des Begriffs „bedingungsloses Grund einkommen“ bei weit auseinandergehenden Interessen der Diskutanten, auch von Vertretern der Wirtschaft, mutet geradezu gespenstisch an. Gegenwärtig ist diese Diskussion sowohl sozial als auch wirtschafts politisch noch ziemlich unausgegoren. Gesellschaftspolitisch wäre eine almosenartige Alimentierung eines Heers arbeitsloser Grundeinkom menbezieher letztlich die Preisgabe zentraler verfassungsrechtlicher Ziele, die Beerdigung der sozialen Marktwirtschaft erster Klasse und 234 wIe kann zukunft gelIngen? die Preisgabe der Menschenwürde mangels Teilhabe an der Gesellschaft (vgl. zur Diskussion Büschemann, 2016; Grosser 2016; Hagelüken 2016; Borchardt 2016; Meixner 2017), falls eine derartige politische Vorge hensweise überhaupt wirtschaftlich machbar wäre. Die Digitalisierungs und Automatisierungsentwicklung weist jedoch auch dann, wenn sie gesellschaftspolitisch mit guten neuen Arbeitsplätzen bewältigt werden sollte, sehr deutlich auf das zunehmende Auseinanderdriften von Tech nologieentwicklung und Umweltnotwendigkeiten hin. Kann man die Technologieentwicklung einfach ungesteuert sich entwickeln lassen? Während Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik verbissen an ihrem Leitbild Wirtschaftswachstum festhalten, können nur we nige Länder trotz großer Anstrengungen entsprechend klare Erfolgs bilanzen vorweisen. Ist der zurzeit praktizierte Kapitalismus das rich tige System? Stößt der Kapitalismus bzw. die praktizierte Form eines hemmungslosen und asozialen Kapitalismus an Grenzen? Unter Hin weis auf Mentalitätsänderungen in der jungen Generation, die angeb lich lieber teilt statt besitzt, und unter Hinweis auf die enormen Steige rungen der Produktivität durch die moderne Kommunikationstechnik äußert Jeremy Rifkin (Rifkin 2014) die Meinung, dass eine neue indust rielle Revolution bevorstehe, der Kapitalismus nicht mehr funktioniere und von einem Super Netz abgelöst werde, das Kommunikation, Ener gieverteilung und Logistik bündelt“ (Bohsem/Hulverscheidt 2014, S.19). Rifkin knüpft zwar an realen Gegebenheiten an, entwirft dann jedoch eher Zukunftsvisionen, deren empirische Evidenz sich dem Leser nur schwer erschließt. Gegenwärtig sind keine überzeugenden Anzeichen zu erkennen, die eine Ablösung des kapitalistischen Systems durch eine andere Wirtschaftsform ankündigen. Dennoch spricht viel für Rifkins Einschätzung, dass der Kapitalismus nicht mehr funktioniert. Denn der Kapitalismus scheitert bei der Bewältigung der sich bereits ereignenden Weltprobleme und kriselt in vielen Ländern vor sich hin. Bezogen auf Umweltprobleme hat sich der „Markt“ bisher nicht als erfolgreicher Re gulator bewährt. Ohne sich für die Bewältigung der anstehenden Prob leme als das angemessene System profilieren zu können, hat der Kapita lismus die meisten Länder der Erde dennoch fest im Griff. Die Gewinnmaximierungsstrategien von Bankern und vielen Unter nehmern haben sich im Laufe der Kapitalismusentwicklung weitgehend von ethischen Grundsätzen verabschiedet und verlagern, wie globale 235 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Krisen z. B. der Banken zeigen, die Risiken ihrer spekulativen Aktio nen auf die Bevölkerungen. Die Verfechter des Kapitalismus und der marktradikalen Praxis beschwichtigen die Bevölkerungen vieler Staa ten überdies mit dem Versprechen weiteren Konsumwachstums und behindern damit auch die bloße Wahrnehmung der anstehenden Pro bleme. Ihre Leitziele Wettbewerb, Individualismus und konsumorien tierte Lebensführung stehen in deutlichem Gegensatz zu der Solidarität der Menschen untereinander, die von vielen Seiten zur Bewältigung der anstehenden Probleme als entscheidende menschliche Qualität für un umgänglich gehalten wird. Letztlich verkümmert in der marktradikalen Praxis die altruistische Komponente des Menschseins: ein Rückschritt in der menschlichen Entwicklung. Viele Wissenschaftler, einige Abteilungen der UNO, der World Wide Fund of Nature (WWF), Repräsentanten des Ökumenischen Rates der Kirchen, der römisch katholischen Kirche und des Mahayana Buddhis mus und zahlreiche bürgerschaftliche Initiativen sowie Organisationen in zahlreichen Ländern sehen die Zukunft der menschlichen Lebens bedingungen gerade durch die Fixierung auf Wachstum und kurzfris tige Gewinnmaximierung sowie die daraus erwachsenden Probleme bedroht. Dazu zählen der Raubbau und Verschleiß bei nicht erneuer baren Ressourcen, die Verödung sowie Qualitätsminderung der erneu erbaren Ressourcen Land, Weiden, Wälder sowie Inhalts und Sinnlo sigkeit menschlicher Lebensführung. Auf einem begrenzten Planeten ist angesichts anhebender Überbevölkerung kein grenzenloses Wachs tum möglich; sie plädieren deshalb für eine Neuorientierung der indivi duellen Lebensführung und gleichermaßen der Gesellschaft sowie der Wirtschaft. Neuorientierung ist notwendig geworden, weil die aktuelle konsumorientierte, geld und materialmäßig aufwendige Lebensweise mangels Ressourcen in den reichen Ländern nicht mehr lange aufrecht erhalten und in den armen Ländern nie erreicht werden kann. Neuori entierung zielt auf die dauerhafte Versorgung der gesamten Weltbevöl kerung und damit auf die Erhaltung und Pflege der erneuerbaren und der nicht erneuerbaren Ressourcen: Nachhaltigkeit in allen Lebensbe reichen. Gegenüber diesem in sich stimmigen Konzept für die Gestaltung der Zukunft verweisen die Wachstumsfetischisten zur Problemlösung auf die allgemeinen Mechanismen der Technologie und des Marktes. Die 236 wIe kann zukunft gelIngen? se Mechanismen haben jedoch das aktuelle Dilemma miterzeugt, weil inhaltliche Ziele und damit ethische und politische Gesichtspunkte ge genüber individuellen und kollektiven Gewinnmaximierungsmotiven in den Hintergrund gedrängt wurden, abhängige Variable wurden. Die ser Verweis auf Technologie und Markt kann als partieller Politikver zicht in zentralen Feldern der Lebenswirklichkeit verstanden werden. Letztendlich fehlt ein schlüssiges Konzept für die dauerhafte Versor gung der Weltbevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern. Die welt weit verbreiteten Liberalisierungsbemühungen verstärken den ohnehin dominierenden individuellen und kollektiven Egoismus weiter zulasten solidarischen Verhaltens; sie münden, was den bevorstehenden Kampf um die Ressourcen anbelangt, ein in die Durchsetzung des bzw. der Stärkeren, d. h. eine bittere Niederlage der Menschenrechtsbewegungen bzw. einen Rückschritt in der so notwendigen Entwicklung von Solida rität. Seit der 1972er Veröffentlichung zu den Grenzen des Wachstums hat sich eine umfassende, differenzierte und zugleich überzeugende Litera tur entwickelt, warum dieser epochale Paradigmenwandel zur Nachhal tigkeit notwendig ist und wie er erreicht werden kann. Ob es tatsächlich und rechtzeitig die von Randers geforderte Nachhaltigkeitsrevolution geben wird? Die Machtunterschiede und ebenso die Differenzen in den Vorstellungs welten der beiden Konfliktgruppierungen könnten größer kaum sein. Dennoch bestehen gewisse symbiotische Kontakte zwischen den Blö cken. Die zivilgesellschaftlichen Nachhaltigkeitsakteure finanzieren in Deutschland trotz erheblicher ehrenamtlicher Arbeit teilweise Kosten ihrer Arbeit aus öffentlichen Zuwendungen; sie beteiligen sich auf un terschiedlichen Ebenen an der politischen Willensbildung und setzen auch so manche Maßnahme durch; sie leisten also mit ihrem Wissen und ihrem Engagement aktive und reale Beiträge zum Umweltschutz – und entlasten damit die öffentlichen Institutionen von eigenen Auf wendungen und von bürgerschaftlicher Kritik. An der grundsätzlichen Haltung der öffentlichen Institutionen ändert dies bisher wenig: Nach haltigkeit ist im Detail erwünscht, jedoch nicht als Organisationsprin zip der Gesellschaft. Bis auf weiteres ist nicht damit zu rechnen, dass die Nachhaltigkeitsvertreter als David sich gegen den Goliath der Wirt schafts und Politikeliten sowie der Bevölkerungsmehrheiten durchset 237 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme zen werden. Dennoch ist der Konflikt noch nicht zu Ende; auch wenn er bislang nicht gewaltsam ist, hängt für die Erhaltung der Lebensbe dingungen auf der Erde fast alles vom Ausgang dieses Konfliktes ab. Die Nachhaltigkeitsdebatte ist aus den realen Zukunftsproblemen entstan den. Wirtschaftswachstum oder Nachhaltigkeit: Eine echte Alternative kann diese Frage nur für Menschen, Gruppen, Organisationen und Institu tionen bedeuten, die sich bisher entweder nicht mit den bedrohlichen Folgewirkungen durch die aktuell dominierende Wachstumsorientie rung auseinandergesetzt haben und in mehr oder weniger blindem Fortschrittsglauben verharren. Es ist auch nicht unrealistisch, dass so manche Politiker sich der Problemlage bewusst sind und auf die Durch setzungskraft der entwickelten gegen die armen Länder setzen. Die Reduktion der Wahrnehmung auf die angenehmen Facetten der Gegenwart konnte schon immer zahlreiche Anhänger gewinnen. Wer sich mit den aktuellen Problemen von der lokalen Feinstaubbelastung in den Städten bis zur globalen Kohlendioxidbelastung der Atmosphäre auch nur oberflächlich auseinandersetzt, wird sich zugunsten der eige nen Enkelinnen und Enkel für den sicher überaus beschwerlichen Weg in eine nachhaltige Gesellschaft entscheiden. Aber wie soll das gehen, wenn die Entscheidungsträger aus Wirtschaft und in ihrem Schlepp tau die aus der Politik abblocken? Je früher nach den Anfangserfolgen mit den erneuerbaren Energien der konsequente Start in die nachhalti ge Gesellschaft erfolgt, desto mehr Zeit besteht für durchdachte Planun gen und Maßnahmen und desto kostengünstiger sind die notwendigen Investitionen, und umgekehrt. Die Vorstellung, dass es unbegrenztes Wachstum gäbe, ist in der Kul turgeschichte seit der Entdeckung von Ackerbau und Viehzucht eine selbstverständliche Erfahrung, die auch die Epoche der Industrialisie rung einschließt und von den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik auch für die Zukunft geglaubt wird. Offenbar ist der Gedanke, dass bisher Selbstverständliches wie das Wachstum auf einmal zu ei nem Problem werden könnte, weil die Erde als Territorium und mit ih ren Ressourcen begrenzt ist, für die Entscheidungsträger und die große Masse der Weltbevölkerung, die von diesen Ressourcen überwiegend nur geringfügig profitiert hat, unvorstellbar. Neu ist also zweierlei: ei 238 wIe kann zukunft gelIngen? nerseits geht es darum, sich überhaupt mit den sich auftuenden Ent wicklungsgrenzen abzufinden. Andererseits entsteht mit dieser Be grenzung die völlig neue Herausforderung, das eigene Verhalten daran auszurichten, dass auch spätere Generationen noch ausreichende Res sourcen für ihre Lebensführung vorfinden. Ist das eine Überforderung? Darüber machen sich bereits viele Forscher, Religionen, zivilgesell schaftliche Organisationen, Abteilungen der UNO, der WWF, einzelne Personen konstruktive Gedanken; sie bilden jedoch eine ziemlich ein flusslose Minderheit in den wirtschaftlichen und politischen Entschei dungskontexten. Ich komme noch einmal auf die in der Einleitung angesprochene Unter suchungsreihe zu den Grenzen des Wachstums zurück. Unter der Lei tung von Dennis Meadows untersuchte ein Team von 16 Mitarbeiterin nen und Mitarbeitern „mithilfe der Theorie zur Systemdynamik und Computermodellen die langfristigen Ursachen und Konsequenzen des Wachstums der Weltbevölkerung und der materiellen Seite der Wirt schaft“ (Meadows u. a. 1972). Die Untersuchung ergab, dass sehr wahr scheinlich Zusammenbrüche erfolgen würden, wenn korrigierende Abhilfemaßnahmen ausblieben, die sich, über bloß verzögernde tech nologische Maßnahmen bei ansonsten gleichen Zielen und Verhaltens weisen hinaus, an dem für die natürlichen Systeme tragbaren Niveau orientieren müssen: Nachhaltigkeit. Die folgenden Untersuchungen von 1992, 2006 und 2012 untermauerten und präzisierten in den zen tralen Punkten die Folgerungen von 1972. Neu war das Ergebnis, dass die Menschheit 1992 die Kapazitätsgrenzen der Erde bereits überschrit ten hatte, sie weiter zunehmend überschreitet und „dass sich die Wege in die Zukunft verengt haben“ (2006, S.  13), weil seit 1972 nur weni ge Anstrengungen in Richtung Nachhaltigkeit unternommen wurden. Der Wachstumsideologie und den von da drohenden Zusammenbrü chen setzen die Autoren als Leitbild von individueller Lebensführung, Wirtschaft und Gesellschaft Nachhaltigkeit entgegen. Über die Definition von Nachhaltigkeit gibt es, wie so oft in der Wissen schaft, keine Einigkeit. Von einer Diskussion der Definitionsvorschlä ge sehe ich ab und fokussiere den Umgang mit Ressourcen als Kern des Umweltproblems, denn die aktuelle Auseinandersetzung kreist um die Frage, wie mit den Ressourcen umzugehen ist. Um eine Vorstellung von dem zu vermitteln, was mit Nachhaltigkeit: mit dem nachhaltigen 239 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme Umgang mit Ressourcen gemeint ist, zitiere ich die Beschreibung von Herman Daly in der Übersetzung von Andreas Held (Daly in Meadows 2016 [2006], S. 54): • „Bei erneuerbaren Ressourcen – wie Böden, Wasser, Wälder, Fischbe stände – darf die Nutzungsrate, wenn sie nachhaltig sein soll, nicht größer sein als die Regenerationsrate der Quelle. (So ist Fischfang nicht nachhaltig, wenn mehr Fische gefangen werden, als nach wachsen können.) • Bei nicht erneuerbaren Ressourcen – wie fossilen Brennstoffen, hochwertigen Mineralerzen, fossilem Grundwasser – darf die Nut zungsrate die Nutzungsrate nachhaltig genutzter erneuerbarer Res sourcen nicht überschreiten, die die nicht erneuerbaren Ressourcen ersetzen soll. (So würde ein Ölvorkommen beispielsweise nachhal tig genutzt, wenn Teile des Ertrags daraus systematisch in Wind parks, Photovoltaikanlagen und Aufforstungen investiert würden, sodass nach Erschöpfung der Ölvorräte ein gleichwertiger Strom erneuerbarer Energie vorhanden wäre.) • Bei einem Schadstoff darf die Emissionsrate nicht höher sein als die Rate, mit der er in einer Senke abgebaut, absorbiert oder unschäd lich gemacht werden kann. (Beispielsweise dürfen nährstoffreiche Abwässer in einen Fluss, einen See oder das Grundwasser nur in Mengen eingeleitet werden, die von Bakterien und anderen Orga nismen noch absorbiert werden können, ohne dass durch Überdün gung das aquatische Ökosystem destabilisiert wird und „kippt“.)“ Der Bestand von erneuerbaren Ressourcen darf also nicht zurückgehen, der Schadstoffpegel darf nicht ansteigen, der Bestand einer nicht erneu erbaren Ressource darf nicht verringert werden, ohne dass Aussicht auf Ersatz durch eine erneuerbare Ressource besteht. Daly beschreibt also, welche Kriterien für den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen einzu halten sind. Das ist offensichtlich unbestritten. Die Meinungsverschie denheiten und die Schwierigkeiten setzen bei der Frage ein, wie man diese Kriterien denn auch in funktionierende gesellschaftliche Struk turen und bei den Menschen in alltägliches Verhalten umsetzen kann. Meadows u. a. gehen anhand von breit recherchierten Daten davon aus, dass diese Kriterien Dalys für Nachhaltigkeit global gesehen zuneh mend nicht eingehalten werden. Anders ausgedrückt: Der Ressourcen 240 wIe kann zukunft gelIngen? verbrauch des Menschen – eine unter dem Begriff „ökologischer Fuß abdruck des Menschen“ entwickelte ziemlich komplizierte Messgröße (Wackernagel u. a. 2002) – übersteigt immer mehr die Ver und Entsor gungskapazität der Erde und macht damit „grundlegende Veränderun gen unvermeidlich“ (Meadows u. a. 2016 [2006] S.  51 131). Es werden also unter dem Gesichtspunkt dauerhafter Versorgung der Weltbevöl kerung erstens zu viele nicht erneuerbare Ressourcen verbraucht und erneuerbare heruntergewirtschaftet sowie dies zweitens mit Leben be drohenden Wirkungen. Unumgänglich ist demnach eine andere, d. h. eine nachhaltige Ressourcennutzung, die auch für die kommenden Ge nerationen ein auskömmliches Leben ermöglicht. Die Autoren gehen von einem breiten Spektrum an Interventionsmöglichkeiten aus; sie be tonen wegen der fortschreitenden Probleme allerdings immer wieder die Notwendigkeit schneller Reaktionen; sie sehen es als großes Pro blem, dass die Staaten als Akteure mit ihren zuständigen Institutio nen zweimal viel Zeit verstreichen lassen, einmal bis sie die Problem lage erfassen und zum zweiten Mal bis sie angemessene Maßnahmen durchführen. Eine Lösung der sich exponentiell entwickelnden Prob leme im Rahmen von an Wachstum orientierten Staaten mittels Markt und Technologie als quasi automatisch regelnden Instrumenten schlie ßen die Autoren aus. Selbstverständlich bleiben Technologien zentra le Instrumente, die jedoch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit für spezifizierte Ziele geplant, entwickelt und eingesetzt werden müs sen. Die Technologie rückt also von einer übergeordneten quasi auto nomen Steuerungsfunktion in eine dienende: Ihr müssen grundlegende Richtungsentscheidungen für nachhaltige Gesellschaften vorausgehen. Dennoch ist damit zu rechnen, dass der Paradigmenwechsel von der Wachstums zur Nachhaltigkeitsorientierung durch Bahn brechende technologische Neuerungen immer wieder, z. B. die Energieversorgung durch erneuerbare Energien und andere Innovationen verzögert und dadurch unter Zeitdruck immer schwieriger wird. Meadows u. a. haben die Grenzen des Wachstums als globales Problem untersucht. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich der Überhang des Ressourcenverbrauchs über die Ver und Entsorgungskapazität in den Regionen der Erde schon bisher unterschiedlich entwickelt hat und dass diese Nachhaltigkeitslücken wahrscheinlich auch in Zukunft sowohl unterschiedliche Verläufe als auch je eigene Profile haben wer 241 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme den, jeweils abhängig von den regionalen Bedingungen und dem Ein satz von Abhilfemaßnahmen. Insofern liegt es, abgesehen von globalen Umweltproblemen (Klima, Weltmeere) auch weitgehend in der Verant wortung der einzelnen Staaten, wie viel Weitsicht und Energie sie in ihre zukünftigen, regionalen Lebensbedingungen zu investieren in der Lage sind. Die gegenwärtige Situation vieler Staaten lässt allerdings be fürchten, dass Kapitalmangel und die fehlende Funktionsfähigkeit ih rer Regierungen einerseits und mangelndes technologisches Wissen andererseits die Wahrscheinlichkeit unzureichender eigener Nachhal tigkeitsbemühungen erhöht und Unterstützung von außen unumgäng lich macht. Falls sich die aktuellen internationalen Strukturtendenzen, d. h. die Ausbeutung der armen durch die reichen Staaten wie gewohnt fortsetzen sollten, werden Zusammenbrüche zuerst besonders die ar men Länder treffen. Neben den Untersuchungen von Meadows, Randers, Wackernagel, Daly und Kollegen, Bossel, WWF u. a. erforschen seit 1972 zahlreiche Forschungsinstitute, wie Nachhaltigkeit schrittweise in lebbare Struk turen und Verhaltensmuster umgesetzt werden kann. Die geforderten Veränderungen decken insgesamt ein breites Spektrum an nachvoll ziehbaren Maßnahmen ab, unter denen viele auch unmittelbar umsetz bar erscheinen, sofern sich, sei es auf der Ebene aller Staaten oder sei es innerhalb der einzelnen Gesellschaften, die Einsicht über ihre Not wendigkeit durchsetzen kann. Auf diesen Teil der Maßnahmen (WWF 2014; Randers/Maxton 2016) wird hier nicht weiter eingegangen. Nach vollziehbare, d. h. plausible Maßnahmen sind aber nicht zwangsläufig auch umstandslos durchführbare Maßnahmen. Während im Kontext nachhaltiger Ressourcennutzung nach meiner Kenntnis die benötigten und mindestens teilweise neu zu entwickelnden Technologien keine un überwindliche Hürde darstellen werden, erfordert die Umsetzung der geforderten personenbezogenen, sozialen und gesellschaftlichen Ver änderungen zusätzlich zu den Nachhaltigkeitsfachleuten auch verant wortungsbewusste Politiker und einsichtige Bürger: Ihnen werden Fä higkeiten und Eigenschaften abverlangt, die bisher gerade einmal bei kleinen Minderheiten festgestellt werden, immerhin. Auf den ersten Blick lassen die harmlos und selbstverständlich daher kommenden Verhaltensvorgaben von Daly nicht erkennen, welche enormen Umwälzungen in Wirtschaft, Gesellschaft und der alltägli 242 wIe kann zukunft gelIngen? chen Lebensführung der Individuen aus ihrer Veralltäglichung erwach sen würden. Es ist keine Übertreibung, wenn Meadows u. a. nach der landwirtschaftlichen und später der industriellen Revolution nun den Übergang zur Nachhaltigkeit als die dritte bevorstehende Revolution bezeichnen. Falls diese Revolution denn gelingen sollte, übertrifft sie die vorausgehenden bei weitem. Während bereits die landwirtschaftli che und die industrielle Revolution durch folgenreiche Entdeckungen und auch völlig unerwartete soziale Herausforderungen sowie Entwick lungen geprägt waren, fordert die Nachhaltigkeitsrevolution von Men schen und Gesellschaften Veränderungen ein, die sich von den in ihnen durch die Evolution angelegten Mustern, nämlich dem individuellen und kollektiven Egoismus grundsätzlich unterscheiden. Für diese personenbezogenen, sozialen und gesellschaftlichen Verände rungen werden wie selbstverständlich sehr grundsätzliche Veränderun gen für unumgänglich gehalten: • Die Gesellschaft soll sich von durch Konkurrenz bestimmten Wachstumszielen zu von Kooperation bestimmten Entwicklungs zielen und • von sozialer Ungerechtigkeit zu sozial gerechter Verteilung entwi ckeln (z. B. bezogen auf Armut und Arbeitsplätze). • Die Individuen sollen sich von materiellen Konsumbedürfnissen zu inneren Werten und • von Konkurrenz und Egoismus zu partnerschaftlichem Verhalten verändern. Was da eingefordert wird, ist nicht weniger als ein Alternativprogramm zu den Entwicklungsgesetzen der Evolution und konkret eine indivi duelle sowie strukturelle Hinwendung zu einer Solidarität, die alle bis her erbrachten Solidaritätsleistungen bei weitem in den Schatten stellt. Wenn diese umfassende Neuorientierung gelingen sollte, dann würde sie eine völlig neue Qualität in die Menschheitsentwicklung bringen. Auf den einzelnen Menschen und seine soziale Einbindung bezogen hatten Judentum, Christentum und Buddhismus bereits teilweise vor ca. 2500 Jahren mit dem Gebot der Nächstenliebe bzw. dem, was Mitge fühl nach dem Verständnis des Dalai Lama bedeutet, ein ähnliches Kon trastprogramm zu den Entwicklungsgesetzen der Evolution angemahnt, 243 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme mit einem gewissen Erfolg. Ohne diese Traditionsgeschichte wären z. B. die Menschenrechte in der Charta der Vereinten Nationen kaum entstanden. Der zwischenzeitliche Geschichtsverlauf macht aber auch deutlich, dass die Menschen mit dieser Vorgabe bis heute mehrheitlich überfordert waren und immer noch sind. Die gegenwärtige, weltwei te Staatenwelt zeigt zu diesen Gegensätzen keine eindeutig nur in eine Richtung weisenden Belege, zumal sie durchaus wesentliche kulturel le Unterschiede aufweist. Einerseits ist die Dominanz von Wachstums zielen, sozialer Ungerechtigkeit, materiellen Konsumbedürfnissen und Egoismus trotz unterschiedlicher Ausprägungen und Abstufungen un verkennbar, ebenso damit assoziierte Phänomene wie Konflikte auf al len Ebenen, Betrügereien und Übervorteilen in zwischenmenschlichen und zwischenorganisatorischen Kontexten. Aber trotz Konflikten und egoistischer Berechnung gibt es auch bei diesem Orientierungsmuster Kooperation und zwischenmenschliches Vertrauen. Andererseits gibt es quer durch zahlreiche Gesellschaften die Menschen, bei denen inne re Werte und partnerschaftlich altruistische Ausrichtung das zwischen menschliche Verhalten überwiegend prägen und dadurch Gesellschaft erst möglich machen. Tatsächlich ist davon auszugehen, dass die Ide altypen des Egoisten und des Altruisten real eher selten vorkommende Extreme darstellen und normalerweise beide Verhaltensdispositionen in jeweils unterschiedlichen Mischungen die Personen prägen. Dabei hat es der partnerschaftlich altruistische Verhaltensmodus besonders schwer, das vorherrschende Verhaltensmuster zu werden, weil hier der eherne Erfahrungssatz der Evolution zum Tragen kommt: „In Koloni en aus tatsächlich kooperierenden Individuen (…) belohnt die Selek tion unter genetisch unterschiedlichen Einzelmitgliedern egoistisches Verhalten. Im menschlichen Gruppenvergleich dagegen belohnt die Se lektion normalerweise Altruismus zwischen den Koloniemitgliedern“ (Wilson 2014, S. 197). Es ist also davon auszugehen, dass egoistisches Verhalten, positiv aus gedrückt Durchsetzungsvermögen, häufig bei Menschen in Entschei dungspositionen zu finden ist und dort ja auch gebraucht wird, um bei der Regeldurchsetzung wirksam zu sein. Durchsetzung der eigenen Person gegenüber anderen Menschen ist aber durchaus häufig mit po sitiven inhaltlichen Zielen verbunden und zugunsten von Akzeptanz auch darauf angewiesen. Andererseits ist es für die Verbreitung von al truistischem Verhalten durchaus nachteilig, dass es zwar anderen Men 244 wIe kann zukunft gelIngen? schen und dem Gemeinwesen nützt, aber mangels Durchsetzungsver mögen auch weniger erfolgreich ist und weniger belohnt wird. Dieser zunächst bestehende Wettbewerbsnachteil des altruistischen Verhal tens in der Ausgangssituation kann in der an Nachhaltigkeit orien tierten Neuorganisation von Wirtschaft und Gesellschaft nur behoben werden, wenn altruistisches Verhalten als typisches Verhaltensmuster gewollt wird, weil es überlebensnotwendig ist und deshalb seinen Sinn in sich selbst trägt; wenn es überdies belohnt wird, trägt dies weiter zu seiner Verbreitung bei. Denn solidarisches Verhalten wird als wesentli ches Element in nachhaltigen Gesellschaften gesehen. Letztlich geht es um angemessene Mischungsverhältnisse beider Komponenten in den Menschen und den sozialen Strukturen und um eine Balance von Ego ismus und Altruismus im gesellschaftlichen Wertekanon, wobei letzte rer einen deutlich höheren Stellenwert erhalten muss als dies gegenwär tig der Fall ist. Eine derartige Entwicklung wäre, falls sie denn gelänge, als der notwendige qualitative Sprung in der Evolution einzuschätzen, der in Verbindung mit entsprechenden gesellschaftlichen Strukturver änderungen Nachhaltigkeit ermöglichen könnte. 7 2 6 Die Beharrlichkeit der Bevölkerung als Problem für den Paradigmenwechsel In den vorausgegangenen Abschnitten war immer wieder von den Ent scheidungsträgern der Wirtschaft und in ihrem Schlepptau von den Politikern als Bannerträger des Wirtschaftswachstums die Rede. Man muss jedoch davon ausgehen, dass die Bevölkerungen zu großen Tei len aus diesem Wirtschaftswachstum für ihre Lebensführung erhebli che Vorteile bezogen. Werden diese „Besitzstände“ durch die von der Nachhaltigkeitsallianz eingeforderte Solidarität merklich eingeschränkt, der Konsum und die diversen Freizügigkeiten reduziert, so ist mit er heblichen, auch gewaltsamen Widerständen zu rechnen. Die meisten Menschen fokussieren die Gegenwart und die nähere Zukunft, wie zahlreiche sprichwörtliche Weisheiten und die alltäglichen politischen Auseinandersetzungen zwischen Politikern, Interessenverbänden, Wis senschaft, Religionen, Bürgerinitiativen usw. zeigen. Auch eher rela tiv kleine, durchaus zukunftsorientierte Veränderungen wie die Erhö hung des Rentenalters führen zu erbitterten Widerständen. Weiter in die Zukunft reichende Ziele wie die dauerhafte Sicherung der Versor 245 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme gung der Weltbevölkerung werden in den breiten Bevölkerungskreisen kaum, eher von einer Minderheit wahrgenommen: bei Wissenschaft lern, intellektuellen Eliten und denjenigen Personenkreisen, die bereits mit Umweltproblemen welcher Art auch immer direkt konfrontiert sind. Menschen reagieren primär auf unmittelbare eigene Betroffenheit und Erfahrungen. Ereignisse in weiter Entfernung gehören selten bzw. nur kurzfristig dazu. Erschwerend kommt dazu, dass eine sensorische Wahrnehmung bei Umweltbelastungen z. B. durch Feinstaub und Ra dioaktivität auch bei direkter Exposition nicht möglich ist. Es ist auch nicht zu übersehen, dass einige Milliarden Menschen voll und ganz da mit ausgelastet sind, überhaupt zu überleben. Ohne diese offensichtlich erwartbaren Widerstände hier weiter zu dif ferenzieren, bleibt festzuhalten, dass die Durchsetzung einer Politik, die vorausschauend die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts und die gesamte Weltbevölkerung in den Mittelpunkt rückt und dafür markante Einbu ßen und Veränderungen einfordert, auf erbitterte, gewaltsame Wider stände treffen wird. Es ist zweifelhaft, ob demokratische Systeme diese Aufgabe erfolgreich schultern können, ob es ohne rigorose diktatori sche Zwangsmaßnahmen gehen wird und ob sich diese gegebenenfalls behaupten können. 7 2 7 Die Multi-Level-Selektion: Erklärungsansatz und Zukunftsperspektive? Eine plausible Erklärung des Dilemmas und gleichzeitig auch ei nen Hoffnungsschimmer für eine Problemlösung bietet die von Wil son formulierte Multi Level Theorie, von der bereits die Rede war (vgl. 2.4.1). Danach gibt es nur in der menschlichen Evolution zwei Selektionsmuster: Das individuelle Selektionsmuster bewirkt im Wettbewerb einzelner Individuen, dass sich der aus welchen Gründen auch immer Stärkere und Egoistischere durchsetzt und seine Anlagen und Fähig keitspotenziale an seine Nachkommenschaft weitergibt usw. Die Un terlegenen verschwinden dagegen aus dem Lebenskosmos. Das indi viduelle Selektionsmuster begünstigt und belohnt extremen Egoismus, Schläue, Einfühlungsvermögen, Weitsicht, Betrug, List, soziale und ko gnitive Intelligenz, strategisches Denken u. a., kurz: alle Fähigkeiten, die die Durchsetzung gegen Mitbewerber ermöglichen. Da sich Menschen 246 wIe kann zukunft gelIngen? zwecks des eigenen Überlebens schon sehr früh in Gruppen zusam mengefunden haben, entwickelte sich in der Evolution des Menschen auch die Konkurrenz zwischen Gruppen und in den Gruppen das, was wir Kultur nennen: gemeinsame Werte und Regeln des Mit und Ge geneinander: Moral. Gruppen – und damit auch ihre einzelnen Mitglie der – waren in der Auseinandersetzung mit anderen Gruppen dann er folgreich, wenn die einzelnen Mitglieder ihr Verhalten dem Wohl der eigenen Gruppe unterordneten und dadurch „altruistische“ Verhaltens muster entwickelten und schließlich auch vererbten. Folgt man Wil son, so haben sich im Lauf der menschlichen Entwicklung die altru istischen Verhaltensmuster und mit ihnen die Kulturen immer weiter ausgeprägt und verstärkt, ohne dass das Nebeneinander von individuel ler und Gruppenselektion verschwunden wäre. Tatsächlich findet man in der weltweiten Gemengelage die Elemente wieder, von denen die Multi Level Theorie handelt. Einerseits findet man reichlich die ehrgeizigen Einzelkämpfer, die vor allem an sich und die eigene vorteilhafte Entwicklung denken und sie teilweise zum Vor teil und teilweise und zum Nachteil anderer durchsetzen, durchaus mit besonderen Fähigkeiten, aber auch mit regelwidrigen Methoden und starkem Ellenbogeneinsatz. Mit anderen Worten: Viele Egomanen nüt zen mit ihrem Ehrgeiz, mit guten Ideen und mit ihrer Energie als Ent wicklungsmotoren häufig dem Allgemeinwohl. Es gibt aber eben auch die unbelehrbaren Narzissten, die vor allem Schaden anrichten. Weil der individuelle Wettstreit mit anderen Einzelpersonen nur begrenz te Erfolge ermöglicht, nutzen und instrumentalisieren viele Menschen Gruppen, auch Organisationen so lange für ihre Zwecke, wie sie ihnen nutzen. Der individuelle Erfolg ist also mehr denn je an Gruppen, Ver bände, Organisationen usw. gebunden. Der Erfolg in und mit der Grup pe führt häufig zu Konflikten mit anderen Gruppen, die den gleichen oder auch einen ähnlichen, aber konkurrierenden Weg gehen wollen und sich von anderen beeinträchtigt, gestört oder auch angegriffen füh len. Andererseits zeigt die weltweite Gemengelage wie eh und je das politisch, wirtschaftlich, religiös oder auch gemischt motivierte Macht gerangel zwischen Großgruppen bzw. Staaten. In diesem Kontext voll zieht sich teils die Konformität mit den Regeln aus Überzeugung, teils die Disziplinierung der jeweiligen Gesellschaftsmitglieder zum Wohle des Ganzen durch ideologischen Loyalitätszwang, durch Arbeitsdiszip lin und Unterordnung oder sogar durch freiwilligen Einsatz des Lebens 247 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme oder andere Formen eines jeweils erwünschten Altruismus. Dabei kann die Bereitschaft zu altruistischem Verhalten nicht mehr allein aus ge sellschaftlichem Druck zugunsten des Überlebens der Gesellschaft ab geleitet werden. Bei großen Teilen der Gesellschaft ist altruistisches Ver halten, so die alltägliche Erfahrung, zu einer eigenständigen, die Person prägenden, vererbbaren Verhaltensdisposition geworden. Viele Per sonen können gar nicht anders als sich altruistisch zu verhalten. Bei de Verhaltensdispositionen: Egoismus und Altruismus, oft in einer ge wissen Verquickung, charakterisieren menschliches Verhalten und sind beide notwendige, Leben erhaltende Antriebe. Die daraus erwachsen den Konflikte auf unterschiedlichen Ebenen sind deshalb normale Er scheinungen. Was also macht die weltweiten politischen, wirtschaftli chen und religiösen Konflikte der Gegenwart zu etwas Besonderem, zu einem gefährlichen Störfaktor? Wo liegen gegenwärtig die Probleme mit etwas eigentlich Normalem: nämlich sozialen Konflikten? Verlierer und Sieger gab es doch immer, bisher. Ich denke, die menschliche Entwicklung hat zu einer ganz und gar neu en Situation geführt, in der es – im Unterschied zu vergangenen Zeit altern – bei einer Fortsetzung des nationalstaatlichen und religiösen Dauergezänks nicht mehr Sieger und Verlierer, sondern nur Verlierer geben könnte, weil die Bewältigung der für alle vordringlichen Über lebensaufgaben – Klima, Meere, Biosphäre, friedliche Konfliktbewälti gung – zu wenig Beachtung erfährt. Es gibt gegenwärtig mehrere von uns Menschen zu verantwortende realistische Szenarien, die schon in absehbaren Zeiträumen nicht nur einzelne Staaten, sondern große Teile der Menschheit oder – im Extrem – die Art Mensch bedrohen: • Das erste hier nur zu nennende Szenarium besteht in den Selbstver nichtungsarsenalen. Mehrere Staaten haben zur Selbstbehauptung in den kriegerischen Auseinandersetzungen höchst effiziente Waf fenarsenale geschaffen, mithilfe derer sie große Teile der Weltbevöl kerung oder sogar die Art Mensch auslöschen könnten (Biologische und chemische Giftarsenale, Atombomben, Wasserstoffbomben & Co.). Die Fähigkeit, sich als Art selbst mit eigener Technologie aus löschen zu können, hat der Mensch als erste Art hervorgebracht. Mehrere Staaten verfügen über solche Mordarsenale. Ihr Erstein satz und folgende Eskalationsprozesse könnten wahrscheinlicher aus Zufällen als aus bewussten Entscheidungen resultieren, da sich 248 wIe kann zukunft gelIngen? die Repräsentanten der Welt und Großmächte zunehmend der Ri siken durch globale Kriege bewusst zu werden scheinen. • Die bereits angesprochenen hausgemachten globalen und regio nal begrenzten Umweltschäden/Umweltzerstörungen, unter ihnen die Klimaerwärmung, könnten große Teile der Weltbevölkerung in neue, d. h. neben den bereits bestehenden zusätzliche lebensbe drohliche Situationen versetzen, und diverse katastrophale Ketten reaktionen auslösen. Auch diese Fähigkeit, globale Naturprozesse selbst zu beeinflussen, haben Menschen als erste entwickelt. Um fassende Gegenmaßnahmen sind zwar angedacht und beschlossen, aber noch keineswegs vollzogen. Beunruhigend sind auch Beob achtungen, dass die Klimaerwärmung z. B. in den beiden überaus bedeutsamen Polregionen deutlich schneller erfolgt und weiter er folgen könnte als bisher angenommen wurde, d. h. dass einige Kip pelemente2 ihren unaufhaltsamen Weg schon bald und irreversibel beginnen könnten. • Ein drittes hausgemachtes Problembündel ist in der bereits be schriebenen, dramatischen Reduzierung der Biosphäre generell und hier besonders der Biodiversität zu sehen. In mehr oder we niger 12.000 Jahren und mit erheblicher Beschleunigung in den letzten drei Jahrhunderten wurden zahlreiche Arten durch Verän derung oder Vernichtung ihrer Lebensräume zu bedrohten Arten gemacht oder zum Aussterben verurteilt und damit die Lebensbe dingungen nachhaltig geschädigt. Angesichts dieser hausgemachten Bedrohungen führen die traditionel len Konfliktformen um Macht oder Vorherrschaft, seien sie wirtschaft lich, politisch oder religiös motiviert, nicht weiter; sie behindern bzw. blockieren konstruktive Maßnahmenpakete. Man kann nicht mehr auf „Markt“ und „Technologie“ als quasiautomatische Regulatoren vertrau 2 „Als Kippelement (englisch: Tipping Element) wird in der Erdsystemforschung ein überregionaler Bestandteil des globalen Klimasystems bezeichnet, der be reits durch geringe äußere Einflüsse in einen neuen Zustand versetzt werden kann, wenn er einen sogenannten Kipp Punkt (Tipping Point) erreicht hat. Diese Änderungen können sich abrupt vollziehen und zum Teil unumkehr bar sein“. (https://de.wikipedia.org/Kippelemente_im_Erdsystem, abgerufen am 18.08.2016). Joachim Schellnhuber, Gründer und Leiter des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, hat das Konzept der Kippelemente um 2000 in die Forschungsgemeinschaft eingebracht. Literarturangaben im Internetartikel. 249 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme en. Im Unterschied zu vergangenen Zeiten ist mit den globalen Bedro hungen die Notwendigkeit zu mittel und langfristigen Zielsetzungen und Programmen verbunden, die mehr oder weniger alle Staaten die ser Erde trotz aller sonstigen Unterschiede zusammen entwickeln und durchsetzen, um das Menschen Mögliche für zukünftiges menschliches Leben zu tun. In den Denkkategorien der Multi Level Theorie heißt das, dass sich die Staaten der Erde, wie in den Vereinten Nationen an gedacht, als Weltgemeinschaft bzw. als Weltzweckverband verstehen, die bzw. der zur Bewältigung der skizzierten Bedrohungen passende Lö sungen sucht und dafür bei ihren jeweiligen Gesellschaften und deren Bevölkerungen entsprechende zielführende „altruistische“ Verhaltens weisen durchsetzt. Dieses altruistische Verhalten beinhaltet konkret deutliche Einschränkungen in Konsum und Freizeitgewohnheiten so wie Teilen mit anderen, d. h. erhebliche Umverteilungen. Das Ziel, für das „altruistische“ Verhaltensweisen in den einzelnen Staaten mobili siert und eingefordert werden müssen, besteht in der dauerhaften Er haltung der Lebensbedingungen. Falls dies gelingen sollte, korrigieren wir also selbst unser früheres Verhalten, weil dies überlebensnotwendig ist. Dies wäre ein qualitativer Sprung in der menschlichen Entwicklung. Im Potenzial zur Kulturentwicklung, das die Evolution dem Menschen zusätzlich auf seinem Weg mitgegeben hat, sind zwei Komponenten zur Bewältigung der anstehenden Probleme enthalten. Einerseits handelt es um die Fähigkeit, das erforderliche Wissen für erforderliche Maß nahmenpakete zu produzieren. Andererseits verfügt der Mensch über begrenzte Kapazitäten, seine eigene Entwicklung in den Gesellschaften durch selbst bestimmte Zielsetzungen und geeignete Regelsysteme zu steuern. In beiden Fähigkeitsbündeln und dem solidarischen Verhalten liegt der Hoffnungsschimmer zur Problemlösung. Damit aus dem Hoff nungsschimmer Wirklichkeit werden kann, muss das globale Überle bensinteresse weltweit als gemeinsames Ziel Priorität gewinnen, so dass die bestehenden und kaum vermeidbaren Konflikte kontrolliert werden können. Bleibt es nun bei dem bekannten Gezänk zwischen Wirtschaftskon zernen, zwischen Staaten, zwischen Religionen usw. oder können sich weltweit, Staaten übergreifend, ein gemeinsames Verantwortungsgefühl und deshalb gemeinsame Aktionen zugunsten der Lebensbedingungen aller entwickeln? Werden sich also die „altruistischen“ Verhaltensmus ter noch rechtzeitig soweit entwickeln, dass sie nicht nur innerhalb der 250 wIe kann zukunft gelIngen? eigenen Gruppe/Gesellschaft, sondern auch Gesellschaften übergrei fend wirksam werden können? 7 2 8 Zwischenfazit Ziehen wir ein kurzes Zwischenfazit: Ohne wirksame und grundsätz liche Neuorientierung reichen weder die nicht erneuerbaren noch die erneuerbaren Ressourcen für künftige Generationen. Zudem nehmen die Kosten zur Bewältigung der Umweltbelastungen wegen der quälend langsam eingeleiteten Maßnahmenpakete bei immer enger werdendem Zeitfenster fortlaufend zu und werden statt Wachstum Rückgang der Wirtschaftsleistung und des individuellen Konsums – möglicherweise allerdings zu spät – erzwingen. • Seit mehr als zwanzig Jahren überschreitet global der Ressourcen verbrauch primär der reichen Länder mit steigender Tendenz die Ver und Entsorgungskapazität der Erde bei weiterhin anhalten dem Bevölkerungswachstum. Problembewältigung auf Dauer be deutet ausgeglichene Balance zwischen Ressourcenverbrauch und Ver bzw. Entsorgungskapazität der Erde, ohne weiteres Bevölke rungswachstum. • In zentralen Politikfeldern wie Landwirtschaft, Güterproduktion, Freizeit/Konsum, Ressourcenverbrauch u. a. laufen die Entwick lungen gegenwärtig weit überwiegend in Richtungen, die der er forderlichen Nachhaltigkeit entgegenwirken. Problembewältigung braucht in allen Lebensbereichen Orientierung an Nachhaltigkeits kriterien. • Die soziale Ungleichheit/Ungerechtigkeit wächst innerhalb und zwischen Ländern weltweit und baut immer größere Hürden für die Bewältigung der Umweltkrise auf, die ohne ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit und ohne stagnierendes Bevölkerungs wachstum nicht zu erreichen ist. Solidarität besteht bisher real aus Almosen und Hilfeleistungen für die Armen und Not Leidenden. Soziale Gerechtigkeit braucht eine strukturelle Lösung, d. h. eine systematische, sozial gerechte Umverteilung der lebensnotwendi gen Ressourcen. Dann hört auch das Bevölkerungswachstum auf. • Gewaltsame Religionskonflikte behindern gemeinsame Anstren gungen zur Problembewältigung. Ein genereller Religionsfriede 251 hIndernIsse für dIe bewältIgung der umweltprobleme ist nicht in Sicht, wohl aber in der Form des Pluralismus ein un ter bestimmten Bedingungen funktionierendes Befriedungsmodell. Fundamentalistische Religionsgemeinschaften bleiben voraussicht lich ein bleibendes Problem, zumal der rasche soziale Wandel in Verbindung mit seinen kaum entwirrbaren Facetten und Kontex ten die Sehnsucht nach überschaubaren und Gewissheit bietenden Deutungsformen des Menschseins sehr begünstigt. • Nationalistische Politik nimmt in zahlreichen Staaten zu und be hindert gemeinsame Anstrengungen zur Problemlösung und ist angesichts der globalen Verflechtungen als widersinniger Ana chronismus zu beurteilen; sie ist auf der Grundlage der Evolutions mechanismen allerdings durchaus plausibel. Problembewältigung braucht jedoch die konsequente Einbeziehung der globalen Proble me in die Politik der Staaten. • Die aktuellen globalen Entwicklungen zu unbegrenzter Liberalisie rung – man kann auch von Sozialdarwinismus sprechen – begüns tigen die Verfestigung von individuellen und kollektiven Egoismen, d. h. genau das Gegenteil von den Verhaltensweisen, die von der Nachhaltigkeitsallianz zur Problembewältigung für unumgänglich gehalten werden: Nächstenliebe, Mitgefühl, Solidarität, Teilen, Par tizipation, Umverteilung, wie die unterschiedlichen Wortwahlen für denselben Sachverhalt zeigen. • Dem geradezu beängstigenden und zeitlich dringlichen Verände rungsbedarf weltweit, jedoch primär in den entwickelten Ländern, steht eine geringe Veränderungsbereitschaft der Entscheidungsträ ger und Bevölkerungen der Staaten entgegen, die sich bereits ge gen relativ kleine und kurzfristig politisch für notwendig gehaltene Veränderungen zur Besitzstandswahrung heftig zur Wehr setzen. Woher soll dann die mehrheitliche Einsicht in umwälzende Ver änderungen und individuelle Einschränkungen kommen, die die künftige Versorgung der Menschheit sichern sollen? Ich habe er hebliche Zweifel daran, dass demokratische Systeme diese Verän derungen auf den Weg bringen können. • Die soeben zusammengefassten Problembündel zeigen an, dass die Sicherung der dauerhaften Versorgung der Weltbevölkerung durch die Orientierung an Nachhaltigkeit eine denkbar schwierige gesell schaftliche, wirtschaftliche und politische Aufgabe darstellt, die mit einem enormen Konfliktpotenzial verbunden sein dürfte, weil sich für alle Menschen vieles ändern müsste. Ich kann zwar gut nach 252 wIe kann zukunft gelIngen? vollziehen, dass Politiker, soweit sie die bevorstehenden Aufgaben überhaupt erfassen, vor dieser Mammutaufgabe zurückschrecken. Die in Kauf genommene zeitliche Verzögerung wird allerdings auch die späteren Erfolgsaussichten drastisch reduzieren und die Kosten erhöhen. Wie mit den anstehenden Umwelt und Versorgungskrisen letztend lich umgegangen wird, entscheidet sich vermutlich in erbitterten Aus einandersetzungen. In ihnen wird das Selbstverständnis des Menschen – welches auch immer – eine zentrale Rolle spielen. Setzen sich die indi viduellen und kollektiven Egoismen sowie ihre Leitbilder wie bisher ur wüchsig durch? Oder können die Staaten noch rechtzeitig und ausrei chend die im Menschen auch angelegte Solidarität so weit entwickeln und zur Geltung kommen lassen, dass die gemeinsamen Interessen: die dauerhafte Erhaltung der Lebensbedingungen der Weltbevölkerung er reicht werden? Anders ausgedrückt: Kann die Kultur des Menschen als Steuerungsinstrument der eigenen Entwicklung auf der Grundlage der Solidarität in der Weise gestärkt werden, dass die bevorstehenden Auf gaben gemeistert werden können? Welche Kräfte können für die erfor derliche Solidarität mobilisiert werden? 7 3 Mit gemeinsamen Überzeugungen zu Nachhaltigkeitsallianzen Es zeichnet sich also eine mittel und langfristige Bedrohungslage ab, wenn weiter am System ansetzende Abhilfemaßnahmen in Richtung auf Nachhaltigkeit unterbleiben. Der Weg zu erneuerbaren Energien ist ein guter Anfang, steckt aber weltweit noch in den Kinderschuhen und verzögert im Erfolgsfall wegen seiner entlastenden Wirkungen für die Staaten und die Wirtschaft den Paradigmenwechsel zur Nachhal tigkeit; er dürfte sich günstig auf die globale Temperaturerhöhung aus wirken, aber von politischen Entscheidungsträgern als Stabilisierungs maßnahme zur Fortsetzung des Wirtschaftswachstums gesehen werden. Es ist offen, an welchen Schwachpunkten, wann, wo und mit welcher Heftigkeit die Einbrüche einsetzen und welche Entwicklung sie neh men werden. Diesbezügliche Wenn Dann Spekulationen werden wir hier unterlassen. Es ist den bereits zitierten Untersuchungen folgend allerdings sehr wahrscheinlich, dass solche Einbrüche erfolgen werden, 253 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen wenn nicht energisch Abhilfemaßnahmen getroffen werden. Den Me chanismen der Evolution und dem bisherigen Verlauf der Geschichte folgend dürfte ein erbitterter Kampf um Überleben und Ressourcen die eine wahrscheinliche Variante sein, mit den Katastrophen umzugehen. Unter Bezug auf die in der menschlichen Kultur enthaltenen Steue rungsmöglichkeiten der menschlichen Entwicklung, möchte ich auf die andere noch mögliche Variante: die Vermeidung katastrophen artiger Einbrüche durch eine weltweit mehrheitliche Orientierung an Nachhaltigkeit mit Solidarität eingehen. Dieses Ziel kann durch eine Nachhaltigkeitsallianz erreicht werden, in der sich Personen, Religionen, Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen, wissenschaftliche Einrichtungen und andere gesellschaftliche Kräfte trotz mancher Un terschiede zusammenfinden, um einen Meinungswandel in den Bevöl kerungen der Länder herbeizuführen und letztendlich die politischen Entscheidungsträger zur nachhaltigen Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft zu nötigen. Der weit überwiegende Teil der Bevölke rungen und Politiker hat allem Anschein zurzeit keine Vorstellungen davon, welche tief greifenden Änderungen ihnen in Zukunft abverlangt werden. Die vielgestaltigen regionalen und globalen Facetten der Beziehung der Menschen zu ihren Umwelten bringen es mit sich, dass die konkret er forderlichen Maßnahmen regional sehr differenziert ausfallen werden, aber drei miteinander verbundene Leitziele miteinander umsetzen soll ten: • die Achtung vor dem Leben und • die dauerhafte Sicherung der Versorgungs und Entsorgungskapa zitäten (Nachhaltigkeit) • für die gesamte Weltbevölkerung. Diese drei Leitziele mögen manchem Leser selbstverständlich erschei nen, sie werden allerdings zum gegenwärtigen Zeitpunkt wenn über haupt nur an wenigen Orten auf der Erde wenigstens bruchstückhaft realisiert. Angesichts der weltweit erheblichen Unterschiede hinsicht lich Entwicklung, Kultur, Wohlstand, Macht und anderer Indikatoren wäre es eine außerordentliche Leistung, wenn diese Leitziele auch nur näherungsweise erreicht werden könnten und auch die armen Länder 254 wIe kann zukunft gelIngen? daran teilhaben können. Der Bezug auf die Weltbevölkerung, d. h. auf die Menschenrechte, schließt die einseitige Regelung der Umwelt und Ressourcenprobleme einer kleinen mächtigen und wohlhabenden Min derheit zulasten der armen Bevölkerungsmehrheit aus. Bedauerlicher weise werden die Menschenrechte – ein Ergebnis primär aus der westli chen Traditionsgeschichte – nicht weltweit geteilt und sind deshalb kein wirklich gemeinsamer Bezugspunkt für alle Länder. Generell erschwe ren nur bruchstückhaft gemeinsame ethische Grundlagen und Über zeugungen den Prozess, gemeinsame Ziele und Maßnahmen zu erarbei ten. Die drei Leitziele sind ohne eine gemeinsame ethische Grundlage nicht zu erreichen. In den bisher vorgetragenen Argumentationskontexten wurde immer wieder das Selbstverständnis des Menschen, das sich insbesondere in den Religionen ausdrückt, als zentraler Ausgangs und Bezugspunkt für den Umgang mit der Umwelt hervorgehoben. Trotz aller Unter schiede und Konflikte teilen Nachhaltigkeitsforscher, die in Abschnit ten 6.4 und 6.5. genannten und möglicherweise auch andere Religions gemeinschaften, zivilgesellschaftliche Initiativen und Organisationen, einige Repräsentanten der UNO die oben genannten Ziele und damit den Kern eines Selbstverständnisses, das sich als Grundlage für einzelne koordinierte oder auch gemeinsame Aktionen zu einem späteren Zeit punkt eignet. Bisher kann man bei den genannten Gruppierungen zwar von einer Allianz im geistigen und intellektuellen, noch nicht jedoch im organisatorischen Sinn sprechen. Der Schritt zu einer organisatori schen Verbindung würde den Einfluss und die Durchsetzungsfähigkeit solcher nationalen und internationalen Nachhaltigkeitsallianzen we sentlich verstärken. In den folgenden Abschnitten gehe ich auf einige bereits bestehende Bausteine der wünschenswerten Nachhaltigkeitsalli anzen ein. Zu diesen Bausteinen gehören auch Aktionen und Maßnah menpakete des Umweltprogramms (United Nation Environment Pro gram) der UNO. 7 3 1 Die Weltgemeinschaft: Vom Markt zum Gemeinwesen? Schon seit einigen Jahrzehnten organisieren UNO und NATO – mit be grenztem Erfolg – Einsätze in Krisengebieten zur Befriedung, weil ihre Repräsentanten die weltweiten negativen Ausstrahlungen solcher Kri 255 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen sen fürchten. Nach dieser Einschätzung kann man regionale gewaltsa me Konflikte nicht mehr wie in früheren Zeiten sich selbst überlassen, bis sie vor Ort entschieden sind, und dann mit den neuen/alten Macht habern wieder in Kontakt treten. Denn eine solche Verfahrensweise birgt zu viele Risiken über den Konfliktherd hinaus; sie könnte Initial zündung für einen unerwünschten Flächenbrand sein oder das Geflecht der bereits bestehenden vielfältigen zwischenstaatlichen Wechselbezie hungen beeinträchtigen. So werden offensichtlich die kriegerischen Auseinandersetzungen auf den Territorien von Irak und Syrien von vie len Politikern mittlerweile als großes Bedrohungspotenzial über diese Regionen hinaus verstanden. Diese Befürchtung wird durch die realen und angedrohten Terrorakte auch bestätigt. Auf dieser Wahrnehmungs ebene ist auch die einigermaßen seltsame Koalition (USA, Russland, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Türkei, Iran, Saudi Arabien u. a.), die sich zur Bekämpfung des Islamischen Staats zusammengetan hat, zu verstehen. Die diversen Befriedungsversuche weisen also dar auf hin, dass es ausgeprägte, weltweite Verflechtungen und ein von vie len Staaten geteiltes vitales Interesse daran tatsächlich gibt und dass die se Verflechtungen als ein schützenswertes Gut angesehen werden, auch wenn die dafür eingesetzten Energien bisher überschaubar bleiben. Jedenfalls erkennt ein Teil der politischen Akteure, dass die meisten Staaten in zahlreichen Belangen keine autonomen Entscheidungsträger mehr sind. Auch wenn die Staaten hinsichtlich ihrer Entscheidungs spielräume bzw. Abhängigkeitsverhältnisse gravierende Unterschiede aufweisen, so sind sie doch in wesentlichen Bezügen mit einander ver flochten und in einer Weise voneinander abhängig, dass eine Unter brechung dieser Wechselbeziehungen unangenehme bis katastrophale Auswirkungen für das jeweils eigene Land haben kann. Real bilden die Staaten bereits ein mehr oder weniger enges sozioökonomisches Geflecht mit vielschichtigen, teils wechselseitigen teils einseitigen Abhängigkeiten. Hier von Weltgemeinschaft oder auch Weltkultur zu sprechen, ist wohl doch zu überschwänglich, irreführend und zu hoch gegriffen. Die mit dem Begriff Gemeinschaft verbundenen positiven zwischenmenschli chen Konnotationen tauchen im Mit und Gegeneinander der Gesell schaften und Staaten eher selten auf. Die Staaten haben große Mühe, bereits zu den dringlichen, weil überlebenswichtigen Aufgaben eine ge meinsame Plattform zu finden. Der nüchterne Begriff Weltzweckverband wäre da ehrlicher und, falls er zum Funktionieren kommt, ein 256 wIe kann zukunft gelIngen? kaum überschätzbar hohes Gut. Jedenfalls gibt es vollständig autonome Staaten allenfalls dem Anspruch nach, jedoch nicht mehr in der Funk tionsweise des Weltgeschehens. Viele Staaten haben dies nur noch nicht so klar begriffen, dass ihr Verständnis auch ihr Verhalten bestimmt. Treibende Kräfte für weltweite Beziehungen waren von jeher – also al lemal seit mindestens 8000 Jahren – die Interessen am Güteraustausch, der über teilweise sehr lange Land und Meereshandelswege erfolgte. „Bernsteinstraße“ oder „Seidenstraße“ waren solche von Legenden be gleitete Handelswege. Den Händlern folgten später die kolonialen Welt eroberer und ihnen die Religionen, manchmal auch in anderer Rei henfolge. Mehr oder weniger parallel zur Entwicklung der modernen Wirtschaft im Verlauf der Industrialisierung haben dann Wirtschafts und Handelskonzerne ein immer engeres Netz von Austauschbezie hungen über die Erde ausgebreitet. Gegenwärtig steuern die transna tionalen Konzerne auf die Zahl 50.000 zu, ein enormer Zuwachs seit dem zweiten Weltkrieg. Es entstanden weitere Verflechtungen: durch Kommunikationsmittel mit Funk, Telefon und schließlich Internet, die Verkehrsmittel mit Schiff, Bahn, Flugzeug und Automobilen, globale Freizeitunternehmungen und Sportverbände, globale Wissenschafts vereinigungen, transnationale Interessengruppen, internationale Re gierungsorganisationen und Nicht Regierungsorganisationen – und – mittlerweile internationale Terrororganisationen, die all diese Netzwer ke empfindlich zu stören in der Lage sind, wie die täglichen Medien berichte zeigen. Die vielfältigen internationalen Beziehungen äußern sich in bilateralen und multilateralen Verträgen zwischen Ländern und mittlerweile mehreren hundert transnationalen Regimen, in Symposi en und Konferenzen, aber auch in einseitigen, oft auch ausbeuterischen Abhängigkeiten. So hat die überaus riskante Immobilienfinanzierung in den USA mit der Pleite von Lehman Brothers eine Kettenreaktion welt weiter Banken und Wirtschaftsprobleme bis an die Grenze von Staats bankrotts ausgelöst. Wenn ein Industrieland von einer Rezession oder einem Terrorakt heimgesucht wird, darben in einem anderen die Feri enhotels. Wenn in China das Wirtschaftswachstum zurückgeht, schwä chelt in Frankfurt und andernorts die Börse … usw. Es besteht also be reits eine weit verzweigte Struktur von vielfältigen Vernetzungen, die allerdings in vielen Gehirnen, sei es der Bevölkerung, sei es insbeson dere der politischen Eliten noch nicht in der Weise angekommen ist, dass diese Erkenntnis auch in ausreichende Regelungsstrukturen und 257 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen passendes Verhalten umgesetzt wird. So manche Potentaten der Welt und Großmächte, aber auch kleine Rumpelstilzchenstaaten verhalten sich immer wieder so, als ob sie autark und autonom wären und – fast – beliebige Entscheidungen treffen können, und sie treffen aus Stolz, An maßung oder nationalem Ehrgefühl oder anderen Motiven Entschei dungen, die ihrem eigenen Land weit mehr schaden als den ins Auge gefassten Personen/ Organisationen/ Staaten. Das Sein ist dem Be wusstsein weit vorausgeeilt. Mit dem gegenwärtigen Zustand des real praktizierten aber politisch und rechtlich nur bruchstückweise existenten Weltzweckverbandes sind mehrere unerfreuliche Konsequenzen verbunden: Erstens ist den politi schen Eliten in erheblichem Ausmaß die Kontrolle über Wirtschaftskon zerne, Banken und andere Global Player, z. B. manche Sportverbände und Internetgiganten entglitten, die für ihre Aktivitäten und Entschei dungen flexibel auf die Länder mit den jeweils günstigsten Rahmenbe dingungen fokussieren können, dies auch tun und für Gewinnmaximie rung und andere Machenschaften geradezu paradiesische Verhältnisse vorfinden. Dieser Sachverhalt zeigt zweitens, dass die politischen und rechtlichen Strukturen des Weltzweckverbandes noch weithin fehlen, die die Steuerung und Kontrolle der globalen Wirtschafts und Finanz player und anderer Akteure (Internet) ermöglichen könnten. Die in er heblichem Maße gestaltbaren, noch bestehenden Handlungsspielräu me führen drittens zu rechtsfreien oder fast rechtsfreien Räumen, so dass sich die globalen Wirtschafts und Finanzplayer zugunsten wirt schaftlicher Vorteile über übliche ethische und rechtliche Vorgaben ih rer Ursprungsländer hinwegsetzen können und einige davon auch mehr oder weniger dreist Gebrauch machen (Großbanken, Wirtschaftskon zerne, Internetkonzerne u. a.). Es besteht also ein erheblicher Nachhol bedarf für international verbindliche Regulierungen. Viertens agieren viele Politiker der Führungsetagen nach wie vor primär nationalistisch, statt sich stärker auf Kooperation und Abstimmung im internationa len Bereich auszurichten. Fünftens leben auch die meisten Staatsvöl ker noch ihren Kantönligeist. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Weltgemeinschaft als tatsächliches Ereignis ziemlich schnell und urwüchsig entwickelt, nur teilweise gelenkt durch ein Spektrum von Verträgen für meist wirtschaftliche, aber auch Sicherheitsinteressen mit unterschiedlichen Beteiligten in unterschiedlichen Geltungsberei chen. Eher ausnahmsweise waren z. B. an den Beschlüssen der UN Kli 258 wIe kann zukunft gelIngen? makonferenz in Paris 2015 fast alle Staaten beteiligt. Solche Sternstun den ereignen sich aufgrund der divergierenden nationalen Interessen nur selten. Für alle fünf genannten Schwachpunkte sind Nachbesserun gen notwendig, damit nachhaltige Maßnahmen zur Eindämmung des Temperaturanstiegs, der globalen Umweltverseuchungen und des Bio sphärenschwundes eingeleitet und konsequent durchgezogen werden können. Besondere Bedeutung hat dabei die Aufgabe, die verloren ge gangene politische Kontrolle über die großen Banken und Wirtschafts konzerne zurückzugewinnen und im Sinne der Erhaltung von Umwelt, aktuellem Klimastatus und Biosphäre zu optimieren. Die Entwicklung von weltweiten Vernetzungen schreitet fort, ohne dass dafür ein staatenübergreifender Rechts und Funktionsrahmen beste hen würde. Wie kann ein derartiger Rechtsrahmen geschaffen werden? Ein systematisch erarbeiteter rechtlicher Gesamtrahmen hätte wohl ge genwärtig kaum eine Chance, die erforderlichen Mehrheiten unter den Staaten zu erreichen, weil viele Staaten derartige Bindungen als Unter ordnung, als Verlust eigenstaatlicher Entscheidungsfreiheit und Souve ränität ablehnen würden. Zweifel sind durchaus berechtigt, ob ein sol cher umfassender staatenübergreifender Rechtsrahmen notwendig und hilfreich wäre. Wie aber können die genannten urwüchsigen Verflechtungen dennoch in ihrer Beliebigkeit und Willkür eingeschränkt, normalisiert und kon trolliert werden? Der Regelungs und Kontrollbedarf in einzelnen Pro blemfeldern könnte durch diesbezügliche Verträge aller beteiligten Staaten gedeckt werden, analog zu den Beschlüssen der Pariser UN Kli makonferenz. Auf diese Weise könnten nach und nach bei Bedarf auf induktivem Weg bestimmte Gegenstandsbereiche einer sachgebiets bezogenen Regelung und Kontrolle unterzogen werden. Diese Vorge hensweise mag weniger systematisch und umfassend sein, macht diesen Mangel jedoch durch größere Realitätsnähe, geringeren Aufwand und leichtere Durchsetzbarkeit mehr als wett und respektiert die Eigenstaat lichkeit der beteiligten Staaten und ihre unterschiedlichen Kulturen in größtmöglichem Ausmaß. Die gemeinsamen Interessen der Staaten ste hen im Mittelpunkt und dafür sind nur Kooperationen bzw. Kooperati onsnetzwerke auf der Basis der bestehenden internationalen Organisa tionen notwendig, mehr nicht. 259 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Die Beschlüsse zur „Reparatur“ des Ozonlochs und die UN Klimakon ferenz in Paris 2015 haben zwar einen guten Anfang zum Schutz unserer Lebensbedingungen gemacht. Für mehrere Problemszenarien fehlen jedoch vergleichbare Einigungsbeschlüsse. So sind die Weltmeere Ge meingut aller Staaten; sie sind aber durch die willkürliche Ausbeutung vieler z. B. hinsichtlich Überfischung und Verseuchung mit zahlreichen gefährlichen Abfällen und Substanzen als ökologische Systeme und Nahrungsquellen sehr bedroht. Ebenso ist die Erhaltung der Biosphäre und in ihr der Biodiversität, d. h. unserer Lebensgrundlage, ein ungelös tes und schwer lösbares Problem, wie auch die UN Konferenz für Um welt und Entwicklung in Rio 1992 festgestellt hat, jedoch ohne nennens werte Folgemaßnahmen. Zurzeit ist es schwer einzuschätzen, welchen Handlungsspielraum zugunsten von Nachhaltigkeit die Leiter des UN Umweltprogramms und die UN Umwelt und Klimakonferenzen in der Nachhaltigkeitsdebatte und in erwünschten Nachhaltigkeitsallian zen zukünftig von den Staaten zugestanden bekommen. Zwar haben im September 2015 in New York auf dem UNO Gipfel 193 Länder einstim mig der Agenda 2030 mit 17 hoch gesteckten Zielen zugestimmt. Solan ge die aktuellen nationalen und internationalen Machtstrukturen sich nicht wesentlich ändern, bleiben für die Umsetzung dieser Ziele aber nur bescheidene Entfaltungsspielräume. Im Kontext der Zielformulie rungen erscheint Nachhaltigkeit weniger als angestrebtes Organisati onsprinzip von Wirtschaft und Gesellschaft wie es die Nachhaltigkeits forschung versteht, sondern als ein Aspekt der jeweiligen Zielbereiche unter anderen. Man könnte die Agenda 2030 auch als Beruhigungspil le für die Bevölkerung angesichts der in der Sache bedrohlichen und im Zeitablauf sich zuspitzenden Kritik aus Wissenschaftskreisen verstehen. Die Botschaft der Agenda 2030 bedeutet: Wir nehmen in allen Zielbe reichen Korrekturen vor, behalten die Entwicklungsrichtung aber bei. Eine grundsätzliche Umorientierung sieht anders aus. Fazit: Für den Weltzweckverband als gemeinsamen Aktionsraum so viel Regelungen wie nötig und so wenige Regelungen wie möglich. 260 wIe kann zukunft gelIngen? 7 3 2 Nichtregierungsorganisationen: Akteure für eine Weltzivilgesellschaft? Roland Roth geht dieser Frage in einer Literaturanalyse nach, auf die dieser Abschnitt immer wieder Bezug nimmt (Roth. http://boell-hessen. de/archivseite/pol/ngos.htm). Nichtregierungsorganisationen (NRO): Dieses Wortungetüm, um nicht zu sagen Unwort, lässt keine inhaltliche Beschreibung dessen erwarten, was NRO hinsichtlich Zielsetzung, Organisationsform, Bezug zum Ge sellschaftssystem und Aktionsform u. a. ausmacht; es unterstellt Regie rungs Organisationen als die eigentlich bedeutsamen und versammelt alle anderen Organisationen in einer überaus vielfältigen Residualkate gorie, der das hier abwertende Merkmal anhaftet, nicht Regierungsor ganisation zu sein. Was NRO wirklich sind, interessiert nicht. Die damit vollzogene pauschale Abwertung der NRO ist gleichermaßen unsin nig wie zeitgeschichtlich typisch. Unsinnig ist die Abwertung der NRO ebenso wie die Hervorhebung der Regierungsorganisationen, weil es ohne die NRO, d. h. ohne die Gesellschaft keine Regierungsorganisati onen gäbe. Weil es die NRO, d. h. die Gesellschaft gibt, gibt es auch Re gierungsorganisationen. Zeitgeschichtlich typisch ist diese Abwertung wegen des damaligen Politikverständnisses, in dem Selbstbestimmung und Partizipation der Bürger an der Gestaltung der Gesellschaft – noch – keinen Platz im Denkhorizont der Politiker hatten, als störend und läs tig empfunden wurden. Die Gründung von immer mehr NRO seit den 60er Jahren charakterisiert denn auch den Aufbruch der jungen Ge neration in ein neues Politikverständnis, einer Generation, die, analog zur Studentenbewegung, den hierarchischen Institutionen und spezi ell dem hierarchisch angelegten Regierungshandeln eine partizipativ und demokratisch geprägte Form politischen Handelns entgegenstellte, auch praktizierte und damit die überkommene Top down Politik störte. Mit der rapiden Zunahme der lokalen/regionalen ebenso wie der trans nationalen NRO entstehen also neue, unkonventionelle Formen der po litischen Beteiligung, die für die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1968 typisch sind und dieses Land in den folgenden Jahrzehnten er heblich verändert, demokratisiert und modernisiert haben (Rucht 1994; Engelhardt 2011). 261 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Ich denke, es war ein Fehler der Fachwissenschaftler, sich auf dieses zu geschriebene, fremdbestimmte Wortungetüm, d. h. die Nomenklatur der Regierung überhaupt einzulassen und sich mit Definitionsversu chen ohne Aussicht auf ein konsensfähiges Ergebnis abzumühen. Ro land Roth hat versucht, durch die Vielfalt der NRO und das bestehen de Definitionschaos einige klärende Schneisen zu schlagen und sieht den „Containerbegriff “ als wesentliches Hindernis, für NRO zu sinnvollen Verallgemeinerungen zu kommen (Roth 2016). Es macht eben keinen Sinn, hinsichtlich Zielsetzung, Organisationsform, Bezug zum Gesellschaftssystem und Aktionsform und auch anderen Kriterien der art unterschiedliche Organisationen unter ein begriffliches Dach brin gen zu wollen. Roth spricht von „verschiedenen NRO Welten“, die eine unübersehbare Realität sind. Man wird das NRO Etikett wohl durch die bekannten inhaltlich aussagekräftigen Bezeichnungen der am po litischen Prozess beteiligten Organisationen und sozialen Bewegungen ersetzen müssen und damit die unsinnige Dichotomisierung der Ge sellschaft in Regierungs und Nichtregierungsorganisationen beseitigen. Da an dieser Stelle die definitorisch verfahrene Situation nicht behoben werden kann, werde ich im folgenden Text NRO wie üblich als schwam migen Sammelbegriff gebrauchen. In mir wichtig erscheinenden Kon texten werde ich auf Ausschnitte der NRO: die sozialen Bewegungen und bestimmte Interessenverbände im Feld von Umweltproblemen ge nauer eingehen, weil ich sie als innovative und treibende Kräfte bzw. wichtige demokratische Akteure für die Gestaltung zukunftsfähiger Ge sellschaften einschätze. Im folgenden Abschnitt möchte ich auf eine an dere Gruppe von Initiativen und Organisationen aus dem „Container“ NRO eingehen, die unter dem Gesichtspunkt ihrer speziellen Thema tik zunächst nichts mit Umweltproblemen zu tun haben, aber durch ihr Menschen und Weltbild konsequent und engagiert für die altruistische Komponente menschlichen Verhaltens eintreten, deren Einflussgewinn für eine Bewältigung der Umwelt und Überlebensprobleme ausschlag gebend sein wird. Trotz der anfänglich frostigen Behandlung durch die herrschenden Kreise hat es jedenfalls ein beachtlicher Teil aus dem residualen Organi sationssammelsurium von „Ärzte ohne Grenzen“ bis „Zeugen Jehovas“ im Laufe der Jahrzehnte geschafft, sich Gehör und Respekt zu verschaf fen. Einigen NRO ist es gelungen, Konsultationsstatus bei diversen Re gierungen und internationalen Gremien wie im System der Vereinten 262 wIe kann zukunft gelIngen? Nationen und in transnationalen Wirtschaftsorganisationen zu errei chen. Diese beachtliche Karriere ist jedoch ambivalent. Einerseits kom men durch diese Akzeptanz wichtige und wie im Falle Deutschlands neue Impulse zur Modernisierung der Gesellschaft in die Politik. An dererseits zieht diese Akzeptanz und Kooperation jedoch – unvermeid lich, wie man seit langem weiß – beträchtliche Veränderungen der NRO selbst nach sich. Mit der Akzeptanz – das gilt besonders für die sozialen Bewegungen – änderte sich die Position im System, Kooperation dräng te Agitation zurück, die häufig beachtliche öffentliche Subventionierung führte immer wieder zu einer Art symbiotischer Beziehung zu öffent lichen Institutionen, wirkte mäßigend auf Kritik, Sprachgebrauch und Verhaltensformen ein. Die Routinisierung der Tätigkeit und die Einbin dung der NRO in die institutionellen Systeme haben die unterschiedli chen Positionen verunklaren lassen und gerade bei sozialen Bewegun gen die Bindungen an die lokale Basis immer wieder unterbrochen bzw. konflikthaft werden lassen. Dennoch: Die sozialen Bewegungen als ein grundlegender Zweig der NRO haben in Deutschland in mehreren Po litikfeldern grundsätzliche Änderungen und Neuorientierungen ange stoßen und bei ihrer Umsetzung mitgewirkt. Die ökologischen Bewe gungen haben die Abkehr von der Kernenergie und die Hinwendung zu den erneuerbaren Energien als Programme in die Gesellschaft und in die Politik hineingetragen und begleitet. Neue Kernkraftwerke waren in der Gesellschaft nicht mehr durchsetzbar. Auch der erreichte Stand des Naturschutzes beruht wesentlich auf der unermüdlichen Arbeit der in diesem Feld engagierten vielfältigen Initiativen, Vereine und Verbän de und den daraus entwickelten rechtlichen Leitlinien. Auch in ande ren Lebensbereichen haben soziale Bewegungen mit ihren an Selbst bestimmung und Mitbestimmung orientierten Handlungskonzepten bemerkenswerte Veränderungen in der Gesellschaft bis in die Ausrich tung der Gesetze angestoßen. Die Selbsthilfeinitiativen des Sozial und Gesundheitsbereichs haben, die anfangs teils belächelt teils als störend empfunden und von Politikern zunächst im karitativen Bereich abge legt wurden, haben schließlich entscheidenden Einfluss auf die an Mit bestimmung und Partizipation orientierte Neuausrichtung des Sozial gesetzbuches ab 1991 ausgeübt. In Deutschland konnten die sozialen Bewegungen als eine Form der NRO Selbstbestimmung und Mitbe stimmung als wesentliche Elemente der politischen Willensbildung in die Gesellschaft hineintragen und in mehreren Lebensbereichen nach haltigen Einfluss auf deren Modernisierung ausüben. Mit den sozialen 263 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Bewegungen und Initiativen hat die Zivilgesellschaft die Mitgestaltung der Gesellschaft in Deutschland übernommen. Haben die transnationalen umweltbezogenen NRO eine vergleichba re Position in der Weltgemeinschaft? Können sie eine Weltzivilgesell schaft „im Sinne eines gemeinsamen Bezugsrahmens“, einer gemeinsa men Weltkultur begründen? „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelten Nichtregierungsorganisationen (NRO) als politische Hoffnungsträger für eine neue transnationale Ord nung … Indem NRO über Grenzen hinweg gemeinsame regionale und globale Problemlagen auf die Tagesordnung setzen, nach gemeinsamen Lösungen suchen und sich an deren Umsetzung beteiligen, werden sie zur Avantgarde einer heraufziehenden Weltzivilgesellschaft gesehen. Sie übernehmen dabei transnational häufig jene katalysatorischen Auf gaben, die im nationalen Rahmen von Protesten und sozialen Bewe gungen erfüllt werden“ (Roth, S.1). Können transnationale NRO diese ihnen zugeschriebene Aufgabe erfüllen, dieser Vision gerecht werden? Die vorliegenden Untersuchungen können die Idee „einer sich entwi ckelnden und vereinheitlichenden Bewegung“ nicht bestätigen. Im Ge genteil: „Aktive Kooperation und Vernetzung über Grenzen hinweg sind weit weniger verbreitet als Prozesse der Diffusion … Eine reichhal tige vergleichende Literatur über einzelne Mobilisierungen, soziale Be wegungen und nationale Bewegungssektoren stimmt darüber überein, dass stark national geprägte Gegebenheiten (…) entscheidend für die Bedeutung, den Einfluss, das Profil und die Erfolge sozialer Bewegun gen sind (…). Der allgemeine Trend geht heute dabei nicht in Richtung Vereinheitlichung und Verallgemeinerung, sondern in Richtung wach sender Pluralität und Differenzierung innerhalb von Bewegungen so wie zwischen regionalen und nationalen Bewegungen“ (Roth S. 6). Die bereits oben genannten Folgen der Kooperation und Einbindung von NRO in institutionelle Bezüge gewinnen auf der internationalen Ebene eher noch verschärft an Bedeutung, da das Interesse an Selbst behauptung, die divergierenden Interessenlagen der Nationen und der sonst beteiligten Akteure einen erheblichen Anpassungsdruck in Rich tung auf Konsensergebnisse erzeugen und damit die Entfernung oder gar Abkoppelung von der ursprünglichen Basis begünstigen. 264 wIe kann zukunft gelIngen? Dass sich mit und durch die NRO und ihre Aktivitäten eine globale Weltkultur bzw. Zivilgesellschaft entwickeln soll, ist einerseits als maß lose Überforderung ihrer Kapazitäten einzuschätzen, schon einmal ab gesehen von den nationalistischen Gegenkräften der Staaten, die zur Selbsterhaltung lebenswichtig sind. Die Vorstellung einer solchen Welt kultur ist andererseits als ein hochabstraktes Konstrukt zu sehen, das die weltweit in vielen Hinsichten unterschiedlichen lokalen Lebens wirklichkeiten und die damit verbundenen Identitäten nicht abbilden kann. Zwar sind gewisse vereinheitlichende Entwicklungen quer durch die Kulturen durch die sich weiter entwickelnden weltweiten Wechsel beziehungen nicht zu übersehen, wahrscheinlich zur Zukunftssiche rung auch notwendig. Die höchst unterschiedlichen Kulturtraditio nen auf der Erde lassen sich aber nicht zugunsten einer übergeordneten Weltkultur ohne örtliche und geschichtliche Bezüge ersetzen, zumal die Angleichung der sozioökonomischen Lebensbedingungen durch Res sourcenmangel, Bevölkerungswachstum und Machtunterschiede so wohl der Nationen als auch der NRO auf Grenzen stößt. Die Lebensor te sind es, an denen und um die sich Identität entwickelt. Man kann das gesellschaftliche Sein nicht aus der Bewusstseinsbildung ausklam mern. Und umgekehrt wird das gesellschaftliche Sein durch die eigene Geschichte und die eigene Kultur mitbestimmt. Die unterschiedlichen Kulturen bleiben für die jeweiligen Gesellschaften die maßgebende Existenzgrundlage, werden sich jedoch auch und gerade durch interna tionale Einflüsse weiter entwickeln und aus alten Traditionen und neu en Impulsen neue Synthesen bilden. Man sollte sich immer wieder die große Spannweite gesellschaftlicher Entwicklungsphasen bewusst ma chen, die von indigenen Gruppen über vielfältige Kulturformen bis zu technisch, wirtschaftlich, intellektuell und sozial überaus differenzier ten Gesellschaften reicht. Die Entwicklung einer Weltkultur ist nicht nur eine Überforderung der NRO, sondern, wie soeben dargelegt, keine Vision, die zur Vielfalt der Gesellschaften und Kulturen und ihren höchst unterschiedlichen Ent wicklungsphasen passt. Dennoch sind die globalen umweltbezogenen NRO überaus hilfreich und nicht zu ersetzen. Ihre Arbeit mit Projekten löst konkrete Proble me und vermindert andere, recherchiert bestehende, informiert über aktuelle Sachverhalte und Entwicklungen. Die NRO können einen we 265 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen sentlichen Beitrag zu dem wünschenswerten Weltzweckverband und zur Umweltproblematik generell leisten, indem sie als demokratische und moralische, auf Menschenrechte und Lebensbedingungen bezoge ne Stimmen Machtmissbrauch und Fehlentwicklungen auf die interna tionale Tagesordnung setzen. Auch auf nationaler Ebene werden die Initiativen der Zivilgesellschaft die Mobilisierung zur Umsteuerung der staatlichen Ziele und Maßnah men mit in Gang bringen müssen. Als Profiteure der aktuellen Situation und als mögliche Verlierer einer an Nachhaltigkeit orientierten Gesell schaftssteuerung werden die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Po litik wie bisher vor allem auf hohen Handlungsdruck reagieren. Globale NRO, in welchem Arbeitsfeld auch immer, sind bedauerlicher weise in vielen autoritär geprägten Staaten unerwünscht und müssen Repressalien oder auch Verbote befürchten, weil ihre Öffentlichkeits arbeit der regierungsamtlichen Politik den Spiegel vorhält, falsche In formationen korrigiert, unterdrückte anbietet und den interessierten Bürgern einen Zugang zu einem breiten, unzensierten feldbezogenen Fundus von Fakten, Ideen und Zusammenhängen öffnet. Globale NRO können also nur in einigermaßen freien Gesellschaften arbeiten. Man kann deshalb davon ausgehen, dass weit weniger als die Hälfte der Welt bevölkerung Zugang zu ungeschönten Daten im Umweltschutz hat, ab gesehen von den technischen Ausrüstungen. Die Internetnutzung könnte diesen Mangel jedoch wenigstens etwas ausgleichen. Immer noch zahlreiche NRO z. B. die großen umweltbezogenen wie Greenpeace, der World Wild Fund for Nature (WWF) und die Weltna turschutzunion arbeiten, soweit man es ihnen gestattet, weltweit durch Öffentlichkeitsarbeit, Beteiligung bei einschlägigen Konferenzen und durch zahlreiche eigene Projekte für Natur und Umwelt. Die Wirkung der genannten NRO beruht wesentlich auf dem Sachverstand und Ein satz ihrer Mitglieder, die beide dubiose politische Kungeleien aufdecken und möglichst wirksam in die Öffentlichkeit tragen. Der WWF hat sich ursprünglich primär für den Tierschutz eingesetzt und schließlich zu einem international aktiven Verband entwickelt, der sich für die Nach haltigkeit in der gesamten Natur engagiert und dabei konventionelle Interventionspraktiken einsetzt. Greenpeace bedient sich immer wie der spektakulärer und für die Aktivisten manchmal lebensgefährlicher 266 wIe kann zukunft gelIngen? Konfrontationen mit Umweltsündern. Beide sind in der Lage, durch ihre Aktionen eklatante Sünden an der Natur öffentlich zu machen, manchmal zu lindern, zu beheben oder für dauerhafte Erhaltungsmaß nahmen zu sorgen; sie sind deshalb konkret bei bedeutenden Umwelt konflikten erfolgreich und als agierendes, stets präsentes ökologisches Gewissen in der Öffentlichkeit und auch bei einschlägigen Institutio nen respektiert, bei anderen durchaus auch verhasst; bedauerlicherwei se konnten weder sie noch andere NRO eine grundlegende Trendwen de der herrschenden Wachstumsorientierung auch nur anbahnen. Es ist durchaus nicht auszuschließen, dass die NRO ungewollt eine gewis se entlastende Wirkung auf Regierungen ausüben, indem sie Umwelt probleme aufgreifen und zu ihrer Lösung beitragen. NRO symbolisieren gegenüber dem dominanten sei es individuellen oder auch kollektiven Vorteilsstreben in der menschlichen Entwicklung die sozialverantwortliche, altruistische und politisch aktive Komponen te, die weltpolitisch wesentlich an Bedeutung gewinnen muss, wenn die Korrektur der bestehenden Schieflage noch Aussicht auf Erfolg haben soll. Zwei weitere Formen zivilgesellschaftlicher Aktivität stellen die Stiftun gen im Umweltbereich und die zahlreiche Vereine und Verbände des Naturschutzes dar. So gibt es z. B. in Deutschland über 600 Stiftungen, von denen die weit überwiegende Zahl konkrete örtliche Projekte oder spezifische Ziele z. B. Tierschutz überörtlich verfolgen. Wenige Stiftun gen sind so groß, dass sie Umwelt als Gesamtproblem mit seinen Ver zweigungen zu ihrem Thema machen können. Fast alle Stiftungen wol len Teile der bestehenden Umwelt in der Gesellschaft wie sie ist erhalten oder verbessern und setzen dafür beachtliche Vermögenswerte ein. Ei nige wenige Stiftungen setzen auch systemkritische Akzente und ver orten Umweltprobleme in gesellschaftlichen Strukturen. Zahlreiche Vereine und Verbände setzen sich ausschließlich oder mit Teilen ihrer Kapazität insbesondere im Naturschutz ein und werden im Sinne ih rer jeweiligen Ziele auch immer wieder auf örtlicher, regionaler und ge samtgesellschaftlicher Ebene politisch aktiv. Die Mitglieder dieser Ver eine und Verbände leisten einerseits zugunsten ihrer selbst gewählten Aufgaben sehr viel ehrenamtliche Arbeit, die auf andere Weise nicht er setzt werden kann. Andererseits repräsentieren die Mitglieder immer 267 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen wieder einen erstaunlichen Fundus an naturbezogenem Wissen, auf das die jeweils zuständigen Behörden bei ihren Planungen angewiesen sind. Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, Vereine und Verbände im Umweltbereich zeigen, dass die Sorge um eine „heile“ Umwelt in der Bevölkerung weit verbreitet ist und finanziellen Einsatz und vielfältige ehrenamtliche Tätigkeiten mobilisieren kann. 7 3 3 Mitmenschlichkeit in den Gesellschaften als Unterstützungsreservoir Unterstützung für die Gewinnung eines problemangemessenen Um gangs mit der Umwelt könnte von Initiativen, Organisation und Ver bänden kommen, die nach ihren spezifischen Zielen nichts mit der Umwelt zu tun haben. Es handelt sich dabei um ein erstaunlich breites Spektrum von nationalen und internationalen Initiativen, Organisatio nen und Verbänden, deren Selbstverständnis und Handeln, sei es beruf lich oder ehrenamtlich, von der mitmenschlichen, altruistischen Kom ponente des Menschen geprägt ist. Von einem Spektrum spreche ich, weil in ihnen die Ziele, die Organisations und Handlungsformen so wie die politische Ausrichtung weit streuen. Auf der Ebene der Perso nen konkretisiert sich die mitmenschliche Ausrichtung zwischen und mit zwei Extremen: dem mitmenschlichen Gewohnheitsmenschen ( tä ter) und dem politisch kämpferischen Aktivisten. Ohne genauer darauf eingehen zu können, sollen doch einige Bezeichnungen und Namen das gemeinte Feld stichwortartig umreißen: • Menschenrechtsgruppierungen mit breitem Gegenstandsspektrum. Auf einer unvollständigen Wikipedialiste finden sich 60 Gruppen und Organisationen von Amnesty International bis Weltorganisati on gegen Folter, teilweise international aufgestellt. • Friedensgruppen • Zahlreiche Bildungseinrichtungen sind darauf ausgerichtet, mit menschliches Verhalten zu praktizieren und zu vermitteln. • Zahlreiche Sporteinrichtungen versuchen eine Balance zwischen Wettbewerb und Fairness zu finden und arbeiten damit an einem für Gegenwart und Zukunft entscheidenden Problem. 268 wIe kann zukunft gelIngen? • Vielfältige Einrichtungen und Verbände der sozialen Wohlfahrt, leisten national und international Hilfen für Menschen, die Hilfe brauchen. Die ehrenamtlich Aktiven aller Gruppierungen sind meistens als „Über zeugungstäter“ mit ausgeprägtem Handlungsdrang und mitmensch licher Motivation einzustufen. Weniger auffällig, aber quantitativ um fassend sind dagegen die sozialen und pädagogischen Berufsfelder, in denen die mitmenschliche Motivation ein wesentliches Element der Be rufsqualifikation ist. Der Zustrom zu den sozialen und pädagogischen Berufen ist trotz relativ geringer Entlohnung nach wie vor ungebrochen stark und belegt die altruistische Grundhaltung als prägendes Merkmal dieser Berufsgruppen. Diese mit mitmenschlicher Motivation wirkenden Personen, Initiativen und Organisationen umfassen beachtliche Teile der jeweiligen Bevölke rungen zahlreicher Länder. Sie sind als aus Überzeugung aktive Unter stützer einer altruistisch ausgerichteten Politik einzuschätzen und mög licherweise wahlrelevant aktivierbar, sobald die dringliche Lösung der Umweltprobleme, sei es durch einen erneuten Skandal oder auf ande re Weise, auf die öffentliche Tagesordnung kommt. Allerdings zeigt sich auch, dass die sozialen Berufe doch stark auf die unmittelbare Hand lungsebene fokussiert sind und deshalb ein relativ geringes Interesse für die politische Beteiligung zeigen. Obwohl das individuelle Vorteilsstreben in der Bevölkerung zwecks ei gener Daseinsgestaltung naturgemäß verbreitet ist und sein muss, so ist das bei denselben Personen gleichzeitig vorhandene mitmenschliche Potenzial, wie z. B. in Deutschland die beachtliche Spendenbereitschaft, Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge und die verbreiteten ehrenamtlichen Tätigkeiten zeigen, nicht zu unterschätzen und im Falle offensichtlicher und nachvollziehbarer Notlagen durchaus teilweise aktivierbar. Diese Hinweise zeigen, dass die altruistisch ausgerichteten Motivationsantei le in der Bevölkerung noch nicht im Strudel des wirtschaftlichen Wett bewerbs versunken sind, obwohl der Konkurrenzdruck weiter anwächst und mit der wachsenden Arbeitsverdichtung individuell bedrohlich wird. 269 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Die politischen Entscheidungsträger sind bisher in diesem Text vor al lem als mehr oder weniger verbissene Wachstumsvertreter dargestellt worden. Das sind sie auch, aber nicht nur. Es gibt bei ihnen auch ein Bewusstsein, dass die mitmenschlichen Motivationsanteile in der Be völkerung ausschlaggebend für eine funktionsfähige gesellschaftli che Ordnung sind und deshalb in den politischen Güterabwägungen durchaus eine wesentliche Rolle spielen müssen. Die in unterschiedli chen Lebensbereichen verbreitete altruistische Grundhaltung bildet ein beachtliches Unterstützungsreservoir, aus dem für politische Weichen stellungen aktivierend geschöpft werden kann. In offensichtlich prekä ren gesellschaftlichen Notlagen ist deshalb ein Meinungsumschwung sowohl in der Bevölkerung als auch auf den politischen Ebenen eine re alistische Option. Es ist deshalb immer noch möglich, dass die gegen wärtig unverkennbare Wachstumsorientierung, die für die dauerhafte Versorgung der Weltbevölkerung höchst bedrohlich ist, doch noch zu rückgefahren wird und schrittweise einer Nachhaltigkeitsorientierung Platz machen muss. Die in diesem Abschnitt skizzierten Ressourcen an Mitmenschlich keit/Solidarität dürften sich allerdings von Land zu Land teilweise we sentlich unterscheiden und möglicherweise durch ganz andere ersetzt werden. Schwierig könnte es in den Ländern werden, die, aus welchen Gründen auch immer, nur auf geringe Solidaritätsreserven über die Fa milien hinaus zurückgreifen können. 7 3 4 Nachhaltigkeit: ein unentbehrlicher Wissenspool Die an den Berichten für den Club of Rome beteiligten Wissenschaft ler werden sich selbst bei ihrer ersten Untersuchung 1972 wohl eher als Wirtschaftswissenschaftler denn als Nachhaltigkeits oder Umweltfor scher gesehen haben. Sie wurden aber im Verlauf ihrer vier Untersu chungen durch ihre Ergebnisse, unterstützt und erweitert durch die Er gebnisse anderer Forscher, dazu genötigt, anstelle der vorherrschenden Wachstumsideologie eine an Nachhaltigkeit orientierte Gesellschafts und Wirtschaftsausrichtung anzumahnen, um die dauerhafte Versorgung der Weltbevölkerung angesichts zur Neige gehender Ressourcen und einer deutlichen Überbeanspruchung der ökologischen Systeme zu ermöglichen; ihre Änderungsvorschläge machten sie zu Nachhaltig 270 wIe kann zukunft gelIngen? keitsforschern. Trotz der alarmierenden, aber offensichtlich nicht will kommenen Forschungsergebnisse hat sich an den politischen Wachs tumsorientierungen nichts Wesentliches geändert. Allerdings wird der in vielen Ländern ausbleibende bzw. spärliche Erfolg dieser Bemühun gen von vielen Wirtschaftswissenschaftlern erkannt und als großes Pro blem gesehen. Geht die Zeit des Wirtschaftswachstums zu Ende? Hat sich dieses Gesellschafts und Wirtschaftsmodell überlebt? Hier sollen die zu Nachhaltigkeit mahnenden, bereits vorgetragenen Argumentationsstränge nicht noch einmal wiederholt werden. Es geht mir an dieser Stelle darum, das enorme Wissenskapital der Nachhal tigkeitsforschung sowie der im Umweltprogramm der UN erarbeite ten Materialien und Vorschläge als entscheidende Voraussetzung und Grundlage der politischen Wirksamkeit einer hoffentlich noch entste henden Nachhaltigkeitsallianz hervorzuheben. Ob und wie viele der Forscher sich in politische Aktionen einbeziehen lassen, ist schwer zu beurteilen, zumal sich Wissenschaftler erfahrungsgemäß nur in rela tiv geringer Zahl aktiv, d. h. nicht nur in gutachtender Funktion, in die politische Arena begeben. Aber das von ihnen erarbeitete Wissenspo tenzial ist in der anstehenden politischen Auseinandersetzung unent behrlich, um der vorherrschenden Form der bloß materiell orientierten, von Gier gesteuerten Wachstumsideologie die Grundlage zu entziehen. Dass aus Nachhaltigkeitswissen auch Nachhaltigkeitspolitik wird, dazu braucht es engagierte Akteure in der Zivilgesellschaft und auch in der Politik. Die Wachstumsorientierung schließt Nachhaltigkeitspolitik nicht grund sätzlich aus. Gerade im Interesse des weiteren Wachstums muss der Be darf an Energie anders als bisher durch erneuerbare Energien (Wind, Sonne, Wasser, Wasserstoff …) zur Begrenzung der Klimaerwärmung gelöst werden und erfährt deshalb besondere Förderung in vielen Teilen der Erde. Dieses Leitziel: Nachhaltigkeit für Wachstum lässt sich nicht beliebig auf andere Bedarfsbereiche übertragen. Viele Staaten versu chen deshalb zugunsten des weiteren Wirtschaftswachstums zweigleisig zu fahren: Nachhaltigkeit, wo es dem Wachstum nützt oder ihm nicht schadet, darüber hinaus aber keine generelle Orientierung an Nachhal tigkeit, weil Politiker die damit verbundenen, vermutlich heftigen Pro teste und Verteilungskonflikte fürchten. Diese zweigleisige Vorgehens weise, begrenzt auf Forderungen aus der Zivilgesellschaft insbesondere 271 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen der sozialen Bewegungen und anderer Kritiker (Verbände!!!) einzuge hen, aber dennoch die eigenen Ziele konsequent weiter zu verfolgen, hat die deutsche Bundesregierung seit den 80er Jahren des 20. Jahrhun derts immer wieder zu fahren versucht, nicht immer mit Erfolg. Die Antikernkraft und die Ökologiebewegungen haben jedenfalls den ge planten Bau neuer Kernkraftwerke durch ihre Aktionen unmöglich ge macht, zur baldigen Stilllegung der bestehenden beigetragen und den Übergang zu erneuerbaren Energien angebahnt: Gegen die Kernkraft gegner war eine Wahl kaum noch zu gewinnen. Dieses Beispiel zeigt, dass soziale Bewegungen durchaus in der Lage sind, Ziele der Politik bzw. der Interessenverbände zu verändern. Wie in fast allen Politikfeldern bleibt die deutsche Bundesregierung in Kontakt mit oppositionellen Gruppen. Auch über Nachhaltigkeit ste hen der Bundesregierung einerseits über ihre Bundesanstalten für Na turschutz, Strahlenschutz, Umwelt, Seeschifffahrt und Hydrographie sowie Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, und Behörden der Bundeswehr und andererseits durch die von ihr selbst geförderten Forschungsprojekte und wissenschaftlichen Institute sowie zahlreiche Berater alle erdenklichen Informationen zur Verfügung, um im Notfall in Details oder in größerem Umfang umzusteuern. Diese Quellen kön nen zum überwiegenden Teil auch von umweltbezogenen Initiativen und Organisationen genutzt werden. Bisher führt dieser stattliche Wis senspool nur begrenzt zu einer Modifizierung, jedoch zu keiner Revisi on der politischen Ziele. Zusätzlich zu der in den wesentlichen Passagen meist verständlich geschriebenen wissenschaftlichen Literatur bieten Berichte der einschlägigen Bundesanstalten, das Lexikon zur Nachhal tigkeit im Internet sowie zahlreiche auf Stichworte bezogene Artikel im Internet umfassende und verständliche Informationen mit zahlreichen weiteren Verweisen. Unter http://ökologischerfussabdruck.de/ kann je der seinen eigenen persönlichen Fußabdruck berechnen. Eine darüber hinausgehende wichtige Informationsquelle ist in den Veröffentlichungen und eigenen Forschungsprojekten des Umweltpro gramms der Vereinten Nationen und anderer UN Behörden zu sehen, auch wenn sie wegen ablehnender Haltungen der Regierungsvertreter nur in geringem Ausmaß politische Wirksamkeit nach sich ziehen. Mir scheinen die zuständigen UN Behörden selbst stärker sachorientiert in Umweltfragen zu agieren als das deutsche Bundesministerium für Um 272 wIe kann zukunft gelIngen? welt, weil sie keiner gesamtpolitischen Kabinettsdisziplin unterliegen, ähnlich wie Forschungseinrichtungen. Fazit: Die auch politisch geförderte Nachhaltigkeitsforschung ist und bleibt eine unentbehrliche Quelle für alle Personen, Gruppen, Initia tiven und Organisationen, die sich für die politische Umsetzung von Nachhaltigkeit einsetzen und eine Trendwende erreichen wollen. Der bereits bestehende Wissenspool ist weitgehend über Internet und da mit öffentlich leicht erreichbar. 7 3 5 Gemeinsames im Selbstverständnis: Religionen und Nachhaltigkeitsperspektive Viele Menschen mögen fragen, wieso denn ausgerechnet die Religio nen? Seit es Religionen gibt, war das Warum und das Wie des Lebens das zen trale Thema der Religionen. Wie Leben zukünftig noch gelingen kann, das ist das aktuelle Thema für die kommenden Jahrzehnte. Die Antwor ten der Religionen auf die jeweiligen zeitgeschichtlichen Herausforde rungen waren, wie oben beschrieben, sehr reich an Variationen, oft um stritten, gerade auch jetzt in der Gegenwart. Das weist wiederum auf die Vielfalt des Lebens zurück, positiv im Sinn höchst unterschiedlicher Le bensentwürfe, negativ im Sinn von extrem egoistischer, sei es individu eller Rechthaberei oder kollektiver Herrschsucht. Zwar waren Religio nen stets zukunftsorientiert, aber ebenso konsequent rückbezogen auf traditionelle Erklärungen und Rezepte. Ob diese allein noch weiterhel fen, mag bezweifelt werden. Auf jeden Fall brauchen die Staaten für die neuen gemeinsamen Probleme – Klimaerwärmung, Umweltschutz und Erhaltung der ökologischen Lebensbedingungen – zusätzlich neue Lö sungen durch ein punktuelles gemeinsames Selbstverständnis und eine damit verbundene Ethik. Punktuell meint dabei, wie bereits mehrfach argumentiert, die Achtung vor dem Leben und eine darauf bezogene Ethik als gemeinsamen Bezugspunkt trotz ansonsten unterschiedlicher Deutung des menschlichen Lebens. Die Fraktion der Wachstumskritiker scheint zuzunehmen, jedenfalls in mehr oder weniger intellektuellen Kreisen, z. B. durch Veröffentlichun 273 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen gen mit unterschiedlichen Zugängen, religiösen, ökologischen, wirt schaftlichen, psychologischen u. a. Offensichtlich können sich einzelne Personen, Gruppen und Verbände die Freiheit nehmen, über Wahlpe rioden hinauszudenken und angesichts der unübersehbaren Krisens zenarien die Möglichkeiten und Grenzen menschlichen Lebens in der Zukunft auszuloten. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen betonen immer wieder, wie sehr uns die Zeit davonläuft, und dass jede Verzögerung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen die Probleme verschärft und die Kosten der Problembewältigung exponentiell erhöht. Warum klammern sich insbesondere Politiker so vehement an die Wachstums ideologie? Warum geht die Konferenz Rio 2012 zur Nachhaltigkeit mit ausdifferenzierten Vorlagen ohne greifbares Ergebnis zu Ende? Warum verlieren sich weltweit viele Politiker ohne wirkliche Langzeitperspekti ve in fortlaufenden Löcherstopfgesetzen, während andere nichts Besse res zu tun haben, als persönliche und nationale Eitelkeiten zu bedienen? Ist die Demokratie die passende Steuerungsform, um über Jahrzehnte hinaus die Weichen für gute Lebensbedingungen kommender Genera tionen zu stellen? Offensichtlich sind viele Politiker seit Langem nicht in der Lage, die notwendige Zeit und Energie für langfristig bedeutsame Weichenstel lungen zu investieren und diese den Bevölkerungen verständlich zu machen, weil sie bereits mit der Komplexität der alltäglichen Probleme und Streitereien voll ausgelastet, nicht selten überfordert sind. Zahlrei che Staaten sind in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt, Tendenz steigend; sie können sich offensichtlich dem Druck der tonangebenden Wirtschafts und Finanzeliten kaum entziehen. Dieser Druck kommt also von Personen und Verbänden, die selbst im Zirkel von kurzfristigem Wachstum und Gewinn gefangen sind und mit diesem grundle genden Paradigma Gesellschaft und Staat im Griff haben, um nicht zu sagen terrorisieren. Da bleibt nicht viel Raum zur selbständigen Ent wicklung von Zukunftskonzepten über Wahlperioden hinaus. Ange sichts deutlich eingeschränkter Handlungsfähigkeit und Einsichtswil ligkeit vieler Staaten richtet sich die Hoffnung auf zivilgesellschaftliche Initiativen und soziale Bewegungen: eine Nachhaltigkeitsallianz. Aus der Evolutionsgeschichte wissen wir, dass Lebewesen mit ihren Le benskonzepten nur solange überleben, wie die Bedingungen ihres Er folges gegeben sind. Ändern sich die Lebensbedingungen, so muss sich 274 wIe kann zukunft gelIngen? das Lebenskonzept ändern, d. h. an die veränderten Lebensbedingun gen anpassen oder diese Lebensform verschwindet. Dies ist die neue Si tuation, vor der die Menschheit steht, wie die Daten zum ökologischen Fußabdruck (vgl. Kap. 7.1.2), weitere vorgetragene Materialien und die reichhaltige wissenschaftliche Literatur zeigen: In Verbindung mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum nötigen die begrenzten Ressour cen den Menschen, sich auf den nachhaltigen Umgang mit den Res sourcen umzustellen und dies in den vor uns liegenden Jahrzehnten. Ändert die Menschheit ihr aktuell dominantes Lebenskonzept „mate rielles Wachstum“ nicht oder nicht ausreichend sowie rechtzeitig ge nug, so folgen zunächst regionale Zusammenbrüche, denen globale Zu sammenbrüche angesichts des zunehmend engmaschigen Netzes der weltweiten Verflechtungen folgen können, aber nicht detailliert vor hersehbar sind. Nach den vorliegenden Daten leben vorwiegend die In dustriestaaten um ein Mehrfaches über ihre ökologischen Verhältnisse; sie sind es deshalb in erster Linie, bei denen überhaupt Einschränkun gen möglich sind und die ihren Lebensstil deshalb grundlegend um stellen müssen. Für die meisten Länder gilt, dass Einschränkungen des Konsums – unter Gesichtspunkten ausreichender Versorgung – nur bei den kleinen Mittel und Oberschichten möglich, aber real nur schwer durchzusetzen sind. Die erforderliche Anpassung muss zuallererst in den Köpfen der Men schen stattfinden und zur Verinnerlichung dreier Problembündel füh ren: Beschränkung der Klimaerwärmung, Umweltschutz und Erhal tung der ökologischen Lebensbedingungen. Aus der Verinnerlichung dieser Bedrohungen können dann Erweiterungen im Selbstverständnis und in den ethischen Verhaltensstandards erwachsen. In der Evolution des Menschen haben sich zwei grundlegende Vitalkräf te, man kann auch Ressourcen sagen, entwickelt: Der individuelle und kollektive Egoismus einerseits sowie durch letzteren auch das, was Men schen miteinander verbindet und das man Kultur nennt andererseits: Systeme von gemeinsamen Deutungen des Menschseins, Werten und Regeln, darunter vor allem die altruistische Ausrichtung. Kultur kann man als ein in gewisser Weise eigenständiges Steuerungssystem des Menschen neben den Antriebskräften der Evolution verstehen, sicher lich entstanden auf den während der Evolution entwickelten Grundla gen. Die Zukunftsfrage ist, ob sich die Ressource Egoismus durch die 275 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen zweite Ressource Kultur und in ihr die Solidarität soweit domestizieren lässt, dass sie zwar als Antrieb erhalten bleibt, aber ihre destruktiven Wirkungen weitgehend verliert und die unerlässliche Schwerpunktver lagerung von isolierter, egoistischer, konkurrierender auf ge meinsame, partizipative Problembearbeitung, d. h. Zukunftssicherung ermöglicht. Denn die Entwicklung von Partizipation, Teilen, Solidarität, sozialer Gerechtigkeit sind die von vielen Autoren geforderten Veränderungen der Gesellschaft, die für die Realisierung von Nachhaltigkeit für unum gänglich gehalten werden. Die mit Achtung vor dem Leben und daraus folgend Nachhaltigkeit gemeinten Inhalte wären also als das neue, zu kunftsfähige Lebenskonzept der Menschheit zu verstehen, das in beste henden Selbstverständnissen/Religionen zentrale Bedeutung gewinnen muss. Die Zukunftsfähigkeit der Menschheit wird sich demnach daran entscheiden, ob und gegebenenfalls in welchem Maße die Bändigung der Egoismen durch die Kultur gelingt. Vergleicht man die Inhalte von Nachhaltigkeit mit den Aussagen des Al ten Testaments, so ist beides festzustellen: eine wesentliche gemeinsame Schnittmenge und Unterschiede. Beide teilen die Sorge für andere Le bewesen und treten für einen bewahrenden Umgang mit ihnen ein. Un terschiede liegen in der Begründung und – zwangsläufig – im Hinter grundwissen. In der konfessionellen Lesart des Alten Testaments sorgt sich Gott um seine Geschöpfe und gibt dem Menschen den Auftrag, sich um seine Geschöpfe zu kümmern. Der Mensch hat diesen Auftrag auszuführen, um sich durch Gehorsam für das in Aussicht gestellte ewi ge Heil zu qualifizieren. Es ist also nicht die eigene Erkenntnis des Men schen, die anderen Geschöpfe zu bewahren. Dass dieser Auftrag Gottes dennoch bis in die Gegenwart ein weniger bedeutsames Feld menschli cher Aufmerksamkeit gewesen ist, ergibt sich aus der durch und durch anthropozentrischen Grundausrichtung der Bibel, die den Menschen durchaus richtig als einzigartig hervorhebt, aber das übrige Leben qua si in eine nützliche, lebensdienliche, immerhin bewahrungsbedürftige Residualkategorie verweist. Dies ist, wie bereits erwähnt, wegen der da mals bereits erfolgreichen eigenständigen Nahrungsmittelversorgung nachzuvollziehen, zumal die Leistungsgrenzen der Natur damals – und ebenso auch gegenwärtig – nur teilweise erkennbar waren, obwohl es lokale Zusammenbrüche ökologischer Systeme durch menschliche Ein wirkung seit der Entwicklung von Homo sapiens gegeben hat. 276 wIe kann zukunft gelIngen? Den göttlichen Auftrag zum sorgsamen Umgang mit anderen Lebewe sen könnte man als Kontrapunkt zu den Gesetzen der Evolution verste hen: Überleben der auf welche Weise auch immer Stärksten. Auf der ei nen Seite Bewahrung, auf der anderen Egoismus als Allzweckwerkzeug. Komplettiert wird dieser Kontrapunkt durch das Gebot der Nächsten liebe im Dekalog, der auch den Menschen gezielt aus dem genannten Evolutionsmodus herausnimmt und in eine mitmenschliche Gemeinschaft stellt. Liest man die Bibel als historisches Dokument, d. h. als Dokument menschlichen Selbstverständnisses, das von Menschen ersonnen wurde und nach einer langen mündlichen Überlieferungsgeschichte von Men schen für Menschen aufgeschrieben wurde, so sind die hier relevanten Textausschnitte als vehementer Widerspruch menschlicher Kultur ge gen das Fressen und Gefressen werden, das evolutionsgeschichtliche Ausleseprinzip zu verstehen. Das Alte Testament als Dokument früher menschlicher Kultur schafft mit den Schöpfungsberichten und dem De kalog eine selbständige Steuerung des Lebens nach neuen Prinzipien: Sorge für die Lebensumwelt des Menschen und Gestaltung menschli chen Lebens auf der Grundlage mitmenschlicher Zuwendung. Die säkulare und historische Lesart des Alten Testaments macht die neuen Ge staltungsprinzipien zu Erkenntnissen des menschlichen Geistes, die ihre Legitimation und Autorität erhalten, indem sie einem allmächti gen, übernatürlichen Wesen: Gott zugeschrieben werden. Mit anderen Worten: Menschen haben schon sehr früh die Schattenseiten ihrer Le bensform erkannt: den Raubbau an der Natur und die durch individu elle und kollektive Egoismen zerrissene Lebensweise. Zentrale Inhalte menschlicher Kultur sind untrennbar mit der Entwicklung von Religi on verwoben. Ähnlich wie in der historischen Deutung des Alten Testaments erwach sen auch die Vorschläge zur Nachhaltigkeit aus Zweifeln am aktuel len Selbstverständnis und an seinen Wirkungen. Einerseits handelt es sich um Zweifel am Sinn einer Orientierung an ziel und inhaltslosem Wachstum und Gewinnstreben, andererseits an einer endlosen Folge bloß augenblicksartiger Konsumvergnügungen, ohne dass dabei eine sinnhafte Verknüpfung sichtbar würde. Die Forderung der Nachhaltig keit erwächst aus der Achtung nicht nur vor einzelnen Lebewesen oder Lebewesengruppen, sondern vor dem Leben insgesamt, von dem auch 277 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen menschliches Leben ein Teil ist. Die Nachhaltigkeitsperspektive kriti siert also die aktuelle, nur selektive Achtung von Lebewesen, Menschen, Gesellschaften, Religionen usw. Diese Sichtweise passt durchaus in die Lehren vieler Religionsgemeinschaften und deren eigene Begründungs zusammenhänge; sie kann aber auch unabhängig von religiösen Sinn kontexten als immanente Begründung menschlichen Lebens verstan den werden: Leben ist das höchste Gut des Menschen, das menschliche Existenz ausmacht. Nur als Lebewesen hat der Mensch ein Sein: Leben ist Selbstzweck, trägt seinen Sinn in sich selbst. Mit dieser immanenten Begründung von Nachhaltigkeit aus dem Le bensprozess muss man keinen allgemeinen Geltungsanspruch verbin den. Diese Begründung scheint mir jedoch im Hinblick auf die Ge schichte der Evolution und des Menschen plausibel zu sein, da sie an dem Erfahrbaren ansetzt und den Menschen als die für die Erde ver antwortliche Instanz in den Mittelpunkt rückt; sie kann auch von nicht religiös gebundenen Personen, die jedenfalls in Europa zunehmen, un mittelbar nachvollzogen werden. Selbstverständlich weisen auch ande re Begründungen von Nachhaltigkeit eine gewisse kontextgebundene Plausibilität auf. Mir scheint entscheidend, dass die Achtung vor dem Leben aus unterschiedlichen religiösen, kulturellen, philosophischen und anderen Perspektiven zu einem gemeinsamen globalen Band wer den kann. Wer das nicht akzeptieren kann, lebt im Widerspruch mit sich selbst. Mit anderen Worten: Die unterschiedlichen Kulturen und Länder haben jeweils eigene Sinnstrukturen und Lebenskontexte, aber auch – was sie teilweise erst lernen müssen – gemeinsame Lebensprobleme. Um die beschriebenen gemeinsamen Lebensprobleme zu bewälti gen, müssen alle Länder trotz aller sonstigen Unterschiede einen geteil ten, gemeinsamen Bezugspunkt haben, der sie handlungsfähig macht. Dieser gemeinsame Bezugspunkt ist in der Achtung vor dem Leben zu sehen und fordert Nachhaltigkeit ein. Die Darstellung in Kap. 6.4 zeigt, dass eine Religionen und Staaten übergreifende Ethik der Nachhaltig keit immer mehr Zustimmung gewinnt. Schwerpunktmäßig setzt sich die Nachhaltigkeitsfraktion aus vielen nachdenkenden Menschen, qualifizierten Intellektuellen, Wissenschaft lern, Instituten, NRO u. a. zusammen, die ihre Vorschläge zur Nachhal tigkeit auf breit gestreute Analysen und Ergebnisse von biologischen, demographischen, ökonomischen, soziologischen, ethischen, agrarwis 278 wIe kann zukunft gelIngen? senschaftlichen, technologischen und anderen Untersuchungen grün den. Diese Untersuchungen führen von unterschiedlichen Ausgangs punkten dennoch zu denselben Folgerungen. Erstens: Die Fortsetzung der Wachstumsorientierung führt durch das steigende Missverhältnis von Ressourcenverbrauch und Ver und Entsorgungskapazität zwangs läufig in unübersehbare Zusammenbrüche. Zweitens: Auskömmli ches, zukünftiges Leben auf der Erde für alle Bewohner ist auf Nach haltigkeit in allen Lebensbezügen, d. h. eine ausgeglichene Bilanz von Ressourcenverbrauch und Ver bzw. Entsorgungskapazität angewie sen. Drittens: Die ausgeglichene Bilanz kann nur gelingen, wenn sie auf der Achtung vor dem Leben insgesamt, dem aller Menschen und dem der nicht menschlichen Lebewesen aufbaut. Viertens: Die Entwicklung nachhaltiger Gesellschaften ist nur durch die radikale Umsteuerung in der Ausrichtung der Gesellschaft und der Lebensführung der Bürger zu erreichen und zwar durch den Übergang zu Teilen, Partizipation, Soli darität in den sozialen Bezügen; sie mündet zwangsläufig in eine neue Ethik ein, die Gesellschaften und Religionen übergreift. Die Begrün dung von Nachhaltigkeit in allen Lebensbezügen und unumgänglicher Solidarität erwächst aus der durch Forschung und Reflektion erarbei teten Erkenntnis, dass es grundsätzlich nur diesen einen Weg gibt, für den allerdings unterschiedliche Maßnahmenbündel arrangiert werden können. Die Bibel und die Nachhaltigkeitsdebatte stimmen also in zwei grund legenden Wegweisungen in der Sache überein: Sorgfältiger Umgang mit der Biosphäre und solidarischer Umgang mit den Mitmenschen, allerdings mit unterschiedlicher Gewichtung. Die Begründungen un terscheiden sich: einerseits erfolgt in der konfessionellen Lesart der Bi bel die Legitimation durch den Rückbezug auf den allmächtigen Gott, andererseits erfolgt sie bei Teilen der Nachhaltigkeitsgruppierung als Rückbezug auf die Achtung vor dem Leben als Selbstverständnis und auf die eigene Erkenntnis sowie Verantwortung. Die historische Les art des Alten Testaments und die Nachhaltigkeitsvision weisen beide auf die menschliche Erfahrung und Erkenntnis als wertschöpfende und steuernde Instanz hin. Die Ausgangslage ist bei beiden strukturell ähn lich: Menschen suchen einen Neubeginn mit neuen Lebensmodellen, weil die alten offenbar nicht mehr funktionieren und nicht mehr als zukunftsweisend erscheinen. Freilich bedeuteten verantwortungsvoller 279 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Umgang mit der Biosphäre und solidarische Lebensweise konkret da mals etwas anderes als heute. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass der Buddhismus die Gesamt heit des Lebens nicht nur in seinem Weltverständnis, sondern auch in der Lebensgestaltung stets im Blick behalten hat, was den abrahamisti schen Religionsgemeinschaften nicht gelungen ist. Die Natur wird als große Einheit verstanden, in der die Achtung vor dem Leben und der materiellen Natur einen hohen Rang einnimmt, die im Tötungs und Bergbauverbot ihren konkreten Ausdruck findet und mit dieser Kon kretisierung auch weit reichende reale Auswirkungen in der Lebens wirklichkeit hatte und noch hat. Auch in anderen Religionen, insbeson dere Naturreligionen, auf die hier nicht weiter eingegangen wird, finden sich Vorstellungen, die in die gleiche Richtung gehen. Fazit: Schon sehr früh haben sich in der menschlichen Kulturgeschich te Leitbilder darüber entwickelt, dass man die Natur bewahren und die menschlichen Lebensverhältnisse auf der Grundlage von Solidarität entwickeln soll. Beide Leitbilder haben sich in der Lebensführung der Menschen und der Handlungsweise der Gesellschaften nur bruchstück haft durchsetzen können. Individuelle und kollektive Egoismen prägen wie eh und je die Gesellschaften, verwoben und verzahnt auf manch mal merkwürdige Weise mit altruistischen Verhaltensnormen und Ins titutionen. Das Neben , In und Gegeneinander dieser Verhaltenskom ponenten scheint über die Jahrtausende hinweg bis heute ein insgesamt dauerhaftes und stabiles Arrangement mit gewissen Schwankungen ge wesen zu sein. Anders ausgedrückt: Man kann langfristig und global gesehen zwar einen Bedeutungszuwachs des Solidaritätsgedankens, der Nächstenliebe, des Teilens, der Partizipation, der sozialen Gerechtigkeit – dies die verwendeten Begriffe – auch als Ergebnisse des Wirkens von Religionen feststellen. In der Tat ist der Egoismus generell eine wesent liche Erfolgsbedingung für Menschen in welchem Lebensbereich auch immer, während in der Gegenwart der Solidaritätsgedanke die Hoff nung der schwächeren Teile der Bevölkerung und der ebenfalls schwa chen im Sinne von machtlosen intellektuellen bzw. religiösen Autori täten in den wohlhabenden Staaten charakterisiert. Einzelne Staaten mögen da Ausnahmen sein. Gerade der weitere Bedeutungszuwachs des Solidaritätsgedankens ist jedoch der Schlüssel zur Entwicklung von nachhaltigen Gesellschaften der Gegenwart und Zukunft. 280 wIe kann zukunft gelIngen? Folgt man den Nachhaltigkeitsexperten, dann liegt hier die Bewäh rungsprobe der Menschheit oder etwas bescheidener: vieler Regionen und Religionen der Erde. Die Umsetzung setzt jedoch einen Bewusst seinswandel, ein neues bzw. wieder neu belebtes und aktualisiertes Selbstverständnis der Glaubensgemeinschaften, der Bevölkerungen und der Entscheidungsträger voraus. Dieses Selbstverständnis grün det in der Achtung vor dem Leben und erfordert zu seiner dauerhaften Verwirklichung beides: Nachhaltigkeit und Solidarität; es wird gegen wärtig von Repräsentanten des Ökumenischen Rates der Kirchen, der römisch katholischen Kirche, des Mahayana Buddhismus, von Wis senschaftlern und zivilgesellschaftlichen Initiativen und Organisatio nen getragen. Denkschriften, Enzykliken und Memoranden von Religionen sowie einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen sind zunächst wesent liche Schritte, um die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungs träger innerhalb von Ländern und auf der internationalen Ebene argu mentativ unter Druck zu setzen und mit den vorliegenden Szenarien zu konfrontieren und ihnen auf dieser Grundlage Kurskorrekturen in Richtung auf Nachhaltigkeit abzufordern. Zusammen mit den Nach haltigkeitsexperten und zivilgesellschaftlichen Organisationen können die Religionsgemeinschaften von den Entscheidungsträgern für die von ihnen eingegangen Risiken durch Nichtstun und Verzögerungstakti ken Rechenschaft einfordern. Derartige politische Initiativen für die Er haltung des gemeinsamen Hauses werden allein nicht ausreichen und brauchen, um wirksam zu werden, flankierende Maßnahmen durch eine möglichst breite Mobilisierung der Gläubigen und aller Nachhal tigkeitssympathisanten zu wahlrelevanten sozialen Bewegungen. Zwar haben in Deutschland schon mehrfach soziale Bewegungen politische Kursänderungen bewirkt. Dennoch bleibt es vorerst offen, ob, gegebe nenfalls in welchem Maß und welchem Zeitraum die Mobilisierung der Bevölkerung, die ja selbst erhebliche Veränderungen in ihrer Lebens führung wird hinnehmen und durchführen müssen, gelingen kann. Bedauerlicherweise gilt bisher – ich denke ausnahmslos – die Erfah rung, dass die Bevölkerungen in ihren Mehrheiten bisher noch nie be reit waren, freiwillig zugunsten zukünftiger Lebenschancen erhebli che Einschränkungen und Veränderungen in der aktuellen Gegenwart zu akzeptieren. Ist der demokratische Staat die geeignete Regierungs form, um die erforderlichen Maßnahmen für Klima , Umwelt und Bio 281 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen sphärenschutz durchzuführen? Zweifel sind angebracht, müssen erlaubt bleiben. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben die UN und auch einzelne Staaten zwar Lebensmittel und andere Hilfsgüter aus der Überschuss produktion und aus eigenen Mitteln in beachtlichem Umfang, aber im mer noch nicht ausreichend, in Regionen geschickt, in denen durch Bürgerkriege, Missernten und andere Katastrophen Notlagen entstan den. Das sind zurzeit viele Milliarden. An die Veränderung der eigenen Sozial und Verteilungsstrukturen haben die reichen Länder dabei je doch bisher nicht gedacht. Zu Solidaritätsleistungen in der Form eige ner struktureller Verteilungsveränderungen waren Gesellschaften und ihre Bürger bisher nicht in der Lage. Gerade aber diese große Umver teilung in den Gesellschaften und zwischen ihnen meinen die Nachhal tigkeitsgruppierungen und die Religionsvertreter, weil der Gesamtver brauch reduziert und deshalb neu verteilt werden muss, um nachhaltig werden zu können. Gelingt diese Hinwendung zum Solidaritätsprinzip, dann ist dies ein qualitativer Sprung, gewissermaßen eine Metamorpho se des Menschen, die die Mechanismen der Evolution, jedenfalls was den Menschen angeht, zwar nicht aufhebt, aber doch zu einer größeren anteiligen Selbststeuerung der Entwicklung hin verschiebt. Die oben angesprochene, noch zu erarbeitende Nachhaltigkeitsethik ist dabei als Wegbereiter zu sehen. Da der Mensch sich auf der Erde gegenüber an deren früheren Fressfeinden durchgesetzt hat, würde ihn die Reduktion bzw. die Verminderung der egoistischen Antriebsenergien nicht selbst bedrohen, aber seine Vitalität möglicherweise einschränken. Es ist nicht zu übersehen, dass sich in europäischen Gesellschaften Menschen in Gruppen zusammentun, die die Abkehr von der widersin nigen Wachstumsideologie fordern und selbst an unterschiedlichen al ternativen Wirtschafts bzw. Gesellschaftskonzepten arbeiten (www.Lebensministerium.at S.  13). Auch die Veröffentlichungen zur Kritik der Wachstumsideologie und zu Alternativen nahmen in den letzten Jah ren sprunghaft zu. Angeblich trauen 82 % der Deutschen der aktuellen Wirtschaftsorganisation keine erfolgreiche Zukunft zu; werden sie aber auch einen Systemwechsel unterstützen, wenn sie ihren Konsum spür bar einschränken müssen, was die Nachhaltigkeitsgruppierungen für unausweichlich halten? Gerade die aktuellen Zukunftsprojekte: die in ternationalen Handelsverträge TTP, TTIP und CETA stellen die Wei 282 wIe kann zukunft gelIngen? chen falsch, weil sie durch die Begünstigung der Gier großer Konzerne auch den individuellen Egoismus fördern und solidarische Verhaltens weisen auf fast allen sozialen Ebenen nicht zur Entfaltung kommen las sen. Unter dem Titel: „Sie zerstören ihr eigenes Werk“ analysiert der Ökonom und Nobelpreisträger (2001) Joseph E. Stieglitz die Effekte von TTP und TTIP. Nach seiner Analyse untergraben sie die Politik, die Ob ama und Merkel mit dem Pariser Abkommen verbinden, und stärken bestehende Strukturen (Stieglitz 2016). 7 3 6 Gemeinsames in der Ethik: Handeln braucht eine ethische Grundlage In den vorausgegangenen Kapiteln und Abschnitten wurde immer wie der auf die Vielfalt der Kulturen, der Religionen und der gesellschaft lichen Entwicklungsphasen hingewiesen, die als Gegebenheit zu ak zeptieren ist und vielfältigen elementaren individuellen und sozialen Bedürfnissen dient. Lange Zeit ist es bei einem Nebeneinander und häufig auch Gegeneinander geblieben. Die Kulturen hatten ihre eige nen Wertsysteme und ethischen Vorstellungen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ändert sich die Lage der Menschheit in zwei wich tigen Hinsichten erheblich und stellt auch die Ethik vor neue Probleme. Einerseits verdichten sich schon seit mehreren Jahrtausenden bestehen de Handelsbeziehungen zwischen Staaten zu einem dichten Netz glo baler Verflechtungen und wechselseitiger Abhängigkeiten. Andererseits entstehen mit der wachsenden industriellen Güterproduktion primär in den westlichen Ländern mehrere hausgemachte Probleme (Ozon loch, Klimaerwärmung, Meerverseuchung, Ressourcenverknappung, lebensfeindliche Folgen der Industrieproduktion usw.), die im Begriff sind, für alle Staaten zur Bedrohung zu werden. Neu an den beiden fortschreitenden Entwicklungen ist, dass durch sie gemeinsame Proble me der Staaten entstanden sind und schrittweise von den wirtschaftli chen und politischen Entscheidungsträgern auch wahrgenommen wer den. Die neuen gemeinsamen Probleme brauchen zu ihrer Bewältigung gemeinsames Zusammenwirken der Staaten, das erst durch Verständi gung, d. h. ein problembezogenes gemeinsames Selbstverständnis und als Handlungsgrundlage eine gemeinsame problembezogene ethische Basis funktionsfähig wird. 283 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen Hans Küng nennt diese global erforderliche Ethik Weltethos, beschreibt die intensive Arbeit an dem Projekt Weltethos seit 1989 und listet die einschlägige Literatur auf (Küng 2012). Sein Bestreben ist, in den Tra ditionsströmen diejenigen gemeinsamen Elemente herauszufinden, die für ein Weltethos als Plattform für gemeinsame, Gesellschaften und Religionen übergreifende Orientierungen und Handlungsweisen als Grundlage dienen können. Seiner Charakterisierung von Weltethos (S.  19–41) kann man weitgehend zustimmen. Besonders hervorzuhe ben ist seine mehrfach wiederholte Auffassung, dass Weltethos kein weltweiter Ersatz für die vielfältigen Ethiksysteme ist, sondern sich nur auf die Bereiche des Gesellschaften und Religionen übergreifenden, gemeinsamen Handelns bezieht, d. h. den bestehenden Ethiksystemen nur ein Element hinzufügen will. Dies ist, wie die Abschnitte 7.3.1 und 7.3.2 zeigen, auch die hier vertretene Sichtweise. Es ist allerdings wahr scheinlich, dass eine solche ergänzende Hinzufügung von Gesellschaf ten und Religionen übergreifenden Ethikbausteinen den Charakter der jeweiligen Ethiksysteme wesentlich verändert, etwas Neues aus ihnen macht. Der Rückbezug auf die unterschiedlichen Traditionsströme bie tet für die Individualethik, die zwischenmenschlichen und gesellschaft lichen Bezüge eine wertvolle Grundlage. Er bleibt jedoch im anthropo zentrischen Denken befangen. Für die neuen gemeinsamen Probleme: Beschränkung der Klimaerwärmung, Umweltschutz und Erhaltung der ökologischen Lebensbedingungen des Menschen, die sich im Sinne der Achtung vor dem Leben unter dem Begriff Nachhaltigkeit zusammen fassen lassen, werden dringend neue Zugänge benötigt. Ich gehe deshalb davon aus, dass der Rückbezug auf die Traditionen ergänzt werden muss durch die induktive Entwicklung ethischer Ori entierungen und konkreter Verhaltensvorgaben. Inhaltlich besteht die Achtung vor dem Leben in den Orientierungspunkten und Verhaltens mustern, die sich unter Bezug auf Nachhaltigkeit im oben definierten Sinn konkretisieren lassen. Achtung vor dem Leben kann praktiziert werden, indem die aus Nachhaltigkeit resultierenden Verhaltensmaß gaben die Lebensführung der Menschen, der Gesellschaften und ihrer Institutionen prägen. Mit anderen Worten: Nachhaltigkeit ist als ethi sches Leitziel zu verstehen, das in konkreten, jeweils feldbezogenen Ver haltensnormen zum Ausdruck kommt. Eine für die Ethik neue Situation besteht darin, dass das Leben und das Verhalten des Menschen in grundlegenden Teilen von der Erhaltung der nicht menschlichen Le 284 wIe kann zukunft gelIngen? benswelt her gedacht und entworfen werden muss. Nachhaltige Verhal tensstandards müssen, soweit sie sich auf die Biosphäre beziehen, von den jeweiligen Lebensbedingungen von Tieren, Pflanzen, Pilzen, öko logischen Systemen her induktiv entwickelt werden: Durch welche Ver haltensweisen können Lebensbedingungen von Tieren, Pflanzen, Pilzen, ökologischen Systemen beachtet werden, damit sie weiterleben können, sich dadurch Nachhaltigkeit im Sinne der Achtung vor dem Leben voll zieht und die menschlichen Lebensbedingungen gesichert werden? We sentlich komplizierter wird die Sachlage, wenn es um die Existenz von ökologischen Systemen, z. B. Nahrungsketten geht. Um diese Leben er haltenden Verhaltensweisen ausfindig zu machen, müssen zwangsläu fig Fachwissenschaftler aus den Biowissenschaften in die ethische Dis kussion einbezogen werden, werden Fachwissenschaftler zu Partnern in der Ethikdebatte. Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien und andere Lebewe sen sowie ökologische Systeme treten damit als Bezugspunkte mensch licher Ethiküberlegungen aus wohlverstandenem Eigeninteresse in den Mittelpunkt. Mit anderen Worten: Die nicht menschliche Biosphäre wird in Zukunft die Freiheit des Menschen und sein Verhalten umfas send begrenzen und steuern. Damit kommt es zu neuen Schwerpunkt setzungen in der Ethik: Die bisher weitgehend anthropozentrisch an gelegten Ethiken müssen die Biosphäre insgesamt in den Mittelpunkt stellen. Sie erhalten mit dieser Schwerpunktverschiebung einen völlig neuen Charakter. Die ökologischen Verhältnisse weisen weltweit enorme Unterschiede auf. Es scheint mir deshalb noch offen zu sein, ob man zur Umsetzung von Nachhaltigkeit weltweit gleiche oder wenigstens ähnliche ethische Leitziele auf einer weniger abstrakten, feldbezogenen Ebene erarbeiten kann. Aus demselben Grund werden die konkreten Verhaltensvorga ben zwangsläufig unterschiedlich ausfallen. Dies gilt analog für die Er haltung nicht erneuerbarer materieller Ressourcen und in Bezug auf nicht menschliche Lebewesen. Die Nachhaltigkeitsforschung aus den unterschiedlichen Wissenschaftszweigen gewinnt deshalb besondere Bedeutung, um die notwendigen Verhaltensstandards und ethischen Leitsätze von den konkreten Umständen her zu entwickeln. Die alltägliche Lebenswirklichkeit nach dem Leitbild Nachhaltigkeit würde voraussichtlich in erheblichem Umfang von auf Nachhaltigkeit zielenden Verhaltensnormen geprägt sein. Ich halte es deshalb für sehr 285 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen wahrscheinlich, dass die Entwicklung von ethischen Leitzielen und konkreten Verhaltensvorgaben unter dem Leitbild Nachhaltigkeit auch zur Modifikation traditioneller ethischer und moralischer Vorstellun gen und deren Stellenwert führt, in den jeweiligen ethischen Systemen also neue Schwerpunkte setzt, sie qualitativ im Gesamtbild verändert: Die auf Nachhaltigkeit zielenden ethischen Leitziele und Verhaltens normen gewinnen mittelbar menschliches Leben erhaltende Bedeutung. Indem nicht menschliches Leben geschützt wird, erfolgt die Sicherung menschlicher Lebensbedingungen. Eine solche globale Nachhaltigkeit sethik wird vermutlich erhebliche Rückwirkungen auf kulturell und re gional geprägte Gewohnheiten ausüben; sie kann nicht einfach additiv den bereits bestehenden ethischen Konzepten der Kulturen hinzugefügt werden, muss anschlussfähig sein und integriert werden. Die indukti ve, von den Problemen ausgehende Entwicklung einer solchen Nach haltigkeitsethik muss, wenn sie eine Durchsetzungschance haben soll, dialogisch durch die konkret mit Nachhaltigkeitsproblemen konfron tierten Berufe/Personen, Repräsentanten von Religionsgemeinschaften und anderen Beteiligten jeweils kontextbezogen, falls notwendig auf in ternationaler Ebene erfolgen. 7 3 7 Zusammenfassung Wir sind von den hausgemachten und deshalb beeinflussbaren Bedro hungen der menschlichen Lebensbedingungen ausgegangen und ha ben im Rückblick die Entwicklung des Menschen und seines Selbstver ständnisses nachgezeichnet, das sich über viele Jahrtausende entwickelt und unter Bezug auf seine teils vorgefundene und teils selbst geschaf fene Umwelt variationsreich verändert hat. Menschliches Selbstver ständnis drückt sich vor allem in den Religionen aus und umfasst Vor stellungen über das Warum und das Wie des Lebens in der von ihm wahrgenommenen Welt im Wandel der Zeiten bis in die Gegenwart. Die vom Menschen teilweise und zunehmend selbst geschaffenen Le benswelten spiegelten zu allen Zeiten sowohl sein Selbstverständnis als auch sein Vermögen bzw. Unvermögen, mit seiner Umwelt so umzuge hen, dass seine Lebensbedingungen erhalten bleiben. Trotz vieler Rück schläge und Fehlentwicklungen im Laufe der Menschheitsgeschichte ist es dem Menschen insgesamt überaus erfolgreich gelungen, sich als Art 286 wIe kann zukunft gelIngen? nicht zur zu behaupten, sondern sich über die ganze Erde auszubreiten, auf Kosten der anderen Lebewesen. In jüngster Zeit haben sich die rationalen Kapazitäten und Potenziale des Menschen sprunghaft weiter entwickelt; sie beeinflussen die Selbst verständnisse nachhaltig in erstaunlich unterschiedliche Richtungen, weil sie die Lebensführung der Menschen durch die vielfältigen tech nologischen Errungenschaften weithin prägen und durch schnellen Wandel verunsichern; sie sind einerseits in vielen Bereichen von Nah rungsmittelproduktion bis gesundheitlicher Versorgung – auch durch Raubbau – sehr erfolgreich gewesen, können dennoch für die immer noch zunehmende Weltbevölkerung auf Dauer nicht genügend Res sourcen zur Verfügung stellen, keinesfalls nach aktuellen westlichen Standards. Andererseits hat der Mensch mit seinen produktiven Poten zialen im Erfolgsrausch seine eigenen Lebensbedingungen viel zu sehr aus dem Blickfeld verloren: die Klimaerwärmung mit ihren Auswirkun gen, die Überfischung und Verseuchung der Weltmeere, die ökologische Tragfähigkeit der Natur und so weiter wie oben beschrieben. Alle die se Bedrohungen entstehen weit überwiegend aus einem fehl geleiteten, materialistischen, kurzfristig ausgerichteten und – bedauerlicherweise – verbreiteten Selbstverständnis, in dem die natürlichen Ressourcen so behandelt werden, als stünden sie unbegrenzt auf Dauer zur Verfügung. Die eigensinnige und kaum reflektierte Beibehaltung dieses Selbstver ständnisses durch die meisten Entscheidungsträger, d. h. die fehlende bzw. sehr begrenzte Einsicht in die bereits entstandenen Problemlagen und die fehlende Bereitschaft, das Selbstverständnis der Bedrohungsla ge anzupassen, stellen das zentrale, lösungsbedürftige Problem dar. Die Einsicht in die Fehlentwicklung und der Wille zum notwendigen Pa radigmenwechsel fehlen bisher auf der Seite der Entscheidungsträger und in weiten Teilen der ziemlich ahnungslosen Bevölkerungsmehr heiten weitgehend, ohne Aussicht auf ein Umdenken: eine Hochrisiko politik. Demgegenüber finden auf langfristige Erhaltung der Lebensbe dingungen ausgerichtete Minderheiten zu wenig Aufmerksamkeit und Akzeptanz. Um die sich anbahnenden katastrophalen Einbrüche zu vermeiden, bleibt, wenn man am Ziel der dauerhaften Versorgung der Weltbevölkerung festhält, nur die Chance, die nachhaltige Organisati on von Gesellschaften und Wirtschaft voranzutreiben: eine Nachhaltigkeitsallianz zu gründen und politisch mobil zu machen. 287 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen • Soweit ein gemeinsames Selbstverständnis unter den Staaten be steht, orientiert es sich nach wie vor am Wirtschaftswachstum: Je der Staat will für sich mehr haben. Ein auf Nachhaltigkeit zielen des Selbstverständnis, das sich an der Achtung vor dem Leben und der dauerhaften Versorgung der Weltbevölkerung orientiert, ist ge genwärtig primär bei Forschern, zivilgesellschaftlichen Initiativen, Intellektuellen, Religionsgemeinschaften u. a., jedoch nur sehr ein geschränkt bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträ gern und in Bevölkerungsmehrheiten entwickelt; für die Nachhal tigkeitsrevolution ist es auf weite Verbreitung in den Gesellschaften angewiesen. Es ist zu hoffen, dass aus den genannten, noch neben einander wirkenden Kreisen mit ähnlichen Überzeugungen und Zielen politisch aktive Nachhaltigkeitsallianzen entstehen, die letzt endlich einen gesellschaftlichen Meinungsumschwung zugunsten von Nachhaltigkeit und ein entsprechendes politisches Umsteuern einleiten. • Die politischen Entscheidungsträger halten geradezu verbissen an Wachstumszielen fest und versuchen diese durch – umstritte ne – Handelsverträge zu optimieren. Trotzdem sind diesbezügliche Erfolge zurzeit eher die Ausnahme als die Regel. Die politischen Entscheidungsträger sind also im Sinn ihrer eigenen Ziele wenig erfolgreich. Diese Misserfolge müssten sie nachdenklich machen, tun es aber nicht, bieten aber dennoch die Chance, die vorhande ne Verunsicherung zur Propagierung der notwendigen Umorien tierung zu nutzen. Angesichts der objektiven Wachstumsgrenzen und des fortschreitenden Bevölkerungswachstums wird ein im Sinn von Bevölkerungszahl und Ressourcenverbrauch nicht expan dierendes Lebensmodell, d. h. der Übergang in kreislaufartige Ge sellschafts bzw. Wirtschaftsmodelle mittelfristig gezielt angestrebt werden müssen. • Die zwei zentralen und mit Abstand schwierigsten Probleme/Auf gaben bei der Umstellung der gesellschaftlichen und wirtschaft lichen Organisation bestehen darin, einerseits die Einsicht in die unbestreitbare Abhängigkeit menschlichen Lebens von der Bio sphäre und erforderliche verhaltenswirksame Schutzmaßnahmen – nicht nur von attraktiven Tierarten – mehrheitsfähig zu vermit teln und andererseits die unerlässliche Solidarität für die kaum ver meidbaren Umverteilungsprozesse herbeizuführen. Ohne Bewusst seinsänderung ist Solidarität nicht zu erwarten. Die überzogenen 288 wIe kann zukunft gelIngen? Entwicklungschancen der materiellen Gier brauchen eine struk turelle Begrenzung, so dass die extreme und weiter zunehmende soziale Ungleichheit in eine leistungsgerechte Einkommens und Vermögensverteilung überführt werden kann. Schließlich werden die Bürger ihren materiellen Konsum auf lebensnotwendige Gü ter beschränken und erfülltes Leben in qualitativen, selbstzweckli chen Kontexten suchen müssen, z. B. in sozialen, geistigen, künst lerischen, sportlichen und anderen Aktivitäten. Ohne ein neues Selbstverständnis, das die Achtung vor dem Leben mit allen Kon sequenzen beinhalten muss, können die für notwendig gehaltenen Veränderungen kaum gelingen. Ohne Bewusstseinsveränderungen mit dem neuen Selbstverständnis fehlt den Umverteilungen und Einschränkungen die unabdingbare Begründung und den Bürgern die Motivation zur Mitwirkung. • Betroffen sind von der notwenigen gesellschaftlichen Neuorientie rung in besonderer Weise die wohlhabenden Länder, weil sie ihre ökologischen Fußabdrücke ebenso drastisch überschreiten wie sie sie reduzieren müssen. Das wird ohne massive Einschränkungen kaum möglich sein. Wie sollen denn fünf bis zehnfach überzoge ne Fußabdrücke anders reduziert werden als durch Einsparungen und Umverteilungen? Gleichzeitig werden die reichen Länder sich darauf einstellen müssen, den armen die zur Versorgung ihrer Be völkerungen notwendigen Güter zunächst zur Verfügung zu stel len. Weiterhin geht es darum, die armen Staaten bei ihren meistens bestehenden Bemühungen um eigenständige Versorgung nicht wie häufig bisher zu behindern und abhängig zu halten, sondern zu un terstützen. Ohne neues Selbstverständnis scheitern diese Aufgaben. • Der erforderliche Paradigmenwechsel zu Nachhaltigkeit bedeutet zunächst, dass nun endlich auch Politik, Wissenschaft, Technolo gie und Wirtschaft den Aufforderungen der Biologen und Nach haltigkeitsforscher folgen, ein auf die Erhaltung der menschlichen Lebensbedingungen bezogenes Selbstverständnis entwickeln und von Leben gefährdenden Forschungszielen und Produkten abse hen bzw. sorgfältige Missbrauchsvorsorge treffen. Ausschließlich auf materiellen Gewinn ausgerichtete Wissenschaft und Technolo gie ohne ethische Rückbindung an die Erhaltung der Lebensbedin gungen kann sich die Menschheit nicht mehr leisten. Diese not wendige Neuorientierung muss durch politischen Druck aus den Nachhaltigkeitsallianzen angeregt und beschleunigt werden. 289 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen • Die Nachhaltigkeitsforschung erarbeitet seit einigen Jahrzehnten zunehmend Forschungsergebnisse unter dem Gesichtspunkt, wie man Nachhaltigkeit in den relevanten Feldern praktizieren kann. Dieser Wissenspool ist in allgemein verständlicher Sprache, z. B. im Internet weitgehend zugänglich, von zentraler Bedeutung und für politische Aktionen nutzbar. Für die bevorstehenden Aufga ben im Feld des nachhaltigen Produktions und Konsumverhaltens braucht die Nachhaltigkeitsforschung weitere finanzielle Unter stützung, die man aus zwar interessanten, aber ziemlich nutzlosen Forschungsprojekten, z. B. der Weltraumforschung abziehen kann: denn eine Auswanderung aus einer lebensuntauglichen Erde hat keine Chance. Wohin denn? Forscher werden als Experten auch in gutachtender Funktion und, soweit sie dazu bereit sind, auch in po litischen Ämtern gebraucht. • Die vorliegenden, respektablen Programme des WWF (WWF 2014), von Randers und Maxton (Randers/Maxton 2016) und weitere bie ten hilfreiche Ansätze, bedürfen zur Umsetzung von Nachhaltigkeit der Einbindung in das auf Lebenserhaltung ausgerichtete Selbstverständnis, um die notwendige Motivationsschubkraft zu entwickeln. Weil die für notwendig gehaltenen solidarischen Verhaltensände rungen in einer Phase des Wohlergehens in absehbarer Zeit not wendig sind, die angestrebten Wirkungen aber kommenden Gene rationen zugutekommen, müssen sie aus Überzeugung erwachsen. Wer vermindert seine materielle Lebensqualität freiwillig ohne tief greifende Begründungen? Weil die gegenwärtigen Bevölkerungen jedenfalls in den reichen Ländern in relativ hohen Anteilen in ei nem bisher nicht gekannten Wohlstand leben, stößt dessen Aufga be oder doch sehr wesentliche Reduktion entweder unweigerlich auf erbitterten Widerstand oder ist zur Umsetzung auf die existen ziell begründete Einsicht und Überzeugung von einer notwendigen Neuorientierung der Mehrheitsbevölkerung angewiesen. • Wilson entwirft in „Die Hälfte der Erde“ (Wilson 2016) ein Pro gramm für die Erhaltung der Biodiversität der Biosphäre. Danach sollte die Hälfte der Erdflächen der Natur vorbehalten bleiben und die Biodiversität erhalten können, was ungefähr einer Verdreifa chung der Schutzgebiete entspricht. Aus dieser Perspektive der Er haltung der Biodiversität nimmt Wilson auch die Verknüpfungen mit den anderen Umweltproblemzonen vor: Klimawandel, Mee resverseuchung usw. Indem Wilson die Biodiversität, den „Schutz 290 wIe kann zukunft gelIngen? des Naturkapitals“ (WWF 2014) als wichtigste Lebensbedingung für den Menschen in den Mittelpunkt stellt, schafft er zugleich den Ausgangs und Zielpunkt für eine zweckmäßige Abstimmung und Strukturierung aller auf Nachhaltigkeit bezogenen Maßnahmen vorschläge unterschiedlicher Autoren. Auch Wilsons Programm, so einleuchtend wie es ist, ist zum Erfolg darauf angewiesen, dass die konsequente Achtung vor dem Leben zum Kernelement in den Selbstverständnissen auf diesem Erdball – und mehrheitsfähig in den Bevölkerungen und bei den Entscheidungsträgern wird. • NRO als nationale und internationale zivilgesellschaftliche Initia tiven, soziale Bewegungen und Organisationen wirken als unent behrliche Informationsbörsen, Mobilisierungsinstanzen und Mah ner auf dem Weg zu nachhaltiger Organisation von Gesellschaft und Wirtschaft und werden in dieser Funktion dringend gebraucht, um die Bevölkerung und saumselige Politiker aufzurütteln. Als po litisch interessierte Kritiker verfolgen sie die politischen Abläufe genau und sind deshalb in der Lage, Täuschungs und Überrum pelungsversuche von politischen Kreisen z. B. bei den aktuell disku tierten Handelsverträgen aufzudecken und die Bevölkerung zu Ge genmaßnahmen zu mobilisieren. • Die Staaten der Erde haben mit ihren Regelungen zum Ozonloch und zur Klimaerwärmung erste Schritte in Richtung auf Nachhal tigkeit getan. Die reale Erfüllung steht für die Klimaerwärmung noch aus. Diese Bemühungen bedürfen der Fortsetzung, Intensivierung und der Erweiterung auf andere Problemfelder z. B. auf den Schutz der Meere und der Artenvielfalt. • Die weltweit hoch entwickelten Austauschbeziehungen und die Be wältigung der sich anbahnenden Probleme werden durch ein offen sichtliches Defizit an gemeinsamen ethischen Bezugspunkten in den Selbstverständnissen der Staaten und Kulturen sehr stark beein trächtigt. Weil davon menschliches Weiterleben abhängig ist, sind diese gemeinsamen, d. h. von der großen Mehrheit der Staaten ge teilten ethischen Grundlagen in der Achtung vor dem Leben und dem nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen zu verorten. Als Sinngebungsinstitutionen können in diesem Kommunikationspro zess Religionen, für die das Warum und Wie des Lebens stets im Mittelpunkt stand, sowohl auf nationaler als auch auf internatio naler Ebene eine wichtige Rolle spielen. Auf diesen kooperativ er arbeiteten ethischen Grundlagen können die dringend benötigten, 291 mIt gemeInsamen überzeugungen zu nachhaltIgkeItsallIanzen einschlägigen, problembezogenen und fairen Regelungen aufbauen, die die internationale Freibeuterei transnationaler Konzerne und den verschwenderischen Umgang mit Ressourcen zugunsten von Nachhaltigkeit unterbindet; dazu ist massiver Druck aus den Nach haltigkeitsallianzen notwendig, um die intensive Auseinanderset zung mit den komplexen Umwelt und Ressourcenproblemen und die Erarbeitung von geeigneten Bewältigungskonzepten für beide zu erzwingen. Insgesamt kommt man nicht an der Erkenntnis vorbei, dass die Merk male der Zeitenwende, die sich in der Begrenztheit der Erde, der Ver knappung der Ressourcen, dem Klimawandel, zahlreichen Umweltpro blemen, der Auszehrung der Biodiversität u. a. äußern, von der großen Mehrheit der Bevölkerungen und auch der Entscheidungsträger noch nicht wahrgenommen oder jedenfalls nicht ernst genommen werden. Das mittlerweile verfügbare Wissen um den eintretenden Epochen wechsel ist teilweise vorhanden, braucht aber Erweiterungen. Es fehlt die Bereitschaft, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen und tatkräftige Konsequenzen daraus zu ziehen. Die Devise ist, weiter so wie bisher. In zwei grundlegenden Hinsichten erweisen sich die Jäger und Sammler gruppen als Lernmodell. Zum einen waren sie sich stets Ihrer Abhän gigkeit von der Biosphäre bewusst und sind, wie die Ausbreitung über die Erde zeigt, damit trotz wiederholter selbst verursachter Fehlentwick lungen mehr oder weniger erfolgreich umgegangen. Dieses Bewusst sein der Abhängigkeit von der Biosphäre ist seit der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, der Entwicklung von Siedlungen und Städten weitgehend verschwunden und wurde von der vorherrschenden Aus beutungsmentalität ersetzt, bedarf aber überaus dringlich einer raschen Wiederbelebung, die wie beschrieben im Gange ist und eine breite Ba sis in den Köpfen der Bevölkerung braucht. Die Jäger und Sammler gruppen haben andererseits individuelles Vorteilsstreben Einzelner zu lasten der anderen Gruppenmitglieder durch ihre egalitären Strukturen bekämpft, dadurch das Überleben der Gruppen als ganzer, und damit auch der einzelnen Mitglieder gesichert. Die Jäger und Sammlergrup pen waren sich also ihrer physischen und sozialen Existenzbedingungen bewusst und haben sie respektiert. Vor einem anlogen Problem steht die Menschheit heute sowohl innerhalb als auch zwischen Staaten auf einer allerdings weit komplexeren Ebene. Angesichts fortschreitender Destabilisierungen zahlreicher Staaten wird auf den nationalen Ebe 292 wIe kann zukunft gelIngen? nen die Eindämmung von Egoismen von Individuen, Gruppen, Banken, Konzernen mittels Solidarität zugunsten des künftigen Gemeinwohls zum Prüfstein für die Überlebensfähigkeit der Staaten/Gesellschaften. Auf der internationalen Ebene ist analog dazu die Eindämmung von Gewalt und vielfältigen individuellen und kollektiven Egoismen ebenso unumgänglich wie die Solidarität der reichen und deshalb starken Staa ten zugunsten der armen und deshalb schwachen Staaten. Ohne die se Solidaritätsprozesse werden die beschriebenen gemeinsamen Prob leme – unter den oben beschriebenen Prämissen – nicht zu lösen sein. Die Zukunftsfähigkeit der Menschheit wird sich demnach daran ent scheiden, ob und gegebenenfalls in welchem Maße die Kontrolle der individuellen und kollektiven Egoismen durch eine solidarisch akzen tuierte Kultur gelingt. Gemeint ist hier keine Beseitigung der individu ellen und kollektiven Egoismen, sondern ihre Zügelung zugunsten des Gemeinwohls, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Wenn man erst auf den Druck unmittelbarer apokalyptischer Situatio nen reagiert, könnte es, wie viele der zitierten namhaften Autoren mei nen, zu spät sein.

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Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.