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5 Fundierung: Wissenschaften der EgL in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 61 - 108

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-61

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
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61 5 Fundierung: Wissenschaften der EgL Die Rede von der EgL als Lehre vom guten Leben verweist auf eine Wissenschaft des guten Lebens, denn das Wort „Lehre“ geht aus dem altgriechischen λόγος [logos] hervor, welches wiederum auch mit „Wissenschaft“ übersetzt werden kann. In dieser Bedeutung ist „Logos“, das ja normalerweise mit „Vernunft“ oder „Wort“ ins Deutsche übertragen wird, auch noch im heutigen Sprachgebrauch präsent und bezeichnet dann eine konkrete Wissenschaft – z. B. der Seele (Psycho-logie) oder des Lebens (Bio-logie). Wie aber hat man sich eine Wissenschaft des guten Lebens vorzustellen? Diese Frage ist nicht zuletzt deshalb problembeladen, weil sich das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft traditionell als schwierig darstellt. Durch den rasanten Fortschritt glücksrelevanter Wissenschaften wie Psychologie und Neurowissenschaften kommt eine zeitgenössische Lehre vom guten Leben aber nicht umhin, sich zu diesen Wissenschaften und ihrem Wissen zu positionieren. Die Mehrdimensionalität einer Lehre vom guten Leben überschreitet den Bereich des bloß Normativen auf das Empirische hin, was jene Wissenschaften unweigerlich ins Spiel bringt. Während die Philosophie traditionell ein Zuständigkeitsmonopol bezüglich normativer Fragen beanspruchen kann, so kann dies nicht uneingeschränkt auf existenzielle – und praktisch überhaupt nicht auf pragmatische – Problemstellungen übertragen werden. Die Frage nach der disziplinären Zuständigkeit muss der inhaltlichen Explikation der EgL also vorausgehen. Welche Wissenschaften aber können zur Thematik des guten Lebens einen relevanten Beitrag leisten? Welche Wissenschaftsformen und welche konkreten Einzelwissenschaften sind hier zu berücksichtigen? Diese Fragen stellen sich der EgL auch auf der Metaebene, denn qua Philosophie hat sie auch über die Geltung und Reichweite wissenschaftlichen Wissens zu urteilen. Während eine plumpe Negation der Wissenschaften eine unzeitgemäße Verabsolutierung der Philosophie darstellen und die EgL ins akademische wie gesellschaftliche Abseits befördern würde, käme umgekehrt die unkritische Affirmation wissenschaftlichen Wissens mit einer Auflösung der Philosophie gleich. Stattdessen muss die EgL das wissenschaftliche Wissen in sich aufnehmen und gleichzeitig kritisch auf die epistemologischen Voraussetzungen der jeweiligen Wissensgenese reflektieren (Kap. 5.3 ff.). Diese Aufgabe ist umso dringlicher als derzeit eine fortschreitende Naturalisierung menschlicher Lebens- und Erlebensprozesse durch die Biowissenschaften zu verzeichnen ist. Dies betrifft große Teile der Biologie und biologischen Anthropologie – und infolgedessen auch der Neurobiologie und Biologischen Psychologie (Kap. 5.5.2-5.5.3). Die damit verbundene methodologische Orientierung am Vorbild der (mathematischen) Naturwissenschaft ist jedoch nicht unproblematisch und hat die gegenwärtige Psychologie – die wohl wichtigste empirische Wissenschaft des guten Lebens – in eine tiefe wissenschaftstheoretische Krise geführt (Kap. 5.6). Der philosophische Anspruch der EgL verbietet es, auf dieser epistemologisch unsicheren Basis die Forschungsergebnisse der beteiligten Wissenschaften unkritisch zu übernehmen. Stattdessen muss die Frage nach der Zuständigkeit der Wissenschaften 62 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL mit einer wissenschaftsphilosophischen Analyse der jeweiligen Einzelwissenschaften sowie mit einer kritischen Untersuchung von Reichweite und Geltung entsprechender Forschungsergebnisse einhergehen. Innerhalb einer Ethik des glücklichen Lebens kann diese Aufgabe nur der Philosophie zukommen, die neben dieser wissenschaftsphilosophischen auch eine integrative Funktion zu übernehmen hat. Die integrative Aufgabe der Philosophie soll in der vorliegenden Arbeit inhaltlich eingelöst werden. Aufgrund der Inkommensurabilität (mancher) der beteiligten Einzelwissen schaften kann diese Integration nicht einfach in einer Akkumulation entsprechender Forschungsergebnisse verschiedener Einzelwissenschaften bestehen; das jeweils relevante Einzelwissen soll zu einem konzeptionellen System integriert und in einen übergreifenden Gesamtzusammen hang eingeordnet werden. Dazu muss die EgL auch ihre wissenschaftsphilosophische Aufgabe wahrnehmen, die im Rahmen der vorliegenden Arbeit lediglich skizziert werden kann; alleine die Reflexion auf die Wissenskonstitution aller beteiligten Wissenschaften würde ein eigenständiges, umfassendes Forschungsprojekt erfordern. Im Folgenden wird daher auf die Endergebnisse einschlägiger wissenschaftsphilosophischer Studien zurückgegriffen, deren ausführliche argumentative Durchführung den Quelltexten überlassen bleiben muss. 5.1 Die Leitidee einer transdisziplinär-integrativen Humanwissenschaft Gemäß dem phänomenologischen Credo der Gegenstandsangemessenheit kann sich die EgL nicht einfach an traditionellen, mehr oder weniger begründeten Disziplingrenzen orientieren und dabei künstliche Unterscheidungen perpetuieren, die aus Methodologien und nicht der Sache selbst hervorgegangen sind. Aus der ethischen Situation konnte phänomenologisch eine gegenstandsangemessene Ethik-Konzeption gewonnen werden. Das gute Leben hat sich dabei als Gegenstand erwiesen, der mittels einer einzigen Disziplin nicht zu erfassen ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich die Vorstellung einer einzigen Grundlagenwissenschaft – oder gar einer letztbegründenden prima philosophia – als Illusion erwiesen hat. Auch wenn gegenwärtig noch vereinzelt debattiert wird, ob die Naturwissenschaften (Physik und Biologie) als die letzten, alle anderen Disziplinen begründenden Wissenschaften angesehen werden können, gelten disziplin-orientierte Letztbegründungen vielen Wissenschaftstheoretikern aufgrund der „methodologischen Fundamentalaporie“243 als grundsätzlich gescheitert. Der Streit um die eine richtige wissenschaftliche Methode ist der (mehr oder weniger friedlichen) Koexistenz verschiedener Rationalitätsformen gewichen.244 Rationalitätskonzepte, die auf eine vollständige Rationalität abzielen, gelten hingegen als problematisch: Instrumentelle, reflexive und kommunikative Vernunft konnten diesen hohen Anspruch nicht einlösen und mussten geschichtlich, sprachlich und pragmatisch relativiert werden.245 Systemtheoretiker und Konstruktivisten betonen stattdessen die „fundamentale Zirkularität aller Wissenschaf- 243 Wuchterl 1999: 63 [im Orig. vollständig kursiv; H.W.]. 244 Vgl. Wuchterl 1999: 13. 245 Vgl. Wüstehube 1999. 63 DIE LEITIDEE EINER TRANSDISZIPLINÄR-INTEGRATIVEN HUMANWISSENSCHAFT ten, die alle voneinander abhängig sind und sich gegenseitig begründen […]. Es gibt keinen notwendigen oder sicheren Anfang.“246 Diesen Anfang kann auch die Philosophie nicht bieten, auch wenn ihr in einer Ethik des glücklichen Lebens eine in besonderer Weise grundlegende Rolle zukommt. Das klassische Hierarchie- und Begründungsdenken in der Wissens- und Wissenschaftsordnung wird von einem post-strukturalistischen (postmodernen) Verflechtungsmodell abgelöst – die Metapher vom (hierarchischen) Baum weicht der vom (verflochtenen) Rhizom.247 Das integrative Vorgehen der EgL ist entsprechend als eine Abkehr von disziplin-orientierten und hierarchisch strukturierten Wissenschaftstypologien zu verstehen; stattdessen soll eine disziplin-übergreifende Wissenschaft des guten Lebens entworfen werden. Wolfgang Welsch hat überzeugend herausgearbeitet, dass ein diesbezügliches Paradigma der Interdisziplinarität in unserem poststrukturalistischen Zeitalter verfehlt ist und die alten disziplinären Grenzen unter dem Programm der Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen unterschwellig fortschreibt.248 Stattdessen zeigt sich am Gegenstand der Wissenschaften (bzw. dem wissenschaftlichen Wissen um die Sache selbst) der „Verflechtungscharakter der Rationalitäten“249. Anstatt das Trennungsprinzip zu erhalten und seine negativen Folgen durch interdisziplinäre Kooperation abzuschwächen, plädiert Welsch dementsprechend für das Konzept der Transdisziplinarität, das sich offenkundig gut in den phänomenologischen Forschungsrahmen der Gegenstandsangemessenheit einfügt, weil sowohl die Anforderungen der ethischen Situation als auch die wissenschaftlichen Rationalitäten „in Wahrheit nicht geschlossen, sondern durch Verflechtungen bestimmt und von Übergängen durchzogen“250 sind. Es gilt für die EgL also, eine transdisziplinäre Wissenschaft des guten Lebens vorzulegen. Dagmar Fenner spricht in einem ähnlichen Sinne von einer integrativen Lebenswissenschaft (des glücklichen bzw. guten Lebens).251 Da unter dem Begriff „Lebenswissenschaften“ gegenwärtig aber vor allem biologische (Teil-)Disziplinen verstanden werden und sich der Terminus „Leben“ auch auf nicht-menschliche Lebensformen beziehen kann, scheint mir der Begriff „Humanwissenschaften“ sogar noch präziser, auch wenn hier die Spezifikation auf menschliches Leben in den Hintergrund rückt. Insofern kann in Bezug auf die EgL von einer integrativen Humanwissenschaft die Rede sein. Die Idee der Transdisziplinarität gebietet es, nur im Singular von einer (transdisziplinär-integrativen) Humanwissenschaft zu sprechen; der Plural „Humanwissenschaften“ resultiert aus einem disziplin-orientierten (interdisziplinären) Denken. Der transdisziplinäre Charakter dieser Humanwissenschaft bleibt mit Welsch zurzeit noch eine richtungsweisende Forderung, ein orientierungsstiftendes Ideal. Wissenschaftliches Wissen bzgl. des guten Lebens bleibt in unseren Tagen praktisch immer „markiert“ von der jeweils forschenden Disziplin; das wird sich insbesondere an der quantitativ-empirischen Psychologie des Glücks oder der nomologisch-orientierten Psychotherapieforschung zeigen (Kap. 5.6). Ebenso sind viele Forschungsmethoden aufs Engste mit einzelnen Diszipli- 246 Schmidt 1992: 19. 247 Vgl. Deleuze/Guattari 1977. 248 Vgl. Welsch 1998. 249 Welsch 1998: 91. 250 Welsch 1998: 91. 251 Siehe dazu den Titel ihrer umfassenden Studie „Glück – Grundriss einer integrativen Lebenswissen schaft“ (Fenner 2003). 64 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL nen verbunden – man denke nur an die bildgebenden Verfahren mittels fMRT, die pars pro toto für die Hirnforschung bzw. Neurowissenschaften stehen. Nichtsdestotrotz sollen die Ergebnisse der Wissenschaften derart zu einer systematischen Lehre vom guten Leben integriert werden, dass ein Weg in Richtung einer transdisziplinären Humanwissenschaft erkennbar wird. Dazu soll im Folgenden (Kap. 5.2) nicht von den beteiligten Wissenschaften, sondern von den Anfragen der EgL ausgegangen werden, die sich aus der Sache selbst, d. h. aus der Phänomenologie der ethischen Situation ergeben haben.252 5.2 Anfragen der Ethik des guten Lebens an die Wissenschaften Wenn die Forschungsfragen der Sache abgewonnen werden müssen, dann hat sich wiederum auch die Auswahl der Forschungsmethoden nach den Forschungsfragen (und dem sich darin ausdrückenden Wesen der Sache) zu richten. Die Gegenstandsangemessenheit von Forschungsmethoden lässt sich durch eine phänomenologische Gegenstandserfassung beurteilen; erst danach kann bspw. entschieden werden, „ob sich der Gegenstand naturwissenschaftlich überhaupt erfassen lässt, sodass er einer entsprechenden Gesetzmäßigkeit unterworfen werden kann.“253 Die Anfragen der EgL an die Wissenschaften (und Philosophie) ergeben sich folglich aus der phänomenologischen Explikation der drei Modi bzw. Modalitäten der ethischen Situation,254 die sich konzeptionell in den drei Ethikmodalitäten niedergeschlagen hat.255 Um die existenzielle Modalität menschlichen Lebens inhaltlich auszuloten, bemüht sich die existenzielle Ethik um eine Aufklärung der Bedingungen ethischen Handelns, wobei darunter die Gegebenheiten praktisch gelebter Existenz verstanden werden. Die damit verbundenen Kernfragen sind Anfragen der existenziellen Ethik an die Wissenschaft(en): Wo stehe ich? Welche Bedingungen sind mir vorgegeben? Was bin ich? Wer bin ich? Wie ‚bin‘ ich? Was muss ich (nicht)?256 Somit fahndet die existenzielle Ethik nach Bestimmungen der Existenzweise und des Wesens des Menschen, wobei diesbezüglich noch zu problematisieren sein wird, inwiefern es – paradox gesprochen – ein spezifisches Wesensmerkmal des Menschen ist, sich objektiven (zeit-, sprach- und kultur-invarianten) Wesensbestimmungen zu entziehen.257 Die Frage nach dem Wesen des Menschen – einige Autoren bevorzugen hier die Rede von der conditio humana258 – stellen klassischerweise die (philosophische wie biologische) Anthropologie sowie die Phänomenologie der Existenz (z. B. in Gestalt der nicht-spekulativen Existenz-, Leib- und Lebensphilosophie). Weiterhin sind die objektiven Bedingungen menschlichen Daseins aufzuhellen. Dies beginnt bei einer einfachen physikalischen Determination (z. B. durch die Schwerkraft und Energieprinzipi- 252 Vgl. Kap. 3-4. 253 Rappe 2012: 28. 254 Vgl. Kap. 3.2-3.3. 255 Vgl. Kap. 4.2-4.4. 256 Vgl. Kap. 4.6. 257 Vgl. Kap. 8. 258 Vgl. Böhme 2003: 152, Fenner 2003: 345. 65 ANFRAGEN DER ETHIK DES GUTEN LEBENS AN DIE WISSENSCHAFTEN en), umfasst aber auch relevantere biologische Vorgaben (z. B. durch Genetik und den Prozess des Alterns) sowie neurobiologische Gegebenheiten und Funktionsprinzipien (z. B. Lernen, Sich-verändern). Schließlich sind auch kulturelle Bedingtheiten zu berücksichtigen, die wiederum soziale, sprachliche, politische, staatliche, rechtliche und ökonomische Prägungen menschlicher Existenz umfassen. All diese Bedingungen sind zwar weitgehend trivial und bedürfen insofern keiner (über den gesunden Menschenverstand hinausgehenden) Wissenschaft; eine grundsätzliche Aufgabe der Philosophie besteht aber gerade darin, solche Selbstverständlichkeiten immer wieder zu vergegenwärtigen und damit implizites Wissen zu explizieren.259 Aus der normativen Modalität der ethischen Situation lassen sich nun Fragen des Sollens und Dürfens ableiten, die allgemein den Wert der Dinge zu bestimmen suchen. Die Fragen der normativen Ethik lauten entsprechend: Was will ich (wirklich)? Was soll ich wollen? Was ist es wert, gewollt zu werden? Was darf ich wollen? Soll ich überhaupt wollen oder nicht vielmehr nicht-wollen (Suizid)? Welchen Sinn hat es überhaupt zu wollen?260 Die normative Ethik kann es dabei nicht bloß bei der moralischen Normierung von Einzelhandlungen belassen, sondern muss auch ethische Grundhaltungen – Bejahung oder Verneinung des Lebens – thematisieren. Die Bejahung oder Verneinung des Lebens ist verbunden mit einer entsprechenden Interpretation des Lebens und der Welt; und so muss die normative Ethik ihrer Orientierungsfunktion auch in Form eines sinnund wertstiftenden Narrativs bzw. einer kritischen Narratologie nachkommen, was im Rahmen der vorliegenden Arbeit lediglich konzeptionell skizziert werden kann. Die Kulturgeschichte einer Gemeinschaft umfasst eine Vielzahl solcher Narrative, sodass die normative Ethik diesbezüglich die Kulturwissenschaften bzw. Geisteswissenschaften zu konsultieren hat (z. B. die Literatur- oder Geschichtswissenschaft). Da sinn- und wertstiftende Prozesse nicht von ihren sozialen Bedingungen gelöst werden können, bedarf es weiterhin der Sozialphilosophie und Sozialwissenschaften. Exkurs: Ideologiekritik und Kritische Theorie des guten Lebens Das gute Leben muss natürlich auch vor dem Hintergrund von Herrschaft, Macht und Ökonomie verstanden werden. Wenn die EgL ihre Normierungsfunktion ernst nimmt, dann muss sie folglich auch eine Ideologiekritik der herrschenden Lebensbedingungen bzw. eine Kritische Theorie des guten Lebens umfassen. Besonders eindringlich und lebensnah lässt sich dieses Programm am Beispiel der Zeit durchführen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat diesbezüglich eine bestechende Gesellschaftskritik in Form einer „Kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit“261 vorgelegt, in der er am Phänomen der Beschleunigung und der damit verbundenen Entfremdung die Entwicklung der Moderne ideologiekritisch nachzeichnet und damit die Bedingungen, Bedrohungen und Chancen für ein gutes Leben freilegt: 259 So etwa in Kap. 8. 260 Vgl. Kap. 4.6. 261 Rosa 2013 bzw. Rosa 2012. 66 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL „Soziologie und Gesellschaftskritik gehören dabei insofern un trennbar zusammen, als ihr gemeinsamer Urgrund oder ›Humus‹ in der Frage nach dem guten Leben liegt, oder genauer: in der Frage nach den sozialen Bedingungen, unter denen gelingendes menschliches Leben möglich ist – oder vereitelt wird.“262 Das kann freilich auch die klassischen Themen der Ideologiekritik umfassen – so entfaltet Rosa in „Kapitalismus und Lebensführung“ bspw. „Perspektiven einer ethischen Kritik der sozialen Marktwirtschaft“.263 Eine umfassende Kritische Theorie des guten Lebens würde mindestens eine eigenständige Studie erfordern und kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit daher nur erwähnt werden. Unter keinen Umständen soll damit aber der Anschein erweckt werden, eine solche Theorie sei ein entbehrlicher und optionaler Bestandteil der EgL; im Gegenteil betrifft sie den Kern der Sache – oder zumindest einen Teil dieses Kerns. Grundsätzlich könnten auch einige Analysen der in dieser Arbeit vorgelegten EgL als Kritische Theorie des guten Lebens gelten – z. B. wenn in der normativen Ethik zwischen einem illusionären und echten Glück unterschieden wird,264 die existenzielle Ethik die vorherrschenden reduktionistischen Welt- und Menschenbilder mit einem phänomenologisch-anthropologischen Programm korrigiert,265 oder die pragmatische Ethik eine kapitalistisch-technokratische Ideologie der Machbarkeit entlarvt.266 Im Rahmen der philosophischen Entwicklung eines qualifizierten Glücksbegriffs werden weiterhin prägende Motive der gegenwärtigen Lebensführungsideologie problematisiert: Konsum, Hedonismus, materielle Güter und Wohlstand, übersteigerte Zukunfts- und Zielorientierung.267 Nach diesem Exkurs bezüglich der Anfragen der normativen Ethik an die Wissenschaft sind abschließend noch die Fragen zu umreißen, die sich aus der pragmatischen Modalität der ethischen Situation und dem Drang zur Realisierung des Gewollten ergeben. Wo diese Realisierung noch oder gar prinzipiell unmöglich ist, strebt das Individuum auf Bewältigungskompetenzen der eigenen Ohnmacht, d. h. auf die Entwicklung von Akzeptanz und Gelassenheit gegenüber dem Vorgegebenen, dem Unabänderlichen. Die Fragen der pragmatischen Ethik lauten entsprechend: Was ist überhaupt machbar? Was muss ich tun, um das Machbare zu verändern? Welche Fähigkeiten und welches Wissen über die Welt benötige ich zur Realisierung meines Wollens? Wie kann ich das Unabänderliche bewältigen? Wie sieht ein gelinder Umgang mit dem unverfügbar Vorgegebenen aus?268 Diese Fragen richten sich an eine lange Tradition der philosophischen Lebenskunst, besonders aber an jene Wissenschaften, die sich mit der Realisierung von Zielen und Haltungen, d. h. mit den Fragen nach Veränderung, Motivation, Lernen und Bewältigung befassen: Motivationspsychologie (Motivation, Persistenz, Zielsetzung), kor- 262 Rosa 2009: 24. 263 Rosa 1999. 264 Vgl. Kap. 13. 265 Vgl. Kap. 8. 266 Vgl. Kap. 20. 267 Vgl. Kap. 13. 268 Vgl. Kap. 4.6. 67 ANFRAGEN DER ETHIK DES GUTEN LEBENS AN DIE WISSENSCHAFTEN relations-statistische Glückspsychologie (Glücksfaktoren), Neurobiologie (Möglichkeit und Gelingen von Veränderung), Psychotherapie (Veränderungs- und Bewältigungskompetenzen). Damit kommt der pragmatischen Ethik als einzigem Ethiksegment die zentrale Wissenschaftsaufgabe der Erforschung und Entwicklung von „technologischen Mitteln zur Daseinsbewältigung“269 zu. Die Weitläufigkeit der Wissenschaften, denen sich eine Ethik des glücklichen Lebens bedienen muss, mag die Durchführung einer solchen Ethik erschweren. Nichtsdestotrotz kommt eine EgL mit ihrer Forderung nach Sachangemessenheit nicht umhin, den eigenen Gegenstand multiperspektivisch anzugehen. Auch andere Studien zu komplexen Lebensphänomenen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: So etwa wenn das Glück nur durch eine mehr als 600 Seiten lange „Integration philosophischer, psychologischer und soziologischer Forschungsergebnisse phänomenologisch erfasst und kritisch taxiert“270 werden kann. Da solche Forschungsergebnisse derzeit als disziplinäre Forschungsbestände, d. h. als philosophische/psychologische/soziologische Erkenntnisse vorliegen, muss eine EgL gegenwärtig ihre wissenschaftstheoretischen Reflexionen bei den entsprechenden Forschungsmethoden ansetzen – und damit auch bei den derzeit gängigen disziplinären und methodologischen Unterscheidungen, die es auf dem zukünftigen Weg in Richtung des Ideals einer transdisziplinären Humanwissenschaft letztlich zu überwinden gilt. Präziser sind es aber nicht so sehr die einzelnen Disziplinen, von denen die wissenschaftstheoretischen Untersuchungen ausgehen müssen – und auch nicht die konkreten wissenschaftlichen Methoden –, sondern vielmehr die Struktur der Rationalität des Forschens selbst; mit anderen Worten also: die jeweils erkenntnis-konstitutive wissenschaftliche Methodologie.271 Es gilt nun also, die einzelnen Disziplinen nicht nur nach Disziplingrenzen, sondern auch in Hinblick auf die zugrundeliegende Methodologie zu ordnen. Dabei können einerseits mehrere Disziplinen unter dieselbe Methodologie subsumiert werden, andererseits aber auch einzelne Disziplinen unter mehrere Methodologien fallen. So konkurrieren bspw. in der Psychologie zwei große Methodologien unter dem Dach einer gemeinsamen Disziplin um die Vorherrschaft bzw. Alleinherrschaft. Insbesondere in Bezug auf die Psychologie ist es für die EgL essentiell, die Ansprüche verschiedener Methodologien zu trennen.272 Wenn aber diese Wissenschaft des guten Lebens verschiedenste Methodologien übergreifen soll, denn stellt sich zunächst die berechtigte Frage, was mit einem so weit gefassten Wissenschaftsbegriff überhaupt noch bezeichnet werden soll. 269 Poser 2006: 11. 270 Fenner 2003: 47. 271 Vgl. Wuchterl 1999: 13. 272 Vgl. Kap. 5.6. 68 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL 5.3 Was ist Wissenschaft? Die Frage, was Wissenschaft ist, bleibt in der Wissenschaftstheorie vor allem mit dem Abgrenzungsproblem verbunden – also der Frage nach einem Kriterium zur Unterscheidung zwischen wissenschaftlichem und nicht-wissenschaftlichem Wissen. Nach einer zureichenden philosophischen Begriffsbestimmung von „Wissen“ wird bekanntlich auch mehr als 2000 Jahre nach Platon noch gefahndet.273 Die Abgrenzung wissenschaftlichen Wissens von nicht-wissenschaftlichem Wissen scheint vielversprechender und betrifft insbesondere die Frage nach dem Unterschied zum normalen Alltagswissen. Für Paul Hoyningen-Huene handelt es sich hier nicht um zwei kategorial, sondern lediglich graduell verschiedene Wissensformen: „Scientific knowledge differs from other kinds of knowledge, in particular from everyday knowledge, primarily by being more systematic.“274 Wissenschaftliches Wissen ist demnach eine Elaboration (Verfeinerung, Verbesserung, Weiterentwicklung) des Alltagswissens; beide bilden ein Kontinuum ohne qualitativen Sprung oder Bruch. Der das wissenschaftliche Wissen kennzeichnende hohe Grad an Systematizität bezieht sich für Hoyningen-Huene dabei auf neun Dimensionen: Beschreibungen, Erklärungen, Voraussagen, Rechtfertigung des Wissens, kritischer Diskurs, epistemische Vernetzung, das Ideal der Vollständigkeit sowie Generierung und Repräsentation (Darstellung) des Wissens.275 Nicht zuletzt da sich eine derart weit gefasste Bestimmung wissenschaftlichen Wissens als besonders anschlussfähig nicht nur an nicht-wissenschaftliche, sondern auch an nicht-propositionale Wissensformen erweist und sich damit gut in das transdisziplinär-integrative Vorgehen der EgL einpasst, wird die vorliegende Arbeit Hoyningen-Huenes Vorschlag folgen und somit die Wissenschaftlichkeit der EgL primär am graduell höheren Grad an Systematizität gegenüber dem Alltagswissen festmachen. Gegenüber anderen, nicht-propositionalen Wissensformen276 wäre entsprechend festzuhalten, dass wissenschaftliches Wissen in expliziter Form vorliegt (bzw. in Aussagen expliziert277 werden kann). Auch wenn aus offensichtlichen Gründen im Rahmen einer akademischen Arbeit das propositionale Wissen eine herausragende Rolle spielt, so darf doch nicht vergessen werden, dass ein gelingender praktischer Vollzug des guten Lebens diverser anderer Wissensformen bedarf. Um der Gefahr einer konzeptionellen Verkürzung zuvorzukommen, sollen diese im Folgenden skizziert werden, um eine systematische Übersicht über die menschlichen Wissensformen zu erlangen, die wir alle alleine dadurch vollziehen, dass wir leben. 273 Platons Interpretation als wahre, gerechtfertigte Meinung erwies sich spätestens mit den sogenannten Gettier-Fällen als unzureichend – eine konsensfähige Definition des Wissens scheint trotz zahlreicher Versuche (insbesondere in der analytischen Philosophie) nicht in Sicht (vgl. als Übersicht Grundmann 2008: 86ff.). 274 Hoyningen-Huene 2013: 14 [im Orig. vollständig kursiv; H.W.]. 275 Vgl. Hoyningen-Huene 2013: 27. 276 Vgl. dazu Kap. 5.4. 277 „Expliziert“ ist hier im Sinne einer aussageförmigen Verbalisierung impliziten Wissens gemeint; nicht im Sinne einer Begriffsexplikation, die insofern nicht propositional ist, weil sie logisch gesehen nicht wahrheitsfähig sind, sondern als angemessen/nicht-angemessen beurteilt werden müssen (vgl. Gabriel 2003: 417). 69 TYPOLOGIE DER WISSENSFORMEN 5.4 Typologie der Wissensformen Die Pluralität der Wissensformen liegt für Gottfried Gabriel darin begründet, „dass es unterschiedliche Weisen oder Modi der Welterschließung gibt. Dabei ist nicht von vornherein ausgeschlossen, dass diese unterschiedlichen Weisen letztlich nur unterschiedliche Wege zu ein und derselben Wirklichkeit sind, dass wir es also mit unterschiedlichen Aspekten oder Gegebenheitsweisen ‚desselben‘ zu tun haben. Der Gedanke einer solchen Einheit der Wirklichkeit in der Vielfalt der Zugänge zu ihr lässt sich allerdings nicht metaphysisch setzen, sondern allenfalls methodologisch – als leitendes Prinzip der Erkenntnis – fassen.“278 Die Wissenschaft ist für Gabriel zwar ein „ausgezeichneter Ort der Erkenntnis“279, aber keineswegs der einzige Ort. Nicht-propositionale Wissensformen nämlich liefern „keine propositionalen Beschreibungen von Gegenständen, Sachverhalten, Unterscheidungen und Situationen, sondern sie machen uns mit diesen in nicht-propositionaler Weise bekannt. Was sie vermitteln, sind gleichwohl Erkenntnisse oder – wenn man diesen Begriff für wahrheitsfähige Aussagen reservieren will – Kenntnisse, die häufig den Charakter von grundlegenden Einsichten haben, indem sie den ‚Witz‘ einer Sache treffen.“280 Gerade da sich gegenwärtig eine Vorherrschaft wissenschaftlichen Wissens (insbesondere des objektiv-naturwissenschaftlichen) feststellen lässt281, muss die Philosophie jene Erfahrungsdimensionen offenhalten, die für ein gelingendes Leben in praxi unabdingbar sind. Die Wissenschaftlichkeit der EgL als transdisziplinär-integrative Humanwissenschaft darf nicht dazu führen, „ein fach wissensgläubig und das heißt in unserem am Modell der exakten mathematischen Naturwissenschaften orientierten Zeitalter wissenschaftsgläubig […zu verfahren…; H.W.], indem sie an die alleinige systematisch-gesetzmäßige Strukturiertheit der Welt glaubt.“282 Vielmehr gilt es, sich der Versuchung eines metaphysisch gesetzten Positivismus zu widersetzen und alle menschlichen Wissensformen in ihrer Pluralität zu typologisieren. Karen Gloy hat dazu zahlreiche Publikationen vorgelegt.283 Für die EgL bietet es sich an, die menschlichen Wissensformen anhand von Gloys Stufenmodell in vier Typen zu gliedern:284 278 Gabriel 2003: 415. 279 Gabriel 2003: 416. 280 Gabriel 2003: 425. 281 Vgl. Gloy 2007: 9. 282 Gloy 2007: 9. 283 Vgl. Gloy 2007, Gloy/zur Lippe 2005 (sowie ggf. Gloy 1999, Gloy 2009). 284 Die vier Stufen ergeben sich aus der Kombination von Gloys drei-stufiger Einteilung, in der noch auf das transrationale Wissen verzichtet wird, vgl. Gloy 2005: 13ff.), und ihrer späteren fünf-stufigen Einteilung, die nicht nur das spirituelle – in Gloys Worten: „transrationale“ – Wissen ergänzte, sondern auch die unterste Schicht nochmals in instinktives und emotionales Wissen aufgliederte (Gloy 2007: 24). Für eine EgL schien mir die letzte Aufgliederung nicht relevant zu sein; auf 70 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL (i) intuitives Wissen (ii) praktisches Wissen (iii) theoretisches Wissen (iv) spirituelles Wissen Philosophisch dürfte das theoretische Wissen am bekanntesten sein; darunter wird im weiten Sinne ein begriffliches, kognitiv-verarbeitetes, mentales, ggf. wissenschaftliches, explizites bzw. sprachlich expliziertes, propositionales Wissen verstanden. Das praktische Wissen ist uns aus dem Alltag bekannt und wird philosophisch z. B. in Heideggers Sein und Zeit beleuchtet: Hier geht es um den praktisch-pragmatischen Umgang mit den Dingen, die in diesem Umgang in ihrer Zuhandenheit als (Werk-)Zeug erscheinen.285 Das praktisch-pragmatische Wissen ist also handlungs-, umgangs- und verhaltensbezogen. In Gloys Stufenlogik (bzw. Stufenmetaphorik) wird dieses Wissen getragen vom intuitiven Wissen. Dieses Wissen erfasst holistisch (einheitlich-undifferenziert), präkognitiv und präreflexiv. Als Folge stellt sich ein – sich leiblich manifestierendes und nicht-expliziertes – intuitives Wissen ein. Insofern kann dieses Wissen auch als instinktiv, emotional, existenzial oder vital charakterisiert werden.286 Beim spirituellen Wissen mag man sich darüber streiten können, ob hier noch sinnvoll von einer Form des Wissens gesprochen werden kann. Damit soll aber nicht primär ein schamanisches oder hellseherisches Guru-Wissen gemeint sein, sondern ein grundsätzlich intersubjektiv nachvollziehbares Wissen, das in der europäischen Mystik ebenso thematisiert wird wie in den vielfältigen Meditationsformen oder der buddhistisch geprägten Philosophie Arthur Schopenhauers. Ganz allgemein geht es hier um das Wissen um die Zusammengehörigkeit – aller Menschen, aller Lebewesen, aller Dinge oder gar des Seins. Insofern kann dieses Wissen als ein transpersonales oder meditatives Vereinigungswissen gelten, dass wissenschaftlich-begrifflich nicht vollends zu explizieren und auch nicht sinnvoll zu begründen ist. Schopenhauer beschreibt dieses Wissen als eine Einsicht in die Illusion des principium individuationis, und Thomas Mann führt diesen Gedanken vortrefflich aus, wenn er seine Romanfigur Thomas Buddenbrook sagen lässt:287 „Dies ist es, daß ich leben werde! Es wird leben… und daß dieses Es nicht ich bin, das ist nur eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, den der Tod berichtigen wird. So ist es, so ist es!“288 Man könnte geneigt sein, hier von einer spirituellen Erkenntnis bzw. von einem spirituellen Wissen zu sprechen. Das wiederum darf nicht mit einem theoretischen Wissen um ein Leben nach dem Tod, also z. B. mit einer propositionalen Aussage über die Unsterblichkeit der Seele (oder eines apersonalen Bewusstdas spirituelle Wissen wollte ich aber im Zuge der drei-stufigen Gliederung nicht verzichten, da dieses Wissen im Bereich der Meditation, buddhistischen Psychotherapie und der transpersonalen Psychologie eine Rolle spielt; aber auch in der abendländischen Mystik und im „Dies-bist-du“ bei Schopenhauer (vgl. Kap. 8.2.3, 9.2, 9.3). Letztlich kann man in der (Wieder-)Vereinigung von Subjekt und Objekt (bzw. zwischen Ich und Du) auch eine Sinn- und Wertstiftung menschlichen Lebens sehen, die für ein gelingendes Leben u.U. entscheidend sein kann (vgl. Kap. 22). 285 Vgl. Heidegger 2006: 68ff. 286 Vgl. Gloy 2005: 14. 287 Vgl. dazu auch Kap. 8.2.3. 288 Mann 2005: 656. 71 TYPOLOGIE DER WISSENSFORMEN seins) verwechselt werden. Eine Typologie der Wissensformen soll ja gerade davor hüten, Wissensebenen durcheinanderzubringen und Kategorienfehler zu begehen. Alle vier Typen menschlichen Wissens stellen „Grundmöglichkeiten des Menschseins dar, auch wenn die eine oder andere von ihnen zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten und in bestimmten Kulturen eine besondere Ausprägung gefunden haben mag.“289 Die Stufenlogik ist dabei nicht als eine reduktionistische Hierarchie zu verstehen, sondern entfaltet das jeweilige Verhältnis, in dem der Wissende zum Gewussten (das Erkenntnissubjekt zum Erkenntnisobjekt) steht.290 So lässt sich im wissenschaftlichen Wissen dieses Verhältnis als Subjekt-Objekt-Korrelation beschreiben, während in den unteren Wissensformen eine zunehmend indifferente Einheit zwischen Erkenntnissubjekt und -objekt besteht. Diese indifferente Einheit kann z. B. die Gestalt eines „In-der-Tätigkeit-aufgehen“ oder „Mit-dem-Musikinstrument-verschmelzen“, also allgemein eines Verlierens, Vergessens, Nicht-bewusst-seins annehmen. Auf höherer Ebene hingegen wird – wie z. B. in der Meditation – eine differenz-bewusste Einheit angestrebt, d. h. eine übergreifende, integrale Einheit bei gleichzeitiger Bewahrung der Differenz zwischen Subjekt und Objekt.291 Offensichtlich sind neben dem theoretischen Wissen auch das praktische Wissen – das Leben-können, das Wissen-wie – sowie das intuitive und spirituelle Wissen von Bedeutung. Diese Wissensformen sind durch eine akademisch-wissenschaftliche Arbeit aber nur begrenzt vermittelbar (wenn überhaupt) – das praktische Wissen des Autofahrens kann ebenso wenig durch Buchlektüre erworben werden wie das spirituelle Wissen der meditativen Erleuchtung. Insofern stößt eine Ethik als Lehre vom guten Leben, soll sie denn in einer philosophischen Schrift aufgehen, an grundsätzliche Grenzen. Zum guten Leben bedarf es aller Wissensformen; diese können im Rahmen der vorliegenden Arbeit aber nur in Form eines begrifflich-explizierten Wissens thematisiert werden. Gottfried Gabriel sieht die Philosophie darüber hinaus sogar auch zur Vermittlung nicht-propositionalen Wissens imstande, und zwar in Form von „bildlichen, situativen und narrativen Vergegenwärtigungen“292, die einen Gegenstand auch auf nicht-propositionale Weise bekannt machen können. Der keineswegs unwichtigen Aufgabe, die Bedeutung und den Beitrag der Kunst (Bild, Musik, Film, Literatur) zur EgL zu eruieren, kann an dieser Stelle aus Platz- und Zeitgründen leider nicht nachgegangen werden. Stattdessen gilt es nun, in aller Kürze lediglich die wichtigsten und relevantesten wissenschaftsphilosophischen Überlegungen zu den Wissenschaften der EgL zu skizzieren. Der Anspruch auf Vollständigkeit weicht hier der Forderung nach angemessener Knappheit; es sollen lediglich die wichtigsten Probleme beleuchtet werden, Selbstverständliches und Enzyklopädisches kann keine Berücksichtigung finden und bleibt eigenständigen Studien mit diesem Schwerpunkt überlassen. 289 Gloy 2007: 320. 290 Vgl. Gabriel 2003: 416. 291 So liest man im Rahmen der integralen (transpersonalen) Psychologie bei Ken Wilber: „Die frühen Entwicklungsstadien sind insofern präpersonal, als ein gesondertes und individuelles persönliches Ego sich noch nicht gebildet hat. Die mittleren Entwicklungsstufen sind die persönlichen oder ego-zentrierten. Die höchsten Stufen sind transpersonal oder ego-überschreitend.“ (Wilber 2006: 116) 292 Gabriel 2003: 425. 72 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL Wie oben gesehen, ist bei den folgenden wissenschaftsphilosophischen Untersuchungen eine gewisse Orientierung an den herkömmlichen Disziplingrenzen und Disziplineinteilungen unvermeidbar. Nichtsdestotrotz sollen die Disziplinen vor allem in Hinblick auf ihre konstitutive Methodologie (und konkreteren wissenschaftlichen Forschungsmethoden) geordnet werden. Das wird zu einem Überblick über jene Wissenschaften (wissenschaftlichen Methoden; Methodologien) führen, die für das gute Leben relevant und auch imstande sind, die Anfragen der EgL an die Wissenschaften zu beantworten, ohne die ursprüngliche Frage aus methodologischen Gründen zu deformieren. Die Wissenschaftsphilosophie der EgL ist insofern keineswegs ein Luxus oder eine nicht-zugehörige Metaanalyse, die man nicht zum engeren Kern der EgL rechnen muss. Eine EgL, die mit dem Anspruch auftritt, unverkürzt das gute Leben zu thematisieren und dabei transdisziplinär-integrativ zu verfahren, kann ihre eigene Wissenschaftsphilosophie nicht exterritorialisieren, weil sie qua Philosophie auch immer schon ihre eigene Reflexion umfasst.293 Die EgL kann ihre Wissenschaftsphilosophie aber auch nicht marginalisieren, denn nur wenn die Bedeutung und Geltung der jeweiligen Forschungsergebnisse (durch Analyse der jeweiligen Methodologie) richtig beurteilt und eingeordnet werden können, dann qualifiziert sich das damit verbundene Wissen auch für eine transdisziplinär-integrative Wissenschaft des guten Lebens. Die folgende Untersuchung kann sich daher auf jene Methoden, Methodologien, Disziplinen und Disziplingruppen beschränken, bei denen relevante und schwerwiegende Probleme bzgl. Bedeutung und Geltung der jeweiligen Forschungsergebnisse aufkommen können. Konkret betrifft dies Psychologie und Neurowissenschaft (Kap. 5.6, 5.5.3), biologische und philosophische Anthropologie (Kap. 5.5.2) sowie die Rolle und die verschiedenen Funktionen der Philosophie (Kap. 5.5.1). 5.5 Wissenschaftstheorie der Philosophie, Anthropologie und Neurowissenschaft Als wichtigste Wissenschaft der EgL kann die Philosophie insoweit gelten, als ihr die Aufgabe einer systematischen, transdisziplinären Integration einzelwissenschaftlicher Forschungsergebnisse zukommt. Freilich mag die Bedeutung von bspw. Psychologie und Neurobiologie als ungleich höher bewertet werden, sobald es um den Einbezug konkreter Forschungsergebnisse geht. Insofern kann gesagt werden, dass Psychologie und Neurowissenschaft das erfahrungswissenschaftliche Primat, der Philosophie hingegen das konzeptionell-begriffliche Primat zufällt. Die Philosophie steht damit am Anfang der Entfaltung einer Ethik des guten Lebens. 5.5.1 Philosophie Während die Frage nach dem Wesen der Wissenschaft prinzipiell keine Frage ebendieser Wissenschaft sein kann, gehört die Frage nach der Philosophie zu deren Kernproblemen. Die Physik z. B. kann – wie Heidegger sagt – „kein möglicher Gegenstand 293 Vgl. Kap. 5.5.1. 73 WISSENSCHAFTSTHEORIE DER PHILOSOPHIE, ANTHROPOLOGIE UND NEUROWISSENSCHAFT eines physikalischen Experimentes“294 sein. Die Philosophie der Philosophie hingegen gehört wesenhaft zur Philosophie selbst – oder in Carl Friedrich von Weizsäckers Worten: „Philosophie ist die Wissenschaft, über die man nicht reden kann, ohne sie selbst zu betreiben.“295 Das sind nun keine philosophischen Spielereien; daraus folgt nämlich, dass es überhaupt keine neutrale Definition der Philosophie geben kann: Man philosophiert eben immer schon, wenn man eine solche Definition angeht; und daher gibt es keinen ersten und sauberen Anfang des Philosophierens, sondern nur ein immer schon vorausgegangenes und uneinholbares Vorverständnis von Philosophie. Entsprechend scheitern alle Versuche, das Wesen der Philosophie „von außen“ zu bestimmen: „Man fängt an, und ist sofort mittendrin. Es gibt keinen schrittweisen Weg in die Philosophie – es gibt nur den Sprung. Wege, die man langsamer oder schneller, überlegter oder spontaner gehen kann, gibt es nur in ihr und außer ihr, nicht aber von außen nach innen.“296 Entsprechend gibt es auch keinen neutral bestimmbaren, spezifisch philosophischen Gegenstandsbereich, und auch nicht die philosophische Methode.297 Philosophie ist wesenhaft selbstreflexiv; sie hält Fragen offen, statt Antworten zu geben; sie vollzieht sich als Prozess – anstatt sich durch ihre Ergebnisse zu konstituieren. Philosophie kann daher als Metadisziplin schlechthin gelten. Damit wäre ein erstes Verhältnis von Philosophie und Wissenschaften bestimmt: Philosophie verhält sich als Metadisziplin – z. B. als Wissenschaftsphilosophie – kritisch gegenüber den Wissenschaften. Darin aber liegt, dass die Philosophie selbst auch nicht als Geisteswissenschaft im strengen Sinne zählen kann: „Hinsichtlich der ihr in der modernen Wissenschaftsentwicklung zufallenden Aufgaben befindet sie sich vielmehr in Äquidistanz zu allen anderen Disziplinen“298 – letztlich reflektiert die Philosophie ja gerade auf jene Unterscheidung, welche die Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften konstituiert. Die Möglichkeit dieser Abstandnahme qualifiziert die Philosophie als Basisdisziplin der EgL. Dass bedeutet nun nicht, die alte Tradition der prima philosophia wieder aufleben zu lassen; der Philosophie kommt innerhalb der EgL lediglich ein relatives Primat zu, dass darin besteht, dass die Philosophie (i) als einzige Disziplin kritisch erörtern kann – auch sich selbst gegenüber –, welche Wissenschaften in welcher Form und mit welchen Forschungsergebnissen von Relevanz für eine Ethik des glücklichen Lebens sind. In diesem Sinne tritt sie als Wissenschaftsphilosophie auf. Als Basisdisziplin kommt der Philosophie weiterhin die Aufgabe der (ii) Integration einzelwissenschaftlicher Ergebnisse zu einer transdisziplinären und anti-reduktionistischen Humanwissenschaft zu.299 Diesbezüglich ist das Primat der Philosophie insofern nur relativ als sie die empirischen Forschungsergebnisse der Einzelwissenschaften weder spekulativ vorwegnehmen noch durch eigene Forschungsergebnisse substituieren kann; vielmehr geht sie „nicht an den Wissenschaften vorbei, sondern durch sie hindurch und über sie hinaus.“300 294 Heidegger 1967: 57. 295 Weizsäcker 1982: 382. 296 Raatzsch 2000: 97. 297 Vgl. dazu ausführlicher Wahler 2013: Kap. 5. 298 Mittelstraß 2011: 1041. 299 Vgl. Kap. 5.1. 300 Krämer 1992: 364. 74 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL Die Philosophie kann die Wissenschaften im 21. Jh. nicht mehr erkenntnislogisch begründen, wohl aber deren Ergebnisse kritisch auf methodologische Genese und faktische Geltung befragen. Weder die Philosophie noch die Einzelwissenschaften – auch nicht die naturalistischen – können aus sich selbst heraus und letztbegründend die Pluralität wissenschaftlicher Methodologien leisten.301 Auch wenn sich die Philosophie um ein möglichst voraussetzungsfreies Vorgehen bemüht, bleibt dies stets nur ein regulatives Ideal. Darin aber liegt eine dritte Aufgabe der Philosophie für eine Ethik des glücklichen Lebens. Gegen bodenlose Konstruktionen der Einzelwissenschaften (und manchmal auch der Philosophie selbst) pocht sie auf die unmittelbar erfahrene Wirklichkeit des affektiv-leiblichen In-der-Weltseins. Dazu zählen nicht nur Wissenschaftskritik und Phänomenologie der unmittelbaren Erfahrung, sondern auch die Rückführung (oder Rückübersetzung) wissenschaftlicher Ergebnisse in die lebensweltliche Wirklichkeit der Glücksstrebenden. Damit ist die Aufgabe verbunden, „eine Sprache vorzubereiten, deren sich die Menschen bedienen können, wenn sie in der unwillkürlichen Lebenserfahrung die Tiefe der Gegenwart entdecken“302 möchten. In diesem Zusammenhang hat die Philosophie auch die lebensweltlichen Wissensformen jenseits des wissenschaftlichen Wissens herauszustellen – leibliches, instinktives, intuitives, praktisches, spirituelles Wissen.303 Traditionell fällt die Zuständigkeit für normative Fragen der Philosophie zu, sodass diese auch die Kerndisziplin der normativen Ethik des glücklichen Lebens bildet. Die Aufgaben liegen diesbezüglich (iv) in der Erarbeitung von Werten, Zielen, Zwecken, Idealen, Normen. Zusammenfassend liegt das relative (konzeptionell-begriffliche) Primat der Philosophie in der EgL in ihren vier Kernaufgaben begründet: (i) Wissenschaftsphilosophische Kritik (ii) Integration einzelwissenschaftlicher Ergebnisse (iii) Offenhalten und Offenlegen der unmittelbaren Lebenserfahrung (iv) Normative Erarbeitung von Werten, Zielen, Zwecken, Idealen, Normen 5.5.2 Anthropologie Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen (altgr. „ἄνθρωπος“ [anthropos] = dt. „Mensch“) – und damit bereits aufgrund ihres Namens ein heißer Kandidat für die EgL. Gelegentlich tritt sie als eigenständige Wissenschaft, normalerweise aber als Teildisziplin einer übergeordneten Einzelwissenschaft auf. Dabei bleibt es nicht bei einer biologischen (auch: physikalischen) Anthropologie; daneben tritt die Kultur- und soziologische Anthropologie sowie die medizinische Anthropologie. In diesen Subdisziplinen herrscht jeweils ein Schwerpunkt, d. h. der Mensch wird besonders oder ausschließlich in Hinblick auf seine biologische (soziale, kulturelle) Natur untersucht. 301 Vgl. Kap. 5.1. 302 Schmitz 2004: 153. 303 Vgl. Kap. 5.4. 75 WISSENSCHAFTSTHEORIE DER PHILOSOPHIE, ANTHROPOLOGIE UND NEUROWISSENSCHAFT Die biologische Anthropologie arbeitet dabei spezifische biologische Charakteristika der Gattung Mensch heraus. Der so forschende befindet sich dabei allerdings in einer merkwürdigen Lage: Er untersucht den Menschen nicht nur aus der Dritten-Person-Perspektive, sondern er ist selbst auch einer dieser Menschen und hat zu einem seiner vielen Forschungsobjekte auch einen Zugang der Ersten-Person-Perspektive. Er kennt „den“ Menschen aus der Biologie; und einen Menschen solange und seitdem er lebt. Als lebendiger Mensch macht er insofern „eine besondere Art von Erfahrung: die Lebenserfahrung, die im Unterschied zu wissenschaftlicher Erkenntnis als nicht übertragbar angesehen wird“304 – und daher auch keinen Untersuchungsgegenstand objektiv-naturwissenschaftlicher Biologie bilden kann. Die philosophische Anthropologie nun konstituiert sich durch die Berücksichtigung genau dieser Ersten-Person-Perspektive. Der Mensch wird also nicht nur aus der Au- ßen -, sondern auch aus der Innenperspektive erforscht: „Aus der Innenperspektive stellen wir die Frage ‚Wer sind wir?‘, die auf unsere reflexive und intersubjektive Selbstverständigung zielt. Aus der Außenperspektive stellt sich die Frage ‚Was ist der Mensch?‘, mit der wir Orientierungswissen erlangen möchten.“305 Durch diesen doppelten Forschungszugang zum Menschen versucht die philosophische Anthropologie, den Menschen als Ganzen in den Blick zu bekommen – also durch Integration aller wesentlichen humanen Charakteristika zu einer ganzheitlichen, unverkürzten Wesensbestimmung des Menschen zu gelangen.306 „Die philosophische Anthropologie ist eine integrativ-interpretative Disziplin. […] Es ist vor allem ihre Aufgabe, empirische Erkenntnisse mit Hilfe von Kategorien konstruktiv zu deuten und bezogen auf lebensweltlich relevante Probleme zusammenzufügen. Dabei vermittelt die Philosophie sowohl zwischen den verschiedenen Humanwissenschaften als auch zwischen Wissenschaft und Lebenswelt.“307 Dadurch kann die philosophische Anthropologie als eine Grundlagenwissenschaft der EgL gelten. In der Entfaltung der Erste-Person-Perspektive tritt sie innerhalb der existenziellen Ethik als Phänomenologie der Existenz auf.308 Der phänomenologische Charakter zeichnet sich primär dadurch aus, das Leben und die Welt so zu verbalisieren, wie sie sich von sich her einem menschlichen Subjekt zeigen; und zwar derart, dass die unmittelbare Lebenserfahrung zur Sprache dringt und das Subjekt im Lebensvollzug wie im Erkennen stets sichtbar bleibt. Freilich folgt daraus nicht, dass die Ergebnisse lediglich subjektive (singuläre, beliebige) Geltung haben. Vielmehr geht es um eine spezielle Art von Intersubjektivität, die ihre Geltung als „kritische Explikation der subjek- 304 Fellmann 2010: 189. 305 Thies 2004: 17. 306 Vgl. Thies 2004: 17. 307 Thies 2004: 42. 308 Vgl. Kap. 8. 76 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL tiven Perspektive beliebiger Personen“309, d. h. in „Gestalt einer generalisierten ersten Person“310 entfaltet.311 Die philosophische Anthropologie aus einer objektiven Dritten-Person-Perspektive heraus umfasst grundlegende physikalische und biologische Bestimmungen des Menschen. Da einem solchen Wissen im Rahmen der EgL nicht nur eine Orientierungs-, sondern auch eine Verfügungsfunktion zukommt, kann es schwerpunktmäßig in der pragmatischen Ethik angesiedelt werden, da es letztlich als instrumentelle Hilfe bei der Realisierung praktischer Ziele dient. Das betrifft insbesondere genetische, neurobiologische und neuroplastische Grundlagen312 sowie entwicklungs- und biopsychologische Funktionsprinzipien einschließlich pathologischer Störungen und deren medizinischer, psychopharmakologischer oder psychologischer Therapie.313 Zusammenfassend kann hier von den Biowissenschaften gesprochen werden, womit ausschließlich die Dritte-Person-Perspektive auf das Leben gemeint ist. Aufgrund konjunkturbedingter Beliebtheit und ausgeprägten Deutungskämpfen gilt es nun, die Neurowissenschaften als Paradebeispiel der strukturellen wissenschaftstheoretischen Problematik der Biowissenschaften ausführlicher zu analysieren. 5.5.3 Neurowissenschaften Der Plural „Neurowissenschaften“ – gelegentlich auch im Singular – bezieht sich auf diejenigen wissenschaftlichen Forschungsbereiche aus den Disziplinen Biologie, Medizin und Psychiatrie, welche die Struktur und Funktion des Nervensystems erforschen.314 Das umfasst z. B. die Teildisziplinen Neurobiologie (molekular- und zellbiologische Grundlagen), die kognitive Neurowissenschaft (neuronale Grundlagen kognitiver Prozesse) sowie die klinischen Fächer (Psychiatrie, Neurologie, Klinische Neuropsychologie).315 Mit „Hirnforschung“ bezeichnet man in einem engeren Sinne die Erforschung eines zentralen Teils des (i.d.R. menschlichen) Nervensystems, nämlich des Gehirns. Die Forschungsergebnisse klären darüber auf, wo (in welchen Gehirnarealen) wann (z. B. zeitgleich mit einem mentalen Ereignis) und wie (mit welchen elektrischen Entladungsmustern) im Gehirn neuronale Aktivitätsmuster naturwissenschaftlich zu beobachten sind.316 Dies geschieht vor allem mittels bildgebender Verfahren, die für den Erfolg und die Grenzen neurowissenschaftlicher Forschung von immenser Bedeutung sind. Das wichtigste bildgebende Verfahren ist die funktionelle Magnetresonanz-Tomographie (fMRT). Mit diesem Messverfahren „lassen sich die Areale im Gehirn bestimmen, in denen neuronale Aktivität stattfindet. Das erfolgt indirekt, indem der Sauerstoffgehalt des Blutes in wenigen Kubikmillimeter großen Volumina der jeweiligen 309 Seel 1995: 61. 310 Pollmann 1998: 152. 311 Vgl. Kap. 3. 312 Vgl. Kap. 20.6, 20.7, 21.1. 313 Vgl. Kap. 21.2-21.3. 314 Vgl. Karnath/Ackermann 2012: 2. 315 Vgl. Karnath/Ackermann 2012: 2. 316 Vgl. Brandt 2006: 2. 77 WISSENSCHAFTSTHEORIE DER PHILOSOPHIE, ANTHROPOLOGIE UND NEUROWISSENSCHAFT Hirngebiete gemessen wird.“317 Die Messung nutzt dabei die biologische Tatsache, dass ein aktives Hirnareal mehr Sauerstoff verbraucht als ein (zurzeit) nicht aktives. Sauerstoffreicheres Blut besitzt andere magnetische Eigenschaften, sodass der Sauerstoffgehalt arealübergreifend gemessen und bildlich dargestellt werden kann. Dazu wird das Messbild der neuronalen Aktivität über das Messbild einer Normalaktivität des Gehirns – sozusagen über den geeichten Normalzustand – gelegt, wodurch Abweichungen sichtbar werden (was durch Kontrastmittel verstärkt werden kann). Dies wird als Hinweis auf eine erhöhte neuronale Aktivität gesehen, woraus wiederum auf die Beteiligung des entsprechenden Areals am ablaufenden Prozess geschlossen wird. Über die Aussagekraft und Reichweite neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse ist viel debattiert worden, was hier nicht im Einzelnen dargestellt werden kann; zentrale Themen sind hier Willensfreiheit, Person, Selbst, Erste- und Dritte-Person-Perspektive, phänomenales Erleben.318 Für die EgL ist es unabdingbar, die fluorierenden neurowissen schaftlichen Forschungsergebnisse richtig einzuordnen und angemessen zu berücksichti gen. Die vorliegende Arbeit verfolgt u. a. das Ziel, auf einer wissenschaftsphilosophisch reflektierten Grundlage die wichtigsten und relevantesten neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse für eine Lehre vom guten Leben fruchtbar zu machen.319 In den letzten Jahrzehnten wirken sich die Neurowissenschaften zunehmend auch auf die Psychologie aus; das betrifft nicht nur die konkreten Forschungsergebnisse, sondern vor allem auch die Frage nach der richtigen psychologischen Methodologie. Aus der neurowissenschaftlichen Erforschung psychischer Prozesse ging die Neuropsychologie hervor als „interdisziplinäre Wissen schaft im Grenzbereich zwischen der Psychologie und dem breiteren Feld der Neurowissenschaften.“320 Unter pragmatisch-instrumentellem Gesichtspunkt ist die (neuro-)biologische Psychologie für eine Lehre vom guten Leben unverzichtbar. Aus einem grundlegenden Verständnis der Funktionsweise des Gehirns nämlich können potente Regeln für die Ver- änderungsarbeit abgeleitet werden. Die neurowissenschaftliche Perspektive – wie auch immer sie sich epistemologisch und ontologisch zur psychologischen und philosophischen verhalten mag – bietet in einigen Aspekten eine bedeutend differenziertere und systematischere Beschreibung psychischer Veränderungsprozesse in Hinblick auf die praktische Umsetzung in Lebenskunst, Therapie, Coaching und Beratung. Die diesbezügliche Relevanz der Neurowissenschaften kann nicht ernsthaft bestritten werden; es gilt vielmehr, entsprechende Forschungsergebnisse kritisch aufzunehmen. Leider erschweren einige Hirnforscher diese Integration durch eine eigenwillige Interpretation der neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse, was eine wissenschaftsphilosophische Reflexion auf zulässige und unzulässige Interpretationen 317 Schröger 2010: 61. 318 Vgl. etwa die Sammelbände Sturma 2006 und Geyer 2007; sowie Habermas 2009, Metzinger 2007; und speziell in Bezug auf die Psychologie und Philosophie der Lebensführung Brandt 2006, Brandt 2010 und Schubbe 2009. 319 Siehe dazu Kap. 20.7, 21.1, 21.2, 21.3.3, 21.5.1. 320 Bellebaum et al. 2012: 14. In Anlehnung an diesen Begriff konzipiert Grawe eine neurowissenschaftlich fundierte Psychotherapie: die „Neuropsychotherapie“ (vgl. Grawe 2004: 18f. sowie Kap. 21.3). Manche Autoren sprechen statt von „Neuro-“ lieber von „Biopsychologie“ (vgl. Schultheiss/Wirth 2010: 257). 78 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL entsprechender Experimente unverzichtbar macht. Es gilt für die EgL also, die Neurowissenschaften – ohne Sonderbehandlung, d. h. wie auch alle anderen Wissenschaften einschließlich der Philosophie selbst – in ihre methodologisch bedingten Schranken zu weisen, damit wir nicht „für wahres Sein nehmen, was eine Methode ist“321 (Husserl). Diese Grenzen sollen nun durch Analyse von sieben zentralen Problemen der neurowissenschaftlichen Methodologie veranschaulicht werden. (i) Drohender Selbstwiderspruch 1 – Erste-Person-Perspektive: Die Hirnforschung trifft zwar objektive Aussagen über die neuronalen Bedingungen und Begleiterscheinungen subjektiven Erlebens, sie thematisiert dieses Erleben aber nicht in seiner phänomenalen Qualität als Wie-es-ist. Das Wie-es-ist des Erlebens scheint aber vielleicht sogar das Wesen des Erlebens selbst auszumachen. Jedenfalls kann diese Dimension des Erlebens neurowissenschaftlich nicht untersucht werden; nichtsdestotrotz bleibt die Hirnforschung aber in besonderer Weise auf diese Perspektive angewiesen, um sinnvoll forschen zu können. Dies lässt sich an den vielzitierten Experimenten des Physiologen Benjamin Libet veranschaulichen, in denen die zeitliche Abfolge von einer bewussten Willensentscheidung (zu einer einfachen, nicht planungsbedürftigen, motorischen Bewegung) und der damit verbundenen neuronalen Aktivität gemessen wurde.322 Über den Zeitpunkt der bewussten Willensentscheidungen berichteten die Versuchsteilnehmer. Dabei wurde festgestellt, dass der bewussten Willensentscheidung (etwa 400ms früher) ein beobachtbares neuronales Aktionspotenzial vorausgegangen war. Offensichtlich sind die Libet-Experimente aber darauf angewiesen, dass die Versuchsperson ihre bewusst getroffene Willensentscheidung subjektiv wahrnimmt und anschließend von ihr berichtet. Dieses Ereignis ist nur von der Versuchsperson selbst zu beobachten, denn ob es dazu objektive Beobachtungskriterien gibt, steht ja gerade experimentell zur Untersuchung und kann nicht einfach vorausgesetzt werden. Die Versuchsperson muss also den Zeitpunkt ihrer bewussten Entscheidungswahrnehmung mitteilen, der dann von den Wissenschaftlern in ein zeitliches Verhältnis zu den neuronalen Vorgängen gesetzt wird. Erst dadurch ergeben sich Korrelationen; erst dadurch ergeben sich Aussagen über eine mögliche neuronale Verursachung bewusster Willensentscheidungen. Das zeigt anschaulich, dass die Hirnforschung (mindestens bei der Erforschung des Bewusstseins, insbesondere des phänomenalen Erlebens) auf die Erste-Person-Perspektive der untersuchten Versuchsperson angewiesen ist.323 Dass solche psychischen Ereignisse nicht einfach äußerlich abzulesen sind, davon zeugt das Scheitern der behavioristischen Methodologie.324 Hier bestünde die Gefahr, die Erste-Person-Perspektive als irrelevant aus der naturwissenschaftlichen Forschung auszuschlie- ßen, obwohl man zur Gewinnung von psychologisch-neurologischen Korrelationen methodisch auf sie angewiesen bleibt. (ii) Drohender Selbstwiderspruch 2 – Frei und determiniert zugleich: Während sich Libet stets gegen diese Lesart ausgesprochen hat,325 haben einige Wissenschaftler seine Experimentergebnisse als Widerlegung der Willensfreiheit interpretiert. So liest man 321 Husserl 1996: 55. 322 Libet 1985. 323 So auch Böhme 2003: 185f. 324 Vgl. Kap. 5.6. 325 Vgl. Libet 2007. 79 WISSENSCHAFTSTHEORIE DER PHILOSOPHIE, ANTHROPOLOGIE UND NEUROWISSENSCHAFT z. B. bei Gerhard Roth: „Mir scheint der Satz ‚Nicht das Ich, sondern das Gehirn hat entschieden!‘ korrekt zu sein“326. Nun besteht eine Grundbedingung des Experiments aber darin, dass die Versuchspersonen, wenn sie von ihren subjektiven Erlebnissen berichten, auch die Wahrheit sagen.327 Die Erforschung der Zusammenhänge von bewussten Willens entscheidungen und neuronalem Aktionspotenzial (Korrelation, Kausalität) basiert ja gerade auf der Abgleichung des Probandenberichts (über das von ihm subjektiv Wahrgenommene) mit den objektiv gemessenen Daten über sein Gehirn. Durch diese ermöglichende Bedingung erst kann ggf. geschlossen werden, der Wille sei nicht frei. Wenn dem aber so ist, dann war die Person auch nicht frei in ihrer Entscheidung, die Wahrheit zu sagen. Und wenn die Person für ihre Berichte keine Wahrhaftigkeit beanspruchen kann, dann ist das Ergebnis des Experiments hinfällig. Man bedarf also der Ersten-Person-Perspektive, weil sie der objektiven Methodologie nicht zugänglich ist; gleichzeitig zielen einige Interpretationen solcher Experimente aber darauf ab, diese Perspektive zu eliminieren. „Da aber […] die Wahrhaftigkeit zu den reproduzierbaren Bedingungen der Libet-Experimente zählt, dürfen diese nicht so ausgedeutet werden, dass diese Bedingung durch das Experiment als unmöglich, widerlegt oder Ähnliches eingestuft wird.“328 (iii) Drohender Selbstwiderspruch 3 – Rationaler Geltungsanspruch: Das wiederum verweist auf die ganz allgemeine Gefahr eines performativen Selbstwiderspruchs. So wurde gegen die deterministische Deutung des Libet-Experiments eingewendet, dass mit der Unfreiheitsbehauptung ein kommunikativer Geltungsanspruch auf Wahrhaftigkeit verbunden ist. Dieser Geltungsanspruch basiert auf einem Modell kommunikativer Rationalität, die den Adressaten die Fähigkeit einräumt, sich von vernünftigen Gründen überzeugen zu lassen.329 Vernünftige Gründe aber appellieren an die Freiheit des Menschen, diese Gründe zu berücksichtigen und gelten zu lassen. Indem also die Unfreiheit behauptet wird, zerstört sich der Geltungsanspruch der Behauptung selbst: Es gibt nun keinen vernünftigen Grund mehr, diese These im Diskurs überhaupt weiter zu beachten. Kein Hirnforscher dürfte sich darüber beschweren, dass seine These von allen anderen Diskursteilnehmern ignoriert wird – sie können einfach nicht anders – und ihnen ist daher auch kein Vorwurf zu machen (so zumindest die naheliegende Schlussfolgerung). Damit hebt sich die notwendig zu unterstellende Idee einer kommunikativen Vernunft 326 Roth 2007: 77, der hier en passant auch das Wer mit dem Was vertauscht (s. dazu auch Punkt v). 327 Vgl. Janich 2006: 89ff. 328 Janich 2006: 90. Darüber frage ich mich, wie sich aus einer Ursache-Wirkungs-Methodologie jemals hätte ein gegenteiliges Ergebnis ergeben können, solange doch eine zureichende Erklärung eines Phänomens nach dem Hempel-Oppenheim-Modell im Explanans mindestens ein Gesetz aufweisen muss, das einen empirischen Inhalt hat (vgl. Hempel/Oppenheim 1948: 136-138). In der naturwissenschaftlichen Methodologie ist aber immer schon entschieden, was unter „empirisch“ hier zu verstehen ist; und auch für das Gesetz gilt, dass es sich um die Unterstellung eines naturgesetzlichen Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs handeln muss. Mir ist (noch) nicht ganz klar, wie hier experimentell etwas hätte gemessen werden können, das für die Willensfreiheit spricht. 329 Und so hat sich denn auch Jürgen Habermas – als vielleicht wichtigster Theoretiker solcher kommunikativen Geltungsansprüche (vgl. Habermas 1995) – rege an der Debatte um den performativen Selbstwiderspruch eines neurowissenschaftlich begründeten Determinismus beteiligt (vgl. Habermas 2009, Habermas 2005). 80 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL in einem performativen Selbstwiderspruch auf. Entsprechend plakativ wählt Gerhard Kaiser denn auch seinen einschlägigen Aufsatztitel: „Warum noch debattieren? – Determinismus als Diskurskiller“330. (iv) Drohender Selbstwiderspruch 4 – Das Gehirn-Paradoxon: Hirnforscher Gerhard Roth ist für seine konstruktivistische These bekannt, das (bzw. mein) Gehirn bringe die (bzw. meine) Wirklichkeit hervor. Roth begründet dies mit neurowissenschaftlich-empirischen Befunden über die Informationsverarbeitung des menschlichen Nervensystems.331 Da das Gehirn aber auch Bestandteil ebendieser (scheinbar konstruierten) Wirklichkeit ist, sieht sich Roth gezwungen, „eine Welt anzunehmen, in der dieses Gehirn, der Konstrukteur, existiert. […] Ich habe sie der Einfachheit halber Realität genannt und sie der Wirklichkeit gegenüber gestellt […] Die Wirklichkeit wird in der Realität durch das reale Gehirn hervorgebracht.“332 Roth scheint damit zu beanspruchen, ein gravierendes Problem der Philosophie, das bekanntlich Kant und Schopenhauer lebenslang beschäftigte, auf bestechend einfache Weise gelöst zu haben. Es ist aber nicht schwer zu sehen, dass Roths Lösungsversuch hinter die Errungenschaften Kants zurückfällt: Obgleich behauptet wird, dass nur die Wirklichkeit als Konstrukt des Gehirns erkannt werden könne, wird die Existenz des „realen“ Gehirns im Deckmantel eines scheinbar logischen Schlusses erwiesen – bzw. man ist gezwungen, die Existenz des realen Gehirns anzunehmen, damit man nicht in Widersprüche gerät. Doch ebendieser Schluss von Erscheinung auf Ding-an-sich stellt die Erkenntnistheorie traditionell vor schwerwiegende Probleme. Für die Existenz des realen Gehirns kann kein Hirnforscher irgendeinen wissenschaftlichen Beweis erbringen.333 Was bleibt, ist die erkenntnistheoretisch unüberwindbare Kluft und der Glaube, dass sich jenseits dieser Kluft das reale Gehirn befindet. „Von daher fragt es sich, was für ein eigentümlicher Glaube es ist – der Glaube ans Gehirn –, dem die Hirnforscher, zumal im tieferen Unverständnis ihrer eigenen Gläubigkeit, anhängen.“334 Der Glaube an den Gott namens Gehirn, der nicht nur die Wirklichkeit erschafft, sondern obendrein noch entscheidet, handelt, fühlt und sich seiner selbst (sic!) bewusst wird, mag mit dem Ideal einer empirischen Naturwissenschaft nur noch schwer vereinbar sein. Nach meinem Ermessen begeht Roth einen grundsätzlichen Fehler, der mir in der Rezeption zu kurz kommt, der aber als paradigmatisch für die dahinterstehende Denkweise gelten kann. Woher nämlich weiß Roth überhaupt, dass es sich beim „Konstrukteur“ um ein reales Gehirn handelt – und nicht etwa um ein reales Ich oder gar eine reale Leber. Der Sprung vom wirklichen Gehirn zum realen Gehirn ist nicht überzeugender als der Sprung vom wirklichen Gehirn auf die reale Leber. Diese reale Leber könnte ja so geschickt agieren, dass sie eine Wirklichkeit konstruiert, in der wir dazu verleitet werden, das Gehirn (und nicht die Leber) für den realen Konstrukteur zu halten. Ob die Hypothese des realen Gehirns oder doch eher die der realen Leber faktisch wahr ist, kann prinzipiell nicht entschieden werden; es zeigt aber exemplarisch, wie naiv hier Grund- 330 Kaiser 2007. 331 Vgl. Roth 1992. 332 Roth 1997: 324f. 333 Vgl. Brandt 2006: 19. 334 Brandt 2006: 19. 81 WISSENSCHAFTSTHEORIE DER PHILOSOPHIE, ANTHROPOLOGIE UND NEUROWISSENSCHAFT kategorien des Empirischen auf das Intelligible übertragen werden. Es scheint geradezu selbstverständlich, dass es auch im Intelligiblen zeitlich-räumlich abgrenzbare Einzeldinge (Gehirn) gibt – das dürften Kant und Schopenhauer mit Recht kritisch sehen. Damit bietet Gerhard Roths „Erkenntnistheorie“ ein anschauliches Beispiel für eine hypertrophe Neurowissenschaft, die nicht mehr um ihre methodologischen Limitationen weiß und sich in Gebiete vorwagt, die mitunter so kompliziert sind, dass es sich lohnen kann, Fachexperten oder wissenschaftliche Klassiker zu Rate zu ziehen. (Hirnforscher Gerhard Roth ist übrigens promovierter Philosoph.) (v) Wer oder was? – Das Problem mit dem Ich: Der Buchtitel des renommierten neurobiologischen Angstforschers Joseph LeDoux – „Synaptic self: How our brains become who we are“ – steht exemplarisch für gleich mehrere kategoriale Fehl konzeptionen. Aus einem what (brain) kann kein who werden: Identität ist kein naturwissenschaftliches Faktum, sondern eine narrative Entität, die geschichten-biographisch und nicht bio-chemisch strukturiert ist.335 Als solche ist sie durch eine naturwissenschaftliche Methodologie aber gar nicht einzufangen. Im Gegenzug kann eine naturwissenschaftliche Methodologie auch gar keine Forschungsergebnisse zeitigen, die das Wer des Menschen betreffen; die Art, wie hier geforscht wird, rahmt nämlich bereits den ontologischen Charakter des Erkannten – nämlich als Was. Wird dieses Was nun zum Wer des Menschen hochstilisiert – oder gar zum Wesen des Menschen –, dann würde für wahres Sein genommen, was sich eigentlich durch eine Untersuchungsmethode konstituiert. Es mag zwar eine biologische Geschichte des Gehirns geben; eine Biographie aber wird durch Sinn und Bedeutung einer Erzählung konstituiert. „Zum Entstehen von Sinn und Bedeutung kann naturwissenschaftlich-neurologische Forschung aber nichts beitragen.“336 Nur wer das Ich dieser Erzählung substanzialistisch missversteht – und damit, wie etwa Thomas Metzinger, genau jenen cartesianischen Körper-Geist-Dualismus unterscheidungstheoretisch337 reproduziert, der eigentlich kritisiert wird –; nur der kann die Existenz des Ich und seines Identitätskerns verneinen.338 Damit ist natürlich keineswegs das Ich als Illusion erwiesen, sondern lediglich eine cartesianisch geprägte Vorstellung vom Ich, die in der (bzw. den postmodernen Überresten der) zeitgenössischen (deutschsprachigen) Ich-Philosophie keinen namhaften Vertreter mehr findet.339 Diese Vermischung von Was und Wer kulminiert jedenfalls in LeDoux‘ haarsträubendem Schlusssatz: „You are your synapses. They are who you are.“340 Nun kann man daraus freilich nicht auf „die“ Hirnforscher schließen; eine solche Rede ist ohnehin vermessen. Nichtsdestotrotz sei angemerkt, dass es durchaus namhafte Forscher sind, die sich zu solchen Schlüssen hinreißen lassen; LeDoux‘ Beiträge zu den neuronalen Grundlagen von Angstreaktionen z. B. gelten als bahnbrechend.341 335 Siehe für eine ausführlichere Kritik Grätzel 2005b: 52f., Grätzel 2005a: 63f. 336 Brandt 2010: 37, siehe für eine ausführliche Begründung Brandt 2006; vgl. weiterhin Punkt (vii). 337 Vgl. Spencer-Brown 1997, Luhmann 1990. 338 Vgl. in Kurzfassung Metzinger 2005. Metzinger, der sich selbst (sic!) in Interviews immer wieder als Aufklärer beschreibt, zerstört damit genau jenes Subjekt, das die Bedingung jeglicher Aufklärung ist, nämlich jenes mündige Subjekt, „das allein in der Lage wäre, seine Naivität zu verlieren.“ (Habermas 2009: 297) 339 Vgl. z. B. Schmitz 1999, Böhme 2003, Waldenfels 2000, Frank 1990, Kühn 2008. 340 LeDoux 2002: 324. 341 Vgl. Grawe 2004: 103ff. 82 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL (vi) Limitierte anthropologische Aussagekraft: Die Hirnforschung operiert aus methodologischen Gründen mit einem biologischen Menschenbild. Sozialität, Subjektivität und objektiver Geist – ganz allgemein kulturelle Bedeutungen, Werte und Sinn – bleiben dabei unberücksichtigt.342 Doch die menschliche Existenz zeichnet sich gerade durch ein Selbst- und Weltverhältnis aus, das von solchen Bedeutungen konstituiert wird.343 In einem Verhältnis zu existieren ist nun aber etwas grundsätzlich anderes als das positive Faktum eines bezugslosen, operational geschlossenen Nervensystems.344 An der durchaus zweckdienlichen biologistischen Reduktion des Menschen ist nur dann etwas auszusetzen, wenn die entsprechenden Ergebnisse als objektive Erkenntnis über den (ganzen) Menschen (bzw. sein Wesen) interpretiert werden. Denn dann würde man „für wahres Sein nehmen, was eine Methode ist.“345 Es ist das große Verdienst der philosophischen Anthropologie, die Frage nach dem Menschen in zwei Richtungen zu entfalten, nämlich einerseits als außenperspektivische Frage – Was ist der Mensch? – und andererseits als innenperspektivische Frage – Wer bin ich?.346 Die Wer-Frage ist mit dem Verweis auf neuronale Prozesse aber gar nicht zu beantworten, weil ich keinen unmittelbaren Zugang zu meinen Neuronen habe; ich verhalte mich auch nicht zu meinen Neuronen, sondern zu mir selbst: „Dasjenige was sich ‚seiner selbst bewusst‘ wird, ist nicht das ‚System Großhirnrinde‘, sondern ein Mensch, der ‚ich‘ sagt und seines Daseins in der Welt gewahr wird. […] Eine rein physische Entität, wie es neuronale Zustände sind, kann von sich nichts wissen“347. Insofern kann ich als Mensch „solche neuronale[n] Vorgänge nicht nachvollziehen“348 – ich kann mich nicht einfach als Gehirn verstehen; vielmehr zielt mein (Selbst-)Verstehen auf einen nachvollziehbaren Sinn ab, der neurowissenschaftlich nicht einzufangen ist. (vii) Der blinde Fleck der Hirnforschung – Bedeutung, Sinn und Werte: Als Naturwissenschaft kann die Hirnforschung höchstens materielle Träger von Bedeutungen, nicht aber Bedeutungen selbst untersuchen. So kann etwa ein neuronales Aktivitätsmuster als Korrelat eines epileptischen Anfalls ausgemacht werden; was ein solcher „epileptischer Anfall“ (der ja alleine schon durch diese Bezeichnung mit einem Sinn versehen wird) aber individuell, kulturell, sozial, geschichtlich usf. bedeutet, bleibt der Hirnforschung verschlossen – es sind eben die am Hirn forschenden Subjekte, die diese Bedeutung immer schon mitverstehen, wenn sie Hirnforschung betreiben. Diese grundsätzliche Limitation der Naturwissenschaften betrifft die Neurowissenschaften in besonderer Weise, denn sie untersucht ja nicht Pflanzenarten in unbewohnten Dschungelgebieten, sondern jene Prozesse, die aufs Engste mit der Kultur verbunden sind: die mentalen Vorgänge gesellschaftlicher Individuen. Was in der Hirnforschung dabei grundsätzlich nicht thematisch werden kann, ist der Zeichen- und Symbolcharakter materieller Träger: Dass eine Buchstabenabfolge ein bedeutungsvolles und verstehbares Zeichen ist, lässt sich nicht im mindesten an den physikalischen Eigenschaften der 342 Vgl. ausführlicher Brandt 2006: 19. 343 Zum Verhältnischarakter menschlicher Existenz vgl. ausführlicher Grätzel 2006: 105ff., 121ff.; vgl. weiterhin Kap. 8.6. 344 Vgl. Kap. 8.4. 345 Husserl 1996: 55. 346 Vgl. Kap. 5.5.2. 347 Brandt 2006: 13. 348 Grätzel 2005b: 53. 83 WISSENSCHAFTSTHEORIE DER PHILOSOPHIE, ANTHROPOLOGIE UND NEUROWISSENSCHAFT Buchstabenabfolge ablesen – genau genommen kann nicht einmal gesagt werden, dass es sich hier überhaupt um Buchstaben handelt. Dazu bedarf es nämlich immer schon einer innerkulturellen Teilnehmerperspektive, die versteht, was Buchstaben sind; physikalisch gesehen liegen eher unregelmäßige schwarz-gefüllte Flächen auf weißem Grund vor (wobei manche Flächen wiederholt auftreten). Die mit diesen Flächen – mit den Buchstaben, den Zeichen – verbundenen „nicht-extensionalen Bedeutungsinhalte von Propositionen und Gedanken“ lassen sich grundsätzlich nicht „in die extensionalen Begriffe der Neurologie übersetzen.“349 Der blinde Fleck des Naturalismus (und damit insbesondere der Hirnforschung und naturwissenschaftlichen Psychologie) lässt sich also methodisch nicht mehr einfangen, weil er mit der naturwissenschaftlichen Methodologie selbst konstituiert wird. Gleichzeitig lässt sich dieser Verlust der Bedeutungswelt aber auch nicht marginalisieren: „Die naturalistische Reduktion von Subjektivität – des kognitiv-logisch, emotional-voluntativ strukturierten Ichs – auf Hirnphysiologie negiert nicht nur die Begriffe des Mentalen, sondern jeden Begriff, jegliche Rede und jedes Gespräch überhaupt. Sinnhafte Verweisungszusammenhänge, in die wir nur verstehend eintreten können, sind nun mal von grundsätzlich anderer Art als raum-zeitliche Relationen, die sich von einer Außenperspektive her beobachten und messen lassen.“350 Abgesehen vom Gehirn-Paradoxon erwachsen alle besprochenen Limitationen der Neurowissenschaften aus ihrem methodologischen Charakter, d. h. aus der grundsätzlichen Art und Weise, wie die Neurowissenschaften ihren Gegenstandsbereich zunächst konstituieren und anschließend erforschen. Davon unbetroffen spricht gegenwärtig aber wohl alles dafür, dass es eine durchgehende Korrelation zwischen subjektivem Erleben und neuronaler Aktivität gibt. Offenbar kann jedem Erlebenszustand ein neuronales Erregungsmuster zugeordnet werden; jede Änderung des phänomenalen Erlebens geht mit einer Änderung neuronaler Aktivität einher.351 Gehirnaktivität ist natürlich auch bewusst steuerbar, z. B. über das Erinnern und Handeln. Jedoch lassen sich auch in umgekehrter Richtung durch elektrische Stimulation oder Medikamente gewisse phänomenale Erlebenszustände gezielt induzieren. Das ist insbesondere für Philosophen und Psychologen stets im Auge zu behalten, um nicht Gefahr zu laufen, aus der Tradition überlieferte Spekulationen über mentale Phänomene unkritisch zu übernehmen, die sich heute tatsächlich empirisch klären lassen. Man denke an die irritierenden Experimente zur neurophysiologischen Induktion des subjektiven Gefühls der Handlungsurheberschaft bzw. zur subjektiven Identifizierung und Selbstzuschreibung der dafür ausschlaggebenden Handlungsgründe.352 So viel zu den Neurowissenschaften und ihren methodologisch bedingten Grenzen. Das Verhältnis von Neurowissenschaft und Psychologie kann nun unterschiedlich bewertet werden und ist davon abhängig, wie die Psychologie methodologisch entworfen 349 Jeweils Habermas 2009: 298. 350 Brandt 2006: 17. 351 Vgl. Grawe 2004: 44. 352 Vgl. Grawe 2004: 80. 84 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL wird – als empirisch-experimentelle Naturwissenschaft; als verstehende Geisteswissenschaft; oder als phänomenologische Humanwissenschaft. Derzeit lässt sich vor allem eine Assimilierung der Psychologie an die naturwissenschaftliche Methodologie der Neurowissenschaften festmachen. Die naturwissenschaftliche Methodologie hat in der Psychologie aber auch eine eigenständige, weiter zurückreichende Geschichte und Bedeutung. Mit einer an den Neurowissenschaften ausgerichteten Psychologie ist nicht zuletzt die Möglichkeit verbunden, die Psychologie in ferner Zukunft vollständig durch die Neurowissenschaften ersetzen zu können – was enorme Auswirkungen auf die EgL hätte. Daher erfordert die Psychologie eine eigene, umfangreichere wissenschaftsphilosophische Analyse. Dies ist bereits deshalb geboten, da die Psychologie die wichtigste Erfahrungswissenschaft der EgL und sogar die tragende Wissenschaft der pragmatischen Ethik darstellt. Ebenso schwergewichtig wie die Psychologie selbst sind aber auch ihre wissenschaftsphilosophischen Probleme. 5.6 Die prekäre Lage der Psychologie Eine Wissenschaftstheorie der Psychologie gestaltet sich als umfangreiches und komplexes Unterfangen, denn die akademische Psychologie befindet sich seit Jahren in einer prekären Lage. Mancher stellt sich sogar die Frage, ob sie vielleicht noch in ihrer vorwissenschaftlichen Phase sei, weil sie die notwendige Systemoffenheit einer Wissenschaft bisher nicht eingelöst hat.353 Und auch heute hält man der Psychologie noch vor, was einst Dilthey konstatierte: dass sie nämlich ihren eigenen Gegenstand methodisch nicht adäquat erfasse und damit eine „Seelenlehre ohne Seele“354 sei. Über die richtige Methode zur Generierung qualifizierten psychologischen Wissens herrscht gegenwärtig keine Einigkeit; eine einheitliche psychologische Methodologie ist in weiter Ferne. So wird hitzig diskutiert, ob die Psychologie eine Geistes-, Natur-, historische Kultur- oder Humanwissenschaft sei. Damit verbunden ist die Frage nach den Vorgehensweisen des Verstehens und/oder Erklärens, die nicht ohne weiteres mit dem geisteswissenschaftlichen bzw. naturwissenschaftlichen Vorgehen gleichgesetzt werden können. Durch Verweis auf die psychologische Methode lässt sich das Wesen der Psychologie also nicht aufklären. Darüber hinaus scheitert aber auch die Bestimmung der Psychologie über ihren Gegenstand: Was „das Psychische“ nämlich ist, wo es gesucht werden muss und auf welche Weise – all dies steht derzeit zur Debatte. Um diese prekäre Lage der Psychologie tiefer zu verstehen, lohnt sich ein Blick in ihre Geschichte. 5.6.1 Geschichte der Psychologie und ihrer Methodologie Die missliche Lage der Psychologie resultiert nicht zuletzt aus ihrer gespaltenen Gestalt als Einzelwissenschaft, wie sie sich von der Philosophie Ende des 19. Jh. zu emanzipieren begann. Der genaue Beginn der Psychologie als eigenständige Disziplin kann 353 Vgl. Jüttemann 1991: 341. 354 Dilthey 1968b: 159. 85 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE auf das Jahr 1879 datiert werden, in dem Wilhelm Wundt das Psychologische Laboratorium in Leipzig begründete.355 Nichtsdestotrotz wird mitunter kritisch gefragt, ob dieser Emanzipationsprozess 140 Jahre später nicht immer noch im Gange sei, sodass diese Zeitspanne „später einmal als eine vorwissenschaftliche oder sogar nur als eine pseudowissenschaftliche Erscheinungsphase der Disziplin deklariert werden wird.“356 Die geschichtliche Frühphase der Psychologie wird jedenfalls vor allem mit dem Namen Sigmund Freud verbunden, dessen Psychoanalyse auch heute noch als Prototyp einer verstehenden Psychologie nachwirkt.357 Das zum Wesenskern hochstilisierte verstehende Moment der freudschen Psychoanalyse findet werksimmanent allerdings keine Rechtfertigung. Während Habermas und Ricoeur die geisteswissenschaftlich-hermeneutische Dimension der Psychoanalyse betonen und Freuds offenkundige naturwissenschaftliche Ambitionen als „das szientistische Selbstmißverständnis der Psychoanalyse“358 abtun, arbeitet Grünbaum den naturwissenschaftlich-empirischen Anspruch Freuds heraus und widerspricht damit wiederum Popper, der bekanntlich der Psychoanalyse aufgrund ihrer mangelnden Falsifizierbarkeit die Wissenschaftlichkeit gänzlich aberkannte.359 Mit einem grundlegenden Gegenentwurf zur Psychoanalyse intensivierte John B. Watson innere Spaltung der Psychologie: Sein Behaviorismus intendierte nämlich, die Psychologie aus ihrem geisteswissenschaftlichen Gefängnis zu befreien und als eine objektive Wissenschaft zu etablieren. Der Behaviorismus entwickelte sich als psychologische Methodologie in der ersten Hälfte des 20. Jh. und erreichte um die Jahrhundertmitte seinen Höhepunkt. Das behavioristische Vorgehen ermöglichte die Operationalisierbarkeit, Wiederholbarkeit, Messbarkeit, Vergleichbarkeit und Überprüfbarkeit psychischer Prozesse – streng nach dem Vorbild des zu dieser Zeit herrschenden naturwissenschaftlichen Wissenschaftsideals. Da psychische Prozesse phänomenologisch zunächst gar nicht als messbare naturwissenschaftliche Entitäten auftreten, bedurfte es einer Transformation des (vorverstandenen) psychologischen Gegenstands. So mussten die Begriffe des Bewusstseins und Erlebens sowie der Bezug auf intrapsychische Ereignisse (Bedürfnisse, Gefühle, Gedanken) aus der Sprache der Psychologie eliminiert bzw. substituiert werden. Dies geschah durch Übersetzung geisteswissenschaftlicher Ausdrucksformen in eine Wissenschaftssprache, deren Aussagen ausschließlich auf äußerlich beobachtbare Naturvorgänge referierten. Das Vehikel dieser Transition wurde im Konzept der Verhaltensdisposition gefunden: Ein Satz wie „X fühlt Schmerzen, wenn er auf die heiße Herdplatte greift“ wurde übersetzt in „X reagiert mit einem Zurückziehen der Hand und einem Schrei, wenn er auf die heiße Herdplatte greift“. Mentale Zustände wurden also als Dispositionen verstanden: X hat die Tendenz (die Bereitschaft, das Potenzial) bei einem gewissen Reiz (heiße Herdplatte) mit einem entsprechenden (äußerlich beobachtbaren, voraussagbaren, vergleichbaren, messbaren) Verhalten zu reagieren (Zurückziehen, Schrei). Das Intrapsychische – das phänomenale Erleben, Fühlen und Denken des Subjekts – bedurfte keiner weiteren Beachtung mehr. Damit wurde die Psyche zu ei- 355 Vgl. Walach 2009: 14. 356 Jüttemann 1991: 341 [im Orig. vollständig kursiv; H.W.]. 357 Vgl. Jüttemann 1991. 358 Habermas 1971: 263. 359 Vgl. Ricoeur 1974, Habermas 1971, Grünbaum 1988, Popper 1969: 33-59. 86 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL ner abstrakten Instanz, die gewisse Inputs zu dementsprechenden Outputs verarbeitete, wobei diese Verarbeitung lediglich an ihren Verhaltenskonsequenzen und nicht etwa am psychischen Erleben des Subjekts abzulesen war – die Psyche als Black Box. Durch diese Konzeption erschöpfte sich psychologisches Forschen in der Beobachtung äußeren Verhaltens, womit man den naturwissen schaftlichen Forderungen nach Intersubjektivität bzw. Objektivität, subjektivitätsfreier Neutralität und empirischer Falsifizierbarkeit nachkam. Das dahinterstehende positivistisch-reduktionistische Menschenbild und die Naturwissenschaftsgläubigkeit des Behaviorismus wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts jedoch vernichtend kritisiert – nicht zuletzt in der Philosophie des Geistes.360 Die Geschichte des Behaviorismus hat gezeigt, dass dessen Verfahren nicht nur vor-wissenschaftlich ist und als solches nicht begründet werden kann, sondern eben auch un-wissenschaftlich, da es in unlösbare Aporien führte. Methodologische Analysen konnten sogar herausstellen, dass nicht einmal Behavioristen selbst ihre psychologische Methodologie streng durchhalten konnten.361 Als Methodologie der Psychologie gilt der Behaviorismus heute als grundsätzlich gescheitert. Die Mitte der 1960er-Jahre einsetzende und als kognitive Wende bekannte Periode der Psychologie nahm infolgedessen die Psyche wieder in die Psychologie auf und untersuchte sie in Hinblick auf die kognitive Verarbeitung, die zwischen Reiz und Reaktion abläuft – damit rückte das Unbekannte der Black Box wieder in den Fokus psychologischen Forschens. Der Grund für diese Neuausrichtung war nicht zuletzt die Erkenntnis, dass individuelle Kognitionen – Interpretationen, Haltungen, Bewertungen – die Reaktion auf einen Reiz erheblich beeinflussen. Damit konnte die Verarbeitung als solche – also der Inhalt der Black Box – nicht weiter aus der Psychologie ausgeschlossen werden. Die entsprechende Öffnung sprengte nun gleichsam den objektivistischen Verhaltensbegriff des Behaviorismus und markiert den Beginn einer kognitiven Psychologie, die bis heute die akademische Landschaft prägt.362 Um keine Anleihen bei der für unwissenschaftlich befundenen Psychoanalyse zu machen, wurde die Rede von den seelischen Vorgängen durch die von mentalen Prozessen ersetzt, was sich bis in unsere Tage fortgesetzt hat. Die Psychologie, so merken einige Autoren irritierend an, bedarf des Begriffs der Seele offenbar nicht mehr.363 Die kognitive Wende der Psychologie darf insofern auch nicht als eine Rückkehr zur geisteswissenschaftlichen Methodologie verstanden werden. Die kognitive Psychologie ging zwar mit einer Veränderung des Gegenstandsbereichs, nicht jedoch mit einer Abkehr von der naturwissenschaftlich-erklärenden Methodologie einher. Während die erklärende Psychologie sich ihrer Überwindung des Behaviorismus sicher ist, betonen einige Kritiker, dass das behavioristische Erbe weiter fortwirkt in der Art und Weise, „wie man Forschung betreibt und Erkenntnisse hervorbringt – nämlich durch objektive empirische Methoden, durch Operationalisierungen und Experi- 360 Eine behavioristische Lösung des Leib-Seele-Problems versucht z. B. Ryle 1963. Vgl. zur Kritik Putnam 1997: 325-341, zur Übersicht Bieri 2007: 31-35. 361 Vgl. Kriz 2007: 106-108, 116. 362 Als klassisches Werk der kognitiven Wende gilt Ulrich Neissers „Cognitive Psychology“ von 1967 (Neisser 1967). 363 Vgl. Mack 2007: 1. 87 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE mente, durch das Untersuchen menschlichen Reagierens auf bestimmte Bedingungen“364. Besonders deutlich wird dies auch durch den Einzug der Neurowissenschaften, deren rasante Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten ein umfangreiches Wissen über die neurobiologischen Grundlagen psychologischer Prozesse zeitigte. Die Neuropsychologie scheint sich an der Mehrzahl der Psychologielehrstühle als neues Paradigma durchzusetzen; das Psychologiestudium orientiert sich weitgehend an Biologie und Medizin.365 Im Zuge dieser neurowissenschaftlichen Wende der Psychologie, die bis heute im Gang zu sein scheint, erneuerte sich auch die angewandte Psychologie, vor allem die Psychotherapieforschung und -praxis. Klaus Grawe legte 2004 sein vielbeachtetes und programmatisches Werk „Neuropsychotherapie“366 vor. Die neurowissenschaftliche Wende der akademischen Psychologie erreichte insofern über die klinische Psychologie in letzter Instanz auch konkrete Patienten, die sich heute in psychotherapeutischen Kliniken mit den Konsequenzen dieses methodologischen Wandels konfrontiert sehen. Eine so ausgerichtete Neuropsychologie muss sich allerdings die Frage gefallen lassen, „welchen Mehrwert sie gegenüber einer Neurowissenschaft hat, die praktisch die gleichen Ziele verfolgt und obendrein die Psychologie in einem naiven Sprachgebrauch verharren sieht, der in Zukunft durch die objektivere Sprache der Neurowissenschaften ersetzt werden kann“367. Insofern darf befürchtet werden, dass eine erfolgreiche neurowissenschaftliche Wende der Psychologie eine so schwungvolle sein wird, dass sie das Schiff zum Kentern bringt; es könnte eine letzte, eine letale Wende der Psychologie sein, die sie versenken und lediglich einen Gegenstand wissenschaftshistorischer Betrachtungen hinterlassen wird. 5.6.2 Zwei Psychologien – ein Problem Als Folge dieser divergierenden Entwicklungstendenzen stellt die Psychologie gegenwärtig „keine einheitliche Disziplin dar“ – und „es gibt gute Gründe anzunehmen, dass sie nie eine einheitliche Disziplin war.“368 Jede Begriffsbestimmung der Psychologie sieht sich also dem Verdacht der Parteilichkeit ausgesetzt. Als möglichst umfassende Definition ließe sich Psychologie zunächst als Wissenschaft vom „Erleben, Verhalten und Handeln des Menschen“369 bestimmen. Die Differenzierung zwischen Verhalten (das ja bereits der Behaviorismus untersuchte) und Handeln bringt einen spezifisch menschlichen Unterschied zum Ausdruck, der auf das sinnverstehende, geschichtlich verfasste und ethisch verantwortliche Subjekt verweist. Das wiederum dürfte auf wenig Begeisterung in der naturwissenschaftlich orientierten Psychologie stoßen. Als möglichst kon- 364 Schäfer 2007: 10. 365 Vgl. Westermann 2004, Schäfer 2007. 366 Grawe 2004. 367 Schäfer 2007: 15. 368 Je Mack 2007: 19. 369 Hussy et al. 2013: 2. 88 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL sensfähige – obgleich enger geführte – Definition dürfte sich daher am ehesten die klassisch-duale Bestimmung der Psychologie als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen eignen. Zusammengehalten wird die gegenwärtige Psychologie im Angesicht dieser Meinungsverschiedenheiten lediglich durch ihr „Bekenntnis, eine Erfahrungswissen schaft zu sein.“370 Das wiederum schließt aber lediglich die Kennzeichnung als Formalwissenschaft oder spekulative Metaphysik aus. Die Frage aber, ob diese Erfahrungswissenschaft eine Geistes- oder Naturwissenschaft sei, spaltet die Disziplin. Dies resultiert in den zwei koexistierenden „großen Richtungen der (gesamten) Psychologie, der Empirischen Psychologie auf der einen und der Psychoanalyse und ihrer Verzweigungen auf der anderen Seite“371. Diese beiden Großentwürfe der Psychologie verfolgen eine je eigene Methodologie und erforschen das Psychische mit einer je eigenen psychologischen Methode. Sie spalten bis heute die akademische Psychologie, auch wenn sich ein klarer Trend zur Affirmation des Forschungsprogramms der Empirischen Psychologie festmachen lässt. Diese Entwicklung, die nicht zuletzt mit dem Einzug der Neurowissenschaften in die Psychologie zusammenhängt, geht einher mit der Vorstellung, eine geisteswissenschaftliche Psychologie überwinden bzw. substituieren zu müssen. Das Ziel scheint dabei eine einheitliche, vollständige Psychologie jenseits der bisherigen Spaltung zu sein. Dass der Psychoanalyse nicht das Potenzial eingeräumt werden kann, eine wissenschaftliche Psychologie zu fundieren bzw. deren Vielfältigkeit unter einer übergreifenden Methodologie zu integrieren, wird heute sogar von Vertretern einer geisteswissenschaftlich orientierten Psychologie akzeptiert.372 Freuds großer Entwurf ist insofern auch nicht der Idealtypus einer geisteswissenschaftlichen Psychologie schlechthin, sondern lediglich der bekannteste und folgenreichste. Ob hingegen die Empirische Psychologie imstande ist, die zersplitterte Psychologie zu einer einheitlichen Wissenschaft zu einen, stellt sich unter Vertretern einer naturwissenschaftlich orientierten Psychologie zumindest als umstritten dar.373 Insofern bedarf es zunächst einer näheren Analyse der Empirischen Psychologie. Die Empirische Psychologie entstand in Deutschland Ende der 1950er-Jahre aus der experimentell vorgehenden, positivistischen Psychologie, d. h. letztlich aus der behavioristischen Tradition.374 Gemäß von Wrights Analyse des Positivismus375 gehen damit drei unhinterfragte Überzeugungen einher. Der positivistische Glaube, dass die Welt letztlich nur durch eine einzige Art von Gesetzen bestimmt werde, schlägt sich (i) in einem methodologischen Monismus nieder. Trotz der Verschiedenheit der Gegenstandsbereiche verschiedener Wissenschaften wird infolgedessen die Idee von der Einheit der wissenschaftlichen Methode propagiert. Diese alle Wissenschaften umfassende Methode wird dabei (ii) mit der naturwissenschaftlichen identifiziert. Damit geht (iii) ein spezifisches Erklärungsmodell einher, das nur kausale Erklärungen als wissenschaftlich gelten 370 Mack 2007: 19. 371 Jüttemann 1991: 340. 372 Vgl. Jüttemann 1983: 44. 373 Vgl. Schäfer 2007. 374 Vgl. Jüttemann 1991: 342. 375 Vgl. Wright, Georg Henrik von 1971: 4. 89 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE lässt (z. B. in Abgrenzung zu teleologisch-motivationalen Erklärungen, die eine Handlung durch Verweis auf ein Motiv oder Handlungsziel zu erklären versuchen). Eine in diesem Sinne positivistische Psychologie untersucht also den Gegenstand Psyche im Glauben, sie sei von derselben Art wie alle anderen Gegenstände der Wissenschaften und folge denselben Gesetzen. Entsprechend wird die Empirische Psychologie auch als „Nomologische Psychologie“376 bezeichnet, was als Inbegriff für „eine naturwissenschaftlich ausgerichtete, objektivierende Neuro-, Experimental- oder Variablenpsychologie“377 dienen kann. Mit Diltheys Unterscheidung zwischen Verstehen und Erklären – „Die Natur erklären wir, das Seelenleben verstehen wir“378 – kann die Psychoanalyse tendenziell als verstehende, die Empirische Psychologie hingegen eindeutig als erklärende Wissenschaft im positivistischen Sinne aufgefasst werden; erstere bedient sich dabei einer geisteswissenschaftlichen Methodologie; letztere orientiert sich am nomologisch-kausalen Erklärungsmodell der Naturwissenschaften. In dieser Unterscheidungslogik lässt sich der geisteswissenschaftlichen Methodologie das qualitative, sinnverstehende Verfahren zuordnen; der naturwissenschaftlichen Psychologie entsprechend das quantitative, objektiv messende Vorgehen.379 Was genau es heißt, etwas psychologisch zu verstehen bzw. zu erklären, kann wie folgt konkretisiert werden: „Erleben und Verhalten zu erklären heißt, sie auf Aussagen, Gesetze oder Theorien zurückzuführen, deren Geltung hypothetisch angenommen wird und empirisch prüfbar ist. Dieses Suchen nach Gründen beruht auf der Idee des kausalen Zusammenhangs von Phänomenen, welcher deterministisch oder aber probabilistisch sein kann. Erleben und Verhalten zu verstehen heißt hingegen, deren Phänomene in die Bedeutungszusammenhänge des denkenden Menschen einzuordnen, d. h. ihnen eine jeweilige Be-Deutung im Sinngefüge von Selbstbild und Weltbild zuzuweisen.“380 Das Basisproblem der Psychologie: Inversionsprinzip und Systemimmanenz Diese „Dauerkrise“381 der Psychologie zeitigte auch innerhalb der Psychologie wissenschaftsphilosophische Reflexionen, die man sich traditionsgemäß eher von Seiten psychologisch interessierter Philosophen erhofft hätte. Umso erfreulicher ist es, wenn mit Gerd Jüttemann ein ausgewiesener Psychologe nach dem tieferen Grund dieser „bisher unüberwindlich scheinende[n] Spaltung“ zwischen der naturwissenschaftlich orientierten Empirischen Psychologie und der geisteswissenschaftlich orientierten Psychoanalyse sowie ihren Verzweigungen fahndet. Statt den Streit zwischen geistes- und naturwissenschaftlicher Psychologie einseitig entscheiden zu wollen, attestiert Jüttemann beiden Psychologien ein „Basisproblem grundlagenwissenschaftlicher Forschung“382, 376 Vgl. Jüttemann 1991: 342. 377 Brandt 2010: 39. 378 Dilthey 1968b: 144. 379 Vgl. Hussy et al. 2013: 9. 380 Schäfer 2007: 2. 381 Jüttemann 1991. 382 Jüttemann 1991: 340 [Kursivier. H.W.]. 90 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL das sich aus der Unvereinbarkeit zweier Forderungen ergibt: Einerseits nämlich soll das Inversionsprinzip vermieden werden, d. h. die psychologische Methode soll sich nach dem Wesen des zu untersuchenden Gegenstandes richten – und nicht umgekehrt der Gegenstand nach der im Vorhinein dogmatisch festgelegten Methode. Andererseits soll aber auch Systemimmanenz vermieden werden, die sich aus der vorausgehenden, spekulativen Beschreibung des Gegenstands ergibt.383 Das führt nun aber in eine missliche Lage: Will die Psychologie das Inversionsprinzip vermeiden und ihren Gegenstand nicht durch die Wahl der psychologischen Methode konstituieren, so droht Systemimmanenz; soll hingegen auf spekulative Gegenstandsbeschreibungen verzichtet werden, um diese Systemimmanenz zu vermeiden, so bleibt nur die wissenschaftlich-empirische Untersuchung des Gegenstandes, dem aber die Wahl ebendieser wissenschaftlich-empirischen Untersuchungsmethode vorausgeht – das Inversionsprinzip kommt zur Anwendung. Die Vermeidung des einen Problems scheint in beiden Fällen notwendig zum anderen zu führen. Dieses Dilemma bedarf einer genaueren Untersuchung von Systemimmanenz und Inversionsprinzip. Systemimmanenz entsteht „als Folge der Errichtung starrer und ‚verkürzter‘, relativ unvereinbar nebeneinander bestehender Systeme, von denen ausgehend der Aufbau eines einzigen ‚unverkürzten‘, gegenstandsangemessenen wissenschaftlichen Systems nicht (mehr) möglich ist.“384 Systemimmanente Ansätze verletzen damit das zentrale Wissenschaftlichkeitskriterium der Offenheit, die nicht nur die Erfahrungsoffenheit in der Forschung, sondern auch die Veränderungsoffenheit umfasst, welche konkret meint, dass „im Laufe eines streng gegenstandsangemessen durchzuführenden Forschungs programms eine Modifizierung der konstituierenden Bedingungen des Systems und damit auch ein Wandel des Systems selbst möglich sein muß.“385 Gerade diese Veränderungsoffenheit sieht Jüttemann aber in keinem der beiden großen Psychologieentwürfe gegeben. Vielmehr zeichnen sich sowohl die Psychoanalyse als auch die Empirische Psychologie durch die Etablierung eines geschlossenen Systems aus, das sich aus der vorausgehenden Verabredung auf ein spezifisches Menschenbild ergibt. Solche Menschenbilder werden teils explizit entworfen, teils implizit untergeschoben. Während explizite Menschenbilder in der Regel in Form verbalisierter anthropologischer Annahmen erkennbar sind, ergeben sich implizite Menschenbilder nur indirekt aus der Wahl der geeigneten Methodologie (z. B. wenn die richtige psychologische Methode bereits vor aller Erfahrung in der naturwissenschaftlichen Methode gefunden wurde).386 Implizite Menschenbilder zeigen sich daher auch nicht in Form expliziter anthropologischer Aussagen, sondern in der Logik des Forschungsprogramms. Das bekannteste Beispiel für eine explizite direkte Modellierung des Menschen als ein „triebökonomisch funktionierende[s]“387 Wesen ist die Psychoanalyse. Die gegenwärtige Empirische Psychologie hingegen verzichtet auf ein explizites Menschenbild und versucht so, dem Ideal der Voraussetzungslosigkeit zu entsprechen. Mit der 383 Vgl. Jüttemann 1992: 92. 384 Jüttemann 1991: 340f. [im Orig. vollständig kursiv; H.W.]. 385 Jüttemann 1991: 341. 386 Vgl. Jüttemann 1991: 341. 387 Brandt 2010: 31. 91 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE „dogmatischen Festlegung auf quantitative, variablenpsychologische Methoden“388 modelliert sie den Menschen damit aber indirekt – indem die naturwissenschaftliche Methodologie „als impliziter Bezugsrahmen den Möglichkeitsraum zu gewinnender Erkenntnis absteckt“389. Das damit verbundene implizite Menschenbild ergibt sich aus der vorwissenschaftlichen Verabredung auf das richtige Erklärungsmodell – im Falle der Empirischen Psychologie ist dies der nomologische Erklärungsansatz –, und zwar ungeachtet der Frage, ob dieses Modell dem Gegenstand der Psychologie überhaupt gerecht zu werden vermag.390 Die Systemimmanenz der Empirischen Psychologie ergibt sich also nicht – wie bei der Psychoanalyse – aus der expliziten, direkten Modellierung eines Menschbilds, sondern aus dem Vorrang der naturwissenschaftlichen Methode vor dem Gegenstand des Psychischen, was Jüttemann als „unzu lässige Umkehrung des Verhältnisses von Gegenstand und Methode“391 kritisiert und kurz „Inversionsprinzip“ nennt. Im ideologischen Vorrang der Methode vor dem Gegenstand lebt das behavioristische Erbe in der gegenwärtigen Empirischen Psychologie fort: bereits vor der phänomenologischen Sichtung des Forschungsgegenstandes scheint beschlossen, auf welche Weise das Psychische zu untersuchen sei.392 Gerade dieses Inversionsprinzip soll aber im Zuge des Basisproblems vermieden werden. Durch das invertierte Vorgehen der Empirischen Psychologie wird der Mensch stattdessen implizit als ein naturgesetzlich gesteuertes, maschinen-ähnliches funktionierendes Wesen entworfen.393 Der damit verbundene, einseitig naturwissenschaftlich ausgerichtete methodologische Monismus zeigt sich infolgedessen nicht nur als Ursache von Systemimmanenz, sondern auch als „anthropologischer Reduktionismus“394, der gar nicht bemüht ist, eine gegenstandsangemessene Methode der Psychologie zu entwickeln. Übrig bleibt eine „Seelenlehre ohne Seele“395 (Dilthey) und ihr Gegenstand: der Mensch als äußerliche Natur, als bloßer Körper. Menschen haben solche Körper aber auch zu sein, sie erleben ihren Körper, sie existieren als Leib, als „die Natur, die wir selbst sind.“396 Diese grundlegende Existenzweise, die jeder Mensch – z. B. im Schmerz – unmittelbar als sein Vertrautestes erfährt, bleibt auch einer kognitiv gewendeten Psychologie, die sich weiterhin der objektiven Methodik experimenteller Beobachtung verpflichtet weiß, merkwürdig fremd.397 Eine derart gegenstands unangemessene Psychologie kann aber ganz und gar nicht eine Führungsrolle in der EgL übernehmen, welche sich einer phänomenologisch fundierten und transdisziplinär-integrativen Humanwissenschaft verpflichtet sieht. 388 Brandt 2010: 33. 389 Brandt 2010: 34. 390 Vgl. Jüttemann 1991: 342f. 391 Jüttemann 1991: 342. 392 Vgl. Schäfer 2007: 5f. 393 Vgl. Jüttemann 1991: 342. 394 Jüttemann 1991: 343 [Kursivier. H.W.]. 395 Dilthey 1968b: 159. 396 Böhme 2003: 63 [im Orig. vollständig kursiv; H.W.]. 397 Vgl. Schäfer 2007: 10. 92 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL Diagnose der Dauerkrise Entgegen einiger anderslautender Bekenntnisse ihrer Vertreter scheint also auch die Empirische Psychologie nicht imstande, das Basisproblem der Psychologie zu lösen. Keines der beiden großen psychologischen Paradigmen vermag es, die Psychologie als wissenschaftliche und einheitliche Disziplin zu begründen. Sowohl die direkte Modellierung eines Menschenbilds in der Psychoanalyse als auch die indirekte Modellierung durch die Methodologie der Empirischen Psychologie gehen im jeweils weiteren Forschungsverlauf mit nicht mehr einholbaren Voraussetzungen einher. Beide großen Psychologien führen in eine Sackgasse und stellen die Psychologie als Wissenschaft vor „eine grundsätzliche und schwerwiegende Gültigkeitsproblematik“398. Schwerwiegend ist diese Gültigkeitsproblematik dadurch, dass nicht bloß das philosophische oder gar forschungslogische Fundament infrage steht, sondern auch die Aussagekraft ganz konkreter wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. So ist nicht ohne weiteres einsichtig, welche wissenschaftliche Geltung z. B. den Ergebnissen der Empirischen Psychologie zukommen darf, wenn die Produktion solcher Forschungs ergebnisse stets an die „ungenannte Bezugsfigur“399 des impliziten Menschen bildes gebunden bleibt. Den empirischen Forschungsergebnissen kommt daher „keine gegenstandsanalysierende, sondern eine gegenstandsbildende Qualität“400 zu. Das wiederum wirft die Frage auf, ob diese Konstitutionsleistung den ursprünglich zu untersuchenden Gegenstand nicht vielmehr deformiert und empirische Daten über ein wertloses Konstrukt produziert, nicht aber über die Psyche des individuell-subjektiven Lebensvollzugs. Entsprechend bezeichnet Jüttemann systemimmanente Ansätze „auch nicht als unvollständige, sondern als verfehlte ‚wissenschaftliche‘ Konzeptionen.“401 Überhaupt müsse man hier kritisch fragen, ob die Krisengeschichte der bisherigen Psychologie später tatsächlich einmal als voroder pseudowissenschaftliche Phase gelten wird, wie Jüttemann oben festgestellt hat.402 Eine wissenschaftliche Psychologie der Zukunft hätte das Basisproblem dahingehend zu lösen, dass einerseits die bisherige Systemimmanenz vermieden wird, indem man auf die vorwissenschaftlich-spekulative (implizite oder explizite) Gegenstandsbestimmung verzichtet; anderseits aber auch das Inversionsprinzip suspendiert wird, indem man die Gegenstandsbestimmung nicht als Ziel der (vorher gewählten) psychologischen Methode, sondern als Voraussetzung für die konstituierende Wahl einer geeigneten Methode betrachtet. Nur durch diese zweifaltige Lösung kann das Basisproblem zeitgenössischer Psychologie gelöst werden, das aus der bisherigen Unvereinbarkeit der Forderungen nach Vermeidung sowohl von Systemimmanenz als auch von Inversionsprinzip besteht.403 398 Jüttemann 1991: 341. 399 Jüttemann 1992: 55. 400 Jüttemann 1992: 56. 401 Jüttemann 1991: 341. 402 Jüttemann 1991: 341. 403 Vgl. Jüttemann 1992: 92. 93 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE 5.6.3 Auswege aus der „Dauerkrise“ der Psychologie Als mögliche Lösung des Basisproblems schwebt Jüttemann eine phänomenologische Erneuerung der Psychologie vor – auch wenn er gleichzeitig einräumt, dass dies bisher unerreichbar gewesen sei.404 Neben der Phänomenologischen Psychologie seien weiterhin aber auch der biographische Ansatz und die Historische Psychologie von Systemimmanenz unbelastet.405 In jedem Fall aber erfordert die Lösung des Basisproblems einen Paradigmenwechsel im Bereich der grundlagenwissenschaftlichen Psychologie.406 Ziel muss dabei sein, den Gegenstand der Psychologie – das Psychische – gegenstandsangemessen zu erfassen und die geeigneten wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden zu wählen. Grundsätzlich lässt sich aber bereits heute sagen, „daß die grundlagenwissenschaftliche Psychologie dann, wenn sie ihrem Gegenstand gerecht werden und sich seiner würdig erweisen möchte, keine Wissenschaft von der Natur sein darf, sondern eine Wissenschaft vom Menschen sein muß.“407 Vor diesem Hintergrund kann eine wissenschaftliche Psychologie nicht als bloße Naturwissenschaft auftreten. Gleiches gilt aber auch für eine Psychologie als reine Geisteswissenschaft – zur gegenstandsangemessenen Forschung gehört, „daß man quantitative Strategien so z. B. der Datener hebung – dort einsetzen muß, wo der Gegen stand bzw. die Fragestellung es erfordern.“408 In diesem Sinne bietet sich der Psychologie die Chance, sich als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten – als verstehende und erklärende Disziplin – in ihrer Einzigartigkeit zu profilieren und sich damit als Humanwissenschaft sowohl gegenüber den reinen Geistes- als auch gegenüber den reinen Naturwissenschaften abzugrenzen.409 Die Grundaufgabe einer humanwissenschaftlichen Psychologie besteht demzufolge darin, „systematisch Brücken zu schlagen: […] zwischen Physischem und Psychischem, Idiografischem und Nomothetischem, Quantitativem und Qualitativem, Erklären und Verstehen, Messen und Interpretieren.“410 Der Arbeitsauftrag der Psychologie kann daher als „Symbiose von Erklären und Verstehen“411 beschrieben werden. Damit würde die Psychologie das Projekt einer transdisziplinär-integrativen Humanwissenschaft realisieren, was sich als Desiderat der EgL erwiesen hat.412 404 Vgl. Jüttemann 1991: 348f. In diesem Zusammenhang ist von philosophischer Seite darauf hinzuweisen, dass solche Versuche mindestens seit Husserl nicht nur immer wieder unternommen und weitergeführt, sondern auch gegenwärtig publiziert werden: Basierend auf der radikalen Lebensphänomenologie Michel Henrys arbeitet etwa Rolf Kühn in der Schnittstelle zwischen Philosophie, Psychologie und Psychotherapie (vgl. exemplarisch Henry 2005, Kühn/Petzold 1992). Eine gemeinsam mit Günter Funke verfasste Publikation mit dem einschlägigen Titel „Einführung in eine phänomenologische Psychologie“ liegt vor (Funke/Kühn 2005), auch wenn man bezweifeln muss, dass dies inhaltlich mit dem zusammenfällt, was sich Jüttemann von einer phänomenologischen Psychologie erwartet. 405 Vgl. Jüttemann 1991: 350. Entsprechend hat sich Jüttemann in den letzten beiden Jahrzehnten um die Etablierung einer Historischen Psychologie bemüht (z. B. in Jüttemann 2011b). 406 Vgl. Jüttemann 1991: 356. 407 Jüttemann 1992: 124. 408 Jüttemann 1991: 356. 409 Vgl. Westermann 2004: 61f. 410 Westermann 2004: 77. 411 Schäfer 2007: 2. 412 Vgl. Kap. 5.1. 94 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL Die Wirklichkeit einer solchen Psychologie ist freilich in weiter Ferne. Die EgL bedarf der Psychologie jedoch hier und heute. Sie muss sich gegenwärtig also mit Kompromiss lösungen zufriedengeben. 5.6.4 Bedeutung und Einordnung der psychologischen Forschungsergebnisse Wie aber sollen solche Kompromisse aussehen, wie soll der Rückgriff auf psychologische Erkenntnisse zum guten Leben erfolgen? Diese Frage ist umso dringlicher, als eine philosophisch reflektierte EgL diesbezügliche Forschungsergebnisse – und zwar sowohl die unter geistes- wie auch die unter naturwissenschaftlicher Methodologie produzierten – nicht einfach ignorieren kann. Das Forschungs- und Praxiswissen der Psychologie hat sich in der psychologischen Veränderungsarbeit vielfach bewährt – ob in Klinik, Therapie oder Mentalcoaching. Die EgL muss die psychologischen Erkenntnisse also in sich aufnehmen können; diese Aufnahme darf aber wiederum nicht unkritisch gegen die Wissenschaftlichkeit der Psychologie erfolgen. Gleichzeitig wäre die EgL jedoch mit der Aufgabe einer Erneuerung der Psychologie als Wissenschaft maßlos überfordert. Der aktuelle Diskussionsstand innerhalb der Wissenschaftstheorie der Psychologie zeugt vielmehr davon, dass dies grundsätzlich nicht mehr ohne die Kompetenz der psychologischen Fachkollegen zu bewerkstelligen ist. Eine angemessen kritische Übernahme psychologischer Erkenntnisse darf sich aber auch nicht einfach zum non sequitur eines anything goes hinreißen lassen: Dass die Psychologie in ihrer Wissenschaftlichkeit zur Debatte steht, bedeutet nicht, dass ihre methodisch geprüften Forschungsergebnisse ebenso wenig Wahrheit besitzen wie ihr aussagenlogisches Gegenteil. Die psychologischen Erkenntnisse sind also nicht zu negieren, sondern zu relativieren, d. h. explizit in Relation zu setzen zu ihren epistemischen Entstehungs- und Geltungsbedingungen. Diesbezüglich ein essentieller Hinweis: Anstatt diese Bedingungen der psychologischen Forschungsergebnisse in jedem Fall erneut aufzuzeigen und damit den Textfluss der weiteren Kapitel erheblich zu stören, sollen diese Erkenntnisse im Rahmen des vorliegenden Kapitels wissenschaftstheoretisch typologisiert und relativiert werden. Die nun folgenden Ausführungen bilden also die zusammenfassende Basis für den späteren Einbezug (neuro-)psychologischer Forschungsergebnisse, die nicht von ihren Ermöglichungsbedingungen und Geltungslimitationen losgelöst werden dürfen, selbst wenn diese aus Gründen der besseren Lesbarkeit in den jeweiligen Kapiteln nicht ausdrücklich bzw. nur am Rande thematisiert werden. Das gilt insbesondere für die Ergebnisse der empirischen Glücksforschung.413 Anthropologische (existenzontologische) Aussagekraft Dies betrifft zunächst ganz allgemein die Möglichkeit anthropologischer Aussagen durch die Psychologie. Aufgrund des Basisproblems sind beide großen Psychologien außerstande, gegenstandsangemessene ontologische Aussagen zu treffen: sie haben den Men- 413 Vgl. Wissenschaftstheorie in Kap. 5.6.5, Anwendung in Kap. 20.5. 95 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE schen bereits methodologisch als etwas Bestimmtes ausgelegt. Insofern beide Ansätze nicht phänomenologisch fundiert sind – wobei man vom naturwissenschaftlich-neuropsychologischen zusätzlich sagen kann, er sei „anti-phänomenologisch“414 – sind ihre Beiträge zu einer philosophisch-anthropologischen Auslotung der menschlichen Seinsweise im Rahmen der existenziellen Ethik äußerst begrenzt. Insbesondere darf die empirisch-psychologische Konzeption menschlicher Grundbedürfnisse415 nicht als Aussage über anthropologische Invarianten missverstanden werden: Solche Grundbedürfnisse sind weder historisch-kulturell invariant, noch sind sie aus einer Forschungspraxis entstanden, in welcher der Mensch als ganzer im Fokus stand. Die kritisch-korrektive Funktion empirischer Psychologie Der naturwissenschaftliche Ansatz der Psychologie bietet die Möglichkeit einer Überprüfung theoretischer Konstrukte an der Erfahrung unter erkenntnistheoretisch kontrollierten Bedingungen. Damit können erfindungsartige psychologische Theorien, die – frei im Raum schwebend – letztlich nur durch Glaubensbekenntnisse ihrer Anhänger verifiziert sind, rational geerdet werden. Das dürfte insbesondere für die verschiedenen, ins Esoterische abgleitenden Psychotherapieschulen gelten, von denen einige kaum noch einen Wissenschaftsbezug, fast alle hingegen eine Tendenz zur Ausblendung gro- ßer Teile psychologischen Wissens (und Fokussierung nur auf einen Aspekt) aufweisen. Aber auch die naturwissenschaftliche Erklärung psychischer Phänomene besitzt einen gewissen Eigenwert. Mitunter kann ein entsprechender Erklärungsansatz akademische Denk- und therapeutische Vorgehensweisen verändern. Ein Verständnis der neuronalen Grundlagen eines psychischen Geschehens vermag z. B. keine Einblicke in dessen existenzielle Bedeutung oder phänomenale Erlebensqualität zu geben, jedoch durch Aufweis der biologischen Funktionsprozesse ein Verfügungswissen produzieren, dass experimentell wie therapeutisch genutzt werden kann. Exemplarisch kann dies an der Veränderung (bewusster, unwillkürlicher, verhaltensbezogener) Prozesse gezeigt werden, insbesondere an der Angsttherapie.416 Letztlich sind auch Grawes große Entwürfe einer Psychologischen Therapie bzw. einer Neuropsychotherapie in weiten Teilen als Konsequenzen eines naturwissenschaftlichen Forschungswissens zu verstehen.417 5.6.5 Qualitative und quantitative Methoden am Beispiel der Psychologie des Glücks In welcher Weise die EgL qualitative und quantitative Forschungsergebnisse in sich aufnehmen muss, lässt sich gut an der Psychologie des Glücks veranschaulichen. „Wer ist für die Frage nach dem Glück zuständig? Gibt es Glücksexperten? Falls ja, wodurch haben sie ihre Kenntnisse erworben?“418 Die Antworten auf diese Fragen An- 414 Schäfer 2007: 10. 415 Vgl. dazu Kap. 21.3.3. 416 Vgl. dazu Kap. 21.1. 417 Vgl. dazu Kap. 21.3. 418 Pieper 2003: 23. 96 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL nemarie Piepers prägen den zeitgenössischen Glücksdiskurs. Beteiligte Disziplinen finden sich vor allem in der Philosophie, Theologie, Anthropologie, (Neuro-)Biologie, (Sozial-)Psychologie, Soziologie, Staatstheorie und Ökonomie. „Alle Wissenschaften vom Menschen können ihre fachspezifischen Beiträge leisten. Interdisziplinarität ist also für die Glücksforschung sachlich geboten.“419 Eine besondere Wichtigkeit kommt dabei der quantitativen Psychologie zu, die Informationen über korrelative (und kausale) Zusammenhänge, über glücksbegünstigende und -gefährdende (biologische, genetische, psychologische, behaviorale, soziale) Umstände liefert. Qualitative Erhebungen bieten hingegen die Möglichkeit, eine Mannigfaltigkeit zu versprachlichen, ohne diese bereits als etwas Bestimmtes ausgelegt zu haben, wie dies in der quantitativen Methodik notwendig erfolgt. So können etwa mittels offener Fragen die mannigfaltigen Glücksvorstellungen verschiedener Menschen erhoben werden, ohne dieses Glück bereits inhaltlich auszulegen, z. B. als etwas, das sich in der Zeit periodisch lokalisieren lässt; oder als etwas, das sich quantifizieren und messen lässt auf einer Zahlenskala von 1 bis 10 usf. Qualitative Psychologie des Glücks Anton Bucher hat mit seiner Psychologie des Glücks eine einschlägige Monographie vorgelegt, die die wichtigsten Ergebnisse und viele method(olog)ische Schwierigkeiten der empirischen Glücksforschung übersichtlich darstellt.420 Mit dem Ziel der Einsicht in empirische Zusammenhänge des Glücks hat die Glückspsychologie für Anton Bucher „vorrangig zu rekonstruieren, was Menschen unter ‚Glück‘ verstehen.“421 Damit wird dem subjektiven Grundcharakter des Glücks Rechnung getragen, der sich für Bucher darin ausdrückt, dass manche Menschen in Situationen glücklich sein können, „wo andere dies nicht für möglich erachten.“422 Offensichtlich verlangt eine solche Aufgabenstellung eine qualitative Methodik – quantitative Messungen wären hier im obigen Sinne gegenstandsunangemessen. Ein qualitatives Vorgehen ermöglicht nämlich eine vergleichsweise wenig theoriebeladene Kategorisierung, die zur Durchführung einer quantitativen Studie bereits hätte gegeben sein müssen – und die in der Regel vom Studienleiter in Form eines Fragebogens mit fixen Items und Skalen gesetzt wird. Bedeutung und Limitation qualitativer Forschung sind jedoch nicht unumstritten.423 Wie man die verschiedenen Vorstellungen vom Glück auch typisieren will – die vorliegende Arbeit wird den drei großen Glückstheorien folgen, wie sie Dagmar Fenner in ihrer umfangreichen Überblicksstudie ausführt424 –; die Mannigfaltigkeit der subjektiven Glücksvorstellungen lässt sich nur auf einem vergleichsweise hohen Abstraktionsniveau unter einen übergreifenden Glücksbegriff subsumieren. 419 Bellebaum 2002b: 9. 420 Bucher 2011. 421 Bucher 2011: 2. 422 Bucher 2011: 3. 423 Vgl. Jüttemann 1983. 424 Vgl. zu den Glückstheorien Kap. 13.1. 97 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE Quantitative Psychologie des Glücks Quantitative Studien scheinen jedenfalls tendenziell umfangreichere und präzisere Ergebnisse zu ermöglichen, was aber mit vorausgehenden Auslegungen des Forschungsthemas im Zuge der Operationalisierung einhergeht. Auch diese Problematik lässt sich an der Psychologie des Glücks veranschaulichen. In Anbetracht der mannigfaltigen Glückskonzeptionen stellt sich der Psychologie nämlich zunächst die Frage, ob sich das Glück als Allgemeines überhaupt empirisch untersuchen lässt. Jeder Glücksfragebogen, auf dem ein Glückssubjekt bspw. sein aktuelles – was bereits eine thematische Auslegung darstellt! – Glück auf einer Skala von 1 bis 10 einschätzen soll, muss den Glücksbegriff nämlich so operationalisieren, dass er (i) objektiv für alle Befragten ist (d. h. sichergestellt ist, dass alle mehr oder weniger über dasselbe reden) und (ii) in einem gewissen Sinn auch messbar ist (d. h. sichergestellt ist, dass die Ergebnisse eines Fragebogens mit dem eines anderen sinnvoll verglichen werden können). Selbst wenn dies aber gelingen würde, wäre eine Operationalisierung des Glücks schon für sich selbst problematisch, wenn der operationalisierte Begriff nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem hat, was eigentlich erforscht werden soll. Gleichzeitig droht jede Operationalisierung den Begriff des Glücks bereits implizit normativ auszulegen, ihn also formal z. B. als zähl- oder vergleichbar, oder inhaltlich als Genussmoment zu behaupten. Diese Gefahr scheint beim eigentümlichen Charakter des Glücks, seinem besonderen Verhältnis zur Zeit und seinem sozialkulturellen Rahmen besonders groß zu sein. Wenn das Glück in einem Fragebogen mit bloß einem Item gemessen werden soll, dann wird das Glück vergleichsweise wenig überformt: Es wird lediglich impliziert, dass das Glück (i) subjektiv zugänglich ist, (ii) subjektiv sinnvoll evaluiert werden kann, und (iii) subjektiv so evaluiert werden kann, dass es sich quantifizieren lässt. Zumindest an Bedingung (iii) könnte man hier Anstoß nehmen. Werden die Skalenwerte aber weiterhin auch benannt – in den klassischen Untersuchungen zur Lebenszufriedenheit der Amerikaner etwa als siebenstelliges Item entzückt, erfreut, meistens zufrieden, gemischt, meistens unzufrieden, unglücklich, schrecklich425 –, so wird nicht nur formal präjudiziert, Glück verlaufe auf einer linearen Skala, sondern auch inhaltlich, Glück sei identisch mit höchster Freude, mit Entzückung; und Glücksdeprivation sei nichts anderes als eine Frequenzabnahme von Zufriedenheitsepisoden. Es zeigt sich also, dass bereits vergleichsweise simple quantitative bzw. qualitative Glücksstudien Probleme bergen. Die Psychologie des Glücks ist daher bemüht, durch Verfeinerung ihrer Studien solche Probleme zu entschärfen. So wurden aufgrund der recht offensichtlichen Suggestion bestimmter formaler oder inhaltlicher Wesenszüge des Glücks weitere, subtiler vorgehende Messverfahren (mit mehreren Items) entwickelt. Die angelsächsische Psychologie verschaffte sich diesbezüglich mit dem Konstrukt des „subjektiven Wohlbefindens“ (subjective well-being, kurz: SWB) Abhilfe. 425 Vgl. Bucher 2011: 21. 98 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL Das SWB umfasst dabei „drei Komponenten […]: (i) globale bzw. zumindest länger anhaltende Lebenszufriedenheit, (ii) häufige positive Affekte: Freude, Begeisterung, Überschwang, (iii) seltene negative Affekte: depressive Verstimmungen, Ärger, Stress.“426 Das Konzept des subjektiven Wohlbefindens ermöglichte eine Unterscheidung von Glück und Zufriedenheit bei gleichzeitiger Erhaltung der Bezogenheit aufeinander und genießt infolgedessen übergreifende Anerkennung und breite Zustimmung.427 Darin erweist sich das SWB dem obigen Fragebogen mit 7 Items als überlegen und kann der EgL als primäre psychologische Operationalisierung des Glücks dienen. Die Probleme einer empirischen Messung des Glücks sind nichtsdestotrotz so enorm, dass manche Autoren von diesem Projekt als Ganzem Abstand nehmen. Andere wiederum erkennen die Probleme der Glücksmessung an, pochen aber auf die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Untersuchung des Glücks.428 Über die einzusetzenden Messinstru mente dieser Forschung besteht allerdings kein Konsens. So stellt sich zunächst die Frage, ob Glück prinzipiell durch Selbst- oder durch Fremdeinschätzung gemessen werden soll, wobei sich eine klare Tendenz zur Selbsteinschätzungsmessung festmachen lässt, die sich auf den subjektiven Erlebenscharakter des Glücks beruft.429 Ohne Rücksicht auf die grundsätzliche wissenschaftsphilosophische Problematik der Glücksmessung ist eine solche, auf das subjektive Erleben zentrierte Messung durch subjektive Evaluation den typischen Problemen der Ersten-Person-Perspektive ausgesetzt. Sofern diese Evaluation retrospektiv erfolgt, ergeben sich Messfehler in substanzieller Höhe. Zwischen der Bewertung aktuellen Erlebens und der Bewertung durch retrospektive Erinnerung an solches Erleben klafft eine Lücke der Verzerrung. Erinnerungen an frühere Emotionen sind nicht bloß durch diese Emotionen selbst bestimmt, sondern darüber hinaus von Störfaktoren wie (i) der aktuellen Befindlichkeit der erinnernden Person, (ii) von ihren relevanten, gegenwärtigen Kognitionen, (iii) von Persönlichkeitseigenschaften (wie z. B. Neurotizismus) und (iv) sogar das zufällige Finden eines Dollar-Scheins wenige Minuten vor der Evaluation vermag das gesamte Lebensglück beträchtlich zu erhöhen – zumindest, wenn man solchen retrospektiven Einschätzungen Glauben schenken mag.430 Die menschliche Psyche scheint sogar im Allgemeinen über Mechanismen zu verfügen, die Glück als natürlichen Zustand (ähnlich wie Gesundheit) begünstigen, selbst, wenn die dafür relevanten Kognitionen unrealistisch bis illusionär sind. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass sich in empirischen Studien die Mehrheit der Menschen als glücklich erweist – unabhängig von der konkreten Messmethode.431 426 Vgl. Bucher 2011: 10 [im Orig. erfolgt die Auflistung mit waagrechten Pfeilen statt mit kleiner römischer Nummerierung; H.W.]. 427 Vgl. Bucher 2011: 10. 428 Bucher 2011: 18. 429 Vgl. Bucher 2011: 19. 430 Vgl. Bucher 2011: 36f. 431 Vgl. Bucher 2011: 40. 99 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE Aus der Praxis: Erlebnisstichproben-Methode (ESM) Die erheblichen Fehlerquellen retrospektiver Glücksmessungen wurden wiederholt durch empirische Vergleichsstudien bestätigt und haben in der Glücksforschung zur Entwicklung der Erlebnisstichproben-Methode (ESM) geführt. In ESM-Studien wird eine Person durch einen Minicomputer per Piepston daran erinnert, sofort ihre aktuelle Befindlichkeit zu evaluieren. Damit verringert die ESM Erinnerungs- und Einschätzungs verzerrungen und ist repräsentativer, weil sie potenziell in allen Lebenslagen zum Einsatz kommt und nicht nur in spezifischen Settings (z. B. im Psychologenbüro oder abends am Schreibtisch). Weiterhin lassen sich so Verlaufsmuster erkennen. Solche Studien führten zutage, dass nicht so sehr, wie lange angenommen wurde, die Häufigkeit von Glücksmomenten, sondern deren Intensität ausschlaggebend für die allgemeine Lebenszufriedenheit sind. Weiterhin konnte mittels ESM festgestellt werden, dass Amerikaner bezüglich des Wochenverlaufs montags am wenigsten glücklich, samstags hingegen am glücklichsten sind. Die Probleme der ESM liegen in ihrer schwierigen Realisierbarkeit, die zu kleineren Stichproben führt, was wiederum die Repräsentativität der Ergebnisse infrage stellen kann. Weiterhin kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich bei einer randomisierten Studienanfrage besonders jene Personen zur Teilnahme bereiterklären, die überdurchschnittlich glücklich sind. Neben den methodisch bedingten Verzerrungen empirischer Studienergebnisse beeinflussen auch kulturelle Werte und Normen die Glücksmessung: Individualistische Gesellschaften wie die USA, in denen das Glück zur amerikanischen Lebensweise mit Verfassungsrang gehört, schätzen den Wert des Glücks höher ein als kollektivistischere Gesellschaften wie China, wo Glück als etwas gefährliches gilt, für das sich das Schicksal rächen könnte.432 Insbesondere bei retrospektiver Evaluation scheinen die sozialen Erwartungen und Normen bzgl. des individuellen Glücks einen Fehlanreiz bei der Evaluation des eigenen Glücksniveaus darzustellen.433 Der Vergleichsaspekt stellt eine schwierige Herausforderung für eine individuenzentrierte Glücksforschung dar: Im „Paradoxon des Wohlbefindens“ drückt sich aus, dass Menschen sich auch dann für glücklich halten, wenn ihre objektiven Lebensumstände äußerst widrig sind (z. B. Querschnittslähmung).434 Dass es hier trotzdem zu weiterhin hohen Selbsteinschätzungen bzgl. des eigenen Glücksniveaus kommt, wird dadurch erklärt, dass sich diese Menschen nun kontextuell nur noch mit jenen Menschen vergleichen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden (in diesem Fall z. B.: Behinderung). So lässt sich dann auch das Ergebnis einer Studie erklären, in denen es Frauen nach einer Brustamputation besser erging als vor der Operation – sie verglichen sich nun mit Frauen in der gleichen Situation und hielten sich für überdurchschnittlich glücklich.435 Diese vergleichsweise detailverliebte Verfolgung quantitativer Methodik – ausgehend von einer allgemeinen Methodologie bis in den Forschungsalltag hinein – konnte zeigen, inwiefern in Anbetracht der methodologischen Probleme gegenwärtiger Psychologie deren Forschungsergebnisse nichtsdestotrotz in der EgL aufgenommen werden können. Dabei muss stets mitgedacht werden, unter welchen epistemischen Be- 432 Vgl. Bucher 2011: 38. 433 Vgl. Bucher 2011: 44. 434 Vgl. Bucher 2011: 45. 435 Vgl. Bucher 2011: 45. 100 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL dingungen die entsprechenden Resultate zustande kommen. Auch dies kann abschlie- ßend noch einmal an der quantitativen Psychologie des Glücks veranschaulicht werden. Nicht selten finden sich in der quantitativen Glücksliteratur Aussagen wie „Einwohner von Land A sind glücklicher als Einwohner von Land B“. Die EgL muss diesbezüglich immer bedenken, dass solche als Tatsachen formulierten Aussagen zum einen lediglich auf individuelle Selbsteinschätzungen (mit allen oben genannten Verzerrungen) zurückgehen, zum anderen insbesondere der soziale Vergleichs- und Normierungsaspekt sich störend bis zerstörend auf den Wert der Studienergebnisse auswirken kann. Dabei muss betont werden, dass den Einwohnern durch die Operationalisierung des Glücksbegriffs ggf. schon eine strukturelle Glücksvorstellung suggeriert wurde. Die obige Aussage müsste also korrekt übersetzt werden als „Die befragten Einwohner von Land A gaben in einem spezifischen Befragungssetting im Durchschnitt (signifikant) höhere Zahlen bei der quantifizierenden Selbsteinschätzung ihres Glücks an als die befragten Einwohner von Land B.“ Es sei hier nochmals explizit darauf hingewiesen, dass im Rahmen des Kapitels zur empirischen Psychologie des Glücks (Kap. 20.5) auf derartige Formulierung weitgehend zu Gunsten der besseren Textverständlichkeit verzichtet wird. Quantitative Psychologie als Glücks- und Lebenshilfe: Die Positive Psychologie Unter dem Einfluss der quantitativen Korrelations- und Variablenpsychologie steht auch die Positive Psychologie. Mit der EgL teilt diese seit den 1990er-Jahren expandierende Bewegung nicht nur den Forschungsgegenstand – das glückliche (gute, erfüllte, gesunde, gelingende) Leben –, sondern auch eine zentrale Betrachtungsweise: Unzufrieden mit der einseitigen akademisch-psychologischen Konzentration auf psychische Störungen, Abnormalitäten und Krankheiten, wurde die Positive Psychologie als Suche nach den Bedingungen optimaler psychischer Entwicklung ins Leben gerufen: „Unlike traditional psychology, which mostly focuses on neurosis, depression, and anxiety, positive psychology focuses on the conditions that lead people, organizations, and communities to flourish.“436 Die Psychologie solle sich – so die metaphorisch verpackte Forderung – nicht bloß mit dem Reparieren des Beschädigten, sondern auch mit dem Gedeihen positiver Qualitäten beschäftigen.437 In der Ergänzung des weitgehend psychopatho logisch orientierten Forschungsinteresses um die Fokussierung auf das Gute, Schöne und Gesunde liegt das Positive der Positiven Psychologie. Während die akademische Psychologie aber vergleichsweise viel über psychisch erkrankte Menschen weiß und sich seit dem Zweiten Weltkrieg primär als Heilungswissenschaft entwickelt hat, ist nur wenig darüber bekannt, „how normal people flourish under more benign conditions.“438 Die Positive Psychologie schickt sich also an, als „scientific study of optimal human functioning“439 jene Faktoren zu erforschen, die das Gedeihen von Individuen und Gemeinschaften ermöglichen. Dazu bedarf es einer Verschiebung des Forschungs interesses auf 436 Ben-Shahar 2009: ix. 437 Vgl. Seligman/Csikszentmihalyi 2000: 5. 438 Seligman/Csikszentmihalyi 2000: 5. 439 Sheldon et al. 2000. 101 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE psychische Gesundheit.440 Nicht selten ist die Positive Psychologie dabei an Minoritäten interessiert. Die pathologisch orientierte Psychologie beschränkt sich nämlich i.d.R. auf die Identifizierung krankheitsbegünstigender Faktoren und leitet daraus Voraussagen ab. So könnte es z. B. heißen, dass eine beliebige Person unter gegebenen objektiven Bedingungen (Genetik, Stress, Verlust, usf.) mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 % innerhalb der nächsten drei Jahre an einer Depression erkranken wird. Während die pathologisch orientierte Forschung sich implizit auf die Majorität konzentriert, lässt sich die Positive Psychologie von jenen 10 % inspirieren, denen es offenbar gelungen ist, trotz gegebener objektiver Umstände nicht zu erkranken. Statt um die Erkrankungsbedingungen der Majorität geht es hier um die Ressourcen der Minorität: Worin unterscheiden sich die nicht-erkrankten von den erkrankten Personen? Wie lässt sich dies praktisch für eine Kultivierung psychischer Resistenz und Resilienz nutzen? Statt dem Gewöhnlichen verschreibt sich die Positive Psychologie dem Außergewöhnlichen; präziser: dem außergewöhnlich Guten. Durch das gemeinsame Anliegen der Gesundheitsförderung steht die Positive Psychologie anderen ressourcen-orientierten Forschungsbereichen wie Salutogenese, Resilienz- und Flow-Forschung sehr nahe.441 Das zugrundeliegende Gesundheitsverständnis der Positiven Psychologie meint dabei allerdings stets mehr als die bloße Abwesenheit von Krankheit: Gesundheit wird vielmehr positiv verstanden als „well-being, contentment, and satisfaction (in the past); hope and optimism (for the future); and flow and happiness (in the present)“442. Mit diesem hypertrophen Gesundheitsbegriff, der letztlich – ebenso wie die Gesundheitsdefinition der WHO443 – den Zustand der Glückseligkeit beschreibt,444 erweist sich die Positive Psychologie als einschlägige psychologische Forschungs disziplin für die EgL. Die diesbezüglichen Forschungsergebnisse stellen in aller Regel Produkte einer quantitativen Variablenpsychologie dar. Die zugrundeliegende Methodologie wird dabei fast nie problematisiert; insofern ist die Positive Psychologie eine durch und durch positive Psychologie (im Sinne eines unreflektierten methodologischen Positivismus). Die Geltung ihrer Ergebnisse unterliegt dabei den grundsätzlichen Limitationen quantitativer Psychologie, wie sie oben bereits am Beispiel des Glücks dargelegt wurden. Viele dieser quantitativ-psychologischen Erkenntnisse über das Glück stammen übrigens aus dem Forschungskontext der Positiven Psychologie. Ungeachtet dieser Beschränkungen kann die Positive Psychologie damit insbesondere Aufschluss über die objektiven Begünstigungsfaktoren des Glücks geben: Ob nun ein hohes Einkommen oder doch eher eine erfüllende Partnerschaft mit der je eigenen Glückszuschreibung in höherem Maße korreliert – kurz: ob nun Geld oder doch eher Liebe glücklich macht –, dazu können empirische Studien wichtige statistische Erkenntnisse liefern (zumindest insofern nach der Ausprägung von durchschnittlichen Einflussfaktoren gefragt ist). Trotz dieses ehrbaren Anliegens ist die Positive Psychologie nicht von Kritik verschont geblieben. Wenn sogar Harvard-Psychologen wie Tahir Ben-Shahar von der Po- 440 Sheldon et al. 2000. 441 Vgl. dazu Kap. 21.4. 442 Seligman/Csikszentmihalyi 2000: 5. 443 Aus der Constitution of the World Health Organization: „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“ (World Health Organization 2015: 1) 444 Vgl. Brandt 2010: 64f. 102 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL sitiven Psychologie unverblümt als „the science of happiness“445 sprechen, deren Aufgabe darin bestehe, eine Brücke zwischen akademischem Elfenbeinturm und dem alltäglichen Leben der Normalbürger zu bauen,446 dann verwundert es kaum, dass die Positive Psychologie im Coaching und in der Ratgeberliteratur große Erfolge zeitigen konnte. Populärwissenschaftliche Anstiftungen zum positiven Denken füllen deshalb zwar die Selbsthilfe-Regale; und selbst akademische Publikation betiteln sich als „Anleitung zum ‚besseren‘ Leben“447. Kritisiert werden muss dabei aber die Ideologie der Machbarkeit,448 welche über der Positiven Psychologie schwebt; auch wenn die Autoren dies in der großen Mehrheit gar nicht beabsichtigen. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis „Miese Stimmung“ aufkam – der programmatische Titel von Arnold Retzers „Streitschrift gegen positives Denken“.449 5.6.6 Wissenschaftstheorie der Psychotherapie Die oben dargestellte wissenschaftstheoretische Problematik betrifft die Psychologie nicht nur als Grundlagenwissenschaft, sondern – seit Anbeginn ihrer Ablösung von der Philosophie als Einzeldisziplin – auch als angewandte Psychologie in Form der klinischen Psychologie und Psychotherapie. Trotz einer Kluft zwischen dem wissenschaftlichen Stand der Psychologie und der standardisierten Therapieausbildung bleiben die Psychotherapien an die großen psychologischen Strömungen rückgebunden: die tiefenpsychologisch fundierte und psychoanalytische Therapie an die Tradition der Psychoanalyse, die kognitive Verhaltenstherapie an Kognitivismus und Behaviorismus. Insofern gilt für die Psychotherapien dieselbe wissenschaftstheoretische Problematik wie für die grundlagenwissenschaftliche Psychologie. Für die verschiedenen Psychotherapieschulen gilt aber noch in viel höherem Maße als für die psychologischen Methodologien das Prinzip der Abschottung und Isolation gegenüber anderen Ansätzen. Sind schon die verschiedenen Psychologien inkommensurabel, so trifft das in höchstem Maße auf die verschiedenen Psychotherapie schulen zu. Als wichtigste Strömungen sind hier tiefenpsychologische, Verhaltens-, humanistische, kognitive und systemische Therapie zu nennen. Die Vielfalt konkreter Varianten ist nahezu unüberschaubar und auch innerhalb der verschiedenen Paradigmen äußerst heterogen.450 Selbst die Bindung einer jeweiligen Therapieform an einen Therapiebegründer bzw. ein Schuloberhaupt scheint kein vollständig übergreifendes Kennzeichen zu sein, muss man doch hier die systemischen Therapien ausnehmen. Nichtsdestotrotz verweist die Personenbezogenheit fast aller Therapien (auf einen prägenden Gründer) auf die bekenntnis-religiösen bis hin zu sektenartigen-indoktrinierten Züge vieler Therapieformen. Es verwundert daher nicht, dass sich die akademische Psychotherapiefor- 445 Ben-Shahar 2009: ix. 446 Vgl. Ben-Shahar 2008: xiv-xv. 447 Auhagen 2008. 448 Vgl. Kap. 20.2. 449 Retzer 2012. 450 Vgl. für eine systematische Übersicht Kriz 2007. 103 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE schung mit den Psychotherapien, deren Feld sich von angewandter Wissenschaft bis hin zu pseudowissenschaftlicher Esoterik erstreckt, seit jeher schwertut. In den letzten 20 Jahren ist infolgedessen der Ruf nach einer allgemeinen und empirisch fundierten – d. h. aus der akademisch-wissenschaftlichen Psychologie hervorgehenden –Psychotherapie laut geworden. An der Speerspitze dieser Bewegung stand, bis zu seinem Tode 2005, der Psychotherapieforscher Klaus Grawe, an dessen Publikationsgeschichte sich die Entwicklung einer allgemeinen Psychotherapie gut veranschaulichen lässt: Mit seinen Kollegen legte er zunächst 1994 die Aufsehen erregende Studie „Psychotherapie im Wandel“451 vor, in der die verschiedenen Psychotherapieschulen als unwis senschaftlich kritisiert werden, weil sie kein neutrales und vollständiges empirisches Fundament besitzen. Stattdessen, so der Vorwurf, schotten sie sich gegenüber neuen Forschungsergebnissen und anderen Psychotherapieschulen regelrecht ab.452 Die Mitgliedschaft in einer Psychotherapieschule lasse sich entsprechend nicht durch wissenschaftlich-rationale Argumente stützen, sondern müsse als religiöses Bekenntnis aufgefasst werden – mit allen wissenschaftstheoretischen Eigenheiten solcher Bekenntnisse. Der Buchtitel der Autoren lautet daher programmatisch „Psychotherapie im Wandel – Von der Konfession zur Profession“. Zur angezielten Profession werde die Psychotherapie durch eine empirische Wirksamkeitsuntersuchung der verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren. Dazu werten die Autoren zahlreiche empirische Studien aus.453 Auf dieser Grundlage entwickelt Klaus Grawe in den nächsten Jahren eine allgemeine Psychotherapie. Allgemein ist diese Psychotherapie, weil sie alle relevanten empirischen Erkenntnisse der empirisch-wissenschaftlichen Psychologie berücksichtigt. Während die Psychotherapien „erster Generation“ das Forschungs- und Praxisfeld zunächst ohne Grundlage erschließen mussten, gibt es „heute einen in seiner Existenz von diesen Theorien unabhängigen Bestand objektiver Fakten auf dem Gebiet der Psychotherapie.“454 Zwar verweisen einzelne Psychotherapien auf einzelne, jeweils konfessionskonforme empirische Befunde; eine neutrale Bezugnahme auf „alle gesicherten Erfahrungen darüber, welches therapeutische Vorgehen zu welchen Wirkungen führt“455 bleibt aber aus: „Keine der existierenden Therapieschulen ist mit ihren theoretischen Konzepten in der Lage die Gesamtheit der heute gesicherten Fakten auf dem Gebiet der Psychotherapie auch nur annähernd vollständig zu erklären. Jede der Therapieschulen nimmt nur einen Bruchteil der Möglichkeiten wahr, die nachweislich geeignet sind, Menschen mit psychischen Störungen und Problemen wirksam zu helfen. Sowohl unter dem Wahrheits- als auch unter dem Nützlichkeitsaspekt sind die Therapieschulen daher überholt.“456 451 Grawe et al. 1994. 452 Vgl. Grawe et al. 1994: VI. 453 S. Grawe et al. 1994. 454 Grawe 1995: 131. 455 Grawe 1995: 131. 456 Grawe 1994. 104 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL Es sei folglich an der Zeit, Theorien „zweiter Generation“457 ins Leben zu rufen, die sich auf die aktuelle Therapieforschung und die grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse der Psychologie und Neurowissenschaften gründen.458 Eine solche grundlagenwissenschaftliche Fundierung führt Grawe in den nächsten Jahren umfangreich durch – 1998 zunächst die psychologische, 2004 schließlich die neurowissenschaftliche.459 Damit scheint das Kunststück abgeschlossen: Aus der Kritik an den Konfessionspsychotherapien (1994) ergab sich der Entwurf einer „Allgemeinen Psychotherapie“ (1994/95), die – fundiert durch die wissenschaftliche Psychologie und Psychotherapieforschung – zur „Psychologischen Therapie“ (1998) heranwuchs und – im Zuge der neurowissenschaftlichen Wende der Psychologie – zur „Neuropsychotherapie“ avancierte (2004).460 Diese Publikationen können heute als Wendepunkte der Psychotherapieforschung als universitärer Wissenschaft betrachtet werden. Diesem immensen und – innerhalb des naturwissenschaftlich-nomologischen Paradigma der Psychologie – zweifelsfrei gerechtfertigten Einfluss muss auch eine Ethik des glücklichen Lebens Rechnung tragen, sodass Grawes Forschungsergebnisse ausführlich besprochen werden (Kap. 21.1-21.3). Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass sich gegen Grawes Ansatz einwenden lässt, die behauptete Allgemeinheit sei keine Integration der vielfältigen Psychotherapien, sondern lediglich eine Allgemeinheit innerhalb eines – als selbstverständlich vorausgesetzten – naturwissenschaftlichen Paradigma psychologischer Therapieforschung. Insofern darf mit Recht gesagt werden, dass Grawes Auswertung der Wirksamkeit einzelner Therapien immer „ganz dem medizinisch-naturwissenschaftlichen Paradigma einer experimentell-quantitativen Methodik verpflichtet“461 bleibt. Als Konsequenz wurden nur jene Studien ausgewertet, „in denen mindestens eine Variable (Therapiemethode, Patienten- oder Therapeutenmerkmale, Therapiesetting) experimentell kontrolliert und ein gruppenstatistischer Vergleich entweder mit einer Kontrollbedingung und/oder mindestens einer weiteren Behandlungsbedingung vorgenommen worden war.“462 En passant sind damit qualitative Studien im Namen (scheinbarer) wissenschaftlicher Neutralität ausgeschlossen,463 was im weiteren Diskurs natürlich mehr und mehr in Vergessenheit geriet, sodass kritisch gefragt werden kann, ob die Diskursteilnehmer mittlerweile nicht „für wahres Sein nehmen, was eine Methode ist“464 (Husserl). Mit der „dogmatischen Festlegung auf quantitative, variablenpsycho logische Methoden“465 vollziehen Grawe et al. jedenfalls genau jene indirekte Modellierung eines Menschenbildes (Jüttemann) die „als impliziter Bezugsrahmen den Möglichkeitsraum zu gewinnender Erkenntnis absteckt“466 – was letzten Endes zu Systemimmanenz führt. 457 Grawe 1995: 132. 458 Vgl. Grawe 2004: 28. 459 Vgl. Grawe 1998, Grawe 2004. 460 Vgl. Grawe et al. 1994, Grawe 1994/Grawe 1995, Grawe 1998, Grawe 2004. 461 Brandt 2010: 33. 462 Grawe et al. 1994: 57. 463 Vgl. Brandt 2010: Fußnote 42. 464 Husserl 1996: 55. 465 Brandt 2010: 33f. 466 Brandt 2010: 34. 105 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE Weiterhin stellt sich der (sich als wissenschaftlich-neutral gebenden) empirischen Psychotherapieforschung das Problem, dass die diversen Therapieschulen in der Regel nicht nur eine eigens elaborierte Therapie, sondern auch deren Ziele sowie damit einhergehende Wirksamkeitsmesskriterien vorlegen. Die Ziele der Psychotherapie lassen sich nämlich auch in ihrer Tiefe unterscheiden.467 Diese Ziele reichen dann von Symptomlinderung über Steigerung der Lebensqualität bis hin zu Selbsterkenntnis und spiritueller Akzeptanz notwendigen Leidens. Damit aber wird gleichsam der kurative Rahmen einer auf bloße Genesung abzielenden Psychotherapie gesprengt. Diese Inkommensurabilität zwischen den einzelnen Psychotherapien ist prinzipiell nicht von einem neutralen Standpunkt her zu entscheiden. In Konsequenz darf Grawes Ansatz im Rahmen der EgL also keinesfalls verabsolutiert werden. Nichtsdestotrotz kommt ihr eine besondere Position zu, in der sie die traditionellen Psychotherapien zwar nicht vollständig ersetzen, wohl aber empirisch korrigieren und zur Weiterentwicklung inspirieren kann. Gleichzeitig muss die einseitige Fokussierung auf Symptomreduktion ergänzt werden durch das grundlegende Therapie- und Ethikziel, Menschen nicht nur leidensfrei, sondern gerade leidensfähig zu machen; dem wird entsprechend ein ganzes Kapitel gewidmet.468 Bleiben die methodologischen Voraussetzungen berücksichtigt, bietet Grawes umfassende Theorie einer allgemeinen und psychologischen Therapie einen exzellenten Ausgangspunkt, um grundlegende Prozesse menschlicher Veränderung psychologisch zu durchdringen und anschließend pragmatisch-ethisch fruchtbar zu machen. Daraus können personale Veränderungskompetenzen zur Reduktion des eigenen Leidens abgeleitet werden, sodass die pragmatische Ethik dem Individuum in seinem Streben nach Glück – negativ verstanden im Sinne der Leidensfreiheit – anratend zur Seite stehen kann.469 Auch weil ich mich bereits an anderer Stelle ausführlich über die einzelnen psychologischen, psychotherapeutischen und auch philosophischen Veränderungs methoden geäußert habe470 und diese Vielfalt im Rahmen dieser Arbeit nicht adäquat darstellbar wäre, beschränkt sich das Kapitel zur pragmatischen Ethik auf Grawes Ansatz, wobei an unzähligen Stellen auch Elemente einzelner Psychotherapien zur Sprache kommen werden. Viktor Frankls Logotherapie wird im Rahmen eines wert-orientierten Umgangs mit dem Unabänderlichen eine gesonderte Erwähnung finden.471 Es soll abschließend nicht unerwähnt bleiben, dass die Ergebnisse der weitgehend kurativen Psychotherapieforschung nicht ohne weiteres auf das generative Anliegen der EgL übertragen werden können. Bedingt durch die Pathologieorientierung akademischer und angewandter Psychologie liegen die Forschungsergebnisse aber vor allem im therapeutischen Bereich vor. Dass die humanistischen und systemischen Psychotherapien – mitunter auch einige tiefenpsychologischen Therapien wie die Transaktionsanalyse – jene kurative Dimension des Therapiegeschehens aber schon immer in Richtung eines generativen Persönlichkeitswachstums überschreiten, darf als Zeichen gedeutet 467 Vgl. Brandt 2010: 62. 468 Kap. 22. 469 Siehe dazu Kap. 22. 470 Vgl. Wahler 2013: Kap. 6-9. 471 Vgl. Kap. 22. 106 FUNDIERUNG: WISSENSCHAFTEN DER EGL werden, dass diese Unterscheidung keine sachliche Entsprechung hat. Die Übertragung von Therapieforschungsergebnissen in den Bereich der generativen Beratung dürfte also auf Zustimmung stoßen. Dafür spricht auch ein Blick in den Coaching-Markt, wo sich z. B. die systemische Therapie und Transaktionsanalyse als generative Coaching-Formen fest etablieren konnten. Ebenso ist in der Neuropsychotherapie Grawes keine methoden-relevante Trennung zwischen pathologischen und physiologischen Hirnzuständen zu erkennen; stattdessen werden allgemeine, d. h. übergreifende Prinzipien neuronaler Entwicklung herausgearbeitet. Es darf also davon ausgegangen werden, dass zur generativen Entfaltung eines glücklichen (guten) Lebens dieselben psychologischen Grundprinzipien herangezogen werden dürfen wie in der Therapie psychischen Leidens. Unabhängig davon sind natürlich psychologische Methoden darzustellen, die sich explizit als generative Methoden verstehen, wie etwa die Salutogenese sowie die Resilienz- und Flow-Forschung.472 Zum Abschluss dieses wissenschaftsphilosophischen Kapitels bietet das folgende Schaubild noch einmal eine Zusammenfassung der drei Ethiksegmente in Hinblick auf ihre Aufgaben sowie die dafür relevanten Wissenschaften. Während sich einige Wissenschaften sauber einem einzigen Segment zuordnen lassen, übergreifen andere Disziplinen zwei Ethikmodalitäten. Aus Gründen der besseren grafischen Darstellbarkeit der Überschneidung von existenziell und pragmatisch relevanten Wissenschaften wurden die Spalten von existenzieller und normativer Ethik in ihrer Reihenfolge vertauscht; damit hat es inhaltlich nichts weiter auf sich. 472 Siehe Kap. 21.4. 107 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE Schaubild 3: Wissenschaften der EgL

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Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.