Content

Einleitung in:

Hans Dietrich Engelhardt

Was wird aus unserer Umwelt?, page 11 - 28

Die Zukunft des Menschen zwischen Glaube und Natur

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3965-6, ISBN online: 978-3-8288-6838-0, https://doi.org/10.5771/9783828868380-11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einleitung Seit Menschen ein Bewusstsein ihrer Selbst in ihrer Umwelt und schließlich ein umfassendes Selbstverständnis entwickelt haben, war dieses Selbstverständnis Richtschnur für die Gestaltung ihres Lebens und den Umgang mit ihrer Umwelt, selbstverständlich mit den Abstri chen, die sich aus dem naturgegebenen Egoismus und der Begrenztheit der menschlichen Natur ergeben. Menschliches Selbstverständnis hat sich in den Gesellschaften primär in zahlreichen und vielfältigen Reli gionen einerseits als Antwort auf die Herausforderungen gewandelter Umwelten und andererseits als Produkt menschlicher Bedürfnisse und Sehnsüchte konkretisiert und deshalb im Laufe der Geschichte grundle gende Veränderungen erfahren. Gegenwärtig fordern die Naturwissen schaften mit ihren auf das Hier und Jetzt bezogenen Erklärungsansät zen die an Transzendenz orientierten Religionen in besonderer Weise heraus; sie haben die Industrialisierung und die Entwicklung der mo dernen Zivilisation (mit) ermöglicht; mit diesen Wirkungen haben sie dazu beigetragen, die gesellschaftlichen Ziele und das gelebte Selbst verständnis weithin auf materielles Wachstum und materiellen Kon sum hin zu verschieben und die Bevölkerungsexplosion auf der Erde rasant zu beschleunigen. Die Fixierung auf materielles Wachstum hat weltweit die Entscheidungsträger und wesentliche Teile der Bevölke rungen erfasst und drängt andere, oft qualitative Ziele in den Hinter grund – die Gier spornt an. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird zunehmend deutlich, dass dieses neue Selbstverständnis in den Indus trieländern und darüber hinaus lebensbedrohliche Veränderungen der Umwelt bewirkt: von der Abholzung der Wälder über die Klimaverän derung, die Ressourcenverknappung und vieles mehr bis hin zur fort schreitenden Zerstörung der Biodiversität, die unsere Lebensgrundlage darstellt: Die gegenwärtige menschliche Lebensweise bedroht ihre eige ne Zukunft. Der Wandel des menschlichen Selbstverständnisses spielt deshalb eine Schlüsselrolle für die Erhaltung menschlicher Lebensbe dingungen. Gefordert sind menschliche Selbstverständnisse, in denen trotz sonstiger Unterschiede die Achtung vor dem Leben und darauf aufbauende Nachhaltigkeit im Mittelpunkt stehen. Nachhaltigkeitsfor 2 eInleItung scher, mehrere große Religionsgemeinschaften, Biologen, immer mehr zivilgesellschaftliche Organisationen und viele Einzelpersonen stehen für die genannten Grundlagen des neuen Selbstverständnisses. Religi onsgemeinschaften sind als Sinngebungsinstanzen, die schon immer das Warum und das Wie des Lebens und deshalb qualitative Lebens inhalte in den Mittelpunkt stellen, wesentliche Partner für alle, die jetzt mit einer Neuorientierung die Weichen für die dauerhafte Erhaltung der Lebensbedingungen stellen wollen. Diese Personenkreise werden gegenüber den Entscheidungsträgern und in den Bevölkerungen der Staaten ihre Potenziale erst entfalten können, wenn sie sich aus der Ver einzelung lösen und zu Nachhaltigkeitsallianzen zusammenschließen, um den unerlässlichen Paradigmenwechsel von Wachstum zu Nachhal tigkeit durch neue Mehrheitsbildung erreichen zu können. Dies ist der Steckbrief dieses Buches. Die zentrale These dieses Bu ches lautet, dass sich die Religionsgemeinschaften und die Akteure für Nachhaltigkeit trotz vieler Unterschiede gemeinsam darauf verständi gen sollten, das Wichtigste, das wir haben: das Leben und seine Erhal tung in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen zu stellen. Auf die Achtung vor dem Leben und seine Erhaltung ausgerichtete Selbstverständnisse sind unverzichtbare Bausteine zur Bewältigung der Umweltprobleme. Die vorliegenden Lösungsvorschläge für die Bewältigung der Umwelt risiken (z. B. WWF 2014; Randers/Maxton 2016) und möglicherweise auch neue sind bei ihrer Umsetzung auf Personen, Initiativen, Organi sationen und Entscheidungsträger angewiesen, die aus innerster Über zeugung mitwirken. Die Vorlage von geeigneten Problemlösungspro grammen – immerhin höchst respektable Leistungen – schafft weder in der Bevölkerung noch unter den wirtschaftlichen und politischen Ent scheidungsträgern die notwendigen Handlungsantriebe. Durch Über zeugungen geprägte Menschen können die notwendige Tatkraft entwi ckeln, sie können auf gegenwärtige Annehmlichkeiten verzichten und die von vielen Seiten geforderten Solidaritätsleistungen erbringen, de ren Nutzen anderen Personen und/oder zukünftigen Generationen zu gutekommt. Ohne die beträchtliche Einschränkung der aktuellen Kon sumgewohnheiten in den reichen Ländern kann die Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks (vgl. Kap. 7.1.2), d. h. die ausgeglichene Ba lance von Versorgungs und Entsorgungskapazität der Erde nicht gelin gen. Wenn wir erst durch Katastrophen zum Handeln gezwungen wer den, kommen unsere Aktionen zu spät. 3 eInleItung Dieses Buch wendet sich an alle, die ihren Kindern und Enkeln einiger maßen gute Lebensbedingungen hinterlassen möchten; es will die Aus einandersetzung mit den anstehenden Zukunftsproblemen und die Be teiligung an zivilgesellschaftlichen Initiativen/Organisationen für eine nachhaltige Gesellschaft anregen. Die künftigen Lebensbedingungen sind diesen Einsatz wert. Die folgenden Ausführungen skizzieren zunächst den Rahmen des Le bens und traditionelle sowie moderne Erklärungen zu natürlichen Er eignissen und Prozessen, thematisieren dann das Verhältnis von Selbst verständnis bzw. Religion und Umwelt und stellen schließlich die Gedankengänge der folgenden Kapitel vor. Vulkanausbrüche, steigende bzw. fallende Meeresspiegel, Fluten, Brän de, Meteoriteneinschläge, Temperaturstürze und andere Naturereignis se, die von uns Menschen heute als Klima bzw. Umweltkatastrophen verstanden werden, begleiteten von Anfang an die Entwicklung des Le bens, haben viele Arten ausgelöscht und mit den verbliebenen Arten immer wieder die Evolution zu neuen Entwicklungen herausgefordert, lange bevor wir Menschen auf der Bühne des Lebens erschienen, wie uns wissenschaftliche Untersuchungen aus unterschiedlichen Diszip linen anhand differenzierter Expertisen vermitteln. Bemerkenswert ist dennoch, dass die natürlichen Gestaltungskräfte auf unserer Erde eine Konstellation von Bedingungen geschaffen haben, die im Unterschied zu den bisher bekannten Gestirnen die Entfaltung von Leben ermög lichte und dies immer noch tut. Auch die Entwicklung des Menschen erfolgte unter immer wieder wech selnden Klimabedingungen, war offensichtlich mehrfach generell be droht durch Eis und Kaltzeiten und dementsprechend stark reduzier te Lebensräume. Auch Vulkanausbrüche haben mindestens in größeren Regionen Leben gefährdet, reduziert oder ausgelöscht. Ascheschich ten aus dem Toba Ausbruch auf Sumatra um 70.000 v. h. (vor heute) wurden selbst in Afrika festgestellt, die Wirkungen auf Menschen sind umstritten. Der Ausbruch der Phlegräischen Felder vor ca. 37.000 Jah ren traf mit seinen Auswirkungen vor allem die Siedlungsgebiete der Neandertaler, deren Reste die Katastrophe nicht sehr lange überlebten. Während Tiere weit überwiegend zum Leben und Überleben auf spe zifische Umweltbedingungen angewiesen sind, weist der Mensch eine 4 eInleItung große Anpassungsfähigkeit an höchst unterschiedliche Umweltbedin gungen auf. Diese Eigenart war für seine weltweite Verbreitung und das Überleben der Art ein entscheidender Vorteil, so dass auch bei größe ren Klimaeinbrüchen wie den Eiszeiten bisher immer Menschengrup pen eine zum Überleben geeignete Region finden konnten, wenngleich viele Gruppen nicht überlebten. Die fortgeschrittenen Untersuchungs methoden der Geologie, der archäologischen Anthropologie, der Mik robiologie, Genetik und anderer Disziplinen ermöglichen mittlerwei le mit ihren Forschungsergebnissen Historikern, ein immer genaueres Bild nachzuzeichnen, dass und wie Klimaveränderungen die Entwick lung des Menschen, die Entfaltung oder auch Zerstörung von Weltrei chen und Kulturen maßgeblich beeinflusst haben; sie füllen damit ei nerseits einige Wissenslücken und führen andererseits zu erheblichen Korrekturen bisheriger Erkenntnisse (Lamb 1982, Behringer 2007). So stellen Buchner und Buchner in einer Tabelle vorgeschichtliche Ent wicklungen des Menschen und Klimaveränderungen von 5,5 Millionen Jahren v. h. bis 6000 v. h. gegenüber; sie konkretisieren die Klimaein flüsse auf die menschliche Entwicklung und Geschichte ferner, indem sie in einer Graphik Temperaturverlauf und frühmenschliche Entwick lungen von 250.000 v. h. bis 10.000 v. h. aufzeigen (Buchner & Buch ner 2005, S. 83 bzw. S. 81). Solche Forschungsergebnisse machen immer wieder neu bewusst, wie bedroht und stets vorläufig menschliches Le ben nun einmal ist. Plattentektonische Veränderungen wie die Verbindungen von Süd und Nordamerika ca. 2,5 Millionen Jahre vor heute und von Afrika und Asien ca. 5,5 Millionen Jahren v. h. veränderten die Meeres und Luft strömungen und damit die Lebensbedingungen für Pflanzen und Tie re umfassend. Die Verbindung von Nord und Südamerika ließ den Golfstrom mit seinen Klimafolgen entstehen. Auch Vulkanausbrüche, Eiszeiten, abrupte Temperaturstürze u. a. führten zu radikalen Verän derungen in der Biosphäre insgesamt und damit bei den Lebensbedin gungen des Menschen; solche Ereignisse bleiben natürliche Bedrohun gen, auf die der Mensch keinen Einfluss hatte, denen er ziemlich hilflos ausgesetzt war und bleibt und auf die er als Generalist nur mehr oder weniger geschickt reagieren kann, was er ja auch versucht hat. Zu den natürlichen Bedrohungen kommen die von uns Menschen ei genständig entwickelten dazu. Dies sind seit vielen Jahrtausenden ei 5 eInleItung nerseits die Eingriffe in die Biosphäre, d. h. die Schädigungen der natür lichen Lebensbedingungen durch Übernutzung, Raubbau bis hin zur Ausrottung von jagdbaren und anderen Tieren und zur Verödung größe rer Regionen durch hemmungslose Abholzung und andere Aktivitäten. Andererseits gibt es neuerdings diverse Eigenbeiträge zu nachteiligen Veränderungen des Klimas – daher das „fast“ einige Sätze zuvor – sowie die selbst produzierten Zerstörungspotenziale: die beachtli chen, Gesundheit gefährdenden „Kollateralschäden“ der industriellen Produktion und des Verkehrs, eine umfangreiche Giftproduktion, die Kernkraftrisiken und die reichhaltigen Waffenarsenale. Auf die haus gemachten Bedrohungen kann der Mensch Einfluss nehmen; er könnte sie abschwächen, begrenzen, unschädlich machen oder beseitigen. Der Wille dazu ist eher zaghaft, weil es weithin an der Einsicht in die Not wendigkeit fehlt und/oder die anderen aktuellen Tagesprobleme eine mittel und längerfristige Orientierung be bzw. verhindern. Eindeutig ist der teilweise hausgemachte Temperaturanstieg seit ca. 150 Jahren durch Treibhausgase und andere Aktivitäten. Eine positive Inter pretation der Temperaturerhöhung besagt, dass sie eine neue Eiszeit ver hindert habe. Die einsetzende Industrialisierung, Höchststand der Glet scher um 1870 und beginnender Temperaturanstieg im 19. Jahrhundert lassen diese Sichtweise durchaus plausibel erscheinen. Klar ist, dass eine weitere Klimaerwärmung zusätzlich zu den bereits spürbaren und mas sive Schäden produzierenden Wetterkapriolen den Meeresspiegel deut lich ansteigen lässt, der bereits einige polynesische Inseln unbewohnbar gemacht hat und merkliche küstennahe Bevölkerungsteile in Bangla desch in die Flucht treibt. Mittel und langfristig sind zahlreiche In seln, Metropolregionen und Küstenebenen bedroht, nicht wenige auch in den USA. Sehr wahrscheinlich ist, dass sich die Klimaerwärmung ohne einschneidende Gegenmaßnahmen fortsetzen wird. Das haben die meisten Staaten begriffen und auf der Pariser Klimakonferenz je weils selbst entwickelte Maßnahmenpakete beschlossen. Ob die Klima erwärmung ohne Gegenmaßnahmen weiter fortschreitet, ist dennoch nicht völlig sicher, und es werden auch andere mögliche Entwicklungs varianten diskutiert. Die Klimaerwärmung könnte über kurz oder lang auch eine Kaltzeit produzieren, falls der Golfstrom – im 21. Jahrhun dert unwahrscheinlich – durch die enormen Süßwasserschmelzwasser vom grönländischen Inlandeis aussetzen sollte. Sicher ist jedoch, dass die Menschheit ein kaum absehbares Bedrohungspotenzial mit weltweit 6 eInleItung chaotischen Verhältnissen riskiert, wenn sie nichts gegen die Klimaer wärmung unternimmt. Auch bei den anderen, weniger ernst genomme nen, hausgemachten Umweltbedrohungen, seien sie global oder auch nur regional wirksam, gibt es keine Alternative zu unverzüglichen Ge genmaßnahmen, die in vielen Belangen z. B. der Rettung der Weltmeere und der Biodiversität ohne internationale Kooperation, nicht zustande kommen und gelingen können. Der vielerorts beklagenswerte und Ge sundheit gefährdende Zustand z. B. von Luft und Gewässern ist insge samt als eindringlicher Aufruf zu entschlossenem, kooperativem Han deln anzusehen. Die ersten Umweltkatastrophen, von denen uns unsere Vorfahren nach langer mündlicher Überlieferung in unterschiedlichen schrift lichen Quellen berichteten, sind die Sintfluten; solche und andere au ßergewöhnliche natürliche Ereignisse wurden damals und bis in das 19. Jahrhundert ziemlich durchgängig als Strafe der Götter bzw. Gottes für menschliches Fehlverhalten verstanden und zwecks Vermeidung in der Zukunft mit Forderungen zu einem Gott gefälligen Verhalten, mit Menschenopfern oder auch anderen Leistungen zur Versöhnung der übernatürlichen Wesenheiten verknüpft. Nach wie vor dürften es welt weit viele Menschen sein, die an der alten Vorstellung von der göttli chen Steuerung der Geschichte festhalten. Erfahrungen mit der Umwelt und religiöses Denken bilden offensichtlich im Bewusstsein der Men schen einen selbstverständlichen Zusammenhang, bei der überwiegen den Mehrheit bis heute. Seit der Aufklärung und der explosionsartigen Entwicklung der Wis senschaften gewinnt eine andere Sichtweise, die Erklärung für jegli che Ereignisse in empirisch nachweisbaren Ursache Wirkungszusam menhängen sucht und findet, zunehmend an Geltung und praktischer Anwendung. Die Erfahrungen mit den Sintfluten, die offensichtlich zahlreiche Menschen getötet und noch mehr vertrieben haben müs sen, haben sich so tief in das Bewusstsein der Menschen eingegraben, dass sie über einige Jahrtausende mündlich überliefert wurden, bevor sie schließlich schriftlich niedergelegt wurden, zuerst im Gilgamesch epos und deutlich später nach dessen Vorlage im Alten Testament. Die auf das alte Mesopotamien bezogenen Wissenschaften waren durchaus der Auffassung, dass hinter den Flutberichten reale Erfahrungen ste cken müssten, es fehlten jedoch lange empirische Belege. Neuerdings 7 eInleItung wissen wir aus geologischen, klima und kulturhistorischen Untersu chungen (Buchner/Buchner 2005), dass sich diese Fluten tatsächlich ereignet haben und nachgewiesen werden können. Mythen über gro ße Fluten gibt es auch andernorts. Weitere hochgradig klimarelevante Fluten kaum vorstellbaren Ausmaßes werden von Geologen für Nord amerika belegt, ohne dass es dafür menschliche Zeugnisse gäbe und geben konnte. Geologen sehen all diese Fluten gegenwärtig nicht als Strafe Gottes, sondern als Folge der schmelzenden Eismassen, die sich während der Entwicklung der letzten Eiszeit in den kälteren Regionen und auf den Gebirgen aufgetürmt hatten und den Meeresspiegel auf ca. 130 m unter dem heutigen Stand sinken ließen. Vor der Eisschmelze und auf dem Höhepunkt der Eiszeit war der Per sische Golf von der damaligen Mündung von Euphrat/Tigris bis über die Meerenge von Hormoz hinaus eine Ebene mit einigen Süßwasser seen, durchflossen von einem Fluss, dem vereinten Euphrat und Ti gris. Lange Zeit war diese Ebene ebenso wie große Teile Arabiens of fensichtlich besiedelt. Die Eisschmelze hat im Verlauf von ca. 10.000 Jahren, von etwa 18.000 v. h. bis 7.000 v. h. den Meeresspiegel im Per sischen Golf in vier Schüben wieder auf das heutige Niveau angehoben und die Bewohner von dort vertrieben. Buchner und Buchner beschrei ben diese Vorgänge und sehen die vierte Flut zwischen 8000 v. h. und 7.000 v. h. als die Flut an, auf die Gilgameschepos und Bibel Bezug neh men: sie stützen ihre Auffassung auf die Berichte beider Quellen, die sie mit den örtlich und regional nachweisbaren Gegebenheiten verglichen haben. Nach der vierten Flut bedeckte das Meer die nach den ersten drei Flutphasen noch verbliebenen Ebenen des Persischen Golfs. Sie be richten, dass die Bucht Bandar Abbas auf der Nordseite des Persischen Golfes der Beschreibung des Paradieses im Gilgameschepos sehr nahe kommt und keine andere Landschaft weit und breit auf diese Beschrei bung passt. Diese Bucht und ihr Versinken in den Fluten könnten also reale Bezugspunkte für die schriftlichen Überlieferungen und ihre da malige Deutung sein (Buchner & Buchner 2005, S.  221–231). Wir zie hen eine Folgerung: Mythologische Sinnkonstruktionen zu zentralen Erfahrungen verführen dazu, in den vorgegebenen Kontexten zu ver harren und Unverständliches übernatürlichen Wesenheiten zuzuschrei ben. Durch Entmythologisierung gewinnt menschliche Erfahrung an Bedeutung. Das Denken in empirisch gesicherten Ursache Wirkungs 8 eInleItung zusammenhängen als extreme Form entmythologisierten Nachdenkens eröffnet deshalb auch neue Handlungsperspektiven. Versteht man Religion in einer ersten Annäherung als Selbstverständ nis von Menschengruppen in ihrer sozialen und natürlichen Lebens welt1, so ist mit unmittelbaren Auswirkungen dieses Selbstverständnis ses auf ihr Verhalten in und gegenüber der Umwelt zu rechnen. Umwelt kann als ein Komplex von natürlichen Gegebenheiten/Kräften und von Menschen gestalteten Ressourcen verstanden werden, in dem und für den Menschen sich mittels ihres Selbstverständnisses Orientierung und Lebensmöglichkeiten suchen und verschaffen. Religionen und Umwelt waren, soweit wir zurückblicken können, we gen ihrer existenziellen Bedeutung stets eng auf einander bezogen; bei de sind seit einigen Jahren zu zentralen Themen in der öffentlichen und politischen Diskussion geworden. Beide sind in regional unterschied lichem Ausmaß weltweit von zunehmender Bedeutung, ausgesproche ne Wachstumsfelder. Beide hängen eng mit individuellem und sozialem Wohlergehen zusammen. Beide sind durch Wechselbeziehungen mitei nander verbunden. Beide mobilisieren höchst unterschiedliche Gefühle, von bedingungsloser Hingabe bis zu extremer Konfrontation. Manche Leser mögen es für unsinnig erklären, den Beziehungen zwi schen derart komplexen, Leben bestimmenden Konglomeraten wie Re ligion einerseits und Umwelt anderseits nachgehen zu wollen. Aber auf vielfältige Weise ist das Schicksal großer Teile der Weltbevölkerung mit beiden und ihrer Beziehung zueinander verbunden. Man ist also gut beraten, diese Beziehung näher zu überprüfen und herauszufinden, wie sich diese Beziehung entwickelt und was sie für unsere Gegenwart und Zukunft bedeutet. 1 An dieser Stelle wird von einer genaueren Definition von Religion abgesehen, weil in einigen der folgenden Kapitel differenzierend auf Religion eingegan gen wird. Selbstverständnis des Menschen hat sich auch in der philosophischen Tradition sowie in immanent ausgerichteten Weltanschauungsgemeinschaften entwickelt. Auf beide gehe ich hier nicht ein, weil sie keine dauerhaften sozia len Organisationen bilden konnten. Individuelles, von Religionsgemeinschaf ten unabhängiges Selbstverständnis nimmt zwar quantitativ zu, wird aber we gen seiner inselartigen Isolation nicht systematisch thematisiert. 9 eInleItung Wer Götter oder einen Gott als die wirkenden Kräfte im Universum und auf der Erde sieht, wird die eigene Verantwortung für die natürli che und selbst gestaltete Umwelt anders einschätzen als Personen, die in empirisch belegbaren Ursache Wirkungszusammenhängen denken und Handlungen danach planen. Mit diesen beiden gegensätzlichen Po sitionen soll verdeutlicht werden, dass das Selbstverständnis wesentli chen Einfluss auf das Verantwortungsgefühl und das Verhalten gegen über der Umwelt ausübt. Selbstverständlich gibt es tatsächlich zwischen den beschriebenen Extremen zahlreiche Abstufungen und Kombinati onen. Denn der Glaube an einen Gott reduziert nicht automatisch die persönliche Verantwortung für die Umwelt auf null, sondern kann ein breites Spektrum der Abstufungen von Verantwortungsgraden umfas sen, verankert jedoch das Leben generell in einem vorgegebenen, sinn haft gesteuerten Gesamtzusammenhang mit Ausrichtung auf das Jen seits. Dennoch ist kaum zu bestreiten, dass mit einer konsequenten Ausrichtung auf das Übernatürliche die Zukunft des Diesseits an Be deutung verliert und damit auch die Verantwortungsbereitschaft des Menschen. Das Diesseits wird zum Zubringer für die übernatürliche Welt herabgestuft. Umgekehrt ist der idealtypische rationale Empiriker eher ein real nicht existentes Konstrukt. Die Antriebskraft zum Han deln und die Handlungsziele kommen aus den Kräften des Genoms, d. h. dem leben wollen und der sozialen Einbindung, also aus einem na türlichen individuellen und kollektiven Egoismus, und nutzen mit den daraus erwachsenden Vorentscheidungen empirisch rationales Denken lediglich als Hilfsmittel zur Verwirklichung angestrebter Ziele. Verant wortung für die Umwelt steht in beiden Zugängen zum Selbstverständ nis des Menschen nicht wie von selbst an erster Stelle, sondern steht im Konflikt mit anderen Zielsetzungen. Im Kontext eines Denkens in empirischen Ursache Wirkungszusammenhängen fällt es allerdings schwer, im Weltgeschehen einen sinnhaften, Halt gebenden, von Perso nen unabhängigen Ablauf zu erkennen. Ohne den Glauben an göttliche Weltgestalter geraten die Handlungsmöglichkeiten und zwänge des Menschen und seine Verantwortung für die beobachtbaren Verhältnis se stärker in den Fokus. Die Beziehung zwischen dem Selbstverständ nis des Menschen und dem Zustand der Umwelt wird Gegenstand des Nachdenkens, weil sie, sei es positiv oder negativ, in hohem Ausmaß die Lebensbedingungen des Menschen und die anderer Lebewesen, von de nen wir leben, beeinflusst. Diese Beziehung entwickelt sich aber in ei nem Feld massiver Interessen und Machtkonflikte, die häufig nicht zu 10 eInleItung gunsten günstiger Lebensbedingungen, sondern aus dem Blickwinkel von Partikularinteressen oder auch ohne Kenntnis notwendiger Maß nahmen entschieden wurden und werden. Menschen verstanden und verstehen oft nicht, welche Schwierigkeiten sie sich und ihren Lebensbedingungen mit ihren Verhaltensweisen auf laden. Häufig kommt die Einsicht in fehlendes Verständnis und Fehl verhalten, wenn sie denn überhaupt kommt, zu spät, weil irreversible Schäden eingetreten sind wie bei vielen großräumigen Abholzaktionen. Der Mensch hat sich genommen, was er zu brauchen glaubte und haben wollte. Das war immer wieder zu viel, beeinträchtigte oft die Lebensbe dingungen und zwang zu unterschiedlichen Kompensationen von her ber Einschränkung der Lebensführung bis Flucht, bis in die Gegenwart. Dennoch kommt der Mensch nicht daran vorbei, sich zwecks der ei genen Selbstbehauptung immer wieder neu ein Bild davon zu machen, auf welche Weise er in und mit der Umwelt auf Dauer bestehen und überleben kann, welche Vorstellungen und Leitbilder ihn dabei erfolg reich führen können. In dem jeweiligen Zustand der unterschiedlichen regionalen und globalen Umwelten spiegeln sich deshalb zusätzlich zu natürlichen Ereignissen und Prozessen in hohem Ausmaß die diversen Selbstverständnisse der Menschen, ihre Interessen und Machtkonflikte sowie ihre Kenntnisse der komplizierten Lebensbedingungen. Ändert sich die Umwelt auf natürliche und/oder hausgemachte Weise, so ist der Mensch herausgefordert, sein Selbstverständnis und sein Verhalten gegenüber der Umwelt so neu zu justieren, dass er sein Überleben auf Dauer sichern kann. Umwelt und Selbstverständnis des Menschen beeinflussen sich also ge genseitig und befinden sich beide in einem Prozess mehr oder weniger stetiger Spannung und Veränderung. Soweit man zurückblicken kann, hat der Mensch immer wieder massive Schwierigkeiten, sein Selbstver ständnis und sein tatsächliches Umweltverhalten problemangemessen auf die zu bewältigenden Probleme abzustimmen, zu modifizieren und zu gestalten, um in seiner jeweiligen regionalen Umwelt seine von ihm beeinflussbaren und wandelbaren Lebensbedingungen erhalten zu kön nen, bis heute. Im Grunde genommen ist ein derartiges idealtypisches Modell des vorsorgenden Umweltverhaltens auch eine unrealistische Vorstellung, weil diese nur unter drei grundsätzlich irrealen Vorausset zungen realisierbar wäre: einer jeweils immer wieder neuen zuverläs 11 eInleItung sigen Einschätzung der bevorstehenden Entwicklung, der Verfügung über die jeweils erforderlichen Wissensbestände für geeignete Steue rungsmaßnahmen und der jeweiligen gesellschaftlichen Durchsetzung notwendiger Veränderungen aktueller Verhaltensstandards zugunsten zukünftigen Lebens. Aber vor eben dieser Aufgabe steht die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten: sie soll eine Aufgabe meistern, die sie bisher nicht geleistet hat und auch nicht zustande bringen musste, eine Aufgabe, die nach menschlichem Ermessen auch nicht zu leisten ist. Die Menschheit muss also diesen qualitativen Entwicklungssprung machen, weil sie an die Grenzen des Wachstums gestoßen ist. Seit Ende des 20. Jahrhunderts überschreitet die Nutzung der Erde durch den Menschen immer mehr die mittel und langfristig leistbare Versorgungs und Entsorgungskapazität der Erde, insbesondere, aber nicht nur in den Industrieländern. Die aktuellen Nutzungsgewohnhei ten der Ressourcen können auf dem gegenwärtigen Niveau nur noch begrenzte Zeit realisiert werden und werden die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen, d. h. der gegenwärtig und später Geborenen voraussichtlich drastisch einschränken. Auf einer fast vollständig erschlossenen Erde gibt es so gut wie keine freien Siedlungsräume für größere Ströme von Umweltflüchtlingen mehr, sondern – vorläufig – allenfalls freiwillige Aufnahme von poli tisch Verfolgten und streng kontrollierte Einwanderung in wenigen Ländern (Kanada, Australien u. a.). Für Umweltflüchtlinge aus Polyne sien haben Neuseeland und Australien Aufnahme angeboten, vorläu fig. Ansonsten sperren sich die meisten Länder gegen die Aufnahme von Flüchtlingen welcher Art auch immer. Über einen Notausgang ver fügt die Erde nicht. Die traditionelle Kompensation, Umweltproblemen durch Flucht auszuweichen, trägt nicht mehr. Grundlegende Neuori entierung und dementsprechende Verhaltensänderung werden unum gänglich. Durch die Bevölkerungsvermehrung und die ziemlich hemmungslo se Ressourcennutzung ist die Menschheit zum ersten Mal im Begriff, an klare, mittel und langfristig nicht zu überschreitende Grenzen der Versorgung und Entsorgung zu stoßen. Seit der Veröffentlichung von „Grenzen des Wachstums“ (Meadows u. a. 1972) haben sich zwar eini ge Details verschoben, mangels ausreichender zwischenzeitlicher Steue 12 eInleItung rungsmaßnahmen ist jedoch, wenn man den Folgeuntersuchungen von 1992, 2006 und 2012 sowie den Ergebnissen der weiteren Nachhaltig keitsforschung glaubt, eine Dramatisierung der Situation eingetreten, weil die verbleibenden Handlungsspielräume enger geworden sind und die erforderlichen Finanzmittel mit weiteren Verzögerungen wesent lich steigen werden. Die bisherigen Umweltschutzmaßnahmen reichen nicht mehr aus, weil die ziemlich weltweit auf Wirtschaftswachstum ausgerichteten Systeme der Wirtschaft und Politik mit ihrem immer noch gewollten und steigenden Ressourcenverbrauch bei gleichzeitig unzureichenden Entsorgungseinrichtungen selbst das zentrale Problem darstellen und die dauerhafte Versorgung der Weltbevölkerung in Fra ge stellen. Eine grundsätzliche Um bzw. Neuorientierung mehr oder weniger aller Staaten je für sich und der internationalen Gemeinschaft wird nicht zu vermeiden sein. Die angesprochenen Grenzen des Wachs tums verlangen der Menschheit etwas ganz und gar Neues ab: Sie muss zeitlich sehr weit vorausdenken und über das hier und jetzt hinaus die Lebensmöglichkeiten der künftigen Generationen in ihre aktuellen, ge genwartsbezogenen Planungen einbeziehen und steht damit vor einer Aufgabe, die selbst bei bestem Willen kaum ohne weit reichende Fehl entscheidungen leistbar sein wird. Zwar werden insbesondere für die nachhaltige Produktion der Versor gungsgüter und die erforderlichen Entsorgungskapazitäten auch neue technologische Entwicklungen gebraucht. Die eigentlich schwierigen Aufgaben zur Sicherung dauerhafter Versorgung der künftigen Welt bevölkerung und deren Lebensbedingungen liegen jedoch in den er forderlichen gesellschaftlichen Veränderungen: Das weit verbreite te, auf materiellen Konsum und Wirtschaftswachstum ausgerichtete Selbstverständnis werden die knappen Ressourcen auf Dauer in den reichen Ländern nicht mehr zulassen, erst recht nicht in den armen. Vom Wechsel zu einer von Nachhaltigkeit geprägten Lebens und Wirt schaftsform sind die hoch entwickelten Industrieländer aus zwei Grün den weit mehr betroffen als die ärmeren Länder. Einerseits müssen sie ihre feingliedrig auf Wachstum abgestimmten sozialen und wirtschaft lichen Strukturen mit weit reichenden Einschränkungen und Umver teilungen umgestalten, um ihren mehrfach überzogenen ökologischen Fußabdruck (vgl. Abschnitt 7.1) zu reduzieren, höchstwahrscheinlich unter heftigen Konflikten. Andererseits werden die reichen Länder ihre Unterstützung der armen Länder bei deren Umstellung auf Nachhal 13 eInleItung tigkeit kaum verweigern können. Die allgemeine Ressourcenverknap pung wird in Verbindung mit der erwarteten Bevölkerungszunahme in den Armutsregionen – man spricht z. B. in Afrika von einer Verdopp lung bis Verdreifachung der Bevölkerung bis 2050 – die ohnehin schon schwierige Situation weiter verschärfen. Riesige Migrationsströme sind wahrscheinlich. Das Selbstverständnis und die mit ihm verbundenen Ziele und Verhal tensmuster werden in der Auseinandersetzung um die Erhaltung der Lebensbedingungen eine Schlüsselrolle spielen und ziehen sich deshalb als Themen durch alle Kapitel. Eine zweite, mit dem Selbstverständnis verbundene Schlüsselrolle betrifft die Frage, ob und wie die weltweiten Konfliktpotenziale soweit kanalisiert werden können, dass die zur Pro blembewältigung erforderlichen nationalen sowie internationalen Ko operationsbeziehungen arbeitsfähig wirken können. Zur Klärung wichtiger Aspekte des Selbstverständnisses setzt die fol gende Abhandlung mit grundlegenden Eckpunkten der Evolution für menschliches Leben und der Entwicklung des Menschen ein, geht dann der Entstehung und Entfaltung menschlichen Selbstverständnisses in den Religionen nach, verfolgt die Haltung der Religionen zur Natur im Verlauf der Religionsgeschichte bis in die Gegenwart und fragt nach der Zukunft der Religion. Zentrale Bedeutung hat aus meiner Perspektive ein neues kooperatives Verhältnis von Religion und Wissenschaft, das der Wissenschaft und ihrer praktischen Anwendung Leben erhaltende Grenzen setzt und die Religionen zur Klärung ihres Selbstverständnis ses mit den Erkenntnissen der Wissenschaft in Verbindung bringt. Un ter Bezug auf die aktuellen Befunde zur Umwelt und das Konfliktpoten zial werden Möglichkeiten sondiert, wie Nachhaltigkeit, gegründet auf die Achtung vor dem Leben, zur Basis moderner Gesellschaften werden kann, um die Lebensbedingungen dauerhaft zu erhalten. Der erste zentrale Bezugsrahmen für das Gewordensein des Menschen ist die Evolution, die einige – rational kaum bestreitbare – Erkenntnis se und Kriterien für die Einschätzung von Religionen und ihre Erfin der bereitstellt. Das erste Kapitel geht deshalb zusammenfassend auf solche wichtige Erkenntnisse aus der Evolution als bestimmende Be zugspunkte und Beurteilungskriterien ein. Die Evolution ist als riesiges Entwicklungslaboratorium von Leben in hohem Grade abhängig von 14 eInleItung den natürlichen Gestaltungskräften der Erde und des Universums. Be kanntlich sind die Rahmenbedingungen für die Entstehung von Leben, wenn überhaupt, nur auf wenigen Gestirnen wahrscheinlich. Auf diese Gestaltungskräfte gehe ich trotz ihrer Ausschlag gebenden Bedeutung nicht in der Form eines eigenen Kapitels, sondern quer durch die Kapi tel dann punktuell ein, wenn ein Bezug zu ihnen zum Verständnis not wendig erscheint. Das zweite Kapitel behandelt die Entwicklung des Menschen zu seiner beherrschenden Stellung im Kosmos des Lebens; es geht dabei auf die Evolutionsgesetze ein, die auch im Argumentationsverlauf der Kapitel 5–7 immer wieder eine wesentliche Rolle spielen, da sie menschliches Denken und Verhalten maßgeblich mitsteuern: denn die Sicherung künftiger Lebensbedingungen hängt entscheidend von der probleman gemessenen Steuerung menschlichen Verhaltens ab, soweit Menschen darauf Einfluss haben. In Kapitel 3 versuche ich einen Überblick über die Vielfalt der Religi onen zu geben und sehe Religionen dabei als in Gruppen, größeren Sozialverbänden oder Gesellschaften von Menschen geschaffene Vor stellungswelten, die ihm sowohl Selbstverständnis als auch Zukunft weisende Orientierung geben. In Religionen verbinden sich einerseits Antworten des Menschen auf die Herausforderungen der jeweiligen Zeitepochen und andererseits Vorstellungen, die aus seinen Bedürfnis sen, Sehnsüchten und Prägungen erwachsen. In den letzten Jahrhun derten haben viele Menschen in der Auseinandersetzung insbesondere mit der Aufklärung unabhängig von Religionen im soeben definierten Sinn persönliche, d. h. individuelle Selbstverständnisse entwickelt, auf die, soweit sie in isoliert individualistischer Eigenart verharren, in die ser Abhandlung nur gelegentlich als Tatsache eingegangen wird. Der Kontext der Gemeinde bzw. anderer Formen sozialer Einbindung von individueller Religiosität wird hier als elementares Markenzeichen von Re ligion angesehen. Das vierte Kapitel geht auf drei Formen der Beziehung zwischen Reli gion und Umwelt in der Religionsgeschichte ein, die sich im zeitlichen Ablauf der Menschheitsgeschichte entwickelt haben, aber dennoch alle drei nach wie vor präsent sind, weil sie unterschiedliche Entwicklungs stadien, Erfahrungswelten und Denkhorizonte von Gesellschaften re 15 eInleItung präsentieren. Die erste Beziehungsform kann als mythologische Einheit von Mensch, belebter und materieller Umwelt und transzendenten We sen beschrieben werden. Gemeint sind animistische und mit Gotthei ten verbundene Naturreligionen. Die zweite Beziehungsform weist zwei Versionen auf. Beide entmythologisieren in gewisser Weise die Bezie hung des Menschen zur Natur und stellen ihn selbst in den Mittelpunkt; die abrahamistische Form entsakralisiert die Natur in verdinglichter Form. Die mythologische Einheit von Menschen, anderen Lebewesen, Natur und transzendenten Wesenheiten zerbricht. Die buddhistischen Traditionen halten an der Ganzheit und an der Achtung vor allem Le ben bis heute fest. In der dritten gegenwärtigen Beziehungsform werden sich einige Religionen zwar wieder ihrer ehemals engen Beziehung zur Umwelt und ihrer Verantwortung für die belebte und materielle Umwelt bewusst. Im Zuge der Entwicklung zur modernen Zivilisation haben al lerdings insbesondere die Naturwissenschaften die Definitionsmacht über die physische Natur und Umwelt übernommen und verweisen Re ligionen zunehmend auf Sinngebung in transzendenten Kontexten; sie entziehen den Religionen damit in den Ländern der westlichen Zivilisa tion in vielen Lebensbereichen ausgeübte Kontrollfunktionen. Die Pri orisierung des Wirtschaftswachstums durch die Entscheidungsträger in Wirtschaft, Finanzwelt und Politik ist mit weitgehender Kontrolle über die zentralen Lebensbereiche verbunden und führt dazu, dass die Be wahrung der zwar lebensnotwendigen, aber bedrohten Biosphäre nur geringe Beachtung findet und zu wenig zum Zuge kommt. An dieser Stelle möchte ich besonders hervorheben, dass es mir in die sem Kapitel um die Darstellung von Entwicklungen geht, d. h. darum, wie die moderne Zivilisation mit ihren Begleiterscheinungen höchst wahrscheinlich entstanden ist. Dies hat nichts mit irgendwelchen Schuldzuschreibungen zu tun, die in der Analyse von geschichtlichen Abläufen zunächst einmal nichts zu suchen haben. Die nach der Analy se folgenden Bewertungen orientieren sich an dem mittel bis langfris tigen Überleben großer Teile der Weltbevölkerung. Das fünfte Kapitel versucht zu klären, was wir von Religionen in Zu kunft zu erwarten haben. Welche Vermutungen lassen sich aus dem ge genwärtigen Erscheinungsbild der Religionen und menschlicher Be dürfnislagen ableiten? Welche Entwicklungen zeichnen sich über die Zukunft der Religionen selbst ab? Gibt es Möglichkeiten, den provo 16 eInleItung zierenden Geltungsanspruch der Religionen und das damit verbunde ne Konfliktpotenzial unter Kontrolle zu bringen? Gibt es einen gemein samen Bezugspunkt in den Deutungssystemen, auf den sich mehr oder weniger alle Religionen einigen können und der Grundlage für gemein sames Handeln angesichts der drohenden globalen Krisen sein kann? Seit geraumer Zeit stehen rationales Denken und Sinndeutung mensch lichen Lebens, verkörpert durch Wissenschaft und Religionen, in einem manifesten Spannungsverhältnis zueinander. Das sechste Kapitel geht der Entwicklung dieses Verhältnisses nach und plädiert für eine neue kooperative Beziehung zwischen beiden, da die bedrohlichen Zukunfts szenarien nur durch beide bewältigt werden können. Religion im Sinne eines zukunftsbezogenen Selbstverständnisses sollte wieder zu einem zielorientierten Bezugsrahmen für Wissenschaft und ihre Anwendung werden, der sich an der Achtung vor dem Leben orientiert und dia logisch von beiden entwickelt werden muss. Von den Ergebnissen der Wissenschaft sollten Religionen lernen, was denn die Wirklichkeit ist, für die Menschen eine sinnhafte Deutung zur Orientierung in der Welt brauchen. Im Abschlusskapitel sieben werden die Ergebnisse und Argumente der vorausgegangenen Kapitel unter dem Gesichtspunkt zusammengeführt, wie die anstehenden Bedrohungen vermieden oder – da sie bereits be gonnen haben sich zu ereignen – wenigstens vermindert werden kön nen. Zu diesem Zweck wird zuerst die Bedrohungslage einerseits durch die Umweltbelastungen und andererseits durch die Kräfte bindenden und entzweienden, weltweiten Konfliktlagen zusammengefasst. Unter den denkbaren Varianten zum Umgang mit den anstehenden Umwelt problemen fokussieren die folgenden Abschnitte unter Kap.7.3 die Um stellung der gesellschaftlichen Organisation in den Ländern der Erde unter dem Leitbild Nachhaltigkeit, weil nur auf diese Weise die dauer hafte Versorgung der Weltbevölkerung mit den lebensnotwendigen Gü tern erreicht werden kann. Mit Nachhaltigkeit sind zwei grundlegende Implikationen verbunden. Nachhaltigkeit kann nur gelingen, wenn sich im Selbstverständnis der Länder/Staaten weltweit die Achtung vor dem Leben und Solidarität als weitere Leitbilder durchsetzen. Achtung vor dem Leben ermöglicht die Erhaltung der ökologischen Lebensbedin gungen. Solidarität hat sich als Grundlage des Steuerungsinstrumentes Kultur in der sozialen Selektion entwickelt und ist für die notwendi 17 eInleItung gen Neustrukturierungen und Umverteilungen unerlässlich. Nachhal tigkeit und mit ihr Achtung vor dem Leben und Solidarität müssen zu Leitbildern für individuelle Lebensorientierung sowie für gesellschaftli che, wirtschaftliche und politische Entscheidungen werden. Das ist viel verlangt, aber langfristig eine Überlebensbedingung für die Weltbevölkerung. Dem weit gespannten inhaltlichen Problemfeld entspricht eine eben so weit gespannte Literaturauswahl, die Ergebnisse zahlreicher wissen schaftlicher Disziplinen einbezieht. Viele einbezogene Sachverhalte sind bereits mehr oder weniger allgemein bekannt und werden deshalb nicht im Detail mit Quellenangaben ausgewiesen. Auf Umweltprobleme gehe ich primär zusammenfassend und hinsichtlich ihrer mittel bzw. lang fristigen Bedrohung ein, zumal es zu fast allen Problemfeldern diffe renzierte Ausarbeitungen der einschlägigen Experten gibt. Einen zu sammenfassenden, allgemein verständlichen Überblick bieten Harald Lesch und Klaus Kamphausen (2016). Religionen und ihre Eigenart so wie ihre Geschichte spielen in diesem Text eine zentrale Rolle, weil sie als Selbstverständnisse von Menschen das Zünglein an der Waage sein könnten, das zu einer Neuorientierung maßgeblich beitragen könnte.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Das Selbstverständnis der modernen Zivilisation hat sich weitgehend von religiösen und ethischen Kontexten gelöst und verlässt sich nunmehr auf die Prozesse von Markt und Technologie. Regierungen fokussieren Wirtschaftswachstum und behandeln die damit einhergehenden Umweltbelastungen allenfalls wie lästige Kollateralschäden. Die Erhaltung menschlicher Lebensbedingungen wird damit weitgehend zu einem untergeordneten Ziel. Doch die Begrenztheit der Erde kann nicht dauerhaft missachtet werden. Will der Mensch mittel- bis langfristig überleben, muss er sein fehlgeleitetes Selbstverständnis korrigieren, seine Abhängigkeit von der Natur und die Begrenztheit der Erde anerkennen und sein Verhalten durch nachhaltige Lebensführung und Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft neu ausrichten. Es wird darauf ankommen, dass die Achtung vor dem Leben in den Mittelpunkt des menschlichen Selbstverständnisses rückt und diejenigen, die dies bereits verinnerlicht haben, zu politisch wirksamen Nachhaltigkeitsallianzen zusammenfinden.