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5 Was wird aus den Religionen? in:

Hans Dietrich Engelhardt

Was wird aus unserer Umwelt?, page 149 - 176

Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3965-6, ISBN online: 978-3-8288-6838-0, https://doi.org/10.5771/9783828868380-149

Tectum, Baden-Baden
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139 5 Was wird aus den Religionen? 5 1 Sind Religionen Auslaufmodelle? Viele Menschen sehen Religion als Auslaufmodell für die Erklärung der Welt und beziehen sich dabei auf unvereinbare Gegensätze zwi schen Religion und Wissenschaft, insbesondere auf Aussagen von Re ligionen über Erscheinungen der realen Welt, die von Wissenschaften als nachweislich falsch nachgewiesen werden. Derartige Sichtweisen sind verbreitet, erst recht bei Wissenschaftlern, vor allem Naturwissen schaftlern; schließlich beschäftigen sie sich so intensiv und durchaus erfolgreich mit der rational empirischen Erklärung der Funktionszu sammenhänge auf der Erde und im Universum, dass auf der Grundla ge soliden weil belegbaren Wissens die unterschiedlichen mythologi schen Annäherungen an die Wirklichkeit, wenn man sie wörtlich ernst nimmt, kaum bestehen können, soweit sie sich auf die reale Welt bezie hen. Es gibt nun einmal Gegenstandsbereiche und darin Aussagen, die man klar als richtig bzw. falsch bezeichnen kann. Untersuchungen wäh rend des 20. Jahrhunderts in den USA zufolge ist der Anteil der Natur wissenschaftler, die an Gott oder ein göttliches Wesen glauben, bis zum Jahrhundertende auf nahe Null gesunken (vgl. Wilson 2014, S. 307). Dementsprechend erwarten viele Menschen, dass Religionen mit zu nehmender Rationalisierung der Lebensvollzüge überflüssig werden. Ich denke, diese Beurteilung von Religion resultiert aus mehreren Fehl einschätzungen. Erstens handelt es sich um ein Missverständnis dessen, was Religion im Kern ausmacht. Zweitens führt beides: eine Verabsolutierung des empirisch-rationalen Denkens oder alternativ der Religion in die Irre und zu falschen Schlüssen. Drittens entwickelt sich insbesondere in der westlichen Zivilisation zunehmend die Vorstellung, dass Religion und Wissenschaft je eigene Formen sind, mit der Lebenswirklichkeit der Menschen umzugehen, und letztendlich auf einander angewiesen sind, sich bedingen, wenn die Lebensbedingungen auf dieser Erde längerfristig erhalten bleiben sollen. Ich halte es deshalb für überholt, Religion und Wissenschaft als miteinander konkurrierende Modelle der Welterklärung zu verstehen. 140 was wIrd aus den relIgIonen? Erstens: Während Wissenschaft damit zufrieden ist, die für uns erfahr bare Wirklichkeit in der Form von eindeutig belegbaren Ursache Wir kungszusammenhängen zu erfassen und zu erklären, gehen Religio nen über bloße Erklärungen der realen Welt des Menschen hinaus und deuten diese sinnhaft, stets mit dem Blick in die Zukunft, um Orien tierung und Handlungsmodelle zu gewinnen. Wissenschaftliche Erklä rungen der Welt haben die bildhaften Welterklärungen nicht nur der christlichen Glaubensgemeinschaften besonders in den letzten drei Jahrhunderten durch empirisch belegte Forschungsergebnisse in Fra ge gestellt – Stichwort Entmythologisierung –, in das Feld der sinnhaf ten Deutung menschlichen Seins wollten und konnten sie jedoch nicht eindringen; sie haben sich ja an das Hier und Jetzt gebunden. Aber jede Sinndeutung beruht auf einer nicht mehr hinterfragbaren Leitvorstel lung, einem Axiom, einer geglaubten Offenbarung oder wie man diesen grundlegenden Ausgangs und Bezugspunkt des Lebens auch sonst be zeichnen will, und gibt dem Leben eine Richtung. In den meisten Reli gionen spielt die Sinnfrage eine entscheidende Rolle, weil sie mensch lichen Bedürfnissen nach Orientierung und Sinnhaftigkeit entspricht. Orientierung erwächst aus der Entscheidung für etwas von grundsätz licher Bedeutung. Es geht immer auch um Wegweisung in die Zukunft, nicht nur um den status quo und die Klärung konkreter wenn … dann Kontexte. Die rasante Kultur und Wissenschaftsentwicklung hat zu der vielfach geteilten Einschätzung geführt, dass die Erklärung der vorgefundenen Realität bei den Wissenschaften gut aufgehoben ist. Es zeichnet sich also ab, dass sich eine Aufgabenteilung zwischen Religionen und Wis senschaften einstellt. Religionen kümmern sich um die Sinndeutung menschlichen Lebens und dessen Ausrichtung in der realen Welt und dies häufig, aber nicht zwangsläufig unter Bezug auf Übernatürliches, Wissenschaften um die reale Welt. Die Zeit der Allzuständigkeit der Re ligionen scheint mir jedenfalls in den zentralen Institutionen und über wiegend im Bewusstsein der Bevölkerungen der westlichen Länder, teil weise auch darüber hinaus, vorbei zu sein. Wie Kap. 6.4 zeigen wird, teilen diese Auffassung auch die Repräsentanten einiger Weltreligionen. Zweitens: Der Mensch ist kein rationales Lebewesen; bei seinen eige nen Aktionen folgt er den Impulsen seiner Gene, seinen verbliebenen Instinkten, seinen anerzogenen und wohl auch selbst entwickelten Vor 141 sInd relIgIonen auslaufmodelle? stellungen sowie seinen Gefühlen, die geradezu übermächtig sind in ihm. Was ist rational an der Begeisterung für Fußball? Wie kommt es, dass bestimmte Formen des Aberglaubens übliches Verhalten sind, z. B. anderen nahe stehenden Menschen nicht vor dem Termineintritt zum Geburtstag oder einem anderen Lebensereignis zu gratulieren? Immer wieder überrascht die Aufgeschlossenheit, ja geradezu Anfälligkeit vie ler Menschen für Wunder und rational eher unzugängliche Sachverhal te. Nicht weniger erstaunlich ist die verbreitete Bereitschaft, rationale Erklärungen für persönlich unangenehme Ereignisse zurückzuweisen und sich stattdessen immer wieder auf Verschwörungstheorien ein zulassen. Wie kommt es, dass Erklärung durch bloße assoziative Ver knüpfung von Ereignissen im Alltag so verbreitet ist und oft akzeptiert wird, auch wenn rationale Erklärungen einfach und offensichtlich sind? Was hat es mit Rationalität zu tun, wenn Menschen eindeutig bewiese ne Sachverhalte nicht akzeptieren können oder wollen? Wie ist zu er klären, dass Menschen Jahrzehnte lang Lotterie spielen, obwohl sie die geringen Gewinnwahrscheinlichkeiten kennen? Für die Erklärung von Ereignissen folgen viele Menschen vorzugsweise ihren Erfahrungen, selbst wenn sie im Umgang mit rationalem Denken geübt sind. Rationalität nutzt der Mensch als Mittel, als bloße Methode, um ei nige seiner Ziele zu erreichen und auch, aber keineswegs ausschließ lich, um bestimmten Sachverhalten auf den Grund zu gehen, besonders im beruflichen Feld. In den Lebensbereichen, in denen das rational empirische Denk und Methodenmodell vorteilhaft einsetzbar ist, hat es die menschliche Lebenssituation zu einer sich ständig beschleuni genden Entwicklung, allerdings auch zu problematischen Folgeerschei nungen getrieben. Das war´s auch schon mit der Rationalität. Das ratio nale Denkmodell greift jedoch bei der Erklärung menschlichen Lebens viel zu kurz. Wo kommen denn die Ziele her, denen das rational empi rische Modell dient? Die Ziele des Menschen haben wenig mit Rationa lität zu tun; sie erwachsen aus dem „leben wollen“, der Gier auf immer mehr, dem Neid auf andere Leute, der Durchsetzung des eigenen Geno typs, wie die Evolutionsbiologen sagen. Dieses „leben wollen“ umfasst ein breites Spektrum an Impulsen und beinhaltet außer den teilweise rationalisierbaren Tätigkeiten zur Erhaltung des eigenen Lebens in ent scheidendem Umfang emotional befriedigende, selbstzweckliche Hand lungen, die ihren Sinn in sich selbst tragen – oder auch nicht – und zen traler Inhalt von Leben sind. Handeln ist zwar oft darauf ausgerichtet, 142 was wIrd aus den relIgIonen? bestimmte Ziele zu erreichen, häufig ist es jedoch Selbstzweck: Man tut etwas, weil es Spaß macht, Lebensfreude vermittelt; es drückt sich z. B. in unterschiedlichen Formen des Spiels: Sport, Kommunikation, Mu sik, Gemeinschaft, Kunst u. a. aus. Heutzutage sind Menschen, wenn sie denn dazu materiell in der Lage sind, bereit, große Summen für solche selbstzwecklichen Ziele, beispielsweise Erlebnisse mit CDs, für Konzer te, Sportveranstaltungen, Urlaube und andere Vergnügungen auszuge ben. Diese Beispiele zeigen aber auch, wie eng selbstzweckliches und ra tionales Verhalten miteinander verflochten sind. Des einen Vergnügen ist des anderen Berufsarbeit zur Lebenserhaltung. Auch „Denken“ kann, muss aber nicht zielbezogen sein, kann einfach Spaß machen. Die Lis te der selbstzwecklichen Tätigkeiten und ihrer Ambivalenzen ist lang. Warum gehen Menschen in den diversen Extremsportarten beachtliche Lebensrisiken ein, machen Klettern, Tauchen, Freeriding, Mountainbi ken und so manche anderen Tätigkeiten zu ihrem zentralen Lebensin halt? Leben ist Prozess, ist Erleben, auch Denken. Auch lebensnotwen dige Tätigkeiten wie Essen und Trinken haben ihre selbstzweckliche, erlebnisbezogene Komponente, sie sind lebensnotwendig und mit Ge nuss verbunden. Davon leben zahlreiche Gourmetrestaurants. Einige Wissenschaftler betonen zurecht die zentrale Bedeutung selbstzweckli cher Tätigkeiten, vor allem des Spiels, in der Entwicklung des Menschen und generell (Huizinga 1956, Bellah 2011). Zusätzlich zu diesen auf das Individuum bezogenen nicht rationalen, aber Leben bestimmenden Komponenten menschlichen Lebens hatten und haben mehr oder we niger abenteuerliche kollektive Ideologien, mitunter mit religiöser Un termalung, prägende Bedeutung für den Verlauf der Geschichte. In ei nigen Staaten feiern ziemlich abstruse völkische Geschichtsideologien, eine Art von nationalen Schöpfungsmythen, wieder fröhliche Urstände. Drittens: Religionen wegen mangelnder Rationalität abzulehnen, er scheint mir vorschnell und allzu schematisch in entweder/oder Katego rien gedacht und widerspricht ganz und gar der häufigen Vermischung bzw. gewollten Verbindung der Wirklichkeitsdimensionen. Einerseits: Als Versuch, das Leben als Ganzes zu erfassen und zu deuten, steckt hin ter Religionen durchaus intensives rationales Bemühen. „Religiös oder magisch motiviertes Handeln ist ferner, gerade in seiner urwüchsigen Gestalt, ein mindestens relativ rationales Handeln: wenn auch nicht notwendig ein Handeln nach Mitteln und Zwecken, so doch nach Er fahrungsregeln“ (Weber 1964 [1921], S.  317). Religiöse Autoritäten ver 143 sInd relIgIonen auslaufmodelle? suchten, nach dem Stand des aktuellen Wissens, ihrer Erfahrungen und durchaus auch ihres Charisma, Herausforderungen der Lebensum welt, zentrale Bedarfe und Bedürfnisse der Gruppe/Gesellschaft, der In dividuen, Gegebenheiten der belebten und unbelebten Natur und an deres in einen stimmigen und sinnhaften Zusammenhang zu bringen. Andererseits: Weil Religionen das Ganze des Lebens im Blickfeld ha ben, sind sie unausweichlich auch mit den Problemen, Zufällen, Span nungen, Emotionen, Skurrilitäten, Aversionen, Widersprüchen, Unge reimtheiten und anderen Eigenheiten des Lebens konfrontiert, die in keine rationale Schublade passen, aber das alltägliche Leben durchzie hen; sie setzen sich mit ihnen auseinander und sprengen deshalb den einseitigen und zu engen rational empirischen Rahmen. Denn auch au ßergewöhnliche Ideen und absurd erscheinende Vorstellungswelten ha ben allein dadurch, dass sie gedacht werden, eine Form von Realität mit nicht selten weit reichenden Folgen. Rationalisten machen es sich zu leicht, wenn sie alles mit ihrer Methodik nicht Erfassbare als nicht exis tent ausklammern. Religionen dagegen versuchen, menschliche Trie be und Emotionen, individuelle Bedürfnisse und soziale Notwendig keiten, rational empirische Erklärungs und Leistungspotenziale: eben die ungemein bunte Lebenswirklichkeit unter „einen Hut“ zu kriegen. Ich denke, in dem beschriebenen Bemühen der Religionen stecken zu sätzlich zu mancherlei Gefühlen von Lustgewinn bis Lebensangst, von Desorientierung bis Gewissheit, von Rationalität bis unbändiger Vita lität zahlreiche Prozesse des rationalen Abwägens und die Absicht, das Ganze des Lebens erfahrbar und lebbar zu machen, Widersprüchliches einzubeziehen, nicht auszuklammern. Sollte dies auf rein rational em pirischer Basis wirklich möglich sein? Ich möchte an dieser Stelle auf die Vielfalt des Lebens hinweisen, mit denen Religionen umzugehen ge nötigt und gewillt sind, um Verständnis für ihre vielfältigen Verknüp fungen unterschiedlicher Lebenselemente zu wecken, ohne dies alles zu teilen. An anderer Stelle wird noch darauf einzugehen sein, dass Wis senschaft nach wie vor große Probleme damit hat, Ganzheiten angemes sen zu erfassen (vgl. Kap, 6.1). Und um das Ganze des Lebens geht es bei Religion. Und selbst die Summe der Teile des Ganzen wird man wohl kaum bilden können. Fazit: Eine Aufteilung der Zugänge zur menschlichen Lebenswelt und ihrer Deutung nach rationalen oder anderen Entweder oder Kriterien geht also nicht auf, weil ziemlich regelmäßig rationale, emotionale, in 144 was wIrd aus den relIgIonen? tuitive, triebhafte und andere Denk , Erlebnis , Handlungs und Gestal tungsformen miteinander verflochten sind. Würde man das Rationale zum allein bestimmenden Definitionskriterium der Lebenswirklichkeit machen, dann würden alle anderen Zugänge zum Leben in der – be achtlich umfangreichen und vielgestaltigen – Residualkategorie „nicht rational“ und den damit verbundenen negativen Konnotationen ver schwinden. Das mag auch tatsächlich oft in ähnlicher Weise praktiziert werden, deckt aber nur einen kleinen Ausschnitt der menschlichen Le benswirklichkeit ab und zieht, wenn man so vorgeht, regelmäßig massi ve Probleme des individuellen Lebens und des Zusammenlebens nach sich. Wählt man als zentralen Bezugspunkt z. B. Lebensvollzüge, dann würde rationales Denken und Verhalten als eine Form unter mehreren anderen erscheinen und die dominierende Definitionsmacht verlieren, die es dadurch erhält, dass nach ihm – fast – alles bemessen wird. Eine derartige Überbewertung rationaler Denkweise ist nur möglich, wenn man die jeweiligen Ziele als gegeben und selbstverständlich voraussetzt und aus jeder Infragestellung ausklammert. Qualitative Merkmale des Lebens – und dazu gehören zentral emotionales Erleben, Sinnhaftigkeit und Zukunftsorientierung – sind mit rational empirischen Ansätzen nur begrenzt zu erfassen, weil sie sich jedenfalls in wesentlichen Aspek ten auf der Ebene unmittelbarer Erfahrung und nonverbaler Kommuni kation vollziehen, sich der quantifizierenden Erfassung in wesentlichen Hinsichten entziehen, z. B. bei zahlreichen Formen von Gemeinschafts erlebnissen. Bedauerlicherweise führt diese begrenzte quantitative Er fassbarkeit und Bewertung qualitativer Lebensmerkmale auch zu ihrer Unterschätzung und mangelnden Beachtung, eben weil andere Ein schätzungsformen, die sich der quantifizierenden Bewertung entziehen, wegen fehlender Berechenbarkeit verunsichern und deshalb gemieden werden. Aber Zufall, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit sind konstituierende Elemente der Evolution und des alltäglichen Lebens. Mehr als ein gewisses Maß an Ordnung, Berechenbarkeit und durchaus ambivalenter Zielerreichung kann Rationalität wohl kaum erreichen. Von Auslaufmodell kann keine Rede sein. Religion als Sinngebungsins tanz wird gebraucht und uns deshalb erhalten bleiben. Einzelne Religi onen werden verschwinden, andere neu entstehen, wieder andere wer den sich neu erfinden, neu erfinden müssen …, weil die Zukunft sie vor neue Herausforderungen stellt. Neben den organisierten Religio nen mit ihren kollektiven Selbstverständnissen gewinnen individuelle 145 relIgIonskrItIk Selbstverständnisse an Bedeutung. Klar ist aber auch, dass die moder ne Zivilisation an die Religionen höchst komplexe Herausforderungen heranträgt, die in den Zukunftsweisungen nicht einfach ausgeklammert werden können. Ob und welche der religiösen Wegweisungen sich die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen als zentrales Ziel zu eigen ma chen, Antworten auf diese Frage beginnen sich abzuzeichnen: Gewis se Ansätze sind bereits erkennbar. Dazu in Abschnitt drei, in Kapitel sechs und sieben. 5 2 Religionskritik Auf die eher plumpen Polemiker und Spötter in der Religionskritik gehe ich hier nicht ein. Aber auch nach meiner Einschätzung begründete kri tische Beurteilungen der Religionen sparen nicht mit deutlichen Worten und stützen sich wie die Evolutionsbiologen Edward O. Wilson (2014), Richard Dawkins (1990), aber auch der Physiker Hawking (2010) auf wissenschaftliche Argumentationskontexte, auf deren Grundlage sie die Welt, in der wir leben, erklären und Religionen mehr oder weniger ag gressiv attackieren. In der Auseinandersetzung mit der Religionskritik von Wilson lassen sich einige zentrale Aspekte klären. Nachdem Wilson (Wilson 2014) zunächst auf die positiven Wirkungen von Religionen für die Menschheit in der Vergangenheit eingegangen ist, fährt er fort: „Warum sind wir dann gut beraten, die Mythen und Götter der organisierten Religionen offen in Frage zu stellen? Weil sie verdummen und entzweien … Als erster Schritt zur Befreiung der Menschheit von den oppressiven Formen des Tribalismus würde sich anbieten, mit dem gegebenen Respekt die Anmaßung derjenigen Machthaber zurückzuweisen, die von sich behaupten, im Namen Gottes zu sprechen, besondere Stellvertreter Gottes zu sein oder über eine exklusive Kenntnis von Gottes Willen zu verfügen … Ein anderes Argument für eine neue Aufklärung lautet, dass wir auf diesem Planeten mit allem, was wir an Vernunft und Verständnis aufbringen können, allein und damit als Einzige für unsere Handlungen als Art verantwortlich sind. Der Planet, den wir erobert haben, ist nicht einfach eine Station auf dem Weg in eine bessere Welt da draußen in irgendeiner anderen Dimension. Auf eine moralische Vorschrift können wir uns mit Sicherheit einigen: Wir müssen damit aufhören, unsere Heimat zu zerstören, die einzige Heimat, die die Menschheit je 146 was wIrd aus den relIgIonen? haben wird … Der Konflikt zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und den Lehren der organisierten Religionen ist unlösbar. Die Kluft wird immer größer werden und für nie endende Kontroversen sorgen, solange religiöse Führer weiter unhaltbare Behauptungen über natürliche Ursachen der Realität aufstellen“ (Wilson 2014, S. 350–353). Diese eindringlichen Sätze sind ein Aufschrei im Bewusstsein der dro henden Katastrophen; sie treffen die aktuelle Situation als Aufgabenbe schreibung punktgenau: Es geht um Einigkeit anstelle von religiös oder machpolitisch motivierten Kriegen, um Eigenverantwortung der Men schen und um Konzentration auf das Wesentliche, die Erhaltung der „einzigen Heimat, die die Menschheit je haben wird“. Immerhin gibt es vom Ökumenischen Rat der Kirchen, vom Dalai Lama und Papst Fran ziskus, wie später darzulegen ist, mit in der Sache ähnlichen Äußerun gen Schritte in die richtige Richtung. Aber es gibt nur wenige Anzeichen dafür, dass die Voraussetzungen dieser Aufgabe, nämlich gemeinsame Aktion aufgrund gemeinsamer Einsicht, mit der erforderlichen Inten sität von der Ebene der Utopie und der guten Absichten in die Niede rungen der weltpolitischen Praxis gelangen werden. Die von den do minierenden wirtschaftlichen und politischen Eliten vorangetriebenen Entwicklungen und die zahlreichen Konflikte gehen jedenfalls – mit al lenfalls technokratischen Korrekturen – in die entgegengesetzte Rich tung und tragen weiterhin zur Verschlechterung bei Klima, Umwelt und Biosphäre bei. Es ist nicht zu bestreiten, dass Religionen verdummen oder, dezenter und präziser ausgedrückt, Blockaden gegen mehr oder weniger selbst verständliche Erkenntnisse durch Sakralisierung von Aussagen aufbau en. So führt der Glaube an die wörtliche Inspiration der Bibel mit seiner Blindheit für geschichtliche Prozesse zu zahlreichen mehr oder weni ger grotesken Wirklichkeitsverweigerungen. Es gilt der Satz: Jedes Wert oder Vorurteil verstellt die Sicht auf Sachverhalte, Probleme und Per spektiven. Islamische Glaubensinhalte enthalten zahlreiche alltägliche wie historische Fixierungen mit vielen Wirklichkeitsverweigerungen, die eine sachliche weil historisch fundierte Diskussion mit Muslimen erschweren oder gar unmöglich machen. Infragestellung ausgeschlos sen. Keine Religion kommt wohl ohne solche Blockaden oder Ausblen dungen der Wirklichkeit aus, die man auch Opfer des Intellekts nen nen kann. Aber so manche dieser Ausblendungen sind angesichts des 147 relIgIonskrItIk wissenschaftlichen Kenntnisstandes nicht nur eine harte Zumutung für Rationalisten, sondern laufen wie die Leugnung des Klimawandels auf Ignorierung realer Lebensbedrohungen hinaus. Der Buddhismus fällt unter den sogenannten Weltreligionen besonders auf, weil er unge wöhnlich wenige Opfer des Intellekts fordert. Das Konfliktpotenzial der Religionen ist nicht zu übersehen und wird im nächsten Abschnitt aufgenommen. Die zurecht beklagte Hybris ist ein geradezu typisches Merkmal der meisten Religionen und eine Tatsache, die viele Gläubige, gerade weil sie gläubig sind, beruhigt und in Gewissheit in ihrer individuel len, heilsbezogenen Kuschelecke einlullt; sie nimmt die Angst; sie mag auch bislang nachdenkliche Gläubige durchaus abschrecken; sie wird jedoch nicht einfach verschwinden, nur weil man ihre Berechtigung anficht, denn die versprochene Heilsgewissheit ist ein heiß begehrtes Gut, das sich sehr viele Gläubige, in die Schwierigkeiten und Enttäu schungen dieser Welt verstrickt, unter keinen Umständen nehmen las sen. Die Erklärungen und Deutungen der Welt vieler Religionen mögen mehr oder weniger legendenhaft, „falsch“ oder spekulativ sein, sie ha ben jedoch unschätzbare Vorteile: Sie sind in den Grundzügen einfach und überschaubar und befriedigen existenzielle menschliche Bedürf nisse: Die Befreiung von Urängsten, den Wunsch nach Sinngebung und Orientierung, und damit Identität und geordnete soziale Verhältnisse für das diesseitige Leben, und dessen wie auch immer vorgestellte Fort dauer mit dem anderweltlichen Ausgleich in einer ewigen, übernatürli chen, freudvollen, gerechten, jenseitigen Sehnsuchtswelt, eben alledem, was das Diesseits nicht bietet. Für sehr viele Menschen sind diese Leis tungen ihrer Religion so wichtig, dass wissenschaftliche Forschungser gebnisse, welche auch immer, dagegen so schnell keine Chance haben, z. B. die Evolutionslehre gegen die – wörtlich verstandenen – Schöp fungsberichte der Genesis. „Welt erklärende Religionen“ haben deshalb gute Chancen, noch lange zu überleben, vielleicht auch eine neue Blü tezeit zu erleben, in welchen Gegensätzen zu „wissenschaftlich“ nachge wiesenen Sachlagen sie auch stehen mögen. Und: Die nervende Arro ganz bzw. die Selbstgewissheit religiöser Autoritäten könnte geradezu eine notwendige Voraussetzung des Glaubens sein. Denn die tatsäch liche Komplexität und fehlende Überschaubarkeit der gegenwärtigen Lebensverhältnisse weckt Bedürfnisse nach einfachen, aber verlässli- 148 was wIrd aus den relIgIonen? chen Erklärungen und Rezepten, wie die Erfahrung und auch die welt weite Entwicklung der Religiosität zeigt (z. B. Graf 2007, Vollmuth 2015 u. a.). Und wer traut sich schon zu, sich einen klaren Überblick über das Sammelsurium wissenschaftlicher Untersuchungen zu verschaffen. Und: Welche wissenschaftlichen Untersuchungen sind vertrauenswür dig? Überdies bewahrt die Abschottung von den unangenehmen Kri senszenarien davor, seine eigene Lebensführung in Frage zu stellen und grundsätzlich zu ändern. Denn genau das ist damit gemeint, wenn Wil son dazu aufruft, „aufzuhören, unsere Heimat zu zerstören“. Die Jen seitsorientierung entwertet das Diesseits und vermindert Anstrengun gen zu seiner Erhaltung. Fazit: Rationales Erkennen und menschliche Sehnsüchte, das sind zwei sehr unterschiedliche und reibungsintensive Zugänge zum Leben. Wer sonst als wir Menschen könnte Verantwortung für unsere Erde übernehmen? Wir Menschen sind es, die ihre eigenen Lebensgrundla gen gestalten und auch ruinieren. Aber das Abschieben von Verantwor tung auf Übernatürliches: allmächtige Götter, außerordentliche Kräfte oder andere übernatürliche Wesenheiten ist geradezu ein Markenzei chen vieler Religionen und/oder ihrer simplifizierten volkstümlichen Versionen, weil es von Verantwortung entlastet. Weil Menschen dieser Verantwortung nicht gerecht werden konnten, nahmen sie ihre überna türlichen Ankerplätze in die Pflicht, die es richten sollen. Diese überna türlichen Instanzen haben Menschen eingeführt und gebraucht, weil sie es aus eigener Kraft nicht geschafft haben, eine geordnete Lebenswelt und verhaltenswirksame Kontrollen durchzusetzen, um funktionsfä hige Gemeinwesen und gleichzeitig individuelle, Bedürfnisse befriedi gende Lebensperspektiven zu schaffen. Die übernatürlichen Helfer sind also zuerst das Eingeständnis, aus eigener Kraft keine geordneten und zukunftsfähigen Lebensabläufe schaffen zu können, sie sind geliehene Macht. Die Götter bzw. andere übernatürliche Wesenheiten als immer präsente, drohende Keule waren notwendig, um die individuellen und kollektiven Egoismen der Menschen wenigstens in kleinem Maßstab an der Chaosproduktion zu hindern und in einzelnen sozialen Einheiten/ Gesellschaften wenigstens zeitweise geordnete Lebensverhältnisse auf zubauen. Die Entmythologisierung der übernatürlichen Keulen kann deshalb auch als Bedrohung sozialer Ordnungen verstanden werden. 149 relIgIonskrItIk Weil es viele „übernatürliche Keulen“ mit jeweils begrenztem Wir kungsbereich waren, sind so manche der unterschiedlichen religiös ge prägten Territorien miteinander in schwere Konflikte geraten, wie es im folgenden Abschnitt beschrieben wird. Dieses Konflikt und Gewalt potenzial der Religionen und der mit ihnen verknüpften Motive und Mächte droht sich Kräfte absorbierend so zu verselbständigen, dass für die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen keine Kraft und Zeitressour cen übrig bleiben. Die Lösung grundsätzlicher Probleme des Zusammenlebens wird in vielen Religionen ins Jenseits und zu Übernatürlichem geschoben, weil sie im Hier und Jetzt nicht gelingt: Eine Bankrotterklärung oder das Er gebnis nach wie vor wirkender Urängste? Können wir leisten, was un sere Vorfahren nicht vermochten? Schaffen wir, mündig zu werden und die anstehenden Probleme anzupacken? Es ist unsere Aufgabe. Die aktuelle Situation ernüchtert. Gerade die Nation, die sich in Überle genheitsphantasien geradezu suhlt, die sich oft auf Gott beruft, die Welt meister in der Umweltverschmutzung und Zerstörung der Biosphäre und rekordverdächtig für die Erwärmung der Erde ist und für den be sonders verschwenderischen Verbrauch der verfügbaren Ressourcen sorgt, befindet sich bisher noch im Anfangsstadium, überhaupt den aktuellen Wissenstand über den Zustand der Erde und den Ernst der Lage zur Kenntnis zu nehmen und sich ihrer Verantwortung zu stellen. Wirklichkeitsverweigerung. Ein Bewusstsein der Bedrohung der Le bensgrundlagen besteht gerade einmal in kleinen, aber ohnmächtigen Zirkeln. Wie soll man dies dann von den Habenichtsländern verlangen, von denen einige bereits unter den anhebenden Katastrophen leiden? Abhilfemaßnahmen, um die „einzige Heimat, die die Menschheit je ha ben wird“ zu erhalten, sind alles andere als verbreitet, stecken, weltweit gesehen, in den Kinderschuhen. Es sind nur wenige Länder, arme wie reiche, die gegenwärtig Verantwortung zu übernehmen bereit sind. An Einigkeit, die Zerstörung der Erde zu bekämpfen, ist aus den genann ten Gründen gegenwärtig gerade einmal ansatzweise zu denken. Wie der einmal sind es die Ohnmächtigen, Wissenschaftler, zahlreiche Ein zelpersonen, Initiativen und Nicht Regierungs Organisationen (NRO) die mit Worten und Taten für eine radikale Änderung der Wirtschafts politik eintreten, bisher nur mit bescheidener Wirkung. Und dann trifft es immer wieder diejenigen, die wie z. B. die ohnehin um ihre Existenz 150 was wIrd aus den relIgIonen? kämpfenden Inuits, deren Jagdrechte auf Betreiben von Greenpeace eingeschränkt wurden. Reduziert man Religionen, wie es Wilson, Dawkins und Hawking je weils jeder auf seine Weise tun, auf Welterklärung, dann treffen deren Aussagen zu, man brauche Religionen nicht zum Verständnis der Welt und der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion sei unlösbar. Reli gion wäre störend, überflüssig, kontraproduktiv. Nach dieser Denkwei se lägen Wohl und Wehe der Menschheit allein in rationalem Denken und in einem Verhalten, für das Wilson eine Unterlassung als Zielvor gabe macht: „Wir müssen damit aufhören, unsere Heimat zu zerstören“. Hinter diesem scheinbar harmlos und passiv daherkommenden Wort „aufhören“ steckt die überaus umfassende und schwierige Neuorientie rung, die auf eine radikale Umkrempelung der gegenwärtigen Lebens und Wirtschaftsformen und der ihnen zugrundeliegenden Ziele hin ausläuft. Denn die zurecht kritisierte Zerstörung unserer Heimat ist der „Kollateralschaden“ einer gigantischen Gewinnmaximierungsmaschi nerie, die von den herrschenden wirtschaftlichen und politischen Eli ten gezielt und energisch vorangetrieben wird und in die die Bevölke rungen, freiwillig oder gezwungen, mehr oder weniger vorteilhaft oder benachteiligt, ziemlich engmaschig eingegliedert sind. Widerstand und Aussteigen sind sehr schwierig. Mit der Zerstörung aufhören bedeutet letztlich die Neuorganisation von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit die ser Forderung, die er so nicht formuliert aber implizit meint, steht Wil son nicht allein da. Auch viele NRO, Autoritäten von Religionen und auch Wissenschaftler fordern je auf ihre Weise eine grundsätzliche Neu orientierung, weil einzelne technokratische Maßnahmen die Ursachen der Probleme, allen voran die Orientierung am Wachstum und entspre chende Folgen, allenfalls teilweise beeinflussen. Es zeichnet sich also ab, dass die Bedrohungsszenarien nur in einer gigantischen, weil nachhalti gen Neuorganisation der Gesellschaften zu bewältigen sind, die alle bis herigen menschlichen Leistungen weit übersteigt. Woher sollen dazu die Antriebe kommen, wenn nicht aus einer tiefen Überzeugung über den Sinn des Lebens? Zwei Aussagen halte ich für problematisch: Die Überschätzung der Ra tionalität einschließlich der gegenwärtigen Wissenschaft und die pauschale Absage an die Religionen. Zuerst zur Rationalität, von der bereits die Rede war. Wissenschaft und Technologie betreiben im günstigsten 151 relIgIonskrItIk Fall methodisch korrekte Erforschung definierter Aufgaben und Zu sammenhänge; sie können damit allen möglichen Zielen und Herren dienen und tun dies auch. Genau das ist das zentrales Problem: Der gegenwärtige, weltweite Einsatz von rationaler Methodik in den Tech nologien der Wirtschaft orientiert sich erschreckend häufig weniger an „Wahrheitssuche“ als am erzielbaren Gewinn und führt zu zahlrei chen für Biosphäre, Umwelt und Klima schädlichen Produkten bzw. Nebenwirkungen. Geforderte Schutzmaßnahmen für Biosphäre, Kli ma und Umwelt werden trickreich minimiert oder umgangen (vgl. die Äußerungen von Achim Steiner in Balser 2010 vgl. 7.3) – und zu we nig eingefordert. Die zuständigen politischen Institutionen sind – in den einzelnen Ländern unterschiedlich – nicht willens oder in der Lage, wirksame Kontrollmaßnahmen durchzusetzen, weil auch sie am Wirt schaftswachstum interessiert sind. Wissenschaft und Technologie brau chen inhaltliche Ziele und Kontrolle (vgl. 6.2). War man im Laufe des 19.  Jahrhunderts froh, die Bevormundung der Wissenschaften durch die Religion abschütteln zu können, so wird in der Gegenwart immer deutlicher, dass Forschung ohne inhaltlichen Orientierungsrahmen zur Bedrohung des Lebens zu werden droht. Jeder Eingriff in „unsere Heimat“, mehr oder weniger jede Entwicklung, kann ein Akt der Zerstörung sein; jede Entwicklung wird damit zum Ort einer Güterabwägung zwischen gegenläufigen Zielen. Die Belange von Biosphäre, Klima und Umwelt werden dabei weltweit sehr unterschiedlich einbezogen, in vielen Ländern eher nachrangig, in anderen z. B. Deutschland, kann man Ansätze einer ernsthaften Berücksichtigung nicht bestreiten. Trotzdem ist der Verbrauch von Landschaft und Biosphäre enorm, in vielen anderen Ländern erschreckend. Entwicklung geht regelmäßig mit dem Verlust von Biosphäre einher. Wissenschaftliche Methodik erhält ihre Bedeutung von den Zielen, für die sie eingesetzt wird. Und diese Ziele, Gewinnmaximierung in Verbindung mit Wirtschaftswachstum werden von den wirtschaftlichen und politischen Eliten nicht in Frage gestellt. Grenzziehungen für Wissenschaft und ihre Anwendung sind deshalb im gesellschaftlichen Interesse unbedingt notwendig (vgl. Kap. 6.2). Falls sich weltweit die Bereitschaft entwickelt, Wirtschaftsund Lebensweise unter Bezug auf Klima, Biosphäre und Umwelt neu zu organisieren, sind die notwendigen technokratischen Instrumente in der wissenschaftlich und technokratisch hoch entwickelten Zivilisation rela- 152 was wIrd aus den relIgIonen? tiv leicht zu finden. Mit der unumgänglichen Neuorientierung sieht es dagegen düster aus. Im Glauben an seriöse Wissenschaft folgt Wilson seiner Form von Reli gion und übergeht dabei seine eigenen Erkenntnisse: „Bewusstes Den ken wird von der Emotion gesteuert; dem Überleben und der Fortpflan zung ist es voll und ganz ergeben“ (Wilson 2014, S.  17). Wissenschaft ist, ob wir wollen oder nicht, Bestanteil menschlichen Tuns und damit auch in dessen eigennützige, seien es individuellen oder auch kollekti ven Verwerfungen, verstrickt. Sich und das eigene Tun in Frage zu stel len, ist weithin verpönt, auch in der Wissenschaft. Ludwig Klages hat mit seiner Forderung zur kritischen Selbstkontrolle des Geistes nur we nig Zuspruch, aber heftige Kritik erfahren (Klages 1972). Aber insbeson dere im Hinblick auf die Zivilisationsentwicklung und die drei Krisens zenarien hat eben diese Selbstkontrolle des Geistes für Gegenwart und Zukunft besondere Aktualität gewonnen: Wohin steuert unser Geist? (vgl. hierzu auch Kap. 6). Nun zur Religion. Ich knüpfe an Abschnitt 5.1 an. Religionen, so wie ich sie kennen gelernt habe, erschöpfen sich nicht in rückwärtsgewand ten Welterklärungen, in Erklärungen von dem, was ist und was wir von der Welt wahrnehmen. Vielmehr waren Religionen stets auf Zu kunft bezogen und könnten gegenwärtig auch ohne eigene Erklärun gen der physischen Welt auskommen. Diese Aufgabe haben Religionen zwar Jahrtausende mit den jeweils verfügbaren Mitteln wahrgenom men. Mittlerweile ist es aber an der Zeit, diese Aufgabe den Wissen schaften zu überlassen, die für die Erklärung der physischen Welt die geeigneten Instrumente entwickelt und beeindruckende Ergebnisse er zielt haben. Dennoch sind Religionen nicht überflüssig, weil sie Men schen etwas bieten können, was Wissenschaften vergleichbar nicht leisten können und wollen: sie vermitteln Wegweisungen, wie die Zu kunft zu bewältigen ist und welches Ziel sowie welchen Sinn ihr Leben hat. Das Leben als Aufgabe steht im Mittelpunkt. Solche Wegweisun gen werden allerdings die wissenschaftlichen Erklärungen des Hier und Jetzt und ihrer Abläufe nicht ohne weiteres auf Dauer ignorieren kön nen; tun sie es dennoch, so gehen sie das Risiko ein, aus der Geschichte abgekoppelt zu werden und ihre Anhänger in eine Sackgasse zu manö vrieren, ihnen die Zukunft zu verbauen. Erstaunlich viele fundamenta listische Strömungen scheinen diesen Weg zu gehen. In jedem Fall bau 153 das doppelgesIcht der relIgIonen en Religionen – zwangsläufig – auf bestimmten geglaubten, und deshalb nicht mehr hinterfragbaren Vorstellungen oder Überzeugungen auf. Vie le Religionsgemeinschaften versehen ihre Wegweisungen mit „letzten“ sinnhaften Zielen, seien es Paradiese oder wie im Buddhismus das Aus scheiden aus dem Kreislauf der Wiedergeburten – dem Vergänglichen – mit dem Eingehen in das Absolute. Eine solche Sinngebungsfunktion ist sowohl für Gesellschaften als auch für Individuen auf Dauer unent behrlich, weil sie dem Leben, Denken, Fühlen und Handeln eine Aus richtung gibt und als eine zentrale Koordinationsstelle für alles Tun fungiert, ohne die Menschen nur im vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmen hin und herschlingern, orientierungslos. An einer solchen Wegweisung, die die gegenwärtigen Herausforderungen – Erhaltung und Schutz von Biosphäre und Umwelt, Minderung der Klimaerwär mung – in ihre Deutung menschlichen Lebens einbezieht, besteht gro ßer Mangel. Soweit sie sich gegenwärtig z. B. aus zahlreichen Ansätzen und Initiativen auch außerhalb der Religionen entwickelt, besteht ihr zentraler Inhalt in der Erhaltung der Lebensbedingungen; sie kann sich jedoch bisher nicht entscheidend gegen die dominierenden wirtschaft lichen und politischen Eliten und deren Wachstumsideologie durchset zen, wohl auch nicht gegen die am Hier und Jetzt, weniger am Mor gen interessierten Bevölkerungsmehrheiten weltweit. Ist der Zwergstaat Bhutan im Himalaya mit seinem Verfassungsziel Bruttosozialglück in mitten des weltpolitischen Chaos ein wirklichkeitsfremder Exot oder doch ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft? 5 3 Das Doppelgesicht der Religionen Man kann die weltweite Zuwendung zu Religionen angesichts verbrei teter Entwurzelungsprozesse im Zuge des beängstigend schnellen so zialen Wandels als Suche nach Wegweisung in Verbindung mit der Einbindung in ein verlässliches und von Sinn erfülltes und geordne tes Gemeinwesen verstehen. Sozialanthropologen und Soziologen spra chen früher von der Integrationsfunktion der Religion. Zahlreiche so zialanthropologische Untersuchungen belegen diese Aussage (vgl. Kap. 4.2). Auch in der Religionssoziologie der fünfziger und sechziger Jah re des vergangenen Jahrhunderts spielte die Integrationsfunktion der Religion eine wichtige Rolle (Yinger, Davis, Glock, James, Goode u. a.). 154 was wIrd aus den relIgIonen? Nach Durkheim (Durkheim 1912, S. 47) verbindet eine Religion die ihr angehörenden Menschen durch die Deutung menschlicher Existenz in Verbindung mit einem System von Glaubensvorstellungen und Ver haltensnormen zu einer moralischen Gemeinschaft, und zwar generell und überall. Das kann die eine durchaus positive Wirkung von Religion sein und das ist auch sehr häufig so gewesen, teilweise immer noch. Die Wirkung nach innen in die Religionsgemeinschaft erscheint also kons truktiv und führt häufig zu beidem: einer religiös legitimierten sozia len Ordnung und zu individuell sinnhaften Lebensperspektiven und auf dieser Grundlage zu erfolgreicher Selbstbehauptung dieser sozial religi ösen Gruppe/Gesellschaft. Aber was ist mit den Menschen, die nicht zu einer solchen Religion oder gar zu einer anderen Religion gehören? Der Glaube an die Ein maligkeit und Überlegenheit der eigenen Religion führt nahezu regel mäßig zu beidem: zur Abwertung von Menschen anderer Religionen bis hin zu ihrer Ausrottung und, soweit wir zurückblicken können, zu endlosen, häufig gewaltsamen Konflikten und unvorstellbar grausamen Kriegen, bis heute. Sieger beanspruchten für sich, die stärkeren Götter oder den einzig wahren Gott auf ihrer Seite zu haben. Die Bevölkerun gen wurden oft niedergemetzelt, Überlebende zur Konversion gezwun gen, gelegentlich, aber eher ausnahmsweise, auch mit ihrer ursprüngli chen Religion als Minderheit geduldet. Die Geschichte der Religionen ist zu großen Teilen eine Geschichte erbarmungsloser Religionskriege, in denen die Tötung von Feinden mit religiösen Legitimationen verse hen und zu besonderen Heldentaten mit heilsbezogenen Belohnungen, z. B. unmittelbarem Eingang ins Paradies, hochstilisiert wurden und werden. Ausgangspunkt solcher Religionskriege konnte einerseits die Religion zwecks weiterer Ausbreitung sein, häufig verbunden mit öko nomischen und politischen Motiven, andererseits nutzten so manche Herrscher die mit Religion verknüpfte Motivation zur Steigerung der Kampfkraft ihrer Truppen und zur Effektivierung und Legitimation ih rer Herrschaft. Religion und Politik haben in zahlreichen Variationen kooperiert, immer wieder zum Schaden der betroffenen Menschen, na türlich einschließlich der Soldaten, die auch für zweifelhafte Ziele ihr Leben einsetzen mussten. Man hat die Konflikte zwischen Religionen bisher weitgehend als eine Art unabänderliches Naturereignis und Schicksal hingenommen. Das 155 das doppelgesIcht der relIgIonen kann so kaum weitergehen. Auch in Wilsons Religionskritik und – wie später zu zeigen sein wird – in der Argumentation des Dalai Lama und von Hans Küng ist das Konfliktpotenzial der Religionen ein zentraler Bestandteil der Kritik, weil es eine weltweite Einigung zugunsten der Lebensbedingungen und für Maßnahmen zugunsten von Biosphäre, Klima und Umwelt behindert. Nur von der überwiegenden Mehrheit der Weltbevölkerung getragene, gemeinsame Anstrengungen haben die Chance, diese Aufgaben und angemessene Maßnahmen erfolgreich durchzuführen. Ohne eine Befriedung der Religionen sind die globalen Probleme nur schwer zu bewältigen. Wie die aktuellen Berichte in den Medien verdeutlichen, beeinflussen gegenwärtig Konflikte mit religiösen Aspekten, religiös motivierte oder gerechtfertigte Morde und Terroranschläge bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen die sozialen Beziehungen in und zwischen zahl reichen Gesellschaften; sie sind, je nach Eigenart, alltägliche Realität und Normalität, jedenfalls nicht Ausnahmen, die man vernachlässigen könnte. Es sind jedoch gegenwärtig primär die fundamentalistischen Ausprägungen von Religion, die zu unterschiedlichen Abstufungen von Aggression bis hin zu brutaler Gewalt neigen und als Störenfrie de auch die Weltmächte zu Wachsamkeit und Abwehrmaßnahmen nö tigen, während sich die meisten christlichen und buddhistischen Religi onsgemeinschaften jedenfalls gegenwärtig einem friedlichen Mit und Nebeneinander verpflichtet fühlen. Im Vorderen Orient haben Religionskonflikte zur faktischen Auflösung von Staaten geführt, weitere Staaten sind von den Folgewirkungen be droht, bürgerkriegsähnliche Zustände mit religiösem Hintergrund sind in mehreren Ländern verbreitet. Auch weite Teile von Kamerun bis zum Mittelmeer leiden unter Konflikten mit fundamentalistischen isla mischen Gruppen. Darüber hinaus haben sich diese Konflikte interna tionalisiert, wie die Terroranschläge in Europa einschließlich Russland und den USA zeigen. Die fundamentalistischen, oft sehr aggressiven Versionen fast aller Religionstraditionsströme – aus Christentum, Is lam, Judentum, Hinduismus, Buddhismus – scheinen zurzeit weit ak tiver und erfolgreicher zu sein als ihre Herkunftstraditionen; in ihnen zeigt sich immer wieder sowohl ein großes Abgrenzungsbedürfnis nach außen als auch eine beachtliche Aktions und Gewaltbereitschaft. Selbst mit friedlichen Fundamentalisten gibt es ein großes Problem: Man 156 was wIrd aus den relIgIonen? kann mit ihnen kaum verhandeln und Kompromisse schließen, weil beides ihrer Grundeinstellung widerspricht und sie zu wissen glauben, was richtig und falsch ist. Mit innenpolitischen Konflikten ist in allen Gesellschaften zu rechnen, in denen starke fundamentalistische Religionsgemeinschaften bestehen. Starke religiöse Gruppen schränken die innen und außenpolitischen Handlungsspielräume z. B. auch in den USA erheblich ein: Ein amerika nischer Präsident wird es kaum wagen, politische Initiativen gegen die Interessen der Evangelikalen oder der Juden, z. B. einschneidende Ein griffe in die israelische Politik, zu starten. Man muss sehr wahrscheinlich damit rechnen, dass die bereits gegen wärtig ausgesprochen aggressiven bis gewaltsamen Konflikte innerhalb größerer Religionsgruppierungen und zwischen ihnen weiter andauern und sich eher noch verschärfen. Für die Einigung sowohl der Staaten als auch der Religionen für wirksame Maßnahmen zugunsten von Kli ma, Biosphäre und Umwelt, d. h. des Überlebens des Menschen, ist dies eine fatale Fortsetzung herkömmlicher Verhaltensmodi. Das Gewaltpo tenzial der Religionen beeinträchtigt das soziale Leben in vielen Gesell schaften, bindet derzeit die Kräfte der Politiker in hohem Maße und beeinträchtigt die Verfolgung der zentralen überlebenswichtigen Ziele. Hier wurde das Konflikt und Gewaltpotenzial der Religionen ange sprochen. Das bedeutet nicht, das politische und ökonomische Konflikt und Gewaltpotenzial zu übersehen oder zu verharmlosen. Allerdings kann man hier ansatzweise Verhandlungs und Kompromissbereit schaft erkennen, für gemeinsame, alle Länder angehende Probleme auch Lösungen anzustreben und zu erarbeiten. Nach einigen nahezu vergeblichen Versuchen sind die Ergebnisse der Pariser Umweltkonfe renz im Dezember 2015 ein offensichtlicher Fortschritt und Lichtblick (vgl. Kap. 7.2.4). 5 4 Entwicklungstendenzen der Religionen Die Wegweisungsfunktion, die Religionen über die Jahrtausende aus geübt haben, dürfte auch weiterhin für die Gegenwart und Zukunft für Menschen und Gesellschaften vonnöten sein. Wer oder was sollte denn 157 entwIcklungstendenzen der relIgIonen diese Funktion an ihrer Stelle übernehmen? Die Frage ist allerdings, ob die Religionen in ihrer gegenwärtigen Verfassung, mit ihren gegen wärtigen Akzentsetzungen wirklich Wegweisungen in die Zukunft sein können und an der Bewältigung der großen Krisenszenarien mitwir ken können. Die Religionslandschaft steht unter Veränderungsdruck, sie wird kaum ohne wesentliche Veränderungen auskommen. Ob und inwiefern Religionen für die Bewältigung der anstehenden Probleme hilfreich sein können, ist eine grundlegende Frage. Für die nähere Zukunft zeichnen sich gegenwärtig zwei Entwicklungs trends ab. Mit dem Wort Entwicklungstrend soll hier ausgedrückt wer den, dass die Entwicklung der Religionen relativ schnell ganz anders verlaufen kann. Nach den vorausgegangenen Argumenten ist davon auszugehen, dass Religionen als kollektive Deutungen des Mensch seins weiter bestehen werden; jedenfalls einige unter ihnen werden auf die Herausforderungen, die von der erfolgreichen empirisch rationa len Wirtschafts und Konsummaschinerie, von der Globalisierung und den beschriebenen Krisenszenarien ausgehen, neue Antworten suchen. Damit dürften wesentliche Modifizierungen und Akzentverschiebun gen im gegenwärtigen Repertoire der Religionen verbunden sein, damit sie ihrer Funktion, Wegweiser in Gegenwart und Zukunft zu sein, ge recht werden können, nicht hoffnungslos hinter den Herausforderun gen der Zeit zurückbleiben und das schon spürbare Vakuum hinterlas sen. Denn die meisten Religionsrepräsentanten waren und wollen auch weiter Wegweiser in die Zukunft sein. Derartige Modifizierungen und Akzentverschiebungen zeichnen sich teilweise bereits seit kurzer Zeit bei einigen traditionellen Religionen (vgl. Kap. 6.4) ab. Immerhin gibt es etwas, das man Aufbruch nennen kann, und insofern auch Hoffnung auf vorteilhafte Veränderung. Gänzlich neue Ansätze, das Menschsein unter Berücksichtigung der benannten Krisenszenarien plausibel zu deuten, gewinnen bisher noch keine breite Resonanz und Akzeptanz. Ein zweiter Trend lässt sich bei den fundamentalistischen Religionsge meinschaften, die in allen großen Religionstraditionen zu finden sind, beobachten. Sie sehen ihre Zukunft in der Rückbesinnung und Idea lisierung althergebrachter, unantastbarer Offenbarungen und deuten, soweit sie die sich bereits vollziehenden Krisenszenarien überhaupt wahrzunehmen bereit sind, diese jeweils durch ihre sakrale Brille. Als 158 was wIrd aus den relIgIonen? besonders veränderungsresistent und konfliktbereit zur Bewahrung ei ner idealisierten Lebensform fallen Gesetzesreligionen auf. Ein Reaktionsmuster fundamentalistischer Glaubensgemeinschaften besteht darin, bestimmte wissenschaftliche Ergebnisse, die ihren Leh ren widersprechen, nicht zu akzeptieren. Beispielsweise hat die Evolu tionslehre bei den evangelikalen Gruppen, angeblich ca. 50 % der Be völkerung der USA, keine Chance gegen die biblische Schöpfungslehre. Auch sonst ziehen Fundamentalisten das Opfer des Intellekts vor, wenn Widersprüche zwischen eigenen religiösen Vorstellungen und der do kumentierten Wirklichkeit auftreten: Man kann das partielle Wirklichkeitsverweigerung nennen. Ich bin auf dieses typische menschliche Ver haltensmuster schon an anderer Stelle eingegangen. Ein zweites Muster besteht in der religiösen Umdeutung, insofern unleugbare moderne Krisenentwicklungen als gezielte göttliche Aktionen, häufig als göttli che Strafen im heilsgeschichtlichen Kontext interpretiert werden. So wird die Verantwortung für diese Entwicklungen dem allmächtigen Gott bzw. den unantastbaren Göttern zugeschoben. Eine Motivierung zu eigener Problembearbeitung kann aus solchen Sichtweisen nicht ent stehen. Auf der Grundlage derartiger fundamentalistischer Orientie rungen, die im Einzelnen durchaus unterschiedlich sind, sieht die Zu kunftsprognose für Biosphäre, Klima und Umwelt düster aus, weil die Umdeutung der Wirklichkeit Problembewusstsein und Veränderungs bereitschaft kaum entstehen lassen. Ob die oben beschriebene Vielfalt der Religionen erhalten bleibt oder ob sie im Zuge der Globalisierung und der damit verbundenen mindes tens partiellen Angleichung von Denkmustern, Lebensläufen und Le bensverhältnissen in vielen Ländern generell auch abnimmt, bleibt ab zuwarten, denn die Lebenslagen der Menschen dürften auch in Zukunft innerhalb von Gesellschaften und zwischen ihnen ein breites Spektrum umfassen. Vielfalt der Lebenslagen wird mit einer gewissen Vielfalt von Sinndeutungen menschlichen Seins verbunden bleiben. Denn Lebens sinn ist mehr oder weniger eng verbunden mit den jeweiligen Lebens wirklichkeiten. Man könnte es also schon als besonders günstige Ent wicklung einschätzen, wenn es trotzdem unter den unterschiedlichen Religionen zugunsten der Sicherung des Überlebens zu einer gemeinsa men Zielsetzung und zu einem gemeinsamen Aktionsprogramm kom men sollte, denen eine quantitativ große Mehrheit zustimmt, trotz aller 159 entwIcklungstendenzen der relIgIonen anderen Unterschiede. Ich halte es allerdings für wahrscheinlich, dass so manche Religionsgemeinschaft – man kann das beharrlich oder auch lernunfähig und starrsinnig nennen – an ihren traditionellen Vorstel lungen festhält, ohne Rücksicht auf Brüche und Unvereinbarkeiten mit der aktuellen Lebenswelt, die ohnehin in allen Gesellschaften bestehen und die meisten Menschen auch nicht stören, weil sie sie nicht wahr nehmen oder als normal betrachten. Religionsgemeinschaften, die aus schließlich religiös legitimierte Denk und Verhaltensmuster dulden, müssen mit erheblichen Schwierigkeiten rechnen, sich weiterhin in sä kularen Staaten zu behaupten. Die mit Wirklichkeitsverweigerung häu fig einhergehende Doppelmoral wird die Probleme nicht dauerhaft lö sen können. Der soziale Wandel vollzieht sich in allen Teilen der bewohnten Erde immer schneller. Besonders davon betroffen sind die als Entwicklungs länder bezeichneten Gesellschaften, weil sie in wenigen Jahren mit schnellen Entwicklungssprüngen konfrontiert sind, die Entwurzelung und Desorientierung begünstigen, oft verbunden mit weiterer Verelen dung. Die immer wieder beschriebene steigende Zuwendung zu Religi onen (z. B. Graf 2007, Vollmuth 2015) kann deshalb als Suche nach Ori entierung, Identität und neuen Sicherheiten verstanden werden. Aber auch in den entwickelten westlichen Ländern konfrontiert der im mer noch schnelle soziale Wandel die Bevölkerung mit Identitäts und Orientierungsproblemen, die sich mangels überzeugender Alternativen in der Schwächung und Auflösung sozialer Kontexte und Verbindlich keiten, in anarchischen Tendenzen sowie heftigen, teils gewaltsamen Auseinandersetzungen z. B. im Umfeld von Fußballspielen, Demonst rationen u. a. spiegeln, aber auch im wachsenden Unterstützungsbedarf von Familien, Kindern und Jugendlichen, in der Kriminalitätsentwick lung und in zunehmenden Schwierigkeiten selbständiger Lebensfüh rung in Erscheinung treten. Gleichzeitig ist dennoch in Europa weiterhin damit zu rechnen, dass die Mitgliederzahl der traditionellen Kirchen weiter schrumpfen wird. Von den Austretenden bleibt ein – jedenfalls für Deutschland nicht genau quantifizierbarer Teil – religiös ungebunden und entwickelt manch mal individuell ein Selbstverständnis. Man spricht bei diesem Perso nenkreis auch von religiöser Bastelmentalität. Ein nicht genau quantifi 160 was wIrd aus den relIgIonen? zierbarer Teil bleibt ohne Mitgliedschaft in einer Religionsgemeinschaft. Ob es auf Dauer auch ohne Selbstverständnis geht? Der Rest wechselt zu anderen Religionsgemeinschaften. Dass der Rück zug aus den traditionellen Kirchen in Europa gleichzeitig auch als Ent fremdung von traditionellen christlichen Glaubensinhalten wie dem Gottesglauben und dem Glauben an ein Leben nach dem Tode zu ver stehen ist, lassen die Vergleichszahlen auf der Grundlage von Umfragen in den USA und europäischen Staaten vermuten, auf die sich Wilson bezieht (2014, S.  307 f.). Diese Umfragen weisen gravierende Unter schiede zwischen den USA und europäischen Ländern nach. Den Pro testanten zuzuordnende Religionsgemeinschaften in den USA waren vorherrschend eher konservativ und standen der historisch kritischen Exegese der Bibel (Stichwort Entmythologisierung) stets kritisch und ablehnend gegenüber, verblieben in einem eher mythologischen Ge schichts und Bibelverständnis. Ob die Entfremdung von bestimmten Glaubensinhalten in Europa generell als Verminderung religiöser Bin dungsbereitschaft der Menschen zu deuten ist, bleibt dennoch offen. Es könnte auch sein, dass kirchenferne Personenkreise sehr wohl, wenn es das denn gäbe, für ein Selbstverständnis zu begeistern wären, das die geistigen Grundlagen der Moderne respektiert, einbezieht und eine dazu passende Deutung menschlichen Seins beinhaltet. Denn auch Kir chenferne brauchen ein Selbstverständnis, eine Vorstellung dessen, wo her sie kommen, was sie sind und wohin sie gehen. 5 5 Achtung vor dem Leben als gemeinsame Grundlage Nach meinem Geschichtsverständnis sind es, wie bereits dargestellt, die Menschen, die auf der Grundlage ihrer in der Evolution entwickelten Fähigkeiten die Erde erobert haben und gestalten bzw. zerstören. Sie sind es, die kollektive Selbstverständnisse, Religionen genannt, entwi ckelt haben, als sie sich ihrer selbst bewusst wurden, weil sie Orientie rung und Wegweisung für die Zukunft brauchten. Sie sind es, die ihre Religionen immer wieder, meist sehr zögerlich, an die sich ändernden Lebensverhältnisse angepasst haben. Sie sind es, die sich in ihren Religi onen übernatürliche Instanzen ersonnen haben, die Garanten für funk tionsfähige Gemeinwesen und gleichzeitig für individuelle Bedürfnis 161 achtung vor dem leben als gemeInsame grundlage se befriedigende Lebensperspektiven sind. Sie sind es aber auch, die die Geschichte der Menschheit mit einer endlosen Kette von Religionskrie gen und politisch oder wirtschaftlich motivierten Konflikten versehen haben. Sie sind es, die jetzt durch die hausgemachten Bedrohungen un ter Druck gesetzt werden, die gewaltsamen Konflikte zu beenden, durch friedliche Konfliktformen zu ersetzen und ungeachtet aller Unterschie de unter den Religionen und Staaten eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf der gemeinsame Ziele und Programme zur Erhaltung der mensch lichen Lebensbedingungen erarbeitet und durchgesetzt werden. Das ist eine enorme Aufgabe: Sie bedeutet, über alle bisherigen menschlichen Leistungen weit hinauszuwachsen, eine neue Stufe menschlichen Mit und Gegeneinanders zu erreichen. Die Frage ist also, ob wir Menschen es schaffen, ohne die übernatürlichen Keulen, nicht nur in kleinen Ein heiten, sondern weltweit geordnete und zukunftsfähige Lebensverhält nisse aufzubauen, d. h. die gemeinsamen Interessen aller bzw. fast aller Staaten in den Mittelpunkt zu stellen und dadurch als Weltgemeinschaft oder realistischer: als Weltzweckverband handlungsfähig zu werden. Ein zaghafter Anfang ist bei der Klimakonferenz in Paris gelungen (vgl. Kap. 7.2.4). Wenn wir diese Fähigkeit zur eigenständigen Gestaltung geordneter Lebensverhältnisse weltweit erarbeiten und erstreiten könnten, wäre dies ein qualitativer Sprung in der menschlichen Evolution. Diese Sätze zu schreiben macht nur Sinn, weil auch in der Gegenwart schon bestimmte an Gemeinsamkeit orientierte Strukturen und Prozesse vor handen und manchmal erfolgreich sind. Auf ihnen kann man aufbauen, sie kann man erweitern. Die bisherigen Analysen zu Religionen fallen zwiespältig aus. Auf Re ligion im Sinne eines Selbstverständnisses können wir dennoch nicht verzichten; wir brauchen es, um einen gangbaren Weg zur Fortsetzung menschlichen Lebens zu finden. Einen solchen gangbaren Weg finden wir nur auf der Grundlage einer Haltung/Überzeugung, die dem Leben insgesamt, nicht nur einzelnen Lebewesen mit Achtung begegnet und sich in darauf bezogenem Verhalten ausdrückt, auch wenn das Selbst verständnis darüber hinaus so vielfältig ausfällt wie bisher. Diese Rich tungsangabe macht implizit deutlich, dass diese Haltung zum gegen wärtigen Zeitpunkt, im Weltmaßstab gesehen, gerade einmal teilweise festzustellen ist, sich also noch unter dem Druck der im Gange befind lichen Bedrohungsszenarien entwickeln muss. 162 was wIrd aus den relIgIonen? Im Buddhismus spielt die Achtung vor dem Leben seit jeher eine zent rale Rolle und prägt auch in hohem Maß das alltägliche Verhalten von immerhin mehreren hundert Millionen Gläubigen. Das Tötungsver bot auch für Tiere mag zwar nicht immer und überall voll durchgehal ten werden, es übt nichtsdestoweniger auf die Lebensführung und die Nahrungsmittelbeschaffung der Gläubigen und deren Folgewirkungen nachhaltigen Einfluss aus, der insbesondere im Vergleich mit westli chen Gesellschaften in mehreren Hinsichten unübersehbar ist (Fleisch verzehr, Umgang mit Tieren, Produktion Methangas). Buddhistische Kulturen zeigen, dass Achtung vor dem Leben als ein grundlegendes Element einer Kultur von allen Angehörigen gelebt werden kann, nicht nur von religiösen Virtuosen. Immer schon sind es die kollektiven Selbstverständnisse, die die Men schen auf allen sozialen Ebenen zu zielorientierten individuellen und vor allem sozial koordinierten Handlungen befähigen. Auch hoch gradig destruktive und dissoziative Handlungen stammen regelmä ßig aus einem Selbstverständnis. Wenn also solche Selbstverständ nisse in ihren Auswirkungen die eigenen Lebensgrundlagen und die anderer Lebewesen schädigen oder gar zerstören, liegt ein fehlgeleite tes weil lebensbedrohendes bzw. selbstzerstörerisches Selbstverständnis vor. Die treibenden Kräfte der Zivilisationsentwicklung, aber auch ihre Nachfolger in anderen Ländern haben in ihrer Fixierung auf das eigene individuelle und kollektive Wohlergehen den generellen Lebenskontext aus dem Blickfeld verloren und treiben auf umfassende globale Krisen bzw. Katastrophen zu. Menschliches Leben macht dann sich selbst zum Geschädigten und Feind. Die Ausrichtung des Lebens hat sich dann – bewusst oder unbewusst – auf Selbstzerstörung hin entwickelt und wird damit widersinnig und kontraproduktiv. Menschliches Selbstverständ nis war ja entstanden, um Orientierung für das Leben in Gegenwart und Zukunft zu gewinnen. Eine Neujustierung unserer Selbstverständnisse und unserer Ziele wird deshalb wie bereits angesprochen unumgäng lich, weil die überkommenen individuellen und kollektiven Egoismen, Ziele und Gierattacken eine Leben bedrohende Fehlentwicklung einge leitet haben. Diese Fehlentwicklung zwingt uns in Verbindung mit der grundsätz lichen Eigenverantwortlichkeit des Menschen zu einer Neubesinnung auf unsere eigentlichen Grundlagen und Ressourcen. Unsere Wurzeln 163 achtung vor dem leben als gemeInsame grundlage liegen im Strom des Lebens, aus dem wir uns entwickelt haben, der un sere Lebensgrundlage ist und bleibt, weil es außerhalb für uns keine Existenzmöglichkeit gibt. Diese Einbindung in die Biosphäre und ih ren Artenreichtum ist unsere Überlebensbedingung. Im Zuge der Evo lution konnten wir geistige Kapazitäten entwickeln, die uns in der Bio sphäre eine herausgehobene Stellung verleihen. Diese Stellung bringt es mit sich, dass wir Menschen auch die einzige Lebensform sind, die für die Erhaltung des Lebenskosmos aktiv und zielgerichtet wirken kann. Wir haben nichts anderes als unser Leben; es ist für uns Sinn, trägt sei nen Sinn in sich selbst, wenn wir es sinnvoll gestalten. Und umgekehrt: Wenn wir unser Leben nicht sinnvoll gestalten, fehlt unserem Leben der Sinn. Unser Leben und das Leben generell muss deshalb beides sein: Ausgangs und Zielpunkt unseres Denkens und Handelns. Ob unser Le ben sinnhaft ist und wird, ob es auch Zukunft haben wird, individuell, sozial und als Art, hängt maßgeblich von uns ab. Es ist unsere Aufgabe, zusammen mit unseren Mitmenschen aus dem Leben etwas Sinnhaftes zu machen. Der erste und unumgängliche Schritt zur gemeinschaftli chen Gestaltung und Ermöglichung des Lebens besteht darin, Achtung vor dem Leben, dem unsrigen und dem anderer Lebewesen zu lernen und daraus Umgangsformen miteinander zu entwickeln. Wenn wir das Leben nicht zu achten lernen, wird es uns abhandenkommen: in we sentlichen Teilen die Biosphäre, von der und in der wir leben, und un ser eigenes Leben. Wer denn sonst als wir soll dies tun? Die Evolution hat in uns mit den geistigen Kapazitäten auch das Poten zial angelegt, mitmenschliche Verhaltensmuster zu entwickeln. Religi onen haben bei der Ausformung dieser altruistischen Qualitäten von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt. Es gibt zur Kultivierung des altruistischen Fähigkeitsspektrums des Menschen im Kampf um das Überleben keine Alternative. Die hier formulierte Position steht der später darzustellenden Auffas sung des Dalai Lama (vgl. Kap. 6.4) in den zentralen Punkten sehr nahe. Oben habe ich auf den Buddhismus hingewiesen, in dem sich die Ach tung vor dem Leben als ein gelebtes Merkmal der Lebensführung und Kultur bewährt hat. Die Achtung vor dem Leben: könnte sie nicht das gemeinsame Band auf dieser Erde werden, das alle verbindet und uns ermöglicht, gemeinsam Ziele und Maßnahmen zur Erhaltung unserer 164 was wIrd aus den relIgIonen? Lebensbedingungen zu entwickeln und Konflikte friedlich auszutra gen? Selbstverständlich kann man die Achtung vor dem Leben auch auf andere Weise begründen als ich es tue und dennoch für die Erhaltung der Lebensbedingungen mitwirken. Welchen Sinn kann ein Selbstver ständnis von Menschen in Zukunft noch haben, das sich nicht auf die Achtung vor dem Leben stützt? 5 6 Zusammenfassung Nachfolgend fasse ich die Leitgedanken dieses Kapitels zusammen: • Religionen konzentrieren sich auf den sinnhaften Gesamtzusammenhang menschlicher Existenz und auf Wegweisung für die Zukunft; sie versuchen dabei, sich möglichst nahe an die biologisch und soziokulturell bestimmte Bedürfnislage des Menschen anzunä hern, indem sie die vielfältigen menschlichen Lebenswelten, darun ter unter anderen Lebensvollzügen auch rationale Bezüge, respek tieren, im Lichte grundlegender Überzeugungen verstehen und zu einer Wegweisung bündeln. Religion wird als Sinngebungsinstanz und Wegweiser gebraucht und uns deshalb voraussichtlich erhalten bleiben. Von Auslaufmodell kann keine Rede sein. Demgegenüber beschäftigen sich Wissenschaften mit der Beschreibung und Erklä rung der realen Phänomene und Wirkungszusammenhänge unse rer globalen und universalen Lebenswelt, soweit sie mit empirisch rationaler Methodik zugänglich sind. Gegenwärtig bahnt sich also eine Aufgabenteilung von Religionen und Wissenschaften an. • Wilsons Kritik halte ich in drei Punkten für berechtigt: Religionen entzweien, Religionen verdummen durch partielle Realitätsver weigerung und irreführende Aussagen über die Realität, Religio nen neigen zu Anmaßung. Seine Verkürzung von Religion auf ein mit der Wissenschaft konkurrierendes Erklärungsmodell der Welt stimmt nicht mehr generell, und sie übersieht die Sinn deutende und Weg weisende Funktion von Religionen, die auf tief verwur zelten menschlichen Bedürfnissen aufbauen. Diese Einschätzung weist jedoch unterschiedliche Facetten auf und spiegelt in der Be schreibung eindimensionale Eindeutigkeit, die wegen ihrer unter schiedlichen Facetten keinen dauerhaften Bestand haben kann. 165 zusammenfassung • Religionen bewirken nach Innen zukunftsorientierte Ordnungen und ebensolche individuellen Lebensperspektiven. Ganz anders ist die Wirkung nach außen, weil es zahlreiche Religionen gibt: Der Glaube an die Einmaligkeit und Überlegenheit der eigenen Religi on führt nahezu häufig zu beidem: zur Abwertung von Menschen anderer Religionen bis hin zu ihrer Ausrottung und, soweit wir zu rückblicken können, zu endlosen, häufig gewaltsamen Konflikten und unvorstellbar grausamen Kriegen, bis heute. Religionen sind deshalb mit ihrem Gewaltpotenzial eine Bedrohung für die welt weit erforderlichen gemeinschaftlichen Aktionen zugunsten der Biosphäre, des Klimas und der Umwelt. • Zwei entgegengesetzte Entwicklungstrends zeichnen sich ab. Ers tens: Einige Religionsgemeinschaften mit hohen Mitgliederzahlen (Ökumenischer Rat der Kirchen, römisch katholische Kirche, grie chisch orthodoxe Kirche, Mahayana Buddhismus) beziehen seit Kurzem explizit die Probleme um Klima, Biosphäre und Umwelt in ihre sinndeutenden Kontexte ein (vgl. Kap.6.). Besonders aus geprägt ist bei ihnen durchgängig der ausdrückliche Appell für ge meinsame, überkonfessionelle Übereinkünfte und Aktionen. Zwei tens: In der weltweiten Zuwendung zur Religion gewinnen primär die fundamentalistischen Versionen aus den genannten Traditions strömen und auch andere neue Mitglieder. Von den fundamenta listischen Religionsgemeinschaften ist überwiegend wenig kon struktives Engagement in den Problemfeldern Biosphäre, Klima, Umwelt zu erwarten, weil ihre verabsolutierten Überzeugungen Abgrenzung bedeuten und keine Verhandlungs und Kompromiss bereitschaft erkennen lassen. • Aus dem verbreiteten Anthropozentrismus sind durch komplexe Entwicklungen Bedrohungen unserer Lebensgrundlagen entstan den. Um eine Handlungsgrundlage für Konzepte und Maßnahmen in den Problemfeldern Biosphäre, Klima und Umwelt zu erhalten, ist eine Neujustierung unserer Ausgangsbasis, d. h. unseres Selbst verständnisses unumgänglich. Im Interesse des eigenen Überlebens müssen die gesamte Biosphäre und ihre Erhaltung in den Mittel punkt unseres Denkens und Handelns rücken. Es zeigt sich unab weisbar, dass der Menschenwunsch zu leben auf Dauer an die Ach tung vor dem Leben insgesamt gebunden ist. Der Buddhismus zeigt uns seit über 2000 Jahren, dass und wie Achtung vor dem Leben als tragfähiges Element der Kultur gelebt werden kann. Die Erhal 166 was wIrd aus den relIgIonen? tung der Lebensgrundlagen kann gelingen, wenn das altruistische Fähigkeitsspektrum des Menschen weiterentwickelt wird und die verbreiteten Konflikte durch gemeinsame Anstrengungen über wunden werden.

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Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.