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9 Resümee in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 265 - 282

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-265

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
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Resümee In der erziehungswissenschaftlichen Disziplin gilt es als unumstritten, dass vor allem in einer sensiblen Lebensphase in der frühen Kindheit die Bindung zu Bezugspersonen – meist den Eltern – die Entwicklungspotentiale von Menschen auch auf ihrem späteren Lebensweg erheblich beeinflusst. Den Ergebnissen bindungstheoretischer Untersuchungen zufolge entwickeln sich Kinder besonders gut, wenn sie in der Kindheit entsprechend ihrer Bedürfnisse von erwachsenen Bezugspersonen versorgt, gepflegt und erzogen werden. Die Erfahrung, zu diesen Personen eine stabile Bindung aufzubauen, gibt ihnen Sicherheit in bedrohlichen Situationen – auch auf dem weiteren Lebensweg. Der Ausfall von Bindungspersonen im frühen Lebensalter kann die Entwicklung negativ beeinflussen. Allerdings sind Kinder in solchen Fällen in der Lage, sich der Situation anzupassen und Vertrauen zu anderen Erwachsenen aufzubauen, wenn diese die Rolle der Bezugspersonen erfüllen. Bei Trennungen, Scheidungen oder Verlust eines Elternteils können soziale Väter und Mütter die Funktionen des leiblichen übernehmen. So erhöht die Anwesenheit sozialer Elternteile die Wahrscheinlichkeit einer optimalen Entwicklung der Kinder. Wenn Kinder zu mehreren Erwachsenen Kontakt haben, bauen sie in der Regel eine engere Bindung zu der Person auf, die häufiger Aufgaben der Pflege und Erziehung übernimmt. In der Vergangenheit war es üblich, dass Väter die finanzielle Versorgung der Familie übernahmen, dadurch häufig abwesend waren und meist wenig Zeit mit dem Kind im Alltag verbrachten. Deshalb wurde bei Untersuchungen häufiger eine engere Bindung von Kindern zu ihren Müttern konstatiert. In der Folge wurde Männern die Fähigkeit abgesprochen, Kinder genauso gut wie die Mutter versorgen zu können. In jüngerer Zeit konnten Vaterforscherinnen und -forscher Gegenteiliges darlegen: Männer verfügen von Natur aus über die gleichen Kompetenzen im Umgang mit Kindern wie Frauen, das heißt, sie können prinzipiell genauso gut wie Frauen die Rolle der primären Bezugsperson des Kindes übernehmen. Vor diesem Hintergrund wird dem männlichen Elternteil zunehmend eine größere Bedeutung für die Entwicklung des Menschen bis ins hohe Lebensalter beigemessen. In manchen Fachkreisen wird heute sogar vermutet, dass Väter die Entwicklung ihrer Kinder in besonderen Bereichen ausgesprochen positiv oder grundsätzlich stärker als Mütter beeinflussen: Viele Männer vermittelten ihren Kindern wahrscheinlich ein autonomeres Lebensmodell als ihre Partnerinnen. Je nach Verhalten der Väter bilden Kinder mehr oder minder adäquate Vorstellungen über Geschlechterrollen und ein positives oder negatives Selbstbild in Bezug auf das eigene Geschlecht aus. Die Relevanz des Vaters wird in diesem Zusammenhang vornehmlich für männliche Nachkommen diskutiert. Es wird außerdem untersucht, ob der Vater die kognitive Leistung der Kinder in höherem Maße beeinflusst als die Mutter. 9 265 Für die Entwicklung von sozialer Kompetenz ist es für Kinder beiden Geschlechts in hohem Maße förderlich, früh im Leben die Möglichkeit zu haben, mit mehr als einer konstanten Bezugsperson feste Bindungen einzugehen. Entwicklungspsychologische Forschungen zeigen, dass Kinder bereits in den ersten Lebensmonaten über die Fähigkeit verfügen, mit mehreren Erwachsenen gleichzeitig zu kommunizieren. Die Anwesenheit einer zweiten Bezugsperson in der frühen Lebensphase führt bei Kindern von Anfang an zum Ausbau der Kompetenz, Unterschiede im Charakter von Personen zu erkennen und sich in Situationen mit mehreren Menschen adäquat zu verhalten. Erkenntnisse aus dem Forschungsgebiet der systemischen Psychologie heben darüber hinaus die Sicht auf die Triade aus beiden Elternteilen und Kind hervor. Demnach hat die Beziehung zwischen den Eltern nicht nur Einfluss auf das Wohlbefinden des Paares, sondern auch auf die Qualität der Bindung zwischen den Elternteilen und dem Kind. Eine glückliche Paarbeziehung der Eltern erhöht die Chance auf eine gesunde kindliche Entwicklung. Darüber hinaus wirkt die Qualität des Coparenting – die Art und Weise, wie Eltern sich gegenseitig bei der Erziehung der Kinder unterstützen oder unterminieren – auf die Entwicklung des Kindes ein. In unserer Gesellschaft gilt die Kleinfamilie, bestehend aus einem verheirateten Elternpaar – einem Mann und einer Frau – mit Kindern, nicht mehr wie noch in der Nachkriegszeit als einzige Familienform, die es zu führen gilt. Vielmehr bilden sich andere unterschiedliche Lebensstile von Familien heraus: Der Anteil an Patchworkund Ein-Eltern-Familien wächst. In diesem Zusammenhang werden auch die Rollen innerhalb der Lebensgemeinschaften neu verhandelt. Immer mehr Familien weichen von der traditionellen Rollenteilung ab, bei welcher der Mann die Familie ernährt und die Frau allein die Versorgung und Erziehung des Kindes übernimmt. Dennoch beeinflussen weiterhin Geschlechterstereotype vor allem innerhalb der Familien die Aufgabenverteilung und damit die Bedingungen für den Umgang von Vätern mit ihren Kindern. Traditionelle Rollenarrangements sind – obwohl sie von jüngeren Paaren zunehmend hinterfragt werden – immer noch üblich: Häufig übernehmen Mütter mehr Verantwortung im Alltag für die Pflege und Erziehung der Kinder, wodurch sie oft zur ersten Bezugsperson werden. Männer verbringen durchschnittlich weniger Zeit mit ihren Kindern als ihre Partnerinnen. Auch Pflegeaufgaben und Tätigkeiten im Haushalt übernehmen Männer seltener als Frauen. Selbst Paare mit kritischer Haltung gegenüber Geschlechterstereotypen können alternative Aufgabenverteilungen innerhalb der Familie nach der Geburt des ersten Kindes selten umsetzen. Allerdings zeichnet sich ab, dass vor allem junge Väter mehr und mehr dazu bereit sind, sich aktiv an der Erziehung und Pflege zu beteiligen. Auch soziale Väter übernehmen zum Teil Verantwortung für die Kinder ihrer Partnerinnen. Der Gesetzgeber trägt dem Wandel der Familienformen Rechnung, beispielsweise indem Kindsvätern das Sorgerecht bei einer Scheidung häufiger als in der Vergangenheit zugesprochen wird. Weil die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse zum Sachgebiet der Mutter- Kind-Einrichtungen alle mehrere Jahrzehnte alt sind, es also vollständig an Erkenntnissen zu aktuellen Entwicklungen in der Praxis fehlt, und darüber hinaus bisher noch nicht untersucht wurde, wie in den Einrichtungen mit Männern umgegangen wird und welche Hilfebedarfe sie haben, wurde im Rahmen dieser Studie eine Aus- 9 Resümee 266 wertung der Untersuchungsergebnisse aus den 1970er bis 1990er Jahren zum Umgang der Mitarbeiterinnen in Mutter-Kind-Heimen mit Männern vorgenommen. Sie ergibt im Hinblick auf die Frage nach dem Einbeziehen der Männer folgendes Bild: In den 1960er bis 1980er Jahren wurden Männer in Mutter-Kind-Heimen überwiegend mittels strenger Hausregeln vom Alltag ausgeschlossen. Die Kindsväter und Partner durften – selbst wenn sie bei der Pflege und Erziehung des Kindes Verantwortung übernehmen wollten – gar nicht oder lediglich selten in die Einrichtungen kommen. Im letzteren Fall durften sie oft nur in speziellen Besucherzimmern empfangen werden und verloren diese Rechte, wenn sie sich nicht angepasst verhielten. Besuche von mehreren Tagen mit Übernachtung wurden in Konzeptionen – sofern vorhanden – häufig abgelehnt oder waren gänzlich verboten. Das Personal kontrollierte streng die Einhaltung der Hausregeln. Da der Besucherverkehr aus organisatorischen Gründen nicht zu jeder Zeit gesteuert werden konnte, wurden bisweilen andere Klientinnen angehalten, Informationen über den Kontakt ihrer Mitbewohnerinnen mit Männern zu sammeln und preiszugeben. Üblicherweise wurden jüngere Mütter stärker kontrolliert als ältere. In den 1990er Jahren geriet die Praxis, den Zugang für Männer über Hausregeln zu verbieten, in die Kritik. In Studien aus diesem Jahrzehnt lassen sich Aufweichungen der rigiden Regelungen erkennen. Allerdings belegen die Ergebnisse auch, dass im überwiegenden Teil der Einrichtungen weiterhin streng mit Männern verfahren wurde. Untersuchungen aus den 1990er Jahren zeigen, dass manche Frauen vor der Aufnahme in eine Mutter-Kind-Einrichtung mit einem Mann zusammengelebt hatten. Beim Einzug in die Einrichtung befand sich die Beziehung zwischen den Paaren häufig in einer Krise. Gerade die Zeit der Schwangerschaft und Geburt war eine kritische Phase für die Paare, in der sie sich oft trennten. Nach einer Trennung waren die wenigsten Männer dazu bereit, den Kontakt mit dem Kind zu halten. Manche Klientinnen erlebten Gewalt durch ihre Partner, waren von der Zahlungsmoral der Männer in Bezug auf Unterhalt enttäuscht und lehnten den Kontakt zum Kindsvater ab. Die Analyse der Berichte aus der Praxis der Mutter-Kind-Einrichtungen bestärkt die Annahme, dass die (sozialen) Väter ähnliche Bedarfslagen wie die in den Institutionen lebenden Klientinnen hatten. Während manche Frauen die Aufnahme in eine Mutter- Kind-Einrichtung nutzten, um Distanz zum Kindsvater zu schaffen, gab es einen anderen Teil, der Wert darauf legte, in einer stabilen Partnerschaft zu leben, den Kontakt zum Kindsvater oder neuen Partner zu halten und gegebenenfalls Beziehungskonflikte beizulegen. Viele Frauen zeigten eine ambivalente Haltung gegenüber Männern. Gerade jugendliche Klientinnen wurden in Mutter-Kind-Einrichtungen durch die strengen Reglements in der Gestaltung der Beziehung zu ihrem Partner beträchtlich eingeschränkt. Ein Teil brach aus diesen Gründen die Betreuung ab. Die Bemühungen um eine Modernisierung der Heimerziehung kristallisierten sich in besonderer Weise an Mutter-Kind-Einrichtungen. Beginnend mit der Heimrevolte und der sexuellen Revolution Ende der 1960er Jahre entzündete sich ein Diskurs um die Internierung von Frauen und Mädchen, denen „sexuelle Verwahrlosung“ vorgeworfen wurde. Die Leistungserbringer von Mutter-Kind-Heimen standen massiv wegen Misshandlungen in der Kritik. Daneben wurde ihnen vorgeworfen, als totale 9 Resümee 267 Institutionen ihre Insassinnen von der umgebenden Gesellschaft zu separieren und damit Diskulturation zu befördern. Jedoch dauerte das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an den Heimeinrichtungen nicht lange an. Nach einem kurzen Diskurs um die Einrichtungen in den 1990er Jahren brach die wissenschaftliche Bearbeitung des Felds vollständig ab. Seitdem ist gerade im Hinblick auf die Einbettung der Einrichtungen in den Sozialraum ungeklärt, welche Reformen weiterverfolgt wurden und ob sie ausreichten, um die Bedarfe der Klientel adäquat decken zu können. Erst seit Kurzem nehmen neben der Verfasserin der vorliegenden Studie zwei weitere Forscherinnen die Forschungstätigkeit zum Arbeitsfeld im deutschsprachigen Raum wieder auf. Untersuchungen zur Frage nach der Einbindung der Männer in den Alltag fehlten bisher völlig. Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder können heute dem Gesetz nach von Schwangeren in Anspruch genommen werden oder von Alleinerziehenden, solange ihr Kind unter sechs Jahre alt ist. Die Hilfe steht auch alleinerziehenden Männern offen, kann allerdings der gängigen Rechtsprechung zufolge nicht beiden Eltern mit Kind angeboten werden. Da die Kinder in der Zeit, in der sie sich in der Einrichtung aufhalten, überwiegend im Vorschulalter sind, sich also in einer kritischen Phase für den Aufbau von Bindungen befinden, ist es wichtig für ihre weitere Entwicklung, Kontakt zu ihren Bezugspersonen halten zu können. Gerade weil in den Institutionen Elternteile mit Kindern unter sechs Jahren untergebracht werden, ist die Anwesenheit von ihren (sozialen) Vätern in dieser für die Kindesentwicklung entscheidenden Lebensphase also grundsätzlich empfehlenswert, wenn die Männer eine Bindung zum Kind aufgebaut haben. Wenn sorgeberechtigte oder werdende Väter noch keine Bindung zum Kind aufbauen konnten, wäre es aus bindungstheoretisch orientiertem Gesichtspunkt und aus Sicht der Gleichstellung empfehlenswert, sie wie die Mütter dabei zu unterstützen, ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln, um den Kindern eine sichere Basis bieten zu können. Die Leistungen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes stehen Männern und Frauen gleichermaßen zu. Deshalb sollten prinzipiell auch sorgeberechtigte und werdende Väter im gleichen Maß wie die Mütter Leistungen nach § 19 SGB VIII erhalten können. Für den empirischen Teil der vorliegenden Studie wurden 26 etwa einstündige, problemzentrierte Gruppen- und Einzelinterviews mit 31 Interviewpartnerinnen und einem Interviewpartner aus 19 Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen geführt. Kindsväter und Partner von Müttern, die in den Einrichtungen leben, wurden nicht erreicht. Die Gruppe der Befragten setzt sich aus 7 Bewohnerinnen und 25 Fachkräften zusammen. Ein Teil des interviewten Personals war in Leitungspositionen beschäftigt, darunter der einzige männliche Befragte. Die Daten der vorliegenden Studie ergeben, dass überwiegend Mädchen und Frauen (mit Kind) in den Einrichtungen untergebracht werden und auch der größte Teil des pädagogischen Personals weiblich ist. Im Alltag sind Männer also faktisch in den meisten Einrichtungen außen vor. Während der Gesetzgeber davon ausgeht, es handle sich bei der Klientel in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII ausschließlich um Elternteile ohne Partner bzw. Partnerin, und deshalb die Betreuung von Zwei-Eltern- Familien nicht vorsieht, stellt sich die Situation in der Realität anders dar: Die inter- 9 Resümee 268 viewten Fachkräfte berichten, ihre Klientinnen befänden sich meist in einer Beziehung mit einem Mann, entweder mit dem Kindsvater oder einem neuen Lebenspartner, und wünschten sich die Teilnahme ihrer Partner am Alltag. Dies wird in den Gesprächen mit den Klientinnen bestätigt. In etwa der Hälfte der Einrichtungen werden nach Angabe des befragten Personals mehrheitlich volljährige Elternteile bzw. Schwangere betreut. Ein nicht unerheblicher Teil der Klientinnen hat vor der Aufnahme bereits mit dem Kindsvater oder dem neuen Partner in einer eigenen Wohnung gewohnt. Alle befragten Fachkräfte berichten mindestens über einen Kindsvater oder neuen Partner, der sich an der Pflege und Erziehung des Kindes beteiligt, die Kindsmutter bei ihren Aufgaben unterstützen möchte bzw. Angebote des Leistungserbringers wahrnehmen würde. In einer Einrichtung mit einem Konzept für die Betreuung von Familien ist von einer annähernd gleich hohen Nachfrage nach Hilfen für Männer wie für Frauen die Rede. Aus Sicht mancher befragten Mitarbeiterinnen verfügen einzelne (soziale) Väter sogar über mehr intuitive Kompetenzen im Umgang mit dem Kind als ihre Partnerin. Auch ein Teil der interviewten Mütter gibt an, mit einem Mann zusammen zu sein, der dazu bereit ist, das Kind mit zu pflegen und zu erziehen, oder sich wünscht, am Alltag in der Einrichtung zu partizipieren. Die Untersuchungsergebnisse zeigen also durchaus ein Interesse einzelner Männer an der Teilhabe an der Erziehung und Pflege des Kindes bzw. an Unterstützung durch den Leistungserbringer im Hinblick auf seine Erziehungsfähigkeit. Auch wenn es sich bei den „neuen Vätern“ um eine Minderheit zu handeln scheint, deutet sich hier ein Wandel an. Vor dem Hintergrund der Ergebnisse bindungstheoretischer Studien, der Vaterforschung sowie Erkenntnissen der systemischen Familientherapie sollte die pädagogische Arbeit in Wohnformen nach § 19 SGB VIII darauf abzielen, die Männer, deren Erziehungsfähigkeit bereits entwickelt ist oder mithilfe von pädagogischer Unterstützung gefördert werden kann, in den Alltag weitestgehend einzubeziehen, um dem Kind eine adäquate, gesunde Entwicklung zu ermöglichen. Zum einen sollten die Männer die Funktionen der primären oder sekundären Bezugsperson für das Kind übernehmen können, zum anderen die Mutter im Alltag entlasten können. Dies ist nur möglich, wenn sie am Alltag in den Einrichtungen teilhaben. Die überwiegende Abwesenheit der Männer ist nicht allein mit deren Desinteresse an der Teilhabe am Alltag ihrer Partnerinnen bzw. ihrer Kinder zu erklären. Dort, wo Konzepte der Einrichtungen auf Männer ausgerichtet sind und deren Teilhabe am Alltag zugelassen wird, nutzen Männer die Angebote. Daraus muss man schließen, dass die Rahmenbedingungen in den meisten Einrichtungen die Teilhabe der Männer behindern. Die Ergebnisse der Studie lassen den Schluss zu, dass ein Teil der Männer im Hinblick auf die Erziehungsfähigkeit und die Persönlichkeitsentwicklung einen ebenso hohen Bedarf an Unterstützung hat wie die Kindsmütter. Nicht nur in den Interviews mit den Klientinnen der Einrichtung sondern auch nahezu in allen mit dem pädagogischen Personal wird ein Bedarf der (sozialen) Väter an Unterstützung im Umgang mit dem Kind und in aktuellen Lebenskrisen deutlich. Das heißt, sie befinden sich in ähnlich schwierigen Lebenslagen wie die Kindsmütter. Auch sie verfügen über einen niedrigen Bildungsstand und leiden unter traumatischen Erlebnissen aus der 9 Resümee 269 Kindheit oder aktuell unter Partnerschaftskonflikten. Häufig sind sie in prekären Beschäftigungssituationen, arbeitslos bzw. von Armut betroffen. Gemäß der Erfahrung der Fachkräfte haben Männer vor allem im Umgang mit ihren Aggressionen und Süchten Bedarf an pädagogischer und beraterischer Unterstützung. Viele bräuchten Hilfe dabei, einen geeigneten Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle zu finden. Rechtsverhältnisse der Väter gegenüber dem Kind können jeweils sehr unterschiedlich sein: Manche Kindsväter besitzen das Sorgerecht genau wie die Mütter, die in den Einrichtungen untergebracht wurden, andere Männer haben nur Teile des Sorgerechts inne. Wieder anderen wurde das Sorgerecht durch das Familiengericht vollständig entzogen. Letztere verfügen aber zum Teil über das Umgangsrecht mit dem Kind in Form von begleiteten oder unbegleiteten Besuchskontakten. Gerade werdende Väter haben zum Teil die Vaterschaft noch nicht anerkannt, wenn ihre Partnerinnen in der Einrichtung aufgenommen werden. Andere klagen ihr Recht am Kind gegen den Willen der Mutter vor dem Familiengericht ein. Die Unterschiedlichkeit der Rechtsverhältnisse stellt hohe Anforderungen an die Organisation der Aufnahme in die Einrichtungen, denn grundsätzlich müssen die Männer, denen das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Kind zusteht, an der Entscheidung, ob das Kind in die Einrichtung zieht, beteiligt werden. Die Rechte der Väter und Partner werden allerdings in den meisten Einrichtungen bisher nur unzureichend berücksichtigt. Durch die Auswertung der Ergebnisse konnte die These erhärtet werden, dass die meisten Klientinnen in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII unfreiwillig untergebracht sind. Hilfsbedürftige Elternteile und Schwangere ziehen überwiegend in die Einrichtung ein, um einen vollständigen Entzug ihrer elterlichen Sorge durch das Familiengericht abzuwenden, auch wenn bei der Aufnahme das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Kind noch bei den Eltern liegen kann und kein Beschluss des Familiengerichts erfolgt sein muss. Vielfach ist vor der Aufnahme bereits das Angebot der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Anspruch genommen worden und gescheitert. Die überwiegende faktische Unfreiwilligkeit der Sorgeberechtigten im Hinblick auf die Aufnahme des Kindes (und ggf. des eigenen Aufenthalts) in einer Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtung steht im Widerspruch zur Grundkonzeption des SGB VIII, Hilfen grundsätzlich mit freiwilliger Zustimmung der Sorgeberechtigten zu installieren. Gespräche im Vorfeld der Aufnahme scheinen sich in der Praxis dabei nicht selten als konfliktreiche Zusammentreffen zu gestalten, bei denen sich die Sorgeberechtigten nicht in allen Fällen einig sind, wie mit der Zwangslage umgegangen werden soll. Die Konfliktlage kann dazu führen, dass die Klientinnen und ihre Partner bzw. die Kindsväter grundsätzlich bereits vor der Aufnahme dem Angebot ablehnend gegenüberstehen. Bei der Aufnahme in die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung ist zudem manchmal ungeklärt, wie groß die Bedrohung des Kindeswohl überhaupt ist und welche Ressourcen und Bedarfe an Unterstützung die Eltern haben, um eine drohende Kindeswohlgefährdung abwenden zu können. Durch die Auswertung der Ergebnisse konnte die These erhärtet werden, dass in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen zunehmend die Leistung erbracht wird, eine Abklärung, auch „Clearing“ genannt, vorzunehmen. Dabei bezieht sich die Abklärung in manchen Fällen nicht nur auf die Erziehungsfähigkeit des Elternteils oder seiner Bindung zum Kind, sondern darauf, dass das Kind 9 Resümee 270 Misshandlungen erleben musste und es im Rahmen der bisherigen, weniger intensiv betreuten Hilfen nicht gelungen ist, stichhaltig für eine Verhandlung vor dem Familiengericht zu klären, welcher Elternteil dem Kind die Misshandlungen zufügt. Die Hilfe nach § 19 SGB VIII wird also insofern auch in massiven Fällen durch den Leistungsträger installiert, wenn davon ausgegangen wird, dass eigentlich die Grenze zur Kindeswohlgefährdung bereits überschritten ist, aber vor dem Gericht bereits ein Verfahren verloren wurde, familienpsychologische Gutachten keine eindeutigen Daten liefern konnten oder sich die Lebenssituation danach so verschärfte, dass eine erneute Abklärung nottut. Die Ressourcen der Väter stehen nicht zur Debatte, sondern vielmehr wird angenommen, es handle sich bei ihnen grundsätzlich um die Täter, was zur Folge hat, dass die meisten Hilfen nach § 19 SGB VIII für Mutter und Kind gewährt werden. Dies könnte einer der Gründe dafür sein, Väter auch von Gesprächen mit dem Jugendamt auszuschließen und Entscheidungskompetenzen ausschließlich der Mutter zuzusprechen, obwohl der Vater noch sorgeberechtigt sein kann. Aufnahmen in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII von Mutter und Kind können also dem Leistungsträger dazu dienen, den Vater, von dem angenommen wird, dass er Gewalt gegen das Kind ausübt, von der Familie zu trennen, obwohl der Nachweis seiner Täterschaft vor dem Familiengericht bisher nicht erbracht werden konnte. Das Mittel, den Kontakt des Vaters zur Familie durch die Aufnahme der Mutter mit Kind in eine Einrichtung nach § 19 SGB VIII auch ohne einen Beschluss des Familiengerichts zu unterbinden, wird auch in Fällen angewandt, in denen der Mann die Mutter schlägt, in denen es also zu Gewalt in der Paarbeziehung kam. Da diese Lebensumstände zwar ein Gefährdungspotential für die gesunde Entwicklung der Kinder darstellen können, aber vom Familiengericht nicht in allen Fällen als Kindeswohlgefährdung begriffen werden, die Fachkräfte in den Jugendämtern aber die Gefährdung hoch einschätzen, wird in manchen solcher Fälle der Mann vom Familienleben durch die Aufnahme der Mutter mit Kind in eine vom Wohnort des Mannes weit entfernt liegende Mutter- Kind-Einrichtung ausgeschlossen. Es kann auch vorkommen, dass Leistungserbringer vom Leistungsträger inoffizielle Aufträge erhalten, den Mann von seiner Partnerin und dem Kind fernzuhalten, obwohl er noch das Sorgerecht, Teile davon oder ein Umgangsrecht besitzt, weil Gerichtsverfahren zum Entzug des Sorgerechts oder des Umgangsrechts noch nicht erfolgt sind oder aus Sicht des Leistungsträgers unbefriedigend ausgegangen sind, weil der Mann das Verfahren gewonnen hat und sich trotzdem neue Hinweise auf Kindeswohlgefährdung einstellen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen also rechtliche, verfahrenstechnische und methodische Spannungsfelder bei Gefährdungseinschätzungen, die zu der Praxis führen können, dass das Jugendamt sorgeberechtigte Väter von der Entscheidung bezüglich der Installation der Hilfe nach § 19 SGB VIII ausschließt und dafür sorgt, dass sie im weiteren Verlauf der Hilfe keinen Einfluss mehr erlangen, um das Verfahren zu vereinfachen. Weil der Leistungserbringer überwiegend Mutter und Kind die Hilfe gewährt, verwundert es nicht, dass offiziell die meisten im Rahmen der Studie einbezogenen Leistungserbringer ihr Angebot nach § 19 SGB VIII als Hilfe für Mutter und Kind begreifen. Immerhin 6 von 19 Einrichtungen, in denen Interviewpartnerinnen und -partner gewonnen werden konnten, bezeichnen sich als Mutter‑/Vater-Kind-Ein- 9 Resümee 271 richtungen. Zwei sind sogar überregional dafür bekannt, Männer in besonderer Weise in den Alltag zu integrieren, nämlich eine in katholischer und eine in evangelischer Trägerschaft. Allerdings stellte sich heraus, dass nur in einem Teil der Mutter‑/Vater- Kind-Einrichtungen tatsächlich alleinerziehende Väter aufgenommen werden. Obwohl das Jugendamt in Einzelfällen für einen alleinerziehenden Vater bei den Leistungserbringern Unterstützung anfragte, wurde nur in der Hälfte der Mutter‑/Vater- Kind-Einrichtungen (3 von 6) jemals tatsächlich ein alleinerziehender Vater betreut. Die katholische Spezialeinrichtung für Männer lehnte bisher alle Anfragen des Jugendamtes für alleinerziehende Väter ab. Hieran wird deutlich, dass das Personal nicht in allen Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen der Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters offen gegenübersteht. Faktisch werden alleinerziehende Männer gegen- über alleinerziehenden Müttern bei der Aufnahme in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen häufig diskriminiert. Dass dies überhaupt passieren kann, liegt unter anderem an der Konstitution des SGB VIII. Es schafft zwar enorme Gestaltungsmöglichkeiten, allerdings gibt es in den wenigsten Fällen einen einklagbaren Rechtsanspruch auf Hilfe für die Eltern bzw. Kinder. Aus den Berichten über Anfragen nach Plätzen für alleinerziehende Väter kann man drei Schlüsse ziehen: 1. Alleinerziehende Männer haben zum Teil Hilfebedarf nach § 19 SGB VIII. 2. Einige Leistungsträger erkennen diesen Bedarf an und wollen dem Mann Hilfe zukommen lassen. 3. Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen reagieren meistens nicht angemessen auf diesen Bedarf. Es zeigt sich, dass die Unterbringung von sorgeberechtigten Vätern mit Kind in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen, wenn überhaupt, dann zustande kommt, wenn die Kindsmutter vorher bereits mit dem Kind in der Einrichtung gelebt und die Hilfe abgebrochen hat, also wenn der Kindsvater für die Kindsmutter „einspringt“, nachdem diese die Hilfe beendet. Es handelte sich bei den Männern, denen in Ausnahmefällen mit Kind in der Einrichtung Hilfe gewährt wurde, in den wenigsten Fällen tatsächlich um alleinerziehende Väter, sondern häufiger um Männer, die vor der Aufnahme zwar auch schon mit der Kindsmutter liiert waren, aber nicht gleichberechtigt wie ihre Partnerin an der Hilfe teilhaben konnten. Zwei-Eltern- und Patchwork-Familien haben nicht die gleichen Möglichkeiten im Kinder- und Jugendhilfegesetz, intensive Betreuung zu erhalten, wie Ein-Eltern-Familien. Die Daten der vorliegenden Studie zeigen, dass das Fehlen von gesetzlich legitimierten Alternativen zur Finanzierung von intensiven Hilfen für beide Eltern mit Kind in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe faktisch überwiegend dazu führt, ausschließlich die Kindsmütter mit Kind nach § 19 SGB VIII unterzubringen, während die zum Teil sorgeberechtigten Väter von ihrer Partnerin und ihrem Kind getrennt werden. Es kann also in diesem Zusammenhang von einer Diskriminierung von Zwei-Eltern- und Patchwork-Familien gesprochen werden, die faktisch zu einer Trennung von Paaren mit Kindern führen kann. Eine durch die Gestaltung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes ausgelöste Beförderung von Trennungen von Paaren mit Kind(ern) kann nicht im Sinne des Gesetzgebers sein. 9 Resümee 272 Vor dem Hintergrund der Bemühungen um Gleichstellung ist es zudem nicht förderlich, überwiegend den Müttern die Aufgabe aufzuerlegen, das Kind alleine zu versorgen und zu erziehen, während der Vater dem Familienleben fernbleiben soll. Trotzdem hat der Gesetzgeber bislang auf eine Klarstellung verzichtet. Während sich in anderen Feldern der Sozialen Arbeit die Reaktionen auf Veränderungen der Rollenteilung innerhalb der Familien flexibler gestalten, wie etwa in Einrichtungen der Behindertenhilfe, in denen das Angebot der „begleiteten Elternschaft“ für beide Elternteile mit Kind entwickelt, umgesetzt und wissenschaftlich begleitet wurde, bleiben die Angebote nach SGB VIII für Familien mit höherem Unterstützungsbedarf weiterhin sperrig. Dies birgt vielfach für Männer die Gefahr, in der Einrichtung abgewiesen zu werden, obwohl überwiegend ein ebenso hoher Bedarf an Hilfe zu bestehen scheint wie bei der Mutter und obwohl sie zum Teil über das Sorgerecht für das Kind bzw. über das Umgangsrecht mit demselben verfügen. Für die Leistungsträger ergibt sich aus der Rechtslage der Konflikt, bei der Entscheidung, ob ein Kind mit einem Elternteil in einer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung untergebracht wird, sorgeberechtigte Väter der Rechtslage zufolge zwar einbeziehen zu müssen, beiden Eltern mit Kind aber keine intensiveren Hilfen anbieten zu können, wenn sie sich streng an das Gesetz halten. Biologischen unverheirateten werdenden Vätern steht nach § 52 a SGB VIII noch nicht einmal das Recht zu, in den Beratungsprozess in Fragen der gemeinsamen elterlichen Sorge vor der Geburt des Kindes einbezogen zu werden. In der Folge entwickelten sich auch auf der Ebene der Jugendämter die folgenden Praktiken: Erstens kommt es vor, dass Jugendämter gegen elterliche Rechte sorgeberechtigter Väter verstoßen, indem sie bei der Entscheidung zur Aufnahme eines Kindes mit der Mutter auf das Einholen des Einverständnisses des sorgeberechtigten Vaters verzichten. Selbst wenn ein rechtlicher Vater Interesse an der Teilhabe am Alltag in den Einrichtungen oder an der Entscheidungsmöglichkeit, was mit seinem Kind passiert, signalisiert, kann es vorkommen, dass er nicht zu Gesprächen mit dem Jugendamt eingeladen wird. Zweitens kann es Praxis des Jugendamtes sein, die Einbindung eines (sozialen) Vaters in den Alltag in den Einrichtungen zwar zu begrüßen, aber dem Leistungserbringer keine finanzielle Unterstützung für die Erbringung der Leistungen für den Mann anzubieten. Eine dritte Möglichkeit besteht darin, die Finanzierung der Hilfe vom Mann selbst zu verlangen. Allerdings setzt dies voraus, dass der Mann die finanzielle Last tragen kann, was überwiegend nicht der Fall sein dürfte. Dabei bleibt vor dem Hintergrund der Frage der Geschlechtergerechtigkeit problematisch, dass dem Mann allein die Finanzierung zugemutet wird, während die Frau mit Kind auf Kosten der Allgemeinheit versorgt wird. Viertens kommt es in wenigen Einzelfällen vor, dass Fachkräfte des Allgemeinen Sozialen Dienstes mit Leistungserbringern aushandeln, die Finanzierung der Hilfe des Vaters nach anderen Paragraphen im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes zu gewähren, allerdings bewegen sich die Vertragspartner damit in einer rechtlichen Grauzone. Falls sich der Leistungsträger dafür entscheidet, die Einbindung des Mannes in den Alltag in der Einrichtung zwar zu begrüßen, aber nicht zu finanzieren, ergibt sich für den Leistungserbringer ein Dilemma. Letzterem bleiben drei Handlungsmöglich- 9 Resümee 273 keiten übrig, die allerdings alle weiteren Probleme aufwerfen: Der Leistungserbringer kann erstens Hilfestellungen für (soziale) Väter auf eigene Kosten vorhalten, allerdings kann ihn dies wirtschaftlich schädigen und – falls er im großen Umfang wider den Grundsatz der Kostendeckung handelt – die gesamte Institution bedrohen. Zweitens kann er einen Teil der Ressourcen, die eigentlich für Mutter und Kind bewilligt wurden, dem (sozialen) Vater zukommen lassen. Damit verstößt er allerdings unter anderem gegen geltendes Recht. Drittens kann er selbst dafür sorgen, dass der Mann das Interesse an der Teilhabe am Alltag verliert. In der vorliegenden Studie konnte gezeigt werden, dass von allen Möglichkeiten in Einzelfällen Gebrauch gemacht wird. Die Folge dieses Dilemmas ist, dass selbst diejenigen Männer, die größere Fähigkeiten im Umgang mit dem Kind als ihre Partnerinnen besitzen, nicht adäquat unterstützt, in den Alltag einbezogen oder gänzlich ausgeschlossen werden. Beratung von (sozialen) Vätern erfolgt – wenn überhaupt – überwiegend lediglich „zwischen Tür und Angel“ oder ausschließlich bei Paarkonflikten, dann aber bezogen auf die Mutter. Kurse zum Aufbau der Eltern-Kind-Beziehung werden nur in seltenen Einzelfällen für Männer geöffnet. Wenn Männer sich dann entscheiden, daran teilzunehmen, kann es passieren, dass sie sich unter der überwiegenden Mehrheit von Frauen als Exoten fühlen. In allen Einrichtungen – außer in denen des Vereins „Familienhilfen“ – wird der Ausschluss der Bezugspersonen der Kinder entlang der Geschlechtergrenze praktiziert. Viele Kindsväter und Partner von Klientinnen werden mit den Regelungen der Hausordnungen den überwiegenden Teil des Tages vom Alltag ferngehalten. Die Hausordnungen sind in den hier untersuchten Einrichtungen meist nicht verschriftlicht und können somit vom Personal verändert werden. Problematisch ist aber vor allem, dass die Hausregeln nicht nach dem offiziellen Rechtsverhältnis des besuchswilligen Mannes zur Frau und zum Kind fragen. Üblich sind grundsätzliche Besuchs- und Übernachtungsverbote für Männer, unabhängig davon, ob es sich um sorgeberechtigte Kindsväter, neue Partner, ledige werdende Väter oder andere Männer handelt. Gemäß den Aussagen der Befragten dürfen in den meisten Einrichtungen Männerbesuche lediglich zu bestimmten Zeiten in der Woche stattfinden beziehungsweise müssen von den (werdenden) Müttern mit einer gewissen Frist im Vorhinein angekündigt werden. Die Gäste müssen sich fast überall beim pädagogischen Personal an- und abmelden, wenn sie das Haus betreten oder verlassen. Männer dürfen sich gerade in Wohnformen mit WG-ähnlichen Settings nur im Zimmer der Mutter aufhalten, wenn sie zu Besuch kommen. Gemeinschaftsräume sind meist tabu. Wenn beispielsweise der Zugang zu Küche oder Esszimmer verwehrt wird, kann der Mann nicht an typischen Alltagssituationen teilhaben. Besonders strenge Regeln für den Kontakt zwischen Klientinnen und ihren Partnern bzw. den Kindsvätern mit dem Kind gelten in manchen Einrichtungen in den ersten Wochen nach Einzug der Frauen mit Kind in die Häuser. Meist sind dann Besuche bzw. Übernachtungen des Kindsvaters bzw. Partners vollständig untersagt und die Mutter darf nicht außerhalb der Einrichtung mit dem Kind übernachten. Diese Regelungen können die Festigung der Beziehungen der Klientinnen erschweren, Paarkonflikte fördern und das Engagement von Vätern für ihre Kinder unterminieren. 9 Resümee 274 In den meisten Einrichtungen hat sich ein Privilegien- und Strafsystem herausgebildet, welches unabhängig vom offiziellen Rechtsverhältnis des Mannes zum Kind und zur Frau diesem die Teilhabe am Alltag versagen bzw. zusprechen kann. Die Privilegien- und Strafsysteme stehen über der Hausordnung, die Hausordnung wird also unterschiedlich auf Paare angewandt und von den pädagogischen Fachkräften jeweils modifiziert. In den Gesprächen stellt sich heraus, dass das Privileg, in der Einrichtung zu Besuch zu kommen, überwiegend nur denjenigen Männern zugesprochen wird, die sich gegenüber dem Personal freundlich verhalten, kein unbotmäßiges Verhalten zeigen und im Umgang mit dem Kind bereits über wesentliche Kompetenzen verfügen. Die Anwendung von Privilegien- und Strafsystemen kann zwar im Einzelfall dazu führen, dass Männer am Alltag teilhaben können. Allerdings ist dann das Einbeziehen des Mannes vom Wohlwollen der Fachkräfte in den Einrichtungen abhängig. Darüber hinaus werden Männer weitgehend dann außen vor gelassen, wenn angenommen wird, dass sie dazu neigen, Konflikte mit Gewalttätigkeit zu bewältigen. Männer, denen Privilegien zugesprochen werden, müssen bereits in der Lage sein, am Alltag teilhaben zu können, ohne dieselben personellen Ressourcen der Institution in Anspruch zu nehmen, die für die Behandlung der Mutter und des Kindes vorgesehen sind. Dies spiegelt sich auch in den Hausordnungen wider: Alkohol- oder substanzabhängige Männer und solche, die in der Vergangenheit straffällig wurden, werden über Aufnahmerituale von der Teilhabe am Alltag ausgeschlossen, beispielsweise indem als Zugangsvoraussetzung zum Privilegiensystem die Vorlage eines einwandfreien Führungszeugnisses bzw. eines negativen Drogentests verlangt wird. Einrichtungen fordern von den Männern, die Kosten für die Durchführung der Drogentests und für die Ausstellung des Führungszeugnisses zu tragen. Die befragten Fachkräfte begründen die Übertragung der Kosten auf die Männer damit, mithilfe dieser Regelung messen zu können, wie viel dem Mann die Beziehung zur Kindsmutter „wert“ sei. Tatsächlich kann diese Praxis allerdings für mittellose Männer zur Hürde im Zugang zum Kind und der Frau werden. Besonders vom Ausschluss aus dem Alltag betroffen sind also arme, alkoholabhängige, straffällig gewordene und solche Männer, die aggressives Verhalten zeigen. Den Ergebnissen der vorliegenden Studie zufolge werden die Privilegien – wenn überhaupt – überwiegend nur derjenigen Klientel zugedacht, die in „Verselbstständigungsapartments“ untergebracht ist, in welchen entsprechend große Räumlichkeiten existieren, um den Vater in den Alltag integrieren zu können, ohne dass es wegen räumlicher Enge oder wegen zu großer Nähe zu anderen Klientinnen zu Konflikten kommt. Die Einteilung der Einrichtung in „Stationen“, in denen unterschiedliche Regeln in Bezug auf Männerbesuch gelten, kann dazu führen, dass sich die Klientel bemüht, ein angepasstes Verhalten zu zeigen, um in den „Verselbstständigungsapartments“ unterzukommen. Der Einrichtung kann das Privilegiensystem also als Mittel zur Menschenführung dienen. Die Privilegien- und Strafsysteme begründen sich also zum Teil in institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen: Durch das Fehlen einer Finanzierungsmöglichkeit intensiver Hilfen für beide Eltern mit Kind und den Umstand, dass sich trotz widriger Aufnahmeprozeduren nicht alle an der Teilhabe interessierten Männer von 9 Resümee 275 ihrem Plan abbringen lassen, am Alltag teilhaben zu wollen, entsteht ein Ressourcenmangel in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII, wenn Männer zu Besuch kommen, der sich in Verteilungskämpfen um Raum und finanzielle Ressourcen manifestiert. Die Hausregeln haben in diesem Punkt – wie die vorliegende Studie zeigt – die Funktion, die Praxis zu legitimieren, personelle, räumliche und finanzielle Ressourcen innerhalb der Einrichtung auf die Frauen und Kinder zu verteilen und die Männer weitgehend außen vor zu lassen. Dass die Gesellschaft keine Kontrollmechanismen etabliert hat, um bei dieser Form von Ungleichbehandlung einzuschreiten, kann als Billigung der Verhältnisse gedeutet werden. Mehr noch: Faktisch werden gerade Männer mit gesteigertem Hilfebedarf aus dem Alltag ausgeschlossen und vom Kind separiert. Dabei wird vor dem Ausschluss nicht oder nicht hinreichend geprüft, ob diese Männer tatsächlich durch ihr Verhalten das Kindeswohl gefährden. Das Personal wird hinsichtlich seiner Möglichkeiten, Besuchs- und Übernachtungsverbote auszusprechen, durch keine höheren Instanzen kontrolliert. Durch die Anwendung der Privilegienund Strafsysteme sind Männer – und auch ihre Partnerinnen und Kinder – hinsichtlich der Möglichkeiten der Beziehungsgestaltung in diesen Einrichtungen faktisch der Willkür des Personals ausgesetzt. Die außerhalb der Einrichtung geltenden Grundund Menschenrechte der Familienmitglieder finden dann keine Anwendung. Vom Personal in den Einrichtungen wird zwar die Beteiligung des Vaters am Alltag gefordert, aber faktisch nur in einzelnen Zeitabschnitten im Tagesablauf ermöglicht. Die Konzentration der Besuchszeiten auf die Abendstunden und die Ausschlussmechanismen, die überwiegend auf mittellose Männer angewandt werden, während berufstätigen Männern Privilegien eingeräumt werden, sprechen für eine Formierung einer bestimmten Vaterrolle in den Einrichtungen. Es ist davon auszugehen, dass vor allem diejenigen Männer durch das Privilegiensystem Zugang zu ihren Partnerinnen und dem Nachwuchs erhalten, welche sich an traditionellen Arrangements orientieren, also die Ernährerfunktion in der Familie übernehmen können. Da die finanziellen und beruflichen Möglichkeiten der meisten Männer der Verwirklichung dieses Ideals entgegenstehen dürften, ist es nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der Männer im Alltag außen vor zu bleiben scheint. Durch die Konzentration auf traditionelle Geschlechterrollenarrangements werden Geschlechterstereotypien durch die Soziale Arbeit selbst gefestigt. Zum einen wird die Förderung der Kompetenzen im Bereich der Pflege und Erziehung des Kindes weiterhin auf die Frau konzentriert, zum anderen werden Ansprüche an die Männer generiert, die Familie ernähren zu können. Die Befragungen zeigen, dass Elternteile mit Kind vielfach zwischen einem und drei Jahren in der Einrichtung verbleiben, in Einzelfällen auch zwischen vier und zehn Jahren – zum Teil mit Unterbrechungen – im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen betreut werden. Werden Männer aus dem Alltag in den Einrichtungen ausgeschlossen und dauert die Hilfe lang, bleiben die Kinder in der kritischen Phase für den Aufbau von Bindungen weitgehend ohne Kontakt zu Männern. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse über den positiven Einfluss des männlichen Elternteils auf die Entwicklung von Kindern in vielen Bereichen und auf Lebenschancen auch im Jugend- und Erwachsenenalter ist der langandauernde Ausschluss des Mannes aus dem 9 Resümee 276 Leben des Kindes besonders problematisch. Mit zunehmender Dauer des Aufenthalts des Kindes sinkt die Chance für (soziale) Väter, die während der Hilfe nicht einbezogen wurden, im Nachhinein eine Bindung zum Kind aufzubauen oder verlorene Bindungserfahrungen nachholen zu können, sodass eine solche für alle Zeit verloren sein kann. Diskriminierungs-, Privilegierungs- und Ausschlussregeln im Hinblick auf Männer ergeben sich – dies zeigt die Studie – unter anderem auch aus religiös legitimierten Herrschaftsregeln. In Einrichtungen katholischer Initiativen können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Engagement für besuchs- und übernachtungswillige Männer teilweise nur gegen Widerstände seitens der Einrichtungsleitungen durchsetzen. Daher liegen die Privilegiensysteme für Männer in katholischen Einrichtungen besonders dezidiert begründet und für den Einzelfall ausdifferenziert vor. Es gibt jedoch auch Hinweise darauf, dass in katholischen Einrichtungen die Hürden für Männer, am Alltag teilhaben zu können, besonders hoch sind, um die Wahrscheinlichkeit für angepasstes Verhalten bei den Männern zu erhöhen. Durch die Auswertung der Ergebnisse konnte die These erhärtet werden, dass in einzelnen Einrichtungen – überwiegend in solchen, in denen Minderjährige betreut werden – Fachkräfte während der Besuchszeit des Mannes absichtlich die Privatsphäre der Paare stören, um sexuelle Kontakte zu verhindern. Gerade die katholischen Einrichtungen stehen bei der Aufgabe, hinsichtlich der Frage nach Verhütungsmethoden zu beraten, vor einem Dilemma: Nicht selten werden gerade hier Frauen dazu gedrängt, möglichst mit Spirale oder Drei-Monats-Spritze zu verhüten, damit keine weiteren Kinder gezeugt werden. Letztgenannte Praxis steht im Widerspruch zur katholischen Morallehre, nach der Verhütung grundsätzlich abgelehnt wird. Daran wird eine Doppelmoral deutlich: An die Klientel in den Einrichtungen wird ein anderer Maßstab angelegt, als an Frauen außerhalb der Institutionen. Aber das Menschenrecht auf selbstbestimmte Reproduktion steht auch im Widerspruch zu gesamtgesellschaftlichen Auslegungstraditionen in dem Bereich der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen. Die Moralisierung sozialer Ungleichheit und Moralpaniken, wie etwa um die sexuelle Verwahrlosung der Unterschicht, können besonders in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder die Praxis befördern, weiterhin diskriminierende Regelungen auszubauen. Im Rahmen der vorliegenden Studie konnte gezeigt werden, dass sich die behindernden Machtstrukturen heute noch durchsetzen, wenn Eltern bestimmten Risikogruppen zugerechnet werden. Ihnen wird teilweise das Recht abgesprochen, weitere Kinder in die Welt zu setzen, sowohl durch die praktische Soziale Arbeit in den Einrichtungen selbst als auch durch Jugendämter. Von letzteren werden bewusst Maßnahmen eingefordert und als Aufträge an die Leistungserbringer formuliert, die weitere Schwangerschaften der Klientinnen verhindern sollen. Gerade der Leistungsträger als Exekutivmacht verstößt mit dieser Zielverschiebung im höchsten Maße gegen die ihm obliegenden Aufgaben. Die vorliegende Studie zeigt, dass Chancengleichheit und Minderheitsrechte insgesamt in den Einrichtungen unbefriedigend realisiert wurden. Die Privilegien- und Strafsysteme befördern Intransparenz und verletzen Grund- und Menschenrechte der Familienmitglieder, die außerhalb der Einrichtung befolgt und beachtet werden müssten. Der Zugang von Männern zum Alltag der Familie bleibt 9 Resümee 277 durch hohe Hürden beschränkt, die von Leistungsträgern und -erbringern befördert werden. Innerhalb der Einrichtung stehen dem Mann die Rechte, die er außerhalb besitzt, nicht mehr zu, Grund- und Menschenrechte werden durch Hausordnungen au- ßer Kraft gesetzt. Gerade minderjährigen Eltern werden Rechte im Hinblick auf das Kind ohne Gerichtsbeschluss abgesprochen. Auch wird dieser Gruppe besonders vehement das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung untersagt. In der Veränderung der Regelungen in Bezug auf die Männer in den Einrichtungen verbirgt sich die Chance, behindernde Machtstrukturierungsregeln entlang der Kategorie „Geschlecht“ durch Soziale Arbeit zu begegnen. Dazu bedarf es eines Abbaus der sozialrechtlichen Barrieren: In der Vergangenheit wurde der § 19 SGB VIII mehrmals reformiert, um der Praxis in den Einrichtungen gerecht zu werden. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie offenbaren die Notwendigkeit, erneut eine Konkretisierung bzw. Anpassung des § 19 SGB VIII vorzunehmen, um bestehende Angebote, Konzepte und Modelle, die den neuen Bedarfen der Klientel in den Einrichtungen Rechnung tragen, gesetzlich abzusichern. Vor allem gilt es, die Betreuungsangebote für Zwei-Eltern- und Patchwork-Familien im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe gesetzlich abzusichern und kurzzeitigen Clearings für Paare und Eltern in stationären und ambulanten Kontexten eine weit größere Bedeutung zuzuweisen. Um den Ansprüchen an eine moderne Familienhilfe gerecht zu werden, sollte § 19 SGB VIII in großen Teilen neu formuliert und an anderer Stelle im Gesetz eingeordnet werden. Es sollte dafür gesorgt werden, dass ein entsprechender Gesetzestext die Herausbildung von kurzzeitig angelegten, intensiven Hilfen für Familien unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung legitimiert oder zumindest Finanzierungsmöglichkeiten von Hilfen für beide Elternteile mit Kind aufzeigt. Die Beschränkung der Leistung auf Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung und beim Vorliegen eines erzieherischen Defizits sowie die Beschränkung der Leistungen auf Familien mit Kindern unter sechs Jahren ist vor dem Hintergrund von Gleichstellungsbemühungen fragwürdig und sollte aufgehoben werden. Vielmehr wäre es hilfreich, ein Leistungsgesetz nach dem Vorbild der Entwicklung im Bereich der Behindertenhilfe zu schaffen. Die Konzepte der „begleiteten Elternschaft“ und der „Assistenz“ sowie ihre rechtliche Verankerung könnten Richtmaß für die Kinder- und Jugendhilfe werden. Es ist erforderlich, den entsprechend modifizierten Paragraphen im SGB VIII im Abschnitt „Hilfen zur Erziehung“ zu verorten, sodass § 36 SGB VIII, der zur Durchführung des Hilfeplanverfahrens verpflichtet, auch für den Bereich der Hilfe Anwendung findet. Durch den Gesetzgeber sollte klargestellt werden, dass Maßnahmen auf Mütter und auf Väter sowie Kinder ausgerichtet sind und sich an den Bedarfen der Familienmitglieder unabhängig von der spezifischen Familienform orientieren. Der neue Gesetzestext sollte es ermöglichen, auch werdende Väter in die Hilfe einzubeziehen. Um sicherzustellen, dass diese auch an der Entscheidungsfindung mit dem Jugendamt im Abklärungsprozess von Beginn an beteiligt werden, sollte § 52 a SGB VIII reformiert werden. Darüber hinaus ist es notwendig, alle anderen Gesetze im SGB VIII vor dem Hintergrund des Gender-Mainstreamings zu überprüfen. Im Hinblick auf die neuen Aufgaben der Abklärung in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte der Gesetzestext ausdifferenzieren, welche Entscheidungen bei Fäl- 9 Resümee 278 len an der Grenze zur Kindeswohlgefährdung vom Leistungsträger und welche vom Leistungserbringer zu treffen sind, ab welchem Gefährdungsgrad eine Fremdunterbringung forciert werden sollte und wie die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen beteiligten Hilfesystemen im Sozialraum und den Familiengerichten gestaltet werden kann. Darüber hinaus sollte vor dem Hintergrund bindungstheoretischer Erkenntnisse die Phase der Abklärung auf eine Mindestdauer beschränkt werden. Während des Abklärungsprozesses sollten Hilfeplangespräche häufiger als üblich vorgeschrieben werden. Auf der Ebene der Leistungsträger sollten kompetente Beratungsstrukturen für Männer mit hohen Bedarfslagen ausgebaut werden. Sorgeberechtigte Väter müssen zu Hilfeplangesprächen eingeladen und in Entscheidungen zu Fragen, die das Kind betreffen, einbezogen werden. Gerade bei Konflikten zwischen den Elternteilen ist dies herausfordernd. Dennoch sollten aus pragmatischen Gründen weder Männer außen vor gelassen noch den Müttern die alleinige Verantwortung für die Erziehung und Pflege der Kinder zugeteilt werden. Auch ist sicherzustellen, dass getrennt lebende, sorgeberechtigte Väter über Vorfälle informiert werden, die das in der Mutter-(Vater‑)Kind-Einrichtung lebende Kind betreffen. Als Reaktion auf körperliche Gewalt in Familien durch Männer sollten Schutzkonzepte für Frauen und Kinder sowie für das mit den Familien arbeitende pädagogische Personal erarbeitet werden. Es sollte dargelegt werden, wie Männer Zugang zu den von ihnen benötigten Hilfen erlangen können. Entsprechend sind Konzepte zur Behandlung von Drogen- und Alkoholabhängigkeit mit speziellem Fokus auf (soziale) Väter zu entwickeln. Die Vernetzung vorhandener Anbieter im Sozialraum sollte forciert werden. Darüber hinaus sollte dargelegt werden, wie Gerichtsverfahren bei Kindeswohlgefährdung, die von sorgeberechtigten Vätern ausgelöst und durch Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe nicht abgewendet werden können, beschleunigt werden können. Für den Bereich der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte regional eine interessenneutrale Stelle zur Überprüfung der Qualität der Hilfen eingerichtet werden. Auf kommunaler Ebene sollten Teilhabepläne unter Einbezug betroffener Kindsväter und Partner erstellt werden. Selbst wenn Leistungserbringer die Partner der Klientinnen und Kindsväter betreuen wollen und der Leistungsträger die Betreuung finanziert, fehlt es teilweise an der notwendigen Infrastruktur, um Entwürfe für Pläne zur Einbindung von Männern zu entwickeln, diese Pläne umzusetzen, sie kritisch zu bewerten, an geeigneten Fortbildungsmaßnahmen teilzunehmen und sich mit dem Personal anderer Einrichtungen über Erfahrungen beim Einbinden der Männer auszutauschen. Dem Entwicklungsdefizit im Bereich der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen im Hinblick auf die Sicherstellung der Rechte der Familienmitglieder, insbesondere die der Väter, sollte durch ein Förderprogramm entgegengewirkt werden. Die Förderung sollte auf eine Neuorientierung der Familienpolitik im Hinblick auf die Versorgung und Begleitung von Eltern mit hohem Unterstützungsbedarf durch Kinder- und Jugendhilfe abzielen. Alle Akteure sollten zum Gender-Mainstreaming verpflichtet werden. Stationäre Mutter-Kind-Einrichtungen mit klassischem Heimsetting sollten nicht weiter ausgebaut werden. Primär sollten Hilfen gefördert werden, die Familien in ihren Lebens- 9 Resümee 279 umständen zuhause begleiten. Es sollten Maßnahmen zur Erhöhung der Durchlässigkeit im System der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt und getestet werden. Zudem sollten Modellversuche zum Aufbau von Netzwerken mit abgestuften Reaktionsmöglichkeiten auf Bedrohungen des Kindeswohls gefördert werden. Auf Bundesebene sollte die Stärkung der Vertretungen der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner sowie von Vätern, deren Kinder in Heimen leben, speziell für den Bereich der Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen forciert, unabhängige Beschwerdestellen ausgebildet und verankert sowie Selbsthilfeorganisationen der Klientel gefördert werden. Aufklärung über die Rechte von Vätern und männlichen Bezugspersonen sowie deren Unterstützungsmöglichkeiten in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte verstärkt werden. Darüber hinaus sollten alle relevanten Berufsgruppen in Behörden, Institutionen und Verbänden über Bedarfslagen von Männern im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe und die Möglichkeiten der Intervention durch Kinder- und Jugendhilfe in Form von entsprechenden Ausbildungs- und Fortbildungsprogrammen informiert werden. Weiterhin könnte die Veröffentlichung von guten Beispielen und die Ausschreibung von Preisen die Entwicklung in dem Bereich vorantreiben. Die katholischen und evangelischen Fachverbände für Hilfen nach § 19 SGB VIII sollten die Qualitätsstandards im Hinblick auf die Teilhaberechte von Männern im Alltag überarbeiten. Sie sollten mehr Fortbildungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Bezug auf aktuelle Themen der Väterforschung, zu Fragen der Geschlechtergleichstellung und der Menschenrechte organisieren sowie Expertinnenund Expertennetzwerke zu diesen Themen aufbauen. Zudem sollten sie durch Öffentlichkeitsarbeit für Lebenslagen und Hilfebedarfe der männlichen potentiellen Klienten sensibilisieren. Empfehlenswert erscheint es, männliche Mitarbeiter einzustellen. Es sollte erwogen werden, im Hinblick auf das Geschlecht der Mitarbeiterschaft eine Männerquote einzuführen. Diese könnten (sozialen) Vätern in geschlechterhomogenen Gruppen die Gelegenheit bieten, über tabuisierte Themen wie Sexualität, Ängste und Unsicherheiten zu sprechen. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie deuten darauf hin, dass speziell auf Männer ausgerichtete, als „typisch männlich“ geltende Aktivitäten als „Türöffner“ dienen und die Partner der Bewohnerinnen motivieren, sich auf pädagogische Angebote einzulassen. Zudem könnte die Anwesenheit männlicher Pädagogen dazu führen, dass die bisher fast ausschließlich vom weiblichen Geschlecht umgebenen, alleinerziehenden Väter sich in diesen Institutionen nicht fremd fühlen müssen. Durch Vereinbarungen mit den Leistungserbringern auf Landes- und kommunaler Ebene sollte darauf hingewirkt werden, diskriminierende Hausordnungen, Strafund Privilegiensysteme abzuschaffen, indem bei der Erteilung der Betriebserlaubnis eine Prüfung der Hausordnungen stattfindet. Stattdessen sollte eine geeignete Infrastruktur zur Betreuung von Familien mit mehr als zwei Mitgliedern geschaffen werden. Von der Anmietung des Wohnraums durch den Träger sollte abgesehen werden. Es wird erforderlich sein, vermehrt ambulante, auf kurze Zeit angelegte Hilfen im Wohnraum von Familien zu entwickeln. Die dazu benötigten familientherapeutischen Settings erfordern eine hohe Qualifikation des Personals und die gleichzeitige Zusammenarbeit mehrerer Fachkräfte. Dazu ist eine finanzielle und personelle Auf- 9 Resümee 280 stockung vonnöten. Träger von Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollten dazu verpflichtet werden, Qualitätsberichte zu veröffentlichen, in denen Aktivitäten zum Gender-Mainstreaming und zur Einbindung des männlichen Elternteils in den Alltag nachgewiesen werden. Zudem sollte in stationären Einrichtungen offengelegt und Rechenschaft darüber abgelegt werden müssen, wie viel Raum der jeweiligen Familie zur alleinigen Nutzung zur Verfügung steht. Die Größe der Räumlichkeiten sollte nach den bereits im Rahmen der Hartz IV-Regelungen festgelegten Vorgaben auf Angemessenheit hin überprüft werden. Um die Möglichkeiten der Betreuung von Männern, Patchwork- und Zwei-Eltern-Familien zu erweitern, ist es notwendig, die Bedarfe der Klientel zu kennen. Den betroffenen Männern selbst sollte sich durch die Forschung zugewendet werden. Die Lebensgeschichten der Männer konnten – wie an dieser Stelle kritisch bemerkt werden muss – durch die vorliegende Studie nicht rekonstruiert werden, da kein Zugang zu Kindsvätern oder Partnern der Klientinnen gewonnen werden konnte. Es fehlt also noch an einer Hinwendung zu den Bedarfen, aber vor allem auch an Informationen über Ressourcen der Männer. Eine Aufarbeitung der großen Lücken zu Fragen zu aktuellen Entwicklungen im Bereich der Hilfen nach § 19 SGB VIII konnte im Rahmen der vorliegenden Studie nur am Rande geleistet werden. An dieser Stelle empfiehlt sich eine weitere Untersuchung. Wünschenswert wäre auch die Förderung von Forschungsprojekten zur Entwicklung neuer Formate für Programme zur Stärkung der Vater-Kind-Bindung. Dazu ist auch die Entwicklung entsprechender Methoden zur Beurteilung der Qualität der Vater-Kind-Beziehung vonnöten. Zudem sollten Konzepte zur Betreuung von beiden Eltern mit Kind und zur Ermöglichung selbstbestimmter Sexualität (minderjähriger) Eltern und Kinder im Feld der Kinder- und Jugendhilfe entwickelt werden. Besonders das Feld der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sollte weiterhin kritisch wissenschaftlich begleitet werden, damit es sich durchgängig an Menschen- und speziell den UN-Kinderrechten ausrichtet. 9 Resümee 281

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Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.