Content

7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 151 - 166

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-151

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten Um Informationen zu den Möglichkeiten und Grenzen der Einbindung von Männern in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder zu erheben und die Daten auszuwerten, wurde die Methode des problemzentrierten Interviews nach Witzel angewandt. Für die vorliegende Studie wurden qualitative Daten erhoben, die quantifizierende Aussagen innerhalb der Stichprobe eingeschränkt zulassen. Die Methodik des problemzentrierten Interviews eignet sich, um Widersprüche und Tendenzen offenzulegen. Das problemzentrierte Interview wurde gewählt, da es als qualitative Methode bei Fragestellungen nutzt, die keinen rein explorativen Charakter haben, das heißt, über die bereits etwas bekannt ist, und bei solchen, die stärker theoriegeleitet sind, wo also konkrete Fragen im Vordergrund stehen. Es existiert schon Vorwissen über den zu untersuchenden Gegenstand, das es zu überprüfen und weiter zu vertiefen gilt (vgl. Kurz, et al., 2007, S. 465; Mayer, 2007, S. 182). Aus diesem Grund passt das problemzentrierte Interview zu Vorstudien, die sowohl einen hypothesengenerierenden als auch ‑prüfenden Charakter haben. In einem nächsten, meist quantitativ ausgerichteten Schritt kann die Validierung der so generierten verfeinerten Hypothesen erfolgen (vgl. Kurz et al., 2007, S. 465). Diese Methode dient also in allen dargestellten Aspekten besonders gut zur Bearbeitung der Forschungsfrage. Die Auswahl der Methode des problemzentrierten Interviews ergab sich daraus, dass mit ihr Handlungsbegründungen und Situationsdeutungen, die Subjekte angesichts gesellschaftlicher Anforderungen formulieren, offengelegt werden können (vgl. Wahler & Witzel, 1985). Die Konstruktionsprinzipien des problemzentrierten Interviews zielen auf eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen sowie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität (vgl. Witzel, 2000, S. 1). Grundannahme ist, dass das Individuum gezwungen ist, sich in seinem Denken und Handeln auf gesellschaftliche Strukturen mit institutionell geregelten Erwartungen an die einzelnen Individuen zu beziehen (vgl. Witzel, 1985, S. 228). Aus gegenwärtigen Erscheinungen interpretieren Menschen Muster und leiten daraus Erwartungen an zukünftige Hergänge ab. So entstehen routinemäßig Realitätsmuster, die von den jeweiligen Akteurinnen und Akteuren in Interaktionen reproduziert werden (vgl. Witzel, 1985, S. 229). Indem diese Realitätsentwürfe offengelegt werden, können nach Witzel Interessengebundenheit, ideologische Gehalte und Realitätsangemessenheit abgeschätzt werden. Es gilt, den Sinn aufzuschlüsseln, den Individuen ihren Handlungs- und Deutungsmustern unterlegen, und Verarbeitungsformen gesellschaftlicher Realität verstehend nachzuvollziehen. Dazu soll nicht nach Ursachen, sondern nach Begründungen 7 151 für Handlungen und Absichten gesucht werden (vgl. Witzel, 1985, S. 228–230). Um die Frage zu klären, welche Grenzen und Möglichkeiten es gibt, Männer in Hilfen nach § 19 SGB VIII einzubinden, erscheint es hilfreich, die Begründungen für Handlungen und Absichten der Akteurinnen und Akteure zu kennen. Die Methode wendet sich der Sichtweise der Akteurinnen und Akteure zu. Mit diesen soll vertrauensvoll zusammengearbeitet werden, um deren Welt zu erschließen (vgl. Witzel, 1985, S. 228). Insgesamt sollen sich Interpretationsspielräume offengehalten werden, um sie gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt zu korrigieren. Gleichzeitig muss in jeder Phase der mögliche Verlauf des Prozesses abgeschätzt werden. Um diese Flexibilität zu gewährleisten, plädiert Witzel für die Aufhebung starrer Ablaufregeln im Forschungsprozess sowie des Frageschemas im Interview. Durch letzteres bietet sich die Chance, inhaltsbezogene und genauere Fragen bzw. Nachfragen zu stellen (vgl. Witzel, 1985, S. 229). Es geht um die flexible Analyse eines wissenschaftlichen Problemfeldes, eine schrittweise Gewinnung und Prüfung von Daten, wobei Zusammenhang und Beschaffenheit der einzelnen Elemente sich erst langsam herausschälen (vgl. Witzel, 1985, S. 233). Zentrale Kriterien der Methode sind Problemzentrierung, Gegenstandsorientierung und Prozessorientierung (vgl. Witzel, 1985, 2000). Problemzentrierung bedeutet für die Forschenden, von Problemstellungen auszugehen, deren wesentliche Aspekte bereits vor dem Interview erarbeitet werden. Es handelt sich um „objektiv“ vorhandene Problembereiche, die wahrscheinlich für die Befragten relevant sind und an deren Rekonstruktion sie mitarbeiten sollen (vgl. Kurz et al., 2007, S. 466). Die Orientierung an einer relevanten gesellschaftlichen Problemstellung erfordert zunächst die Offenlegung und Systematisierung ihres Wissenshintergrundes. Einschlägige Theorien und empirische Untersuchungen zu dem Themenbereich sollen kritisch verarbeitet, im Untersuchungsfeld Erkundungen angestellt sowie die Erfahrungen von Expertinnen und Experten einbezogen werden. Weiterhin sind die objektiven Rahmenbedingungen zu untersuchen, von denen die betroffenen Individuen abhängig sind. Dazu sollen strukturelle Merkmale des Alltagskontextes der Subjekte dokumentiert werden, so beispielsweise institutionelle Bedingungen (vgl. Witzel, 1985, S. 230). Die Gegenstandsorientierung erfordert, die konkrete Ausgestaltung des Verfahrens an den jeweiligen Forschungsgegenstand anzupassen, anstatt vorgefertigte Instrumente übernehmen zu können (vgl. Kurz et al., 2007, S. 466). Die Prozessorientierung bezieht sich auf die schrittweise Gewinnung und Prüfung von Daten. Dieses Prinzip gilt zum einen für den gesamten Forschungsablauf und zum anderen für die Herangehensweise an jedes einzelne Interview (vgl. Kurz et al., 2007, S. 466). Der Erkenntnisgewinn soll sowohl im Erhebungs- als auch im Auswertungsprozess als induktivdeduktives Wechselverhältnis organisiert werden (vgl. Witzel, 2000, S. 3). Bei Interviews müssen die Befragten die Möglichkeit erhalten, Sachverhalte zu explizieren und durch Stimulation des Gedächtnisses sowie durch Gewinnen von Vertrauen diese wiederum in anderen thematischen Zusammenhängen zu korrigieren. Die fragende Person kann auf der anderen Seite das Gespräch im Sinne eines Lernprozesses nutzen und von diesem Selbstverständnis ausgehend Nachfragen an verschiedenen Zeitpunkten der Exploration ansetzen, wobei auftretende Varianten der Explikationen 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 152 überprüft werden können. Dadurch entstehen bereits im Erhebungskontext Verstehensprozesse bei der befragenden Person, die selbst in Form einer Art Vorinterpretation Ergebnisse produziert und damit die anschließende systematischere, kontrollierte eigentliche Interpretationsphase vorbereitet (vgl. Witzel, 1985, S. 231). Diese Komplexität der Gesprächsstrategie, das Vorwissen für Fragen zu nutzen, ohne damit die originäre Sichtweise der Befragten zu überdecken, stellt hohe Anforderungen an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Deshalb sollen die Interviews selbst durchgeführt und nicht an Hilfskräfte oder Umfrage-Institute weitergeben werden (vgl. Witzel, 2000, S. 17). Indem die Befragten ihre Problemsicht „ungeschützt“ in Kooperation mit der Interviewerin bzw. dem Interviewer entfalten, entwickeln sie – so Witzel – im Laufe des Gesprächs neue Aspekte zum gleichen Thema, Korrekturen an vorangegangenen Aussagen, Redundanzen und Widersprüchlichkeiten. Redundanzen sind erwünscht, da sie oft interpretationserleichternde Neuformulierungen enthielten. Widersprüchlichkeiten drücken individuelle Ambivalenzen und Unentschiedenheiten aus, die thematisiert werden sollen. Ihnen können Missverständnisse des Interviewers oder Fehler und Lücken in der Erinnerung der Interviewten zugrunde liegen, die durch Nachfragen aufgeklärt werden können. Sie können ebenfalls Ausdruck von Orientierungsproblemen, Interessenswidersprüchen und Entscheidungsdilemmata angesichts widersprüchlicher Handlungsanforderungen sein (vgl. Witzel, 2000, S. 4). Nach der Methode des problemzentrierten Interviews geht der bzw. die Forschende mit einem bestimmten theoretischen Konzept in die Interviewsituation, das den Befragten nicht offengelegt wird, um sie nicht zu beeinflussen. Dieses und die methodische Vorgehensweise müssen bei entsprechender Empirie allerdings stets modifiziert werden können (vgl. Kurz et al., 2007, S. 467). Die Instrumente des Interviewverfahrens bestehen aus dem Kurzfragebogen, dem Leitfaden, der Tonbandaufzeichnung und dem Postskriptum (vgl. Witzel, 1985, S. 236, 2000, S. 5). Der Kurzfragebogen diene zum einen der Ermittlung von Sozialdaten und der Entlastung des nachfolgenden Interviews, das eine Aushandlung der subjektiven Sichtweise der Interviewten zum Ziel hat, von denjenigen Fragen, die als Frage- Antwort-Schema aufgebaut sind. Zum anderen könnten die in ihm enthaltenen Informationen einen Gesprächseinstieg ermöglichen – mit einer offenen Frage, um eine erste Erzählsequenz in Gang zu setzen (vgl. Witzel, 1985, S. 236, 2000, S. 6). Die im Allgemeinen von den Interviewten akzeptierte Tonträgeraufzeichnung erlaube im Gegensatz etwa zu Gesprächsprotokollen die authentische und präzise Erfassung des Kommunikationsprozesses. Anschließend sei sie vollständig zu transkribieren. Der Interviewer könne sich vollständig auf das Gespräch sowie auf Beobachtungen situativer Bedingungen und nonverbaler Äußerungen konzentrieren (vgl. Witzel, 1985, S. 237, 2000, S. 7). Indem Forschungsthemen als Gedächtnisstütze und Orientierungsrahmen in einem Leitfaden festgehalten würden, sichere man die Vergleichbarkeit der Interviews. Darüber hinaus seien im Leitfaden einige Frageideen zur Einleitung einzelner Themenbereiche und eine vorformulierte Frage zum Gesprächsbeginn enthalten. Im Idealfall begleite der Leitfaden den Kommunikationsprozess als eine Art Hinter- 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 153 grundfolie, die zur Kontrolle diene, inwieweit seine einzelnen Elemente im Laufe des Gesprächs behandelt worden seien. Forschende müssten demnach auf der einen Seite die von den Befragten selbst entwickelten Erzählstränge und Nachfragemöglichkeiten verfolgen sowie andererseits gleichzeitig Entscheidungen darüber treffen, an welchen Stellen des Interviewablaufs sie zur Ausdifferenzierung der Thematik das problemzentrierte Interesse in Form von Fragen einbringen sollten (vgl. Witzel, 1985, S. 236, 2000, S. 8). Als Ergänzung zur Tonträgeraufzeichnung seien unmittelbar nach dem Gespräch Postskripte zu erstellen. Sie sollten eine Skizze zu den Gesprächsinhalten, Anmerkungen zu den situativen und nonverbalen Aspekten sowie zu Schwerpunktsetzungen des Interviewpartners enthalten. Außerdem würden spontane thematische Auffälligkeiten und Interpretationsideen notiert, die Anregungen für die Auswertung geben könnten (vgl. Witzel, 1985, S. 237, 2000, S. 9). Zu Techniken der Auswertung macht Witzel keine strikten Vorgaben, weil die Gestaltung des Erkenntnisfortschrittes untrennbar mit den inhaltlichen Anforderungen des Gegenstands verbunden seien (vgl. Witzel, 1985, S. 242). Kurz et al. empfehlen, bei der Suche nach Interviewpartnerinnen und -partnern die Befragten selbst um Tipps zu bitten. Häufig wüssten diese selbst am besten, wer weitere Informationen liefern könnte, und seien bereit weiterzuhelfen. Dieser „Schneeballeffekt“ könne genutzt werden, um an weitere Informantinnen bzw. Informanten zu gelangen. Häufig erweise es sich als günstig, mit Interviewpartnerinnen bzw. -partnern zu beginnen, die man persönlich kenne und die eher ein moderates Niveau an Expertise aufwiesen. Eine erste Kontaktaufnahme durch die Forscherin bzw. den Forscher selbst sei empfehlenswert, um eine Zusage zum Interview zu erreichen. In der Kontaktaufnahme sei über die eigene Person, die Problemstellung der Untersuchung, Ziele, Auftraggeber, voraussichtliche Dauer des Interviews, Zusicherung der Anonymität und über den Grund, warum gerade die adressierte Person wichtig für die Datenerhebung sei, zu informieren. Ein Skript helfe, den Überblick über Kontaktaufnahmen und Terminvereinbarungen zu behalten (vgl. Kurz et al., 2007, S. 468). Vorbereitung der Studie Zur Vorbereitung der vorliegenden Studie wurde in einer Mutter-Kind-Einrichtung hospitiert, um die Bedarfslagen der Klientinnen kennenzulernen und Einblicke in die Arbeitsweise des Personals und die für das Feld typische Arbeitsorganisation zu gewinnen. Um einen Überblick über die Einrichtungslandschaft zu erlangen, wurden im Rahmen dieser Studie seit 2011 systematisch durch regelmäßige Internetrecherchen Daten über Einrichtungen nach § 19 SGB VIII auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland gesammelt und gespeichert. Dazu wurden die Internetauftritte der Häuser, elektronisch zugängliche Konzeptionen der Einrichtungen, Leistungsbeschreibungen und Flyer hinsichtlich folgender Aspekte analysiert und ausgewertet: Name der Einrichtung, Adresse, Bundesland, Internetadresse, Gründungsjahr, Leistungserbringer, Zugehörigkeit zu Spitzenverband, Betreuungsform, Anzahl der Plätze, Kontaktperson, Einbindung der (sozialen) Väter. Die Ergebnisse der Analyse wurden 7.1 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 154 in Form einer Datenbank miteinander verknüpft. Digitale Kopien der Einrichtungskonzeptionen, Leistungsbeschreibungen und Flyer wurden archiviert. Alle zur Vorbereitung der Studie erhobenen Daten wurden für eine Nachnutzung gesichert. Feldzugang Wie bereits in Abschnitt 5 der vorliegenden Studie gezeigt, unterscheiden sich Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen untereinander sehr. Bei der Ermittlung von potentiellen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern stellte sich heraus, dass in manchen Einrichtungen, die sich Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen nennen, ausschließlich Hilfen nach § 19 SGB VIII angeboten werden. In anderen Einrichtungen wiederum werden auch weitere Leistungen des SGB VIII oder anderer Sozialgesetzbücher erbracht und in einer dritten Gruppe von Institutionen findet man überhaupt keine Hilfen nach § 19 SGB VIII. Letztere sind überwiegend – wie bereits eingangs erwähnt – medizinische Mutter-Kind-Kuren, aber auch Einrichtungen, die sich der Rehabilitation von drogenabhängigen Elternteilen widmen, sowie Einrichtungen für delinquente Mütter, die gemeinsam mit Kind in einer Spezialabteilung des Strafvollzugs untergebracht werden. In der vorliegenden Studie wird sich auf die Erforschung der Einrichtungen beschränkt, die Hilfen nach § 19 SGB VIII anbieten. Dabei wurden sowohl solche Institutionen in die Betrachtung einbezogen, die ausschließlich Hilfen nach § 19 SGB VIII anbieten, als auch solche, die neben Leistungen nach § 19 SGB VIII auch andere Leistungen erbringen. In Einrichtungen, in denen keine Hilfen nach § 19 SGB VIII erbracht werden, wurden keine Interviews durchgeführt. Zur Gewinnung von Gesprächspartnerinnen und -partnern in Organisationen empfiehlt Wolff, sich über die „Machtzentren“ einen Zugang zu verschaffen (vgl. Wolff, 2000, S. 342). Um den Feldzugang für die vorliegende Studie zu erlangen, wurde in Betracht gezogen, sich zunächst an die Jugendämter – als Leistungsträger der öffentlichen Jugendhilfen und damit Machthabern gegenüber den Leistungserbringern – zu wenden. Allerdings werden Plätze in Einrichtungen meist jeweils durch mehrere Jugendämter belegt. Die Jugendämter selbst nutzen zum Teil Angebote mehrerer Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, sodass oben genannter Zugang für die vorliegende Studie aus Komplexitätsgründen ausschied. Da es sich bei den Leistungserbringern meist um hierarchische Organisationen handelte, für welche auf der Suche nach dem Feldzugang die Einhaltung des Dienstweges empfohlen wird (vgl. Wolff, 2000, S. 342), wurden zunächst Leitungspersonen von dreißig Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen angeschrieben. Die Namen und Adressen wurden im Rahmen der vorangegangenen Internetrecherche ermittelt. In den Anschreiben wurde das Anliegen geäußert, Interviewpartnerinnen und -partner für eine wissenschaftliche Untersuchung im Rahmen einer Dissertation zu gewinnen, und um Unterstützung gebeten. Die Problemstellung wurde kurz erläutert und Anonymität zugesichert. Die Auswahl der Interviewpartnerinnen und -partner trafen die Leitungspersonen der Leistungserbringer. In einem Telefonat oder per E-Mail mit der Leitung wurde der Wunsch geäußert, möglichst mit (sozialen) Vätern zu sprechen. Informationen 7.2 7.2 Feldzugang 155 darüber, wie die Auswahl der Befragten zustande kam, gaben die Leitungspersonen nicht an. Das Angebot an die Befragten, das Transkript und die Anonymisierung prüfen zu können, um gegebenenfalls weitere Anonymisierungen vorzunehmen oder Passagen zu streichen, erleichterte in den meisten Fällen den Aufbau einer Vertrauensbasis und führte oft dazu, eine Zusammenarbeit zu vereinbaren. Zum Teil wurden im „Schneeballeffekt“ (vgl. Kurz et al., 2007, S. 468) Kontakte zu anderen Leistungserbringern vermittelt. Zeitliche und räumliche Rahmenbedingungen für die Interviews wurden vorzugsweise direkt mit der Interviewpartnerin bzw. dem Interviewpartner vereinbart. Schwierigkeiten beim Feldzugang Die (sozialen) Väter wurden nicht erreicht. Die Leitungspersonen der Leistungserbringer bestimmten als Gesprächspartner weder Kindsväter, die in einer Mutter‑/Vater-Kind-Einrichtung leben, noch außerhalb wohnende Kindsväter oder Lebensgefährten der Klientinnen. Die subjektiven Möglichkeitsräume aus der Perspektive der (sozialen) Väter konnten daher nicht rekonstruiert werden. Die im Rahmen der vorliegenden Studie ermittelten Daten ergaben sich insgesamt nahezu ausschließlich aus Gesprächen mit Frauen. Die einzige subjektive männliche Realisierung im Arbeitsfeld der gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder konnte durch ein Interview mit einem Leiter einer Einrichtung nachvollzogen werden. Die Rekonstruktion des objektiven Möglichkeitsraums von (sozialen) Vätern für die Teilhabe am Alltag in den Einrichtungen stützt sich also überwiegend auf subjektive weibliche Perspektiven. Besonders Aussagen über die (sozialen) Väter, deren Lebensgeschichten, Bedarfe und ihr Verhalten im Alltag müssen deshalb vor dem Hintergrund der überwiegend weiblichen Subjektpositionierungen der Befragten und ihrer Interessen im Verteilungskampf um geschlechtergerechte Zustände in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen gesehen werden. Die Sicht der betroffenen Männer auf die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Teilhabe am Alltag in den Einrichtungen kann nicht einfließen. Die Ergebnisse der Befragungen können jedoch durchaus Hinweise auf Rahmenbedingungen geben, welche die Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind- Einrichtungen einschränken. Dass kein Zugang zu den (sozialen) Vätern gewonnen werden konnte, könnte als ein „Symptom“, also als erster Hinweis auf Macht- und Ungleichverhältnisse und den Ausschluss der Männer aus dem Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, gedeutet werden. Die Frage, ob deshalb keine männlichen Klienten als Gesprächspartner gewonnen werden konnten, weil sie nicht im Alltag präsent waren und deshalb auch nicht von den Fachkräften in den Einrichtungen erreicht wurden, weil sie kein Interesse an der Teilnahme zeigten oder weil sie absichtlich nicht von den Leiterinnen und Leitern gefragt wurden, ob sie an einem Interview teilnehmen möchten, bleibt offen. 7.2.1 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 156 Informationen über die Befragten Letztlich konnten 32 Personen in 19 Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen für die Teilnahme gewonnen werden. Diese wurden in 26 Interviews befragt. Bei den Befragten handelte es sich zum Teil um Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen, zum anderen Teil um (ehemaliges) pädagogisches Personal der Leistungserbringer nach § 19 SGB VIII. Insgesamt wurden sieben Bewohnerinnen aus zwei Mutter-Kind-Einrichtungen sowie 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit und ohne Leitungsaufgaben inklusive einer ehemaligen und einer noch tätigen Praktikantin interviewt. Im Folgenden wird die erste Gruppe als „Bewohnerinnen“, „Mütter“ oder „Klientinnen“ bezeichnet, die zweite als „Fachkräfte“ oder „Personal“. Die folgende Tabelle zeigt Informationen zum Personenkreis der befragten Klientinnen: Informationen zur Befragtengruppe „Klientinnen“ Name der Mutter (anonymisiert) Alterskohorte Anzahl ihrer Kinder Alter des jüngsten Kindes bisherige Dauer der Unterbringung in Jahren derzeitiger Kontakt zum Vater des Kindes Alter des leiblichen Vaters des Kindes Name der Einrichtung (anonymisiert) Frau Becker 20–25 1 1 1 ja 20–25 Haus am Steinweg Frau Gruber 20–25 1 < 0,5 < 1 ja 20–25 Kinderheim Diegersmoor Frau Zimmermann 25–30 1 3 > 2 ja (Kind) 30–35 Kinderheim Diegersmoor Frau Weber 25–30 3 1 2 ja > 50 Kinderheim Diegersmoor Frau Rossi 20–25 4 < 0,5 < 1 ja 25–30 Kinderheim Diegersmoor Frau Wolff 18–20 1 2 1 ja 25–30 Kinderheim Diegersmoor 7.2.2 Tabelle 1. 7.2 Feldzugang 157 Frau Reichert < 18 1 1 1 nein 20–25 Kinderheim Diegersmoor Zur Tabelle: Das Alter der Mütter wurde aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert, indem folgende Alterskohorten zusammengefasst wurden: Minderjährige Mütter im Alter bis 18 Jahren, junge volljährige Mütter im Alter von 18 bis 20 Jahren und danach in Alterskohorten in Fünferschritten: Mütter im Alter zwischen 20 und 25 Jahren und solche zwischen 25 und 30 Jahren. Ältere wurden nicht befragt. Mit dem leiblichen Vater ist hier der des Kindes gemeint, das mit der Mutter in der Einrichtung lebt. Die Tabelle soll einen ersten Überblick über die im Zusammenhang mit dieser Studie wichtigen Informationen geben, welche die befragten Mütter in den Gesprächen mitteilten. Die befragten Klientinnen waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 17 und 30 Jahre alt und wohnten seit wenigen Monaten bis hin zu zwei Jahren in der Einrichtung. Sie hatten zwischen einem und vier Kinder, lebten allerdings alle ausschließlich mit einem Kind – dem jüngsten – in der Einrichtung. Die übrigen Kinder wohnten bei anderen Bezugspersonen oder waren fremd untergebracht. Die Klientinnen wurden einzeln befragt. Auf Wunsch einer befragten Mutter war während des Interviews eine Betreuerin als Assistenz mit im Raum. Auffällig ist, dass der überwiegende Teil der Mütter bzw. ihre Kinder Kontakt mit dem Kindsvater hatten. Im „Kinderheim Diegersmoor“ wurden im Rahmen der Studie sechs Mütter befragt. Dort stellte sich kein pädagogisches Personal für ein Interview zur Verfügung. Im „Haus am Steinweg“ konnte eine Mutter als Interviewpartnerin gewonnen werden. Außerdem nahmen aus dieser Einrichtung auch Mitarbeiterinnen an der Studie teil. Einen Überblick über den Personenkreis der befragten Fachkräfte, ihre Zugehörigkeit zu den Einrichtungen und weitere Informationen bietet die folgende Tabelle: 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 158 Informationen zur Befragtengruppe „Personal“ Name der/des Befragten (anonymisiert) Art des Interviews Altersgruppe höchster Berufsabschluss Arbeitserfahrung in der Einrichtung in Jahren Rolle/hierarchische Position innerhalb der Institution Name des Trägers (anonymisiert) Frau Sommer Gruppeninterview (GI) 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 10–15 Mitarbeiterin Wohnheim Sankt Benedikt Frau Fuchs 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Mitarbeiterin Frau Schneider Einzelinterview (EI) 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss < 1 Praktikantin Mutter-Kind- Wohnen am Markt Frau Lehmann EI 50–60 psychologisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Leitung Mutter-Kind- Gruppe Eva Frau Walter EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 15–20 Leitung Flexible Hilfen GmbH Tabelle 2. 7.2 Feldzugang 159 Frau Horn EI 30–40 erzieherin 2–5 Leitung Haus am Steinweg Frau Rosenbaum EI 30–40 Erzieherin 2–5 Mitarbeiterin Haus am Steinweg Frau Roth EI 20–30 Erzieherin 5–10 Leitung Jugendhilfe Heilige Elisabeth Frau Keller EI 30–40 Erzieherin 5–10 Mitarbeiterin Marienhäuser Frau Vogt GI 60–65 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss > 30 Leitung Diakonische Hilfe Frau Seidel 30–40 Erzieherin < 1 Praktikantin Frau Richter GI 50–60 Erzieherin 1–2 Mitarbeiterin Mutter-Jesu- Haus Frau Winter 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 2–5 Mitarbeiterin Frau Frank GI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 15–20 Leitung Mutter-Vater-Kind- Wohnen Bambi Frau Neumann 50–60 Familienhebamme 5–10 Mitarbeiterin Frau Koch 30–40 Hauswirtschaftlerin 15–20 Mitarbeiterin 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 160 Frau Herrmann GI 30–40 Erzieherin 15–20 Leitung (Frau Herrmann bekleidet von beiden das höhere Amt.) Familienhilfen e.V. Frau Kraus 30–40 Erzieherin 15–20 Frau Schuster EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 10–15 Mitarbeiterin Josephswerk Herr Berger EI 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss < 1 Leitung Individuelle Sozialpädagogik e.V. Frau Fischer EI 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 2–5 Leitung Initiative MuVaKi Frau Lang EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Leitung Smile GbR Frau Albrecht EI 20–30 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 5–10 Mitarbeiterin Evangelische Jugendhilfe Singstadt 7.2 Feldzugang 161 Frau Baumann EI 40–50 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 10–15 Leitung Mutter-/ Vater-Kind- Betreuung Biegelbach Frau Sauer EI 30–40 pädagogisch orientierter Hochschulabschluss 2–5 Leitung Wirbelwind gGmbH Zur Tabelle: Das Alter der Befragten wurde aus Gründen des Datenschutzes anonymisiert, indem Alterskohorten in Zehnerschritten gebildet und die Befragten jeweils einer solchen zugeordnet wurden. Es handelt sich also beispielsweise um eine Befragte, die zum Befragungszeitpunkt im Alter zwischen 30 und 40 Jahren war. Der Berufsabschluss zielt auf den höchsten erworbenen Bildungsabschluss ab. Qualifikationen im Rahmen der Weiterbildung wurden nicht dargestellt. Unter der Arbeitserfahrung in der Einrichtung ist die Anzahl an Jahren zu verstehen, die die Befragten jeweils zum Zeitpunkt der Befragung in der Einrichtung tätig waren – zum Teil mit Unterbrechungen –, wobei die Befragten auch hier wieder Gruppen zugeordnet wurden. Folgende Gruppen wurden gebildet: Arbeitserfahrung in der Einrichtung < 1 Jahr, zwischen 1 und 2 Jahren, zwischen 2 und 5 Jahren und ab dann in Fünferschritten bis zu einer Arbeitserfahrung von über dreißig Jahren, gekennzeichnet durch „> 30“. In der Spalte „Rolle/hierarchische Position innerhalb der Institution“ wurde zwischen „Leitung“, „Mitarbeiterin“ und „Praktikantin“ unterschieden. In den Institutionen haben sich zum Teil innerhalb der Leitungsebene mehrere Unterebenen herausgebildet53, welche wiederum hinsichtlich der Anzahl und dem zugehörigen Aufgabenfeld zwischen den Institutionen nicht vergleichbar sind. Deshalb konnte im Rahmen der vorliegenden Studie nicht weiter sinnvoll differenziert werden. Auf Wunsch der Fachkräfte bzw. ihrer Vorgesetzten wurden sowohl Einzel- als auch Gruppeninterviews durchgeführt. Von den 25 befragten Fachkräften hatten 14 zum Zeitpunkt der Befragung ein Studium im Bereich der Pädagogik oder Psychologie abgeschlossen. Die übrigen waren Erzieherinnen, außer einer Familienhebamme und einer Hauswirtschaftskraft. Zum Teil hatten die Fachkräfte mit pädagogischem Abschluss Zusatzausbildungen absolviert. Von den 25 befragten Mitgliedern des Personals waren 14 Personen in Leitungspositionen beschäftigt, darunter der einzige männliche Befragte. Eine Befragte war in der Vergangenheit als Praktikantin in einem Mutter-Kind-Heim im deutschsprachigen Ausland beschäftigt. Die befragten Fachkräfte waren zum Zeitpunkt des Interviews zwischen wenigen Monaten bis hin zu über dreißig Jahren in der Einrichtung tätig (gewesen) und zwischen 20 und 70 Jahre alt. Das Durchschnittsalter betrug 39 Jahre. Das pädagogische Personal arbeitete für 18 unterschiedliche Leistungserbringer. 53 Es sind hier Bezeichnungen wie „Teamleitung“, „Gruppenleitung“, „Erziehungsleitung“ und „Bereichsleitung“ üblich. 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 162 Zur Durchführung der Interviews Die Interviews wurden im Zeitraum vom November 2013 bis Juli 2014 durchgeführt. Die Befragung von Frau Albrecht fand im Büro der Interviewerin an der Universität Marburg statt, die Befragung von Frau Schneider und Frau Becker im privaten Wohnraum der Befragten. Die übrigen Interviews wurden in Büro- und Besprechungsräumen der jeweiligen Leistungserbringer durchgeführt. Zu Beginn des Gesprächs stellte die Interviewerin – wie von Kurz et al. empfohlen (vgl. Kurz et al., 2007, S. 472) – sich selbst, den Kontext und die voraussichtliche Dauer vor, sicherte Anonymität zu und holte sich das Einverständnis zur Datenaufzeichnung ein. Die Gespräche wurden digital aufgenommen (Ton). Im Laufe der Erhebungsphase stellte sich heraus, dass die Bewohnerinnen in den Mutter-Kind-Einrichtungen die Gespräche mit der Interviewerin dazu nutzten, ihre Lebensgeschichten zu erzählen und über ihre Erfahrungen mit Männern zu berichten. Dabei legten sie zunächst weniger den Schwerpunkt auf Aspekte in Bezug auf die Organisation und strukturelle Bedingungen in den Einrichtungen, sondern vielmehr auf ihre eigene aktuelle Lebenssituation, Erfahrungen in der Kindheit und Pläne für die Zukunft. Um dem Interesse der befragten Mütter gerecht zu werden und die entsprechenden Daten systematisch sammeln zu können, wurde der ursprünglich entworfene Leitfaden, der sich weitgehend auf die Rahmenbedingungen in den Einrichtungen bezog, für die Gespräche mit Müttern verändert und nach und nach so gut wie möglich an ihre Gesprächsinteressen angepasst. Letztlich wurden die interviewten Mütter zu Beginn des Gesprächs gebeten, frei etwas über sich, über das Kind bzw. die Kinder und über den Kindsvater bzw. den Partner zu erzählen. In weniger standardisierten Abläufen als zunächst vorgesehen wurden Fragen zur Lebensgeschichte der Männer, deren aktueller Lebenslage, zur Häufigkeit des Kontakts zum Kind und zur Interviewpartnerin sowie zur Qualität der Beziehung zwischen den Eltern gestellt. Daneben wurde sich über die Reaktion des Kindsvaters bzw. Partners auf die Aufnahme in die Einrichtung informiert. In diesem Zusammenhang wurde sich nach den Regeln für männliche Besucher im Mutter-Kind-Bereich erkundigt und danach, ob ein Mann als Betreuer beschäftigt ist. Außerdem wurden die Befragten gebeten zu erzählen, wie sie als Kind gelebt hatten und wie sie später wohnen möchten. Zuletzt erhielten sie Raum für selbstgewählte Themen. Die Befragung des Personals erfolgte leitfadengestützt. Zu Beginn wurden die Befragten dieser Gruppe gebeten, über die Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtung zu erzählen. In diesem Zusammenhang interessierten die Räumlichkeiten, die der Mutter mit Kind allein zur Verfügung stehen, die Beschreibung eines typischen Tagesablaufs in der Einrichtung und die Dauer der Hilfen. Die Fachkräfte wurden darüber hinaus nach ihren Erfahrungen mit den (sozialen) Vätern in der Einrichtung befragt. Es folgten Erkundigungen darüber, ob die Bewohnerinnen der Einrichtung in einer Partnerschaft leben, ob deren Partner Interesse am Kontakt zum Kind signalisieren und welche Lebensumstände diese Männer haben. Darüber hinaus wurde ermittelt, welche Regeln in Bezug auf die Männer existieren, in welche Räume diese Zugang haben und 7.3 7.3 Zur Durchführung der Interviews 163 wie die Nichteinhaltung der Regelungen geahndet wird. Ferner wurde gefragt, inwiefern Partnerschaft und Sexualität vom pädagogischen Personal thematisiert wird, ob männliche Mitarbeiter im Gruppendienst beschäftigt sind, gegebenenfalls welche Erfahrungen mit männlichem Personal vorliegen und welche Austauschplattformen für Leistungserbringer der Hilfen nach § 19 SGB VIII existieren. Zudem wurde sich danach erkundigt, wie Männer im Alltag in der Einrichtung einbezogen werden, welche Konzepte das pädagogische Personal im Hinblick auf das Einbeziehen der Männer entwickelt hat und ob Ziele im Hinblick auf die Einbindung der Männer in den Alltag formuliert sind. Zum Schluss wurden die Befragten gebeten zu ergänzen, was ihnen darüber hinaus wichtig ist. Frau Lehmann, die Leitung der Mutter-Kind-Gruppe Eva, bat im Vorfeld des Interviews um die Zusendung der Leitfragen, um sich auf diese vorbereiten zu können. Dem Wunsch wurde entsprochen. Die übrigen Befragten waren nicht auf die Fragen vorbereitet. Bei der Auswertung der Daten wurde dieser Umstand berücksichtigt. Die Befragungen der pädagogischen Fachkräfte dauerten zwischen 35 und 104 Minuten, im Durchschnitt knapp eine Stunde. Die Gespräche mit den Müttern dauerten zwischen 15 und 75 Minuten, durchschnittlich circa 35 Minuten. Am Ende des Interviews wurden die Befragten gebeten, einen Kurzfragebogen auszufüllen. Aufbereitung der Daten Die Interviews wurden wörtlich und in voller Länge transkribiert. Weil es um die Inhalte der Gespräche ging, kamen einfache Transkriptionsregeln angelehnt an Kuckartz et al. (vgl. Kuckartz et al., 2008, S. 28) zum Einsatz. Vorhandene Dialekte wurden möglichst wortgenau ins Hochdeutsche übersetzt, Wortverschleifungen nicht transkribiert, sondern an das Schriftdeutsch angenähert. Wortabbrüche sowie Stottern wurden geglättet bzw. ausgelassen, Wortdoppelungen nur erfasst, wenn sie als Stilmittel zur Betonung genutzt wurden. Satzabbrüche wurden transkribiert, weil sie meistens Hinweise auf kritische Aspekte im Zusammenhang mit der Forschungsfrage markierten. Die Interpunktion wurde zu Gunsten der Lesbarkeit geglättet, das heißt bei kurzem Senken der Stimme oder uneindeutiger Betonung eher ein Punkt als ein Komma gesetzt. Pausen wurden durch drei Auslassungspunkte in runden Klammern markiert, drei Auslassungspunkte in eckigen Klammern kennzeichnen Kürzungen im zitierten Sprecherbeitrag durch die Autorin. Geschwungene Klammern machen bewusste Streichungen/Ersetzungen, die von den Sprecherinnen bzw. des Sprechers autorisiert bzw. gewünscht wurden, kenntlich. Verständnissignale des gerade nicht Sprechenden wurden nicht transkribiert und besonders betonte Wörter unterstrichen. Jeder Sprecherbeitrag wurde in einem eigenen Absatz transkribiert. Zwischen den Beiträgen wurden jeweils Leerzeilen und mindestens am Ende eines Absatzes Zeitmarken eingefügt. Emotionale nonverbale Äußerungen der befragten Person und des Interviewers, die die Aussage unterstützen oder verdeutlichen, wurden beim Einsatz in Klammern notiert, unverständliche Passagen mit „(unv.)“ markiert. Das Abbrechen eines Satzes wurde mit einem Schrägstrich verdeutlicht, Sprecherüberlappungen mit 7.4 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 164 doppeltem Schrägstrich zu Beginn und Ende gekennzeichnet. Personen-, Orts- und Einrichtungsnamen sowie die der Leistungserbringer wurden zur Wahrung der Anonymität gestrichen – dies wurde jeweils mit „{Streichung}“ markiert – oder durch beliebige andere ersetzt. Solche Ersetzungen stehen in geschwungenen Klammern. Wie mit den Organisationsleitungen vereinbart wurden die anonymisierten Abschriften der Interviews per Post zu Händen der Befragten geschickt, um die Streichung und das Ersetzen von weiteren Passagen zu ermöglichen. Das Angebot wurde ausschließlich von Frau Keller in Anspruch genommen, die das Interview gemeinsam mit ihrer Vorgesetzten überarbeitete. Deren Ersetzungen und Streichungen wurden auch in geschwungenen Klammern markiert. Festlegung des Materials, Analysemethode und Typisierung Um metasubjektiv die Teilhabemöglichkeiten und Behinderungen von Männern am Alltag in den Einrichtungen herauszuarbeiten, wurde eine Möglichkeitsverallgemeinerung angestrebt. Ausgangs- und Bezugspunkt ist Lebenspraxis und das sich darin konkretisierende Verhältnis von Handlungsmöglichkeiten und -behinderungen mit der Perspektive der Erweiterung der Verfügung über die eigenen Bedingungen. Die Möglichkeitsverallgemeinerung besteht nun darin, die eigenen Handlungsmöglichkeiten als Fall von typischen Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Der damit als Hypothesen formulierbare typische Möglichkeitsraum verallgemeinert das jeweils eigene Verhältnis von Möglichkeiten und Behinderungen im individuellen Möglichkeitsraum. Damit wird hypothetisch erschließbar, welche Möglichkeiten erweiterter Bedingungsverfügung prinzipiell erreichbar sind. „,Verallgemeinern‘ bedeutet hier also nicht Wegabstrahieren, sondern Begreifen von Unterschieden als verschiedene Erscheinungsformen des gleichen Verhältnisses“ (Holzkamp, 1983, S. 549, Hervorh. im Orig.). Bei der Interviewführung stellte sich heraus, dass den Bewohnerinnen vor allem ihre lebensgeschichtlichen Erfahrungen wichtig waren. Die durch die befragten Mütter mitgeteilten Informationen beziehen sich nur selten auf Rahmenbedingungen in den Einrichtungen. Deshalb wurde die temporale Abfolge der biographischen Erlebnisse durch sequenzielle Analyse der Interviews mit den befragten Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen rekonstruiert und jeweils zu einer „Lebensgeschichte“ aus Sicht der Befragten zusammengefasst. Die biographischen Informationen machen deutlich, wie unterschiedlich die Beziehung der jeweiligen Frau zum (sozialen) Vater der Kinder ist und vor welch differenzierten Herausforderungen die Paare in der Konfrontation mit den institutionalen Bedingungen stehen. Darüber hinaus zeigen die Lebensgeschichten, wie verschieden deren Beziehungserfahrungen mit Männern sind. Um dem Individuellen und Besonderen der Lebensgeschichten gerecht zu werden, wurden die Lebensgeschichten in der Ausdrucksgestalt des biographischen Einzelfalls dargestellt. Hierzu erfolgte zunächst eine Rekonstruktion der prozessualen Abläufe der Biographien anhand der biographischen Erzählungen der befragten Müt- 7.5 7.5 Festlegung des Materials, Analysemethode und Typisierung 165 ter. In einem weiteren Schritt wurde der so ermittelte biografische Ablauf in einem Fließtext zusammengefasst. In dem Fließtext wurden Geschichten der Befragten zu markanten Statuspassagen verarbeitet sowie solche, die „persönliche Botschaften“ in Bezug auf die Forschungsfrage und die Leitfragen vermitteln. Die so entstandenen Informationen über die Lebensgeschichten und ihren Bezug auf die Frage nach den Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag wurden in einer Einzelfallschilderung dargelegt, um den „subjektiven, je besonderen Möglichkeitsraum“ der Mütter in Bezug auf die Forschungsfrage auszuloten. Von den sieben Lebensgeschichten wurden vier typische Einzelfälle herausgearbeitet. Zur Analyse der Interviews mit dem pädagogischen Personal wurden – wie von Witzel empfohlen (vgl. Witzel, 1985, S. 243) – die vollständig transkribierten Texte Satz für Satz vor dem Hintergrund der Erhebungssituation interpretiert und gegebenenfalls kommentiert. Es ging dabei darum, in den jeweiligen strukturellen Gegebenheiten Möglichkeitsräume auszuloten. Die Interviews mit den Mitarbeiterinnen und dem Mitarbeiter eröffnen deren Sicht auf die organisationale Struktur der Einrichtungen sowie die Praxis der Leistungserbringer und -träger im Umgang mit den Männern. Orientierungsschemata und Wissensbestände, die bei allen Typen durchgängig thematisiert werden, konstruieren die Strukturen der Alltagswelt in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder. Bei einer sogenannten offenen Codierung, das heißt analytischen Aufschlüsselung, werden die Sätze zunächst in ihre aus einzelnen Wörtern oder Wortfolgen bestehenden Sinneinheiten zerlegt, also einzelne Phänomene zu Konzepten und Konzepte zu Kategorien zusammengefasst. Anschließend werden die Sinneinheiten durch Schlagwörter, sogenannte „Codes“, charakterisiert und mit Codenotizen versehen (vgl. Flick, Kardorff & Steinke, 2000, S. 198). Mit diesen Codes können größere Absätze oder ganze Texte ausgewertet werden. Als Hilfsmittel wurde für die Codierung das Programm „f4analyse“ verwandt. Im folgenden Abschnitt werden die wichtigsten Erkenntnisse dargestellt, die im Rahmen der Analyse gewonnen wurden. In die Darstellung dieser Analyseergebnisse wurden beispielhaft Auszüge aus den Transkriptionen integriert. Die Interviewsequenzen sollen die qualitativen Inhalte der Gespräche mit den Fachkräften in den Einrichtungen illustrieren. Sie dienen zugleich als Belege für die Ergebnisse und sollen die Verfahrensweise bei der Codierung und Kategorisierung deutlich machen. Auslassungen von Teilen des Sprecherbeitrags oder von größeren Abschnitten, die für die jeweilige Analyse nicht relevant waren, sind durch drei Punkte in eckigen Klammern gekennzeichnet. Die Interviewsequenzen werden wie Zitate behandelt, das heißt in Anführungszeichen gesetzt. Wenn die Befragten selbst im Interview Dritte zitieren, werden einfache Anführungszeichen benutzt. 7 Zur Methodik der Datenerhebung für die vorliegende Studie und Analyse der Daten 166

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.