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Rebecca Hahn

Männer außen vor?

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
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Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Pädagogik Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Pädagogik Band 47 Rebecca Hahn Männer außen vor? Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern am Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder Tectum Verlag Rebecca Hahn Männer außen vor? Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern am Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Pädagogik; Bd. 47 © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2017 eISBN: 978-3-8288-6835-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-3937-3 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 1861-7638 Zugleich: Dissertation am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg, 2016 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 74048678 von anyaberkut | www.fotolia.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Vorbemerkung zum Ziel der Untersuchung Die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich kritisch mit den Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern am Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder. Es soll eine institutions- und problemorientierte Positionsbestimmung zum Umgang mit den (sozialen) Vätern in Mutter-(/Vater‑)Kind-Häusern geleistet werden. Die Fragestellung der Studie lautet: Welche typischen Handlungsmöglichkeiten und -einschränkungen ergeben sich für Männer im Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen? In gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kind erhalten gemäß § 19 SGB VIII Alleinerziehende mit Kleinkindern bzw. Schwangere Beratung und pädagogische Unterstützung, wenn die Betroffenen aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung nicht in der Lage sind, die Kinder selbstständig zu versorgen und zu erziehen. In der überwiegenden Zahl der Fälle ordnet das Familiengericht aus Sorge um das Kindeswohl eine Unterbringung von Mutter/Vater und Kind in einer Einrichtung an, häufig nachdem andere ambulante Hilfen wie die sozialpädagogische Familienhilfe ausgeschöpft wurden (vgl. Kliche, 2013, S. 139). In gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind werden Hilfestellungen mit unterschiedlicher Betreuungsintensität angeboten – von Hilfen im klassischen Heimsetting über Betreutes Wohnen bis hin zu ambulanten Unterstützungsformen im eigenen Wohnraum. Die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen für Männer, am Alltag in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen teilzuhaben, stellt sich vor dem Hintergrund der historischen Rahmenbedingungen dieser speziellen Hilfeform und der Bemühungen um eine Modernisierung der Heimerziehung insgesamt. In der Vergangenheit wurden die Institutionen im Gesetzestext als „Mutter-Kind-Heime“1 bzw. später als „Vater/Mutter-Kind-Einrichtungen“ bezeichnet. In den Heimen der meist konfessionellen, vor allem aber katholischen Initiativen wurden ausschließlich junge Frauen aufgenommen (vgl. Meyer, 1993, S. 2). Die klassische Klientel waren ledige, oft minderjährige, ungewollt schwanger gewordene Frauen, die häufig als „gefallene Mädchen“ stigmatisiert wurden (vgl. Meyer, 1993, S. 388). Seit den 1990er Jahren können Hilfen nach § 19 SGB VIII auch dem Kindsvater gewährt werden. Zur Frage, wie oft diese in der Praxis einem Mann zuteilwerden, gibt es bisher nur wenige Hinweise aus der pädagogischen Praxis: Vertreterinnen und Vertreter von Fachverbänden der evangelischen bzw. katholischen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen schildern, in den Wohnformen nach § 19 SGB VIII lebten überwiegend Frauen mit ihren Kindern; Vä- 1 Der Begriff „Mutter-Kind-Einrichtung“ wird umgangssprachlich außerdem für Kurkliniken oder spezielle Einrichtungen im Strafvollzug verwendet. In der vorliegenden Untersuchung sind unter „Mutter- Kind-Einrichtungen“ ausschließlich solche der Jugendhilfe zu verstehen. Frauenhäuser sind hiermit nicht gemeint. V ter nähmen diese Hilfeform lediglich vereinzelt in Anspruch (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V., 1999, S. 3; Winkelmann, 2002, S. 1003). Die Relevanz des Themas ergibt sich aus dem Umstand, dass sich die Bedeutung, die dem Vater für die Entwicklung des Kindes beigemessen wird, in den vergangenen Jahrzehnten stark veränderte. Die Vaterrolle hat heute vielfältigere Facetten und umfasst nicht mehr ausschließlich die des Ernährers, wie es zur Zeit des Wirtschaftswunders der Fall war. Gesprochen wird von „aktiven“ (vgl. Werneck, Beham & Palz, 2006), „engagierten“ (vgl. Fthenakis, 1999), „ganzheitlichen“ (vgl. Matzner, 2004), „neuen“ (vgl. Bambey & Gumbinger, 2006; Cyprian, 2005; Oberndorfer & Rost, 2005; Werneck, 1997, 1998) oder von „familienzentrierten Vätern“ (vgl. Matzner, 2004). Die Ergebnisse verschiedener Studien zeigen eine Trendwende bei der Aufgabenverteilung in der Familie. Männer sind mehr als früher bereit, sich aktiv und mit Einsatz im Alltag für ihre Kinder zu engagieren (vgl. Schmidt-Denter, 2005). Sabla fordert, wissenschaftlich zu untersuchen, wie das pädagogische Personal in Einrichtungen der Jugendhilfe mit Männern umgeht, die stärker in den Hilfeprozess eingebunden werden wollen (vgl. Sabla, 2009, S. 201). Vor dem Hintergrund der Diskurse um die „neuen Väter“ stellt sich auch für das Handlungsfeld der gemeinsamen Wohnformen die Frage, ob diese Männer diesen Bereich „noch nicht erreicht haben oder ob die Jugendhilfe auf diese bisher nicht in angemessener Weise reagiert hat“ (vgl. Sabla, 2009, S. 200). Die Analyse im Rahmen der vorliegenden Studie konzentriert sich auf drei Gruppen von Männern: 1. alleinerziehende Väter, die nach § 19 SGB VIII einen Anspruch auf Hilfe haben (könnten); 2. (werdende) Väter, deren (schwangere) Partnerinnen in der gemeinsamen Wohnform untergebracht sind; 3. neue Lebenspartner (werdender) Mütter, die zwar im rechtlichen oder biologischen Sinne nicht die Kindsväter sind (oder werden), aber zur Übernahme der Rolle des sozialen Vaters bereit sind. Die Rolle des Vaters wird derzeit in vielen Lebensfeldern von Kindern und Jugendlichen intensiv diskutiert. Gegenwärtig ist umstritten, ob und wenn ja, ab welchem Alter es sinnvoll ist, Kinder von anderen Personen als von der eigenen Mutter – z. B. vom Vater – betreuen und erziehen zu lassen. Die Einzigartigkeit der Mutter-Kind- Bindung wird in zunehmendem Maß hinterfragt (vgl. Büdel, 2008, S. 3) und damit verbunden ist die Debatte, ob der Einfluss des Vaters auf die Möglichkeiten des Kindes, Beziehungen zu anderen Menschen zu gestalten, gleichwertig einzuschätzen ist. Der Diskurs wirkt sich bereits in Form einer neuen Gesetzgebung aus, welche die Rechte der Männer stärkt. So beanstandete der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Jahr 2009 nach der Klage eines betroffenen Vaters die bundesdeutsche Rechtslage, nach der ein gemeinsames Sorgerecht für ein uneheliches Kind diesem nur mit der Zustimmung der Mutter gewährt werden konnte. Ledige Väter hatten zu diesem Zeitpunkt nicht die Möglichkeit, die Sorgerechtsregelung von einem Gericht überprüfen zu lassen, obwohl sie gemäß Art. 6 Abs. 2 Grundgesetz (GG) das Grund- Vorbemerkung zum Ziel der Untersuchung VI recht innehaben, ihre Kinder zu erziehen und zu pflegen. Das Bundesverfassungsgericht stimmte der Klage im darauffolgenden Jahr zu (1 BvR 420/09 vom 21.7.2010). Am 19. Mai 2013 trat das neue Sorgerecht in Kraft. Auch in den Erziehungswissenschaften wird die bisherige Geschlechterordnung zumindest teilweise auf den Prüfstand gestellt. Interdisziplinär angelegte dekonstruktivistische Diskurse verstehen Geschlecht und Geschlechterverhältnisse als ein gesellschaftliches Konstrukt und damit als historisch-kulturelle Phänomene (vgl. Sabla, 2008, S. 51). Gleichzeitig ist die erziehungswissenschaftliche Forschung und Theoriebildung selbst an der Bewertung wie an den Entwürfen und Konstruktionen von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen beteiligt (vgl. Glaser, Klika & Prengel, 2004, S. 9–15). Das Forschungsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder wurde von der pädagogischen Wissenschaftsdisziplin etwa seit Mitte der 1990er Jahre weitgehend ignoriert. Studien, die Zugangsmöglichkeiten in die Einrichtungen für Männer beleuchten, fehlen vollständig. Nicht nur in der Fachliteratur, sondern auch in der institutionellen pädagogischen Praxis gelten zahlreiche die (sozialen) Väter betreffende Fragen als unbeantwortet, darunter die Frage nach ihrem Bedarf an Beratung und anderer pädagogischer Unterstützung. An dem heute wissenschaftlich weitgehend unbearbeiteten und randständigen Bereich der Mutter-Kind-Heime entfachte sich die Heimrevolte Ende der 1960er Jahre. Die Außerparlamentarische Opposition und entflohene Fürsorgezöglinge kritisierten die Zustände in den Heimen und die Folgen der Verwahrung wiederholt scharf. Auch die fachliche Kritik fiel massiv aus. So sprach Wendt etwa von einer „unkritisch-caritativ eingesetzten Fürsorge“ in den Heimen (vgl. Wendt, 1981, S. 482). Es stellt sich die Frage, ob und ggf. welche Modernisierungen in den Einrichtungen in der Zwischenzeit umgesetzt wurden und, falls solche stattgefunden haben, welche Effekte dies auf die Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag in den Einrichtungen hat. Für die vorliegende Studie wird – der Bindungstheorie und Ergebnissen der Familienforschung folgend – angenommen, dass sowohl die Qualität der Bindung eines Menschen an seine Bezugspersonen während seiner frühen Kindheit als auch die Qualität der elterlichen Partnerschaft Einfluss auf die spätere psychische Gesundheit haben. Deshalb wäre es für die Kindesentwicklung förderlich, wenn Familien und Paare in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder Zeit und Raum zum Zusammensein und zur Stabilisierung des Familienlebens finden würden. Vor dem Hintergrund, dass Vaterforscherinnen und Vaterforscher mehrfach gezeigt haben, dass ein Kind etwa zum selben Zeitpunkt im ersten Lebensjahr dazu in der Lage ist, eine Bindung zum Vater aufzubauen wie zur Mutter und Männer im gleichen Ma- ße wie Frauen dazu veranlagt sind, intuitiv ihr Verhalten an die Bedürfnisse des Säuglings anzupassen, wird das Verfahren, Männer weitgehend vom Geschehen in den Einrichtungen auszuschließen, zum kritischen Punkt, der die Effektivität und Effizienz der Hilfen schmälern könnte. Im Rahmen dieser Studie folge ich Holzkamp (1983), der annahm, die Möglichkeiten von Individuen spiegeln strukturelle Herrschaftsverhältnisse innerhalb der patriarchalen kapitalistischen Gegenwartsgesellschaft wider. Um den Zusammenhang Vorbemerkung zum Ziel der Untersuchung VII zwischen Handlungsmöglichkeiten und -grenzen von (sozialen) Vätern in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen mit Macht- und Ungleichverhältnissen in unserer Gesellschaft aufzuzeigen, wird das mikrosoziologisch orientierte Modell der „totalen Institution“ von Goffman (vgl. Goffman, 1981) herangezogen. Mithilfe dieses Modells wird die Permeabilität von Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen im Hinblick auf die Rechte von Vätern in der umgebenden Gesellschaft kritisch beleuchtet. Außerdem wird nach Beschränkungen des sozialen Kontakts der „Insassen“ in den Einrichtungen mit Männern gefragt. Es wird untersucht, ob und ggf. welche Regeln und Mechanismen sich herausbilden, um die Teilhabe der Männer am Alltag zu behindern bzw. zu ermöglichen. Dazu werden empirische Ergebnisse aus den Befragungen in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen auf die von Goffman skizzierten Mechanismen totaler Institutionen bezogen. Im Zusammenhang mit den Zugangsbeschränkungen von Männern zu gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder stellt sich die Frage, ob der Ausschluss der (sozialen) Väter aus Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen im Konflikt mit Menschen- und Grundrechten der Eltern und des Kindes steht, inwiefern die Soziale Arbeit selbst diskriminierende Regelungen und Strukturen schafft und sich so an der Diskriminierung beteiligt. Der empirische Teil der Studie stützt sich auf Daten aus 26 problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen und Fachkräften in ausgewählten Einrichtungen für Mütter/Väter und Kinder in der Bundesrepublik Deutschland und mit einer ehemaligen Praktikantin in einem Mutter-Kind-Heim im deutschsprachigen Ausland. Aus den Daten werden mittels einer Möglichkeitsverallgemeinerung nach Holzkamp zunächst Einzelfälle und in einem zweiten Schritt Möglichkeitstypen für den Zugang von Männern zu Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen rekonstruiert. Anhand typischer Fälle werden Hypothesen für Hindernisse auf der Mikro-, Meso- und Makroebene entwickelt. Auf der Mikroebene steht im Fokus, wie Bewohnerinnen und das pädagogische Personal auf das Interesse von (sozialen) Vätern an der Teilhabe am Alltagsleben reagieren. Auf der Mesoebene werden Ausschlussmethoden der Leistungserbringer und ‑träger in Bezug auf die Kindsväter und Partner der Bewohnerinnen in den Blick genommen. Dazu wird besonders die Bedeutung, Begründung und Funktion der Hausregeln für Männer und der Privilegiensysteme in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII hervorgehoben. Zudem soll untersucht werden, ob die Einbindung der (sozialen) Väter in denm Alltag angestrebt wird, ob debattiert wurde, wie die Einbindung von Männern im Alltag zu erreichen ist, welche Pläne diesbezüglich letztlich wie erfolgreich umgesetzt wurden. Auf der Makroebene werden die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Unterbringung nach § 19 SGB VIII im Hinblick auf die Frage untersucht, wie diese die Möglichkeiten von Männern beschränken, in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder unterzukommen. Außerdem wird mit kritischem Blick auf Geschlechterstereotype und ihre Reproduktion im Alltag durch den Mechanismus des doing gender entschleiert, ob und ggf. wie sich Grenzen für Männer hinsichtlich der Möglichkeiten der Teilhabe an reproduktiven Aufgaben in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen manifestierten. Da das Forschungsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder über eine lange Zeit hinweg nicht bearbeitet wurde und deshalb grundlegende Vorbemerkung zum Ziel der Untersuchung VIII Aspekte, die bei der Beantwortung der Forschungsfrage berücksichtigt werden müssen, noch nicht untersucht wurden, werden im Verlauf der Studie Thesen generiert, die im empirischen Teil der Untersuchung bewiesen werden sollen. Dazu wurden folgende Leitfragen formuliert: – Nutzen Männer die Hilfe nach § 19 SGB VIII? Wenn ja, wie und in welchem Umfang? – In welcher Lebenssituation befinden sich die Kindsväter und Partner der Mütter? – Haben diese aufgrund ihrer aktuellen Lebenssituation pädagogischen oder beraterischen Hilfebedarf? – Wie stark beteiligen sich diese Männer an den ihre Kinder betreffenden Erziehungs- und Versorgungsaufgaben? – Welche Gründe gibt es dafür, dass hauptsächlich Frauen das Angebot nutzen? – Formuliert das Personal in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen für Männergeschlechtsspezifische Regeln für den Umgang mit dem Kind und der Partnerin? Falls das der Fall ist, wie stark beschränken die Regeln den Kontakt der Männer mit der Kindsmutter und dem Kind? – Wie stehen die Regeln in Zusammenhang mit den organisatorischen und politischrechtlichen Rahmenbedingungen? – Welche Aufgaben und Rollen innerhalb der Familie schreiben pädagogische Fachkräfte und Klientinnen den Männern zu? – Wie bewerten diese am Hilfeprozess Beteiligten die Lebenssituationen der Mütter, Väter und Schwangeren in Bezug auf Eltern- und Partnerschaft? – Wie wird der Leistungserbringer dem Grundrecht der Väter auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder gerecht? – Wie können politisch-rechtliche und organisationale Rahmenbedingungen gestaltet werden, damit sich die Partizipationsmöglichkeiten der Männer an der Versorgung und Erziehung ihrer Kinder erweitern? Die vorliegende Studie gliedert sich in neun Teile. Der erste Teil widmet sich dem theoretischen Hintergrund dieser Studie, der Bindungstheorie. Hier wird die Bedeutung der Anwesenheit von verlässlichen Bindungspersonen für Kinder im Vorschulalter herausgearbeitet. Der zweite Teil der Studie befasst sich mit der Bedeutung des Vaters für die kindliche Entwicklung vor dem Hintergrund des Diskurses um die „neuen Väter“. Im dritten Teil der Untersuchung werden die grundsätzlichen Rechte der Eltern und des Kindes in unserer Gesellschaft umrissen. Im vierten Abschnitt werden Bedarfslagen von Familien, Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung und Sozialleistungen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz dargestellt. Im fünften Teil der Studie wird das Arbeitsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder kritisch beleuchtet. Dazu werden rechtliche, organisatorische und historische Spannungsfelder aufgezeigt. Im sechsten Teil der Untersuchung wird der Ausschluss der Männer aus dem Alltag in Mutter-Kind-Einrichtungen in der Vergangenheit problematisiert. Hierzu werden zunächst Befunde aus empirischen Untersuchungen im Forschungsfeld herausgearbeitet. Da empirische Studien im Feld der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen für die vergangenen Jahrzehnte vollständig feh- Vorbemerkung zum Ziel der Untersuchung IX len, werden zusätzlich Berichte in Fachzeitschriften und Dokumentationen von Fachtagungen von pädagogischem Personal und anderen Expertinnen und Experten im Hinblick darauf durchleuchtet, welche Hinweise sie auf Handlungsmöglichkeiten und -grenzen von Männern in den Institutionen enthalten. Anschließend folgt im siebten Teil eine Beschreibung der im Rahmen der vorliegenden Studie genutzten Methoden zur Datengewinnung und Analyse. Schließlich werden im achten Teil die Ergebnisse der Analyse der Interviews dargestellt und vor dem Hintergrund der oben dargelegten Aspekte diskutiert. Ein Resümee beschließt die Untersuchung im neunten Teil. Vorbemerkung zum Ziel der Untersuchung X Inhaltsverzeichnis Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung . . . . . . . . . . . . . .1 1 Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.1 1 Aktuelle Themen der Bindungsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.2 9 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2 13 Dimensionen der Vaterschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1 13 Intuitive Kompetenz von Vätern und Säuglingen zur Interaktion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2 15 Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3 17 Bedingungen für väterliches Engagement für das Kind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.4 22 Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.5 26 Bedeutung der Qualität der elterlichen Partnerschaft für die Kindesentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.6 31 Rechte der Familienmitglieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3 35 Verfahren bei Kindeswohlgefährdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.1 37 Sorgerechtsregelungen bei Trennung und Scheidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2 41 Umgangsrecht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3 42 Benachteiligung des ledigen Vaters bei Beratung durch das Jugendamt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4 44 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 45 Bedarfe von Männern an beraterischer und pädagogischer Hilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1 45 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2 50 Problematisierung minderjähriger Elternschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2.1 52 Problematisierung der Familienform des Alleinerziehens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2.2 56 Lebenslagen alleinerziehender Männer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2.2.1 58 Entfremdung von einem Elternteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2.2.2 62 Sozialleistungen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.3 64 XI Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5 67 Ausformung der Hilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1 68 Lebenslagen der Klientel und Ansprüche an die fachliche Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1.1 71 Nachfrage nach Hilfen gemäß § 19 SGB VIII . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1.2 74 Einfluss der christlichen Wohlfahrt auf das Arbeitsfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1.3 79 Angebotsformen, Behandlungsmethoden in den Einrichtungen und ihre Effektivität . . . . . .5.1.4 83 Anteil weiblicher Fachkräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1.5 85 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2 89 Unklarheiten hinsichtlich der Anspruchsberechtigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.1 89 Defizit- und Kompetenzorientierung bei der Hilfegewährung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.2 92 Fehlen einer Festlegung auf eine maximale Dauer der Hilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.3 94 Überwiegend unfreiwillige Aufnahme der Klientel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.4 96 Mangelhafte Festschreibung und Umsetzung von Beteiligungsrechten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2.5 96 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3 98 Industrialisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.1 100 Neunzehntes Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.2 101 Erster Weltkrieg und Weimarer Republik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.3 103 Zerfall der Weimarer Republik und Zweiter Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.4 105 Nachkriegszeit in Westdeutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.5 106 Entwicklungen in Ostdeutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.6 113 1970er und 1980er Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.7 116 1990er Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3.8 119 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit . . . . . . . . . . . . .6 121 Lebenslage der (sozialen) Väter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.1 121 Ausschluss über Hausregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.2 123 Eingeschränkte Möglichkeiten der Teilhabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.2.1 125 Wünsche der Klientel im Hinblick auf das Zusammenleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.2.2 127 Feindselige Stereotypien zwischen Personal und Männern? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.2.3 128 Forderungen für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.3 129 Neue Aufmerksamkeiten für Väter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4 131 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5 132 Merkmale totaler Institutionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.1 133 Insassen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.2 134 Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.3 135 Stab . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.4 137 Demütigungen und Rationalisierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.4.1 138 Privilegien- und Strafsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.4.2 139 Beschränkung des sozialen Verkehrs in totalen Institutionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.4.3 142 Inhaltsverzeichnis XII Bedeutung von Beschäftigungstherapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.4.4 143 Sekundäre und individuelle Anpassungsmechanismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.5.4.5 144 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb . . . . . . . .6.6 145 Zur Rechtmäßigkeit von besuchsbeschränkenden Hausordnungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.6.1 145 Assistenz für behinderte Eltern im Rahmen begleiteter Elternschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.6.2 146 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten . . . . . . . . .7 151 Vorbereitung der Studie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.1 154 Feldzugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.2 155 Schwierigkeiten beim Feldzugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.2.1 156 Informationen über die Befragten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.2.2 157 Zur Durchführung der Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.3 163 Aufbereitung der Daten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.4 164 Festlegung des Materials, Analysemethode und Typisierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.5 165 Empirische Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8 167 Analyse der Interviews mit den Müttern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.1 167 Fall Frau Becker – Möglichkeitstyp „institutionell mitverursachte Paarkonflikte“ . . . . . . . . . . .8.1.1 167 Fall Frau Wolff – Möglichkeitstyp „institutionell intendierte Trennung des Paares“ . . . . . . . . .8.1.2 172 Fall Frau Rossi – Möglichkeitstyp „Konzentration institutioneller Unterstützungsformen auf die Mutter“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.1.3 178 Analyse der Interviews mit dem Personal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.2 182 Unterbringung alleinerziehender Väter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.2.1 187 Unterbringung alleinerziehender Väter in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen. . . . . .8.2.1.1 189 Unterbringung alleinerziehender Väter in Mutter-Kind-Einrichtungen . . . . . . . . . . . . .8.2.1.2 191 Gründe für Ablehnung der Unterbringung von alleinerziehenden Vätern . . . . . . . . . . .8.2.1.3 192 Einbeziehen der Kindsväter und Partner der weiblichen Klientel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.2.2 194 Anteil der in Partnerschaften lebenden Klientel und Bedeutung der Partnerschaft für die Klientel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.2.2.1 194 Mögliche (Rechts-)Verhältnisse der Paare und zwischen Mann und Kind . . . . . . . . . . .8.2.2.2 195 Bedarfe der Männer an pädagogischer bzw. beraterischer Hilfe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.2.2.3 197 Dauer des Aufenthalts der Mutter mit Kind in der Einrichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.2.2.4 200 Hilfe bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung: Vertrauen und Misstrauen als Spannungsfeld insbesondere für das Einbeziehen besuchswilliger Männer. . . . . . . . . 8.2.2.5 201 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.3 202 Beispiel – Einrichtung Diakonische Hilfe: Anspruch und Scheitern einer Hausordnung . . . . .8.3.1 203 Beispiel – Mutter-Kind-Gruppe Eva: Einschränkung der Rechte der Väter durch Besuchsregelungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.3.2 205 Inhaltsverzeichnis XIII Beispiel – Smile GbR: Einschränkung der Rechte der Männer durch ein Privilegiensystem. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.3.3 207 Zur Doppelbödigkeit des Begriffes der Verselbstständigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.3.3.1 208 Beschränkte Möglichkeiten der Mütter, die Einrichtung zu verlassen . . . . . . . . . . . . . . .8.3.3.2 212 Beispiel – Wohnheim Sankt Benedikt: Privileg des Dauergaststatus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.3.4 214 Ausübung spezieller Tätigkeiten im Inneren, die Weiblichkeit formieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.3.5 223 Die Hausordnungen, Privilegiensysteme und Angebote für Männer im Überblick. . . . . . . . . . .8.3.6 225 Absonderung von Männern aus dem Alltag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.4 234 Beförderung von maternal gatekeeping durch spezielle Hausregeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.4.1 234 Ausschluss von Männern aus wichtigen Entscheidungsprozessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.4.2 236 Ausbildung von Stereotypien zwischen Personal und Männern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.4.3 237 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.5 239 Fehlen einer rechtlichen Grundlage für die Unterbringung beider Eltern mit Kind . . . . . . . . . .8.5.1 239 Beschränkung des sozialen Kontakts durch die Bauweise der Institutionen . . . . . . . . . . . . . . . . .8.5.2 242 Bauliche Situation – Erbe aus der Zeit der Fürsorgeerziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.5.2.1 245 Umbauten und Neubauten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.5.2.2 247 Größe der Räumlichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.5.2.3 248 Social Networks und Nachrichten-Apps als virtuelle Freiräume in der totalen Institution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.5.2.4 250 Männliches pädagogisches Personal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.5.3 252 Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.6 253 Orientierung an katholischer Sexualmoral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.6.1 254 Ablehnende Haltung des Personals hinsichtlich sexueller Aktivität und der Fortpflanzung der Klientel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8.6.2 255 Eugenisches Denken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.6.3 257 Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8.7 259 Resümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .9 265 Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 LiteraturverzeichnisLiteraturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 Inhaltsverzeichnis XIV Abbildungsverzeichnis Abbildung 1. Anteil der Ein-Eltern-Familien an allen Familien mit minderjährigen Kindern in Prozent 57 Abbildung 2. Anteil des pädagogischen Personals mit höherem Bildungsabschluss und solchem ohne abgeschlossene Berufsausbildung in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/ Väter und Kinder in Prozent 74 Abbildung 3. Zahl der Lebendgeborenen in den Jahren 1998 bis 2014 in der Bundesrepublik Deutschland in Tausenden 75 Abbildung 4. Anzahl der Einrichtungen für Mütter/Väter und Kinder in der Bundesrepublik 76 Abbildung 5. Anzahl der verfügbaren Plätze in diesen Einrichtungen in der Bundesrepublik 76 Abbildung 6. Ausgaben für die gemeinsame Unterbringung von Müttern oder Vätern mit ihren Kindern in Millionen Euro 78 Abbildung 7. Anteil der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen nach Trägerschaft in Prozent 79 Abbildung 8. Pädagogisches und Verwaltungspersonal in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder nach Geschlecht 86 Abbildung 9. Gruppenregeln für Männer des Wohnheims Sankt Benedikt 215 XV Tabellenverzeichnis Tabelle 1. Informationen zur Befragtengruppe „Klientinnen“ 157 Tabelle 2. Informationen zur Befragtengruppe „Personal“ 159 Tabelle 3. Übersicht über Einrichtungen 182 Tabelle 4. Bezeichnung des Angebots 187 Tabelle 5. Überblick über die Hausregeln, Privilegien- und Strafsysteme der Einrichtungen 227 Tabelle 6. Räumlichkeiten in den Einrichtungen 243 XVII Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung Im folgenden Abschnitt werden die für die vorliegende Studie relevanten Erkenntnisse der Bindungstheorie im Hinblick auf Eltern-Kind-Beziehungen umrissen. Bindungstheoretische Forscherinnen und Forscher kamen beispielsweise übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass insbesondere die Qualität der Bindung eines Menschen an die Mutter während seiner frühen Kindheit Einfluss auf die spätere psychische Gesundheit hat. Andere Personen können jedoch unter Umständen die Funktion der Mutter übernehmen, falls diese ausfällt. Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext Als Begründer der Bindungstheorie gilt John Bowlby (*1907, †1990). Ihm gelang es, durch Metaanalysen von Daten aus entwicklungspsychologischen, klinisch-psychoanalytischen und evolutionsbiologischen Studien (vgl. Bowlby, 1976, S. 14) die Bedeutung der Bindung eines Kindes an seine Mutter herauszuarbeiten. Den Anstoß zu seinem lebenslangen Forschungsinteresse erhielt Bowlby in der Nachkriegszeit während seiner Arbeit als Kinderpsychiater in zwei Kinderheimen in England. Durch die Folgen des Kriegs waren die Kinder von ihren Eltern getrennt worden, wurden interniert und zeigten nach einiger Zeit auffälliges Verhalten, für das zunächst keine zufriedenstellenden Erklärungen gefunden wurden (vgl. Bowlby, 2008, S. 16–21). Aus den Beobachtungen der traumatisierten Kinder schloss Bowlby, nicht innerpsychische Zustände – wie beispielsweise der von Freud konstruierte Todestrieb – lösten psychische Störungen aus, sondern reale Nöte des Lebens (vgl. Bowlby, 2008, S. 16– 21). Er hielt es für eine unerlässliche Voraussetzung für geistige Gesundheit, „daß Säugling und Kleinkind in einer herzlichen, intimen und dauerhaften Beziehung zur Mutter (oder einem Mutterersatz) Glück und Befriedigung finden“ (Bowlby, 1973, S. 15). Für eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation im Auftrag der Vereinten Nationen forschte Bowlby 1950 und 1951 am Thema geistige Gesundheit von Kindern, die „verwaist oder aus anderen Gründen von einem normalen Familienleben ausgeschlossen“ waren und „deshalb in Pflegestellen, Waisenhäusern oder anderen Gemeinschaftseinrichtungen betreut werden“ mussten (vgl. Bowlby, 1973, S. 10). Dazu bereiste er Frankreich, die Niederlande, Schweden, die Schweiz, Großbritannien sowie die Vereinigten Staaten von Amerika und befragte dort „Sozialarbeiter“ – vor allem aus dem Bereich der Kinderfürsorge und der Erziehungsberatung. Er verfolgte deren Arbeit und wog Forschungsergebnisse aus verschiedenen europäischen Län- 1 1.1 1 dern und den Vereinigten Staaten gegeneinander ab (vgl. Bowlby, 1973, S. 10). Sein Bericht erschien 1951 unter dem Titel Maternal Care and Mental Health, im Deutschen Mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit. Seine Beobachtungen und Befragungsergebnisse offenbarten, dass in Heimen lebende Kleinkinder oft unter massiven sogenannten Deprivationserscheinungen litten (vgl. Bowlby, 1973, S. 16): Sie zogen sich apathisch aus allen emotionalen Bindungen zurück, schaukelten monoton ihren Kopf oder ihren gesamten Körper hin und her oder schlugen den Kopf gegen die Wand (vgl. Bowlby, 1973, S. 16–83). Nach längerer Trennung von der Mutter zeigten viele von ihnen eine feindselige Haltung ihr gegenüber oder taten so, als ob sie sie nicht erkannten. Andere verhielten sich ihr gegenüber übertrieben anhänglich oder banden sich an nahezu alle anderen Erwachsenen im Umfeld schnell, aber oberflächlich (vgl. Bowlby, 1973, S. 16–83). Besonders betroffen von Deprivationserscheinungen waren nahezu alle Kinder unter drei Jahren und viele Kinder im Alter von drei bis acht Jahren, die eine häufige oder längere Trennung von der Mutter erlebt hatten (vgl. Bowlby, 1973, S. 38–72). Bowlby beobachtete jedoch auch, dass Deprivationserscheinungen teilweise vermieden werden konnten, wenn das Kleinkind von einer Ersatzperson „bemuttert“ wurde (vgl. Bowlby, 1973, S. 33). Ferner stellte er fest, dass die Trennung eines älteren Kinds von seiner Mutter durchschnittlich umso eher verwunden werden konnte, je besser die Beziehung zwischen beiden gewesen war (vgl. Bowlby, 1973, S. 41). Aus diesen Erkenntnissen schloss Bowlby, die Mutter-Kind-Bindung sei für das Kind exklusiv und stehe an erster Stelle einer Hierarchie. Der weibliche Elternteil sei „die von der Natur dafür vorbestimmte primäre Bezugsperson von Säuglingen und Kleinkindern“ (Bowlby, 1973, S. 95). Verschiedentlich betonte er, der Mutter falle die Aufgabe zu, das Kind zu pflegen, es zu erziehen und eine stabile Bindungsfähigkeit im Kind zu fördern (vgl. Bowlby, 1969, 1973, 1976). Für Bowlby wurde der Handlungsspielraum von Menschen stark von zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflusst. Er ging davon aus, dass Kinder lernen, ihre Umwelt und ihre Mitmenschen zu beeinflussen, um die eigenen Ziele über einen längeren Zeitraum zu erreichen. Dazu müssten sie ein Abstraktionsvermögen ausbilden (vgl. Bowlby, 1973, S. 76). Das Kind müsse lernen, zu Abwesenden Beziehungen zu wahren. Diese Fähigkeit nennt Bowlby „Identifikation“, „Internalisierung“ oder „Introjektion“ (vgl. Bowlby, 1973, S. 78). Ein adäquates Umfeld, in dem sich Kinder die Fähigkeit zur Introjektion aneignen können, sah Bowlby primär in der „sozialen Institution“ Familie (vgl. Bowlby, 1973, S. 79). Die Bindung von Kindern an ihre Eltern oder entsprechende Ersatzfiguren sichere neben Schutz und Zuwendung im Säuglings- und Kindesalter auch den Beistand dieser Personen in späteren Phasen des Lebens. Selbst wenn sich Kinder psychisch weiterentwickeln, bleibe die Bindung bis weit ins Erwachsenenleben bestehen und werde durch Bindungen an neue Bezugspersonen ergänzt (vgl. Bowlby, 2008, S. 98). Wenn im Kleinkindalter keine Möglichkeit bestehe, die Internalisierung in der Familie zu erlernen, zeigten sich Deprivationserscheinungen (vgl. Bowlby, 1973, S. 79). „Da ein Kleinkind als Organismus nicht zu einem selbstständigen Dasein fähig ist, bedarf es einer besonderen sozialen Institution, um ihm während der Zeit seiner Unreife zu helfen. Diese soziale Institution muß ihm zweifache Unterstützung gewähren: zunächst durch 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 2 die Befriedigung seiner unmittelbaren biologischen Bedürfnisse wie Nahrung, Wärme, Unterkunft und Schutz vor Gefahr; und weiter durch ein Klima, in dem es seine physischen, geistigen und sozialen Fähigkeiten zu voller Entfaltung bringen kann, so daß es als Erwachsener in der Lage ist, in eine erfolgreiche Wechselbeziehung mit seiner äußeren, sozialen Umgebung einzutreten. Dazu ist eine Atmosphäre der Liebe und Sicherheit nötig“ (Bowlby, 1973, S. 102). Gefahr für die gesunde geistige Entwicklung des Kindes sah Bowlby dann, wenn die Familie nicht durch Heirat „zustande gekommen“ sei, wenn die Familie nicht effektiv funktioniere oder wenn sie durch Krieg, Tod, Erkrankung, Gefängnisaufenthalt der Mutter, Trennung oder Scheidung „zerstört“ sei (vgl. Bowlby, 1973, S. 104).2 Bowlby nahm an, der Vater spiele für das Kind ausschließlich eine Nebenrolle, indem er Geld für die Familie erwirtschafte und so der Mutter Zeit für Kindererziehung und -pflege verschaffe (vgl. Bowlby, 1973, S. 18). Als mögliche Bezugsperson und Forschungsobjekt schloss er ihn aus, weil ihm diesbezüglich keine ausreichenden Daten zur Verfügung standen, aber auch, weil er die allgemein zu dieser Zeit vorherrschende Annahme teilte, die Mutter sei von Natur aus die wichtigste Bezugsperson des Kindes (vgl. Bowlby, 1973, S. 18). „Wir wollen auch nicht näher auf die Vater-Kind-Beziehung eingehen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sich fast alle bisherigen Beobachtungen auf die Mutter-Kind-Beziehung erstrecken, die ja auch unter normalen Umständen in den ersten Lebensjahren für das Kind die wichtigste ist. Die Mutter füttert und kleidet das Kind, hält es warm, tröstet es. An sie wendet es sich, wenn es Kummer hat“ (Bowlby, 1973, S. 18). Im Notfall könne eine andere Person die Funktion der Mutter übernehmen, die Betreuung durch die Mutter sei jedoch das ursprüngliche und natürliche Prinzip: „Obwohl der Text in diesem Buch gewöhnlich Bezug auf die ‚Mutter‘ nimmt, und nicht auf die ‚Mutterfigur‘, ist in jedem Fall die Person gemeint, die das Kind bemuttert und die es liebgewinnt. Bei den meisten Kindern ist dies natürlich die eigene Mutter“ (Bowlby, 1976, S. 19). Die Theorie, die Beziehung zur Mutter sei für das Kind wichtiger als die zum Vater – die sogenannte „Monotropie-Annahme“ – wurde über einen langen Zeitraum hinweg im Diskurs über die Funktionen der Bindung zwischen Männern und ihren Kindern vertreten. Gestützt wurde sie von evolutionsbiologischen Ansätzen: Die Verbindung zwischen dem Kind und dem weiblichen Elternteil sei durch Schwangerschaft und Geburt sowie durch das Stillen fundiert, die Zeugung als natürlicher Bestandteil der Vater-Kind-Beziehung habe hingegen eine geringere Bedeutung. Es wurde geschlossen, die Bindung vom Kind zum Vater sei weniger eng als zur Mutter (vgl. Schmidt- Denter, 2005, S. 33). 2 Damals galten sowohl Trennung und Scheidung als auch Elternschaft außerhalb der Ehe als unmoralisch. Diese Lebensformen außerhalb der Norm hatten für betroffene Kinder eine starke Stigmatisierung, überwiegende Ausgrenzung aus vielen Lebensbereichen und damit eine massive Einschränkung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten zur Folge (siehe Abschnitt 5.3.5). Wenn die Eltern nicht verheiratet waren und das Kind als „illegitim“ galt, empfahl Bowlby (1973, S. 154) aus diesen Gründen, ein Kind möglichst bei Adoptiveltern unterzubringen. Heute ist die Elternschaft außerhalb der Ehe eine weitgehend anerkannte Familienform. Für die Familienform des Alleinerziehens werden allerdings spezielle Gefahren für die kindliche Entwicklung diskutiert (siehe Abschnitt 4.2.2). 1.1 Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext 3 Bowlby legte seine Theorie insbesondere in einem dreibändigen Werk dar. Im ersten Band Bindung – Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung definierte Bowlby „Bindung“ als ein natürliches, vom Nahrungs- und Sexualtrieb abzugrenzendes, angeborenes Grundbedürfnis eines Menschen (vgl. Bowlby, 2008, S. 21). Im zweiten Band der Trilogie Trennung – Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind bewies Bowlby, dass die Separation von der Bindungsperson beim Kind zunächst Trennungsschmerz, danach Zorn und später Angst auslöst (vgl. Bowlby, 1976, S. 15). Im dritten Band Verlust untersuchte Bowlby die Phänomene von Kummer und Trauer sowie Abwehrprozesse, zu denen Angst und Verlust führten (vgl. Bowlby, 1976, S. 15). Bowlby grenzte vom Bindungsbegriff den Begriff des „Bindungsverhaltens“ ab. Zum Bindungsverhalten gehören sämtliche Verhaltensweisen, die dazu dienen, die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen oder zu bewahren (vgl. Bowlby, 2008, S. 21). Sowohl Bindungen aufzubauen als auch Bindungsverhalten zu zeigen sei instinktiv (vgl. Bowlby, 1976, S. 14). Das Bindungsverhalten werde bei Angst, Müdigkeit und Erkrankung im Zuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten (vgl. Bowlby, 2008, S. 21). Unerfahrene oder schwächere Individuen – wie Kinder oder ältere Menschen – suchen regelmäßig die Nähe und den Beistand vermeintlich stärkerer bzw. kompetenterer Personen (vgl. Bowlby, 2008, S. 99). Erkenntnisse von Mary Ainsworth (*1913, †1999) beeinflussten Bowlbys Theorie stark und untermauerten seine Thesen durch empirische Befunde (vgl. Bowlby, 2008, S. 21; Büdel, 2008, S. 5; Scheer & Wilken, 2006, S. 186). Die klinische Psychologin Ainsworth führte in den 1950er und 1960er Jahren in Uganda und in den Vereinigten Staaten wegweisende Eltern-Kind-Studien durch (vgl. Ainsworth, 1964, 1969, 1972, 1979 a, 1979 b). Ainsworth nahm wie Bowlby an, die Mutter sei die primäre Bezugsperson des Kindes. Bei ihren Studien in Uganda fiel ihr auf, dass sich die meisten Kinder mit einer stabilen Bindung an die Mutter ab dem Erreichen des Krabbelalters regelmäßig von dieser entfernen und ihre Umgebung erkunden, nach kurzer Zeit aber wieder zu ihr zurückkehren. Bei der Abwesenheit der Mutter erfolgen diese „Explorationen“ dagegen weit seltener oder unterbleiben vollständig. Was sie beobachtete, ließ Ainsworth annehmen, feinfühlige Mütter stellten für ihr Kind eine verlässliche Basis (secure base) in Gefahren- oder Angstsituationen dar (vgl. Ainsworth & Wittig, 1969; Bowlby, 2008, S. 35). Erfahrenere Bezugspersonen sind für das Kind nicht in allen Lebenslagen zugänglich (vgl. Bowlby, 2008, S. 99). Vor allem in Situationen, in denen Kinder ihre Bezugspersonen nicht erreichen können, empfinden Kinder großen Stress (vgl. Bowlby, 1976). Psychisch stabile Persönlichkeiten zeichnet gemäß der Bindungstheorie die Bindungsfähigkeit aus; dies bezieht sich sowohl auf die „bedürftige“ als auch auf die „gebende“ Person (vgl. Bowlby, 2008, S. 98). In seine Theorie integrierte Bowlby auch die Erkenntnisse von Spitz (1974), der nachwies, dass für das Überleben und Wohlergehen von Kindern im Krankenhaus eine alleinige Befriedigung von deren körperlichen Bedürfnissen nicht ausreicht. Zudem inspirierten Bowlby die Untersuchungsergebnisse von Harlow, der seine Erkenntnisse durch moralisch bedenkliche Versuchsreihen mit Rhesusaffen gewann. Harlow trennte Affenbabys sofort nach deren Geburt von ihren Müttern und gab einer Äffchengruppe als „Ersatzmutter“ eine mit weichem 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 4 Stoff umkleidete Attrappe, der anderen Gruppe eine aus Draht (vgl. Harlow, 1958). Beide Modelle spendeten durch einen Mechanismus Milch. Die Affenjungen bevorzugten bald die Stoffmutter. Wenn diese keine Milch mehr gab, gingen sie zum Trinken an das Drahtgestell und kehrten schleunigst zur Stoffattrappe zurück. Aus den Ergebnissen des Experiments folgerte Bowlby, für Menschen müsse das Bedürfnis nach Kontakt stärker sein als das nach Nahrung.3 Bowlby stützte seine Theorie, eine Trennung von Mutter und Kind löse beim Kind zunächst Trennungsschmerz, danach Zorn und später Angst aus, auf folgende Beobachtung: Wenn Kleinkinder über mehrere Wochen von ihrer Mutter oder dem Mutterersatz getrennt seien und in einer fremden Umgebung bzw. mit fremden Leuten untergebracht würden, protestierten sie in der Fremde zunächst. Nach einiger Zeit zeigten viele von ihnen beim Wiedersehen mit der Mutter ein für Bowlby zunächst unerklärliches Verhalten: Die Kinder schienen aus Verzweiflung zu resignieren. Sie verhielten sich häufig so, als ob sie die Mutter nicht mehr kennen würden, wandten sich von ihr ab, liefen weg, weinten bzw. waren ausdruckslos. Diesen Zustand nennt Bowlby „Entfremdung“ bzw. „Ablösung“ (vgl. Bowlby, 1976, S. 29). Während der Phase, in der die Kinder scheinbar verzweifeln, entstünden Kummer und Trauer über die erlebte Trennung. Wenn die Kinder daraufhin gegenüber ihrer Bezugsperson Ablösung zeigten, demonstrierten sie ihre innere Abwehr gegen die starken ambivalenten Gefühle ihr gegenüber (vgl. Bowlby, 1976, S. 46).4 Emotionale Verwirrungen bei Trennung und Verlust5 könnten durch die Anwesenheit eines vertrauten Gefährten – im ersten bis zum dritten Lebensjahr sollte das am besten die Bindungsfigur sein – gemildert werden (vgl. Bowlby, 1976, S. 34). Bowlby zufolge neigten Individuen weniger zu Furcht, wenn sie darauf vertrauen können, eine Bindungsperson in der Nähe zu haben. Dieses Vertrauen in die Verfügbarkeit einer Bindungsperson entwickle sich während einer sensitiven Phase in der Kleinkindzeit, Kindheit und Jugend. Was immer sich an Erwartungen in diesen Jahren herausbilde, bleibe für den Rest des Lebens relativ unverändert bestehen (vgl. Bowlby, 1976, S. 246). Seien Kleinkinder über längere Zeit oder wiederholt von der Mutterfigur getrennt oder müssten eine Trennung befürchten, manifestiere sich bei ihnen oftmals ein Zustand von Angst, Verzweiflung und Entfremdung (vgl. Bowlby, 1976, S. 21). In besonders schweren Fällen entwickelten die Betroffenen Probleme, menschliche Bindungen einzugehen (vgl. Bowlby, 1976, S. 21). Auch Erfahrungen, bei der ein Kind gelernt habe, eine bestimmte Situation zu meiden, oder die Erfahrung, dass eine Bindungsfigur 3 Bei dieser Annahme berücksichtigte Bowlby nicht, dass im weiteren Verlauf die Entwicklung beider von den Müttern getrennter Affengruppen schwer beeinträchtigt war. Die Affen waren teilnahmslos, zeigten Bewegungsstereotypen, zwanghaftes Verhalten und beschädigten sich selbst durch Kratzen und Beißen (vgl. Kester, 1979, S. 117–119). 4 In Beobachtungen und Experimenten zeigten Kinder von ihren Müttern häufiger Entfremdung als von ihren Vätern, wodurch Bowlby sich in der Annahme bestätigt fühlte, dass die Mutter generell die primäre Bezugsperson von Kindern sei (vgl. Bowlby, 1976, S. 29). 5 Unter „Trennung“ versteht Bowlby, dass die Bindungsfigur einer Person zeitweise unzugänglich ist (vgl. Bowlby, 1976, S. 221) und dass die Initiative dazu von der Mutter oder von dritter Seite ausgeht (vgl. Bowlby, 1976, S. 52). Mit „Verlust“ ist die Unzugänglichkeit „für immer“ gemeint (vgl. Bowlby, 1976, S. 221). 1.1 Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext 5 in entscheidenden Situationen zur Verfügung gestanden habe oder nicht, hätten Einfluss auf dessen spätere emotionale Zustände (vgl. Bowlby, 1976, S. 239). Mit steigendem Alter werde es für Kinder wichtiger, bei Hilfebedarf auf den Beistand einer Bezugsperson vertrauen zu können, auch wenn diese gerade nicht anwesend ist. Nach der Pubertät bleibe diese Variable dominierend dafür, ob Menschen sich fürchten (vgl. Bowlby, 1976, S. 248). Bowlbys These der kritischen Phase für die Bindung und der Auswirkungen früher Bindungsverluste wurde von empirischen Ergebnissen aus Untersuchungen an Adoptivkindern, Pflegekindern und Heimkindern bestätigt (z. B. The St. Petersburg- USA Orphanage Research Team, 2008, S. 237). Die Datenlage der zitierten Studie sprach für eine kritische Periode in der Bindungsentwicklung im weiteren Sinne vom 6. bis zum 24. Lebensmonat und im engeren Sinne vom 12. bis zum 18. Lebensmonat. Bowlby, selbst ausgebildeter Analytiker, stand gleichermaßen den empirisch nicht verifizierbaren Vermutungen der Psychoanalyse und den Erklärungsversuchen des Behaviorismus, mit dem sich das beobachtete Verhalten in ein Reiz-Reaktions-Schema einordnen lässt, kritisch gegenüber (vgl. Büdel, 2008, S. 4). Er bezog sich in seinen Abhandlungen zwar auf Ergebnisse der Psychoanalyse, seine Theorie stand jedoch der Freuds und seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger in weiten Teilen entgegen (vgl. Bowlby, 1976, S. 16, 2008, S. 16–21). Während Freud die Evolutionstheorie Darwins ablehnte, bekannte sich Bowlby zu ihr (vgl. Bowlby, 1976, S. 109). Dieser Unterschied wirkte sich vor allem auf seine Schlussfolgerungen bei der Bewertung des Phänomens der „Angst“ aus. Die Theorie der Psychoanalyse unterschied zwischen „realistischen Ängsten“, die auf etwas zurückzuführen waren, was Menschen tatsächlich vernichten konnte – beispielsweise Angst vor Feuer oder vor Abgründen – und „neurotischen Ängsten“, allen anderen. Die Angst davor, einen geliebten Menschen zu verlieren, galt gemäß Freuds Definition als „neurotisch“, da sie von einer „unbekannten Gefahr“ ausgehe. Bowlby stand diesen Thesen kritisch gegenüber, denn alle Kinder hätten Angst vor dem Alleinsein, seien jedoch nicht alle neurotisch (vgl. Bowlby, 1976, S. 112). Bowlby befand im Gegensatz zu Freud, die Angst der Kinder vor dem Alleinsein sei nicht als pathologisch einzuschätzen, sondern stehe vielmehr mit Situationen in Zusammenhang, die Menschen tatsächlich verletzen oder vernichten könnten (vgl. Bowlby, 1976, S. 114). Insbesondere für junge und andere schwache Individuen stelle das Alleinsein tatsächlich ein gesteigertes Gefahrenrisiko dar (vgl. Bowlby, 1976, S. 221). Die Entfernung zu anderen Personen oder Objekten, die als schutzbietend betrachtet werden, zu verringern – also Bindungsverhalten zu zeigen – sei eine biologisch sinnvolle Reaktion auf Furcht. Ein anderes sinnvolles Verhalten sei Flucht oder Rückzug vor der möglichen Gefahr (vgl. Bowlby, 1976, S. 119). Bindungsverhalten und Rückzugsverhalten seien ein Resultat des evolutionären Prozesses (vgl. Bowlby, 1976, S. 110), weil sie dem Schutz des Menschen dienten, und beide Funktionen leisteten deshalb einen wichtigen Beitrag zum Überleben des Individuums (vgl. Bowlby, 1976, S. 128). Die Furcht eines Kindes vor dem Alleinsein, die es ein Leben lang begleite und im Erwachsenenalter anhalte, sei ein natürlicher Instinkt, der von vielen Tierarten geteilt werde und sowohl Menschen als auch Tiere schütze. Während An- 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 6 hängerinnen und Anhänger der psychoanalytischen Theorie die biologische Funktion der Angst vor dem Alleinsein weitgehend bezweifelten (vgl. Bowlby, 1976, S. 115), sie als „neurotisch“ oder „kindlich“ ablehnten (vgl. Bowlby, 1976, S. 191), hielt es Bowlby vielmehr für pathologisch, wenn der Instinkt zum Bindungsverhalten fehle (vgl. Bowlby, 1976, S. 113). Gemäß Bowlbys Theorie versucht ein Kleinkind, wenn es alleine ist, mithilfe aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel die Mutterfigur zu finden. Solange es sein Ziel nicht erreicht habe, sei es ängstlich (vgl. Bowlby, 1976, S. 50). Bowlby geht also davon aus, dass das Bindungsverhalten und der Rückzug von einer furchtauslösenden Situation mit der Entwicklung des Kindes zunehmend besser organisiert würden (vgl. Bowlby, 1976, S. 158). Aufgrund der Zunahme kognitiver Kompetenzen gelänge es dem Kind leichter, Kontakt zur Mutter aufzubauen und zu halten. Während dies anfänglich allein über Körperkontakt möglich sei, nutzten Kleinkinder dazu etwa ab dem zweiten Lebensjahr zusätzlich Blicke und verbale Kommunikation (vgl. Bowlby, 1976, S. 70). Auch das Furchtverhalten bilde sich zunehmend weiter aus. Während in der Kleinkindphase die sogenannten „natürlichen Schlüssel“ (fremde Personen, fremde Gegenstände, Höhe, sich rasch nähernde Objekte, Lärm sowie Schmerz oder Personen und Dinge, die mit Schmerz assoziiert werden) die einzigen Reizsituationen seien, auf die das Kind mit Furcht reagiere (vgl. Bowlby, 1976, S. 132–138), erlerne es im Laufe des ersten Lebensjahres durch Beobachtung des Verhaltens der Mutter weitere, sogenannte „kulturelle Schlüssel“. Kinder seien zunehmend daran interessiert, wie die Mutter sich in Situationen verhalte (vgl. Bowlby, 1976, S. 156). Wenn diese bei der Begegnung mit Tieren und bei Dunkelheit Furcht und Furchtverhalten zeige, erlerne das Kind die Angst (vgl. Bowlby, 1976, S. 190). Mit dem Älterwerden könnten Kinder die Fähigkeit entwickeln, ihre Furchtneigung zu reduzieren. Dies geschehe, indem sie sich an bestimmte Erfahrungen gewöhnten und durch Beobachtungen von Bezugspersonen adäquates Verhalten in bestimmten Situationen übernähmen (vgl. Bowlby, 1976, S. 234). Aus biologischer Perspektive sei es sinnvoll und nicht als pathologisch zu werten, sich auf „Schlüssel“ für Sicherheit und Gefahr zu verlassen, da sich dieses System evolutionär bewährt habe. Rückzug bei einem erhöhten Gefahrenrisiko und Hinwendung zu anderen Personen seien hilfreiche Reaktionen (vgl. Bowlby, 1976, S. 176). Erst Veränderungen der Umweltbedingungen, die das Bindungsverhalten mit vertrauten Personen nicht mehr zulassen, beispielsweise wenn plötzlich keine Bindungsperson zur Verfügung stehe, führten zu atypischem Verhalten des Individuums (vgl. Bowlby, 1976, S. 111). Die verschiedenen Erwartungen der Menschen an die Zugänglichkeit und Reaktionsbereitschaft ihrer jeweiligen Bindungsfiguren, die unterschiedliche Individuen in der Kindheit etablierten, seien ziemlich genaue Reflexionen der Erfahrungen, die diese Menschen tatsächlich gemacht hätten (vgl. Bowlby, 1976, S. 246). Die Reaktionsbereitschaft der Bezugspersonen auf ein Kind wirke auf die Sicherheit von Bindungen, die das Kind im Laufe seines Lebens aufbauen könne, und auf sein Selbstbild (vgl. Bowlby, 1976, S. 247). Ein Kind halte sich für die Art von Person, auf die ein anderer Mensch in hilfreicher Weise reagiere, wenn dies in der sensiblen Phase – am besten durch die Bindungsperson – so passiert sei (vgl. Bowlby, 1976, S. 1.1 Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext 7 249). Ein unerwünschtes Kind fühle sich von seinen Eltern abgelehnt und nehme an, allgemein überflüssig zu sein. Im Gegensatz dazu wachse ein geliebtes Kind sowohl in der Überzeugung auf, durch seine Eltern geliebt zu werden, als auch in der Annahme, alle anderen fänden es liebenswert (vgl. Bowlby, 1976, S. 249). Diese Modelle des Selbst formten sich in den ersten Lebensjahren und wirkten später fort, seien den Personen selbst aber unter Umständen in Teilen oder vollständig unbewusst (vgl. Bowlby, 1976, S. 249). Hauptursache für besondere Ängstlichkeit, starke Anhänglichkeit oder ständiges Misstrauen sah Bowlby in dem Umstand, dass ein Individuum in der Kindheit unangemessene bzw. unzulängliche Reaktionen der Bindungsfiguren erfahren habe (vgl. Bowlby, 1976, S. 255). Später könne Psychotherapie von Ängsten und die Veränderung von Selbstbildern durch therapeutische Reflexion erfolgreich sein, wenn die frühen Erfahrungen der Patientinnen und Patienten bekannt seien. Meist müsse nach Betrachtung der Lebensgeschichte die Furcht der Personen als „berechtigt“ gelten, da in vielen Fällen entsprechende Selbstbilder bei der täglichen Auseinandersetzung mit den Bindungsfiguren vermittelt worden seien (vgl. Bowlby, 1976, S. 239). Deshalb empfahl Bowlby, bei der Untersuchung von Traumata detaillierte Darstellungen der vergangenen Erlebnisse einzubeziehen (vgl. Bowlby, 1976, S. 241). Besonders hohe Chancen für Menschen, sich zu stabilen und selbstsicheren Persönlichkeiten zu entwickeln, prognostizierte Bowlby solchen Menschen, die in ihrer Kindheit auf stete elterliche Unterstützung zurückgreifen konnten, bei wachsender Autonomie ermutigt wurden, diese in Anspruch zu nehmen, offen über eigene Vorstellungen, die der Eltern und anderer reflektieren und die eigenen bei Bedarf revidieren durften (vgl. Bowlby, 1976, S. 379). Bowlby war überzeugt von einem starken Zusammenhang zwischen geistiger Gesundheit und der jeweiligen familiären Kultur. Er vermutete weiterhin, die Vererbung durch Gene habe weit weniger Einfluss auf geistige Gesundheit eines Menschen als die in der jeweiligen Familie üblichen Einstellungen und Verhaltensweisen (vgl. Bowlby, 1976, S. 380). Obwohl er Untersuchungsergebnisse in Bezug auf die Rolle des Vaters in der Familie aus heutiger Sicht falsch deutete, gelten Bowlbys Analysen vor allem für die Heimerziehung bis heute als richtungsweisend. Bowlby ermittelte beispielsweise, dass deprivierte Kinder durch die frühe Erfahrung der Trennung von ihren Bezugspersonen selbst in der Fähigkeit zu guter Elternschaft beeinträchtigt werden können (vgl. Bowlby, 1973, S. 39). Um Schäden für die psychische Gesundheit der Individuen zu vermeiden, empfahl er, die ambulanten Versorgungs- und Behandlungsmöglichkeiten von Eltern durch Erziehungsberatung oder Psychotherapie auszubauen (vgl. Bowlby, 1973, S. 100–130). Allgemein seien bedürftige Familien durch sozio-ökonomische und sozio-medizinische Maßnahmen im Notfall direkt sowie auf lange Sicht hin zu unterstützen (vgl. Bowlby, 1973, S. 119). Dazu sollten Sozialarbeiterinnen, Sozialarbeiter und psychotherapeutische Fachkräfte ausgebildet werden (vgl. Bowlby, 1973, S. 130). Einer Unterbringung von Kleinkindern im Heim stand Bowlby im höchsten Maße kritisch gegenüber. Babys würden dort selten zu Aktivitäten ermuntert, weil dies Zeit und Mühe koste. Vielmehr sei es für das Personal einfacher, wenn das Kind still sitze und tue, was man ihm sage (vgl. Bowlby, 1973, S. 81). Aufgrund der seiner 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 8 Ansicht nach miserablen Lage von Kleinkindern in Heimen empfahl Bowlby, die Unterbringung bei sorgfältig ausgewählten Adoptiveltern zu forcieren, sofern sich keine ambulante Versorgung umsetzen lasse (vgl. Bowlby, 1973, S. 72). Vor allem in Säuglings- und Mutter-Kind-Heimen wurden aufgrund von Bowlbys Erkenntnissen Strukturen fundamental umgestaltet (vgl. von Klitzing, 1998, S. 122). Aktuelle Themen der Bindungsforschung Lange Jahre befasste sich die Bindungsforschung schwerpunktmäßig mit Bindung im Kleinkindalter. Die Beschreibung und Erfassung unterschiedlicher Qualitäten von Eltern-Kind-Bindung orientierten sich an der standardisierten Beobachtung von Bindungssignalen und mütterlicher Feinfühligkeit, den Verhaltensstrategien sicher und unsicher gebundener Kinder in der „Fremden Situation“ und den weiteren Folgen für die Entwicklung (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74; Grossmann, 2004, S. 39). Ab den 1970er Jahren begannen wenige Forscherinnen und Forscher die Bedeutung lebenslanger Bindungen im Leben von Kindern in Langzeitstudien zu untersuchen (vgl. Grossmann, 2004, S. 39; Grossmann, Grossmann & Waters, 2006). Heutzutage werden in der pädagogischen Disziplin eine sichere Bindung und elterliche Feinfühligkeit für alle Kinder als Voraussetzung für die Ausbildung positiver sozial-emotionaler Kompetenzen im Kindesalter sowie für die spätere positive Selbstwerteinschätzung angesehen (vgl. Büdel, 2008, S. 4; Lamb, 1997 b, S. 105; Ziegenhain, 2012, S. 43). Es konnte gezeigt werden, dass psychische Einschränkungen bis ins junge Erwachsenenalter statistisch signifikant mit ungünstigen Bindungserfahrungen zusammenhängen (vgl. Grossmann & Grossmann, 2008). Ein „exklusives Betreuungsmodell“, in dem die Betreuung des Kindes möglichst nur durch die Mutter geschehen soll, was Bowlby im Sinne des Monotropie-Konzepts als die ursprüngliche Sozialisation des Kindes ansah, steht im Widerspruch zu jüngeren Überlegungen, dass die menschliche Evolution langfristig nur ein kooperatives Betreuungsmodell aufrechterhalten kann (vgl. Hrdy, 1999, S. 102). Auch empirische Befunde sprechen gegen diese These: Die Erfahrung von Kindern, durch eine andere Person als die Mutter tagsüber betreut zu werden, zeigt beispielsweise keinen direkten Effekt auf die Mutter-Kind-Bindung (vgl. NICHD Early Child Care Research Network, 1997, S. 860). Heute wird überwiegend davon ausgegangen, dass das evolutionsbiologisch äußerst wichtige System der Mutter-Kind-Bindung hochkomplex ist, auf prädisponierte Verhaltenstendenzen zurückgreifen kann, durch biologische Mechanismen gestützt ist und durch vielfältige Lernerfahrungen erworben und angepasst wird (z. B. Ahnert, 2004, S. 80). Auf diese Weise sei das Bindungssystem mehrfach abgesichert, damit es sich dynamisch an die Lebenswirklichkeit von Mutter und Kind anpasst (vgl. Ahnert, 2004, S. 80). Nach Belsky wird elterliches Verhalten hauptsächlich durch drei Faktoren beeinflusst, nämlich durch persönliche Merkmale eines Elternteils, Merkmale des Kindes und sozial-kontextuelle Faktoren (vgl. Belsky, 1984). Vor allem Main (vgl. Main, Kaplan & Cassidy, 1985) lenkte – wie Gloger-Tippelt zeigt – bei der Suche nach den Ent- 1.2 1.2 Aktuelle Themen der Bindungsforschung 9 stehungsbedingungen individueller Unterschiede der Elternteil-Kind-Interaktion in ihren Studien die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Arten, wie Eltern ihre Erfahrungen in der Herkunftsfamilie beschreiben, wie sie darüber denken und wie sie diese verarbeiten (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74). Indem sie den Aspekt der „mentalen Repräsentation“ in ihren Studien einbezog, regte Main eine Weiterentwicklung der Bindungsforschung in diese Richtung an. Die Organisation bindungsrelevanter Erinnerungen und Bewertungen von Erfahrungen mit den Bindungspersonen wird als „Bindungsrepräsentation“ bezeichnet (vgl. Zimmermann & Wirtz, 2014). Wie Gloger-Tippelt elaboriert, hat die schon aus lerntheoretischer und psychoanalytischer Sicht bekannte These, dass Eltern aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen komplexe psychische Merkmale an ihre Kinder weitergeben, dadurch in der Bindungsforschung eine neue Wendung erfahren. In diesem Kontext beziehe sich die These der Transmission von Bindungstypen von der Großelterngeneration über die Eltern an die Kinder nicht nur auf die konkreten Erfahrungen mit den Bezugspersonen in der Kindheit, sondern vor allem auf deren kognitive und affektive Verarbeitung, das heißt auf den state of mind with respect to attachment im Sinne von Main (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74). Empirisch konnte Mains These erst angemessen untersucht werden, seit ein vielfältig einsetzbares Erhebungsinstrument zur Erfassung von verinnerlichten, mentalen Bindungsmodellen, das Adult Attachment Interview (vgl. George, Kaplan & Main, 1996), und das dazugehörige Auswertungs- und Klassifikationsverfahren (vgl. Main & Goldwyn, 1994) zur Verfügung stehen (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74). Neuere entwicklungsbezogene Studien in unterschiedlichen sprachlichen, kulturellen und ökonomischen Kontexten können eine enge Verbindung zwischen dem Bindungsmuster des Kindes und den Bindungsrepräsentanzen der Bezugsperson zeigen. Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen der Weise, in der Eltern ihre eigenen bindungsbezogenen Kindheitserlebnisse erinnern, und der Qualität der Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern (vgl. Jokschies, 2005, S. 19). Über welche Mechanismen sich die transgenerationale Übertragung von Bindungsmustern vollzieht, ist bis heute noch nicht vollständig geklärt – ein Problem, das als transmission gap (vgl. Main, 1991) bekannt ist (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 1). Dem Problem transmission gap widmet sich beispielsweise Haßelbeck. Er zeigt, dass die sogenannte „Mentalisierungsfähigkeit“, die Fähigkeit, „eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung von mentalen Zuständen zu interpretieren“ (Fonagy, Gergely, Jurist, Target & Vorspohl, 2006, S. 32), die transgenerationale Übertragung von Bindungsmustern teilweise erklären kann, indem sie auf die Eltern-Kind-Bindung wirkt (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 48). Das Konzept der Mentalisierungsfähigkeit wird seit den 1990er Jahren weiter erforscht (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 8). Neben diesen Überlegungen wird heute auch davon ausgegangen, dass kindliche Beziehungen zu nichtmütterlichen Bindungspersonen – wie beispielsweise dem Vater oder Betreuerinnen und Betreuern – signifikant zur Fähigkeit des Kindes zum Beziehungsaufbau beitragen (vgl. Kindler & Grossmann, 2004). Forschungsergebnissen von Goodman, Emery und Haugaard (1998) zufolge können negative Effekte – etwa aufgrund einer unsicheren Bindungsrepräsentation oder anhaltender Konflikte der 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 10 Eltern nach einer Scheidung – durch positive Effekte des Vater-Kind-Kontaktes gemildert werden. Hinsichtlich des beobachtbaren väterlichen Fürsorgeverhaltens fand man große individuelle Unterschiede (vgl. Abschnitt 2.3–2.6 der vorliegenden Studie). Es werden heute verschiedene Einflussgrößen auf das Fürsorgeverhalten von Vätern diskutiert (vgl. Kindler & Grossmann, 2004, S. 240). Kindler und Grossmann (2004, S. 255) betonen, dass die Bedeutung des Vaters mehr von der Qualität seines Engagements und seiner Interaktionen mit dem Kind als von der Quantität des Zusammenseins mit dem Kind abhängt. Der Bedeutung der Vater-Kind-Bindung für die kindliche Entwicklung wird im folgenden Abschnitt nachgegangen. 1.2 Aktuelle Themen der Bindungsforschung 11 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung Im folgenden Abschnitt wird anhand von Ergebnissen der Väterforschung die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung herausgearbeitet. Zunächst werden die Dimensionen der Vaterschaft beleuchtet. Daraufhin wird der Frage nachgegangen, ob Vater und Säugling bereits genauso früh miteinander interagieren können wie Mutter und Säugling. Anschließend wird die Rollenteilung in der Familie und das Ausmaß des väterlichen Engagements für das Kind untersucht. In einem weiteren Abschnitt wird der Frage nachgegangen, von welchen Bedingungen väterliches Engagement bei der Pflege und Erziehung des Kindes abhängig ist, um daraufhin den Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes zu beleuchten. Ansätze aus der Familiensystemtheorie ergänzen die Überlegungen um den Zusammenhang zwischen der Qualität der elterlichen Partnerschaft und kindlicher Entwicklung. Dimensionen der Vaterschaft Die Funktion des Vaters wird in unterschiedlichen Zusammenhängen – beispielsweise in juristischen, biologischen, kulturellen und sozialen – diskutiert. Seine Rolle beinhaltet verschiedene Dimensionen, die im Folgenden dargelegt werden. Mutterschaft und Vaterschaft sind „in Bezug aufeinander, gegen- und zueinander komplementär bestimmt“ (vgl. Thiersch, 2007, S. 9). Ein Vater ist der männliche Elternteil (vgl. „Vater“, 2007, S. 745) bzw. Mann im Verhältnis zu seinem Kind (vgl. „Vater“, 1999, S. 36). Im biologischen Sinne gilt als Vater der Mann, der das Kind gezeugt hat (vgl. „Vater“, 1999, S. 36). Die juristische Vaterschaft entsteht durch Ehe des Mannes mit der Mutter, durch Vaterschaftsanerkennung oder gerichtliche Feststellung der Vaterschaft (vgl. Haertlein, 2011, S. 932). Gemäß § 15 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) ist die Mutter eines Kindes die Frau, die das Kind geboren hat. Ist ein Mann bei der Geburt des Kindes mit ihr verheiratet, ist er im rechtlichen Sinne der Vater des Kindes. Sind die Mutter und ihr Partner nicht miteinander verheiratet, kann durch Anerkennung der Vaterschaft nach § 1592 BGB i. V. m. § 1594 BGB eine rechtliche Elternschaft erwirkt werden. Im Konfliktfall kann ein Gericht nach § 1592 BGB i. V. m. § 1600 d BGB die Vaterschaft feststellen. Das Verfahren der Anerkennung per Gerichtsgutachten kann von der Mutter, dem Kind selbst oder dem Mann, der vermutet, biologischer Vater zu sein, eingeleitet werden (vgl. Kölbl, 2007, S. 91). In den folgenden Abschnitten wird vor allem die soziale und pädagogische Funktion des Vaters umrissen. Seine Rolle in der frühen Kindheit und seine Bedeutung für 2 2.1 13 die Entwicklung des Kleinkindes wurde über einen langen Zeitraum hinweg kaum wissenschaftlich untersucht (vgl. Steinhardt, Datler & Gstach, 2002, S. 7) und bis in die 1970er Jahre hinein allgemein als gering eingestuft. Aus der Fähigkeit von Frauen, Kinder zu gebären und zu stillen, leitete man die Annahme ab, dass die Vater-Kind- Beziehung weniger eng sei als die Bindung zwischen Mutter und Kind (vgl. Nickel & Köcher, 1986, S. 173; Schmidt-Denter, 2005, S. 28; Werneck, 1997, S. 1). Gängige Wissenschafts- und Forschungstraditionen waren von einem klassischen Familienbild geprägt, demzufolge die Mütter für die Pflege, die Versorgung und das Aufwachsen ihrer Säuglinge und Kleinkinder Verantwortung trugen. Väter hatten die Rolle inne, die Familie ökonomisch zu versorgen. Erst mit dem Größerwerden der Kinder war es die typische Aufgabe des Mannes, diese zu disziplinieren und für das Leben außerhalb der Familie zu rüsten (vgl. Nickel & Köcher, 1986, S. 173; Steinhardt, Datler & Gstach, 2002, S. 7; Werneck, 1997, S. 1). In der Pädagogik wurde lange – unter dem Einfluss psychoanalytischer Vorstellungen – der Mutter ein weitaus höherer Stellenwert für die Entwicklung ihrer Kinder eingeräumt als dem Vater. Freud betonte die „einzigartige, unvergleichliche, fürs ganze Leben unabänderlich festgelegte Bedeutung der Mutter als erstes und stärkstes Liebesobjekt, als Vorbild aller späteren Liebesbeziehungen – bei beiden Geschlechtern“ (Freud, 1953, S. 45). Gemäß psychoanalytischen Theorien galt die „phallische Phase“ vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr als frühster Lebensabschnitt, in dem der Vater für die Kindesentwicklung eine Bedeutung für die Neurosengenese erhält (vgl. von Klitzing, 1998, S. 120). In dieser Zeit bilden Kinder auch den sogenannten Ödipus-Komplex aus. Gemeint sind rivalisierende und aggressive Gefühle gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und die positiven und zugeneigten gegenüber dem gegengeschlechtlichen (vgl. Hoffmann, 1994, S. 580). Demnach sehe ein Junge in seinem Vater einen Rivalen um die Liebe zur Mutter und wünsche diesem unbewusst den Tod. Gleichzeitig fürchte er die väterliche Rache in Form der Kastration. Aus Angst vor der unausgesprochenen Kastrationsdrohung füge sich der Junge der väterlichen Autorität. Dieses Verhalten löse den Konflikt, da es die wohlwollende Anerkennung des Vaters zur Folge habe. Das väterliche Verbot werde zum festen Bestandteil der kindlichen Psyche, was zur Bildung des Über-Ichs führe (vgl. von Klitzing, 1998, S. 120). Auch für das Mädchen trete der Vater erst in der ödipalen Phase auf den Plan, und zwar als Liebesobjekt im Rahmen eines „Objektwechsels“. Das Mädchen wende sich von der Mutter als primärem Liebesobjekt ab und dem Vater zu. Die Theorie des Objektwechsels impliziere, so von Klitzing, die Annahme einer Bedeutungslosigkeit des Vaters als Liebesobjekt für Kleinkinder in der Zeit vor der ödipalen Phase (vgl. von Klitzing, 1998, S. 121). Der Diskurs zur Bedeutung der Väter für ihre Kinder setzte Nickel und Köcher zufolge in den deutschsprachigen Ländern im Vergleich zu anderen – speziell im Vergleich zum angloamerikanischen Sprachraum – verzögert ein. Zunächst erfasste die Diskussion die Disziplinen der Psychologie, Soziologie und Pädagogik, später wurde die Funktion und Rolle der Väter bei Schwangerschaft, Geburt und Versorgung des Kindes in medizinischen Fachblättern erörtert. Erst in den 1980er Jahren erreichte die 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 14 Debatte die Kinderpsychiatrie, die Familiensoziologie und die Rechtswissenschaft (vgl. Nickel & Köcher, 1986, S. 173). Intuitive Kompetenz von Vätern und Säuglingen zur Interaktion Ein bedeutsamer Einfluss des Vaters auf seine Kinder wurde unter anderem auch deshalb lange nicht erwogen, weil man bis in die jüngste Vergangenheit hinein die sozialen Kompetenzen von Kleinkindern unterschätzte. Vaterforscherinnen und -forscher konnten mehrfach zeigen, dass Kleinkinder schon im ersten Lebensjahr über die Fähigkeit verfügen, zu beiden Elternteilen Bindungen aufzubauen (vgl. Eickhorst, Benz, Scholtes & Cierpka, 2010, S. 624; von Klitzing, 1998, S. 122; Lamb, 1981, S. 307–327). Erst ab den 1960er Jahren wurde in diversen Studien nachgewiesen, dass fast zwischen allen Kindern und ihren Vätern in den ersten beiden Lebensjahren eine Bindung entsteht, obwohl sich nicht alle Männer an der Säuglingspflege beteiligt hatten (vgl. Grossmann et al., 1989; Grossmann & Grossmann, 1991, 2000; Schaffer & Emerson, 1964, S. 31). Die Unterschätzung der Kompetenzen von Kindern im Aufbau von Bindungen zum männlichen Elternteil hatte Einfluss auf die Entstehungsbedingungen der Heime für Mutter und Kind (dieser Zusammenhang wird in Abschnitt 5.3 der vorliegenden Studie herausgearbeitet). Eine Forschungsgruppe um Frodi und Lamb wies nach, dass Väter für die Signale von Kleinkindern genau wie ihre Partnerinnen empfänglich sind. In Versuchen zeigten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Elternteilen beiden Geschlechts ruhige, lächelnde oder weinende Babys auf einem Monitor, maßen ihre psychophysiologischen Reaktionen und verglichen die Ergebnisse miteinander. Es ließen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Reaktionen der Männer und denen der Frauen feststellen (vgl. Frodi & Lamb, 1980; Frodi, Lamb, Leavitt, Donovan et al., 1978; Frodi, Lamb, Leavitt & Donovan, 1978). Analysen von Eltern-Säuglings-Interaktionen durch das Ehepaar Papoušek legen die Annahme nahe, Mütter und Väter seien gleichermaßen dafür vorbereitet, kindliche Signale wahrzunehmen und daraus den jeweiligen Zustand der Aufmerksamkeit, Aufnahmebereitschaft und Belastbarkeit des Kindes abzulesen. In allen intuitiven elterlichen Verhaltensanpassungen an die Bedürfnisse des Säuglings fand das Forscherpaar keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern (vgl. Papoušek & Papoušek, 1987). Unstrukturierte Beobachtungen von Eltern-Neugeborenen-Interaktionen auf Entbindungsstationen zeigten, dass Väter weder unfähig zur Interaktion mit ihren Kindern noch uninteressiert daran waren. Wenn sie ihr Kind zum ersten Mal sahen, verhielten sich Männer gegenüber den Neugeborenen meist genauso wie Frauen (vgl. Lamb, 1997 b, S. 105). Beim Füttern reagierten beide Eltern durchschnittlich in gleichem Maß auf die Signale der Kinder. Darüber hinaus passten sie ihre Sprachmuster meist einfühlsam dem Entwicklungsstand der Kinder an. Sie sprachen langsamer mit ihren Kleinkindern, benutzten kürzere Sätze und wiederholten sich häufiger als im Umgang mit Erwachsenen. Im Durchschnitt waren Väter ebenso sensibel gegenüber den Veränderungen im Ent- 2.2 2.2 Intuitive Kompetenz von Vätern und Säuglingen zur Interaktion 15 wicklungsstand ihrer Kinder wie Mütter und berücksichtigten beim Spiel die Fähigkeiten und Vorlieben ihrer Kinder adäquat (vgl. Lamb, 1997 b, S. 106). Gemäß den Ergebnissen einer Studie von Field verhält sich der Elternteil, der sein Kind primär betreut, gegenüber dem Nachwuchs sensibler als der jeweils andere. Die primäre Betreuungsperson stellt häufiger wechselseitige Kommunikation mit dem Kind her, indem sie nachahmend Grimassen zieht oder die hohe Stimme des Kindes imitiert (vgl. Field, 1978, S. 183–194). Wer die primäre Bindungsperson eines Kindes ist oder wird, ist demnach nicht abhängig vom Geschlecht der Person, sondern vielmehr von ihrer Präsenz oder ihren Bemühungen um das Kind. Mehr Erfahrung und die darüber gewonnene Sicherheit im Umgang mit einem Kind erhöhen die Wahrscheinlichkeit dafür, weiterhin an dessen Leben und an der Fürsorge für dieses teilzuhaben (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 622). Studienergebnissen von Lamb zufolge suchen Kleinkinder unter Stress häufiger den Kontakt mit der primären Bezugsperson als mit dem jeweils anderen Elternteil. In entspannter Atmosphäre agieren sie hingegen mit beiden Elternteilen in gleichem Maße, sofern diese beide anwesend sind (vgl. Lamb, 1997 b, S. 111). Gemäß den Untersuchungen von Main und Weston ist das Sicherheitsgefühl von Kindern in Stresssituationen entscheidend durch die jeweilige Qualität der Bindung an Mutter und Vater geprägt. Sie ermittelten dies in einem Versuch: Auf eine unbekannte Person, die als Clown verkleidet war, reagierten Kinder umso souveräner, je sicherer sie an beide Elternteile gebunden waren (vgl. Main & Weston, 1981, S. 932–940). Die Forschungsgruppe Lewis, Feiring und Weinraub widerlegte die Annahme, dass die Häufigkeit der Vater-Kind-Interaktion in einem direkten Zusammenhang mit der Qualität der Beziehung stehe. Für letztere sei vielmehr entscheidend, ob Eltern auf die Interaktionsbereitschaft ihres Kindes eingingen, die Kommunikation wechselseitig verlaufe und dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen sei. Wenn Väter mit ihren Kindern im Vergleich zu den Müttern weniger Zeit verbringen, sei ihr Einfluss auf die Entwicklung des Kindes nicht unbedingt geringer, sofern ein gewisses Minimum an Zeit nicht unterschritten werde (vgl. Lewis, Feiring & Weinraub, 1981, S. 259–294). Nach Jarvis und Creasey ist die Wahrscheinlichkeit für die Ausbildung unsicherer Bindungen bei Kindern höher, wenn deren Väter über ein hohes Level an Stress klagen. Weniger Stress führt zu einer sichereren Bindung des Kindes zum männlichen Elternteil (vgl. Jarvis & Creasey, 1991, S. 383–395). Cox und ihr wissenschaftliches Team fanden heraus, dass Kinder mit zwölf Monaten umso sicherer an ihre Väter gebunden waren, je liebevoller die Männer diesen gegenüber im Alter von drei Monaten eingestellt gewesen waren, je mehr Zeit sie mit ihnen verbracht hatten und je positiver die Grundhaltungen waren, die sie vertraten (vgl. Cox et al., 1992, S. 474–483). Der Autor Lamb vertritt die Position, die grundlegenden Fragen der Väterforschung seien weitgehend beantwortet: Kleinkinder bauen während des ersten Lebensjahres etwa zur selben Zeit Bindungen zu beiden Elternteilen auf. Zudem scheint es, als gebe es zwischen den Beziehungspersonen eine Hierarchie, in der die Mutter gegenüber dem Vater von Kleinkindern bevorzugt würde. Kinder präferieren ihre Mütter vermutlich deshalb, weil Frauen den Hauptanteil der Betreuung und Versorgung von Kindern übernehmen. Die Möglichkeit eines Verschwindens oder einer 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 16 Umkehr dieser Effekte bestehe, wenn Väter die Betreuungs- und Versorgungsaufgaben mit den Müttern teilten oder sogar primär übernähmen, was bisher aber nur wenige Väter getan hätten (vgl. Lamb, 1997 b, S. 119). Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung ist die Annahme vor dem Hintergrund der hier dargelegten Befunde, dass Männer für Kinder grundsätzlich ebenso gute Bindungspersonen darstellen und deren Entwicklung in ebenso hohem Maß beeinflussen können wie Frauen und dass es keine biologisch fundierten Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Sensibilität für kindliche Bedürfnisse gibt. Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind Aus den Informationen im vorangegangenen Abschnitt ergibt sich für die vorliegende Untersuchung die Frage, ob überhaupt Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Verhalten gegenüber dem Kind existieren. Tatsächlich lassen sich statistisch signifikant Andersartigkeiten im Verhalten zwischen Vätern und Müttern nachweisen. Väter tendieren dazu, sich in der Interaktion mit dem Kind auf das Spielen und andere spaßbetonte, zeitlich disponible Aufgaben zu spezialisieren, auf sogenannte Pleasure-Aktivitäten, wie beispielsweise mit dem Kind auf den Spielplatz gehen, das Kind baden und Routinen rund um das Zubettbringen, während Mütter mehr Versorgungs- und Pflegetätigkeiten übernehmen (vgl. Kalicki, Peitz & Fthenakis, 2006, S. 86; Lamb, 1997 a, S. 5). Parke und Sawin (1980) wiesen nach, dass auch alleinerziehende Väter zwar weniger Zeit mit Füttern und Pflege verbringen als alleinerziehende Mütter, stattdessen aber häufiger und anregender mit ihrem Kind spielen. Absolut verbringen Frauen zwar mehr Zeit spielend mit ihren Kindern als Männer, anteilig spielen Väter im Kontakt mit ihren Kindern aber häufiger als Mütter. Da ein großer Anteil der Vater-Kind-Interaktion aus Spiel besteht, das Spiel darüber hinaus ausgelassen und stimulierend ist und zudem die Interaktion mit dem Vater seltener vorkommt, stechen diese Situationen im Erleben der Kinder besonders hervor (vgl. Lamb, 1997 a, S. 5). Väter spielen gemäß den Untersuchungen von Clarke-Stewart und Lamb körperbetontere Spiele, verhalten sich währenddessen lebendiger, unvorhersehbarer und individueller als ihre Partnerinnen. Mütter spielen eher distanziert und verbalisierend und nutzen Spielzeug als Medium. Sie sind zudem stärker auf die Sicherheit des Kindes bedacht und fordern daher das Kind seltener zu abweichendem, originellem Spiel auf (vgl. Clarke-Stewart, 1978, S. 466–4780, 1980, S. 111–146; Lamb, 1980, S. 21–43). Viele Väter zeigen beim Umgang mit ihrem Kind ein anderes körperliches Verhalten als die Kindsmütter. Während die Männer ihr Kind am ganzen Körper berühren, fassen die Frauen häufiger lediglich einzelne Körperteile, z. B. Wangen oder Händchen, an (vgl. Field, 1978, S. 183–194; Lamb, 1997 b, S. 111). Einer US‑amerikanischen Untersuchung von Clarke-Stewart (1978) zufolge ruft der väterliche Spielstil beim Kind meist positivere Reaktionen hervor als der Spielstil der Mütter. Die Wissenschaftlerin beobachtete, dass Kinder im Alter von 15 bis 30 Monaten häufiger den Vater als Spielpartner auswählten, vermutlich da dieser lebhaf- 2.3 2.3 Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind 17 ter mit ihnen spielte und den Erkundungsdrang der Kinder weniger einschränkte. Wie Parke und O’Leary (1976) zeigten, vermittelt der Vater dem Kind beim Spiel eine größere Erfahrungsbandbreite als die Mutter – unabhängig davon, wie engagiert er sich in anderen Bereichen um das Kind kümmert. Nach Lewis (1997) rückt im Erleben des Kindes im Verlauf der Kindesentwicklung das Spielen im Verhältnis zu den Pflegetätigkeiten immer stärker in den Vordergrund. Da im Vorschulalter Pflegetätigkeiten weniger aufwändig würden, werde ab diesem Zeitpunkt das väterliche Spiel für die Kinder wichtiger. Jüngst konnte gezeigt werden, dass eine ausgeprägte Mentalisierungsfähigkeit des Vaters (vgl. Abschnitt 1.2 der vorliegenden Studie) kindliche Kompetenzen in Spielsituationen positiv beeinflusst: Im Rahmen der Erhebung von Haßelbeck gingen Väter mit höherer Mentalisierungsfähigkeit in einer Spielsituation mit dem Kind – beim gemeinsamen Anschauen eines Bilderbuchs – sensibler mit dem Kind um als andere. Sie zeigten mehr aufrichtiges Interesse an der Interaktion sowie Vergnügen beim Spiel mit dem Kind. Ihr Gesichtsausdruck war freundlicher und schwankte weniger plötzlich im emotionalen Ausdruck. Sie nahmen die Signale des Kindes besser wahr und reagierten besser darauf. Ihr Erzieherverhalten war flexibler und der jeweiligen Situation besser angepasst, die Spielinteraktionen kreativer und freudiger, während Konfliktsituationen einen geringeren Einfluss auf die Interaktionen nahmen (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 44). Außerdem zeigten die Kinder von Vätern mit ausgeprägter Mentalisierungsfähigkeit in der Spielsituation eine bessere Balance zwischen Eigenaktivitäten und Ansprechbarkeit durch den Vater sowie autonomem Spiel und selbstinitiierter Kontaktaufnahme mit dem Vater. Auch in der Beobachtung des Alltagsgeschehens zuhause war bei Kindern von Vätern mit ausgeprägter Mentalisierungsfähigkeit festzustellen, dass sie den Kontakt zum Vater (auch über die Distanz hinweg) eher aufrecht erhielten, sich mehr dafür interessierten, was der Vater tat, und mehr mit ihm oder in seiner Nähe spielten, um zwischendurch zu ihm zurückkommen, etwas zeigen, mitteilen oder vorführen zu können, und dass sie beim Spielen mehr körperliche Nähe und Körperkontakte genossen, die dazu dienten, die Beziehung emotional positiv auszugestalten. Bei Fremdkontakten im Umfeld vertrauter Beziehungen waren Kinder von Vätern mit hoher Mentalisierungsfähigkeit zudem interessierter und neugieriger auf die neuen Sozialkontakte und erprobten im Beisein des Vaters mehr Kommunikationstechniken mit Fremden (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 44). Darüber hinaus konnte Haßelbeck zeigen, dass Kinder von Vätern mit ausgeprägter Mentalisierungsfähigkeit im Beisein der Bezugsperson in einer frustrierenden Situation besser gestimmt bleiben, weniger Hilfe suchen sowie weniger Stressreduktion einfordern als Kinder von Vätern mit geringerer Mentalisierungsfähigkeit (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 48). Geschlechterstereotype formen – wie Lamb elaboriert – die Umgangsstile der Eltern mit den Kleinkindern. Die Zugehörigkeit der Elternteile zu einem bestimmten Geschlecht wecke bei Außenstehenden Erwartungen an das Verhalten des Elternteils gegenüber dem Kind. Dass Väter mit ihren Kleinkindern häufiger in Spielsituationen und in diesen darüber hinaus oft körperbetont interagieren, während Mütter eher Betreuungs- und Pflegeaufgaben übernehmen, bewertet Lamb als Reaktion auf diese Rollenerwartungen von außerhalb. Die Erwartungshaltungen könnten, so Lamb, 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 18 einen sozialen Druck generieren, auf den Elternteile durch das Erfüllen des jeweiligen rollenspezifischen Verhaltens bewusst oder unbewusst reagieren (vgl. Lamb, 1997 b, S. 105). Das Phänomen, das Menschen Geschlechterstereotype in ihrem Verhalten reproduzieren, wird als doing difference (West & Fenstermaker, 1995) bezeichnet. Für einen Zusammenhang zwischen Rollenerwartungen und dem väterlichen Involvement bzw. der Art und Weise der Interaktion zwischen Vater und Kind spricht der Umstand, dass der Vater in verschiedenen Kulturen unterschiedlich stark in die Betreuung seines Kindes involviert ist. Beispielsweise beschäftigen sich schwedische Väter während der Kontakte mit ihren Kindern im Vergleich zu ihren Partnerinnen weder besonders häufig mit dem Spielen noch spielen sie auffällig körperbetont. Auch Männer in israelischen Kibbuzim spielen während der in Interaktion mit ihrem Kind verbrachten Zeit im Durchschnitt und im Vergleich zu den Müttern weder besonders häufig noch ausdauernd (vgl. Lamb, 1997 b, S. 111). Ein Vergleich der Ergebnisse von Untersuchungen in verschiedenen afrikanischen Gemeinschaften durch Eickhorst und seine Kolleginnen und Kollegen zeigt die kulturelle Variabilität, was die Beteiligung von Männern bei der Betreuung und Pflege ihrer Kinder angeht (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 623).6 Überall dort, wo Unterschiede zwischen dem Verhalten der Väter und dem der Mütter in Studien ermittelt wurden, sind die geschlechterspezifischen Verhaltensweisen über mehrere Generationen weitgehend veränderungsresistent und lassen sich über lange Zeiträume hinweg nachweisen (vgl. Lamb, 1997 b, S. 114). Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass das Erleben dieser Rollenteilung im frühen Kindesalter die spätere Übernahme der Geschlechterstereotype beeinflusst (vgl. Lamb, 1997 b, S. 120). In jüngerer Zeit gibt es jedoch Anhaltspunkte für ein verändertes Rollenverständnis von Teilen der Männer in europäischen und US-amerikanischen Gesellschaften. In Deutschland stieg beispielsweise die Bereitschaft von Vätern, an geburtsvorbereitenden Kursen teilzunehmen und bei der Geburt des Kindes anwesend zu sein (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 29). Beim Vergleich der Eheschließungsjahrgänge 1950, 1970 und 1980 konnte gezeigt werden, dass der Anteil der Männer, welche die Geburt des eigenen Kindes miterleben, sich am Familienleben beteiligen und gemeinsam mit den Kindern spielen, in Deutschland deutlich zugenommen hat (vgl. Nave-Herz, 1984, S. 45–63). War die Anwesenheit des Vaters im Kreißsaal in den 1970er Jahren nach wie vor an vielen Kliniken untersagt, erleben – gemäß einer Erhebung eines Pi- 6 Hewlett problematisiert die Fokussierung wissenschaftlicher Studien auf Väter bzw. Vater-Kind-Beziehungen in europäischen und US-amerikanischen Gesellschaften (vgl. Hewlett, 1992 a). Während tatsächlich nach wie vor wenig über Väter im Rest der Welt bekannt sei, suggerierten die meisten Untersuchungen mit weißen Vätern der Mittelschicht aus westlichen Gesellschaften, die Ergebnisse der Analysen gälten universal und entsprächen einem natürlichen Prinzip. Hewlett fordert, einen kritischen Blick auf diese Analysen zu werfen, zumal ihre Ergebnisse häufig die Grundlage für politische Entscheidungen bilden (vgl. Hewlett, 1992 b, XI). Studien zufolge seien Väter in nichtwestlichen Gesellschaften selten bei der Geburt eines Kindes anwesend. Obendrein sei dort die lebhafte Interaktion nicht zentral für väterliches Spiel. In anderen Dingen hingegen verhalten sich Väter in allen Teilen der Erde zum großen Teil gleich: Sie übernehmen im Durchschnitt (wenngleich nicht alle) seltener Pflegeund Betreuungsaufgaben als Mütter, während von ihnen die ökonomische Versorgung der Kinder und der Partnerin erwartet wird (vgl. Hewlett, 1992 b, XII). 2.3 Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind 19 lotprojekts von Bartoszyk und Nickel – schon Mitte der 1980er Jahre neun von zehn Männer die Geburt ihres ersten Kindes mit (vgl. Bartoszyk & Nickel, 1986, S. 353– 358). Den Ergebnissen einer Befragung durch die Wissenschaftlerin Gauda zufolge wünschten sich fast alle befragten Schwangeren die Anwesenheit des Kindsvaters bei der Geburt (vgl. Gauda, 1983, S. 166–167). Es ließ sich nachweisen, dass letzteres tatsächlich die Mutter emotional unterstützt und der frühe Kontakt zwischen Vater und Kind die Ausbildung einer engen Bindung fördert (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 29; Werneck, 1997, S. 6). Trotz des veränderten Geschlechterrollenverständnisses interagieren Mütter deutlich häufiger mit ihren Kindern als Väter (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). Männer im sechsten Ehejahr beschäftigten sich mit ihrem Kind werktags durchschnittlich eine Stunde und 34 Minuten, samstags zwei Stunden und 32 Minuten und sonntags drei Stunden und acht Minuten. Die gleiche Studie ergab folgende prozentuale Anteile für verschiedene Tätigkeiten, die sich die Eltern zu gleichen Anteilen teilen: Spielen: 75 Prozent, Beruhigen: 56 Prozent, Spazierengehen: 56 Prozent, Baden: 52 Prozent, Wickeln: 48 Prozent, Organisation eines Babysitters: 32 Prozent, nächtliche Versorgung: 32 Prozent, Essenzubereitung: 23 Prozent, Arztbesuche: 14 Prozent, sonstige organisatorische Tätigkeiten: 7 Prozent (vgl. Vaskovics, Rost & Rosenkranz, 2000). Väter zeigen – betrachtet man die Bezugspersonen der Kinder – das inhomogenste Verhalten gegenüber dem Kind im Vergleich zu den anderen Gruppen von Bezugspersonen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 31). Schmidt-Denter (2005, S. 31) unterscheidet in einer empirischen Untersuchung zwischen aktiven Vätern, zu denen er ca. 41 Prozent zählt, weniger aktiven Vätern, die 37 Prozent der Gruppe ausmachen, und inaktiven Vätern mit einem Anteil von 22 Prozent. Einigen Studien zufolge nehmen die Betreuungsleistungen der Männer mit dem Älterwerden ihrer Kinder ab. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob die väterliche Sensibilität gegenüber dem Kind im Vergleich zur mütterlichen mit der Zeit sinkt (vgl. Donate-Bartfield & Passmann, 1985, S. 385–393; Heermann, Jones & Wikoff, 1994, S. 311–321). Pleck verglich Untersuchungen über das Engagement erwachsener, in heterosexuellen Zwei- Eltern-Familien lebender Väter für ihre Kinder. Er fand heraus, dass Männer zwar mit steigendem Alter ihres Kindes dieses seltener betreuen, aber auch die Mütter nach und nach weniger Zeit mit ihrem Kind verbringen. Der abnehmende Trend falle bei den Müttern in absoluten Werten größer aus als bei ihren Partnern, sodass – relativ zu den Müttern gesehen – Väter mehr Zeit mit älteren Kindern verbrächten als mit jüngeren (vgl. Pleck, 1997, S. 76). Gemäß den Ergebnissen des Bamberger Ehepaar-Panels7 übernehmen Mütter an Werktagen den größten Teil der Betreuung ihrer Kleinkinder, nämlich im Durchschnitt 85 Prozent der Betreuungsaufgaben. Wenn die Eltern mehr als ein Kind ha- 7 In den Jahren von 1988 bis 1996 wurde an der Sozialwissenschaftlichen Forschungsstelle der Universität Bamberg eine Längsschnittstudie, das sogenannte „Bamberger-Ehepaar-Panel”, durchgeführt. Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Familien und Frauen, Jugend und Senioren gefördert. Im Rahmen der Untersuchung wurden junge Paare über sechs Jahre hinweg in ihrer Beziehungs- bzw. Familienentwicklung begleitet (vgl. Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg, 2013). 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 20 ben, steigt der Anteil. An Wochenenden verbringen Väter mehr Zeit mit ihren Kindern als unter der Woche. 80 Prozent der Männer übernehmen am Wochenende 40 Prozent der Betreuungsaufgaben oder mehr (vgl. Schneewind et al., 1996, S. 239). Selbst wenn Väter die Hauptverantwortung für die Betreuung der Kinder übernehmen, werden Haushaltsaufgaben oder typisch männliche Aufgabenbereiche selten gleichmäßig zwischen beiden Geschlechtern aufgeteilt. Berufstätige Mütter übernehmen auch in diesen Ehen häufiger Haushaltsaufgaben, während als typisch männlich geltende Aufgabenbereiche Sache der Männer bleiben (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38).8 Im Schnitt übernehmen Väter weniger und seltener Pflegetätigkeiten wie das Wickeln, Baden oder Füttern des Kindes als Mütter (vgl. Vaskovics, Hofmann & Rost, 1996, S. 137). Jedoch deuten sich auch bei diesen als typisch mütterlich geltenden Tätigkeiten „epochale Veränderungen“ (Schmidt-Denter, 2005, S. 33) an. Es sind vor allem jüngere, in Großstädten lebende Männer mit akademischer Bildung, die zu einer Abkehr von der traditionellen männlichen Berufsorientiertheit bereit sind, in nennenswertem Umfang Pflegetätigkeiten übernehmen, und sich egalitäre Arbeitsteilung bei der Kinderbetreuung wünschen (vgl. Prenzel, 1990, S. 106; Schmidt-Denter, 2005, S. 33; Schneewind et al., 1996). Es handelt sich überwiegend um junge Familien mit einem Kind, das jünger als drei Jahre ist (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38). Obwohl der Lebensentwurf der neuen Väter lediglich von einer deutlichen Minderheit gelebt werde, steht die heutige Generation von Männern grundsätzlich einem hohen familiären Engagement und einer gleichberechtigten Aufteilung der Elternrollen aufgeschlossener gegenüber als die Generation zuvor (vgl. Werneck, 1997, S. 4). Fthenakis (1999) bezeichnet dieses neue Selbstverständnis im Titel eines seiner Bücher als „sanfte Revolution“ Richtung „engagierter Vaterschaft“. Was die Reaktion der Kinder auf eine Rollenteilung der Eltern angeht, fand Russell (1982) in seiner Studie heraus, dass die Kinder von Eltern mit nichttraditioneller Rollenteilung sich von den Reaktionen des Umfelds auf die Rollenteilung wenig berührt zeigten. Im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms in der Schweiz wurden im Jahr 1994 28 Deutschschweizer Elternpaare, von denen Vater und Mutter zu annähernd gleichen Teilen teilzeitlich erwerbstätig sind und sich die Verantwortung für die Hausarbeit und Kinderbetreuung partnerschaftlich teilen, über ihre Arbeitsteilung, ihre Elternschaft und ihr berufliches Engagement befragt. In der 2004 durchgeführten Folgestudie wurde untersucht, wie sich die Rollenteilung zwischenzeitlich bewährt und gegebenenfalls verändert hat (vgl. Bürgisser, 2005, S. 4). Für die vorliegende Studie ist vor allem interessant, dass ergänzend die Sicht der herangewachsenen Kinder hinsichtlich des egalitären Rollenmodells und der Beziehung zu ihren Eltern ermittelt wurde. Die Befragung einer analogen Anzahl Kinder aus Familien mit traditioneller Rollenteilung ermöglichte es, Sozialisationserfahrungen in zwei unterschiedlichen Haushaltstypen zu vergleichen (vgl. Bürgisser, 2005, S. 4). Die 8 Nach Rommelspacher werde die klassische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern oft unbewusst konserviert, indem Migrantinnen für die Erledigung von Aufgaben in Haus und Familie eingestellt werden, sofern die Mütter in der Familie keine Zeit zur Erledigung der Aufgaben haben. Rommelspacher bezeichnet dieses Phänomen als „ethnische Unterschichtung“ (vgl. Rommelspacher, 2005, S. 27). 2.3 Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind 21 meisten Kinder aus egalitären Haushalten schätzen das elterliche Rollenmodell sehr, vor allem auch den gemeinsamen Alltag mit dem Vater. Kinder in traditionellen Familien scheinen sich mit dem Modell der Eltern eher „arrangiert zu haben“, als ihm freudig zuzustimmen. Ein egalitäres Modell gäbe ihnen nach eigener Einschätzung vor allem die Möglichkeit, die Vater-Kind-Beziehung zu verbessern. Die Kinder aus traditionellen Haushalten vermissen ihre Väter im Alltag und wünschen sich „weniger Mutter“ (vgl. Bürgisser, 2005, S. 4). Bedingungen für väterliches Engagement für das Kind Mit einer mangelnden Veränderungsbereitschaft der Mütter hinsichtlich der innerfamiliären Arbeitsteilung könnten die Unterschiede im Ausmaß der Verantwortungs- übernahme für das Kind zwischen Vätern und Müttern nicht begründet werden (vgl. Werneck, 1997, S. 7). Zwar könne es auch für Frauen schwer sein, Elternschaft von Anbeginn an als gemeinsames Projekt zu sehen (vgl. Flaake, 2011, S. 35; Lamb, 1997 a, S. 7), da dies mit dem Aufgeben von bisher ausschließlich der Mutter übertragenen Kompetenzbereichen verbunden sei (vgl. Werneck, 1997, S. 7), und einige wollen trotz starker Belastung die Hauptaufgaben im Bereich Pflege und Erziehung der Kinder allein wahrnehmen (vgl. Hochschild, 1995, S. 219–230). Jedoch hätten die Mütter in der Regel durch familiäre Umstrukturierungen mehr zu gewinnen als zu verlieren (vgl. Werneck, 1997, S. 7). Bei der Gestaltung des Umgangs mit dem Kind spielen wahrscheinlich vor allem institutionelle und kulturelle Zwänge sowie motivationale Faktoren bei den Vätern die größte Rolle (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 32). Ungleichheiten der beruflichen Anforderungen an Männer und Frauen stellen ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter bei Pflege und Erziehung des Kindes dar (vgl. Werneck et al., 2006). Zumindest zum Teil kann die Geschlechterdifferenz in der Interaktionshäufigkeit mit dem Kind mit der verstärkten Abwesenheit der Männer erklärt werden. Väter erhöhen nämlich nach der Geburt eines Kindes in vielen Fällen ihr berufliches Engagement (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 72–74; Pedersen, Anderson & Cain, 1980; Pedersen, Yarrow et al., 1979), während Mütter ihre Arbeitszeit häufig reduzieren (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 72). Die berufliche Situation von Frauen wird in vielen Fällen beträchtlich verändert, das Ereignis der Familiengründung geht hingegen an den Erwerbsbiographien der Männer oft nahezu spurlos vorüber (vgl. Vaskovics, Hofmann & Rost, 1996, S. 108). Mit der Geburt des ersten Kindes wird die Ernährerrolle berufstätiger Väter meist zementiert (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 71). In Österreich beispielsweise erwirtschaften Väter bis vierzig Jahre im Schnitt 76 Prozent des Haushaltseinkommens. Nach der Geburt haben Männer in neun von zehn Fällen ein höheres Einkommen als ihre Partnerinnen (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 71).9 Nur 5 Prozent der be- 2.4 9 Dies zeigen Hofinger und Enzenhofer durch eine Analyse der österreichischen Arbeitsklima-Index- Daten der Jahre 1997 bis 2003. 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 22 rufstätigen Männer im Vergleich zu 41 Prozent der berufstätigen Frauen haben einen Teilzeitarbeitsvertrag (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 76). Während 58 Prozent der Arbeitnehmerinnen angaben, in ihrem Berufsleben eine Unterbrechung wegen Kinderbetreuung gehabt zu haben, galt dies für weniger als 1 Prozent der berufstätigen Männer in Österreich (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 71). Von dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind auch Männer betroffen (vgl. Beham & Zartler, 2006). Trotzdem bezieht sich der Diskurs bis heute in vielen Ländern Europas – so auch in Deutschland (vgl. Rinken, 2009, S. 228) – nahezu ausschließlich auf die Situation von Frauen (vgl. Palz, Werneck & Beham, 2006, S. 13; Puchert, 2005, S. 5). Weitgehend unbekannt ist beispielsweise, dass immerhin 20 bis 25 Prozent der Hauptpflegepersonen von Angehörigen in Familien männlich sind bei einem Männeranteil von insgesamt 40 Prozent (vgl. Matzner, 2007 a, S. 24). Warum Väter ihre berufliche Tätigkeit nur selten für Kinderbetreuungsphasen unterbrechen, erforschte Werneck für Österreich. 56 Prozent der Männer, die an seiner Befragung teilnahmen, erklärten, dass sie unter anderen Voraussetzungen gern ihre Berufstätigkeit unterbrochen hätten. Gefragt nach den anderen Voraussetzungen, die gegeben sein müssten, antworteten die Väter zu 67 Prozent ein höheres Einkommen der Partnerin, zu 38 Prozent Möglichkeiten der Teilzeitarbeit für beide Eltern und zu 36 Prozent mehr Verständnis durch die Arbeitgeber (vgl. Werneck, 1997, S. 7). Voraussetzung für viele Männer, sich für die Familie zu engagieren, sei, die Arbeitszeit flexibel handhaben zu können (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38). Gemäß dem für Deutschland repräsentativen Familiensurvey des Deutschen Jugendinstituts besteht in Paarbeziehungen mit teilzeiterwerbstätigen Männern die höchste Wahrscheinlichkeit für nicht traditionelle Arbeitsteilung (vgl. Huinink & Röhler, 2005, S. 128–130). Schon vor einigen Jahren fand DeFrain (1979) in einer Studie heraus, dass sich Eltern häufig flexiblere Arbeitszeiten wünschen, um die Kinderbetreuung gleichmäßig auf beide Ehepartner aufteilen zu können. Unter anderem hängt die Beteiligung des Vaters an Pflege- und Erziehungsaufgaben auch von seiner Einstellung ab. Verschiedenen US‑amerikanischen Untersuchungen zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit für männliches Engagement bei der Versorgung und Erziehung der Kinder, wenn die Väter davon überzeugt sind, Männer besä- ßen grundsätzlich hohe Kompetenzen im Umgang mit Kindern (einen Überblick über die Untersuchungsergebnisse gibt Pleck, 1997, S. 84). Die Vorstellungen von der Rolle des Vaters werden in verschiedenen Kulturen und im Wandel der Geschichte unterschiedlich definiert. Hofmeister, Baur und Röhler (2009) ermittelten, westdeutsche und ostdeutsche Frauen und Männer haben jeweils signifikant unterschiedliche Vorstellungen von guter Vaterschaft. Die Autorinnen und Autoren führen diese Ergebnisse zum einen auf den Einfluss der unterschiedlichen familienpolitischen Strategien in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zurück. Zum anderen fanden sie heraus, dass in allen Teilen der heutigen Bundesrepublik und bei beiden Geschlechtern das Erleben einer wirtschaftlich prekären Situation die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, dem Mann die Rolle des Ernährers zuzusprechen. 2.4 Bedingungen für väterliches Engagement für das Kind 23 Nach Auer halten heutzutage viele berufstätige Väter eine gute Work-Life-Balance für selbstverständlich. Die sogenannten „familienaktiven“10 Väter mäßen neben finanziellem Erfolg, Gesundheit und Zeitsouveränität zunehmend auch einer erfüllenden sozialen Beziehung zur Lebenspartnerin und den eigenen Kindern größere Bedeutung bei (vgl. Auer, 2006, S. 30). Gemäß einer Repräsentativerhebung im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind Väter, die der unteren Mittelschicht und der oberen Unterschicht zugehörig sind, vorrangig am beruflichen Erfolg orientiert. Gleiches gelte für Mütter, die diesen Schichten angehören. Demgegenüber neigen Väter, die der oberen Mittelschicht angehören, und namentlich Akademiker dazu, Familienwerten gegenüber dem beruflichen Erfolg einen gleichwertigen oder höheren Rang einzuräumen (vgl. Döpkemeyer, 1981 zitiert nach Nickel & Köcher, 1986, S. 172). Familienorientierte Väter beteiligten sich überdurchschnittlich oft an Pflege und Erziehung der Kinder, stark karriere- und freizeitorientierte hingegen weit unterdurchschnittlich (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 33). Studienergebnissen von Russell (1999)11 zufolge entscheiden sich Eltern, die reproduktive Aufgaben nicht – wie traditionell üblich – hauptsächlich der Frau zusprechen, häufig aufgrund von finanziellen Erwägungen für die familiäre Arbeitsteilung: Meist engagieren sich Väter bei der Pflege und Erziehung des Kindes, wenn für die Familie diese Rollenteilung ökonomisch günstiger ist, beispielsweise bei Arbeitslosigkeit des männlichen Elternteils. Meuser sieht ein Vereinbarkeitsproblem für Väter gegeben, wenn sie sich an den neuen Werten orientieren. Von ihnen werde ein Handeln verlangt, das den traditionellen Männerrollenbildern vollständig entgegenstehe. Die neuen Werte widersprächen nicht nur einer Dimension von Männlichkeit neben vielen, sondern müssten auch mit einer vollständigen „Neujustierung der männlichen Geschlechtsidentität“ einhergehen (vgl. Meuser, Heinz & Kuster, 2005, S. 103). Selbst wenn sich der Vater eine moderne, nicht-traditionelle Rollenteilung in der Paarbeziehung wünscht, kann diese nach der Geburt eines Kindes nur selten umgesetzt werden (vgl. Werneck, 1997). Laut Flaake (2011, S. 28) gebe es für beide Geschlechter einen Sog hin zu traditionellen Arrangements. Wie Röhler (2006, S. 152) 10 Verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten in Deutschland Typologien subjektiver Vaterschaftskonzepte. Beispielhaft seien folgende genannt: Matzner (2004) ermittelt vier Typen: den traditionellen Ernährer, den modernen Ernährer, den ganzheitlichen und den familienzentrierten Vater. Bambey und Gumbinger (2006) stellen drei Typen vor: den fassadenhaften, den randständigen und den egalitären Vater. Ähnlich entwickelt Zulehner (2003) vier Typen männlicher Rollenvorstellungen, nämlich den traditionellen, den pragmatischen, den unsicheren/unbestimmten und den modernen Typ. 11 Russell (1982) untersuchte den Lebensstil von fünfzig australischen Familien. Er verglich die Rollenteilung in diesen miteinander und definierte verschiedene Familientypen. Beim „traditionellen“ Familientyp sei der Vater vor allem für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich, die Mutter hingegen hauptsächlich für die Pflege und Erziehung der Kinder. In „nichttraditionellen“ Familien teilen sich gemäß Russells Definition die Ehepartner die Verantwortung für die Betreuung und Pflege der Kinder oder der Vater hat die Hauptverantwortung diesbezüglich inne. Nach Russells Definition übernimmt in nichttraditionellen Familien jeder Elternteil etwa die Hälfte der Kinderbetreuungsaufgaben, während in den traditionellen Familien die Mütter eindeutig die primären Bezugspersonen sind. 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 24 zeigt, führt beispielsweise eine eintretende Arbeitslosigkeit eines Mannes in einer Paarbeziehung mit Haupternährermodell zwar kurzfristig oft dazu, dass der Mann seine Vaterrolle stärker wahrnimmt und sich an Haushaltsarbeit und Kinderbetreuung beteiligt,12 langfristig kehrt der Mann allerdings oftmals zu einer eher passiven Rolle innerhalb der Familie zurück (vgl. Huinink & Röhler, 2005, S. 128–130; Röhler, 2006, S. 152). Röhler (2006, S. 152) führt dieses Verhalten darauf zurück, dass das Statusdefizit von einem Mann mit traditionellen Geschlechterrollenüberzeugungen kompensiert werde, indem er die Beteiligung an der Hausarbeit weitgehend verweigere, um seine dominante Stellung nicht zusätzlich zu gefährden. Russell (1982) fand heraus, dass häufig in den ersten Monaten nach der Geburt Konflikte in der Ehe von Paaren in modernen Familien entstanden. Vor allem die Frauen zeigten sich von der nichttraditionellen Rollenteilung weniger überzeugt und sahen stattdessen Vorteile im traditionellen Lebensstil. Für sie sei er mit weniger Stress verbunden und führe zu einer engeren Mutter-Kind-Beziehung. Väter beklagten am nichttraditionellen Lebensstil die lästigen Pflegeaufgaben und den fehlenden Kontakt zu anderen Erwachsenen. Flaake (2011, S. 28) empfiehlt Frauen der oben beschriebenen Tendenz durch aktives Einbeziehen ihres Partners in die Beziehung zum Kind und Männern durch Auseinandersetzung mit ihren Ängsten und die Rückbesinnung auf ihre Entscheidung für eine engagierte Vaterschaft entgegenzuwirken. Ein Sog hin zu traditionellen Arrangements kann auch durch negative Reaktionen seitens des sozialen Umfeldes der Familien mit nichttraditioneller Rollenteilung entstehen. Russell (1982) untersuchte, wie das Umfeld von Eltern mit nichttraditioneller Rollenteilung auf das Modell reagierte. Demnach wurden Väter in Ehen mit nichttraditioneller Teilung reproduktiver Aufgaben vor allem aus ihrem männlichen Bekanntenkreis mit negativen Reaktionen konfrontiert. Müttern in Ehen mit nichttraditioneller Rollenteilung wurden negative Reaktionen hingegen häufiger durch Verwandte entgegengebracht. Im Freundeskreis erhielten die Frauen dagegen positive Rückmeldung. Sie waren durch die Anforderungen in Familie und Beruf zwar stärker gestresst, daneben verbesserte sich jedoch ihr persönliches Wohlbefinden aufgrund der erhöhten Befriedigung durch ihre Berufstätigkeit. Sie zeigten sich weniger belastet als die Väter in nichttraditionellen Ehen. Einige Mütter – dies waren vor allem aus finanziellen Überlegungen ganztägig berufstätige Frauen – litten unter Schuldgefühlen und unter dem verringerten Kontakt zu den Kindern. Grbich führte eine Langzeituntersuchung mit 25 australischen Familien durch, in denen Männer die primären Bezugspersonen ihrer Kinder unter vier Jahren waren, während die Mütter für den Unterhalt der Familie sorgten. Die Väter wurden während eines Zeitabschnitts von fünf Jahren regelmäßig befragt. Sie hatten sich die Zeit mit Kind so vorgestellt, dass ihnen nach dem Entwickeln einer Routine bei der Pflege und Versorgung des Kindes regelmäßig freie Zeit zur Verfügung steht. Dies war aller- 12 Röhler (2006, S. 143) ging im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes „Hausarbeit in Partnerschaften“ der Frage nach, wie sich die Arbeitsteilung verändert, wenn der Mann in einer Paarbeziehung mit männlichem Haupternährer-Modell durch Arbeitslosigkeit den Status des Ernährers verliert. 2.4 Bedingungen für väterliches Engagement für das Kind 25 dings nicht der Fall. Da im Umfeld der Kinder überwiegend Frauen arbeiteten, fühlten sich viele der befragten Männer isoliert und an den Rand gedrängt (vgl. Grbich, 1997, S. 350). Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes Im folgenden Abschnitt soll der Frage nachgegangen werden, ob und ggf. in welchen Bereichen der Vater die Entwicklung seines Kindes in besonderer Weise beeinflusst. In Deutschland wurden die ersten Untersuchungen zum Einfluss der Väter auf die Entwicklung ihrer Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt. Weil viele Kriegswaisen ohne männlichen Elternteil aufwuchsen, entstand zu dieser Zeit ein besonders großes Interesse an der Frage nach der Auswirkung der „Vaterentbehrung“. Im Laufe des wissenschaftlichen Diskurses wurden die zunächst aufgestellten, am Defizit orientierten Hypothesen abgelöst von differenzierteren Fragestellungen, die den Fokus auch auf anwesende Väter richteten. Die Erforschung von globalen Effekten wurde ersetzt durch die detaillierte Analyse der Vater-Kind-Interaktion und ihrer entwicklungspsychologischen Konsequenzen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). Trotz methodischer Schwierigkeiten, wie etwa der Frage, welcher Anteil der kindlichen Verhaltensauffälligkeit wirklich ursächlich auf das Fehlen des männlichen Elternteils zurückzuführen ist (vgl. Werneck, 1997, S. 2), gehen viele Forscherinnen und Forscher von einem erhöhten Risiko für Kinder aus, bei dauerhafter Abwesenheit des Vaters psychische Störungen zu erleiden. Im Folgenden soll nachvollzogen werden, welche Untersuchungen diese These belegen. In den 1970er Jahren stellten Pedersen, Rubinstein und Yarrow in einer US-amerikanischen Untersuchung fest, dass Jungen, wenn sie ohne ihren Vater aufwuchsen, im Gegensatz zu Mädchen kognitiv nicht so kompetent wie Gleichaltrige waren, obwohl die Mütter der Jungen sich ihnen gegen- über genauso verhielten, wie es Mütter in Zwei-Eltern-Familien taten. Das Forschungsteam schloss daraus, Väter hätten einen besonders starken Einfluss auf die Herausbildung kognitiver Fähigkeiten ihrer Söhne (vgl. Pedersen, Rubinstein & Yarrow, 1979). Auch in Deutschland wurden Korrelationen zwischen der Abwesenheit der Väter und Defiziten in der sozialen und kognitiven Entwicklung ihrer Kinder nachgewiesen. Die Kinder zeigten bei dauerhafter Abwesenheit des männlichen Elternteils verminderte Schulleistungen und eine erhöhte Tendenz zu delinquentem Verhalten (vgl. Hetzer, 1967; Lehr, 1978; Meyer-Krahmer, 1980). Bedeutsam für den Einfluss der Vaterabwesenheit auf die Entwicklung des Kindes ist die zeitliche Länge der Trennung vom Kind (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). So kann sich die Abwesenheit des männlichen Elternteils aufgrund von Trennung oder Scheidung ungünstiger auf die Entwicklung des Kindes auswirken als etwa seine berufliche Abwesenheit (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 29). Andere männliche Bezugspersonen, z. B. ein Bruder oder Stiefvater, können jedoch die väterliche Abwesenheit kompensieren und durch ihre Beziehung zum Kind Defizite in dessen Entwicklung vermindern (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). Nach Trennungen können also neue Partner die Aufga- 2.5 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 26 ben der (werdenden) Kindsväter als „soziale Väter“ übernehmen und dadurch die Mütter oder Schwangeren stark unterstützen. Nach Lamb beeinflusst die sekundäre Bezugsperson in besonderem Maß die Sozialkompetenzentwicklung des Kindes. Hätten Kleinkinder in den ersten Lebensmonaten regelmäßig Kontakt mit einem Menschen, der sich deutlich anders verhalte als die primäre Bezugsperson, müssten sie sich sensibler auf Unterschiede einstellen. Nach einiger Zeit würden die Kinder Charaktereigenschaften kennenlernen und eine Feinfühligkeit für unterschiedliche soziale Verhaltensweisen an den Tag legen. Der Kontakt mit unterschiedlichen Personen fördere daher langfristig soziale Kompetenzen (vgl. Lamb, 1997 b, S. 117). Auch der Kommunikation zu dritt wird eine hohe Bedeutung für die Ausbildung von sozialen Kompetenzen beigemessen. Babys können bereits ab einem Alter von drei bis vier Monaten mit beiden Elternteilen wechselseitig kommunizieren (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 624). In solchen Situationen übernehmen Mutter, Vater und Kind je nach Anlass und Entwicklungsstand des Kindes unterschiedliche Rollen (vgl. Schon, 2002, S. 20). Das Kind sammelt zudem vom ersten Tag an mit allen Bezugspersonen unterschiedliche Erfahrungen (vgl. Schon, 2002, S. 20). Eickhorst und seine Kolleginnen und Kollegen vermuten, die Kommunikation mit beiden Eltern stelle zwar hohe Anforderungen an das Kind, daneben eröffne es ihm aber besonders interessante Gestaltungsmöglichkeiten auf der Beziehungsebene. In sogenannten „triangulären Interaktionen“ würden die Aufmerksamkeitsfähigkeit und Affektmodulation des Kindes trainiert. Würden diese positiv erlebt, trügen sie zur späteren Fähigkeit des Kindes bei, in sozialen Interaktionen mit mehreren Personen souverän zu reagieren (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 624). Neben der besonderen Bedeutung des Vaters für die Sozialkompetenzentwicklung von Kindern wird in der Fachwelt diskutiert, inwieweit die Anwesenheit des Vaters die kognitiven Leistungen des Kindes fördert. Vermutlich erfordert das Vorhandensein einer zweiten wichtigen Bezugsperson, die im Vergleich zur primären weniger häufig anwesend ist, vom Kind grundlegende kognitive Leistungen. Eine Forschungsgruppe um Pedersen vermutet, Kinder können durch eine sprachliche Auseinandersetzung mit der Mutter den abwesenden Vater besser imaginieren. Somit sei dieser kognitiv besser repräsentiert als die Mutter (vgl. Pedersen, Yarrow et al., 1979, S. 45–66). Bereits kleine Kinder beschäftigen sich gedanklich häufig mit ihrem Vater, wenn dieser nicht zuhause ist. Datler, Steinhardt und Ereky untersuchten diesbezüglich, in welcher Form sich Kind und Mutter gemeinsam über ihn unterhielten (vgl. Datler, Steinhardt & Ereky, 2006, S. 127). Dazu beobachteten sie Kleinkinder nach dem Weggehen ihrer Väter, während sie von ihren Müttern betreut wurden. Die gemeinsame sprachliche und mentale Auseinandersetzung mit dem abwesenden Elternteil führe bei dem Kind zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit der Familienmitglieder, selbst wenn nicht alle anwesend seien, und befähige es dazu, Bindungen auch zu abwesenden Personen über einen längeren Zeitraum zu halten (vgl. Datler, Steinhardt & Ereky, 2006, S. 137). Auf die besondere Bedeutung des Vaters bei der Ausbildung kognitiver Kompetenzen weise auch das Verhalten der Kinder bei dessen Anwesenheit hin: Kinder wenden sich dem Vater dann intensiver zu, während sie auf die Mutter im Vergleich seltener neugierig reagieren. Die Forschungsgruppe um Peder- 2.5 Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes 27 sen führt dieses Verhalten darauf zurück, dass der männliche Elternteil im Schnitt seltener zuhause ist (vgl. Pedersen, Yarrow et al., 1979, S. 45–66). Weitere Hinweise auf einen relevanten Einfluss des Vaters auf die kognitive Kindesentwicklung erbrachte eine Studie von Biller und Kimpton. Die Forscher ermittelten signifikante Zusammenhänge zwischen einer guten Beziehung zum männlichen Elternteil und dem Leistungsverhalten, dem Schulerfolg sowie der intellektuellen Entwicklung von Schulkindern (vgl. Biller & Kimpton, 1997, S. 143–161). Gemäß Studienergebnissen von Radin korrelieren die verbalen Intelligenzwerte von Söhnen und Töchtern gleicherma- ßen positiv mit dem Ausmaß der Betreuung durch ihre Väter (vgl. Radin, 1982, S. 173–204). Der väterliche Einfluss auf die Moralentwicklung ist hingegen weniger groß, als zunächst vermutet: Für die ersten Lebensjahre des Kindes bis hin zu seinem Jugendalter konnte nachgewiesen werden, dass Mütter ihren Kindern stärker soziale Normen vermitteln als ihre Partner (vgl. Hoffman, 1981, S. 359–378; Montemayor, 1983, S. 83–103; Schmidt-Denter, 1984). Diese Ergebnisse überraschten, da zunächst – der psychoanalytischen Theorie folgend – angenommen wurde, ein Kind erwerbe moralische Werte durch die Identifikation mit dem Vater. Schmidt-Denter zufolge haben Mütter einen größeren Einfluss auf die Moralentwicklung ihrer Kinder, weil sie im Alltag der Kinder häufiger präsent sind und deshalb das Verhalten ihrer Kinder öfter sanktionieren als Väter (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 34). Die Mutter-Kind-Interaktion beinhaltet also andere Qualitäten, als herkömmliche Stereotype glauben machen. Schmidt-Denter hält es für erforderlich, weiter zur Frage nach der Bedeutung des Vaters für die Moralentwicklung seiner Kinder zu forschen, bevor die Ergebnisse als gesichert gelten können (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 44). Viele wissenschaftliche Untersuchungen gehen von der Annahme aus, Väter beeinflussten vornehmlich die Geschlechterrollenentwicklung und Geschlechteridentität ihrer männlichen Nachkommen. Der Diskurs wird durch Studienergebnisse aus dem angloamerikanischen Sprachraum angefacht, nach denen sich männliche Elternteile von Kleinkindern im Durchschnitt stärker mit ihren Söhnen beschäftigen als mit ihren Töchtern. Forschungen von Parke und O’Leary zufolge sprechen Väter ihre erstgeborenen Söhne häufiger an, berühren sie öfter und antworten ihnen häufiger als erstgeborenen Töchtern (vgl. Parke & O’Leary, 1976). Ergebnisse anderer Studien offenbarten weiter, dass die an den Untersuchungen teilnehmenden Väter ihre Söhne – im Vergleich mit den Töchtern – häufiger ansahen, wickelten, fütterten und mit ihnen spielten sowie die taktilen und visuellen Sinne der Jungen öfter stimulierten (vgl. Lamb, 1977 a, 1977 b; Parke & Sawin, 1975, 1980). Snow, Jacklin und Maccoby kamen in einer anderen Studie zu einer gegenteiligen Annahme: Väter sprächen öfter mit den Töchtern als mit ihren Söhnen, verböten den Jungen mehr als den Mädchen und gäben ihren Töchtern häufiger Spielzeug. Zudem hielten sich die Mädchen im Durchschnitt näher bei den Vätern auf als die Jungen (vgl. Snow, Jacklin & Maccoby, 1983). Selbst wenn Studien teilweise ein größeres Engagement der Väter gegenüber ihren männlichen Kleinkindern zeigen, kann nicht unbedingt auf eine innigere Beziehung zum Sohn als zur Tochter geschlossen werden: Field ermittelte beispielsweise, dass Väter von Söhnen zwar häufiger mit ihren Kindern spielen als Väter von Töchtern, 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 28 hingegen aber seltener Verhaltensweisen ihrer Kinder imitieren. Field schließt daraus, die Beziehung der Väter zu ihren Söhnen sei eher kognitiv als affektiv bestimmt (vgl. Field, 1978, S. 183–194). Darüber hinaus wird unter Vaterforscherinnen und –forschern diskutiert, ob Jungen empfänglicher als Mädchen für die Erziehungsmaßnahmen ihrer Väter sind. Folgt man den Untersuchungsergebnissen Hoffmans, beeinflussen Männer die Moralentwicklung ihrer Söhne stärker als die ihrer Töchter (vgl. Hoffman, 1981, S. 359– 378). Amato konnte belegen, dass der Spielstil des männlichen Elternteils besonders von Jungen bevorzugt wird (vgl. Amato, 1987, S. 5–16). MacDonald und Parke vertreten die Annahme, dass Jungen vom väterlichen körperbetonten Spiel stärker als Mädchen profitieren. Für die Ausbildung der Sozialkompetenz allerdings sei die verbale Stimulation durch die Mutter für Jungen förderlicher als für Mädchen (vgl. MacDonald & Parke, 1984, S. 1265–1277). Werden nach einer Trennung der Eltern die Kinder alleine vom Vater erzogen, profitieren gemäß den Ergebnissen US‑amerikanischer Studien besonders die Söhne von dieser Situation. Lebten die Jungen beim männlichen Elternteil, verfügten sie – im Vergleich mit bei ihrer Mutter lebenden Jungen – über mehr soziale Kompetenz und ein stärkeres Selbstwertgefühl. Für Mädchen gelte ein ähnlicher Zusammenhang beim Zusammenleben mit der Mutter (vgl. Santrock & Warshak, 1979, S. 112–125; Santrock, Warshak & Elliot, 1982, S. 289– 314). Diese Ergebnisse sind jedoch vorsichtig zu interpretieren, da die Untersuchungen auf niedrigen Fallzahlen basieren und bisher noch nicht durch repräsentative Studien bestätigt werden konnten. Amato wies im Rahmen seiner Forschungstätigkeit einen stärkeren Einfluss des Vaters als der Mutter auf die späteren Schulleistungen des Kindes nach. Kinder mit gutem Kontakt zum männlichen Elternteil erreichten vergleichsweise höhere Schulabschlüsse, litten seltener unter psychischem Stress und besaßen ein besseres Selbstwertgefühl (vgl. Amato, 1998, S. 242–278). Der mütterliche Einfluss bestimme hingegen, so Amato, stärker die Qualität der Verwandtschaftsbeziehungen und enger Freundschaften des Kindes. Auf die Lebenszufriedenheit wirkten beide Eltern gleichermaßen ein (vgl. Amato, 1998, S. 242–278). In der dyadischen Kommunikation bevorzugten Jungen die Väter und Mädchen die Mütter (vgl. Montemayor, 1982, S. 1512–1519). Theoretische Debatten zu Moralfragen oder Diskussionen über Ausbildungs- und Berufsziele führten Kinder eher mit dem männlichen Elternteil (vgl. Hosley & Montemayor, 1997, S. 162–178). Die Inhalte der Kommunikation mit der Mutter seien hingegen viel breiter gestreut (vgl. Noller & Bagi, 1985, S. 125–144). Als Gesprächspartner bei persönlichen Themen und intimen Fragen werde von den Kindern – stärker noch von den Töchtern als von Söhnen – vor allem die Mutter bevorzugt (vgl. Youniss & Smollar, 1985). Einige Autorinnen und Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer Marginalisierung des Vaters in Familien mit heranwachsenden Kindern aufgrund seines im Vergleich zu seiner Partnerin geringeren Wissens über seine Kinder (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 35). Shulman und Seiffge-Krenke werten diese eher distanzierte Beziehungsform zu den Männern nicht als Bindungsschwäche, sondern als ein alternatives Beziehungsmodell, das relative Unabhängigkeit und eine sichere Bindung in sich vereint. Väter fühlten sich in der Regel seltener als Mütter verletzt, wenn Jugendliche Intimes nicht 2.5 Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes 29 mit ihnen thematisierten. Die Männer hielten sich gegenüber ihren Kindern mit Gefühlsäußerungen im Vergleich zu ihren Partnerinnen tendenziell zurück. Offensichtlich entspreche es eher einem „männlichen“ Beziehungsverständnis, Distanz nicht als Bindungslosigkeit, sondern als persönlichen Freiraum zu interpretieren (vgl. Shulman & Seiffge-Krenke, 1997). Die väterliche Beziehungsform helfe Jugendlichen bei ihrem Streben nach Selbstständigkeit und verringere die Zahl an Konflikten; im Vergleich träten solche potentiell häufiger in der Mutter-Kind-Beziehung auf. Die große Nähe innerhalb dieser Beziehung werde von den Kindern gelegentlich als Einmischung erlebt (vgl. Shulman & Seiffge-Krenke, 1997). Nach den Untersuchungsergebnissen von Montemayor treten Konflikte besonders häufig in Mutter-Tochter-Interaktionen auf (vgl. Montemayor, 1983, S. 83–103). Werneck unterstreicht in seinen Studien die Bedeutung des Modelllernens im Zusammenhang mit Geschlechterrollen. Söhne eigneten sich einen großen Teil ihres Verhaltensrepertoires durch Modelllernen von ihrem Vater an. Durch diesen Mechanismus würden zwar einerseits traditionelle Rollenzuschreibungen und -klischees tradiert, andererseits verspreche das Modelllernen auch eine Übertragung der Haltung von „neuen Vätern“ in die nächste Generation (vgl. Werneck, 1997, S. 8). Befragungen von Schmidt-Denter ergaben, dass Männer, die sich für einen nichttraditionellen Lebensstil entscheiden, häufig ein entsprechendes väterliches Vorbild haben. Die Erziehungsbeteiligung des männlichen Elternteils korreliere hoch zwischen zwei aufeinander folgenden Generationen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38). Insgesamt können Männer seltener als Frauen auf männliche Modelle zurückgreifen, die innerhalb der Familie aktiv Aufgaben für die Versorgung und Pflege der Kinder übernehmen (vgl. Palz et al., 2006, S. 17). Der Vater beeinflusst auch die Geschlechterrollenidentität seiner Tochter. Wenn er ihr ein positives Bild von Weiblichkeit vermittelt und sie nicht aufgrund ihres Geschlechts rigide oder bevormundend behandelt, fördert er die Ausbildung eines positiven Selbstkonzepts, während seine negative Einstellung gegenüber dem weiblichen Geschlecht die Entwicklung des Mädchens beeinträchtigt. Töchter sammeln darüber hinaus in den Interaktionen mit ihren Vätern Erfahrungen, die von grundlegender Bedeutung für ihre späteren Beziehungen zu anderen Männern sind. Frauen, die positive Beziehungen zum männlichen Elternteil pflegten, erleben mit großer Wahrscheinlichkeit befriedigende partnerschaftliche Beziehungen und haben stabilere Ehen (vgl. Franz, McClelland & Weinberger, 1991, S. 586–595). Nach Auffassung von Schmidt-Denter ist die oft angenommene Überlegenheit von Männern aufgrund des Geschlechts im Erziehen von Söhnen in Frage zu stellen (vgl. Schmidt-Denter, 2005). Im Allgemeinen mangele es an Längsschnitt- und Langzeitstudien, um die Entwicklung der Vater-Kind-Beziehung am Einzelfall nachvollziehen zu können (vgl. Holmes, 2008, VIII; Hosley & Montemayor, 1997, S. 162–178). Insgesamt ist davon auszugehen, dass die Sicherheit von Vater-Kind- und Mutter- Kind-Bindungen sowohl durch das Verhalten des Elternteils als auch durch das kindliche Temperament beeinflusst wird (vgl. Lamb, 1997 b, S. 117). 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 30 Bedeutung der Qualität der elterlichen Partnerschaft für die Kindesentwicklung In den vergangenen Jahren wird in Deutschland zunehmend der Einfluss der Qualität der elterlichen Partnerschaft auf Eltern-Kind-Beziehungen, auf das Erziehungsverhalten und auf das sogenannte Coparenting – das an späterer Stelle in diesem Abschnitt behandelt wird – diskutiert. Es wird ein Zusammenhang zwischen der Qualität der elterlichen Partnerschaft und kindlicher Entwicklung hergestellt (vgl. Walper & Wendt, 2009, S. 81–84). Im Folgenden sollen diese Thesen untermauert und erläutert werden. Auf einen Zusammenhang zwischen elterlichen Zerwürfnissen und der Entwicklung der Kinder machte zunächst die Scheidungsforschung, primär aus den USA, aufmerksam. Erst im Verlauf der 1990er Jahre wurde auch in Kernfamilien die Qualität der elterlichen Partnerschaft als wesentlicher Aspekt kindlicher Sozialisation und Entwicklung näher in den Blick genommen (vgl. Walper & Wendt, 2009, S. 81). Analysen zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen der Qualität der Ehebeziehung von verheirateten Paaren und der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52; Erel & Burman, 1995, S. 118). Harmonie in der Partnerschaft könne bereits vor der Geburt des Kindes Einfluss auf sein späteres Temperament nehmen (vgl. Graf, 2009). In harmonischen Ehen sei es außerdem wahrscheinlicher, dass Mütter und Väter die Kinderversorgung gerecht untereinander aufteilen (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Hier beurteilten Eltern ihre Kinder im Durchschnitt positiver und sprächen mit ihnen öfter in komplexeren Satzstrukturen. Sie seien sich öfter einig über erzieherische Reaktionen auf das Verhalten des Kindes und andere Fragestellungen. In der Folge empfänden die Kinder eine höhere Sicherheit und könnten selbst sichere Bindungen knüpfen. Kinder aus solchen Familien seien demnach geselliger (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Zudem könne eine hohe Qualität der elterlichen Ehe die Auswirkungen von negativen Kindheitserfahrungen dämpfen (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Spannungen zwischen den Eheleuten können negativ auf das Kind wirken. Gemäß den Ergebnissen einer Laborstudie durch Cummings und Watson O’Reilly kommt aggressives Verhalten von Kindern häufig vor, wenn diese ungelösten Konflikten zwischen Erwachsenen ausgesetzt sind. Während neutraler Interaktionen zwischen Erwachsenen war bei Experimenten keine statistisch relevante Häufung von aggressiven Handlungen zwischen den Kindern auszumachen (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 56). Daneben kann die Qualität der Partnerschaft Auswirkungen auf die Gesundheit der Eltern haben. Streit in der Ehe ist der häufigste Grund für die Inanspruchnahme psychologischer Hilfe. Bestehen Konflikte in der Partnerschaft, treten häufiger emotionale Störungen, Depressionen, negative Einstellungen gegenüber dem Partner und Gewalt in der Partnerschaft auf (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 59). Eine Einschränkung der Gesundheit der Eltern kann die Kindesentwicklung negativ beeinflussen. Während in harmonischen Ehen die Qualität der Mutter-Kind-Beziehung und die der Vater-Kind-Beziehung oft relativ ähnlich hoch sind, unterscheidet sie sich in Familien, in denen die Ehe der Eltern belastet ist, oft deutlich voneinander. Dick- 2.6 2.6 Bedeutung der Qualität der elterlichen Partnerschaft für die Kindesentwicklung 31 stein und Parke sowie Cummings und Watson O’Reilly wiesen nach, dass sich Säuglinge und Kleinkinder ab dem achten Lebensmonat in ungewohnten Situationen signifikant häufiger an die Väter wandten, wenn diese in ihrer Ehe zufrieden waren. Die Mutter war in solchen unvertrauten Situationen für die Kleinkinder unabhängig von ihrer ehelichen Zufriedenheit oft Ansprechpartnerin (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 55; Dickstein & Parke, 1988, S. 506–511). Eine Forschungsgruppe um Pedersen fand heraus, dass die Vater-Kind-Interaktion im Vergleich zur Mutter- Kind-Interaktion viel häufiger in Anwesenheit von drei Personen, in einer sogenannten Triade, erfolgt (vgl. Pedersen et al., 1980; Pedersen, Yarrow et al., 1979). Die Forschung liefert zahlreiche Hinweise darauf, dass Konflikte in der Partnerschaft leicht in die Beziehung zwischen Eltern und Kindern „überschwappen“ und selten eine kompensatorische Zuwendung gegenüber den Kindern erfolgt (vgl. Walper & Wendt, 2009, S. 82). Vor allem konflikthafte Auseinandersetzungen sind ein Wirkfaktor, der – je nach Erleben der Kinder – deren Befindlichkeit und Verhaltensentwicklung belastet (vgl. Amato, 1993; Buehler & Gerard, 2002; Cummings & Davies, 1995; Cummings, Davies & Campbell, 2000; Davies et al., 2002; Harold & Conger, 1997; Ross et al., 2005). Nicht alle Konflikte wirken auf Kinder gleichermaßen. Vor allem offen ausgetragene, häufige und intensive Konflikte, die ungelöst bleiben bzw. bei denen das Kind Anlass des Konfliktes ist, gelten als besonders schädlich (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 56; Grych & Fincham, 1990, S. 267–290). Cummings und Watson O’Reilly nehmen an, Kinder seien hoch sensibel dafür, was der Konflikt letztlich über den Status der interpersonalen Beziehung aussage. Auf die Lösung von Konflikten durch die Eltern reagieren Kinder häufig positiv und erleichtert (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 57). Weiterhin konnte in einer Metaanalyse ein negativer Zusammenhang zwischen den Elternkonflikten und der Erziehung gezeigt werden (vgl. Krishnakumar & Buehler, 2000, S. 25–44). Eltern in harmonischen Ehen bevorzugen, so Cummings und Watson O’Reilly, häufiger positive Erziehungsstile, sind verantwortungsvoller und sensibler (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Wenn die Eltern mit ihrer Ehe nicht zufrieden sind, sind Vater-Kind-Beziehungen störanfälliger. Eheliche Unzufriedenheit reduziere die Zuneigung des Kindes zum männlichen Elternteil häufiger als die zum weiblichen. Speziell nach einer Trennung bzw. Scheidung haben Väter seltener Kontakt zu ihren Kindern und schätzen die Bindung an ihren Nachwuchs als schwächer ein als zuvor (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 54). Eindeutige Gründe für die Anfälligkeit der Vater-Kind-Beziehung in konflikthaften Ehen konnten bisher nicht gefunden werden. Die Richtung der Effekte und die kausalen Zusammenhänge zwischen den Variablen seien nach wie vor unklar (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 54). Möglicherweise reagieren Väter emotional eingeschränkt, wenn sie wegen des Streits mit ihrer Ehefrau unter Stress stehen, und stellen daher in solchen Situationen für Kinder keine gute Informationsquelle dar. Diskutiert wird auch, ob die Kinder durch eine Einschränkung der Elternkompetenz des Vaters stärker beeinflusst werden als durch die der Mutter (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 55). 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 32 Belsky, Gilstrap und Rovine legten dar, dass Väter regelmäßig stärker in die Interaktion mit ihren Kindern involviert sind, wenn sie häufig mit den Partnerinnen interagieren. Das Forschungsteam schlussfolgerte, in einigen Familien könne es vom Verhalten der Mütter abhängig sein, ob der männliche Elternteil oft oder selten mit dem Kind umgeht (vgl. Belsky, Gilstrap & Rovine, 1984). Dieser Theorie des maternal gatekeeping zufolge können Mütter mit ihrem Verhalten verhindern oder erleichtern, inwiefern Väter mit ihren Kindern Zeit verbringen und Erfahrung im Umgang mit ihnen erlangen (vgl. Brauner, 2006, S. 59; Cannon et al., 2008, S. 502; Fthenakis, 2001). Gemäß einer Untersuchung von Lamb haben Menschen, die in ihrer Kindheit warmherzige Beziehungen zu erzieherisch kompetenten Müttern und Vätern mit einer glücklichen Ehebeziehung gehabt hatten, im Erwachsenenalter durchschnittlich das höchste soziale Ansehen (vgl. Lamb, 1997 c). Als wenig in der deutschen Forschung beachtet (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 161; Walper & Wendt, 2009, S. 82) gilt Coparenting – der Aspekt, wie die Eltern miteinander in der Erziehung kooperieren. Coparenting ist die Beziehung zwischen den Erziehenden, die der gegenseitigen Unterstützung und Koordination bei der Kindererziehung dient. Dazu gehören Solidarität und Respekt zwischen den Eltern und das gemeinsame Vertreten und Durchsetzen von Ansprüchen, Zielen und Regeln in der Kindererziehung (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 162). Neben dem elterlichen Erziehungsstil ist Coparenting einer von mehreren Faktoren, für den nachgewiesen ist, dass er sich auf die Entwicklung von Kindern auswirkt (vgl. Belsky, Putnam & Crnic, 1996, S. 45–55; Caldera & Lindsey, 2006, S. 275–283; Karreman et al., 2008, S. 30–40). Das Coparenting ist vom Erziehungsstil abzugrenzen. Unter dem Erziehungsstil sind die Erziehungspraktiken der Mutter oder des Vaters im Umgang mit dem Kind zu verstehen. Coparenting hingegen beschreibt das Ausmaß, in dem sich Eltern wechselseitig in der gemeinsamen Kindererziehung unterstützen bzw. unterminieren (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 162). Coparenting gewinnt für Forschung und Praxis als ein von der Ehe oder der Paarbeziehung der Eltern und deren Erziehungsstil getrenntes Konstrukt an Relevanz. Während die Beziehung der Eltern auf der Paarebene auf die Befriedigung von Bedürfnissen als Mann und Frau abzielt und schon vor einer Schwangerschaft besteht, bezieht sich Coparenting primär auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Kinder und kann nach dem Scheitern der Paarbeziehung fortbestehen (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 162). Beim Coparenting scheine es sich um einen „vermittelnden“ Prozess zu handeln, über welchen sich die Qualität der Beziehung der Eltern auf deren Erziehungsverhalten auswirken könne (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 167). Darüber hinaus ist ein Zusammenhang zwischen Coparenting und elterlicher Partnerschaftsqualität belegt (vgl. Kolak & Volling, 2007, S. 467–478). Neuerdings werden Fragen der Partnerschaftsgestaltung und des Coparenting im Bereich der Erziehungsberatung und im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kinder verhandelt. Das Funktionieren der familiären Beziehungen wird zum „bedeutendsten sozialen Kapital, über das eine Gesellschaft verfügt“ (Coleman, 1990, S. 89– 122), erklärt. In jüngster Vergangenheit werden vermehrt Anstrengungen unternommen, Belastungen von Kindern durch verbesserte Beratungsstrategien im Umgang mit eskalierten Konflikten zwischen den Eltern vorzubeugen (vgl. Teubert & Pinquart, 2.6 Bedeutung der Qualität der elterlichen Partnerschaft für die Kindesentwicklung 33 2009, S. 169; Walper & Wendt, 2009, S. 83). In der Gesetzgebung haben sich diese neuen Erkenntnisse bislang nicht vollständig niedergeschlagen. Fegert zufolge habe der Gesetzgeber zwar in den letzten Jahren dem Aufbau und dem Erhalt von Bindungen zu den leiblichen Eltern mehr Bedeutung eingeräumt, jüngere Konzepte wie das der sozialen Elternschaft fänden im juristischen Bereich jedoch zu wenig Beachtung, obwohl sie aus entwicklungspsychologischer Perspektive genauso bedeutsam seien (vgl. Fegert, 2001, S. 48). Von Klitzing empfiehlt für die Pädagogik, den Vater früh in den Hilfeprozess einzubeziehen (nach Möglichkeit bereits pränatal) und seinen grundsätzlich positiven Einfluss auf die Kindesentwicklung im Gespräch mit Müttern explizit zu betonen. Die Arbeit an der Partnerschaftsdynamik im Übergang zur Elternschaft und an den inneren Einstellungen der Eltern gegenüber dem Kind stelle einen ausgesprochen effektiven Ansatzpunkt für die Förderung der Eltern-Kind-Beziehung und damit auch für die kindliche Entwicklung dar (vgl. von Klitzing, 1998, S. 126). Es ist also davon auszugehen, dass es sich für die kindliche Entwicklung auszahlen kann, wenn Männer in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII in den Alltag einbezogen werden, ihre Erziehungskompetenzen unterstützt werden und der Umgang mit der Partnerin nicht verwehrt wird. Im folgenden Abschnitt der Studie wird gezeigt, dass der Einbezug des Vaters in den Alltag nicht nur aus entwicklungspsychologischer und bindungstheoretischer Sicht hilfreich wäre, sondern auch im Regelfall den Rechten der Familienmitglieder entspricht. Es werden darüber hinaus Grenzen dieser Rechte skizziert. An späterer Stelle soll dann auf der Basis der empirischen Daten beurteilt werden, wie der Leistungserbringer in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII die Rechte der Familienmitglieder berücksichtigt. 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 34 Rechte der Familienmitglieder Der folgende Abschnitt umreißt die rechtlichen Grundlagen, die den Kontakt zwischen Eltern und Kind regeln. Die Frage nach den rechtlichen Zusammenhängen ist von besonderem Interesse, um beurteilen zu können, wie der Leistungserbringer dem Grundrecht der Väter auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder und der Teilhabe am Familienalltag gerecht wird. Die Rechte von Eltern und Kindern sind auf der Ebene der Menschenrechte festgelegt. In Art. 16 Abs. 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Die Familie ist die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat.“ In Art. 12 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist geregelt, dass niemand willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden darf. Außerdem dürfen heiratsfähige Frauen und Männer ohne Beschränkung auf Grund der Rasse, der Staatsangehörigkeit oder der Religion gemäß Art. 16 Abs. 1 heiraten und eine Familie gründen. Gemäß Art. 2 GG hat jeder Mensch das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, das heißt auch auf die Gestaltung seiner eigenen Sexualität. Grenzen sind da, wo schützenswerte Belange anderer betroffen sind und strafrechtliche Vorschriften gelten, beispielsweise Schutz vor Missbrauch. Für Kinder wurden die Menschenrechte in der sogenannten UN-Kinderrechtskonvention spezifiziert. Die Konvention wurde im Jahr 1990 von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet und trat 1992 in Kraft. Mit diesem gesonderten Übereinkommen auf Ebene der Vereinten Nationen sollte die Bedeutung der Kinderrechte vor dem Hintergrund der Rechte Erwachsener besonders hervorgehoben werden. Als zentral werden in der Konvention vier Prinzipien für die Gestaltung der Lebensbedingungen von Kindern angesehen (United Nations, 2003, Rn. 12): 1. Das Recht auf Gleichbehandlung (Art. 2) 2. Der Vorrang des Wohls des Kindes (Art. 3) 3. Das Recht auf Leben und Entwicklung (Art. 6) 4. Die Achtung vor der Meinung des Kindes (Art. 12) Art. 5 schreibt den Unterzeichnerstaaten die „Respektierung des Elternrechts“ vor. In Art. 9 „Trennung von den Eltern; persönlicher Umgang“ heißt es: „(1) Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, dass die zuständigen Behörden in einer gerichtlich nachprüfbaren Entscheidung nach den anzuwendenden Rechtsvorschriften und Verfahren bestimmen, dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist. Eine solche Entscheidung kann im Einzelfall notwendig werden, wie etwa wenn das Kind durch die Eltern misshandelt oder vernachlässigt wird oder wenn bei getrennt lebenden Eltern eine Entscheidung über den Aufenthaltsort des Kindes zu treffen ist. […] 3 35 (3) Die Vertragsstaaten achten das Recht des Kindes, das von einem oder beiden Elternteilen getrennt ist, regelmäßige persönliche Beziehungen und unmittelbare Kontakte zu beiden Elternteilen zu pflegen, soweit dies nicht dem Wohl des Kindes widerspricht.“ Art. 18 Abs. 1 Satz 1 regelt, dass die Vertragsstaaten sich nach besten Kräften bemühen, die Anerkennung des Grundsatzes sicherzustellen, dass beide Elternteile gemeinsam für die Erziehung und Entwicklung des Kindes verantwortlich sind. Gemäß Art. 18 Abs. 2 unterstützen die Vertragsstaaten die Eltern in angemessener Weise bei der Erfüllung ihrer Aufgabe, das Kind zu erziehen, und sorgen für den Ausbau von Institutionen, Einrichtungen und Diensten für die Betreuung von Kindern. In Deutschland wird das Verhältnis von Staat und Familie durch Art. 6 GG grundsätzlich geregelt. Dort heißt es: „(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung. (2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft. (3) Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen. (4) Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft. (5) Den unehelichen Kindern sind durch die Gesetzgebung die gleichen Bedingungen für ihre leibliche und seelische Entwicklung und ihre Stellung in der Gesellschaft zu schaffen wie den ehelichen Kindern.“ In Abs. 2 Satz 1 wird das Elternrecht verfassungsrechtlich geschützt, indem festgelegt wird, dass es „in erster Linie“ (Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 103) das Recht und die Pflicht der Eltern ist, für die Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu sorgen. In Satz 2 des Artikels wird die Rolle des Staates deutlich. Es heißt dort, der Staat wache über „deren Betätigung“, also die Wahrnehmung der Elternrechte und -pflichten. Lediglich wenn die Eltern ihre Elternrechte nicht ordnungsgemäß wahrnehmen, sei staatliches Eingreifen in die Elternrechte möglich bzw. geboten (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 103). Daraus wird in der Rechtsprechung zum einen das Gebot abgeleitet, dass der Staat Familie und Ehe fördern soll und zum anderen das Verbot, Familie und Ehe durch staatliche Maßnahmen zu schädigen oder gegenüber anderen Lebensformen zu benachteiligen (vgl. Wabnitz, 2012, S. 19). Das Kind oder der/die Jugendliche ist in unserer Verfassungsordnung Grundrechtsträger. Es ist eine Person – mit eigener Menschenwürde nach Art. 1 Abs. 1 Satz 1 GG, – mit dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gemäß Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG, – mit dem Recht nach Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit, – die nach Art. 14 Abs. 1 GG den Schutz ihres Eigentums und Vermögens genießt (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 2). Nach Uhlendorff, Euteneuer und Sabla bewegt sich sozialpädagogische Arbeit mit Familien angesichts dieser grundlegenden Normen in einem Spannungsfeld zwischen Elternrechten und -pflichten, staatlichen Eingriffsbefugnissen sowie den Rechten von 3 Rechte der Familienmitglieder 36 Kindern und Jugendlichen. Die beiden rechtlichen Aufträge, die Erziehung in der Familie und die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern sowie die aus dem staatlichen Wächteramt resultierenden Eingriffspflichten zu erfüllen, seien in der praktischen Arbeit oft nicht klar zu trennen. Auch aus Sicht der Familienmitglieder könnten Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe einerseits als freiwilliges Angebot gesehen werden, auf das man ein Anrecht habe, andererseits als Kontrolle und Zwang erlebt werden, etwa wenn sie durch ein Familiengericht angeordnet oder unter der Androhung familiengerichtlicher Schritte lediglich formal „freiwillig“ in Anspruch genommen würden. Ein und dieselbe sozialpädagogische Leistung könne aus subjektiver Sicht einen vollständig anderen Charakter erhalten, zudem könne sich dieser im Laufe der Hilfe verändern (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 105). Sowohl die im Grundgesetz garantierten Elternrechte und -pflichten als auch die Eingriffsrechte des Staates werden im Familienrecht im vierten Buch des BGB sowie im Kinder- und Jugendhilferecht im SGB VIII genauer bestimmt (vgl. ebd., S. 104). Das SGB VIII betont den präventiven Charakter einer modernen Jugendhilfe, welche die Erziehungsinstitution Familie stärken möchte. Eingriffe in die Familie sollen in den Hintergrund treten, während ihre Potentiale zur Selbsthilfe aktiviert werden sollen (vgl. Matzner, 2007 b, S. 178). Die sogenannte „einfachgesetzliche Ausgestaltung“ (vgl. Dahm, 2012, S. 5) des Rechts der elterlichen Sorge ist in den §§ 1626–1698 b BGB geregelt. Gemäß § 1626 BGB haben die Eltern die elterliche Sorge inne, das heißt die Pflicht und das Recht, für das minderjährige Kind zu sorgen. Die Fragen der elterlichen Sorge umfassen alle Bereiche des täglichen Lebens. Dies geht von der Entscheidung über Vermögensverwaltung, Gesundheitsfürsorge bis hin zu Fragen der religiösen Erziehung, des Aufenthalts und schulischen Belangen. Sind die Eltern bei der Geburt des Kindes miteinander verheiratet, haben sie grundsätzlich die gemeinsame Sorge inne. Ist ersteres nicht der Fall, steht ihnen die elterliche Sorge gemeinsam zu, wenn die Mutter und der Mann, der die Rolle des rechtlichen Vaters einnehmen möchte, zusammen vor einer Urkundsperson erklären, dass sie die Sorge gemeinsam übernehmen wollen. Dieser Vorgang wird Sorgerechtserklärung oder Sorgeerklärung genannt (vgl. Dahm, 2012, S. 5; Kölbl, 2007, S. 91). Verfahren bei Kindeswohlgefährdung Nach § 1666 BGB Abs. 1 hat das Familiengericht die Maßnahmen zu treffen, die zur Abwendung der Gefahr erforderlich sind, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet wird und die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden. Zu den gerichtlichen Maßnahmen gehören gemäß § 1666 BGB Abs. 3 unter anderem folgende: – Gebote, öffentliche Hilfen, z. B. Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe und der Gesundheitsfürsorge, in Anspruch zu nehmen 3.1 3.1 Verfahren bei Kindeswohlgefährdung 37 – Verbote, vorübergehend oder auf unbestimmte Zeit die Familienwohnung oder eine andere Wohnung zu nutzen, sich in einem bestimmten Umkreis der Wohnung aufzuhalten oder zu bestimmende andere Orte aufzusuchen, an denen sich das Kind regelmäßig aufhält – Verbote, Verbindung zum Kind aufzunehmen oder ein Zusammentreffen mit dem Kind herbeizuführen – die Ersetzung von Erklärungen des Inhabers der elterlichen Sorge – der teilweise oder vollständige Entzug der elterlichen Sorge 2012 trat ein neues Bundeskinderschutzgesetz in Kraft. Mit den Änderungen sollten die sogenannten „Frühen Hilfen“ gestärkt, die Vernetzung untereinander vorangetrieben und mehr Handlungs- und Rechtssicherheit sowie verbindliche Standards geschaffen werden. Außerdem sollte es ermöglicht werden, belastbare statistische Daten zu erheben. Beispielsweise wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen, um „Jugendamt-Hopping“ zu verhindern, indem bei einem Umzug der Familie sichergestellt wird, dass das neue Jugendamt die notwendigen Informationen vom bisher zuständigen Jugendamt bekommt, die es braucht, um das Kind wirksam zu schützen. Außerdem wurde geregelt, wie und in welchen Fällen Geheimnisträger – beispielsweise Ärztinnen und Ärzte oder Psychologinnen und Psychologen – Informationen an das Jugendamt weitergeben dürfen. Zudem schreibt das Bundeskinderschutzgesetz den Hausbesuch zur Einschätzung der Lebenssituation eines Kindes vor. Darüber hinaus wurden alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der öffentlichen und freien Jugendhilfe zur Vorlage eines erweiterten Führungszeugnisses verpflichtet. Die Erteilung der Betriebserlaubnis wurde an diese Pflicht gekoppelt. Außerdem erhalten Einrichtungen nur dann eine Betriebserlaubnis, wenn sie ein Konzept zur Qualitätsentwicklung und -sicherung und damit zur Einhaltung fachlicher Standards – unter anderem Leitlinien zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen – vorlegen. Die Einrichtungen haben zudem einen Anspruch auf fachliche Begleitung in Kinderschutzfragen. § 8 a SGB VIII konkretisiert den allgemeinen staatlichen Schutzauftrag als Aufgabe der Jugendämter, verdeutlicht die Beteiligung der freien Träger an dieser Aufgabe und beschreibt Verantwortlichkeiten der beteiligten Fachkräfte der Jugendhilfe. Das Jugendamt muss in den Fällen, in denen fraglich ist, ob eine familienorientierte Hilfe installiert werden soll oder der Kinderschutz im Vordergrund steht, eine „komplexe, fehleranfällige Abwägung zwischen zwei Risiken“ (Wiesner, 1996, S. 289) leisten: Der Wahl eines Beratungs-, Hilfe- und Therapieansatzes, der dem Kind den sozialen Kontext erhält, aber mit dem Risiko einer weiteren Gefährdung verbunden ist, oder der Einleitung vormundschaftsgerichtlicher Maßnahmen, die meist zur Trennung des Kindes aus seinen sozialen Bezügen führt (vgl. Wiesner, 1996, S. 289). Das Familiengericht kann lediglich unter hohen Anforderungen in das Sorgerecht der Eltern eingreifen, da das verfassungsrechtlich geschützte Elternrecht stets zu beachten ist (vgl. Dahm, 2012, S. 7). Der § 1666 BGB legitimiert Eingriffe des Staates, darunter die Verpflichtung, sozialpädagogische Leistungen in Anspruch zu nehmen, wenn „das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen 3 Rechte der Familienmitglieder 38 gefährdet [ist] und die Eltern nicht gewillt oder in der Lage [sind], die Gefahr abzuwenden“. Ausnahmslos eine Kindeswohlgefährdung rechtfertigt also Eingriffe des Staates (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 104). Dem Paragraphen zufolge sind Maßnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, allein zulässig, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, beispielsweise durch öffentliche Hilfen, begegnet werden kann. Die gesamte Personensorge darf lediglich entzogen werden, wenn andere Maßnahmen erfolglos geblieben sind oder wenn anzunehmen ist, dass sie zur Abwendung der Gefahr nicht ausreichen. Das Vorliegen einer Kindeswohlgefährdung muss in dem Verfahren vor dem Familiengericht nachgewiesen werden. Außerdem muss das Familiengericht davon überzeugt sein, dass die Eltern auch zukünftig nicht gewillt oder in der Lage sein werden, die Gefährdung abzuwenden. Auf ein Verschulden der Eltern bei der Herbeiführung der Gefährdung kommt es nicht an (vgl. Dahm, 2012, S. 8). Das Familiengericht muss gemäß § 1666 a BGB den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz beachten und darf daher nur im unbedingt erforderlichen Umfang in die elterliche Sorge eingreifen. Es muss demzufolge prüfen, ob es zur Abwehr der Kindeswohlgefährdung ausreicht, allein bestimmte Teile des Sorgerechts – also Teile der Personenbzw. Vermögenssorge – zu entziehen. Erst wenn dies verneint werden muss, kann die gesamte Sorge entzogen werden (vgl. Dahm, 2012, S. 8). Die Bedeutung des Kindeswohlgefährdungsbegriffs präzisiert das Bundesverfassungsgericht in einer Entscheidung im Jahr 1956 wie folgt: „Die Entziehung des Sorgerechts nach § 1666 Abs. 1 BGB setzt eine gegenwärtige, und zwar in einem solchen Maße vorhandene Gefahr voraus, daß sich bei der weiteren Entwicklung der Dinge eine erhebliche Schädigung des geistigen oder leiblichen Wohls des Kindes mit ziemlicher Sicherheit voraussehen läßt“ (BGH, 14.7.1956 – IV ZB 32/56). Eine erhebliche Schädigung ist gegeben, wenn das Kind an Leib und Leben bedroht ist (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 3). Sofern jedoch Kinder oder Jugendliche in ihrer Entwicklung nicht erheblich bedroht werden, müssen sie aufgrund ihrer Eingebundenheit in das familiäre Gesamtsystem wirkliche und vermeintliche Nachteile durch Entscheidungen, Verhaltensweisen oder Lebenslagen ihrer Eltern oder Umwelt in Kauf nehmen (BVerfG, Beschluss vom 29.1.2010, 1 BvR 374/09, Rn. 33). Dies setzt auch den Organen des Staates Grenzen. Der Staat darf beispielsweise nicht gegen den Willen der Eltern für eine den Fähigkeiten des Kindes bestmögliche Förderung sorgen (BVerfG, Beschluss vom 17.02.1982, 1 BvR 188/80, DRsp Nr. 1994/2637). Die Grundstruktur der elterlichen Erziehungsverantwortung garantiert demnach keinem Kind den optimalen und auch nicht einen bestimmten positiven Standard von Erziehung (vgl. Helming, Schattner & Blüml, 2006, S. 2). Soweit ihre Wächterfunktion aufgrund von Voraussetzungen des § 1666 a BGB nicht berührt wird, verfügen die öffentlichen Jugendhilfeträger über keinen eigenständigen Erziehungsauftrag – wie er noch dem alten Jugendwohlfahrtsgesetz zu entnehmen war oder auch der Jugendhilfe in der ehemaligen DDR zukam (dies wird an späterer Stelle gezeigt). Die Wahrnehmung der Kindesinteressen unterhalb der Gefährdungsschwelle liegt somit ausschließlich bei den Sorgeberechtigten, also in der Regel bei den Eltern (vgl. Helming, Schattner & Blüml, 2006, S. 2). Jugendhilfe definiert unterhalb von § 1666 a BGB nur 3.1 Verfahren bei Kindeswohlgefährdung 39 einen Anspruch auf „Hilfe zur Erziehung“ (wie im Abschnitt 4.3 dieser Arbeit gezeigt wird), nicht einen auf Erziehung überhaupt. Auch wenn Eltern Hilfe ablehnen, das „Erziehungsdefizit“ aber unterhalb einer Kindeswohlgefährdung bleibt, muss das Kind oder der Jugendliche den Nachteil hinnehmen (vgl. Helming, Schattner & Blüml, 2006, S. 2). Wiesner stellt fest, dass in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat Gefahren für Kinder und Jugendliche nicht immer und überall zuverlässig verhindert werden können: „Dazu bedürfte es u. a. einer lückenlosen Überwachung. Diesen zweifelhaften Vorzug genießen nur Bürger in totalitären Staaten. Diese Systeme sind aber im allgemeinen an der Systemtreue ihrer Bürger mehr interessiert, als an effektivem Kinderschutz“ (Wiesner, 1996, S. 287). Der Weg staatlicher Hilfen führe, wie Helming, Schattner und Blüml elaborieren, demnach unterhalb der Gefahrenschwelle immer über die Eltern. Dies sei der Preis für einen Freiheitsraum der Familie, der erst an der Schwelle der Gefährdung des Kindeswohls endet. Er sei aber auch der Erkenntnis geschuldet, dass das Kind zu seiner Entwicklung des sozialen Kontextes bedarf (vgl. Helming, Schattner & Blüml, 2006, S. 2). Schutzmaßnahmen für das Kind gegen den Willen der Eltern setzen – wie Wiesner elaboriert – gewissermaßen eine Entmachtung der Eltern, eine Einschränkung oder einen Entzug ihres unverantwortlich genutzten Elternrechts voraus. Solche Entscheidungen seien in Deutschland traditionell Gerichten, nicht Verwaltungsbehörden anvertraut (vgl. Wiesner, 1996, S. 287). Nun würden Vormundschaftsgerichte zwar von Amts wegen tätig, sie bedürften dazu aber, wie Wiesner darlegt, der Hinweise, der Anregung von außen. In der Regel seien es wiederum die Jugendämter, die den Anstoß zu sorgerechtlichen Verfahren lieferten, sei es, dass sie bereits erfolglos Beratung und Hilfe angeboten haben und nunmehr Eingriffe für notwendig erachteten – sei es, dass sie von dritter Seite, von der Schule, vom Kindergarten oder von Nachbarn Hinweise erhielten, die ein sofortiges Tätigwerden des Gerichts erforderlich machen. Eine entsprechende Verpflichtung des Jugendamtes zur Einschaltung des Vormundschaftsgerichts ergibt sich aus § 50 Abs. 3 SGB VIII. Allerdings sei das Jugendamt kein Ermittlungsgehilfe des Vormundschaftsgerichts, sondern eine pädagogische Fachbehörde, die aufgrund eigener fachlicher Einschätzung entscheide, ob sie das Vormundschaftsgericht einschalte (vgl. Wiesner, 1996, S. 287). Das Jugendamt stehe – so Wiesner – dabei vor einer schwierigen Abwägung, die ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz erfordere, gelte es doch, einen komplexen Sachverhalt und seine einzelnen Elemente, wie die Tragfähigkeit familiärer Beziehungen, die Veränderungs- und Lernbereitschaft von Eltern und die Belastungsfähigkeit von Kindern prognostisch einzuschätzen und daraus den Schluss zu ziehen, ob die Gefährdung des Kindeswohls besser durch umfassende Hilfe für die Familie, die auch therapeutische Hilfen einschließe, abgewendet werden könne oder aber durch Maßnahmen des Vormundschaftsgerichts, die häufig eine Trennung des Kindes von der Familie zur Folge habe – eine Trennung, die vom Kind nicht immer als Befreiung, sondern auch als Strafe und Verlust erlebt werde. Schwierigkeiten bereite mitunter schon eine einigermaßen realistische Einschätzung des Ausmaßes der Gefährdung. 3 Rechte der Familienmitglieder 40 Hier hülfen auch Rechtsvorschriften nicht weiter, sie könnten nur den Rahmen für eine folgenschwere, fachlich fundierte und durch Lebenserfahrung abgesicherte Risikoabwägung im Einzelfall liefern (vgl. Wiesner, 1996, S. 288). In der Rechtsprechung gilt als umstritten, inwiefern vor der Geburt des Kindes das Sorgerecht bzw. Teile davon entzogen werden können und ob vor der Geburt des Kindes bereits durch das Familiengericht Maßnahmen angeordnet werden dürfen, die direkt nach der Geburt auch notfalls gegen den Willen der Eltern eingeleitet werden (sogenannte „Vorratsentscheidungen“). Eine Vorratsentscheidung kann nur durch das Familiengericht getroffen werden, nicht durch das Jugendamt. Sorgerechtsregelungen bei Trennung und Scheidung Gerade bei Eltern in der Trennungsphase oder nach einer Trennung ist die Kommunikation miteinander oft schwierig. Ob sich die Eltern in Kinderbelangen abstimmen müssen oder ob ein Elternteil allein entscheiden kann, hängt davon ab, wem die elterliche Sorge zusteht. Beansprucht ein Elternteil das alleinige Sorgerecht für die gemeinschaftlichen Kinder, muss dies beantragt und vom Familiengericht zugesprochen werden. Bevor es sein Urteil fällt, lässt das Gericht nach § 1684 Abs. 4 BGB prüfen, welche Regelung dem Kindeswohl entspricht (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011 b, S. 10). Am Ergebnis der gerichtlichen Sorgerechtsentscheidungen, die bereits mit dem Scheidungsurteil beziehungsweise ‑beschluss ergingen, änderte sich in den vergangenen Jahren wenig (vgl. Deutsche Presse-Agentur GmbH, 2015; Statistisches Bundesamt, 2015 e). Im Jahr 201313 verblieb das Sorgerecht bei 96 Prozent der Scheidungen, bei denen minderjährige Kinder betroffen waren, zunächst bei beiden Elternteilen, da weder Vater noch Mutter einen Antrag auf alleinige Sorge gestellt hatten. Seit der Änderung der familiengesetzlichen Regelungen 200914 liegt dieser Anteil konstant bei etwa 95 Prozent (vgl. Deutsche Presse-Agentur GmbH, 2015; Statistisches Bundesamt, 2015 e).15 Bis in die 1990er Jahre sprach das Familiengericht den Vätern häufig lediglich ein Umgangsrecht zu, während die Kinder bei den Müttern leben sollten. Meist billigte das Gericht Besuche des Vaters an jedem zweiten Wochenende, an Feiertagen und zu gemeinsamen Urlaubsreisen. Damit jüngere Kinder nicht zu lange von der Mutter ge- 3.2 13 Neuere Daten lagen bis zum Redaktionsschluss nicht vor. 14 Nach dem Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit (Familienverfahrensgesetz) soll das Gericht den Versuch einer einvernehmlichen Lösung des Konflikts in Sorge- und Umgangsverfahren unternehmen, wenn dies dem Kindeswohl nicht widerspricht. Einvernehmliche Lösungen der Eltern müssen vom Gericht gebilligt werden. Über das Umgangsrecht und die Regelung des Aufenthaltsbestimmungsrechts soll das Gericht in der Regel schnell entscheiden, damit der Kontakt zwischen Kind und einem umgangsberechtigten Elternteil aufrechterhalten bleibt und die Beziehung keinen Schaden nimmt. Die Beteiligungs- und Mitwirkungsrechte des betroffenen Kindes wurden mit dem Familienverfahrensgesetz gestärkt. 15 Im Jahr 2000 war dies lediglich bei sieben von zehn Scheidungen der Fall (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011 b, S. 10). 3.2 Sorgerechtsregelungen bei Trennung und Scheidung 41 trennt waren, fiel das Urteil zum Umgangsrecht des Vaters bei ihnen besonders knapp aus. Ältere Kinder und Jugendliche durften bei der Gestaltung der Kontakte mitbestimmen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 42). Seit der Kindschaftsrechtsreform vom 1. Juli 1998 ist die gemeinsame Sorge der Eltern für ihre minderjährigen Kinder nach einer Scheidung der gesetzliche Regelfall (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011 b, S. 10). Im Alltag geschiedener Paare erweist sich die Sorgerechtsregelung offensichtlich zunehmend als schwierig: Jedenfalls beantragten im Jahr 2010 geschiedene Eltern deutlich häufiger nachträglich eine gerichtliche Klärung des Sorgerechts als zehn Jahre zuvor. Die in eigenständigen Sorgerechtsverfahren – meist nach einer Scheidung – getroffenen gerichtlichen Sorgerechtsentscheidungen unterscheiden sich im Ergebnis von denen, die bereits mit einer Scheidung getroffenen werden (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011 b, S. 10). In den Jahren 2000, 2010 und 2013 wurde etwa in drei Viertel der Verfahren der Mutter das alleinige Sorgerecht übertragen. Dem Vater fiel 2010 in 7 Prozent – im Jahr 2000 waren es 5 Prozent – das alleinige Sorgerecht zu (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011 b, S. 10). Eigenständige Sorgerechtsverfahren werden nicht nur aufgrund von Streitigkeiten zwischen den geschiedenen Eltern über das Sorgerecht initiiert, sondern können auch aus Initiativen der Jugendämter bei vermuteter Kindeswohlgefährdung in Gang gesetzt werden (vgl. Statistisches Bundesamt, 2011 b, S. 10). Trennen sich Eltern mit gemeinsamer elterlicher Sorge, stellt sich die Frage, welche Angelegenheiten der betreuende Elternteil allein entscheiden darf und welche er mit dem anderen abstimmen muss. Diese Frage wird nach der Bedeutung für das Kind abgegrenzt. Die Eltern müssen sich dann bei Fragen von erheblicher Bedeutung einigen, wie zu entscheiden ist. Entscheidungen des täglichen Lebens kann derjenige Elternteil allein treffen, bei dem sich das Kind aufhält (vgl. Wernitznig, 2014, S. 23). Umgangsrecht Nicht sorgeberechtigte bzw. getrennt lebende Elternteile haben gemäß § 1684 BGB das Recht und die Pflicht zum Umgang mit dem Kind. Das Umgangsrecht gilt sogar nicht nur für den leiblichen Elternteil, sondern auch für andere Bezugspersonen, beispielsweise für Stiefelternteile, falls das dem Wohl des Kindes dient und die Bezugspersonen tatsächlich Verantwortung für das Kind getragen haben (vgl. Wernitznig, 2014, S. 27). Die Ausgestaltung des Umgangsrechts können die Eltern privatschriftlich oder notariell vereinbaren. Sie hängt von den jeweiligen Lebensumständen ab. Als Richtlinie empfiehlt Wernitznig folgende Regelungen: – bei Kleinstkindern ein mehrstündiger Umgang einmal in der Woche – bei älteren Kindern ein vierzehntägiges Besuchsrecht mit Übernachtung – im Idealfall hälftige Aufteilung der Ferienzeiten (vgl. Wernitznig, 2014, S. 29) Wenn ein sorgeberechtigter Elternteil trotz gerichtlicher Umgangsregelung dem anderen Elternteil den Umgang mit dem Kind verweigert, kann das Gericht in massiven Fällen sogar dem erstgenannten Elternteil die Sorge entziehen (vgl. Wernitznig, 2014, 3.3 3 Rechte der Familienmitglieder 42 S. 31). Die Kosten für das Abholen und Zurückbringen des Kindes – je nach Wohnort sind diese nicht unerheblich – hat der Umgangsberechtigte allein zu tragen, sofern keine andere Regelung einvernehmlich vereinbart wurde. Sie können im Rahmen der Unterhaltsberechnung nicht einkommensmindernd geltend gemacht werden. Nur in Ausnahmefällen, in denen eine große räumliche Entfernung vorliegt und der Umgangsberechtigte in schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebt, kann eine Billigkeitsabwägung vorgenommen werden, wenn die Kostenlast dazu führen würde, dass der Umgang faktisch unmöglich ist. Es kommt dann entweder eine Erhöhung des Selbstbehalts bei der Unterhaltsberechnung in Betracht oder eine anteilige Kostenbeteiligung des anderen Elternteils, wenn dieser dazu in der Lage ist (vgl. Wernitznig, 2014, S. 33). Die Reform des Kindschaftsrechts im Jahr 1998 stärkte das Umgangsrecht. Letzteres wird heute nicht mehr primär als Recht der Eltern verstanden, sondern als Recht des Kindes. Bei einem Streit der Eltern um das Umgangsrecht hat sich die richterliche Entscheidung allein am Kindeswohl zu orientieren. Dabei geht der Gesetzgeber davon aus, dass in der Regel zum Wohl des Kindes der Umgang mit beiden Elternteilen gehört. Eine Beschränkung oder gar der völlige Ausschluss des Umgangsrechts ist nur in engen Grenzen möglich, nämlich erst dann, wenn das Kindeswohl gefährdet würde (vgl. Wernitznig, 2014, S. 28). Selbst in diesen Fällen muss geprüft werden, ob durch die Anwesenheit Dritter die Gefährdung des Kindeswohls abgewendet werden kann. In derartigen Fällen kann das Familiengericht eine Begleitung des Umgangs durch eine dem Kind vertrauten oder eine vom Gericht bestellten Person, beispielsweise eine Vertretung des Jugendamts, anordnen (vgl. Wernitznig, 2014, S. 28–31). Im Falle des Ausschlusses des persönlichen Umgangs ist zu prüfen, ob telefonischer, brieflicher oder Kontakt per E-Mail möglich ist (vgl. Wernitznig, 2014, S. 32). Dem nicht sorgeberechtigten bzw. dem nicht betreuenden Elternteil steht nach § 1686 BGB ein Auskunftsrecht gegenüber dem anderen Elternteil zu. Ersterer soll sich über das Wohlergehen und die Entwicklung des Kindes informieren können, vor allem dann, wenn der Umgang ausgeschlossen oder eingeschränkt ist. Durch den Informationsanspruch soll der Nachteil des eingeschränkten (täglichen) Kontakts ausgeglichen werden (vgl. Wernitznig, 2014, S. 25). Ein berechtigtes Interesse an der Auskunftserteilung liegt, so Wernitznig, vor, wenn der Elternteil keine andere Möglichkeit hat, sich über die Entwicklung des Kindes zu informieren. Findet also regelmäßig Umgang statt, wird der umgangsberechtigte Elternteil dazu meist ausreichend Gelegenheit haben. Dies sei jedoch nicht der Fall, wenn kein Kontakt stattfinde oder Umgang nur in langen Abständen – beispielsweise wegen großer Entfernung – erfolge (vgl. Wernitznig, 2014, S. 26). Mitgeteilt werden müssten der Gesundheitszustand und schulische Leistungen, in der Regel im halbjährlichen Abstand. Es sollten Kopien der Zeugnisse, eine kurze Lebensschilderung und ein aktuelles Foto beigefügt werden (vgl. Wernitznig, 2014, S. 26). Gegenüber Dritten hat der nicht sorgeberechtigte Elternteil keinen Anspruch auf Auskunftserteilung, es sei denn, der sorgeberechtigte Elternteil erlaubt dies. 3.3 Umgangsrecht 43 Benachteiligung des ledigen Vaters bei Beratung durch das Jugendamt Nach § 52 a SGB VIII haben Mütter nichtehelicher Kinder einen Anspruch auf Beratung durch das Jugendamt im Hinblick auf die Vaterschaftsfeststellung und die Geltendmachung von Unterhaltsansprüchen. Der ledige Vater hat keinen Anspruch auf Beratung und Unterstützung. Dies gilt auch hinsichtlich der Beratung des Vaters zum Aspekt der gemeinsamen Sorge. Matzner kritisiert in diesem Zusammenhang, das Jugendamt interessiere sich demnach nur für die rechtliche und finanzielle Dimension einer nichtehelichen Vaterschaft. Soziale und pädagogische Aspekte derselben erführen dagegen bislang wenig Beachtung von den Jugendämtern. Verantwortlich für diesen Zustand sei der Gesetzgeber, der ledige Väter diskriminiere (vgl. Matzner, 2007 b, S. 184). Der Zustand, dass ledige (werdende) Väter keinen Anspruch auf Beratung durch das Jugendamt bei Fragen des Sorgerechts haben, steht mit der Fragestellung der vorliegenden Studie im direkten Zusammenhang: Die Diskriminierung von Männern im Kontakt mit dem Jugendamt hat zur Folge, dass Männer seltener in den Entscheidungsprozess zur Aufnahme eines Elternteils in eine Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung einbezogen werden. Im Rahmen von Beratungsgesprächen nach § 52 a SGB VIII werden Männer durch das Jugendamt nicht einbezogen und können so zum Teil direkt auf den Gerichtsweg vor dem Familiengericht zu einem Entzug der elterlichen Sorge geschickt werden, ohne sie angehört (Matzner, 2007 b, S. 184) und ohne eine Hilfe nach dem Kinder-und Jugendhilfegesetz für den Mann in Betracht gezogen zu haben. 3.4 3 Rechte der Familienmitglieder 44 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe In der heutigen Zeit ist die Geburt eines Kindes für die Eltern ein einschneidendes Ereignis, dessen Verarbeitung Kräfte erfordert, das zum Scheitern führen, die persönliche Entwicklung belasten und die Ruhe einer harmonischen Zweierbeziehung stören kann. Insbesondere die Geburt des ersten Kindes stellt eine tiefgreifende Veränderung für den Einzelnen, aber auch für die bisherige Paarbeziehung dar. Es gilt nun, die Bedürfnisse des Säuglings zu befriedigen, während die eigenen häufig zunächst hintangestellt werden müssen, da das Neugeborene die Aufmerksamkeit beider Eltern intensiv fordert (vgl. Cowan & Cowan, 1992; Eickhorst et al., 2010, S. 620; Frevert, Cierpka & Joraschky, 2008, S. 171–197). Biografische Konzepte, Aufgabenteilung und die Beziehung des Elternpaares stehen neu zur Disposition und müssen verhandelt werden (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 88). Babys unterscheiden sich in ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus, ihrer Grundstimmung, ihrer Anpassungsfähigkeit und in ihrem Schreiverhalten. Da Eltern gerade in den ersten Lebensmonaten deren Verhalten lediglich bedingt vorhersagen können und die Kinder vollkommen von der Pflege und Betreuung ihrer Eltern abhängig sind, fordern Babys ihre Eltern in dieser Zeit besonders intensiv (vgl. Kalicki, Peitz und Fthenakis, 2006, S. 90). Nach einer Untersuchung von Kalicki, Peitz und Fthenakis (2006, S. 89)16 nimmt die Beziehungsqualität in der Partnerschaft häufig nach der Geburt eines Kindes ab. Der Übergang zur Elternschaft wirkt zusätzlich über das Familiensystem hinaus: Wie Brauner (2006, S. 59) darlegt, müssen in fast allen Fällen die Beziehungen zwischen den Elternteilen und deren Herkunftsfamilien neu definiert werden und das soziale Netzwerk des Paares verändert sich tiefgreifend. Bedarfe von Männern an beraterischer und pädagogischer Hilfe Der folgende Abschnitt geht den Fragen nach, welche beraterischen und pädagogischen Hilfebedarfe Männer haben. Über lange Zeit wurde der Mann als Wesen ohne Probleme wahrgenommen, so Hollstein und Matzner, wozu er sich nicht zuletzt 4 4.1 16 Ziel der Studie war es, Veränderungen bei der Geburt eines Kindes näher zu erschließen. Dazu wurde die Entwicklung junger Familien nach der Geburt eines Kindes über drei Jahre hinweg verfolgt. Mit Hilfe von Fragebögen wurden 175 Paare aus dem gesamten Bundesgebiet befragt, die zwischen Dezember 1995 und August 1996 ein Kind bekommen hatten. Die meisten Paare lebten im Raum München und Paderborn (vgl. LBS-Initiative Junge Familie, 1997, S. 1). 45 selbst stilisiert habe. Männer galten als potent, sowohl sozial als auch politisch, sexuell, gesundheitlich und beruflich. Die philosophische und schöngeistige Literatur bekräftigte diese Bilder seit der Antike bis spät in das zwanzigste Jahrhundert (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 9). Mit der Verbreitung des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit von Connell (2006) begann eine Ausdifferenzierung von Männlichkeiten. Männlichkeit kann demnach nicht gleichgesetzt werden mit herrschender Männlichkeit und dem Macht-Mann. Es gebe daneben auch marginalisierte Männlichkeiten. Bourdieu zufolge können Männer auch als Opfer von Geschlechterstereotypen begriffen werden. Zum „Paradox der Männlichkeit“ gehöre, stets „einen leidenschaftlichen Kampf gegen das Gefühl der Verletzbarkeit“ (Bourdieu, 2005, S. 94) führen zu müssen. Dies mache sie zu „Gefangene[n] und auf versteckte Weise Opfer[n] der herrschenden Vorstellung“ (Bourdieu, 2005, S. 90). Gleichzeitig mit der Erschütterung der hergebrachten Geschlechtervorstellungen werde sukzessive bekannt, das Männlichkeit tatsächlich mit speziellen Risiken für Gesundheit und Teilhabemöglichkeiten verbunden ist: Männer werden häufiger kriminalisiert als Frauen. Dreimal so viele Männer wie Frauen bringen sich um, in der Pubertät ist die Anzahl der männlichen Suizide gar um fast ein Zehnfaches höher als die der weiblichen (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 9; Scherr, 2002, S. 377). Das angeblich starke Geschlecht stirbt in Industrienationen etwa sieben Jahre früher als das vermeintlich schwache. Männer entspannen unzureichend, bewegen sich zu wenig, gehen zu selten zum Arzt, missachten körperliche Warnsignale und verfügen kaum über Gesundheitskenntnisse (vgl. Hollstein, 2007, S. 38). Je mehr die Gesundheitsforschung den Mann zum Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Arbeit mache, desto deutlicher werde, wie krank Männer in Wirklichkeit seien und wie krankmachend auch die Bedingungen, unter denen Männlichkeit gelebt und „exerziert werden“ müsse (Hollstein & Matzner, 2007, S. 9). Aus der traditionellen Männerrolle könnten neben dem gesundheitlichen Aspekt weitere spezielle Risiken und Belastungen erwachsen; allem voran ein eingeschränktes Gefühlsleben (vgl. Hollstein, 2007, S. 37). Männer hätten Schwierigkeiten, sich emotional frei und offen auszudrücken und geständen aus einer tiefen eigenen Angst diese Fähigkeit auch anderen Männern nicht zu. Das bedinge, dass Männer ihre emotionale Kontrolle nicht aufgeben, sich nicht verletzlich zeigen wollten und vor neuen emotionalen Erfahrungen zurückschreckten. Als Folge der unterdrückten Gefühlsregungen entstünden Verärgerung, Frustration, Feindseligkeit und Wut, die sich dann nicht selten explosionsartig in Aggressivität und Gewalt äußerten (vgl. Hollstein, 2007, S. 37). Es stelle sich zunehmend auch hinsichtlich der Gestaltung familiärer Beziehung heraus, dass Paarkonflikte, Gewalt, Trennungen und Scheidungen in ihrer Vorgeschichte häufig aufgrund einer männlichen Beziehungsunfähigkeit entstünden (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Hollstein sieht zudem in Kontroll-, Macht- und Wettbewerbszwängen entscheidende Ohnmachtsaspekte der Männerrolle. Die Orientierung an den drei Attributen zur Messung der eigenen Männlichkeit werde bereits im frühen Kindesalter anerzogen. Jungen bekämen sowohl mehr positives Feedback als Mädchen, wenn sie sich an die männliche Leistungsnorm halten, wenn sie dies nicht zu Genüge tun, würden sie al- 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 46 lerdings auch viel häufiger bestraft. Niederlagen seien mit Entmännlichung identisch. Kontrolle, Macht und Wettbewerb seien auch die entscheidenden Indikatoren, nach denen Männer ihre persönliche Beziehung bewerten, was folglich zur Abwertung von sozialer Verantwortung, Ethos, Mitmenschlichkeit und Fürsorge führe (Hollstein, 2007, S. 37). Männer erleben häufiger als Frauen ihr Selbstwertgefühl und ihre Erfahrungen von Glück und Lebenssinn primär oder sogar exklusiv über ihre Arbeit und ihre Gratifikationen. Eine besondere Bedeutung komme dabei der Verknüpfung der männlichen Arbeitsrolle mit der des Familienernährers zu. Die materielle Erfolgsorientierung beinhalte, dass der Mann im Schnitt einen größeren Teil der Zeit und Kraft in seine Arbeitsleistung investiere, sich dementsprechend sukzessive von Frau und Kindern emotional entferne und gegenüber seiner Familie distanziere (vgl. Hollstein, 2007, S. 38). Männer verfügen oft – ganz im Gegensatz zu Frauen – kaum über gleichgeschlechtliche Freundschaften und privat über praktisch keine sozialen Netzwerke (vgl. Hollstein, 2007, S. 42). Die übergroße Mehrheit der Männer kann den gesellschaftlichen Vorstellungen von Karriere und Erfolg jedoch gar nicht gerecht werden (vgl. Hollstein, 2007, S. 43), gerade in sozial benachteiligten Familien vor dem Hintergrund einer „neuen Armut“ und Massenarbeitslosigkeit (vgl. Matzner, 2007 b, S. 176). Die Folge sei andauernder Stress. Die Männerforschung gehe soweit, die traditionelle Männlichkeit prinzipiell als „lebensbedrohend“ oder Männer aus gesundheitspolitischer Sicht als das „schwache Geschlecht“ zu definieren (vgl. Hollstein, 2007, S. 43). Gleichzeitig machen Hollstein und Matzner einen Widerwillen der meisten Männer aus, sich mit ihrer Verfassung und ihrer Rolle auseinanderzusetzen. Allerdings werde eine solche Reflexion von gesellschaftlichen Institutionen ebenfalls nicht unterstützt. Dies stehe im Gegensatz zu dem, was Frauen in der Aufbruchphase der Emanzipationsbewegung an staatlicher Hilfe zugekommen sei (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Die Vorstellung, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer ein Geschlecht hätten und zu „Männern“ gemacht würden, setze sich im deutschsprachigen Raum weder in der Öffentlichkeit noch in der Wissenschaft durch (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Eine Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Männlichkeit durch die Frauen- und Geschlechterforschung war lange Zeit aus ideologischen und forschungsökonomischen Gründen nicht gewollt und nicht möglich (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Da die Frauenbewegung, so Sabla, die Entwicklung der Sozialen Arbeit stark beeinflusste, neigte man auch in diesem Feld lange dazu, Männern eher die Täterrolle zu unterstellen. Erst der Paradigmenwechsel der Geschlechterforschung hin zu einer Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit war der Anlass, den Blickwinkel auch in der Sozialen Arbeit über eine Opfer- und Täterperspektive hinaus zu öffnen (vgl. Sabla, 2008, S. 59). Gerade im Feld der Sozialen Arbeit fehlt es trotz aller Tendenzen in Richtung auf politische, rechtliche, familiale und ökonomische Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung von Männern und Frauen an disziplinärer und professioneller Selbstreflexion, was die Männerrolle betrifft (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10; Scherr, 2002, S. 380). Die Forschung Sozialer Arbeit konzentrierte sich bisher auf Mädchen und Frauen als Adressatinnen und Helferinnen, in seltenen Fällen auch auf Jungen (vgl. Bent- 4.1 Bedarfe von Männern an beraterischer und pädagogischer Hilfe 47 heim et al., 2004, S. 91; Matzner, 2007 a, S. 13). Sie reflektierte – wenn überhaupt – nahezu ausschließlich die weibliche Geschlechterrolle (vgl. Sabla, 2008, S. 55). Es fehle an einer systematischen theoretischen Erarbeitung der Gegenstandsbereiche „Soziale Arbeit mit Jungen und Männern“ bzw. „Soziale Arbeit und Männlichkeit“ (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 11). Männer gelten meist als Mitverursacher der Notlagen von Frauen und Mädchen (vgl. Sabla, 2008, S. 59), teilweise werden sie als „Störenfriede“ bewusst ausgegrenzt (vgl. Matzner, 2007 b, S. 176). In den Handlungsfeldern Sozialer Arbeit seien Frauen und Männer in einer eigentümlichen Geschlechterordnung und -kultur tätig, die sich in verschiedener Art und Weise äußern könne (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 11). Wetterer problematisiert, dass im Diskurs häufig die hierarchische Beziehung zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz auf die Beziehung der beiden Geschlechter übertragen werde (Wetterer, 2008, S. 32). Er kritisiert die Rückführung einer angeblichen Abhängigkeit der Frauen von Männern auf biologische Determinanten als Verschleierung der sozialen Herkunft der Geschlechterdifferenz (vgl. Wetterer, 2008, S. 32). Matzner sieht in der Verschleierung der Zwänge für Männer durch die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit ein Risiko für die Soziale Arbeit insgesamt: Pädagogische Ansätze und Begründungen der Hilfen, die männliche Bedarfslagen einseitig und damit unsachgemäß behandeln, könnten sowohl männliche Fachkräfte als auch die männliche Klientel davon abhalten, sich in den Bereichen Sozialer Arbeit zu engagieren (vgl. Matzner, 2007 a, S. 19). Tatsächlich steigere das Mannsein in einigen Bereichen die Wahrscheinlichkeit, in eine Situation der Hilfsbedürftigkeit zu geraten und damit zum Adressaten Sozialer Arbeit zu werden (vgl. Scherr, 2002, S. 377) – so beispielsweise für alkoholabhängige, wohnungslose und straffällige Menschen17 (vgl. Matzner, 2007 a, S. 14–20). Trotzdem ist der Bedarf an diversen Hilfsangeboten für Männer – wie Matzner darlegt – wesentlich größer als das bestehende Angebot. Für manche Bedarfslagen von Männern gebe es nahezu keine oder nur in wenigen Großstädten Angebote bzw. es existierten vermeintlich geschlechtsneutrale Angebote, die faktisch aber auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sind (vgl. Matzner, 2007 a, S. 13). Die wenigen Angebote, die sich mittlerweile in einzelnen Städten etabliert hätten, konzentrierten sich überwiegend auf Jungen in der Pubertät, während jüngere und ältere männliche Menschen vernachlässigt würden (vgl. Matzner, 2007 a, S. 20). Scherr sieht in der Gewalt durch Männer eine besondere Problemlage für die Soziale Arbeit. Gewaltfähigkeit und Gewaltbereitschaft sowie eine Haltung der aktiven sexuellen Eroberung von Frauen würden von manchen Männern als „typisch männlich“ definiert. Vor diesem Hintergrund entwickeln sich, so Scherr, legitime und illegitime Ausprägungen männlicher Gewalt. Scherr führt die Verschiedenheit der Darstellung und Herstellung von Männlichkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen auf die Unterschiede im Vorhandensein ökonomischer, sozialer und kultureller Ressourcen zurück (vgl. Scherr, 2002, S. 382). Geschlechterstereotype wiesen Män- 17 Dieser Aspekt soll im Abschnitt 5.2 mit Blick auf die historischen Rahmenbedingungen bei der Entstehung des Angebotsformats der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder beleuchtet werden. 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 48 nern die Aufgabe zu, ihre gegenwärtigen oder künftigen Familienangehörigen ökonomisch zu versorgen, ihre Familie und Bezugsgruppe vor Gefahren und Feinden zu schützen sowie legitimen Nachwuchs zu zeugen. Darauf bezogen seien die Möglichkeiten, sich als Mann darzustellen, ungleich verteilt. Angehörige der akademisch gebildeten Mittelschicht seien in der Lage, sich durch das Vorzeigen von Bildungstiteln und beruflichen Karrieren als Männer zu präsentieren, die über Zugang zu überdurchschnittlichem Einkommen und sozialem Prestige verfügten. Nach Scherr könnten sie sich leichter als Versorger darstellen. Dagegen verfügten sozial benachteiligte Jungen und Männer im Extremfall allein über ihren Körper als Ressource. Sie könnten den Nachweis ihrer Männlichkeit einzig über das Vorzeigen physischer Stärke (Beschützer) und sexueller Potenz (Erzeuger) erbringen. Es sei also kein Zufall, dass Formen des Ausdrucks körperbetonender, sexueller Potenz und Gewaltfähigkeit besonders unter ressourcenschwachen jungen Männern verbreitet seien (vgl. Scherr, 2002, S. 383). Matzner betont darüber hinaus, dass Gewalt an Frauen zwar berechtigterweise ein großes Thema sei, gleichzeitig problematisiert er jedoch, dass der Aspekt von Männern als Opfer von Gewalt selten diskutiert werde. Dies sei sehr erstaunlich, da (junge) Männer einer deutlich größeren Gefahr unterlägen, zum Opfer von Gewalt zu werden (vgl. Matzner, 2007 a, S. 22). Es sei daher bemerkenswert, dass heterosexuelle Männer nahezu ausschließlich als Missbraucher oder abwesende Väter dargestellt würden, anstatt sich der Tatsache zu stellen, dass die Mehrheit der Männer nicht in diesen negativen Kategorien beschrieben werden könne (vgl. Matzner, 2007 a, S. 22). Auffällig sei darüber hinaus, dass selbst in den Bereichen Sozialer Arbeit, in denen Männer als Klienten überrepräsentiert seien, auf den Zusammenhang zwischen Geschlecht und der gesellschaftlichen Ursache für die Bedarfe kein Bezug genommen werde, so beispielsweise in der Sozialen Arbeit mit Straffälligen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 23). Scherr zufolge sehe das männliche Rollenmodell beispielsweise nicht vor, eigenen Gefühlen nachgehen oder darüber reden zu können. Daher müssten sie verdrängt werden. Ferner verfügten Männer seltener über enge Bezugspersonen des gleichen Geschlechts in der eigenen Kindheit. Sie erlebten sich zwar als autonom, seien aber dadurch aufgefordert, ihre Angewiesenheit auf sorgende Beziehungen zu verleugnen und scheiterten vielfach an der darin begründeten psychischen und sozialen Selbst- überforderung (vgl. Scherr, 2002, S. 383). Gerade im Gebiet der psychosozialen Hilfen ist – wie Matzner darlegt – das Angebot für Männer allerdings absolut unzureichend. Es fehle an männerspezifischen Hilfen in folgenden Bereichen: lebenslange Bildung, Arbeitslosigkeit, Beschäftigungsfähigkeit, Familie und Vaterschaft, Scheidung und Trennung, Angebote und Hilfen für Männer mit Migrationshintergrund, Angebote für alte Männer, Angebote für alleinerziehende Väter, Umgang mit Aggressionen und Misserfolgen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 18). Dass sich Soziale Arbeit und damit auch Kinder- und Jugendhilfe mit Bedarfen von Männern kaum beschäftigt und sich an der Aufrechterhaltung von Geschlechterstereotypen beteiligt, ist von besonderer Relevanz für den Forschungsgegenstand, weil sie auf immanente Mechanis- 4.1 Bedarfe von Männern an beraterischer und pädagogischer Hilfe 49 men in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind hindeuten könnten, Männer grundsätzlich auszuschließen. Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung Neben dem bereits erwähnten Umstand, dass die Entfremdung von einem Elternteil oder anhaltende Partnerschaftskonflikte der Eltern die Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen können, existieren andere Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung. Diese werden im folgenden Abschnitt dargestellt. Armut stellt – wie Seus-Seberich zeigt – in beträchtlichem Maße ein solches Risiko dar. Sie könne bei Kindern zu Entwicklungsdefiziten, Unterversorgung und sozialer Ausgrenzung führen. Bei kleinen Kindern spiele die Gefahr der Vernachlässigung eine besondere Rolle. Auch Gewalt gegen Kinder komme in armen Familien häufiger vor. Zudem bedeutet soziale Benachteiligung auch durchschnittlich eine schlechtere Gesundheit sowie häufigeres Auftreten von Behinderungen (vgl. Seus-Seberich, 2006). Allerdings deuten, wie Reinhold und Kindler zeigen, einige Befunde darauf hin, dass auch Kinder aus sehr wohlhabenden Bevölkerungskreisen überdurchschnittlich häufig Entwicklungsbelastungen und Gefährdungen erleben, beispielsweise erzieherische Vernachlässigung, aber kaum je als solche Fälle in Jugendämtern erfasst werden. Arbeitslosigkeit eines oder beider Elternteile hatte in Längsschnittstichproben nur einen schwachen Risikofaktor für eine anhaltende oder erneut auftretende Gefährdung des Kindeswohls (vgl. Reinhold & Kindler, 2006). Mehrere Studien (dargelegt durch Kindler, 2006 d) fanden ein für Kinder alkoholabhängiger Eltern im Durchschnitt zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, selbst im Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter an einer Alkoholabhängigkeit zu erkranken. Insgesamt könnten elterliche Suchterkrankung18 und Belastungen kindlicher Entwicklung durch verschiedene Vermittlungsmechanismen zusammenhängen: durch die Weitergabe genetischer Belastungen, durch die Effekte eines mütterlichen Suchtmittelgebrauchs während der Schwangerschaft, durch Einschränkungen in der Fähigkeit eines Elternteils, dem Kind als feinfühlige Bindungsperson zur Verfügung zu stehen, notwendige Regeln zu vermitteln und die geistige Entwicklung zu fördern, sowie durch Misshandlungen. Auch möglich sei, dass sich eine elterliche Suchterkrankung über ihre familiären und sozialen Begleiterscheinungen indirekt belastend auf das Kindeswohl auswirke. Zu denken sei hier etwa an eine drastisch erhöhte Häufigkeit von Partnerschaftsgewalt in Familien mit einem suchtkranken Elternteil, an die erhöhte Wahrscheinlichkeit für Trennung bzw. Scheidung und für ökonomische Belastungen infolge von Suchterkrankungen, sowie für Kündigungen oder Arbeitsunfähigkeit. Eine Abhängigkeit von illegalen Drogen gehe zudem vielfach mit weiteren kriminellen Aktivitäten und Strafverfolgung einher. Zudem wurden im Hinblick auf eine nochmalige Steigerung der Risiken für betroffene Kinder mehrfach Wechselwirkun- 4.2 18 Suchterkrankungen bei Eltern umfassen die Abhängigkeit von Alkohol, Opioiden (z. B. Heroin), Kokain und anderen psychotropen Stoffen (vgl. Kindler, 2006 d). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 50 gen mit weiteren psychischen Erkrankungen bei den Eltern beschrieben (vgl. Kindler, 2006 d). Da bei einem erheblichen Teil der von Suchterkrankungen betroffenen Eltern zusätzliche psychische Erkrankungen vorliegen bzw. nicht selten der andere Elternteil psychiatrische Auffälligkeiten aufweist, lassen sich die bei Kindern suchtkranker Eltern beobachtbaren Beeinträchtigungen im Entwicklungsverlauf häufig nicht allein auf die elterliche Suchterkrankung zurückführen. (vgl. Kindler, 2006 d). Studien zum Zusammenhang zwischen elterlichen Angst-, Zwangs- und Belastungsstörungen und kindlicher Entwicklung fehlen, wie Kindler zeigt, noch weitgehend. Wissenschaftliche Befunde lägen vor allem für schizophrene und affektive Störungen – beispielsweise Depressionen – sowie für Persönlichkeitsstörungen vor. Nach gegenwärtigem Wissensstand scheine das Risiko von Kindesmisshandlungen vor allem bei Eltern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung oder Depression gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht. Bei schizophrenen Störungen scheine es in eher seltenen Fällen zu Gewalt zu kommen, etwa wenn ein Kind in Wahnvorstellungen einbezogen werde. Bei vielen psychischen Störungen erhöhe die Erkrankung eines Elternteils das Risiko für die Kinder beträchtlich, im Verlauf ihres Lebens selbst eine psychische Störung auszubilden (vgl. Kindler, 2006 c). Bislang beschäftigen sich, wie Kindler kritisiert, nur wenige Untersuchungen mit der Entwicklung von Kindern, bei denen mindestens ein Elternteil intellektuelle Einschränkungen aufweist. Ähnlich wie etwa bei psychisch kranken Eltern werde auch in Bezug auf Eltern mit intellektuellen Einschränkungen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Feststellung intellektueller Beeinträchtigung allein in der Regel keine fundierten Schlussfolgerungen hinsichtlich der Gefährdung eines Kindes oder der Erziehungsfähigkeiten eines Elternteils ermögliche. Im Verhältnis zu ihrem Anteil in der Bevölkerung seien Familien, in denen mindestens ein Elternteil bedeutsame intellektuelle Einschränkungen aufweise, auf allen Ebenen der Bearbeitung von Gefährdungsfällen – wie Gefährdungsmeldungen und Sorgerechtsentzüge – um ein Mehrfaches überrepräsentiert. Es sei unklar, zu welchem Anteil diese Überrepräsentation durch Diskriminierung, etwa in Form fehlgeleiteter Gefährdungseinschätzungen oder eines besonderen Mangels an geeigneten Hilfen, mit bedingt sei (vgl. Kindler, 2006 a). Kindler zufolge sprechen mehrere Untersuchungen für einen direkten und kausalen Einfluss miterlebter Partnerschaftsgewalt auf die kindliche Entwicklung. Mit Partnerschaftsgewalt bezeichnet er „alle Formen körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt zwischen Erwachsenen, die sich durch eine Partnerschaft miteinander verbunden fühlen oder gefühlt haben“ (Kindler, 2006 b). Sie trete in verschiedenen Formen und Mustern auf. Während ein Muster seltener, wenig verletzungsträchtiger und oft wechselseitiger körperlicher Auseinandersetzungen weit verbreitet scheint, trete ein Muster wiederholter, oft verletzungsträchtiger und in Formen der Kontrolle bzw. Demütigung eingebetteter Partnerschaftsgewalt seltener auf und werde überwiegend von Männern gegenüber Partnerinnen ausgeübt. Das zuletzt genannte Muster verursache einen weit überproportionalen Anteil der mit Partnerschaftsgewalt verbundenen körperlichen und psychischen Verletzungen bei Opfern (vgl. Kindler, 2006 b). Zusammenhänge zwischen Partnergewalt und kindlicher Entwicklung seien bislang überwiegend bei Kindern untersucht worden, die eine mehrfache bzw. schwere 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 51 Form miterleben mussten. Die solcherart betroffenen Kinder beschrieben die miterlebte Gewalt nahezu durchgehend als sehr belastend und schilderten einen massiven Verlust emotionaler Sicherheit. Überwiegend waren zumindest zeitweise einzelne Merkmale einer Belastungsstörung feststellbar, die sich bei einer substanziellen Minderheit zu einer klinisch relevanten posttraumatischen Belastungsstörung verdichteten (vgl. Kindler, 2006 b). Kindler zufolge wird häufig ein deutlicher Unterdrückungseffekt der tatsächlich vorhandenen schulischen Begabungen beobachtet. In Langzeituntersuchungen habe sich eine im Schnitt verdreifachte Rate an Gewalt in den späteren Partnerschaften betroffener Kinder gezeigt. Ein Teil der beobachteten Effekte ist aber auch darauf zurückzuführen, dass von Partnerschaftsgewalt betroffene Kinder deutlich häufiger als nicht betroffene Kinder auch am eigenen Körper Misshandlungen erfahren mussten (vgl. Kindler, 2006 b). Auf der Grundlage der jährlichen Aufnahmezahlen der Frauenhäuser lasse sich schätzen, dass jährlich 50 000 bis 70 000 Kinder Partnerschaftsgewalt miterleben. Allerdings werde nur eine Minderheit der von Partnerschaftsgewalt betroffenen Mütter vom Angebot der Frauenhäuser erreicht oder wende sich an die Polizei bzw. das Familiengericht. Dunkelfelderhebungen mit Jugendlichen erbrächten einen Anteil von etwa sieben Prozent der Befragten, die im Jahr vor der Befragung häufiger Gewalt des (sozialen) Vaters gegen die Mutter oder beider Eltern gegeneinander erleben mussten (vgl. Kindler, 2006 b). Problematisierung minderjähriger Elternschaft In unserer Gesellschaft und auch in der Sozialen Arbeit wird „minderjährige Mutterschaft“ als Problem konstruiert. Entgegen landläufiger Vorstellungen steigt die Zahl jugendlicher Mütter jedoch nicht an, sondern ist im Verhältnis zur Gruppe der Gleichaltrigen in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Die Mädchen und jungen Frauen mit Kind gehören zu einer Minderheit in ihrer Altersgruppe (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68). Allerdings müssen jugendliche Mütter – vor allem in der Anfangszeit – tatsächlich besonders große Anpassungsaufgaben leisten, weil sie in einer Lebensphase schwanger werden, in der sie selbst eine Vielzahl von alterstypischen Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Während sie damit beschäftigt sind, die tägliche Versorgung für die Familie zu organisieren, lassen sich ihre jugendspezifischen Bedürfnisse nicht abstellen. Häufig geraten sie dadurch in einen Zwiespalt (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 34; Bindel-Kögel, 2006, S. 71–73). Die Interaktion minderjähriger Mütter mit ihren Kindern wird in der Fachliteratur im Vergleich zu der volljähriger als weniger feinfühlig beschrieben (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Von der Fachöffentlichkeit werde – oft ohne empirische Belege anzuführen – angenommen, Kinder jugendlicher Mütter entwickelten sich im Vergleich zu Gleichaltrigen häufig verzögert (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68). 4.2.1 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 52 Der Zweifel an der Sicherheit und Kompetenz junger Frauen, Verantwortung und Sorge für ihr Baby zu tragen, entstehe insbesondere, weil Elternschaft in der Jugend außerhalb der Norm unserer Gesellschaft liege (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Nach wie vor stellen minderjährige Mütter, so Bindel-Kögel, eine Provokation dar: Sie bekommen ein Kind trotz Aufklärung und Pille, obwohl sie weder über finanzielle Mittel verfügen noch einen verlässlichen Partner an ihrer Seite haben (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68). Bindel-Kögel kritisiert das übliche Vorgehen, das Verhalten junger Mütter gegenüber ihrem Kind besonders akribisch unter die Lupe zu nehmen. Die Gruppe der jungen Mütter stelle nicht per se eine „Problemgruppe“ dar (vgl. ebd.). Tatsächlich trägt nicht das jugendliche Alter der Mutter zur Einschränkung intuitiver elterlicher Kompetenzen bei, sondern vor allem andere Risikofaktoren (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Nach einer internationalen Vergleichsstudie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) haben viele minderjährige Mütter negative Kindheitserfahrungen wie Vernachlässigung, Erwerbslosigkeit und Alkoholismus bei den Eltern, materielle Not, Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch erlebt (vgl. UNICEF, 2001, S. 15). Die mangelnden Beziehungserfahrungen in der eigenen Kindheit stellen ein Risiko für die eigene Entwicklung der jugendlichen Mutter und für das Ausbilden sicherer Bindungsformen zum Kind dar (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 72; von Klitzing, 1998, S. 125; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Daneben gestalten sich die Partnerschaften sowie das Vermitteln einer positiven Elternbindung gegenüber dem Kind wegen mangelhafter Erfahrungen schwierig (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361). Intuitive elterliche Kompetenzen scheinen sich also bei vielen jungen Müttern nicht sofort einzustellen (vgl. ebd., S. 360). Mit Fremdheitsgefühlen würden die Betroffenen jedoch oft alleingelassen, weil solche Emotionen gesellschaftlich tabuisiert seien (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 71–73). Hilfsangebote nähmen jugendliche Mütter selten oder später als ältere an (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Gemäß einer internationalen Studie von UNICEF haben 57 Prozent der Frauen, die bis zu ihrem 19. Lebensjahr Mutter wurden, keine höhere Schule besucht. Demgegenüber stehen nur 24 Prozent derjenigen, die zwischen dem 20. und 29. Lebensjahr Mutter wurden (vgl. UNICEF, 2001, S. 15). Für Deutschland zeigt eine Studie des Pro Familia Bundesverbands ähnliche Ergebnisse (vgl. Pro Familia Bundesverband, 2006, S. 18). Häufig brechen minderjährige Mütter die Berufsausbildung ab. In der Folge ist das Armutsrisiko für diese Gruppe hoch (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68; UNICEF, 2001, S. 15). Die soziale Situation und vor allem der Bildungsgrad der Mutter beeinflussen die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch. Gute Ausbildungs-, Berufs- und Karriereperspektiven sind neben dem geringen Alter der Frau und dem des Partners die stärksten Faktoren, die einen Schwangerschaftsabbruch begünstigen (vgl. Pro Familia Bundesverband, 2006, S. 38). Die Partnerschaften junger Eltern sind hohen Belastungen ausgesetzt und benötigen in vielen Fällen professionelle Unterstützung (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Im Folgenden werden Ergebnisse aus Studien zur Lebenssituation minderjähriger und junger Eltern(-teile) skizziert. Begonnen wird mit einer Studie der Wissenschaftlerin 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 53 Kölbl: Im Rahmen einer qualitativen Untersuchung der Lebenssituation junger Mütter befragte Kölbl fünf minderjährige Mütter (vgl. Kölbl, 2007). Die Befragten waren besonders von Auseinandersetzungen mit dem Kindsvater belastet (vgl. Kölbl, 2007, S. 162–168). Ihre Partner hätten mit Freude auf die Schwangerschaft reagiert, gaben die jungen Mütter mehrheitlich an (vgl. Kölbl, 2007, S. 138). Später seien jedoch vier von fünf Partnerschaften instabiler geworden, lediglich eine Beziehung habe sich intensiviert (vgl. Kölbl, 2007, S. 145–147). Eine Unterstützung der Partner während und nach der Schwangerschaft wurde von den Mädchen als große Entlastung wahrgenommen, selbst wenn die (sozialen) Väter weniger leisteten als die Herkunftsfamilie der Mütter (vgl. Kölbl, 2007, S. 151). Zwei Befragte lebten zum Untersuchungszeitpunkt in keiner Partnerschaft. Beide äußerten den Wunsch, einen Partner zu finden, der sie unterstütze und das Kind akzeptiere (vgl. Kölbl, 2007, S. 165). Die Ergebnisse aus den Interviews offenbarten zum Teil große Konflikte zwischen den Elternteilen (vgl. Kölbl, 2007, S. 145–147). Im Jahr 1998 erteilte die Bundeszentrale an Friedrich und Remberg den Auftrag, eine qualitativ angelegte Studie zu den Lebensbedingungen, Einstellungen und dem Verhütungsverhalten jugendlicher Schwangerer und Mütter durchzuführen, da die Zahl der minderjährigen Schwangeren anstieg. Die Mädchen sollten zu mehreren Zeitpunkten befragt werden (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 7–10). Im Verlauf der ersten Serie von Interviews fanden Friedrich und Remberg heraus, dass – im Gegensatz zur Praxiserfahrung früherer Jahre und zur vorherrschenden Meinung – ein hoher Prozentsatz der werdenden Väter die jungen Mütter nicht verlassen hatte. Im Gegenteil: Die meisten waren nicht nur präsent, sondern auch bereit, sich für die Familie zu engagieren. Da die Fragestellung nach der Rolle der Väter in diesem Zusammenhang bislang nicht untersucht worden sei und die Möglichkeit bestand, mit dem größten Teil der jungen Männer ebenfalls Interviews zu führen, sei der Forschungsauftrag im Jahr 2000 erweitert worden. Die Perspektive der Jugendlichen und jungen Männer zu relevanten paar- und elternspezifischen Themen wurde in die Studie einbezogen, wobei es sich zum einen Teil um leibliche und zum anderen Teil um soziale Väter handelte (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 7–10). Es zeigte sich, dass zwei Jahre nach der Geburt des Kindes 29 von 36 Frauen in verschiedenen Varianten fester Partnerschaften lebten. Diese Ergebnisse legten die Annahme nahe, es zeichne sich auch für jugendliche Väter eine Veränderung hinsichtlich der Akzeptanz der Vaterschaft und der Verantwortungsübernahme für das Kind ab (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 23). Junge Mütter sind zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes häufig alleinerziehend. Immerhin übernehmen ihre Partner in einem Drittel der Fälle Verantwortung für die Erziehung und Pflege des Kindes (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230). In den Fällen, in denen eine Unterstützung durch die Kindsväter stattfindet, profitieren Mutter und Kind davon in großem Maße (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Wie Lehmann, Hiermann und von Klitzing zeigen, sind viele der minderjährigen Mütter selbst ohne den männlichen Elternteil aufgewachsen. Vorbilder von gelungener Vater- oder Partnerschaft fehlen den jungen Frauen daher sowohl für die eigene 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 54 Persönlichkeitsentwicklung als auch für den Umgang mit dem Kind (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361). Cierpka, Frevert und Cierpka nehmen an, die Interaktion zwischen Mutter und Vater in der Herkunftsfamilie wiederhole sich in der aktuellen Beziehung zum Kindsvater. Bei fehlenden Kompensationsmöglichkeiten durch Dritte in der Kindheit verstärke sich die konfliktreiche Beziehung zum Vater oder könne zumindest nicht korrigiert werden (vgl. Cierpka, Frevert & Cierpka, 1992, S. 170). In einer Untersuchung über alleinerziehende Mütter in einem Mutter-Kind-Programm ermittelten Cierpka, Frevert und Cierpka, dass die befragten Frauen, die keine Beziehung zum Kindsvater hatten, ihre Herkunftsfamilie instabiler erlebten als die übrigen. Zudem war die Wahrscheinlichkeit, keine Beziehung zum Kindsvater zu pflegen, größer, wenn die alleinerziehende Mutter ausschließlich Schwestern als Geschwister hatte (vgl. ebd., S. 173). Cierpka, Frevert und Cierpka schließen, unterstützende, partnerschaftliche Beziehungen mit dem Kindsvater oder einem anderen Mann könnten die Chance dafür erhöhen, generationsübergreifende ungünstige Muster zu unterbrechen (vgl. ebd., S. 175). Zur Lebenssituation minderjähriger oder junger Väter gibt es bisher nur sehr wenige Studien. Ostner kritisiert, es seien insbesondere Theorien oder empirische Untersuchungen selten, welche die Kategorie Väter nicht aus der Perspektive von Frauen oder Kindern beleuchteten. Darüber hinaus „fehlten Untersuchungen, die nicht im aktuellen Vatersein irgendein neues [sic] identifizieren, die empirische Väter nicht gleich an einem normativen Leitbild messen wollen“ (vgl. Ostner, 2005, S. 46). Wenn männliche Elternteile doch ins Blickfeld geraten, geschieht dies meist aus der Perspektive möglicher Interessen erwerbstätiger Mütter und ihrer Kinder (vgl. Ostner, 2005, S. 47). Wachsende Qualitätsansprüche an die kindliche Entwicklungsförderung in der individualisierten Gesellschaft weisen den Eltern – vornehmlich aber den Müttern – ein hohes Maß an Verantwortung für das kindliche Wohlergehen zu und führen dazu, dass Schwangerschaft und Geburt als zentrale Etappen kindlicher Entwicklung dramatisiert werden (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 88). Es entstehe ein neuer „Weiblichkeitsmythos“, der die Bedeutung von Mutterschaft, Geburt, Stillen usw. als zentralen Teil des Frauseins betone und die Bemühungen um die Integration der Väter in die Kinderfürsorge behindere (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 94). Zwar wird auch dem werdenden Vater immer mehr Verantwortung in dieser Phase der Elternschaft zugeschrieben – die Geburt werde beispielsweise zu einer Aufgabe, für die er Expertise ausbilden müsse – jedoch geschehe dies nicht in gleichem Maße wie bei Frauen (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 92–94). Den Männern werde durch die Fachöffentlichkeit kein Zutrauen in ihre Fähigkeit zur Übernahme von Erziehungs- und Versorgungsaufgaben entgegengebracht (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Hinsichtlich ihrer Erziehungsvorstellungen gelten junge Väter als unerfahren und unreif, sodass eine am Kindeswohl ausgerichtete Erziehung ohne Einbindung in institutionelle oder informelle Hilfesysteme fast unmöglich erscheint (vgl. Sabla, 2008, S. 41). Die wenigen Untersuchungen, die Aussagen über junge Väter zulassen, beschäftigen sich vorwiegend mit Aspekten ihrer Lebenssituation und zeigen ähnliche Ergebnisse wie die Untersuchungen zu jungen Müttern (vgl. Lehmann, Hiermann & von 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 55 Klitzing, 2010, S. 361): Gemäß einer Studie der Pro Familia sind die Partner minderjähriger Mütter häufig arbeitslos (31 Prozent) und verfügen im Schnitt über eine niedrige Schulbildung. 59 Prozent der Gruppe erreicht als höchsten Schulabschluss den der Hauptschule (vgl. Pro Familia Bundesverband, 2006, S. 27). Problematisierung der Familienform des Alleinerziehens Alleinerziehende sind mit ihren Lebenslagen oft Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Ergebnisse der Kinder- und Jugendhilfestatistik des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass Alleinerziehende überdurchschnittlich häufig erzieherische Hilfen wie Vollzeitpflege oder sozialpädagogische Familienhilfe in Anspruch nehmen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 6). Minderjährigen, deren Eltern und jungen Volljährigen wurden zum Stichtag 31.12.2008 gemäß der Statistik der erzieherischen Hilfe19 von den Jugendämtern insgesamt rund 343 000 Erziehungshilfen gewährt. Nahezu die Hälfte (knapp 46 Prozent) der Unterstützungsleistungen erreichte alleinerziehende Elternteile. Verglichen mit ihrem Anteil von 19 Prozent an allen Familien mit minderjährigen Kindern waren Alleinerziehende somit die größte Zielgruppe dieser Leistungen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 30). Alleinerziehende sind überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen und Leistungsempfängerinnen und -empfänger von Hartz IV. Nach den Ergebnissen der Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2013 rund 35 Prozent der Personen, die in Haushalten von Alleinerziehenden lebten, armutsgefährdet.20 Das Risiko für Personen in Haushalten mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern zu verarmen, lag bei nur 8,5 Prozent (vgl. Statistisches Bundesamt, 2015 c). Gemäß den Daten der Bundesagentur für Arbeit bezogen 2012 im Jahresdurchschnitt von allen Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern 39,4 Prozent Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende, im Vergleich zu 7,2 Prozent bei Paaren mit Kindern (vgl. Bundesagentur für Arbeit, 2013, S. 12). Der Anteil von Ein-Eltern-Familien an allen Familien mit minderjährigen Kindern ist in den vergangenen Jahren von etwa 14 Prozent auf über 20 Prozent angestiegen: 4.2.2 19 In der Statistik der erzieherischen Hilfe steht die Familienform, in der Kinder aufwachsen, im Vordergrund, wobei diese unabhängig vom Familienstand der Eltern ist. Zu den wichtigsten Familienformen in der Statistik zählen: in einem Haushalt zusammenlebende Eltern, Alleinerziehende und Elternteile, die in einer neuen Partnerschaft und mit einem Kind oder Kindern zusammenleben. Adoptivkinder sind leiblichen Kindern gleichgestellt (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 30). 20 Die Armutsgefährdungsquote ist nach europäischem Definitionsstandard der Anteil der Personen, der mit weniger als sechzig Prozent des mittleren Einkommens der gesamten Bevölkerung auskommen muss (vgl. Statistisches Bundesamt, 2015 a). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 56 Anteil der Ein-Eltern-Familien an allen Familien mit minderjährigen Kindern in Prozent Quelle: Statistisches Bundesamt, 2011 a, 2012 a, 2014 a, 2014 b, 2014 c, 2015 d, 2016 a, eigene Berechnung und Darstellung. In Ostdeutschland leben deutlich häufiger Alleinerziehende als in Westdeutschland. Generell sind alternative Familienformen wie Alleinerziehende oder Lebensgemeinschaften mit Kindern in den neuen Ländern weiter verbreitet als im früheren Bundesgebiet (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 9). Ein-Eltern-Familien leben häufiger in Großstädten als in kleineren Städten oder auf dem Land, wahrscheinlich aufgrund der besseren Infrastruktur zur Betreuung und Versorgung der Kinder (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 9). Die Ergebnisse des Mikrozensus zeigen, dass Alleinerziehen21 heute in den meisten Fällen Frauensache ist. Zu 90 Prozent ist der Haushaltsvorstand in Ein-Eltern-Familien die Mutter. Seit 2001 ist der Anteil der alleinerziehenden Väter zusätzlich leicht zurückgegangen: von 13 Prozent im Jahr 2001 auf 10 Prozent im Jahr 2011 (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 a, S. 46). Zwischen alleinerziehenden Frauen und Müttern in Paarfamilien lassen sich Gemeinsamkeiten, aber auch signifikante Unterschiede hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Situation feststellen. Diese werden im Folgenden auf der Basis einer Auswertung des Statistischen Bundesamts mit Daten aus dem Mikrozensus 2009 kontrastiert. Vergleiche mit aktuelleren Daten lagen zum Redaktionsschluss nicht vor. Abbildung 1. 21 Zu den alleinerziehenden Elternteilen zählen im Mikrozensus alle Mütter und Väter, die ohne Eheoder Lebenspartnerin bzw. Lebenspartner mit ledigen Kindern im Haushalt zusammenleben. Unerheblich ist dabei, wer im juristischen Sinn für das Kind sorgeberechtigt ist. Im Vordergrund steht der aktuelle und alltägliche Lebens- und Haushaltszusammenhang (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 a, S. 46). 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 57 2009 gingen fast 60 Prozent der alleinerziehenden Mütter einer Erwerbstätigkeit nach.22 Die Frauen in Paarfamilien waren mit über 58 Prozent fast genauso häufig berufstätig. Erwerbstätige alleinerziehende Mütter arbeiteten 2009 mit 42 Prozent wesentlich häufiger in Vollzeit als erwerbstätige Frauen in Paarfamilien (27 Prozent) (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 18). Die Ausübung einer Erwerbstätigkeit steht in engem Zusammenhang mit der Quelle, durch die größtenteils der Lebensunterhalt bestritten wird. Knapp sechs von zehn alleinerziehenden Müttern finanzierten sich 2009 hauptsächlich aus eigener Erwerbstätigkeit, weitere 31 Prozent mittels Transferzahlungen wie Hartz IV oder Sozialhilfe. Einkünfte von Angehörigen und sonstige Quellen wie Elterngeld spielten für sie eine untergeordnete Rolle (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 24). Ausschlaggebend für das Finden einer geeigneten Arbeitsstelle ist nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein qualifizierter Schul- beziehungsweise Berufsausbildungsabschluss (vgl. OECD, 2011, S. 127). Nach der International Standard Classification of Education (ISCED)23 hatte 2009 knapp ein Viertel der alleinerziehenden Mütter einen „niedrigen Bildungsstand“, also entweder keinen, einen Hauptschul- oder einen hauptschulähnlichen Abschluss. Von den Frauen in Paarfamilien besaßen lediglich etwa 18 Prozent eine niedrige Bildung (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 22). Lebenslagen alleinerziehender Männer Der folgende Abschnitt befasst sich mit der Lebenssituation alleinerziehender Männer. Diese ist von besonderem Interesse, weil alleinerziehende Väter in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder aufgenommen werden können und eine Gruppe von Männern darstellen, welche Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist. Alleinerziehende Väter stellen eine Minderheit unter den Alleinerziehenden dar. Sie sind in der Regel besser in soziale Netzwerke integriert und materiell im Schnitt bessergestellt als alleinerziehende Frauen. Darüber hinaus gehen sie schneller neue Partnerschaften ein als letztere (vgl. Peuckert, 2008, S. 353). In der Vergangenheit wa- 4.2.2.1 22 Der Mikrozensus erhebt alle aktiv Erwerbstätigen, das heißt diejenigen, die in der Woche vor der Befragung gearbeitet haben. In dieser sogenannten „Berichtswoche“ vorübergehend Beurlaubte, also Personen, die z. B. wegen (Sonder-)Urlaub oder Elternzeit nicht am Arbeitsplatz waren, zählen nicht zu den „aktiv“ Erwerbstätigen. Im Mikrozensus wird der Erwerbsstatus anhand des Konzeptes der International Labour Organization gemessen. Erwerbstätig im Sinne ihrer Definition ist jede Person im erwerbsfähigen Alter, die in einem einwöchigen Berichtszeitraum mindestens eine Stunde lang gegen Entgelt oder im Rahmen einer selbstständigen oder mithelfenden Tätigkeit gearbeitet hat (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 17). 23 Die drei für den Bildungsstand verwendeten Kategorien „hoch“, „mittel“ und „niedrig“ werden in der Gliederung der ISCED kombiniert aus den Merkmalen „allgemeiner Schulabschluss“ und „beruflicher Bildungsabschluss“. Mütter mit einem hohen Bildungsstand verfügen über einen akademischen Abschluss oder einen Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss. Berufsqualifizierende Abschlüsse, das Abitur oder die Fachhochschulreife gehören zur Kategorie „mittlerer Bildungsstand“. Personen mit einem Haupt- oder Realschulabschluss, einem Abschluss der Polytechnischen Oberschule und ohne beruflichen Abschluss beziehungsweise Personen ohne Bildungsabschluss haben der Definition zufolge einen „niedrigen Bildungsstand“ (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 22). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 58 ren daher die meisten quantitativ angelegten Untersuchungen über Alleinerziehende oft ausschließlich auf Frauen ausgerichtet (vgl. Sabla, 2008, S. 27). Der Vorwurf, Alleinerziehendenforschung sei auf die Situation alleinerziehender Mütter fixiert, erscheint Sabla heute nicht mehr gerechtfertigt. Mittlerweile hätten sich dem Phänomen des alleinerziehenden Vaters im deutschsprachigen Raum in erster Linie zwei verschiedene sozialwissenschaftliche Forschungsrichtungen angenommen: die Väterforschung und die Alleinerziehendenforschung. In beiden Feldern sei es zwar ein Nischenthema, es gebe jedoch schon Erkenntnisse zur Situation von Vater-Familien (vgl. Sabla, 2008, S. 27). Daten des Statistischen Bundesamts aus dem Mikrozensus 2009 zeigen, dass alleinerziehende Väter häufiger als alleinerziehende Mütter einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Männliche Alleinerziehende sind mit 72 Prozent nicht nur häufiger erwerbstätig als weibliche, sondern sie gehen auch mit 87 Prozent doppelt so oft einer Vollzeittätigkeit nach. Teilzeitbeschäftigt sind alleinerziehende Männer eher selten (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 17). Alleinerziehende Frauen betreuen häufiger jüngere Kinder und öfter mehr als ein Kind als alleinerziehende Männer (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 14). Im Jahr 2011 lebten rund ein Drittel der alleinerziehenden Väter mit Kindern im Alter von 15 bis 17 Jahren zusammen. Bei 31 Prozent der alleinerziehenden Mütter lebten Kinder im Krippen- oder Vorschulalter von unter sechs Jahren. Nur 12 Prozent der alleinerziehenden Väter betreuten Kinder dieser Altersgruppe (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 a, S. 47). Durch die Erwerbstätigkeit ist bei alleinerziehenden Männern der Anteil derjenigen, die den Lebensunterhalt ausschließlich selbst finanzieren, entsprechend hoch. Im Jahr 2009 lag er bei 74 Prozent. Gleichwohl war knapp jeder fünfte alleinerziehende Vater (19 Prozent) auf Transferzahlungen wie Hartz IV oder Sozialhilfe angewiesen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 24). Neben den Besserverdienenden muss von einer sozioökonomisch benachteiligten Gruppe unter den alleinerziehenden Männern ausgegangen werden (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 41). Im Rahmen einer Studie über die Lebenslagen Alleinerziehender konnten acht alleinerziehende Männer telefonisch befragt werden, von denen vier Kinder unter fünf Jahren betreuten (vgl. Schneider et al., 2001, S. 118).24 Außer in einem Fall blieben die Mütter im Leben ihrer Kinder präsent, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie die Kommunikation zwischen den Ex‑Partnern funktionierte weitgehend konfliktfrei. Lediglich in einem der acht Fälle unterstützte die Mutter den alleinerziehenden Vater durch die Betreuung des Kindes (vgl. Schneider et al., 2001, S. 119). Alle befragten Männer arbeiteten nach der Über- 24 Eine umfassende Untersuchung zur Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse, der Problem- und Bedarfslagen Alleinerziehender liefert eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (vgl. Schneider et al., 2001). Im Rahmen dieser Studie befragten Schneider und seine Kolleginnen mithilfe von Telefoninterviews 500 zufällig ausgewählte Alleinerziehende in Ost- und Westdeutschland. Zusätzlich wurden Fachkräfte von Organisationen in öffentlicher oder freier Trägerschaft interviewt, die Alleinerziehenden Beratung und Unterstützung anbieten. Aus der Stichprobe der Telefonbefragungen wurden 131 Alleinerziehende ausgewählt und mit Hilfe eines Leitfadens interviewt (vgl. ebd., S. 118). 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 59 nahme der Hauptverantwortung für ihre Kinder weiter. Jedoch war eine Reduzierung des beruflichen Engagements in Form von kürzerer Arbeitszeit, dem Abbau von Überstunden oder der Weigerung, Dienstreisen zu machen, nötig, um den familiären Aufgaben gerecht werden zu können. In der Folge mussten einige Väter von einer Führungsposition auf eine Position ohne Führungsaufgaben wechseln und verpassten Karrierechancen. Die mit der Arbeitszeitreduzierung einhergehenden finanziellen Einbußen waren jedoch aufgrund der Höhe der Einkommen nicht existenzbedrohlich (vgl. Schneider et al., 2001, S. 121). Nach Schmidt-Denter können sich alleinerziehende Männer häufiger auf ein breiteres soziales Netzwerk stützen als alleinerziehende Frauen. Sie intensivieren verstärkt verwandtschaftliche Kontakte und beteiligen die Kinder häufiger im Haushalt und an der Betreuung der Geschwister. Eine stärkere Einbindung bei der Übernahme von Verpflichtungen ist möglich, da alleinerziehende Väter seltener mit kleinen Kindern zusammenleben als alleinerziehende Mütter (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 40). Gemäß einer Studie von Fthenakis und Oberndorfer beschäftigen 26 Prozent der befragten Männer darüber hinaus eine Haushaltshilfe (vgl. Fthenakis & Oberndorfer, 1993, S. 564–584). Der gleichen Studie zufolge räumen alleinerziehende Väter ihren Kindern ein großes Maß an Mitbestimmung ein. Vorzugsweise werden Freizeitaktivitäten gemeinsam geplant. Insgesamt scheinen in den Vaterfamilien Offenheit und Gleichberechtigung zwischen den männlichen Elternteilen und Kindern das Familienklima zu prägen (vgl. Fthenakis & Oberndorfer, 1993, S. 572). Alleinerziehende Männer gehen schneller und häufiger eine neue Partnerschaft ein als alleinerziehende Frauen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 40). Von ihren Partnerinnen werden die alleinerziehenden Männer in hohem Maße im Alltag unterstützt (vgl. Nave-Herz & Krüger, 1992, S. 117). Im Vergleich zu Frauen erhalten alleinerziehende Männer weniger Unterstützung durch Unterhaltsleistungen vom nicht sorgeberechtigten Elternteil (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 40). Da es mehr alleinerziehende Mütter als alleinerziehende Väter gibt und Männer im Vergleich zu Frauen nach einer Ehescheidung häufiger und rascher als ihre Ex‑Partnerinnen eine neue feste Bindung eingehen, kommt soziale Elternschaft bei Männern häufiger vor als bei Frauen. Rund 7 Prozent aller Männer sind ausschließlich soziale Väter (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2005, S. 4). Wie Schmidt-Denter darlegt, fühlen sich alleinerziehende Väter umso weniger belastet, je mehr Zeit nach der Trennung vergeht. Emotionale, im Rahmen der Trennung entstandene Verletzungen und Auseinandersetzungen um die Sorgerechtsentscheidung verlieren für die Männer im weiteren Verlauf an Bedeutung. Stattdessen treten Hindernisse bei der Bewältigung des Alltags in den Mittelpunkt des Erlebens. Allerdings können Väter diese häufig überwinden. Die Väter-Familien können obendrein im Vergleich zu den Familien mit alleinerziehenden Müttern die äußere Organisation des Alltags schneller wiederherstellen. Viele männliche Elternteile empfänden es zwar zunächst als ungewohnt, gegenüber den Kindern Gefühle zu zeigen oder zärtlich zu sein, weil dies nicht dem typischen Männerbild entspreche. Es gelinge ihnen im Laufe der Zeit aber immer besser (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 41). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 60 Rinken führte im Rahmen einer qualitativen Studie an der Universität Bremen Interviews mit zehn alleinerziehenden Müttern und zehn alleinerziehenden Vätern durch, jeweils fünf mit ostdeutscher und westdeutscher Herkunft. Sie stellte die Sicht der männlichen Elternteile auf die von ihnen gelebte Rolle innerhalb der Familie in das Zentrum ihrer Untersuchung, berücksichtigte darüber hinaus Vorstellungen der alleinerziehenden Mütter von guter Vaterschaft und Berichte der alleinerziehenden Männer von sozialen Reaktionen auf ihre Lebenssituation (vgl. Rinken, 2009). Sowohl die in Ostdeutschland lebenden Alleinerziehenden als auch die aus Westdeutschland vertraten häufig traditionelle Rollenbilder, obwohl die befragten Eltern mit Ostherkunft im Gegensatz zu den anderen die Inanspruchnahme von Ganztagskinderbetreuung im frühen Kindsalter meist als selbstverständlich erachteten (vgl. Rinken, 2009, S. 239). Allerdings zeigten sich bei der Frage nach Geschlechterrollenbildern geschlechtsspezifische Unterschiede: Die Väter distanzierten sich stärker von klassischen Männerbildern als die Mütter. Ein autoritärer Umgang mit den Kindern war bei den männlichen Elternteilen die Ausnahme. Der Präsenz des eigenen Vaters in der Herkunftsfamilie wurde eine hohe Bedeutung beigemessen. Die Befragten erwarteten von Männern, eine nahe, intensive Beziehung zu ihren Kindern zu entwickeln. Alleinerziehende Väter hielten Zärtlichkeit, Vertrauen und genussvolles Zusammensein für wichtig im Umgang mit dem Nachwuchs. Die Aufgabe, den Kindern „typisch männliche“ Tätigkeiten zu vermitteln, gehörte für alleinerziehende Väter nicht mehr vorrangig zum Vatersein. Die befragten alleinerziehenden Mütter hingegen maßen dem eine große Bedeutung bei. Unabhängig von eigenen erzieherischen Fähigkeiten hielten sie die eigene Lebensform für defizitär, da ihrer Ansicht nach den Kindern der Vater fehle (vgl. Rinken, 2009, S. 239). Die von Rinken befragten alleinerziehenden Männer waren im Vergleich zu den befragten Frauen mit der Lebensform der Ein-Eltern-Familie zufriedener. Letztere wurde von den Vätern als weniger defizitär erlebt als von den Müttern. Die männlichen Elternteile distanzierten sich stärker von dichotomen Geschlechterrollenbildern und begriffen die neuen Handlungsspielräume selbstbewusst als erweiterte Möglichkeiten des Erlebens der Männerrolle bzw. bedeutsame Stärke der eigenen Persönlichkeit (vgl. Rinken, 2009, S. 239). Ein Teil der durch Rinken befragten Männer entschied sich bewusst gegen die Vollerwerbstätigkeit, um mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Diese Gruppe nahm materielle Einschränkungen und mangelnde Anerkennung bzw. diskriminierende Reaktionen durch das soziale Umfeld auf sich (vgl. Rinken, 2009, S. 240). Wie Napp-Peters darlegt, sind alleinerziehende Väter mit widersprüchlichen Reaktionen auf die Abweichung von ihrer klassischen Geschlechterrolle konfrontiert. Von Geschlechtsgenossen und Vorgesetzten wird ihnen meist Ablehnung entgegengebracht, während sie von Frauen vermehrt soziale Anerkennung und Unterstützung genießen (vgl. Napp-Peters, 1983, S. 321–334). Nave-Herz und Krüger ermittelten durch Befragungen alleinerziehender Väter, dass deren familiäre Lebensform vor allem von Personal in Ämtern, Nachbarn und Arbeitskolleginnen und -kollegen verurteilt wurde (vgl. Nave-Herz & Krüger, 1992, S. 89). Rinken kritisiert, die Lebensform des Alleinerziehens besitze bis heute keinen mit der heterosexuellen Zwei-Eltern-Familie vergleichbaren Normalitätsstatus. Von Institutionen und Arbeitgebern werde 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 61 die Bedeutung der Familienarbeit negiert, während von Teilen des privaten Umfeldes den alleinerziehenden Vätern vor allem gespiegelt werde, dass ihre Lebensform als exotisch empfunden werde (vgl. Rinken, 2009, S. 241). Entfremdung von einem Elternteil Kinder, die einen kontinuierlichen Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil haben, bewältigen die Scheidung ihrer Eltern am besten, während bei Kindern, die keinen oder nur geringen Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil – zumeist dem Vater – haben, Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen am stärksten ausgeprägt sind (vgl. Matzner, 2007 b, S. 177). Vor diesem Hintergrund alarmieren die folgenden Zahlen: Wenn männlichen Elternteilen nicht das Sorgerecht für ihr Kind zugesprochen wird, brechen sie häufig den Kontakt zu ihren Kindern ab. Schmidt-Denter zufolge verzichten ca. 30 Prozent der nicht sorgeberechtigten Väter kurz nach der Trennung oder Scheidung auf ihr Recht, sich mit ihren Kindern zu treffen. Nach weiteren Jahren erhöht sich diese Zahl. Nach einigen Jahren nach einer Scheidung haben ca. 50 Prozent der Kinder keinen bzw. nur geringen Kontakt zu ihrem Vater (Matzner, 2007 b, S. 177). Besonders häufig brechen diese Männer den Kontakt zu ihren Kindern ab, wenn die Mutter eine neue Partnerschaft eingeht (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 42). Verletzungen der Unterhaltspflicht durch nicht sorgeberechtigte Väter kommen relativ häufig vor. Proksch ermittelt einen Zusammenhang zwischen der Gestaltung der Vater-Kind-Beziehung nach der Scheidung und der Bereitschaft, Unterhaltszahlungen zu leisten. Wenn nicht sorgeberechtigte Männer das Umgangsrecht mit ihren Kindern regelmäßig wahrnehmen oder beiden Eltern das gemeinsame Sorgerecht zugesprochen wird, ist die Zahlungsmoral der Väter höher als in anderen Fällen (vgl. Proksch, 2002, S. 8). Von getrennt lebenden Vätern und ihren Kindern wird die jeweils andere Person häufig trotz der Trennung noch zur eigenen Familie gezählt: Schmitz und Schmidt-Denter ermittelten, dass 70 Prozent der Kinder ihren getrennt lebenden Vater sechs Jahre nach der Trennung weiterhin zur Familie zählen. Die Männer betrachteten in 91 Prozent ihre Kinder als Teil ihrer Familie, unabhängig davon, ob sie inzwischen neue Partnerschaften eingegangen waren oder eine zweite Familie gegründet hatten (vgl. Schmitz & Schmidt-Denter, 1999, S. 28–55). Mendes untersuchte das Verhalten der männlichen Elternteile gegenüber ihren Kindern nach der Trennung. Dazu unterschied er Väter, die sich aktiv um den Kontakt zu ihren Kindern bemühten und solche, die dies nicht taten oder von anderen zur Übernahme von Verantwortung gezwungen wurden. Diejenigen, die sich aktiv um das Sorgerecht bemühten, konnten sich schneller und müheloser an die neue Situation nach der Trennung von der Kindsmutter anpassen. In der anderen Gruppe von Männern ergab sich ein differenzierteres Bild. Einige Väter, die seit jeher eine positive Beziehung zu ihrem Kind hatten, waren motiviert, ihre Kinder auch weiterhin zu betreuen. Ein anderer Teil baute nach der Scheidung eine positivere Vater-Kind- Beziehung auf als zuvor. Eine dritte Gruppe unterhielt zu ihren Kindern eine distan- 4.2.2.2 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 62 zierte, unsichere Beziehung. Unter diesen Männern war ein großer Teil von den Ehefrauen verlassen worden (vgl. Mendes, 1976 a, 1976 b). Gabriele Niepel untersuchte Anfang der 1990er Jahre im Rahmen ihrer Dissertation soziale Netzwerke alleinerziehender Frauen. Dabei ergaben sich Informationen über die Ex-Partner der Alleinerziehenden und den Lebenszusammenhang der Paare vor der Trennung. Für ihre Studie erhob sie unter anderem durch jeweils drei qualitativ problemorientierte Intensivinterviews, zwei Fragebögen und einen Erhebungsbogen im Laufe eines Jahres Daten über zwanzig alleinerziehende Frauen (vgl. Niepel, 1994, S. 60). Sie fand heraus, dass viele Partner der alleinerziehenden Frauen vor der Trennung alkoholkrank waren. Einige der befragten Frauen berichteten über Androhungen bzw. Anwendung von Gewalt durch den Kindsvater. Nur in etwa einem Viertel der Fälle zahlten die Väter regelmäßigen und vollständigen Unterhalt (vgl. Niepel, 1994, S. 77). Außer in einem Fall waren es die befragten Frauen, die ihre Partner verlassen hatten. Die meisten der befragten Mütter trennten sich während der Schwangerschaft vom werdenden Vater, lediglich zwei Mütter lebten nach der Geburt zunächst ein bzw. zwei Jahre mit dem Partner zusammen, bevor sie sich trennten (vgl. Niepel, 1994, S. 77). Drei Viertel der befragten Frauen gaben an, dass es zwischen ihnen und dem Kindsvater Konflikte wegen der Kinder gab (vgl. Niepel, 1994, S. 196). Trotz der Beziehungsschwierigkeiten wünschten sich drei Viertel der Frauen einen häufigen, regelmäßigen Kontakt zum Ex‑Partner (vgl. Niepel, 1994, S. 193). Die Ergebnisse dieser Studie deuten auf einen Handlungsbedarf Sozialer Arbeit mit Scheidungs- und Trennungsfamilien hin. Gerade auch vor dem Hintergrund des oben bereits beschriebenen positiven Einflusses des Kontakts zwischen getrennt lebenden Vater auf die kindliche Entwicklung empfiehlt Matzner für die Soziale Arbeit, „beide Elternteile als aktive Erziehungs- und Bezugspersonen ihrer Kinder zu fördern“ (Matzner, 2007 b, S. 177). Allerdings fehlen Hilfen für Väter bisher in weiten Teilen. Vermeintlich geschlechtsneutrale Hilfen für alleinerziehende Eltern seien in der Regel an den Bedürfnissen der Mütter orientiert (vgl. Matzner, 2007 b, S. 178). Wenn Hilfen für Väter installiert werden, klagen Fachkräfte häufig über das Fernbleiben der Männer. Bei der Analyse struktureller Hindernisse und Barrieren bei Angeboten für Väter mit Säuglingen und Kleinkindern stellten Nakhla, Eickhorst und Schwinn Folgendes fest: Eine Bedingung dafür, ob die männlichen Elternteile überhaupt erreicht werden könnten, sei die bislang häufig für selbstverständlich genommene Annahme, dass sich die Männer im Sinne des biologischen Erzeugers überhaupt mit der Vaterrolle identifizierten. Dies sei bei ungeplanten und ungewollten Schwangerschaften oftmals nicht der Fall. Der Mangel an geeigneten Werbemaßnahmen, geschlechterspezifischen Angeboten, bei denen es Vätern leichter fallen könnte, ihre Angelegenheiten zu thematisieren, sowie das weitgehende Fehlen anderer männlicher Kursteilnehmer erschwere Vätern den Zugang zu Hilfen (vgl. Nakhla, Eickhorst & Schwinn, 2010, S. 633). Daneben seien innerpsychische Konflikte der Grund für weitgehendes Fernbleiben der Männer. Besonders Väter mit herabgesetztem Selbstwertgefühl vermeiden Situationen, von denen angenommen wird, dass dieses durch Konfrontation und Konkurrenz mit anderen männlichen Teil- 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 63 nehmern zusätzlich labilisiert werden könnte (vgl. Nakhla, Eickhorst & Schwinn, 2010, S. 633–635). In Australien nahm sich bereits ein Ministerium des Commonwealth, das Department of Families, Housing, Community Services and Indigenous Affairs, der Frage an, wie Kindsväter in Hilfen für Familien und Kinder eingebunden werden können. In dessen Studie wurde ermittelt, dass vor allem soziokulturelle Einstellungen und Werte das väterliche Engagement einschränken. Besonders Geschlechterstereotype sowie das Ausmaß, in welchem sich männliche Elternteile mit ihrer Rolle identifizieren und wie hoch sie den Wert des Vaters auf die kindliche Entwicklung einschätzen, wirkten auf ihre Beteiligung (vgl. Berlyn, Wise & Soriano, 2008, S. 34). Gelobt zu werden für ihre Fortschritte in einer entspannten, wohlwollenden Atmosphäre – möglichst von anderen Vätern bzw. von einem männlichen Prozessbegleiter – schien ihnen wichtig zu sein als streng beurteilt oder schlechtgemacht zu werden. Erst eine solche „männerfreundliche Umgebung“ eröffne den Vätern die Möglichkeit, vom Programm oder der Dienstleistung zu profitieren. Bezüglich der Hilfeformen schienen sich Väter vor allem in Peer-Settings und informellen Formaten wohl zu fühlen, in denen sie gemeinsam mit anderen Männern Gespräche führen oder Freizeitaktivitäten ausüben konnten (vgl. Berlyn, Wise & Soriano, 2008, S. 34). Sozialleistungen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz Für Familien, Schwangere sowie Mütter und Väter, die als Alleinerziehende in eine akute Krise geraten sind und bei der Versorgung und Erziehung ihres Kindes aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung Unterstützung benötigen, bietet das SGB VIII mehrere Unterstützungsmöglichkeiten an. Zunächst legt § 1 SGB VIII das Recht eines jeden jungen Menschen auf „Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ fest (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 104). Orientieren sich die Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Elternverantwortung am Kindeswohl, beschränkt sich – so Schmid und Meysen – der Auftrag der öffentlichen Jugendhilfe darauf, für alle Eltern Regelangebote zur Förderung der Erziehung gemäß §§ 11–26 SGB VIII vorzuhalten, um sie bei der Förderung der Entwicklung ihres Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu unterstützen und das Kind präventiv vor Gefahren für sein Wohl zu schützen. Die Eltern entscheiden freiwillig, ob sie diese Angebote in Anspruch nehmen wollen (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 3). Unter dem Titel „Förderung der Erziehung in der Familie“ sind in den §§ 16–21 SGB VIII präventive familienunterstützende und -ergänzende Leistungen zusammengefasst (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 107). Zu dieser Gliederungseinheit gehört auch der Paragraph „gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder“. Die Beratungs- und Förderungsangebote des oben genannten Abschnittes haben jeweils unterschiedlichen Charakter und sind auf verschiedene Zielgruppen ausgerichtet, gleichen sich allerdings in dem Ziel, die vorhandenen Familienstrukturen und Erziehungsleis- 4.3 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 64 tungen in bestimmten (belasteten) Lebenssituationen zu unterstützen und zu verbessern (vgl. ebd., S. 109 und S. 112). Sind die Grenzen, die das Kindeswohl dem Elternrecht setzt, noch nicht überschritten, ist aber festzustellen, dass ein Rückstand oder Stillstand der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit eingetreten ist oder droht, und sind die Eltern aus eigener Kraft nicht in der Lage, entsprechende Bedingungen zur Erreichung dieses Erziehungsziels zu schaffen25, muss gemäß § 27 Abs. 1 SGB VIII die öffentliche Jugendhilfe den Eltern eine dem erzieherischen Bedarf im Einzelfall entsprechende geeignete und notwendige „Hilfe zur Erziehung“ nach §§ 27–35 SGB VIII anbieten (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 3). Beispielsweise können ambulante Hilfen wie eine Erziehungsberatung (§ 28 SGB VIII), Erziehungsbeistandschaft (§ 30 SGB VIII) oder sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII) adäquat unterstützen. Für manche Schwangere oder Elternteile mit umfassendem Hilfebedarf, die zudem auf kein tragendes soziales Umfeld zurückgreifen können, reicht eine ambulante Unterstützung nicht aus. Sie benötigen ergänzende Hilfe für ihr Kind – beispielsweise durch „Erziehung in einer Tagesgruppe“ nach § 32 SGB VIII, familienersetzende Hilfen durch Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII oder Heimerziehung nach § 34 SGB VIII. Die Leistungen des SGB VIII zielen nach Ott, Hontschik und Albracht stark auf das Erziehungsverhalten von Eltern ab. Da die Leistungen personen- bzw. familienbezogen gewährt würden, sei der zentrale Bezug letztlich die zu unterstützende Erziehungsfähigkeit der Eltern (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 138). Väter bleiben jedoch in der Praxis der Hilfeformen weitgehend außen vor. Auch die theoretische Bearbeitung befasst sich bis auf wenige Ausnahmen nicht mit der Frage, warum Männer in den Hilfen wesentlich unterrepräsentiert sind, oder mit anderen väterzentrierten Fragen im Zusammenhang mit Hilfen nach SGB VIII (vgl. Matzner, 2007 b, S. 181–184). 25 Mit der Nichtgewährleistung einer dem Kindeswohl entsprechenden Erziehung normiere das SGB VIII eine Schwelle unterhalb der Kindeswohlgefährdung nach § 8 a Abs. 1 Satz 1 SGB VIII und § 1666 Abs. 1 BGB. Auch auf dieser Schwelle setze eine Intervention der öffentlichen Jugendhilfe das Einverständnis der Eltern voraus (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 3). 4.3 Sozialleistungen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz 65 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder In der vorliegenden Untersuchung wird das Augenmerk auf gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder nach § 19 SGB VIII gerichtet. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde nach und nach deutlich, dass es alles andere als selbsterklärend ist, was genau unter diesen Wohnformen zu verstehen ist. Im folgenden Abschnitt sollen daher vor dem Hintergrund der Forschungsfrage die bisher gesicherten Informationen über das Lebens- und Arbeitsfeld der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen umrissen und rechtliche, historische, gesellschaftliche und institutionelle Spannungsfelder aufgezeigt werden. Zunächst soll eine Definition von Möller und Busch einen ersten Eindruck vermitteln, was unter gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind zu verstehen ist, nämlich stationäre Einrichtungen oder ambulante Angebote, in denen bzw. durch die gemäß § 19 SGB VIII Schwangere sowie alleinerziehende Männer und Frauen mit ihren Kindern Beratung und pädagogische Unterstützung erhalten, wenn die Betroffenen aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung nicht in der Lage sind, die Kinder selbstständig zu versorgen und zu erziehen (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 99). Die Rechtsvorschrift findet sich – wie bereits erwähnt – im Kinder- und Jugendhilfegesetz im Abschnitt „Förderung der Erziehung in der Familie“ und lautet wie folgt: „§ 19 Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder (1) Mütter oder Väter, die allein für ein Kind unter sechs Jahren zu sorgen haben oder tatsächlich sorgen, sollen gemeinsam mit dem Kind in einer geeigneten Wohnform betreut werden, wenn und solange sie auf Grund ihrer Persönlichkeitsentwicklung dieser Form der Unterstützung bei der Pflege und Erziehung des Kindes bedürfen. Die Betreuung schließt auch ältere Geschwister ein, sofern die Mutter oder der Vater für sie allein zu sorgen hat. Eine schwangere Frau kann auch vor der Geburt des Kindes in der Wohnform betreut werden. (2) Während dieser Zeit soll darauf hingewirkt werden, dass die Mutter oder der Vater eine schulische oder berufliche Ausbildung beginnt oder fortführt oder eine Berufstätigkeit aufnimmt. (3) Die Leistung soll auch den notwendigen Unterhalt der betreuten Personen sowie die Krankenhilfe nach Maßgabe des § 40 umfassen.“ An dem Titel der Rechtsvorschrift ist auffällig, dass er – im Gegensatz zu den anderen Vorschriften im Abschnitt „Förderung der Erziehung in der Familie“ und auch zum Katalog der Hilfen zur Erziehung – zunächst einmal ausschließlich auf die Wohnformen Bezug nimmt, in denen Hilfe geleistet wird, und nicht darauf, welche Hilfe dort geleistet werden soll. Dies ist in gewisser Weise ein Ausdruck für ein „Symptom“, an dem § 19 SGB VIII krankt: Die Formulierung des Paragraphen ist relativ unpräzise, was viele rechtliche Probleme mit sich bringt, die in diesem Abschnitt der vorliegen- 5 67 den Studie beleuchtet werden sollen. Grund für die Offenheit der Formulierungen ergibt sich aus dem Entstehungskontext: Er fand Einzug in das Kinder- und Jugendhilfegesetz, um die Finanzierung einer Vielzahl von bereits bestehenden Wohneinrichtungen abzusichern (vgl. Fischer, 2007, S. 123), die sich bereits damals hinsichtlich der Lebens- und Bedarfslagen der betreuten Klientel, der Größe, Lage, Platzzahl sowie im Hinblick auf pädagogische Maßnahmen, Zielrichtungen und die ideologischer Ausrichtung grundlegend voneinander unterschieden. Unter gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder kann – auch vor dem Hintergrund der Definition von Möller und Busch – sowohl eine bestimmte Einrichtungsform verstanden werden als auch eine spezielle Form von pädagogischer Unterstützung oder einfach eine Rechtsgrundlage zur Finanzierung von Hilfen. Diese drei Aspekte hängen zwar eng zusammen, müssen aber unterschieden werden. Im gesamten Abschnitt 5 soll deshalb das Spannungsfeld zwischen der Institutionsform und der pädagogischen Hilfeform, die in den Einrichtungen geleistet wird, sowie ihrer gesetzlichen Verankerung im Kinder- und Jugendhilfegesetz genauer beleuchtet werden (vgl. dazu Abschnitt 5.2). Zunächst soll jedoch präzisiert werden, auf welche Datenlage man sich bei der Analyse stützen kann (Abschnitt 5.1). Ausformung der Hilfe Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurde das Feld der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen bis heute kaum beforscht. Wenige wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über das Gebiet liefern Untersuchungen, die viele Jahrzehnte zurückliegen und als veraltet gelten müssen. Im Folgenden werden die wenigen Studien, die es bisher gibt, dargestellt, um sich daraufhin auf ihre Ergebnisse zu stützen: In den späten 1970er Jahren ermittelte Wendt im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit mithilfe von Fragebögen Informationen über Mutter-Kind-Heime (vgl. Wendt, 1981).26 Eine Sachverständigenkommission wollte im Zusammenhang mit dem reformierten § 218 StGB die Erfahrungen prüfen, welche Maßnahmen dem „Schutz des ungeborenen Lebens dienen und die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche einschränken“ und welche institutionellen Hilfen für schwangere Frauen und alleinstehende Mütter gegebenenfalls ausgebaut werden könnten. Mutter-Kind-Heimen wurde in diesem Zusammenhang eine hohe Bedeutung beigemessen (vgl. Wendt, 1981, S. 409). 5.1 26 Wendt schickte im Laufe des Jahres 1977 an die Landesjugendämter einen Fragenkatalog mit der Bitte, diesen an die Heime in deren Zuständigkeitsbereich weiterzuleiten, nach einiger Zeit wieder einzusammeln und an die Kommission zurückzuschicken. Die letzten Bögen kamen Mitte des Jahres 1978 zurück. Insgesamt beteiligten sich 53 Einrichtungen. Gefragt wurde unter anderem nach der Trägerschaft des Heims, der Anzahl und Ausbildung des pädagogischen Personals, der Zahl der Plätze, den Aufenthaltskosten, der Aufnahmedauer, den Wohnverhältnissen im Heim, nach Altersgruppenverteilung der Klientel, Familienstand, sozialer Herkunft, Gründen für die Heimunterbringung, der Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie nach Veränderungsvorschlägen in der Konzeption und Struktur der Heime (vgl. Wendt, 1981, S. 411–413). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 68 Die bis heute umfassendste Studie wurde 1986 bis 1989 am Institut für Sozialpädagogik der Universität Dortmund im Auftrag des Bundesfamilienministeriums realisiert (vgl. Höltershinken, 1990; Kappen, 1990; Klees-Möller, 1991, 1993). Ziel war es, die institutionellen Rahmenbedingungen von Mutter-Kind-Einrichtungen sowie die Lebenslagen bzw. Schwierigkeiten der Klientel zu untersuchen. Ferner sollten Informationen über deren Bedarf an Hilfe und Unterstützung sowie die notwendigen und gewünschten Verbesserungen der Hilfen aus der Sicht der Betroffenen erhoben werden. Es wurden Konzeptionen analysiert, Fachkräfte befragt und biographische Interviews mit Bewohnerinnen durchgeführt. Dazu wurden zunächst alle Mutter-Kind- Einrichtungen in der damaligen Bundesrepublik Deutschland – also in den heutigen alten Bundesländern – angeschrieben (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 17). Während der pädagogischen Begleitung alleinerziehender Mütter im Rahmen eines „Mutter und Kind“-Programms in Ulm forschte Cierpka mittels verschiedener psychologischer Fragebögen über die Beziehung zwischen den Müttern und ihren Partnern (vgl. Cierpka, Frevert & Cierpka, 1992). Von den zur Zeit der Erhebung im Ulmer Mutter- Kind-Programm aufgenommenen 85 Frauen nahmen 52 an der Untersuchung Teil. Die Studie ist zwar nicht repräsentativ, untersuchte aber im besonderen Maße das „väterliche Beziehungsverhalten“ (ebd., S. 170). Dissertationen zum Bereich der Mutter-Kind-Einrichtungen wurden 1972 von Eisenhauer-Hartung, 1979 von Kester und 1993 von Meyer publiziert. 2002 veröffentlichte Prchal eine Dissertation zu historischen Entstehungsbedingungen der Heime. Ab Mitte der 1990er Jahre flaute das wissenschaftliche Interesse an der Praxis in den Heimen für einen längeren Zeitraum nahezu vollständig ab. Einzig Fachverbände27 und Leistungserbringer veröffentlichten Berichte, die auf die Praxis und strittige Fragen im Arbeitsfeld hinweisen (z. B. Deutscher Caritasverband & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999; Winkelmann, 2000). Derzeit scheint das wissenschaftliche Interesse an der Praxis des Arbeitsfeldes wieder zu steigen. Zurzeit werden von Kliche (vgl. Kliche, 2013; Technische Universität Dortmund, 2012) und Ott (vgl. Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2011, 2013; Ott, Hontschik & Albracht, 2015) Fragen im Forschungsfeld der Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen bearbeitet. Kliche beschäftigt sich mit Qualitätsverbesserungen der sozialpädagogischen Arbeit, Ott arbeitet zur Formierung von Mutterschaft im Kontext des Kinderschutzes. Letztere untersucht das Feld im Rahmen des Projekts „Sorge und Erziehung unter Beobachtung“ im Bundesland Hessen. Dabei geht sie aus ethnographischer Perspektive der Frage nach, wie Mutterschaft programmatisch konzipiert, institutionell organisiert und praktisch bearbeitet sowie zu unterschiedlichen Vorstellungen der verschiedenen Beteiligten über das Kindeswohl ins Verhältnis gesetzt wird. In Erhebungsphasen von jeweils etwa drei Monaten werden drei bis fünf Mutter-Kind-Einrichtungen mit ethnographischen Methoden – hier vor allem mittels teilnehmender Beobachtung und ethnographischer Interviews – unter- 27 Fachverbände der evangelischen bzw. katholischen Mutter-/Vater-Kind-Einrichtungen sind das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland bzw. der Sozialdienst katholischer Frauen. 5.1 Ausformung der Hilfe 69 sucht. Eine erste Feldphase sei bereits abgeschlossen. In einer Vorstudie ermittelte Informationen aus Interviews mit Leitungskräften von Einrichtungen sowie Jugendamtsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern werden in die Untersuchung einbezogen. Darüber hinaus werden Dokumente und Instrumente, die im Alltag eingesetzt werden, gesammelt und analysiert (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 139). Das Fehlen einer systematischen wissenschaftlichen Begleitung der Praxis der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen wurde von der sozialwissenschaftlichen Disziplin schon lange bemängelt (vgl. Kester, 1979, S. 59; Meyer, 1993, S. 1; Wendt, 1981, S. 408). Mutter-Kind-Heime erfüllten „ihre komplexen Aufgaben weitgehend ohne begleitende theoretische Erörterung“ (Wendt, 1981, S. 408)28; durch das Fehlen einer wissenschaftlichen kritischen Auseinandersetzung stehe das Personal in den Einrichtungen gesamtgesellschaftlichen Trends, die das Arbeitsfeld betreffen, unvorbereitet gegenüber (vgl. Meyer, 1993, S. 3). Besonders selten würde minderjährigen Vätern und ihren Lebenslagen durch die Fachöffentlichkeit Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230; Sabla, 2008, S. 36). Zudem fehlten konkrete Vorschläge für die Förderung von Partner- und Vaterschaft im Übergang zur Elternschaft in Familien mit minderjährigen Müttern, insbesondere im deutschen Sprach- und Kulturraum (vgl. Fleßner, 2008, S. 230; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361). Friedrich und Remberg kritisierten, das Phänomen der jungen Väter, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen wollten, würde in der Wissenschaft ignoriert. Die Datenlage über diese Gruppe der jungen „neuen Väter“ sei mangelhaft. Die fehlende Aufmerksamkeit stehe im Widerspruch zu dem Umstand, dass das pädagogische Personal in Mutter-Kind-Einrichtungen immer häufiger auf jugendliche Väter treffen werde, deren Bedarfen es ohne wissenschaftliche Basisinformationen und konkrete Pläne zur Deckung nicht adäquat gerecht werden könne (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 23). Auch die Qualität der durch die amtliche Statistik erhobenen Informationen über Heime nach § 19 SGB VIII gilt seit Langem als fraglich. Die Einzelhilfen gemäß § 19 SGB VIII werden von der amtlichen Statistik nicht erfasst (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 302). Schon Anfang der 1980er Jahre kritisierte Wendt die Aussagekraft der Daten in Bezug auf die Anzahl der verfügbaren Plätze in den Einrichtungen. Er fand in seiner Untersuchung eine signifikante Differenz zwischen den Angaben der durch ihn Befragten in Mutter-Kind-Einrichtungen und denen der amtlichen Jugendhilfestatistik. Die amtliche Statistik sei unzulänglich, weil das Zählverfahren nicht festgeschrieben worden sei. Man wisse nicht, ob als „Platz“ die Unterbringungsmöglichkeit für Mutter und Kind zusammen gemeint und zu zählen sei oder ob nach der Kopfzahl aller Bewohnerinnen und Bewohner gefragt werde (vgl. Wendt, 1981, S. 419). 28 Dies war nicht allein in den deutschsprachigen Ländern so. Wendt verweist auf ein Überblicksreferat von Cawson und Des Picard, in dem es heißt: “Few areas of residential care have been as consistently ignored in the professional literature as the mother and baby homes. In part this reflects a general scarcity of knowledge about the problems faced by unsupported mothers“ (Cawson & Picard, 1979, S. 12). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 70 Auch bei der Erfassung der Anzahl der Einrichtungen in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind scheinen große Ungenauigkeiten zu bestehen. Durch einen Vergleich der Angaben des Sozialdienstes katholischer Frauen über die Anzahl der Einrichtungen katholischer Initiativen mit denen der amtlichen Statistik zeigten Pluto und ihre Kolleginnen und Kollegen, dass die katholischen Einrichtungen in der amtlichen Statistik nicht vollständig erfasst wurden (vgl. Pluto et al., 2007, S. 192). Diese Ergebnisse weisen auf weitere Mängel in der amtlichen Statistik hin. Lebenslagen der Klientel und Ansprüche an die fachliche Arbeit Eine im Rahmen der vorliegenden Studie erfolgte Analyse der wissenschaftlichen Untersuchungen aus den 1970er bis 1990er Jahren zeigt, dass überwiegend von prekären Lebenslagen der Klientinnen die Rede war: Die Frauen verfügten meist lediglich über geringe finanzielle Ressourcen (vgl. Deutscher Caritasverband & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002, S. 15; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282–285; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 211; Kester, 1979, S. 74; Klees-Möller, 1991, S. 24; Meyer, 1993, S. 390) und waren teilweise von Arbeitslosigkeit betroffen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Kester, 1979, S. 76). Sie hatten häufig einen niedrigen oder überhaupt keinen schulischen bzw. beruflichen Bildungsabschuss (vgl. Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221; Kappen, 1990, S. 141; Kester, 1979, S. 76; Winkelmann, 2000, S. 372). Besonders große Belastungen ergaben sich für viele Mütter bei der (Wieder‑) Aufnahme eines Berufes oder einer Ausbildung bei gleichzeitiger Sicherstellung der Betreuung des Kindes (vgl. Meyer, 1993, S. 390). Die Bewohnerinnen von Einrichtungen nach § 19 SGB VIII fanden häufig in ihrer eigenen Kindheit ungünstige Bedingungen für das Knüpfen stabiler Beziehungen vor und verfügten selten über Unterstützung durch Familienangehörige (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 4; Kappen, 1990, S. 141; Klees-Möller, 1991, S. 24; Wendt, 1981, S. 444; Winkelmann, 2000, S. 371). Viele Mütter und Schwangere litten in ihrer eigenen Kindheit unter den folgenden Lebensbedingungen: – häufige Bezugspersonenwechsel und zahlreiche Beziehungsabbrüche (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Kester, 1979, S. 54) – Suchtmittelabhängigkeit eines Elternteils oder beider (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221; Klees-Möller, 1991, S. 24) – Instabilität im Erziehungsverhalten der Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282) 5.1.1 5.1 Ausformung der Hilfe 71 – rigide Kontrolle und geschlechtsspezifische Benachteiligung durch die Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Klees-Möller, 1991, S. 25)29 – Trennung oder Scheidung der Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Klees-Möller, 1991, S. 24) – gewaltsames Austragen von Konflikten durch die Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221) – sexuelle Gewalt (vgl. Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221; Klees-Möller, 1991, S. 24)30 – Leben in Heimen bzw. bei Pflegefamilien (vgl. Kester, 1979, S. 74) In einigen Fällen seien die Mädchen schon vor Aufnahme in das Heim längere Zeit von zuhause fort gewesen. In anderen Fällen seien Auseinandersetzungen mit den Eltern, etwa bei Bekanntwerden der Schwangerschaft, der Anlass für die Aufnahme im Heim (vgl. Kappen, 1990, S. 141; Wendt, 1981, S. 444). Die Kinder waren in der Regel nicht geplant, aber gewollt. Mit der Geburt wurde die Hoffnung verbunden, die krisenhafte Lebenssituation zu verbessern (vgl. Bier- Fleiter & Grossmann, 1989, S. 28) oder Anerkennung zu finden. Das Kind solle die unerfüllten Bedürfnisse der Mutter befriedigen, beispielsweise ihrem Leben Sinn geben und ihr eine liebevolle Bindung an einen Menschen ermöglichen. Tatsächlich verbesserte der Anspruch auf Erziehungsgeld31 zudem die finanzielle Lage der Frauen bedeutend (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282). Gemäß Höltershinken hatten viele Frauen vor ihrer Aufnahme in eine Mutter- Kind-Einrichtung mit ihrem Freund bzw. Ehemann zusammengelebt (vgl. Höltershinken, 1990, S. 378). Der größte Teil musste belastende Erfahrungen in der Partnerschaft machen und litt noch bei der Aufnahme in die Einrichtung unter den Konflikten; speziell die Zeit der Schwangerschaft galt als kritische Phase für die Beziehungen (vgl. Deutscher Caritasverband & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002, S. 38; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 4; Höltershinken, 1990, S. 380; Kappen, 1990, S. 141; Klees-Möller, 1991, S. 25, 1993, S. 379; Meyer, 1993, S. 8; Wendt, 1981, S. 444; Winkelmann, 1990, S. 70). Bei manchen Frauen kam es zu massiven Bedrohungen und körperlicher Gewalt durch den Partner (vgl. Kappen, 1990, S. 154; Meyer, 1993, S. 391). Manche Befragte 29 Gemäß den Ergebnissen des Dortmunder Forschungsprojekts zur Situation der Mutter-Kind-Einrichtungen erfuhren die Bewohnerinnen häufig in ihrer Kindheit geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Die Klientinnen wurden als Mädchen teilweise rigide und stärker als etwa ihre Brüder durch die Eltern kontrolliert. Die Erziehung beinhaltete in vielen Fällen einen Zwang zur Einhaltung von rollenstereotypem Verhalten. Gemäß der Untersuchung von Klees-Möller mussten die Mädchen oft frühzeitig Hausarbeiten und die Versorgung anderer Familienmitglieder übernehmen und wurden in ihrer schulischen Entwicklung wenig beachtet (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 25). 30 Eisenhauer-Hartung (1972, S. 221) geht von einer großen Dunkelziffer von Opfern sexueller Gewalt unter den Klientinnen der Einrichtungen aus. 31 Das Erziehungsgeld war für Geburten zwischen dem 1. Januar 1986 und dem 31. Dezember 2006 eine Ausgleichsleistung des deutschen Staates für den Elternteil, der das Kind vorwiegend erzog. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 72 mussten aufgrund von Misshandlungen oder Bedrohungen aus ihrer Wohnung flüchten und befanden sich danach in einer prekären Wohnsituation (vgl. Kappen, 1990, S. 155). Ein Teil der Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen hatte sexuellen Missbrauch durch den Partner erlebt (vgl. Kappen, 1990, S. 145; Kester, 1979, S. 80). Konflikte schwelten aber oft auch zwischen den Klientinnen und deren (Ex‑)Partnern, wenn letztere nicht gewalttätig worden waren (vgl. Meyer, 1993, S. 391). Auseinandersetzungen mit dem Ex-Partner bezogen sich inhaltlich meist auf finanzielle Regelungen, Unterhalt, Sorgerecht und Besuchsregelungen (vgl. Meyer, 1993, S. 390). Kester ermittelte in seiner Studie Ende der 1970er Jahre einen Anteil von höchstens der Hälfte der Väter, die regelmäßig Unterhalt zahlten. Daneben fielen die Chancen der Mütter, von Sozialhilfe unterstützt zu werden, schlecht aus (vgl. Kester, 1979, S. 126). Die Mehrheit der Mädchen und Frauen konnte nicht – insbesondere nicht in materieller Hinsicht – mit der Unterstützung der Väter rechnen. Die Frauen waren im umfassenden Sinne des Wortes alleinerziehend (vgl. Höltershinken, 1990, S. 378). Der Kontakt zum Kindsvater brach häufig vor oder während des Aufenthalts in der Mutter-Kind-Einrichtung ab (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 49; Cierpka, Frevert & Cierpka, 1992, S. 168; Höltershinken, 1990, S. 125). Trotz schwerer Belastungen bis hin zu traumatischen Erfahrungen in der Partnerschaft stellte für die Hälfte der befragten Klientinnen die Beziehung zum Freund oder Mann einen wichtigen Teil des Lebens dar. Es finde obendrein häufig eine starke Fixierung auf den gegenwärtigen Partner statt, mit dem Visionen von einem besseren Leben verbunden seien (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269; Kester, 1979, S. 177; Klees- Möller, 1991, S. 30, 1993, S. 170–172; Meyer, 1993, S. 310; Wendt, 1981, S. 451; Winkelmann, 2000, S. 373). Die ambivalenten Gefühle gegenüber den Kindsvätern und die Konflikte hielten meist während des Aufenthalts in der Mutter-Kind-Einrichtung an (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 25). Dort müssten Enttäuschungen, Trennungserfahrungen und das Erleben von Gewalt verarbeitet werden (vgl. Höltershinken, 1990, S. 381; Klees-Möller, 1993, S. 170–172). Nach dem Verlassen der Heime bezog ein Teil der Klientinnen mit dem Vater des Kindes oder mit einem neuen Partner eine gemeinsame Wohnung (vgl. Höltershinken, 1990, S. 378). Heute zählt Kliche zu den Belastungen, die zu einer Aufnahme in eine Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung führen können, unter anderem psychische Erkrankungen, finanzielle Notlagen und mangelnde Unterstützung durch die eigene Familie oder das soziale Umfeld und mangelnde erzieherische Kompetenzen (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Die Veränderung in der Hilfegewährung führe zu einem erhöhten Unterstützungsbedarf der Klientel in den Einrichtungen (vgl. Linke, 1991, S. 37; Weidle, 1991, S. 15). Dieser steigere die Anforderungen an die pädagogische Arbeit und in der Folge den Bedarf des Leistungserbringers an qualifiziertem Personal (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 281). Tatsächlich wies Klees-Möller im Rahmen des Dortmunder Forschungsprojekts einen Trend hin zu einem zunehmend besser ausgebildeten Personal nach (vgl. Klees- Möller, 1991, S. 23). Dafür spricht auch die Festlegung in Standards der evangelischen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, zur Betreuung der Klientel ausschließlich pädagogische Fachkräfte zu beschäftigen (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen 5.1 Ausformung der Hilfe 73 Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 8). Die Daten des Statistischen Bundesamts zeigen einen Anstieg des Qualifikationsniveaus im Arbeitsfeld seit den 1990er Jahren: Anteil des pädagogischen Personals mit höherem Bildungsabschluss und solchem ohne abgeschlossene Berufsausbildung in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder in Prozent Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 1994, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b. Für die Abbildung wurden die Anteile der Diplom-Sozialpädagoginnen und ‑pädagogen, Diplom-Sozialarbeiterinnen und -Sozialarbeiter, Diplom-Pädagoginnen und -Pädagogen, Diplom-Sozialpädagoginnen und ‑pädagogen sowie Diplom-Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an allen Beschäftigten zur Gruppe des pädagogischen Personals mit hohem Bildungsabschluss zusammengefasst. Die Daten werden jeweils am 31.12. im vierjährigen Rhythmus erhoben. Eigene Berechnungen und Abbildung. Der Anteil an pädagogischem Personal mit höherem Bildungsabschluss erhöhte sich zwischen 1994 und 2014, während gleichzeitig der Anteil ungelernter Kräfte zurückging. Nachfrage nach Hilfen gemäß § 19 SGB VIII Über die Anzahl der Einrichtungen und Plätze in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder gibt seit 1986 alle vier Jahre die Kinder- und Jugendhilfestatistik Auskunft. Während die Zahl der Lebendgeborenen in Deutschland von Abbildung 2. 5.1.2 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 74 199832 bis 2006 kontinuierlich sank, danach einige Jahre auf niedrigem Niveau stabil blieb, um zwischen 2011 und 2014 wieder anzusteigen (Abbildung 3), nahm die Zahl der Einrichtungen nach § 19 SGB VIII sowie die verfügbaren Plätze in diesen Einrichtungen stetig zu (Abbildung 4 und Abbildung 5). Zahl der Lebendgeborenen in den Jahren 1998 bis 2014 in der Bundesrepublik Deutschland in Tausenden Datenquelle: Statistisches Bundesamt, 2016 c, eigene Darstellung. Abbildung 3. 32 Die Statistik der Einrichtungen und tätigen Personen in der Kinder- und Jugendhilfe wurde 1994 erstmals eigenständig und gemeinsam für die alten und neuen Bundesländer durchgeführt. Die Gliederung der Einrichtungsarten, unter anderem bei den Einrichtungen für Heimerziehung und sonstige betreute Wohnformen, wird seit 1998 in einer gegenüber 1994 deutlich differenzierten Form erfasst. Infolge der Erweiterungen des Erhebungsprogramms 1998 liegen nicht für alle Erhebungszeitpunkte Angaben in der gleichen differenzierten Form vor (vgl. Statistisches Bundesamt, 2008 b, S. 5). Daher werden im Folgenden ausschließlich Daten ab 1998 miteinander verglichen. 5.1 Ausformung der Hilfe 75 Anzahl der Einrichtungen für Mütter/Väter und Kinder in der Bundesrepublik Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b, eigene Darstellung. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. Anzahl der verfügbaren Plätze in diesen Einrichtungen in der Bundesrepublik Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b, eigene Darstellung. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. Abbildung 4. Abbildung 5. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 76 Die zur Erstellung des 14. Kinder- und Jugendberichts einberufene Sachverständigenkommission sieht in den Entwicklungen ein starkes empirisches Indiz für Verschiebungen zwischen privater und öffentlicher Verantwortung im Aufwachsen von Kindern. Es steige der Bedarf an stationären Rund-um-die-Uhr-Angeboten für Elternteile und Kinder mit dem Ziel, Fremdunterbringungen zu vermeiden, (junge) Alleinerziehende in ihrer eigenen Persönlichkeitsbildung, einschließlich (nachzuholender) Schul‑/Berufsabschlüsse, zu unterstützen, sie als Erziehende zu befähigen – und dennoch Säuglinge und Kleinkinder auch bei zweifelhafter Versorgungs-, Fürsorge- und Erziehungskompetenz der Elternteile zu schützen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 303). Die amtlichen Statistiken liefern keine Angaben darüber, welcher Anteil der Einrichtungsplätze jeweils von Frauen und Männern genutzt wird. Auch Befragungen der Jugendämter durch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) sprechen für einen Anstieg der Nutzung von Hilfen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen. Die Analyse der Daten zeigt, dass sich in immer mehr Jugendamtsbezirken eine solche Institution befindet (vgl. Pluto et al., 2007, S. 193). Der Anstieg der Nutzung der Hilfen zeigt sich auch in einer beachtlichen Steigerung der Ausgaben für die Unterbringung nach § 19 SGB VIII insgesamt in der Bundesrepublik. Informationen darüber liefert die „Statistik der Ausgaben und Einnahmen der öffentlichen Jugendhilfe“.33 Die Erhebung wird jährlich über das abgelaufene Kalenderjahr durchgeführt (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 b). Gemäß der Statistik der Ausgaben und Einnahmen der öffentlichen Jugendhilfe wurden für die gemeinsame Unterbringung von Müttern oder Vätern mit ihrem Kind bzw. ihren Kindern im gesamten Bundesgebiet in den Jahren 199134 bis 2014 folgende Beträge ausgegeben: 33 Die Statistik der Ausgaben und Einnahmen der öffentlichen Jugendhilfe weist Ausgaben nach, die aus öffentlichen Mitteln für Zwecke der Kinder- und Jugendhilfe nach SGB VIII geleistet werden, sowie entsprechende Einnahmen. Diese werden unter anderem für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe erfasst. Rechtsgrundlage dafür sind die §§ 98–103 SGB VIII. Die Ausgaben für Einrichtungen werden getrennt für zehn verschiedene Einrichtungsarten erhoben, die am Leistungsumfang des SGB VIII orientiert sind. Erfasst werden die laufenden Personal- und Sachausgaben, die investiven Ausgaben für Einrichtungen der öffentlichen Jugendhilfeträger sowie die laufenden und die investiven Zuschüsse für Einrichtungen freier Träger (vgl. Statistisches Bundesamt, 2015 b). 34 Die zeitliche Vergleichbarkeit ist ab 1991 möglich (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 b, S. 2). 5.1 Ausformung der Hilfe 77 Ausgaben für die gemeinsame Unterbringung von Müttern oder Vätern mit ihren Kindern in Millionen Euro Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 2015 b, eigene Darstellung. Die Erhebung wird jährlich für das abgelaufene Kalenderjahr geführt. Die Daten für 2015 waren zum Redaktionsschluss noch nicht veröffentlicht. Die Daten zeigen, dass für die gemeinsame Unterbringung von Müttern oder Vätern mit ihren Kindern im Jahr 2014 fast vierzigmal mehr Geld ausgegeben wurde als 1991. Betrugen die Ausgaben für diesen Bereich im Jahr 1991 etwa sieben Millionen Euro, lagen sie im Jahr 2014 etwa bei 285 Millionen Euro. Dabei liegt der Schwerpunkt der Finanzierungsverantwortung auf der kommunalen Ebene, die aufgrund der anhaltenden Expansionsdynamik innerhalb der Kinderund Jugendhilfe in den letzten beiden Jahrzehnten vor größte Herausforderungen gestellt wurde (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 273). Finanziert wird die Hilfe, so Kliche, meist über Leistungsentgelte, welche sich nach der jeweiligen Betreuungsintensität (vgl. Abschnitt 5.1.4) richten. Der Tagessatz für die Betreuung einer Mutter oder eines Vaters mit Kind beträgt im Durchschnitt etwa zweihundert Euro, wobei die Kosten je nach Ort und Betreuungsintensität stark variieren (vgl. Kliche, 2013, S. 140). Der Anstieg der Nutzung der Hilfen nach § 19 SGB VIII wird von Ott, Hontschik und Albracht als Zeichen einer gesteigerten Nachfrage infolge der Entwicklungen im Kinderschutz interpretiert. Während der stationäre Bereich insgesamt von fachpolitischer Seite aufgrund seiner hohen Kostenintensität kritisiert würde, könne für die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen eine Art Renaissance ausgemacht werden (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 139). Ähnliche Entwicklungen sind auch im Bereich der Hilfen zur Erziehung zu verzeichnen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 267). Abbildung 6. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 78 Einfluss der christlichen Wohlfahrt auf das Arbeitsfeld Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen stehen in der Tradition der christlichen Wohlfahrt (vgl. Meyer, 1993, S. 388; Wallner, 2010, S. 52). Leistungserbringer von Hilfen für Mütter und Kinder – insbesondere in Mutter-Kind-Heimen – waren in der Vergangenheit im Bundesgebiet überwiegend konfessionelle, vor allem katholische Träger der freien Wohlfahrtspflege (vgl. Kester, 1979, S. 66; Klees-Möller, 1991, S. 21; Winkelmann, 1990, S. 69, 2002, S. 1003). Heute werden die Einrichtungen nach wie vor häufig von christlichen Initiativen getragen. Der Anteil der Einrichtungen in evangelischer und katholischer Trägerschaft zwischen 1990/199135 und 2010 liegt etwa zwischen 40 und 60 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b). Der Anteil an Heimen in öffentlicher Trägerschaft ist im oben genannten Zeitraum deutlich gesunken: Anteil der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen nach Trägerschaft in Prozent Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b, eigene Darstellung und Berechnung. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. 5.1.3 Abbildung 7. 35 Die Statistik der Einrichtungen und tätigen Personen in der Kinder- und Jugendhilfe – ohne Tageseinrichtungen für Kinder – wurde erstmals 1994 gemeinsam für die alten und neuen Bundesländer eigenständig durchgeführt. Im Rahmen der Statistik über die Einrichtungen und das Personal der Jugendhilfe waren bereits 1990 im früheren Bundesgebiet und 1991 in den neuen Ländern einschließlich Berlin-Ost entsprechende Daten erhoben worden. Nach der Bezirksreform in Berlin im Jahr 2001 können die Angaben nicht mehr nach dem Ost- und Westteil der Stadt aufgegliedert werden. Der Nachweis der Ergebnisse für das frühere Bundesgebiet und die neuen Länder erfolgt daher ohne die Daten von Berlin. Trotz der Erweiterung bzw. Änderung des Erhebungsprogramms ist eine zeitliche und räumliche Vergleichbarkeit weitestgehend gegeben (vgl. Statistisches Bundesamt, 2008 b, S. 5). 5.1 Ausformung der Hilfe 79 Für die Einrichtungen, die dem Spitzenverband der Diakonie und Caritas angehören, gibt es jeweils fachliche Unterstützung durch einen Verband. Die Einrichtungen in evangelischer Trägerschaft sind in einer „Fachgruppe“ im Evangelischen Erziehungsverband e. V. (EREV) organisiert. Ansprechpartnerin für diese Fachgruppe ist die Referentin des EREV Petra Wittschorek (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2016). Die katholischen Einrichtungen für Mutter/Vater und Kind werden fachlich vom Verband Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein e. V. (SkF) begleitet. Fachreferentin ist Petra Winkelmann (vgl. Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2016). Die Informationen, die im Rahmen der Studie gewonnen wurden, legen die Annahme nahe, dass beide Fachverbände bzw. Referentinnen unter anderem Fortbildungen für das pädagogische Personal in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII organisieren, Beiträge zu Fragen zur Praxis in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen veröffentlichen und Standards für die Arbeit festlegen. Der SkF veröffentlicht zudem Statistiken über die Einrichtungen für Mütter/Väter und Kinder in katholischer Trägerschaft (vgl. Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2001, 2002, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010). Die beiden Fachverbände und ihre Fachreferentinnen scheinen auch überregional Interessen der Klientel zu vertreten; so gab Frau Winkelmann etwa eine verbandliche Stellungnahme zu § 19 SGB VIII in Vorbereitung des Zehnten Kinder- und Jugendberichts ab (vgl. Winkelmann, 2000). Der EREV kritisierte in einer Stellungnahme jüngst fehlende rechtliche Rahmenbedingungen für die Betreuung beider Eltern mit Kind in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014). Auf die Inhalte der Stellungnahmen wird im Rahmen der vorliegenden Studie an anderer Stelle eingegangen. Beide Fachreferentinnen scheinen innerhalb der Verbände jeweils neben ihren Aufgaben im Fachgebiet der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen weitere Felder zu bearbeiten. In Hessen haben sich einige Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen zu einer Landesarbeitsgemeinschaft der hessischen Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen zusammengeschlossen (vgl. Landesarbeitsgemeinschaft der hessischen Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen, 2016). In der Vergangenheit kritisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrfach, hinter dem vordergründig karitativen Engagement der christlichen Initiativen für die Klientel verberge sich die Sanktionierung von Sexualität vor der Ehe, die weltanschaulich abgelehnt werde (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 67; Klees-Möller, 1993, S. 170–172; Meyer, 1993, S. 432–434). Tatsächlich werden in der katholischen Morallehre Sexualität von Unverheirateten, Schwangerschaftsverhütung und Ehescheidungen unverändert abgelehnt – trotz sich teilweise wandelnder Einstellungen der gläubigen Katholiken in unserer Gesellschaft36. Die moralischen Prinzipien werden in den heute noch geltenden Grundsätzen des Zweiten Vatikanischen Konzils aus dem Jahr 1965 dargelegt (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, 1965), über deren Ausgestaltung in 36 Papst Franziskus lud im Oktober 2015 zu einer Bischofssynode zu dem Thema „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ in Rom ein. Die sogenannte Familiensynode einigte sich auf keine neue Sexualethik. Hinsichtlich der Frage nach der Behandlung von (wiederverheirateten) geschiedenen und homosexuellen Menschen gibt es – entgegen der Hoffnungen und Erwartungen betroffener Katholiken sowie liberaler Kreise innerhalb der katholischen Kirche unter anderem in Deutschland – keine Änderungen. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 80 Deutschland die Ergebnisse der Synode der Deutschen Bischofskonferenz, die nach knapp fünfjähriger Tätigkeit im Jahr 1975 ihre Arbeit beendete, Auskunft geben. In den im Folgejahr veröffentlichten Beschlüssen der Vollversammlung heißt es37: „Volle geschlechtliche Beziehungen freilich haben ihren Ort in der Ehe. Auch Praktiken, bei denen im gegenseitigen Einvernehmen der Orgasmus gesucht, aber nur der letzte leibliche Kontakt nicht vollzogen wird, gehören nicht in den vorehelichen Raum“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 442). Auch Verlobten ist eine sexuelle Beziehungsebene nicht erlaubt (vgl. ebd.). Nach Lehrmeinung der katholischen Kirche gilt der volle oder weitestgehende Verzicht auf Sexualität in der Ehe als einzige moralisch einwandfreie Methode der Schwangerschaftsverhütung (vgl. Swientek, 1984, S. 73). Die Ehe selbst wird als Sakrament gesehen, das unauflöslich ist und nur durch den Tod beendet wird. Deshalb bleibt eine zivilrechtliche Scheidung für die katholische Kirche folgenlos. Gemäß dem Kirchenrecht kann nach einer Scheidung nicht wieder geheiratet werden, eine standesamtliche Wiederverheiratung wird nicht anerkannt und Wiederverheiratete werden aufgrund einer „schwere[n] sittliche[n] Verfehlung“ von den Sakramenten der Buße und Eucharistie ausgeschlossen. Nach den Lehren der katholischen Kirche begehen die Wiederverheirateten „permanent Ehebruch an ihrem früheren rechtmäßigen Ehepartner und laden damit dauernd schwere Schuld auf sich“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 451). Daneben bemerkt die Deutsche Bischofskonferenz, dass Mütter nichtehelicher Kinder häufig mit gesellschaftlicher Diskriminierung – auch innerhalb der Kirche – rechnen müssten, was oft eine außergewöhnlich große Belastung für die Betroffenen darstelle. Es sei „unchristlich, diesen Frauen das Leben durch ständige Vorwürfe zu verleiden oder sie in die gesellschaftliche Isolierung zu treiben“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 445). Den Gemeinden und Diözesen wird deshalb angeordnet, „sich in besonderer Weise der unvollständigen Familien (Verwitwete, Geschiedene, alleinstehende Mütter) an[zu]nehmen“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 455). Unter anderem wird gefordert, den Frauen und Kindern geeignete Wohnformen anzubieten (vgl. Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 446). Repräsentantinnen und Repräsentanten der evangelischen Kirche äußern sich über die Themen Alleinerziehen, Scheidung und ledige Elternschaft laut Swientek verhaltener und vorsichtiger als die der katholischen Seite. Jedoch stünden auch dort Alleinerziehende und deren Kinder nicht gleichberechtigt neben anderen Familien (vgl. Swientek, 1984, S. 81–83). Swientek kritisiert, dass beide großen christlichen Kirchen den Diskurs über das Alleinerziehen „zu einer reinen Frauenfrage“ erklären. Notlagen Alleinerziehender würden durch beide christlichen Kirchen individualisiert und somit Vorurteile gegen diese Bevölkerungsgruppe aufgebaut. Die moralische 37 Aufgabe der sogenannten „Würzburger Synode“ war es, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen. Sie wurde von der Deutschen Bischofskonferenz im Februar 1969 einberufen und fand in acht Sitzungsperioden zwischen 1971 und 1975 statt. Die Ergebnisse der Synode wurden in Beschlüssen und Arbeitspapieren festgehalten. 5.1 Ausformung der Hilfe 81 Schuldzuweisung an Alleinerziehende befördere deren Diskriminierung (vgl. Swientek, 1984, S. 81–84). Solange eine ablehnende Terminologie im Zusammenhang mit dem Alleinerziehen genutzt werde – in einem Beschluss der gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise „Sünde“, „schwere Schuld“, „Versagen“, „sittliche Verfehlung“ und „öffentliches Ärgernis“ –, stoße die Klientel bei anderen eher auf Ablehnung oder im günstigsten Fall auf Mitleid. Emanzipationsbestrebungen würden unterbunden, solange den Betroffenen ausschließlich die Rolle der Hilfesuchenden zugeteilt würde. Bedauerlich sei weiterhin, dass sich die katholische Kirche mit lediger Vaterschaft überhaupt nicht beschäftige (vgl. Swientek, 1984, S. 170). Durch die Beschlüsse der Synode würden alle Alleinerziehenden außer die Verwitweten, deren Familienstand als göttliche Fügung angesehen werde, diskriminiert (vgl. Swientek, 1984, S. 73). Kritisch ist in diesem Zusammenhang zu sehen, dass die Hilfen nach § 19 SGB VIII von den Vertretungen beider christlicher Kirchen als „frauenspezifische Sozialarbeit“ verstanden werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Winkelmann, 2012, S. 4). Von den Fachverbänden der evangelischen bzw. katholischen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen mehrten sich Ende der 1990er Jahre Hinweise darauf, dass gemeinsame Wohnformen für Mutter/ Vater und Kind in christlicher Trägerschaft größtenteils von Frauen in Anspruch genommen werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Winkelmann, 2000, S. 370, 2002, S. 1003). Im Zehnten Kinderund Jugendhilfebericht wird daraufhin geschlossen, die Zielgruppe und die Nutzerinnen der Hilfen nach § 19 SGB VIII seien ausschließlich Mütter, die meist jung und ledig seien. Das Angebot stehe Vätern zwar offen, habe für sie jedoch keine praktische Bedeutung (vgl. Deutscher Bundestag, 1998, S. 238). Allerdings prognostizierte eine Arbeitsgruppe des Deutschen Vereins für private und öffentliche Fürsorge im Jahr 1999, zukünftig bedürften verstärkt Väter der Hilfe in gemeinsamen Wohnformen mit Kind (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 284). Wallner geht auf der Basis einer Analyse von Internetauftritten von Mutter-Kind-Einrichtungen davon aus, alleinerziehende Väter kämen als Klientel in dieser Betreuungsform nicht vor. Es sei stets explizit von jungen Frauen und Mädchen die Rede. Von Vätern werde höchstens in ihrer Rolle als Besucher gesprochen (vgl. Wallner, 2010, S. 62). Der EREV argumentiert, ein Einbeziehen der Männer in den Alltag könne die Wirksamkeit der Hilfen erhöhen. Durch die Stärkung der Vater-Kind-Bindung und den Erwerb von Erziehungskompetenzen durch Männer könnten Familien profitieren. Fachkräfte könnten mit dem Blick auf beide Eltern ein realistischeres Bild von der Dynamik der Partnerschaft erlangen. Bei gewalttätigen Konflikten unter den Paaren müssten mit beiden Eltern Lösungsstrategien erarbeitet werden. Selbst wenn Väter die Auslöser von Unterbringungen im Gefährdungsbereich seien, müsse mit Blick auf den Vater abgeklärt werden, ob er in der Lage sei, die Auflagen des Kinderschutzes zu erfüllen. Insgesamt erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit für ein stabileres familiäres Zusammenleben, wenn die Bedarfe des Vaters bei der Hilfeplanung und -ge- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 82 währung berücksichtigt bzw. gedeckt würden (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014). Trotzdem heißt es in den fachlichen Standards der evangelischen Leistungserbringer der Hilfen nach § 19 SGB VIII, die Soziale Arbeit in Mutter-(/Vater-)Kind- Einrichtungen rechne „mit den besonderen Benachteiligungen, Belastungen und Rahmenbedingungen der Frauen in unserer Gesellschaft, aber auch mit ihren besonderen Fähigkeiten und Stärken“ (Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3). Die speziellen Belastungen oder Stärken der Väter finden hingegen keine Erwähnung. In einer Veröffentlichung der Diakonie über evangelische Einrichtungen für Mutter mit Kind betont eine Mitarbeiterin, Aufgabe sei es, die Klientinnen „auf ein Leben als Alleinerziehende in unserer Gesellschaft vor[zubereiten]“ (Schmitt, 1991, S. 59). Es stellt sich also besonders für Mutter-Kind-Einrichtungen katholischer und evangelischer Initiativen die Frage, ob dort Alleinerziehende unterstützt werden, einen neuen Lebenspartner zu finden, oder ob nicht eher die Unterschätzung männlicher Bedarfslagen in Kombination mit einer Orientierung an der christlichen Morallehre dazu führt, ihre Lage zu manifestieren. Angebotsformen, Behandlungsmethoden in den Einrichtungen und ihre Effektivität Unter „Wohnformen“ sind im Sinne des Gesetzgebers nicht nur herkömmliche Heime zu verstehen, sondern auch alternative Betreuungsformen (vgl. Fischer, 2007, S. 123). Tatsächlich stellen sich gemeinsame Wohnformen für Mutter/Vater und Kind in der Praxis nicht einheitlich dar, sondern bieten ein heterogenes Bild: vom ambulant betreuten Einzelwohnen, Gruppen und Apartments im Mutter-Kind-Heim und in Apartmenthäusern über Außenwohngruppen sowie Wohngemeinschaften, bis hin zu ambulanten Betreuungsangeboten im eigenen Wohnraum (Hinweise darauf finden sich etwa in folgenden Veröffentlichungen: Landschaftsverband Rheinland, 2015, S. 1; Wallner, 2010, S. 71; Winkelmann, 2012, S. 3). Neben der Wohnform unterscheiden sich die Einrichtungen hinsichtlich der Betreuungsintensität. Nach Kliche werden in sogenannten 24-Stunden-Einrichtungen vor allem Elternteile und Schwangere betreut, welche aufgrund ihres – häufig minderjährigen – Alters oder anderer besonderer Bedarfslagen bzw. aufgrund psychischer oder körperlicher Erkrankungen eine intensive Betreuung benötigen. Die Leistungserbringer bieten Beratung und Betreuung rund um die Uhr und eine weitreichende Entlastung von Alltagsherausforderungen durch die Fachkräfte an. Ist der Betreuungsaufwand etwas weniger hoch, können junge Mütter und Väter mit ihren Kindern z. B. in Apartmenthäusern oder Wohngruppen und -projekten betreut werden. Viele Leistungserbringer, so Kliche, hätten ein Stufenkonzept, in welchem die jungen Eltern zunächst intensiv betreut werden und bei wachsender Selbstständigkeit in weniger intensive Betreuungsangebote wechseln können, bis sie schließlich über Fachleistungsstunden in der eigenen Wohnung von den sozialpädagogischen Fachkräften nachbetreut werden (vgl. Kliche, 2013, S. 140). Ob sich tatsächlich alternative Wohnformen neben den eher klassischen Wohnheimen durchsetzen, ist wissenschaftlich nicht untersucht. Wie an späterer Stelle ge- 5.1.4 5.1 Ausformung der Hilfe 83 zeigt werden soll, deutet einiges darauf hin, dass alternative Betreuungsangebote in Deutschland erst in jüngster Zeit neben klassischen Heimsettings entstehen und Reformen erst spät einsetzten (vgl. Abschnitt 5.3 der vorliegenden Studie). Diese Tendenz spiegelt sich auch in der Kritik von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in der Vergangenheit das Feld der Mutter-Kind-Einrichtungen untersuchten: Kester nahm bereits Ende der 1970er Jahre wahr, dass der Reformwille im Heimerziehungsbereich im Vergleich zu den 1960er Jahren deutlich abgenommen hatte. Er hegte den Verdacht, dass wegen der schlechten finanziellen Lage der Leistungserbringer keine Verbesserungsmaßnahmen durchgeführt worden waren. Die Heimerziehung sei ihrer Legitimationskrise entkommen, weil sich die Meinung durchgesetzt habe, in ambulanten Hilfeformen könnten nicht alle Bedarfe der Klientel gedeckt werden und so bleibe stets ein Anteil von Menschen übrig, dem ausnahmslos in stationärer Unterbringung zu helfen sei (vgl. Kester, 1979, S. 152). Meyer sieht einen Zusammenhang zwischen vielen Defiziten und Mängeln in Mutter-Kind-Einrichtungen und den historischen Entstehungsbedingungen dieser Häuser: Sie entstanden häufig in einer räumlich isolierten Lage, die für die Lebensbedingungen der Frauen nicht förderlich waren (vgl. Meyer, 1993, S. 3). Getragen von dem Wunsch, schwangeren und alleinerziehenden Frauen in Not- und Konfliktsituationen zu helfen, verdankten sie ihre Existenz meist isolierten Einzelinitiativen von Verbänden der freien Wohlfahrtspflege oder privaten Vereinen, ohne dass diesen eine systematische Bedarfsanalyse oder eine regional abgestimmte Planung vorausgegangen sei (vgl. ebd.). Es fehle eine regionale und überregionale Planung und im Einzelfall eine im multiprofessionellen Team verschiedener Helfer durchdachte Strategie, um der Unterschiedlichkeit der Bewohnerinnen hinsichtlich ihrer Bedarfe und ihrer Lebensführung gerecht zu werden (vgl. Meyer, 1993, S. 3; Wendt, 1981, S. 426). Kritik an Mutter-Kind-Einrichtungen in Bezug auf die Klarstellung der Zielsetzung äußert beispielsweise Wendt: Wenn der Leistungserbringer überhaupt Ansätze einer differenzierten Zielsetzung zu Papier gebracht hätte, herrsche eine zweckrationale Objektivität vor, die an das Befinden der Frauen nicht heranreiche. Situative Momente wie Ruhe oder die Atmosphäre im Haus würden zwar in einzelnen Konzeptionen bedacht, jedoch nicht als Ziel, sondern rein instrumental begriffen, beispielsweise um die Mutter-Kind-Beziehung zu verbessern, die Arbeitsfähigkeit zu fördern oder eine Partnerbeziehung zu klären. Dieser Wunsch des pädagogischen Personals oder der Leitung nach einer technischen Handlungsanweisung zur Verhaltensmodifikation verberge jedoch kaum das dahinter stehende Menschenbild, das die Interaktion im Heim eher einschränke, als sie zu erweitern (vgl. Wendt, 1981, S. 426). Auch von Mayer wird kritisiert, die institutionellen Bedingungen in den Einrichtungen orientierten sich weniger an den Bedürfnissen der Klientinnen als vielmehr an anderen Gegebenheiten (vgl. Meyer, 1993, S. 3). So hingen beispielsweise die Ressourcen der Einrichtungen von den finanziellen Möglichkeiten der Leistungserbringer ab (vgl. ebd.). Im Hinblick auf das Format der Angebote wird kritisiert, für jugendliche Mütter seien bis in die heutige Zeit selten ambulante Hilfen vorgesehen. Wohnmöglichkeiten in kleineren Betreuungseinheiten oder im eigenen Wohnraum würden eher für Volljährige angeboten (vgl. Wallner, 2010, S. 65). Insgesamt – so die Kritik – existierten vor allem für min- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 84 derjährige Mütter häufig Angebote mit größerer Kontrollfunktion (vgl. Linke, 1991, S. 36; Wallner, 2010, S. 65). Zu der Frage, wie genau in den Einrichtungen versucht wird, pädagogische Zielsetzungen zu erreichen, lagen lange Zeit überhaupt keine Forschungsergebnisse vor. Es war bisher ausschließlich bekannt, dass die Arbeitsweisen und pädagogischen Ansätze der verschiedenen Angebote sich stark voneinander unterscheiden (vgl. Kliche, 2013, S. 141; Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 140; Wallner, 2010, S. 71). Kliche meint, es erfolge eine individuelle Betreuung, Förderung und Beschäftigung (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Ein jüngerer Beitrag von Ott, Hontschik und Albracht benennt als häufige Art der Unterstützungsform im Einrichtungstypus „Elterntrainings“, „Mütterschulungen“ und „Erziehungskompetenztrainings“ (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 140). Wie wirksam diese häufig videogestützten pädagogischen Technologien in diesem Feld angewendet werden und inwiefern sie speziell der Klientel weiterhelfen, wurde bisher nicht untersucht. Ott, Hontschik und Albracht beobachteten jedoch kritisch, dass über Erziehungskompetenztrainings die Kategorien Mütterlichkeit/ Mutterschaft und Kindeswohl wechselseitig aufeinander bezogen und traditionelle Frauenrollenbilder somit formiert werden (vgl. Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2013). Inwiefern der Vater in solche Trainings einbezogen wird und wie sich die pädagogischen Hilfesettings auf die Formierung der Vaterrolle auswirken, war bisher ungeklärt. Mit Blick auf die Wirksamkeit der Hilfen stellt sich darüber hinaus die Frage, ob die Elternteile nach ihrem Aufenthalt in der Einrichtung mit ihrem Kind in eine eigene Wohnung ziehen. Studien zum Verbleib der Klientel fehlen allerdings vollständig. Hinweise aus der Praxis deuten darauf hin, dass nicht alle Eltern mit dem Kind die Einrichtung verlassen. Winkelmann spricht etwa davon, dass etwa jede fünfte Mutter ohne Kind aus einer Mutter-Kind-Einrichtung auszieht (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Allerdings scheint ein Teil der Mütter mit einem Mann zusammenzuziehen: Vom katholischen Fachverband heißt es, nach dem Aufenthalt in der Einrichtung zögen etwa zwei Drittel der Frauen mit dem Kind zurück in ihre Herkunftsfamilie oder ggf. mit dem Vater des Kindes oder einem neuen Partner in eine eigene Wohnung (vgl. Winkelmann, 2002, S. 1003). Wenn ein nicht unerheblicher Teil der Klientel mit dem Kindsvater oder einem neuen Partner zusammenzieht, wäre es für die Klientel hilfreich, auf das Zusammenleben mit einem Mann während der Hilfe vorbereitet zu werden, indem der Mann in den Alltag einbezogen wird. Hieran wird also die Relevanz der Forschungsfrage deutlich. Anteil weiblicher Fachkräfte In Mutter-Kind-Einrichtungen wurden in der Vergangenheit ausschließlich Frauen beschäftigt. Falls doch Männer angestellt wurden, arbeiteten sie meist in Leitungspositionen oder als Hausmeister (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 23; Wendt, 1981, S. 421). Heutzutage sind männliche Mitarbeiter in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/ 5.1.5 5.1 Ausformung der Hilfe 85 Vater und Kind immer noch selten anzutreffen. Mehr als 90 Prozent des Personals ist weiblich. Pädagogisches und Verwaltungspersonal in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder nach Geschlecht Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 1994, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. Die zahlenbezogene Unterrepräsentanz von Männern in der Sozialen Arbeit ist kein neues Phänomen, sondern so alt wie die Soziale Arbeit selbst (vgl. Fegter, 2012, S. 4). Gerade die Soziale Arbeit ist ein vornehmlich von Frauen ausgeübter Beruf, während ihre rationale wissenschaftliche Thematisierung von Männern dominiert wird (vgl. Scherr, 2002, S. 380). Vieles spreche dafür, dass dies vor allem dem geringen Status des praktischen Berufs in der Sozialen Arbeit zuzuschreiben ist (vgl. Kimmerle, 2012, S. 26; Matzner, 2007 a, S. 26). Dazu gehörten der Mangel an mit dem Abschluss verbundenem Prestige, die relativ geringe Vergütung, ein Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten und die ungünstigen Arbeits- und Vertragsbedingungen. Auch trage die negative Wahrnehmung von Männern in den Feldern der Sozialen Arbeit zu ihrer Unterrepräsentanz bei. Während die Anwesenheit weiblicher Fachkräfte vielfach als selbstverständlich gelte, würden Männer als Ausnahme, als erklärungsbedürftig und bisweilen zweifelhaft wahrgenommen (vgl. Kimmerle, 2012, S. 26). Wenn Männer im Sektor der Sozialen Arbeit tätig werden, kommt es zu Segregationsprozessen innerhalb des Berufsfeldes entlang von Geschlechterlinien: Zum einen suchen sich Männer – oft mit Unterstützung von Frauen – einen Bereich, der als männlich verstanden wird, das heißt stärker durch Männer geprägt ist, wie etwa Leitungspositionen. Besonders gering sei der Männeranteil bei Hilfen, die sich an Kleinkinder, Mädchen und Frauen sowie Familien richte, und wenn die Art der Hilfe den Abbildung 8. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 86 Aufbau enger sozialer Beziehungen voraussetze (vgl. Matzner, 2007 a, S. 27). Zum anderen habe dort, wo ein hoher Frauenanteil in der Leitungsebene vorhanden sei, eine Entwertung von Leitung stattgefunden (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 31; Matzner, 2007 a, S. 26–28). Dies stünde im Zusammenhang mit einer Zunahme des Arbeitskräftebedarfs in der Sozialen Arbeit bei gleichzeitiger Entsicherung der Beschäftigungsverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Der Sektor des Sozialwesens habe – im negativen Sinne – eine Vorreiterrolle bei der Prekarisierung inne. Die Berufe kennzeichneten sich schon seit Langem durch niedrige Löhne, geringe soziale Absicherung und schlechte Arbeitsbedingungen sowie einen hohen Anteil geringfügig entlohnter Beschäftigung (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 34). Da Männer „wüssten“, dass von ihnen erwartet wird, ihren Unterhalt sowie den ihrer Familie zu erwirtschaften, sei es plausibel, dass sich weniger Männer als Frauen für einen sozialen Beruf entscheiden bzw., falls sie einen solchen gewählt haben, zielstrebig die besser bezahlten Positionen anstreben (vgl. Matzner, 2007 a, S. 26). In der Fachliteratur zum Arbeitsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/ Väter und Kinder wird diskutiert, ob die geringe Zahl männlicher pädagogischer Fachkräfte einen negativen Einfluss auf die Qualität der Hilfen insgesamt hat. Erstens wird erörtert, dass die Abwesenheit männlicher Berater die Motivation von Kindsvätern und Partnern zur Übernahme von Versorgungs- und Erziehungsaufgaben senken und ihre Teilhabe am Alltag verringern könnte. Zweitens wird im Zusammenhang mit dem Fehlen männlicher Helfer die Beibehaltung oder Ausbildung von Geschlechterstereotypen der Klientel in den Einrichtungen problematisiert. Drittens wird debattiert, ob das Fehlen männlicher professioneller Erzieher auf die Entwicklung der dort untergebrachten Kinder einen negativen Einfluss hat. Verschiedentlich wird davon ausgegangen, Berater gleichen Geschlechts wirkten auf Kindsväter, Partner und überhaupt auf die männliche Klientel überzeugender, da sie als Vorbild für ein (alternatives) männliches Rollenmodell fungieren könnten (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230; Hespelt, 2009, S. 85; Kester, 1979, S. 194). Wendt zeigt, dass sich das Personal selbst in Mutter-Kind-Heimen mehr männliche Kollegen wünscht (vgl. Wendt, 1981, S. 421). Die Mitarbeiterinnen würden von jungen Männern häufig nicht ernst genommen, da die Umkehr der Geschlechterrollen – „ein Mann nimmt Rat von einer Frau an“ – Befremdung auslöse (Hespelt, 2009, S. 86). Weiterhin täten sich wahrscheinlich gerade diejenigen jungen Väter schwer, sich an der Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen, in deren eigener Kindheit hauptsächlich Frauen diese Aufgaben übernommen hätten, da sie über kein männliches Vorbild für die Rolle verfügten (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Brauner zufolge werde das Leben von Kindern bis zu ihrem zehnten Lebensjahr oftmals fast ausschließlich von Frauen dominiert: von der Mutter, den Erzieherinnen und Lehrerinnen. Bis auf den Vater kämen sie mit Männern lediglich selten in Berührung (vgl. Brauner, 2006, S. 54). Im wissenschaftlichen Diskurs macht Rose drei Argumentationsfiguren beim Wunsch nach mehr Männern in Erziehung und Bildung aus. Erstens werde das Ideal partnerschaftlich gleichberechtigter Geschlechterverhältnisse angestrebt, in denen weder Frauen noch Männer qua Geschlecht auf spezifische Tätigkeiten und Verantwor- 5.1 Ausformung der Hilfe 87 tungen festgelegt werden. Allerdings habe diese Debatte „eher den Charakter von Hintergrundmusik“ (Rose, 2012, S. 10). Zweitens sei die Debatte – gerade in der Pflege, um den Notstand an Fachkräften zu beheben – von einem arbeitsmarktpolitischen Pragmatismus getragen. Der Zugang der Männer zu sozialen und pflegerischen beruflichen Tätigkeiten solle helfen, die Arbeitsmarktkrise abzufedern. Umgekehrt könne dies für Frauen derzeit in den MINT-Berufen beobachtet werden (vgl. ebd.). Lepperhoff befürchtet, die arbeitsmarktpolitische Argumentation funktionalisiere die Gleichstellungsfrage und lege gesellschaftspolitische Bewegungen diesbezüglich still (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 36). Drittens und am massivsten macht Rose das Argument aus, das Fehlen der Männer schade der kindlichen Entwicklung. Sie kritisiert das damit häufige Einhergehen einer Idealisierung des Mannes als Repräsentanz des Anderen, welches tatsächlich aber eher zu einer Festschreibung der Geschlechterverhältnisse in der Sozialen Arbeit führe. Die Paradoxie der Kampagne zur Männerförderung in Erziehung und Bildung bestehe darin, mit diesem Programm Geschlechteridentitäten zwar entgrenzen und der Klientel größtmögliche Entwicklungsspielräume verschaffen zu wollen, tatsächlich aber hinterrücks ungewollt altbekannten Geschlechterpolarisierungen Vorschub zu leisten (vgl. Rose, 2012, S. 11–14). Deerberg und Sabla halten – neben aller Kritik an einer Idealisierung des Mannes als Fachkraft in der Sozialen Arbeit – die Sorge für nicht unbegründet, eine strikte Trennung der Geschlechter in Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe führe zu einer starken Unterscheidung der Geschlechter. Die Disziplin stelle so selbst Unterschiedlichkeit her. Es sei fraglich, ob geschlechtshomogene Angebote Alternativen zu traditionellen Geschlechterrollen aufzeigen könnten (vgl. Deerberg & Sabla, 2012, S. 21– 25). Kimmerle fordert vom Leistungserbringer, Vielfalt hinsichtlich des Geschlechts und der Lebensformen der pädagogischen Fachkräfte zuzulassen. Durch das Vorhandensein möglichst unterschiedlicher Gegenüber steige die Wahrscheinlichkeit für den hilfebedürftigen Menschen, im Rahmen der Hilfeform eine geeignete Person zu finden, um alte, verdrängte Gefühle, Geschlechterstereotype, Wünsche und Befürchtungen aus der Kindheit im Rahmen psychoanalytischer Übertragungsprozesse aufarbeiten zu können (vgl. Kimmerle, 2012, S. 29). Allein auf Männerförderung sei allerdings kein Verlass. Rose empfiehlt zu hinterfragen, welche spezifische Weiblichkeitskultur in dem jeweiligen Arbeitsfeld Hegemonie innehabe, welche Folgen dies für die beruflichen Aufgaben mit sich führe und wie das Berufsfeld – neben Männern – im selben Maße für Frauen geöffnet werden könnte, die andere Geschlechtlichkeiten verkörperten als die derzeit typische Pädagogin (vgl. Rose, 2012, S. 14). Für männliche Pädagogen sei es empfehlenswert, sich nicht zu „besonders männlichen Inszenierungen“ hinreißen zu lassen (ebd.), sondern vielmehr „Geschlecht und Geschlechterverhältnisse […] zum Thema zu machen“ (Deerberg & Sabla, 2012, S. 25). Scherr fordert zu erforschen, inwiefern die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich für die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Fachkräfte eine Rolle spielt. Darüber hinaus ist ungeklärt, warum Männer einen typischen Frauenberuf ergreifen und was es heißt, als Mann in einem solchen tätig zu sein (vgl. Scherr, 2002, S. 380). Pädagogische Fachteams sollten Fortbildungs- und Reflexionsangebote nutzen, um die Professionalisierung des eigenen Handelns zur Abwehr der 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 88 Gefahr des Missbrauchs zu erhöhen. Das gesellschaftliche Problem des sexuellen Missbrauchs dürfe nicht in einzelnen männlichen Mitarbeitern personifiziert werden (vgl. Kimmerle, 2012, S. 28). Die Schaffung von Schutz- und Schonräumen für Klientinnen beinhalte implizite heteronormative Zuschreibungen bestimmter Formen von Männlichkeit, die es kritisch zu hinterfragen gelte (vgl. Deerberg & Sabla, 2012, S. 21– 25). In diesem Zusammenhang kritisiert Kimmerle, Regelungen, die sexuelle Übergriffe verhindern sollten, sich aber ausschließlich auf männliche Fachkräfte bezögen, stigmatisierten Männer grundsätzlich als Täter. Explizit werde Stigmatisierung praktiziert, wenn männliches Personal vom Wickeln der Kinder regelhaft ausgeschlossen oder angehalten werde, die Tür währenddessen stets geöffnet zu lassen. Durch solche Regelungen sei Zusammenleben und -arbeiten nicht angemessen zu gestalten (vgl. Kimmerle, 2012, S. 28). Insgesamt – vor allem aber in der Ausbildung der Fachkräfte – sollte konsequent auf ein De-Gendering Wert gelegt werden, um Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen, die für Sozialberufe notwendig seien, „von ‚ihrem Geschlecht‘ zu entkoppeln“ (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 36). Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe Nicht nur hinsichtlich der praktischen Ausformung der Hilfe, sondern auch mit Blick auf die gesetzlichen Grundlagen und Zuständigkeiten bei der Gewährung der Hilfe ergeben sich Spannungsfelder mit Auswirkungen auf die pädagogische Praxis und letztlich auch auf die Möglichkeiten für Männer, am Alltag in den Einrichtungen teilzuhaben. Rechtliche Spannungsfelder ergeben sich etwa dadurch, dass der Gesetzestext von § 19 SGB VIII mehrere unsichere Rechtsbegriffe beinhaltet. Darüber hinaus sind durch Beiträge von Verbänden, Vereinen sowie Expertinnen und Experten aus der Praxis Entwicklungen des Felds bekannt, die sich im Gesetzestext bisher noch nicht niedergeschlagen haben. Im Folgenden werden die wichtigsten rechtlichen Spannungsfelder im Hinblick auf den § 19 SGB VIII behandelt und mit der Praxis in den Einrichtungen in Beziehung gesetzt. Unklarheiten hinsichtlich der Anspruchsberechtigung Die Hilfe richtet sich dem Gesetz nach ausschließlich an Elternteile mit jungen Kindern, nämlich solchen unter sechs Jahren. Die Beschränkung des Hilfeanspruchs durch das Festsetzen einer Altersgrenze für die Kinder wird von Möller und Busch als nicht nachvollziehbar und nicht hinreichend begründet kritisiert (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 100). Der Wortlaut lässt offen, ob bei dieser Altersbegrenzung auf den Beginn oder das Ende der Hilfe abzustellen ist. Daher empfiehlt die „Arbeitsgruppe Mutter-Kind-Einrichtungen“ des Deutschen Vereins für private und öffentliche Fürsorge in begründeten Einzelfällen die Hilfe über das sechste Lebensjahr des Kindes hinaus zeitlich zu verlängern, wenn eine abrupte Beendigung der Hilfe dem Sinn und Zweck der Leistung widerspräche (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private 5.2 5.2.1 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 89 Fürsorge, 1999, S. 284). Die Altersgrenze ist im Rahmen der vorliegenden Untersuchung vor allem insofern von grundlegender Bedeutung, weil sie die Relevanz der Forschungsfrage verschärft. Da gerade Kinder im Vorschulalter in der Einrichtung betreut werden und sich Kinder in dieser Lebensphase – wie in Abschnitt 1.1 gezeigt – in einer kritischen Phase für den Bindungsaufbau zu Bezugspersonen befinden, ist die Frage nach der Einbindung der Väter in den Alltag für die Hilfen nach § 19 SGB VIII von grundlegender Bedeutung für die Lebenschancen der betreuten Kinder. Dem Gesetz nach können entweder Mütter mit Kind oder Väter mit Kind oder Schwangere in eine Wohneinrichtung einziehen. In Gesetzeskommentaren wurde klargestellt, dass der Paragraph keine Rechtsgrundlage zur Finanzierung von familiengerechten Wohnformen für beide Elternteile zusammen mit dem Kind bieten kann (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 100; Wallner, 2010, S. 60). Das Adjektiv „gemeinsam“ im Titel bezieht sich ausschließlich auf die Möglichkeit für ein Elternteil, mit dem Kind zusammen in der Wohnform untergebracht zu werden (vgl. Wallner, 2010, S. 60). Der Gesetzgeber berücksichtigte bei der Rechtsnorm weder einen möglichen Hilfebedarf beider Eltern mit Kind noch einen solchen von werdenden Vätern und von biologischen und sozialen Vätern, wenn sie nicht im rechtlichen Sinne Vater des Kindes sind. Auch rechtliche Väter können in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder nur dann Hilfe erhalten, wenn sie das Kind allein erziehen. Anspruchsberechtigt gemäß § 19 SGB VIII sind – laut der Mehrheitsmeinung der mit diesem Problem befassten Juristinnen und Juristen – also weder werdende Väter noch Väter, deren Partnerin sich an der Erziehung und Pflege des Kindes beteiligt, noch neue Partner von alleinerziehenden Müttern, welche die Rolle eines sozialen Vaters für das Kind übernehmen könnten. Zu diesem Sachverhalt erfolgte bisher keine anderslautende Klarstellung durch den Gesetzgeber. Der Umstand ist besonders problematisch, da den oben genannten Gruppen von Männern auch andere Angebote weitgehend verwehrt bleiben, also die Versorgungslage für (soziale) Väter mit Unterstützungsbedarf insgesamt schlecht ist. Gerade junge Väter haben selten die Möglichkeit, auf beraterische Unterstützung zurückzugreifen – in besonders wenigen Fällen im Vorfeld der Geburt des Kindes, da sich Beratungsstellen vorwiegend auf Frauen spezialisieren (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230). Es existieren Hinweise darauf, dass die Auslegung des § 19 SGB VIII, in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder einzig einen Elternteil mit Kind unterzubringen, die Gestaltung von Partnerbeziehungen in Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen stark einschränkt. So kritisieren vor allem Fachkräfte aus der Praxis sowie Verbände, die Arbeit mit Kindsvätern und Partnern werde von den Leistungsträgern zwar häufig gewünscht (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014, S. 2; Hespelt, 2009, S. 82), könne jedoch auf der Basis der Gesetzeslage nicht finanziert werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 10; Evangelischer Erziehungsverband, 2014, S. 2). Die Gesetzeslage sei nicht dazu geeignet, Väter stärker in die Verantwortung zu nehmen. Die „Entweder-Oder-Regelung“ in Bezug auf die Elternteile manifestiere den Zustand, dass fast ausschließlich 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 90 Frauen in den Wohnformen lebten, und verfestige Geschlechterstereotype (vgl. Wallner, 2010, S. 60). In Gesetzeskommentaren wurde darüber hinaus herausgearbeitet, dass nicht ausschlaggebend für den Leistungsanspruch ist, ob das Sorgerecht einer Person oder beiden Eltern zugesprochen wurde. Es zählt vielmehr, dass ein Elternteil das Kind tatsächlich alleine versorgt (vgl. Münder, 2006, S. 307). Es ist also beispielsweise möglich, dass in gemeinsamen Wohnformen eine Mutter mit Kind untergebracht wird, während der Vater des Kindes durchaus (noch) das Sorgerecht (vgl. Abschnitt 5 der vorliegenden Studie) für das Kind innehat. In solchen Fällen stellt sich die Frage, ob und inwiefern sichergestellt wird, dass der Vater seinem Recht nachkommen kann, das Kind zu versorgen und zu erziehen. So wird aus Fachkreisen kritisiert, die gesetzliche Einschränkung, allein einen Elternteil in gemeinsamen Wohnformen nach § 19 SGB VIII betreuen zu können, bedeute in vielen Fällen einen massiven Eingriff in das Recht des jeweils anderen Elternteils, in der Regel das des Vaters, sich um das eigene Kind zu kümmern. Entweder sei der männliche Elternteil alleinerziehend oder er erhalte keinen Anspruch auf Unterstützung und Förderung seiner erzieherischen Kompetenzen (vgl. Wallner, 2010, S. 60). Wenn in Ausnahmefällen doch ein Partner einer Mutter in den Alltag integriert werde, müsse der Partner für die Betreuung in der Einrichtung meist selbst finanziell aufkommen (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 87–89). Auch im Zusammenhang mit der Auswahl einer geeigneten Einrichtung ergeben sich Probleme im Hinblick auf die Rechte des sorgeberechtigten Elternteils, der nicht in der Einrichtung untergebracht wird. Das Alter der Schwangeren, Mütter oder Väter ist dem Gesetz nach für die Aufnahme in einer Einrichtung nach § 19 SGB VIII irrelevant (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 281; Möller & Busch, 2006, S. 100). Der Gesetzgeber geht nicht davon aus, dass mit der Volljährigkeit grundsätzlich die Persönlichkeitsentwicklung der Eltern abgeschlossen ist.38 Heute werden die Angebote nach § 19 SGB VIII von Minderjährigen sowie von jungen Volljährigen in Anspruch genommen (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Informationen aus der Praxis deuten darauf hin, dass zunehmend ältere Elternteile bzw. Schwangere mit Kind aufgenommen werden. So schreibt Winkelmann, die Fachreferentin des Sozialdienstes katholischer Frauen, in ihrer Stellungnahme zu § 19 SGB VIII für den Zehnten Kinder- und Jugendbericht, die Gruppe der minderjährigen Mütter nehme stetig ab, während der Teil der über 25-jährigen Bewohnerinnen steige (Winkelmann, 2000, S. 371). Wie bereits angeklungen ist, ist der (werdende) Elternteil dem Gesetz nach anspruchsberechtigt und nicht das Kind. Die Leistung wird dem erziehenden Elternteil 38 Da minderjährige alleinerziehende Elternteile oder minderjährige Schwangere selbst beschränkt geschäftsfähig sind, müssen deren Sorgeberechtigte und der gesetzliche Amtsvormund einem stationären Aufenthalt in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind zustimmen. Bei Zustimmung wird ein Teil der Personensorge für den minderjährigen Elternteil bzw. für die Schwangere auf den Leistungserbringer übertragen. Lehnen die Sorgeberechtigten des minderjährigen Elternteils oder der Schwangeren die Inanspruchnahme der Hilfe ab, kann ein Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts der Eltern der Minderjährigen durch einen Antrag beim Familiengericht erwirkt werden (vgl. Kölbl, 2007, S. 110). 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 91 um des Schutzes des Kindes willen gewährt (vgl. Fischer, 2007, S. 125). Da die meisten Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe die grundgesetzlich geschützten Elternrechte beeinflussen, sind in der Hauptsache die Eltern formell die Antragssteller und Empfänger der Leistungen (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 113). Zwar soll die pädagogische Hilfestellung, die in gemeinsamen Wohnformen geleistet wird, in der Praxis in gleicher Weise auf die Kinder wie auf die Schwangeren, Mütter oder Väter ausgerichtet sein (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 284; Münder, 2006, S. 308; Winkelmann, 2000, S. 372), gewährt wird die Hilfe dem Gesetz nach allerdings den Sorgeberechtigten. Hieraus erwächst ein weiteres Spannungsfeld. Defizit- und Kompetenzorientierung bei der Hilfegewährung Anspruch haben die (werdenden) Elternteile auf Hilfe nach § 19 SGB VIII, wenn deren Persönlichkeit sich noch entwickeln muss (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Sozialdienst katholischer Frauen e. V. & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002, S. 2), damit sie die Pflege und Erziehung der Kinder ohne Unterstützung bewältigen können (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 285; Möller & Busch, 2006, S. 99; Münder, 2006, S. 308). Die Hilfe ziele darauf ab, eine Trennung von Eltern und Kind zu vermeiden und ein gemeinsames Leben als Familie zu ermöglichen (vgl. Kliche, 2013, S. 139; Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 112), obwohl der alleinerziehende Elternteil emotional, intellektuell bzw. materiell bislang nicht in der Lage sei, sein Leben zu meistern und Erziehungsverantwortung zu übernehmen (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 112). Gleichzeitig sollen die Bedürfnisse der Kinder an Betreuung, Förderung und kompensatorischen Hilfen berücksichtigt werden. Die Hilfe bewegt sich also im Spannungsfeld zwischen Förderung und Stärkung der Erziehungsfähigkeit von Müttern bzw. Vätern – ihrer Elternautonomie (vgl. Münder, 2006, S. 307) – und der Bestrebung, das Kindeswohl, das meist vor der Aufnahme als bedroht galt (vgl. Kliche, 2013, S. 139), zu schützen. Laut Winkelmann (2000, S. 374) müssten konkrete Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung nachweisbar sein, damit eine Hilfe in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung gewährt werden könne. Die Erziehungsfähigkeit des Elternteils gilt vor Aufnahme demnach zum einen als eingeschränkt bzw. defizitär, zum anderen gleichzeitig als latent vorhanden und daher entwicklungsfähig (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 138). Winkelmann (2000, S. 375) konstatiert, aufgrund der großen Finanznot der Kommunen sei zu beobachten, dass Hilfe nach § 19 SGB VIII nur noch gewährt werde, wenn eine stationäre Maßnahme im Interesse der Kinder unabdingbar erscheine, weil ansonsten das Kindeswohl erheblich gefährdet werde. Um kurzfristig Kosten zu sparen, werde zunächst „ausprobiert“, ob der Elternteil mit Kind mit ambulanter Unterstützung auskomme. Erst wenn dies nicht der Fall sei, werde die intensivere Hilfe in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung befürwortet. Die Praxis der Jugendämter, immer mehr Bedarfslagen durch möglichst kostengünstige, meist ambulante Hilfen 5.2.2 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 92 abzudecken, wird von Praktikerinnen und Praktikern verschiedentlich kritisiert, weil das „Ausprobieren“ zu Lasten des Kindeswohls gehe. Erst wenn mehrere Bedarfe gleichzeitig bestünden, würden die Frauen oder Schwangeren stationär untergebracht, wobei das Kind zu diesem Zeitpunkt meist schon Schaden genommen habe. Der Präventivgedanke des SGB VIII fände hier keine Anwendung (vgl. Linke, 1991, S. 37; Weidle, 1991, S. 15; Winkelmann, 2000, S. 375). Nicht nur vor der Aufnahme, sondern auch während des Aufenthalts in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung kann sich herausstellen, dass der Elternteil nicht mehr dazu in der Lage ist, ein Kind zu erziehen und zu pflegen. Steigt in solchen Fällen das Gefährdungsrisiko soweit an und hält das Jugendamt das Tätigwerden des Familiengerichts für nötig, wird zunehmend häufig zusätzlich ein familiengerichtliches Gutachten eingefordert (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Winkelmann kritisiert die Dauer – für die Erstellung eines solchen Gutachtens vergingen in der Regel mindestens weitere sechs Monate. Während dieser Zeit könnten Kinder erheblichen Schaden nehmen (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Im Rahmen der vorliegenden Studie wird der Hinweis auf die zeitlichen Verzögerungen in Verfahren vor dem Familiengericht bei Kindeswohlgefährdung noch eine Rolle spielen. Zudem stellt Winkelmann die Praxis in Frage, die Gutachten von gerichtlichen Gutachterinnen und Gutachtern erstellen zu lassen: Obwohl das pädagogische Team in den Einrichtungen das Verhalten der Mutter gegenüber dem Kind über einen langen Zeitraum intensiver erlebt habe, als es der externen Person aufgrund der gewährten Beobachtungszeit pro Gutachten jemals möglich sei, werde das Gutachten vor Gericht höher bewertet als das der Fachkräfte in den Einrichtungen (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Vor dem Hintergrund dieser Kritik ist auch der Umstand zu sehen, dass sich Hinweise darauf mehren, dass die Aufgabe der Begutachtung immer häufiger den Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen zufällt: Im Unterschied zu den rechtlichen Vorgaben wird, wie Ott, Hontschik und Albracht darlegen, nicht mehr allein die Stärkung bzw. der Aufbau von Erziehungsfähigkeit in den Mittelpunkt gestellt, sondern auch vermehrt von Jugendämtern zunächst in Auftrag gegeben, zu klären, ob die Mutter überhaupt in der Lage ist, eine Erziehungsfähigkeit zu entwickeln, und ob die Mutter-Kind-Beziehung tragfähig ist. Darüber hinaus wird häufiger die Begleitung von Trennungen von Mutter und Kind – also Adoptionsfreigaben oder Inpflegegaben – durch den Leistungsträger nachgefragt und vom Leistungserbringer in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII erbracht (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015). Dies deute auf eine Schwerpunkterweiterung bzw. ‑verschiebung der Hilfen nach § 19 SGB VIII auf der Ebene des öffentlichen Auftrags hin. Längerfristig dürfte sich neben der Entwicklung der Erziehungsfähigkeit mit der Abklärung ein zweiter Schwerpunkt und damit eine veränderte gesellschaftliche Funktion der Hilfen ausbilden, bisher wurde dieser neue Aspekt allerdings kaum konzeptionell aufgearbeitet (vgl. ebd.).39 39 Hemmend auf die Möglichkeit einer Begleitung der Mutter nach der Inpflegegabe/Adoption/Inobhutnahme des Kindes wirkt der Umstand, dass nach § 19 SGB VIII eine Begleitung nicht finanziert werden kann, weil dem Gesetz nach der Aufenthalt in der Einrichtung an die tatsächliche Versorgung des Kindes gekoppelt ist. Konkret müssten die Elternteile an dem Tag, an dem das Kind anders untergebracht wird, auch selbst die Einrichtung verlassen (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 93 An der mit dem neuen Aufgabenfeld des Clearing einhergehenden Gleichzeitigkeit der Orientierung am Kindeswohl und an der Erziehungsfähigkeit in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen sei problematisch, dass sich eine „eigentümliche Spannung zwischen Defizit- und Kompetenzorientierung in Bezug auf die weibliche Klientel“ ergebe. Wenn zunehmend die Kindeswohlsicherung, die Unterstützung bei Trennungsprozessen und die Abklärung der Erziehungsfähigkeit als Bedarfe angesehen würden, die es zu decken gelte, bezöge sich die Bedarfsbestimmung eher indirekt auf das Kind, vielmehr würden die Bedarfe bei der Mutter lokalisiert. Es würden immer noch die Minderjährigkeit der Mütter und Schwangeren und der Umstand, dass sie alleinerziehend seien, als individuelles Defizit der „Erziehungskompetenz“ konstruiert, anstatt sie als gesellschaftlich bedingt zu begreifen. Es spiele, „etwas überspitzt formuliert, das Moment hinein, diese Frauen vor ihrer Mutterschaft zu bewahren“ (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 142). Darüber hinaus deute sich an, dass auch die Stärkung der Erziehungsfähigkeit auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche ausgedehnt werden könne, sodass Frauen mit einem jeweils unterschiedlichen Hilfebedarf als „Fälle der Hilfen“ begriffen werden könnten (vgl. ebd., S. 144). Gleichzeitig werde den Klientinnen zugesprochen, über Ressourcen zu verfügen, die es zu stärken gelte. Durch beide Konstruktionen werde der Eingriff in die Lebensführung und die Erziehungsweisen der jungen Mütter begründet und die Kosten gegenüber dem Leistungsträger gerechtfertigt. (vgl. ebd., S. 142). Die verstärkte Kontrolle der erziehungsberechtigten Frauen lasse sich als Rückkehr zur Funktion einer Kontrollund Ordnungspolitik der Jugendhilfe deuten. Mit einer Defizitorientierung beteilige sich die Soziale Arbeit damit allerdings an der Reproduktion der „Problem-Kategorien“ Armut, Alleinerziehen und minderjährige Mutterschaft. Es müsse im Blick gehalten werden, ob das Vertreten von Rechten und Interessen der Kinder dazu genutzt werde, Mütter zu diskreditieren (vgl. ebd., S. 146). Fehlen einer Festlegung auf eine maximale Dauer der Hilfe Eine maximale Dauer des Aufenthalts in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder ist im Gesetz nicht festgelegt. Im Gegensatz zu anderen Hilfeformen besteht keine Begrenzung nach oben: Für Hilfen nach §§ 32–34 und § 35 a SGB VIII hat der Gesetzgeber in § 37 Abs. 1 SGB VIII klargestellt, dass die Hilfen nur dann installiert werden, wenn die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie „innerhalb eines in Hinblick auf die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen vertretbaren Zeitraums“ verbessert werden können. Ist eine nachhaltige Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb dieses Zeitraums nicht erreichbar, soll gemäß § 37 Abs. 1 SGB VIII mit den beteiligten Personen „eine andere, dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen förderliche und auf Dauer angelegte Lebensperspektive erarbeitet werden“. Für Wohnformen nach § 19 SGB VIII wurde vom Gesetzgeber bisher nicht klargestellt, dass eine solche Orientierung an einer möglichst kurzen Dauer zum Wohle des Kindes favorisiert wird. 5.2.3 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 94 Gerade weil in gemeinsamen Wohnformen Eltern mit Kindern im Vorschulalter betreut werden und sich diese in einer kritischen Phase für den Aufbau von Bindungen befinden, ist die Frage nach der Dauer der Hilfe nach § 19 SGB VIII von besonderer Relevanz. Von Fachverbänden wird jüngst gefordert, bei der Hilfeplanung für Kinder müsse besonders der Faktor der Bindung berücksichtigt werden (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter, 2015, S. 66). Von Fachverbänden mehren sich Hinweise darauf, dass in Fällen, in denen das Kindeswohl bereits als latent gefährdet gilt, auch strukturelle Bedingungen im Hinblick auf Verfahren des Familiengerichts der Beschleunigung von Entscheidungen im Weg stehen. So empfiehlt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, längere Phasen der Unsicherheit zu vermeiden, indem der Hilfeplanungsprozess frühzeitig einsetze und entsprechend eng zeitlich getaktet werde. Um eine solch stringente Hilfeplanung zu ermöglichen, brauche es auf der strukturellen Ebene eine Optimierung der Kooperation mit den Familiengerichten, aber auch mit Gutachterinnen, Gutachtern, Sachverständigen und anderen Helfenden (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter, 2015, S. 67). Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe fordert den örtlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe dazu auf, die beteiligten Akteurinnen und Akteure im Rahmen einer Kooperation im Interesse der kleinen Kinder und ihrer Familien zusammenzubringen. Ziel dieser Kooperation sei eine stringente Hilfeplanung der Fachkräfte durch festgesetzte Prioritäten und Fristen, Vereinbarungen mit Beratungsstellen, dem Gesundheitsamt, Sachverständigen, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Kinderärztinnen und -ärzten für qualifizierte, aber auch zügige zusätzliche fachliche Beurteilungen und die Optimierung der Verfahren mit dem Familiengericht, um zeitnahe Entscheidungen zu erreichen. Hier wären dann auch Verfahrensbeistände sowie Fachanwältinnen und Fachanwälte in die Kooperationsbeziehung und die Lobbyarbeit für die Interessen der kleinen Kinder und ihrer Familien einzubinden (vgl. Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, 2011, S. 8). Speziell für Hilfen nach § 19 SGB VIII wurde der Zusammenhang zwischen der Dauer der Hilfen und strukturellen Gegebenheiten bei der Hilfeplanung und bei Entscheidungen des Familiengerichts bisher noch nicht diskutiert. Zusammenfassend ist zu sagen, dass für gemeinsame Wohnformen keine rechtlichen Beschränkungen hinsichtlich der Dauer des Aufenthalts bestehen. Vor dem Hintergrund der bindungstheoretischen Erkenntnisse ist eine lange Dauer der Hilfen zu vermeiden, wenn sich am Ende herausstellen könnte, dass das Kind nicht bei dem Elternteil verbleiben kann und es in der Zwischenzeit aus der kritischen Phase für den Bindungsaufbau herauswächst. Eine Klarstellung durch den Gesetzgeber blieb für Hilfen nach § 19 SGB VIII jedoch bisher aus. Außerdem wurde bisher noch nicht diskutiert, an welchen strukturellen Gegebenheiten im Hinblick auf die Hilfeplanung und familiengerichtliche Verfahren eine Beschleunigung der Entscheidungen im Hinblick auf den Verbleib des Kindes in Fällen, in denen das Kindeswohl als latent gefährdet gibt, scheitern könnte. Auf die strukturellen Hürden soll im weiteren Verlauf der Studie eingegangen werden. 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 95 Überwiegend unfreiwillige Aufnahme der Klientel Die Zugangswege in die Einrichtungen sind unterschiedlich: (Werdende) Mütter bzw. Väter mit Kind oder Schwangere können sich selbst an das Jugendamt wenden und um Aufnahme bitten, überwiegend jedoch ordnet das Familiengericht eine Unterbringung von Mutter/Vater und Kind in einer Einrichtung an, häufig nachdem andere ambulante Hilfen wie die sozialpädagogische Familienhilfe ausgeschöpft wurden (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Die Klientel wird dann vor die Alternative gestellt, entweder in die Mutter-Kind-Einrichtung einzuziehen oder einen gerichtlichen Sorgerechtsentzug zu riskieren (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 26; Winkelmann, 2000, S. 376). Dies führt dazu, dass ein Teil der Klientel die Einrichtungen faktisch unfreiwillig bewohnt. Das Familiengericht ist nicht dazu berechtigt, Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz anzuordnen (siehe Abschnitt 3), sondern es darf erst eingreifen, wenn die Eltern nicht in der Lage sind, eine Kindeswohlgefährdung abzuwenden. Wenn das Kindeswohl als latent gefährdet gilt, muss den Eltern zunächst eine andere Hilfe angeboten werden. Weil die Hilfe nach § 19 SGB VIII häufig als letzte Chance begriffen wird, bleibt den Eltern nichts anderes übrig, als sie wahrzunehmen, wenn sie einen Sorgerechtsentzug abwenden möchten. Winkelmann (2000, S. 376) berichtet, betroffene Klientinnen stünden aufgrund der Unfreiwilligkeit ihrer Aufnahme den in der Einrichtung angebotenen pädagogischen Angeboten skeptisch gegenüber und ließen sich nicht auf Beratungsprozesse ein. Wallner kritisiert, gerade Jugendliche suchten sich ihren Aufenthalt in einer gemeinsamen Wohnform für Mutter/Vater und Kind in den seltensten Fällen selbst aus. Häufig würden sie von den Jugendämtern zum Einzug gedrängt, nachdem sie in einem anderen Angebot der erzieherischen Hilfe nicht bleiben konnten oder wenn die Eltern sich weigerten, die Jugendlichen mit Kind weiter bei sich wohnen zu lassen (vgl. Wallner, 2010, S. 64). Mädchen und junge Frauen, die ursprünglich in einer anderen Heimeinrichtung gelebt hatten und schwanger wurden, mussten diese oft spätestens bei der Geburt des Kindes verlassen, da die meisten Heimeinrichtungen nicht darauf ausgelegt waren, Mütter mit Kindern zu betreuen (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 236; Hartwig & Kriener, 2004, S. 19; Wallner, 2010, S. 57). Mangelhafte Festschreibung und Umsetzung von Beteiligungsrechten Als Zeichen für die Qualität der Hilfen des SGB VIII gilt es unter anderem, wenn vom Leistungsträger bestimmte „fachliche Standards“ eingehalten werden. Darunter werden Standards verstanden, die sicherstellen sollen, dass die Leistungsempfänger an Entscheidungen im Rahmen der Hilfen nach SGB VIII beteiligt werden. Zu den fachlichen Standards, die einzuhalten sind, zählt Wiesner unter anderem die Umsetzung des Wunsch- und Wahlrechts und die Verpflichtung zur Hilfeplanung (vgl. Wiesner, 1998, S. 226). Zum Aspekt des Wunsch- und Wahlrechts: Da § 19 SGB VIII eine Leistung der Jugendhilfe im Sinne des § 2 SGB VIII ist, gelten für Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtun- 5.2.4 5.2.5 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 96 gen die allgemeinen Vorschriften wie das Wunsch- und Wahlrecht gemäß § 5 SGB VIII. Demnach haben Leistungsempfänger das Recht, zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche in Bezug auf die Gestaltung der Hilfe zu äußern. Es gibt Hinweise aus Studien und aus Praxisberichten darauf, dass der Klientel in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen innerhalb des Vermittlungsprozesses häufig keine Alternativen zu einem Aufenthalt in einem bestimmten Heim angeboten werden (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 236; Hartwig & Kriener, 2004, S. 19; Wallner, 2010, S. 57). In Regionen, in denen keine Hilfe nach § 19 SGB VIII zur Verfügung steht, entscheide oft der Zufall, ob die Betroffenen in einer Einrichtung untergebracht werden, in welcher geeignete Formen der Unterstützung angeboten werden können (vgl. Meyer, 1993, S. 3). Der Umzug in ein weit entferntes Heim zwingt die Klientel häufig, Beziehungen abzubrechen (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 236; Hartwig & Kriener, 2004, S. 19; Wallner, 2010, S. 57). Im Hinblick auf die Frage nach der Einbindung des männlichen Elternteils stellt sich die Frage, inwiefern der Mangel an Heimen in manchen Regionen die Beziehungen zwischen Bewohnerinnen und ihren Partnern bedroht. Außerdem ist ungeklärt, ob in der Praxis dem Wunsch- und Wahlrecht sorgeberechtigter Väter entsprochen wird. Zum Aspekt der Verpflichtung zur Hilfeplanung: Der zweite von Wiesner genannte Standard für Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ist in § 36 SGB VIII geregelt. Vom Leistungserbringer wird ein bestimmtes Verfahren, der „Hilfeplan“, durchgeführt, um dem Mitbestimmungsrecht der Eltern zu entsprechen. Nach Uhlendorff, Euteneuer und Sabla unterteilt sich dieses gewöhnlich in die folgenden Schritte: – Kontaktaufnahme, Erhebung grundlegender Daten und formelle Prüfung der sachlichen und örtlichen Zuständigkeit des Jugendamts gemäß §§ 85–86 SGB VIII – Beratung der Personensorgeberechtigten und des Kindes entsprechend § 36 SGB VIII Abs. 1 Satz 1 – Beratung im Team über die geeignete Hilfe unter Hinzuziehung aller bisher bekannten Berichte und Gutachten über die Familie entsprechend § 36 SGB VIII Abs. 2 – Erarbeitung eines „Hilfeplans“ mit den Sorgeberechtigten, Kindern sowie dem die Hilfe ausführenden Personal entsprechend § 36 SGB VIII Abs. 2 Satz 2 – formelle Antragstellung der Personensorgeberechtigten – Entscheidung des Jugendamts über den Antrag und Mitteilung der Entscheidung an die Antragstellerin bzw. den Antragsteller – Regelung der Fragen zur Kostenübernahme (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 114) Im Hilfeplan werden zentrale Hilfebedarfe und Maßnahmen festgehalten und im Weiteren regelmäßig überprüft und gegebenenfalls verändert (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 115). Allerdings ist der fachliche Standard des Hilfeplanverfahrens nur für die „Hilfen zur Erziehung“ verpflichtend vorgesehen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). In § 36 SGB VIII wurde es vom Gesetzgeber versäumt, die Pflicht zur Hilfeplanung auch für Mutter-(/Vater‑)Kind- 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 97 Einrichtungen festzulegen (vgl. Wiesner, 1998, S. 226). Trotz erfolgter Kritik durch Sachverständige (z. B. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Wiesner, 1998, S. 226) ist bisher diesbezüglich keine Klarstellung durch den Gesetzgeber erfolgt. Allerdings wird in der Praxis oft ein solches Verfahren durchgeführt (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). Inwieweit die Betroffenen bei der Erstellung des Hilfeplans beteiligt werden können und sollen, ist – wie Uhlendorff, Euteneuer und Sabla darlegen – eine fachlich umstrittene Frage. Die Vorstellungen reichten hier von einer partnerschaftlichen Aushandlung, an deren Ende eine übereinstimmende Sicht der Bedarfslage und der zu ergreifenden Maßnahmen im Hilfeplan festgehalten würde, bis hin zur Meinung, dass allein eine standardisierte, fachlich begründete Diagnose objektiv nachprüfbare und damit rechtlich haltbare Entscheidungen begründen könne. Im letzteren Fall liege es – trotz Anhörung der Beteiligten – weitgehend in der Hand der Expertinnen und Experten, den Hilfeplan festzulegen (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 115). Väter bleiben in Hilfeplangesprächen besonders häufig außen vor: Ergebnisse einer Studie von Sander zeigen, dass in Hilfeplanverfahren im Rahmen des Kinderund Jugendhilfegesetzes nur etwa 20 Prozent der Väter mitwirken. Bei einer Stichprobe von 109 Verfahren beteiligten sich die männlichen Elternteile in keinem Fall alleine am Hilfeplanverfahren, während die Mütter in allen Fällen bei den Gesprächen anwesend waren (vgl. Sander, 1996, S. 222). Sanders Analyse von Aussagen der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter über das Erziehungsverhalten von Eltern in Berichten an den Leistungsträger zeigt folgendes Phänomen: Das Erziehungsverhalten der Väter wurde im Vergleich zu dem der Mütter viel seltener von den professionellen Helferinnen und Helfern reflektiert. Über die Hälfte der Aussagen über die Kindererziehung und ‑versorgung bzw. über das Verhalten der Eltern, nämlich 61,7 Prozent, bezog sich auf die Frauen (vgl. Sander, 1996, S. 224). Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen Mit Blick auf den historischen Hintergrund wird im Folgenden nachvollzogen, wie sich Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen herausbildeten. Gleichzeitig wird in diesem Abschnitt dargestellt, welche grundsätzlichen Auffassungen über die Elternrollen lange Zeit in unserer Gesellschaft vertreten wurden und wie diese die Gesetzgebung in Bezug auf Hilfen für Kinder und Jugendliche bzw. Alleinerziehende im Laufe der Zeit prägten. Die Zusammenhänge sind von besonderem Interesse, weil sie sich bis heute auf die organisatorischen Rahmenbedingungen in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII auswirken und dort die Integration von Männern einschränken können. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass traditionelle Familienbilder die Gestaltung des deutschen Sozialstaats beeinflussten, bei der Gesetzgebung einflossen und Organisationen sowie Institutionen prägten, obwohl viele Familien diesem Ideal nicht entsprechen konnten (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195). Umgekehrt wird vermutet, dass wohlfahrtsstaatliche Strukturen das Handeln von Eltern hinsichtlich ihrer Arbeitsteilung strukturieren und traditionelle Familienarrangements fördern 5.3 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 98 (vgl. Rüling, 2008, S. 4777). Wetterer beschreibt diesen Mechanismus, doing gender genannt, wie folgt: Das soziale Geschlecht werde institutionalisiert, indem Männer und Frauen nahezu durchweg Unterschiedliches täten. Die Zuweisung von sich gegenseitig ausschließenden Aufgaben und die Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter, deren Eigenschaften dichotom zueinander stehen (vgl. Wetterer, 2008, S. 17), verfestige den Eindruck, Frauen und Männer seien aufgrund ihres Geschlechts in ihren Fähigkeiten und Befindlichkeiten grundsätzlich voneinander verschieden (vgl. ebd., S. 26). Die Menschen bringen auf der Basis dieser Annahmen genau die Merkmale des Männlichen und Weiblichen hervor, welche angeblich die differente Institutionalisierung begründen. Soziale Organisationen und institutionelle Praktiken wirken auf soziale Situationen ein, indem sie diese in Kulissen für die Bestätigung von Geschlechterstereotypen und somit in anscheinend handfeste Beweise für die Natürlichkeit der Geschlechterdifferenz verwandeln (vgl. ebd.). Dominierende Akteure nutzen die Geschlechterklassifikation als Legitimation zur Durchsetzung ihrer ökonomischen Interessen, weil sie sich leicht in den Dienst nehmen lässt, da sie als selbstverständlich gilt und seit jeher vorhanden war (vgl. Wetterer, 2008, S. 30). Über das Mannsein zirkulieren, so Scherr, heterogene Vorstellungen, die von der Behauptung, Mannsein sei ein anthropologisch fundierter emotionaler Zustand über den radikalfeministischen Verdacht, Männer seien genetisch zu Gewalt und Sexismus veranlagt, bis zur Annahme einer im Kern zweigeschlechtlichen androgynen Natur jedes Einzelnen reichen. Behauptungen über die vermeintlich wahre Natur des Mannes werden unterschiedlich gefasst, variieren bezogen auf die sozialen Klassen und Milieus und unterliegen einem historischen Wandel. Wie Scherr darstellt, sind gesellschaftlich einflussreiche Annahmen über das „typisch Männliche“ keine zutreffenden Beschreibungen der wirklichen Eigenschaften des Mannes, sondern geben eher Auskunft über sozial konstruierte Geschlechterrollen (vgl. Scherr, 2002, S. 378–382). Die Konstruktion erfolge durch eine Zuweisung geschlechtsspezifischer Rollen in der Arbeitswelt und in den Familien, indem die Rollen als vermeintlich selbstverständliche Folge des biologischen Geschlechts wahrgenommen und gerechtfertigt werden. So würden sozial hervorgebrachte Unterschiede zwischen den Geschlechtern „naturalisiert“. Bei den Konstruktionen sozialer Geschlechterrollen handle es sich um eine Struktur, die alle gesellschaftlichen Bereiche und sozialen Verhältnisse präge und damit soziale Ungleichheit hervorbringe. Die Zuordnung zu einem sozialen Geschlecht etabliere nicht ignorierbare Vorgaben für das Selbstverständnis und die Lebensführung der Individuen. Sie müssten stets damit rechnen, in Interaktionen und durch Organisationen als Männer bzw. Frauen wahrgenommen zu werden (vgl. ebd., S. 379). Im Folgenden wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Erkenntnissen über historische Formen der Familienfürsorge und der Verfestigung von Geschlechterstereotypen, welche die deutsche Gesetzgebung prägten und das Institutionengefüge beeinflussten. Gleichzeitig soll gezeigt werden, welchen Anteil die Soziale Arbeit selbst an der Herstellung von Geschlechterdifferenzen hat. Zur Darstellung der Entstehungsbedingungen von Mutter-Kind-Einrichtungen wird im Folgenden hauptsäch- 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 99 lich auf Forschungsergebnisse von Prchal zurückgegriffen, da die Fragestellung von der übrigen Wissenschaftsgemeinde weitgehend außer Acht gelassen wurde.40 Industrialisierung Im folgenden Abschnitt wird gezeigt, dass sich zur Zeit der Industrialisierung die Lebensbedingungen eines großen Teils der Bevölkerung stark veränderten. Rollen und Machtverhältnisse innerhalb von Familien waren einem grundsätzlichen Wandel unterworfen. Die klassischen Rollenbilder von Eltern entstanden im Zuge der Industrialisierung durch die Sphärentrennung von Wohnen und Arbeiten (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195; Rinken, 2009, S. 227). Während noch in der vorbürgerlichen Gesellschaft für das Kind die Vaterliebe als wichtig galt, zählte ab der Industrialisierung die Liebe der Mutter als nahezu ausschließliche Bedingung für geglückte Beziehungen zwischen den Generationen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Den Hauptgrund für die Abnahme der Bedeutung der traditionellen Vaterrolle als Familienoberhaupt und Autoritätsperson sieht Kaufmann in der Verbreitung der unselbstständigen Erwerbsarbeit im außerhäuslichen Bereich (vgl. Kaufmann, 1995, S. 128): In bürgerlichen Familien definierte sich Vaterschaft zunehmend über beruflichen Erfolg und über die Fähigkeit, die Frau und die Kinder ernähren zu können. Nach außen wurde beruflicher Erfolg und Prestige des Mannes demonstriert, indem die Frau zuhause bei den Kindern blieb und nicht erwerbstätig war (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195). Die Pflege und Erziehung der Kinder wurde zur Aufgabe der leiblichen Mutter erklärt und als naturgegeben ihrem weiblichen Wesen zugeschrieben (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195; Klees-Möller, 1993, S. 148– 154). Die gesellschaftlichen Umwälzungen zur Zeit der Industrialisierung führten zu einer wirtschaftlichen Instabilität für Familien der Arbeiterklasse. Väter und Mütter konnten deshalb den neuen Ansprüchen an die Rollenteilung jeweils nicht nachkommen: Die Männer verdienten nicht genug, um Frau und Kinder ernähren zu können, sodass Mütter aus proletarischen Familien häufig arbeitstätig waren. Besonders der proletarische Teil der Eltern verlor in der Folge seine wichtigsten Erziehungsfunktionen an staatliche, hoch organisierte Organisationen mit totalitärem Charakter (vgl. Lenzen, 1991, S. 211). Wenn Kinder von armen oder unverheirateten Eltern von der Polizei aufgegriffen wurden, wies letztere den Nachwuchs üblicherweise in Arbeitshäuser ein, wo sie durch eine strenge, repressive Erziehung zu „arbeitsamen“ und „sittlichen Menschen“ gebildet werden sollten, da Armen unterstellt wurde, ihre Bedarfslage durch unsittliches und unmoralisches Verhalten selbst zu verschulden. Arme Kinder und Jugendliche, so die Vorstellung, könnten allein durch harte Arbeit geläutert werden (vgl. Prchal, 2002, S. 30). 5.3.1 40 Prchal untersuchte in ihrer Dissertationsschrift den Umgang mit Alleinerziehenden in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen im historischen Kontext der Frauenbewegung und der Jugendhilfe. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 100 Es etablierten sich zur Zeit der Industrialisierung zwar auch erstmals Einrichtungen, die sich bei der Betreuung von Kindern an pädagogischen Kriterien – vor allem an denen der Reformpädagogik – orientierten (vgl. Prchal, 2002, S. 33), unverheirateten Schwangeren und Müttern allerdings wurden auch in pädagogisch orientierten Organisationen (vgl. Niemeyer, 2010) schlechte Eigenschaften nachgesagt. Man bezichtigte sie, einen „schädlichen Einfluss“ auf ihre Kinder zu haben. Durch die Trennung der Eltern von ihren Kindern sollte die Schädigung minimiert werden (vgl. Prchal, 2002, S. 30). Als Folge der Moralpaniken wurden die vornehmlich konfessionellen, aber auch reformpädagogischen Heime, und damit auch alle Insassinnen mit ihren Kindern, zusätzlich weitestgehend abgeschirmt von der übrigen Gesellschaft (vgl. Prchal, 2002, S. 32). Neunzehntes Jahrhundert In den 1850er Jahren wurde mit dem sogenannten „Elberfelder System“ ein neues Verwaltungsmodell der Armenfürsorge eingeführt. Nun erhielten arme Menschen Unterstützung, wenn sie im System der Armenpflege registriert waren. Da Frauen weniger als Männer verdienten und die Erziehung der Kinder überwiegend allein zu tragen hatten (vgl. Prchal, 2002, S. 7), ist davon auszugehen, dass sie sich im Vergleich zu anderen Gruppen in einer besonders massiven Zwangslage befanden. Alleinstehende Frauen zögerten jedoch häufig, sich im System der Armenfürsorge registrieren zu lassen, weil den Armen teilweise die Eheschließung verboten wurde. Wenn eine unverheiratete Mutter Mittel der Armenpflege annahm, verlor sie infolgedessen oft die Möglichkeit, ihren sozialen Status durch eine Heirat zu verbessern (vgl. ebd., S. 7). Zu Beginn konzentrierte sich die Familienfürsorge, so Prchal, weitgehend auf Unterstützungen bei körperlichen Erkrankungen und bei der Wohnungssuche, da es im neunzehnten Jahrhundert für Familien in den Großstädten schwieriger wurde, eine Unterkunft zu finden. Im Rahmen der Wohnungsfürsorge seien Mittel bereitgestellt worden, um Mieten zu zahlen oder Hausrat zu beschaffen. Es war üblich, obdachlose Familien in leer stehenden Häusern von Menschen, die ausgewandert waren, unterzubringen (vgl. ebd., S. 9). Wie Prchal feststellt, wurde gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts in den Großstädten mit dem Ausbau einer von der Armenfürsorge unabhängigen Gesundheitsfürsorge begonnen, die vor allem Säuglingen, Kleinkindern, Schülern und Schwangeren dienen sollte, welche nicht durch die gesetzliche Krankenversicherung unterstützt wurden. Prchal zufolge war die Implementierung eines Gesundheitssystems weniger von humanitären Vorstellungen als von bevölkerungspolitischen Überlegungen motiviert. Man habe sich um den „gesunden Nachwuchs für Heer und Staat“ (ebd., S. 8) gesorgt. Da Wöchnerinnen- und Säuglingstod zu dieser Zeit häufig vorkamen, sollte die Sterblichkeit von Mutter und Kind bei der Geburt durch medizinische Versorgung gesenkt werden (vgl. ebd., S. 8). Gleichzeitig mit dem Aufkeimen nationalistischer Ideen im öffentlichen Diskurs sei die Verwahrlosung männlicher Jugendlicher im Alter zwischen 16 und 18 Jahren 5.3.2 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 101 problematisiert worden. Mit der Einführung des Reichsstrafgesetzbuchs im Jahr 1871 wurden in Preußen Einrichtungen etabliert, welche „zwischen Schulbank und Kasernentor“ die Kontrolle in Form von öffentlicher Zwangserziehung über „verwahrloste“ Jugendliche übernehmen sollten (vgl. ebd., S. 34). Da eine Einweisung in eine Erziehungs- oder Besserungsanstalt ausnahmslos bei Strafmündigkeit gesetzlich vorgesehen war und nach § 55 Reichsstrafgesetzbuch Kinder bis zwölf Jahren nicht und Jugendliche bis 18 Jahren lediglich bedingt als strafmündig galten, musste vor Einweisungen geprüft werden, ob die Jugendlichen interniert werden durften. Dazu wurde erstmals eine Erziehungsbehörde außerhalb der Armenfürsorge eingerichtet – ein Vorläufer des Jugendamts (vgl. ebd., S. 35). Die öffentliche Zwangserziehung in Anstalten stand von Beginn an unter Kritik, weil häufiger Kinder aus armen als aus reichen Familien interniert wurden. Kritikerinnen und Kritiker befürchteten die Beschneidung der Rechte von Familienmitgliedern der Arbeiterklasse (vgl. ebd., S. 36). Ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war es in der Bürgerschicht üblich, unterhaltsame Veranstaltungen – wie Tanzabende, Skatturniere, Kostümbälle und Basare – zu Wohltätigkeitszwecken zu organisieren und lokale Wohltätigkeitsvereine, Stiftungen und Einrichtungen zu gründen (vgl. ebd., S. 10). Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden nach und nach Initiativen und Vereine bürgerlicher Frauen (vgl. ebd., S. 20), die ihre Aufgabe darin sahen, den sozialen Frieden durch den persönlichen Kontakt zu den unteren Schichten aufrechtzuerhalten (vgl. ebd., S. 26) und „verwahrloste“ Mädchen zu „sittlichen“ Persönlichkeiten und „guten Müttern“ auszubilden. Durch nachbarschaftliche Kontakte und Weiterbildungsmöglichkeiten sollte das Selbsthilfepotential des Proletariats gestärkt werden, was im Gegensatz zur bis dahin praktizierten Hilfe in Form von Almosengeben stand (vgl. ebd., S. 18). Die Frauenvereine der Settlement‑Bewegung, die zunächst ihren Anfang in England und Amerika genommen hatte und sich dann nach Deutschland ausbreitete, unterstützten unverheiratete Mütter unter anderem bei der Erziehung ihrer Kinder. Indem diese Bildungsaufgabe, so Prchal, zu einer Möglichkeit für diese Frauen avancierte, einem Beruf nachzugehen, weckten die Vereine das Interesse späterer Vertreterinnen der frühen bürgerlichen Frauenbewegung. Während Frauen der Bürgerschicht zuvor sozialen Repressalien ausgesetzt waren, wenn sie arbeiten gingen, etablierten sich nun typische Frauenberufe, die sich durch die geschlechterrollenspezifische Verbindung von Mütterlichkeit und sozialem Engagement auszeichneten und später zu typischen Berufsbildern der Sozialen Arbeit erwuchsen (vgl. ebd., S. 18). Erstmals erhielt ein Teil der weiblichen Mitglieder der Vereine eine professionelle Ausbildung (vgl. ebd., S. 20).41 Die proletarische Frauenbewegung setzte sich zeitgleich für die Gleichentlohnung von Männern und Frauen ein und erwirkte den Mutterschutz (vgl. ebd., S. 23). 41 Auch Alice Salomon, die Wegbereiterin der Sozialen Arbeit, gehörte zu den bürgerlichen Frauen, die sich für Arme und Kranke engagierten (vgl. Prchal, 2002, S. 26). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 102 Die Soziale Arbeit erhob bald darauf den Anspruch, unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erfolgen (vgl. ebd., S. 11). Durch den Verein „Centrale für private Fürsorge“ in Frankfurt am Main wurde im Jahr 1902 erstmals eine Untersuchung über Schicksale unehelicher Kinder durchgeführt. Der Verein richtete eine Fachabteilung für Kinderfürsorge ein und war damit für die Pflegestellenvermittlung, Pflegestellenaufsicht und die Koordination von Vormundschaften unter anderem für uneheliche Kinder zuständig. Um die Zahl der Kindsmorde einzudämmen, wurden zunächst in Berlin, später in Hamburg Accouchier‑Anstalten gegründet, die ledigen Frauen finanzielle Unterstützung, Beistand bei der Entbindung und Hilfe bei der Arbeitssuche anboten (vgl. ebd., S. 11). Mit der Etablierung der Amtsvormundschaft – erstmals 1885 in Leipzig durch den Arzt Max Taube eingeführt – fiel die sachliche Zuständigkeit für unehelich geborene Kinder erstmals nicht mehr der Polizei zu, sondern dem Armenamt, was eine weniger kontrollierende Aufsicht zur Folge hatte, richtete sie doch das Augenmerk zunehmend auf den Schutz der Kinder (vgl. ebd., S. 32). Erster Weltkrieg und Weimarer Republik Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs macht Prchal einen Wandel im Geschlechterverhältnis aus: Vermehrt wurden Frauen in den Produktionsprozess einbezogen, da die Männer Wehrdienst leisteten, während Krippen und Kindergärten eröffneten, in denen Mütter ihre Kinder unterbringen konnten (vgl. Prchal, 2002, S. 42). Im Ersten Weltkrieg wurden viele Männer zum Militärdienst rekrutiert. Nach Prchal reichte der Sold der Männer jedoch häufig nicht aus, um die Versorgung der Familien zu gewährleisten. Da Familien massenhaft von Armut betroffen waren, wurden Gesetze erlassen, die bedürftigen Familien einen Rechtsanspruch auf Unterstützungsleistungen unabhängig von der Armenfürsorge zusprachen (vgl. ebd., S. 40). Die Situation für unverheiratete und verwitwete Mütter und Schwangere war zur Zeit der Weimarer Republik in besonderem Maße prekär: Nach dem Tod vieler Männer im Ersten Weltkrieg musste eine große Anzahl von Frauen ihre Kinder alleine großziehen, vermutlich waren nahezu alle unverheirateten Mütter aufgrund ihrer sozialen und ökonomischen Situation von öffentlicher oder privater Hilfeleistung abhängig. Ihre Armut wurde obendrein durch die Inflation verstärkt (vgl. ebd., S. 42). Im Zuge des Ausbaus der kommunalen Wohlfahrtspflege entstanden sogenannte „Spezialfürsorgen“. Dabei erlangten die Familien- und die Gesundheitsfürsorge mit den Hauptzielgruppen Kinder und Mütter die größte Bedeutung (vgl. Matzner, 2007 a, S. 14). Prchal zufolge lag bereits vor der Gründung der Weimarer Republik ein Gesetzesentwurf für ein Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt (RJWG) vor, das reichsweit gelten sollte. Es sei nicht sofort in Kraft getreten, da die Hilfen wegen der Wirtschaftskrise nicht bezahlt werden konnten. Nach zähen Beratungen wurde es erst im Juli 1922 etabliert. Weil öffentliche Hilfen den Bedarf nicht decken konnten, seien private Vereine subventioniert worden, damit diese den Armen helfen. So vollzog sich nach Prchal ein Wandel im Verhältnis von öffentlicher und privater Fürsorge. Vereine nah- 5.3.3 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 103 men nun eine wesentlich wichtigere Funktion ein. Diese Veränderungen führten zu der Einführung des Subsidiaritätsprinzips im Weimarer Sozialstaat (vgl. Prchal, 2002, S. 42). Eine Notverordnung regelte, welche Aufgaben trotz der Staatsverschuldung finanziert werden mussten. Obwohl dazu auch die des Jugendamts zählten, wurden die Leistungen nur bedingt erbracht (vgl. ebd., S. 44). In einem im Jahr 1931 erschienenen Kommentar der Arbeiterwohlfahrt in der gleichnamigen Fachzeitschrift zu einer Studie über Mutter-Kind-Einrichtungen in Deutschland kritisierte Schroeder eine Unterversorgung. Die Einrichtungen lägen regional ungleichmäßig verteilt und fehlten vor allem im ländlichen Raum. Schroeder bedauerte den Mangel an finanziellen Mitteln für den Ausbau der Hilfen infolge der Weltwirtschaftskrise (vgl. Schroeder, 1931, S. 757–760). Neben der Familien- und Gesundheitsfürsorge gab es Spezialfürsorgen, in denen Männer und Jungen stark vertreten waren, nämlich die sogenannte Jugendfürsorge, die Trinkerfürsorge, die Wandererfürsorge, die Arbeits- und Erwerbslosenfürsorge sowie die Kriegsbeschädigtenfürsorge (vgl. Matzner, 2007 a, S. 14). Unter „männlichen jugendlichen Wanderern“ verstand man von Obdachlosigkeit betroffene Männer, die sich häufig als „Strichjungen“ prostituierten oder Diebstähle begingen (vgl. ebd., S. 15). Während in der Arbeits- und Erwerbslosenfürsorge sowie in der Kriegsbeschädigtenfürsorge die Gewährung materieller Hilfen im Mittelpunkt stand, wandte man sich in der Jugend-, der Trinker- und der Wandererfürsorge jungen und älteren Männern unmittelbar zu. Sie wurden dabei allerdings meist einseitig als Problemverursacher verstanden und mit Begriffen wie „Asozialer“, „Psychopath“, „Gemeinschaftsfremder“, „Halbstarker“ oder „Krimineller“ belegt (vgl. ebd., S. 14). Alkoholabhängigkeit war schon damals vor allem ein Männerproblem. Obwohl in den oben genannten Spezialfürsorgen Männer auffällig dominierten, wurde dies theoretisch und konzeptionell bis in die 1960er Jahre nicht aufgegriffen (vgl. ebd., S. 16). Männer und männliche Jugendliche seien oft erst dann zu Adressaten der Wohlfahrtspflege geworden, wenn sie als gesellschaftlich schädlich eingeschätzt wurden oder wenn sie sich in extremen Notlagen befanden (vgl. ebd., S. 14). Es sei davon auszugehen, dass bei der Arbeit mit Männern, ähnlich wie bei der Arbeit mit „gefallenen Mädchen“, eine kontrollierende und repressive Fürsorge dominierte, wobei die Zöglinge mit harter Disziplinierung und Bestrafung rechnen mussten. Für die Unterbringung männlicher Arbeiterjugendlicher konnte bereits gezeigt werden, dass es in der Weimarer Republik zu Heimskandalen, Quälereien und gar Todesfällen kam (vgl. Peukert, 1984). Die Trinkerfürsorge wurde seit den 1920er Jahren zu einer Instanz umfassender sozialer Disziplinierung von Alkoholikern aus der Unter- und unteren Mittelschicht, die alkoholkranke Männer in der Regel repressiv disziplinierte, was bis zur Entmündigung gehen konnte (vgl. Matzner, 2007 a, S. 15). Ab 1933 wurden „Wanderer“, „heimlose Männer“ und „Trinker“ sogar verfolgt, zwangssterilisiert bzw. in Konzentrationslagern umgebracht (vgl. ebd., S. 15). Genauer wird dies im folgenden Abschnitt dargelegt. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 104 Zerfall der Weimarer Republik und Zweiter Weltkrieg Prchal zufolge fanden mit dem Zerfall der Weimarer Republik und der Machtergreifung Hitlers die Bemühungen um die Versorgung und Betreuung Alleinerziehender und deren Kinder ein jähes Ende. Das Recht des Kindes auf Erziehung sei durch die Änderung des RJWG dem Recht des Staates auf „Erziehung zur deutschen Volksgemeinschaft“ untergeordnet und Freizeitangebote für Jugendliche sukzessive von der Hitlerjugend übernommen worden. Die Bemühungen der Frauenbewegung wurden in der zentralistischen Diktatur rigide eingeschränkt (vgl. Prchal, 2002, S. 47–49). Gemäß der nationalsozialistischen Moral entschieden über den Wert eines Menschen in erster Linie die Rasse und das Blut. Erwachsene und Kinder, deren soziale, geistige oder körperliche Eigenschaften als „nicht brauchbar“ oder „schädlich“ eingeschätzt wurden, wurden zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ermordet, unter anderem durch Gas oder systematisches Verhungernlassen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden aus rassistischen Gründen Eheschließungen verboten und nach Schätzungen zwischen 250 000 und 300 000 Zwangssterilisationen (vgl. Schmitz-Köster, 1997, S. 32) sowie Zwangsabtreibungen durchgeführt (zum Thema Zwangssterilisation in Frankfurt am Main veröffentlichte beispielsweise Daum, 1996; zum Thema „Euthanasie“ in Hessen Klee, 1996). Der Wert einer Frau begründete sich der nationalsozialistischen Moral zufolge in erster Linie in ihrer Bereitschaft und Fähigkeit, Mutter zu werden. Nach Möglichkeit sollten Frauen mit einem „rassisch hochwertigen“ Partner Nachkommen zeugen. Als „rassisch minderwertige“ Partner galten unter anderem die als „asozial“ bezeichneten Männer. Sie standen im Zentrum der „Bekämpfung von Asozialen“ und wurden als „arbeitsscheue Vagabunden“ bzw. „seine Familie vernachlässigende, alkoholsüchtige Familienväter“ typisiert (vgl. Ayaß, 1995, S. 184). Behörden klagten zwar auch über „pflichtvergessene Mütter“, „bazillenstreuende“ Prostituierte und „sich herumtreibende“ junge Mädchen. Von Zwangsmaßnahmen betroffen waren aber überwiegend Männer (vgl. Ayaß, 1995, S. 85): Es wurden Bettlerrazzien durchgeführt, wobei Männer ohne offizielle „Wanderererlaubnis“ zunächst in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurden. Von dort aus wurden die Betroffenen in eigens dazu etablierte sogenannte „Wanderhöfe“, spezielle, außerhalb liegende Konzentrationslager, eingewiesen, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. In Bayern gab es dort etwa 1 550 Plätze für Männer, 100 für „alte“ Menschen und 200 Plätze für „asoziale“ Mädchen und Frauen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 15). Betroffen von Zwangssterilisationen und der Einweisung in Arbeits- und Konzentrationslager waren auch die sogenannten „unheilbaren“, „böswilligen“ oder „arbeitsscheuen“ „Trinker“. Schätzungen kommen auf 15 000 bis 30 000 sterilisierte alkoholabhängige Männer (vgl. ebd., S. 16). Zu der Logik der Rassenpolitik gehörte darüber hinaus der Versuch Nazideutschlands, die „nordischen Arier“ durch ein gezieltes Züchtungsprogramm als „Herrenrasse“ zu etablieren (vgl. Clay & Leapman, 1997, S. 7). Frauen, deren Ehepartner rassische Kriterien nicht erfüllten, wurden zur Mutterschaft außerhalb der Ehe ermutigt. Mithilfe des „Lebensborn“-Vereins wollte die Schutzstaffel der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (SS) sich der dabei gezeugten Kinder „annehmen“ und de- 5.3.4 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 105 ren Mütter gezielt unterstützen (vgl. Bialas, 2014, S. 188). Der Verein hatte keinesfalls eine „karitative“ Zielsetzung, sondern orientierte sich ausschließlich an den unmenschlichen moralischen Ordnungen des Nationalsozialismus. In den „Lebensborn“- Heimen konnten „deutsche“ Frauen eheliche oder uneheliche Kinder anonym zur Welt bringen und genossen besondere Unterstützung, sofern sie und die Väter des (ungeborenen) Kindes „rassenhygienische“ Ansprüche erfüllten und dies dokumentieren konnten (vgl. Clay & Leapman, 1997, S. 7; Lilienthal, 1996, S. 437). Da die „arische Elite“ aufgrund der hohen Anzahl der Toten im Zweiten Weltkrieg lediglich mä- ßig wuchs, befahl Himmler 1942, blonde und blauäugige Kinder aus den von Deutschland besetzten Gebieten zu verschleppen. Die weit überwiegende Zahl der Kinder, die im Rahmen der sogenannten „Eindeutschung“ erfasst wurden, erschien ihrem Aussehen nach nicht geeignet, den „Stamm der Arier“ zu verstärken. Diese Kinder wurden selektiert und in Vernichtungslagern ermordet. Die übrigen Kinder wurden unter Verschleierung ihrer Identität in den „Lebensborn“-Heimen untergebracht bzw. an parteitreue Familien – bevorzugt an SS-Angehörige – zur Adoption vermittelt (vgl. ebd.). Das erste „Lebensborn“-Heim wurde 1939 in Wiesbaden in Betrieb genommen (vgl. Lilienthal, 1996, S. 438).42 Oft errichtete der „Lebensborn“ seine Heime in Häusern, die entweder beschlagnahmt oder deren Eigentümer zum Verkauf gezwungen worden waren. Von den Enteignungen waren vor allem jüdische und katholische Institutionen betroffen (vgl. ebd., S. 437). Nachkriegszeit in Westdeutschland Noch nie in der Geschichte unseres Kulturkreises und später auch nie wieder waren so viele Menschen verheiratet und so wenig Ehen geschieden bei einer relativ hohen Kinderzahl wie in der Nachkriegszeit. Nichteheliche Lebensgemeinschaften waren weitgehend unbekannt (vgl. Nave-Herz, et al., 1998, S. 286). Die Kern- oder Kleinfamilie bestehend aus Vater, Mutter und Kind, deren spezifische Rollenteilung und Struktur wurde nicht nur für die Stabilität der Familie, sondern auch für die Gesellschaft für unverzichtbar gehalten. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde als Gegenentwurf zum militaristischen Männerbild des Nationalsozialismus sowohl in der DDR als auch in der BRD das Ernähren der Familie zur zentralen Aufgabe des Vaters erklärt (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195–200). Diese Restauration gesellschaftlicher Verhältnisse basierte auf einer historisch einmaligen Konstellation nach zwei Weltkriegen und in einer wirtschaftlich prosperierenden Phase (vgl. Gerhard, 2011, S. 8). Bei den Elternbildern im Westen und Osten Deutschlands gab es auch signifikante Unterschiede. Nach Hofmeister, Baur und Röhler bedingten die Unterschiede der ideologischen Ausrichtung 5.3.5 42 Wenige Monate vor der Eröffnung des „Lebensborn“-Heims in Wiesbaden, das „Taunus“ genannt wurde, hatte die Gestapo den Vorstand des ursprünglich katholischen Trägers „Antoniusheim“ vertrieben. Als der ursprüngliche Verein gleichgeschaltet war, mussten die Kinder und Ordensschwestern das Heim überstürzt räumen (vgl. Lilienthal, 1996, S. 437). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 106 der beiden Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Ausbildung von verschiedenen Idealen der Elternrollen. Während die westlichen Alliierten in Westdeutschland eine kapitalistische Gesellschaft etablieren wollten, zielte die sowjetische Führung darauf ab, die DDR in eine sozialistische Gesellschaft zu verwandeln. Entsprechend war das wirtschafts- und sozialpolitische Ziel der westlichen Besatzungsmächte der Statuserhalt der bürgerlichen Mittelschicht, während sich in der DDR ein Ideal des Arbeiters herausbildete. Dieser sollte im Kollektiv als „Held der Arbeit“ seinen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Produktion leisten. Dem Ernährer-Hausfrau- Modell im Westen stand in Ostdeutschland also das Doppelverdiener-Modell gegen- über (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195–200). Der westdeutsche Arbeitsmarkt sah, so Hofmeister, Baur und Röhler, unter dem Stichwort „soziale Marktwirtschaft“ seit den 1950er Jahren als typischen Arbeitnehmer einen in Vollzeit arbeitenden Familienvater – also einen Mann – vor. Sein Einkommen sollte hoch genug sein, um eine Familie zu ernähren. Institutionell habe sich diese Rolle beispielsweise gefestigt, indem das Kindergeld lange Zeit ausschließlich dem Vater ausgezahlt worden sei. Dem Mann wurde durch die Entbindung von Familienpflichten emotional und zeitlich die volle Konzentration auf die Arbeit ermöglicht. Die Mütter hatten hingegen die Aufgabe, den Haushalt und die Erziehung und Pflege der Kinder zu übernehmen und den Vätern den Rücken freizuhalten (ebd., S. 195– 197). Seit den 1960er Jahren förderte der Staat die Erwerbstätigkeit von Frauen und seit den 1970er Jahren wurde von ihnen erwartet, Mutterschaft mit Vollerwerbstätigkeit zu vereinbaren (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Rinken, 2009, S. 227). Dieses Familienideal wird als „Doppelverdiener-Modell“ bezeichnet (vgl. Rinken, 2009, S. 227). Nach einem anfänglich heftig geführten Diskurs um das Kindeswohl wurde die Kinderbetreuung stark ausgebaut. Die Ganztagskinderbetreuung galt als förderlich für die Erziehung zum „sozialistischen Menschen“ und damit gut für die kindliche Entwicklung (vgl. Rinken, 2009, S. 227). Die rasche Zunahme der Frauenerwerbsquote bis auf ein internationales Spitzenniveau (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197–199) führte zu einem Wandel des Mutterbildes und einer partiellen Aufweichung dichotomer Geschlechterrollenbilder (vgl. Rinken, 2009, S. 227). Bei Paaren mit Kindern sei eine Doppelerwerbstätigkeit selbstverständlich gewesen (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). Verschiedentlich wird betont, dass in der DDR weiterhin das private sowie das öffentliche Leben von klassischen Geschlechterrollenbildern geprägt waren (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Prchal, 2002, S. 64–68; Rinken, 2009, S. 227). Außerhalb staatlicher Kinderbetreuung wurden Hausarbeit, Fürsorge und die Kindererziehung weiterhin vornehmlich den Frauen auferlegt. In der DDR beteiligten sich Väter nicht im gleichen Ausmaß wie die Mütter an den Aufgaben im Haushalt. Sie sahen sich selbst eher in der Rolle der Mithelfenden (vgl. Rinken, 2009, S. 228). Der Arbeitsmarkt der DDR war geschlechtersegregiert: Frauen und Männer dominierten auf dem Arbeitsmarkt jeweils in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen und Berufsfeldern. Die Arbeitstätigkeit der Frau sei vorwiegend in schlechter entlohnten Berufen und dort nur aus ideologischen Gründen forciert worden, da es dem Menschenbild des Sozialismus entsprochen habe, dass sich auch Frauen als Arbeiterinnen betei- 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 107 ligen. Im Vergleich zu DDR-Bürgerinnen verdienten westdeutsche Frauen – wenn sie arbeiten gingen – deutlich mehr (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). In die Schaltstellen der Macht seien Frauen in der DDR lediglich im Ausnahmefall gelangt (vgl. Prchal, 2002, S. 64–68; Rinken, 2009, S. 227). Nach Ostner übernahm in der DDR der sozialistische Staat die Rolle eines „ideellen Gesamtvaters“, während die Bedeutung der Vaterrolle innerhalb der Familie in den Hintergrund trat (vgl. Ostner, 2005, S. 47) und auch zu keiner Zeit in das Zentrum des politischen Interesses rückte (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Rinken, 2009, S. 228). Ein-Eltern-Familien wurden in der DDR zwar institutionell unterstützt, galten jedoch als unvollständige Familien (vgl. Rinken, 2009, S. 228). In Westdeutschland galt nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin das RJWG mit seinen Notverordnungen aus der Zeit des Krieges. Wie Prchal anführt, befanden sich sämtliche Organisationen und Verwaltungsstrukturen – darunter die Jugendämter – im Wiederaufbau. Die Grundversorgung für die vielen obdachlos gewordenen Kinder und Jugendlichen, die zu einem großen Teil ohne Eltern aufwachsen mussten, sei in Westdeutschland zunächst von den Vereinigten Staaten initiiert worden. Bereits 1946 wurde eine Novellierung des RJWG gefordert. Prchal zufolge war ein Grund für die Novelle des RJWG das Fehlen einer gesetzlichen Grundlage für die Arbeit der freien Träger von Jugendhilfen, nachdem im nationalsozialistischen Deutschland deren Leistungen durch eine Notverordnung weitgehend eingeschränkt worden waren. Nach dem Krieg mussten sie ihre Strukturen neu- bzw. wiederaufbauen. Ein Entwurf für die Novellierung des RJWG habe dem Länderrat der amerikanischen Besatzungszone zwar bereits 1947 vorgelegen und sei von diesem auch angenommen worden, allerdings sei die Umsetzung der Neuerung aufgrund der Vereinigung der britischen und amerikanischen Besatzungszone zunächst nicht weiter verfolgt worden. Daneben wollte man mit der Gesetzesänderung Frauen, Jugendliche und Kinder schützen, die in großer Zahl von Obdachlosigkeit betroffen waren. Außerdem wurde befürchtet, die Arbeitsfähigkeit der Jugendlichen leide, da sie durch den Krieg der Arbeit „entwöhnt“ seien (vgl. Prchal, 2002, S. 76). Im Dezember 1950 beschloss man deshalb übergangsweise einen „Bundesplan zur Förderung der deutschen Jugend“, der vorrangig durch die Verbände der freien Wohlfahrtspflege umgesetzt wurde und durch den Mittel bereitgestellt werden konnten. Anders als das RJWG enthielt der Bundesplan, so Prchal, weniger kontrollierende Aspekte. Beispielsweise überließ er den freien Trägern weitgehend die konzeptionelle Ausgestaltung der Hilfen. Schließlich trat acht Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1953 das RJWG doch in seiner Fassung aus dem Jahr 1922 in Kraft (vgl. Prchal, 2002, S. 76–86). Jedoch habe erst im Jahr 1967 ein neues Gesetz – nämlich das Jugendwohlfahrtsgesetz – das RJWG abgelöst.43 Im deutschen Heimsystem fanden weiterhin massive 43 In diesem Gesetz sei das Subsidiaritätsprinzip von freien und öffentlichen Trägern zur Muss-Vorschrift umgewandelt worden. Der Charakter des Gesetzes habe sich dadurch grundlegend geändert. Alle Maßnahmen sollten die elterliche Erziehung unterstützen und lediglich ersetzen, wenn die Eltern nicht in der Lage seien, die Kinder zu pflegen und zu erziehen. Die Grundhaltung der Vorrangigkeit der Erziehung durch die Sorgeberechtigten musste seither bei allen Hilfen der öffentlichen Jugendhilfe beachtet werden (vgl. Prchal, 2002, S. 76–86). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 108 Menschenrechtsverletzungen statt. Erzieher und Erzieherinnen übten körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt gegen die Zöglinge aus, Heimkinder wurden isoliert, erniedrigt, mit Medikamenten betäubt (vgl. Eilert, 2012). Innerhalb der Familien gerieten Mütter unter Druck, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Pädagogik, Medizin und Psychologie Verhaltensänderungen von ihnen erwarteten (vgl. Rinken, 2009, S. 228). Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machten „falsches“ Verhalten und „übertriebene“ Gefühle der Mutter für Schädigungen und Verzögerungen in der Kindesentwicklung verantwortlich. Medizinische Empfehlungen sahen vor allem eine peinliche Einhaltung von Hygienevorschriften, zweckmäßige Ernährung und pünktliche Regelmäßigkeit im Umgang mit dem Kind vor (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Wie Klees-Möller darlegt, wurde den Müttern geraten, sich weniger auf ihre Instinkte zu verlassen, sondern den Expertenrat zu befolgen. Ein Teil der Medizinerinnen und Mediziner empfahl beispielsweise, zärtliche Berührungen des Kindes außerhalb der Essenszeiten zu unterlassen. Die Hygienevorschriften senkten zwar die Säuglingssterblichkeit wesentlich (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 148–154), die Verhaltensempfehlungen stehen aber dem heutigen Wissen über den Stellenwert sicherer, liebevoller Bindungen zu den primären Bezugspersonen (vgl. Abschnitt 1) konträr gegenüber. Darüber hinaus unterstellten die wissenschaftlichen Analysen den Frauen, natürlicherweise eine tiefe persönliche Befriedigung und Freude an der Pflege- und Erziehungsaufgabe zu empfinden. Fühlten sie dies nicht, verstießen sie gegen ihre „Natur“. Genügte bisher das äußere Befolgen von Pflichten durch die Mutter, wurde nunmehr die vollkommene emotionale Beteiligung gefordert, andernfalls, so die Theorie, erleide das Kind irreparable Schäden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Weil Beruf und Familie für Mütter als nicht miteinander vereinbar galten, sei das Familienmodell mit männlichem Ernährer und einer Hausfrau politisch propagiert, wissenschaftlich untermauert und institutionell gestützt worden. Erwerbstätige Frauen mit Kind galten als egoistisch und wurden als „Rabenmütter“ bezeichnet (vgl. Rinken, 2009, S. 228). Klees-Möller kritisiert, von den Frauen sei sowohl die alleinige Fürsorge für das körperliche Wohl der Kinder, als auch ein Verhalten erwartet worden, das glückliche Kinder hervorbringen sollte. Das in diesen Annahmen implizierte Rollenbild habe Schuldgefühle der Frauen befördert. Waren Kinder ängstlich, unglücklich oder hatten sie andere Nöte, wurden diese dem Unvermögen der Mutter angelastet (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 148–154). Gelang es jedoch nicht, abweichende Verhaltensweisen von Kindern mit dem Handeln ihrer Mütter zu erklären, begann man, so Klees-Möller, nach unbewussten emotionalen Abwehrmechanismen bei den Frauen zu suchen. Selbst in der Bildungsreform in den 1960er Jahren sei unterschwellig ein solches Mutterbild wegweisend gewesen, hatte die Reform doch zum Ziel, die Mutter-Kind-Beziehung zu stärken, weil sie allein als bestmögliche Förderung der kognitiven Kompetenzen des Kindes galt (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Aus den Ergebnissen der Theorien über die Mutter-Kind-Bindung wurde, so Klees-Möller, von den Frauen zumindest in den ersten Lebensjahren des Kindes der Verzicht auf Berufstätigkeit erwartet. Damit blieben die Männer von reproduktiven 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 109 Aufgaben entlastet (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Der Vater habe in der westdeutschen Nachkriegszeit neben dem Ernähren der Familie die Aufgabe gehabt, gegenüber den Kindern Autorität zu zeigen. Zudem habe die Auffassung geherrscht, Mütter müssten wegen ihrer – wie angenommen wurde – im Vergleich zu Männern stärkeren Emotionalität durch ihre Ehemänner überwacht werden (vgl. Rinken, 2009, S. 228). In den 1950er und 1960er Jahren wurde, so Sabla, die „uneheliche Mutterschaft“ – von den Vätern war keine Rede – problematisiert. Ledige Mütter wurden häufig stigmatisiert (vgl. Sabla, 2008, S. 27). Nach Wallner schrieb das nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin gängige Geschlechterrollenbild Frauen vor, „rein“, „jungfräulich“, „schamhaft“ und „sittlich“ zu sein. Jede Abweichung davon in Richtung (sexueller) Freiheit oder Selbstbestimmung wurde hart sanktioniert. Schwangere Jugendliche galten als das Sinnbild „weiblicher Verwahrlosung“ (vgl. Wallner, 2010, S. 52). In der Folge der Diskriminierung und Stigmatisierung kamen die meisten Frauen „beschämt“ in Mutter-Kind-Heime (vgl. Bonnekamp, 1966, S. 277). Wie Kester zeigt, wurde vielen ledigen Schwangeren unterstellt, der Arbeitstätigkeit durch das Ausnutzen von Mutterschutz und Betreuungszeiten entgehen zu wollen. Zudem wurden „Triebhaftigkeit“, „Hörigkeit“ gegenüber dem Freund, „Debilität“, „Schwachsinn“ und „Geltungssucht“ als Gründe für eine uneheliche Mutterschaft vermutet. Neben „abnormen Anlagefaktoren“ wurde „Versagen des Elternhauses“ oder „ungünstige Milieueinflüsse“ angenommen (vgl. Kester, 1979, S. 124). Nach Untersuchungen von Wendt wurden Klientinnen in Mutter-Kind-Einrichtungen mit den Adjektiven „unangepasst“, „gestört“, „sozial auffällig“, „kontaktgestört“, „labil“ oder „psychisch krank“ bezeichnet. Minderjährige wurden zudem teilweise als „schwererziehbar“ beschrieben (vgl. Wendt, 1981, S. 437). Die sogenannte „sexuelle Verwahrlosung“, die mit der Diagnose „h. w. G.“, kurz für „häufig wechselnde Geschlechtspartner“, codiert wurde, konnte schnell eine mehrjährige geschlossene Unterbringung zur Folge haben (vgl. Wallner, 2010, S. 53). Auch in Mädchenheimen war Gewalt durch Erzieherinnen und Erzieher an der Tagesordnung (vgl. Eilert, 2012, S. 76). Klees-Möller betrachtet die in der Vergangenheit unternommenen Versuche, die Bedarfslagen der Klientinnen in Mutter-Kind-Einrichtungen einheitlich zu charakterisieren, mit großer Skepsis. Begriffe wie „Erziehungsdefizit“, „Problemlage“, „Beziehungsunfähigkeit“ oder „psychische Auffälligkeit“ führten nicht zu einer differenzierten Beschreibung der individuellen Lebenslagen (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 24). Da im wissenschaftlichen Diskurs – entsprechend gängigen Geschlechterrollenbildern – Müttern nachgesagt wurde, eher fürsorglich zu sein, während Vätern unterstellt wurde, besser Grenzen setzen und Autorität zeigen zu können, sei Alleinerziehenden häufig die Fähigkeit abgesprochen worden, in beiden Gebieten über Kompetenz zu verfügen (vgl. Rinken, 2009, S. 226). Man nahm an, das Aufwachsen mit einem Elternteil brächte Defizite in der Kindesentwicklung hervor (vgl. Sabla, 2008, S. 27). In der jungen BRD gelang es der Frauenbewegung wiederzuerstarken. Während noch 1949 im neu erlassenen GG dem Mann das Alleinvertretungsrecht bei der „el- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 110 terlichen Gewalt“44 eingeräumt wurde, erwirkte die Frauenbewegung gegen den erbitterten Widerstand der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, dass 1958 ein Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Kraft trat (vgl. Prchal, 2002, S. 58; Rinken, 2009, S. 228). In der DDR wurde die Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensgebieten bereits im Jahr 1949 in die Verfassung aufgenommen (vgl. Prchal, 2002, S. 64–68; Rinken, 2009, S. 227). Gemäß den Forschungsergebnissen von Wallner stieg während der Besatzungszeit in Deutschland die Infektionsrate sexuell übertragbarer Krankheiten bei Mädchen an. Betroffene liefen aus Angst vor den Konsequenzen von den Eltern weg. Wurden sie aufgegriffen, brachte man sie in Fürsorgeheime, damit sich die Infektionen nicht weiterverbreiteten. In vielen Fällen hatten die Mädchen die Hoffnung gehegt, einen heiratswilligen Soldaten zu treffen und mit diesem ihrem Elend in der Heimat zu entfliehen (vgl. Wallner, 2010, S. 52). Fremdunterbringung im Allgemeinen und geschlossene Unterbringung im Besonderen wurden als staatliches Instrument genutzt, um weibliche Sexualität vor der Ehe zu unterbinden und an der traditionellen Rollenteilung festhalten zu können (vgl. Wallner, 2010, S. 53). Ein eindrucksvolles Zeitdokument ist beispielsweise der Bericht zweier Fürsorgerinnen des Außendienstes der weiblichen „Gefährdetenfürsorge“ aus Bremen, der am 23. Juli 1945 vom Senator für das Wohlfahrtswesen der amerikanischen Enklave Bremen, Wilhelm Kaisen, SPD, Herrn Major Galperin mit empfehlenden Grüßen überreicht wurde. In ihm forderten die Fürsorgerinnen, den immer „frecher und schamloser“ „unsittlich lebenden Frauen und Mädchen“ ein „planmäßiges und schlagkräftiges Arbeiten des Jugendamtes“ entgegenzusetzen (vgl. Bericht zweier Fürsorgerinnen des Außendienstes der weiblichen Gefährdetenfürsorge, 1945, zitiert nach Blandow, 1989, S. 125). Die Autorinnen wünschten sich unter anderem die Schaffung von Möglichkeiten für die tägliche „Erfassung“ der Jugendlichen im Bereich der Hautklinik, bei der Sittenpolizei und am Bahnhof, für einen fluchtsicheren Transport von „älteren ungebesserten Mädchen“ in auswärtige Heime oder für unbürokratischen Sorgerechtsentzug bei Weigerung der Eltern der Jugendlichen, der Verlegung zuzustimmen (vgl. ebd., S. 126). Das Bild der Lolita, eines Mädchens, welches frei von jeder Moral Männer verführt, beherrschte die Vorstellung der pädagogischen Fachkräfte und begründete das Erziehungsprinzip der Bestrafung (vgl. Wallner, 2010, S. 43). In sogenannten „Versorgungshäusern für gefallene Mädchen“, kamen Mädchen und junge Frauen unter, die – zum Teil nach Vergewaltigung – unverheiratet schwanger wurden (vgl. Meyer, 1993, S. 388; Wallner, 2010, S. 52). Die Mütter wurden so lange in der Unterkunft beherbergt, bis das Kind in eine Pflegestelle oder ein Heim vermittelt werden konnte (vgl. Gohde, 1999, S. 1). Die Institutionen wurden häufig von christlichen, vor allem von katholischen Initiativen getragen (vgl. Meyer, 1993, S. 2) und waren für viele der jungen Frauen die einzige Möglichkeit, sich und ihr Kind zu ernähren. Gleichzeitig besiegelten sie ihre Etikettierung als triebhaft, lüstern, unbeherrscht und unsittlich (vgl. Gaffron, 2009, S. 57; Wallner, 2010, S. 52). 44 Der Begriff der „elterlichen Gewalt“ wurde erst 1980 im Rahmen der Sorgerechtsreform durch „elterliche Sorge“ ersetzt. 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 111 Gohde ermittelte, die schlechten hygienischen Verhältnisse in Heimen für „gefallene“ Mädchen führten teilweise zu einer Sterblichkeit der dort untergebrachten Neugeborenen und Kleinkinder von 95 Prozent. Da dieser Zustand schon damals von Medizinerinnen und Medizinern kritisiert wurde, forcierte man in den Säuglingsstationen eine Verringerung der Sterblichkeit durch bessere Hygienemaßnahmen. Mit der Einhaltung strengerer Hygieneregeln habe das Prinzip gegolten, enge Berührungen und Zärtlichkeiten vorsichtshalber zu vermeiden, um Infektionsgefahren von anderen Personen auszuschließen (vgl. Gohde, 1999, S. 1). Vordergründig mit Bemühungen um Hygiene begründet, in Wahrheit auch als Disziplinierungsmaßnahme, wurden ledige Mütter nahezu ausschließlich getrennt von ihren Kindern untergebracht und verpflegt (vgl. Gohde, 1999, S. 1; Meyer, 1993, S. 2; Prchal, 2002, S. 107). Während sie einer Beschäftigung nachgehen mussten, seien die Kinder rund um die Uhr von Krankenschwestern versorgt worden (vgl. Prchal, 2002, S. 107). Willkürliche Kontrollmaßnahmen durch das pädagogische Personal sowie das Fehlen demokratischer Prinzipien bei der Entscheidungsfindung waren kennzeichnend für den Alltag in den Einrichtungen (vgl. Prchal, 2002, S. 107). Die Einrichtungen entsprachen „totalen Institutionen“, wie Goffman sie in seinem Buch „Asyle“ (vgl. Goffman, 1981) beschrieb: Sie lagen meist isoliert und versorgten ihre Klientel rundum, was jeglichen Kontakt nach außen überflüssig machte (vgl. Prchal, 2002, S. 107). Mehringer, ein Reformer der deutschen Heimerziehung, kritisierte nach einem Besuch in einem Säuglingsheim die Konzentration auf die rein funktionale körperliche Versorgung der Kinder.45 In der Folge dieser Behandlung litten die Kinder unter einem neuen Krankheitsbild, das erst später46 als psychischer Hospitalismus identifiziert wurde (vgl. Rieländer, 1982, S. 6). Gemäß Wallners Analyse waren überproportional häufig Mädchen aus niedrigeren sozialen Schichten von Heimeinweisungen betroffen, da die besonders strikte 45 Er sah „die verlassenen Säuglinge in den Reihenbetten, vergeblich auf den Menschen wartend, der ihnen das erste Lachen entlockt […]; das serienmäßige Füttern, Töpfen, Windeln; das zwischen die Knie gezwängte Kind, dem mit abgewandtem Gesicht im Routinetempo Brei in den Mund gestopft wird; wie da bei den allzu vielen niemand ist, der Zeit hat, das einzelne kleine Wesen langsam zu füttern, es auf den Arm zu nehmen, mit ihm zu lachen […]; 15 und mehr Rutscher (welch herrliches Eroberungsalter) in einem Raum, jeder einzelne unbemuttert, der Konkurrenz der Masse ausgeliefert; das schon 2jährige, das mit vielen anderen schon eine Stunde auf dem Topf sitzt, im Blickkontakt sich einen Augenblick wahrgenommen fühlt und dann verzweifelt losschreit, weil man es nicht nimmt […]; wie das verlassene Kind sich dann in sich selbst zurückzieht, in ticartigen Bewegungen den Kopf kreist und auf den Boden schlägt […]; wie sich die Menschen […] an diese grausame Welt gewöhnen, wie sie verkrusten, ihr natürliches Empfinden für das einzelne Kind verlieren […], wie dann die Kleinen in diesen eindrücklichsten ersten 3 Jahren ‚nur Schürzen‘ kennen, weil sie auch noch von Station zu Station versetzt werden, also eine einmal gewonnene kleine Beziehung immer wieder abgebrochen wird“ (Mehringer, 1966, S. 196 f.). 46 Zwar zog der Pädiater von Pfaundler bereits 1909 erstmals (vgl. Kester, 1979, S. 103; Rieländer, 1982, S. 3) in Betracht, für die Deprivationserscheinungen könnten die Trennung der Kinder von der Mutter und das anonyme Aufwachsen in der Massenfürsorge verantwortlich sein, und kritisierte die fließbandähnliche Organisation der Anstaltspflege, die eine Berücksichtigung individueller Bedürfnisse unmöglich mache (vgl. von Pfaundler, 1974, S. 50), allerdings wurden seine Erkenntnisse in den pädagogischen und medizinischen Disziplinen bis in die späten 1960er Jahre ignoriert (vgl. Rieländer, 1982, S. 3). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 112 Kontrolle in den Elternhäusern und die frustrierende materielle, schulische und berufliche Situation ein Ausbrechen aus diesen Bedingungen förderte. Ferner verfügten Eltern aus der Mittelschicht über andere Möglichkeiten der Kontrolle über ihre Töchter, beispielsweise durch Internatserziehung und die stärkere Befriedigung materieller Bedürfnisse (vgl. Wallner, 2010, S. 55). In der Nachkriegszeit änderte sich weiterhin nichts daran, dass – obwohl in den Spezialfürsorgen für Alkoholabhängige und Wohnungslose Männer auffällig dominierten – eine theoretische und konzeptionelle Bearbeitung dieses Phänomens unterblieb. Bis in die 1970er Jahre hinein existierte kein spezifisches Bewusstsein bezüglich geschlechterspezifischer Bedarfe der Klientel. Es wurde davon ausgegangen, dass der „typische Mann“ keine Probleme „hatte“ bzw. „machte“, bzw. wenn er sie hatte, sollte er in der Lage sein, sie selbst zu lösen. Von staatlicher Seite wurde ihm eher materiell als immateriell geholfen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 16). Entwicklungen in Ostdeutschland Nach Kappeler gab es viele Übereinstimmungen der Heimerziehung in der bürgerlichkapitalistischen BRD und der sozialistischen DDR in den Jahrzehnten der Parallelexistenz: In beiden Systemen stand im Mittelpunkt die Disziplin, entsprechend lauteten die Erziehungsziele und waren die Erziehungsmethoden. Als entscheidende Grundlage für die Beurteilung eines Kindes diente in der BRD wie in der DDR der Grad der Abweichung von der gesellschaftlich definierten Norm. So wurden als Einweisungsgründe in beiden Staaten vornehmlich Begrifflichkeiten wie „Schwererziehbarkeit“ oder „Verwahrlosung“ genutzt, die Organisationsstruktur der Heime und die in ihnen praktizierten Erziehungsmethoden waren ähnlich (vgl. Kappeler, 2008). Im Unterschied zur BRD wurde in der DDR die strikte Normorientierung ganz offen ideologisch-staatstheoretisch begründet (vgl. Kappeler, 2008). Während in Westdeutschland vor allem in den 1950er Jahren von den Jugendämtern und Gerichten eine vor- oder überrechtliche christlich fundierte Sittenlehre herangezogen wurde, um tadelnswertes Verhalten zu identifizieren, war in der DDR zu jeder Zeit ihres Bestehens rechtlich geregelt und damit von Staats wegen bzw. durch die Parteigremien festgelegt, welche Verhaltensweisen als gesellschaftsgefährdend und unerwünscht angesehen wurden (vgl. Wapler, 2012, S. 65). Die Grenzen zwischen Jugendhilfe und Strafverfolgung waren während des gesamten Bestehens der DDR fließend. Die oben genannten als abweichend geltenden Verhaltensweisen konnten zu polizeilicher, straf- und ordnungsrechtlicher Verfolgung sowie zur Verhandlung vor gesellschaftlichen Gerichten, aber auch zu erzieherischen Maßnahmen führen. Die Vorstellung der staatlichen Führung ging dahin, ein ganzes Bündel rechtlicher Maßnahmen vorzuhalten, die alle dasselbe Ziel verfolgten, die Kinder und Jugendlichen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu formen (vgl. ebd.). Als abweichend galten „Rowdytum“ und „asoziales Verhalten“. Außerdem wurden westlich orientierte oder als westlich eingeordnete Subkulturen bekämpft (vgl. ebd., S. 66). Als asoziales Verhalten galt bei Mädchen und jungen Frauen auch, wenn sie ihre 5.3.6 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 113 Partner häufig wechselten. Strafbar war zwar nur die gewerbsmäßige Prostitution. Das Verhalten des sogenannten „häufig wechselnden Geschlechtsverkehrs“ ist als Grund für Heimeinweisungen von Mädchen, jungen Frauen und alleinerziehenden Müttern auch für die DDR dokumentiert (vgl. ebd., S. 67). Laudien und Sachse zufolge war physische Gewalt in vielen DDR-Heimen Alltag und hatte in manchen Einrichtungen eine Tendenz zur Folter, konnte lebensbedrohlich sein und hatte zum Teil eine auf die Zerstörung der Integrität der Person gerichtete Absicht. Kinderarbeit – Arbeit durch Kinder unter 14 Jahren – war an der Tagesordnung und führte teilweise zu körperlich und seelisch nachhaltiger Erschöpfung und Versehrung. Zwangsarbeit war zeitweilig eine Methode der Umerziehung (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 261). Weitere gewaltsame staatliche Maßnahmen, wie Zwangsadoptionen von Kindern (vgl. Warnecke, 2010), überwiegend von solchen, deren Eltern in den Westen geflüchtet waren, oder angeordnete Schwangerschaftsabbrüche, die bei Heimkindern vorgenommen wurden, sind dokumentiert (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 365). Diese Phänomene seien politisch gewolltes Unrecht und markierten ein Moment sozialistischer Politik. Sie wurden auf höchster Ebene im Ministerium für Volksbildung entworfen und angeordnet (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 261). Anders als in der BRD bestand in der DDR kein Widerspruchsrecht der Eltern gegen eine Heimeinweisung. Es gab Möglichkeiten, Eingaben zu machen, aber kein durchsetzbares Recht, denn die Familiengerichte waren abgeschafft. Sack und Ebbinghaus zufolge wurden die Hintergründe für das oft nachvollziehbare Verhalten der Kinder und Jugendlichen vor der Aufnahme nicht immer ausreichend differenziert betrachtet. Auch sei oft pauschal die Internierung im Heim forciert und nicht ausreichend geklärt worden, welche anderen Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen möglich gewesen wären. Es muss deshalb angenommen werden, dass das Instrument Heimaufnahme häufig zu unkritisch zur Anwendung kam und zu wenig hinterfragt wurde. Die Jugendhilfe der DDR war oft nur ein Instrument der Disziplinierung von Jugendlichen (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 308). Kinder alleinerziehender Mütter trugen ein besonderes Risiko für eine Heimeinweisung (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 308). Für Säuglinge und Kleinkinder im Alter bis zum vollendeten dritten Lebensjahr gab es in der DDR sogenannte „Dauerheime“. Sie müssen von den „Wochenkrippen“ unterschieden werden, in denen die Kinder berufstätiger Eltern von montags bis freitags betreut wurden. In Dauerheimen wurden Kinder ständig untergebracht, auch an Sonn- und Feiertagen. Beide Heimarten wurden ab 1951 von den Organen des Gesundheitswesens verwaltet (vgl. Wapler, 2012, S. 29). Im Zuge mehrfacher Umstrukturierungen wurden den Referaten Jugendhilfe/Heimerziehung Anfang der 1950er Jahre eine Reihe von Kompetenzen entzogen und später wieder übertragen (Vormundschafts-, Pflegschafts-, Beistands-, Adoptions- und Pflegekinderwesen). Darauf ist besonders hinzuweisen, weil bei der Rückübertragung bei Säuglingsheimen Mischkompetenzen entstanden, welche die spätere Heimlandschaft in der DDR nachhaltig prägten (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 160). Die erste Verordnung über die Heimerziehung von Kindern und Jugendlichen vom Juli 1951 nahm Kinder bis zu drei Jahren von der Verantwortung des Ministeriums für Volksbildung aus. Die Verordnung ließ 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 114 offen, welche Institution für diese Altersgruppe zuständig war. Die Aufgabengebiete Vormundschafts-, Pflegschafts-, Beistands-, Adoptions- und Pflegekinderwesen wurden dem Gesundheitswesen zugeordnet. Ab Mai 1953 gingen sie wieder in die Zuständigkeit der Jugendhilfe über (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 208). Die unterschiedliche institutionelle Zuordnung – bedingt durch das zentrale Planungssystem – führte zu organisatorischen Schwierigkeiten beim Übergang von den Dauerheimen in die Normalkinderheime. Während die Jugendhilfe Dauerheime ausschließlich zur permanenten Unterbringung von Säuglingen und Kleinkindern nutzen wollte, die durch die eigene Behörde als gefährdet eingestuft wurden, bestand das Gesundheitswesen daneben auf die Unterbringung von Kindern, deren Eltern in Schichten arbeiteten oder sich sonst nicht regelmäßig um ihre Kinder kümmern konnten. Beide Fallgruppen scheinen nach bisherigen Erkenntnissen bis zum Ende der DDR zu den Insassen der Dauerheime gehört zu haben (vgl. ebd., S. 209). Ab 1950 konnten alleinerziehende Mütter ihre Kinder auf Antrag in einem Dauerheim unterbringen, wenn sie wegen Vollzeitbeschäftigung oder Schichtarbeit nicht selbst für das Kind sorgen konnten (vgl. Wapler, 2012, S. 29). Private Pflegestellen für Säuglinge und Kleinkinder wurden damit überflüssig. Dennoch wurde um 1968 die Wiedereinführung derartiger Pflegestellen intern diskutiert, da viele Mütter, die im Schichtbetrieb arbeiteten, ihre Kinder den staatlichen Heimen nicht anvertrauen wollten (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 208). Die Möglichkeit der Unterbringung des Kindes in Dauerheimen wurde im Jahr 1973 auch auf alleinerziehende Väter und Doppelverdiener-Paare ausgedehnt (vgl. Wapler, 2012, S. 29). Dass Eltern Dauerheime als Krippenplätze nutzen wollten, geschah teilweise in so erheblichem Ausmaß, dass selbst Plätze für Notfälle nicht mehr verfügbar waren (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 209). Über die Erziehungspraxis in diesen Heimen ist bisher wenig bekannt (vgl. Wapler, 2012, S. 30). Es existieren jedoch Hinweise, dass es in Dauerheimen – wie auch in anderen Heimen in der DDR – zu einer Reihe schwerer Misshandlungen zum Teil mit Todesfolge kam. Soweit erkennbar, waren Einrichtungen für Kleinkinder durch zwangsweise Einführung von Nahrung (mit Todesfolge), Nahrungsentzug und schwere körperliche Misshandlungen beteiligt. Einige Todesfälle waren auf mangelnde Beaufsichtigung zurückzuführen (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 210). Einweisungen durch die Jugendhilfe verliefen in den 1960er Jahren zumindest punktuell chaotisch. Über ein Dauerheim in Halle an der Saale wird beispielsweise berichtet, dass nur für eines von 31 Kindern ein Sorgerechtsentzug vorlag. Alle anderen Kinder waren ohne klare Begründungen eingeliefert worden. Die Referate „Mutter und Kind“ bzw. „Jugendhilfe“ der Kommunen kümmerten sich wegen mangelnder Abgrenzung der Kompetenzen nur nachlässig um derartige Fälle, sodass eine Rückführung in die Familien regelmäßig unterblieb. Es fehlten in der Mehrzahl formale Beschlüsse oder Vereinbarungen zur Einweisung der Kinder. Absprachen mit den Eltern wurden ohne Aktennotizen auf telefonischem Wege getroffen (vgl. ebd., S. 208).47 47 In diesem Zusammenhang wird das Adoptionsverfahren wie folgt skizziert: „Von den Referaten Jugendhilfe/Heimerziehung der Kreise erhält das Säuglingsheim auch Nachricht, sobald eine Verzichts- 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 115 1970er und 1980er Jahre Nach Hofmeister, Baur und Röhler fand ab dem Ende der 1960er Jahre ein umfassender Wertewandel in der BRD statt, der die Selbstentfaltung des Einzelnen in den Mittelpunkt stellte. Die Studenten-, Frauen- und Friedensbewegungen forderten neben Chancengleichheit für Frauen am Arbeitsmarkt auch die stärkere Beteiligung von Männern an der Haus- und Erziehungsarbeit (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). Nach Prchal gelang es der Frauenbewegung während der Studentenproteste Ende der 1960er und in den 1970er Jahren, ihre Themen in öffentliche Debatten zu verwandeln. Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch wurde diskutiert und der § 219 des Strafgesetzbuchs (StGB) infrage gestellt, der zusätzlich zum Schwangerschaftsabbruch Empfängnisverhütung verbot (vgl. Prchal, 2002, S. 58). Die Darstellung von Beweggründen von Frauen für eine Abtreibung sollte verdeutlichen, dass soziale und wirtschaftliche Einbußen für Frauen durch die Kinderversorgung und -erziehung von den sozialpolitischen Programmen nicht beseitigt wurden. Neben den oben genannten Themen wurden in der BRD Gewalt gegen Frauen und die Gleichstellung von homosexuellen Menschen erörtert (vgl. Prchal, 2002, S. 61). Nach Ostner stand in dieser Zeit die jüngere Generation ihren Vätern kritisch gegenüber. Eine große Anzahl junger Erwachsener warf den männlichen Elternteilen Versagen vor, waren diese doch in vielen Fällen Anhänger des Nationalsozialismus gewesen. Während die Älteren nach dem Krieg ihre Taten verdrängten und verschwiegen, diskutierte die 68er-Bewegung in der BRD die Rolle ihrer Väter vor allem in negativen Kategorien (vgl. Ostner, 2005, S. 47). Frauen wollten ihr Leben nach eigenen Vorstellungen und Interessen gestalten und waren immer seltener dazu bereit, sich Unterdrückung durch ihre Partner gefallen zu lassen (vgl. Meyer, 1993, S. 389). Die wichtigsten Indikatoren dieser Trends waren der starke Rückgang der Geburtenzahlen, die Zunahme der Scheidungen, die Abnahme der Heiraten, der damit verbundene Bedeutungsverlust der Ehe, die steigende Zahl der außerhalb einer Ehe geborenen Kinder und die Anerkennung alternativer Formen der Partnerschaft und Elternschaft (vgl. Gerhard, 2011, S. 9). Während es in den 1960er Jahren prinzipiell üblich war, Mutter und Kind in Heimen getrennt unterzubringen, zeigte sich Ende der 1970er Jahre ein anderes Bild. Kester zufolge wurde ab diesem Zeitpunkt lediglich noch ein kleiner Teil der Mütter und Kinder voneinander separiert. 80,2 Prozent des befragten Personals in den Einrichtungen sprachen sich für eine gemeinsame Unterbringung aus (vgl. Kester, 1979, S. 151). Verschiedene Wohn- und Betreuungsformen – darunter solche mit flexiblen Betreuungszeiten – wie Außenwohngruppen, Wohngemeinschaften und Betreutes Wohnen wurden aufgebaut und der Klientel angeboten (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Kester, 1979, S. 151; Klees-Möller, 1993, S. 148–154; Prchal, 2002, S. 107; Winkelmann, 2000, S. 371). 5.3.7 erklärung der Erziehungsberechtigten für ihr im Heim befindliches Kind vorliegt. Die leiblichen Eltern erhalten dann von der Heimfürsorgerin eine Aufforderung zu einer nochmaligen Aussprache. Beharren diese auf ihrem Entschluß, so wird das zu adoptierende Kind Eltern, die von der Heimleitung ausgewählt werden, übergeben“ (zitiert nach Laudien & Sachse, 2012, S. 209). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 116 Die Häuser wurden oft an andere Einrichtungen der Jugend- und Erziehungshilfe angegliedert, beispielsweise an Mädchenwohnheime (vgl. Meyer, 1993, S. 2; Wendt, 1981, S. 414). Gemäß den Untersuchungsergebnissen einer Studie von Wendt sank die durchschnittliche Kapazität der Häuser in den 1970er Jahren, lag aber nach wie vor bei über fünfzig Plätzen pro Einrichtung (vgl. Wendt, 1981, S. 414)48. Die meisten neuen Wohnungen für Mutter und Kind hatten eine Küche und luden zur Selbstversorgung ein. In wachsendem Maß wurden die Frauen an Entscheidungen und Regelbeschlüssen der Organisation beteiligt (vgl. Kester, 1979, S. 151; Prchal, 2002, S. 107). Beim Bau der ersten Heime mit Apartments für Mutter und Kind hatte man allerdings oft auf die Abgrenzung eines gesonderten Bereichs für das Kind verzichtet. Selbst nach der Umstrukturierung der Heime wohnten somit die Alleinerziehenden meist gemeinsam mit ihren Kindern in einem einzigen Zimmer (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 22; Wallner, 2010, S. 56; Wendt, 1981, S. 440). Eine Mutter konnte weder ihr Kind in diesen Räumlichkeiten schützen, wenn es zu Störungen – zum Beispiel Lärm – kam, noch sich selbst zurückziehen, wenn sie Ruhe brauchte (vgl. Wendt, 1981, S. 440). Die Wohnsituation führe zu Konflikten zwischen den Bewohnerinnen sowie zwischen Müttern und Kindern, schränke Besuchsmöglichkeiten durch Partner ein und erschwere Zweisamkeit sowie sexuelle Kontakte mit dem Partner (vgl. Klees- Möller, 1991, S. 22; Wendt, 1981, S. 440). Während – wie Meyer darlegt – das Wissen über Fragen der Sexualität und Schwangerschaftsverhütung zur Zeit der sexuellen Revolution in den 1970er Jahren wuchs, nahm die Stigmatisierung lediger bzw. alleinerziehender Mütter ab. Vorurteile gegenüber Alleinerziehenden seien keine in weiten Teilen der Gesellschaft gebilligten Grundsätze mehr gewesen. Infolgedessen veränderte sich im Lauf der Geschichte die Zielgruppe der Mutter-Kind-Einrichtungen: Die Altersstruktur der Frauen verschob sich nach oben; die Schwangerschaft war nicht mehr der Hauptgrund für die Unterstützungsleistung durch das Hilfesystem (vgl. Meyer, 1993, S. 388). Rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen schützten unverheiratete Mütter in den 1970er Jahren kaum. In der Folge konnten sich die Kindsväter leicht einer Unterhaltszahlungspflicht entziehen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 18; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 231). Für Mutter-Kind-Einrichtungen führte die Diskussion um den Abtreibungsparagraphen§ 218 StGB zu öffentlicher Aufmerksamkeit und zunächst zu einem „diffuse[n] Wohlwollen“ (Meyer, 1993, S. 2) gegenüber den Heimen, da sie als gut geeignete Alternative zu Schwangerschaftsabbrüchen erschienen. Die positive Einstellung der Öffentlichkeit wich im weiteren zeitlichen Verlauf einer kritischen Haltung gegenüber den institutionellen Bedingungen und pädagogischen Konzepten (vgl. Wallner, 2010, S. 56). Die Kritik wandte sich gegen die ungünstigen Entwicklungsbedingungen der Heimbewohnerinnen und -bewohner, die Ineffizienz der pädagogischen Maßnahmen 48 Vergleicht man die Angaben von Wendt mit denen einer Untersuchung aus England von Nicholson (1968, S. 26) fällt auf, dass die englischen Einrichtungen etwa zur selben Zeit im Durchschnitt über 13 Plätze verfügten. Es kann vermutet werden, dass deutsche Mutter-Kind-Einrichtungen im europäischen Vergleich relativ spät verkleinert wurden. 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 117 und die unterstellte Funktion der Heimerziehung als Disziplinierungsinstrument der bürgerlichen Gesellschaft (vgl. Kester, 1979, S. 150). Man warf den Leistungsträgern und -erbringern vor, die jungen Frauen über harte Strafen und die Mobilisierung von Schuldgefühlen von weiteren Sexualkontakten abhalten zu wollen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 9). Die Debatte nahm vor allem aufgrund des von Ulrike Meinhof im Frühjahr 1970 produzierten Films Bambule über das Westberliner Fürsorgeheim „Eichenhof “, in dem sie die Arbeit der sogenannten Fürsorgeerziehung kritisierte, an Fahrt auf. Im Jahr darauf veröffentlichte sie das Drehbuch zum Film unter dem Titel Bambule. Fürsorge – Sorge für wen? (vgl. Meinhof, 1971). Der Film sollte ursprünglich im Mai 1970 von der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) ausgestrahlt werden. Da Ulrike Meinhof allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits wegen der Beteiligung an der Befreiung des Gefangenen Andreas Baader, bei der ein Angestellter der Justizvollzugsanstalt angeschossen und schwer verletzt worden war, steckbrieflich wegen Mordverdachts gesucht wurde, setzte die ARD den Film ab (vgl. Wagenbach, 1971, S. 103). Erst ab 1994 lief der Film in den dritten Programmen im Fernsehen. Auf die Kritik von Meinhof hin veröffentlichten im Jahr 1973 Mitarbeiterinnen eines geschlossenen Mädchenheims in Westberlin – Ollenhauerstraße 128 – in einer Fachzeitschrift eine Dokumentation ihres Arbeitsalltags im Umgang mit den Mädchen. Die Veröffentlichung war anonym, da die Erzieherinnen um ihren Arbeitsplatz fürchteten, wenn bekannt würde, wer das Innenleben der Einrichtung an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Sie kritisierten den Alltag wie folgt: „Nirgendwo wird in Sozialisationsprozessen eine so klare geschlechtsspezifische Rollendressur durchgeführt wie in Erziehungsheimen. […] Regelungen des Ausganges, äußeres Erscheinungsbild, Regeln des Umgangs mit Freunden, bzw. anderen männlichen Personen, sind in keinen Einrichtungen so spezifisch geregelt wie in Heimen für Mädchen. Nirgendwo in anderen Heimen ist die Sexualunterdrückung so massiv wie in Mädchenheimen“ (Heimerzieherzeitschrift, 1973, S. 13). Der Verband Alleinstehender Mütter und Väter riet im Jahr 1977, Wohnheime für Schwangere und Mütter als vorübergehende Notlösung anzusehen. Die Mädchen bzw. Frauen seien dort „abhängiger und isolierter als bei fast jeder anderen Lösung“ (Verband Alleinstehender Mütter und Väter e. V., 1977, S. 38). Tatsächlich sank in den 1970er und 1980er Jahren die Anzahl der Plätze in Mutter-Kind-Einrichtungen (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 19), da die Leistungsträger sich mit der Bewilligung von Hilfen zögerlich verhielten (vgl. Weidle, 1991, S. 15). Zur gleichen Zeit entstanden die ersten pädagogisch orientierten Angebote (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Gaffron, 2009, S. 57; Wallner, 2010, S. 53; Winkelmann, 2000, S. 371), meist in Großstädten (vgl. Meyer, 1993, S. 2). Eine Reformbewegung wie die Heimkampagne, und damit eine zunehmende Einflussnahme von außen auf das Heimwesen wie in der BRD, fand in der DDR nicht statt (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 309). In der DDR habe sich erst in den 1980er Jahren eine staatskritische Frauenbewegung etabliert. Die Anhängerinnen und Anhänger hätten vornehmlich gegen ein neues Wehrdienstgesetz protestiert, welches die Wehrpflicht für Frauen vorgesehen habe. Den Ausschluss von Männern aus Vereinigungen der Frauenbewe- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 118 gung sahen die ostdeutschen Frauengruppen im Gegensatz zu den Westdeutschen nicht vor (vgl. Prchal, 2002, S. 64–68). Die Reformbewegungen griffen jedoch auch in der BRD nicht sofort: Mädchen wurden – so Wallner – noch längere Zeit wesentlich häufiger geschlossen untergebracht als Jungen. Im Jahr 1975 habe es in 48,5 Prozent der Mädchenheime geschlossene Gruppen gegeben, während solche Strukturen lediglich in 15,4 Prozent der Jungenheime und in 5 Prozent der koedukativen Einrichtungen vorkamen. Zur gleichen Zeit lebten etwa 42,8 Prozent der Mädchen in geschlossenen Gruppen im Gegensatz zu 4,1 Prozent der Jungen (vgl. Wallner, 2010, S. 43). In Heimen für „gefallene Mädchen“ seien die Bewohnerinnen besonders streng isoliert und deren Tagesablauf vollständig reglementiert worden, damit sichergestellt war, dass die Mädchen sexuell abstinent lebten. Von Jungen, die aufgrund früher Sexualkontakte und jugendlicher Vaterschaft mit Heimeinweisung oder geschlossener Unterbringung bestraft wurden, ist nichts bekannt (vgl. Wallner, 2010, S. 56). Kenntnisse über Verhütungsmethoden seien meist nicht weit verbreitet gewesen. Wie Bier-Fleiter und Grossmann zeigten, hatte die Mehrheit der in Mutter-Kind-Einrichtungen lebenden Frauen und Mädchen (neun von 17) vor der Geburt ihres ersten Kindes noch nie empfängnisverhütende Mittel verwandt. In fünf Fällen war der Vater des Kindes der erste Geschlechtspartner. Bei den Befragten hätte die Auffassung vorgeherrscht, eine Schwangerschaft könne nicht so schnell passieren. Zudem hätte der Partner versprochen „aufzupassen“ (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 43). Analysen der Biographien von Bewohnerinnen einer Mutter-Kind-Einrichtung zeigten, dass die Frauen und Mädchen häufig aufgrund unzureichender Verhütung schwanger geworden waren (vgl. Kappen, 1990, S. 145). In den 1970er Jahren seien lediglich wenige Ärzte bereit gewesen, unverheirateten Frauen die Pille zu verschreiben. Da vor der Reform des § 218 StGB jeder Schwangerschaftsabbruch strafbar war, sahen sich viele schwangere Mädchen gezwungen, das Kind auszutragen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 18). Während es der Frauenbewegung und anderen gesellschaftskritischen Gruppen für die Soziale Arbeit und in betrieblichen und verbandlichen Strukturen gelang, in der nachfolgenden Zeit eine flächendeckende Infrastruktur an sozialen Hilfen für Mädchen und Frauen zu etablieren, wurde eine Förderung von Hilfen für Männer weiterhin nicht in Betracht gezogen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 16). 1990er Jahre Nach der Wende trat im Oktober 1990 in den neuen und zu Beginn des Jahres 1991 in den alten Bundesländern das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft. Sämtliche Säuglingsheime und Einrichtungen für Kleinkinder sollten durch flexiblere Formen der Hilfen – vor allem durch ambulante Maßnahmen – ersetzt werden (vgl. Prchal, 2002, S. 134). In der Begründung zum Gesetzestext des § 19 SGB VIII wurde klargestellt, dass mit dieser Vorschrift das bestehende Angebot an Mutter-Kind-Einrichtungen und an anderen für diese Bedarfslagen geschaffenen Wohnformen wie Außen- 5.3.8 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 119 wohngruppen gesetzlich abgesichert werden sollte (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 99). Im Zuge eines Änderungsgesetzes wurde 1993 die Überschrift des § 19 SGB VIII von „Vater/Mutter-Kind-Einrichtungen“ in „Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder“ umbenannt (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 99). Trotz erster Reformen blieben die Angebote für Mütter bzw. Väter und Kind bis in die 1990er Jahre hinein weiterhin latent strafend (vgl. Wallner, 2010, S. 56). Klees-Möller zufolge wurde Ende der 1980er Jahre zwar seltener als in den 1970er Jahren, aber dennoch zuweilen „sexuelle Auffälligkeit“ oder „sexuelle Gefährdung“ der Mütter bzw. Schwangeren diagnostiziert und als Grund für die Aufnahmen angegeben. Die Formulierungen ließen darauf schließen, dass das Personal der Einrichtungen weiterhin gängigen Geschlechterstereotypen unkritisch gegenüberstehe (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 27). Ob sich die traditionellen Geschlechterrollen- und Familienbilder seit der Wende auflösen, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Insgesamt sei seither eine Pluralisierung der Lebensformen und -vorstellungen zu beobachten, auch in Bezug auf die Vaterrolle (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). Der Trend wurde nach Klees-Möller insbesondere dadurch verstärkt, dass sich das in Westdeutschland vorherrschende Ideal der nichtberufstätigen Frau selten umsetzen ließ, da die Familien häufig auf die Einkünfte beider Eltern angewiesen waren. Weiterhin konnte die zunächst vermutete Schädlichkeit der Arbeitstätigkeit von Müttern für die Kindesentwicklung nicht nachgewiesen werden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Gleichzeitig suchten, so Klees-Möller, mehr Väter ihren Lebenssinn innerhalb der Familie. Weil die Männer in ihren Berufen in vielen Fällen weitgehend von ihrer Arbeitstätigkeit entfremdet seien, wachse die Hoffnung, innerhalb der Familie Erfüllung und Lebenssinn zu finden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Allerdings, so die Kritik, werde im institutionellen Gefüge in Westdeutschland – seit den 1960er Jahren bis heute unverändert – ganz im Gegensatz zur individuellen Lebensgestaltung an der Ausrichtung auf traditionelle Geschlechterrollen festgehalten (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Klees-Möller, 1993, S. 148–154). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 120 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit Zur Vorbereitung der vorliegenden Untersuchung wurde der Frage nachgegangen, ob und ggf. wie Männer in der Vergangenheit aus dem Alltag in den Einrichtungen ausgegrenzt wurden. Dazu wurden Forschungsergebnisse aus den in Abschnitt 5.1 genannten Studien systematisch mit dem Blick auf Hinweise auf Regelungen in Bezug auf Männer durchsucht. Da nur wenige Forschungsergebnisse zur Praxis in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen herangezogen werden können, wurden auch Berichte aus der aktuellen Praxis ausgewertet und analysiert. Vor allem Berichte von Fachkräften einzelner Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, Interviews mit Expertinnen und Dokumentationen von Fachtagungen (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996; Burger, 1991; Garst, 2001; Gruber, 1994; Hespelt, 2009, 2013; Horn-Wagner, 1991; Kawalek, Milster & Tack, 2006; Weller, 1991; Zacharias, 1991) geben über die Hausregeln in einzelnen Einrichtungen und über den Umgang mit Männern im Alltag Auskunft. In der Vergangenheit wurden (soziale) Väter lediglich in wenigen Mutter-Kind-Einrichtungen in den Gruppenalltag einbezogen, meist wurden die Männer durch strenge Hausregeln aus dem Alltag ausgeschlossen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172). Lebenslage der (sozialen) Väter Wie bereits in der Einleitung erwähnt, fehlen Analysen zur Frage nach dem Ausmaß der Nutzung der Einrichtungen nach § 19 SGB VIII durch Männer und den Bedarfen der (sozialen) Väter von Kindern, die in diesen Einrichtungen untergebracht wurden, bisher völlig. Um trotzdem einen ersten Eindruck zu erlangen, welche Bedarfe die Männer haben könnten, wurden im folgenden Abschnitt die oben genannten Dokumente systematisch nach Informationen über die Lebenssituation der Partner der Frauen und der Kindsväter durchsucht. Die Analyse der Fundstellen deutet auf überwiegend prekäre Lebenssituationen der (sozialen) Väter hin. Es ist von Männern die Rede, die zum Teil alkohol- oder drogenabhängig (vgl. Hespelt, 2009, S. 82; Meyer, 1993, S. 391) bzw. bedürftig (vgl. Kester, 1979, S. 126) waren. Männer waren von Arbeitslosigkeit oder Obdachlosigkeit betroffen, gewaltbereit oder verweigerten den Schulbesuch (vgl. Hespelt, 2009, S. 82). Die pädagogischen Fachkräfte trafen auf solche, die nicht krankenversichert waren, keine Sozialleistungen erhielten und von ihren Partnerinnen finanziell versorgt wurden (vgl. ebd.). Die Biographien der (sozialen) Väter wiesen ähnlich wie die der Frauen massive Brüche auf (vgl. ebd.). Aus der Praxis heißt es, dass die Männer häufig einen ähnlich hohen Bedarf an Unterstützung hatten wie die Frauen (vgl. Gruber, 1994; Hespelt, 2013, S. 12). Ihr Hilfebedarf über- 6 6.1 121 traf zum Teil gar den ihrer Partnerinnen (vgl. Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 231). Ein Teil der Kindsväter bzw. Partner der Klientinnen nahm selbst Hilfe im Rahmen des SGB VIII in Anspruch und lebte getrennt von Partnerin und Kind in einem Heim. Viele der Klientinnen hätten hohe Ansprüche an ihre Partner, denen die Männer oft nicht gerecht werden könnten (vgl. Garst, 2001, S. 16–20; Gruber, 1994). Manche Frauen suchten in ihrem Partner einen Vaterersatz und trennten sich von ihm, wenn dieser dem Idealbild nicht entspreche. Andere suchten beim Kindsvater die Schuld für die aktuelle Lebenssituation und forderten von ihm, bei seiner Anwesenheit stets die Betreuung und Versorgung des Kindes zu übernehmen. Manche bezögen ihre Partner in ungelöste Konflikte mit Dritten ein (vgl. Gruber, 1994). Auch von Seiten der Praktikerinnen und Praktiker ist von häufigem Auftreten von Paarkonflikten bzw. Trennungen – meist bereits während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt – die Rede (vgl. Garst, 2001, S. 16–20; Gruber, 1994; Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Bei Paarkonflikten falle es den Eltern schwer, im Interesse des Kindes zu handeln und eigene Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Allerdings bereiteten die Leistungserbringer Männer bzw. Jungen indes selten auf die Vaterschaft vor (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 234). Garst, eine Mitarbeiterin des „Casa Luna“, einer Einrichtung für minderjährige Mütter und Schwangere in Bremen, berichtet, die meist selbst jungen Partner der Bewohnerinnen seien selten bereit, bei der Pflege und Erziehung der Kinder zu unterstützen. Oft stritten die jungen Männer die Vaterschaft ab. In 70 bis 90 Prozent der Fälle müsse letztere gerichtlich festgestellt werden, wobei sich nach Garsts Erfahrung bisher stets herausgestellt habe, dass der jeweilige Junge bzw. Mann tatsächlich der Vater gewesen sei (vgl. Garst, 2001, S. 16–20). Es ist allerdings auch von einzelnen Männern die Rede, die Interesse am gemeinsamen Wohnen in einer Einrichtung mit ihrer Partnerin und dem Kind hatten (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 160; Wendt, 1981, S. 461). Allerdings unterstützte pädagogisches Personal diese vermutlich lediglich selten. Die Untersuchungsergebnisse von Bier-Fleiter und Grossmann offenbaren beispielsweise, dass die pädagogischen Fachkräfte das Verhalten von zwei (jungen) Männern, die sich gegenüber den Kindern fürsorglich zeigten, negativ bewerteten, da die Väter sich nicht deren Rollenbild unterwarfen, wenn sie Emotionen zeigten und pflegerische Aufgaben übernahmen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 160). Ein weiteres Beispiel dafür, dass der Vater als Bezugsperson des Kindes nicht gefördert wurde, ermitteln Lehmann, Hiermann und von Klitzing im Rahmen einer qualitativen Untersuchung: Ein an der Pflege und Erziehung seines Sohnes interessierter Kindsvater wurde in einer Mutter-Kind-Einrichtung, in der seine minderjährige Partnerin und sein Sohn lebten, nicht besonders unterstützt. Der 19-Jährige beteiligte sich zwar beinahe täglich an der Kindererziehung und dem pädagogischen Personal fiel der Vater überdies mit „relativ guten intuitiven Kompetenzen“ auf, weil er auf die Signale des Kindes prompt und angemessen reagierte und sich ins kindliche Spiel einbeziehen ließ. Trotzdem verfolgte der Leistungserbringer keine gezielte Stärkung der Position und der stabilisierenden Anteile des Kindsvaters, die dieser in die 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 122 Familie einzubringen vermochte (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361–369). Aus der Praxis wird kritisiert, der hohe Bedarf der (sozialen) Väter an Hilfe bei gleichzeitigem Mangel an Ressourcen stelle das pädagogische Personal vor große Herausforderungen, da es schon allein bei der Betreuung der Frauen häufig an die Grenzen gerate (vgl. Gruber, 1994). Ausschluss über Hausregeln Die oben angegebenen Dokumente wurden auch in Bezug auf die Hausregeln für Männer ausgewertet. Die Ergebnisse der Analyse werden – geordnet nach den vier Aspekten „Besuchsregelungen“, „Ausgangsregelungen“, „Übernachtungsregelungen“ sowie „Kontrolle der Einhaltung der Hausregeln“ – im Folgenden dargelegt. Besuchsregelungen: Forschungen offenbaren, dass in der Vergangenheit in den meisten Mutter-Kind-Heimen Besuchsregelungen für Männer existierten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264; Wendt, 1981, S. 440).49 In manchen Häusern war es üblich, Männern den Kontakt zu den Kindern grundsätzlich zu versagen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 164). Gemäß den Daten des Dortmunder Forschungsprojektes durften Partner in manchen Einrichtungen ein- bis zweimal pro Woche – meist lediglich in einem speziellen Besuchszimmer – empfangen werden (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees- Möller, 1991, S. 28, 1993, S. 143). Höltershinken zufolge durften in Apartments oder in eigenem Wohnraum lebende Mütter und Schwangere im Vergleich zu Bewohnerinnen klassischer Heime häufiger die Dauer und den Umfang von Besuchen selbstständig regeln (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264). Ausgangsregelungen: Die Klientinnen hatten häufig stark reglementierte Ausgangszeiten (vgl. Wallner, 2010, S. 56). „Ausgang“ wurde den Müttern und Schwangeren zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Tagen gewährt (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees-Möller, 1993, S. 143) oder war im Umfang davon abhängig, wie alt die Bewohnerinnen waren bzw. wie lange sie schon in der Einrichtung wohnten (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 143). Übernachtungsregelungen: Übernachtungen von Freunden bzw. Partnern waren weitgehend verboten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264; Kappen, 1990, S. 188; Wendt, 1981, S. 440), selbst in Einrichtungen, die Settings in Apartments im eigenen Wohnraum anboten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264). In der Studie von Wendt erlaubte ausschließlich ein einzelner Leistungserbringer „Besuche von mehr als 14 Tage[n]“ mit „der einvernehmlichen Zustimmung des Hausbewohnerinnenrates und der für das Haus verantwortlichen Sozialarbeiterin“ (Wendt, 1981, S. 461). In einem geringen Teil der Hilfsangebote war das zeitweilige Zusammenwohnen der Paare (mit dem Kind) erlaubt (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269). Berichte aus der Praxis offenbaren, 6.2 49 Auch in englischen Mutter-Kind-Heimen war in den 1960er Jahren eine weitgehende Einschränkung des Herrenbesuchs üblich: “In a third of the homes, visits from boyfriends, whether or not they were the father of the child, were forbidden completely“ (Nicholson, 1968, S. 78). 6.2 Ausschluss über Hausregeln 123 dass mache Leistungserbringer Übernachtungen zumindest eingeschränkt erlaubten: In der Mutter-Kind-Einrichtung „Weraheim“ durfte gemäß eines Berichts von Zacharias der Besuch der Partner über Nacht an den Wochenenden erfolgen (vgl. Zacharias, 1991, S. 86). Die Hausordnung einer Mutter-Kind-Einrichtung in Wiesbaden erlaubte Besuche über Nacht (vgl. Burger, 1991, S. 101). Im Rahmen des Betreuten Wohnens und der Nachbetreuung in der evangelischen Einrichtung „Hardtstiftung“ in Karlsruhe-Neureut wurden gemäß einer Darstellung von Weller im Jahr 1991 die Kindsväter oder Partner „je nach Möglichkeit und Bereitschaft“ (Weller, 1991, S. 89) eingebunden. Die Beteiligung des Mannes an der Erziehung und Pflege des Kindes wurde in Betracht gezogen, „wenn dieser interessiert ist“ (Weller, 1991, S. 91). Der Leistungserbringer eröffnet dem Partner oder Kindsvater eine Übernachtungsmöglichkeit (vgl. Weller, 1991, S. 87). In der Mutter-Kind-Einrichtung „Casa Luna“ dürfen die meist jugendlichen Kindsväter und Partner die minderjährigen Klientinnen zwar im Alltag besuchen, aber nur unter bestimmten Bedingungen im Haus übernachten. Voraussetzung ist, dass der Junge ein „fester Freund“ des Mädchens und bereit ist, die Hausregeln zu akzeptieren. Zuvor müsse er regelmäßig tagsüber geholfen haben, das Kind zu versorgen. Wochentags sei die Übernachtung allein in Ausnahmefällen gestattet. Wann und wie oft der Freund am Wochenende übernachten dürfe, müsse im Einzelfall mit den Pädagoginnen vereinbart werden (vgl. Wallner, 2010, S. 68). Wallner konstatiert, es bleibe unklar, welche Kontrollinstanz entscheide, wann eine Beziehung fest genug sei, um zu erlauben, dass der Junge im Mutter-Kind-Heim übernachten dürfe (vgl. Wallner, 2010, S. 68). Kontrolle der Einhaltung der Hausregeln: Die Kontrolle der Besuche und des Ausgangs erfolgte durch Gruppenerzieherinnen oder durch einen Pförtner bzw. eine Pförtnerin (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees-Möller, 1993, S. 143; Wendt, 1981, S. 461). In manchen Häusern war es üblich, die Anmeldung von Besuchen zu verlangen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 164). Allerdings war die Kontrolle des Besucherverkehrs nicht lückenlos möglich (vgl. Wendt, 1981, S. 461). Um dem Anspruch trotzdem gerecht zu werden, griffen manche Heimleiterinnen bzw. ‑leiter zu der Methode, Bewohnerinnen der Einrichtungen indiskret über den Kontakt anderer Klientinnen zu ihren Partnern auszufragen (vgl. Wendt, 1981, S. 461). Begründungen für die Strenge der Hausregeln: Als Grund für die Ausgangsbeschränkungen wurde in erster Linie die Notwendigkeit der Versorgung der Kinder durch die Frauen angeführt (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 143). Der Ausschluss der Männer aus dem Alltag in Mutter-Kind-Einrichtungen wurde Studien zufolge mit folgenden Argumenten begründet: – Verhinderung möglicher Störung anderer Bewohnerinnen durch die Männer (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 73–76; Wendt, 1981, S. 462) – Aufbau eines Schutzraums für Klientinnen mit Gewalterfahrung durch Männer (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172); jedoch sei auffällig, dass in den Konzeptionen von Mutter-Kind-Einrichtungen selten Methoden zur Verarbeitung sexueller Gewalterfahrungen beschrieben würden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172). 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 124 – Verhinderung von Prostitution durch Erschwerung der Möglichkeit des Zutritts zum Haus für Zuhälter (vgl. Wendt, 1981, S. 462) – Schutz der Bewohnerinnen vor gewalttätigen Ausbrüchen seitens der Männer nach Abbruch der Beziehung durch die Frau (vgl. Wendt, 1981, S. 462) Eingeschränkte Möglichkeiten der Teilhabe In Studien wurde herausgefunden, dass in einem kleinen Teil der Einrichtungen manche (sozialen) Väter an folgenden Aktivitäten in eingeschränktem Umfang teilnehmen durften: – an Beratungsgesprächen bei Konflikten des Paares (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269; Prchal, 2002, S. 123) oder zur Vorbereitung der Verselbstständigung nach dem Heimaufenthalt (vgl. Wallner, 2010, S. 62) – an der Pflege und Erziehung des Kindes (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361–369) – an Freizeitangeboten und anderen Gruppenaktivitäten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269) In einer Einrichtung, die sich an einer qualitativen Studie beteiligte, wurde darauf hingearbeitet, die Partner oder Kindsväter dazu zu verpflichten, an Gruppenabenden der Frauen die Kinder zu beaufsichtigen (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269). Das Ziel, die Vater-Kind-Bindung zu stärken, verfolgten jedoch lediglich einzelne Pädagoginnen bzw. Pädagogen (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269). Klees-Möller kritisiert, Partnerschaft und Sexualität thematisiere das pädagogische Personal mit den Bewohnerinnen häufig einseitig: Meist würde ausschließlich Sexualaufklärung und Verhütungsberatung durchgeführt (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172). Sie befürchtet, das Personal könne in diesen organisationalen Strukturen mit Schwierigkeiten und Bedürfnissen von Frauen, welche nicht in das geschlechterstereotype Muster fallen, häufig nicht adäquat umgehen (vgl. ebd.). An sexualpädagogischen Konzepten fehle es generell in der Heimerziehung (vgl. ebd.). Klees- Möller wertet die Reduktion der Angebote seitens der Leistungserbringer auf Verhütung und die Tabuisierung anderer Momente von Sexualität als Orientierung an männlich geprägten Sexualnormen. Das Frauen- und Mutterbild vertrage sich nicht mit sexueller Aktivität (vgl. ebd.). Viel zu oft huldigten Pädagoginnen weiterhin Geschlechterstereotypen. Ein Bewusstsein für feministische Erkenntnisse und deren Umsetzung sei zur Sozialarbeit in Mutter-Kind-Einrichtungen bisher kaum vorgedrungen (vgl. Wendt, 1981, S. 482–484). Aufgrund des Verhaftetseins in Geschlechterstereotypen wird die Wirksamkeit des Aufenthalts in den Einrichtungen zum Teil bezweifelt (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 67; Meyer, 1993, S. 382; Swientek, 1984, S. 84; Wendt, 1981, S. 422). Bei einem Vergleich von Konzeptionen der Leistungserbringer von Hilfen nach § 19 SGB VIII konnte Prchal zeigen, dass Informationen über die Einbindung von Männern selten angeführt wurden. Wenn dies doch der Fall war, fanden Männer aus- 6.2.1 6.2 Ausschluss über Hausregeln 125 schließlich als Teilnehmer von Partner- oder Konfliktberatung Erwähnung (vgl. Prchal, 2002, S. 123). Auch in Berichten aus der Praxis der pädagogischen Arbeit in Mutter-Kind-Einrichtungen ist – wenn überhaupt – nahezu ausschließlich von der Einbindung über Beratungsgespräche bei Paarkonflikten die Rede (so etwa bei Burger, 1991, S. 101; Gruber, 1994). Ziel sei dabei die Aufarbeitung negativer Erlebnisse der Klientinnen in ihren Partnerschaften (vgl. Burger, 1991, S. 101) sowie den Männern zu vermitteln, den Bedarf der Partnerin an Nähe und Distanz sowie Grenzen anderer Bewohnerinnen in jedem Fall zu respektieren (vgl. Gruber, 1994). Ein weiterer großer Bereich für pädagogische Intervention liege darin, mit den Müttern oder Schwangeren zu reflektieren, welche Rollen sie jeweils ihren Partnern zuwiesen (vgl. Gruber, 1994). Aus der Analyse der Praxisberichte im Rahmen der vorliegenden Studie konnten zwei jeweils in Berlin verortete Einrichtungen gefunden werden, deren Beratung für Väter über die Beratung bei Paarkonflikten hinausgeht und auch die Vater-Kind- Beziehung in den Fokus nimmt: – Eine Einrichtung in Trägerschaft des Vereins „Junge Mütter/Väter e. V.“ unterstützte die Väter unter anderem in der Gestaltung von Aktivitäten mit dem Kind, beim Setzen von Grenzen ohne Gewalt, bei der Klärung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse, der Reflexion des eigenen Verhaltens und der Wahrnehmung der eigenen Gefühle (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Die pädagogischen Fachkräfte böten bei Paarkonflikten gemeinsame Gespräche, Einzelberatung und Settings für alle Familienmitglieder an. Getrennt lebende Väter würden über ihre Rechte und Pflichten als Umgangsberechtigte aufgeklärt (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 90). Bei Paarkonflikten und Trennungen werde dem getrennt lebenden Elternteil der Besuch des Kindes in den Räumen der Einrichtung ermöglicht, bis es den Eltern gelänge, die Besuchskontakte selbstständig und angemessen zu regeln (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 90). – Im Haus „Jörg Sommerlath“ wurde eine mit einem männlichen Sozialarbeiter besetzte Beratungsstelle geschaffen, die den Männern gezielt Hilfe anbietet und sie aufsucht und gleichzeitig mit dem Mutter-Kind-Haus kooperiert. Der Pädagoge unterstützt die Männer, eine Lebensperspektive zu entwickeln, bei der sie verantwortlich und verbindlich in Kontakt mit ihrem Kind stehen und es bei seiner gesunden Entwicklung begleiten (vgl. Hespelt, 2013, S. 12; Michel). Die Angebote sind jedoch weniger so zu verstehen, dass Männer in den Alltag der Mutter-Kind-Einrichtung vollständig einbezogen werden. Es gibt weiterhin eingeschränkte Besuchszeiten (vgl. Hespelt, 2013, S. 3). Klees-Möller vermutet, das in den meisten Heimen und in vielen der Apartmenthäuser festgeschriebene Verbot, die Partner in den eigenen Räumlichkeiten zu empfangen, ziele auf die Unterbindung sexueller Kontakte ab (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 144). Auch Wendt glaubt hinter den starken Kontrollmechanismen in Mutter-Kind-Einrichtungen vor allem den Wunsch auszumachen, sexuelle Beziehungen der Frauen einschränkend zu steuern, da wechselnde Partnerschaften missbilligt werden (vgl. Wendt, 1981, S. 462). Die Unterbindung von Partnerkontakten gegen den Willen der Frau, wie er in einigen Einrichtun- 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 126 gen als Relikt traditioneller Mädchenerziehung praktiziert wird, wird von Klees-Möller abgelehnt (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 29–31). Wünsche der Klientel im Hinblick auf das Zusammenleben Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen kritisieren die Rigidität der Besuchsregelungen für Freunde und Partner zum Teil massiv (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees-Möller, 1993, S. 393 und S. 170–172). Die Ergebnisse der Forschungen offenbaren das Interesse mancher Männer, auf längere Zeit mit ihren Partnerinnen innerhalb der Einrichtung zusammenleben zu wollen (vgl. Wendt, 1981, S. 461). Auch aus der Praxis wird berichtet, die Klientinnen forderten den Einbezug der Partner ein (vgl. Gruber, 1994). In einem Bericht von Kawalek, Milster und Tack heißt es, beide Elternteile wünschten sich meist ein gemeinsames Zusammenleben mit dem Kind. In der Regel wollten die Männer ihre Rechte gegenüber dem Kind wahrnehmen. Die schwangeren Frauen kämen zu Aufnahmegesprächen oft gemeinsam mit ihrem Partner oder dem Kindsvater (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Informationen über die Wünsche und Motivationen einer kleinen Anzahl von Elternpaaren beim Einzug in eine Mutter-Kind-Einrichtung konnten im Rahmen einer Studie von Friedrich und Remberg im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ermittelt werden: An der Studie, die auf die Untersuchung von Lebensbedingungen, Einstellungen und dem Verhütungsverhalten jugendlicher Schwangerer und Mütter ausgerichtet war, nahmen unter anderem fünf jugendliche Mütter teil, die nach Bekanntwerden der Schwangerschaft vom Elternhaus oder einer betreuten Wohnform in eine Mutter-Kind-Einrichtung wechselten. Zwei weitere zogen in eine Wohnung mit institutioneller Anbindung und noch einmal zwei in eine eigene Wohnung mit Betreuung (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 278). Die Partner der jungen Mütter wurden nicht explizit nach der Beurteilung der professionellen Unterstützung gefragt. Gleichwohl können Friedrich und Remberg aus Aussagen in den Interviews auf deren Haltung rückschließen (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 279). Von den fünf Müttern in Mutter-Kind-Einrichtungen mit klassischem Heimsetting hatte ein Teil den Wunsch, weiterhin mit ihrem Freund zusammenzuleben, und bemängelte das Fehlen einer solchen Möglichkeit. Diese jungen Frauen waren der Auffassung, ein vom Kindsvater getrenntes Aufwachsen sei weder für die Entwicklung des Kindes noch für die Ausbildung der Beziehung zwischen Vater und Kind oder für die Paarbeziehung förderlich und bedauerten, der männliche Elternteil verpasse zu viel vom Alltag seines Kindes. Hinter dieser Argumentation sehen Friedrich und Remberg den Wunsch der Mädchen nach einer Familie, in welcher der Partner seine Rolle als Vater übernehme, z. B. bei der Kindererziehung. Andere wünschten sich gerade eine vom Kindsvater (vorläufig) getrennte Wohnform, bei der sie trotzdem nicht alleine sein müssten und professionelle Betreuung in Anspruch nehmen könnten (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 110). 6.2.2 6.2 Ausschluss über Hausregeln 127 Drei Interviewpartnerinnen, die in institutionellen Wohnformen lebten, gaben an, dort negative Erfahrungen gemacht zu haben. Sie wünschten sich ein weniger intensiv betreutes Setting, da sie sich vom Personal in der Einrichtung beobachtet und kontrolliert bzw. durch die Regeln der Einrichtungen an einem selbstbestimmten Leben gehindert fühlten. Zwei der Partner dieser Frauen – ebenfalls die leiblichen Väter der Kinder – äußerten sich zu der Betreuung ihrer Partnerinnen und beurteilten die Situation negativ. Beide waren der Auffassung, dass die professionelle Betreuung durch Bevormundung und Kontrolle ihrer eigenen Lebensgestaltung und der ihrer Freundin gekennzeichnet sei. Obwohl sich alle drei Paare in prekären Lebenssituationen befanden, zogen sie sich aus der Betreuung zurück und lehnten sie ab (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 281). Feindselige Stereotypien zwischen Personal und Männern? Ein typisches Zeichen totaler Organisationen ist, wie Goffman darlegt, eine fundamentale Trennung zwischen den Insassen und dem Personal, die sich vor allem dadurch widerspiegelt, wie viel Kontakt nach außen möglich ist. Insassen in totalen Institutionen haben beschränkten Kontakt zur Außenwelt, während das Personal häufig auf der Basis eines Acht-Stunden-Tages in der Einrichtung arbeitet und ansonsten sozial in die Außenwelt integriert ist. Typischerweise sehe in totalen Institutionen jede der beiden Gruppen die andere durch die Brille enger, feindseliger Stereotypien (vgl. Goffman, 1981, S. 18). Tatsächlich gibt es Hinweise auf solche Entwicklungen aus der Praxis der Mutter- Kind-Einrichtung: Hespelt berichtet beispielsweise ihren Eindruck wie folgt: Der Einzug in die Einrichtung bedeute für die Elternteile, im Alltagsleben voneinander getrennt zu werden. Daher stünden viele Männer einer Unterbringung ihrer Partnerin sowie des Kindes kritisch gegenüber und seien nicht bereit, ein Arbeitsbündnis einzugehen. Die Pädagoginnen erlebten in der Folge den Vater als „Bremsklotz in der Beziehungsaufnahme zur Mutter“ (vgl. Hespelt, 2013, S. 4). Es steht die These im Raum, insbesondere Männer würden von einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen sowohl der Hilfeplanung als auch der Durchführung von Kinder- und Jugendhilfen lediglich bedingt als kompetente Gesprächspartner betrachtet (vgl. Sabla, 2009, S. 12). Über das pädagogische Personal in Mutter-Kind-Einrichtungen mutmaßt Hespelt, die selbst als Pädagogin in einer solchen Einrichtung arbeitet, in einer Veröffentlichung des Evangelischen Erziehungsverbands, es sehe die (sozialen) Väter häufig nicht als Bereicherung und Ressourcen der Schwangeren und Mütter, „sondern als Störfaktoren, die das pädagogische Handeln durchkreuzen und sich dem Betreuungsablauf widersetzen“. Hespelt vermutet, das Einbeziehen der Männer durch die Fachkräfte hänge stark von der Kooperations- und Anpassungsbereitschaft der Männer ab. Ferner spiele eine Rolle, ob der Mann dem pädagogischen Personal sympathisch erscheine oder ob es Abneigung empfinde (vgl. Hespelt, 2009, S. 82). 6.2.3 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 128 Forderungen für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII Aus Wissenschaft (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 39; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361) und Praxis (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V. & Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2001, S. 43; Hespelt, 2009, S. 86; Kölbl, 2007, S. 174) wird gefordert, Väter in Mutter-Kind-Einrichtungen in den Alltag zu integrieren, Kontakte zu den Kindsvätern und neuen Partnern zu fördern und das Familiensystem zu stabilisieren. Nach Gesprächen mit den jeweiligen Elternteilen bzw. Paaren könnten Entwicklungsziele für jedes einzelne Paar erarbeitet werden (vgl. Gruber, 1994). Das Zusammensein im Alltag solle durch geeignete Wohnangebote eingeübt werden (vgl. Wendt, 1981, S. 474). Bei dauerhaften Beziehungen sei es sinnvoll, den Partner in die Kinderbetreuung mit einzubinden (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 29–31). Die Besuchsregeln sollten je nach Stabilität der Beziehung individuell abgesprochen werden (vgl. Kester, 1979, S. 183). Höltershinken fordert ebenfalls, die Regeln an die Bedürfnisse der in den Einrichtungen lebenden Frauen und Mädchen anzupassen (vgl. Höltershinken, 1990, S. 394). Meyer zufolge sei eine positiv empfundene Paarbeziehung nicht nur für Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen sondern auch für den weiteren Verlauf der Hilfe ausschlaggebend. So korrelierten das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit der Klientinnen weitgehend mit der Qualität der Paarbeziehung. Eine positive Veränderung der Beziehung zum Partner habe in vielen Fällen große Fortschritte für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der jeweiligen Klientin zur Folge. Der Prozess stagniere vor allem in Beziehungen, in denen die Frauen ausgenutzt würden oder in hohem Maße abhängig von den Männern seien, bei häufig wechselnden Partnerschaften, wenn die Männer gewalttätig seien oder die Vaterschaft bestritten, solange sich die Konflikte nicht lösen ließen (vgl. Meyer, 1993, S. 308). Matzner fordert, abwesende und desinteressierte Väter durch geeignete Maßnahmen dazu anzuhalten, sich um ihre Kinder zu kümmern. Die Qualifikation sowie das professionelle Selbstverständnis des Personals in der Kinder- und Jugendhilfe ermögliche eine solche Perspektiverweiterung. Von Fachkräften könne erwartet werden, aktiv auf Väter – vor allem auf solche mit wenigen Ressourcen – zuzugehen (vgl. Matzner, 2004, S. 62). Eine qualifizierte Arbeit mit den Kindsvätern und Partnern der Mütter erfordere von den Fachkräften, die Hilfen nach § 19 SGB VIII an den Vorstellungen, Haltungen und Wünschen der Klientel bezüglich Partnerschaft und Familienleben auszurichten. Darüber hinaus sollten die Ressourcen der Männer genutzt werden (vgl. Hespelt, 2009, S. 88). Grundsätzlich müsse sich die Sichtweise auf Männer differenzieren und erweitern (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 66). Die Beziehungen zwischen Frauen und ihren Partnern sollten in Beratungsgesprächen – vorzugsweise mit beiden gemeinsam – thematisiert werden (vgl. Kölbl, 2007, S. 117; Wendt, 1981, S. 482–484; Winkelmann, 1990, S. 70). Soweit es von dem Elternteil gewünscht sei, sollten die belastenden Erfahrungen in der Partnerschaft aufgearbeitet werden (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). Ein möglicher Bereich für pädagogische Intervention sei es, mit den Frauen zu reflektieren, 6.3 6.3 Forderungen für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII 129 welche Rollen sie jeweils ihren Partnern zuwiesen (vgl. Gruber, 1994). Daneben sei das Umgangsrecht von Kindern mit dem nicht-sorgeberechtigten Elternteil und die Umgangspflicht desselben nach § 1684 BGB in der beraterischen Tätigkeit zu berücksichtigen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). Bei abgebrochenen Paarbeziehungen sollten die Mitarbeiterinnen aktiv Kontakte zum Partner herstellen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Wendt, 1981, S. 482–484). Männer sollten zu Freizeitaktivitäten eingeladen werden (vgl. Hespelt, 2009, S. 86). Manche Fachkräfte aus Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sind dafür, Absprachen über Regeln für den Umgang miteinander stets individuell zu vereinbaren (vgl. Gruber, 1994; Horn-Wagner, 1991), andere sprechen sich für universelle Besuchs- und Übernachtungsregeln aus (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 73–76), solange Besuche durch Männer nicht verboten würden (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 73–76) und die individuelle Situation der Familien berücksichtigt werde (vgl. Hespelt, 2009, S. 86; Horn-Wagner, 1991, S. 73–76). Es wird zudem gefordert, Regeln in Bezug auf Männer klar auszuformulieren (vgl. Hespelt, 2009, S. 86; Horn-Wagner, 1991, S. 73–76). Die meisten Wohnangebote hießen, so Wallner, weiterhin „Mutter-Kind-Heime“ und gestatteten Vätern selten Zugang. Wallner fordert die Leistungserbringer auf, neue Ideen für die konzeptionelle Ausrichtung zu entwickeln, mit denen man sich auf alleinerziehende Männer einstellen könne. Letztere seien offenbar nicht allein durch die Umbenennung der Angebote in „Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder“ in die Verantwortung zu holen (vgl. Wallner, 2010, S. 72). Damit die Positionen der Männer vom pädagogischen Personal adäquat berücksichtigt würden, solle über Männerbilder und die eigene Haltung gegenüber Männern reflektiert werden (vgl. Gruber, 1994; Hespelt, 2009, S. 88; Horn-Wagner, 1991, S. 70– 72). Horn-Wagner zufolge stelle die Einbeziehung von Männern in die pädagogische Arbeit für die Fachkräfte zunächst oft eine Überforderung dar (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 65). Es bedürfe im Vorhinein einer institutionellen, strukturellen Anpassung, einer personellen Aufstockung und einer konzeptionellen Diskussion. Darüber hinaus sollte nicht ausschließlich eine Klientel mit einer hoch komplexen Bedarfslage aufgenommen werden, um das pädagogische Personal nicht zu überlasten (vgl. Horn- Wagner, 1991, S. 65). Zur individuellen Vereinbarung bzw. zur Weiterentwicklung universaler Regeln in Bezug auf Männer bräuchten die Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter Zeit (vgl. Hespelt, 2009, S. 86; Horn-Wagner, 1991, S. 73–76). Zudem fehle es an speziellen Fortbildungsangeboten (vgl. Hespelt, 2009, S. 86). Anstatt die Hilfen gesetzlich ausschließlich auf die Beziehung zwischen einem Elternteil und dem Kind zu beschränken, sollten beide, Mütter und Väter, einen eigenständigen Unterstützungsanspruch haben, der sich insgesamt auf ihre Person beziehe. Dieser Teil des neuen Gesetzes wäre nicht mehr im Abschnitt „Förderung der Erziehung in der Familie“ richtig verortet, sondern gehöre eher in den Bereich der erzieherischen Hilfen (vgl. Wallner, 2010, S. 72). Auf institutioneller Ebene müsste über die Anwerbung männlicher Fachkräfte und die Veränderung eigener Geschlechterrollenbilder diskutiert werden. Auf politischer Ebene sei die Finanzierung zu planen und Fortbildungsmodule zu entwickeln 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 130 und bereitzustellen (vgl. Hespelt, 2009, S. 88). Entgeltsätze für Leistungen nach § 19 SGB VIII dürften auf keinen Fall zusätzlich reduziert werden (vgl. Fegert, 2001, S. 81). Die Rolle des Vaters für seine in der Einrichtung lebenden Kinder und seine Partnerin solle erforscht werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V. & Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2001, S. 43). Dazu seien Langzeitstudien zu initiieren (vgl. Fegert, 2001, S. 81). Sogenannte „Patchwork-Familien“ oder Ein-Eltern-Phasen würden nach Fegert mehr zur Regel statt zur Ausnahme. Daher sei es für die psychische Gesundheit von Kindern wichtig, dass eine Vielzahl von Familienformen gelebt werden könnte. Zu starre Rollen würden sich in Reifungsphasen als hemmend erweisen und notwendige Entwicklungsschritte verhindern. Die Qualität von Beziehungen zeige sich häufig daran, wie Entwicklungsaufgaben gemeistert werden könnten. Die psychische Gesundheit der Kinder werde daher von positiven Beziehungsqualitäten stärker gefördert als von der Einhaltung einer klassischen Rollenteilung durch die Eltern. Deshalb sollte das Fachpersonal den Müttern dazu raten, ihre Biographie bewusst individuell zu gestalten, anstatt eine „Normalbiographie“ zu verfolgen (vgl. Fegert, 2001, S. 45). Wendt fordert von den Pädagoginnen in Mutter-Kind-Einrichtungen, eine kritische Haltung gegenüber Geschlechterstereotypen einzunehmen (vgl. Wendt, 1981, S. 482–484). Unabhängig vom konkreten Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit Familien erscheint ein frühzeitiger geschlechterreflektierender Zugang zu Eltern sinnvoll, da Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen bereits in der Zeit der Familiengründung und in der innerfamiliären Aufgabenteilung Strukturen schaffen, die möglicherweise Ursache für spätere Familienkonflikte und erzieherische Schwierigkeiten sind (vgl. Sabla, 2008, S. 60). Es müsse reflektiert werden, wie Väter gesehen würden und welche Position sie gegenüber den Kindern und ihren Partnerinnen einnehmen sollten (vgl. Wallner, 2010, S. 72). In diesem Prozess steht es aber nicht den Fachkräften zu, den Männern ihren Platz in der Familie zuzuweisen, sondern Letzteres muss durch die Familie selbst erfolgen: „Kinder- und Jugendhilfe kann die existenziellen Herausforderungen der Lebensgestaltung, die sich mit dem sozialen Wandel im Kontext von Vaterschaft und Familie ergeben, nicht stellvertretend lösen. Vielmehr kann und muss familienbezogene Kinder- und Jugendhilfe Müttern und Vätern helfen, unter gegebenen Umständen ihren individuellen Spielraum als Erziehenden [sic] sowie als Partnerinnen und Partner auszuloten und ihnen die Wirkung der gegenwärtigen Lebensbedingungen bewusst zu machen“ (Sabla, 2009, S. 200). Neue Aufmerksamkeiten für Väter In jüngerer Zeit deutet sich die Bereitschaft der Praktikerinnen und Praktiker – vor allem der evangelischen Initiativen – an, über Möglichkeiten und Grenzen beim Einbeziehen von Männern zu diskutieren: Eine evangelische Fachtagung in Berlin für den Bereich der Hilfen nach § 19 SGB VIII im Jahr 2013 titelte beispielsweise: „Ohne Väter geht es nicht!? Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit mit Vätern in Mutter- 6.4 6.4 Neue Aufmerksamkeiten für Väter 131 Kind-Einrichtungen“ (vgl. Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk, 2013). Der EREV verfasste eine „Stellungnahme zur gemeinsamen Unterbringung von Müttern und Vätern in Mutter/Vater-und-Kind-Einrichtungen nach SGB VIII“ (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014) und die Fachreferentin des Sozialdiensts katholischer Frauen, Petra Winkelmann, veröffentlichte in einer Zeitschrift des EREV den Beitrag „Väter – eine ungenutzte Ressource“ zur Möglichkeit der Integration von Vätern in Hilfen zur Erziehung (vgl. Winkelmann, 2015). Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen wird von manchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgeworfen, hätten nach wie vor Eigenschaften „totaler Institutionen“ (vgl. Goffman, 1981): So analysiert Fegert aus systempsychologischer Perspektive, die Heime besäßen explizite und implizite Regeln und tendierten zu hierarchischen Organisationsformen. Verstöße gegen die Regeln stellten für das System eine Gefahr dar und würden mit einer Ausstoßungsdrohung verbunden. Charakteristisch seien darüber hinaus andere Tendenzen, wie die Forderung nach Beteiligung am Gruppenleben, die Inakzeptanz von Intimität bis hin zur Forderung nach „Keuschheit“. Sowohl das Betreuungspersonal als auch die betroffenen Mütter müssten sich weitgehend systemkonform verhalten, solange die Mechanismen der totalen Institution nicht grundlegend hinterfragt würden (vgl. Fegert, 2001, S. 47). Auf der Elternebene sei das Paar durch die Institutionsgrenzen voneinander getrennt, da es nicht möglich sei, beide Elternteile innerhalb der Einrichtung unterzubringen. Dies führe dazu, dass die Paarbeziehung, wenn sie überhaupt fortbestehe, eher einer Beziehung der Jugendphase entspreche und nicht der reiferen Eltern-Kind-Beziehung (vgl. ebd., S. 47). Gleichzeitig nötigten die institutionellen Rahmenbedingungen die Fachkräfte dazu, durch die Beeinflussung von Entscheidungen der Mütter als Partnerersatz zu fungieren (vgl. ebd., S. 47). Die Gemeinschaftsräume oder „Besuchszimmer“ einiger Einrichtungen böten für die Paare bzw. Familien keine zufriedenstellende Alternative zum fehlenden privaten Lebensraum (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 22). Die Unterstützung durch den Partner bei der Erziehung und Pflege des Kindes sei so lediglich im geringen Maß möglich (vgl. Kappen, 1990, S. 188). Die Möglichkeit der Einübung der Vaterrolle erschien Klees-Möller durch die Regeln stark eingeschränkt (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 144). Die Beschneidung der Kontakte zwischen Vater und Kind belaste diejenigen Mütter zusätzlich, deren Partner sich zuverlässig an der Kinderbetreuung beteiligen wollten (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 164). Ein Zusammenhang zwischen Rahmenbedingungen und den Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen wird in der vorliegenden Studie durch das von Goffman entwickelte Modell der „totalen Institution“ hergestellt. Goffman schrieb über totale Institutionen, dass sie mit der Familie, dem „Kernstück der Gesellschaft“, „unvereinbar“ seien (Goffman, 1981, S. 22). Au- ßerdem deckte er den Zusammenhang zwischen organisationalen Strukturen, den ge- 6.5 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 132 sellschaftlichen Moralvorstellungen und den Regelungen in totalen Institutionen auf. Deshalb soll sein Modell der totalen Institution im Folgenden erläutert werden: Erving Goffman (*1922, †1982) entwarf sein Modell der „totalen Institution“ in den 1950er Jahren am Untersuchungsgegenstand einer großen, mit 7 000 Insassen belegten psychiatrischen Anstalt, dem St. Elisabeths Hospital in Washington, D. C., mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung (vgl. Goffman, 1981, S. 7). Bei seinen Betrachtungen ging es ihm darum, „eine soziologische Darstellung der Struktur des Selbst zu entwickeln“ (Goffman, 1981, S. 11). Gleichzeitig übte er fundamentale Kritik an der Psychiatrie: Er arbeitete heraus, dass – und hier orientiert sich die vorliegende Studie an einer Deutung der Arbeit Goffmans durch Dellwing – die totale Institution der Gesellschaft dazu dient, einzelne Menschen bei Konflikten auf der Beziehungsebene zu isolieren, um deren Verhalten nicht im Hinblick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen deuten zu müssen, weil die Gesellschaft die Deutungen und mögliche Aushandlungen darüber, was die Insassen als wahr verstehen, nicht akzeptieren kann. So isoliere die Institution sich gegenüber der Welt, die sie mit ihren Dienstleistungen zu bearbeiten suche, indem sie die Prozesse der interaktiven Aushandlungen von Bedeutungen ignoriere. Die Psychiatrie erbringt mit Hilfe dieser Verkürzungen jedoch die soziale Leistung, mit einem „Chaos“ in Organisationen und sozialen Beziehungen auf Arten und Weisen umzugehen, die diese Beziehungen vom Chaos erlösen (vgl. Dellwing, 2014, S. 172). Im Folgenden soll das Modell der totalen Institution zunächst erläutert werden. Im empirischen Teil der Arbeit wird auf das Modell Bezug genommen, indem diskutiert wird, ob Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen heute noch wie totale Institutionen funktionieren. Dabei wird besonders der Aspekt in den Vordergrund gestellt, ob in den Einrichtungen der soziale Verkehr mit der Außenwelt verhindert wird. Merkmale totaler Institutionen Goffman verwendete den Begriff „totale Institution“ für bestimmte soziale Einrichtungen, die sich durch besondere Merkmale von anderen abgrenzen, wobei sie nicht alle Merkmale aufweisen, jedoch einen „beträchtlichen Anteil“ (vgl. Goffman, 1981, S. 15–17). Unter einer sozialen Einrichtung versteht er „Räume, Wohnungen, Gebäude oder Betriebe, in denen regelmäßig eine bestimmte Tätigkeit ausgeübt wird“ (Goffman, 1981, S. 15). Die sogenannten totalen Institutionen zeichnen sich durch eine Reihe von Eigenschaften aus, die Goffman zufolge untereinander eng zusammenhängen. Im Folgenden werden die vier zentralen Eigenschaften totaler Institutionen genannt: Erstens: Der Insasse schläft, spielt und arbeitet nicht mehr – wie in der Gesellschaft außerhalb solcher totalen Institutionen grundsätzlich üblich – an verschiedenen Orten, sondern diese „Schranken, die normalerweise diese drei Lebensbereiche trennen, [sind] aufgehoben“ (Goffman, 1981, S. 17). Außerhalb der Institution agiert der Einzelne mit „wechselnden Partnern, unter verschiedenen Autoritäten und ohne einen umfassenden rationalen Plan“, in der totalen Institution hingegen führen die 6.5.1 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 133 Mitglieder50 „alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteilwird und alle die gleiche Tätigkeit gemeinsam verrichten müssen“ (Goffman, 1981, S. 17). Zweitens: Totale Institutionen beschränken den sozialen Verkehr der „Insassen“ mit der Außenwelt sowie die Freizügigkeit derselben. Sie seien „Orte des erzwungenen Exils“ (Goffman, 1981, S. 139). Einen ersten quasi symbolischen Hinweis auf den allumfassenden Charakter totaler Institutionen leitet Goffman daraus ab, wie die soziale Einrichtung gebaut ist, also ob sie beispielsweise über verschlossene Tore und Mauern verfügt (vgl. Goffman, 1981, S. 15). Drittens: Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant. Die eine gehe zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über und die ganze Folge der Tätigkeiten werde von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben (vgl. Goffman, 1981, S. 17). Dass der ganze Tagesablauf von Insassen totaler Institutionen vorgeplant wird, macht es erforderlich, auch ihre wesentlichen Bedürfnisse vorzuplanen (vgl. Goffman, 1981, S. 21). „Zentrales Faktum“ totaler Institutionen sei die „Handhabung einer Reihe von menschlichen Bedürfnissen durch die bürokratische Organisation ganzer Gruppen von Menschen – gleichgültig ob dies ein notwendiges oder effektives Mittel der sozialen Organisation unter den jeweiligen Bedingungen“ sei oder nicht (Goffman, 1981, S. 18). Viertens: Totale Institutionen vereinigen die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten in einem einzigen rationalen Plan, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen (vgl. Goffman, 1981, S. 17). Im Rahmen dieser Studie wird die im zweiten Punkt genannte Eigenschaft totaler Institutionen – die Beschränkung des sozialen Verkehrs – in den Mittelpunkt gestellt, hier vor allem die Regelungen, die der Beschränkung des sozialen Verkehrs dienen. Da, wie bereits erwähnt, die vier oben genannten Eigenschaften eng zusammenhängen, wird auch auf die anderen Punkte Bezug genommen. Goffman folgend sollen Probleme im Zusammenhang mit den Regelungen, die die Teilhabe von Männern am Alltag in den Einrichtungen beschränken, nicht als individuelles Versagen begriffen werden, sondern als aussagekräftige Hinweise auf grundsätzliche Konflikte in unserer Gesellschaft, die es aufzudecken gilt. Insassen Die Personen, die in einer totalen Institution untergebracht werden, unterschieden sich im Hinblick auf die Art und das Ausmaß ihrer „Krankheit“ bzw. ihres „abweichenden Verhaltens“ erheblich voneinander und sie würden von Außenstehenden mit höchst unterschiedlichen Attributen belegt. Manche Insassen treten freiwillig, andere unfreiwillig in die totale Institution ein (vgl. Goffman, 1981, S. 117). Innerhalb der to- 6.5.2 50 Goffman (1981, S. 18) bezeichnet die Menschen, die in der totalen Institution leben, als „Insassen“. Diese Bezeichnung wird im Folgenden im Zusammenhang mit totalen Institutionen übernommen. 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 134 talen Institution seien sie aber im Wesentlichen mit ähnlichen Gegebenheiten konfrontiert. Dass einer so unterschiedlichen Personengruppe „ein gemeinsames Schicksal“ zugewiesen und zusätzlich auf alle das gleiche Umformungsprogramm angewendet werde, hält Goffman für gesellschaftlich intendiert (vgl. Goffman, 1981, S. 128). Die wahrgenommene Abweichung des Verhaltens der „Geisteskranken“ sei „ein Produkt der sozialen Distanz des Betrachters“ (Goffman, 1981, S. 129). Meist sei lediglich eine temporäre emotionale Verwirrung in einer Stresssituation der Auslöser für ein Verhalten, das wiederum die Handelnden selbst oder ihm Nahestehende davon überzeuge, den Verstand oder die Kontrolle zu verlieren bzw. verloren zu haben (vgl. Goffman, 1981, S. 131). Wenn Menschen bei sich selbst einen solchen Kontrollverlust wahrnehmen, könne dies erhebliche Ängste erzeugen, die wiederum dazu führen, dass der Betroffene Strategien entwickelt, um diese Angst zu mindern oder den Kontrollverlust vor anderen zu verbergen. Diese Strategien können von anderen wiederum als abweichend wahrgenommen werden und zu einer Unterbringung in einer totalen Institution führen (vgl. Goffman, 1981, S. 131). Zur Internierung in der totalen Institution führe also eine „momentane Ungehörigkeit“, ein in der Situation unangebrachtes Verhalten, ein Verstoß gegen gewisse Gegebenheiten des Zusammenlebens im Haushalt, am Arbeitsplatz oder an einem (halb‑)öffentlichen Ort (Goffman, 1981, S. 133), die einen „Beschwerdeführer“ dazu veranlasse, einen „legal befugt[en]“ „Agenten“ (Goffman, 1981, S. 135) dazu zu bringen, die Einweisung anzuordnen. Hintergrund sei, dass die Gemeinschaft das Fehlverhalten moralisch ablehne (vgl. Goffman, 1981, S. 291). Teilweise könne die Internierung auf Wunsch des Klienten erfolgen, weil er sich selbst als seelisch unbalanciert einschätze, meist allerdings sei die Aufnahme in die Anstalt unfreiwillig (vgl. Goffman, 1981, S. 132). Auffällig sei, dass gesellschaftlich Privilegierte weniger häufig um Hilfe bitten und auch seltener durch Beschwerdeführer eines unmoralischen Verhaltens angeklagt würden (vgl. Goffman, 1981, S. 132). In der Anstalt angekommen, bestehe der Konflikt zwischen Interessen des Klienten, des Helfenden und denen der Gemeinschaft fort (vgl. Goffman, 1981, S. 327). Der Insasse sei plötzlich aller seiner gewohnten Sicherheiten, Befriedigungen und Abwehrmechanismen beraubt und sei Demütigungen ausgesetzt wie etwa der Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Leben in der Gemeinschaft, einer diffusen Autorität einer Vielzahl von Menschen (vgl. Goffman, 1981, S. 146). Institution Als eigentliches Ziel, zu dem sich aber nicht offiziell bekannt wird, dienen totale Institutionen dazu, „für die Unterbringung der verschiedenen Gruppen von sozial unbequemen Menschen zu sorgen“ (Goffman, 1981, S. 336). Einen Hinweis dafür, dass die offiziellen Ziele der Institution nur vorgeschoben sind, sieht Goffman darin, dass die behauptete Veränderung des Insassen nur selten erreicht wird (Goffman, 1981, S. 74). Die Anstalt werde durch die Moralvorstellungen der Gesellschaft quasi unter Druck gesetzt, anstatt einer Dienstleistung, die sich am Willen des Kunden ausrichte, einen 6.5.3 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 135 auf Konsequenzen von Beobachtung, Diagnose und Behandlung beruhenden vorgegebenen Katalog von Maßnahmen zur Abwehr von einem bestimmten Verhalten des Insassen bereitzuhalten (vgl. Goffman, 1981, S. 322). Helfer wollen nicht immer alle Interessen des Klienten erfüllen (vgl. Goffman, 1981, S. 322). Diese institutionalisierte „Parodie auf die Dienstleistungsbeziehung“ (Goffman, 1981, S. 351) erfordere einige Anstrengung vom Personal: „Der Widerspruch zwischen dem, was die Institution tut, und dem, was sie offiziell als ihre Tätigkeit angeben muß, bildet den grundlegenden Kontext für die tägliche Aktivität des Personals“ (Goffman, 1981, S. 78). „Es muss ein Vergehen gefunden werden, welches der Bestrafung entspricht, und der Charakter des Insassen muß so konstruiert werden, daß er dem Vergehen entspricht. […] Je weiter Anspruch und Wirklichkeit voneinander abweichen, desto größere Anstrengungen und desto mehr Hilfe sind erforderlich, um die eigene Position künstlich abzusichern“ (Goffman, 1981, S. 366). Es bilde sich ein Stationssystem heraus. Goffman sieht in diesem ein Mittel „zur Disziplinierung unbotmäßiger Charaktere durch Lohn und Strafe“ (Goffman, 1981, S. 161). Die Insassen würden drastisch reduzierten Lebensbedingungen unterworfen, die durch Belohnungen und Bestrafungen durchgesetzt werden. Der disziplinarische Bezugsrahmen sehe eine Sammlung von Mitteln und Zwecken vor, nach denen die Insassen legitimer Weise streben könnten. „[I]m Vergleich mit diesem autoritativen, aber nicht ganz offiziellen System erweisen sich eine Vielzahl von Patienten-Aktivitäten als effektiv verboten oder unzulässig. Manche Patienten auf bestimmten Stationen müssen ein so durchweg gegängeltes Leben führen, daß beinah jede Bewegung ihnen eine unvorhergesehene Befriedigung verschafft“ (Goffman, 1981, S. 201, Hervorh. im Orig.). Tatsächlich spiegeln – wie Goffman darlegt – die auf der Station jeweils üblichen Beschränkungen nicht die Fähigkeiten bzw. den Erfolg bei der Resozialisierung der jeweiligen Insassen wider (vgl. Goffman, 1981, S. 161). Vielmehr richte sich die Eingruppierung des Insassen in das Stationssystem an dem Grad des Verstoßes der Insassen gegen moralische Urteile der umgebenden Gesellschaft aus (vgl. Goffman, 1981, S. 347). Zudem bedinge der Imperativ, in der Einrichtung wirtschaftlich zu arbeiten, häufig eine Verlegung oder Entlassung, beispielsweise die Überbelegung einer Station, die spontane Remission oder die disziplinierende Kraft des Stationssystems (vgl. Goffman, 1981, S. 161). Die tatsächliche Orientierung an organisational verwaltungstechnischen Notwendigkeiten innerhalb der Einrichtung und moralisch wertenden Normen der sie umgebenden Gesellschaft, die Goffman als „blinde Mächte“ (Goffman, 1981, S. 148) charakterisiert, werde allerdings vom Personal verleugnet (vgl. Goffman, 1981, S. 342). Problematisch sei auch die Ignoranz der organisationalen und gesellschaftlichen Zusammenhänge der Funktionsweisen und des Stationssystems der Institutionen sowie die Leugnung der Tatsache, dass abweichendes Verhalten durch die Umwelt selbst ausgelöst werden könne. In solchen Fällen sei die totale Institution überhaupt nicht in der Lage, die „Erkrankung“ befriedigend zu behandeln (vgl. Goffman, 1981, S. 326). Mit der Entlassung werde der ehemalige Insasse in das System zurückgeschickt, von dem seine psychotische Reaktion nur ein natürlicher Bestandteil war (vgl. Goffman, 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 136 1981, S. 345). Vor dem Hintergrund dieses engen Zusammenhangs zwischen den Handlungsmöglichkeiten in totalen Institutionen und den Ansprüchen der Gesellschaft an das Handeln der Helfenden geht Goffman davon aus, „daß es gute funktionale Gründe für die vorhandenen Merkmale [totaler Institutionen] gibt und daß es möglich ist, sie zusammenzufügen und durch eine funktionale Erklärung zu erfassen. Wenn dies geschehen ist, werden wir kaum noch den einzelnen Chefarzt, Kommandanten, Wärter oder Abt loben und tadeln, wir werden vielmehr – unter Berufung auf die für sie alle verbindlichen Strukturen – zu einem Verständnis der in totalen Institutionen auftauchenden Probleme und Fragen bereit sein“ (Goffman, 1981, S. 123). Goffman arbeitet heraus, dass es totale Institutionen nicht deshalb gibt, weil das Personal, das in ihnen tätig ist, einen Arbeitsplatz benötigt, sondern weil eine Nachfrage nach ihnen besteht (Goffman, 1981, S. 365). Aus der Analyse der Arrangements, die die Institution für seine Mitglieder entwickelt, und der Folgen, die diese Arrangements auf das Selbst der Insassen haben, lässt sich also auf die gesellschaftlichen Strukturen schließen, aus denen sich die Institutionen entwickelt haben (vgl. Goffman, 1981, S. 147). Stab Die Verschiedenartigkeit der Insassen stelle eigentlich unterschiedliche Ansprüche an die Dienstleistung, die die Einrichtung bietet, allerdings könne die totale Institution ihre Leistung nur dann erbringen, wenn sie die Insassen weitgehend gleichbehandle und ihnen keine Entscheidungsfreiheit zugestehe. Entscheidungen, die vor der Aufnahme noch von den Insassen selbst getroffen wurden, übernehmen jetzt die totale Institution und ihr Stab. Der Konflikt, bestimmte humane Normen bei der Behandlung einzuhalten, stelle für den Stab in totalen Institutionen ein Problem dar, vor allem, wenn Normen der Humanität einerseits gegen die Leistungsfähigkeit der Anstalt andererseits abzuwägen seien (vgl. Goffman, 1981, S. 81–83). Im Bereich des sozialen Verkehrs des Insassen sei das Konfliktfeld im besonderen Maße eklatant, da jeder Insasse ein Durcheinander von Statuspositionen und Beziehungen mit in die totale Institution bringe, die jeweils mit bestimmten Rechten verbunden seien (vgl. Goffman, 1981, S. 83). Die Übernahme von Verantwortung für die Insassen durch den Stab führt dazu, dass ein erhebliches Maß an Büroarbeit anfalle: Zum einen müssten Entscheidungen getroffen, begründet und dokumentiert und zum anderen auch die Durchführung dokumentarisch festgehalten werden: Auf ihrem Weg durch die Institution kennzeichne das Personal die Insassen mit einer Kette von „Informationsbelegen“ – meist zusammengefasst in Akten –, aus denen hervorgehe, was wer für die „Heilung“ des Insassen getan habe, was noch zu tun sei und wer zuletzt Verantwortung für ihn getragen habe. Auf der Basis dieser Angaben werde die Dienstleistung der totalen Institution abgerechnet. Darüber hinaus dienten den Vorgesetzten des Stabes, Verwandten des Insassen oder „Überwachungsagenturen der weiteren Gesellschaft“ diese Verwaltungsvorgänge rund um die Behandlung des Insassen dazu, für mögliche Fehler bei 6.5.4 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 137 der Behandlung ihr Personal verantwortlich machen zu können (vgl. ebd., S. 78–81). Während Menschen in der Gesellschaft außerhalb der totalen Institution als „Wert an sich“ gesehen werden, nehme der Insasse als „Arbeitsmaterial“ innerhalb totaler Institutionen Eigenschaften eines unbelebten Objektes an (vgl. Goffman, 1981, S. 78). Demütigungen und Rationalisierungen Demütigungen, also für das Selbst zerstörerische Akte, die die Privatsphäre des Insassen verletzen, praktiziert das Personal in totalen Institutionen in unterschiedlichen Handlungen, beispielsweise in Form von Durchsuchungen des Zimmers oder durch den Zwang, um Kleinigkeiten oder Selbstverständlichkeiten beim Personal bitten zu müssen (vgl. Goffman, 1981, S. 29 und S. 32). Für den Insassen sei es ein demütigender Umstand, in der totalen Institution nie völlig allein zu sein (vgl. ebd., S. 34). Der erzwungene zwischenmenschliche Kontakt in Form von sozialen Beziehungen „besudelt“ ihn (vgl. ebd., S. 27). In diesem Zusammenhang stellt Goffman auch fest, dass die Individuen weitgehend in Gemeinschaftsräumen untergebracht werden, die weder groß genug noch entsprechend ausgestattet sind, um trotz der intimen Atmosphäre Privatsphäre zu ermöglichen (vgl. ebd., S. 38). Als demütigend charakterisiert Goffman den öffentlichen Charakter von Besuchen (vgl. ebd., S. 40). Außerdem hält er es für eine „verunglimpfende Entblößung“, eine aufkeimende Zuneigung zu einer anderen Person gestehen zu müssen (vgl. ebd.). Hauptsächlich hätten Demütigungen eine trennende Wirkung zu dem Leben au- ßerhalb der Anstalt und zum ehemaligen bürgerlichen Leben des Insassen. Alle Merkmale, die den Insassen mit dem alten Leben verbinden, werden abgeschafft. Sarkastisch bemerkt Goffman: „Man sollte hinzufügen, daß durch ein solches Unterdrücken der draußen gültigen Unterschiede die strengste totale Institution höchst demokratisch sein kann“ (ebd., S. 120). In diesem Zusammenhang sei jedoch auffällig, dass sozioökonomisch Privilegierte selten in totalen Institutionen untergebracht werden (vgl. ebd., S. 121). Die Demütigungen sind vom Stab durch scheinbar rationale Argumentationen begründet: beispielsweise Latrinendienst mit Hygiene, Füttern unter Zwang mit der Verantwortung für das Leben, Vorschriften der Armee hinsichtlich der persönlichen Erscheinung mit Kampfstärke, einschränkende Gefängnisvorschriften mit Sicherheit (vgl. ebd., S. 52). Von der Gesellschaft würden folgende Ziele von totalen Institutionen offiziell anerkannt: – Erreichung eines ökonomischen Ziels – Erziehung und Ausbildung – medizinische oder psychiatrische Behandlung – Schutz der ganzen Gesellschaft vor Verunreinigung durch Unschädlichmachung, Vergeltung, Abschreckung und Besserung – religiöse Reinigung Goffman entlarvt diese Begründungen für die Demütigungen aber als „bloße Rationalisierungen, die dazu dienen, den Tagesablauf einer großen Anzahl von Menschen 6.5.4.1 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 138 auf beschränktem Raum und mit geringem Aufwand an Mitteln zu überwachen“ (ebd., S. 53). „Menschen in Blöcken [zu] beweg[en]“ (ebd., S. 18), ermöglicht es, das Verhalten der Insassen durch eine zahlenmäßig geringere Menge an Aufsichtspersonal zu kontrollieren, mache das Unternehmen folglich handhabbar. Außerdem schaffen und unterhalten totale Institutionen durch diese Regeln „eine Spannung besonderer Art“ zwischen der heimischen Umgebung und der Welt der Institution und „benutzen diese dauernde Spannung als strategischen Hebel zur Menschenführung“ (ebd.1, S. 24). Beispielsweise sei typisch für totale Institutionen, Informationen über die Pläne des Stabes nicht an Insassen weiterzugeben – sogar Informationen über Entscheidungen, die das eigene Schicksal des Insassen betreffen. Goffman zufolge führe dies zu einer stärkeren Kontrolle über die Insassen und ermögliche der Gruppe des Personals eine Distanz zu diesen (vgl. ebd., S. 20). Auch wird der Stab seine Entscheidungen den Patienten betreffend so lange wie möglich geheim halten, um Widerstand der Insassen zu vermeiden, damit einen reibungslosen Ablauf in der Anstalt zu forcieren und die Dienstleistung effizient zu gestalten (vgl. ebd., S. 84). Religiösen Institutionen misst Goffman im Zusammenhang mit Rationalisierungen eine Sonderstellung bei: Auch offiziell vertreten sie, die Demütigungen um der Demütigung selbst willen durchzuführen. Sie „bemühen sich aktiv um diese Einschränkungen des Selbst“ durch spezielle „Umwelt-Arrangements“, um demütig vor Gott zu treten (vgl. ebd., S. 52). Beschneidungen des Selbst treten in totalen Institutionen also auch dort auf, wo der Insasse willig ist und wo die Verwaltung aus ideellen Motiven um sein Wohlergehen besorgt ist (vgl. ebd., S. 53). Privilegien- und Strafsystem Nach Goffman bilde sich innerhalb von totalen Institutionen ein Regelsystem aus, dass sich von außerhalb geltenden Normen unterscheide. Allerdings sind die Normen innerhalb der Institution nicht unabhängig von den Normen außerhalb zu sehen. Die innerhalb geltenden Normen können von den Normen außerhalb beeinflusst werden, was zu einer Verringerung der Unterschiede führt. Den Grad der Beeinflussung durch außerhalb geltende Normen nennt Goffman „Permeabilität“ oder Durchlässigkeit. Anhand der Frage nach der Permeabilität einer totalen Institution lassen sich – so Goffman – die soziodynamischen Beziehungen zwischen einer totalen Institution und der sozialen Umwelt, die sie unterstützt oder toleriert, untersuchen (vgl. Goffman, 1981, S. 118). Mit den moralischen Grundsätzen, die innerhalb der Einrichtung gelten, seien stereotype Vorstellungen über die Natur des Menschen verbunden (vgl. ebd., S. 89). Der allumfassende Charakter der von einer Anstalt entwickelten Theorie über die menschliche Natur werde zunehmend auch auf das Personal ausgedehnt (vgl. ebd., S. 91). Als einen wichtigen Bestandteil der Theorie über das „Wesen“ des Menschen macht Goffman den Glauben aus, dass ein neuer Insasse sich leichter führen lasse, wenn er gleich bei der Einlieferung dazu gebracht werde, dem Personal tiefe Ehrerbietung zu erweisen. Deshalb entwickelten sich Willkommensbräuche und Zeremonien, durch die der Wille gebrochen werden soll (vgl. ebd., S. 92). 6.5.4.2 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 139 Insgesamt gehe die totale Institution von der halb-offiziellen Annahme aus, dass der Patient sich anstandslos zu verhalten und Respekt für die totale Institution aufzubringen habe, wobei derjenige, der dies tut, durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen belohnt wird und derjenige, der dies nicht tut, durch den Entzug bestimmter Annehmlichkeiten bestraft wird (vgl. ebd., S. 294). Der für totale Institutionen typische Organisationsmodus (vgl. ebd., S. 56) ist ein formelles und informelles „Privilegien- und Strafsystem“ (vgl. ebd., S. 54) Es wird aus drei Elementen zusammengesetzt: 1. der Hausordnung; diese charakterisiert Goffman genauer als eine „relativ ausführliche Sammlung von Vorschriften und Verordnungen, die die wesentlichen Anforderungen an den Insassen festlegen. Die Regeln umschreiben den harten Tagesablauf des Insassen“ (ebd., S. 54). 2. einem Belohnungssystem; es ist als Gegenleistung für den Gehorsam gegenüber dem Stab „im Handeln wie im Denken“ (ebd., S. 54) vorgesehen. 3. Strafen als Folge von Regelübertretungen (vgl. ebd., S. 54–58) Goffman zeigt auf, dass die potentiellen Vergünstigungen im Belohnungssystem lediglich Teile der Rechte sind, die dem Insassen früher außerhalb der Einrichtung zugesichert wurden. Dem Insassen würden demnach keine Vergütungen, Vergünstigungen oder Werte gegeben, sondern nur die Abwesenheit von Entbehrungen, die außerhalb der Einrichtung nicht ertragen werden müssen (vgl. ebd., S. 55–57). Falls und wenn der Insasse Vergünstigungen erhält, kann er damit eine „Verbindung mit der ganzen verlorenen Welt wieder her[stellen]“ sowie eine Verbindung zu seinem „verlorenen Selbst“. Goffman spricht dem informellen Privilegiensystem in diesem Zusammenhang zynisch einen „reintegrierenden Effekt“ zu: „Besonders anfangs nehmen diese Vergünstigungen die ganze Aufmerksamkeit des Insassen gefangen. Wie fantastisch kann er den ganzen Tag in Gedanken an die Möglichkeit, diese Zuwendungen zu erhalten, verbringen oder die Stunde herbeisehnen, zu der sie planmäßig ausgeteilt werden“ (ebd., S. 55). Die Unterhaltung der Insassen drehe sich oft um die Dinge, die man während des Urlaubs oder nach der Entlassung aus der Anstalt tun will. Mit der Phantasie sei das Gefühl verbunden, dass Menschen außerhalb der totalen Institution gar nicht wissen, was für ein schönes Leben sie haben (vgl. ebd., S. 56). Weil die Privilegien für die Insassen so wichtig sind, bestehen die Strafen zum Teil aus dem zeitweiligen oder dauerhaften Entzug der Privilegien oder der Aberkennung des Rechts, sie sich zu verdienen (vgl. ebd.). Der Prozess ist folgender: Insassen begehen verbotene Handlungen, sie werden dabei erwischt und es erfolgt eine mehr oder minder „angemessene“ Bestrafung (vgl. ebd., S. 59). Goffman stellt fest, dass „dieses behavioristische Konditionierungsmodell […] im Allgemeinen nicht auf Erwachsene angewandt [wird]“, sondern etwas ist, „das Tieren und Kindern zukommt“ (ebd., S. 56). Im bürgerlichen Leben führt eine mangelhafte Erfüllung der Normen gewöhnlich zu indirekten nachteiligen Folgen und keineswegs zu einer spezifischen, unmittelbaren Bestrafung (vgl. ebd.). 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 140 Nach Goffman hat grundsätzlich in der bürgerlichen Gesellschaft der Einzelne, sobald er erwachsen ist, sozial akzeptierte Verhaltensstandards für den größten Teil seines Handelns verinnerlicht. Darüber hinaus wird ihm erlaubt, nach eigenem Gutdünken zu verfahren. Die Richtigkeit seines Handelns steht nur in seltenen Augenblicken zur Diskussion, nämlich dann, wenn ein Zeuge ihn zufällig bei einem für seine Rolle abweichenden Verhalten ertappt. In totalen Institutionen sind die Lebensbereiche vermischt und es gibt immer Zeugen. Deshalb kann der Insasse dort keine verschiedenen Rollen annehmen. Das Verhalten des Insassen in der totalen Institution auf einem Schauplatz seines Handelns kann ihm vom Personal in Form von Kritik und Überprüfung seines Handelns in anderem Kontext vorgeworfen werden. Die Trennung zwischen Zeugen und Rollen, durch die die bürgerliche Gesellschaft den Einzelnen vor solcher Kritik bewahrt, ist in totalen Institutionen aufgehoben (vgl. ebd., S. 44). Die Wahrscheinlichkeit für Sanktionen erhöht sich im Vergleich zu draußen noch dadurch, dass jedes Mitglied des Stabes jedes Mitglied der Insassen-Klasse disziplinieren darf. Draußen hingegen unterstünden Erwachsene in unserer Gesellschaft normalerweise der Autorität eines einzigen Vorgesetzten und die einzige „gestaffelte Autorität“, die Polizei, ist nicht andauernd präsent (vgl. ebd., S. 48). Wenn auch der Prozess der sozialen Kontrolle in jeglicher organisierten Gesellschaft wirkt, ist er Goffman zufolge in totalen Institutionen besonders restriktiv: In totalen Institutionen werden die Aktivitäten eines Menschen bis ins Kleinste vom Personal reguliert und beurteilt. Eine „persönliche Ökonomie des Handelns“, zum Beispiel wenn jemand seine Mahlzeit ein paar Minuten aufschiebt, um seine Arbeit zu vollenden, oder seine Arbeit etwas früher unterbricht, um mit einem Freund essen zu gehen, ist unmöglich (vgl. ebd., S. 45): „In erster Linie unterbinden oder entwerten totale Institutionen gerade diejenigen Handlungen, die in der bürgerlichen Gesellschaft die Funktion haben, dem Handelnden und seiner Umgebung zu bestätigen, daß er seine Welt einigermaßen unter Kontrolle hat – daß er ein Mensch mit der Selbstbestimmung, Autonomie und Handlungsfreiheit eines ‚Erwachsenen‘ ist. Gelingt es nicht, diese Handlungsfähigkeit des Erwachsenen oder zumindest deren Symbole zu erwerben, so kann dies beim Insassen zu einem erschreckenden Gefühl der völligen Degradierung in der Alters-Rangordnung führen“ (ebd., S. 50). Ironischerweise führe das Lohn-Strafe-System der totalen Institution bei dem Insassen nicht zu Schuldgefühlen und Reue, sondern dazu, diejenigen abzulehnen, die ihn ablehnen (vgl. ebd., S. 61–63). Die Frage nach der Entlassung aus der totalen Institution ist im Privilegiensystem eingebaut. Einige Handlungen tragen dazu bei, den Aufenthalt zu verlängern oder zumindest nicht zu verkürzen, andere können den Aufenthalt verkürzen (vgl. ebd., S. 57). Dass nicht von vornherein feststeht, wie lange der Aufenthalt in der Institution dauert, hat auf den Insassen eine demoralisierende Wirkung. Der Gedanke an die Zeit wird bewusst ausgeklammert und trotzdem beschäftigen sich die Insassen dauernd mit ihr. Gleichzeitig wird vom Stab der Eingewöhnungserfolg danach bewertet, wie der Insasse mit dem Verstreichen seiner Zeit zurechtkommt, ob es ihm schwer oder leicht fällt (vgl. ebd., S. 71): 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 141 „Dieses Gefühl der toten und bleischweren Zeit erklärt wahrscheinlich auch, warum auf Ablenkungen ein solcher Wert gelegt wird […]. Wenn die normalen Tätigkeiten in einer totalen Institution die Zeit zu einer Folter werden lassen, dann töten diese Beschäftigungen sie mitleidig“ (ebd., S. 72). Sobald Insassen den Ablenkungen allerdings zu viel Aufmerksamkeit widmen, wird der Stab einschreiten, denn nach seiner Meinung „soll nur die Institution, und keine andere soziale Entität, vom Insassen Besitz ergreifen“ (ebd., S. 73). In eigentümlichem Zusammenhang stehen die Strafen und Privilegien auch mit den Orten im Haus: An bestimmten Orten kann man Privilegien von bestimmter Art in bestimmtem Umfang erwerben. Insassen werden „oft und sichtbar“ von einem Ort zum anderen verlegt, was jeweils eine administrative Strafe oder Belohnung bedeutet (vgl. ebd., S. 57). Mit dem Privilegiensystem bildet sich ein „Anstaltsjargon“ aus, in dem sich die für die Welt in der totalen Institution bedeutsamen Ereignisse beschreiben lassen (vgl. ebd., S. 58). Zu diesem Phänomen lässt sich auch zählen, wenn das Personal angeordnete Vergehen und die dazugehörigen Strafen in einer Sprache ausdrückt, „welche die legitimierten Ziele der Anstalt widerspiegelt“ (vgl. ebd., S. 88). Als „Looping“ bezeichnet Goffman, wenn das Personal die Insassen für Handlungen bestraft und Verstocktheit oder Auflehnung zum Anlass weiterer Bestrafungen nimmt, wenn also eine Abwehrreaktion beim Insassen hervorgerufen und der nächste Angriff gerade gegen diese Reaktion gerichtet wird. Dies zerstöre das formelle Verhältnis zwischen dem handelnden Individuum und seinen Handlungen. Durch den Prozess des Loopings wird die Reaktion des Insassen auf seine Situation auf diese Situation selbst zurückgeworfen und es ist ihm nicht möglich, die übliche Trennung der Phasen einzuhalten (vgl. ebd., S. 43). Der Beweis der eigenen Autonomie wird abgeschwächt durch den Verzicht von Missfallensäußerungen (vgl. ebd., S. 50). Das Personal besitzt nach Goffman die Macht, eine die Stigmatisierung reduzierende Form der Entlassung zu wählen, wodurch die totale Institution wiederum einen wichtigen Hebel hat, um auf die Insassen einzuwirken (vgl. ebd., S. 75–77). Beschränkung des sozialen Verkehrs in totalen Institutionen „In vielen totalen Institutionen wird das Privileg, Besuch zu empfangen oder außerhalb der Anstalt Besuche zu machen, anfangs völlig vorenthalten, wodurch ein tiefer Bruch mit den früheren Rollen und eine Anerkennung des Rollenverlustes sichergestellt wird“ (Goffman, 1981, S. 25). Indem er ihm seiner Rollen im bürgerlichen Leben beraubt, bricht der Stab die „moralische Laufbahn“ des Insassen radikal. Der Insasse stirbt den „bürgerlichen Tod“ (vgl. ebd.). Außerdem wird verhindert, dass die Insassen ein Familienleben führen können, „denn wer mit einer Gruppe von Arbeitskameraden zusammen arbeitet, ißt und schläft, ist kaum in der Lage, eine sinnvolle häusliche Existenz aufrecht zu erhalten“ (ebd., S. 22). Die Macht von totalen Institutionen in der bürgerlichen Gesellschaft beruht Goffman zufolge zum Teil auf „der Unterdrückung einer ganzen Reihe von wirklich existierenden oder potentiellen Haushalten“ (ebd.). Das Personal wird zudem versuchen, die Bildung von Cliquen, Freundschaften oder auch von mehr oder 6.5.4.3 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 142 minder dauerhaften sexuellen Verbindungen innerhalb des Hauses zu verhindern, weil in manchen totalen Institutionen die Auffassung vertreten wird, dass Solidarität unter Gruppen von Insassen die Voraussetzung für Widerstand gegen das System schaffen kann. In der totalen Institution gilt daher eine Art „institutionelles Inzest- Tabu“ (vgl. ebd., S. 64). Paradoxerweise wird gleichzeitig erwartet, dass unter den Insassen eine Gruppenloyalität besteht (vgl. ebd., S. 65). Im Fehlen heterosexueller Chancen sieht Goffman einen mehr oder weniger durch die totale Institution bewusst herbeigeführten Mechanismus, um das Selbst der Insassen zu erniedrigen (vgl. ebd., S. 33). Die nicht vorhandene Möglichkeit, in der Anstalt etwas zu erwerben, das später draußen im Leben etwas wert sein könnte, beispielsweise eine Liebesbeziehung, Kinder oder auch verdientes Geld, bezeichnet Goffman als „soziale Entwurzelung“ (vgl. ebd., S. 72). Die Rolle, eine Liebespartnerin bzw. einen Liebespartner zu umwerben oder Kinder aufzuziehen, könne in manchen Fällen zu keiner späteren Lebensphase nachgeholt und deshalb von Insassen besonders schmerzhaft vermisst werden (vgl. ebd., S. 26). Offiziell wird dieser Vorgang von der totalen Institution allerdings umgedeutet, nämlich als „Befreiung von wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung“ und damit als wichtigen Bestandteil der „Therapie“ (vgl. ebd., S. 61). Außerdem werde häufig folgendes Argument für die Beschränkungen angeführt: Indem die totale Institution die Verantwortung für den Insassen übernehme, trage sie auch eine gewisse Verantwortung für den Schaden, den er unter Umständen der bürgerlichen Gesellschaft zufüge. Damit kein Schaden entsteht, werden die Rechte, die der Insasse eigentlich außerhalb besitzt, innerhalb der totalen Institution durch das Personal weitgehend eingeschränkt (vgl. ebd., S. 83). Tatsächlich habe die Beschränkung des sozialen Verkehrs eher einen desorganisierenden als einen organisierenden Effekt (vgl. ebd., S. 61): Die Separation des Insassen von der Außenwelt kann gemäß Goffmans Modell nach längerem Aufenthalt in der totalen Institution zu „Diskulturation“ führen, einem Verlern-Prozess, der „den Betreffenden zeitweilig unfähig macht, mit bestimmten Gegebenheiten der Außenwelt fertig zu werden, wenn und falls er hinausgelangt“ (ebd., S. 24). Die Beschränkung des Besuchs- oder Urlaubsrechts werde in manchen Anstalten an bestimmten Tagen gelockert, nämlich bei rituellen „Anstaltszeremonien“ – meist an Feiertagen (vgl. ebd., S. 99) oder beim „Tag der offenen Tür“ (vgl. ebd., S. 102). Bedeutung von Beschäftigungstherapie In totalen Institutionen werden Insassen dazu angehalten zu arbeiten. Während drau- ßen um der Bezahlung, des Profits oder des Prestiges Willen gearbeitet wird, wird in totalen Institutionen jedoch meist Arbeit ohne oder mit nur sehr geringer Entlohnung gefordert. Dabei werden dem Insassen überwiegend niedere Aufgaben zugeteilt. Die Abkehr von den draußen üblichen Motiven muss mit Rationalisierungen begründet werden. In diesem Fall wird behauptet, die Arbeiten würden dem Patienten helfen, das Leben in der Gesellschaft wieder zu erlernen, obwohl die Arbeiten sich direkt aus den Arbeitsbedürfnissen der Anstalt ergeben. Eine Bereitschaft des Insassen, die Ar- 6.5.4.4 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 143 beits- oder Beschäftigungstherapie mitzumachen, wird als Anzeichen seiner Besserung gewertet (vgl. Goffman, 1981, S. 92). Sekundäre und individuelle Anpassungsmechanismen Goffman befasst sich vor allem mit dem Unterleben von Organisationen. Er bezeichnet alle Handlungen, die es dem Insassen erlauben, „sich verbotene Genüsse bzw. erlaubte Genüsse mit verbotenen Mitteln zu verschaffen“ (Goffman, 1981, S. 59), als sekundäre Anpassungsmechanismen (vgl. ebd., S. 196). Sie sind in totalen Organisationen nicht unmittelbar gegen das Personal gerichtet, trotzdem sind sie kollektiv und subversiv (vgl. Goffman, 1981, S. 59). Durch die sekundäre Anpassung bildet sich über die Unterschiedlichkeit der „Schwarzhandelsgüter“ eine rudimentäre, weitgehend informelle Schichtung unter den Insassen heraus (vgl. ebd., S. 60). Das Privilegiensystem und die Demütigungen erfordern vom Insassen zusätzlich individuelle Anpassungsmechanismen. Eine Strategie sei der Rückzug, sich also aus der Situation völlig zurückzuziehen (vgl. ebd., S. 65), eine andere, die Zusammenarbeit mit dem Personal offenkundig zu verweigern, also einen kompromisslosen Standpunkt einzunehmen. Eine dritte Option bezeichnet Goffman als Kolonisierung und versteht sie als Aufbau einer relativ zufriedenen Existenz innerhalb der Einrichtung (vgl. ebd., S. 66). Ein vierter Modus sei die Konversion, das Spielen der perfekten Rolle des Insassen (vgl. ebd., S. 67). Insassen mit kompromisslosem Standpunkt bedrohen die Institution absichtlich (vgl. ebd.). Paradoxerweise erfordert die fortgesetzte Ablehnung einer totalen Institution eine dauernde Orientierung an deren formaler Organisation und deshalb ein starkes Interesse für die Anstalt. Umgekehrt widmet sich die Institution mit dem Brechen des Willen des Rebellen diesem ein ähnliches Maß an Aufmerksamkeit (vgl. ebd.). Bei Kolonisierung zeigt sich der Insasse zufrieden mit seinem Leben in der Anstalt, indem er versucht, mit seinen beschränkten Mitteln das Beste daraus zu machen. Das Personal kann dadurch das Gefühl bekommen, das die günstigen Aspekte des Institutionslebens missbraucht werden, und dadurch in Verlegenheit geraten, und auch andere Insassen reagieren häufig mit dem Vorwurf, dass der Kolonisierte die Situation ausnütze (vgl. ebd., S. 66). Die Haltung des Konvertiten hingegen ist – trotz seiner Begeisterung für die Anstalt – eher diszipliniert, moralistisch und monochrom. Goffman zeichnet mit diesen Formen der Anpassung Idealtypen. In den meisten Fällen bedienen sich die Insassen in totalen Institutionen einer Strategie aus einer mehr oder minder opportunistischen Kombination von sekundären Anpassungen, Konversion, Kolonisierung und Loyalität gegenüber der Gruppe der Insassen, um Schwierigkeiten zu vermeiden (vgl. Goffman, 1981, S. 66). 6.5.4.5 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 144 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb Ob männliche Besucher – und speziell sorgeberechtigte Väter – durch die Berufung auf das Hausrecht davon abgehalten werden dürfen, in die Einrichtung zu kommen bzw. das Kind zu versorgen und zu erziehen, wurde bisher nicht untersucht. In anderen Einrichtungsformen werden die Besuchsbeschränkungen in Hausordnungen vor dem Hintergrund der Grund- und Menschenrechte der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner kritisiert. Für das Feld der Behindertenhilfe haben sich sogar bereits neue Hilfeformen etabliert, die beide Eltern in die Betreuung einbeziehen. Da diese Bereiche Sozialer Arbeit mit ehemals ähnlich komplexen Spannungsfeldern bereits intensiver wissenschaftlich bearbeitet und dort zum Teil Lösungen für das Problem der Beschränkung des sozialen Verkehrs der Bewohnerinnen und Bewohner entwickelt wurden, wird in den folgenden Abschnitten über den Gesichtskreis der Kinder- und Jugendhilfe hinausgeblickt, mit der Absicht, neue Impulse auf das Feld der gemeinsamen Wohnformen zu übertragen. Zur Rechtmäßigkeit von besuchsbeschränkenden Hausordnungen Fragen zum Hausrecht werden derzeit für Heime für alte und pflegebedürftige Menschen diskutiert. Hier wird die Frage gestellt, ob und inwieweit Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen gegenüber dem Leistungserbringer beanspruchen dürfen, dass besuchswillige Personen Zugang zu ihnen erhalten. Aus der Sicht des Leistungserbringers ist fraglich, ob und inwieweit er diesen Zugang kontrollieren und gegebenenfalls unterbinden darf. Darüber hinaus können besuchswillige Personen ihrerseits eigene rechtlich geschützte Interessen geltend machen (vgl. Höfling, 2004, S. 2). Zur Klärung dieser Fragen hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Rechtsgutachten zur Problematik des Hausrechts in Heimen in Auftrag gegeben (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2004, S. 2). Durch das Rechtsgutachten wird bestätigt, dass das Besuchsrecht der Bewohnerinnen und Bewohner grundsätzlich nicht eingeschränkt werden darf. Lediglich unter engen Voraussetzungen und besonderen Bedingungen können Einschränkungen der Besuchsrechte oder gar Hausverbote zulässig sein. Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Besucher massiv in die medizinisch pflegerische Betreuung und Pflege eingreift und damit die Gesundheit von Heimbewohnerinnen und -bewohnern gefährdet (vgl. Höfling, 2004, S. 3). In der Behindertenhilfe wurde diese Rechtsauffassung übernommen. Dort gelten Hausordnungen als rechtswidrig, die den Bewohnerinnen und Bewohnern von Wohngemeinschaften oder Einrichtungen Ausgangs- und Besuchsregeln vorschreiben. Das Hausrecht an den einzelnen Zimmern liege bei den Bewohnerinnen und Bewohnern, nicht beim Leistungserbringer (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 67). Für Einrichtungen der Jugendhilfe fehlt es zum Thema Hausrecht bisher in der einschlägigen Fachliteratur insgesamt an Aufmerksamkeit. Im Rahmen der Recherchen für die vorliegende Studie konnte einzig ein Informationsblatt einer Stiftung er- 6.6 6.6.1 6.6 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb 145 mittelt werden, welches sich mit dem Hausrecht von Jugendhilfeeinrichtungen mit offener Tür befasst und dessen Inhalt im Folgenden vorgestellt werden soll. Für Jugendhilfeeinrichtungen mit offener Tür sei der berechtigte Aufenthalt von Besucherinnen und Besuchern schwierig zu beurteilen (vgl. Schruth & Stiftung Sozialpädagogisches Institut „Walter May“, 2009, S. 1). Die Berechtigung zum Aufenthalt ende jedoch, wenn von den Jugendlichen bekannte, wesentliche Regeln verletzt würden, pädagogische Konfliktregularien von den Betreuerinnen bzw. Betreuern aufgegeben und die betreffenden Jugendlichen zum Verlassen des Hauses aufgefordert würden. Die Möglichkeiten der Abwehr von außen kommender Störungen durch Personen durch das Hausrecht entschieden sich bei Einrichtungen des Privatrechts an der Grenzziehung pädagogischer Regulierungsmöglichkeiten. Überschritten einzelne Jugendliche diese ihnen bekannten Grenzen, würden sie – juristisch gesprochen – zu „Außenstehenden der Einrichtung“, denen gegenüber ein Hausverbot von den Beschäftigten der Einrichtung in Vertretung des Arbeitgebers ausgesprochen und durchgesetzt werden könne. Die freie Entscheidung – aus pädagogischen Gründen – stehe den Beschäftigten des privaten Trägers nach den Besitzschutzrechten des BGB zu (vgl. Schruth & Stiftung Sozialpädagogisches Institut „Walter May“, 2009, S. 4). Für die Situation in Mutter-(/Vater‑)Kind-Heimen sind rechtliche Fragestellungen zum Hausrecht bisher nicht beantwortet, der Umgang mit dieser Rechtsunsicherheit in der Praxis wurde aber vielfach gerügt. Gerade die Besuchs- und Ausgangsregeln der Einrichtungen wurden in der Vergangenheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bzw. Expertinnen und Experten kritisiert, beispielsweise als „eines der heikelsten Probleme“ (vgl. Wendt, 1981, S. 440) oder „eine weit über ein notwendiges Maß hinausgehende Einschränkung“ (vgl. Kappen, 1990, S. 188). Assistenz für behinderte Eltern im Rahmen begleiteter Elternschaft Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit dem Angebot der „begleiteten Elternschaft“ – einem Konzept der Behindertenhilfe. Ein „Blick über den Tellerrand“ in dieses Feld der Sozialen Arbeit bietet sich an, um Entwicklungspotentiale für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII auszumachen, weil dort traditionelle Hilfeformen bereits intensiver vor dem Hintergrund der Debatte um Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession problematisiert wurden. Der Diskurs trieb die Verbesserung bestehender Angebote voran und brachte ein neues Format für Hilfen für beide Eltern mit Kindern hervor. In der Behindertenhilfe wird schon seit längerer Zeit eine Einschränkung des Grundrechts auf sexuelle Selbstbestimmung problematisiert. Für behinderte Männer und Frauen sei in der Vergangenheit dieses Menschenrecht häufig missachtet und – auch durch die Soziale Arbeit – gezielt eingeschränkt worden (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 49). Die sexuelle Selbstbestimmung, die das Recht auf Reproduktion einschließe, werde vielen Menschen mit Unterstützungsbedarf nicht ermöglicht, sei es aus Mangel an Ressourcen oder aus wohlmeinender Fürsorge heraus (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 51). Bevormundung aus Fürsorge sei der Ausdruck tradierter Machtverhältnisse und 6.6.2 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 146 in den meisten Fällen weder rechtlich zulässig noch ethisch vertretbar (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 52). Darunter falle einseitige oder gezielt fehlerhafte Beratung zu Fragen der Schwangerschaft und Verhütung bzw. Heim- und Gruppenregeln, die das Recht erwachsener Bewohnerinnen und Bewohner, über Nacht Besuch zu empfangen, von der Erlaubnis des pädagogischen Personals abhängig machen (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 51). Nach Lenz et al. entstand in den letzten Jahrzehnten aufgrund der politischen Aktivität der Behindertenselbsthilfe in ihrer Gegenwehr gegen Diskriminierung und Aussonderung ein neues Selbstbewusstsein im Kampf um gleichwertige Bürgerrechte. Der Widerstand richtete sich damals wie heute gegen den Ausschluss vom Alltag durch „Besonderung“ und fehlende Lebensmöglichkeiten. Eine neue Strömung, die sogenannte „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ forderte für Menschen mit Behinderung das Recht ein, ein Leben zu leben, wie der eigene Lebensplan es vorsieht. Gemäß deren Grundsätzen müssten sich behinderte Menschen nicht auf die Lebensräume beschränken lassen, die andere für sie vorgesehen hätten (vgl. Lenz et al., 2010, S. 13). Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung formulierte Ziele und Forderungen für die Behindertenpolitik, welche in den letzten Jahren die Gesetzgebung beeinflussten. Mit Wahl- und Entscheidungsfreiheit solle Kontrolle über das eigene Leben erlangt werden. Die Kompetenz, die Zuständigkeit und die Verantwortung für das eigene Leben lägen bei den behinderten Menschen (vgl. Lenz et al., 2010, S. 14). Am 3. Mai 2008 trat das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die sogenannte UN-Behindertenrechtskonvention51, in Kraft (vgl. Deutscher Bundestag, 2008). Dieses universelle Vertragsinstrument konkretisiert bestehende Menschenrechte für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 4). Die Mitgliedsstaaten werden damit in die Pflicht genommen, behinderten Menschen unter anderem die Freiheit zu verschaffen, Wohnund Lebensformen wählen zu können und sich nicht wegen der Behinderung auf ein Heim oder ein Leben ohne Kinder verweisen lassen zu müssen (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 49). Das Vertragswerk stellt einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Rechte von weltweit rund 650 Millionen behinderten Menschen dar. Ziel war es, durch die Konvention ihre Chancengleichheit in der Gesellschaft zu fördern. Die Konvention stellt klar, dass Menschen mit Behinderungen ein uneingeschränktes und selbstverständliches Recht auf Teilhabe besitzen. „Nicht ohne uns über uns“ lautet der zentrale Grundsatz der Konvention. Das Leitbild der Behindertenrechtskonvention ist „Inklusion“ (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 4). In Deutschland ist die Konvention seit dem 26. März 2009 in Kraft. Seitdem wird an der Umsetzung gearbeitet: So veröffentlichte die Bundesregierung im September 2011 ihren nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Konvention. Auch 51 Deutschland, Liechtenstein, Österreich und die Schweiz haben fast ohne Beteiligung behinderter Menschen und ihrer Verbände eine deutsche Übersetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen abgestimmt. Deshalb hat sich das „Netzwerk Artikel 3 – Verein für Menschenrechte und Gleichstellung Behinderter e. V.“ 2009 dazu entschlossen, eine sogenannte „Schattenübersetzung“ zu veröffentlichen. 6.6 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb 147 in einigen Bundesländern gibt es Aktionspläne (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 4). Mit dem Erlass von Gleichstellungsgesetzen und der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention setzte sich die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung intensiv auseinander (vgl. Netzwerk Artikel 3 e. V., 2009). Als Gegenmodell zur gängigen Beziehung zwischen helfenden und behinderten Menschen wurde von der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung der Begriff „persönliche Assistenz“ geprägt. Der Begriff soll verdeutlichen, dass der helfenden Beziehung durchaus kein Abhängigkeitsverhältnis immanent ist. Ziel war es, behinderte Menschen mit mehr Macht im Verhältnis zur helfenden Person auszustatten: Das Fachpersonal wird als persönliche Assistenz angesehen, welche die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen respektieren und die Aneignung von neuen Lebensräumen und -fertigkeiten unterstützen muss. Durch den Funktionswandel hin zu Vorgesetzten ihrer Assistenzkräfte werden behinderte Menschen – selbst solche mit hohem Hilfebedarf – vom „Objekt der Fürsorge“ zum „Subjekt des eigenen Handelns“ (vgl. Lenz et al., 2010, S. 14). Dieser Sichtweise folgend wird Behinderung als gesellschaftlich verursacht und somit als veränderbar definiert. Menschen sind demnach nicht behindert, sie werden es. Lenz und seinen Kolleginnen zufolge könne es behinderten Menschen durch dieses neue Selbstbewusstsein gelingen, ihnen vorgegebene Lebensentwürfe zu erkennen, diese zu verlassen und eigene Lebensziele zu realisieren. Die Selbstbestimmt-Leben- Bewegung sieht behinderte Menschen als Fachleute in eigener Sache, die kompetent für das eigene Leben Verantwortung übernehmen. Die professionellen Assistentinnen und Assistenten dürfen die Auseinandersetzungen im gesellschaftlichen Konfliktfeld nicht befrieden, da das Leben und Lernen ausnahmslos dort möglich ist. Ausgangspunkt für professionelles Handeln hingegen ist das Erschließen von individuellen und sozialen Ressourcen. Häufig leben behinderte Menschen am Rand der Gesellschaft oder in Armut. Lenz und seine Kolleginnen heben die Relevanz der Erschließung von Umweltressourcen hervor, um den Handlungsspielraum zu erweitern (vgl. Lenz et al., 2010, S. 15). In Bezug auf das Familienleben regelt Art. 23 der UN-Behindertenrechtskonvention die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen. Dort heißt es wie folgt: „Artikel 23 Achtung der Wohnung und der Familie (1) Die Vertragsstaaten treffen wirksame und geeignete Maßnahmen zur Beseitigung der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen in allen Fragen, die Ehe, Familie, Elternschaft und Partnerschaften betreffen, um zu gewährleisten, dass a) das Recht aller Menschen mit Behinderungen im heiratsfähigen Alter, auf der Grundlage des freien und vollen Einverständnisses der künftigen Ehegatten eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen, anerkannt wird; b) das Recht von Menschen mit Behinderungen auf freie und verantwortungsbewusste Entscheidung über die Anzahl ihrer Kinder und die Geburtenabstände sowie auf Zugang zu altersgemäßer Information sowie Aufklärung über Fortpflanzung und Familienplanung anerkannt wird und ihnen die notwendigen Mittel zur Ausübung dieser Rechte zur Verfügung gestellt werden; c) Menschen mit Behinderungen, einschließlich Kindern, gleichberechtigt mit anderen ihre Fruchtbarkeit behalten. 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 148 (2) Die Vertragsstaaten gewährleisten die Rechte und Pflichten von Menschen mit Behinderungen in Fragen der Vormundschaft, Pflegschaft52, Personen- und Vermögenssorge, Adoption von Kindern oder ähnlichen Rechtsinstituten, soweit das innerstaatliche Recht solche kennt; in allen Fällen ist das Wohl des Kindes ausschlaggebend. Die Vertragsstaaten unterstützen Menschen mit Behinderungen in angemessener Weise bei der Wahrnehmung ihrer elterlichen Verantwortung. (3) Die Vertragsstaaten gewährleisten, dass Kinder mit Behinderungen gleiche Rechte in Bezug auf das Familienleben haben. Zur Verwirklichung dieser Rechte und mit dem Ziel, das Verbergen, das Aussetzen, die Vernachlässigung und die Absonderung von Kindern mit Behinderungen zu verhindern, verpflichten sich die Vertragsstaaten, Kindern mit Behinderungen und ihren Familien frühzeitig umfassende Informationen, Dienste und Unterstützung zur Verfügung zu stellen. (4) Die Vertragsstaaten gewährleisten, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, dass die zuständigen Behörden in einer gerichtlich nachprüfbaren Entscheidung nach den anzuwendenden Rechtsvorschriften und Verfahren bestimmen, dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist. In keinem Fall darf das Kind aufgrund einer Behinderung entweder des Kindes oder eines oder beider Elternteile von den Eltern getrennt werden. (5) Die Vertragsstaaten verpflichten sich, in Fällen, in denen die nächsten Familienangehörigen nicht in der Lage sind, für ein Kind mit Behinderungen zu sorgen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um andere Formen der Betreuung innerhalb der weiteren Familie und, falls dies nicht möglich ist, innerhalb der Gemeinschaft in einem familienähnlichen Umfeld zu gewährleisten“ (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 33–35). In der Vergangenheit wurde behinderten Menschen häufig das Sorgerecht entzogen, obwohl öffentliche Hilfen rechtlich Vorrang vor dem gesamten oder partiellen Sorgerechtsentzug haben. Bis heute stellt für behinderte Menschen in Deutschland das Leben als Eltern kein selbstverständliches Lebensmuster dar (vgl. Lenz et al., 2010, S. 13). Gerade die Situation behinderter Menschen in Heimen sei Zinsmeister zufolge besonders prekär. Für Heimbewohnerinnen und -bewohner seien Partnerschaft und Kinderwunsch ebenso wichtige Themen wie für die restliche Bevölkerung auch, jedoch seien sie aufgrund ihrer Lebensumstände offensichtlich selten in der Lage, ihre Wünsche gleichermaßen zu realisieren (vgl. Zinsmeister, 2006, S. 4). Gemäß einer Infratest-Studie von 1994 waren 88 Prozent der Heimbewohnerinnen ledig (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 1994, S. 2). Eine Umfrage durch Schopmans zur Situation behinderter Frauen in 113 hessischen Wohneinrichtungen ergab, dass dort nur in der Hälfte der Einrichtungen einzelne Frauen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammenleben (konnten). Bezogen auf die Gesamtzahl der befragten Einrichtung waren pro Einrichtung 1,3 Paarbeziehungen bekannt. In 3 Prozent der erfassten Einrichtungen lebten Frauen mit einem oder mehreren Kindern (vgl. Hessisches Sozialministerium, 2001, S. 74). Daraus könne allerdings, so Zinsmeister, nicht der Rückschluss gezogen werden, dass die Einrichtungsbewohnerinnen tatsächlich entsprechend selten Kinder bekämen. Vielmehr beruhe der geringe Prozentsatz der behinderten Eltern innerhalb der hessischen Wohneinrichtungen darauf, dass die Mütter bzw. Väter die Kinder freiwillig oder unfreiwillig abgeben, beispielsweise in Pflegefamilien, oder die Einrichtung zusammen mit ihrem 52 Schweiz: Beistandschaft. 6.6 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb 149 Kind verlassen müssten, weil diese nicht auf die Versorgung von Eltern mit Kindern eingestellt sei. In Deutschland gebe es nur 20 Dienste und Einrichtungen, die spezielle Wohn- und Betreuungsangebote für Mütter und Väter mit sogenannter geistiger Behinderung anböten. Die Zahl der Eltern, die von vornherein ohne Kontakt zu entsprechenden Einrichtungen ihre Kinder versorgten, sei nicht bekannt (vgl. Zinsmeister, 2006, S. 4). Die Reaktionen auf Elternschaft behinderter Menschen haben sich dank der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung im Sinne einer Humanisierung der Lebensverhältnisse verändert. Selbst Sexualität ist als Thema in vielen Einrichtungen und Diensten inzwischen enttabuisiert (vgl. Specht, 2010, S. 3). Das Paradigma der sexuellen Selbstbestimmung habe in das Recht der sozialen Pflegeversicherung, der Rehabilitation und der Heime sowie in die Leitbilder und Programme der Behindertenhilfe Einzug gefunden (vgl. Lenz et al., 2010, S. 13). Mittlerweile wird das Recht auf Selbstbestimmung so weit ausgelegt, selbst zu unklugem Handeln berechtigt zu sein, sofern man zur freien Willensbildung in der Lage ist, selbst wenn man sich selbst schädigt (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 56). Eltern mit leichter bis mittelgradiger geistiger Behinderung wird immer häufiger „Begleitete Elternschaft“ angeboten. Unter diesem Begriff sind all diejenigen individuellen Unterstützungshandlungen zu verstehen, „die Mütter und Väter mit Behinderungen benötigen, um die elterliche Sorge oder – im Falle nicht sorgeberechtigter Elternteile – den Umgang mit den Kindern möglichst umfassend und selbstbestimmt ausüben zu können“ (Zinsmeister, 2006, S. 3). Je nach Lebenslage, familiärer Situation und Art der Behinderung können sich die benötigten Unterstützungshandlungen in Bezug auf Inhalt, Umfang, Zeitpunkt und Zeitraum unterscheiden. Die Hilfe müsste in enger Zusammenarbeit der Jugendhilfe- und Sozialhilfeträger konzipiert werden, die jeweils im Rahmen ihrer Zuständigkeit einen Beitrag zu den Kosten der Hilfe für die Familie erbrächten (vgl. Dahm, 2012, S. 10). Ziele seien die Sicherstellung des Kindeswohls, eine altersgerechte Entwicklung der Kinder, eine größtmögliche Übernahme von Verantwortung der Eltern für ihre Kinder und damit mehr Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Eltern (vgl. Dahm, 2012, S. 9). Die Kinder- und Jugendhilfe kann von den Konzepten lernen, wie die Menschenrechte in Einrichtungen sichergestellt, wie Benachteiligungen verhindert werden können und geeignete Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstige Maßnahmen zu treffen sind, damit die Vorgaben der Normen, die sich aus den Menschenrechten ergeben, realisiert werden. 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 150 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten Um Informationen zu den Möglichkeiten und Grenzen der Einbindung von Männern in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder zu erheben und die Daten auszuwerten, wurde die Methode des problemzentrierten Interviews nach Witzel angewandt. Für die vorliegende Studie wurden qualitative Daten erhoben, die quantifizierende Aussagen innerhalb der Stichprobe eingeschränkt zulassen. Die Methodik des problemzentrierten Interviews eignet sich, um Widersprüche und Tendenzen offenzulegen. Das problemzentrierte Interview wurde gewählt, da es als qualitative Methode bei Fragestellungen nutzt, die keinen rein explorativen Charakter haben, das heißt, über die bereits etwas bekannt ist, und bei solchen, die stärker theoriegeleitet sind, wo also konkrete Fragen im Vordergrund stehen. Es existiert schon Vorwissen über den zu untersuchenden Gegenstand, das es zu überprüfen und weiter zu vertiefen gilt (vgl. Kurz, et al., 2007, S. 465; Mayer, 2007, S. 182). Aus diesem Grund passt das problemzentrierte Interview zu Vorstudien, die sowohl einen hypothesengenerierenden als auch ‑prüfenden Charakter haben. In einem nächsten, meist quantitativ ausgerichteten Schritt kann die Validierung der so generierten verfeinerten Hypothesen erfolgen (vgl. Kurz et al., 2007, S. 465). Diese Methode dient also in allen dargestellten Aspekten besonders gut zur Bearbeitung der Forschungsfrage. Die Auswahl der Methode des problemzentrierten Interviews ergab sich daraus, dass mit ihr Handlungsbegründungen und Situationsdeutungen, die Subjekte angesichts gesellschaftlicher Anforderungen formulieren, offengelegt werden können (vgl. Wahler & Witzel, 1985). Die Konstruktionsprinzipien des problemzentrierten Interviews zielen auf eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen sowie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität (vgl. Witzel, 2000, S. 1). Grundannahme ist, dass das Individuum gezwungen ist, sich in seinem Denken und Handeln auf gesellschaftliche Strukturen mit institutionell geregelten Erwartungen an die einzelnen Individuen zu beziehen (vgl. Witzel, 1985, S. 228). Aus gegenwärtigen Erscheinungen interpretieren Menschen Muster und leiten daraus Erwartungen an zukünftige Hergänge ab. So entstehen routinemäßig Realitätsmuster, die von den jeweiligen Akteurinnen und Akteuren in Interaktionen reproduziert werden (vgl. Witzel, 1985, S. 229). Indem diese Realitätsentwürfe offengelegt werden, können nach Witzel Interessengebundenheit, ideologische Gehalte und Realitätsangemessenheit abgeschätzt werden. Es gilt, den Sinn aufzuschlüsseln, den Individuen ihren Handlungs- und Deutungsmustern unterlegen, und Verarbeitungsformen gesellschaftlicher Realität verstehend nachzuvollziehen. Dazu soll nicht nach Ursachen, sondern nach Begründungen 7 151 für Handlungen und Absichten gesucht werden (vgl. Witzel, 1985, S. 228–230). Um die Frage zu klären, welche Grenzen und Möglichkeiten es gibt, Männer in Hilfen nach § 19 SGB VIII einzubinden, erscheint es hilfreich, die Begründungen für Handlungen und Absichten der Akteurinnen und Akteure zu kennen. Die Methode wendet sich der Sichtweise der Akteurinnen und Akteure zu. Mit diesen soll vertrauensvoll zusammengearbeitet werden, um deren Welt zu erschließen (vgl. Witzel, 1985, S. 228). Insgesamt sollen sich Interpretationsspielräume offengehalten werden, um sie gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt zu korrigieren. Gleichzeitig muss in jeder Phase der mögliche Verlauf des Prozesses abgeschätzt werden. Um diese Flexibilität zu gewährleisten, plädiert Witzel für die Aufhebung starrer Ablaufregeln im Forschungsprozess sowie des Frageschemas im Interview. Durch letzteres bietet sich die Chance, inhaltsbezogene und genauere Fragen bzw. Nachfragen zu stellen (vgl. Witzel, 1985, S. 229). Es geht um die flexible Analyse eines wissenschaftlichen Problemfeldes, eine schrittweise Gewinnung und Prüfung von Daten, wobei Zusammenhang und Beschaffenheit der einzelnen Elemente sich erst langsam herausschälen (vgl. Witzel, 1985, S. 233). Zentrale Kriterien der Methode sind Problemzentrierung, Gegenstandsorientierung und Prozessorientierung (vgl. Witzel, 1985, 2000). Problemzentrierung bedeutet für die Forschenden, von Problemstellungen auszugehen, deren wesentliche Aspekte bereits vor dem Interview erarbeitet werden. Es handelt sich um „objektiv“ vorhandene Problembereiche, die wahrscheinlich für die Befragten relevant sind und an deren Rekonstruktion sie mitarbeiten sollen (vgl. Kurz et al., 2007, S. 466). Die Orientierung an einer relevanten gesellschaftlichen Problemstellung erfordert zunächst die Offenlegung und Systematisierung ihres Wissenshintergrundes. Einschlägige Theorien und empirische Untersuchungen zu dem Themenbereich sollen kritisch verarbeitet, im Untersuchungsfeld Erkundungen angestellt sowie die Erfahrungen von Expertinnen und Experten einbezogen werden. Weiterhin sind die objektiven Rahmenbedingungen zu untersuchen, von denen die betroffenen Individuen abhängig sind. Dazu sollen strukturelle Merkmale des Alltagskontextes der Subjekte dokumentiert werden, so beispielsweise institutionelle Bedingungen (vgl. Witzel, 1985, S. 230). Die Gegenstandsorientierung erfordert, die konkrete Ausgestaltung des Verfahrens an den jeweiligen Forschungsgegenstand anzupassen, anstatt vorgefertigte Instrumente übernehmen zu können (vgl. Kurz et al., 2007, S. 466). Die Prozessorientierung bezieht sich auf die schrittweise Gewinnung und Prüfung von Daten. Dieses Prinzip gilt zum einen für den gesamten Forschungsablauf und zum anderen für die Herangehensweise an jedes einzelne Interview (vgl. Kurz et al., 2007, S. 466). Der Erkenntnisgewinn soll sowohl im Erhebungs- als auch im Auswertungsprozess als induktivdeduktives Wechselverhältnis organisiert werden (vgl. Witzel, 2000, S. 3). Bei Interviews müssen die Befragten die Möglichkeit erhalten, Sachverhalte zu explizieren und durch Stimulation des Gedächtnisses sowie durch Gewinnen von Vertrauen diese wiederum in anderen thematischen Zusammenhängen zu korrigieren. Die fragende Person kann auf der anderen Seite das Gespräch im Sinne eines Lernprozesses nutzen und von diesem Selbstverständnis ausgehend Nachfragen an verschiedenen Zeitpunkten der Exploration ansetzen, wobei auftretende Varianten der Explikationen 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 152 überprüft werden können. Dadurch entstehen bereits im Erhebungskontext Verstehensprozesse bei der befragenden Person, die selbst in Form einer Art Vorinterpretation Ergebnisse produziert und damit die anschließende systematischere, kontrollierte eigentliche Interpretationsphase vorbereitet (vgl. Witzel, 1985, S. 231). Diese Komplexität der Gesprächsstrategie, das Vorwissen für Fragen zu nutzen, ohne damit die originäre Sichtweise der Befragten zu überdecken, stellt hohe Anforderungen an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Deshalb sollen die Interviews selbst durchgeführt und nicht an Hilfskräfte oder Umfrage-Institute weitergeben werden (vgl. Witzel, 2000, S. 17). Indem die Befragten ihre Problemsicht „ungeschützt“ in Kooperation mit der Interviewerin bzw. dem Interviewer entfalten, entwickeln sie – so Witzel – im Laufe des Gesprächs neue Aspekte zum gleichen Thema, Korrekturen an vorangegangenen Aussagen, Redundanzen und Widersprüchlichkeiten. Redundanzen sind erwünscht, da sie oft interpretationserleichternde Neuformulierungen enthielten. Widersprüchlichkeiten drücken individuelle Ambivalenzen und Unentschiedenheiten aus, die thematisiert werden sollen. Ihnen können Missverständnisse des Interviewers oder Fehler und Lücken in der Erinnerung der Interviewten zugrunde liegen, die durch Nachfragen aufgeklärt werden können. Sie können ebenfalls Ausdruck von Orientierungsproblemen, Interessenswidersprüchen und Entscheidungsdilemmata angesichts widersprüchlicher Handlungsanforderungen sein (vgl. Witzel, 2000, S. 4). Nach der Methode des problemzentrierten Interviews geht der bzw. die Forschende mit einem bestimmten theoretischen Konzept in die Interviewsituation, das den Befragten nicht offengelegt wird, um sie nicht zu beeinflussen. Dieses und die methodische Vorgehensweise müssen bei entsprechender Empirie allerdings stets modifiziert werden können (vgl. Kurz et al., 2007, S. 467). Die Instrumente des Interviewverfahrens bestehen aus dem Kurzfragebogen, dem Leitfaden, der Tonbandaufzeichnung und dem Postskriptum (vgl. Witzel, 1985, S. 236, 2000, S. 5). Der Kurzfragebogen diene zum einen der Ermittlung von Sozialdaten und der Entlastung des nachfolgenden Interviews, das eine Aushandlung der subjektiven Sichtweise der Interviewten zum Ziel hat, von denjenigen Fragen, die als Frage- Antwort-Schema aufgebaut sind. Zum anderen könnten die in ihm enthaltenen Informationen einen Gesprächseinstieg ermöglichen – mit einer offenen Frage, um eine erste Erzählsequenz in Gang zu setzen (vgl. Witzel, 1985, S. 236, 2000, S. 6). Die im Allgemeinen von den Interviewten akzeptierte Tonträgeraufzeichnung erlaube im Gegensatz etwa zu Gesprächsprotokollen die authentische und präzise Erfassung des Kommunikationsprozesses. Anschließend sei sie vollständig zu transkribieren. Der Interviewer könne sich vollständig auf das Gespräch sowie auf Beobachtungen situativer Bedingungen und nonverbaler Äußerungen konzentrieren (vgl. Witzel, 1985, S. 237, 2000, S. 7). Indem Forschungsthemen als Gedächtnisstütze und Orientierungsrahmen in einem Leitfaden festgehalten würden, sichere man die Vergleichbarkeit der Interviews. Darüber hinaus seien im Leitfaden einige Frageideen zur Einleitung einzelner Themenbereiche und eine vorformulierte Frage zum Gesprächsbeginn enthalten. Im Idealfall begleite der Leitfaden den Kommunikationsprozess als eine Art Hinter- 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 153 grundfolie, die zur Kontrolle diene, inwieweit seine einzelnen Elemente im Laufe des Gesprächs behandelt worden seien. Forschende müssten demnach auf der einen Seite die von den Befragten selbst entwickelten Erzählstränge und Nachfragemöglichkeiten verfolgen sowie andererseits gleichzeitig Entscheidungen darüber treffen, an welchen Stellen des Interviewablaufs sie zur Ausdifferenzierung der Thematik das problemzentrierte Interesse in Form von Fragen einbringen sollten (vgl. Witzel, 1985, S. 236, 2000, S. 8). Als Ergänzung zur Tonträgeraufzeichnung seien unmittelbar nach dem Gespräch Postskripte zu erstellen. Sie sollten eine Skizze zu den Gesprächsinhalten, Anmerkungen zu den situativen und nonverbalen Aspekten sowie zu Schwerpunktsetzungen des Interviewpartners enthalten. Außerdem würden spontane thematische Auffälligkeiten und Interpretationsideen notiert, die Anregungen für die Auswertung geben könnten (vgl. Witzel, 1985, S. 237, 2000, S. 9). Zu Techniken der Auswertung macht Witzel keine strikten Vorgaben, weil die Gestaltung des Erkenntnisfortschrittes untrennbar mit den inhaltlichen Anforderungen des Gegenstands verbunden seien (vgl. Witzel, 1985, S. 242). Kurz et al. empfehlen, bei der Suche nach Interviewpartnerinnen und -partnern die Befragten selbst um Tipps zu bitten. Häufig wüssten diese selbst am besten, wer weitere Informationen liefern könnte, und seien bereit weiterzuhelfen. Dieser „Schneeballeffekt“ könne genutzt werden, um an weitere Informantinnen bzw. Informanten zu gelangen. Häufig erweise es sich als günstig, mit Interviewpartnerinnen bzw. -partnern zu beginnen, die man persönlich kenne und die eher ein moderates Niveau an Expertise aufwiesen. Eine erste Kontaktaufnahme durch die Forscherin bzw. den Forscher selbst sei empfehlenswert, um eine Zusage zum Interview zu erreichen. In der Kontaktaufnahme sei über die eigene Person, die Problemstellung der Untersuchung, Ziele, Auftraggeber, voraussichtliche Dauer des Interviews, Zusicherung der Anonymität und über den Grund, warum gerade die adressierte Person wichtig für die Datenerhebung sei, zu informieren. Ein Skript helfe, den Überblick über Kontaktaufnahmen und Terminvereinbarungen zu behalten (vgl. Kurz et al., 2007, S. 468). Vorbereitung der Studie Zur Vorbereitung der vorliegenden Studie wurde in einer Mutter-Kind-Einrichtung hospitiert, um die Bedarfslagen der Klientinnen kennenzulernen und Einblicke in die Arbeitsweise des Personals und die für das Feld typische Arbeitsorganisation zu gewinnen. Um einen Überblick über die Einrichtungslandschaft zu erlangen, wurden im Rahmen dieser Studie seit 2011 systematisch durch regelmäßige Internetrecherchen Daten über Einrichtungen nach § 19 SGB VIII auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland gesammelt und gespeichert. Dazu wurden die Internetauftritte der Häuser, elektronisch zugängliche Konzeptionen der Einrichtungen, Leistungsbeschreibungen und Flyer hinsichtlich folgender Aspekte analysiert und ausgewertet: Name der Einrichtung, Adresse, Bundesland, Internetadresse, Gründungsjahr, Leistungserbringer, Zugehörigkeit zu Spitzenverband, Betreuungsform, Anzahl der Plätze, Kontaktperson, Einbindung der (sozialen) Väter. Die Ergebnisse der Analyse wurden 7.1 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 154 in Form einer Datenbank miteinander verknüpft. Digitale Kopien der Einrichtungskonzeptionen, Leistungsbeschreibungen und Flyer wurden archiviert. Alle zur Vorbereitung der Studie erhobenen Daten wurden für eine Nachnutzung gesichert. Feldzugang Wie bereits in Abschnitt 5 der vorliegenden Studie gezeigt, unterscheiden sich Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen untereinander sehr. Bei der Ermittlung von potentiellen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern stellte sich heraus, dass in manchen Einrichtungen, die sich Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen nennen, ausschließlich Hilfen nach § 19 SGB VIII angeboten werden. In anderen Einrichtungen wiederum werden auch weitere Leistungen des SGB VIII oder anderer Sozialgesetzbücher erbracht und in einer dritten Gruppe von Institutionen findet man überhaupt keine Hilfen nach § 19 SGB VIII. Letztere sind überwiegend – wie bereits eingangs erwähnt – medizinische Mutter-Kind-Kuren, aber auch Einrichtungen, die sich der Rehabilitation von drogenabhängigen Elternteilen widmen, sowie Einrichtungen für delinquente Mütter, die gemeinsam mit Kind in einer Spezialabteilung des Strafvollzugs untergebracht werden. In der vorliegenden Studie wird sich auf die Erforschung der Einrichtungen beschränkt, die Hilfen nach § 19 SGB VIII anbieten. Dabei wurden sowohl solche Institutionen in die Betrachtung einbezogen, die ausschließlich Hilfen nach § 19 SGB VIII anbieten, als auch solche, die neben Leistungen nach § 19 SGB VIII auch andere Leistungen erbringen. In Einrichtungen, in denen keine Hilfen nach § 19 SGB VIII erbracht werden, wurden keine Interviews durchgeführt. Zur Gewinnung von Gesprächspartnerinnen und -partnern in Organisationen empfiehlt Wolff, sich über die „Machtzentren“ einen Zugang zu verschaffen (vgl. Wolff, 2000, S. 342). Um den Feldzugang für die vorliegende Studie zu erlangen, wurde in Betracht gezogen, sich zunächst an die Jugendämter – als Leistungsträger der öffentlichen Jugendhilfen und damit Machthabern gegenüber den Leistungserbringern – zu wenden. Allerdings werden Plätze in Einrichtungen meist jeweils durch mehrere Jugendämter belegt. Die Jugendämter selbst nutzen zum Teil Angebote mehrerer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, sodass oben genannter Zugang für die vorliegende Studie aus Komplexitätsgründen ausschied. Da es sich bei den Leistungserbringern meist um hierarchische Organisationen handelte, für welche auf der Suche nach dem Feldzugang die Einhaltung des Dienstweges empfohlen wird (vgl. Wolff, 2000, S. 342), wurden zunächst Leitungspersonen von dreißig Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen angeschrieben. Die Namen und Adressen wurden im Rahmen der vorangegangenen Internetrecherche ermittelt. In den Anschreiben wurde das Anliegen geäußert, Interviewpartnerinnen und -partner für eine wissenschaftliche Untersuchung im Rahmen einer Dissertation zu gewinnen, und um Unterstützung gebeten. Die Problemstellung wurde kurz erläutert und Anonymität zugesichert. Die Auswahl der Interviewpartnerinnen und -partner trafen die Leitungspersonen der Leistungserbringer. In einem Telefonat oder per E-Mail mit der Leitung wurde der Wunsch geäußert, möglichst mit (sozialen) Vätern zu sprechen. Informationen 7.2 7.2 Feldzugang 155 darüber, wie die Auswahl der Befragten zustande kam, gaben die Leitungspersonen nicht an. Das Angebot an die Befragten, das Transkript und die Anonymisierung prüfen zu können, um gegebenenfalls weitere Anonymisierungen vorzunehmen oder Passagen zu streichen, erleichterte in den meisten Fällen den Aufbau einer Vertrauensbasis und führte oft dazu, eine Zusammenarbeit zu vereinbaren. Zum Teil wurden im „Schneeballeffekt“ (vgl. Kurz et al., 2007, S. 468) Kontakte zu anderen Leistungserbringern vermittelt. Zeitliche und räumliche Rahmenbedingungen für die Interviews wurden vorzugsweise direkt mit der Interviewpartnerin bzw. dem Interviewpartner vereinbart. Schwierigkeiten beim Feldzugang Die (sozialen) Väter wurden nicht erreicht. Die Leitungspersonen der Leistungserbringer bestimmten als Gesprächspartner weder Kindsväter, die in einer Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung leben, noch außerhalb wohnende Kindsväter oder Lebensgefährten der Klientinnen. Die subjektiven Möglichkeitsräume aus der Perspektive der (sozialen) Väter konnten daher nicht rekonstruiert werden. Die im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelten Daten ergaben sich insgesamt nahezu ausschließlich aus Gesprächen mit Frauen. Die einzige subjektive männliche Realisierung im Arbeitsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder konnte durch ein Interview mit einem Leiter einer Einrichtung nachvollzogen werden. Die Rekonstruktion des objektiven Möglichkeitsraums von (sozialen) Vätern für die Teilhabe am Alltag in den Einrichtungen stützt sich also überwiegend auf subjektive weibliche Perspektiven. Besonders Aussagen über die (sozialen) Väter, deren Lebensgeschichten, Bedarfe und ihr Verhalten im Alltag müssen deshalb vor dem Hintergrund der überwiegend weiblichen Subjektpositionierungen der Befragten und ihrer Interessen im Verteilungskampf um geschlechtergerechte Zustände in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen gesehen werden. Die Sicht der betroffenen Männer auf die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Teilhabe am Alltag in den Einrichtungen kann nicht einfließen. Die Ergebnisse der Befragungen können jedoch durchaus Hinweise auf Rahmenbedingungen geben, welche die Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen einschränken. Dass kein Zugang zu den (sozialen) Vätern gewonnen werden konnte, könnte als ein „Symptom“, also als erster Hinweis auf Macht- und Ungleichverhältnisse und den Ausschluss der Männer aus dem Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, gedeutet werden. Die Frage, ob deshalb keine männlichen Klienten als Gesprächspartner gewonnen werden konnten, weil sie nicht im Alltag präsent waren und deshalb auch nicht von den Fachkräften in den Einrichtungen erreicht wurden, weil sie kein Interesse an der Teilnahme zeigten oder weil sie absichtlich nicht von den Leiterinnen und Leitern gefragt wurden, ob sie an einem Interview teilnehmen möchten, bleibt offen. 7.2.1 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 156 Informationen über die Befragten Letztlich konnten 32 Personen in 19 Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen für die Teilnahme gewonnen werden. Diese wurden in 26 Interviews befragt. Bei den Befragten handelte es sich zum Teil um Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen, zum anderen Teil um (ehemaliges) pädagogisches Personal der Leistungserbringer nach § 19 SGB VIII. Insgesamt wurden sieben Bewohnerinnen aus zwei Mutter-Kind-Einrichtungen sowie 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit und ohne Leitungsaufgaben inklusive einer ehemaligen und einer noch tätigen Praktikantin interviewt. Im Folgenden wird die erste Gruppe als „Bewohnerinnen“, „Mütter“ oder „Klientinnen“ bezeichnet, die zweite als „Fachkräfte“ oder „Personal“. Die folgende Tabelle zeigt Informationen zum Personenkreis der befragten Klientinnen: Informationen zur Befragtengruppe „Klientinnen“ Name der Mutter (anonymisiert) Alterskohorte Anzahl ihrer Kinder Alter des jüngsten Kindes bisherige Dauer der Unterbringung in Jahren derzeitiger Kontakt zum Vater des Kindes Alter des leiblichen Vaters des Kindes Name der Einrichtung (anonymisiert) Frau Becker 20–25 1 1 1 ja 20–25 Haus am Steinweg Frau Gruber 20–25 1 < 0,5 < 1 ja 20–25 Kinderheim Diegersmoor Frau Zimmermann 25–30 1 3 > 2 ja (Kind) 30–35 Kinderheim Diegersmoor Frau Weber 25–30 3 1 2 ja > 50 Kinderheim Diegersmoor Frau Rossi 20–25 4 < 0,5 < 1 ja 25–30 Kinderheim Diegersmoor Frau Wolff 18–20 1 2 1 ja 25–30 Kinderheim Diegersmoor 7.2.2 Tabelle 1. 7.2 Feldzugang 157 Frau Reichert < 18 1 1 1 nein 20–25 Kinderheim Diegersmoor Zur Tabelle: Das Alter der Mütter wurde aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert, indem folgende Alterskohorten zusammengefasst wurden: Minderjährige Mütter im Alter bis 18 Jahren, junge volljährige Mütter im Alter von 18 bis 20 Jahren und danach in Alterskohorten in Fünferschritten: Mütter im Alter zwischen 20 und 25 Jahren und solche zwischen 25 und 30 Jahren. Ältere wurden nicht befragt. Mit dem leiblichen Vater ist hier der des Kindes gemeint, das mit der Mutter in der Einrichtung lebt. Die Tabelle soll einen ersten Überblick über die im Zusammenhang mit dieser Studie wichtigen Informationen geben, welche die befragten Mütter in den Gesprächen mitteilten. Die befragten Klientinnen waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 17 und 30 Jahre alt und wohnten seit wenigen Monaten bis hin zu zwei Jahren in der Einrichtung. Sie hatten zwischen einem und vier Kinder, lebten allerdings alle ausschließlich mit einem Kind – dem jüngsten – in der Einrichtung. Die übrigen Kinder wohnten bei anderen Bezugspersonen oder waren fremd untergebracht. Die Klientinnen wurden einzeln befragt. Auf Wunsch einer befragten Mutter war während des Interviews eine Betreuerin als Assistenz mit im Raum. Auffällig ist, dass der überwiegende Teil der Mütter bzw. ihre Kinder Kontakt mit dem Kindsvater hatten. Im „Kinderheim Diegersmoor“ wurden im Rahmen der Studie sechs Mütter befragt. Dort stellte sich kein pädagogisches Personal für ein Interview zur Verfügung. Im „Haus am Steinweg“ konnte eine Mutter als Interviewpartnerin gewonnen werden. Außerdem nahmen aus dieser Einrichtung auch Mitarbeiterinnen an der Studie teil. Einen Überblick über den Personenkreis der befragten Fachkräfte, ihre Zugehörigkeit zu den Einrichtungen und weitere Informationen bietet die folgende Tabelle: 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 158 Informationen zur Befragtengruppe „Personal“ Name der/des Befragten (anonymisiert) Art des Interviews Altersgruppe höchster Berufsabschluss Arbeitserfahrung in der Einrichtung in Jahren Rolle/hierarchische Position innerhalb der Institution Name des Trägers (anonymisiert) Frau Sommer Gruppeninterview (GI) 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 10–15 Mitarbeiterin Wohnheim Sankt Benedikt Frau Fuchs 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Mitarbeiterin Frau Schneider Einzelinterview (EI) 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss < 1 Praktikantin Mutter-Kind- Wohnen am Markt Frau Lehmann EI 50–60 psychologisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Leitung Mutter-Kind- Gruppe Eva Frau Walter EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 15–20 Leitung Flexible Hilfen GmbH Tabelle 2. 7.2 Feldzugang 159 Frau Horn EI 30–40 erzieherin 2–5 Leitung Haus am Steinweg Frau Rosenbaum EI 30–40 Erzieherin 2–5 Mitarbeiterin Haus am Steinweg Frau Roth EI 20–30 Erzieherin 5–10 Leitung Jugendhilfe Heilige Elisabeth Frau Keller EI 30–40 Erzieherin 5–10 Mitarbeiterin Marienhäuser Frau Vogt GI 60–65 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss > 30 Leitung Diakonische Hilfe Frau Seidel 30–40 Erzieherin < 1 Praktikantin Frau Richter GI 50–60 Erzieherin 1–2 Mitarbeiterin Mutter-Jesu- Haus Frau Winter 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 2–5 Mitarbeiterin Frau Frank GI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 15–20 Leitung Mutter-Vater-Kind- Wohnen Bambi Frau Neumann 50–60 Familienhebamme 5–10 Mitarbeiterin Frau Koch 30–40 Hauswirtschaftlerin 15–20 Mitarbeiterin 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 160 Frau Herrmann GI 30–40 Erzieherin 15–20 Leitung (Frau Herrmann bekleidet von beiden das höhere Amt.) Familienhilfen e.V. Frau Kraus 30–40 Erzieherin 15–20 Frau Schuster EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 10–15 Mitarbeiterin Josephswerk Herr Berger EI 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss < 1 Leitung Individuelle Sozialpädagogik e.V. Frau Fischer EI 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 2–5 Leitung Initiative MuVaKi Frau Lang EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Leitung Smile GbR Frau Albrecht EI 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Mitarbeiterin Evangelische Jugendhilfe Singstadt 7.2 Feldzugang 161 Frau Baumann EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 10–15 Leitung Mutter-/ Vater-Kind- Betreuung Biegelbach Frau Sauer EI 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 2–5 Leitung Wirbelwind gGmbH Zur Tabelle: Das Alter der Befragten wurde aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert, indem Alterskohorten in Zehnerschritten gebildet und die Befragten jeweils einer solchen zugeordnet wurden. Es handelt sich also beispielsweise um eine Befragte, die zum Befragungszeitpunkt im Alter zwischen 30 und 40 Jahren war. Der Berufsabschluss zielt auf den höchsten erworbenen Bildungsabschluss ab. Qualifikationen im Rahmen der Weiterbildung wurden nicht dargestellt. Unter der Arbeitserfahrung in der Einrichtung ist die Anzahl an Jahren zu verstehen, die die Befragten jeweils zum Zeitpunkt der Befragung in der Einrichtung tätig waren – zum Teil mit Unterbrechungen –, wobei die Befragten auch hier wieder Gruppen zugeordnet wurden. Folgende Gruppen wurden gebildet: Arbeitserfahrung in der Einrichtung < 1 Jahr, zwischen 1 und 2 Jahren, zwischen 2 und 5 Jahren und ab dann in Fünferschritten bis zu einer Arbeitserfahrung von über dreißig Jahren, gekennzeichnet durch „> 30“. In der Spalte „Rolle/hierarchische Position innerhalb der Institution“ wurde zwischen „Leitung“, „Mitarbeiterin“ und „Praktikantin“ unterschieden. In den Institutionen haben sich zum Teil innerhalb der Leitungsebene mehrere Unterebenen herausgebildet53, welche wiederum hinsichtlich der Anzahl und dem zugehörigen Aufgabenfeld zwischen den Institutionen nicht vergleichbar sind. Deshalb konnte im Rahmen der vorliegenden Studie nicht weiter sinnvoll differenziert werden. Auf Wunsch der Fachkräfte bzw. ihrer Vorgesetzten wurden sowohl Einzel- als auch Gruppeninterviews durchgeführt. Von den 25 befragten Fachkräften hatten 14 zum Zeitpunkt der Befragung ein Studium im Bereich der Pädagogik oder Psychologie abgeschlossen. Die übrigen waren Erzieherinnen, außer einer Familienhebamme und einer Hauswirtschaftskraft. Zum Teil hatten die Fachkräfte mit pädagogischem Abschluss Zusatzausbildungen absolviert. Von den 25 befragten Mitgliedern des Personals waren 14 Personen in Leitungspositionen beschäftigt, darunter der einzige männliche Befragte. Eine Befragte war in der Vergangenheit als Praktikantin in einem Mutter-Kind-Heim im deutschsprachigen Ausland beschäftigt. Die befragten Fachkräfte waren zum Zeitpunkt des Interviews zwischen wenigen Monaten bis hin zu über dreißig Jahren in der Einrichtung tätig (gewesen) und zwischen 20 und 70 Jahre alt. Das Durchschnittsalter betrug 39 Jahre. Das pädagogische Personal arbeitete für 18 unterschiedliche Leistungserbringer. 53 Es sind hier Bezeichnungen wie „Teamleitung“, „Gruppenleitung“, „Erziehungsleitung“ und „Bereichsleitung“ üblich. 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 162 Zur Durchführung der Interviews Die Interviews wurden im Zeitraum vom November 2013 bis Juli 2014 durchgeführt. Die Befragung von Frau Albrecht fand im Büro der Interviewerin an der Universität Marburg statt, die Befragung von Frau Schneider und Frau Becker im privaten Wohnraum der Befragten. Die übrigen Interviews wurden in Büro- und Besprechungsräumen der jeweiligen Leistungserbringer durchgeführt. Zu Beginn des Gesprächs stellte die Interviewerin – wie von Kurz et al. empfohlen (vgl. Kurz et al., 2007, S. 472) – sich selbst, den Kontext und die voraussichtliche Dauer vor, sicherte Anonymität zu und holte sich das Einverständnis zur Datenaufzeichnung ein. Die Gespräche wurden digital aufgenommen (Ton). Im Laufe der Erhebungsphase stellte sich heraus, dass die Bewohnerinnen in den Mutter-Kind-Einrichtungen die Gespräche mit der Interviewerin dazu nutzten, ihre Lebensgeschichten zu erzählen und über ihre Erfahrungen mit Männern zu berichten. Dabei legten sie zunächst weniger den Schwerpunkt auf Aspekte in Bezug auf die Organisation und strukturelle Bedingungen in den Einrichtungen, sondern vielmehr auf ihre eigene aktuelle Lebenssituation, Erfahrungen in der Kindheit und Pläne für die Zukunft. Um dem Interesse der befragten Mütter gerecht zu werden und die entsprechenden Daten systematisch sammeln zu können, wurde der ursprünglich entworfene Leitfaden, der sich weitgehend auf die Rahmenbedingungen in den Einrichtungen bezog, für die Gespräche mit Müttern verändert und nach und nach so gut wie möglich an ihre Gesprächsinteressen angepasst. Letztlich wurden die interviewten Mütter zu Beginn des Gesprächs gebeten, frei etwas über sich, über das Kind bzw. die Kinder und über den Kindsvater bzw. den Partner zu erzählen. In weniger standardisierten Abläufen als zunächst vorgesehen wurden Fragen zur Lebensgeschichte der Männer, deren aktueller Lebenslage, zur Häufigkeit des Kontakts zum Kind und zur Interviewpartnerin sowie zur Qualität der Beziehung zwischen den Eltern gestellt. Daneben wurde sich über die Reaktion des Kindsvaters bzw. Partners auf die Aufnahme in die Einrichtung informiert. In diesem Zusammenhang wurde sich nach den Regeln für männliche Besucher im Mutter-Kind-Bereich erkundigt und danach, ob ein Mann als Betreuer beschäftigt ist. Außerdem wurden die Befragten gebeten zu erzählen, wie sie als Kind gelebt hatten und wie sie später wohnen möchten. Zuletzt erhielten sie Raum für selbstgewählte Themen. Die Befragung des Personals erfolgte leitfadengestützt. Zu Beginn wurden die Befragten dieser Gruppe gebeten, über die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung zu erzählen. In diesem Zusammenhang interessierten die Räumlichkeiten, die der Mutter mit Kind allein zur Verfügung stehen, die Beschreibung eines typischen Tagesablaufs in der Einrichtung und die Dauer der Hilfen. Die Fachkräfte wurden darüber hinaus nach ihren Erfahrungen mit den (sozialen) Vätern in der Einrichtung befragt. Es folgten Erkundigungen darüber, ob die Bewohnerinnen der Einrichtung in einer Partnerschaft leben, ob deren Partner Interesse am Kontakt zum Kind signalisieren und welche Lebensumstände diese Männer haben. Darüber hinaus wurde ermittelt, welche Regeln in Bezug auf die Männer existieren, in welche Räume diese Zugang haben und 7.3 7.3 Zur Durchführung der Interviews 163 wie die Nichteinhaltung der Regelungen geahndet wird. Ferner wurde gefragt, inwiefern Partnerschaft und Sexualität vom pädagogischen Personal thematisiert wird, ob männliche Mitarbeiter im Gruppendienst beschäftigt sind, gegebenenfalls welche Erfahrungen mit männlichem Personal vorliegen und welche Austauschplattformen für Leistungserbringer der Hilfen nach § 19 SGB VIII existieren. Zudem wurde sich danach erkundigt, wie Männer im Alltag in der Einrichtung einbezogen werden, welche Konzepte das pädagogische Personal im Hinblick auf das Einbeziehen der Männer entwickelt hat und ob Ziele im Hinblick auf die Einbindung der Männer in den Alltag formuliert sind. Zum Schluss wurden die Befragten gebeten zu ergänzen, was ihnen darüber hinaus wichtig ist. Frau Lehmann, die Leitung der Mutter-Kind-Gruppe Eva, bat im Vorfeld des Interviews um die Zusendung der Leitfragen, um sich auf diese vorbereiten zu können. Dem Wunsch wurde entsprochen. Die übrigen Befragten waren nicht auf die Fragen vorbereitet. Bei der Auswertung der Daten wurde dieser Umstand berücksichtigt. Die Befragungen der pädagogischen Fachkräfte dauerten zwischen 35 und 104 Minuten, im Durchschnitt knapp eine Stunde. Die Gespräche mit den Müttern dauerten zwischen 15 und 75 Minuten, durchschnittlich circa 35 Minuten. Am Ende des Interviews wurden die Befragten gebeten, einen Kurzfragebogen auszufüllen. Aufbereitung der Daten Die Interviews wurden wörtlich und in voller Länge transkribiert. Weil es um die Inhalte der Gespräche ging, kamen einfache Transkriptionsregeln angelehnt an Kuckartz et al. (vgl. Kuckartz et al., 2008, S. 28) zum Einsatz. Vorhandene Dialekte wurden möglichst wortgenau ins Hochdeutsche übersetzt, Wortverschleifungen nicht transkribiert, sondern an das Schriftdeutsch angenähert. Wortabbrüche sowie Stottern wurden geglättet bzw. ausgelassen, Wortdoppelungen nur erfasst, wenn sie als Stilmittel zur Betonung genutzt wurden. Satzabbrüche wurden transkribiert, weil sie meistens Hinweise auf kritische Aspekte im Zusammenhang mit der Forschungsfrage markierten. Die Interpunktion wurde zu Gunsten der Lesbarkeit geglättet, das heißt bei kurzem Senken der Stimme oder uneindeutiger Betonung eher ein Punkt als ein Komma gesetzt. Pausen wurden durch drei Auslassungspunkte in runden Klammern markiert, drei Auslassungspunkte in eckigen Klammern kennzeichnen Kürzungen im zitierten Sprecherbeitrag durch die Autorin. Geschwungene Klammern machen bewusste Streichungen/Ersetzungen, die von den Sprecherinnen bzw. des Sprechers autorisiert bzw. gewünscht wurden, kenntlich. Verständnissignale des gerade nicht Sprechenden wurden nicht transkribiert und besonders betonte Wörter unterstrichen. Jeder Sprecherbeitrag wurde in einem eigenen Absatz transkribiert. Zwischen den Beiträgen wurden jeweils Leerzeilen und mindestens am Ende eines Absatzes Zeitmarken eingefügt. Emotionale nonverbale Äußerungen der befragten Person und des Interviewers, die die Aussage unterstützen oder verdeutlichen, wurden beim Einsatz in Klammern notiert, unverständliche Passagen mit „(unv.)“ markiert. Das Abbrechen eines Satzes wurde mit einem Schrägstrich verdeutlicht, Sprecherüberlappungen mit 7.4 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 164 doppeltem Schrägstrich zu Beginn und Ende gekennzeichnet. Personen-, Orts- und Einrichtungsnamen sowie die der Leistungserbringer wurden zur Wahrung der Anonymität gestrichen – dies wurde jeweils mit „{Streichung}“ markiert – oder durch beliebige andere ersetzt. Solche Ersetzungen stehen in geschwungenen Klammern. Wie mit den Organisationsleitungen vereinbart wurden die anonymisierten Abschriften der Interviews per Post zu Händen der Befragten geschickt, um die Streichung und das Ersetzen von weiteren Passagen zu ermöglichen. Das Angebot wurde ausschließlich von Frau Keller in Anspruch genommen, die das Interview gemeinsam mit ihrer Vorgesetzten überarbeitete. Deren Ersetzungen und Streichungen wurden auch in geschwungenen Klammern markiert. Festlegung des Materials, Analysemethode und Typisierung Um metasubjektiv die Teilhabemöglichkeiten und Behinderungen von Männern am Alltag in den Einrichtungen herauszuarbeiten, wurde eine Möglichkeitsverallgemeinerung angestrebt. Ausgangs- und Bezugspunkt ist Lebenspraxis und das sich darin konkretisierende Verhältnis von Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen mit der Perspektive der Erweiterung der Verfügung über die eigenen Bedingungen. Die Möglichkeitsverallgemeinerung besteht nun darin, die eigenen Handlungsmöglichkeiten als Fall von typischen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Der damit als Hypothesen formulierbare typische Möglichkeitsraum verallgemeinert das jeweils eigene Verhältnis von Möglichkeiten und Behinderungen im individuellen Möglichkeitsraum. Damit wird hypothetisch erschließbar, welche Möglichkeiten erweiterter Bedingungsverfügung prinzipiell erreichbar sind. „,Verallgemeinern‘ bedeutet hier also nicht Wegabstrahieren, sondern Begreifen von Unterschieden als verschiedene Erscheinungsformen des gleichen Verhältnisses“ (Holzkamp, 1983, S. 549, Hervorh. im Orig.). Bei der Interviewführung stellte sich heraus, dass den Bewohnerinnen vor allem ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen wichtig waren. Die durch die befragten Mütter mitgeteilten Informationen beziehen sich nur selten auf Rahmenbedingungen in den Einrichtungen. Deshalb wurde die temporale Abfolge der biographischen Erlebnisse durch sequenzielle Analyse der Interviews mit den befragten Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen rekonstruiert und jeweils zu einer „Lebensgeschichte“ aus Sicht der Befragten zusammengefasst. Die biographischen Informationen machen deutlich, wie unterschiedlich die Beziehung der jeweiligen Frau zum (sozialen) Vater der Kinder ist und vor welch differenzierten Herausforderungen die Paare in der Konfrontation mit den institutionalen Bedingungen stehen. Darüber hinaus zeigen die Lebensgeschichten, wie verschieden deren Beziehungserfahrungen mit Männern sind. Um dem Individuellen und Besonderen der Lebensgeschichten gerecht zu werden, wurden die Lebensgeschichten in der Ausdrucksgestalt des biographischen Einzelfalls dargestellt. Hierzu erfolgte zunächst eine Rekonstruktion der prozessualen Abläufe der Biographien anhand der biographischen Erzählungen der befragten Müt- 7.5 7.5 Festlegung des Materials, Analysemethode und Typisierung 165 ter. In einem weiteren Schritt wurde der so ermittelte biografische Ablauf in einem Fließtext zusammengefasst. In dem Fließtext wurden Geschichten der Befragten zu markanten Statuspassagen verarbeitet sowie solche, die „persönliche Botschaften“ in Bezug auf die Forschungsfrage und die Leitfragen vermitteln. Die so entstandenen Informationen über die Lebensgeschichten und ihren Bezug auf die Frage nach den Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag wurden in einer Einzelfallschilderung dargelegt, um den „subjektiven, je besonderen Möglichkeitsraum“ der Mütter in Bezug auf die Forschungsfrage auszuloten. Von den sieben Lebensgeschichten wurden vier typische Einzelfälle herausgearbeitet. Zur Analyse der Interviews mit dem pädagogischen Personal wurden – wie von Witzel empfohlen (vgl. Witzel, 1985, S. 243) – die vollständig transkribierten Texte Satz für Satz vor dem Hintergrund der Erhebungssituation interpretiert und gegebenenfalls kommentiert. Es ging dabei darum, in den jeweiligen strukturellen Gegebenheiten Möglichkeitsräume auszuloten. Die Interviews mit den Mitarbeiterinnen und dem Mitarbeiter eröffnen deren Sicht auf die organisationale Struktur der Einrichtungen sowie die Praxis der Leistungserbringer und -träger im Umgang mit den Männern. Orientierungsschemata und Wissensbestände, die bei allen Typen durchgängig thematisiert werden, konstruieren die Strukturen der Alltagswelt in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder. Bei einer sogenannten offenen Codierung, das heißt analytischen Aufschlüsselung, werden die Sätze zunächst in ihre aus einzelnen Wörtern oder Wortfolgen bestehenden Sinneinheiten zerlegt, also einzelne Phänomene zu Konzepten und Konzepte zu Kategorien zusammengefasst. Anschließend werden die Sinneinheiten durch Schlagwörter, sogenannte „Codes“, charakterisiert und mit Codenotizen versehen (vgl. Flick, Kardorff & Steinke, 2000, S. 198). Mit diesen Codes können größere Absätze oder ganze Texte ausgewertet werden. Als Hilfsmittel wurde für die Codierung das Programm „f4analyse“ verwandt. Im folgenden Abschnitt werden die wichtigsten Erkenntnisse dargestellt, die im Rahmen der Analyse gewonnen wurden. In die Darstellung dieser Analyseergebnisse wurden beispielhaft Auszüge aus den Transkriptionen integriert. Die Interviewsequenzen sollen die qualitativen Inhalte der Gespräche mit den Fachkräften in den Einrichtungen illustrieren. Sie dienen zugleich als Belege für die Ergebnisse und sollen die Verfahrensweise bei der Codierung und Kategorisierung deutlich machen. Auslassungen von Teilen des Sprecherbeitrags oder von größeren Abschnitten, die für die jeweilige Analyse nicht relevant waren, sind durch drei Punkte in eckigen Klammern gekennzeichnet. Die Interviewsequenzen werden wie Zitate behandelt, das heißt in Anführungszeichen gesetzt. Wenn die Befragten selbst im Interview Dritte zitieren, werden einfache Anführungszeichen benutzt. 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 166 Empirische Ergebnisse Analyse der Interviews mit den Müttern Im Folgenden werden drei Biographien von Klientinnen dargestellt. Anhand dieser Einzelfälle wird herausgearbeitet, wie die Institution die Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen beschränkt. Mit einer „strukturellen Möglichkeitsverallgemeinerung“ (Holzkamp, 1983, S. 545) wurden gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten und Grenzen ausgelotet und typische institutionelle Ambivalenzen beim Einbinden der Männer im Alltag charakterisiert. Fall Frau Becker – Möglichkeitstyp „institutionell mitverursachte Paarkonflikte“ Im folgenden Abschnitt soll am Beispiel der Lebensgeschichte einer befragten Mutter, nämlich Frau Becker, aufgezeigt werden, dass, wie und warum die Aufnahme in einer Mutter-Kind-Einrichtung beinahe zu einer institutionell verursachten Trennung der Klientin vom Kindsvater geführt hätte und wie die Trennung vermieden werden konnte. Zunächst wird die Lebensgeschichte der Frau verkürzt nacherzählt: Frau Becker lebt in der Einrichtung weit entfernt von ihrem ursprünglichen Wohnort. Ihre Kindheit beschreibt sie als schön. Beide Eltern sind berufstätig. Mit ihren Eltern und ihrer Schwester fährt sie häufig in den Urlaub. Sie besucht eine Mädchenschule. Als Frau Becker in die Pubertät kommt, trennen sich ihre Eltern. Frau Beckers Mutter hat bald einen neuen Freund. Im Vergleich zu ihrer Schwester kann Frau Becker die Trennung der Eltern nicht gut verarbeiten. Sie wird in der Schule gehänselt und erkrankt psychisch. Ein Aufenthalt in einer Klinik wird nötig. Ihre Eltern wissen nicht, was sie tun sollen, und suchen nach Hilfe. Frau Becker und ihre Eltern entscheiden sich gemeinsam dafür, dass sie in eine Wohngruppe des Trägers „Haus am Steinweg“ einzieht. Der Träger ist speziell auf die Betreuung psychisch kranker Jugendlicher und junger Erwachsener spezialisiert. Frau Becker gefällt es sehr gut in der Wohngruppe. Sie macht ihr Fachabitur und wohnt in dieser Zeit in zwei verschiedenen Wohngruppen des Trägers „Haus am Steinweg“. Dann zieht sie in eine eigene Ein-Zimmer-Wohnung. Dort wird sie ambulant durch einen anderen freien Träger betreut. Eine pädagogische Fachkraft besucht sie ein- bis zweimal pro Woche. Frau Becker beginnt eine Ausbildung. Nach drei Jahren in der eigenen Wohnung muss sie in die Psychiatrie. Dort lernt sie ihren derzeitigen Freund und späteren Kindsvater kennen, der auch von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie werden sie und ihr Freund jeweils durch einen Leistungserbringer im eigenen Wohnraum unterstützt. 8 8.1 8.1.1 167 Als Frau Becker schwanger wird, bekommt sie Angst, ihre Krankheit könnte mit den Hormonschwankungen während der Schwangerschaft zurückkehren. Ihre Befürchtung ist, ihr Freund könnte in einem solchen Fall wegen seiner eigenen Erkrankung die Pflege und Erziehung des Kindes nicht allein übernehmen. Da ihre Eltern zu weit entfernt wohnen, um das Paar unterstützen zu können, entscheiden Frau Becker und ihr Freund sich gemeinsam dafür, nach Hilfe zu suchen. Der Leistungserbringer „Haus am Steinweg“ ist auch Träger einer Mutter-Kind- Einrichtung, in der unter anderem psychisch erkrankte Mütter mit Kind und Schwangere unterkommen können. Allerdings werden Männer dort nicht aufgenommen. Das Paar möchte lieber zusammenwohnen, deshalb erkundigt es sich nach Leistungserbringern, welche die ganze Familie betreuen und auf die Unterstützung psychisch Kranker spezialisiert sind. Sie finden eine Einrichtung, in der beide Eltern einziehen können, allerdings ist diese auf die Betreuung behinderter Eltern spezialisiert und liegt sehr weit entfernt. Das Paar müsste weit wegziehen und befürchtet, dort keine adäquate Hilfe zu bekommen. Zwischenzeitlich muss Frau Becker ihre Ausbildung abbrechen, weil es nicht die Möglichkeit gibt, in Teilzeit weiter zu lernen. Mit einem Kind ist eine Vollzeitausbildung für Frau Becker nicht mehr machbar. Mit der fortscheitenden Schwangerschaft drängt Frau Becker darauf, in die Mutter-Kind-Einrichtung des Trägers „Haus am Steinweg“ zu ziehen, auch weil sie dort zuvor auch schon Unterstützung erhalten und dabei gute Erfahrungen gemacht hat. Doch ihr Freund hat Bedenken, dass er dort nicht zu Besuch kommen darf. Weil die werdenden Eltern sich darüber bewusst sind, dass sie Hilfe benötigen werden, damit es ihrem ungeborenen Kind in Zukunft gut geht, aber nicht getrennt leben möchten, sind sie in einem Zwiespalt. Frau Becker nimmt an einem Informationsgespräch des Leistungserbringers „Haus am Steinweg“ teil. In diesem Gespräch erfährt sie, dass tatsächlich der Partner in den ersten sechs Wochen nicht zu Besuch kommen sollte. Die Partner dürften erst nach sechs Wochen und nur dann in den Wohnungen der Bewohnerinnen übernachten, wenn die Betreuerinnen die Männer kennengelernt hätten. Zudem müsse ein polizeiliches Führungszeugnis abgegeben werden. Der Partner der Befragten sieht seine Befürchtungen bestätigt und spricht sich gegen den Einzug der Befragten in die Einrichtung aus. Frau Becker versteht die Bedenken ihres Freundes, möchte sich aber durchsetzen, damit sie Hilfe bekommt. „Frau Becker: […] Er hatte da Bedenken auf jeden Fall. Aber mir war eigentlich von vornherein klar, dass […] die Betreuer […] alle ihr Bestes geben und dass die auch (…) mit uns arbeiten und nicht irgendwie gegen uns“ (Interview mit Frau Becker, Abs. 4). Daraufhin streitet sich das Paar. Eine Trennung steht im Raum. Frau Becker setzt sich gegen den Widerstand des Freundes durch und wird im Mutter-Kind-Bereich des freien Trägers untergebracht. Das Paar steht die Krise durch. Die Betreuerinnen im Mutter-Kind-Bereich merken, dass Frau Becker und ihr Freund eine stabile Partnerschaft führen und der Kindsvater sich an Absprachen hält. Frau Becker erwirkt eine Ausnahmeregelung, die dem Kindsvater nahezu uneingeschränkten Zugang zu seiner Familie ermöglicht. Im Interview – also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Regeln nicht mehr für sie gelten – 8 Empirische Ergebnisse 168 äußert Frau Becker sich über die ursprünglich strengeren Reglements positiv und hält sie für gerechtfertigt. Frau Beckers Betreuerin begründet ihr gegenüber den zunächst strengen Kurs und den dann erfolgten Richtungswechsel bei der Anwendung der Regeln in Bezug auf ihren Partner damit, dass allen Bewohnerinnen zunächst strenge Regeln in Bezug auf die Partner vorgeschrieben werden. Bei Partnern, die den Kindern oder Kindsmüttern nicht guttun, könne so der Kontakt von Anfang an unterbunden werden. Falls das Personal im weiteren Verlauf der Hilfe einen positiven Eindruck vom Partner erhalte, könnten die Regeln im Nachhinein gelockert werden. Frau Becker verteidigt die Strategie des Personals im Interview: Sie könne dies gut nachvollziehen und habe das auch ihrem Freund erklärt. Der Kindsvater kommt vom ersten Tag an täglich zu Besuch und belegt mittlerweile ein eigenes Zimmer in der Wohnung, die Frau Becker von der Einrichtung zur Verfügung gestellt bekommen hat. Die relativ kleine Wohnung in der Mutter-Kind- Einrichtung besteht aus zwei Zimmern mit Bad und Küche in einem Wohnhaus in einem eher ländlichen Gebiet. Der Kindsvater unterhält zusätzlich noch eine eigene Ein-Zimmer-Wohnung, in der er bereits seit einem halben Jahr nicht mehr übernachtet hat, da er sich vorwiegend in der Familienwohnung in der Mutter-Kind-Einrichtung aufhält. Er leidet unter Zwängen. Seine Zwangserkrankung äußert sich unter anderem darin, dass er einen Aufenthaltsort benötigt, der durch andere Personen nicht durcheinandergebracht wird und den er peinlich sauber halten kann. Um das Konfliktpotential abzumildern, entscheidet sich das Paar dazu, dass ein Raum der Zwei- Zimmer-Wohnung allein vom Kindsvater beansprucht wird und weder die Mutter und das Kind noch andere Personen, die zu Besuch kommen, den Raum betreten. Weil ein Zimmer vom Vater allein belegt wird, bleiben Mutter und Kind nur ein gemeinsames Zimmer übrig. Dieser Platz reicht für Mutter und Kind nicht aus, die Wohnung ist also zu klein, um den Raumbedarf aller Familienmitglieder zu decken. Aufgrund seiner Erkrankung nimmt der Kindsvater zwar auch Betreuung bzw. pädagogische Begleitung in Anspruch, allerdings wird diese ambulant von einem anderen Träger erbracht. Der Kindsvater trifft sich mit seinen Betreuungspersonen au- ßerhalb der Mutter-Kind-Einrichtung. Eine Betreuung durch das in der Mutter-Kind- Einrichtung tätige Personal kommt für den Kindsvater, aber auch für den Leistungserbringer der Hilfe für die Mutter nicht in Betracht. Die Betreuerinnen des Trägers „Haus am Steinweg“ äußern Frau Becker gegenüber, dass sie das vollständige Ausweiten der Hilfe auf den Kindsvater nicht leisten können, weil sein Unterstützungsbedarf über § 19 SGB VIII nicht finanziert werden kann. Pro Woche wird das Kind von den Betreuerinnen der Mutter eine Stunde lang beaufsichtigt, doch in dieser kurzen Zeit kann Frau Becker nicht viel erledigen oder unternehmen. Das Kind schläft nachts sehr schlecht, sodass die Kindsmutter sich tags- über häufig ausruhen muss. In solchen und anderen Situationen bemüht sich der Kindsvater einzuspringen. Trotz aller Bemühungen ist er nur manchmal dazu in der Lage, die Situation allein zu bewältigen. Wenn das Kind weint, weiß er zum Beispiel nicht, was er machen soll. Gelingt es ihm nicht, allein auf das Kind aufzupassen, übernehmen die Mitarbeiterinnen der Mutter-Kind-Einrichtung die Aufsicht über das Kind. 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 169 Zum Zeitpunkt des Interviews geht es Frau Becker gesundheitlich gut. Sie möchte gern in der nahen Zukunft in Teilzeit studieren. Weiterhin wünscht sie sich, mit ihrem Freund und dem Kind zu dritt zusammenzuwohnen. Frau Becker bemerkt nachdrücklich, dass es ihrer Ansicht nach mehr Angebote für psychisch erkrankte Eltern geben müsste, in denen Familien mit Hilfebedarf gemeinsam betreut werden könnten, auch wenn die Eltern nicht alleinerziehend bzw. minderjährig seien. Das bisherige Verfahren sei altmodisch. Früher seien alleinerziehende Mütter zu betreuen gewesen, aber heute komme mehr dazu. Die Betreuung solle nicht nur in Großstädten sichergestellt werden, sondern auch auf dem Land. Es solle sichergestellt sein, dass die Angebote für Mütter und Väter aufeinander abgestimmt und beide entsprechend finanziert werden. Eine gesetzliche Grundlage für eine solche Betreuungsmöglichkeit solle geschaffen werden. Der oben geschilderte Einzelfall von Frau Becker ist ein Beispiel für Klientinnen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen und ihre Lebenslagen. Frau Becker gelangt freiwillig in die Einrichtung. Nach Goffman kommen Menschen meist freiwillig in eine totale Institution, wenn sie sich „bei Handlungen [ertappen], die ihnen zu beweisen sch[ei]nen, daß sie im Begriff st[eh]en, den Verstand oder die Kontrolle über sich selbst zu verlieren“ (Goffman, 1981, S. 131). Diese Erfahrung hat Frau Becker in der Vergangenheit gemacht. Eine solche Erfahrung gehöre – wie Goffman darlegt – zu den stärksten Bedrohungen, die dem Selbst in unserer Gesellschaft widerfahren könnten, weil es auf kulturellen und sozial verwurzelten Vorstellungen über Normalität des Verhaltens beruhe (vgl. Goffman, 1981, S. 131). Tatsächlich äußert Frau Becker, aufgrund dieser Erfahrung Angst zu haben, einen „Rückfall“ zu erleiden, und in der Folge die Erziehung und Pflege ihres Kindes nicht bewältigen zu können. Im Gegensatz zur Selbst- und Außenwahrnehmung des Verhaltens deutet Goffman es nicht als abnorme psychische Verfassung, sondern als „temporäre emotionale Verwirrung in einer Stresssituation“, die sich „bei jedem in unserer Kultur sozialisierten Menschen zeigen [würde], der die Befürchtung hegt, den Verstand zu verlieren“ (Goffman, 1981, S. 132). Nach der Aufnahme in die Mutter-Kind-Einrichtung ist Frau Becker erleichtert. Goffman zufolge kann eine Aufnahme in die totale Organisation tatsächlich für den Insassen erleichternd sein, weil er seine ihm von außen zugeschriebene Rolle nicht mehr voll aufrechterhalten muss, was ihm in seinen eigenen Augen in der Vergangenheit nicht befriedigend gelungen ist. In der totalen Institution kann es vorkommen, dass sich ein Insasse nicht mehr als „fragwürdig“ begreift und dieses Gefühl ihm Erleichterung verschafft (vgl. Goffman, 1981, S. 132). Auch wenn der Insasse freiwillig aufgenommen wird, durchläuft er die gleichen Routinen wie ein Insasse, der unfreiwillig in die Einrichtung gelangt (vgl. Goffman, 1981, S. 132). So gestalten sich auch die Aufnahme und der Aufenthalt in der Einrichtung im Fall von Frau Becker. Besuche zwischen ihr und ihrem Partner werden zunächst vollständig unterbunden, danach auf bestimmte Zeiten in der Woche reduziert. Während die Paarkonflikte aufgrund des Einzugs von Frau Becker gegen den Willen ihres Partners die Beziehung noch stark belasten, muss ihre Beziehung die Zeit überstehen, in der ihr Freund nicht zu Besuch kommen darf. Es handelt sich also um eine institutionell verursachte „Belastungsprobe“ zu einem Zeitpunkt, zu dem das 8 Empirische Ergebnisse 170 Paar ohnehin schon Schwierigkeiten hat, den Konflikt zu überwinden. Obwohl die Reglements beinahe zu einer Trennung geführt hätten, unterwirft sich Frau Becker dem Diktat der Einrichtung, ein Verhalten, das nach Goffman als individuellen Anpassungsmechanismus an die totale Institution in Form von „Kolonialisierung“ bezeichnet werden könnte. Nach einer Weile erwerben Frau Becker aufgrund ihres angepassten Verhaltens sowie der Kindsvater durch das andauernde Signalisieren seines Interesses am Zusammenleben mit der Familie und der Akzeptanz der Regeln im Zusammenhang mit den Besuchszeiten „Privilegien“, die über die in der Einrichtung üblichen Besuchszeiten hinausgehen. Sie und das Kind dürfen den Kindsvater in ihrer Zwei-Zimmer- Wohnung innerhalb der Mutter-Kind-Einrichtung nahezu uneingeschränkt empfangen. Als er praktisch die Wohnung mitbewohnt, ergeben sich neue Probleme: Aufgrund seines Bedarfs an einem „Raum“, der absolut sauber und ordentlich bleibt und den Frau Becker und ihr Kind damit faktisch nicht nutzen können, ist die Wohnung zu klein für ein gemeinsames Zusammenleben. Das Paar arrangiert sich dennoch mit dem Mangel an Wohnraumgröße. Das Kind und der Kindsvater sind eng aneinandergebunden. Aufgrund seiner Erkrankung ist er jedoch nicht jederzeit und nicht über lange Dauer in der Lage, das Kind allein zu betreuen. Sein Bedarf an pädagogischer bzw. beraterischer Unterstützung wird durch einen anderen Leistungserbringer „ambulant“ gedeckt. Obwohl er in einer Einrichtung wohnt, in der entsprechendes fachliches Können zur Betreuung psychisch erkrankter Elternteile vorliegt, der Leistungserbringer sogar darauf spezialisiert ist, wird er nicht vollständig in die Hilfe nach § 19 SGB VIII einbezogen. Zum einen wird der Einbezug durch den Vater nicht gewünscht, zum anderen kann die Leistung im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes nicht finanziert werden, weshalb das Personal eine Ausrichtung der Hilfe auf beide Eltern nicht in Betracht zieht. Ob die Begleitung des Kindsvaters durch den anderen Leistungserbringer auch darauf ausgerichtet ist, seinen Bedarf an Hilfe und Unterstützung im Umgang mit dem Kind zu decken, bleibt offen und kann bezweifelt werden. Das Beispiel macht deutlich, dass das Setting der Hilfe nach § 19 SGB VIII nur bedingt dazu geeignet ist, den Kindsvater in den Alltag einzubeziehen und seine Bedarfe an Hilfe zu decken. Erstens ist nach der Rechtslage eine Finanzierung der Unterstützung beider Eltern durch das pädagogische Personal in Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen nicht möglich ist. Zweitens hat sich bisher gerade für psychisch erkrankte Eltern keine adäquate Unterstützungsform herausgebildet, die ihrem spezifischen Bedarf gerecht werden kann. Drittens steht das Privilegiensystem der Einrichtung einer Stärkung der Paarbeziehung entgegen. Viertens fehlt es an geeignet gro- ßem Wohnraum. Fünftens wird die Bedarfslage des Mannes gerade im Hinblick auf seine Fähigkeiten im Umgang mit dem Kind nicht berücksichtigt. Die Einrichtung ist zwar auf die Betreuung psychisch kranker Menschen – auch auf Schwangere und Mütter – spezialisiert, der Vater wird im institutionellen Gefüge aber nicht beachtet, ja sogar bewusst ausgeschlossen: Besuchskontakte werden in den ersten Wochen nach Einzug unterbunden, er muss zunächst die Gunst des Personals erlangen, bevor er im Alltag geduldet wird. Es kann also vom Wohlwollen einzelner Fachkräfte abhängen, 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 171 ob er sein Kind sehen kann oder nicht. Außerhalb der Institution ist der Vater vor der Separation von seiner Familie weitgehend durch seine Elternrechte auf der Ebene der Menschenrechte und des Grundgesetzes geschützt (vgl. Abschnitt 3). Innerhalb der Einrichtung allerdings können ihm die Rechte versagt bleiben, ein Kennzeichen für die totale Institution. „Für Ungehorsam gegenüber der Hausordnung sind schwere Strafen in Form des Verlustes von Privilegien vorgesehen; für deren Befolgung erhält der Patient schließlich die Erlaubnis zu einigen kleinen Freuden, die er in der Außenwelt für gesichert hielt“ (Goffman, 1981, S. 147). Spezielle Hilfe für seine Bedarfslage wird dem Kindsvater durch die totale Institution nicht zuteil. In dem vorliegenden Fall kam es bisher nicht zum Scheitern der Paarbeziehung, obwohl die Krise institutionell mitverursacht wurde. Indem die Eltern sich angepasst verhielten, konnten sie Privilegien erlangen, durch welche die Trennung verhindert werden konnte. In anderen Fällen jedoch hätten die Regelungen der Einrichtung zu institutionell verursachten Trennungen führen können. Es handelt sich also um eine Doppelmoral der Einrichtung in dem Sinn, dass bekundete moralische Vorstellungen vom Fördern der Paarbeziehung im Widerspruch zum tatsächlichen Agieren der Institution stehen. Fall Frau Wolff – Möglichkeitstyp „institutionell intendierte Trennung des Paares“ Am Beispiel der Lebensgeschichte von Frau Wolff soll im folgenden Abschnitt dargelegt werden, dass die Aufnahme in die Mutter-Kind-Einrichtung zum Teil durch den Leistungserbringer absichtlich dazu genutzt wird, um die Klientin und ihr Kind vom Kindsvater zu separieren. Zunächst wird die Lebensgeschichte der Frau verkürzt nacherzählt: Frau Wolff wohnt zum Zeitpunkt des Interviews seit knapp zwei Jahren in der Mutter-Kind-Einrichtung des Kinderheims Diegersmoor mit ihrem zweijährigen Kind. Sie ist „nicht zufrieden“ mit ihrem Aufenthalt dort (Interview mit Frau Wolff, Abs. 2), mehr noch: Sie „versuch[t …] alles, um […] rauszukommen“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 2). Frau Wolff wuchs in ihrer Kindheit bei der Mutter mit sechs jüngeren Halbgeschwistern von der väterlichen und mütterlichen Seite auf. Ihre Eltern trennten sich, als sie etwa ein Jahr alt war. Im Jugendalter lernt Frau Wolff den späteren Vater ihres Kindes über ihren Ex-Freund kennen. Frau Wolff wird von dem jungen Mann schwanger, als sie noch minderjährig ist. Es stellt sich heraus, dass sie Zwillinge erwartet. Im dritten Schwangerschaftsmonat kommt es zu einem Abort eines Embryos, der andere überlebt. Vor der Geburt wird mit Frau Wolff, dem Jugendamt und Frau Wolffs Mutter geplant, wie die Wohnsituation von Frau Wolff künftig gestaltet werden kann: Zuhause kann sie nicht mit dem Kind leben, weil zu wenig Wohnraum zur Verfügung steht. Frau Wolff möchte in eine eigene Wohnung ziehen, am liebsten mit dem werdenden Kindsvater. Das Paar hat jedoch bereits während der 8.1.2 8 Empirische Ergebnisse 172 Schwangerschaft massive Konflikte. Mehrmals trennt es sich und kommt kurz darauf wieder zusammen. Der werdende Kindsvater ist alkoholabhängig und schlägt Frau Wolff. Als das Jugendamt von den gewalttätigen Konflikten erfährt, lehnt es ein Zusammenwohnen des Paars mit Kind nach der Geburt ab. Frau Wolff versucht daraufhin, das Jugendamt davon zu überzeugen, allein in eine Wohnung ziehen zu dürfen. Das zuständige Personal des Jugendamts macht deutlich, dass es dies nur vertreten könnte, wenn Frau Wolffs Mutter die Verantwortung für Frau Wolff und ihr Kind übernimmt, indem sie ein Dokument unterschreibt, das sie ggf. auch für Schäden verantwortlich macht, die bei Verletzung der Aufsichtspflicht entstehen könnten. Da Frau Wolffs Mutter die Verantwortungsübernahme verweigert und sich selbst nicht dazu in der Lage sieht, neben ihrer Tochter noch das Enkelkind zu versorgen, kommt für Frau Wolff weder das Wohnen im eigenen Wohnraum noch der Verbleib im Wohnraum der eigenen Mutter in Frage. Das Jugendamt entscheidet daraufhin, dass Frau Wolff in eine Mutter-Kind-Einrichtung zieht. „Frau Wolff: […] Und da hat das Jugendamt gemeint gehabt: ‚So, dann geht es halt nicht anders.‘ […] Und dann hat das Jugendamt sich halt entschieden für eine Mutter-Kind- Einrichtung“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 4). Frau Wolff sucht sich daraufhin eine Mutter-Kind-Einrichtung in der gleichen Stadt aus, in der der werdende Kindsvater lebt, weil dieser gern regelmäßig sein Kind nach der Arbeit besuchen möchte. An der Einrichtung gefallen ihr außerdem die Nähe zur Stadt, die Größe der Wohnräume und die Umgebung mit Park. Das Personal in der Einrichtung war zwar einverstanden, sie unterzubringen, der Leistungsträger jedoch lehnt den Einzug ab, da es ein Risiko für das Kindeswohl des noch nicht geborenen Kindes sieht, wenn der Kindsvater Frau Wolff besuchen und erneut schlagen könnte. Außerdem befürchtet der Leistungsträger, der Kindsvater könne das Kind entführen. Noch während der Verhandlungen um den zukünftigen Wohnort von Frau Wolff trennen sich Frau Wolff und der werdende Kindsvater. Zwei Monate vor der Geburt des Kindes zieht Frau Wolff letztendlich auf Wunsch des Jugendamtes in eine andere, weiter entfernt liegende Mutter-Kind-Einrichtung. Während ihres Aufenthalts in dieser Einrichtung ist unbekannt, dass ihr Kind eine seltene Genbesonderheit hat, die unter anderem mit psychischen und motorischen Entwicklungsverzögerungen, kognitiver Behinderung, Hyperaktivität und einer stark reduzierten Lautsprachentwicklung einhergeht. Als das Kind ungefähr acht Monate alt ist, wird sie aus dieser Einrichtung ausgeschlossen mit der Begründung des pädagogischen Personals, Frau Wolff fördere das Kind nicht optimal. Die Diagnose wird vor allem deshalb gestellt, weil das Kind sich nicht altersgemäß entwickelt. Die Gründe für die Entwicklungsverzögerung des Kindes werden in einer suboptimalen Förderung durch die Mutter gesehen, also Frau Wolff und ihrem unangepassten Verhalten angelastet. „Beziehungsweise [weil ich, RH] nicht das gemacht habe, was sie wollten. Zum Beispiel jetzt Freizeitpädagoge, sonst was. Wurde ich halt rausgeschmissen“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 41). Nach dem Ausschluss aus der vorangegangenen Mutter-Kind-Einrichtung zieht sie in die Mutter-Kind-Einrichtung des Kinderheims Diegersmoor. Zu diesem Zeit- 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 173 punkt ist Frau Wolff zum zweiten Mal schwanger. Die Betreuerinnen raten ihr, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen: „Frau Wolff: […] Aber das eine Kind musste ich abtreiben, weil die Betreuer gemeint haben hier, dass es zu viel wäre und das Risiko halt groß ist halt, wenn ich das Kind auf die Welt bekomme, dass ich es auch abgenommen bekomme. Weil es einfach zu viel Verantwortung ist und die halt nicht denken, dass ich das halt schaffe. Und dann habe ich mir gedacht: ‚Okay.‘ Weil habe ich auch für mich eingesehen, dass es halt zu viel ist, so jung dann zwei Kinder zu haben. Und dann auch so, im Kopf die ganze: ‚Oh, Gott. Du musst dann noch länger in der Einrichtung bleiben. Oh, Gott. Du willst doch selbstständig sein, du willst arbeiten. Jetzt noch ein Kind geht nicht.‘ Und das Risiko ist ja auch groß, da mein erstes Kind ja eine Behinderung hat. […] Und das Risiko war ja auch groß jetzt, dadurch, dass das ich nochmal schwanger geworden bin, dass es halt entweder verliere oder dass vielleicht noch ein behindertes Kind auf die Welt kommt. Da habe ich für mich auch selber eingesehen. Habe ich gemeint: ‚Dann treibe ich es lieber ab.‘“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 67). Frau Wolff lässt die Schwangerschaft abbrechen. In der Mutter-Kind-Einrichtung bewohnt sie zunächst mit ihrem Kind ein Einzelzimmer in WG-ähnlichem Setting. Da ihr Kind sehr unregelmäßig schläft und aufgrund der Behinderung häufig nachts laute Geräusche macht, wünscht sich Frau Wolff ein eigenes Zimmer. Bis sie sich durchsetzen konnte, dauerte es vier bis fünf Monate. Dazu musste sie viel Aufwand betreiben und dem Leistungserbringer drohen: „Frau Wolff: Ja. Das hat auch sehr lange gedauert. Das hat echt auch vier, fünf Monate gedauert, bis es durchgesetzt wurde. Da habe ich auch ein bisschen gedroht. Ich meinte: ‚Wenn es sich nicht ändert, gehe ich zum Jugendamt oder sonst was, weil das nicht so geht mit einem behinderten Kind.‘ Und {das Kind} ist ja auch groß. Und umso größer, umso größeres Zimmer muss es auch sein. Es braucht einfach Platz, das ist einfach zu klein“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 73). Im Kinderheim Diegersmoor bewohnt Frau Wolff mittlerweile eine „Trainingswohnung“ mit zwei Zimmern und Küche. Sie darf zwar noch nicht eigenständig für sich und ihr Kind einkaufen und kochen, möchte aber möglichst bald diese Stufe der Verselbstständigung erreichen und endlich alle Teile des Verselbstständigungsprogramms für sich nutzen. An der Trainingswohnung schätzt sie, im Vergleich zur Wohngruppe mehr Platz und ein eigenes Bad zu haben sowie die Erlaubnis, einen Fernseher im Zimmer aufzustellen. Zum Zeitpunkt des Interviews beendet sie gerade ihr Berufsvorbereitungsjahr. Nach ihren Prüfungen möchte sie Praktika machen, um herauszufinden, welcher Beruf ihr liegt. Frau Wolff hatte sich bei der Aufnahme vorgenommen, maximal ein halbes Jahr in der Einrichtung zu bleiben. Zum Zeitpunkt des Interviews lebt sie bereits zwei Jahre dort, was sie übermäßig lang findet: „Frau Wolff: Ja. Ich wohne ja schon zwei Jahre, schon über zwei Jahre in einer Mutter- Kind-Einrichtung. Und irgendwann mal reicht das auch. (…) Ja. Ich habe am Anfang auch selber für mich gesagt gehabt: ‚Also gut. Ich nehme/ Ich komme hier her in die Einrichtung und (seufzt), ja.‘ Interviewerin: Für eine bestimmte Zeit, oder? Frau Wolff: Genau. Ich wollte halt/ Ich hatte mir so halt gedacht: ‚Komm, machst das halt mal so (…) ein halbes Jahr und dann machst du halt weiter. Und da habe ich mir das so: 8 Empirische Ergebnisse 174 ‚Komm, du machst da deine Schule fertig.‘ Ich mache ja jetzt gerade Schule {Streichung} hier“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 17–19). Es stellt sich heraus, dass es Frau Wolff peinlich ist, in einer Einrichtung untergebracht zu sein. „Frau Wolff: […] Ich werde jetzt auch {21} nächsten Monat. Und (…) auch so ein bisschen peinlich, zu sagen, so mit {21} noch in einer Einrichtung“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 49). Die Tatsache, dass das Kind eine Behinderung hat, macht es aus Sicht von Frau Wolff schwieriger, die Entlassung aus der Einrichtung zu erreichen: „Frau Wolff: […] Bemühe mich auch sehr darum, alleine zu leben mit {meinem Kind}. {Es} hat auch eine Behinderung. Von daher ist es auch ein bisschen schwieriger. Interviewerin: Ja. Da braucht {es} dann mehr Unterstützung. Frau Wolff: Nein, das nicht. Halt mit den/ Um hier raus zu kommen. […] Und selbstständiger zu sein. Weil die Betreuer halt denken, dass ich es noch nicht alleine schaffe, da ich noch nicht selbstständig genug dafür wäre für ein behindertes Kind, und für ein behindertes Kind zu sorgen“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 9–13). Auch für die Zukunft schätzt Frau Wolff allerdings ihre Chancen, selbstständig leben zu können, als schlecht ein. Sie befürchtet, weiterhin unfreiwillig Unterstützung zu erhalten: „Frau Wolff: […] Wenn ich ausziehen sollte, weiß ich jetzt schon, dass ich halt auch Unterstützung trotzdem weiterhin bekommen werde, ob ich es will oder nicht. Vom Jugendamt und sonst was, weil ich noch so jung bin“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 37). Zum Zeitpunkt des Interviews hat Frau Wolff seit knapp einem dreiviertel Jahr einen Freund. Er wohnt in der Nähe der Einrichtung und arbeitet im gleichen Ort, in dem sich auch die Einrichtung befindet. Ihr Freund ist seit kurzer Zeit Vollwaise. Er bewohnt die ehemalige Wohnung seiner vor Kurzem verstorbenen Mutter. Das Paar sieht sich etwa zweimal pro Woche. Vierzehntägig besucht Frau Wolff ihren Freund. Nachdem sie sich kennengelernt hatten, musste ihr Freund sich zunächst bei den Betreuerinnen vorstellen und bei dem Treffen seinen Ausweis vorlegen. Die ersten beiden Treffen zwischen Frau Wolff und ihrem Freund wurden von den Betreuerinnen begleitet. Danach durfte er auch allein mit in ihr Zimmer. Übernachtungen sind allerdings grundsätzlich verboten. Die Regeln bezüglich der Männer findet Frau Wolff in Ordnung. Von den übrigen Regeln in der Einrichtung fühlt sie sich zu stark eingeschränkt: „Frau Wolff: […] ich fühle mich, wenn ich ehrlich sein soll, wie im Knast. Weil ich bin {schon so alt} und darf nicht selbst entscheiden, was ich jetzt tue. Sondern alles: Jugendamt, Jugendamt, Jugendamt. Alles mit dem Jugendamt oder Betreuer absprechen, vorher nichts. Und das ist halt, ja, schwer zu akzeptieren“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 109). Das Kind verbringt vierzehntägig die Wochenenden beim Kindsvater. Dazu holt dieser es in der Einrichtung ab. Frau Wolff hat einen guten Kontakt zum Kindsvater und lässt ihr Kind auch lieber bei ihm als bei den „Notmüttern“, die Unterstützung anbieten, um die Mütter in der Einrichtung zu entlasten. Frau Wolff wünscht sich mehr 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 175 Selbstständigkeit. Aus ihrer Sicht braucht sie das Maß an Fürsorge nicht, das in der Einrichtung durch das Personal geleistet wird: „Frau Wolff: […] Und will jetzt gerne selbstständig sein. Und ich finde halt, wenn man hier in einer Mutter-Kind-Einrichtung wohnt, sollen halt nur die Mütter hier her, die auch wirklich Unterstützung brauchen. Die Hilfe brauchen bei Sachen. Die echt nicht wissen: ‚Was mache ich jetzt?‘ Und ich finde, dass ich passe halt nicht so wirklich hier rein, weil ich will selbstständig sein und ich weiß, ich kann das auch“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 2). Frau Wolff vermutet, dass die Betreuerinnen in der Einrichtung weniger Ausflüge oder Unternehmungen anbieten, weil für einen Neubau der Mutter-Kind-Einrichtung, in dem mehr Trainingswohnungen geschaffen werden sollen, Geld gespart wird. Gegen diesen Spartrend setzt sie für sich und die anderen Bewohnerinnen durch, auf Kosten der Einrichtung an einem Sportkurs teilnehmen zu dürfen. Die Teilnahme an der Aktivität außerhalb der Einrichtung erlebt sie als Freiraum. Zu ihren Geschwistern hat Frau Wolff zum Zeitpunkt des Interviews keinen Kontakt, außer zu ihrem jüngsten Bruder, der drei Jahre alt ist und ebenfalls eine Behinderung hat. Außerdem hat sie noch Kontakt zu ihrer Mutter, mit der sie regelmäßig telefoniert. Frau Wolff zufolge würde sie ihre Familie gern häufiger sehen. Dies sei allerdings nicht möglich, weil sie so weit entfernt von ihnen in die Mutter-Kind-Einrichtung ziehen musste und sie selbst zu wenig Taschengeld erhalte, um sich zusätzliche Heimfahrten leisten zu können. Zwei ihrer Geschwister haben – wie sie selbst – im minderjährigen Alter Kinder bekommen. Frau Wolff möchte ihren Freund gern in seiner schwierigen Lebenslage unterstützen und mit ihm zusammen und dem Kind in der Wohnung leben, die er bereits bewohnt. Eine Unterstützung durch eine Sozialpädagogische Familienhilfe könnte sie sich vorstellen, aber die Betreuerinnen trauen ihr dieses Maß an Selbstständigkeit noch nicht zu. An Frau Wolffs Lebensgeschichte fällt auf, dass sie gegen ihren Willen in die vom Wohnort des Kindsvaters weit entfernte Mutter-Kind-Einrichtung einzog. Ihrem Wunsch- und Wahlrecht, das sie in Anspruch nehmen wollte, wurde nicht entsprochen. Der Kindsvater wurde in die Entscheidung des Jugendamtes, in welcher Einrichtung die Mutter unterkommt, überhaupt nicht einbezogen. Ob er bei den Gesprächen hätte eingeladen werden müssen, wird im nächsten Abschnitt der vorliegenden Studie diskutiert. Zunächst wird der Frage nachgegangen, ob die Entscheidung des Jugendamts, die Mutter in einer weit entfernt liegenden Mutter-Kind-Einrichtung unterzubringen, rechtswidrig das Wunsch- und Wahlrecht der Mutter einschränkte. Der Leistungserbringer beruft sich im oben dargestellten Fall auf die Abwehr einer möglicherweise drohenden Kindeswohlgefährdung nach der Geburt des Kindes. Das Wunsch- und Wahlrecht darf nicht übergangen werden, solange die Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Kind als Teil des Sorgerechts besitzt (vgl. Abschnitt 5.2.5 der vorliegenden Studie). Von einem Entzug eines Teils der Sorge durch das Familiengericht vor der Geburt des Kindes, also einer sogenannten Vorratsentscheidung (vgl. Abschnitt 3.1 der vorliegenden Studie), ist in dem Interview mit Frau Wolff nicht die Rede. Frau Wolff spricht ausschließlich von einem Gespräch mit 8 Empirische Ergebnisse 176 einer Vertretung des Jugendamtes. Eine ohne den Einbezug des Gerichts getroffene Entscheidung des Jugendamtes, Frau Wolff gegen ihren Willen in eine vom Kindsvater weit entfernt liegende Einrichtung unterzubringen, ist demnach rechtswidrig. Aus dem Interview geht nicht eindeutig hervor, ob und ggf. welche Teile der elterlichen Sorge der Kindsvater innehat. Allerdings sprechen der Kontakt des Kindsvaters mit dem Kind und die regelmäßig stattfindenden Übernachtungen des Kindes beim Kindsvater dafür, dass ihm zumindest ein entsprechendes Umgangsrecht zusteht. Ob und wie im Falle von Vorratsentscheidungen biologische Kindsväter in Verfahren vor dem Familiengericht angehört werden, die bisher noch keinen Sorgerechtsantrag gestellt haben, ist juristisch bisher vollständig ungeklärt. Ein Verfahren, in dem die Kindeswohlgefährdung erörtert worden wäre und eine einstweilige Verfügung hätte angeordnet werden können, hätte in Abwesenheit eines Elternteils durchgeführt werden können, wenn dies zum Schutz eines Beteiligten oder aus anderen Gründen erforderlich gewesen wäre (§ 157 FamFG). Indem jedoch in diesem Fall wahrscheinlich überhaupt kein Verfahren vor dem Familiengericht vor der Geburt des Kindes stattfand, überschritt das Jugendamt mit seiner Entscheidung nicht nur seine Kompetenzen im Hinblick auf die Rechte der Kindsmutter, sondern vor allem auch auf die Rechte des Kindsvaters. Ob der Kindsvater überhaupt vom Jugendamt im Vorfeld der Geburt beraten wurde, ist fraglich. Die mangelhafte Versorgungslage an Beratung lediger Väter durch das Jugendamt, die auf einen Mangel an einer entsprechenden Legitimation durch den Gesetzgeber zurückzuführen ist, wurde im Rahmen der vorliegenden Studie bereits im Abschnitt 3.4 kritisiert. In dem Interview wird deutlich, dass der Leistungserbringer solche widerrechtlichen Entscheidungen, die Kindsmutter möglichst weit entfernt vom Kindsvater unterzubringen, auch deshalb trifft, weil er befürchtet, das Kindeswohl könne nach der Geburt gefährdet sein. Dies lässt bei der Kindsmutter das Gefühl zurück, das Kind könne quasi jederzeit in Obhut genommen werden. Deshalb beugt sie sich der Entscheidung, in eine Mutter-Kind-Einrichtung einzuziehen. In der zunächst von ihr bewohnten Mutter-Kind-Einrichtung wird für das Verhalten und den Stand der Kompetenzen des Kindes nach Angaben von Frau Wolff die falsche Diagnose gestellt: Die Ursache der Entwicklungsverzögerung des Kindes wird im Verhalten der Mutter gesucht und eine genetische Disposition des Kindes nicht in Betracht gezogen. Frau Wolffs Reaktion auf die Bedingungen in der Einrichtung entsprechen dem „kompromisslosen Standpunkt“ (vgl. Abschnitt 6.4.4.5). Unbotmäßigkeiten von Frau Wolff, sich nicht im geforderten Maß an den Angeboten, die in der Einrichtung offeriert werden, zu beteiligen, wird als für das Kindeswohl schädliches Verhalten ausgelegt. Nach Goffman muss das Individuum sich „zum richtigen Zeitpunkt sichtbar an den Aktivitäten der Organisation […] beteiligen, was die Mobilisierung von Aufmerksamkeit und Muskelkraft – die Hingabe an die gerade durchzuführende Handlung – erfordert. Diese Verpflichtung, sich den Aktivitäten der Organisation zu widmen, kann sowohl als Symbol für das Engagement und die Bindung eines Individuums als auch – tiefer reichend – als Symbol für die Anerkennung der Konsequenzen, die die Teilnahme für die Definition des Charakters des Betreffenden hat, gewertet werden“ (Goffman, 1981, S. 174, Herv. i. O.). Die Fehldiagnose seitens des 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 177 Personals in Bezug auf die Kompetenzen des Kindes, das Verhalten der Kindsmutter und die Schlüsse, die das Personal wiederum daraus auf die Fähigkeiten von Frau Wolff als Mutter gezogen hat, führen schließlich zu ihrem Ausschluss und dem des Kindes aus der Einrichtung. Dass das gewünschte und unerwünschte Verhalten, selbst wenn es körperlichen Ursprungs ist, in totalen Institutionen als eine für oder gegen die Einrichtung gerichtete Aktivität und damit als moralisches oder unmoralisches Verhalten gedeutet wird, ist typisch für totale Institutionen (vgl. Goffman, 1981, S. 89). Besonders scheint in Mutter-Kind-Einrichtungen der Umstand zu sein, dass aus dem Verhalten des Kindes auf die Fähigkeit allein der Mutter zur Erziehung und Pflege desselben geschlossen wird. Dies kann zu einer folgenschweren Fehlinterpretation führen, wie der hier dargelegte Fall zeigt. Schließlich wird Frau Wolff mit dem Ausschluss aus der Einrichtung bestraft, obwohl die Entwicklung des Kindes – wie sich im Nachhinein herausstellen sollte – von ihr gar nicht in dem Maße beeinflusst werden konnte, wie das Personal in der ersten Einrichtung vermutete. Die Fähigkeiten des Vaters bei der Pflege und Erziehung, sein Verhalten gegenüber dem Kind, seine Beziehung zur Mutter und die Konflikte zwischen den Eltern werden im „therapeutischen Prozess“ nicht berücksichtigt. Vielmehr wird versucht, ihn so weit wie möglich von dem Ort, an dem eine pädagogische Intervention stattfindet, fernzuhalten. In der zweiten Einrichtung, dem Kinderheim Diegersmoor, hat Frau Wolff zum Zeitpunkt des Interviews bereits einige „Stationen“ durchlaufen. Zuletzt wird sie in einer Station mit mehr Privilegien als zuvor, in einer sogenannten „Trainingswohnung“, untergebracht, nachdem sie dem Stab damit drohte, sich mit Beschwerden ans Jugendamt zu wenden, weil das Einzelzimmer zu klein war. Warum sie trotz des Privilegs, in einer Trainingswohnung zu wohnen, noch nicht selbstständig wirtschaften darf, was die Essensversorgung angeht, und noch nicht selbst für sich und ihr Kind kochen darf, geht aus dem Interview nicht hervor. Den Abbruch ihrer zweiten Schwangerschaft nimmt Frau Wolff vor allem deshalb vor, weil sie ihre Zeit innerhalb der Einrichtung verkürzen möchte. Sie weiß, dass es ihren Aufenthalt verlängert hätte, wenn sie für ein zweites Kind hätte sorgen müssen. Sie zeigt „Einsicht“. Goffman zufolge wird vom Insassen von totalen Institutionen Einsicht verlangt und erwartet, dass er sich die Meinung der Institution zu eigen macht oder wenigstens so tut als ob, andernfalls sind Sanktionen zu erwarten (vgl. Goffman, 1981, S. 153). Es zeigt sich, dass die Institution und ihr umgebendes organisationales Gefüge sowohl auf die Trennung des Paares als auch auf den Abbruch einer weiteren Schwangerschaft hinsteuern, indem alle anderen möglichen Entscheidungen von Frau Wolff mit Sanktionen belegt werden. Fall Frau Rossi – Möglichkeitstyp „Konzentration institutioneller Unterstützungsformen auf die Mutter“ Frau Rossi, die vier Kinder hat, wohnt zum Zeitpunkt des Interviews mit dem jüngsten Kind seit wenigen Monaten in der Mutter-Kind-Einrichtung. Die beiden Ältesten 8.1.3 8 Empirische Ergebnisse 178 leben bei ihrer Mutter, das zweitjüngste, zweijährige Kind wächst bei einer Pflegefamilie auf. Frau Rossi hat einen Realschulabschluss. Ursprünglich kommt Frau Rossi aus einer anderen Stadt. Sie berichtet über große Schwierigkeiten und traumatisierende Erlebnisse in ihrer Kindheit. Ihr Vater trinkt viel Alkohol, schlägt sie und missbraucht sie sexuell. Bekannte sagen über ihren Vater, dass er in Drogengeschäfte verwickelt sei. Sie hat als Kind keinen Freiraum. Ihr Vater verbietet ihr, sich mit Freunden zu treffen, Einladungen zu Geburtstagsfeiern wahrzunehmen und an Klassenfahrten teilzunehmen. Nur wenn Frau Rossi sexuelle Handlungen mit ihrem Vater praktiziert oder Pornofilme schaut, verspricht er ihr, auf dem Hof spielen zu dürfen. Ihre Altersgenossen hänseln sie, weil sie nicht an Freizeitaktivitäten teilnehmen darf. Ihr Geschwister, das eine körperliche Behinderung hat, wird vom Vater völlig anders behandelt. Ihm wird der Kontakt zu anderen Kindern erlaubt. Das Geschwisterkind sei „der Engel“ gewesen, Frau Rossi „der Schwarze Peter“. Frau Rossi ist noch ein Kind, als sie sich an das Jugendamt wendet und um Hilfe für sich und ihr Geschwister bittet. Sie möchte gemeinsam mit ihrem Geschwister in Obhut genommen werden. Das Geschwisterkind will sie nicht zurücklassen, weil sie Angst hat, dass es „alles abbekommt“, wenn sie nicht da ist. Eine Fachkraft des Jugendamts vereinbart daraufhin Termine mit Frau Rossis Eltern und drängt ihren Vater dazu, einen Alkoholentzug zu machen. Ihr Vater verweigert dies, ihre Mutter verspricht, die Kinder in Zukunft zu schützen. Als die Fachkraft des Jugendamts ihre Bemühungen einstellt, fühlt sich Frau Rossi verraten. Als Frau Rossi in der Pubertät ist, zieht Frau Rossis Mutter aus der gemeinsamen Familienwohnung aus. Beim Umzug und dem Renovieren hilft ein junger Mann, der etwas älter ist als Frau Rossi. Die beiden werden ein Paar und sind fünf Jahre lang zusammen. Sie bekommen zwei gemeinsame Kinder. Nach einer zwischenzeitlichen Trennung und zwei weiteren Jahren Beziehung heiratet Frau Rossi diesen Mann. Als sie drei Jahre verheiratet ist, lernt Frau Rossi an ihrem Arbeitsplatz einen anderen Mann kennen, der zuvor aus dem europäischen Ausland nach Deutschland kam. Mit ihm beginnt sie eine Affäre. Frau Rossi trennt sich von ihrem Ehemann, weil sie das schlechte Gewissen plagt, fremdgegangen zu sein. Die Trennung sei im beidseitigen Einvernehmen geschehen. Trotzdem bittet ihr Ex-Mann sie zwei Jahre lang nach der Trennung mehrmals, zu ihr zurückzukehren. Nach einer Weile trennen sich Frau Rossis Eltern und ihre Mutter heiratet Frau Rossis Ex-Mann. Dies trifft Frau Rossi zunächst sehr, später lernt sie, mit dieser Situation umzugehen. Sie betrachtet ihren Ex-Mann nicht mehr als solchen, sondern nennt ihn ausschließlich ihren Stiefvater. Frau Rossi ist von dem Mann, mit dem sie eine Affäre hatte, schwanger. Der Liebhaber kehrt zurück in sein Herkunftsland. Sie zieht mit ihren beiden älteren Kindern, die sie mit ihrem Ex-Mann hat, in eine eigene Wohnung. Eine Fachkraft des Jugendamts vereinbart mit Frau Rossi, dass sie nach der Geburt ihres dritten Kindes in eine Mutter-Kind-Einrichtung einzieht. In der Schwangerschaft gibt es Komplikationen. Frau Rossi kommt ins Krankenhaus. Da kein Platz in einer Mutter-Kind-Einrichtung frei ist, verspricht die Mitarbeiterin des Jugendamtes bei einem Besuch, sie zunächst 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 179 in einer anderen Einrichtung unterzubringen. Während der Kindsvater im Ausland ist, bringt Frau Rossi das gemeinsame Kind zur Welt. Am Tag nach der Geburt wird das Kind mit Hilfe der Polizei gegen den Willen von Frau Rossi in Obhut genommen. Weil sie sich widersetzt, wird Frau Rossi gefesselt. Sie darf sich nicht von dem Kind verabschieden und sieht es erst anderthalb Monate später wieder. Psychologische Unterstützung erhält sie nicht. Sie verliert vollends das Vertrauen in die Vertreterinnen und Vertreter des Jugendamts. Frau Rossi wünscht sich, dass ihr drittes Kind von ihrer Mutter aufgezogen wird, wenn sie es nicht selbst großziehen darf. Es wird jedoch familiengerichtlich entschieden, dass das Kind zunächst vorübergehend, später dauerhaft in einer Pflegefamilie untergebracht wird. Frau Rossi darf es einmal pro Woche besuchen, bis es ein halbes Jahr alt ist. Seitdem das Kind dauerhaft in der Pflegefamilie untergebracht ist, hat sie alle drei Monate eine Stunde Besuchskontakt. Der Vater ihres dritten Kindes kehrt zurück nach Deutschland. Die beiden heiraten. Er ist in Drogengeschäfte verwickelt. Eine Zeit lang nimmt er zum Schlafen Tabletten. Es kommt zu Konflikten zwischen dem Paar, weil ihr zweiter Ehemann denkt, dass Frau Rossi fremdgeht. Er bricht ihr das Nasenbein und schlägt ihr blaue Augen. Die beiden älteren Kinder erleben die Situation mit. Daraufhin haben sie Angst vor Frau Rossis neuem Ehemann. Ihre Mutter und ihr Ex-Mann/Stiefvater unterstützen Frau Rossi in der Krise, auch finanziell. Sie darf bei den beiden übernachten. Ihre älteren beiden Kinder werden bei ihrer Mutter und ihrem Ex-Mann/Stiefvater untergebracht. Als sie mit ihrem vierten Kind schwanger ist, nimmt eine Fachkraft des Allgemeinen Sozialen Dienstes mit Frau Rossi Kontakt auf. Nach der Geburt wird ihr Kind vorübergehend in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht. Während dieser Zeit sieht Frau Rossi es alle zwei Tage. Nach einiger Zeit wird sie unfreiwillig in die Mutter-Kind-Einrichtung eingewiesen. Zunächst wohnt sie zwei Wochen zur Probe dort. Nach zwei Monaten erwirkt sie, dass ihr jüngstes Kind nicht mehr in der Bereitschaftspflegefamilie, sondern bei ihr wohnen kann. Zum Zeitpunkt der Befragung wohnt ihr zweiter Ehemann in ihrer Herkunftsstadt in einer eigenen Wohnung. Er darf dreiwöchentlich für eine Stunde das jüngste Kind besuchen und wird dabei von einer Betreuerin des Leistungserbringers begleitet. Frau Rossi findet die Besuchszeit zu kurz und befürchtet, das Kind könne in der Kürze der Zeit keine Beziehung zu ihm aufbauen. Bei den regelmäßigen Treffen zeige sich bereits, dass das Kind fremdele und Angst vor ihrem Mann zeige. Nach dem Besuch des jüngsten Kindes von Frau Rossi darf ihr Mann eine halbe Stunde mit ihr allein auf ihrem Zimmer sein oder spazieren gehen. Es gibt Konflikte zwischen Frau Rossi und ihrem zweiten Mann, weil sie selbstständiger wird. Sie ist nicht mehr ausschließlich nur für ihn da, sondern sorgt für sich und ihr jüngstes Kind und sagt auch häufiger Nein zu ihm als in der Vergangenheit. Das verunsichere ihren Mann und er habe Angst, sie zu verlieren. In solchen Situationen werde er oft aggressiv. Zu dem dritten Kind, seinem leiblichen, hat Frau Rossis Mann ihrer Ansicht nach zu selten Kontakt: Er darf das Zweijährige alle drei Wochen eine Stunde besuchen. Ein weiterer Streitpunkt mit ihrem Mann ist die Tatsache, dass 8 Empirische Ergebnisse 180 dieses Kind nicht seinen Namen trägt. Dies ist der Fall, da Frau Rossi zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes noch mit ihrem Ex-Mann verheiratet war. Der Name des Kindes hätte bis zum dritten Lebensjahr noch geändert werden können, aber der Zeitpunkt verstrich, da der Vater des Kindes zu dieser Zeit noch im Ausland war. Ihr Mann macht Frau Rossi ständig Vorwürfe in diesem Zusammenhang. Wenn sie an die Konflikte mit ihrem Mann denkt, bereut Frau Rossi manchmal, sich von ihrem Ex-Mann getrennt zu haben. Frau Rossi darf sechswöchentlich ihre älteren beiden Kinder besuchen. Die beiden haben ihre Angst vor ihrem zweiten Ehemann überwunden und ihn mittlerweile als „Stiefvater“ anerkannt. Frau Rossis Mutter und Frau Rossis Ex-Mann/Stiefvater kommen mit, wenn die beiden älteren Kinder Frau Rossi in der Einrichtung besuchen. Den Kontakt zu ihrem Ex-Mann/Stiefvater beschreibt Frau Rossi als „gut“ bzw. „sehr gut“. Es gebe noch eine freundschaftliche und familiäre Bindung zwischen dem Ex-Paar. Zu ihrer Mutter hat Frau Rossi einen sehr guten Kontakt. Sie ist immer für Frau Rossi da, wenn diese etwas braucht. Ihr eigener Vater ist immer noch häufig stark alkoholisiert. Es sei sogar „noch schlimmer“ als in ihrer Kindheit. Frau Rossi wünscht sich, mit dem jüngsten Kind ihren zweiten Ehemann sowie ihre Mutter besuchen zu dürfen, was ihr zum Zeitpunkt des Interviews nicht erlaubt ist. Zudem hofft sie, die Erlaubnis des Leistungsträgers für eine Erhöhung der Besuchszeit für ihren Mann bei ihrem jüngsten Kind auf zwei Stunden zu erwirken. Mit der Einrichtung, die sie bewohnt, ist Frau Rossi mittlerweile „eigentlich ganz zufrieden“, muss sich aber „anpassen“. Frau Rossi möchte gern ihren Führerschein und das Fachabitur machen. Ihr Traum ist es, einen Neubeginn zu wagen. Trotzdem möchte sie nach dem Aufenthalt in der Mutter-Kind-Einrichtung zunächst zurück in ihre Herkunftsstadt ziehen, entweder zu ihrer Mutter oder in eine eigene Wohnung. Zunächst möchte sie das Sorgerecht für das zweijährige Kind erwirken und später auch wieder mit ihren älteren Kindern zusammenleben. Derzeit mit ihrem zweiten Ehemann zusammenzuwohnen, kann sich Frau Rossi nicht vorstellen, obwohl sie es eigentlich gern möchte. Damit dies möglich werde, müsse er selbstständiger werden und mehr Initiative zeigen, um sein Leben in den Griff zu bekommen. Das Beispiel zeigt, dass sich in Frau Rossis Sozialisation biographische Orientierungsstrukturen in der Beziehung zu Männern herausgebildet haben, die im lebensgeschichtlichen Ablauf reproduziert und transformiert werden. Das inzestuöse Beziehungsmodell zum Vater wiederholt sich in Teilen in der Beziehung mit ihrem ersten Mann. Keine oder die schlechte Beziehung zum Vater ist bei der Klientel kein Einzelfall: Der überwiegende Teil der befragten Mütter berichtet über eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater und sieht darin eine das eigene Leben prägende Erfahrung: Frau Gruber, Frau Wolff und Frau Reichert hatten gemäß eigenen Angaben keine Beziehung zum eigenen Vater, Frau Rossi und Frau Zimmermann litten in ihrer Kindheit unter ihren alkoholabhängigen Vätern, die sie schlugen. Frau Rossi wurde sogar von ihrem Vater vielfach sexuell missbraucht. Frau Becker und Frau Weber berichten von einer guten Beziehung zum eigenen Vater. In der Einrichtung erhält Frau Rossi die Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen ihren frühen Bindungserfahrungen und den aktuellen Konflikten in der Bezie- 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 181 hung zu ihren Partnern mittels Gesprächstherapie zu reflektieren. Die Einrichtung versucht, „nicht nur als bloße Verwahrungsanstalt zu fungieren“ (Goffman, 1981, S. 148). Ihr Partner allerdings erhält keine Hilfe bei der Überwindung der schädigenden Beziehungsmuster. Gelegenheiten, neue Beziehungsmuster gemeinsam zu entwickeln und im Alltag zu trainieren, sind in der Einrichtung nicht vorgesehen. Es bleibt also nur eine rein intellektuell-theoretische Behandlung übrig, weil der entsprechende Mann nicht da ist. Faktisch wird das Thema der Kindesmisshandlung und des ‑missbrauchs ausschließlich individuell mit den Frauen bearbeitet. Die Täter erhalten keine Therapien. Sie erhalten nicht die Möglichkeit, eventuell eigene belastende Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten. Analyse der Interviews mit dem Personal Insgesamt ergeben sich bei der Analyse der Interviews mit dem pädagogischen Personal zahlreiche Widersprüchlichkeiten im Zusammenhang mit dem Umgang mit Männern in den Einrichtungen. Sie sprechen für Orientierungsschwierigkeiten, Interessenskonflikte und Entscheidungsdilemmata angesichts widersprüchlicher Handlungsanforderungen an die Fachkräfte. Doch bevor diese Widersprüchlichkeiten dargestellt und interpretiert werden, erfolgen zunächst Informationen über die besuchten Einrichtungen und die Leistungserbringer. Folgende Tabelle soll eine Übersicht über die Einrichtungen bieten, über die Informationen ermittelt wurden: Übersicht über Einrichtungen Name des Trägers (anonymisiert) Zugehörigkeit zu Spitzenverband Anzahl der Plätze überwiegendes Alter der Klientel Klientel ist überwiegend jugendlich oder im jungen Erwachsenenalter Wohnheim Sankt Benedikt Deutscher Caritasverband 13 14–21 ja Mutter-Kind- Wohnen am Markt öffentlicher Träger 12 14–18 ja Mutter-Kind- Gruppe Eva Deutscher Caritasverband 9 14–18 ja Flexible Hilfen GmbH privat-gewerblicher Anbieter 1 ≈ 18 ja Haus am Steinweg Diakonisches Werk 2 x 7 20–25 nein 8.2 Tabelle 3. 8 Empirische Ergebnisse 182 Jugendhilfe Heilige Elisabeth Deutscher Caritasverband 1 x 7, 1 x 6 15 bis > 20 ja Marienhäuser Deutscher Caritasverband 14 16–30 nein Diakonische Hilfe Diakonisches Werk 13 20–40 nein Mutter-Jesu- Haus Deutscher Caritasverband 14 17–32 nein Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi Deutscher Caritasverband 4 18–30 nein Familienhilfen e.V. Diakonisches Werk 2 x 12, 1 x 4 14 bis > 70 nein Josephswerk Deutscher Caritasverband 6 Mitte 20 nein Individuelle Sozialpädagogik e.V. Paritätischer Wohlfahrtsverband 2 x 6, 2 x 1 14–18 ja Initiative Mu- VaKi Paritätischer Wohlfahrtsverband 8 bis 18 ja Smile GbR privat-gewerblicher Anbieter 4 20–27 nein Evangelische Jugendhilfe Singstadt Diakonisches Werk 1 x 6, 1 x 7, 2 x 9 18–44 nein Mutter‑/Vater- Kind-Betreuung Biegelbach Diakonisches Werk 2 x 6 mehrheitlich < 25 nein Wirbelwind gGmbH Paritätischer Wohlfahrtsverband 8 16–21 ja Kinderheim Diegersmoor Paritätischer Wohlfahrtsverband 9 13–21 ja Zur Tabelle: In der Spalte „Zugehörigkeit zu Spitzenverband“ wurde jeweils die Zugehörigkeit des Trägers der Hilfe nach § 19 SGB VIII zu einem der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege vermerkt. Sofern sie keinem Spitzenverband angehörten, wurde unterschieden zwischen „privat-gewerblicher Anbieter“ und „öffentlicher Träger“. In der Spalte „überwiegendes Alter der Klientel“ wurde die Altersspanne angegeben, in der die Klientel sich nach Angabe der befragten Fachkräfte am häufigsten befindet. Sofern keine Angaben der Befragten zu diesem Aspekt gemacht wurden, wurde auf der offiziellen Webseite der Einrichtung nach Informationen zu diesem Aspekt gesucht und entsprechende Daten erfasst. Im Rahmen der Studie wurden im „Kinderheim Diegers- 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 183 moor“ ausschließlich Klientinnen befragt. Da letztere – wie bereits erwähnt – in den Gesprächen weniger den Schwerpunkt auf Aspekte in Bezug auf die Organisation und strukturelle Bedingungen in den Einrichtungen legten, sondern vielmehr auf ihre eigene aktuelle Lebenssituation, Erfahrungen in der Kindheit und Pläne für die Zukunft, wurden entsprechende Informationen hauptsächlich den öffentlich zugänglichen Dokumenten und der offiziellen Internetseite entnommen. Sieben der 19 Träger, in denen Befragte gewonnen werden konnten, gehören dem Caritasverband an, fünf dem Diakonischen Werk und vier dem Paritätischen Wohlfahrtsverband. Eine Wohneinrichtung befindet sich in öffentlicher Trägerschaft, zwei werden von privat-gewerblichen Körperschaften angeboten. Manche Leistungserbringer betreiben mehrere Mutter-(/Vater‑)Kind-Häuser in direkter Nachbarschaft oder auch in weiterer Entfernung bzw. bieten neben Hilfen nach § 19 SGB VIII auf dem Gelände, auf dem auch die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung situiert ist, oder gar im gleichen Haus andere Leistungen des SGB an. Die Einrichtungen zeigen folgende Eigenschaften in Bezug auf die „Betreuungsintensität“: Gemeinsam ist den meisten, dass es Bereiche innerhalb des Hauses gibt, die intensiver, und andere, die weniger intensiv betreut werden. Auf diesen Aspekt soll in den folgenden Abschnitten intensiver eingegangen werden. Zum Verständnis der Ausführungen wird an dieser Stelle der vorliegenden Studie jedoch vorweggenommen, dass der Begriff „Betreutes Wohnen“ im Arbeitsfeld der Mutter-(/Vater‑) Kind-Einrichtungen für sehr unterschiedliche Angebote hinsichtlich Betreuungsintensität und Ort der Betreuung benutzt wird. Während unter „Betreutem Wohnen“ gemäß § 34 SGB VIII üblicherweise ein Setting verstanden wird, in dem Jugendliche in einem durch den Träger angemieteten Wohnraum an einem Teil des Tages betreut werden, wird der Begriff im Zusammenhang mit den Hilfen nach § 19 SGB VIII auch in Einzelfällen für Häuser mit 24-Stunden-Betreuung benutzt. Der Begriff „Nachbetreuung“ wiederum wird durchgehend einheitlich für eine Hilfeform genutzt, die im Wohnraum der Alleinerziehenden geleistet wird, wenn sie aus der Einrichtung ausgezogen sind. Dieses Angebot wird nicht über § 19 SGB VIII finanziert, sondern über Fachleistungsstunden. Es ist auch von Träger zu Träger unterschiedlich, ob die Nachbetreuung vom gleichen Personal geleistet wird, das auch in der „eigentlichen“ Institution tätig ist, oder ob dazu andere Fachkräfte eingesetzt werden. In den im Rahmen dieser Studie ermittelten Fällen sind pro Einrichtung zwischen einem und vierzehn Plätzen für Schwangere bzw. Mutter/Vater und Kind vorgesehen. In mehr als der Hälfte der Einrichtungen wird keine überwiegend minderjährige oder junge volljährige Klientel betreut, sondern Alleinerziehende und Schwangere in höherem Alter. In diesem Ergebnis spiegelt sich der bereits erwähnte Trend wider, dass in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen im Vergleich zu Erhebungen in den 1970er und 1980er Jahren zunehmend volljährige Elternteile mit Kind aufgenommen werden. Hinsichtlich der Frage nach den Lebenslagen, die eine Aufnahme in eine Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung bedingen, deckt sich das Ergebnis der vorliegenden Studie weitgehend mit dem von Studien vergangener Jahrzehnte: Die Lebenszusammenhänge der Mütter/Väter bzw. Schwangeren, die in eine Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung 8 Empirische Ergebnisse 184 aufgenommen werden, sind sehr unterschiedlich, allerdings meist von einem massiven Hilfebedarf geprägt: Ein Aufnahmegrund kann Schwangerschaft/Mutterschaft im Jugendalter sein in Verbindung mit der Situation, dass es in der Herkunftsfamilie des (werdenden) Elternteils keinen Platz für ein weiteres Familienmitglied gibt. Andere Gründe für den Bedarf jugendlicher (werdender) Eltern an Hilfen nach § 19 SGB VIII seien fehlende Bindungen zu den eigenen Eltern oder Beziehungsabbrüche zur Herkunftsfamilie. Daneben ist von körperlichen, sexuellen bzw. psychischen Gewalterfahrungen der Klientel durch Verwandte oder anderen Erfahrungen die Rede, die Traumata hervorrufen können. Auch (werdende) Elternteile, die bereits vorher in einer Heimeinrichtung wohnten, in der kein Platz und keine Ressourcen für die Betreuung eines Kindes existieren, werden in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen betreut. Sofern die (werdenden) Eltern vor der Aufnahme bereits in einem gemeinsamen Haushalt gelebt haben, kann ein Aufnahmegrund Gewalt in der Paarbeziehung sein. Außerdem ist ein Teil der Klientel von psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder körperlichen bzw. geistigen Behinderungen betroffen. Zusätzlich ist gemäß Aussage der befragten Fachkräfte die Klientel oft arm, hat Schulden, einen niedrigen oder keinen Schulabschluss, ist arbeitslos oder prekär beschäftigt. Häufig sind die Eltern durch Schwierigkeiten in mehreren Lebensbereichen belastet. Aufgrund aktueller politischer Entwicklungen und Debatten sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelten Daten zeigen, dass auch schwangere (unbegleitete minderjährige) Flüchtlinge und Flüchtlinge mit Kind nach § 19 SGB VIII untergebracht werden. Die Aussagen des überwiegenden Teils der Befragten deuten darauf hin, dass die wenigsten Elternteile bzw. Schwangeren freiwillig in die Einrichtung ziehen. „Frau Kraus: […] es ist ja ein absoluter Zwangskontext. Hier ist ja keiner freiwillig, ja?“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 100). Auch die befragten Klientinnen äußern mehrheitlich, nicht freiwillig in die Einrichtung eingezogen zu sein (vgl. Abschnitt 8.1). Die überwiegende Unfreiwilligkeit bei der Aufnahme steht im Widerspruch zum Willen des Gesetzgebers, Hilfen nach SGB VIII nur mit freiwilliger Zustimmung der Sorgeberechtigten zu gewähren (siehe Abschnitte 4.3 und 5 der vorliegenden Studie). In vielen Interviews mit Fachkräften ist die Rede davon, dass die Hilfe zum Teil gegen den Willen der Eltern installiert wird, um eine Kindeswohlgefährdung abzuwenden: „Frau Lehmann: […] wobei die jungen Frauen ja wegen der Kindeswohlgefährdung hierherkommen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 122). „Frau Albrecht: […] In der Regel auch nicht freiwillig bei uns sind, sondern mehr oder weniger diese Unterbringung veranlasst wurde, weil häufig das Kindeswohl so sehr gefährdet ist, dass die Kinder dann eben in einer Pflegefamilie untergebracht werden müssten. Und um das zu umgehen, (…) ziehen die Mütter dann bei uns ein. Ab und an gibt es auch mal eine Mutter, die tatsächlich sich Hilfe gesucht hat und gesagt hat: ‚Ich schaffe das nicht alleine. Ich brauche Unterstützung. Ich würde gerne in so ein stationäres Wohnen ziehen.‘ Aber, ja, leider ist es ganz oft eben anders […]. Und in der Regel ist das Kindeswohl gefährdet. Schon bereits gewesen oder eben es droht“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 34). „Frau Baumann: […] das vermittelt ja immer das Jugendamt. Und das ist sowieso klar. Es ist eine Jugendhilfemaßnahme. Das heißt, entweder stellen die Eltern selber einen Antrag 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 185 auf Hilfe zur Erziehung oder es gibt Situationen, wo sich das Netzwerk Hebamme – Kliniken – Kinderärzte – Nachbarn an das Jugendamt wendet und sagt: ‚Das läuft da schief. Die brauchen Hilfe.‘ Und dann wird die Hilfe eingeleitet. Dann ist sie natürlich nicht freiwillig“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 60). „Frau Sauer: […] Das ist dann oft auch immer so ein Zwangskontext, also dann stehen die Mütter vor einer Entscheidung: Entweder Mutter-Kind-Haus oder das Jugendamt geht vor das Gericht. Manchmal ist es sogar das Gericht, das entscheidet: ‚Naja, die hat nochmal eine Chance verdient. Sie soll sich eine Mutter-Kind-Einrichtung suchen.‘ Und das sind dann meistens so Zwangskontexte. Das heißt, das ist dann nicht freiwillig oder aus eigenem Willen und Entschluss, sondern, ja, das ist so, weil es fremdbestimmt ist“ (Interview mit Frau Sauer, Abs. 10). „Frau Keller: […] Die Frauen und die Männer haben auch oft so ein schwieriges Verhältnis mit dem Jugendamt. Die sehen die natürlich als Kontrolleur, die schuld sind, dass die jungen Frauen jetzt hier in der Mutter-Kind-Einrichtung sind. {Streichung} (…) Also das ist ja oft eine Anordnung vom Jugendamt. Genau. {Wir nennen es häufig eine „gezwungene Freiwilligkeit“ […]}“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 46). „Frau Fischer: […] Es ist ja so, dass die Frauen alle nicht freiwillig bei uns leben, sondern dass alles über das Jugendamt läuft“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 6). Neben dem Widerspruch zu geltendem Recht ist an der Unfreiwilligkeit und der Ablehnung der Hilfen seitens der Klientel vor allem problematisch, dass ohne die Mitwirkung der Eltern die Wirksamkeit der Hilfe grundsätzlich in Frage steht: „Herr Berger: […] Insofern, ja, sind die Mütter alle freiwillig hier natürlich, aber müssen sich schon dazu entschließen, hier zu bleiben, weil sonst wird es schwierig“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 15). „Frau Schuster: […] Und oft [ist die Klientel] halt auch sehr unmotiviert, weil es halt dann oft schon ein Muss ist, ne? Die wenigsten sind ja freiwillig da und sagen: ‚Ja. Das mache ich jetzt. Das brauche ich.‘“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 60). „Frau Richter: […] wir haben auch einige Mütter, […] die sind ja eigentlich freiwillig hier. Sie können sich ja entscheiden. Aber sie sehen das schon als einen ziemlichen Zwang an und sind nicht einmal bereit zu einer Zusammenarbeit mit uns, (…) weil wir ja die Bösen sind, die auf sie aufpassen, die natürlich/ Frau Winter: Die zum Jugendamt gehören. Frau Richter: Die natürlich viel dokumentieren (…) und letzten Endes natürlich auch viel weitergeben müssen. Ganz klar. Was auf der einen Seite Angst macht, aber auf der anderen Seite auch große Widerstände aktiviert. Frau Winter: Ja, es dauert meist wirklich ein paar Wochen, manchmal sogar länger, bis die sich wirklich auf so eine Zusammenarbeit einlassen können. Frau Richter: Viele brechen auch ab, sagen: ‚So, ich gehe.‘ Und lassen auch zum Teil ihr Kind dann hier, (…) was dann in eine Pflegefamilie kommt oder eine Bereitschaftspflegefamilie. Der Trend ist auch, sich einen Anwalt zu nehmen (…) oder eine Anwältin, die den Müttern sagt: ‚Sie haben das Sorgerecht, Ihnen kann man nichts. Sie können jederzeit gehen.‘ Ja? Und was dann auch, einige Male auch passiert. Dann geht die ganze Sache vor Gericht und der Richter entscheidet dann, ob die Mutter das Kind zurückbekommt oder nicht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 107–111). Vielfach ist davon die Rede, die Klientel habe vor der Aufnahme in die Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung das Angebot der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Anspruch genommen. Der Leistungsträger hatte Grund zu der Annahme, dass die Unterstützung durch Sozialpädagogische Familienhilfe nicht ausreicht: 8 Empirische Ergebnisse 186 „Frau Vogt: […] Fakt ist, dass hier Frauen aufgenommen werden, die (…) fast alle schon Sozialpädagogische Familienhilfe hatten. Wo sich dann herausstellte, dass dieser Ansatz, also diese Hilfestellung, nicht ausreichend ist für die Bewältigung der alltäglichen Probleme“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 8). „Frau Horn: […] es gibt auch immer mal wieder Anfragen, die direkt an uns gehen, von Frauen, die eben schon selbstständig gewohnt haben und (…), ja, wo einfach nur eine engere Betreuung als über eine Sozialpädagogische Familienhilfe notwendig ist“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 13). „Frau Winter: […] Da waren drei Sozialpädagogische Familienhilfen. Aber es hat halt nicht ausgereicht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 297). „Frau Lang: […] Und gleichzeitig haben die nicht genug Ressourcen mitgebracht, um gar nicht angebunden in ihren, also nur durch eine SPFH [Sozialpädagogische Familienhilfe] betreut zu werden“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 118). „Frau Albrecht: […] Und das Jugendamt ist im Vorfeld da aufmerksam geworden, weil da schon eine Familienhilfe drin war oder irgendwie durch das Jugendamt oder/ Es ist ganz unterschiedlich, was da vorher gelaufen ist“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 34). Die im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelten Daten stützen die Vermutung, Hilfen nach § 19 SGB VIII würden zunehmend häufig als intensivere Maßnahme gewährt, nachdem sich herausstellte, dass eine ambulante Hilfe zur Erziehung nicht ausreicht, um den Bedarf des Elternteils bzw. der Schwangeren an Unterstützung bei der Pflege und Erziehung des Kindes zu decken. Hervorzuheben ist, dass dies bedeutet, dass ein Teil der Klientel bereits im eigenen Haushalt lebte, bevor er in die Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung einzieht (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 37). Unterbringung alleinerziehender Väter Im Rahmen der Vorbereitung der vorliegenden Studie wurde – wie bereits erwähnt – eine umfängliche Internetrecherche über die Einrichtungen nach § 19 SGB VIII erstellt, dabei Internetauftritte und offizielle Dokumente wie Leistungsbeschreibungen und Konzeptionen ausgewertet und die ermittelten Informationen in einer Datenbank zusammengefasst. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem ermittelt, wie das Angebot der Hilfe nach § 19 SGB VIII genau bezeichnet wird. Es zeigt sich in der folgenden Tabelle, dass einige Angebote in der Bezeichnung der Hilfen den männlichen Elternteil berücksichtigen, andere sich ausschließlich als Hilfen für Mutter mit Kind bzw. für Schwangere verstehen: Bezeichnung des Angebots Name des Trägers (anonymisiert) Bezeichnung des Angebots Typisierung Wohnheim Sankt Benedikt Mutter/Vater-Kind-Haus Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung (Spezialeinrichtung) Mutter-Kind-Wohnen am Markt Mutter-Kind-Heim Mutter-Kind-Einrichtung 8.2.1 Tabelle 4. 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 187 Mutter-Kind-Gruppe Eva Mutter-Kind-Bereich Mutter-Kind-Einrichtung Flexible Hilfen GmbH Mutter-Kind-Wohnen Mutter-Kind-Einrichtung Haus am Steinweg Mutter-Kind-Einrichtung Mutter-Kind-Einrichtung Jugendhilfe Heilige Elisabeth Mutter-Kind-Gruppe Mutter-Kind-Einrichtung Marienhäuser Mutter-Kind-Häuser Mutter-Kind-Einrichtung Diakonische Hilfe Wohngemeinschaft für Mutter und Kind Mutter-Kind-Einrichtung Mutter-Jesu-Haus Mutter/Vater-Kind-Einrichtung Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Mutter-Vater-Kind-Wohnen Bambi Betreutes Wohnen für junge Mütter/Väter Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Familienhilfen e.V. Clearing, teilstationäres Angebot, stationäres Angebot bzw. ambulante Betreuung für Familien Familienhilfe (Sonderstellung und Spezialeinrichtung) Josephswerk Mutter-Kind-Wohnungen Mutter-Kind-Einrichtung Individuelle Sozialpädagogik e.V. Mutter-Kind-Gruppe, Trainingswohnungen Mutter-Kind-Einrichtung Initiative MuVaKi Mutter/Vater-Kind Gruppe Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Smile GbR Mutter-Kind-Wohnen Mutter-Kind-Einrichtung Evangelische Jugendhilfe Singstadt Mutter/Vater und Kind Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Mutter‑/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach Betreuung für junge Mütter/Väter, Betreutes Wohnen junger Mütter/Väter Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Wirbelwind gGmbH Mutter-Kind-Haus, Betreutes Wohnen Mutter-Kind-Einrichtung Kinderheim Diegersmoor Mutter-Kind-Bereich Mutter-Kind-Einrichtung Zur Tabelle: In der Spalte „Bezeichnung des Angebots“ wurde der Name, der für die Einrichtung im offiziellen Zusammenhang – auf der offiziellen Webseite oder in Leistungsbeschreibungen etc. – verwendet wird, erfasst. Die zugrundeliegenden Daten wurden im Rahmen der bereits erwähnten Internetrecherche erhoben. Sofern verschiedene Bezeichnungen genutzt wurden, wurde die häufigste angeführt. Falls keine öffentlich zugänglichen Informationen vorlagen, wurde die Bezeichnung gewählt, die die Befragten überwiegend in den Interviews benutzen. Es fällt auf, dass die meisten Einrichtungen (12 von 19), in denen Befragte gewonnen werden konnten, ihr Angebot im offiziellen Kontext als eine Hilfe für Mutter und Kind bezeichnen. Ins Auge sticht der Verein „Familienhilfen e.V.“, weil dort keine Geschlechterdifferenzierung bei der Bezeichnung des Angebots vorgenommen wurde. Neben dem Verein schließen 6 von 19 Einrichtungen den Vater bei der Bezeichnung des Angebots mit ein. Bei den Befragungen stellte sich heraus, dass zwei der an der 8 Empirische Ergebnisse 188 Studie teilnehmenden Einrichtungen – nämlich die Familienhilfen e.V. und das Wohnheim Sankt Benedikt – in Fachkreisen überregional dafür bekannt sind, in ihr Angebot in besonderem Maße Männer einzubinden. Bei der Suche nach Interviewpartnerinnen und -partnern wurde mehrfach auf die Einrichtungen verwiesen. An dieser Stelle muss vorweggenommen werden, dass sich der Verein „Familienhilfen“ von den anderen Einrichtungen sowohl von seinem Konzept als auch in der gelebten Praxis und hinsichtlich der Bezeichnung von den anderen Einrichtungen abhebt und deshalb innerhalb der Typisierung eine Sonderstellung einnimmt. Das Konzept der Einrichtung soll an späterer Stelle explizit dargestellt und damit die Sonderstellung innerhalb der Typisierung begründet werden. Im Folgenden werden die Einrichtungen „Wohnheim Sankt Benedikt“, „Mutter Jesu Haus“, „Mutter-Vater-Kind-Wohnen Bambi“, „Initiative MuVaKi“, „Evangelische Jugendhilfe Singstatt“ und „Mutter‑/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach“ als Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen bezeichnet und somit von den übrigen Mutter-Kind-Einrichtungen abgegrenzt. Vor dem Hintergrund der Kritik, manche ehemaligen Mutter-Kind-Einrichtungen hätten sich in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen umbenannt, ohne dass Männer tatsächlich im Alltag integriert würden (vgl. Abschnitt 6.6), stellt sich die Frage, ob es in den Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, in denen im Rahmen der Studie Befragte gewonnen werden konnten, gelebte Praxis ist, alleinerziehende Väter aufzunehmen. Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. Unterbringung alleinerziehender Väter in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen In den Einrichtungen für Mütter(/Väter) und Kinder, aus denen Befragte gewonnen werden konnten, werden in der großen Mehrheit Frauen betreut. Die Aufnahme alleinerziehender Männer scheint lediglich in Einzelfällen vorzukommen. Überraschend ist, dass im „Wohnheim Sankt Benedikt“ bisher noch nie ein alleinerziehender Vater untergebracht wurde, obwohl die Einrichtung überregional für sein besonderes Engagement für Väter bekannt ist: „Frau Sommer: […] Aufgenommen haben wir einen alleinigen Vater mit Kind hier noch nie“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 121). Auch für das Mutter-Vater-Kind-Wohnen Bambi stellt sich heraus, dass alleinerziehende Väter in diesem Angebot nicht untergebracht sind: „Frau Frank: […] Hier leben sechs Frauen mit ihren Kindern jeweils in einer Wohneinheit“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 4). In der Einrichtung der „Initiative MuVaKi“ lebt kein Mann: „Frau Fischer: […] wir sind zwar eine Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung, aber bei uns leben keine Väter. Also wir hatten es bis jetzt auch nicht gehabt. Wir hatten einmalig eine Anfrage von einem Vater gehabt. Das stimmt. Aber der war damals sechsunddreißig. Also der war über dem Durchschnitt hinaus, sagen wir so, also wo das auch einfach auch nicht mehr von dem Jugendamt getragen werden würde“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 6). In dem vorangegangenen Interviewausschnitt zeigen sich mehrere Ambivalenzen: Obwohl die Einrichtung offiziell damit wirbt, eine Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung 8.2.1.1 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 189 zu sein, werden keine alleinerziehenden Männer mit Kind in der Einrichtung aufgenommen. Es stellt sich im Weiteren heraus, dass es durchaus bereits – wenn auch nur in einem Fall – eine Anfrage eines Jugendamtes für einen Platz für einen alleinerziehenden Vater gab. Allerdings wurde dieser nicht aufgenommen, offenbar mit der Begründung, der Leistungsträger würde nur bis zu einem gewissen Alter Hilfen nach § 19 SGB VIII gewähren und er habe diese Altersgrenze überschritten. Wie bereits in Abschnitt 5 der vorliegenden Studie gezeigt, ist dem nicht so: Es gibt keine Altersbeschränkung für die Gewährung der Hilfen nach § 19 SGB VIII. Die Widersprüchlichkeiten werden im weiteren Verlauf des Interviews nicht aufgelöst. Dies deutet darauf hin, dass die Anfrage des Jugendamtes für einen Platz für einen älteren Vater die Initiative MuVaKi in einen Konflikt brachte, der dadurch vermieden wurde, dass die Anfrage unter einem Vorwand abgelehnt wurde. In dieser Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung erhielt der betroffene Vater keine Hilfe nach § 19 SGB VIII. In der „Mutter‑/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach“ wird ein alleinerziehender Vater ambulant betreut: „Interviewerin: […] gibt es da eigentlich auch Väter, die da/ Frau Baumann: Ganz selten. Also wir haben gerade einen Vater, den wir ambulant betreuen“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 12). In der Einrichtung „Evangelische Jugendhilfe Singstadt“ wurden in der Vergangenheit alleinerziehende Väter aufgenommen: „Frau Albrecht: […] Und mit der Zeit kam es dann auch dazu, dass wir dann auch schon mal Väter, nur Väter mit ihren Kindern aufgenommen haben. Also dann hat die Mutter zum Beispiel gemerkt, dass sie das nicht so schafft und dass sie das gerne abgeben würde an den Kindsvater. Und dann haben eigentlich Mutter und Vater die Plätze gewechselt und haben das dann übernommen“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 2). In dem Fall, den Frau Albrecht schildert, wurde ein Kindsvater anstatt der Kindsmutter aufgenommen, weil diese nicht mehr in der Lage war, die Betreuung und Pflege des Kindes sicherzustellen. Im „Mutter Jesu Haus“ wurde zweimal ein alleinerziehender Vater aufgenommen, und dies geschah jeweils auch, nachdem die Mutter die Hilfe abgebrochen hatte bzw. die Maßnahme nach § 19 SGB VIII abgebrochen wurde: „Frau Richter: Wir hatten auch mal einen Vater hier, der mit seinem Kind hier war. […] Die Freundin von ihm, also die Mutter des Kindes, die war in einer Einrichtung gewesen {in einer anderen Region}. Und das hatte dann nicht funktioniert. Wo die Einrichtung gesagt hat so, sie würden auch die Maßnahme beenden. Und dann wollte er es als Vater probieren. […] Die Maßnahme musste dann aber auch beendet werden […] Frau Winter: […] Wir hatten vorher mal/ […] Da war erst die Mutter. Die war nur/ Nach zwölf Stunden war die hier abgehauen. (…) Und dann ist da auch der Vater gekommen. Hat gesagt, dann versucht er es. Er hat aber auch nur 24 Stunden durchgehalten. […] Das gibt es halt auch erst seit 2012, dass wir auch Väter aufnehmen würden. Das war vorher noch gar nicht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 216–239). Auch in der Mutter/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach ist ein ähnlicher Fall bereits vorgekommen: „Frau Baumann: […] in dem Fall war das so, dass wir erst die Mutter mit Kind betreut haben und da klar war, dass die Mutter das nicht schaffen wird. Dann ist das Kind in Ob- 8 Empirische Ergebnisse 190 hut genommen worden. Und dann hat der Kindsvater gesagt: ‚Dann übernehme ich die Verantwortung und die Erziehung des Kindes.‘“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 60). Die Daten zeigen, dass der Leistungserbringer in der Praxis in Einzelfällen für einen alleinerziehenden Vater eine Unterbringung nach § 19 SGB VIII sucht. Es gibt auch den Fall, dass der Kindsvater anstatt der Kindsmutter aufgenommen wurde, weil diese (vorübergehend) nicht mehr in der Lage war, die Betreuung und Pflege des Kindes sicherzustellen. Die Männer erklärten sich jeweils dazu bereit, einzuspringen und in die Einrichtung einzuziehen. In Einzelfällen scheinen also (alleinerziehende) Väter Hilfen nach § 19 SGB VIII zu benötigen bzw. Interesse daran zu haben, mit dem Kind in die Einrichtung einzuziehen. Nicht in allen Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen zeigt sich das Personal offen dafür, in diesen Einzelfällen alleinerziehende Väter aufzunehmen. Aus der Bezeichnung der Einrichtung kann also nicht verlässlich geschlossen werden, ob ein alleinerziehender Vater Hilfe erhält. Besteht der Bedarf einer Hilfe nach § 19 SGB VIII bei einem alleinerziehenden Vater, muss der Leistungsträger vermutlich länger suchen und sich bei der Suche auf mündliche Weitergabe oder andere inoffizielle Empfehlungen stützen, bis er einen Leistungserbringer findet, der tatsächlich bereit ist, einen alleinerziehenden Mann aufzunehmen. Die Daten der vorliegenden Studie lassen zudem darauf schließen, dass die Betreuung eines alleinerziehenden Vaters das Personal in der Einrichtung vor Schwierigkeiten stellen würde. In den folgenden Abschnitten soll sich einer Antwort auf die Frage, welche Konflikte sich für das Personal beim Einbinden eines alleinerziehenden Mannes im Alltag auftun könnten, angenähert werden. Zunächst wird sich jedoch der Frage gewidmet, ob in Mutter-Kind-Einrichtungen als Ausnahme alleinerziehende Väter aufgenommen werden. Unterbringung alleinerziehender Väter in Mutter-Kind-Einrichtungen Die Befragten in den Einrichtungen, die ihr Angebot offiziell für „Frauen und Mädchen“ anbieten, zeigen sich zum Teil nicht abgeneigt, einen alleinerziehenden Vater aufzunehmen, betonen aber zum Großteil, noch keine Anfrage für einen solchen Fall gehabt zu haben: „Frau Schuster: […] Oder nur einen Vater, wo es keine/ Es gibt ja auch Väter zum Beispiel, wo die Mutter so psychisch krank ist und in der Klinik untergebracht ist, solche Väter aufzunehmen, die da Unterstützung brauchen. Fände ich auch mal/ Aber haben wir jetzt noch keine Anfrage gehabt, seit ich hier bin, von Vätern jetzt. Nein, also ich glaube, das ist/ Das braucht noch ein bisschen. Aber so was könnte ich mir schon generell vorstellen, wieso nicht“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 156). Im oben zitierten Interviewausschnitt signalisiert Frau Schuster vor allem für eine bestimmte männliche Klientel die Bereitschaft, sie aufzunehmen, nämlich Partner von psychisch erkrankten Klientinnen. Bei Befragungen von Frau Vogt und Frau Lang klingt die Befürchtung an, die Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters könne das Zusammenleben in der Gruppe stören bzw. „den Laden aufmischen“ und für das pädagogische Personal eine „besondere Herausforderung“ bedeuten. Auch hier wird also ein Konflikt angedeutet, der 8.2.1.2 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 191 anscheinend bei der Aufnahme von einem Mann in der Einrichtung entstehen könnte: „Frau Vogt: […] Frauen in der Wohngemeinschaft sagen: ‚Sie wollen keinen alleinerziehenden Vater hier in der Einrichtung. Das würde nicht gut gehen in der Gruppe.‘ Ich bin da mir nicht so sicher. Ich würde das Experiment wagen. Aber es hat sich noch nicht ergeben als Anfrage. Wäre spannend, mal zu gestalten“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 129). „Frau Lang: […] Seitdem ich in diesem Berufsfeld irgendwie tätig bin, kenne ich einen Fall, wo ein Vater mit einem Kind in eine Einrichtung gezogen ist. Das war noch nicht mal unsere. Wir würden das auch tun. Also das wäre für uns kein Hindernisgrund, dass es ein Vater ist. Das würde wahrscheinlich hier den Laden vollkommen aufmischen, ja? Wir hatten auch schon mal einen Vater in einer Eltern-Kind-Gruppe. Einen Vater. Der Rest Frauen. Das war auch schon, ja, eine besondere Herausforderung. […] An alle Beteiligten (lächelt). Ja, aber wie gesagt, ich kenne nur einen Fall, wo ein Vater mit seinem Kind eingezogen ist in die Einrichtung. Und der Grund war, weil er stärker war als die Mutter“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 156). Andere befragte Mitarbeiterinnen in Mutter-Kind-Einrichtungen geben an, dass die Aufnahme eines alleinerziehenden Mannes grundsätzlich konzeptionell ausgeschlossen ist. Hier ein Beispiel aus dem Interview mit Frau Sauer: „Interviewerin: Hatten Sie das auch schon mal, dass vom Jugendamt für einen alleinerziehenden Vater ein Platz angefragt wurde? Frau Sauer: Mhm (verneinend). Würden wir auch nicht aufnehmen. Interviewerin: Würden Sie auch nicht machen. Frau Sauer: Wir nehmen ja nur Mädchen auf. Genau. Also, kam auch noch nicht die Anfrage“ (Interview mit Frau Sauer, Abs. 81–84). Gründe für Ablehnung der Unterbringung von alleinerziehenden Vätern Hinweise auf „die Art der Konflikte“, die drohen, wenn ein alleinerziehender Vater in die Einrichtung aufgenommen wird, liefert unter anderem ein Ausschnitt aus dem Interview mit Frau Fuchs und Frau Sommer, den Mitarbeiterinnen des „Wohnheims Sankt Benedikt“: „Frau Fuchs: Also ich hatte mal eine Anfrage am Telefon von einem jungen Vater, der sich dafür entschieden hat, mit seiner kleinen Tochter – glaube ich, war das – zusammenzuziehen. Also im Prinzip bieten wir das ja an. Wir sind ein Mutter‑/Vater-Kind-Haus. Wir müssen es immer halt abwägen. Passt es jetzt gerade in unsere ganze Gruppendynamik rein oder stürzen sich vielleicht alle Single-Frauen dann auf diesen einen Vater? Das müssen wir immer ein bisschen abwägen. Ich glaube, wir hatten es noch nie, dass es dann wirklich stattgefunden hat“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 120). Weil die Einrichtung – wie bereits erwähnt – dafür bekannt ist, in besonderem Maße Männer in den Alltag zu integrieren, wirkt die Aussage von Frau Fuchs besonders widersprüchlich. Zwar denkt Frau Fuchs, die Einrichtung sollte „im Prinzip“ Anfragen für Plätze für alleinerziehende Väter bedienen, auffällig ist allerdings, dass bereits mehrfach Bedarfslagen von alleinerziehenden Vätern durch die Einrichtung nicht gedeckt wurden. Obwohl Leistungserbringer im „Wohnheim Sankt Benedikt“ Unterstützung nach § 19 SGB VIII für einen alleinerziehenden Vater suchten und diese 8.2.1.3 8 Empirische Ergebnisse 192 Einrichtung damit wirbt, Männer in den Alltag zu integrieren, wurde dort noch nie ein alleinerziehender Vater aufgenommen. Frau Fuchs äußert die Befürchtung, die Aufnahme eines alleinerziehenden Mannes führe im Alltag dazu, dass mehrere Klientinnen mit dem Mann signalisieren, mit ihm eine Beziehung beginnen zu wollen. Diese Situation scheint kritisch, deshalb wurde bisher kein alleinerziehender Vater aufgenommen. Der nächste Interviewausschnitt weist auch auf den Zusammenhang zwischen der Ablehnung von Flirts zwischen den Insassen und der Frage nach der Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters in die Einrichtung hin: „Frau Richter: […] Er [ein alleinerziehender Vater, der in der Einrichtung untergebracht wurde, RH] war dann erst einmal der Hahn im Korb hier. So ein paar Mütter haben ihn dann auch angebaggert. (…) Aber er hat immer gesagt, so, er würde ja nur seine Freundin lieben, die er immer als seine Frau auch bezeichnet hat. Und wirklich angebandelt hat er nicht mit einer anderen […]. Das lief dann relativ friedlich ab. Frau Winter: Zum Glück (lacht). Frau Richter: Aber es war schon ein Balzen hier, ne? […] Ei, ei, ei (lächelt). Das war also/ Das ist – glaube ich – nicht so eine ganz gute Entscheidung dann, Mütter und Väter zusammen aufzunehmen (lacht). […] Die haben einfach richtig, richtig gegockelt, ne? Man hatte das Gefühl, da sind ganz viele Hühner und jeder wollte schöner sein, als der andere und besser sein als der andere, um diesem Mann zu imponieren“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 224–232). Auffällig ist, dass in der Erzählung von Frau Richter bei der Beschreibung des Verhaltens der Klientel beim Flirten ein Vergleich mit Tieren gezogen wird – was nach Goffman als eine Entwürdigung des Selbst der Klientel durch Sprache interpretiert werden kann. Die Klientinnen werden als lüstern und triebhaft dargestellt. Wahrscheinlich eher unbewusst schließt die Befragte damit an eugenisch getönte Diskurse an. In dieser Interpretation des Verhaltens der Klientel durch die Mitarbeiterinnen in Kombination mit der Äußerung, dass die Entscheidung, den Mann in der Einrichtung unterzubringen, keine gute Idee gewesen sei, deutet sich ein Konflikt im Zusammenhang mit der Sexualität der Klientel an. Dieser Aspekt wird im Rahmen der Studie an späterer Stelle wieder aufgegriffen. Außerdem klingt an, dass es für das Personal Mehraufwand bedeuten würde, auf Aggressionen zwischen den Klientinnen zu reagieren, die durch Eifersucht auftreten könnten. Deshalb äußern sich Frau Winter und Frau Richter froh darüber, dass der alleinerziehende Vater Eifersuchtsszenen vorbeugte, indem er sich nicht auf die Flirtversuche einließ. So konnten die Mitarbeiterinnen trotz Aufnahme eines Mannes weiterhin einen reibungslosen Ablauf innerhalb der Einrichtung garantieren. An dieser Stelle soll als kurze Zusammenfassung Folgendes festgehalten werden: Aus den Aussagen der Befragten lässt sich schließen, dass Männer in der Praxis wesentlich seltener in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen untergebracht werden als Frauen, unter anderem, weil Jugendämter wahrscheinlich wesentlich seltener einen Platz für einen alleinerziehenden Vater suchen als für alleinerziehende Mütter und Schwangere. Von den 19 Einrichtungen, in denen Interviewpartnerinnen und -partner gewonnen werden konnten, sind zwei überregional bei Insidern dafür bekannt, ein besonderes Konzept dafür zu haben, Männer in den Alltag zu integrieren. Aller- 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 193 dings zeigt sich für eine der beiden Spezialeinrichtungen, dass dort noch nie ein alleinerziehender Vater aufgenommen wurde, obwohl bereits Anfragen von Jugendämtern eingegangen sind, ob es möglich wäre, einen Mann zu betreuen. In einer anderen Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung lehnte das Personal eine Anfrage für einen Platz für einen Mann in der Vergangenheit explizit ab und hat insgesamt noch nie einen alleinerziehenden Vater aufgenommen. Von den sechs Initiativen, die sich selbst Mutter‑/ Vater-Kind-Einrichtungen nennen, haben drei einmal oder mehrmals einen alleinerziehenden Vater untergebracht. Vorwiegend wurde in diesen Fällen ein Kindsvater anstatt der Kindsmutter aufgenommen, nachdem letztere die Hilfe nach § 19 SGB VIII abgebrochen hatte. Es scheint sich im Hinblick auf die Namensgebung der Einrichtungen bisher kein verbindlicher Standard entwickelt zu haben, der darauf schließen lässt, ob in der Einrichtung alleinerziehende Väter untergebracht werden können oder nicht. Dadurch könnte es Leistungsträgern schwerfallen, in den Einzelfällen, in denen ein alleinerziehender Vater der Hilfe nach § 19 SGB VIII bedarf, eine geeignete Einrichtung zu finden. Dies könnte dazu führen, dass der Bedarf eines alleinerziehenden Vaters an Hilfe nach § 19 SGB VIII erst verzögert oder gar nicht gedeckt werden kann. Die oben dargelegten Ergebnisse deuten darüber hinaus darauf hin, dass die Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters in einer Einrichtung nach § 19 SGB VIII für das Personal Konflikte birgt. Beim Sprechen über Eifersuchtsszenen in der Einrichtung und über Flirts mehrerer weiblichen Klientinnen mit einem Mann schimmert Unbehagen des Personals durch. Hier werden sexualisierte Stereotype herangezogen, scheinbar negative Eigenschaften der Klientel herausgestrichen und die weibliche Klientel als triebhaft etikettiert – eine Zuschreibung mit eugenischer Tönung. Dies lässt darauf schließen, dass das Personal sexuelle Kontakte der Mütter und schwangeren Klientinnen mit Männern grundsätzlich ablehnt. Tatsächlich wurde vor dem Hintergrund der Bedenken des Personals mindestens einem alleinerziehenden Mann der Einzug in die Einrichtung verwehrt. Dass die Leistungserbringer sexuelle Kontakte zwischen ihrer Klientel ablehnen und Eifersuchtsszenen verhindern wollen, scheint indirekt die Versorgungslage für alleinerziehende Väter, die der Hilfe nach § 19 SGB VIII bedürfen, zu verschlechtern. Einbeziehen der Kindsväter und Partner der weiblichen Klientel Anteil der in Partnerschaften lebenden Klientel und Bedeutung der Partnerschaft für die Klientel In den Interviews mit den Fachkräften wird in mehreren Fällen angegeben, dass der überwiegende Teil der weiblichen Klientel in einer Partnerschaft lebt, die für die Mutter bzw. Schwangere eine wichtige Rolle im Leben einnimmt. Für viele Klientinnen scheint es wichtig zu sein, einen Partner zu haben: „Frau Neumann: Sehr viele, sehr viele Frauen haben Partner. […] Frau Koch: Ist aber sehr wichtig auch für die. 8.2.2 8.2.2.1 8 Empirische Ergebnisse 194 Frau Neumann: Ja. Das ist ja sehr wichtig für die Mütter. […] Frau Frank: Und ich würde schon sagen, es ist eigentlich für alle Frauen hier immer wichtig, einen Partner zu haben“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 49–55). „Frau Fischer: […] Es sind tatsächlich derzeit alle in einer Beziehung, ja. […] Das ist aber auch nicht immer so. […] es gibt natürlich auch andere, also die keinen festen Partner/ Das hatten wir auch schon, die dann alle zwei Wochen sozusagen jemand Neues hatten. […] Aber das ist jetzt nicht der Regelfall. Also es ist schon eher so, dass die da – glaube ich – auch so ein bisschen diese Sicherheit suchen, diesen Halt, dass da jemand ist und sie nicht alleine sind. Und von daher vielleicht hat das was damit zu tun, dass das im Moment aktuell längerfristig hält (lächelt)“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 62–66). Auch die meisten Bewohnerinnen, die derzeit nicht in einer Partnerschaft leben, wünschen sich gemäß den Aussagen des überwiegenden Teils der befragten Fachkräfte eine Beziehung mit einem Mann: „Frau Vogt: […] das ist der größte Wunsch sämtlicher Bewohnerinnen, sämtlicher Frauen, die sich hier melden wegen einer Aufnahme, in eine Freundschaft, Partnerschaft zu kommen“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 153). Die Fachkräfte berichten von Klientinnen, die bereits vor Aufnahme in der Einrichtung mit ihrem Partner in einer gemeinsamen Wohnung gewohnt haben: „Frau Winter: Ja, also wenn die schon vor der Unterbringung hier mit den Vätern zusammen waren, […] da waren die ja dann schon mit beteiligt. […] Und bei anderen, die noch nicht zusammengewohnt haben oder so, da ist es dann wieder anders“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 153). In anderen Interviews ist davon die Rede, dass die Paare nach dem Aufenthalt der Frau in der Wohnform zusammenziehen möchten: „Frau Fischer: Ja. Also das ist schon so, dass die in der Regel nicht mehr zurück in den elterlichen Haushalt gehen. Also das ist auch eigentlich schon oft Ziel, dass die, ja, letztendlich in ihre eigene Wohnung ziehen. Wenn da ein Partner ist/ Also ich überlege jetzt gerade. Wir werden {demnächst} vermutlich den einen oder anderen Auszug, der ist angedacht. Bei zweien ist das auch so angedacht, dass die tatsächlich/ Die eine ist verheiratet. Die hat jetzt während der Zeit, wo sie hier gelebt, geheiratet. Die wird auch mit Kind zu ihrem Mann ziehen“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 80). Aus den hier dargestellten Ergebnissen ergibt sich ein Anspruch an die Hilfen nach § 19 SGB VIII, die Klientinnen auf ein gemeinsames Leben mit dem Partner nach dem Aufenthalt in der Einrichtung vorzubereiten. Ein Ausschluss der Männer aus dem Alltag wäre kontraproduktiv. Mögliche (Rechts-)Verhältnisse der Paare und zwischen Mann und Kind In manchen Fällen sind die Frauen noch mit dem Kindsvater liiert, wenn sie in die Einrichtung ziehen bzw. dort wohnen: „Frau Rosenbaum: […] Wir haben Frauen hier, die noch zu den Kindsvätern eine Beziehung haben“ (Interview mit Frau Rosenbaum, Abs. 32). „Frau Keller: […] Von den 13 Frauen, die wir im Moment haben, haben sechs junge Frauen Kontakt mit dem Kindsvater. Der Rest nicht. […] Davon sind aber nicht alle mit dem 8.2.2.2 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 195 Kindsvater liiert. […] Es sind im Moment {in der Verselbstständigungswohngruppe} zwei junge Mütter, die mit dem Kindsvater noch liiert sind. Und im Haupthaus sind es (…) drei junge Mütter, die mit dem Kindsvater zusammen sind“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 22–24). Das befragte Personal berichtet mehrfach davon, dass die Klientinnen ihre Partner heiraten (möchten) (vgl. Interview mit Frau Schuster, Abs. 24 und 88; Interview mit Frau Frank, Frau Neumann, Abs. 55 und 454). Andere Klientinnen sind geschieden (vgl. Interview mit Frau Rosenbaum, Abs. 40). In anderen Fällen sind die Klientinnen mit neuen Partnern zusammen oder Singles. Den Befragten zufolge waren manche Schwangerschaften der Klientinnen zum Teil nicht geplant und diese wiederum teilweise bei flüchtigen sexuellen Abenteuern für eine einzige Nacht entstanden: „Frau Lehmann: […] Davon ausgehend ist dann auch – sage ich mal – die plötzliche Schwangerschaft oft ein Zufall/ halt Notfall, eine Krise. Und das heißt also, dass sie vielleicht gar nicht durch einen Freund schwanger geworden sind sogar, sondern nur mal durch eine nette Nacht. Eine. Eine. Und daraus lässt sich eben ableiten, dass die Väter gar nicht mehr von Interesse sind für die jungen Frauen. Und umgekehrt auch. Also von der Beziehung her ist da gar nichts mehr“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). Bei Aufnahme einer Mutter in der Einrichtung ist nicht in allen Fällen geklärt, wer der Kindsvater ist. Zum Teil muss der Leistungsträger einen Vaterschaftstest veranlassen. Zudem haben manche Mütter mehrere Kinder von verschiedenen Männern. Es zeigt sich also sehr unterschiedliche Paarkonstellationen. Auch die Rechtsverhältnisse von den Männern zu dem Kind können sehr verschieden sein. Den Befragten zufolge haben manche Väter Teile des Sorgerechts inne, viele besitzen das Umgangsrecht mit dem Kind. Bei manchen neuen Partnern handelt es sich um Männer, die eine Beziehung zum Kind aufnehmen oder bereits gefestigt haben. Manchen befragten Fachkräften zufolge interessiere sich der Großteil der Kindsväter weder für die Beziehung zum Kind noch beteilige er sich an der Pflege und Erziehung des Kindes. „Frau Lehmann: […] dann ist es immer unterschiedlich: Melden sich die Väter, die werdenden Väter dann doch irgendwie und haben Interesse am Kind? Oder ist das nicht der Fall? Dann würde ich sagen: 99 Prozent ist es nicht der Fall. Die wollen gar nichts damit zu tun haben. (…) Es gibt aber doch so einen kleinen Prozentsatz. Da ist es dann doch so. […] Das ist aber absolute Ausnahme“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). Nahezu alle Fachkräfte berichten, die Mehrheit der Kindsväter komme nicht in die Einrichtungen zu Besuch. Die Reaktionen auf das Kind seien insgesamt unterschiedlich: Manche Väter lehnen es ab, ihre Rechte und Pflichten dem Kind gegenüber wahrzunehmen, andere versuchen, ihre Rechte am Kind einzuklagen. Mehrheitlich sind die befragten Fachkräfte allerdings von dem Verhalten der Kindsväter enttäuscht und wünschen sich mehr Engagement von ihnen: „Frau Neumann: Also ich finde es schon //frustrierend, dass die Männer so// uninteressiert sind und wirklich nur eigentlich die Frauen sehen, ja, und die Kinder so lästige Anhängsel sind. Es gibt halt Männer, die können gut mit Kindern, weil sie einfach von Natur aus gut mit Kindern können. Aber grundsätzlich finde ich es schon sehr schade, dass da 8 Empirische Ergebnisse 196 so wenig kommt. Was für Kinder halt so wichtig wäre“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 397). Befragte informieren über Männer, die keinen Zugang zum Kind haben, nicht authentisch sind bzw. keine oder lediglich wenige Kompetenzen im Umgang mit Kindern haben. „Frau Richter: Dann haben wir noch einen Vater {Streichung}. Aber der kümmert sich nicht. Der kann mit seinem Kind gar nichts anfangen. (…) Aber da gibt es auch, glaube ich, keine Möglichkeit, den irgendwie anzuleiten, oder? {Streichung} Frau Winter: Mhm (bejahend). Ich habe den auch erst (…) zweimal, glaube ich, jetzt hier kennengelernt. Aber auch so: Der spricht mit dem Kind gar nicht, ne? Das kann schreiend vor ihm sitzen. Der weiß echt gar nicht, was er machen soll. Der hat auch vorher halt nichts gemacht. Die haben zusammengelebt, er mit der Kindsmutter und dem Kind zusammen. Da waren drei sozialpädagogische Familienhilfen. Aber es hat halt nicht ausgereicht. Und er hat sich eigentlich gar nicht gekümmert. Weder ums Kind noch irgendwie um den Haushalt oder so. Dementsprechend kann er jetzt auch gar nicht mit dem Kind so umgehen. Das ist jetzt ein Jahr alt. (…) Schwierig“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 296–297). Alle interviewten Fachkräfte berichten von mindestens einem (werdenden) Kindsvater bzw. neuen Partner, der sich für das (ungeborene) Kind interessiert und Verantwortung für es übernehmen möchte. Manche Befragte haben den Eindruck, in den vergangenen Jahren steige die Anzahl solcher Einzelfälle kontinuierlich. Bedarfe der Männer an pädagogischer bzw. beraterischer Hilfe In den Interviews mit den meisten befragten Fachkräften wird deutlich, dass diese über die Kindsväter und neuen Partner der Mütter wesentlich weniger wissen als über die Klientinnen. Insgesamt äußert sich das Personal über die Männer weniger häufig als über die Frauen, obwohl es speziell zu den Männern befragt wird. Weil sie die Männer in vielen Fällen nicht kennen, erhalten die Fachkräfte Informationen über die Biographie und aktuelle Lebenslage sowie Verhalten der Kindsväter und Partner meist über Dritte, beispielsweise aus Akten des Leistungsträgers oder aus Erzählungen der Kindsmütter. „Interviewerin: Was wissen Sie denn über die Hintergründe sozusagen von den Vätern oder gibt es da Geschichten, die Sie kennen, oder? Frau Winter: Ja, also wenn die schon vor der Unterbringung hier mit den Vätern zusammen waren, die Mütter, dann hört man ja schon vom Jugendamt aus so, was die so ein bisschen erzählen, wie es zuhause lief oder eben nicht lief. Wenn der Haushalt gar nicht in Ordnung war, da waren die ja dann schon mit beteiligt. Da wissen wir dann schon sehr umfangreich auch über die Väter Bescheid. Und bei anderen, die noch nicht zusammengewohnt haben oder so, da ist es dann wieder anders. Da kommt es wirklich darauf an, wie sie so mit uns den Kontakt aufnehmen, dass man etwas über die erfährt. Manche wollen ja auch nicht so den Kontakt haben“ (Interview mit Frau Winter und Frau Richter, Abs. 178–179). Die meisten Befragten betonen die Verschiedenheit der Kindsväter und neuen Partner, was ihre Lebensgeschichten und aktuellen Lebenslagen anbelangt. Doch deuten sich auch verallgemeinerbare Zusammenhänge an: Die Mehrzahl der Männer scheint 8.2.2.3 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 197 in einem ähnlichen Alter wie ihre Partnerinnen zu sein – zum Teil noch minderjährig. Es ist mehrfach von Männern die Rede, die weit entfernt von der Mutter-(/Vater‑) Kind-Einrichtung wohnen. Einige Mitglieder des Personals berichten, die Kindsväter und Partner hätten Beziehungsabbrüche in ihrer Herkunftsfamilie erlebt oder Schwierigkeiten in der Kindheit hinter sich und seien zum Interviewzeitpunkt allgemein in ähnlich schwierigen Lebenslagen wie die Kindsmütter. „Frau Horn: […] Also jeder hat ja seine eigene Biographie, aber auch eben entsprechende Schwierigkeiten, die er mitbringt“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 39). In nahezu allen Interviews mit den Fachkräften finden sich Aussagen, die darauf hindeuten, dass viele Kindsväter und Partner abhängig von Alkohol oder anderen Drogen sind. Es wird häufig von Männern gesprochen, die gegenüber den Kindsmüttern gewalttätig sind oder waren oder mit Gewalt droh(t)en, in manchen Fällen auch gegenüber dem Kind oder gegenüber Fachkräften in der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung. In vielen Interviews finden sich Aussagen über Straffälligkeit und Inhaftierung der Männer. Es wird von Männern berichtet, die keinen Schulabschluss, keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, von Arbeitslosigkeit betroffen sind, denen der Verlust des Arbeitsplatzes droht oder die prekär beschäftigt sind. Manche (sozialen) Väter scheinen von Schulden bzw. Wohnungslosigkeit betroffen zu sein. Manche seien als Flüchtlinge in der Bundesrepublik bzw. hätten Heimerfahrung, seien psychisch erkrankt, hätten eine geistige Behinderung oder kognitive Einschränkung. Manche Männer seien spielsüchtig, benötigten Unterstützung bei der Durchführung von Hygienemaßnahmen oder im Umgang mit Behörden. Einzelne Männer hätten selbst eine schöne Kindheit verbracht, lebten in einer eigenen Wohnung, hätten einen Beruf erlernt, machten eine Ausbildung bzw. seien berufstätig. Manche befragte Fachkräfte haben den Eindruck, die Kindsväter und neuen Partner seien im Vergleich zu den in der Einrichtung lebenden Müttern seltener arbeitslos und erwirtschafteten ihren Unterhalt häufiger selbst. Insgesamt scheinen die Partnerschaften häufig von Konflikten geprägt zu sein. Es wird davon gesprochen, dass die Beziehungen häufig nach der Geburt des Kindes bzw. dem Einzug in die Wohnform in einen krisenhaften Zustand geraten bzw. abbrechen: „Frau Keller: […] Oft ist es so, dass nach der Geburt des Kindes sich das {Paar} dann trennt“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 24). Es ist in mehreren Interviews davon die Rede, dass die Beziehungen der Paare nur kurz andauerten, von Beginn an wenig stabil seien bzw. häufig wechselten, allerdings sei das nicht in allen Fällen so: „Frau Richter: […] Die Mutter war dann auch zwischendurch mal wieder mit dem Mann zusammen. Und dann mit dem Freund. Das war immer so ein Hin und Her. Im Moment ist sie jetzt aber wohl nur mit dem Freund zusammen […]. Und die beiden haben zusammen ein Kind“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 294). „Frau Sommer: […] Also, manche kommen hier an und sind schwanger und haben schon nach Schwangerwerden den dritten Freund. Manche sind noch mit dem Kindesvater zusammen. Manche kommen als Single an und wissen nicht, wer der Kindesvater ist. Das ist ganz, ganz unterschiedlich“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 42). 8 Empirische Ergebnisse 198 „Frau Lehmann: […] Was ich vorneweg sagen will und muss auch: Dass die meisten jungen Frauen ja sozusagen von ihrer Altersstruktur her in der Pubertät sind. Wenn man sich dann nochmal so dran erinnert, wo man selber in der Pubertät war und dann auch die heutige Zeit dazu nimmt, dann ist es sicherlich so, dass da ein Muster ist: Die Partner wechseln häufig. Ja? (…) Das ist, das hat ja eine gewisse Normalität. Das ist ja nicht bei jedem gleich. Aber es ist so“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). Streitigkeiten um die rechtliche Anerkennung der Vaterschaft und das Leisten von Unterhaltszahlungen führten oft zu Paarkonflikten. Wegen fehlender Mitwirkung des potentiellen Vaters müssten teilweise gerichtliche Verfahren zur Vaterschaftsanerkennung durchgeführt werden. Für die Kindsmütter seien solche Situationen häufig emotional verletzend. Nach Trennungen gebe es gewöhnlich Konflikte zu Aspekten der Umgangsregelung, besonders wenn ein Elternteil eine neue Partnerschaft eingehe. Darüber hinaus entzünden sich die Streitereien nach Auskunft der befragten Fachkräfte oft daran, dass (soziale) Väter nach oder während einer Beziehung mit einer Frau mit deren Mitbewohnerin in der Einrichtung flirten bzw. ein sexuelles Verhältnis beginnen. Insgesamt hätten die Kindsmütter gegenüber den (sozialen) Vätern oft eine ambivalente Haltung, die zwischen Idealisierung und Ablehnung hin- und herpendeln kann. Einige befragte Mitarbeiterinnen berichten von eher „konservativen“ Lebensentwürfen: Manche Frau möchte ihren Partner heiraten und erwartet von ihm, dass er die Familie ernährt. In diesen Fällen ergebe sich häufig eine Diskrepanz zwischen den Vorstellungen der Kindsmütter und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit und ‑bereitschaft der (sozialen) Väter, was wiederum zu Paarkonflikten führt. Die Kindsväter und Partner haben – den Einschätzungen der befragten Fachkräfte zufolge – häufig Unterstützungsbedarfe beim Finden der eigenen Rolle innerhalb der Partnerschaft und der Abgrenzung gegenüber Geschlechterstereotypen sowie bei der Gestaltung der Beziehung als Eltern. Außerdem seien die meisten bislang nicht in der Lage, gemeinsam als Familie zu wohnen und zu wirtschaften. Die Paarkonflikte beeinflussten häufig die Beziehung der Elternteile bzw. neuen Partner zum Kind. Es wird von Eltern gesprochen, die sich im Beisein des Kindes streiten. „Frau Kraus: […] Die sind jeder für sich total erziehungsfähig. Die haben keine Probleme mit den Kindern. Die wissen, was Alltag mit Kind/ Aber diese Paarkonflikte hindern Elternsein“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 104). In mehreren Interviews wird von handgreiflichen Streitereien zwischen den Paaren berichtet. Besonders hitzig seien die Auseinandersetzungen, wenn die Männer alkoholisiert seien. Die Aggression der Kindsväter und Partner könne sich nach kurzer Zeit gegen den Leistungserbringer, die Angestellten in der Mutter-Kind-Einrichtung, andere Bewohnerinnen oder deren Partner richten. Bei Trennung bzw. Scheidung breche zudem oft der Kontakt zwischen Vater und Kind ab. Lediglich in seltenen Fällen gebe es Männer, die das Kind nach der Trennung von der Partnerin regelmäßig besuchten. Gemäß den Aussagen einiger befragter Fachkräfte seien die Klientinnen durch Konflikte mit dem Partner häufig emotio- 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 199 nal vom Kind abgelenkt, wohingegen sie in Phasen, in denen die Beziehung harmonisch verläuft, besser auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen könnten. Dauer des Aufenthalts der Mutter mit Kind in der Einrichtung Die Analyse der Interviews ergab in den meisten Organisationen eine vorgesehene Betreuungsdauer der Klientel von einem halben Jahr. Die tatsächliche Aufenthaltsdauer liegt allerdings in den meisten Einrichtungen zwischen ein bis drei Jahren. Die Klientel wechselt innerhalb der Einrichtung dabei häufig die Wohnform: „Frau Keller: […] Und im Durchschnitt sind die jungen Frauen/ Also die müssen ein halbes Jahr bei uns bleiben. Das ist {Streichung} eine Auflage, weil wir sagen: ‚Nach einem halben Jahr lernen wir die jungen Frauen erst richtig kennen.‘ Im Durchschnitt bleiben sie ein bis zwei Jahre hier in der Mutter-Kind-Einrichtung, insofern es natürlich nicht vorher zu einer Inobhutnahme oder einem Abbruch seitens der Kindsmutter kommt“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 4). „Frau Keller: […] Und eigentlich sollten die Frauen {Streichung} in dieser Verselbstständigungswohngruppe im Durchschnitt nur so ein halbes Jahr bleiben. Ein halbes bis {maximal ein Jahr}. (…) Genau. Interviewerin: Aber das ist dann auch manchmal länger, wenn sie {länger Unterstützung} brauchen? Frau Keller: Ja. Beziehungsweise/ Ja, es ist so: Eine junge Frau hat erst ein Jahr {in der einen Wohngruppe} gewohnt. Wohnt jetzt ein halbes Jahr {in der Verselbstständigungswohngruppe}“ (Interview mit Frau Keller Abs. 102–104). In den Gesprächen stellte sich heraus, dass in Einzelfällen die Betreuungsdauer von Eltern wesentlich länger erfolgt: Einzelne Eltern(-teile) wurden – zum Teil mit Unterbrechungen – zwischen vier und zehn Jahren im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen aufgenommen. „Frau Baumann: Wir haben auch schon Mütter sechs Monate {stationär} betreut, drei Monate ambulant, danach war alles gut. Und wir haben auch Familien, die haben vorher schon sechs Jahre Jugendhilfe gehabt, also Familienhilfe, und haben hinterher noch vier Jahre. Auch die Spanne ist sehr, sehr groß. Und wir haben auch Frauen, die waren erst ambulant betreut, dann stationär, dann ambulant, dann wieder stationär. Auch das gibt es“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 19). Welche Probleme mit einer langen Dauer – besonders vor dem Hintergrund der Einbindung des (sozialen) Vaters – einhergehen, wurde bereits in Abschnitt 5.2.3 problematisiert. Die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung ermittelten Daten stützen die These, dass zunehmend Leistungserbringer von Hilfen nach § 19 SGB VIII damit beauftragt werden, eine Abklärung, überwiegend „Clearing“ genannt, über den weiteren Verbleib des Kindes in der Familie vorzunehmen. Drei der an der vorliegenden Studie beteiligten Leistungserbringer – das Mutter-Kind-Wohnen am Markt, die Jugendhilfe Heilige Elisabeth und der Verein „Familienhilfen e.V.“ (vgl. Abschnitt 8.7) – bieten, finanziert nach § 19 SGB VIII, einen Clearing-Prozess für die Eltern(-teile) von wenigen Wochen bis Monaten an; zudem ist im „Haus am Steinweg“ der Aufbau einer Clearing-Gruppe für Elternteile mit Kind geplant. Im „Mutter-Kind-Wohnen am Markt“ werden ausschließlich Clearings – mit Mutter und Kind – durchgeführt 8.2.2.4 8 Empirische Ergebnisse 200 (vgl. Interview mit Frau Schneider, Abs. 16), ebenso in der Einrichtung „Jugendhilfe Heilige Elisabeth“ (vgl. Interview mit Frau Roth, Abs. 82–84) und in den „Familienhilfen“ (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 30); im „Haus am Steinweg“ wird Clearing aufgebaut (vgl. Interview mit Frau Horn, Abs. 137). „Frau Horn: […] Und jetzt ist in Planung, eine Clearinggruppe mit einzurichten. Interviewerin: Für Mutter und Kind, oder? Frau Horn: Genau. Wo dann halt wirklich, wenn nicht klar ist: Wo geht es hin? Geht es überhaupt miteinander? Wo eine ganz enge Betreuung eben stattfindet und wo dann entschieden wird: Kann es {die vollstationäre Betreuung} sein? {Betreutes Wohnen}? Oder geht es vielleicht auch gar nicht. Und (…), ja, das ist so in Planung. Aber da ist noch nichts irgendwie wirklich angegangen, sondern das ist nur klar, das soll es geben. Und da muss man halt gucken, wie das umgesetzt werden kann. Das hängt natürlich auch mit Räumlichkeiten zusammen. Und (…), ja. Interviewerin: Mhm. Das ist ja auch sehr interessant. Frau Horn: Ja. Interviewerin: Ist das ein neues Konzept oder gibt es das schon öfter? Frau Horn: Das gibt es schon. Und zwar gibt es da (…) (räuspert sich)/ Also ich weiß {von einer weiteren Einrichtung}. Die haben so eine Clearinggruppe. (…) Und es gibt auch/ Das ist ein ganz spezielles Modell in {einer anderen Stadt}. Das Jugendamt {Streichung} bietet {dort} (…) immer nur für eine Frau, glaube ich, eine 24-Stunden-Betreuung eins zu eins an. Wo dann wirklich geguckt wird: (…) Geht es oder kann die Mutter nicht für ihr Kind sorgen? Und das gewährleisten zwei Kollegen, die direkt beim Jugendamt angestellt sind (räuspert sich) und die dann für einen gewissen Zeitraum/ Ich glaube zwei Wochen läuft dann dieses Clearing ab. Also das geht dann recht schnell. Aber die Kollegin ist wirklich eins zu eins 24 Stunden am Tag mit der Klientin und dem Kind zusammen und jede Situation wird beobachtet, dokumentiert, ich glaube, zum Teil auch gefilmt. Und danach wird ausgewertet und eine Entscheidung getroffen. Und (…), ja, das kenne ich aber nur von dort. Und {bei der zweiten Einrichtung} findet das ein bisschen anders statt. Die haben, glaube ich, mehrere Plätze. Die arbeiten viel mit Marte Meo. (…) Was wir jetzt hier auch anbieten. Aber da nochmal mehr. Ich glaube, da wird gerade in der Clearingstelle auch nochmal, da wird täglich irgendwie auch gefilmt, meine ich. Und (…) dann wird geguckt, wie geht es weiter“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 137–142). Hilfe bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung: Vertrauen und Misstrauen als Spannungsfeld insbesondere für das Einbeziehen besuchswilliger Männer Die Erweiterung des Aufgabenfeldes der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen auf die Abklärung in Fällen, in denen vermutet wird, dass das Kindeswohl gefährdet ist, In dem zuletzt zitierten Interviewausschnitt zeigt sich beispielsweise, dass der Leistungserbringer in solchen Fällen zunehmend das Verhalten der Klientel im Hinblick auf seine Kompetenzen, aber auch auf mögliche Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls – unter anderem videogestützt – beobachtet, bewertet, schriftlich dokumentiert und teilweise an den Leistungsträger weitergibt. Wie bereits in Abschnitt 3.1 gezeigt, ist die Weitergabe der Information an den Leistungserbringer gemäß § 8 a SGB VIII Abs. 3 rechtens bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, da der Leistungserbringer einen besonderen Schutzauftrag innehat. Allerdings kann eine defizitorientierte Sicht des Personals auf die Klientel zu einem Vertrauensbruch führen. Letzterer wiederum birgt die Gefahr des Scheiterns der Hilfe. Einige Leistungserbringer sehen 8.2.2.5 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 201 es auch als ihre Aufgabe an, zu beobachten, zu dokumentieren, zu bewerten und an den Leistungserbringer weiterzugeben, wie sich besuchswillige Männer gegenüber dem Kind verhalten, unter anderem um die während des Abklärungsprozesses ausgearbeitete Empfehlung zur Regelung der elterlichen Sorge im Hinblick auf den Vater oder neue Partner der Mutter begründen zu können. In diesem Zusammenhang äu- ßern einige Befragte die Vermutung, die Kindsväter und Partner fühlten sich in den Häusern beobachtet und kontrolliert. Das Verhalten des Personals baue Druck auf, sodass „das System“ manche Männer derart „nervt“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 88), dass sie nichts damit zu tun haben möchten und der Einrichtung fernbleiben. Die im Rahmen der vorliegenden Studie erhobenen Daten weisen darauf hin, dass Klientinnen mit älteren Kindern, die bereits fremd untergebracht sind, oder Klientinnen, deren eigene Eltern Hilfe nach SGB VIII in Anspruch genommen haben – deren Familien also bereits beim Jugendamt bekannt sind, weil ein Verhalten in der Vergangenheit aktenkundig wurde –, vom Leistungsträger besonders häufig zu einem Einzug in eine Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung gedrängt und in den Heimen besonders streng beobachtet werden: „Frau Winter: […] Oder manche Familien sind ja auch dem Jugendamt vorher schon so bekannt. Sobald die dann mitbekommen, dass da eine Schwangerschaft besteht, dass die dann schon da eingreifen und sagen: ‚Entweder Mutter-Kind-Heim oder das Kind muss in eine Pflegefamilie.‘“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 326). Auf diesen Aspekt, gerade Familien besonders streng zu beobachten, die bereits behördlich „aufgefallen“ sind, wird in Abschnitt 8.4.2 und 8.6.3 dezidiert eingegangen. Zunächst wird im folgenden Abschnitt untersucht, welche Praxen im Umgang mit besuchswilligen Männern sich vor dem oben genannten Spannungsfeld in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen herausgebildet haben. Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag Was die Regelungen in Bezug auf Männer in den Einrichtungen betrifft, offenbaren sich bei den befragten Fachkräften große Unsicherheiten. Auf die Frage hin, welche Regelungen in Bezug auf Männer in der jeweiligen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung existieren, antworteten die meisten Befragten zögerlich, obwohl während des Interviews nicht der Eindruck entstand, als sei die Frage nicht verstanden worden. Daraus lässt sich ableiten, dass es sich aus Sicht des Personals um eine heikle Frage handelte, ein ungelöstes Problem, das Verunsicherung erzeugt. Während der Interviews mit den Befragten im Rahmen der vorliegenden Studie stellte sich heraus, dass außer den „Familienhilfen e.V.“ alle anderen Einrichtungen von männlichen Besuchern verlangen, sich bestimmten Normen zu unterwerfen. In den wenigsten Einrichtungen werden die Regelungen in Bezug auf männliche Besucher bewusst als „offizielle Doktrin“ (vgl. Goffman, 1981, S. 189) der Institution begriffen. Nur eine Einrichtung – nämlich das „Wohnheim Sankt Benedikt“ – stellte der 8.3 8 Empirische Ergebnisse 202 Interviewerin ein einseitiges Regelwerk für männliche Besucher (siehe Abbildung 9 auf S. 215) verbunden mit einem Wochenplan, der den Tagesablauf der weiblichen Klientel regelt, zur Analyse zur Verfügung. Es ist davon auszugehen, dass in allen anderen Einrichtungen die Hausregeln in Bezug auf Männer mündlich weitergegeben werden, also keine offiziellen Dokumente existieren. Die beiden Spezialeinrichtungen nehmen also im Hinblick auf die Behandlung männlicher Besucher eine Sonderstellung ein: In der Einrichtung „Familienhilfen“ werden keine geschlechterspezifischen Regelungen in Bezug auf Besucherinnen und Besucher formuliert und für das Wohnheim Sankt Benedikt liegen die Hausregeln für männliche Besucher zumindest verschriftlicht vor. Bei allen anderen Einrichtungen scheint es sich bei den Reglements für männliche Besucher um eine „halb-offizielle Perspektive“ zu handeln, die Goffman zufolge genauso „fest und vollkommen gültig sein“ kann, sodass dieses „autorisierte (…), aber nicht ganz offizielle (…) System“ untersucht werden sollte (Goffman, 1981, S. 189). Dies soll im Folgenden geschehen. Beispiel – Einrichtung Diakonische Hilfe: Anspruch und Scheitern einer Hausordnung Als erstes Beispiel wird das Regelsystem der „Diakonischen Hilfe“ dargestellt und in Bezug auf die Forschungsfrage interpretiert. Die Einrichtung existiert bereits verhältnismäßig lange. Ihre Ursprünge liegen in Zeiten der Fürsorgeerziehung. Mit dem Übergang vom Jugendwohlfahrtsgesetz zum Kinder- und Jugendhilfegesetz wurde die Hausordnung der Einrichtung umfassend reformiert. Die befragte Leiterin, Frau Vogt, betont, das Konzept der Einrichtung – vor allem in Bezug auf die Einbeziehung der Männer – sei nach der Reform im bundesrepublikanischen Vergleich innovativ gewesen, die Einrichtung habe eine Vorreiterrolle eingenommen: „Frau Vogt: Dieses hier ist ein sehr, sehr offenes Konzept […]. Also die Einrichtung startete ja noch im Rahmen des Jugendwohlfahrtsgesetzes. Es, ja, ging dann über in das Kinderund Jugendhilfegesetz, wobei es für die Gestaltung der Arbeit hier intern kaum einen Unterschied gemacht hat, weil das Konzept vom ersten Tag an {Streichung} sehr, sehr innovativ war. Das heißt, in der Hausordnung für die Einrichtung war bereits {vom ersten Tag an} vorgesehen, dass Männer hier übernachten können. Und zwar nicht zu einer reglementierten festgelegten Zeit, sondern in der freien Entscheidung der Bewohnerinnen. Reglementiert war der Umfang der Übernachtungsmöglichkeit. Nämlich drei Nächte in der Woche war von vornherein klar, dass Besucher hier übernachten können. Und Besucher waren nicht streng definiert als weibliche Besucher, sondern Verwandte, Geschwister, Freunde oder auch Freunde im Sinne von möglichen Partnern. Also Freunde in Anführungszeichen der Bewohnerinnen konnten hier übernachten. Das war von Anfang an die Praxis. Das war eigentlich in Deutschland sehr, sehr ungewöhnlich. (…) Es war in der Entscheidung der Bewohnerinnen, also in der Verantwortung, die Entscheidung der Bewohnerinnen, ob Montag oder Freitag. Auch das war absolut innovativ. Sie finden bei uns auch nicht so was wie eine Pforte. Wo man sich anmelden muss. (…) In vielen Einrichtungen gibt es heute ja noch, ja, die Verpflichtung, Bescheid zu sagen, dass man da ist“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 77). 8.3.1 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 203 Männer durften also – sofern die Bewohnerinnen damit einverstanden waren – dreimal pro Woche in der Einrichtung übernachten. Eine Pforte existierte nicht. „Frau Vogt: […] Die Arbeit mit den Partnern bedeutete, dass die genauso umfangreich Beratungen hier kriegten, wenn sie wollten, oder kriegen würden. Und da gibt es sehr intensive und sehr langfristige Beratungsverläufe. (…) Es (…) gab immer auch Gruppenarbeit mit Partnern. (…) Also (…) einmal gab es sogar eine Männergruppe. […] Mit drei oder vier Männern. Es gab aber in mehreren Phasen eine Partnergruppe, die eine Psychologin gestaltet hat. […] Und es gab regelmäßig eine Verhüterli-Gruppe. […] Immer, wenn möglich mit Partnern. (…) Hier ist es meine Erfahrung, dass es immer nur gelungen ist, wenn es nicht mehr als zwei Paare waren. Das nenne ich dann auch Gruppe. Mit mehr Partnern ist es prinzipiell gescheitert. Also da habe ich dann keinen Ansatz mehr gemacht, weil es dann große Hemmnisse gibt“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 85– 93). Den Paaren wurde Beratung zuteil zum Thema Verhütung. Zudem wurde den Männern ein gruppentherapeutisches Setting angeboten. Nach einer Weile wurden die Übernachtungsregeln erweitert: „Frau Vogt: […] Das hat sich (…) ganz klar weiterentwickelt, inhaltlich ausdifferenziert. Es war von Anfang an möglich, dass diese drei Tage in der Woche erweitert werden konnten. Erweitert im Sinne von persönlichen Bedarfen. (…) Persönliche Bedarfe würde jetzt zum Beispiel die Zeit des Wochenbettes betreffen. Die Zeit der Vorbereitung der Geburt. Es würde betreffen Urlaubszeiten von Partnern (räuspert sich). Was schon ein sehr hohes Niveau ist, ja, weil eigentlich geht es darum, dass es Partner sind, die in ähnlichen Problemlagen sind. (…) Also (…) erweitert werden konnte es prinzipiell immer mit einer inhaltlichen Begründung, unter keinen Umständen mit der Begründung der Obdachlosigkeit. ‚Mein Freund hat keine Wohnung. Er muss jetzt bei mir schlafen. Er kann doch nicht draußen sein.‘ Oder so. Es musste prinzipiell eine inhaltliche Begründung haben. Das ist im Übrigen ein Ablauf, der heute noch gültig ist. (…) Auch dieses konnte erweitert werden im Sinne von Probewohnen. Probewohnen im Sinne von: Partner konnten mit aufgenommen werden mit der genauen Beschreibung, dass es sich um ein Probewohnen handelt. Zum Beispiel im zeitlichen Rahmen von vier Wochen, acht Wochen et cetera“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 79). Männer durften demnach vor und nach der Geburt häufiger übernachten, ihren Urlaub in der Einrichtung verbringen und, wenn der Auszug der Klientin bevorstand, vier bis acht Wochen das gemeinsame Zusammenleben trainieren. Allerdings ergab sich dabei der Konflikt, dass obdachlose Männer die Einrichtung ausnutzten, um nicht mehr wohnungslos sein zu müssen. Dies stellte die Einrichtung vor ein Problem, denn sie setzt bei besuchswilligen Männern „ein bestimmtes Spektrum von Motiven voraus“ (Goffman, 1981, S. 180). Dass die Einrichtung von dem obdachlosen Mann „ausgenützt, übervorteilt und, kurzum, auf eine Art benützt (…) [wurde], die nicht mit dem Charakter übereinstimmt, den man von den Beteiligten erwarten sollte“ (Goffman, 1981, S. 180), führt zunächst für das Management zu der Schwierigkeit zu ermitteln, „wo die Grenze zu ziehen sei zwischen der legitimen gelegentlichen Chance, die jemand […] wahrnimmt, und dem illegitimen Ausnützen einer Institution“ (Goffman, 1981, S. 188). In diesem Fall geht es nicht nur um das Ausnützen der Organisation, sondern auch um die Schädigung der Insassinnen: 8 Empirische Ergebnisse 204 „Frau Vogt: […] Also ein Partner, der kein eigenes Einkommen hat – das haben bestimmt alle anderen in den Interviews gesagt – der füttert sich dann ja durch, ja? Der möchte dann hier seinen Anteil an Versorgung haben. Und Frauen leisten das ja auch, ja?“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 99). Letztlich reagiert die Organisation auf den Konflikt, indem die Regeln nicht mehr auf alle Männer gleichermaßen angewandt werden. Mit der Ausrichtung an „persönlichen Bedarfen“ werden Einschränkungen für obdachlose bzw. bedürftige Partner und Kindsväter rationalisiert. Das System differenziert sich soweit aus, bis alle Männer faktisch Hausverbot haben: „Frau Vogt: […] Zurzeit haben die allermeisten Partner Hausverbot. Das ist seit ein, zwei Jahren etwa die Situation. Das ist unglaublich, ja, war aber früher nicht so. Also phasenweise wohnten Paare in einem Drittel der Wohneinheiten. Also drei bis vier Paare, die gleichzeitig hier wohnten. {Streichung} Es sind ganz viele im Hintergrund, die mit Partner hier wohnten über ein oder zwei Jahre. (…) Derzeitig gibt es unglaublich viele Freunde, die in dem Sucht- und Gewaltproblem eben die Hemmnis haben, was wir nicht einbringen können hier. Also wo wir auch keine Arbeit gestalten können“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 85). Es wird deutlich, dass die Mitarbeiterinnen in der Einrichtung bei Suchtmittelabhängigkeit und aggressivem Verhalten der Männer keine adäquaten Hilfen anbieten können. In der Folge wird die Anwesenheit dieser Gruppe mittels Hausregeln ausgeschlossen. Letztlich fallen alle besuchswilligen Männer unter die Ausschlusskriterien. „Frau Vogt: […] Also das Ziel war immer, eine ganz große Offenheit gegenüber der Familie, dem Familiensystem, hier zu haben. Und die Arbeit so gestalten zu können, dass es so wenig wie möglich reglementiert ist durch Hausordnungsbegrenzungen. Sondern so (…) viel wie nötig reglementiert wird durch die Problembelastung. […] Aber (…) es gelingt nicht, dann Verantwortung einzubringen, zu übertragen“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 99). Die theoretischen Ansprüche, das Familiensystem zu fördern und über die Hausordnung sehr wenig zu reglementieren, scheitern also in der Praxis. Beispiel – Mutter-Kind-Gruppe Eva: Einschränkung der Rechte der Väter durch Besuchsregelungen Im Folgenden werden Informationen über die Besuchsregelungen in der Mutter- Kind-Einrichtung Eva aus dem Interview mit Frau Lehmann analysiert. „Frau Lehmann: […] Wir haben ja auch ein Regelwerk zu Besuchskontakten und so weiter. Sie hatten auch anfangs irgendwie schon gefragt, wie die hier sein dürfen oder wie Besuche gestaltet werden dürfen. Also wir haben allgemeine Besuchsregeln. […] Jetzt muss ich aber gleich eine Einschränkung dazwischen/ Das wird trotzdem immer auch individuell entschieden“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). In diesem Ausschnitt des Interviews schickt Frau Lehmann vorweg, dass in der Einrichtung zwar allgemeine Besuchsregeln angewandt werden, es scheint aber unter den Mitarbeiterinnen üblich zu sein, auf der Basis dieser allgemeinen Besuchsregeln im 8.3.2 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 205 Einzelfall Ausnahmen für bestimmte Klientinnen und ihre Partner bzw. die Väter ihrer Kinder gelten zu lassen. Weiter präzisiert Frau Lehmann wie folgt: „Frau Lehmann: […] Wobei ich sagen muss: Jegliches Regelwerk hier ist anders als im normalen Leben. Und das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Aber der Hauptfaktor ist, dass wir dafür Sorge tragen müssen, dass die kleinen Kinder hier auch zu ihrem Recht kommen. Dass gewisse Ruhephasen hier sind. Es sind eh schon viele Leute hier, schon viel mehr als normal. So ein Kind um sich drum herum tagtäglich. (…) Und damit hängt dann auch die Besuchsregelung zusammen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Frau Lehmann macht mit dieser Aussage darauf aufmerksam, dass innerhalb der Einrichtung „andere“, „strengere“ Regelungen gelten als außerhalb. Begründet wird die stärkere Einschränkung der Anwesenheit der Männer mit einem besonders großen Ruhebedarf der Kinder, die ohnehin von einer größeren Personenzahl umgeben sind, als dies normalerweise in Familien außerhalb der Einrichtungen üblich ist. Dass Kinder dieser Unruhe durch die permanente Anwesenheit ausgesetzt sind, liegt an der Organisationsstruktur der Einrichtung selbst. Dieses strukturelle Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass die Klientel in Gruppen untergebracht und behandelt wird, anstatt ihnen individuelle Hilfe im eigenen Wohnraum zukommen zu lassen. Goffman arbeitete heraus, dass eine Dimension totaler Institutionen darin gesehen werden kann, dass innerhalb der Institution andere Normen gelten, nämlich meist viel strengere als in der sie umgebenden Gesellschaft (vgl. Abschnitt 6.4.4.2). Dies ist in der Mutter-Kind-Gruppe Eva der Fall: Draußen kann das Umgangsrecht des Vaters nicht aufgrund der Tatsache eingeschränkt werden, dass seine Anwesenheit mit einer Störung der Ruhe verbunden sein könnte. Vielmehr müsste eine viel erheblichere Gefährdung des Kindeswohls durch ein Gericht festgestellt werden. In der Mutter-Kind-Gruppe treffen die Betreuerinnen diese Entscheidung. Auch in Bezug auf einen neuen Partner sind die Normen innerhalb der Einrichtung viel strenger als außerhalb. Ein Ausschluss eines neuen Partners aus dem Alltag einer Alleinerziehenden wäre mit Hinblick auf ihre Rechte in Bezug auf die sexuelle Selbstbestimmung und des Rechts auf die Unverletzbarkeit der Wohnung nicht denkbar (vgl. Abschnitt 3). Die Einrichtung kann als totale Institution mit geringer Permeabilität bezüglich der in ihr geltenden Normen charakterisiert werden. In dem im Folgenden zitierten Ausschnitt aus dem Interview konkretisiert Frau Lehmann die allgemeinen Regelungen innerhalb der Einrichtung: „Frau Lehmann: […] Also Besuch kann ins Haus – ich sage jetzt mal – circa um zwei, aber da müssten wir die pädagogische Mitarbeiterin dann nochmal fragen. Vielleicht ist es auch halb zwei. Und das geht dann bis (…) abends (…) vorm Abendessen oder vorm Zubettgehen, 18 Uhr/18:30 Uhr ungefähr. Und es ist so, dass sie Besuch haben dürfen zweimal in der Woche. (…) Weil es sind so viele Frauen, ständiges Hin und Her. Aber die können sich ja auch außerhalb treffen. Also treffen können die sich. […] Und am Wochenende ist sowieso mehr Besuchszeit“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Die allgemeinen Hausregeln besagen also, dass die Männer zweimal während der Woche zwischen 14:00 und 18:00 Uhr und am Wochenende für längere Zeit in das Haus zu Besuch kommen dürfen. Sofern die Klientin Ausgang hat, kann sie sich auch au- ßerhalb der Einrichtung mit ihrem Partner bzw. dem Kindsvater treffen. Wie oft die 8 Empirische Ergebnisse 206 Frauen Ausgang haben, soll an anderer Stelle im Rahmen der vorliegenden Studie untersucht werden. Im Hinblick auf den Rechtsstatus des besuchswilligen Mannes zum Kind wird bei den allgemeinen Hausregeln nicht unterschieden. Es ist also für das grundsätzliche Regelwerk innerhalb der Einrichtung zunächst gleichgültig, ob der Mann der Kindsvater oder der neue Partner der Mutter ist und ob er sorgeberechtigt ist – das Hausrecht bleibt davon unberührt. Auch dieser Umstand spricht für eine geringe Permeabilität der Mutter-Kind-Gruppe Eva im Hinblick auf Normen der umgebenden Gesellschaft. Aussagekräftig am oben genannten Ausschnitt aus dem Interview ist zudem, dass Frau Lehmann als Einrichtungsleiterin nicht genau weiß, welche allgemeinen Besuchsregeln gelten. Es scheint also nicht zu ihren Aufgaben zu gehören, sich mit der konkreten Ausgestaltung der Besuchsregeln in der Einrichtung zu beschäftigen. Vielmehr scheint dies Aufgabe der pädagogischen Mitarbeiterinnen im Gruppendienst zu sein. Hier deutet sich die Doppelbödigkeit der Hausregeln an: Die informelle Liberalität der Normen führt dazu, dass die tatsächliche Ausgestaltung der Besuchsregelungen im Einzelfall vom Wohlwollen der Betreuerinnen abhängt. Die Rechte der Eltern können also innerhalb der Einrichtung durch die Mitarbeiterinnen nahezu beliebig eingeschränkt oder erweitert werden. Die Modulationsvollmacht der Betreuerinnen führt dazu, dass die Klientinnen untereinander vergleichen, welche Privilegien sie in Bezug auf Männerbesuch besitzen: „Frau Lehmann: […] Und das [die individuelle Modulation der Hausregeln, RH] sorgt natürlich dann für Unstimmung auch. Weil die eine sagt: ‚Ach, ich darf nicht. Du darfst?‘“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Die liberale Auslegung der allgemeinen Hausregeln im Einzelfall führt Frau Lehmann zufolge zu Konflikten und Neid unter den Bewohnerinnen der Einrichtung. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die Liberalität der Hausregeln nicht nur Mehrarbeit für das Personal bringt, indem es Konflikten aufgrund von Neid entgegenwirken muss, sondern auch Arbeitserleichterung, indem die Bewohnerinnen dazu veranlasst werden, sich an dem Privilegiensystem der Einrichtung zu orientieren und erwünschtes Verhalten zu zeigen. Dieser Zusammenhang soll im nächsten Abschnitt dokumentiert werden. Beispiel – Smile GbR: Einschränkung der Rechte der Männer durch ein Privilegiensystem In der Smile GbR wird von den Frauen verlangt, sich an einen Tagesablauf zu halten. Wenn sie dies tun, werden ihnen Privilegien zugesprochen, Besuch von Männern zu empfangen. Halten sie sich nicht an den Tagesablauf, bleibt das Recht auf Männerbesuch untersagt: „Frau Lang: […] Es gibt klare Ausgehzeiten und Anwesenheitszeiten. Die richten sich nach den Bedürfnissen der Kinder. Also die sind ja nicht dafür da, um die Mütter hier zu binden, sondern, um, (…) ja, an den Bedürfnissen des Kindes/ Also orientieren sich an 8.3.3 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 207 den Bedürfnissen des Kindes. Das heißt, morgens dürfen sie relativ früh die Einrichtung verlassen, weil da oftmals auch noch irgendwelche Amtsgänge, Arztbesuche und ähnliches stattfinden. Das heißt, von neun bis zwölf dürfen sie auf jeden Fall die Einrichtung verlassen. Ab zwölf haben sie in der Einrichtung zu sein. Da geht es natürlich um das gemeinsame Mittagessen oder um Ruhezeiten für das Kind, um Mittagsschlaf, geordnet, zur selben Zeit, am selben Ort. Nicht im Kinderwagen durch die Stadt rumgurkend. Das geht dann bis zwei. Also die zwei Stunden haben die auf jeden Fall Anwesenheitspflicht vor Ort, wobei die Vormittagszeiten schon oft gebunden sind mit Angeboten, also wie: Einmal die Woche wird gemeinsam gekocht und gemeinsam gegessen […] ab 14 Uhr dürfen sie wieder die Einrichtung verlassen, es sei denn, es finden wieder irgendwelche Aktivitäten oder Termine statt. Die haben immer Vorrang. Aber wenn nichts ansteht, dann können sie bis 18 Uhr sich wieder von der Einrichtung fernhalten. […] Weil um sieben Uhr sollte eigentlich allmählich Ruhe sein. Die Kinder sind alle so jung, dass die um sieben Uhr sehr wohl schon zur Nachtruhe gelegt werden können. […] Und daran sind natürlich auch die Väter gebunden. Das heißt, wenn jetzt/ Die Mütter können sich dann gleichzeitig noch Besucher‑/Besucherinnen-(…)Gutscheine sozusagen oder ‑Karten erarbeiten. Also wenn sie sich an Zeiten halten und im Sinne der Kinder ihre Zeit planen, dann dürfen sie bis 22 Uhr noch Besuch empfangen. Also zunächst einmal in der Woche. Das wird dann gesteigert bis zu dreimal in der Woche, dass sie bis 23 Uhr Besuch haben dürfen. Für die Väter wäre es auch möglich, dass sie auch an den Wochenenden hier übernachten und in Ausnahmefällen auch anderswie. Das heißt, wenn der Vater vielleicht mal berufstätig wäre und an den Wochenenden Dienst hätte, dann könnte man das auch auf die Woche verteilen. Ja, also da sind wir völlig flexibel. Also wir sind jetzt/ (…) Wir haben Eckpunkte, an denen wir uns orientieren. Aber letztlich sind wir hier nicht so starr, dass man hier nichts anderes absprechen kann“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 78–80). Das Privilegiensystem erleichtert dem Personal die Arbeit, weil die Klientinnen versuchen werden, ein angepasstes Verhalten zu zeigen, um einen Status zu erreichen, in dem sie Besuch empfangen dürfen. Es handelt sich also um einen Mechanismus, um innerhalb der totalen Institution „soziale Kontrolle“ (Goffman, 1981, S. 285) auszu- üben. Allerdings schränkt es die Rechte der Männer ein, denn ob sie ihre Kinder bzw. ihre Partnerinnen sehen dürfen, ist vom Verhalten der Kindsmutter abhängig. Zur Doppelbödigkeit des Begriffes der Verselbstständigung Um zu erklären, welche Funktion die Nutzung des Begriffes der Verselbstständigung erfüllt, soll sich an Erkenntnissen von Eilert orientiert werden. Er zeigte für das deutsche Heimsystem von 1945 bis 1973, dass es sich durch Herstellung von Dominanz mittels Sprache selbst erhielt. Unter anderem folgte er der Social gossip hypothesis (soziale Tratsch-Hypothese) des Evolutionswissenschaftlers Dunbar (vgl. Dunbar, 1998), welcher argumentiert, dass Sprache eine Form des „sozialen Entlausens“ darstellt, die den sozialen Zusammenhalt größerer Gruppen stärkt durch einen Informationsaustausch darüber, wer was tut. Eilert wiederum versteht „soziales Entlausen“ als autopoietische Zuschreibung, Sicherung und Verteidigung von Statuspositionen und damit einhergehende identische Verkettung sozialer Systeme mit sich selbst, die durch soziale Unklarheiten „verlaust“ sind (vgl. Eilert, 2012, S. 423). Eilert zufolge richten sich kommunikative Akte dominanter Sprecherinnen und Sprecher in sozialen Systemen auf „relevantes Material“. Irrelevantes werde überhaupt nicht kommuniziert (vgl. Eilert, 2012, S. 434). Den daraus folgenden Sprachgebrauch bzw. Nicht- 8.3.3.1 8 Empirische Ergebnisse 208 Sprachgebrauch des Personals illustriert dies unter anderem an Belegen aus Kinderheimen jener Zeit. Seine Interpretation der – auch von Goffman konstatierten – Nutzung von Sprache zur Herstellung von Dominanz in totalen Institutionen, um definieren zu können, „welche Menschen wertvoll seien und welche als ‚menschlicher Abfall‘ (…) dem Verderben preisgegeben werden können“ (Eilert, 2012, S. 439), wurde unter anderem als Schablone auf das Interviewmaterial aufgelegt. Dabei ergab sich für den Begriff der Verselbstständigung eine besondere Auffälligkeit: Mit dem Argument der Verselbstständigung werden in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen Privilegiensysteme konstruiert und individuelle Rechte beschnitten bzw. erweitert. So können die Beziehungen der Klientinnen eingeteilt werden in solche, die es „wert“ sind, gefördert zu werden, und andere, die aus Sicht des Personals als „nicht stabil genug“ oder „schädlich“ gelten. Dies soll im Folgenden gezeigt werden. Dass sich ein Privilegien- und Strafsystem in der Einrichtung ausbildet, welches durch den Begriff der Verselbstständigung rationalisiert wird, zeigt folgender Ausschnitt aus dem Interview: „Frau Lehmann: […] Aber das hängt mit der Verselbstständigung zusammen. Wenn wir den Eindruck haben, da ist also eine wichtige Beziehung – sei es nun (…) zu den Eltern, zur Freundin oder zum Kindsvater oder Freund – und der hat die Zeit zum Beispiel nach der Arbeit oder nach der Schule sich auch immer mit um das Kind zu kümmern oder das Kind abends immer mit ins Bett zu bringen, dann ist es ja blöd, wenn man die nach Hause schickt. Also da gibt es dann Aufweichungen von diesem Regelsystem: Dass der dann halt öfter kommen darf oder länger bleiben darf “ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). In dieser Aussage wird die Dreigleisigkeit des Privilegiensystems deutlich. Erstens sagt Frau Lehmann, die Regelungen seien von dem Grad der „Verselbstständigung“ abhängig, den die „Klientin“ innerhalb der Einrichtung erreicht habe. Dieser Begriff beinhaltet einen großen Ermessensspielraum. Zweitens ist das Privileg, Zugang in die Einrichtung zu erhalten, offenbar vom „Verhalten und der Lebenssituation des besuchswilligen Mannes“ abhängig. Dieser sollte im Idealfall einer geregelten Beschäftigung nachgehen und nach der Arbeit sich die Zeit nehmen, das Kind ins Bett zu bringen. Drittens orientiert sich das Beurteilungssystem an der Beziehung der Eltern. Es muss sich um eine „wichtige“ handeln. Es ist also davon auszugehen, dass die Beurteilung der Verhaltensweisen und Lebenssituationen der Klientel und ihrer besuchswilligen Freunde sowie deren Beziehung dem Personal zusteht. Im weiteren Verlauf des Gesprächs nennt Frau Lehmann bereits einige Kriterien, an denen sich die Mitarbeiterinnen orientieren, um die Wichtigkeit der Beziehung zu beurteilen: Der Freund bzw. Kindsvater möchte sich an den Aufgaben der Pflege und Erziehung beteiligen, hat aber schulische Verpflichtungen oder solche im Rahmen seiner Arbeitstätigkeit, sodass er zu den eigentlich durch die Hausordnung festgelegten Besuchszeiten nicht in die Einrichtung kommen kann. In solchen Fällen sind Ausnahmen denkbar. Es ist auffällig, dass Frau Lehmann gerade im Zusammenhang mit den Besuchsregelungen von schulischen und beruflichen Verpflichtungen spricht, denn wie bereits dargestellt, deuten die Ergebnisse der vorliegenden Studie darauf hin, dass viele Kindsväter und Partner der Frauen, die in Mutter-Kind-Einrichtungen untergebracht werden, eine niedrige Schulbildung haben bzw. arbeitslos sind. Besondere Ausnahmeregelungen 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 209 hinsichtlich der Einbindung der Männer in den Alltag können also vorwiegend von solchen Männern erwirkt werden, die zu den Ausnahmefällen gehören, also über Arbeit oder schulische Verpflichtungen verfügen und in besonderem Maße ein Interesse daran demonstrieren, sich an der Pflege und Erziehung des Kindes zu beteiligen. Es ist also davon auszugehen, dass nur in Einzelfällen eine liberalere Auslegung der Besuchsregeln erwirkt werden kann. Eine zeitliche Ausweitung der Einbindung derjenigen Männer, die sich (noch) nicht für die Kinderpflege und -erziehung interessieren oder nicht in Ausbildung und Schule sind, um sie in besonderer Weise zu fördern, am Alltag mit Kind teilzuhaben, wird nicht in Betracht gezogen. Der Begriff Verselbstständigung wird von Frau Lehmann – aber auch von anderen im Rahmen der vorliegenden Studie befragten Fachkräften – in drei unterschiedlichen Kontexten verwandt, sodass die Bedeutung des Begriffes jeweils einen anderen typischen Aspekt der totalen Institution charakterisiert: 1. in Zusammenhängen, in denen ausgedrückt werden soll, dass die Klientel in der Einrichtung gefördert werden soll, besonders selbstständig ihr Leben organisieren und das Kind versorgen sowie pflegen zu können; Verselbstständigung bezeichnet dabei also das „Ziel“ der Hilfe, das allerdings mit einer bestimmten Defizitorientierung hinsichtlich der Klientel einhergeht. 2. in Zusammenhängen mit „Räumlichkeiten“, die dazu dienen sollen, ein förderliches Setting herzustellen, um dieses Ziel zu erreichen; der Begriff Verselbstständigung bezeichnet dabei den Teil des Stationssystems, in dem die Insassinnen die meisten Freiräume haben. 3. als Ausdruck für einen durch die Mutter erreichten „Status innerhalb des Privilegiensystems“ der totalen Institution Die Nutzung des Begriffes der Verselbstständigung korrespondiert also mit dem im Abschnitt 5 konstatierten Phänomen, dass § 19 SGB VIII die Wohnform selbst als Hilfeform fasst, also der eigentümlichen autopoietischen Verkettung der Räumlichkeiten, seiner Insassen und des Konstrukts des erzieherischen Defizits. Im Folgenden werden einige Beispiele aus dem Interview mit Frau Lehmann hinzugezogen, um zu zeigen, wie die Verkettung des sozialen Systems mit sich selbst am Begriff der Verselbstständigung kondensiert: „Frau Lehmann: […] Und (…) {in dem Teil des Hauses} sind dann auch trotzdem Gemeinschaftsräume. Da legen wir auch ganz viel Wert drauf. Eine Gemeinschaftsküche zum Kochenlernen und so weiter. Ein Wohnzimmer mit großem Tisch, Essplatz. Und gegenüber ein großer Spielraum, dass sie – die jungen Frauen mit ihren Kindern – auch die Spielmöglichkeit haben. […] Im {anderen Teil des Hauses} sind dann die Apartments. Da findet das eigentliche Wohnen und das Leben der jungen Frauen, Schwangeren oder eben der Mütter mit ihren Kindern statt. Die haben einen/ jeweils ein Zwei-Zimmer-Apartment. Ein kleineres Zimmer für das Kind zum Schlafen. Das größere Zimmer ist ein Gemisch aus Wohn-, Schlaf- und Küchenzeile. Das größere Zimmer – wie man das im Apartment eigentlich so hat – für die junge Frau. Auch mit Fernsehanschluss, mit allem möglichen Zubehör. Und Küchenzeile drin, dass im Rahmen der ‚Verselbstständigung‘ auch das Kochen natürlich praktiziert werden soll. […] Und (…) wenn die junge Frau noch nicht in der ‚Verselbstständigung‘ ist, dann braucht sie sich also einfach nicht um das 8 Empirische Ergebnisse 210 Essen erst mal zu kümmern. Ja, das ist ja neuer Aufgabenbereich“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 13). Frau Lehmann spricht davon, dass die Klientel den Status der „Verselbstständigung“ erreichen kann. Dabei handelt es sich also um das Privileg, sich nicht durch die Einrichtung versorgen zu lassen, sondern die Fähigkeit des Kochens erlernen zu dürfen, gleichzeitig aber auch um ein Ziel, das es zu erlernen gilt. Die Verselbstständigung ist außerdem gekoppelt an Räumlichkeiten, die nach Goffman als eine „Station“ der totalen Institution gedeutet werden können. Im Stationssystem der Einrichtung werden den Bewohnerinnen jeweils unterschiedliche Privilegien zugesprochen. In einem Bereich werden die Mütter und Schwangeren versorgt, während sie in dem anderen Bereich selbst kochen dürfen: „Frau Lehmann: […] So. Jetzt kommen wir noch zum {letzten Teil des Gebäudes}. Das geht ein bisschen schneller. Da sind noch zwei – nicht Apartments, sondern Wohnungen. Die sind ein bisschen größer. (…) Zum Beispiel mit einer Küche, in der man richtig sitzen kann. Ja, also überhaupt die Räumlichkeiten sind größer. (…) Die bieten uns die Möglichkeit im Rahmen der ‚Verselbstständigung‘ nochmal deutlicher – sage ich mal – die eigene Verantwortung zu proben in allen Bereichen, bevor man dann auszieht. Bei manchen Frauen muss dann das doch auch nochmal so deutlicher geschehen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 13). In den Wohnungen, die größer sind als die Zwei-Zimmer-Apartments im anderen Teil der Einrichtung steht also mehr Platz zur Verfügung und es werden mehr Privilegien eingeräumt. In den Wohnungen ist es nicht nur erlaubt, selbstständig zu kochen, sondern die Insassin hat auch mehr Platz zur Verfügung. Im nächsten Interviewausschnitt wird deutlich, dass in den Wohnungen im Vergleich zu den anderen Räumlichkeiten die Betreuung reduziert ist: „Frau Lehmann: […] Wir sind also ein vollstationärer Bereich. Das heißt, 24 Stunden ist immer jemand da. Wir haben einen teilstationären Bereich. Das wäre die ‚Verselbstständigung‘ {hier im Haus} in den Wohnungen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 140). In dem vorangegangenen Interviewausschnitt bezieht sich der Begriff der Verselbstständigung nun auch auf einen bestimmten Ort innerhalb der Einrichtungen, nämlich auf die Station, in der die Wohnungen untergebracht sind. Dort sind die Betreuungsintensität und damit auch die Möglichkeit der sozialen Kontrolle durch das Personal erheblich reduziert. Die Wohnungen bzw. der Verselbstständigungsbereich der Einrichtung zeichnet sich also durch relativen Freiraum für die Insassinnen aus. In diesem Beispiel wird deutlich, dass „Verselbstständigung“ meist dann als Begriff verwandt wird, wenn ausgedrückt werden soll, dass im Verhältnis zum „regulären“ Angebot, das „eigentlich“ in der Einrichtung vorgehalten wird, bestimmte Einschränkungen aufgehoben werden oder sich Regelungen lockern. Innerhalb der Institutionen wird also eine „Trennung“ in „Stationen“ vorgenommen, die jeweils mit unterschiedlichen Privilegien in Zusammenhang stehen und sich am Begriff der Verselbstständigung kondensieren. Nach Goffman liefern die offiziellen Ziele einer totalen Institution – zu denen das Ziel der Verselbstständigung gezählt werden kann – dem Stab und manchmal auch den Insassen eine „Sprache von Erklärungen“ für alle in der Anstalt anfallenden Ak- 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 211 tionen. Die offiziellen Grundsätze der totalen Institution können beliebig zur Begründung jeglicher Maßnahmen instrumentalisiert werden, zudem in den Einrichtungen keine Kontrollinstanz existiert, die einen Missbrauch unterbinden könnte (vgl. Goffman, 1981, S. 86). Dies ist hier der Fall. Das offizielle Ziel der Verselbstständigung wird an das Privilegiensystem der Einrichtung gekoppelt. Im Folgenden sollen Beispiele aus anderen Interviews hinzugezogen werden: „Frau Roth: Also unsere Mutter-Kind-Gruppe. Wir haben, also es ist quasi ein Haus mit zwei verschiedenen {Bereichen}. (…) Die Verselbstständigung {und} (…) die Hauptgruppe, sage ich mal, wo die […] – wir sagen immer – Regelmütter der Gruppe sind“ (Interview mit Frau Roth, Abs. 8). In der Einrichtung „Jugendhilfe Heilige Elisabeth“ sind also die Räumlichkeiten aufgeteilt in eine Regelgruppe und den Verselbstständigungsbereich, dementsprechend gibt es „Regelmütter“ und verselbstständigte Mütter, je nach Privilegien, die sie innehaben. „Frau Winter: Ja. Das Wohnheim ist aufgeteilt in mehrere Apartments und ich glaube vier Plätze haben wir in WGs für die Verselbstständigung. Wo die Mütter sich selbst versorgen und die Kinder. Ansonsten werden die hier voll verpflegt, die die in den Apartments leben“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 6). In den Ausschnitten wird aber auch deutlich, dass die Verselbstständigung sich vor allem dadurch auszeichnet, dass in einem bestimmten Teil des Hauses Wohneinheiten mit mehr Platz und mit einer eingebauten Küchenzeile zur Verfügung stehen, an denen das Kochen eingeübt werden kann. Da die Platzzahl in den Verselbstständigungsbereichen beschränkt ist, können nicht alle Insassen diesen Grad der Freiheit erreichen, selbst wenn sie sich an die Regeln halten, die dafür notwendig sind. Auffällig ist auch, dass Verselbstständigung hauptsächlich als Selbstständigkeit im den Bereichen Kochen und Erledigen von Haushaltstätigkeiten verstanden wird. Durch die Konzentration auf den Aufbau von als typisch mütterlich geltenden Tätigkeiten beschränkt sich die Hilfe auf Frauen. Es handelt sich also um eine „Formierung von Mutterschaft“ (vgl. Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2013), ein Zusammenhang der – wie bereits erwähnt – derzeit von Ott bearbeitet wird. Der Vater bleibt im Hinblick auf die Verselbstständigung in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen außen vor. Beschränkte Möglichkeiten der Mütter, die Einrichtung zu verlassen Vormittags sind die Mütter in der Mutter-Kind-Gruppe Eva entweder damit beschäftigt, in die Schule zu gehen bzw. eine Ausbildung zu absolvieren, oder sie werden durch das Personal beschäftigt: „Frau Lehmann: […] Jetzt wollten Sie auch gerne was wissen zum Tagesablauf. Also es ist nicht für alle Mütter und jungen Frauen gleich. Das versteht sich von selbst. Die einen – sage ich mal – die kommen gerade aus der Klinik. Da steht erst mal das Kind, Mutter- Kind-Bindung im Vordergrund. […] Mit denen arbeiten wir dann in besonderer Weise […]. Dann gibt es die, die in die Schule gehen, in die Regelschule. […] Also jedenfalls ist es so, dass unterschiedlich viele junge Frauen hier sind vormittags. Und natürlich die, die 8.3.3.2 8 Empirische Ergebnisse 212 da sind, mit denen (…) wird das Tagesgeschäft erledigt, das was normal ansteht. Arzttermine, Ämtertermine. Die müssen vor- und nachbereitet werden. Da sind die Mitarbeiterinnen sehr mit beschäftigt. (…) Dann gibt es ganz individuell (…) Bausteine, die wir mit denen durcharbeiten. Also zum Thema Finanzen, Haushaltsführung, Sauberkeit, Hygiene. [… O]der die Hebamme kommt hier in die Einrichtung. Mit denen arbeiten wir sehr intensiv zusammen. Da ist das dann so, dass auch die Betreuerin oft mit dabei ist. Also (…) diese Dinge passieren dann vormittags. […] Die pädagogischen Mitarbeiterinnen, die haben natürlich vormittags ganz viel – auch Bürokratie – zu erledigen. Da stöhnen die immer drüber. Das verstehe ich, weil mich das auf eine andere Weise auch betrifft. (…) Und vormittags ist nun mal der intensive (…) Tagesabschnitt, weil dann (…) die Leute zu erreichen sind in den Büros, in den Ämtern und so weiter. Aber es müssen ja auch Berichte geschrieben werden. Es gibt Besprechungen und so weiter“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 13–15). Das Sorgen für Beschäftigung der Insassen beschäftigt wiederum die Mitarbeiterinnen in der Einrichtung in nicht unerheblichem Ausmaß. Auch in anderen Einrichtungen sieht es das Personal als seine Aufgabe an, die Mütter vor allem vormittags zu beschäftigen. Hier ein Beispiel: „Frau Richter: […] Und die Mütter sind dann, entweder gehen die zur Schule. Es gibt einige, die zur Schule gehen. {Auf dem Gelände hier gibt es auch eine Schule. Die ist ganz nah gelegen.}[…] Es sind leider nicht viele Mütter, die das machen. Oder ansonsten müssen die Mütter hier im Hauswirtschaftsmodul arbeiten. Wo sie dann angelernt werden mit kochen, (…) Haushaltssachen, reinigen, putzen. Alles, was so dazu gehört“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 9–11). Auffällig ist dabei, dass die Beschäftigung sowohl in der Mutter-Kind-Gruppe Eva als auch im Mutter-Jesu-Haus – sofern die Klientinnen nicht die Schule besuchen – hauptsächlich darin besteht, als typisch mütterlich geltende, hauswirtschaftliche Tätigkeiten innerhalb der Einrichtung zu übernehmen. Auch dies kann als die bereits erwähnte „Formierung von Mutterschaft“ interpretiert werden. Die Teilhabe des Vaters an vormittäglichen Tätigkeiten in der Einrichtung wird daher in den Hausregeln der meisten Einrichtungen nicht in Erwägung gezogen. Erst am Nachmittag haben die Insassinnen Freizeit. Jedoch gibt es auch hier Ausnahmen: „Frau Lehmann: […] nachmittags steht ja zur freien Verfügung. Es sei denn es sind ja Arzttermine, zu denen die Kinder, zu denen die Mütter mit den Kindern müssen. Die klassischen Vorsorgeuntersuchungen. Oder wenn die Frau selber Arzttermine hat. […] Die jungen Frauen gehen nachmittags auch zum Beispiel zur Therapie. […] Abends finden dann hier die Angebote statt oder am Nachmittag, die ich Ihnen eben schon gesagt hatte. Also (…) ich selber biete zum Beispiel an: autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Stressprävention“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 17). Aus der Flexibilität im Hinblick auf die Gestaltung des Tagesablaufs für die einzelne Klientin kann geschlossen werden, dass es den Mitarbeiterinnen in der Einrichtung möglich ist, auch Nachmittagsbesuchszeiten ggf. einzuschränken, falls diagnostiziert wird, dass dies im Hinblick auf die Verselbstständigung der Mutter nötig ist. Goffman kritisiert die „Verordnungsvollmacht“ des Personals in totalen Institutionen – hier der Psychiatrie – wie folgt: 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 213 „Fast jede der Lebensbedingungen, durch die der Patient an seinen Tagesplan gebunden ist, kann vom Psychiater beliebig modifiziert werden, vorausgesetzt, daß er eine psychiatrische Begründung dafür findet“ (Goffman, 1981, S. 341). Die Kritik ist auch auf Mutter-Kind-Einrichtungen übertragbar. Die Fachkräfte sind „nicht gezwungen, dieses Recht in Übereinstimmung mit einheitlichen bürokratischen Vorschriften auszuüben“ (Goffman, 1981, S. 341). Sie unterstehen bei ihren Diagnosen keiner Kontrolle durch das Gesetz, im Gegensatz etwa zu Beamten oder dem Personal in den Jugendämtern. Daraus erwächst ein Spannungsfeld im Hinblick auf den Zusammenhang von Grundrechten der Bewohnerinnen und der Hausordnungen von Mutter-Kind-Einrichtungen, die sich nicht nur im Tagesablauf der weiblichen Klientel, sondern auch in den Möglichkeiten der Teilhabe von Männern am Alltag in den Einrichtungen widerspiegeln. Dieser Aspekt soll im weiteren Verlauf der Studie näher untersucht werden. Beispiel – Wohnheim Sankt Benedikt: Privileg des Dauergaststatus Das Wohnheim Sankt Benedikt ist – wie bereits erwähnt – eines der beiden Einrichtungen, die überregional dafür bekannt sind, in besonderer Weise Männer in den Alltag zu integrieren. Das Privilegiensystem dieser Einrichtung wurde deshalb als Beispiel für die vorliegende Studie ausgewählt, weil es besonders weitgehende Privilegien für bestimmte Männer vorhält. Im Wohnheim Sankt Benedikt können Männer unter bestimmten Voraussetzungen das Privileg erhalten, in die Einrichtung mit einzuziehen. Welche Rechte genau mit diesem Privileg verbunden sind und wie sich das Privilegiensystem aufbaut, soll im Folgenden dargestellt werden. Im Wohnheim Sankt Benedikt regelt eine verschriftlichte Hausordnung, die – wie bereits dargelegt wurde – zur Analyse vorliegt, das Privilegiensystem rund um die Besuchsrechte von Männern. Die Hausordnung, „Gruppenregeln für Väter und Partner“ genannt, soll im Folgenden in die Interpretation einbezogen werden. 8.3.4 8 Empirische Ergebnisse 214 Gruppenregeln für Männer des Wohnheims Sankt Benedikt Die Informationen aus obigem Dokument werden im Folgenden mit den Informatio- Abbildung 9. 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 215 nen aus dem Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs kombiniert ausgewertet: Im Wohnheim Sankt Benedikt gibt es eine vierstufige Besuchsregelung für Männer. In der ersten Stufe besteht Besuchsverbot. Um überhaupt im Privilegiensystem der Einrichtung aufzusteigen, müssen besuchswillige Männer ein bestimmtes Verhalten zeigen. Folgende Interviewausschnitte geben darüber Auskunft, welches Verhalten erwartet wird: „Frau Sommer: Und grundsätzlich gibt es auch bestimmte Voraussetzungen, die die Partner erfüllen müssen, um hier zu sein. Das sind einmal unsere Grundregeln: kein Alkohol, keine Drogen, keine Gewalt“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 4). Die Männer dürfen also unter anderem keinen Alkohol und keine Drogen konsumieren und keine Gewalt gegen Insassinnen, das Personal, Kinder oder untereinander ausüben, wenn sie in der Einrichtung zu Besuch kommen möchten. Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass sich die Hausordnung damit an den Risikodiskurs in Bezug auf das Kindeswohl anlehnt. Wie bereits dargelegt sind gewalttätige Konflikte zwischen den Elternteilen, die Abhängigkeit eines oder beider Elternteile von Alkohol oder anderen Substanzen tatsächlich Risiken für eine gesunde kindliche Entwicklung (vgl. Abschnitt 4 der vorliegenden Studie). Allerdings ist es außerhalb der Einrichtung rechtswidrig, die Rechte der Eltern einzuschränken, nur weil keine optimale Förderung des Kindes geleistet wird (vgl. Abschnitt 3 der vorliegenden Studie). Kommt eine einmalige aggressive Handlung des Mannes gegen die Mutter vor, werden seine Rechte gegenüber dem Kind nicht vollständig eingeschränkt. Selbst wenn er gegen- über dem Kind aggressiv werden würde, bestehen hohe Hürden, bevor er das Recht vollständig verwirkt, am Alltag des Kindes teilhaben zu dürfen. Schon gar nicht führt die Aggression gegen Dritte außerhalb der Einrichtung zu der juristischen Konsequenz, dass ein Mann das Recht verlieren kann, Kontakt zu seinem Kind oder einer Mutter zu haben, mit der ihn eine Beziehung verbindet. Problematisch an der Hausordnung ist, dass sie die Rechte der Kindsväter und Partner auf der Basis anderer Kriterien beschränkt, als es in der Gesellschaft außerhalb der Einrichtung üblich ist. Außerhalb gelten Regelungen, die sich am Wohl des Kindes ausrichten. Beschränkungen des Umgangsrechts von Bezugspersonen mit dem Kind sind nur nach entsprechenden Entscheidungen des Familiengerichts möglich. Die Hausordnung der Einrichtung legt hingegen einen Maßstab hinsichtlich des Besuchsrechts an, der sich aus einer defizitorientierten Sichtweise auf die Lebenslagen der Kindsväter und Partner formiert. Das Besuchsrecht der Männer kann durch die Mitarbeiterinnen eingeschränkt werden, es braucht keinen Gerichtsbeschluss. Die Hausordnung differenziert nicht zwischen dem rechtlichen Status, den ein Mann zur Klientin oder ihrem Kind einnimmt, also etwa, ob die Eltern miteinander verheiratet sind, ob der Mann im rechtlichen Sinne der Vater des Kindes ist und in welchem Umfang ihm das Sorgerecht bzw. das Umgangsrecht zusteht. Die Hausordnung der Einrichtung ist in diesem Punkt also im goffmanschen Sinne impermeabel. Die Rechte, die Väter außerhalb der Einrichtung haben, sind durch die Hausordnung ausgesetzt. Wahrscheinlich würde die Hausordnung einer rechtlichen Prüfung durch ein Gericht nicht standhalten, verletzt sie doch je nach Einzelfall grundlegende Rechte der Mutter, 8 Empirische Ergebnisse 216 des Vaters bzw. des Kindes (Elternrechte, Umgangsrecht, Sorgerecht, Recht auf sexuelle Selbstbestimmung der Mutter, Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung), die im Rechtssystem sehr hoch angesiedelt sind, nämlich auf der Ebene der Menschen- und Grundrechte. Dem Privilegiensystem der Einrichtung zufolge, das sich unter anderem durch die Hausordnung konstituiert, dürfen die Männer in der Einrichtung nicht aggressiv werden. Die Daten der vorliegenden Studie deuten darauf hin, dass in Einrichtungen mit aggressivem Verhalten nicht adäquat umgegangen werden kann. Überwiegend wird sofort ein Ausschluss aus dem sozialen System proklamiert, so auch im Wohnheim Sankt Benedikt: „Frau Sommer: Was es auch ab und zu an Problematik gibt: Dass die Männer Kollegen bedrohen. (…) Also: Laut werden, aggressiv werden, bedrohlich werden. Und das hat dann auch sofort die Folge des Hausverweises. Da sind wir auch sehr strikt. Die kriegen dann sofort Haus- und Geländeverbot und sobald wir die hier irgendwo sehen, rufen wir die Polizei“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 28). Wenn männliche Besucher gegenüber Mitarbeiterinnen aggressiv werden oder sich mit ihren Partnerinnen streiten, fallen sie also wieder im Privilegiensystem zurück – sozusagen auf Stufe null. Sie erhalten Haus- und Geländeverbot. Auffällig ist, dass es immer zum Ausschluss des Mannes kommen würde, selbst wenn die Frau Aggressionen zeigt: „Frau Sommer: […] Und das ist immer so bei Streitereien, Schlägereien, egal wer der Auslöser ist, werden immer die Männer gehen, weil die Frauen hier das Hausrecht (…) haben“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26). Im Zweifelsfall muss immer der Mann gehen. Es ist also denkbar, dass die Männer durch ihre Partnerinnen Opfer von Gewalt werden, der Mann aber dadurch bestraft wird, dass er das Recht verliert, mit seinem Kind umzugehen. Männer werden durch das Hausrecht also grundsätzlich gegenüber den Frauen diskriminiert. Wie bereits in Abschnitt 4.1 aufgezeigt, haben Männer im Bereich Gewalt und Alkoholabhängigkeit im Schnitt einen höheren Unterstützungsbedarf durch soziale Arbeit als Frauen. Für die Kindsväter und Partner gilt dies in besonderem Maße, wie in Abschnitt 8.2.2.3 dargestellt. Dadurch, dass die Hausordnung sich entlang einer defizitorientierten Sicht auf die Kindsväter und Partner aufbaut, steht sie einer wohlwollenden Sicht der Mitarbeiterinnen auf die Lebenslagen der Männer zunächst im Weg. Es wird eine „soziale Distanz“ (vgl. Abschnitt 6.4.2 der vorliegenden Studie) aufrechterhalten. Die Männer müssen also von sich aus ein Verhalten zeigen, dass im positiven Sinne auffällig ist. Sie müssen sich vom Gros der Besuchswilligen abheben, um von den Mitarbeiterinnen als „würdig“ angesehen zu werden, die nächste Stufe des Privilegiensystems zu erreichen. Im weiteren Verlauf der Studie wird gezeigt werden, dass es sich bei den Männern, die am Alltag in der Einrichtung teilhaben dürfen, die also entsprechend hohe Privilegien erhalten, um Einzelfälle handelt, die sich durch einen geringen Hilfebedarf durch Soziale Arbeit auszeichnen. Die Hausregeln der Einrichtungen sind demnach im überwiegenden Teil der Einrichtungen nicht dazu geeignet, ein Großteil der Kindsväter und Partner in den Alltag einzubeziehen. 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 217 Neben den oben genannten Normen gilt im Wohnheim Sankt Benedikt die Regel für besuchswillige Männer, dem Personal gegenüber freundlich zu sein, andernfalls können Besucher das Recht auf Teilhabe am Alltag verlieren. „Frau Sommer: […] Sie müssen einen freundlichen Umgangston den (…) Kollegen gegen- über wahren. Also so ein paar Basics müssen einfach hier gegeben sein, sonst läuft das hier nicht, weil hier sind viele Menschen, die hier gemeinsam wohnen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 13). Was genau unter einem freundlichen Umgangston zu verstehen ist, bleibt vage. Im goffmanschen Sinn kann die Verpflichtung zum freundlichen Umgangston im Zusammenhang mit dem Aufnahmeprozess als „Gehorsamstest“ verstanden werden: Ein Insasse, der sich dem Willen des Personals wiedersetze, würde unmittelbar bestraft (vgl. Goffman, 1981, S. 27). Privilegien und Strafen, die befördern sollen, keine Widerrede zu leisten, erfüllen die Funktion, dem Personal überhaupt die Organisation des Zusammenseins der durch die Anwesenheit der Kindsväter größer gewordenen Anzahl an Menschen im Haus zu ermöglichen. Ein unbotmäßiges Verhalten würde die Grenzen der Handlungsfähigkeit des Personals überschreiten. Einen Hinweis darauf, dass der freundliche Umgangston nicht als reziproke Norm im umgekehrten Fall zu verstehen ist, also dass keine Veranlassung des Personals dafür gesehen wird, einen freundlichen Umgangston mit den besuchswilligen Männern zu pflegen, könnte in dem Umstand gesehen werden, dass im verschriftlichten Dokument der Hausordnung mit mehreren Ausrufezeichen gearbeitet wird. Die Hausregeln schreien den Leser quasi stellvertretend für das Personal an. Im goffmanschen Sinn könnte die Norm zum stets freundlichen Umgangston gegenüber dem Personal zudem als Verpflichtung zur „Ehrfurchtsbezeugung“ verstanden werden. Zu den Besonderheiten totaler Institutionen zählt Goffman, dass der Stab vom Insassen eine spezielle Form von Ehrfurchtsbezeugungen im Alltag einfordert, sowohl Handlungen als auch Bekundungen von Gefühlen. In der bürgerlichen Gesellschaft seien zwar solche Ehrfurchtsbekundungen auch üblich, sie würden aber nicht formell geregelt und bei Unterlassung bestraft (vgl. Goffman, 1981, S. 114–116). Zurück zum Privilegiensystem des „Wohnheim Sankt Benedikt“: Erreichen sie die zweite Stufe, können die Männer der Hausordnung zufolge täglich zwischen 13:00 Uhr und 21:30 Uhr die Mutter/Schwangere in der Einrichtung besuchen. Am Wochenende gelten erweiterte Besuchszeiten, die individuell vereinbart werden. „Interviewerin: Und die Männer können sozusagen dann ab 13 Uhr besuchen? Frau Sommer: Mhm (bejahend). Frau Fuchs: Genau. Interviewerin: Und am Wochenende nach Absprache? Frau Sommer: Genau. Es sei denn, sie haben diesen Dauergaststatus, dann können sie natürlich immer kommen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 74–78). Nicht in der schriftlichen Version der Hausordnung ist vermerkt, dass Kindsväter eine Stunde mehr Besuchsrecht am Tag erwirken können als andere besuchswillige Personen: „Frau Fuchs: […] wir bieten dann doch den Vätern an, eine Stunde früher zu kommen als der reguläre Besuch. Das ist uns auch wichtig, dass die/ Also, die haben die Möglichkeit, 8 Empirische Ergebnisse 218 eine Stunde früher zu kommen als jetzt die Oma“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 74–79). Dies ist einer der wenigen Aspekte des Privilegiensystems, der sich zumindest im weiteren Sinne an einer Norm orientiert, die außerhalb der Einrichtung gilt, nämlich der Norm, dass Kindsväter grundsätzlich mehr Rechte im Hinblick auf das Kind haben als weiter entfernte Verwandte oder andere Menschen, die nicht zur Familie gehören. Allerdings beschränken sich die Rechte des Vaters am Kind innerhalb der Einrichtung auf einen Bruchteil dessen, was ihm außerhalb der Einrichtung zustünde. Die dritte Stufe des Privilegiensystems des Wohnheims Sankt Benedikt ist die sogenannte Übernachtungsregelung. Erreichen Kindsväter oder Partner diesen Status, dürfen sie dreimal pro Woche in der Einrichtung übernachten. Dazu müssen sie die Prozedur der Sechs-Wochen-Regel durchhalten: Die Partnerschaft muss mindestens sechs Wochen bestehen, bevor die Männer übernachten dürfen: „Frau Fuchs: Wir haben auch noch die Regel, dass wenn eine neue Partnerschaft geschlossen wird, dass sechs Wochen mindestens die Partnerschaft schon […] bestehen muss, […] bevor der junge Mann dann hier übernachten darf. Einfach nur weil (…) die sind ja in der Pubertät. Frau Sommer: Oft und viele wechselnde Partner. Und dass nicht hier ein ständiges Kommen und Gehen/ Frau Fuchs: Kommen und Gehen ist. Also die muss schon ein bisschen gefestigt sein, die Partnerschaft, damit wir dann sagen können, jetzt, nach sechs Wochen, es ist in Ordnung. Damit wir auch genug Zeit haben, den jungen Mann ordentlich kennenzulernen. Und dass er hier das Gruppengeschehen kennenlernen kann“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 16–20). Die Problematik, die sich aus dieser Regelung ergibt, wurde bereits in Abschnitt 8.1.1 der vorliegenden Studie diskutiert: Die Regelung kann zu institutionell verursachten Trennungen führen. Außerdem schreiben die Hausregeln vor, dass Frauen mit der Pille, der Drei-Monats-Spritze oder der Spirale verhüten müssen, bevor der Mann in der Einrichtung übernachten darf: „Frau Fuchs: Das ist auch Bedingung (…) für die Übernachtung des jungen Mannes: Verhütungsfrage ist geklärt. Also entweder Pille oder Drei-Monats-Spritze oder Spirale. Vorher darf der junge Mann auch nicht hier schlafen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 88). Die Regelung beschneidet das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung weit über das Maß hinaus, das außerhalb der Einrichtung als rechtens gilt (vgl. Abschnitt 3 der vorliegenden Studie). Auf die Gründe, warum das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen eingeschränkt wird, soll im weiteren Verlauf der vorliegenden Studie detaillierter eingegangen werden. Die Hausregeln schreiben weiter vor, dass Männer vor ihrer Übernachtung einen negativen Drogentest vorlegen können müssen: „Frau Sommer: Die müssen also alle einen Drogentest machen. Wer sich weigert, den zu machen, hat damit kein (…) Recht, hier zu sein. Das sind so unsere Grundvoraussetzungen. Die Männer müssen sich hier an die Regeln halten“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 8). 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 219 Der Partner muss also einen Drogentest vor der Aufnahme in die Einrichtung machen. Goffman hält es für einen depersonalisierenden Akt, wenn bei der Aufnahme Fakten, besonders die diskreditierenden über den sozialen Status und die Vergangenheit des Insassen, gesammelt und dem Personal in einem Dossier zusammengestellt werden (vgl. Goffman, 1981, S. 33). Der Drogentest kann als ein solcher depersonalisierender Akt gesehen werden. Daneben schreibt die Hausordnung vor, dass vor der Übernachtung der Name, die Adresse und andere Daten im Hinblick auf den Mann aufgenommen werden. Nach Goffman könnte dies als „Aufnahmeprozedur“ gesehen werden. Durch institutionalisierte Aufnahmeprozeduren werde der „Neuankömmling zu einem Objekt […] [geformt], das in die Verwaltungsmaschinerie der Anstalt eingefüttert und reibungslos durch Routinemaßnahmen gehandhabt werden kann“ (Goffman, 1981, S. 27). Die entsprechenden Prozeduren beruhen nach Goffman auf Attributen, wie dem Fingerabdruck oder dem Gewicht, die alle Menschen aufweisen. Durch die Reduktion des Individuums auf diese Aspekte wirken Aufnahmeprozeduren auf die Betroffenen depersonalisierend (vgl. Goffman, 1981, S. 27). Die Männer werden also durch die Hausregeln auf eigentümliche Weise gleichzeitig einerseits in das Privilegiensystem, also auch in einem bestimmten Umfang in den Alltag in den Einrichtungen, integriert, andererseits erfolgt das Einbinden in einem derart eingeschränkten Umfang im Vergleich zu den Möglichkeiten, die sie außerhalb der Einrichtung hätten, um am Familienalltag teilzuhaben, dass sie faktisch außen vor bleiben. Der soziale Verkehr der Insassinnen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen ist also trotz der Möglichkeit einzelner Klientinnen und ihrer Partner, ein relativ hohes Maß an Privilegien zu erlangen, grundsätzlich stark eingeschränkt. Und der soziale Verkehr wird kontrolliert: In den Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, in denen im Rahmen der vorliegenden Studie Befragungen durchgeführt wurden, gibt es zwar keine Pförtner mehr, wie noch in alten Zeiten üblich (vgl. Abschnitt 5 der vorliegenden Studie), die Überwachung des sozialen Verkehrs erfolgt aber dennoch. Im Wohnheim Sankt Benedikt müssen sich die Besucher bei den Mitarbeiterinnen an- und abmelden. Dieser Verhaltenskodex gilt auch als Regel, die beachtet werden muss, um an Privilegien im System zu gelangen. „Frau Sommer: […] Die Männer müssen sich – genauso wie die Frauen auch – immer bei uns an- und abmelden. Das hat einfach den Hintergrund, dass wir aus Brandschutzgründen immer wissen müssen, wer alles im Haus ist“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 13). Die Kontrolle des sozialen Verkehrs wird in diesem Fall von Frau Sommer mit der Verpflichtung, Maßnahmen zum Brandschutz umzusetzen, rationalisiert. Von einer weiteren Ausnahmeregelung, die sich nicht in der verschriftlichten Hausordnung wiederfindet, berichten die befragten Mitarbeiterinnen des Wohnheims Sankt Benedikt: „Frau Sommer: Genau. Also wir haben auch die Regel, dass […] zwei Wochen vor der Entbindung und sechs Wochen/? Frau Fuchs: Zwei Wochen nach Entbindung, aber das dann individuell noch mal abzusprechen. […] Zwei Wochen vor der Geburt, die junge Mutter braucht einfach ganz viel Unterstützung und zwei Wochen nach der Geburt auch natürlich dann erst recht noch mehr 8 Empirische Ergebnisse 220 Unterstützung. Und das ist aber auch individuell jetzt abzuwägen: Braucht die junge Mutter vielleicht vier Wochen nach der Entbindung noch Unterstützung? Kann der junge Mann das leisten? Kann er hier noch zwei Wochen länger? Also da gucken wir immer individuell. Aber die allgemeine Regelung ist zwei Wochen vor und zwei Wochen nach der Entbindung dürfen die mit hier einziehen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 30–33). Im Vergleich mit den anderen Einrichtungen, in denen im Rahmen der vorliegenden Studie Befragungen durchgeführt wurden, ist das Privileg für Männer, vor und nach dem Geburtstermin des Kindes mit in die Einrichtung einziehen zu dürfen, besonders. Keine andere Einrichtung räumt eine solch umfangreiche Lockerung der Besuchsbeschränkungen ein. Allerdings ist auch in diesem Fall davon auszugehen, dass das Erlangen dieses Privilegs vom Wohlwollen der Mitarbeiterinnen abhängig ist. Die vierte Stufe des Privilegiensystems wird „Dauergaststatus“ genannt. Erreichen Kindsväter und Partner letzteren, dürfen sie mit in die Einrichtung einziehen: „Frau Fuchs: […] Ich glaube, vielleicht noch mal zu betonen vorweg ist, dass die Väter hier auch oder die Partner die Möglichkeit haben, auch komplett einzuziehen. Das nennt sich Dauergaststatus. Das ist abgesegnet dann von der Erziehungsleitung. Und das heißt, die dürfen wirklich immer hier sein, immer hier übernachten. Und die Stufe davor ist die Übernachtungsregelung. Dann dürfen die Partner eigentlich dreimal die Woche hier übernachten. So, das ist so unsere Regel, die wir haben, weil wir es ganz wichtig erachten, dass die Väter und die Partner auch als Unterstützung für die junge Mutter sind, und (…) wir das ihnen auch anbieten möchten“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 3). Die Männer müssen sich an den Kosten für den Aufenthalt im Dauergaststatus beteiligen: Frau Sommer: […] Genauso müssen die einen ‚Betrag X‘ jeden Monat hier einzahlen, um sich an den Lebenserhaltungskosten zu beteiligen, weil es natürlich nicht geht, dass sie hier auf unsere Kosten sich durchfuttern und ein Dach über dem Kopf und eine Waschmaschine haben. Frau Fuchs: Genau. Das ist uns auch besonders wichtig, wenn die Väter hier sind oder die Partner, dass wir halt auch wirklich feststellen, dass er hier nicht auf Kosten der Mutter lebt und sich hier einen durchschnorrt, sondern dass wir wirklich darauf achten: Hat er selbst finanzielle Grundlagen? Und ist nicht angewiesen auf die finanzielle Sicherung der Mutter oder der Frau, die hier wohnt. Das ist uns auch sehr wichtig“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26–27). Der Dauergaststatus wird also nur solchen Männern zugesprochen, die den Beitrag zum Lebensunterhalt in der Einrichtung finanziell erbringen können. Männer, die von Armut betroffen sind und sich den Beitrag zu den Kosten des Aufenthalts in der Einrichtung nicht leisten können, werden womöglich vom Privileg des Dauergaststatus ausgeschlossen. „Frau Sommer: […] Und auch die Männer, die hier den Dauergaststatus haben, müssen immer einen gemeldeten Wohnsitz haben, damit wir die jederzeit hier entlassen können“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26). Damit Männer ohne Verwaltungsaufwand im Falle des Verstoßes gegen die Hausordnung oder bei Konflikten mit der Partnerin – aus Sicht des Personals „reibungslos“ – entlassen werden können, ohne dass das Personal sich vorwerfen lassen muss, einen 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 221 Mann in die Obdachlosigkeit zu schicken, ist eine weitere Regel, dass die Männer einen gemeldeten Wohnsitz haben müssen, um den Dauergaststatus zu erhalten. Durch die Regel werden wohnungslose Männer diskriminiert, denn sie können den Dauergaststatus im Vergleich zu anderen Männern nicht erreichen. Auffällig ist zudem, dass diese Regelung nicht in der schriftlichen Ausführung der Hausordnung vermerkt wurde. Es scheinen sich also neben den verschriftlichten Kriterien, die das Privilegiensystem formen, noch weitere Regeln ausgebildet zu haben, die sich in der offiziellen Hausordnung nicht niederschlagen. Zudem stellt sich heraus, dass die Männer nur dann einen Dauergaststatus erlangen können, wenn ihre Freundin in einem sogenannten Verselbstständigungsapartment wohnt, also in einem bestimmten Teil des Hauses: „Frau Sommer: Also der Dauergaststatus tritt nur dann in Kraft, wenn die Frau in dem sogenannten ‚Verselbstständigungsapartment‘ wohnt. Das ist bei uns in {einem bestimmten Teil des Hauses}. Dort gibt es keine Gemeinschaftsräume mehr, sondern die Frauen und die Männer bewohnen dann in der Regel zwei Zimmer mit einer eigenen Küche und einem eigenen Bad. Und die Männer dürfen sich da aufhalten“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 10). Beim Dauergaststatus handelt es sich also um ein Privileg, das nur auf einer bestimmten Station erworben werden kann, nämlich dort, wo größere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Da nur eine bestimmte Anzahl dieser Verselbstständigungsapartments zur Verfügung steht, können also theoretisch gar nicht alle Kindsväter und Partner den Status erreichen. Das Privileg ist also nur scheinbar ausschließlich an das Verhalten des Kindsvaters gekoppelt. Goffman zufolge kann diese scheinbare Verknüpfung an individuelles Verhalten als eine Methode zum Aufbau sozialer Kontrolle verstanden werden: Um alle Insassen dazu zu bringen, sich selbst so zu verhalten, dass sie leicht zu steuern sind, wird sowohl das erwünschte als auch das unerwünschte Betragen als etwas definiert, das dem persönlichen Willen und Charakter des Einzelnen entspringt und wofür er selbst verantwortlich ist (vgl. Goffman, 1981, S. 89). Es wird ein Verhaltensmodell propagiert, an dem sich der Insasse orientieren soll und das vom Personal gefördert wird – ein Modell, von dem angenommen wird, dass es sich positiv auf die Personen auswirkt, von denen gefordert wird, es an den Tag zu legen (vgl. Goffman, 1981, S. 68). Das Verhalten des Insassen werde somit in moralische Termini übersetzt, die mit der anerkannten Perspektive der Anstalt übereinstimmen (vgl. Goffman, 1981, S. 89). Haben sie bereits Privilegien erhalten, dürfen männliche Gäste sich nur in den Räumlichkeiten aufhalten, die der jeweiligen Klientin, mit der sie eine Partnerschaft führen, zur alleinigen Nutzung zur Verfügung stehen. Sie dürfen sich innerhalb der Einrichtung nicht frei bewegen, auch nicht, wenn sie einen Dauergaststatus innehaben. Die Hausordnung und das Privilegiensystem der Einrichtung sehen also für Männer nur einen eingeschränkten Zugang zu ihren Partnerinnen und zum Kind vor. Die Privilegien, die den Zugang der Männer im Alltag ermöglichen, müssen durch angepasstes Verhalten des Mannes und der Klientin erworben werden. Das Privilegiensystem diskriminiert besonders arme, drogen- bzw. alkoholabhängige und obdachlose Männer. Der Frage, was die Gründe dafür sein könnten, dass gerade diese Klientel 8 Empirische Ergebnisse 222 vom Alltag in den Einrichtungen ausgeschlossen wird, soll in einem anderen Abschnitt der vorliegenden Studie nachgegangen werden. Ausübung spezieller Tätigkeiten im Inneren, die Weiblichkeit formieren Im Interview mit den Mitarbeiterinnen wird deutlich, dass der Alltag der Klientinnen im Wohnheim Sankt Benedikt – wie auch in anderen Einrichtungen – in erheblichem Umfang durch Programme und Maßnahmen durchstrukturiert wird. Die Mütter nehmen an verschiedenen Kursen und Angeboten teil, wobei davon auszugehen ist, dass die Teilnahme nicht in jedem Fall freiwillig erfolgt. Die Privilegien, Männerbesuch zu empfangen, sind von der Teilnahme an dem sogenannten „Wochenstrukturplan“ abhängig. Die Angebote reichen von „Babyfrühstück“, über „Babymassage“, „Projekten“, „Baby on Tour“, „Rückbildungsgymnastik“ über eine „Theater-AG“, „Gruppenabende“, dem „Heimrat“ bis hin zu „Haushaltstagen“, „Einkauf “, „Gruppenputzen“, „Gruppenkochen“. Von den befragten Mitarbeiterinnen wird rationalisiert, dass die Angebote dazu dienen sollen, eine Mutter-Kind-Bindung aufzubauen und die Selbstständigkeit der Bewohnerinnen pädagogisch zu fördern, doch wie bereits dargelegt wird es sich zum Teil hierbei um Termine handeln, die sich aus der Struktur der Einrichtung selbst ergeben, also die eigentlich zur Aufrechterhaltung der Verwaltungsstruktur der Heime notwendig sind. Die Programme erfüllen damit eine Doppelfunktion. Während der Zeiten, an denen die Mütter an den Maßnahmen teilnehmen (müssen), müssen die Männer die Einrichtung verlassen. In die oben genannten pädagogischen Angebote werden Männer nicht einbezogen. Auch wenn der Mann im Wohnheim Sankt Benedikt einen Dauergaststatus erhält, sieht das Personal ihn in der Regel nicht als Klienten an: „Frau Sommer: Aber in der Regel ist es so, dass wir keinen pädagogischen Auftrag für die Männer übernehmen. Also, das hatten wir – glaube ich – nur ein- oder zweimal, wo wirklich das Jugendamt mit Maßnahmen oder Finanzierung hier auch Männer untergebracht hat. Aber in der Regel haben sie wirklich diesen Gaststatus. […] mit dem Mann im Einzelnen arbeiten wir nicht. Immer nur im Kontext mit Freundin und Familie“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26). Das Gesagte deutet darauf hin, dass die Integration des Mannes in den Hilfeprozess auch deshalb beschränkt bleibt, weil das Jugendamt weder eine solche Integration anordnet noch finanziert. Auf diesen Aspekt soll an späterer Stelle im Rahmen der vorliegenden Untersuchung genauer eingegangen werden. Die Beschränkung der Möglichkeiten führt dazu, dass die Integration des Mannes in den Alltag immer vor dem Hintergrund der Funktionalität seiner Teilhabe für die Ausbildung von Fähigkeiten der Mutter bzw. des Kindes gesehen werden muss. Eine Förderung des Mannes um seiner selbst willen kann im Rahmen der derzeitigen Gesetzeslage nicht beabsichtigt werden, solange der Mann nicht als alleinerziehender Vater ohne Partnerin in der Einrichtung aufgenommen wird. In der Regel wird der Mann also nicht an dem Programm der Einrichtung teilhaben. Manchen Paaren allerdings wird das Angebot einer Paarberatung innerhalb der Einrichtung offeriert: 8.3.5 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 223 „Frau Fuchs: Genau. Dann haben wir ja noch diese Paarberatung. Wir haben eine Kollegin, die ausgebildet ist in Paartherapie. Und die bietet {an einem Nachmittag in der Woche} Paartherapie an. Da schauen wir halt. Dann besprechen wir im Team: ‚Ich habe da so zwei. Die könnten vielleicht mal.‘ Und dann sprechen wir das mit der Kollegin ab und mit den beiden jungen Leuten, ob das für sie in Ordnung ist, ob die vielleicht mal in die Paartherapie gehen. Es findet schon regelmäßig statt eigentlich. Frau Sommer: Und ist auch sehr gefragt. Frau Fuchs: Und ist auch wirklich gefragt, ne. Frau Sommer: Und was dort besprochen wird, wird auch nicht ans Team transportiert. Das bleibt bei der Kollegin. Man weiß, da/ Also es ist ein ganz vertrauensvoller Rahmen. Da dringt auch nichts nach außen. Es ist so, wo die sich öffnen können, und das nehmen die gern in Anspruch“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 66–69). An diesem Angebot können auch Männer teilnehmen, wenn die Mitarbeiterinnen das Paar in Teamsitzungen für die Teilhabe vorschlagen. Ob ein Vater das Privileg erhält, an der Paartherapie teilhaben zu können, ist also wieder vom Wohlwollen des Personals abhängig. Es kann zudem davon ausgegangen werden, dass seine Teilhabe nicht deshalb ermöglicht wird, weil anerkannt wird, dass dem Mann um seiner selbst willen Förderung zusteht, sondern dass seine Teilhabe allein deshalb in Betracht gezogen wird, um die Entwicklung der Mutter und des Kindes voranzubringen. Die Paartherapie ist also frauen- und kinderzentriert, auch wenn der Mann daran teilhat. Er wird zwar aus funktionalistischen Gründen einbezogen, eine Anerkennung seiner individuellen Bedarfe aber unterbleibt weitgehend. Ein weiteres besonderes Ereignis, an dem auch Männer teilhaben können – zumindest wenn sie im Haus übernachten dürfen –, ist offenbar das gemeinsame Frühstück am Wochenende: „Frau Sommer: […] Und die Männer dürfen sich da [in den Räumlichkeiten der Mütter] aufhalten und am Wochenende in der Gemeinschaftsküche beim Frühstück. Interviewerin: Da dürfen die dann mit frühstücken. Frau Fuchs: Genau. Samstags und sonntags ist das Angebot auch für die Männer“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 10–12). Zu dieser Ausnahmegelegenheit dürfen die Männer sich in der Gemeinschaftsküche aufhalten. In anderen Fällen sind ihnen – wie bereits erwähnt – die Gemeinschaftsräume untersagt. Die Anwesenheit von Männern im Alltag wird von den befragten Mitarbeiterinnen zum Teil als störend empfunden: „Frau Sommer: […] Es ist auch manchmal blöd für die anderen Frauen. Es sind oft intime Situationen, die wir hier schaffen, mit den Kindern. Und dann dort ein fremder Mann. Es bringt auch von der Stimmung her/ Es ist nicht immer günstig. Also, man muss auch/ Frau Fuchs: Muss man abwägen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 60– 61). Die Mitarbeiterinnen sehen die Angebote als Maßnahmen, in denen Frauen ein Schutzraum angeboten werden soll, der es ihnen ermöglicht, intime Fragen zu besprechen. Interessant ist allerdings, dass von den Mitarbeiterinnen nur der Mann als störender Mitwisser diskutiert wird. Der Zwang, im Beisein der übrigen Klientinnen, die ja auch zunächst Fremde sind, intime Fragen besprechen zu müssen, wird von den 8 Empirische Ergebnisse 224 Befragten nicht als kritisch betrachtet. Die oben zitierte Aussage kann auch als Hinweis darauf gewertet werden, dass das Engagement eines Vaters den reibungslosen Ablauf des Tagesplans stören kann und deshalb von den Mitarbeiterinnen abgewertet wird. Auch in anderen Interviews zeigt sich, dass das Engagement eines Mannes von den Fachkräften als lästig empfunden werden kann, wenn es über das Maß hinausgeht, welches in den Zeitplänen der Einrichtungen vorgesehen ist: „Frau Lehmann: […] Die einen sagen: ‚Ich habe ja nix damit zu tun, wenn du hier hinziehst.‘ Ne? So. Der andere, der steht – das ist mal das andere Extrem – der steht hier ständig vor der Tür und pocht sein Recht ein. So ungefähr, ich plakatiere das jetzt mal so“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). In einem anderen Interview stellt sich heraus, dass es von Mitarbeiterinnen in Einrichtungen möglicherweise begrüßt wird, wenn sich die Klientinnen mit ihren Partnern außerhalb der Einrichtung treffen, also gar nicht erst in die Einrichtungen kommen: „Frau Lehmann: […] Aber die können sich ja auch außerhalb treffen. Also treffen können die sich“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Die ehemalige Praktikantin einer Mutter-Kind-Einrichtung, Frau Schneider, beschreibt die Haltung des pädagogischen Personals wie folgt: „Frau Schneider: […] Aber eigentlich war keiner der Männer gern gesehen. Also es gab nicht einen Vater oder einen Mann, wo die anderen Kolleginnen damals gesagt hätten oder freundlich gewesen wären oder wohl gesonnen gewesen wären. Ja. Das war eigentlich alles sehr kritisch betrachtet. […] Irgendwie, das wurde nicht gefördert irgendwie so nach dem Motto: ‚Wir versuchen, die jetzt in der Familie zu erhalten.‘ Sondern so war eigentlich klar: ‚Die sind jetzt hier getrennt. Und so bleibt das auch. Und das ist auch besser so.‘“ (Interview mit Frau Schneider, Abs. 18). Die Ergebnisse der Befragung legen die Annahme nahe, dass das pädagogische Personal im Wesentlichen sein Aufgabengebiet in Bezug auf die Männer darin sieht, dafür zu sorgen, dass diese ein bestimmtes Maß an Engagement zeigen. Auf diesen Aspekt soll im nächsten Abschnitt genauer eingegangen werden. In welchem Umfang die Männer Umgangsrecht mit dem Kind außerhalb der Einrichtungen zusteht, bleibt bei der Ausgestaltung des überwiegenden Teils der Hausordnungen und auch innerhalb der Privilegien- und Strafsysteme weitgehend unbeachtet. Das Engagement der Fachkräfte für Männer beschränkt sich – wenn es in den Blick genommen wird – überwiegend darauf, die Vereinbarung und Durchführung der Besuchskontakte zum Kind zu unterstützen bzw. die Mütter dazu zu motivieren, den Männern den Zugang zum Kind nicht zu verwehren. Eine Einbindung der Männer bei den pädagogischen Angeboten in der Einrichtung wird in den seltensten Fällen forciert. Die Hausordnungen, Privilegiensysteme und Angebote für Männer im Überblick Im für die vorliegende Studie erhobenen empirischen Material zeigt sich, dass (soziale) Väter überwiegend durch spezielle Regeln für besuchswillige Männer vom Alltag in 8.3.6 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 225 den Wohnformen ausgeschlossen werden. In fast allen Einrichtungen existieren Einschränkungen für Besuch und Übernachtung. Besuchsmöglichkeiten werden Männern der Hausordnung zufolge überwiegend ausschließlich zu bestimmten Zeiten am Tag, meist in den Abendstunden, eingeräumt. Übernachtungen sind – wenn überhaupt – vielfach lediglich an Wochenenden, in manchen Fällen nur in einem speziellen Besuchszimmer erlaubt oder gänzlich verboten. Alkoholisierte Männer, solche, die Drogen nehmen, straffällig werden oder mit den Mitbewohnerinnen ihrer Partnerin in der Einrichtung fremdgehen, erhalten überwiegend Hausverbot. Die Hausordnungen werden durch Privilegien- und Strafsysteme ergänzt, mit denen die Besuchszeiten im Einzelfall unabhängig von den in den Hausordnungen festgelegten Zeiten geregelt werden. Der Verein „Familienhilfen“ nimmt im Hinblick auf die Möglichkeiten des Einbindens von Männern in den Alltag – wie bereits erwähnt – eine Sonderstellung ein. Deshalb wird er in der folgenden Darstellung zunächst nicht berücksichtigt. Zur Übernachtungsregelung: In vier Einrichtungen, über die Informationen ermittelt werden konnten, ist eine Übernachtung der Männer im Zimmer der Mutter verboten (Mutter-Kind-Wohnen am Markt, Mutter-Kind-Gruppe Eva, Initiative MuVaKi, Jugendhilfe Heilige Elisabeth). In allen anderen Häusern ist die Erlaubnis zur Übernachtung an das Privilegiensystem geknüpft und im überwiegenden Teil der Einrichtung nur in bestimmten Stationen erlaubt. In zwei Einrichtungen (Flexible Hilfen GmbH, Diakonische Hilfe) haben derzeit alle besuchswilligen Männer das Privileg, zu übernachten, verloren. Faktisch herrscht also in diesen beiden Einrichtungen auch Übernachtungsverbot. Im Wohnheim Sankt Benedikt ist das Konzept darauf ausgelegt, die Übernachtung des Mannes auch auf Dauer zu ermöglichen, sofern das Paar das Privileg erhält. Im „Haus am Steinweg“ wird ein ähnliches System praktiziert – allerdings nur im „Betreuten Wohnen“ –, obwohl sich die Institution als Mutter-Kind-Einrichtung versteht, also die Aufnahme der Männer in der Einrichtung konzeptionell noch nicht vorgesehen ist. In den meisten der übrigen Einrichtungen dürfen Übernachtungen nur an Wochenenden und Feiertagen stattfinden, wenn sich die Klientinnen und deren Partner angepasst verhalten. In Ausnahmefällen werden bzw. wurden auch dort in Stationen, auf denen den Insassinnen mehr Privilegien zugesprochen werden, teilweise Kindsväter oder Partner untergebracht, so etwa im Verselbstständigungsapartment der Smile GbR und im Betreuten Wohnen der „Mutter/ Vater-Kind-Betreuung Biegelbach“. In der Einrichtung „Diakonische Hilfe“ wurde ein Partner zusätzlich zur Kindsmutter mit Kind in einem separaten Apartment untergebracht. Ein ähnliches Setting ist für eine Familie in der Einrichtung „Individuelle Sozialpädagogik e.V.“ geplant. 8 Empirische Ergebnisse 226 Überblick über die Hausregeln, Privilegien- und Strafsysteme der Einrichtungen Name des Trägers (anonymisiert) Besuchszeiten und Besuchsräume Hürden vor Besuchen Übernachtungsmöglichkeiten Hürden vor Übernachtung Wohnheim Sankt Benedikt 12:00– 21:30 Uhr, auf dem Zimmer der Mutter/ Schwangeren nach vorheriger „Bewährung“, kein Alkohol, keine Drogen, keine Gewalt, Anund Abmelden bei Betreuerinnen (vgl. Abschnitt 8.3.4) Übernachtungsregelung und Dauergaststatus (vgl. Abschnitt 8.3.4) erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer, Vorlage von negativen Drogentests, unbedenklichem polizeilichem Führungszeugnis, Verhütung durch Spirale oder Drei-Monats-Spritze, finanzielle Beteiligung des Vaters an Verhütung Mutter-Kind- Wohnen am Markt 14:00– 20:00 Uhr, auf dem Zimmer der Mutter/ Schwangeren Betreuerinnen schauen regelmäßig ins Zimmer Übernachtung verboten – Mutter-Kind- Gruppe Eva 14:00– 18:00/18:30 Uhr , dreimal pro Woche, am Wochenende länger nach vorheriger „Bewährung“ Übernachtung verboten – Flexible Hilfen GmbH nur außerhalb der Einrichtung Besuch nur au- ßerhalb der Einrichtung möglich derzeit Übernachtung verboten – Haus am Steinweg dreimal pro Woche, allerdings nur dann, wenn die Mutter im „Betreuten Wohnen“ lebt nach vorheriger „Bewährung“ (vgl. Abschnitt 8.1.1) nur dann, wenn die Mutter im „Betreuten Wohnen“ lebt erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer, Vorlage von unbedenklichem polizeilichem Führungszeugnis (vgl. Abschnitt 8.1.1) Tabelle 5. 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 227 Jugendhilfe Heilige Elisabeth wird individuell vereinbart nach vorheriger „Bewährung“ Übernachtung verboten, für Väter, die von weiterer Entfernung anreisen, wird ein separates Gästezimmer offeriert – Marienhäuser 13:00– 21:00 Uhr, am Wochenende 10:00– 22:00 Uhr, auf dem Zimmer der Mutter/ Schwangeren nach Vorlage von polizeilichem Führungszeugnis viermal pro Monat erst nach dreimonatiger Beziehungsdauer Diakonische Hilfe nach Vereinbarung, derzeit keine Erlaubnis (vgl. Abschnitt 8.3.1) nach vorheriger „Bewährung“ nach Vereinbarung, derzeit keine Erlaubnis (vgl. Abschnitt 8.3.1) – Mutter-Jesu- Haus Kindsväter: am Wochenende auf dem Zimmer der Mutter; neue Partner: zwischen 19:00– 21:00 Uhr au- ßerhalb der Einrichtung Kindsväter: nach vorheriger „Bewährung“; neue Partner: erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer + Bewährung von samstags auf sonntags Kindsväter: nach vorheriger „Bewährung“; neue Partner: erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer plus weiterer Zeit der Bewährung Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi 14:00– 22:00 Uhr an drei Tagen pro Woche, 10:00– 22:00 Uhr am Wochenende nach vorheriger „Bewährung“ nach Absprache mit den Betreuerinnen nach vorheriger „Bewährung“ Familienhilfen e.V. Es gelten die Regelungen, die auch außerhalb der Einrichtung anzuwenden sind (gemäß individuellem Sorgerecht, Umgangsrecht etc.). Vater/Partner kann mit einziehen (vgl. Abschnitt 8.7). 8 Empirische Ergebnisse 228 Josephswerk wird individuell vereinbart nach vorheriger „Bewährung“, Vorstellungsgespräch, Kopie des Ausweises, Hausregeln werden erläutert, bei Besuchen jeweils An- und Abmeldung bei Betreuerinnen vorgeschrieben 14-tägig von Freitag bis Sonntag schriftliche Vereinbarung gemeinsam mit Vertretung des Jugendamts, zusätzliches Übernachtungswochenende möglich, wenn Mutter durch angepasstes Verhalten sich einen „Joker“ erarbeitet Individuelle Sozialpädagogik e.V. 10:00– 23:00 Uhr, au- ßer donnerstags, im Zimmer der Mutter während der Mahlzeiten, ansonsten auch in Gruppenräumen bei Besuchen jeweils Anund Abmeldung bei Betreuerinnen vorgeschrieben, während des „Behandlungsprogramms“ muss Männerbesuch die Einrichtung verlassen zunächst einmal pro Monat eine Nacht am Wochenende nach Vorlage eines negativen Drogentests, erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer Initiative Mu- VaKi 14:00– 18:00 Uhr, maximal zweimal pro Woche, im Besuchszimmer, nicht auf dem Zimmer der Mutter Besuch muss angekündigt werden Übernachtung verboten – Smile GbR mit Besuchergutschein zunächst einmal pro Woche bis 22:00 Uhr, kann bis zu dreimal pro Woche ausgeweitet werden Mutter muss durch angepasstes Verhalten „Besucher- Gutscheine erarbeiten“, indem sie sich an Zeiten im Tagesablauf hält (vgl. Abschnitt 8.3.3) nur im Verselbstständigungsapartment Vorstellungsgespräch mit Betreuerinnen, Erläuterung der Hausregeln 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 229 Evangelische Jugendhilfe Singstadt 14:00– 22:00 Uhr unter der Woche Väter dürfen die Besuchszeiten nutzen, neue Partner erst nach vorheriger „Bewährung“ am Wochenende erst nach längerer Beziehungsdauer Mutter‑/Vater- Kind-Betreuung Biegelbach bis zu dreimal pro Woche nach vorheriger „Bewährung“ 14-tägig am Wochenende, unter der Woche nach Vereinbarung nach vorheriger „Bewährung“ Wirbelwind gGmbH an zwei Tagen unter der Woche erst nach vierwöchiger Beziehungsdauer und vorheriger „Bewährung“ teilweise am Wochenende von Freitag bis Sonntag in Absprache mit den anderen Bewohnerinnen, damit WG nicht „überfüllt“ ist Kinderheim Diegersmoor 14:00– 18:00 Uhr und 20:30– 22:00 Uhr wochentags, bis 23:00 Uhr am Wochenende nach vorheriger „Bewährung“ nur in Außenwohnungen, maximal dreimal pro Woche erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer, Vorlage von unbedenklichem polizeilichem Führungszeugnis Die Häufigkeit der gestatteten Übernachtungen für Männer mit entsprechenden Privilegien bzw. Strafen reicht von völligem Übernachtungsverbot bis zur Möglichkeit, mit in die Einrichtung einzuziehen. In manchen Fällen dürfen ausschließlich Kindsväter, nicht aber neue Partner von Bewohnerinnen übernachten. Die Übernachtung darf in den meisten Fällen in den Räumlichkeiten der Mutter stattfinden. In der Einrichtung „Jugendhilfe Heilige Elisabeth“ wurde ein separates Besucherzimmer für weit entfernt lebende Kindsväter, denen das Umgangsrecht mit ihrem Kind ermöglicht werden soll, eingerichtet. In manchen Häusern ist es üblich, in den ersten Wochen oder gar Monaten nach dem Einzug Übernachtungsbesuch innerhalb der Einrichtung und Übernachtungen der Klientin außerhalb bei ihrem Freund zu verbieten. Die überwiegend sechswöchige Frist startet von neuem, wenn die Frau einen neuen Partner kennengelernt hat. Nach dieser Phase müssen sich die Kindsväter und Partner häufig erst beim pädagogischen Betreuungspersonal „vorstellen“, bevor Übernachtungsbesuch gewährt wird. Bei diesen Vorstellungsterminen erläutert die Fachkraft üblicherweise die Hausordnung, nimmt die Personalien auf und kopiert den Personalausweis. Zum Teil wird die Vorlage eines negativen Drogentests oder polizeilichen Führungszeugnisses ohne Einträge verlangt. Mindestens vier Leistungserbringer fordern von allen potentiellen Besuchern die Teilnahme an einem Drogentest. Fällt der Test positiv aus, ist dies fast 8 Empirische Ergebnisse 230 überall ein Ausschlusskriterium für den Besuch. Nur in einer Einrichtung wird die Chance eingeräumt, bei weiteren Tests zu beweisen, dass der Wert zügig „nach unten geht gegen Null“. Die Drogentests müssen in mindestens einer Einrichtung von den Männern selbst bezahlt werden. Wenn diese keine Ergebnisse der Testung vorlegen (können), dürfen sie in manche Einrichtungen nicht zu Besuch kommen, in anderen wird der Fall individuell erneut geprüft. In einer Einrichtung werden zusätzlich unangekündigte Drogentests durchgeführt. Zum Teil wird von Männern die Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses verlangt, bevor sie ihre Partnerinnen besuchen. Für die Vorlage von Führungszeugnissen fallen Kosten an, die die Männer übernehmen müssen. Zeigt das Zeugnis an, dass der Mann straffällig geworden war, wird meist ein Hausverbot ausgesprochen. In vielen Interviews ist von Kindsvätern und Partnern die Rede, die Hausverbot haben oder hatten. Wenn Männer in den Alltag integriert werden, müssen sie sich gegen- über dem Personal freundlich verhalten und ihnen bestimmte Rituale zur Ehrerbietung erweisen. Von dem (jungen) Mann wird erwartet, sich darum zu bemühen, einen „guten Eindruck“ (Interview mit Frau Walter, Abs. 124) beim pädagogischen Personal zu hinterlassen. Teilweise wird von Männern Geld gefordert, um Verhütungsmittel anzuschaffen. Falls sie sich nicht an den Kosten beteiligen, dürfen sie zum Teil nicht in der Einrichtung übernachten. Da die Männer überwiegend bedürftig sind, können Regelungen, die Männern finanzielle Bürden beim Erlangen der Besuchserlaubnis auflasten, ihren Zugang zu ihren Partnerinnen und deren Kinder einschränken. An gemeinsamen Mahlzeiten dürfen Besucher meist nicht teilnehmen. Wenn dies doch erlaubt ist, müssen sich männliche Besucher oft an den Kosten für das Frühstück am Tag nach der Übernachtung beteiligen. Auch dabei kann eine weitere Hürde für die Teilhabe bedürftiger Männer am Alltag entstehen. Obwohl der Gesetzestext ausschließlich die Unterbringung Alleinerziehender oder Schwangerer vorsieht, ist bzw. war es in sechs Einrichtungen nach § 19 SGB VIII ausnahmsweise möglich, beide Elternteile mit Kind bzw. eine Mutter mit Kind und ihren Partner (übergangsweise) gemeinsam zu betreuen. In zwei weiteren gelang es, Mutter und Kind in dem einen Teil und den Kindsvater in einem anderen Teil desselben Hauses unterzubringen. An den (Bildungs-)Angeboten in den Einrichtungen dürfen Männer überwiegend nicht teilnehmen. Wenn die Klientinnen pädagogische Angebote im Haus oder Termine außerhalb wahrnehmen, muss der Besuch meist vorher gehen. In vier Einrichtungen wird einzelnen Männern mit entsprechenden Privilegien erlaubt, tagsüber an Paarberatungsgesprächen gemeinsam mit ihren Partnerinnen teilzunehmen (Wohnheim Sankt Benedikt, Evangelische Jugendhilfe Singstadt, Mutter‑/Vater-Kind- Betreuung Biegelbach, Haus am Steinweg). In der Evangelischen Jugendhilfe Singstadt wird ein Vater-Kind-Schwimmkurs pädagogisch begleitet. Im Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi dürfen die Kindsväter und Partner der Mütter, die bereits bestimmte Privilegien erworben haben, an einem Erste-Hilfe-Kurs für das Kind teilnehmen. Die aus der Einrichtung befragten Fachkräfte konstatieren, die (sozialen) Väter würden diese Angebote in der Einrichtung nur selten nutzen. Dies kann der Fall sein, 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 231 weil die Angebote – wie bei anderen Hilfen für Eltern oder Alleinerziehende – sich überwiegend an Frauen richten und von diesen wahrgenommen werden. Wenn männlichen Besuchern Zugang erlaubt wird, geben einige befragte Fachkräfte an, von diesen ein freundliches und kooperatives Verhalten zu erwarten. Erfüllen die Männer die Erwartungen nicht oder hält sich die Kindsmutter in der Einrichtung nicht an vereinbarte Verhaltensregeln, werden als Strafmaßnahme zum Teil Besuche verboten oder die Übernachtungserlaubnis eingeschränkt. Umgekehrt wird angepasstes Verhalten des besuchswilligen Mannes bzw. der Kindsmutter/Partnerin in manchen Fällen mit einer Erweiterung der Besuchs‑/Übernachtungserlaubnis belohnt. Über solche expliziten Straf‑/Privilegiensysteme werden in den Interviews mit Fachkräften aus der Smile GbR und dem Josephswerk berichtet. In allen anderen Einrichtungen – außer denen des „Familienhilfen e.V.“ – haben sich jedoch ähnliche Systeme herausgebildet, die halboffiziell praktiziert werden. Die befragten Fachkräfte benennen zahlreiche Beispiele, in denen der Kontakt zum Kindsvater bzw. Partner dem Kindeswohl abträglich gewesen sei und deshalb verhindert wurde. Von den Befragten in den Einrichtungen, in denen Männer in den Alltag eingebunden werden, wird über das Entstehen von Beziehungen zwischen Frauen und Männern berichtet, zum Teil von Affären zwischen einem Partner einer Bewohnerin und anderen Frauen. Es ergeben sich Konflikte, wenn die Männer mit den Mitbewohnerinnen ihrer Partnerin flirten oder Sex haben. In solchen Fällen wird der Mann häufig durch die Hausregeln vom Alltag ausgeschlossen. „Frau Sommer: Also, was es immer wieder gibt, dass Partner von Frauen hier mit anderen Frauen schlafen. Das taucht in Etappen immer wieder auf. Das hat dann die sofortige Entlassung hier zur Folge“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 22). Die Hausregeln und das damit in Zusammenhang stehende Privilegiensystem der Einrichtung sind im überwiegenden Teil der Einrichtungen nicht niedergeschrieben. Die befragten Mitarbeiterinnen geben an, es im Einzelfall bei „Kennenlerngesprächen“ zu vermitteln. Meist jedoch wird das Regelsystem im Einzelfall moduliert und erweitert. Problematisch daran ist, dass Mitarbeiterinnen damit die Macht besitzen, den Zugang eines besuchswilligen Mannes zu seiner Partnerin oder dem Kind im Alltag beliebig zu regulieren. Außerhalb der totalen Institution werden die Umgangsrechte von Vätern mit ihren Kindern, von männlichen Bezugspersonen mit Kindern und von Frauen mit ihren Partnern durch Gesetze geschützt. In der Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtung ist dies nicht der Fall. Die Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag können allein von dem Wohlwollen des pädagogischen Personals abhängen. In Einrichtungen, in denen keine 24-Stunden-Betreuung angeboten wird, kann die Einhaltung der Regelungen in Bezug auf Männer nicht permanent kontrolliert werden. Manche befragten Fachkräfte geben zu, die Kontrolle bewusst nicht so streng durchzuführen, wenn sie merken, dass eine Beziehung die (werdende) Mutter unterstützt. In diesen Fällen lassen sie den Partner häufiger als in der Regel üblich in der Einrichtung übernachten bzw. zu Besuch kommen: 8 Empirische Ergebnisse 232 „Frau Vogt: […] Also wir haben ja die Regel mit drei Nächten in der Woche. Das ist aber eigentlich mehr – Sie müssen gucken, wie Sie damit umgehen – imaginär, ja? Weil zu meiner pädagogischen Fähigkeit gehört auch, was ich nicht sehen will, lieber nicht zu sehen, ja? Weil ich nicht sagen will: ‚Oh, der ist schon drei Nächte da, ja? Eine vierte Nacht geht nicht.‘ Weil ich möchte, dass er da ist“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 155). Eine rechtliche Prüfung der Praxis in den meisten Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, die Männer überwiegend auszuschließen bzw. Ausnahmen auf der Ebene des pädagogischen Personals zu verhandeln, steht bisher aus. Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Klientinnen gegenüber dem Leistungserbringer beanspruchen dürfen, dass besuchswillige Personen – vor allem ihre Partner und die Kindsväter – den Zugang zu ihnen und ihren Kindern erhalten. Aus der Sicht des Leistungserbringers ist fraglich, ob und inwieweit er diesen Zugang kontrollieren und gegebenenfalls unterbinden darf, besonders wenn die Mütter und Schwangeren volljährig sind. Ferner muss geprüft werden, ob diese Regelungen mit den Rechten sorgeberechtigter Väter auf Umgang mit ihren Kindern vereinbar sind. Daneben ist ungeklärt, inwiefern diese Praxen dem Anrecht der Kinder entgegenstehen, mit ihren Bezugspersonen regelmä- ßigen Kontakt zu pflegen. Darüber hinaus ist das Recht der Bewohnerinnen auf sexuelle Selbstbestimmung wahrscheinlich durch die Regelungen massiv eingeschränkt. Erwähnenswert ist im Zusammenhang mit diesen Vorgehensweisen der lange Zeitraum, über welchen die Alleinerziehenden und Schwangeren betreut werden. Die Befragten berichten überwiegend von mehreren Jahren. Die Dauer des Aufenthalts der Klientel in den Einrichtungen spricht dafür, Männer in den Alltag einzubeziehen, weil Hilfen nach § 19 SGB VIII installiert werden, wenn die Kinder unter sechs Jahren und damit in der sensiblen Lebensphase für den Aufbau von Bindungen zu Bezugspersonen sind. Einige Fachkräfte berichtet davon, dass einzelne Männer ihre Partnerinnen finanziell ausnutzten: „Frau Schuster: […] Die [beiden Elternteile, RH] haben das geteilte Sorgerecht, weil er da Druck gemacht hat. […] Und er kann überhaupt nicht mit Geld umgehen. Wenn der Geld in der Hand hat, ist das in zwei Tagen weg. Und der Monat ist noch lange nicht vorbei. Und da versuche ich die Frauen auch zu schützen, sage/ Weil er dann sagt: ‚Mensch, du hast ja so viel Geld. Gib mir doch was!‘ Und so. Und ich sage: ‚Nein. Schieb immer mich vor. Ich gebe dir nicht mehr. Und fertig.‘ Weil wir natürlich schon versuchen mit den Frauen, auch was zu sparen. Besonders wenn sie Schulden haben, brauchen die ja auch eine Ansage: Wie geht es? Wie kann ich es machen? Aber sie kann es eigentlich, aber wird ja immer nur ausgenutzt, ne? Das habe ich in zwei Fällen, dass die die ganz schön melken. Und da muss man echt auch gut aufpassen. Die auch ausnutzen. Die merken auch: ‚Hier gibt es doch noch was.’ Ich meine, wir kriegen hier Spenden, ne? Und so weiter. Die profitieren natürlich schon sehr. Oder wir können Ausflüge machen mit reduziertem Eintritt und solche Sachen, ne? Ist klar. Wir bieten hier Kochen an. Dann müssen sie nichts bezahlen und so weiter. Ja. Tafel kommt zu uns und alles Mögliche. Aber, ja, da merke ich schon: Einerseits ist da ein bisschen Neid dabei und, dass die Frau stärker wird. Da hat jetzt hier dieser Partner – glaube ich – Angst. Dass die jetzt einfach so selbstbewusst wird auch durch die Therapie. Sie konnte sich jetzt von ihrer Mutter abgrenzen. Es geht ihr einfach gut. Die hat die Nummer jetzt gewechselt von ihrem Handy, sodass sie da einfach nicht 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 233 mehr belästigt wird. Und es funktioniert. Die hat {Therapie} und das tut ihr gut“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 50). „Frau Schuster: […] Dass er einfach sich jetzt da einklinken muss, vielleicht sich eine Arbeit suchen muss. Stabiles Einkommen hat, was durchhält, endlich mal was durchzieht. Sich um seinen Kram kümmert, um nicht wieder in Schulden zu fallen. Und das ist schon bei vielen auch Thema, ne? Wir haben jetzt zum Beispiel bei der einen Frau/ Die haben sich ja beide verschuldet zusammen. Und wir hätten, wollen das jetzt irgendwie teilen bei den Gläubigern. Da haben die sich überhaupt nicht darauf eingelassen. Er hält sich nicht an die Ratenzahlungen, sie schon. Und deswegen haben wir auch mal versucht zu sagen: ‚Okay, sie hat ihren Teil abgeglichen. Der Rest/‘ Das machen sie aber nicht, ne? Und so hängt die immer mit an diesem Packen, obwohl sie ihren Soll erfüllt und er nicht. Und das sind auch oft so auch Abhängigkeitsverhältnisse natürlich zwischen den Partnern dann da, ne? Das ist so/ So systemische Sachen einfach“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 88). Manchen Befragten zufolge setzten die Männer die Frauen unter Druck, Verantwortung für die Aufgaben der Männer zu übernehmen. Die Männer seien derart „unreif “, dass die Klientinnen das Gefühl hätten, nicht für ein Kind, sondern für zwei verantwortlich zu sein. Manche Befragten äußern die Vermutung, die Kindsväter und Partner fürchteten bei Aufnahme ihrer Partnerinnen, die Beziehung gehe während des Aufenthalts in der Einrichtung in die Brüche, weil die Frauen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt würden. Darüber hinaus könne bei den Männern Neid entstehen, wenn ihre Partnerinnen vom Leistungserbringer unterstützt würden und sie selbst nicht. Trotz der Tatsache, dass sich die Bedarfe und die Klientel in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder verändern und Männer – wenn auch nur in Einzelfällen – am Alltag in den Einrichtungen teilhaben möchten, werden Männern von den wenigsten Leistungserbringern bisher gezielt Hilfen für ihre speziellen Bedarfe offeriert. Absonderung von Männern aus dem Alltag Die in der vorliegenden Studie ermittelten Daten geben Hinweise darauf, dass die Strukturen innerhalb der einzelnen Einrichtungen dazu führen können, dass Männer von ihren Partnerinnen bzw. Kindern isoliert werden. Dies soll in den folgenden Abschnitten dargelegt werden. Beförderung von maternal gatekeeping durch spezielle Hausregeln Das Personal berichtet mehrfach von maternal gatekeeping. Einem Teil der befragen Mitarbeiterinnen zufolge wirkten nach Trennungen vornehmlich die Frauen darauf hin, dem Vater den Umgang mit dem Kind vollständig bzw. in ihrer Anwesenheit zu verwehren. „Frau Albrecht: […] Und für die ist dann auch Beziehung beendet. Dann ist da auch nicht so die Bereitschaft zu sagen: ‚Okay. Er darf mein Kind aber weiter sehen.‘ Also es ist schon schwierig bei den Kindsvätern, dass die Mütter da ein Einsehen haben, wenn die nicht mehr zusammen sind. Also das ist dann also, ja, für die Mütter jetzt, glaube ich, oft so: 8.4 8.4.1 8 Empirische Ergebnisse 234 ‚Die Beziehung ist beendet und da will ich jetzt auch nichts mehr mit dem zu tun haben.‘ Ob Kindsvater oder Freund, der irgendwie ein halbes Jahr Vater in Anführungszeichen war oder/ Interviewerin: Also dann/ Frau Albrecht: ‚Beendet ist beendet‘ ist – glaube ich – für die Mutter in der Regel. Also man kann das schon besprechen und dann ist da auch ein Einsehen. Aber es kommt dann auch ganz oft zu Konflikten“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 92–94). Ein Teil des pädagogischen Personals beklagt, es müsse ihre Klientinnen häufig motivieren, dem Kindsvater oder Partner den Umgang mit dem Kind zu gewähren bzw. Aufgaben in Bezug auf das Kind zu überlassen und ihn als Teil des Familiensystems zu betrachten. „Frau Roth: […] Und was bei uns auch ganz prägnant ist: Also die Mütter sollen oder dürfen nicht vor den Kindern schlecht über die Väter reden. Interviewerin: Also das ist so eine Regel sozusagen. Frau Roth: Ja. Das ist, das ist schon/ Da achten wir schon darauf und das ist uns wichtig. Ja. (…) Ja, wir hatten neulich die Situation, dass eine Mutter zum Beispiel das Kind so immer wieder/ Die wollte gerne, dass es ‚Mama‘ sagt. Und wo wir dann gesagt haben: ‚Es darf ja auch Papa sagen.‘ Und erst mal so: ‚Auf gar keinen Fall. Der kümmert sich gar nicht. Und Papa, mhm (verneinend). Das möchte ich nicht. Und dann soll er eben das selber beibringen.‘ Wo ich, wo wir dann immer wieder erklären: ‚Auch der Papa spielt im System eine Rolle, ne. Und irgendwann wird dein Kind fragen: Wer ist eigentlich mein Papa? Wo kommt mein Papa her? Und warum hat mein Papa sich nicht gekümmert?‘ Und vielleicht manchmal auch die Fragestellung: ‚Warum hast denn du dann nicht meinen Papa (…) motiviert oder ihm vielleicht auch deutlich gemacht, dass ich ihn sehen will?‘“ (Interview mit Frau Roth, Abs. 36–38). In einem Fall – so berichtet eine befragte Mitarbeiterin – musste ein Vater die Kooperation seiner Ex-Partnerin juristisch erstreiten. Erst als das Gericht der Kindsmutter mit einer empfindlichen Geldbuße oder Haft drohte, gab diese den Boykott der Besuchskontakte zwischen Vater und Kind auf. Daneben wird von Ausnahmen berichtet, bei denen es den Eltern von vornherein gelang, den Umgang mit dem Kind zu vereinbaren, obwohl sie getrennt leben. Es lässt sich folgern, dass die Klientinnen mehr Macht über den Zugang zum Kind als die Männer haben und diese auch nutzen. Manche pädagogischen Fachkräfte berichten, die Männer würden von ihren Partnerinnen „gescheucht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 107), müssten Dienste für die Mutter oder für die gesamte Wohngruppe erledigen. Manche Frauen würden mit ihren Partnern in der Beziehung schroff umgehen bzw. die Männer vor dem Kind in ein schlechtes Licht rücken. Manche Kindsväter und Partner seien weniger wortgewandt als die Frauen, sodass sie in der Kommunikation mit ihren Partnerinnen „überhört“ würden: „Frau Lehmann: […] er hat ja seine bestimmten individuellen Nöte auch, seine Schwierigkeiten mit Schule, Ausbildung und mit der Partnerin. Und er will das nun mal ganz anders. Er ist vielleicht nicht so wortgewandt. Und wenn die Frau daneben sitzt, das Mädchen, die – sage ich mal – redet und redet und er kommt gar nicht zu Wort und so weiter. Da sind ja diese (…) wirklich sehr unreflektierten und ungesteuerten, durch Aggressivität getönten Gespräche oft“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). 8.4 Absonderung von Männern aus dem Alltag 235 Von Seiten der Betreuerinnen werden mancherorts Hausordnungen aufgestellt, die maternal gatekeeping befördern. So ist es in Wohngruppen teilweise üblich, dass alle Bewohnerinnen der Gruppe gemeinsam aushandeln, in welchen Räumlichkeiten sich männliche Besucher aufhalten dürfen oder zu welchen Gelegenheiten sie eingeladen werden. In manchen Einrichtungen dürfen die Bewohnerinnen entscheiden, ob in der Gruppe ein alleinerziehender Vater aufgenommen wird oder nicht. In manchen Einrichtungen haben die (werdenden) Mütter von ihrem Vetorecht für ihren Wohnbereich Gebrauch gemacht, sodass grundsätzlich keine männlichen Klienten aufgenommen wurden. In eine andere Einrichtung wurde ein alleinerziehender Vater aufgenommen, nachdem die übrigen Bewohnerinnen der Aufnahme zustimmten. Diese Hausordnungen stehen den Rechten der Männer zum Teil entgegen. Ausschluss von Männern aus wichtigen Entscheidungsprozessen Weil die Männer häufig nicht am Alltag teilhaben, sprechen die Fachkräfte wenig mit ihnen. Sorgeberechtigte Väter müssen Informationen, die das Kind bzw. ihre Partnerin betreffen, überwiegend aktiv einholen. Von einzelnen befragten Fachkräften wird angedeutet, dass sie im Alltag keine Zeit finden, Kontakt zum sorgeberechtigten Vater aufzunehmen. Bei besonderen Vorfällen, etwa bei Unfällen oder Auszug der (Ex‑) Partnerin und des Kindes aus der Einrichtung, scheint bei manchen Befragten eine Unsicherheit zu bestehen, ob der Leistungserbringer oder der Leistungsträger den sorgeberechtigten Kindsvater darüber in Kenntnis setzt: „Frau Albrecht: […] Eigentlich wird die Einrichtung ja nur dafür bezahlt, um mit Mutter und Kind zu arbeiten. Und deswegen ist das dann auch immer so, ja, so eine Grauzone, inwieweit man jetzt mit den Vätern arbeitet und inwieweit die einbezogen werden. Aber da haben wir eigentlich einen ganz guten Mittelweg gefunden: Also alles, was die Mutter und das Kind betrifft, wo der Vater direkt dran beteiligt ist – also meinetwegen Mutter und Kind fahren ins Krankenhaus, weil irgendwas vorgefallen ist – dann wird der Vater kontaktiert. Oder wir haben auch: Familienberatung wird bei uns angeboten. Und da nehmen die Väter dran teil. Und es hört dann da auf, wo der Vater dann seine eigenen Belange irgendwie bei uns bearbeiten will. Also so Beratung zwischen Tür und Angel findet auch noch statt. ‚Ah, du musst irgendwie zum Arbeitsamt?‘ Oder: ‚Dann kannst du da und da hingehen. Die und die Öffnungszeiten.‘ Aber wenn es dann soweit geht, dass/ Also wir begleiten zum Beispiel keine Termine von den Vätern, die dann wirklich für die persönlich sind, oder wir kümmern uns nicht um deren berufliche Perspektive oder/ Sondern das findet dann im Gespräch mit der Mutter zusammen statt, wo man dann vielleicht mal darüber spricht: ‚Wenn ihr zusammenziehen wollt, dann wäre es gut, wenn/‘“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 4). „Frau Keller: […] {Wir} hatten jetzt einen Fall, {Streichung} wo eine junge Mutter ganz spontan entschieden hat: Sie geht jetzt. Heute. (…) Und sie lässt ihr Kind hier. {Sie ging noch} am selben Tag und hat das Kind hiergelassen. (…) Und da hat das Kind/ Also da ist es so, die Mutter hat keinen Kontakt zum Kindsvater, also beziehungsweise immer wieder mal, aber das ist jetzt nichts Stabiles. {In solchen Fällen werden die Kindsväter nicht informiert.} Oft haben die Kindsväter nämlich auch, also, gar kein halbes Sorgerecht. Somit sind sie nicht in der Verpflichtung. In dem Moment, wo die {Kindsväter die Hälfte des Sorgerechts} haben, (…) informiert das Jugendamt oder wir den Vater, wenn es irgendwas 8.4.2 8 Empirische Ergebnisse 236 Größeres ist. Wenn das Kind in das Krankenhaus muss zum Beispiel“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 179). An den Hilfeplangesprächen sind die Kindsväter – den meisten Befragten zufolge – selten beteiligt. Lediglich in wenigen Fällen geben die Befragten an, Wert darauf zu legen, dass die Kindsväter bzw. Partner zu Aufnahmegesprächen und Hilfeplangesprächen eingeladen werden. Da der Leistungsträger für die Einladung zu den Hilfeplangesprächen zuständig ist, sehen manche befragten Fachkräfte die Hinwirkung auf die Beteiligung der Männer nicht in ihrer Verantwortung. Formalrechtlich ist tatsächlich der Leistungsträger verantwortlich für die Einladung zu Hilfeplangesprächen. Er hat damit den größten Einfluss darauf, wer an der Entscheidung über den Ein- und Auszug der Klientel bzw. an der Zielformulierung für die Hilfe teilhat, allerdings sind die Leistungsträger auf Informationen der Leistungserbringer angewiesen, welche Bezugspersonen zu Hilfeplangesprächen eingeladen werden könnten. Vor dem Hintergrund dieser Einflussmöglichkeit können die Aussagen der befragten Fachkräfte als Verdrängen der Mitverantwortung des pädagogischen Personals für die Einladung von männlichen Bezugspersonen zu Hilfeplangesprächen gedeutet werden. Die Aussagen der Fachkräfte in den Interviews deuten darauf hin, dass gegenüber minderjährigen Vätern besondere Skepsis vorherrscht, weil besonders Minderjährigen nicht zugetraut wird, langfristig eine stabile Partnerschaft aufbauen zu können. Sowohl vom Leistungsträger als auch vom Leistungserbringer werden minderjährige Eltern mit Kindern in Einzelfällen nicht als Familie wahr- und ernstgenommen. Teilweise scheinen Leistungsträger minderjährige Kindsväter nicht zu Hilfeplangesprächen einzuladen, weil sie davon ausgehen, dass kein Interesse an einer Teilhabe besteht: „Interviewerin: (…) Wie war das denn so die Beziehung zum Jugendamt. Haben die auch mit den Kindsvätern gesprochen […]? Frau Schneider: […] ich glaube, das eher nicht, weil es keine festen Partnerschaften waren. Interviewerin: Die waren dann zu schnell wieder vorbei, oder? Frau Schneider: Mhm (bejahend). Also (…) vielleicht hat man das auch nicht, also entweder war es halt so oder man hat das wahrscheinlich auch nicht so wahrgenommen oder ernstgenommen, wenn ein Mädchen, das 15 Jahre alt ist, (…) mit ihrem Freund ein Kind gezeugt hat. Da glaubt man ja sowieso nicht dran, dass die jetzt (…) noch für immer zusammenbleiben“ (vgl. Interview mit Frau Schneider, Abs. 135–138). Der Ausschluss des rechtlichen Vaters mit Sorgerecht für das Kind von Hilfeplangesprächen ist rechtswidrig. Der Leistungserbringer verletzt also mit der Unterlassung der Einladung zu Hilfeplangesprächen Rechte der Kindsväter. Die Daten der Studie deuten darauf hin, dass minderjährige Väter in diesem Zusammenhang in besonderem Maße diskriminiert werden. Ausbildung von Stereotypien zwischen Personal und Männern Angesichts des Umstands, dass die Hilfen nach § 19 SGB VIII häufig nicht freiwillig in Anspruch genommen werden und innerhalb der Einrichtungen den Elternteilen 8.4.3 8.4 Absonderung von Männern aus dem Alltag 237 eine „Überwachung“ ihres Verhaltens mit Informationsweitergabe an das Jugendamt droht, verwundert es nicht, dass die Klientel und ihre Lebenspartner der Hilfe selbst, dem Leistungsträger sowie dem Leistungserbringer ablehnend gegenüberstehen. Zwischen Personal und Klientel bilden sich Stereotypien aus, ein Kennzeichen totaler Institutionen (vgl. Abschnitt 6.4.1). Die Praxis, die Inanspruchnahme der Hilfe nach § 19 SGB VIII zu erzwingen, und die negativen Folgen für das Vertrauensverhältnis zwischen Klientel und Personal in den Einrichtungen stehen im Zusammenhang mit den Möglichkeiten, die (sozialen) Väter in den Alltag einzubinden. Schon allein, weil die Frauen meist in einem Zwangskontext in eine Mutter-Kind-Einrichtung einziehen, sind deren Partner häufig den Institutionen und ihrer Vertretungen gegenüber negativ eingestellt. „Frau Albrecht: […] Aber, ja, dadurch, dass halt der Anfang schon so gemacht wird irgendwie, ne? Ja, dass es mehr so eine aufgedrückte Maßnahme ist. Es ist ja keiner wirklich gezwungen, bei uns zu leben. Unsere Türen sind auch offen. Da kann jeder kommen und gehen, wann er will. Aber also sie sind ja/ Also es ist ja jetzt nicht so, dass die Mütter das bei uns als Familienurlaub oder irgendwie so was sehen. Also es ist schon immer mit so einer – erst mal – negativen Grundhaltung, dass die Mütter zu uns kommen. Und da ist dann natürlich auch ganz viel Arbeit erst mal vorhanden, um da diese Vorurteile oder dieses negative Gefühl so ein bisschen zu bearbeiten. Und auch dann bei den Partnern, ne? Also ich meine: Kann ich ja auch verstehen, ne? Wenn dann da das Jugendamt kommt und sagt: ‚Naja, also du kannst jetzt mit deiner Frau und deinem Kind nicht mehr zusammenleben. Die müssen in eine Einrichtung und du darfst aber nicht mitziehen. Du darfst gerne zu Besuch kommen, aber du bist jetzt erst mal außen vor.‘ Kann ich auch verstehen, dass da dann der Vater da nicht freudestrahlend auf uns zu kommt und sagt: ‚Na, ihr seid ja toll oder nett.‘“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 136). Es gibt in den Interviews Hinweise darauf, dass manche Männer den Leistungserbringer bzw. das pädagogische Personal als Vertretung der Institutionen als „Feind“ ansehen: „Frau Richter: […] Und wichtig ist einfach, dass sie [die Kindsväter und Partner, RH] uns nicht als ihre Feinde sehen, sondern als Unterstützung. Dann haben alle gute Chancen, sich zu entwickeln. […] Wir sind ja für viele einfach die Feinde, obwohl wir ja (…) anleiten wollen, mehr nicht“ (Interview mit Frau Richter, Abs. 177 und 390). Einige Männer möchten ihre Partnerin in ihrem Vorhaben unterstützen, möglichst schnell wieder aus der Einrichtung auszuziehen, indem sie gegen die Interessen des pädagogischen Personals arbeiten. „Frau Frank: Also die sind oft nicht präsent. Ich glaube, das kann man so als Fazit/ Die Kindesväter sind in der Regel zum überwiegenden Teil nicht präsent. Frau Neumann: Die arbeiten auch nicht gut mit uns zusammen. Frau Frank: Ja. Frau Neumann: Eher im Gegenteil. Dass die die Frauen negativ beeinflussen halt oft, leider auch. Finde ich. Frau Frank: Zu ihren Gunsten halt. Frau Neumann: Zu ihren Gunsten, natürlich“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 354–359). 8 Empirische Ergebnisse 238 Eine große Gruppe der befragten Fachkräfte beklagt, die Kindsväter wollten sich nicht am familiären Alltag beteiligen. Viele Befragte sind davon überzeugt, die Männer seien an pädagogischen Angeboten zum Umgang mit dem Kind wenig interessiert. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise unterstellt, das Ablehnen von Angeboten geschehe aus Desinteresse. Selten wird angenommen, dass innerpsychische Konflikte des Mannes der Grund für seine Abwesenheit sind. „Frau Schuster: […] Aber ich sage immer, wenn man was von denen [den Männern, RH] fordert, kann das halt nach hinten losgehen. Dann tun sie sich wieder rausziehen, ne? Also da muss man schon ein bisschen eine gewisse Sensibilität einfach auch haben. Und die Frau muss es dann auch erkennen: ‚Was bedeutet das jetzt, wenn der jetzt einfach nicht mehr kommt oder will mir nicht mehr helfen? Oder hat er kein Interesse am Kind? Oder nervt ihn das System hier?‘“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 88). Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sprechen dafür, dass sich ein Teil der Kindsväter und neuen Partner von den überwiegend weiblichen Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen nicht akzeptiert fühlt. Neben den für Männer diskriminierenden Reglements kann auch das Fehlen von männlichen Mitarbeitern bei den (sozialen) Vätern zu dem Eindruck führen, sich in einer „Frauendomäne“ zu befinden, ein Exot zu sein und als solcher Ablehnung erwarten zu können. Dieser Eindruck kann bei den Männern auch dadurch entstehen, da Teilhaberechte von Männern am Alltag in den Mutter-Kind-Einrichtungen überwiegend durch Frauen reguliert werden. Gerade bei geschlechterrollenspezifischen Konflikten können Männer gehemmt sein, von den überwiegend weiblichen Pädagoginnen Unterstützung einzufordern. Dieser Zusammenhang könnte ein Grund für die geringe Nutzung der Hilfen durch Männer sein. Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern Fehlen einer rechtlichen Grundlage für die Unterbringung beider Eltern mit Kind Die meisten befragten Fachkräfte geben an, die Männer in den Alltag einbeziehen zu wollen, um auf die Zeit nach dem Aufenthalt in der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung vorzubereiten und die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Ausgang der Hilfe zu erhöhen. Den Kontakt zu männlichen Bezugspersonen sowie die Möglichkeit, den eigenen Vater kennenzulernen, halten die Befragten im Sinne der Kinder für wichtig. Auch im Hinblick auf den Wunsch, nach dem Auszug aus der Einrichtung ein gemeinsames Leben führen zu wollen, hält das Personal die Einbindung der Männer eigentlich für notwendig, um das gemeinsame Leben in der Einrichtung üben zu können. Die Kindsväter rücken nach Angaben der Interviewten also zunehmend in den Blick im Hilfeprozess: „Herr Berger: […] Es entsteht jetzt gerade in den letzten Jahren so ein Umdenken. Ich würde jetzt behaupten, dass man vor ein paar Jahren noch, bevor man/ Wenn es nicht möglich gewesen ist, die Mutter mit dem Kind unterzubringen, […] dass man eher zu einer Fremdunterbringung übergegangen wäre und gar nicht erst auf die Idee gekommen wäre, den Vater mal zu fragen: ‚Ist das was für Sie? Können Sie sich vorstellen, mit Ihrem 8.5 8.5.1 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 239 Kind in einer Einrichtung zu wohnen?‘ Dass man dann eher auf die Fremdunterbringung gegangen wäre. Und das ändert sich – glaube ich – gerade. Dass man realistisch anerkennt: ‚Mensch, es gibt noch einen zweiten Elternteil. […]‘“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 66). Allerdings ergäben sich Schwierigkeiten, weil die Einbindung der Männer im Regelfall nicht von den Leistungsträgern finanziert, sondern aus „Kulanz“ nebenbei in den Einrichtungen mit erledigt bzw. von den Kindsvätern und Partnern selbst getragen werden müsse: „Frau Horn: Nein. Also da gibt es keinerlei rechtliche Möglichkeit, das auch noch mit zu finanzieren. Das ist eine Kulanz. (…) Das ist eine Kulanz der Einrichtung, dass die Väter hier übernachten können. Und das ist (…) auch eine von uns im Prinzip, die auch unsere Haltung aber widerspiegelt, weil das ist eine Familie und die haben meistens auch den Plan, gemeinsam (…) auszuziehen. Also, oder die Väter haben schon eine Wohnung und/ Oder wie auch immer. Also auf jeden Fall ist ein Familienleben im Anschluss immer – nein, nicht immer – aber oft der Plan. Und von daher macht das ja Sinn, das vorher schon mit einzubeziehen und zumindest so weit wie möglich zu üben. Und (…) das ist dann wirklich (…), ja, ein zusätzliches Angebot. Das aber auf der anderen Seite nicht honoriert wird und nicht mitfinanziert werden kann. Und zwar dankend angenommen wird, aber nicht (…) mitfinanziert wird“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 83). Als Adressatinnen der Hilfen bezeichnen nahezu alle Befragten ausschließlich Mutter und Kind. Aufgrund des Mangels an Finanzierungsmöglichkeiten im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes können die Leistungsträger den Leistungserbringern keinen Auftrag dazu erteilen, den Mann mit in den Alltag einzubeziehen bzw. ihn gezielt pädagogisch und beraterisch zu fördern: „Frau Frank: Deswegen können wir die nicht/ Also, ja. Arbeiten wir wenig jetzt gezielt mit den Männern. Ist auch vom Jugendamt nicht unser Auftrag. Und vom Jugendamt ist ganz klar: Der Adressat der Hilfe ist Mutter mit Kind“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 169). „Frau Albrecht: […] wir würden eben nicht so Einzelangebote mit den Männern alleine machen, also weil das ist ja/ So viel gibt unser Betreuungsschlüssel auch nicht her, dass wir dann auch noch zu jeder Klientin oder jeder Mutter mit Kind noch den Vater mit betreuen, ne? Also nur wenn die Kinder mitfahren, sonst nicht“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 12). Der weitgehende Ausschluss eines Elternteils, meist des männlichen, wird vom befragten Personal überwiegend mit dem Umstand begründet, vom Leistungsträger keine finanziellen Mittel für die Betreuung von zwei Elternteilen zu erhalten, weil § 19 SGB VIII so ausgelegt wird, nur einem Elternteil mit Kind gewährt werden zu können: „Frau Walter: […] Also es gibt kein Finanzierungsmodell, weil es einfach (…) jetzt/ Also wir haben das versucht. Aber das geht rein vom Gesetzestext und von dieser ganzen Beantragung geht das nicht. Also (…) da hatten wir uns schon Gedanken gemacht, dass man wirklich so ein Eltern-Kind-Wohnen macht. (…) Aber das ging nicht. Also man kann quasi nur über den Paragraphen eine einzelne Person quasi mit Kind dann aufnehmen“ (Interview mit Frau Walter, Abs. 114). Die Fachkräfte in den Einrichtungen befinden sich dann meist in dem Zwiespalt, sorgeberechtigten Männern den Zugang zu ihrem Kind nicht verwehren zu dürfen, 8 Empirische Ergebnisse 240 gleichzeitig aber ihnen weder Räumlichkeiten noch Ressourcen für deren Einbeziehen zur Verfügung stellen zu können. Die Zeit, die den pädagogischen Fachkräften zur Betreuung der Klientel in den Einrichtungen zur Verfügung steht, ist knapp bemessen. Das Gewinnstreben der Leistungserbringer und die Konkurrenz auf dem Markt führen für das Personal in den Wohnformen unter anderem dazu, dem Druck ausgesetzt zu sein, die pädagogische Arbeit möglichst schnell erledigen zu müssen. Eine Betreuung von Männern, die vom Leistungsträger nicht finanziert, aber trotzdem erbracht wird, wirft ein Gerechtigkeitsproblem auf. Die Fachkräfte müssen sich entscheiden, ob sie die ohnehin schon knapp bemessene Zeit für die Betreuung der Frauen weiter minimieren, um ihrem Partner bzw. dem Kindsvater die benötigte Hilfe zukommen zu lassen. Die befragte Fachkraft Frau Baumann beschreibt die Lage wie folgt: „Frau Baumann: Also für den Mutter-Kind-Bereich wünsche ich mir tatsächlich, dass da nochmal mehr Geld in die Hand genommen wird […] Und für die Väter würde ich mir tatsächlich auch nochmal andere Hilfsmöglichkeiten wünschen. Also wir arbeiten viel mit den Vätern […], weil wir es wichtig finden. Und eigentlich bräuchten wir auch dafür Geld, Personal und ein Konzept. […] Aber ich denke, versuchen kann man das schon, denn auch da gibt es ja […] auch Menschen, die vielleicht so eine Inobhutnahme abwenden. […] Langfristig würde das Jugendamt Geld sparen. […] Und das wird oft vergessen, dass (…) die Väter nicht nur das Recht haben, sondern sicherlich auch, ja, gut die Möglichkeiten. Also es sind oft junge Männer, die das auch wollen und die auch wickeln üben wollen und baden wollen und üben wollen: Wie füttere ich mein Kind? Und die auch wissen wollen: Was ist denn schlecht für mein Kind? Und das müsste man eigentlich frühzeitig unterstützen, und zwar regulär und nicht mal so nebenbei. Das würde ich mir wünschen“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 122–124). Einige Interviewte sind sich darüber bewusst, dass die Ausübung des Hausrechts die sorgeberechtigten Väter in der Wahrnehmung ihrer Rechte einschränkt, und stellen sich die Frage, wie sie damit umgehen sollen. „Frau Baumann: […] Also, wenn wir eine Position beziehen müssen, dann zu der Frau. Die wohnt bei uns. Die betreuen wir. Das ist so. Also da sind wir parteiisch. Und das ist dann auch ungerecht“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 88). „Frau Horn: […] Also ich finde das immer schwierig auf der einen Seite, weil ich denke: Wenn wir die Möglichkeit hätten mit der ganzen Familie zu arbeiten, dann hätten wir auch andere Möglichkeiten, […] eine Unterstützung zu bieten […]. Es ist auch immer ein Ablehnen der Vater-Kind-Beziehung. […] Also ich schließe den Vater auch aus der Erziehung seines Kindes aus. Und oft haben die Väter auch/ Die sind mit erziehungsberechtigt und so. Also die Frauen haben nicht alle das alleinige Sorgerecht. Und (…) dann darf ich das rechtlich eigentlich auch gar nicht, ihm den Zugang zu seinem Kind verwehren. Und (…) das ist dann schon auch, (…) ja, mehr als schwierig“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 115). Auch durch die Rechtsnorm wird also der Zustand des Alleinerziehens manifestiert. Nur in Einzelfällen gelingt es dem Leistungserbringer, mit dem Leistungsträger als Sonderregelung die Finanzierung von Hilfen für Kindsväter und Partner oder Familien mit beiden Elternteilen auszuhandeln. In einer Einrichtung konnten beim Leistungsträger zusätzliche Mittel für therapeutische Eltern- und Paargespräche beantragt werden. Trotz aller Widrigkeiten bezüglich der rechtlichen und finanziellen Rahmen- 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 241 bedingungen wurde in mehreren Einrichtungen ein Paar mit Kind(ern) untergebracht. Allerdings erforderte dies vom Leistungserbringer veränderte Verwaltungsvorgänge und ein Umdenken im Vergleich zu „normalen Fällen“: „Herr Berger: […] Hier ist es jetzt der Fall, dass wir, weil der Fall so schwierig ist, {Streichung} einen Ehepartner aufnehmen, wo die Mutter, also die Ehefrau, schon hier wohnt mit {ihrem Neugeborenen}. Und der Vater wohnt in einer Mutter/Vater-Kind-Einrichtung {in einem anderen Ort mit dem älteren Kind}. Und wir fügen jetzt die ganze Familie hier zusammen. Was für uns auch strukturell nochmal eine ganz neue Anforderung bedeutet, ne? Wie behandelt man den Fall? […] Machen wir eben die Bezugspädagogenarbeit so wie bisher? […] Wir stellen uns da gerade so ein bisschen neu auf. […] Bieten wir diesem Ehepaar die Möglichkeit, ein Zimmer zu bewohnen, und machen dann zwei Kinderzimmer? […] Was ist, wenn die beiden, ja, in einen persönlichen Konflikt geraten? Haben die Rückzugsmöglichkeiten? Und es sieht jetzt so aus, als würden wir es erst mal zwei getrennte Fälle behandeln, die auch auf zwei verschiedenen Etagen hier wohnen. Ob das dann den beiden so gefällt, müssen wir mal schauen irgendwie (lächelt)“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 2–5). Konzepte für die Unterbringung von beiden Elternteilen mit Kind(ern) fehlen also bisher in den meisten Einrichtungen, in denen im Rahmen der Studie Interviews geführt wurden. Dies kann dazu führen, dass Paare innerhalb einer Einrichtung gegen den Willen der Familienmitglieder in voneinander getrennten Räumlichkeiten untergebracht werden. Beschränkung des sozialen Kontakts durch die Bauweise der Institutionen In allen Einrichtungen, über die Informationen gewonnen wurden, wohnen Alleinerziehende in Zimmern oder Wohneinheiten, welche dem Leistungserbringer gehören oder von diesem angemietet wurden. Manche Leistungserbringer bieten – überwiegend in Form der sogenannten „Nachbetreuung“ nach einem Aufenthalt in einem intensiver betreuten Angebot – Betreuung im privaten Wohnraum der Klientel an. Durch eine Einrichtung wird nach § 19 SGB VIII die Betreuung in einer Tagesgruppe offeriert. Im Laufe der Befragung stellte sich heraus, dass die Bezeichnungen für die Wohnformen, beispielsweise „Wohnung“, „Wohngemeinschaft“ und „Apartment“, für jeweils verschiedene Settings hinsichtlich der Räumlichkeiten in den Einrichtungen genutzt werden. Für eine Analyse, welcher Wohnraum der Klientel tatsächlich zur alleinigen Nutzung zur Verfügung steht, musste deshalb genauer nachgefragt werden. Folgende Informationen konnten ermittelt werden: 8.5.2 8 Empirische Ergebnisse 242 Räumlichkeiten in den Einrichtungen Name des Trägers (anonymisiert) Anzahl der Plätze Räumlichkeiten, die der Klientel vom Leistungserbringer zur alleinigen Verfügung gestellt werden (ohne Gruppenräume) überwiegendes Alter der Klientel Wohnheim Sankt Benedikt 13 jeweils ein „Zwei-Zimmer-Apartment“; in manchen Apartments ist ein Zimmer mit einer Küchenzeile ausgestattet; zusätzlich existiert ein „Übergangszimmer“ für Schwangere, das aber auch mit einer Tür zu einem Apartment geöffnet werden kann, sodass ein Dreizimmerapartment entsteht 14–21 Mutter-Kind- Wohnen am Markt 12 jeweils 2 Zimmer auf zusammen 20 qm 14–18 Mutter-Kind- Gruppe Eva 9 jeweils „Apartments“ bestehend aus 2 Zimmern plus Bad; das kleinere der beiden Zimmer soll als Kinderzimmer genutzt werden, im größeren ist eine Küchenzeile eingebaut 14–18 Flexible Hilfen GmbH 1 Wohngemeinschaft mit insgesamt 3 Zimmern, wobei die Mutter mit Kind mit einer anderen Jugendlichen mit Kind zusammen die drei Zimmer nutzt; Bad und Küche werden gemeinschaftlich genutzt; wie viel Raum die Mutter mit Kind jeweils allein bewohnt, bleibt unklar ≈ 18 Haus am Steinweg 7 jeweils „abgeschlossene Wohnungen“ unterschiedlicher Größe mit je 2 Zimmern, einer Küche und einem Bad 20–25 Jugendhilfe Heilige Elisabeth 7 jeweils „Zwei-Zimmer-Apartments“ unterschiedlicher Größe inklusive Bad und separater Küche 15 bis > 20 Marienhäuser 14 jeweils „Wohnungen“ mit einer Küche, Bad und Schafzimmer 16–30 Diakonische Hilfe 13 jeweils „Zwei-Zimmer-Wohnungen“ bestehend aus Wohn‑/Schlafraum, Kinderzimmer, Küche, Dusche und Abstellraum 20–40 Mutter-Jesu- Haus 14 10 Zwei-Zimmer-Apartments mit Bad, 4 Plätze in Wohngemeinschaften zur „Verselbstständigung“ 17–32 Tabelle 6. 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 243 Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi 4 4 abgeschlossene Wohnbereiche, Küche und Bäder werden gemeinschaftlich genutzt 18–30 Familienhilfen e.V. Clearing: 12; stationär: 4; teilstationär: 12; ambulant: nach Bedarf Clearing und stationäres Angebot: Wohnungen für Familien mit bis zu 4 Kindern auf dem Gelände des Trägers, 2 Zimmer pro Familie, Gemeinschaftsküche; zum Teil können den Wohnungen eigene Küchen oder zusätzliche Räume „zugeschaltet“ werden Teilstationäres Angebot: Familien wohnen in einer eigenen Wohnung in der Region und besuchen an 4 Tagen in der Woche die Gruppenräume in der Einrichtung Ambulantes Angebot: Betreuung im Wohnraum der Familie 14 bis > 70 (es werden z. T. auch Großeltern mit Enkeln betreut) Josephswerk 12 jeweils Zwei-Zimmer-Apartments, zum Teil mit Küchenzeile im Wohn‑/Schlafraum des Elternteils, zum anderen Teil mit separater Küche Mitte 20 Individuelle Sozialpädagogik e.V. 6 5 Zwei-Zimmer-Apartments, 1 Einzelzimmer 14–18 Initiative MuVaKi 6 2 Wohngemeinschaften für jeweils 3 Elternteile mit Kind mit insgesamt 120 qm; Elternteile schlafen mit ihren Kindern jeweils in einem Raum, Wohnzimmer, Küche und Bad werden gemeinsam benutzt bis 18 Smile GbR 4 jeweils „Zwei-Zimmer-Apartments“ mit einem Schlafraum für den Elternteil und Kind, einem Wohnraum mit Küche und einem Bad 20–27 Evangelische Jugendhilfe Singstadt 6 jeweils „Zwei-Zimmer-Apartments“ mit separatem Bad; Küche wird gemeinschaftlich genutzt; zusätzlich stehen „Verselbstständigungsapartments“ zur Verfügung, die eine ähnliche Ausstattung, zusätzlich mit separater Küche, besitzen 18–44 8 Empirische Ergebnisse 244 Mutter‑/Vater- Kind-Betreuung Biegelbach 6 5 x jeweils 2 Zimmer für den Elternteil mit Kind; Küche und Bad werden gemeinschaftlich genutzt; 1 Verselbstständigungsapartment mit eigenem Bad und eigener Küche keine Angabe Wirbelwind gGmbH 8 Wohngemeinschaften für jeweils 2 oder 3 Mütter mit Kind; Bäder und Küchen werden gemeinschaftlich genutzt; den Schwangeren/Müttern mit Kind steht jeweils nur ein Zimmer zur Verfügung 16–21 Kinderheim Diegersmoor 9 „Gruppe“ mit Einzelzimmern mit Bad für Mutter und Kind; Küche wird gemeinsam genutzt; wenn das Kind älter wird, bezieht es ein eigenes Zimmer neben dem der Mutter; 2 Wohnungen zur „Verselbstständigung“ mit einem Wohn‑/Schlafraum, einem Kinderzimmer, Küche und Bad ab 13 In vier Einrichtungen – alle mit einer überwiegend minderjährigen Klientel – steht den Müttern mit Kind entweder jeweils nur ein Zimmer zur Verfügung („Initiative MuVaKi“, „Wirbelwind gGmbH“) oder nicht alle Klientinnen mit Kind werden in zwei Zimmern untergebracht („Flexible Hilfen gGmbH“, „Kinderheim Diegersmoor“). In den übrigen Einrichtungen nutzen die Elternteile mit Kind bzw. Schwangeren zwei Zimmer. Bei der Auswertung der Interviews wurde deutlich, dass es bei sogenannten Zwei-Zimmer-Apartments, ‑Wohneinheiten bzw. ‑Wohnungen jeweils – selbst innerhalb einer Einrichtung – variieren kann, ob dem Elternteil mit Kind eine eigene Küche und ein eigenes Bad zur Verfügung steht oder ob er diese Räume mit anderen Klientinnen (und Klienten) bzw. ihren Kindern teilen muss. Nur in zwei Einrichtungen kann/können eine oder mehrere Wohnungen bzw. Apartments durch Öffnung einer Tür zu einem angrenzenden Zimmer vergrößert werden, sodass der entsprechenden Familie mehr als zwei Zimmer zur Verfügung stehen. Dies ist der Fall im Wohnheim Sankt Benedikt und im Verein „Familienhilfen“. Die Raumsituation hat Auswirkungen auf die Möglichkeit, Männer in den Alltag zu integrieren. Dieser Zusammenhang soll in den folgenden Abschnitten dargelegt werden. Bauliche Situation – Erbe aus der Zeit der Fürsorgeerziehung In fast allen Mutter-(/Vater‑)Kind-Häusern, über welche die Fachkräfte Auskunft gaben, wurde zum Interviewzeitpunkt um- bzw. neugebaut, war ein Neu‑ bzw. Umbau in Planung oder abgeschlossen. Meist waren die räumlichen Veränderungen durch Veränderungen der Ansprüche an Möglichkeiten der selbstbestimmten Lebensfüh- 8.5.2.1 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 245 rung der Klientel motiviert: Die Mütter sollten die Gelegenheit bekommen, selbst zu kochen und zu waschen und das Kind im eigenen Kinderzimmer so oft wie möglich eigenständig zu betreuen, um auf ein selbstständigeres Leben vorbereitet zu werden. In der „Mutter-Kind-Gruppe Eva“ stand noch bis vor Kurzem die räumliche Situation dem Anspruch, der Klientel Selbstbestimmung zu ermöglichen, grundsätzlich entgegen. Frau Lehmann berichtet Folgendes: „Frau Lehmann: […] Und (…) in der Vergangenheit, […] haben die ja mit ihrem Kind ein Zimmer geteilt. Und dann war Übernachtungsbesuch, egal wer, war gar nicht möglich. Das ging einfach nicht. Die haben in dem Zimmer gelebt, das war so klein, hier wo man gerade mein Schreibtisch steht. Neun Quadratmeter. Interviewerin: Neun Quadratmeter hatten die früher. Das ist jetzt schon/ Frau Lehmann: Das war ein ganz veraltetes System. […] Jedenfalls jetzt ist das ja anders. Jetzt können die Kinder in ihrem Zimmer sowohl schlafen und Mutter hat ihr Zimmer auch für Besuch. Oder mal fernsehen, Freundinnen, Freund Besuch zu kriegen, auch Übernachtungsbesuch. Und eben, das ist aber auch ein Punkt mit den Besuchsregelungen, wie bei allen anderen Regelungen, was sich ändern kann. Und auch teilweise sollte. Nur das geht nicht von heute auf morgen. Wir sind jetzt erst gerade nur umgezogen in die Räumlichkeiten. Müssen noch landen. Und dann gehen wir an die Entwicklung, Weiterentwicklung des Konzeptionellen, des inhaltlichen (…) Konzeptes. Interviewerin: Sie haben ja schon unheimlich viel geleistet in den letzten Jahren //an Weiterentwicklung.// Frau Lehmann: //Das war wirklich so.// Ja. Auf jeden Fall. Also vielleicht kurz eben einen //Rückblick,// wie es früher war? Interviewerin: //Genau.// Frau Lehmann: Also […] Ende der Sechzigerjahre ist das Haus gebaut worden. […] Und da das in den Endsechzigern entwickelt wurde, war der Entwurf hier für die Mutter-Kind- Gruppe […] damals sehr fortschrittlich. Das war so gedacht, dass die jungen Mädchen, die ja noch zur Schule gehen, und dann aber plötzlich schwanger wurden, dass denen doch ermöglicht werden sollte, dass sie ihre Schule oder Ausbildung fertig machen. Und (…) sozusagen ein Zimmer haben und auch nicht kochen müssen und nicht waschen müssen. Das wurde alles gemacht sozusagen. Und (…) die Kinder versorgt werden, betreut werden. Und dann war das eher so/ Der Spielbereich […] das war eher so/ Das war auch ein Spielzimmer, aber es war (…) nicht, dass da die Betten jetzt so standen, aber es war eher wie so früher die Krankenhäuser waren. Das Säuglingszimmer. Ja, also man hatte eher so diese Einstellung: Die Mutter entlasten. Also die Kinder werden versorgt. Und Mutter kann dann/ wird auch entlastet. So. Und das war natürlich schon sehr fortschrittlich diesen Müttern überhaupt diesen Platz zu geben. Aber das ist ja weit weg von dem, was man heute denn pädagogisch sieht“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59–67). Frau Lehmann berichtet, dass die Einrichtung in der Tradition der klassischen Mutter-Kind-Heime steht. Vor dem Umbau verfügte jede Mutter mit Kind nur über einen neun Quadratmeter großen Raum. Mittlerweile bewohnen die Frauen mit Kind bzw. Schwangeren größere Zwei-Zimmer-Apartments. Es fällt auf, dass erst verhältnismä- ßig spät – über vierzig Jahre nach der Heimrevolte – ein Umbau umgesetzt wurde. Auch andere Mutter-Kind-Einrichtungen befinden sich noch in Häusern, in denen Fürsorgeerziehung für „gefallene Mädchen“ stattfand. Mindestens drei Einrichtungen, nämlich das „Mutter-Jesu-Haus“, die „Diakonische Hilfe“ und die „Mutter-Kind- Gruppe Eva“, wurden in der Vergangenheit von Nonnen geleitet. In der „Diakonischen Hilfe“ und der „Mutter-Kind-Gruppe Eva“ gab es vor dem Umbau Säuglings- 8 Empirische Ergebnisse 246 zimmer und die Kinder wurden getrennt von ihren Müttern untergebracht. Zu räumlicher Enge und in der Folge zu beschränkten Zugangsmöglichkeiten für Männer kommt es auch in „modernen“ bzw. „reformorientierten“ Einrichtungen. Beim Besuch der Einrichtung durch die Interviewerin im Rahmen der vorliegenden Studie stellte sich heraus, dass ein Teil der Einrichtungen immer noch geographisch isoliert liegen, wodurch der soziale Kontakt eingeschränkt werden kann. Umbauten und Neubauten In einigen Einrichtungen wurden neue Räumlichkeiten baulich erschlossen oder angemietet, um das Angebot an die erhöhte Nachfrage anzupassen. Die benötigte räumliche Flexibilität, um auf Anfragen flexibel reagieren zu können, ist jedoch auch in diesen Institutionen nur schwerlich planbar. In anderen Einrichtungen herrscht ständig Platzmangel, weil die Vergrößerung (noch) nicht erfolgt ist. Aufgrund finanzieller Erwägungen nimmt der Träger aber zum Teil trotzdem weitere Klientinnen auf, was im Alltag zu Platzmangel führt. Der Trend eines steigenden Bedarfs an Hilfen nach § 19 SGB VIII in den letzten Jahren wirkt sich so auf die Raumsituation im Alltag in den Einrichtungen aus. In den Interviews wird unter anderem von „Überbelegungszimmern“, „Übergangszimmern“ und „Notplätzen“ gesprochen. Hier deutet sich an, dass die Nutzung der Räume ursprünglich nur als Übergangslösung vorgesehen war, sich mittlerweile aber etabliert hat. Problematisch daran ist, dass die Zimmer meistens zu klein sind, um eine Mutter mit Kind adäquat darin unterzubringen: „Herr Berger: Wir haben ein Überbelegungszimmer, das wir grundsätzlich leer halten für Notaufnahmen, wie häusliche Gewalt, Trennung vom Partner. (…) Es gibt die tollsten Sachen, weswegen Jugendämter manchmal anrufen und dann ganz schnell belegen müssen. Da sind wir, versuchen da ein Höchstmaß an Flexibilität zu liefern“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 17). „Frau Fischer: […] Und ansonsten haben wir die Möglichkeit, dass neun Frauen bei uns leben könnten, wobei der neunte Platz sozusagen ein Inobhutnahmeplatz ist. Der wird von uns nur dann belegt, wenn wir wissen, dass gerade ein Auszug ansteht und es einfach nur zu einer Überschneidung kommt“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 6). „Frau Fuchs: […] wir haben ein Apartment, was wir erweitern können mit einer Zwischentür, was eigentlich nur so unser Übergangszimmer ist. Falls wir mal gerade Platznot haben, aber belegen müssen, kommen die dann in dieses Mittelzimmer. Aber diese Apartments rechts und links davon können diese Verbindungstür öffnen. Das heißt, dann haben wir halt drei Zimmer für Mutter-Vater-Kind-Einheiten. Das (…) haben wir uns extra so überlegt, dass wir diesen Raum extra noch dazu machen können, aber auch trotzdem die Tür auch fest verschließen können, weil es einfach nicht die Regel ist“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 126). Selbst in Einrichtungen, in denen der Umbau bereits erfolgt ist, sind die Wohnräume nach der Vergrößerung immer noch überwiegend darauf ausgerichtet, zwei Personen – nämlich Mutter und Kind – unterzubringen. Es ist davon auszugehen, dass bei der Planung der Umbauten die Bedarfe von Familien mit beiden Elternteilen selten diskutiert bzw. berücksichtigt wurden. „Frau Schuster: […] Und es steht ein Umbau an. Das heißt, wir vergrößern uns zukünftig. Das heißt, dann werden wir das ganze Haus hier haben und dann auch noch aufstocken 8.5.2.2 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 247 an Plätzen. Mit Intensivbetreuung und Apartmentwohnen, genau. Also bei uns ist sehr viel Umbruch jetzt im Moment. Also es ist schon auch eine schwierige Umstellung. Wir sind kein großes Team und das alles zu stemmen mit Wochenende und Feiertag, das – merke ich – das zehrt einen an den Kräften. […] Zur Einrichtung kann ich noch sagen, dass wir im Moment ein kleines Büro haben. {Und in dem gleichen Gebäude, in dem auch die Mutter-Kind-Einrichtung ist, befindet sich noch ein anderes soziales Angebot.} Das heißt, wir teilen mit unserem Team praktisch ein kleines Büro (lächelt). Das ist manchmal sehr schwierig, ja, dann auch auszuweichen. {Streichung} Wir haben halt einfach nicht so viel Platz. Aber das ist schon immer Thema. Und ich denke, da müssen wir jetzt einfach noch ausharren, bis dann {das andere soziale Angebot} ausgezogen ist und wir dann umbauen und dann einfach mehr Platz haben“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 2). Vor den Umbauten war es in mehreren Einrichtungen nicht erlaubt, Übernachtungsbesuch zu empfangen, da für die Kinder kein separates Zimmer vorgesehen war. Größe der Räumlichkeiten Das zu den Zeitpunkten des jeweiligen Interviews beschäftigte pädagogische Personal äußert sich nicht über die tatsächliche Größe der Räumlichkeiten, die die Elternteile mit ihren Kindern allein nutzen dürfen. Hinweise gibt allerdings eine ehemalige Praktikantin in einer Mutter-Kind-Einrichtung im deutschsprachigen Ausland. Sie schildert die Situation wie folgt: „Frau Schneider: Ja. Die meisten hatten zwei Zimmer. Also so ein (…)/ Wenn man rein kam, so ein größeres Zimmer. Und dann noch ein (…) Schlaf- und Babyzimmer nebenan. Und das ist aber schon auf engstem Raum gewesen. Also (…) vielleicht so (…) 20 Quadratmeter für beide“ (Interview mit Frau Schneider, Abs. 32). Die Einrichtung „Initiative MuVaKi“ bringt ihre Klientinnen in Drei-Zimmer-Wohnungen unter, wobei jeweils zwei Mütter mit Kind eine solche Wohnung beziehen. Die Grundfläche der zur Verfügung stehenden Wohnung ist zwar größer, außer den Schlafräumen müssen dort jedoch alle anderen Zimmer mit den übrigen Bewohnerinnen geteilt werden. „Frau Fischer: Also die haben in jeder Wohnung – wie gesagt – ein Zimmer […]. Und dann gibt es ein Wohnzimmer. Dann gibt es noch eine Küche. Und ein Badezimmer. […] Die Wohnungen sind circa 120 Quadratmeter. Das heißt, es sind schon […a]uch große Wohnungen“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 34–40). Mehrere befragte Fachkräfte halten die Größe der Wohnung, die den Klientinnen vom Leistungserbringer zur Verfügung gestellt wurde, für angemessen, weil sie sich an den Hartz IV-Vorgaben orientiere. Es wird die Haltung vertreten, die Alleinerziehenden an knappen Lebensraum gewöhnen zu müssen. „Frau Fischer: […] Häufig ist das aber einfach auch so, dass die Frauen, wenn die hier ausziehen, (…) nicht eigenständig finanziell abgesichert sind, sondern dann teilweise doch Hartz IV beziehen und dann ja auch einfach eine gewisse Wohnungsgröße, ein gewisser Wohnungspreis vorgegeben ist. Wo es dann auch oft so ist, dass wenn die alleine mit dem Kind ausziehen, doch nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung haben. Das heißt, die leben ja dann auch auf kleinen engen Räumen und haben dann nicht diesen Platz, den die eventuell auch hier haben. So gewöhnt man die dann auch/ Also so fällt das auch Mutter und 8.5.2.3 8 Empirische Ergebnisse 248 Kind später nicht schwer, indem sie sich so auf einmal wieder an ein gemeinsames Zimmer vielleicht gewöhnen müssen“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 38). Kritisch kann hier allein die Grundhaltung gesehen werden, Menschen an Armut gewöhnen zu wollen, sowie die fehlende Bereitschaft, der Klientel zumindest während des Aufenthalts in der Einrichtung bessere Lebenschancen zu eröffnen. Darüber hinaus zeigt sich jedoch zusätzlich Folgendes: Tatsächlich orientiert sich die Größe der Wohnräume noch nicht einmal an den offiziellen Vorgaben. Es ist davon auszugehen, dass die Alleinerziehenden mit Kind(ern) zum Teil in unangemessen kleinen Wohnungen untergebracht werden, die dem Bedarf der Familien nicht entsprechen und hinsichtlich ihrer Größe weit unter den Standards liegen, die außerhalb der Einrichtung als Mindestmaß gelten. Dies soll im Folgenden gezeigt werden: Die Mindeststandards für Wohnraumgrößen werden üblicherweise im Rahmen der Berechnung von Sozialleistungen festgesetzt. Für Deutschland gelten außerhalb der Einrichtungen die aus dem früheren Sozialhilferecht übernommenen Regelwerte als angemessen: für eine Person eine Wohnung mit etwa 45 Quadratmetern; für jede weitere in der Bedarfsgemeinschaft lebende Person werden jeweils 15 Quadratmeter mehr hinzugezählt, wobei Säuglinge nicht berechnet werden. In Österreich gibt es die sogenannte Wohnbeihilfe, die auf Landesebene geregelt wird. Die Wohnraumgrößen, die bei der Berechnung der Wohnbeihilfe als angemessen gelten, differieren unter den Ländern, liegen aber entweder gleich hoch oder höher als diejenigen, welche der Berechnung von Hartz IV zugrunde liegen (Amt der Burgenländischen Landesregierung, 2016; Amt der Kärntner Landesregierung, 2015; Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, 2015; Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, 2016; Amt der Salzburger Landesregierung, 2016; Amt der Steiermärkischen Landesregierung, 2016; Amt der Tiroler Landesregierung, 2016; Amt der Vorarlberger Landesregierung, 2016; Magistrat der Stadt Wien, 2016). Für die Schweiz definiert das Bundesamt für Wohnungswesen als Mindest-Netto-Wohnfläche für einen Ein-Personen- Haushalt 40 Quadratmeter, bei größeren Haushalten werden für jede weitere Person 10 Quadratmeter hinzugerechnet (vgl. Schweizer Bundesamt für Wohnungswesen, 2007). Es zeigt sich, dass im „Mutter-Kind-Wohnen am Markt“, wo Frau Schneider ihr Praktikum absolvierte, der Wohnraum für die Mutter mit Kind weit unter den Vorgaben liegt, die in anderen Zusammenhängen als angemessen definiert werden. Es stellt sich die Frage, ob die Größe der Räumlichkeiten, die der Klientel zur alleinigen Nutzung zur Verfügung stehen, ein Qualitätsmerkmal für Jugendämter ist, ob hierzu mittels Leistungsbeschreibungen oder gar Ortsbegehungen Informationen eingeholt werden und als Grundlage der Vereinbarung zwischen Leistungsträger und -erbringer dienen. Dies ist in allen Aspekten nicht der Fall. Da in den Häusern insgesamt in vielen Fällen Raum knapp ist, stellt es für das pädagogische Personal meist eine besonders große Herausforderung dar, Männer in den Hilfeprozess zu integrieren. Wenn die Frauen den Besuch in ihrem Wohnraum innerhalb der Einrichtung verweigern, steht das pädagogische Personal vor der Herausforderung, dem Mann die Besuchskontakte seines Kindes an anderen Orten zu ermöglichen. In manchen Fällen misslingt dies aus Platzmangel innerhalb des Hauses, was dazu führen kann, dass Treffen unterbleiben. Als Ausweichmöglichkeit werden 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 249 Besuche zum Teil im öffentlichen Bereich, beispielsweise auf einem Spielplatz, organisiert. Allerdings entspricht ein Treffen außerhalb von Gebäuden nicht in jedem Fall den Bedürfnissen der Kinder, besonders nicht, wenn das Wetter schlecht oder das Kind zu jung ist, um auf einem Spielplatz zu spielen. Es ist davon auszugehen, dass die räumliche Situation die Gestaltungsmöglichkeiten derjenigen Kindsväter im Umgang mit dem Kind im Alltag beträchtlich einschränkt, die getrennt von der Ex-Partnerin leben und denen diese den Zugang zu den Räumlichkeiten in der Einrichtung versagt. Meist beeinflussen die räumlichen Gegebenheiten, welche Regelungen in Bezug auf Übernachtungen aufgestellt werden (müssen). In der Wirbelwind gGmbH dürfen Männer zwar am Wochenende zu Besuch kommen, allerdings nicht alle gleichzeitig, da sonst die Wohngemeinschaft überfüllt sei (Interview mit Frau Sauer, Abs. 44). In Wohngruppen, in denen sich Gemeinschaftsräume geteilt werden, müssen häufig die übrigen Bewohnerinnen um Einverständnis gebeten werden, bevor männlicher Besuch empfangen werden darf. Social Networks und Nachrichten-Apps als virtuelle Freiräume in der totalen Institution Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass das Kennenlernen häufig über Social Networks im Internet bzw. über Nachrichten-Apps mittels Smartphone stattfindet. So lernte beispielsweise die befragte Klientin Frau Gruber den Vater ihres Kindes kennen (vgl. Interview mit Frau Gruber, Abs. 52) und Frau Weber ihren neuen Partner (vgl. Interview mit Frau Weber, Abs. 263). Auch die befragten Fachkräfte berichten über diese Kommunikationswege der Klientel bei der Partnersuche: „Frau Neumann: Meistens über Internet wohl jetzt kennengelernt, weil die sonst überhaupt keine //Kontaktpunkte// haben, ja? Frau Koch: //Ist aber sehr wichtig auch für die.// […] Frau Frank: Und dadurch/ Und das ist halt immer ein bisschen problematisch, wie wir das feststellen, weil man sich eigentlich nicht richtig kennenlernt“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 49–50 und 62–64). Die Plattformen werden auch deshalb gewählt, um mit Männern in Kontakt zu treten, weil sich der Klientel dazu wenig andere Möglichkeiten bieten. Vom Personal wird der Weg über Kommunikationsplattformen im Internet problematisiert, weil es dazu führe, dass die Klientel ihre Partner „nicht richtig“, also nur oberflächlich kenne. Frau Fischer problematisiert im Zusammenhang mit dem Kennenlernen über Social Networks, dass diese Plattformen den Müttern die Möglichkeiten eröffnen, nach der Geburt eines Kindes und einer erfolgten Trennung sich nicht auf das „Leben mit Kind“ zu „konzentrieren“, sondern gleich einen neuen Partner zu suchen: „Frau Fischer: […] Dass Frauen sich vom Partner getrennt haben und auch einfach erst mal sagen: ‚Nein. Ich gehe jetzt erst einmal auf Abstand. Und jetzt will ich auch hier wieder schnell ausziehen und konzentriere mich jetzt erst mal auf mein Leben mit Kind, dass ich das auf die Reihe kriege.‘ Aber über die heutigen Medien/ Also das haben wir einfach festgestellt, dass die jungen Frauen ja heute auch sehr aktiv im Internet sind über Facebook oder Sonstiges und dass man da dann einfach schneller Kontakte (lächelt) scheinbar 8.5.2.4 8 Empirische Ergebnisse 250 knüpft und neue Leute kennenlernt, als es noch vor geraumer Zeit war. Also das stellen wir immer wieder fest, dass da (…) das irgendwie schneller passiert, wie auch immer (lächelt)“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 62). Die Fachkräfte versuchen zum Teil, auf die virtuellen Räume durch Handy- und Internetverbote Einfluss zu erhalten, da diese Freiräume auch anders genutzt werden, als vom pädagogischen Personal gewollt ist: „Frau Richter: Mhm (bejahend). Ja. Und sonst sind die Medien hier sowieso ein Problem. […] Handys, ne? Frau Winter: Handys und Facebook und das WhatsApp. Frau Richter: Ja, Handys. Frau Winter: Da gab es schon oft Ärger. Frau Richter: […] zum Beispiel: Die Mütter sollen auch während der Versorgung ihrer Kinder die Handys nicht benutzen, ne? Wenn man dabei ist, tun sie es nicht. Aber ansonsten tun sie es natürlich doch, ne? Also sind da noch die Handys noch wichtiger als die Kinder. Frau Winter: […] Genau. Manche Männer, die sind ja auch wirklich so/ {Einer fällt mir ein.} Der hat Tag und Nacht angerufen. […] Die war nur am Telefonieren und hatte entweder das Handy am Ohr oder auf Lautsprecher. Als sie das Kind gefüttert hat. Als das Kind fertig und umgezogen hat. Der war immer am Telefon. Also der hat die auch wirklich kontrolliert, wollte immer wissen, was sie macht. Wenn man mal dabei war, also da klingelte bestimmt alle zwei Minuten das Handy. Und dann wollte er direkt immer wissen, was sie jetzt macht, warum sie nicht drangegangen ist. Also überhaupt kein Verständnis, dass das Kind jetzt mal versorgt werden muss und sie sich mal ein paar Minuten nicht meldet, ne? […] Und auch nachts, ne? Die Frau war noch im Wochenbett und er hat die ganze Nacht mit ihr telefoniert. Und die war tagsüber dementsprechend kaputt und müde und konnte sich gar nicht ums Kind kümmern, ne? Frau Richter: Oder sie ließ das Handy an, wenn wir mit ihr im Kontakt waren, sodass dann der Partner alles mitkriegte. Also wir müssen immer gut aufpassen: Sind die Handys eigentlich aus? Frau Winter: Genau. Das hatten wir auch schon öfter, dass die Partner hier {Streichung} dann teilweise am Telefon mithören, um dann zu gucken, was sie eventuell vielleicht gegen uns sagen können. Frau Richter: Genau. Es geht dann an den Anwalt, ne? Also wir müssen hier auch ganz gut aufpassen (…) zum Teil, was wir sagen. Interviewerin: Also da gibt es dann auch so richtige (…) Überwacher, die dann die ganze Zeit sozusagen eigentlich mit dabei sind, aber dann doch nicht. Frau Winter: Mhm (bejahend). Frau Richter: Mhm (bejahend). Interviewerin: Das ist ja auch ganz schön schwierig. Frau Richter: Ja. Ja. Wir hatten das vorm HPG [Hilfeplangespräch, RH] auch gefragt. Wir hatten eben – was heißt ein HPG? – ein Krisengespräch mit einer Mutter, wo wir sie da auch gefragt haben: ‚Hat sie ihr Handy wohl angehabt und hat das Gespräch aufgenommen?‘ Weil wir wissen auch, dass sie mit Anwälten im Kontakt ist, ne? Da haben wir leider nicht aufgepasst. Wo wir uns überlegen müssen, ob wir nicht demnächst sagen: ‚Während der HPGs bleiben die Handys draußen.‘“ (Interview mit Frau Winter und Frau Richter, Abs. 371-388). 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 251 Männliches pädagogisches Personal Im größten Teil der Einrichtungen, in denen pädagogisches Personal für Befragungen gewonnen wurde, sind keine ausgebildeten, männlichen pädagogischen Fachkräfte für den Mutter-(/Vater‑)Kind-Bereich zuständig. In einem Viertel der Häuser arbeitet zum Interviewzeitpunkt ein Mann im pädagogischen Team mit. In einer Organisation war in der Vergangenheit ein Pädagoge beschäftigt. Es gibt zwar in einigen Institutionen männliche Hausmeister und Männer, die Fahrdienste oder Nachtbereitschaften übernehmen, sie zählen aber nicht zum pädagogischen Fachpersonal. Die Mehrheit der Befragten berichtet über Männer in Führungspositionen der Einrichtung. In mehreren Häusern gibt/gab es einen männlichen Praktikanten, in zwei Organisationen männliche Erzieher, die vor allem mit den Kindern arbeiten, in zwei weiteren Einrichtungen kann bei Bedarf ein männlicher Pädagoge aus einem anderen Team zu einem Beratungsgespräch in den Mutter-Kind-Bereich hinzugezogen werden. Viele Fachkräfte begründen das weitgehende Fehlen von Männern im Team mit dem Mangel an (geeigneten) Bewerbern. Einige bedauern dies, weil sie einen Bedarf an positiven männlichen Rollenvorbildern für ihre Klientinnen und deren Kinder sehen. Sie gehen davon aus, ein männlicher Kollege könne ein Korrektiv sein, um Frauen und Kindern mit schlechten Erfahrungen alternative Rollenbilder von Männern zu vermitteln und „neue“ männliche Rollen vorzuleben. Besonders für die Kinder – und speziell für Jungen – seien männliche Bezugspersonen wichtig für ihre Entwicklung, zumal sie in ihrem Alltag selten auf Männer treffen: „Frau Baumann: […] Für die Jungs, die da groß werden natürlich auch, fände ich es auch schön, es gibt einen Mann. Da bemühen wir uns, wenn wir Tagesmütter suchen, auch mal einen Tagesvater zu suchen, dass die nicht in diesem Wahnsinn von Frauen/ Es sind ja sechs Frauen, die da leben, und wir sind sechs Kolleginnen. Also die sind ja überschwemmt von Frauen, die da/ Die armen Jungs, die da groß werden (lächelt). Aber, ja, das ist leider nicht zu ändern“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 130). In Teams mit Männern erleben die Befragten die „männliche Perspektive“ als bereichernd. Die männlichen Kollegen stellten sowohl für die Mütter und Schwangeren als auch für die Kindsväter und Partner geschätzte Gesprächspartner dar. Die Klientinnen scheinen – wenn überhaupt – vor dem Kennenlernen der männlichen Kollegen misstrauisch zu sein, sich nach kurzer Zeit aber mit ihnen zu arrangieren (vgl. Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 257). In Einrichtungen ohne männliche Mitarbeiter fühlen sich gerade die Kindsväter und Partner unwohl: „Frau Schuster: […] Dann sagt er halt: ‚Ja, die vielen Weiber, die nerven mich.‘“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 38). Von einigen interviewten Pädagoginnen wird die Mitarbeit männlicher Fachkräfte im Mutter-Kind-Bereich von Grund auf abgelehnt. In der Leitungsposition können sich einzelne befragte Fachkräfte Männer schon eher vorstellen. Ihre Ablehnung, männliche Kollegen einzustellen, begründen die Befragten damit, viele Themen, die bei der Betreuung in Mutter-Kind-Einrichtung eine Rolle spielten, wie das Stillen oder Wochenbettbeschwerden, seien typische „Frauenthemen“. Den Klientinnen sei es nicht 8.5.3 8 Empirische Ergebnisse 252 zuzumuten, sich in solchen „intime[n] Situationen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 60) einem Mann anvertrauen zu müssen. Hierbei nehme man vor allem Rücksicht auf die (werdenden) Mütter aus anderen Kulturkreisen. Einige begründen das Fehlen von männlichen Mitarbeitern mit der Notwendigkeit eines Schutzraums für Klientinnen mit Gewalterfahrungen durch Männer. Andere Befragte befürchten, männliche Pädagogen könnten von Klientinnen zu Unrecht der sexuellen Übergriffigkeit beschuldigt werden. Überdies sei zu bezweifeln, ob sich ein einzelner Kollege in einem reinen Frauenteam wohlfühle. Ein männlicher Mitarbeiter im Mutter-Kind-Bereich sei „immer etwas (…) Besonderes, etwas (…) Komisches“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 149). Im Rahmen der Datenerhebung konnte ein männlicher Mitarbeiter in einer Führungsposition als Interviewpartner gewonnen werden. Seine Erfahrungen als einziger Mann im pädagogischen Team werden im Folgenden dargestellt: Der befragte männliche Pädagoge berichtet, er sei im Studium einer der wenigen Männer und später auf dem Arbeitsmarkt ein begehrter Mitarbeiter gewesen. In der Einrichtung, in der er arbeitet, ist er der einzige männliche Kollege. Er hat den Eindruck, dass die Bewohnerinnen der Einrichtung und ihre Kinder sich freuen, wenn er im Dienst ist. Von ihm würden andere Aktivitäten erwartet als von seinen Kolleginnen. Die jungen Mütter, die er betreut, sprechen mit ihm vornehmlich über ihre Partner oder über Fußball und möchten von ihm einen Einblick in die „Männerwelt“ bekommen – wenngleich er nicht alle Verhaltensweisen von Männern nachvollziehen kann und sich mit Fußball nicht gut auskennt (vgl. Interview mit Herrn Berger, Abs. 74–76). Seiner Ansicht nach wäre es befremdlich, wenn Männer nicht in einer Mutter-Kind-Einrichtung arbeiten dürften. „Männer [sollten] gesehen werden“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 78), weil sie zur Realität dazugehören. Gerade für Klientinnen mit Gewalterfahrungen sei es hilfreich zu erleben, wenn Männer über ihre Gefühle reden, um ein falsches „Männerbild wieder gerade zu rücken“. Um Geschlechterstereotypen seiner Klientinnen entgegenzuwirken, kocht er gern in der Einrichtung – zumal dies sein Hobby ist – und versucht, männlichem Chauvinismus keinen Raum zu geben, indem er die (werdenden) Mütter respektvoll behandelt. Schon allein die Tatsache, dass er sich als Mann für Kinder interessiere und viel über Kindererziehung wisse, sei meist eine neue Erfahrung für die Klientinnen (vgl. Interview mit Herrn Berger, Abs. 74). Darüber hinaus findet der Befragte es für den Mutter- Kind-Bereich „realistisch“, in gemischtgeschlechtlichen Teams zusammenzuarbeiten. Bereits vor seiner Anstellung arbeitete in seinem Team ein Mann. Als dieser Mitarbeiter die Einrichtung verließ, „war [es, RH] denen [im Team, RH] auch wichtig, dass wieder ein Mann dazu kommt“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 80). Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen Ein überwiegender Teil des interviewten Personals gibt an, die (sozialen) Väter in den Alltag einbinden zu wollen. Dieselben Personen berichten nahezu alle, den Zugang der Männer zu den Einrichtungen einzuschränken. Dieser Widerspruch macht ihre 8.6 8.6 Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen 253 Entscheidungsdilemmata in Bezug auf die Einbindung der Männer deutlich. Die Orientierungsschwierigkeiten der Fachkräfte im Zusammenhang mit der Integration von Männern in den Heimen können nicht allein mit deren individuellen Einstellungen begründet, sondern müssen mit sozialen Rahmenbedingungen und Ursachen oder mit widersprüchlichen Handlungsanforderungen in Zusammenhang gebracht werden, die von verschiedenen Beteiligten im Hilfesystem an die Fachkräfte gestellt werden. Tatsächlich kann im Rahmen der vorliegenden Studie gezeigt werden, dass die Gründe für die ambivalente Haltung gegenüber den Männern nicht ausschließlich in ungünstigen rechtlichen, baulichen und finanziellen Rahmenbedingungen zu suchen sind, sondern auch im Einfluss von Geschlechterstereotypien bzw. in den gesellschaftlich tradierten Moralvorstellungen hinsichtlich Sexualität und Reproduktion liegen. Bezüglich der Moralvorstellungen beeinflussen vor allem die Orientierung an der christlichen Morallehre und eugenisches Denken die Entscheidungen des Personals, die Männer aus dem Alltag auszuschließen. Auf die Ausbildung von Geschlechterstereotypien wurde bereits im Abschnitt 8.4 hingewiesen. Einzelne befragte Fachkräfte sehen in den Kindsvätern und Partnern grundsätzlich Personen, welche die Ressourcen ihrer Partnerinnen ausnutzen bzw. das Kindeswohl durch ihr Verhalten bedrohen, das heißt, sie schreiben ihnen – konformgehend mit dem klassischen Denkmuster – die „Täterrolle“ zu. In der vorliegenden Studie konnte jedoch gezeigt werden, dass ein Teil der Männer keinen schlechten Einfluss auf die Partnerin bzw. das Kind hat, sondern es durchaus einzelne Väter gibt, die im Alltag unterstützen können. Im Folgenden wird die Orientierung an der christlichen Morallehre und an eugenischen Kriterien im Hinblick auf die potentielle Verletzung von Grund- und Menschenrechten der Familienmitglieder problematisiert. Orientierung an katholischer Sexualmoral Leistungserbringer in katholischer Trägerschaft lehnen sexuelle Kontakte zwischen Minderjährigen und Unverheirateten weltanschaulich ab, eine Tatsache, die das dortige Personal in einen Zwiespalt zu bringen scheint. Dafür spricht der Umstand, dass Besuche überwiegend zeitlich eingeschränkt werden, zum Teil nicht in den Räumlichkeiten der Mütter stattfinden dürfen oder absichtlich gestört werden. Überraschenderweise liegen gerade die beiden Einrichtungen, die sich an der Studie beteiligten und auf die Aufnahme von Männern spezialisiert sind, in der Trägerschaft der evangelischen und katholischen Kirche. In dem Interview mit Mitarbeiterinnen der einen Einrichtung wird jedoch deutlich, dass diese den Entschluss, die Männer in den Alltag zu integrieren, gegenüber den höchsten Vorgesetzten verteidigen müssen und von diesen bei der Umsetzung ihrer Pläne diesbezüglich wenig Unterstützung erwarten können. „Frau Fuchs: […] Und ich glaube, wir sind da auch wirklich vorne mit dabei, auch unsere Erziehungsleitung. Die hat immer dann ein Gespräch mit den Dauergaststatusanwärtern. Und sagt: ‚Ich lege hier meine Hand für euch ins Feuer. Wir sind eine katholische Einrich- 8.6.1 8 Empirische Ergebnisse 254 tung. (…) Nicht vergessen! (…) Und das ist nicht normal, was wir hier/‘ Und das ist aber auch unser Konzept. Wir wollen das und wir möchten das auch einfordern. Und dafür legt aber auch unsere Erziehungsleitung die Hand ins Feuer. Und sobald die hier einmal Mist bauen – die Männer – irgendwie mit Gewalt oder so, schmeißen wir die halt auch recht schnell raus, weil wir diesen Status nicht verlieren möchten. Und unseren Kopf vor der katholischen Kirche dann hinhalten. Dass Männer hier bei uns schlafen dürfen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 118). Da der katholische Leistungserbringer dem Entschluss, Männer im Haus wohnen zu lassen, misstrauisch gegenübersteht, ist der Umgang der Mitarbeiterinnen mit den (sozialen) Vätern von Ambivalenzen geprägt. Deren Einbeziehung erfolgt jeweils unter Vorbehalt und sie setzen relativ strenge Reglements durch, bei deren Nichteinhaltung den Männern das Wohn- bzw. Besuchsrecht wieder entzogen wird. Die Männer erhalten lediglich einen Gaststatus auf Dauer. Ablehnende Haltung des Personals hinsichtlich sexueller Aktivität und der Fortpflanzung der Klientel Die im Rahmen der vorliegenden Studie erhobenen Daten zeigen, dass die Fachkräfte auch in anderen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen das Wechseln von Partnerschaften ablehnen: „Frau Keller: […] Und bei den anderen Frauen ist es so, (…) ja, da wechseln die Partner (seufzt). Also oft ist es nicht von langer Zeit“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 24). Die Übernachtung der Männer möchte man in manchen Einrichtungen lieber verhindern. „Herr Berger: […] Und man will ja hier nicht unbedingt auch eine hohe Männerfluktuation bei den Müttern. Dazu motivieren, indem man sagt: ‚Ja, klar. Lass doch hier schlafen, wen du möchtest.‘ Ne?“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 88). Gerade in Einrichtungen, in denen die Frauen in Gruppen zusammenleben und aus Platzmangel keine abgeschlossenen Räumlichkeiten für jede Ein-Eltern-Familie bereitgestellt werden können, wird ein alleinerziehender Vater üblicherweise nicht aufgenommen, weil man befürchtet, der Mann könnte Sex mit anderen Bewohnerinnen haben: „Frau Fischer: […] Es wäre vermutlich auch sehr schwierig zum Beispiel, mal einen Vater aufzunehmen, weil die Frauen hier zu dritt immer in einer Wohnung leben. Und vermutlich einfach, um so, damit nicht bestimmte Vorkommnisse passieren und so, würden wir vermutlich auch keinen Vater mitten in der Nacht mit zwei Frauen alleine in einer Wohnung lassen. Sodass man eventuell dann die Wohnung nicht besetzen würde. Nur mit dem Vater. Und damit würden dann halt zwei Plätze unbesetzt bleiben, die, ja, anderweitig sonst genutzt werden könnten“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 18). Manche Leistungserbringer versuchen wahrscheinlich, sexuelle Kontakte zwischen Frauen und Männern zu verhindern. Wenn auch nicht überall, wird zum Teil die Privatsphäre in den Zimmern bei Männerbesuch bewusst gestört. Eine ehemalige Praktikantin beschreibt die Praxis in einer Einrichtung wie folgt: 8.6.2 8.6 Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen 255 „Frau Schneider: […] Und ich weiß auch gar nicht, ob jetzt zum Beispiel so was (…) wie Sexualität möglich gewesen wäre. Also (…) wir hatten das dann, glaube ich, auch im Blick, wenn jemand da war. Interviewerin: Also das wurde dann eher verhindert, oder? (lächelt) Frau Schneider: Ja. (…) Aber nicht, sicher bin ich mir da jetzt nicht mehr. Aber es war auf jeden Fall jetzt nicht so nach dem Motto: ‚Ja, die können ja machen was sie wollen.‘ Ich glaube, es ging schon so darum, auch immer mal zu gucken oder dann mal so ein bisschen (…) reinzuschauen. Mal anzuklopfen zwischendrin. So: ‚Ja, was macht ihr denn so?‘ Oder so. (…) Also da nicht zu viel Spielraum zu lassen auch. (…) Also wie gesagt, also da war eher eine negative Männerpolitik (…) auf jeden Fall da“ (Interview mit Frau Schneider, Abs. 70–72). Aufklärung über Verhütungsmethoden erachten die meisten Befragten als wichtig und wird in allen hier genannten Einrichtungen mit den Bewohnerinnen thematisiert, auch in denen in katholischer Trägerschaft. Viele Interviewte geben an, auf die Frauen einzuwirken, damit diese sich für den Einsatz von Verhütungsmitteln entscheiden. Empfohlen werden vorwiegend Langzeitverhütungsmethoden. Einige Fachkräfte raten generell zur Drei-Monats-Spritze, um eine erneute Schwangerschaft möglichst lange zu verhindern. Zum Teil wird die Übernachtung eines männlichen Besuchers nicht erlaubt, wenn die Mutter nicht verhütet. „Frau Sommer: […] Wir thematisieren immer das Thema Verhütung. Also auch relativ zeitnah nach der Geburt. Da sind wir auch relativ hartnäckig. Haben auch immer Kondome vor Ort. Frau Fuchs: Das ist auch Bedingung (…) für die Übernachtung des jungen Mannes: Verhütungsfrage ist geklärt. Also entweder Pille oder Drei-MonatsSpritze oder Spirale. Vorher darf der junge Mann auch nicht hier schlafen. Genau. Interviewerin: Und wie thematisieren Sie das dann mit den Paaren? Also gibt es dann ein extra Gespräch, oder? Frau Sommer: Ganz offen. Nach der Entbindung steht ja nach sechs Wochen eine Kontrolluntersuchung an und vorher sagen wir immer: ‚Informiere dich über das Thema Verhütung. Hast du schon eine Idee?‘ Weisen auf die Möglichkeiten hin, raten grundsätzlich von nur Kondomen ab, weisen darauf hin, was passiert, wenn man nicht verhütet // (lacht)//. Frau Fuchs: //(lacht)// Interviewerin: //(lacht)// Frau Sommer: Und bis jetzt zeigt sich eigentlich eine gute Bereitschaft. Und wir sagen auch ganz ehrlich: ‚Überlege dir, ob die Pille etwas für dich ist. Ich traue dir nicht zu, jeden Tag das vernünftig einzunehmen. Überlege mal.‘ Ja und die meisten sind auch gerade nach so einer Geburt (lachend) relativ offen dafür, dass es nicht ganz so schnell jetzt wieder zur nächsten Schwangerschaft geht. Interviewerin: Zum nächsten Kind übergeht. Frau Sommer: Und wir gucken auch, dass die Verhütung von den Jugendämtern übernommen wird, dass es nicht also da auch noch eine finanzielle Hürde gibt. Also wir sagen eigentlich immer Spirale oder Drei-Monats-Spritze. Ist so. Frau Fuchs: Das einfachste Handling für die jungen Mütter. Aber das besprechen wir ganz offen mit denen. Also wir sagen: ‚Wenn der junge Mann hier schlafen möchte, dann …‘ Und dann sind die morgen beim Frauenarzt und haben sich etwas verschreiben lassen. Also das geht dann ganz schnell“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 87– 96). 8 Empirische Ergebnisse 256 In einer anderen Einrichtung steht man der Praxis, die Frauen unter Druck zu setzen, mit der Drei-Monats-Spritze zu verhüten, kritisch gegenüber. „Interviewerin: Ja, Sie haben gerade gesagt: ‚Es gibt Einrichtungen/‘ (…) (lächelt) Frau Schuster: Genau. Einrichtungen, in denen das ist. Also das heißt, die unterschreiben praktisch mit dem Aufnahmevertrag, dass sie verhüten. Und da ist halt meistens so die Drei-Monats-Spritze das Sicherste. Das heißt, da wird zum Arzt gegangen, Spritze und fertig. […] Also das finden wir jetzt schon, ja, ein bisschen heftig, das so zu machen. Klar haben wir/ Also die haben das begründet, weil bei ihnen immer jede schwanger wird. Können wir jetzt nicht so bestätigen, ist bei uns nicht so. […] Also Thema ist es, klar, weil ein zweites Kind noch mehr eine Überforderung darstellt und dann weiß man echt nicht, wie es ausgeht. Und das sage ich denen auch ganz klar. […] Und wir raten halt dann schon [zur Drei-Monats-Spritze, RH], wenn wir wissen, die Frau ist schusselig [und denkt nicht daran, die Pille zu nehmen, RH], ne? […] Aber wir zwingen die jetzt nicht in einer Form, wie jetzt: ‚Wenn du kommst, musst du das machen.‘ […] Also würde ich mich auch beschnitten fühlen, wenn da jemand mir vorschreiben würde: ‚Das musst du jetzt so machen, sonst kannst du hier nicht einziehen.‘ Und wenn die den Druck haben: ‚Ich muss eigentlich in eine Einrichtung und da ist jetzt ein Platz frei, muss das unterschreiben.‘ Ich weiß nicht, finde ich nicht so gut. Aber da gibt es unterschiedliche Einstellungen“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 160–163). In manchen Einrichtungen werden die Kindsväter und Partner an der Verhütung „finanziell beteiligt“, bleiben aber bei Beratungsgesprächen in Bezug auf Verhütung au- ßen vor (vgl. Interview mit Frau Schuster, Abs. 163). Vom Zusammenziehen nach dem Aufenthalt in der Einrichtung wird den Paaren von Vertretungen der Leistungsträger und -erbringer häufig abgeraten, da die Fachkräfte die Erfahrung gemacht haben, dass Beziehungen nicht lange stabil sind, und sie den Familien ersparen wollen, nach einer Trennung nach kurzer Zeit des Zusammenlebens neuen Wohnraum suchen zu müssen. Eugenisches Denken Es ist auffällig, dass die Hausordnungen vor allem solche Männer diskriminieren, die drogen- oder alkoholabhängig, obdachlos, arm bzw. psychisch erkrankt sind. In der Zeit des Nationalsozialismus mussten Männer fürchten, verfolgt, zwangssterilisiert oder in Konzentrationslagern ermordet zu werden, wenn sie zu den Gruppen der „Asozialen“, „Säufer“, „Arbeitsfaulen“ oder „Geisteskranken“ gerechnet wurden. Auch noch in der Nachkriegszeit wurden Männer in Heimen interniert, in denen sie massive Gewalt erfahren mussten, wenn sie zu diesen Gruppen gezählt wurden (vgl. Abschnitte 5.3.4–5.3.7). Es stellt sich also die Frage, ob im System der Jugendhilfe heute noch eugenisch gedacht wird. Hinweise zur Beantwortung dieser Frage können einige Interviewausschnitte vermitteln, die im Folgenden dargestellt und interpretiert werden sollen: „Frau Walter: […] Also in dem Fall, bei dieser jungen Mutter war es so, dass sie einfach eine Beziehungsschwierigkeit hat. Also auch da wieder: Verlassen vom eigenen Vater, die Mutter auch (…) nicht da, bei der Großmutter aufgewachsen. Ach, die ganze Familiengeschichte da schon sehr desolat war. Also es ist auch eine sehr bekannte Familie. Es ist auch 8.6.3 8.6 Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen 257 so dieser soziale Adel, (lächelt) der dann da sich etabliert“ (Interview mit Frau Walter, Abs. 102). In diesem Ausschnitt spricht Frau Walter vom „sozialen Adel“. Sie spielt damit darauf an, dass in der Familie, von der sie berichtet, in mehreren Generationen Kindeswohlgefährdung behördlich aufgefallen ist. Dieses Zitat gibt einen Hinweis darauf, dass Risikodiskurse im Zusammenhang mit dem Kindeswohl zum Teil dazu beitragen, pauschal negative Stereotypien auf Seiten der Personen zu provozieren, die den Familien eigentlich helfen sollen. Tatsächlich wird – wie bereits gezeigt – in den meisten Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen ein Ausschluss vor allem derjenigen Männer aus dem Familienleben praktiziert, die sich in Lebenslagen befinden, die in der Vergangenheit die Wahrscheinlichkeit dafür befördert hätten, durch staatliche Organisationen immense Bedrohungen erfahren zu müssen. Vor dem Hintergrund eugenischer Theorien, den Verbrechen der Zwangssterilisation und Ermordung betroffener Menschen in der Vergangenheit in Deutschland muss die Ausbildung von Stereotypien seitens der Helfenden in den Einrichtungen kritisch beleuchtet werden. Forderungen, die Fortpflanzung der Klientel betreffend, werden in dem folgenden Interviewausschnitt deutlich: „Frau Lang: […] Für mich ist das ja nicht einleuchtend, dass Menschen eine große Familie gründen und sich dann beim Amt anstellen. Ja, da sage ich immer: ‚Ich habe auch nur so viele Kinder, wie ich ernähren kann.‘ Und natürlich gehört das zur Verantwortung eines jeden, die Familienplanung den Möglichkeiten auch anzupassen. Genau. Interviewerin: (lächelt) Das ist dann so eine schwierige Situation da für die Leute. Die können das noch nicht so. Frau Lang: Die können es nicht. Und es gibt wenige Menschen, die sie damit konfrontieren. Ja. Also das ist/ Ob das jetzt die Selbstständigkeit in Bezug auf Unterhaltssicherung durch Arbeit ist, ja? (lächelt) Oder ob das Familienplanung ist, ja? Das ist ja meiner Meinung nach ein deutsches Problem, (…) //weil man ja geschichtlich/// Interviewerin: //Dass das tabuisiert ist?// Frau Lang: Genau. Weil man geschichtlich bestimmte Sachen nicht darf. Ich spreche mich selber davon völlig frei. Man hört ja an meinem Akzent. Ich bin hier nicht geboren und nehme mir daraus bestimmte Freiheiten. Also ich habe die geschichtliche Bürde nicht. Zumindest spüre ich sie nicht, auch wenn ich deutschstämmig bin, ja? Dass ich bestimmte Sachen nicht adäquat ansprechen kann, ja? Weil das/ Ich finde, das sind wir den Steuerzahlern gewissermaßen auch schuldig. Und ich bin selber einer, also sehe ich nicht ein, warum das Geld so/ Also ich hätte bessere Ideen, wie man das kanalisieren kann und ausgeben kann, als für Menschen, mit denen man noch nicht mal drüber sprechen kann, dass sie eine Verantwortung haben“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 48–52). Frau Lang ist der Meinung, Eltern mit großem Unterstützungsbedarf, die den Lebensunterhalt der Familie nicht selbstständig sichern könnten, sollten keine weiteren Kinder zeugen. Gerade die Einsichtslosigkeit der Familie ist für sie ein Kriterium, den Eltern das Recht auf Reproduktion abzusprechen. Sie ist sich bewusst darüber, dass sie ein Tabuthema anschneidet – sie spricht von einer geschichtlichen Bürde der Deutschen. Gleichzeitig bewertet sie die Klientel als unwert, die Hilfe zu erhalten und sich zu vermehren. Sie knüpft damit an eugenische Diskurse an und findet es gerechtfertigt, diese Menschen nicht nach Gesetz und Recht zu behandeln. Indem sie ihnen auch die Fähigkeit der Verantwortungsübernahme abspricht, zeigt sie eine gruppen- 8 Empirische Ergebnisse 258 bezogene Menschenfeindlichkeit. Einen Blick auf eine weitere Dimension des Problems eröffnet der folgende Interviewausschnitt: „Frau Kraus: […] Weil das ist auch oft der Vorwurf vom Jugendamt. Also, dass halt darüber [dass hier auch Männer aufgenommen werden, RH] natürlich {in unserer Einrichtung} auch neue Kinder produziert werden“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 140). Frau Kraus berichtet davon, dass der Leistungsträger sich von der Aufnahme in die Einrichtung erhofft, eine weitere Fortpflanzung der Klientel während der Zeit der Behandlung zu verhindern. Tatsächlich berichten die Mitarbeiterinnen der Familienhilfen e.V., dass an sie der Wunsch durch den Leistungsträger herangetragen wird, während des Aufenthalts der Mutter in der Einrichtung dafür zu sorgen, dass diese nicht erneut schwanger wird. Durch eine gesellschaftliche Steuerung die Fortpflanzung von Menschen zu beeinflussen, ist illegal. Dieses Beispiel zeigt, dass hier das Jugendamt als administratives Organ der Exekutive, welcher in erster Linie die Ausführung der Gesetze anvertraut ist, gängiges Recht außer Kraft setzt. Es stellt sich die Frage, warum die Gesellschaft dieses von jeglicher Rechtsnorm abweichende Vorgehen duldet. Es könnte daraus geschlussfolgert werden, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Herrschaftsdenken ist. Sicher ist, dass ein erneutes Kinderkriegen der Klientel nicht erwünscht ist. Moralische Gründe, etwa die Orientierung an der katholischen Sexualmoral, an eugenischen Grundgedanken oder an Debatten über Risiken des elterlichen Verhaltens für die gesunde kindliche Entwicklung, werden ins Feld geführt oder schwingen unterschwellig mit. Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung Ein Interview fand mit zwei Mitarbeiterinnen aus einer Einrichtung statt, welche sich von einem Angebot für alleinerziehende Mütter und Schwangere hin zu einer Hilfe für beide Eltern mit Kind(ern) entwickelt hatte. Das Konzept soll im Folgenden näher erläutert werden, da es Antworten auf die Frage liefert, wie die Rahmenbedingungen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen gestaltet werden können, um das Zusammenleben für Familien mit beiden Elternteilen zu erleichtern. Nach dem Prinzip der Möglichkeitsverallgemeinerung existiert in dem für gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder typischen Möglichkeitsraum ein Weg, die Teilhabe von Männern am Alltag zu realisieren. Das Ausdehnen der Hilfe auf den Mann müsste demzufolge auch in anderen Fällen möglich sein. Wie die Leiterinnen der Einrichtung des Vereins „Familienhilfen e.V.“ ihre Handlungs- und Deutungsmöglichkeiten im Arbeitsfeld begreifen und wie sich im Einzelfall das Konzept der Familienbetreuung herausbildete, soll im Folgenden nacherzählt werden: Den Anstoß für das Betreuungsangebot für beide Eltern mit Kind gab eine Anfrage von Fachkräften eines Jugendamts nach Unterstützung für ein großes Familiensystem. Der Leistungserbringer konnte Räumlichkeiten in adäquater Größe zur Verfügung stellen und brachte die Familie gemeinsam unter (vgl. Interview mit Frau Kraus 8.7 8.7 Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung 259 und Frau Herrmann, Abs. 50–56). Seither wurden ähnliche Hilfen vom Leistungsträger häufig nachgefragt. Innerhalb der Einrichtung wurde ein auf den Grundlagen der familiensystemischen Therapie basierendes Konzept entwickelt, was bis heute ständig aktuellen Gegebenheiten angepasst wird (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 223–225 und 50–63). Mittlerweile bietet der Träger unter anderem vollstationäre, teilstationäre und ambulante Hilfen für etwa zwanzig Familien an (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 10 und 27). Im Durchschnitt werden – auch durch die Aufnahme von Familien – nahezu genauso viele Männer betreut wie Frauen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 85). Das Konzept basiert nach Angabe der Befragten darauf, (soziale) Väter intensiv in den Alltag einzubinden. Zusätzlich werden alleinerziehende Männer nach § 19 SGB VIII aufgenommen. Seit der Leistungserbringer überregional dafür bekannt ist, Männer aufzunehmen, bezieht sich etwa jede fünfte Anfrage auf einen Platz für einen alleinerziehenden Vater (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 83–85). Die Mitarbeiterinnen legen – mit Blick auf das gesamte Hilfesystem – besonderen Wert darauf, die Rahmenbedingungen für die Betreuung der Familien zu gestalten. In diesem Zusammenhang messen sie dem Prozess der Aufnahme eine hohe Bedeutung bei. Sie binden den Leistungsträger beispielsweise vor Aufnahme unter anderem an seine Aufgabe, für die Finanzierung der Hilfen für alle Mitglieder der Familien zu sorgen. Andernfalls wird eine Betreuung der Familie abgelehnt. Dem Leistungsträger gelingt es nach Angaben der Befragten üblicherweise, die Finanzierung der Betreuung der Kindsmutter und des Kindes nach § 19 SGB VIII und die des Kindsvaters bzw. Partners nach § 31 SGB VIII „Sozialpädagogische Familienhilfe“ sicherzustellen. In anderen Fällen wird die Hilfe von dem Mann selbst bezahlt (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 83): „Interviewerin: Wie finanziert sich denn die Hilfe? Auch über den § 19 SGB VIII, oder? Frau Kraus: Genau. Also wenn es jetzt nur ein alleinerziehender Elternteil ist, ist es § 19 SGB VIII. Wenn wir die Paare aufnehmen, ist es § 27 Abs. 2. Es gibt Jugendämter, die finden das total selbstverständlich (lacht). Und es gibt Jugendämter/ Frau Herrmann: Andere, genau. Frau Kraus: Die sagen einfach: ‚Es gibt keinen Paragraphen dafür.‘ Dann blättere ich immer und zeige denen das. Aber die wirtschaftliche Jugendhilfe hat da einfach ein Problem mit. (…) Und dann sind die kreativ. Wie das dann/ Also dann/ Der Papa wird dann schon mal nur über SPFH [Sozialpädagogische Familienhilfe gemäß § 31 SGB VIII, RH]. Oder der Papa muss das selbst bezahlen. Oder der Papa/ Die sind eigentlich immer eingebunden. Nur die Finanzierung von diesem Papa ist dann sehr unterschiedlich gestaltet. Aber ich behaupte mal, dass wir (…) zu achtzig Prozent belegt werden, weil wir genau diese Lücke schließen. Weil wir einfach sagen: ‚Ja, der gehört dazu.‘ Frau Herrmann: Genau. Frau Kraus: Und auch, wenn es jetzt nicht der Papa ist, sondern nur der Partner, muss ich sagen: ‚Der gehört auch dazu. (…) Und die schlafen hier.‘ Das ist alles selbstverständlich“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 80–85). Eine der beiden befragten Fachkräfte erlebt es als Erleichterung, dass mit denjenigen Jugendämtern, welche die Hilfe häufig finanzieren, mittlerweile angemessene Leistungsentgelte und wichtige Änderungen der Rahmenbedingungen ausgehandelt sind, 8 Empirische Ergebnisse 260 um die Hilfe in dieser flexiblen Form zu ermöglichen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 79 und 345). Insgesamt wird ein ressourcenorientierter Ansatz verfolgt. Damit sichergestellt ist, dass die Hilfe zeitnah an Veränderungen in der Lebenssituation der Familie angepasst wird, besteht die zuständige Fachkraft nach ihren Angaben gegenüber dem Leistungsträger vor Aufnahme darauf, Hilfeplangespräche im Abstand von acht bis zwölf Wochen zu vereinbaren – anstatt wie üblich halbjährig (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 345). „Frau Kraus: […] Wir haben alle drei Monate Hilfeplangespräch. Und wenn es sein muss auch noch kürzer, weil ich einfach denke: ‚Sonst wird man der Entwicklung der Familie nicht gerecht.‘ Oder wenn ich mir überlege: ‚Ich habe jetzt ein Ziel. Und ich soll ein halbes Jahr/ Das ist so ganz unglaublich lange.‘ Ja? Und wir treffen uns alle acht bis zwölf Wochen. Und das ist Rahmen und da diskutiere ich auch nicht mit den Jugendämtern. Wenn die uns belegen, kaufen die das mit ein“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 345). In jedem Fall ist vor dem Einzug der Familie in die Einrichtung ein Aufnahmegespräch vorgesehen. Ziel ist es, die Sichtweisen aller Familienmitglieder – insbesondere die der Männer – kennenzulernen: „Frau Herrmann: Und was unser Erleben eigentlich – also ich überlege gerade, aber ich glaube – immer war in den Vorstellungsgesprächen als Paar: Es war erst mal die Mama Hauptansprechpartner und die Väter haben sich gar nicht so getraut, haben aber im Verlauf des Gespräches ihren Platz bekommen. […] Konnten auch was dazu sagen. Und somit ist das schon der erste Schritt zur Zusammenarbeit gewachsen. Und die haben gemerkt: ‚Okay. Wir haben hier in der Einrichtung einen Platz. Wir Väter auch. Und nicht nur die Mütter.‘ Weil sich sonst die Einrichtung oder Jugendamt ja oft auch eher mit der Mama auseinandersetzt. Und ich glaube, über das Vorstellungsgespräch kriegen beide Seiten, machen einen Schritt aufeinander zu. Ich glaube, wenn nur Aufnahme wäre von einem Paar, ohne das Gespräch vorher, gäbe es viel mehr Widerstand oder viel mehr, wo man sich auseinandersetzen müsste, was halt da in dem Gespräch schon geklärt ist. Also von daher, das war bis jetzt immer so, dass/ Frau Kraus: Weil die unterschiedlichen Sichtweisen einen Platz haben. Also die Frau kann es so sehen. Der Mann kann es so sehen. Und das Jugendamt kann es von mir aus auch nochmal anders sehen. Ich höre mir das alles nur an. Und das ist okay. Frau Herrmann: Aber die sitzen oft erst einmal so (verschränkt die Arme), die Männer. Und die Frauen reden und dann irgendwann: ‚Aha. Ich darf auch was sagen. Und das ist wichtig, was ich sage, weil mein Blick ist auch wichtig.‘ Und das ist so ein Türöffner, dieses Gespräch – für alle. Frau Kraus: Manchmal ist es auch wichtig, dass man sieht: ‚Sie sind jetzt aber nicht gerade motiviert, hier zu sitzen.‘ (lacht) Frau Herrmann: Genau. Frau Kraus: Das spürt man ja dann. Dann sage ich: ‚Okay. Sollen wir es direkt beenden?‘ Und das würde ich auch tun, weil ich einfach denke: ‚Das bringt nichts. Das bringt dann einfach nichts.‘ Und das habe ich vorhin gemeint mit diesen Rahmenbedingungen. Das macht viel, viel aus, wie so eine Maßnahme beginnt“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 340–345). Der Vertretungsperson des Leistungsträgers wird im Vorfeld des Gesprächs nahegelegt, ausschließlich kleinere Aspekte zu ergänzen, damit die Familie den Hauptredeanteil hat. Ziel ist, dass die Familienmitglieder „aus dieser Opferrolle rauskommen“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331). 8.7 Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung 261 „Frau Kraus: […] Das fällt denen [Fachkräften des Leistungsträgers, RH] unendlich schwer. (lächelt) Aber die Familien wachsen einfach schon. […] Und das Interessante ist, dass die [Fachkräfte des Leistungsträgers, RH] in diesem Gespräch oft Dinge erfahren, die die vorher auch noch nicht wussten (lächelt), weil die Familie eigentlich noch nie gefragt worden ist, sondern jeder es hier eigentlich weiß. Also es führt auch oft zum Aha-Erlebnis bei dem Jugendamt. Und die sagen: ‚Ich habe Sie heute ganz anders erlebt.‘“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331–339). Wenn sich die Familie explizit dafür entscheidet, das Angebot der Hilfe anzunehmen, wird sie zunächst drei Monate lang für ein Clearing aufgenommen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 29, 331 und 339). „Frau Kraus: […] Das ist mir auch wichtig, dass die Familie mir eine Rückmeldung gibt. Also dass die hier anrufen und sagen: ‚Ja, ich komme.‘ Oder: ‚Ich komme nicht.‘ Die sind ja schon im Zwang. Es gibt ja oft schon eine Gerichtsauflage. Aber ich finde, dass KJHG [Kinder- und Jugendhilfegesetz, RH] gibt es ja her, dass die sich verschiedene Einrichtungen angucken können, sollen, dürfen. Und das sollen sie auch tun“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 339). Für die Zeit des Clearings nimmt das Personal ausschließlich den Auftrag an, zu prüfen, welche Unterstützung das Familiensystem benötigt. Zunächst zeigen die Eltern meist die Grundhaltung „ja eigentlich kein Problem“ zu haben, aber „am Ende des Clearings haben die eine Idee: ‚Was hat das Problem eigentlich mit uns zu tun?‘“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331). Bei einer stationären Unterbringung während des Clearings wird den Familien jeweils eine familienangemessene Wohnung zur Verfügung gestellt (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 34–37). Erst nach der Zeit des Clearings werden in einem Hilfeplangespräch Ziele für die Zusammenarbeit formuliert (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331). Die Interviewten geben an, im Anschluss an das Clearing verschiedene Angebote des Leistungserbringers (stationäre Wohnformen bzw. Tagesgruppe für Familien, Entspannungskurse, Kochen, Marte Meo, Spielkreis, Entspannung, Zeit für mich, interne Kindertagesstätte, Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung) nach Bedarf kombinieren zu können (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 27). Ein männlicher Pädagoge bietet gemeinsam mit einem anderen Mitarbeiter, der den Fahrdienst übernimmt, mehrere modulartige Angebote zum Thema „Sicherheit“ an. Hier wird beispielsweise vermittelt, wie man ein Kind im Kindersitz richtig anschnallt und wie Steckdosen und Kabel im Haushalt installiert sein müssen, damit sie kindersicher sind. Mit Absicht wurde in diesem Zusammenhang ein Verantwortungsbereich ausgewählt, der dem traditionellen Geschlechterrollenbild zufolge eher dem Mann zugesprochen wird. Die Familien schätzen dieses Angebot sehr (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 122–129). Die im Zentrum betreuten Familien nehmen an regelmäßigen Reflexionsgesprächen mit dem pädagogischen Personal und gegebenenfalls Fachkräften von außerhalb der Einrichtung teil. Absprachen zum weiteren Verlauf des Prozesses werden nach Aussage der Befragten generell nicht ohne die Familie getroffen. Zur Diskussionsführung in diesen Reflexionsgesprächen wird unter anderem die Fishbowl‑Methode eingesetzt (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 66). Nach Aussage 8 Empirische Ergebnisse 262 der befragten Fachkräfte wünschen sich die Familienmitglieder zum einen, offenzulegen, was von ihnen gefordert wird, zum anderen, für Fortschritte gelobt zu werden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 380–382). Es sind etwa dreißig Fachkräfte zur Betreuung der Familien angestellt, darunter ein männlicher Kollege. Die Interviewten geben an, die Arbeit im gemischtgeschlechtlichen Team als „entspannter“ zu erleben (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 122). Die Kindsväter und Partner der Kindsmütter sehen in dem Pädagogen ein Gegenüber und suchen gern mit ihm das Gespräch. In der Regel arbeiten zwei pädagogische Fachkräfte mit einer Familie zusammen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 258). Der Befragung ist zu entnehmen, dass an die Fachkräfte hohe Anforderungen gestellt werden: Sie müssen vor allem eine hohe Fähigkeit zur Selbstreflexion besitzen und konfliktfähig sein (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 64). Je nach Bedarf der Familie wird ihnen viel Flexibilität abverlangt. Zum Teil müssen sie vom stationären Arbeitskontext in den ambulanten wechseln oder umgekehrt, Arbeitszeiten müssen flexibel gestaltet werden und die Teams, die jeweils zusammenarbeiten, wechseln zum Teil häufig (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 74 und 259–261). Trotzdem ist das Personal mit seinem Arbeitgeber nach Aussage der Befragten zufrieden, da er für die Bedürfnisse der Fachkräfte in gleichem Maße sorgt wie für die der Klientel. Der Leistungserbringer sei bestrebt, die Bedarfe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ihr Arbeitsumfeld zu berücksichtigen, indem jede Fachkraft mit Aufgaben betreut wird, die ihren Möglichkeiten und Talenten entsprechen: „Frau Herrmann: […] Also einfach auch zu gucken: ‚Okay. Was liegt jedem, damit sich da jeder entfalten kann.‘ Und so ist die höchste Mitarbeiterzufriedenheit halt einfach auch“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 261). Die Interviewten geben an, dass die Flexibilität des Angebots hohe Anforderungen an den Leistungserbringer, vor allem an die verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Leitung und der Verwaltung, stellt. Die Arbeitsverträge des pädagogischen Personals müssen häufig angepasst werden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 74), die Führungskräfte trotz einer Gesetzeslage mit wenig Spielraum mit dem Leistungsträger angemessene Entgelte verhandeln und ihre Ideen zur Zusammenarbeit durchsetzen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 79–84). Für den Leistungserbringer stellt es ein höheres finanzielles Wagnis dar, wenn mehrere Mitglieder des Personals mit einer Familie zusammenarbeiten. Sollte die Familie oder der Leistungsträger die Hilfe plötzlich beenden, wenn die pädagogischen Fachkräfte eingestellt sind, droht dem Leistungserbringer ein finanzieller Verlust (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 58–66). Mittlerweile sei allerdings die Unternehmung, Familien mit Kindern zu betreuen, für den Leistungserbringer lediglich noch mit einem geringen finanziellen Risiko verbunden. Aus den Aussagen der Befragten geht hervor, dass die Nachfrage nach diesem Angebot hoch ist (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 85), da Hilfen für Familien in dieser Form von keinem anderen Leistungserbringer im 8.7 Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung 263 Umkreis von mehreren hundert Kilometern bereitgestellt werden. Deshalb könnten freie Plätze stets zeitnah wiederbelegt werden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 75). Die befragten Fachkräfte beobachten, dass bei Krisen häufig die Frauen die Beziehung beenden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 209–216). Sofern die entsprechenden Räumlichkeiten der Einrichtungen nicht durch andere Familien belegt sind, können die Eltern das Leben in Trennung „üben“, indem sie in getrennte Räumlichkeiten ziehen und ihren Alltag in separaten Wohnungen neu organisieren (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 221–224). Überdies ist möglich, den Mann mit Kind(ern) in der Einrichtung weiter zu betreuen, während die Mutter auszieht (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 217– 221). Um getrennt lebenden (sozialen) Elternteilen den Besuch ihrer Kinder zu ermöglichen, stehen separate Räumlichkeiten innerhalb des Hauses zur Verfügung (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 224). 8 Empirische Ergebnisse 264 Resümee In der erziehungswissenschaftlichen Disziplin gilt es als unumstritten, dass vor allem in einer sensiblen Lebensphase in der frühen Kindheit die Bindung zu Bezugspersonen – meist den Eltern – die Entwicklungspotentiale von Menschen auch auf ihrem späteren Lebensweg erheblich beeinflusst. Den Ergebnissen bindungstheoretischer Untersuchungen zufolge entwickeln sich Kinder besonders gut, wenn sie in der Kindheit entsprechend ihrer Bedürfnisse von erwachsenen Bezugspersonen versorgt, gepflegt und erzogen werden. Die Erfahrung, zu diesen Personen eine stabile Bindung aufzubauen, gibt ihnen Sicherheit in bedrohlichen Situationen – auch auf dem weiteren Lebensweg. Der Ausfall von Bindungspersonen im frühen Lebensalter kann die Entwicklung negativ beeinflussen. Allerdings sind Kinder in solchen Fällen in der Lage, sich der Situation anzupassen und Vertrauen zu anderen Erwachsenen aufzubauen, wenn diese die Rolle der Bezugspersonen erfüllen. Bei Trennungen, Scheidungen oder Verlust eines Elternteils können soziale Väter und Mütter die Funktionen des leiblichen übernehmen. So erhöht die Anwesenheit sozialer Elternteile die Wahrscheinlichkeit einer optimalen Entwicklung der Kinder. Wenn Kinder zu mehreren Erwachsenen Kontakt haben, bauen sie in der Regel eine engere Bindung zu der Person auf, die häufiger Aufgaben der Pflege und Erziehung übernimmt. In der Vergangenheit war es üblich, dass Väter die finanzielle Versorgung der Familie übernahmen, dadurch häufig abwesend waren und meist wenig Zeit mit dem Kind im Alltag verbrachten. Deshalb wurde bei Untersuchungen häufiger eine engere Bindung von Kindern zu ihren Müttern konstatiert. In der Folge wurde Männern die Fähigkeit abgesprochen, Kinder genauso gut wie die Mutter versorgen zu können. In jüngerer Zeit konnten Vaterforscherinnen und -forscher Gegenteiliges darlegen: Männer verfügen von Natur aus über die gleichen Kompetenzen im Umgang mit Kindern wie Frauen, das heißt, sie können prinzipiell genauso gut wie Frauen die Rolle der primären Bezugsperson des Kindes übernehmen. Vor diesem Hintergrund wird dem männlichen Elternteil zunehmend eine größere Bedeutung für die Entwicklung des Menschen bis ins hohe Lebensalter beigemessen. In manchen Fachkreisen wird heute sogar vermutet, dass Väter die Entwicklung ihrer Kinder in besonderen Bereichen ausgesprochen positiv oder grundsätzlich stärker als Mütter beeinflussen: Viele Männer vermittelten ihren Kindern wahrscheinlich ein autonomeres Lebensmodell als ihre Partnerinnen. Je nach Verhalten der Väter bilden Kinder mehr oder minder adäquate Vorstellungen über Geschlechterrollen und ein positives oder negatives Selbstbild in Bezug auf das eigene Geschlecht aus. Die Relevanz des Vaters wird in diesem Zusammenhang vornehmlich für männliche Nachkommen diskutiert. Es wird außerdem untersucht, ob der Vater die kognitive Leistung der Kinder in höherem Maße beeinflusst als die Mutter. 9 265 Für die Entwicklung von sozialer Kompetenz ist es für Kinder beiden Geschlechts in hohem Maße förderlich, früh im Leben die Möglichkeit zu haben, mit mehr als einer konstanten Bezugsperson feste Bindungen einzugehen. Entwicklungspsychologische Forschungen zeigen, dass Kinder bereits in den ersten Lebensmonaten über die Fähigkeit verfügen, mit mehreren Erwachsenen gleichzeitig zu kommunizieren. Die Anwesenheit einer zweiten Bezugsperson in der frühen Lebensphase führt bei Kindern von Anfang an zum Ausbau der Kompetenz, Unterschiede im Charakter von Personen zu erkennen und sich in Situationen mit mehreren Menschen adäquat zu verhalten. Erkenntnisse aus dem Forschungsgebiet der systemischen Psychologie heben darüber hinaus die Sicht auf die Triade aus beiden Elternteilen und Kind hervor. Demnach hat die Beziehung zwischen den Eltern nicht nur Einfluss auf das Wohlbefinden des Paares, sondern auch auf die Qualität der Bindung zwischen den Elternteilen und dem Kind. Eine glückliche Paarbeziehung der Eltern erhöht die Chance auf eine gesunde kindliche Entwicklung. Darüber hinaus wirkt die Qualität des Coparenting – die Art und Weise, wie Eltern sich gegenseitig bei der Erziehung der Kinder unterstützen oder unterminieren – auf die Entwicklung des Kindes ein. In unserer Gesellschaft gilt die Kleinfamilie, bestehend aus einem verheirateten Elternpaar – einem Mann und einer Frau – mit Kindern, nicht mehr wie noch in der Nachkriegszeit als einzige Familienform, die es zu führen gilt. Vielmehr bilden sich andere unterschiedliche Lebensstile von Familien heraus: Der Anteil an Patchworkund Ein-Eltern-Familien wächst. In diesem Zusammenhang werden auch die Rollen innerhalb der Lebensgemeinschaften neu verhandelt. Immer mehr Familien weichen von der traditionellen Rollenteilung ab, bei welcher der Mann die Familie ernährt und die Frau allein die Versorgung und Erziehung des Kindes übernimmt. Dennoch beeinflussen weiterhin Geschlechterstereotype vor allem innerhalb der Familien die Aufgabenverteilung und damit die Bedingungen für den Umgang von Vätern mit ihren Kindern. Traditionelle Rollenarrangements sind – obwohl sie von jüngeren Paaren zunehmend hinterfragt werden – immer noch üblich: Häufig übernehmen Mütter mehr Verantwortung im Alltag für die Pflege und Erziehung der Kinder, wodurch sie oft zur ersten Bezugsperson werden. Männer verbringen durchschnittlich weniger Zeit mit ihren Kindern als ihre Partnerinnen. Auch Pflegeaufgaben und Tätigkeiten im Haushalt übernehmen Männer seltener als Frauen. Selbst Paare mit kritischer Haltung gegenüber Geschlechterstereotypen können alternative Aufgabenverteilungen innerhalb der Familie nach der Geburt des ersten Kindes selten umsetzen. Allerdings zeichnet sich ab, dass vor allem junge Väter mehr und mehr dazu bereit sind, sich aktiv an der Erziehung und Pflege zu beteiligen. Auch soziale Väter übernehmen zum Teil Verantwortung für die Kinder ihrer Partnerinnen. Der Gesetzgeber trägt dem Wandel der Familienformen Rechnung, beispielsweise indem Kindsvätern das Sorgerecht bei einer Scheidung häufiger als in der Vergangenheit zugesprochen wird. Weil die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse zum Sachgebiet der Mutter- Kind-Einrichtungen alle mehrere Jahrzehnte alt sind, es also vollständig an Erkenntnissen zu aktuellen Entwicklungen in der Praxis fehlt, und darüber hinaus bisher noch nicht untersucht wurde, wie in den Einrichtungen mit Männern umgegangen wird und welche Hilfebedarfe sie haben, wurde im Rahmen dieser Studie eine Aus- 9 Resümee 266 wertung der Untersuchungsergebnisse aus den 1970er bis 1990er Jahren zum Umgang der Mitarbeiterinnen in Mutter-Kind-Heimen mit Männern vorgenommen. Sie ergibt im Hinblick auf die Frage nach dem Einbeziehen der Männer folgendes Bild: In den 1960er bis 1980er Jahren wurden Männer in Mutter-Kind-Heimen überwiegend mittels strenger Hausregeln vom Alltag ausgeschlossen. Die Kindsväter und Partner durften – selbst wenn sie bei der Pflege und Erziehung des Kindes Verantwortung übernehmen wollten – gar nicht oder lediglich selten in die Einrichtungen kommen. Im letzteren Fall durften sie oft nur in speziellen Besucherzimmern empfangen werden und verloren diese Rechte, wenn sie sich nicht angepasst verhielten. Besuche von mehreren Tagen mit Übernachtung wurden in Konzeptionen – sofern vorhanden – häufig abgelehnt oder waren gänzlich verboten. Das Personal kontrollierte streng die Einhaltung der Hausregeln. Da der Besucherverkehr aus organisatorischen Gründen nicht zu jeder Zeit gesteuert werden konnte, wurden bisweilen andere Klientinnen angehalten, Informationen über den Kontakt ihrer Mitbewohnerinnen mit Männern zu sammeln und preiszugeben. Üblicherweise wurden jüngere Mütter stärker kontrolliert als ältere. In den 1990er Jahren geriet die Praxis, den Zugang für Männer über Hausregeln zu verbieten, in die Kritik. In Studien aus diesem Jahrzehnt lassen sich Aufweichungen der rigiden Regelungen erkennen. Allerdings belegen die Ergebnisse auch, dass im überwiegenden Teil der Einrichtungen weiterhin streng mit Männern verfahren wurde. Untersuchungen aus den 1990er Jahren zeigen, dass manche Frauen vor der Aufnahme in eine Mutter-Kind-Einrichtung mit einem Mann zusammengelebt hatten. Beim Einzug in die Einrichtung befand sich die Beziehung zwischen den Paaren häufig in einer Krise. Gerade die Zeit der Schwangerschaft und Geburt war eine kritische Phase für die Paare, in der sie sich oft trennten. Nach einer Trennung waren die wenigsten Männer dazu bereit, den Kontakt mit dem Kind zu halten. Manche Klientinnen erlebten Gewalt durch ihre Partner, waren von der Zahlungsmoral der Männer in Bezug auf Unterhalt enttäuscht und lehnten den Kontakt zum Kindsvater ab. Die Analyse der Berichte aus der Praxis der Mutter-Kind-Einrichtungen bestärkt die Annahme, dass die (sozialen) Väter ähnliche Bedarfslagen wie die in den Institutionen lebenden Klientinnen hatten. Während manche Frauen die Aufnahme in eine Mutter- Kind-Einrichtung nutzten, um Distanz zum Kindsvater zu schaffen, gab es einen anderen Teil, der Wert darauf legte, in einer stabilen Partnerschaft zu leben, den Kontakt zum Kindsvater oder neuen Partner zu halten und gegebenenfalls Beziehungskonflikte beizulegen. Viele Frauen zeigten eine ambivalente Haltung gegenüber Männern. Gerade jugendliche Klientinnen wurden in Mutter-Kind-Einrichtungen durch die strengen Reglements in der Gestaltung der Beziehung zu ihrem Partner beträchtlich eingeschränkt. Ein Teil brach aus diesen Gründen die Betreuung ab. Die Bemühungen um eine Modernisierung der Heimerziehung kristallisierten sich in besonderer Weise an Mutter-Kind-Einrichtungen. Beginnend mit der Heimrevolte und der sexuellen Revolution Ende der 1960er Jahre entzündete sich ein Diskurs um die Internierung von Frauen und Mädchen, denen „sexuelle Verwahrlosung“ vorgeworfen wurde. Die Leistungserbringer von Mutter-Kind-Heimen standen massiv wegen Misshandlungen in der Kritik. Daneben wurde ihnen vorgeworfen, als totale 9 Resümee 267 Institutionen ihre Insassinnen von der umgebenden Gesellschaft zu separieren und damit Diskulturation zu befördern. Jedoch dauerte das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an den Heimeinrichtungen nicht lange an. Nach einem kurzen Diskurs um die Einrichtungen in den 1990er Jahren brach die wissenschaftliche Bearbeitung des Felds vollständig ab. Seitdem ist gerade im Hinblick auf die Einbettung der Einrichtungen in den Sozialraum ungeklärt, welche Reformen weiterverfolgt wurden und ob sie ausreichten, um die Bedarfe der Klientel adäquat decken zu können. Erst seit Kurzem nehmen neben der Verfasserin der vorliegenden Studie zwei weitere Forscherinnen die Forschungstätigkeit zum Arbeitsfeld im deutschsprachigen Raum wieder auf. Untersuchungen zur Frage nach der Einbindung der Männer in den Alltag fehlten bisher völlig. Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder können heute dem Gesetz nach von Schwangeren in Anspruch genommen werden oder von Alleinerziehenden, solange ihr Kind unter sechs Jahre alt ist. Die Hilfe steht auch alleinerziehenden Männern offen, kann allerdings der gängigen Rechtsprechung zufolge nicht beiden Eltern mit Kind angeboten werden. Da die Kinder in der Zeit, in der sie sich in der Einrichtung aufhalten, überwiegend im Vorschulalter sind, sich also in einer kritischen Phase für den Aufbau von Bindungen befinden, ist es wichtig für ihre weitere Entwicklung, Kontakt zu ihren Bezugspersonen halten zu können. Gerade weil in den Institutionen Elternteile mit Kindern unter sechs Jahren untergebracht werden, ist die Anwesenheit von ihren (sozialen) Vätern in dieser für die Kindesentwicklung entscheidenden Lebensphase also grundsätzlich empfehlenswert, wenn die Männer eine Bindung zum Kind aufgebaut haben. Wenn sorgeberechtigte oder werdende Väter noch keine Bindung zum Kind aufbauen konnten, wäre es aus bindungstheoretisch orientiertem Gesichtspunkt und aus Sicht der Gleichstellung empfehlenswert, sie wie die Mütter dabei zu unterstützen, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln, um den Kindern eine sichere Basis bieten zu können. Die Leistungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes stehen Männern und Frauen gleichermaßen zu. Deshalb sollten prinzipiell auch sorgeberechtigte und werdende Väter im gleichen Maß wie die Mütter Leistungen nach § 19 SGB VIII erhalten können. Für den empirischen Teil der vorliegenden Studie wurden 26 etwa einstündige, problemzentrierte Gruppen- und Einzelinterviews mit 31 Interviewpartnerinnen und einem Interviewpartner aus 19 Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen geführt. Kindsväter und Partner von Müttern, die in den Einrichtungen leben, wurden nicht erreicht. Die Gruppe der Befragten setzt sich aus 7 Bewohnerinnen und 25 Fachkräften zusammen. Ein Teil des interviewten Personals war in Leitungspositionen beschäftigt, darunter der einzige männliche Befragte. Die Daten der vorliegenden Studie ergeben, dass überwiegend Mädchen und Frauen (mit Kind) in den Einrichtungen untergebracht werden und auch der größte Teil des pädagogischen Personals weiblich ist. Im Alltag sind Männer also faktisch in den meisten Einrichtungen außen vor. Während der Gesetzgeber davon ausgeht, es handle sich bei der Klientel in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII ausschließlich um Elternteile ohne Partner bzw. Partnerin, und deshalb die Betreuung von Zwei-Eltern- Familien nicht vorsieht, stellt sich die Situation in der Realität anders dar: Die inter- 9 Resümee 268 viewten Fachkräfte berichten, ihre Klientinnen befänden sich meist in einer Beziehung mit einem Mann, entweder mit dem Kindsvater oder einem neuen Lebenspartner, und wünschten sich die Teilnahme ihrer Partner am Alltag. Dies wird in den Gesprächen mit den Klientinnen bestätigt. In etwa der Hälfte der Einrichtungen werden nach Angabe des befragten Personals mehrheitlich volljährige Elternteile bzw. Schwangere betreut. Ein nicht unerheblicher Teil der Klientinnen hat vor der Aufnahme bereits mit dem Kindsvater oder dem neuen Partner in einer eigenen Wohnung gewohnt. Alle befragten Fachkräfte berichten mindestens über einen Kindsvater oder neuen Partner, der sich an der Pflege und Erziehung des Kindes beteiligt, die Kindsmutter bei ihren Aufgaben unterstützen möchte bzw. Angebote des Leistungserbringers wahrnehmen würde. In einer Einrichtung mit einem Konzept für die Betreuung von Familien ist von einer annähernd gleich hohen Nachfrage nach Hilfen für Männer wie für Frauen die Rede. Aus Sicht mancher befragten Mitarbeiterinnen verfügen einzelne (soziale) Väter sogar über mehr intuitive Kompetenzen im Umgang mit dem Kind als ihre Partnerin. Auch ein Teil der interviewten Mütter gibt an, mit einem Mann zusammen zu sein, der dazu bereit ist, das Kind mit zu pflegen und zu erziehen, oder sich wünscht, am Alltag in der Einrichtung zu partizipieren. Die Untersuchungsergebnisse zeigen also durchaus ein Interesse einzelner Männer an der Teilhabe an der Erziehung und Pflege des Kindes bzw. an Unterstützung durch den Leistungserbringer im Hinblick auf seine Erziehungsfähigkeit. Auch wenn es sich bei den „neuen Vätern“ um eine Minderheit zu handeln scheint, deutet sich hier ein Wandel an. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse bindungstheoretischer Studien, der Vaterforschung sowie Erkenntnissen der systemischen Familientherapie sollte die pädagogische Arbeit in Wohnformen nach § 19 SGB VIII darauf abzielen, die Männer, deren Erziehungsfähigkeit bereits entwickelt ist oder mithilfe von pädagogischer Unterstützung gefördert werden kann, in den Alltag weitestgehend einzubeziehen, um dem Kind eine adäquate, gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Zum einen sollten die Männer die Funktionen der primären oder sekundären Bezugsperson für das Kind übernehmen können, zum anderen die Mutter im Alltag entlasten können. Dies ist nur möglich, wenn sie am Alltag in den Einrichtungen teilhaben. Die überwiegende Abwesenheit der Männer ist nicht allein mit deren Desinteresse an der Teilhabe am Alltag ihrer Partnerinnen bzw. ihrer Kinder zu erklären. Dort, wo Konzepte der Einrichtungen auf Männer ausgerichtet sind und deren Teilhabe am Alltag zugelassen wird, nutzen Männer die Angebote. Daraus muss man schließen, dass die Rahmenbedingungen in den meisten Einrichtungen die Teilhabe der Männer behindern. Die Ergebnisse der Studie lassen den Schluss zu, dass ein Teil der Männer im Hinblick auf die Erziehungsfähigkeit und die Persönlichkeitsentwicklung einen ebenso hohen Bedarf an Unterstützung hat wie die Kindsmütter. Nicht nur in den Interviews mit den Klientinnen der Einrichtung sondern auch nahezu in allen mit dem pädagogischen Personal wird ein Bedarf der (sozialen) Väter an Unterstützung im Umgang mit dem Kind und in aktuellen Lebenskrisen deutlich. Das heißt, sie befinden sich in ähnlich schwierigen Lebenslagen wie die Kindsmütter. Auch sie verfügen über einen niedrigen Bildungsstand und leiden unter traumatischen Erlebnissen aus der 9 Resümee 269 Kindheit oder aktuell unter Partnerschaftskonflikten. Häufig sind sie in prekären Beschäftigungssituationen, arbeitslos bzw. von Armut betroffen. Gemäß der Erfahrung der Fachkräfte haben Männer vor allem im Umgang mit ihren Aggressionen und Süchten Bedarf an pädagogischer und beraterischer Unterstützung. Viele bräuchten Hilfe dabei, einen geeigneten Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle zu finden. Rechtsverhältnisse der Väter gegenüber dem Kind können jeweils sehr unterschiedlich sein: Manche Kindsväter besitzen das Sorgerecht genau wie die Mütter, die in den Einrichtungen untergebracht wurden, andere Männer haben nur Teile des Sorgerechts inne. Wieder anderen wurde das Sorgerecht durch das Familiengericht vollständig entzogen. Letztere verfügen aber zum Teil über das Umgangsrecht mit dem Kind in Form von begleiteten oder unbegleiteten Besuchskontakten. Gerade werdende Väter haben zum Teil die Vaterschaft noch nicht anerkannt, wenn ihre Partnerinnen in der Einrichtung aufgenommen werden. Andere klagen ihr Recht am Kind gegen den Willen der Mutter vor dem Familiengericht ein. Die Unterschiedlichkeit der Rechtsverhältnisse stellt hohe Anforderungen an die Organisation der Aufnahme in die Einrichtungen, denn grundsätzlich müssen die Männer, denen das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Kind zusteht, an der Entscheidung, ob das Kind in die Einrichtung zieht, beteiligt werden. Die Rechte der Väter und Partner werden allerdings in den meisten Einrichtungen bisher nur unzureichend berücksichtigt. Durch die Auswertung der Ergebnisse konnte die These erhärtet werden, dass die meisten Klientinnen in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII unfreiwillig untergebracht sind. Hilfsbedürftige Elternteile und Schwangere ziehen überwiegend in die Einrichtung ein, um einen vollständigen Entzug ihrer elterlichen Sorge durch das Familiengericht abzuwenden, auch wenn bei der Aufnahme das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Kind noch bei den Eltern liegen kann und kein Beschluss des Familiengerichts erfolgt sein muss. Vielfach ist vor der Aufnahme bereits das Angebot der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Anspruch genommen worden und gescheitert. Die überwiegende faktische Unfreiwilligkeit der Sorgeberechtigten im Hinblick auf die Aufnahme des Kindes (und ggf. des eigenen Aufenthalts) in einer Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtung steht im Widerspruch zur Grundkonzeption des SGB VIII, Hilfen grundsätzlich mit freiwilliger Zustimmung der Sorgeberechtigten zu installieren. Gespräche im Vorfeld der Aufnahme scheinen sich in der Praxis dabei nicht selten als konfliktreiche Zusammentreffen zu gestalten, bei denen sich die Sorgeberechtigten nicht in allen Fällen einig sind, wie mit der Zwangslage umgegangen werden soll. Die Konfliktlage kann dazu führen, dass die Klientinnen und ihre Partner bzw. die Kindsväter grundsätzlich bereits vor der Aufnahme dem Angebot ablehnend gegenüberstehen. Bei der Aufnahme in die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung ist zudem manchmal ungeklärt, wie groß die Bedrohung des Kindeswohl überhaupt ist und welche Ressourcen und Bedarfe an Unterstützung die Eltern haben, um eine drohende Kindeswohlgefährdung abwenden zu können. Durch die Auswertung der Ergebnisse konnte die These erhärtet werden, dass in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen zunehmend die Leistung erbracht wird, eine Abklärung, auch „Clearing“ genannt, vorzunehmen. Dabei bezieht sich die Abklärung in manchen Fällen nicht nur auf die Erziehungsfähigkeit des Elternteils oder seiner Bindung zum Kind, sondern darauf, dass das Kind 9 Resümee 270 Misshandlungen erleben musste und es im Rahmen der bisherigen, weniger intensiv betreuten Hilfen nicht gelungen ist, stichhaltig für eine Verhandlung vor dem Familiengericht zu klären, welcher Elternteil dem Kind die Misshandlungen zufügt. Die Hilfe nach § 19 SGB VIII wird also insofern auch in massiven Fällen durch den Leistungsträger installiert, wenn davon ausgegangen wird, dass eigentlich die Grenze zur Kindeswohlgefährdung bereits überschritten ist, aber vor dem Gericht bereits ein Verfahren verloren wurde, familienpsychologische Gutachten keine eindeutigen Daten liefern konnten oder sich die Lebenssituation danach so verschärfte, dass eine erneute Abklärung nottut. Die Ressourcen der Väter stehen nicht zur Debatte, sondern vielmehr wird angenommen, es handle sich bei ihnen grundsätzlich um die Täter, was zur Folge hat, dass die meisten Hilfen nach § 19 SGB VIII für Mutter und Kind gewährt werden. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, Väter auch von Gesprächen mit dem Jugendamt auszuschließen und Entscheidungskompetenzen ausschließlich der Mutter zuzusprechen, obwohl der Vater noch sorgeberechtigt sein kann. Aufnahmen in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII von Mutter und Kind können also dem Leistungsträger dazu dienen, den Vater, von dem angenommen wird, dass er Gewalt gegen das Kind ausübt, von der Familie zu trennen, obwohl der Nachweis seiner Täterschaft vor dem Familiengericht bisher nicht erbracht werden konnte. Das Mittel, den Kontakt des Vaters zur Familie durch die Aufnahme der Mutter mit Kind in eine Einrichtung nach § 19 SGB VIII auch ohne einen Beschluss des Familiengerichts zu unterbinden, wird auch in Fällen angewandt, in denen der Mann die Mutter schlägt, in denen es also zu Gewalt in der Paarbeziehung kam. Da diese Lebensumstände zwar ein Gefährdungspotential für die gesunde Entwicklung der Kinder darstellen können, aber vom Familiengericht nicht in allen Fällen als Kindeswohlgefährdung begriffen werden, die Fachkräfte in den Jugendämtern aber die Gefährdung hoch einschätzen, wird in manchen solcher Fälle der Mann vom Familienleben durch die Aufnahme der Mutter mit Kind in eine vom Wohnort des Mannes weit entfernt liegende Mutter- Kind-Einrichtung ausgeschlossen. Es kann auch vorkommen, dass Leistungserbringer vom Leistungsträger inoffizielle Aufträge erhalten, den Mann von seiner Partnerin und dem Kind fernzuhalten, obwohl er noch das Sorgerecht, Teile davon oder ein Umgangsrecht besitzt, weil Gerichtsverfahren zum Entzug des Sorgerechts oder des Umgangsrechts noch nicht erfolgt sind oder aus Sicht des Leistungsträgers unbefriedigend ausgegangen sind, weil der Mann das Verfahren gewonnen hat und sich trotzdem neue Hinweise auf Kindeswohlgefährdung einstellen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen also rechtliche, verfahrenstechnische und methodische Spannungsfelder bei Gefährdungseinschätzungen, die zu der Praxis führen können, dass das Jugendamt sorgeberechtigte Väter von der Entscheidung bezüglich der Installation der Hilfe nach § 19 SGB VIII ausschließt und dafür sorgt, dass sie im weiteren Verlauf der Hilfe keinen Einfluss mehr erlangen, um das Verfahren zu vereinfachen. Weil der Leistungserbringer überwiegend Mutter und Kind die Hilfe gewährt, verwundert es nicht, dass offiziell die meisten im Rahmen der Studie einbezogenen Leistungserbringer ihr Angebot nach § 19 SGB VIII als Hilfe für Mutter und Kind begreifen. Immerhin 6 von 19 Einrichtungen, in denen Interviewpartnerinnen und -partner gewonnen werden konnten, bezeichnen sich als Mutter‑/Vater-Kind-Ein- 9 Resümee 271 richtungen. Zwei sind sogar überregional dafür bekannt, Männer in besonderer Weise in den Alltag zu integrieren, nämlich eine in katholischer und eine in evangelischer Trägerschaft. Allerdings stellte sich heraus, dass nur in einem Teil der Mutter‑/Vater- Kind-Einrichtungen tatsächlich alleinerziehende Väter aufgenommen werden. Obwohl das Jugendamt in Einzelfällen für einen alleinerziehenden Vater bei den Leistungserbringern Unterstützung anfragte, wurde nur in der Hälfte der Mutter‑/Vater- Kind-Einrichtungen (3 von 6) jemals tatsächlich ein alleinerziehender Vater betreut. Die katholische Spezialeinrichtung für Männer lehnte bisher alle Anfragen des Jugendamtes für alleinerziehende Väter ab. Hieran wird deutlich, dass das Personal nicht in allen Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen der Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters offen gegenübersteht. Faktisch werden alleinerziehende Männer gegen- über alleinerziehenden Müttern bei der Aufnahme in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen häufig diskriminiert. Dass dies überhaupt passieren kann, liegt unter anderem an der Konstitution des SGB VIII. Es schafft zwar enorme Gestaltungsmöglichkeiten, allerdings gibt es in den wenigsten Fällen einen einklagbaren Rechtsanspruch auf Hilfe für die Eltern bzw. Kinder. Aus den Berichten über Anfragen nach Plätzen für alleinerziehende Väter kann man drei Schlüsse ziehen: 1. Alleinerziehende Männer haben zum Teil Hilfebedarf nach § 19 SGB VIII. 2. Einige Leistungsträger erkennen diesen Bedarf an und wollen dem Mann Hilfe zukommen lassen. 3. Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen reagieren meistens nicht angemessen auf diesen Bedarf. Es zeigt sich, dass die Unterbringung von sorgeberechtigten Vätern mit Kind in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen, wenn überhaupt, dann zustande kommt, wenn die Kindsmutter vorher bereits mit dem Kind in der Einrichtung gelebt und die Hilfe abgebrochen hat, also wenn der Kindsvater für die Kindsmutter „einspringt“, nachdem diese die Hilfe beendet. Es handelte sich bei den Männern, denen in Ausnahmefällen mit Kind in der Einrichtung Hilfe gewährt wurde, in den wenigsten Fällen tatsächlich um alleinerziehende Väter, sondern häufiger um Männer, die vor der Aufnahme zwar auch schon mit der Kindsmutter liiert waren, aber nicht gleichberechtigt wie ihre Partnerin an der Hilfe teilhaben konnten. Zwei-Eltern- und Patchwork-Familien haben nicht die gleichen Möglichkeiten im Kinder- und Jugendhilfegesetz, intensive Betreuung zu erhalten, wie Ein-Eltern-Familien. Die Daten der vorliegenden Studie zeigen, dass das Fehlen von gesetzlich legitimierten Alternativen zur Finanzierung von intensiven Hilfen für beide Eltern mit Kind in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe faktisch überwiegend dazu führt, ausschließlich die Kindsmütter mit Kind nach § 19 SGB VIII unterzubringen, während die zum Teil sorgeberechtigten Väter von ihrer Partnerin und ihrem Kind getrennt werden. Es kann also in diesem Zusammenhang von einer Diskriminierung von Zwei-Eltern- und Patchwork-Familien gesprochen werden, die faktisch zu einer Trennung von Paaren mit Kindern führen kann. Eine durch die Gestaltung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes ausgelöste Beförderung von Trennungen von Paaren mit Kind(ern) kann nicht im Sinne des Gesetzgebers sein. 9 Resümee 272 Vor dem Hintergrund der Bemühungen um Gleichstellung ist es zudem nicht förderlich, überwiegend den Müttern die Aufgabe aufzuerlegen, das Kind alleine zu versorgen und zu erziehen, während der Vater dem Familienleben fernbleiben soll. Trotzdem hat der Gesetzgeber bislang auf eine Klarstellung verzichtet. Während sich in anderen Feldern der Sozialen Arbeit die Reaktionen auf Veränderungen der Rollenteilung innerhalb der Familien flexibler gestalten, wie etwa in Einrichtungen der Behindertenhilfe, in denen das Angebot der „begleiteten Elternschaft“ für beide Elternteile mit Kind entwickelt, umgesetzt und wissenschaftlich begleitet wurde, bleiben die Angebote nach SGB VIII für Familien mit höherem Unterstützungsbedarf weiterhin sperrig. Dies birgt vielfach für Männer die Gefahr, in der Einrichtung abgewiesen zu werden, obwohl überwiegend ein ebenso hoher Bedarf an Hilfe zu bestehen scheint wie bei der Mutter und obwohl sie zum Teil über das Sorgerecht für das Kind bzw. über das Umgangsrecht mit demselben verfügen. Für die Leistungsträger ergibt sich aus der Rechtslage der Konflikt, bei der Entscheidung, ob ein Kind mit einem Elternteil in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung untergebracht wird, sorgeberechtigte Väter der Rechtslage zufolge zwar einbeziehen zu müssen, beiden Eltern mit Kind aber keine intensiveren Hilfen anbieten zu können, wenn sie sich streng an das Gesetz halten. Biologischen unverheirateten werdenden Vätern steht nach § 52 a SGB VIII noch nicht einmal das Recht zu, in den Beratungsprozess in Fragen der gemeinsamen elterlichen Sorge vor der Geburt des Kindes einbezogen zu werden. In der Folge entwickelten sich auch auf der Ebene der Jugendämter die folgenden Praktiken: Erstens kommt es vor, dass Jugendämter gegen elterliche Rechte sorgeberechtigter Väter verstoßen, indem sie bei der Entscheidung zur Aufnahme eines Kindes mit der Mutter auf das Einholen des Einverständnisses des sorgeberechtigten Vaters verzichten. Selbst wenn ein rechtlicher Vater Interesse an der Teilhabe am Alltag in den Einrichtungen oder an der Entscheidungsmöglichkeit, was mit seinem Kind passiert, signalisiert, kann es vorkommen, dass er nicht zu Gesprächen mit dem Jugendamt eingeladen wird. Zweitens kann es Praxis des Jugendamtes sein, die Einbindung eines (sozialen) Vaters in den Alltag in den Einrichtungen zwar zu begrüßen, aber dem Leistungserbringer keine finanzielle Unterstützung für die Erbringung der Leistungen für den Mann anzubieten. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, die Finanzierung der Hilfe vom Mann selbst zu verlangen. Allerdings setzt dies voraus, dass der Mann die finanzielle Last tragen kann, was überwiegend nicht der Fall sein dürfte. Dabei bleibt vor dem Hintergrund der Frage der Geschlechtergerechtigkeit problematisch, dass dem Mann allein die Finanzierung zugemutet wird, während die Frau mit Kind auf Kosten der Allgemeinheit versorgt wird. Viertens kommt es in wenigen Einzelfällen vor, dass Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes mit Leistungserbringern aushandeln, die Finanzierung der Hilfe des Vaters nach anderen Paragraphen im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes zu gewähren, allerdings bewegen sich die Vertragspartner damit in einer rechtlichen Grauzone. Falls sich der Leistungsträger dafür entscheidet, die Einbindung des Mannes in den Alltag in der Einrichtung zwar zu begrüßen, aber nicht zu finanzieren, ergibt sich für den Leistungserbringer ein Dilemma. Letzterem bleiben drei Handlungsmöglich- 9 Resümee 273 keiten übrig, die allerdings alle weiteren Probleme aufwerfen: Der Leistungserbringer kann erstens Hilfestellungen für (soziale) Väter auf eigene Kosten vorhalten, allerdings kann ihn dies wirtschaftlich schädigen und – falls er im großen Umfang wider den Grundsatz der Kostendeckung handelt – die gesamte Institution bedrohen. Zweitens kann er einen Teil der Ressourcen, die eigentlich für Mutter und Kind bewilligt wurden, dem (sozialen) Vater zukommen lassen. Damit verstößt er allerdings unter anderem gegen geltendes Recht. Drittens kann er selbst dafür sorgen, dass der Mann das Interesse an der Teilhabe am Alltag verliert. In der vorliegenden Studie konnte gezeigt werden, dass von allen Möglichkeiten in Einzelfällen Gebrauch gemacht wird. Die Folge dieses Dilemmas ist, dass selbst diejenigen Männer, die größere Fähigkeiten im Umgang mit dem Kind als ihre Partnerinnen besitzen, nicht adäquat unterstützt, in den Alltag einbezogen oder gänzlich ausgeschlossen werden. Beratung von (sozialen) Vätern erfolgt – wenn überhaupt – überwiegend lediglich „zwischen Tür und Angel“ oder ausschließlich bei Paarkonflikten, dann aber bezogen auf die Mutter. Kurse zum Aufbau der Eltern-Kind-Beziehung werden nur in seltenen Einzelfällen für Männer geöffnet. Wenn Männer sich dann entscheiden, daran teilzunehmen, kann es passieren, dass sie sich unter der überwiegenden Mehrheit von Frauen als Exoten fühlen. In allen Einrichtungen – außer in denen des Vereins „Familienhilfen“ – wird der Ausschluss der Bezugspersonen der Kinder entlang der Geschlechtergrenze praktiziert. Viele Kindsväter und Partner von Klientinnen werden mit den Regelungen der Hausordnungen den überwiegenden Teil des Tages vom Alltag ferngehalten. Die Hausordnungen sind in den hier untersuchten Einrichtungen meist nicht verschriftlicht und können somit vom Personal verändert werden. Problematisch ist aber vor allem, dass die Hausregeln nicht nach dem offiziellen Rechtsverhältnis des besuchswilligen Mannes zur Frau und zum Kind fragen. Üblich sind grundsätzliche Besuchs- und Übernachtungsverbote für Männer, unabhängig davon, ob es sich um sorgeberechtigte Kindsväter, neue Partner, ledige werdende Väter oder andere Männer handelt. Gemäß den Aussagen der Befragten dürfen in den meisten Einrichtungen Männerbesuche lediglich zu bestimmten Zeiten in der Woche stattfinden beziehungsweise müssen von den (werdenden) Müttern mit einer gewissen Frist im Vorhinein angekündigt werden. Die Gäste müssen sich fast überall beim pädagogischen Personal an- und abmelden, wenn sie das Haus betreten oder verlassen. Männer dürfen sich gerade in Wohnformen mit WG-ähnlichen Settings nur im Zimmer der Mutter aufhalten, wenn sie zu Besuch kommen. Gemeinschaftsräume sind meist tabu. Wenn beispielsweise der Zugang zu Küche oder Esszimmer verwehrt wird, kann der Mann nicht an typischen Alltagssituationen teilhaben. Besonders strenge Regeln für den Kontakt zwischen Klientinnen und ihren Partnern bzw. den Kindsvätern mit dem Kind gelten in manchen Einrichtungen in den ersten Wochen nach Einzug der Frauen mit Kind in die Häuser. Meist sind dann Besuche bzw. Übernachtungen des Kindsvaters bzw. Partners vollständig untersagt und die Mutter darf nicht außerhalb der Einrichtung mit dem Kind übernachten. Diese Regelungen können die Festigung der Beziehungen der Klientinnen erschweren, Paarkonflikte fördern und das Engagement von Vätern für ihre Kinder unterminieren. 9 Resümee 274 In den meisten Einrichtungen hat sich ein Privilegien- und Strafsystem herausgebildet, welches unabhängig vom offiziellen Rechtsverhältnis des Mannes zum Kind und zur Frau diesem die Teilhabe am Alltag versagen bzw. zusprechen kann. Die Privilegien- und Strafsysteme stehen über der Hausordnung, die Hausordnung wird also unterschiedlich auf Paare angewandt und von den pädagogischen Fachkräften jeweils modifiziert. In den Gesprächen stellt sich heraus, dass das Privileg, in der Einrichtung zu Besuch zu kommen, überwiegend nur denjenigen Männern zugesprochen wird, die sich gegenüber dem Personal freundlich verhalten, kein unbotmäßiges Verhalten zeigen und im Umgang mit dem Kind bereits über wesentliche Kompetenzen verfügen. Die Anwendung von Privilegien- und Strafsystemen kann zwar im Einzelfall dazu führen, dass Männer am Alltag teilhaben können. Allerdings ist dann das Einbeziehen des Mannes vom Wohlwollen der Fachkräfte in den Einrichtungen abhängig. Darüber hinaus werden Männer weitgehend dann außen vor gelassen, wenn angenommen wird, dass sie dazu neigen, Konflikte mit Gewalttätigkeit zu bewältigen. Männer, denen Privilegien zugesprochen werden, müssen bereits in der Lage sein, am Alltag teilhaben zu können, ohne dieselben personellen Ressourcen der Institution in Anspruch zu nehmen, die für die Behandlung der Mutter und des Kindes vorgesehen sind. Dies spiegelt sich auch in den Hausordnungen wider: Alkohol- oder substanzabhängige Männer und solche, die in der Vergangenheit straffällig wurden, werden über Aufnahmerituale von der Teilhabe am Alltag ausgeschlossen, beispielsweise indem als Zugangsvoraussetzung zum Privilegiensystem die Vorlage eines einwandfreien Führungszeugnisses bzw. eines negativen Drogentests verlangt wird. Einrichtungen fordern von den Männern, die Kosten für die Durchführung der Drogentests und für die Ausstellung des Führungszeugnisses zu tragen. Die befragten Fachkräfte begründen die Übertragung der Kosten auf die Männer damit, mithilfe dieser Regelung messen zu können, wie viel dem Mann die Beziehung zur Kindsmutter „wert“ sei. Tatsächlich kann diese Praxis allerdings für mittellose Männer zur Hürde im Zugang zum Kind und der Frau werden. Besonders vom Ausschluss aus dem Alltag betroffen sind also arme, alkoholabhängige, straffällig gewordene und solche Männer, die aggressives Verhalten zeigen. Den Ergebnissen der vorliegenden Studie zufolge werden die Privilegien – wenn überhaupt – überwiegend nur derjenigen Klientel zugedacht, die in „Verselbstständigungsapartments“ untergebracht ist, in welchen entsprechend große Räumlichkeiten existieren, um den Vater in den Alltag integrieren zu können, ohne dass es wegen räumlicher Enge oder wegen zu großer Nähe zu anderen Klientinnen zu Konflikten kommt. Die Einteilung der Einrichtung in „Stationen“, in denen unterschiedliche Regeln in Bezug auf Männerbesuch gelten, kann dazu führen, dass sich die Klientel bemüht, ein angepasstes Verhalten zu zeigen, um in den „Verselbstständigungsapartments“ unterzukommen. Der Einrichtung kann das Privilegiensystem also als Mittel zur Menschenführung dienen. Die Privilegien- und Strafsysteme begründen sich also zum Teil in institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen: Durch das Fehlen einer Finanzierungsmöglichkeit intensiver Hilfen für beide Eltern mit Kind und den Umstand, dass sich trotz widriger Aufnahmeprozeduren nicht alle an der Teilhabe interessierten Männer von 9 Resümee 275 ihrem Plan abbringen lassen, am Alltag teilhaben zu wollen, entsteht ein Ressourcenmangel in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII, wenn Männer zu Besuch kommen, der sich in Verteilungskämpfen um Raum und finanzielle Ressourcen manifestiert. Die Hausregeln haben in diesem Punkt – wie die vorliegende Studie zeigt – die Funktion, die Praxis zu legitimieren, personelle, räumliche und finanzielle Ressourcen innerhalb der Einrichtung auf die Frauen und Kinder zu verteilen und die Männer weitgehend außen vor zu lassen. Dass die Gesellschaft keine Kontrollmechanismen etabliert hat, um bei dieser Form von Ungleichbehandlung einzuschreiten, kann als Billigung der Verhältnisse gedeutet werden. Mehr noch: Faktisch werden gerade Männer mit gesteigertem Hilfebedarf aus dem Alltag ausgeschlossen und vom Kind separiert. Dabei wird vor dem Ausschluss nicht oder nicht hinreichend geprüft, ob diese Männer tatsächlich durch ihr Verhalten das Kindeswohl gefährden. Das Personal wird hinsichtlich seiner Möglichkeiten, Besuchs- und Übernachtungsverbote auszusprechen, durch keine höheren Instanzen kontrolliert. Durch die Anwendung der Privilegienund Strafsysteme sind Männer – und auch ihre Partnerinnen und Kinder – hinsichtlich der Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung in diesen Einrichtungen faktisch der Willkür des Personals ausgesetzt. Die außerhalb der Einrichtung geltenden Grundund Menschenrechte der Familienmitglieder finden dann keine Anwendung. Vom Personal in den Einrichtungen wird zwar die Beteiligung des Vaters am Alltag gefordert, aber faktisch nur in einzelnen Zeitabschnitten im Tagesablauf ermöglicht. Die Konzentration der Besuchszeiten auf die Abendstunden und die Ausschlussmechanismen, die überwiegend auf mittellose Männer angewandt werden, während berufstätigen Männern Privilegien eingeräumt werden, sprechen für eine Formierung einer bestimmten Vaterrolle in den Einrichtungen. Es ist davon auszugehen, dass vor allem diejenigen Männer durch das Privilegiensystem Zugang zu ihren Partnerinnen und dem Nachwuchs erhalten, welche sich an traditionellen Arrangements orientieren, also die Ernährerfunktion in der Familie übernehmen können. Da die finanziellen und beruflichen Möglichkeiten der meisten Männer der Verwirklichung dieses Ideals entgegenstehen dürften, ist es nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der Männer im Alltag außen vor zu bleiben scheint. Durch die Konzentration auf traditionelle Geschlechterrollenarrangements werden Geschlechterstereotypien durch die Soziale Arbeit selbst gefestigt. Zum einen wird die Förderung der Kompetenzen im Bereich der Pflege und Erziehung des Kindes weiterhin auf die Frau konzentriert, zum anderen werden Ansprüche an die Männer generiert, die Familie ernähren zu können. Die Befragungen zeigen, dass Elternteile mit Kind vielfach zwischen einem und drei Jahren in der Einrichtung verbleiben, in Einzelfällen auch zwischen vier und zehn Jahren – zum Teil mit Unterbrechungen – im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen betreut werden. Werden Männer aus dem Alltag in den Einrichtungen ausgeschlossen und dauert die Hilfe lang, bleiben die Kinder in der kritischen Phase für den Aufbau von Bindungen weitgehend ohne Kontakt zu Männern. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse über den positiven Einfluss des männlichen Elternteils auf die Entwicklung von Kindern in vielen Bereichen und auf Lebenschancen auch im Jugend- und Erwachsenenalter ist der langandauernde Ausschluss des Mannes aus dem 9 Resümee 276 Leben des Kindes besonders problematisch. Mit zunehmender Dauer des Aufenthalts des Kindes sinkt die Chance für (soziale) Väter, die während der Hilfe nicht einbezogen wurden, im Nachhinein eine Bindung zum Kind aufzubauen oder verlorene Bindungserfahrungen nachholen zu können, sodass eine solche für alle Zeit verloren sein kann. Diskriminierungs-, Privilegierungs- und Ausschlussregeln im Hinblick auf Männer ergeben sich – dies zeigt die Studie – unter anderem auch aus religiös legitimierten Herrschaftsregeln. In Einrichtungen katholischer Initiativen können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Engagement für besuchs- und übernachtungswillige Männer teilweise nur gegen Widerstände seitens der Einrichtungsleitungen durchsetzen. Daher liegen die Privilegiensysteme für Männer in katholischen Einrichtungen besonders dezidiert begründet und für den Einzelfall ausdifferenziert vor. Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass in katholischen Einrichtungen die Hürden für Männer, am Alltag teilhaben zu können, besonders hoch sind, um die Wahrscheinlichkeit für angepasstes Verhalten bei den Männern zu erhöhen. Durch die Auswertung der Ergebnisse konnte die These erhärtet werden, dass in einzelnen Einrichtungen – überwiegend in solchen, in denen Minderjährige betreut werden – Fachkräfte während der Besuchszeit des Mannes absichtlich die Privatsphäre der Paare stören, um sexuelle Kontakte zu verhindern. Gerade die katholischen Einrichtungen stehen bei der Aufgabe, hinsichtlich der Frage nach Verhütungsmethoden zu beraten, vor einem Dilemma: Nicht selten werden gerade hier Frauen dazu gedrängt, möglichst mit Spirale oder Drei-Monats-Spritze zu verhüten, damit keine weiteren Kinder gezeugt werden. Letztgenannte Praxis steht im Widerspruch zur katholischen Morallehre, nach der Verhütung grundsätzlich abgelehnt wird. Daran wird eine Doppelmoral deutlich: An die Klientel in den Einrichtungen wird ein anderer Maßstab angelegt, als an Frauen außerhalb der Institutionen. Aber das Menschenrecht auf selbstbestimmte Reproduktion steht auch im Widerspruch zu gesamtgesellschaftlichen Auslegungstraditionen in dem Bereich der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen. Die Moralisierung sozialer Ungleichheit und Moralpaniken, wie etwa um die sexuelle Verwahrlosung der Unterschicht, können besonders in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder die Praxis befördern, weiterhin diskriminierende Regelungen auszubauen. Im Rahmen der vorliegenden Studie konnte gezeigt werden, dass sich die behindernden Machtstrukturen heute noch durchsetzen, wenn Eltern bestimmten Risikogruppen zugerechnet werden. Ihnen wird teilweise das Recht abgesprochen, weitere Kinder in die Welt zu setzen, sowohl durch die praktische Soziale Arbeit in den Einrichtungen selbst als auch durch Jugendämter. Von letzteren werden bewusst Maßnahmen eingefordert und als Aufträge an die Leistungserbringer formuliert, die weitere Schwangerschaften der Klientinnen verhindern sollen. Gerade der Leistungsträger als Exekutivmacht verstößt mit dieser Zielverschiebung im höchsten Maße gegen die ihm obliegenden Aufgaben. Die vorliegende Studie zeigt, dass Chancengleichheit und Minderheitsrechte insgesamt in den Einrichtungen unbefriedigend realisiert wurden. Die Privilegien- und Strafsysteme befördern Intransparenz und verletzen Grund- und Menschenrechte der Familienmitglieder, die außerhalb der Einrichtung befolgt und beachtet werden müssten. Der Zugang von Männern zum Alltag der Familie bleibt 9 Resümee 277 durch hohe Hürden beschränkt, die von Leistungsträgern und -erbringern befördert werden. Innerhalb der Einrichtung stehen dem Mann die Rechte, die er außerhalb besitzt, nicht mehr zu, Grund- und Menschenrechte werden durch Hausordnungen au- ßer Kraft gesetzt. Gerade minderjährigen Eltern werden Rechte im Hinblick auf das Kind ohne Gerichtsbeschluss abgesprochen. Auch wird dieser Gruppe besonders vehement das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung untersagt. In der Veränderung der Regelungen in Bezug auf die Männer in den Einrichtungen verbirgt sich die Chance, behindernde Machtstrukturierungsregeln entlang der Kategorie „Geschlecht“ durch Soziale Arbeit zu begegnen. Dazu bedarf es eines Abbaus der sozialrechtlichen Barrieren: In der Vergangenheit wurde der § 19 SGB VIII mehrmals reformiert, um der Praxis in den Einrichtungen gerecht zu werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie offenbaren die Notwendigkeit, erneut eine Konkretisierung bzw. Anpassung des § 19 SGB VIII vorzunehmen, um bestehende Angebote, Konzepte und Modelle, die den neuen Bedarfen der Klientel in den Einrichtungen Rechnung tragen, gesetzlich abzusichern. Vor allem gilt es, die Betreuungsangebote für Zwei-Eltern- und Patchwork-Familien im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe gesetzlich abzusichern und kurzzeitigen Clearings für Paare und Eltern in stationären und ambulanten Kontexten eine weit größere Bedeutung zuzuweisen. Um den Ansprüchen an eine moderne Familienhilfe gerecht zu werden, sollte § 19 SGB VIII in großen Teilen neu formuliert und an anderer Stelle im Gesetz eingeordnet werden. Es sollte dafür gesorgt werden, dass ein entsprechender Gesetzestext die Herausbildung von kurzzeitig angelegten, intensiven Hilfen für Familien unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung legitimiert oder zumindest Finanzierungsmöglichkeiten von Hilfen für beide Elternteile mit Kind aufzeigt. Die Beschränkung der Leistung auf Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung und beim Vorliegen eines erzieherischen Defizits sowie die Beschränkung der Leistungen auf Familien mit Kindern unter sechs Jahren ist vor dem Hintergrund von Gleichstellungsbemühungen fragwürdig und sollte aufgehoben werden. Vielmehr wäre es hilfreich, ein Leistungsgesetz nach dem Vorbild der Entwicklung im Bereich der Behindertenhilfe zu schaffen. Die Konzepte der „begleiteten Elternschaft“ und der „Assistenz“ sowie ihre rechtliche Verankerung könnten Richtmaß für die Kinder- und Jugendhilfe werden. Es ist erforderlich, den entsprechend modifizierten Paragraphen im SGB VIII im Abschnitt „Hilfen zur Erziehung“ zu verorten, sodass § 36 SGB VIII, der zur Durchführung des Hilfeplanverfahrens verpflichtet, auch für den Bereich der Hilfe Anwendung findet. Durch den Gesetzgeber sollte klargestellt werden, dass Maßnahmen auf Mütter und auf Väter sowie Kinder ausgerichtet sind und sich an den Bedarfen der Familienmitglieder unabhängig von der spezifischen Familienform orientieren. Der neue Gesetzestext sollte es ermöglichen, auch werdende Väter in die Hilfe einzubeziehen. Um sicherzustellen, dass diese auch an der Entscheidungsfindung mit dem Jugendamt im Abklärungsprozess von Beginn an beteiligt werden, sollte § 52 a SGB VIII reformiert werden. Darüber hinaus ist es notwendig, alle anderen Gesetze im SGB VIII vor dem Hintergrund des Gender-Mainstreamings zu überprüfen. Im Hinblick auf die neuen Aufgaben der Abklärung in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte der Gesetzestext ausdifferenzieren, welche Entscheidungen bei Fäl- 9 Resümee 278 len an der Grenze zur Kindeswohlgefährdung vom Leistungsträger und welche vom Leistungserbringer zu treffen sind, ab welchem Gefährdungsgrad eine Fremdunterbringung forciert werden sollte und wie die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen beteiligten Hilfesystemen im Sozialraum und den Familiengerichten gestaltet werden kann. Darüber hinaus sollte vor dem Hintergrund bindungstheoretischer Erkenntnisse die Phase der Abklärung auf eine Mindestdauer beschränkt werden. Während des Abklärungsprozesses sollten Hilfeplangespräche häufiger als üblich vorgeschrieben werden. Auf der Ebene der Leistungsträger sollten kompetente Beratungsstrukturen für Männer mit hohen Bedarfslagen ausgebaut werden. Sorgeberechtigte Väter müssen zu Hilfeplangesprächen eingeladen und in Entscheidungen zu Fragen, die das Kind betreffen, einbezogen werden. Gerade bei Konflikten zwischen den Elternteilen ist dies herausfordernd. Dennoch sollten aus pragmatischen Gründen weder Männer außen vor gelassen noch den Müttern die alleinige Verantwortung für die Erziehung und Pflege der Kinder zugeteilt werden. Auch ist sicherzustellen, dass getrennt lebende, sorgeberechtigte Väter über Vorfälle informiert werden, die das in der Mutter-(Vater‑)Kind-Einrichtung lebende Kind betreffen. Als Reaktion auf körperliche Gewalt in Familien durch Männer sollten Schutzkonzepte für Frauen und Kinder sowie für das mit den Familien arbeitende pädagogische Personal erarbeitet werden. Es sollte dargelegt werden, wie Männer Zugang zu den von ihnen benötigten Hilfen erlangen können. Entsprechend sind Konzepte zur Behandlung von Drogen- und Alkoholabhängigkeit mit speziellem Fokus auf (soziale) Väter zu entwickeln. Die Vernetzung vorhandener Anbieter im Sozialraum sollte forciert werden. Darüber hinaus sollte dargelegt werden, wie Gerichtsverfahren bei Kindeswohlgefährdung, die von sorgeberechtigten Vätern ausgelöst und durch Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe nicht abgewendet werden können, beschleunigt werden können. Für den Bereich der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte regional eine interessenneutrale Stelle zur Überprüfung der Qualität der Hilfen eingerichtet werden. Auf kommunaler Ebene sollten Teilhabepläne unter Einbezug betroffener Kindsväter und Partner erstellt werden. Selbst wenn Leistungserbringer die Partner der Klientinnen und Kindsväter betreuen wollen und der Leistungsträger die Betreuung finanziert, fehlt es teilweise an der notwendigen Infrastruktur, um Entwürfe für Pläne zur Einbindung von Männern zu entwickeln, diese Pläne umzusetzen, sie kritisch zu bewerten, an geeigneten Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen und sich mit dem Personal anderer Einrichtungen über Erfahrungen beim Einbinden der Männer auszutauschen. Dem Entwicklungsdefizit im Bereich der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen im Hinblick auf die Sicherstellung der Rechte der Familienmitglieder, insbesondere die der Väter, sollte durch ein Förderprogramm entgegengewirkt werden. Die Förderung sollte auf eine Neuorientierung der Familienpolitik im Hinblick auf die Versorgung und Begleitung von Eltern mit hohem Unterstützungsbedarf durch Kinder- und Jugendhilfe abzielen. Alle Akteure sollten zum Gender-Mainstreaming verpflichtet werden. Stationäre Mutter-Kind-Einrichtungen mit klassischem Heimsetting sollten nicht weiter ausgebaut werden. Primär sollten Hilfen gefördert werden, die Familien in ihren Lebens- 9 Resümee 279 umständen zuhause begleiten. Es sollten Maßnahmen zur Erhöhung der Durchlässigkeit im System der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt und getestet werden. Zudem sollten Modellversuche zum Aufbau von Netzwerken mit abgestuften Reaktionsmöglichkeiten auf Bedrohungen des Kindeswohls gefördert werden. Auf Bundesebene sollte die Stärkung der Vertretungen der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner sowie von Vätern, deren Kinder in Heimen leben, speziell für den Bereich der Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen forciert, unabhängige Beschwerdestellen ausgebildet und verankert sowie Selbsthilfeorganisationen der Klientel gefördert werden. Aufklärung über die Rechte von Vätern und männlichen Bezugspersonen sowie deren Unterstützungsmöglichkeiten in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte verstärkt werden. Darüber hinaus sollten alle relevanten Berufsgruppen in Behörden, Institutionen und Verbänden über Bedarfslagen von Männern im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und die Möglichkeiten der Intervention durch Kinder- und Jugendhilfe in Form von entsprechenden Ausbildungs- und Fortbildungsprogrammen informiert werden. Weiterhin könnte die Veröffentlichung von guten Beispielen und die Ausschreibung von Preisen die Entwicklung in dem Bereich vorantreiben. Die katholischen und evangelischen Fachverbände für Hilfen nach § 19 SGB VIII sollten die Qualitätsstandards im Hinblick auf die Teilhaberechte von Männern im Alltag überarbeiten. Sie sollten mehr Fortbildungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Bezug auf aktuelle Themen der Väterforschung, zu Fragen der Geschlechtergleichstellung und der Menschenrechte organisieren sowie Expertinnenund Expertennetzwerke zu diesen Themen aufbauen. Zudem sollten sie durch Öffentlichkeitsarbeit für Lebenslagen und Hilfebedarfe der männlichen potentiellen Klienten sensibilisieren. Empfehlenswert erscheint es, männliche Mitarbeiter einzustellen. Es sollte erwogen werden, im Hinblick auf das Geschlecht der Mitarbeiterschaft eine Männerquote einzuführen. Diese könnten (sozialen) Vätern in geschlechterhomogenen Gruppen die Gelegenheit bieten, über tabuisierte Themen wie Sexualität, Ängste und Unsicherheiten zu sprechen. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie deuten darauf hin, dass speziell auf Männer ausgerichtete, als „typisch männlich“ geltende Aktivitäten als „Türöffner“ dienen und die Partner der Bewohnerinnen motivieren, sich auf pädagogische Angebote einzulassen. Zudem könnte die Anwesenheit männlicher Pädagogen dazu führen, dass die bisher fast ausschließlich vom weiblichen Geschlecht umgebenen, alleinerziehenden Väter sich in diesen Institutionen nicht fremd fühlen müssen. Durch Vereinbarungen mit den Leistungserbringern auf Landes- und kommunaler Ebene sollte darauf hingewirkt werden, diskriminierende Hausordnungen, Strafund Privilegiensysteme abzuschaffen, indem bei der Erteilung der Betriebserlaubnis eine Prüfung der Hausordnungen stattfindet. Stattdessen sollte eine geeignete Infrastruktur zur Betreuung von Familien mit mehr als zwei Mitgliedern geschaffen werden. Von der Anmietung des Wohnraums durch den Träger sollte abgesehen werden. Es wird erforderlich sein, vermehrt ambulante, auf kurze Zeit angelegte Hilfen im Wohnraum von Familien zu entwickeln. Die dazu benötigten familientherapeutischen Settings erfordern eine hohe Qualifikation des Personals und die gleichzeitige Zusammenarbeit mehrerer Fachkräfte. Dazu ist eine finanzielle und personelle Auf- 9 Resümee 280 stockung vonnöten. Träger von Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollten dazu verpflichtet werden, Qualitätsberichte zu veröffentlichen, in denen Aktivitäten zum Gender-Mainstreaming und zur Einbindung des männlichen Elternteils in den Alltag nachgewiesen werden. Zudem sollte in stationären Einrichtungen offengelegt und Rechenschaft darüber abgelegt werden müssen, wie viel Raum der jeweiligen Familie zur alleinigen Nutzung zur Verfügung steht. Die Größe der Räumlichkeiten sollte nach den bereits im Rahmen der Hartz IV-Regelungen festgelegten Vorgaben auf Angemessenheit hin überprüft werden. Um die Möglichkeiten der Betreuung von Männern, Patchwork- und Zwei-Eltern-Familien zu erweitern, ist es notwendig, die Bedarfe der Klientel zu kennen. Den betroffenen Männern selbst sollte sich durch die Forschung zugewendet werden. Die Lebensgeschichten der Männer konnten – wie an dieser Stelle kritisch bemerkt werden muss – durch die vorliegende Studie nicht rekonstruiert werden, da kein Zugang zu Kindsvätern oder Partnern der Klientinnen gewonnen werden konnte. Es fehlt also noch an einer Hinwendung zu den Bedarfen, aber vor allem auch an Informationen über Ressourcen der Männer. Eine Aufarbeitung der großen Lücken zu Fragen zu aktuellen Entwicklungen im Bereich der Hilfen nach § 19 SGB VIII konnte im Rahmen der vorliegenden Studie nur am Rande geleistet werden. An dieser Stelle empfiehlt sich eine weitere Untersuchung. Wünschenswert wäre auch die Förderung von Forschungsprojekten zur Entwicklung neuer Formate für Programme zur Stärkung der Vater-Kind-Bindung. Dazu ist auch die Entwicklung entsprechender Methoden zur Beurteilung der Qualität der Vater-Kind-Beziehung vonnöten. Zudem sollten Konzepte zur Betreuung von beiden Eltern mit Kind und zur Ermöglichung selbstbestimmter Sexualität (minderjähriger) Eltern und Kinder im Feld der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt werden. Besonders das Feld der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte weiterhin kritisch wissenschaftlich begleitet werden, damit es sich durchgängig an Menschen- und speziell den UN-Kinderrechten ausrichtet. 9 Resümee 281 Abkürzungsverzeichnis AG Arbeitsgemeinschaft ARD Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland BGB Bürgerliches Gesetzbuch BGH Bundesgerichtshof BRD Bundesrepublik Deutschland BVerfG Bundesverfassungsgericht BvR Aktenzeichen einer Verfassungsbeschwerde zum Bundesverfassungsgericht DDR Deutsche Demokratische Republik DJI Deutsches Jugendinstitut DRsp Deutsche Rechtsprechung EI Einzelinterview EREV Evangelischer Erziehungsverband FamFG Gesetz über das Verfahren in Familiensachen und in den Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit GbR Gesellschaft bürgerlichen Rechts GG Grundgesetz gGmbH gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung GI Gruppeninterview HPG Hilfeplangespräch h.w.G. häufig wechselnde Geschlechtspartner ISCED International Standard Classification of Education i.V.m. in Verbindung mit KJHG Kinder- und Jugendhilfegesetz LBS Landesbausparkasse MINT Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik NDV Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge NICHD Eunice Kennedy Shriver National Institute of Child Health and Human Development OECD Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Englischen Organisation for Economic Cooperation and Development RJWG Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt SGB Sozialgesetzbuch SkF Sozialdienst katholischer Frauen SPFH Sozialpädagogische Familienhilfe SS Schutzstaffel der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei StGB Strafgesetzbuch UN Vereinte Nationen, im Englischen United Nations 283 UNICEF Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, im Englischen United Nations Children’s Fund USA Vereinigte Staaten von Amerika WG Wohngemeinschaft Abkürzungsverzeichnis 284 Literaturverzeichnis Ahnert, L. 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