Content

6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 121 - 150

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-121

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit Zur Vorbereitung der vorliegenden Untersuchung wurde der Frage nachgegangen, ob und ggf. wie Männer in der Vergangenheit aus dem Alltag in den Einrichtungen ausgegrenzt wurden. Dazu wurden Forschungsergebnisse aus den in Abschnitt 5.1 genannten Studien systematisch mit dem Blick auf Hinweise auf Regelungen in Bezug auf Männer durchsucht. Da nur wenige Forschungsergebnisse zur Praxis in Mutter- (/Vater‑)Kind-Einrichtungen herangezogen werden können, wurden auch Berichte aus der aktuellen Praxis ausgewertet und analysiert. Vor allem Berichte von Fachkräften einzelner Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen, Interviews mit Expertinnen und Dokumentationen von Fachtagungen (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996; Burger, 1991; Garst, 2001; Gruber, 1994; Hespelt, 2009, 2013; Horn-Wagner, 1991; Kawalek, Milster & Tack, 2006; Weller, 1991; Zacharias, 1991) geben über die Hausregeln in einzelnen Einrichtungen und über den Umgang mit Männern im Alltag Auskunft. In der Vergangenheit wurden (soziale) Väter lediglich in wenigen Mutter-Kind-Einrichtungen in den Gruppenalltag einbezogen, meist wurden die Männer durch strenge Hausregeln aus dem Alltag ausgeschlossen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172). Lebenslage der (sozialen) Väter Wie bereits in der Einleitung erwähnt, fehlen Analysen zur Frage nach dem Ausmaß der Nutzung der Einrichtungen nach § 19 SGB VIII durch Männer und den Bedarfen der (sozialen) Väter von Kindern, die in diesen Einrichtungen untergebracht wurden, bisher völlig. Um trotzdem einen ersten Eindruck zu erlangen, welche Bedarfe die Männer haben könnten, wurden im folgenden Abschnitt die oben genannten Dokumente systematisch nach Informationen über die Lebenssituation der Partner der Frauen und der Kindsväter durchsucht. Die Analyse der Fundstellen deutet auf überwiegend prekäre Lebenssituationen der (sozialen) Väter hin. Es ist von Männern die Rede, die zum Teil alkohol- oder drogenabhängig (vgl. Hespelt, 2009, S. 82; Meyer, 1993, S. 391) bzw. bedürftig (vgl. Kester, 1979, S. 126) waren. Männer waren von Arbeitslosigkeit oder Obdachlosigkeit betroffen, gewaltbereit oder verweigerten den Schulbesuch (vgl. Hespelt, 2009, S. 82). Die pädagogischen Fachkräfte trafen auf solche, die nicht krankenversichert waren, keine Sozialleistungen erhielten und von ihren Partnerinnen finanziell versorgt wurden (vgl. ebd.). Die Biographien der (sozialen) Väter wiesen ähnlich wie die der Frauen massive Brüche auf (vgl. ebd.). Aus der Praxis heißt es, dass die Männer häufig einen ähnlich hohen Bedarf an Unterstützung hatten wie die Frauen (vgl. Gruber, 1994; Hespelt, 2013, S. 12). Ihr Hilfebedarf über- 6 6.1 121 traf zum Teil gar den ihrer Partnerinnen (vgl. Eisenhauer-Hartung, 1972, S. 231). Ein Teil der Kindsväter bzw. Partner der Klientinnen nahm selbst Hilfe im Rahmen des SGB VIII in Anspruch und lebte getrennt von Partnerin und Kind in einem Heim. Viele der Klientinnen hätten hohe Ansprüche an ihre Partner, denen die Männer oft nicht gerecht werden könnten (vgl. Garst, 2001, S. 16–20; Gruber, 1994). Manche Frauen suchten in ihrem Partner einen Vaterersatz und trennten sich von ihm, wenn dieser dem Idealbild nicht entspreche. Andere suchten beim Kindsvater die Schuld für die aktuelle Lebenssituation und forderten von ihm, bei seiner Anwesenheit stets die Betreuung und Versorgung des Kindes zu übernehmen. Manche bezögen ihre Partner in ungelöste Konflikte mit Dritten ein (vgl. Gruber, 1994). Auch von Seiten der Praktikerinnen und Praktiker ist von häufigem Auftreten von Paarkonflikten bzw. Trennungen – meist bereits während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt – die Rede (vgl. Garst, 2001, S. 16–20; Gruber, 1994; Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Bei Paarkonflikten falle es den Eltern schwer, im Interesse des Kindes zu handeln und eigene Bedürfnisse in den Hintergrund zu stellen (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Allerdings bereiteten die Leistungserbringer Männer bzw. Jungen indes selten auf die Vaterschaft vor (vgl. Birtsch, Hartwig & Retza, 1996, S. 234). Garst, eine Mitarbeiterin des „Casa Luna“, einer Einrichtung für minderjährige Mütter und Schwangere in Bremen, berichtet, die meist selbst jungen Partner der Bewohnerinnen seien selten bereit, bei der Pflege und Erziehung der Kinder zu unterstützen. Oft stritten die jungen Männer die Vaterschaft ab. In 70 bis 90 Prozent der Fälle müsse letztere gerichtlich festgestellt werden, wobei sich nach Garsts Erfahrung bisher stets herausgestellt habe, dass der jeweilige Junge bzw. Mann tatsächlich der Vater gewesen sei (vgl. Garst, 2001, S. 16–20). Es ist allerdings auch von einzelnen Männern die Rede, die Interesse am gemeinsamen Wohnen in einer Einrichtung mit ihrer Partnerin und dem Kind hatten (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 160; Wendt, 1981, S. 461). Allerdings unterstützte pädagogisches Personal diese vermutlich lediglich selten. Die Untersuchungsergebnisse von Bier-Fleiter und Grossmann offenbaren beispielsweise, dass die pädagogischen Fachkräfte das Verhalten von zwei (jungen) Männern, die sich gegenüber den Kindern fürsorglich zeigten, negativ bewerteten, da die Väter sich nicht deren Rollenbild unterwarfen, wenn sie Emotionen zeigten und pflegerische Aufgaben übernahmen (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 160). Ein weiteres Beispiel dafür, dass der Vater als Bezugsperson des Kindes nicht gefördert wurde, ermitteln Lehmann, Hiermann und von Klitzing im Rahmen einer qualitativen Untersuchung: Ein an der Pflege und Erziehung seines Sohnes interessierter Kindsvater wurde in einer Mutter-Kind-Einrichtung, in der seine minderjährige Partnerin und sein Sohn lebten, nicht besonders unterstützt. Der 19-Jährige beteiligte sich zwar beinahe täglich an der Kindererziehung und dem pädagogischen Personal fiel der Vater überdies mit „relativ guten intuitiven Kompetenzen“ auf, weil er auf die Signale des Kindes prompt und angemessen reagierte und sich ins kindliche Spiel einbeziehen ließ. Trotzdem verfolgte der Leistungserbringer keine gezielte Stärkung der Position und der stabilisierenden Anteile des Kindsvaters, die dieser in die 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 122 Familie einzubringen vermochte (vgl. Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361–369). Aus der Praxis wird kritisiert, der hohe Bedarf der (sozialen) Väter an Hilfe bei gleichzeitigem Mangel an Ressourcen stelle das pädagogische Personal vor große Herausforderungen, da es schon allein bei der Betreuung der Frauen häufig an die Grenzen gerate (vgl. Gruber, 1994). Ausschluss über Hausregeln Die oben angegebenen Dokumente wurden auch in Bezug auf die Hausregeln für Männer ausgewertet. Die Ergebnisse der Analyse werden – geordnet nach den vier Aspekten „Besuchsregelungen“, „Ausgangsregelungen“, „Übernachtungsregelungen“ sowie „Kontrolle der Einhaltung der Hausregeln“ – im Folgenden dargelegt. Besuchsregelungen: Forschungen offenbaren, dass in der Vergangenheit in den meisten Mutter-Kind-Heimen Besuchsregelungen für Männer existierten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264; Wendt, 1981, S. 440).49 In manchen Häusern war es üblich, Männern den Kontakt zu den Kindern grundsätzlich zu versagen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 164). Gemäß den Daten des Dortmunder Forschungsprojektes durften Partner in manchen Einrichtungen ein- bis zweimal pro Woche – meist lediglich in einem speziellen Besuchszimmer – empfangen werden (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees- Möller, 1991, S. 28, 1993, S. 143). Höltershinken zufolge durften in Apartments oder in eigenem Wohnraum lebende Mütter und Schwangere im Vergleich zu Bewohnerinnen klassischer Heime häufiger die Dauer und den Umfang von Besuchen selbstständig regeln (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264). Ausgangsregelungen: Die Klientinnen hatten häufig stark reglementierte Ausgangszeiten (vgl. Wallner, 2010, S. 56). „Ausgang“ wurde den Müttern und Schwangeren zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Tagen gewährt (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees-Möller, 1993, S. 143) oder war im Umfang davon abhängig, wie alt die Bewohnerinnen waren bzw. wie lange sie schon in der Einrichtung wohnten (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 143). Übernachtungsregelungen: Übernachtungen von Freunden bzw. Partnern waren weitgehend verboten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264; Kappen, 1990, S. 188; Wendt, 1981, S. 440), selbst in Einrichtungen, die Settings in Apartments im eigenen Wohnraum anboten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 264). In der Studie von Wendt erlaubte ausschließlich ein einzelner Leistungserbringer „Besuche von mehr als 14 Tage[n]“ mit „der einvernehmlichen Zustimmung des Hausbewohnerinnenrates und der für das Haus verantwortlichen Sozialarbeiterin“ (Wendt, 1981, S. 461). In einem geringen Teil der Hilfsangebote war das zeitweilige Zusammenwohnen der Paare (mit dem Kind) erlaubt (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269). Berichte aus der Praxis offenbaren, 6.2 49 Auch in englischen Mutter-Kind-Heimen war in den 1960er Jahren eine weitgehende Einschränkung des Herrenbesuchs üblich: “In a third of the homes, visits from boyfriends, whether or not they were the father of the child, were forbidden completely“ (Nicholson, 1968, S. 78). 6.2 Ausschluss über Hausregeln 123 dass mache Leistungserbringer Übernachtungen zumindest eingeschränkt erlaubten: In der Mutter-Kind-Einrichtung „Weraheim“ durfte gemäß eines Berichts von Zacharias der Besuch der Partner über Nacht an den Wochenenden erfolgen (vgl. Zacharias, 1991, S. 86). Die Hausordnung einer Mutter-Kind-Einrichtung in Wiesbaden erlaubte Besuche über Nacht (vgl. Burger, 1991, S. 101). Im Rahmen des Betreuten Wohnens und der Nachbetreuung in der evangelischen Einrichtung „Hardtstiftung“ in Karlsruhe-Neureut wurden gemäß einer Darstellung von Weller im Jahr 1991 die Kindsväter oder Partner „je nach Möglichkeit und Bereitschaft“ (Weller, 1991, S. 89) eingebunden. Die Beteiligung des Mannes an der Erziehung und Pflege des Kindes wurde in Betracht gezogen, „wenn dieser interessiert ist“ (Weller, 1991, S. 91). Der Leistungserbringer eröffnet dem Partner oder Kindsvater eine Übernachtungsmöglichkeit (vgl. Weller, 1991, S. 87). In der Mutter-Kind-Einrichtung „Casa Luna“ dürfen die meist jugendlichen Kindsväter und Partner die minderjährigen Klientinnen zwar im Alltag besuchen, aber nur unter bestimmten Bedingungen im Haus übernachten. Voraussetzung ist, dass der Junge ein „fester Freund“ des Mädchens und bereit ist, die Hausregeln zu akzeptieren. Zuvor müsse er regelmäßig tagsüber geholfen haben, das Kind zu versorgen. Wochentags sei die Übernachtung allein in Ausnahmefällen gestattet. Wann und wie oft der Freund am Wochenende übernachten dürfe, müsse im Einzelfall mit den Pädagoginnen vereinbart werden (vgl. Wallner, 2010, S. 68). Wallner konstatiert, es bleibe unklar, welche Kontrollinstanz entscheide, wann eine Beziehung fest genug sei, um zu erlauben, dass der Junge im Mutter-Kind-Heim übernachten dürfe (vgl. Wallner, 2010, S. 68). Kontrolle der Einhaltung der Hausregeln: Die Kontrolle der Besuche und des Ausgangs erfolgte durch Gruppenerzieherinnen oder durch einen Pförtner bzw. eine Pförtnerin (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees-Möller, 1993, S. 143; Wendt, 1981, S. 461). In manchen Häusern war es üblich, die Anmeldung von Besuchen zu verlangen (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 164). Allerdings war die Kontrolle des Besucherverkehrs nicht lückenlos möglich (vgl. Wendt, 1981, S. 461). Um dem Anspruch trotzdem gerecht zu werden, griffen manche Heimleiterinnen bzw. ‑leiter zu der Methode, Bewohnerinnen der Einrichtungen indiskret über den Kontakt anderer Klientinnen zu ihren Partnern auszufragen (vgl. Wendt, 1981, S. 461). Begründungen für die Strenge der Hausregeln: Als Grund für die Ausgangsbeschränkungen wurde in erster Linie die Notwendigkeit der Versorgung der Kinder durch die Frauen angeführt (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 143). Der Ausschluss der Männer aus dem Alltag in Mutter-Kind-Einrichtungen wurde Studien zufolge mit folgenden Argumenten begründet: – Verhinderung möglicher Störung anderer Bewohnerinnen durch die Männer (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 73–76; Wendt, 1981, S. 462) – Aufbau eines Schutzraums für Klientinnen mit Gewalterfahrung durch Männer (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172); jedoch sei auffällig, dass in den Konzeptionen von Mutter-Kind-Einrichtungen selten Methoden zur Verarbeitung sexueller Gewalterfahrungen beschrieben würden (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172). 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 124 – Verhinderung von Prostitution durch Erschwerung der Möglichkeit des Zutritts zum Haus für Zuhälter (vgl. Wendt, 1981, S. 462) – Schutz der Bewohnerinnen vor gewalttätigen Ausbrüchen seitens der Männer nach Abbruch der Beziehung durch die Frau (vgl. Wendt, 1981, S. 462) Eingeschränkte Möglichkeiten der Teilhabe In Studien wurde herausgefunden, dass in einem kleinen Teil der Einrichtungen manche (sozialen) Väter an folgenden Aktivitäten in eingeschränktem Umfang teilnehmen durften: – an Beratungsgesprächen bei Konflikten des Paares (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269; Prchal, 2002, S. 123) oder zur Vorbereitung der Verselbstständigung nach dem Heimaufenthalt (vgl. Wallner, 2010, S. 62) – an der Pflege und Erziehung des Kindes (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361–369) – an Freizeitangeboten und anderen Gruppenaktivitäten (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269) In einer Einrichtung, die sich an einer qualitativen Studie beteiligte, wurde darauf hingearbeitet, die Partner oder Kindsväter dazu zu verpflichten, an Gruppenabenden der Frauen die Kinder zu beaufsichtigen (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269). Das Ziel, die Vater-Kind-Bindung zu stärken, verfolgten jedoch lediglich einzelne Pädagoginnen bzw. Pädagogen (vgl. Höltershinken, 1990, S. 269). Klees-Möller kritisiert, Partnerschaft und Sexualität thematisiere das pädagogische Personal mit den Bewohnerinnen häufig einseitig: Meist würde ausschließlich Sexualaufklärung und Verhütungsberatung durchgeführt (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 170–172). Sie befürchtet, das Personal könne in diesen organisationalen Strukturen mit Schwierigkeiten und Bedürfnissen von Frauen, welche nicht in das geschlechterstereotype Muster fallen, häufig nicht adäquat umgehen (vgl. ebd.). An sexualpädagogischen Konzepten fehle es generell in der Heimerziehung (vgl. ebd.). Klees- Möller wertet die Reduktion der Angebote seitens der Leistungserbringer auf Verhütung und die Tabuisierung anderer Momente von Sexualität als Orientierung an männlich geprägten Sexualnormen. Das Frauen- und Mutterbild vertrage sich nicht mit sexueller Aktivität (vgl. ebd.). Viel zu oft huldigten Pädagoginnen weiterhin Geschlechterstereotypen. Ein Bewusstsein für feministische Erkenntnisse und deren Umsetzung sei zur Sozialarbeit in Mutter-Kind-Einrichtungen bisher kaum vorgedrungen (vgl. Wendt, 1981, S. 482–484). Aufgrund des Verhaftetseins in Geschlechterstereotypen wird die Wirksamkeit des Aufenthalts in den Einrichtungen zum Teil bezweifelt (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 67; Meyer, 1993, S. 382; Swientek, 1984, S. 84; Wendt, 1981, S. 422). Bei einem Vergleich von Konzeptionen der Leistungserbringer von Hilfen nach § 19 SGB VIII konnte Prchal zeigen, dass Informationen über die Einbindung von Männern selten angeführt wurden. Wenn dies doch der Fall war, fanden Männer aus- 6.2.1 6.2 Ausschluss über Hausregeln 125 schließlich als Teilnehmer von Partner- oder Konfliktberatung Erwähnung (vgl. Prchal, 2002, S. 123). Auch in Berichten aus der Praxis der pädagogischen Arbeit in Mutter-Kind-Einrichtungen ist – wenn überhaupt – nahezu ausschließlich von der Einbindung über Beratungsgespräche bei Paarkonflikten die Rede (so etwa bei Burger, 1991, S. 101; Gruber, 1994). Ziel sei dabei die Aufarbeitung negativer Erlebnisse der Klientinnen in ihren Partnerschaften (vgl. Burger, 1991, S. 101) sowie den Männern zu vermitteln, den Bedarf der Partnerin an Nähe und Distanz sowie Grenzen anderer Bewohnerinnen in jedem Fall zu respektieren (vgl. Gruber, 1994). Ein weiterer großer Bereich für pädagogische Intervention liege darin, mit den Müttern oder Schwangeren zu reflektieren, welche Rollen sie jeweils ihren Partnern zuwiesen (vgl. Gruber, 1994). Aus der Analyse der Praxisberichte im Rahmen der vorliegenden Studie konnten zwei jeweils in Berlin verortete Einrichtungen gefunden werden, deren Beratung für Väter über die Beratung bei Paarkonflikten hinausgeht und auch die Vater-Kind- Beziehung in den Fokus nimmt: – Eine Einrichtung in Trägerschaft des Vereins „Junge Mütter/Väter e. V.“ unterstützte die Väter unter anderem in der Gestaltung von Aktivitäten mit dem Kind, beim Setzen von Grenzen ohne Gewalt, bei der Klärung der eigenen Wünsche und Bedürfnisse, der Reflexion des eigenen Verhaltens und der Wahrnehmung der eigenen Gefühle (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Die pädagogischen Fachkräfte böten bei Paarkonflikten gemeinsame Gespräche, Einzelberatung und Settings für alle Familienmitglieder an. Getrennt lebende Väter würden über ihre Rechte und Pflichten als Umgangsberechtigte aufgeklärt (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 90). Bei Paarkonflikten und Trennungen werde dem getrennt lebenden Elternteil der Besuch des Kindes in den Räumen der Einrichtung ermöglicht, bis es den Eltern gelänge, die Besuchskontakte selbstständig und angemessen zu regeln (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 90). – Im Haus „Jörg Sommerlath“ wurde eine mit einem männlichen Sozialarbeiter besetzte Beratungsstelle geschaffen, die den Männern gezielt Hilfe anbietet und sie aufsucht und gleichzeitig mit dem Mutter-Kind-Haus kooperiert. Der Pädagoge unterstützt die Männer, eine Lebensperspektive zu entwickeln, bei der sie verantwortlich und verbindlich in Kontakt mit ihrem Kind stehen und es bei seiner gesunden Entwicklung begleiten (vgl. Hespelt, 2013, S. 12; Michel). Die Angebote sind jedoch weniger so zu verstehen, dass Männer in den Alltag der Mutter-Kind-Einrichtung vollständig einbezogen werden. Es gibt weiterhin eingeschränkte Besuchszeiten (vgl. Hespelt, 2013, S. 3). Klees-Möller vermutet, das in den meisten Heimen und in vielen der Apartmenthäuser festgeschriebene Verbot, die Partner in den eigenen Räumlichkeiten zu empfangen, ziele auf die Unterbindung sexueller Kontakte ab (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 144). Auch Wendt glaubt hinter den starken Kontrollmechanismen in Mutter-Kind-Einrichtungen vor allem den Wunsch auszumachen, sexuelle Beziehungen der Frauen einschränkend zu steuern, da wechselnde Partnerschaften missbilligt werden (vgl. Wendt, 1981, S. 462). Die Unterbindung von Partnerkontakten gegen den Willen der Frau, wie er in einigen Einrichtun- 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 126 gen als Relikt traditioneller Mädchenerziehung praktiziert wird, wird von Klees-Möller abgelehnt (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 29–31). Wünsche der Klientel im Hinblick auf das Zusammenleben Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen kritisieren die Rigidität der Besuchsregelungen für Freunde und Partner zum Teil massiv (vgl. Kappen, 1990, S. 188; Klees-Möller, 1993, S. 393 und S. 170–172). Die Ergebnisse der Forschungen offenbaren das Interesse mancher Männer, auf längere Zeit mit ihren Partnerinnen innerhalb der Einrichtung zusammenleben zu wollen (vgl. Wendt, 1981, S. 461). Auch aus der Praxis wird berichtet, die Klientinnen forderten den Einbezug der Partner ein (vgl. Gruber, 1994). In einem Bericht von Kawalek, Milster und Tack heißt es, beide Elternteile wünschten sich meist ein gemeinsames Zusammenleben mit dem Kind. In der Regel wollten die Männer ihre Rechte gegenüber dem Kind wahrnehmen. Die schwangeren Frauen kämen zu Aufnahmegesprächen oft gemeinsam mit ihrem Partner oder dem Kindsvater (vgl. Kawalek, Milster & Tack, 2006, S. 88). Informationen über die Wünsche und Motivationen einer kleinen Anzahl von Elternpaaren beim Einzug in eine Mutter-Kind-Einrichtung konnten im Rahmen einer Studie von Friedrich und Remberg im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ermittelt werden: An der Studie, die auf die Untersuchung von Lebensbedingungen, Einstellungen und dem Verhütungsverhalten jugendlicher Schwangerer und Mütter ausgerichtet war, nahmen unter anderem fünf jugendliche Mütter teil, die nach Bekanntwerden der Schwangerschaft vom Elternhaus oder einer betreuten Wohnform in eine Mutter-Kind-Einrichtung wechselten. Zwei weitere zogen in eine Wohnung mit institutioneller Anbindung und noch einmal zwei in eine eigene Wohnung mit Betreuung (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 278). Die Partner der jungen Mütter wurden nicht explizit nach der Beurteilung der professionellen Unterstützung gefragt. Gleichwohl können Friedrich und Remberg aus Aussagen in den Interviews auf deren Haltung rückschließen (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 279). Von den fünf Müttern in Mutter-Kind-Einrichtungen mit klassischem Heimsetting hatte ein Teil den Wunsch, weiterhin mit ihrem Freund zusammenzuleben, und bemängelte das Fehlen einer solchen Möglichkeit. Diese jungen Frauen waren der Auffassung, ein vom Kindsvater getrenntes Aufwachsen sei weder für die Entwicklung des Kindes noch für die Ausbildung der Beziehung zwischen Vater und Kind oder für die Paarbeziehung förderlich und bedauerten, der männliche Elternteil verpasse zu viel vom Alltag seines Kindes. Hinter dieser Argumentation sehen Friedrich und Remberg den Wunsch der Mädchen nach einer Familie, in welcher der Partner seine Rolle als Vater übernehme, z. B. bei der Kindererziehung. Andere wünschten sich gerade eine vom Kindsvater (vorläufig) getrennte Wohnform, bei der sie trotzdem nicht alleine sein müssten und professionelle Betreuung in Anspruch nehmen könnten (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 110). 6.2.2 6.2 Ausschluss über Hausregeln 127 Drei Interviewpartnerinnen, die in institutionellen Wohnformen lebten, gaben an, dort negative Erfahrungen gemacht zu haben. Sie wünschten sich ein weniger intensiv betreutes Setting, da sie sich vom Personal in der Einrichtung beobachtet und kontrolliert bzw. durch die Regeln der Einrichtungen an einem selbstbestimmten Leben gehindert fühlten. Zwei der Partner dieser Frauen – ebenfalls die leiblichen Väter der Kinder – äußerten sich zu der Betreuung ihrer Partnerinnen und beurteilten die Situation negativ. Beide waren der Auffassung, dass die professionelle Betreuung durch Bevormundung und Kontrolle ihrer eigenen Lebensgestaltung und der ihrer Freundin gekennzeichnet sei. Obwohl sich alle drei Paare in prekären Lebenssituationen befanden, zogen sie sich aus der Betreuung zurück und lehnten sie ab (vgl. Friedrich & Remberg, 2005, S. 281). Feindselige Stereotypien zwischen Personal und Männern? Ein typisches Zeichen totaler Organisationen ist, wie Goffman darlegt, eine fundamentale Trennung zwischen den Insassen und dem Personal, die sich vor allem dadurch widerspiegelt, wie viel Kontakt nach außen möglich ist. Insassen in totalen Institutionen haben beschränkten Kontakt zur Außenwelt, während das Personal häufig auf der Basis eines Acht-Stunden-Tages in der Einrichtung arbeitet und ansonsten sozial in die Außenwelt integriert ist. Typischerweise sehe in totalen Institutionen jede der beiden Gruppen die andere durch die Brille enger, feindseliger Stereotypien (vgl. Goffman, 1981, S. 18). Tatsächlich gibt es Hinweise auf solche Entwicklungen aus der Praxis der Mutter- Kind-Einrichtung: Hespelt berichtet beispielsweise ihren Eindruck wie folgt: Der Einzug in die Einrichtung bedeute für die Elternteile, im Alltagsleben voneinander getrennt zu werden. Daher stünden viele Männer einer Unterbringung ihrer Partnerin sowie des Kindes kritisch gegenüber und seien nicht bereit, ein Arbeitsbündnis einzugehen. Die Pädagoginnen erlebten in der Folge den Vater als „Bremsklotz in der Beziehungsaufnahme zur Mutter“ (vgl. Hespelt, 2013, S. 4). Es steht die These im Raum, insbesondere Männer würden von einigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Rahmen sowohl der Hilfeplanung als auch der Durchführung von Kinder- und Jugendhilfen lediglich bedingt als kompetente Gesprächspartner betrachtet (vgl. Sabla, 2009, S. 12). Über das pädagogische Personal in Mutter-Kind-Einrichtungen mutmaßt Hespelt, die selbst als Pädagogin in einer solchen Einrichtung arbeitet, in einer Veröffentlichung des Evangelischen Erziehungsverbands, es sehe die (sozialen) Väter häufig nicht als Bereicherung und Ressourcen der Schwangeren und Mütter, „sondern als Störfaktoren, die das pädagogische Handeln durchkreuzen und sich dem Betreuungsablauf widersetzen“. Hespelt vermutet, das Einbeziehen der Männer durch die Fachkräfte hänge stark von der Kooperations- und Anpassungsbereitschaft der Männer ab. Ferner spiele eine Rolle, ob der Mann dem pädagogischen Personal sympathisch erscheine oder ob es Abneigung empfinde (vgl. Hespelt, 2009, S. 82). 6.2.3 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 128 Forderungen für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII Aus Wissenschaft (vgl. Bier-Fleiter & Grossmann, 1989, S. 39; Lehmann, Hiermann & von Klitzing, 2010, S. 361) und Praxis (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V. & Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2001, S. 43; Hespelt, 2009, S. 86; Kölbl, 2007, S. 174) wird gefordert, Väter in Mutter-Kind-Einrichtungen in den Alltag zu integrieren, Kontakte zu den Kindsvätern und neuen Partnern zu fördern und das Familiensystem zu stabilisieren. Nach Gesprächen mit den jeweiligen Elternteilen bzw. Paaren könnten Entwicklungsziele für jedes einzelne Paar erarbeitet werden (vgl. Gruber, 1994). Das Zusammensein im Alltag solle durch geeignete Wohnangebote eingeübt werden (vgl. Wendt, 1981, S. 474). Bei dauerhaften Beziehungen sei es sinnvoll, den Partner in die Kinderbetreuung mit einzubinden (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 29–31). Die Besuchsregeln sollten je nach Stabilität der Beziehung individuell abgesprochen werden (vgl. Kester, 1979, S. 183). Höltershinken fordert ebenfalls, die Regeln an die Bedürfnisse der in den Einrichtungen lebenden Frauen und Mädchen anzupassen (vgl. Höltershinken, 1990, S. 394). Meyer zufolge sei eine positiv empfundene Paarbeziehung nicht nur für Bewohnerinnen von Mutter-Kind-Einrichtungen sondern auch für den weiteren Verlauf der Hilfe ausschlaggebend. So korrelierten das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit der Klientinnen weitgehend mit der Qualität der Paarbeziehung. Eine positive Veränderung der Beziehung zum Partner habe in vielen Fällen große Fortschritte für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der jeweiligen Klientin zur Folge. Der Prozess stagniere vor allem in Beziehungen, in denen die Frauen ausgenutzt würden oder in hohem Maße abhängig von den Männern seien, bei häufig wechselnden Partnerschaften, wenn die Männer gewalttätig seien oder die Vaterschaft bestritten, solange sich die Konflikte nicht lösen ließen (vgl. Meyer, 1993, S. 308). Matzner fordert, abwesende und desinteressierte Väter durch geeignete Maßnahmen dazu anzuhalten, sich um ihre Kinder zu kümmern. Die Qualifikation sowie das professionelle Selbstverständnis des Personals in der Kinder- und Jugendhilfe ermögliche eine solche Perspektiverweiterung. Von Fachkräften könne erwartet werden, aktiv auf Väter – vor allem auf solche mit wenigen Ressourcen – zuzugehen (vgl. Matzner, 2004, S. 62). Eine qualifizierte Arbeit mit den Kindsvätern und Partnern der Mütter erfordere von den Fachkräften, die Hilfen nach § 19 SGB VIII an den Vorstellungen, Haltungen und Wünschen der Klientel bezüglich Partnerschaft und Familienleben auszurichten. Darüber hinaus sollten die Ressourcen der Männer genutzt werden (vgl. Hespelt, 2009, S. 88). Grundsätzlich müsse sich die Sichtweise auf Männer differenzieren und erweitern (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 66). Die Beziehungen zwischen Frauen und ihren Partnern sollten in Beratungsgesprächen – vorzugsweise mit beiden gemeinsam – thematisiert werden (vgl. Kölbl, 2007, S. 117; Wendt, 1981, S. 482–484; Winkelmann, 1990, S. 70). Soweit es von dem Elternteil gewünscht sei, sollten die belastenden Erfahrungen in der Partnerschaft aufgearbeitet werden (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). Ein möglicher Bereich für pädagogische Intervention sei es, mit den Frauen zu reflektieren, 6.3 6.3 Forderungen für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII 129 welche Rollen sie jeweils ihren Partnern zuwiesen (vgl. Gruber, 1994). Daneben sei das Umgangsrecht von Kindern mit dem nicht-sorgeberechtigten Elternteil und die Umgangspflicht desselben nach § 1684 BGB in der beraterischen Tätigkeit zu berücksichtigen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286). Bei abgebrochenen Paarbeziehungen sollten die Mitarbeiterinnen aktiv Kontakte zum Partner herstellen (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 1999, S. 286; Wendt, 1981, S. 482–484). Männer sollten zu Freizeitaktivitäten eingeladen werden (vgl. Hespelt, 2009, S. 86). Manche Fachkräfte aus Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen sind dafür, Absprachen über Regeln für den Umgang miteinander stets individuell zu vereinbaren (vgl. Gruber, 1994; Horn-Wagner, 1991), andere sprechen sich für universelle Besuchs- und Übernachtungsregeln aus (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 73–76), solange Besuche durch Männer nicht verboten würden (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 73–76) und die individuelle Situation der Familien berücksichtigt werde (vgl. Hespelt, 2009, S. 86; Horn-Wagner, 1991, S. 73–76). Es wird zudem gefordert, Regeln in Bezug auf Männer klar auszuformulieren (vgl. Hespelt, 2009, S. 86; Horn-Wagner, 1991, S. 73–76). Die meisten Wohnangebote hießen, so Wallner, weiterhin „Mutter-Kind-Heime“ und gestatteten Vätern selten Zugang. Wallner fordert die Leistungserbringer auf, neue Ideen für die konzeptionelle Ausrichtung zu entwickeln, mit denen man sich auf alleinerziehende Männer einstellen könne. Letztere seien offenbar nicht allein durch die Umbenennung der Angebote in „Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder“ in die Verantwortung zu holen (vgl. Wallner, 2010, S. 72). Damit die Positionen der Männer vom pädagogischen Personal adäquat berücksichtigt würden, solle über Männerbilder und die eigene Haltung gegenüber Männern reflektiert werden (vgl. Gruber, 1994; Hespelt, 2009, S. 88; Horn-Wagner, 1991, S. 70– 72). Horn-Wagner zufolge stelle die Einbeziehung von Männern in die pädagogische Arbeit für die Fachkräfte zunächst oft eine Überforderung dar (vgl. Horn-Wagner, 1991, S. 65). Es bedürfe im Vorhinein einer institutionellen, strukturellen Anpassung, einer personellen Aufstockung und einer konzeptionellen Diskussion. Darüber hinaus sollte nicht ausschließlich eine Klientel mit einer hoch komplexen Bedarfslage aufgenommen werden, um das pädagogische Personal nicht zu überlasten (vgl. Horn- Wagner, 1991, S. 65). Zur individuellen Vereinbarung bzw. zur Weiterentwicklung universaler Regeln in Bezug auf Männer bräuchten die Mitarbeiterinnen bzw. Mitarbeiter Zeit (vgl. Hespelt, 2009, S. 86; Horn-Wagner, 1991, S. 73–76). Zudem fehle es an speziellen Fortbildungsangeboten (vgl. Hespelt, 2009, S. 86). Anstatt die Hilfen gesetzlich ausschließlich auf die Beziehung zwischen einem Elternteil und dem Kind zu beschränken, sollten beide, Mütter und Väter, einen eigenständigen Unterstützungsanspruch haben, der sich insgesamt auf ihre Person beziehe. Dieser Teil des neuen Gesetzes wäre nicht mehr im Abschnitt „Förderung der Erziehung in der Familie“ richtig verortet, sondern gehöre eher in den Bereich der erzieherischen Hilfen (vgl. Wallner, 2010, S. 72). Auf institutioneller Ebene müsste über die Anwerbung männlicher Fachkräfte und die Veränderung eigener Geschlechterrollenbilder diskutiert werden. Auf politischer Ebene sei die Finanzierung zu planen und Fortbildungsmodule zu entwickeln 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 130 und bereitzustellen (vgl. Hespelt, 2009, S. 88). Entgeltsätze für Leistungen nach § 19 SGB VIII dürften auf keinen Fall zusätzlich reduziert werden (vgl. Fegert, 2001, S. 81). Die Rolle des Vaters für seine in der Einrichtung lebenden Kinder und seine Partnerin solle erforscht werden (vgl. Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V. & Sozialdienst katholischer Frauen e. V., 2001, S. 43). Dazu seien Langzeitstudien zu initiieren (vgl. Fegert, 2001, S. 81). Sogenannte „Patchwork-Familien“ oder Ein-Eltern-Phasen würden nach Fegert mehr zur Regel statt zur Ausnahme. Daher sei es für die psychische Gesundheit von Kindern wichtig, dass eine Vielzahl von Familienformen gelebt werden könnte. Zu starre Rollen würden sich in Reifungsphasen als hemmend erweisen und notwendige Entwicklungsschritte verhindern. Die Qualität von Beziehungen zeige sich häufig daran, wie Entwicklungsaufgaben gemeistert werden könnten. Die psychische Gesundheit der Kinder werde daher von positiven Beziehungsqualitäten stärker gefördert als von der Einhaltung einer klassischen Rollenteilung durch die Eltern. Deshalb sollte das Fachpersonal den Müttern dazu raten, ihre Biographie bewusst individuell zu gestalten, anstatt eine „Normalbiographie“ zu verfolgen (vgl. Fegert, 2001, S. 45). Wendt fordert von den Pädagoginnen in Mutter-Kind-Einrichtungen, eine kritische Haltung gegenüber Geschlechterstereotypen einzunehmen (vgl. Wendt, 1981, S. 482–484). Unabhängig vom konkreten Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit Familien erscheint ein frühzeitiger geschlechterreflektierender Zugang zu Eltern sinnvoll, da Weiblichkeits- und Männlichkeitskonstruktionen bereits in der Zeit der Familiengründung und in der innerfamiliären Aufgabenteilung Strukturen schaffen, die möglicherweise Ursache für spätere Familienkonflikte und erzieherische Schwierigkeiten sind (vgl. Sabla, 2008, S. 60). Es müsse reflektiert werden, wie Väter gesehen würden und welche Position sie gegenüber den Kindern und ihren Partnerinnen einnehmen sollten (vgl. Wallner, 2010, S. 72). In diesem Prozess steht es aber nicht den Fachkräften zu, den Männern ihren Platz in der Familie zuzuweisen, sondern Letzteres muss durch die Familie selbst erfolgen: „Kinder- und Jugendhilfe kann die existenziellen Herausforderungen der Lebensgestaltung, die sich mit dem sozialen Wandel im Kontext von Vaterschaft und Familie ergeben, nicht stellvertretend lösen. Vielmehr kann und muss familienbezogene Kinder- und Jugendhilfe Müttern und Vätern helfen, unter gegebenen Umständen ihren individuellen Spielraum als Erziehenden [sic] sowie als Partnerinnen und Partner auszuloten und ihnen die Wirkung der gegenwärtigen Lebensbedingungen bewusst zu machen“ (Sabla, 2009, S. 200). Neue Aufmerksamkeiten für Väter In jüngerer Zeit deutet sich die Bereitschaft der Praktikerinnen und Praktiker – vor allem der evangelischen Initiativen – an, über Möglichkeiten und Grenzen beim Einbeziehen von Männern zu diskutieren: Eine evangelische Fachtagung in Berlin für den Bereich der Hilfen nach § 19 SGB VIII im Jahr 2013 titelte beispielsweise: „Ohne Väter geht es nicht!? Möglichkeiten und Grenzen der Arbeit mit Vätern in Mutter- 6.4 6.4 Neue Aufmerksamkeiten für Väter 131 Kind-Einrichtungen“ (vgl. Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk, 2013). Der EREV verfasste eine „Stellungnahme zur gemeinsamen Unterbringung von Müttern und Vätern in Mutter/Vater-und-Kind-Einrichtungen nach SGB VIII“ (vgl. Evangelischer Erziehungsverband, 2014) und die Fachreferentin des Sozialdiensts katholischer Frauen, Petra Winkelmann, veröffentlichte in einer Zeitschrift des EREV den Beitrag „Väter – eine ungenutzte Ressource“ zur Möglichkeit der Integration von Vätern in Hilfen zur Erziehung (vgl. Winkelmann, 2015). Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen wird von manchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorgeworfen, hätten nach wie vor Eigenschaften „totaler Institutionen“ (vgl. Goffman, 1981): So analysiert Fegert aus systempsychologischer Perspektive, die Heime besäßen explizite und implizite Regeln und tendierten zu hierarchischen Organisationsformen. Verstöße gegen die Regeln stellten für das System eine Gefahr dar und würden mit einer Ausstoßungsdrohung verbunden. Charakteristisch seien darüber hinaus andere Tendenzen, wie die Forderung nach Beteiligung am Gruppenleben, die Inakzeptanz von Intimität bis hin zur Forderung nach „Keuschheit“. Sowohl das Betreuungspersonal als auch die betroffenen Mütter müssten sich weitgehend systemkonform verhalten, solange die Mechanismen der totalen Institution nicht grundlegend hinterfragt würden (vgl. Fegert, 2001, S. 47). Auf der Elternebene sei das Paar durch die Institutionsgrenzen voneinander getrennt, da es nicht möglich sei, beide Elternteile innerhalb der Einrichtung unterzubringen. Dies führe dazu, dass die Paarbeziehung, wenn sie überhaupt fortbestehe, eher einer Beziehung der Jugendphase entspreche und nicht der reiferen Eltern-Kind-Beziehung (vgl. ebd., S. 47). Gleichzeitig nötigten die institutionellen Rahmenbedingungen die Fachkräfte dazu, durch die Beeinflussung von Entscheidungen der Mütter als Partnerersatz zu fungieren (vgl. ebd., S. 47). Die Gemeinschaftsräume oder „Besuchszimmer“ einiger Einrichtungen böten für die Paare bzw. Familien keine zufriedenstellende Alternative zum fehlenden privaten Lebensraum (vgl. Klees-Möller, 1991, S. 22). Die Unterstützung durch den Partner bei der Erziehung und Pflege des Kindes sei so lediglich im geringen Maß möglich (vgl. Kappen, 1990, S. 188). Die Möglichkeit der Einübung der Vaterrolle erschien Klees-Möller durch die Regeln stark eingeschränkt (vgl. Klees- Möller, 1993, S. 144). Die Beschneidung der Kontakte zwischen Vater und Kind belaste diejenigen Mütter zusätzlich, deren Partner sich zuverlässig an der Kinderbetreuung beteiligen wollten (vgl. Klees-Möller, 1993, S. 164). Ein Zusammenhang zwischen Rahmenbedingungen und den Teilhabemöglichkeiten von Männern am Alltag in Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen wird in der vorliegenden Studie durch das von Goffman entwickelte Modell der „totalen Institution“ hergestellt. Goffman schrieb über totale Institutionen, dass sie mit der Familie, dem „Kernstück der Gesellschaft“, „unvereinbar“ seien (Goffman, 1981, S. 22). Au- ßerdem deckte er den Zusammenhang zwischen organisationalen Strukturen, den ge- 6.5 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 132 sellschaftlichen Moralvorstellungen und den Regelungen in totalen Institutionen auf. Deshalb soll sein Modell der totalen Institution im Folgenden erläutert werden: Erving Goffman (*1922, †1982) entwarf sein Modell der „totalen Institution“ in den 1950er Jahren am Untersuchungsgegenstand einer großen, mit 7 000 Insassen belegten psychiatrischen Anstalt, dem St. Elisabeths Hospital in Washington, D. C., mit der Methode der teilnehmenden Beobachtung (vgl. Goffman, 1981, S. 7). Bei seinen Betrachtungen ging es ihm darum, „eine soziologische Darstellung der Struktur des Selbst zu entwickeln“ (Goffman, 1981, S. 11). Gleichzeitig übte er fundamentale Kritik an der Psychiatrie: Er arbeitete heraus, dass – und hier orientiert sich die vorliegende Studie an einer Deutung der Arbeit Goffmans durch Dellwing – die totale Institution der Gesellschaft dazu dient, einzelne Menschen bei Konflikten auf der Beziehungsebene zu isolieren, um deren Verhalten nicht im Hinblick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen deuten zu müssen, weil die Gesellschaft die Deutungen und mögliche Aushandlungen darüber, was die Insassen als wahr verstehen, nicht akzeptieren kann. So isoliere die Institution sich gegenüber der Welt, die sie mit ihren Dienstleistungen zu bearbeiten suche, indem sie die Prozesse der interaktiven Aushandlungen von Bedeutungen ignoriere. Die Psychiatrie erbringt mit Hilfe dieser Verkürzungen jedoch die soziale Leistung, mit einem „Chaos“ in Organisationen und sozialen Beziehungen auf Arten und Weisen umzugehen, die diese Beziehungen vom Chaos erlösen (vgl. Dellwing, 2014, S. 172). Im Folgenden soll das Modell der totalen Institution zunächst erläutert werden. Im empirischen Teil der Arbeit wird auf das Modell Bezug genommen, indem diskutiert wird, ob Mutter-(/Vater‑)Kind-Einrichtungen heute noch wie totale Institutionen funktionieren. Dabei wird besonders der Aspekt in den Vordergrund gestellt, ob in den Einrichtungen der soziale Verkehr mit der Außenwelt verhindert wird. Merkmale totaler Institutionen Goffman verwendete den Begriff „totale Institution“ für bestimmte soziale Einrichtungen, die sich durch besondere Merkmale von anderen abgrenzen, wobei sie nicht alle Merkmale aufweisen, jedoch einen „beträchtlichen Anteil“ (vgl. Goffman, 1981, S. 15–17). Unter einer sozialen Einrichtung versteht er „Räume, Wohnungen, Gebäude oder Betriebe, in denen regelmäßig eine bestimmte Tätigkeit ausgeübt wird“ (Goffman, 1981, S. 15). Die sogenannten totalen Institutionen zeichnen sich durch eine Reihe von Eigenschaften aus, die Goffman zufolge untereinander eng zusammenhängen. Im Folgenden werden die vier zentralen Eigenschaften totaler Institutionen genannt: Erstens: Der Insasse schläft, spielt und arbeitet nicht mehr – wie in der Gesellschaft außerhalb solcher totalen Institutionen grundsätzlich üblich – an verschiedenen Orten, sondern diese „Schranken, die normalerweise diese drei Lebensbereiche trennen, [sind] aufgehoben“ (Goffman, 1981, S. 17). Außerhalb der Institution agiert der Einzelne mit „wechselnden Partnern, unter verschiedenen Autoritäten und ohne einen umfassenden rationalen Plan“, in der totalen Institution hingegen führen die 6.5.1 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 133 Mitglieder50 „alle Phasen ihrer täglichen Arbeit in unmittelbarer Gesellschaft einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen aus, wobei allen die gleiche Behandlung zuteilwird und alle die gleiche Tätigkeit gemeinsam verrichten müssen“ (Goffman, 1981, S. 17). Zweitens: Totale Institutionen beschränken den sozialen Verkehr der „Insassen“ mit der Außenwelt sowie die Freizügigkeit derselben. Sie seien „Orte des erzwungenen Exils“ (Goffman, 1981, S. 139). Einen ersten quasi symbolischen Hinweis auf den allumfassenden Charakter totaler Institutionen leitet Goffman daraus ab, wie die soziale Einrichtung gebaut ist, also ob sie beispielsweise über verschlossene Tore und Mauern verfügt (vgl. Goffman, 1981, S. 15). Drittens: Alle Phasen des Arbeitstages sind exakt geplant. Die eine gehe zu einem vorher bestimmten Zeitpunkt in die nächste über und die ganze Folge der Tätigkeiten werde von oben durch ein System expliziter formaler Regeln und durch einen Stab von Funktionären vorgeschrieben (vgl. Goffman, 1981, S. 17). Dass der ganze Tagesablauf von Insassen totaler Institutionen vorgeplant wird, macht es erforderlich, auch ihre wesentlichen Bedürfnisse vorzuplanen (vgl. Goffman, 1981, S. 21). „Zentrales Faktum“ totaler Institutionen sei die „Handhabung einer Reihe von menschlichen Bedürfnissen durch die bürokratische Organisation ganzer Gruppen von Menschen – gleichgültig ob dies ein notwendiges oder effektives Mittel der sozialen Organisation unter den jeweiligen Bedingungen“ sei oder nicht (Goffman, 1981, S. 18). Viertens: Totale Institutionen vereinigen die verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten in einem einzigen rationalen Plan, der angeblich dazu dient, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen (vgl. Goffman, 1981, S. 17). Im Rahmen dieser Studie wird die im zweiten Punkt genannte Eigenschaft totaler Institutionen – die Beschränkung des sozialen Verkehrs – in den Mittelpunkt gestellt, hier vor allem die Regelungen, die der Beschränkung des sozialen Verkehrs dienen. Da, wie bereits erwähnt, die vier oben genannten Eigenschaften eng zusammenhängen, wird auch auf die anderen Punkte Bezug genommen. Goffman folgend sollen Probleme im Zusammenhang mit den Regelungen, die die Teilhabe von Männern am Alltag in den Einrichtungen beschränken, nicht als individuelles Versagen begriffen werden, sondern als aussagekräftige Hinweise auf grundsätzliche Konflikte in unserer Gesellschaft, die es aufzudecken gilt. Insassen Die Personen, die in einer totalen Institution untergebracht werden, unterschieden sich im Hinblick auf die Art und das Ausmaß ihrer „Krankheit“ bzw. ihres „abweichenden Verhaltens“ erheblich voneinander und sie würden von Außenstehenden mit höchst unterschiedlichen Attributen belegt. Manche Insassen treten freiwillig, andere unfreiwillig in die totale Institution ein (vgl. Goffman, 1981, S. 117). Innerhalb der to- 6.5.2 50 Goffman (1981, S. 18) bezeichnet die Menschen, die in der totalen Institution leben, als „Insassen“. Diese Bezeichnung wird im Folgenden im Zusammenhang mit totalen Institutionen übernommen. 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 134 talen Institution seien sie aber im Wesentlichen mit ähnlichen Gegebenheiten konfrontiert. Dass einer so unterschiedlichen Personengruppe „ein gemeinsames Schicksal“ zugewiesen und zusätzlich auf alle das gleiche Umformungsprogramm angewendet werde, hält Goffman für gesellschaftlich intendiert (vgl. Goffman, 1981, S. 128). Die wahrgenommene Abweichung des Verhaltens der „Geisteskranken“ sei „ein Produkt der sozialen Distanz des Betrachters“ (Goffman, 1981, S. 129). Meist sei lediglich eine temporäre emotionale Verwirrung in einer Stresssituation der Auslöser für ein Verhalten, das wiederum die Handelnden selbst oder ihm Nahestehende davon überzeuge, den Verstand oder die Kontrolle zu verlieren bzw. verloren zu haben (vgl. Goffman, 1981, S. 131). Wenn Menschen bei sich selbst einen solchen Kontrollverlust wahrnehmen, könne dies erhebliche Ängste erzeugen, die wiederum dazu führen, dass der Betroffene Strategien entwickelt, um diese Angst zu mindern oder den Kontrollverlust vor anderen zu verbergen. Diese Strategien können von anderen wiederum als abweichend wahrgenommen werden und zu einer Unterbringung in einer totalen Institution führen (vgl. Goffman, 1981, S. 131). Zur Internierung in der totalen Institution führe also eine „momentane Ungehörigkeit“, ein in der Situation unangebrachtes Verhalten, ein Verstoß gegen gewisse Gegebenheiten des Zusammenlebens im Haushalt, am Arbeitsplatz oder an einem (halb‑)öffentlichen Ort (Goffman, 1981, S. 133), die einen „Beschwerdeführer“ dazu veranlasse, einen „legal befugt[en]“ „Agenten“ (Goffman, 1981, S. 135) dazu zu bringen, die Einweisung anzuordnen. Hintergrund sei, dass die Gemeinschaft das Fehlverhalten moralisch ablehne (vgl. Goffman, 1981, S. 291). Teilweise könne die Internierung auf Wunsch des Klienten erfolgen, weil er sich selbst als seelisch unbalanciert einschätze, meist allerdings sei die Aufnahme in die Anstalt unfreiwillig (vgl. Goffman, 1981, S. 132). Auffällig sei, dass gesellschaftlich Privilegierte weniger häufig um Hilfe bitten und auch seltener durch Beschwerdeführer eines unmoralischen Verhaltens angeklagt würden (vgl. Goffman, 1981, S. 132). In der Anstalt angekommen, bestehe der Konflikt zwischen Interessen des Klienten, des Helfenden und denen der Gemeinschaft fort (vgl. Goffman, 1981, S. 327). Der Insasse sei plötzlich aller seiner gewohnten Sicherheiten, Befriedigungen und Abwehrmechanismen beraubt und sei Demütigungen ausgesetzt wie etwa der Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Leben in der Gemeinschaft, einer diffusen Autorität einer Vielzahl von Menschen (vgl. Goffman, 1981, S. 146). Institution Als eigentliches Ziel, zu dem sich aber nicht offiziell bekannt wird, dienen totale Institutionen dazu, „für die Unterbringung der verschiedenen Gruppen von sozial unbequemen Menschen zu sorgen“ (Goffman, 1981, S. 336). Einen Hinweis dafür, dass die offiziellen Ziele der Institution nur vorgeschoben sind, sieht Goffman darin, dass die behauptete Veränderung des Insassen nur selten erreicht wird (Goffman, 1981, S. 74). Die Anstalt werde durch die Moralvorstellungen der Gesellschaft quasi unter Druck gesetzt, anstatt einer Dienstleistung, die sich am Willen des Kunden ausrichte, einen 6.5.3 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 135 auf Konsequenzen von Beobachtung, Diagnose und Behandlung beruhenden vorgegebenen Katalog von Maßnahmen zur Abwehr von einem bestimmten Verhalten des Insassen bereitzuhalten (vgl. Goffman, 1981, S. 322). Helfer wollen nicht immer alle Interessen des Klienten erfüllen (vgl. Goffman, 1981, S. 322). Diese institutionalisierte „Parodie auf die Dienstleistungsbeziehung“ (Goffman, 1981, S. 351) erfordere einige Anstrengung vom Personal: „Der Widerspruch zwischen dem, was die Institution tut, und dem, was sie offiziell als ihre Tätigkeit angeben muß, bildet den grundlegenden Kontext für die tägliche Aktivität des Personals“ (Goffman, 1981, S. 78). „Es muss ein Vergehen gefunden werden, welches der Bestrafung entspricht, und der Charakter des Insassen muß so konstruiert werden, daß er dem Vergehen entspricht. […] Je weiter Anspruch und Wirklichkeit voneinander abweichen, desto größere Anstrengungen und desto mehr Hilfe sind erforderlich, um die eigene Position künstlich abzusichern“ (Goffman, 1981, S. 366). Es bilde sich ein Stationssystem heraus. Goffman sieht in diesem ein Mittel „zur Disziplinierung unbotmäßiger Charaktere durch Lohn und Strafe“ (Goffman, 1981, S. 161). Die Insassen würden drastisch reduzierten Lebensbedingungen unterworfen, die durch Belohnungen und Bestrafungen durchgesetzt werden. Der disziplinarische Bezugsrahmen sehe eine Sammlung von Mitteln und Zwecken vor, nach denen die Insassen legitimer Weise streben könnten. „[I]m Vergleich mit diesem autoritativen, aber nicht ganz offiziellen System erweisen sich eine Vielzahl von Patienten-Aktivitäten als effektiv verboten oder unzulässig. Manche Patienten auf bestimmten Stationen müssen ein so durchweg gegängeltes Leben führen, daß beinah jede Bewegung ihnen eine unvorhergesehene Befriedigung verschafft“ (Goffman, 1981, S. 201, Hervorh. im Orig.). Tatsächlich spiegeln – wie Goffman darlegt – die auf der Station jeweils üblichen Beschränkungen nicht die Fähigkeiten bzw. den Erfolg bei der Resozialisierung der jeweiligen Insassen wider (vgl. Goffman, 1981, S. 161). Vielmehr richte sich die Eingruppierung des Insassen in das Stationssystem an dem Grad des Verstoßes der Insassen gegen moralische Urteile der umgebenden Gesellschaft aus (vgl. Goffman, 1981, S. 347). Zudem bedinge der Imperativ, in der Einrichtung wirtschaftlich zu arbeiten, häufig eine Verlegung oder Entlassung, beispielsweise die Überbelegung einer Station, die spontane Remission oder die disziplinierende Kraft des Stationssystems (vgl. Goffman, 1981, S. 161). Die tatsächliche Orientierung an organisational verwaltungstechnischen Notwendigkeiten innerhalb der Einrichtung und moralisch wertenden Normen der sie umgebenden Gesellschaft, die Goffman als „blinde Mächte“ (Goffman, 1981, S. 148) charakterisiert, werde allerdings vom Personal verleugnet (vgl. Goffman, 1981, S. 342). Problematisch sei auch die Ignoranz der organisationalen und gesellschaftlichen Zusammenhänge der Funktionsweisen und des Stationssystems der Institutionen sowie die Leugnung der Tatsache, dass abweichendes Verhalten durch die Umwelt selbst ausgelöst werden könne. In solchen Fällen sei die totale Institution überhaupt nicht in der Lage, die „Erkrankung“ befriedigend zu behandeln (vgl. Goffman, 1981, S. 326). Mit der Entlassung werde der ehemalige Insasse in das System zurückgeschickt, von dem seine psychotische Reaktion nur ein natürlicher Bestandteil war (vgl. Goffman, 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 136 1981, S. 345). Vor dem Hintergrund dieses engen Zusammenhangs zwischen den Handlungsmöglichkeiten in totalen Institutionen und den Ansprüchen der Gesellschaft an das Handeln der Helfenden geht Goffman davon aus, „daß es gute funktionale Gründe für die vorhandenen Merkmale [totaler Institutionen] gibt und daß es möglich ist, sie zusammenzufügen und durch eine funktionale Erklärung zu erfassen. Wenn dies geschehen ist, werden wir kaum noch den einzelnen Chefarzt, Kommandanten, Wärter oder Abt loben und tadeln, wir werden vielmehr – unter Berufung auf die für sie alle verbindlichen Strukturen – zu einem Verständnis der in totalen Institutionen auftauchenden Probleme und Fragen bereit sein“ (Goffman, 1981, S. 123). Goffman arbeitet heraus, dass es totale Institutionen nicht deshalb gibt, weil das Personal, das in ihnen tätig ist, einen Arbeitsplatz benötigt, sondern weil eine Nachfrage nach ihnen besteht (Goffman, 1981, S. 365). Aus der Analyse der Arrangements, die die Institution für seine Mitglieder entwickelt, und der Folgen, die diese Arrangements auf das Selbst der Insassen haben, lässt sich also auf die gesellschaftlichen Strukturen schließen, aus denen sich die Institutionen entwickelt haben (vgl. Goffman, 1981, S. 147). Stab Die Verschiedenartigkeit der Insassen stelle eigentlich unterschiedliche Ansprüche an die Dienstleistung, die die Einrichtung bietet, allerdings könne die totale Institution ihre Leistung nur dann erbringen, wenn sie die Insassen weitgehend gleichbehandle und ihnen keine Entscheidungsfreiheit zugestehe. Entscheidungen, die vor der Aufnahme noch von den Insassen selbst getroffen wurden, übernehmen jetzt die totale Institution und ihr Stab. Der Konflikt, bestimmte humane Normen bei der Behandlung einzuhalten, stelle für den Stab in totalen Institutionen ein Problem dar, vor allem, wenn Normen der Humanität einerseits gegen die Leistungsfähigkeit der Anstalt andererseits abzuwägen seien (vgl. Goffman, 1981, S. 81–83). Im Bereich des sozialen Verkehrs des Insassen sei das Konfliktfeld im besonderen Maße eklatant, da jeder Insasse ein Durcheinander von Statuspositionen und Beziehungen mit in die totale Institution bringe, die jeweils mit bestimmten Rechten verbunden seien (vgl. Goffman, 1981, S. 83). Die Übernahme von Verantwortung für die Insassen durch den Stab führt dazu, dass ein erhebliches Maß an Büroarbeit anfalle: Zum einen müssten Entscheidungen getroffen, begründet und dokumentiert und zum anderen auch die Durchführung dokumentarisch festgehalten werden: Auf ihrem Weg durch die Institution kennzeichne das Personal die Insassen mit einer Kette von „Informationsbelegen“ – meist zusammengefasst in Akten –, aus denen hervorgehe, was wer für die „Heilung“ des Insassen getan habe, was noch zu tun sei und wer zuletzt Verantwortung für ihn getragen habe. Auf der Basis dieser Angaben werde die Dienstleistung der totalen Institution abgerechnet. Darüber hinaus dienten den Vorgesetzten des Stabes, Verwandten des Insassen oder „Überwachungsagenturen der weiteren Gesellschaft“ diese Verwaltungsvorgänge rund um die Behandlung des Insassen dazu, für mögliche Fehler bei 6.5.4 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 137 der Behandlung ihr Personal verantwortlich machen zu können (vgl. ebd., S. 78–81). Während Menschen in der Gesellschaft außerhalb der totalen Institution als „Wert an sich“ gesehen werden, nehme der Insasse als „Arbeitsmaterial“ innerhalb totaler Institutionen Eigenschaften eines unbelebten Objektes an (vgl. Goffman, 1981, S. 78). Demütigungen und Rationalisierungen Demütigungen, also für das Selbst zerstörerische Akte, die die Privatsphäre des Insassen verletzen, praktiziert das Personal in totalen Institutionen in unterschiedlichen Handlungen, beispielsweise in Form von Durchsuchungen des Zimmers oder durch den Zwang, um Kleinigkeiten oder Selbstverständlichkeiten beim Personal bitten zu müssen (vgl. Goffman, 1981, S. 29 und S. 32). Für den Insassen sei es ein demütigender Umstand, in der totalen Institution nie völlig allein zu sein (vgl. ebd., S. 34). Der erzwungene zwischenmenschliche Kontakt in Form von sozialen Beziehungen „besudelt“ ihn (vgl. ebd., S. 27). In diesem Zusammenhang stellt Goffman auch fest, dass die Individuen weitgehend in Gemeinschaftsräumen untergebracht werden, die weder groß genug noch entsprechend ausgestattet sind, um trotz der intimen Atmosphäre Privatsphäre zu ermöglichen (vgl. ebd., S. 38). Als demütigend charakterisiert Goffman den öffentlichen Charakter von Besuchen (vgl. ebd., S. 40). Außerdem hält er es für eine „verunglimpfende Entblößung“, eine aufkeimende Zuneigung zu einer anderen Person gestehen zu müssen (vgl. ebd.). Hauptsächlich hätten Demütigungen eine trennende Wirkung zu dem Leben au- ßerhalb der Anstalt und zum ehemaligen bürgerlichen Leben des Insassen. Alle Merkmale, die den Insassen mit dem alten Leben verbinden, werden abgeschafft. Sarkastisch bemerkt Goffman: „Man sollte hinzufügen, daß durch ein solches Unterdrücken der draußen gültigen Unterschiede die strengste totale Institution höchst demokratisch sein kann“ (ebd., S. 120). In diesem Zusammenhang sei jedoch auffällig, dass sozioökonomisch Privilegierte selten in totalen Institutionen untergebracht werden (vgl. ebd., S. 121). Die Demütigungen sind vom Stab durch scheinbar rationale Argumentationen begründet: beispielsweise Latrinendienst mit Hygiene, Füttern unter Zwang mit der Verantwortung für das Leben, Vorschriften der Armee hinsichtlich der persönlichen Erscheinung mit Kampfstärke, einschränkende Gefängnisvorschriften mit Sicherheit (vgl. ebd., S. 52). Von der Gesellschaft würden folgende Ziele von totalen Institutionen offiziell anerkannt: – Erreichung eines ökonomischen Ziels – Erziehung und Ausbildung – medizinische oder psychiatrische Behandlung – Schutz der ganzen Gesellschaft vor Verunreinigung durch Unschädlichmachung, Vergeltung, Abschreckung und Besserung – religiöse Reinigung Goffman entlarvt diese Begründungen für die Demütigungen aber als „bloße Rationalisierungen, die dazu dienen, den Tagesablauf einer großen Anzahl von Menschen 6.5.4.1 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 138 auf beschränktem Raum und mit geringem Aufwand an Mitteln zu überwachen“ (ebd., S. 53). „Menschen in Blöcken [zu] beweg[en]“ (ebd., S. 18), ermöglicht es, das Verhalten der Insassen durch eine zahlenmäßig geringere Menge an Aufsichtspersonal zu kontrollieren, mache das Unternehmen folglich handhabbar. Außerdem schaffen und unterhalten totale Institutionen durch diese Regeln „eine Spannung besonderer Art“ zwischen der heimischen Umgebung und der Welt der Institution und „benutzen diese dauernde Spannung als strategischen Hebel zur Menschenführung“ (ebd.1, S. 24). Beispielsweise sei typisch für totale Institutionen, Informationen über die Pläne des Stabes nicht an Insassen weiterzugeben – sogar Informationen über Entscheidungen, die das eigene Schicksal des Insassen betreffen. Goffman zufolge führe dies zu einer stärkeren Kontrolle über die Insassen und ermögliche der Gruppe des Personals eine Distanz zu diesen (vgl. ebd., S. 20). Auch wird der Stab seine Entscheidungen den Patienten betreffend so lange wie möglich geheim halten, um Widerstand der Insassen zu vermeiden, damit einen reibungslosen Ablauf in der Anstalt zu forcieren und die Dienstleistung effizient zu gestalten (vgl. ebd., S. 84). Religiösen Institutionen misst Goffman im Zusammenhang mit Rationalisierungen eine Sonderstellung bei: Auch offiziell vertreten sie, die Demütigungen um der Demütigung selbst willen durchzuführen. Sie „bemühen sich aktiv um diese Einschränkungen des Selbst“ durch spezielle „Umwelt-Arrangements“, um demütig vor Gott zu treten (vgl. ebd., S. 52). Beschneidungen des Selbst treten in totalen Institutionen also auch dort auf, wo der Insasse willig ist und wo die Verwaltung aus ideellen Motiven um sein Wohlergehen besorgt ist (vgl. ebd., S. 53). Privilegien- und Strafsystem Nach Goffman bilde sich innerhalb von totalen Institutionen ein Regelsystem aus, dass sich von außerhalb geltenden Normen unterscheide. Allerdings sind die Normen innerhalb der Institution nicht unabhängig von den Normen außerhalb zu sehen. Die innerhalb geltenden Normen können von den Normen außerhalb beeinflusst werden, was zu einer Verringerung der Unterschiede führt. Den Grad der Beeinflussung durch außerhalb geltende Normen nennt Goffman „Permeabilität“ oder Durchlässigkeit. Anhand der Frage nach der Permeabilität einer totalen Institution lassen sich – so Goffman – die soziodynamischen Beziehungen zwischen einer totalen Institution und der sozialen Umwelt, die sie unterstützt oder toleriert, untersuchen (vgl. Goffman, 1981, S. 118). Mit den moralischen Grundsätzen, die innerhalb der Einrichtung gelten, seien stereotype Vorstellungen über die Natur des Menschen verbunden (vgl. ebd., S. 89). Der allumfassende Charakter der von einer Anstalt entwickelten Theorie über die menschliche Natur werde zunehmend auch auf das Personal ausgedehnt (vgl. ebd., S. 91). Als einen wichtigen Bestandteil der Theorie über das „Wesen“ des Menschen macht Goffman den Glauben aus, dass ein neuer Insasse sich leichter führen lasse, wenn er gleich bei der Einlieferung dazu gebracht werde, dem Personal tiefe Ehrerbietung zu erweisen. Deshalb entwickelten sich Willkommensbräuche und Zeremonien, durch die der Wille gebrochen werden soll (vgl. ebd., S. 92). 6.5.4.2 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 139 Insgesamt gehe die totale Institution von der halb-offiziellen Annahme aus, dass der Patient sich anstandslos zu verhalten und Respekt für die totale Institution aufzubringen habe, wobei derjenige, der dies tut, durch eine Verbesserung der Lebensbedingungen belohnt wird und derjenige, der dies nicht tut, durch den Entzug bestimmter Annehmlichkeiten bestraft wird (vgl. ebd., S. 294). Der für totale Institutionen typische Organisationsmodus (vgl. ebd., S. 56) ist ein formelles und informelles „Privilegien- und Strafsystem“ (vgl. ebd., S. 54) Es wird aus drei Elementen zusammengesetzt: 1. der Hausordnung; diese charakterisiert Goffman genauer als eine „relativ ausführliche Sammlung von Vorschriften und Verordnungen, die die wesentlichen Anforderungen an den Insassen festlegen. Die Regeln umschreiben den harten Tagesablauf des Insassen“ (ebd., S. 54). 2. einem Belohnungssystem; es ist als Gegenleistung für den Gehorsam gegenüber dem Stab „im Handeln wie im Denken“ (ebd., S. 54) vorgesehen. 3. Strafen als Folge von Regelübertretungen (vgl. ebd., S. 54–58) Goffman zeigt auf, dass die potentiellen Vergünstigungen im Belohnungssystem lediglich Teile der Rechte sind, die dem Insassen früher außerhalb der Einrichtung zugesichert wurden. Dem Insassen würden demnach keine Vergütungen, Vergünstigungen oder Werte gegeben, sondern nur die Abwesenheit von Entbehrungen, die außerhalb der Einrichtung nicht ertragen werden müssen (vgl. ebd., S. 55–57). Falls und wenn der Insasse Vergünstigungen erhält, kann er damit eine „Verbindung mit der ganzen verlorenen Welt wieder her[stellen]“ sowie eine Verbindung zu seinem „verlorenen Selbst“. Goffman spricht dem informellen Privilegiensystem in diesem Zusammenhang zynisch einen „reintegrierenden Effekt“ zu: „Besonders anfangs nehmen diese Vergünstigungen die ganze Aufmerksamkeit des Insassen gefangen. Wie fantastisch kann er den ganzen Tag in Gedanken an die Möglichkeit, diese Zuwendungen zu erhalten, verbringen oder die Stunde herbeisehnen, zu der sie planmäßig ausgeteilt werden“ (ebd., S. 55). Die Unterhaltung der Insassen drehe sich oft um die Dinge, die man während des Urlaubs oder nach der Entlassung aus der Anstalt tun will. Mit der Phantasie sei das Gefühl verbunden, dass Menschen außerhalb der totalen Institution gar nicht wissen, was für ein schönes Leben sie haben (vgl. ebd., S. 56). Weil die Privilegien für die Insassen so wichtig sind, bestehen die Strafen zum Teil aus dem zeitweiligen oder dauerhaften Entzug der Privilegien oder der Aberkennung des Rechts, sie sich zu verdienen (vgl. ebd.). Der Prozess ist folgender: Insassen begehen verbotene Handlungen, sie werden dabei erwischt und es erfolgt eine mehr oder minder „angemessene“ Bestrafung (vgl. ebd., S. 59). Goffman stellt fest, dass „dieses behavioristische Konditionierungsmodell […] im Allgemeinen nicht auf Erwachsene angewandt [wird]“, sondern etwas ist, „das Tieren und Kindern zukommt“ (ebd., S. 56). Im bürgerlichen Leben führt eine mangelhafte Erfüllung der Normen gewöhnlich zu indirekten nachteiligen Folgen und keineswegs zu einer spezifischen, unmittelbaren Bestrafung (vgl. ebd.). 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 140 Nach Goffman hat grundsätzlich in der bürgerlichen Gesellschaft der Einzelne, sobald er erwachsen ist, sozial akzeptierte Verhaltensstandards für den größten Teil seines Handelns verinnerlicht. Darüber hinaus wird ihm erlaubt, nach eigenem Gutdünken zu verfahren. Die Richtigkeit seines Handelns steht nur in seltenen Augenblicken zur Diskussion, nämlich dann, wenn ein Zeuge ihn zufällig bei einem für seine Rolle abweichenden Verhalten ertappt. In totalen Institutionen sind die Lebensbereiche vermischt und es gibt immer Zeugen. Deshalb kann der Insasse dort keine verschiedenen Rollen annehmen. Das Verhalten des Insassen in der totalen Institution auf einem Schauplatz seines Handelns kann ihm vom Personal in Form von Kritik und Überprüfung seines Handelns in anderem Kontext vorgeworfen werden. Die Trennung zwischen Zeugen und Rollen, durch die die bürgerliche Gesellschaft den Einzelnen vor solcher Kritik bewahrt, ist in totalen Institutionen aufgehoben (vgl. ebd., S. 44). Die Wahrscheinlichkeit für Sanktionen erhöht sich im Vergleich zu draußen noch dadurch, dass jedes Mitglied des Stabes jedes Mitglied der Insassen-Klasse disziplinieren darf. Draußen hingegen unterstünden Erwachsene in unserer Gesellschaft normalerweise der Autorität eines einzigen Vorgesetzten und die einzige „gestaffelte Autorität“, die Polizei, ist nicht andauernd präsent (vgl. ebd., S. 48). Wenn auch der Prozess der sozialen Kontrolle in jeglicher organisierten Gesellschaft wirkt, ist er Goffman zufolge in totalen Institutionen besonders restriktiv: In totalen Institutionen werden die Aktivitäten eines Menschen bis ins Kleinste vom Personal reguliert und beurteilt. Eine „persönliche Ökonomie des Handelns“, zum Beispiel wenn jemand seine Mahlzeit ein paar Minuten aufschiebt, um seine Arbeit zu vollenden, oder seine Arbeit etwas früher unterbricht, um mit einem Freund essen zu gehen, ist unmöglich (vgl. ebd., S. 45): „In erster Linie unterbinden oder entwerten totale Institutionen gerade diejenigen Handlungen, die in der bürgerlichen Gesellschaft die Funktion haben, dem Handelnden und seiner Umgebung zu bestätigen, daß er seine Welt einigermaßen unter Kontrolle hat – daß er ein Mensch mit der Selbstbestimmung, Autonomie und Handlungsfreiheit eines ‚Erwachsenen‘ ist. Gelingt es nicht, diese Handlungsfähigkeit des Erwachsenen oder zumindest deren Symbole zu erwerben, so kann dies beim Insassen zu einem erschreckenden Gefühl der völligen Degradierung in der Alters-Rangordnung führen“ (ebd., S. 50). Ironischerweise führe das Lohn-Strafe-System der totalen Institution bei dem Insassen nicht zu Schuldgefühlen und Reue, sondern dazu, diejenigen abzulehnen, die ihn ablehnen (vgl. ebd., S. 61–63). Die Frage nach der Entlassung aus der totalen Institution ist im Privilegiensystem eingebaut. Einige Handlungen tragen dazu bei, den Aufenthalt zu verlängern oder zumindest nicht zu verkürzen, andere können den Aufenthalt verkürzen (vgl. ebd., S. 57). Dass nicht von vornherein feststeht, wie lange der Aufenthalt in der Institution dauert, hat auf den Insassen eine demoralisierende Wirkung. Der Gedanke an die Zeit wird bewusst ausgeklammert und trotzdem beschäftigen sich die Insassen dauernd mit ihr. Gleichzeitig wird vom Stab der Eingewöhnungserfolg danach bewertet, wie der Insasse mit dem Verstreichen seiner Zeit zurechtkommt, ob es ihm schwer oder leicht fällt (vgl. ebd., S. 71): 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 141 „Dieses Gefühl der toten und bleischweren Zeit erklärt wahrscheinlich auch, warum auf Ablenkungen ein solcher Wert gelegt wird […]. Wenn die normalen Tätigkeiten in einer totalen Institution die Zeit zu einer Folter werden lassen, dann töten diese Beschäftigungen sie mitleidig“ (ebd., S. 72). Sobald Insassen den Ablenkungen allerdings zu viel Aufmerksamkeit widmen, wird der Stab einschreiten, denn nach seiner Meinung „soll nur die Institution, und keine andere soziale Entität, vom Insassen Besitz ergreifen“ (ebd., S. 73). In eigentümlichem Zusammenhang stehen die Strafen und Privilegien auch mit den Orten im Haus: An bestimmten Orten kann man Privilegien von bestimmter Art in bestimmtem Umfang erwerben. Insassen werden „oft und sichtbar“ von einem Ort zum anderen verlegt, was jeweils eine administrative Strafe oder Belohnung bedeutet (vgl. ebd., S. 57). Mit dem Privilegiensystem bildet sich ein „Anstaltsjargon“ aus, in dem sich die für die Welt in der totalen Institution bedeutsamen Ereignisse beschreiben lassen (vgl. ebd., S. 58). Zu diesem Phänomen lässt sich auch zählen, wenn das Personal angeordnete Vergehen und die dazugehörigen Strafen in einer Sprache ausdrückt, „welche die legitimierten Ziele der Anstalt widerspiegelt“ (vgl. ebd., S. 88). Als „Looping“ bezeichnet Goffman, wenn das Personal die Insassen für Handlungen bestraft und Verstocktheit oder Auflehnung zum Anlass weiterer Bestrafungen nimmt, wenn also eine Abwehrreaktion beim Insassen hervorgerufen und der nächste Angriff gerade gegen diese Reaktion gerichtet wird. Dies zerstöre das formelle Verhältnis zwischen dem handelnden Individuum und seinen Handlungen. Durch den Prozess des Loopings wird die Reaktion des Insassen auf seine Situation auf diese Situation selbst zurückgeworfen und es ist ihm nicht möglich, die übliche Trennung der Phasen einzuhalten (vgl. ebd., S. 43). Der Beweis der eigenen Autonomie wird abgeschwächt durch den Verzicht von Missfallensäußerungen (vgl. ebd., S. 50). Das Personal besitzt nach Goffman die Macht, eine die Stigmatisierung reduzierende Form der Entlassung zu wählen, wodurch die totale Institution wiederum einen wichtigen Hebel hat, um auf die Insassen einzuwirken (vgl. ebd., S. 75–77). Beschränkung des sozialen Verkehrs in totalen Institutionen „In vielen totalen Institutionen wird das Privileg, Besuch zu empfangen oder außerhalb der Anstalt Besuche zu machen, anfangs völlig vorenthalten, wodurch ein tiefer Bruch mit den früheren Rollen und eine Anerkennung des Rollenverlustes sichergestellt wird“ (Goffman, 1981, S. 25). Indem er ihm seiner Rollen im bürgerlichen Leben beraubt, bricht der Stab die „moralische Laufbahn“ des Insassen radikal. Der Insasse stirbt den „bürgerlichen Tod“ (vgl. ebd.). Außerdem wird verhindert, dass die Insassen ein Familienleben führen können, „denn wer mit einer Gruppe von Arbeitskameraden zusammen arbeitet, ißt und schläft, ist kaum in der Lage, eine sinnvolle häusliche Existenz aufrecht zu erhalten“ (ebd., S. 22). Die Macht von totalen Institutionen in der bürgerlichen Gesellschaft beruht Goffman zufolge zum Teil auf „der Unterdrückung einer ganzen Reihe von wirklich existierenden oder potentiellen Haushalten“ (ebd.). Das Personal wird zudem versuchen, die Bildung von Cliquen, Freundschaften oder auch von mehr oder 6.5.4.3 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 142 minder dauerhaften sexuellen Verbindungen innerhalb des Hauses zu verhindern, weil in manchen totalen Institutionen die Auffassung vertreten wird, dass Solidarität unter Gruppen von Insassen die Voraussetzung für Widerstand gegen das System schaffen kann. In der totalen Institution gilt daher eine Art „institutionelles Inzest- Tabu“ (vgl. ebd., S. 64). Paradoxerweise wird gleichzeitig erwartet, dass unter den Insassen eine Gruppenloyalität besteht (vgl. ebd., S. 65). Im Fehlen heterosexueller Chancen sieht Goffman einen mehr oder weniger durch die totale Institution bewusst herbeigeführten Mechanismus, um das Selbst der Insassen zu erniedrigen (vgl. ebd., S. 33). Die nicht vorhandene Möglichkeit, in der Anstalt etwas zu erwerben, das später draußen im Leben etwas wert sein könnte, beispielsweise eine Liebesbeziehung, Kinder oder auch verdientes Geld, bezeichnet Goffman als „soziale Entwurzelung“ (vgl. ebd., S. 72). Die Rolle, eine Liebespartnerin bzw. einen Liebespartner zu umwerben oder Kinder aufzuziehen, könne in manchen Fällen zu keiner späteren Lebensphase nachgeholt und deshalb von Insassen besonders schmerzhaft vermisst werden (vgl. ebd., S. 26). Offiziell wird dieser Vorgang von der totalen Institution allerdings umgedeutet, nämlich als „Befreiung von wirtschaftlicher und sozialer Verantwortung“ und damit als wichtigen Bestandteil der „Therapie“ (vgl. ebd., S. 61). Außerdem werde häufig folgendes Argument für die Beschränkungen angeführt: Indem die totale Institution die Verantwortung für den Insassen übernehme, trage sie auch eine gewisse Verantwortung für den Schaden, den er unter Umständen der bürgerlichen Gesellschaft zufüge. Damit kein Schaden entsteht, werden die Rechte, die der Insasse eigentlich außerhalb besitzt, innerhalb der totalen Institution durch das Personal weitgehend eingeschränkt (vgl. ebd., S. 83). Tatsächlich habe die Beschränkung des sozialen Verkehrs eher einen desorganisierenden als einen organisierenden Effekt (vgl. ebd., S. 61): Die Separation des Insassen von der Außenwelt kann gemäß Goffmans Modell nach längerem Aufenthalt in der totalen Institution zu „Diskulturation“ führen, einem Verlern-Prozess, der „den Betreffenden zeitweilig unfähig macht, mit bestimmten Gegebenheiten der Außenwelt fertig zu werden, wenn und falls er hinausgelangt“ (ebd., S. 24). Die Beschränkung des Besuchs- oder Urlaubsrechts werde in manchen Anstalten an bestimmten Tagen gelockert, nämlich bei rituellen „Anstaltszeremonien“ – meist an Feiertagen (vgl. ebd., S. 99) oder beim „Tag der offenen Tür“ (vgl. ebd., S. 102). Bedeutung von Beschäftigungstherapie In totalen Institutionen werden Insassen dazu angehalten zu arbeiten. Während drau- ßen um der Bezahlung, des Profits oder des Prestiges Willen gearbeitet wird, wird in totalen Institutionen jedoch meist Arbeit ohne oder mit nur sehr geringer Entlohnung gefordert. Dabei werden dem Insassen überwiegend niedere Aufgaben zugeteilt. Die Abkehr von den draußen üblichen Motiven muss mit Rationalisierungen begründet werden. In diesem Fall wird behauptet, die Arbeiten würden dem Patienten helfen, das Leben in der Gesellschaft wieder zu erlernen, obwohl die Arbeiten sich direkt aus den Arbeitsbedürfnissen der Anstalt ergeben. Eine Bereitschaft des Insassen, die Ar- 6.5.4.4 6.5 Kritik am weitgehenden Ausschluss der Männer aus den Einrichtungen 143 beits- oder Beschäftigungstherapie mitzumachen, wird als Anzeichen seiner Besserung gewertet (vgl. Goffman, 1981, S. 92). Sekundäre und individuelle Anpassungsmechanismen Goffman befasst sich vor allem mit dem Unterleben von Organisationen. Er bezeichnet alle Handlungen, die es dem Insassen erlauben, „sich verbotene Genüsse bzw. erlaubte Genüsse mit verbotenen Mitteln zu verschaffen“ (Goffman, 1981, S. 59), als sekundäre Anpassungsmechanismen (vgl. ebd., S. 196). Sie sind in totalen Organisationen nicht unmittelbar gegen das Personal gerichtet, trotzdem sind sie kollektiv und subversiv (vgl. Goffman, 1981, S. 59). Durch die sekundäre Anpassung bildet sich über die Unterschiedlichkeit der „Schwarzhandelsgüter“ eine rudimentäre, weitgehend informelle Schichtung unter den Insassen heraus (vgl. ebd., S. 60). Das Privilegiensystem und die Demütigungen erfordern vom Insassen zusätzlich individuelle Anpassungsmechanismen. Eine Strategie sei der Rückzug, sich also aus der Situation völlig zurückzuziehen (vgl. ebd., S. 65), eine andere, die Zusammenarbeit mit dem Personal offenkundig zu verweigern, also einen kompromisslosen Standpunkt einzunehmen. Eine dritte Option bezeichnet Goffman als Kolonisierung und versteht sie als Aufbau einer relativ zufriedenen Existenz innerhalb der Einrichtung (vgl. ebd., S. 66). Ein vierter Modus sei die Konversion, das Spielen der perfekten Rolle des Insassen (vgl. ebd., S. 67). Insassen mit kompromisslosem Standpunkt bedrohen die Institution absichtlich (vgl. ebd.). Paradoxerweise erfordert die fortgesetzte Ablehnung einer totalen Institution eine dauernde Orientierung an deren formaler Organisation und deshalb ein starkes Interesse für die Anstalt. Umgekehrt widmet sich die Institution mit dem Brechen des Willen des Rebellen diesem ein ähnliches Maß an Aufmerksamkeit (vgl. ebd.). Bei Kolonisierung zeigt sich der Insasse zufrieden mit seinem Leben in der Anstalt, indem er versucht, mit seinen beschränkten Mitteln das Beste daraus zu machen. Das Personal kann dadurch das Gefühl bekommen, das die günstigen Aspekte des Institutionslebens missbraucht werden, und dadurch in Verlegenheit geraten, und auch andere Insassen reagieren häufig mit dem Vorwurf, dass der Kolonisierte die Situation ausnütze (vgl. ebd., S. 66). Die Haltung des Konvertiten hingegen ist – trotz seiner Begeisterung für die Anstalt – eher diszipliniert, moralistisch und monochrom. Goffman zeichnet mit diesen Formen der Anpassung Idealtypen. In den meisten Fällen bedienen sich die Insassen in totalen Institutionen einer Strategie aus einer mehr oder minder opportunistischen Kombination von sekundären Anpassungen, Konversion, Kolonisierung und Loyalität gegenüber der Gruppe der Insassen, um Schwierigkeiten zu vermeiden (vgl. Goffman, 1981, S. 66). 6.5.4.5 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 144 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb Ob männliche Besucher – und speziell sorgeberechtigte Väter – durch die Berufung auf das Hausrecht davon abgehalten werden dürfen, in die Einrichtung zu kommen bzw. das Kind zu versorgen und zu erziehen, wurde bisher nicht untersucht. In anderen Einrichtungsformen werden die Besuchsbeschränkungen in Hausordnungen vor dem Hintergrund der Grund- und Menschenrechte der Heimbewohnerinnen und Heimbewohner kritisiert. Für das Feld der Behindertenhilfe haben sich sogar bereits neue Hilfeformen etabliert, die beide Eltern in die Betreuung einbeziehen. Da diese Bereiche Sozialer Arbeit mit ehemals ähnlich komplexen Spannungsfeldern bereits intensiver wissenschaftlich bearbeitet und dort zum Teil Lösungen für das Problem der Beschränkung des sozialen Verkehrs der Bewohnerinnen und Bewohner entwickelt wurden, wird in den folgenden Abschnitten über den Gesichtskreis der Kinder- und Jugendhilfe hinausgeblickt, mit der Absicht, neue Impulse auf das Feld der gemeinsamen Wohnformen zu übertragen. Zur Rechtmäßigkeit von besuchsbeschränkenden Hausordnungen Fragen zum Hausrecht werden derzeit für Heime für alte und pflegebedürftige Menschen diskutiert. Hier wird die Frage gestellt, ob und inwieweit Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen gegenüber dem Leistungserbringer beanspruchen dürfen, dass besuchswillige Personen Zugang zu ihnen erhalten. Aus der Sicht des Leistungserbringers ist fraglich, ob und inwieweit er diesen Zugang kontrollieren und gegebenenfalls unterbinden darf. Darüber hinaus können besuchswillige Personen ihrerseits eigene rechtlich geschützte Interessen geltend machen (vgl. Höfling, 2004, S. 2). Zur Klärung dieser Fragen hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein Rechtsgutachten zur Problematik des Hausrechts in Heimen in Auftrag gegeben (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2004, S. 2). Durch das Rechtsgutachten wird bestätigt, dass das Besuchsrecht der Bewohnerinnen und Bewohner grundsätzlich nicht eingeschränkt werden darf. Lediglich unter engen Voraussetzungen und besonderen Bedingungen können Einschränkungen der Besuchsrechte oder gar Hausverbote zulässig sein. Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Besucher massiv in die medizinisch pflegerische Betreuung und Pflege eingreift und damit die Gesundheit von Heimbewohnerinnen und -bewohnern gefährdet (vgl. Höfling, 2004, S. 3). In der Behindertenhilfe wurde diese Rechtsauffassung übernommen. Dort gelten Hausordnungen als rechtswidrig, die den Bewohnerinnen und Bewohnern von Wohngemeinschaften oder Einrichtungen Ausgangs- und Besuchsregeln vorschreiben. Das Hausrecht an den einzelnen Zimmern liege bei den Bewohnerinnen und Bewohnern, nicht beim Leistungserbringer (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 67). Für Einrichtungen der Jugendhilfe fehlt es zum Thema Hausrecht bisher in der einschlägigen Fachliteratur insgesamt an Aufmerksamkeit. Im Rahmen der Recherchen für die vorliegende Studie konnte einzig ein Informationsblatt einer Stiftung er- 6.6 6.6.1 6.6 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb 145 mittelt werden, welches sich mit dem Hausrecht von Jugendhilfeeinrichtungen mit offener Tür befasst und dessen Inhalt im Folgenden vorgestellt werden soll. Für Jugendhilfeeinrichtungen mit offener Tür sei der berechtigte Aufenthalt von Besucherinnen und Besuchern schwierig zu beurteilen (vgl. Schruth & Stiftung Sozialpädagogisches Institut „Walter May“, 2009, S. 1). Die Berechtigung zum Aufenthalt ende jedoch, wenn von den Jugendlichen bekannte, wesentliche Regeln verletzt würden, pädagogische Konfliktregularien von den Betreuerinnen bzw. Betreuern aufgegeben und die betreffenden Jugendlichen zum Verlassen des Hauses aufgefordert würden. Die Möglichkeiten der Abwehr von außen kommender Störungen durch Personen durch das Hausrecht entschieden sich bei Einrichtungen des Privatrechts an der Grenzziehung pädagogischer Regulierungsmöglichkeiten. Überschritten einzelne Jugendliche diese ihnen bekannten Grenzen, würden sie – juristisch gesprochen – zu „Außenstehenden der Einrichtung“, denen gegenüber ein Hausverbot von den Beschäftigten der Einrichtung in Vertretung des Arbeitgebers ausgesprochen und durchgesetzt werden könne. Die freie Entscheidung – aus pädagogischen Gründen – stehe den Beschäftigten des privaten Trägers nach den Besitzschutzrechten des BGB zu (vgl. Schruth & Stiftung Sozialpädagogisches Institut „Walter May“, 2009, S. 4). Für die Situation in Mutter-(/Vater‑)Kind-Heimen sind rechtliche Fragestellungen zum Hausrecht bisher nicht beantwortet, der Umgang mit dieser Rechtsunsicherheit in der Praxis wurde aber vielfach gerügt. Gerade die Besuchs- und Ausgangsregeln der Einrichtungen wurden in der Vergangenheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bzw. Expertinnen und Experten kritisiert, beispielsweise als „eines der heikelsten Probleme“ (vgl. Wendt, 1981, S. 440) oder „eine weit über ein notwendiges Maß hinausgehende Einschränkung“ (vgl. Kappen, 1990, S. 188). Assistenz für behinderte Eltern im Rahmen begleiteter Elternschaft Der folgende Abschnitt beschäftigt sich mit dem Angebot der „begleiteten Elternschaft“ – einem Konzept der Behindertenhilfe. Ein „Blick über den Tellerrand“ in dieses Feld der Sozialen Arbeit bietet sich an, um Entwicklungspotentiale für Einrichtungen nach § 19 SGB VIII auszumachen, weil dort traditionelle Hilfeformen bereits intensiver vor dem Hintergrund der Debatte um Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession problematisiert wurden. Der Diskurs trieb die Verbesserung bestehender Angebote voran und brachte ein neues Format für Hilfen für beide Eltern mit Kindern hervor. In der Behindertenhilfe wird schon seit längerer Zeit eine Einschränkung des Grundrechts auf sexuelle Selbstbestimmung problematisiert. Für behinderte Männer und Frauen sei in der Vergangenheit dieses Menschenrecht häufig missachtet und – auch durch die Soziale Arbeit – gezielt eingeschränkt worden (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 49). Die sexuelle Selbstbestimmung, die das Recht auf Reproduktion einschließe, werde vielen Menschen mit Unterstützungsbedarf nicht ermöglicht, sei es aus Mangel an Ressourcen oder aus wohlmeinender Fürsorge heraus (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 51). Bevormundung aus Fürsorge sei der Ausdruck tradierter Machtverhältnisse und 6.6.2 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 146 in den meisten Fällen weder rechtlich zulässig noch ethisch vertretbar (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 52). Darunter falle einseitige oder gezielt fehlerhafte Beratung zu Fragen der Schwangerschaft und Verhütung bzw. Heim- und Gruppenregeln, die das Recht erwachsener Bewohnerinnen und Bewohner, über Nacht Besuch zu empfangen, von der Erlaubnis des pädagogischen Personals abhängig machen (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 51). Nach Lenz et al. entstand in den letzten Jahrzehnten aufgrund der politischen Aktivität der Behindertenselbsthilfe in ihrer Gegenwehr gegen Diskriminierung und Aussonderung ein neues Selbstbewusstsein im Kampf um gleichwertige Bürgerrechte. Der Widerstand richtete sich damals wie heute gegen den Ausschluss vom Alltag durch „Besonderung“ und fehlende Lebensmöglichkeiten. Eine neue Strömung, die sogenannte „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ forderte für Menschen mit Behinderung das Recht ein, ein Leben zu leben, wie der eigene Lebensplan es vorsieht. Gemäß deren Grundsätzen müssten sich behinderte Menschen nicht auf die Lebensräume beschränken lassen, die andere für sie vorgesehen hätten (vgl. Lenz et al., 2010, S. 13). Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung formulierte Ziele und Forderungen für die Behindertenpolitik, welche in den letzten Jahren die Gesetzgebung beeinflussten. Mit Wahl- und Entscheidungsfreiheit solle Kontrolle über das eigene Leben erlangt werden. Die Kompetenz, die Zuständigkeit und die Verantwortung für das eigene Leben lägen bei den behinderten Menschen (vgl. Lenz et al., 2010, S. 14). Am 3. Mai 2008 trat das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die sogenannte UN-Behindertenrechtskonvention51, in Kraft (vgl. Deutscher Bundestag, 2008). Dieses universelle Vertragsinstrument konkretisiert bestehende Menschenrechte für die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 4). Die Mitgliedsstaaten werden damit in die Pflicht genommen, behinderten Menschen unter anderem die Freiheit zu verschaffen, Wohnund Lebensformen wählen zu können und sich nicht wegen der Behinderung auf ein Heim oder ein Leben ohne Kinder verweisen lassen zu müssen (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 49). Das Vertragswerk stellt einen wichtigen Schritt zur Stärkung der Rechte von weltweit rund 650 Millionen behinderten Menschen dar. Ziel war es, durch die Konvention ihre Chancengleichheit in der Gesellschaft zu fördern. Die Konvention stellt klar, dass Menschen mit Behinderungen ein uneingeschränktes und selbstverständliches Recht auf Teilhabe besitzen. „Nicht ohne uns über uns“ lautet der zentrale Grundsatz der Konvention. Das Leitbild der Behindertenrechtskonvention ist „Inklusion“ (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 4). In Deutschland ist die Konvention seit dem 26. März 2009 in Kraft. Seitdem wird an der Umsetzung gearbeitet: So veröffentlichte die Bundesregierung im September 2011 ihren nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Konvention. Auch 51 Deutschland, Liechtenstein, Österreich und die Schweiz haben fast ohne Beteiligung behinderter Menschen und ihrer Verbände eine deutsche Übersetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen abgestimmt. Deshalb hat sich das „Netzwerk Artikel 3 – Verein für Menschenrechte und Gleichstellung Behinderter e. V.“ 2009 dazu entschlossen, eine sogenannte „Schattenübersetzung“ zu veröffentlichen. 6.6 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb 147 in einigen Bundesländern gibt es Aktionspläne (vgl. Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 4). Mit dem Erlass von Gleichstellungsgesetzen und der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention setzte sich die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung intensiv auseinander (vgl. Netzwerk Artikel 3 e. V., 2009). Als Gegenmodell zur gängigen Beziehung zwischen helfenden und behinderten Menschen wurde von der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung der Begriff „persönliche Assistenz“ geprägt. Der Begriff soll verdeutlichen, dass der helfenden Beziehung durchaus kein Abhängigkeitsverhältnis immanent ist. Ziel war es, behinderte Menschen mit mehr Macht im Verhältnis zur helfenden Person auszustatten: Das Fachpersonal wird als persönliche Assistenz angesehen, welche die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen respektieren und die Aneignung von neuen Lebensräumen und -fertigkeiten unterstützen muss. Durch den Funktionswandel hin zu Vorgesetzten ihrer Assistenzkräfte werden behinderte Menschen – selbst solche mit hohem Hilfebedarf – vom „Objekt der Fürsorge“ zum „Subjekt des eigenen Handelns“ (vgl. Lenz et al., 2010, S. 14). Dieser Sichtweise folgend wird Behinderung als gesellschaftlich verursacht und somit als veränderbar definiert. Menschen sind demnach nicht behindert, sie werden es. Lenz und seinen Kolleginnen zufolge könne es behinderten Menschen durch dieses neue Selbstbewusstsein gelingen, ihnen vorgegebene Lebensentwürfe zu erkennen, diese zu verlassen und eigene Lebensziele zu realisieren. Die Selbstbestimmt-Leben- Bewegung sieht behinderte Menschen als Fachleute in eigener Sache, die kompetent für das eigene Leben Verantwortung übernehmen. Die professionellen Assistentinnen und Assistenten dürfen die Auseinandersetzungen im gesellschaftlichen Konfliktfeld nicht befrieden, da das Leben und Lernen ausnahmslos dort möglich ist. Ausgangspunkt für professionelles Handeln hingegen ist das Erschließen von individuellen und sozialen Ressourcen. Häufig leben behinderte Menschen am Rand der Gesellschaft oder in Armut. Lenz und seine Kolleginnen heben die Relevanz der Erschließung von Umweltressourcen hervor, um den Handlungsspielraum zu erweitern (vgl. Lenz et al., 2010, S. 15). In Bezug auf das Familienleben regelt Art. 23 der UN-Behindertenrechtskonvention die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen. Dort heißt es wie folgt: „Artikel 23 Achtung der Wohnung und der Familie (1) Die Vertragsstaaten treffen wirksame und geeignete Maßnahmen zur Beseitigung der Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen auf der Grundlage der Gleichberechtigung mit anderen in allen Fragen, die Ehe, Familie, Elternschaft und Partnerschaften betreffen, um zu gewährleisten, dass a) das Recht aller Menschen mit Behinderungen im heiratsfähigen Alter, auf der Grundlage des freien und vollen Einverständnisses der künftigen Ehegatten eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen, anerkannt wird; b) das Recht von Menschen mit Behinderungen auf freie und verantwortungsbewusste Entscheidung über die Anzahl ihrer Kinder und die Geburtenabstände sowie auf Zugang zu altersgemäßer Information sowie Aufklärung über Fortpflanzung und Familienplanung anerkannt wird und ihnen die notwendigen Mittel zur Ausübung dieser Rechte zur Verfügung gestellt werden; c) Menschen mit Behinderungen, einschließlich Kindern, gleichberechtigt mit anderen ihre Fruchtbarkeit behalten. 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 148 (2) Die Vertragsstaaten gewährleisten die Rechte und Pflichten von Menschen mit Behinderungen in Fragen der Vormundschaft, Pflegschaft52, Personen- und Vermögenssorge, Adoption von Kindern oder ähnlichen Rechtsinstituten, soweit das innerstaatliche Recht solche kennt; in allen Fällen ist das Wohl des Kindes ausschlaggebend. Die Vertragsstaaten unterstützen Menschen mit Behinderungen in angemessener Weise bei der Wahrnehmung ihrer elterlichen Verantwortung. (3) Die Vertragsstaaten gewährleisten, dass Kinder mit Behinderungen gleiche Rechte in Bezug auf das Familienleben haben. Zur Verwirklichung dieser Rechte und mit dem Ziel, das Verbergen, das Aussetzen, die Vernachlässigung und die Absonderung von Kindern mit Behinderungen zu verhindern, verpflichten sich die Vertragsstaaten, Kindern mit Behinderungen und ihren Familien frühzeitig umfassende Informationen, Dienste und Unterstützung zur Verfügung zu stellen. (4) Die Vertragsstaaten gewährleisten, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, dass die zuständigen Behörden in einer gerichtlich nachprüfbaren Entscheidung nach den anzuwendenden Rechtsvorschriften und Verfahren bestimmen, dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist. In keinem Fall darf das Kind aufgrund einer Behinderung entweder des Kindes oder eines oder beider Elternteile von den Eltern getrennt werden. (5) Die Vertragsstaaten verpflichten sich, in Fällen, in denen die nächsten Familienangehörigen nicht in der Lage sind, für ein Kind mit Behinderungen zu sorgen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um andere Formen der Betreuung innerhalb der weiteren Familie und, falls dies nicht möglich ist, innerhalb der Gemeinschaft in einem familienähnlichen Umfeld zu gewährleisten“ (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, S. 33–35). In der Vergangenheit wurde behinderten Menschen häufig das Sorgerecht entzogen, obwohl öffentliche Hilfen rechtlich Vorrang vor dem gesamten oder partiellen Sorgerechtsentzug haben. Bis heute stellt für behinderte Menschen in Deutschland das Leben als Eltern kein selbstverständliches Lebensmuster dar (vgl. Lenz et al., 2010, S. 13). Gerade die Situation behinderter Menschen in Heimen sei Zinsmeister zufolge besonders prekär. Für Heimbewohnerinnen und -bewohner seien Partnerschaft und Kinderwunsch ebenso wichtige Themen wie für die restliche Bevölkerung auch, jedoch seien sie aufgrund ihrer Lebensumstände offensichtlich selten in der Lage, ihre Wünsche gleichermaßen zu realisieren (vgl. Zinsmeister, 2006, S. 4). Gemäß einer Infratest-Studie von 1994 waren 88 Prozent der Heimbewohnerinnen ledig (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 1994, S. 2). Eine Umfrage durch Schopmans zur Situation behinderter Frauen in 113 hessischen Wohneinrichtungen ergab, dass dort nur in der Hälfte der Einrichtungen einzelne Frauen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammenleben (konnten). Bezogen auf die Gesamtzahl der befragten Einrichtung waren pro Einrichtung 1,3 Paarbeziehungen bekannt. In 3 Prozent der erfassten Einrichtungen lebten Frauen mit einem oder mehreren Kindern (vgl. Hessisches Sozialministerium, 2001, S. 74). Daraus könne allerdings, so Zinsmeister, nicht der Rückschluss gezogen werden, dass die Einrichtungsbewohnerinnen tatsächlich entsprechend selten Kinder bekämen. Vielmehr beruhe der geringe Prozentsatz der behinderten Eltern innerhalb der hessischen Wohneinrichtungen darauf, dass die Mütter bzw. Väter die Kinder freiwillig oder unfreiwillig abgeben, beispielsweise in Pflegefamilien, oder die Einrichtung zusammen mit ihrem 52 Schweiz: Beistandschaft. 6.6 Konflikte der Reglements innerhalb der totalen Institution mit den Regelungen außerhalb 149 Kind verlassen müssten, weil diese nicht auf die Versorgung von Eltern mit Kindern eingestellt sei. In Deutschland gebe es nur 20 Dienste und Einrichtungen, die spezielle Wohn- und Betreuungsangebote für Mütter und Väter mit sogenannter geistiger Behinderung anböten. Die Zahl der Eltern, die von vornherein ohne Kontakt zu entsprechenden Einrichtungen ihre Kinder versorgten, sei nicht bekannt (vgl. Zinsmeister, 2006, S. 4). Die Reaktionen auf Elternschaft behinderter Menschen haben sich dank der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung im Sinne einer Humanisierung der Lebensverhältnisse verändert. Selbst Sexualität ist als Thema in vielen Einrichtungen und Diensten inzwischen enttabuisiert (vgl. Specht, 2010, S. 3). Das Paradigma der sexuellen Selbstbestimmung habe in das Recht der sozialen Pflegeversicherung, der Rehabilitation und der Heime sowie in die Leitbilder und Programme der Behindertenhilfe Einzug gefunden (vgl. Lenz et al., 2010, S. 13). Mittlerweile wird das Recht auf Selbstbestimmung so weit ausgelegt, selbst zu unklugem Handeln berechtigt zu sein, sofern man zur freien Willensbildung in der Lage ist, selbst wenn man sich selbst schädigt (vgl. Zinsmeister, 2013, S. 56). Eltern mit leichter bis mittelgradiger geistiger Behinderung wird immer häufiger „Begleitete Elternschaft“ angeboten. Unter diesem Begriff sind all diejenigen individuellen Unterstützungshandlungen zu verstehen, „die Mütter und Väter mit Behinderungen benötigen, um die elterliche Sorge oder – im Falle nicht sorgeberechtigter Elternteile – den Umgang mit den Kindern möglichst umfassend und selbstbestimmt ausüben zu können“ (Zinsmeister, 2006, S. 3). Je nach Lebenslage, familiärer Situation und Art der Behinderung können sich die benötigten Unterstützungshandlungen in Bezug auf Inhalt, Umfang, Zeitpunkt und Zeitraum unterscheiden. Die Hilfe müsste in enger Zusammenarbeit der Jugendhilfe- und Sozialhilfeträger konzipiert werden, die jeweils im Rahmen ihrer Zuständigkeit einen Beitrag zu den Kosten der Hilfe für die Familie erbrächten (vgl. Dahm, 2012, S. 10). Ziele seien die Sicherstellung des Kindeswohls, eine altersgerechte Entwicklung der Kinder, eine größtmögliche Übernahme von Verantwortung der Eltern für ihre Kinder und damit mehr Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Eltern (vgl. Dahm, 2012, S. 9). Die Kinder- und Jugendhilfe kann von den Konzepten lernen, wie die Menschenrechte in Einrichtungen sichergestellt, wie Benachteiligungen verhindert werden können und geeignete Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und sonstige Maßnahmen zu treffen sind, damit die Vorgaben der Normen, die sich aus den Menschenrechten ergeben, realisiert werden. 6 Ausschluss von Männern aus dem Alltag der Einrichtungen in der Vergangenheit 150

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.