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5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 67 - 120

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-67

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
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Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder In der vorliegenden Untersuchung wird das Augenmerk auf gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder nach § 19 SGB VIII gerichtet. Im Rahmen dieser Untersuchung wurde nach und nach deutlich, dass es alles andere als selbsterklärend ist, was genau unter diesen Wohnformen zu verstehen ist. Im folgenden Abschnitt sollen daher vor dem Hintergrund der Forschungsfrage die bisher gesicherten Informationen über das Lebens- und Arbeitsfeld der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen umrissen und rechtliche, historische, gesellschaftliche und institutionelle Spannungsfelder aufgezeigt werden. Zunächst soll eine Definition von Möller und Busch einen ersten Eindruck vermitteln, was unter gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind zu verstehen ist, nämlich stationäre Einrichtungen oder ambulante Angebote, in denen bzw. durch die gemäß § 19 SGB VIII Schwangere sowie alleinerziehende Männer und Frauen mit ihren Kindern Beratung und pädagogische Unterstützung erhalten, wenn die Betroffenen aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung nicht in der Lage sind, die Kinder selbstständig zu versorgen und zu erziehen (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 99). Die Rechtsvorschrift findet sich – wie bereits erwähnt – im Kinder- und Jugendhilfegesetz im Abschnitt „Förderung der Erziehung in der Familie“ und lautet wie folgt: „§ 19 Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder (1) Mütter oder Väter, die allein für ein Kind unter sechs Jahren zu sorgen haben oder tatsächlich sorgen, sollen gemeinsam mit dem Kind in einer geeigneten Wohnform betreut werden, wenn und solange sie auf Grund ihrer Persönlichkeitsentwicklung dieser Form der Unterstützung bei der Pflege und Erziehung des Kindes bedürfen. Die Betreuung schließt auch ältere Geschwister ein, sofern die Mutter oder der Vater für sie allein zu sorgen hat. Eine schwangere Frau kann auch vor der Geburt des Kindes in der Wohnform betreut werden. (2) Während dieser Zeit soll darauf hingewirkt werden, dass die Mutter oder der Vater eine schulische oder berufliche Ausbildung beginnt oder fortführt oder eine Berufstätigkeit aufnimmt. (3) Die Leistung soll auch den notwendigen Unterhalt der betreuten Personen sowie die Krankenhilfe nach Maßgabe des § 40 umfassen.“ An dem Titel der Rechtsvorschrift ist auffällig, dass er – im Gegensatz zu den anderen Vorschriften im Abschnitt „Förderung der Erziehung in der Familie“ und auch zum Katalog der Hilfen zur Erziehung – zunächst einmal ausschließlich auf die Wohnformen Bezug nimmt, in denen Hilfe geleistet wird, und nicht darauf, welche Hilfe dort geleistet werden soll. Dies ist in gewisser Weise ein Ausdruck für ein „Symptom“, an dem § 19 SGB VIII krankt: Die Formulierung des Paragraphen ist relativ unpräzise, was viele rechtliche Probleme mit sich bringt, die in diesem Abschnitt der vorliegen- 5 67 den Studie beleuchtet werden sollen. Grund für die Offenheit der Formulierungen ergibt sich aus dem Entstehungskontext: Er fand Einzug in das Kinder- und Jugendhilfegesetz, um die Finanzierung einer Vielzahl von bereits bestehenden Wohneinrichtungen abzusichern (vgl. Fischer, 2007, S. 123), die sich bereits damals hinsichtlich der Lebens- und Bedarfslagen der betreuten Klientel, der Größe, Lage, Platzzahl sowie im Hinblick auf pädagogische Maßnahmen, Zielrichtungen und die ideologischer Ausrichtung grundlegend voneinander unterschieden. Unter gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder kann – auch vor dem Hintergrund der Definition von Möller und Busch – sowohl eine bestimmte Einrichtungsform verstanden werden als auch eine spezielle Form von pädagogischer Unterstützung oder einfach eine Rechtsgrundlage zur Finanzierung von Hilfen. Diese drei Aspekte hängen zwar eng zusammen, müssen aber unterschieden werden. Im gesamten Abschnitt 5 soll deshalb das Spannungsfeld zwischen der Institutionsform und der pädagogischen Hilfeform, die in den Einrichtungen geleistet wird, sowie ihrer gesetzlichen Verankerung im Kinder- und Jugendhilfegesetz genauer beleuchtet werden (vgl. dazu Abschnitt 5.2). Zunächst soll jedoch präzisiert werden, auf welche Datenlage man sich bei der Analyse stützen kann (Abschnitt 5.1). Ausformung der Hilfe Wie bereits in der Einleitung erwähnt, wurde das Feld der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen bis heute kaum beforscht. Wenige wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse über das Gebiet liefern Untersuchungen, die viele Jahrzehnte zurückliegen und als veraltet gelten müssen. Im Folgenden werden die wenigen Studien, die es bisher gibt, dargestellt, um sich daraufhin auf ihre Ergebnisse zu stützen: In den späten 1970er Jahren ermittelte Wendt im Auftrag des Bundesministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit mithilfe von Fragebögen Informationen über Mutter-Kind-Heime (vgl. Wendt, 1981).26 Eine Sachverständigenkommission wollte im Zusammenhang mit dem reformierten § 218 StGB die Erfahrungen prüfen, welche Maßnahmen dem „Schutz des ungeborenen Lebens dienen und die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche einschränken“ und welche institutionellen Hilfen für schwangere Frauen und alleinstehende Mütter gegebenenfalls ausgebaut werden könnten. Mutter-Kind-Heimen wurde in diesem Zusammenhang eine hohe Bedeutung beigemessen (vgl. Wendt, 1981, S. 409). 5.1 26 Wendt schickte im Laufe des Jahres 1977 an die Landesjugendämter einen Fragenkatalog mit der Bitte, diesen an die Heime in deren Zuständigkeitsbereich weiterzuleiten, nach einiger Zeit wieder einzusammeln und an die Kommission zurückzuschicken. Die letzten Bögen kamen Mitte des Jahres 1978 zurück. Insgesamt beteiligten sich 53 Einrichtungen. Gefragt wurde unter anderem nach der Trägerschaft des Heims, der Anzahl und Ausbildung des pädagogischen Personals, der Zahl der Plätze, den Aufenthaltskosten, der Aufnahmedauer, den Wohnverhältnissen im Heim, nach Altersgruppenverteilung der Klientel, Familienstand, sozialer Herkunft, Gründen für die Heimunterbringung, der Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie nach Veränderungsvorschlägen in der Konzeption und Struktur der Heime (vgl. Wendt, 1981, S. 411–413). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 68 Die bis heute umfassendste Studie wurde 1986 bis 1989 am Institut für Sozialpädagogik der Universität Dortmund im Auftrag des Bundesfamilienministeriums realisiert (vgl. Höltershinken, 1990; Kappen, 1990; Klees-Möller, 1991, 1993). Ziel war es, die institutionellen Rahmenbedingungen von Mutter-Kind-Einrichtungen sowie die Lebenslagen bzw. Schwierigkeiten der Klientel zu untersuchen. Ferner sollten Informationen über deren Bedarf an Hilfe und Unterstützung sowie die notwendigen und gewünschten Verbesserungen der Hilfen aus der Sicht der Betroffenen erhoben werden. Es wurden Konzeptionen analysiert, Fachkräfte befragt und biographische Interviews mit Bewohnerinnen durchgeführt. Dazu wurden zunächst alle Mutter-Kind- Einrichtungen in der damaligen Bundesrepublik Deutschland – also in den heutigen alten Bundesländern – angeschrieben (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 17). Während der pädagogischen Begleitung alleinerziehender Mütter im Rahmen eines „Mutter und Kind“-Programms in Ulm forschte Cierpka mittels verschiedener psychologischer Fragebögen über die Beziehung zwischen den Müttern und ihren Partnern (vgl. Cierpka, Frevert & Cierpka, 1992). Von den zur Zeit der Erhebung im Ulmer Mutter- Kind-Programm aufgenommenen 85 Frauen nahmen 52 an der Untersuchung Teil. Die Studie ist zwar nicht repräsentativ, untersuchte aber im besonderen Maße das „väterliche Beziehungsverhalten“ (ebd., S. 170). Dissertationen zum Bereich der Mutter-Kind-Einrichtungen wurden 1972 von Eisenhauer-Hartung, 1979 von Kester und 1993 von Meyer publiziert. 2002 veröffentlichte Prchal eine Dissertation zu historischen Entstehungsbedingungen der Heime. Ab Mitte der 1990er Jahre flaute das wissenschaftliche Interesse an der Praxis in den Heimen für einen längeren Zeitraum nahezu vollständig ab. Einzig Fachverbände27 und Leistungserbringer veröffentlichten Berichte, die auf die Praxis und strittige Fragen im Arbeitsfeld hinweisen (z. B. Deutscher Caritasverband & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999; Winkelmann, 2000). Derzeit scheint das wissenschaftliche Interesse an der Praxis des Arbeitsfeldes wieder zu steigen. Zurzeit werden von Kliche (vgl. Kliche, 2013; Technische Universität Dortmund, 2012) und Ott (vgl. Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2011, 2013; Ott, Hontschik & Albracht, 2015) Fragen im Forschungsfeld der Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen bearbeitet. Kliche beschäftigt sich mit Qualitätsverbesserungen der sozialpädagogischen Arbeit, Ott arbeitet zur Formierung von Mutterschaft im Kontext des Kinderschutzes. Letztere untersucht das Feld im Rahmen des Projekts „Sorge und Erziehung unter Beobachtung“ im Bundesland Hessen. Dabei geht sie aus ethnographischer Perspektive der Frage nach, wie Mutterschaft programmatisch konzipiert, institutionell organisiert und praktisch bearbeitet sowie zu unterschiedlichen Vorstellungen der verschiedenen Beteiligten über das Kindeswohl ins Verhältnis gesetzt wird. In Erhebungsphasen von jeweils etwa drei Monaten werden drei bis fünf Mutter-Kind-Einrichtungen mit ethnographischen Methoden – hier vor allem mittels teilnehmender Beobachtung und ethnographischer Interviews – unter- 27 Fachverbände der evangelischen bzw. katholischen Mutter-/Vater-Kind-Einrichtungen sind das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland bzw. der Sozialdienst katholischer Frauen. 5.1 Ausformung der Hilfe 69 sucht. Eine erste Feldphase sei bereits abgeschlossen. In einer Vorstudie ermittelte Informationen aus Interviews mit Leitungskräften von Einrichtungen sowie Jugendamtsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern werden in die Untersuchung einbezogen. Darüber hinaus werden Dokumente und Instrumente, die im Alltag eingesetzt werden, gesammelt und analysiert (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 139). Das Fehlen einer systematischen wissenschaftlichen Begleitung der Praxis der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen wurde von der sozialwissenschaftlichen Disziplin schon lange bemängelt (vgl. Kester, 1979, S. 59; Meyer, 1993, S. 1; Wendt, 1981, S. 408). Mutter-Kind-Heime erfüllten „ihre komplexen Aufgaben weitgehend ohne begleitende theoretische Erörterung“ (Wendt, 1981, S. 408)28; durch das Fehlen einer wissenschaftlichen kritischen Auseinandersetzung stehe das Personal in den Einrichtungen gesamtgesellschaftlichen Trends, die das Arbeitsfeld betreffen, unvorbereitet gegenüber (vgl. Meyer, 1993, S. 3). Besonders selten würde minderjährigen Vätern und ihren Lebenslagen durch die Fachöffentlichkeit Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230; Sabla, 2008, S. 36). Zudem fehlten konkrete Vorschläge für die Förderung von Partner- und Vaterschaft im Übergang zur Elternschaft in Familien mit minderjährigen Müttern, insbesondere im deutschen Sprach- und Kulturraum (vgl. Fleßner, 2008, S. 230; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361). Friedrich und Remberg kritisierten, das Phänomen der jungen Väter, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen wollten, würde in der Wissenschaft ignoriert. Die Datenlage über diese Gruppe der jungen „neuen Väter“ sei mangelhaft. Die fehlende Aufmerksamkeit stehe im Widerspruch zu dem Umstand, dass das pädagogische Personal in Mutter-Kind-Einrichtungen immer häufiger auf jugendliche Väter treffen werde, deren Bedarfen es ohne wissenschaftliche Basisinformationen und konkrete Pläne zur Deckung nicht adäquat gerecht werden könne (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 23). Auch die Qualität der durch die amtliche Statistik erhobenen Informationen über Heime nach § 19 SGB VIII gilt seit Langem als fraglich. Die Einzelhilfen gemäß § 19 SGB VIII werden von der amtlichen Statistik nicht erfasst (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 302). Schon Anfang der 1980er Jahre kritisierte Wendt die Aussagekraft der Daten in Bezug auf die Anzahl der verfügbaren Plätze in den Einrichtungen. Er fand in seiner Untersuchung eine signifikante Differenz zwischen den Angaben der durch ihn Befragten in Mutter-Kind-Einrichtungen und denen der amtlichen Jugendhilfestatistik. Die amtliche Statistik sei unzulänglich, weil das Zählverfahren nicht festgeschrieben worden sei. Man wisse nicht, ob als „Platz“ die Unterbringungsmöglichkeit für Mutter und Kind zusammen gemeint und zu zählen sei oder ob nach der Kopfzahl aller Bewohnerinnen und Bewohner gefragt werde (vgl. Wendt, 1981, S. 419). 28 Dies war nicht allein in den deutschsprachigen Ländern so. Wendt verweist auf ein Überblicksreferat von Cawson und Des Picard, in dem es heißt: “Few areas of residential care have been as consistently ignored in the professional literature as the mother and baby homes. In part this reflects a general scarcity of knowledge about the problems faced by unsupported mothers“ (Cawson & Picard, 1979, S. 12). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 70 Auch bei der Erfassung der Anzahl der Einrichtungen in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind scheinen große Ungenauigkeiten zu bestehen. Durch einen Vergleich der Angaben des Sozialdienstes katholischer Frauen über die Anzahl der Einrichtungen katholischer Initiativen mit denen der amtlichen Statistik zeigten Pluto und ihre Kolleginnen und Kollegen, dass die katholischen Einrichtungen in der amtlichen Statistik nicht vollständig erfasst wurden (vgl. Pluto et al., 2007, S. 192). Diese Ergebnisse weisen auf weitere Mängel in der amtlichen Statistik hin. Lebenslagen der Klientel und Ansprüche an die fachliche Arbeit Eine im Rahmen der vorliegenden Studie erfolgte Analyse der wissenschaftlichen Untersuchungen aus den 1970er bis 1990er Jahren zeigt, dass überwiegend von prekären Lebenslagen der Klientinnen die Rede war: Die Frauen verfügten meist lediglich über geringe finanzielle Ressourcen (vgl. Deutscher Caritasverband & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002, S. 15; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282–285; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 211; Kester, 1979, S. 74; Klees-Möller, 1991, S. 24; Meyer, 1993, S. 390) und waren teilweise von Arbeitslosigkeit betroffen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Kester, 1979, S. 76). Sie hatten häufig einen niedrigen oder überhaupt keinen schulischen bzw. beruflichen Bildungsabschuss (vgl. Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221; Kappen, 1990, S. 141; Kester, 1979, S. 76; Winkelmann, 2000, S. 372). Besonders große Belastungen ergaben sich für viele Mütter bei der (Wieder‑) Aufnahme eines Berufes oder einer Ausbildung bei gleichzeitiger Sicherstellung der Betreuung des Kindes (vgl. Meyer, 1993, S. 390). Die Bewohnerinnen von Einrichtungen nach § 19 SGB VIII fanden häufig in ihrer eigenen Kindheit ungünstige Bedingungen für das Knüpfen stabiler Beziehungen vor und verfügten selten über Unterstützung durch Familienangehörige (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 4; Kappen, 1990, S. 141; Klees-Möller, 1991, S. 24; Wendt, 1981, S. 444; Winkelmann, 2000, S. 371). Viele Mütter und Schwangere litten in ihrer eigenen Kindheit unter den folgenden Lebensbedingungen: – häufige Bezugspersonenwechsel und zahlreiche Beziehungsabbrüche (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Kester, 1979, S. 54) – Suchtmittelabhängigkeit eines Elternteils oder beider (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221; Klees-Möller, 1991, S. 24) – Instabilität im Erziehungsverhalten der Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282) 5.1.1 5.1 Ausformung der Hilfe 71 – rigide Kontrolle und geschlechtsspezifische Benachteiligung durch die Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Klees-Möller, 1991, S. 25)29 – Trennung oder Scheidung der Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Klees-Möller, 1991, S. 24) – gewaltsames Austragen von Konflikten durch die Eltern (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221) – sexuelle Gewalt (vgl. Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 221; Klees-Möller, 1991, S. 24)30 – Leben in Heimen bzw. bei Pflegefamilien (vgl. Kester, 1979, S. 74) In einigen Fällen seien die Mädchen schon vor Aufnahme in das Heim längere Zeit von zuhause fort gewesen. In anderen Fällen seien Auseinandersetzungen mit den Eltern, etwa bei Bekanntwerden der Schwangerschaft, der Anlass für die Aufnahme im Heim (vgl. Kappen, 1990, S. 141; Wendt, 1981, S. 444). Die Kinder waren in der Regel nicht geplant, aber gewollt. Mit der Geburt wurde die Hoffnung verbunden, die krisenhafte Lebenssituation zu verbessern (vgl. Bier- Fleiter & Grossmann, 1989, S. 28) oder Anerkennung zu finden. Das Kind solle die unerfüllten Bedürfnisse der Mutter befriedigen, beispielsweise ihrem Leben Sinn geben und ihr eine liebevolle Bindung an einen Menschen ermöglichen. Tatsächlich verbesserte der Anspruch auf Erziehungsgeld31 zudem die finanzielle Lage der Frauen bedeutend (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282). Gemäß Höltershinken hatten viele Frauen vor ihrer Aufnahme in eine Mutter- Kind-Einrichtung mit ihrem Freund bzw. Ehemann zusammengelebt (vgl. Höltershinken, 1990, S. 378). Der größte Teil musste belastende Erfahrungen in der Partnerschaft machen und litt noch bei der Aufnahme in die Einrichtung unter den Konflikten; speziell die Zeit der Schwangerschaft galt als kritische Phase für die Beziehungen (vgl. Deutscher Caritasverband & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002, S. 38; Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 4; Höltershinken, 1990, S. 380; Kappen, 1990, S. 141; Klees-Möller, 1991, S. 25, 1993, S. 379; Meyer, 1993, S. 8; Wendt, 1981, S. 444; Winkelmann, 1990, S. 70). Bei manchen Frauen kam es zu massiven Bedrohungen und körperlicher Gewalt durch den Partner (vgl. Kappen, 1990, S. 154; Meyer, 1993, S. 391). Manche Befragte 29 Gemäß den Ergebnissen des Dortmunder Forschungsprojekts zur Situation der Mutter-Kind-Einrichtungen erfuhren die Bewohnerinnen häufig in ihrer Kindheit geschlechtsspezifische Benachteiligungen. Die Klientinnen wurden als Mädchen teilweise rigide und stärker als etwa ihre Brüder durch die Eltern kontrolliert. Die Erziehung beinhaltete in vielen Fällen einen Zwang zur Einhaltung von rollenstereotypem Verhalten. Gemäß der Untersuchung von Klees-Möller mussten die Mädchen oft frühzeitig Hausarbeiten und die Versorgung anderer Familienmitglieder übernehmen und wurden in ihrer schulischen Entwicklung wenig beachtet (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 25). 30 Eisenhauer-Hartung (1972, S. 221) geht von einer großen Dunkelziffer von Opfern sexueller Gewalt unter den Klientinnen der Einrichtungen aus. 31 Das Erziehungsgeld war für Geburten zwischen dem 1. Januar 1986 und dem 31. Dezember 2006 eine Ausgleichsleistung des deutschen Staates für den Elternteil, der das Kind vorwiegend erzog. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 72 mussten aufgrund von Misshandlungen oder Bedrohungen aus ihrer Wohnung flüchten und befanden sich danach in einer prekären Wohnsituation (vgl. Kappen, 1990, S. 155). Ein Teil der Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen hatte sexuellen Missbrauch durch den Partner erlebt (vgl. Kappen, 1990, S. 145; Kester, 1979, S. 80). Konflikte schwelten aber oft auch zwischen den Klientinnen und deren (Ex‑)Partnern, wenn letztere nicht gewalttätig worden waren (vgl. Meyer, 1993, S. 391). Auseinandersetzungen mit dem Ex-Partner bezogen sich inhaltlich meist auf finanzielle Regelungen, Unterhalt, Sorgerecht und Besuchsregelungen (vgl. Meyer, 1993, S. 390). Kester ermittelte in seiner Studie Ende der 1970er Jahre einen Anteil von höchstens der Hälfte der Väter, die regelmäßig Unterhalt zahlten. Daneben fielen die Chancen der Mütter, von Sozialhilfe unterstützt zu werden, schlecht aus (vgl. Kester, 1979, S. 126). Die Mehrheit der Mädchen und Frauen konnte nicht – insbesondere nicht in materieller Hinsicht – mit der Unterstützung der Väter rechnen. Die Frauen waren im umfassenden Sinne des Wortes alleinerziehend (vgl. Höltershinken, 1990, S. 378). Der Kontakt zum Kindsvater brach häufig vor oder während des Aufenthalts in der Mutter-Kind-Einrichtung ab (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 49; Cierpka, Frevert & Cierpka, 1992, S. 168; Höltershinken, 1990, S. 125). Trotz schwerer Belastungen bis hin zu traumatischen Erfahrungen in der Partnerschaft stellte für die Hälfte der befragten Klientinnen die Beziehung zum Freund oder Mann einen wichtigen Teil des Lebens dar. Es finde obendrein häufig eine starke Fixierung auf den gegenwärtigen Partner statt, mit dem Visionen von einem besseren Leben verbunden seien (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269; Kester, 1979, S. 177; Klees- Möller, 1991, S. 30, 1993, S. 170–172; Meyer, 1993, S. 310; Wendt, 1981, S. 451; Winkelmann, 2000, S. 373). Die ambivalenten Gefühle gegenüber den Kindsvätern und die Konflikte hielten meist während des Aufenthalts in der Mutter-Kind-Einrichtung an (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 25). Dort müssten Enttäuschungen, Trennungserfahrungen und das Erleben von Gewalt verarbeitet werden (vgl. Höltershinken, 1990, S. 381; Klees-Möller, 1993, S. 170–172). Nach dem Verlassen der Heime bezog ein Teil der Klientinnen mit dem Vater des Kindes oder mit einem neuen Partner eine gemeinsame Wohnung (vgl. Höltershinken, 1990, S. 378). Heute zählt Kliche zu den Belastungen, die zu einer Aufnahme in eine Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung führen können, unter anderem psychische Erkrankungen, finanzielle Notlagen und mangelnde Unterstützung durch die eigene Familie oder das soziale Umfeld und mangelnde erzieherische Kompetenzen (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Die Veränderung in der Hilfegewährung führe zu einem erhöhten Unterstützungsbedarf der Klientel in den Einrichtungen (vgl. Linke, 1991, S. 37; Weidle, 1991, S. 15). Dieser steigere die Anforderungen an die pädagogische Arbeit und in der Folge den Bedarf des Leistungserbringers an qualifiziertem Personal (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 281). Tatsächlich wies Klees-Möller im Rahmen des Dortmunder Forschungsprojekts einen Trend hin zu einem zunehmend besser ausgebildeten Personal nach (vgl. Klees- Möller, 1991, S. 23). Dafür spricht auch die Festlegung in Standards der evangelischen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, zur Betreuung der Klientel ausschließlich pädagogische Fachkräfte zu beschäftigen (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen 5.1 Ausformung der Hilfe 73 Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 8). Die Daten des Statistischen Bundesamts zeigen einen Anstieg des Qualifikationsniveaus im Arbeitsfeld seit den 1990er Jahren: Anteil des pädagogischen Personals mit höherem Bildungsabschluss und solchem ohne abgeschlossene Berufsausbildung in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder in Prozent Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 1994, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b. Für die Abbildung wurden die Anteile der Diplom-Sozialpädagoginnen und ‑pädagogen, Diplom-Sozialarbeiterinnen und -Sozialarbeiter, Diplom-Pädagoginnen und -Pädagogen, Diplom-Sozialpädagoginnen und ‑pädagogen sowie Diplom-Erziehungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an allen Beschäftigten zur Gruppe des pädagogischen Personals mit hohem Bildungsabschluss zusammengefasst. Die Daten werden jeweils am 31.12. im vierjährigen Rhythmus erhoben. Eigene Berechnungen und Abbildung. Der Anteil an pädagogischem Personal mit höherem Bildungsabschluss erhöhte sich zwischen 1994 und 2014, während gleichzeitig der Anteil ungelernter Kräfte zurückging. Nachfrage nach Hilfen gemäß § 19 SGB VIII Über die Anzahl der Einrichtungen und Plätze in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder gibt seit 1986 alle vier Jahre die Kinder- und Jugendhilfestatistik Auskunft. Während die Zahl der Lebendgeborenen in Deutschland von Abbildung 2. 5.1.2 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 74 199832 bis 2006 kontinuierlich sank, danach einige Jahre auf niedrigem Niveau stabil blieb, um zwischen 2011 und 2014 wieder anzusteigen (Abbildung 3), nahm die Zahl der Einrichtungen nach § 19 SGB VIII sowie die verfügbaren Plätze in diesen Einrichtungen stetig zu (Abbildung 4 und Abbildung 5). Zahl der Lebendgeborenen in den Jahren 1998 bis 2014 in der Bundesrepublik Deutschland in Tausenden Datenquelle: Statistisches Bundesamt, 2016 c, eigene Darstellung. Abbildung 3. 32 Die Statistik der Einrichtungen und tätigen Personen in der Kinder- und Jugendhilfe wurde 1994 erstmals eigenständig und gemeinsam für die alten und neuen Bundesländer durchgeführt. Die Gliederung der Einrichtungsarten, unter anderem bei den Einrichtungen für Heimerziehung und sonstige betreute Wohnformen, wird seit 1998 in einer gegenüber 1994 deutlich differenzierten Form erfasst. Infolge der Erweiterungen des Erhebungsprogramms 1998 liegen nicht für alle Erhebungszeitpunkte Angaben in der gleichen differenzierten Form vor (vgl. Statistisches Bundesamt, 2008 b, S. 5). Daher werden im Folgenden ausschließlich Daten ab 1998 miteinander verglichen. 5.1 Ausformung der Hilfe 75 Anzahl der Einrichtungen für Mütter/Väter und Kinder in der Bundesrepublik Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b, eigene Darstellung. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. Anzahl der verfügbaren Plätze in diesen Einrichtungen in der Bundesrepublik Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b, eigene Darstellung. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. Abbildung 4. Abbildung 5. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 76 Die zur Erstellung des 14. Kinder- und Jugendberichts einberufene Sachverständigenkommission sieht in den Entwicklungen ein starkes empirisches Indiz für Verschiebungen zwischen privater und öffentlicher Verantwortung im Aufwachsen von Kindern. Es steige der Bedarf an stationären Rund-um-die-Uhr-Angeboten für Elternteile und Kinder mit dem Ziel, Fremdunterbringungen zu vermeiden, (junge) Alleinerziehende in ihrer eigenen Persönlichkeitsbildung, einschließlich (nachzuholender) Schul‑/Berufsabschlüsse, zu unterstützen, sie als Erziehende zu befähigen – und dennoch Säuglinge und Kleinkinder auch bei zweifelhafter Versorgungs-, Fürsorge- und Erziehungskompetenz der Elternteile zu schützen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 303). Die amtlichen Statistiken liefern keine Angaben darüber, welcher Anteil der Einrichtungsplätze jeweils von Frauen und Männern genutzt wird. Auch Befragungen der Jugendämter durch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) sprechen für einen Anstieg der Nutzung von Hilfen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen. Die Analyse der Daten zeigt, dass sich in immer mehr Jugendamtsbezirken eine solche Institution befindet (vgl. Pluto et al., 2007, S. 193). Der Anstieg der Nutzung der Hilfen zeigt sich auch in einer beachtlichen Steigerung der Ausgaben für die Unterbringung nach § 19 SGB VIII insgesamt in der Bundesrepublik. Informationen darüber liefert die „Statistik der Ausgaben und Einnahmen der öffentlichen Jugendhilfe“.33 Die Erhebung wird jährlich über das abgelaufene Kalenderjahr durchgeführt (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 b). Gemäß der Statistik der Ausgaben und Einnahmen der öffentlichen Jugendhilfe wurden für die gemeinsame Unterbringung von Müttern oder Vätern mit ihrem Kind bzw. ihren Kindern im gesamten Bundesgebiet in den Jahren 199134 bis 2014 folgende Beträge ausgegeben: 33 Die Statistik der Ausgaben und Einnahmen der öffentlichen Jugendhilfe weist Ausgaben nach, die aus öffentlichen Mitteln für Zwecke der Kinder- und Jugendhilfe nach SGB VIII geleistet werden, sowie entsprechende Einnahmen. Diese werden unter anderem für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe erfasst. Rechtsgrundlage dafür sind die §§ 98–103 SGB VIII. Die Ausgaben für Einrichtungen werden getrennt für zehn verschiedene Einrichtungsarten erhoben, die am Leistungsumfang des SGB VIII orientiert sind. Erfasst werden die laufenden Personal- und Sachausgaben, die investiven Ausgaben für Einrichtungen der öffentlichen Jugendhilfeträger sowie die laufenden und die investiven Zuschüsse für Einrichtungen freier Träger (vgl. Statistisches Bundesamt, 2015 b). 34 Die zeitliche Vergleichbarkeit ist ab 1991 möglich (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 b, S. 2). 5.1 Ausformung der Hilfe 77 Ausgaben für die gemeinsame Unterbringung von Müttern oder Vätern mit ihren Kindern in Millionen Euro Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 2015 b, eigene Darstellung. Die Erhebung wird jährlich für das abgelaufene Kalenderjahr geführt. Die Daten für 2015 waren zum Redaktionsschluss noch nicht veröffentlicht. Die Daten zeigen, dass für die gemeinsame Unterbringung von Müttern oder Vätern mit ihren Kindern im Jahr 2014 fast vierzigmal mehr Geld ausgegeben wurde als 1991. Betrugen die Ausgaben für diesen Bereich im Jahr 1991 etwa sieben Millionen Euro, lagen sie im Jahr 2014 etwa bei 285 Millionen Euro. Dabei liegt der Schwerpunkt der Finanzierungsverantwortung auf der kommunalen Ebene, die aufgrund der anhaltenden Expansionsdynamik innerhalb der Kinderund Jugendhilfe in den letzten beiden Jahrzehnten vor größte Herausforderungen gestellt wurde (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 273). Finanziert wird die Hilfe, so Kliche, meist über Leistungsentgelte, welche sich nach der jeweiligen Betreuungsintensität (vgl. Abschnitt 5.1.4) richten. Der Tagessatz für die Betreuung einer Mutter oder eines Vaters mit Kind beträgt im Durchschnitt etwa zweihundert Euro, wobei die Kosten je nach Ort und Betreuungsintensität stark variieren (vgl. Kliche, 2013, S. 140). Der Anstieg der Nutzung der Hilfen nach § 19 SGB VIII wird von Ott, Hontschik und Albracht als Zeichen einer gesteigerten Nachfrage infolge der Entwicklungen im Kinderschutz interpretiert. Während der stationäre Bereich insgesamt von fachpolitischer Seite aufgrund seiner hohen Kostenintensität kritisiert würde, könne für die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen eine Art Renaissance ausgemacht werden (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 139). Ähnliche Entwicklungen sind auch im Bereich der Hilfen zur Erziehung zu verzeichnen (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 267). Abbildung 6. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 78 Einfluss der christlichen Wohlfahrt auf das Arbeitsfeld Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen stehen in der Tradition der christlichen Wohlfahrt (vgl. Meyer, 1993, S. 388; Wallner, 2010, S. 52). Leistungserbringer von Hilfen für Mütter und Kinder – insbesondere in Mutter-Kind-Heimen – waren in der Vergangenheit im Bundesgebiet überwiegend konfessionelle, vor allem katholische Träger der freien Wohlfahrtspflege (vgl. Kester, 1979, S. 66; Klees-Möller, 1991, S. 21; Winkelmann, 1990, S. 69, 2002, S. 1003). Heute werden die Einrichtungen nach wie vor häufig von christlichen Initiativen getragen. Der Anteil der Einrichtungen in evangelischer und katholischer Trägerschaft zwischen 1990/199135 und 2010 liegt etwa zwischen 40 und 60 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b). Der Anteil an Heimen in öffentlicher Trägerschaft ist im oben genannten Zeitraum deutlich gesunken: Anteil der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen nach Trägerschaft in Prozent Statistisches Bundesamt, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b, eigene Darstellung und Berechnung. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. 5.1.3 Abbildung 7. 35 Die Statistik der Einrichtungen und tätigen Personen in der Kinder- und Jugendhilfe – ohne Tageseinrichtungen für Kinder – wurde erstmals 1994 gemeinsam für die alten und neuen Bundesländer eigenständig durchgeführt. Im Rahmen der Statistik über die Einrichtungen und das Personal der Jugendhilfe waren bereits 1990 im früheren Bundesgebiet und 1991 in den neuen Ländern einschließlich Berlin-Ost entsprechende Daten erhoben worden. Nach der Bezirksreform in Berlin im Jahr 2001 können die Angaben nicht mehr nach dem Ost- und Westteil der Stadt aufgegliedert werden. Der Nachweis der Ergebnisse für das frühere Bundesgebiet und die neuen Länder erfolgt daher ohne die Daten von Berlin. Trotz der Erweiterung bzw. Änderung des Erhebungsprogramms ist eine zeitliche und räumliche Vergleichbarkeit weitestgehend gegeben (vgl. Statistisches Bundesamt, 2008 b, S. 5). 5.1 Ausformung der Hilfe 79 Für die Einrichtungen, die dem Spitzenverband der Diakonie und Caritas angehören, gibt es jeweils fachliche Unterstützung durch einen Verband. Die Einrichtungen in evangelischer Trägerschaft sind in einer „Fachgruppe“ im Evangelischen Erziehungsverband e. V. (EREV) organisiert. Ansprechpartnerin für diese Fachgruppe ist die Referentin des EREV Petra Wittschorek (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2016). Die katholischen Einrichtungen für Mutter/Vater und Kind werden fachlich vom Verband Sozialdienst katholischer Frauen Gesamtverein e. V. (SkF) begleitet. Fachreferentin ist Petra Winkelmann (vgl. Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2016). Die Informationen, die im Rahmen der Studie gewonnen wurden, legen die Annahme nahe, dass beide Fachverbände bzw. Referentinnen unter anderem Fortbildungen für das pädagogische Personal in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII organisieren, Beiträge zu Fragen zur Praxis in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen veröffentlichen und Standards für die Arbeit festlegen. Der SkF veröffentlicht zudem Statistiken über die Einrichtungen für Mütter/Väter und Kinder in katholischer Trägerschaft (vgl. Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2001, 2002, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009, 2010). Die beiden Fachverbände und ihre Fachreferentinnen scheinen auch überregional Interessen der Klientel zu vertreten; so gab Frau Winkelmann etwa eine verbandliche Stellungnahme zu § 19 SGB VIII in Vorbereitung des Zehnten Kinder- und Jugendberichts ab (vgl. Winkelmann, 2000). Der EREV kritisierte in einer Stellungnahme jüngst fehlende rechtliche Rahmenbedingungen für die Betreuung beider Eltern mit Kind in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014). Auf die Inhalte der Stellungnahmen wird im Rahmen der vorliegenden Studie an anderer Stelle eingegangen. Beide Fachreferentinnen scheinen innerhalb der Verbände jeweils neben ihren Aufgaben im Fachgebiet der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen weitere Felder zu bearbeiten. In Hessen haben sich einige Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen zu einer Landesarbeitsgemeinschaft der hessischen Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen zusammengeschlossen (vgl. Landesarbeitsgemeinschaft der hessischen Mutter-Vater-Kind-Einrichtungen, 2016). In der Vergangenheit kritisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehrfach, hinter dem vordergründig karitativen Engagement der christlichen Initiativen für die Klientel verberge sich die Sanktionierung von Sexualität vor der Ehe, die weltanschaulich abgelehnt werde (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 67; Klees-Möller, 1993, S. 170–172; Meyer, 1993, S. 432–434). Tatsächlich werden in der katholischen Morallehre Sexualität von Unverheirateten, Schwangerschaftsverhütung und Ehescheidungen unverändert abgelehnt – trotz sich teilweise wandelnder Einstellungen der gläubigen Katholiken in unserer Gesellschaft36. Die moralischen Prinzipien werden in den heute noch geltenden Grundsätzen des Zweiten Vatikanischen Konzils aus dem Jahr 1965 dargelegt (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, 1965), über deren Ausgestaltung in 36 Papst Franziskus lud im Oktober 2015 zu einer Bischofssynode zu dem Thema „Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute“ in Rom ein. Die sogenannte Familiensynode einigte sich auf keine neue Sexualethik. Hinsichtlich der Frage nach der Behandlung von (wiederverheirateten) geschiedenen und homosexuellen Menschen gibt es – entgegen der Hoffnungen und Erwartungen betroffener Katholiken sowie liberaler Kreise innerhalb der katholischen Kirche unter anderem in Deutschland – keine Änderungen. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 80 Deutschland die Ergebnisse der Synode der Deutschen Bischofskonferenz, die nach knapp fünfjähriger Tätigkeit im Jahr 1975 ihre Arbeit beendete, Auskunft geben. In den im Folgejahr veröffentlichten Beschlüssen der Vollversammlung heißt es37: „Volle geschlechtliche Beziehungen freilich haben ihren Ort in der Ehe. Auch Praktiken, bei denen im gegenseitigen Einvernehmen der Orgasmus gesucht, aber nur der letzte leibliche Kontakt nicht vollzogen wird, gehören nicht in den vorehelichen Raum“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 442). Auch Verlobten ist eine sexuelle Beziehungsebene nicht erlaubt (vgl. ebd.). Nach Lehrmeinung der katholischen Kirche gilt der volle oder weitestgehende Verzicht auf Sexualität in der Ehe als einzige moralisch einwandfreie Methode der Schwangerschaftsverhütung (vgl. Swientek, 1984, S. 73). Die Ehe selbst wird als Sakrament gesehen, das unauflöslich ist und nur durch den Tod beendet wird. Deshalb bleibt eine zivilrechtliche Scheidung für die katholische Kirche folgenlos. Gemäß dem Kirchenrecht kann nach einer Scheidung nicht wieder geheiratet werden, eine standesamtliche Wiederverheiratung wird nicht anerkannt und Wiederverheiratete werden aufgrund einer „schwere[n] sittliche[n] Verfehlung“ von den Sakramenten der Buße und Eucharistie ausgeschlossen. Nach den Lehren der katholischen Kirche begehen die Wiederverheirateten „permanent Ehebruch an ihrem früheren rechtmäßigen Ehepartner und laden damit dauernd schwere Schuld auf sich“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 451). Daneben bemerkt die Deutsche Bischofskonferenz, dass Mütter nichtehelicher Kinder häufig mit gesellschaftlicher Diskriminierung – auch innerhalb der Kirche – rechnen müssten, was oft eine außergewöhnlich große Belastung für die Betroffenen darstelle. Es sei „unchristlich, diesen Frauen das Leben durch ständige Vorwürfe zu verleiden oder sie in die gesellschaftliche Isolierung zu treiben“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 445). Den Gemeinden und Diözesen wird deshalb angeordnet, „sich in besonderer Weise der unvollständigen Familien (Verwitwete, Geschiedene, alleinstehende Mütter) an[zu]nehmen“ (Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 455). Unter anderem wird gefordert, den Frauen und Kindern geeignete Wohnformen anzubieten (vgl. Deutsche Bischofskonferenz, 1976, S. 446). Repräsentantinnen und Repräsentanten der evangelischen Kirche äußern sich über die Themen Alleinerziehen, Scheidung und ledige Elternschaft laut Swientek verhaltener und vorsichtiger als die der katholischen Seite. Jedoch stünden auch dort Alleinerziehende und deren Kinder nicht gleichberechtigt neben anderen Familien (vgl. Swientek, 1984, S. 81–83). Swientek kritisiert, dass beide großen christlichen Kirchen den Diskurs über das Alleinerziehen „zu einer reinen Frauenfrage“ erklären. Notlagen Alleinerziehender würden durch beide christlichen Kirchen individualisiert und somit Vorurteile gegen diese Bevölkerungsgruppe aufgebaut. Die moralische 37 Aufgabe der sogenannten „Würzburger Synode“ war es, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen. Sie wurde von der Deutschen Bischofskonferenz im Februar 1969 einberufen und fand in acht Sitzungsperioden zwischen 1971 und 1975 statt. Die Ergebnisse der Synode wurden in Beschlüssen und Arbeitspapieren festgehalten. 5.1 Ausformung der Hilfe 81 Schuldzuweisung an Alleinerziehende befördere deren Diskriminierung (vgl. Swientek, 1984, S. 81–84). Solange eine ablehnende Terminologie im Zusammenhang mit dem Alleinerziehen genutzt werde – in einem Beschluss der gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise „Sünde“, „schwere Schuld“, „Versagen“, „sittliche Verfehlung“ und „öffentliches Ärgernis“ –, stoße die Klientel bei anderen eher auf Ablehnung oder im günstigsten Fall auf Mitleid. Emanzipationsbestrebungen würden unterbunden, solange den Betroffenen ausschließlich die Rolle der Hilfesuchenden zugeteilt würde. Bedauerlich sei weiterhin, dass sich die katholische Kirche mit lediger Vaterschaft überhaupt nicht beschäftige (vgl. Swientek, 1984, S. 170). Durch die Beschlüsse der Synode würden alle Alleinerziehenden außer die Verwitweten, deren Familienstand als göttliche Fügung angesehen werde, diskriminiert (vgl. Swientek, 1984, S. 73). Kritisch ist in diesem Zusammenhang zu sehen, dass die Hilfen nach § 19 SGB VIII von den Vertretungen beider christlicher Kirchen als „frauenspezifische Sozialarbeit“ verstanden werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Winkelmann, 2012, S. 4). Von den Fachverbänden der evangelischen bzw. katholischen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen mehrten sich Ende der 1990er Jahre Hinweise darauf, dass gemeinsame Wohnformen für Mutter/ Vater und Kind in christlicher Trägerschaft größtenteils von Frauen in Anspruch genommen werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Winkelmann, 2000, S. 370, 2002, S. 1003). Im Zehnten Kinderund Jugendhilfebericht wird daraufhin geschlossen, die Zielgruppe und die Nutzerinnen der Hilfen nach § 19 SGB VIII seien ausschließlich Mütter, die meist jung und ledig seien. Das Angebot stehe Vätern zwar offen, habe für sie jedoch keine praktische Bedeutung (vgl. Deutscher Bundestag, 1998, S. 238). Allerdings prognostizierte eine Arbeitsgruppe des Deutschen Vereins für private und öffentliche Fürsorge im Jahr 1999, zukünftig bedürften verstärkt Väter der Hilfe in gemeinsamen Wohnformen mit Kind (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 284). Wallner geht auf der Basis einer Analyse von Internetauftritten von Mutter-Kind-Einrichtungen davon aus, alleinerziehende Väter kämen als Klientel in dieser Betreuungsform nicht vor. Es sei stets explizit von jungen Frauen und Mädchen die Rede. Von Vätern werde höchstens in ihrer Rolle als Besucher gesprochen (vgl. Wallner, 2010, S. 62). Der EREV argumentiert, ein Einbeziehen der Männer in den Alltag könne die Wirksamkeit der Hilfen erhöhen. Durch die Stärkung der Vater-Kind-Bindung und den Erwerb von Erziehungskompetenzen durch Männer könnten Familien profitieren. Fachkräfte könnten mit dem Blick auf beide Eltern ein realistischeres Bild von der Dynamik der Partnerschaft erlangen. Bei gewalttätigen Konflikten unter den Paaren müssten mit beiden Eltern Lösungsstrategien erarbeitet werden. Selbst wenn Väter die Auslöser von Unterbringungen im Gefährdungsbereich seien, müsse mit Blick auf den Vater abgeklärt werden, ob er in der Lage sei, die Auflagen des Kinderschutzes zu erfüllen. Insgesamt erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit für ein stabileres familiäres Zusammenleben, wenn die Bedarfe des Vaters bei der Hilfeplanung und -ge- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 82 währung berücksichtigt bzw. gedeckt würden (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014). Trotzdem heißt es in den fachlichen Standards der evangelischen Leistungserbringer der Hilfen nach § 19 SGB VIII, die Soziale Arbeit in Mutter-(/Vater-)Kind- Einrichtungen rechne „mit den besonderen Benachteiligungen, Belastungen und Rahmenbedingungen der Frauen in unserer Gesellschaft, aber auch mit ihren besonderen Fähigkeiten und Stärken“ (Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3). Die speziellen Belastungen oder Stärken der Väter finden hingegen keine Erwähnung. In einer Veröffentlichung der Diakonie über evangelische Einrichtungen für Mutter mit Kind betont eine Mitarbeiterin, Aufgabe sei es, die Klientinnen „auf ein Leben als Alleinerziehende in unserer Gesellschaft vor[zubereiten]“ (Schmitt, 1991, S. 59). Es stellt sich also besonders für Mutter-Kind-Einrichtungen katholischer und evangelischer Initiativen die Frage, ob dort Alleinerziehende unterstützt werden, einen neuen Lebenspartner zu finden, oder ob nicht eher die Unterschätzung männlicher Bedarfslagen in Kombination mit einer Orientierung an der christlichen Morallehre dazu führt, ihre Lage zu manifestieren. Angebotsformen, Behandlungsmethoden in den Einrichtungen und ihre Effektivität Unter „Wohnformen“ sind im Sinne des Gesetzgebers nicht nur herkömmliche Heime zu verstehen, sondern auch alternative Betreuungsformen (vgl. Fischer, 2007, S. 123). Tatsächlich stellen sich gemeinsame Wohnformen für Mutter/Vater und Kind in der Praxis nicht einheitlich dar, sondern bieten ein heterogenes Bild: vom ambulant betreuten Einzelwohnen, Gruppen und Apartments im Mutter-Kind-Heim und in Apartmenthäusern über Außenwohngruppen sowie Wohngemeinschaften, bis hin zu ambulanten Betreuungsangeboten im eigenen Wohnraum (Hinweise darauf finden sich etwa in folgenden Veröffentlichungen: Landschaftsverband Rheinland, 2015, S. 1; Wallner, 2010, S. 71; Winkelmann, 2012, S. 3). Neben der Wohnform unterscheiden sich die Einrichtungen hinsichtlich der Betreuungsintensität. Nach Kliche werden in sogenannten 24-Stunden-Einrichtungen vor allem Elternteile und Schwangere betreut, welche aufgrund ihres – häufig minderjährigen – Alters oder anderer besonderer Bedarfslagen bzw. aufgrund psychischer oder körperlicher Erkrankungen eine intensive Betreuung benötigen. Die Leistungserbringer bieten Beratung und Betreuung rund um die Uhr und eine weitreichende Entlastung von Alltagsherausforderungen durch die Fachkräfte an. Ist der Betreuungsaufwand etwas weniger hoch, können junge Mütter und Väter mit ihren Kindern z. B. in Apartmenthäusern oder Wohngruppen und -projekten betreut werden. Viele Leistungserbringer, so Kliche, hätten ein Stufenkonzept, in welchem die jungen Eltern zunächst intensiv betreut werden und bei wachsender Selbstständigkeit in weniger intensive Betreuungsangebote wechseln können, bis sie schließlich über Fachleistungsstunden in der eigenen Wohnung von den sozialpädagogischen Fachkräften nachbetreut werden (vgl. Kliche, 2013, S. 140). Ob sich tatsächlich alternative Wohnformen neben den eher klassischen Wohnheimen durchsetzen, ist wissenschaftlich nicht untersucht. Wie an späterer Stelle ge- 5.1.4 5.1 Ausformung der Hilfe 83 zeigt werden soll, deutet einiges darauf hin, dass alternative Betreuungsangebote in Deutschland erst in jüngster Zeit neben klassischen Heimsettings entstehen und Reformen erst spät einsetzten (vgl. Abschnitt 5.3 der vorliegenden Studie). Diese Tendenz spiegelt sich auch in der Kritik von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in der Vergangenheit das Feld der Mutter-Kind-Einrichtungen untersuchten: Kester nahm bereits Ende der 1970er Jahre wahr, dass der Reformwille im Heimerziehungsbereich im Vergleich zu den 1960er Jahren deutlich abgenommen hatte. Er hegte den Verdacht, dass wegen der schlechten finanziellen Lage der Leistungserbringer keine Verbesserungsmaßnahmen durchgeführt worden waren. Die Heimerziehung sei ihrer Legitimationskrise entkommen, weil sich die Meinung durchgesetzt habe, in ambulanten Hilfeformen könnten nicht alle Bedarfe der Klientel gedeckt werden und so bleibe stets ein Anteil von Menschen übrig, dem ausnahmslos in stationärer Unterbringung zu helfen sei (vgl. Kester, 1979, S. 152). Meyer sieht einen Zusammenhang zwischen vielen Defiziten und Mängeln in Mutter-Kind-Einrichtungen und den historischen Entstehungsbedingungen dieser Häuser: Sie entstanden häufig in einer räumlich isolierten Lage, die für die Lebensbedingungen der Frauen nicht förderlich waren (vgl. Meyer, 1993, S. 3). Getragen von dem Wunsch, schwangeren und alleinerziehenden Frauen in Not- und Konfliktsituationen zu helfen, verdankten sie ihre Existenz meist isolierten Einzelinitiativen von Verbänden der freien Wohlfahrtspflege oder privaten Vereinen, ohne dass diesen eine systematische Bedarfsanalyse oder eine regional abgestimmte Planung vorausgegangen sei (vgl. ebd.). Es fehle eine regionale und überregionale Planung und im Einzelfall eine im multiprofessionellen Team verschiedener Helfer durchdachte Strategie, um der Unterschiedlichkeit der Bewohnerinnen hinsichtlich ihrer Bedarfe und ihrer Lebensführung gerecht zu werden (vgl. Meyer, 1993, S. 3; Wendt, 1981, S. 426). Kritik an Mutter-Kind-Einrichtungen in Bezug auf die Klarstellung der Zielsetzung äußert beispielsweise Wendt: Wenn der Leistungserbringer überhaupt Ansätze einer differenzierten Zielsetzung zu Papier gebracht hätte, herrsche eine zweckrationale Objektivität vor, die an das Befinden der Frauen nicht heranreiche. Situative Momente wie Ruhe oder die Atmosphäre im Haus würden zwar in einzelnen Konzeptionen bedacht, jedoch nicht als Ziel, sondern rein instrumental begriffen, beispielsweise um die Mutter-Kind-Beziehung zu verbessern, die Arbeitsfähigkeit zu fördern oder eine Partnerbeziehung zu klären. Dieser Wunsch des pädagogischen Personals oder der Leitung nach einer technischen Handlungsanweisung zur Verhaltensmodifikation verberge jedoch kaum das dahinter stehende Menschenbild, das die Interaktion im Heim eher einschränke, als sie zu erweitern (vgl. Wendt, 1981, S. 426). Auch von Mayer wird kritisiert, die institutionellen Bedingungen in den Einrichtungen orientierten sich weniger an den Bedürfnissen der Klientinnen als vielmehr an anderen Gegebenheiten (vgl. Meyer, 1993, S. 3). So hingen beispielsweise die Ressourcen der Einrichtungen von den finanziellen Möglichkeiten der Leistungserbringer ab (vgl. ebd.). Im Hinblick auf das Format der Angebote wird kritisiert, für jugendliche Mütter seien bis in die heutige Zeit selten ambulante Hilfen vorgesehen. Wohnmöglichkeiten in kleineren Betreuungseinheiten oder im eigenen Wohnraum würden eher für Volljährige angeboten (vgl. Wallner, 2010, S. 65). Insgesamt – so die Kritik – existierten vor allem für min- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 84 derjährige Mütter häufig Angebote mit größerer Kontrollfunktion (vgl. Linke, 1991, S. 36; Wallner, 2010, S. 65). Zu der Frage, wie genau in den Einrichtungen versucht wird, pädagogische Zielsetzungen zu erreichen, lagen lange Zeit überhaupt keine Forschungsergebnisse vor. Es war bisher ausschließlich bekannt, dass die Arbeitsweisen und pädagogischen Ansätze der verschiedenen Angebote sich stark voneinander unterscheiden (vgl. Kliche, 2013, S. 141; Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 140; Wallner, 2010, S. 71). Kliche meint, es erfolge eine individuelle Betreuung, Förderung und Beschäftigung (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Ein jüngerer Beitrag von Ott, Hontschik und Albracht benennt als häufige Art der Unterstützungsform im Einrichtungstypus „Elterntrainings“, „Mütterschulungen“ und „Erziehungskompetenztrainings“ (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 140). Wie wirksam diese häufig videogestützten pädagogischen Technologien in diesem Feld angewendet werden und inwiefern sie speziell der Klientel weiterhelfen, wurde bisher nicht untersucht. Ott, Hontschik und Albracht beobachteten jedoch kritisch, dass über Erziehungskompetenztrainings die Kategorien Mütterlichkeit/ Mutterschaft und Kindeswohl wechselseitig aufeinander bezogen und traditionelle Frauenrollenbilder somit formiert werden (vgl. Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2013). Inwiefern der Vater in solche Trainings einbezogen wird und wie sich die pädagogischen Hilfesettings auf die Formierung der Vaterrolle auswirken, war bisher ungeklärt. Mit Blick auf die Wirksamkeit der Hilfen stellt sich darüber hinaus die Frage, ob die Elternteile nach ihrem Aufenthalt in der Einrichtung mit ihrem Kind in eine eigene Wohnung ziehen. Studien zum Verbleib der Klientel fehlen allerdings vollständig. Hinweise aus der Praxis deuten darauf hin, dass nicht alle Eltern mit dem Kind die Einrichtung verlassen. Winkelmann spricht etwa davon, dass etwa jede fünfte Mutter ohne Kind aus einer Mutter-Kind-Einrichtung auszieht (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Allerdings scheint ein Teil der Mütter mit einem Mann zusammenzuziehen: Vom katholischen Fachverband heißt es, nach dem Aufenthalt in der Einrichtung zögen etwa zwei Drittel der Frauen mit dem Kind zurück in ihre Herkunftsfamilie oder ggf. mit dem Vater des Kindes oder einem neuen Partner in eine eigene Wohnung (vgl. Winkelmann, 2002, S. 1003). Wenn ein nicht unerheblicher Teil der Klientel mit dem Kindsvater oder einem neuen Partner zusammenzieht, wäre es für die Klientel hilfreich, auf das Zusammenleben mit einem Mann während der Hilfe vorbereitet zu werden, indem der Mann in den Alltag einbezogen wird. Hieran wird also die Relevanz der Forschungsfrage deutlich. Anteil weiblicher Fachkräfte In Mutter-Kind-Einrichtungen wurden in der Vergangenheit ausschließlich Frauen beschäftigt. Falls doch Männer angestellt wurden, arbeiteten sie meist in Leitungspositionen oder als Hausmeister (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 23; Wendt, 1981, S. 421). Heutzutage sind männliche Mitarbeiter in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/ 5.1.5 5.1 Ausformung der Hilfe 85 Vater und Kind immer noch selten anzutreffen. Mehr als 90 Prozent des Personals ist weiblich. Pädagogisches und Verwaltungspersonal in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder nach Geschlecht Datenquellen: Statistisches Bundesamt, 1994, 2004, 2005, 2008 a, 2012 b, 2016 b. Die Daten werden zum Stichtag am 31. Dezember alle vier Jahre erhoben. Die zahlenbezogene Unterrepräsentanz von Männern in der Sozialen Arbeit ist kein neues Phänomen, sondern so alt wie die Soziale Arbeit selbst (vgl. Fegter, 2012, S. 4). Gerade die Soziale Arbeit ist ein vornehmlich von Frauen ausgeübter Beruf, während ihre rationale wissenschaftliche Thematisierung von Männern dominiert wird (vgl. Scherr, 2002, S. 380). Vieles spreche dafür, dass dies vor allem dem geringen Status des praktischen Berufs in der Sozialen Arbeit zuzuschreiben ist (vgl. Kimmerle, 2012, S. 26; Matzner, 2007 a, S. 26). Dazu gehörten der Mangel an mit dem Abschluss verbundenem Prestige, die relativ geringe Vergütung, ein Mangel an Aufstiegsmöglichkeiten und die ungünstigen Arbeits- und Vertragsbedingungen. Auch trage die negative Wahrnehmung von Männern in den Feldern der Sozialen Arbeit zu ihrer Unterrepräsentanz bei. Während die Anwesenheit weiblicher Fachkräfte vielfach als selbstverständlich gelte, würden Männer als Ausnahme, als erklärungsbedürftig und bisweilen zweifelhaft wahrgenommen (vgl. Kimmerle, 2012, S. 26). Wenn Männer im Sektor der Sozialen Arbeit tätig werden, kommt es zu Segregationsprozessen innerhalb des Berufsfeldes entlang von Geschlechterlinien: Zum einen suchen sich Männer – oft mit Unterstützung von Frauen – einen Bereich, der als männlich verstanden wird, das heißt stärker durch Männer geprägt ist, wie etwa Leitungspositionen. Besonders gering sei der Männeranteil bei Hilfen, die sich an Kleinkinder, Mädchen und Frauen sowie Familien richte, und wenn die Art der Hilfe den Abbildung 8. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 86 Aufbau enger sozialer Beziehungen voraussetze (vgl. Matzner, 2007 a, S. 27). Zum anderen habe dort, wo ein hoher Frauenanteil in der Leitungsebene vorhanden sei, eine Entwertung von Leitung stattgefunden (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 31; Matzner, 2007 a, S. 26–28). Dies stünde im Zusammenhang mit einer Zunahme des Arbeitskräftebedarfs in der Sozialen Arbeit bei gleichzeitiger Entsicherung der Beschäftigungsverhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Der Sektor des Sozialwesens habe – im negativen Sinne – eine Vorreiterrolle bei der Prekarisierung inne. Die Berufe kennzeichneten sich schon seit Langem durch niedrige Löhne, geringe soziale Absicherung und schlechte Arbeitsbedingungen sowie einen hohen Anteil geringfügig entlohnter Beschäftigung (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 34). Da Männer „wüssten“, dass von ihnen erwartet wird, ihren Unterhalt sowie den ihrer Familie zu erwirtschaften, sei es plausibel, dass sich weniger Männer als Frauen für einen sozialen Beruf entscheiden bzw., falls sie einen solchen gewählt haben, zielstrebig die besser bezahlten Positionen anstreben (vgl. Matzner, 2007 a, S. 26). In der Fachliteratur zum Arbeitsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/ Väter und Kinder wird diskutiert, ob die geringe Zahl männlicher pädagogischer Fachkräfte einen negativen Einfluss auf die Qualität der Hilfen insgesamt hat. Erstens wird erörtert, dass die Abwesenheit männlicher Berater die Motivation von Kindsvätern und Partnern zur Übernahme von Versorgungs- und Erziehungsaufgaben senken und ihre Teilhabe am Alltag verringern könnte. Zweitens wird im Zusammenhang mit dem Fehlen männlicher Helfer die Beibehaltung oder Ausbildung von Geschlechterstereotypen der Klientel in den Einrichtungen problematisiert. Drittens wird debattiert, ob das Fehlen männlicher professioneller Erzieher auf die Entwicklung der dort untergebrachten Kinder einen negativen Einfluss hat. Verschiedentlich wird davon ausgegangen, Berater gleichen Geschlechts wirkten auf Kindsväter, Partner und überhaupt auf die männliche Klientel überzeugender, da sie als Vorbild für ein (alternatives) männliches Rollenmodell fungieren könnten (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230; Hespelt, 2009, S. 85; Kester, 1979, S. 194). Wendt zeigt, dass sich das Personal selbst in Mutter-Kind-Heimen mehr männliche Kollegen wünscht (vgl. Wendt, 1981, S. 421). Die Mitarbeiterinnen würden von jungen Männern häufig nicht ernst genommen, da die Umkehr der Geschlechterrollen – „ein Mann nimmt Rat von einer Frau an“ – Befremdung auslöse (Hespelt, 2009, S. 86). Weiterhin täten sich wahrscheinlich gerade diejenigen jungen Väter schwer, sich an der Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen, in deren eigener Kindheit hauptsächlich Frauen diese Aufgaben übernommen hätten, da sie über kein männliches Vorbild für die Rolle verfügten (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Brauner zufolge werde das Leben von Kindern bis zu ihrem zehnten Lebensjahr oftmals fast ausschließlich von Frauen dominiert: von der Mutter, den Erzieherinnen und Lehrerinnen. Bis auf den Vater kämen sie mit Männern lediglich selten in Berührung (vgl. Brauner, 2006, S. 54). Im wissenschaftlichen Diskurs macht Rose drei Argumentationsfiguren beim Wunsch nach mehr Männern in Erziehung und Bildung aus. Erstens werde das Ideal partnerschaftlich gleichberechtigter Geschlechterverhältnisse angestrebt, in denen weder Frauen noch Männer qua Geschlecht auf spezifische Tätigkeiten und Verantwor- 5.1 Ausformung der Hilfe 87 tungen festgelegt werden. Allerdings habe diese Debatte „eher den Charakter von Hintergrundmusik“ (Rose, 2012, S. 10). Zweitens sei die Debatte – gerade in der Pflege, um den Notstand an Fachkräften zu beheben – von einem arbeitsmarktpolitischen Pragmatismus getragen. Der Zugang der Männer zu sozialen und pflegerischen beruflichen Tätigkeiten solle helfen, die Arbeitsmarktkrise abzufedern. Umgekehrt könne dies für Frauen derzeit in den MINT-Berufen beobachtet werden (vgl. ebd.). Lepperhoff befürchtet, die arbeitsmarktpolitische Argumentation funktionalisiere die Gleichstellungsfrage und lege gesellschaftspolitische Bewegungen diesbezüglich still (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 36). Drittens und am massivsten macht Rose das Argument aus, das Fehlen der Männer schade der kindlichen Entwicklung. Sie kritisiert das damit häufige Einhergehen einer Idealisierung des Mannes als Repräsentanz des Anderen, welches tatsächlich aber eher zu einer Festschreibung der Geschlechterverhältnisse in der Sozialen Arbeit führe. Die Paradoxie der Kampagne zur Männerförderung in Erziehung und Bildung bestehe darin, mit diesem Programm Geschlechteridentitäten zwar entgrenzen und der Klientel größtmögliche Entwicklungsspielräume verschaffen zu wollen, tatsächlich aber hinterrücks ungewollt altbekannten Geschlechterpolarisierungen Vorschub zu leisten (vgl. Rose, 2012, S. 11–14). Deerberg und Sabla halten – neben aller Kritik an einer Idealisierung des Mannes als Fachkraft in der Sozialen Arbeit – die Sorge für nicht unbegründet, eine strikte Trennung der Geschlechter in Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe führe zu einer starken Unterscheidung der Geschlechter. Die Disziplin stelle so selbst Unterschiedlichkeit her. Es sei fraglich, ob geschlechtshomogene Angebote Alternativen zu traditionellen Geschlechterrollen aufzeigen könnten (vgl. Deerberg & Sabla, 2012, S. 21– 25). Kimmerle fordert vom Leistungserbringer, Vielfalt hinsichtlich des Geschlechts und der Lebensformen der pädagogischen Fachkräfte zuzulassen. Durch das Vorhandensein möglichst unterschiedlicher Gegenüber steige die Wahrscheinlichkeit für den hilfebedürftigen Menschen, im Rahmen der Hilfeform eine geeignete Person zu finden, um alte, verdrängte Gefühle, Geschlechterstereotype, Wünsche und Befürchtungen aus der Kindheit im Rahmen psychoanalytischer Übertragungsprozesse aufarbeiten zu können (vgl. Kimmerle, 2012, S. 29). Allein auf Männerförderung sei allerdings kein Verlass. Rose empfiehlt zu hinterfragen, welche spezifische Weiblichkeitskultur in dem jeweiligen Arbeitsfeld Hegemonie innehabe, welche Folgen dies für die beruflichen Aufgaben mit sich führe und wie das Berufsfeld – neben Männern – im selben Maße für Frauen geöffnet werden könnte, die andere Geschlechtlichkeiten verkörperten als die derzeit typische Pädagogin (vgl. Rose, 2012, S. 14). Für männliche Pädagogen sei es empfehlenswert, sich nicht zu „besonders männlichen Inszenierungen“ hinreißen zu lassen (ebd.), sondern vielmehr „Geschlecht und Geschlechterverhältnisse […] zum Thema zu machen“ (Deerberg & Sabla, 2012, S. 25). Scherr fordert zu erforschen, inwiefern die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich für die Selbst- und Fremdwahrnehmung der Fachkräfte eine Rolle spielt. Darüber hinaus ist ungeklärt, warum Männer einen typischen Frauenberuf ergreifen und was es heißt, als Mann in einem solchen tätig zu sein (vgl. Scherr, 2002, S. 380). Pädagogische Fachteams sollten Fortbildungs- und Reflexionsangebote nutzen, um die Professionalisierung des eigenen Handelns zur Abwehr der 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 88 Gefahr des Missbrauchs zu erhöhen. Das gesellschaftliche Problem des sexuellen Missbrauchs dürfe nicht in einzelnen männlichen Mitarbeitern personifiziert werden (vgl. Kimmerle, 2012, S. 28). Die Schaffung von Schutz- und Schonräumen für Klientinnen beinhalte implizite heteronormative Zuschreibungen bestimmter Formen von Männlichkeit, die es kritisch zu hinterfragen gelte (vgl. Deerberg & Sabla, 2012, S. 21– 25). In diesem Zusammenhang kritisiert Kimmerle, Regelungen, die sexuelle Übergriffe verhindern sollten, sich aber ausschließlich auf männliche Fachkräfte bezögen, stigmatisierten Männer grundsätzlich als Täter. Explizit werde Stigmatisierung praktiziert, wenn männliches Personal vom Wickeln der Kinder regelhaft ausgeschlossen oder angehalten werde, die Tür währenddessen stets geöffnet zu lassen. Durch solche Regelungen sei Zusammenleben und -arbeiten nicht angemessen zu gestalten (vgl. Kimmerle, 2012, S. 28). Insgesamt – vor allem aber in der Ausbildung der Fachkräfte – sollte konsequent auf ein De-Gendering Wert gelegt werden, um Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen, die für Sozialberufe notwendig seien, „von ‚ihrem Geschlecht‘ zu entkoppeln“ (vgl. Lepperhoff, 2012, S. 36). Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe Nicht nur hinsichtlich der praktischen Ausformung der Hilfe, sondern auch mit Blick auf die gesetzlichen Grundlagen und Zuständigkeiten bei der Gewährung der Hilfe ergeben sich Spannungsfelder mit Auswirkungen auf die pädagogische Praxis und letztlich auch auf die Möglichkeiten für Männer, am Alltag in den Einrichtungen teilzuhaben. Rechtliche Spannungsfelder ergeben sich etwa dadurch, dass der Gesetzestext von § 19 SGB VIII mehrere unsichere Rechtsbegriffe beinhaltet. Darüber hinaus sind durch Beiträge von Verbänden, Vereinen sowie Expertinnen und Experten aus der Praxis Entwicklungen des Felds bekannt, die sich im Gesetzestext bisher noch nicht niedergeschlagen haben. Im Folgenden werden die wichtigsten rechtlichen Spannungsfelder im Hinblick auf den § 19 SGB VIII behandelt und mit der Praxis in den Einrichtungen in Beziehung gesetzt. Unklarheiten hinsichtlich der Anspruchsberechtigung Die Hilfe richtet sich dem Gesetz nach ausschließlich an Elternteile mit jungen Kindern, nämlich solchen unter sechs Jahren. Die Beschränkung des Hilfeanspruchs durch das Festsetzen einer Altersgrenze für die Kinder wird von Möller und Busch als nicht nachvollziehbar und nicht hinreichend begründet kritisiert (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 100). Der Wortlaut lässt offen, ob bei dieser Altersbegrenzung auf den Beginn oder das Ende der Hilfe abzustellen ist. Daher empfiehlt die „Arbeitsgruppe Mutter-Kind-Einrichtungen“ des Deutschen Vereins für private und öffentliche Fürsorge in begründeten Einzelfällen die Hilfe über das sechste Lebensjahr des Kindes hinaus zeitlich zu verlängern, wenn eine abrupte Beendigung der Hilfe dem Sinn und Zweck der Leistung widerspräche (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private 5.2 5.2.1 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 89 Fürsorge, 1999, S. 284). Die Altersgrenze ist im Rahmen der vorliegenden Untersuchung vor allem insofern von grundlegender Bedeutung, weil sie die Relevanz der Forschungsfrage verschärft. Da gerade Kinder im Vorschulalter in der Einrichtung betreut werden und sich Kinder in dieser Lebensphase – wie in Abschnitt 1.1 gezeigt – in einer kritischen Phase für den Bindungsaufbau zu Bezugspersonen befinden, ist die Frage nach der Einbindung der Väter in den Alltag für die Hilfen nach § 19 SGB VIII von grundlegender Bedeutung für die Lebenschancen der betreuten Kinder. Dem Gesetz nach können entweder Mütter mit Kind oder Väter mit Kind oder Schwangere in eine Wohneinrichtung einziehen. In Gesetzeskommentaren wurde klargestellt, dass der Paragraph keine Rechtsgrundlage zur Finanzierung von familiengerechten Wohnformen für beide Elternteile zusammen mit dem Kind bieten kann (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 100; Wallner, 2010, S. 60). Das Adjektiv „gemeinsam“ im Titel bezieht sich ausschließlich auf die Möglichkeit für ein Elternteil, mit dem Kind zusammen in der Wohnform untergebracht zu werden (vgl. Wallner, 2010, S. 60). Der Gesetzgeber berücksichtigte bei der Rechtsnorm weder einen möglichen Hilfebedarf beider Eltern mit Kind noch einen solchen von werdenden Vätern und von biologischen und sozialen Vätern, wenn sie nicht im rechtlichen Sinne Vater des Kindes sind. Auch rechtliche Väter können in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder nur dann Hilfe erhalten, wenn sie das Kind allein erziehen. Anspruchsberechtigt gemäß § 19 SGB VIII sind – laut der Mehrheitsmeinung der mit diesem Problem befassten Juristinnen und Juristen – also weder werdende Väter noch Väter, deren Partnerin sich an der Erziehung und Pflege des Kindes beteiligt, noch neue Partner von alleinerziehenden Müttern, welche die Rolle eines sozialen Vaters für das Kind übernehmen könnten. Zu diesem Sachverhalt erfolgte bisher keine anderslautende Klarstellung durch den Gesetzgeber. Der Umstand ist besonders problematisch, da den oben genannten Gruppen von Männern auch andere Angebote weitgehend verwehrt bleiben, also die Versorgungslage für (soziale) Väter mit Unterstützungsbedarf insgesamt schlecht ist. Gerade junge Väter haben selten die Möglichkeit, auf beraterische Unterstützung zurückzugreifen – in besonders wenigen Fällen im Vorfeld der Geburt des Kindes, da sich Beratungsstellen vorwiegend auf Frauen spezialisieren (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230). Es existieren Hinweise darauf, dass die Auslegung des § 19 SGB VIII, in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder einzig einen Elternteil mit Kind unterzubringen, die Gestaltung von Partnerbeziehungen in Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen stark einschränkt. So kritisieren vor allem Fachkräfte aus der Praxis sowie Verbände, die Arbeit mit Kindsvätern und Partnern werde von den Leistungsträgern zwar häufig gewünscht (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014, S. 2; Hespelt, 2009, S. 82), könne jedoch auf der Basis der Gesetzeslage nicht finanziert werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 10; Evangelischer Erziehungsverband, 2014, S. 2). Die Gesetzeslage sei nicht dazu geeignet, Väter stärker in die Verantwortung zu nehmen. Die „Entweder-Oder-Regelung“ in Bezug auf die Elternteile manifestiere den Zustand, dass fast ausschließlich 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 90 Frauen in den Wohnformen lebten, und verfestige Geschlechterstereotype (vgl. Wallner, 2010, S. 60). In Gesetzeskommentaren wurde darüber hinaus herausgearbeitet, dass nicht ausschlaggebend für den Leistungsanspruch ist, ob das Sorgerecht einer Person oder beiden Eltern zugesprochen wurde. Es zählt vielmehr, dass ein Elternteil das Kind tatsächlich alleine versorgt (vgl. Münder, 2006, S. 307). Es ist also beispielsweise möglich, dass in gemeinsamen Wohnformen eine Mutter mit Kind untergebracht wird, während der Vater des Kindes durchaus (noch) das Sorgerecht (vgl. Abschnitt 5 der vorliegenden Studie) für das Kind innehat. In solchen Fällen stellt sich die Frage, ob und inwiefern sichergestellt wird, dass der Vater seinem Recht nachkommen kann, das Kind zu versorgen und zu erziehen. So wird aus Fachkreisen kritisiert, die gesetzliche Einschränkung, allein einen Elternteil in gemeinsamen Wohnformen nach § 19 SGB VIII betreuen zu können, bedeute in vielen Fällen einen massiven Eingriff in das Recht des jeweils anderen Elternteils, in der Regel das des Vaters, sich um das eigene Kind zu kümmern. Entweder sei der männliche Elternteil alleinerziehend oder er erhalte keinen Anspruch auf Unterstützung und Förderung seiner erzieherischen Kompetenzen (vgl. Wallner, 2010, S. 60). Wenn in Ausnahmefällen doch ein Partner einer Mutter in den Alltag integriert werde, müsse der Partner für die Betreuung in der Einrichtung meist selbst finanziell aufkommen (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 87–89). Auch im Zusammenhang mit der Auswahl einer geeigneten Einrichtung ergeben sich Probleme im Hinblick auf die Rechte des sorgeberechtigten Elternteils, der nicht in der Einrichtung untergebracht wird. Das Alter der Schwangeren, Mütter oder Väter ist dem Gesetz nach für die Aufnahme in einer Einrichtung nach § 19 SGB VIII irrelevant (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 281; Möller & Busch, 2006, S. 100). Der Gesetzgeber geht nicht davon aus, dass mit der Volljährigkeit grundsätzlich die Persönlichkeitsentwicklung der Eltern abgeschlossen ist.38 Heute werden die Angebote nach § 19 SGB VIII von Minderjährigen sowie von jungen Volljährigen in Anspruch genommen (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Informationen aus der Praxis deuten darauf hin, dass zunehmend ältere Elternteile bzw. Schwangere mit Kind aufgenommen werden. So schreibt Winkelmann, die Fachreferentin des Sozialdienstes katholischer Frauen, in ihrer Stellungnahme zu § 19 SGB VIII für den Zehnten Kinder- und Jugendbericht, die Gruppe der minderjährigen Mütter nehme stetig ab, während der Teil der über 25-jährigen Bewohnerinnen steige (Winkelmann, 2000, S. 371). Wie bereits angeklungen ist, ist der (werdende) Elternteil dem Gesetz nach anspruchsberechtigt und nicht das Kind. Die Leistung wird dem erziehenden Elternteil 38 Da minderjährige alleinerziehende Elternteile oder minderjährige Schwangere selbst beschränkt geschäftsfähig sind, müssen deren Sorgeberechtigte und der gesetzliche Amtsvormund einem stationären Aufenthalt in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind zustimmen. Bei Zustimmung wird ein Teil der Personensorge für den minderjährigen Elternteil bzw. für die Schwangere auf den Leistungserbringer übertragen. Lehnen die Sorgeberechtigten des minderjährigen Elternteils oder der Schwangeren die Inanspruchnahme der Hilfe ab, kann ein Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts der Eltern der Minderjährigen durch einen Antrag beim Familiengericht erwirkt werden (vgl. Kölbl, 2007, S. 110). 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 91 um des Schutzes des Kindes willen gewährt (vgl. Fischer, 2007, S. 125). Da die meisten Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe die grundgesetzlich geschützten Elternrechte beeinflussen, sind in der Hauptsache die Eltern formell die Antragssteller und Empfänger der Leistungen (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 113). Zwar soll die pädagogische Hilfestellung, die in gemeinsamen Wohnformen geleistet wird, in der Praxis in gleicher Weise auf die Kinder wie auf die Schwangeren, Mütter oder Väter ausgerichtet sein (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 284; Münder, 2006, S. 308; Winkelmann, 2000, S. 372), gewährt wird die Hilfe dem Gesetz nach allerdings den Sorgeberechtigten. Hieraus erwächst ein weiteres Spannungsfeld. Defizit- und Kompetenzorientierung bei der Hilfegewährung Anspruch haben die (werdenden) Elternteile auf Hilfe nach § 19 SGB VIII, wenn deren Persönlichkeit sich noch entwickeln muss (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 282; Sozialdienst katholischer Frauen e. V. & Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 2002, S. 2), damit sie die Pflege und Erziehung der Kinder ohne Unterstützung bewältigen können (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 285; Möller & Busch, 2006, S. 99; Münder, 2006, S. 308). Die Hilfe ziele darauf ab, eine Trennung von Eltern und Kind zu vermeiden und ein gemeinsames Leben als Familie zu ermöglichen (vgl. Kliche, 2013, S. 139; Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 112), obwohl der alleinerziehende Elternteil emotional, intellektuell bzw. materiell bislang nicht in der Lage sei, sein Leben zu meistern und Erziehungsverantwortung zu übernehmen (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 112). Gleichzeitig sollen die Bedürfnisse der Kinder an Betreuung, Förderung und kompensatorischen Hilfen berücksichtigt werden. Die Hilfe bewegt sich also im Spannungsfeld zwischen Förderung und Stärkung der Erziehungsfähigkeit von Müttern bzw. Vätern – ihrer Elternautonomie (vgl. Münder, 2006, S. 307) – und der Bestrebung, das Kindeswohl, das meist vor der Aufnahme als bedroht galt (vgl. Kliche, 2013, S. 139), zu schützen. Laut Winkelmann (2000, S. 374) müssten konkrete Defizite in der Persönlichkeitsentwicklung nachweisbar sein, damit eine Hilfe in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung gewährt werden könne. Die Erziehungsfähigkeit des Elternteils gilt vor Aufnahme demnach zum einen als eingeschränkt bzw. defizitär, zum anderen gleichzeitig als latent vorhanden und daher entwicklungsfähig (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 138). Winkelmann (2000, S. 375) konstatiert, aufgrund der großen Finanznot der Kommunen sei zu beobachten, dass Hilfe nach § 19 SGB VIII nur noch gewährt werde, wenn eine stationäre Maßnahme im Interesse der Kinder unabdingbar erscheine, weil ansonsten das Kindeswohl erheblich gefährdet werde. Um kurzfristig Kosten zu sparen, werde zunächst „ausprobiert“, ob der Elternteil mit Kind mit ambulanter Unterstützung auskomme. Erst wenn dies nicht der Fall sei, werde die intensivere Hilfe in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung befürwortet. Die Praxis der Jugendämter, immer mehr Bedarfslagen durch möglichst kostengünstige, meist ambulante Hilfen 5.2.2 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 92 abzudecken, wird von Praktikerinnen und Praktikern verschiedentlich kritisiert, weil das „Ausprobieren“ zu Lasten des Kindeswohls gehe. Erst wenn mehrere Bedarfe gleichzeitig bestünden, würden die Frauen oder Schwangeren stationär untergebracht, wobei das Kind zu diesem Zeitpunkt meist schon Schaden genommen habe. Der Präventivgedanke des SGB VIII fände hier keine Anwendung (vgl. Linke, 1991, S. 37; Weidle, 1991, S. 15; Winkelmann, 2000, S. 375). Nicht nur vor der Aufnahme, sondern auch während des Aufenthalts in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung kann sich herausstellen, dass der Elternteil nicht mehr dazu in der Lage ist, ein Kind zu erziehen und zu pflegen. Steigt in solchen Fällen das Gefährdungsrisiko soweit an und hält das Jugendamt das Tätigwerden des Familiengerichts für nötig, wird zunehmend häufig zusätzlich ein familiengerichtliches Gutachten eingefordert (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Winkelmann kritisiert die Dauer – für die Erstellung eines solchen Gutachtens vergingen in der Regel mindestens weitere sechs Monate. Während dieser Zeit könnten Kinder erheblichen Schaden nehmen (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Im Rahmen der vorliegenden Studie wird der Hinweis auf die zeitlichen Verzögerungen in Verfahren vor dem Familiengericht bei Kindeswohlgefährdung noch eine Rolle spielen. Zudem stellt Winkelmann die Praxis in Frage, die Gutachten von gerichtlichen Gutachterinnen und Gutachtern erstellen zu lassen: Obwohl das pädagogische Team in den Einrichtungen das Verhalten der Mutter gegenüber dem Kind über einen langen Zeitraum intensiver erlebt habe, als es der externen Person aufgrund der gewährten Beobachtungszeit pro Gutachten jemals möglich sei, werde das Gutachten vor Gericht höher bewertet als das der Fachkräfte in den Einrichtungen (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). Vor dem Hintergrund dieser Kritik ist auch der Umstand zu sehen, dass sich Hinweise darauf mehren, dass die Aufgabe der Begutachtung immer häufiger den Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen zufällt: Im Unterschied zu den rechtlichen Vorgaben wird, wie Ott, Hontschik und Albracht darlegen, nicht mehr allein die Stärkung bzw. der Aufbau von Erziehungsfähigkeit in den Mittelpunkt gestellt, sondern auch vermehrt von Jugendämtern zunächst in Auftrag gegeben, zu klären, ob die Mutter überhaupt in der Lage ist, eine Erziehungsfähigkeit zu entwickeln, und ob die Mutter-Kind-Beziehung tragfähig ist. Darüber hinaus wird häufiger die Begleitung von Trennungen von Mutter und Kind – also Adoptionsfreigaben oder Inpflegegaben – durch den Leistungsträger nachgefragt und vom Leistungserbringer in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII erbracht (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015). Dies deute auf eine Schwerpunkterweiterung bzw. ‑verschiebung der Hilfen nach § 19 SGB VIII auf der Ebene des öffentlichen Auftrags hin. Längerfristig dürfte sich neben der Entwicklung der Erziehungsfähigkeit mit der Abklärung ein zweiter Schwerpunkt und damit eine veränderte gesellschaftliche Funktion der Hilfen ausbilden, bisher wurde dieser neue Aspekt allerdings kaum konzeptionell aufgearbeitet (vgl. ebd.).39 39 Hemmend auf die Möglichkeit einer Begleitung der Mutter nach der Inpflegegabe/Adoption/Inobhutnahme des Kindes wirkt der Umstand, dass nach § 19 SGB VIII eine Begleitung nicht finanziert werden kann, weil dem Gesetz nach der Aufenthalt in der Einrichtung an die tatsächliche Versorgung des Kindes gekoppelt ist. Konkret müssten die Elternteile an dem Tag, an dem das Kind anders untergebracht wird, auch selbst die Einrichtung verlassen (vgl. Winkelmann, 2000, S. 377). 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 93 An der mit dem neuen Aufgabenfeld des Clearing einhergehenden Gleichzeitigkeit der Orientierung am Kindeswohl und an der Erziehungsfähigkeit in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen sei problematisch, dass sich eine „eigentümliche Spannung zwischen Defizit- und Kompetenzorientierung in Bezug auf die weibliche Klientel“ ergebe. Wenn zunehmend die Kindeswohlsicherung, die Unterstützung bei Trennungsprozessen und die Abklärung der Erziehungsfähigkeit als Bedarfe angesehen würden, die es zu decken gelte, bezöge sich die Bedarfsbestimmung eher indirekt auf das Kind, vielmehr würden die Bedarfe bei der Mutter lokalisiert. Es würden immer noch die Minderjährigkeit der Mütter und Schwangeren und der Umstand, dass sie alleinerziehend seien, als individuelles Defizit der „Erziehungskompetenz“ konstruiert, anstatt sie als gesellschaftlich bedingt zu begreifen. Es spiele, „etwas überspitzt formuliert, das Moment hinein, diese Frauen vor ihrer Mutterschaft zu bewahren“ (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 142). Darüber hinaus deute sich an, dass auch die Stärkung der Erziehungsfähigkeit auf ganz unterschiedliche Lebensbereiche ausgedehnt werden könne, sodass Frauen mit einem jeweils unterschiedlichen Hilfebedarf als „Fälle der Hilfen“ begriffen werden könnten (vgl. ebd., S. 144). Gleichzeitig werde den Klientinnen zugesprochen, über Ressourcen zu verfügen, die es zu stärken gelte. Durch beide Konstruktionen werde der Eingriff in die Lebensführung und die Erziehungsweisen der jungen Mütter begründet und die Kosten gegenüber dem Leistungsträger gerechtfertigt. (vgl. ebd., S. 142). Die verstärkte Kontrolle der erziehungsberechtigten Frauen lasse sich als Rückkehr zur Funktion einer Kontrollund Ordnungspolitik der Jugendhilfe deuten. Mit einer Defizitorientierung beteilige sich die Soziale Arbeit damit allerdings an der Reproduktion der „Problem-Kategorien“ Armut, Alleinerziehen und minderjährige Mutterschaft. Es müsse im Blick gehalten werden, ob das Vertreten von Rechten und Interessen der Kinder dazu genutzt werde, Mütter zu diskreditieren (vgl. ebd., S. 146). Fehlen einer Festlegung auf eine maximale Dauer der Hilfe Eine maximale Dauer des Aufenthalts in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder ist im Gesetz nicht festgelegt. Im Gegensatz zu anderen Hilfeformen besteht keine Begrenzung nach oben: Für Hilfen nach §§ 32–34 und § 35 a SGB VIII hat der Gesetzgeber in § 37 Abs. 1 SGB VIII klargestellt, dass die Hilfen nur dann installiert werden, wenn die Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie „innerhalb eines in Hinblick auf die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen vertretbaren Zeitraums“ verbessert werden können. Ist eine nachhaltige Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb dieses Zeitraums nicht erreichbar, soll gemäß § 37 Abs. 1 SGB VIII mit den beteiligten Personen „eine andere, dem Wohl des Kindes oder des Jugendlichen förderliche und auf Dauer angelegte Lebensperspektive erarbeitet werden“. Für Wohnformen nach § 19 SGB VIII wurde vom Gesetzgeber bisher nicht klargestellt, dass eine solche Orientierung an einer möglichst kurzen Dauer zum Wohle des Kindes favorisiert wird. 5.2.3 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 94 Gerade weil in gemeinsamen Wohnformen Eltern mit Kindern im Vorschulalter betreut werden und sich diese in einer kritischen Phase für den Aufbau von Bindungen befinden, ist die Frage nach der Dauer der Hilfe nach § 19 SGB VIII von besonderer Relevanz. Von Fachverbänden wird jüngst gefordert, bei der Hilfeplanung für Kinder müsse besonders der Faktor der Bindung berücksichtigt werden (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter, 2015, S. 66). Von Fachverbänden mehren sich Hinweise darauf, dass in Fällen, in denen das Kindeswohl bereits als latent gefährdet gilt, auch strukturelle Bedingungen im Hinblick auf Verfahren des Familiengerichts der Beschleunigung von Entscheidungen im Weg stehen. So empfiehlt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, längere Phasen der Unsicherheit zu vermeiden, indem der Hilfeplanungsprozess frühzeitig einsetze und entsprechend eng zeitlich getaktet werde. Um eine solch stringente Hilfeplanung zu ermöglichen, brauche es auf der strukturellen Ebene eine Optimierung der Kooperation mit den Familiengerichten, aber auch mit Gutachterinnen, Gutachtern, Sachverständigen und anderen Helfenden (vgl. Bundesarbeitsgemeinschaft Landesjugendämter, 2015, S. 67). Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe fordert den örtlichen Träger der Kinder- und Jugendhilfe dazu auf, die beteiligten Akteurinnen und Akteure im Rahmen einer Kooperation im Interesse der kleinen Kinder und ihrer Familien zusammenzubringen. Ziel dieser Kooperation sei eine stringente Hilfeplanung der Fachkräfte durch festgesetzte Prioritäten und Fristen, Vereinbarungen mit Beratungsstellen, dem Gesundheitsamt, Sachverständigen, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Kinderärztinnen und -ärzten für qualifizierte, aber auch zügige zusätzliche fachliche Beurteilungen und die Optimierung der Verfahren mit dem Familiengericht, um zeitnahe Entscheidungen zu erreichen. Hier wären dann auch Verfahrensbeistände sowie Fachanwältinnen und Fachanwälte in die Kooperationsbeziehung und die Lobbyarbeit für die Interessen der kleinen Kinder und ihrer Familien einzubinden (vgl. Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, 2011, S. 8). Speziell für Hilfen nach § 19 SGB VIII wurde der Zusammenhang zwischen der Dauer der Hilfen und strukturellen Gegebenheiten bei der Hilfeplanung und bei Entscheidungen des Familiengerichts bisher noch nicht diskutiert. Zusammenfassend ist zu sagen, dass für gemeinsame Wohnformen keine rechtlichen Beschränkungen hinsichtlich der Dauer des Aufenthalts bestehen. Vor dem Hintergrund der bindungstheoretischen Erkenntnisse ist eine lange Dauer der Hilfen zu vermeiden, wenn sich am Ende herausstellen könnte, dass das Kind nicht bei dem Elternteil verbleiben kann und es in der Zwischenzeit aus der kritischen Phase für den Bindungsaufbau herauswächst. Eine Klarstellung durch den Gesetzgeber blieb für Hilfen nach § 19 SGB VIII jedoch bisher aus. Außerdem wurde bisher noch nicht diskutiert, an welchen strukturellen Gegebenheiten im Hinblick auf die Hilfeplanung und familiengerichtliche Verfahren eine Beschleunigung der Entscheidungen im Hinblick auf den Verbleib des Kindes in Fällen, in denen das Kindeswohl als latent gefährdet gibt, scheitern könnte. Auf die strukturellen Hürden soll im weiteren Verlauf der Studie eingegangen werden. 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 95 Überwiegend unfreiwillige Aufnahme der Klientel Die Zugangswege in die Einrichtungen sind unterschiedlich: (Werdende) Mütter bzw. Väter mit Kind oder Schwangere können sich selbst an das Jugendamt wenden und um Aufnahme bitten, überwiegend jedoch ordnet das Familiengericht eine Unterbringung von Mutter/Vater und Kind in einer Einrichtung an, häufig nachdem andere ambulante Hilfen wie die sozialpädagogische Familienhilfe ausgeschöpft wurden (vgl. Kliche, 2013, S. 139). Die Klientel wird dann vor die Alternative gestellt, entweder in die Mutter-Kind-Einrichtung einzuziehen oder einen gerichtlichen Sorgerechtsentzug zu riskieren (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 26; Winkelmann, 2000, S. 376). Dies führt dazu, dass ein Teil der Klientel die Einrichtungen faktisch unfreiwillig bewohnt. Das Familiengericht ist nicht dazu berechtigt, Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz anzuordnen (siehe Abschnitt 3), sondern es darf erst eingreifen, wenn die Eltern nicht in der Lage sind, eine Kindeswohlgefährdung abzuwenden. Wenn das Kindeswohl als latent gefährdet gilt, muss den Eltern zunächst eine andere Hilfe angeboten werden. Weil die Hilfe nach § 19 SGB VIII häufig als letzte Chance begriffen wird, bleibt den Eltern nichts anderes übrig, als sie wahrzunehmen, wenn sie einen Sorgerechtsentzug abwenden möchten. Winkelmann (2000, S. 376) berichtet, betroffene Klientinnen stünden aufgrund der Unfreiwilligkeit ihrer Aufnahme den in der Einrichtung angebotenen pädagogischen Angeboten skeptisch gegenüber und ließen sich nicht auf Beratungsprozesse ein. Wallner kritisiert, gerade Jugendliche suchten sich ihren Aufenthalt in einer gemeinsamen Wohnform für Mutter/Vater und Kind in den seltensten Fällen selbst aus. Häufig würden sie von den Jugendämtern zum Einzug gedrängt, nachdem sie in einem anderen Angebot der erzieherischen Hilfe nicht bleiben konnten oder wenn die Eltern sich weigerten, die Jugendlichen mit Kind weiter bei sich wohnen zu lassen (vgl. Wallner, 2010, S. 64). Mädchen und junge Frauen, die ursprünglich in einer anderen Heimeinrichtung gelebt hatten und schwanger wurden, mussten diese oft spätestens bei der Geburt des Kindes verlassen, da die meisten Heimeinrichtungen nicht darauf ausgelegt waren, Mütter mit Kindern zu betreuen (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 236; Hartwig & Kriener, 2004, S. 19; Wallner, 2010, S. 57). Mangelhafte Festschreibung und Umsetzung von Beteiligungsrechten Als Zeichen für die Qualität der Hilfen des SGB VIII gilt es unter anderem, wenn vom Leistungsträger bestimmte „fachliche Standards“ eingehalten werden. Darunter werden Standards verstanden, die sicherstellen sollen, dass die Leistungsempfänger an Entscheidungen im Rahmen der Hilfen nach SGB VIII beteiligt werden. Zu den fachlichen Standards, die einzuhalten sind, zählt Wiesner unter anderem die Umsetzung des Wunsch- und Wahlrechts und die Verpflichtung zur Hilfeplanung (vgl. Wiesner, 1998, S. 226). Zum Aspekt des Wunsch- und Wahlrechts: Da § 19 SGB VIII eine Leistung der Jugendhilfe im Sinne des § 2 SGB VIII ist, gelten für Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtun- 5.2.4 5.2.5 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 96 gen die allgemeinen Vorschriften wie das Wunsch- und Wahlrecht gemäß § 5 SGB VIII. Demnach haben Leistungsempfänger das Recht, zwischen Einrichtungen und Diensten verschiedener Träger zu wählen und Wünsche in Bezug auf die Gestaltung der Hilfe zu äußern. Es gibt Hinweise aus Studien und aus Praxisberichten darauf, dass der Klientel in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen innerhalb des Vermittlungsprozesses häufig keine Alternativen zu einem Aufenthalt in einem bestimmten Heim angeboten werden (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 236; Hartwig & Kriener, 2004, S. 19; Wallner, 2010, S. 57). In Regionen, in denen keine Hilfe nach § 19 SGB VIII zur Verfügung steht, entscheide oft der Zufall, ob die Betroffenen in einer Einrichtung untergebracht werden, in welcher geeignete Formen der Unterstützung angeboten werden können (vgl. Meyer, 1993, S. 3). Der Umzug in ein weit entferntes Heim zwingt die Klientel häufig, Beziehungen abzubrechen (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 236; Hartwig & Kriener, 2004, S. 19; Wallner, 2010, S. 57). Im Hinblick auf die Frage nach der Einbindung des männlichen Elternteils stellt sich die Frage, inwiefern der Mangel an Heimen in manchen Regionen die Beziehungen zwischen Bewohnerinnen und ihren Partnern bedroht. Außerdem ist ungeklärt, ob in der Praxis dem Wunsch- und Wahlrecht sorgeberechtigter Väter entsprochen wird. Zum Aspekt der Verpflichtung zur Hilfeplanung: Der zweite von Wiesner genannte Standard für Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ist in § 36 SGB VIII geregelt. Vom Leistungserbringer wird ein bestimmtes Verfahren, der „Hilfeplan“, durchgeführt, um dem Mitbestimmungsrecht der Eltern zu entsprechen. Nach Uhlendorff, Euteneuer und Sabla unterteilt sich dieses gewöhnlich in die folgenden Schritte: – Kontaktaufnahme, Erhebung grundlegender Daten und formelle Prüfung der sachlichen und örtlichen Zuständigkeit des Jugendamts gemäß §§ 85–86 SGB VIII – Beratung der Personensorgeberechtigten und des Kindes entsprechend § 36 SGB VIII Abs. 1 Satz 1 – Beratung im Team über die geeignete Hilfe unter Hinzuziehung aller bisher bekannten Berichte und Gutachten über die Familie entsprechend § 36 SGB VIII Abs. 2 – Erarbeitung eines „Hilfeplans“ mit den Sorgeberechtigten, Kindern sowie dem die Hilfe ausführenden Personal entsprechend § 36 SGB VIII Abs. 2 Satz 2 – formelle Antragstellung der Personensorgeberechtigten – Entscheidung des Jugendamts über den Antrag und Mitteilung der Entscheidung an die Antragstellerin bzw. den Antragsteller – Regelung der Fragen zur Kostenübernahme (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 114) Im Hilfeplan werden zentrale Hilfebedarfe und Maßnahmen festgehalten und im Weiteren regelmäßig überprüft und gegebenenfalls verändert (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 115). Allerdings ist der fachliche Standard des Hilfeplanverfahrens nur für die „Hilfen zur Erziehung“ verpflichtend vorgesehen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). In § 36 SGB VIII wurde es vom Gesetzgeber versäumt, die Pflicht zur Hilfeplanung auch für Mutter-(/Vater‑)Kind- 5.2 Rechtliche Spannungsfelder bei der Gewährung der Hilfe 97 Einrichtungen festzulegen (vgl. Wiesner, 1998, S. 226). Trotz erfolgter Kritik durch Sachverständige (z. B. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Wiesner, 1998, S. 226) ist bisher diesbezüglich keine Klarstellung durch den Gesetzgeber erfolgt. Allerdings wird in der Praxis oft ein solches Verfahren durchgeführt (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). Inwieweit die Betroffenen bei der Erstellung des Hilfeplans beteiligt werden können und sollen, ist – wie Uhlendorff, Euteneuer und Sabla darlegen – eine fachlich umstrittene Frage. Die Vorstellungen reichten hier von einer partnerschaftlichen Aushandlung, an deren Ende eine übereinstimmende Sicht der Bedarfslage und der zu ergreifenden Maßnahmen im Hilfeplan festgehalten würde, bis hin zur Meinung, dass allein eine standardisierte, fachlich begründete Diagnose objektiv nachprüfbare und damit rechtlich haltbare Entscheidungen begründen könne. Im letzteren Fall liege es – trotz Anhörung der Beteiligten – weitgehend in der Hand der Expertinnen und Experten, den Hilfeplan festzulegen (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 115). Väter bleiben in Hilfeplangesprächen besonders häufig außen vor: Ergebnisse einer Studie von Sander zeigen, dass in Hilfeplanverfahren im Rahmen des Kinderund Jugendhilfegesetzes nur etwa 20 Prozent der Väter mitwirken. Bei einer Stichprobe von 109 Verfahren beteiligten sich die männlichen Elternteile in keinem Fall alleine am Hilfeplanverfahren, während die Mütter in allen Fällen bei den Gesprächen anwesend waren (vgl. Sander, 1996, S. 222). Sanders Analyse von Aussagen der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter über das Erziehungsverhalten von Eltern in Berichten an den Leistungsträger zeigt folgendes Phänomen: Das Erziehungsverhalten der Väter wurde im Vergleich zu dem der Mütter viel seltener von den professionellen Helferinnen und Helfern reflektiert. Über die Hälfte der Aussagen über die Kindererziehung und ‑versorgung bzw. über das Verhalten der Eltern, nämlich 61,7 Prozent, bezog sich auf die Frauen (vgl. Sander, 1996, S. 224). Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen Mit Blick auf den historischen Hintergrund wird im Folgenden nachvollzogen, wie sich Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen herausbildeten. Gleichzeitig wird in diesem Abschnitt dargestellt, welche grundsätzlichen Auffassungen über die Elternrollen lange Zeit in unserer Gesellschaft vertreten wurden und wie diese die Gesetzgebung in Bezug auf Hilfen für Kinder und Jugendliche bzw. Alleinerziehende im Laufe der Zeit prägten. Die Zusammenhänge sind von besonderem Interesse, weil sie sich bis heute auf die organisatorischen Rahmenbedingungen in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII auswirken und dort die Integration von Männern einschränken können. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass traditionelle Familienbilder die Gestaltung des deutschen Sozialstaats beeinflussten, bei der Gesetzgebung einflossen und Organisationen sowie Institutionen prägten, obwohl viele Familien diesem Ideal nicht entsprechen konnten (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195). Umgekehrt wird vermutet, dass wohlfahrtsstaatliche Strukturen das Handeln von Eltern hinsichtlich ihrer Arbeitsteilung strukturieren und traditionelle Familienarrangements fördern 5.3 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 98 (vgl. Rüling, 2008, S. 4777). Wetterer beschreibt diesen Mechanismus, doing gender genannt, wie folgt: Das soziale Geschlecht werde institutionalisiert, indem Männer und Frauen nahezu durchweg Unterschiedliches täten. Die Zuweisung von sich gegenseitig ausschließenden Aufgaben und die Einteilung der Menschen in zwei Geschlechter, deren Eigenschaften dichotom zueinander stehen (vgl. Wetterer, 2008, S. 17), verfestige den Eindruck, Frauen und Männer seien aufgrund ihres Geschlechts in ihren Fähigkeiten und Befindlichkeiten grundsätzlich voneinander verschieden (vgl. ebd., S. 26). Die Menschen bringen auf der Basis dieser Annahmen genau die Merkmale des Männlichen und Weiblichen hervor, welche angeblich die differente Institutionalisierung begründen. Soziale Organisationen und institutionelle Praktiken wirken auf soziale Situationen ein, indem sie diese in Kulissen für die Bestätigung von Geschlechterstereotypen und somit in anscheinend handfeste Beweise für die Natürlichkeit der Geschlechterdifferenz verwandeln (vgl. ebd.). Dominierende Akteure nutzen die Geschlechterklassifikation als Legitimation zur Durchsetzung ihrer ökonomischen Interessen, weil sie sich leicht in den Dienst nehmen lässt, da sie als selbstverständlich gilt und seit jeher vorhanden war (vgl. Wetterer, 2008, S. 30). Über das Mannsein zirkulieren, so Scherr, heterogene Vorstellungen, die von der Behauptung, Mannsein sei ein anthropologisch fundierter emotionaler Zustand über den radikalfeministischen Verdacht, Männer seien genetisch zu Gewalt und Sexismus veranlagt, bis zur Annahme einer im Kern zweigeschlechtlichen androgynen Natur jedes Einzelnen reichen. Behauptungen über die vermeintlich wahre Natur des Mannes werden unterschiedlich gefasst, variieren bezogen auf die sozialen Klassen und Milieus und unterliegen einem historischen Wandel. Wie Scherr darstellt, sind gesellschaftlich einflussreiche Annahmen über das „typisch Männliche“ keine zutreffenden Beschreibungen der wirklichen Eigenschaften des Mannes, sondern geben eher Auskunft über sozial konstruierte Geschlechterrollen (vgl. Scherr, 2002, S. 378–382). Die Konstruktion erfolge durch eine Zuweisung geschlechtsspezifischer Rollen in der Arbeitswelt und in den Familien, indem die Rollen als vermeintlich selbstverständliche Folge des biologischen Geschlechts wahrgenommen und gerechtfertigt werden. So würden sozial hervorgebrachte Unterschiede zwischen den Geschlechtern „naturalisiert“. Bei den Konstruktionen sozialer Geschlechterrollen handle es sich um eine Struktur, die alle gesellschaftlichen Bereiche und sozialen Verhältnisse präge und damit soziale Ungleichheit hervorbringe. Die Zuordnung zu einem sozialen Geschlecht etabliere nicht ignorierbare Vorgaben für das Selbstverständnis und die Lebensführung der Individuen. Sie müssten stets damit rechnen, in Interaktionen und durch Organisationen als Männer bzw. Frauen wahrgenommen zu werden (vgl. ebd., S. 379). Im Folgenden wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen Erkenntnissen über historische Formen der Familienfürsorge und der Verfestigung von Geschlechterstereotypen, welche die deutsche Gesetzgebung prägten und das Institutionengefüge beeinflussten. Gleichzeitig soll gezeigt werden, welchen Anteil die Soziale Arbeit selbst an der Herstellung von Geschlechterdifferenzen hat. Zur Darstellung der Entstehungsbedingungen von Mutter-Kind-Einrichtungen wird im Folgenden hauptsäch- 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 99 lich auf Forschungsergebnisse von Prchal zurückgegriffen, da die Fragestellung von der übrigen Wissenschaftsgemeinde weitgehend außer Acht gelassen wurde.40 Industrialisierung Im folgenden Abschnitt wird gezeigt, dass sich zur Zeit der Industrialisierung die Lebensbedingungen eines großen Teils der Bevölkerung stark veränderten. Rollen und Machtverhältnisse innerhalb von Familien waren einem grundsätzlichen Wandel unterworfen. Die klassischen Rollenbilder von Eltern entstanden im Zuge der Industrialisierung durch die Sphärentrennung von Wohnen und Arbeiten (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195; Rinken, 2009, S. 227). Während noch in der vorbürgerlichen Gesellschaft für das Kind die Vaterliebe als wichtig galt, zählte ab der Industrialisierung die Liebe der Mutter als nahezu ausschließliche Bedingung für geglückte Beziehungen zwischen den Generationen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Den Hauptgrund für die Abnahme der Bedeutung der traditionellen Vaterrolle als Familienoberhaupt und Autoritätsperson sieht Kaufmann in der Verbreitung der unselbstständigen Erwerbsarbeit im außerhäuslichen Bereich (vgl. Kaufmann, 1995, S. 128): In bürgerlichen Familien definierte sich Vaterschaft zunehmend über beruflichen Erfolg und über die Fähigkeit, die Frau und die Kinder ernähren zu können. Nach außen wurde beruflicher Erfolg und Prestige des Mannes demonstriert, indem die Frau zuhause bei den Kindern blieb und nicht erwerbstätig war (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195). Die Pflege und Erziehung der Kinder wurde zur Aufgabe der leiblichen Mutter erklärt und als naturgegeben ihrem weiblichen Wesen zugeschrieben (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195; Klees-Möller, 1993, S. 148– 154). Die gesellschaftlichen Umwälzungen zur Zeit der Industrialisierung führten zu einer wirtschaftlichen Instabilität für Familien der Arbeiterklasse. Väter und Mütter konnten deshalb den neuen Ansprüchen an die Rollenteilung jeweils nicht nachkommen: Die Männer verdienten nicht genug, um Frau und Kinder ernähren zu können, sodass Mütter aus proletarischen Familien häufig arbeitstätig waren. Besonders der proletarische Teil der Eltern verlor in der Folge seine wichtigsten Erziehungsfunktionen an staatliche, hoch organisierte Organisationen mit totalitärem Charakter (vgl. Lenzen, 1991, S. 211). Wenn Kinder von armen oder unverheirateten Eltern von der Polizei aufgegriffen wurden, wies letztere den Nachwuchs üblicherweise in Arbeitshäuser ein, wo sie durch eine strenge, repressive Erziehung zu „arbeitsamen“ und „sittlichen Menschen“ gebildet werden sollten, da Armen unterstellt wurde, ihre Bedarfslage durch unsittliches und unmoralisches Verhalten selbst zu verschulden. Arme Kinder und Jugendliche, so die Vorstellung, könnten allein durch harte Arbeit geläutert werden (vgl. Prchal, 2002, S. 30). 5.3.1 40 Prchal untersuchte in ihrer Dissertationsschrift den Umgang mit Alleinerziehenden in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen im historischen Kontext der Frauenbewegung und der Jugendhilfe. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 100 Es etablierten sich zur Zeit der Industrialisierung zwar auch erstmals Einrichtungen, die sich bei der Betreuung von Kindern an pädagogischen Kriterien – vor allem an denen der Reformpädagogik – orientierten (vgl. Prchal, 2002, S. 33), unverheirateten Schwangeren und Müttern allerdings wurden auch in pädagogisch orientierten Organisationen (vgl. Niemeyer, 2010) schlechte Eigenschaften nachgesagt. Man bezichtigte sie, einen „schädlichen Einfluss“ auf ihre Kinder zu haben. Durch die Trennung der Eltern von ihren Kindern sollte die Schädigung minimiert werden (vgl. Prchal, 2002, S. 30). Als Folge der Moralpaniken wurden die vornehmlich konfessionellen, aber auch reformpädagogischen Heime, und damit auch alle Insassinnen mit ihren Kindern, zusätzlich weitestgehend abgeschirmt von der übrigen Gesellschaft (vgl. Prchal, 2002, S. 32). Neunzehntes Jahrhundert In den 1850er Jahren wurde mit dem sogenannten „Elberfelder System“ ein neues Verwaltungsmodell der Armenfürsorge eingeführt. Nun erhielten arme Menschen Unterstützung, wenn sie im System der Armenpflege registriert waren. Da Frauen weniger als Männer verdienten und die Erziehung der Kinder überwiegend allein zu tragen hatten (vgl. Prchal, 2002, S. 7), ist davon auszugehen, dass sie sich im Vergleich zu anderen Gruppen in einer besonders massiven Zwangslage befanden. Alleinstehende Frauen zögerten jedoch häufig, sich im System der Armenfürsorge registrieren zu lassen, weil den Armen teilweise die Eheschließung verboten wurde. Wenn eine unverheiratete Mutter Mittel der Armenpflege annahm, verlor sie infolgedessen oft die Möglichkeit, ihren sozialen Status durch eine Heirat zu verbessern (vgl. ebd., S. 7). Zu Beginn konzentrierte sich die Familienfürsorge, so Prchal, weitgehend auf Unterstützungen bei körperlichen Erkrankungen und bei der Wohnungssuche, da es im neunzehnten Jahrhundert für Familien in den Großstädten schwieriger wurde, eine Unterkunft zu finden. Im Rahmen der Wohnungsfürsorge seien Mittel bereitgestellt worden, um Mieten zu zahlen oder Hausrat zu beschaffen. Es war üblich, obdachlose Familien in leer stehenden Häusern von Menschen, die ausgewandert waren, unterzubringen (vgl. ebd., S. 9). Wie Prchal feststellt, wurde gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts in den Großstädten mit dem Ausbau einer von der Armenfürsorge unabhängigen Gesundheitsfürsorge begonnen, die vor allem Säuglingen, Kleinkindern, Schülern und Schwangeren dienen sollte, welche nicht durch die gesetzliche Krankenversicherung unterstützt wurden. Prchal zufolge war die Implementierung eines Gesundheitssystems weniger von humanitären Vorstellungen als von bevölkerungspolitischen Überlegungen motiviert. Man habe sich um den „gesunden Nachwuchs für Heer und Staat“ (ebd., S. 8) gesorgt. Da Wöchnerinnen- und Säuglingstod zu dieser Zeit häufig vorkamen, sollte die Sterblichkeit von Mutter und Kind bei der Geburt durch medizinische Versorgung gesenkt werden (vgl. ebd., S. 8). Gleichzeitig mit dem Aufkeimen nationalistischer Ideen im öffentlichen Diskurs sei die Verwahrlosung männlicher Jugendlicher im Alter zwischen 16 und 18 Jahren 5.3.2 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 101 problematisiert worden. Mit der Einführung des Reichsstrafgesetzbuchs im Jahr 1871 wurden in Preußen Einrichtungen etabliert, welche „zwischen Schulbank und Kasernentor“ die Kontrolle in Form von öffentlicher Zwangserziehung über „verwahrloste“ Jugendliche übernehmen sollten (vgl. ebd., S. 34). Da eine Einweisung in eine Erziehungs- oder Besserungsanstalt ausnahmslos bei Strafmündigkeit gesetzlich vorgesehen war und nach § 55 Reichsstrafgesetzbuch Kinder bis zwölf Jahren nicht und Jugendliche bis 18 Jahren lediglich bedingt als strafmündig galten, musste vor Einweisungen geprüft werden, ob die Jugendlichen interniert werden durften. Dazu wurde erstmals eine Erziehungsbehörde außerhalb der Armenfürsorge eingerichtet – ein Vorläufer des Jugendamts (vgl. ebd., S. 35). Die öffentliche Zwangserziehung in Anstalten stand von Beginn an unter Kritik, weil häufiger Kinder aus armen als aus reichen Familien interniert wurden. Kritikerinnen und Kritiker befürchteten die Beschneidung der Rechte von Familienmitgliedern der Arbeiterklasse (vgl. ebd., S. 36). Ab der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war es in der Bürgerschicht üblich, unterhaltsame Veranstaltungen – wie Tanzabende, Skatturniere, Kostümbälle und Basare – zu Wohltätigkeitszwecken zu organisieren und lokale Wohltätigkeitsvereine, Stiftungen und Einrichtungen zu gründen (vgl. ebd., S. 10). Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden nach und nach Initiativen und Vereine bürgerlicher Frauen (vgl. ebd., S. 20), die ihre Aufgabe darin sahen, den sozialen Frieden durch den persönlichen Kontakt zu den unteren Schichten aufrechtzuerhalten (vgl. ebd., S. 26) und „verwahrloste“ Mädchen zu „sittlichen“ Persönlichkeiten und „guten Müttern“ auszubilden. Durch nachbarschaftliche Kontakte und Weiterbildungsmöglichkeiten sollte das Selbsthilfepotential des Proletariats gestärkt werden, was im Gegensatz zur bis dahin praktizierten Hilfe in Form von Almosengeben stand (vgl. ebd., S. 18). Die Frauenvereine der Settlement‑Bewegung, die zunächst ihren Anfang in England und Amerika genommen hatte und sich dann nach Deutschland ausbreitete, unterstützten unverheiratete Mütter unter anderem bei der Erziehung ihrer Kinder. Indem diese Bildungsaufgabe, so Prchal, zu einer Möglichkeit für diese Frauen avancierte, einem Beruf nachzugehen, weckten die Vereine das Interesse späterer Vertreterinnen der frühen bürgerlichen Frauenbewegung. Während Frauen der Bürgerschicht zuvor sozialen Repressalien ausgesetzt waren, wenn sie arbeiten gingen, etablierten sich nun typische Frauenberufe, die sich durch die geschlechterrollenspezifische Verbindung von Mütterlichkeit und sozialem Engagement auszeichneten und später zu typischen Berufsbildern der Sozialen Arbeit erwuchsen (vgl. ebd., S. 18). Erstmals erhielt ein Teil der weiblichen Mitglieder der Vereine eine professionelle Ausbildung (vgl. ebd., S. 20).41 Die proletarische Frauenbewegung setzte sich zeitgleich für die Gleichentlohnung von Männern und Frauen ein und erwirkte den Mutterschutz (vgl. ebd., S. 23). 41 Auch Alice Salomon, die Wegbereiterin der Sozialen Arbeit, gehörte zu den bürgerlichen Frauen, die sich für Arme und Kranke engagierten (vgl. Prchal, 2002, S. 26). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 102 Die Soziale Arbeit erhob bald darauf den Anspruch, unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse zu erfolgen (vgl. ebd., S. 11). Durch den Verein „Centrale für private Fürsorge“ in Frankfurt am Main wurde im Jahr 1902 erstmals eine Untersuchung über Schicksale unehelicher Kinder durchgeführt. Der Verein richtete eine Fachabteilung für Kinderfürsorge ein und war damit für die Pflegestellenvermittlung, Pflegestellenaufsicht und die Koordination von Vormundschaften unter anderem für uneheliche Kinder zuständig. Um die Zahl der Kindsmorde einzudämmen, wurden zunächst in Berlin, später in Hamburg Accouchier‑Anstalten gegründet, die ledigen Frauen finanzielle Unterstützung, Beistand bei der Entbindung und Hilfe bei der Arbeitssuche anboten (vgl. ebd., S. 11). Mit der Etablierung der Amtsvormundschaft – erstmals 1885 in Leipzig durch den Arzt Max Taube eingeführt – fiel die sachliche Zuständigkeit für unehelich geborene Kinder erstmals nicht mehr der Polizei zu, sondern dem Armenamt, was eine weniger kontrollierende Aufsicht zur Folge hatte, richtete sie doch das Augenmerk zunehmend auf den Schutz der Kinder (vgl. ebd., S. 32). Erster Weltkrieg und Weimarer Republik Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs macht Prchal einen Wandel im Geschlechterverhältnis aus: Vermehrt wurden Frauen in den Produktionsprozess einbezogen, da die Männer Wehrdienst leisteten, während Krippen und Kindergärten eröffneten, in denen Mütter ihre Kinder unterbringen konnten (vgl. Prchal, 2002, S. 42). Im Ersten Weltkrieg wurden viele Männer zum Militärdienst rekrutiert. Nach Prchal reichte der Sold der Männer jedoch häufig nicht aus, um die Versorgung der Familien zu gewährleisten. Da Familien massenhaft von Armut betroffen waren, wurden Gesetze erlassen, die bedürftigen Familien einen Rechtsanspruch auf Unterstützungsleistungen unabhängig von der Armenfürsorge zusprachen (vgl. ebd., S. 40). Die Situation für unverheiratete und verwitwete Mütter und Schwangere war zur Zeit der Weimarer Republik in besonderem Maße prekär: Nach dem Tod vieler Männer im Ersten Weltkrieg musste eine große Anzahl von Frauen ihre Kinder alleine großziehen, vermutlich waren nahezu alle unverheirateten Mütter aufgrund ihrer sozialen und ökonomischen Situation von öffentlicher oder privater Hilfeleistung abhängig. Ihre Armut wurde obendrein durch die Inflation verstärkt (vgl. ebd., S. 42). Im Zuge des Ausbaus der kommunalen Wohlfahrtspflege entstanden sogenannte „Spezialfürsorgen“. Dabei erlangten die Familien- und die Gesundheitsfürsorge mit den Hauptzielgruppen Kinder und Mütter die größte Bedeutung (vgl. Matzner, 2007 a, S. 14). Prchal zufolge lag bereits vor der Gründung der Weimarer Republik ein Gesetzesentwurf für ein Reichsgesetz für Jugendwohlfahrt (RJWG) vor, das reichsweit gelten sollte. Es sei nicht sofort in Kraft getreten, da die Hilfen wegen der Wirtschaftskrise nicht bezahlt werden konnten. Nach zähen Beratungen wurde es erst im Juli 1922 etabliert. Weil öffentliche Hilfen den Bedarf nicht decken konnten, seien private Vereine subventioniert worden, damit diese den Armen helfen. So vollzog sich nach Prchal ein Wandel im Verhältnis von öffentlicher und privater Fürsorge. Vereine nah- 5.3.3 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 103 men nun eine wesentlich wichtigere Funktion ein. Diese Veränderungen führten zu der Einführung des Subsidiaritätsprinzips im Weimarer Sozialstaat (vgl. Prchal, 2002, S. 42). Eine Notverordnung regelte, welche Aufgaben trotz der Staatsverschuldung finanziert werden mussten. Obwohl dazu auch die des Jugendamts zählten, wurden die Leistungen nur bedingt erbracht (vgl. ebd., S. 44). In einem im Jahr 1931 erschienenen Kommentar der Arbeiterwohlfahrt in der gleichnamigen Fachzeitschrift zu einer Studie über Mutter-Kind-Einrichtungen in Deutschland kritisierte Schroeder eine Unterversorgung. Die Einrichtungen lägen regional ungleichmäßig verteilt und fehlten vor allem im ländlichen Raum. Schroeder bedauerte den Mangel an finanziellen Mitteln für den Ausbau der Hilfen infolge der Weltwirtschaftskrise (vgl. Schroeder, 1931, S. 757–760). Neben der Familien- und Gesundheitsfürsorge gab es Spezialfürsorgen, in denen Männer und Jungen stark vertreten waren, nämlich die sogenannte Jugendfürsorge, die Trinkerfürsorge, die Wandererfürsorge, die Arbeits- und Erwerbslosenfürsorge sowie die Kriegsbeschädigtenfürsorge (vgl. Matzner, 2007 a, S. 14). Unter „männlichen jugendlichen Wanderern“ verstand man von Obdachlosigkeit betroffene Männer, die sich häufig als „Strichjungen“ prostituierten oder Diebstähle begingen (vgl. ebd., S. 15). Während in der Arbeits- und Erwerbslosenfürsorge sowie in der Kriegsbeschädigtenfürsorge die Gewährung materieller Hilfen im Mittelpunkt stand, wandte man sich in der Jugend-, der Trinker- und der Wandererfürsorge jungen und älteren Männern unmittelbar zu. Sie wurden dabei allerdings meist einseitig als Problemverursacher verstanden und mit Begriffen wie „Asozialer“, „Psychopath“, „Gemeinschaftsfremder“, „Halbstarker“ oder „Krimineller“ belegt (vgl. ebd., S. 14). Alkoholabhängigkeit war schon damals vor allem ein Männerproblem. Obwohl in den oben genannten Spezialfürsorgen Männer auffällig dominierten, wurde dies theoretisch und konzeptionell bis in die 1960er Jahre nicht aufgegriffen (vgl. ebd., S. 16). Männer und männliche Jugendliche seien oft erst dann zu Adressaten der Wohlfahrtspflege geworden, wenn sie als gesellschaftlich schädlich eingeschätzt wurden oder wenn sie sich in extremen Notlagen befanden (vgl. ebd., S. 14). Es sei davon auszugehen, dass bei der Arbeit mit Männern, ähnlich wie bei der Arbeit mit „gefallenen Mädchen“, eine kontrollierende und repressive Fürsorge dominierte, wobei die Zöglinge mit harter Disziplinierung und Bestrafung rechnen mussten. Für die Unterbringung männlicher Arbeiterjugendlicher konnte bereits gezeigt werden, dass es in der Weimarer Republik zu Heimskandalen, Quälereien und gar Todesfällen kam (vgl. Peukert, 1984). Die Trinkerfürsorge wurde seit den 1920er Jahren zu einer Instanz umfassender sozialer Disziplinierung von Alkoholikern aus der Unter- und unteren Mittelschicht, die alkoholkranke Männer in der Regel repressiv disziplinierte, was bis zur Entmündigung gehen konnte (vgl. Matzner, 2007 a, S. 15). Ab 1933 wurden „Wanderer“, „heimlose Männer“ und „Trinker“ sogar verfolgt, zwangssterilisiert bzw. in Konzentrationslagern umgebracht (vgl. ebd., S. 15). Genauer wird dies im folgenden Abschnitt dargelegt. 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 104 Zerfall der Weimarer Republik und Zweiter Weltkrieg Prchal zufolge fanden mit dem Zerfall der Weimarer Republik und der Machtergreifung Hitlers die Bemühungen um die Versorgung und Betreuung Alleinerziehender und deren Kinder ein jähes Ende. Das Recht des Kindes auf Erziehung sei durch die Änderung des RJWG dem Recht des Staates auf „Erziehung zur deutschen Volksgemeinschaft“ untergeordnet und Freizeitangebote für Jugendliche sukzessive von der Hitlerjugend übernommen worden. Die Bemühungen der Frauenbewegung wurden in der zentralistischen Diktatur rigide eingeschränkt (vgl. Prchal, 2002, S. 47–49). Gemäß der nationalsozialistischen Moral entschieden über den Wert eines Menschen in erster Linie die Rasse und das Blut. Erwachsene und Kinder, deren soziale, geistige oder körperliche Eigenschaften als „nicht brauchbar“ oder „schädlich“ eingeschätzt wurden, wurden zur „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ ermordet, unter anderem durch Gas oder systematisches Verhungernlassen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden aus rassistischen Gründen Eheschließungen verboten und nach Schätzungen zwischen 250 000 und 300 000 Zwangssterilisationen (vgl. Schmitz-Köster, 1997, S. 32) sowie Zwangsabtreibungen durchgeführt (zum Thema Zwangssterilisation in Frankfurt am Main veröffentlichte beispielsweise Daum, 1996; zum Thema „Euthanasie“ in Hessen Klee, 1996). Der Wert einer Frau begründete sich der nationalsozialistischen Moral zufolge in erster Linie in ihrer Bereitschaft und Fähigkeit, Mutter zu werden. Nach Möglichkeit sollten Frauen mit einem „rassisch hochwertigen“ Partner Nachkommen zeugen. Als „rassisch minderwertige“ Partner galten unter anderem die als „asozial“ bezeichneten Männer. Sie standen im Zentrum der „Bekämpfung von Asozialen“ und wurden als „arbeitsscheue Vagabunden“ bzw. „seine Familie vernachlässigende, alkoholsüchtige Familienväter“ typisiert (vgl. Ayaß, 1995, S. 184). Behörden klagten zwar auch über „pflichtvergessene Mütter“, „bazillenstreuende“ Prostituierte und „sich herumtreibende“ junge Mädchen. Von Zwangsmaßnahmen betroffen waren aber überwiegend Männer (vgl. Ayaß, 1995, S. 85): Es wurden Bettlerrazzien durchgeführt, wobei Männer ohne offizielle „Wanderererlaubnis“ zunächst in das Konzentrationslager Dachau gebracht wurden. Von dort aus wurden die Betroffenen in eigens dazu etablierte sogenannte „Wanderhöfe“, spezielle, außerhalb liegende Konzentrationslager, eingewiesen, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. In Bayern gab es dort etwa 1 550 Plätze für Männer, 100 für „alte“ Menschen und 200 Plätze für „asoziale“ Mädchen und Frauen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 15). Betroffen von Zwangssterilisationen und der Einweisung in Arbeits- und Konzentrationslager waren auch die sogenannten „unheilbaren“, „böswilligen“ oder „arbeitsscheuen“ „Trinker“. Schätzungen kommen auf 15 000 bis 30 000 sterilisierte alkoholabhängige Männer (vgl. ebd., S. 16). Zu der Logik der Rassenpolitik gehörte darüber hinaus der Versuch Nazideutschlands, die „nordischen Arier“ durch ein gezieltes Züchtungsprogramm als „Herrenrasse“ zu etablieren (vgl. Clay & Leapman, 1997, S. 7). Frauen, deren Ehepartner rassische Kriterien nicht erfüllten, wurden zur Mutterschaft außerhalb der Ehe ermutigt. Mithilfe des „Lebensborn“-Vereins wollte die Schutzstaffel der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (SS) sich der dabei gezeugten Kinder „annehmen“ und de- 5.3.4 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 105 ren Mütter gezielt unterstützen (vgl. Bialas, 2014, S. 188). Der Verein hatte keinesfalls eine „karitative“ Zielsetzung, sondern orientierte sich ausschließlich an den unmenschlichen moralischen Ordnungen des Nationalsozialismus. In den „Lebensborn“- Heimen konnten „deutsche“ Frauen eheliche oder uneheliche Kinder anonym zur Welt bringen und genossen besondere Unterstützung, sofern sie und die Väter des (ungeborenen) Kindes „rassenhygienische“ Ansprüche erfüllten und dies dokumentieren konnten (vgl. Clay & Leapman, 1997, S. 7; Lilienthal, 1996, S. 437). Da die „arische Elite“ aufgrund der hohen Anzahl der Toten im Zweiten Weltkrieg lediglich mä- ßig wuchs, befahl Himmler 1942, blonde und blauäugige Kinder aus den von Deutschland besetzten Gebieten zu verschleppen. Die weit überwiegende Zahl der Kinder, die im Rahmen der sogenannten „Eindeutschung“ erfasst wurden, erschien ihrem Aussehen nach nicht geeignet, den „Stamm der Arier“ zu verstärken. Diese Kinder wurden selektiert und in Vernichtungslagern ermordet. Die übrigen Kinder wurden unter Verschleierung ihrer Identität in den „Lebensborn“-Heimen untergebracht bzw. an parteitreue Familien – bevorzugt an SS-Angehörige – zur Adoption vermittelt (vgl. ebd.). Das erste „Lebensborn“-Heim wurde 1939 in Wiesbaden in Betrieb genommen (vgl. Lilienthal, 1996, S. 438).42 Oft errichtete der „Lebensborn“ seine Heime in Häusern, die entweder beschlagnahmt oder deren Eigentümer zum Verkauf gezwungen worden waren. Von den Enteignungen waren vor allem jüdische und katholische Institutionen betroffen (vgl. ebd., S. 437). Nachkriegszeit in Westdeutschland Noch nie in der Geschichte unseres Kulturkreises und später auch nie wieder waren so viele Menschen verheiratet und so wenig Ehen geschieden bei einer relativ hohen Kinderzahl wie in der Nachkriegszeit. Nichteheliche Lebensgemeinschaften waren weitgehend unbekannt (vgl. Nave-Herz, et al., 1998, S. 286). Die Kern- oder Kleinfamilie bestehend aus Vater, Mutter und Kind, deren spezifische Rollenteilung und Struktur wurde nicht nur für die Stabilität der Familie, sondern auch für die Gesellschaft für unverzichtbar gehalten. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs wurde als Gegenentwurf zum militaristischen Männerbild des Nationalsozialismus sowohl in der DDR als auch in der BRD das Ernähren der Familie zur zentralen Aufgabe des Vaters erklärt (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195–200). Diese Restauration gesellschaftlicher Verhältnisse basierte auf einer historisch einmaligen Konstellation nach zwei Weltkriegen und in einer wirtschaftlich prosperierenden Phase (vgl. Gerhard, 2011, S. 8). Bei den Elternbildern im Westen und Osten Deutschlands gab es auch signifikante Unterschiede. Nach Hofmeister, Baur und Röhler bedingten die Unterschiede der ideologischen Ausrichtung 5.3.5 42 Wenige Monate vor der Eröffnung des „Lebensborn“-Heims in Wiesbaden, das „Taunus“ genannt wurde, hatte die Gestapo den Vorstand des ursprünglich katholischen Trägers „Antoniusheim“ vertrieben. Als der ursprüngliche Verein gleichgeschaltet war, mussten die Kinder und Ordensschwestern das Heim überstürzt räumen (vgl. Lilienthal, 1996, S. 437). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 106 der beiden Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Ausbildung von verschiedenen Idealen der Elternrollen. Während die westlichen Alliierten in Westdeutschland eine kapitalistische Gesellschaft etablieren wollten, zielte die sowjetische Führung darauf ab, die DDR in eine sozialistische Gesellschaft zu verwandeln. Entsprechend war das wirtschafts- und sozialpolitische Ziel der westlichen Besatzungsmächte der Statuserhalt der bürgerlichen Mittelschicht, während sich in der DDR ein Ideal des Arbeiters herausbildete. Dieser sollte im Kollektiv als „Held der Arbeit“ seinen Beitrag zur gesamtgesellschaftlichen Produktion leisten. Dem Ernährer-Hausfrau- Modell im Westen stand in Ostdeutschland also das Doppelverdiener-Modell gegen- über (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 195–200). Der westdeutsche Arbeitsmarkt sah, so Hofmeister, Baur und Röhler, unter dem Stichwort „soziale Marktwirtschaft“ seit den 1950er Jahren als typischen Arbeitnehmer einen in Vollzeit arbeitenden Familienvater – also einen Mann – vor. Sein Einkommen sollte hoch genug sein, um eine Familie zu ernähren. Institutionell habe sich diese Rolle beispielsweise gefestigt, indem das Kindergeld lange Zeit ausschließlich dem Vater ausgezahlt worden sei. Dem Mann wurde durch die Entbindung von Familienpflichten emotional und zeitlich die volle Konzentration auf die Arbeit ermöglicht. Die Mütter hatten hingegen die Aufgabe, den Haushalt und die Erziehung und Pflege der Kinder zu übernehmen und den Vätern den Rücken freizuhalten (ebd., S. 195– 197). Seit den 1960er Jahren förderte der Staat die Erwerbstätigkeit von Frauen und seit den 1970er Jahren wurde von ihnen erwartet, Mutterschaft mit Vollerwerbstätigkeit zu vereinbaren (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Rinken, 2009, S. 227). Dieses Familienideal wird als „Doppelverdiener-Modell“ bezeichnet (vgl. Rinken, 2009, S. 227). Nach einem anfänglich heftig geführten Diskurs um das Kindeswohl wurde die Kinderbetreuung stark ausgebaut. Die Ganztagskinderbetreuung galt als förderlich für die Erziehung zum „sozialistischen Menschen“ und damit gut für die kindliche Entwicklung (vgl. Rinken, 2009, S. 227). Die rasche Zunahme der Frauenerwerbsquote bis auf ein internationales Spitzenniveau (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197–199) führte zu einem Wandel des Mutterbildes und einer partiellen Aufweichung dichotomer Geschlechterrollenbilder (vgl. Rinken, 2009, S. 227). Bei Paaren mit Kindern sei eine Doppelerwerbstätigkeit selbstverständlich gewesen (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). Verschiedentlich wird betont, dass in der DDR weiterhin das private sowie das öffentliche Leben von klassischen Geschlechterrollenbildern geprägt waren (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Prchal, 2002, S. 64–68; Rinken, 2009, S. 227). Außerhalb staatlicher Kinderbetreuung wurden Hausarbeit, Fürsorge und die Kindererziehung weiterhin vornehmlich den Frauen auferlegt. In der DDR beteiligten sich Väter nicht im gleichen Ausmaß wie die Mütter an den Aufgaben im Haushalt. Sie sahen sich selbst eher in der Rolle der Mithelfenden (vgl. Rinken, 2009, S. 228). Der Arbeitsmarkt der DDR war geschlechtersegregiert: Frauen und Männer dominierten auf dem Arbeitsmarkt jeweils in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen und Berufsfeldern. Die Arbeitstätigkeit der Frau sei vorwiegend in schlechter entlohnten Berufen und dort nur aus ideologischen Gründen forciert worden, da es dem Menschenbild des Sozialismus entsprochen habe, dass sich auch Frauen als Arbeiterinnen betei- 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 107 ligen. Im Vergleich zu DDR-Bürgerinnen verdienten westdeutsche Frauen – wenn sie arbeiten gingen – deutlich mehr (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). In die Schaltstellen der Macht seien Frauen in der DDR lediglich im Ausnahmefall gelangt (vgl. Prchal, 2002, S. 64–68; Rinken, 2009, S. 227). Nach Ostner übernahm in der DDR der sozialistische Staat die Rolle eines „ideellen Gesamtvaters“, während die Bedeutung der Vaterrolle innerhalb der Familie in den Hintergrund trat (vgl. Ostner, 2005, S. 47) und auch zu keiner Zeit in das Zentrum des politischen Interesses rückte (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Rinken, 2009, S. 228). Ein-Eltern-Familien wurden in der DDR zwar institutionell unterstützt, galten jedoch als unvollständige Familien (vgl. Rinken, 2009, S. 228). In Westdeutschland galt nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin das RJWG mit seinen Notverordnungen aus der Zeit des Krieges. Wie Prchal anführt, befanden sich sämtliche Organisationen und Verwaltungsstrukturen – darunter die Jugendämter – im Wiederaufbau. Die Grundversorgung für die vielen obdachlos gewordenen Kinder und Jugendlichen, die zu einem großen Teil ohne Eltern aufwachsen mussten, sei in Westdeutschland zunächst von den Vereinigten Staaten initiiert worden. Bereits 1946 wurde eine Novellierung des RJWG gefordert. Prchal zufolge war ein Grund für die Novelle des RJWG das Fehlen einer gesetzlichen Grundlage für die Arbeit der freien Träger von Jugendhilfen, nachdem im nationalsozialistischen Deutschland deren Leistungen durch eine Notverordnung weitgehend eingeschränkt worden waren. Nach dem Krieg mussten sie ihre Strukturen neu- bzw. wiederaufbauen. Ein Entwurf für die Novellierung des RJWG habe dem Länderrat der amerikanischen Besatzungszone zwar bereits 1947 vorgelegen und sei von diesem auch angenommen worden, allerdings sei die Umsetzung der Neuerung aufgrund der Vereinigung der britischen und amerikanischen Besatzungszone zunächst nicht weiter verfolgt worden. Daneben wollte man mit der Gesetzesänderung Frauen, Jugendliche und Kinder schützen, die in großer Zahl von Obdachlosigkeit betroffen waren. Außerdem wurde befürchtet, die Arbeitsfähigkeit der Jugendlichen leide, da sie durch den Krieg der Arbeit „entwöhnt“ seien (vgl. Prchal, 2002, S. 76). Im Dezember 1950 beschloss man deshalb übergangsweise einen „Bundesplan zur Förderung der deutschen Jugend“, der vorrangig durch die Verbände der freien Wohlfahrtspflege umgesetzt wurde und durch den Mittel bereitgestellt werden konnten. Anders als das RJWG enthielt der Bundesplan, so Prchal, weniger kontrollierende Aspekte. Beispielsweise überließ er den freien Trägern weitgehend die konzeptionelle Ausgestaltung der Hilfen. Schließlich trat acht Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1953 das RJWG doch in seiner Fassung aus dem Jahr 1922 in Kraft (vgl. Prchal, 2002, S. 76–86). Jedoch habe erst im Jahr 1967 ein neues Gesetz – nämlich das Jugendwohlfahrtsgesetz – das RJWG abgelöst.43 Im deutschen Heimsystem fanden weiterhin massive 43 In diesem Gesetz sei das Subsidiaritätsprinzip von freien und öffentlichen Trägern zur Muss-Vorschrift umgewandelt worden. Der Charakter des Gesetzes habe sich dadurch grundlegend geändert. Alle Maßnahmen sollten die elterliche Erziehung unterstützen und lediglich ersetzen, wenn die Eltern nicht in der Lage seien, die Kinder zu pflegen und zu erziehen. Die Grundhaltung der Vorrangigkeit der Erziehung durch die Sorgeberechtigten musste seither bei allen Hilfen der öffentlichen Jugendhilfe beachtet werden (vgl. Prchal, 2002, S. 76–86). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 108 Menschenrechtsverletzungen statt. Erzieher und Erzieherinnen übten körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt gegen die Zöglinge aus, Heimkinder wurden isoliert, erniedrigt, mit Medikamenten betäubt (vgl. Eilert, 2012). Innerhalb der Familien gerieten Mütter unter Druck, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Pädagogik, Medizin und Psychologie Verhaltensänderungen von ihnen erwarteten (vgl. Rinken, 2009, S. 228). Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler machten „falsches“ Verhalten und „übertriebene“ Gefühle der Mutter für Schädigungen und Verzögerungen in der Kindesentwicklung verantwortlich. Medizinische Empfehlungen sahen vor allem eine peinliche Einhaltung von Hygienevorschriften, zweckmäßige Ernährung und pünktliche Regelmäßigkeit im Umgang mit dem Kind vor (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Wie Klees-Möller darlegt, wurde den Müttern geraten, sich weniger auf ihre Instinkte zu verlassen, sondern den Expertenrat zu befolgen. Ein Teil der Medizinerinnen und Mediziner empfahl beispielsweise, zärtliche Berührungen des Kindes außerhalb der Essenszeiten zu unterlassen. Die Hygienevorschriften senkten zwar die Säuglingssterblichkeit wesentlich (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 148–154), die Verhaltensempfehlungen stehen aber dem heutigen Wissen über den Stellenwert sicherer, liebevoller Bindungen zu den primären Bezugspersonen (vgl. Abschnitt 1) konträr gegenüber. Darüber hinaus unterstellten die wissenschaftlichen Analysen den Frauen, natürlicherweise eine tiefe persönliche Befriedigung und Freude an der Pflege- und Erziehungsaufgabe zu empfinden. Fühlten sie dies nicht, verstießen sie gegen ihre „Natur“. Genügte bisher das äußere Befolgen von Pflichten durch die Mutter, wurde nunmehr die vollkommene emotionale Beteiligung gefordert, andernfalls, so die Theorie, erleide das Kind irreparable Schäden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Weil Beruf und Familie für Mütter als nicht miteinander vereinbar galten, sei das Familienmodell mit männlichem Ernährer und einer Hausfrau politisch propagiert, wissenschaftlich untermauert und institutionell gestützt worden. Erwerbstätige Frauen mit Kind galten als egoistisch und wurden als „Rabenmütter“ bezeichnet (vgl. Rinken, 2009, S. 228). Klees-Möller kritisiert, von den Frauen sei sowohl die alleinige Fürsorge für das körperliche Wohl der Kinder, als auch ein Verhalten erwartet worden, das glückliche Kinder hervorbringen sollte. Das in diesen Annahmen implizierte Rollenbild habe Schuldgefühle der Frauen befördert. Waren Kinder ängstlich, unglücklich oder hatten sie andere Nöte, wurden diese dem Unvermögen der Mutter angelastet (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 148–154). Gelang es jedoch nicht, abweichende Verhaltensweisen von Kindern mit dem Handeln ihrer Mütter zu erklären, begann man, so Klees-Möller, nach unbewussten emotionalen Abwehrmechanismen bei den Frauen zu suchen. Selbst in der Bildungsreform in den 1960er Jahren sei unterschwellig ein solches Mutterbild wegweisend gewesen, hatte die Reform doch zum Ziel, die Mutter-Kind-Beziehung zu stärken, weil sie allein als bestmögliche Förderung der kognitiven Kompetenzen des Kindes galt (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Aus den Ergebnissen der Theorien über die Mutter-Kind-Bindung wurde, so Klees-Möller, von den Frauen zumindest in den ersten Lebensjahren des Kindes der Verzicht auf Berufstätigkeit erwartet. Damit blieben die Männer von reproduktiven 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 109 Aufgaben entlastet (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Der Vater habe in der westdeutschen Nachkriegszeit neben dem Ernähren der Familie die Aufgabe gehabt, gegenüber den Kindern Autorität zu zeigen. Zudem habe die Auffassung geherrscht, Mütter müssten wegen ihrer – wie angenommen wurde – im Vergleich zu Männern stärkeren Emotionalität durch ihre Ehemänner überwacht werden (vgl. Rinken, 2009, S. 228). In den 1950er und 1960er Jahren wurde, so Sabla, die „uneheliche Mutterschaft“ – von den Vätern war keine Rede – problematisiert. Ledige Mütter wurden häufig stigmatisiert (vgl. Sabla, 2008, S. 27). Nach Wallner schrieb das nach dem Zweiten Weltkrieg weiterhin gängige Geschlechterrollenbild Frauen vor, „rein“, „jungfräulich“, „schamhaft“ und „sittlich“ zu sein. Jede Abweichung davon in Richtung (sexueller) Freiheit oder Selbstbestimmung wurde hart sanktioniert. Schwangere Jugendliche galten als das Sinnbild „weiblicher Verwahrlosung“ (vgl. Wallner, 2010, S. 52). In der Folge der Diskriminierung und Stigmatisierung kamen die meisten Frauen „beschämt“ in Mutter-Kind-Heime (vgl. Bonnekamp, 1966, S. 277). Wie Kester zeigt, wurde vielen ledigen Schwangeren unterstellt, der Arbeitstätigkeit durch das Ausnutzen von Mutterschutz und Betreuungszeiten entgehen zu wollen. Zudem wurden „Triebhaftigkeit“, „Hörigkeit“ gegenüber dem Freund, „Debilität“, „Schwachsinn“ und „Geltungssucht“ als Gründe für eine uneheliche Mutterschaft vermutet. Neben „abnormen Anlagefaktoren“ wurde „Versagen des Elternhauses“ oder „ungünstige Milieueinflüsse“ angenommen (vgl. Kester, 1979, S. 124). Nach Untersuchungen von Wendt wurden Klientinnen in Mutter-Kind-Einrichtungen mit den Adjektiven „unangepasst“, „gestört“, „sozial auffällig“, „kontaktgestört“, „labil“ oder „psychisch krank“ bezeichnet. Minderjährige wurden zudem teilweise als „schwererziehbar“ beschrieben (vgl. Wendt, 1981, S. 437). Die sogenannte „sexuelle Verwahrlosung“, die mit der Diagnose „h. w. G.“, kurz für „häufig wechselnde Geschlechtspartner“, codiert wurde, konnte schnell eine mehrjährige geschlossene Unterbringung zur Folge haben (vgl. Wallner, 2010, S. 53). Auch in Mädchenheimen war Gewalt durch Erzieherinnen und Erzieher an der Tagesordnung (vgl. Eilert, 2012, S. 76). Klees-Möller betrachtet die in der Vergangenheit unternommenen Versuche, die Bedarfslagen der Klientinnen in Mutter-Kind-Einrichtungen einheitlich zu charakterisieren, mit großer Skepsis. Begriffe wie „Erziehungsdefizit“, „Problemlage“, „Beziehungsunfähigkeit“ oder „psychische Auffälligkeit“ führten nicht zu einer differenzierten Beschreibung der individuellen Lebenslagen (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 24). Da im wissenschaftlichen Diskurs – entsprechend gängigen Geschlechterrollenbildern – Müttern nachgesagt wurde, eher fürsorglich zu sein, während Vätern unterstellt wurde, besser Grenzen setzen und Autorität zeigen zu können, sei Alleinerziehenden häufig die Fähigkeit abgesprochen worden, in beiden Gebieten über Kompetenz zu verfügen (vgl. Rinken, 2009, S. 226). Man nahm an, das Aufwachsen mit einem Elternteil brächte Defizite in der Kindesentwicklung hervor (vgl. Sabla, 2008, S. 27). In der jungen BRD gelang es der Frauenbewegung wiederzuerstarken. Während noch 1949 im neu erlassenen GG dem Mann das Alleinvertretungsrecht bei der „el- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 110 terlichen Gewalt“44 eingeräumt wurde, erwirkte die Frauenbewegung gegen den erbitterten Widerstand der Christlich Demokratischen Union Deutschlands, dass 1958 ein Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau in Kraft trat (vgl. Prchal, 2002, S. 58; Rinken, 2009, S. 228). In der DDR wurde die Gleichberechtigung der Frau in allen Lebensgebieten bereits im Jahr 1949 in die Verfassung aufgenommen (vgl. Prchal, 2002, S. 64–68; Rinken, 2009, S. 227). Gemäß den Forschungsergebnissen von Wallner stieg während der Besatzungszeit in Deutschland die Infektionsrate sexuell übertragbarer Krankheiten bei Mädchen an. Betroffene liefen aus Angst vor den Konsequenzen von den Eltern weg. Wurden sie aufgegriffen, brachte man sie in Fürsorgeheime, damit sich die Infektionen nicht weiterverbreiteten. In vielen Fällen hatten die Mädchen die Hoffnung gehegt, einen heiratswilligen Soldaten zu treffen und mit diesem ihrem Elend in der Heimat zu entfliehen (vgl. Wallner, 2010, S. 52). Fremdunterbringung im Allgemeinen und geschlossene Unterbringung im Besonderen wurden als staatliches Instrument genutzt, um weibliche Sexualität vor der Ehe zu unterbinden und an der traditionellen Rollenteilung festhalten zu können (vgl. Wallner, 2010, S. 53). Ein eindrucksvolles Zeitdokument ist beispielsweise der Bericht zweier Fürsorgerinnen des Außendienstes der weiblichen „Gefährdetenfürsorge“ aus Bremen, der am 23. Juli 1945 vom Senator für das Wohlfahrtswesen der amerikanischen Enklave Bremen, Wilhelm Kaisen, SPD, Herrn Major Galperin mit empfehlenden Grüßen überreicht wurde. In ihm forderten die Fürsorgerinnen, den immer „frecher und schamloser“ „unsittlich lebenden Frauen und Mädchen“ ein „planmäßiges und schlagkräftiges Arbeiten des Jugendamtes“ entgegenzusetzen (vgl. Bericht zweier Fürsorgerinnen des Außendienstes der weiblichen Gefährdetenfürsorge, 1945, zitiert nach Blandow, 1989, S. 125). Die Autorinnen wünschten sich unter anderem die Schaffung von Möglichkeiten für die tägliche „Erfassung“ der Jugendlichen im Bereich der Hautklinik, bei der Sittenpolizei und am Bahnhof, für einen fluchtsicheren Transport von „älteren ungebesserten Mädchen“ in auswärtige Heime oder für unbürokratischen Sorgerechtsentzug bei Weigerung der Eltern der Jugendlichen, der Verlegung zuzustimmen (vgl. ebd., S. 126). Das Bild der Lolita, eines Mädchens, welches frei von jeder Moral Männer verführt, beherrschte die Vorstellung der pädagogischen Fachkräfte und begründete das Erziehungsprinzip der Bestrafung (vgl. Wallner, 2010, S. 43). In sogenannten „Versorgungshäusern für gefallene Mädchen“, kamen Mädchen und junge Frauen unter, die – zum Teil nach Vergewaltigung – unverheiratet schwanger wurden (vgl. Meyer, 1993, S. 388; Wallner, 2010, S. 52). Die Mütter wurden so lange in der Unterkunft beherbergt, bis das Kind in eine Pflegestelle oder ein Heim vermittelt werden konnte (vgl. Gohde, 1999, S. 1). Die Institutionen wurden häufig von christlichen, vor allem von katholischen Initiativen getragen (vgl. Meyer, 1993, S. 2) und waren für viele der jungen Frauen die einzige Möglichkeit, sich und ihr Kind zu ernähren. Gleichzeitig besiegelten sie ihre Etikettierung als triebhaft, lüstern, unbeherrscht und unsittlich (vgl. Gaffron, 2009, S. 57; Wallner, 2010, S. 52). 44 Der Begriff der „elterlichen Gewalt“ wurde erst 1980 im Rahmen der Sorgerechtsreform durch „elterliche Sorge“ ersetzt. 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 111 Gohde ermittelte, die schlechten hygienischen Verhältnisse in Heimen für „gefallene“ Mädchen führten teilweise zu einer Sterblichkeit der dort untergebrachten Neugeborenen und Kleinkinder von 95 Prozent. Da dieser Zustand schon damals von Medizinerinnen und Medizinern kritisiert wurde, forcierte man in den Säuglingsstationen eine Verringerung der Sterblichkeit durch bessere Hygienemaßnahmen. Mit der Einhaltung strengerer Hygieneregeln habe das Prinzip gegolten, enge Berührungen und Zärtlichkeiten vorsichtshalber zu vermeiden, um Infektionsgefahren von anderen Personen auszuschließen (vgl. Gohde, 1999, S. 1). Vordergründig mit Bemühungen um Hygiene begründet, in Wahrheit auch als Disziplinierungsmaßnahme, wurden ledige Mütter nahezu ausschließlich getrennt von ihren Kindern untergebracht und verpflegt (vgl. Gohde, 1999, S. 1; Meyer, 1993, S. 2; Prchal, 2002, S. 107). Während sie einer Beschäftigung nachgehen mussten, seien die Kinder rund um die Uhr von Krankenschwestern versorgt worden (vgl. Prchal, 2002, S. 107). Willkürliche Kontrollmaßnahmen durch das pädagogische Personal sowie das Fehlen demokratischer Prinzipien bei der Entscheidungsfindung waren kennzeichnend für den Alltag in den Einrichtungen (vgl. Prchal, 2002, S. 107). Die Einrichtungen entsprachen „totalen Institutionen“, wie Goffman sie in seinem Buch „Asyle“ (vgl. Goffman, 1981) beschrieb: Sie lagen meist isoliert und versorgten ihre Klientel rundum, was jeglichen Kontakt nach außen überflüssig machte (vgl. Prchal, 2002, S. 107). Mehringer, ein Reformer der deutschen Heimerziehung, kritisierte nach einem Besuch in einem Säuglingsheim die Konzentration auf die rein funktionale körperliche Versorgung der Kinder.45 In der Folge dieser Behandlung litten die Kinder unter einem neuen Krankheitsbild, das erst später46 als psychischer Hospitalismus identifiziert wurde (vgl. Rieländer, 1982, S. 6). Gemäß Wallners Analyse waren überproportional häufig Mädchen aus niedrigeren sozialen Schichten von Heimeinweisungen betroffen, da die besonders strikte 45 Er sah „die verlassenen Säuglinge in den Reihenbetten, vergeblich auf den Menschen wartend, der ihnen das erste Lachen entlockt […]; das serienmäßige Füttern, Töpfen, Windeln; das zwischen die Knie gezwängte Kind, dem mit abgewandtem Gesicht im Routinetempo Brei in den Mund gestopft wird; wie da bei den allzu vielen niemand ist, der Zeit hat, das einzelne kleine Wesen langsam zu füttern, es auf den Arm zu nehmen, mit ihm zu lachen […]; 15 und mehr Rutscher (welch herrliches Eroberungsalter) in einem Raum, jeder einzelne unbemuttert, der Konkurrenz der Masse ausgeliefert; das schon 2jährige, das mit vielen anderen schon eine Stunde auf dem Topf sitzt, im Blickkontakt sich einen Augenblick wahrgenommen fühlt und dann verzweifelt losschreit, weil man es nicht nimmt […]; wie das verlassene Kind sich dann in sich selbst zurückzieht, in ticartigen Bewegungen den Kopf kreist und auf den Boden schlägt […]; wie sich die Menschen […] an diese grausame Welt gewöhnen, wie sie verkrusten, ihr natürliches Empfinden für das einzelne Kind verlieren […], wie dann die Kleinen in diesen eindrücklichsten ersten 3 Jahren ‚nur Schürzen‘ kennen, weil sie auch noch von Station zu Station versetzt werden, also eine einmal gewonnene kleine Beziehung immer wieder abgebrochen wird“ (Mehringer, 1966, S. 196 f.). 46 Zwar zog der Pädiater von Pfaundler bereits 1909 erstmals (vgl. Kester, 1979, S. 103; Rieländer, 1982, S. 3) in Betracht, für die Deprivationserscheinungen könnten die Trennung der Kinder von der Mutter und das anonyme Aufwachsen in der Massenfürsorge verantwortlich sein, und kritisierte die fließbandähnliche Organisation der Anstaltspflege, die eine Berücksichtigung individueller Bedürfnisse unmöglich mache (vgl. von Pfaundler, 1974, S. 50), allerdings wurden seine Erkenntnisse in den pädagogischen und medizinischen Disziplinen bis in die späten 1960er Jahre ignoriert (vgl. Rieländer, 1982, S. 3). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 112 Kontrolle in den Elternhäusern und die frustrierende materielle, schulische und berufliche Situation ein Ausbrechen aus diesen Bedingungen förderte. Ferner verfügten Eltern aus der Mittelschicht über andere Möglichkeiten der Kontrolle über ihre Töchter, beispielsweise durch Internatserziehung und die stärkere Befriedigung materieller Bedürfnisse (vgl. Wallner, 2010, S. 55). In der Nachkriegszeit änderte sich weiterhin nichts daran, dass – obwohl in den Spezialfürsorgen für Alkoholabhängige und Wohnungslose Männer auffällig dominierten – eine theoretische und konzeptionelle Bearbeitung dieses Phänomens unterblieb. Bis in die 1970er Jahre hinein existierte kein spezifisches Bewusstsein bezüglich geschlechterspezifischer Bedarfe der Klientel. Es wurde davon ausgegangen, dass der „typische Mann“ keine Probleme „hatte“ bzw. „machte“, bzw. wenn er sie hatte, sollte er in der Lage sein, sie selbst zu lösen. Von staatlicher Seite wurde ihm eher materiell als immateriell geholfen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 16). Entwicklungen in Ostdeutschland Nach Kappeler gab es viele Übereinstimmungen der Heimerziehung in der bürgerlichkapitalistischen BRD und der sozialistischen DDR in den Jahrzehnten der Parallelexistenz: In beiden Systemen stand im Mittelpunkt die Disziplin, entsprechend lauteten die Erziehungsziele und waren die Erziehungsmethoden. Als entscheidende Grundlage für die Beurteilung eines Kindes diente in der BRD wie in der DDR der Grad der Abweichung von der gesellschaftlich definierten Norm. So wurden als Einweisungsgründe in beiden Staaten vornehmlich Begrifflichkeiten wie „Schwererziehbarkeit“ oder „Verwahrlosung“ genutzt, die Organisationsstruktur der Heime und die in ihnen praktizierten Erziehungsmethoden waren ähnlich (vgl. Kappeler, 2008). Im Unterschied zur BRD wurde in der DDR die strikte Normorientierung ganz offen ideologisch-staatstheoretisch begründet (vgl. Kappeler, 2008). Während in Westdeutschland vor allem in den 1950er Jahren von den Jugendämtern und Gerichten eine vor- oder überrechtliche christlich fundierte Sittenlehre herangezogen wurde, um tadelnswertes Verhalten zu identifizieren, war in der DDR zu jeder Zeit ihres Bestehens rechtlich geregelt und damit von Staats wegen bzw. durch die Parteigremien festgelegt, welche Verhaltensweisen als gesellschaftsgefährdend und unerwünscht angesehen wurden (vgl. Wapler, 2012, S. 65). Die Grenzen zwischen Jugendhilfe und Strafverfolgung waren während des gesamten Bestehens der DDR fließend. Die oben genannten als abweichend geltenden Verhaltensweisen konnten zu polizeilicher, straf- und ordnungsrechtlicher Verfolgung sowie zur Verhandlung vor gesellschaftlichen Gerichten, aber auch zu erzieherischen Maßnahmen führen. Die Vorstellung der staatlichen Führung ging dahin, ein ganzes Bündel rechtlicher Maßnahmen vorzuhalten, die alle dasselbe Ziel verfolgten, die Kinder und Jugendlichen zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ zu formen (vgl. ebd.). Als abweichend galten „Rowdytum“ und „asoziales Verhalten“. Außerdem wurden westlich orientierte oder als westlich eingeordnete Subkulturen bekämpft (vgl. ebd., S. 66). Als asoziales Verhalten galt bei Mädchen und jungen Frauen auch, wenn sie ihre 5.3.6 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 113 Partner häufig wechselten. Strafbar war zwar nur die gewerbsmäßige Prostitution. Das Verhalten des sogenannten „häufig wechselnden Geschlechtsverkehrs“ ist als Grund für Heimeinweisungen von Mädchen, jungen Frauen und alleinerziehenden Müttern auch für die DDR dokumentiert (vgl. ebd., S. 67). Laudien und Sachse zufolge war physische Gewalt in vielen DDR-Heimen Alltag und hatte in manchen Einrichtungen eine Tendenz zur Folter, konnte lebensbedrohlich sein und hatte zum Teil eine auf die Zerstörung der Integrität der Person gerichtete Absicht. Kinderarbeit – Arbeit durch Kinder unter 14 Jahren – war an der Tagesordnung und führte teilweise zu körperlich und seelisch nachhaltiger Erschöpfung und Versehrung. Zwangsarbeit war zeitweilig eine Methode der Umerziehung (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 261). Weitere gewaltsame staatliche Maßnahmen, wie Zwangsadoptionen von Kindern (vgl. Warnecke, 2010), überwiegend von solchen, deren Eltern in den Westen geflüchtet waren, oder angeordnete Schwangerschaftsabbrüche, die bei Heimkindern vorgenommen wurden, sind dokumentiert (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 365). Diese Phänomene seien politisch gewolltes Unrecht und markierten ein Moment sozialistischer Politik. Sie wurden auf höchster Ebene im Ministerium für Volksbildung entworfen und angeordnet (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 261). Anders als in der BRD bestand in der DDR kein Widerspruchsrecht der Eltern gegen eine Heimeinweisung. Es gab Möglichkeiten, Eingaben zu machen, aber kein durchsetzbares Recht, denn die Familiengerichte waren abgeschafft. Sack und Ebbinghaus zufolge wurden die Hintergründe für das oft nachvollziehbare Verhalten der Kinder und Jugendlichen vor der Aufnahme nicht immer ausreichend differenziert betrachtet. Auch sei oft pauschal die Internierung im Heim forciert und nicht ausreichend geklärt worden, welche anderen Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen möglich gewesen wären. Es muss deshalb angenommen werden, dass das Instrument Heimaufnahme häufig zu unkritisch zur Anwendung kam und zu wenig hinterfragt wurde. Die Jugendhilfe der DDR war oft nur ein Instrument der Disziplinierung von Jugendlichen (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 308). Kinder alleinerziehender Mütter trugen ein besonderes Risiko für eine Heimeinweisung (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 308). Für Säuglinge und Kleinkinder im Alter bis zum vollendeten dritten Lebensjahr gab es in der DDR sogenannte „Dauerheime“. Sie müssen von den „Wochenkrippen“ unterschieden werden, in denen die Kinder berufstätiger Eltern von montags bis freitags betreut wurden. In Dauerheimen wurden Kinder ständig untergebracht, auch an Sonn- und Feiertagen. Beide Heimarten wurden ab 1951 von den Organen des Gesundheitswesens verwaltet (vgl. Wapler, 2012, S. 29). Im Zuge mehrfacher Umstrukturierungen wurden den Referaten Jugendhilfe/Heimerziehung Anfang der 1950er Jahre eine Reihe von Kompetenzen entzogen und später wieder übertragen (Vormundschafts-, Pflegschafts-, Beistands-, Adoptions- und Pflegekinderwesen). Darauf ist besonders hinzuweisen, weil bei der Rückübertragung bei Säuglingsheimen Mischkompetenzen entstanden, welche die spätere Heimlandschaft in der DDR nachhaltig prägten (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 160). Die erste Verordnung über die Heimerziehung von Kindern und Jugendlichen vom Juli 1951 nahm Kinder bis zu drei Jahren von der Verantwortung des Ministeriums für Volksbildung aus. Die Verordnung ließ 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 114 offen, welche Institution für diese Altersgruppe zuständig war. Die Aufgabengebiete Vormundschafts-, Pflegschafts-, Beistands-, Adoptions- und Pflegekinderwesen wurden dem Gesundheitswesen zugeordnet. Ab Mai 1953 gingen sie wieder in die Zuständigkeit der Jugendhilfe über (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 208). Die unterschiedliche institutionelle Zuordnung – bedingt durch das zentrale Planungssystem – führte zu organisatorischen Schwierigkeiten beim Übergang von den Dauerheimen in die Normalkinderheime. Während die Jugendhilfe Dauerheime ausschließlich zur permanenten Unterbringung von Säuglingen und Kleinkindern nutzen wollte, die durch die eigene Behörde als gefährdet eingestuft wurden, bestand das Gesundheitswesen daneben auf die Unterbringung von Kindern, deren Eltern in Schichten arbeiteten oder sich sonst nicht regelmäßig um ihre Kinder kümmern konnten. Beide Fallgruppen scheinen nach bisherigen Erkenntnissen bis zum Ende der DDR zu den Insassen der Dauerheime gehört zu haben (vgl. ebd., S. 209). Ab 1950 konnten alleinerziehende Mütter ihre Kinder auf Antrag in einem Dauerheim unterbringen, wenn sie wegen Vollzeitbeschäftigung oder Schichtarbeit nicht selbst für das Kind sorgen konnten (vgl. Wapler, 2012, S. 29). Private Pflegestellen für Säuglinge und Kleinkinder wurden damit überflüssig. Dennoch wurde um 1968 die Wiedereinführung derartiger Pflegestellen intern diskutiert, da viele Mütter, die im Schichtbetrieb arbeiteten, ihre Kinder den staatlichen Heimen nicht anvertrauen wollten (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 208). Die Möglichkeit der Unterbringung des Kindes in Dauerheimen wurde im Jahr 1973 auch auf alleinerziehende Väter und Doppelverdiener-Paare ausgedehnt (vgl. Wapler, 2012, S. 29). Dass Eltern Dauerheime als Krippenplätze nutzen wollten, geschah teilweise in so erheblichem Ausmaß, dass selbst Plätze für Notfälle nicht mehr verfügbar waren (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 209). Über die Erziehungspraxis in diesen Heimen ist bisher wenig bekannt (vgl. Wapler, 2012, S. 30). Es existieren jedoch Hinweise, dass es in Dauerheimen – wie auch in anderen Heimen in der DDR – zu einer Reihe schwerer Misshandlungen zum Teil mit Todesfolge kam. Soweit erkennbar, waren Einrichtungen für Kleinkinder durch zwangsweise Einführung von Nahrung (mit Todesfolge), Nahrungsentzug und schwere körperliche Misshandlungen beteiligt. Einige Todesfälle waren auf mangelnde Beaufsichtigung zurückzuführen (vgl. Laudien & Sachse, 2012, S. 210). Einweisungen durch die Jugendhilfe verliefen in den 1960er Jahren zumindest punktuell chaotisch. Über ein Dauerheim in Halle an der Saale wird beispielsweise berichtet, dass nur für eines von 31 Kindern ein Sorgerechtsentzug vorlag. Alle anderen Kinder waren ohne klare Begründungen eingeliefert worden. Die Referate „Mutter und Kind“ bzw. „Jugendhilfe“ der Kommunen kümmerten sich wegen mangelnder Abgrenzung der Kompetenzen nur nachlässig um derartige Fälle, sodass eine Rückführung in die Familien regelmäßig unterblieb. Es fehlten in der Mehrzahl formale Beschlüsse oder Vereinbarungen zur Einweisung der Kinder. Absprachen mit den Eltern wurden ohne Aktennotizen auf telefonischem Wege getroffen (vgl. ebd., S. 208).47 47 In diesem Zusammenhang wird das Adoptionsverfahren wie folgt skizziert: „Von den Referaten Jugendhilfe/Heimerziehung der Kreise erhält das Säuglingsheim auch Nachricht, sobald eine Verzichts- 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 115 1970er und 1980er Jahre Nach Hofmeister, Baur und Röhler fand ab dem Ende der 1960er Jahre ein umfassender Wertewandel in der BRD statt, der die Selbstentfaltung des Einzelnen in den Mittelpunkt stellte. Die Studenten-, Frauen- und Friedensbewegungen forderten neben Chancengleichheit für Frauen am Arbeitsmarkt auch die stärkere Beteiligung von Männern an der Haus- und Erziehungsarbeit (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). Nach Prchal gelang es der Frauenbewegung während der Studentenproteste Ende der 1960er und in den 1970er Jahren, ihre Themen in öffentliche Debatten zu verwandeln. Das Recht auf Schwangerschaftsabbruch wurde diskutiert und der § 219 des Strafgesetzbuchs (StGB) infrage gestellt, der zusätzlich zum Schwangerschaftsabbruch Empfängnisverhütung verbot (vgl. Prchal, 2002, S. 58). Die Darstellung von Beweggründen von Frauen für eine Abtreibung sollte verdeutlichen, dass soziale und wirtschaftliche Einbußen für Frauen durch die Kinderversorgung und -erziehung von den sozialpolitischen Programmen nicht beseitigt wurden. Neben den oben genannten Themen wurden in der BRD Gewalt gegen Frauen und die Gleichstellung von homosexuellen Menschen erörtert (vgl. Prchal, 2002, S. 61). Nach Ostner stand in dieser Zeit die jüngere Generation ihren Vätern kritisch gegenüber. Eine große Anzahl junger Erwachsener warf den männlichen Elternteilen Versagen vor, waren diese doch in vielen Fällen Anhänger des Nationalsozialismus gewesen. Während die Älteren nach dem Krieg ihre Taten verdrängten und verschwiegen, diskutierte die 68er-Bewegung in der BRD die Rolle ihrer Väter vor allem in negativen Kategorien (vgl. Ostner, 2005, S. 47). Frauen wollten ihr Leben nach eigenen Vorstellungen und Interessen gestalten und waren immer seltener dazu bereit, sich Unterdrückung durch ihre Partner gefallen zu lassen (vgl. Meyer, 1993, S. 389). Die wichtigsten Indikatoren dieser Trends waren der starke Rückgang der Geburtenzahlen, die Zunahme der Scheidungen, die Abnahme der Heiraten, der damit verbundene Bedeutungsverlust der Ehe, die steigende Zahl der außerhalb einer Ehe geborenen Kinder und die Anerkennung alternativer Formen der Partnerschaft und Elternschaft (vgl. Gerhard, 2011, S. 9). Während es in den 1960er Jahren prinzipiell üblich war, Mutter und Kind in Heimen getrennt unterzubringen, zeigte sich Ende der 1970er Jahre ein anderes Bild. Kester zufolge wurde ab diesem Zeitpunkt lediglich noch ein kleiner Teil der Mütter und Kinder voneinander separiert. 80,2 Prozent des befragten Personals in den Einrichtungen sprachen sich für eine gemeinsame Unterbringung aus (vgl. Kester, 1979, S. 151). Verschiedene Wohn- und Betreuungsformen – darunter solche mit flexiblen Betreuungszeiten – wie Außenwohngruppen, Wohngemeinschaften und Betreutes Wohnen wurden aufgebaut und der Klientel angeboten (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Kester, 1979, S. 151; Klees-Möller, 1993, S. 148–154; Prchal, 2002, S. 107; Winkelmann, 2000, S. 371). 5.3.7 erklärung der Erziehungsberechtigten für ihr im Heim befindliches Kind vorliegt. Die leiblichen Eltern erhalten dann von der Heimfürsorgerin eine Aufforderung zu einer nochmaligen Aussprache. Beharren diese auf ihrem Entschluß, so wird das zu adoptierende Kind Eltern, die von der Heimleitung ausgewählt werden, übergeben“ (zitiert nach Laudien & Sachse, 2012, S. 209). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 116 Die Häuser wurden oft an andere Einrichtungen der Jugend- und Erziehungshilfe angegliedert, beispielsweise an Mädchenwohnheime (vgl. Meyer, 1993, S. 2; Wendt, 1981, S. 414). Gemäß den Untersuchungsergebnissen einer Studie von Wendt sank die durchschnittliche Kapazität der Häuser in den 1970er Jahren, lag aber nach wie vor bei über fünfzig Plätzen pro Einrichtung (vgl. Wendt, 1981, S. 414)48. Die meisten neuen Wohnungen für Mutter und Kind hatten eine Küche und luden zur Selbstversorgung ein. In wachsendem Maß wurden die Frauen an Entscheidungen und Regelbeschlüssen der Organisation beteiligt (vgl. Kester, 1979, S. 151; Prchal, 2002, S. 107). Beim Bau der ersten Heime mit Apartments für Mutter und Kind hatte man allerdings oft auf die Abgrenzung eines gesonderten Bereichs für das Kind verzichtet. Selbst nach der Umstrukturierung der Heime wohnten somit die Alleinerziehenden meist gemeinsam mit ihren Kindern in einem einzigen Zimmer (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 22; Wallner, 2010, S. 56; Wendt, 1981, S. 440). Eine Mutter konnte weder ihr Kind in diesen Räumlichkeiten schützen, wenn es zu Störungen – zum Beispiel Lärm – kam, noch sich selbst zurückziehen, wenn sie Ruhe brauchte (vgl. Wendt, 1981, S. 440). Die Wohnsituation führe zu Konflikten zwischen den Bewohnerinnen sowie zwischen Müttern und Kindern, schränke Besuchsmöglichkeiten durch Partner ein und erschwere Zweisamkeit sowie sexuelle Kontakte mit dem Partner (vgl. Klees- Möller, 1991, S. 22; Wendt, 1981, S. 440). Während – wie Meyer darlegt – das Wissen über Fragen der Sexualität und Schwangerschaftsverhütung zur Zeit der sexuellen Revolution in den 1970er Jahren wuchs, nahm die Stigmatisierung lediger bzw. alleinerziehender Mütter ab. Vorurteile gegenüber Alleinerziehenden seien keine in weiten Teilen der Gesellschaft gebilligten Grundsätze mehr gewesen. Infolgedessen veränderte sich im Lauf der Geschichte die Zielgruppe der Mutter-Kind-Einrichtungen: Die Altersstruktur der Frauen verschob sich nach oben; die Schwangerschaft war nicht mehr der Hauptgrund für die Unterstützungsleistung durch das Hilfesystem (vgl. Meyer, 1993, S. 388). Rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen schützten unverheiratete Mütter in den 1970er Jahren kaum. In der Folge konnten sich die Kindsväter leicht einer Unterhaltszahlungspflicht entziehen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 18; Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 231). Für Mutter-Kind-Einrichtungen führte die Diskussion um den Abtreibungsparagraphen§ 218 StGB zu öffentlicher Aufmerksamkeit und zunächst zu einem „diffuse[n] Wohlwollen“ (Meyer, 1993, S. 2) gegenüber den Heimen, da sie als gut geeignete Alternative zu Schwangerschaftsabbrüchen erschienen. Die positive Einstellung der Öffentlichkeit wich im weiteren zeitlichen Verlauf einer kritischen Haltung gegenüber den institutionellen Bedingungen und pädagogischen Konzepten (vgl. Wallner, 2010, S. 56). Die Kritik wandte sich gegen die ungünstigen Entwicklungsbedingungen der Heimbewohnerinnen und -bewohner, die Ineffizienz der pädagogischen Maßnahmen 48 Vergleicht man die Angaben von Wendt mit denen einer Untersuchung aus England von Nicholson (1968, S. 26) fällt auf, dass die englischen Einrichtungen etwa zur selben Zeit im Durchschnitt über 13 Plätze verfügten. Es kann vermutet werden, dass deutsche Mutter-Kind-Einrichtungen im europäischen Vergleich relativ spät verkleinert wurden. 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 117 und die unterstellte Funktion der Heimerziehung als Disziplinierungsinstrument der bürgerlichen Gesellschaft (vgl. Kester, 1979, S. 150). Man warf den Leistungsträgern und -erbringern vor, die jungen Frauen über harte Strafen und die Mobilisierung von Schuldgefühlen von weiteren Sexualkontakten abhalten zu wollen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 9). Die Debatte nahm vor allem aufgrund des von Ulrike Meinhof im Frühjahr 1970 produzierten Films Bambule über das Westberliner Fürsorgeheim „Eichenhof “, in dem sie die Arbeit der sogenannten Fürsorgeerziehung kritisierte, an Fahrt auf. Im Jahr darauf veröffentlichte sie das Drehbuch zum Film unter dem Titel Bambule. Fürsorge – Sorge für wen? (vgl. Meinhof, 1971). Der Film sollte ursprünglich im Mai 1970 von der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) ausgestrahlt werden. Da Ulrike Meinhof allerdings zu diesem Zeitpunkt bereits wegen der Beteiligung an der Befreiung des Gefangenen Andreas Baader, bei der ein Angestellter der Justizvollzugsanstalt angeschossen und schwer verletzt worden war, steckbrieflich wegen Mordverdachts gesucht wurde, setzte die ARD den Film ab (vgl. Wagenbach, 1971, S. 103). Erst ab 1994 lief der Film in den dritten Programmen im Fernsehen. Auf die Kritik von Meinhof hin veröffentlichten im Jahr 1973 Mitarbeiterinnen eines geschlossenen Mädchenheims in Westberlin – Ollenhauerstraße 128 – in einer Fachzeitschrift eine Dokumentation ihres Arbeitsalltags im Umgang mit den Mädchen. Die Veröffentlichung war anonym, da die Erzieherinnen um ihren Arbeitsplatz fürchteten, wenn bekannt würde, wer das Innenleben der Einrichtung an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Sie kritisierten den Alltag wie folgt: „Nirgendwo wird in Sozialisationsprozessen eine so klare geschlechtsspezifische Rollendressur durchgeführt wie in Erziehungsheimen. […] Regelungen des Ausganges, äußeres Erscheinungsbild, Regeln des Umgangs mit Freunden, bzw. anderen männlichen Personen, sind in keinen Einrichtungen so spezifisch geregelt wie in Heimen für Mädchen. Nirgendwo in anderen Heimen ist die Sexualunterdrückung so massiv wie in Mädchenheimen“ (Heimerzieherzeitschrift, 1973, S. 13). Der Verband Alleinstehender Mütter und Väter riet im Jahr 1977, Wohnheime für Schwangere und Mütter als vorübergehende Notlösung anzusehen. Die Mädchen bzw. Frauen seien dort „abhängiger und isolierter als bei fast jeder anderen Lösung“ (Verband Alleinstehender Mütter und Väter e. V., 1977, S. 38). Tatsächlich sank in den 1970er und 1980er Jahren die Anzahl der Plätze in Mutter-Kind-Einrichtungen (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 19), da die Leistungsträger sich mit der Bewilligung von Hilfen zögerlich verhielten (vgl. Weidle, 1991, S. 15). Zur gleichen Zeit entstanden die ersten pädagogisch orientierten Angebote (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V., 1999, S. 3; Gaffron, 2009, S. 57; Wallner, 2010, S. 53; Winkelmann, 2000, S. 371), meist in Großstädten (vgl. Meyer, 1993, S. 2). Eine Reformbewegung wie die Heimkampagne, und damit eine zunehmende Einflussnahme von außen auf das Heimwesen wie in der BRD, fand in der DDR nicht statt (vgl. Sack & Ebbinghaus, 2012, S. 309). In der DDR habe sich erst in den 1980er Jahren eine staatskritische Frauenbewegung etabliert. Die Anhängerinnen und Anhänger hätten vornehmlich gegen ein neues Wehrdienstgesetz protestiert, welches die Wehrpflicht für Frauen vorgesehen habe. Den Ausschluss von Männern aus Vereinigungen der Frauenbewe- 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 118 gung sahen die ostdeutschen Frauengruppen im Gegensatz zu den Westdeutschen nicht vor (vgl. Prchal, 2002, S. 64–68). Die Reformbewegungen griffen jedoch auch in der BRD nicht sofort: Mädchen wurden – so Wallner – noch längere Zeit wesentlich häufiger geschlossen untergebracht als Jungen. Im Jahr 1975 habe es in 48,5 Prozent der Mädchenheime geschlossene Gruppen gegeben, während solche Strukturen lediglich in 15,4 Prozent der Jungenheime und in 5 Prozent der koedukativen Einrichtungen vorkamen. Zur gleichen Zeit lebten etwa 42,8 Prozent der Mädchen in geschlossenen Gruppen im Gegensatz zu 4,1 Prozent der Jungen (vgl. Wallner, 2010, S. 43). In Heimen für „gefallene Mädchen“ seien die Bewohnerinnen besonders streng isoliert und deren Tagesablauf vollständig reglementiert worden, damit sichergestellt war, dass die Mädchen sexuell abstinent lebten. Von Jungen, die aufgrund früher Sexualkontakte und jugendlicher Vaterschaft mit Heimeinweisung oder geschlossener Unterbringung bestraft wurden, ist nichts bekannt (vgl. Wallner, 2010, S. 56). Kenntnisse über Verhütungsmethoden seien meist nicht weit verbreitet gewesen. Wie Bier-Fleiter und Grossmann zeigten, hatte die Mehrheit der in Mutter-Kind-Einrichtungen lebenden Frauen und Mädchen (neun von 17) vor der Geburt ihres ersten Kindes noch nie empfängnisverhütende Mittel verwandt. In fünf Fällen war der Vater des Kindes der erste Geschlechtspartner. Bei den Befragten hätte die Auffassung vorgeherrscht, eine Schwangerschaft könne nicht so schnell passieren. Zudem hätte der Partner versprochen „aufzupassen“ (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 43). Analysen der Biographien von Bewohnerinnen einer Mutter-Kind-Einrichtung zeigten, dass die Frauen und Mädchen häufig aufgrund unzureichender Verhütung schwanger geworden waren (vgl. Kappen, 1990, S. 145). In den 1970er Jahren seien lediglich wenige Ärzte bereit gewesen, unverheirateten Frauen die Pille zu verschreiben. Da vor der Reform des § 218 StGB jeder Schwangerschaftsabbruch strafbar war, sahen sich viele schwangere Mädchen gezwungen, das Kind auszutragen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 18). Während es der Frauenbewegung und anderen gesellschaftskritischen Gruppen für die Soziale Arbeit und in betrieblichen und verbandlichen Strukturen gelang, in der nachfolgenden Zeit eine flächendeckende Infrastruktur an sozialen Hilfen für Mädchen und Frauen zu etablieren, wurde eine Förderung von Hilfen für Männer weiterhin nicht in Betracht gezogen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 16). 1990er Jahre Nach der Wende trat im Oktober 1990 in den neuen und zu Beginn des Jahres 1991 in den alten Bundesländern das Kinder- und Jugendhilfegesetz in Kraft. Sämtliche Säuglingsheime und Einrichtungen für Kleinkinder sollten durch flexiblere Formen der Hilfen – vor allem durch ambulante Maßnahmen – ersetzt werden (vgl. Prchal, 2002, S. 134). In der Begründung zum Gesetzestext des § 19 SGB VIII wurde klargestellt, dass mit dieser Vorschrift das bestehende Angebot an Mutter-Kind-Einrichtungen und an anderen für diese Bedarfslagen geschaffenen Wohnformen wie Außen- 5.3.8 5.3 Spannungsgeladene Entstehungsbedingungen der Einrichtungen 119 wohngruppen gesetzlich abgesichert werden sollte (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 99). Im Zuge eines Änderungsgesetzes wurde 1993 die Überschrift des § 19 SGB VIII von „Vater/Mutter-Kind-Einrichtungen“ in „Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder“ umbenannt (vgl. Möller & Busch, 2006, S. 99). Trotz erster Reformen blieben die Angebote für Mütter bzw. Väter und Kind bis in die 1990er Jahre hinein weiterhin latent strafend (vgl. Wallner, 2010, S. 56). Klees-Möller zufolge wurde Ende der 1980er Jahre zwar seltener als in den 1970er Jahren, aber dennoch zuweilen „sexuelle Auffälligkeit“ oder „sexuelle Gefährdung“ der Mütter bzw. Schwangeren diagnostiziert und als Grund für die Aufnahmen angegeben. Die Formulierungen ließen darauf schließen, dass das Personal der Einrichtungen weiterhin gängigen Geschlechterstereotypen unkritisch gegenüberstehe (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 27). Ob sich die traditionellen Geschlechterrollen- und Familienbilder seit der Wende auflösen, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Insgesamt sei seither eine Pluralisierung der Lebensformen und -vorstellungen zu beobachten, auch in Bezug auf die Vaterrolle (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197). Der Trend wurde nach Klees-Möller insbesondere dadurch verstärkt, dass sich das in Westdeutschland vorherrschende Ideal der nichtberufstätigen Frau selten umsetzen ließ, da die Familien häufig auf die Einkünfte beider Eltern angewiesen waren. Weiterhin konnte die zunächst vermutete Schädlichkeit der Arbeitstätigkeit von Müttern für die Kindesentwicklung nicht nachgewiesen werden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Gleichzeitig suchten, so Klees-Möller, mehr Väter ihren Lebenssinn innerhalb der Familie. Weil die Männer in ihren Berufen in vielen Fällen weitgehend von ihrer Arbeitstätigkeit entfremdet seien, wachse die Hoffnung, innerhalb der Familie Erfüllung und Lebenssinn zu finden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 148–154). Allerdings, so die Kritik, werde im institutionellen Gefüge in Westdeutschland – seit den 1960er Jahren bis heute unverändert – ganz im Gegensatz zur individuellen Lebensgestaltung an der Ausrichtung auf traditionelle Geschlechterrollen festgehalten (vgl. Hofmeister, Baur & Röhler, 2009, S. 197; Klees-Möller, 1993, S. 148–154). 5 Wohnformen nach § 19 SGB VIII: Ausformung und Spannungsfelder 120

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Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.