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8 Empirische Ergebnisse in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 167 - 264

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-167

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Empirische Ergebnisse Analyse der Interviews mit den Müttern Im Folgenden werden drei Biographien von Klientinnen dargestellt. Anhand dieser Einzelfälle wird herausgearbeitet, wie die Institution die Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen beschränkt. Mit einer „strukturellen Möglichkeitsverallgemeinerung“ (Holzkamp, 1983, S. 545) wurden gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten und Grenzen ausgelotet und typische institutionelle Ambivalenzen beim Einbinden der Männer im Alltag charakterisiert. Fall Frau Becker – Möglichkeitstyp „institutionell mitverursachte Paarkonflikte“ Im folgenden Abschnitt soll am Beispiel der Lebensgeschichte einer befragten Mutter, nämlich Frau Becker, aufgezeigt werden, dass, wie und warum die Aufnahme in einer Mutter-Kind-Einrichtung beinahe zu einer institutionell verursachten Trennung der Klientin vom Kindsvater geführt hätte und wie die Trennung vermieden werden konnte. Zunächst wird die Lebensgeschichte der Frau verkürzt nacherzählt: Frau Becker lebt in der Einrichtung weit entfernt von ihrem ursprünglichen Wohnort. Ihre Kindheit beschreibt sie als schön. Beide Eltern sind berufstätig. Mit ihren Eltern und ihrer Schwester fährt sie häufig in den Urlaub. Sie besucht eine Mädchenschule. Als Frau Becker in die Pubertät kommt, trennen sich ihre Eltern. Frau Beckers Mutter hat bald einen neuen Freund. Im Vergleich zu ihrer Schwester kann Frau Becker die Trennung der Eltern nicht gut verarbeiten. Sie wird in der Schule gehänselt und erkrankt psychisch. Ein Aufenthalt in einer Klinik wird nötig. Ihre Eltern wissen nicht, was sie tun sollen, und suchen nach Hilfe. Frau Becker und ihre Eltern entscheiden sich gemeinsam dafür, dass sie in eine Wohngruppe des Trägers „Haus am Steinweg“ einzieht. Der Träger ist speziell auf die Betreuung psychisch kranker Jugendlicher und junger Erwachsener spezialisiert. Frau Becker gefällt es sehr gut in der Wohngruppe. Sie macht ihr Fachabitur und wohnt in dieser Zeit in zwei verschiedenen Wohngruppen des Trägers „Haus am Steinweg“. Dann zieht sie in eine eigene Ein-Zimmer-Wohnung. Dort wird sie ambulant durch einen anderen freien Träger betreut. Eine pädagogische Fachkraft besucht sie ein- bis zweimal pro Woche. Frau Becker beginnt eine Ausbildung. Nach drei Jahren in der eigenen Wohnung muss sie in die Psychiatrie. Dort lernt sie ihren derzeitigen Freund und späteren Kindsvater kennen, der auch von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Nach dem Aufenthalt in der Psychiatrie werden sie und ihr Freund jeweils durch einen Leistungserbringer im eigenen Wohnraum unterstützt. 8 8.1 8.1.1 167 Als Frau Becker schwanger wird, bekommt sie Angst, ihre Krankheit könnte mit den Hormonschwankungen während der Schwangerschaft zurückkehren. Ihre Befürchtung ist, ihr Freund könnte in einem solchen Fall wegen seiner eigenen Erkrankung die Pflege und Erziehung des Kindes nicht allein übernehmen. Da ihre Eltern zu weit entfernt wohnen, um das Paar unterstützen zu können, entscheiden Frau Becker und ihr Freund sich gemeinsam dafür, nach Hilfe zu suchen. Der Leistungserbringer „Haus am Steinweg“ ist auch Träger einer Mutter-Kind- Einrichtung, in der unter anderem psychisch erkrankte Mütter mit Kind und Schwangere unterkommen können. Allerdings werden Männer dort nicht aufgenommen. Das Paar möchte lieber zusammenwohnen, deshalb erkundigt es sich nach Leistungserbringern, welche die ganze Familie betreuen und auf die Unterstützung psychisch Kranker spezialisiert sind. Sie finden eine Einrichtung, in der beide Eltern einziehen können, allerdings ist diese auf die Betreuung behinderter Eltern spezialisiert und liegt sehr weit entfernt. Das Paar müsste weit wegziehen und befürchtet, dort keine adäquate Hilfe zu bekommen. Zwischenzeitlich muss Frau Becker ihre Ausbildung abbrechen, weil es nicht die Möglichkeit gibt, in Teilzeit weiter zu lernen. Mit einem Kind ist eine Vollzeitausbildung für Frau Becker nicht mehr machbar. Mit der fortscheitenden Schwangerschaft drängt Frau Becker darauf, in die Mutter-Kind-Einrichtung des Trägers „Haus am Steinweg“ zu ziehen, auch weil sie dort zuvor auch schon Unterstützung erhalten und dabei gute Erfahrungen gemacht hat. Doch ihr Freund hat Bedenken, dass er dort nicht zu Besuch kommen darf. Weil die werdenden Eltern sich darüber bewusst sind, dass sie Hilfe benötigen werden, damit es ihrem ungeborenen Kind in Zukunft gut geht, aber nicht getrennt leben möchten, sind sie in einem Zwiespalt. Frau Becker nimmt an einem Informationsgespräch des Leistungserbringers „Haus am Steinweg“ teil. In diesem Gespräch erfährt sie, dass tatsächlich der Partner in den ersten sechs Wochen nicht zu Besuch kommen sollte. Die Partner dürften erst nach sechs Wochen und nur dann in den Wohnungen der Bewohnerinnen übernachten, wenn die Betreuerinnen die Männer kennengelernt hätten. Zudem müsse ein polizeiliches Führungszeugnis abgegeben werden. Der Partner der Befragten sieht seine Befürchtungen bestätigt und spricht sich gegen den Einzug der Befragten in die Einrichtung aus. Frau Becker versteht die Bedenken ihres Freundes, möchte sich aber durchsetzen, damit sie Hilfe bekommt. „Frau Becker: […] Er hatte da Bedenken auf jeden Fall. Aber mir war eigentlich von vornherein klar, dass […] die Betreuer […] alle ihr Bestes geben und dass die auch (…) mit uns arbeiten und nicht irgendwie gegen uns“ (Interview mit Frau Becker, Abs. 4). Daraufhin streitet sich das Paar. Eine Trennung steht im Raum. Frau Becker setzt sich gegen den Widerstand des Freundes durch und wird im Mutter-Kind-Bereich des freien Trägers untergebracht. Das Paar steht die Krise durch. Die Betreuerinnen im Mutter-Kind-Bereich merken, dass Frau Becker und ihr Freund eine stabile Partnerschaft führen und der Kindsvater sich an Absprachen hält. Frau Becker erwirkt eine Ausnahmeregelung, die dem Kindsvater nahezu uneingeschränkten Zugang zu seiner Familie ermöglicht. Im Interview – also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Regeln nicht mehr für sie gelten – 8 Empirische Ergebnisse 168 äußert Frau Becker sich über die ursprünglich strengeren Reglements positiv und hält sie für gerechtfertigt. Frau Beckers Betreuerin begründet ihr gegenüber den zunächst strengen Kurs und den dann erfolgten Richtungswechsel bei der Anwendung der Regeln in Bezug auf ihren Partner damit, dass allen Bewohnerinnen zunächst strenge Regeln in Bezug auf die Partner vorgeschrieben werden. Bei Partnern, die den Kindern oder Kindsmüttern nicht guttun, könne so der Kontakt von Anfang an unterbunden werden. Falls das Personal im weiteren Verlauf der Hilfe einen positiven Eindruck vom Partner erhalte, könnten die Regeln im Nachhinein gelockert werden. Frau Becker verteidigt die Strategie des Personals im Interview: Sie könne dies gut nachvollziehen und habe das auch ihrem Freund erklärt. Der Kindsvater kommt vom ersten Tag an täglich zu Besuch und belegt mittlerweile ein eigenes Zimmer in der Wohnung, die Frau Becker von der Einrichtung zur Verfügung gestellt bekommen hat. Die relativ kleine Wohnung in der Mutter-Kind- Einrichtung besteht aus zwei Zimmern mit Bad und Küche in einem Wohnhaus in einem eher ländlichen Gebiet. Der Kindsvater unterhält zusätzlich noch eine eigene Ein-Zimmer-Wohnung, in der er bereits seit einem halben Jahr nicht mehr übernachtet hat, da er sich vorwiegend in der Familienwohnung in der Mutter-Kind-Einrichtung aufhält. Er leidet unter Zwängen. Seine Zwangserkrankung äußert sich unter anderem darin, dass er einen Aufenthaltsort benötigt, der durch andere Personen nicht durcheinandergebracht wird und den er peinlich sauber halten kann. Um das Konfliktpotential abzumildern, entscheidet sich das Paar dazu, dass ein Raum der Zwei- Zimmer-Wohnung allein vom Kindsvater beansprucht wird und weder die Mutter und das Kind noch andere Personen, die zu Besuch kommen, den Raum betreten. Weil ein Zimmer vom Vater allein belegt wird, bleiben Mutter und Kind nur ein gemeinsames Zimmer übrig. Dieser Platz reicht für Mutter und Kind nicht aus, die Wohnung ist also zu klein, um den Raumbedarf aller Familienmitglieder zu decken. Aufgrund seiner Erkrankung nimmt der Kindsvater zwar auch Betreuung bzw. pädagogische Begleitung in Anspruch, allerdings wird diese ambulant von einem anderen Träger erbracht. Der Kindsvater trifft sich mit seinen Betreuungspersonen au- ßerhalb der Mutter-Kind-Einrichtung. Eine Betreuung durch das in der Mutter-Kind- Einrichtung tätige Personal kommt für den Kindsvater, aber auch für den Leistungserbringer der Hilfe für die Mutter nicht in Betracht. Die Betreuerinnen des Trägers „Haus am Steinweg“ äußern Frau Becker gegenüber, dass sie das vollständige Ausweiten der Hilfe auf den Kindsvater nicht leisten können, weil sein Unterstützungsbedarf über § 19 SGB VIII nicht finanziert werden kann. Pro Woche wird das Kind von den Betreuerinnen der Mutter eine Stunde lang beaufsichtigt, doch in dieser kurzen Zeit kann Frau Becker nicht viel erledigen oder unternehmen. Das Kind schläft nachts sehr schlecht, sodass die Kindsmutter sich tags- über häufig ausruhen muss. In solchen und anderen Situationen bemüht sich der Kindsvater einzuspringen. Trotz aller Bemühungen ist er nur manchmal dazu in der Lage, die Situation allein zu bewältigen. Wenn das Kind weint, weiß er zum Beispiel nicht, was er machen soll. Gelingt es ihm nicht, allein auf das Kind aufzupassen, übernehmen die Mitarbeiterinnen der Mutter-Kind-Einrichtung die Aufsicht über das Kind. 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 169 Zum Zeitpunkt des Interviews geht es Frau Becker gesundheitlich gut. Sie möchte gern in der nahen Zukunft in Teilzeit studieren. Weiterhin wünscht sie sich, mit ihrem Freund und dem Kind zu dritt zusammenzuwohnen. Frau Becker bemerkt nachdrücklich, dass es ihrer Ansicht nach mehr Angebote für psychisch erkrankte Eltern geben müsste, in denen Familien mit Hilfebedarf gemeinsam betreut werden könnten, auch wenn die Eltern nicht alleinerziehend bzw. minderjährig seien. Das bisherige Verfahren sei altmodisch. Früher seien alleinerziehende Mütter zu betreuen gewesen, aber heute komme mehr dazu. Die Betreuung solle nicht nur in Großstädten sichergestellt werden, sondern auch auf dem Land. Es solle sichergestellt sein, dass die Angebote für Mütter und Väter aufeinander abgestimmt und beide entsprechend finanziert werden. Eine gesetzliche Grundlage für eine solche Betreuungsmöglichkeit solle geschaffen werden. Der oben geschilderte Einzelfall von Frau Becker ist ein Beispiel für Klientinnen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen und ihre Lebenslagen. Frau Becker gelangt freiwillig in die Einrichtung. Nach Goffman kommen Menschen meist freiwillig in eine totale Institution, wenn sie sich „bei Handlungen [ertappen], die ihnen zu beweisen sch[ei]nen, daß sie im Begriff st[eh]en, den Verstand oder die Kontrolle über sich selbst zu verlieren“ (Goffman, 1981, S. 131). Diese Erfahrung hat Frau Becker in der Vergangenheit gemacht. Eine solche Erfahrung gehöre – wie Goffman darlegt – zu den stärksten Bedrohungen, die dem Selbst in unserer Gesellschaft widerfahren könnten, weil es auf kulturellen und sozial verwurzelten Vorstellungen über Normalität des Verhaltens beruhe (vgl. Goffman, 1981, S. 131). Tatsächlich äußert Frau Becker, aufgrund dieser Erfahrung Angst zu haben, einen „Rückfall“ zu erleiden, und in der Folge die Erziehung und Pflege ihres Kindes nicht bewältigen zu können. Im Gegensatz zur Selbst- und Außenwahrnehmung des Verhaltens deutet Goffman es nicht als abnorme psychische Verfassung, sondern als „temporäre emotionale Verwirrung in einer Stresssituation“, die sich „bei jedem in unserer Kultur sozialisierten Menschen zeigen [würde], der die Befürchtung hegt, den Verstand zu verlieren“ (Goffman, 1981, S. 132). Nach der Aufnahme in die Mutter-Kind-Einrichtung ist Frau Becker erleichtert. Goffman zufolge kann eine Aufnahme in die totale Organisation tatsächlich für den Insassen erleichternd sein, weil er seine ihm von außen zugeschriebene Rolle nicht mehr voll aufrechterhalten muss, was ihm in seinen eigenen Augen in der Vergangenheit nicht befriedigend gelungen ist. In der totalen Institution kann es vorkommen, dass sich ein Insasse nicht mehr als „fragwürdig“ begreift und dieses Gefühl ihm Erleichterung verschafft (vgl. Goffman, 1981, S. 132). Auch wenn der Insasse freiwillig aufgenommen wird, durchläuft er die gleichen Routinen wie ein Insasse, der unfreiwillig in die Einrichtung gelangt (vgl. Goffman, 1981, S. 132). So gestalten sich auch die Aufnahme und der Aufenthalt in der Einrichtung im Fall von Frau Becker. Besuche zwischen ihr und ihrem Partner werden zunächst vollständig unterbunden, danach auf bestimmte Zeiten in der Woche reduziert. Während die Paarkonflikte aufgrund des Einzugs von Frau Becker gegen den Willen ihres Partners die Beziehung noch stark belasten, muss ihre Beziehung die Zeit überstehen, in der ihr Freund nicht zu Besuch kommen darf. Es handelt sich also um eine institutionell verursachte „Belastungsprobe“ zu einem Zeitpunkt, zu dem das 8 Empirische Ergebnisse 170 Paar ohnehin schon Schwierigkeiten hat, den Konflikt zu überwinden. Obwohl die Reglements beinahe zu einer Trennung geführt hätten, unterwirft sich Frau Becker dem Diktat der Einrichtung, ein Verhalten, das nach Goffman als individuellen Anpassungsmechanismus an die totale Institution in Form von „Kolonialisierung“ bezeichnet werden könnte. Nach einer Weile erwerben Frau Becker aufgrund ihres angepassten Verhaltens sowie der Kindsvater durch das andauernde Signalisieren seines Interesses am Zusammenleben mit der Familie und der Akzeptanz der Regeln im Zusammenhang mit den Besuchszeiten „Privilegien“, die über die in der Einrichtung üblichen Besuchszeiten hinausgehen. Sie und das Kind dürfen den Kindsvater in ihrer Zwei-Zimmer- Wohnung innerhalb der Mutter-Kind-Einrichtung nahezu uneingeschränkt empfangen. Als er praktisch die Wohnung mitbewohnt, ergeben sich neue Probleme: Aufgrund seines Bedarfs an einem „Raum“, der absolut sauber und ordentlich bleibt und den Frau Becker und ihr Kind damit faktisch nicht nutzen können, ist die Wohnung zu klein für ein gemeinsames Zusammenleben. Das Paar arrangiert sich dennoch mit dem Mangel an Wohnraumgröße. Das Kind und der Kindsvater sind eng aneinandergebunden. Aufgrund seiner Erkrankung ist er jedoch nicht jederzeit und nicht über lange Dauer in der Lage, das Kind allein zu betreuen. Sein Bedarf an pädagogischer bzw. beraterischer Unterstützung wird durch einen anderen Leistungserbringer „ambulant“ gedeckt. Obwohl er in einer Einrichtung wohnt, in der entsprechendes fachliches Können zur Betreuung psychisch erkrankter Elternteile vorliegt, der Leistungserbringer sogar darauf spezialisiert ist, wird er nicht vollständig in die Hilfe nach § 19 SGB VIII einbezogen. Zum einen wird der Einbezug durch den Vater nicht gewünscht, zum anderen kann die Leistung im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes nicht finanziert werden, weshalb das Personal eine Ausrichtung der Hilfe auf beide Eltern nicht in Betracht zieht. Ob die Begleitung des Kindsvaters durch den anderen Leistungserbringer auch darauf ausgerichtet ist, seinen Bedarf an Hilfe und Unterstützung im Umgang mit dem Kind zu decken, bleibt offen und kann bezweifelt werden. Das Beispiel macht deutlich, dass das Setting der Hilfe nach § 19 SGB VIII nur bedingt dazu geeignet ist, den Kindsvater in den Alltag einzubeziehen und seine Bedarfe an Hilfe zu decken. Erstens ist nach der Rechtslage eine Finanzierung der Unterstützung beider Eltern durch das pädagogische Personal in Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen nicht möglich ist. Zweitens hat sich bisher gerade für psychisch erkrankte Eltern keine adäquate Unterstützungsform herausgebildet, die ihrem spezifischen Bedarf gerecht werden kann. Drittens steht das Privilegiensystem der Einrichtung einer Stärkung der Paarbeziehung entgegen. Viertens fehlt es an geeignet gro- ßem Wohnraum. Fünftens wird die Bedarfslage des Mannes gerade im Hinblick auf seine Fähigkeiten im Umgang mit dem Kind nicht berücksichtigt. Die Einrichtung ist zwar auf die Betreuung psychisch kranker Menschen – auch auf Schwangere und Mütter – spezialisiert, der Vater wird im institutionellen Gefüge aber nicht beachtet, ja sogar bewusst ausgeschlossen: Besuchskontakte werden in den ersten Wochen nach Einzug unterbunden, er muss zunächst die Gunst des Personals erlangen, bevor er im Alltag geduldet wird. Es kann also vom Wohlwollen einzelner Fachkräfte abhängen, 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 171 ob er sein Kind sehen kann oder nicht. Außerhalb der Institution ist der Vater vor der Separation von seiner Familie weitgehend durch seine Elternrechte auf der Ebene der Menschenrechte und des Grundgesetzes geschützt (vgl. Abschnitt 3). Innerhalb der Einrichtung allerdings können ihm die Rechte versagt bleiben, ein Kennzeichen für die totale Institution. „Für Ungehorsam gegenüber der Hausordnung sind schwere Strafen in Form des Verlustes von Privilegien vorgesehen; für deren Befolgung erhält der Patient schließlich die Erlaubnis zu einigen kleinen Freuden, die er in der Außenwelt für gesichert hielt“ (Goffman, 1981, S. 147). Spezielle Hilfe für seine Bedarfslage wird dem Kindsvater durch die totale Institution nicht zuteil. In dem vorliegenden Fall kam es bisher nicht zum Scheitern der Paarbeziehung, obwohl die Krise institutionell mitverursacht wurde. Indem die Eltern sich angepasst verhielten, konnten sie Privilegien erlangen, durch welche die Trennung verhindert werden konnte. In anderen Fällen jedoch hätten die Regelungen der Einrichtung zu institutionell verursachten Trennungen führen können. Es handelt sich also um eine Doppelmoral der Einrichtung in dem Sinn, dass bekundete moralische Vorstellungen vom Fördern der Paarbeziehung im Widerspruch zum tatsächlichen Agieren der Institution stehen. Fall Frau Wolff – Möglichkeitstyp „institutionell intendierte Trennung des Paares“ Am Beispiel der Lebensgeschichte von Frau Wolff soll im folgenden Abschnitt dargelegt werden, dass die Aufnahme in die Mutter-Kind-Einrichtung zum Teil durch den Leistungserbringer absichtlich dazu genutzt wird, um die Klientin und ihr Kind vom Kindsvater zu separieren. Zunächst wird die Lebensgeschichte der Frau verkürzt nacherzählt: Frau Wolff wohnt zum Zeitpunkt des Interviews seit knapp zwei Jahren in der Mutter-Kind-Einrichtung des Kinderheims Diegersmoor mit ihrem zweijährigen Kind. Sie ist „nicht zufrieden“ mit ihrem Aufenthalt dort (Interview mit Frau Wolff, Abs. 2), mehr noch: Sie „versuch[t …] alles, um […] rauszukommen“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 2). Frau Wolff wuchs in ihrer Kindheit bei der Mutter mit sechs jüngeren Halbgeschwistern von der väterlichen und mütterlichen Seite auf. Ihre Eltern trennten sich, als sie etwa ein Jahr alt war. Im Jugendalter lernt Frau Wolff den späteren Vater ihres Kindes über ihren Ex-Freund kennen. Frau Wolff wird von dem jungen Mann schwanger, als sie noch minderjährig ist. Es stellt sich heraus, dass sie Zwillinge erwartet. Im dritten Schwangerschaftsmonat kommt es zu einem Abort eines Embryos, der andere überlebt. Vor der Geburt wird mit Frau Wolff, dem Jugendamt und Frau Wolffs Mutter geplant, wie die Wohnsituation von Frau Wolff künftig gestaltet werden kann: Zuhause kann sie nicht mit dem Kind leben, weil zu wenig Wohnraum zur Verfügung steht. Frau Wolff möchte in eine eigene Wohnung ziehen, am liebsten mit dem werdenden Kindsvater. Das Paar hat jedoch bereits während der 8.1.2 8 Empirische Ergebnisse 172 Schwangerschaft massive Konflikte. Mehrmals trennt es sich und kommt kurz darauf wieder zusammen. Der werdende Kindsvater ist alkoholabhängig und schlägt Frau Wolff. Als das Jugendamt von den gewalttätigen Konflikten erfährt, lehnt es ein Zusammenwohnen des Paars mit Kind nach der Geburt ab. Frau Wolff versucht daraufhin, das Jugendamt davon zu überzeugen, allein in eine Wohnung ziehen zu dürfen. Das zuständige Personal des Jugendamts macht deutlich, dass es dies nur vertreten könnte, wenn Frau Wolffs Mutter die Verantwortung für Frau Wolff und ihr Kind übernimmt, indem sie ein Dokument unterschreibt, das sie ggf. auch für Schäden verantwortlich macht, die bei Verletzung der Aufsichtspflicht entstehen könnten. Da Frau Wolffs Mutter die Verantwortungsübernahme verweigert und sich selbst nicht dazu in der Lage sieht, neben ihrer Tochter noch das Enkelkind zu versorgen, kommt für Frau Wolff weder das Wohnen im eigenen Wohnraum noch der Verbleib im Wohnraum der eigenen Mutter in Frage. Das Jugendamt entscheidet daraufhin, dass Frau Wolff in eine Mutter-Kind-Einrichtung zieht. „Frau Wolff: […] Und da hat das Jugendamt gemeint gehabt: ‚So, dann geht es halt nicht anders.‘ […] Und dann hat das Jugendamt sich halt entschieden für eine Mutter-Kind- Einrichtung“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 4). Frau Wolff sucht sich daraufhin eine Mutter-Kind-Einrichtung in der gleichen Stadt aus, in der der werdende Kindsvater lebt, weil dieser gern regelmäßig sein Kind nach der Arbeit besuchen möchte. An der Einrichtung gefallen ihr außerdem die Nähe zur Stadt, die Größe der Wohnräume und die Umgebung mit Park. Das Personal in der Einrichtung war zwar einverstanden, sie unterzubringen, der Leistungsträger jedoch lehnt den Einzug ab, da es ein Risiko für das Kindeswohl des noch nicht geborenen Kindes sieht, wenn der Kindsvater Frau Wolff besuchen und erneut schlagen könnte. Außerdem befürchtet der Leistungsträger, der Kindsvater könne das Kind entführen. Noch während der Verhandlungen um den zukünftigen Wohnort von Frau Wolff trennen sich Frau Wolff und der werdende Kindsvater. Zwei Monate vor der Geburt des Kindes zieht Frau Wolff letztendlich auf Wunsch des Jugendamtes in eine andere, weiter entfernt liegende Mutter-Kind-Einrichtung. Während ihres Aufenthalts in dieser Einrichtung ist unbekannt, dass ihr Kind eine seltene Genbesonderheit hat, die unter anderem mit psychischen und motorischen Entwicklungsverzögerungen, kognitiver Behinderung, Hyperaktivität und einer stark reduzierten Lautsprachentwicklung einhergeht. Als das Kind ungefähr acht Monate alt ist, wird sie aus dieser Einrichtung ausgeschlossen mit der Begründung des pädagogischen Personals, Frau Wolff fördere das Kind nicht optimal. Die Diagnose wird vor allem deshalb gestellt, weil das Kind sich nicht altersgemäß entwickelt. Die Gründe für die Entwicklungsverzögerung des Kindes werden in einer suboptimalen Förderung durch die Mutter gesehen, also Frau Wolff und ihrem unangepassten Verhalten angelastet. „Beziehungsweise [weil ich, RH] nicht das gemacht habe, was sie wollten. Zum Beispiel jetzt Freizeitpädagoge, sonst was. Wurde ich halt rausgeschmissen“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 41). Nach dem Ausschluss aus der vorangegangenen Mutter-Kind-Einrichtung zieht sie in die Mutter-Kind-Einrichtung des Kinderheims Diegersmoor. Zu diesem Zeit- 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 173 punkt ist Frau Wolff zum zweiten Mal schwanger. Die Betreuerinnen raten ihr, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen: „Frau Wolff: […] Aber das eine Kind musste ich abtreiben, weil die Betreuer gemeint haben hier, dass es zu viel wäre und das Risiko halt groß ist halt, wenn ich das Kind auf die Welt bekomme, dass ich es auch abgenommen bekomme. Weil es einfach zu viel Verantwortung ist und die halt nicht denken, dass ich das halt schaffe. Und dann habe ich mir gedacht: ‚Okay.‘ Weil habe ich auch für mich eingesehen, dass es halt zu viel ist, so jung dann zwei Kinder zu haben. Und dann auch so, im Kopf die ganze: ‚Oh, Gott. Du musst dann noch länger in der Einrichtung bleiben. Oh, Gott. Du willst doch selbstständig sein, du willst arbeiten. Jetzt noch ein Kind geht nicht.‘ Und das Risiko ist ja auch groß, da mein erstes Kind ja eine Behinderung hat. […] Und das Risiko war ja auch groß jetzt, dadurch, dass das ich nochmal schwanger geworden bin, dass es halt entweder verliere oder dass vielleicht noch ein behindertes Kind auf die Welt kommt. Da habe ich für mich auch selber eingesehen. Habe ich gemeint: ‚Dann treibe ich es lieber ab.‘“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 67). Frau Wolff lässt die Schwangerschaft abbrechen. In der Mutter-Kind-Einrichtung bewohnt sie zunächst mit ihrem Kind ein Einzelzimmer in WG-ähnlichem Setting. Da ihr Kind sehr unregelmäßig schläft und aufgrund der Behinderung häufig nachts laute Geräusche macht, wünscht sich Frau Wolff ein eigenes Zimmer. Bis sie sich durchsetzen konnte, dauerte es vier bis fünf Monate. Dazu musste sie viel Aufwand betreiben und dem Leistungserbringer drohen: „Frau Wolff: Ja. Das hat auch sehr lange gedauert. Das hat echt auch vier, fünf Monate gedauert, bis es durchgesetzt wurde. Da habe ich auch ein bisschen gedroht. Ich meinte: ‚Wenn es sich nicht ändert, gehe ich zum Jugendamt oder sonst was, weil das nicht so geht mit einem behinderten Kind.‘ Und {das Kind} ist ja auch groß. Und umso größer, umso größeres Zimmer muss es auch sein. Es braucht einfach Platz, das ist einfach zu klein“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 73). Im Kinderheim Diegersmoor bewohnt Frau Wolff mittlerweile eine „Trainingswohnung“ mit zwei Zimmern und Küche. Sie darf zwar noch nicht eigenständig für sich und ihr Kind einkaufen und kochen, möchte aber möglichst bald diese Stufe der Verselbstständigung erreichen und endlich alle Teile des Verselbstständigungsprogramms für sich nutzen. An der Trainingswohnung schätzt sie, im Vergleich zur Wohngruppe mehr Platz und ein eigenes Bad zu haben sowie die Erlaubnis, einen Fernseher im Zimmer aufzustellen. Zum Zeitpunkt des Interviews beendet sie gerade ihr Berufsvorbereitungsjahr. Nach ihren Prüfungen möchte sie Praktika machen, um herauszufinden, welcher Beruf ihr liegt. Frau Wolff hatte sich bei der Aufnahme vorgenommen, maximal ein halbes Jahr in der Einrichtung zu bleiben. Zum Zeitpunkt des Interviews lebt sie bereits zwei Jahre dort, was sie übermäßig lang findet: „Frau Wolff: Ja. Ich wohne ja schon zwei Jahre, schon über zwei Jahre in einer Mutter- Kind-Einrichtung. Und irgendwann mal reicht das auch. (…) Ja. Ich habe am Anfang auch selber für mich gesagt gehabt: ‚Also gut. Ich nehme/ Ich komme hier her in die Einrichtung und (seufzt), ja.‘ Interviewerin: Für eine bestimmte Zeit, oder? Frau Wolff: Genau. Ich wollte halt/ Ich hatte mir so halt gedacht: ‚Komm, machst das halt mal so (…) ein halbes Jahr und dann machst du halt weiter. Und da habe ich mir das so: 8 Empirische Ergebnisse 174 ‚Komm, du machst da deine Schule fertig.‘ Ich mache ja jetzt gerade Schule {Streichung} hier“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 17–19). Es stellt sich heraus, dass es Frau Wolff peinlich ist, in einer Einrichtung untergebracht zu sein. „Frau Wolff: […] Ich werde jetzt auch {21} nächsten Monat. Und (…) auch so ein bisschen peinlich, zu sagen, so mit {21} noch in einer Einrichtung“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 49). Die Tatsache, dass das Kind eine Behinderung hat, macht es aus Sicht von Frau Wolff schwieriger, die Entlassung aus der Einrichtung zu erreichen: „Frau Wolff: […] Bemühe mich auch sehr darum, alleine zu leben mit {meinem Kind}. {Es} hat auch eine Behinderung. Von daher ist es auch ein bisschen schwieriger. Interviewerin: Ja. Da braucht {es} dann mehr Unterstützung. Frau Wolff: Nein, das nicht. Halt mit den/ Um hier raus zu kommen. […] Und selbstständiger zu sein. Weil die Betreuer halt denken, dass ich es noch nicht alleine schaffe, da ich noch nicht selbstständig genug dafür wäre für ein behindertes Kind, und für ein behindertes Kind zu sorgen“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 9–13). Auch für die Zukunft schätzt Frau Wolff allerdings ihre Chancen, selbstständig leben zu können, als schlecht ein. Sie befürchtet, weiterhin unfreiwillig Unterstützung zu erhalten: „Frau Wolff: […] Wenn ich ausziehen sollte, weiß ich jetzt schon, dass ich halt auch Unterstützung trotzdem weiterhin bekommen werde, ob ich es will oder nicht. Vom Jugendamt und sonst was, weil ich noch so jung bin“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 37). Zum Zeitpunkt des Interviews hat Frau Wolff seit knapp einem dreiviertel Jahr einen Freund. Er wohnt in der Nähe der Einrichtung und arbeitet im gleichen Ort, in dem sich auch die Einrichtung befindet. Ihr Freund ist seit kurzer Zeit Vollwaise. Er bewohnt die ehemalige Wohnung seiner vor Kurzem verstorbenen Mutter. Das Paar sieht sich etwa zweimal pro Woche. Vierzehntägig besucht Frau Wolff ihren Freund. Nachdem sie sich kennengelernt hatten, musste ihr Freund sich zunächst bei den Betreuerinnen vorstellen und bei dem Treffen seinen Ausweis vorlegen. Die ersten beiden Treffen zwischen Frau Wolff und ihrem Freund wurden von den Betreuerinnen begleitet. Danach durfte er auch allein mit in ihr Zimmer. Übernachtungen sind allerdings grundsätzlich verboten. Die Regeln bezüglich der Männer findet Frau Wolff in Ordnung. Von den übrigen Regeln in der Einrichtung fühlt sie sich zu stark eingeschränkt: „Frau Wolff: […] ich fühle mich, wenn ich ehrlich sein soll, wie im Knast. Weil ich bin {schon so alt} und darf nicht selbst entscheiden, was ich jetzt tue. Sondern alles: Jugendamt, Jugendamt, Jugendamt. Alles mit dem Jugendamt oder Betreuer absprechen, vorher nichts. Und das ist halt, ja, schwer zu akzeptieren“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 109). Das Kind verbringt vierzehntägig die Wochenenden beim Kindsvater. Dazu holt dieser es in der Einrichtung ab. Frau Wolff hat einen guten Kontakt zum Kindsvater und lässt ihr Kind auch lieber bei ihm als bei den „Notmüttern“, die Unterstützung anbieten, um die Mütter in der Einrichtung zu entlasten. Frau Wolff wünscht sich mehr 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 175 Selbstständigkeit. Aus ihrer Sicht braucht sie das Maß an Fürsorge nicht, das in der Einrichtung durch das Personal geleistet wird: „Frau Wolff: […] Und will jetzt gerne selbstständig sein. Und ich finde halt, wenn man hier in einer Mutter-Kind-Einrichtung wohnt, sollen halt nur die Mütter hier her, die auch wirklich Unterstützung brauchen. Die Hilfe brauchen bei Sachen. Die echt nicht wissen: ‚Was mache ich jetzt?‘ Und ich finde, dass ich passe halt nicht so wirklich hier rein, weil ich will selbstständig sein und ich weiß, ich kann das auch“ (Interview mit Frau Wolff, Abs. 2). Frau Wolff vermutet, dass die Betreuerinnen in der Einrichtung weniger Ausflüge oder Unternehmungen anbieten, weil für einen Neubau der Mutter-Kind-Einrichtung, in dem mehr Trainingswohnungen geschaffen werden sollen, Geld gespart wird. Gegen diesen Spartrend setzt sie für sich und die anderen Bewohnerinnen durch, auf Kosten der Einrichtung an einem Sportkurs teilnehmen zu dürfen. Die Teilnahme an der Aktivität außerhalb der Einrichtung erlebt sie als Freiraum. Zu ihren Geschwistern hat Frau Wolff zum Zeitpunkt des Interviews keinen Kontakt, außer zu ihrem jüngsten Bruder, der drei Jahre alt ist und ebenfalls eine Behinderung hat. Außerdem hat sie noch Kontakt zu ihrer Mutter, mit der sie regelmäßig telefoniert. Frau Wolff zufolge würde sie ihre Familie gern häufiger sehen. Dies sei allerdings nicht möglich, weil sie so weit entfernt von ihnen in die Mutter-Kind-Einrichtung ziehen musste und sie selbst zu wenig Taschengeld erhalte, um sich zusätzliche Heimfahrten leisten zu können. Zwei ihrer Geschwister haben – wie sie selbst – im minderjährigen Alter Kinder bekommen. Frau Wolff möchte ihren Freund gern in seiner schwierigen Lebenslage unterstützen und mit ihm zusammen und dem Kind in der Wohnung leben, die er bereits bewohnt. Eine Unterstützung durch eine Sozialpädagogische Familienhilfe könnte sie sich vorstellen, aber die Betreuerinnen trauen ihr dieses Maß an Selbstständigkeit noch nicht zu. An Frau Wolffs Lebensgeschichte fällt auf, dass sie gegen ihren Willen in die vom Wohnort des Kindsvaters weit entfernte Mutter-Kind-Einrichtung einzog. Ihrem Wunsch- und Wahlrecht, das sie in Anspruch nehmen wollte, wurde nicht entsprochen. Der Kindsvater wurde in die Entscheidung des Jugendamtes, in welcher Einrichtung die Mutter unterkommt, überhaupt nicht einbezogen. Ob er bei den Gesprächen hätte eingeladen werden müssen, wird im nächsten Abschnitt der vorliegenden Studie diskutiert. Zunächst wird der Frage nachgegangen, ob die Entscheidung des Jugendamts, die Mutter in einer weit entfernt liegenden Mutter-Kind-Einrichtung unterzubringen, rechtswidrig das Wunsch- und Wahlrecht der Mutter einschränkte. Der Leistungserbringer beruft sich im oben dargestellten Fall auf die Abwehr einer möglicherweise drohenden Kindeswohlgefährdung nach der Geburt des Kindes. Das Wunsch- und Wahlrecht darf nicht übergangen werden, solange die Mutter das Aufenthaltsbestimmungsrecht für das Kind als Teil des Sorgerechts besitzt (vgl. Abschnitt 5.2.5 der vorliegenden Studie). Von einem Entzug eines Teils der Sorge durch das Familiengericht vor der Geburt des Kindes, also einer sogenannten Vorratsentscheidung (vgl. Abschnitt 3.1 der vorliegenden Studie), ist in dem Interview mit Frau Wolff nicht die Rede. Frau Wolff spricht ausschließlich von einem Gespräch mit 8 Empirische Ergebnisse 176 einer Vertretung des Jugendamtes. Eine ohne den Einbezug des Gerichts getroffene Entscheidung des Jugendamtes, Frau Wolff gegen ihren Willen in eine vom Kindsvater weit entfernt liegende Einrichtung unterzubringen, ist demnach rechtswidrig. Aus dem Interview geht nicht eindeutig hervor, ob und ggf. welche Teile der elterlichen Sorge der Kindsvater innehat. Allerdings sprechen der Kontakt des Kindsvaters mit dem Kind und die regelmäßig stattfindenden Übernachtungen des Kindes beim Kindsvater dafür, dass ihm zumindest ein entsprechendes Umgangsrecht zusteht. Ob und wie im Falle von Vorratsentscheidungen biologische Kindsväter in Verfahren vor dem Familiengericht angehört werden, die bisher noch keinen Sorgerechtsantrag gestellt haben, ist juristisch bisher vollständig ungeklärt. Ein Verfahren, in dem die Kindeswohlgefährdung erörtert worden wäre und eine einstweilige Verfügung hätte angeordnet werden können, hätte in Abwesenheit eines Elternteils durchgeführt werden können, wenn dies zum Schutz eines Beteiligten oder aus anderen Gründen erforderlich gewesen wäre (§ 157 FamFG). Indem jedoch in diesem Fall wahrscheinlich überhaupt kein Verfahren vor dem Familiengericht vor der Geburt des Kindes stattfand, überschritt das Jugendamt mit seiner Entscheidung nicht nur seine Kompetenzen im Hinblick auf die Rechte der Kindsmutter, sondern vor allem auch auf die Rechte des Kindsvaters. Ob der Kindsvater überhaupt vom Jugendamt im Vorfeld der Geburt beraten wurde, ist fraglich. Die mangelhafte Versorgungslage an Beratung lediger Väter durch das Jugendamt, die auf einen Mangel an einer entsprechenden Legitimation durch den Gesetzgeber zurückzuführen ist, wurde im Rahmen der vorliegenden Studie bereits im Abschnitt 3.4 kritisiert. In dem Interview wird deutlich, dass der Leistungserbringer solche widerrechtlichen Entscheidungen, die Kindsmutter möglichst weit entfernt vom Kindsvater unterzubringen, auch deshalb trifft, weil er befürchtet, das Kindeswohl könne nach der Geburt gefährdet sein. Dies lässt bei der Kindsmutter das Gefühl zurück, das Kind könne quasi jederzeit in Obhut genommen werden. Deshalb beugt sie sich der Entscheidung, in eine Mutter-Kind-Einrichtung einzuziehen. In der zunächst von ihr bewohnten Mutter-Kind-Einrichtung wird für das Verhalten und den Stand der Kompetenzen des Kindes nach Angaben von Frau Wolff die falsche Diagnose gestellt: Die Ursache der Entwicklungsverzögerung des Kindes wird im Verhalten der Mutter gesucht und eine genetische Disposition des Kindes nicht in Betracht gezogen. Frau Wolffs Reaktion auf die Bedingungen in der Einrichtung entsprechen dem „kompromisslosen Standpunkt“ (vgl. Abschnitt 6.4.4.5). Unbotmäßigkeiten von Frau Wolff, sich nicht im geforderten Maß an den Angeboten, die in der Einrichtung offeriert werden, zu beteiligen, wird als für das Kindeswohl schädliches Verhalten ausgelegt. Nach Goffman muss das Individuum sich „zum richtigen Zeitpunkt sichtbar an den Aktivitäten der Organisation […] beteiligen, was die Mobilisierung von Aufmerksamkeit und Muskelkraft – die Hingabe an die gerade durchzuführende Handlung – erfordert. Diese Verpflichtung, sich den Aktivitäten der Organisation zu widmen, kann sowohl als Symbol für das Engagement und die Bindung eines Individuums als auch – tiefer reichend – als Symbol für die Anerkennung der Konsequenzen, die die Teilnahme für die Definition des Charakters des Betreffenden hat, gewertet werden“ (Goffman, 1981, S. 174, Herv. i. O.). Die Fehldiagnose seitens des 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 177 Personals in Bezug auf die Kompetenzen des Kindes, das Verhalten der Kindsmutter und die Schlüsse, die das Personal wiederum daraus auf die Fähigkeiten von Frau Wolff als Mutter gezogen hat, führen schließlich zu ihrem Ausschluss und dem des Kindes aus der Einrichtung. Dass das gewünschte und unerwünschte Verhalten, selbst wenn es körperlichen Ursprungs ist, in totalen Institutionen als eine für oder gegen die Einrichtung gerichtete Aktivität und damit als moralisches oder unmoralisches Verhalten gedeutet wird, ist typisch für totale Institutionen (vgl. Goffman, 1981, S. 89). Besonders scheint in Mutter-Kind-Einrichtungen der Umstand zu sein, dass aus dem Verhalten des Kindes auf die Fähigkeit allein der Mutter zur Erziehung und Pflege desselben geschlossen wird. Dies kann zu einer folgenschweren Fehlinterpretation führen, wie der hier dargelegte Fall zeigt. Schließlich wird Frau Wolff mit dem Ausschluss aus der Einrichtung bestraft, obwohl die Entwicklung des Kindes – wie sich im Nachhinein herausstellen sollte – von ihr gar nicht in dem Maße beeinflusst werden konnte, wie das Personal in der ersten Einrichtung vermutete. Die Fähigkeiten des Vaters bei der Pflege und Erziehung, sein Verhalten gegenüber dem Kind, seine Beziehung zur Mutter und die Konflikte zwischen den Eltern werden im „therapeutischen Prozess“ nicht berücksichtigt. Vielmehr wird versucht, ihn so weit wie möglich von dem Ort, an dem eine pädagogische Intervention stattfindet, fernzuhalten. In der zweiten Einrichtung, dem Kinderheim Diegersmoor, hat Frau Wolff zum Zeitpunkt des Interviews bereits einige „Stationen“ durchlaufen. Zuletzt wird sie in einer Station mit mehr Privilegien als zuvor, in einer sogenannten „Trainingswohnung“, untergebracht, nachdem sie dem Stab damit drohte, sich mit Beschwerden ans Jugendamt zu wenden, weil das Einzelzimmer zu klein war. Warum sie trotz des Privilegs, in einer Trainingswohnung zu wohnen, noch nicht selbstständig wirtschaften darf, was die Essensversorgung angeht, und noch nicht selbst für sich und ihr Kind kochen darf, geht aus dem Interview nicht hervor. Den Abbruch ihrer zweiten Schwangerschaft nimmt Frau Wolff vor allem deshalb vor, weil sie ihre Zeit innerhalb der Einrichtung verkürzen möchte. Sie weiß, dass es ihren Aufenthalt verlängert hätte, wenn sie für ein zweites Kind hätte sorgen müssen. Sie zeigt „Einsicht“. Goffman zufolge wird vom Insassen von totalen Institutionen Einsicht verlangt und erwartet, dass er sich die Meinung der Institution zu eigen macht oder wenigstens so tut als ob, andernfalls sind Sanktionen zu erwarten (vgl. Goffman, 1981, S. 153). Es zeigt sich, dass die Institution und ihr umgebendes organisationales Gefüge sowohl auf die Trennung des Paares als auch auf den Abbruch einer weiteren Schwangerschaft hinsteuern, indem alle anderen möglichen Entscheidungen von Frau Wolff mit Sanktionen belegt werden. Fall Frau Rossi – Möglichkeitstyp „Konzentration institutioneller Unterstützungsformen auf die Mutter“ Frau Rossi, die vier Kinder hat, wohnt zum Zeitpunkt des Interviews mit dem jüngsten Kind seit wenigen Monaten in der Mutter-Kind-Einrichtung. Die beiden Ältesten 8.1.3 8 Empirische Ergebnisse 178 leben bei ihrer Mutter, das zweitjüngste, zweijährige Kind wächst bei einer Pflegefamilie auf. Frau Rossi hat einen Realschulabschluss. Ursprünglich kommt Frau Rossi aus einer anderen Stadt. Sie berichtet über große Schwierigkeiten und traumatisierende Erlebnisse in ihrer Kindheit. Ihr Vater trinkt viel Alkohol, schlägt sie und missbraucht sie sexuell. Bekannte sagen über ihren Vater, dass er in Drogengeschäfte verwickelt sei. Sie hat als Kind keinen Freiraum. Ihr Vater verbietet ihr, sich mit Freunden zu treffen, Einladungen zu Geburtstagsfeiern wahrzunehmen und an Klassenfahrten teilzunehmen. Nur wenn Frau Rossi sexuelle Handlungen mit ihrem Vater praktiziert oder Pornofilme schaut, verspricht er ihr, auf dem Hof spielen zu dürfen. Ihre Altersgenossen hänseln sie, weil sie nicht an Freizeitaktivitäten teilnehmen darf. Ihr Geschwister, das eine körperliche Behinderung hat, wird vom Vater völlig anders behandelt. Ihm wird der Kontakt zu anderen Kindern erlaubt. Das Geschwisterkind sei „der Engel“ gewesen, Frau Rossi „der Schwarze Peter“. Frau Rossi ist noch ein Kind, als sie sich an das Jugendamt wendet und um Hilfe für sich und ihr Geschwister bittet. Sie möchte gemeinsam mit ihrem Geschwister in Obhut genommen werden. Das Geschwisterkind will sie nicht zurücklassen, weil sie Angst hat, dass es „alles abbekommt“, wenn sie nicht da ist. Eine Fachkraft des Jugendamts vereinbart daraufhin Termine mit Frau Rossis Eltern und drängt ihren Vater dazu, einen Alkoholentzug zu machen. Ihr Vater verweigert dies, ihre Mutter verspricht, die Kinder in Zukunft zu schützen. Als die Fachkraft des Jugendamts ihre Bemühungen einstellt, fühlt sich Frau Rossi verraten. Als Frau Rossi in der Pubertät ist, zieht Frau Rossis Mutter aus der gemeinsamen Familienwohnung aus. Beim Umzug und dem Renovieren hilft ein junger Mann, der etwas älter ist als Frau Rossi. Die beiden werden ein Paar und sind fünf Jahre lang zusammen. Sie bekommen zwei gemeinsame Kinder. Nach einer zwischenzeitlichen Trennung und zwei weiteren Jahren Beziehung heiratet Frau Rossi diesen Mann. Als sie drei Jahre verheiratet ist, lernt Frau Rossi an ihrem Arbeitsplatz einen anderen Mann kennen, der zuvor aus dem europäischen Ausland nach Deutschland kam. Mit ihm beginnt sie eine Affäre. Frau Rossi trennt sich von ihrem Ehemann, weil sie das schlechte Gewissen plagt, fremdgegangen zu sein. Die Trennung sei im beidseitigen Einvernehmen geschehen. Trotzdem bittet ihr Ex-Mann sie zwei Jahre lang nach der Trennung mehrmals, zu ihr zurückzukehren. Nach einer Weile trennen sich Frau Rossis Eltern und ihre Mutter heiratet Frau Rossis Ex-Mann. Dies trifft Frau Rossi zunächst sehr, später lernt sie, mit dieser Situation umzugehen. Sie betrachtet ihren Ex-Mann nicht mehr als solchen, sondern nennt ihn ausschließlich ihren Stiefvater. Frau Rossi ist von dem Mann, mit dem sie eine Affäre hatte, schwanger. Der Liebhaber kehrt zurück in sein Herkunftsland. Sie zieht mit ihren beiden älteren Kindern, die sie mit ihrem Ex-Mann hat, in eine eigene Wohnung. Eine Fachkraft des Jugendamts vereinbart mit Frau Rossi, dass sie nach der Geburt ihres dritten Kindes in eine Mutter-Kind-Einrichtung einzieht. In der Schwangerschaft gibt es Komplikationen. Frau Rossi kommt ins Krankenhaus. Da kein Platz in einer Mutter-Kind-Einrichtung frei ist, verspricht die Mitarbeiterin des Jugendamtes bei einem Besuch, sie zunächst 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 179 in einer anderen Einrichtung unterzubringen. Während der Kindsvater im Ausland ist, bringt Frau Rossi das gemeinsame Kind zur Welt. Am Tag nach der Geburt wird das Kind mit Hilfe der Polizei gegen den Willen von Frau Rossi in Obhut genommen. Weil sie sich widersetzt, wird Frau Rossi gefesselt. Sie darf sich nicht von dem Kind verabschieden und sieht es erst anderthalb Monate später wieder. Psychologische Unterstützung erhält sie nicht. Sie verliert vollends das Vertrauen in die Vertreterinnen und Vertreter des Jugendamts. Frau Rossi wünscht sich, dass ihr drittes Kind von ihrer Mutter aufgezogen wird, wenn sie es nicht selbst großziehen darf. Es wird jedoch familiengerichtlich entschieden, dass das Kind zunächst vorübergehend, später dauerhaft in einer Pflegefamilie untergebracht wird. Frau Rossi darf es einmal pro Woche besuchen, bis es ein halbes Jahr alt ist. Seitdem das Kind dauerhaft in der Pflegefamilie untergebracht ist, hat sie alle drei Monate eine Stunde Besuchskontakt. Der Vater ihres dritten Kindes kehrt zurück nach Deutschland. Die beiden heiraten. Er ist in Drogengeschäfte verwickelt. Eine Zeit lang nimmt er zum Schlafen Tabletten. Es kommt zu Konflikten zwischen dem Paar, weil ihr zweiter Ehemann denkt, dass Frau Rossi fremdgeht. Er bricht ihr das Nasenbein und schlägt ihr blaue Augen. Die beiden älteren Kinder erleben die Situation mit. Daraufhin haben sie Angst vor Frau Rossis neuem Ehemann. Ihre Mutter und ihr Ex-Mann/Stiefvater unterstützen Frau Rossi in der Krise, auch finanziell. Sie darf bei den beiden übernachten. Ihre älteren beiden Kinder werden bei ihrer Mutter und ihrem Ex-Mann/Stiefvater untergebracht. Als sie mit ihrem vierten Kind schwanger ist, nimmt eine Fachkraft des Allgemeinen Sozialen Dienstes mit Frau Rossi Kontakt auf. Nach der Geburt wird ihr Kind vorübergehend in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht. Während dieser Zeit sieht Frau Rossi es alle zwei Tage. Nach einiger Zeit wird sie unfreiwillig in die Mutter-Kind-Einrichtung eingewiesen. Zunächst wohnt sie zwei Wochen zur Probe dort. Nach zwei Monaten erwirkt sie, dass ihr jüngstes Kind nicht mehr in der Bereitschaftspflegefamilie, sondern bei ihr wohnen kann. Zum Zeitpunkt der Befragung wohnt ihr zweiter Ehemann in ihrer Herkunftsstadt in einer eigenen Wohnung. Er darf dreiwöchentlich für eine Stunde das jüngste Kind besuchen und wird dabei von einer Betreuerin des Leistungserbringers begleitet. Frau Rossi findet die Besuchszeit zu kurz und befürchtet, das Kind könne in der Kürze der Zeit keine Beziehung zu ihm aufbauen. Bei den regelmäßigen Treffen zeige sich bereits, dass das Kind fremdele und Angst vor ihrem Mann zeige. Nach dem Besuch des jüngsten Kindes von Frau Rossi darf ihr Mann eine halbe Stunde mit ihr allein auf ihrem Zimmer sein oder spazieren gehen. Es gibt Konflikte zwischen Frau Rossi und ihrem zweiten Mann, weil sie selbstständiger wird. Sie ist nicht mehr ausschließlich nur für ihn da, sondern sorgt für sich und ihr jüngstes Kind und sagt auch häufiger Nein zu ihm als in der Vergangenheit. Das verunsichere ihren Mann und er habe Angst, sie zu verlieren. In solchen Situationen werde er oft aggressiv. Zu dem dritten Kind, seinem leiblichen, hat Frau Rossis Mann ihrer Ansicht nach zu selten Kontakt: Er darf das Zweijährige alle drei Wochen eine Stunde besuchen. Ein weiterer Streitpunkt mit ihrem Mann ist die Tatsache, dass 8 Empirische Ergebnisse 180 dieses Kind nicht seinen Namen trägt. Dies ist der Fall, da Frau Rossi zum Zeitpunkt der Geburt des Kindes noch mit ihrem Ex-Mann verheiratet war. Der Name des Kindes hätte bis zum dritten Lebensjahr noch geändert werden können, aber der Zeitpunkt verstrich, da der Vater des Kindes zu dieser Zeit noch im Ausland war. Ihr Mann macht Frau Rossi ständig Vorwürfe in diesem Zusammenhang. Wenn sie an die Konflikte mit ihrem Mann denkt, bereut Frau Rossi manchmal, sich von ihrem Ex-Mann getrennt zu haben. Frau Rossi darf sechswöchentlich ihre älteren beiden Kinder besuchen. Die beiden haben ihre Angst vor ihrem zweiten Ehemann überwunden und ihn mittlerweile als „Stiefvater“ anerkannt. Frau Rossis Mutter und Frau Rossis Ex-Mann/Stiefvater kommen mit, wenn die beiden älteren Kinder Frau Rossi in der Einrichtung besuchen. Den Kontakt zu ihrem Ex-Mann/Stiefvater beschreibt Frau Rossi als „gut“ bzw. „sehr gut“. Es gebe noch eine freundschaftliche und familiäre Bindung zwischen dem Ex-Paar. Zu ihrer Mutter hat Frau Rossi einen sehr guten Kontakt. Sie ist immer für Frau Rossi da, wenn diese etwas braucht. Ihr eigener Vater ist immer noch häufig stark alkoholisiert. Es sei sogar „noch schlimmer“ als in ihrer Kindheit. Frau Rossi wünscht sich, mit dem jüngsten Kind ihren zweiten Ehemann sowie ihre Mutter besuchen zu dürfen, was ihr zum Zeitpunkt des Interviews nicht erlaubt ist. Zudem hofft sie, die Erlaubnis des Leistungsträgers für eine Erhöhung der Besuchszeit für ihren Mann bei ihrem jüngsten Kind auf zwei Stunden zu erwirken. Mit der Einrichtung, die sie bewohnt, ist Frau Rossi mittlerweile „eigentlich ganz zufrieden“, muss sich aber „anpassen“. Frau Rossi möchte gern ihren Führerschein und das Fachabitur machen. Ihr Traum ist es, einen Neubeginn zu wagen. Trotzdem möchte sie nach dem Aufenthalt in der Mutter-Kind-Einrichtung zunächst zurück in ihre Herkunftsstadt ziehen, entweder zu ihrer Mutter oder in eine eigene Wohnung. Zunächst möchte sie das Sorgerecht für das zweijährige Kind erwirken und später auch wieder mit ihren älteren Kindern zusammenleben. Derzeit mit ihrem zweiten Ehemann zusammenzuwohnen, kann sich Frau Rossi nicht vorstellen, obwohl sie es eigentlich gern möchte. Damit dies möglich werde, müsse er selbstständiger werden und mehr Initiative zeigen, um sein Leben in den Griff zu bekommen. Das Beispiel zeigt, dass sich in Frau Rossis Sozialisation biographische Orientierungsstrukturen in der Beziehung zu Männern herausgebildet haben, die im lebensgeschichtlichen Ablauf reproduziert und transformiert werden. Das inzestuöse Beziehungsmodell zum Vater wiederholt sich in Teilen in der Beziehung mit ihrem ersten Mann. Keine oder die schlechte Beziehung zum Vater ist bei der Klientel kein Einzelfall: Der überwiegende Teil der befragten Mütter berichtet über eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater und sieht darin eine das eigene Leben prägende Erfahrung: Frau Gruber, Frau Wolff und Frau Reichert hatten gemäß eigenen Angaben keine Beziehung zum eigenen Vater, Frau Rossi und Frau Zimmermann litten in ihrer Kindheit unter ihren alkoholabhängigen Vätern, die sie schlugen. Frau Rossi wurde sogar von ihrem Vater vielfach sexuell missbraucht. Frau Becker und Frau Weber berichten von einer guten Beziehung zum eigenen Vater. In der Einrichtung erhält Frau Rossi die Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen ihren frühen Bindungserfahrungen und den aktuellen Konflikten in der Bezie- 8.1 Analyse der Interviews mit den Müttern 181 hung zu ihren Partnern mittels Gesprächstherapie zu reflektieren. Die Einrichtung versucht, „nicht nur als bloße Verwahrungsanstalt zu fungieren“ (Goffman, 1981, S. 148). Ihr Partner allerdings erhält keine Hilfe bei der Überwindung der schädigenden Beziehungsmuster. Gelegenheiten, neue Beziehungsmuster gemeinsam zu entwickeln und im Alltag zu trainieren, sind in der Einrichtung nicht vorgesehen. Es bleibt also nur eine rein intellektuell-theoretische Behandlung übrig, weil der entsprechende Mann nicht da ist. Faktisch wird das Thema der Kindesmisshandlung und des ‑missbrauchs ausschließlich individuell mit den Frauen bearbeitet. Die Täter erhalten keine Therapien. Sie erhalten nicht die Möglichkeit, eventuell eigene belastende Kindheitserlebnisse aufzuarbeiten. Analyse der Interviews mit dem Personal Insgesamt ergeben sich bei der Analyse der Interviews mit dem pädagogischen Personal zahlreiche Widersprüchlichkeiten im Zusammenhang mit dem Umgang mit Männern in den Einrichtungen. Sie sprechen für Orientierungsschwierigkeiten, Interessenskonflikte und Entscheidungsdilemmata angesichts widersprüchlicher Handlungsanforderungen an die Fachkräfte. Doch bevor diese Widersprüchlichkeiten dargestellt und interpretiert werden, erfolgen zunächst Informationen über die besuchten Einrichtungen und die Leistungserbringer. Folgende Tabelle soll eine Übersicht über die Einrichtungen bieten, über die Informationen ermittelt wurden: Übersicht über Einrichtungen Name des Trägers (anonymisiert) Zugehörigkeit zu Spitzenverband Anzahl der Plätze überwiegendes Alter der Klientel Klientel ist überwiegend jugendlich oder im jungen Erwachsenenalter Wohnheim Sankt Benedikt Deutscher Caritasverband 13 14–21 ja Mutter-Kind- Wohnen am Markt öffentlicher Träger 12 14–18 ja Mutter-Kind- Gruppe Eva Deutscher Caritasverband 9 14–18 ja Flexible Hilfen GmbH privat-gewerblicher Anbieter 1 ≈ 18 ja Haus am Steinweg Diakonisches Werk 2 x 7 20–25 nein 8.2 Tabelle 3. 8 Empirische Ergebnisse 182 Jugendhilfe Heilige Elisabeth Deutscher Caritasverband 1 x 7, 1 x 6 15 bis > 20 ja Marienhäuser Deutscher Caritasverband 14 16–30 nein Diakonische Hilfe Diakonisches Werk 13 20–40 nein Mutter-Jesu- Haus Deutscher Caritasverband 14 17–32 nein Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi Deutscher Caritasverband 4 18–30 nein Familienhilfen e.V. Diakonisches Werk 2 x 12, 1 x 4 14 bis > 70 nein Josephswerk Deutscher Caritasverband 6 Mitte 20 nein Individuelle Sozialpädagogik e.V. Paritätischer Wohlfahrtsverband 2 x 6, 2 x 1 14–18 ja Initiative Mu- VaKi Paritätischer Wohlfahrtsverband 8 bis 18 ja Smile GbR privat-gewerblicher Anbieter 4 20–27 nein Evangelische Jugendhilfe Singstadt Diakonisches Werk 1 x 6, 1 x 7, 2 x 9 18–44 nein Mutter‑/Vater- Kind-Betreuung Biegelbach Diakonisches Werk 2 x 6 mehrheitlich < 25 nein Wirbelwind gGmbH Paritätischer Wohlfahrtsverband 8 16–21 ja Kinderheim Diegersmoor Paritätischer Wohlfahrtsverband 9 13–21 ja Zur Tabelle: In der Spalte „Zugehörigkeit zu Spitzenverband“ wurde jeweils die Zugehörigkeit des Trägers der Hilfe nach § 19 SGB VIII zu einem der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege vermerkt. Sofern sie keinem Spitzenverband angehörten, wurde unterschieden zwischen „privat-gewerblicher Anbieter“ und „öffentlicher Träger“. In der Spalte „überwiegendes Alter der Klientel“ wurde die Altersspanne angegeben, in der die Klientel sich nach Angabe der befragten Fachkräfte am häufigsten befindet. Sofern keine Angaben der Befragten zu diesem Aspekt gemacht wurden, wurde auf der offiziellen Webseite der Einrichtung nach Informationen zu diesem Aspekt gesucht und entsprechende Daten erfasst. Im Rahmen der Studie wurden im „Kinderheim Diegers- 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 183 moor“ ausschließlich Klientinnen befragt. Da letztere – wie bereits erwähnt – in den Gesprächen weniger den Schwerpunkt auf Aspekte in Bezug auf die Organisation und strukturelle Bedingungen in den Einrichtungen legten, sondern vielmehr auf ihre eigene aktuelle Lebenssituation, Erfahrungen in der Kindheit und Pläne für die Zukunft, wurden entsprechende Informationen hauptsächlich den öffentlich zugänglichen Dokumenten und der offiziellen Internetseite entnommen. Sieben der 19 Träger, in denen Befragte gewonnen werden konnten, gehören dem Caritasverband an, fünf dem Diakonischen Werk und vier dem Paritätischen Wohlfahrtsverband. Eine Wohneinrichtung befindet sich in öffentlicher Trägerschaft, zwei werden von privat-gewerblichen Körperschaften angeboten. Manche Leistungserbringer betreiben mehrere Mutter-(/Vater‑)Kind-Häuser in direkter Nachbarschaft oder auch in weiterer Entfernung bzw. bieten neben Hilfen nach § 19 SGB VIII auf dem Gelände, auf dem auch die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung situiert ist, oder gar im gleichen Haus andere Leistungen des SGB an. Die Einrichtungen zeigen folgende Eigenschaften in Bezug auf die „Betreuungsintensität“: Gemeinsam ist den meisten, dass es Bereiche innerhalb des Hauses gibt, die intensiver, und andere, die weniger intensiv betreut werden. Auf diesen Aspekt soll in den folgenden Abschnitten intensiver eingegangen werden. Zum Verständnis der Ausführungen wird an dieser Stelle der vorliegenden Studie jedoch vorweggenommen, dass der Begriff „Betreutes Wohnen“ im Arbeitsfeld der Mutter-(/Vater‑) Kind-Einrichtungen für sehr unterschiedliche Angebote hinsichtlich Betreuungsintensität und Ort der Betreuung benutzt wird. Während unter „Betreutem Wohnen“ gemäß § 34 SGB VIII üblicherweise ein Setting verstanden wird, in dem Jugendliche in einem durch den Träger angemieteten Wohnraum an einem Teil des Tages betreut werden, wird der Begriff im Zusammenhang mit den Hilfen nach § 19 SGB VIII auch in Einzelfällen für Häuser mit 24-Stunden-Betreuung benutzt. Der Begriff „Nachbetreuung“ wiederum wird durchgehend einheitlich für eine Hilfeform genutzt, die im Wohnraum der Alleinerziehenden geleistet wird, wenn sie aus der Einrichtung ausgezogen sind. Dieses Angebot wird nicht über § 19 SGB VIII finanziert, sondern über Fachleistungsstunden. Es ist auch von Träger zu Träger unterschiedlich, ob die Nachbetreuung vom gleichen Personal geleistet wird, das auch in der „eigentlichen“ Institution tätig ist, oder ob dazu andere Fachkräfte eingesetzt werden. In den im Rahmen dieser Studie ermittelten Fällen sind pro Einrichtung zwischen einem und vierzehn Plätzen für Schwangere bzw. Mutter/Vater und Kind vorgesehen. In mehr als der Hälfte der Einrichtungen wird keine überwiegend minderjährige oder junge volljährige Klientel betreut, sondern Alleinerziehende und Schwangere in höherem Alter. In diesem Ergebnis spiegelt sich der bereits erwähnte Trend wider, dass in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen im Vergleich zu Erhebungen in den 1970er und 1980er Jahren zunehmend volljährige Elternteile mit Kind aufgenommen werden. Hinsichtlich der Frage nach den Lebenslagen, die eine Aufnahme in eine Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung bedingen, deckt sich das Ergebnis der vorliegenden Studie weitgehend mit dem von Studien vergangener Jahrzehnte: Die Lebenszusammenhänge der Mütter/Väter bzw. Schwangeren, die in eine Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung 8 Empirische Ergebnisse 184 aufgenommen werden, sind sehr unterschiedlich, allerdings meist von einem massiven Hilfebedarf geprägt: Ein Aufnahmegrund kann Schwangerschaft/Mutterschaft im Jugendalter sein in Verbindung mit der Situation, dass es in der Herkunftsfamilie des (werdenden) Elternteils keinen Platz für ein weiteres Familienmitglied gibt. Andere Gründe für den Bedarf jugendlicher (werdender) Eltern an Hilfen nach § 19 SGB VIII seien fehlende Bindungen zu den eigenen Eltern oder Beziehungsabbrüche zur Herkunftsfamilie. Daneben ist von körperlichen, sexuellen bzw. psychischen Gewalterfahrungen der Klientel durch Verwandte oder anderen Erfahrungen die Rede, die Traumata hervorrufen können. Auch (werdende) Elternteile, die bereits vorher in einer Heimeinrichtung wohnten, in der kein Platz und keine Ressourcen für die Betreuung eines Kindes existieren, werden in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen betreut. Sofern die (werdenden) Eltern vor der Aufnahme bereits in einem gemeinsamen Haushalt gelebt haben, kann ein Aufnahmegrund Gewalt in der Paarbeziehung sein. Außerdem ist ein Teil der Klientel von psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen oder körperlichen bzw. geistigen Behinderungen betroffen. Zusätzlich ist gemäß Aussage der befragten Fachkräfte die Klientel oft arm, hat Schulden, einen niedrigen oder keinen Schulabschluss, ist arbeitslos oder prekär beschäftigt. Häufig sind die Eltern durch Schwierigkeiten in mehreren Lebensbereichen belastet. Aufgrund aktueller politischer Entwicklungen und Debatten sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelten Daten zeigen, dass auch schwangere (unbegleitete minderjährige) Flüchtlinge und Flüchtlinge mit Kind nach § 19 SGB VIII untergebracht werden. Die Aussagen des überwiegenden Teils der Befragten deuten darauf hin, dass die wenigsten Elternteile bzw. Schwangeren freiwillig in die Einrichtung ziehen. „Frau Kraus: […] es ist ja ein absoluter Zwangskontext. Hier ist ja keiner freiwillig, ja?“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 100). Auch die befragten Klientinnen äußern mehrheitlich, nicht freiwillig in die Einrichtung eingezogen zu sein (vgl. Abschnitt 8.1). Die überwiegende Unfreiwilligkeit bei der Aufnahme steht im Widerspruch zum Willen des Gesetzgebers, Hilfen nach SGB VIII nur mit freiwilliger Zustimmung der Sorgeberechtigten zu gewähren (siehe Abschnitte 4.3 und 5 der vorliegenden Studie). In vielen Interviews mit Fachkräften ist die Rede davon, dass die Hilfe zum Teil gegen den Willen der Eltern installiert wird, um eine Kindeswohlgefährdung abzuwenden: „Frau Lehmann: […] wobei die jungen Frauen ja wegen der Kindeswohlgefährdung hierherkommen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 122). „Frau Albrecht: […] In der Regel auch nicht freiwillig bei uns sind, sondern mehr oder weniger diese Unterbringung veranlasst wurde, weil häufig das Kindeswohl so sehr gefährdet ist, dass die Kinder dann eben in einer Pflegefamilie untergebracht werden müssten. Und um das zu umgehen, (…) ziehen die Mütter dann bei uns ein. Ab und an gibt es auch mal eine Mutter, die tatsächlich sich Hilfe gesucht hat und gesagt hat: ‚Ich schaffe das nicht alleine. Ich brauche Unterstützung. Ich würde gerne in so ein stationäres Wohnen ziehen.‘ Aber, ja, leider ist es ganz oft eben anders […]. Und in der Regel ist das Kindeswohl gefährdet. Schon bereits gewesen oder eben es droht“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 34). „Frau Baumann: […] das vermittelt ja immer das Jugendamt. Und das ist sowieso klar. Es ist eine Jugendhilfemaßnahme. Das heißt, entweder stellen die Eltern selber einen Antrag 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 185 auf Hilfe zur Erziehung oder es gibt Situationen, wo sich das Netzwerk Hebamme – Kliniken – Kinderärzte – Nachbarn an das Jugendamt wendet und sagt: ‚Das läuft da schief. Die brauchen Hilfe.‘ Und dann wird die Hilfe eingeleitet. Dann ist sie natürlich nicht freiwillig“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 60). „Frau Sauer: […] Das ist dann oft auch immer so ein Zwangskontext, also dann stehen die Mütter vor einer Entscheidung: Entweder Mutter-Kind-Haus oder das Jugendamt geht vor das Gericht. Manchmal ist es sogar das Gericht, das entscheidet: ‚Naja, die hat nochmal eine Chance verdient. Sie soll sich eine Mutter-Kind-Einrichtung suchen.‘ Und das sind dann meistens so Zwangskontexte. Das heißt, das ist dann nicht freiwillig oder aus eigenem Willen und Entschluss, sondern, ja, das ist so, weil es fremdbestimmt ist“ (Interview mit Frau Sauer, Abs. 10). „Frau Keller: […] Die Frauen und die Männer haben auch oft so ein schwieriges Verhältnis mit dem Jugendamt. Die sehen die natürlich als Kontrolleur, die schuld sind, dass die jungen Frauen jetzt hier in der Mutter-Kind-Einrichtung sind. {Streichung} (…) Also das ist ja oft eine Anordnung vom Jugendamt. Genau. {Wir nennen es häufig eine „gezwungene Freiwilligkeit“ […]}“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 46). „Frau Fischer: […] Es ist ja so, dass die Frauen alle nicht freiwillig bei uns leben, sondern dass alles über das Jugendamt läuft“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 6). Neben dem Widerspruch zu geltendem Recht ist an der Unfreiwilligkeit und der Ablehnung der Hilfen seitens der Klientel vor allem problematisch, dass ohne die Mitwirkung der Eltern die Wirksamkeit der Hilfe grundsätzlich in Frage steht: „Herr Berger: […] Insofern, ja, sind die Mütter alle freiwillig hier natürlich, aber müssen sich schon dazu entschließen, hier zu bleiben, weil sonst wird es schwierig“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 15). „Frau Schuster: […] Und oft [ist die Klientel] halt auch sehr unmotiviert, weil es halt dann oft schon ein Muss ist, ne? Die wenigsten sind ja freiwillig da und sagen: ‚Ja. Das mache ich jetzt. Das brauche ich.‘“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 60). „Frau Richter: […] wir haben auch einige Mütter, […] die sind ja eigentlich freiwillig hier. Sie können sich ja entscheiden. Aber sie sehen das schon als einen ziemlichen Zwang an und sind nicht einmal bereit zu einer Zusammenarbeit mit uns, (…) weil wir ja die Bösen sind, die auf sie aufpassen, die natürlich/ Frau Winter: Die zum Jugendamt gehören. Frau Richter: Die natürlich viel dokumentieren (…) und letzten Endes natürlich auch viel weitergeben müssen. Ganz klar. Was auf der einen Seite Angst macht, aber auf der anderen Seite auch große Widerstände aktiviert. Frau Winter: Ja, es dauert meist wirklich ein paar Wochen, manchmal sogar länger, bis die sich wirklich auf so eine Zusammenarbeit einlassen können. Frau Richter: Viele brechen auch ab, sagen: ‚So, ich gehe.‘ Und lassen auch zum Teil ihr Kind dann hier, (…) was dann in eine Pflegefamilie kommt oder eine Bereitschaftspflegefamilie. Der Trend ist auch, sich einen Anwalt zu nehmen (…) oder eine Anwältin, die den Müttern sagt: ‚Sie haben das Sorgerecht, Ihnen kann man nichts. Sie können jederzeit gehen.‘ Ja? Und was dann auch, einige Male auch passiert. Dann geht die ganze Sache vor Gericht und der Richter entscheidet dann, ob die Mutter das Kind zurückbekommt oder nicht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 107–111). Vielfach ist davon die Rede, die Klientel habe vor der Aufnahme in die Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung das Angebot der Sozialpädagogischen Familienhilfe in Anspruch genommen. Der Leistungsträger hatte Grund zu der Annahme, dass die Unterstützung durch Sozialpädagogische Familienhilfe nicht ausreicht: 8 Empirische Ergebnisse 186 „Frau Vogt: […] Fakt ist, dass hier Frauen aufgenommen werden, die (…) fast alle schon Sozialpädagogische Familienhilfe hatten. Wo sich dann herausstellte, dass dieser Ansatz, also diese Hilfestellung, nicht ausreichend ist für die Bewältigung der alltäglichen Probleme“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 8). „Frau Horn: […] es gibt auch immer mal wieder Anfragen, die direkt an uns gehen, von Frauen, die eben schon selbstständig gewohnt haben und (…), ja, wo einfach nur eine engere Betreuung als über eine Sozialpädagogische Familienhilfe notwendig ist“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 13). „Frau Winter: […] Da waren drei Sozialpädagogische Familienhilfen. Aber es hat halt nicht ausgereicht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 297). „Frau Lang: […] Und gleichzeitig haben die nicht genug Ressourcen mitgebracht, um gar nicht angebunden in ihren, also nur durch eine SPFH [Sozialpädagogische Familienhilfe] betreut zu werden“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 118). „Frau Albrecht: […] Und das Jugendamt ist im Vorfeld da aufmerksam geworden, weil da schon eine Familienhilfe drin war oder irgendwie durch das Jugendamt oder/ Es ist ganz unterschiedlich, was da vorher gelaufen ist“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 34). Die im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelten Daten stützen die Vermutung, Hilfen nach § 19 SGB VIII würden zunehmend häufig als intensivere Maßnahme gewährt, nachdem sich herausstellte, dass eine ambulante Hilfe zur Erziehung nicht ausreicht, um den Bedarf des Elternteils bzw. der Schwangeren an Unterstützung bei der Pflege und Erziehung des Kindes zu decken. Hervorzuheben ist, dass dies bedeutet, dass ein Teil der Klientel bereits im eigenen Haushalt lebte, bevor er in die Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtung einzieht (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 37). Unterbringung alleinerziehender Väter Im Rahmen der Vorbereitung der vorliegenden Studie wurde – wie bereits erwähnt – eine umfängliche Internetrecherche über die Einrichtungen nach § 19 SGB VIII erstellt, dabei Internetauftritte und offizielle Dokumente wie Leistungsbeschreibungen und Konzeptionen ausgewertet und die ermittelten Informationen in einer Datenbank zusammengefasst. In diesem Zusammenhang wurde unter anderem ermittelt, wie das Angebot der Hilfe nach § 19 SGB VIII genau bezeichnet wird. Es zeigt sich in der folgenden Tabelle, dass einige Angebote in der Bezeichnung der Hilfen den männlichen Elternteil berücksichtigen, andere sich ausschließlich als Hilfen für Mutter mit Kind bzw. für Schwangere verstehen: Bezeichnung des Angebots Name des Trägers (anonymisiert) Bezeichnung des Angebots Typisierung Wohnheim Sankt Benedikt Mutter/Vater-Kind-Haus Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung (Spezialeinrichtung) Mutter-Kind-Wohnen am Markt Mutter-Kind-Heim Mutter-Kind-Einrichtung 8.2.1 Tabelle 4. 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 187 Mutter-Kind-Gruppe Eva Mutter-Kind-Bereich Mutter-Kind-Einrichtung Flexible Hilfen GmbH Mutter-Kind-Wohnen Mutter-Kind-Einrichtung Haus am Steinweg Mutter-Kind-Einrichtung Mutter-Kind-Einrichtung Jugendhilfe Heilige Elisabeth Mutter-Kind-Gruppe Mutter-Kind-Einrichtung Marienhäuser Mutter-Kind-Häuser Mutter-Kind-Einrichtung Diakonische Hilfe Wohngemeinschaft für Mutter und Kind Mutter-Kind-Einrichtung Mutter-Jesu-Haus Mutter/Vater-Kind-Einrichtung Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Mutter-Vater-Kind-Wohnen Bambi Betreutes Wohnen für junge Mütter/Väter Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Familienhilfen e.V. Clearing, teilstationäres Angebot, stationäres Angebot bzw. ambulante Betreuung für Familien Familienhilfe (Sonderstellung und Spezialeinrichtung) Josephswerk Mutter-Kind-Wohnungen Mutter-Kind-Einrichtung Individuelle Sozialpädagogik e.V. Mutter-Kind-Gruppe, Trainingswohnungen Mutter-Kind-Einrichtung Initiative MuVaKi Mutter/Vater-Kind Gruppe Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Smile GbR Mutter-Kind-Wohnen Mutter-Kind-Einrichtung Evangelische Jugendhilfe Singstadt Mutter/Vater und Kind Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Mutter‑/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach Betreuung für junge Mütter/Väter, Betreutes Wohnen junger Mütter/Väter Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung Wirbelwind gGmbH Mutter-Kind-Haus, Betreutes Wohnen Mutter-Kind-Einrichtung Kinderheim Diegersmoor Mutter-Kind-Bereich Mutter-Kind-Einrichtung Zur Tabelle: In der Spalte „Bezeichnung des Angebots“ wurde der Name, der für die Einrichtung im offiziellen Zusammenhang – auf der offiziellen Webseite oder in Leistungsbeschreibungen etc. – verwendet wird, erfasst. Die zugrundeliegenden Daten wurden im Rahmen der bereits erwähnten Internetrecherche erhoben. Sofern verschiedene Bezeichnungen genutzt wurden, wurde die häufigste angeführt. Falls keine öffentlich zugänglichen Informationen vorlagen, wurde die Bezeichnung gewählt, die die Befragten überwiegend in den Interviews benutzen. Es fällt auf, dass die meisten Einrichtungen (12 von 19), in denen Befragte gewonnen werden konnten, ihr Angebot im offiziellen Kontext als eine Hilfe für Mutter und Kind bezeichnen. Ins Auge sticht der Verein „Familienhilfen e.V.“, weil dort keine Geschlechterdifferenzierung bei der Bezeichnung des Angebots vorgenommen wurde. Neben dem Verein schließen 6 von 19 Einrichtungen den Vater bei der Bezeichnung des Angebots mit ein. Bei den Befragungen stellte sich heraus, dass zwei der an der 8 Empirische Ergebnisse 188 Studie teilnehmenden Einrichtungen – nämlich die Familienhilfen e.V. und das Wohnheim Sankt Benedikt – in Fachkreisen überregional dafür bekannt sind, in ihr Angebot in besonderem Maße Männer einzubinden. Bei der Suche nach Interviewpartnerinnen und -partnern wurde mehrfach auf die Einrichtungen verwiesen. An dieser Stelle muss vorweggenommen werden, dass sich der Verein „Familienhilfen“ von den anderen Einrichtungen sowohl von seinem Konzept als auch in der gelebten Praxis und hinsichtlich der Bezeichnung von den anderen Einrichtungen abhebt und deshalb innerhalb der Typisierung eine Sonderstellung einnimmt. Das Konzept der Einrichtung soll an späterer Stelle explizit dargestellt und damit die Sonderstellung innerhalb der Typisierung begründet werden. Im Folgenden werden die Einrichtungen „Wohnheim Sankt Benedikt“, „Mutter Jesu Haus“, „Mutter-Vater-Kind-Wohnen Bambi“, „Initiative MuVaKi“, „Evangelische Jugendhilfe Singstatt“ und „Mutter‑/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach“ als Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen bezeichnet und somit von den übrigen Mutter-Kind-Einrichtungen abgegrenzt. Vor dem Hintergrund der Kritik, manche ehemaligen Mutter-Kind-Einrichtungen hätten sich in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen umbenannt, ohne dass Männer tatsächlich im Alltag integriert würden (vgl. Abschnitt 6.6), stellt sich die Frage, ob es in den Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, in denen im Rahmen der Studie Befragte gewonnen werden konnten, gelebte Praxis ist, alleinerziehende Väter aufzunehmen. Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden. Unterbringung alleinerziehender Väter in Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen In den Einrichtungen für Mütter(/Väter) und Kinder, aus denen Befragte gewonnen werden konnten, werden in der großen Mehrheit Frauen betreut. Die Aufnahme alleinerziehender Männer scheint lediglich in Einzelfällen vorzukommen. Überraschend ist, dass im „Wohnheim Sankt Benedikt“ bisher noch nie ein alleinerziehender Vater untergebracht wurde, obwohl die Einrichtung überregional für sein besonderes Engagement für Väter bekannt ist: „Frau Sommer: […] Aufgenommen haben wir einen alleinigen Vater mit Kind hier noch nie“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 121). Auch für das Mutter-Vater-Kind-Wohnen Bambi stellt sich heraus, dass alleinerziehende Väter in diesem Angebot nicht untergebracht sind: „Frau Frank: […] Hier leben sechs Frauen mit ihren Kindern jeweils in einer Wohneinheit“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 4). In der Einrichtung der „Initiative MuVaKi“ lebt kein Mann: „Frau Fischer: […] wir sind zwar eine Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung, aber bei uns leben keine Väter. Also wir hatten es bis jetzt auch nicht gehabt. Wir hatten einmalig eine Anfrage von einem Vater gehabt. Das stimmt. Aber der war damals sechsunddreißig. Also der war über dem Durchschnitt hinaus, sagen wir so, also wo das auch einfach auch nicht mehr von dem Jugendamt getragen werden würde“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 6). In dem vorangegangenen Interviewausschnitt zeigen sich mehrere Ambivalenzen: Obwohl die Einrichtung offiziell damit wirbt, eine Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung 8.2.1.1 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 189 zu sein, werden keine alleinerziehenden Männer mit Kind in der Einrichtung aufgenommen. Es stellt sich im Weiteren heraus, dass es durchaus bereits – wenn auch nur in einem Fall – eine Anfrage eines Jugendamtes für einen Platz für einen alleinerziehenden Vater gab. Allerdings wurde dieser nicht aufgenommen, offenbar mit der Begründung, der Leistungsträger würde nur bis zu einem gewissen Alter Hilfen nach § 19 SGB VIII gewähren und er habe diese Altersgrenze überschritten. Wie bereits in Abschnitt 5 der vorliegenden Studie gezeigt, ist dem nicht so: Es gibt keine Altersbeschränkung für die Gewährung der Hilfen nach § 19 SGB VIII. Die Widersprüchlichkeiten werden im weiteren Verlauf des Interviews nicht aufgelöst. Dies deutet darauf hin, dass die Anfrage des Jugendamtes für einen Platz für einen älteren Vater die Initiative MuVaKi in einen Konflikt brachte, der dadurch vermieden wurde, dass die Anfrage unter einem Vorwand abgelehnt wurde. In dieser Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung erhielt der betroffene Vater keine Hilfe nach § 19 SGB VIII. In der „Mutter‑/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach“ wird ein alleinerziehender Vater ambulant betreut: „Interviewerin: […] gibt es da eigentlich auch Väter, die da/ Frau Baumann: Ganz selten. Also wir haben gerade einen Vater, den wir ambulant betreuen“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 12). In der Einrichtung „Evangelische Jugendhilfe Singstadt“ wurden in der Vergangenheit alleinerziehende Väter aufgenommen: „Frau Albrecht: […] Und mit der Zeit kam es dann auch dazu, dass wir dann auch schon mal Väter, nur Väter mit ihren Kindern aufgenommen haben. Also dann hat die Mutter zum Beispiel gemerkt, dass sie das nicht so schafft und dass sie das gerne abgeben würde an den Kindsvater. Und dann haben eigentlich Mutter und Vater die Plätze gewechselt und haben das dann übernommen“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 2). In dem Fall, den Frau Albrecht schildert, wurde ein Kindsvater anstatt der Kindsmutter aufgenommen, weil diese nicht mehr in der Lage war, die Betreuung und Pflege des Kindes sicherzustellen. Im „Mutter Jesu Haus“ wurde zweimal ein alleinerziehender Vater aufgenommen, und dies geschah jeweils auch, nachdem die Mutter die Hilfe abgebrochen hatte bzw. die Maßnahme nach § 19 SGB VIII abgebrochen wurde: „Frau Richter: Wir hatten auch mal einen Vater hier, der mit seinem Kind hier war. […] Die Freundin von ihm, also die Mutter des Kindes, die war in einer Einrichtung gewesen {in einer anderen Region}. Und das hatte dann nicht funktioniert. Wo die Einrichtung gesagt hat so, sie würden auch die Maßnahme beenden. Und dann wollte er es als Vater probieren. […] Die Maßnahme musste dann aber auch beendet werden […] Frau Winter: […] Wir hatten vorher mal/ […] Da war erst die Mutter. Die war nur/ Nach zwölf Stunden war die hier abgehauen. (…) Und dann ist da auch der Vater gekommen. Hat gesagt, dann versucht er es. Er hat aber auch nur 24 Stunden durchgehalten. […] Das gibt es halt auch erst seit 2012, dass wir auch Väter aufnehmen würden. Das war vorher noch gar nicht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 216–239). Auch in der Mutter/Vater-Kind-Betreuung Biegelbach ist ein ähnlicher Fall bereits vorgekommen: „Frau Baumann: […] in dem Fall war das so, dass wir erst die Mutter mit Kind betreut haben und da klar war, dass die Mutter das nicht schaffen wird. Dann ist das Kind in Ob- 8 Empirische Ergebnisse 190 hut genommen worden. Und dann hat der Kindsvater gesagt: ‚Dann übernehme ich die Verantwortung und die Erziehung des Kindes.‘“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 60). Die Daten zeigen, dass der Leistungserbringer in der Praxis in Einzelfällen für einen alleinerziehenden Vater eine Unterbringung nach § 19 SGB VIII sucht. Es gibt auch den Fall, dass der Kindsvater anstatt der Kindsmutter aufgenommen wurde, weil diese (vorübergehend) nicht mehr in der Lage war, die Betreuung und Pflege des Kindes sicherzustellen. Die Männer erklärten sich jeweils dazu bereit, einzuspringen und in die Einrichtung einzuziehen. In Einzelfällen scheinen also (alleinerziehende) Väter Hilfen nach § 19 SGB VIII zu benötigen bzw. Interesse daran zu haben, mit dem Kind in die Einrichtung einzuziehen. Nicht in allen Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtungen zeigt sich das Personal offen dafür, in diesen Einzelfällen alleinerziehende Väter aufzunehmen. Aus der Bezeichnung der Einrichtung kann also nicht verlässlich geschlossen werden, ob ein alleinerziehender Vater Hilfe erhält. Besteht der Bedarf einer Hilfe nach § 19 SGB VIII bei einem alleinerziehenden Vater, muss der Leistungsträger vermutlich länger suchen und sich bei der Suche auf mündliche Weitergabe oder andere inoffizielle Empfehlungen stützen, bis er einen Leistungserbringer findet, der tatsächlich bereit ist, einen alleinerziehenden Mann aufzunehmen. Die Daten der vorliegenden Studie lassen zudem darauf schließen, dass die Betreuung eines alleinerziehenden Vaters das Personal in der Einrichtung vor Schwierigkeiten stellen würde. In den folgenden Abschnitten soll sich einer Antwort auf die Frage, welche Konflikte sich für das Personal beim Einbinden eines alleinerziehenden Mannes im Alltag auftun könnten, angenähert werden. Zunächst wird sich jedoch der Frage gewidmet, ob in Mutter-Kind-Einrichtungen als Ausnahme alleinerziehende Väter aufgenommen werden. Unterbringung alleinerziehender Väter in Mutter-Kind-Einrichtungen Die Befragten in den Einrichtungen, die ihr Angebot offiziell für „Frauen und Mädchen“ anbieten, zeigen sich zum Teil nicht abgeneigt, einen alleinerziehenden Vater aufzunehmen, betonen aber zum Großteil, noch keine Anfrage für einen solchen Fall gehabt zu haben: „Frau Schuster: […] Oder nur einen Vater, wo es keine/ Es gibt ja auch Väter zum Beispiel, wo die Mutter so psychisch krank ist und in der Klinik untergebracht ist, solche Väter aufzunehmen, die da Unterstützung brauchen. Fände ich auch mal/ Aber haben wir jetzt noch keine Anfrage gehabt, seit ich hier bin, von Vätern jetzt. Nein, also ich glaube, das ist/ Das braucht noch ein bisschen. Aber so was könnte ich mir schon generell vorstellen, wieso nicht“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 156). Im oben zitierten Interviewausschnitt signalisiert Frau Schuster vor allem für eine bestimmte männliche Klientel die Bereitschaft, sie aufzunehmen, nämlich Partner von psychisch erkrankten Klientinnen. Bei Befragungen von Frau Vogt und Frau Lang klingt die Befürchtung an, die Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters könne das Zusammenleben in der Gruppe stören bzw. „den Laden aufmischen“ und für das pädagogische Personal eine „besondere Herausforderung“ bedeuten. Auch hier wird also ein Konflikt angedeutet, der 8.2.1.2 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 191 anscheinend bei der Aufnahme von einem Mann in der Einrichtung entstehen könnte: „Frau Vogt: […] Frauen in der Wohngemeinschaft sagen: ‚Sie wollen keinen alleinerziehenden Vater hier in der Einrichtung. Das würde nicht gut gehen in der Gruppe.‘ Ich bin da mir nicht so sicher. Ich würde das Experiment wagen. Aber es hat sich noch nicht ergeben als Anfrage. Wäre spannend, mal zu gestalten“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 129). „Frau Lang: […] Seitdem ich in diesem Berufsfeld irgendwie tätig bin, kenne ich einen Fall, wo ein Vater mit einem Kind in eine Einrichtung gezogen ist. Das war noch nicht mal unsere. Wir würden das auch tun. Also das wäre für uns kein Hindernisgrund, dass es ein Vater ist. Das würde wahrscheinlich hier den Laden vollkommen aufmischen, ja? Wir hatten auch schon mal einen Vater in einer Eltern-Kind-Gruppe. Einen Vater. Der Rest Frauen. Das war auch schon, ja, eine besondere Herausforderung. […] An alle Beteiligten (lächelt). Ja, aber wie gesagt, ich kenne nur einen Fall, wo ein Vater mit seinem Kind eingezogen ist in die Einrichtung. Und der Grund war, weil er stärker war als die Mutter“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 156). Andere befragte Mitarbeiterinnen in Mutter-Kind-Einrichtungen geben an, dass die Aufnahme eines alleinerziehenden Mannes grundsätzlich konzeptionell ausgeschlossen ist. Hier ein Beispiel aus dem Interview mit Frau Sauer: „Interviewerin: Hatten Sie das auch schon mal, dass vom Jugendamt für einen alleinerziehenden Vater ein Platz angefragt wurde? Frau Sauer: Mhm (verneinend). Würden wir auch nicht aufnehmen. Interviewerin: Würden Sie auch nicht machen. Frau Sauer: Wir nehmen ja nur Mädchen auf. Genau. Also, kam auch noch nicht die Anfrage“ (Interview mit Frau Sauer, Abs. 81–84). Gründe für Ablehnung der Unterbringung von alleinerziehenden Vätern Hinweise auf „die Art der Konflikte“, die drohen, wenn ein alleinerziehender Vater in die Einrichtung aufgenommen wird, liefert unter anderem ein Ausschnitt aus dem Interview mit Frau Fuchs und Frau Sommer, den Mitarbeiterinnen des „Wohnheims Sankt Benedikt“: „Frau Fuchs: Also ich hatte mal eine Anfrage am Telefon von einem jungen Vater, der sich dafür entschieden hat, mit seiner kleinen Tochter – glaube ich, war das – zusammenzuziehen. Also im Prinzip bieten wir das ja an. Wir sind ein Mutter‑/Vater-Kind-Haus. Wir müssen es immer halt abwägen. Passt es jetzt gerade in unsere ganze Gruppendynamik rein oder stürzen sich vielleicht alle Single-Frauen dann auf diesen einen Vater? Das müssen wir immer ein bisschen abwägen. Ich glaube, wir hatten es noch nie, dass es dann wirklich stattgefunden hat“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 120). Weil die Einrichtung – wie bereits erwähnt – dafür bekannt ist, in besonderem Maße Männer in den Alltag zu integrieren, wirkt die Aussage von Frau Fuchs besonders widersprüchlich. Zwar denkt Frau Fuchs, die Einrichtung sollte „im Prinzip“ Anfragen für Plätze für alleinerziehende Väter bedienen, auffällig ist allerdings, dass bereits mehrfach Bedarfslagen von alleinerziehenden Vätern durch die Einrichtung nicht gedeckt wurden. Obwohl Leistungserbringer im „Wohnheim Sankt Benedikt“ Unterstützung nach § 19 SGB VIII für einen alleinerziehenden Vater suchten und diese 8.2.1.3 8 Empirische Ergebnisse 192 Einrichtung damit wirbt, Männer in den Alltag zu integrieren, wurde dort noch nie ein alleinerziehender Vater aufgenommen. Frau Fuchs äußert die Befürchtung, die Aufnahme eines alleinerziehenden Mannes führe im Alltag dazu, dass mehrere Klientinnen mit dem Mann signalisieren, mit ihm eine Beziehung beginnen zu wollen. Diese Situation scheint kritisch, deshalb wurde bisher kein alleinerziehender Vater aufgenommen. Der nächste Interviewausschnitt weist auch auf den Zusammenhang zwischen der Ablehnung von Flirts zwischen den Insassen und der Frage nach der Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters in die Einrichtung hin: „Frau Richter: […] Er [ein alleinerziehender Vater, der in der Einrichtung untergebracht wurde, RH] war dann erst einmal der Hahn im Korb hier. So ein paar Mütter haben ihn dann auch angebaggert. (…) Aber er hat immer gesagt, so, er würde ja nur seine Freundin lieben, die er immer als seine Frau auch bezeichnet hat. Und wirklich angebandelt hat er nicht mit einer anderen […]. Das lief dann relativ friedlich ab. Frau Winter: Zum Glück (lacht). Frau Richter: Aber es war schon ein Balzen hier, ne? […] Ei, ei, ei (lächelt). Das war also/ Das ist – glaube ich – nicht so eine ganz gute Entscheidung dann, Mütter und Väter zusammen aufzunehmen (lacht). […] Die haben einfach richtig, richtig gegockelt, ne? Man hatte das Gefühl, da sind ganz viele Hühner und jeder wollte schöner sein, als der andere und besser sein als der andere, um diesem Mann zu imponieren“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 224–232). Auffällig ist, dass in der Erzählung von Frau Richter bei der Beschreibung des Verhaltens der Klientel beim Flirten ein Vergleich mit Tieren gezogen wird – was nach Goffman als eine Entwürdigung des Selbst der Klientel durch Sprache interpretiert werden kann. Die Klientinnen werden als lüstern und triebhaft dargestellt. Wahrscheinlich eher unbewusst schließt die Befragte damit an eugenisch getönte Diskurse an. In dieser Interpretation des Verhaltens der Klientel durch die Mitarbeiterinnen in Kombination mit der Äußerung, dass die Entscheidung, den Mann in der Einrichtung unterzubringen, keine gute Idee gewesen sei, deutet sich ein Konflikt im Zusammenhang mit der Sexualität der Klientel an. Dieser Aspekt wird im Rahmen der Studie an späterer Stelle wieder aufgegriffen. Außerdem klingt an, dass es für das Personal Mehraufwand bedeuten würde, auf Aggressionen zwischen den Klientinnen zu reagieren, die durch Eifersucht auftreten könnten. Deshalb äußern sich Frau Winter und Frau Richter froh darüber, dass der alleinerziehende Vater Eifersuchtsszenen vorbeugte, indem er sich nicht auf die Flirtversuche einließ. So konnten die Mitarbeiterinnen trotz Aufnahme eines Mannes weiterhin einen reibungslosen Ablauf innerhalb der Einrichtung garantieren. An dieser Stelle soll als kurze Zusammenfassung Folgendes festgehalten werden: Aus den Aussagen der Befragten lässt sich schließen, dass Männer in der Praxis wesentlich seltener in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen untergebracht werden als Frauen, unter anderem, weil Jugendämter wahrscheinlich wesentlich seltener einen Platz für einen alleinerziehenden Vater suchen als für alleinerziehende Mütter und Schwangere. Von den 19 Einrichtungen, in denen Interviewpartnerinnen und -partner gewonnen werden konnten, sind zwei überregional bei Insidern dafür bekannt, ein besonderes Konzept dafür zu haben, Männer in den Alltag zu integrieren. Aller- 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 193 dings zeigt sich für eine der beiden Spezialeinrichtungen, dass dort noch nie ein alleinerziehender Vater aufgenommen wurde, obwohl bereits Anfragen von Jugendämtern eingegangen sind, ob es möglich wäre, einen Mann zu betreuen. In einer anderen Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung lehnte das Personal eine Anfrage für einen Platz für einen Mann in der Vergangenheit explizit ab und hat insgesamt noch nie einen alleinerziehenden Vater aufgenommen. Von den sechs Initiativen, die sich selbst Mutter‑/ Vater-Kind-Einrichtungen nennen, haben drei einmal oder mehrmals einen alleinerziehenden Vater untergebracht. Vorwiegend wurde in diesen Fällen ein Kindsvater anstatt der Kindsmutter aufgenommen, nachdem letztere die Hilfe nach § 19 SGB VIII abgebrochen hatte. Es scheint sich im Hinblick auf die Namensgebung der Einrichtungen bisher kein verbindlicher Standard entwickelt zu haben, der darauf schließen lässt, ob in der Einrichtung alleinerziehende Väter untergebracht werden können oder nicht. Dadurch könnte es Leistungsträgern schwerfallen, in den Einzelfällen, in denen ein alleinerziehender Vater der Hilfe nach § 19 SGB VIII bedarf, eine geeignete Einrichtung zu finden. Dies könnte dazu führen, dass der Bedarf eines alleinerziehenden Vaters an Hilfe nach § 19 SGB VIII erst verzögert oder gar nicht gedeckt werden kann. Die oben dargelegten Ergebnisse deuten darüber hinaus darauf hin, dass die Aufnahme eines alleinerziehenden Vaters in einer Einrichtung nach § 19 SGB VIII für das Personal Konflikte birgt. Beim Sprechen über Eifersuchtsszenen in der Einrichtung und über Flirts mehrerer weiblichen Klientinnen mit einem Mann schimmert Unbehagen des Personals durch. Hier werden sexualisierte Stereotype herangezogen, scheinbar negative Eigenschaften der Klientel herausgestrichen und die weibliche Klientel als triebhaft etikettiert – eine Zuschreibung mit eugenischer Tönung. Dies lässt darauf schließen, dass das Personal sexuelle Kontakte der Mütter und schwangeren Klientinnen mit Männern grundsätzlich ablehnt. Tatsächlich wurde vor dem Hintergrund der Bedenken des Personals mindestens einem alleinerziehenden Mann der Einzug in die Einrichtung verwehrt. Dass die Leistungserbringer sexuelle Kontakte zwischen ihrer Klientel ablehnen und Eifersuchtsszenen verhindern wollen, scheint indirekt die Versorgungslage für alleinerziehende Väter, die der Hilfe nach § 19 SGB VIII bedürfen, zu verschlechtern. Einbeziehen der Kindsväter und Partner der weiblichen Klientel Anteil der in Partnerschaften lebenden Klientel und Bedeutung der Partnerschaft für die Klientel In den Interviews mit den Fachkräften wird in mehreren Fällen angegeben, dass der überwiegende Teil der weiblichen Klientel in einer Partnerschaft lebt, die für die Mutter bzw. Schwangere eine wichtige Rolle im Leben einnimmt. Für viele Klientinnen scheint es wichtig zu sein, einen Partner zu haben: „Frau Neumann: Sehr viele, sehr viele Frauen haben Partner. […] Frau Koch: Ist aber sehr wichtig auch für die. 8.2.2 8.2.2.1 8 Empirische Ergebnisse 194 Frau Neumann: Ja. Das ist ja sehr wichtig für die Mütter. […] Frau Frank: Und ich würde schon sagen, es ist eigentlich für alle Frauen hier immer wichtig, einen Partner zu haben“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 49–55). „Frau Fischer: […] Es sind tatsächlich derzeit alle in einer Beziehung, ja. […] Das ist aber auch nicht immer so. […] es gibt natürlich auch andere, also die keinen festen Partner/ Das hatten wir auch schon, die dann alle zwei Wochen sozusagen jemand Neues hatten. […] Aber das ist jetzt nicht der Regelfall. Also es ist schon eher so, dass die da – glaube ich – auch so ein bisschen diese Sicherheit suchen, diesen Halt, dass da jemand ist und sie nicht alleine sind. Und von daher vielleicht hat das was damit zu tun, dass das im Moment aktuell längerfristig hält (lächelt)“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 62–66). Auch die meisten Bewohnerinnen, die derzeit nicht in einer Partnerschaft leben, wünschen sich gemäß den Aussagen des überwiegenden Teils der befragten Fachkräfte eine Beziehung mit einem Mann: „Frau Vogt: […] das ist der größte Wunsch sämtlicher Bewohnerinnen, sämtlicher Frauen, die sich hier melden wegen einer Aufnahme, in eine Freundschaft, Partnerschaft zu kommen“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 153). Die Fachkräfte berichten von Klientinnen, die bereits vor Aufnahme in der Einrichtung mit ihrem Partner in einer gemeinsamen Wohnung gewohnt haben: „Frau Winter: Ja, also wenn die schon vor der Unterbringung hier mit den Vätern zusammen waren, […] da waren die ja dann schon mit beteiligt. […] Und bei anderen, die noch nicht zusammengewohnt haben oder so, da ist es dann wieder anders“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 153). In anderen Interviews ist davon die Rede, dass die Paare nach dem Aufenthalt der Frau in der Wohnform zusammenziehen möchten: „Frau Fischer: Ja. Also das ist schon so, dass die in der Regel nicht mehr zurück in den elterlichen Haushalt gehen. Also das ist auch eigentlich schon oft Ziel, dass die, ja, letztendlich in ihre eigene Wohnung ziehen. Wenn da ein Partner ist/ Also ich überlege jetzt gerade. Wir werden {demnächst} vermutlich den einen oder anderen Auszug, der ist angedacht. Bei zweien ist das auch so angedacht, dass die tatsächlich/ Die eine ist verheiratet. Die hat jetzt während der Zeit, wo sie hier gelebt, geheiratet. Die wird auch mit Kind zu ihrem Mann ziehen“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 80). Aus den hier dargestellten Ergebnissen ergibt sich ein Anspruch an die Hilfen nach § 19 SGB VIII, die Klientinnen auf ein gemeinsames Leben mit dem Partner nach dem Aufenthalt in der Einrichtung vorzubereiten. Ein Ausschluss der Männer aus dem Alltag wäre kontraproduktiv. Mögliche (Rechts-)Verhältnisse der Paare und zwischen Mann und Kind In manchen Fällen sind die Frauen noch mit dem Kindsvater liiert, wenn sie in die Einrichtung ziehen bzw. dort wohnen: „Frau Rosenbaum: […] Wir haben Frauen hier, die noch zu den Kindsvätern eine Beziehung haben“ (Interview mit Frau Rosenbaum, Abs. 32). „Frau Keller: […] Von den 13 Frauen, die wir im Moment haben, haben sechs junge Frauen Kontakt mit dem Kindsvater. Der Rest nicht. […] Davon sind aber nicht alle mit dem 8.2.2.2 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 195 Kindsvater liiert. […] Es sind im Moment {in der Verselbstständigungswohngruppe} zwei junge Mütter, die mit dem Kindsvater noch liiert sind. Und im Haupthaus sind es (…) drei junge Mütter, die mit dem Kindsvater zusammen sind“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 22–24). Das befragte Personal berichtet mehrfach davon, dass die Klientinnen ihre Partner heiraten (möchten) (vgl. Interview mit Frau Schuster, Abs. 24 und 88; Interview mit Frau Frank, Frau Neumann, Abs. 55 und 454). Andere Klientinnen sind geschieden (vgl. Interview mit Frau Rosenbaum, Abs. 40). In anderen Fällen sind die Klientinnen mit neuen Partnern zusammen oder Singles. Den Befragten zufolge waren manche Schwangerschaften der Klientinnen zum Teil nicht geplant und diese wiederum teilweise bei flüchtigen sexuellen Abenteuern für eine einzige Nacht entstanden: „Frau Lehmann: […] Davon ausgehend ist dann auch – sage ich mal – die plötzliche Schwangerschaft oft ein Zufall/ halt Notfall, eine Krise. Und das heißt also, dass sie vielleicht gar nicht durch einen Freund schwanger geworden sind sogar, sondern nur mal durch eine nette Nacht. Eine. Eine. Und daraus lässt sich eben ableiten, dass die Väter gar nicht mehr von Interesse sind für die jungen Frauen. Und umgekehrt auch. Also von der Beziehung her ist da gar nichts mehr“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). Bei Aufnahme einer Mutter in der Einrichtung ist nicht in allen Fällen geklärt, wer der Kindsvater ist. Zum Teil muss der Leistungsträger einen Vaterschaftstest veranlassen. Zudem haben manche Mütter mehrere Kinder von verschiedenen Männern. Es zeigt sich also sehr unterschiedliche Paarkonstellationen. Auch die Rechtsverhältnisse von den Männern zu dem Kind können sehr verschieden sein. Den Befragten zufolge haben manche Väter Teile des Sorgerechts inne, viele besitzen das Umgangsrecht mit dem Kind. Bei manchen neuen Partnern handelt es sich um Männer, die eine Beziehung zum Kind aufnehmen oder bereits gefestigt haben. Manchen befragten Fachkräften zufolge interessiere sich der Großteil der Kindsväter weder für die Beziehung zum Kind noch beteilige er sich an der Pflege und Erziehung des Kindes. „Frau Lehmann: […] dann ist es immer unterschiedlich: Melden sich die Väter, die werdenden Väter dann doch irgendwie und haben Interesse am Kind? Oder ist das nicht der Fall? Dann würde ich sagen: 99 Prozent ist es nicht der Fall. Die wollen gar nichts damit zu tun haben. (…) Es gibt aber doch so einen kleinen Prozentsatz. Da ist es dann doch so. […] Das ist aber absolute Ausnahme“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). Nahezu alle Fachkräfte berichten, die Mehrheit der Kindsväter komme nicht in die Einrichtungen zu Besuch. Die Reaktionen auf das Kind seien insgesamt unterschiedlich: Manche Väter lehnen es ab, ihre Rechte und Pflichten dem Kind gegenüber wahrzunehmen, andere versuchen, ihre Rechte am Kind einzuklagen. Mehrheitlich sind die befragten Fachkräfte allerdings von dem Verhalten der Kindsväter enttäuscht und wünschen sich mehr Engagement von ihnen: „Frau Neumann: Also ich finde es schon //frustrierend, dass die Männer so// uninteressiert sind und wirklich nur eigentlich die Frauen sehen, ja, und die Kinder so lästige Anhängsel sind. Es gibt halt Männer, die können gut mit Kindern, weil sie einfach von Natur aus gut mit Kindern können. Aber grundsätzlich finde ich es schon sehr schade, dass da 8 Empirische Ergebnisse 196 so wenig kommt. Was für Kinder halt so wichtig wäre“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 397). Befragte informieren über Männer, die keinen Zugang zum Kind haben, nicht authentisch sind bzw. keine oder lediglich wenige Kompetenzen im Umgang mit Kindern haben. „Frau Richter: Dann haben wir noch einen Vater {Streichung}. Aber der kümmert sich nicht. Der kann mit seinem Kind gar nichts anfangen. (…) Aber da gibt es auch, glaube ich, keine Möglichkeit, den irgendwie anzuleiten, oder? {Streichung} Frau Winter: Mhm (bejahend). Ich habe den auch erst (…) zweimal, glaube ich, jetzt hier kennengelernt. Aber auch so: Der spricht mit dem Kind gar nicht, ne? Das kann schreiend vor ihm sitzen. Der weiß echt gar nicht, was er machen soll. Der hat auch vorher halt nichts gemacht. Die haben zusammengelebt, er mit der Kindsmutter und dem Kind zusammen. Da waren drei sozialpädagogische Familienhilfen. Aber es hat halt nicht ausgereicht. Und er hat sich eigentlich gar nicht gekümmert. Weder ums Kind noch irgendwie um den Haushalt oder so. Dementsprechend kann er jetzt auch gar nicht mit dem Kind so umgehen. Das ist jetzt ein Jahr alt. (…) Schwierig“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 296–297). Alle interviewten Fachkräfte berichten von mindestens einem (werdenden) Kindsvater bzw. neuen Partner, der sich für das (ungeborene) Kind interessiert und Verantwortung für es übernehmen möchte. Manche Befragte haben den Eindruck, in den vergangenen Jahren steige die Anzahl solcher Einzelfälle kontinuierlich. Bedarfe der Männer an pädagogischer bzw. beraterischer Hilfe In den Interviews mit den meisten befragten Fachkräften wird deutlich, dass diese über die Kindsväter und neuen Partner der Mütter wesentlich weniger wissen als über die Klientinnen. Insgesamt äußert sich das Personal über die Männer weniger häufig als über die Frauen, obwohl es speziell zu den Männern befragt wird. Weil sie die Männer in vielen Fällen nicht kennen, erhalten die Fachkräfte Informationen über die Biographie und aktuelle Lebenslage sowie Verhalten der Kindsväter und Partner meist über Dritte, beispielsweise aus Akten des Leistungsträgers oder aus Erzählungen der Kindsmütter. „Interviewerin: Was wissen Sie denn über die Hintergründe sozusagen von den Vätern oder gibt es da Geschichten, die Sie kennen, oder? Frau Winter: Ja, also wenn die schon vor der Unterbringung hier mit den Vätern zusammen waren, die Mütter, dann hört man ja schon vom Jugendamt aus so, was die so ein bisschen erzählen, wie es zuhause lief oder eben nicht lief. Wenn der Haushalt gar nicht in Ordnung war, da waren die ja dann schon mit beteiligt. Da wissen wir dann schon sehr umfangreich auch über die Väter Bescheid. Und bei anderen, die noch nicht zusammengewohnt haben oder so, da ist es dann wieder anders. Da kommt es wirklich darauf an, wie sie so mit uns den Kontakt aufnehmen, dass man etwas über die erfährt. Manche wollen ja auch nicht so den Kontakt haben“ (Interview mit Frau Winter und Frau Richter, Abs. 178–179). Die meisten Befragten betonen die Verschiedenheit der Kindsväter und neuen Partner, was ihre Lebensgeschichten und aktuellen Lebenslagen anbelangt. Doch deuten sich auch verallgemeinerbare Zusammenhänge an: Die Mehrzahl der Männer scheint 8.2.2.3 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 197 in einem ähnlichen Alter wie ihre Partnerinnen zu sein – zum Teil noch minderjährig. Es ist mehrfach von Männern die Rede, die weit entfernt von der Mutter-(/Vater‑) Kind-Einrichtung wohnen. Einige Mitglieder des Personals berichten, die Kindsväter und Partner hätten Beziehungsabbrüche in ihrer Herkunftsfamilie erlebt oder Schwierigkeiten in der Kindheit hinter sich und seien zum Interviewzeitpunkt allgemein in ähnlich schwierigen Lebenslagen wie die Kindsmütter. „Frau Horn: […] Also jeder hat ja seine eigene Biographie, aber auch eben entsprechende Schwierigkeiten, die er mitbringt“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 39). In nahezu allen Interviews mit den Fachkräften finden sich Aussagen, die darauf hindeuten, dass viele Kindsväter und Partner abhängig von Alkohol oder anderen Drogen sind. Es wird häufig von Männern gesprochen, die gegenüber den Kindsmüttern gewalttätig sind oder waren oder mit Gewalt droh(t)en, in manchen Fällen auch gegenüber dem Kind oder gegenüber Fachkräften in der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung. In vielen Interviews finden sich Aussagen über Straffälligkeit und Inhaftierung der Männer. Es wird von Männern berichtet, die keinen Schulabschluss, keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, von Arbeitslosigkeit betroffen sind, denen der Verlust des Arbeitsplatzes droht oder die prekär beschäftigt sind. Manche (sozialen) Väter scheinen von Schulden bzw. Wohnungslosigkeit betroffen zu sein. Manche seien als Flüchtlinge in der Bundesrepublik bzw. hätten Heimerfahrung, seien psychisch erkrankt, hätten eine geistige Behinderung oder kognitive Einschränkung. Manche Männer seien spielsüchtig, benötigten Unterstützung bei der Durchführung von Hygienemaßnahmen oder im Umgang mit Behörden. Einzelne Männer hätten selbst eine schöne Kindheit verbracht, lebten in einer eigenen Wohnung, hätten einen Beruf erlernt, machten eine Ausbildung bzw. seien berufstätig. Manche befragte Fachkräfte haben den Eindruck, die Kindsväter und neuen Partner seien im Vergleich zu den in der Einrichtung lebenden Müttern seltener arbeitslos und erwirtschafteten ihren Unterhalt häufiger selbst. Insgesamt scheinen die Partnerschaften häufig von Konflikten geprägt zu sein. Es wird davon gesprochen, dass die Beziehungen häufig nach der Geburt des Kindes bzw. dem Einzug in die Wohnform in einen krisenhaften Zustand geraten bzw. abbrechen: „Frau Keller: […] Oft ist es so, dass nach der Geburt des Kindes sich das {Paar} dann trennt“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 24). Es ist in mehreren Interviews davon die Rede, dass die Beziehungen der Paare nur kurz andauerten, von Beginn an wenig stabil seien bzw. häufig wechselten, allerdings sei das nicht in allen Fällen so: „Frau Richter: […] Die Mutter war dann auch zwischendurch mal wieder mit dem Mann zusammen. Und dann mit dem Freund. Das war immer so ein Hin und Her. Im Moment ist sie jetzt aber wohl nur mit dem Freund zusammen […]. Und die beiden haben zusammen ein Kind“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 294). „Frau Sommer: […] Also, manche kommen hier an und sind schwanger und haben schon nach Schwangerwerden den dritten Freund. Manche sind noch mit dem Kindesvater zusammen. Manche kommen als Single an und wissen nicht, wer der Kindesvater ist. Das ist ganz, ganz unterschiedlich“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 42). 8 Empirische Ergebnisse 198 „Frau Lehmann: […] Was ich vorneweg sagen will und muss auch: Dass die meisten jungen Frauen ja sozusagen von ihrer Altersstruktur her in der Pubertät sind. Wenn man sich dann nochmal so dran erinnert, wo man selber in der Pubertät war und dann auch die heutige Zeit dazu nimmt, dann ist es sicherlich so, dass da ein Muster ist: Die Partner wechseln häufig. Ja? (…) Das ist, das hat ja eine gewisse Normalität. Das ist ja nicht bei jedem gleich. Aber es ist so“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). Streitigkeiten um die rechtliche Anerkennung der Vaterschaft und das Leisten von Unterhaltszahlungen führten oft zu Paarkonflikten. Wegen fehlender Mitwirkung des potentiellen Vaters müssten teilweise gerichtliche Verfahren zur Vaterschaftsanerkennung durchgeführt werden. Für die Kindsmütter seien solche Situationen häufig emotional verletzend. Nach Trennungen gebe es gewöhnlich Konflikte zu Aspekten der Umgangsregelung, besonders wenn ein Elternteil eine neue Partnerschaft eingehe. Darüber hinaus entzünden sich die Streitereien nach Auskunft der befragten Fachkräfte oft daran, dass (soziale) Väter nach oder während einer Beziehung mit einer Frau mit deren Mitbewohnerin in der Einrichtung flirten bzw. ein sexuelles Verhältnis beginnen. Insgesamt hätten die Kindsmütter gegenüber den (sozialen) Vätern oft eine ambivalente Haltung, die zwischen Idealisierung und Ablehnung hin- und herpendeln kann. Einige befragte Mitarbeiterinnen berichten von eher „konservativen“ Lebensentwürfen: Manche Frau möchte ihren Partner heiraten und erwartet von ihm, dass er die Familie ernährt. In diesen Fällen ergebe sich häufig eine Diskrepanz zwischen den Vorstellungen der Kindsmütter und der tatsächlichen Leistungsfähigkeit und ‑bereitschaft der (sozialen) Väter, was wiederum zu Paarkonflikten führt. Die Kindsväter und Partner haben – den Einschätzungen der befragten Fachkräfte zufolge – häufig Unterstützungsbedarfe beim Finden der eigenen Rolle innerhalb der Partnerschaft und der Abgrenzung gegenüber Geschlechterstereotypen sowie bei der Gestaltung der Beziehung als Eltern. Außerdem seien die meisten bislang nicht in der Lage, gemeinsam als Familie zu wohnen und zu wirtschaften. Die Paarkonflikte beeinflussten häufig die Beziehung der Elternteile bzw. neuen Partner zum Kind. Es wird von Eltern gesprochen, die sich im Beisein des Kindes streiten. „Frau Kraus: […] Die sind jeder für sich total erziehungsfähig. Die haben keine Probleme mit den Kindern. Die wissen, was Alltag mit Kind/ Aber diese Paarkonflikte hindern Elternsein“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 104). In mehreren Interviews wird von handgreiflichen Streitereien zwischen den Paaren berichtet. Besonders hitzig seien die Auseinandersetzungen, wenn die Männer alkoholisiert seien. Die Aggression der Kindsväter und Partner könne sich nach kurzer Zeit gegen den Leistungserbringer, die Angestellten in der Mutter-Kind-Einrichtung, andere Bewohnerinnen oder deren Partner richten. Bei Trennung bzw. Scheidung breche zudem oft der Kontakt zwischen Vater und Kind ab. Lediglich in seltenen Fällen gebe es Männer, die das Kind nach der Trennung von der Partnerin regelmäßig besuchten. Gemäß den Aussagen einiger befragter Fachkräfte seien die Klientinnen durch Konflikte mit dem Partner häufig emotio- 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 199 nal vom Kind abgelenkt, wohingegen sie in Phasen, in denen die Beziehung harmonisch verläuft, besser auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen könnten. Dauer des Aufenthalts der Mutter mit Kind in der Einrichtung Die Analyse der Interviews ergab in den meisten Organisationen eine vorgesehene Betreuungsdauer der Klientel von einem halben Jahr. Die tatsächliche Aufenthaltsdauer liegt allerdings in den meisten Einrichtungen zwischen ein bis drei Jahren. Die Klientel wechselt innerhalb der Einrichtung dabei häufig die Wohnform: „Frau Keller: […] Und im Durchschnitt sind die jungen Frauen/ Also die müssen ein halbes Jahr bei uns bleiben. Das ist {Streichung} eine Auflage, weil wir sagen: ‚Nach einem halben Jahr lernen wir die jungen Frauen erst richtig kennen.‘ Im Durchschnitt bleiben sie ein bis zwei Jahre hier in der Mutter-Kind-Einrichtung, insofern es natürlich nicht vorher zu einer Inobhutnahme oder einem Abbruch seitens der Kindsmutter kommt“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 4). „Frau Keller: […] Und eigentlich sollten die Frauen {Streichung} in dieser Verselbstständigungswohngruppe im Durchschnitt nur so ein halbes Jahr bleiben. Ein halbes bis {maximal ein Jahr}. (…) Genau. Interviewerin: Aber das ist dann auch manchmal länger, wenn sie {länger Unterstützung} brauchen? Frau Keller: Ja. Beziehungsweise/ Ja, es ist so: Eine junge Frau hat erst ein Jahr {in der einen Wohngruppe} gewohnt. Wohnt jetzt ein halbes Jahr {in der Verselbstständigungswohngruppe}“ (Interview mit Frau Keller Abs. 102–104). In den Gesprächen stellte sich heraus, dass in Einzelfällen die Betreuungsdauer von Eltern wesentlich länger erfolgt: Einzelne Eltern(-teile) wurden – zum Teil mit Unterbrechungen – zwischen vier und zehn Jahren im Rahmen von Jugendhilfemaßnahmen aufgenommen. „Frau Baumann: Wir haben auch schon Mütter sechs Monate {stationär} betreut, drei Monate ambulant, danach war alles gut. Und wir haben auch Familien, die haben vorher schon sechs Jahre Jugendhilfe gehabt, also Familienhilfe, und haben hinterher noch vier Jahre. Auch die Spanne ist sehr, sehr groß. Und wir haben auch Frauen, die waren erst ambulant betreut, dann stationär, dann ambulant, dann wieder stationär. Auch das gibt es“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 19). Welche Probleme mit einer langen Dauer – besonders vor dem Hintergrund der Einbindung des (sozialen) Vaters – einhergehen, wurde bereits in Abschnitt 5.2.3 problematisiert. Die im Rahmen der vorliegenden Untersuchung ermittelten Daten stützen die These, dass zunehmend Leistungserbringer von Hilfen nach § 19 SGB VIII damit beauftragt werden, eine Abklärung, überwiegend „Clearing“ genannt, über den weiteren Verbleib des Kindes in der Familie vorzunehmen. Drei der an der vorliegenden Studie beteiligten Leistungserbringer – das Mutter-Kind-Wohnen am Markt, die Jugendhilfe Heilige Elisabeth und der Verein „Familienhilfen e.V.“ (vgl. Abschnitt 8.7) – bieten, finanziert nach § 19 SGB VIII, einen Clearing-Prozess für die Eltern(-teile) von wenigen Wochen bis Monaten an; zudem ist im „Haus am Steinweg“ der Aufbau einer Clearing-Gruppe für Elternteile mit Kind geplant. Im „Mutter-Kind-Wohnen am Markt“ werden ausschließlich Clearings – mit Mutter und Kind – durchgeführt 8.2.2.4 8 Empirische Ergebnisse 200 (vgl. Interview mit Frau Schneider, Abs. 16), ebenso in der Einrichtung „Jugendhilfe Heilige Elisabeth“ (vgl. Interview mit Frau Roth, Abs. 82–84) und in den „Familienhilfen“ (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 30); im „Haus am Steinweg“ wird Clearing aufgebaut (vgl. Interview mit Frau Horn, Abs. 137). „Frau Horn: […] Und jetzt ist in Planung, eine Clearinggruppe mit einzurichten. Interviewerin: Für Mutter und Kind, oder? Frau Horn: Genau. Wo dann halt wirklich, wenn nicht klar ist: Wo geht es hin? Geht es überhaupt miteinander? Wo eine ganz enge Betreuung eben stattfindet und wo dann entschieden wird: Kann es {die vollstationäre Betreuung} sein? {Betreutes Wohnen}? Oder geht es vielleicht auch gar nicht. Und (…), ja, das ist so in Planung. Aber da ist noch nichts irgendwie wirklich angegangen, sondern das ist nur klar, das soll es geben. Und da muss man halt gucken, wie das umgesetzt werden kann. Das hängt natürlich auch mit Räumlichkeiten zusammen. Und (…), ja. Interviewerin: Mhm. Das ist ja auch sehr interessant. Frau Horn: Ja. Interviewerin: Ist das ein neues Konzept oder gibt es das schon öfter? Frau Horn: Das gibt es schon. Und zwar gibt es da (…) (räuspert sich)/ Also ich weiß {von einer weiteren Einrichtung}. Die haben so eine Clearinggruppe. (…) Und es gibt auch/ Das ist ein ganz spezielles Modell in {einer anderen Stadt}. Das Jugendamt {Streichung} bietet {dort} (…) immer nur für eine Frau, glaube ich, eine 24-Stunden-Betreuung eins zu eins an. Wo dann wirklich geguckt wird: (…) Geht es oder kann die Mutter nicht für ihr Kind sorgen? Und das gewährleisten zwei Kollegen, die direkt beim Jugendamt angestellt sind (räuspert sich) und die dann für einen gewissen Zeitraum/ Ich glaube zwei Wochen läuft dann dieses Clearing ab. Also das geht dann recht schnell. Aber die Kollegin ist wirklich eins zu eins 24 Stunden am Tag mit der Klientin und dem Kind zusammen und jede Situation wird beobachtet, dokumentiert, ich glaube, zum Teil auch gefilmt. Und danach wird ausgewertet und eine Entscheidung getroffen. Und (…), ja, das kenne ich aber nur von dort. Und {bei der zweiten Einrichtung} findet das ein bisschen anders statt. Die haben, glaube ich, mehrere Plätze. Die arbeiten viel mit Marte Meo. (…) Was wir jetzt hier auch anbieten. Aber da nochmal mehr. Ich glaube, da wird gerade in der Clearingstelle auch nochmal, da wird täglich irgendwie auch gefilmt, meine ich. Und (…) dann wird geguckt, wie geht es weiter“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 137–142). Hilfe bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung: Vertrauen und Misstrauen als Spannungsfeld insbesondere für das Einbeziehen besuchswilliger Männer Die Erweiterung des Aufgabenfeldes der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen auf die Abklärung in Fällen, in denen vermutet wird, dass das Kindeswohl gefährdet ist, In dem zuletzt zitierten Interviewausschnitt zeigt sich beispielsweise, dass der Leistungserbringer in solchen Fällen zunehmend das Verhalten der Klientel im Hinblick auf seine Kompetenzen, aber auch auf mögliche Anhaltspunkte für eine Gefährdung des Kindeswohls – unter anderem videogestützt – beobachtet, bewertet, schriftlich dokumentiert und teilweise an den Leistungsträger weitergibt. Wie bereits in Abschnitt 3.1 gezeigt, ist die Weitergabe der Information an den Leistungserbringer gemäß § 8 a SGB VIII Abs. 3 rechtens bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung, da der Leistungserbringer einen besonderen Schutzauftrag innehat. Allerdings kann eine defizitorientierte Sicht des Personals auf die Klientel zu einem Vertrauensbruch führen. Letzterer wiederum birgt die Gefahr des Scheiterns der Hilfe. Einige Leistungserbringer sehen 8.2.2.5 8.2 Analyse der Interviews mit dem Personal 201 es auch als ihre Aufgabe an, zu beobachten, zu dokumentieren, zu bewerten und an den Leistungserbringer weiterzugeben, wie sich besuchswillige Männer gegenüber dem Kind verhalten, unter anderem um die während des Abklärungsprozesses ausgearbeitete Empfehlung zur Regelung der elterlichen Sorge im Hinblick auf den Vater oder neue Partner der Mutter begründen zu können. In diesem Zusammenhang äu- ßern einige Befragte die Vermutung, die Kindsväter und Partner fühlten sich in den Häusern beobachtet und kontrolliert. Das Verhalten des Personals baue Druck auf, sodass „das System“ manche Männer derart „nervt“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 88), dass sie nichts damit zu tun haben möchten und der Einrichtung fernbleiben. Die im Rahmen der vorliegenden Studie erhobenen Daten weisen darauf hin, dass Klientinnen mit älteren Kindern, die bereits fremd untergebracht sind, oder Klientinnen, deren eigene Eltern Hilfe nach SGB VIII in Anspruch genommen haben – deren Familien also bereits beim Jugendamt bekannt sind, weil ein Verhalten in der Vergangenheit aktenkundig wurde –, vom Leistungsträger besonders häufig zu einem Einzug in eine Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung gedrängt und in den Heimen besonders streng beobachtet werden: „Frau Winter: […] Oder manche Familien sind ja auch dem Jugendamt vorher schon so bekannt. Sobald die dann mitbekommen, dass da eine Schwangerschaft besteht, dass die dann schon da eingreifen und sagen: ‚Entweder Mutter-Kind-Heim oder das Kind muss in eine Pflegefamilie.‘“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 326). Auf diesen Aspekt, gerade Familien besonders streng zu beobachten, die bereits behördlich „aufgefallen“ sind, wird in Abschnitt 8.4.2 und 8.6.3 dezidiert eingegangen. Zunächst wird im folgenden Abschnitt untersucht, welche Praxen im Umgang mit besuchswilligen Männern sich vor dem oben genannten Spannungsfeld in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen herausgebildet haben. Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag Was die Regelungen in Bezug auf Männer in den Einrichtungen betrifft, offenbaren sich bei den befragten Fachkräften große Unsicherheiten. Auf die Frage hin, welche Regelungen in Bezug auf Männer in der jeweiligen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung existieren, antworteten die meisten Befragten zögerlich, obwohl während des Interviews nicht der Eindruck entstand, als sei die Frage nicht verstanden worden. Daraus lässt sich ableiten, dass es sich aus Sicht des Personals um eine heikle Frage handelte, ein ungelöstes Problem, das Verunsicherung erzeugt. Während der Interviews mit den Befragten im Rahmen der vorliegenden Studie stellte sich heraus, dass außer den „Familienhilfen e.V.“ alle anderen Einrichtungen von männlichen Besuchern verlangen, sich bestimmten Normen zu unterwerfen. In den wenigsten Einrichtungen werden die Regelungen in Bezug auf männliche Besucher bewusst als „offizielle Doktrin“ (vgl. Goffman, 1981, S. 189) der Institution begriffen. Nur eine Einrichtung – nämlich das „Wohnheim Sankt Benedikt“ – stellte der 8.3 8 Empirische Ergebnisse 202 Interviewerin ein einseitiges Regelwerk für männliche Besucher (siehe Abbildung 9 auf S. 215) verbunden mit einem Wochenplan, der den Tagesablauf der weiblichen Klientel regelt, zur Analyse zur Verfügung. Es ist davon auszugehen, dass in allen anderen Einrichtungen die Hausregeln in Bezug auf Männer mündlich weitergegeben werden, also keine offiziellen Dokumente existieren. Die beiden Spezialeinrichtungen nehmen also im Hinblick auf die Behandlung männlicher Besucher eine Sonderstellung ein: In der Einrichtung „Familienhilfen“ werden keine geschlechterspezifischen Regelungen in Bezug auf Besucherinnen und Besucher formuliert und für das Wohnheim Sankt Benedikt liegen die Hausregeln für männliche Besucher zumindest verschriftlicht vor. Bei allen anderen Einrichtungen scheint es sich bei den Reglements für männliche Besucher um eine „halb-offizielle Perspektive“ zu handeln, die Goffman zufolge genauso „fest und vollkommen gültig sein“ kann, sodass dieses „autorisierte (…), aber nicht ganz offizielle (…) System“ untersucht werden sollte (Goffman, 1981, S. 189). Dies soll im Folgenden geschehen. Beispiel – Einrichtung Diakonische Hilfe: Anspruch und Scheitern einer Hausordnung Als erstes Beispiel wird das Regelsystem der „Diakonischen Hilfe“ dargestellt und in Bezug auf die Forschungsfrage interpretiert. Die Einrichtung existiert bereits verhältnismäßig lange. Ihre Ursprünge liegen in Zeiten der Fürsorgeerziehung. Mit dem Übergang vom Jugendwohlfahrtsgesetz zum Kinder- und Jugendhilfegesetz wurde die Hausordnung der Einrichtung umfassend reformiert. Die befragte Leiterin, Frau Vogt, betont, das Konzept der Einrichtung – vor allem in Bezug auf die Einbeziehung der Männer – sei nach der Reform im bundesrepublikanischen Vergleich innovativ gewesen, die Einrichtung habe eine Vorreiterrolle eingenommen: „Frau Vogt: Dieses hier ist ein sehr, sehr offenes Konzept […]. Also die Einrichtung startete ja noch im Rahmen des Jugendwohlfahrtsgesetzes. Es, ja, ging dann über in das Kinderund Jugendhilfegesetz, wobei es für die Gestaltung der Arbeit hier intern kaum einen Unterschied gemacht hat, weil das Konzept vom ersten Tag an {Streichung} sehr, sehr innovativ war. Das heißt, in der Hausordnung für die Einrichtung war bereits {vom ersten Tag an} vorgesehen, dass Männer hier übernachten können. Und zwar nicht zu einer reglementierten festgelegten Zeit, sondern in der freien Entscheidung der Bewohnerinnen. Reglementiert war der Umfang der Übernachtungsmöglichkeit. Nämlich drei Nächte in der Woche war von vornherein klar, dass Besucher hier übernachten können. Und Besucher waren nicht streng definiert als weibliche Besucher, sondern Verwandte, Geschwister, Freunde oder auch Freunde im Sinne von möglichen Partnern. Also Freunde in Anführungszeichen der Bewohnerinnen konnten hier übernachten. Das war von Anfang an die Praxis. Das war eigentlich in Deutschland sehr, sehr ungewöhnlich. (…) Es war in der Entscheidung der Bewohnerinnen, also in der Verantwortung, die Entscheidung der Bewohnerinnen, ob Montag oder Freitag. Auch das war absolut innovativ. Sie finden bei uns auch nicht so was wie eine Pforte. Wo man sich anmelden muss. (…) In vielen Einrichtungen gibt es heute ja noch, ja, die Verpflichtung, Bescheid zu sagen, dass man da ist“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 77). 8.3.1 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 203 Männer durften also – sofern die Bewohnerinnen damit einverstanden waren – dreimal pro Woche in der Einrichtung übernachten. Eine Pforte existierte nicht. „Frau Vogt: […] Die Arbeit mit den Partnern bedeutete, dass die genauso umfangreich Beratungen hier kriegten, wenn sie wollten, oder kriegen würden. Und da gibt es sehr intensive und sehr langfristige Beratungsverläufe. (…) Es (…) gab immer auch Gruppenarbeit mit Partnern. (…) Also (…) einmal gab es sogar eine Männergruppe. […] Mit drei oder vier Männern. Es gab aber in mehreren Phasen eine Partnergruppe, die eine Psychologin gestaltet hat. […] Und es gab regelmäßig eine Verhüterli-Gruppe. […] Immer, wenn möglich mit Partnern. (…) Hier ist es meine Erfahrung, dass es immer nur gelungen ist, wenn es nicht mehr als zwei Paare waren. Das nenne ich dann auch Gruppe. Mit mehr Partnern ist es prinzipiell gescheitert. Also da habe ich dann keinen Ansatz mehr gemacht, weil es dann große Hemmnisse gibt“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 85– 93). Den Paaren wurde Beratung zuteil zum Thema Verhütung. Zudem wurde den Männern ein gruppentherapeutisches Setting angeboten. Nach einer Weile wurden die Übernachtungsregeln erweitert: „Frau Vogt: […] Das hat sich (…) ganz klar weiterentwickelt, inhaltlich ausdifferenziert. Es war von Anfang an möglich, dass diese drei Tage in der Woche erweitert werden konnten. Erweitert im Sinne von persönlichen Bedarfen. (…) Persönliche Bedarfe würde jetzt zum Beispiel die Zeit des Wochenbettes betreffen. Die Zeit der Vorbereitung der Geburt. Es würde betreffen Urlaubszeiten von Partnern (räuspert sich). Was schon ein sehr hohes Niveau ist, ja, weil eigentlich geht es darum, dass es Partner sind, die in ähnlichen Problemlagen sind. (…) Also (…) erweitert werden konnte es prinzipiell immer mit einer inhaltlichen Begründung, unter keinen Umständen mit der Begründung der Obdachlosigkeit. ‚Mein Freund hat keine Wohnung. Er muss jetzt bei mir schlafen. Er kann doch nicht draußen sein.‘ Oder so. Es musste prinzipiell eine inhaltliche Begründung haben. Das ist im Übrigen ein Ablauf, der heute noch gültig ist. (…) Auch dieses konnte erweitert werden im Sinne von Probewohnen. Probewohnen im Sinne von: Partner konnten mit aufgenommen werden mit der genauen Beschreibung, dass es sich um ein Probewohnen handelt. Zum Beispiel im zeitlichen Rahmen von vier Wochen, acht Wochen et cetera“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 79). Männer durften demnach vor und nach der Geburt häufiger übernachten, ihren Urlaub in der Einrichtung verbringen und, wenn der Auszug der Klientin bevorstand, vier bis acht Wochen das gemeinsame Zusammenleben trainieren. Allerdings ergab sich dabei der Konflikt, dass obdachlose Männer die Einrichtung ausnutzten, um nicht mehr wohnungslos sein zu müssen. Dies stellte die Einrichtung vor ein Problem, denn sie setzt bei besuchswilligen Männern „ein bestimmtes Spektrum von Motiven voraus“ (Goffman, 1981, S. 180). Dass die Einrichtung von dem obdachlosen Mann „ausgenützt, übervorteilt und, kurzum, auf eine Art benützt (…) [wurde], die nicht mit dem Charakter übereinstimmt, den man von den Beteiligten erwarten sollte“ (Goffman, 1981, S. 180), führt zunächst für das Management zu der Schwierigkeit zu ermitteln, „wo die Grenze zu ziehen sei zwischen der legitimen gelegentlichen Chance, die jemand […] wahrnimmt, und dem illegitimen Ausnützen einer Institution“ (Goffman, 1981, S. 188). In diesem Fall geht es nicht nur um das Ausnützen der Organisation, sondern auch um die Schädigung der Insassinnen: 8 Empirische Ergebnisse 204 „Frau Vogt: […] Also ein Partner, der kein eigenes Einkommen hat – das haben bestimmt alle anderen in den Interviews gesagt – der füttert sich dann ja durch, ja? Der möchte dann hier seinen Anteil an Versorgung haben. Und Frauen leisten das ja auch, ja?“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 99). Letztlich reagiert die Organisation auf den Konflikt, indem die Regeln nicht mehr auf alle Männer gleichermaßen angewandt werden. Mit der Ausrichtung an „persönlichen Bedarfen“ werden Einschränkungen für obdachlose bzw. bedürftige Partner und Kindsväter rationalisiert. Das System differenziert sich soweit aus, bis alle Männer faktisch Hausverbot haben: „Frau Vogt: […] Zurzeit haben die allermeisten Partner Hausverbot. Das ist seit ein, zwei Jahren etwa die Situation. Das ist unglaublich, ja, war aber früher nicht so. Also phasenweise wohnten Paare in einem Drittel der Wohneinheiten. Also drei bis vier Paare, die gleichzeitig hier wohnten. {Streichung} Es sind ganz viele im Hintergrund, die mit Partner hier wohnten über ein oder zwei Jahre. (…) Derzeitig gibt es unglaublich viele Freunde, die in dem Sucht- und Gewaltproblem eben die Hemmnis haben, was wir nicht einbringen können hier. Also wo wir auch keine Arbeit gestalten können“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 85). Es wird deutlich, dass die Mitarbeiterinnen in der Einrichtung bei Suchtmittelabhängigkeit und aggressivem Verhalten der Männer keine adäquaten Hilfen anbieten können. In der Folge wird die Anwesenheit dieser Gruppe mittels Hausregeln ausgeschlossen. Letztlich fallen alle besuchswilligen Männer unter die Ausschlusskriterien. „Frau Vogt: […] Also das Ziel war immer, eine ganz große Offenheit gegenüber der Familie, dem Familiensystem, hier zu haben. Und die Arbeit so gestalten zu können, dass es so wenig wie möglich reglementiert ist durch Hausordnungsbegrenzungen. Sondern so (…) viel wie nötig reglementiert wird durch die Problembelastung. […] Aber (…) es gelingt nicht, dann Verantwortung einzubringen, zu übertragen“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 99). Die theoretischen Ansprüche, das Familiensystem zu fördern und über die Hausordnung sehr wenig zu reglementieren, scheitern also in der Praxis. Beispiel – Mutter-Kind-Gruppe Eva: Einschränkung der Rechte der Väter durch Besuchsregelungen Im Folgenden werden Informationen über die Besuchsregelungen in der Mutter- Kind-Einrichtung Eva aus dem Interview mit Frau Lehmann analysiert. „Frau Lehmann: […] Wir haben ja auch ein Regelwerk zu Besuchskontakten und so weiter. Sie hatten auch anfangs irgendwie schon gefragt, wie die hier sein dürfen oder wie Besuche gestaltet werden dürfen. Also wir haben allgemeine Besuchsregeln. […] Jetzt muss ich aber gleich eine Einschränkung dazwischen/ Das wird trotzdem immer auch individuell entschieden“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). In diesem Ausschnitt des Interviews schickt Frau Lehmann vorweg, dass in der Einrichtung zwar allgemeine Besuchsregeln angewandt werden, es scheint aber unter den Mitarbeiterinnen üblich zu sein, auf der Basis dieser allgemeinen Besuchsregeln im 8.3.2 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 205 Einzelfall Ausnahmen für bestimmte Klientinnen und ihre Partner bzw. die Väter ihrer Kinder gelten zu lassen. Weiter präzisiert Frau Lehmann wie folgt: „Frau Lehmann: […] Wobei ich sagen muss: Jegliches Regelwerk hier ist anders als im normalen Leben. Und das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Aber der Hauptfaktor ist, dass wir dafür Sorge tragen müssen, dass die kleinen Kinder hier auch zu ihrem Recht kommen. Dass gewisse Ruhephasen hier sind. Es sind eh schon viele Leute hier, schon viel mehr als normal. So ein Kind um sich drum herum tagtäglich. (…) Und damit hängt dann auch die Besuchsregelung zusammen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Frau Lehmann macht mit dieser Aussage darauf aufmerksam, dass innerhalb der Einrichtung „andere“, „strengere“ Regelungen gelten als außerhalb. Begründet wird die stärkere Einschränkung der Anwesenheit der Männer mit einem besonders großen Ruhebedarf der Kinder, die ohnehin von einer größeren Personenzahl umgeben sind, als dies normalerweise in Familien außerhalb der Einrichtungen üblich ist. Dass Kinder dieser Unruhe durch die permanente Anwesenheit ausgesetzt sind, liegt an der Organisationsstruktur der Einrichtung selbst. Dieses strukturelle Problem ergibt sich aus der Tatsache, dass die Klientel in Gruppen untergebracht und behandelt wird, anstatt ihnen individuelle Hilfe im eigenen Wohnraum zukommen zu lassen. Goffman arbeitete heraus, dass eine Dimension totaler Institutionen darin gesehen werden kann, dass innerhalb der Institution andere Normen gelten, nämlich meist viel strengere als in der sie umgebenden Gesellschaft (vgl. Abschnitt 6.4.4.2). Dies ist in der Mutter-Kind-Gruppe Eva der Fall: Draußen kann das Umgangsrecht des Vaters nicht aufgrund der Tatsache eingeschränkt werden, dass seine Anwesenheit mit einer Störung der Ruhe verbunden sein könnte. Vielmehr müsste eine viel erheblichere Gefährdung des Kindeswohls durch ein Gericht festgestellt werden. In der Mutter-Kind-Gruppe treffen die Betreuerinnen diese Entscheidung. Auch in Bezug auf einen neuen Partner sind die Normen innerhalb der Einrichtung viel strenger als außerhalb. Ein Ausschluss eines neuen Partners aus dem Alltag einer Alleinerziehenden wäre mit Hinblick auf ihre Rechte in Bezug auf die sexuelle Selbstbestimmung und des Rechts auf die Unverletzbarkeit der Wohnung nicht denkbar (vgl. Abschnitt 3). Die Einrichtung kann als totale Institution mit geringer Permeabilität bezüglich der in ihr geltenden Normen charakterisiert werden. In dem im Folgenden zitierten Ausschnitt aus dem Interview konkretisiert Frau Lehmann die allgemeinen Regelungen innerhalb der Einrichtung: „Frau Lehmann: […] Also Besuch kann ins Haus – ich sage jetzt mal – circa um zwei, aber da müssten wir die pädagogische Mitarbeiterin dann nochmal fragen. Vielleicht ist es auch halb zwei. Und das geht dann bis (…) abends (…) vorm Abendessen oder vorm Zubettgehen, 18 Uhr/18:30 Uhr ungefähr. Und es ist so, dass sie Besuch haben dürfen zweimal in der Woche. (…) Weil es sind so viele Frauen, ständiges Hin und Her. Aber die können sich ja auch außerhalb treffen. Also treffen können die sich. […] Und am Wochenende ist sowieso mehr Besuchszeit“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Die allgemeinen Hausregeln besagen also, dass die Männer zweimal während der Woche zwischen 14:00 und 18:00 Uhr und am Wochenende für längere Zeit in das Haus zu Besuch kommen dürfen. Sofern die Klientin Ausgang hat, kann sie sich auch au- ßerhalb der Einrichtung mit ihrem Partner bzw. dem Kindsvater treffen. Wie oft die 8 Empirische Ergebnisse 206 Frauen Ausgang haben, soll an anderer Stelle im Rahmen der vorliegenden Studie untersucht werden. Im Hinblick auf den Rechtsstatus des besuchswilligen Mannes zum Kind wird bei den allgemeinen Hausregeln nicht unterschieden. Es ist also für das grundsätzliche Regelwerk innerhalb der Einrichtung zunächst gleichgültig, ob der Mann der Kindsvater oder der neue Partner der Mutter ist und ob er sorgeberechtigt ist – das Hausrecht bleibt davon unberührt. Auch dieser Umstand spricht für eine geringe Permeabilität der Mutter-Kind-Gruppe Eva im Hinblick auf Normen der umgebenden Gesellschaft. Aussagekräftig am oben genannten Ausschnitt aus dem Interview ist zudem, dass Frau Lehmann als Einrichtungsleiterin nicht genau weiß, welche allgemeinen Besuchsregeln gelten. Es scheint also nicht zu ihren Aufgaben zu gehören, sich mit der konkreten Ausgestaltung der Besuchsregeln in der Einrichtung zu beschäftigen. Vielmehr scheint dies Aufgabe der pädagogischen Mitarbeiterinnen im Gruppendienst zu sein. Hier deutet sich die Doppelbödigkeit der Hausregeln an: Die informelle Liberalität der Normen führt dazu, dass die tatsächliche Ausgestaltung der Besuchsregelungen im Einzelfall vom Wohlwollen der Betreuerinnen abhängt. Die Rechte der Eltern können also innerhalb der Einrichtung durch die Mitarbeiterinnen nahezu beliebig eingeschränkt oder erweitert werden. Die Modulationsvollmacht der Betreuerinnen führt dazu, dass die Klientinnen untereinander vergleichen, welche Privilegien sie in Bezug auf Männerbesuch besitzen: „Frau Lehmann: […] Und das [die individuelle Modulation der Hausregeln, RH] sorgt natürlich dann für Unstimmung auch. Weil die eine sagt: ‚Ach, ich darf nicht. Du darfst?‘“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Die liberale Auslegung der allgemeinen Hausregeln im Einzelfall führt Frau Lehmann zufolge zu Konflikten und Neid unter den Bewohnerinnen der Einrichtung. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die Liberalität der Hausregeln nicht nur Mehrarbeit für das Personal bringt, indem es Konflikten aufgrund von Neid entgegenwirken muss, sondern auch Arbeitserleichterung, indem die Bewohnerinnen dazu veranlasst werden, sich an dem Privilegiensystem der Einrichtung zu orientieren und erwünschtes Verhalten zu zeigen. Dieser Zusammenhang soll im nächsten Abschnitt dokumentiert werden. Beispiel – Smile GbR: Einschränkung der Rechte der Männer durch ein Privilegiensystem In der Smile GbR wird von den Frauen verlangt, sich an einen Tagesablauf zu halten. Wenn sie dies tun, werden ihnen Privilegien zugesprochen, Besuch von Männern zu empfangen. Halten sie sich nicht an den Tagesablauf, bleibt das Recht auf Männerbesuch untersagt: „Frau Lang: […] Es gibt klare Ausgehzeiten und Anwesenheitszeiten. Die richten sich nach den Bedürfnissen der Kinder. Also die sind ja nicht dafür da, um die Mütter hier zu binden, sondern, um, (…) ja, an den Bedürfnissen des Kindes/ Also orientieren sich an 8.3.3 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 207 den Bedürfnissen des Kindes. Das heißt, morgens dürfen sie relativ früh die Einrichtung verlassen, weil da oftmals auch noch irgendwelche Amtsgänge, Arztbesuche und ähnliches stattfinden. Das heißt, von neun bis zwölf dürfen sie auf jeden Fall die Einrichtung verlassen. Ab zwölf haben sie in der Einrichtung zu sein. Da geht es natürlich um das gemeinsame Mittagessen oder um Ruhezeiten für das Kind, um Mittagsschlaf, geordnet, zur selben Zeit, am selben Ort. Nicht im Kinderwagen durch die Stadt rumgurkend. Das geht dann bis zwei. Also die zwei Stunden haben die auf jeden Fall Anwesenheitspflicht vor Ort, wobei die Vormittagszeiten schon oft gebunden sind mit Angeboten, also wie: Einmal die Woche wird gemeinsam gekocht und gemeinsam gegessen […] ab 14 Uhr dürfen sie wieder die Einrichtung verlassen, es sei denn, es finden wieder irgendwelche Aktivitäten oder Termine statt. Die haben immer Vorrang. Aber wenn nichts ansteht, dann können sie bis 18 Uhr sich wieder von der Einrichtung fernhalten. […] Weil um sieben Uhr sollte eigentlich allmählich Ruhe sein. Die Kinder sind alle so jung, dass die um sieben Uhr sehr wohl schon zur Nachtruhe gelegt werden können. […] Und daran sind natürlich auch die Väter gebunden. Das heißt, wenn jetzt/ Die Mütter können sich dann gleichzeitig noch Besucher‑/Besucherinnen-(…)Gutscheine sozusagen oder ‑Karten erarbeiten. Also wenn sie sich an Zeiten halten und im Sinne der Kinder ihre Zeit planen, dann dürfen sie bis 22 Uhr noch Besuch empfangen. Also zunächst einmal in der Woche. Das wird dann gesteigert bis zu dreimal in der Woche, dass sie bis 23 Uhr Besuch haben dürfen. Für die Väter wäre es auch möglich, dass sie auch an den Wochenenden hier übernachten und in Ausnahmefällen auch anderswie. Das heißt, wenn der Vater vielleicht mal berufstätig wäre und an den Wochenenden Dienst hätte, dann könnte man das auch auf die Woche verteilen. Ja, also da sind wir völlig flexibel. Also wir sind jetzt/ (…) Wir haben Eckpunkte, an denen wir uns orientieren. Aber letztlich sind wir hier nicht so starr, dass man hier nichts anderes absprechen kann“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 78–80). Das Privilegiensystem erleichtert dem Personal die Arbeit, weil die Klientinnen versuchen werden, ein angepasstes Verhalten zu zeigen, um einen Status zu erreichen, in dem sie Besuch empfangen dürfen. Es handelt sich also um einen Mechanismus, um innerhalb der totalen Institution „soziale Kontrolle“ (Goffman, 1981, S. 285) auszu- üben. Allerdings schränkt es die Rechte der Männer ein, denn ob sie ihre Kinder bzw. ihre Partnerinnen sehen dürfen, ist vom Verhalten der Kindsmutter abhängig. Zur Doppelbödigkeit des Begriffes der Verselbstständigung Um zu erklären, welche Funktion die Nutzung des Begriffes der Verselbstständigung erfüllt, soll sich an Erkenntnissen von Eilert orientiert werden. Er zeigte für das deutsche Heimsystem von 1945 bis 1973, dass es sich durch Herstellung von Dominanz mittels Sprache selbst erhielt. Unter anderem folgte er der Social gossip hypothesis (soziale Tratsch-Hypothese) des Evolutionswissenschaftlers Dunbar (vgl. Dunbar, 1998), welcher argumentiert, dass Sprache eine Form des „sozialen Entlausens“ darstellt, die den sozialen Zusammenhalt größerer Gruppen stärkt durch einen Informationsaustausch darüber, wer was tut. Eilert wiederum versteht „soziales Entlausen“ als autopoietische Zuschreibung, Sicherung und Verteidigung von Statuspositionen und damit einhergehende identische Verkettung sozialer Systeme mit sich selbst, die durch soziale Unklarheiten „verlaust“ sind (vgl. Eilert, 2012, S. 423). Eilert zufolge richten sich kommunikative Akte dominanter Sprecherinnen und Sprecher in sozialen Systemen auf „relevantes Material“. Irrelevantes werde überhaupt nicht kommuniziert (vgl. Eilert, 2012, S. 434). Den daraus folgenden Sprachgebrauch bzw. Nicht- 8.3.3.1 8 Empirische Ergebnisse 208 Sprachgebrauch des Personals illustriert dies unter anderem an Belegen aus Kinderheimen jener Zeit. Seine Interpretation der – auch von Goffman konstatierten – Nutzung von Sprache zur Herstellung von Dominanz in totalen Institutionen, um definieren zu können, „welche Menschen wertvoll seien und welche als ‚menschlicher Abfall‘ (…) dem Verderben preisgegeben werden können“ (Eilert, 2012, S. 439), wurde unter anderem als Schablone auf das Interviewmaterial aufgelegt. Dabei ergab sich für den Begriff der Verselbstständigung eine besondere Auffälligkeit: Mit dem Argument der Verselbstständigung werden in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen Privilegiensysteme konstruiert und individuelle Rechte beschnitten bzw. erweitert. So können die Beziehungen der Klientinnen eingeteilt werden in solche, die es „wert“ sind, gefördert zu werden, und andere, die aus Sicht des Personals als „nicht stabil genug“ oder „schädlich“ gelten. Dies soll im Folgenden gezeigt werden. Dass sich ein Privilegien- und Strafsystem in der Einrichtung ausbildet, welches durch den Begriff der Verselbstständigung rationalisiert wird, zeigt folgender Ausschnitt aus dem Interview: „Frau Lehmann: […] Aber das hängt mit der Verselbstständigung zusammen. Wenn wir den Eindruck haben, da ist also eine wichtige Beziehung – sei es nun (…) zu den Eltern, zur Freundin oder zum Kindsvater oder Freund – und der hat die Zeit zum Beispiel nach der Arbeit oder nach der Schule sich auch immer mit um das Kind zu kümmern oder das Kind abends immer mit ins Bett zu bringen, dann ist es ja blöd, wenn man die nach Hause schickt. Also da gibt es dann Aufweichungen von diesem Regelsystem: Dass der dann halt öfter kommen darf oder länger bleiben darf “ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). In dieser Aussage wird die Dreigleisigkeit des Privilegiensystems deutlich. Erstens sagt Frau Lehmann, die Regelungen seien von dem Grad der „Verselbstständigung“ abhängig, den die „Klientin“ innerhalb der Einrichtung erreicht habe. Dieser Begriff beinhaltet einen großen Ermessensspielraum. Zweitens ist das Privileg, Zugang in die Einrichtung zu erhalten, offenbar vom „Verhalten und der Lebenssituation des besuchswilligen Mannes“ abhängig. Dieser sollte im Idealfall einer geregelten Beschäftigung nachgehen und nach der Arbeit sich die Zeit nehmen, das Kind ins Bett zu bringen. Drittens orientiert sich das Beurteilungssystem an der Beziehung der Eltern. Es muss sich um eine „wichtige“ handeln. Es ist also davon auszugehen, dass die Beurteilung der Verhaltensweisen und Lebenssituationen der Klientel und ihrer besuchswilligen Freunde sowie deren Beziehung dem Personal zusteht. Im weiteren Verlauf des Gesprächs nennt Frau Lehmann bereits einige Kriterien, an denen sich die Mitarbeiterinnen orientieren, um die Wichtigkeit der Beziehung zu beurteilen: Der Freund bzw. Kindsvater möchte sich an den Aufgaben der Pflege und Erziehung beteiligen, hat aber schulische Verpflichtungen oder solche im Rahmen seiner Arbeitstätigkeit, sodass er zu den eigentlich durch die Hausordnung festgelegten Besuchszeiten nicht in die Einrichtung kommen kann. In solchen Fällen sind Ausnahmen denkbar. Es ist auffällig, dass Frau Lehmann gerade im Zusammenhang mit den Besuchsregelungen von schulischen und beruflichen Verpflichtungen spricht, denn wie bereits dargestellt, deuten die Ergebnisse der vorliegenden Studie darauf hin, dass viele Kindsväter und Partner der Frauen, die in Mutter-Kind-Einrichtungen untergebracht werden, eine niedrige Schulbildung haben bzw. arbeitslos sind. Besondere Ausnahmeregelungen 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 209 hinsichtlich der Einbindung der Männer in den Alltag können also vorwiegend von solchen Männern erwirkt werden, die zu den Ausnahmefällen gehören, also über Arbeit oder schulische Verpflichtungen verfügen und in besonderem Maße ein Interesse daran demonstrieren, sich an der Pflege und Erziehung des Kindes zu beteiligen. Es ist also davon auszugehen, dass nur in Einzelfällen eine liberalere Auslegung der Besuchsregeln erwirkt werden kann. Eine zeitliche Ausweitung der Einbindung derjenigen Männer, die sich (noch) nicht für die Kinderpflege und -erziehung interessieren oder nicht in Ausbildung und Schule sind, um sie in besonderer Weise zu fördern, am Alltag mit Kind teilzuhaben, wird nicht in Betracht gezogen. Der Begriff Verselbstständigung wird von Frau Lehmann – aber auch von anderen im Rahmen der vorliegenden Studie befragten Fachkräften – in drei unterschiedlichen Kontexten verwandt, sodass die Bedeutung des Begriffes jeweils einen anderen typischen Aspekt der totalen Institution charakterisiert: 1. in Zusammenhängen, in denen ausgedrückt werden soll, dass die Klientel in der Einrichtung gefördert werden soll, besonders selbstständig ihr Leben organisieren und das Kind versorgen sowie pflegen zu können; Verselbstständigung bezeichnet dabei also das „Ziel“ der Hilfe, das allerdings mit einer bestimmten Defizitorientierung hinsichtlich der Klientel einhergeht. 2. in Zusammenhängen mit „Räumlichkeiten“, die dazu dienen sollen, ein förderliches Setting herzustellen, um dieses Ziel zu erreichen; der Begriff Verselbstständigung bezeichnet dabei den Teil des Stationssystems, in dem die Insassinnen die meisten Freiräume haben. 3. als Ausdruck für einen durch die Mutter erreichten „Status innerhalb des Privilegiensystems“ der totalen Institution Die Nutzung des Begriffes der Verselbstständigung korrespondiert also mit dem im Abschnitt 5 konstatierten Phänomen, dass § 19 SGB VIII die Wohnform selbst als Hilfeform fasst, also der eigentümlichen autopoietischen Verkettung der Räumlichkeiten, seiner Insassen und des Konstrukts des erzieherischen Defizits. Im Folgenden werden einige Beispiele aus dem Interview mit Frau Lehmann hinzugezogen, um zu zeigen, wie die Verkettung des sozialen Systems mit sich selbst am Begriff der Verselbstständigung kondensiert: „Frau Lehmann: […] Und (…) {in dem Teil des Hauses} sind dann auch trotzdem Gemeinschaftsräume. Da legen wir auch ganz viel Wert drauf. Eine Gemeinschaftsküche zum Kochenlernen und so weiter. Ein Wohnzimmer mit großem Tisch, Essplatz. Und gegenüber ein großer Spielraum, dass sie – die jungen Frauen mit ihren Kindern – auch die Spielmöglichkeit haben. […] Im {anderen Teil des Hauses} sind dann die Apartments. Da findet das eigentliche Wohnen und das Leben der jungen Frauen, Schwangeren oder eben der Mütter mit ihren Kindern statt. Die haben einen/ jeweils ein Zwei-Zimmer-Apartment. Ein kleineres Zimmer für das Kind zum Schlafen. Das größere Zimmer ist ein Gemisch aus Wohn-, Schlaf- und Küchenzeile. Das größere Zimmer – wie man das im Apartment eigentlich so hat – für die junge Frau. Auch mit Fernsehanschluss, mit allem möglichen Zubehör. Und Küchenzeile drin, dass im Rahmen der ‚Verselbstständigung‘ auch das Kochen natürlich praktiziert werden soll. […] Und (…) wenn die junge Frau noch nicht in der ‚Verselbstständigung‘ ist, dann braucht sie sich also einfach nicht um das 8 Empirische Ergebnisse 210 Essen erst mal zu kümmern. Ja, das ist ja neuer Aufgabenbereich“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 13). Frau Lehmann spricht davon, dass die Klientel den Status der „Verselbstständigung“ erreichen kann. Dabei handelt es sich also um das Privileg, sich nicht durch die Einrichtung versorgen zu lassen, sondern die Fähigkeit des Kochens erlernen zu dürfen, gleichzeitig aber auch um ein Ziel, das es zu erlernen gilt. Die Verselbstständigung ist außerdem gekoppelt an Räumlichkeiten, die nach Goffman als eine „Station“ der totalen Institution gedeutet werden können. Im Stationssystem der Einrichtung werden den Bewohnerinnen jeweils unterschiedliche Privilegien zugesprochen. In einem Bereich werden die Mütter und Schwangeren versorgt, während sie in dem anderen Bereich selbst kochen dürfen: „Frau Lehmann: […] So. Jetzt kommen wir noch zum {letzten Teil des Gebäudes}. Das geht ein bisschen schneller. Da sind noch zwei – nicht Apartments, sondern Wohnungen. Die sind ein bisschen größer. (…) Zum Beispiel mit einer Küche, in der man richtig sitzen kann. Ja, also überhaupt die Räumlichkeiten sind größer. (…) Die bieten uns die Möglichkeit im Rahmen der ‚Verselbstständigung‘ nochmal deutlicher – sage ich mal – die eigene Verantwortung zu proben in allen Bereichen, bevor man dann auszieht. Bei manchen Frauen muss dann das doch auch nochmal so deutlicher geschehen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 13). In den Wohnungen, die größer sind als die Zwei-Zimmer-Apartments im anderen Teil der Einrichtung steht also mehr Platz zur Verfügung und es werden mehr Privilegien eingeräumt. In den Wohnungen ist es nicht nur erlaubt, selbstständig zu kochen, sondern die Insassin hat auch mehr Platz zur Verfügung. Im nächsten Interviewausschnitt wird deutlich, dass in den Wohnungen im Vergleich zu den anderen Räumlichkeiten die Betreuung reduziert ist: „Frau Lehmann: […] Wir sind also ein vollstationärer Bereich. Das heißt, 24 Stunden ist immer jemand da. Wir haben einen teilstationären Bereich. Das wäre die ‚Verselbstständigung‘ {hier im Haus} in den Wohnungen“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 140). In dem vorangegangenen Interviewausschnitt bezieht sich der Begriff der Verselbstständigung nun auch auf einen bestimmten Ort innerhalb der Einrichtungen, nämlich auf die Station, in der die Wohnungen untergebracht sind. Dort sind die Betreuungsintensität und damit auch die Möglichkeit der sozialen Kontrolle durch das Personal erheblich reduziert. Die Wohnungen bzw. der Verselbstständigungsbereich der Einrichtung zeichnet sich also durch relativen Freiraum für die Insassinnen aus. In diesem Beispiel wird deutlich, dass „Verselbstständigung“ meist dann als Begriff verwandt wird, wenn ausgedrückt werden soll, dass im Verhältnis zum „regulären“ Angebot, das „eigentlich“ in der Einrichtung vorgehalten wird, bestimmte Einschränkungen aufgehoben werden oder sich Regelungen lockern. Innerhalb der Institutionen wird also eine „Trennung“ in „Stationen“ vorgenommen, die jeweils mit unterschiedlichen Privilegien in Zusammenhang stehen und sich am Begriff der Verselbstständigung kondensieren. Nach Goffman liefern die offiziellen Ziele einer totalen Institution – zu denen das Ziel der Verselbstständigung gezählt werden kann – dem Stab und manchmal auch den Insassen eine „Sprache von Erklärungen“ für alle in der Anstalt anfallenden Ak- 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 211 tionen. Die offiziellen Grundsätze der totalen Institution können beliebig zur Begründung jeglicher Maßnahmen instrumentalisiert werden, zudem in den Einrichtungen keine Kontrollinstanz existiert, die einen Missbrauch unterbinden könnte (vgl. Goffman, 1981, S. 86). Dies ist hier der Fall. Das offizielle Ziel der Verselbstständigung wird an das Privilegiensystem der Einrichtung gekoppelt. Im Folgenden sollen Beispiele aus anderen Interviews hinzugezogen werden: „Frau Roth: Also unsere Mutter-Kind-Gruppe. Wir haben, also es ist quasi ein Haus mit zwei verschiedenen {Bereichen}. (…) Die Verselbstständigung {und} (…) die Hauptgruppe, sage ich mal, wo die […] – wir sagen immer – Regelmütter der Gruppe sind“ (Interview mit Frau Roth, Abs. 8). In der Einrichtung „Jugendhilfe Heilige Elisabeth“ sind also die Räumlichkeiten aufgeteilt in eine Regelgruppe und den Verselbstständigungsbereich, dementsprechend gibt es „Regelmütter“ und verselbstständigte Mütter, je nach Privilegien, die sie innehaben. „Frau Winter: Ja. Das Wohnheim ist aufgeteilt in mehrere Apartments und ich glaube vier Plätze haben wir in WGs für die Verselbstständigung. Wo die Mütter sich selbst versorgen und die Kinder. Ansonsten werden die hier voll verpflegt, die die in den Apartments leben“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 6). In den Ausschnitten wird aber auch deutlich, dass die Verselbstständigung sich vor allem dadurch auszeichnet, dass in einem bestimmten Teil des Hauses Wohneinheiten mit mehr Platz und mit einer eingebauten Küchenzeile zur Verfügung stehen, an denen das Kochen eingeübt werden kann. Da die Platzzahl in den Verselbstständigungsbereichen beschränkt ist, können nicht alle Insassen diesen Grad der Freiheit erreichen, selbst wenn sie sich an die Regeln halten, die dafür notwendig sind. Auffällig ist auch, dass Verselbstständigung hauptsächlich als Selbstständigkeit im den Bereichen Kochen und Erledigen von Haushaltstätigkeiten verstanden wird. Durch die Konzentration auf den Aufbau von als typisch mütterlich geltenden Tätigkeiten beschränkt sich die Hilfe auf Frauen. Es handelt sich also um eine „Formierung von Mutterschaft“ (vgl. Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2013), ein Zusammenhang der – wie bereits erwähnt – derzeit von Ott bearbeitet wird. Der Vater bleibt im Hinblick auf die Verselbstständigung in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen außen vor. Beschränkte Möglichkeiten der Mütter, die Einrichtung zu verlassen Vormittags sind die Mütter in der Mutter-Kind-Gruppe Eva entweder damit beschäftigt, in die Schule zu gehen bzw. eine Ausbildung zu absolvieren, oder sie werden durch das Personal beschäftigt: „Frau Lehmann: […] Jetzt wollten Sie auch gerne was wissen zum Tagesablauf. Also es ist nicht für alle Mütter und jungen Frauen gleich. Das versteht sich von selbst. Die einen – sage ich mal – die kommen gerade aus der Klinik. Da steht erst mal das Kind, Mutter- Kind-Bindung im Vordergrund. […] Mit denen arbeiten wir dann in besonderer Weise […]. Dann gibt es die, die in die Schule gehen, in die Regelschule. […] Also jedenfalls ist es so, dass unterschiedlich viele junge Frauen hier sind vormittags. Und natürlich die, die 8.3.3.2 8 Empirische Ergebnisse 212 da sind, mit denen (…) wird das Tagesgeschäft erledigt, das was normal ansteht. Arzttermine, Ämtertermine. Die müssen vor- und nachbereitet werden. Da sind die Mitarbeiterinnen sehr mit beschäftigt. (…) Dann gibt es ganz individuell (…) Bausteine, die wir mit denen durcharbeiten. Also zum Thema Finanzen, Haushaltsführung, Sauberkeit, Hygiene. [… O]der die Hebamme kommt hier in die Einrichtung. Mit denen arbeiten wir sehr intensiv zusammen. Da ist das dann so, dass auch die Betreuerin oft mit dabei ist. Also (…) diese Dinge passieren dann vormittags. […] Die pädagogischen Mitarbeiterinnen, die haben natürlich vormittags ganz viel – auch Bürokratie – zu erledigen. Da stöhnen die immer drüber. Das verstehe ich, weil mich das auf eine andere Weise auch betrifft. (…) Und vormittags ist nun mal der intensive (…) Tagesabschnitt, weil dann (…) die Leute zu erreichen sind in den Büros, in den Ämtern und so weiter. Aber es müssen ja auch Berichte geschrieben werden. Es gibt Besprechungen und so weiter“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 13–15). Das Sorgen für Beschäftigung der Insassen beschäftigt wiederum die Mitarbeiterinnen in der Einrichtung in nicht unerheblichem Ausmaß. Auch in anderen Einrichtungen sieht es das Personal als seine Aufgabe an, die Mütter vor allem vormittags zu beschäftigen. Hier ein Beispiel: „Frau Richter: […] Und die Mütter sind dann, entweder gehen die zur Schule. Es gibt einige, die zur Schule gehen. {Auf dem Gelände hier gibt es auch eine Schule. Die ist ganz nah gelegen.}[…] Es sind leider nicht viele Mütter, die das machen. Oder ansonsten müssen die Mütter hier im Hauswirtschaftsmodul arbeiten. Wo sie dann angelernt werden mit kochen, (…) Haushaltssachen, reinigen, putzen. Alles, was so dazu gehört“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 9–11). Auffällig ist dabei, dass die Beschäftigung sowohl in der Mutter-Kind-Gruppe Eva als auch im Mutter-Jesu-Haus – sofern die Klientinnen nicht die Schule besuchen – hauptsächlich darin besteht, als typisch mütterlich geltende, hauswirtschaftliche Tätigkeiten innerhalb der Einrichtung zu übernehmen. Auch dies kann als die bereits erwähnte „Formierung von Mutterschaft“ interpretiert werden. Die Teilhabe des Vaters an vormittäglichen Tätigkeiten in der Einrichtung wird daher in den Hausregeln der meisten Einrichtungen nicht in Erwägung gezogen. Erst am Nachmittag haben die Insassinnen Freizeit. Jedoch gibt es auch hier Ausnahmen: „Frau Lehmann: […] nachmittags steht ja zur freien Verfügung. Es sei denn es sind ja Arzttermine, zu denen die Kinder, zu denen die Mütter mit den Kindern müssen. Die klassischen Vorsorgeuntersuchungen. Oder wenn die Frau selber Arzttermine hat. […] Die jungen Frauen gehen nachmittags auch zum Beispiel zur Therapie. […] Abends finden dann hier die Angebote statt oder am Nachmittag, die ich Ihnen eben schon gesagt hatte. Also (…) ich selber biete zum Beispiel an: autogenes Training, progressive Muskelentspannung, Stressprävention“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 17). Aus der Flexibilität im Hinblick auf die Gestaltung des Tagesablaufs für die einzelne Klientin kann geschlossen werden, dass es den Mitarbeiterinnen in der Einrichtung möglich ist, auch Nachmittagsbesuchszeiten ggf. einzuschränken, falls diagnostiziert wird, dass dies im Hinblick auf die Verselbstständigung der Mutter nötig ist. Goffman kritisiert die „Verordnungsvollmacht“ des Personals in totalen Institutionen – hier der Psychiatrie – wie folgt: 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 213 „Fast jede der Lebensbedingungen, durch die der Patient an seinen Tagesplan gebunden ist, kann vom Psychiater beliebig modifiziert werden, vorausgesetzt, daß er eine psychiatrische Begründung dafür findet“ (Goffman, 1981, S. 341). Die Kritik ist auch auf Mutter-Kind-Einrichtungen übertragbar. Die Fachkräfte sind „nicht gezwungen, dieses Recht in Übereinstimmung mit einheitlichen bürokratischen Vorschriften auszuüben“ (Goffman, 1981, S. 341). Sie unterstehen bei ihren Diagnosen keiner Kontrolle durch das Gesetz, im Gegensatz etwa zu Beamten oder dem Personal in den Jugendämtern. Daraus erwächst ein Spannungsfeld im Hinblick auf den Zusammenhang von Grundrechten der Bewohnerinnen und der Hausordnungen von Mutter-Kind-Einrichtungen, die sich nicht nur im Tagesablauf der weiblichen Klientel, sondern auch in den Möglichkeiten der Teilhabe von Männern am Alltag in den Einrichtungen widerspiegeln. Dieser Aspekt soll im weiteren Verlauf der Studie näher untersucht werden. Beispiel – Wohnheim Sankt Benedikt: Privileg des Dauergaststatus Das Wohnheim Sankt Benedikt ist – wie bereits erwähnt – eines der beiden Einrichtungen, die überregional dafür bekannt sind, in besonderer Weise Männer in den Alltag zu integrieren. Das Privilegiensystem dieser Einrichtung wurde deshalb als Beispiel für die vorliegende Studie ausgewählt, weil es besonders weitgehende Privilegien für bestimmte Männer vorhält. Im Wohnheim Sankt Benedikt können Männer unter bestimmten Voraussetzungen das Privileg erhalten, in die Einrichtung mit einzuziehen. Welche Rechte genau mit diesem Privileg verbunden sind und wie sich das Privilegiensystem aufbaut, soll im Folgenden dargestellt werden. Im Wohnheim Sankt Benedikt regelt eine verschriftlichte Hausordnung, die – wie bereits dargelegt wurde – zur Analyse vorliegt, das Privilegiensystem rund um die Besuchsrechte von Männern. Die Hausordnung, „Gruppenregeln für Väter und Partner“ genannt, soll im Folgenden in die Interpretation einbezogen werden. 8.3.4 8 Empirische Ergebnisse 214 Gruppenregeln für Männer des Wohnheims Sankt Benedikt Die Informationen aus obigem Dokument werden im Folgenden mit den Informatio- Abbildung 9. 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 215 nen aus dem Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs kombiniert ausgewertet: Im Wohnheim Sankt Benedikt gibt es eine vierstufige Besuchsregelung für Männer. In der ersten Stufe besteht Besuchsverbot. Um überhaupt im Privilegiensystem der Einrichtung aufzusteigen, müssen besuchswillige Männer ein bestimmtes Verhalten zeigen. Folgende Interviewausschnitte geben darüber Auskunft, welches Verhalten erwartet wird: „Frau Sommer: Und grundsätzlich gibt es auch bestimmte Voraussetzungen, die die Partner erfüllen müssen, um hier zu sein. Das sind einmal unsere Grundregeln: kein Alkohol, keine Drogen, keine Gewalt“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 4). Die Männer dürfen also unter anderem keinen Alkohol und keine Drogen konsumieren und keine Gewalt gegen Insassinnen, das Personal, Kinder oder untereinander ausüben, wenn sie in der Einrichtung zu Besuch kommen möchten. Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass sich die Hausordnung damit an den Risikodiskurs in Bezug auf das Kindeswohl anlehnt. Wie bereits dargelegt sind gewalttätige Konflikte zwischen den Elternteilen, die Abhängigkeit eines oder beider Elternteile von Alkohol oder anderen Substanzen tatsächlich Risiken für eine gesunde kindliche Entwicklung (vgl. Abschnitt 4 der vorliegenden Studie). Allerdings ist es außerhalb der Einrichtung rechtswidrig, die Rechte der Eltern einzuschränken, nur weil keine optimale Förderung des Kindes geleistet wird (vgl. Abschnitt 3 der vorliegenden Studie). Kommt eine einmalige aggressive Handlung des Mannes gegen die Mutter vor, werden seine Rechte gegenüber dem Kind nicht vollständig eingeschränkt. Selbst wenn er gegen- über dem Kind aggressiv werden würde, bestehen hohe Hürden, bevor er das Recht vollständig verwirkt, am Alltag des Kindes teilhaben zu dürfen. Schon gar nicht führt die Aggression gegen Dritte außerhalb der Einrichtung zu der juristischen Konsequenz, dass ein Mann das Recht verlieren kann, Kontakt zu seinem Kind oder einer Mutter zu haben, mit der ihn eine Beziehung verbindet. Problematisch an der Hausordnung ist, dass sie die Rechte der Kindsväter und Partner auf der Basis anderer Kriterien beschränkt, als es in der Gesellschaft außerhalb der Einrichtung üblich ist. Außerhalb gelten Regelungen, die sich am Wohl des Kindes ausrichten. Beschränkungen des Umgangsrechts von Bezugspersonen mit dem Kind sind nur nach entsprechenden Entscheidungen des Familiengerichts möglich. Die Hausordnung der Einrichtung legt hingegen einen Maßstab hinsichtlich des Besuchsrechts an, der sich aus einer defizitorientierten Sichtweise auf die Lebenslagen der Kindsväter und Partner formiert. Das Besuchsrecht der Männer kann durch die Mitarbeiterinnen eingeschränkt werden, es braucht keinen Gerichtsbeschluss. Die Hausordnung differenziert nicht zwischen dem rechtlichen Status, den ein Mann zur Klientin oder ihrem Kind einnimmt, also etwa, ob die Eltern miteinander verheiratet sind, ob der Mann im rechtlichen Sinne der Vater des Kindes ist und in welchem Umfang ihm das Sorgerecht bzw. das Umgangsrecht zusteht. Die Hausordnung der Einrichtung ist in diesem Punkt also im goffmanschen Sinne impermeabel. Die Rechte, die Väter außerhalb der Einrichtung haben, sind durch die Hausordnung ausgesetzt. Wahrscheinlich würde die Hausordnung einer rechtlichen Prüfung durch ein Gericht nicht standhalten, verletzt sie doch je nach Einzelfall grundlegende Rechte der Mutter, 8 Empirische Ergebnisse 216 des Vaters bzw. des Kindes (Elternrechte, Umgangsrecht, Sorgerecht, Recht auf sexuelle Selbstbestimmung der Mutter, Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung), die im Rechtssystem sehr hoch angesiedelt sind, nämlich auf der Ebene der Menschen- und Grundrechte. Dem Privilegiensystem der Einrichtung zufolge, das sich unter anderem durch die Hausordnung konstituiert, dürfen die Männer in der Einrichtung nicht aggressiv werden. Die Daten der vorliegenden Studie deuten darauf hin, dass in Einrichtungen mit aggressivem Verhalten nicht adäquat umgegangen werden kann. Überwiegend wird sofort ein Ausschluss aus dem sozialen System proklamiert, so auch im Wohnheim Sankt Benedikt: „Frau Sommer: Was es auch ab und zu an Problematik gibt: Dass die Männer Kollegen bedrohen. (…) Also: Laut werden, aggressiv werden, bedrohlich werden. Und das hat dann auch sofort die Folge des Hausverweises. Da sind wir auch sehr strikt. Die kriegen dann sofort Haus- und Geländeverbot und sobald wir die hier irgendwo sehen, rufen wir die Polizei“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 28). Wenn männliche Besucher gegenüber Mitarbeiterinnen aggressiv werden oder sich mit ihren Partnerinnen streiten, fallen sie also wieder im Privilegiensystem zurück – sozusagen auf Stufe null. Sie erhalten Haus- und Geländeverbot. Auffällig ist, dass es immer zum Ausschluss des Mannes kommen würde, selbst wenn die Frau Aggressionen zeigt: „Frau Sommer: […] Und das ist immer so bei Streitereien, Schlägereien, egal wer der Auslöser ist, werden immer die Männer gehen, weil die Frauen hier das Hausrecht (…) haben“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26). Im Zweifelsfall muss immer der Mann gehen. Es ist also denkbar, dass die Männer durch ihre Partnerinnen Opfer von Gewalt werden, der Mann aber dadurch bestraft wird, dass er das Recht verliert, mit seinem Kind umzugehen. Männer werden durch das Hausrecht also grundsätzlich gegenüber den Frauen diskriminiert. Wie bereits in Abschnitt 4.1 aufgezeigt, haben Männer im Bereich Gewalt und Alkoholabhängigkeit im Schnitt einen höheren Unterstützungsbedarf durch soziale Arbeit als Frauen. Für die Kindsväter und Partner gilt dies in besonderem Maße, wie in Abschnitt 8.2.2.3 dargestellt. Dadurch, dass die Hausordnung sich entlang einer defizitorientierten Sicht auf die Kindsväter und Partner aufbaut, steht sie einer wohlwollenden Sicht der Mitarbeiterinnen auf die Lebenslagen der Männer zunächst im Weg. Es wird eine „soziale Distanz“ (vgl. Abschnitt 6.4.2 der vorliegenden Studie) aufrechterhalten. Die Männer müssen also von sich aus ein Verhalten zeigen, dass im positiven Sinne auffällig ist. Sie müssen sich vom Gros der Besuchswilligen abheben, um von den Mitarbeiterinnen als „würdig“ angesehen zu werden, die nächste Stufe des Privilegiensystems zu erreichen. Im weiteren Verlauf der Studie wird gezeigt werden, dass es sich bei den Männern, die am Alltag in der Einrichtung teilhaben dürfen, die also entsprechend hohe Privilegien erhalten, um Einzelfälle handelt, die sich durch einen geringen Hilfebedarf durch Soziale Arbeit auszeichnen. Die Hausregeln der Einrichtungen sind demnach im überwiegenden Teil der Einrichtungen nicht dazu geeignet, ein Großteil der Kindsväter und Partner in den Alltag einzubeziehen. 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 217 Neben den oben genannten Normen gilt im Wohnheim Sankt Benedikt die Regel für besuchswillige Männer, dem Personal gegenüber freundlich zu sein, andernfalls können Besucher das Recht auf Teilhabe am Alltag verlieren. „Frau Sommer: […] Sie müssen einen freundlichen Umgangston den (…) Kollegen gegen- über wahren. Also so ein paar Basics müssen einfach hier gegeben sein, sonst läuft das hier nicht, weil hier sind viele Menschen, die hier gemeinsam wohnen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 13). Was genau unter einem freundlichen Umgangston zu verstehen ist, bleibt vage. Im goffmanschen Sinn kann die Verpflichtung zum freundlichen Umgangston im Zusammenhang mit dem Aufnahmeprozess als „Gehorsamstest“ verstanden werden: Ein Insasse, der sich dem Willen des Personals wiedersetze, würde unmittelbar bestraft (vgl. Goffman, 1981, S. 27). Privilegien und Strafen, die befördern sollen, keine Widerrede zu leisten, erfüllen die Funktion, dem Personal überhaupt die Organisation des Zusammenseins der durch die Anwesenheit der Kindsväter größer gewordenen Anzahl an Menschen im Haus zu ermöglichen. Ein unbotmäßiges Verhalten würde die Grenzen der Handlungsfähigkeit des Personals überschreiten. Einen Hinweis darauf, dass der freundliche Umgangston nicht als reziproke Norm im umgekehrten Fall zu verstehen ist, also dass keine Veranlassung des Personals dafür gesehen wird, einen freundlichen Umgangston mit den besuchswilligen Männern zu pflegen, könnte in dem Umstand gesehen werden, dass im verschriftlichten Dokument der Hausordnung mit mehreren Ausrufezeichen gearbeitet wird. Die Hausregeln schreien den Leser quasi stellvertretend für das Personal an. Im goffmanschen Sinn könnte die Norm zum stets freundlichen Umgangston gegenüber dem Personal zudem als Verpflichtung zur „Ehrfurchtsbezeugung“ verstanden werden. Zu den Besonderheiten totaler Institutionen zählt Goffman, dass der Stab vom Insassen eine spezielle Form von Ehrfurchtsbezeugungen im Alltag einfordert, sowohl Handlungen als auch Bekundungen von Gefühlen. In der bürgerlichen Gesellschaft seien zwar solche Ehrfurchtsbekundungen auch üblich, sie würden aber nicht formell geregelt und bei Unterlassung bestraft (vgl. Goffman, 1981, S. 114–116). Zurück zum Privilegiensystem des „Wohnheim Sankt Benedikt“: Erreichen sie die zweite Stufe, können die Männer der Hausordnung zufolge täglich zwischen 13:00 Uhr und 21:30 Uhr die Mutter/Schwangere in der Einrichtung besuchen. Am Wochenende gelten erweiterte Besuchszeiten, die individuell vereinbart werden. „Interviewerin: Und die Männer können sozusagen dann ab 13 Uhr besuchen? Frau Sommer: Mhm (bejahend). Frau Fuchs: Genau. Interviewerin: Und am Wochenende nach Absprache? Frau Sommer: Genau. Es sei denn, sie haben diesen Dauergaststatus, dann können sie natürlich immer kommen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 74–78). Nicht in der schriftlichen Version der Hausordnung ist vermerkt, dass Kindsväter eine Stunde mehr Besuchsrecht am Tag erwirken können als andere besuchswillige Personen: „Frau Fuchs: […] wir bieten dann doch den Vätern an, eine Stunde früher zu kommen als der reguläre Besuch. Das ist uns auch wichtig, dass die/ Also, die haben die Möglichkeit, 8 Empirische Ergebnisse 218 eine Stunde früher zu kommen als jetzt die Oma“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 74–79). Dies ist einer der wenigen Aspekte des Privilegiensystems, der sich zumindest im weiteren Sinne an einer Norm orientiert, die außerhalb der Einrichtung gilt, nämlich der Norm, dass Kindsväter grundsätzlich mehr Rechte im Hinblick auf das Kind haben als weiter entfernte Verwandte oder andere Menschen, die nicht zur Familie gehören. Allerdings beschränken sich die Rechte des Vaters am Kind innerhalb der Einrichtung auf einen Bruchteil dessen, was ihm außerhalb der Einrichtung zustünde. Die dritte Stufe des Privilegiensystems des Wohnheims Sankt Benedikt ist die sogenannte Übernachtungsregelung. Erreichen Kindsväter oder Partner diesen Status, dürfen sie dreimal pro Woche in der Einrichtung übernachten. Dazu müssen sie die Prozedur der Sechs-Wochen-Regel durchhalten: Die Partnerschaft muss mindestens sechs Wochen bestehen, bevor die Männer übernachten dürfen: „Frau Fuchs: Wir haben auch noch die Regel, dass wenn eine neue Partnerschaft geschlossen wird, dass sechs Wochen mindestens die Partnerschaft schon […] bestehen muss, […] bevor der junge Mann dann hier übernachten darf. Einfach nur weil (…) die sind ja in der Pubertät. Frau Sommer: Oft und viele wechselnde Partner. Und dass nicht hier ein ständiges Kommen und Gehen/ Frau Fuchs: Kommen und Gehen ist. Also die muss schon ein bisschen gefestigt sein, die Partnerschaft, damit wir dann sagen können, jetzt, nach sechs Wochen, es ist in Ordnung. Damit wir auch genug Zeit haben, den jungen Mann ordentlich kennenzulernen. Und dass er hier das Gruppengeschehen kennenlernen kann“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 16–20). Die Problematik, die sich aus dieser Regelung ergibt, wurde bereits in Abschnitt 8.1.1 der vorliegenden Studie diskutiert: Die Regelung kann zu institutionell verursachten Trennungen führen. Außerdem schreiben die Hausregeln vor, dass Frauen mit der Pille, der Drei-Monats-Spritze oder der Spirale verhüten müssen, bevor der Mann in der Einrichtung übernachten darf: „Frau Fuchs: Das ist auch Bedingung (…) für die Übernachtung des jungen Mannes: Verhütungsfrage ist geklärt. Also entweder Pille oder Drei-Monats-Spritze oder Spirale. Vorher darf der junge Mann auch nicht hier schlafen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 88). Die Regelung beschneidet das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung weit über das Maß hinaus, das außerhalb der Einrichtung als rechtens gilt (vgl. Abschnitt 3 der vorliegenden Studie). Auf die Gründe, warum das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen eingeschränkt wird, soll im weiteren Verlauf der vorliegenden Studie detaillierter eingegangen werden. Die Hausregeln schreiben weiter vor, dass Männer vor ihrer Übernachtung einen negativen Drogentest vorlegen können müssen: „Frau Sommer: Die müssen also alle einen Drogentest machen. Wer sich weigert, den zu machen, hat damit kein (…) Recht, hier zu sein. Das sind so unsere Grundvoraussetzungen. Die Männer müssen sich hier an die Regeln halten“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 8). 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 219 Der Partner muss also einen Drogentest vor der Aufnahme in die Einrichtung machen. Goffman hält es für einen depersonalisierenden Akt, wenn bei der Aufnahme Fakten, besonders die diskreditierenden über den sozialen Status und die Vergangenheit des Insassen, gesammelt und dem Personal in einem Dossier zusammengestellt werden (vgl. Goffman, 1981, S. 33). Der Drogentest kann als ein solcher depersonalisierender Akt gesehen werden. Daneben schreibt die Hausordnung vor, dass vor der Übernachtung der Name, die Adresse und andere Daten im Hinblick auf den Mann aufgenommen werden. Nach Goffman könnte dies als „Aufnahmeprozedur“ gesehen werden. Durch institutionalisierte Aufnahmeprozeduren werde der „Neuankömmling zu einem Objekt […] [geformt], das in die Verwaltungsmaschinerie der Anstalt eingefüttert und reibungslos durch Routinemaßnahmen gehandhabt werden kann“ (Goffman, 1981, S. 27). Die entsprechenden Prozeduren beruhen nach Goffman auf Attributen, wie dem Fingerabdruck oder dem Gewicht, die alle Menschen aufweisen. Durch die Reduktion des Individuums auf diese Aspekte wirken Aufnahmeprozeduren auf die Betroffenen depersonalisierend (vgl. Goffman, 1981, S. 27). Die Männer werden also durch die Hausregeln auf eigentümliche Weise gleichzeitig einerseits in das Privilegiensystem, also auch in einem bestimmten Umfang in den Alltag in den Einrichtungen, integriert, andererseits erfolgt das Einbinden in einem derart eingeschränkten Umfang im Vergleich zu den Möglichkeiten, die sie außerhalb der Einrichtung hätten, um am Familienalltag teilzuhaben, dass sie faktisch außen vor bleiben. Der soziale Verkehr der Insassinnen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen ist also trotz der Möglichkeit einzelner Klientinnen und ihrer Partner, ein relativ hohes Maß an Privilegien zu erlangen, grundsätzlich stark eingeschränkt. Und der soziale Verkehr wird kontrolliert: In den Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, in denen im Rahmen der vorliegenden Studie Befragungen durchgeführt wurden, gibt es zwar keine Pförtner mehr, wie noch in alten Zeiten üblich (vgl. Abschnitt 5 der vorliegenden Studie), die Überwachung des sozialen Verkehrs erfolgt aber dennoch. Im Wohnheim Sankt Benedikt müssen sich die Besucher bei den Mitarbeiterinnen an- und abmelden. Dieser Verhaltenskodex gilt auch als Regel, die beachtet werden muss, um an Privilegien im System zu gelangen. „Frau Sommer: […] Die Männer müssen sich – genauso wie die Frauen auch – immer bei uns an- und abmelden. Das hat einfach den Hintergrund, dass wir aus Brandschutzgründen immer wissen müssen, wer alles im Haus ist“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 13). Die Kontrolle des sozialen Verkehrs wird in diesem Fall von Frau Sommer mit der Verpflichtung, Maßnahmen zum Brandschutz umzusetzen, rationalisiert. Von einer weiteren Ausnahmeregelung, die sich nicht in der verschriftlichten Hausordnung wiederfindet, berichten die befragten Mitarbeiterinnen des Wohnheims Sankt Benedikt: „Frau Sommer: Genau. Also wir haben auch die Regel, dass […] zwei Wochen vor der Entbindung und sechs Wochen/? Frau Fuchs: Zwei Wochen nach Entbindung, aber das dann individuell noch mal abzusprechen. […] Zwei Wochen vor der Geburt, die junge Mutter braucht einfach ganz viel Unterstützung und zwei Wochen nach der Geburt auch natürlich dann erst recht noch mehr 8 Empirische Ergebnisse 220 Unterstützung. Und das ist aber auch individuell jetzt abzuwägen: Braucht die junge Mutter vielleicht vier Wochen nach der Entbindung noch Unterstützung? Kann der junge Mann das leisten? Kann er hier noch zwei Wochen länger? Also da gucken wir immer individuell. Aber die allgemeine Regelung ist zwei Wochen vor und zwei Wochen nach der Entbindung dürfen die mit hier einziehen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 30–33). Im Vergleich mit den anderen Einrichtungen, in denen im Rahmen der vorliegenden Studie Befragungen durchgeführt wurden, ist das Privileg für Männer, vor und nach dem Geburtstermin des Kindes mit in die Einrichtung einziehen zu dürfen, besonders. Keine andere Einrichtung räumt eine solch umfangreiche Lockerung der Besuchsbeschränkungen ein. Allerdings ist auch in diesem Fall davon auszugehen, dass das Erlangen dieses Privilegs vom Wohlwollen der Mitarbeiterinnen abhängig ist. Die vierte Stufe des Privilegiensystems wird „Dauergaststatus“ genannt. Erreichen Kindsväter und Partner letzteren, dürfen sie mit in die Einrichtung einziehen: „Frau Fuchs: […] Ich glaube, vielleicht noch mal zu betonen vorweg ist, dass die Väter hier auch oder die Partner die Möglichkeit haben, auch komplett einzuziehen. Das nennt sich Dauergaststatus. Das ist abgesegnet dann von der Erziehungsleitung. Und das heißt, die dürfen wirklich immer hier sein, immer hier übernachten. Und die Stufe davor ist die Übernachtungsregelung. Dann dürfen die Partner eigentlich dreimal die Woche hier übernachten. So, das ist so unsere Regel, die wir haben, weil wir es ganz wichtig erachten, dass die Väter und die Partner auch als Unterstützung für die junge Mutter sind, und (…) wir das ihnen auch anbieten möchten“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 3). Die Männer müssen sich an den Kosten für den Aufenthalt im Dauergaststatus beteiligen: Frau Sommer: […] Genauso müssen die einen ‚Betrag X‘ jeden Monat hier einzahlen, um sich an den Lebenserhaltungskosten zu beteiligen, weil es natürlich nicht geht, dass sie hier auf unsere Kosten sich durchfuttern und ein Dach über dem Kopf und eine Waschmaschine haben. Frau Fuchs: Genau. Das ist uns auch besonders wichtig, wenn die Väter hier sind oder die Partner, dass wir halt auch wirklich feststellen, dass er hier nicht auf Kosten der Mutter lebt und sich hier einen durchschnorrt, sondern dass wir wirklich darauf achten: Hat er selbst finanzielle Grundlagen? Und ist nicht angewiesen auf die finanzielle Sicherung der Mutter oder der Frau, die hier wohnt. Das ist uns auch sehr wichtig“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26–27). Der Dauergaststatus wird also nur solchen Männern zugesprochen, die den Beitrag zum Lebensunterhalt in der Einrichtung finanziell erbringen können. Männer, die von Armut betroffen sind und sich den Beitrag zu den Kosten des Aufenthalts in der Einrichtung nicht leisten können, werden womöglich vom Privileg des Dauergaststatus ausgeschlossen. „Frau Sommer: […] Und auch die Männer, die hier den Dauergaststatus haben, müssen immer einen gemeldeten Wohnsitz haben, damit wir die jederzeit hier entlassen können“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26). Damit Männer ohne Verwaltungsaufwand im Falle des Verstoßes gegen die Hausordnung oder bei Konflikten mit der Partnerin – aus Sicht des Personals „reibungslos“ – entlassen werden können, ohne dass das Personal sich vorwerfen lassen muss, einen 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 221 Mann in die Obdachlosigkeit zu schicken, ist eine weitere Regel, dass die Männer einen gemeldeten Wohnsitz haben müssen, um den Dauergaststatus zu erhalten. Durch die Regel werden wohnungslose Männer diskriminiert, denn sie können den Dauergaststatus im Vergleich zu anderen Männern nicht erreichen. Auffällig ist zudem, dass diese Regelung nicht in der schriftlichen Ausführung der Hausordnung vermerkt wurde. Es scheinen sich also neben den verschriftlichten Kriterien, die das Privilegiensystem formen, noch weitere Regeln ausgebildet zu haben, die sich in der offiziellen Hausordnung nicht niederschlagen. Zudem stellt sich heraus, dass die Männer nur dann einen Dauergaststatus erlangen können, wenn ihre Freundin in einem sogenannten Verselbstständigungsapartment wohnt, also in einem bestimmten Teil des Hauses: „Frau Sommer: Also der Dauergaststatus tritt nur dann in Kraft, wenn die Frau in dem sogenannten ‚Verselbstständigungsapartment‘ wohnt. Das ist bei uns in {einem bestimmten Teil des Hauses}. Dort gibt es keine Gemeinschaftsräume mehr, sondern die Frauen und die Männer bewohnen dann in der Regel zwei Zimmer mit einer eigenen Küche und einem eigenen Bad. Und die Männer dürfen sich da aufhalten“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 10). Beim Dauergaststatus handelt es sich also um ein Privileg, das nur auf einer bestimmten Station erworben werden kann, nämlich dort, wo größere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Da nur eine bestimmte Anzahl dieser Verselbstständigungsapartments zur Verfügung steht, können also theoretisch gar nicht alle Kindsväter und Partner den Status erreichen. Das Privileg ist also nur scheinbar ausschließlich an das Verhalten des Kindsvaters gekoppelt. Goffman zufolge kann diese scheinbare Verknüpfung an individuelles Verhalten als eine Methode zum Aufbau sozialer Kontrolle verstanden werden: Um alle Insassen dazu zu bringen, sich selbst so zu verhalten, dass sie leicht zu steuern sind, wird sowohl das erwünschte als auch das unerwünschte Betragen als etwas definiert, das dem persönlichen Willen und Charakter des Einzelnen entspringt und wofür er selbst verantwortlich ist (vgl. Goffman, 1981, S. 89). Es wird ein Verhaltensmodell propagiert, an dem sich der Insasse orientieren soll und das vom Personal gefördert wird – ein Modell, von dem angenommen wird, dass es sich positiv auf die Personen auswirkt, von denen gefordert wird, es an den Tag zu legen (vgl. Goffman, 1981, S. 68). Das Verhalten des Insassen werde somit in moralische Termini übersetzt, die mit der anerkannten Perspektive der Anstalt übereinstimmen (vgl. Goffman, 1981, S. 89). Haben sie bereits Privilegien erhalten, dürfen männliche Gäste sich nur in den Räumlichkeiten aufhalten, die der jeweiligen Klientin, mit der sie eine Partnerschaft führen, zur alleinigen Nutzung zur Verfügung stehen. Sie dürfen sich innerhalb der Einrichtung nicht frei bewegen, auch nicht, wenn sie einen Dauergaststatus innehaben. Die Hausordnung und das Privilegiensystem der Einrichtung sehen also für Männer nur einen eingeschränkten Zugang zu ihren Partnerinnen und zum Kind vor. Die Privilegien, die den Zugang der Männer im Alltag ermöglichen, müssen durch angepasstes Verhalten des Mannes und der Klientin erworben werden. Das Privilegiensystem diskriminiert besonders arme, drogen- bzw. alkoholabhängige und obdachlose Männer. Der Frage, was die Gründe dafür sein könnten, dass gerade diese Klientel 8 Empirische Ergebnisse 222 vom Alltag in den Einrichtungen ausgeschlossen wird, soll in einem anderen Abschnitt der vorliegenden Studie nachgegangen werden. Ausübung spezieller Tätigkeiten im Inneren, die Weiblichkeit formieren Im Interview mit den Mitarbeiterinnen wird deutlich, dass der Alltag der Klientinnen im Wohnheim Sankt Benedikt – wie auch in anderen Einrichtungen – in erheblichem Umfang durch Programme und Maßnahmen durchstrukturiert wird. Die Mütter nehmen an verschiedenen Kursen und Angeboten teil, wobei davon auszugehen ist, dass die Teilnahme nicht in jedem Fall freiwillig erfolgt. Die Privilegien, Männerbesuch zu empfangen, sind von der Teilnahme an dem sogenannten „Wochenstrukturplan“ abhängig. Die Angebote reichen von „Babyfrühstück“, über „Babymassage“, „Projekten“, „Baby on Tour“, „Rückbildungsgymnastik“ über eine „Theater-AG“, „Gruppenabende“, dem „Heimrat“ bis hin zu „Haushaltstagen“, „Einkauf “, „Gruppenputzen“, „Gruppenkochen“. Von den befragten Mitarbeiterinnen wird rationalisiert, dass die Angebote dazu dienen sollen, eine Mutter-Kind-Bindung aufzubauen und die Selbstständigkeit der Bewohnerinnen pädagogisch zu fördern, doch wie bereits dargelegt wird es sich zum Teil hierbei um Termine handeln, die sich aus der Struktur der Einrichtung selbst ergeben, also die eigentlich zur Aufrechterhaltung der Verwaltungsstruktur der Heime notwendig sind. Die Programme erfüllen damit eine Doppelfunktion. Während der Zeiten, an denen die Mütter an den Maßnahmen teilnehmen (müssen), müssen die Männer die Einrichtung verlassen. In die oben genannten pädagogischen Angebote werden Männer nicht einbezogen. Auch wenn der Mann im Wohnheim Sankt Benedikt einen Dauergaststatus erhält, sieht das Personal ihn in der Regel nicht als Klienten an: „Frau Sommer: Aber in der Regel ist es so, dass wir keinen pädagogischen Auftrag für die Männer übernehmen. Also, das hatten wir – glaube ich – nur ein- oder zweimal, wo wirklich das Jugendamt mit Maßnahmen oder Finanzierung hier auch Männer untergebracht hat. Aber in der Regel haben sie wirklich diesen Gaststatus. […] mit dem Mann im Einzelnen arbeiten wir nicht. Immer nur im Kontext mit Freundin und Familie“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 26). Das Gesagte deutet darauf hin, dass die Integration des Mannes in den Hilfeprozess auch deshalb beschränkt bleibt, weil das Jugendamt weder eine solche Integration anordnet noch finanziert. Auf diesen Aspekt soll an späterer Stelle im Rahmen der vorliegenden Untersuchung genauer eingegangen werden. Die Beschränkung der Möglichkeiten führt dazu, dass die Integration des Mannes in den Alltag immer vor dem Hintergrund der Funktionalität seiner Teilhabe für die Ausbildung von Fähigkeiten der Mutter bzw. des Kindes gesehen werden muss. Eine Förderung des Mannes um seiner selbst willen kann im Rahmen der derzeitigen Gesetzeslage nicht beabsichtigt werden, solange der Mann nicht als alleinerziehender Vater ohne Partnerin in der Einrichtung aufgenommen wird. In der Regel wird der Mann also nicht an dem Programm der Einrichtung teilhaben. Manchen Paaren allerdings wird das Angebot einer Paarberatung innerhalb der Einrichtung offeriert: 8.3.5 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 223 „Frau Fuchs: Genau. Dann haben wir ja noch diese Paarberatung. Wir haben eine Kollegin, die ausgebildet ist in Paartherapie. Und die bietet {an einem Nachmittag in der Woche} Paartherapie an. Da schauen wir halt. Dann besprechen wir im Team: ‚Ich habe da so zwei. Die könnten vielleicht mal.‘ Und dann sprechen wir das mit der Kollegin ab und mit den beiden jungen Leuten, ob das für sie in Ordnung ist, ob die vielleicht mal in die Paartherapie gehen. Es findet schon regelmäßig statt eigentlich. Frau Sommer: Und ist auch sehr gefragt. Frau Fuchs: Und ist auch wirklich gefragt, ne. Frau Sommer: Und was dort besprochen wird, wird auch nicht ans Team transportiert. Das bleibt bei der Kollegin. Man weiß, da/ Also es ist ein ganz vertrauensvoller Rahmen. Da dringt auch nichts nach außen. Es ist so, wo die sich öffnen können, und das nehmen die gern in Anspruch“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 66–69). An diesem Angebot können auch Männer teilnehmen, wenn die Mitarbeiterinnen das Paar in Teamsitzungen für die Teilhabe vorschlagen. Ob ein Vater das Privileg erhält, an der Paartherapie teilhaben zu können, ist also wieder vom Wohlwollen des Personals abhängig. Es kann zudem davon ausgegangen werden, dass seine Teilhabe nicht deshalb ermöglicht wird, weil anerkannt wird, dass dem Mann um seiner selbst willen Förderung zusteht, sondern dass seine Teilhabe allein deshalb in Betracht gezogen wird, um die Entwicklung der Mutter und des Kindes voranzubringen. Die Paartherapie ist also frauen- und kinderzentriert, auch wenn der Mann daran teilhat. Er wird zwar aus funktionalistischen Gründen einbezogen, eine Anerkennung seiner individuellen Bedarfe aber unterbleibt weitgehend. Ein weiteres besonderes Ereignis, an dem auch Männer teilhaben können – zumindest wenn sie im Haus übernachten dürfen –, ist offenbar das gemeinsame Frühstück am Wochenende: „Frau Sommer: […] Und die Männer dürfen sich da [in den Räumlichkeiten der Mütter] aufhalten und am Wochenende in der Gemeinschaftsküche beim Frühstück. Interviewerin: Da dürfen die dann mit frühstücken. Frau Fuchs: Genau. Samstags und sonntags ist das Angebot auch für die Männer“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 10–12). Zu dieser Ausnahmegelegenheit dürfen die Männer sich in der Gemeinschaftsküche aufhalten. In anderen Fällen sind ihnen – wie bereits erwähnt – die Gemeinschaftsräume untersagt. Die Anwesenheit von Männern im Alltag wird von den befragten Mitarbeiterinnen zum Teil als störend empfunden: „Frau Sommer: […] Es ist auch manchmal blöd für die anderen Frauen. Es sind oft intime Situationen, die wir hier schaffen, mit den Kindern. Und dann dort ein fremder Mann. Es bringt auch von der Stimmung her/ Es ist nicht immer günstig. Also, man muss auch/ Frau Fuchs: Muss man abwägen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 60– 61). Die Mitarbeiterinnen sehen die Angebote als Maßnahmen, in denen Frauen ein Schutzraum angeboten werden soll, der es ihnen ermöglicht, intime Fragen zu besprechen. Interessant ist allerdings, dass von den Mitarbeiterinnen nur der Mann als störender Mitwisser diskutiert wird. Der Zwang, im Beisein der übrigen Klientinnen, die ja auch zunächst Fremde sind, intime Fragen besprechen zu müssen, wird von den 8 Empirische Ergebnisse 224 Befragten nicht als kritisch betrachtet. Die oben zitierte Aussage kann auch als Hinweis darauf gewertet werden, dass das Engagement eines Vaters den reibungslosen Ablauf des Tagesplans stören kann und deshalb von den Mitarbeiterinnen abgewertet wird. Auch in anderen Interviews zeigt sich, dass das Engagement eines Mannes von den Fachkräften als lästig empfunden werden kann, wenn es über das Maß hinausgeht, welches in den Zeitplänen der Einrichtungen vorgesehen ist: „Frau Lehmann: […] Die einen sagen: ‚Ich habe ja nix damit zu tun, wenn du hier hinziehst.‘ Ne? So. Der andere, der steht – das ist mal das andere Extrem – der steht hier ständig vor der Tür und pocht sein Recht ein. So ungefähr, ich plakatiere das jetzt mal so“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). In einem anderen Interview stellt sich heraus, dass es von Mitarbeiterinnen in Einrichtungen möglicherweise begrüßt wird, wenn sich die Klientinnen mit ihren Partnern außerhalb der Einrichtung treffen, also gar nicht erst in die Einrichtungen kommen: „Frau Lehmann: […] Aber die können sich ja auch außerhalb treffen. Also treffen können die sich“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59). Die ehemalige Praktikantin einer Mutter-Kind-Einrichtung, Frau Schneider, beschreibt die Haltung des pädagogischen Personals wie folgt: „Frau Schneider: […] Aber eigentlich war keiner der Männer gern gesehen. Also es gab nicht einen Vater oder einen Mann, wo die anderen Kolleginnen damals gesagt hätten oder freundlich gewesen wären oder wohl gesonnen gewesen wären. Ja. Das war eigentlich alles sehr kritisch betrachtet. […] Irgendwie, das wurde nicht gefördert irgendwie so nach dem Motto: ‚Wir versuchen, die jetzt in der Familie zu erhalten.‘ Sondern so war eigentlich klar: ‚Die sind jetzt hier getrennt. Und so bleibt das auch. Und das ist auch besser so.‘“ (Interview mit Frau Schneider, Abs. 18). Die Ergebnisse der Befragung legen die Annahme nahe, dass das pädagogische Personal im Wesentlichen sein Aufgabengebiet in Bezug auf die Männer darin sieht, dafür zu sorgen, dass diese ein bestimmtes Maß an Engagement zeigen. Auf diesen Aspekt soll im nächsten Abschnitt genauer eingegangen werden. In welchem Umfang die Männer Umgangsrecht mit dem Kind außerhalb der Einrichtungen zusteht, bleibt bei der Ausgestaltung des überwiegenden Teils der Hausordnungen und auch innerhalb der Privilegien- und Strafsysteme weitgehend unbeachtet. Das Engagement der Fachkräfte für Männer beschränkt sich – wenn es in den Blick genommen wird – überwiegend darauf, die Vereinbarung und Durchführung der Besuchskontakte zum Kind zu unterstützen bzw. die Mütter dazu zu motivieren, den Männern den Zugang zum Kind nicht zu verwehren. Eine Einbindung der Männer bei den pädagogischen Angeboten in der Einrichtung wird in den seltensten Fällen forciert. Die Hausordnungen, Privilegiensysteme und Angebote für Männer im Überblick Im für die vorliegende Studie erhobenen empirischen Material zeigt sich, dass (soziale) Väter überwiegend durch spezielle Regeln für besuchswillige Männer vom Alltag in 8.3.6 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 225 den Wohnformen ausgeschlossen werden. In fast allen Einrichtungen existieren Einschränkungen für Besuch und Übernachtung. Besuchsmöglichkeiten werden Männern der Hausordnung zufolge überwiegend ausschließlich zu bestimmten Zeiten am Tag, meist in den Abendstunden, eingeräumt. Übernachtungen sind – wenn überhaupt – vielfach lediglich an Wochenenden, in manchen Fällen nur in einem speziellen Besuchszimmer erlaubt oder gänzlich verboten. Alkoholisierte Männer, solche, die Drogen nehmen, straffällig werden oder mit den Mitbewohnerinnen ihrer Partnerin in der Einrichtung fremdgehen, erhalten überwiegend Hausverbot. Die Hausordnungen werden durch Privilegien- und Strafsysteme ergänzt, mit denen die Besuchszeiten im Einzelfall unabhängig von den in den Hausordnungen festgelegten Zeiten geregelt werden. Der Verein „Familienhilfen“ nimmt im Hinblick auf die Möglichkeiten des Einbindens von Männern in den Alltag – wie bereits erwähnt – eine Sonderstellung ein. Deshalb wird er in der folgenden Darstellung zunächst nicht berücksichtigt. Zur Übernachtungsregelung: In vier Einrichtungen, über die Informationen ermittelt werden konnten, ist eine Übernachtung der Männer im Zimmer der Mutter verboten (Mutter-Kind-Wohnen am Markt, Mutter-Kind-Gruppe Eva, Initiative MuVaKi, Jugendhilfe Heilige Elisabeth). In allen anderen Häusern ist die Erlaubnis zur Übernachtung an das Privilegiensystem geknüpft und im überwiegenden Teil der Einrichtung nur in bestimmten Stationen erlaubt. In zwei Einrichtungen (Flexible Hilfen GmbH, Diakonische Hilfe) haben derzeit alle besuchswilligen Männer das Privileg, zu übernachten, verloren. Faktisch herrscht also in diesen beiden Einrichtungen auch Übernachtungsverbot. Im Wohnheim Sankt Benedikt ist das Konzept darauf ausgelegt, die Übernachtung des Mannes auch auf Dauer zu ermöglichen, sofern das Paar das Privileg erhält. Im „Haus am Steinweg“ wird ein ähnliches System praktiziert – allerdings nur im „Betreuten Wohnen“ –, obwohl sich die Institution als Mutter-Kind-Einrichtung versteht, also die Aufnahme der Männer in der Einrichtung konzeptionell noch nicht vorgesehen ist. In den meisten der übrigen Einrichtungen dürfen Übernachtungen nur an Wochenenden und Feiertagen stattfinden, wenn sich die Klientinnen und deren Partner angepasst verhalten. In Ausnahmefällen werden bzw. wurden auch dort in Stationen, auf denen den Insassinnen mehr Privilegien zugesprochen werden, teilweise Kindsväter oder Partner untergebracht, so etwa im Verselbstständigungsapartment der Smile GbR und im Betreuten Wohnen der „Mutter/ Vater-Kind-Betreuung Biegelbach“. In der Einrichtung „Diakonische Hilfe“ wurde ein Partner zusätzlich zur Kindsmutter mit Kind in einem separaten Apartment untergebracht. Ein ähnliches Setting ist für eine Familie in der Einrichtung „Individuelle Sozialpädagogik e.V.“ geplant. 8 Empirische Ergebnisse 226 Überblick über die Hausregeln, Privilegien- und Strafsysteme der Einrichtungen Name des Trägers (anonymisiert) Besuchszeiten und Besuchsräume Hürden vor Besuchen Übernachtungsmöglichkeiten Hürden vor Übernachtung Wohnheim Sankt Benedikt 12:00– 21:30 Uhr, auf dem Zimmer der Mutter/ Schwangeren nach vorheriger „Bewährung“, kein Alkohol, keine Drogen, keine Gewalt, Anund Abmelden bei Betreuerinnen (vgl. Abschnitt 8.3.4) Übernachtungsregelung und Dauergaststatus (vgl. Abschnitt 8.3.4) erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer, Vorlage von negativen Drogentests, unbedenklichem polizeilichem Führungszeugnis, Verhütung durch Spirale oder Drei-Monats-Spritze, finanzielle Beteiligung des Vaters an Verhütung Mutter-Kind- Wohnen am Markt 14:00– 20:00 Uhr, auf dem Zimmer der Mutter/ Schwangeren Betreuerinnen schauen regelmäßig ins Zimmer Übernachtung verboten – Mutter-Kind- Gruppe Eva 14:00– 18:00/18:30 Uhr , dreimal pro Woche, am Wochenende länger nach vorheriger „Bewährung“ Übernachtung verboten – Flexible Hilfen GmbH nur außerhalb der Einrichtung Besuch nur au- ßerhalb der Einrichtung möglich derzeit Übernachtung verboten – Haus am Steinweg dreimal pro Woche, allerdings nur dann, wenn die Mutter im „Betreuten Wohnen“ lebt nach vorheriger „Bewährung“ (vgl. Abschnitt 8.1.1) nur dann, wenn die Mutter im „Betreuten Wohnen“ lebt erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer, Vorlage von unbedenklichem polizeilichem Führungszeugnis (vgl. Abschnitt 8.1.1) Tabelle 5. 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 227 Jugendhilfe Heilige Elisabeth wird individuell vereinbart nach vorheriger „Bewährung“ Übernachtung verboten, für Väter, die von weiterer Entfernung anreisen, wird ein separates Gästezimmer offeriert – Marienhäuser 13:00– 21:00 Uhr, am Wochenende 10:00– 22:00 Uhr, auf dem Zimmer der Mutter/ Schwangeren nach Vorlage von polizeilichem Führungszeugnis viermal pro Monat erst nach dreimonatiger Beziehungsdauer Diakonische Hilfe nach Vereinbarung, derzeit keine Erlaubnis (vgl. Abschnitt 8.3.1) nach vorheriger „Bewährung“ nach Vereinbarung, derzeit keine Erlaubnis (vgl. Abschnitt 8.3.1) – Mutter-Jesu- Haus Kindsväter: am Wochenende auf dem Zimmer der Mutter; neue Partner: zwischen 19:00– 21:00 Uhr au- ßerhalb der Einrichtung Kindsväter: nach vorheriger „Bewährung“; neue Partner: erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer + Bewährung von samstags auf sonntags Kindsväter: nach vorheriger „Bewährung“; neue Partner: erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer plus weiterer Zeit der Bewährung Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi 14:00– 22:00 Uhr an drei Tagen pro Woche, 10:00– 22:00 Uhr am Wochenende nach vorheriger „Bewährung“ nach Absprache mit den Betreuerinnen nach vorheriger „Bewährung“ Familienhilfen e.V. Es gelten die Regelungen, die auch außerhalb der Einrichtung anzuwenden sind (gemäß individuellem Sorgerecht, Umgangsrecht etc.). Vater/Partner kann mit einziehen (vgl. Abschnitt 8.7). 8 Empirische Ergebnisse 228 Josephswerk wird individuell vereinbart nach vorheriger „Bewährung“, Vorstellungsgespräch, Kopie des Ausweises, Hausregeln werden erläutert, bei Besuchen jeweils An- und Abmeldung bei Betreuerinnen vorgeschrieben 14-tägig von Freitag bis Sonntag schriftliche Vereinbarung gemeinsam mit Vertretung des Jugendamts, zusätzliches Übernachtungswochenende möglich, wenn Mutter durch angepasstes Verhalten sich einen „Joker“ erarbeitet Individuelle Sozialpädagogik e.V. 10:00– 23:00 Uhr, au- ßer donnerstags, im Zimmer der Mutter während der Mahlzeiten, ansonsten auch in Gruppenräumen bei Besuchen jeweils Anund Abmeldung bei Betreuerinnen vorgeschrieben, während des „Behandlungsprogramms“ muss Männerbesuch die Einrichtung verlassen zunächst einmal pro Monat eine Nacht am Wochenende nach Vorlage eines negativen Drogentests, erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer Initiative Mu- VaKi 14:00– 18:00 Uhr, maximal zweimal pro Woche, im Besuchszimmer, nicht auf dem Zimmer der Mutter Besuch muss angekündigt werden Übernachtung verboten – Smile GbR mit Besuchergutschein zunächst einmal pro Woche bis 22:00 Uhr, kann bis zu dreimal pro Woche ausgeweitet werden Mutter muss durch angepasstes Verhalten „Besucher- Gutscheine erarbeiten“, indem sie sich an Zeiten im Tagesablauf hält (vgl. Abschnitt 8.3.3) nur im Verselbstständigungsapartment Vorstellungsgespräch mit Betreuerinnen, Erläuterung der Hausregeln 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 229 Evangelische Jugendhilfe Singstadt 14:00– 22:00 Uhr unter der Woche Väter dürfen die Besuchszeiten nutzen, neue Partner erst nach vorheriger „Bewährung“ am Wochenende erst nach längerer Beziehungsdauer Mutter‑/Vater- Kind-Betreuung Biegelbach bis zu dreimal pro Woche nach vorheriger „Bewährung“ 14-tägig am Wochenende, unter der Woche nach Vereinbarung nach vorheriger „Bewährung“ Wirbelwind gGmbH an zwei Tagen unter der Woche erst nach vierwöchiger Beziehungsdauer und vorheriger „Bewährung“ teilweise am Wochenende von Freitag bis Sonntag in Absprache mit den anderen Bewohnerinnen, damit WG nicht „überfüllt“ ist Kinderheim Diegersmoor 14:00– 18:00 Uhr und 20:30– 22:00 Uhr wochentags, bis 23:00 Uhr am Wochenende nach vorheriger „Bewährung“ nur in Außenwohnungen, maximal dreimal pro Woche erst nach sechswöchiger Beziehungsdauer, Vorlage von unbedenklichem polizeilichem Führungszeugnis Die Häufigkeit der gestatteten Übernachtungen für Männer mit entsprechenden Privilegien bzw. Strafen reicht von völligem Übernachtungsverbot bis zur Möglichkeit, mit in die Einrichtung einzuziehen. In manchen Fällen dürfen ausschließlich Kindsväter, nicht aber neue Partner von Bewohnerinnen übernachten. Die Übernachtung darf in den meisten Fällen in den Räumlichkeiten der Mutter stattfinden. In der Einrichtung „Jugendhilfe Heilige Elisabeth“ wurde ein separates Besucherzimmer für weit entfernt lebende Kindsväter, denen das Umgangsrecht mit ihrem Kind ermöglicht werden soll, eingerichtet. In manchen Häusern ist es üblich, in den ersten Wochen oder gar Monaten nach dem Einzug Übernachtungsbesuch innerhalb der Einrichtung und Übernachtungen der Klientin außerhalb bei ihrem Freund zu verbieten. Die überwiegend sechswöchige Frist startet von neuem, wenn die Frau einen neuen Partner kennengelernt hat. Nach dieser Phase müssen sich die Kindsväter und Partner häufig erst beim pädagogischen Betreuungspersonal „vorstellen“, bevor Übernachtungsbesuch gewährt wird. Bei diesen Vorstellungsterminen erläutert die Fachkraft üblicherweise die Hausordnung, nimmt die Personalien auf und kopiert den Personalausweis. Zum Teil wird die Vorlage eines negativen Drogentests oder polizeilichen Führungszeugnisses ohne Einträge verlangt. Mindestens vier Leistungserbringer fordern von allen potentiellen Besuchern die Teilnahme an einem Drogentest. Fällt der Test positiv aus, ist dies fast 8 Empirische Ergebnisse 230 überall ein Ausschlusskriterium für den Besuch. Nur in einer Einrichtung wird die Chance eingeräumt, bei weiteren Tests zu beweisen, dass der Wert zügig „nach unten geht gegen Null“. Die Drogentests müssen in mindestens einer Einrichtung von den Männern selbst bezahlt werden. Wenn diese keine Ergebnisse der Testung vorlegen (können), dürfen sie in manche Einrichtungen nicht zu Besuch kommen, in anderen wird der Fall individuell erneut geprüft. In einer Einrichtung werden zusätzlich unangekündigte Drogentests durchgeführt. Zum Teil wird von Männern die Vorlage eines polizeilichen Führungszeugnisses verlangt, bevor sie ihre Partnerinnen besuchen. Für die Vorlage von Führungszeugnissen fallen Kosten an, die die Männer übernehmen müssen. Zeigt das Zeugnis an, dass der Mann straffällig geworden war, wird meist ein Hausverbot ausgesprochen. In vielen Interviews ist von Kindsvätern und Partnern die Rede, die Hausverbot haben oder hatten. Wenn Männer in den Alltag integriert werden, müssen sie sich gegen- über dem Personal freundlich verhalten und ihnen bestimmte Rituale zur Ehrerbietung erweisen. Von dem (jungen) Mann wird erwartet, sich darum zu bemühen, einen „guten Eindruck“ (Interview mit Frau Walter, Abs. 124) beim pädagogischen Personal zu hinterlassen. Teilweise wird von Männern Geld gefordert, um Verhütungsmittel anzuschaffen. Falls sie sich nicht an den Kosten beteiligen, dürfen sie zum Teil nicht in der Einrichtung übernachten. Da die Männer überwiegend bedürftig sind, können Regelungen, die Männern finanzielle Bürden beim Erlangen der Besuchserlaubnis auflasten, ihren Zugang zu ihren Partnerinnen und deren Kinder einschränken. An gemeinsamen Mahlzeiten dürfen Besucher meist nicht teilnehmen. Wenn dies doch erlaubt ist, müssen sich männliche Besucher oft an den Kosten für das Frühstück am Tag nach der Übernachtung beteiligen. Auch dabei kann eine weitere Hürde für die Teilhabe bedürftiger Männer am Alltag entstehen. Obwohl der Gesetzestext ausschließlich die Unterbringung Alleinerziehender oder Schwangerer vorsieht, ist bzw. war es in sechs Einrichtungen nach § 19 SGB VIII ausnahmsweise möglich, beide Elternteile mit Kind bzw. eine Mutter mit Kind und ihren Partner (übergangsweise) gemeinsam zu betreuen. In zwei weiteren gelang es, Mutter und Kind in dem einen Teil und den Kindsvater in einem anderen Teil desselben Hauses unterzubringen. An den (Bildungs-)Angeboten in den Einrichtungen dürfen Männer überwiegend nicht teilnehmen. Wenn die Klientinnen pädagogische Angebote im Haus oder Termine außerhalb wahrnehmen, muss der Besuch meist vorher gehen. In vier Einrichtungen wird einzelnen Männern mit entsprechenden Privilegien erlaubt, tagsüber an Paarberatungsgesprächen gemeinsam mit ihren Partnerinnen teilzunehmen (Wohnheim Sankt Benedikt, Evangelische Jugendhilfe Singstadt, Mutter‑/Vater-Kind- Betreuung Biegelbach, Haus am Steinweg). In der Evangelischen Jugendhilfe Singstadt wird ein Vater-Kind-Schwimmkurs pädagogisch begleitet. Im Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi dürfen die Kindsväter und Partner der Mütter, die bereits bestimmte Privilegien erworben haben, an einem Erste-Hilfe-Kurs für das Kind teilnehmen. Die aus der Einrichtung befragten Fachkräfte konstatieren, die (sozialen) Väter würden diese Angebote in der Einrichtung nur selten nutzen. Dies kann der Fall sein, 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 231 weil die Angebote – wie bei anderen Hilfen für Eltern oder Alleinerziehende – sich überwiegend an Frauen richten und von diesen wahrgenommen werden. Wenn männlichen Besuchern Zugang erlaubt wird, geben einige befragte Fachkräfte an, von diesen ein freundliches und kooperatives Verhalten zu erwarten. Erfüllen die Männer die Erwartungen nicht oder hält sich die Kindsmutter in der Einrichtung nicht an vereinbarte Verhaltensregeln, werden als Strafmaßnahme zum Teil Besuche verboten oder die Übernachtungserlaubnis eingeschränkt. Umgekehrt wird angepasstes Verhalten des besuchswilligen Mannes bzw. der Kindsmutter/Partnerin in manchen Fällen mit einer Erweiterung der Besuchs‑/Übernachtungserlaubnis belohnt. Über solche expliziten Straf‑/Privilegiensysteme werden in den Interviews mit Fachkräften aus der Smile GbR und dem Josephswerk berichtet. In allen anderen Einrichtungen – außer denen des „Familienhilfen e.V.“ – haben sich jedoch ähnliche Systeme herausgebildet, die halboffiziell praktiziert werden. Die befragten Fachkräfte benennen zahlreiche Beispiele, in denen der Kontakt zum Kindsvater bzw. Partner dem Kindeswohl abträglich gewesen sei und deshalb verhindert wurde. Von den Befragten in den Einrichtungen, in denen Männer in den Alltag eingebunden werden, wird über das Entstehen von Beziehungen zwischen Frauen und Männern berichtet, zum Teil von Affären zwischen einem Partner einer Bewohnerin und anderen Frauen. Es ergeben sich Konflikte, wenn die Männer mit den Mitbewohnerinnen ihrer Partnerin flirten oder Sex haben. In solchen Fällen wird der Mann häufig durch die Hausregeln vom Alltag ausgeschlossen. „Frau Sommer: Also, was es immer wieder gibt, dass Partner von Frauen hier mit anderen Frauen schlafen. Das taucht in Etappen immer wieder auf. Das hat dann die sofortige Entlassung hier zur Folge“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 22). Die Hausregeln und das damit in Zusammenhang stehende Privilegiensystem der Einrichtung sind im überwiegenden Teil der Einrichtungen nicht niedergeschrieben. Die befragten Mitarbeiterinnen geben an, es im Einzelfall bei „Kennenlerngesprächen“ zu vermitteln. Meist jedoch wird das Regelsystem im Einzelfall moduliert und erweitert. Problematisch daran ist, dass Mitarbeiterinnen damit die Macht besitzen, den Zugang eines besuchswilligen Mannes zu seiner Partnerin oder dem Kind im Alltag beliebig zu regulieren. Außerhalb der totalen Institution werden die Umgangsrechte von Vätern mit ihren Kindern, von männlichen Bezugspersonen mit Kindern und von Frauen mit ihren Partnern durch Gesetze geschützt. In der Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtung ist dies nicht der Fall. Die Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag können allein von dem Wohlwollen des pädagogischen Personals abhängen. In Einrichtungen, in denen keine 24-Stunden-Betreuung angeboten wird, kann die Einhaltung der Regelungen in Bezug auf Männer nicht permanent kontrolliert werden. Manche befragten Fachkräfte geben zu, die Kontrolle bewusst nicht so streng durchzuführen, wenn sie merken, dass eine Beziehung die (werdende) Mutter unterstützt. In diesen Fällen lassen sie den Partner häufiger als in der Regel üblich in der Einrichtung übernachten bzw. zu Besuch kommen: 8 Empirische Ergebnisse 232 „Frau Vogt: […] Also wir haben ja die Regel mit drei Nächten in der Woche. Das ist aber eigentlich mehr – Sie müssen gucken, wie Sie damit umgehen – imaginär, ja? Weil zu meiner pädagogischen Fähigkeit gehört auch, was ich nicht sehen will, lieber nicht zu sehen, ja? Weil ich nicht sagen will: ‚Oh, der ist schon drei Nächte da, ja? Eine vierte Nacht geht nicht.‘ Weil ich möchte, dass er da ist“ (Interview mit Frau Vogt und Frau Seidel, Abs. 155). Eine rechtliche Prüfung der Praxis in den meisten Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, die Männer überwiegend auszuschließen bzw. Ausnahmen auf der Ebene des pädagogischen Personals zu verhandeln, steht bisher aus. Es stellt sich die Frage, ob und inwieweit die Klientinnen gegenüber dem Leistungserbringer beanspruchen dürfen, dass besuchswillige Personen – vor allem ihre Partner und die Kindsväter – den Zugang zu ihnen und ihren Kindern erhalten. Aus der Sicht des Leistungserbringers ist fraglich, ob und inwieweit er diesen Zugang kontrollieren und gegebenenfalls unterbinden darf, besonders wenn die Mütter und Schwangeren volljährig sind. Ferner muss geprüft werden, ob diese Regelungen mit den Rechten sorgeberechtigter Väter auf Umgang mit ihren Kindern vereinbar sind. Daneben ist ungeklärt, inwiefern diese Praxen dem Anrecht der Kinder entgegenstehen, mit ihren Bezugspersonen regelmä- ßigen Kontakt zu pflegen. Darüber hinaus ist das Recht der Bewohnerinnen auf sexuelle Selbstbestimmung wahrscheinlich durch die Regelungen massiv eingeschränkt. Erwähnenswert ist im Zusammenhang mit diesen Vorgehensweisen der lange Zeitraum, über welchen die Alleinerziehenden und Schwangeren betreut werden. Die Befragten berichten überwiegend von mehreren Jahren. Die Dauer des Aufenthalts der Klientel in den Einrichtungen spricht dafür, Männer in den Alltag einzubeziehen, weil Hilfen nach § 19 SGB VIII installiert werden, wenn die Kinder unter sechs Jahren und damit in der sensiblen Lebensphase für den Aufbau von Bindungen zu Bezugspersonen sind. Einige Fachkräfte berichtet davon, dass einzelne Männer ihre Partnerinnen finanziell ausnutzten: „Frau Schuster: […] Die [beiden Elternteile, RH] haben das geteilte Sorgerecht, weil er da Druck gemacht hat. […] Und er kann überhaupt nicht mit Geld umgehen. Wenn der Geld in der Hand hat, ist das in zwei Tagen weg. Und der Monat ist noch lange nicht vorbei. Und da versuche ich die Frauen auch zu schützen, sage/ Weil er dann sagt: ‚Mensch, du hast ja so viel Geld. Gib mir doch was!‘ Und so. Und ich sage: ‚Nein. Schieb immer mich vor. Ich gebe dir nicht mehr. Und fertig.‘ Weil wir natürlich schon versuchen mit den Frauen, auch was zu sparen. Besonders wenn sie Schulden haben, brauchen die ja auch eine Ansage: Wie geht es? Wie kann ich es machen? Aber sie kann es eigentlich, aber wird ja immer nur ausgenutzt, ne? Das habe ich in zwei Fällen, dass die die ganz schön melken. Und da muss man echt auch gut aufpassen. Die auch ausnutzen. Die merken auch: ‚Hier gibt es doch noch was.’ Ich meine, wir kriegen hier Spenden, ne? Und so weiter. Die profitieren natürlich schon sehr. Oder wir können Ausflüge machen mit reduziertem Eintritt und solche Sachen, ne? Ist klar. Wir bieten hier Kochen an. Dann müssen sie nichts bezahlen und so weiter. Ja. Tafel kommt zu uns und alles Mögliche. Aber, ja, da merke ich schon: Einerseits ist da ein bisschen Neid dabei und, dass die Frau stärker wird. Da hat jetzt hier dieser Partner – glaube ich – Angst. Dass die jetzt einfach so selbstbewusst wird auch durch die Therapie. Sie konnte sich jetzt von ihrer Mutter abgrenzen. Es geht ihr einfach gut. Die hat die Nummer jetzt gewechselt von ihrem Handy, sodass sie da einfach nicht 8.3 Einschränkungen der Teilhabemöglichkeiten der Männer am Alltag 233 mehr belästigt wird. Und es funktioniert. Die hat {Therapie} und das tut ihr gut“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 50). „Frau Schuster: […] Dass er einfach sich jetzt da einklinken muss, vielleicht sich eine Arbeit suchen muss. Stabiles Einkommen hat, was durchhält, endlich mal was durchzieht. Sich um seinen Kram kümmert, um nicht wieder in Schulden zu fallen. Und das ist schon bei vielen auch Thema, ne? Wir haben jetzt zum Beispiel bei der einen Frau/ Die haben sich ja beide verschuldet zusammen. Und wir hätten, wollen das jetzt irgendwie teilen bei den Gläubigern. Da haben die sich überhaupt nicht darauf eingelassen. Er hält sich nicht an die Ratenzahlungen, sie schon. Und deswegen haben wir auch mal versucht zu sagen: ‚Okay, sie hat ihren Teil abgeglichen. Der Rest/‘ Das machen sie aber nicht, ne? Und so hängt die immer mit an diesem Packen, obwohl sie ihren Soll erfüllt und er nicht. Und das sind auch oft so auch Abhängigkeitsverhältnisse natürlich zwischen den Partnern dann da, ne? Das ist so/ So systemische Sachen einfach“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 88). Manchen Befragten zufolge setzten die Männer die Frauen unter Druck, Verantwortung für die Aufgaben der Männer zu übernehmen. Die Männer seien derart „unreif “, dass die Klientinnen das Gefühl hätten, nicht für ein Kind, sondern für zwei verantwortlich zu sein. Manche Befragten äußern die Vermutung, die Kindsväter und Partner fürchteten bei Aufnahme ihrer Partnerinnen, die Beziehung gehe während des Aufenthalts in der Einrichtung in die Brüche, weil die Frauen in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt würden. Darüber hinaus könne bei den Männern Neid entstehen, wenn ihre Partnerinnen vom Leistungserbringer unterstützt würden und sie selbst nicht. Trotz der Tatsache, dass sich die Bedarfe und die Klientel in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder verändern und Männer – wenn auch nur in Einzelfällen – am Alltag in den Einrichtungen teilhaben möchten, werden Männern von den wenigsten Leistungserbringern bisher gezielt Hilfen für ihre speziellen Bedarfe offeriert. Absonderung von Männern aus dem Alltag Die in der vorliegenden Studie ermittelten Daten geben Hinweise darauf, dass die Strukturen innerhalb der einzelnen Einrichtungen dazu führen können, dass Männer von ihren Partnerinnen bzw. Kindern isoliert werden. Dies soll in den folgenden Abschnitten dargelegt werden. Beförderung von maternal gatekeeping durch spezielle Hausregeln Das Personal berichtet mehrfach von maternal gatekeeping. Einem Teil der befragen Mitarbeiterinnen zufolge wirkten nach Trennungen vornehmlich die Frauen darauf hin, dem Vater den Umgang mit dem Kind vollständig bzw. in ihrer Anwesenheit zu verwehren. „Frau Albrecht: […] Und für die ist dann auch Beziehung beendet. Dann ist da auch nicht so die Bereitschaft zu sagen: ‚Okay. Er darf mein Kind aber weiter sehen.‘ Also es ist schon schwierig bei den Kindsvätern, dass die Mütter da ein Einsehen haben, wenn die nicht mehr zusammen sind. Also das ist dann also, ja, für die Mütter jetzt, glaube ich, oft so: 8.4 8.4.1 8 Empirische Ergebnisse 234 ‚Die Beziehung ist beendet und da will ich jetzt auch nichts mehr mit dem zu tun haben.‘ Ob Kindsvater oder Freund, der irgendwie ein halbes Jahr Vater in Anführungszeichen war oder/ Interviewerin: Also dann/ Frau Albrecht: ‚Beendet ist beendet‘ ist – glaube ich – für die Mutter in der Regel. Also man kann das schon besprechen und dann ist da auch ein Einsehen. Aber es kommt dann auch ganz oft zu Konflikten“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 92–94). Ein Teil des pädagogischen Personals beklagt, es müsse ihre Klientinnen häufig motivieren, dem Kindsvater oder Partner den Umgang mit dem Kind zu gewähren bzw. Aufgaben in Bezug auf das Kind zu überlassen und ihn als Teil des Familiensystems zu betrachten. „Frau Roth: […] Und was bei uns auch ganz prägnant ist: Also die Mütter sollen oder dürfen nicht vor den Kindern schlecht über die Väter reden. Interviewerin: Also das ist so eine Regel sozusagen. Frau Roth: Ja. Das ist, das ist schon/ Da achten wir schon darauf und das ist uns wichtig. Ja. (…) Ja, wir hatten neulich die Situation, dass eine Mutter zum Beispiel das Kind so immer wieder/ Die wollte gerne, dass es ‚Mama‘ sagt. Und wo wir dann gesagt haben: ‚Es darf ja auch Papa sagen.‘ Und erst mal so: ‚Auf gar keinen Fall. Der kümmert sich gar nicht. Und Papa, mhm (verneinend). Das möchte ich nicht. Und dann soll er eben das selber beibringen.‘ Wo ich, wo wir dann immer wieder erklären: ‚Auch der Papa spielt im System eine Rolle, ne. Und irgendwann wird dein Kind fragen: Wer ist eigentlich mein Papa? Wo kommt mein Papa her? Und warum hat mein Papa sich nicht gekümmert?‘ Und vielleicht manchmal auch die Fragestellung: ‚Warum hast denn du dann nicht meinen Papa (…) motiviert oder ihm vielleicht auch deutlich gemacht, dass ich ihn sehen will?‘“ (Interview mit Frau Roth, Abs. 36–38). In einem Fall – so berichtet eine befragte Mitarbeiterin – musste ein Vater die Kooperation seiner Ex-Partnerin juristisch erstreiten. Erst als das Gericht der Kindsmutter mit einer empfindlichen Geldbuße oder Haft drohte, gab diese den Boykott der Besuchskontakte zwischen Vater und Kind auf. Daneben wird von Ausnahmen berichtet, bei denen es den Eltern von vornherein gelang, den Umgang mit dem Kind zu vereinbaren, obwohl sie getrennt leben. Es lässt sich folgern, dass die Klientinnen mehr Macht über den Zugang zum Kind als die Männer haben und diese auch nutzen. Manche pädagogischen Fachkräfte berichten, die Männer würden von ihren Partnerinnen „gescheucht“ (Interview mit Frau Richter und Frau Winter, Abs. 107), müssten Dienste für die Mutter oder für die gesamte Wohngruppe erledigen. Manche Frauen würden mit ihren Partnern in der Beziehung schroff umgehen bzw. die Männer vor dem Kind in ein schlechtes Licht rücken. Manche Kindsväter und Partner seien weniger wortgewandt als die Frauen, sodass sie in der Kommunikation mit ihren Partnerinnen „überhört“ würden: „Frau Lehmann: […] er hat ja seine bestimmten individuellen Nöte auch, seine Schwierigkeiten mit Schule, Ausbildung und mit der Partnerin. Und er will das nun mal ganz anders. Er ist vielleicht nicht so wortgewandt. Und wenn die Frau daneben sitzt, das Mädchen, die – sage ich mal – redet und redet und er kommt gar nicht zu Wort und so weiter. Da sind ja diese (…) wirklich sehr unreflektierten und ungesteuerten, durch Aggressivität getönten Gespräche oft“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 45). 8.4 Absonderung von Männern aus dem Alltag 235 Von Seiten der Betreuerinnen werden mancherorts Hausordnungen aufgestellt, die maternal gatekeeping befördern. So ist es in Wohngruppen teilweise üblich, dass alle Bewohnerinnen der Gruppe gemeinsam aushandeln, in welchen Räumlichkeiten sich männliche Besucher aufhalten dürfen oder zu welchen Gelegenheiten sie eingeladen werden. In manchen Einrichtungen dürfen die Bewohnerinnen entscheiden, ob in der Gruppe ein alleinerziehender Vater aufgenommen wird oder nicht. In manchen Einrichtungen haben die (werdenden) Mütter von ihrem Vetorecht für ihren Wohnbereich Gebrauch gemacht, sodass grundsätzlich keine männlichen Klienten aufgenommen wurden. In eine andere Einrichtung wurde ein alleinerziehender Vater aufgenommen, nachdem die übrigen Bewohnerinnen der Aufnahme zustimmten. Diese Hausordnungen stehen den Rechten der Männer zum Teil entgegen. Ausschluss von Männern aus wichtigen Entscheidungsprozessen Weil die Männer häufig nicht am Alltag teilhaben, sprechen die Fachkräfte wenig mit ihnen. Sorgeberechtigte Väter müssen Informationen, die das Kind bzw. ihre Partnerin betreffen, überwiegend aktiv einholen. Von einzelnen befragten Fachkräften wird angedeutet, dass sie im Alltag keine Zeit finden, Kontakt zum sorgeberechtigten Vater aufzunehmen. Bei besonderen Vorfällen, etwa bei Unfällen oder Auszug der (Ex‑) Partnerin und des Kindes aus der Einrichtung, scheint bei manchen Befragten eine Unsicherheit zu bestehen, ob der Leistungserbringer oder der Leistungsträger den sorgeberechtigten Kindsvater darüber in Kenntnis setzt: „Frau Albrecht: […] Eigentlich wird die Einrichtung ja nur dafür bezahlt, um mit Mutter und Kind zu arbeiten. Und deswegen ist das dann auch immer so, ja, so eine Grauzone, inwieweit man jetzt mit den Vätern arbeitet und inwieweit die einbezogen werden. Aber da haben wir eigentlich einen ganz guten Mittelweg gefunden: Also alles, was die Mutter und das Kind betrifft, wo der Vater direkt dran beteiligt ist – also meinetwegen Mutter und Kind fahren ins Krankenhaus, weil irgendwas vorgefallen ist – dann wird der Vater kontaktiert. Oder wir haben auch: Familienberatung wird bei uns angeboten. Und da nehmen die Väter dran teil. Und es hört dann da auf, wo der Vater dann seine eigenen Belange irgendwie bei uns bearbeiten will. Also so Beratung zwischen Tür und Angel findet auch noch statt. ‚Ah, du musst irgendwie zum Arbeitsamt?‘ Oder: ‚Dann kannst du da und da hingehen. Die und die Öffnungszeiten.‘ Aber wenn es dann soweit geht, dass/ Also wir begleiten zum Beispiel keine Termine von den Vätern, die dann wirklich für die persönlich sind, oder wir kümmern uns nicht um deren berufliche Perspektive oder/ Sondern das findet dann im Gespräch mit der Mutter zusammen statt, wo man dann vielleicht mal darüber spricht: ‚Wenn ihr zusammenziehen wollt, dann wäre es gut, wenn/‘“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 4). „Frau Keller: […] {Wir} hatten jetzt einen Fall, {Streichung} wo eine junge Mutter ganz spontan entschieden hat: Sie geht jetzt. Heute. (…) Und sie lässt ihr Kind hier. {Sie ging noch} am selben Tag und hat das Kind hiergelassen. (…) Und da hat das Kind/ Also da ist es so, die Mutter hat keinen Kontakt zum Kindsvater, also beziehungsweise immer wieder mal, aber das ist jetzt nichts Stabiles. {In solchen Fällen werden die Kindsväter nicht informiert.} Oft haben die Kindsväter nämlich auch, also, gar kein halbes Sorgerecht. Somit sind sie nicht in der Verpflichtung. In dem Moment, wo die {Kindsväter die Hälfte des Sorgerechts} haben, (…) informiert das Jugendamt oder wir den Vater, wenn es irgendwas 8.4.2 8 Empirische Ergebnisse 236 Größeres ist. Wenn das Kind in das Krankenhaus muss zum Beispiel“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 179). An den Hilfeplangesprächen sind die Kindsväter – den meisten Befragten zufolge – selten beteiligt. Lediglich in wenigen Fällen geben die Befragten an, Wert darauf zu legen, dass die Kindsväter bzw. Partner zu Aufnahmegesprächen und Hilfeplangesprächen eingeladen werden. Da der Leistungsträger für die Einladung zu den Hilfeplangesprächen zuständig ist, sehen manche befragten Fachkräfte die Hinwirkung auf die Beteiligung der Männer nicht in ihrer Verantwortung. Formalrechtlich ist tatsächlich der Leistungsträger verantwortlich für die Einladung zu Hilfeplangesprächen. Er hat damit den größten Einfluss darauf, wer an der Entscheidung über den Ein- und Auszug der Klientel bzw. an der Zielformulierung für die Hilfe teilhat, allerdings sind die Leistungsträger auf Informationen der Leistungserbringer angewiesen, welche Bezugspersonen zu Hilfeplangesprächen eingeladen werden könnten. Vor dem Hintergrund dieser Einflussmöglichkeit können die Aussagen der befragten Fachkräfte als Verdrängen der Mitverantwortung des pädagogischen Personals für die Einladung von männlichen Bezugspersonen zu Hilfeplangesprächen gedeutet werden. Die Aussagen der Fachkräfte in den Interviews deuten darauf hin, dass gegenüber minderjährigen Vätern besondere Skepsis vorherrscht, weil besonders Minderjährigen nicht zugetraut wird, langfristig eine stabile Partnerschaft aufbauen zu können. Sowohl vom Leistungsträger als auch vom Leistungserbringer werden minderjährige Eltern mit Kindern in Einzelfällen nicht als Familie wahr- und ernstgenommen. Teilweise scheinen Leistungsträger minderjährige Kindsväter nicht zu Hilfeplangesprächen einzuladen, weil sie davon ausgehen, dass kein Interesse an einer Teilhabe besteht: „Interviewerin: (…) Wie war das denn so die Beziehung zum Jugendamt. Haben die auch mit den Kindsvätern gesprochen […]? Frau Schneider: […] ich glaube, das eher nicht, weil es keine festen Partnerschaften waren. Interviewerin: Die waren dann zu schnell wieder vorbei, oder? Frau Schneider: Mhm (bejahend). Also (…) vielleicht hat man das auch nicht, also entweder war es halt so oder man hat das wahrscheinlich auch nicht so wahrgenommen oder ernstgenommen, wenn ein Mädchen, das 15 Jahre alt ist, (…) mit ihrem Freund ein Kind gezeugt hat. Da glaubt man ja sowieso nicht dran, dass die jetzt (…) noch für immer zusammenbleiben“ (vgl. Interview mit Frau Schneider, Abs. 135–138). Der Ausschluss des rechtlichen Vaters mit Sorgerecht für das Kind von Hilfeplangesprächen ist rechtswidrig. Der Leistungserbringer verletzt also mit der Unterlassung der Einladung zu Hilfeplangesprächen Rechte der Kindsväter. Die Daten der Studie deuten darauf hin, dass minderjährige Väter in diesem Zusammenhang in besonderem Maße diskriminiert werden. Ausbildung von Stereotypien zwischen Personal und Männern Angesichts des Umstands, dass die Hilfen nach § 19 SGB VIII häufig nicht freiwillig in Anspruch genommen werden und innerhalb der Einrichtungen den Elternteilen 8.4.3 8.4 Absonderung von Männern aus dem Alltag 237 eine „Überwachung“ ihres Verhaltens mit Informationsweitergabe an das Jugendamt droht, verwundert es nicht, dass die Klientel und ihre Lebenspartner der Hilfe selbst, dem Leistungsträger sowie dem Leistungserbringer ablehnend gegenüberstehen. Zwischen Personal und Klientel bilden sich Stereotypien aus, ein Kennzeichen totaler Institutionen (vgl. Abschnitt 6.4.1). Die Praxis, die Inanspruchnahme der Hilfe nach § 19 SGB VIII zu erzwingen, und die negativen Folgen für das Vertrauensverhältnis zwischen Klientel und Personal in den Einrichtungen stehen im Zusammenhang mit den Möglichkeiten, die (sozialen) Väter in den Alltag einzubinden. Schon allein, weil die Frauen meist in einem Zwangskontext in eine Mutter-Kind-Einrichtung einziehen, sind deren Partner häufig den Institutionen und ihrer Vertretungen gegenüber negativ eingestellt. „Frau Albrecht: […] Aber, ja, dadurch, dass halt der Anfang schon so gemacht wird irgendwie, ne? Ja, dass es mehr so eine aufgedrückte Maßnahme ist. Es ist ja keiner wirklich gezwungen, bei uns zu leben. Unsere Türen sind auch offen. Da kann jeder kommen und gehen, wann er will. Aber also sie sind ja/ Also es ist ja jetzt nicht so, dass die Mütter das bei uns als Familienurlaub oder irgendwie so was sehen. Also es ist schon immer mit so einer – erst mal – negativen Grundhaltung, dass die Mütter zu uns kommen. Und da ist dann natürlich auch ganz viel Arbeit erst mal vorhanden, um da diese Vorurteile oder dieses negative Gefühl so ein bisschen zu bearbeiten. Und auch dann bei den Partnern, ne? Also ich meine: Kann ich ja auch verstehen, ne? Wenn dann da das Jugendamt kommt und sagt: ‚Naja, also du kannst jetzt mit deiner Frau und deinem Kind nicht mehr zusammenleben. Die müssen in eine Einrichtung und du darfst aber nicht mitziehen. Du darfst gerne zu Besuch kommen, aber du bist jetzt erst mal außen vor.‘ Kann ich auch verstehen, dass da dann der Vater da nicht freudestrahlend auf uns zu kommt und sagt: ‚Na, ihr seid ja toll oder nett.‘“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 136). Es gibt in den Interviews Hinweise darauf, dass manche Männer den Leistungserbringer bzw. das pädagogische Personal als Vertretung der Institutionen als „Feind“ ansehen: „Frau Richter: […] Und wichtig ist einfach, dass sie [die Kindsväter und Partner, RH] uns nicht als ihre Feinde sehen, sondern als Unterstützung. Dann haben alle gute Chancen, sich zu entwickeln. […] Wir sind ja für viele einfach die Feinde, obwohl wir ja (…) anleiten wollen, mehr nicht“ (Interview mit Frau Richter, Abs. 177 und 390). Einige Männer möchten ihre Partnerin in ihrem Vorhaben unterstützen, möglichst schnell wieder aus der Einrichtung auszuziehen, indem sie gegen die Interessen des pädagogischen Personals arbeiten. „Frau Frank: Also die sind oft nicht präsent. Ich glaube, das kann man so als Fazit/ Die Kindesväter sind in der Regel zum überwiegenden Teil nicht präsent. Frau Neumann: Die arbeiten auch nicht gut mit uns zusammen. Frau Frank: Ja. Frau Neumann: Eher im Gegenteil. Dass die die Frauen negativ beeinflussen halt oft, leider auch. Finde ich. Frau Frank: Zu ihren Gunsten halt. Frau Neumann: Zu ihren Gunsten, natürlich“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 354–359). 8 Empirische Ergebnisse 238 Eine große Gruppe der befragten Fachkräfte beklagt, die Kindsväter wollten sich nicht am familiären Alltag beteiligen. Viele Befragte sind davon überzeugt, die Männer seien an pädagogischen Angeboten zum Umgang mit dem Kind wenig interessiert. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise unterstellt, das Ablehnen von Angeboten geschehe aus Desinteresse. Selten wird angenommen, dass innerpsychische Konflikte des Mannes der Grund für seine Abwesenheit sind. „Frau Schuster: […] Aber ich sage immer, wenn man was von denen [den Männern, RH] fordert, kann das halt nach hinten losgehen. Dann tun sie sich wieder rausziehen, ne? Also da muss man schon ein bisschen eine gewisse Sensibilität einfach auch haben. Und die Frau muss es dann auch erkennen: ‚Was bedeutet das jetzt, wenn der jetzt einfach nicht mehr kommt oder will mir nicht mehr helfen? Oder hat er kein Interesse am Kind? Oder nervt ihn das System hier?‘“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 88). Die Ergebnisse der vorliegenden Studie sprechen dafür, dass sich ein Teil der Kindsväter und neuen Partner von den überwiegend weiblichen Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen nicht akzeptiert fühlt. Neben den für Männer diskriminierenden Reglements kann auch das Fehlen von männlichen Mitarbeitern bei den (sozialen) Vätern zu dem Eindruck führen, sich in einer „Frauendomäne“ zu befinden, ein Exot zu sein und als solcher Ablehnung erwarten zu können. Dieser Eindruck kann bei den Männern auch dadurch entstehen, da Teilhaberechte von Männern am Alltag in den Mutter-Kind-Einrichtungen überwiegend durch Frauen reguliert werden. Gerade bei geschlechterrollenspezifischen Konflikten können Männer gehemmt sein, von den überwiegend weiblichen Pädagoginnen Unterstützung einzufordern. Dieser Zusammenhang könnte ein Grund für die geringe Nutzung der Hilfen durch Männer sein. Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern Fehlen einer rechtlichen Grundlage für die Unterbringung beider Eltern mit Kind Die meisten befragten Fachkräfte geben an, die Männer in den Alltag einbeziehen zu wollen, um auf die Zeit nach dem Aufenthalt in der Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung vorzubereiten und die Wahrscheinlichkeit für einen erfolgreichen Ausgang der Hilfe zu erhöhen. Den Kontakt zu männlichen Bezugspersonen sowie die Möglichkeit, den eigenen Vater kennenzulernen, halten die Befragten im Sinne der Kinder für wichtig. Auch im Hinblick auf den Wunsch, nach dem Auszug aus der Einrichtung ein gemeinsames Leben führen zu wollen, hält das Personal die Einbindung der Männer eigentlich für notwendig, um das gemeinsame Leben in der Einrichtung üben zu können. Die Kindsväter rücken nach Angaben der Interviewten also zunehmend in den Blick im Hilfeprozess: „Herr Berger: […] Es entsteht jetzt gerade in den letzten Jahren so ein Umdenken. Ich würde jetzt behaupten, dass man vor ein paar Jahren noch, bevor man/ Wenn es nicht möglich gewesen ist, die Mutter mit dem Kind unterzubringen, […] dass man eher zu einer Fremdunterbringung übergegangen wäre und gar nicht erst auf die Idee gekommen wäre, den Vater mal zu fragen: ‚Ist das was für Sie? Können Sie sich vorstellen, mit Ihrem 8.5 8.5.1 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 239 Kind in einer Einrichtung zu wohnen?‘ Dass man dann eher auf die Fremdunterbringung gegangen wäre. Und das ändert sich – glaube ich – gerade. Dass man realistisch anerkennt: ‚Mensch, es gibt noch einen zweiten Elternteil. […]‘“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 66). Allerdings ergäben sich Schwierigkeiten, weil die Einbindung der Männer im Regelfall nicht von den Leistungsträgern finanziert, sondern aus „Kulanz“ nebenbei in den Einrichtungen mit erledigt bzw. von den Kindsvätern und Partnern selbst getragen werden müsse: „Frau Horn: Nein. Also da gibt es keinerlei rechtliche Möglichkeit, das auch noch mit zu finanzieren. Das ist eine Kulanz. (…) Das ist eine Kulanz der Einrichtung, dass die Väter hier übernachten können. Und das ist (…) auch eine von uns im Prinzip, die auch unsere Haltung aber widerspiegelt, weil das ist eine Familie und die haben meistens auch den Plan, gemeinsam (…) auszuziehen. Also, oder die Väter haben schon eine Wohnung und/ Oder wie auch immer. Also auf jeden Fall ist ein Familienleben im Anschluss immer – nein, nicht immer – aber oft der Plan. Und von daher macht das ja Sinn, das vorher schon mit einzubeziehen und zumindest so weit wie möglich zu üben. Und (…) das ist dann wirklich (…), ja, ein zusätzliches Angebot. Das aber auf der anderen Seite nicht honoriert wird und nicht mitfinanziert werden kann. Und zwar dankend angenommen wird, aber nicht (…) mitfinanziert wird“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 83). Als Adressatinnen der Hilfen bezeichnen nahezu alle Befragten ausschließlich Mutter und Kind. Aufgrund des Mangels an Finanzierungsmöglichkeiten im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes können die Leistungsträger den Leistungserbringern keinen Auftrag dazu erteilen, den Mann mit in den Alltag einzubeziehen bzw. ihn gezielt pädagogisch und beraterisch zu fördern: „Frau Frank: Deswegen können wir die nicht/ Also, ja. Arbeiten wir wenig jetzt gezielt mit den Männern. Ist auch vom Jugendamt nicht unser Auftrag. Und vom Jugendamt ist ganz klar: Der Adressat der Hilfe ist Mutter mit Kind“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 169). „Frau Albrecht: […] wir würden eben nicht so Einzelangebote mit den Männern alleine machen, also weil das ist ja/ So viel gibt unser Betreuungsschlüssel auch nicht her, dass wir dann auch noch zu jeder Klientin oder jeder Mutter mit Kind noch den Vater mit betreuen, ne? Also nur wenn die Kinder mitfahren, sonst nicht“ (Interview mit Frau Albrecht, Abs. 12). Der weitgehende Ausschluss eines Elternteils, meist des männlichen, wird vom befragten Personal überwiegend mit dem Umstand begründet, vom Leistungsträger keine finanziellen Mittel für die Betreuung von zwei Elternteilen zu erhalten, weil § 19 SGB VIII so ausgelegt wird, nur einem Elternteil mit Kind gewährt werden zu können: „Frau Walter: […] Also es gibt kein Finanzierungsmodell, weil es einfach (…) jetzt/ Also wir haben das versucht. Aber das geht rein vom Gesetzestext und von dieser ganzen Beantragung geht das nicht. Also (…) da hatten wir uns schon Gedanken gemacht, dass man wirklich so ein Eltern-Kind-Wohnen macht. (…) Aber das ging nicht. Also man kann quasi nur über den Paragraphen eine einzelne Person quasi mit Kind dann aufnehmen“ (Interview mit Frau Walter, Abs. 114). Die Fachkräfte in den Einrichtungen befinden sich dann meist in dem Zwiespalt, sorgeberechtigten Männern den Zugang zu ihrem Kind nicht verwehren zu dürfen, 8 Empirische Ergebnisse 240 gleichzeitig aber ihnen weder Räumlichkeiten noch Ressourcen für deren Einbeziehen zur Verfügung stellen zu können. Die Zeit, die den pädagogischen Fachkräften zur Betreuung der Klientel in den Einrichtungen zur Verfügung steht, ist knapp bemessen. Das Gewinnstreben der Leistungserbringer und die Konkurrenz auf dem Markt führen für das Personal in den Wohnformen unter anderem dazu, dem Druck ausgesetzt zu sein, die pädagogische Arbeit möglichst schnell erledigen zu müssen. Eine Betreuung von Männern, die vom Leistungsträger nicht finanziert, aber trotzdem erbracht wird, wirft ein Gerechtigkeitsproblem auf. Die Fachkräfte müssen sich entscheiden, ob sie die ohnehin schon knapp bemessene Zeit für die Betreuung der Frauen weiter minimieren, um ihrem Partner bzw. dem Kindsvater die benötigte Hilfe zukommen zu lassen. Die befragte Fachkraft Frau Baumann beschreibt die Lage wie folgt: „Frau Baumann: Also für den Mutter-Kind-Bereich wünsche ich mir tatsächlich, dass da nochmal mehr Geld in die Hand genommen wird […] Und für die Väter würde ich mir tatsächlich auch nochmal andere Hilfsmöglichkeiten wünschen. Also wir arbeiten viel mit den Vätern […], weil wir es wichtig finden. Und eigentlich bräuchten wir auch dafür Geld, Personal und ein Konzept. […] Aber ich denke, versuchen kann man das schon, denn auch da gibt es ja […] auch Menschen, die vielleicht so eine Inobhutnahme abwenden. […] Langfristig würde das Jugendamt Geld sparen. […] Und das wird oft vergessen, dass (…) die Väter nicht nur das Recht haben, sondern sicherlich auch, ja, gut die Möglichkeiten. Also es sind oft junge Männer, die das auch wollen und die auch wickeln üben wollen und baden wollen und üben wollen: Wie füttere ich mein Kind? Und die auch wissen wollen: Was ist denn schlecht für mein Kind? Und das müsste man eigentlich frühzeitig unterstützen, und zwar regulär und nicht mal so nebenbei. Das würde ich mir wünschen“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 122–124). Einige Interviewte sind sich darüber bewusst, dass die Ausübung des Hausrechts die sorgeberechtigten Väter in der Wahrnehmung ihrer Rechte einschränkt, und stellen sich die Frage, wie sie damit umgehen sollen. „Frau Baumann: […] Also, wenn wir eine Position beziehen müssen, dann zu der Frau. Die wohnt bei uns. Die betreuen wir. Das ist so. Also da sind wir parteiisch. Und das ist dann auch ungerecht“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 88). „Frau Horn: […] Also ich finde das immer schwierig auf der einen Seite, weil ich denke: Wenn wir die Möglichkeit hätten mit der ganzen Familie zu arbeiten, dann hätten wir auch andere Möglichkeiten, […] eine Unterstützung zu bieten […]. Es ist auch immer ein Ablehnen der Vater-Kind-Beziehung. […] Also ich schließe den Vater auch aus der Erziehung seines Kindes aus. Und oft haben die Väter auch/ Die sind mit erziehungsberechtigt und so. Also die Frauen haben nicht alle das alleinige Sorgerecht. Und (…) dann darf ich das rechtlich eigentlich auch gar nicht, ihm den Zugang zu seinem Kind verwehren. Und (…) das ist dann schon auch, (…) ja, mehr als schwierig“ (Interview mit Frau Horn, Abs. 115). Auch durch die Rechtsnorm wird also der Zustand des Alleinerziehens manifestiert. Nur in Einzelfällen gelingt es dem Leistungserbringer, mit dem Leistungsträger als Sonderregelung die Finanzierung von Hilfen für Kindsväter und Partner oder Familien mit beiden Elternteilen auszuhandeln. In einer Einrichtung konnten beim Leistungsträger zusätzliche Mittel für therapeutische Eltern- und Paargespräche beantragt werden. Trotz aller Widrigkeiten bezüglich der rechtlichen und finanziellen Rahmen- 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 241 bedingungen wurde in mehreren Einrichtungen ein Paar mit Kind(ern) untergebracht. Allerdings erforderte dies vom Leistungserbringer veränderte Verwaltungsvorgänge und ein Umdenken im Vergleich zu „normalen Fällen“: „Herr Berger: […] Hier ist es jetzt der Fall, dass wir, weil der Fall so schwierig ist, {Streichung} einen Ehepartner aufnehmen, wo die Mutter, also die Ehefrau, schon hier wohnt mit {ihrem Neugeborenen}. Und der Vater wohnt in einer Mutter/Vater-Kind-Einrichtung {in einem anderen Ort mit dem älteren Kind}. Und wir fügen jetzt die ganze Familie hier zusammen. Was für uns auch strukturell nochmal eine ganz neue Anforderung bedeutet, ne? Wie behandelt man den Fall? […] Machen wir eben die Bezugspädagogenarbeit so wie bisher? […] Wir stellen uns da gerade so ein bisschen neu auf. […] Bieten wir diesem Ehepaar die Möglichkeit, ein Zimmer zu bewohnen, und machen dann zwei Kinderzimmer? […] Was ist, wenn die beiden, ja, in einen persönlichen Konflikt geraten? Haben die Rückzugsmöglichkeiten? Und es sieht jetzt so aus, als würden wir es erst mal zwei getrennte Fälle behandeln, die auch auf zwei verschiedenen Etagen hier wohnen. Ob das dann den beiden so gefällt, müssen wir mal schauen irgendwie (lächelt)“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 2–5). Konzepte für die Unterbringung von beiden Elternteilen mit Kind(ern) fehlen also bisher in den meisten Einrichtungen, in denen im Rahmen der Studie Interviews geführt wurden. Dies kann dazu führen, dass Paare innerhalb einer Einrichtung gegen den Willen der Familienmitglieder in voneinander getrennten Räumlichkeiten untergebracht werden. Beschränkung des sozialen Kontakts durch die Bauweise der Institutionen In allen Einrichtungen, über die Informationen gewonnen wurden, wohnen Alleinerziehende in Zimmern oder Wohneinheiten, welche dem Leistungserbringer gehören oder von diesem angemietet wurden. Manche Leistungserbringer bieten – überwiegend in Form der sogenannten „Nachbetreuung“ nach einem Aufenthalt in einem intensiver betreuten Angebot – Betreuung im privaten Wohnraum der Klientel an. Durch eine Einrichtung wird nach § 19 SGB VIII die Betreuung in einer Tagesgruppe offeriert. Im Laufe der Befragung stellte sich heraus, dass die Bezeichnungen für die Wohnformen, beispielsweise „Wohnung“, „Wohngemeinschaft“ und „Apartment“, für jeweils verschiedene Settings hinsichtlich der Räumlichkeiten in den Einrichtungen genutzt werden. Für eine Analyse, welcher Wohnraum der Klientel tatsächlich zur alleinigen Nutzung zur Verfügung steht, musste deshalb genauer nachgefragt werden. Folgende Informationen konnten ermittelt werden: 8.5.2 8 Empirische Ergebnisse 242 Räumlichkeiten in den Einrichtungen Name des Trägers (anonymisiert) Anzahl der Plätze Räumlichkeiten, die der Klientel vom Leistungserbringer zur alleinigen Verfügung gestellt werden (ohne Gruppenräume) überwiegendes Alter der Klientel Wohnheim Sankt Benedikt 13 jeweils ein „Zwei-Zimmer-Apartment“; in manchen Apartments ist ein Zimmer mit einer Küchenzeile ausgestattet; zusätzlich existiert ein „Übergangszimmer“ für Schwangere, das aber auch mit einer Tür zu einem Apartment geöffnet werden kann, sodass ein Dreizimmerapartment entsteht 14–21 Mutter-Kind- Wohnen am Markt 12 jeweils 2 Zimmer auf zusammen 20 qm 14–18 Mutter-Kind- Gruppe Eva 9 jeweils „Apartments“ bestehend aus 2 Zimmern plus Bad; das kleinere der beiden Zimmer soll als Kinderzimmer genutzt werden, im größeren ist eine Küchenzeile eingebaut 14–18 Flexible Hilfen GmbH 1 Wohngemeinschaft mit insgesamt 3 Zimmern, wobei die Mutter mit Kind mit einer anderen Jugendlichen mit Kind zusammen die drei Zimmer nutzt; Bad und Küche werden gemeinschaftlich genutzt; wie viel Raum die Mutter mit Kind jeweils allein bewohnt, bleibt unklar ≈ 18 Haus am Steinweg 7 jeweils „abgeschlossene Wohnungen“ unterschiedlicher Größe mit je 2 Zimmern, einer Küche und einem Bad 20–25 Jugendhilfe Heilige Elisabeth 7 jeweils „Zwei-Zimmer-Apartments“ unterschiedlicher Größe inklusive Bad und separater Küche 15 bis > 20 Marienhäuser 14 jeweils „Wohnungen“ mit einer Küche, Bad und Schafzimmer 16–30 Diakonische Hilfe 13 jeweils „Zwei-Zimmer-Wohnungen“ bestehend aus Wohn‑/Schlafraum, Kinderzimmer, Küche, Dusche und Abstellraum 20–40 Mutter-Jesu- Haus 14 10 Zwei-Zimmer-Apartments mit Bad, 4 Plätze in Wohngemeinschaften zur „Verselbstständigung“ 17–32 Tabelle 6. 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 243 Mutter-Vater- Kind-Wohnen Bambi 4 4 abgeschlossene Wohnbereiche, Küche und Bäder werden gemeinschaftlich genutzt 18–30 Familienhilfen e.V. Clearing: 12; stationär: 4; teilstationär: 12; ambulant: nach Bedarf Clearing und stationäres Angebot: Wohnungen für Familien mit bis zu 4 Kindern auf dem Gelände des Trägers, 2 Zimmer pro Familie, Gemeinschaftsküche; zum Teil können den Wohnungen eigene Küchen oder zusätzliche Räume „zugeschaltet“ werden Teilstationäres Angebot: Familien wohnen in einer eigenen Wohnung in der Region und besuchen an 4 Tagen in der Woche die Gruppenräume in der Einrichtung Ambulantes Angebot: Betreuung im Wohnraum der Familie 14 bis > 70 (es werden z. T. auch Großeltern mit Enkeln betreut) Josephswerk 12 jeweils Zwei-Zimmer-Apartments, zum Teil mit Küchenzeile im Wohn‑/Schlafraum des Elternteils, zum anderen Teil mit separater Küche Mitte 20 Individuelle Sozialpädagogik e.V. 6 5 Zwei-Zimmer-Apartments, 1 Einzelzimmer 14–18 Initiative MuVaKi 6 2 Wohngemeinschaften für jeweils 3 Elternteile mit Kind mit insgesamt 120 qm; Elternteile schlafen mit ihren Kindern jeweils in einem Raum, Wohnzimmer, Küche und Bad werden gemeinsam benutzt bis 18 Smile GbR 4 jeweils „Zwei-Zimmer-Apartments“ mit einem Schlafraum für den Elternteil und Kind, einem Wohnraum mit Küche und einem Bad 20–27 Evangelische Jugendhilfe Singstadt 6 jeweils „Zwei-Zimmer-Apartments“ mit separatem Bad; Küche wird gemeinschaftlich genutzt; zusätzlich stehen „Verselbstständigungsapartments“ zur Verfügung, die eine ähnliche Ausstattung, zusätzlich mit separater Küche, besitzen 18–44 8 Empirische Ergebnisse 244 Mutter‑/Vater- Kind-Betreuung Biegelbach 6 5 x jeweils 2 Zimmer für den Elternteil mit Kind; Küche und Bad werden gemeinschaftlich genutzt; 1 Verselbstständigungsapartment mit eigenem Bad und eigener Küche keine Angabe Wirbelwind gGmbH 8 Wohngemeinschaften für jeweils 2 oder 3 Mütter mit Kind; Bäder und Küchen werden gemeinschaftlich genutzt; den Schwangeren/Müttern mit Kind steht jeweils nur ein Zimmer zur Verfügung 16–21 Kinderheim Diegersmoor 9 „Gruppe“ mit Einzelzimmern mit Bad für Mutter und Kind; Küche wird gemeinsam genutzt; wenn das Kind älter wird, bezieht es ein eigenes Zimmer neben dem der Mutter; 2 Wohnungen zur „Verselbstständigung“ mit einem Wohn‑/Schlafraum, einem Kinderzimmer, Küche und Bad ab 13 In vier Einrichtungen – alle mit einer überwiegend minderjährigen Klientel – steht den Müttern mit Kind entweder jeweils nur ein Zimmer zur Verfügung („Initiative MuVaKi“, „Wirbelwind gGmbH“) oder nicht alle Klientinnen mit Kind werden in zwei Zimmern untergebracht („Flexible Hilfen gGmbH“, „Kinderheim Diegersmoor“). In den übrigen Einrichtungen nutzen die Elternteile mit Kind bzw. Schwangeren zwei Zimmer. Bei der Auswertung der Interviews wurde deutlich, dass es bei sogenannten Zwei-Zimmer-Apartments, ‑Wohneinheiten bzw. ‑Wohnungen jeweils – selbst innerhalb einer Einrichtung – variieren kann, ob dem Elternteil mit Kind eine eigene Küche und ein eigenes Bad zur Verfügung steht oder ob er diese Räume mit anderen Klientinnen (und Klienten) bzw. ihren Kindern teilen muss. Nur in zwei Einrichtungen kann/können eine oder mehrere Wohnungen bzw. Apartments durch Öffnung einer Tür zu einem angrenzenden Zimmer vergrößert werden, sodass der entsprechenden Familie mehr als zwei Zimmer zur Verfügung stehen. Dies ist der Fall im Wohnheim Sankt Benedikt und im Verein „Familienhilfen“. Die Raumsituation hat Auswirkungen auf die Möglichkeit, Männer in den Alltag zu integrieren. Dieser Zusammenhang soll in den folgenden Abschnitten dargelegt werden. Bauliche Situation – Erbe aus der Zeit der Fürsorgeerziehung In fast allen Mutter-(/Vater‑)Kind-Häusern, über welche die Fachkräfte Auskunft gaben, wurde zum Interviewzeitpunkt um- bzw. neugebaut, war ein Neu‑ bzw. Umbau in Planung oder abgeschlossen. Meist waren die räumlichen Veränderungen durch Veränderungen der Ansprüche an Möglichkeiten der selbstbestimmten Lebensfüh- 8.5.2.1 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 245 rung der Klientel motiviert: Die Mütter sollten die Gelegenheit bekommen, selbst zu kochen und zu waschen und das Kind im eigenen Kinderzimmer so oft wie möglich eigenständig zu betreuen, um auf ein selbstständigeres Leben vorbereitet zu werden. In der „Mutter-Kind-Gruppe Eva“ stand noch bis vor Kurzem die räumliche Situation dem Anspruch, der Klientel Selbstbestimmung zu ermöglichen, grundsätzlich entgegen. Frau Lehmann berichtet Folgendes: „Frau Lehmann: […] Und (…) in der Vergangenheit, […] haben die ja mit ihrem Kind ein Zimmer geteilt. Und dann war Übernachtungsbesuch, egal wer, war gar nicht möglich. Das ging einfach nicht. Die haben in dem Zimmer gelebt, das war so klein, hier wo man gerade mein Schreibtisch steht. Neun Quadratmeter. Interviewerin: Neun Quadratmeter hatten die früher. Das ist jetzt schon/ Frau Lehmann: Das war ein ganz veraltetes System. […] Jedenfalls jetzt ist das ja anders. Jetzt können die Kinder in ihrem Zimmer sowohl schlafen und Mutter hat ihr Zimmer auch für Besuch. Oder mal fernsehen, Freundinnen, Freund Besuch zu kriegen, auch Übernachtungsbesuch. Und eben, das ist aber auch ein Punkt mit den Besuchsregelungen, wie bei allen anderen Regelungen, was sich ändern kann. Und auch teilweise sollte. Nur das geht nicht von heute auf morgen. Wir sind jetzt erst gerade nur umgezogen in die Räumlichkeiten. Müssen noch landen. Und dann gehen wir an die Entwicklung, Weiterentwicklung des Konzeptionellen, des inhaltlichen (…) Konzeptes. Interviewerin: Sie haben ja schon unheimlich viel geleistet in den letzten Jahren //an Weiterentwicklung.// Frau Lehmann: //Das war wirklich so.// Ja. Auf jeden Fall. Also vielleicht kurz eben einen //Rückblick,// wie es früher war? Interviewerin: //Genau.// Frau Lehmann: Also […] Ende der Sechzigerjahre ist das Haus gebaut worden. […] Und da das in den Endsechzigern entwickelt wurde, war der Entwurf hier für die Mutter-Kind- Gruppe […] damals sehr fortschrittlich. Das war so gedacht, dass die jungen Mädchen, die ja noch zur Schule gehen, und dann aber plötzlich schwanger wurden, dass denen doch ermöglicht werden sollte, dass sie ihre Schule oder Ausbildung fertig machen. Und (…) sozusagen ein Zimmer haben und auch nicht kochen müssen und nicht waschen müssen. Das wurde alles gemacht sozusagen. Und (…) die Kinder versorgt werden, betreut werden. Und dann war das eher so/ Der Spielbereich […] das war eher so/ Das war auch ein Spielzimmer, aber es war (…) nicht, dass da die Betten jetzt so standen, aber es war eher wie so früher die Krankenhäuser waren. Das Säuglingszimmer. Ja, also man hatte eher so diese Einstellung: Die Mutter entlasten. Also die Kinder werden versorgt. Und Mutter kann dann/ wird auch entlastet. So. Und das war natürlich schon sehr fortschrittlich diesen Müttern überhaupt diesen Platz zu geben. Aber das ist ja weit weg von dem, was man heute denn pädagogisch sieht“ (Interview mit Frau Lehmann, Abs. 59–67). Frau Lehmann berichtet, dass die Einrichtung in der Tradition der klassischen Mutter-Kind-Heime steht. Vor dem Umbau verfügte jede Mutter mit Kind nur über einen neun Quadratmeter großen Raum. Mittlerweile bewohnen die Frauen mit Kind bzw. Schwangeren größere Zwei-Zimmer-Apartments. Es fällt auf, dass erst verhältnismä- ßig spät – über vierzig Jahre nach der Heimrevolte – ein Umbau umgesetzt wurde. Auch andere Mutter-Kind-Einrichtungen befinden sich noch in Häusern, in denen Fürsorgeerziehung für „gefallene Mädchen“ stattfand. Mindestens drei Einrichtungen, nämlich das „Mutter-Jesu-Haus“, die „Diakonische Hilfe“ und die „Mutter-Kind- Gruppe Eva“, wurden in der Vergangenheit von Nonnen geleitet. In der „Diakonischen Hilfe“ und der „Mutter-Kind-Gruppe Eva“ gab es vor dem Umbau Säuglings- 8 Empirische Ergebnisse 246 zimmer und die Kinder wurden getrennt von ihren Müttern untergebracht. Zu räumlicher Enge und in der Folge zu beschränkten Zugangsmöglichkeiten für Männer kommt es auch in „modernen“ bzw. „reformorientierten“ Einrichtungen. Beim Besuch der Einrichtung durch die Interviewerin im Rahmen der vorliegenden Studie stellte sich heraus, dass ein Teil der Einrichtungen immer noch geographisch isoliert liegen, wodurch der soziale Kontakt eingeschränkt werden kann. Umbauten und Neubauten In einigen Einrichtungen wurden neue Räumlichkeiten baulich erschlossen oder angemietet, um das Angebot an die erhöhte Nachfrage anzupassen. Die benötigte räumliche Flexibilität, um auf Anfragen flexibel reagieren zu können, ist jedoch auch in diesen Institutionen nur schwerlich planbar. In anderen Einrichtungen herrscht ständig Platzmangel, weil die Vergrößerung (noch) nicht erfolgt ist. Aufgrund finanzieller Erwägungen nimmt der Träger aber zum Teil trotzdem weitere Klientinnen auf, was im Alltag zu Platzmangel führt. Der Trend eines steigenden Bedarfs an Hilfen nach § 19 SGB VIII in den letzten Jahren wirkt sich so auf die Raumsituation im Alltag in den Einrichtungen aus. In den Interviews wird unter anderem von „Überbelegungszimmern“, „Übergangszimmern“ und „Notplätzen“ gesprochen. Hier deutet sich an, dass die Nutzung der Räume ursprünglich nur als Übergangslösung vorgesehen war, sich mittlerweile aber etabliert hat. Problematisch daran ist, dass die Zimmer meistens zu klein sind, um eine Mutter mit Kind adäquat darin unterzubringen: „Herr Berger: Wir haben ein Überbelegungszimmer, das wir grundsätzlich leer halten für Notaufnahmen, wie häusliche Gewalt, Trennung vom Partner. (…) Es gibt die tollsten Sachen, weswegen Jugendämter manchmal anrufen und dann ganz schnell belegen müssen. Da sind wir, versuchen da ein Höchstmaß an Flexibilität zu liefern“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 17). „Frau Fischer: […] Und ansonsten haben wir die Möglichkeit, dass neun Frauen bei uns leben könnten, wobei der neunte Platz sozusagen ein Inobhutnahmeplatz ist. Der wird von uns nur dann belegt, wenn wir wissen, dass gerade ein Auszug ansteht und es einfach nur zu einer Überschneidung kommt“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 6). „Frau Fuchs: […] wir haben ein Apartment, was wir erweitern können mit einer Zwischentür, was eigentlich nur so unser Übergangszimmer ist. Falls wir mal gerade Platznot haben, aber belegen müssen, kommen die dann in dieses Mittelzimmer. Aber diese Apartments rechts und links davon können diese Verbindungstür öffnen. Das heißt, dann haben wir halt drei Zimmer für Mutter-Vater-Kind-Einheiten. Das (…) haben wir uns extra so überlegt, dass wir diesen Raum extra noch dazu machen können, aber auch trotzdem die Tür auch fest verschließen können, weil es einfach nicht die Regel ist“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 126). Selbst in Einrichtungen, in denen der Umbau bereits erfolgt ist, sind die Wohnräume nach der Vergrößerung immer noch überwiegend darauf ausgerichtet, zwei Personen – nämlich Mutter und Kind – unterzubringen. Es ist davon auszugehen, dass bei der Planung der Umbauten die Bedarfe von Familien mit beiden Elternteilen selten diskutiert bzw. berücksichtigt wurden. „Frau Schuster: […] Und es steht ein Umbau an. Das heißt, wir vergrößern uns zukünftig. Das heißt, dann werden wir das ganze Haus hier haben und dann auch noch aufstocken 8.5.2.2 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 247 an Plätzen. Mit Intensivbetreuung und Apartmentwohnen, genau. Also bei uns ist sehr viel Umbruch jetzt im Moment. Also es ist schon auch eine schwierige Umstellung. Wir sind kein großes Team und das alles zu stemmen mit Wochenende und Feiertag, das – merke ich – das zehrt einen an den Kräften. […] Zur Einrichtung kann ich noch sagen, dass wir im Moment ein kleines Büro haben. {Und in dem gleichen Gebäude, in dem auch die Mutter-Kind-Einrichtung ist, befindet sich noch ein anderes soziales Angebot.} Das heißt, wir teilen mit unserem Team praktisch ein kleines Büro (lächelt). Das ist manchmal sehr schwierig, ja, dann auch auszuweichen. {Streichung} Wir haben halt einfach nicht so viel Platz. Aber das ist schon immer Thema. Und ich denke, da müssen wir jetzt einfach noch ausharren, bis dann {das andere soziale Angebot} ausgezogen ist und wir dann umbauen und dann einfach mehr Platz haben“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 2). Vor den Umbauten war es in mehreren Einrichtungen nicht erlaubt, Übernachtungsbesuch zu empfangen, da für die Kinder kein separates Zimmer vorgesehen war. Größe der Räumlichkeiten Das zu den Zeitpunkten des jeweiligen Interviews beschäftigte pädagogische Personal äußert sich nicht über die tatsächliche Größe der Räumlichkeiten, die die Elternteile mit ihren Kindern allein nutzen dürfen. Hinweise gibt allerdings eine ehemalige Praktikantin in einer Mutter-Kind-Einrichtung im deutschsprachigen Ausland. Sie schildert die Situation wie folgt: „Frau Schneider: Ja. Die meisten hatten zwei Zimmer. Also so ein (…)/ Wenn man rein kam, so ein größeres Zimmer. Und dann noch ein (…) Schlaf- und Babyzimmer nebenan. Und das ist aber schon auf engstem Raum gewesen. Also (…) vielleicht so (…) 20 Quadratmeter für beide“ (Interview mit Frau Schneider, Abs. 32). Die Einrichtung „Initiative MuVaKi“ bringt ihre Klientinnen in Drei-Zimmer-Wohnungen unter, wobei jeweils zwei Mütter mit Kind eine solche Wohnung beziehen. Die Grundfläche der zur Verfügung stehenden Wohnung ist zwar größer, außer den Schlafräumen müssen dort jedoch alle anderen Zimmer mit den übrigen Bewohnerinnen geteilt werden. „Frau Fischer: Also die haben in jeder Wohnung – wie gesagt – ein Zimmer […]. Und dann gibt es ein Wohnzimmer. Dann gibt es noch eine Küche. Und ein Badezimmer. […] Die Wohnungen sind circa 120 Quadratmeter. Das heißt, es sind schon […a]uch große Wohnungen“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 34–40). Mehrere befragte Fachkräfte halten die Größe der Wohnung, die den Klientinnen vom Leistungserbringer zur Verfügung gestellt wurde, für angemessen, weil sie sich an den Hartz IV-Vorgaben orientiere. Es wird die Haltung vertreten, die Alleinerziehenden an knappen Lebensraum gewöhnen zu müssen. „Frau Fischer: […] Häufig ist das aber einfach auch so, dass die Frauen, wenn die hier ausziehen, (…) nicht eigenständig finanziell abgesichert sind, sondern dann teilweise doch Hartz IV beziehen und dann ja auch einfach eine gewisse Wohnungsgröße, ein gewisser Wohnungspreis vorgegeben ist. Wo es dann auch oft so ist, dass wenn die alleine mit dem Kind ausziehen, doch nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung haben. Das heißt, die leben ja dann auch auf kleinen engen Räumen und haben dann nicht diesen Platz, den die eventuell auch hier haben. So gewöhnt man die dann auch/ Also so fällt das auch Mutter und 8.5.2.3 8 Empirische Ergebnisse 248 Kind später nicht schwer, indem sie sich so auf einmal wieder an ein gemeinsames Zimmer vielleicht gewöhnen müssen“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 38). Kritisch kann hier allein die Grundhaltung gesehen werden, Menschen an Armut gewöhnen zu wollen, sowie die fehlende Bereitschaft, der Klientel zumindest während des Aufenthalts in der Einrichtung bessere Lebenschancen zu eröffnen. Darüber hinaus zeigt sich jedoch zusätzlich Folgendes: Tatsächlich orientiert sich die Größe der Wohnräume noch nicht einmal an den offiziellen Vorgaben. Es ist davon auszugehen, dass die Alleinerziehenden mit Kind(ern) zum Teil in unangemessen kleinen Wohnungen untergebracht werden, die dem Bedarf der Familien nicht entsprechen und hinsichtlich ihrer Größe weit unter den Standards liegen, die außerhalb der Einrichtung als Mindestmaß gelten. Dies soll im Folgenden gezeigt werden: Die Mindeststandards für Wohnraumgrößen werden üblicherweise im Rahmen der Berechnung von Sozialleistungen festgesetzt. Für Deutschland gelten außerhalb der Einrichtungen die aus dem früheren Sozialhilferecht übernommenen Regelwerte als angemessen: für eine Person eine Wohnung mit etwa 45 Quadratmetern; für jede weitere in der Bedarfsgemeinschaft lebende Person werden jeweils 15 Quadratmeter mehr hinzugezählt, wobei Säuglinge nicht berechnet werden. In Österreich gibt es die sogenannte Wohnbeihilfe, die auf Landesebene geregelt wird. Die Wohnraumgrößen, die bei der Berechnung der Wohnbeihilfe als angemessen gelten, differieren unter den Ländern, liegen aber entweder gleich hoch oder höher als diejenigen, welche der Berechnung von Hartz IV zugrunde liegen (Amt der Burgenländischen Landesregierung, 2016; Amt der Kärntner Landesregierung, 2015; Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, 2015; Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, 2016; Amt der Salzburger Landesregierung, 2016; Amt der Steiermärkischen Landesregierung, 2016; Amt der Tiroler Landesregierung, 2016; Amt der Vorarlberger Landesregierung, 2016; Magistrat der Stadt Wien, 2016). Für die Schweiz definiert das Bundesamt für Wohnungswesen als Mindest-Netto-Wohnfläche für einen Ein-Personen- Haushalt 40 Quadratmeter, bei größeren Haushalten werden für jede weitere Person 10 Quadratmeter hinzugerechnet (vgl. Schweizer Bundesamt für Wohnungswesen, 2007). Es zeigt sich, dass im „Mutter-Kind-Wohnen am Markt“, wo Frau Schneider ihr Praktikum absolvierte, der Wohnraum für die Mutter mit Kind weit unter den Vorgaben liegt, die in anderen Zusammenhängen als angemessen definiert werden. Es stellt sich die Frage, ob die Größe der Räumlichkeiten, die der Klientel zur alleinigen Nutzung zur Verfügung stehen, ein Qualitätsmerkmal für Jugendämter ist, ob hierzu mittels Leistungsbeschreibungen oder gar Ortsbegehungen Informationen eingeholt werden und als Grundlage der Vereinbarung zwischen Leistungsträger und -erbringer dienen. Dies ist in allen Aspekten nicht der Fall. Da in den Häusern insgesamt in vielen Fällen Raum knapp ist, stellt es für das pädagogische Personal meist eine besonders große Herausforderung dar, Männer in den Hilfeprozess zu integrieren. Wenn die Frauen den Besuch in ihrem Wohnraum innerhalb der Einrichtung verweigern, steht das pädagogische Personal vor der Herausforderung, dem Mann die Besuchskontakte seines Kindes an anderen Orten zu ermöglichen. In manchen Fällen misslingt dies aus Platzmangel innerhalb des Hauses, was dazu führen kann, dass Treffen unterbleiben. Als Ausweichmöglichkeit werden 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 249 Besuche zum Teil im öffentlichen Bereich, beispielsweise auf einem Spielplatz, organisiert. Allerdings entspricht ein Treffen außerhalb von Gebäuden nicht in jedem Fall den Bedürfnissen der Kinder, besonders nicht, wenn das Wetter schlecht oder das Kind zu jung ist, um auf einem Spielplatz zu spielen. Es ist davon auszugehen, dass die räumliche Situation die Gestaltungsmöglichkeiten derjenigen Kindsväter im Umgang mit dem Kind im Alltag beträchtlich einschränkt, die getrennt von der Ex-Partnerin leben und denen diese den Zugang zu den Räumlichkeiten in der Einrichtung versagt. Meist beeinflussen die räumlichen Gegebenheiten, welche Regelungen in Bezug auf Übernachtungen aufgestellt werden (müssen). In der Wirbelwind gGmbH dürfen Männer zwar am Wochenende zu Besuch kommen, allerdings nicht alle gleichzeitig, da sonst die Wohngemeinschaft überfüllt sei (Interview mit Frau Sauer, Abs. 44). In Wohngruppen, in denen sich Gemeinschaftsräume geteilt werden, müssen häufig die übrigen Bewohnerinnen um Einverständnis gebeten werden, bevor männlicher Besuch empfangen werden darf. Social Networks und Nachrichten-Apps als virtuelle Freiräume in der totalen Institution Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass das Kennenlernen häufig über Social Networks im Internet bzw. über Nachrichten-Apps mittels Smartphone stattfindet. So lernte beispielsweise die befragte Klientin Frau Gruber den Vater ihres Kindes kennen (vgl. Interview mit Frau Gruber, Abs. 52) und Frau Weber ihren neuen Partner (vgl. Interview mit Frau Weber, Abs. 263). Auch die befragten Fachkräfte berichten über diese Kommunikationswege der Klientel bei der Partnersuche: „Frau Neumann: Meistens über Internet wohl jetzt kennengelernt, weil die sonst überhaupt keine //Kontaktpunkte// haben, ja? Frau Koch: //Ist aber sehr wichtig auch für die.// […] Frau Frank: Und dadurch/ Und das ist halt immer ein bisschen problematisch, wie wir das feststellen, weil man sich eigentlich nicht richtig kennenlernt“ (Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 49–50 und 62–64). Die Plattformen werden auch deshalb gewählt, um mit Männern in Kontakt zu treten, weil sich der Klientel dazu wenig andere Möglichkeiten bieten. Vom Personal wird der Weg über Kommunikationsplattformen im Internet problematisiert, weil es dazu führe, dass die Klientel ihre Partner „nicht richtig“, also nur oberflächlich kenne. Frau Fischer problematisiert im Zusammenhang mit dem Kennenlernen über Social Networks, dass diese Plattformen den Müttern die Möglichkeiten eröffnen, nach der Geburt eines Kindes und einer erfolgten Trennung sich nicht auf das „Leben mit Kind“ zu „konzentrieren“, sondern gleich einen neuen Partner zu suchen: „Frau Fischer: […] Dass Frauen sich vom Partner getrennt haben und auch einfach erst mal sagen: ‚Nein. Ich gehe jetzt erst einmal auf Abstand. Und jetzt will ich auch hier wieder schnell ausziehen und konzentriere mich jetzt erst mal auf mein Leben mit Kind, dass ich das auf die Reihe kriege.‘ Aber über die heutigen Medien/ Also das haben wir einfach festgestellt, dass die jungen Frauen ja heute auch sehr aktiv im Internet sind über Facebook oder Sonstiges und dass man da dann einfach schneller Kontakte (lächelt) scheinbar 8.5.2.4 8 Empirische Ergebnisse 250 knüpft und neue Leute kennenlernt, als es noch vor geraumer Zeit war. Also das stellen wir immer wieder fest, dass da (…) das irgendwie schneller passiert, wie auch immer (lächelt)“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 62). Die Fachkräfte versuchen zum Teil, auf die virtuellen Räume durch Handy- und Internetverbote Einfluss zu erhalten, da diese Freiräume auch anders genutzt werden, als vom pädagogischen Personal gewollt ist: „Frau Richter: Mhm (bejahend). Ja. Und sonst sind die Medien hier sowieso ein Problem. […] Handys, ne? Frau Winter: Handys und Facebook und das WhatsApp. Frau Richter: Ja, Handys. Frau Winter: Da gab es schon oft Ärger. Frau Richter: […] zum Beispiel: Die Mütter sollen auch während der Versorgung ihrer Kinder die Handys nicht benutzen, ne? Wenn man dabei ist, tun sie es nicht. Aber ansonsten tun sie es natürlich doch, ne? Also sind da noch die Handys noch wichtiger als die Kinder. Frau Winter: […] Genau. Manche Männer, die sind ja auch wirklich so/ {Einer fällt mir ein.} Der hat Tag und Nacht angerufen. […] Die war nur am Telefonieren und hatte entweder das Handy am Ohr oder auf Lautsprecher. Als sie das Kind gefüttert hat. Als das Kind fertig und umgezogen hat. Der war immer am Telefon. Also der hat die auch wirklich kontrolliert, wollte immer wissen, was sie macht. Wenn man mal dabei war, also da klingelte bestimmt alle zwei Minuten das Handy. Und dann wollte er direkt immer wissen, was sie jetzt macht, warum sie nicht drangegangen ist. Also überhaupt kein Verständnis, dass das Kind jetzt mal versorgt werden muss und sie sich mal ein paar Minuten nicht meldet, ne? […] Und auch nachts, ne? Die Frau war noch im Wochenbett und er hat die ganze Nacht mit ihr telefoniert. Und die war tagsüber dementsprechend kaputt und müde und konnte sich gar nicht ums Kind kümmern, ne? Frau Richter: Oder sie ließ das Handy an, wenn wir mit ihr im Kontakt waren, sodass dann der Partner alles mitkriegte. Also wir müssen immer gut aufpassen: Sind die Handys eigentlich aus? Frau Winter: Genau. Das hatten wir auch schon öfter, dass die Partner hier {Streichung} dann teilweise am Telefon mithören, um dann zu gucken, was sie eventuell vielleicht gegen uns sagen können. Frau Richter: Genau. Es geht dann an den Anwalt, ne? Also wir müssen hier auch ganz gut aufpassen (…) zum Teil, was wir sagen. Interviewerin: Also da gibt es dann auch so richtige (…) Überwacher, die dann die ganze Zeit sozusagen eigentlich mit dabei sind, aber dann doch nicht. Frau Winter: Mhm (bejahend). Frau Richter: Mhm (bejahend). Interviewerin: Das ist ja auch ganz schön schwierig. Frau Richter: Ja. Ja. Wir hatten das vorm HPG [Hilfeplangespräch, RH] auch gefragt. Wir hatten eben – was heißt ein HPG? – ein Krisengespräch mit einer Mutter, wo wir sie da auch gefragt haben: ‚Hat sie ihr Handy wohl angehabt und hat das Gespräch aufgenommen?‘ Weil wir wissen auch, dass sie mit Anwälten im Kontakt ist, ne? Da haben wir leider nicht aufgepasst. Wo wir uns überlegen müssen, ob wir nicht demnächst sagen: ‚Während der HPGs bleiben die Handys draußen.‘“ (Interview mit Frau Winter und Frau Richter, Abs. 371-388). 8.5 Rechtlich-institutionelle Bedingungen, die den Ausschluss der Männer befördern 251 Männliches pädagogisches Personal Im größten Teil der Einrichtungen, in denen pädagogisches Personal für Befragungen gewonnen wurde, sind keine ausgebildeten, männlichen pädagogischen Fachkräfte für den Mutter-(/Vater‑)Kind-Bereich zuständig. In einem Viertel der Häuser arbeitet zum Interviewzeitpunkt ein Mann im pädagogischen Team mit. In einer Organisation war in der Vergangenheit ein Pädagoge beschäftigt. Es gibt zwar in einigen Institutionen männliche Hausmeister und Männer, die Fahrdienste oder Nachtbereitschaften übernehmen, sie zählen aber nicht zum pädagogischen Fachpersonal. Die Mehrheit der Befragten berichtet über Männer in Führungspositionen der Einrichtung. In mehreren Häusern gibt/gab es einen männlichen Praktikanten, in zwei Organisationen männliche Erzieher, die vor allem mit den Kindern arbeiten, in zwei weiteren Einrichtungen kann bei Bedarf ein männlicher Pädagoge aus einem anderen Team zu einem Beratungsgespräch in den Mutter-Kind-Bereich hinzugezogen werden. Viele Fachkräfte begründen das weitgehende Fehlen von Männern im Team mit dem Mangel an (geeigneten) Bewerbern. Einige bedauern dies, weil sie einen Bedarf an positiven männlichen Rollenvorbildern für ihre Klientinnen und deren Kinder sehen. Sie gehen davon aus, ein männlicher Kollege könne ein Korrektiv sein, um Frauen und Kindern mit schlechten Erfahrungen alternative Rollenbilder von Männern zu vermitteln und „neue“ männliche Rollen vorzuleben. Besonders für die Kinder – und speziell für Jungen – seien männliche Bezugspersonen wichtig für ihre Entwicklung, zumal sie in ihrem Alltag selten auf Männer treffen: „Frau Baumann: […] Für die Jungs, die da groß werden natürlich auch, fände ich es auch schön, es gibt einen Mann. Da bemühen wir uns, wenn wir Tagesmütter suchen, auch mal einen Tagesvater zu suchen, dass die nicht in diesem Wahnsinn von Frauen/ Es sind ja sechs Frauen, die da leben, und wir sind sechs Kolleginnen. Also die sind ja überschwemmt von Frauen, die da/ Die armen Jungs, die da groß werden (lächelt). Aber, ja, das ist leider nicht zu ändern“ (Interview mit Frau Baumann, Abs. 130). In Teams mit Männern erleben die Befragten die „männliche Perspektive“ als bereichernd. Die männlichen Kollegen stellten sowohl für die Mütter und Schwangeren als auch für die Kindsväter und Partner geschätzte Gesprächspartner dar. Die Klientinnen scheinen – wenn überhaupt – vor dem Kennenlernen der männlichen Kollegen misstrauisch zu sein, sich nach kurzer Zeit aber mit ihnen zu arrangieren (vgl. Interview mit Frau Frank, Frau Neumann und Frau Koch, Abs. 257). In Einrichtungen ohne männliche Mitarbeiter fühlen sich gerade die Kindsväter und Partner unwohl: „Frau Schuster: […] Dann sagt er halt: ‚Ja, die vielen Weiber, die nerven mich.‘“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 38). Von einigen interviewten Pädagoginnen wird die Mitarbeit männlicher Fachkräfte im Mutter-Kind-Bereich von Grund auf abgelehnt. In der Leitungsposition können sich einzelne befragte Fachkräfte Männer schon eher vorstellen. Ihre Ablehnung, männliche Kollegen einzustellen, begründen die Befragten damit, viele Themen, die bei der Betreuung in Mutter-Kind-Einrichtung eine Rolle spielten, wie das Stillen oder Wochenbettbeschwerden, seien typische „Frauenthemen“. Den Klientinnen sei es nicht 8.5.3 8 Empirische Ergebnisse 252 zuzumuten, sich in solchen „intime[n] Situationen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 60) einem Mann anvertrauen zu müssen. Hierbei nehme man vor allem Rücksicht auf die (werdenden) Mütter aus anderen Kulturkreisen. Einige begründen das Fehlen von männlichen Mitarbeitern mit der Notwendigkeit eines Schutzraums für Klientinnen mit Gewalterfahrungen durch Männer. Andere Befragte befürchten, männliche Pädagogen könnten von Klientinnen zu Unrecht der sexuellen Übergriffigkeit beschuldigt werden. Überdies sei zu bezweifeln, ob sich ein einzelner Kollege in einem reinen Frauenteam wohlfühle. Ein männlicher Mitarbeiter im Mutter-Kind-Bereich sei „immer etwas (…) Besonderes, etwas (…) Komisches“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 149). Im Rahmen der Datenerhebung konnte ein männlicher Mitarbeiter in einer Führungsposition als Interviewpartner gewonnen werden. Seine Erfahrungen als einziger Mann im pädagogischen Team werden im Folgenden dargestellt: Der befragte männliche Pädagoge berichtet, er sei im Studium einer der wenigen Männer und später auf dem Arbeitsmarkt ein begehrter Mitarbeiter gewesen. In der Einrichtung, in der er arbeitet, ist er der einzige männliche Kollege. Er hat den Eindruck, dass die Bewohnerinnen der Einrichtung und ihre Kinder sich freuen, wenn er im Dienst ist. Von ihm würden andere Aktivitäten erwartet als von seinen Kolleginnen. Die jungen Mütter, die er betreut, sprechen mit ihm vornehmlich über ihre Partner oder über Fußball und möchten von ihm einen Einblick in die „Männerwelt“ bekommen – wenngleich er nicht alle Verhaltensweisen von Männern nachvollziehen kann und sich mit Fußball nicht gut auskennt (vgl. Interview mit Herrn Berger, Abs. 74–76). Seiner Ansicht nach wäre es befremdlich, wenn Männer nicht in einer Mutter-Kind-Einrichtung arbeiten dürften. „Männer [sollten] gesehen werden“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 78), weil sie zur Realität dazugehören. Gerade für Klientinnen mit Gewalterfahrungen sei es hilfreich zu erleben, wenn Männer über ihre Gefühle reden, um ein falsches „Männerbild wieder gerade zu rücken“. Um Geschlechterstereotypen seiner Klientinnen entgegenzuwirken, kocht er gern in der Einrichtung – zumal dies sein Hobby ist – und versucht, männlichem Chauvinismus keinen Raum zu geben, indem er die (werdenden) Mütter respektvoll behandelt. Schon allein die Tatsache, dass er sich als Mann für Kinder interessiere und viel über Kindererziehung wisse, sei meist eine neue Erfahrung für die Klientinnen (vgl. Interview mit Herrn Berger, Abs. 74). Darüber hinaus findet der Befragte es für den Mutter- Kind-Bereich „realistisch“, in gemischtgeschlechtlichen Teams zusammenzuarbeiten. Bereits vor seiner Anstellung arbeitete in seinem Team ein Mann. Als dieser Mitarbeiter die Einrichtung verließ, „war [es, RH] denen [im Team, RH] auch wichtig, dass wieder ein Mann dazu kommt“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 80). Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen Ein überwiegender Teil des interviewten Personals gibt an, die (sozialen) Väter in den Alltag einbinden zu wollen. Dieselben Personen berichten nahezu alle, den Zugang der Männer zu den Einrichtungen einzuschränken. Dieser Widerspruch macht ihre 8.6 8.6 Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen 253 Entscheidungsdilemmata in Bezug auf die Einbindung der Männer deutlich. Die Orientierungsschwierigkeiten der Fachkräfte im Zusammenhang mit der Integration von Männern in den Heimen können nicht allein mit deren individuellen Einstellungen begründet, sondern müssen mit sozialen Rahmenbedingungen und Ursachen oder mit widersprüchlichen Handlungsanforderungen in Zusammenhang gebracht werden, die von verschiedenen Beteiligten im Hilfesystem an die Fachkräfte gestellt werden. Tatsächlich kann im Rahmen der vorliegenden Studie gezeigt werden, dass die Gründe für die ambivalente Haltung gegenüber den Männern nicht ausschließlich in ungünstigen rechtlichen, baulichen und finanziellen Rahmenbedingungen zu suchen sind, sondern auch im Einfluss von Geschlechterstereotypien bzw. in den gesellschaftlich tradierten Moralvorstellungen hinsichtlich Sexualität und Reproduktion liegen. Bezüglich der Moralvorstellungen beeinflussen vor allem die Orientierung an der christlichen Morallehre und eugenisches Denken die Entscheidungen des Personals, die Männer aus dem Alltag auszuschließen. Auf die Ausbildung von Geschlechterstereotypien wurde bereits im Abschnitt 8.4 hingewiesen. Einzelne befragte Fachkräfte sehen in den Kindsvätern und Partnern grundsätzlich Personen, welche die Ressourcen ihrer Partnerinnen ausnutzen bzw. das Kindeswohl durch ihr Verhalten bedrohen, das heißt, sie schreiben ihnen – konformgehend mit dem klassischen Denkmuster – die „Täterrolle“ zu. In der vorliegenden Studie konnte jedoch gezeigt werden, dass ein Teil der Männer keinen schlechten Einfluss auf die Partnerin bzw. das Kind hat, sondern es durchaus einzelne Väter gibt, die im Alltag unterstützen können. Im Folgenden wird die Orientierung an der christlichen Morallehre und an eugenischen Kriterien im Hinblick auf die potentielle Verletzung von Grund- und Menschenrechten der Familienmitglieder problematisiert. Orientierung an katholischer Sexualmoral Leistungserbringer in katholischer Trägerschaft lehnen sexuelle Kontakte zwischen Minderjährigen und Unverheirateten weltanschaulich ab, eine Tatsache, die das dortige Personal in einen Zwiespalt zu bringen scheint. Dafür spricht der Umstand, dass Besuche überwiegend zeitlich eingeschränkt werden, zum Teil nicht in den Räumlichkeiten der Mütter stattfinden dürfen oder absichtlich gestört werden. Überraschenderweise liegen gerade die beiden Einrichtungen, die sich an der Studie beteiligten und auf die Aufnahme von Männern spezialisiert sind, in der Trägerschaft der evangelischen und katholischen Kirche. In dem Interview mit Mitarbeiterinnen der einen Einrichtung wird jedoch deutlich, dass diese den Entschluss, die Männer in den Alltag zu integrieren, gegenüber den höchsten Vorgesetzten verteidigen müssen und von diesen bei der Umsetzung ihrer Pläne diesbezüglich wenig Unterstützung erwarten können. „Frau Fuchs: […] Und ich glaube, wir sind da auch wirklich vorne mit dabei, auch unsere Erziehungsleitung. Die hat immer dann ein Gespräch mit den Dauergaststatusanwärtern. Und sagt: ‚Ich lege hier meine Hand für euch ins Feuer. Wir sind eine katholische Einrich- 8.6.1 8 Empirische Ergebnisse 254 tung. (…) Nicht vergessen! (…) Und das ist nicht normal, was wir hier/‘ Und das ist aber auch unser Konzept. Wir wollen das und wir möchten das auch einfordern. Und dafür legt aber auch unsere Erziehungsleitung die Hand ins Feuer. Und sobald die hier einmal Mist bauen – die Männer – irgendwie mit Gewalt oder so, schmeißen wir die halt auch recht schnell raus, weil wir diesen Status nicht verlieren möchten. Und unseren Kopf vor der katholischen Kirche dann hinhalten. Dass Männer hier bei uns schlafen dürfen“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 118). Da der katholische Leistungserbringer dem Entschluss, Männer im Haus wohnen zu lassen, misstrauisch gegenübersteht, ist der Umgang der Mitarbeiterinnen mit den (sozialen) Vätern von Ambivalenzen geprägt. Deren Einbeziehung erfolgt jeweils unter Vorbehalt und sie setzen relativ strenge Reglements durch, bei deren Nichteinhaltung den Männern das Wohn- bzw. Besuchsrecht wieder entzogen wird. Die Männer erhalten lediglich einen Gaststatus auf Dauer. Ablehnende Haltung des Personals hinsichtlich sexueller Aktivität und der Fortpflanzung der Klientel Die im Rahmen der vorliegenden Studie erhobenen Daten zeigen, dass die Fachkräfte auch in anderen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen das Wechseln von Partnerschaften ablehnen: „Frau Keller: […] Und bei den anderen Frauen ist es so, (…) ja, da wechseln die Partner (seufzt). Also oft ist es nicht von langer Zeit“ (Interview mit Frau Keller, Abs. 24). Die Übernachtung der Männer möchte man in manchen Einrichtungen lieber verhindern. „Herr Berger: […] Und man will ja hier nicht unbedingt auch eine hohe Männerfluktuation bei den Müttern. Dazu motivieren, indem man sagt: ‚Ja, klar. Lass doch hier schlafen, wen du möchtest.‘ Ne?“ (Interview mit Herrn Berger, Abs. 88). Gerade in Einrichtungen, in denen die Frauen in Gruppen zusammenleben und aus Platzmangel keine abgeschlossenen Räumlichkeiten für jede Ein-Eltern-Familie bereitgestellt werden können, wird ein alleinerziehender Vater üblicherweise nicht aufgenommen, weil man befürchtet, der Mann könnte Sex mit anderen Bewohnerinnen haben: „Frau Fischer: […] Es wäre vermutlich auch sehr schwierig zum Beispiel, mal einen Vater aufzunehmen, weil die Frauen hier zu dritt immer in einer Wohnung leben. Und vermutlich einfach, um so, damit nicht bestimmte Vorkommnisse passieren und so, würden wir vermutlich auch keinen Vater mitten in der Nacht mit zwei Frauen alleine in einer Wohnung lassen. Sodass man eventuell dann die Wohnung nicht besetzen würde. Nur mit dem Vater. Und damit würden dann halt zwei Plätze unbesetzt bleiben, die, ja, anderweitig sonst genutzt werden könnten“ (Interview mit Frau Fischer, Abs. 18). Manche Leistungserbringer versuchen wahrscheinlich, sexuelle Kontakte zwischen Frauen und Männern zu verhindern. Wenn auch nicht überall, wird zum Teil die Privatsphäre in den Zimmern bei Männerbesuch bewusst gestört. Eine ehemalige Praktikantin beschreibt die Praxis in einer Einrichtung wie folgt: 8.6.2 8.6 Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen 255 „Frau Schneider: […] Und ich weiß auch gar nicht, ob jetzt zum Beispiel so was (…) wie Sexualität möglich gewesen wäre. Also (…) wir hatten das dann, glaube ich, auch im Blick, wenn jemand da war. Interviewerin: Also das wurde dann eher verhindert, oder? (lächelt) Frau Schneider: Ja. (…) Aber nicht, sicher bin ich mir da jetzt nicht mehr. Aber es war auf jeden Fall jetzt nicht so nach dem Motto: ‚Ja, die können ja machen was sie wollen.‘ Ich glaube, es ging schon so darum, auch immer mal zu gucken oder dann mal so ein bisschen (…) reinzuschauen. Mal anzuklopfen zwischendrin. So: ‚Ja, was macht ihr denn so?‘ Oder so. (…) Also da nicht zu viel Spielraum zu lassen auch. (…) Also wie gesagt, also da war eher eine negative Männerpolitik (…) auf jeden Fall da“ (Interview mit Frau Schneider, Abs. 70–72). Aufklärung über Verhütungsmethoden erachten die meisten Befragten als wichtig und wird in allen hier genannten Einrichtungen mit den Bewohnerinnen thematisiert, auch in denen in katholischer Trägerschaft. Viele Interviewte geben an, auf die Frauen einzuwirken, damit diese sich für den Einsatz von Verhütungsmitteln entscheiden. Empfohlen werden vorwiegend Langzeitverhütungsmethoden. Einige Fachkräfte raten generell zur Drei-Monats-Spritze, um eine erneute Schwangerschaft möglichst lange zu verhindern. Zum Teil wird die Übernachtung eines männlichen Besuchers nicht erlaubt, wenn die Mutter nicht verhütet. „Frau Sommer: […] Wir thematisieren immer das Thema Verhütung. Also auch relativ zeitnah nach der Geburt. Da sind wir auch relativ hartnäckig. Haben auch immer Kondome vor Ort. Frau Fuchs: Das ist auch Bedingung (…) für die Übernachtung des jungen Mannes: Verhütungsfrage ist geklärt. Also entweder Pille oder Drei-MonatsSpritze oder Spirale. Vorher darf der junge Mann auch nicht hier schlafen. Genau. Interviewerin: Und wie thematisieren Sie das dann mit den Paaren? Also gibt es dann ein extra Gespräch, oder? Frau Sommer: Ganz offen. Nach der Entbindung steht ja nach sechs Wochen eine Kontrolluntersuchung an und vorher sagen wir immer: ‚Informiere dich über das Thema Verhütung. Hast du schon eine Idee?‘ Weisen auf die Möglichkeiten hin, raten grundsätzlich von nur Kondomen ab, weisen darauf hin, was passiert, wenn man nicht verhütet // (lacht)//. Frau Fuchs: //(lacht)// Interviewerin: //(lacht)// Frau Sommer: Und bis jetzt zeigt sich eigentlich eine gute Bereitschaft. Und wir sagen auch ganz ehrlich: ‚Überlege dir, ob die Pille etwas für dich ist. Ich traue dir nicht zu, jeden Tag das vernünftig einzunehmen. Überlege mal.‘ Ja und die meisten sind auch gerade nach so einer Geburt (lachend) relativ offen dafür, dass es nicht ganz so schnell jetzt wieder zur nächsten Schwangerschaft geht. Interviewerin: Zum nächsten Kind übergeht. Frau Sommer: Und wir gucken auch, dass die Verhütung von den Jugendämtern übernommen wird, dass es nicht also da auch noch eine finanzielle Hürde gibt. Also wir sagen eigentlich immer Spirale oder Drei-Monats-Spritze. Ist so. Frau Fuchs: Das einfachste Handling für die jungen Mütter. Aber das besprechen wir ganz offen mit denen. Also wir sagen: ‚Wenn der junge Mann hier schlafen möchte, dann …‘ Und dann sind die morgen beim Frauenarzt und haben sich etwas verschreiben lassen. Also das geht dann ganz schnell“ (Interview mit Frau Sommer und Frau Fuchs, Abs. 87– 96). 8 Empirische Ergebnisse 256 In einer anderen Einrichtung steht man der Praxis, die Frauen unter Druck zu setzen, mit der Drei-Monats-Spritze zu verhüten, kritisch gegenüber. „Interviewerin: Ja, Sie haben gerade gesagt: ‚Es gibt Einrichtungen/‘ (…) (lächelt) Frau Schuster: Genau. Einrichtungen, in denen das ist. Also das heißt, die unterschreiben praktisch mit dem Aufnahmevertrag, dass sie verhüten. Und da ist halt meistens so die Drei-Monats-Spritze das Sicherste. Das heißt, da wird zum Arzt gegangen, Spritze und fertig. […] Also das finden wir jetzt schon, ja, ein bisschen heftig, das so zu machen. Klar haben wir/ Also die haben das begründet, weil bei ihnen immer jede schwanger wird. Können wir jetzt nicht so bestätigen, ist bei uns nicht so. […] Also Thema ist es, klar, weil ein zweites Kind noch mehr eine Überforderung darstellt und dann weiß man echt nicht, wie es ausgeht. Und das sage ich denen auch ganz klar. […] Und wir raten halt dann schon [zur Drei-Monats-Spritze, RH], wenn wir wissen, die Frau ist schusselig [und denkt nicht daran, die Pille zu nehmen, RH], ne? […] Aber wir zwingen die jetzt nicht in einer Form, wie jetzt: ‚Wenn du kommst, musst du das machen.‘ […] Also würde ich mich auch beschnitten fühlen, wenn da jemand mir vorschreiben würde: ‚Das musst du jetzt so machen, sonst kannst du hier nicht einziehen.‘ Und wenn die den Druck haben: ‚Ich muss eigentlich in eine Einrichtung und da ist jetzt ein Platz frei, muss das unterschreiben.‘ Ich weiß nicht, finde ich nicht so gut. Aber da gibt es unterschiedliche Einstellungen“ (Interview mit Frau Schuster, Abs. 160–163). In manchen Einrichtungen werden die Kindsväter und Partner an der Verhütung „finanziell beteiligt“, bleiben aber bei Beratungsgesprächen in Bezug auf Verhütung au- ßen vor (vgl. Interview mit Frau Schuster, Abs. 163). Vom Zusammenziehen nach dem Aufenthalt in der Einrichtung wird den Paaren von Vertretungen der Leistungsträger und -erbringer häufig abgeraten, da die Fachkräfte die Erfahrung gemacht haben, dass Beziehungen nicht lange stabil sind, und sie den Familien ersparen wollen, nach einer Trennung nach kurzer Zeit des Zusammenlebens neuen Wohnraum suchen zu müssen. Eugenisches Denken Es ist auffällig, dass die Hausordnungen vor allem solche Männer diskriminieren, die drogen- oder alkoholabhängig, obdachlos, arm bzw. psychisch erkrankt sind. In der Zeit des Nationalsozialismus mussten Männer fürchten, verfolgt, zwangssterilisiert oder in Konzentrationslagern ermordet zu werden, wenn sie zu den Gruppen der „Asozialen“, „Säufer“, „Arbeitsfaulen“ oder „Geisteskranken“ gerechnet wurden. Auch noch in der Nachkriegszeit wurden Männer in Heimen interniert, in denen sie massive Gewalt erfahren mussten, wenn sie zu diesen Gruppen gezählt wurden (vgl. Abschnitte 5.3.4–5.3.7). Es stellt sich also die Frage, ob im System der Jugendhilfe heute noch eugenisch gedacht wird. Hinweise zur Beantwortung dieser Frage können einige Interviewausschnitte vermitteln, die im Folgenden dargestellt und interpretiert werden sollen: „Frau Walter: […] Also in dem Fall, bei dieser jungen Mutter war es so, dass sie einfach eine Beziehungsschwierigkeit hat. Also auch da wieder: Verlassen vom eigenen Vater, die Mutter auch (…) nicht da, bei der Großmutter aufgewachsen. Ach, die ganze Familiengeschichte da schon sehr desolat war. Also es ist auch eine sehr bekannte Familie. Es ist auch 8.6.3 8.6 Ausschluss des Mannes zur Durchsetzung sexualmoralischer Vorstellungen 257 so dieser soziale Adel, (lächelt) der dann da sich etabliert“ (Interview mit Frau Walter, Abs. 102). In diesem Ausschnitt spricht Frau Walter vom „sozialen Adel“. Sie spielt damit darauf an, dass in der Familie, von der sie berichtet, in mehreren Generationen Kindeswohlgefährdung behördlich aufgefallen ist. Dieses Zitat gibt einen Hinweis darauf, dass Risikodiskurse im Zusammenhang mit dem Kindeswohl zum Teil dazu beitragen, pauschal negative Stereotypien auf Seiten der Personen zu provozieren, die den Familien eigentlich helfen sollen. Tatsächlich wird – wie bereits gezeigt – in den meisten Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen ein Ausschluss vor allem derjenigen Männer aus dem Familienleben praktiziert, die sich in Lebenslagen befinden, die in der Vergangenheit die Wahrscheinlichkeit dafür befördert hätten, durch staatliche Organisationen immense Bedrohungen erfahren zu müssen. Vor dem Hintergrund eugenischer Theorien, den Verbrechen der Zwangssterilisation und Ermordung betroffener Menschen in der Vergangenheit in Deutschland muss die Ausbildung von Stereotypien seitens der Helfenden in den Einrichtungen kritisch beleuchtet werden. Forderungen, die Fortpflanzung der Klientel betreffend, werden in dem folgenden Interviewausschnitt deutlich: „Frau Lang: […] Für mich ist das ja nicht einleuchtend, dass Menschen eine große Familie gründen und sich dann beim Amt anstellen. Ja, da sage ich immer: ‚Ich habe auch nur so viele Kinder, wie ich ernähren kann.‘ Und natürlich gehört das zur Verantwortung eines jeden, die Familienplanung den Möglichkeiten auch anzupassen. Genau. Interviewerin: (lächelt) Das ist dann so eine schwierige Situation da für die Leute. Die können das noch nicht so. Frau Lang: Die können es nicht. Und es gibt wenige Menschen, die sie damit konfrontieren. Ja. Also das ist/ Ob das jetzt die Selbstständigkeit in Bezug auf Unterhaltssicherung durch Arbeit ist, ja? (lächelt) Oder ob das Familienplanung ist, ja? Das ist ja meiner Meinung nach ein deutsches Problem, (…) //weil man ja geschichtlich/// Interviewerin: //Dass das tabuisiert ist?// Frau Lang: Genau. Weil man geschichtlich bestimmte Sachen nicht darf. Ich spreche mich selber davon völlig frei. Man hört ja an meinem Akzent. Ich bin hier nicht geboren und nehme mir daraus bestimmte Freiheiten. Also ich habe die geschichtliche Bürde nicht. Zumindest spüre ich sie nicht, auch wenn ich deutschstämmig bin, ja? Dass ich bestimmte Sachen nicht adäquat ansprechen kann, ja? Weil das/ Ich finde, das sind wir den Steuerzahlern gewissermaßen auch schuldig. Und ich bin selber einer, also sehe ich nicht ein, warum das Geld so/ Also ich hätte bessere Ideen, wie man das kanalisieren kann und ausgeben kann, als für Menschen, mit denen man noch nicht mal drüber sprechen kann, dass sie eine Verantwortung haben“ (Interview mit Frau Lang, Abs. 48–52). Frau Lang ist der Meinung, Eltern mit großem Unterstützungsbedarf, die den Lebensunterhalt der Familie nicht selbstständig sichern könnten, sollten keine weiteren Kinder zeugen. Gerade die Einsichtslosigkeit der Familie ist für sie ein Kriterium, den Eltern das Recht auf Reproduktion abzusprechen. Sie ist sich bewusst darüber, dass sie ein Tabuthema anschneidet – sie spricht von einer geschichtlichen Bürde der Deutschen. Gleichzeitig bewertet sie die Klientel als unwert, die Hilfe zu erhalten und sich zu vermehren. Sie knüpft damit an eugenische Diskurse an und findet es gerechtfertigt, diese Menschen nicht nach Gesetz und Recht zu behandeln. Indem sie ihnen auch die Fähigkeit der Verantwortungsübernahme abspricht, zeigt sie eine gruppen- 8 Empirische Ergebnisse 258 bezogene Menschenfeindlichkeit. Einen Blick auf eine weitere Dimension des Problems eröffnet der folgende Interviewausschnitt: „Frau Kraus: […] Weil das ist auch oft der Vorwurf vom Jugendamt. Also, dass halt darüber [dass hier auch Männer aufgenommen werden, RH] natürlich {in unserer Einrichtung} auch neue Kinder produziert werden“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 140). Frau Kraus berichtet davon, dass der Leistungsträger sich von der Aufnahme in die Einrichtung erhofft, eine weitere Fortpflanzung der Klientel während der Zeit der Behandlung zu verhindern. Tatsächlich berichten die Mitarbeiterinnen der Familienhilfen e.V., dass an sie der Wunsch durch den Leistungsträger herangetragen wird, während des Aufenthalts der Mutter in der Einrichtung dafür zu sorgen, dass diese nicht erneut schwanger wird. Durch eine gesellschaftliche Steuerung die Fortpflanzung von Menschen zu beeinflussen, ist illegal. Dieses Beispiel zeigt, dass hier das Jugendamt als administratives Organ der Exekutive, welcher in erster Linie die Ausführung der Gesetze anvertraut ist, gängiges Recht außer Kraft setzt. Es stellt sich die Frage, warum die Gesellschaft dieses von jeglicher Rechtsnorm abweichende Vorgehen duldet. Es könnte daraus geschlussfolgert werden, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit Herrschaftsdenken ist. Sicher ist, dass ein erneutes Kinderkriegen der Klientel nicht erwünscht ist. Moralische Gründe, etwa die Orientierung an der katholischen Sexualmoral, an eugenischen Grundgedanken oder an Debatten über Risiken des elterlichen Verhaltens für die gesunde kindliche Entwicklung, werden ins Feld geführt oder schwingen unterschwellig mit. Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung Ein Interview fand mit zwei Mitarbeiterinnen aus einer Einrichtung statt, welche sich von einem Angebot für alleinerziehende Mütter und Schwangere hin zu einer Hilfe für beide Eltern mit Kind(ern) entwickelt hatte. Das Konzept soll im Folgenden näher erläutert werden, da es Antworten auf die Frage liefert, wie die Rahmenbedingungen in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen gestaltet werden können, um das Zusammenleben für Familien mit beiden Elternteilen zu erleichtern. Nach dem Prinzip der Möglichkeitsverallgemeinerung existiert in dem für gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder typischen Möglichkeitsraum ein Weg, die Teilhabe von Männern am Alltag zu realisieren. Das Ausdehnen der Hilfe auf den Mann müsste demzufolge auch in anderen Fällen möglich sein. Wie die Leiterinnen der Einrichtung des Vereins „Familienhilfen e.V.“ ihre Handlungs- und Deutungsmöglichkeiten im Arbeitsfeld begreifen und wie sich im Einzelfall das Konzept der Familienbetreuung herausbildete, soll im Folgenden nacherzählt werden: Den Anstoß für das Betreuungsangebot für beide Eltern mit Kind gab eine Anfrage von Fachkräften eines Jugendamts nach Unterstützung für ein großes Familiensystem. Der Leistungserbringer konnte Räumlichkeiten in adäquater Größe zur Verfügung stellen und brachte die Familie gemeinsam unter (vgl. Interview mit Frau Kraus 8.7 8.7 Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung 259 und Frau Herrmann, Abs. 50–56). Seither wurden ähnliche Hilfen vom Leistungsträger häufig nachgefragt. Innerhalb der Einrichtung wurde ein auf den Grundlagen der familiensystemischen Therapie basierendes Konzept entwickelt, was bis heute ständig aktuellen Gegebenheiten angepasst wird (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 223–225 und 50–63). Mittlerweile bietet der Träger unter anderem vollstationäre, teilstationäre und ambulante Hilfen für etwa zwanzig Familien an (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 10 und 27). Im Durchschnitt werden – auch durch die Aufnahme von Familien – nahezu genauso viele Männer betreut wie Frauen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 85). Das Konzept basiert nach Angabe der Befragten darauf, (soziale) Väter intensiv in den Alltag einzubinden. Zusätzlich werden alleinerziehende Männer nach § 19 SGB VIII aufgenommen. Seit der Leistungserbringer überregional dafür bekannt ist, Männer aufzunehmen, bezieht sich etwa jede fünfte Anfrage auf einen Platz für einen alleinerziehenden Vater (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 83–85). Die Mitarbeiterinnen legen – mit Blick auf das gesamte Hilfesystem – besonderen Wert darauf, die Rahmenbedingungen für die Betreuung der Familien zu gestalten. In diesem Zusammenhang messen sie dem Prozess der Aufnahme eine hohe Bedeutung bei. Sie binden den Leistungsträger beispielsweise vor Aufnahme unter anderem an seine Aufgabe, für die Finanzierung der Hilfen für alle Mitglieder der Familien zu sorgen. Andernfalls wird eine Betreuung der Familie abgelehnt. Dem Leistungsträger gelingt es nach Angaben der Befragten üblicherweise, die Finanzierung der Betreuung der Kindsmutter und des Kindes nach § 19 SGB VIII und die des Kindsvaters bzw. Partners nach § 31 SGB VIII „Sozialpädagogische Familienhilfe“ sicherzustellen. In anderen Fällen wird die Hilfe von dem Mann selbst bezahlt (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 83): „Interviewerin: Wie finanziert sich denn die Hilfe? Auch über den § 19 SGB VIII, oder? Frau Kraus: Genau. Also wenn es jetzt nur ein alleinerziehender Elternteil ist, ist es § 19 SGB VIII. Wenn wir die Paare aufnehmen, ist es § 27 Abs. 2. Es gibt Jugendämter, die finden das total selbstverständlich (lacht). Und es gibt Jugendämter/ Frau Herrmann: Andere, genau. Frau Kraus: Die sagen einfach: ‚Es gibt keinen Paragraphen dafür.‘ Dann blättere ich immer und zeige denen das. Aber die wirtschaftliche Jugendhilfe hat da einfach ein Problem mit. (…) Und dann sind die kreativ. Wie das dann/ Also dann/ Der Papa wird dann schon mal nur über SPFH [Sozialpädagogische Familienhilfe gemäß § 31 SGB VIII, RH]. Oder der Papa muss das selbst bezahlen. Oder der Papa/ Die sind eigentlich immer eingebunden. Nur die Finanzierung von diesem Papa ist dann sehr unterschiedlich gestaltet. Aber ich behaupte mal, dass wir (…) zu achtzig Prozent belegt werden, weil wir genau diese Lücke schließen. Weil wir einfach sagen: ‚Ja, der gehört dazu.‘ Frau Herrmann: Genau. Frau Kraus: Und auch, wenn es jetzt nicht der Papa ist, sondern nur der Partner, muss ich sagen: ‚Der gehört auch dazu. (…) Und die schlafen hier.‘ Das ist alles selbstverständlich“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 80–85). Eine der beiden befragten Fachkräfte erlebt es als Erleichterung, dass mit denjenigen Jugendämtern, welche die Hilfe häufig finanzieren, mittlerweile angemessene Leistungsentgelte und wichtige Änderungen der Rahmenbedingungen ausgehandelt sind, 8 Empirische Ergebnisse 260 um die Hilfe in dieser flexiblen Form zu ermöglichen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 79 und 345). Insgesamt wird ein ressourcenorientierter Ansatz verfolgt. Damit sichergestellt ist, dass die Hilfe zeitnah an Veränderungen in der Lebenssituation der Familie angepasst wird, besteht die zuständige Fachkraft nach ihren Angaben gegenüber dem Leistungsträger vor Aufnahme darauf, Hilfeplangespräche im Abstand von acht bis zwölf Wochen zu vereinbaren – anstatt wie üblich halbjährig (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 345). „Frau Kraus: […] Wir haben alle drei Monate Hilfeplangespräch. Und wenn es sein muss auch noch kürzer, weil ich einfach denke: ‚Sonst wird man der Entwicklung der Familie nicht gerecht.‘ Oder wenn ich mir überlege: ‚Ich habe jetzt ein Ziel. Und ich soll ein halbes Jahr/ Das ist so ganz unglaublich lange.‘ Ja? Und wir treffen uns alle acht bis zwölf Wochen. Und das ist Rahmen und da diskutiere ich auch nicht mit den Jugendämtern. Wenn die uns belegen, kaufen die das mit ein“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 345). In jedem Fall ist vor dem Einzug der Familie in die Einrichtung ein Aufnahmegespräch vorgesehen. Ziel ist es, die Sichtweisen aller Familienmitglieder – insbesondere die der Männer – kennenzulernen: „Frau Herrmann: Und was unser Erleben eigentlich – also ich überlege gerade, aber ich glaube – immer war in den Vorstellungsgesprächen als Paar: Es war erst mal die Mama Hauptansprechpartner und die Väter haben sich gar nicht so getraut, haben aber im Verlauf des Gespräches ihren Platz bekommen. […] Konnten auch was dazu sagen. Und somit ist das schon der erste Schritt zur Zusammenarbeit gewachsen. Und die haben gemerkt: ‚Okay. Wir haben hier in der Einrichtung einen Platz. Wir Väter auch. Und nicht nur die Mütter.‘ Weil sich sonst die Einrichtung oder Jugendamt ja oft auch eher mit der Mama auseinandersetzt. Und ich glaube, über das Vorstellungsgespräch kriegen beide Seiten, machen einen Schritt aufeinander zu. Ich glaube, wenn nur Aufnahme wäre von einem Paar, ohne das Gespräch vorher, gäbe es viel mehr Widerstand oder viel mehr, wo man sich auseinandersetzen müsste, was halt da in dem Gespräch schon geklärt ist. Also von daher, das war bis jetzt immer so, dass/ Frau Kraus: Weil die unterschiedlichen Sichtweisen einen Platz haben. Also die Frau kann es so sehen. Der Mann kann es so sehen. Und das Jugendamt kann es von mir aus auch nochmal anders sehen. Ich höre mir das alles nur an. Und das ist okay. Frau Herrmann: Aber die sitzen oft erst einmal so (verschränkt die Arme), die Männer. Und die Frauen reden und dann irgendwann: ‚Aha. Ich darf auch was sagen. Und das ist wichtig, was ich sage, weil mein Blick ist auch wichtig.‘ Und das ist so ein Türöffner, dieses Gespräch – für alle. Frau Kraus: Manchmal ist es auch wichtig, dass man sieht: ‚Sie sind jetzt aber nicht gerade motiviert, hier zu sitzen.‘ (lacht) Frau Herrmann: Genau. Frau Kraus: Das spürt man ja dann. Dann sage ich: ‚Okay. Sollen wir es direkt beenden?‘ Und das würde ich auch tun, weil ich einfach denke: ‚Das bringt nichts. Das bringt dann einfach nichts.‘ Und das habe ich vorhin gemeint mit diesen Rahmenbedingungen. Das macht viel, viel aus, wie so eine Maßnahme beginnt“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 340–345). Der Vertretungsperson des Leistungsträgers wird im Vorfeld des Gesprächs nahegelegt, ausschließlich kleinere Aspekte zu ergänzen, damit die Familie den Hauptredeanteil hat. Ziel ist, dass die Familienmitglieder „aus dieser Opferrolle rauskommen“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331). 8.7 Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung 261 „Frau Kraus: […] Das fällt denen [Fachkräften des Leistungsträgers, RH] unendlich schwer. (lächelt) Aber die Familien wachsen einfach schon. […] Und das Interessante ist, dass die [Fachkräfte des Leistungsträgers, RH] in diesem Gespräch oft Dinge erfahren, die die vorher auch noch nicht wussten (lächelt), weil die Familie eigentlich noch nie gefragt worden ist, sondern jeder es hier eigentlich weiß. Also es führt auch oft zum Aha-Erlebnis bei dem Jugendamt. Und die sagen: ‚Ich habe Sie heute ganz anders erlebt.‘“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331–339). Wenn sich die Familie explizit dafür entscheidet, das Angebot der Hilfe anzunehmen, wird sie zunächst drei Monate lang für ein Clearing aufgenommen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 29, 331 und 339). „Frau Kraus: […] Das ist mir auch wichtig, dass die Familie mir eine Rückmeldung gibt. Also dass die hier anrufen und sagen: ‚Ja, ich komme.‘ Oder: ‚Ich komme nicht.‘ Die sind ja schon im Zwang. Es gibt ja oft schon eine Gerichtsauflage. Aber ich finde, dass KJHG [Kinder- und Jugendhilfegesetz, RH] gibt es ja her, dass die sich verschiedene Einrichtungen angucken können, sollen, dürfen. Und das sollen sie auch tun“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 339). Für die Zeit des Clearings nimmt das Personal ausschließlich den Auftrag an, zu prüfen, welche Unterstützung das Familiensystem benötigt. Zunächst zeigen die Eltern meist die Grundhaltung „ja eigentlich kein Problem“ zu haben, aber „am Ende des Clearings haben die eine Idee: ‚Was hat das Problem eigentlich mit uns zu tun?‘“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331). Bei einer stationären Unterbringung während des Clearings wird den Familien jeweils eine familienangemessene Wohnung zur Verfügung gestellt (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 34–37). Erst nach der Zeit des Clearings werden in einem Hilfeplangespräch Ziele für die Zusammenarbeit formuliert (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 331). Die Interviewten geben an, im Anschluss an das Clearing verschiedene Angebote des Leistungserbringers (stationäre Wohnformen bzw. Tagesgruppe für Familien, Entspannungskurse, Kochen, Marte Meo, Spielkreis, Entspannung, Zeit für mich, interne Kindertagesstätte, Angebote zur Persönlichkeitsentwicklung) nach Bedarf kombinieren zu können (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 27). Ein männlicher Pädagoge bietet gemeinsam mit einem anderen Mitarbeiter, der den Fahrdienst übernimmt, mehrere modulartige Angebote zum Thema „Sicherheit“ an. Hier wird beispielsweise vermittelt, wie man ein Kind im Kindersitz richtig anschnallt und wie Steckdosen und Kabel im Haushalt installiert sein müssen, damit sie kindersicher sind. Mit Absicht wurde in diesem Zusammenhang ein Verantwortungsbereich ausgewählt, der dem traditionellen Geschlechterrollenbild zufolge eher dem Mann zugesprochen wird. Die Familien schätzen dieses Angebot sehr (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 122–129). Die im Zentrum betreuten Familien nehmen an regelmäßigen Reflexionsgesprächen mit dem pädagogischen Personal und gegebenenfalls Fachkräften von außerhalb der Einrichtung teil. Absprachen zum weiteren Verlauf des Prozesses werden nach Aussage der Befragten generell nicht ohne die Familie getroffen. Zur Diskussionsführung in diesen Reflexionsgesprächen wird unter anderem die Fishbowl‑Methode eingesetzt (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 66). Nach Aussage 8 Empirische Ergebnisse 262 der befragten Fachkräfte wünschen sich die Familienmitglieder zum einen, offenzulegen, was von ihnen gefordert wird, zum anderen, für Fortschritte gelobt zu werden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 380–382). Es sind etwa dreißig Fachkräfte zur Betreuung der Familien angestellt, darunter ein männlicher Kollege. Die Interviewten geben an, die Arbeit im gemischtgeschlechtlichen Team als „entspannter“ zu erleben (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 122). Die Kindsväter und Partner der Kindsmütter sehen in dem Pädagogen ein Gegenüber und suchen gern mit ihm das Gespräch. In der Regel arbeiten zwei pädagogische Fachkräfte mit einer Familie zusammen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 258). Der Befragung ist zu entnehmen, dass an die Fachkräfte hohe Anforderungen gestellt werden: Sie müssen vor allem eine hohe Fähigkeit zur Selbstreflexion besitzen und konfliktfähig sein (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 64). Je nach Bedarf der Familie wird ihnen viel Flexibilität abverlangt. Zum Teil müssen sie vom stationären Arbeitskontext in den ambulanten wechseln oder umgekehrt, Arbeitszeiten müssen flexibel gestaltet werden und die Teams, die jeweils zusammenarbeiten, wechseln zum Teil häufig (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 74 und 259–261). Trotzdem ist das Personal mit seinem Arbeitgeber nach Aussage der Befragten zufrieden, da er für die Bedürfnisse der Fachkräfte in gleichem Maße sorgt wie für die der Klientel. Der Leistungserbringer sei bestrebt, die Bedarfe der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an ihr Arbeitsumfeld zu berücksichtigen, indem jede Fachkraft mit Aufgaben betreut wird, die ihren Möglichkeiten und Talenten entsprechen: „Frau Herrmann: […] Also einfach auch zu gucken: ‚Okay. Was liegt jedem, damit sich da jeder entfalten kann.‘ Und so ist die höchste Mitarbeiterzufriedenheit halt einfach auch“ (Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 261). Die Interviewten geben an, dass die Flexibilität des Angebots hohe Anforderungen an den Leistungserbringer, vor allem an die verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Leitung und der Verwaltung, stellt. Die Arbeitsverträge des pädagogischen Personals müssen häufig angepasst werden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 74), die Führungskräfte trotz einer Gesetzeslage mit wenig Spielraum mit dem Leistungsträger angemessene Entgelte verhandeln und ihre Ideen zur Zusammenarbeit durchsetzen (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 79–84). Für den Leistungserbringer stellt es ein höheres finanzielles Wagnis dar, wenn mehrere Mitglieder des Personals mit einer Familie zusammenarbeiten. Sollte die Familie oder der Leistungsträger die Hilfe plötzlich beenden, wenn die pädagogischen Fachkräfte eingestellt sind, droht dem Leistungserbringer ein finanzieller Verlust (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 58–66). Mittlerweile sei allerdings die Unternehmung, Familien mit Kindern zu betreuen, für den Leistungserbringer lediglich noch mit einem geringen finanziellen Risiko verbunden. Aus den Aussagen der Befragten geht hervor, dass die Nachfrage nach diesem Angebot hoch ist (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 85), da Hilfen für Familien in dieser Form von keinem anderen Leistungserbringer im 8.7 Beispiel – Familienhilfen e.V.: Neues Konzept der Familienbetreuung 263 Umkreis von mehreren hundert Kilometern bereitgestellt werden. Deshalb könnten freie Plätze stets zeitnah wiederbelegt werden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 75). Die befragten Fachkräfte beobachten, dass bei Krisen häufig die Frauen die Beziehung beenden (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 209–216). Sofern die entsprechenden Räumlichkeiten der Einrichtungen nicht durch andere Familien belegt sind, können die Eltern das Leben in Trennung „üben“, indem sie in getrennte Räumlichkeiten ziehen und ihren Alltag in separaten Wohnungen neu organisieren (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 221–224). Überdies ist möglich, den Mann mit Kind(ern) in der Einrichtung weiter zu betreuen, während die Mutter auszieht (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 217– 221). Um getrennt lebenden (sozialen) Elternteilen den Besuch ihrer Kinder zu ermöglichen, stehen separate Räumlichkeiten innerhalb des Hauses zur Verfügung (vgl. Interview mit Frau Kraus und Frau Herrmann, Abs. 224). 8 Empirische Ergebnisse 264

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References

Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.