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9. Interaktionssysteme im organisationalen Rahmendes Krankenhauses in:

Ismail Özlü

Organisation und Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung , page 251 - 266

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3939-7, ISBN online: 978-3-8288-6834-2, https://doi.org/10.5771/9783828868342-251

Tectum, Baden-Baden
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251 9. Interaktionssysteme im organisationalen Rahmen des Krankenhauses Die Theorie sozialer Systeme hat die sozialen Systeme im Fokus. Dabei sind psychische Systeme allenfalls Umwelt in der Organisation Krankenhaus, wie bereits dargestellt werden konnte. Die psychischen Systeme werden über die Zuschreibungsrolle der Personen, sowohl mit der Organisation, als auch mit dem System der Interaktion strukturell gekoppelt. Im Gegensatz zur Sozialpsychologie wählt Luhmann also keinen Ansatz der individuumzentriert ist. In diesem Kapitel interessiert das organisationale Interaktionssystem in struktureller Kopplung zum Krankenhaus als organisiertes Sozialsystem. Die Interaktionssysteme im Krankenhaus können nicht auf die Subjektivität des Individuums eingeschränkt werden. Ebenso sind die Interaktionssysteme im Dienstleistungssektor, so wie sie in Krankenhäusern vorkommen, nicht auf ganzer Breite auf die konditionierende Außenwelt Organisation reduzierbar.1228 Umso interessanter ist die Fragestellung, wie Interaktionssysteme im Dienstleistungssektor Krankenhaus in Bezug auf die organisierte Krankenbehandlung denkbar miteinander funktionieren. Der mögliche Erkenntnisgewinn bei der Frage zur systemtheoretischen Architektur von Organisation und Interaktion, speziell in der organisierten Krankenbehandlung (im Dienstleistungssektor Krankenhaus), könne einen Ertrag für eine weitere Frage leisten. Die weiterführende Fragestellung könne lauten: Wie kann neben der Teilnahmemotivation, auch die Leistungsmotivation in den funktionellen Ausführungen von organisierter Krankenbehandlung sichergestellt werden? Bereits Barnard, auf den auch Luhmann rekurriert, beschreibt dieses wichtige Moment der Sicherstellung der notwendigen Dienstleistung durch Organisationsmitglieder. „The securing of essential services from Individuals: The (…) function of the executive organization is to promote the securing of the personal services that constitute the material of organizations. The work divides into two main divisions: (I) the bringing of persons into cooperative relationship with the organization; (II) the eliciting of the services after such persons have been brought into that relationship.”1229 Wie sind organisationale Interaktionssysteme denkbar, die über die Teilnahmemotivation hinaus durch die Leis- 1228 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 25. 1229 Barnard, Chester I.: The Functions of the Executive. Harvard University Press. Cambridge, Massachusetts and London, England, 1968. S. 227. 252 tungsmotivation begleitet werden und den organisationalen Erwartungsstrukturen des Krankenhauses entsprechen, indem sie durch die Organisation hierzu verführt werden (lt. Barnard, Chester I. 1938)? Hierzu soll der Moment der Respezifikation von organisationaler Entscheidungen1230 in der thematischen Kommunikation von Interaktionssystemen in der organisierten Krankenbehandlung ausgearbeitet werden. Das Rahmungskonzept Goffmans bietet mit seinen theoretischen Begriffen einen Ansatz zur Analyse des sozialen Phänomens der Krankenbehandlung.1231 Vogd stellt in seinen Arbeiten Sinntransformationen im sozialen Rahmen der organisierten Krankenbehandlung im Sinne von Goffman fest. Es finden in den Interaktionssystemen, im Zusammenhang mit der Patientenversorgung, Modulationen statt, wenn es darum geht, den Verantwortlichen zu identifizieren, der die Therapie des Patienten bestimmt1232. Vogd beschreibt diesen Vorgang als – Reifizierung der Hierarchie –. In der Regel ist es der Chefarzt. Die Interpretation dieser Information wird über die sozialen Spielregeln des Krankenhauses in Form von Organigramm und definierten Abteilungshierarchien im sozialen Rahmen festgelegt. Der Kontext ist also als Modus für die Interaktion festgelegt. Demnach wäre es so, dass zum Beispiel auch Kommunikationsprozesse in einer Visite bedingt durch den Rahmen definiert sind. Vogd stellt in seinen empirischen Beobachtungen weiterhin Modulationen fest, in denen zum Beispiel verstehende Übernahmen der Patientenpositionen durch die beteiligten Professionen des Krankenhauses erfolgen1233, um dem Patienten zu signalisieren, dass man sich um seine Probleme kümmert. Eine weitere Modulation des sozialen Rahmens führt Vogd an, wenn der pädagogische Rahmen beschrieben wird, in dem die Visite zum Beispiel zu einer Lehrer-Schüler Veranstaltung wird und Famulanten und Assistenzärzte von Oberärzten und Chefärzten unterrichtet werden und fachlichen Input erhalten.1234 In einer anderen Situation wird ein Oberarzt beschrieben, der die Sachzwänge eines Krankenhauses thematisiert, im Begründungszusammenhang Diagnose zu betreiben, damit palliativ behandelte Patienten weiterhin stationär behandelt werden können. „Organisatorische Rahmen, die im weiteren Sinne auch eine wirtschaftliche Kontextur implizie- 1230 Vgl. Kieser, Alfred; Ebers, Mark (Hrsg.): Organisationstheorien. 6. Auflage. Kohlhammer Verlag. Stuttgart. 2006. S. 430. 1231 Vgl. Kapitel 2 Methodologie in dieser Arbeit; hier speziell die Darstellung der Rahmenanalyse nach Erving Goffman. 1232 Vgl. Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. A.a.O. S. 58. 1233 Vgl. Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. Ebd. 1234 Vgl. Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. A.a.O. S. 61. 253 ren“1235, können in organisational gerahmten Interaktionssystemen der Krankenbehandlung in den Vordergrund treten. „Da einzelne Verhaltensweisen und Äußerungen je nach Kontext etwas anderes bedeuten können, lässt sich erst nach Kenntnis des Bezugsrahmens bestimmen, welche Bedeutung gemeint sein könnte. Die gleiche Verhaltenssequenz – uns nähert sich ein Mann mit einem Messer – ist unterschiedlich zu deuten, je nachdem, ob wir uns in einer chirurgischen Ambulanz oder nachts auf einer dunklen Straße befinden. Goffman zeigt auf, dass Rahmen oftmals moduliert werden, etwa indem man etwas Bestimmtes vorspielt und demonstriert, während in Wirklichkeit etwas anderes der Fall ist. Die bekannteste Modulation im Krankenhaus ist die Täuschung in guter Absicht. Ärzte halten sich bei infausten (aussichtslosen) Prognosen gerne bedeckt, um den Patienten vor der schrecklichen Wahrheit zu schonen. (…) Als weitere Variante diesbezüglicher Modulationen erscheint das weit verbreite (sic) inoffizielle Abkommen, in dem beide Seiten, Patient und Behandlungsteam, von der tödlich ausgehenden Krankheit wissen, in ihren alltäglichen Interaktionen aber im Modus des »als ob« weiterhin so tun, als ginge es noch um Heilung.“1236 Mit Goffmans Rahmenanalyse ist ein Verständnis darüber möglich, „dass ein Bewusstsein nicht in ein anderes hineinschauen kann, aber dennoch unweigerlich in eine sozialen Welt eingebunden ist, in der ständig daran gearbeitet wird, was man sehen lassen kann und was nicht.“1237 Der hier angesprochene Ansatz der Rahmenanalyse wäre einer der Möglichkeiten, um das Phänomen des Informationsverlustes zwischen Organisation und Interaktion näher zu analysieren.1238 Der Ansatz über die Rahmenanalyse in Verbindung mit der systemtheoretischen Reflexion ist eine funktionelle Analysemethode, wie u.a. durch Vogd und Kieserling gezeigt wurde, um Interaktionen im organisationalen Kontext zu beschreiben.1239 „Ein Rahmen entspricht hier sozusagen einer Perspektive, einer spezifischen Semantik, in der ein gegebenes Problem gesehen und verstanden werden kann. Rahmen stellen gewissermaßen das Organisationsprinzip der menschlichen Erfahrung und Interaktion dar und die Rahmenanalyse dient entsprechend der Klärung »dessen, was in Interkationen und Aktivitäten eigentlich vor 1235 Vogd, Werner: Systemtheorie und rekonstruktive Sozialforschung – eine Brücke. A.a.O. S. 67. 1236 Begenau, Jutta; Schubert, Cornelius; Vogd, Werner: Die Arzt-Patient-Beziehung aus soziologischer Sicht. In: Begenau, Jutta; Schubert, Cornelius; Vogd, Werner (Hrsg.): Die Arzt-Patient-Beziehung. Kohlhammer Verlag. Stuttgart, 2010. S. 7–33, S. 22f. 1237 Begenau, Jutta; Schubert, Cornelius; Vogd, Werner : Die Arzt–Patient–Beziehung aus soziologischer Sicht. A.a.O. S. 23. 1238 Einige Autoren wie Werner Vogd und André Kieserling wählen den Ansatz Erving Goffmanns und wenden die Rahmenanalyse zur Verortung von Interaktionen im organisationalen Kontext an und sprechen hier von organisational gerahmten Interaktionen. 1239 Vgl. hierzu: Vogd, Werner und Saake, Irmhild (Hg.): Moderne Mythen der Medizin. A.a.O. Und Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. A.a.O. Und Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. 254 sich geht“ (…). Unterschiedliche Rahmen führen zu verschiedenen Problemsichten.“1240 „(E)in primärer Rahmen wird eben so gesehen, daß er einen sonst sinnlosen Aspekt der Szene zu etwas Sinnvollem macht.“1241 Bei der Rahmenanalyse handelt es sich um ein strukturelles Organisationsverständnis, in dem die formale (organisational gerahmte Interaktion) von der informalen Interaktion unterschieden wird. Die Interaktion wird als strukturell in den organisationalen Kontext eingebettet verstanden und in Bezug auf die Rahmengebung hin analysiert, die der jeweiligen Situation ihren Sinn verleiht und der ebenso abhängig von der jeweiligen Modulation der sozialen Situation ist1242. „Rahmen können moduliert werden, etwa in dem Sinne, dass eine ursprünglich ernsthafte oder gar bedrohliche Situation in den Kontext von Spiel, Simulation oder einer Übung transformiert wird. Als Grenzfall einer Modulation im Sinne von so-tun-als-ob entsteht die Täuschung, in der nur ein Teil der Kommunikationspartner über das Manöver Bescheid weiß.“1243 „Die Musterbeispiele paternalistischer Täuschung finden sich natürlich bei der medizinischen und psychiatrischen Behandlung.“1244 Vogd beschreibt ein Beispiel, dass er für die „Als-Ob Fiktion“ und modulierte Situation der Krankenbehandlung anführt, in denen Krankenhäuser den Krankenkassen konstruierte Informationen liefern, um Behandlungen begründen zu können und eine Weiterführung der Therapie und Verlängerung des Krankenhausaufenthaltes zu erzielen, auch wenn die eigentlichen Entscheidungsprämissen für das Krankenhaus aus dem Bereich der sozialen Lage des Patienten resultiere.1245 Der kommunizierte Rahmen gegenüber der Krankenkasse findet in modulierter Form statt, in denen die Mitteilung transformiert erfolgt und die Funktion eines Täuschungsmanövers erfüllt.1246 In Bezug auf die organisationalen Interaktionssysteme der Krankenbehandlung, kann das Krankenhaus in vielen Fällen auf intern „instituierte Mechanismen der De- Arbitrarisierung bauen: In vielen der tagtäglich vorkommenden Arbeitsinteraktionen ist immer schon implizit geregelt, wie das Problem der doppelten Kontingenz gehandhabt werden kann. Es herrscht Erwartungssicherheit; das heißt, es kann mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten des Zustandekommens einer formal auszuführenden Interaktion gerechnet werden. Die ‚Willkür‘ der Kommunikation ist konditioniert; Erwartungen und Erwartungserwartungen, auf die die Interaktionspartner rekurrieren, erweisen sich als dauerhaft stabil. Man weiß, was man von seinen Vorgesetzten und Kollegen zu erwarten hat: Die in Interaktionssituationen Anwe- 1240 Vogd, Werner: Rekonstruktive Organisationsforschung. A.a.O. S. 32. 1241 Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. A.a.O. S. 31. 1242 Vgl. hierzu Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. A.a.O. S. 52 f. 1243 Vogd, Werner: Rekonstruktive Organisationsforschung. A.a.O. S. 32. 1244 Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. A.a.O. S. 117. 1245 Vgl. hierzu Vogd, Werner: Rekonstruktive Organisationsforschung. A.a.O. S. 32. 1246 Vgl. hierzu auch Mehrfachtransformationen bei Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 176. 255 senden, die in ihrer Funktion als Organisationsmitglieder miteinander zu tun haben, nehmen sich nicht in erster Linie als Personen mit individueller Identität wahr, sondern als Rollenträger, als ‚Ausführer‘ spezifischer Aufgaben formalisierten Zuschnitts.“1247 Die Organisation Krankenhaus hält für die Kommunikationsprozesse des Interaktionssystems formale Strukturen und feste Rollenerwartungen bereit, die die Kontingenz- und Komplexitätsbewältigung erleichtern. „Die Verarbeitung bzw. der systemische Umgang mit doppelter Kontingenz ist organisatorisch konditioniert. Kaum eine organisational eingefasste Interaktionssituation ist nicht vorstrukturiert. Lediglich informal geführte Interaktionen können von Problemen doppelter Kontingenz stärker gezeichnet sein – besonders dann, wenn die Interaktion in der Art und Weise, wie sie in der Situation erfolgt, so bisher noch nicht vonstattengegangen ist und Unklarheit über das zu Erwartende besteht. Strukturelle Konditionierung restringiert das Spektrum an Verhaltensmöglichkeiten, so dass die Interaktion – wie oben bereits erwähnt – eine De-Arbitrarisierung erfährt; das mag gerade in Organisationen oft als Entlastung empfunden werden. Auch eine Organisation, die die in ihr ablaufenden Interaktionen durch das Generalisieren von Entscheidungsprämissen vorzustrukturieren trachtet, baut darauf, dass sich durch diese Art der ‚Technisierung‘ von Interaktion Effizienzvorteile erzielen lassen.“1248 „Organisation wird hier als ein besonderer kommunikativer Zusammenhang begriffen, der auf einer Semantik beruht, die prinzipielle Zukunftsoffenheit durch Entscheidung zu schließen und die Vergangenheit als ein Reservoir möglicher Entscheidungsalternativen zu betrachten. Eine Organisation ist aus dieser Perspektive nicht im Sinne der >Behältermetapher< als ein Gebilde zu betrachten, das Menschen, Räume, Mauern, Maschinen etc. beinhaltet. Vielmehr erscheint Organisation als eine Kette formaler Entscheidungen, in der unter anderem über Mitgliedschaft, Weisungsbefugnis, Autorität und Rollenbeschreibung ihrer Mitarbeiter entschieden worden ist. Innerhalb der modernen Krankenbehandlung stellt die organisationale Kommunikation einen wichtigen Erwartungskontext dar, den die Kommunikation in Interaktionszusammenhängen üblicherweise auch dann in Rechnung stellt, wenn von den organisationalen Vorgaben abgewichen wird bzw. gar organisationale Entscheidungsprämissen verletzt werden.“1249 1247 Paetow, Kai: Organisationsidentität: eine systemtheoretische Analyse der Konstruktion von Identität in der Organisation und ihrer internen wie externen Kommunikation. Dissertation der Universität Hamburg. 2004. S. 53. 1248 Paetow, Kai: Organisationsidentität: A.a.O. S. 55. 1249 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. A.a.O. S. 40f. 256 Organisational gerahmte Interaktionssysteme können nicht als Organisationssysteme in der Organisation gedacht werden. In ambivalenter Weise ist das Prozessieren von Interaktionssystemen entweder kontingent denkbar, weil Interaktionssysteme konform gegenüber den organisationalen Erwartungsstrukturen prozessieren, oder aber auch abweichen können. Interaktionssysteme in Organisationen haben mehrere Referenzsysteme auf die sie als Umweltsysteme referieren können. Einmal die Referenz Organisation und zusätzlich die Referenz psychisches System über die Form der anwesenden Personen. „Interaktionen in der Organisation haben folglich vom Strukturrahmen der Organisation abweichend alternative Referierungsmöglichkeiten. Personale Anwesenheit in organisationsinternen Interaktionen bedeutet somit auch Anwesenheit von Gesellschaft, die im Wesentlichen über sozialisiertes Bewusstsein sowie über zivilisatorisch und sozialmilieuspezifisch geprägte Körperlichkeit in der Organisation repräsentiert ist. Die psychischen Systeme und Körper der Organisationsmitglieder sind die Schnittstellen, über die zum einen das ‚reentry‘ der Differenz von Interaktion und Organisation/Gesellschaft in die Organisation läuft und über die zum anderen Wahrnehmungen, Bedürfnisse, Ansprüche und Emotionen auf dem Bildschirm der Organisation erscheinen. Durch die Beobachtung von Personen und ihres Engagements in Interaktionen und Entscheidungsprozessen kann die Organisation ihrer physischen und psychischen Materialitätsbasis, ihrer ‚Lebendigkeit‘ inne werden, der ein Human Ressource Management seine Aufmerksamkeit zu schenken hätte.“1250 Zur Fragestellung wie das Verhältnis zwischen Organisationsystem und Interaktionssystem denkbar ist, soll die systemtheoretische Konzeption Luhmanns wie auch die weiterentwickelte Theoriearchitektur Kieserlings zur Interaktionstheorie1251 als Grundlage für die Untersuchung dienen (vgl. in Kapitel X). Ziel ist es ein weiterführendes Verständnismodell für das Verhältnis von Organisation und Interaktion zu entwickeln, bei dem die Form der Person eine zentrale Schlüsselrolle spielt. Es kann festgehalten werden, dass sowohl Organisationen als auch Interaktionssysteme autopoietisch operierende und damit füreinander operational geschlossene Systeme sind. Über die Mitgliedschaft und den zu berücksichtigenden Regeln zur Aufrechterhaltung der Mitgliedschaft in der Organisation ist eine strukturelle Kopplung zu den ablaufenden Interaktionen möglich. Die strukturelle Kopplung bezeichnet die Vorrichtung für unterschiedliche Systemarten, die trotz der operativen Geschlossenheit „in ihrem Strukturaufbau und dann in der Konditionierung der Aktualisierung ihrer Strukturen voneinander abhängig werden können.“1252 „Strukturelle Kopplung heißt dann, daß die Operationen des einen Systems, insofern sie vom anderen beobachtet werden, mit beein- 1250 Paetow, Kai: Organisationsidentität: A.a.O. S. 95. 1251 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. 1252 Baecker, Dirk: Die Unterscheidung zwischen Kommunikation und Bewußtsein. In: Krohn, Wolfgang; Küppers, Günter (Hg.): Emergenz: Die Entstehung von Ordnung, Organisation und Bedeutung, 2. Aufl., Frankfurt a. M. 1992, S. 217–268, S. 237. 257 flussen, welche Strukturen das letztere System aktualisiert (…).“1253 Im organisationalen Rahmen können Interaktionssysteme in struktureller Kopplung den laufenden Entscheidungszumutungen der Organisation ausgesetzt sein. Interaktionen können durch organisationalen Entscheidungsdruck insofern eingeschränkt werden, dass die Entscheidung eine Strukturanpassung im Interaktionssystem bewirkt. Die Frage lautet dann: Wie ist es möglich, dass sich Interaktionssysteme an bestimmten Prämissen ausrichten und somit auch an den organisationalen Erwartungen, die für die interaktionelle Operationsweise maßgeblich werden?1254 Mit der Rahmenanalyse nach Goffman kann beschrieben werden, dass der soziale Rahmen des Interaktionssystems im Krankenhaus durch den primären Rahmen der Organisation beeinflusst werden kann. Es kann im organisational gerahmten Interaktionssystem zur Sinntransformation kommen und die soziale Ordnung im Interaktionssystem kann mit den Regeln der Organisation geprägt sein. Der Verständigungshintergrund für die sozialen Ereignisse im Interaktionssystem kann durch den sozialen Rahmen der Organisation moduliert werden. Das bedeutet, dass das Interaktionssystem unter Anwesenheit von Pflegenden, Ärzten und Patienten durch die Regeln der Organisation beeinflusst werden könnten und so eine Ordnungsleistung erfolge. Diese Regeln der sozialen Rahmen beeinflussen die Wahrnehmung und Interpretation von sozialen Ereignissen.1255 Innerhalb der Interaktionszusammenhänge wären organisatorisch vorentschiedene Prämissen maßgeblich, an denen sich Interaktionssysteme orientieren müssten, so die vorausgehenden Annahmen. Es fände eine Respezifikation der organisationalen Entscheidung auf der Ebene der Interaktionssysteme statt. „Die Interaktion gerät damit zunächst einmal unter den Druck von Erwartungen, die letztlich aus einer anderen Systemebene stammen und daher nur unter erheblichen Verzichten auf interaktionseigene Möglichkeiten der Handhabung von Sozialität realisiert werden können.“1256 Aber ganz so einfach, in einer einseitigen Form der Beeinflussung der Interaktion durch die Organisation, ist es dann doch nicht denkbar. Denn „(d)ie … soziologische Forschung hat diesen Eindruck einer organisatorisch vorentschiedenen Interaktion inzwischen als viel zu einfach durchschaut und ihm die Entdeckung hinzugefügt, daß nicht nur die Möglichkeiten der Interaktion durch die Organisation, sondern auch die Möglichkeiten der Organisation durch die Interaktion beschränkt werden. Ein erster Versuch in diese Richtung hatte sich im Anschluß an die Entdeckung der sogenannten informalen Organisation durchgesetzt.“1257 Das Ideenkonzept der informalen Organisation thematisiert die Möglichkeit – der anderen Seite der Form –, also Interaktion 1253 Baecker, Dirk: Die Unterscheidung zwischen Kommunikation und Bewußtsein. A.a.O. S. 238. 1254 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 337. 1255 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen–Analyse. A.a.O. S. 98. 1256 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 340. 1257 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 341. 258 eher im Sinne einer Gruppe und lässt die komplexe Operationsweise und eigene Systemreferenz von Interaktionssystemen weitestgehend unberücksichtigt.1258 Mit der Bezeichnung von formaler Organisation zielt man auf die Entscheidungsprämissen als manifeste Strukturen innerhalb des Systems ab und die informale Organisation weist auf latente Strukturen hin.1259 Die Latenz hier ist eher ein Thema des Strukturfunktionalismus. Die Idee der Latenz ist gemeinsam mit der Umstellung von Strukturfunktionalismus auf funktional struktureller Systemtheorie Vergangenheit geworden und damit auch obsolet.1260 Vielmehr ist es so, dass die unterschiedlichen Systemreferenzen Organisation und Interaktion sich hier gegenseitig ihre Strukturkomplexität zur Verfügung stellen, um ihre eigenen Strukturen zu modifizieren und aufzubauen.1261 Interaktionssysteme können das wiedereingeschlossene ausgeschlossene Dritte sein und sich als parasitäre Struktur in Organisationen niederschlagen.1262 Hier kommt die mehrwertige Logik Günthers zu tragen, wobei auch die Polykontexturalität der sozialen Systeme zu berücksichtigen ist.1263 Im Prinzip ist es möglich, und wiederum auch nicht, dass die Interaktion unter den organisationalen Erwartungsdruck gerät, weil die Organisation auf die Mitgliedschaftsregeln verweisen kann. Denn „es kann durchaus eine Regel für Interkationen sein, auf die Zumutung von Entscheidungsdruck zu verzichten.“1264 Aber das bedeutet auch, dass Interaktionen auf Erwartungsstrukturen bezogen nur sensibel sind und sich dem Entscheidungsdruck der Organisation nur dann einordnen können, wenn die Entscheidungsprämissen der Organisation sich auch für das Interaktionssystem als anschlussfähige Prämisse darstellen. Die organisationale Entscheidung muss also auch für das Interaktionssystem anschlussfähig sein, wenn es einen Unterschied innerhalb dieser Systemreferenz ausmachen soll. „Die Interaktion unter Anwesenden läßt sich der Organisation nicht als Trivialmaschine (vgl. Heinz von Foerster) eingliedern. Als System eigener Art konfrontiert sie das Handeln und Erleben der Beteiligten immer auch mit interaktionseigenen Problemen, die sich nicht aus einer Dekomposition des Systemzwecks ergeben und mit ihrem Problemlösungsbereich weitgehend querstehen zu dem, was die Organisation als eindeutig positiven oder eindeutig negativen Beitrag qualifizieren könnte.“1265 Sowohl die 1258 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 341. 1259 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 345. 1260 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. Ebd. und vgl. ders. In: Luhmann, Niklas: Soziologie als Theorie sozialer Systeme. S. A. 1. 2009, S. 145. und vgl. ders. In: Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. A.a.O. S. 19. 1261 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 289. 1262 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 345. 1263 Vgl. Kapitel 2 dieser Arbeit. 1264 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 355. 1265 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 343. 259 präkommunikative Sozialität der reflexiven Wahrnehmung (siehe Kapitel VIII) als auch die Kommunikation unter den Anwesenden des Interaktionssystems lässt sich nicht als Entscheidung wiedergeben, geschweige denn als eine Folge von Entscheidung auflösen.1266 Kieserling hat in seinem Werk Kommunikation unter Anwesenden, Studien über Interaktionssysteme (1999) theoriearchitektonisch eine Form eines Re-Entry von Entscheidungen in die organisational gerahmten Interaktionen als Konstrukt ausgearbeitet. Er hat es verstanden, den systemtheoretischen Blick auf die Interaktion in Organisationen zu schärfen. Er stellt fest, dass die Organisation mit ihrer typischen Operationsweise nicht bis in die Interaktion hineingreifen kann. Kieserling beschreibt diesen Aspekt des nicht hineingreifen Könnens zwischen den Systemen mittels einer offenbaren Grenze der Plausibilitäten, die den unterschiedlichen Systemreferenzen (Organisation/Interaktion) geschuldet sind und unterschiedliches Operieren hervorrufen.1267 Interkation und Organisation muss nach Kieserlings Argumentationsweise im Sinne eines Unterschiedes differenziert werden. Dieser Unterschied bleibt auch dann noch erhalten, „wenn die Organisation selbst es ist, die Interaktionen veranstaltet und stattfinden läßt.“1268 Denn „[d]er Umstand, daß Interaktionen eine andere Operationsweise verwenden, besagt ja auch, daß es auf dieser Ebene auch so etwas wie Distanz zur permanenten Entscheidungszumutung der Organisation gibt. Anwesende können über Entscheidungen kommunizieren, ohne daß die dazu erforderliche Kommunikation ihrerseits in die Form einer Entscheidung gebracht werden müßte. Das Entscheiden ist dann nur Thema, aber nicht auch Vollzugsform der Interaktion.“1269 Die hier angesprochene Distanz der Interaktionssysteme zum Entscheidungsprozess wird im Organisationsalltag in Form von Informalität markiert.1270 Kieserling führt aus, dass die Organisation sich in Interaktion dadurch bemerkbar macht, dass die Interaktion durch die Orientierung an Anwesenden die Organisation in sich selbst reflektiert.1271 Kieserling führt den Moment der Mitgliedschaft als modus operandi der strukturellen Kopplung der organisational gerahmten Interaktion an.1272 Es kann festgehalten werden, dass im Verhältnis der Organisationen und zu ihren Interaktionen ein beträchtliches Maß an Informationsverlusten hinein organisiert sind, die zum Teil durch Überformalisierung zustande kommen. Hierzu werden wir im Kapitel X zum Thema Unsicherheitsabsorption – die Einheit der Form der Unterscheidung von Organisation und Interaktion vertiefen. Hierbei wird gezeigt, dass ein Verständnis in Bezug auf ein Krankenhaus als soziales System (oder jedes andere 1266 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 356. 1267 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 358. 1268 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 358. 1269 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 358f. 1270 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 383. Fn. 40. 1271 Vvgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 360. 1272 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 360f. 260 Institut auch) funktionaler ist, wenn man von dem Punkt der Unsicherheit und der jeweilig spezifischen Operationsform der unterschiedlichen Systemreferenzen (Organisation und Interaktionssystem) zur Unsicherheitsabsorption ausgeht. Der Zugangspunkt über die Unsicherheitsabsorption wird gewählt, um den Dienstleistungscharakter der Interaktionssysteme (Professionelle und Klienten) in der Organisation Krankenhaus über einen funktionalen Ansatz analysieren zu können. Interaktionssysteme verarbeiten Information, anders als Organisationen, zur Erfüllung der Unsicherheitsabsorption innerhalb der Kommunikation. „Dies muß nicht ausschließen, daß die Handlung eines Anwesenden zur Entscheidung aufgewertet wird und in der anschließenden Kommunikation so bezeichnet wird. Organisationen vermehren die Wahrscheinlichkeit, daß dies geschieht. Aber die Entscheidung steht in der Interaktion nicht unter Systematisierungszwang.“1273 Es wurde dargestellt, dass Interaktionssysteme in einer dualen Weise operieren. Sowohl die präkommunikative Sozialität in Form der reflexiven Wahrnehmung als auch die Kommunikation unter Anwesenden „läßt sich nicht in eine Folge von Entscheidungen auflösen“1274. Es liegen Plausibilitätsschranken vor, die verhindern, dass die Organisation ihre typische Form des Operierens bis in die Interaktionssysteme hinein transformieren kann.1275 Es kann „nur sehr weniges von dem, was in der Interaktion vorkommt und an ihrer Reproduktion mitwirkt, in der Organisation auch als Entscheidung rekonstruiert werden (…)“1276. „Um ihre Entscheidungsfunktion willen können Interaktionen nicht sehr groß werden. Wenn sie gleichwohl anwachsen, etwa durch Wachstum der Organisation oder unter dem Eindruck von Forderungen in Richtung auf »mehr Partizipation«, müssen kleinere Gremien abgesondert werden, in denen die Entscheidung dann so weit vorbereitet wird, daß das Plenum selbst nur noch über Annahme oder Ablehnung des Vorschlags zu entscheiden hat.“1277 Hierzu legt Kieserling organisationale Formen, wie Entscheidungsgremien, zugrunde, die als Interaktionssysteme Entscheidungen zugeschrieben bekommen1278, die sie thematisch im Kommunikationsprozess behandeln. Diese Form der Entscheidungserarbeitung in Organisationen entspricht typischerweise dem Prozessieren von großen Verwaltungsapparaten, wie z.B. Gesetzliche Krankenversicherungen, Ministerialreferate, sowie politische Ausschüsse im Gesundheitswesen. Die Gremien großer Verwaltungssysteme bekommen für die Entscheidungsprozesse Beschlussvorschläge der spezialisierten Fachreferate vorgelegt, wobei die vorgegebene Entscheidung formhalber demokratisch abgestimmt 1273 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 355. 1274 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 356. 1275 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 358. 1276 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. Ebd. 1277 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 380. 1278 Handlungen können zu Entscheidungen qualifiziert werden, wenn konkrete Erwartungen auf sie gerichtet sind. 261 wird. „Die Organisation macht sich in der Interaktion bemerkbar. Die Interaktion »reflektiert« die Organisation in sich selbst.“1279 „Man kann Entscheidungsverhalten in der Interaktion sachlich und sozial immer weiter in Subentscheidungen auflösen, aber die Interaktion ist als System nicht komplex genug, um die dann erforderliche Rekombination zu leisten. So entsteht das Problem der zufälligen Rekombination und der unpassenden Aggregation. Es entsteht das Problem der Zufallsmehrheiten und sachlichen Erratik von Gremienentscheidungen.“1280 Wie bereits dargestellt wurde, liegt der Fokus dieser Arbeit auf der organisierten Krankenbehandlung. In Teilen der organisierten Krankenbehandlung kommen ebenfalls Strukturen eines typischen Verwaltungsapparats vor. Der Bereich der Verwaltung liegt jedoch nicht schwerpunktmäßig im Fokus dieser Arbeit und ist in der organisierten Krankenbehandlung als marginales Phänomen einzustufen. Viel mehr interessiert der Dienstleistungssektor der organisierten Krankenbehandlung, in dem die unterschiedlichen Professionen (Medizin und Pflege) gemeinsam mit den Patienten/Patientinnen als Anwesende innerhalb der Kommunikation ein Interaktionssystem bilden. Die organisierte Krankenbehandlung ist demnach auf durchgängige Interaktion angewiesen, wenn man sich die Situationen vor Augen führt, in denen Ärzte, Pflegende und Patienten in Kontakt treten und Kommunikation unter Anwesenden betreiben. Was nicht bedeuten soll, dass die Vermehrung von Entscheidungslasten der Organisation Krankenhaus mit der Formalisierung der zugelassenen Kontakte und den festgelegten Kommunikationswegen und Entscheidungsprogrammen nicht maßgeblich interessant sind, wenn man die Betrachtung des Verhältnisses von Organisation und Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung mit einbezieht.1281 Es ist zielführend die Systemreferenz Organisation zu verinnerlichen, um zu verstehen, dass „(in) das Verhältnis der Organisation zu »ihren« Interaktionen jedenfalls beträchtliche Informationsverluste hineinorganisiert [sind]“1282. Nicht alles lässt sich in Organisationen in Form von Programmen und Entscheidungsprämissen formalisieren.1283 Das Problem resultiert aus der Dominanz der einen Systemgrenze (formal) auf Kosten der anderen (informal), oder eben andersherum.1284 Interkationen unter den anwesenden Professionen und Patienten lassen sich also nicht durchgängig formalisieren. Die Organisation Krankenhaus besteht in diesen Bereichen jedoch zu einem Großteil aus Interaktionen. „Diese Dominanz 1279 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 360. 1280 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 383f. 1281 Das „Verhältnis“ von Organisation und Interaktion auch verstanden als bi-stabile/bireferenzielle (System-)Identität eines Krankenhauses. vgl. In: Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. 2. Auflage. V S. Wiesbaden, 2006. S. 70, Fn 70; S. 227; S. 417, Fn2. 1282 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 358. 1283 Vgl. Kühl, Stefan: Organisationen. A.a.O. S. 118. 1284 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 348. 262 hat nämlich zur Folge, daß die Probleme der dadurch marginalisierten Systemgrenze in diesem formalen Rahmen nicht mehr in vollem Umfange kommunikationsfähig sind. Eben deshalb kommt es zur Absonderung einer besonderen Ebene für »informale Kommunikation«.“1285 Luhmann gibt hier den Hinweis, dass der Dienstleistungssektor eine besondere Herausforderung darstelle, um sie organisationstheoretisch zu beschreiben. Zudem kommt hinzu, dass es Organisationen an Maßeinheiten fehlt, um ihre Selbstbeobachtung durchzuführen. Innerhalb dieser Selbstbeobachtung könnten Reflexionsschleifen eingerichtet werden1286, die wiederum zur Themenvorgabe in organisational gerahmten Interaktionssystemen dienen. Diese Maßeinheiten könnten ein Controlling darstellen, in dem die Operationen in Organisationen erfasst werden könnten. Die Ergebnisse eines solchen Controllings könnten zu Steuerungszwecken genutzt werden. „Hier sind Organisationen des Wirtschaftssystems deutlich im Vorteil, weil sie ohnehin über eine ausgebaute Kostenrechnung verfügen, die durch in sie übersetzbare Kennziffern ergänzt werden können. Die einschlägigen Forschungen beziehen sich denn auch hauptsächlich auf Industrieverwaltungen. Anders orientierte Organisationen werden, weil ihre Erfolge bzw. Misserfolge nicht über Marktdaten ins System eingespeist werden können, mit ‚Schätzungen‘ arbeiten müssen, und es wird für sie immer eine ‚politische‘ Frage sein, wenn diese Schätzungen auf Grund von Erfahrungen revidiert werden müssen. Die bloße Umsetzung von Kürzungen der zugewiesenen Mittel in Verzichte, wie sie derzeit üblich ist, zeigt nur an, dass es an einer überzeugenden Reflexion der Organisation in der Organisation fehlt.“1287 Organisational gerahmte Interaktionen sind dennoch besondere Formen von Interaktionssystemen.1288 Organisation kann sich durch das Konstrukt der Mitgliedschaft in der Interaktion bemerkbar machen. Des Weiteren kompensiert die Mitgliedschaftsrolle das konstitutive Kriterium der Anwesenheit für Interaktionssysteme. Interaktionssysteme können Organisationen in sich reflektieren.1289 Von der Fähigkeit des Interaktionssystems, organisationale 1285 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 348. 1286 Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 328. 1287 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. S. 328f. 1288 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 348. 1289 Vgl. zur Reflexion: Das Systemverständnis im Sinne der Theorie der Polykontexturalität, wie sie auch von LUHMANN für die Beschreibung seiner funktionalen, differenztheoretischen Systemtheorie verwendet wird, hat beliebig viele Kontexturen mit kontingenten Werten. „Das hat vor allem Folgen für die Negation: Während in der klassischen Logik jede wiederholte Negation zur ursprünglichen Position zurückführt, da sie nur über zwei Werte verfügt, gibt es in der transklassischen Logik (wie die mehrwertige Logik auch bezeichnet wird) eine zweite Form der Negation. GÜNTHER bezeichnet sie als Rejektion. Die Rejektion ist nicht einfach Negation eines Wertes, sonder sie verwirft eine Wertalternative, also eine Kontextur insgesamt, d.h. sie verwirft einen Negationsprozess. Weil dabei keine Position negiert wird, handelt es sich bei der Rejektion auch nicht mehr um eine identitätslogische Negation, sondern um eine Reflexion, die den Sinn der Wertalternative insgesamt reflektiert. vgl. hierzu in Kapitel 2 dieser Arbeit, ders. auch In: Günther, Gott- 263 Prämissen zu reflektieren, hängt die Anschlussfähigkeit der Kommunikationsprozesse von organisational gerahmten Interaktionssystemen ab. „Organisation produziert Prämissen, die in der Interaktion nicht oder nur noch durch paradoxe Kommunikation dementiert werden können.“1290 „Man muß Interaktionsverhalten und Entscheidungsprozeß laufend zugleich unterscheiden und aufeinander beziehen können, um sich in Organisationen zurechtzufinden, und die Fähigkeit, so zu beobachten, kann geradezu als Bedingung für vollständige Inklusion ins System angesehen werden. Diese Fähigkeit läßt sich kaum anders als durch Anwesenheit in der Interaktion selbst erwerben.“1291 „Im Rahmen der hier gewählten Perspektive, die Interaktionen und Organisationen als unterschiedliche Arten von Systembildung trennt, besteht zunächst einmal Anlaß auf die Unwahrscheinlichkeit solcher Interaktionen zu verweisen.“1292 In komplexen Organisationen besteht die Möglichkeit, die Entscheidungen mittels Hierarchie auf direktiver Weise durchzubringen. Diese organisationalen Steuerungsversuche basieren in der Regel auf einem normativen Organisationsverständnis. Eine andere Regel der Entscheidungsfindung besteht in der demokratischen Mehrheitsabfrage für bestimmte Beschlüsse. In Anbetracht möglicher Konflikte verspricht die demokratische Vorgehensweise noch praktikable Resultate zu liefern.1293 In der Vorgehensweise eine allgemein bindende Entscheidung herbeizuführen, erfolgen Konfliktvermeidungsstrategien und man versucht antezipatorisch zu verhandeln, um Entscheidungen in einem Aushandlungsprozess herbeizuführen. Die auf diese unsicherheitsabsorbierende Technik basierende Kommunikation legt es nahe, dass in paradoxer Kommunikationsweise ein großes Maß an Ambiguität freigesetzt wird.1294 Zielführender sind Lösungswehard (1978): Idee und Grundriß einer nicht–Aristotelischen Logik: die Idee und ihre philosophischen Voraussetzungen. 2. Auflage. Hamburg, Meiner. „Günther Bezeichnet die positive Seite der Unterscheidung als Designationswert und die negative als Reflexionswert. Darin kommt bereits ein (logischer) Funktionsunterschied zum Ausdruck: Die Designation dient nur der Bezeichnung dessen, was in ontologischer Sprache Sein oder Seiendes heißt. Der nicht-designierende Wert bleibt somit frei für andere Aufgaben, die sich zunächst allgemein als Reflexion der Einsatzbedingungen des Designationswertes begreifen lassen. Übersetzt man diese Unterscheidung aus der Logik in die empirische Systemforschung, bekommt der positive Wert den Sinn, die Anschlussfähigkeit der Operationen des Systems für Operationen des Systems zu bezeichnen. Das System kann nur auf dieser Seite operieren. Der negative Wert ist dann wiederum frei, um den Sinn solcher Operationen als Information beobachtbar zu machen mit der Maßgabe, dass auch die Beobachtung nur in der Form einer systeminternen Operation erfolgen kann.“ In: Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. A.a.O. S. 135. 1290 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 361. 1291 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 362f. 1292 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 374. 1293 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 375. 1294 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 376. 264 ge, die die Wahrscheinlichkeit von Anschlussfähigkeiten an die Kommunikationsprozesse des Interaktionssystems erhöhen. Gerade im Krankenhaus ist man durchweg auf Interaktionssystem angewiesen, wenn man sich einmal die Patienten- Kontakte zu den Professionen vor Augen führt. An diesem Punkt findet man eine deutliche Entkopplung zwischen Interaktionssystemen in der Versorgung von Patienten und den entscheidenden Interaktionen auf Direktionsebene oder Projektgremien-Ebene, die ihr Systemgedächtnis mittels Protokolle fixieren.1295 Interaktionssysteme in unmittelbarer Krankenversorgung besitzen ein Gedächtnis, das anders funktioniert. „In zeitlicher Hinsicht findet man hier eine deutliche Entkopplung der Gedächtnisleistungen durchgeführt. Das Gedächtnis der Organisation erinnert sich nur an Entscheidungen und vergißt alles andere. Das Gedächtnis der Interaktion wie der Interaktionsteilnehmer ist demgegenüber ganz anders konditioniert. Sie mögen mehr den Verlauf als das Ergebnis und mehrt die unterlegenen als die siegreichen Kandidaten erinnern. So entsteht aus der Differenz von Interaktion und Organisation die Differenz zwischen offizieller und inoffizieller Gedächtniskultur des Systems, zwischen legitimer und illegitimer Systemgeschichte.“1296 Das interaktionelle Gedächtnis ist im Vergleich zu dem organisationalem Gedächtnis unterschiedlich konditioniert.1297 „Die Interaktion gerät damit zunächst einmal unter den Druck von Erwartungen, die letztlich aus einer anderen Systemebene stammen und daher nur unter erheblichen Verzichten auf interaktionseigene Möglichkeiten der Handhabung von Sozialität realisiert werden können.“1298 Die soziologische Forschung hat inzwischen den Erkenntnisstand, dass Interaktionssysteme nicht bedingungslos einer organisatorischen Vorentschiedenheit folgen und „daß nicht nur die Möglichkeiten der Interaktion durch die Organisation, sondern auch die Möglichkeiten der Organisation durch die Interaktion beschränkt werden. Ein erster Versuch in diese Richtung hatte sich im Anschluß an die Entdeckung der sogenannten informalen Organisation durchgesetzt.“1299 „Entsprechend findet man bei Goffman eine deutlich veränderte Auffassung über Genese und Funktion von Informalität. Es geht nicht mehr darum, daß die Organisation mit ihren Entscheidungsprämissen nicht zu den »emotionalen Bedürfnissen« ihrer Mitglieder paßt, so daß diese Bedürfnisse sich dann eben auf die Schleichwege der Informalität begeben müssen, um dort nach Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Statt dessen (sic) nimmt Goffman an, daß der Systemcharakter der Interaktion ihre Instrumentalisierung durch die Organisation verhindert. Die Spannung wird also darauf zurückgeführt, daß unterschiedliche Ebenen der Systembildung im Spiel sind.“1300 1295 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 385. 1296 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. S 385f. 1297 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 387. 1298 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 340. 1299 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 341. 1300 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 343. 265 Es gibt Bereiche im Krankenhaus, in denen die Prozesse innerhalb der Interaktionssysteme durch Konditionalprogramme ohne großen Reibungswiderstand mit zufriedenstellenden Ergebnissen gesteuert werden können. Man denke da nur an simple Verfahrensanweisungen zur Umsetzung des Labormanagements oder des Operationsmanagements. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit erzielt man im Rahmen der Interaktionsprozesse das organisational vor-entschiedene/definierte und gewünschte Ergebnis. Es gibt daneben durchaus Bereiche im Krankenhaus, die nicht so einfach zu steuern sind. Beispielweise haben nicht wenige Krankenhäuser große Anstrengungen, mäßigen bis keinen Erfolg in Bereichen zu verzeichnen, in denen es um die Umsetzung der leitbildkonformen Versorgung von Patienten geht. Im Konkreten ist hier die Art und Weise in Bezug auf den Umgang mit Patienten gemeint, womit die sogenannten unentscheidbaren Entscheidungsprämissen angesprochen werden. Man spricht dann auch von Organisations- bzw. Unternehmenskultur.1301 Eine Möglichkeit ist es, hier von informellen Strukturen in Abgrenzung zu formellen Strukturen zu sprechen, wenn man hierzu auch den frühen Luhmann vergleichend heranzieht.1302 Eine andere Möglichkeit, als die der Unterscheidung der formalen und informalen Form in Krankenhäusern, könnte eine Beobachtungsweise sein, die die beiden Systemreferenzen Organisation und Interaktion berücksichtigt. Dabei wird die Interaktionssystemreferenz stärker in den Vordergrund der Analyse der organisierten Krankenbehandlung gestellt. Der spätere Luhmann würde an dieser Stelle gegebenenfalls von bistabiler Systemidentität bzw. Systemreferenz sprechen.1303 Dieser im ersten Augenblick in sehr ambiguitärer Weise erscheinender Ansatz soll für die weitergehende systemtheoretische Analyse der organisierten Krankenbehandlung Berücksichtigung finden. Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, die Untersuchung von Organisationssystem und Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung unter dem Fokus der funktionalstrukturellen Systemtheorie weiterzuentwickeln und von einem prozessualen Verständnisansatz aus die Analyse voranzutreiben. Der folgende Ansatz, dieser weiterführenden Untersuchung des Forschungsgegenstandes, liegt schwerpunktmäßig in der strengen Unterscheidung der Systemreferenzen von Organisation und Interaktion. Dabei werden die sozialen Systeme vom Aspekt ihrer Funktion und Prozesse aus beobachtet. 1301 Vgl. hierzu S. 628 ff. in dieser Arbeit. (German Catholic Identity Matrix). 1302 Vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation. A.a.O. 1976. 1303 Das „Verhältnis“ von Organisation und Interaktion auch verstanden als bi-stabile/bireferenzielle (System-)Identität eines Krankenhauses. vgl. In: Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 70, Fn 70; S. 227; S. 417, Fn2. 266

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References

Zusammenfassung

Dr. Ismail Özlü leistet mit vorliegendem Werk einen sozialwissenschaftlichen Beitrag zum besseren Verständnis der organisierten Krankenbehandlung im Krankenhaus. Hierzu unternimmt der Autor eine systemtheoretische Analyse der sozialen Systeme Organisation und Interaktion. Nach fachkundiger Unterscheidung beider Systeme werden insbesondere vorhandene Unterschiede bei der Informationsverarbeitung herausgestellt und abschließend verbesserte Möglichkeiten ihrer strukturellen Kopplung dargelegt.