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2. Moderne Herrschaft und Foucaults Konzept der Gouvernementalität in:

Dennis Wernstedt

Wer bewältigt was für wen?, page 23 - 54

Eine gouvernementale Analyse zur Bewältigung von chronischer Erkankung beim Übergang ins Erwachsenenleben

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3938-0, ISBN online: 978-3-8288-6837-3, https://doi.org/10.5771/9783828868373-23

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 80

Tectum, Baden-Baden
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19 2. Moderne Herrschaft und Foucaults Konzept der Gouvernementalität Mit dem Konzept der Gouvernementalität hat Michel Foucault seit den ausgehenden siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts für viel Aufsehen in den verschiedensten Professionen der Geistes- und Sozialwissenschaften gesorgt. Von Theorien der Macht und machtkritischer Gesellschaftsanalysen über feministische Bewegungen, neomarxistische Theorieansätze bis hin zu der Analyse moderner Regierungstechniken und der Problemstellung des „guten Regierens“ finden sich Bezugnahmen auf seine Arbeiten. Diese Vielfalt der Anwendungen seiner Theorieansätze und Modelle in den unterschiedlichsten Fragestellungen – mit sich teilweise widersprechenden Ergebnissen –, ist auch auf Foucaults Interesse an einer umfassenden Erklärung gesellschaftlicher Prozesse und der Auseinandersetzung erkenntnistheoretischer Problemstellungen zurückzuführen. Dabei sind Foucaults Theorien genauso anerkannt wie umstritten. Die Kritik an Foucault befasst sich mit seiner Sprunghaftigkeit in der Themenwahl, formuliert den Vorwurf der (allzu) abstrakten Auseinandersetzung, nennt ferner mangelnde Stringenz, fehlende methodologische Grundlagen, die Uneindeutigkeit seiner Begriffe bis zum häufigen Verwerfen seiner Theorien und ihrer Neuentwicklung.36 In der Auseinandersetzung mit den zentralen Gedanken Foucaults zum Konzept der Gouvernementalität werde ich mich insbesondere auf Arbeiten von Bröckling, Lemke, Frankenberger und Opitz beziehen. 2.1. Foucaults Ausgangspunkt und Fragestellung Foucault formuliert den Anspruch, moderne Machtverhältnisse zu analysieren und insbesondere den Zusammenhang von Macht, Subjekt und Wissen herauszuarbeiten.37 Er geht der Frage nach, worin der Grund für ein „auf den Staat gerichtetes, gigantisches Verlangen“ und den „unverständlichen Willen“ zum Staat liegt, „den man eine große Liebe nennen könnte“.38 Daraus resultieren für ihn eine Reihe weiterer Fragen: Auf 36 Für eine ausführliche Darstellung der Kritik an Foucault siehe: Lemke, Thomas 1997, S. 13- 22; auch Frankenberger 2007, S. 156ff. 37 Frankenberger 2007, S. 161. 38 Foucault 1990, S. 17. 20 welche Weise wird Macht ausgeübt und zwischen den individuellen und kollektiven Akteure vermittelt? Wie wird Macht zu Herrschaft, also der dauerhaften Einrichtung eines einseitigen Machtverhältnisses? Und welche historischen und gesellschaftlichen Bedingungen haben zu den jeweiligen Macht- und Herrschaftsverhältnissen geführt?39 In der Literatur zu Foucaults Arbeiten wird häufig darauf hingewiesen, und es ist diesen Fragestellungen ebenfalls zu entnehmen, dass Foucault einen Perspektivwechsel von den „Was-“ auf die „Wie- Fragen“ beabsichtigt.40 Er fragt nicht wer herrscht und was die Absicht einer bestimmten „Technik“ ist, sondern wie diese Absicht durchgesetzt werden soll oder durchgesetzt worden ist und welches Wissen sie zur Grundlage hatte. 41 Foucault untersucht die Techniken, derer sich moderne Regierungen bedienen, um die gesellschaftlichen Individuen zu einer Handlungsweise gemäß herrschaftlich definierter Ziele zu bewegen. Dabei versteht er die angewandten Techniken als Vermittlungstechniken, die gerade nicht auf unmittelbarem physischem Zwang beruhen, sondern die auf den Willen und die Subjektivität der Individuen einzuwirken versuchen. Die mitunter recht mechanistische Terminologie von Foucault, der auch vom „Steuern“ menschlichen Handelns spricht,42 ist nicht mit einem deterministischen Verständnis von Handlungen, Verhaltensweisen und Denkweisen seinerseits gleichzusetzen. Vielmehr kennzeichnet er damit einen allen Herrschaftsformen innewohnendes Ideal der Determinierbarkeit menschlichen Handelns durch Herrschaftspraktiken. Davon ausgehend versucht er aufzuzeigen, wie Denken und Handeln unmittelbar angesprochen werden, um sie disziplinarisch und damit herrschaftlich nutzbar zu machen. 2.2. Der historische Übergang zu moderner Herrschaft: Die Geburt der Gouvernementalität Mit den großen politischen und ökonomischen Revolutionen im 18. und 19. Jahrhundert und dem Übergang von feudalen Herrschaftsverhältnissen zur bürgerlichen Gesellschaft änderten sich sowohl die Machtkonstellationen im Staat als auch die Techniken seiner Herrschaft. Die bestimmenden Rechtsprinzipien zwischen Staatsmacht und Regierten waren nicht mehr das persönliche Besitzverhältnis oder eine ständische Zugehörigkeit, sondern das Prinzip des freien Bürgers mit – zunächst noch sehr eingeschränkten, später sich entwickelnden – Freiheits- und Abwehrrechten als Rechtsperson gegenüber dem Staat. Das aufkommende freie Unternehmertum er- 39 Vgl. Frankenberger 2007, 161. 40 Vgl. Opitz 2004, S. 54. 41 So sucht Foucault zum Beispiel nach „der Gesamtheit der Regeln, die in einer Epoche die Grenzen und Formen der Sagbarkeit“, also einem allgemeinen Strukturprinzip des Denkens. Vgl. Opitz 2004, S. 42f. 42 Foucault 2004, S. 261. 21 setzte die feudale Fronarbeit und Ständesysteme und es bildete sich eine stark anwachsende Schicht mittelloser Menschen, deren einzige Grundlage für ihre ökonomische Existenz die Lohnarbeit, also der Verkauf ihrer Arbeitskraft, war. Die bis dahin noch weitverbreiteten Formen der Subsistenz wurden nicht zuletzt häufig auch durch das Wirken des Staates aufgelöst, denn die Arbeitskraft musste zunächst einmal als Arbeitskraft konstituiert werden, bevor sie ausgebeutet werden kann: Lebenszeit muss in Arbeitszeit synthetisiert, die Individuen an den Ablauf des Produktionsprozesses fixiert und dem Zyklus der Produktion unterworfen werden; Gewohnheiten müssen ausgebildet, Raum und Zeit in feste Schemata eingefügt werden. Mit anderen Worten: die Akkumulation von Kapital setzt Produktionstechniken und Arbeitsformen voraus, die es erst ermöglichen, eine Vielzahl von Menschen ökonomisch profitabel einzusetzen. 43 Die neu gewonnene Freiheit hatte also für eine große Masse an Menschen etwas Doppeltes: Persönliche Abhängigkeitsverhältnisse zu den früheren Herrschern wurden abgelöst von unpersönlichen Formen der Machtausübung, unter denen es den Menschen formell gestattet wurde, eine Existenz mit eigenen Zielen und Mitteln zu gestalten. Gleichzeitig zwang viele von ihnen die materielle Mittellosigkeit in die private Abhängigkeit von kapitalistischen Produzenten.44 Foucault versteht unter der sich in dieser Zeit herausbildenden politischen Ökonomie eine Art bestimmter „Wissensform“, mit der interessegeleitet gesellschaftliche Vorgänge analysiert werden. Das Ziel, das Staaten gemäß dieser „Wissensform“ verfolgen, beschreibt Foucault wie folgt: Sie [die politische Ökonomie, D. W.] setzt sich die Bereicherung des Staates zum Ziel. Sie setzt sich das gleichzeitige, entsprechende und auf geeignete Weise abgestimmte Wachstum der Bevölkerung einerseits und ihres Erhalts andererseits zum Ziel.45 Foucault deutet in seinen Vorlesungen zur Geburt der Biopolitik selbst bereits an, wie instrumentell Bevölkerung nach der Logik der politischen Ökonomie gedacht wird, nämlich als Wachstumsressource, und um deren Erhalt sich funktionalistisch bemüht wird. So wirkt dann auch die politische Ökonomie ihrerseits zurück auf das Herrschaftswissen und formuliert es zum Teil mit oder gar neu. „Die politische Ökonomie denkt über Regierungspraktiken nach, und sie befragt diese Praktiken nicht auf ihr Recht, um festzustellen, ob sie legitim sind oder nicht.“46 Nach Sven Opitz scheint der Liberalismus die für diese Ökonomie passende Regierungsform zu sein, da sich „die direkte Beherrschung der Subjekte als unproduktiv 43 Lemke/Krasmann/Bröckling 2000, S. 26. 44 Der Gesellschaftskritiker Marx bezeichnet dies als „doppelte Freiheit“ des Lohnarbeiters. Er ist frei „[…]in dem Doppelsinn, dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, dass er andererseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ Marx 1973, S. 183. 45 Foucault 2004, S. 261. 46 Foucault 2004, S. 261. 22 (erweist)“.47 Mit der Transformation der Gesellschaftsform und der Entwicklung der bürgerlichen Freiheit entstand also eine Leerstelle hinsichtlich der Regierung der Subjekte nach den Maßgaben der politischen Ökonomie. Opitz bemerkt daher weiter: Weil der Liberalismus nämlich eine spezifische Freiheit benötigt, muss er ihr eine spezifische Form geben – vor allem eine, die den Einzelnen zur Teilnahme am Markt befähigt. Die Individuen müssen dazu gebracht werden, ihre Freiheit diszipliniert auszuüben, damit die Sicherheit derjenigen ‚natürlichen’ Prozesse gewährleistet ist, deren Energie es auszubeuten gilt.48 Freiheit ist demnach zwar „die unerlässliche Voraussetzung für eine ‚ökonomische Regierung’“49, wie Lemke konstatiert, aber eben als funktionalistisches Prinzip und nicht als Wert schlechthin. Opitz macht deutlich, dass diese Form der Herrschaftsaus- übung keinesfalls in Widerspruch zur Freiheit steht, die in den bürgerlichen Revolutionen errungen wurde. Sie ist vielmehr die dazugehörende andere Seite der Medaille. „Die Freiheit ist aus dieser Sicht keine abstrakte Totalität und kein zu erreichender Zielzustand, sondern eine zu Regierungszwecken angefertigte Folie, auf der zugleich Einschränkungen eingetragen sind.“50 Bestimmte Freiheiten werden nicht als Werte an sich geschützt, sondern sie werden wieder eingeschränkt oder abgeschafft, wenn sie für herrschaftliche Zwecke untauglich erscheinen.51 Lemke spricht deshalb auch von Freiheit als einem „Instrument von Regierungskunst“, dem „nicht mehr Nischen“ eingeräumt werden, weil es ein Instrument unter anderen ist.52 Besonders im Zeitalter der Hegemonie des Neoliberalismus ist nach Opitz ein Wandel des Gesellschaftsverständnisses in der „mentalité“ der Regierung zu verzeichnen. Die Gesellschaft existiere in diesem Denken nicht als eine „Quelle von Bedürfnissen“, wie es vielleicht als wünschenswertes Ideal gedacht werden kann, sondern höchst funktional als „Energiequelle“.53 Foucault war der Ansicht, dass ein Großteil der Akzeptanz moderner Herrschaft darauf zurückgeht, dass sie von den Untertanen als der Garant ihrer Freiheit angesehen wurde, wodurch die Möglichkeit der Selbstverwirklichung ebenfalls geschützt wird. So fragt Foucault: „Würden sie denn die Macht akzeptieren, wenn sie darin nicht eine einfache Grenze für ihr Begehren sähen, die ihnen einen unversehrten (wenn auch eingeschränkten) Freiheitsraum läßt?“ Und er antwortet darauf gleich selbst: „Reine Schranke der Freiheit – das ist in unserer Gesellschaft die Form, in der sich 47 Opitz 2004, S. 57. 48 Opitz 2004, S. 58; Hervorhebung im Original. 49 Lemke 1997, S. 185. 50 Opitz 2004, S. 28. 51 Zu dem Problem des Liberalismus, dass für Freiheit auch Freiheit eingeschränkt werden muss, siehe auch Lemke/Krasmann/Bröckling 2000, S. 14. 52 Lemke 1997, S. 185. 53 Opitz 2004, S. 60. 23 die Macht akzeptabel macht.“54 Damit bewegte sich die Freiheit von einer emanzipatorischen Hoffnung fort hin zu dem Diktum einer verantwortlich-disziplinierten Autonomie, die einen neuen Kontrollmodus jenseits der autoritären Repression sowie der wohlfahrtstaatlichen Integration etabliert.55 Dies gilt es im Folgenden näher auszuführen und das Augenmerk auf Foucaults Begriff der Regierung zu richten wie auch auf das Verhältnis von Freiheit und Zwang. 2.3. Gouvernementalität als Analysemodell moderner Herrschaft Das auf Foucault zurückgehende Konzept der „Gouvernementalität“ entspringt einer Zusammensetzung der Begriffe „gouverner“ („regieren“) und „mentalité“ („Denkweise“).56 In seiner Synthese kennzeichnet der Begriff zunächst einmal ganz allgemein die „Art und Weise, mit der man das Verhalten der Menschen steuert“.57 Darin drückt sich die Verschiebung der Fragestellung zum Wie des Regierens aus. Wie wird Herrschaftswissen vermittelt und wie konnte durchgesetztes Herrschaftswissen möglich werden? Es wird also auch die Frage gestellt, welche politische Rationalität einer bestimmten Denkweise des Regierens innewohnt und welche Änderungen und Anpassungen sich für sie im Laufe der geschichtlichen Entwicklung ergeben.58 Die sich daraus entwickelnde Gouvernementalitätsforschung will damit jedoch nicht nur den Gegenstand der Analyse benennen, sondern gleichzeitig die bestimmte Perspektive auf den Gegenstand, ebenso wie auf die Analyse selbst, vorgeben. Eingedenk der Annahme, dass Realität immer herrschaftlich (mit-)geformt ist, gilt es, sich den Bezugsrahmen des eigenen Denkens zu vergegenwärtigen. Mit der „Beobachterposition zweiter Ordnung“, also der Beobachtung der eigenen Beobachtung, wird eine wissenschaftliche Distanz zur eigenen Untersuchung eingenommen, indem Realität als Produkt gesellschaftlicher Konstruktion konzipiert wird, die von Machtstrukturen durchzogen ist.59 Gerade in dieser Dekonstruktion von Macht und Wissen, die im eigenen Denken beginnt, zeichnet sich die Gouvernementalitätsforschung als kritische Wissenschaft aus. 54 Foucault 1977, S. 107. 55 Opitz 2004, S. 61. 56 Vgl. Lemke 1997, S. 146. 57 Foucault 2004, S. 261. 58 Foucault 2000, S. 50. 59 Opitz 2004, S. 8. 24 2.4. Regierung und regiertes Subjekt Der Begriff des Regierens hat in seinem Bedeutungsgehalt verschiedene Verwandlungen von der Antike bis zur Gegenwart durchlaufen. Mit den Worten von Guillaume de La Perrière drückt Foucault die lange Zeit geltende und unpolitische Bedeutung des Regierens aus als „das richtige Verfügen über die Dinge derer man sich annimmt, um sie einem angemessenen Zweck zuzuführen“. Thomas Lemke rekonstruiert den Bezug des Begriffs „[…] auf eine Anzahl höchst unterschiedlicher Phänomene […] u.a.: sich selbst oder einen Gegenstand (räumlich) fortbewegen, das (materielle) Auskommen sichern, jemanden (moralisch) zu führen oder (medizinisch) etwas verordnen, schließlich ein (verbales, autoritatives, sexuelles etc.) Verhältnis zwischen Individuen.“60 Die Verengung des Begriffs auf seine politische Bedeutung, wie er heutzutage geläufig ist, schien sich erst vom 18. Jahrhundert an durchgesetzt zu haben. Regierung bezeichnet demnach „[…] die Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels derer man Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung.“61 Opitz zufolge spannt Regierung ein Kontinuum auf, das von der „moralischen Regierung seiner Selbst über die ökonomische Regierung einer Familie bis zu der Regierung eines Staates reicht“.62 Die „politische Führung“ als „Regierung der Anderen“ stellt daher lediglich einen Sonderfall dar.63 Der Status als „Sonderfall“ soll jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass diese Sorte Regierung eine enorme Reichweite und Wirkmächtigkeit auszeichnet. Foucault selber attestiert der politischen Führung eine weitreichende Verantwortungsrolle gegenüber den mannigfachen Lebenslagen und sozialen Beziehungen der vergesellschafteten Individuen. Das heißt, dass diese Dinge, über die die Regierung die Verantwortung übernehmen muss, die Menschen sind, aber die Menschen in ihren Beziehungen, ihren Verbindungen und ihren Verwicklungen mit jenen Dingen, den Reichtümern, […] die Menschen in ihren Beziehungen zu jenen anderen Dingen wie den Sitten und Gebräuchen, den Handlungs- oder den Denkweisen […].64 Rolf Frankenberger fasst zusammen, was sich aus diesem Verständnis für das Leben der Menschen in einem derart verantwortungsbeladenen Staat ergeben kann: „Somit 60 Lemke 1997, S. 149. Siehe auch Opitz 2004, S. 16. 61 Foucault 1996, S. 118f. 62 Opitz 2004, S. 20f. 63 „Die ‚politische Regierung’ als Regierung des Staates ist eine Form von Regierung unter anderen.“ Lemke 1997, S. 31. 64 Foucault 2000, S. 51. Foucault beschreibt in seiner Vorlesung zur Gouvernementalität die Regierung eines Staates mit dem idealisierten Bild des Steuerns eines Schiffes durch unsichere Gewässer, wo der Kapitän die Verantwortung für das Leben und die Gesundheit seiner Besatzung trägt. Vgl. Foucault 2000, S. 51. 25 fallen jegliche Art der Tätigkeit und alle Bereiche menschlichen Seins in die ‚Regierungszuständigkeit’ und werden damit politisch.“65 Frankenberger weist völlig zu Recht darauf hin, wie allumfassend diese Auffassung von Regierungsverantwortung ist, ohne jedoch die Universalität des Regelungsanspruches weiter zu problematisieren. Wenn Verantwortungen so weitreichend an die politische Regierung übertragen oder von ihr angeeignet worden sind, dann muss die Frage gestellt werden, wie das Subjekt, dessen Denk-, Handlungs- und Lebensweisen zum Betreuungsobjekt politischer Regierung geworden sind, in dieser Sichtweise noch vorkommen kann. Foucault versteht Subjekt in einem doppelten Sinn, welcher der zweifachen Verwendung des Begriffes im französischen und englischen Sprachraum nachkommt. Subjekt bezeichnet einerseits das unterworfene Individuum, das unter der Herrschaft eines anderen Subjekts und damit in dessen Abhängigkeit steht; andererseits bezeichnet es das handelnde Individuum, das durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis an seine eigene Identität gebunden ist.66 Dieser Subjektbegriff, der in dem Dualismus von Unterworfenheit und Handlungsfähigkeit besteht, ist Ausgangspunkt zweier weiterer Fragestellungen in der Gouvernementalitätsforschung. Erstens, wie bezieht sich die politische Rationalität auf ihre Subjekte, oder anders: wie kann Macht wirksam werden, welcher Techniken bedient sie sich dabei und wie gestaltet sich dadurch das Verhältnis zu den Subjekten als einerseits Unterworfene und andererseits als Handelnde, bzw. Handlungsmächtige? Rolf Frankenberger fasst diesen Anspruch der Gouvernementalitätsforschung prägnant zusammen: „Letztlich geht es dabei um die Frage, wie Individuen dazu gebracht werden können, selbst das zu wollen, was ein Herrschaftsverhältnis für seine Stabilisierung braucht.“67 Es geht also um die theoretische Dekonstruktion der Generierung von Einwilligung der Regierten in die Regierungspraktiken. Zweitens, inwiefern stecken in den Dynamiken der Subjektivierung immer auch Bedingungen für Widerstand gegen bestimmte Formen politischer Regierung? Dabei sind beide Fragen miteinander verschränkt, denn „destabilisiert werden Herrschaftszustände dann, wenn sie nicht mehr durch die Technologien der Regierung gestützt werden.“68 Die Dekonstruktion hat also gleichzeitig das Potenzial, einen Angriffspunkt für möglichen Widerstand gegen Herrschaftstechniken zu bilden. Wenn die Herrschaftstechniken nicht mehr greifen, weil sie offengelegt wurden und sich Menschen daher nicht mehr auf sie einlassen, geht auch ihre stabilisierende Wirkung verloren und die jeweilige Ordnung steht zur Disposition und kann prinzipiell neu ausgehandelt werden.69 Bevor nun der Frage nachgegangen werden soll, wie sich das den Regierungstechniken innewohnende Ideal der Lenkung der Individuen zum Zwecke der Herr- 65 Frankenberger 2007, S. 166. 66 Foucault 2005, S. 245. 67 Frankenberger 2007, S. 166. 68 Frankenberger 2007, S. 166. 69 Vgl. Frankenberger 2007, S. 166. 26 schaftssicherung zum Eigensinn der Individuen verhält und welche Widersprüchlichkeiten in diesem Wechselspiel stecken, sind zunächst die Herrschaftstechniken und die ihnen zu Grunde liegende Macht näher zu beleuchten. 2.5. Macht und Diskurs Foucault versteht Macht zunächst ganz allgemein als „Ensemble von Handlungen in Hinsicht auf mögliche Handlungen“.70 Im Sinne seines Forschungsinteresses spezifiziert er den Machtbegriff jedoch weiter, um ihn in seine bisherigen Überlegungen zum Regierungsbegriff mit einzubeziehen. Vor dem Hintergrund seines Verständnisses von Regierung als „Führung“, beschreibt er Macht als die „Führung der Führungen“.71 In dieser zunächst dialektisch erscheinenden Formel fasst Foucault Macht im Hinblick auf das „Regieren des Selbst“ als den Möglichkeitsspielraum des eigenen Handelns in jeweils gegebenen Verhältnissen. „Führen“ hat hierbei die Bedeutung des „Sich-Verhaltens“ oder „Aufführens“,72 während es in Bezug auf das „Regieren der Anderen“ die Potenz meint, ein Interesse gegen andere durchzusetzen. Das „Sich-Verhalten“ bezeichnet also in erster Linie das innere Verhältnis des Individuums zu sich und seiner Subjektivität, wohingegen das „Regieren der Anderen“ ein Willensverhältnis zwischen zwei oder mehreren Machtentitäten darstellt.73 Es muss an dieser Stelle eingefügt werden, dass Foucault Macht explizit „nicht mit Zwang, sondern in erster Linie mit produktiven und schöpferischen Potentialen gleichgesetzt“.74 Gleich was mit den „produktiven und schöpferischen Potentialen“ im Einzelnen gemeint sein kann, ist die Frage zu klären, wie sich das politisch oder gesellschaftlich Gewollte vermittelt, wenn Macht, anders als zu früheren Epochen, nicht mit unmittelbarem physischen Zwang wirkmächtig werden soll. Als Führung der Selbstführungen zielt sie [die moderne politische Regierung, D. W.] darauf ab, die Wünsche, Wahlmöglichkeiten, Hoffnungen und Bedürfnisse von Individuen und Gruppen zu mobilisieren und zu formen. Wenn Moral als der Versuch verstanden werden kann, das Selbst auf seine eigenen Handlungen zu verpflichten, dann ist Regierung eine intensive moralische Aktivität.75 Moderne Herrschaftstechniken richten sich also vornehmlich auf das Einwirken auf Handlungs- und Denkweisen der vergesellschafteten Individuen, deren Motive für die Interessen der Regierung angesprochen, mobilisiert und funktionalisiert werden sollen. Unmittelbarer Zwang ist dadurch zwar nicht per se verschwunden, tritt aber als entscheidende Triebkraft gegenüber herrschaftlich motivierter Willensbildung zurück. 70 Foucault 1999, S. 192. 71 Foucault 1999, S. 193. 72 Foucault 1999, 193. 73 Vgl. Opitz 2004, S. 27. 74 Frankenberger 2007, S. 157. 75 Opitz 2004, S. 29. 27 In den gesellschaftlichen Diskursen, die die soziale Wirklichkeit einer Gesellschaft einerseits bestimmen, indem Sagbares und Praktiken als Schemata entworfen werden,76 andererseits aber diese Normen in einem Wechselspiel von den Subjekten mitgestaltet oder weitergeschrieben werden, drücken sich die gesellschaftlichen Machtverhältnisse aus. Machtverhältnisse spiegeln sich somit in diesen Diskursen wider und wirken prägend auf dessen Richtung, Verlauf und Einflussentfaltung. Gleichzeitig sind sie aber durch die Teilnehmer veränderbar. „Entscheidend ist, dass wer die Regeln der Diskursproduktion bestimmt, sich den Diskurs aneignet auch Macht über die Wissensproduktion und Wissensverfügung erlangt.“77 Diskurse sind in dieser Funktion also eher selten oder nur unter ganz besonderen Bedingungen eine Auseinandersetzung gleicher und verständigungsorientierter Gegenüber, wie sie in Jürgen Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns idealtypisch entworfen werden.78 Daher kommt Opitz zu dem eher ernüchternden Schluss bezüglich der Egalisierung von Machtstrukturen in oder durch Diskurse. Autorität ist […] der Preis, um den die gegeneinander wettstreitenden Diskurse kämpfen. An diesem Punkt greifen Macht und Wissen ineinander. Jede durch die Etablierung eines bestimmten Vokabulars erreichte vorübergehende Schließung ist nicht das Ergebnis der Übereinstimmung mit den objektiven Tatsachen, sondern der Ausdruck des Vermögens, Autorität im Verlauf einer Debatte für sich zu erlangen und zu plausibilisieren.79 Autorität ermöglicht es also, die Gelegenheit zu haben oder zu bekommen, die eigene Sicht auf die objektiven Verhältnisse darzulegen und die eigenen Interessen zu plausibilisieren. Jede Sichtweise setzt darauf, dass ihr gemeinhin „Rationalität“ attestiert wird, also sich in ihr ein Einsatz adäquater Mittel zu einem akzeptierten (oder noch zu akzeptierenden) Zweck vollziehen würde. Dabei kann sich freilich auch falschen Wissens bedient werden, das zu Machtzwecken instrumentell in den Diskurs eingebracht wird und ebenfalls um Geltung wirbt. Das jeweilige Wissen, das mit seinem Wahrheitsanspruch um die Verallgemeinerung seiner Geltung ringt, bildet also so etwas wie den Transmissionsriemen, mit dem das eigene Interesse im Diskurs und vor allem bei den anderen Diskursteilnehmern durchgesetzt werden soll. Foucaults Verständnis von Subjektivierung beschreibt somit etwas Doppeltes und löst so gleichsam den theoretischen Widerspruch von Unterworfenheit und Handlungsfähigkeit auf, indem es beide Seiten synthetisiert: Das durchgesetzte Wissenssystem dringt auf seine Aneignung und Verinnerlichung bei den Subjekten, wobei es selbigen Handlungsmaxime formuliert und Möglichkeiten offeriert. 76 Landwehr 2004. 77 Frankenberger 2007, S. 168. 78 Vgl. Habermas 1995, S. 184. 79 Opitz 2004, S. 47. 28 Die Politikwissenschaftlerin Barbara Cruikshank argumentiert in ihren Arbeiten zu den frühen Bürgerrechtsbewegungen in den USA, dass Regierungen in ihrem praktischen Handeln darauf setzen, dass ihre Programme durch die regierten Individuen eigenständig betrieben werden, wofür dann auch materielle Unterstützung bereitgestellt wird. Sie setzen also darauf, dass die unterworfenen Subjekte sich idealiter den Inhalt des politischen Willens zu ihrem eigenen Interesse machen. ”The liberal arts of government […] are actionable only on the condition that citizens carry out the purposes of government.”80 Macht und die nach wie vor existenten Zwänge erscheinen aufgrund dieses eingetretenen Ergebnisses – man müsste treffender sagen: der erreichten Zwischenstation – in einem sich ständig fortentwickelnden diskursiven Gefüge, nicht mehr als äußere Zwänge, sondern erhalten über die Versubjektivierung den Charakter einer Ursprünglichkeit im freien Wollen der auf diese Weise Angesprochenen.81 Bis zu diesem Punkt wurde nur das Ideal der Regierungstechniken sowie ihr antizipiertes Resultat, nämlich die Übernahme durch die Subjekte dargestellt, noch nicht aber die Art und Weise ihrer Vermittlung und die im Subjekt liegenden Momente des Widerstandes. 2.6. „Herrschaftstechniken“ und „Technologien des Selbst“ Nach Ulrich Bröckling und Susanne Krasmann bezeichnen Technologien „[…] einen Komplex von Verfahren, Instrumenten, Programmen, Kalkulationen, Maßnahmen und Apparaten, der es ermöglicht, Handlungsformen, Präferenzstrukturen und Entscheidungsprämissen von Akteuren im Hinblick auf bestimmte Ziele zu formen und zu steuern“.82 Mit dem Begriff der Selbsttechnologie wird in der Gouvernementalitätsforschung der Blick auf das angesprochene Wechselspiel von „Selbst- und Fremdkonstitution“ gerichtet.83 In Abgrenzung zu Foucault plädieren Bröckling, Krasmann und Lemke noch einmal deutlich dafür, Unterwerfung und Handlungsfähigkeit nicht miteinander zu identifizieren, da das beschriebene dialektische Wechselspiel der Subjektivierung eine „Erweiterung und Verfeinerung der Untersuchung von Machtmechanismen“ erlaubt.84 Subjektivierung ist Unterwerfung ohne die Auslöschung von Handlungsfähigkeit und ist gleichzeitig Handlungsfähigkeit, die sich nicht frei von gesellschaftlichen Imperativen konstituiert. Das Dringen auf Verinnerlichung von äußeren, herrschaftlich gesetzten Zwängen ist kein Phänomen oder Alleinstellungsmerkmal bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften, sondern gehörte bereits zu den Regierungstechniken früherer Herrschaftsformen. Lemke sieht im „christlichen Pastorat“, das die westlichen Gesellschaften lange vor dem Aufkommen bürgerlicher Staaten im 18. und 19. Jahrhundert 80 Cruikshank 1999, S. 69. 81 Zur Idee der Anrufung vgl. Althusser 1977. 82 Bröckling/ Krasmann 2010, S. 27. 83 Vgl. Lemke/ Krasmann/ Bröckling 2000, S. 29. 84 Vgl. Lemke/ Krasmann/ Bröckling 2000, S. 29. 29 als Wertesystem durchzog, bereits den Kern der Herrschaft mittels Herrschaftswissen angelegt. So war das „Heil“ der Gemeinde zwar einerseits eine individuelle Angelegenheit; es ist auf der anderen Seite jedoch nicht Gegenstand einer freien Wahl. Im Gegenteil ist es unmöglich, das Heil und den Weg zum Heil auszuschlagen. Die Autorität der Pastoralmacht besteht gerade darin, die Menschen gegebenenfalls zu zwingen, das zu tun, was notwendig ist, um das Heil zu erlangen.85 So wird mit der christlichen Figur des Hirten auch ein „generalisierter Gehorsam“ eingeführt. „Aus einem Mittel zu einem Zweck wird ein Selbstzweck: Gehorsam ist nicht länger ein Instrument, um bestimmte Tugenden zu erlangen, sondern wird selbst zu einer Tugend […].“86 Diese „Fundamentaltugend“ wird damit zur absoluten Voraussetzung, um andere Tugenden, und somit das Heil, überhaupt erlangen zu können.87 Der Gehorsam bzw. die Einforderung desselben entzieht sich einer berechnenden Stellung zu ihm. Nicht in etwas anderem liegt der Lohn der Gehorsamkeit, das man dadurch erhält, dass man gehorcht, sondern im Gehorchen selber hat der oder die somit Tugendhafte ihre Erfüllung zu suchen. Dass die Übernahme der Gehorsamkeit keine Selbstverständlichkeit ist, die zum tugendhaften Leben aufgerufenen Individuen also durchaus regelmäßig davon abwichen, beweist eigentlich schon das Instrument, das zur regelmäßigen Überprüfung des Verhaltens eingerichtet wurde. In der Beichte mussten die Menschen gegenüber sich selbst, aber vor allem gegenüber den weltlichen Vertretern des christlichen Pastorat Rechenschaft über ihre Handlungen ablegen und sich in der Form der Selbstanzeige schuldig bekennen, Besserung geloben und sich so wieder reinwaschen. Mit dieser Regierungsform erhielt die geistliche Führung einerseits also durchaus Wissen über die Regierten, bedeutender ist jedoch ein anderer Aspekt: Die so aufgezwungene „Selbstprüfung und Gewissenskontrolle dienen hier nicht einem Zuwachs an Autonomie, sondern der Verankerung der Abhängigkeit vom anderen“.88 Als unterworfene und gleichzeitig selbständige Subjekte verfügen sie über vermitteltes Regierungswissen, das sie auf sich selbst anwenden sollen. Darin kann und soll das Subjekt seine erfolgreiche, wenn auch niemals abgeschlossene Betätigung suchen, es zu einem Lebenszweck erklären und zum diesseitigen Sinnobjekt machen. Eine moderne, „säkularisierte“ Fassung89 dieser „pastoralen Machttechniken“ der Versubjektivierung von vormals äu- ßeren Zwängen soll nach der Beschreibung zweier moderner politischer Machttechniken erfolgen, die nach Foucault, die die Moderne prägen. Hierbei handelt es sich um die sich komplementär ergänzenden Prinzipien der Biomacht und der Disziplinarmacht. Während die Biomacht auf die „Regulierung der Bevölkerung“ abzielt, soll 85 Lemke 1997, S. 154f. 86 Vgl. Lemke 1997, S. 155. 87 Vgl. Lemke 1997, 155. 88 Lemke 1997, 155. 89 Vgl. Lemke/Krasmann/Bröckling 2000, S. 11. 30 die Disziplinarmacht eine „Disziplinierung des Individualkörpers“ bewirken.90 Es soll gezeigt werden, wie diese beiden Prinzipien sich gerade aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit ergänzen und durch ihr Ineinandergreifen die Regierung moderner Gesellschaften gewissermaßen „perfektionieren“. Anschließend werden drei Techniken vorgestellt, mit denen Biomacht und Disziplinarmacht in der Moderne vermittelt werden. 2.6.1. Die Biomacht Die Geburtsstunde der Biomacht und ihren Grund verortet Foucault im Aufkommen bürgerlicher Gesellschaften. Das Anliegen, Biomacht auszuüben, kann nach Opitz verstanden werden als die „Regulation der globalen und der ihr eigenen Gesamtprozesse des Lebens“.91 Die „Gesamtheit der Lebensäußerungen einer Bevölkerung“92 wurde im vorangegangenen Abschnitt bereits in den Aufgabenbereich der politischen Regierung gehoben. Den Extrempunkt dieser Machtform markiert das „Recht über Leben und Tod“93 der Untertanen, was im Gegensatz zu absolutistischer Herrschaft in der Moderne über eine produktive Verwaltung des Lebens der Individuen geschieht. Während im Feudalismus die Benutzung der Individuen für Herrschaftszwecke lediglich als „Abschöpfung“ stattfand, folgt moderne Herrschaft dem Prinzip der „Wertschöpfung“.94 „Das Lebende gilt es nun in einem Bereich von Wert und Nutzen zu organisieren, und es ist diese Verantwortung für das Leben, die der Macht Zugang zum individuellen Körper verschafft.“95 Die Biomacht nimmt die Gesundheit der Bevölkerung im Allgemeinen und deren Kennziffern wie Geburten- und Sterberaten, Lebensdauer und Krankheitsursachen im Besonderen in Augenschein und reflektiert dabei auf die jeweilig herrschenden politökonomischen Verhältnisse.96 Es ist somit die makropolitische Begutachtung der Gesundheitsmerkmale der Bevölkerung hinsichtlich des staatlichen Zwecks, den nationalen Reichtum zu mehren. Krankheiten werden aus Sicht der Biomacht als „permanente Faktoren des Entzugs von Kräften, der Verminderung von 90 Vgl. Lemke 1997, S. 34. 91 Opitz 2004, S. 36f. 92 Lemke 1997, S. 136. 93 Lemke 1997, S. 136. Lemke formuliert es sogar so, dass „im Gegensatz zur Souveränitätsmacht [eines feudalen Souveräns, D. W.], die sterben macht und leben lässt, lässt die neue Macht sterben und macht leben.“ (ebd.) 94 Lemke 1997, S. 135 Dazu Foucault: „Man erkennt folglich, daß die Beziehung der Macht zum Subjekt oder, besser, zum Individuum nicht einfach jene Form der Unterwerfung sein muß, die es der Macht erlaubt, vom Untertan irgendwelche Güter einzuziehen, Reichtümer, vielleicht auch seinen Körper und sein Blut, sondern daß die Macht über die Individuen in deren Eigenschaft als eine Art biologische Größe ausgeübt werden muß, die zu berücksichtigen ist, wenn man eben diese Bevölkerung als Produktionsmaschine benutzen will, um Reichtümer, Güter und andere Individuen zu produzieren.“ Foucault 1999, S. 184. 95 Opitz 2004, S. 36. 96 Vgl. Opitz 2004, S. 37. 31 Arbeitszeit und daher als ökonomische Kosten“97 behandelt. Die Gesundheit der Bevölkerung wird nach Maßgabe ihrer Funktion als „Wachstumsressource“ bewertet. Diese Betrachtungsweise der Bevölkerung in ihrer statistischen Erfassung setzte ein gewisses wissenschaftliches und empirisches Wissen voraus, das seit der Einrichtung bürgerlicher Wissenschaft laufend weiterentwickelt und neu ausgerichtet wurde. Hier wird schon ein unmittelbarer Bezug der Biomacht auf die funktionale Betrachtungsweise der Gesundheit deutlich, wie sie im Folgenden noch weiter auszuführen sein wird. Aber nicht nur die Gesundheit fällt in den Fokus der Biomacht. In dem Interesse der Biopolitik wird deutlich, dass dieser Gesichtspunkt auf weitere Lebensbereiche und der in ihnen enthaltenen Härten ausgedehnt wird. Diese Entwicklungstendenz wird in jüngster Zeit gerade auch im Verständnis der politischen Führung fortgeschrieben. Im Rahmen der neoliberalen Gouvernementalität signalisieren Selbstbestimmung, Verantwortung und Wahlfreiheit nicht die Grenze des Regierungshandelns, sondern sind selbst ein Instrument und Vehikel, um das Verhältnis der Subjekte zu sich selbst und zu anderen zu verändern.98 Eine Einschwörung auf diese Werte scheint sogar von politischer Seite forciert zu werden, wenn dadurch im Hinblick auf die erfolgreiche Bewältigung der internationalen Standortkonkurrenz der Sozialstaat entlastet werden kann. Dies setzt allerdings Individuen voraus, die sich bei gewissen Maßstäben wie „Flexibilität“, „Mobilität“ oder „Opferbereitschaft“ als „umsichtig“, „rational“ und „verantwortlich“ erweisen. „Warum sollte es nötig sein, individuelle Freiheiten und Gestaltungsspielräume einzuschränken, wenn sich politische Ziele wesentlich ‚ökonomischer’ mittels individueller ‚Selbstverwirklichung’ realisieren lassen?“99 Die Antwort auf diese rhetorische Frage ist in ihr bereits enthalten: „nötig“ wird es nur, wenn die Umsetzung politischer Ziel nicht mehr oder nicht mehr ausschließlich über gewährte Freiheiten erfolgen soll, weil die Regierung eine andere Einschätzung hinsichtlich der Frage, was „ökonomischer“ ist, getroffen hat. Die Propagierung von Verhaltensnormen dringt auf Aneignung; die Subjekte sollen sich das Anstreben der Norm zum Interesse, sogar zu ihrem Zweck machen.100 Es wird deutlich, dass hier ein abstraktes Prinzip beschrieben wird, das noch weiter ausgeführt werden muss, will man nicht nur die politische Regierung der Individuen erfassen, sondern auch deren Eigenleistungen. Die neoliberale Strategie besteht darin, die Verantwortung für gesellschaftliche Risiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Armut, etc. und das (Über-)Leben in Gesellschaft in den Zuständigkeitsbereich von kollektiven und individuellen Subjekten (Individuen, 97 Opitz 2004, S. 37. 98 Lemke/Krasmann/Bröckling 2000, S. 30. 99 Lemke/Krasmann/Bröckling 2000, S. 30; vgl. auch Burchell 2005. 100 Link 2013. 32 Familien, Vereine, etc.) zu übertragen und zu einem Problem der Selbstvorsorge zu transformieren.101 Damit ist der politischen Regierung einerseits ein Werkzeug im planerischen Umgang mit den gesellschaftlichen Ressourcen gegeben, wenn das Erbringen von sozialen Leistungen vermehrt den Individuen aufgetragen wird. Andererseits ist damit aber auch eine Deutungsweise gesellschaftlicher Arbeits-, Lebens- und auch Herrschaftsverhältnisse in die Welt gekommen, die ein vollkommen neues Licht auf eben diese Verhältnisse wirft: Mit der Betrachtung immer weiterer Phänomene unter dem Blickwinkel des Risikos findet eine Gleichsetzung völlig disparater Vorgänge statt, die sich nur noch in ihrer Größenordnung oder Quantität unterscheiden. Ihre gemeinsame Qualität besteht in ihrer Eigenschaft als Risiko, mit denen die Individuen einen berechnenden Umgang im Sinne der ihnen auferlegten Eigenverantwortung einnehmen sollen. „Berechnend“ ist hier wohlgemerkt nicht so gemeint, dass sich dagegen entschieden werden könnte. Vielmehr sollen die Individuen selber kalkulieren, welche Risiken sie wie minimieren können und welche sie sich, wenn überhaupt, noch leisten mögen. In der Übertragung der Leistung zur Abwendung von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Armut vom Staat an die risikosensibilisierten Bürger und Bürgerinnen, auf dass sie diese Leistungen eigenverantwortlich erbringen, tritt der Werkzeugcharakter offen zutage. Die neoliberale Regierung entlässt die Menschen aus staatlichen Sicherungssystemen und gewährt ihnen im Geiste des Risikomanagements Hilfe zur Selbsthilfe beim Umgang mit den beispielhaft genannten Widrigkeiten.102 Gleichzeitig erfahren alle diese existenziellen Lebenslagen eine Umdeutung: Wenn das Risiko einer Erkrankung nicht einfach eines ist, das auch auf Grundlage krankmachender gesellschaftlicher Faktoren wie ungesunder Lebensmittel oder Arbeitsbedingungen existiert, sondern zum Resultat des eigenen Handelns in diesen gesellschaftlichen Umständen definiert wird, dann wird der Grund in das Subjekt hineinverlegt.103 Die angesprochenen Risiken lassen sich vermeiden oder zumindest auf ein Minimalmaß reduzieren, wenn nur das richtige Risikobewusstsein bei den Individuen vorliegt und sie ihr Handeln entsprechend ausrichten. All die Unwägbarkeiten, mit denen die Menschen tagtäglich konfrontiert sind, erhalten so den Schein naturwüchsiger Sachzwänge, die Anpassung und Bewältigung selbstverständlich machen. Dadurch wird die Vorsorge gewissermaßen zur „Kardinaltugend“ erhoben – gleich der Gehorsamkeit im christlichen Pastorat – und die Versicherungsrationalität wird auch zu einer moralischen Technik gemacht.104 Wenn nur alle Vorsorge unternommen wird, auf alle Risiken geachtet und minimierend eingewirkt wird, dann – so dieses moderne Heilsversprechen – habe man den gewünschten Ausgang in der eigenen Hand. 101 Lemke 2000a, S. 38. 102 O’Malley 2005. 103 Greco 1993. 104 Vgl. Lemke 2000a, S. 38. 33 2.6.2. Die Disziplinarmacht „Die ‚Aufklärung’, welche die Freiheit entdeckt hat, hat auch die Disziplin erfunden.“105 In dieser pointierten Darstellung hält Foucault die scheinbare Selbstverständlichkeit bürgerlich-libertärer Gesellschaften fest, dass in ihr Freiheit und Zwang zusammengehen und ein unauflösliches Gegensatzpaar bilden. Foucault versteht unter Disziplin zunächst den Machtmechanismus, durch den es uns gelingt, im sozialen Körper auch die winzigsten Elemente zu kontrollieren, durch die es uns gelingt, auch die sozialen Atome selbst zu erreichen, das heißt die Individuen: Individualisierungstechniken der Macht. Wie jemanden überwachen, sein Verhalten kontrollieren, sein Betragen, seine Anlagen, wie seine Leistung steigern, seine Fähigkeiten vervielfältigen, ihn dorthin stellen, wo er nützlicher ist. Das ist, meiner Meinung nach, die Disziplin.106 Foucault bestimmt die Disziplin sehr allgemein als eine Technik, mit der sich die Menschen interessegeleitet wechselseitig kontrollieren und so einen Teil ihres Miteinanders organisieren. Das Allgemeinsubjekt (im Sinne des Handelnden) „Wir“ verwischt dabei die Akteure praktizierter Disziplinierung, wie sie noch im vorangegangenen Punkt der Biomacht und des christlichen Pastorats angesprochen waren. Foucault bestimmt Disziplin hier als jedem Subjekt gleichermaßen zugängliches und nützliches Mittel zur Kontrolle anderer. Es soll nicht bestritten werden, dass sich auch Privatpersonen untereinander disziplinieren können und dies auch teilweise müssen. Sie disziplinieren sich auch selbst, wenn es ihnen darum geht, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, für das Aufwand betrieben werden muss und Muße allein nicht hinreicht. In diesem Sinne könnte es durchaus als „Technik des Selbst“ verstanden werden. In dem Zitat wird jedoch nicht herausgestellt, dass ein Kontrollbedürfnis nur da auftauchen kann, wo sich zwei Willen gegensätzlich gegenüberstehen, sodass der eine Wille versucht den anderen zu seinen Gunsten zu beugen. Im vorangegangenen Abschnitt zur Biomacht wurde noch einmal deutlich, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft insbesondere durch die umfassende Inanspruchnahme der Bevölkerung als Wachstumsressource ein solcher Gegensatz (zwischen Regierten und politischer Regierung) besteht. Da der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit die Versubjektivierung gesellschaftlicher Imperative ist, halte ich es für den Fortgang meiner Argumentation für zielführend, den Begriff Disziplinarmacht durch normative Disziplinierung zu ersetzen, um auf diese Weise kenntlich zu machen, dass es sich hierbei um verschiedene Formen von Disziplinierung handelt. Disziplin kommt hier nicht als universelle Eigenschaft von Sozietät in Betracht, sondern als Modus der Vermittlung gesellschaftlicher Imperative, von denen die Betrachtung der Bevölkerung als nationale Wachstumsressource nur eine unter vielen ist, wenn auch eine maßgebliche. In der die meisten Lebenslagen durchziehenden Forderung nach Nor- 105 Foucault 1994, S. 285. 106 Foucault 1999, S. 182. 34 mentsprechung haben die unterworfenen Subjekte auf breiter Front von ihren Privatinteressen zu abstrahieren und ihre Bedürfnisse an diesen Imperativen zu relativieren. Dies funktioniert nicht ohne ein gewisses Maß an Zwang. Diese Abstraktion von den Privatinteressen praktiziert die politische Führung, indem sie die Bevölkerung ihrem Interesse unterwirft und die Regierten dem prüfenden Blick der Biomacht unterzieht. Anders als die Feudalherrschaft gründet sich die bürgerliche Herrschaft nicht in erster Linie auf den unmittelbaren Zwang, sondern auf ein Willensverhältnis mit ihren Untertanen. Da die Widersprüche, die sich zwischen Privatinteressen und den Interessen der politischen Herrschaft ergeben, auch mit der Einwilligung der Unterworfenen in die Herrschaft nicht aus der Welt sind, muss dieses Verhältnis beständig erneuert werden. Die Disziplinarmacht der Regierung kann daher so verstanden werden, dass sie auf Betreuung dieses Willensverhältnis zwischen politischer Herrschaft und unterworfener Individuen abzielt und versucht, es produktiv zu machen. Denn „das ist ja gerade die Eleganz der Disziplin, daß sie auf ein so kostspieliges und gewaltsames Verhältnis verzichtet, und dabei mindestens ebenso beachtliche Nützlichkeitseffekte erzielt“.107 Die staatliche Disziplinierung bleibt deshalb nicht auf die Institutionen des Strafvollzugs beschränkt, wie es Foucault beispielhaft am Gefängnis versucht hat herauszuarbeiten.108 Sie reicht in all die Lebensbereiche hinein, die dem Blick der Biomacht unterworfen sind. Die Disziplinierung ist also ebenso umfangreich, wie Angelegenheiten des gesellschaftlichen Lebens vielfältig sind, die in den Bereich staatlicher Verantwortung fallen. Wie wird die Disziplin nun vermittelt? Einerseits durch unmittelbaren Zwang, wie dies im Strafvollzug und anderen „totalen Institutionen“109 nach wie vor der Fall ist.110 Andererseits stellt dies wie besprochen nicht das alleinige oder bestimmende Moment moderner Herrschaftsabsicherung dar. Opitz schreibt in diesem Zusammenhang insbesondere dem in Diskursen hergestellten und durch sie verbreitete Macht/Wissen eine bedeutende Rolle zu. Disziplinierung vollzieht sich hier über die Propagierung von Normen. Wenn also disziplinarische Prinzipien in zahlreiche, aber bestimmte Lebensbereiche hineinreichen sollen, so zielt dies auf die Generierung einer Normvorstellung ab, die die Subjekte gewillt sein sollen zu übernehmen.111 Disziplin unterstellt dabei eine Norm des Verhaltens, die sich über das gesamte Sein erstreckt. Nun könnte der Einwand erhoben werden, dass „niemand der Norm jemals vollständig gerecht“112 werde, oder gar werden kann, somit das Einfordern einer Norm 107 Foucault 1994, S. 176. 108 Das Gefängnis ist für Foucault ein Ort, an dem Disziplinartechniken in beispielhafter Form für die gesamte Gesellschaft studiert werden können. Vgl. Opitz 2004, S. 32. 109 Goffman 1973, S. 11. 110 Bereits die Präsenz strafrechtlicher Verfolgung aller durch den Staat festgelegten Vergehen und die dadurch angedrohte Ruinierung der eigenen bürgerlichen Existenz bei Missachtung der Gesetze, üben disziplinierende Wirkung bei den Regierten aus. 111 Vgl. Opitz 2004, S. 51f. 112 Opitz 2004, S. 52. 35 ein unsinniges Unterfangen darstelle. Hierauf sei geantwortet, dass in der – vielleicht auch nur vermeintlichen – Unerreichbarkeit gerade eine gewisse Produktivkraft steckt. Die besteht darin, dass sie die Individuen kontinuierlich dazu anhält, jene Normen zu erfüllen und deren Einhaltung und Entsprechung mit den eigenen Wertvorstellungen selbständig zu prüfen. Die Disziplinartechnologie unterscheidet sich also von der Biomacht hinsichtlich der zum Einsatz gebrachten Mittel. Statt globaler Regulierung und Kontrolle geht es hier vielmehr um die Tugenden und Verhaltensweisen, die in Imperativen einfordert werden. Wie bei der Technik der Pastoralmacht haben die „subtilen Maßnahmen von scheinbarer Unschuld“113 eine Zwangslage als Grundlage. Wer es in der modernen Welt an „Initiative, Anpassungsfähigkeit, Dynamik, Mobilität und Flexibilität fehlen lässt, zeigt objektiv seine oder ihre Unfähigkeit, ein freies und rationales Subjekt zu sein“.114 So folgt die moderne Gesellschaft nicht mehr dem Imperativ des „Seelenheils“, aber auf ähnlichem Wege anderen abstrakten Gütern wie „Gesundheit, Wohlfahrt, Sicherheit und ‚Versicherung’ (Schutz gegen Unfälle)“.115 Das Ziel der Disziplinarmaßnahmen lässt sich abschließend mit Foucault zusammenfassen als die „Schaffung eines Verhältnisses, das in einem einzigen Mechanismus den Körper umso gefügiger macht, je nützlicher er ist, und umgekehrt“.116 Die politische Regierung bedient sich vom Standpunkt der Biomacht der „disziplinartechnologischen Sicherheitsdispositive“, um ihre Zwecke in der Bevölkerung durchzusetzen.117 Es kann also gesagt werden, dass gerade, weil Disziplin für die Menschen im Kapitalismus eine – wenn auch aufgenötigte – „Technik des Selbst“ im Sinne eines mehr oder weniger geeigneten Mittels des praktischen Zurechtkommens darstellt, sich ihrer auch seitens der Herrschaft instrumentell bedient wird. Die Diskurse, in denen dieses Macht-Wissen seitens der politischen Regierung fortwährend propagiert wird, sollen gerade durch ihre fortwährende Propagierung ihre „normalisierende Funktion“ disziplinarischer Prinzipien entfalten. Oder um es vom gewünschten Ergebnis her mit den Worten von Bröckling und Krasmann auszudrücken: „Was die Individuen wollen und was sie sollen, soll tendenziell zusammenfallen. Das aktive, selbstbestimmte Subjekt ist vom sozialisierten Gesellschaftsmitglied schwerlich zu unterscheiden.“118 113 Foucault 1994, S. 178. 114 Lemke/Krasmann/Bröckling 2000, S. 38. Die neoliberale Strategie zielt Lemke zufolge auf die „Konstruktion verantwortlicher Subjekte, deren moralische Qualität sich darüber bestimmt, dass sie die Kosten und Nutzen eines bestimmten Handelns in Abgrenzung zu möglichen Handlungsalternativen rational kalkulieren.“ Lemke 2000a, S. 38. Daraus kann durchaus der Schluss gezogen werden, dass, wer auf diese Weise „bestätigt“, dass er oder sie dieser freien und nach herrschenden Maßstäben „rationalen“ Lebensführung nicht fähig ist, ihrer auch nicht würdig ist und sich über mehr Führung nicht beschweren darf. Wie sehr dies der Sichtweise politischer Regierung entspricht, soll im fünften und sechsten Kapitel noch explizit ausgeführt werden. 115 Frankenberger 2007, S. 178. 116 Foucault 1994, S. 176. 117 Vgl. Foucault 2000a, S. 64f; Opitz 2004, S. 38. 118 Bröckling/Krasmann 2010, S. 31. 36 2.6.3. Das „Unternehmerisches Selbst“ Als eine Verlaufsform moderner Disziplinierung bestimmt Opitz die „Gouvernementalität des postfordistischen Unternehmens“. Er beschreibt an diesem Beispiel, wie Disziplinierung als Anpassungsleistung gerade in heutigen Unternehmen von den Arbeitenden erbracht werden muss. Es wird sich von Unternehmensseite auf das freie und engagierte Einbringen der Arbeiter für das Voranbringen des Betriebes konzentriert, wobei offener Zwang regelrecht kontraproduktiv ist. Vielmehr wird die Kontrolle darüber hergestellt, indem man dem Angestellten das Gefühl zu vermittelt, dass er „selbst für das Unternehmen verantwortlich wäre. Das Ziel der Führung ist es, Hierarchie im Arbeitsvollzug bedeutungslos erscheinen zu lassen.“119 Mit diesem „simulierten Unternehmertum“ geht ein „Imperativ der individuellen Verantwortlichkeiten“ einher, der gleichzeitig bedeutet, dass die Verantwortung für ein „Des-Investment“120 vom Einzelnen selbst zu tragen ist. Damit ist gemeint, dass sich jemand, bei dem sich trotz seiner Bemühungen im Betrieb, Arbeitsplatzverschlechterung oder gar Arbeitsplatzverlust eingestellt haben, neben der materiellen Schlechterstellung auch die Schuld für den individuellen Misserfolg anrechnen soll. Die Figur des „unternehmerischen Selbst“ ist aber keine, die nur auf die Arbeitswelt begrenzt ist, weil das einzelne Subjekt „auch in allen anderen Lebensbereichen ein unternehmerisches Verhältnis zu seiner gesamten Existenz etablieren soll“.121 Erst in dieser Verallgemeinerung über alle Lebensbereich hinweg entfaltet der Begriff seinen ganzen Bedeutungsgehalt, da sich das Selbst nicht nur auf seine ökonomische Funktion reduzieren lässt. Der Betrachtung dieser „Kolonisation“ der Individuen durch die Anrufung als Entrepreneur, als Manager seiner Selbst widmet Ulrich Bröckling seine Habilitationsschrift und untersucht in ihr die Energien, die auf diese Weise freigesetzt und über welche Verfahren sie erreicht werden sollen. Das unternehmerische Selbst hat weder Namen noch Anschrift. Ein Exemplar dieser Spezies wird man weder in den Büros von Start-up-Firmen noch sonst irgendwo finden. Ebenso wenig handelt es sich bei ihm um das, was in der empirischen Sozialforschung Modalpersönlichkeit genannt wird, das statistische Konstrukt eines Otto-Normal-Subjekts, das die in einer Gesellschaft am häufigsten vorkommenden Persönlichkeitsmerkmal in sich vereint. Es ist auch nicht der allerneueste Sozialisationstyp, der sich etwa aus Interviewstudien oder psychoanalytischen Fallstudien destillieren ließe; weder eine Charaktermaske im Sinne marxistischer Ideologiekritik, noch ein Rollenskript im Sinne der interaktionistischen Soziologie. Das unternehmerische Selbst bezeichnet überhaupt keine empirisch beobachtbare Entität, sondern die Weise, in der Individuen adressiert werden, und zugleich die Richtung, in der sie verändert werden und sich verändern sollen.122 119 Opitz 2004, S. 120; Hervorhebung im Original. 120 Opitz 2004, S. 122f. 121 Opitz 2004, S. 12. 122 Bröckling 2007, S. 46. 37 Insofern kann man die vorangegangenen Ausführungen von Opitz als ein Beispiel dafür begreifen, wie ein gesellschaftlich gültiges Prinzip in einem gesellschaftlichen Teilbereich Anwendung findet. „Der Einzelne agiert in der Form eines Unternehmers seiner Selbst in allen Lebenslagen, der sein eigenes Humankapital möglichst gewinnbringend verwalten muss.“123 Aus der Perspektive des Humankapitals ist eine ökonomische Betrachtung seiner Selbst niemals abgeschlossen. Kapital muss beständig bewahrt und geschützt, eingesetzt und vermehrt werden, eine absolute Obergrenze gibt es nicht. Bröckling bezeichnet daher das unternehmerische Selbst als eine „Realfiktion“ und als ein „höchst wirkmächtiges Als-ob, das einen Prozess kontinuierlicher Modifikation und Selbstmodifikation in Gang setzt und in Gang hält“.124 Es ist damit nie Endpunkt einer realen Entwicklung eines Menschen, der sich beständig in diesem Sinne selbst modifiziert. Es ist beständige Aufgabe, mithin ein Dauerprogramm, dem sich die Individuen zu verschreiben haben. Real ist dieser Imperativ in seiner Wirkmächtigkeit, der die Individuen ausgesetzt sind, denn er geht dabei um nicht weniger als die Verhandlung der Anschlussfähigkeit ihrer Anliegen überhaupt. Bei Nicht-Erfüllung droht damit soziale Exklusion, sodass die Angst, „aus der gesellschaftlichen Ordnung herauszufallen“, als bleibendes und sogar treibendes Moment immer mitenthalten ist.125 Die Fiktion dieses Imperativs liegt in seinem mittransportierten Bedeutungsgehalt, nämlich im eigenen Tun alle Mittel und Voraussetzungen für die Erfüllung der von außen gesetzten Maßstäbe zu verfügen oder zumindest prinzipiell verfügen zu können. Es ist das Versprechen der eigenen Wirkmächtigkeit, getrennt von den bestimmten normativen Forderungen, die an die Subjekte gestellt werden.126 Man könnte argumentieren, dass wenn Angst dabei aber ein maßgebliches Movens ist, sich dieser Schein dann lüften müsste, denn sie widerspricht in gewisser Weise der Behauptung hinsichtlich der eigenen Wirkmächtigkeit in Bezug auf die gesellschaftliche Teilhabe. Angst tritt dann und dort auf, wenn die Teilhabe beständig zur Disposition gestellt ist, und zwar von Vorgängen außerhalb des eigenen Tuns. Doch man würde einen starken Aspekt der Wirkmächtigkeit der Anrufung in dieser Betrachtungsweise verpassen. Die Anrufung hat das Scheitern längst mit einbezogen, lässt sich davon also nicht „blamieren“. Wenn nämlich in der Konstruktion des unternehmerischen Selbst die Gleichung von gelingender Selbstmodifikation und Teilhabe gilt, dann gilt in ihr immer auch die Umkehrformel, dass das Scheitern in einem Zu-wenig-Wollen, Zu-wenig-Bemühen, Zu-wenig-Tun etc. liegt. Daher ist die Forderung nach Opferbereitschaft notwendige Begleitstimme im Kanon der Selbstmodifikation und Selbstoptimierung, sowohl bei bereits erreichten 123 Opitz 2004, S. 59. So stehen Arbeit und Freizeit in einem unmittelbaren Ergänzungsverhältnis. „Die Arbeit muss ebenso ‚frei’ gestaltbar sein wie die Freizeit ‚ökonomisch’ eingesetzt werden soll. ‚Selbstbestimmung’ ist eine zentrale ökonomische Ressource und ein Produktionsfaktor.“ Vgl. Lemke 2000a, S. 40. 124 Bröckling 2007, S. 46. 125 Bröckling 2007, S. 47. 126 Vgl. Rose 2005. 38 Erfolgen an gesellschaftlicher Teilhabe, erst recht aber im Falle sich einstellender Misserfolge. Nie dürfen Schwierigkeiten und Mühsal Hinderungsgründe darstellen. Weil dies jedoch beständig dazugehört, fordert die Anrufung zur Opferbereitschaft eine Umstellung hinsichtlich des Denkens „in Resultaten anstatt in Aufwänden und Anstrengungen“, weil dies eine der „wichtigsten Voraussetzungen der Effektivität der Leistungserstellung“127 ist, wie die beiden Wirtschaftswissenschaftler Martin Pfiffner und Peter Stadelmann in ihrer Arbeit zur Erörterung dieser als „Managementproblem“ konstruierten Anrufung aus der Sicht der instrumentellen Benutzung bekennend zugeben. Die beiden Autoren zeigen, dass sich die Opferbereitschaft der Arbeitenden in modernen Betrieben auf den Verzicht von Teilen des Arbeitslohns oder der Verkürzung der Freizeit durch Mehrarbeit bezieht. Einhergehend stellt sich auch die Form der Entlohnung um, die sich tendenziell weniger in ihrer harten Geldform äußert, sondern vielmehr in einer „immateriellen Belohnung“ besteht.128 Die Einwilligung in diese Form der „Entlohnung“ ist ein stabilisierendes Moment dieses Verhältnisses und macht es zu einer Produktivkraft für das Unternehmen. Im Tausch gegen Lohnkosten wird den Arbeitenden so Teilhabe suggeriert bzw. in beschnittener materieller Form überhaupt nur weiterhin ermöglicht. Was hier am Beispiel einer ökonomischen Rolle ausgeführt wurde, kann mit Bröckling aber auch für die Lebensführung generell beschrieben werden. In der Figur des unternehmerischen Selbst verdichten sich sowohl normatives Menschenbild wie eine Vielzahl gegenwärtiger Selbst- und Sozialtechnologien, deren gemeinsamen Fluchtpunkt die Ausrichtung der gesamten Lebensführung am Verhaltensmodell der Entrepreneurship bildet.129 Auch in der Welt außerhalb der ökonomischen Sphäre des Unternehmens gibt es materielle und immaterielle Entlohnungsformen der gesellschaftlichen Teilhabe. Beide Formen können sich auch hier wechselseitig durchdringen und ergänzen wie auch einander ersetzen. Den Menschen im modernen Kapitalismus wird ein berechnender Umgang mit den eingerichteten (Sach-)Zwängen und Normen also einerseits unmittelbar abverlangt. Um ihren Interessen und Zielen nachgehen zu können, sollen sie sich „unternehmerisch“ zurechtmachen, nicht nur, um ein Einkommen zu erzielen, sondern auch, um weitergehende Formen der Teilhabe wie Anerkennung, Bildung und persönliche Entfaltung zu verwirklichen. Andererseits wird an sie appelliert, diese praktische Stellung zu der sie umgebenen Lebenswelt als Lebensform zu übernehmen. „Der Unternehmer wird so zum Leitbild zeitgenössischer Subjektivität.“130 Dieser Appell, der 127 Pfiffner/Stadelmann 1995, S. 302. 128 Als Indikator für die Einwilligung in diese Form der Entlohnung durch die Arbeitenden verweist Opitz auf das zu beobachtende Phänomen des „under reporting“, bei dem Angestellte „ihrem“ Unternehmen nicht die ganze Arbeitszeit in Rechnung stellen, die sie real erbracht haben. Vgl. Opitz 2004, S. 126. 129 Bröckling 2007, S. 47. 130 Bröckling 2004b, S. 271. 39 sich dem vorzufindenden Wunsch der Menschen bedient, Herr ihrer Lage zu sein und autonome Entscheidungen treffen zu können, gibt diesem nur eine bestimmte Richtung: Sie können und dürfen sich nur im Rahmen des herrschenden Narrativs als Subjekte betätigen und Selbstverwirklichung anstreben. Es ist ersichtlich, dass dies nicht nur zu Enttäuschungen seitens der Angerufenen führt, die das Ideal der Verwirklichung des persönlichen Erfolges (nicht nur in ökonomischer Hinsicht) auf Grundlage ihres Tuns beständig als leeres Versprechen erfahren. Sighard Neckel fasst diese Konsequenz für die Individuen in seinem Beitrag im „Glossar der Gegenwart“ zum Schlagwort „Erfolg“ treffend zusammen, wenn er schreibt: „In der Semantik des Erfolgs konstituiert sich das Subjekt als Souverän […]. Freilich wird damit auch das Problem in die Welt gebracht, gesellschaftliche Kontingenzen und das Unverfügbare am eigenen Schicksal in das rationale Schema zielverwirklichenden Handelns hineinzwängen zu müssen.“131 Opitz gelangt daher zu dem Schluss, dass eine solche verinnerlichte Kultur des Selbst „das unternehmerisch handelnde Individuum als Naturgegebenheit (präsentiert): der Mensch an sich kann sein Schicksal autonom gestalten und der Wille zur Leistung in Konkurrenzsituationen wurzelt ebenso in ihm wie das Vermögen zur rationalen Wahl.“132 Konkurrenz wird demnach zum notwendigen und adäquaten Ausdruck der Menschennatur erklärt. Dadurch verklärt man das Bewähren oder Scheitern in der Konkurrenz und die Erfüllung geforderter Werte zu einem Resultat jeweiliger Natureigenschaften.133 Es sei an dieser Stelle auch angedeutet, wenn auch noch nicht ausgeführt, dass dies eine „Arbeit eigener Art“ darstellt, der Normativität nachzueilen, an sich zu versuchen, die Bedingungen des Erfolgs herzustellen, diese mehr oder weniger planmä- ßig oder „geschickt“ einzusetzen, ihre Enttäuschung zu erfahren und diesen Prozess wieder in das Selbst- wie auch in das Wertebild zu integrieren. 131 Neckel 2004, S. 63. 132 Opitz 2004, S. 176. 133 Neckel 2004, S. 68. 40 2.6.4. Kultur als Führungstechnik und die Kultur des Selbst Der Gedanke, Kultur als Führungstechnik zu untersuchen, ist Sven Opitz’ Arbeit zur Gouvernementalität des postfordistischen Unternehmens entlehnt. In seiner Analyse wird der Begriff der Kultur vorwiegend in zweierlei Hinsicht gebraucht: Einerseits soll damit die Inszenierung von Waren zu „Spektakeln“ beschrieben werden, bei der den Waren immaterielle Gebrauchseigenschaften zugeschrieben werden, um so Kunden auf das in Szene gesetzte Produkt zu ziehen. Andererseits geht es ihm um die Eigenschaften von Kultur als bestimmte Unternehmenskultur, um mit ihr die Arbeitskräfte ideell an das Unternehmen zu binden und ihr Engagement zu mobilisieren.134 Sowohl als Produzent, wie auch als Konsument ist das moderne Subjekt „Konsument von Illusionen“ innerhalb einer „Ordnung des sinnlichen Scheins“.135 Es sind Konsumenten verklärter Wirklichkeiten, sei es in dem Sinnbild der „Familie“, als das sich Unternehmen gerne präsentieren und dafür eine entsprechende corporate identity entwerfen, oder in modernen Produkten, die sich als Ausdruck der Freiheit oder einer besonderen Individualität verkaufen. Auch wenn Opitz‘ Ausführungen auf betriebliche Führungstechniken zunächst begrenzt sind, sind sie im höchsten Maße anschlussfähig für kritische Analysen gegenwärtig geforderter Identitätsentwürfe, die weitere Lebensbereiche einbeziehen. Ich möchte nun versuchen, mit dem Begriff der Kultur Tendenzen der Vertiefung von Subjekteigenschaften nach Maßgabe geltender Normierungsmaßstäbe zu verdeutlichen. „Vertiefen“ ist an dieser Stelle wörtlich zu nehmen, denn es geht mir um die Betrachtung der Verinnerlichung von Techniken zur Selbstführung, wie sie schon in der Anrufung des unternehmerischen Selbst aufgezeigt wurden, und gleichzeitig auch ihrer Erweiterung auf (im Prinzip) alle Bereiche des menschlichen Lebens. Zwar ist auch die Vereinnahmung lebensweltlicher Bereiche im Vorangegangen schon thematisiert worden, doch findet in der Führungstechnik der Kultur eine Umkehrung von Adressat und Adressierender statt, was es im Folgenden zu zeigen gilt. Schon mit der angesprochenen Rolle des Konsumenten weist Opitz auf den Wirkungskreis der Kultur über ihre Bedeutung im Unternehmenskontext hin, indem den angebotenen Produkten eine bestimmte Sinnstiftung mitgegeben wird, welche sich an ein vorliegendes Bedürfnis richtet oder dieses auch erst schafft. „Der Einzelne muss sich in seiner Unverwechselbarkeit mit Hilfe ästhetischer Lebensstiloptionen, die hauptsächlich konsumistisch umgesetzt werden, inszenieren.“136 Wie und womit sich inszeniert werden kann, ist dabei nicht immer klar vorgegeben, auch wenn es kaum ein in der Werbeindustrie angebotenes Produkt ohne deutlich gezeichnete Rollen der verkörperten selbstvergessenen Ausgelassenheit, des sorglosen Familienglücks oder des erfolgsgarantierenden Draufgängertums mehr zu geben scheint. Bereits in der oberflächlichen Betrachtung des Phänomens moderner Marketinganrufung wird eine vom Unternehmen intendierte Verallgemeinerung des 134 Vgl. Opitz 2004, S. 175. 135 Opitz 2004, S. 170. 136 Opitz 2004, S. 99. 41 „Spektakels“ durch seine Ausdehnung auf die Individuen als Ganzes bereits ersichtlich. Doch diese Inszenierung findet nicht bloß als eine Art inneren Happenings statt, bei dem das Individuum im stillen Genuss mit sich selbst ruht. Diese Inszenierung drängt nach draußen vor ein Publikum und braucht dafür eine Bühne. Neckel sieht in der Zunahme solcher Selbstdarstellungen einerseits ein Bestreben der Menschen nach Erfolg in seiner materiellen wie immateriellen Form. Andererseits, und dies ist die noch bedeutendere Seite, nach der gelingenden Darstellung der eigenen Erfolgstüchtigkeit. Nicht die Darstellung eines erzielten, von allen geachteten Ergebnisses ist das treibende Moment, sondern die Hervorhebung der Person, die dieses zu erreichen imstande war.137 Dabei kann die Geltung eines Menschen als Erfolgsmenschen nicht nur das eigene Selbstbild bestätigen, sondern bereits unmittelbar einträgliche Wirkungen haben. Diese Darstellung ist also ohne ihre gesellschaftliche Einbettung gar nicht zu denken. Sport, Bildungswesen, Wirtschaft und berufliche Karriere sind die klassischen Arenen der Erfolgskonkurrenz, denen sich die persönliche Lebensführung in dem Maße hinzugesellt, wie sich auch Körper- und Persönlichkeitsbilder, Beziehungsformen und Kulturstile zu Schauplätzen von Wettbewerben machen.138 In der gleichen zweideutigen Metapher des Körpers als Austragungsort des sportlichen Wettstreites wie auch des Kampfes auf Leben und Tod kennzeichnet die Politikwissenschaftlerin Eva Kreisky die Tendenzen der gesellschaftlichen Entwicklung. „Der ‚neue Kapitalismus’ hat auch den Körper zu einer Arena sozialer und ökonomischer Kämpfe erkoren.“139 Danach ist es vor allem „der schöne, schlanke oder ideale Körper als symbolisches Kapital, das beruflichen und privaten Erfolg und damit soziale Anerkennung zu garantieren (oder eben auch vorzuenthalten) vermag.“140 Die Ausdehnung auf das Private als einem weiteren Feld der Konkurrenz erfasst nicht einfach zusätzliche lebensweltliche Bereiche, sondern mithin das Intimste des Menschen: den Körper.141 Der eigene Körper fungiert hier als Mittel der Selbstinszenierung zum Zwecke der Anerkennungssuche und muss entsprechend gesellschaftlich gültiger Maßstäbe, wie bestimmter Schönheitsideale, durchgesetzter sogenannter „Idealfiguren“, sich wechselnder modischer Trends oder aber auch als Insignie disziplinierter Akkuratesse zurechtgemacht werden. Dabei ist Anerkennung nicht bloß im Bereich des Immateriellen zu verorten, sondern kann auch materielle und existenzielle Ausschließungsfolgen bedeuten. Dies gilt von der Sphäre der Ökonomie und der Politik bis hin zu lebensweltlichen Bereichen, sodass die Konkurrenz um soziale An- 137 Neckel 2004, S. 68. 138 Neckel, S. 65. 139 Kreisky 2008, S. 148. 140 Kreisky 2008, S. 148. 141 Womit nicht gesagt sein soll, dass Anerkennung nicht auch materielle Vorteile ermöglichen kann. 42 erkennung sich ebenfalls zu einem allseitigen Sachzwang entwickelt, der zu den ökonomischen hinzutritt, wie sie im Kapitel zur Gouvernementalität besprochen wurden. Die Autonomie über den eigenen Körper praktiziert sich nach Kreisky dann in einer Emanzipation von allem, was als Mangel gilt. Dieser neue Kampf wird hauptsächlich über die Sphäre des Konsums geführt und der Körper mit einer zweiten Hülle versehen, die gesamtgesellschaftlich oder auch nur milieubezogen, Gültigkeit besitzt. Der Sozialwissenschaftler Aldo Legnaro folgert daraus für die sich so praktizierende Individualität: „Freiheit heißt dann nicht, sich die Performanz des eigenen Selbst beliebig aussuchen zu können, sondern gemäß den Regeln der Darstellung das optimale Selbst zu generieren.“142 Die positiven, gefragten oder geforderten Eigenschaften sollen von den Individuen verkörpert werden. Der Körper als Artefakt wird so zur Projektionsfläche der inneren Einstellung. Das Innere, mithin das Intimste einer Person, soll sich an ihrem Äußeren ausdrücken und dadurch ihre Eigenschaften darstellen. Es soll dabei nicht nur die eigene Andersartigkeit, also die selbstverständlichste Eigenschaft eines Individuums als Individuum, dargestellt, sondern auch bzw. vor allem die eigene Güte in der Andersartigkeit hervorgehoben werden. „Leistung allein und für sich genügt keinesfalls (gelegentlich spielt sie sogar überhaupt keine Rolle), sie muss auch darstellbar gemacht und dargestellt werden.“143 Doch in der Konkurrenz um die Darstellung der eigenen Besonderheit, die die Erfolgsfähigkeit einschließt, gefährdet der Modus der Darstellung gleichzeitig das, was er leisten soll. So attestiert Neckel diesem Streben eine gewisse Widersprüchlichkeit, denn „[…] wenn alle in ihrer Besonderheit auffallen wollen, fällt niemand besonders mehr auf, weil sich im individuellen Erfolgsstreben dann nur die Ähnlichkeit mit anderen zeigt.“144 Das Streben schließt also sein Scheitern mit ein. Doch auch hier erlaubt der Imperativ die Deutung, das Scheitern als Folge einer Unterlassung zu sehen, was die Notwendigkeit des Scheiterns tilgt. Das Neue, was mit der Kultur als Führungstechnik herausgearbeitet werden sollte, ist nicht die Übertragung von Tugenden des ökonomischen Handelns nach der Ausprägung des disziplinierten Unternehmers seiner Selbst auf die verschiedenen Lebenswelten eines Menschen, die es mit dem unternehmerischen Selbst gemein hat. Auch nicht, dass jeder Konkurrenzerfolg oder Konkurrenzmisserfolg in seiner gesellschaftlichen Deutung ein Wertungsurteil über die dem Subjekt innewohnende Wesensart sein kann. Das Neue ist, dass das Angebot, das diese Sphäre der Konkurrenz den Subjekten mit Drang zur Darstellung ihrer Individualität macht, in dem Schein liegt, selber die Maßstab setzenden und über Erfolg und Misserfolg verfügenden Subjekte zu sein, wie in der Figur des Souveräns. Der Schein suggeriert ihnen also, was sie einerseits sind, doch niemals in dem Maße sein können, wie es der Schein ihnen suggeriert: Sie setzen einerseits die Maßstäbe mit und sind doch gleich immer auch 142 Legnaro 2004, S. 205. 143 Legnaro 2004, S. 207. 144 Neckel 2004, S. 68. 43 den Maßstäben der anderen unterworfen. Sie sind zugleich angerufenes Subjekt und Subjekt der Anrufung.145 Ihr gesellschaftliches Tun tritt ihnen als gesellschaftlicher Sachzwang gegenüber. Wenn eingangs also von Vertiefung gesprochen wurde, so sollte damit die Kondensierung der Normen in das Wesen eines Individuums angedeutet werden, nämlich die Werdung des Menschen als Verkörperung gesellschaftlich geltender Gütekriterien, und zwar als dessen eigener Antrieb, aus einem eigenen Weiß-wofür und nicht einer äußerlich gestellten Anforderung an ihn. In seiner Individualität und seinem Reich der freien Entfaltung kann das Subjekt Arenen betreten und verlassen, neue aufbauen oder alte abreißen, seine Prioritäten verschieben oder sie wechselweise ersetzen. Nicht alle Arenen lassen dies mit sich machen – will man von ihnen mal als Wesenheiten sprechen – und nicht alle Arenen stehen jedem Individuum offen. Im Prinzip kann aber jedes Subjekt diese Stellung zu diesen Arenen einnehmen. Unabhängig davon, was nun diese einzelnen Arenen sind und welche Erfolgskriterien des Handelns oder Gütesiegel bestimmter Wesensart in ihnen gesellschaftliche Gültigkeit erlangt haben, kann mit Judith Butler gesprochen werden, dass es sich um soziale Konstruktionen handelt, deren Produktionsprozesse verschleiert sind. Folgt man Butler, so kann die Frage nach der Herstellung von Identität und ihrer Repräsentation von einer strukturierenden Matrix beantwortet werden. Hierbei ist der Körper jedoch keinesfalls nur Schauplatz kultureller Einschreibungen,146 stattdessen erhalten die Konstruktionen ihre Stabilität, objektive Glaubwürdigkeit und allgemeinen verbindlichen Charakter gerade durch das ständige Zitieren. Verallgemeinert man, was Butler für Geschlechtsidentitäten entfaltet hat, so materialisieren sich soziale Konstruktionen dabei durch ausgeschlossene Identifizierungen und Vereinheitlichungen, die als naturgegeben erscheinen.147 Die Gewaltförmigkeit der Identitätsbildung, auf die Butler in Bezug auf sexuelle und geschlechtliche Identität hingewiesen hat, könnte insofern ebenso für das Negativbild der Krankheit wirkmächtig sein. Entsprechend wäre Gesundheit, und damit Funktionsfähigkeit, die zwangsweise zitierte Norm, die niemals erreicht werden kann, durch deren Zitierung man jedoch beweist, dass man lebensfähig ist.148 145 Siehe hierzu ausführlich Bröckling 2007, S. 27ff. 146 Butler 1991, S. 190ff. 147 Butler 1995, S. 293-322. 148 Butler 1995, S. 305. 44 2.6.5. Das Empowerment Während also in der Kultur gerade Gleichzeitigkeit von Objektrolle und Subjektrolle im Individuum hervorgehoben werden sollte, liegt dem gängigen Verständnis des Empowerment-Begriffs eine gewisse Eindimensionalität oder einfache Wirkungsrichtung zu Grunde. Als eine Technik bezieht sich der Empowerment-Ansatz als durchaus systemimmanente Bewältigungsstrategie auf ein Enttäuschungsproblem in der Gesellschaft; diese Strategie hat jedoch einen recht wechselhaften Verlauf genommen. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Barbara Cruikshank stellt in ihrem Buch „The will to empower“ dar, welche sich widersprechenden Verwandlungen ein vormals von linken Gruppierungen und Bürgerrechtsbewegungen in den USA verwendeter Begriff bis zu seiner völligen Umdeutung als Werbeformel für ein Regierungsprogramm nahm. „Empowerment“ war zunächst eine Forderung, die Protestbewegungen angesichts erlebter Machtasymmetrie des Regierungshandelns auf der einen Seite und eigener Handlungsoptionen in den eingerichteten gesellschaftlichen Strukturen auf der anderen erhoben haben. Die eigene Machtposition müsse gestärkt und das Ungleichgewicht, wenn schon nicht aufgehoben, so doch korrigiert werden. Cruikshank zeichnet nach, wie es der Administration unter Bill Clinton gelang, dieses Schlagwort knapp zwei Jahrzehnte später schließlich zu adaptieren und in ihr Regierungsprogramm einzubauen. So kündigte sie unter diesem Schlagwort eine Strategie zur Bekämpfung von Armut an, in der die Menschen in den unteren sozialen Schichten ihre Wohnsituation mehr oder weniger selbst verwalten sollten.149 Den Vorteil, den man sich auf Regierungsseite von dieser Strategie versprach, war das Nutzbarmachen noch nicht ausgeschöpfter oder gefährdeter Potenziale in dieser Bevölkerungsgruppe. Zwar blieb das Objekt des „Empowerments“ nach dieser Wendung noch das gleiche, denn es waren weiterhin Menschen in prekären Lebenslagen, denen mehr Handlungsmöglichkeiten gegeben werden sollten, doch beinhaltete die politische Strategie auch gleichzeitig die Verkehrung dieses Ausgangspunktes. Anstatt, wie seinerzeit von unzufriedenen Bürgern und BürgerrechtsaktivistInnen gefordert, die eigene Selbstbehauptungsfähigkeit auch gegen staatliches Handeln zu stärken, sollten sie nunmehr für die Interessen der Staatsmacht zur Stiftung sozialen Friedens motiviert werden. Bei dem Versuch dieser Indienstnahme wurden und werden die Regierten in ihren Interessen als das motivierende Moment angesprochen. Technologies of citizenship are the means by which government works through rather than against the subjectivities of citizens. The logic of empowerment targets the capacities of the ‘powerless’, measures and seeks to maximize their action, motivations, interests, and economic and political involvements.150 149 Cruikshank 1999, S. 68. 150 Cruikshank 1999, S. 69. 45 Bröckling macht darauf aufmerksam, dass das Empowerment, das von der Regierung betrieben wird, nicht mit einer tatsächlichen Stärkung der ökonomischen oder sozialen Funktion zu verwechseln ist. Wenn die Regierten sich ohnmächtig fühlen, so soll ihnen das Gefühl gegeben werden, dass sie mächtig seien, also aktiv an den gesellschaftlichen Verhältnissen mitgestaltende Subjekte. „Die zu Grunde liegende Rechnung ist simpel: Je mächtiger diese [die Regierten, D. W.] sich fühlen, desto weniger Probleme werden sie haben und machen.“151 Daraus folgt für das Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten: „An die Stelle eines Antagonismus von Mächtigen und Ohnmächtigen tritt ein synergetisches Modell, das Versöhnung wie Ausgleich verheißt.“152 In dem Wie, mit dem die Subjekte motiviert werden, steckt Bröckling zufolge noch eine weitere ideologische Leistung. Der Zweck, für den mobilisiert wird, erscheint dabei immer als einer, der dem Interesse der Menschen naturwüchsig entspringt. „Was vermeintlich die Natur des Menschen ausmacht, ist das, wozu die Menschen gemacht werden und sich selbst machen sollen.“153 Bei dieser Technik wird vor allem auf die freiwillige Zustimmung abgezielt. Deshalb ist es nach dieser Logik (als einer Strategie) weniger zweckmäßig, im Sinne einer autoritären Führung aufzutreten. Die Interventionen der Regierung setzen dann „auf die Kraft des Positiven: Um die Stärken zu stärken, ist ein schlechtes Gewissen ebenso hinderlich wie eine unendliche Analyse der vorhandenen Schwächen.“154 Damit beinhaltet das Empowerment die Forderung an die regierten Subjekte, von ihrer Abhängigkeit oder auch ihrer Schädigung, die sie erfahren, zu abstrahieren und sie sogar umgekehrt zum Argument für noch größere Anstrengungen ihrerseits zu machen. „Eine intrinsische Gesundheitsmotivation gleicht einem unsichtbaren Disziplinierungsinstrument, mit dem soziale Kontrolle ausgeübt werden kann für einen gesellschaftskonformen sozialverträglichen und marktförmigen Lebensstil.“155 Als Herrschaftstechnik rundet das Empowerment somit bisher genannte Maßnahmen der Führung wie der Selbstführung ab, indem es den Maßnahmen den positiven und motivierenden Anstrich gibt, dass in ihnen das Subjekt auch Subjekt bleibt, als würde es ausschließlich um dieses gehen. Als Hilfe zur Selbsthilfe erfährt das Konzept des Empowerment allgemeine Anerkennung, auf die schlagende Überzeugungskraft der Umkehrung der Frage bauend: Wer will schon sagen, dass er oder sie sich nicht alleine helfen können will und die Unterstützung zur Herstellung dieses Potenzials ausschlagen würde? Würde sich so jemand im allgemeinen Ringen um soziale Anerkennung und konkurrenzmäßigem Leistungsdenken überhaupt einen Gefallen tun? Nur das Wofür da gefordert und 151 Bröckling 2004a, S. 57. 152 Bröckling 2004a, S. 57. Dies gilt natürlich auch für den Antagonismus zwischen Unternehmens- und Mitarbeiterinteressen. Vgl. Bröckling 2004a, S. 61. 153 Bröckling 2004a, S. 59. 154 Bröckling 2004a, S. 59. 155 Schmidt 2007, S. 97. 46 gefördert, mobilisiert und motiviert – kurz: empowert – werden soll, ist selten Teil dieses Narrativs.156 2.6.6. Versubjektivierung und Eigensinn Einerseits war in den vorangegangenen Punkten immer vom „stummen Zwang der gesellschaftlichen Verhältnisse“ – um ein altes Marx-Zitat etwas entfremdet zu verwenden – die Rede, dem die Subjekte unterworfen sind und der hinter ihren Rücken wirkt. Auf der anderen Seite betont die Gouvernementalitätsforschung gerade die Handlungsfähigkeit bei allen existierenden Zwängen und dringt auf die Subjektivität der Individuen und ihren Möglichkeiten zu Widerstand. In einem neueren Beitrag zur Gouvernementalitätsforschung gelingt es Stefanie Graefe, diese scheinbare Widersprüchlichkeit, die dieser Forschungsrichtung nachgesagt und nicht als deren Aufdeckung eines dialektischen Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft anerkannt wird, treffend auf den Punkt zu bringen. Die Rede von dem Subjekt und der Macht […] ist somit doppelt irreführend: Sie unterstellt Singularitäten und eine prinzipielle Differenz zwischen Subjekt und Macht. Stattdessen wäre der Begriff Subjektivität dem des Subjekts vorzuziehen, denn er transportiert weniger die Idee eines einzelnen Akteurs, als vielmehr die eines zwar verkörperten, aber nur unscharf begrenzbaren Feldes. Subjektivität umfasst die inter- und transindividuelle Dimension subjektiver Handlungsmächtigkeit – bedingt und bedingend, konstituiert und konstituierend zugleich.157 Graefe wirft die Frage auf, von welchem Subjekt in der Gouvernementalitätsforschung eigentlich die Rede ist, wenn man die verschiedenen Verwendungen dieses Begriffs in den Werken Foucaults in Rechnung stellt. Graefe kritisiert die Kurzfassung bzw. das zu kurz gefasste Verständnis von Subjekt als Effekt von Machtstrukturen, das aus dieser Unklarheit erwachsen ist. Das Problem bei einer zu starken Betonung äußerer Wirkungsverhältnisse liegt darin, dass sie einen gewissen Determinismus nahelegen bzw. sich von ihm ungenügend distanziert wird. Gleichwohl ergreift sie nicht Partei für die entgegengesetzte Lesart des Subjekts „[…]im Sinne eines souveränen Akteurs, der autonom und selbsttransparent sein Leben gestaltet […]“, die sie als eine „bewusstseinsphilosophische Fiktion“ bezeichnet.158 Dieses Verständnis von Subjekt verbaut damit den Blick auf ein Verständnis von Eigensinn. Wenn Subjekt nur als ein mechanistisches Resultat ihm vorausgesetzter Machtstrukturen verstanden wird, ist nicht zu erklären, wieso Menschen von Normen abweichen. „Darüber hinaus transportiert die Metapher vom Subjekt als Effekt einige vereinfachende Annahmen über die komplexen Prozesse der Subjektivierung: Ein Effekt ist per 156 Für eine ausführliche Kritik an staatlicher Gesundheitsförderung und vor allem Gesundheitsforderung und der Nachzeichnung gegenwärtiger gouvernementaler Argumentationslinien siehe Schmidt 2010, S. 23ff. 157 Graefe 2013, S. 308. 158 Graefe 2010, S. 289. 47 definitionem passiv und reaktiv.“159 Außerdem birgt diese Metapher die Unklarheit, ob mit Effekt lediglich etwas Scheinbares gemeint sei, wie der Begriff in einer anderen alltagsgebräuchlichen Verwendung implizieren könnte. Sie wendet sich also explizit gegen die beiden Extremvorstellungen, das Subjekt weder als durch äußere Verhältnisse determiniertes, noch als frei von gesellschaftlichen Bedingungen schwebendes Wesen zu begreifen. Man kann sagen, dass es sich bei dieser Fortschreibung des Ansatzes um das Herauswachsen aus den Kinderschuhen handelt, was keinen Vorwurf an vorangegangene Autoren und Autorinnen darstellen soll. Gerade der Nachweis diskursiver Machtstrukturen und subversiver Führungstechniken musste sich gegen deren Normalisierung, Bagatellisierung oder schlichte Leugnung in den politischen Programmen, wie auch in großen Teilen in den Geistes- und Sozialwissenschaften überhaupt erst durchsetzen. Dabei waren die Nachweise von Gängelungen durch Programme und die Verwendung von subtilen Anrufungen oder geschickt platzierten Bildern nie im Verständnis der reinen Kalkulierbarkeit des Handelns und Denkens erfolgt. Der Nachweis der Macht brachte so eher ungewollt den scheinbaren Nachweis der Ohnmacht der Subjekte mit sich, auch wenn die Gouvernementalitätsforschung diesem Missverständnis bisweilen Vorschub geleistet hat.160 Mittlerweile ist das Konzept des Eigensinns immer noch keine Selbstverständlichkeit. Der Rekurs auf Eigensinn scheint notwendig, um die Tatsache der Nicht-Identität konkreter Individuen mit gesellschaftlichen Strukturen und Normen zu benennen und zu bearbeiten. Somit artikuliert er ein zwar neues, aber offenbar nach wie vor beunruhigendes Problem, nämlich die Frage, wie sich die irreduzible Individualität der zugleich subjektivierten und sozialisierten Einzelnen denken lässt.161 Der fortwährende und offenbar notwendige Rekurs richtet sich gegen eine nach wie vor herrschende gegenteilige Behauptung. Diese Gegenannahme existiert dabei gar nicht mal so sehr in wissenschaftlichen Diskursen, sondern vielmehr im Ideal des Führens und Regierens im Sinne von Durchgreifen, wie ich anhand der Empowermentansätze zu explizieren versuchte. 159 Graefe 2010, S. 293. 160 „Während sich nämlich bei jenen Ansätzen, die auf diese oder jene Weise auf ein ontologisches Primat der Macht rekurrieren, die Voraussetzung gegenüber dem Werden im Zweifelsfall immer als mächtiger erweist, am Ende sogar noch ihre eigene Suspension oder Umschrift verfügt, beharrt die Rede vom Eigensinn darauf, dass die Dinge tatsächlich auch anders werden können – und dass unsere Entscheidungen diesbezüglich weder irrelevant noch in ihren Wirkungen exakt kalkulierbar sind.“ Graefe 2010, S. 309. Bröckling machte dagegen schon 2007 deutlich, dass das Subjekt nicht macht-deterministisch gedacht werden könne, denn „wäre das menschliche Verhalten vollständig determiniert, brauchte es keine Machtintervention; ließe es sich nicht beeinflussen, könnte es keine geben.“ Bröckling 2007, S. 20. 161 Graefe 2010, S. 289. 48 Eigensinn ist dabei nicht mit der Handlungsfähigkeit gleichzusetzen, wie sie im Gouvernementalitätsansatz vorkommt und den theoretischen Gegenpol zur Determinierbarkeit bildet. Handlungsfähigkeit bleibt in Machtstrukturen erhalten und wird durch sie sogar erst hervorgebracht. Graefe fasst die Unterschiedlichkeit in dreierlei Aspekten zusammen: Der Eigensinn ist eher praktisches, konkretes Handeln, die Handlungsfähigkeit eher abstrakte Voraussetzung dieses Handelns. Der Eigensinn ist keine universale Eigenschaft des Subjekts, sondern situativ gebunden, ist also bedingt, nicht Bedingung. Zudem ist er zwar nicht zwingend anti-, wohl aber non-normativ: widerspenstig eben.162 Diese Unterscheidung eröffnet den Blick auf ein differenzierteres Verständnis von Subjektivierungsprozessen. Handlungsfähigkeit als die Voraussetzung dafür, überhaupt handeln zu können, sagt noch nichts darüber aus, wie dann gehandelt werden kann und wird. Dem Eigensinn schreibt Graefe demgegenüber einen die Macht unterlaufenden Impetus zu. Als praktisches Handeln „[…]wendet er sich vom ‚fremden Sinn’ […] zwar ab, aber nicht unmittelbar gegen diesen; er protestiert nicht“.163 „Demgegenüber kann ich handlungsfähig auch und gerade dort sein, wo ich die von der Macht präskribierte Richtung einhalte […].“164 Dabei opponiert Eigensinn also nicht unbedingt offen, sondern tut einfach nur nicht das, was das Gegenüber von ihm will. Eigensinn beschreibt also nicht per se ein unmittelbares, entgegengesetztes Agieren und ist daher nicht mit dem Konzept von Widerstand gleichzusetzen, wie es bei Foucault oder Bröckling vorkommt. Die Widerspenstigkeit des Selbst besteht also schon darin, dass es in seiner konkreten Praxis die herrschenden „[…] Regeln, Normen, Konventionen oder Gesetze vorübergehend oder nachhaltig unterläuft“.165 Ohne Ansehung der jeweiligen Regeln und Normen, die da unterlaufen werden auf der einen Seite und den Beweggründen, für die sie unterlaufen werden auf der anderen Seite, könne jedoch gar keine positive oder negative Wertung vorgenommen werden und daher warnt Graefe weiter vor einer falschen Verlängerung der Bedeutung. „Ebenso wie der Eigensinn nicht an sich moralisch gut ist, ist auch die performative Macht der Vielen nicht an sich emanzipatorisch.“166 Es kommt also immer auf die konkreten Praktiken der Individuen und deren Ziele an, ob sich in ihnen „kritische(n) Handlungsfähigkeit“167 äußert oder Apologien anti-emanzipatorischer Machtstrukturen, wobei Graefe klar für eine Deutung des Eigensinns im Sinne des Ersteren plädiert. Dass Herrschaftspraktiken Auswirkungen und Einfluss auf die Subjekte entfalten, soll also keinesfalls bestritten werden. Vielmehr gilt es, dieses Verständnis auf die 162 Graefe 2010, S. 291. 163 Graefe 2010, S. 290. 164 Graefe 2010, S. 290. 165 Graefe 2010, S. 292. 166 Graefe 2010, S. 293. 167 Graefe 2010, S. 292. 49 Subjekte zu erweitern. So beschreibt Bröckling das Subjekt als „[…] zugleich Wirkung und Voraussetzung, Schauplatz, Adressat und Urheber von Machtinterventionen“.168 Und weiter: „Eine Entität, die sich performativ erzeugt, deren Performanzen jedoch eingebunden sind in Ordnungen des Wissens, in Kräftespiele und Herrschaftsverhältnisse.“169 Sie dringen gerade auf die Akzeptanz und darauf aufbauend auf die Adaption von Herrschaftsprogrammen durch die Subjekte. In der Aufforderung zum selbstständigen (und selbstgesetzten) Handeln unter herrschaftlich gesetzten Bedingungen muss sich das Subjekt fragen, wie es handeln kann. Graefe hebt daher den besonderen Modus von Herrschaftspraktiken hervor, indem sie sich auf die Subjekte beziehen. Gouvernementale beanspruchen demnach weniger wahr, als vielmehr praktikabel zu sein. Insofern sie nach Umsetzung verlangen, erscheinen die Subjekte hier […] als zugleich strategische und prekäre Stützpunkte der Macht. Strategisch insofern, als die Subjektivierungsmacht konstitutiv auf die Subjekte, die sie adressiert, angewiesen ist. Prekär, insofern die Macht zwar vorstrukturieren und vorgeben, nicht aber determinieren kann, wie Programme konkret umgesetzt werden.170 Graefe verpasst hier, einen im Zitat genannten Aspekt stark zu machen und auszubauen, weil sie das Genannte unter dem Aspekt der Angewiesenheit der Macht auf die Subjekte sowie der zwar beabsichtigten, aber nie zu erreichenden Determinierbarkeit der Subjekte durch die Macht bespricht. Wenn man die Konstruktion von Praktikabilität von Programmen als den Aufruf zu ihrer Adaption und Umsetzung durch die Subjekte versteht und Wissen als die Beanspruchung von Plausibilität des Programms, dann kann man im besprochenen Modus der Gouvernementale durchaus auch ein Ergänzungsverhältnis von „wahr“ und „praktikabel“ entdecken. „Wahr“ im Sinne von „gut“, „richtig“ heißt auch immer „zu billigen“ oder gar „zu übernehmen“. „Praktikabel“ heißt, etwas ist überhaupt handhabbar, es bedeutet, dass dem Subjekt dadurch Kontingenzräume eröffnet werden, Anschlussfähigkeit der eigenen Ziele geboten oder dieses zumindest suggeriert wird. So könnte man sagen, dass in der Betonung der Praktikabilität von dem Anspruch der Wahrheit längst ausgegangen wird, diese als Resultat eines gelaufenen Prozesses der Wahrheitsprüfung bereits unterstellt ist und höchstens nachträglich noch von den Subjekten vollzogen werden kann bzw. werden soll. Die Betonung der Praktikabilität ist ein nicht unerhebliches Moment in den noch zu behandelnden Bewältigungstheorien wie auch in der Ratgeberliteratur zum Morbus Crohn. 168 Bröckling 2007, S. 21. 169 Bröckling 2007, S. 21. 170 Graefe 2010, S. 296. 50 2.7. Resümee Bis hierher wurden nur allgemeine Funktionsprinzipien von Macht/Wissen und Regierungstechniken dargelegt, welche abstrakten Inhalte sie transportieren, welche Wirkungen sie im Subjekt intendieren, wie im Prozess der Subjektivierung Subjekt und Macht/Wissen einander bedingen und woran sie sich brechen. Noch nicht näher beleuchtet sind die Inhalte geltender gesellschaftlicher Imperative, wie sie – mit besonderem Blick auf die Zielgruppe chronisch kranker Heranwachsender – einen Bewältigungshorizont aufspannen und welche Leistungen seitens der Subjekte erforderlich sind, um sich in ihnen „erfolgreich“ zu bewegen. Man hat also gesehen, dass sich die Unterscheidung von Fremd und Eigen, von äußeren und inneren Maßstäben des Verhaltens, von Fremd- und Eigensteuerung nicht in einer sich wechselseitig ausschließenden Dichotomie zu begreifen ist. Allenfalls als analytische Kategorien sind sie zu verstehen, um das dialektische Wechselspiel des eigenen Referenzsystems mit in der Umwelt vorgefundenen Referenzsystemen zu verdeutlichen.

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References

Zusammenfassung

Schnell ist man geneigt zu sagen, das Bewältigen einer chronischen Erkrankung sei „na, für einen selbst!“ – und weiß doch, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Tatsächlich wird eine nicht zu vernachlässigende Menge an Anforderungen und Erwartungen erst durch unser Umfeld, die Familie, die Schule, den Arbeitsmarkt oder ganz allgemein durch die Gesellschaft an uns herangetragen. Wo aber kommt der erkrankte Mensch in den an ihn gestellten Anforderungen vor, was sind die Kriterien für ein „erfolgreiches Bewältigen“ einer chronischen Erkrankung und wer legt diese fest?

Anhand dieser Fragen und unter besonderer Berücksichtigung der Erwartungen an chronisch Erkrankte im Übergang vom Jugend- ins Erwachsenenalter wagt Dennis Wernstedt einen kritischen Blick auf die gesellschaftliche Einflussnahme auf das individuelle Bewältigungshandeln. Mithilfe eines gouvernementalitätstheoretischen Ansatzes macht der Autor deutlich, wie gesellschaftliche Normvorstellungen ihre Internalisierung darüber erfahren, dass das bewältigende Subjekt sich selbst bereitwillig zum Aktivisten ihrer Umsetzung macht.