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2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 13 - 34

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-13

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
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Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung Im folgenden Abschnitt wird anhand von Ergebnissen der Väterforschung die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung herausgearbeitet. Zunächst werden die Dimensionen der Vaterschaft beleuchtet. Daraufhin wird der Frage nachgegangen, ob Vater und Säugling bereits genauso früh miteinander interagieren können wie Mutter und Säugling. Anschließend wird die Rollenteilung in der Familie und das Ausmaß des väterlichen Engagements für das Kind untersucht. In einem weiteren Abschnitt wird der Frage nachgegangen, von welchen Bedingungen väterliches Engagement bei der Pflege und Erziehung des Kindes abhängig ist, um daraufhin den Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes zu beleuchten. Ansätze aus der Familiensystemtheorie ergänzen die Überlegungen um den Zusammenhang zwischen der Qualität der elterlichen Partnerschaft und kindlicher Entwicklung. Dimensionen der Vaterschaft Die Funktion des Vaters wird in unterschiedlichen Zusammenhängen – beispielsweise in juristischen, biologischen, kulturellen und sozialen – diskutiert. Seine Rolle beinhaltet verschiedene Dimensionen, die im Folgenden dargelegt werden. Mutterschaft und Vaterschaft sind „in Bezug aufeinander, gegen- und zueinander komplementär bestimmt“ (vgl. Thiersch, 2007, S. 9). Ein Vater ist der männliche Elternteil (vgl. „Vater“, 2007, S. 745) bzw. Mann im Verhältnis zu seinem Kind (vgl. „Vater“, 1999, S. 36). Im biologischen Sinne gilt als Vater der Mann, der das Kind gezeugt hat (vgl. „Vater“, 1999, S. 36). Die juristische Vaterschaft entsteht durch Ehe des Mannes mit der Mutter, durch Vaterschaftsanerkennung oder gerichtliche Feststellung der Vaterschaft (vgl. Haertlein, 2011, S. 932). Gemäß § 15 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) ist die Mutter eines Kindes die Frau, die das Kind geboren hat. Ist ein Mann bei der Geburt des Kindes mit ihr verheiratet, ist er im rechtlichen Sinne der Vater des Kindes. Sind die Mutter und ihr Partner nicht miteinander verheiratet, kann durch Anerkennung der Vaterschaft nach § 1592 BGB i. V. m. § 1594 BGB eine rechtliche Elternschaft erwirkt werden. Im Konfliktfall kann ein Gericht nach § 1592 BGB i. V. m. § 1600 d BGB die Vaterschaft feststellen. Das Verfahren der Anerkennung per Gerichtsgutachten kann von der Mutter, dem Kind selbst oder dem Mann, der vermutet, biologischer Vater zu sein, eingeleitet werden (vgl. Kölbl, 2007, S. 91). In den folgenden Abschnitten wird vor allem die soziale und pädagogische Funktion des Vaters umrissen. Seine Rolle in der frühen Kindheit und seine Bedeutung für 2 2.1 13 die Entwicklung des Kleinkindes wurde über einen langen Zeitraum hinweg kaum wissenschaftlich untersucht (vgl. Steinhardt, Datler & Gstach, 2002, S. 7) und bis in die 1970er Jahre hinein allgemein als gering eingestuft. Aus der Fähigkeit von Frauen, Kinder zu gebären und zu stillen, leitete man die Annahme ab, dass die Vater-Kind- Beziehung weniger eng sei als die Bindung zwischen Mutter und Kind (vgl. Nickel & Köcher, 1986, S. 173; Schmidt-Denter, 2005, S. 28; Werneck, 1997, S. 1). Gängige Wissenschafts- und Forschungstraditionen waren von einem klassischen Familienbild geprägt, demzufolge die Mütter für die Pflege, die Versorgung und das Aufwachsen ihrer Säuglinge und Kleinkinder Verantwortung trugen. Väter hatten die Rolle inne, die Familie ökonomisch zu versorgen. Erst mit dem Größerwerden der Kinder war es die typische Aufgabe des Mannes, diese zu disziplinieren und für das Leben außerhalb der Familie zu rüsten (vgl. Nickel & Köcher, 1986, S. 173; Steinhardt, Datler & Gstach, 2002, S. 7; Werneck, 1997, S. 1). In der Pädagogik wurde lange – unter dem Einfluss psychoanalytischer Vorstellungen – der Mutter ein weitaus höherer Stellenwert für die Entwicklung ihrer Kinder eingeräumt als dem Vater. Freud betonte die „einzigartige, unvergleichliche, fürs ganze Leben unabänderlich festgelegte Bedeutung der Mutter als erstes und stärkstes Liebesobjekt, als Vorbild aller späteren Liebesbeziehungen – bei beiden Geschlechtern“ (Freud, 1953, S. 45). Gemäß psychoanalytischen Theorien galt die „phallische Phase“ vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr als frühster Lebensabschnitt, in dem der Vater für die Kindesentwicklung eine Bedeutung für die Neurosengenese erhält (vgl. von Klitzing, 1998, S. 120). In dieser Zeit bilden Kinder auch den sogenannten Ödipus-Komplex aus. Gemeint sind rivalisierende und aggressive Gefühle gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil und die positiven und zugeneigten gegenüber dem gegengeschlechtlichen (vgl. Hoffmann, 1994, S. 580). Demnach sehe ein Junge in seinem Vater einen Rivalen um die Liebe zur Mutter und wünsche diesem unbewusst den Tod. Gleichzeitig fürchte er die väterliche Rache in Form der Kastration. Aus Angst vor der unausgesprochenen Kastrationsdrohung füge sich der Junge der väterlichen Autorität. Dieses Verhalten löse den Konflikt, da es die wohlwollende Anerkennung des Vaters zur Folge habe. Das väterliche Verbot werde zum festen Bestandteil der kindlichen Psyche, was zur Bildung des Über-Ichs führe (vgl. von Klitzing, 1998, S. 120). Auch für das Mädchen trete der Vater erst in der ödipalen Phase auf den Plan, und zwar als Liebesobjekt im Rahmen eines „Objektwechsels“. Das Mädchen wende sich von der Mutter als primärem Liebesobjekt ab und dem Vater zu. Die Theorie des Objektwechsels impliziere, so von Klitzing, die Annahme einer Bedeutungslosigkeit des Vaters als Liebesobjekt für Kleinkinder in der Zeit vor der ödipalen Phase (vgl. von Klitzing, 1998, S. 121). Der Diskurs zur Bedeutung der Väter für ihre Kinder setzte Nickel und Köcher zufolge in den deutschsprachigen Ländern im Vergleich zu anderen – speziell im Vergleich zum angloamerikanischen Sprachraum – verzögert ein. Zunächst erfasste die Diskussion die Disziplinen der Psychologie, Soziologie und Pädagogik, später wurde die Funktion und Rolle der Väter bei Schwangerschaft, Geburt und Versorgung des Kindes in medizinischen Fachblättern erörtert. Erst in den 1980er Jahren erreichte die 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 14 Debatte die Kinderpsychiatrie, die Familiensoziologie und die Rechtswissenschaft (vgl. Nickel & Köcher, 1986, S. 173). Intuitive Kompetenz von Vätern und Säuglingen zur Interaktion Ein bedeutsamer Einfluss des Vaters auf seine Kinder wurde unter anderem auch deshalb lange nicht erwogen, weil man bis in die jüngste Vergangenheit hinein die sozialen Kompetenzen von Kleinkindern unterschätzte. Vaterforscherinnen und -forscher konnten mehrfach zeigen, dass Kleinkinder schon im ersten Lebensjahr über die Fähigkeit verfügen, zu beiden Elternteilen Bindungen aufzubauen (vgl. Eickhorst, Benz, Scholtes & Cierpka, 2010, S. 624; von Klitzing, 1998, S. 122; Lamb, 1981, S. 307–327). Erst ab den 1960er Jahren wurde in diversen Studien nachgewiesen, dass fast zwischen allen Kindern und ihren Vätern in den ersten beiden Lebensjahren eine Bindung entsteht, obwohl sich nicht alle Männer an der Säuglingspflege beteiligt hatten (vgl. Grossmann et al., 1989; Grossmann & Grossmann, 1991, 2000; Schaffer & Emerson, 1964, S. 31). Die Unterschätzung der Kompetenzen von Kindern im Aufbau von Bindungen zum männlichen Elternteil hatte Einfluss auf die Entstehungsbedingungen der Heime für Mutter und Kind (dieser Zusammenhang wird in Abschnitt 5.3 der vorliegenden Studie herausgearbeitet). Eine Forschungsgruppe um Frodi und Lamb wies nach, dass Väter für die Signale von Kleinkindern genau wie ihre Partnerinnen empfänglich sind. In Versuchen zeigten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Elternteilen beiden Geschlechts ruhige, lächelnde oder weinende Babys auf einem Monitor, maßen ihre psychophysiologischen Reaktionen und verglichen die Ergebnisse miteinander. Es ließen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Reaktionen der Männer und denen der Frauen feststellen (vgl. Frodi & Lamb, 1980; Frodi, Lamb, Leavitt, Donovan et al., 1978; Frodi, Lamb, Leavitt & Donovan, 1978). Analysen von Eltern-Säuglings-Interaktionen durch das Ehepaar Papoušek legen die Annahme nahe, Mütter und Väter seien gleichermaßen dafür vorbereitet, kindliche Signale wahrzunehmen und daraus den jeweiligen Zustand der Aufmerksamkeit, Aufnahmebereitschaft und Belastbarkeit des Kindes abzulesen. In allen intuitiven elterlichen Verhaltensanpassungen an die Bedürfnisse des Säuglings fand das Forscherpaar keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern (vgl. Papoušek & Papoušek, 1987). Unstrukturierte Beobachtungen von Eltern-Neugeborenen-Interaktionen auf Entbindungsstationen zeigten, dass Väter weder unfähig zur Interaktion mit ihren Kindern noch uninteressiert daran waren. Wenn sie ihr Kind zum ersten Mal sahen, verhielten sich Männer gegenüber den Neugeborenen meist genauso wie Frauen (vgl. Lamb, 1997 b, S. 105). Beim Füttern reagierten beide Eltern durchschnittlich in gleichem Maß auf die Signale der Kinder. Darüber hinaus passten sie ihre Sprachmuster meist einfühlsam dem Entwicklungsstand der Kinder an. Sie sprachen langsamer mit ihren Kleinkindern, benutzten kürzere Sätze und wiederholten sich häufiger als im Umgang mit Erwachsenen. Im Durchschnitt waren Väter ebenso sensibel gegenüber den Veränderungen im Ent- 2.2 2.2 Intuitive Kompetenz von Vätern und Säuglingen zur Interaktion 15 wicklungsstand ihrer Kinder wie Mütter und berücksichtigten beim Spiel die Fähigkeiten und Vorlieben ihrer Kinder adäquat (vgl. Lamb, 1997 b, S. 106). Gemäß den Ergebnissen einer Studie von Field verhält sich der Elternteil, der sein Kind primär betreut, gegenüber dem Nachwuchs sensibler als der jeweils andere. Die primäre Betreuungsperson stellt häufiger wechselseitige Kommunikation mit dem Kind her, indem sie nachahmend Grimassen zieht oder die hohe Stimme des Kindes imitiert (vgl. Field, 1978, S. 183–194). Wer die primäre Bindungsperson eines Kindes ist oder wird, ist demnach nicht abhängig vom Geschlecht der Person, sondern vielmehr von ihrer Präsenz oder ihren Bemühungen um das Kind. Mehr Erfahrung und die darüber gewonnene Sicherheit im Umgang mit einem Kind erhöhen die Wahrscheinlichkeit dafür, weiterhin an dessen Leben und an der Fürsorge für dieses teilzuhaben (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 622). Studienergebnissen von Lamb zufolge suchen Kleinkinder unter Stress häufiger den Kontakt mit der primären Bezugsperson als mit dem jeweils anderen Elternteil. In entspannter Atmosphäre agieren sie hingegen mit beiden Elternteilen in gleichem Maße, sofern diese beide anwesend sind (vgl. Lamb, 1997 b, S. 111). Gemäß den Untersuchungen von Main und Weston ist das Sicherheitsgefühl von Kindern in Stresssituationen entscheidend durch die jeweilige Qualität der Bindung an Mutter und Vater geprägt. Sie ermittelten dies in einem Versuch: Auf eine unbekannte Person, die als Clown verkleidet war, reagierten Kinder umso souveräner, je sicherer sie an beide Elternteile gebunden waren (vgl. Main & Weston, 1981, S. 932–940). Die Forschungsgruppe Lewis, Feiring und Weinraub widerlegte die Annahme, dass die Häufigkeit der Vater-Kind-Interaktion in einem direkten Zusammenhang mit der Qualität der Beziehung stehe. Für letztere sei vielmehr entscheidend, ob Eltern auf die Interaktionsbereitschaft ihres Kindes eingingen, die Kommunikation wechselseitig verlaufe und dem Entwicklungsstand des Kindes angemessen sei. Wenn Väter mit ihren Kindern im Vergleich zu den Müttern weniger Zeit verbringen, sei ihr Einfluss auf die Entwicklung des Kindes nicht unbedingt geringer, sofern ein gewisses Minimum an Zeit nicht unterschritten werde (vgl. Lewis, Feiring & Weinraub, 1981, S. 259–294). Nach Jarvis und Creasey ist die Wahrscheinlichkeit für die Ausbildung unsicherer Bindungen bei Kindern höher, wenn deren Väter über ein hohes Level an Stress klagen. Weniger Stress führt zu einer sichereren Bindung des Kindes zum männlichen Elternteil (vgl. Jarvis & Creasey, 1991, S. 383–395). Cox und ihr wissenschaftliches Team fanden heraus, dass Kinder mit zwölf Monaten umso sicherer an ihre Väter gebunden waren, je liebevoller die Männer diesen gegenüber im Alter von drei Monaten eingestellt gewesen waren, je mehr Zeit sie mit ihnen verbracht hatten und je positiver die Grundhaltungen waren, die sie vertraten (vgl. Cox et al., 1992, S. 474–483). Der Autor Lamb vertritt die Position, die grundlegenden Fragen der Väterforschung seien weitgehend beantwortet: Kleinkinder bauen während des ersten Lebensjahres etwa zur selben Zeit Bindungen zu beiden Elternteilen auf. Zudem scheint es, als gebe es zwischen den Beziehungspersonen eine Hierarchie, in der die Mutter gegenüber dem Vater von Kleinkindern bevorzugt würde. Kinder präferieren ihre Mütter vermutlich deshalb, weil Frauen den Hauptanteil der Betreuung und Versorgung von Kindern übernehmen. Die Möglichkeit eines Verschwindens oder einer 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 16 Umkehr dieser Effekte bestehe, wenn Väter die Betreuungs- und Versorgungsaufgaben mit den Müttern teilten oder sogar primär übernähmen, was bisher aber nur wenige Väter getan hätten (vgl. Lamb, 1997 b, S. 119). Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung ist die Annahme vor dem Hintergrund der hier dargelegten Befunde, dass Männer für Kinder grundsätzlich ebenso gute Bindungspersonen darstellen und deren Entwicklung in ebenso hohem Maß beeinflussen können wie Frauen und dass es keine biologisch fundierten Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich der Sensibilität für kindliche Bedürfnisse gibt. Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind Aus den Informationen im vorangegangenen Abschnitt ergibt sich für die vorliegende Untersuchung die Frage, ob überhaupt Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Verhalten gegenüber dem Kind existieren. Tatsächlich lassen sich statistisch signifikant Andersartigkeiten im Verhalten zwischen Vätern und Müttern nachweisen. Väter tendieren dazu, sich in der Interaktion mit dem Kind auf das Spielen und andere spaßbetonte, zeitlich disponible Aufgaben zu spezialisieren, auf sogenannte Pleasure-Aktivitäten, wie beispielsweise mit dem Kind auf den Spielplatz gehen, das Kind baden und Routinen rund um das Zubettbringen, während Mütter mehr Versorgungs- und Pflegetätigkeiten übernehmen (vgl. Kalicki, Peitz & Fthenakis, 2006, S. 86; Lamb, 1997 a, S. 5). Parke und Sawin (1980) wiesen nach, dass auch alleinerziehende Väter zwar weniger Zeit mit Füttern und Pflege verbringen als alleinerziehende Mütter, stattdessen aber häufiger und anregender mit ihrem Kind spielen. Absolut verbringen Frauen zwar mehr Zeit spielend mit ihren Kindern als Männer, anteilig spielen Väter im Kontakt mit ihren Kindern aber häufiger als Mütter. Da ein großer Anteil der Vater-Kind-Interaktion aus Spiel besteht, das Spiel darüber hinaus ausgelassen und stimulierend ist und zudem die Interaktion mit dem Vater seltener vorkommt, stechen diese Situationen im Erleben der Kinder besonders hervor (vgl. Lamb, 1997 a, S. 5). Väter spielen gemäß den Untersuchungen von Clarke-Stewart und Lamb körperbetontere Spiele, verhalten sich währenddessen lebendiger, unvorhersehbarer und individueller als ihre Partnerinnen. Mütter spielen eher distanziert und verbalisierend und nutzen Spielzeug als Medium. Sie sind zudem stärker auf die Sicherheit des Kindes bedacht und fordern daher das Kind seltener zu abweichendem, originellem Spiel auf (vgl. Clarke-Stewart, 1978, S. 466–4780, 1980, S. 111–146; Lamb, 1980, S. 21–43). Viele Väter zeigen beim Umgang mit ihrem Kind ein anderes körperliches Verhalten als die Kindsmütter. Während die Männer ihr Kind am ganzen Körper berühren, fassen die Frauen häufiger lediglich einzelne Körperteile, z. B. Wangen oder Händchen, an (vgl. Field, 1978, S. 183–194; Lamb, 1997 b, S. 111). Einer US‑amerikanischen Untersuchung von Clarke-Stewart (1978) zufolge ruft der väterliche Spielstil beim Kind meist positivere Reaktionen hervor als der Spielstil der Mütter. Die Wissenschaftlerin beobachtete, dass Kinder im Alter von 15 bis 30 Monaten häufiger den Vater als Spielpartner auswählten, vermutlich da dieser lebhaf- 2.3 2.3 Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind 17 ter mit ihnen spielte und den Erkundungsdrang der Kinder weniger einschränkte. Wie Parke und O’Leary (1976) zeigten, vermittelt der Vater dem Kind beim Spiel eine größere Erfahrungsbandbreite als die Mutter – unabhängig davon, wie engagiert er sich in anderen Bereichen um das Kind kümmert. Nach Lewis (1997) rückt im Erleben des Kindes im Verlauf der Kindesentwicklung das Spielen im Verhältnis zu den Pflegetätigkeiten immer stärker in den Vordergrund. Da im Vorschulalter Pflegetätigkeiten weniger aufwändig würden, werde ab diesem Zeitpunkt das väterliche Spiel für die Kinder wichtiger. Jüngst konnte gezeigt werden, dass eine ausgeprägte Mentalisierungsfähigkeit des Vaters (vgl. Abschnitt 1.2 der vorliegenden Studie) kindliche Kompetenzen in Spielsituationen positiv beeinflusst: Im Rahmen der Erhebung von Haßelbeck gingen Väter mit höherer Mentalisierungsfähigkeit in einer Spielsituation mit dem Kind – beim gemeinsamen Anschauen eines Bilderbuchs – sensibler mit dem Kind um als andere. Sie zeigten mehr aufrichtiges Interesse an der Interaktion sowie Vergnügen beim Spiel mit dem Kind. Ihr Gesichtsausdruck war freundlicher und schwankte weniger plötzlich im emotionalen Ausdruck. Sie nahmen die Signale des Kindes besser wahr und reagierten besser darauf. Ihr Erzieherverhalten war flexibler und der jeweiligen Situation besser angepasst, die Spielinteraktionen kreativer und freudiger, während Konfliktsituationen einen geringeren Einfluss auf die Interaktionen nahmen (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 44). Außerdem zeigten die Kinder von Vätern mit ausgeprägter Mentalisierungsfähigkeit in der Spielsituation eine bessere Balance zwischen Eigenaktivitäten und Ansprechbarkeit durch den Vater sowie autonomem Spiel und selbstinitiierter Kontaktaufnahme mit dem Vater. Auch in der Beobachtung des Alltagsgeschehens zuhause war bei Kindern von Vätern mit ausgeprägter Mentalisierungsfähigkeit festzustellen, dass sie den Kontakt zum Vater (auch über die Distanz hinweg) eher aufrecht erhielten, sich mehr dafür interessierten, was der Vater tat, und mehr mit ihm oder in seiner Nähe spielten, um zwischendurch zu ihm zurückkommen, etwas zeigen, mitteilen oder vorführen zu können, und dass sie beim Spielen mehr körperliche Nähe und Körperkontakte genossen, die dazu dienten, die Beziehung emotional positiv auszugestalten. Bei Fremdkontakten im Umfeld vertrauter Beziehungen waren Kinder von Vätern mit hoher Mentalisierungsfähigkeit zudem interessierter und neugieriger auf die neuen Sozialkontakte und erprobten im Beisein des Vaters mehr Kommunikationstechniken mit Fremden (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 44). Darüber hinaus konnte Haßelbeck zeigen, dass Kinder von Vätern mit ausgeprägter Mentalisierungsfähigkeit im Beisein der Bezugsperson in einer frustrierenden Situation besser gestimmt bleiben, weniger Hilfe suchen sowie weniger Stressreduktion einfordern als Kinder von Vätern mit geringerer Mentalisierungsfähigkeit (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 48). Geschlechterstereotype formen – wie Lamb elaboriert – die Umgangsstile der Eltern mit den Kleinkindern. Die Zugehörigkeit der Elternteile zu einem bestimmten Geschlecht wecke bei Außenstehenden Erwartungen an das Verhalten des Elternteils gegenüber dem Kind. Dass Väter mit ihren Kleinkindern häufiger in Spielsituationen und in diesen darüber hinaus oft körperbetont interagieren, während Mütter eher Betreuungs- und Pflegeaufgaben übernehmen, bewertet Lamb als Reaktion auf diese Rollenerwartungen von außerhalb. Die Erwartungshaltungen könnten, so Lamb, 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 18 einen sozialen Druck generieren, auf den Elternteile durch das Erfüllen des jeweiligen rollenspezifischen Verhaltens bewusst oder unbewusst reagieren (vgl. Lamb, 1997 b, S. 105). Das Phänomen, das Menschen Geschlechterstereotype in ihrem Verhalten reproduzieren, wird als doing difference (West & Fenstermaker, 1995) bezeichnet. Für einen Zusammenhang zwischen Rollenerwartungen und dem väterlichen Involvement bzw. der Art und Weise der Interaktion zwischen Vater und Kind spricht der Umstand, dass der Vater in verschiedenen Kulturen unterschiedlich stark in die Betreuung seines Kindes involviert ist. Beispielsweise beschäftigen sich schwedische Väter während der Kontakte mit ihren Kindern im Vergleich zu ihren Partnerinnen weder besonders häufig mit dem Spielen noch spielen sie auffällig körperbetont. Auch Männer in israelischen Kibbuzim spielen während der in Interaktion mit ihrem Kind verbrachten Zeit im Durchschnitt und im Vergleich zu den Müttern weder besonders häufig noch ausdauernd (vgl. Lamb, 1997 b, S. 111). Ein Vergleich der Ergebnisse von Untersuchungen in verschiedenen afrikanischen Gemeinschaften durch Eickhorst und seine Kolleginnen und Kollegen zeigt die kulturelle Variabilität, was die Beteiligung von Männern bei der Betreuung und Pflege ihrer Kinder angeht (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 623).6 Überall dort, wo Unterschiede zwischen dem Verhalten der Väter und dem der Mütter in Studien ermittelt wurden, sind die geschlechterspezifischen Verhaltensweisen über mehrere Generationen weitgehend veränderungsresistent und lassen sich über lange Zeiträume hinweg nachweisen (vgl. Lamb, 1997 b, S. 114). Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass das Erleben dieser Rollenteilung im frühen Kindesalter die spätere Übernahme der Geschlechterstereotype beeinflusst (vgl. Lamb, 1997 b, S. 120). In jüngerer Zeit gibt es jedoch Anhaltspunkte für ein verändertes Rollenverständnis von Teilen der Männer in europäischen und US-amerikanischen Gesellschaften. In Deutschland stieg beispielsweise die Bereitschaft von Vätern, an geburtsvorbereitenden Kursen teilzunehmen und bei der Geburt des Kindes anwesend zu sein (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 29). Beim Vergleich der Eheschließungsjahrgänge 1950, 1970 und 1980 konnte gezeigt werden, dass der Anteil der Männer, welche die Geburt des eigenen Kindes miterleben, sich am Familienleben beteiligen und gemeinsam mit den Kindern spielen, in Deutschland deutlich zugenommen hat (vgl. Nave-Herz, 1984, S. 45–63). War die Anwesenheit des Vaters im Kreißsaal in den 1970er Jahren nach wie vor an vielen Kliniken untersagt, erleben – gemäß einer Erhebung eines Pi- 6 Hewlett problematisiert die Fokussierung wissenschaftlicher Studien auf Väter bzw. Vater-Kind-Beziehungen in europäischen und US-amerikanischen Gesellschaften (vgl. Hewlett, 1992 a). Während tatsächlich nach wie vor wenig über Väter im Rest der Welt bekannt sei, suggerierten die meisten Untersuchungen mit weißen Vätern der Mittelschicht aus westlichen Gesellschaften, die Ergebnisse der Analysen gälten universal und entsprächen einem natürlichen Prinzip. Hewlett fordert, einen kritischen Blick auf diese Analysen zu werfen, zumal ihre Ergebnisse häufig die Grundlage für politische Entscheidungen bilden (vgl. Hewlett, 1992 b, XI). Studien zufolge seien Väter in nichtwestlichen Gesellschaften selten bei der Geburt eines Kindes anwesend. Obendrein sei dort die lebhafte Interaktion nicht zentral für väterliches Spiel. In anderen Dingen hingegen verhalten sich Väter in allen Teilen der Erde zum großen Teil gleich: Sie übernehmen im Durchschnitt (wenngleich nicht alle) seltener Pflegeund Betreuungsaufgaben als Mütter, während von ihnen die ökonomische Versorgung der Kinder und der Partnerin erwartet wird (vgl. Hewlett, 1992 b, XII). 2.3 Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind 19 lotprojekts von Bartoszyk und Nickel – schon Mitte der 1980er Jahre neun von zehn Männer die Geburt ihres ersten Kindes mit (vgl. Bartoszyk & Nickel, 1986, S. 353– 358). Den Ergebnissen einer Befragung durch die Wissenschaftlerin Gauda zufolge wünschten sich fast alle befragten Schwangeren die Anwesenheit des Kindsvaters bei der Geburt (vgl. Gauda, 1983, S. 166–167). Es ließ sich nachweisen, dass letzteres tatsächlich die Mutter emotional unterstützt und der frühe Kontakt zwischen Vater und Kind die Ausbildung einer engen Bindung fördert (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 29; Werneck, 1997, S. 6). Trotz des veränderten Geschlechterrollenverständnisses interagieren Mütter deutlich häufiger mit ihren Kindern als Väter (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). Männer im sechsten Ehejahr beschäftigten sich mit ihrem Kind werktags durchschnittlich eine Stunde und 34 Minuten, samstags zwei Stunden und 32 Minuten und sonntags drei Stunden und acht Minuten. Die gleiche Studie ergab folgende prozentuale Anteile für verschiedene Tätigkeiten, die sich die Eltern zu gleichen Anteilen teilen: Spielen: 75 Prozent, Beruhigen: 56 Prozent, Spazierengehen: 56 Prozent, Baden: 52 Prozent, Wickeln: 48 Prozent, Organisation eines Babysitters: 32 Prozent, nächtliche Versorgung: 32 Prozent, Essenzubereitung: 23 Prozent, Arztbesuche: 14 Prozent, sonstige organisatorische Tätigkeiten: 7 Prozent (vgl. Vaskovics, Rost & Rosenkranz, 2000). Väter zeigen – betrachtet man die Bezugspersonen der Kinder – das inhomogenste Verhalten gegenüber dem Kind im Vergleich zu den anderen Gruppen von Bezugspersonen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 31). Schmidt-Denter (2005, S. 31) unterscheidet in einer empirischen Untersuchung zwischen aktiven Vätern, zu denen er ca. 41 Prozent zählt, weniger aktiven Vätern, die 37 Prozent der Gruppe ausmachen, und inaktiven Vätern mit einem Anteil von 22 Prozent. Einigen Studien zufolge nehmen die Betreuungsleistungen der Männer mit dem Älterwerden ihrer Kinder ab. In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob die väterliche Sensibilität gegenüber dem Kind im Vergleich zur mütterlichen mit der Zeit sinkt (vgl. Donate-Bartfield & Passmann, 1985, S. 385–393; Heermann, Jones & Wikoff, 1994, S. 311–321). Pleck verglich Untersuchungen über das Engagement erwachsener, in heterosexuellen Zwei- Eltern-Familien lebender Väter für ihre Kinder. Er fand heraus, dass Männer zwar mit steigendem Alter ihres Kindes dieses seltener betreuen, aber auch die Mütter nach und nach weniger Zeit mit ihrem Kind verbringen. Der abnehmende Trend falle bei den Müttern in absoluten Werten größer aus als bei ihren Partnern, sodass – relativ zu den Müttern gesehen – Väter mehr Zeit mit älteren Kindern verbrächten als mit jüngeren (vgl. Pleck, 1997, S. 76). Gemäß den Ergebnissen des Bamberger Ehepaar-Panels7 übernehmen Mütter an Werktagen den größten Teil der Betreuung ihrer Kleinkinder, nämlich im Durchschnitt 85 Prozent der Betreuungsaufgaben. Wenn die Eltern mehr als ein Kind ha- 7 In den Jahren von 1988 bis 1996 wurde an der Sozialwissenschaftlichen Forschungsstelle der Universität Bamberg eine Längsschnittstudie, das sogenannte „Bamberger-Ehepaar-Panel”, durchgeführt. Die Studie wurde durch das Bundesministerium für Familien und Frauen, Jugend und Senioren gefördert. Im Rahmen der Untersuchung wurden junge Paare über sechs Jahre hinweg in ihrer Beziehungs- bzw. Familienentwicklung begleitet (vgl. Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg, 2013). 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 20 ben, steigt der Anteil. An Wochenenden verbringen Väter mehr Zeit mit ihren Kindern als unter der Woche. 80 Prozent der Männer übernehmen am Wochenende 40 Prozent der Betreuungsaufgaben oder mehr (vgl. Schneewind et al., 1996, S. 239). Selbst wenn Väter die Hauptverantwortung für die Betreuung der Kinder übernehmen, werden Haushaltsaufgaben oder typisch männliche Aufgabenbereiche selten gleichmäßig zwischen beiden Geschlechtern aufgeteilt. Berufstätige Mütter übernehmen auch in diesen Ehen häufiger Haushaltsaufgaben, während als typisch männlich geltende Aufgabenbereiche Sache der Männer bleiben (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38).8 Im Schnitt übernehmen Väter weniger und seltener Pflegetätigkeiten wie das Wickeln, Baden oder Füttern des Kindes als Mütter (vgl. Vaskovics, Hofmann & Rost, 1996, S. 137). Jedoch deuten sich auch bei diesen als typisch mütterlich geltenden Tätigkeiten „epochale Veränderungen“ (Schmidt-Denter, 2005, S. 33) an. Es sind vor allem jüngere, in Großstädten lebende Männer mit akademischer Bildung, die zu einer Abkehr von der traditionellen männlichen Berufsorientiertheit bereit sind, in nennenswertem Umfang Pflegetätigkeiten übernehmen, und sich egalitäre Arbeitsteilung bei der Kinderbetreuung wünschen (vgl. Prenzel, 1990, S. 106; Schmidt-Denter, 2005, S. 33; Schneewind et al., 1996). Es handelt sich überwiegend um junge Familien mit einem Kind, das jünger als drei Jahre ist (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38). Obwohl der Lebensentwurf der neuen Väter lediglich von einer deutlichen Minderheit gelebt werde, steht die heutige Generation von Männern grundsätzlich einem hohen familiären Engagement und einer gleichberechtigten Aufteilung der Elternrollen aufgeschlossener gegenüber als die Generation zuvor (vgl. Werneck, 1997, S. 4). Fthenakis (1999) bezeichnet dieses neue Selbstverständnis im Titel eines seiner Bücher als „sanfte Revolution“ Richtung „engagierter Vaterschaft“. Was die Reaktion der Kinder auf eine Rollenteilung der Eltern angeht, fand Russell (1982) in seiner Studie heraus, dass die Kinder von Eltern mit nichttraditioneller Rollenteilung sich von den Reaktionen des Umfelds auf die Rollenteilung wenig berührt zeigten. Im Rahmen eines Nationalen Forschungsprogramms in der Schweiz wurden im Jahr 1994 28 Deutschschweizer Elternpaare, von denen Vater und Mutter zu annähernd gleichen Teilen teilzeitlich erwerbstätig sind und sich die Verantwortung für die Hausarbeit und Kinderbetreuung partnerschaftlich teilen, über ihre Arbeitsteilung, ihre Elternschaft und ihr berufliches Engagement befragt. In der 2004 durchgeführten Folgestudie wurde untersucht, wie sich die Rollenteilung zwischenzeitlich bewährt und gegebenenfalls verändert hat (vgl. Bürgisser, 2005, S. 4). Für die vorliegende Studie ist vor allem interessant, dass ergänzend die Sicht der herangewachsenen Kinder hinsichtlich des egalitären Rollenmodells und der Beziehung zu ihren Eltern ermittelt wurde. Die Befragung einer analogen Anzahl Kinder aus Familien mit traditioneller Rollenteilung ermöglichte es, Sozialisationserfahrungen in zwei unterschiedlichen Haushaltstypen zu vergleichen (vgl. Bürgisser, 2005, S. 4). Die 8 Nach Rommelspacher werde die klassische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern oft unbewusst konserviert, indem Migrantinnen für die Erledigung von Aufgaben in Haus und Familie eingestellt werden, sofern die Mütter in der Familie keine Zeit zur Erledigung der Aufgaben haben. Rommelspacher bezeichnet dieses Phänomen als „ethnische Unterschichtung“ (vgl. Rommelspacher, 2005, S. 27). 2.3 Rollenteilung in Familien und väterliches Engagement für das Kind 21 meisten Kinder aus egalitären Haushalten schätzen das elterliche Rollenmodell sehr, vor allem auch den gemeinsamen Alltag mit dem Vater. Kinder in traditionellen Familien scheinen sich mit dem Modell der Eltern eher „arrangiert zu haben“, als ihm freudig zuzustimmen. Ein egalitäres Modell gäbe ihnen nach eigener Einschätzung vor allem die Möglichkeit, die Vater-Kind-Beziehung zu verbessern. Die Kinder aus traditionellen Haushalten vermissen ihre Väter im Alltag und wünschen sich „weniger Mutter“ (vgl. Bürgisser, 2005, S. 4). Bedingungen für väterliches Engagement für das Kind Mit einer mangelnden Veränderungsbereitschaft der Mütter hinsichtlich der innerfamiliären Arbeitsteilung könnten die Unterschiede im Ausmaß der Verantwortungs- übernahme für das Kind zwischen Vätern und Müttern nicht begründet werden (vgl. Werneck, 1997, S. 7). Zwar könne es auch für Frauen schwer sein, Elternschaft von Anbeginn an als gemeinsames Projekt zu sehen (vgl. Flaake, 2011, S. 35; Lamb, 1997 a, S. 7), da dies mit dem Aufgeben von bisher ausschließlich der Mutter übertragenen Kompetenzbereichen verbunden sei (vgl. Werneck, 1997, S. 7), und einige wollen trotz starker Belastung die Hauptaufgaben im Bereich Pflege und Erziehung der Kinder allein wahrnehmen (vgl. Hochschild, 1995, S. 219–230). Jedoch hätten die Mütter in der Regel durch familiäre Umstrukturierungen mehr zu gewinnen als zu verlieren (vgl. Werneck, 1997, S. 7). Bei der Gestaltung des Umgangs mit dem Kind spielen wahrscheinlich vor allem institutionelle und kulturelle Zwänge sowie motivationale Faktoren bei den Vätern die größte Rolle (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 32). Ungleichheiten der beruflichen Anforderungen an Männer und Frauen stellen ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter bei Pflege und Erziehung des Kindes dar (vgl. Werneck et al., 2006). Zumindest zum Teil kann die Geschlechterdifferenz in der Interaktionshäufigkeit mit dem Kind mit der verstärkten Abwesenheit der Männer erklärt werden. Väter erhöhen nämlich nach der Geburt eines Kindes in vielen Fällen ihr berufliches Engagement (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 72–74; Pedersen, Anderson & Cain, 1980; Pedersen, Yarrow et al., 1979), während Mütter ihre Arbeitszeit häufig reduzieren (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 72). Die berufliche Situation von Frauen wird in vielen Fällen beträchtlich verändert, das Ereignis der Familiengründung geht hingegen an den Erwerbsbiographien der Männer oft nahezu spurlos vorüber (vgl. Vaskovics, Hofmann & Rost, 1996, S. 108). Mit der Geburt des ersten Kindes wird die Ernährerrolle berufstätiger Väter meist zementiert (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 71). In Österreich beispielsweise erwirtschaften Väter bis vierzig Jahre im Schnitt 76 Prozent des Haushaltseinkommens. Nach der Geburt haben Männer in neun von zehn Fällen ein höheres Einkommen als ihre Partnerinnen (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 71).9 Nur 5 Prozent der be- 2.4 9 Dies zeigen Hofinger und Enzenhofer durch eine Analyse der österreichischen Arbeitsklima-Index- Daten der Jahre 1997 bis 2003. 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 22 rufstätigen Männer im Vergleich zu 41 Prozent der berufstätigen Frauen haben einen Teilzeitarbeitsvertrag (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 76). Während 58 Prozent der Arbeitnehmerinnen angaben, in ihrem Berufsleben eine Unterbrechung wegen Kinderbetreuung gehabt zu haben, galt dies für weniger als 1 Prozent der berufstätigen Männer in Österreich (vgl. Hofinger & Enzenhofer, 2006, S. 71). Von dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind auch Männer betroffen (vgl. Beham & Zartler, 2006). Trotzdem bezieht sich der Diskurs bis heute in vielen Ländern Europas – so auch in Deutschland (vgl. Rinken, 2009, S. 228) – nahezu ausschließlich auf die Situation von Frauen (vgl. Palz, Werneck & Beham, 2006, S. 13; Puchert, 2005, S. 5). Weitgehend unbekannt ist beispielsweise, dass immerhin 20 bis 25 Prozent der Hauptpflegepersonen von Angehörigen in Familien männlich sind bei einem Männeranteil von insgesamt 40 Prozent (vgl. Matzner, 2007 a, S. 24). Warum Väter ihre berufliche Tätigkeit nur selten für Kinderbetreuungsphasen unterbrechen, erforschte Werneck für Österreich. 56 Prozent der Männer, die an seiner Befragung teilnahmen, erklärten, dass sie unter anderen Voraussetzungen gern ihre Berufstätigkeit unterbrochen hätten. Gefragt nach den anderen Voraussetzungen, die gegeben sein müssten, antworteten die Väter zu 67 Prozent ein höheres Einkommen der Partnerin, zu 38 Prozent Möglichkeiten der Teilzeitarbeit für beide Eltern und zu 36 Prozent mehr Verständnis durch die Arbeitgeber (vgl. Werneck, 1997, S. 7). Voraussetzung für viele Männer, sich für die Familie zu engagieren, sei, die Arbeitszeit flexibel handhaben zu können (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38). Gemäß dem für Deutschland repräsentativen Familiensurvey des Deutschen Jugendinstituts besteht in Paarbeziehungen mit teilzeiterwerbstätigen Männern die höchste Wahrscheinlichkeit für nicht traditionelle Arbeitsteilung (vgl. Huinink & Röhler, 2005, S. 128–130). Schon vor einigen Jahren fand DeFrain (1979) in einer Studie heraus, dass sich Eltern häufig flexiblere Arbeitszeiten wünschen, um die Kinderbetreuung gleichmäßig auf beide Ehepartner aufteilen zu können. Unter anderem hängt die Beteiligung des Vaters an Pflege- und Erziehungsaufgaben auch von seiner Einstellung ab. Verschiedenen US‑amerikanischen Untersuchungen zufolge steigt die Wahrscheinlichkeit für männliches Engagement bei der Versorgung und Erziehung der Kinder, wenn die Väter davon überzeugt sind, Männer besä- ßen grundsätzlich hohe Kompetenzen im Umgang mit Kindern (einen Überblick über die Untersuchungsergebnisse gibt Pleck, 1997, S. 84). Die Vorstellungen von der Rolle des Vaters werden in verschiedenen Kulturen und im Wandel der Geschichte unterschiedlich definiert. Hofmeister, Baur und Röhler (2009) ermittelten, westdeutsche und ostdeutsche Frauen und Männer haben jeweils signifikant unterschiedliche Vorstellungen von guter Vaterschaft. Die Autorinnen und Autoren führen diese Ergebnisse zum einen auf den Einfluss der unterschiedlichen familienpolitischen Strategien in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zurück. Zum anderen fanden sie heraus, dass in allen Teilen der heutigen Bundesrepublik und bei beiden Geschlechtern das Erleben einer wirtschaftlich prekären Situation die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht, dem Mann die Rolle des Ernährers zuzusprechen. 2.4 Bedingungen für väterliches Engagement für das Kind 23 Nach Auer halten heutzutage viele berufstätige Väter eine gute Work-Life-Balance für selbstverständlich. Die sogenannten „familienaktiven“10 Väter mäßen neben finanziellem Erfolg, Gesundheit und Zeitsouveränität zunehmend auch einer erfüllenden sozialen Beziehung zur Lebenspartnerin und den eigenen Kindern größere Bedeutung bei (vgl. Auer, 2006, S. 30). Gemäß einer Repräsentativerhebung im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind Väter, die der unteren Mittelschicht und der oberen Unterschicht zugehörig sind, vorrangig am beruflichen Erfolg orientiert. Gleiches gelte für Mütter, die diesen Schichten angehören. Demgegenüber neigen Väter, die der oberen Mittelschicht angehören, und namentlich Akademiker dazu, Familienwerten gegenüber dem beruflichen Erfolg einen gleichwertigen oder höheren Rang einzuräumen (vgl. Döpkemeyer, 1981 zitiert nach Nickel & Köcher, 1986, S. 172). Familienorientierte Väter beteiligten sich überdurchschnittlich oft an Pflege und Erziehung der Kinder, stark karriere- und freizeitorientierte hingegen weit unterdurchschnittlich (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 33). Studienergebnissen von Russell (1999)11 zufolge entscheiden sich Eltern, die reproduktive Aufgaben nicht – wie traditionell üblich – hauptsächlich der Frau zusprechen, häufig aufgrund von finanziellen Erwägungen für die familiäre Arbeitsteilung: Meist engagieren sich Väter bei der Pflege und Erziehung des Kindes, wenn für die Familie diese Rollenteilung ökonomisch günstiger ist, beispielsweise bei Arbeitslosigkeit des männlichen Elternteils. Meuser sieht ein Vereinbarkeitsproblem für Väter gegeben, wenn sie sich an den neuen Werten orientieren. Von ihnen werde ein Handeln verlangt, das den traditionellen Männerrollenbildern vollständig entgegenstehe. Die neuen Werte widersprächen nicht nur einer Dimension von Männlichkeit neben vielen, sondern müssten auch mit einer vollständigen „Neujustierung der männlichen Geschlechtsidentität“ einhergehen (vgl. Meuser, Heinz & Kuster, 2005, S. 103). Selbst wenn sich der Vater eine moderne, nicht-traditionelle Rollenteilung in der Paarbeziehung wünscht, kann diese nach der Geburt eines Kindes nur selten umgesetzt werden (vgl. Werneck, 1997). Laut Flaake (2011, S. 28) gebe es für beide Geschlechter einen Sog hin zu traditionellen Arrangements. Wie Röhler (2006, S. 152) 10 Verschiedene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten in Deutschland Typologien subjektiver Vaterschaftskonzepte. Beispielhaft seien folgende genannt: Matzner (2004) ermittelt vier Typen: den traditionellen Ernährer, den modernen Ernährer, den ganzheitlichen und den familienzentrierten Vater. Bambey und Gumbinger (2006) stellen drei Typen vor: den fassadenhaften, den randständigen und den egalitären Vater. Ähnlich entwickelt Zulehner (2003) vier Typen männlicher Rollenvorstellungen, nämlich den traditionellen, den pragmatischen, den unsicheren/unbestimmten und den modernen Typ. 11 Russell (1982) untersuchte den Lebensstil von fünfzig australischen Familien. Er verglich die Rollenteilung in diesen miteinander und definierte verschiedene Familientypen. Beim „traditionellen“ Familientyp sei der Vater vor allem für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich, die Mutter hingegen hauptsächlich für die Pflege und Erziehung der Kinder. In „nichttraditionellen“ Familien teilen sich gemäß Russells Definition die Ehepartner die Verantwortung für die Betreuung und Pflege der Kinder oder der Vater hat die Hauptverantwortung diesbezüglich inne. Nach Russells Definition übernimmt in nichttraditionellen Familien jeder Elternteil etwa die Hälfte der Kinderbetreuungsaufgaben, während in den traditionellen Familien die Mütter eindeutig die primären Bezugspersonen sind. 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 24 zeigt, führt beispielsweise eine eintretende Arbeitslosigkeit eines Mannes in einer Paarbeziehung mit Haupternährermodell zwar kurzfristig oft dazu, dass der Mann seine Vaterrolle stärker wahrnimmt und sich an Haushaltsarbeit und Kinderbetreuung beteiligt,12 langfristig kehrt der Mann allerdings oftmals zu einer eher passiven Rolle innerhalb der Familie zurück (vgl. Huinink & Röhler, 2005, S. 128–130; Röhler, 2006, S. 152). Röhler (2006, S. 152) führt dieses Verhalten darauf zurück, dass das Statusdefizit von einem Mann mit traditionellen Geschlechterrollenüberzeugungen kompensiert werde, indem er die Beteiligung an der Hausarbeit weitgehend verweigere, um seine dominante Stellung nicht zusätzlich zu gefährden. Russell (1982) fand heraus, dass häufig in den ersten Monaten nach der Geburt Konflikte in der Ehe von Paaren in modernen Familien entstanden. Vor allem die Frauen zeigten sich von der nichttraditionellen Rollenteilung weniger überzeugt und sahen stattdessen Vorteile im traditionellen Lebensstil. Für sie sei er mit weniger Stress verbunden und führe zu einer engeren Mutter-Kind-Beziehung. Väter beklagten am nichttraditionellen Lebensstil die lästigen Pflegeaufgaben und den fehlenden Kontakt zu anderen Erwachsenen. Flaake (2011, S. 28) empfiehlt Frauen der oben beschriebenen Tendenz durch aktives Einbeziehen ihres Partners in die Beziehung zum Kind und Männern durch Auseinandersetzung mit ihren Ängsten und die Rückbesinnung auf ihre Entscheidung für eine engagierte Vaterschaft entgegenzuwirken. Ein Sog hin zu traditionellen Arrangements kann auch durch negative Reaktionen seitens des sozialen Umfeldes der Familien mit nichttraditioneller Rollenteilung entstehen. Russell (1982) untersuchte, wie das Umfeld von Eltern mit nichttraditioneller Rollenteilung auf das Modell reagierte. Demnach wurden Väter in Ehen mit nichttraditioneller Teilung reproduktiver Aufgaben vor allem aus ihrem männlichen Bekanntenkreis mit negativen Reaktionen konfrontiert. Müttern in Ehen mit nichttraditioneller Rollenteilung wurden negative Reaktionen hingegen häufiger durch Verwandte entgegengebracht. Im Freundeskreis erhielten die Frauen dagegen positive Rückmeldung. Sie waren durch die Anforderungen in Familie und Beruf zwar stärker gestresst, daneben verbesserte sich jedoch ihr persönliches Wohlbefinden aufgrund der erhöhten Befriedigung durch ihre Berufstätigkeit. Sie zeigten sich weniger belastet als die Väter in nichttraditionellen Ehen. Einige Mütter – dies waren vor allem aus finanziellen Überlegungen ganztägig berufstätige Frauen – litten unter Schuldgefühlen und unter dem verringerten Kontakt zu den Kindern. Grbich führte eine Langzeituntersuchung mit 25 australischen Familien durch, in denen Männer die primären Bezugspersonen ihrer Kinder unter vier Jahren waren, während die Mütter für den Unterhalt der Familie sorgten. Die Väter wurden während eines Zeitabschnitts von fünf Jahren regelmäßig befragt. Sie hatten sich die Zeit mit Kind so vorgestellt, dass ihnen nach dem Entwickeln einer Routine bei der Pflege und Versorgung des Kindes regelmäßig freie Zeit zur Verfügung steht. Dies war aller- 12 Röhler (2006, S. 143) ging im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes „Hausarbeit in Partnerschaften“ der Frage nach, wie sich die Arbeitsteilung verändert, wenn der Mann in einer Paarbeziehung mit männlichem Haupternährer-Modell durch Arbeitslosigkeit den Status des Ernährers verliert. 2.4 Bedingungen für väterliches Engagement für das Kind 25 dings nicht der Fall. Da im Umfeld der Kinder überwiegend Frauen arbeiteten, fühlten sich viele der befragten Männer isoliert und an den Rand gedrängt (vgl. Grbich, 1997, S. 350). Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes Im folgenden Abschnitt soll der Frage nachgegangen werden, ob und ggf. in welchen Bereichen der Vater die Entwicklung seines Kindes in besonderer Weise beeinflusst. In Deutschland wurden die ersten Untersuchungen zum Einfluss der Väter auf die Entwicklung ihrer Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt. Weil viele Kriegswaisen ohne männlichen Elternteil aufwuchsen, entstand zu dieser Zeit ein besonders großes Interesse an der Frage nach der Auswirkung der „Vaterentbehrung“. Im Laufe des wissenschaftlichen Diskurses wurden die zunächst aufgestellten, am Defizit orientierten Hypothesen abgelöst von differenzierteren Fragestellungen, die den Fokus auch auf anwesende Väter richteten. Die Erforschung von globalen Effekten wurde ersetzt durch die detaillierte Analyse der Vater-Kind-Interaktion und ihrer entwicklungspsychologischen Konsequenzen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). Trotz methodischer Schwierigkeiten, wie etwa der Frage, welcher Anteil der kindlichen Verhaltensauffälligkeit wirklich ursächlich auf das Fehlen des männlichen Elternteils zurückzuführen ist (vgl. Werneck, 1997, S. 2), gehen viele Forscherinnen und Forscher von einem erhöhten Risiko für Kinder aus, bei dauerhafter Abwesenheit des Vaters psychische Störungen zu erleiden. Im Folgenden soll nachvollzogen werden, welche Untersuchungen diese These belegen. In den 1970er Jahren stellten Pedersen, Rubinstein und Yarrow in einer US-amerikanischen Untersuchung fest, dass Jungen, wenn sie ohne ihren Vater aufwuchsen, im Gegensatz zu Mädchen kognitiv nicht so kompetent wie Gleichaltrige waren, obwohl die Mütter der Jungen sich ihnen gegen- über genauso verhielten, wie es Mütter in Zwei-Eltern-Familien taten. Das Forschungsteam schloss daraus, Väter hätten einen besonders starken Einfluss auf die Herausbildung kognitiver Fähigkeiten ihrer Söhne (vgl. Pedersen, Rubinstein & Yarrow, 1979). Auch in Deutschland wurden Korrelationen zwischen der Abwesenheit der Väter und Defiziten in der sozialen und kognitiven Entwicklung ihrer Kinder nachgewiesen. Die Kinder zeigten bei dauerhafter Abwesenheit des männlichen Elternteils verminderte Schulleistungen und eine erhöhte Tendenz zu delinquentem Verhalten (vgl. Hetzer, 1967; Lehr, 1978; Meyer-Krahmer, 1980). Bedeutsam für den Einfluss der Vaterabwesenheit auf die Entwicklung des Kindes ist die zeitliche Länge der Trennung vom Kind (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). So kann sich die Abwesenheit des männlichen Elternteils aufgrund von Trennung oder Scheidung ungünstiger auf die Entwicklung des Kindes auswirken als etwa seine berufliche Abwesenheit (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 29). Andere männliche Bezugspersonen, z. B. ein Bruder oder Stiefvater, können jedoch die väterliche Abwesenheit kompensieren und durch ihre Beziehung zum Kind Defizite in dessen Entwicklung vermindern (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 30). Nach Trennungen können also neue Partner die Aufga- 2.5 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 26 ben der (werdenden) Kindsväter als „soziale Väter“ übernehmen und dadurch die Mütter oder Schwangeren stark unterstützen. Nach Lamb beeinflusst die sekundäre Bezugsperson in besonderem Maß die Sozialkompetenzentwicklung des Kindes. Hätten Kleinkinder in den ersten Lebensmonaten regelmäßig Kontakt mit einem Menschen, der sich deutlich anders verhalte als die primäre Bezugsperson, müssten sie sich sensibler auf Unterschiede einstellen. Nach einiger Zeit würden die Kinder Charaktereigenschaften kennenlernen und eine Feinfühligkeit für unterschiedliche soziale Verhaltensweisen an den Tag legen. Der Kontakt mit unterschiedlichen Personen fördere daher langfristig soziale Kompetenzen (vgl. Lamb, 1997 b, S. 117). Auch der Kommunikation zu dritt wird eine hohe Bedeutung für die Ausbildung von sozialen Kompetenzen beigemessen. Babys können bereits ab einem Alter von drei bis vier Monaten mit beiden Elternteilen wechselseitig kommunizieren (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 624). In solchen Situationen übernehmen Mutter, Vater und Kind je nach Anlass und Entwicklungsstand des Kindes unterschiedliche Rollen (vgl. Schon, 2002, S. 20). Das Kind sammelt zudem vom ersten Tag an mit allen Bezugspersonen unterschiedliche Erfahrungen (vgl. Schon, 2002, S. 20). Eickhorst und seine Kolleginnen und Kollegen vermuten, die Kommunikation mit beiden Eltern stelle zwar hohe Anforderungen an das Kind, daneben eröffne es ihm aber besonders interessante Gestaltungsmöglichkeiten auf der Beziehungsebene. In sogenannten „triangulären Interaktionen“ würden die Aufmerksamkeitsfähigkeit und Affektmodulation des Kindes trainiert. Würden diese positiv erlebt, trügen sie zur späteren Fähigkeit des Kindes bei, in sozialen Interaktionen mit mehreren Personen souverän zu reagieren (vgl. Eickhorst et al., 2010, S. 624). Neben der besonderen Bedeutung des Vaters für die Sozialkompetenzentwicklung von Kindern wird in der Fachwelt diskutiert, inwieweit die Anwesenheit des Vaters die kognitiven Leistungen des Kindes fördert. Vermutlich erfordert das Vorhandensein einer zweiten wichtigen Bezugsperson, die im Vergleich zur primären weniger häufig anwesend ist, vom Kind grundlegende kognitive Leistungen. Eine Forschungsgruppe um Pedersen vermutet, Kinder können durch eine sprachliche Auseinandersetzung mit der Mutter den abwesenden Vater besser imaginieren. Somit sei dieser kognitiv besser repräsentiert als die Mutter (vgl. Pedersen, Yarrow et al., 1979, S. 45–66). Bereits kleine Kinder beschäftigen sich gedanklich häufig mit ihrem Vater, wenn dieser nicht zuhause ist. Datler, Steinhardt und Ereky untersuchten diesbezüglich, in welcher Form sich Kind und Mutter gemeinsam über ihn unterhielten (vgl. Datler, Steinhardt & Ereky, 2006, S. 127). Dazu beobachteten sie Kleinkinder nach dem Weggehen ihrer Väter, während sie von ihren Müttern betreut wurden. Die gemeinsame sprachliche und mentale Auseinandersetzung mit dem abwesenden Elternteil führe bei dem Kind zu einem Gefühl der Zusammengehörigkeit der Familienmitglieder, selbst wenn nicht alle anwesend seien, und befähige es dazu, Bindungen auch zu abwesenden Personen über einen längeren Zeitraum zu halten (vgl. Datler, Steinhardt & Ereky, 2006, S. 137). Auf die besondere Bedeutung des Vaters bei der Ausbildung kognitiver Kompetenzen weise auch das Verhalten der Kinder bei dessen Anwesenheit hin: Kinder wenden sich dem Vater dann intensiver zu, während sie auf die Mutter im Vergleich seltener neugierig reagieren. Die Forschungsgruppe um Peder- 2.5 Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes 27 sen führt dieses Verhalten darauf zurück, dass der männliche Elternteil im Schnitt seltener zuhause ist (vgl. Pedersen, Yarrow et al., 1979, S. 45–66). Weitere Hinweise auf einen relevanten Einfluss des Vaters auf die kognitive Kindesentwicklung erbrachte eine Studie von Biller und Kimpton. Die Forscher ermittelten signifikante Zusammenhänge zwischen einer guten Beziehung zum männlichen Elternteil und dem Leistungsverhalten, dem Schulerfolg sowie der intellektuellen Entwicklung von Schulkindern (vgl. Biller & Kimpton, 1997, S. 143–161). Gemäß Studienergebnissen von Radin korrelieren die verbalen Intelligenzwerte von Söhnen und Töchtern gleicherma- ßen positiv mit dem Ausmaß der Betreuung durch ihre Väter (vgl. Radin, 1982, S. 173–204). Der väterliche Einfluss auf die Moralentwicklung ist hingegen weniger groß, als zunächst vermutet: Für die ersten Lebensjahre des Kindes bis hin zu seinem Jugendalter konnte nachgewiesen werden, dass Mütter ihren Kindern stärker soziale Normen vermitteln als ihre Partner (vgl. Hoffman, 1981, S. 359–378; Montemayor, 1983, S. 83–103; Schmidt-Denter, 1984). Diese Ergebnisse überraschten, da zunächst – der psychoanalytischen Theorie folgend – angenommen wurde, ein Kind erwerbe moralische Werte durch die Identifikation mit dem Vater. Schmidt-Denter zufolge haben Mütter einen größeren Einfluss auf die Moralentwicklung ihrer Kinder, weil sie im Alltag der Kinder häufiger präsent sind und deshalb das Verhalten ihrer Kinder öfter sanktionieren als Väter (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 34). Die Mutter-Kind-Interaktion beinhaltet also andere Qualitäten, als herkömmliche Stereotype glauben machen. Schmidt-Denter hält es für erforderlich, weiter zur Frage nach der Bedeutung des Vaters für die Moralentwicklung seiner Kinder zu forschen, bevor die Ergebnisse als gesichert gelten können (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 44). Viele wissenschaftliche Untersuchungen gehen von der Annahme aus, Väter beeinflussten vornehmlich die Geschlechterrollenentwicklung und Geschlechteridentität ihrer männlichen Nachkommen. Der Diskurs wird durch Studienergebnisse aus dem angloamerikanischen Sprachraum angefacht, nach denen sich männliche Elternteile von Kleinkindern im Durchschnitt stärker mit ihren Söhnen beschäftigen als mit ihren Töchtern. Forschungen von Parke und O’Leary zufolge sprechen Väter ihre erstgeborenen Söhne häufiger an, berühren sie öfter und antworten ihnen häufiger als erstgeborenen Töchtern (vgl. Parke & O’Leary, 1976). Ergebnisse anderer Studien offenbarten weiter, dass die an den Untersuchungen teilnehmenden Väter ihre Söhne – im Vergleich mit den Töchtern – häufiger ansahen, wickelten, fütterten und mit ihnen spielten sowie die taktilen und visuellen Sinne der Jungen öfter stimulierten (vgl. Lamb, 1977 a, 1977 b; Parke & Sawin, 1975, 1980). Snow, Jacklin und Maccoby kamen in einer anderen Studie zu einer gegenteiligen Annahme: Väter sprächen öfter mit den Töchtern als mit ihren Söhnen, verböten den Jungen mehr als den Mädchen und gäben ihren Töchtern häufiger Spielzeug. Zudem hielten sich die Mädchen im Durchschnitt näher bei den Vätern auf als die Jungen (vgl. Snow, Jacklin & Maccoby, 1983). Selbst wenn Studien teilweise ein größeres Engagement der Väter gegenüber ihren männlichen Kleinkindern zeigen, kann nicht unbedingt auf eine innigere Beziehung zum Sohn als zur Tochter geschlossen werden: Field ermittelte beispielsweise, dass Väter von Söhnen zwar häufiger mit ihren Kindern spielen als Väter von Töchtern, 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 28 hingegen aber seltener Verhaltensweisen ihrer Kinder imitieren. Field schließt daraus, die Beziehung der Väter zu ihren Söhnen sei eher kognitiv als affektiv bestimmt (vgl. Field, 1978, S. 183–194). Darüber hinaus wird unter Vaterforscherinnen und –forschern diskutiert, ob Jungen empfänglicher als Mädchen für die Erziehungsmaßnahmen ihrer Väter sind. Folgt man den Untersuchungsergebnissen Hoffmans, beeinflussen Männer die Moralentwicklung ihrer Söhne stärker als die ihrer Töchter (vgl. Hoffman, 1981, S. 359– 378). Amato konnte belegen, dass der Spielstil des männlichen Elternteils besonders von Jungen bevorzugt wird (vgl. Amato, 1987, S. 5–16). MacDonald und Parke vertreten die Annahme, dass Jungen vom väterlichen körperbetonten Spiel stärker als Mädchen profitieren. Für die Ausbildung der Sozialkompetenz allerdings sei die verbale Stimulation durch die Mutter für Jungen förderlicher als für Mädchen (vgl. MacDonald & Parke, 1984, S. 1265–1277). Werden nach einer Trennung der Eltern die Kinder alleine vom Vater erzogen, profitieren gemäß den Ergebnissen US‑amerikanischer Studien besonders die Söhne von dieser Situation. Lebten die Jungen beim männlichen Elternteil, verfügten sie – im Vergleich mit bei ihrer Mutter lebenden Jungen – über mehr soziale Kompetenz und ein stärkeres Selbstwertgefühl. Für Mädchen gelte ein ähnlicher Zusammenhang beim Zusammenleben mit der Mutter (vgl. Santrock & Warshak, 1979, S. 112–125; Santrock, Warshak & Elliot, 1982, S. 289– 314). Diese Ergebnisse sind jedoch vorsichtig zu interpretieren, da die Untersuchungen auf niedrigen Fallzahlen basieren und bisher noch nicht durch repräsentative Studien bestätigt werden konnten. Amato wies im Rahmen seiner Forschungstätigkeit einen stärkeren Einfluss des Vaters als der Mutter auf die späteren Schulleistungen des Kindes nach. Kinder mit gutem Kontakt zum männlichen Elternteil erreichten vergleichsweise höhere Schulabschlüsse, litten seltener unter psychischem Stress und besaßen ein besseres Selbstwertgefühl (vgl. Amato, 1998, S. 242–278). Der mütterliche Einfluss bestimme hingegen, so Amato, stärker die Qualität der Verwandtschaftsbeziehungen und enger Freundschaften des Kindes. Auf die Lebenszufriedenheit wirkten beide Eltern gleichermaßen ein (vgl. Amato, 1998, S. 242–278). In der dyadischen Kommunikation bevorzugten Jungen die Väter und Mädchen die Mütter (vgl. Montemayor, 1982, S. 1512–1519). Theoretische Debatten zu Moralfragen oder Diskussionen über Ausbildungs- und Berufsziele führten Kinder eher mit dem männlichen Elternteil (vgl. Hosley & Montemayor, 1997, S. 162–178). Die Inhalte der Kommunikation mit der Mutter seien hingegen viel breiter gestreut (vgl. Noller & Bagi, 1985, S. 125–144). Als Gesprächspartner bei persönlichen Themen und intimen Fragen werde von den Kindern – stärker noch von den Töchtern als von Söhnen – vor allem die Mutter bevorzugt (vgl. Youniss & Smollar, 1985). Einige Autorinnen und Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer Marginalisierung des Vaters in Familien mit heranwachsenden Kindern aufgrund seines im Vergleich zu seiner Partnerin geringeren Wissens über seine Kinder (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 35). Shulman und Seiffge-Krenke werten diese eher distanzierte Beziehungsform zu den Männern nicht als Bindungsschwäche, sondern als ein alternatives Beziehungsmodell, das relative Unabhängigkeit und eine sichere Bindung in sich vereint. Väter fühlten sich in der Regel seltener als Mütter verletzt, wenn Jugendliche Intimes nicht 2.5 Einfluss der Vaterrolle auf die Entwicklung des Kindes 29 mit ihnen thematisierten. Die Männer hielten sich gegenüber ihren Kindern mit Gefühlsäußerungen im Vergleich zu ihren Partnerinnen tendenziell zurück. Offensichtlich entspreche es eher einem „männlichen“ Beziehungsverständnis, Distanz nicht als Bindungslosigkeit, sondern als persönlichen Freiraum zu interpretieren (vgl. Shulman & Seiffge-Krenke, 1997). Die väterliche Beziehungsform helfe Jugendlichen bei ihrem Streben nach Selbstständigkeit und verringere die Zahl an Konflikten; im Vergleich träten solche potentiell häufiger in der Mutter-Kind-Beziehung auf. Die große Nähe innerhalb dieser Beziehung werde von den Kindern gelegentlich als Einmischung erlebt (vgl. Shulman & Seiffge-Krenke, 1997). Nach den Untersuchungsergebnissen von Montemayor treten Konflikte besonders häufig in Mutter-Tochter-Interaktionen auf (vgl. Montemayor, 1983, S. 83–103). Werneck unterstreicht in seinen Studien die Bedeutung des Modelllernens im Zusammenhang mit Geschlechterrollen. Söhne eigneten sich einen großen Teil ihres Verhaltensrepertoires durch Modelllernen von ihrem Vater an. Durch diesen Mechanismus würden zwar einerseits traditionelle Rollenzuschreibungen und -klischees tradiert, andererseits verspreche das Modelllernen auch eine Übertragung der Haltung von „neuen Vätern“ in die nächste Generation (vgl. Werneck, 1997, S. 8). Befragungen von Schmidt-Denter ergaben, dass Männer, die sich für einen nichttraditionellen Lebensstil entscheiden, häufig ein entsprechendes väterliches Vorbild haben. Die Erziehungsbeteiligung des männlichen Elternteils korreliere hoch zwischen zwei aufeinander folgenden Generationen (vgl. Schmidt-Denter, 2005, S. 38). Insgesamt können Männer seltener als Frauen auf männliche Modelle zurückgreifen, die innerhalb der Familie aktiv Aufgaben für die Versorgung und Pflege der Kinder übernehmen (vgl. Palz et al., 2006, S. 17). Der Vater beeinflusst auch die Geschlechterrollenidentität seiner Tochter. Wenn er ihr ein positives Bild von Weiblichkeit vermittelt und sie nicht aufgrund ihres Geschlechts rigide oder bevormundend behandelt, fördert er die Ausbildung eines positiven Selbstkonzepts, während seine negative Einstellung gegenüber dem weiblichen Geschlecht die Entwicklung des Mädchens beeinträchtigt. Töchter sammeln darüber hinaus in den Interaktionen mit ihren Vätern Erfahrungen, die von grundlegender Bedeutung für ihre späteren Beziehungen zu anderen Männern sind. Frauen, die positive Beziehungen zum männlichen Elternteil pflegten, erleben mit großer Wahrscheinlichkeit befriedigende partnerschaftliche Beziehungen und haben stabilere Ehen (vgl. Franz, McClelland & Weinberger, 1991, S. 586–595). Nach Auffassung von Schmidt-Denter ist die oft angenommene Überlegenheit von Männern aufgrund des Geschlechts im Erziehen von Söhnen in Frage zu stellen (vgl. Schmidt-Denter, 2005). Im Allgemeinen mangele es an Längsschnitt- und Langzeitstudien, um die Entwicklung der Vater-Kind-Beziehung am Einzelfall nachvollziehen zu können (vgl. Holmes, 2008, VIII; Hosley & Montemayor, 1997, S. 162–178). Insgesamt ist davon auszugehen, dass die Sicherheit von Vater-Kind- und Mutter- Kind-Bindungen sowohl durch das Verhalten des Elternteils als auch durch das kindliche Temperament beeinflusst wird (vgl. Lamb, 1997 b, S. 117). 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 30 Bedeutung der Qualität der elterlichen Partnerschaft für die Kindesentwicklung In den vergangenen Jahren wird in Deutschland zunehmend der Einfluss der Qualität der elterlichen Partnerschaft auf Eltern-Kind-Beziehungen, auf das Erziehungsverhalten und auf das sogenannte Coparenting – das an späterer Stelle in diesem Abschnitt behandelt wird – diskutiert. Es wird ein Zusammenhang zwischen der Qualität der elterlichen Partnerschaft und kindlicher Entwicklung hergestellt (vgl. Walper & Wendt, 2009, S. 81–84). Im Folgenden sollen diese Thesen untermauert und erläutert werden. Auf einen Zusammenhang zwischen elterlichen Zerwürfnissen und der Entwicklung der Kinder machte zunächst die Scheidungsforschung, primär aus den USA, aufmerksam. Erst im Verlauf der 1990er Jahre wurde auch in Kernfamilien die Qualität der elterlichen Partnerschaft als wesentlicher Aspekt kindlicher Sozialisation und Entwicklung näher in den Blick genommen (vgl. Walper & Wendt, 2009, S. 81). Analysen zeigen einen positiven Zusammenhang zwischen der Qualität der Ehebeziehung von verheirateten Paaren und der Qualität der Eltern-Kind-Beziehung (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52; Erel & Burman, 1995, S. 118). Harmonie in der Partnerschaft könne bereits vor der Geburt des Kindes Einfluss auf sein späteres Temperament nehmen (vgl. Graf, 2009). In harmonischen Ehen sei es außerdem wahrscheinlicher, dass Mütter und Väter die Kinderversorgung gerecht untereinander aufteilen (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Hier beurteilten Eltern ihre Kinder im Durchschnitt positiver und sprächen mit ihnen öfter in komplexeren Satzstrukturen. Sie seien sich öfter einig über erzieherische Reaktionen auf das Verhalten des Kindes und andere Fragestellungen. In der Folge empfänden die Kinder eine höhere Sicherheit und könnten selbst sichere Bindungen knüpfen. Kinder aus solchen Familien seien demnach geselliger (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Zudem könne eine hohe Qualität der elterlichen Ehe die Auswirkungen von negativen Kindheitserfahrungen dämpfen (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Spannungen zwischen den Eheleuten können negativ auf das Kind wirken. Gemäß den Ergebnissen einer Laborstudie durch Cummings und Watson O’Reilly kommt aggressives Verhalten von Kindern häufig vor, wenn diese ungelösten Konflikten zwischen Erwachsenen ausgesetzt sind. Während neutraler Interaktionen zwischen Erwachsenen war bei Experimenten keine statistisch relevante Häufung von aggressiven Handlungen zwischen den Kindern auszumachen (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 56). Daneben kann die Qualität der Partnerschaft Auswirkungen auf die Gesundheit der Eltern haben. Streit in der Ehe ist der häufigste Grund für die Inanspruchnahme psychologischer Hilfe. Bestehen Konflikte in der Partnerschaft, treten häufiger emotionale Störungen, Depressionen, negative Einstellungen gegenüber dem Partner und Gewalt in der Partnerschaft auf (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 59). Eine Einschränkung der Gesundheit der Eltern kann die Kindesentwicklung negativ beeinflussen. Während in harmonischen Ehen die Qualität der Mutter-Kind-Beziehung und die der Vater-Kind-Beziehung oft relativ ähnlich hoch sind, unterscheidet sie sich in Familien, in denen die Ehe der Eltern belastet ist, oft deutlich voneinander. Dick- 2.6 2.6 Bedeutung der Qualität der elterlichen Partnerschaft für die Kindesentwicklung 31 stein und Parke sowie Cummings und Watson O’Reilly wiesen nach, dass sich Säuglinge und Kleinkinder ab dem achten Lebensmonat in ungewohnten Situationen signifikant häufiger an die Väter wandten, wenn diese in ihrer Ehe zufrieden waren. Die Mutter war in solchen unvertrauten Situationen für die Kleinkinder unabhängig von ihrer ehelichen Zufriedenheit oft Ansprechpartnerin (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 55; Dickstein & Parke, 1988, S. 506–511). Eine Forschungsgruppe um Pedersen fand heraus, dass die Vater-Kind-Interaktion im Vergleich zur Mutter- Kind-Interaktion viel häufiger in Anwesenheit von drei Personen, in einer sogenannten Triade, erfolgt (vgl. Pedersen et al., 1980; Pedersen, Yarrow et al., 1979). Die Forschung liefert zahlreiche Hinweise darauf, dass Konflikte in der Partnerschaft leicht in die Beziehung zwischen Eltern und Kindern „überschwappen“ und selten eine kompensatorische Zuwendung gegenüber den Kindern erfolgt (vgl. Walper & Wendt, 2009, S. 82). Vor allem konflikthafte Auseinandersetzungen sind ein Wirkfaktor, der – je nach Erleben der Kinder – deren Befindlichkeit und Verhaltensentwicklung belastet (vgl. Amato, 1993; Buehler & Gerard, 2002; Cummings & Davies, 1995; Cummings, Davies & Campbell, 2000; Davies et al., 2002; Harold & Conger, 1997; Ross et al., 2005). Nicht alle Konflikte wirken auf Kinder gleichermaßen. Vor allem offen ausgetragene, häufige und intensive Konflikte, die ungelöst bleiben bzw. bei denen das Kind Anlass des Konfliktes ist, gelten als besonders schädlich (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 56; Grych & Fincham, 1990, S. 267–290). Cummings und Watson O’Reilly nehmen an, Kinder seien hoch sensibel dafür, was der Konflikt letztlich über den Status der interpersonalen Beziehung aussage. Auf die Lösung von Konflikten durch die Eltern reagieren Kinder häufig positiv und erleichtert (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 57). Weiterhin konnte in einer Metaanalyse ein negativer Zusammenhang zwischen den Elternkonflikten und der Erziehung gezeigt werden (vgl. Krishnakumar & Buehler, 2000, S. 25–44). Eltern in harmonischen Ehen bevorzugen, so Cummings und Watson O’Reilly, häufiger positive Erziehungsstile, sind verantwortungsvoller und sensibler (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 52). Wenn die Eltern mit ihrer Ehe nicht zufrieden sind, sind Vater-Kind-Beziehungen störanfälliger. Eheliche Unzufriedenheit reduziere die Zuneigung des Kindes zum männlichen Elternteil häufiger als die zum weiblichen. Speziell nach einer Trennung bzw. Scheidung haben Väter seltener Kontakt zu ihren Kindern und schätzen die Bindung an ihren Nachwuchs als schwächer ein als zuvor (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 54). Eindeutige Gründe für die Anfälligkeit der Vater-Kind-Beziehung in konflikthaften Ehen konnten bisher nicht gefunden werden. Die Richtung der Effekte und die kausalen Zusammenhänge zwischen den Variablen seien nach wie vor unklar (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 54). Möglicherweise reagieren Väter emotional eingeschränkt, wenn sie wegen des Streits mit ihrer Ehefrau unter Stress stehen, und stellen daher in solchen Situationen für Kinder keine gute Informationsquelle dar. Diskutiert wird auch, ob die Kinder durch eine Einschränkung der Elternkompetenz des Vaters stärker beeinflusst werden als durch die der Mutter (vgl. Cummings & Watson O’Reilly, 1997, S. 55). 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 32 Belsky, Gilstrap und Rovine legten dar, dass Väter regelmäßig stärker in die Interaktion mit ihren Kindern involviert sind, wenn sie häufig mit den Partnerinnen interagieren. Das Forschungsteam schlussfolgerte, in einigen Familien könne es vom Verhalten der Mütter abhängig sein, ob der männliche Elternteil oft oder selten mit dem Kind umgeht (vgl. Belsky, Gilstrap & Rovine, 1984). Dieser Theorie des maternal gatekeeping zufolge können Mütter mit ihrem Verhalten verhindern oder erleichtern, inwiefern Väter mit ihren Kindern Zeit verbringen und Erfahrung im Umgang mit ihnen erlangen (vgl. Brauner, 2006, S. 59; Cannon et al., 2008, S. 502; Fthenakis, 2001). Gemäß einer Untersuchung von Lamb haben Menschen, die in ihrer Kindheit warmherzige Beziehungen zu erzieherisch kompetenten Müttern und Vätern mit einer glücklichen Ehebeziehung gehabt hatten, im Erwachsenenalter durchschnittlich das höchste soziale Ansehen (vgl. Lamb, 1997 c). Als wenig in der deutschen Forschung beachtet (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 161; Walper & Wendt, 2009, S. 82) gilt Coparenting – der Aspekt, wie die Eltern miteinander in der Erziehung kooperieren. Coparenting ist die Beziehung zwischen den Erziehenden, die der gegenseitigen Unterstützung und Koordination bei der Kindererziehung dient. Dazu gehören Solidarität und Respekt zwischen den Eltern und das gemeinsame Vertreten und Durchsetzen von Ansprüchen, Zielen und Regeln in der Kindererziehung (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 162). Neben dem elterlichen Erziehungsstil ist Coparenting einer von mehreren Faktoren, für den nachgewiesen ist, dass er sich auf die Entwicklung von Kindern auswirkt (vgl. Belsky, Putnam & Crnic, 1996, S. 45–55; Caldera & Lindsey, 2006, S. 275–283; Karreman et al., 2008, S. 30–40). Das Coparenting ist vom Erziehungsstil abzugrenzen. Unter dem Erziehungsstil sind die Erziehungspraktiken der Mutter oder des Vaters im Umgang mit dem Kind zu verstehen. Coparenting hingegen beschreibt das Ausmaß, in dem sich Eltern wechselseitig in der gemeinsamen Kindererziehung unterstützen bzw. unterminieren (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 162). Coparenting gewinnt für Forschung und Praxis als ein von der Ehe oder der Paarbeziehung der Eltern und deren Erziehungsstil getrenntes Konstrukt an Relevanz. Während die Beziehung der Eltern auf der Paarebene auf die Befriedigung von Bedürfnissen als Mann und Frau abzielt und schon vor einer Schwangerschaft besteht, bezieht sich Coparenting primär auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Kinder und kann nach dem Scheitern der Paarbeziehung fortbestehen (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 162). Beim Coparenting scheine es sich um einen „vermittelnden“ Prozess zu handeln, über welchen sich die Qualität der Beziehung der Eltern auf deren Erziehungsverhalten auswirken könne (vgl. Teubert & Pinquart, 2009, S. 167). Darüber hinaus ist ein Zusammenhang zwischen Coparenting und elterlicher Partnerschaftsqualität belegt (vgl. Kolak & Volling, 2007, S. 467–478). Neuerdings werden Fragen der Partnerschaftsgestaltung und des Coparenting im Bereich der Erziehungsberatung und im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kinder verhandelt. Das Funktionieren der familiären Beziehungen wird zum „bedeutendsten sozialen Kapital, über das eine Gesellschaft verfügt“ (Coleman, 1990, S. 89– 122), erklärt. In jüngster Vergangenheit werden vermehrt Anstrengungen unternommen, Belastungen von Kindern durch verbesserte Beratungsstrategien im Umgang mit eskalierten Konflikten zwischen den Eltern vorzubeugen (vgl. Teubert & Pinquart, 2.6 Bedeutung der Qualität der elterlichen Partnerschaft für die Kindesentwicklung 33 2009, S. 169; Walper & Wendt, 2009, S. 83). In der Gesetzgebung haben sich diese neuen Erkenntnisse bislang nicht vollständig niedergeschlagen. Fegert zufolge habe der Gesetzgeber zwar in den letzten Jahren dem Aufbau und dem Erhalt von Bindungen zu den leiblichen Eltern mehr Bedeutung eingeräumt, jüngere Konzepte wie das der sozialen Elternschaft fänden im juristischen Bereich jedoch zu wenig Beachtung, obwohl sie aus entwicklungspsychologischer Perspektive genauso bedeutsam seien (vgl. Fegert, 2001, S. 48). Von Klitzing empfiehlt für die Pädagogik, den Vater früh in den Hilfeprozess einzubeziehen (nach Möglichkeit bereits pränatal) und seinen grundsätzlich positiven Einfluss auf die Kindesentwicklung im Gespräch mit Müttern explizit zu betonen. Die Arbeit an der Partnerschaftsdynamik im Übergang zur Elternschaft und an den inneren Einstellungen der Eltern gegenüber dem Kind stelle einen ausgesprochen effektiven Ansatzpunkt für die Förderung der Eltern-Kind-Beziehung und damit auch für die kindliche Entwicklung dar (vgl. von Klitzing, 1998, S. 126). Es ist also davon auszugehen, dass es sich für die kindliche Entwicklung auszahlen kann, wenn Männer in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII in den Alltag einbezogen werden, ihre Erziehungskompetenzen unterstützt werden und der Umgang mit der Partnerin nicht verwehrt wird. Im folgenden Abschnitt der Studie wird gezeigt, dass der Einbezug des Vaters in den Alltag nicht nur aus entwicklungspsychologischer und bindungstheoretischer Sicht hilfreich wäre, sondern auch im Regelfall den Rechten der Familienmitglieder entspricht. Es werden darüber hinaus Grenzen dieser Rechte skizziert. An späterer Stelle soll dann auf der Basis der empirischen Daten beurteilt werden, wie der Leistungserbringer in Einrichtungen nach § 19 SGB VIII die Rechte der Familienmitglieder berücksichtigt. 2 Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für die kindliche Entwicklung 34

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Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.