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4. Lebensphase Jugend – Das Leben in und mit der Statuspassage in:

Dennis Wernstedt

Wer bewältigt was für wen?, page 79 - 102

Eine gouvernementale Analyse zur Bewältigung von chronischer Erkankung beim Übergang ins Erwachsenenleben

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3938-0, ISBN online: 978-3-8288-6837-3, https://doi.org/10.5771/9783828868373-79

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 80

Tectum, Baden-Baden
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75 4. Lebensphase Jugend – Das Leben in und mit der Statuspassage Mit dem Begriff von Jugend werden eine Vielzahl von Eigenschaften, Attributen und Bilder assoziiert. Sie gilt als eine Zeit der Selbstfindung und Selbstwerdung, als eine Zeit des Ausprobierens, des übenden Spiels mit wahrgenommenen Rollenbildern, als Möglichkeitsraum der eigenen Entfaltung, als eine Sturm- und Drangzeit, vielleicht sogar als „die schönste Zeit des Lebens“ und nicht zuletzt als eine Phase prägender körperlicher und psychischer Entwicklung. Jugend als Begriff ist hochgradig kontingent und lässt sich kaum in einem Satz adäquat zusammenfassen. So machte der Soziologe Karl Lenz bereits Mitte der 1980er-Jahre darauf aufmerksam, dass man Jugend nicht als eine „biologisch vorgegebene Konstante“ verstehen könne, die „in allen Kulturen und über die historische Zeit hinweg in derselben Ausprägung anzutreffen ist“.249 Jugend ist es etwas Kulturelles, historisch Gewachsenes und kein Vorgang, der sich am Körper eines Menschen durch die Umstellung hormoneller Prozesse Raum und Zeit unabhängig vollzieht. Wenn Pierre Bourdieu in dem Buch „Soziologische Fragen“ ein Kapitel mit dem Titel „Jugend ist nur ein Wort“250 überschreibt, so weist er auf Jugend als soziales Konstrukt hin und dies durchaus in provokativer Absicht. Wenn man bedenkt, dass zur Zeit der Veröffentlichung des Buches das Verständnis längst nicht durchgesetzt war, dass Begriffe letztlich immer Resultat gesellschaftlicher Zuschreibung sind, muss die Formulierung „nur ein Wort“ für einige Leser und Leserinnen wie die Behauptung von Beliebigkeit und Folgenlosigkeit geklungen haben. Doch keineswegs sollte behauptet werden, dass der Jugend wenig Bedeutung beizumessen sei, sondern genau das Gegenteil versucht er hier zum Ausdruck zu bringen. Jugend mag zwar keine festgeschriebenen, quasi naturgegebenen Eigenschaften haben, sodass die Zuschreibungen durchaus – zumindest im Prinzip – beliebig sein können, gleichwohl gelten die jeweils hegemonialen Zuschreibungen.251 249 Lenz 1986, S. 16. 250 Bourdieu 1993, S. 136. 251 Siehe hierzu auch Regine Gildemeister und Günther Robert: „Jugend und Alter stellen ebenso wie die Geschlechterkonstruktionen eine gesellschaftliche Realität dar, die in die Vorstellungswelten, in die sozialen Praktiken der Individuen und in die gesellschaftlichen Institutionen eingeschrieben ist.“ Gildemeister/Robert 2008, S. 109. 76 Ich werde versuchen, mich im Folgenden dem Begriff Jugend Schritt für Schritt zu nähern, um dabei der Komplexität dieses Phänomens angemessen Rechnung zu tragen und zugleich diese Komplexität für das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit behutsam zu reduzieren. Es soll dargestellt werden, was Jugend als soziales Konstrukt auszeichnet, welche Zuschreibungen an sie geknüpft werden und wie die Subjektivität der Heranwachsenden in den einzelnen Ansätzen Berücksichtigung findet. 4.1. Konzepte von Sozialisation und Betrachtung von Jugend Eine in der Literatur zur Jugendsoziologie häufig zitierte Definition von Jugend stammt aus der Feder des Soziologen Friedrich Tenbruck aus den 1960er-Jahren. Er verstand Jugend vor allem unter dem Gesichtspunkt der Erfüllung gesellschaftlicher Funktionen. „Jugend ist wesentlich ein Durchgangsstadium, ein Übergang, eine Vorbereitung auf die erwachsenen Rollen, eine Einführung in die Kultur.“252 Der Zweck des Durchlaufens dieses Stadiums liegt in der Vorbereitung für Rollen, in die das heranwachsende Subjekt erst noch hineinwachsen muss. Diese existieren getrennt und au- ßerhalb von ihm. Vom Erkenntnisstand der gouvernementalen Analysen aus betrachtet, kann man diese Bestimmung von Jugend durchaus als eine treffende Beschreibung aktueller Analysen interpretieren. Was zu Zeiten Tenbrucks noch keinen Gegenstand der Kritik eines sozialwissenschaftlichen Diskurses darstellte, ist heute ein sehr kontrovers diskutiertes Thema. So wird die Selbstverständlichkeit der Erfüllung von Rollen, unabhängig davon, ob es sich dabei um Heranwachsende handelt oder nicht, hinterfragt und nicht einfach als eine soziale Gegebenheit hingenommen. Was Tenbruck hier mit „Einführung in die Kultur“ als ein recht harmlos anmutendes Ritual schildert, stellt sich bei näherer Betrachtung, insbesondere aus der Perspektive der Jugendlichen, als eine Konfrontation ihres Lebensweltbezugs mit neuen an sie gestellten Ansprüchen heraus. Auch wenn hier der von Tenbruck verwendete Begriff „Einführung“ selbst einen passiven Prozess betont, stellt er das soziale Ereignis dennoch nicht ganz in seiner Asymmetrie dar, folgt man der Soziologie Katharina Liebsch. Sie symbolisiert den Akt wesentlich schärfer, wenn sie von der gesellschaftlichen Zuschreibung als „eine Art Platzanweiser“ spricht. Weiter führt sie aus: „Ein grundlegendes inhaltliches Merkmal des Platzes, den man zugewiesen bekommt, wenn man als jugendlich bezeichnet wird, ist der des Übergangsstatus’: halb Kind, halb Erwachsener, nicht mehr Kind, noch nicht Erwachsener.“253 Es scheint insofern, als sei mit Jugend genauso eine Nicht-Kategorie beschrieben wie mit dem Begriff der Gesundheit: Die Jugend ist weder Kindheit noch Erwachsenenleben, wie Gesundheit lange Zeit als Nicht- Krankheit beschrieben wurde. Jugend ist nicht etwas, was man ist, sondern beschreibt vielmehr einen Zustand des Noch-nicht-Seins. Damit ist Jugend keine leere Hülle, sondern eine Zuschreibung, die Maß nimmt am erwarteten Soll abgeschlossener Entwicklungen. 252 Tenbruck 1965, S. 18. 253 Liebsch 2012a, S. 12. 77 Der Sozialhistoriker Philip Jost Janssen konkretisiert das Phänomen der Jugend als gesellschaftliches Konstrukt, wenn er sie folgendermaßen beschreibt: Sie [die Lebensspanne zwischen Kindheit und Erwachsenenstatus, D.W.] ist also in ihrer Form und Dauer ein Konstrukt der Erwachsenenwelt, oder besser gesagt: ein Konstrukt v.a. der Institutionen Familie, Schule, Kirche und der Autoritäten in Arbeitswelt und Staat, wobei Jugend nicht nur als eine wenige Jahre umfassende Phase intensiver Sozialisation, sondern auch als Phase angestrengter Disziplinierung und Disziplinierungsversuche gesehen werden muss.254 Janssen spannt hier verschiedene Ebenen des Begriffes auf. Es sind bei ihm vor allem die Institutionen, die als die Subjekte der Setzungen auftauchen. Zwar haben auch die Jugendlichen in den angeführten Institutionen Freiheiten und eigene Gestaltungsspielräume, doch kann man eine erhebliche Asymmetrie von Handlungs- und Deutungsmacht in und durch die Institutionen nur schwerlich leugnen.255 Die Institutionen zeigen im Prozess der Sozialisation Wirkmächtigkeit, da mit ihnen entscheidende, gesellschaftlich als normal geltende Lebensverläufe gesetzt werden. Diesem Hinweis auf die in dieser Zeit stattfindenden Disziplinierungsprozesse folgend, muss eine wissenschaftliche Betrachtung nicht nur auf die Normen, sondern vor allem auch die Prozesse ihrer Aneignung Bezug nehmen, da sie neben Friktionen immer auch die Möglichkeit des Scheiterns einschließen. Janssen identifiziert beispielsweise innerhalb der Jugendsoziologie zwei Grundkonzeptionen von Jugend. Neben dem oben explizierten Verständnis von Jugend als Transitionsphase, lässt sich Jugend auch als eine gesellschaftlich gewährte „Auszeit“ verstehen. Janssen folgend, wird die Transition verstanden als „kurzer Übergang im linearen Verlauf vom Kind zum Erwachsenen“, womit das Moratorium stärker die Autonomieaspekte betonen soll.256 Von beiden Konzepten kann geschlossen werden, dass von institutionalisierter Jugend die Rede ist, denn die Freiräume beziehen sich gerade auf gesetzte Schranken und formulierte Erwartungen, die nur noch nicht oder nicht voll und ganz zur Anwendung kommen, sondern vorerst als mehr oder weniger zukünftige Handlungsmaßgaben im Hintergrund verweilen. Es handelt sich also einerseits nur um einen Aufschub, dieser wird aber andererseits heranwachsenden Subjekten auf vielen Feldern sozialer Interaktion Freiräume zugestanden: Von der rechtlichen Strafmündigkeit, über das Aneignen und Experimentieren mit politischen Standpunkten, Fragen des „guten Geschmacks“ z.B. bei Kleidung oder Umgangsformen bis hin zum Zugeständnis, noch mal Kind sein zu dürfen. Wie der Volksmund zu sagen weiß, ist „aufgeschoben nicht aufgehoben“ und wie lange diese Freiräume zugestanden werden, also ab wann diese Phase definitiv 254 Janssen 2010, S. 30. 255 Es geht mir an dieser Stelle nicht um eine Kritik an diesen Institutionen oder einzelnen Praktiken. 256 Janssen 2010, S. 30. 78 aufhört, lässt sich nicht eindeutig ableiten. Diese Setzungen sind nach Janssen immer historisch und kulturell bedingt, und allgemeine Unter- und Obergrenzen lassen sich nur schwer definieren, wobei für die Obergrenzen der Jugend wesentlich klarer definierte gesellschaftliche Grenzziehungen existieren. Als ein bedeutsames Datum nennt Janssen hier die Volljährigkeit, da mit ihr ein rechtlicher Status formuliert wird, der eindeutige Rechte (z.B. politische Partizipation und Geschäftsfähigkeit) und Pflichten (z.B. Militärdienst oder Mündigkeit im Zivil- und Strafrecht) mit sich bringt. Weiter führt Janssen aus: Dann gibt es eine festgelegte ‚Berufsreife’, prädisponiert durch die historisch wandelbare obligatorische Schulpflicht, die sich in Schüben verlängerte und Jugendalter ausdifferenzierte bzw. für Teile der Jugend wirtschaftliche Selbständigkeit hinauszögerte.257 Für einen Teil der Heranwachsenden wird der Schutzraum, der mit der Jugend verliehen wird, verlängert, wenn er an die Schule und das mehrgliedrige Schulsystem gebunden ist. Für einige beginnt so der „Ernst des Lebens“ früher als für andere, unabhängig davon, ob sich diese bereit dafür fühlen. Als die „traditionellste Abschlusszäsur der Jugend überhaupt“ bezeichnet Janssen die Eheschließung.258 Diese rückt zwar in den modernen westlichen Gesellschaften im Alter der Eheschließenden immer weiter nach hinten, wofür es unterschiedliche – nicht zuletzt ökonomische – Gründe gibt, doch bleibt auch sie als definitives Datum bestehen. Ein ausdifferenziertes Ehe- und Scheidungsrecht steht für die vielfältigen wechselseitigen Verpflichtungen, die die PartnerInnen gegenüber einander haben. Alle hier genannten „Abschlussgrenzen“ müssen zeitlich nicht zusammenfallen. Zwischen ihnen können, vor allem, wenn man die Eheschließung einbezieht, viele Jahre liegen, sodass sich aus den verschiedenen Daten vielmehr eine Grauzone formiert. Andre „Abschlussgrenzen“ können einander wiederum bedingen, wie zum Beispiel der Einstieg in die Berufs- oder Studienwelt, die den Auszug aus dem Elternhaus notwendig machen kann, womit der Grad der Autonomie zunimmt, aber auch ein Stück alter Sicherheit hinter sich gelassen wird. Als weitere Abschlussriten zählen auch die Konfirmation bzw. Firmung, der Schulabschluss oder die Erlangung von Erwachsenenrechten im Bereich des Konsums, ohne dass jedes für sich schon eine abgeschlossene Phase repräsentiert.259 Das Ziehen einer klaren Untergrenze des gesellschaftlichen Konstrukts Jugend beschreibt Janssen als weitaus schwieriger, obgleich sie an einem scheinbar objektiven, weil biologischem Kriterium festgemacht wird. Zwar hat man „mit der Pubertät die biologische Geschlechtsreife erlangt“, jedoch ohne dass man „von der Gesellschaft die 257 Janssen 2010, S. 31. 258 Janssen 2010, S. 31. 259 Vgl. Janssen 2010, S. 35. 79 soziale Reife vollständig zugeteilt bekommen hat“.260 „Verleihung von gesellschaftlich relevanten Rechten und Pflichten“ findet vielmehr als langjähriger, sukzessiver Prozess statt. Dass dies ein Konstrukt der Moderne ist, führt Janssen am Beispiel vor- bzw. frühindustrieller Gesellschaften aus.261 Bisher wurde Jugend aus dem Blickwinkel gesellschaftlicher Institutionen, Funktionen und Normen betrachtet, die zweifelsohne vorherrschen, aber nicht den gesamten Gegenstand erfassen, wenn von Jugend die Rede ist. Es fehlte in dieser Darstellung das Subjekt, das selber als deutendes Wesen, als Akteur oder Akteurin, in diesem Prozess vorkommt. Adoleszente Möglichkeitsräume sind immer durch einen intersubjektiven und institutionellen Rahmen wie auch durch die Individualität der in die Erwachsenenwelt eintretenden Menschen bestimmt. Die möglichen Wege sind dabei stets von jedem Individuum auszuhandeln. Das Individuum kommt zudem nicht umhin, sich mit seiner Subjektivität auf die sowohl biologischen Veränderungen, die in seinem Körper stattfinden, als auch auf die Zuschreibungen, die an seinem Körper wie an seiner Person festgemacht werden, zu beziehen. Dieser Sichtweise wendet sich Janssen selber zu, wenn er festhält, dass „,Adoleszenz‘ […] nicht die körperlichen Entwicklungsschübe meint, sondern die (längere) Phase der psychischen Verarbeitung desselben und das, was man mit Charlotte Bühler lange Zeit als ‚sehnendes Suchen’ begriffen hat.“262 Nicht nur biologische und soziale Vorgänge bestimmen diesen Prozess, sondern auch psychische und biografische. Liebsch hebt hervor, dass dies auch die Vielzahl von „Erwartungen, Aktivitäten und Erlebnisformen“ einbeziehen muss.263 Körperliche und soziale Entwicklung verlaufen dabei nicht parallel. Sukzessive nimmt die Bedeutung von Erfahrungen und Einflüssen zu, die Jugendliche in eigenen Lebenswelten machen. Sie prägen und bestimmen das, was man ‚soziales Alter’ nennt, also eine Alterseinteilung, die nicht auf der Grundlage von körperlicher Entwicklung beruht, sondern soziale Denk- und Verhaltensweisen zur Basis hat.264 Leisering et al. sehen die individuellen Aushandlungsprozesse mit gesellschaftlichen Normalvorstellungen durch institutionalisierte Steuerungsprozesse beeinflusst: Eingriffe wie Gewährung und Verweigerung von Leistungen können die Vorstellungen durchsetzen, auf denen sie beruhen. Solche Aushandlungsprozesse verbergen gegen- über den Individuen die Tatsache, dass sie zumindest in einem bestimmten Ausmaß ‚verwaltet‘ werden.265 260 Janssen 2010, S. 33. 261 Janssen 2010, S. 34. 262 Janssen 2010, S. 33. 263 Liebsch 2012a, S. 12. 264 Liebsch 2012a, S. 16. 265 Leisering/Müller/Schumann 2001, S. 14. Sie negieren hiermit jedoch nicht die Tatsache, dass der Beitrag des Subjekts an den Aushandlungsprozessen nach wie vor in hohem Maße von Bedeutung ist. 80 Wenn man also die subjektiven Aneignungsformen von Heranwachsenden vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Normalitätserwartungen betrachten will, so muss man dabei berücksichtigen, dass institutionelle Zwänge im sozialen Handeln der Jugendlichen der Möglichkeit nach bereits verinnerlicht sind. Liebsch macht drei teilweise miteinander verschränkte Perspektiven aus, mit denen sich dem Begriff der Jugend genähert werden kann: der Jugend als Lebensphase, als Lebenslage und als Lebensstil. 266 Jugend als Lebensphase beschreibt ein bestimmtes „biografisches Kontinuum“ mit seinen spezifischen Lebensläufen und deren Einbettung in ihren jeweiligen historischen und kulturellen Hintergrund. Bei Jugend als Lebenslage zielt die Betrachtung auf die spezifischen Lebenssituationen in ihren jeweiligen sozialen Kontexten und deren institutionellen Rahmungen ab. Hierbei sind rechtliche Zuweisungen wie Strafmündigkeit und ökonomische Abhängigkeit wichtige Merkmale. Eine bedeutende Akzentverschiebung in der Betrachtung von Jugend als Phase und Lage ergab sich nach Liebsch mit der politischen Umdeutung Anfang der 2000er-Jahre. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ersetzte damals den Begriff „benachteiligte Jugendliche“ durch die Bezeichnung „Jugendliche mit besonderem Förderbedarf“. Ziel der Bemühungen sind nun nicht länger die Abhilfe und die Kompensation wirtschaftlicher Ungleichheiten und sozialstruktureller Probleme, sondern ausgewählte Jugendliche selbst. Soziale Unterschiede erscheinen als Merkmale betroffener Jugendlicher und damit werden soziale Probleme individualisiert.267 Dies hatte nach Liebsch neben seiner Deutungsmacht auch weitreichende Veränderungen in der bundesdeutschen Förderstruktur zur Folge. Neben den klassenstrukturellen Graduierungen und den oben angeführten Responsibilisierungstendenzen machen sich im Bewältigungshintergrund auch geschlechtsspezifische Unterschiede bemerkbar. So sind Mädchen immer noch stärkeren elterlichen Kontrollen ausgesetzt. Diese beziehen sich vorrangig auf Hilfen bei der Hausarbeit, das Schließen von „Jungenbekanntschaften“ oder das Ausgehen, während es sich beim Sich-Kleiden, Zigarettenkonsum oder Taschengeld um eher geschlechtsunspezifische Aushandlungsprozesse handelt.268 So kommt es nach Liebsch immer noch zur Reproduktion einer wertenden und stigmatisierenden Dichotomie vermeintlicher Wesenseigenschaften von „Mann“ und „Frau“. Natur und Kultur, emotional und rational, Privatheit und Öffentlichkeit, weich und hart, assoziativ und logisch. Diverse Zuschreibungen, die typisch Weibliches und typisch Männliches bezeichnen, wirken latent oder offensichtlich als Geschlechterstereotype und werden in mehrdeutigen Situationen aktiviert, um als Verstärker bestehender Plausibilitäten zu wirken. Durch anhaltende Wiederholungen erhalten die 266 Vgl. Liebsch 2012a, S. 13ff. 267 Liebsch 2012b, S. 60. 268 Liebsch 2012b, S. 60f. 81 geschlechtstypisierten Polaritäten ihre Geltung und sprechen schließlich für sich selbst.269 Auch diesen geschlechtsspezifischen Zuschreibungsmustern sind Jugendliche ausgesetzt, sie bilden einen Teil des Bewältigungshorizonts dieser Statuspassage, sodass die Aufforderung zur Ausbildung einer bestimmten Geschlechtsrolle die institutionellen Anforderungen ergänzt.270 Die Betrachtung der Jugend als Lebensstil rückt die konkreten Personen mit ihren Verhaltensweisen, inneren Einstellungen und persönlichen Vorlieben in den Mittelpunkt. Es handelt sich hierbei um einen ständigen Aushandlungs- und Wechselwirkungsprozess des Individuums mit seiner sozial geprägten Umwelt. Das Subjekt ist in ständiger Konstituierung begriffen, es wird nicht determiniert, wohl aber beeinflusst, es entwirft sich als Teil seiner sozialen Umwelt. Diese Identitätsentwicklung muss sich beständig erneuern, aktualisieren und dabei immer nach außen als solche erkennbar symbolisch darstellen. Der Prozess der Benennung und symbolischen Markierung kann als eine Art vorübergehender Selbst-Entwurf verstanden werden, der sich nur erhält, wenn er ständig wiederholt und erneuert wird. Dafür ist es erforderlich, dass kontinuierlich auf Normen, Regeln und Zwänge zurückgegriffen wird.271 Liebsch betont hier das Subjekt als bedeutsamen Akteur. Mit der Einführung des Subjekts werden Zwänge nicht negiert, sie bilden sogar Ansätze für das werdende Subjekt, jedoch ohne sie zu affirmieren. Als eherne Notwendigkeiten der Sozialisation abstrahieren Subjekte häufig gerade von den subjektiven Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen. Hiervon ausgehend kritisiert Liebsch an vielen Sozialisationstheorien, dass sie das Passend-machen von subjektivem Eigensinn und institutioneller Anforderung ignorieren. Die dabei im Mittelpunkt der inhaltlichen Beschreibung stehenden Aspekte der Kontrolle durch eine rationale Vernunft sowie dem Vermögen zur expressiven Selbstartikulation, die sich aus einer Vorstellung der inneren Tiefe speist, bilden die Basis für die Vorstellung einer Spannung zwischen einer kontrollierten, gefühlsgestützten Eigenmaßstäblichkeit einerseits und einer Ausrichtung an ‚äußeren’ Ideen andererseits. Die Annahme, dass beide in einem Prozess der Sozialisation zusammengebracht und in der Idee von Identität in eine (vorübergehende) Beruhigung geführt werden müssen, ist der normative Maßstab einer jeden Sozialisationstheorie.272 Im Gegensatz zur Betrachtung der Jugend als Phase und Lage steht bei der Betrachtung der Jugend als Lebensstil der oder die Jugendliche als sozialer Akteur im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Diese Betrachtungsweise fragt nach den Arten der 269 Liebsch 2012b, S. 70. 270 Für herkunftstypisierende Zuschreibungen siehe ausführlicher Liebsch 2012b, S. 72ff. 271 Liebsch 2012a, S. 23f. 272 Liebsch 2012a, S. 23. 82 Hervorbringung von Jugendlichkeit durch diese Akteure, nach ihren Handlungsmotiven, Darstellungsweisen und Erfahrungswelten. Liebsch verdeutlich am Beispiel der Interaktion Jugendlicher untereinander, wie sie in der Form der Spaßhaftigkeit einen Umgang gestalten, der sich im Wissen um gängige Erwartungen an einen sozialen Umgang explizit von diesen abgrenzt. Jugendliche tragen nicht nur das Erzählen von Geschichten, Klatsch und Beschimpfungen in der scherzhaften Modalität aus, sondern praktizieren außerdem untereinander Umgangsformen, bei denen übliche Höflichkeiten ausgeblendet werden.273 Dieses Moratorium ist freilich nicht ohne Schranken. Wo immer eine Gewährung oder Duldung vorliegt, gibt es im Hintergrund lauernde Bedingungen der Gewähr: „Abweichungen davon sowie der Umgang mit Grenzen und Risiken, wie z.B. Alkoholexzesse oder das Äußern extremer politischer Ansichten, werden toleriert, solange sie die ‚Entwicklungsaufgaben’ nicht vollständig torpedieren.“274 Aus der Sicht von Sozialisationstheorien wird diese Phase als ein Moratorium beschrieben, eine Möglichkeit des Aufschubs sowohl von ernsthafteren Formen des Umgangs, wie auch von der Auseinandersetzung mit ernsthafteren Themen, weil sie diese Darstellungsformen vom Standpunkt der späteren Funktionen als lernendes Spiel und die Jugendlichen als Übergangsakteure begreifen. Der Aspekt, der hier stark gemacht werden soll, ist jedoch der der Subjektivität und ihrer Ausdruckweisen, deren Herstellung von Sinn und eben dem immer wieder anfallenden Ringen nach Sinnhaftigkeit und ihrer Krisen. „Dementsprechend wird Jugend nicht als Phase der Hervorbringung zukünftiger Gesellschaftsmitglieder, sondern als gegenwärtig wirksame soziale Strukturkategorie und diskursives Konstrukt begriffen.“275 Dieser Blickwinkel kann damit als eine „Gegenrichtung“ zum Mainstream der Sozialisationstheorien und den in ihnen oft enthaltenen versteckten Imperativen an einer bestimmten Entwicklungsrichtung gesehen werden. Liebsch argumentiert, dass die Deutung von Jugend als krisenhafte Phase oder Phase der Verunsicherung ebenfalls die Vorstellung einer Planbarkeit von Lebenslauf und Biografie im Allgemeinen zugrunde liegt.276 Vom Standpunkt des betroffenen Subjekts erscheint dann die Jugend als ein Nicht-bereit-Sein für von außen an einen oder an eine herangetragene Entwicklungsaufgabe, die es zu bewältigen gilt. Diese liegen im Erwerb schulischer und beruflicher Qualifikationen, Wissen von der Welt und ihren Menschen, Aufbau und Pflege sozialer Kontakte, Ausdifferenzierung intersubjektiver 273 Liebsch 2012a, S. 26. 274 Liebsch 2012c, S. 209. 275 Liebsch 2012a, S. 25. 276 Liebsch 2012c, S. 209. 83 und sexueller Erfahrungen sowie die Entwicklung eines individuellen Profils spezifischer Fähigkeiten.277 Die hier skizzierten Aufgaben mögen zwar für die Jugendlichen in einem Rahmen der kulturellen Vertrautheit liegen, sodass sie ihnen nicht gänzlich unbekannt oder verborgen sind. Dennoch ist den Jugendlichen eine klare Benennung oder Erfassung der Maßstäbe ihres Gemessen-Werdens kaum möglich, geschweige denn, dass sie in der Lage sind, diese selbst zu setzen. Sie haben daher zwar vielleicht eine Ahnung von den Maßstäben und werden ihre Bewährung im sozialen Spiel miteinander erproben, wobei sie Erwartungslagen in einem geschützten Raum weiter sondieren können. Ob sie damit aber in der „wirklichen Welt“, wie die Zeit nach dem gewährten Aufschub häufig auch im alltäglichen Sprachgebrauch in fast drohendem Ton angekündigt wird, Erfolg haben, ist keinesfalls gewährleistet.278 In diesem kontingenten und unsicheren Gefüge konstituieren Jugendliche ihre Identität, die jedoch wesentlich umfangreichere Bedingungsfaktoren und Darstellungsformen hat als sich mit den institutionellen Rahmungen und beworbenen Erfolgswegen erfassen lässt. 4.2. Der Körper und seine Bedeutungen für die Identitätskonstruktion Die Jugendphase ist verbunden mit einschneidenden körperlichen Veränderungen und damit einhergehenden Leiberfahrungen. Nach Marga Günther wird der Körper mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife zum „zentralen Ort physischer und psychischer Wandlungsprozesse“.279 Schubweises und teilweise rasantes Längenwachstum, Veränderungen der Figur, hormonelle Veränderungen, Entwicklung der äußeren und inneren Geschlechtsmerkmale, die ersten Regelblutungen oder Samenergüsse, Ausprägung der Schambehaarung und einsetzender Stimmbruch stellen prägende körperliche Veränderungen dar, die keinesfalls auf der rein physiologischen Ebene verbleiben. Nach der Jugendsoziologin Vera King erschüttern diese Veränderungen die „gewohnte Selbstverständlichkeit des leiblich-körperlichen Seins“.280 Das bisherige psychische Selbstverständnis vom eigenen Körper findet plötzlich einen „anderen“ Körper vor, in dem biologische Prozesse ohne eigenes Zutun passieren und deren Verlauf und Ausgang ungewiss sind. Eine neue „Aufdringlichkeit des Körpers“ 281 bemächtigt sich der Jugendlichen und verlangt ihnen eine Verarbeitung ab. Mit der Veränderung des Körpers entwickelt und verändert sich somit auch die individuelle Sicht auf ihn. 277 Liebsch 2012c, S. 209. 278 Natürlich soll nicht gesagt sein, dass das Simulieren gesellschaftlicher Bewährungsproben nicht auch in der Gruppe zu Exklusionsdynamiken und der Reproduktion von Rollenzuschreibungen führen kann. 279 Günther 2012, S. 115. 280 King 2011, S. 83. 281 Günther 2012, S. 124. 84 Karin Flaake legt dar, dass insbesondere die erste Regelblutung ein einschneidendes Ereignis darstellt, da es die Heranwachsende nicht über einen längeren Zeitraum auf den gerade vollzogenen Prozess des Verlassens der Kindheit vorbereitet.282 Flaake weist ebenfalls darauf hin, dass das in etwa äquivalente Ereignis des Samenergusses im Gegensatz zur Regelblutung kaum familienöffentlich gemacht wird.283 Diese beiden Beispiele von jeweils sehr geschlechtsspezifischen Irritationen kündigen bereits die Notwendigkeit der Betrachtung der sozialen Kontexte an, in denen diese biologischen Veränderungen eingebettet sind. Dies wird Günther zu Folge jedoch in der Jugendsoziologie immer noch vernachlässigt. „Der Schwerpunkt der meisten Studien liegt auf dem Umgang mit dem Körper und lässt die Art und Weise unberücksichtigt, wie Jugendliche im Zuge der Adoleszenz ihren Körper erleben und sich mit ihm befassen.“284 Der Körper ist in dieser Hinsicht häufig noch eine „Leerstelle“, 285 weil die Leiblichkeit, das subjektive Erleben des Körpers, vernachlässigt wird. So gibt es zum Beispiel kaum Studien zu Verletzlichkeiten und Schwächen bei Jungen in der besprochenen Lebensphase, was Flaake auf die herrschende gesellschaftliche Attribution von Stärke und Dominanz zurückführt:286 „Der in der Pubertät sich entwickelnde männliche Körper scheint […] kein Ort von Problemen zu sein.“287 Die biologischen Veränderungsprozesse, die mit dem Körper geschehen, müssen vom betroffenen Subjekt psychisch verarbeitet werden. Dies findet nach Rolf Göppel zunächst als subjektives Wahrnehmen und Beurteilen statt. Doch in diesen Prozess ist das Gesellschaftliche bereits eingeschrieben, da die Wahrnehmung durch sozialgeprägte Normalitätserwartungen als Vergleich und Bewerten gemessen an den Normen stattfindet.288 Nach Robert Gugutzer ist jede Bewertung des eigenen Körpers als zum Beispiel sportlich, dick, schlaksig oder alt immer mit einer Bewertung seiner selbst verbunden.289 Dabei findet das Subjekt gesellschaftliche Deutungen von bestimmten körperlichen Merkmalen als soziale Attribute vor. Gleichzeitig verzeichnet Gugutzer eine zunehmende sprachliche Tabuisierung des Körpers im Zuge des Zivilisationsprozesses, wodurch sich die Grenzen des Sagbaren wie auch des Darstellbaren verschieben.290 Nach Dagmar Hoffmann steht der Körper eines Individuums so „immer im Austausch mit den an ihn gestellten gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen“.291 282 Flaake 2012, S. 137f. 283 Flaake 2012, S. 140. 284 Günther 2012, S. 116. 285 Günther 2012, S. 115. 286 Günther 2012, S. 125. Vgl. auch Flaake 2012, S. 139. 287 Flaake 2012, S. 140. 288 Göppel 2011, S. 26. 289 Gugutzer 2005, S. 329. 290 Gugutzer 2004, S. 11. 291 Hoffmann 2011, S. 192. 85 Dabei bleiben die herrschenden Idealattribute des Körpers hochgradig geschlechterspezifisch. Während das männliche Schönheitsideal vorwiegend in der Verkörperung von Stärke durch Körpergröße, Sportlichkeit und muskulöser Statur besteht, ist das weibliche Schönheitsideal die Anrufung an Schlankheit, Grazilität und Geschmeidigkeit.292 Nach Hoffmann steht der Körper aber noch für sehr viel mehr, als dass er beispielsweise als gesund, schön oder leistungsfähig registriert wird. Sie argumentiert, dass dem Körper auch die Symbolkraft innerer Einstellung und Werthaltungen zugesprochen wird. „Körper werden mit soziokulturellen Zugehörigkeiten, Kompetenzen und Prestige assoziiert. Sie lassen erkennen, ob sich jemand um sich selbst bemüht, diszipliniert und zielstrebig oder nachlässig ist.“293 Gugutzer weist in diesem Zusammenhang der medialen Aufbereitung des Körpers eine maßgebliche Verantwortung für die „gesellschaftliche Infiltration von Körperbildern“294 zu. Durch die Idealvorstellungen von Schönheit werden entsprechend äußere Merkmale persönlicher Leistungsfähigkeit sowie Darstellungsformen zur Erlangung gesellschaftlicher Anerkennung propagiert und damit zur sozialen, verbindlichen Realität gemacht. Wenn sich gesellschaftliche Normalitätserwartungen an den Körper stellen, die zur Grundlage der eigenen Selbstwahrnehmung und Bewertung werden, sie gleichsam dem Maßstab erfolgreicher Inszenierung auf der Bühne „Körper“ abgeben, dann wird die Arbeit am Körper mithin zur „individuellen Gestaltungsaufgabe“.295 Auch hier stellt sich die Frage nach der Subjektseite der Betrachtung erneut. Die Bedeutung des Körpers für das jugendliche Subjekt beschreiben Yvonne Niekrenz und Matthias Witte als „ihr wichtigstes Mittel zur Selbstinszenierung, ist ihnen doch zumeist der Zugriff auf andere Symbole oder Bühnen des Selbstausdrucks noch nicht möglich“.296 Der Rückgriff auf den Körper als Mittel und Medium der Inszenierung ist hiernach also Folge des noch nicht (vollständig) zugewiesenen Status’, bereits „erwachsen“ zu sein. Das heranwachsende Subjekt ist damit zunächst auf die ihm gewährten Mittel und „Arenen“ verwiesen. Die Möglichkeit, eigene Präsentationen über das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Youtube zu verbreiten sowie die mediale Aufmerksamkeit, die den Teeny-Stars gegenüber erbracht wird, mögen das ein Stück weit relativiert, keineswegs aber aufgehoben haben.297 Jung-sein heißt eben immer noch, nicht als vollwertiges Mitglied der sozialen Gemeinschaft zu gelten. Und dennoch ist man aktives, die Gesellschaft reproduzierendes und zugleich transformierendes Element. Für Günther erfasst vor allem das Konzept der Performanz die Veränderungspotenziale im menschlichen Handeln, weil sie 292 Göppel 2011, S. 35. 293 Hoffmann 2011, S. 195. 294 Gugutzer 2005, S. 329. 295 Göppel 2011, S. 31. 296 Niekrenz/Witte 2011, S. 9. 297 Ausführlich zum Thema Jugendkulturen im audiovisuellen Medium Internet siehe den Aufsatz von Birgit Richard 2015, S. 269ff. 86 Handeln wie Sozialität überhaupt als leibliche Erfahrung begreift, was ihrer Auffassung nach in Ansätzen des Habitus oder der Selbsttechnologien vernachlässigt wird.298 Damit wird der Körper unmittelbar als „Instrument zur Herstellung von Gemeinschaft“ gesehen, wobei weniger auf eine Fokussierung der individuellen Unterschiede abgehoben wird, als vielmehr auf die besondere Aneignung von Gesellschaftlichkeit als kollektivem Akt.299 Was sich dort jeweils angeeignet wird, ist nicht „bloße Wiederholung“ des Gesellschaftlichen, es ist immer der „Nachvollzug von Gesten, Posen, Bewegungen inklusive ihrer symbolischen Kodierung, die dem Vorbild nie exakt entsprechen, sondern in der jeweiligen Aneignung eine gewisse Variation erfahren.“300 Daneben wird dem Körper in der sich zugleich individualisierenden und pluralisierenden Gesellschaft aus individualisierungstheoretischer Sicht noch eine weitere, gewissermaßen komplementäre Rolle zugewiesen: „Der Körper wird als die letzte verlässliche Instanz angesehen, mittels dessen man sich in der Welt verorten kann.“301 Das, womit das Subjekt untrennbar verbunden ist, ist somit nicht nur Mittel der Aneignung von Gesellschaftlichkeit und Darstellungsfläche, sondern bleibender wichtiger Bezugspunkt aller subjektiven Auseinandersetzungen. Niekrenz und Witte beschreiben den Körper daher auch als „Zufluchtsort der Selbstvergewisserung des Subjekts“.302 In dieser Verdoppelung sind Körper „Identitätsmedien“303 bzw. für das einzelne Subjekt auch „fundamentales Medium der Identitätssicherung“.304 Bezugnehmend auf das Habituskonzept von Bourdieu fungiert der Körper Günther zufolge als „Speicher des praktischen Weltwissens“. 305 Auf diese Weise reduziert sich im Habitus alltagsweltliche Realität, wodurch es den Individuen möglich wird, auch komplexe soziale Situationen nicht immer wieder aufs Neue analysieren zu müssen, um Handlungsfähigkeit zu erlangen. Die mechanistische Vorstellung eines Speichermediums stößt jedoch dort an seine Grenzen, wo es gilt, Veränderungen im Habitus erklären zu wollen. Auch hier wird also deutlich, wie wichtig es ist, sich Klarheit über die Wirkungsweisen von Einschreibungen zu verschaffen und wie Subjektivität, diskursive Strukturen und das Subjekt in ihnen vorkommen. Dabei verweist die Kategorie der Leiblichkeit gerade auf die sinnlichen Erfahrungen wie Scham, Erregung, Stolz oder Trauer und Angst, die das Subjekt bei jeder Auseinandersetzung erlebt. Mit ihrem Körper als Einheit von leiblicher Erfahrung und Wahrnehmung, als Bühne der Selbstinszenierung nach außen und Mittel zur Hervorbringung von Sozialität probieren sich Jugendliche an den für sie schon geltenden oder sie im Erwachsenenalter 298 Vgl. Günther 2012, S. 122f. 299 Günther 2012, S. 122. 300 Günther 2012, S. 121. 301 Günther 2012, S. 116. 302 Niekrenz/Witte 2011, S. 9. 303 Niekrenz/Witte 2011, S. 7. 304 Gugutzer 2005, S. 328f. 305 Siehe hierzu auch Günther 2012, S. 118f. 87 erwartenden Normen. Es sind erste unsichere Versuche, sich als zunehmend autonomisierendes Subjekt in einer Welt voller Erwartungen zurechtzufinden und eine eigene Identität zu entwickeln. King beschreibt diesen widersprüchlichen Prozess als „ausgeprägte Spannung zwischen Sein und Schein, zwischen Wissen und Nichtwissen, Allmachtsfantasie und Entwertung, zwischen homosexuellen und heterosexuellen Identifizierungen, zwischen Verschmelzungswünschen und narzisstischem Rückzug, unersättlicher Gier und strenger Askese, die unvermittelt alternieren und dissoziiert werden können.“306 Hier offenbart sich bereits eine erste, aber unverkennbare Differenz zur Betrachtung des Erwachsenwerdens vom Standpunkt gesellschaftlicher Funktionen. Zwar wird auch dort von nicht-geradlinigen Verläufen oder Reibungen und Anpassungsproblemen gesprochen, doch immer in der Form der Abweichung, wie dies zum Beispiel bei Heiner Meulemann vorkommt.307 Richtigerweise muss aber gerade die Normalität von Reibung, möglicher Überforderung, die Angst vorm Scheiterns oder die Verarbeitung zugeschriebener Abweichung betont werden. Die Varianten des Hin- und Herschwankens sind daher als adoleszenztypische Bewältigungsformen zu verstehen, als spielerische, mitunter jedoch auch unproduktiv fixierte Versuche, die dem adoleszenten Ich mitunter als überwältigend erscheinenden adoleszenten Veränderungen zu bemeistern.308 Was gemessen an gesellschaftlichen Erwartungen eines reibungsarmen Durchlaufens der Jugendphase als Abweichung oder zumindest Umweg deklariert wird, ist hier im Folgenden Gegenstand der Betrachtung. Zu fragen ist: Welche Sinnzuschreibungen erhalten die einzelnen und oft widersprüchlichen Verläufe im Prozess des Heranwachsens durch die Jugendlichen selbst? Diese Fragen sind von Bedeutung, da funktionalistische Betrachtungsweisen gegenüber den leiblichen Erfahrungen der Subjekte blind sind. 306 King 2011, S. 85. 307 Meulemann 2001, S. 15ff. 308 King 2011, S. 85. 88 4.3. Die Rolle von Familie und Peer-Groups Die Bedeutung von Familie hat sich in der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Die Gründung einer Familie findet zunehmend in späteren Lebensjahren statt, setzt nicht unbedingt eine Eheschließung voraus und erlaubt eine zunehmende Vielfalt von Modellen. Auch wenn die Familie von Rechts wegen nach wie vor einen Erziehungsauftrag zugeschrieben bekommt, erfüllt sie nach Meinung des Sozialwissenschaftlers Klaus Hurrelmann „nur noch eingeschränkt eine erzieherische und sozialisatorische Funktion“.309 Dies liegt an der gestiegenen Bedeutung au- ßerfamiliärer „Bildungs-, Erziehungs-, Konsum- und Freizeiteinrichtungen“, an denen sich Jugendliche ausrichten, bzw. die ihnen eigenständig bestimmte Erziehungsinhalte vermitteln wollen. 310 Dies hat auch Auswirkungen auf das Beziehungsgeflecht zwischen Eltern und Heranwachsenden. Nach Manfred Hofer haben sich die Erziehungsmaßnahmen in Deutschland seit der Gründung der Bundesrepublik stetig liberalisiert. Dadurch begünstigt haben sich auch die Aushandlungsprozesse zwischen Eltern und Heranwachsenden gewandelt. „Jugendliche reagieren weniger mit Gehorsam, Anpassung oder Widerstand, sondern versuchen, ihre Eltern zu überzeugen und einen Kompromiss zu finden.“311 Die Familie stellt für das heranwachsende Subjekt in der Phase der Kindheit den zentralen Bezugsrahmen seiner psychosozialen Entwicklung dar. Daneben nimmt die Schule die Rolle als zweite bedeutsame Institution der Sozialisation ein. Freunde und Freundinnen sind in dieser Zeit vorrangig Spielgefährten und Mitakteure im fantasievollen Gestalten von Spielwelten. Die gesellschaftlichen Rollen, auf die sich auch im kindlichen Spiel bezogen wird, werden dabei häufig von der eigenen Vorstellung und Fantasie überformt und die Erfüllung bestimmter gesellschaftlicher Aufgaben ist eher der Aufhänger für eine Geschichte als beabsichtigter Zweck. Zwar werden auch auf diese Weise gesellschaftliche Rollenbilder reproduziert, doch findet dies im Bewusstsein des Kindes als Spiel statt, das rein seiner Belustigung dient. Anderenfalls können Spiele schnell „doof“ oder „langweilig“ werden. Die Familie ist dem Kind Ressource und ermöglicht ihm durch seine Versorgung, sich diesem freien Spiel neben Schule und anderen Verpflichtungen hingeben zu können. Es ist (heute und in den meisten Familien in Europa) nicht in die direkte Reproduktionsarbeit in der Familie eingebunden. Auch in der Bewältigung von Schule, dem Nachgehen von mehr und mehr selbstentdeckten Interessen oder auch Problemen mit anderen Kindern kann die Familie eine Unterstützung sein. Die Jugend- und Familienforscherin Jutta Ecarius verweist in diesem Zusammenhang auf die ungleiche Bedeutung von Müttern und Vätern in der Rolle als RatgeberIn von Weltsicht. So sind es vor allem die Mütter, die auch in Situationen, wo sich nach Ansicht der Jugendlichen die Eltern nicht in der Rolle der Ratgebenden 309 Hurrelmann 2004, S. 9. 310 Hurrelmann 2004, S. 9. 311 Hofer 2006, S. 10. 89 bewähren konnten, immer noch von persönlichen Dingen erfahren, die die jugendliche Person beschäftigen.312 Geschwister haben meistens einen förderlichen Einfluss, auch wenn es in dieser Konstellation spezifische Konflikte geben kann. Problematisch wird es für Jugendliche, wenn ihnen die familiären Ressourcen nicht zur Verfügung stehen, sei es, weil die Ressourcen schon der Familie nicht zur Verfügung stehen oder weil sie ihnen durch die Eltern vorenthalten werden.313 Hierbei spielt der sozio-ökonomische Status der Eltern eine große Rolle. Über ihn sind nicht nur Einkommen, welches den Jugendlichen anteilig als Taschengeld zur Verfügung gestellt wird, sondern auch außerschulische Bildung und erfahrene soziale Anerkennung zu einem großen Anteil vorgegeben. Diese Ablösung von der eigenen Familie wird als eine wichtige Entwicklungsaufgabe formuliert, mit der Eigenständigkeit im Denken und Handeln bezogen auf die soziale Umwelt assoziiert sind. Gleichzeitig ist die Ablösung ein im Subjekt stattfindender, sukzessiv verlaufender Prozess. „Jugendlich-Sein heißt Sexuell-Werden, und Sexuell-Werden bedeutet schließlich, die kindlichen Liebesbindungen an die Eltern aufzugeben und umzugestalten, Lust und sexuelle Erregung in eine neue Selbstbeziehung und in intime sexuelle Beziehungen außerhalb der Familie fließen zu lassen.“314 Was Inge Schubert hier als natürlichen Entwicklungsprozess beschreibt, der sich mit der Selbsterfahrung und den sich entwickelnden Interessen mit der sexuellen Reifung ergibt, wird begleitet von gegensätzlichen Erwartungen an das Subjekt. Wie viel Nähe zur Familie ist noch gewollt, wie viel Nähe ist nach sozialer Deutung noch zulässig? Was sind die Erwartungen der Eltern in dieser Frage? Wird versucht, eine Abhängigkeitsstruktur fortzuschreiben oder ein Mehr an Eigenständigkeit gefordert? Wie werden sich die Eltern auf die sich gerade entwickelnden Interessen beziehen? Für alle diese Fragen haben Jugendliche keine Antworten, zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, wo sie sich ihnen konkret stellen. Mit sexueller Aufklärung und der familiären Thematisierung von Autonomie und „Erwachsenwerden“ kann zwar ein „Grundvertrauen“ als eine Art „Gewissheit“ zu Haltungen in der Frage erreicht werden, doch bleiben Unsicherheiten in den konkreten Situationen bestehen. Solcherlei Aushandlungsprozesse, die nicht nur auf die Sexualität bezogen sein müssen, führen nach Judith Gerber und Elke Wild (2006) zu Reziprozität im Sozialisationshandeln. Auf diese Weise übernehmen Eltern auch Denk- und Handelsweisen der Jugendlichen, wodurch sich die Annahme der Wirkmächtigkeit jugendlicher Akteure im Sozialisationsprozess auch in einem Setting möglicher Machtasymmetrie zeigen lässt.315 Einen unbestreitbaren Anteil an der Sozialisation und Identitätsentwicklung haben die Peers. Nach Schubert lassen sich vier Bedeutungsvarianten von Peers ausmachen: als „informelle Cliquen“, als „Freundschaften mit spezifischen Bindungserfahrungen“, als „semiformelle oder formalisierte Jugendgruppen im Rahmen von Institutionen“ 312 Ecarius 2015, S. 99f. 313 Ecarius 2015, S. 101. 314 Schubert 2012, S. 164. 315 Gerber/Wild 2006, S. 29ff. 90 und als „Gemeinschaft einer Jugendgeneration mit gleichen Vorlieben und Interessen“.316 Der oder die Heranwachsende knüpft unterschiedlich intensive persönliche Beziehungen, die von der Ebene loser Gemeinschaften mit sehr allgemeinen geteilten Werten bis hin zu engen Vertrauten reichen kann. In allen vier Varianten herrschen unterschiedliche Dynamiken, die selbst wieder eigene Forschungsfelder der Jugendsoziologie darstellen. Daher sollen hier nur einige allgemeine Gesichtspunkte kurz dargestellt werden. Eine Dynamik ist die Symmetrie in den sozialen Konstellationen, sie ermöglicht „selbstkonstituierende Möglichkeitsräume und Handlungsspielräume“, in denen sich die heranwachsenden Subjekte mit einem größeren Maß an Autonomie selbst entfalten können.317 Darin stellen diese Beziehungen Ressourcen und Unterstützungsstrukturen für die Einzelnen dar. Die Jugendlichen können dabei selbst entscheiden, was und wie viel sie zu dieser Beziehung beitragen. Aufgebaute Gruppenidentifizierungen bleiben so flexibel und durch die Mitglieder in stärkerem Maße veränderbar, als dies beispielsweise im Setting der Institution Schule möglich ist. Peer-Gruppen stellen unter günstigen Bedingungen einen Übergangs- und Aushandlungsraum dar, in dem heranwachsende Jungen und Mädchen Gleiche finden, mit denen sie sich wechselseitig austauschen, sich in Differenz und Übereinstimmung erproben können.318 Gleichwohl darf nicht vergessen werden, dass es auch in diesen Konstellationen zu Ungleichheitsbewegungen innerhalb von Gruppen kommen kann. Schubert schreibt den sozialen Beziehungen in der Jugendphase eine meist nur zeitlich begrenzte Wichtigkeit und eine abnehmende emotionale Bindung zu. Sie [die Peer-Gruppen, D.W.] verlieren zunehmend an Bedeutung, wenn Partnerbeziehungen anstehen und sich Interessen und Selbstvorstellungen wandeln, so dass andere, weitere Aktivitäten und Partnerinnen und Partner gesucht werden.319 Dieses empirische Phänomen soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in der Jugend geknüpfte Beziehungen geben kann, die länger Bestand haben und als solche auch nachhaltiger noch als Ressource wirksam sein können. Worin Unterstützung durch Peers wie auch gegenläufige Dynamiken im Einzelnen bestehen können, sei hier nur rudimentär angerissen, da es im Interesse der Arbeit an dieser Stelle vorrangig darum gehen soll, einen Möglichkeitsraum in der jugendlichen Entwicklung zu skizzieren. Eine zu detaillierte Nachzeichnung bestimmter Beziehungsgeflechte oder Unterstützungsstrukturen erscheint daher unangebracht, würde es doch bei der weiteren Untersuchung eine Fokussierung bestimmter sozialer Konstellationen nahelegen. 316 Schubert 2012, S. 167. 317 Schubert 2012, S. 154. 318 Schubert 2012, S. 157. 319 Schubert 2012, S. 157 91 4.4. Perspektive auf das Erwachsenen- und Erwerbsleben Die Sozialpsychologin Renate Höfer identifiziert neben der „Ablösung von der Herkunftsfamilie“, dem „Aufbau bzw. Erhalt sozialer Beziehungen“ in der „Entwicklung einer Erwerbsperspektive“ eine der maßgeblichen Entwicklungsaufgaben, die an die Heranwachsenden gestellt wird.320 Mit dem Wandel der modernen Arbeitswelt haben sich klassische Berufsbiografien aufgelöst. Das Abschließen der Schule, das Absolvieren einer Lehre und der Übergang in ein geregeltes Beschäftigungsverhältnis mit ausreichender Planungssicherheit zur Existenzgründung gehören in dieser Stringenz und relativen Vorhersagbarkeit immer mehr der Vergangenheit an. Heute sind Jugendliche schon häufig während der Schulzeit mit der Frage ihrer zukünftigen Berufsperspektive überfordert. Liebsch spricht von einem „Überangebot an Informationen“, das die Jugendlichen wie auch deren Eltern oft mehr verwirrt, als dass es ihnen tatsächlich dabei hilft, eine differenzierte Wahl zu treffen. Immerhin sind viele zukünftige Fragen, mithin auch Zukunftsperspektiven überhaupt, damit verbunden. In einer Untersuchung zu den Übergängen in die Erwerbsarbeit von sozial benachteiligten Jugendlichen verdeutlicht Peter Rahn die weitreichenden Konsequenzen, die sich aus einer erfolgreichen oder scheiternden Bewährung ergeben können: Über den Beruf vermitteln sich Erwerbs-, Zutritt- und Karrierechancen, der Grad der Freiheit und Selbstbestimmung sowie Art, Höhe und Sicherheit von Macht, Einkommen und Besitz. Der Beruf hat auch Einfluss auf das Entstehen von Bekanntschaften, Freundschaften, Beziehungen und Partnerschaften, also auf die soziale Verortung. Dar- über hinaus eröffnen sich über ihn die Bildungs-, Berufs- und Lebenschancen der Kinder.321 Die Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktstruktur in der Bundesrepublik ist derart festgeschrieben, dass die Auswirkungen auch auf nächste Generationen „vererbt“ werden können. Die ökonomische Bedeutung der „richtigen“ Entscheidung mit ihren Folgen für die materiellen Existenzgrundlagen (wie Geld zum Lebensunterhalt, Zeit für private Ziele und Kraft, diese auch verfolgen zu können) und die Garantie des Eintritts des Versprochenen oder Erhofften fallen dabei zunehmend auseinander: „Berufsorientierungsprozesse werden damit deutlich komplexer, da sich mit der Vergrößerung der Ansprüche die Anforderungen wie auch die Möglichkeiten des Scheiterns vergrö- ßern.“322 320 Höfer 2000, S. 55. Siehe auch Oevermann 2004, S. 171f. 321 Rahn 2005, S. 58f. Näheres zur nach wie bestehenden Schlechterstellung von Frauen sowie von Menschen mit Migrationsbiografie siehe Rahn 2005, S. 43ff. 322 Liebsch 2012c, S. 218. 92 Ohne rückblickend vergangene Formen schulischer Ausbildung und beruflicher Entwicklung idealisieren zu wollen, kann für die Gegenwart dennoch gefolgert werden, dass die „neue Unübersichtlichkeit“323 zu einer verstärkten Verunsicherung beitragen kann. 4.5. Gelingende oder misslingende Bewältigung? Es war in der Einleitung zu dieser Arbeit schon angemerkt, dass die Frage nach gelingender oder misslingender Bewältigung immer einen Maßstab unterstellt, der der Beurteilung zugrunde liegt. Dieser Maßstab geht seinerseits immer auf einen bestimmten Akteur, ob Individuum oder Institution, zurück und markiert ein bestimmtes Interesse an der Bewältigung. Zum Abschluss dieses Kapitels zu den Entwicklungsaufgaben soll die Frage eine erste Antwort erhalten, die sich gut mit dem Begriff der Krise formulieren lässt. Krise deutet einen vorübergehenden, in seiner zeitlichen Länge und Intensität nicht näher bestimmten Zustand an, bei dem das Subjekt mit einem Ereignis konfrontiert wird, dem er oder sie sich nur unter Aufwand stellen kann. Dieses zieht mitunter nicht zu überschauende Folgen nach sich, welche eine zusätzliche lähmende Wirkung haben können. Das Subjekt durchlebt die Krise als sinnliche Erfahrung, was sich vom Standpunkt gesellschaftlicher Funktionen unter der Abstraktion „Abweichung“ interpretieren lässt. Systemtheoretisch gesprochen könnte man sagen, Subjekt und Gesellschaft funktionieren jeweils als geschlossene Systeme, sind damit selbstreferenziell ganz bei sich, aber doch aneinandergekoppelt.324 So muss das Individuum mit seiner Subjektivität doch immer auch bei dem es umgebenen System sein, will es die Krise nach seinen Eigenmaßstäblichkeiten im Hinblick auf die eigenen Interessen bewältigen. Anders als eine Krise der Subjekte interpretieren AutorInnen von Bewältigungskonzepten jedoch diese Phase wie bspw. von Hurrelmann, wenn er sagt: Die Formen der Lebensführung, aber auch die Entwicklungsprobleme und gesundheitlichen Beeinträchtigungen in der Lebensphase Jugend lassen sich zu einem erheblichen Teil auf die misslingende Auseinandersetzung Jugendlicher mit den Entwicklungsaufgaben ihres Alltags zurückführen.325 Ähnlich deutet es der Sozialwissenschaftler Peter Rahn: Von gelungener Lebensbewältigung kann – unabhängig von der Anwendung normabweichender oder normkonformer Strategien – dann gesprochen werden, wenn soziale Integration wiederhergestellt ist, oder […] gesellschaftliche Teilhabe mit oder ohne berufliche Integration erreicht ist, also vor allem subjektiv mehr Lebenszufriedenheit herrscht.326 323 Habermas 1985, vor allem S. 141ff. 324 Luhmann 1998, S. 92ff. 325 Hurrelmann 2004, S. 10. 326 Rahn 2005, S. 97. 93 Aus Rahns Überlegung lässt sich zweierlei ableiten: Erstens verkennt er, wie stark gerade die Integration in das Erwerbsleben die gesellschaftliche Deutung von gelungener und misslungener Bewältigung beeinflusst. Zweitens wird Lebensbewältigung nicht unter dem Diktum betrachtet, dass sie das ist, was der oder die Einzelne daraus macht. Vielmehr plädiert er für eine Deutung der Lebensbewältigung als rein subjektiven Akt und nicht einen der gesellschaftlichen Zuschreibung, obwohl er gerade in der Befolgung von Normen den Maßstab des Erfolgreichen sieht, solange das Subjekt „zufrieden“ ist. Insgesamt macht Rahn vier Dimensionen gelingender Lebensbewältigung aus. Auf der emotionalen Beziehungsebene ist es die „Geborgenheit“, die ein Wohlbefinden in bestimmten sozialen Gruppen, aber auch mit einzelnen Menschen meint.327 Als Beispiele führt er hier die Schule, die Familie und Freundeskreise an. Auf der Verantwortungsebene ist es die „Selbstzuständigkeit“, die durch eine Selbstwirksamkeitserwartung bedingt ist und die das Scheitern dem eigenen Handeln zuschreibt. Als gelingende Anpassung formuliert Rahn hier, das Setzen eines „realistischen Ersatzzieles“.328 Auf der Handlungsebene ist es die „Produktivität“, womit er sowohl das Tun selbst als auch das Ziel, auf das das Tun gerichtet ist, meint. Diese „Produktivität“ ist nach Rahn eine Folge der Erfahrung von „Selbstzuständigkeit“ und lässt sich daher auch als Konzept zur Förderung des Selbstwerts in pädagogischen Maßnahmen nutzen. Als vierte Erfahrungsebene nennt Rahn den „Sinn“, wobei für ihn „Arbeit das zentrale Medium der Sinnstiftung“ darstellt.329 Bei aller Berücksichtigung, die das Subjekt in Rahns Ansatz erfährt, sei angemerkt, dass dieser kognitive und emotionale Befund schnell auf Sand gebaut sein kann. Denn bei bestehender Abweichung des Subjekts von geltenden Normen wird die gesellschaftliche Wirklichkeit das exkludierte Subjekt einholen und die subjektive Beurteilung der Lage herausfordern. Entsprechend handelt es sich um eine verkürzte Sicht, wenn man Lebensbewältigung und die Maßstäbe für Erfolg und Misserfolg einzig im Subjekt verortet. Dem Soziologen Ulrich Oevermann zufolge resultiert aus der Krisenhaftigkeit des Sozialisationsprozesses die Bedingung der Möglichkeit zur Schaffung von Neuem: „Der Sozialisationsprozess verläuft in sich krisenhaft, er ist ein Krisenverlauf par excellence und er muss es sein, damit sich aus ihm eine autonome Lebenspraxis der Chance nach entwickeln kann.“330 Dabei versteht Oevermann Krise weder als Überforderung, noch als Misslingen im Sinne eines endgültigen Scheiterns. Vielmehr geht er davon aus, dass Jugendliche an sie gestellte Anforderungen zu bewältigen haben, die sie herausfordern und gleichwohl die Möglichkeit des Scheiterns beinhalten. Das Subjekt befindet sich daher beständig in „Wegscheiden-Situationen“, in denen es eigenständige und potenziell folgenreiche Entscheidungen treffen muss. Die jeweilige Entscheidungssituation „drängt sich nicht von außen dem Subjekt auf, sondern wird ebenfalls 327 Rahn 2005, S. 102f. 328 Rahn 2005, S. 106. 329 Rahn 2005, S. 109. 330 Oevermann 2004, S. 163. 94 durch dessen Antizipation von möglichen Zukünften erzeugt.“331 Dies resultiert daraus, dass das Subjekt als soziales Wesen mit eigenen Zielen handelt. Durch sein eigenwilliges Tun im Möglichkeitsraum, mit den anzustrebenden Zielen und den zu wählenden Mitteln und Wegen sowie den Ausgangsbedingungen seines Tuns bringt es sich selber in diese Situation. Diese Interpretation negiert nicht die bisherige Ausführung zum imperativen Charakter sozialer Konstruktionen, erklärt aber das Individuum zum alleinigen Verantwortlichen und interpretiert damit seine Entscheidungen statt im Gefüge institutioneller Vorgaben als Produkt des Motivvorrats des eigenen Antriebs. Seine Entscheidungskrise ist daher auch keine auf die Sozialisation begrenzte, sondern gilt für das soziale Leben generell. Dabei nimmt die institutionelle Rahmung in Form gesellschaftlicher Normen nicht die Rolle ein, konkrete Plätze genau zuzuteilen, sondern sie wirkt eher als stummer Zwang, sich entscheiden zu müssen. Dieser stellt das Subjekt vor eine Situation, in der es sich „nicht nicht entscheiden kann“.332 Als einen weiteren Krisentypen macht Oevermann die „Krise durch Muße“ aus, die man mehr oder weniger bewusst, im Prinzip aber vermeidbar, als Subjekt selbst herbeiführt: „Die Krise durch Muße wird dadurch herbeigeführt, dass eine Wahrnehmung der äußeren oder inneren Realität um ihrer selbst willen durchgeführt werden kann […].“333 Hierbei wird auf Fragen des körperlichen Genusses oder der Verfolgung verschiedener Interessen referiert, die sich nur insofern ausschließen, als dass sie nicht gleichzeitig zur Erfüllung gebracht werden können. Nach Johann Behrens und Wolfgang Voges erwächst die Forderung nach „konsistenten Biographien“ aus Anforderungen, die dem Subjekt durch bestimmte Gatekeeping-Instanzen abverlangt werden, und nicht aus einem Anspruch heraus, den die Jugendlichen selbst an sich stellen.“334 Dies resultiert aus „formalen Zugangsregeln“, die als institutionalisierte Normunterstellungen existieren, die ihren Sanktionscharakter darüber entfalten, dass sie mit möglichem Ausschluss drohen. Eine Abweichung von Normerwartungen, welche sich als verinnerlichte Gesetzmäßigkeiten einer „richtigen“ Entwicklung realisieren, kann ebenso zu Stigmatisierung und Diskriminierung führen.335 Behrens und Voges behaupten nicht, dass diese institutionalisierten Zuteilungsregime alternativlos in dem Sinne sind, dass sich ihnen entweder unterworfen oder sich ihnen entzogen wird. „Man kann sie [die formalen Zugangsregeln, D. W.] für unsinnig halten, und es trotzdem klug finden, sich nach ihnen zu richten.“336 Dem folgend könnte man also von praktischer Affirmation bei gleichzeitiger theoretischer Distanzierung sprechen. Im praktischen Tun werden die Zugangsregeln dahingehend affirmiert, dass die Regeln befolgt oder zumindest Abweichungen minimiert werden. Die theoretische Distanzierung besteht in der 331 Ovevermann 2004, S. 165f. 332 Oevermann 2004, S. 166. 333 Oevermann 2004, S. 167. 334 Behrens/Voges 1996, S. 27. 335 Behrens/Voges 1996, S. 27. 336 Behrens/Voges 1996, S. 27. 95 Beibehaltung einer kritischen Stellung zu der Regel, der sich dort unterworfen wird: Die Unterwerfung erscheint dem Subjekt dann auch als solche und gewährt ihm daher beständig eine theoretische Alternative des praktischen Tuns: die Nicht-Unterwerfung. Ob die Nicht-Unterwerfung irgendwann umgesetzt wird, bleibt dem Subjekt überlassen, aber es steht ihm als theoretische Möglichkeit frei, sobald die Konsequenzen auf diesem Weg als hinnehmbar erscheinen. Weiter muss dem Subjekt seine Unterwerfung aber gar nicht unbedingt als eine solche erscheinen. „Denn je mehr individuelle Handlungsstrategien durch kollektive, individuell verinnerlichte Normen bestimmt wären, umso weniger fielen Handlungen und Struktur auseinander.“337 Behrens und Voges sprechen bei dieser Form von Affirmation von „einer Art prästabilisierter Harmonie zwischen subjektiven Deutungsmustern und Strukturen“.338 Behrens und Voges sind jedoch selbst mit diesem Schluss nicht zufrieden, da er ihrer Meinung nach den kritisch-sozialwissenschaftlichen Fokus zu wenig auf die Zugangsvoraussetzungen institutioneller Regelungen richtet. Sie verwerfen ihre eigene Schlussfolgerung, weil sie die Möglichkeit der Verinnerlichung als Gegensatz zum Zwang institutioneller Regelungen verstehen, anstatt die Verinnerlichung durch die Subjekte gewissermaßen als komplementäre Seite zum institutionellen Zwang zu sehen. Indem sie die Verinnerlichung für so total halten, als wäre sie unwiderruflich, unreflektierbar oder unanzweifelbar verschenken sie somit eine Erklärungsmöglichkeit für die Stabilität institutionalisierter Deutungsmuster. Nach Oevermann stellt die Adoleszenzkrise eine Sonderform der Entscheidungskrise dar: „In ihr geht es darum, beständig Entscheidungen selbstverantwortlich treffen zu müssen, ohne dass eine feststehende Begründung oder Rechtfertigung, auf die man sich berufen könnte, schon zur Verfügung steht.“339 An diesen permanenten Krisentypen wird man in der Jugendphase herangeführt, an seine fortwährende Bewältigung muss man sich gewöhnen. Doch nicht nur daran gewöhnen. Die Bewältigung von Entscheidungskrisen will eingeübt sein, da mit jeder Entscheidung unterschiedliche, und auch unterschiedlich folgenreiche Konsequenzen verbunden sind. Das heißt ferner, dass es nicht nur um die Bewältigung der Entscheidungssituation geht, sondern dass diese Krise ebenso die Bewältigung des Scheiterns an den eigenen wie an fremden Maßstäben einschließt. So nimmt es nicht Wunder, dass Oevermann als anzustrebendes Resultat der Bewältigung von Adoleszenzkrisen letztlich ein Grundvertrauen sieht, dessen Erwerb gewissermaßen die Bewältigungsaufgabe darstellt.340 Das Grundvertrauen lässt sich dadurch charakterisieren, dass man die feste subjektive Einschätzung über die eigene Zukunft hat, dass „es“ am Ende schon gut gehen oder enden werde. Damit ist eine gewisse Beständigkeit des Scheiterns bereits als natürlich unterstellt; woran gearbeitet werden muss, ist die persönliche Fähigkeit damit umzugehen. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als mit der Beschreibung 337 Behrens/Voges 1996, S. 28. 338 Behrens/Voges 1996, S. 28. 339 Oevermann 2004, S. 171. 340 Vgl. Oevermann 2004, S. 171. 96 der institutionellen Anforderungen, den normierenden gesellschaftlichen Setzungen und der Überforderung des heranwachsenden Subjekts schon die entscheidenden Hinweise gegeben wurden. Die Verinnerlichung äußerer Erwartungen und ihre Übersetzung in die eigenen Handlungsmaßstäbe wurde als das Vehikel der Erfüllung dieser Maßstäbe beschrieben, womit das Subjekt versucht, es exkludierende Dynamiken zu vermeiden und eigene Interessen umzusetzen. Soweit wurde die Verschränkung von gesellschaftlich wirksamen Setzungen mit der Subjektivität des Individuums beschrieben. Mit dem Grundvertrauen kommt eine weitere Erklärung hinzu, denn es liefert eine Antwort auf die Frage der Beibehaltung eigener Maßstäbe sowie der Akzeptanz (bestimmter) gesellschaftlicher Maßstäbe gerade in krisenhaften und von Scheitern bedrohten Entscheidungssituationen. Das Grundvertrauen wird damit gewissermaßen zur conditio sine qua non des Erfolges eigener Interessen überhaupt, weil es das Subjekt zum „Weitermachen“ befähigt und ermutigt. 97 Das Subjekt erhält sich damit seine Eigenmaßstäblichkeit, auch und gerade wenn es gesellschaftlich damit scheitert. Grundvertrauen ist damit weder eine kritische noch eine affirmative Kategorie, sondern beschreibt vielmehr eine notwendige Bedingung. Allerdings bleibt kritisch zu hinterfragen, wodurch dieses Vertrauen angegriffen wird und warum sein Erhalt dem Subjekt so viel abverlangt.

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References

Zusammenfassung

Schnell ist man geneigt zu sagen, das Bewältigen einer chronischen Erkrankung sei „na, für einen selbst!“ – und weiß doch, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Tatsächlich wird eine nicht zu vernachlässigende Menge an Anforderungen und Erwartungen erst durch unser Umfeld, die Familie, die Schule, den Arbeitsmarkt oder ganz allgemein durch die Gesellschaft an uns herangetragen. Wo aber kommt der erkrankte Mensch in den an ihn gestellten Anforderungen vor, was sind die Kriterien für ein „erfolgreiches Bewältigen“ einer chronischen Erkrankung und wer legt diese fest?

Anhand dieser Fragen und unter besonderer Berücksichtigung der Erwartungen an chronisch Erkrankte im Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter wagt Dennis Wernstedt einen kritischen Blick auf die gesellschaftliche Einflussnahme auf das individuelle Bewältigungshandeln. Mithilfe eines gouvernementalitätstheoretischen Ansatzes macht der Autor deutlich, wie gesellschaftliche Normvorstellungen ihre Internalisierung darüber erfahren, dass das bewältigende Subjekt sich selbst bereitwillig zum Aktivisten ihrer Umsetzung macht.