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2. Soziologische Beobachtung der organisierten Krankenbehandlung – Beschreibung der angewandten Methoden sowie der zugrunde gelegten Systemtheorie als Reflexionstheorie in:

Ismail Özlü

Organisation und Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung , page 35 - 74

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3939-7, ISBN online: 978-3-8288-6834-2, https://doi.org/10.5771/9783828868342-35

Tectum, Baden-Baden
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35 2. Soziologische Beobachtung der organisierten Krankenbehandlung – Beschreibung der angewandten Methoden sowie der zugrunde gelegten Systemtheorie als Reflexionstheorie Im ersten Kapitel wurde bereits erwähnt, dass es sich bei der zur Grunde gelegten Reflexionstheorie zur Analyse der organisierten Krankenbehandlung um die funktional-strukturelle Systemtheorie nach Luhmann handelt. Die angewandte Methode zur Untersuchung von Organisations- und Interaktionssystemen in der organisierten Krankenbehandlung wird die funktionale Analyse sein. 2.1 Funktionale Analyse Bei der Funktionalen Analyse handelt es sich um eine Theorietechnik103, bei der es sich im Prinzip um eine Form der wissenschaftlichen Systembeobachtung handelt. Es handelt sich also um eine Methode, die das In-Beziehung-Setzen der funktionalen Elemente der unterschiedlichen Systeme104 innerhalb der organisierten Krankenbehandlung ermöglichen soll.105 Die Systemleistung, die zur Erhaltung der selbstreferenziellen Prozesse beiträgt, hat eine Funktion: „Eine Funktion wird also als eine besondere Art von Wirkung charakterisiert.“106 Unterschiedliche funktionale Alternativen mit einer gleichen Wirkung werden als funktionale Äquivalenzen bezeichnet. „Die Funktion ist keine zu bewirkende Wirkung, sondern ein regulatives Sinnschema, das einen Vergleichsbereich äquivalenter Leistungen organisiert. Sie bezeichnet einen speziellen Standpunkt, von dem aus verschiedene Möglichkeiten in einem einheitlichen Aspekt erfaßt werden können. In diesem Blickwinkel 103 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 83: „Funktionale Analyse ist mithin eine Art Theorietechnik, ähnlich wie die Mathematik, (…).“ 104 Vgl. Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. In: Soziologische Aufklärung. Band 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. 8. Auflage. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 9–30. S. 9. 105 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 407. vgl. ebenso Luhmann, Niklas: Funktionale Methode und Systemtheorie. In: Soziologische Aufklärung Band 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. 8. Auflage. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 31–53. S. 38. 106 Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. A.a.O. S. 10. 36 erscheinen die einzelnen Leistungen dann als gleichwertig, gegeneinander austauschbar, fungibel, während sie als konkrete Vorgänge unvergleichbar verschieden sind.“107 Hierbei bieten sich Kausalbeziehungen als Anwendungsfälle funktionaler Ordnung an.108 Mit Hilfe der funktionalen Analyse ist es möglich, auf Systemvergleiche zurückzugreifen. Die sozialen Systeme bestehen aus (kommunikativen) Ereignissen, die als Lösung bestimmten Systemproblemen zugeschrieben werden können. „Der Systemvergleich hängt nicht von einer ‚Ähnlichkeit‘ der Systeme oder gar ihrer einzelnen Handlungen ab. Ähnlichkeit im Erfahrungsbereich gilt nicht, wie in der Ontologie, als Index der Seinsgleichheit. Das Interesse an einem Systemvergleich besteht gerade darin, Unähnliches als Äquivalent auszuweisen. Das setzt eine einheitliche funktionale Theorie und strenge Identität der Bezugsgesichtspunkte voraus. Außerdem muß festgestellt werden, welche Bezugsgesichtspunkte in den verglichenen Systemen überhaupt problematisch sind. Schon bei sekundären und allen weiter abgeleiteten Problemen kann man nicht ohne weiteres unterstellen, daß sie in jedem System auftreten; denn sie sind, (…) keine bestandskritischen Probleme, sondern hängen davon ab, daß auf der nächsthöheren Ebene bestimmte Lösungen gewählt sind.“109 Der Systemvergleich, den man mit Hilfe der funktionalen Analyse durchführen kann, ist für das Thema geeignet, weil die unterschiedlichen Systemreferenzen der Organisation und Interaktionssysteme innerhalb der organisierten Krankenbehandlung hinsichtlich ihrer äquivalenten Funktionen verglichen werden können. Der Vergleich hinsichtlich Äquivalenzen führt zu einem Verständnis über die Funktion und Prozessweise beider Systemformen. „Die funktionale Analyse benutzt Relationierungen mit dem Ziel, Vorhandenes als kontingent und Verschiedenartiges als vergleichbar zu erfassen.“110 Die beobachteten Systemoperationen werden als funktionale Problemlösungen für systeminterne Problemgesichtspunkte angesehen, die kontingent und funktional austauschbar gegen andere (äquivalente) funktionale Lösungen sind. Mit der funktionalen Methode wird die Beziehung zwischen Problem und Lösungsmöglichkeit fokussiert:111 „Die eigentliche Theorieleistung, die den Einsatz funktionaler Analysen vorbereitet, liegt demnach in der Problemkonstruktion. Daraus ergibt sich der Zusammenhang von funktionaler Analyse und Systemtheorie. Die klassische Version dieses Zusammenhanges hatte das Letztproblem als Problem des Bestandes oder der Stabilität des Systems aufgefaßt. Das ist nicht unrichtig, aber unzureichend. Die im Vorstehenden genannten Themen der System/Umwelt-Differenz, der Komplexität, der Selbstreferenz und der zeitlichen Kombination von Irreversibilität und Reversibilität 107 Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. A.a.O. S. 14. 108 Vgl. Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. A.a.O. S. 16. 109 Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. A.a.O. S. 25. 110 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 83. 111 Vgl. Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. J.B. Metzler Verlag. Stuttgart, 2012. S. 83. 37 (Prozeß und Struktur) können unter methodischen Gesichtspunkten als Artikulation des Bestandproblems aufgefaßt werden - als Artikulation mit dem Ziel, bessere und vor allem komplexere Möglichkeiten der Analyse und des Vergleichs zu erschließen. Vor allem ist jedoch die Wende zu beachten, die mit dem Konzept des selbstreferentiellen, autopoietischen Systems durchgeführt ist: Es geht nicht mehr um eine Einheit mit bestimmten Eigenschaften, über deren Bestand oder Nichtbestand eine Gesamtentscheidung fällt; sondern es geht um Fortsetzung oder Abbrechen der Reproduktion von Elementen durch ein relationales Arrangieren eben dieser Elemente. Erhaltung ist hier Erhaltung der Geschlossenheit und der Unaufhörlichkeit der Reproduktion von Elementen, die im Entstehen schon wieder verschwinden.“112 Die Erhaltung bezieht sich hierbei auf die autopoietisch angetriebene Funktion zum Systemerhalt. Das bedeutet, dass sowohl das Bestandsproblem des Systems als auch die Lösung als kontingent anzusehen ist. „Die funktionale Analyse Luhmanns lässt sich formal so darstellen: Wenn y= f(x), also wenn y eine Funktion von x ist, dann ist nicht nur y, sondern auch x kontingent zu setzen (…)“.113 Die Erkenntnisleistung der funktionalen Analyse liegt in der Identifizierung von Kontingenzbewältigung und Formen der Unsicherheitsabsorption. Die Identifizierung ist hier sowohl im Sinne von Funktionsbestimmungen als auch im Sinne des Vergleichs „von Verschiedenartigen unter dem Gesichtspunkt der relativen Gleichheit einer Funktionserfüllung“114 zu verstehen. „Der Bezugsgesichtspunkt erschließt sich aus der Problemdefinition und gibt dann den fixen Angelpunkt für den Problem- wie den Lösungsbereich ab. Diese theoretisch angeleitete Problemkonstruktion ist die eigentliche Leistung der empirischen Beobachtung.“115 Dieses Verständnis von funktionaler Analyse macht es möglich, dass Momente für die strukturelle Kopplung beider Systemrationalitäten identifiziert werden können. Alle funktionalistischen Analysen richten sich auf die Funktion der Stabilisierung von Unsicherheiten und Problemlagen, die von den Systemumwelten ausgehen und in der Regel durch soziale Systeme bearbeitet werden (müssen), falls sie von ihnen (also den sozialen Systemen) als systemrelevant identifiziert werden. „Die funktionalistische Auslegung des Handelns macht deutlich, daß Handlungen in einem Netz anderer Möglichkeiten immer stabilisierungsbedürftig sind. Diese Stabilisierung kann jedoch nicht in Form invarianter Relationen zwischen bestimmten Ursachen und bestimmten Wirkungen erfolgen. Sie ist Sache gemeinsamer Erwar- 112 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 86. 113 Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. A.a.O. S. 84. 114 Stichweh, Rudolf: Theorie und Methode in der Systemtheorie. In: John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana (Hrsg.): Die Methodologien des Systems. Wie kommt man zum Fall und wie dahinter? VS Verlag. Wiesbaden, 2010. S. 15–28. S. 25. 115 John, René: Funktionale Analyse. In: John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana (Hrsg.): Die Methodologien des Systems. Wie kommt man zum Fall und wie dahinter? VS Verlag. Wiesbaden, 2010. S. 29–54, S. 50. 38 tungen.“116 In Bezug auf den Systemvergleich zwischen Organisationssystem und Interaktionssystem ist es bedeutsam zu klären, welchen unterschiedlichen Unsicherheitslagen der Umwelt das jeweilige System ausgesetzt ist. In einem weiteren Schritt kann untersucht werden, wie die Prozesse im Rahmen der Unsicherheitsabsorptionen im Organisationssystem und auf der Ebene der Interaktionssysteme erfolgen. Dabei können die Gesichtspunkte der gemeinsamen Erwartungsstabilisierungen im Rahmen der Unsicherheitsabsorption die strukturellen Kopplungen beider Systemreferenzen ermöglichen. Vor dem Hintergrund des unendlichen Möglichkeitsraumes der doppelten Kontingenz, „die durch die funktionalistische Interpretation aufgerissen wird, tritt die Funktion gemeinsamer Erwartungen, insbesondere Verhaltenserwartungen, Rollen und Institutionen, scharf hervor: Sie liegt in der Reduktion unendlicher Möglichkeiten auf feste Strukturen, auf eine vorgezeichnete Typik des Verhaltens, auf relativ konstante Orientierungen. Solche relativ stabilen Orientierungssysteme entwickeln sich gerade in bezug (sic) auf eine unstabile Umwelt. Auch dieser Einsicht steht eine ontologische These im Wege: daß beständige Eigenschaften nur aus beständigen Zuständen und Bedingungen entstehen können. Nicht durch Aufstellung und Verifikation von Hypothesen über soziale Gesetze kann die Sozialwissenschaft das Problem der Stabilität im sozialen Leben lösen, sondern nur dadurch, daß sie es als Problem zum zentralen Bezugsgesichtspunkt ihrer Analysen macht und von da her nach den verschiedenen funktional-äquivalenten Möglichkeiten der Stabilisierung von Verhaltenserwartungen forscht. Darin liegt nicht nur eine Bestandsvoraussetzung oder ein Systemproblem unter anderen, sondern vermutlich die Kernfrage, die an jede Sozialordnung zu stellen ist. Erst durch Stabilisierung eines annähernd konsistenten und konsensfähigen Erwartungszusammenhanges bilden sich identifizierbare soziale Aktionssysteme, die gegenüber einer Umwelt relativ invariant sind. Deren Einzelanalyse hegt dann schon auf einer sekundären Ebene der funktionalistischen Problemstufenordnung.“117 Die Funktionsbestimmung wird als Vergleichsdirektive eingesetzt, um Vergleiche durchzuführen, damit die kommunikative Funktionsabwicklung von Organisation und Interaktionssystem analysiert werden kann.118 „Zum anderen versetzt die funktionale Analyse Bekanntes und Vertrautes, also »manifeste« Funktionen (Zwecke) und Strukturen in den Kontext anderer Möglichkeiten.“119 Die Funktionen können dadurch dem Vergleich ausgesetzt werden, und die unterschiedlichen Funktionen von Organisation und Interaktionssystem innerhalb der organisierten Krankenbehandlung sind unter der Anwendung des systemtheoretischen Begriffsapparats als kontingent beobachtbar. Die funktionale Analyse ermöglicht es, trotz heterogener Funktionsweisen der unterschiedlichen Systemreferenzen 116 Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. A.a.O. S. 27. 117 Luhmann, Niklas: Funktion und Kausalität. A.a.O . S. 27. 118 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 87. 119 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 89. 39 in den verschieden beobachtbaren Phänomenen der organsierten Krankenbehandlung Zusammenhänge darzustellen.120 „Entsprechend beziehen sich der Funktionsbegriff und die funktionale Analyse nicht auf »das System« (etwa im Sinne einer Erhaltungsmasse, einer zu bewirkenden Wirkung), sondern auf das Verhältnis von System und Umwelt. Der Letztbezug aller funktionalen Analysen liegt in der Differenz von System und Umwelt. Eben deshalb können Systeme, die ihre Operationen auf diese Differenz beziehen, sich an funktionalen Äquivalenzen orientieren: sei es, daß sie unter dem Gesichtspunkt eines eigenen Bedarfs eine Mehrheit von Umweltlagen als funktional äquivalent behandeln; sei es, daß sie interne Substitutionsmöglichkeiten bereithalten, um auf bestimmte Umweltprobleme mit hinreichender Sicherheit reagieren zu können. Die Äquivalenzen des Funktionalismus sind mithin das operative Gegenstück zum Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und System. Eine entsprechende Realitätswahrnehmung wäre ohne dies Komplexitätsgefälle weder sinnvoll noch möglich.“121 Die Funktion auf die alle Prozesse der Organisation und die des Interaktionssystems innerhalb der organisierten Krankenbehandlung ausgerichtet sind, ist der Moment der Unsicherheitsabsorption122. Im Rahmen des funktionalen Vergleichs von Organisationssystem und Interaktionssystem dient das gemeinsame Bezugsproblem in Form der Unsicherheitsabsorption, die durch das jeweilige Sozialsystem erfolgt. Das System schreibt seiner Umwelt zu, die Quelle der Unsicherheitsgenerierung zu sein. Die Unsicherheit tritt im System als Information auf. Das System produziert diese Information über die Unsicherheit im Zusammenhang mit der Beobachtung seiner Umwelt selbst. „Bezieht man den Begriff der Unsicherheit auf die Differenz von Wissen und Nichtwissen (und damit: auf die Form des Wissens), ist damit zugleich klargestellt, dass Unsicherheit nicht, wie im alltäglichen Sprachgebrauch, als ein dysfunktionaler Zustand zu begreifen sei, der nach Möglichkeit zu beheben sei. Im Gegenteil: fortbestehende und immer wieder neu generierte Unsicherheit ist die wichtigste Ressource der Autopoiesis des Systems.“123 Die Methode der funktionalen Analyse wird in dieser Arbeit auf die Problemgesichtspunkte von Organisation und Interaktionssystem angewendet. Diese Form der Analyse dient dazu, die Prozessweise zur Unsicherheitsabsorptionen im Rahmen der organisierten Krankenbehandlung zu beschrei- 120 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 92. 121 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 242. 122 Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. Westdeutscher Verlag. Opladen/Wiesbaden, 2000. S. 183ff. und vgl. ebenso In. Luhmann, Niklas: Paradoxie des Entscheidens, 1993. In: Verwaltungs Archiv. Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht, Verwaltungspolitik. 84. Band – Heft 3 –, 01.07.1993. S. 308. 123 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. Westdeutscher Verlag. Opladen/ Wiesbaden, 2000. S. 186. 40 ben und Verhaltenserwartungen spezifisch zu abstrahieren.124 „Die funktionale Analyse in ihrer kontingenztheoretischen oder operativen Form ist eine konstruktivistische Methodologie, mit der über die empirischen Beiträge zur problemkonstituierenden Theorie wie über die Leistung der Theorie für die Problembeobachtung reflektiert werden kann, mit der die methodischen Beobachtungstechniken gegen- über der Theorie begründet in Relation gebracht werden.“125 Die Stärke der funktionalen Analyse im Zusammenhang mit der funktional-strukturellen Systemtheorie als Reflexionstheorie in der Anwendung auf die organisierte Krankenbehandlung liegt darin, dass sie nicht allein auf der Organisationsebene, oder rein auf der Interaktionsebene eine Analyse ermöglicht. Diese Reflexionstheorie in der Form der Allgemeinen Theorie sozialer Systeme bietet die Möglichkeit beide Systemreferenzen (Organisation und Interaktionssystem) vergleichend zu analysieren. In dieser Arbeit wird zudem der Personenbegriff als Adresse kommunikativer Zuschreibungen im Zuge der funktionalen Analyse thematisiert. Der Personenbegriff spielt hinsichtlich der Funktion der Unsicherheitsabsorption innerhalb der organisierten Krankenbehandlung ebenfalls eine Rolle, die im Rahmen der Untersuchung thematisiert wird. Im Zusammenhang mit dem Personenbegriff und dem Medium der Sprache wird das psychische System strukturell an die sozialen Systeme gekoppelt. Die Versorgung von Patienten in der organisierten Krankenbehandlung beinhaltet Beziehungsarbeit zwischen Ärzten, Pflegenden und Patienten. Es wird in der Untersuchung aufgezeigt, dass die Beziehungsarbeit in der organisierten Krankenbehandlung ebenfalls eine Auseinandersetzung im Sinne der Gefühlsarbeit in diesem Rahmen notwendig macht. Wenn von Gefühlsarbeit, verstanden als zwischenmenschlich geprägten Kommunikationsprozess, die Rede ist, dann kann der Mensch nicht außer Acht gelassen werden. Laut Luhmann sei der Mensch ein hochkomplexes System, dass sich aus der Differenz der Großsysteme, wie zum Beispiel Nervensystem, Immunsystem und dem Bewusstseinssytem, laufend reproduziert.126 Für das behandelte Thema wird erstrangig das Bewusstseinssystem des Menschen eine Rolle spielen, denn das Bewusstseinssystem ist in der Lage über das Medium die Sprache an die Kommunikationsprozesse des sozialen Systems der organisierten Krankenbehandlung strukturell zu koppeln.127 In dieser Arbeit soll eine Erweiterung der sys- 124 Vgl. Luhmann, Niklas: Funktionale Methode und Systemtheorie. In: Soziologische Aufklärung. Band 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. 8. Auflage. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 31–53. S. 43. 125 John, René: Funktionale Analyse. In: John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana (Hrsg.): Die Methodologien des Systems. Wie kommt man zum Fall und wie dahinter? VS Verlag. Wiesbaden, 2010. S. 29–54. S. 51. 126 Vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 2002. S. 25–28. 127 An anderer Stelle beschreibt Luhmann: „Der Mensch – das ist die andere, unmarkierte Seite der Form Person.“ siehe hierzu: vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft. A.a.O. S. 28. Die Form der Person stellt die strukturelle Kopplung zwischen 41 temtheoretischen Beobachtungsweise um den Aspekt der unsicherheitsabsorbierenden Funktion bezogen auf die Systemreferenzen Organisation und Interaktion erarbeitet werden. Diese Form der Beobachtung, bezogen auf die Funktion der Unsicherheitsabsorption, soll es ermöglichen, die Systemreferenzen Organisation und Interaktion zu vergleichen, um eventuelle Unterschiede beziehungsweise Gemeinsamkeiten feststellen zu können, die das Verständnis über das Verhältnis von Organisation und Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung weiterführen könnten. Im Falle der hier angewandten funktionalen Analyse der organisierten Krankenbehandlung, wird die Einführung der Gefühle als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium und der Werte als Verbindungsmedium in der Kommunikation ein weiteres Kernstück dieser Arbeit darstellen. Für die systemtheoretische Reflexion der therapeutischen Prozesse im Krankenhaus werden sowohl die Elemente aus dem Theoriekonzept der psychischen Systeme, als auch der allgemeinen Theorie sozialer Systeme relevant sein, welches in der folgenden Untersuchung beschrieben werden wird. An dieser Stelle wird die Differenztheorie mit ihrer Unterscheidung von System und Umwelt bedeutend sein. psychischen System und sozialem System dar, wie in Kapitel 7. und 10.7. noch zu sehen sein wird. 42 2.2 System-Umwelt Differenz Luhmanns Theorie sozialer Systeme wird auch als Differenztheorie bezeichnet, weil sie unter anderem differenztheoretische Anteile beinhaltet.128 Die Systemtheorie beansprucht für sich, dass die Anwendung der analytischen Unterscheidung von System und Umwelt erkenntnisgewinnend über die Gesellschaft sein kann.129 Die Unterscheidung von System und Umwelt erzeugt eine Differenz:130 Jedes soziale System produziert seine je eigene Umwelt als Information. System und Umwelt können nicht getrennt voneinander gedacht werden, denn sie stellen eine Einheit in ihrer Differenz dar.131 Die Umwelt ist ein Negativkorrelat des Systems. Das bedeutet, dass die Umwelt selbst keine operationsfähige Einheit darstellt. In ihr können aber andere soziale Systeme vorkommen, die ebenfalls für das betrachtete System Umwelt sind. „Dies alles heißt jedoch nicht, daß die Umwelt ein nur eingebildetes Gegenüber, eine bloße Erscheinung sei. Man muß vielmehr »die Umwelt« von den Systemen in der Umwelt unterscheiden. Die Umwelt enthält eine Vielzahl von mehr oder weniger komplexen Systemen, die sich mit dem System, für das sie Umwelt sind, in Verbindung setzen können. Denn für die Systeme in der Umwelt des Systems ist das System selbst Teil ihrer Umwelt und insofern Gegenstand möglicher Operationen.“132 Die Umwelt ist im Vergleich zum dem System immer komplexer, wodurch sich, aufgrund der System-Umwelt Differenz, ein Komplexitätsgradient konstituiert. Das soziale System bewältigt die Komplexität, in dem es Selektionen von relevanten Informationen von nicht Relevantem vornimmt, also Komplexitätsreduktion vollzieht. Das System steigert die Komplexitätsverarbeitung durch Strukturausdifferenzierung, das bedeutet einerseits findet Steigerung der Sensibilität für Bestimmtes statt und andererseits gilt eine Insensibilität für alles Übrige, was keine relevante Information im System generieren lässt. Das System selektiert zwischen Relevantem und nicht Relevantem. Der Selektionsdruck resultiert aus der gegebenen Komplexi- 128 Die Systemtheorie beinhaltet Theorieanteile aus der Kommunikationstheorie, Evolutionstheorie, Differenztheorie, Beobachtertheorie, Interaktionstheorie und Organisationstheorie. vgl. Stichweh, Rudolf: Theorie und Methode in der Systemtheorie. In: John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana (Hrsg.): Die Methodologien des Systems. Wie kommt man zum Fall und wie dahinter? S. 14–27, S. 22. 129 Vgl. Siri, Jasmin: System/Umwelt. In: Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. J.B. Metzler Verlag. Stuttgart, 2012. S. 123–124, S. 123. 130 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1997. S. 66, S. 595. 131 Vgl. Saake, Irmhild: Systemtheorie als Differenzierungstheorie. In: Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et.al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. J.B. Metzler Verlag. Stuttgart, 2012. S. 41–47, S. 43. vgl. ders. In: Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1997. S. 595. 132 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 249. 43 tät und der Kontingenzerfahrung.133 Zur Steigerung der systeminternen Komplexitätsverarbeitung können sich Systeme ausdifferenzieren. Die Systemdifferenzierung unterscheidet sich zu der Umweltdifferenzierung. Bei der Systemdifferenzierung handelt es sich um eine „Wiederholung der Systembildung in Systemen in Richtung auf Steigerung und Normalisierung der Unwahrscheinlichkeit. Man kann Systemdifferenzierung daher auch als reflexive Systembildung bzw. als reflexive Steigerung der Ausdifferenzierung des Systems kennzeichnen.“134 Mit anderen Worten: Die Systemdifferenzierung generiert systeminterne Umwelten. Hierbei handelt es sich um ein sogenanntes re-entry. Der re-entry beschreibt das Phänomen, dass die Unterscheidung von System und Umwelt in das Unterschiedene, also in das System wieder eintritt. Es ist der Wiedereintritt der Differenz der Form in die bezeichnete, bzw. markierte Seite derselben.135 „Es ist wichtig, diesen Vorgang mit der nötigen Genauigkeit zu begreifen. Es geht nicht um eine Dekomposition eines »Ganzen« in »Teile«, und zwar weder im begrifflichen Sinne (divisio) noch im Sinne einer Realteilung (partitio). Das Schema Ganzes/Teil entstammt der alteuropäischen Tradition und würde, hier angewandt, den entscheidenden Punkt verfehlen. Systemdifferenzierung heißt gerade nicht, daß das Ganze in Teile zerlegt wird und, auf dieser Ebene gesehen, dann nur noch aus den Teilen und den »Beziehungen« zwischen den Teilen besteht. Vielmehr rekonstruiert jedes Teilsystem das umfassende System, dem es angehört und das es mitvollzieht, durch eine eigene (teilsystemspezifische) Differenz von System und Umwelt. Durch Systemdifferenzierung multipliziert sich gewissermaßen das System in sich selbst durch immer neue Unterscheidungen von Systemen und Umwelten im System.“136 Soziale Systeme unterscheiden zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz.137 Das System ist selbstreferenziell und generiert die Informationen im System selbst und nimmt seine Umwelt als Fremdreferenz wahr.138 „Der Begriff der Umwelt darf nicht als eine Art Restkategorie mißverstanden werden. Vielmehr ist das Umweltverhältnis konstitutiv für Systembildung. Es hat nicht nur »akzidentelle« Bedeutung, gemessen am »Wesen« des Systems. Auch ist die Umwelt nicht nur für die »Erhaltung« des Systems, für Nachschub von Energie und Information bedeutsam. Für die Theorie selbstreferentieller Systeme ist die Umwelt vielmehr Voraussetzung der Identität des Systems, weil Identität nur durch Differenz möglich ist. Für die Theo- 133 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 250f. 134 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 259. 135 Im Sinne von George Spencer Brown – der Wiedereintritt der Differenz der Unterscheidung in die Form. vgl. Lau, Felix: Die Form der Paradoxie Eine Einführung in die Mathematik und Philosophie der „Laws of Form“ von G. Spencer Brown. Carl-Auer Verlag. Heidelberg, 2008. S. 10 u. 11. 136 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1997. S. 597–598. 137 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 45 und S. 754. 138 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 60, 249, 293. 44 rie temporalisierter autopoietischer Systeme ist die Umwelt deshalb nötig, weil die Systemereignisse in jedem Moment aufhören und weitere Ereignisse nur mit Hilfe der Differenz von System und Umwelt produziert werden können. Der Ausgangspunkt aller daran anschließenden systemtheoretischen Forschungen ist daher nicht eine Identität, sondern eine Differenz.“139 Das ist ein wesentlicher Punkt, der sich auch schon zuvor bei der Thematisierung der funktionalen Analyse herausgestellt hat. Die Feststellung von Differenzen zwischen sozialen Systemen und ihren Umwelten führt zum Erkenntnisgewinn über die Problempunkte und der sozialen Ordnung. Des Weiteren gilt für Systeme, die unter Bezug auf Sinn operieren, dass sie zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden müssen; „und dies in einer Weise, bei der mit der Aktualisierung von Selbstreferenz immer auch Fremdreferenz und mit der Aktualisierung von Fremdreferenz immer auch Selbstreferenz als die jeweils andere Seite der Unterscheidung mitgegeben ist. Alle Formenbildung im Medium Sinn muß deshalb systemrelativ erfolgen, gleichgültig ob der Akzent im Moment auf Selbstreferenz oder auf Fremdreferenz liegt. Erst diese Unterscheidung ermöglicht Prozesse, die man üblicherweise als Lernen, als Systementwicklung, als evolutionären Aufbau von Komplexität bezeichnet.“140 An dieser Stelle ist ein weiterer Schlüsselbegriff in Form von Sinn aufgetaucht, der im Folgenden im Zusammenhang mit dem Kommunikationsbegriff dargestellt wird. Die Operationsform von sozialen Systemen erfolgt in Form von Kommunikation, die immer sinngerichtet ist. Die Kommunikation erfolgt in einem Dreischritt: Information, Mitteilung und Verstehen. Diese Triade der Kommunikation wird auch als Sinneinheit bezeichnet.141 Luhmann stellt zum Sinnbegriff drei Sinndimensionen auf: Die soziale, die sachliche und die zeitliche Sinndimension.142 Die Kommunikation findet immer in Bezug auf eine oder mehrere dieser drei Sinndimensionen statt. Die Unterscheidung in Bezug auf Sinn erfolgt in Form von Aktualität und Möglichkeit. Jede Aktualisierung von Sinn im System, die über die Produktion von neuer Information (Aktualität) erfolgt, führt zu weiteren anschließbaren Möglichkeiten.143 In der sozialen Sinndimension kann man Unterscheidungen mit Hilfe des Schematismus ego/alter treffen. „Die Sozialdimension betrifft das, was man jeweils als seinesgleichen, als »alter Ego« annimmt, und artikuliert die Relevanz dieser Annahme für jede Welterfahrung und Sinnfixierung. Auch die Sozialdimension hat weltuniversale Relevanz; denn wenn es überhaupt ein alter Ego gibt, ist es, so wie das Ego auch, für alle Gegenstände und für alle Themen relevant.“144 139 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 242–243. 140 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 51. 141 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 330, vgl. auch in ders. S. 203 142 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 112–122. 143 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 100. 144 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 119. 45 In der sachlichen Sinndimension erfolgt die Unterscheidung mit Hilfe von internal/external. Das bedeutet, dass über den Schematismus innen/außen die Unterscheidung getroffen werden kann, ob zum Beispiel ein Kommunikationsbeitrag passend zum Thema ist (internal oder innen), oder im Falle von (external bzw. außen) der Beitrag nicht zum Thema passt. „Insofern ermöglicht die Sachdimension Anschlußoperationen, die zu entscheiden haben, ob sie noch bei demselben verweilen oder zu anderem übergehen wollen. »Innen« und »Außen« werden als gebündelte Verweisungen in der Form von Horizonten zusammengefaßt.“145 Die Zeitdimension ermöglicht es zwischen vorher und nachher zu unterscheiden.146 In der Sinndimension Zeit sind Unterscheidungen durch den Schematismus konstant/variabel möglich. „Letztlich geht es hierbei um ein Zeitschema, nämlich darum, ob die aktuelle Gegenwart Veränderung zuläßt und damit eine temporale Integration mit andersartigen Vergangenheiten bzw. Zukünften erforderlich macht, oder ob durchgehende Konstanz zu unterstellen ist.“147 Zwischen sozialen Systemen und ihren Umwelten besteht ein Komplexitätsgefälle.148 „Die Differenz von Umwelt und System stabilisiert, mit anderen Worten, ein Komplexitätsgefälle. Deshalb ist die Beziehung von Umwelt und System notwendig asymmetrisch. Das Gefälle geht in eine Richtung, es läßt sich nicht revertieren. Jedes System hat sich gegen die überwältigende Komplexität seiner Umwelt zu behaupten, und jeder Erfolg dieser Art, jeder Bestand, jede Reproduktion macht die Umwelt aller anderen Systeme komplexer. Gegeben eine Vielheit von Systemen ist mithin jeder Evolutionserfolg eine Vergrößerung der Komplexitätsdifferenz für andere Systeme im Verhältnis zu ihrer Umwelt und wirkt so selektiv auf das, was dann noch möglich ist. Als Differenz genommen und an der Differenz von Umwelt und System festgemacht, hat das Komplexitätsgefälle selbst eine wichtige Funktion. Es erzwingt unterschiedliche Formen der Behandlung und Reduktion von Komplexität je nachdem, ob es sich um die Komplexität der Umwelt oder um die Komplexität des Systems handelt.“149 145 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1984. S. 114. 146 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 116. 147 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. In: Soziologische Aufklärung Band 3. Soziales System, Gesellschaft und Organisation. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1981. S. 81–100, S. 83. 148 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 242. 149 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 250. 46 Ein weiteres Kriterium in der Differenztheorie von System und Umwelt ist die operative Geschlossenheit von sozialen Systemen. Soziale Systeme sind ihrer Umwelt gegenüber zwar wahrnehmungsoffen beziehungsweise kognitiv offen150, aber aufgrund ihrer Selbstreferenzialität sind sie in ihrer Operationsweise (die in Form von Kommunikation abläuft) geschlossen.151 Die kognitive Offenheit beschreibt die Fähigkeit des Systems, seine Umwelt wahrzunehmen beziehungsweise zu beobachten. Während das System die Umwelt beobachtet, ist die Kognition für das soziale System, unter Berücksichtigung von Selbstreferenz und Fremdreferenz, konstitutiv. Die Bedingung für Kognition ist die operative Schließung des Systems.152 Die operative Geschlossenheit steht im engen Zusammenhang mit dem Konzept der Autopoiesis. Soziale Systeme werden als autopoietische Systeme bezeichnet, weil sie die Kommunikationselemente aus denen sie bestehen selber produzieren. Sie produzieren Kommunikation, indem sie an vorhergehende Kommunikation anschlie- ßen. „Alles, was solche Systeme als Einheit verwenden: ihre Elemente, ihre Prozesse, ihre Strukturen und sich selbst, wird durch eben solche Einheiten im System erst bestimmt. Oder anders gesagt: es gibt weder Input von Einheit in das System, noch Output von Einheit aus dem System.“153 Das autopoietische Konzept beschreibt die Umsetzung der Grenzziehung des Systems zu seiner Umwelt, weil es auf kein Input von außen angewiesen ist, sondern es sich selbst (re-)produziert. Das bedeutet aber nicht, dass soziale Systeme auf anderer Ebene keine wahrnehmungsoffene und fremdreferenzielle Beziehung zur Umwelt haben. Nur so ist die Systemkonstituierung und Grenzbildung zur Umwelt möglich.154 „Autopoiesis besagt nicht, dass die Einheit eines Systems in Form einer bestimmten Gestalt produziert wird. Vielmehr handelt es sich um die Fähigkeit, durch ständige interne Reproduktion von Operationen eine Abgrenzung zur Umwelt aufrechtzuerhalten und sich von ihr zu unterscheiden. Nur solange diese systeminterne Abgrenzung gelingt, existiert das System als Einheit weiter.“155 150 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 123–124. 151 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 63. 152 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 127. 153 Luhmann, Niklas: Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: Soziologische Aufklärung, Band 6. 8. Auflage. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 55–112, S. 56. 154 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 558. 155 Klymenko, Irina: Autopoiesis. In: Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. J.B. Metzler Verlag. Stuttgart, 2012. S. 69–71, S. 70. 47 Über die Theorie der System-Umwelt Differenz ist die Relationierung von sozialem System und psychischen System möglich.156 „Allgemein lässt sich dies formtheoretisch so formulieren, dass in diesen Systemen die Differenzierung von System und Umwelt spezifische operative Anschlüsse und Ausgestaltungen findet. Wie in allen selbstreferenzfähigen sozialen Systemen, besteht auch in diesen Systemen die Möglichkeit, systemintern die Differenz zu ihrer Umwelt über ein Reentry dieser System/Umwelt- Differenz zu beobachten. Das Spezifische für die genannten Systemtypen findet sich nun darin, dass dieses Reentry der System/Umwelt-Differenz als Basis für Anschlussoperationen genutzt wird, in denen es auf zweierlei Ebenen zu einem Wechsel (crossing) auf die andere Seite dieser (systemintern beobachteten) Differenz zum Psychischem kommt. Die eine Möglichkeit des Anschlusses an die systemintern beobachtete Differenz zwischen sozialem und psychischem System besteht darin, auf die Seite der Beobachtung des psychischen Systems zu wechseln und dort – operativ immer noch im sozialen System – die Effekte zu beobachten, die sich aus den kommunikativen Operationen des sozialen Systems und der strukturellen Kopplung für das psychische System ergeben.“157 Das bedeutet nicht, dass das System (sei es soziales oder psychisches System) in seiner Umwelt operieren kann, denn die operative Schließung ist hiervon nicht tangiert. Das System konstituiert sich als Differenz zu seiner Umwelt. Das Re-entry des psychischen Systems als Umwelt des sozialen Systems in das soziale System führt vielmehr zu einer Relationierung von psychischem und sozialem System. Dies ermöglicht die Effekte und Wechselwirkungen zwischen beiden Systemen, die aber nicht als Systemoperationen zu verstehen sind.158 Die präkommunikative Sozialität in Interaktionssystemen sowie die Bewusstseinsprozesse des psychischen Systems in Form von Kognition, Erfahrung sowie seine Gefühlswelt, die nicht in erster Linie auf sprachlicher Operation basieren, sondern auf reflexive Wahrnehmung im Interaktionssystem159, werden im Bereich der organisierten Krankenbehandlung von besonderem Interesse sein und den Schwerpunkt dieser Untersuchung darstellen. Das psychische System ist als Umwelt sozialer Systeme in der organisierten Krankenbehandlung ein notwendiger Aspekt, der mit Hilfe des Personenbegriffes indirekt [per Re-entry] im Zuge der Theorie sozialer Systeme thematisiert werden kann. Im Rahmen der Analyse wird eine Diskussion erfolgen, inwiefern Gefühle und Werte eine kommunikative Funktion in der organisierten Krankenbehandlung innehaben können. Für manch einen passionierten Systemtheoretiker mag diese 156 Vgl. Urban, Michael: Form, System und Psyche. Zur Funktion von psychischem System und struktureller Kopplung in der Systemtheorie. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 232f. 157 Urban, Michael: Form, System und Psyche. A.a.O. S. 232–233. 158 Vgl. Urban, Michael: Form, System und Psyche. A.a.O. S. 233. 159 Vgl. hierzu die Präkommunikative Sozialität von Interaktionssystemen im Sinne von Kieserling, André In: Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden: Studien über Interaktionssysteme. Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1999. S. 118. 48 Vorgehensweise hinsichtlich der theoriearchitektonischen Struktur der Systemtheorie kritisierbar sein. Aus der Sicht des Gegenstandsbereiches ist eine Elaboration und Weiterführung der differenzialtheoretischen Systemtheorie unter Berücksichtigung der Gefühlsarbeit und Werteorientierung im Rahmen der organisierten Krankenbehandlung zu rechtfertigen. Angesichts der operativen Schließung von psychischen und sozialen Systemen sowie unter Berücksichtigung der Unterschiede in ihren autopoietischen Operationsweisen, sind die Theorieelemente zum psychischen System160 und den sozialen Systemen161 (Organisation und Interaktion) unabhängig voneinander zu betrachten. Dennoch ist für die Auseinandersetzung mit der organisierten Krankenbehandlung im zweiten Schritt eine theorietechnische „Konkatenation“162 notwendig, um die Erfahrungswelt des psychischen Systems sowie das Medium der Gefühle und der Form der Person mit den sozialen Systemen der organisierten Krankenbehandlung in Zusammenhang zu bringen. Diese supplementäre theoretische Konstruktion wird für die Untersuchung der zwischenmenschlichen Arbeit in der organisierten Krankenbehandlung angewendet. Die strukturelle Kopplung psychischer Systeme mit sozialen Systemen ist über den Begriff der Person als Form denkbar. Anders ausgedrückt ist die Differenz der System/Umwelt Unterscheidung analog auf das soziale System/psychische System bezogen – im Sinne von Georgen Spencer Brown – als Re-entry beschreibbar. Der Re-entry beinhaltet die Wiedereinführung der Differenz von psychischem und sozialem System in die bezeichnete Seite der Form, also den (Wieder-)Eintritt dieser Differenz psychisches System/soziales System in das soziale System. Die System-Umwelt Differenzierung ermöglicht es, als Voraussetzung für soziale Systeme, dass die Systeme sich reflektieren können und sich als ein soziales System in Differenz zu ihrer Umwelt beobachten.163 „Der Identitätsbegriff bezeichnet in Anwendung auf Systeme die Klasse derjenigen funktional äquivalenten Leistungen, die diese spezifische Funktion [der Reflexion] erfüllen.“164 Identität ist neben ihrer Funktion zur Gefahrabwendung für das soziale System, ebenfalls eine „Technik des Abstandhaltens, sie ermöglicht überhaupt erst die Konstitution einer Differenz von System und Umwelt im Sinne von relativ unabhängiger Variabilität. Nur wenn ein System für Umweltsachverhalte, die es als Identitäten behandeln will, mehrere verschiedenartige Perspektiven (Ideen, Zeichen, neuronale Zustände oder sonstige 160 Vgl. hierzu Kapitel VII und den Begriff der Person als Form 161 Siehe hierzu zum Organisationssystem das Kapitel V sowie VI und zum Interaktionssystem das Kapitel VIII sowie IX. 162 Im Sinne einer theoretischen Verknüpfung und Reformulierung von Theorieteilen. 163 Vgl. Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Band 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. Westdeutscher Verlag. Opaden, 1981. S. 198–227, S. 205. und vgl. auch Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 26. 164 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O, S. 203. 49 Entsprechungsinterna) zur Verfügung hat, kann es eigene Prozeß-Sequenzen relativ unabhängig von der Umwelt ordnen. Nur so kann es die Abfolge eigener Erkundungs- oder Einflußmaßnahmen temporal auf sich selbst beziehen und zugleich davon ausgehen, daß dem Nacheinander im System eine Simultaneität in der Umwelt entspricht. Nur so kann das System kontrollieren, ob eine Veränderung in den Beziehungen zwischen System und Umwelt auf eine Änderung des eigenen Zustandes oder auf eine Änderung in der Umwelt zurückgeht. Nur so kann das System eigene Zeit, eigene Operationszeit gewinnen und sich von Punkt-für-Punkt Übereinstimmungen mit der Umwelt relativ unabhängig machen.“165 Wie bereits beschrieben, ist Luhmanns Systemtheorie funktional ausgerichtet und versucht Differenzen zu beobachten. Das Konzept der System-Umwelt Differenz ist durch das Selbstreferenz/Fremdreferenz Konzept möglich. So sind seitens des Systems Bedingungen beobachtbar, „unter denen Zufallsanstöße für Systemaufbau nutzbar gemacht werden können. Zu diesen Bedingungen gehört die Technik der Identifikation. Sie setzt voraus, daß das System komplex genug ist, um ein ‚matching‘ eigener Zustände mit Umweltzuständen Punkt für Punkt vermeiden zu können, und deshalb in der Lage ist, viele eigene Zustände als Entsprechung eines Umwelt-Items gelten zu lassen. Dieses wird also durch Auswahl aus systemeigenen Zuständen identifiziert. Dabei kann das System, weil es die Kontrolle über die Identitätsbestimmung besitzt, die Realität der Umwelt dem Zufall überlassen, soweit es nicht durch spezifische Eingriffe die Umwelt im Systeminteresse ändert. Für selbstreferentiell organisierte Systeme ist es unerläßlich, in ihrer Umwelt Identitäten zu finden – in wie grober oder wie feiner Zusammenfassung auch immer. An Identitäten differenzieren sich eigene Reaktionen des Systems in Bezug auf seine Umwelt.“166 165 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 199–200. 166 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 198–227, S. 200. 50 2.2.1 (System-)Identität Zuvor wird sich dem Identitätsbegriff mit Hilfe von Heidegger angenähert. Heidegger geht der Fragestellung nach der Einheit von Identität nach und stellt fest, dass Identität und Differenz zusammengehören und die Einheit von Identität darstellen. Anders gesagt: Die Einheit ist die Differenz von Identität und Differenz.167 „Wie wäre es, wenn wir, statt unentwegt nur eine Zusammenordnung beider vorzustellen, um ihre Einheit herzustellen, einmal darauf achteten, ob und wie in diesem Zusammen vor allem ein Zu-einander-Gehören im Spiel ist?“168 Die Identität hat sehr viel mit dem Ereignis zu tun.169 Die Identität wird im Kommunikationsprozess in jeder neuen sozialen Situation aktualisiert und auf ein Neues über Selektionsleistungen zur Identität kondensiert. Mit Heideggers Worten wohnt das Wesen der Identität im Ereignis.170 Günther beschreibt den Identitätsbegriff in der Kontextur seiner mehrwertigen Logik wie folgt: „Die Identität des Positiven mit sich selbst erscheint also zuerst im dreiwertigen System, in dem das Denken von der Achse der Positivsprache zur Achsenrichtung der Negativsprache überwandert, auf zweierlei Weise deutbar. Einmal als Identität des Objekts mit sich selbst und dann als Identität der Subjektivität mit sich selbst. Die Einführung der zweiten Negation – die zugleich die erste trans-klassische ist – schränkt also den universellen Gültigkeitsbereich des klassischen Identitätsdenkens ein, weil das fraglose Mit-sich-selbst-identisch-sein eines jeden beliebigen Weltdatums sich jetzt in eine Polarität von Identität und Gegenidentität auflöst.“171 Ausgehend von der metaphysischen Lehre wird die Identität als ein Element des Seins beschrieben. Das „Sein gehört mit dem Denken in eine Identität, deren Wesen aus jenem Zusammengehörenlassen stammt, das wir das Ereignis nennen. Das Wesen der Identität ist ein Eigentum des Ereignisses. (…) Halten wir die erste Einsicht, dass das Wesen der Identität von Sein und Denken ein Eigentum des Er-eignisses ist, mit der andern zusammen, dass das Allerfrüheste das Späteste überholt, so erscheint uns daraus sich die Einsicht zu ergeben, dass die absolute Geschichte nicht etwas ist, was sich innerhalb des Raums des Seins abspielt, sondern dass umgekehrt das Sein und sein räumliches Geschick eine Großepisode innerhalb der Historie des Absoluten ist.“172 Folgt man Günthers 167 Vgl. Heidegger, Martin: Identität und Differenz. Klett Verlag. Stuttgart, 1957. S. 10. 168 Heidegger, Martin: Identität und Differenz. Klett Verlag. Stuttgart, 1957. S. 18. 169 Vgl. Heidegger, Martin: Identität und Differenz. A.a.O. S. 26. 170 Vgl. Heidegger, Martin: Identität und Differenz. A.a.O. S. 26. 171 Günther, Gotthard: Identität, Gegenidentität und Negativsprache. In: Internationaler Hegelkongress, Belgrad, 1979. Veröffentlich in Hegelsjahrbücher 1979, S. 22–88, S. 42. 172 Günther, Gotthard: Martin Heidegger und die Weltgeschichte des Nichts. Erstpublikation in: U. Guzzolini, hrsg., „Nachdenken über Heidegger“, Hildesheim, 1980. Abgedruckt In: G. Günther, „Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik“, Band 3, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980. S. 260–296, S. 283. 51 metatheoretischen Ausführungen, dann kommt man zu dem Ergebnis, dass die Identität innerhalb der Zeitdimension ereignishaft aktualisiert wird. Auf der Ebene der Subjekttheorien führt Petzold folgende Gedanken zur Identität an und macht dabei auch weiterführende Anmerkungen zur Identität sozialer Systeme: „Identität bildet sich demnach in multiplen Beziehungen: dem aktionalen und narrativen Wechselspiel (…) des Menschen als Person in seiner Umwelt als raumzeitlicher Struktur [= Selbst, Ich, Identität, persönlichkeitstheoretisches Sprachspiel]. Identität formt sich weiterhin in ihrem ‚Feld‘ [feldtheoretisches Sprachspiel], sie gestaltet sich in Interaktionen des Menschen als ‚personalem System‘ mit seinen umliegenden fern- und nahräumigen sozio-ökologischen Systemen [systemtheoretisches Sprachspiel(…). Solche Systeme werden als ‚Identitätsmatrizen‘ verstanden. Welches Sprachspiel wir auch aufgreifen, es geht jeweils um Prozesse, in denen das Eigene im Kontakt mit dem Anderen durch das ‚Aushandeln von Grenzen‘, im Erkanntwerden und Sichselbst-Erkennen immer wieder herausgebildet wird. Dieser Prozess der Identitätsarbeit als persönliche und gemeinschaftliche Hermeneutik (…) in intersubjektiven, sozialen und kulturellen Konstellationen macht deutlich, dass es um eine ‚Identität im Wandel‘ von sich verändernden Chronotopoi, Kontext- und Kontinuumsverhältnissen – letztlich Weltverhältnissen – geht, um eine Identität, die Strukturmomente und Prozessmomente, Flexibilität und Stabilität emanzipatorisch verbindet und so dem Subjekt ermöglicht, im ‚Meer der Weltkomplexität‘ mit hinlänglicher Sicherheit zu navigieren, seinen Kurs zu bestimmen unter ko-kreativer Be- und Verarbeitung der, durch den Kontext gegebenen, Probleme, Ressourcen und Potentiale.“173 Die personale Identitätsbildung ist demnach abhängig von polykontexturalen Umweltbedingungen, inklusive den individuellen Ressourcen. Was bedeutet das nun für das soziale System? Hierzu führt Petzold an, dass: „… in allen Gesellschaften ‚kollektive Bewertungsmaßstäbe‘ für alle möglichen Formen gesellschaftlichen Lebens und für die individuellen Verhaltensweisen vorhanden sind, die dem Gemeinschaftsleben entfließen und es zugleich als seine ‚Kultur‘ konstituieren, findet sich im Identitätsthema immer und unausweichlich die schwierige Frage nach dem Verhältnis von individueller Personalität und kultureller Sozialität, weiterhin nach der ‚Unizität/Einzigartigkeit‘ der Person und ihrer aus dem sozialen Raum stammenden ‚Plurizität/Vielfalt‘ (…).“174 Man kann also sagen, dass „das Identitätskonzept die Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft markiert und auch zwischen der persönlichen und gemeinschaftlichen Kultur darstellt, wobei ersichtlich wird, dass die Identitätskonzeption 173 Petzold, Hilarion G: Transversale Identität und Identitätsarbeit. Die Integrative Identitätstheorie als Grundlage für eine entwicklungspsychologisch und sozialisationstheoretisch begründete Persönlichkeitstheorie und Psychotherapie – Perspektiven klinischer Sozialpsychologie. Erschienen In: Petzold, H.G.: Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven. Springer VS Verlag. Wiesbaden, 2012. S. 407– 603, S. 487–488. 174 Petzold, Hilarion G: Transversale Identität und Identitätsarbeit. A.a.O. S. 495. 52 nicht nur auf das ‚personale System‘ begrenzt werden sollte, sondern dass auch von der ‚Identität sozialer Systeme‘ gesprochen werden kann: von der Identität einer Gruppe, eines Betriebs, eines Volkes – von kultureller Identität. So findet sich im Identitätskonzept, ganz allgemein gesprochen, das Problem ‚der Einen und der Anderen‘: Das Wechselspiel der Identifizierungen und Identifikationen wird hier deutlich, das Spiel der selbstattributiven Definitionen von Identität und das der fremdattributiven – auf der individuellen wie auf der globalen Ebene.“175 Nach Petzold ist es notwendig, dass man solch ein integratives Identitäts-Konzept durch die Verschränkung von Individuum und Gesellschaft beobachtet und zusammen denkt. Dabei müssen die individuellen und kollektiven Dynamiken in Bezug auf die persönliche Entwicklung und im Zusammenhang mit der Sozialisation sowie Enkulturation mit einbezogen werden. Es sind also polykentexturale Perspektiven für die Untersuchung von Identität und Identitätsbildung notwendig.176 „Die Identitätsprozesse des Individuums und die Identitätsprozesse sozialer und kultureller Gruppen und Gemeinschaften sind deshalb auf der Mikro-, Meso- und Makroebene verwoben.“177 In Petzolds Theorie kommt zum Ausdruck, dass „in der Konnektivierung der Konzepte zur Person, verstanden als dynamisches System von ‚Selbst, Ich und Identität‘, und von sozialem Netz als Polyade konnektivierter Personen in ihrer sozialen Welt“178 vorkommen. Für die Krankenbehandlung bedeutet dies, dass die soziale Welt der organisierten Krankenbehandlung unter anderem durch kollektive Kognitionen geteilt wird. Ebenso von Emotionen und unentscheidbaren Entscheidungsprämissen als übergreifendes System.179 Nach Mead entwickeln sich Geist („Mind“) und Identität („Self“) durch gesellschaftliche Interaktionen. Identität ist somit nicht etwas Genuines, das bereits wesenhaft und ursprünglich vorhanden ist: „Identität entwickelt sich; sie ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heisst im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses.“180 „In der Form des verallgemeinerten Anderen beeinflußt der gesellschaftliche Prozeß das Verhalten der ihn abwickelnden Individuen, das heißt, die Gemeinschaft übt die Kontrolle über das Verhalten ihrer ein- 175 Petzold, Hilarion G: Transversale Identität und Identitätsarbeit. A.a.O. S. 495. 176 Vgl. Petzold, Hilarion G: Transversale Identität und Identitätsarbeit. A.a.O. S. 499–500. 177 Petzold, Hilarion G: Transversale Identität und Identitätsarbeit. A.a.O. S. 499–500. 178 Petzold, Hilarion G: Transversale Identität und Identitätsarbeit. A.a.O. S. 500. 179 vgl. Petzold, Hilarion G: Transversale Identität und Identitätsarbeit. A.a.O. S. 499–500. 180 Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1998. S. 177. 53 zelnen Mitglieder aus, denn in dieser Form tritt der gesellschaftliche Prozeß oder die Gemeinschaft als bestimmter Faktor in das Denken des Einzelnen ein.“181 Luhmann schreibt zum Begriff der Identität: „Am Anfang steht also nicht Identität, sondern Differenz. Nur das macht es möglich, Zufällen Informationswert zu geben und damit Ordnung aufzubauen; denn Information ist nichts anderes als ein Ereignis, das eine Verknüpfung von Differenzen bewirkt – a difference that makes a difference. Hier liegt der Grund dafür, daß wir auch die Dekomposition des Sinnes schlechthin nicht nur als Differenz, sondern als Dekomposition in Differenzen vorfinden – Wir werden diesen Befund durch den Begriff der Sinndimensionen bezeichnen und unterscheiden Sachdimension, Zeitdimension und Sozialdimension. Jede dieser Dimensionen gewinnt ihre Aktualität aus der Differenz zweier Horizonte, ist also ihrerseits eine Differenz, die gegen andere Differenzen differenziert wird. Jede Dimension ist ihrerseits wieder sinnuniversell gegeben, enthält also, formal gesehen, keine Einschränkung dessen, was in der Welt möglich ist. Man kann insofern auch von Weltdimensionen sprechen.“182 Luhmann geht der Frage nach, wie Identität produziert wird und stellt fest, dass es auf der grundlegenden Form von Sinnkonstitution erfolgt. Die Identifizierungen von Identität sind die Leistungen eines Beobachters, die durch die „Synthese von Eindrücken externer Herkunft [zustande kommen, und] (…) als solche eben deshalb nicht identifiziert werden können“183. Der Beobachter „bezeichnet schließlich im Kontext einer Theorie autopoietischer Systeme nur noch die Form, die das Kontinuieren der Operationsabfolge in einem System sichert, und zwar sichert durch die Unterscheidung von identisch/nichtidentisch.“184 Die Operation des Beobachters ist „ein unterscheidendes Bezeichnen, oder genauer: die Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite einer Unterscheidung. Das erfordert noch nicht, daß das, was bezeichnet wird, als Identisches festgehalten wird. Man muß es nur unterscheiden können.“185 Erst bei einer wiederholten Beobachtung des gleichen wird eine Identifikation erforderlich. Genau dann, wenn eine Operation wiederholt wird und das System sich durch Anschlussoperationen reproduziert.186 „Um nachvollziehen zu können, wie Identifikation und mit ihr Systembildung möglich ist, benutzen wir eine von Spencer Brown vorgeschlagene Unterscheidung. Vollzieht das System eine Anschlußoperation, so kann es die erste und die zweite Operation zu einer einzigen 181 Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. A.a.O. S. 198. 182 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 112. 183 Luhmann, Niklas: Identität– was oder wie? In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Band 5. Konstruktivistische Perspektiven. Westdeutscher Verlag. Opaden, 1990. S. 14–30, S. 21. 184 Luhmann, Niklas: Identität – was oder wie? Ebd. 185 Luhmann, Niklas: Identität – was oder wie? A.a.O. S. 21–22. 186 Vgl. Luhmann, Niklas: Identität – was oder wie? Ebd. 54 kondensieren. Der Referent wird identisch gesetzt.“187 Identität ist neben ihrer Funktion zur Gefahrabwendung für das soziale System, ebenfalls eine „Technik des Abstandhaltens, sie ermöglicht überhaupt erst die Konstitution einer Differenz von System und Umwelt im Sinne von relativ unabhängiger Variabilität. Nur wenn ein System für Umweltsachverhalte, die es als Identitäten behandeln will, mehrere verschiedenartige Perspektiven (Ideen, Zeichen, neuronale Zustände oder sonstige Entsprechungsinterna) zur Verfügung hat, kann es eigene Prozeß-Sequenzen relativ unabhängig von der Umwelt ordnen. Nur so kann es die Abfolge eigener Erkundungs- oder Einflußmaßnahmen temporal auf sich selbst beziehen und zugleich davon ausgehen, daß dem Nacheinander im System eine Simultaneität in der Umwelt entspricht. Nur so kann das System kontrollieren, ob eine Veränderung in den Beziehungen zwischen System und Umwelt auf eine Änderung des eigenen Zustandes oder auf eine Änderung in der Umwelt zurückgeht. Nur so kann das System eigene Zeit, eigene Operationszeit gewinnen und sich von Punkt-für-Punkt Übereinstimmungen mit der Umwelt relativ unabhängig machen.“188 Luhmanns Systemtheorie ist funktional ausgerichtet und versucht Differenzen zu beobachten. Das Konzept der System-Umwelt Differenz ist durch das Selbstreferenz/Fremdreferenz Konzept möglich. So sind seitens des Systems Bedingungen beobachtbar, „unter denen Zufallsanstöße für Systemaufbau nutzbar gemacht werden können. Zu diesen Bedingungen gehört die Technik der Identifikation. Sie setzt voraus, daß das System komplex genug ist, um ein ‚matching‘ eigener Zustände mit Umweltzuständen Punkt für Punkt vermeiden zu können, und deshalb in der Lage ist, viele eigene Zustände als Entsprechung eines Umwelt-Items gelten zu lassen. Dieses wird also durch Auswahl aus systemeigenen Zuständen identifiziert. Dabei kann das System, weil es die Kontrolle über die Identitätsbestimmung besitzt, die Realität der Umwelt dem Zufall überlassen, soweit es nicht durch spezifische Eingriffe die Umwelt im Systeminteresse ändert. Für selbstreferentiell organisierte Systeme ist es unerläßlich, in ihrer Umwelt Identitäten zu finden – in wie grober oder wie feiner Zusammenfassung auch immer. An Identitäten differenzieren sich eigene Reaktionen des Systems in bezug (sic) auf seine Umwelt.“189 Die Identität setzt eine Relationierung voraus und betrifft die andere Seite der Unterscheidung der Systembeobachtung, „für die auf der identifizierenden Seite Alternativausdrücke mobilisiert und einander substituiert werden können.“190 187 Luhmann, Niklas: Identität – was oder wie? A.a.O. S. 22. 188 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften A.a.O. S. 199–200. 189 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 200. 190 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften A.a.O. S. 201. 55 Willke führt in Bezug auf Systemidentität191 folgende Gedanken an: „Funktional analog zum anthropologisch determinierten Selektions- und Abstimmungsbedarf im sozialen Verkehr von Individuen auf personaler Ebene besteht auf Systemebene ein durch die Informations- und Problemverarbeitungskapazität des Systems (z.B.: eine Organisation) determinierter Selektionsbedarf. Denn erst die Leistung spezifischer Selektionen aus den überkomplexen Möglichkeiten der Umwelt erzeugt die Differenz zwischen System und Umwelt, die das System zum System macht. Diese Selektionsleistung ist funktional bezogen auf das Problem der Ausbildung und Erhaltung einer bestimmten Systemidentität angesichts bestehender Zwänge und Zufälle der relevanten Umwelt. Die Steuerung der Selektion von Umweltdaten durch eine nach Sinnkriterien gebildete Präferenzordnung ist Bedingung der Möglichkeit der Systembildung. Das gilt im Prinzip für eine Amöbe in gleicher Weise wie für ein Gesellschaftssystem. Die Besonderheit psychischer und sozialer Systeme liegt darin, dass sie einen Grad von Eigenkomplexität und Umweltdifferenzierung erreicht haben, der ihnen die Bildung interner Außenweltmodelle und mithin aufgrund interner reflexiver Prozesse Selbstbewusstsein und die Thematisierung der eigenen Identität ermöglicht.“192 In dieser Untersuchung werden die Systemidentitäten in der organisierten Krankenbehandlung unter Berücksichtigung von psychischem, organisationalem und interaktionalem System diskutiert. 191 Vgl. Willke, Helmut: Systemtheorie I: Grundlagen. Lucius & Lucius Verlag. Stuttgart, 2006. S. 74. 192 Willke, Helmut: Systemtheorie I. A.a.O. S. 45–46. 56 2.3 Rahmenanalyse Die Rahmenanalyse nach Erving Goffmann untersucht soziale Rahmen, die für alle Beteiligten einer Interaktion Sinntransformationen ermöglichen. Die Rahmenanalyse wird zur Untersuchung von sozialen Ordnungen in Interaktionssystemen angewendet. Soziale Rahmen stellen einen Verständnishintergrund für soziale Ereignisse dar.193 Goffman unterscheidet zwischen zwei primären Rahmen. Zum einen den natürlichen primären Rahmen und zum anderen den sozialen primären Rahmen.194 „Alle sozialen Rahmen haben mit Regeln zu tun, aber auf verschiedene Weise.“195 Die Regeln innerhalb der sozialen Rahmen können im Sinne von Verständnis- und Sinnregeln verstanden werden. Diese Regeln der sozialen Rahmen bestimmen die Wahrnehmung von Ereignissen und beeinflussen ihre Interpretation.196 „Zusammengenommen bilden die primären Rahmen einer sozialen Gruppe einen Hauptbestandteil von deren Kultur, vor allem insofern, als sich ein Verstehen bezüglich wichtiger Klassen von Schemata entwickelt, bezüglich deren Verhältnissen zueinander und bezüglich der Gesamtheit der Kräfte und Wesen, die von Schemata entwickelt, bezüglich deren Verhältnisse (…) nach diesen Deutungsmustern in der Welt vorhanden sind.“197 Goffman entwickelt seinen Rahmenbegriff in Anlehnung an Batesons Analysen zum tierischen Spielverhalten. Je nachdem erscheint das tierische Verhalten, abhängig vom Rahmen (in der eigenen Kohorte des Tieres/ oder in fremder Gruppe), als Spiel oder als Kampfverhalten.198 Im übertragenen Sinne kann ein ausgeführtes Verhalten im Rahmen einer Feuerübung als Training, oder im Falle eines Brandfalles als ernste Rettungsaktion verstanden werden. Das Verhalten der beteiligten Akteure orientiert sich am primären Rahmen. Aus dem sozialen Rahmen können Problemgesichtspunkte und Kontexte abgeleitet werden, die das Verhalten der Akteure bestimmen. Der Rahmen entspricht hierbei einer sinnstiftenden Perspektive auf die Wirklichkeit, um sie in dem gegebenen Rahmen zu interpretieren. „Rahmen stellen gewissermaßen das Organisationsprinzip der menschlichen Erfahrung und Interaktion dar.“199 Unterschiedliche Rahmen führen auch zu unterschiedlichen Probleminterpretationen, die wiederum zu unterschiedlichem Verhalten führen. „(E)in primärer Rahmen wird eben so 193 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1980. S. 32. 194 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. A.a.O. S. 31. 195 Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. A.a.O. S. 34. 196 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 35. 197 Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 37. 198 vgl. Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. A.a.O. S. 52. 199 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. Eine qualitativ rekonstruktive Studie unter dem besonderen Blickwinkel von Rahmen (»frames«) und Rahmungsprozessen. VWF Verlag. Berlin, 2004. S. 97. 57 gesehen, daß er einen sonst sinnlosen Aspekt der Szene zu etwas Sinnvollem macht.“200 Die primären sozialen Rahmen können weiteren Sinntransformationen unterworfen werden. Das bedeutet, dass die Rahmen in Bezug auf den Sinn moduliert werden können. Trainingssituationen im Rahmen von Erste Hilfe Maßnahmen und Fortbildungssituationen im Zusammenhang mit kardiopulmonaler Reanimation im Krankenhausbereich können als Rahmen moduliert werden. Es kann nämlich im Krankenhausalltag schnell zu ernsten und lebensbedrohlichen Situationen kommen, in denen der Kontext keine Übung mehr zulässt, sondern zielgerichtetes Handeln und lebensrettende Maßnahmen am sterbenden Patienten erfordert. „Die Modulation ist eine grundlegende Art der Transformation eines Stückes Handlung, die dabei in allen Einzelheiten als Muster für etwas anderes dient. Anders ausgedrückt, Modulationen sind eine grundlegende Art der Anfälligkeit des Handelns.“201 „Goffman benennt fünf Formen der Modulation: ‚So-tun-als-ob‘, ‚Wettkampf‘, ‚Zeremonie‘, ‚Sonderaufführungen‘ und ‚In-anderen-Zusammenhang- Stellen‘. Als Grenzfall einer Modulation im Sinne von so-tun-als-ob entsteht die Täuschung, in der nur ein Teil der Kommunikationspartner über das Manöver Bescheid weiß. Im Sinne einer ‚Täuschung in guter Absicht‘ können etwa der Krankenkasse medizinische Gründe genannt werden, um einen Patienten aus sozialen Gründen etwas länger im Krankenhaus behalten zu können. Goffman sieht in der medizinischen Behandlung gar das ‚Musterbeispiel paternalistischer Täuschung‘, denn hier herrsche ‚die klassische Gewohnheit, schlechte Nachrichten einem Patienten vorzuenthalten, der bald sterben wird oder dessen Situation hoffnungslos ist‘.202 (…) Insbesondere die Sinntransformationen der Formen ‚so-tunals-ob‘ und ‚in-anderen-Zusammenhang-stellen‘ lassen im ärztlichen Handeln zusätzliche Freiheitsgrade erscheinen. Indem Goffman solche Rahmungen als einen sozialen Prozess beschreibt, erlaubt er die Untersuchung dieser Konstruktionen unter dem Blickwinkel der Inszenierung.“203 In der organisierten Krankenbehandlung werden zum Beispiel therapeutische Rahmen in Form von Visiten im stationären Krankenhausalltag inszeniert. In den Visiten begegnen Professionen wie Ärzte und Pflegende in ihrer organisationalen Rolle dem kranken Menschen, der in seiner Patientenrolle Anwesender dieses gerahmten Interaktionssystems wird. Die Inszenierung beinhaltet einen sozialen Rahmen, der durch die Regeln des Krankenhauses geprägt wird. Es finden Modulationen des Rahmens statt, die dem ärztlichen Handeln innerhalb der Arzt-Patienten Beziehung zusätzliche Freiheitsgrade ermöglichen. Welche Rolle die Pflege in diesem Rahmen spielt und welche Freiheitsgrade 200 Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 31. 201 Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 98. 202 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 117. 203 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 98. 58 den Ärzten an dieser Stelle zugeschrieben werden, wird Gegenstand der späteren Untersuchung sein. „Die Identifikation von Rahmen und Rahmungen erleichtert die Analyse ärztlichen Entscheidungsverhaltens erheblich, denn der Forscher braucht sich nicht nun nicht mehr mit den vielfältigen Komplexitäten medizinischer Fallproblematiken herumzuschlagen. Stattdessen kann er sich darauf beschränken, herauszufinden, in welchem Rahmen die Dinge verhandelt werden: Was ist hier vordergründig der Fall? Geht beispielsweise es darum, den Patienten sterben zu lassen, oder soll noch alles versucht werden? Drängen sich hier ökonomische oder institutionelle Rahmen in den Vordergrund? Handelt es sich um eine Lehrdemonstration oder um wissenschaftliches Interesse? Inwieweit wird den Außenstehenden etwas vorgetäuscht, was in der internen Kommunikation eine andere Bedeutung hat? Die Rahmenanalyse schärft den Blick für Widersprüche und Doppeldeutigkeiten, die sich dann auch in speziellen ‚Markierungen‘ innerhalb der Kommunikationen der beteiligten Akteure zeigen. Beispielsweise können die Geltungsbereiche mancher Aussagen relativiert werden – etwa indem man Dinge sagt, um zugleich deutlich zu machen, dass dies nicht so gemeint sei. (…) Wenn etwa Ärzte – was im Feld oft zu beobachten ist – zynisch oder gar boshaft über ihre Patienten und die ihnen angetragenen therapeutischen Eingriffe sprechen, so wäre dies in Goffmans Sinne weniger im Lichte eines besonderen ärztlichen Sadismus zu deuten, denn eher als Versuch zu werten, die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Realitätsebenen zum Ausdruck zu bringen, welche innerhalb der institutionellen Logik der Krankenbehandlung systemisch ausgeblendet bleiben müssen. Aussagen können rekontextualisiert werden, indem sie in eine Hierarchie von Einklammerungen eingebettet werden. Die Akteure erhalten hierdurch zusätzliche Freiheitsgrade in ihrem Handeln, da sie die Bedingungen der Rahmung ihrer Aussagen mitbestimmen zu können: Indem Widersprüche, unangemessen erscheinende Ausdrucksformen etc. von ihnen in ihrem Geltungsbereich eingeschränkt werden, können diese entschuldigt werden – man hat es nicht so gemeint, selbst wenn man dann doch so handelt. Dennoch – und dies ist für die soziologische Analyse entscheidend – öffnet die Rahmenanalyse nicht das Tor für eine beliebige Vielfalt verschiedener Wirklichkeitsinterpretationen, sondern ermöglicht erst die Extraktion übergeordneter Strukturen in der Konstruktion sozialer Wirklichkeiten. Sie erlaubt, methodisch kontrolliert von den inhaltlichen Details der Einzelerfahrungen zu abstrahieren; gestattet es, die jeweiligen Formen der Kontextualisierung zu typologisieren und führt schließlich zu einem übergreifenden Muster der Strukturierung von Erfahrung.“204 Durch die Analysekategorien Rahmen, Rahmung und Modulation können Rekonstruktionen 204 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität A.a.O. S. 98–99. 59 zu der Frage, „was im Krankenhausalltag der Fall ist“205 erfolgen. Die Rahmenanalyse wird in dieser Arbeit als Methode zur Analyse der organisational gerahmten Interkationen, unter Anwesenheit von Patienten, Pflegenden und Ärzten, angewendet. 2.4 Die Kontexturanalyse und der Beobachter Aus systemtheoretischer Sicht zeigt sich die beobachtbare Wirklichkeit in Form von vielen Kontexten. Jeder Beobachtungsstandpunkt aus unterschiedlicher Systemrationalität führt zu einer je eigenen Sicht der Wirklichkeit. „Luhmann beschreibt soziale Wirklichkeit in Anlehnung an Gotthard Günther (…) als polykontexturale Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Systemreferenzen206, die gleichzeitig bestehen, sich durchdringen und wechselseitig irritieren.“207 Günthers philosophische Herkunft ist der deutsche Idealismus. Seine Überlegungen zu einer polykontexturalen Logik haben relevante Gemeinsamkeiten mit denen der Kybernetik,208 die auch nach Alternativen zur klassischen Logik sucht. Die klassische Logik ist eine zweiwertige Logik, die sich aus der aristotelischen Tradition ableiten lässt. Günther thematisiert und sieht immer auch die Logik im engen Zusammenhang mit der Ontologie.209 Die klassische Ontologie wird von Günther als monothematisch kritisiert, weil in ihr versucht wird, die Subjektivität in der Objektivierung aufzulösen, was aber nicht gelingt. Die Ontologie kann es nicht leisten, die Subjektivität in selbstreferenzieller Form als Subjekt zu thematisieren. Günther hingegen konstruiert einen logischen und erkenntnistheoretischen Rahmen, in dem die Subjektivität als eigenes Thema vorkommen kann, ohne logische Widersprüche zu produzieren.210 Günther setzt die Subjektivität also als selbstreferentielles Thema in die Darstellung seines Konzeptes. Er setzt die Subjektivität nicht auf eine logische Position des Möglichen, sondern bezieht die Subjektivität auf das Ich und Du, dass bedeutet das Ich ist Subjekt, das Du aber auch. „Das heißt, das Du ‚ist‘ immer das Ich in thematischer Umkehrung – also das Subjekt, das als Objekt die totale Refle- 205 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 100. 206 Luhmann, Niklas: Identität – was oder wie? A.a.O. S. 27. 207 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 82. 208 Vgl. Luhmann, Niklas: Das Erkenntnisprogramm des Konstruktivismus und die unbekannt bleibende Realität In: Soziologische Aufklärung Band 5. Konstruktivistische Perspektiven. Westdeutscher Verlag, Opladen 1990. S. 31–58, S. 47. 209 Vgl. Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. In: Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. Leben, Werk, Wirkung. J.B. Metzler Verlag. Stuttgart, 2012. S. 280–283, S. 280f. 210 Vgl. Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. A.a.O. S. 281. 60 xion-in-sich, die als Sein gedacht wird.“211 Luhmanns Anlehnung hieran besteht in Form des Schematismus Ego-Alter, mit dem er unter anderem die System-Umwelt Differenz beschreibt.212 Zu Günther: „Das ›Ich‹ befindet sich in einer anderen Umwelt als das ›Du‹, denn für das ›Ich‹ gehört ›Du‹ zu seiner Umwelt, für ›Du‹ jedoch gehört ›Ich‹ zu seiner Umwelt, und zwar von jeweils verschiedenen Standpunkten aus und verschiedenen Perspektiven.“213 Das Du und das Ich sind nicht identisch. Hierauf basieren auch die Konzepte der Selbstreferenz und der Fremdreferenz, die der differenztheoretischen Systemtheorie zugehören. Es kommen in Günthers Theorie der mehrwertigen Logik drei Kontexturen vor, gebildet aus Ich, Du und Es. (Ich-Du; Du-Es; Ich-Es). „Jedes Paar stellt eine Totalalternative dar, also ein isomorphes Umtauschverhältnis, wie im klassischen Erkenntnismodell das ausschließliche Paar von ›Sein‹ und ›Reflexion‹. Jedes Relatum eines Paares ist also die Negation des anderen Relatum. Solche Paare bezeichnet Günther als Kontexturen. Eine Kontextur ist eine zweiwertige Wertalternative. Innerhalb jeder Kontextur behalten somit das klassische Erkenntnismodell und die klassische Logik ihre völlige Gültigkeit.“214 Folgt man Günthers Ausführungen, stellt man fest, dass er zunächst zwischen den drei Positionen „Ich“, „Es“ und „Du“ unterscheidet. Aus diesen drei Positionen leitet Günther unterschiedliche Reflexionsbeziehungen ab. Das Verhältnis aus Ich und Es stellt die Beziehung zwischen dem Subjekt und dem Objekt dar, faktisch steht es für das Beobachter und Beobachtete Verhältnis. „Das Es-Ich- Verhältnis lässt sich weiterhin im Sinne der klassischen Identitätslogik als eine Spiegelung von Sein beschreiben entsprechend der das Subjekt dem Sein nichts hinzufügt, sondern diese einfach nur erkennt. Beim Ich-Du-Verhältnis stellt sich die Sachlage jedoch anders dar. Das ‚Du‘ erscheint im reziproken Austauschverhältnis nun als ein anderes ‚Ich‘. Dieses bildet jetzt selbst eine Subjekt-Objekt- Relation – und damit eine eigene klassische Kontextur – aus.“215 „Man kann Subjektivität nur durch Reflexion zuschreiben und hiermit tritt die Reflexion unweigerlich selbst in die Beziehung von ‚Ich‘ und ‚Du‘ mit ein. Die Reflexion fügt damit der Welt etwas Eigenständiges, etwas Drittes hinzu. In soziologischer Hinsicht begegnen wir hiermit dem von Talcott Parsons beschriebenen Problem der doppelten Kontingenz. Das ‚Ich‘ weiß nicht, was im anderen ‚Ich‘ vorgeht und umgekehrt (es kann noch nicht einmal wissen, ob der andere überhaupt über Bewusstsein 211 Günther, Gotthard: Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion (1957). In ders., Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik Bd. I. Hamburg, 1976, S. 31–74, S. 67. vgl. ders. In: Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 177. 212 Vgl. ders. In: Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 177. 213 Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. A.a.O. S. 281. 214 Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. A.a.O. S. 281. 215 Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. Verlag Barbara Budrich. Opladen & Farmington Hills, MI, 2011. S. 94. 61 verfügt). Mit Blick auf die Dyade finden wir nun die Situation einer doppelten Unsicherheit vor, die sich nur dadurch stabilisieren lässt, indem beide Akteure auf Basis des beobachtbaren Verhaltens des jeweils anderen ihre eigenen Zurechnungsund Erwartungsmuster etablieren. Hinsichtlich der eigenen Festlegung und damit auch der eigenen Struktur lässt man sich also dadurch konditionieren, wie man den anderen einschätzt.“216 Über dieses Verfahren kommt man mit Luhmann zu einem Kommunikationsbegriff, der sich aus drei Selektionen zusammensetzt, undzwar aus Information, Mitteilung und Verstehen.217 „Kommunikation kann jetzt nicht mehr im Sinne eines zweiwertigen, repräsentationalen Weltmodells qua Information auf ein Sein weisen (etwa in dem Sinne, dass der eine etwas sagt und der andere dieses versteht). Das Verstehen hat nun mit Günther selbst eine Reflexionsleistung zu vollbringen: Es muss die Beziehung zwischen Information und Mitteilung deuten, um erst hierdurch für sich Information erarbeiten zu können. Verstehen funktioniert nur, wenn dem anderen eine Intentionalität und Absicht zugerechnet wird, der andere also als kommunikativ Handelnder gesehen wird. Information – das Wissen um das, was der Fall ist – ist nun nicht mehr ontisch, qua Verweis auf eine objektive Realität gegeben, sondern errechnet sich durch eine Reflexionsleistung, die auf diesem Wege selbst in den Strukturbildungsprozess eingreift. (…) Mit der ‚Es-‚ Ich, Du-Struktur‘ haben wir nun eine dreiwertige Logik, in der gleichzeitig mehrere Reflexionsverhältnisse gelten. ‚Ich-Es‘ und ‚Du-Es‘ bilden jeweils eine zweiwertige Kontextur, die im Sinne der zweiwertigen Identitätslogik als Repräsentationen der Wirklichkeit erscheinen. ‚Ich-Du‘ erscheint demgegenüber als ein Reflexionsverhältnis, das sich durch Deutung und Zurechnung, nicht jedoch als eine repräsentative Abbildung realisiert. Darüber hinaus ergibt sich eine weitere Möglichkeit der Relationierung, die darauf beruht, dass das Verhältnis von zwei Positionen zueinander reflektiert werden kann. Das ‚Ich‘ kann sich etwa das Verhältnis von ‚Es-Du‘ vergegenständlichen. Es blickt auf die klassische zweiwertige Kontextur von Objekt und Repräsentation und kann aufgrund der reflexiven Distanz mit der Rejektion eine transklassische Operation vollziehen218, welche die 216 Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. A.a.O. S. 94–95. 217 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 191ff. vgl. auch Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. A.a.O. S. 95. 218 Günther, Gotthard unterscheidet zwischen drei transjunktionalen Operationen– die sogenannten Rejektionen – 1. die partiale Rejektion, 2. totale undifferenzierte Rejektion und 3. totale differenzierte Rejektion (ist die komplexeste Form einer Reflexionsinstanz). vgl. Günther, Gotthard: Cybernetic Ontology and Transjunctional Operations In: Self- Organizing Systems, M. C. Yovits, G. T. Jacobi G. D. Goldstein (eds.), Washington D. C. (Spartan Books) 1962, 313–392. Vgl. ebenso Günther, Gotthard: Cybernetic Ontology and Transjunctional Operations In: „Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik“, Vol. 1. Felix Meiner Verlag. Hamburg, 1976. S. 249–328, S. 282–284. 62 durch die binäre Struktur aufgeworfene Sicht verwirft (So lässt sich nun beispielsweise sagen: ‚Was Du wahrnimmst, ist eine Täuschung‘). Die durch eine klassische Kontextur aufgespannte Subjekt-Objekt-Dichotomie kann lediglich feststellen: Da ist etwas Bestimmtes oder dieses bestimmte Etwas ist nicht. Aus dem Blickwinkel einer weiteren Kontextur jedoch, welche dieses Verhältnis reflektiert, ergibt sich ein ganzes Spektrum an Alternativen.“219 „Es ist an dieser Stelle wichtig, zu begreifen, dass die subjektiven Komponenten ‚Ich‘ und ‚Du‘ nicht ontisch zu verstehen sind, etwa als mit inneren Seelenwesen ausgestatte biologische Maschinen. Innerhalb der Güntherschen Konzeption bezeichnen sie nur die logische Anordnung räumlich verteilter Reflexionsperspektiven.220 Entscheidend für das Verständnis der hier entwickelten Denkfigur ist die kybernetische Einsicht, dass Lebewesen nicht nur in einer Umwelt sind, sondern eine Umwelt haben. Während ein Stein zu seiner Umwelt in einem Verhältnis steht, indem seine Orts- und Geschwindigkeitsbestimmung vollkommen determiniert sind, verhält sich die Sachlage bei Lebewesen anders. Ihr Verhältnis zur Umwelt ist auch durch die interne Organisation ihrer Informationsverarbeitung bestimmt. Selbst in einer deterministischen Beschreibung müssen sie deshalb als eine Nicht-triviale Maschine erscheinen, deren Verhalten üblicherweise nicht voraussagbar ist, da dieses von einer in der Regel unbekannten Interaktionsgeschichte abhängig ist. Die Intransparenz der Reflexionsperspektiven stellt ein konstitutives Merkmal von Systemen dar.“221 Günther beschreibt im Rahmen seiner Konzeption einer polykontexturalen Logik222 sogenannte transjunktionale Operationen, mit denen man unterschiedliche Kontexturen innerhalb der Umwelt eines Systems konstruieren und in Beziehung setzen kann. Er spricht an dieser Stelle auch von einer Kopräsenz von logischen Räumen. Innerhalb dieser transjunktionalen Operationen unterscheidet Günther drei Formen, einmal die partielle Rejektion, das ist die einfachste Form. Die partielle Rejektion unterscheidet zwischen zwei Werten, und ist in der Lage eine Grenze zu ziehen, beispielsweise 219 Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. S. 95. 220 Vgl. Günther, Gotthard: Idee und Grundriss einer nicht-Aristotelischen Logik 1. Auflage, Felix Meiner Verlag. Hamburg, 1959. S. 290ff. 221 Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. A.a.O. S. 96–97. 222 Es handelt sich hierbei um eine mehrwertige Logik, die sich von der klassischen Logik nach aristotelischer Tradition unterscheidet. Die klassische Logik ist eine zweiwertige Logik. Die polykontexturale Logik konstruiert die Umwelt so, dass ein Raum entfaltet wird, in dem mehrfach unterschiedliche Logiken gleichzeitig gegeben sein können. Günther kritisiert die klassische Logik als monothematisch, weil sie die Subjektivität nur als Objekt thematisiert. Die Ontologie kann es nicht leisten die Subjektivität selbstreferenziell als Subjektivität zu thematisieren. Günther hingegen konstruiert einen logischen und epistemologischen Rahmen, in dem die Subjektivität als eigenes Thema konstruiert werden kann. vgl. Günther, Gotthard: Cybernetic ontology and transjunctional operations. In: Gotthard,Günther: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1. Felix Meiner Verlag. Hamburg, 1976. S. 249–328. 63 zwischen System und Umwelt, aber es fehlt ein weiterer Reflexionshorizont. Es wird lediglich zwischen zugehörig und nicht zugehörig unterschieden. Sie dient der Grenzsicherung und konstruiert keine weitere Kontextur in die Umwelt, sodass kein Reflexionshorizont aufgebaut werden kann.223 Die zweite Form ist die totale undifferenzierte Rejektion. Diese Form ist komplexer als die partielle Rejektion. Während die partielle Rejektion in nur einer Kontextur erfolgt, wird bei der totalen undifferenzierten Rejektion zunächst eine zweite Kontextur konstruiert. Die zweite Kontextur wird von der eigenen Kontextur abgegrenzt und möglicherweise für den Strukturaufbau und zur Reflexionsposition genutzt. Aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine Fremde Kontextur ohne logische Zugangsmöglichkeit handelt, wird diese Kontextur nicht verstanden und nicht akzeptiert. Demnach wird sie wieder verworfen und abgelehnt.224 Es geschieht also nichts mit dieser erkannten fremden Position, beziehungsweise mit dieser fremden Kontextur. Die totale differenzierte Rejektion ist die komplexeste transjunktionale Operation, bei der eine neue Kontextur als eine eigenständige Reflexionsinstanz entsteht. Das bedeutet im Vergleich zur zweitgenannten Form der Rejektion, dass sich die totale differenzierte Rejektion, die von der totalen undifferenzierten Rejektion abgewiesene und verworfene zweite, fremde Kontextur als eine eigene Selbstreferenz des Fremden in die weiteren, eigenen Operationen mit einbezogen wird. Das Fremde wird in den Prozessen des Selbst mit-reflektiert.225 223 Vgl. Günther, Gotthard: Cybernetic ontology and transjunctional operations. In: Gotthard,Günther: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik, Band 1. Felix Meiner Verlag. Hambur, 1976. S. 249–328. S. 283f. vgl. ebenso Vogd, Werner; Jansen, Till; Van Schlippe, Arist: Kontexturanalyse – ein Vorschlag für rekonstruktive Sozialforschung in organisationalen Zusammenhängen. 2015. Forum Qualitative Sozialforschung. http://www.qualitative–research.net/index.php/fqs/rt/printerFriendly/2198/3734 (Zugriff am 14.04.2016). 224 Vgl. Günther, Gotthard: Cybernetic ontology and transjunctional operations A.a.O. S. 283f. 225 Vgl. Günther, Gotthard: Cybernetic ontology and transjunctional operations. A.a.O. S. 283f. vgl. ebenso Vogd, Werner; Jansen, Till; Van Schlippe, Arist: Kontexturanalyse– ein Vorschlag für rekonstruktive Sozialforschung in organisationalen Zusammenhängen. 2015. Forum Qualitative Sozialforschung. http://www.qualitative–research.net/index. php/fqs/rt/printerFriendly/2198/3734 (Zugriff am 14.04.2016). 64 Das Systemverständnis im Sinne der Theorie der Polykontexturalität, wie sie auch von Luhmann für die Beschreibung seiner funktionalen, differenztheoretischen Systemtheorie verwendet wird226, hat beliebig viele Kontexturen mit kontingenten Werten. Das Fremdreferenzielle wird auch in der Systemtheorie im Rahmen der Reflexionsprozesse in Beziehung zur der Selbstreferenz gesetzt und für weitere Systemoperationen berücksichtigt. „Das hat vor allem Folgen für die Negation: Während in der klassischen Logik jede wiederholte Negation zur ursprünglichen Position zurückführt, da sie nur über zwei Werte verfügt, gibt es in der transklassischen Logik [wie die mehrwertige Logik auch bezeichnet wird] eine zweite Form der Negation.“227 Diese Form der Negation haben wir bei Günther soeben als Rejektion kennengelernt.228 „Die Rejektion ist nicht einfach Negation eines Wertes, sondern sie verwirft eine Wertalternative, also eine Kontextur insgesamt, d.h. sie verwirft einen Negationsprozess. Weil dabei keine Position negiert wird, handelt es sich bei der Rejektion auch nicht mehr um eine identitätslogische Negation, sondern um eine Reflexion, die den Sinn der Wertalternative insgesamt reflektiert.229 In diesem Sinne adaptiert Luhmann den Begriff der Rejektion zur Spezifizierung der Codierung von Funktionsbereichen (beispielsweise in SA5, 17; GG, 751). 226 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main,1992. S. 666. vgl. ders In: Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 36f. 227 Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. A.a.O. S. 282. 228 Vgl. Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. A.a.O. S. 282. 229 Günther, Gotthard (1978): Idee und Grundriß einer nicht-Aristotelischen Logik: die Idee und ihre philosophischen Voraussetzungen. 2. Auflage. Hamburg, Meiner. „Bezeichnet die positive Seite der Unterscheidung als Designationswert und die negative als Reflexionswert. Darin kommt bereits ein (logischer) Funktionsunterschied zum Ausdruck: Die Designation dient nur der Bezeichnung dessen, was in ontologischer Sprache Sein oder Seiendes heißt. Der nicht-designierende Wert bleibt somit frei für andere Aufgaben, die sich zunächst allgemein als Reflexion der Einsatzbedingungen des Designationswertes begreifen lassen. Übersetzt man diese Unterscheidung aus der Logik in die empirische Systemforschung, bekommt der positive Wert den Sinn, die Anschlussfähigkeit der Operationen des Systems für Operationen des Systems zu bezeichnen. Das System kann nur auf dieser Seite operieren. Der negative Wert ist dann wiederum frei, um den Sinn solcher Operationen als Information beobachtbar zu machen mit der Maßgabe, dass auch die Beobachtung nur in der Form einer systeminternen Operation erfolgen kann.“ In: Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. Eine qualitativ rekonstruktive Studie unter dem besonderen Blickwinkel von Rahmen (»frames«) und Rahmungsprozessen. VWF Verlag. Berlin, 2004. S. 135. 65 Somit geht es hier auch nicht mehr um eine wahr/falsch Alternative, sondern um den Sinn eines Umtauschverhältnisses oder einer Kontextur.“230 Die Kontextur im Sinne der mehrwertigen Logik wird semantisch zur Kontextur sensu Goffman unterschieden, auch wenn auf dem ersten Blick wohlmöglich Gemeinsamkeiten interpretiert werden könnten. Hierzu unterscheidet Vogd präzise die Kontexturen beider Autoren, um mögliche Missverständnisse im Vorfeld auszuräumen. „Der Begriff der Kontextur erinnert zwar an Goffmans Rahmenbegriff, meint jedoch etwas anderes: Goffmans Rahmen bezeichnen akteursspezifische Situationsdefinitionen, die dann im Sinne (…) des Orientierungsrahmens auch als eine kollektive Orientierung innerhalb spezifischer konjunktiver Erfahrungsräume zu verstehen sind. Demgegenüber charakterisiert eine Kontextur einen Systemzusammenhang, der ‚objektiv‘ von einem Beobachter als Beobachtung zweiter Ordnung rekonstruierbar besteht, dabei aber jedoch nicht unbedingt von einem konkreten Akteur eingenommen werden muss.“231 „Beispielsweise besteht die Kontextur wirtschaftlicher oder juristischer Zusammenhänge innerhalb eines Krankenhauses auch dann, wenn – theoretisch einmal angenommen – die Akteure weder um diese wissen noch diese habituell verkörpern. Die systemischen Einbindungen stellen zunächst einmal abstrakte Beziehungen dar, können jedoch durchaus konkret in einen Habitus übergehen, falls durch sozialisierende Zwischenschritte die strukturelle Koppelung gelingt, die Akteure an die jeweiligen Systeme konditioniert werden. Die Luhmann sche Konzeption polykontexturaler Wirklichkeiten erlaubt die Durchdringung systemischer Zusammenhänge, schreibt aber nicht vor, ob und wie dies im Einzelnen geschieht und ist in diesem Sinne weiter gefasst als der Rahmenbegriff.“232 230 Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. A.a.O. S. 282. 231 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 82. 232 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 82. 66 2.4.1 Der Beobachter Die luhmannsche Kontextbestimmung, angelehnt an Günther, sowie die systemtheoretische Operationsweise Unterscheidungen zu treffen, angelehnt an Spencer Brown233, macht es möglich, den Begriff des Beobachters zu konstruieren. Durch Günthers mehrwertige Logik und die Einführung des Subjektes (entgegengesetzt der klassischen Ontologie) und die Vergabe einer bzw. mehrerer Leerstellen im logischen Raum, in der das Subjekt an verschiedenen Stellen vorkommen kann, wird das systemtheoretische Konzept der selbstreferenziellen Beobachtung des Systems bzw. vieler Systeme grundlegend von Luhmann begründet.234 Bei Luhmann sind es keine Subjekte im Sinne von Menschen235, die er für seine Differenztheorie anwendbar macht, sondern bei ihm sind es die Systemrationalitäten. Das Formkalkül Spencer Browns hilft Luhmann zu beschreiben, wie die Operationsweise des Beobachters technisch erfolge, und zwar in Form von Unterscheidungen. Die Form der Unterscheidung wird durch die Einheit der zwei Seiten der Unterscheidung gebildet. Zum einen ist es die Seite der Bezeichnung236 und zum anderen die Reflexionsseite, also die andere Seite der Bezeichnung237, von der sie unterschieden wird. Luhmann beschreibt die Form (im Sinne von Spencer Brown) „als Grenzlinien, als Markierungen einer Differenz, die dazu zwingt, klarzustellen, welche Seite man bezeichnet, das heißt: auf welcher Seite der Form man sich befindet und wo man dementsprechend für weitere Operationen anzusetzen hat. Die andere Seite der Grenzlinie (der Form) ist gleichzeitig mitgegeben. Jede Seite der Form ist die andere Seite der anderen Seite. Keine Seite ist etwas für sich selbst. Man aktualisiert sie nur dadurch, daß man sie, und nicht die andere, bezeichnet. In diesem Sinne ist Form entfaltete Selbstreferenz, und zwar zeitlich entfaltete Selbstreferenz. Denn man hat immer von der jeweils bezeichneten Seite auszugehen und braucht die Zeit für eine weitere Operation, um auf der bezeichne- 233 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 60f. Gotthard Günthers Konzept von Polykontexturalität der Wirklichkeit und der Zuschreibung des Subjekts einer wesentlichen Rolle in der Beobachtung der Wirklichkeit, ermöglicht es Luhmann dem Beobachter als Subjekt eine Stellung in seiner Theorie zu geben. Spencer Browns Arbeit zum Formkalkül unterstützt Luhmann in seiner Beschreibung der Operationsweise des Beobachters. 234 Wie bereits in dem Abschnitt zuvor dargestellt wurde. Im Folgenden wird der Begriff des Beobachters im Zusammenhang mit dem Formkalkül thematisiert. 235 Auch bei Gotthard Günther ist mit Subjekt nicht der einzelne Mensch gemeint, vielmehr handelt es sich auch bei ihm um eine subjekttheoretische Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der klassischen Ontologie, also im Zusammenhang mit Seins Fragen und der Beobachtung von Wirklichkeiten im epistemologischen Sinne. 236 Wird als der sogenannte Designationswert bezeichnet. 237 Wird auch als Reflexionswert bezeichnet. 67 ten Seite zu bleiben oder die formkonstituierende Grenze zu kreuzen. Kreuzen ist kreativ. Denn während die Wiederholung einer Bezeichnung nur deren Identität bestätigt (und wir werden später sagen: deren Sinn in verschiedenen Situationen testet und damit kondensiert), ist das Hin- und Herkreuzen keine Wiederholung und kann daher auch nicht zu einer einzigen Identität zusammengezogen werden. Das ist nur eine andere Version für die Einsicht, daß eine Unterscheidung sich bei ihrem Gebrauch nicht selbst identifizieren kann. Und eben darauf beruht, wie wir am Beispiel der binären Codierung ausführlich zeigen werden, die Fruchtbarkeit des Kreuzens. (…). Form ist gerade die Unterscheidung selbst, indem sie die Bezeichnung (und damit die Beobachtung) der einen oder der anderen Seite erzwingt und die eigene Einheit (.) gerade deshalb nicht selber realisieren kann. [Spencer Brown unterscheidet entsprechend zwei Axiome: (1) »The value of a call made again is the value of the call«; und (2) »The value of a crossing made again is not the value of the crossing«. Ergänzung d. Autor]238 Die Einheit der Form ist nicht ihr höherer, geistiger Sinn. Sie ist vielmehr das ausgeschlossene Dritte, das nicht beobachtet werden kann, solange man mit Hilfe der Form beobachtet. Auch im Begriff der Form ist vorausgesetzt, daß beide Seiten in sich durch Verweisung auf die jeweils andere bestimmt sind; aber dies gilt hier nicht als Voraussetzung einer »Versöhnung« ihres Gegensatzes, sondern als Voraussetzung der Unterscheidbarkeit einer Unterscheidung. Jede Bestimmung, jede Bezeichnung, alles Erkennen, alles Handeln vollzieht als Operation das Etablieren einer solchen Form, vollzieht wie der Sündenfall einen Einschnitt in die Welt mit der Folge, daß eine Differenz entsteht, daß Gleichzeitigkeit und Zeitbedarf entstehen und daß die vorausliegende Unbestimmtheit unzugänglich wird. Der Formbegriff unterscheidet sich damit nicht mehr nur vom Begriff des Inhalts; aber auch nicht nur vom Begriff des Kontextes. Eine Form kann im Unterschied von etwas zu allem anderen liegen, ebenso auch im Unterschied von etwas zu seinem Kontext (etwa eines Bauwerks zu seiner städtischen oder landschaftlichen Umgebung), aber auch im Unterschied eines Wertes zu seinem Gegenwert unter Ausschluß dritter Möglichkeiten. Immer dann, wenn der Formbegriff die eine Seite einer Unterscheidung markiert unter der Voraussetzung, daß es noch eine dadurch bestimmte andere Seite gibt, gibt es auch eine Superform, nämlich die Form der Unterscheidung der Form von etwas anderem. Mit Hilfe dieser für einen Formenkalkül, für ein Prozessieren von Unterscheidungen entwickelten Begrifflichkeit kann man auch die Unterscheidung von System und Umwelt interpretieren. Vom allgemeinen Formenkalkül her gesehen ist es ein Sonderfall, ein Anwendungsfall. Methodisch gesehen geht es deshalb nicht schlicht darum, die Erklärung der Gesellschaft aus einem Prinzip (sei es Geist, sei es Materie) durch die Erklärung durch eine Unterscheidung zu ersetzen. Der Unterscheidung von System und Umwelt, und damit der Form System, geben wir zwar eine zentrale Stellung, dies aber nur in dem Sinne, daß wir von hier aus die Konsis- 238 Vgl. Spencer–Brown; George: Laws of Form. Gesetze der Form. Bohmeier Verlag, 1997. S. 56ff. 68 tenz der Theorie, das heißt den Zusammenhang einer Vielzahl von Unterscheidungen organisieren. Das Verfahren ist dann nicht deduktiv, sondern induktiv; es probiert aus, was Generalisierungen einer Form für andere besagen. Und Konsistenz heißt dabei nichts anderes als Herstellung ausreichender Redundanzen, also sparsamer Umgang mit Informationen. Für die Systemtheorie selbst wird mit Hilfe dieses Formbegriffs klargestellt, daß sie nicht besondere Objekte (oder sogar nur: technische Artefakte oder analytische Konstrukte) behandelt, sondern daß ihr Thema eine besondere Art von Form ist, eine besondere Form von Formen, könnte man sagen, die die allgemeinen Eigenschaften jeder Zwei-Seiten-Form am Fall von »System und Umwelt« expliziert. Alle Eigenschaften von Form gelten auch hier: so die Gleichzeitigkeit von System und Umwelt und der Zeitbedarf aller Operationen. Vor allem aber ist mit dieser Darstellungsweise deutlich zu machen, daß System und Umwelt als die zwei Seiten einer Form zwar getrennt, aber nicht ohne die jeweils andere Seite existieren können. Die Einheit der Form bleibt als Differenz vorausgesetzt; aber die Differenz selbst ist nicht Träger der Operationen. Sie ist weder Substanz noch Subjekt, tritt aber theoriegeschichtlich an die Stelle dieser klassischen Figuren. Operationen sind nur als Operationen eines Systems möglich, also nur auf der Innenseite der Form. Aber das System kann auch als Beobachter der Form operieren; es kann die Einheit der Differenz, die Zwei-Seiten-Form als Form beobachten – aber nur, wenn es dafür seinerseits eine weitere Form bilden, also die Unterscheidung ihrerseits unterscheiden kann. So können dann auch Systeme, wenn hinreichend komplex, die Unterscheidung von System und Umwelt auf sich selber anwenden; dies aber nur, wenn sie dafür eine eigene Operation durchführen, die dies tut. Sie können, mit anderen Worten, sich selbst von ihrer Umwelt unterscheiden, aber dies nur als Operation im System selbst. Die Form, die sie gleichsam blind erzeugen, indem sie rekursiv operieren und sich damit ausdifferenzieren, steht ihnen wieder zur Verfügung, wenn sie sich selbst als System in einer Umwelt beobachten. Und nur so, nur unter genau diesen Bedingungen, ist dann auch die Systemtheorie Grundlage für eine bestimmte Praxis des Unterscheidens und Bezeichnens. Sie benutzt die Unterscheidung System und Umwelt als Form ihrer Beobachtungen und Beschreibungen.“239 Wenn Luhmann schreibt, dass die Welt beobachtet werden könne und der Beobachter selbst in dieser Operation als das tertium non datur fungiere, dann ist das nur möglich, weil zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterschieden werden kann und es eine System-Umwelt Differenz gibt. Spencer Browns Formkalkül sieht für den Punkt des ausgeschlossenen Dritten vergleichbar wie Günther die Möglichkeit des Wiedereintritts des Subjekts in die Beobachtung der Welt (in Günther’s transklassischen, mehrwertigen Ontologie)240 bzw. des Beobachters (in Spencer Brown’s Formkalkül) in die Form 239 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 60–63. 240 Vgl. Günther, Gotthard: Die Theorie der mehrwertigen Logik. In: R. Berlinger und E. Fink (Hrsg.), Philosophische Perspektiven, 1971, Bd. 3, S. 110–131. 69 vor. Bei Spencer Brown wird dieser Vorgang des Wiedereintritts als Re-entry bezeichnet.241 Also ist der Beobachter nichts anderes als die Form der Unterscheidung. Die Form kann in dieser Form wiedereintreten, und dann spricht man von der Beobachtung zweiter Ordnung.242 Die Negationsleistung in Form der Rejektion stellt eine Negation von Wertalternativen dar, wie bereits beschrieben wurde. Die Rejektion stellt eine Form der Reflexion dar. Die Reflexion ist keine einfache Negationsleistung, denn sie kann ganze Kontexturen auflösen und den Ausgangspunkt für neue Werte und somit für neue Kontexturen ermöglichen. Die Reflexion ist eine Beobachtungsleistung zweiter Ordnung.243 „Die Logik des Beobachtens und Beschreibens muß dann von monokontexturalen auf polykontexturale Strukturen umgestellt werden. Sie kann nicht länger nur eine einzige Unterscheidung benutzen, die etwas hervorhebt, um anderes dagegen abfallen zu lassen. Sie kann auch nicht länger sich mit monokontextural-geschlossenen Kontroversen (…) begnügen. Das in jeder benutzten Entscheidung ausgeschlossene Dritte (die Welt, die Einheit der Gesellschaft, der Beobachter selbst) wird möglicher Gegenstand einer anderen Unterscheidung, die ihr eigenes generalisiertes tertium non datur dem Zugriff weiterer Beobachter aussetzt.“244 Das bedeutet, dass das Subjekt, das in der klassischen Ontologie das ausgeschlossene Dritte ist, durch die mehrwertige Logik Günthers und der Theorie der polykontexturalen Gesellschaft Luhmanns in der Form des Beobachters wieder eingeschlossen wird.245 Der Subjektbegriff, stellvertretend für die Selbstreferenz sozialer Systeme sowohl für Ego als auch für Alter, ermöglicht die selbstreferenzielle, multikausal und polykontextural bestimmte Theorie von Gesellschaft. Es handelt sich um eine Theorie, die es ermöglicht, ein hohes Maß an Komplexität im Zusammenhang mit sozialen Phänomenen zu verarbeiten und zu analysieren. Die theoretischen Aspekte der Polykontexturalität und der Beobachtung als Kontextur werden für die Untersuchung der komplexen organisierten 241 Vvgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main,1992. S. 83ff. und vgl. ders. In: Spencer-Brown; George: Laws of Form. Gesetze der Form. Bohmeier Verlag, 1997. S. 56ff. u. S. 69ff. 242 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 1141. „Aus diesem Grunde kann bei polykontexturalen Beschreibungen die Einheit nur in der Form der Beobachtung zweiter Ordnung zum Ausdruck kommen – eben dadurch, daß jeder Beschreibet in seine Beschreibung einbezieht, daß andere Beschreiber anders beschreiben.“ 243 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 905, und vgl. ders. S. 1141: „Aus diesem Grunde kann bei polykontexturalen Beschreibungen die Einheit nur in der Form der Beobachtung zweiter Ordnung zum Ausdruck kommen – eben dadurch, daß jeder Beschreibet in seine Beschreibung einbezieht, daß andere Beschreiber anders beschreiben.“ S. 1141. 244 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 1094. 245 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 1094 und 1132. vgl ders. In: Ort, Nina: Gotthard Günther (1900–1984). Verbindungen, Bezüge, Differenzen. A.a.O. S. 283. 70 Krankenbehandlung als Analyse Methode im Rahmen der Systemtheorie angewendet. Zum Gegenstand der Untersuchung „Inwieweit medizinische Akteure als psychische Systeme sich wirtschaftlichen, juristischen oder anderen Systemzusammenhängen ankoppeln, ist nicht von außen determiniert, sondern ist als eine spezifische Interaktionsgeschichte zu verstehen, die eine besondere, unter Umständen einzigartige strukturelle Koppelung konditioniert. Die gesellschaftlichen Kontexturen gestalten gewissermaßen den Möglichkeitsraum, in dem dann weitere Ausdifferenzierungen – eben Geschichte – möglich wird. Der Kontexturbegriff könnte hier im Sinne eines Metarahmens begriffen werden, mit Hilfe dessen übergreifenden Logiken der jeweiligen Funktionssysteme, Organisationssysteme und psychischen Systeme in Beziehung miteinander gesetzt werden können.“246 Der jeweilige Kontext ist entscheidend für die systemtheoretische Analyse, weil in dem Kontext die Bedeutung des Beobachtbaren entsteht. Die Bedeutung entsteht durch die in Beziehung setzen eines beobachteten sozialen Ereignisses in den jeweiligen Kontext als Bezugspunkt.247 „Interaktionskontexte unterscheiden sich zum Beispiel in ihrer Episodenhaftigkeit typischerweise von Organisationkontexten und auch hier muss wiederum unterschieden werden, welches Ausmaß an Anwesenheit ein jeweiliger Organisationskontext voraussetzt. Jede beliebige Situation kann man auf diese Bedingungen ihres Kontextes hinterfragen und gelangt so zunächst zu einer Einschätzung der jeweiligen Möglichkeiten und auch dessen, was als Problem in so einem Kontext aufgrund der Ressourcen auftauchen kann.“248 „Die Vielheit der Perspektiven – die „Polykontexturalität“, um mit Luhmann (…) zu sprechen – bestimmt das soziale Geschehen. Die differenten Standpunkte der Patienten, der Pfleger, der Internisten, der Chirurgen, der Verwaltungsangestellten etc. können in einer Welt des Krankenhauses gleichzeitig nebeneinander bestehen, ohne sich kommunikativ durchdringen zu müssen. Erst der differenztheoretische Blickwinkel erlaubt auch die Analyse der empirisch vielfältig anzutreffenden ‚Agonien‘ zwischen Personen und Systemen, denn hier braucht nicht mehr von einer Einheit zwischen den Intentionen der Akteure und der Ratio- 246 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 82. 247 Vgl. Saake, Irmhild: Bedeutung und ihre Borniertheit. Zur systemtheoretischen Methodologie. In: John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana (Hrsg.): Die Methodologien des Systems. Wie kommt man zum Fall und wie dahinter? VS Verlag. Wiesbaden, 2010. S. 55–80, S. 68. 248 Saake, Irmhild: Bedeutung und ihre Borniertheit. Zur systemtheoretischen Methodologie. In: John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana (Hrsg.): Die Methodologien des Systems. Wie kommt man zum Fall und wie dahinter? VS Verlag. Wiesbaden, 2010. S. 55– 80, S. 68. 71 nalität von Organisationen ausgegangen zu werden.“249 „Die Systemtheorie formuliert auf recht abstrakter Ebene selbstreferenzielle Reproduktionszusammenhänge. Wirtschaftliche, medizinische, organisatorische und andere Systeme gestalten jeweils ihren eigenen Funktionsbezug, der zugleich die Strukturen erschafft, die eben diesen Funktionsbezug herstellen. Erst hierdurch erscheinen Systeme dem soziologischen Beobachter als mit sich selbst identisch beschreibbare Prozesse. Verschiedene Systemzusammenhänge bestehen dabei gleichzeitig in einem Raum, sind einander überlagert, irritieren und ignorieren sich wechselseitig.“250 „In der Luhmannschen Weltbeschreibung herrschen polykontexturale Wirklichkeiten. Im weitesten Sinne können diese Kontexturen auch als Rahmen verstanden werden, die als systemrelevante Semantiken, die Basis für eine handlungsleitende Logik und die damit verbundenen Programme zur Verfügung stellen. Im Goffmannschen Rahmenbegriff werden diese abstrakten semantischen Bezüge auf die Akteursebene, also auf konkrete Handlungsorientierungen herunter gebrochen. Gerade in Organisationen wird die Verbindung dieser beiden Abstraktionsebenen sichtbar. So tritt etwa der abstrakte wirtschaftliche Funktionsbezug als konkret erlebbarer Druck durch die Kassen in die ärztliche Wirklichkeit ein und erscheint nun als Bezugsproblem, das nach einer Antwort verlangt. Doch erst die jeweiligen Akteure bringen diesen Konflikt zur Geltung, erwecken ihn zum Leben, indem sie ihn interpretieren und in gemeinsamer Koproduktion (unterschiedliche) Antworten als Lösungen erschaffen. Die Interpenetration der verschiedenen Systemebenen verläuft dabei nicht zufällig, aber auch nicht determiniert. Akteure lassen sich zwar durch Karriereerwartungen und Befürchtung von Sanktionen konditionieren (…). Das ärztliche Feld kultiviert dabei jedoch einen besonderen Habitus, nämlich den der ärztlichen Freiheit, denn die moderne Organisation des Krankenhauses verlangt ein gewisses Maß an Autonomie von ihren Akteuren. Sie kann nur Überleben, wenn sie interne Freiheitsgrade konstruieren kann, um hierdurch eigene Handlungsspielräume aufrechterhalten zu können. Medizinische Organisationen befinden sich in einer Umwelt starker rechtlicher, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Kontexturen, müssen aber ihr Handeln entsprechend der jeweils eigenen Funktionsvollzüge ausrichten. Dies bewältigen zu können, verlangt nach einer selbst erzeugten trickiness, einer Raffinesse, die nach ärztlichen Interpreten verlangt, deren besonderer Habitus jedoch nur im medizinischen Feld kultiviert werden kann. Ärztliche Autonomie ist deshalb weder Willkür noch zufällige Beliebigkeit, sondern stellt ein habitualisierter Verfahrensmodi, medizinischer Institutionen dar. Je nachdem, ob man eher eine Akteursperspektive einnimmt, oder mehr die systemischen Zusammenhänge betrachtet werden, ergänzen sich die Konzeptionen der Goffmannschen 249 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 139. 250 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 413. 72 Rahmen (…) und der Luhmannscher Kontexturen komplementär.“251 Ziel der Kontexturanalyse ist es, deduktiv analytisch einen Erklärungshintergrund zu konstruieren, um sozialstrukturelle Besonderheiten für die organisierte Krankenbehandlung zu untersuchen. Die Kontexturanalyse in Verbindung mit der funktionalen Analyse wird für die Untersuchung der komplexen und funktionalen Prozesse der organisierten Krankenbehandlung sowohl auf Organisations- als auch Interaktionsebene hilfreich sein. 2.4.2 Reflexion – eine Form der Rejektion Der Re-entry ermöglicht in sozialen Systemen die Differenz von Selbst- und Fremdreferenz.252 Eben diese Einführung der Differenz ist die Voraussetzung für soziale Systeme reflexionsfähig zu sein. In Bezug auf den Reflexionsbegriff reformuliert Luhmann diesen für die Systemtheorie: „Die Reformulierung ersetzt hier die klassische Kennzeichnung der Reflexion als Eigenschaft oder Fähigkeit des Bewußtseins bzw. des Denkens durch die Angabe einer Funktion, nämlich den Gebrauch der Identität eines Systems zur Orientierung von Selektionen, die im System selbst ablaufen (eine Form von Selektivtätsverstärkung).“253 Bei der Reflexion handelt es sich um die Anwendung der eigenen Identität im Rahmen von selektiven Operationen.254 Der Begriff der Reflexion bei Luhmann ist auf die Differenzierung der Formen von Rejektion nach Gotthard Günther zurückzuführen. Günther hat vor dem Hintergrund seiner mehrwertigen Logik drei Formen der transjunktionalen Operationen beschrieben, die Luhmann für eine mehrwertige Hermeneutik zur Analyse einer polykontexturalen Gesellschaft anwendet. Luhmann nutzt die von Günther beschriebene transjunktionale Operation (die dritte Form „totale differenzierte Rejektion“) für seinen Reflexionsbegriff.255 Des Weiteren führt Luhmann eine differenziertere Unterscheidung von Selbstreferenz an, welche die basale von der intentionalen Selbstreferenz 251 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 413. 252 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In: Jahraus, Oliver (Hrsg.): Niklas Luhmann. Aufsätze und Reden. Reclam Verlag. Stuttgart, 2001. S. 78–79. und vgl ebenso bei Luhmann, Niklas: Systeme verstehen Systeme. In: Luhmann, Niklas; Schorr, Karl Eberhard (Hrsg.): Zwischen Intransparenz und Verstehen. Fragen an die Pädagogik. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1986. S. 72–117, S. 77– 78. 253 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften A.a.O. S. 198. 254 Vgl. Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 214. 255 Vgl. ausführlicher die drei Formen der transjunktionalen Operationen in Kapitel II, 2.4 in dieser Arbeit. 73 trennt. Als basale Selbstreferenz bezeichnet Luhmann Strukturen, „die durch Zirkularität geschlossen sind, also in sich auf sich selbst reagieren, gerade dadurch aber auch in spezifischer Weise offen sind, das heißt auch auf Umwelt reagieren. Systeme mit basaler Selbstreferenz sind so organisiert, daß sie mit jedem Prozeß auf sich selbst reagieren und nur dadurch, daß sie das tun, auf die Umwelt reagieren können. Sie sind so hoch organisiert, daß sie für jeden Umweltkontakt ein komplexes Netz von Selbstkontakten einsetzen müssen. Sie kennen, mit anderen Worten, keine Punkt-für-Punkt Relationen und keine durchlaufenden Prozesse, die System und Umwelt verbinden.“256 „Die basale Selbstreferenz sozialer Systeme hat die Form von Sinn. Sinn wird erfahren als Simultaneität von Wirklichem und Möglichem, als Erscheinen weiterer, anderer Möglichkeiten an jedem Erlebnisinhalt.“257 Die andere Form der Selbstreferenz ist die intentionale Form. „Auf der Grundlage der basalen Selbstreferenz von Sinn lassen Selbstreferenzen sich intentionalisieren mit Hilfe von Identitätskonstruktionen, die sich unabhängig machen von der jeweiligen Gegebenheit des gerade aktuellen Erlebnisinhaltes. Solche Identitäten können die Form eines Prozesses oder die Form eines Systems annehmen, und entsprechend gibt es zwei verschiedenartige Formen intentionalen Gebrauchs von Selbstreferenz.“258 Die intentionale Selbstreferenz von Prozessen nennt Luhmann Reflexivität und die intentionale Selbstreferenz von Systemen nennt Luhmann Reflexion. „Prozesse sind reflexiv, wenn und soweit sie sich auf sich selbst oder auf Prozesse gleicher Art richten, also zum Beispiel zum Erziehen erziehen, das Genießen genie- ßen, Tauschmöglichkeiten eintauschen. Ausbildung von Reflexivität erfordert ausreichende Spezifikation der Prozesse, hängt also indirekt ab vom Grade gesellschaftlicher Differenzierung.“259 „Reflexion betrifft ein ganz anderes Problem, nämlich den Gebrauch der Identität eines Systems für die Orientierung seiner eigenen Selektionen. Begriff und Funktion der Reflexion sind nicht auf personale (psychische) Systeme beschränkt. Auch soziale Systeme können ihre eigene Identität zum Kriterium ihrer Selektionen machen, und für beide Systemtypen läßt sich die Frage ausarbeiten, unter welchen Voraussetzungen dies möglich ist, wie oft und bei welchen Gelegenheiten es faktisch geschieht und wie typisch ein ,reflektierter' Selektionsstil für das System ist.“260 Die Gesellschaft ist in polykontexturalen Formen beschreibbar. Eine jeweilige Kontextur stellen ein Funktionssystem der Gesell- 256 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 202. 257 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 202. 258 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 202. 259 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 202–203. 260 Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften A.a.O. S. 203. 74 schaft und sein binärer Code dar. Jedem Code können transjunktive Operationen zugeordnet werden, mit denen ein System „sich selbst akzeptieren und alle anderen rejizieren kann. Auf diese Weise ließen sich systemrelative Funktionsprimate logisch formulieren. Ein Beobachter, der diese Beschreibungsmittel benutzt, wird als Beobachter zweiter Ordnung zugleich sehen können, was die codierten Systeme (ihn selbst als Wissenschaft eingeschlossen) nicht sehen können. Er wird sehen können, wie sie ihre Codes als Unterscheidungen benutzen, mit deren operativer Verwendung sie Identitäten erzeugen, die sich der Unterscheidung verdanken und damit abhängig bleiben von dem, was als Unterscheidung vorausgesetzt bleiben muß.“261 Die Reflexion wird in sozialen Systemen im Sinne von Identitätsorientierung benötigt. Die Identitätsorientierung stellt einerseits die Komplexitätsreduktion dar. Andererseits ermöglicht sie die Steuerung selbstsubstitutiver Transformationen in Systemen, die sich selbstsubstitutiv ändern können.262 Petzold stellt fest, dass „die Beobachtungsfähigkeit, Reflexivität und die Fähigkeit zu emotionalen Wertungen eine anthropologische Grundqualität von menschlichen Wesen ist. Der Mensch ist durch Reflexivität gekennzeichnet, die sich – gegründet auf die (sprachliche) Sozialisation – als ‚Koreflexivität in Kontexten/Kontinua‘ bestimmen läßt.“263 „Weil Reflexivität immer mit Menschen, konkreten Personen geschieht und immer kontextbezogen ist, muß mit den jeweiligen Diskurs- bzw. Ko-respondenzpartnern Wert auf die Überprüfung der ‚emotiven Stimmigkeit‘ von Entscheidungsprozessen und Entscheidungen gelegt werden. Da Entscheidungen immer im Kontext von Wertesystemen (persönlichen und kollektiven) gefällt werden, hinter ihnen immer komplexe Motive oder Motivationen stehen und deshalb immer auch Emotionen mit im Spiel sind – dies alles kann nicht gänzlich oder in sinnvoller Weise durch Strategien der Rationalität aufgelöst werden.“264 261 Luhmann, Niklas: Identität – was oder wie? A.a.O. S. 27. 262 Vgl. Luhmann, Niklas: Identitätsgebrauch in selbstsubstitutiven Ordnungen, besonders Gesellschaften. A.a.O. S. 214. 263 Petzold, Hilarion G.: Integrative Supervision, Meta–Consulting, Organisationsentwicklung. Modelle und Methoden reflexiver Praxis. Ein Handbuch. Junfermann Verlag. Paderborn, 1998. S. 220. 264 Petzold, Hilarion G.: Integrative Supervision, Meta-Consulting, Organisationsentwicklung. A.a.O. S. 220.

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References

Zusammenfassung

Dr. Ismail Özlü leistet mit vorliegendem Werk einen sozialwissenschaftlichen Beitrag zum besseren Verständnis der organisierten Krankenbehandlung im Krankenhaus. Hierzu unternimmt der Autor eine systemtheoretische Analyse der sozialen Systeme Organisation und Interaktion. Nach fachkundiger Unterscheidung beider Systeme werden insbesondere vorhandene Unterschiede bei der Informationsverarbeitung herausgestellt und abschließend verbesserte Möglichkeiten ihrer strukturellen Kopplung dargelegt.