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1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung in:

Rebecca Hahn

Männer außen vor?, page 1 - 12

Möglichkeiten und Grenzen der Teilhabe von Männern im Alltag in gemeinsamen Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3937-3, ISBN online: 978-3-8288-6835-9, https://doi.org/10.5771/9783828868359-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Pädagogik, vol. 47

Tectum, Baden-Baden
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Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung Im folgenden Abschnitt werden die für die vorliegende Studie relevanten Erkenntnisse der Bindungstheorie im Hinblick auf Eltern-Kind-Beziehungen umrissen. Bindungstheoretische Forscherinnen und Forscher kamen beispielsweise übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass insbesondere die Qualität der Bindung eines Menschen an die Mutter während seiner frühen Kindheit Einfluss auf die spätere psychische Gesundheit hat. Andere Personen können jedoch unter Umständen die Funktion der Mutter übernehmen, falls diese ausfällt. Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext Als Begründer der Bindungstheorie gilt John Bowlby (*1907, †1990). Ihm gelang es, durch Metaanalysen von Daten aus entwicklungspsychologischen, klinisch-psychoanalytischen und evolutionsbiologischen Studien (vgl. Bowlby, 1976, S. 14) die Bedeutung der Bindung eines Kindes an seine Mutter herauszuarbeiten. Den Anstoß zu seinem lebenslangen Forschungsinteresse erhielt Bowlby in der Nachkriegszeit während seiner Arbeit als Kinderpsychiater in zwei Kinderheimen in England. Durch die Folgen des Kriegs waren die Kinder von ihren Eltern getrennt worden, wurden interniert und zeigten nach einiger Zeit auffälliges Verhalten, für das zunächst keine zufriedenstellenden Erklärungen gefunden wurden (vgl. Bowlby, 2008, S. 16–21). Aus den Beobachtungen der traumatisierten Kinder schloss Bowlby, nicht innerpsychische Zustände – wie beispielsweise der von Freud konstruierte Todestrieb – lösten psychische Störungen aus, sondern reale Nöte des Lebens (vgl. Bowlby, 2008, S. 16– 21). Er hielt es für eine unerlässliche Voraussetzung für geistige Gesundheit, „daß Säugling und Kleinkind in einer herzlichen, intimen und dauerhaften Beziehung zur Mutter (oder einem Mutterersatz) Glück und Befriedigung finden“ (Bowlby, 1973, S. 15). Für eine Untersuchung der Weltgesundheitsorganisation im Auftrag der Vereinten Nationen forschte Bowlby 1950 und 1951 am Thema geistige Gesundheit von Kindern, die „verwaist oder aus anderen Gründen von einem normalen Familienleben ausgeschlossen“ waren und „deshalb in Pflegestellen, Waisenhäusern oder anderen Gemeinschaftseinrichtungen betreut werden“ mussten (vgl. Bowlby, 1973, S. 10). Dazu bereiste er Frankreich, die Niederlande, Schweden, die Schweiz, Großbritannien sowie die Vereinigten Staaten von Amerika und befragte dort „Sozialarbeiter“ – vor allem aus dem Bereich der Kinderfürsorge und der Erziehungsberatung. Er verfolgte deren Arbeit und wog Forschungsergebnisse aus verschiedenen europäischen Län- 1 1.1 1 dern und den Vereinigten Staaten gegeneinander ab (vgl. Bowlby, 1973, S. 10). Sein Bericht erschien 1951 unter dem Titel Maternal Care and Mental Health, im Deutschen Mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit. Seine Beobachtungen und Befragungsergebnisse offenbarten, dass in Heimen lebende Kleinkinder oft unter massiven sogenannten Deprivationserscheinungen litten (vgl. Bowlby, 1973, S. 16): Sie zogen sich apathisch aus allen emotionalen Bindungen zurück, schaukelten monoton ihren Kopf oder ihren gesamten Körper hin und her oder schlugen den Kopf gegen die Wand (vgl. Bowlby, 1973, S. 16–83). Nach längerer Trennung von der Mutter zeigten viele von ihnen eine feindselige Haltung ihr gegenüber oder taten so, als ob sie sie nicht erkannten. Andere verhielten sich ihr gegenüber übertrieben anhänglich oder banden sich an nahezu alle anderen Erwachsenen im Umfeld schnell, aber oberflächlich (vgl. Bowlby, 1973, S. 16–83). Besonders betroffen von Deprivationserscheinungen waren nahezu alle Kinder unter drei Jahren und viele Kinder im Alter von drei bis acht Jahren, die eine häufige oder längere Trennung von der Mutter erlebt hatten (vgl. Bowlby, 1973, S. 38–72). Bowlby beobachtete jedoch auch, dass Deprivationserscheinungen teilweise vermieden werden konnten, wenn das Kleinkind von einer Ersatzperson „bemuttert“ wurde (vgl. Bowlby, 1973, S. 33). Ferner stellte er fest, dass die Trennung eines älteren Kinds von seiner Mutter durchschnittlich umso eher verwunden werden konnte, je besser die Beziehung zwischen beiden gewesen war (vgl. Bowlby, 1973, S. 41). Aus diesen Erkenntnissen schloss Bowlby, die Mutter-Kind-Bindung sei für das Kind exklusiv und stehe an erster Stelle einer Hierarchie. Der weibliche Elternteil sei „die von der Natur dafür vorbestimmte primäre Bezugsperson von Säuglingen und Kleinkindern“ (Bowlby, 1973, S. 95). Verschiedentlich betonte er, der Mutter falle die Aufgabe zu, das Kind zu pflegen, es zu erziehen und eine stabile Bindungsfähigkeit im Kind zu fördern (vgl. Bowlby, 1969, 1973, 1976). Für Bowlby wurde der Handlungsspielraum von Menschen stark von zwischenmenschlichen Beziehungen beeinflusst. Er ging davon aus, dass Kinder lernen, ihre Umwelt und ihre Mitmenschen zu beeinflussen, um die eigenen Ziele über einen längeren Zeitraum zu erreichen. Dazu müssten sie ein Abstraktionsvermögen ausbilden (vgl. Bowlby, 1973, S. 76). Das Kind müsse lernen, zu Abwesenden Beziehungen zu wahren. Diese Fähigkeit nennt Bowlby „Identifikation“, „Internalisierung“ oder „Introjektion“ (vgl. Bowlby, 1973, S. 78). Ein adäquates Umfeld, in dem sich Kinder die Fähigkeit zur Introjektion aneignen können, sah Bowlby primär in der „sozialen Institution“ Familie (vgl. Bowlby, 1973, S. 79). Die Bindung von Kindern an ihre Eltern oder entsprechende Ersatzfiguren sichere neben Schutz und Zuwendung im Säuglings- und Kindesalter auch den Beistand dieser Personen in späteren Phasen des Lebens. Selbst wenn sich Kinder psychisch weiterentwickeln, bleibe die Bindung bis weit ins Erwachsenenleben bestehen und werde durch Bindungen an neue Bezugspersonen ergänzt (vgl. Bowlby, 2008, S. 98). Wenn im Kleinkindalter keine Möglichkeit bestehe, die Internalisierung in der Familie zu erlernen, zeigten sich Deprivationserscheinungen (vgl. Bowlby, 1973, S. 79). „Da ein Kleinkind als Organismus nicht zu einem selbstständigen Dasein fähig ist, bedarf es einer besonderen sozialen Institution, um ihm während der Zeit seiner Unreife zu helfen. Diese soziale Institution muß ihm zweifache Unterstützung gewähren: zunächst durch 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 2 die Befriedigung seiner unmittelbaren biologischen Bedürfnisse wie Nahrung, Wärme, Unterkunft und Schutz vor Gefahr; und weiter durch ein Klima, in dem es seine physischen, geistigen und sozialen Fähigkeiten zu voller Entfaltung bringen kann, so daß es als Erwachsener in der Lage ist, in eine erfolgreiche Wechselbeziehung mit seiner äußeren, sozialen Umgebung einzutreten. Dazu ist eine Atmosphäre der Liebe und Sicherheit nötig“ (Bowlby, 1973, S. 102). Gefahr für die gesunde geistige Entwicklung des Kindes sah Bowlby dann, wenn die Familie nicht durch Heirat „zustande gekommen“ sei, wenn die Familie nicht effektiv funktioniere oder wenn sie durch Krieg, Tod, Erkrankung, Gefängnisaufenthalt der Mutter, Trennung oder Scheidung „zerstört“ sei (vgl. Bowlby, 1973, S. 104).2 Bowlby nahm an, der Vater spiele für das Kind ausschließlich eine Nebenrolle, indem er Geld für die Familie erwirtschafte und so der Mutter Zeit für Kindererziehung und -pflege verschaffe (vgl. Bowlby, 1973, S. 18). Als mögliche Bezugsperson und Forschungsobjekt schloss er ihn aus, weil ihm diesbezüglich keine ausreichenden Daten zur Verfügung standen, aber auch, weil er die allgemein zu dieser Zeit vorherrschende Annahme teilte, die Mutter sei von Natur aus die wichtigste Bezugsperson des Kindes (vgl. Bowlby, 1973, S. 18). „Wir wollen auch nicht näher auf die Vater-Kind-Beziehung eingehen, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sich fast alle bisherigen Beobachtungen auf die Mutter-Kind-Beziehung erstrecken, die ja auch unter normalen Umständen in den ersten Lebensjahren für das Kind die wichtigste ist. Die Mutter füttert und kleidet das Kind, hält es warm, tröstet es. An sie wendet es sich, wenn es Kummer hat“ (Bowlby, 1973, S. 18). Im Notfall könne eine andere Person die Funktion der Mutter übernehmen, die Betreuung durch die Mutter sei jedoch das ursprüngliche und natürliche Prinzip: „Obwohl der Text in diesem Buch gewöhnlich Bezug auf die ‚Mutter‘ nimmt, und nicht auf die ‚Mutterfigur‘, ist in jedem Fall die Person gemeint, die das Kind bemuttert und die es liebgewinnt. Bei den meisten Kindern ist dies natürlich die eigene Mutter“ (Bowlby, 1976, S. 19). Die Theorie, die Beziehung zur Mutter sei für das Kind wichtiger als die zum Vater – die sogenannte „Monotropie-Annahme“ – wurde über einen langen Zeitraum hinweg im Diskurs über die Funktionen der Bindung zwischen Männern und ihren Kindern vertreten. Gestützt wurde sie von evolutionsbiologischen Ansätzen: Die Verbindung zwischen dem Kind und dem weiblichen Elternteil sei durch Schwangerschaft und Geburt sowie durch das Stillen fundiert, die Zeugung als natürlicher Bestandteil der Vater-Kind-Beziehung habe hingegen eine geringere Bedeutung. Es wurde geschlossen, die Bindung vom Kind zum Vater sei weniger eng als zur Mutter (vgl. Schmidt- Denter, 2005, S. 33). 2 Damals galten sowohl Trennung und Scheidung als auch Elternschaft außerhalb der Ehe als unmoralisch. Diese Lebensformen außerhalb der Norm hatten für betroffene Kinder eine starke Stigmatisierung, überwiegende Ausgrenzung aus vielen Lebensbereichen und damit eine massive Einschränkung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten zur Folge (siehe Abschnitt 5.3.5). Wenn die Eltern nicht verheiratet waren und das Kind als „illegitim“ galt, empfahl Bowlby (1973, S. 154) aus diesen Gründen, ein Kind möglichst bei Adoptiveltern unterzubringen. Heute ist die Elternschaft außerhalb der Ehe eine weitgehend anerkannte Familienform. Für die Familienform des Alleinerziehens werden allerdings spezielle Gefahren für die kindliche Entwicklung diskutiert (siehe Abschnitt 4.2.2). 1.1 Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext 3 Bowlby legte seine Theorie insbesondere in einem dreibändigen Werk dar. Im ersten Band Bindung – Eine Analyse der Mutter-Kind-Beziehung definierte Bowlby „Bindung“ als ein natürliches, vom Nahrungs- und Sexualtrieb abzugrenzendes, angeborenes Grundbedürfnis eines Menschen (vgl. Bowlby, 2008, S. 21). Im zweiten Band der Trilogie Trennung – Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind bewies Bowlby, dass die Separation von der Bindungsperson beim Kind zunächst Trennungsschmerz, danach Zorn und später Angst auslöst (vgl. Bowlby, 1976, S. 15). Im dritten Band Verlust untersuchte Bowlby die Phänomene von Kummer und Trauer sowie Abwehrprozesse, zu denen Angst und Verlust führten (vgl. Bowlby, 1976, S. 15). Bowlby grenzte vom Bindungsbegriff den Begriff des „Bindungsverhaltens“ ab. Zum Bindungsverhalten gehören sämtliche Verhaltensweisen, die dazu dienen, die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen oder zu bewahren (vgl. Bowlby, 2008, S. 21). Sowohl Bindungen aufzubauen als auch Bindungsverhalten zu zeigen sei instinktiv (vgl. Bowlby, 1976, S. 14). Das Bindungsverhalten werde bei Angst, Müdigkeit und Erkrankung im Zuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten (vgl. Bowlby, 2008, S. 21). Unerfahrene oder schwächere Individuen – wie Kinder oder ältere Menschen – suchen regelmäßig die Nähe und den Beistand vermeintlich stärkerer bzw. kompetenterer Personen (vgl. Bowlby, 2008, S. 99). Erkenntnisse von Mary Ainsworth (*1913, †1999) beeinflussten Bowlbys Theorie stark und untermauerten seine Thesen durch empirische Befunde (vgl. Bowlby, 2008, S. 21; Büdel, 2008, S. 5; Scheer & Wilken, 2006, S. 186). Die klinische Psychologin Ainsworth führte in den 1950er und 1960er Jahren in Uganda und in den Vereinigten Staaten wegweisende Eltern-Kind-Studien durch (vgl. Ainsworth, 1964, 1969, 1972, 1979 a, 1979 b). Ainsworth nahm wie Bowlby an, die Mutter sei die primäre Bezugsperson des Kindes. Bei ihren Studien in Uganda fiel ihr auf, dass sich die meisten Kinder mit einer stabilen Bindung an die Mutter ab dem Erreichen des Krabbelalters regelmäßig von dieser entfernen und ihre Umgebung erkunden, nach kurzer Zeit aber wieder zu ihr zurückkehren. Bei der Abwesenheit der Mutter erfolgen diese „Explorationen“ dagegen weit seltener oder unterbleiben vollständig. Was sie beobachtete, ließ Ainsworth annehmen, feinfühlige Mütter stellten für ihr Kind eine verlässliche Basis (secure base) in Gefahren- oder Angstsituationen dar (vgl. Ainsworth & Wittig, 1969; Bowlby, 2008, S. 35). Erfahrenere Bezugspersonen sind für das Kind nicht in allen Lebenslagen zugänglich (vgl. Bowlby, 2008, S. 99). Vor allem in Situationen, in denen Kinder ihre Bezugspersonen nicht erreichen können, empfinden Kinder großen Stress (vgl. Bowlby, 1976). Psychisch stabile Persönlichkeiten zeichnet gemäß der Bindungstheorie die Bindungsfähigkeit aus; dies bezieht sich sowohl auf die „bedürftige“ als auch auf die „gebende“ Person (vgl. Bowlby, 2008, S. 98). In seine Theorie integrierte Bowlby auch die Erkenntnisse von Spitz (1974), der nachwies, dass für das Überleben und Wohlergehen von Kindern im Krankenhaus eine alleinige Befriedigung von deren körperlichen Bedürfnissen nicht ausreicht. Zudem inspirierten Bowlby die Untersuchungsergebnisse von Harlow, der seine Erkenntnisse durch moralisch bedenkliche Versuchsreihen mit Rhesusaffen gewann. Harlow trennte Affenbabys sofort nach deren Geburt von ihren Müttern und gab einer Äffchengruppe als „Ersatzmutter“ eine mit weichem 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 4 Stoff umkleidete Attrappe, der anderen Gruppe eine aus Draht (vgl. Harlow, 1958). Beide Modelle spendeten durch einen Mechanismus Milch. Die Affenjungen bevorzugten bald die Stoffmutter. Wenn diese keine Milch mehr gab, gingen sie zum Trinken an das Drahtgestell und kehrten schleunigst zur Stoffattrappe zurück. Aus den Ergebnissen des Experiments folgerte Bowlby, für Menschen müsse das Bedürfnis nach Kontakt stärker sein als das nach Nahrung.3 Bowlby stützte seine Theorie, eine Trennung von Mutter und Kind löse beim Kind zunächst Trennungsschmerz, danach Zorn und später Angst aus, auf folgende Beobachtung: Wenn Kleinkinder über mehrere Wochen von ihrer Mutter oder dem Mutterersatz getrennt seien und in einer fremden Umgebung bzw. mit fremden Leuten untergebracht würden, protestierten sie in der Fremde zunächst. Nach einiger Zeit zeigten viele von ihnen beim Wiedersehen mit der Mutter ein für Bowlby zunächst unerklärliches Verhalten: Die Kinder schienen aus Verzweiflung zu resignieren. Sie verhielten sich häufig so, als ob sie die Mutter nicht mehr kennen würden, wandten sich von ihr ab, liefen weg, weinten bzw. waren ausdruckslos. Diesen Zustand nennt Bowlby „Entfremdung“ bzw. „Ablösung“ (vgl. Bowlby, 1976, S. 29). Während der Phase, in der die Kinder scheinbar verzweifeln, entstünden Kummer und Trauer über die erlebte Trennung. Wenn die Kinder daraufhin gegenüber ihrer Bezugsperson Ablösung zeigten, demonstrierten sie ihre innere Abwehr gegen die starken ambivalenten Gefühle ihr gegenüber (vgl. Bowlby, 1976, S. 46).4 Emotionale Verwirrungen bei Trennung und Verlust5 könnten durch die Anwesenheit eines vertrauten Gefährten – im ersten bis zum dritten Lebensjahr sollte das am besten die Bindungsfigur sein – gemildert werden (vgl. Bowlby, 1976, S. 34). Bowlby zufolge neigten Individuen weniger zu Furcht, wenn sie darauf vertrauen können, eine Bindungsperson in der Nähe zu haben. Dieses Vertrauen in die Verfügbarkeit einer Bindungsperson entwickle sich während einer sensitiven Phase in der Kleinkindzeit, Kindheit und Jugend. Was immer sich an Erwartungen in diesen Jahren herausbilde, bleibe für den Rest des Lebens relativ unverändert bestehen (vgl. Bowlby, 1976, S. 246). Seien Kleinkinder über längere Zeit oder wiederholt von der Mutterfigur getrennt oder müssten eine Trennung befürchten, manifestiere sich bei ihnen oftmals ein Zustand von Angst, Verzweiflung und Entfremdung (vgl. Bowlby, 1976, S. 21). In besonders schweren Fällen entwickelten die Betroffenen Probleme, menschliche Bindungen einzugehen (vgl. Bowlby, 1976, S. 21). Auch Erfahrungen, bei der ein Kind gelernt habe, eine bestimmte Situation zu meiden, oder die Erfahrung, dass eine Bindungsfigur 3 Bei dieser Annahme berücksichtigte Bowlby nicht, dass im weiteren Verlauf die Entwicklung beider von den Müttern getrennter Affengruppen schwer beeinträchtigt war. Die Affen waren teilnahmslos, zeigten Bewegungsstereotypen, zwanghaftes Verhalten und beschädigten sich selbst durch Kratzen und Beißen (vgl. Kester, 1979, S. 117–119). 4 In Beobachtungen und Experimenten zeigten Kinder von ihren Müttern häufiger Entfremdung als von ihren Vätern, wodurch Bowlby sich in der Annahme bestätigt fühlte, dass die Mutter generell die primäre Bezugsperson von Kindern sei (vgl. Bowlby, 1976, S. 29). 5 Unter „Trennung“ versteht Bowlby, dass die Bindungsfigur einer Person zeitweise unzugänglich ist (vgl. Bowlby, 1976, S. 221) und dass die Initiative dazu von der Mutter oder von dritter Seite ausgeht (vgl. Bowlby, 1976, S. 52). Mit „Verlust“ ist die Unzugänglichkeit „für immer“ gemeint (vgl. Bowlby, 1976, S. 221). 1.1 Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext 5 in entscheidenden Situationen zur Verfügung gestanden habe oder nicht, hätten Einfluss auf dessen spätere emotionale Zustände (vgl. Bowlby, 1976, S. 239). Mit steigendem Alter werde es für Kinder wichtiger, bei Hilfebedarf auf den Beistand einer Bezugsperson vertrauen zu können, auch wenn diese gerade nicht anwesend ist. Nach der Pubertät bleibe diese Variable dominierend dafür, ob Menschen sich fürchten (vgl. Bowlby, 1976, S. 248). Bowlbys These der kritischen Phase für die Bindung und der Auswirkungen früher Bindungsverluste wurde von empirischen Ergebnissen aus Untersuchungen an Adoptivkindern, Pflegekindern und Heimkindern bestätigt (z. B. The St. Petersburg- USA Orphanage Research Team, 2008, S. 237). Die Datenlage der zitierten Studie sprach für eine kritische Periode in der Bindungsentwicklung im weiteren Sinne vom 6. bis zum 24. Lebensmonat und im engeren Sinne vom 12. bis zum 18. Lebensmonat. Bowlby, selbst ausgebildeter Analytiker, stand gleichermaßen den empirisch nicht verifizierbaren Vermutungen der Psychoanalyse und den Erklärungsversuchen des Behaviorismus, mit dem sich das beobachtete Verhalten in ein Reiz-Reaktions-Schema einordnen lässt, kritisch gegenüber (vgl. Büdel, 2008, S. 4). Er bezog sich in seinen Abhandlungen zwar auf Ergebnisse der Psychoanalyse, seine Theorie stand jedoch der Freuds und seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger in weiten Teilen entgegen (vgl. Bowlby, 1976, S. 16, 2008, S. 16–21). Während Freud die Evolutionstheorie Darwins ablehnte, bekannte sich Bowlby zu ihr (vgl. Bowlby, 1976, S. 109). Dieser Unterschied wirkte sich vor allem auf seine Schlussfolgerungen bei der Bewertung des Phänomens der „Angst“ aus. Die Theorie der Psychoanalyse unterschied zwischen „realistischen Ängsten“, die auf etwas zurückzuführen waren, was Menschen tatsächlich vernichten konnte – beispielsweise Angst vor Feuer oder vor Abgründen – und „neurotischen Ängsten“, allen anderen. Die Angst davor, einen geliebten Menschen zu verlieren, galt gemäß Freuds Definition als „neurotisch“, da sie von einer „unbekannten Gefahr“ ausgehe. Bowlby stand diesen Thesen kritisch gegenüber, denn alle Kinder hätten Angst vor dem Alleinsein, seien jedoch nicht alle neurotisch (vgl. Bowlby, 1976, S. 112). Bowlby befand im Gegensatz zu Freud, die Angst der Kinder vor dem Alleinsein sei nicht als pathologisch einzuschätzen, sondern stehe vielmehr mit Situationen in Zusammenhang, die Menschen tatsächlich verletzen oder vernichten könnten (vgl. Bowlby, 1976, S. 114). Insbesondere für junge und andere schwache Individuen stelle das Alleinsein tatsächlich ein gesteigertes Gefahrenrisiko dar (vgl. Bowlby, 1976, S. 221). Die Entfernung zu anderen Personen oder Objekten, die als schutzbietend betrachtet werden, zu verringern – also Bindungsverhalten zu zeigen – sei eine biologisch sinnvolle Reaktion auf Furcht. Ein anderes sinnvolles Verhalten sei Flucht oder Rückzug vor der möglichen Gefahr (vgl. Bowlby, 1976, S. 119). Bindungsverhalten und Rückzugsverhalten seien ein Resultat des evolutionären Prozesses (vgl. Bowlby, 1976, S. 110), weil sie dem Schutz des Menschen dienten, und beide Funktionen leisteten deshalb einen wichtigen Beitrag zum Überleben des Individuums (vgl. Bowlby, 1976, S. 128). Die Furcht eines Kindes vor dem Alleinsein, die es ein Leben lang begleite und im Erwachsenenalter anhalte, sei ein natürlicher Instinkt, der von vielen Tierarten geteilt werde und sowohl Menschen als auch Tiere schütze. Während An- 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 6 hängerinnen und Anhänger der psychoanalytischen Theorie die biologische Funktion der Angst vor dem Alleinsein weitgehend bezweifelten (vgl. Bowlby, 1976, S. 115), sie als „neurotisch“ oder „kindlich“ ablehnten (vgl. Bowlby, 1976, S. 191), hielt es Bowlby vielmehr für pathologisch, wenn der Instinkt zum Bindungsverhalten fehle (vgl. Bowlby, 1976, S. 113). Gemäß Bowlbys Theorie versucht ein Kleinkind, wenn es alleine ist, mithilfe aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel die Mutterfigur zu finden. Solange es sein Ziel nicht erreicht habe, sei es ängstlich (vgl. Bowlby, 1976, S. 50). Bowlby geht also davon aus, dass das Bindungsverhalten und der Rückzug von einer furchtauslösenden Situation mit der Entwicklung des Kindes zunehmend besser organisiert würden (vgl. Bowlby, 1976, S. 158). Aufgrund der Zunahme kognitiver Kompetenzen gelänge es dem Kind leichter, Kontakt zur Mutter aufzubauen und zu halten. Während dies anfänglich allein über Körperkontakt möglich sei, nutzten Kleinkinder dazu etwa ab dem zweiten Lebensjahr zusätzlich Blicke und verbale Kommunikation (vgl. Bowlby, 1976, S. 70). Auch das Furchtverhalten bilde sich zunehmend weiter aus. Während in der Kleinkindphase die sogenannten „natürlichen Schlüssel“ (fremde Personen, fremde Gegenstände, Höhe, sich rasch nähernde Objekte, Lärm sowie Schmerz oder Personen und Dinge, die mit Schmerz assoziiert werden) die einzigen Reizsituationen seien, auf die das Kind mit Furcht reagiere (vgl. Bowlby, 1976, S. 132–138), erlerne es im Laufe des ersten Lebensjahres durch Beobachtung des Verhaltens der Mutter weitere, sogenannte „kulturelle Schlüssel“. Kinder seien zunehmend daran interessiert, wie die Mutter sich in Situationen verhalte (vgl. Bowlby, 1976, S. 156). Wenn diese bei der Begegnung mit Tieren und bei Dunkelheit Furcht und Furchtverhalten zeige, erlerne das Kind die Angst (vgl. Bowlby, 1976, S. 190). Mit dem Älterwerden könnten Kinder die Fähigkeit entwickeln, ihre Furchtneigung zu reduzieren. Dies geschehe, indem sie sich an bestimmte Erfahrungen gewöhnten und durch Beobachtungen von Bezugspersonen adäquates Verhalten in bestimmten Situationen übernähmen (vgl. Bowlby, 1976, S. 234). Aus biologischer Perspektive sei es sinnvoll und nicht als pathologisch zu werten, sich auf „Schlüssel“ für Sicherheit und Gefahr zu verlassen, da sich dieses System evolutionär bewährt habe. Rückzug bei einem erhöhten Gefahrenrisiko und Hinwendung zu anderen Personen seien hilfreiche Reaktionen (vgl. Bowlby, 1976, S. 176). Erst Veränderungen der Umweltbedingungen, die das Bindungsverhalten mit vertrauten Personen nicht mehr zulassen, beispielsweise wenn plötzlich keine Bindungsperson zur Verfügung stehe, führten zu atypischem Verhalten des Individuums (vgl. Bowlby, 1976, S. 111). Die verschiedenen Erwartungen der Menschen an die Zugänglichkeit und Reaktionsbereitschaft ihrer jeweiligen Bindungsfiguren, die unterschiedliche Individuen in der Kindheit etablierten, seien ziemlich genaue Reflexionen der Erfahrungen, die diese Menschen tatsächlich gemacht hätten (vgl. Bowlby, 1976, S. 246). Die Reaktionsbereitschaft der Bezugspersonen auf ein Kind wirke auf die Sicherheit von Bindungen, die das Kind im Laufe seines Lebens aufbauen könne, und auf sein Selbstbild (vgl. Bowlby, 1976, S. 247). Ein Kind halte sich für die Art von Person, auf die ein anderer Mensch in hilfreicher Weise reagiere, wenn dies in der sensiblen Phase – am besten durch die Bindungsperson – so passiert sei (vgl. Bowlby, 1976, S. 1.1 Klassische Bindungstheorie im historischen Entstehungskontext 7 249). Ein unerwünschtes Kind fühle sich von seinen Eltern abgelehnt und nehme an, allgemein überflüssig zu sein. Im Gegensatz dazu wachse ein geliebtes Kind sowohl in der Überzeugung auf, durch seine Eltern geliebt zu werden, als auch in der Annahme, alle anderen fänden es liebenswert (vgl. Bowlby, 1976, S. 249). Diese Modelle des Selbst formten sich in den ersten Lebensjahren und wirkten später fort, seien den Personen selbst aber unter Umständen in Teilen oder vollständig unbewusst (vgl. Bowlby, 1976, S. 249). Hauptursache für besondere Ängstlichkeit, starke Anhänglichkeit oder ständiges Misstrauen sah Bowlby in dem Umstand, dass ein Individuum in der Kindheit unangemessene bzw. unzulängliche Reaktionen der Bindungsfiguren erfahren habe (vgl. Bowlby, 1976, S. 255). Später könne Psychotherapie von Ängsten und die Veränderung von Selbstbildern durch therapeutische Reflexion erfolgreich sein, wenn die frühen Erfahrungen der Patientinnen und Patienten bekannt seien. Meist müsse nach Betrachtung der Lebensgeschichte die Furcht der Personen als „berechtigt“ gelten, da in vielen Fällen entsprechende Selbstbilder bei der täglichen Auseinandersetzung mit den Bindungsfiguren vermittelt worden seien (vgl. Bowlby, 1976, S. 239). Deshalb empfahl Bowlby, bei der Untersuchung von Traumata detaillierte Darstellungen der vergangenen Erlebnisse einzubeziehen (vgl. Bowlby, 1976, S. 241). Besonders hohe Chancen für Menschen, sich zu stabilen und selbstsicheren Persönlichkeiten zu entwickeln, prognostizierte Bowlby solchen Menschen, die in ihrer Kindheit auf stete elterliche Unterstützung zurückgreifen konnten, bei wachsender Autonomie ermutigt wurden, diese in Anspruch zu nehmen, offen über eigene Vorstellungen, die der Eltern und anderer reflektieren und die eigenen bei Bedarf revidieren durften (vgl. Bowlby, 1976, S. 379). Bowlby war überzeugt von einem starken Zusammenhang zwischen geistiger Gesundheit und der jeweiligen familiären Kultur. Er vermutete weiterhin, die Vererbung durch Gene habe weit weniger Einfluss auf geistige Gesundheit eines Menschen als die in der jeweiligen Familie üblichen Einstellungen und Verhaltensweisen (vgl. Bowlby, 1976, S. 380). Obwohl er Untersuchungsergebnisse in Bezug auf die Rolle des Vaters in der Familie aus heutiger Sicht falsch deutete, gelten Bowlbys Analysen vor allem für die Heimerziehung bis heute als richtungsweisend. Bowlby ermittelte beispielsweise, dass deprivierte Kinder durch die frühe Erfahrung der Trennung von ihren Bezugspersonen selbst in der Fähigkeit zu guter Elternschaft beeinträchtigt werden können (vgl. Bowlby, 1973, S. 39). Um Schäden für die psychische Gesundheit der Individuen zu vermeiden, empfahl er, die ambulanten Versorgungs- und Behandlungsmöglichkeiten von Eltern durch Erziehungsberatung oder Psychotherapie auszubauen (vgl. Bowlby, 1973, S. 100–130). Allgemein seien bedürftige Familien durch sozio-ökonomische und sozio-medizinische Maßnahmen im Notfall direkt sowie auf lange Sicht hin zu unterstützen (vgl. Bowlby, 1973, S. 119). Dazu sollten Sozialarbeiterinnen, Sozialarbeiter und psychotherapeutische Fachkräfte ausgebildet werden (vgl. Bowlby, 1973, S. 130). Einer Unterbringung von Kleinkindern im Heim stand Bowlby im höchsten Maße kritisch gegenüber. Babys würden dort selten zu Aktivitäten ermuntert, weil dies Zeit und Mühe koste. Vielmehr sei es für das Personal einfacher, wenn das Kind still sitze und tue, was man ihm sage (vgl. Bowlby, 1973, S. 81). Aufgrund der seiner 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 8 Ansicht nach miserablen Lage von Kleinkindern in Heimen empfahl Bowlby, die Unterbringung bei sorgfältig ausgewählten Adoptiveltern zu forcieren, sofern sich keine ambulante Versorgung umsetzen lasse (vgl. Bowlby, 1973, S. 72). Vor allem in Säuglings- und Mutter-Kind-Heimen wurden aufgrund von Bowlbys Erkenntnissen Strukturen fundamental umgestaltet (vgl. von Klitzing, 1998, S. 122). Aktuelle Themen der Bindungsforschung Lange Jahre befasste sich die Bindungsforschung schwerpunktmäßig mit Bindung im Kleinkindalter. Die Beschreibung und Erfassung unterschiedlicher Qualitäten von Eltern-Kind-Bindung orientierten sich an der standardisierten Beobachtung von Bindungssignalen und mütterlicher Feinfühligkeit, den Verhaltensstrategien sicher und unsicher gebundener Kinder in der „Fremden Situation“ und den weiteren Folgen für die Entwicklung (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74; Grossmann, 2004, S. 39). Ab den 1970er Jahren begannen wenige Forscherinnen und Forscher die Bedeutung lebenslanger Bindungen im Leben von Kindern in Langzeitstudien zu untersuchen (vgl. Grossmann, 2004, S. 39; Grossmann, Grossmann & Waters, 2006). Heutzutage werden in der pädagogischen Disziplin eine sichere Bindung und elterliche Feinfühligkeit für alle Kinder als Voraussetzung für die Ausbildung positiver sozial-emotionaler Kompetenzen im Kindesalter sowie für die spätere positive Selbstwerteinschätzung angesehen (vgl. Büdel, 2008, S. 4; Lamb, 1997 b, S. 105; Ziegenhain, 2012, S. 43). Es konnte gezeigt werden, dass psychische Einschränkungen bis ins junge Erwachsenenalter statistisch signifikant mit ungünstigen Bindungserfahrungen zusammenhängen (vgl. Grossmann & Grossmann, 2008). Ein „exklusives Betreuungsmodell“, in dem die Betreuung des Kindes möglichst nur durch die Mutter geschehen soll, was Bowlby im Sinne des Monotropie-Konzepts als die ursprüngliche Sozialisation des Kindes ansah, steht im Widerspruch zu jüngeren Überlegungen, dass die menschliche Evolution langfristig nur ein kooperatives Betreuungsmodell aufrechterhalten kann (vgl. Hrdy, 1999, S. 102). Auch empirische Befunde sprechen gegen diese These: Die Erfahrung von Kindern, durch eine andere Person als die Mutter tagsüber betreut zu werden, zeigt beispielsweise keinen direkten Effekt auf die Mutter-Kind-Bindung (vgl. NICHD Early Child Care Research Network, 1997, S. 860). Heute wird überwiegend davon ausgegangen, dass das evolutionsbiologisch äußerst wichtige System der Mutter-Kind-Bindung hochkomplex ist, auf prädisponierte Verhaltenstendenzen zurückgreifen kann, durch biologische Mechanismen gestützt ist und durch vielfältige Lernerfahrungen erworben und angepasst wird (z. B. Ahnert, 2004, S. 80). Auf diese Weise sei das Bindungssystem mehrfach abgesichert, damit es sich dynamisch an die Lebenswirklichkeit von Mutter und Kind anpasst (vgl. Ahnert, 2004, S. 80). Nach Belsky wird elterliches Verhalten hauptsächlich durch drei Faktoren beeinflusst, nämlich durch persönliche Merkmale eines Elternteils, Merkmale des Kindes und sozial-kontextuelle Faktoren (vgl. Belsky, 1984). Vor allem Main (vgl. Main, Kaplan & Cassidy, 1985) lenkte – wie Gloger-Tippelt zeigt – bei der Suche nach den Ent- 1.2 1.2 Aktuelle Themen der Bindungsforschung 9 stehungsbedingungen individueller Unterschiede der Elternteil-Kind-Interaktion in ihren Studien die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Arten, wie Eltern ihre Erfahrungen in der Herkunftsfamilie beschreiben, wie sie darüber denken und wie sie diese verarbeiten (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74). Indem sie den Aspekt der „mentalen Repräsentation“ in ihren Studien einbezog, regte Main eine Weiterentwicklung der Bindungsforschung in diese Richtung an. Die Organisation bindungsrelevanter Erinnerungen und Bewertungen von Erfahrungen mit den Bindungspersonen wird als „Bindungsrepräsentation“ bezeichnet (vgl. Zimmermann & Wirtz, 2014). Wie Gloger-Tippelt elaboriert, hat die schon aus lerntheoretischer und psychoanalytischer Sicht bekannte These, dass Eltern aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen komplexe psychische Merkmale an ihre Kinder weitergeben, dadurch in der Bindungsforschung eine neue Wendung erfahren. In diesem Kontext beziehe sich die These der Transmission von Bindungstypen von der Großelterngeneration über die Eltern an die Kinder nicht nur auf die konkreten Erfahrungen mit den Bezugspersonen in der Kindheit, sondern vor allem auf deren kognitive und affektive Verarbeitung, das heißt auf den state of mind with respect to attachment im Sinne von Main (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74). Empirisch konnte Mains These erst angemessen untersucht werden, seit ein vielfältig einsetzbares Erhebungsinstrument zur Erfassung von verinnerlichten, mentalen Bindungsmodellen, das Adult Attachment Interview (vgl. George, Kaplan & Main, 1996), und das dazugehörige Auswertungs- und Klassifikationsverfahren (vgl. Main & Goldwyn, 1994) zur Verfügung stehen (vgl. Gloger-Tippelt, 1999, S. 74). Neuere entwicklungsbezogene Studien in unterschiedlichen sprachlichen, kulturellen und ökonomischen Kontexten können eine enge Verbindung zwischen dem Bindungsmuster des Kindes und den Bindungsrepräsentanzen der Bezugsperson zeigen. Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen der Weise, in der Eltern ihre eigenen bindungsbezogenen Kindheitserlebnisse erinnern, und der Qualität der Beziehung zwischen ihnen und ihren Kindern (vgl. Jokschies, 2005, S. 19). Über welche Mechanismen sich die transgenerationale Übertragung von Bindungsmustern vollzieht, ist bis heute noch nicht vollständig geklärt – ein Problem, das als transmission gap (vgl. Main, 1991) bekannt ist (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 1). Dem Problem transmission gap widmet sich beispielsweise Haßelbeck. Er zeigt, dass die sogenannte „Mentalisierungsfähigkeit“, die Fähigkeit, „eigenes Verhalten und das Verhalten anderer Menschen durch Zuschreibung von mentalen Zuständen zu interpretieren“ (Fonagy, Gergely, Jurist, Target & Vorspohl, 2006, S. 32), die transgenerationale Übertragung von Bindungsmustern teilweise erklären kann, indem sie auf die Eltern-Kind-Bindung wirkt (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 48). Das Konzept der Mentalisierungsfähigkeit wird seit den 1990er Jahren weiter erforscht (vgl. Haßelbeck, 2015, S. 8). Neben diesen Überlegungen wird heute auch davon ausgegangen, dass kindliche Beziehungen zu nichtmütterlichen Bindungspersonen – wie beispielsweise dem Vater oder Betreuerinnen und Betreuern – signifikant zur Fähigkeit des Kindes zum Beziehungsaufbau beitragen (vgl. Kindler & Grossmann, 2004). Forschungsergebnissen von Goodman, Emery und Haugaard (1998) zufolge können negative Effekte – etwa aufgrund einer unsicheren Bindungsrepräsentation oder anhaltender Konflikte der 1 Theoretischer Hintergrund: Bedeutung der Bindung für die Kindesentwicklung 10 Eltern nach einer Scheidung – durch positive Effekte des Vater-Kind-Kontaktes gemildert werden. Hinsichtlich des beobachtbaren väterlichen Fürsorgeverhaltens fand man große individuelle Unterschiede (vgl. Abschnitt 2.3–2.6 der vorliegenden Studie). Es werden heute verschiedene Einflussgrößen auf das Fürsorgeverhalten von Vätern diskutiert (vgl. Kindler & Grossmann, 2004, S. 240). Kindler und Grossmann (2004, S. 255) betonen, dass die Bedeutung des Vaters mehr von der Qualität seines Engagements und seiner Interaktionen mit dem Kind als von der Quantität des Zusammenseins mit dem Kind abhängt. Der Bedeutung der Vater-Kind-Bindung für die kindliche Entwicklung wird im folgenden Abschnitt nachgegangen. 1.2 Aktuelle Themen der Bindungsforschung 11

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Zusammenfassung

Wie können Väter ihre Teilhabe an der Erziehung und Pflege ihrer Kinder gestalten, wenn sie selbst oder ihre Partnerin im Rahmen einer Jugendhilfemaßnahme in einer „gemeinsamen Wohnform für Mütter/Väter und Kinder“ gemäß §19 SGB VIII unterstützt werden?

Diese Frage stellt sich besonders vor den historischen Entstehungsbedingungen des Hilfetyps, denn in den damals als „Mutter-Kind-Heime“ bezeichneten Häusern waren Besuchszeiten für die Kindsväter oft sehr kurz oder grundsätzlich verboten. Dem Gesetz nach soll heute in diesen Wohnformen zwar grundsätzlich allen Alleinerziehenden mit einem entsprechenden Unterstützungsbedarf und ihren Kindern Hilfe angeboten werden, unabhängig vom Geschlecht des alleinerziehenden Elternteils, faktisch stehen die meisten dieser Einrichtungen aber nach wie vor in der Tradition der überkommenen Mutter-Kind-Heime.

Rebecca Hahn untersucht die Frage nach der tatsächlichen Öffnung der Hilfeform für Väter im Alltag. Dabei wertet sie Daten aus problemzentrierten Interviews mit Bewohnerinnen sowie mit in Mutter-(/Vater-)Kind-Einrichtungen beschäftigten Fachkräften aus. Den Fokus richtet sie auf Handlungsregeln in Bezug auf Männer innerhalb der Häuser. Erweisen sich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Unterbringung, geltende Hausregeln für besuchswillige Väter sowie die Umsetzung der Regeln durch Fachkräfte als Hürden für die Männer? Mit ihrer Untersuchung legt die Autorin Spannungsfelder offen und zeigt einen Reformbedarf des Einrichtungstypus sowie intensiver Hilfen für Familien nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz auf.