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4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 45 - 66

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-45

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
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Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe In der heutigen Zeit ist die Geburt eines Kindes für die Eltern ein einschneidendes Ereignis, dessen Verarbeitung Kräfte erfordert, das zum Scheitern führen, die persönliche Entwicklung belasten und die Ruhe einer harmonischen Zweierbeziehung stören kann. Insbesondere die Geburt des ersten Kindes stellt eine tiefgreifende Veränderung für den Einzelnen, aber auch für die bisherige Paarbeziehung dar. Es gilt nun, die Bedürfnisse des Säuglings zu befriedigen, während die eigenen häufig zunächst hintangestellt werden müssen, da das Neugeborene die Aufmerksamkeit beider Eltern intensiv fordert (vgl. Cowan & Cowan, 1992; Eickhorst et al., 2010, S. 620; Frevert, Cierpka & Joraschky, 2008, S. 171–197). Biografische Konzepte, Aufgabenteilung und die Beziehung des Elternpaares stehen neu zur Disposition und müssen verhandelt werden (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 88). Babys unterscheiden sich in ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus, ihrer Grundstimmung, ihrer Anpassungsfähigkeit und in ihrem Schreiverhalten. Da Eltern gerade in den ersten Lebensmonaten deren Verhalten lediglich bedingt vorhersagen können und die Kinder vollkommen von der Pflege und Betreuung ihrer Eltern abhängig sind, fordern Babys ihre Eltern in dieser Zeit besonders intensiv (vgl. Kalicki, Peitz und Fthenakis, 2006, S. 90). Nach einer Untersuchung von Kalicki, Peitz und Fthenakis (2006, S. 89)16 nimmt die Beziehungsqualität in der Partnerschaft häufig nach der Geburt eines Kindes ab. Der Übergang zur Elternschaft wirkt zusätzlich über das Familiensystem hinaus: Wie Brauner (2006, S. 59) darlegt, müssen in fast allen Fällen die Beziehungen zwischen den Elternteilen und deren Herkunftsfamilien neu definiert werden und das soziale Netzwerk des Paares verändert sich tiefgreifend. Bedarfe von Männern an beraterischer und pädagogischer Hilfe Der folgende Abschnitt geht den Fragen nach, welche beraterischen und pädagogischen Hilfebedarfe Männer haben. Über lange Zeit wurde der Mann als Wesen ohne Probleme wahrgenommen, so Hollstein und Matzner, wozu er sich nicht zuletzt 4 4.1 16 Ziel der Studie war es, Veränderungen bei der Geburt eines Kindes näher zu erschließen. Dazu wurde die Entwicklung junger Familien nach der Geburt eines Kindes über drei Jahre hinweg verfolgt. Mit Hilfe von Fragebögen wurden 175 Paare aus dem gesamten Bundesgebiet befragt, die zwischen Dezember 1995 und August 1996 ein Kind bekommen hatten. Die meisten Paare lebten im Raum München und Paderborn (vgl. LBS-Initiative Junge Familie, 1997, S. 1). 45 selbst stilisiert habe. Männer galten als potent, sowohl sozial als auch politisch, sexuell, gesundheitlich und beruflich. Die philosophische und schöngeistige Literatur bekräftigte diese Bilder seit der Antike bis spät in das zwanzigste Jahrhundert (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 9). Mit der Verbreitung des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit von Connell (2006) begann eine Ausdifferenzierung von Männlichkeiten. Männlichkeit kann demnach nicht gleichgesetzt werden mit herrschender Männlichkeit und dem Macht-Mann. Es gebe daneben auch marginalisierte Männlichkeiten. Bourdieu zufolge können Männer auch als Opfer von Geschlechterstereotypen begriffen werden. Zum „Paradox der Männlichkeit“ gehöre, stets „einen leidenschaftlichen Kampf gegen das Gefühl der Verletzbarkeit“ (Bourdieu, 2005, S. 94) führen zu müssen. Dies mache sie zu „Gefangene[n] und auf versteckte Weise Opfer[n] der herrschenden Vorstellung“ (Bourdieu, 2005, S. 90). Gleichzeitig mit der Erschütterung der hergebrachten Geschlechtervorstellungen werde sukzessive bekannt, das Männlichkeit tatsächlich mit speziellen Risiken für Gesundheit und Teilhabemöglichkeiten verbunden ist: Männer werden häufiger kriminalisiert als Frauen. Dreimal so viele Männer wie Frauen bringen sich um, in der Pubertät ist die Anzahl der männlichen Suizide gar um fast ein Zehnfaches höher als die der weiblichen (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 9; Scherr, 2002, S. 377). Das angeblich starke Geschlecht stirbt in Industrienationen etwa sieben Jahre früher als das vermeintlich schwache. Männer entspannen unzureichend, bewegen sich zu wenig, gehen zu selten zum Arzt, missachten körperliche Warnsignale und verfügen kaum über Gesundheitskenntnisse (vgl. Hollstein, 2007, S. 38). Je mehr die Gesundheitsforschung den Mann zum Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Arbeit mache, desto deutlicher werde, wie krank Männer in Wirklichkeit seien und wie krankmachend auch die Bedingungen, unter denen Männlichkeit gelebt und „exerziert werden“ müsse (Hollstein & Matzner, 2007, S. 9). Aus der traditionellen Männerrolle könnten neben dem gesundheitlichen Aspekt weitere spezielle Risiken und Belastungen erwachsen; allem voran ein eingeschränktes Gefühlsleben (vgl. Hollstein, 2007, S. 37). Männer hätten Schwierigkeiten, sich emotional frei und offen auszudrücken und geständen aus einer tiefen eigenen Angst diese Fähigkeit auch anderen Männern nicht zu. Das bedinge, dass Männer ihre emotionale Kontrolle nicht aufgeben, sich nicht verletzlich zeigen wollten und vor neuen emotionalen Erfahrungen zurückschreckten. Als Folge der unterdrückten Gefühlsregungen entstünden Verärgerung, Frustration, Feindseligkeit und Wut, die sich dann nicht selten explosionsartig in Aggressivität und Gewalt äußerten (vgl. Hollstein, 2007, S. 37). Es stelle sich zunehmend auch hinsichtlich der Gestaltung familiärer Beziehung heraus, dass Paarkonflikte, Gewalt, Trennungen und Scheidungen in ihrer Vorgeschichte häufig aufgrund einer männlichen Beziehungsunfähigkeit entstünden (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Hollstein sieht zudem in Kontroll-, Macht- und Wettbewerbszwängen entscheidende Ohnmachtsaspekte der Männerrolle. Die Orientierung an den drei Attributen zur Messung der eigenen Männlichkeit werde bereits im frühen Kindesalter anerzogen. Jungen bekämen sowohl mehr positives Feedback als Mädchen, wenn sie sich an die männliche Leistungsnorm halten, wenn sie dies nicht zu Genüge tun, würden sie al- 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 46 lerdings auch viel häufiger bestraft. Niederlagen seien mit Entmännlichung identisch. Kontrolle, Macht und Wettbewerb seien auch die entscheidenden Indikatoren, nach denen Männer ihre persönliche Beziehung bewerten, was folglich zur Abwertung von sozialer Verantwortung, Ethos, Mitmenschlichkeit und Fürsorge führe (Hollstein, 2007, S. 37). Männer erleben häufiger als Frauen ihr Selbstwertgefühl und ihre Erfahrungen von Glück und Lebenssinn primär oder sogar exklusiv über ihre Arbeit und ihre Gratifikationen. Eine besondere Bedeutung komme dabei der Verknüpfung der männlichen Arbeitsrolle mit der des Familienernährers zu. Die materielle Erfolgsorientierung beinhalte, dass der Mann im Schnitt einen größeren Teil der Zeit und Kraft in seine Arbeitsleistung investiere, sich dementsprechend sukzessive von Frau und Kindern emotional entferne und gegenüber seiner Familie distanziere (vgl. Hollstein, 2007, S. 38). Männer verfügen oft – ganz im Gegensatz zu Frauen – kaum über gleichgeschlechtliche Freundschaften und privat über praktisch keine sozialen Netzwerke (vgl. Hollstein, 2007, S. 42). Die übergroße Mehrheit der Männer kann den gesellschaftlichen Vorstellungen von Karriere und Erfolg jedoch gar nicht gerecht werden (vgl. Hollstein, 2007, S. 43), gerade in sozial benachteiligten Familien vor dem Hintergrund einer „neuen Armut“ und Massenarbeitslosigkeit (vgl. Matzner, 2007 b, S. 176). Die Folge sei andauernder Stress. Die Männerforschung gehe soweit, die traditionelle Männlichkeit prinzipiell als „lebensbedrohend“ oder Männer aus gesundheitspolitischer Sicht als das „schwache Geschlecht“ zu definieren (vgl. Hollstein, 2007, S. 43). Gleichzeitig machen Hollstein und Matzner einen Widerwillen der meisten Männer aus, sich mit ihrer Verfassung und ihrer Rolle auseinanderzusetzen. Allerdings werde eine solche Reflexion von gesellschaftlichen Institutionen ebenfalls nicht unterstützt. Dies stehe im Gegensatz zu dem, was Frauen in der Aufbruchphase der Emanzipationsbewegung an staatlicher Hilfe zugekommen sei (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Die Vorstellung, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer ein Geschlecht hätten und zu „Männern“ gemacht würden, setze sich im deutschsprachigen Raum weder in der Öffentlichkeit noch in der Wissenschaft durch (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Eine Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Männlichkeit durch die Frauen- und Geschlechterforschung war lange Zeit aus ideologischen und forschungsökonomischen Gründen nicht gewollt und nicht möglich (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10). Da die Frauenbewegung, so Sabla, die Entwicklung der Sozialen Arbeit stark beeinflusste, neigte man auch in diesem Feld lange dazu, Männern eher die Täterrolle zu unterstellen. Erst der Paradigmenwechsel der Geschlechterforschung hin zu einer Auseinandersetzung mit der Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit war der Anlass, den Blickwinkel auch in der Sozialen Arbeit über eine Opfer- und Täterperspektive hinaus zu öffnen (vgl. Sabla, 2008, S. 59). Gerade im Feld der Sozialen Arbeit fehlt es trotz aller Tendenzen in Richtung auf politische, rechtliche, familiale und ökonomische Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung von Männern und Frauen an disziplinärer und professioneller Selbstreflexion, was die Männerrolle betrifft (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 10; Scherr, 2002, S. 380). Die Forschung Sozialer Arbeit konzentrierte sich bisher auf Mädchen und Frauen als Adressatinnen und Helferinnen, in seltenen Fällen auch auf Jungen (vgl. Bent- 4.1 Bedarfe von Männern an beraterischer und pädagogischer Hilfe 47 heim et al., 2004, S. 91; Matzner, 2007 a, S. 13). Sie reflektierte – wenn überhaupt – nahezu ausschließlich die weibliche Geschlechterrolle (vgl. Sabla, 2008, S. 55). Es fehle an einer systematischen theoretischen Erarbeitung der Gegenstandsbereiche „Soziale Arbeit mit Jungen und Männern“ bzw. „Soziale Arbeit und Männlichkeit“ (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 11). Männer gelten meist als Mitverursacher der Notlagen von Frauen und Mädchen (vgl. Sabla, 2008, S. 59), teilweise werden sie als „Störenfriede“ bewusst ausgegrenzt (vgl. Matzner, 2007 b, S. 176). In den Handlungsfeldern Sozialer Arbeit seien Frauen und Männer in einer eigentümlichen Geschlechterordnung und -kultur tätig, die sich in verschiedener Art und Weise äußern könne (vgl. Hollstein & Matzner, 2007, S. 11). Wetterer problematisiert, dass im Diskurs häufig die hierarchische Beziehung zwischen Männern und Frauen am Arbeitsplatz auf die Beziehung der beiden Geschlechter übertragen werde (Wetterer, 2008, S. 32). Er kritisiert die Rückführung einer angeblichen Abhängigkeit der Frauen von Männern auf biologische Determinanten als Verschleierung der sozialen Herkunft der Geschlechterdifferenz (vgl. Wetterer, 2008, S. 32). Matzner sieht in der Verschleierung der Zwänge für Männer durch die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit ein Risiko für die Soziale Arbeit insgesamt: Pädagogische Ansätze und Begründungen der Hilfen, die männliche Bedarfslagen einseitig und damit unsachgemäß behandeln, könnten sowohl männliche Fachkräfte als auch die männliche Klientel davon abhalten, sich in den Bereichen Sozialer Arbeit zu engagieren (vgl. Matzner, 2007 a, S. 19). Tatsächlich steigere das Mannsein in einigen Bereichen die Wahrscheinlichkeit, in eine Situation der Hilfsbedürftigkeit zu geraten und damit zum Adressaten Sozialer Arbeit zu werden (vgl. Scherr, 2002, S. 377) – so beispielsweise für alkoholabhängige, wohnungslose und straffällige Menschen17 (vgl. Matzner, 2007 a, S. 14–20). Trotzdem ist der Bedarf an diversen Hilfsangeboten für Männer – wie Matzner darlegt – wesentlich größer als das bestehende Angebot. Für manche Bedarfslagen von Männern gebe es nahezu keine oder nur in wenigen Großstädten Angebote bzw. es existierten vermeintlich geschlechtsneutrale Angebote, die faktisch aber auf die Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sind (vgl. Matzner, 2007 a, S. 13). Die wenigen Angebote, die sich mittlerweile in einzelnen Städten etabliert hätten, konzentrierten sich überwiegend auf Jungen in der Pubertät, während jüngere und ältere männliche Menschen vernachlässigt würden (vgl. Matzner, 2007 a, S. 20). Scherr sieht in der Gewalt durch Männer eine besondere Problemlage für die Soziale Arbeit. Gewaltfähigkeit und Gewaltbereitschaft sowie eine Haltung der aktiven sexuellen Eroberung von Frauen würden von manchen Männern als „typisch männlich“ definiert. Vor diesem Hintergrund entwickeln sich, so Scherr, legitime und illegitime Ausprägungen männlicher Gewalt. Scherr führt die Verschiedenheit der Darstellung und Herstellung von Männlichkeit in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen auf die Unterschiede im Vorhandensein ökonomischer, sozialer und kultureller Ressourcen zurück (vgl. Scherr, 2002, S. 382). Geschlechterstereotype wiesen Män- 17 Dieser Aspekt soll im Abschnitt 5.2 mit Blick auf die historischen Rahmenbedingungen bei der Entstehung des Angebotsformats der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder beleuchtet werden. 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 48 nern die Aufgabe zu, ihre gegenwärtigen oder künftigen Familienangehörigen ökonomisch zu versorgen, ihre Familie und Bezugsgruppe vor Gefahren und Feinden zu schützen sowie legitimen Nachwuchs zu zeugen. Darauf bezogen seien die Möglichkeiten, sich als Mann darzustellen, ungleich verteilt. Angehörige der akademisch gebildeten Mittelschicht seien in der Lage, sich durch das Vorzeigen von Bildungstiteln und beruflichen Karrieren als Männer zu präsentieren, die über Zugang zu überdurchschnittlichem Einkommen und sozialem Prestige verfügten. Nach Scherr könnten sie sich leichter als Versorger darstellen. Dagegen verfügten sozial benachteiligte Jungen und Männer im Extremfall allein über ihren Körper als Ressource. Sie könnten den Nachweis ihrer Männlichkeit einzig über das Vorzeigen physischer Stärke (Beschützer) und sexueller Potenz (Erzeuger) erbringen. Es sei also kein Zufall, dass Formen des Ausdrucks körperbetonender, sexueller Potenz und Gewaltfähigkeit besonders unter ressourcenschwachen jungen Männern verbreitet seien (vgl. Scherr, 2002, S. 383). Matzner betont darüber hinaus, dass Gewalt an Frauen zwar berechtigterweise ein großes Thema sei, gleichzeitig problematisiert er jedoch, dass der Aspekt von Männern als Opfer von Gewalt selten diskutiert werde. Dies sei sehr erstaunlich, da (junge) Männer einer deutlich größeren Gefahr unterlägen, zum Opfer von Gewalt zu werden (vgl. Matzner, 2007 a, S. 22). Es sei daher bemerkenswert, dass heterosexuelle Männer nahezu ausschließlich als Missbraucher oder abwesende Väter dargestellt würden, anstatt sich der Tatsache zu stellen, dass die Mehrheit der Männer nicht in diesen negativen Kategorien beschrieben werden könne (vgl. Matzner, 2007 a, S. 22). Auffällig sei darüber hinaus, dass selbst in den Bereichen Sozialer Arbeit, in denen Männer als Klienten überrepräsentiert seien, auf den Zusammenhang zwischen Geschlecht und der gesellschaftlichen Ursache für die Bedarfe kein Bezug genommen werde, so beispielsweise in der Sozialen Arbeit mit Straffälligen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 23). Scherr zufolge sehe das männliche Rollenmodell beispielsweise nicht vor, eigenen Gefühlen nachgehen oder darüber reden zu können. Daher müssten sie verdrängt werden. Ferner verfügten Männer seltener über enge Bezugspersonen des gleichen Geschlechts in der eigenen Kindheit. Sie erlebten sich zwar als autonom, seien aber dadurch aufgefordert, ihre Angewiesenheit auf sorgende Beziehungen zu verleugnen und scheiterten vielfach an der darin begründeten psychischen und sozialen Selbst- überforderung (vgl. Scherr, 2002, S. 383). Gerade im Gebiet der psychosozialen Hilfen ist – wie Matzner darlegt – das Angebot für Männer allerdings absolut unzureichend. Es fehle an männerspezifischen Hilfen in folgenden Bereichen: lebenslange Bildung, Arbeitslosigkeit, Beschäftigungsfähigkeit, Familie und Vaterschaft, Scheidung und Trennung, Angebote und Hilfen für Männer mit Migrationshintergrund, Angebote für alte Männer, Angebote für alleinerziehende Väter, Umgang mit Aggressionen und Misserfolgen (vgl. Matzner, 2007 a, S. 18). Dass sich Soziale Arbeit und damit auch Kinder- und Jugendhilfe mit Bedarfen von Männern kaum beschäftigt und sich an der Aufrechterhaltung von Geschlechterstereotypen beteiligt, ist von besonderer Relevanz für den Forschungsgegenstand, weil sie auf immanente Mechanis- 4.1 Bedarfe von Männern an beraterischer und pädagogischer Hilfe 49 men in gemeinsamen Wohnformen für Mutter/Vater und Kind hindeuten könnten, Männer grundsätzlich auszuschließen. Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung Neben dem bereits erwähnten Umstand, dass die Entfremdung von einem Elternteil oder anhaltende Partnerschaftskonflikte der Eltern die Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen können, existieren andere Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung. Diese werden im folgenden Abschnitt dargestellt. Armut stellt – wie Seus-Seberich zeigt – in beträchtlichem Maße ein solches Risiko dar. Sie könne bei Kindern zu Entwicklungsdefiziten, Unterversorgung und sozialer Ausgrenzung führen. Bei kleinen Kindern spiele die Gefahr der Vernachlässigung eine besondere Rolle. Auch Gewalt gegen Kinder komme in armen Familien häufiger vor. Zudem bedeutet soziale Benachteiligung auch durchschnittlich eine schlechtere Gesundheit sowie häufigeres Auftreten von Behinderungen (vgl. Seus-Seberich, 2006). Allerdings deuten, wie Reinhold und Kindler zeigen, einige Befunde darauf hin, dass auch Kinder aus sehr wohlhabenden Bevölkerungskreisen überdurchschnittlich häufig Entwicklungsbelastungen und Gefährdungen erleben, beispielsweise erzieherische Vernachlässigung, aber kaum je als solche Fälle in Jugendämtern erfasst werden. Arbeitslosigkeit eines oder beider Elternteile hatte in Längsschnittstichproben nur einen schwachen Risikofaktor für eine anhaltende oder erneut auftretende Gefährdung des Kindeswohls (vgl. Reinhold & Kindler, 2006). Mehrere Studien (dargelegt durch Kindler, 2006 d) fanden ein für Kinder alkoholabhängiger Eltern im Durchschnitt zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko, selbst im Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter an einer Alkoholabhängigkeit zu erkranken. Insgesamt könnten elterliche Suchterkrankung18 und Belastungen kindlicher Entwicklung durch verschiedene Vermittlungsmechanismen zusammenhängen: durch die Weitergabe genetischer Belastungen, durch die Effekte eines mütterlichen Suchtmittelgebrauchs während der Schwangerschaft, durch Einschränkungen in der Fähigkeit eines Elternteils, dem Kind als feinfühlige Bindungsperson zur Verfügung zu stehen, notwendige Regeln zu vermitteln und die geistige Entwicklung zu fördern, sowie durch Misshandlungen. Auch möglich sei, dass sich eine elterliche Suchterkrankung über ihre familiären und sozialen Begleiterscheinungen indirekt belastend auf das Kindeswohl auswirke. Zu denken sei hier etwa an eine drastisch erhöhte Häufigkeit von Partnerschaftsgewalt in Familien mit einem suchtkranken Elternteil, an die erhöhte Wahrscheinlichkeit für Trennung bzw. Scheidung und für ökonomische Belastungen infolge von Suchterkrankungen, sowie für Kündigungen oder Arbeitsunfähigkeit. Eine Abhängigkeit von illegalen Drogen gehe zudem vielfach mit weiteren kriminellen Aktivitäten und Strafverfolgung einher. Zudem wurden im Hinblick auf eine nochmalige Steigerung der Risiken für betroffene Kinder mehrfach Wechselwirkun- 4.2 18 Suchterkrankungen bei Eltern umfassen die Abhängigkeit von Alkohol, Opioiden (z. B. Heroin), Kokain und anderen psychotropen Stoffen (vgl. Kindler, 2006 d). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 50 gen mit weiteren psychischen Erkrankungen bei den Eltern beschrieben (vgl. Kindler, 2006 d). Da bei einem erheblichen Teil der von Suchterkrankungen betroffenen Eltern zusätzliche psychische Erkrankungen vorliegen bzw. nicht selten der andere Elternteil psychiatrische Auffälligkeiten aufweist, lassen sich die bei Kindern suchtkranker Eltern beobachtbaren Beeinträchtigungen im Entwicklungsverlauf häufig nicht allein auf die elterliche Suchterkrankung zurückführen. (vgl. Kindler, 2006 d). Studien zum Zusammenhang zwischen elterlichen Angst-, Zwangs- und Belastungsstörungen und kindlicher Entwicklung fehlen, wie Kindler zeigt, noch weitgehend. Wissenschaftliche Befunde lägen vor allem für schizophrene und affektive Störungen – beispielsweise Depressionen – sowie für Persönlichkeitsstörungen vor. Nach gegenwärtigem Wissensstand scheine das Risiko von Kindesmisshandlungen vor allem bei Eltern mit antisozialer Persönlichkeitsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung oder Depression gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht. Bei schizophrenen Störungen scheine es in eher seltenen Fällen zu Gewalt zu kommen, etwa wenn ein Kind in Wahnvorstellungen einbezogen werde. Bei vielen psychischen Störungen erhöhe die Erkrankung eines Elternteils das Risiko für die Kinder beträchtlich, im Verlauf ihres Lebens selbst eine psychische Störung auszubilden (vgl. Kindler, 2006 c). Bislang beschäftigen sich, wie Kindler kritisiert, nur wenige Untersuchungen mit der Entwicklung von Kindern, bei denen mindestens ein Elternteil intellektuelle Einschränkungen aufweist. Ähnlich wie etwa bei psychisch kranken Eltern werde auch in Bezug auf Eltern mit intellektuellen Einschränkungen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Feststellung intellektueller Beeinträchtigung allein in der Regel keine fundierten Schlussfolgerungen hinsichtlich der Gefährdung eines Kindes oder der Erziehungsfähigkeiten eines Elternteils ermögliche. Im Verhältnis zu ihrem Anteil in der Bevölkerung seien Familien, in denen mindestens ein Elternteil bedeutsame intellektuelle Einschränkungen aufweise, auf allen Ebenen der Bearbeitung von Gefährdungsfällen – wie Gefährdungsmeldungen und Sorgerechtsentzüge – um ein Mehrfaches überrepräsentiert. Es sei unklar, zu welchem Anteil diese Überrepräsentation durch Diskriminierung, etwa in Form fehlgeleiteter Gefährdungseinschätzungen oder eines besonderen Mangels an geeigneten Hilfen, mit bedingt sei (vgl. Kindler, 2006 a). Kindler zufolge sprechen mehrere Untersuchungen für einen direkten und kausalen Einfluss miterlebter Partnerschaftsgewalt auf die kindliche Entwicklung. Mit Partnerschaftsgewalt bezeichnet er „alle Formen körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt zwischen Erwachsenen, die sich durch eine Partnerschaft miteinander verbunden fühlen oder gefühlt haben“ (Kindler, 2006 b). Sie trete in verschiedenen Formen und Mustern auf. Während ein Muster seltener, wenig verletzungsträchtiger und oft wechselseitiger körperlicher Auseinandersetzungen weit verbreitet scheint, trete ein Muster wiederholter, oft verletzungsträchtiger und in Formen der Kontrolle bzw. Demütigung eingebetteter Partnerschaftsgewalt seltener auf und werde überwiegend von Männern gegenüber Partnerinnen ausgeübt. Das zuletzt genannte Muster verursache einen weit überproportionalen Anteil der mit Partnerschaftsgewalt verbundenen körperlichen und psychischen Verletzungen bei Opfern (vgl. Kindler, 2006 b). Zusammenhänge zwischen Partnergewalt und kindlicher Entwicklung seien bislang überwiegend bei Kindern untersucht worden, die eine mehrfache bzw. schwere 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 51 Form miterleben mussten. Die solcherart betroffenen Kinder beschrieben die miterlebte Gewalt nahezu durchgehend als sehr belastend und schilderten einen massiven Verlust emotionaler Sicherheit. Überwiegend waren zumindest zeitweise einzelne Merkmale einer Belastungsstörung feststellbar, die sich bei einer substanziellen Minderheit zu einer klinisch relevanten posttraumatischen Belastungsstörung verdichteten (vgl. Kindler, 2006 b). Kindler zufolge wird häufig ein deutlicher Unterdrückungseffekt der tatsächlich vorhandenen schulischen Begabungen beobachtet. In Langzeituntersuchungen habe sich eine im Schnitt verdreifachte Rate an Gewalt in den späteren Partnerschaften betroffener Kinder gezeigt. Ein Teil der beobachteten Effekte ist aber auch darauf zurückzuführen, dass von Partnerschaftsgewalt betroffene Kinder deutlich häufiger als nicht betroffene Kinder auch am eigenen Körper Misshandlungen erfahren mussten (vgl. Kindler, 2006 b). Auf der Grundlage der jährlichen Aufnahmezahlen der Frauenhäuser lasse sich schätzen, dass jährlich 50 000 bis 70 000 Kinder Partnerschaftsgewalt miterleben. Allerdings werde nur eine Minderheit der von Partnerschaftsgewalt betroffenen Mütter vom Angebot der Frauenhäuser erreicht oder wende sich an die Polizei bzw. das Familiengericht. Dunkelfelderhebungen mit Jugendlichen erbrächten einen Anteil von etwa sieben Prozent der Befragten, die im Jahr vor der Befragung häufiger Gewalt des (sozialen) Vaters gegen die Mutter oder beider Eltern gegeneinander erleben mussten (vgl. Kindler, 2006 b). Problematisierung minderjähriger Elternschaft In unserer Gesellschaft und auch in der Sozialen Arbeit wird „minderjährige Mutterschaft“ als Problem konstruiert. Entgegen landläufiger Vorstellungen steigt die Zahl jugendlicher Mütter jedoch nicht an, sondern ist im Verhältnis zur Gruppe der Gleichaltrigen in den letzten Jahren relativ konstant geblieben. Die Mädchen und jungen Frauen mit Kind gehören zu einer Minderheit in ihrer Altersgruppe (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68). Allerdings müssen jugendliche Mütter – vor allem in der Anfangszeit – tatsächlich besonders große Anpassungsaufgaben leisten, weil sie in einer Lebensphase schwanger werden, in der sie selbst eine Vielzahl von alterstypischen Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Während sie damit beschäftigt sind, die tägliche Versorgung für die Familie zu organisieren, lassen sich ihre jugendspezifischen Bedürfnisse nicht abstellen. Häufig geraten sie dadurch in einen Zwiespalt (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 34; Bindel-Kögel, 2006, S. 71–73). Die Interaktion minderjähriger Mütter mit ihren Kindern wird in der Fachliteratur im Vergleich zu der volljähriger als weniger feinfühlig beschrieben (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Von der Fachöffentlichkeit werde – oft ohne empirische Belege anzuführen – angenommen, Kinder jugendlicher Mütter entwickelten sich im Vergleich zu Gleichaltrigen häufig verzögert (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68). 4.2.1 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 52 Der Zweifel an der Sicherheit und Kompetenz junger Frauen, Verantwortung und Sorge für ihr Baby zu tragen, entstehe insbesondere, weil Elternschaft in der Jugend außerhalb der Norm unserer Gesellschaft liege (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Nach wie vor stellen minderjährige Mütter, so Bindel-Kögel, eine Provokation dar: Sie bekommen ein Kind trotz Aufklärung und Pille, obwohl sie weder über finanzielle Mittel verfügen noch einen verlässlichen Partner an ihrer Seite haben (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68). Bindel-Kögel kritisiert das übliche Vorgehen, das Verhalten junger Mütter gegenüber ihrem Kind besonders akribisch unter die Lupe zu nehmen. Die Gruppe der jungen Mütter stelle nicht per se eine „Problemgruppe“ dar (vgl. ebd.). Tatsächlich trägt nicht das jugendliche Alter der Mutter zur Einschränkung intuitiver elterlicher Kompetenzen bei, sondern vor allem andere Risikofaktoren (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Nach einer internationalen Vergleichsstudie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) haben viele minderjährige Mütter negative Kindheitserfahrungen wie Vernachlässigung, Erwerbslosigkeit und Alkoholismus bei den Eltern, materielle Not, Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch erlebt (vgl. UNICEF, 2001, S. 15). Die mangelnden Beziehungserfahrungen in der eigenen Kindheit stellen ein Risiko für die eigene Entwicklung der jugendlichen Mutter und für das Ausbilden sicherer Bindungsformen zum Kind dar (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 72; von Klitzing, 1998, S. 125; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Daneben gestalten sich die Partnerschaften sowie das Vermitteln einer positiven Elternbindung gegenüber dem Kind wegen mangelhafter Erfahrungen schwierig (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361). Intuitive elterliche Kompetenzen scheinen sich also bei vielen jungen Müttern nicht sofort einzustellen (vgl. ebd., S. 360). Mit Fremdheitsgefühlen würden die Betroffenen jedoch oft alleingelassen, weil solche Emotionen gesellschaftlich tabuisiert seien (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 71–73). Hilfsangebote nähmen jugendliche Mütter selten oder später als ältere an (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 360). Gemäß einer internationalen Studie von UNICEF haben 57 Prozent der Frauen, die bis zu ihrem 19. Lebensjahr Mutter wurden, keine höhere Schule besucht. Demgegenüber stehen nur 24 Prozent derjenigen, die zwischen dem 20. und 29. Lebensjahr Mutter wurden (vgl. UNICEF, 2001, S. 15). Für Deutschland zeigt eine Studie des Pro Familia Bundesverbands ähnliche Ergebnisse (vgl. Pro Familia Bundesverband, 2006, S. 18). Häufig brechen minderjährige Mütter die Berufsausbildung ab. In der Folge ist das Armutsrisiko für diese Gruppe hoch (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 68; UNICEF, 2001, S. 15). Die soziale Situation und vor allem der Bildungsgrad der Mutter beeinflussen die Entscheidung für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch. Gute Ausbildungs-, Berufs- und Karriereperspektiven sind neben dem geringen Alter der Frau und dem des Partners die stärksten Faktoren, die einen Schwangerschaftsabbruch begünstigen (vgl. Pro Familia Bundesverband, 2006, S. 38). Die Partnerschaften junger Eltern sind hohen Belastungen ausgesetzt und benötigen in vielen Fällen professionelle Unterstützung (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Im Folgenden werden Ergebnisse aus Studien zur Lebenssituation minderjähriger und junger Eltern(-teile) skizziert. Begonnen wird mit einer Studie der Wissenschaftlerin 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 53 Kölbl: Im Rahmen einer qualitativen Untersuchung der Lebenssituation junger Mütter befragte Kölbl fünf minderjährige Mütter (vgl. Kölbl, 2007). Die Befragten waren besonders von Auseinandersetzungen mit dem Kindsvater belastet (vgl. Kölbl, 2007, S. 162–168). Ihre Partner hätten mit Freude auf die Schwangerschaft reagiert, gaben die jungen Mütter mehrheitlich an (vgl. Kölbl, 2007, S. 138). Später seien jedoch vier von fünf Partnerschaften instabiler geworden, lediglich eine Beziehung habe sich intensiviert (vgl. Kölbl, 2007, S. 145–147). Eine Unterstützung der Partner während und nach der Schwangerschaft wurde von den Mädchen als große Entlastung wahrgenommen, selbst wenn die (sozialen) Väter weniger leisteten als die Herkunftsfamilie der Mütter (vgl. Kölbl, 2007, S. 151). Zwei Befragte lebten zum Untersuchungszeitpunkt in keiner Partnerschaft. Beide äußerten den Wunsch, einen Partner zu finden, der sie unterstütze und das Kind akzeptiere (vgl. Kölbl, 2007, S. 165). Die Ergebnisse aus den Interviews offenbarten zum Teil große Konflikte zwischen den Elternteilen (vgl. Kölbl, 2007, S. 145–147). Im Jahr 1998 erteilte die Bundeszentrale an Friedrich und Remberg den Auftrag, eine qualitativ angelegte Studie zu den Lebensbedingungen, Einstellungen und dem Verhütungsverhalten jugendlicher Schwangerer und Mütter durchzuführen, da die Zahl der minderjährigen Schwangeren anstieg. Die Mädchen sollten zu mehreren Zeitpunkten befragt werden (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 7–10). Im Verlauf der ersten Serie von Interviews fanden Friedrich und Remberg heraus, dass – im Gegensatz zur Praxiserfahrung früherer Jahre und zur vorherrschenden Meinung – ein hoher Prozentsatz der werdenden Väter die jungen Mütter nicht verlassen hatte. Im Gegenteil: Die meisten waren nicht nur präsent, sondern auch bereit, sich für die Familie zu engagieren. Da die Fragestellung nach der Rolle der Väter in diesem Zusammenhang bislang nicht untersucht worden sei und die Möglichkeit bestand, mit dem größten Teil der jungen Männer ebenfalls Interviews zu führen, sei der Forschungsauftrag im Jahr 2000 erweitert worden. Die Perspektive der Jugendlichen und jungen Männer zu relevanten paar- und elternspezifischen Themen wurde in die Studie einbezogen, wobei es sich zum einen Teil um leibliche und zum anderen Teil um soziale Väter handelte (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 7–10). Es zeigte sich, dass zwei Jahre nach der Geburt des Kindes 29 von 36 Frauen in verschiedenen Varianten fester Partnerschaften lebten. Diese Ergebnisse legten die Annahme nahe, es zeichne sich auch für jugendliche Väter eine Veränderung hinsichtlich der Akzeptanz der Vaterschaft und der Verantwortungsübernahme für das Kind ab (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 23). Junge Mütter sind zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes häufig alleinerziehend. Immerhin übernehmen ihre Partner in einem Drittel der Fälle Verantwortung für die Erziehung und Pflege des Kindes (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69; Fleßner, 2008, S. 230). In den Fällen, in denen eine Unterstützung durch die Kindsväter stattfindet, profitieren Mutter und Kind davon in großem Maße (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Wie Lehmann, Hiermann und von Klitzing zeigen, sind viele der minderjährigen Mütter selbst ohne den männlichen Elternteil aufgewachsen. Vorbilder von gelungener Vater- oder Partnerschaft fehlen den jungen Frauen daher sowohl für die eigene 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 54 Persönlichkeitsentwicklung als auch für den Umgang mit dem Kind (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361). Cierpka, Frevert und Cierpka nehmen an, die Interaktion zwischen Mutter und Vater in der Herkunftsfamilie wiederhole sich in der aktuellen Beziehung zum Kindsvater. Bei fehlenden Kompensationsmöglichkeiten durch Dritte in der Kindheit verstärke sich die konfliktreiche Beziehung zum Vater oder könne zumindest nicht korrigiert werden (vgl. Cierpka, Frevert & Cierpka, 1992, S. 170). In einer Untersuchung über alleinerziehende Mütter in einem Mutter-Kind-Programm ermittelten Cierpka, Frevert und Cierpka, dass die befragten Frauen, die keine Beziehung zum Kindsvater hatten, ihre Herkunftsfamilie instabiler erlebten als die übrigen. Zudem war die Wahrscheinlichkeit, keine Beziehung zum Kindsvater zu pflegen, größer, wenn die alleinerziehende Mutter ausschließlich Schwestern als Geschwister hatte (vgl. ebd., S. 173). Cierpka, Frevert und Cierpka schließen, unterstützende, partnerschaftliche Beziehungen mit dem Kindsvater oder einem anderen Mann könnten die Chance dafür erhöhen, generationsübergreifende ungünstige Muster zu unterbrechen (vgl. ebd., S. 175). Zur Lebenssituation minderjähriger oder junger Väter gibt es bisher nur sehr wenige Studien. Ostner kritisiert, es seien insbesondere Theorien oder empirische Untersuchungen selten, welche die Kategorie Väter nicht aus der Perspektive von Frauen oder Kindern beleuchteten. Darüber hinaus „fehlten Untersuchungen, die nicht im aktuellen Vatersein irgendein neues [sic] identifizieren, die empirische Väter nicht gleich an einem normativen Leitbild messen wollen“ (vgl. Ostner, 2005, S. 46). Wenn männliche Elternteile doch ins Blickfeld geraten, geschieht dies meist aus der Perspektive möglicher Interessen erwerbstätiger Mütter und ihrer Kinder (vgl. Ostner, 2005, S. 47). Wachsende Qualitätsansprüche an die kindliche Entwicklungsförderung in der individualisierten Gesellschaft weisen den Eltern – vornehmlich aber den Müttern – ein hohes Maß an Verantwortung für das kindliche Wohlergehen zu und führen dazu, dass Schwangerschaft und Geburt als zentrale Etappen kindlicher Entwicklung dramatisiert werden (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 88). Es entstehe ein neuer „Weiblichkeitsmythos“, der die Bedeutung von Mutterschaft, Geburt, Stillen usw. als zentralen Teil des Frauseins betone und die Bemühungen um die Integration der Väter in die Kinderfürsorge behindere (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 94). Zwar wird auch dem werdenden Vater immer mehr Verantwortung in dieser Phase der Elternschaft zugeschrieben – die Geburt werde beispielsweise zu einer Aufgabe, für die er Expertise ausbilden müsse – jedoch geschehe dies nicht in gleichem Maße wie bei Frauen (vgl. Rose & Schmied-Knittel, 2011, S. 92–94). Den Männern werde durch die Fachöffentlichkeit kein Zutrauen in ihre Fähigkeit zur Übernahme von Erziehungs- und Versorgungsaufgaben entgegengebracht (vgl. Bindel-Kögel, 2006, S. 69). Hinsichtlich ihrer Erziehungsvorstellungen gelten junge Väter als unerfahren und unreif, sodass eine am Kindeswohl ausgerichtete Erziehung ohne Einbindung in institutionelle oder informelle Hilfesysteme fast unmöglich erscheint (vgl. Sabla, 2008, S. 41). Die wenigen Untersuchungen, die Aussagen über junge Väter zulassen, beschäftigen sich vorwiegend mit Aspekten ihrer Lebenssituation und zeigen ähnliche Ergebnisse wie die Untersuchungen zu jungen Müttern (vgl. Lehmann, Hiermann & von 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 55 Klitzing, 2010, S. 361): Gemäß einer Studie der Pro Familia sind die Partner minderjähriger Mütter häufig arbeitslos (31 Prozent) und verfügen im Schnitt über eine niedrige Schulbildung. 59 Prozent der Gruppe erreicht als höchsten Schulabschluss den der Hauptschule (vgl. Pro Familia Bundesverband, 2006, S. 27). Problematisierung der Familienform des Alleinerziehens Alleinerziehende sind mit ihren Lebenslagen oft Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Ergebnisse der Kinder- und Jugendhilfestatistik des Statistischen Bundesamtes zeigen, dass Alleinerziehende überdurchschnittlich häufig erzieherische Hilfen wie Vollzeitpflege oder sozialpädagogische Familienhilfe in Anspruch nehmen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 6). Minderjährigen, deren Eltern und jungen Volljährigen wurden zum Stichtag 31.12.2008 gemäß der Statistik der erzieherischen Hilfe19 von den Jugendämtern insgesamt rund 343 000 Erziehungshilfen gewährt. Nahezu die Hälfte (knapp 46 Prozent) der Unterstützungsleistungen erreichte alleinerziehende Elternteile. Verglichen mit ihrem Anteil von 19 Prozent an allen Familien mit minderjährigen Kindern waren Alleinerziehende somit die größte Zielgruppe dieser Leistungen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 30). Alleinerziehende sind überdurchschnittlich häufig von Armut betroffen und Leistungsempfängerinnen und -empfänger von Hartz IV. Nach den Ergebnissen der Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2013 rund 35 Prozent der Personen, die in Haushalten von Alleinerziehenden lebten, armutsgefährdet.20 Das Risiko für Personen in Haushalten mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern zu verarmen, lag bei nur 8,5 Prozent (vgl. Statistisches Bundesamt, 2015 c). Gemäß den Daten der Bundesagentur für Arbeit bezogen 2012 im Jahresdurchschnitt von allen Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern 39,4 Prozent Leistungen aus der Grundsicherung für Arbeitsuchende, im Vergleich zu 7,2 Prozent bei Paaren mit Kindern (vgl. Bundesagentur für Arbeit, 2013, S. 12). Der Anteil von Ein-Eltern-Familien an allen Familien mit minderjährigen Kindern ist in den vergangenen Jahren von etwa 14 Prozent auf über 20 Prozent angestiegen: 4.2.2 19 In der Statistik der erzieherischen Hilfe steht die Familienform, in der Kinder aufwachsen, im Vordergrund, wobei diese unabhängig vom Familienstand der Eltern ist. Zu den wichtigsten Familienformen in der Statistik zählen: in einem Haushalt zusammenlebende Eltern, Alleinerziehende und Elternteile, die in einer neuen Partnerschaft und mit einem Kind oder Kindern zusammenleben. Adoptivkinder sind leiblichen Kindern gleichgestellt (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 30). 20 Die Armutsgefährdungsquote ist nach europäischem Definitionsstandard der Anteil der Personen, der mit weniger als sechzig Prozent des mittleren Einkommens der gesamten Bevölkerung auskommen muss (vgl. Statistisches Bundesamt, 2015 a). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 56 Anteil der Ein-Eltern-Familien an allen Familien mit minderjährigen Kindern in Prozent Quelle: Statistisches Bundesamt, 2011 a, 2012 a, 2014 a, 2014 b, 2014 c, 2015 d, 2016 a, eigene Berechnung und Darstellung. In Ostdeutschland leben deutlich häufiger Alleinerziehende als in Westdeutschland. Generell sind alternative Familienformen wie Alleinerziehende oder Lebensgemeinschaften mit Kindern in den neuen Ländern weiter verbreitet als im früheren Bundesgebiet (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 9). Ein-Eltern-Familien leben häufiger in Großstädten als in kleineren Städten oder auf dem Land, wahrscheinlich aufgrund der besseren Infrastruktur zur Betreuung und Versorgung der Kinder (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 9). Die Ergebnisse des Mikrozensus zeigen, dass Alleinerziehen21 heute in den meisten Fällen Frauensache ist. Zu 90 Prozent ist der Haushaltsvorstand in Ein-Eltern-Familien die Mutter. Seit 2001 ist der Anteil der alleinerziehenden Väter zusätzlich leicht zurückgegangen: von 13 Prozent im Jahr 2001 auf 10 Prozent im Jahr 2011 (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 a, S. 46). Zwischen alleinerziehenden Frauen und Müttern in Paarfamilien lassen sich Gemeinsamkeiten, aber auch signifikante Unterschiede hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Situation feststellen. Diese werden im Folgenden auf der Basis einer Auswertung des Statistischen Bundesamts mit Daten aus dem Mikrozensus 2009 kontrastiert. Vergleiche mit aktuelleren Daten lagen zum Redaktionsschluss nicht vor. Abbildung 1. 21 Zu den alleinerziehenden Elternteilen zählen im Mikrozensus alle Mütter und Väter, die ohne Eheoder Lebenspartnerin bzw. Lebenspartner mit ledigen Kindern im Haushalt zusammenleben. Unerheblich ist dabei, wer im juristischen Sinn für das Kind sorgeberechtigt ist. Im Vordergrund steht der aktuelle und alltägliche Lebens- und Haushaltszusammenhang (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 a, S. 46). 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 57 2009 gingen fast 60 Prozent der alleinerziehenden Mütter einer Erwerbstätigkeit nach.22 Die Frauen in Paarfamilien waren mit über 58 Prozent fast genauso häufig berufstätig. Erwerbstätige alleinerziehende Mütter arbeiteten 2009 mit 42 Prozent wesentlich häufiger in Vollzeit als erwerbstätige Frauen in Paarfamilien (27 Prozent) (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 18). Die Ausübung einer Erwerbstätigkeit steht in engem Zusammenhang mit der Quelle, durch die größtenteils der Lebensunterhalt bestritten wird. Knapp sechs von zehn alleinerziehenden Müttern finanzierten sich 2009 hauptsächlich aus eigener Erwerbstätigkeit, weitere 31 Prozent mittels Transferzahlungen wie Hartz IV oder Sozialhilfe. Einkünfte von Angehörigen und sonstige Quellen wie Elterngeld spielten für sie eine untergeordnete Rolle (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 24). Ausschlaggebend für das Finden einer geeigneten Arbeitsstelle ist nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein qualifizierter Schul- beziehungsweise Berufsausbildungsabschluss (vgl. OECD, 2011, S. 127). Nach der International Standard Classification of Education (ISCED)23 hatte 2009 knapp ein Viertel der alleinerziehenden Mütter einen „niedrigen Bildungsstand“, also entweder keinen, einen Hauptschul- oder einen hauptschulähnlichen Abschluss. Von den Frauen in Paarfamilien besaßen lediglich etwa 18 Prozent eine niedrige Bildung (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 22). Lebenslagen alleinerziehender Männer Der folgende Abschnitt befasst sich mit der Lebenssituation alleinerziehender Männer. Diese ist von besonderem Interesse, weil alleinerziehende Väter in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder aufgenommen werden können und eine Gruppe von Männern darstellen, welche Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist. Alleinerziehende Väter stellen eine Minderheit unter den Alleinerziehenden dar. Sie sind in der Regel besser in soziale Netzwerke integriert und materiell im Schnitt bessergestellt als alleinerziehende Frauen. Darüber hinaus gehen sie schneller neue Partnerschaften ein als letztere (vgl. Peuckert, 2008, S. 353). In der Vergangenheit wa- 4.2.2.1 22 Der Mikrozensus erhebt alle aktiv Erwerbstätigen, das heißt diejenigen, die in der Woche vor der Befragung gearbeitet haben. In dieser sogenannten „Berichtswoche“ vorübergehend Beurlaubte, also Personen, die z. B. wegen (Sonder-)Urlaub oder Elternzeit nicht am Arbeitsplatz waren, zählen nicht zu den „aktiv“ Erwerbstätigen. Im Mikrozensus wird der Erwerbsstatus anhand des Konzeptes der International Labour Organization gemessen. Erwerbstätig im Sinne ihrer Definition ist jede Person im erwerbsfähigen Alter, die in einem einwöchigen Berichtszeitraum mindestens eine Stunde lang gegen Entgelt oder im Rahmen einer selbstständigen oder mithelfenden Tätigkeit gearbeitet hat (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 17). 23 Die drei für den Bildungsstand verwendeten Kategorien „hoch“, „mittel“ und „niedrig“ werden in der Gliederung der ISCED kombiniert aus den Merkmalen „allgemeiner Schulabschluss“ und „beruflicher Bildungsabschluss“. Mütter mit einem hohen Bildungsstand verfügen über einen akademischen Abschluss oder einen Meister-, Techniker- oder Fachschulabschluss. Berufsqualifizierende Abschlüsse, das Abitur oder die Fachhochschulreife gehören zur Kategorie „mittlerer Bildungsstand“. Personen mit einem Haupt- oder Realschulabschluss, einem Abschluss der Polytechnischen Oberschule und ohne beruflichen Abschluss beziehungsweise Personen ohne Bildungsabschluss haben der Definition zufolge einen „niedrigen Bildungsstand“ (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 22). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 58 ren daher die meisten quantitativ angelegten Untersuchungen über Alleinerziehende oft ausschließlich auf Frauen ausgerichtet (vgl. Sabla, 2008, S. 27). Der Vorwurf, Alleinerziehendenforschung sei auf die Situation alleinerziehender Mütter fixiert, erscheint Sabla heute nicht mehr gerechtfertigt. Mittlerweile hätten sich dem Phänomen des alleinerziehenden Vaters im deutschsprachigen Raum in erster Linie zwei verschiedene sozialwissenschaftliche Forschungsrichtungen angenommen: die Väterforschung und die Alleinerziehendenforschung. In beiden Feldern sei es zwar ein Nischenthema, es gebe jedoch schon Erkenntnisse zur Situation von Vater-Familien (vgl. Sabla, 2008, S. 27). Daten des Statistischen Bundesamts aus dem Mikrozensus 2009 zeigen, dass alleinerziehende Väter häufiger als alleinerziehende Mütter einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Männliche Alleinerziehende sind mit 72 Prozent nicht nur häufiger erwerbstätig als weibliche, sondern sie gehen auch mit 87 Prozent doppelt so oft einer Vollzeittätigkeit nach. Teilzeitbeschäftigt sind alleinerziehende Männer eher selten (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 17). Alleinerziehende Frauen betreuen häufiger jüngere Kinder und öfter mehr als ein Kind als alleinerziehende Männer (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 14). Im Jahr 2011 lebten rund ein Drittel der alleinerziehenden Väter mit Kindern im Alter von 15 bis 17 Jahren zusammen. Bei 31 Prozent der alleinerziehenden Mütter lebten Kinder im Krippen- oder Vorschulalter von unter sechs Jahren. Nur 12 Prozent der alleinerziehenden Väter betreuten Kinder dieser Altersgruppe (vgl. Statistisches Bundesamt, 2013 a, S. 47). Durch die Erwerbstätigkeit ist bei alleinerziehenden Männern der Anteil derjenigen, die den Lebensunterhalt ausschließlich selbst finanzieren, entsprechend hoch. Im Jahr 2009 lag er bei 74 Prozent. Gleichwohl war knapp jeder fünfte alleinerziehende Vater (19 Prozent) auf Transferzahlungen wie Hartz IV oder Sozialhilfe angewiesen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2010, S. 24). Neben den Besserverdienenden muss von einer sozioökonomisch benachteiligten Gruppe unter den alleinerziehenden Männern ausgegangen werden (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 41). Im Rahmen einer Studie über die Lebenslagen Alleinerziehender konnten acht alleinerziehende Männer telefonisch befragt werden, von denen vier Kinder unter fünf Jahren betreuten (vgl. Schneider et al., 2001, S. 118).24 Außer in einem Fall blieben die Mütter im Leben ihrer Kinder präsent, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind sowie die Kommunikation zwischen den Ex‑Partnern funktionierte weitgehend konfliktfrei. Lediglich in einem der acht Fälle unterstützte die Mutter den alleinerziehenden Vater durch die Betreuung des Kindes (vgl. Schneider et al., 2001, S. 119). Alle befragten Männer arbeiteten nach der Über- 24 Eine umfassende Untersuchung zur Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse, der Problem- und Bedarfslagen Alleinerziehender liefert eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (vgl. Schneider et al., 2001). Im Rahmen dieser Studie befragten Schneider und seine Kolleginnen mithilfe von Telefoninterviews 500 zufällig ausgewählte Alleinerziehende in Ost- und Westdeutschland. Zusätzlich wurden Fachkräfte von Organisationen in öffentlicher oder freier Trägerschaft interviewt, die Alleinerziehenden Beratung und Unterstützung anbieten. Aus der Stichprobe der Telefonbefragungen wurden 131 Alleinerziehende ausgewählt und mit Hilfe eines Leitfadens interviewt (vgl. ebd., S. 118). 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 59 nahme der Hauptverantwortung für ihre Kinder weiter. Jedoch war eine Reduzierung des beruflichen Engagements in Form von kürzerer Arbeitszeit, dem Abbau von Überstunden oder der Weigerung, Dienstreisen zu machen, nötig, um den familiären Aufgaben gerecht werden zu können. In der Folge mussten einige Väter von einer Führungsposition auf eine Position ohne Führungsaufgaben wechseln und verpassten Karrierechancen. Die mit der Arbeitszeitreduzierung einhergehenden finanziellen Einbußen waren jedoch aufgrund der Höhe der Einkommen nicht existenzbedrohlich (vgl. Schneider et al., 2001, S. 121). Nach Schmidt-Denter können sich alleinerziehende Männer häufiger auf ein breiteres soziales Netzwerk stützen als alleinerziehende Frauen. Sie intensivieren verstärkt verwandtschaftliche Kontakte und beteiligen die Kinder häufiger im Haushalt und an der Betreuung der Geschwister. Eine stärkere Einbindung bei der Übernahme von Verpflichtungen ist möglich, da alleinerziehende Väter seltener mit kleinen Kindern zusammenleben als alleinerziehende Mütter (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 40). Gemäß einer Studie von Fthenakis und Oberndorfer beschäftigen 26 Prozent der befragten Männer darüber hinaus eine Haushaltshilfe (vgl. Fthenakis & Oberndorfer, 1993, S. 564–584). Der gleichen Studie zufolge räumen alleinerziehende Väter ihren Kindern ein großes Maß an Mitbestimmung ein. Vorzugsweise werden Freizeitaktivitäten gemeinsam geplant. Insgesamt scheinen in den Vaterfamilien Offenheit und Gleichberechtigung zwischen den männlichen Elternteilen und Kindern das Familienklima zu prägen (vgl. Fthenakis & Oberndorfer, 1993, S. 572). Alleinerziehende Männer gehen schneller und häufiger eine neue Partnerschaft ein als alleinerziehende Frauen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 40). Von ihren Partnerinnen werden die alleinerziehenden Männer in hohem Maße im Alltag unterstützt (vgl. Nave-Herz & Krüger, 1992, S. 117). Im Vergleich zu Frauen erhalten alleinerziehende Männer weniger Unterstützung durch Unterhaltsleistungen vom nicht sorgeberechtigten Elternteil (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 40). Da es mehr alleinerziehende Mütter als alleinerziehende Väter gibt und Männer im Vergleich zu Frauen nach einer Ehescheidung häufiger und rascher als ihre Ex‑Partnerinnen eine neue feste Bindung eingehen, kommt soziale Elternschaft bei Männern häufiger vor als bei Frauen. Rund 7 Prozent aller Männer sind ausschließlich soziale Väter (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2005, S. 4). Wie Schmidt-Denter darlegt, fühlen sich alleinerziehende Väter umso weniger belastet, je mehr Zeit nach der Trennung vergeht. Emotionale, im Rahmen der Trennung entstandene Verletzungen und Auseinandersetzungen um die Sorgerechtsentscheidung verlieren für die Männer im weiteren Verlauf an Bedeutung. Stattdessen treten Hindernisse bei der Bewältigung des Alltags in den Mittelpunkt des Erlebens. Allerdings können Väter diese häufig überwinden. Die Väter-Familien können obendrein im Vergleich zu den Familien mit alleinerziehenden Müttern die äußere Organisation des Alltags schneller wiederherstellen. Viele männliche Elternteile empfänden es zwar zunächst als ungewohnt, gegenüber den Kindern Gefühle zu zeigen oder zärtlich zu sein, weil dies nicht dem typischen Männerbild entspreche. Es gelinge ihnen im Laufe der Zeit aber immer besser (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 41). 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 60 Rinken führte im Rahmen einer qualitativen Studie an der Universität Bremen Interviews mit zehn alleinerziehenden Müttern und zehn alleinerziehenden Vätern durch, jeweils fünf mit ostdeutscher und westdeutscher Herkunft. Sie stellte die Sicht der männlichen Elternteile auf die von ihnen gelebte Rolle innerhalb der Familie in das Zentrum ihrer Untersuchung, berücksichtigte darüber hinaus Vorstellungen der alleinerziehenden Mütter von guter Vaterschaft und Berichte der alleinerziehenden Männer von sozialen Reaktionen auf ihre Lebenssituation (vgl. Rinken, 2009). Sowohl die in Ostdeutschland lebenden Alleinerziehenden als auch die aus Westdeutschland vertraten häufig traditionelle Rollenbilder, obwohl die befragten Eltern mit Ostherkunft im Gegensatz zu den anderen die Inanspruchnahme von Ganztagskinderbetreuung im frühen Kindsalter meist als selbstverständlich erachteten (vgl. Rinken, 2009, S. 239). Allerdings zeigten sich bei der Frage nach Geschlechterrollenbildern geschlechtsspezifische Unterschiede: Die Väter distanzierten sich stärker von klassischen Männerbildern als die Mütter. Ein autoritärer Umgang mit den Kindern war bei den männlichen Elternteilen die Ausnahme. Der Präsenz des eigenen Vaters in der Herkunftsfamilie wurde eine hohe Bedeutung beigemessen. Die Befragten erwarteten von Männern, eine nahe, intensive Beziehung zu ihren Kindern zu entwickeln. Alleinerziehende Väter hielten Zärtlichkeit, Vertrauen und genussvolles Zusammensein für wichtig im Umgang mit dem Nachwuchs. Die Aufgabe, den Kindern „typisch männliche“ Tätigkeiten zu vermitteln, gehörte für alleinerziehende Väter nicht mehr vorrangig zum Vatersein. Die befragten alleinerziehenden Mütter hingegen maßen dem eine große Bedeutung bei. Unabhängig von eigenen erzieherischen Fähigkeiten hielten sie die eigene Lebensform für defizitär, da ihrer Ansicht nach den Kindern der Vater fehle (vgl. Rinken, 2009, S. 239). Die von Rinken befragten alleinerziehenden Männer waren im Vergleich zu den befragten Frauen mit der Lebensform der Ein-Eltern-Familie zufriedener. Letztere wurde von den Vätern als weniger defizitär erlebt als von den Müttern. Die männlichen Elternteile distanzierten sich stärker von dichotomen Geschlechterrollenbildern und begriffen die neuen Handlungsspielräume selbstbewusst als erweiterte Möglichkeiten des Erlebens der Männerrolle bzw. bedeutsame Stärke der eigenen Persönlichkeit (vgl. Rinken, 2009, S. 239). Ein Teil der durch Rinken befragten Männer entschied sich bewusst gegen die Vollerwerbstätigkeit, um mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können. Diese Gruppe nahm materielle Einschränkungen und mangelnde Anerkennung bzw. diskriminierende Reaktionen durch das soziale Umfeld auf sich (vgl. Rinken, 2009, S. 240). Wie Napp-Peters darlegt, sind alleinerziehende Väter mit widersprüchlichen Reaktionen auf die Abweichung von ihrer klassischen Geschlechterrolle konfrontiert. Von Geschlechtsgenossen und Vorgesetzten wird ihnen meist Ablehnung entgegengebracht, während sie von Frauen vermehrt soziale Anerkennung und Unterstützung genießen (vgl. Napp-Peters, 1983, S. 321–334). Nave-Herz und Krüger ermittelten durch Befragungen alleinerziehender Väter, dass deren familiäre Lebensform vor allem von Personal in Ämtern, Nachbarn und Arbeitskolleginnen und -kollegen verurteilt wurde (vgl. Nave-Herz & Krüger, 1992, S. 89). Rinken kritisiert, die Lebensform des Alleinerziehens besitze bis heute keinen mit der heterosexuellen Zwei-Eltern-Familie vergleichbaren Normalitätsstatus. Von Institutionen und Arbeitgebern werde 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 61 die Bedeutung der Familienarbeit negiert, während von Teilen des privaten Umfeldes den alleinerziehenden Vätern vor allem gespiegelt werde, dass ihre Lebensform als exotisch empfunden werde (vgl. Rinken, 2009, S. 241). Entfremdung von einem Elternteil Kinder, die einen kontinuierlichen Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil haben, bewältigen die Scheidung ihrer Eltern am besten, während bei Kindern, die keinen oder nur geringen Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil – zumeist dem Vater – haben, Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen am stärksten ausgeprägt sind (vgl. Matzner, 2007 b, S. 177). Vor diesem Hintergrund alarmieren die folgenden Zahlen: Wenn männlichen Elternteilen nicht das Sorgerecht für ihr Kind zugesprochen wird, brechen sie häufig den Kontakt zu ihren Kindern ab. Schmidt-Denter zufolge verzichten ca. 30 Prozent der nicht sorgeberechtigten Väter kurz nach der Trennung oder Scheidung auf ihr Recht, sich mit ihren Kindern zu treffen. Nach weiteren Jahren erhöht sich diese Zahl. Nach einigen Jahren nach einer Scheidung haben ca. 50 Prozent der Kinder keinen bzw. nur geringen Kontakt zu ihrem Vater (Matzner, 2007 b, S. 177). Besonders häufig brechen diese Männer den Kontakt zu ihren Kindern ab, wenn die Mutter eine neue Partnerschaft eingeht (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 42). Verletzungen der Unterhaltspflicht durch nicht sorgeberechtigte Väter kommen relativ häufig vor. Proksch ermittelt einen Zusammenhang zwischen der Gestaltung der Vater-Kind-Beziehung nach der Scheidung und der Bereitschaft, Unterhaltszahlungen zu leisten. Wenn nicht sorgeberechtigte Männer das Umgangsrecht mit ihren Kindern regelmäßig wahrnehmen oder beiden Eltern das gemeinsame Sorgerecht zugesprochen wird, ist die Zahlungsmoral der Väter höher als in anderen Fällen (vgl. Proksch, 2002, S. 8). Von getrennt lebenden Vätern und ihren Kindern wird die jeweils andere Person häufig trotz der Trennung noch zur eigenen Familie gezählt: Schmitz und Schmidt-Denter ermittelten, dass 70 Prozent der Kinder ihren getrennt lebenden Vater sechs Jahre nach der Trennung weiterhin zur Familie zählen. Die Männer betrachteten in 91 Prozent ihre Kinder als Teil ihrer Familie, unabhängig davon, ob sie inzwischen neue Partnerschaften eingegangen waren oder eine zweite Familie gegründet hatten (vgl. Schmitz & Schmidt-Denter, 1999, S. 28–55). Mendes untersuchte das Verhalten der männlichen Elternteile gegenüber ihren Kindern nach der Trennung. Dazu unterschied er Väter, die sich aktiv um den Kontakt zu ihren Kindern bemühten und solche, die dies nicht taten oder von anderen zur Übernahme von Verantwortung gezwungen wurden. Diejenigen, die sich aktiv um das Sorgerecht bemühten, konnten sich schneller und müheloser an die neue Situation nach der Trennung von der Kindsmutter anpassen. In der anderen Gruppe von Männern ergab sich ein differenzierteres Bild. Einige Väter, die seit jeher eine positive Beziehung zu ihrem Kind hatten, waren motiviert, ihre Kinder auch weiterhin zu betreuen. Ein anderer Teil baute nach der Scheidung eine positivere Vater-Kind- Beziehung auf als zuvor. Eine dritte Gruppe unterhielt zu ihren Kindern eine distan- 4.2.2.2 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 62 zierte, unsichere Beziehung. Unter diesen Männern war ein großer Teil von den Ehefrauen verlassen worden (vgl. Mendes, 1976 a, 1976 b). Gabriele Niepel untersuchte Anfang der 1990er Jahre im Rahmen ihrer Dissertation soziale Netzwerke alleinerziehender Frauen. Dabei ergaben sich Informationen über die Ex-Partner der Alleinerziehenden und den Lebenszusammenhang der Paare vor der Trennung. Für ihre Studie erhob sie unter anderem durch jeweils drei qualitativ problemorientierte Intensivinterviews, zwei Fragebögen und einen Erhebungsbogen im Laufe eines Jahres Daten über zwanzig alleinerziehende Frauen (vgl. Niepel, 1994, S. 60). Sie fand heraus, dass viele Partner der alleinerziehenden Frauen vor der Trennung alkoholkrank waren. Einige der befragten Frauen berichteten über Androhungen bzw. Anwendung von Gewalt durch den Kindsvater. Nur in etwa einem Viertel der Fälle zahlten die Väter regelmäßigen und vollständigen Unterhalt (vgl. Niepel, 1994, S. 77). Außer in einem Fall waren es die befragten Frauen, die ihre Partner verlassen hatten. Die meisten der befragten Mütter trennten sich während der Schwangerschaft vom werdenden Vater, lediglich zwei Mütter lebten nach der Geburt zunächst ein bzw. zwei Jahre mit dem Partner zusammen, bevor sie sich trennten (vgl. Niepel, 1994, S. 77). Drei Viertel der befragten Frauen gaben an, dass es zwischen ihnen und dem Kindsvater Konflikte wegen der Kinder gab (vgl. Niepel, 1994, S. 196). Trotz der Beziehungsschwierigkeiten wünschten sich drei Viertel der Frauen einen häufigen, regelmäßigen Kontakt zum Ex‑Partner (vgl. Niepel, 1994, S. 193). Die Ergebnisse dieser Studie deuten auf einen Handlungsbedarf Sozialer Arbeit mit Scheidungs- und Trennungsfamilien hin. Gerade auch vor dem Hintergrund des oben bereits beschriebenen positiven Einflusses des Kontakts zwischen getrennt lebenden Vater auf die kindliche Entwicklung empfiehlt Matzner für die Soziale Arbeit, „beide Elternteile als aktive Erziehungs- und Bezugspersonen ihrer Kinder zu fördern“ (Matzner, 2007 b, S. 177). Allerdings fehlen Hilfen für Väter bisher in weiten Teilen. Vermeintlich geschlechtsneutrale Hilfen für alleinerziehende Eltern seien in der Regel an den Bedürfnissen der Mütter orientiert (vgl. Matzner, 2007 b, S. 178). Wenn Hilfen für Väter installiert werden, klagen Fachkräfte häufig über das Fernbleiben der Männer. Bei der Analyse struktureller Hindernisse und Barrieren bei Angeboten für Väter mit Säuglingen und Kleinkindern stellten Nakhla, Eickhorst und Schwinn Folgendes fest: Eine Bedingung dafür, ob die männlichen Elternteile überhaupt erreicht werden könnten, sei die bislang häufig für selbstverständlich genommene Annahme, dass sich die Männer im Sinne des biologischen Erzeugers überhaupt mit der Vaterrolle identifizierten. Dies sei bei ungeplanten und ungewollten Schwangerschaften oftmals nicht der Fall. Der Mangel an geeigneten Werbemaßnahmen, geschlechterspezifischen Angeboten, bei denen es Vätern leichter fallen könnte, ihre Angelegenheiten zu thematisieren, sowie das weitgehende Fehlen anderer männlicher Kursteilnehmer erschwere Vätern den Zugang zu Hilfen (vgl. Nakhla, Eickhorst & Schwinn, 2010, S. 633). Daneben seien innerpsychische Konflikte der Grund für weitgehendes Fernbleiben der Männer. Besonders Väter mit herabgesetztem Selbstwertgefühl vermeiden Situationen, von denen angenommen wird, dass dieses durch Konfrontation und Konkurrenz mit anderen männlichen Teil- 4.2 Gefährdungsaspekte für die kindliche Entwicklung 63 nehmern zusätzlich labilisiert werden könnte (vgl. Nakhla, Eickhorst & Schwinn, 2010, S. 633–635). In Australien nahm sich bereits ein Ministerium des Commonwealth, das Department of Families, Housing, Community Services and Indigenous Affairs, der Frage an, wie Kindsväter in Hilfen für Familien und Kinder eingebunden werden können. In dessen Studie wurde ermittelt, dass vor allem soziokulturelle Einstellungen und Werte das väterliche Engagement einschränken. Besonders Geschlechterstereotype sowie das Ausmaß, in welchem sich männliche Elternteile mit ihrer Rolle identifizieren und wie hoch sie den Wert des Vaters auf die kindliche Entwicklung einschätzen, wirkten auf ihre Beteiligung (vgl. Berlyn, Wise & Soriano, 2008, S. 34). Gelobt zu werden für ihre Fortschritte in einer entspannten, wohlwollenden Atmosphäre – möglichst von anderen Vätern bzw. von einem männlichen Prozessbegleiter – schien ihnen wichtig zu sein als streng beurteilt oder schlechtgemacht zu werden. Erst eine solche „männerfreundliche Umgebung“ eröffne den Vätern die Möglichkeit, vom Programm oder der Dienstleistung zu profitieren. Bezüglich der Hilfeformen schienen sich Väter vor allem in Peer-Settings und informellen Formaten wohl zu fühlen, in denen sie gemeinsam mit anderen Männern Gespräche führen oder Freizeitaktivitäten ausüben konnten (vgl. Berlyn, Wise & Soriano, 2008, S. 34). Sozialleistungen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz Für Familien, Schwangere sowie Mütter und Väter, die als Alleinerziehende in eine akute Krise geraten sind und bei der Versorgung und Erziehung ihres Kindes aufgrund ihrer Persönlichkeitsentwicklung Unterstützung benötigen, bietet das SGB VIII mehrere Unterstützungsmöglichkeiten an. Zunächst legt § 1 SGB VIII das Recht eines jeden jungen Menschen auf „Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ fest (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 104). Orientieren sich die Eltern bei der Wahrnehmung ihrer Elternverantwortung am Kindeswohl, beschränkt sich – so Schmid und Meysen – der Auftrag der öffentlichen Jugendhilfe darauf, für alle Eltern Regelangebote zur Förderung der Erziehung gemäß §§ 11–26 SGB VIII vorzuhalten, um sie bei der Förderung der Entwicklung ihres Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu unterstützen und das Kind präventiv vor Gefahren für sein Wohl zu schützen. Die Eltern entscheiden freiwillig, ob sie diese Angebote in Anspruch nehmen wollen (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 3). Unter dem Titel „Förderung der Erziehung in der Familie“ sind in den §§ 16–21 SGB VIII präventive familienunterstützende und -ergänzende Leistungen zusammengefasst (vgl. Uhlendorff, Euteneuer & Sabla, 2013, S. 107). Zu dieser Gliederungseinheit gehört auch der Paragraph „gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder“. Die Beratungs- und Förderungsangebote des oben genannten Abschnittes haben jeweils unterschiedlichen Charakter und sind auf verschiedene Zielgruppen ausgerichtet, gleichen sich allerdings in dem Ziel, die vorhandenen Familienstrukturen und Erziehungsleis- 4.3 4 Hilfebedarfe von Familien, Risiken für kindliche Entwicklung und das Leistungsspektrum der Kinder- und Jugendhilfe 64 tungen in bestimmten (belasteten) Lebenssituationen zu unterstützen und zu verbessern (vgl. ebd., S. 109 und S. 112). Sind die Grenzen, die das Kindeswohl dem Elternrecht setzt, noch nicht überschritten, ist aber festzustellen, dass ein Rückstand oder Stillstand der Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit eingetreten ist oder droht, und sind die Eltern aus eigener Kraft nicht in der Lage, entsprechende Bedingungen zur Erreichung dieses Erziehungsziels zu schaffen25, muss gemäß § 27 Abs. 1 SGB VIII die öffentliche Jugendhilfe den Eltern eine dem erzieherischen Bedarf im Einzelfall entsprechende geeignete und notwendige „Hilfe zur Erziehung“ nach §§ 27–35 SGB VIII anbieten (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 3). Beispielsweise können ambulante Hilfen wie eine Erziehungsberatung (§ 28 SGB VIII), Erziehungsbeistandschaft (§ 30 SGB VIII) oder sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31 SGB VIII) adäquat unterstützen. Für manche Schwangere oder Elternteile mit umfassendem Hilfebedarf, die zudem auf kein tragendes soziales Umfeld zurückgreifen können, reicht eine ambulante Unterstützung nicht aus. Sie benötigen ergänzende Hilfe für ihr Kind – beispielsweise durch „Erziehung in einer Tagesgruppe“ nach § 32 SGB VIII, familienersetzende Hilfen durch Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII oder Heimerziehung nach § 34 SGB VIII. Die Leistungen des SGB VIII zielen nach Ott, Hontschik und Albracht stark auf das Erziehungsverhalten von Eltern ab. Da die Leistungen personen- bzw. familienbezogen gewährt würden, sei der zentrale Bezug letztlich die zu unterstützende Erziehungsfähigkeit der Eltern (vgl. Ott, Hontschik & Albracht, 2015, S. 138). Väter bleiben jedoch in der Praxis der Hilfeformen weitgehend außen vor. Auch die theoretische Bearbeitung befasst sich bis auf wenige Ausnahmen nicht mit der Frage, warum Männer in den Hilfen wesentlich unterrepräsentiert sind, oder mit anderen väterzentrierten Fragen im Zusammenhang mit Hilfen nach SGB VIII (vgl. Matzner, 2007 b, S. 181–184). 25 Mit der Nichtgewährleistung einer dem Kindeswohl entsprechenden Erziehung normiere das SGB VIII eine Schwelle unterhalb der Kindeswohlgefährdung nach § 8 a Abs. 1 Satz 1 SGB VIII und § 1666 Abs. 1 BGB. Auch auf dieser Schwelle setze eine Intervention der öffentlichen Jugendhilfe das Einverständnis der Eltern voraus (vgl. Schmid & Meysen, 2006, S. 3). 4.3 Sozialleistungen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz 65

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Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.