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7. Personales System oder die Person als Form in:

Ismail Özlü

Organisation und Interaktion in der organisierten Krankenbehandlung , page 195 - 200

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3939-7, ISBN online: 978-3-8288-6834-2, https://doi.org/10.5771/9783828868342-195

Tectum, Baden-Baden
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195 7. Personales System oder die Person als Form Das Verständnis über die Form der Person in diesem Kapitel gilt als Voraussetzung für die weiterführende Diskussion und die theoretische Erweiterung (in Kapitel 10.7.) in Bezug auf die Gefühlswelt und die Rolle der psychischen Systeme als Umwelt für die Kommunikationsprozesse des sozialen Systems der Krankenbehandlung.878 Der Personbegriff wird in der Systemtheorie, im Unterschied zur Sozialpsychologie, nicht von einem Individuum-zentrierten Ansatz her verstanden. Personen werden in Bezug auf die Interaktionsforschung, ebenso im Zusammenhang mit der systemtheoretischen Organisationstheorie, in ihrer Rolle als Anwesende des Kommunikationssystems, oder als Struktur einer Organisation879 verstanden. Ebenso können Personen aber auch der Umwelt eines sozialen Systems zugehören. In diesem Zusammenhang wird der Personenbegriff nicht von dem einzelnen Individuum abhängig gemacht. Zur Verdeutlichung dieses Verständnisses wird die Person von dem psychischen System unterschieden880. Im Allgemeinen sind die psychischen Systeme immer Umwelt der sozialen Systeme.881 Die Person ist eine mögliche Form der strukturellen Kopplung von psychischen Systemen an die sozialen Kommunikationsprozesse der jeweiligen Systemreferenz Organisation oder Interaktion. In diesem Kapitel soll versucht werden. die Funktion der Form der Person hinsichtlich der Möglichkeit einer strukturellen Kopplung zwischen Organisation und Interaktionssystem zu untersuchen. Ein systemtheoretisches Verständnis von Person orientiert sich als eine Soziologie der Interaktion an Konzepten, die das „Soziale weder auf eine konditionierende Außenwelt des Individuums, noch auf bloße Intersubjektivität beschränken, sondern es zunächst eigenständig zum Thema machen.“882 Mit der Person werden die psychischen Systeme, die der Umwelt des sozialen Systems zugehören, eingefangen, um sie innerhalb der Kommunikation thematisieren zu können. Die psychischen Systeme haben eine Unbestimmtheit und eine gewisse 878 Vgl. hierzu in Kapitel 10.7.ff. 879 In Form der Entscheidungsprämisse Person. 880 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 143. 881 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. S. 346. 882 Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. In: Soziologische Aufklärung, Band 2. 6. Auflage. VS. Wiesbaden, 2009. S. 21. 196 Eigenkomplexität, mit der sie dem sozialen System begegnen. In diesem Zusammenhang thematisiert Luhmann die theoretische Möglichkeit der Interpenetration zwischen sozialen und psychischen Systemen.883 Soziale Systeme können aus der Unbestimmtheit der psychischen Systeme Eigenkomplexität aufbauen, indem sie sich irritieren lassen können und Strukturen der Umwelt im Sinne der Auslösekausalität zum eigenen Strukturaufbau als relevant berücksichtigen. „Von Interpenetration soll immer dann die Rede sein, wenn die Eigenkomplexität von Umweltsystemen als Unbestimmtheit und Kontingenz für den Aufbau eines mit ihnen nicht identischen Systems aktiviert wird. Solche Umweltsysteme bezeichnen wir im Hinblick auf das System, das sie ermöglichen (aber nicht sind) als interpenetrierende Systeme.“884 Luhmann sieht hier personale Systeme im Verhältnis zu sozialen Systemen „als interpenetrierende Systeme, soziale Systeme dagegen als durch Interpenetration konstituierte Systeme“885 an. Des Weiteren postuliert Luhmann, dass „soziale Systeme nicht aus Personen bestehen und daß man ihre Teilsysteme von den interpenetrierenden Systemen unterscheiden muß. Eine Dekomposition sozialer Systeme in Teilsysteme, Teilteilsysteme oder letztlich in Funktionselemente und Relationen führt nie auf Personen, sie dekomponiert sozusagen an den Personen vorbei. Sie endet je nach analytischem oder praktischem Bedarf bei Firmen oder bei Organisationsabteilungen oder bei Rollen oder kommunikativen Akten, nie jedoch bei konkreten Menschen oder Teilen von Menschen (…).“886 Die Personensysteme, so Luhmann, interpenetrieren mit ihrer Indeterminiertheit soziale Systeme, so dass Komplexität über Selektion von Handlungen (Kommunikationsbeiträgen der Personen in Interaktionssystemen sowie Entscheidungen von Personen in Organisationen) im sozialen System zur Bildung der Systemgeschichte beitragen887, weil die von den Personen ausgehende Komplexität als Kontingenz in das soziale System eingebracht werden könne888. Die Bewusstseinsprozesse können über Sprache und 883 Vgl. Luhmann, Niklas: Interpenetration – Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. In: Soziologische Aufklärung Band 3. Soziales System, Gesellschaft und Organisation. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1981. S. 151–169, S. 156f. 884 Luhmann, Niklas: Interpenetration – Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. A.a.O. S. 156. 885 Luhmann, Niklas: Interpenetration – Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. A.a.O. S. 157. 886 Luhmann, Niklas: Interpenetration – Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. A.a.O. S. 157. 887 Vgl. Luhmann, Niklas: Interpenetration – Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. A.a.O . S. 159. 888 Vgl. Luhmann, Niklas: Interpenetration – Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. A.a.O . S. 162. 197 Schrift an die Kommunikationsprozesse operativ gekoppelt werden.889 „Die Form psychischer Systeme ist der Unterschied von Selbstreferenz und Fremdreferenz.“890 Das bedeutet, dass psychische Systeme eine Systemreferenz sind, die immer ihrer Umwelt gegenüber operativ geschlossen sind, wobei sie gleichzeitig wahrnehmungsoffen sind und ihre Umwelt beobachtend erleben können. Psychische Systeme sind also operativ geschlossen und ihre Prozessweise erfolgt über Bewusstseinsprozesse (Kognition und Emotion), (Gedankenprozesse und Wahrnehmung sowie Gefühle)891. In frühen Werken spricht Luhmann selber von personalen Systemen892 (eng angelehnt an das Verständnis von Parsons893), später elaboriert Luhmann den Personenbegriff zu einer Form der Kommunikation, in der die Möglichkeit der strukturellen Kopplung zwischen psychischen System und dem sozialen System gegeben sei894. Laut Luhmann werden hier Traditionsbegriffe wie Subjekt und Person im theoretischen Bezugsrahmen zurechtgerückt.895 „Die neueren Entwicklungen der Systemtheorie schließen es aus (…), Personen als Teile oder Elemente sozialer Systeme anzusehen.“896 Bei den Personen handelt es sich um identifizierbare Einheiten der Kommunikation, die als Adressen von Zuschreibungen fungieren und keine Systeme sind, weil sie keinen eigenen Operationsmodus besitzen897. Die Form der Person bietet eine „individuell attribuierte Einschränkung von Verhaltensmöglichkeiten“898. Luhmann stellt die Frage, was es für psychische Systeme bedeute, „wenn sie 889 Vgl. Luhmann, Niklas: Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt. S. 41. Soziologische Aufklärung. Band 6. Die Soziologie und der Mensch. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1995. S. 37–54. 890 Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 144. 891 Vgl. Luhmann, Niklas: Die operative Geschlossenheit von psychischer und sozialer Systemen. S. 30. Soziologische Aufklärung. Band 6. Die Soziologie und der Mensch. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1995. S. 25–36. 892 Vgl. Luhmann, Niklas: Einfache Sozialsysteme. A.a.O. S. 32. Und vgl. ebenso; Luhmann, Niklas: Interpenetration– Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. A.a.O. S. 151–169. vgl. ebenso; Luhmann, Niklas: Handlungstheorie und Systemtheorie. In: Soziologische Aufklärung Band 3. Soziales System, Gesellschaft und Organisation. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1981. S. 50–66, S. 53 u. 57. 893 Vgl. Luhmann, Niklas: Interpenetration– Zum Verhältnis personaler und sozialer Systeme. A.a.O. S. 154. 894 Vvgl. Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 142–154. 895 Vgl. Luhmann, Niklas: Vorwort. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Band 6. Die Soziologie und der Mensch. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1995. S. 7–11, S. 11. 896 Luhmann, Niklas: Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Band 6. Die Soziologie und der Mensch. Westdeutscher Verlag. Opladen, 1995. S. 25–36, S. 26. 897 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 146. 898 Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 148. 198 die Form einer Person annehmen müssen. Dies ändert natürlich nichts an der psychischen Autopoiesis des Bewußtseins. Es ändert nichts daran, daß das psychische System sowohl Selbstreferenz als auch Fremdreferenz zur Verfügung hat und die Einheit dieser Unterscheidung blind reproduziert, indem es zwischen beiden Referenzrichtungen oszilliert oder auch eine Zeitlang selbstvergessen bei der Au- ßenwelt oder weltvergessen bei sich selbst bleibt.“899 „Psychische Systeme werden dadurch zu Personen, das heißt zu Erwartungskollagen, die im System als Bezugspunkte für weitere Selektionen fungieren.“900 Im Rahmen der Selbstorganisation des sozialen Systems dient die Form der Person, „der Lösung des Problems der doppelten Kontingenz durch Einschränkung des Verhaltensrepertoires der Teilnehmer. Das heißt aber nicht, daß sie nur als kommunikative Fiktion fungierte und psychisch keine Bedeutung hätte. Psychische und soziale Systeme operieren zwar getrennt und jeweils für sich operativ geschlossen. Es gibt in den Operationen keine Überschneidungen (obwohl ein Beobachter natürlich Bewußtseinsleistungen und kommunikatives Geschehen zusammenziehen und als ein einheitliches Ereignis identifizieren kann). Die unterschiedlichen Rekursionen der psychischen und sozialen Systeme zwingen zur Trennung. Das heißt aber nicht, daß keine Realzusammenhänge bestünden, keine kausalen Wechselwirkungen möglich wären, keine Co-evolution ablaufen könnte. Die unentbehrlichen Zusammenhänge werden durch strukturelle Kopplungen vermittelt, die mit der autopoietischen Autonomie der getrennt operierenden Systeme voll kompatibel sind.“901 Die psychischen Systeme, die durch andere soziale oder psychische Systeme beobachtet werden, können nur in der Form der Person beobachtet werden. „Der Begriff personales System ist demnach ein Begriff, der eine Beobachterperspektive involviert, wobei Selbstbeobachtung (sozusagen: Selbstpersonalisierung) eingeschlossen sein soll. Da man unterstellen kann, daß jede Theorie psychischer Systeme eine Beobachterperspektive aktualisiert, wird man von psychischen und von personalen Systemen fast gleichsinnig sprechen können. Dennoch bleibt die begriffliche Unterscheidung wichtig, da mit dem Begriff der Person die Relevanz für einen Beobachter stärker zum Ausdruck kommt. Wir sprechen nicht von »Psychisierung«, sondern von Personalisierung sozialer Systeme, wenn es darum geht, die Abhängigkeit der Reproduktion des kommunikativen Sozialsystems von den personalen Attributionen der Beteiligten zum Ausdruck zu bringen.“902 Der Personenbegriff dient dazu, „sowohl Autor, als auch Adresse, als auch ein Thema in Kommunikationssystemen zu bezeichnen. Er dient uns also zur Bezeichnung einer Form, die eine andere Seite hat, nämlich jene Riesenmenge von faktischen biochemischen, neurophysiologischen, immunologischen, bewusstseinsmäßigen Operationen, die für alle bewussten und kommu- 899 Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 151. 900 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 178. 901 Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 152f. 902 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. A.a.O. S. 155. 199 nikativen Operationen völlig intransparent bleiben und nur an gewissen Regelmä- ßigkeiten des Verhaltens vermutungsweise erratbar sind. Als eine solche – black box – gehört das Individuum Mensch zur Umwelt der Gesellschaft, also auch zur Umwelt ihrer Organisationen. Aber die Kommunikation kann sehr wohl einen solchen Umweltkomplex bezeichnen, ihm Namen geben, ihn über die Verwendung von Personalpronomina in die Kommunikation interpenetrieren lassen, das heißt: ihn als funktionsfähige Komplexität voraussetzen. Und es genügt ihr für die Fortsetzung ihrer eigenen Operationen, die Einheit von Individuum und Person als operative Fiktion zu unterstellen. Eine Person wird deshalb so behandelt, als ob sie ein menschliches Individuum wäre; und ihre Identität verhilft dazu, die Unkenntnis mit Bezug auf körperliche und mentale Prozesse zu spezifizieren, auf die ein soziales System für die Durchführung eigener Operationen angewiesen ist. Eine Person ist demnach nichts anderes als ein „token for (Eigen-)Behaviors“ sozialer Systeme.“903 Wie bereits oben erwähnt, kann abschließend festgehalten werden, dass der Personenbegriff der strukturellen Kopplung zwischen sozialen und psychischen Systemen dient.904 „Sie ermöglichen es den psychischen Systemen, am eigenen Selbst zu erfahren, mit welchen Einschränkungen im sozialen Verkehr gerechnet wird. Das Bewußtsein, eine Person zu sein, gibt dem psychischen System für den Normalfall das soziale o.k.; und für den abweichenden Fall die Form einer im System noch handhabbaren Irritation. Es merkt gewissermaßen, wenn es mit sich selbst als Person in Schwierigkeiten kommt, und hat daher eine Gelegenheit, nach Auswegen zu suchen.“905 Jede Person spielt verschiedene Rollen. Durch die Vielfalt der Rollen werden viele unterschiedliche Erwartungen an die Person adressiert. „Man hat dadurch die Möglichkeit, in jeder gerade aktuellen Situation einen Blick auf mögliche andere Rollen der Teilnehmer zu werfen und die Anwesenheit von Personen zu nutzen, um andere Rollen der Teilnehmer ins Gespräch zu bringen. Und es macht natürlich einen Unterschied, ob es sich um andere Rollen der Personen handelt, die man daraufhin ansprechen kann, oder um das Verhalten beliebiger anderer.“906 In einer Organisation werden die Rollen der Person über Stellen enger definiert.907 Die Stelle grenzt das komplexe psychische System über die Rollendefinition in seiner Vielfalt an Verhaltensweisen ein. Die Stelle erfordert vom psychischen System ein Bündel an organisational notwendigen Verhaltensweisen, um die Erfordernisse der Stellenbeschreibung zu erfüllen.908 Im Zusammenhang mit der Stelle werden von der Organisation an die Person, die die Stelle besetzt Verhaltens- 903 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 89–90. 904 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. A.a.O. S. 106. 905 Luhmann, Niklas: Die Form Person. A.a.O. S. 153–154. 906 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 91. 907 Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 226, u. S. 231, u. S. 232, u. S. 234. 908 Vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. A.a.O. S. 280. 200 erwartungen adressiert, die das psychische System in Bezug auf sein (Entscheidungs-)Verhalten steuern soll. Diese Stellenstrukturen, die in den jeweiligen Stellen geeint werden, können als Entscheidungsprämissen (die Person, die Kommunikationswege die Entscheidungsprogramme) bezeichnet werden.909 Die Person ist ein Punkt in der Kommunikation, die als Adresse für Kommunikationsprozesse und Beiträge fungiert, um das psychische System in der Umwelt mit dem sozialen System strukturell zu koppeln. 909 Vgl. hierzu die Ausarbeitung zu Entscheidungsprämissen in Kapitel 5.

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References

Zusammenfassung

Dr. Ismail Özlü leistet mit vorliegendem Werk einen sozialwissenschaftlichen Beitrag zum besseren Verständnis der organisierten Krankenbehandlung im Krankenhaus. Hierzu unternimmt der Autor eine systemtheoretische Analyse der sozialen Systeme Organisation und Interaktion. Nach fachkundiger Unterscheidung beider Systeme werden insbesondere vorhandene Unterschiede bei der Informationsverarbeitung herausgestellt und abschließend verbesserte Möglichkeiten ihrer strukturellen Kopplung dargelegt.