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8. Interaktion als soziales System in:

Ismail Özlü

Organisation und Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung , page 201 - 250

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3939-7, ISBN online: 978-3-8288-6834-2, https://doi.org/10.5771/9783828868342-201

Tectum, Baden-Baden
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201 8. Interaktion als soziales System Dieses Kapitel dient zur Vorstellung des systemtheoretischen Begriffs der Interaktion als soziales System. Auf der Vorbereitungsleistung dieses Kapitels baut die spätere Auseinandersetzung mit der organisierten Krankenbehandlung auf. Die Darstellung von Interaktionssystemen erweitert den Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen innerhalb der organisierten Krankenbehandlung. Wenn von organisierter Krankenbehandlung die Rede ist, dann sind soziale Phänomene gemeint, die in Form von organisational gerahmten Interaktionssystemen (zwischen den Patientinnen und Patienten sowie den an dem Versorgungsprozess beteiligten Professionen wie Medizin und Pflege) innerhalb der Organisation Krankenhaus vorkommen. Für die Analyse der organisierten Krankenbehandlung ist sowohl die Organisation als auch das Interaktionssystem relevant. Die Unterscheidung von Interaktion und Organisation in Bezug auf die organisationale Krankenbehandlung folgt dem systemtheoretischen Ansatz, dass „die Eigenlogik konkreter sozialer Situationen aus ihren je unterschiedlichen Verweisungszusammenhängen zu erklären“910 sind. Die soziale Situation der organisierten Krankenbehandlung kann sowohl in Bezug auf die Systemreferenz der Interaktionssysteme als auch bezüglich der Systemreferenz der Organisation hin beobachtet werden, weil beide sozialen Systeme zur sozialen Ordnung der organisierten Krankenbehandlung beitragen. Hierzu muss man die systemspezifischen Funktionsweisen von Interaktion und Organisation kennen, um zu sehen wie die Ordnungsleistung des jeweiligen sozialen Systems aussieht. Die Interaktion bewältigt die Aufgabe der sozialen Ordnung durch die Kommunikation unter Anwesenden (Arzt-Patient-Pflege). Die Ordnungsleistung der Organisation „Krankenhaus“ erfolgt in Bezug auf die organisierte Krankenbehandlung durch die Bindung ihrer Mitglieder an Entscheidungen.911 Die Organisation als soziales System wurde in einem separaten Kapitel (Kapitel V) bearbeitet. Im Folgenden soll zunächst die Funktionsweise der Interaktionssysteme behandelt werden. 910 Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. A.a.O. S. 90. 911 Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation. A.a.O. S. 166. & vgl. auch hierzu Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 2007. S. 107f. und S. 114. 202 Die Interaktionssysteme lassen sich in die Kategorie der sozialen Systeme einordnen. Luhmann unterscheidet die Interaktion als einen Typus sozialen Systems auf gleicher Ebene neben zwei weiteren sozialen Systemen, die der Gesellschaft und die der Organisation:912 „Von sozialen Systemen kann man immer dann sprechen, wenn Handlungen mehrerer Personen sinnhaft aufeinander bezogen werden und dadurch in ihrem Zusammenhang abgrenzbar sind von einer nichtdazugehörigen Umwelt. Sobald überhaupt Kommunikation unter Menschen stattfindet, entstehen soziale Systeme.“913 Soziale Systeme müssen im systemtheoretischen Sinne besondere Merkmale aufweisen, um sie als solche zu qualifizieren. Bei der Auseinandersetzung mit dem sozialen System der Interaktion ergeben sich Merkmale, die relevant für das Entstehen und die Funktionsweise von Interaktionssystem sind. In den nachstehenden Unterkapiteln werden diese besonderen Merkmale für die Interaktionssysteme dargestellt. 8.1 Kommunikation unter Anwesenden Interaktionssysteme sind Kommunikationen unter Anwesenden.914 Es ist unmöglich, in Interaktionssystemen nicht nicht zu kommunizieren, es sei denn die Kommunikation wird durch Absentismus vermieden.915 „Interaktionssysteme bilden sich, wenn die Anwesenheit von Menschen benutzt wird, um das Problem der doppelten Kontingenz durch Kommunikation zu lösen.“916 In dieser Umschreibung von Interaktionssystemen sind bereits zwei Merkmale aufgeführt, die (neben weiteren Merkmalen) Interaktionssysteme charakterisieren. Es handelt sich dabei um die Kommunikation und um die Anwesenheit. Zunächst einmal wird die Aufmerksamkeit auf die Kommunikation gelenkt. „Kommunikation unter Anwesenden – das ist eigentlich nur eine zu Verständigungszwecken ersonnene Kurzformel für den Sachverhalt, daß es sich um Kommunikationen handelt, bei denen mitkommuniziert (sic) wird, daß es sich um Kommunikationen unter Anwesenden handelt. Die Referenz zur Anwesende ist also letztlich nur die umgeleitete Selbstreferenz der Kommunikation (…).“917 Wie alle sozialen Systeme basieren auch Interaktionssysteme auf Kommunikation. „Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß.“918 Die Operationsweise 912 Vgl. Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. A.a.O. S. 9–24 und Luhmann, N.: Differenzierung. In: ders.: Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 595–865. 913 Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. A.a.O. S. 10. 914 Vgl. Monografie mit gleichnamigem Titel. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. 915 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 562. 916 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 814. 917 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden: A.a.O. S. 67. 918 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 193. 203 von Interaktionssystemen unterscheidet sich zu der von psychischen Systemen. Die psychischen Systeme operieren im Gegensatz zu Interaktionssystemen im Modus von Gedankenprozessen (Kognition, Wahrnehmung und Emotion): „Ein soziales System kann nicht denken, ein psychisches System kann nicht kommunizieren.“919 Man muss Bewusstseinssysteme, auch psychische Systeme genannt, und kommunikative Systeme, auch soziale Systeme genannt, strikt voneinander unterscheiden. Beide Systeme sind strukturdeterminierte Systeme, die die Reproduktion ihrer Operationen an ihren eigenen Strukturen orientieren.920 Das Interaktionssystem gehört zu den sozialen Systemen und psychische Systeme stellen dessen Umwelt dar. Diese strikte Trennung bedingt sich durch die unterschiedliche Operationsweise der sozialen Systeme im Vergleich zu den psychischen Systemen. Die operative Geschlossenheit im Interaktionssystem führt dazu, dass das Kommunikationssystem innerhalb von Interkationen eine Geschlossenheit des Systems gegenüber anderen Operationsformen aufweist. Konkreter spricht man von der operativen Geschlossenheit des Kommunikationssystems, weil nicht Gedanken an dem Kommunikationsprozess anschlussfähig sind, sondern nur Kommunikation.921 „Nur die Kommunikation kann kommunizieren.“922 Das Kriterium der operativen Schlie- ßung wird durch die basale Selbstreferenz des Kommunikationssystems erfüllt.923 Die basale Selbstreferenz besteht darin, dass die Systemelemente auf Elemente des Systems rekurrieren, indem die Einheit der konstituierenden Kommunikation in der Interaktion an Kommunikation anschließt.924 „Selbstreferentielle Systeme sind auf der Ebene dieser selbstreferentiellen Organisation geschlossene Systeme (…).“925 Soziale Systeme sind daher auch auf Selbstorganisation angewiesen.926 Die einzige Möglichkeit systemeigene Strukturen aufzubauen und anzupassen, wird durch eigene Operationen des Interaktionssystems – also durch Kommunikation gewährleistet.927 Die operative Schließung im Interaktionssystem erfolgt über das reflexive Prozessieren. Das reflexive Prozessieren ist zugleich Selektivitätsverstärker und die Differenz von Geschlossenheit/Offenheit des Systems vollzieht sich in der Kommunikation. In der Kommunikation selbst konstruiert sich das System seine Umwelt. „Und so entsteht ein System, das auf Grund seiner Geschlossenheit umweltof- 919 Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? In: Soziologische Aufklärung, Band 6. 8. Auflage. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 118. 920 Luhmann, Niklas: Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt? A.a.O. S. 40. 921 Vgl. Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 114. 922 Luhmann, Niklas: Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt? A.a.O. S. 38. 923 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 59. 924 Vgl. Luhmann, Niklas: Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme. A.a.O. S. 27 ff. 925 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 60. 926 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 60f. 927 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 93. 204 fen operiert, weil seine basale Operation auf Beobachtung eingestellt ist.“928 Die operative Geschlossenheit ermöglicht dem System seine Wahrnehmungsoffenheit gegenüber seiner Umwelt. „Alle Umweltbeobachtung muß im System selbst als interne Aktivität mit Hilfe eigener Unterscheidungen (…) durchgeführt werden. (…) Alle Umweltbeobachtung setzt die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz voraus, die nur im System selbst (…) getroffen werden kann.“929 Im Sinne der Autopoiesis werden die Elemente der Interaktionssysteme, aus denen sie bestehen, wiederum nur aus den systemeigenen Elementen reproduziert (im Sinne der Selbstorganisation). Wenn von Elementen in sozialen Systemen die Rede ist, dann ist die Kommunikation gemeint. Alle sozialen Systeme bestehen aus Kommunikation. Die autopoietische Selbstreproduktion der Kommunikationselemente des Systems aus eigenen Systemelementen basiert auf der rekursiven Vernetzung von eigenen spezifischen Operationen. „Als autopoietisch wollen wir Systeme bezeichnen, die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren. Alles, was solche Systeme als Einheit verwenden: (…) wird durch eben solche Einheiten im System erst bestimmt.“930 Das Prinzip der Autopoiesis trifft auch auf den Typ des Interaktionssystems zu. Im Fall der Interaktionssysteme reproduziert sich die Kommunikation aus der vorherigen Kommunikation, an die sie sich anschließt.931 Die Kommunikation erfolgt hier unter Anwesenden. Die Kommunikation erscheint uns hier sensu Luhmann in der Verwendungseinheit ihrer triadischen Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen932. Alle drei Momente der Kommunikationseinheit sind auch in Interaktionssystemen hoch selektiv und immer vom jeweiligen Sinnhorizont abhängig, wie die Information mitgeteilt wird und wichtiger noch, wie sie vom Adressaten selbst verstanden wird.933 So gibt es keine Informationsübertragung, vielmehr wird die Information in der Selektion des Verstehens im System selber produziert. Im Verlauf wird aus dieser neuen Information ein weiterer Kommunikationsbeitrag über die Selektion der Mitteilung an die laufende Kommunikation im Interaktionssystem angeschlossen, oder auch nicht.934 Ob ein Beitrag Teil des Kommunikationssystems wird oder nicht, unterliegt den Regeln der Selektivität innerhalb des Kommunikationssystems selbst. Die Selektionen von Information, Mitteilung und Verstehen führen dazu, dass die Kommunikation eine emergente Sozialität ist. „Diese drei Beiträge zur Emergenz von Kommunikation 928 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 97. 929 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 92. 930 Luhmann, Niklas: Die Autopoiesis des Bewußtseins. In: Soziologische Aufklärung, Band 6. 8. Auflage. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 56. 931 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Autopoiesis des Bewußtseins. A.a.O. S. 56. 932 Vgl. Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 111. 933 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 203ff. 934 Vgl. Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 113. 205 können nicht auseinandergezogen werden.“935 Diese emergente Sozialität kann deshalb zustande kommen, weil die Selektion des Verstehens kontingent ist; also auch anders möglich ist! Wie etwas verstanden wird, ist vielen Möglichkeiten ausgesetzt und ausgehend von der Differenz der Selektion von Information und Mitteilung kann in der Selektion des Verstehens eine ganz neue Information im Interaktionssystem produziert werden. Der Kommunikationsprozess ist mit hoher Kontingenz beladen. Zur Erklärung wird der Schematismus Ego-Alter angeführt. Der Schematismus Ego-Alter macht bezogen auf die doppelte Kontingenz deutlich, dass Ego sowohl von seinem kontingenten Selektionsverhalten, als auch von Alter Ego´s kontingentem Selektionsverhalten ausgehen muss. Zu dieser ungewissen Annahme kommt hinzu, dass Ego davon ausgehen muss, dass Alter als Alter Ego mit der gleichen reflexiven Annahme von Ego’s kontingentem Selektionsverhalten ausgeht. Es ist sowohl bei Ego, als auch bei alter Ego die doppelte Kontingenz der Realisationsmöglichkeit und Enttäuschungsmöglichkeit hinsichtlich des Selektionsverhaltens gegeben. Doppelte Kontingenz ist etwas anderes, als die Gegebenheit von einfacher Kontingenz auf beiden Seiten (von Ego und Alter).936 Erst durch die Reflexivität der Annahme von Ego und Alter (der seinerseits ein Alter Ego ist), ist in Bezug auf das Selektionsverhalten937 die doppelte Kontingenz gegeben.938 Ego weiß gegenwärtig nicht, wie das zukünftige Verhalten von Alter aussehen wird. Da der Aufbau des Interaktionssystems mit dem Selektionsverhalten von Ego und Alter verwoben ist, kann Ego aufgrund der Unbestimmtheit von Alter auch nicht wissen, wie er sich selbst verhalten wird. Im Sinne dieser zirkulären Interdependenz (Kreiskausalität) weiß Alter auch nicht, wie Ego sich verhalten wird und somit auch nicht, wie er selbst sich verhalten werden. Das Phänomen der doppelten Kontingenz ermöglicht die Systembildung auf einem emergenten Niveau, die eine neue Ordnung der Informationsverarbeitung darstellt.939 Zieht man an dieser Stelle, zum Verständnis des Prinzips der Ordnungsbildung, das Kausalschema heran, dann kann man feststellen, dass die Ordnungsbildung nicht einer einfachen Linearität folgt, vielmehr entspricht das Prinzip einer Kreiskausalität. Soziale Systeme operieren innerhalb ihrer selbstverfertigten Strukturen und weisen somit eine systemspezifische Rationalität auf, die dazu führt, dass Themen eigentümlicherweise im systemeigenen Sinnhorizont verstanden werden.940 Innerhalb der Kommunikation kommt es zu dieser Emergenz, weil die Selektionen von Information, Mitteilung und Verstehen nicht solitär auftauchen können. Die Kommunika- 935 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden: Studien über Interaktionssysteme. Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1999. S. 58. 936 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 148. 937 Sowohl bei Ego als auch bei Alter. 938 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 148f., und S. 293. 939 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 172. 940 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 638ff. 206 tion läuft als triadische Verwendungseinheit in Form von Informationsselektion, Mitteilungsselektion und Verstehensselektion ab. Die Emergenz liegt in der Undeterminierbarkeit der Differenz von Information und Mitteilung im Moment der Verstehensselektion und somit der Ungewissheit welche neue Information in der Kommunikation produziert wird. Die Emergenz im System entsteht auf der Grundlage der doppelten Kontingenz und der aus ihr resultierenden Unbestimmtheit. Die beschriebene Selektionsleistung in der Kommunikation hebt die Kommunikation von der Wahrnehmung der Anwesenden im Interaktionssystem ab. Erst die Selektionsleistung innerhalb der Kommunikation differenziert das Kommunikationssystem aus. Es muss hier klar zwischen Kommunikation und Wahrnehmung941 unterschieden werden, weil Wahrnehmung eine psychische Leistung ist.942 „Die Kommunikation läßt sich (…) durch Bewußtsein stören und sieht dies sogar vor, aber immer nur in Formen, die in der weiteren Kommunikation anschlußfähig sind, also kommunikativ behandelt werden können.“943 8.1.1 Anwesenheit im Interaktionssystem Die Anwesenheit im Interaktionssystem stellt für das soziale System zweierlei dar: Zum einen ist es „ihr Selektionsprinzip“ innerhalb der Systemgrenzen und zum anderen „ihr Grenzbildungsprinzip“ gegenüber ihrer Umwelt.944 Das Systembildungsprinzip der Anwesenheit fungiert gleichwohl als Gegenstand der Grenzdefinition für ein Interaktionssystem. Die Grenzdefinition dient der Unterscheidung der Zweiseiten einer Form. Auf der einen Seite dieser Form steht das Interaktionssystem und auf der anderen Seite seine relevante Umwelt. Kommt es durch einen Beitrag eines anwesenden Teilnehmers dazu, dass eine Kommunikation unter den Anwesenden entsteht, dann bedeutet dies, dass soziale Teilhabe am Kommunikationssystem entsteht. Die Anschlusskommunikation, bestehend aus den Beiträgen der Anwesenden, ist Voraussetzung für das Interaktionssystem. Die Anwesenheit unterscheidet sich von der rein physischen Präsenz von psychischen Systemen945 941 Die Wahrnehmung ist nicht Teil des Kommunikationssystems, aber als Voraussetzung für ein Kommunikationssystem auch nicht ganz weg zu denken. Nichtsdestotrotz haben also Wahrnehmungsprozesse eine wichtige Funktion für Interaktionssysteme; hierzu im Kapitel 8.2. „Wahrnehmung im Interaktionssystem“ mehr. 942 Vgl. Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 111. 943 Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 120. 944 Vgl. Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. A.a.O. S. 10. 945 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden: Studien über Interaktionssysteme. Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1999. S. 64. Kieserling führt hier zur Veranschaulichung das Beispiel des Sklaven und des Taxifahrers an, die sich zwar im gleichen Raum befinden, wie das Interaktionssystem selbst, aber in das selbige nicht inkludiert sind. Der umgekehrte Fall ist auch denkbar, nämlich dass trotz diskontinuierlicher Präsenz eine Inklusion in das Interaktionssystem gegeben sein kann. 207 und kommt durch die gegenseitig wahrgenommene Anwesenheit der Beteiligten zustande.946 Die Systemgrenzen von Interaktionssystemen sind sozial konstruiert947 und daran zu erkennen, dass „… man nur mit Anwesenden, aber nicht über Anwesende sprechen kann; und umgekehrt nur über Abwesende, aber nicht mit ihnen.“948 Die beiden Strukturmerkmale in Form der oben genannten Prinzipien (Grenzbildungsprinzip und Selektivitätsprinzip) konstituieren das Interaktionssystem durch das Konstitutionsprinzip der Anwesenheit, wobei mit „Anwesenheit (…) gemeint [ist], daß ein Beisammensein von Personen die Selektion der Wahrnehmungen steuert und Aussichten auf soziale Relevanz markiert“.949 Die Personen, die sich als Anwesende im System beteiligen, steuern ihr „eigenes Erleben und Handeln zur jeweiligen Interaktion“950 bei. Erst die wechselseitige Wahrnehmbarkeit durch Anwesenheit unter den Teilnehmenden ermöglicht das Strukturmerkmal der Selektivität innerhalb eines Interaktionssystems. „Das schließt die Wahrnehmung des Sich- Wahrnehmens ein.“951 Die Anwesenheit ist die Voraussetzung für alle Selektionsprozesse innerhalb des Interaktionssystems. Der „Selektionsprozeß konstituiert das soziale System als Auswahl aus anderen Möglichkeiten, also durch seine Selektivität selbst“952. Was nun als anwesend oder abwesend im Interaktionssystem gehandhabt wird, wird durch die Kommunikationsprozesse selbst konstituiert. Man kann Anwesendes erkennen, wenn man die Kommunikation selbst beobachtet.953 Hierbei ergibt sich die relevante Frage: Wie verhält es sich mit der Voraussetzung der Anwesenheit in organisational gerahmter Interaktion? Über die Ordnungsleistung der Organisation kann die Interaktionen organisationalen Bedingungen ausgesetzt werden. Die Voraussetzung der Anwesenheit wird durch organisationale Strukturen nicht mehr notwendig. Das bedeutet, dass die Interaktion der organisationalen Ordnungsleistung, in Form der Mitgliederbindung an organisationaler Entscheidung, strukturell koppelt. In der organisational eingerahmten Interaktion wäre in gewisser Weise eine Unabhängigkeit in Bezug auf die „simultane Anwesenheit aller Beteiligten im wechselseitigen Wahrnehmungsraum“954 gewährleistet. Im Sinne von Goffman bildet sich durch die Referenz Organisation der primäre soziale 946 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. a.a.O. S. 64. 947 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 64. 948 Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft A.a.O. S. 10. 949 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 564. 950 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 26. 951 Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. A.a.O. S. 10. 952 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 26. 953 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 66. 954 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 208 Rahmen955 für das Interaktionssystem. Das bedeutet alle Anwesenden des Interaktionssystems befinden sich in dem gleichen sozialen Rahmen, der einen Verständnishintergrund für soziale Ereignisse darstellt.956. Die sozialen Rahmen bieten eine Sinndimension, in welchen Verständnis- und Sinnregeln eine Rolle spielen. Diese Regeln der sozialen Rahmen bestimmen die Wahrnehmung von Ereignissen und beeinflussen ihre Interpretation.957 Mit Kieserling formuliert, könne man auch von präkommunikativer Sozialität des Interaktionssystems sprechen, die von einem organisational definierten Rahmen geprägt sei.958 „Zusammengenommen bilden die primären Rahmen einer sozialen Gruppe einen Hauptbestandteil von deren Kultur, vor allem insofern, als sich ein Verstehen bezüglich wichtiger Klassen von Schemata entwickelt, bezüglich deren Verhältnissen zueinander und bezüglich der Gesamtheit der Kräfte und Wesen, die von Schemata entwickelt, bezüglich deren Verhältnissen zueinander diesen Deutungsmustern in der Welt vorhanden sind.“959 „Damit wird eine andere Ebene der Systembildung, eine andere Ebene der Steigerung und Reduktion von Komplexität erreicht, in der das Erfordernis der Anwesenheit zwar nie ganz aufgegeben werden kann, aber einen anderen Stellenwert gewinnt – zum Beispiel: geregelt werden kann!“960 (In Bezug auf die Differenz von Anwesenheit/Abwesenheit reicht an dieser Stelle die Beschreibung der Besonderheit dieser Differenz in organisationaler Interaktion. Eine ausführlichere Behandlung von Interkationen in Organisationen erfolgt im Kapitel „Organisationale Interaktion“). Es darf zu Recht angenommen werden, dass die andere Seite der Unterscheidung zu Anwesenheit die Nicht-Anwesenheit ist.961 Wie bereits zu Anfang angeführt, konstituieren sich Interaktionssysteme, wie alle sozialen Systeme auch, durch die System-Umwelt Differenz. Systeme und ihre systemspezifischen Umwelten unterscheiden sich durch einen Komplexitätsgradienten. Das heißt, die Umwelt ist immer komplexer als das System selbst.962 „Keineswegs ist alles, was anwesend ist, eo ipso schon ein Teil des Systems. Vielmehr benutzen einfache Systeme das Selektionsprinzip der Anwesenheit auch, um ihre Umwelt zu differenzieren in Anwesendes und Nichtanwesendes. Anwesende Umwelt sind vor allem die im System behandelnden Beteiligten mit ihren Überschußkapazitäten für unerwartetes Handeln; nichtanwesende Umwelt ist alles, was jenseits der Grenzen relevanter Wahrneh- 955 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 31. 956 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 32. 957 Vgl. Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 34–35. 958 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 118. Vgl. zur präkommunikative Sozialität auch Kapitel 8.2ff. in dieser Arbeit. 959 Goffman, Erving: Rahmen-Analyse. A.a.O. S. 37. 960 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 961 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 814. 962 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 34. 209 mung liegt.“963 Nichtanwesende Umwelt ist sie je her schon, weil sie außerhalb des Wahrnehmungsfeldes der beteiligten Anwesenden im Interaktionssystem liegt. Ob anwesende Umwelt zum System oder zur Umwelt gehört, ist abhängig von der Selektion des Kommunikationssystems. Bei Anwesenden besteht die Möglichkeit, dass sie über die Selektionsleistungen im Kommunikationssystem partizipieren können. Bei fehlender Selektivität bleiben die Anwesenden hier anwesende Umwelt des Interaktionssystems. Die Differenz von Anwesenheit und Nicht-Anwesenheit sind die zwei Seiten einer Form: „Jedenfalls ist Anwesenheit eine Form, also im Sinne unseres Begriffs Differenz. Sie hat ihren systembildenden Sinn nur vor dem Hintergrund einer anderen Seite, in Bezug auf Abwesendes.“964 Als nächstes sehen wir uns die andere Seite der Form an, wobei es sich hier um die nichtanwesende Umwelt handelt. 8.1.2 (Nicht-)Anwesende Umwelt Die Umwelt eines Interaktionssystems kann in eine anwesende Umwelt und in eine nichtanwesende Umwelt differenziert werden. „Anwesende Umwelt sind vor allem die im System handelnden Beteiligten mit ihren Überschußkapazitäten für unerwartetes Handeln.“965 Die Grenzen der anwesenden Umwelt verlaufen entlang der Wahrnehmungsgrenzen im Interaktionssystem.966 Dementsprechend zeichnet sich „eine Differenzierung zwischen anwesender und abwesender Umwelt (…) ab, und zwar zunächst an den Grenzen des Wahrnehmungsraumes.“967 Die Ordnungsleistung im Interaktionssystem, hinsichtlich der anwesenden Umwelt, wird über die Themenkontrolle gewährleistet. Die Themenkontrolle umfasst zwei Aspekte: Zum einen die Auswahl des Themas selbst und zum anderen die Auswahl der Kommunikationsbeiträge.968 Der Selektionsprozess der Beiträge erfolgt über die Prüfung, ob ein Beitrag aus der anwesenden Umwelt zum Thema passt oder nicht passt. Die Aspekte zur Themenkontrolle werden später vertieft, wenn die „Soziale Kontrolle“ und damit auch die „Strategien der Abwehr, der Eindrucksverarbeitung und der Einflußnahme“969 behandelt werden.970 Es ist an dieser Stelle 963 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 964 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 814. 965 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 34. 966 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 967 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 71. 968 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 30. 969 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 35. 970 Für die Darstellung der Ordnungsleistung eines Interaktionssystems in Bezug auf seine anwesende Umwelt soll an dieser Stelle die Ausführung zum Aspekt der Themenkontrolle 210 festzuhalten, dass sich das Interaktionssystem gegenüber der anwesenden Umwelt nicht indifferent halten kann. „Hier bilden sich denn auch hochsensible Abwehrstrukturen, und dies nicht zuletzt deshalb, weil ja auch die organischen und psychischen Systeme der beteiligten Personen zur anwesenden Umwelt gehören.“971 Als Nichtanwesendes wird alles bezeichnet, was außerhalb der Wahrnehmungsgrenzen liegt. „Die abwesende Umwelt ist dagegen zunächst einmal indifferent.“972 Die einzige Leistung, die die abwesende Umwelt dem Interaktionssystem zu bieten hat, ist als Quelle für mögliche Störungen zu fungieren und das soziale System mit Unsicherheiten zu konfrontieren, die verarbeitet werden müssen. „Die nichtanwesende Umwelt kommt dagegen fast nur als Quelle von störenden oder anregenden Ereignissen in Betracht.“973 Die Unsicherheit wird im Interaktionssystem als Information produziert, wobei die Informationsverarbeitung über die Irritationen der Umwelt evoziert wird. Die Irritationsleistung der nichtanwesenden Umwelt kann über die verbale Kommunikation strukturell an das Interaktionssystem gekoppelt werden.974 Es wurde bereits beschrieben, dass in der Kommunikation unter Anwesenden über Abwesendes gesprochen werden kann.975 Das Interaktionssystem nimmt die Unterscheidung in Anwesendes und Nichtanwesendes vor. Die Voraussetzung, dass etwas als anwesend im Interaktionssystem behandelt wird, ist nicht im rein physischen Sinne zu verstehen. Die Anwesenheit von etwas ist davon abhängig, ob es als anwesend im Interaktionssystem wahrgenommen wird.976 Bevor etwas im Kommunikationsprozess eines Interaktionssystems thematisiert werden kann, muss es vorher im Radar des Wahrnehmungsprozesses aufgetaucht sein. Diese Selektion der Wahrnehmung ist in Bezug auf die Umwelt eine Form der Komplexitätsreduktion. Wie das Interaktionssystem unabweisbare Wahrnehmung (Störungen die zur Information qualifiziert werden können) aus der nichtanwesenden Umwelt selegiert und Anschlusskommunikation erfolgt, wird im folgenden Kapitel Wahrnehmung und verbale Kommunikation im Interaktionssystem beschrieben. ausreichen. Wie die spezifische Funktionsweise der Kontrolle der Themen erfolgt, wird an anderer Stelle weiter ausgeführt. (Siehe hierzu Kapitel „Soziale Kontrolle“). 971 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 71f. 972 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 72. 973 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 35. 974 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 975 Vgl. in der vorliegenden Arbeit Kapitel 8.1 „Kommunikation unter Anwesenden“. 976 Vgl. in der vorliegenden Arbeit Kapitel 8.1.1. „Anwesenheit im Interaktionssystem“. 211 8.2 Wahrnehmung und verbale Kommunikation im Interaktionssystem Zu Beginn erfolgt eine Erläuterung zum Zusammenhang von Wahrnehmung und Kommunikation, um die Nachvollziehbarkeit der Relevanz von Wahrnehmung für das Interaktionssystem herzustellen. Es wurde bereits dargestellt, dass die elementare Operation von Interaktion als soziales System die Kommunikation ist. Die Wahrnehmung ist die Form der Informationsgewinnung von psychischen Systemen.977 „[D]ie Wahrnehmung bleibt zunächst ein psychisches Ereignis ohne kommunikative Existenz.“978 Das hat auch weiterhin Gültigkeit. Es ist nunmehr der Fall, dass die Kommunikation sich der Wahrnehmungsleistung von Bewusstseinssystemen aus ihrer Umwelt bedient.979 „Die Kommunikation läßt sich, anders gesagt, durch Bewußtsein stören und sieht dies sogar vor; aber immer nur in Formen, die in der weiteren Kommunikation anschlußfähig sind, also kommunikativ behandelt werden können.“980 Die Kommunikation ist ohne die strukturelle Kopplung an die Bewusstseinsleistung von psychischen Systemen unmöglich, denn nur das Bewusstsein kann wahrnehmen.981 Die Wahrnehmung ist eine Eigenart vom Bewusstsein, die durch Kommunikation niemals erreicht werden kann. Anders gesagt, das Interaktionssystem greift über Sprache auf die Wahrnehmungsleistung der psychischen Systeme zurück. Das Medium Sprache ist die verbale Form von Kommunikation. Das Sprechen ist ein intentionsgesteuertes Handeln, was möglichen Rückfragen ausgesetzt werden kann. Die sprechende Person kann für ihre Handlung verantwortlich gemacht werden, weil die Person für das Kommunikationssystem als Adressat fungiert. Das Sprechen läuft sequentiell ab, weil nicht in Gleichzeitigkeit gesprochen und zugehört werden kann, ohne dass es in Chaos endet. Bedingt durch die nacheinander ablaufenden Beiträge werden im Vergleich zum Wahrnehmen weniger Nachrichten pro Zeiteinheit übermittelt. Der Vorteil von Sprache ist, dass der Informationsgehalt groß ist. Durch das Sprechen wird im Vergleich zur Wahrnehmung eine grö- ßere Aufmerksamkeit herangezogen. Das Sprechen ermöglicht eine größere Selektivität, weil die Möglichkeiten des Sprechens viel zahlreicher als die des Wahrnehmens sind.982 Die sprachliche Leistung dient hier als explizite Form der Kommunikation. Erst über das Medium der Sprache kann strukturelle Kopplung zwischen Kommunikationssystem und psychisches System erfolgen. An dieser Stelle soll 977 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 560. 978 Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 111. Vgl. auch Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 113. 979 Vgl. Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 50. 980 Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 120. 981 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 103. 982 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 156f. 212 deutlich gemacht werden, dass die Interaktion zwar auf die Wahrnehmungsleistung angewiesen ist, die Wahrnehmung jedoch eine originär psychische Leistung ist, genau so wie das Denken selber.983 „Man weiß heute, daß das System der (…) Kommunikation sich durch Wahrnehmungen nur irritieren, aber nicht instruieren läßt.“984 Die Systemtheorie unterscheidet zwischen psychischen und sozialen Systemen. Die Operationsweise sozialer System erfolgt in Form von Kommunikation und eben nicht in Form von Wahrnehmung. „Ein soziales System kann nicht denken, ein psychisches System kann nicht kommunizieren.“985 Diese radikale Unterscheidung wird manifest durch die operative Schließung sozialer und psychischer Systeme.986 Die Wahrnehmung ist vorbehaltlich eine Leistung von psychischen Systemen und kann nicht den sozialen Systemen zugeschrieben werden.987 Die Wahrnehmungsleistung erzielt Überschüsse an Informationen, die nicht alle kommuniziert werden können. Diese Wahrnehmungsüberschüsse werden in der verbalen Kommunikation einer Selektionsleistung unterzogen. Das Komplexitätsproblem zwingt zur Selektion im Kommunikationssystem.988 Selektion bedeutet in diesem Fall auch immer Komplexitätsreduktion auf Seiten der Wahrnehmung (die mit Informationsverlust einhergeht). Andererseits bedeutet Selektion auf Seiten des Kommunikationssystems Aufbau von Komplexität, weil „der Grundvorgang, der Komplexität ermöglicht, ist der Zusammenhang von kombinatorischen Überschüssen und struktureller Selektion.“989 Das bedeutet, dass Komplexitätssteigerung nur durch Selektivitätssteigerung im Kommunikationssystem zustande kommt. Gleichwohl erfolgt, bezogen auf die nicht selegierten Möglichkeiten, eine Komplexitätsreduktion990. Kommunikation kommt dann zustande, wenn zwischen Information und Mitteilung unterschieden wird. Diese Unterscheidung führt dazu, dass aus vielen Wahrnehmungsleistungen eine Wahrnehmung als Information selegiert wird. Der Kommunikationsprozess ist im Gegensatz zum Wahrnehmungsprozess auf die Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung angewiesen. Es erfolgt im Kommunikationsprozess die Mitteilungsselektion und schließt mit der Selektion des Verstehens ab. Der Unterschied liegt darin, dass der Wahrnehmungsprozess als Informationsverarbeitungsprozess auf die Differenzierung von Information und Mitteilung nicht angewiesen ist, die Kommunikation jedoch schon.991 983 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 111. 984 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. S. 112. 985 Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 118. 986 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 111. 987 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 113f. 988 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 89. 989 Luhmann, Niklas: Komplexität. In: Soziologische Aufklärung, Band 2. 6. Auflage. VS. Wiesbaden, 2009. S. 258. 990 Vgl. Luhmann, Niklas: Komplexität. A.a.O. S. 260. 991 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter An.wesenden. A.a.O. S. 11. 213 „Ein Kommunikationssystem (soziales System) bleibt also auf Bewußtsein angewiesen – auf Bewußtsein als Transformator von Wahrnehmung in Kommunikation. Damit wird das Bewußtsein nicht zum Subjekt der Kommunikation. Es liegt der Kommunikation nicht zugrunde. Es kann sie weder durchschauen noch kontrollieren, weil es über keinen kommunikationsunabhängigen Zugang zum Bewußtsein der anderen verfügt. Aber es ist eine sowohl motorisch als auch sensorisch unerläßliche Bedingung für die Fortsetzung von Kommunikation.“992 Die Selektionsleistung im Kommunikationssystem bedeutet Komplexitätsreduktion in Bezug auf alles mögliche was im Wahrnehmungsbereich liegt. Das bedeutet auch, dass Komplexität im Kommunikationssystem aufgebaut wird, indem selegiert wird, was von dem Wahrgenommenen im Interaktionssystem kommuniziert wird und was nicht.993 Die triadische Selektion der Kommunikation aus Information, Mitteilung und Verstehen stellt die Differenz zur Wahrnehmung dar.994 Es kann nicht über alles kommuniziert werden, was wahrgenommen wird, weil das Interaktionssystem nicht über ausreichende Kapazität verfügt. Enger formuliert; worüber tatsächlich kommuniziert wird, unterliegt den Regeln des Kommunikationssystems. Der Komplexitätsgradient verläuft in eine Richtung, sodass die Wahrnehmungsleistung der Umwelt (Beteiligte Anwesende) komplexer ist, als das System selbst.995 Durch die Ausdifferenzierung des Kommunikationsprozesses in der dreifachen Selektion der verbalen Kommunikation kommt es zur Ausdifferenzierung des Interaktionssystems. Die verbale Kommunikation ermöglicht „die Ausdifferenzierung aus einem (…) Wahrnehmungskontext“996 heraus. Die Sprache ist das Medium, dass den psychischen Systemen die strukturelle Kopplung an sozialen Systemen ermöglicht, aber dies nach den Bedingungen und „den Eigengesetzlichkeiten des Kommunikationssystems, zum Beispiel nur in Sprachformen, nur durch Inanspruchnahme von Redezeit, nur durch ein Sichaufdrängen, Sichsichttbarmachen, Sichexponieren – also nur unter entmutigend schweren Bedingungen.“997 Die Interaktionssysteme „bestehen keineswegs nur aus sprachlicher Kommunikation; aber daß sie auf Grund sprachlicher Kommunikation ausdifferenziert sind, prägt alles, was an sozialem Handeln, ja an sozialen Wahrnehmungen sonst noch vorkommt.“998 992 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 225f. 993 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 20, u. S. 63. 994 Vgl. Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 1. 995 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 34. 996 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 210. 997 Luhmann, Niklas: Was ist Kommunikation? A.a.O. S. 112. 998 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 210. 214 Es gibt in Interaktionssystemen, neben der sprachlichen Kommunikation, noch etwas anderes, aus dem die Interaktionssysteme bestehen. Es liegt ein sogenannter „Dualismus der tragenden Prozesse“999 im Interaktionssystem vor. „Im allgemeinen (sic) haben [Interaktionssysteme] ihre besondere Stärke darin, daß sie über zwei Prozeßarten verfügen.“1000 Eine der Prozessarten von Interaktionssystemen ist die Kommunikation, wie bei allen anderen sozialen Systemen auch. Bei der zweiten Prozessart handelt es sich um die reflexive Wahrnehmung. Beim reflexiven Wahrnehmen im Interaktionssystem nimmt Ego wahr, dass Alter Ego wahrnimmt. „Von einfacher Wahrnehmung unterscheidet sich dieser Informationsaustausch dadurch, daß er reflexiv wird, nämlich das Wahrnehmen wiederum zum Gegenstand von Wahrnehmungen machen kann.“1001 Im Weiteren wird der Fokus auf die reflexive Wahrnehmung gelegt. 8.2.1 Reflexive Wahrnehmung In diesem Abschnitt wird untersucht, welche Funktion die reflexive Wahrnehmung innerhalb von Interaktionssystemen hat. Luhmann selbst sagt, dass es sich bei der reflexiven Wahrnehmung schon um Kommunikation handelt. „In gewisser Weise ist Anwesenheit im reziproken Wahrnehmungsfeld immer schon Kommunikation, nämlich Austausch von Information über selektive Ereignisse.“1002 Für die Anwesenden in Interaktionssystemen besteht die Möglichkeit, durch ihre Anwesenheit andere Anwesende wahrzunehmen und nicht geringer besteht auch die Möglichkeit selbst wahrgenommen zu werden. Es gilt also, „(a)nwesend sind sie, wenn und soweit sie einander wechselseitig (also nicht nur einseitig!) wahrnehmen können.“1003 Im Wahrnehmungsbereich des Interaktionssystems, wo wahrnehmbare Anwesende die wechselseitige Wahrnehmbarkeit anderer wahrnehmender Anwesenden wahrnehmen, muss in unterstellenderweise operiert werden.1004 „Die Kommunikation unter Anwesenden ist nicht damit befaßt, die Wahrnehmungsleistung der Beteiligten mit ihren eigenen Mitteln zu rekonstruieren. Dies wäre schon aus Zeitgründen unmöglich. (…) Sie werden daher schlicht unterstellt.“1005 Des Weiteren kann zu den Unterstellungen im Rahmen des reflexiven Wahrnehmens auch gesagt werden, dass der Zuhörer seine Aufmerksamkeit sowohl dem gesprochenen Wort, als auch der übrigen wahrnehmbaren sozialen Situation widmet. Das bedeutet Ego und Alter nehmen gegenseitig das jeweilige Erleben und Handeln in Form des Verhaltens des Gegenübers wahr. Es kann unterstellt werden, dass Alter das 999 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 31. 1000 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 1001 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 28. 1002 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1003 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 26. 1004 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 814. 1005 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 128. 215 wahrnimmt, was auch Ego wahrnimmt. Dieser Moment der Unterstellung hat in Bezug auf Kommunikation eine entlastende Funktion: „Wahrnehmung (…) wird (…) zu einem sozialen Phänomen, das heißt zu einer Artikulation doppelter Kontingenz, wenn wahrgenommen werden kann, dass wahrgenommen wird. In sozialen Situationen kann Ego sehen, daß Alter sieht; und kann in etwa auch sehen, was Alter sieht. Die explizite Kommunikation kann an diese reflexive Wahrnehmung anknüpfen, kann sie ergänzen, sie klären und abgrenzen; und sie baut sich, da sie selbst natürlich auch auf Wahrnehmung und Wahrnehmung der Wahrnehmung angewiesen ist, zugleich in diesen reflexiven Wahrnehmungszusammenhang ein.“1006 Die Besonderheit bei Interaktionssystemen ist, dass die Systemgrenzen eo ipso mit den Wahrnehmungsgrenzen der Anwesenden identisch sind. Nimmt man die folgende Aussage von Kieserling hinzu, kann gesagt werden, dass die Reflexivität der Wahrnehmung zumindest einen minimalen Standard an gemeinsamer Situationsdefinition für das Interaktionssystem leistet. Aus dieser reflexiven Wahrnehmung heraus resultiert ein diffuses Vorverständnis im Interaktionssystem, so Kieserling, dass die Anschlussfähigkeit an expliziter Kommunikation ermöglicht.1007 Der Vorteil der reflexiven Wahrnehmung ist, dass die präsumtive „Aktualität und Gleichsinnigkeit der Wahrnehmung nicht kommuniziert“1008 werden muss. Alles Wahrgenommene wird von Ego bei Alter auch vorausgesetzt und es bedarf hierzu keiner weiteren Kommunikation darüber. Im Moment des nicht artikuliert werden Müssens, liegt die Entlastung der Kommunikation. Die Funktionsweise der reflexiven Wahrnehmung erfolgt in Form der Unterstellung. „Das Erwarten von Erwartungen wird deutlich erleichtert im Vergleich mit dem, was ohne Wahrnehmungsmöglichkeiten der Fall wäre. Die Reflexivität des Wahrnehmens erzeugt mindestens Rudimente einer gemeinsamen Situationsdefinition, an die man mit expliziter Kommunikation anschließen kann, sei es um sie zu verstärken, sei es um sie zu dementieren oder abzuschwächen.“1009 Interaktionen sind soziale Systeme, „die nur durch Kommunikation unter Anwesenden aufgebaut und in Gang gehalten werden. Wahrnehmung ist dafür konstitutiv unerläßlich, aber nicht als diejenige Operation, die das System ausdifferenziert, sondern nur“1010 aus der Umwelt stammende Voraussetzung für die Interaktion. Nicht die einfache Wahrnehmung bildet für das Interaktionssystem die Basis für die gemeinsam wahrnehmbaren sozialen Situationen. Eine gemeinsam wahrnehmbare soziale Situation entsteht erst über die reflexive Wahrnehmung. Die reflexive Wahrnehmung nennt Kieserling auch präkommunikative Sozialität. Die präkommunikative Sozialität kommt erst durch das Reflexivwerden der Wahrnehmung zustande. Also Ego nimmt wahr, dass Alter 1006 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 560. 1007 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 123. 1008 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 131f. 1009 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 123. 1010 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden: A.a.O. S. 112f. 216 Ego wahrnimmt.1011 „[Man] müßte (.) die reflexive Wahrnehmung als präkommunikative Sozialität begreifen. Von Sozialität ist dabei die Rede, weil es sich um einen Zusammenhang von Freiheitsgraden und Beschränkungen handelt, an deren Erzeugung mehr als nur ein Bewußtsein beteiligt ist. Kein auf sich selbst isolierter Wahrnehmungsprozeß könnte sich selbst oder anderes so erleben.“1012 Die präkommunikative Sozialität schränkt die Kontingenz in einem gegebenen Möglichkeitsraum ein. In diesem Möglichkeitsraum können ausgewählte Themen und Themenbeiträge, resultierend aus Wahrnehmungen von teilnehmenden Anwesenden, in die Kommunikation über die sprachliche Irritation und Pertubation eingeführt werden oder nicht. Das „oder nicht“ beschreibt immer die Tatsache, dass das Interaktionssystem nach seinen Regeln selegiert, welcher Beitrag Teil des Kommunikationssystems wird und welcher nicht. Die Seite der verbalisierten Kommunikation bezeichnet Kieserling als kommunikative Sozialität.1013 Die konstitutive Voraussetzung der wechselseitigen Wahrnehmung ermöglicht keinen beliebigen Möglichkeitsraum zur Systembildung. Die präkommunikative Sozialität in Form der vordefinierten gemeinsamen Situation liefert Selektivität mit, die die Nichtbeliebigkeit von Systemstrukturen1014 stiftet. Das ist möglich, weil die Kongruenz der Systemgrenzen mit den Wahrnehmungsgrenzen der Anwesenden über die reflexive Wahrnehmung zur präkommunikativen Sozialität führt. Die päkommunikative Sozialität als gemeinsam vordefinierte Situation stellt den Möglichkeitsraum für die selektiven Kommunikationsprozesse im Interaktionssystem dar. „Für die Interaktion (…) [bedeutet] das (…), daß sie präkommunikative mit kommunikativer Sozialität kombiniert.“1015 Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das im Vorfeld Verständigt sein im Sinne einer gemeinsamen Situationsdefinition nach Kieserling die Präkommunikative Sozialität1016 darstellt. Interaktionssysteme sind eine Kombination aus präkommunikativer und kommunikativer Sozialität. Die reflexiven Wahrnehmungsmöglichkeiten werden in der Regel im Interaktionssystem spezifisch auf Kommunikationsprozesse hin gestrafft. Die Wahrnehmung wird dabei durch den Sprechprozess dominiert.1017 1011 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 118. 1012 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. Ebd. 1013 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 119. 1014 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1015 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 119 1016 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 127. 1017 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 145. 217 8.2.2 Selektive Prozesse sind Sinnoperationen mithilfe binärer Schematismen In diesem Abschnitt wird der Begriff Sinn in Bezug auf die Selektionsprozesse im Interaktionssystem behandelt. Dazu wird dargestellt, dass die Selektivität, in Bezug auf die Sinngerichtetheit, in mehreren Sinndimensionen gleichzeitig stattfindet. Sinn wird für Selektionsprozesse in Form binärer Schematismen operationalisiert anwendbar. Interaktionssysteme sind Sinnsysteme, wie alle anderen sozialen Systeme auch. Die Sinnerfahrung ist eine Form der Differenz von Aktuellem, und aufgrund des aktuell Gegebenen die Unterscheidung von dem potenziell Möglichen.1018 Sinnsysteme sind selbstreferentiell, weil nur Sinn sich auf Sinn beziehen lässt. Die Selbstreferenzialität besteht darin, dass Sinn auf weiteren Sinn verweist und die Prozesse in einer geschlossenen Zirkularität erfolgen. „Das Phänomen Sinn erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns.“1019 Die Funktion von Sinn beginnt mit einem Verweisungsüberschuss und schließt mit Selektionszwang ab. Interaktionssysteme benutzen Sinn als Horizont in ihrer Operationsweise, um über Selektionsprozesse innerhalb der Kommunikation Sinn zu reproduzieren. „Diese Grunddifferenz, die in allem Sinnerleben [gilt auch im Interaktionssystem; A.d.A.1020] zwangsläufig reproduziert wird, gibt allem Erleben Informationswert.“1021. In Interaktionssystemen erfolgt die Reproduktion von Sinn über die im Hintergrund ablaufenden Zurechnungen von Sinn. Die Zurechnung1022 von Sinn erfolgt in Bezug auf die beobachtbaren Selektionen in der Kommunikation. Die Sinndimensionen werden in operationalisierter Form als Schematismen in den Zurechnungsoperationen anwendbar gemacht, um die Funktion der Kontingenzbewältigung zu erfüllen. „Im selbstkonstituierten Medium Sinn ist es unerläßlich, Operationen an Unterscheidungen zu orientieren. Nur so läßt sich die für Rekursionen erforderliche Selektivität erzeugen.“1023 Die Selektion bezieht ihre Selektionskriterien aus den im Hintergrund mitlaufenden Dualen (alter/ego, internal/external, konstant/variabel), die als operationalisierte Form von Sinn, Verweisungen auf die Sinndimensionen (Sozial-, Sach-, und Zeitdimension) sind.1024 „Erst bei sozialer Reflexivität, erst wenn es um das Erleben des Erlebens 1018 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 111. 1019 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 93. 1020 Anmerkung des Autors 1021 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 111. 1022 (Bevor wir uns im nächsten Kapitel den Zurechnungsoperationen widmen können, werden in diesem Kapitel die Begriffe Selektion und Schematismus als Grundlage für Zurechnungen dargestellt.) 1023 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 48. 1024 Vgl. Luhmann, Niklas: Einführung in die Systemtheorie. 3. Auflage. Carl Auer Verlag. 2006. S. 232–241. 218 und Handelns anderer Systeme geht, kommt die besondere Form der Sinnverarbeitung in Betracht, die man »Verstehen« nennt. Sinnerfassen selbst ist noch kein Verstehen in diesem anspruchsvollen Sinne. Vielmehr kommt Verstehen nur zum Zuge, wenn man sinnerleben bzw. sinnhaftes Handeln auf andere Systeme mit einer eigenen System-Umwelt-Differenz projiziert. Erst mit Hilfe der System/Umwelt-Differenz transformiert man Erleben in Verstehen, und auch dies nur dann, wenn man mitberücksichtigt, daß die anderen Systeme sich selbst und ihre Umwelt ebenfalls sinnhaft unterscheiden.“1025 Interaktionssysteme operieren sinnhaft, indem sie selbstreferenziell sinnhaftes Erleben und Handeln innerhalb der Kommunikation in Verstehen transformieren. Die Informationsverarbeitung in Interaktionssystemen erfolgt über die Anwendung von Sinn. „Jede Operation wird durch diesen Bezugsrahmen dazu angehalten, ihren gemeinten Sinn in dem Gefüge der Dimensionen und ihrer Horizonte zu verorten.“1026 Es stellt sich die Frage, wie das sinngerichtete Selektionsprinzip im Interaktionssystem aussieht, das dazu führt, dass sich Soziales (präkommunikative und kommunikative Sozialität1027) im System konstituiert? Wie finden Kommunikationsbeiträge und Themen sinngeleitet Anschluss an die soziale Kommunikation unter den Anwesenden? Zuvor nähern wir uns der Antwort über den Begriff der Selektivität und der anschließenden Behandlung von Schematismen. 8.2.2.1 Selektivität Die Selektion im sozialen System hat die Funktion eine Ordnungsleistung zu erbringen. „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus.“1028 Die Selektion ist eine Operation, die unter Anwendung einer Differenz erfolgt. „Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/unbrauchbar, (…).“1029 Anwesende in Interaktionssytemen haben ihrerseits dauerhaft mit der Kontingenzproblematik zu tun, weil sie mit dem Selektionspotenzial der anderen Anwesenden rechnen müssen. Im Interaktionssysstem erfolgen Selektionen von Beiträgen der Anwesenden, wobei diese Einschränkungen vom sozialen Kommunikationssystem ausgelöst werden. Das soziale Kommunikationssystem prüft Beiträge der beteiligten Anwesenden auf die Leitdifferenz. Die vollzogenen Einschränkungen seitens des Interaktionssystems bedeuten Limitierung der mitlaufenden doppelkontingenten Unsicherheit. Die Leitdifferenz steuert demnach die Art und Weise, wie Selektivität erfolgt und steuert somit die Informationsverarbeitungsmöglichkeit eines sozialen Systems. „Durch wechselseitig sich konditionierende Selektivität differenzieren sich dann Systeme aus, in denen das ‚im System 1025 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 110. 1026 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 123. 1027 Siehe im Kapitel 8.2.1. „Reflexive Wahrnehmung im Interaktionssystem“. 1028 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 57. 1029 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Ebd. 219 Mögliche‘ nicht mehr identisch ist mit dem ‚überhaupt Möglichen‘. Ein soziales System entsteht durch Strukturselektion und damit verbundene Grenzdefinition auf der Basis selektiver Prozesse.“1030 Interaktionssysteme sind gezwungen Selektivitätsbewusstsein aufgrund des gegebenen Selektionspotenzials(-überschuss) zu entwickeln. Über das Selektivitätsbewusstsein sind sie erst in der Lage, in ihrer wechselseitigen Wahrnehmung über Zurechnungsprozesse notwendige Relationen zwischen den selegierten Beiträgen im Interaktionssystem zu aktualisieren. Erst wenn diese Relationen durch die Selektionsleistung erfolgen, ergibt sich die Möglichkeit soziale Ordnung und somit auch die Möglichkeit Sinn zu konstruieren.1031 Durch den Sinnhorizont, in dem soziale Systeme operieren, wird Selektivität mitgeliefert, die die Nichtbeliebigkeit von Systemstrukturen1032 stiftet. „Jede Selektion, die sich auf andere Selektionen bezieht, muß diese verorten in Ereignisse, für die es Träger bzw. Kontexte gibt, denen sie zugerechnet werden kann. Anders könnte ihre Selektivität nicht strukturiert, nicht als Auswahl aus angebbaren Möglichkeiten begriffen werden.“1033 Die wechselseitige Wahrnehmung konstituiert das Interaktionssystem über die Selektivität der hergestellten Beziehung. Es ergibt sich ein Selektionsprozess im Interaktionssystem aus Anwesenheit und Wahrnehmung. Was wahrgenommen werden kann, ist immer eine Selektion aus der Vielzahl von möglichen Wahrnehmungen. „Diese Selektivität alles bestimmt Erlebten potenziert sich, wenn man andere Personen wahrnimmt und deren Erleben miterlebt. Tritt dasselbe auch bei anderen Personen ein, entsteht aus doppelter Kontingenz die Nichtbeliebigkeit von Systemstrukturen. Gerade die Vermehrung von kontingenter Selektivität ist Bedingung für eine Systembildung, die dann ihrerseits selektive Prozesse mit je ausreichendem Potential an ‚anderen Möglichkeiten‘ aufeinanderzusteuern kann.“1034 Im Rahmen der Systembildung folgen weitere selektive Prozesse, die dazu führen, dass das „im System Mögliche“ nicht mehr kongruent mit den „überhaupt Möglichen“ ist.1035 Diese Selektivität potenziert sich, wenn die Anwesenden in Interaktionssystemen sich nicht nur auf eigene Wahrnehmungen begrenzen, sondern auch die Wahrnehmungen anderer Anwesenden im Interaktionssystem wahrnehmen. Aus der Selektivität der Beteiligten folgt die Nichtbeliebigkeit von Systemstrukturen. Die Struktur eines sozialen Systems ist in seiner Entstehung nicht zufällig: „Ein soziales System entsteht durch Strukturselektion und damit verbundene Grenzdefinition auf der Basis selektiver Prozesse. Es vermag aus den 1030 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1031 Vgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. In: Soziologische Aufklärung, Band 3. 5. Auflage. VS. Wiesbaden, 2009. S. 81. 1032 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1033 Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 81. 1034 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1035 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 220 (selbst wieder sozial bedingten) Potentialitäten der Individuen seine eigene Erzeugung zu ‚katalysieren‘.“1036 Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ein Interaktionssystem nur aus dem Angebot an Selektionspotenzial der Anwesenden schöpfen kann. Das Interaktionssystem konstituiert sich selbst durch (Selbst-)Selektion. „Wo doppelte Kontingenz die selektiven Akkordierungen überdeterminiert, beruht daher der Selektionsprozeß immer auch auf der Differenz von System und Umwelt.“1037 Das Interaktionssystem ist in Abgrenzung zu seiner Umwelt deswegen ein soziales System, weil es auf der Grundlage aktuell doppelter Kontingenz den Selektionsprozess selbstreferentiell bestimmt.1038 Die kontingenten Möglichkeiten, die sich im Medium Sinn darbieten, sind im Interaktionssystem nicht beliebig gegeben. Die Selektionsmöglichkeiten sind in begrenzter Form von den Anwesenden als Kommunikationsbeiträge zur Selektion bereitgestellt. Die Kommunikation im Interaktionssystem ist ein selektives Geschehen. Die Sinngerichtetheit des Interaktionssystems „läßt keine andere Wahl, als zu wählen. Kommunikation greift aus dem je aktuellen Verweisungshorizont, den sie selbst erst konstituiert, etwas heraus und läßt anderes beiseite. Kommunikation ist Prozessieren von Selektion.“1039 Die Verweisungshorizonte von Sinn werden über drei Schematismen für die Selektionsprozesse operationalisiert.1040 Diese drei Schematismen werden im Folgenden analysiert. 8.2.2.2 Schematismen Die Schematismen sind die Leitdifferenzen des Interaktionssystems. Die Leitdifferenzen definieren die Unterscheidungskategorien von Interaktionssystemen und bestimmen ihre Möglichkeiten der Informationsverarbeitung. Die gesamte Informationsverarbeitung des Interaktionssystems ist auf die Leitdifferenz hin ausgerichtet, um die Beschreibung sozialer Situation als Differenz zu artikulieren.1041 Die Schematismen haben die Funktion der Kontingenzbewältigung, indem sie präoptionierte Formen für Selektionen anbieten und damit die Absorption von Kontingenz ermöglichen.1042 Es werden sowohl Selektionsprozesse durch die präoptionierten Formen der Schematismen ermöglicht, als auch die Aufbereitung von Prämissen, die in die Selektion von Anschlussverhalten eingerechnet werden. „Solche 1036 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1037 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 190. 1038 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Ebd. 1039 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 194. 1040 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 1136. 1041 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 19. 1042 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. In: Soziologische Aufklärung, Band 3. 5. Auflage. VS. Wiesbaden, 2009. S. 94. 221 Prämissen sind operative Bedingungen des Verhaltens, aber sie werden im konkreten Sinn dessen, was als Interaktionsvollzug erscheint, nicht eindeutig mit kommuniziert. Sie bleiben im Hintergrund.“1043 Mit Hilfe von Schematismen wird die Sinngerichtetheit der eben beschriebenen Selektionsprozesse in Interaktionssystemen operationalisiert. Die Selektionen in der Kommunikation sind im Kommunikationsprozess selbst direkt beobachtbar, wobei die Operationen der Schematismen im Hintergrund mitlaufen. Die Schematismen ermöglichen die Operationalisierung von Sinn, weil sie aufgrund ihrer dualisierten Form selektionsaffin sind. die „Duale Ego/Alter, konstant/variabel und external/internal (…) betreffen verschiedene Dimensionen, in denen Sinn auf anderen Sinn verweist, nämlich soziale, zeitliche und sachliche Verweisungszusammenhänge.“1044 In Interaktionssystemen treten alle drei Schematismen zu gleich auf, weil sie sinnbeladene Verweisungen in die drei Sinnhorizonte (Sozialdimension, Sachdimension und Zeitdimension) sind.1045 Die Zurechnungsprozesse laufen auf mehreren Sinnebenen in Gleichzeitigkeit ab. „Sachdimension, Zeitdimension und Sozialdimension können nicht isoliert auftreten. Sie stehen unter Kombinationszwang.“1046 Bis zu diesem Punkt wurde dargestellt, dass die Operationalisierung von Sinnhorizonten, innerhalb von Selektionsprozessen, über duale Schematismen erfolgt. „Über Schematismen werden diese [Sinn-]Horizonte (…) in der Interaktion verfügbar. Sie legen das [Interaktionssystem] nicht fest; aber sie schränken je nachdem, wie die Option im Schematismus fällt, die Verhaltensrepertoires ein, die dann noch als sinnvoll erscheinen können.“1047 Im Folgenden werden diese Schematismen auf die konkreten Sinndimensionen hin analysiert. Es handelt sich hierbei um die drei Schematismen ego/alter, konstant/variabel und external/internal.1048 8.2.2.2.1 Schematismus–Alter–Ego (Sozialdimension) Der Schematismus Alter und Ego führt zu Ordnungsleistungen im Interaktionssystem, die die Konditionierung und Selektionen von Alter und Ego bestimmt. Die Anwendung des Schematismus führt dazu, dass im Interaktionssystem der Selektionsspielraum für Ego und Alter über Selbstbindung einschränkend konditioniert wird.1049 Dabei sind mit dem Schematismus alter/ego nicht die Personen bezeichnet, vielmehr ist diese Schematisierung unter Berücksichtigung des Bezugssystems 1043 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 105. 1044 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 95. 1045 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. Ebd. 1046 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 127. 1047 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 106f. 1048 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 95. 1049 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 97. 222 Interaktion zu lesen. Der Schematismus alter/ego hat im Interaktionssystem die Funktion, die soziale Situationsdefinition in Bezug auf den sinnhaften Verweisungshorizont zu ermöglichen.1050 Im Interaktionssystem findet dieser Schematismus in reduplizierter Weise Anwendung. Das bedeutet, dass „auch Alter ein Ego ist, bzw. daß Ego für das alter Ego ein Alter ist.“1051 Der soziale Verweisungshorizont macht deutlich, dass in Interaktionssystemen die Funktion der reflexiven Wahrnehmung auf dem Schematismus alter/ego basiert. Die Ausdifferenzierung erfolgt über den Dualismus von Erleben und Handeln. In der Sozialdimension verdichtet sich der sinnhafte Bezug von Selektionen in der unterschiedlichen Perspektive von Ego und Alter.1052 „Die Sozialdimension gründet sich [darauf], daß Alter auch ein Beobachter ist [Ego’s Alter ist auch ein Ego], der kontingent und unvorhersehbar operiert. Ego und Alter beobachten sich wechselseitig, und diese wechselseitige Abhängigkeit des einen vom anderen bildet den sozialen Charakter der Differenz Ego/Alter.“1053 Die durch Ego und Alter gegebene Pluralität der Perspektiven verdoppelt die Sachbestimmung von Sinn im sozialen Verweisungshorizont. Daraus lässt sich schließen, dass der Verweisungshorizont nicht in der Sachdimension begrenzt bleibt, vielmehr die Selektivität von Sinn ebenfalls in der Sozialdimension mitbestimmt wird.1054 Soziale Situationen können nicht im Ganzen durch solitäre Verweise auf eine Sinndimension alleine erfasst werden. In Interaktionssystemen bestimmen alle drei Sinndimensionen gleichzeitig die soziale Situation.1055 Im Fall des Interaktionssystems (insbesondere in der organisierten Krankenbehandlung) ist dem Schematismus alter/ego, und somit der Sozialdimension eine besondere Rolle zuzuschreiben. Bei den Interaktionssystemen in der organisierten Krankenbehandlung handelt es sich um personenbezogene Dienstleistung, in der die Gefühlsarbeit als Gegenstand im Rahmen der sozialen Sinndimension beobachtet werden kann.1056 Es wurde bereits dargestellt, dass die Anwesenheit sowie die reflexive Wahrnehmung konstitutive Merkmale von Interaktionssystemen sind. „Eine solche schnelle und konkrete Kombination von Wahrnehmung und Kommunikation kann sich nur auf engem Raum vollziehen. (…) Man benutzt, anders gesagt, vor allem die Sozialdimension des wahrnehmbaren Sinnes als Selektor (…) [das ist 1050 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 95. 1051 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. Ebd. 1052 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 119–120. 1053 Esposito, Elena; Corsi, Giancarlo; Baraldi, Claudio: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. 1. Auflage. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 1997. S. 174. 1054 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 120f. 1055 Unter allen drei (Sinn-)Schematismen bestehen Interdependenzen. 1056 Es gibt Ausnahmen von Situationen in der organisierten Krankenbehandlung, in der die Gefühlsarbeit nicht beobachtet werden kann, wie zum Beispiel im Operationssaal, nach Einleitung der Narkose und Ausschaltung des Patientenbewusstseins. 223 vorallem in Interaktionssystemen der Fall, A.d.A.].“1057 Die Sozialdimension von Sinn bestimmt die Grenzen des Interaktionssystems maßgeblich mit.1058 Als nächstes wird die Sachdimension beschrieben und der dazu passende Schematismus. „In der Sachdimension fungiert als Hauptschematismus die Differenz von externaler und internaler Zurechnung (Attribution).“1059 8.2.2.2.2 Schematismus– Internal–External (Sachdimension) Die Sachdimension weist Innen-/Außen-Horizonte auf.1060 Der Schematismus internal/external innerhalb von Interaktionssystemen wird „auf die Wahrnehmung von Personen [zugeschnitten]. Man kann die Ursache dessen, was sie beitragen, entweder in ihnen selbst oder in ihrer Umwelt vermuten und kommt je nach dem zu einer externalen oder einer internalen Zurechnung. Im ersteren Falle erlebt man sie als Erlebende, im letzteren Falle als Handelnde.“1061 Beobachter haben eine Affinität dazu, dass sie Ereignisse auf Personen zuschreiben, im Gegensatz zu dem Handelnden selbst. Der Handelnde erlebt nämlich den Realitätsdruck innerhalb der Situation viel stärker und externalisiert die Gründe, die ihn so handeln lassen, wie er handelt. Der Handelnde sieht die Gründe also nicht in ihm selbst, so wie der Beobachter das etwa sieht. „Die Beobachterfunktion verzerrt, mit anderen Worten, durch die ihr eigene Schematisierung den beobachteten Sachverhalt in einer Weise, die von den Handelnden nicht geteilt wird. Das mag einen Erkenntnisgewinn einbringen, der auf Rollenspezialisierung beruht. Andererseits wäre es naiv, davon auszugehen, daß die Beobachter richtig, die Handelnden falsch, die Beobachter objektiv, die Handelnden subjektiv wahrnehmen und zurechnen.“1062 In Interaktionssystemen ist das reflexiv wahrnehmbare Verhalten konstitutiv für die präkommunikative und kommunikative Sozialität. Der Schematismus internal/external kann als Zurechnung in Erleben und Handeln ausdifferenziert werden. Über die Differenzierung durch Erleben und Handeln ist das Verhalten für die Informationsverarbeitung im Interaktionssystem verfügbar gemacht. „Es gehört zu den grundlegenden Erfordernissen des sozialen Verkehrs (…) [also auch im Interaktionssystem; A.d.V.], daß man in der Lage ist, die Partner als Systeme-in-einer- Umwelt zu erleben und die an ihnen erscheinende Selektivität angemessen zu verteilen, indem man sie nach eingelebten oder ausgehandelten Gesichtspunkten teils internal als Handeln, teils external als Erleben zurechnet.“1063 Des Weiteren 1057 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 563. 1058 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Ebd. 1059 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 123f. 1060 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 103. 1061 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 97f. 1062 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 99. 1063 Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 82. 224 kann die Verweisung des Sinns in der Sachdimension die Themen sinnhafter Kommunikation im Interaktionssystem ordnen, weil Themen primär auf der Sachdimension identifiziert werden.1064 Mit Hilfe des Schematismus kann überprüft werden, ob das Thema im Kommunikationssystem passt, oder ob ein Themenwechsel notwendig ist. Genauso kann der Schematismus internal/external zur Überprüfung der Themenbeiträge bemüht werden. Hierbei wird in dem Verweisungshorizont des Sinnes auf der Sachebene geprüft, ob der Beitrag zum Thema des Kommunikationssystems passt oder nicht passt. 8.2.2.2.3 Schematismus– Konstant–Variabel (Zeitdimension) Die Schematisierung konstant/variabel bezieht sich auf den zeitlichen Verweisungshorizont von Sinn. Es geht dabei darum, „ob die aktuelle Gegenwart Veränderung zuläßt und damit eine temporale Integration mit andersartigen Vergangenheiten bzw. Zukünften erforderlich macht, oder ob durchgehende Konstanz zu unterstellen ist.“1065 Im Rahmen des Interaktionssystems kann für den zeitlichen Verweisungshorizont ebenfalls die Unterscheidung – Konditionierung und Selektion – eigenen Verhaltens zu Grunde gelegt werden.1066 Die Unterscheidung – Konditionierung und Selektion – ist in seiner Beschreibung über die Möglichkeit von Selbstbindung und somit auch über das Moment der Interdependenz gegenstandsnäher als das Dual von konstant/variabel für den Fall von Interaktionssystemen. „Jeder Teilnehmer fühlt sich durch das, was er als konstant annimmt, konditioniert. Die Grenzen der für die jeweils anderen und für das Interaktionssystem insgesamt möglichen Zustände umreißen auch den Verhaltensspielraum, in dem er seine Handlungen wählen kann.“1067 Interaktionssysteme weisen eine große Abhängigkeit in Bezug auf Zeit auf. Diese Zeitabhängigkeit führt dazu, dass Interaktionssysteme geringe Möglichkeiten der Systemdifferenzierung haben. Interaktionssysteme können keine Subsysteme bilden, die simultane Operationen vollbringen können. Interaktionssysteme sind in ihrem Prozessieren auf Serialität angewiesen.1068 Interaktionssysteme existieren in kurzen Zeithorizonten innerhalb der Gegenwart. Die Selektion von Themen und Kommunikationsbeiträgen innerhalb des Kommunikationsprozesses von Interaktionssystemen verläuft in Bezug auf Zeit entlang der Differenz konstant/variabel. Die Themen und Kommunikationsbeiträge in Interaktionssystemen können konstant und zeitbeständig im Verweisungshorizont der Zeit, die sinngeleite Ordnung in der Kommunikation bestimmen. Auf der anderen Seite kann über die Differenz von konstant/variabel in Bezug auf variabel, Innovationsbereitschaft im Interaktionssystem vorliegen. Die Variabilität 1064 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 204. 1065 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 96. 1066 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 97. 1067 Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. Ebd. 1068 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 566. 225 bestimmt in diesem Fall die Selektionsprozesse und somit den Verlauf der Kommunikation. Es besteht die Möglichkeit, dass die Themen im Interaktionssystem variabel gehandhabt werden und es zu Themenwechsel kommt. Durch die Zeitdimension kann die Selektion der Kommunikationsbeiträge bezüglich der Relevanz der Beiträge mitbestimmt werden.1069 In diesem Fall definiert die Verweisung auf die Zeitdimension, die Relevanz/Nicht-Relevanz der Kommunikationsbeiträge und nimmt indirekt Einfluss auf die Verweisungsmöglichkeit in Bezug auf die Sachdimension.1070 Die Relevanz eines sachlichen Themas im Interaktionssystem ist abhängig von der zeitlichen Gegebenheit. Die hier aufgezeigte Interdependenz der Schematismen untereinander ist ein Beleg für das bereits beschriebene Moment, dass alle drei Sinndimensionen gleichzeitig das Soziale in Interaktionssystemen bestimmen. 8.2.3 Zurechnungsprozesse im Interaktionssystem erfolgen mittels der Differenz von Erleben und Handeln Die Kommunikation erfolgt in Interaktionssystemen grundsätzlich über Zurechnungen. Die Zurechnungen innerhalb des Interaktionssystems verlaufen unabhängig davon, ob es sich um explizite oder implizite Kommunikation handelt.1071 Die Kommunikation ist „der basale Prozeß sozialer Systeme, der die Elemente produziert, aus denen diese Systeme bestehen“1072 Dabei fungieren Handlungen in Interaktionssystemen als Zurechnungspunkte für Kommunikation1073. „Soziale Systeme werden demnach nicht aus Handlungen aufgebaut, so als ob diese Handlungen auf Grund der organisch-psychischen Konstitution des Menschen produziert werden und für sich bestehen könnten; sie werden in Handlungen zerlegt und gewinnen durch diese Reduktion Anschlußgrundlagen für weitere Kommunikationsverläufe.“1074 Alle sinnkonstituierenden Systeme, und so auch Interaktionssysteme, können nur über Zurechnungen von Selektionen im System kommunizieren. Der Sinnhorizont in dem soziale Systeme operieren, gibt den Selektionszwang vor.1075 Zurechnungen werden dann notwendig, „wenn Beziehungen zwischen verschiede- 1069 Vgl. Luhmann, Niklas: Schematismen der Interaktion. A.a.O. S. 97. 1070 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 422. 1071 Vgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 79. 1072 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 192. 1073 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 240: „Auf die Frage, woraus soziale Systeme bestehen, geben wir mithin die Doppelantwort: aus Kommunikationen und aus deren Zurechnung als Handlung. Kein Moment wäre ohne das andere evolutionsfähig gewesen.“ und vgl. ders. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 124. 1074 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 193. 1075 Vgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 81. 226 nen Selektionen hergestellt werden müssen“1076. Im Zuge der Informationsverarbeitung ist es erforderlich, dass selektive Ereignisse miteinander relationiert werden, um Soziales in Form von Kommunikationen zu reproduzieren. Diese Verknüpfung der selektiven Ereignisse erfolgt über die Zurechnungsoperation, welche den binären Schematisierungen unterliegen1077. Diese binären Schematisierungen entstammen der Sinnstruktur des Interaktionssystems. Die Zurechnungsoperation strukturiert das Interaktionssystem in Bezug auf die Selektionsprozesse (Selektion und Konditionierung) des Kommunikationsprozesses. Die Kommunikation beobachtet sich selbst, wenn eine Unterscheidung zwischen Information und Mitteilung getroffen wird.1078 Bei der Unterscheidung kann der Fokus der Zurechnung auf der Information liegen. Genau dann handelt es sich um Erleben. Oder der Fokus der Zurechnung liegt auf der Mitteilung, dann handelt es sich um Handlung.1079 „Die Differenz von Erleben und Handeln wird demnach durch unterschiedliche Richtungen der Zurechnung konstituiert. Intentionales Verhalten wird als Erleben registriert, wenn und soweit seine Selektivität nicht dem sich verhaltenden System, sondern dessen Welt zugerechnet wird. Es wird als Handeln angesehen, wenn und soweit man die Selektivität des Aktes dem sich verhaltenden System selbst zurechnet.“1080 Luhmann zeigt an der Differenz von Erleben und Handeln ein grundlegendes Moment in der Kommunikation1081 sozialer Systeme auf. Die Zurechnungsprozesse sind Beobachtungsprozesse in der Kommunikation, die mittels der Differenz von Erleben/Handeln1082 erfolgen. „Die [anwesenden] Beteiligten [in Interaktionssystemen] sind diejenigen, die eigenes Erleben und Handeln zur jeweiligen Interaktion beisteuern.“1083 Mit Erleben (und Handeln) ist hier kein psychischer Zustand gedacht. Die Zurechnung findet mittels der Differenz von Erle- 1076 Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. Ebd. 1077 Siehe Kapitel: 8.2.2. Selektive Prozesse sind Sinnoperationen mithilfe binärer Schematismen. 1078 Vgl. Esposito, Elena; Corsi, Giancarlo; Baraldi, Claudio: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. A.a.O. S. 24. 1079 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 335. 1080 Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 79. 1081 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 241: „Kommunikation ist die elementare Einheit der Selbstkonstitution, Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme. Beides sind hochkomplexe Sachverhalte, die als Einheit verwendet und auf das dazu nötige Format verkürzt werden. Die Differenz von Kommunikation im Vollsinne einer Selektionssynthese und zurechenbaren Handeln ermöglicht eine selektive Organisierung mitlaufender Selbstreferenz; und zwar in dem Sinne, daß man Kommunikation reflexiv nur handhaben (…) kann, wenn sich feststellen läßt, wer kommunikativ gehandelt hatte.“ 1082 Vgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 79. 1083 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 26. 227 ben/Handeln, im Sinne der praktizierten Zurechnungskonvention1084 des Interaktionssystems in Bezug auf die Umwelt statt.1085 Die Anwendung der Unterscheidung von Erleben/Handeln erzeugt Ungleichgewichte, wobei „… die Systemzurechnung als Handeln Ungleichheit, die Weltzurechnung als Erleben dagegen Gleichheit impliziert. (…) Zurechnung als Handeln ist demnach ein Startmechanismus für Prozesse sozialer Differenzierung.“1086 Diese Ungleichgewichte führen im Sinne von Unterschiedsbildung zur sozialen Differenzierung. Die Handlungen werden in sozialer Situation verfügbar gemacht, indem über sie kommuniziert wird. Andersherum werden der Kommunikation Handlungen zugeschrieben. Handlung und Kommunikation sind in der Weise zu betrachten, dass beide Begriffe ein Verhältnis bilden, „das als Reduktion eigener Komplexität zu begreifen ist. Der elementare, Soziales als besondere Realität konstituierende Prozeß ist ein Kommunikationsprozeß. Dieser Prozeß muß aber, um sich selbst steuern zu können, auf Handlungen reduziert, in Handlungen dekomponiert werden.“1087 Über diesen Reduktionsmechanismus der sozialen Systeme, in dem ihre Dekomposition in Handlungen erfolgt, werden Anschlussgrundlagen für weitere Kommunikationen geschaffen.1088 „Die Zuschreibung der Selektionen auf das System verweist auf die Beziehung zwischen Kommunikation und Handlung. Kommunikation ist nicht mit Handlung identisch.“1089 Über die Zuschreibungsprozesse im Kommunikationssystem von Handlungen auf Kommunikation entsteht ein Reflexivwerden des Kommunikationssystems in Bezug auf sich selbst. Die Reflexivität ermöglicht dem Interaktionssystem die Selbstbeobachtung. „Die Zuschreibung von Handlung „setzt (…) immer die Fortsetzung der Autopoiesis der Kommunikation voraus, die das Letztelement der sozialen Systeme bleibt“1090. Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema der Anwesenheit im Interaktionssystem wurde in Bezug auf die reflexive Wahrnehmung bereits festgestellt, dass die reflexive Wahrnehmung die Anwesenheit der Beteiligten im Interaktionssystem als unerlässliche Voraussetzung1091 ansieht. Denn nur durch Anwesenheit „kommt es zur Kreuzung selektiver Prozesse des Erlebens und Handelns [im Rahmen der Wahrnehmung unter Anwesenden].“1092 Die Unterstellungsoperationen, die wir im Rahmen der reflexiven Wahr- 1084 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 142. 1085 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 124. 1086 Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 85f. 1087 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 193. 1088 Vvgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 193. 1089 Esposito, Elena; Corsi, Giancarlo; Baraldi, Claudio: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. A.a.O. S. 92. 1090 Esposito, Elena; Corsi, Giancarlo; Baraldi, Claudio: Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. A.a.O. S. 93. 1091 Vvgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1092 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 228 nehmung kennengelernt haben, sind den Zurechnungsprozessen zuzuordnen. Sowohl bei reflexiver Wahrnehmung (die in gewisser Weise schon Kommunikation ist), als auch bei verbaler Kommunikation im Interaktionssystem geschehen Zurechnungsprozesse. „Mit Hilfe von Zurechnungen kann der Kommunikationsprozeß gefaßt [werden].“1093 Das bedeutet, dass die Zurechnungsprozesse es ermöglichen, die sinnhafte Gerichtetheit der reflexiven Akte in Interaktionssystemen auf eine soziale Ordnung hin zu beobachten. Diese Beobachtung erfolgt über die Differenz von Erleben/Handeln.1094 Alle Beobachtungen sind sinngerichtet und Zurechnungen sind die Operationen eines Beobachters. Daher erfolgen Zurechnungsoperationen ebenfalls sinngeleitet. „Darüber hinaus kann man das Gemeinsame beider Prozesse [Erleben und Handeln] durch das Merkmal der Intentionalität chrakterisieren, das sinnhafte Gerichtetheit und Zugänglichkeit für reflexive Akte impliziert.“1095 Daraus lässt sich schließen, dass Alter und Ego gegenseitig das jeweilige Erleben1096 (Informationsselektion) und Handeln1097 (Mitteilungsselektion) sowie das Verhalten (Verstehensselektion) des jeweiligen Gegenübers wahrnehmen.1098 In dieser Darstellung wird ersichtlich, dass der duale Kommunikationsprozess1099 (reflexive Wahrnehmung und verbale Kommunikation) im Interaktionssystem über Zurechnungsprozesse das Verhalten der Anwesenden konditioniert.1100 Die Identifikation und Zuordnung von Verhalten (von Alter und Ego) findet über Zurechnungsprozesse statt. In der reflexiven Wahrnehmung von Interaktionssystemen kommt es zu Zurechnungsdifferenzierungen, die das phänomenale Verhalten unterlaufen. Das Verhalten wird auf selektive Prozesse zugerechnet und in seine Bezugskomponenten zerlegt. Das Zerlegen des Verhaltens in seine Zusammensetzung macht den besonderen Sinn von Verhaltensweisen verständlich.1101 In Interaktions- 1093 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 336. 1094 Vvgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 79. 1095 Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 78f. 1096 Vgl. hierzu Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 31. Wahrnehmung und Kommunikation sind beides Informationsverarbeitungsprozesse, die hier auch als Prozesse zur Erlebnisverarbeitung bezeichnet werden. 1097 „Auch werden Kommunikationen typisch als Handlungen zugerechnet, und daher ist jeder verantwortlich für das, was er sagt. Er kann nicht das Wort ergreifen, ohne zugleich die eigene Person als Adresse für Rückfragen und für Proteste zu definieren. Was er wahrnimmt, wird ihm dagegen als Erleben zugerechnet, …“ (Mitteilungsselektion = Handlungszurechnung) vgl. hierzu Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 124. 1098 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 335. 1099 Es wurde bereits dargestellt, dass der duale Kommunikationsprozess in Interaktionssystemen aus reflexiver Wahrnehmung und verbaler Kommunikation besteht. 1100 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 198. 1101 Vvgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 83. 229 systemen wird über Zurechnung kommuniziert.1102 Zurechnungsprozesse ermöglichen das Verhalten von Systemen zu fokussieren oder anders – soziale Systeme beobachten ihre systemeigenen Operationen über Zurechnungen.1103 „Die anspruchsvolle Typologie von Zurechnungspraxen kann verdeutlichen, wie in der Kopplung von Erleben und Handeln Kommunikationen jeweils unterschiedlich eingeschränkt werden. Sie verdeutlicht jedoch auch, dass sich all diese Praxen als Konditionierungen verstehen lassen (…).“1104 Zurechnungen fungieren in einschränkender und konditionierender Weise innerhalb des Interaktionssystems. An die unterstellende Operationsweise, im Rahmen der präkommunikativen Sozialität1105, knüpft ebenfalls die Erwartung an das Verhalten der Beteiligten im Interaktionssystem an. „Ego kann wahrnehmen, daß er von Alter wahrgenommen wird und an der laufenden Wahrnehmung von Wahrnehmungen sein Verhalten steuern.“1106 „In der Sinnhaftigkeit allen menschlichen Erlebens liegt begründet, daß alles Wahrgenommene als Selektion aus anderen Möglichkeiten ((…) in einem Horizont der Verweisung auf andere Möglichkeiten) erlebt wird. Diese Selektivität alles bestimmt Erlebten potenziert sich, wenn man andere Personen wahrnimmt und deren Erleben miterlebt.“1107 Kieserling beschreibt die psychischen Systeme als die Nahumwelt von Interaktionssystemen. „Nach innen hin …, aber auch mit Bezug auf die anwesende Nahumwelt, entsteht wie im Austausch dafür eine hochverfeinerte Sensibilität, die dann beispielsweise nicht nur die Kommunikation, sondern auch das sonstige Körperverhalten der Anwesenden ernst nehmen und als positiven oder negativen Beitrag zum Fortgang der Kommunikation würdigen kann.“1108 Das soziale Geschehen innerhalb eines Interaktionssystems baut auf das Erleben und Handeln der anwesenden Beteiligten auf.1109 Das hier beschriebene Konditionierungs- und Konstititutionsprinzip entspricht dem „order from noise principle“ nach Heinz von Foerster, bei dem Luhmann Äquivalenzen für das soziale System – Interaktion – feststellt. „Soziale Systeme entstehen auf Grund der Geräusche, die psychische Systeme erzeugen bei ihren Versuchen zu kommunizieren.“1110 Zunächst wurde hier an die vorhergehende Darstellung angeknüpft, dass Interaktionssysteme in der dualen Prozessweise per verbale Kommunikation und reflexive Wahrnehmung operieren. Weiterführend wurde hier der Blick darauf gerichtet, wie dieser Prozess über Zurechnungsprozesse erfolgt. Hierzu wurde die Kreuzung selek- 1102 Vgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 79. 1103 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 333. 1104 Nassehi, Armin; Jahraus, Oliver et. al. (Hrsg.): Luhmann Handbuch. A.a.O. S. 78. 1105 Siehe Kapitel 8.2.1. „Reflexive Wahrnehmung im Interaktionssystem“. 1106 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 28. 1107 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 27. 1108 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 63f. 1109 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 26. 1110 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 292. 230 tiver Prozesse des Erlebens und Handelns betrachtet, um zu zeigen, wieso das Erleben und Handeln grundlegend für die Selektionsprozesse in einem Sozialsystem wie das Interaktionssystem konstitutiv sind. Die Selektivität im Interaktionssystem ordnet die Komplexität im sozialen System und das Verhältnis zu seiner Umwelt über die Auferlegung von Sinn. Die hier beschriebene Attributionsleistung des sozialen Systems erfolgt sinngerichtet.1111 Das Bezeichnende für das Erleben und Handeln in Interaktionssystemen ist, dass sie intentional sind. Erleben und Handeln erfolgen in Interaktionssystemen als sinnhaft gerichtete Prozesse, die Reflexivität im Interaktionssystem über Zurechnungsprozesse ermöglichen.1112 Im nächsten Kapitel wird die Kommunikation im Interaktionssystem in Bezug auf die Funktion von Kommunikation, Themen der Kommunikation, Themenbeiträge und Thematisierungsschwellen hin beleuchtet. 8.3 Thema als eine Struktur des verbalen Kommunikationsprozesses im Interaktionssystem Zu Beginn kann festgehalten werden, dass allgemein eine Unterscheidung in sozialen Systemen in Bezug auf die Kommunikation getroffen werden kann. Die Unterscheidung erfolgt zwischen der Funktion von Kommunikation und den Themen der Kommunikation selber.1113 Im Folgenden wird zum einen dargestellt, dass die Funktion der Kommunikation in erster Linie in der Absorption sozial erzeugter Unsicherheit liegt. Es wird dargestellt, dass die Unsicherheitsabsorption primär in Bezug auf den sozialen Verweisungshorizont der Sinndimension hin fungiert.1114 Zum anderen wird gezeigt, dass innerhalb eines Kommunikationssystems die Funktion von Themen in der Ordnungsleistung von Kontingenz besteht. Diese Ordnungsleistung erfolgt durch die Konditionierung und Einschränkung des Kommunikationsprozesses. Die Ordnungsleistung der Themen dient zur Kontingenzbewältigung, bei der Unsicherheit absorbiert wird, die auf der Ebene der Sachdimension zustande kommt.1115 „Von Sachdimension soll die Rede sein im Hinblick auf alle (…) Themen sinnhafter Kommunikation (in sozialen Systemen). (…) Die Sachdimension wird dadurch konstituiert, daß der Sinn die Verweisungsstruktur des Gemeinten zerlegt in »dies« und »anderes«. (…) Insofern ermöglicht die Sachdi- 1111 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 124. 1112 Vgl. Luhmann, Niklas: Erleben und Handeln. A.a.O. S. 78. 1113 Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 59. ders.: vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 77. 1114 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 157f. 1115 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 252f. 231 mension Anschlußoperationen, die zu entscheiden haben, ob sie noch bei demselben verweilen oder zu anderem übergehen wollen.“1116 8.4 Funktion von Kommunikation Die Funktion von Kommunikation1117 besteht in der Herstellung von kommunikativer Sozialität. Die Kommunikation ermöglicht Sozialität durch die Bewältigung von Kontingenz in sozialen Systemen. Die Kontingenzbewältigung erfolgt durch selbstreferenzielle Sinnverweisungen innerhalb des Kommunikationssystems.1118 Die Kommunikation weist die erforderlichen genuin sozialen Eigenschaften auf, um die autopoietische Funktion sozialer Systeme zur erfüllen.1119 Die Funktion der Kommunikation stellt damit auf ihre Reproduzierbarkeit als basale Operation im sozialen System ab.1120 „Die Funktionen der Kommunikation beziehen sich (…) auf die Autopoiesis des Systems, das heißt auf die Ermöglichung weiterer Kommunikation. Da die weitere Kommunikation immer von Rekursionen, von Gedächtnis, von Strukturen abhängt, schließt das die Würdigung von Themen nicht aus, sondern ein.“1121 Eine weitere Funktion ist die Unsicherheitsabsorption, die durch die Kommunikation erfolgt und mit ihr zugleich neue Unsicherheit erzeugt wird. „Von Unsicherheitsabsorption sprechen wir im Anschluß an March und Simon. In seinem Ursprungskontext bezieht dieser Begriff sich zwar auf Organisationen, aber er läßt sich unschwer generalisieren, ja verlangt dies geradezu. Es geht darum, daß eine Kommunikation selbst auf Informationsverarbeitung beruht, im weiteren Verlauf eines Kommunikationsprozesses dann aber als Ergebnis wirkt und in ihrem Zustandekommen nicht mehr (oder nur ganz ausnahmsweise) problematisiert wird.“1122 Die Funktion der Unsicherheitsabsorption steht in einem engen Zusammenhang mit der autopoietischen Prozessweise sozialer Systeme. Die Unsicherheit ist der Katalysator für das autopoietische Fortschreiten der Systemoperationen, deren übergeordnete Funktion die Unsicherheitsabsorption ist. „Das bedeutet zum einen, dass zusätzliche Unbestimmtheit und Unsicherheit kommunikativ verfügbar werden, heißt dann jedoch zum anderen auch, dass die Kommunikation zusätzliche 1116 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 114. 1117 Kommunikation besteht aus der triadischen Selektion aus Information, Mitteilung und Verstehen. ders.: vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 190. 1118 In den Kapiteln 8.2.2.ff. wurde bereits dargestellt, dass die Selektionsprozesse über die im Hintergrund ablaufenden Operationen der Schematismen erfolgen und über Attributionsleistungen dem Kommunikationsprozess zugerechnet werden. ders.: vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1987. S. 142. 1119 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 81. 1120 Vvgl. Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. Suhrkamp. A.a.O. S. 146. 1121 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 60. 1122 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft. A.a.O. S. 41f. 232 Techniken der Unsicherheitsabsorption entwickeln muss, die die Kommunikation stabiler in sich verankern, während und indem sie eine größere Instabilität erschlie- ßen.“1123 Diese abgeleitete Denkfigur für die Funktion von Kommunikation als Unsicherheitsabsorbierer stammt aus der Organisationstheorie1124 und folgt hier sinngemäß den Ausführungen von Baecker.1125 Die Unterscheidbarkeit zwischen der Funktion der Kommunikation und des Themas der Kommunikation trifft ebenfalls auf das Interaktionssystem zu.1126 Die Funktion von Kommunikation besteht in der Herstellung von kommunikativer Sozialität, welche durch die Kommunikation unter den Anwesenden im Interaktionssystem gekennzeichnet ist. Die Sozialdimension stellt den primären Verweisungshorizont für die Konstitution von Interaktionssystemen zwischen Ego und Alter dar. Im Fall des Interaktionssystems ist dem Schematismus Alter/Ego, und somit der Sozialdimension eine besondere Rolle zuzuschreiben (vergleiche hierzu die Darstellung zum Schematismus Ego/Alter in Kapitel 8.2.2.ff.). Es wurde bereits dargestellt, dass die Anwesenheit sowie die reflexive Wahrnehmung konstitutive Merkmale von Interaktionssystemen sind. Die Sozialdimension von Sinn bestimmt die Grenzen des Interaktionssystems maßgeblich mit.1127 Die Sozialdimension spielt für Interaktionssysteme deshalb eine wichtige Rolle, weil sie als Quelle für die Generierung von Unsicherheit im sozialen System eine besondere Stellung einnimmt. „Man benutzt, anders gesagt, vor allem die Sozialdimension des wahrnehmbaren Sinnes als Selektor, und das führt zu einer engeren Bestimmung der Grenzen des Systems.“1128 Die Kommunikation erhält ihren Katalysator zur Unsicherheitsabsorption vordergründig aus dem sozialen Verweisungshorizont heraus, weil von dort aus die größte Unsicherheit für soziale Systeme erzeugt wird. 1123 Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 149. 1124 Vgl. zur Unsicherheitsabsorption: siehe March, James und Simon, Herbert: Organizations. 2 Auflage. John Wiley & Sons. 1993. S. 164ff. 1125 Vgl. Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 149. 1126 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 183. 1127 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 563. 1128 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 563. 233 8.5 Funktion von Personen In Kommunikationsprozessen eignen sich Personen „dafür, solche grenzüberschreitenden Prozesse zu bündeln und in die Interaktion einzuführen.“1129 Die Personen sind es nämlich, die diese Umweltprozesse als Anwesende im Interaktionssystem thematisieren. Um kurz die Verknüpfung zur organisationalen Stelle herzustellen, kann gesagt werden, dass diese mit Personen besetzt werden. Personen erhalten eine organisationale Rolle. Stellen in Organisationen haben mit der Stellenbeschreibung eine definierte Regelanforderung an organisational erwartetem Verhalten.1130 Die Führungskräfte als Entscheidungsprämisse stellen eine Struktur in Form der entscheidenden Person dar. Sie besetzen in Organisationen gewisse Grenzstellen zwischen der Organisation und den Interaktionssystemen. „Die Fähigkeit, im System Umwelt erfolgreich zu präsentieren, dürfte eine erstrangige Autoritätsquelle sein, wie immer die Unsicherheit über die Umwelt an den Grenzstellen des Systems absorbiert wird. Das heißt auch, dass diese Stellen oft in engen interaktionellen Kontakten mit Systemen der Umwelt stehen. Sie repräsentieren und informieren in zwei Richtungen und sind in dieser Funktion von der eigenen Organisation nur begrenzt steuerbar. Was sie ihrem System gleichsam als Entschädigung bieten, ist interaktionell ausgehandelte Unsicherheitsabsorption.“1131 Theoretisch besteht durch die Person, die eine dieser Grenzstellen besetzt, die Möglichkeit, dass organisationale Entscheidungsprämissen analog als Thema und somit als Prämisse des Kommunikationsprozesses innerhalb des Interaktionssystems eingeführt werden, indem das Thema entsprechend der organisationalen Entscheidungsprämisse gewählt wird. Im nächsten Abschnitt werden die Themen in Interaktionssystemen beschrieben, da sie sich im Kommunikationssystem eignen Umweltprozesse thematisch in die Interaktion einzuführen.1132 8.6 Funktion von Themen Themen werden im Kommunikationssystem vorrangig auf der Ebene der Sachdimension, mit Hilfe des Schematismus internal/external, identifiziert. Ausgehend von der Systemreferenz des Interaktionssystems werden die Themen im sachlichen Verweisungshorizont des Sinns selegiert und so die Abgrenzung zur Umwelt vorgenommen. „Über Themen der Kommunikation wird die Kommunikation sachlich differenziert und zugleich zeitlich strukturiert. Jedes Thema unterscheidet sich von anderen Themen und unterscheidet dadurch Gegenstände der Kommunikation 1129 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 71. 1130 Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 210. 1131 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 210. 1132 Vvgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 71. 234 voneinander.“1133 Über das im Interaktionssystem behandelte Thema, kann von der sachlichen Verweisung her Abwesenden durch Anwesende berichtet werden. Der Sinngehalt auf der Sachebene würde erhalten bleiben.1134 „Themen haben, um Beiträge koordinieren zu können, einen sachlichen Gehalt.“1135 Die beteiligten Anwesenden im Interaktionssystem müssen ihre konzentrierte Aufmerksamkeit auf ein zentrales Thema richten.1136 Die thematisch ausgerichtete Kommunikation kann nur in einer sequenziellen Abfolge von Sprechen und Zuhören der Anwesenden stattfinden. „Mehrere Themen können nur im Nacheinander behandelt werden. Die Beteiligten müssen ihre Beiträge auf das jeweils aktuelle Thema beschränken, oder sie müssen versuchen eine Themenänderung durchzusetzen.“1137 Der Effekt liegt darin, dass die Ordnung der Kommunikationsereignisse in serieller Weise im Nacheinander erfolgt1138. Die Konzentration auf nur ein aktuelles Thema führt zur Komplexitätsreduktion durch strukturelle Festlegung und Einschränkung der Selektionsmöglichkeiten im Kommunikationssystem.1139 „Das Thema gewinnt eine eigene, von den einzelnen Beiträgen unterscheidbare Identität. Es kann dann zur Kontrolle der Beiträge genutzt werden in dem Sinne, daß feststellbar (…) ist, ob Beiträge zum Thema passen, oder abschweifen, ob sie das Thema fördern oder ob sie es verändern.“1140 Themen können zur sozialen Kontrolle angewandt werden, indem Probleme im Kommunikationssystem verbalisiert und so als Thema auf einen zentralen Punkt der gemeinsamen Aufmerksamkeit positioniert werden.1141 „Man kann die Kontingenz des Verhaltens oder die Wahl falscher Möglichkeiten als Systemproblem thematisieren, etwa ein Fehlverhalten direkt ansprechen, Absichten erfragen, Abweichungen beanstanden oder auch, wenn man selbst den Fehler macht, sich entschuldigen; und kann dann nach einem solchen Intermezzo, wie nach einer kurzen Reparatur des Systems, mit dem Hauptthema fortfahren.“1142 Sowohl die Thematisierung eines Abweichens vom Thema als auch ein möglicher Themenwechsel kann zur sozialen Kontrolle in das Interaktionssystem eingeführt werden. Dieses Thematisieren entspricht einer Kommunikationsform, die auf einer Metakommunikationsebene erfolgt. Hierbei kann es dazu führen, dass das Thema sinngerichtet modifiziert oder aktualisiert in den Fokus der zentralen Aufmerksamkeit der Anwesenden gestellt wird. Man kann dieses Ordnungsmoment auch als 1133 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 59. 1134 Vvgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 204. 1135 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 214. 1136 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 11. 1137 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 11. 1138 Vvgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 29. 1139 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 1140 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 1141 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 30. 1142 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 38. 235 eine Ordnungsstruktur auf zweiter Ebene bezeichnen. Dieses Ordnungsmoment, in dem das Thema und seine Abweichungen thematisiert werden, ist eine Form der dynamischen Selbstorganisation des Kommunikationssystems.1143 Man kann zwischen der innerhalb von Interaktionssystemen beschriebenen Ordnungsstruktur auf zweiter Ebene Analogien zu Luhmanns Begriff der Superstruktur aus der Organisationstheorie ziehen. Strukturen im organisationstheoretischen Sinne sind Erwartungsstrukturen, die durch Entscheidungen konstituiert werden. Analog zur Erwartungsstruktur in Organisationen fungieren die Themen in Interaktionssystemen auch als Erwartungsstrukturen innerhalb der Interaktion. Luhmann kennzeichnet die Superstrukturen wie folgt: „Bei Strukturen ist also keineswegs nur an Satzungen, Entscheidungskriterien, Rechtsvorschriften oder Budgets zu denken. (…) Zunächst ist wohl auch das direkte Einschränken und Provozieren von Entscheidungen durch Entscheidungen die Regel, und Superstrukturen bilden sich nur, wenn dies nun wieder eingeschränkt werden muß und Strukturen selbst zum Gegenstand von Entscheidungen werden. Die dynamische Stabilität erfordert eine hohe Labilität von Strukturen, bei denen man nicht schon im ersten Gebrauch auf eine Dauerregelung für ähnliche Fälle festgelegt ist.“1144 Denkt man die Analogie zwischen der Metakommunikation im Zusammenhang mit Themen im Interaktionssystem und dem entlehnten Begriff der Superstruktur aus Luhmanns Organisationstheorie zu Ende, dann kommt man zu einer möglichen Schlussfolgerung: Im Fall des Interaktionssystems, in dem das Thema als Struktur im Kommunikationssystem fungiert, können Äquivalenzen zur Superstruktur in Organisationen gezogen werden. Die metakommunikative Thematisierung in Interaktionssystemen kann, ähnlich wie die Superstruktur, Abweichungen vom Thema in der Kommunikation identifizieren. Diese Abweichungen sowie das Thema selbst können dann thematisch im Interaktionssystem behandelt werden. Der Kommunikationsprozess im Interaktionssystem kann damit eingeschränkt werden.1145 Im Interaktionssystem kann nach Abklärung auf metakommunikativer Ebene eine Neukalibrierung erfolgen und der Kommunikationsprozess läuft danach weiter. Die Fortsetzung der Kommunikation kann nach dieser Neujustierung entweder innerhalb des gleichen Themas oder nach einem Themenwechsel innerhalb eines anderen Themas weiterlaufen. Die notwendige thematische Elastizität der Strukturen weist das Interaktionssystem ebenfalls auf. Interaktionssysteme sind in der Lage Themenwechsel flexibel durchzuführen.1146 Die Einheit des Themas nützt für eine schnelle Umschaltung des gesamten Systems. Die Interaktionssysteme können dann auf unumgängliche Wahrnehmung mittels Aktualisierung des Themenformats reagieren, um die ganze Aufmerksamkeitsleistung des Systems darauf zu fokussieren. „Das sind 1143 Vgl. Rüegg-Stürm, Johannes: Das neue St. Gallener Management-Modell. 2001. S. 71f. 1144 Luhmann, Niklas: Organisation. A.a.O. S. 173. 1145 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 196. 1146 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 30. 236 Vorzüge, auf die alle komplexeren Systeme, die den Vorteil der Differenzierung von Aufmerksamkeitsleistung ausnutzen, verzichten müssen.“1147 Interaktionssysteme favorisieren ihrerseits langsamere systemspezifische Umwelten. Langsame Umwelten ermöglichen Interaktionssystemen mit ihrer vergleichbaren Unterkomplexität die komplexeren Umwelten, bezüglich sachlicher und zeitlicher Aspekte, in einem bearbeitbaren Format zu thematisieren. Somit wird eine zu hohe Frequenz an Irritierbarkeit vermieden und auf ein beherrschbares Maß für das Interaktionssystem reduziert.1148 8.7 Thematisieren von Konflikten Hinzu kommt, dass „Interaktionssysteme (…) offene Konflikte schlecht nebenherlaufen lassen [können], dazu sind sie nicht komplex genug.“1149 Demnach können Interaktionssysteme nur eines von zwei Dingen sein: Entweder Konflikte sein oder eben nicht. Das ist dem Faktum geschuldet, dass nur die folgenden beiden Möglichkeiten zur Disposition stehen. Entweder können sie nur Konflikte vermeiden, indem die Kommunikationsbeiträge im Sinne der Eintracht selegiert werden und nur die Anschlussmöglichkeiten für die Vermeidung eines Konfliktes genutzt werden. Oder Interaktionssysteme haben hinsichtlich des gegebenen Dissenses die Möglichkeit, über ständige Abweichungskommunikation gegebene Konflikte zu sein. Bei einem Konfliktsystem handelt es sich bei der Widerspruchskommunikation nicht mehr um die inhaltliche Ebene. Hierbei wird die Ablehnungskommunikation zur Form des Systems. „In der Interaktion unter Anwesenden kann man abweichende Meinungen, wenn sie geäußert werden, kaum ignorieren. (…). Da die Kommunikation einer Person als Handlung zugerechnet wird, muß man mit ihrem Wiedervorkommen oder mit entpsrechenden Anschlusßverhalten innerhalb oder außerhalb des Systems rechnen. Entweder kommt es dann zu Konflikten, die die Ressourcen aufzehren. Das System ist zu klein, um Konflikte in sich tolerieren zu können, es wird zum Konflikt.“1150 Folgt man Luhmann, dann liege ein Konflikt dann vor, „[…] wenn Erwartungen kommuniziert werden und das Nichtakzeptieren der Kommunikation zurückkommuniziert wird. (…) Ein Konflikt ist die operative Verselbständigung eines Widerspruchs durch Kommunikation.“1151 Das Konfliktsystem wird mittels aufeinander anschlussfähiger Kommunikation in Form von reflexiver Widerspruchskommunikation entfaltet.1152 „In der fortlaufenden Konfliktinteraktion markiert der Widerspruch eine Grenze im Hinblick auf die Bedürfnis- 1147 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 35. 1148 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 36. 1149 Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. A.a.O. S. 19. 1150 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 478. 1151 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 530. 1152 Vgl. Messmer, Heinz: Der soziale Konflikt. Kommunikative Emergenz und systemische Reproduktion. Lucius und Lucius Verlag. 2003. S. 292. 237 se, Interessen, oder Erwartungen des anderen.“1153 In Bezug auf die organisierte Krankenbehandlung bedeutet das, dass es bei Arzt-Patienten-Beziehungen, Pflege- Patienten-Beziehungen und bei der Pflege-Arzt-Beziehung bei nicht deckungsgleichen Erwartungen an soziale Situationen zu Konfliktthemen kommen kann. Die Enttäuschung und ausbleibende Erwartungserfüllung könnte gegebenenfalls Thema des Kommunikationssystems werden, sowohl auf der Ebene der Organisation, als auch auf der Ebene des Interaktionssystems. Erst die reflexive Erwartungsstabilisierung würde zur Absorption von sozialer Unsicherheit in der organisierten Krankenbehandlung führen. 8.8 Beiträge zum Thema Sobald ein Thema innerhalb des Kommunikationssystems bestimmt ist, dann kommt es zwangsläufig zu der Unterscheidung von Themen und Beiträgen. Die Themen stellen die Strukturen von Interaktionssystem dar und die Operation erfolgt in Form von Kommunikationsbeiträgen.1154 „Mit der Wahl eines Themas wird pari passu die Differenz von Themen und Beiträgen geschaffen. Die Themenstruktur eines Kommunikationssystems setzt voraus, dass zu jedem Thema mehrere verschiedene Beiträge möglich sind.“1155 Themen haben im Interaktionssystem die Funktion einer Systemstruktur.1156 Diese Systemstruktur dient dem Interaktionssystem Komplexität zu reduzieren, indem unbestimmbare Komplexität in bestimmbare Systemkomplexität transformiert wird.1157 Die Möglichkeiten der Kommunikation ordnen sich in Form von Kommunikationsbeiträgen um das vom Interaktionssystem selegierte Thema herum. „Kommunikationszusammenhänge müssen durch Themen geordnet werden, auf die sich Beiträge zum Thema beziehen können. Themen überdauern Beiträge, sie fassen verschiedene Beiträge zu einem länger dauernden, kurzfristigen oder auch langfristigen Sinnzusammenhang zusammen.“1158 Das Thema beschränkt die kontingent mögliche Kommunikationsbeiträge, indem das Kommunikationssystem entlang dieser Konditionierung Selektionen vornimmt. Die Selektionsprozesse erfolgen, wie bereits in diesem Kapitel dargestellt, aus dem Pool der reflexiven Wahrnehmungen und der verbalen Kommunikationsbeiträgen der Anwesenden im Interaktionssystem. Es wurde bereits dargestellt, dass die Selektionsprozesse über die im Hintergrund ablaufenden Sinnoperationen mittels der Anwendung von Schematismen erfolgen. „Erst am Thema kann man sich zum Beispiel klar machen, was eine bestimmte Kommunikation für andere 1153 Messmer, Heinz: Der soziale Konflikt. A.a.O. S. 6. 1154 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 77. 1155 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. VS A.a.O. S. 60. 1156 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 180. 1157 Vvgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 180. 1158 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 213. 238 Kommunikation bedeutet, die daraufhin möglich bzw. unmöglich werden, so daß soziale Selbstreferenz praktikabel wird.“1159 8.9 Thematisierungsschwellen Die Thematisierungsschwelle ist das Moment, das neue Themen zulässt und damit Strukturwechsel im Interaktionssystem ermöglicht. Hierzu muss das Thema im Interaktionssystem, dem Ordnungsmoment des Kommunikationssystems entsprechen, damit sinngerichtet ein Themenwechsel erfolgt. Der Themenwechsel ist dann möglich, wenn im Interaktionssystem die Schwelle in Bezug auf das Thema niedrig genug ist, um sie zu überwinden und das Kommunikationssystem dieses Thema aufgreift. Liegt die Schwelle höher, dann wird das Thema keine Systemstruktur. „Die Vermeidung der entsprechenden Themen dient primär dazu, einen möglichst ungestörten Interaktionsbegriff sicherzustellen. Andererseits mag es sein, daß die Thematisierungsschwellen in der Interaktion höher oder niedriger liegen, als es von der gesellschaftlichen Funktion des Themas her nahelege.“1160 Hiernach kann sich der Grad einer Thematisierungsschwelle zu einem bestimmten Thema innerhalb eines Interaktionssystems im Vergleich zu dem Schwellengrad innerhalb der Gesellschaft gleichwohl unterscheiden. Eine weitere Funktion der Thematisierungsschwelle im Interaktionssystem kann darin liegen, dass die kommunikative Behandlung einiger Themen als diffizil eingestuft und vom Kommunikationssystem zum Zwecke der Konfliktvermeidung nicht aufgegriffen wird.1161 Einige Thematisierungsschwellen sind mit der Funktion von Themen verknüpft, „Negationspotenziale zu kontrollieren. Und man darf vermuten, daß Thematisierungsschwellen mit anderen Funktionserfordernissen sozialer Systeme abgestimmt sein müssen.“1162 „Einerseits gibt es Thematisierungsschwellen, zum Beispiel im Hinblick auf Obszönitäten, religiöse Gefühle oder Bekenntnisse oder überhaupt Konfliktstoff. Andererseits ist das Akzeptieren des Themas Voraussetzung dafür, daß Beiträge mit negativen Kommentaren versehen, inhaltlich abgelehnt, korrigiert, modifiziert werden können.“1163 In bestimmten Fällen von potenziellen Themen sind die Thematisierungsschwellen hoch angelegt. Das Schwellenpotenzial soll für das Thema unüberwindbar bleiben, weil mit einer zu geringen Anzahl von affirmierbaren Beiträgen und einer hohen Anzahl zu negierenden Beiträgen zu rechnen wäre, falls das Thema im Interaktionssystem akzeptiert werden würde.1164 „Ein anderes Beispiel könnten Interaktionssysteme der medizinischen Untersuchung sein. Hier ist es sehr leicht, 1159 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 180. 1160 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 205. 1161 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. Ebd. 1162 Luhmann, Niklas: Ausdifferenzierung des Rechts. Beiträge zur Rechtssoziologie und Rechtstheorie. Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1981. S. 55. 1163 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 214. 1164 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 214. 239 die Frage nach Verschreibungen aufzuwerfen, und sehr schwer, den Patienten ohne Rezept nach Hause zu schicken – wie immer groß der Zweifel des Mediziners an der Schwere der Erkrankung oder an der Wirksamkeit des Präparates auch sein mag. Über die aggregierten Effekte dieser relativ niedrigen Thematisierungsschwelle informiert jeder Blick auf die Kostenentwicklung im System der Krankenbehandlung.“1165 In diesem Zusammenhang wäre es durchaus interessant nachzufragen, inwieweit ökonomische und (medizinisch und pflegerisch) sachliche Aspekte in interdependierender Weise die Logik der Krankenversorgung und somit die Thematisierungsschwellen der Kommunikation innerhalb von Interaktionssystemen der organisierten Krankenbehandlung mitbestimmen. 8.10 Systemgeschichte des Interaktionssystems Die Systemgeschichte des Interaktionssystems ist abhängig von verschiedenen Aspekten des sozialen Systems. Die wesentlichen Gesichtspunkte, die die Systemgeschichte maßgeblich mitbestimmen, sind die Selektionsleistung und die Gedächtnisleistung, sowie die Negationsleistung des Interaktionssystems. Diese drei wesentlichen Aspekte für die Systemgeschichte des Interaktionssystems werden im Folgenden thematisiert. 8.10.1 Selektionsleistung und Systemgeschichte Die Geschichte des Interaktionssysstems beginnt mit der Festlegung eines Themas innerhalb der Kommunikation, auf das sich die gemeinsame Aufmerksamkeit der Anwesenden konzentriert. Die Systemgeschichte konstituiert sich aus den Selektionsleistungen, die das Interaktionssystem im Verlauf des Kommunikationsprozesses mittels der bereits vorgestellten Schematismen (vgl. 8.2.2.2.) vollzieht. Es handelt sich hierbei um eine „Geschichte von Selektionsleistungen, die im System erbracht und in ihrer Selektivität präsent gehalten werden.“1166 In den Selektionsleistungen sind neben den positiv gewählten Alternativen auch die Negationen implizit hinterlegt. Wenn man von Selektionsleistungen spricht, meint man „also nicht nur Positionsleistungen, sondern auch Negationsleistungen.“1167 Es ist gleichwohl festzuhalten, dass „nicht nur Selektionsleistungen mit ihren impliziten Negationen im Systemgedächtnis als Geschichte aufgehoben werden, sondern auch ein Bewußtsein dessen, was zur Auswahl stand und was jenseits des für das System Möglichen lag; denn auf explizit Negiertes, auf implizit Negiertes und auf gar nicht Negierbares muß man im weiteren Verlauf der Systementwicklung möglicherweise verschiedenartig reagieren.“1168 Das was für die Selektionsleistungen zur Auswahl vorliegt, ist 1165 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden: A.a.O. S. 207f. 1166 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 31. 1167 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 32. 1168 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 32. 240 abhängig von den Themenfolgen des Systems, an denen die Selektionen gewissermaßen gebunden sind. Die Themen innerhalb des Interaktionssystems haben in Bezug auf die Systemgeschichte eine doppelte Funktion. Einerseits dient das Thema zur Ermöglichung der „gemeinsame[n] Erinnerbarkeit der Systemgeschichte“1169 und andererseits dient es als „Erzeugungsregel“1170. Die Erzeugungsregel beinhaltet, dass das Thema Beiträge filtert und einschränkt. Diese direktive Leistung der Themen erfolgt über die sinngebundene Überprüfung der Beiträge auf Anschlussfähigkeit zur Thematik. Es ist notwendig, die Themengeschichte zu berücksichtigen, um anschlussfähige Beiträge zu leisten.1171 Die Systemgeschichte wird in sequentieller Aneinanderreihung von Kommunikationsbeiträgen perlenkettenförmig (wie eine Zeitkette) aufgezogen. 8.10.2 Gedächtnisleistung und Systemgeschichte Die gemeinsame Einprägsamkeit des Systems kommt dadurch zur Stande, indem die Themenfolge das Gedächtnis des Systems versorgt. Dadurch dass das Thema als selektives Geschehen den Kommunikationsprozess innerhalb des Interaktionssystems maßgeblich mit aufbaut, konvergieren die Aufmerksamkeitsleistung und das Erinnerungsvermögen der anwesenden Beteiligten am Thema selbst. Es kann erinnert werden, was Thema und Beitrag war. Ebenso kann vorausgesetzt werden, dass Beteiligten „sich entsprechend erinnern und auf dieser Grundlage handlungsbereit sind“.1172 „Es ist die sachliche Selektivität dieses Geschehens im Zeitlauf, die das Aufmerksamkeits- und Erinnerungsvermögen der Beteiligten partiell sozial integriert und dadurch erwartbar macht.“1173 Die Systemgeschichte ist die Struktur für das Interaktionssystem, weil sie die Funktion zur Strukturierung der selektiven Prozesse innerhalb der Kommunikation unter den Anwesenden aufweist.1174 „In zeitlicher Hinsicht findet man hier eine deutliche Entkopplung der Gedächtnisleistungen durchgeführt. (…) Das Gedächtnis der Interaktion wie der Interaktionsteilnehmer (…) mögen den Verlauf als das Ergebnis und mehr die unterlegenen als die schließlich siegreichen Kandidaten erinnern.“1175 Die Gedächtnisleistung von Interaktionssystemen unterscheidet sich im Gegensatz zur Gedächtnisleistungen von Organisationen. „Das Gedächtnis der Organisation erinnert sich nur an Entscheidungen und vergißt alles andere.“1176 Aus der Differenz von Interaktion und Orga- 1169 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 32. 1170 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 32. 1171 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 32. 1172 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 33. 1173 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 33. 1174 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 33. 1175 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 385f. 1176 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. Ebd. 241 nisation entsteht somit auch eine „Differenz zwischen offizieller und inoffizieller Gedächtniskultur des Systems, zwischen legitimer und illegitimer Systemgeschichte.“1177 Für die Organisation bleibt alles was nicht Entscheidung war unterhalb der Schwelle der Erinnerbarkeit. Anders gesagt, es muss erst gar nicht in Vergessenheit geraten, weil es niemals Information gewesen ist und somit auch nicht Bestandteil des Systemgedächtnisses.1178 Interaktionssysteme hingegen können auch über die Entscheidungen hinaus auf andere Formen von Ereignissen zurückgreifen. Diese Differenz in der Funktionsweise der Systemgedächtnisse führt zu einer Diversifikation zwischen Interaktion und Organisation. „Für das Gedächtnis der Interaktion spielen Personen eine prominente Rolle. Es werden Geschichten erzählt, die durch bestimmte Personen vorangetrieben oder auch aufgehalten wurden. Die Interaktion bevorzugt eine »handlungstheoretische« Kultur des Erinnerns. Sie kann Erinnerung (…) nur in der Form von Narrationen ordnen. Was sich nicht erzählen läßt, kann auch nicht erinnert werden.“1179 8.10.3 Negationsleistungen und Systemgeschichte Im Zusammenhang mit der Selektionsleistung in Bezug auf Gedächtnis und der Systemgeschichte wurde darüber gesprochen, dass über die Selektion in gewisser Weise ein Präsenthalten von Ereignissen (Kommunikationsbeiträge zu Themen) vorliegt. Nun kann man noch hinzufügen, dass zu diesem Präsenthalten nicht nur das Ausgewählte gehört, sondern auch das Negierte in Form des Nichtausgewählten. Im weiteren Sinne stellen die Nichtausgewählten Alternativen auch den Horizont an Möglichkeiten dar. Die Systemgeschichte stellt insofern ein Prozess dar, indem neben den Positionsleistungen ebenso die Negationsleistungen hinterlegt werden. Diese Negationsleistungen dienen dem Interaktionssystem selbst ebenfalls als Systemstruktur. Die Funktion der Negation gilt als vielversprechende Strategie der Informationsverarbeitung. „Die Negation läßt etwas Unbestimmtes in die Funktionsstelle von Bestimmtem eintreten und ermöglicht dadurch den Fortgang von Operationen ohne aktuellen Vollzug aller Bestimmungsleistungen.“1180 Negationen ermöglichen es, dass Systemzustände fixiert werden können, ohne die Situationen genau bestimmen zu können oder müssen. Negationen fungieren ohne ihr Sichtbar werden schon durch das Auswählen der Positionen. Negationsleistungen führen dazu, dass System-Umwelt Prozesse neustrukturiert werden müssen, weil sie in gewisser Weise die Systemgeschichte mitbestimmen. 1177 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 386. 1178 Vgl. Kieserling, André. Kommunikation unter Anwesenden: Ebd. 1179 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 386. 1180 Luhmann, Niklas: Über die Funktion der Negation in sinnkonstituierenden Systemen. In: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation. 5. Auflage. VS Verlag. Wiesbaden, 2009. S. 43. 242 8.11 Soziale Kontrolle und Unsicherheitsabsorption Die soziale Kontrolle dient als Konzept im „Sinne des Theorems der Unsicherheitsabsorption“1181 zur Ordnung von Interaktionssystemen. Die soziale Kontrolle ist im Sinne der Unsicherheitsabsorption interessant, weil sie auf Identitätsprobleme im Rahmen der Errungenschaft von Identität und Attribution im Rahmen von Situationen antwortet.1182 Luhmann führt zwei Mittel zur sozialen Kontrolle auf. Erstens seien es Regeln und Rekrutierungs- Austrittsbedingungen sozialer Systeme. Diese Regeln dienen Interaktionssystemen in ähnlicher Funktion, wie den organisierten Sozialsystemen auch. Es bestehe hierbei ein Zusammenhang zwischen Rekrutierungskonditionen und der erwarteten Normunterwerfung der anwesenden Teilnehmer.1183 Es liege eine relative Gewissheit darüber vor, dass die anwesenden Teilnehmer als beständige Mitglieder, hinsichtlich ihrer Anwesenheit, relativ fortdauernd verfügbar für das Interaktionssystem seien.1184 Diese relative Beständigkeit der Teilnehmer ließe eine direkte Thematisierung sowohl von kontingentem Verhalten als auch die Wahl von erwartungsabweichendem Handeln als Problematisierungsform im System zu. „Eine Thematisierung des Problems kann mehr oder weniger direkt erfolgen, außerdem mehr oder weniger abstrakt, so daß der Konsens über die Thematisierung des Problems noch nicht den Konsens über die Problemlösung einschließt.“1185 Eine zweite Form der sozialen Kontrolle liege in einer eher indirekten Form der Thematisierung. Sie sei dann funktional, wenn eine eher abgeschwächte als eine explizite Thematisierung von Systemproblemen zielführender seien, sodass das System nicht auseinandergehe (zumal wenn keine bindend entscheidende Instanz regulierend wirken kann1186). Es handelt sich bei der zweiten Form der Kontrolle um die Moralisierung von Systemproblemen. „Das erforderliche Handeln oder Unterlassen wird verquickt mit Bedingungen, unter denen Menschen (allgemein oder die Beteiligten dieses Systems speziell) einander wechselseitig achten und akzeptieren können.“1187 Beim Auftreten von Systemproblemen werden hier über implizite Kommunikationsformen und sublimer Signale auf „die moralische Implikation des Handelns“1188 hingewiesen. In diesem Sinne schwingt immer die folgende Unterstellung mit, dass nur vernünftige Handlungen geachtet werden können und unvernünftige Handlungen mit Missachtung konfrontiert werden. „Moralisierung hat daher eine eher manipulative, keinesfalls eine streitentscheidende Funktion. Sie dient dazu, eine Ebene der Kommunikation zu erreichen, auf der 1181 Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 227. 1182 Vgl. Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 227. 1183 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 37. 1184 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 38. 1185 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 38. 1186 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. Ebd. 1187 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. S. 38. 1188 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 39. 243 keine Negation verfügbar ist, und sucht von da aus das System in eine bestimmte Richtung zu steuern. Moralisierung ist mithin eine Technik der Reduktion von Kontingenz, die die Verhaltensmöglichkeiten der Beteiligten auf ein für das System erträgliches Maß an Varietät zurückschneidet.“1189 Der Kontrollbegriff ist hier im Sinne eines Systemgedächtnisses zu verstehen, dass im Hintergrund mitläuft. Wenn von Kontrolle die Rede ist, dann kann immer nur die Selbstkontrolle im Sinne der Selbstorganisation des sozialen Systems gemeint sein. Die Selbstkontrolle zielt auf die Korrektur von möglichen Abweichungen im Abgleich mit den definierten Zielparameter.1190 Diese Zielparameter sind Unterscheidungen, „die einen Raum der Unsicherheit erschließen, in dem unklar ist, ob die Ziele erreicht werden können, den Aufwand wert sind, nicht möglicherweise andere, interessantere Ziele verdrängen und überdies seitens Dritter einen Widerstand wecken, mit dem man nicht fertig werden muss, wenn man die Ziele gar nicht erst verfolgt.“1191 Ziele geben eine gewisse Orientierung in Bezug auf das eigene Handeln und Kommunizieren. „Und Abweichungen sind kommunikativ für die Markierung von Kontrollversuchen attraktiver als bestimmte Zustände, weil sie es offen halten, ob man unter Umständen nicht eher die Abweichung verstärkt (positive Rückkopplung) als korrigiert (negative Rückkopplung).“1192 Die Kommunikation wird so über die für sie notwendige Ambivalenz versorgt, „an die sie sich historisch zwar nur schwer gewöhnt hat, die jedoch immer unverzichtbarer geworden ist“1193. 8.12 Direkte und indirekte Kommunikation in Interaktionssystemen Ganz im Sinne des allgemein bekannten Kommunikationstheorems Watzlawicks können Interaktionssysteme ebenfalls nicht nicht kommunizieren. Interaktionssysteme weisen auf der Ebene der Wahrnehmung immense Sensibilität auf und sind darüber störanfällig.1194 Die „Wahrnehmung ist zunächst psychische Informationsgewinnung, sie wird jedoch zu einem sozialen Phänomen, das heißt, zu einer Artikulation doppelter Kontingenz, wenn wahrgenommen werden kann, daß wahrgenommen wird.“1195 Aus der evolutionären Perspektive ist die Wahrnehmung die primäre und verbreitetste Informationsweise, die auch zeitlich gesehen zur schnellen Gewinnung von Information führt.1196 Das aus dem Konglomerat an Wahrnehmungsprozessen der Anschluss an Kommunikationssequenzen geknüpft werden 1189 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 39. 1190 Vgl. Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 230. 1191 Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 231. 1192 Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. Ebd. 1193 Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 231. 1194 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 562. 1195 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 560. 1196 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. Ebd. 244 kann, kommt nur in seltenen Fällen vor und bleibt immer unter der Gesamtanzahl der existierenden Wahrnehmungsprozesse im System. Die Wahrnehmungen verdichten sich in nur wenigen Fällen zu Kommunikation.1197 Das heißt, die Wahrnehmung als Informationsgewinnung gilt nicht nur für die Wahrnehmung von direkter Kommunikation, sondern auch im Bereich der indirekten Kommunikation. Hierbei kann es sowohl den Bereich der verbalen Kommunikation/Sprache als auch den Bereich der nonverbalen Kommunikation/Körpersprache betreffen.1198 Was nun tatsächlich innerhalb des Kommunikationssystems verstanden wird, sieht man anhand der möglichen zuschreibungsfähigen Handlungen bezogen auf die Verwendungseinheit der Kommunikation. „Die wichtigste Konsequenz dieser Analyse ist: daß Kommunikation nicht direkt beobachtet, sondern nur erschlossen werden kann. Um beobachtet werden, oder um sich selbst beobachten zu können, muß ein Kommunikationssystem deshalb als Handlungssystem ausgeflaggt werden. Auch die mitlaufende Selbstkontrolle, von der wir oben gesprochen hatten, funktioniert nur, wenn man am Anschluss handeln ablesen kann, ob man verstanden worden ist oder nicht.“1199 Die Semantik des angewandten Wortes in der Kommunikationseinheit wird als allgemeingültig verstanden. Ob diese Unterstellung einer möglichen Kongruenzprüfung der vermeidlich verwendeten Semantik innerhalb von Kommunikationsbeiträgen standhält, kann durch die Beobachtung von Handlungen und anschließender Zuschreibungen beschritten werden. Diesen Mechanismus von Kommunikation auf Handlung zu reduzieren, ermöglicht die Sprache.1200 Diese Unterstellung einer allgemeingültigen Semantik ist im Prinzip mit der zuvor beschriebenen Werteunterstellung gleichzusetzen. Gegebenenfalls folgt eine Anschlusskommunikation, die entweder im gleichen oder aber auch in einem anderen Sinne Assoziation zulässt und das Thema somit fortgeführt wird. An dieser Stelle präsentiert sich dann wieder die zuvor beschriebene doppelte Kontingenz auf der Bühne der Kommunikation. Andernfalls kommt es vielleicht aufgrund des aufgekommenen Dissenses zur Abweichungskommunikation. Gleichwohl kann also auch auf einer Metaebene über die Kommunikation selber kommuniziert werden. Die direkte Kommunikation lässt aufgrund ihrer Eindeutigkeit keine Mehrdeutigen Interpretationsräume zu, wobei es sich bei der indirekten Kommunikation um eine Form der Kommunikation handelt, die Interpretationen zulassen. „Das Vokabular der mehrdeutigen Kommunikation dagegen schließt diesen ausgeschlossenen Dritten ein. Es besteht aus Vokabeln, die davon ausgehen, daß man zugleich reden und schweigen kann. Man kann nämlich nicht nur sagen, was man meint, man kann es auch nicht sagen und das Gemeinte nur andeuten in der Hoffnung, daß der andere es gleichwohl bemerkt. 1197 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 560. 1198 Vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 562. 1199 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 226. 1200 Vvgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 157. 245 So kann man im Deutschen eine Bemerkung fallenlassen mit der Folge, daß für den anderen offenbleibt, ob man sich der Tatsache dieser Bemerkung und ihrer Bedeutung für ihn bewußt oder nicht bewußt ist.“1201 Bei der indirekten Kommunikation besteht im Falle der Anschlusskommunikation für den Absender die Möglichkeit etwas abstreiten zu können, dass er etwas so gemeint hat wie es in der Mitteilung angedeutet wurde. Andererseits besteht für den Empfänger die Möglichkeit etwas abstreiten zu können, dass er etwas als solches verstanden hat wie in der Mitteilung selbst möglicherweise in Form von impliziten Andeutungen mit gesendet wurden.1202 „Die Kommunikation läuft dann unter der Prämisse, daß die beiden normalen Effekte der Selbstbeobachtung dieser Operation, nämlich erstens die Bindung des Absenders an den Sinn des Gesagten und zweitens die Freiheit des Adressaten, das Gesagte entweder anzunehmen oder abzulehnen, suspendiert sind und bis auf weiteres in der Schwebe bleiben. Es handelt sich also um Kommunikation mit dem zusätzlichen Merkmal, daß sie beim Übergang zur reflexiven Kommunikation negiert werden könnte – und zwar im Grenzfalle negiert werden könnte schon in ihrem Charakter als Kommunikation (und also nicht nur: als spezifischer Sinnvorschlag).“1203 Die indirekte Kommunikation ist die Differenz zwischen Kommunikation und Handlung, insofern, dass „Kommunikation als basale Einheit der operativen Selbstreproduktion sozialer Systeme, Handlung dagegen als basale Einheit ihrer Selbstbeobachtung“1204 gedacht wird. Die indirekte Kommunikation wirkt in der Form, dass keine anschlussfähigen Kommunikationsbeiträge zugelassen werden, weil sie aufgrund ihrer nebulösen Uneindeutigkeit in Bezug auf Interaktionssysteme nicht zur Systembildung führen kann. Darüber hinaus ist sie angewiesen, „daß Kommunikation auf Handlung reduziert wird und sich in dieser Form für Metakommunikation zur Verfügung hält“1205. Die direkte Kommunikation bietet die Möglichkeit der Systembildung, weil sie auf Handlung reduziert werden kann und auch im Rahmen der Metakommunikation thematisiert werden kann.1206 1201 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 147. 1202 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 158. 1203 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. Ebd. 1204 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. 158f. 1205 Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 161. 1206 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 160. 246 8.13 Motive der Interaktionssysteme Grundsätzlich sind Motive in Interaktionssystemen in doppelter Kontingenz präsent. Ego und Alter können durchaus unterschiedliche Motive in sich tragen und trotzdem als anwesende Umwelt der Kommunikation innerhalb der Interaktionssysteme ihren Beitrag an produzierter Überschusskapazität zur Verfügung stellen. Die Themen und die Systemgeschichte grenzen den Selektivitätsraum, bezüglich der kontingent gegebenen Überschusskapazität, an potentiellen Elementen für die Kommunikation ein. Dass diese Systemstrukturen das Potenzial zur sozialen Kontrolle und Steuerung der Kommunikation haben, ist bereits beschrieben worden. Erst einmal ist die Motivation in Interaktionssystemen beziehungsweise innerhalb der Gesellschaft als kontingent zu betrachten. „Unter diesen Sonderbedingungen kommt es zu einer Privatisierung, Psychologisierung und schließlich: zu voller sozialer Reflexivität der auf Interaktion zentrierten Interaktionssysteme.“1207 Erst mit der Ausdifferenzierung der Gesellschaft spielen Motive eine relevante Rolle und somit auch in Interaktionssystemen. „Motive werden wichtig, und damit auch Motivverdacht. Unbefangenheit, Natürlichkeit, Aufrichtigkeit werden gefordert – und werden damit zum Problem. Sie machen Heuchelei erforderlich.“1208 Motive können generell nicht in jedem Interaktionssystem sozial kontrolliert werden. Im Bereich der organisierten Sozialsysteme können Motive einen sozialen Kontrollcharakter erhalten. Im Bereich der Organisation sind die Motive eng mit der Mitgliedschaftsrolle verknüpft. „Motivorientierte Interaktionen müssen dann entweder standardisiert werden, zum Beispiel durch Organisationen, oder sie müssen dem reflexiven Aushandeln, der Verständigung, dem »negotiation of identities« überlassen bleiben; und Motivverdacht breitet sich trotzdem aus. Auch dies führt zu einer schärferen Trennung gesellschaftlicher und interaktioneller Systembildungen.“1209 In Bezug auf organisationale Interaktionssysteme und speziell vor dem Hintergrund der organisierten Krankenbehandlung ist es so, dass einerseits die Organisationsmitgliedschaft und das Bestreben zu Helfen von Ärzten und Pflegenden (u.a. Krankenhausmitarbeiter) und andererseits die Krankheit und die Hoffnung auf Heilung oder Leidlinderung der Patienten zur Zusammenkunft der Anwesenden motiviert.1210 Die Motivation steht im Zusammenhang mit dem Schematismus der Medien in der Kommunikation. Die Medienfunktion in der Kommunikation kann in den Schematismus Motivation und Selektivität aufgespannt werden. Zur Beschreibung der Medienfunktion kann man festhalten, „dass Motivation zur Kommunikation unwahrscheinlich und deswegen unsicher ist und im Rahmen der Selektivität eines spezifischen Mediums in Wahrscheinlichkeit transformiert beziehungsweise als diese Unsicherheit zugunsten der Attraktivität spezifischer Möglich- 1207 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 824f. 1208 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S. 825. 1209 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 578f. 1210 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 341. 247 keit absorbiert wird.“1211 Das Geld als Erfolgsmedium macht die Motivation realisierbar, dass die Organisationsmitglieder des Krankenhauses zukünftig weiterhin in dem Krankenhaus arbeiten werden, wenn die Gehälter am Monatsende pünktlich überwiesen werden. Genauso wie das Geld spielen alle anderen Formen von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien eine relevante Rolle, wenn es um die Motive und die Motivation zur Kommunikation innerhalb der Interaktionssysteme geht. „Motive sind danach Formen der Kommunikation, explizite oder implizite Zuweisung von Gründen für bestimmte Handlungen – von Gründen oder (.) Hintergründen. Die einfache Motivzuschreibung nimmt typisch die Form einer Absicht an. An solchen ‚Absichten‘ kristallisieren dann Gründe für die Absichten, Rechtfertigungen (…), bis man in den Bereich der Incommunicambilia, der Unaussprechlichkeiten gerät, der in der Kommunikation wie ein dunkler Schatten das explizit Gesagte begleitet. Für die kognitive Organisation solcher Motivzuschreibungen hat sich der Ausdruck ‚Skript‘ eingebürgert.“1212 In organisationalen Interaktionssystemen werden die Motive über die Mitgliedschaft generiert.1213 „Als organisiert können wir Sozialsysteme bezeichnen, die die Mitgliedschaft an bestimmte Bedingungen knüpfen, also Eintritt und Austritt von Bedingungen abhängig machen. Man geht davon aus, daß die Verhaltensanforderungen des Systems und die Verhaltensmotive der Mitglieder unabhängig voneinander variieren können, sich aber unter Umständen zu relativ dauerhaften Konstellationen verknüpfen lassen. Mit Hilfe solcher Mitgliedschaftsregeln – etwa Autoritätsunterwerfung gegen Gehalt – wird es möglich, trotz frei gewählter, variabler Mitgliedschaft hochgradig künstliche Verhaltensweisen relativ dauerhaft zu reproduzieren. Man muß nur ein allgemeines Gleichgewicht von Attraktivität des Systems und Verhaltensanforderungen sicherstellen und wird unabhängig davon, ob für jede Einzelhandlung natürlich gewachsene Motive oder moralischer Konsens beschafft werden können.“1214 Die Motive können innerhalb der Kommunikation Selbstbindungen mitteilen, oder an diese erinnern. Motive in der Kommunikation können das Verstehen beeinflussen und stellen strukturelle Kopplungsmomente dar, damit als Anwesende des Interaktionssystems zwischen psychischen Systemen Anschlussstellen im Kommunikationsprozess ermöglicht werden können. Innerhalb von organisationaler Kommunikation werden Motive „als Aspekt des Mysteriums des Entscheidens, unerwähnt mittransportiert. Aber ihr Fehlen kann sich bemerkbar machen, wenn Schwierigkeiten auftreten und Personen mehr als üblich gefordert sind. Die Motivsprache wird dann aufgepfropft in der Form einer Unternehmensideologie, als 1211 Baecker, Dirk: Form und Formen der Kommunikation. A.a.O. S. 179. 1212 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 94f. 1213 Vgl. Luhmann, Niklas: Interaktion, Organisation, Gesellschaft. A.a.O. S. 10. 1214 Luhmann, Niklas; Horster, Detlef (Hrsg.): Die Moral der Gesellschaft. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main, 2008. S. 214. 248 Ersatz nicht zuletzt für das, was im Taylorismus oder in der Gruppendynamik und »Organisationsentwicklung« nicht gelungen ist.“1215 Die Anwesenden eines Interaktionssystems im Krankenhaus treten sich gegenseitig in der Rolle der Organisationsmitglieder gegenüber und innerhalb der Kommunikationsprozesse können die Motive eine Kommunikationsverlauf beeinflussende Rolle spielen.1216 8.14 Zusammenschau der Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung Luhmann hat keine umfassend erarbeitete Theorie der Interaktionssysteme verfertigt. Er hat sich in Aufsätzen1217 mit verschiedenen Aspekten bezüglich der Interaktionssysteme beschäftigt. Für seine Ausarbeitung der Theorie der Gesellschaft braucht Luhmann keine elaborierte Theorie der Interaktionssysteme, was nicht bedeutet, dass solch eine Theorie in der Gesamtbetrachtung legitimer Weise nicht ihre Berechtigung hätte. „Die Differenzierung Gesellschaft/Interaktion kann nur als Ausdifferenzierung von Interaktionssystemen auf dem Realitätskontinuum gesellschaftlicher Kommunikation begriffen werden.“1218 Die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft bedarf mehr Interaktionssysteme und Organisationen als je zuvor. Themen der Transaktionsanalyse werden nun in dem Ausbau von Interaktionssystemen relevant, wie zum Beispiel Tausch, Konkurrenz, Kooperation und Konflikt. Durch die Ausdifferenzierung der Gesellschaft kommt es immer mehr auch zur stärkeren Grenzziehung zwischen Gesellschaft und Interaktion. Die innerhalb von Interaktionssystemen relevanten Reziprozitätsregeln sind dadurch für die Gesellschaft nicht maßgebend.1219 Mehr von Interesse könnten diese Reziprozitätsregeln innerhalb der Interaktionssysteme für die gemeinsame Schau auf Organisation und Interaktion sein. Im späteren Werk Organisation und Entscheidung weist Luhmann (2006) darauf hin, dass auch der informale Anteil seiner Organisationstheorie „und mit ihm der Gruppenbegriff durch eine Theorie der Interaktionssysteme ersetzt wird.“1220 Hier verweist Luhmann (2006) auf das Werk von Kieserling1221 1215 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens. A.a.O. S. 304f. 1216 Vgl. Kieserling, André: Kommunikation unter Anwesenden. A.a.O. S. 341ff. 1217 Relevante Aufsätze zu Interaktionssystemen sind erschienen in seinen Werken „Soziologische Aufklärung 1–6“ ebenfalls als Zeitschriftenpublikationen erschienen sowie jeweils ein Kapitel für Interaktionssysteme in „Soziale Systeme“ und in „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ von Luhmann dargebracht wurden. 1218 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 816. 1219 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 826. 1220 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 25. 1221 Vgl. Kieserling, André: Interaktion in Organisationen. In: Dammann, Klaus et al. (Hrsg.). Die Verwaltung des politischen Systems: Neue systemtheoretische Zugriffe auf ein altes Thema. Opladen. 1994. S. 168–182. ders., Kommunikation unter Anwesenden: Studien über Interaktionssysteme. Suhrkamp. Frankfurt am Main, 1999. 249 (1999), mit der Absicht darauf hinzuweisen, dass es sich beim Interaktionssystem um ein eigenständiges soziales System handelt. Vogd bezieht sich in seinen Arbeiten zur Arzt-Patient Beziehung1222 und der organisierten Krankenbehandlung1223 hinsichtlich der systemtheoretischen Analyse von Interaktionssystemen in der Krankenbehandlung auf die Grundlagenwerke von Luhmann, Kieserling, Baecker sowie in Verbindung mit der Rahmenanalyse auf Goffmans Ausarbeitung. Innerhalb der organisierten Krankenbehandlung zeichnen sich die Merkmale der Kommunikation unter Anwesenden (Interaktion) dadurch aus, dass sie „in hohem Maße sinnliche Prozesse in die Gestaltung und Koordination von Sinn und Bedeutung mit einzubeziehen. (…) Der Blick auf die Krankenakte, die Spritze in der Hand, der Griff zum Stethoskop, die Verabreichung eines Medikaments, das Betreten des Arztzimmers, sich frei machen und sich auf den Behandlungsstuhl setzen oder die Unterschrift unter einer Einverständniserklärung geben – all diese Vorgänge haben in ihrer sinnlichen Evidenz immer zugleich einen instruierenden Charakter für die Krankenbehandlung. Gegenüber anderen Kommunikationsformen eröffnet die Interaktion [für die Krankenbehandlung] eine Vielfalt von Möglichkeiten, Bewusstsein, Wahrnehmung und Kommunikation aneinanderzukoppeln.“1224 „Der weiße Kittel, die Anordnung der Untersuchungsapparaturen, aber auch die Kommunikation von Gefühlen durch Modulation von Stimme und Gesichtsausdruck sind nicht einfach nur Bestandteil von Interaktion. Sie stellen vielmehr universalisierte Skripten einer Weltgesellschaft dar, die nur deshalb medizinische Handlungen und ihre Organisationsweisen als Kultur der Krankenbehandlung plausibilisieren können, weil sie uns schön längst als Formate vertraut geworden sind, mit denen wir bereits – etwa durch Massenmedien – bekannt gemacht wurden.“1225 „Natürlich finden in der Arzt-Patient-Beziehung ergebnisoffene Aushandlungsprozesse statt, doch die Ordnung der Krankenbehandlung erscheint mit Blick auf ihre gesellschaftliche Konditionierung nur begrenzt als eine »negotiated order«.“1226 Andererseits kann sich der Arzt „nicht sicher sein, ob sein Patient so mitspielt, wie es aus seiner Sicht für den Behandlungsprozess notwendig wäre. Umgekehrt kann der Patient nicht wissen, ob all die vorgeschlagenen Maßnahmen wirklich nur im Interesse seiner Gesundheit angestrebt werden oder ob es in der Behandlung nicht auch um anderes – vielleicht Geld oder um wissenschaftliche Neugierde – gehe.“1227 In einer späteren Diskussion (Kapitel X) werden die Systemreferenzen Organisation und Interaktionssystem der organisierten Krankenbehandlung gegenübergestellt, 1222 Vgl. Begenau, Jutta; Schubert, Cornelius; Vogd, Werner (Hrsg.): Arzt-Patient-Beziehung. Kohlhammer Verlag. Stuttgart, 2009. 1223 Vgl. Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. A.a.O. 1224 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. A.a.O. S. 249f. 1225 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. A.a.O. S. 250f. 1226 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. Ebd. 1227 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. A.a.O. S. 251. 250 um die Differenzen in der Funktionsweise innerhalb der organisierten Krankenbehandlung zu beschreiben. Für dieses Vorhaben soll das vorliegende Kapitel mit den theoretischen Ausführungen und Wissenselementen zum Interaktionssystem als Ausgangsgrundlage dienen.

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Zusammenfassung

Dr. Ismail Özlü leistet mit vorliegendem Werk einen sozialwissenschaftlichen Beitrag zum besseren Verständnis der organisierten Krankenbehandlung im Krankenhaus. Hierzu unternimmt der Autor eine systemtheoretische Analyse der sozialen Systeme Organisation und Interaktion. Nach fachkundiger Unterscheidung beider Systeme werden insbesondere vorhandene Unterschiede bei der Informationsverarbeitung herausgestellt und abschließend verbesserte Möglichkeiten ihrer strukturellen Kopplung dargelegt.