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23 Die Gefahr einer moralfreien instrumentellen Rationalität in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 345 - 346

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-345

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
345 23 Die Gefahr einer moralfreien instrumentellen Rationalität Einer derart konzipierten pragmatischen Ethik, die zunächst auf die Grenzen des Machbaren reflektiert (Kap. 20) und anschließend ein zweifaches Können darstellt, das neben dem Machen (Kap. 21) auch das Lassen umfasst (Kap. 22), kann sicherlich nicht vorgeworfen werden, eine Ideologie der Machbarkeit zu suggerieren. Im Gegenteil liegt genau darin ein wichtiger Unterscheidungspunkt gegenüber populärwissenschaftlichen Glücksratgebern, die das Glück als Produkt der richtigen Technik versprechen. Das gilt auch gegenüber einseitigen, intradisziplinären Glücksstrategien in den engen Grenzen eines einzigen Forschungsprogramms (z. B. der quantitativ-empirischen, korrelations-statistischen Psychologie). Denn solche einseitigen Glücksethiken laufen nicht nur Gefahr, mit einem Fokus auf das Machen die unverzichtbare Kompetenz des Lassens zu vernachlässigen, sondern auch und mitunter ungewollt, eine moralfreie instrumentelle Rationalität anzuraten, deren einziges Kriterium die (effiziente) Effektivität der eingesetzten Mittel zur Erreichung eines vorgegebenen – vermeintlich nicht kritikbedürftigen – Ziels bildet. Im Gegensatz dazu stellt sich die vertretene pragmatische Ethik nicht als eine bloße Lehre vom Machen des Glücks dar und geht auch nicht in einer glücksökonomischen Vernunft auf, weil sie stets angewiesen bleibt auf die übergreifende Einheit der EgL. Die pragmatische Ethik stellt zwar eine unverzichtbare Komponente der EgL dar, lässt sich aus deren Einheit aber nicht einfach herauslösen und in Gestalt einer eigenständigen Ethik isolieren.1393 Die Ziele der hier vorgelegten pragmatischen Ethik sind daher – und zwar auch dann, wenn es im klassisch-pragmatischen Sinne nur noch um die bestmögliche Realisierung geht – immer schon im Rahmen der normativen Ethik philosophisch normiert worden: es sind echte, sinnhafte, moralisch vertretbare und legitime Ziele, mit denen eine blinde instrumentelle Vernunft keinen Schaden mehr verursachen kann. Das zweifache Können (als Machen und Lassen) mag die pragmatische Ethik komplettieren; die menschliche Existenz aber geht in der ethischen Situation nie im bloßen Können auf – das gute Leben ist kein rein pragmatisches Problem. Eine eigenständige pragmatische Ethik des guten Lebens gibt es nur zum Preis eines fragmentarisierten Menschen.1394 1393 Vgl. Kap. 4.5. 1394 In Anlehnung an Plessner 1981: 76f.: „Wesentlich bleibt die durchgehende Tendenz nach einer Überwindung der fraktionierenden Betrachtungsweise des Menschen in Philosophie, Biologie, Psychologie, Medizin und Soziologie, jener Betrachtungsweise, die zwar nicht immer in der neuzeitlichen Wissenschaft geherrscht hat, aber stets wieder zur Herrschaft gelangte, und für die Descartes das Stichwort gab; die den Menschen spezialistisch vergegenständlichte und über dieser Aufteilung in Seinsgebiete die Lebenseinheit aus den Augen verlor, so daß nur jenes blasse »Subjekt« noch übrig blieb, ein bloßer Draht, an dem die zur Marionette gewordene Existenz ihre toten Bewegungen ausführt.“

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Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.