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20 Die Grenzen des Machbaren in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 247 - 274

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-247

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
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247 20 Die Grenzen des Machbaren „Mir scheint dagegen die wichtigste Frage aller Philosophien zu sein, wie weit die Dinge einen unabänderlichen Charakter haben: um dann, wenn diese Frage beantwortet ist, mit der rücksichtslosesten Tapferkeit auf die Verbesserung der als veränderlich erkannten Seite der Welt los zu gehen.“981 (Nietzsche) Klassischerweise hat es die pragmatische Ethik mit dem instrumentellen Handeln zu tun: ein selbst gesetztes Ziel soll bestmöglich realisiert werden. Mit der faktischen Realisierung des Ziels geht immer auch die Veränderung der Realität einher: Wer endlich Präsident geworden ist oder sich ein Haustier angeschafft hat, der hat damit auch eine Tatsache der Welt verändert. Die pragmatische Ethik reflektiert in diesem Sinne die Wahl der geeigneten Mittel solcher Realitätsmodifikationen und richtet anratende, hypothetische Imperative an das handelnde Subjekt. Doch nicht jedes Ziel ist realisierbar. In der existenziellen Ethik wurde ausführlich dargelegt, dass menschliche Existenz den verschiedensten Objektivitäten unterworfen ist; die meisten davon sind unabänderlich.982 Kein Mensch verfügt über die Naturgesetze; und auch modifizierbare biologische Prozesse lassen sich nicht beliebig aufhalten (Altern, Tod) bzw. verändern (unheilbare Krankheiten, irreversible Verletzungen). Weiterhin verfügt kein Mensch beliebig über den Willen anderer Personen (Verlust, Liebeskummer, Gewalt, Mord, Terrorismus); oft nicht einmal über den eigenen Körper (unwillkürliche Angstreaktionen oder unerwünschte Müdigkeit); manchmal nicht einmal über die eigenen Handlungen (Affekthandlungen, Persönlichkeitsstörungen). All diese Objektivitäten menschlicher Existenz sind aber auch in ein Verhältnis zur Subjektivität – im Sinne einer freien Veränderungsfähigkeit faktischer Wirklichkeiten – gesetzt worden. Dabei wurde herausgestellt, dass sich menschliche Existenz immer in einem Spannungsverhältnis zwischen Notwendigkeit und Freiheit, zwischen Objektivität und Subjektivität, zwischen Natur und Kultur vollzieht.983 Menschen scheinen sich geradezu durch dieses Spannungsverhältnis auszuzeichnen und von anderen Wesen – einfache Tiere auf der einen, Gott auf der anderen Seite – zu unterscheiden; also durch einen freien Umgang mit Zwängen, durch eine Selbstbestimmung auf der Grundlage einer Fremdbestimmung, durch eine Veränderung der Welt inmitten einer weitestgehend unabänderlichen Welt. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Machen-können und Nicht-machen-Können muss die pragmatische Ethik konzeptionell in sich aufnehmen. Ihre erste Aufgabe besteht entsprechend in der Auslotung des grundsätzlich Machbaren – es gilt zu umreißen, was überhaupt verändert werden kann. Die EgL geht damit über ein zu eng geführtes Verständnis der pragmatischen Ethik als bloß instrumenteller Rationalität hinaus. Pragmatische Ethik muss mehr sein als eine Lehre von der Effektivität (und Ef- 981 Nietzsche 1988d: 230. 982 Vgl. Kap. 8. 983 Vgl. Kap. 9. 248 DIE GRENZEN DES MACHBAREN fizienz) der geeigneten Mittel zur Erreichung selbst gesetzter Ziele. Eine solche Lehre bedarf nämlich einer vorhergehenden Eingrenzung dessen, was überhaupt erreicht werden kann – zu dem es also überhaupt ein mögliches geeignetes Mittel geben kann. Das wiederum wirft aber auch die Frage auf, wie sich mit dem Unabänderlichen dem bestmöglich leben lässt. Für die EgL ist dies ebenfalls eine pragmatische Frage. Eine so verstandene pragmatische Ethik geht offensichtlich über eine reine Lehre instrumentellen Handelns hinaus. Friedrich Nietzsche – so viel geht aus dem einleitenden Zitat hervor – hält diese Frage für „die wichtigste Frage aller Philosophien“984 und sieht das Ziel in der Verbesserung des Veränderlichen. Es ist freilich nicht nur Nietzsche, der diese grundlegende Differenz zwischen Veränderbarem und Unabänderlichem als die zentrale Ausgangsfrage menschlichen Forschens ausweist. Ähnlich äußern sich auch zahlreiche andere Quellen; große Bekanntheit dürfte bspw. das „Gelassenheitsgebet“ genießen: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“985 Um das eine vom anderen zu unterscheiden, hat die pragmatische Ethik die Grenze des Machbaren zu verorten. Freilich kann diese Grenze sich über die Zeit verändern – sei es durch philosophisch-theoretische oder technologisch-praktische Fortschritte. In der Vergangenheit hat sich diese Grenze auch tatsächlich beständig verschoben; mitunter sind sogar große Sprünge zu verzeichnen. Die Bewegungseinschränkung durch die Schwerkraft wurde zunehmend abgebaut: vom ersten Flugzeug über den ersten Besuch im All bis hin zur ersten bemannten Landung auf dem Mond – und vielleicht bald auch auf dem Mars. Ebenfalls hat sich auch die allgemeine Lebenserwartung und Überlebens chance bei verschiedenen Krankheiten im Durchschnitt immer weiter erhöht. Entgegen aller Hoffnungen hat sich aber durch den technologischen, ökonomischen, sozial-politischen und wissenschaftlichen Fortschritt die allgemeine Lebensqualität der Menschen nicht nennenswert verbessert.986 Grenzen, so scheint es, wird es immer geben – oder zumindest werden Menschen sie immer irgendwo finden. Entsprechend prägen Grenzerfahrungen die menschliche Existenz. In der Regel werden Grenzen dort erfahren, wo man unbedingt über sie hinauswill – und die klaffende Lücke zwischen Ist- und Soll-Zustand geht mit subjektiven Leiden einher. Wie bereits gesehen, lässt sich dieses Leiden an den Grenzen des Machbaren mit Hans-Georg Gadamer als existenzielle Erfahrung der eigenen Ohnmacht gegenüber einer Objektivität deuten: 984 Nietzsche 1988d: 230. 985 Der Autor ist ungeklärt und bleibt Gegenstand verschiedenster Vermutungen mit mehr oder weniger stützenden Indizien. Vieles deutet aber darauf hin, dass der Wortlaut vergleichsweise jungen Ursprungs ist und aus dem 20. Jahrhundert stammt. 986 Vgl. Kap. 12.1. 249 LEBENSKOMPETENZEN: VERÄNDERUNG UND BEWÄLTIGUNG „Was der Mensch durch Leiden lernen soll, ist nicht dieses oder jenes, sondern ist die Einsicht in die Grenzen des Menschseins, die Einsicht in die Unaufhebbarkeit der Grenze zum Göttlichen hin. […] Die eigentliche Erfahrung ist diejenige, in der sich der Mensch seiner Endlichkeit bewußt wird. An ihr findet das Machenkönnen und das Selbstbewußtsein seiner planenden Vernunft seine Grenze.“987 Grenzerfahrungen bieten aber nicht nur die Chance zur Selbsterkenntnis, sondern auch die Möglichkeit einer praktischen Umsetzung in Gestalt eines Sich-verhaltens zu diesen Grenzen. Menschliche Existenz erschöpft sich nicht im passiven Leiden an Objektivitäten. Als reflexive Wesen können wir uns zu dieser Ohnmacht nochmals verhalten – wir müssen es sogar, wie Kierkegaard am Selbst herausarbeitet.988 Die pragmatische Ethik hat es also mit einem zweifachen Können zu tun: Ein Ver- ändern-können und ein Sich-verhalten-können zu Unabänderlichem. Das Sich-Verhalten zu Unabänderlichem sprengt den Rahmen einer instrumentellen Rationalität. Die pragmatische Ethik kann also nicht bloß ein Katalog von Mittel-Zweck-Zusammenhängen bleiben, denn wir müssen uns nicht nur im Sinne eines tätigen Machens verhalten, sondern auch im Sinne eines Umgangs mit dem Unabänderlichen, dem Widerständigen, der harten Realität. Wenn diese zweite Form des Sich-verhaltens aber unumgänglich ist, dann stellt sich die Frage, ob es denn auch gelingende bzw. misslingende Formen solchen Sich-verhaltens gibt. Das oben zitierte Gebet findet bspw. in der Gelassenheit einen möglichen und gelingenden Umgang mit dem Unabänderlichen. 20.1 Lebenskompetenzen: Veränderung und Bewältigung Das zweifache Können der pragmatischen Ethik entfaltet sich also einerseits als ein Machen – also als ein aktives Tun bzw. Verändern –; und andererseits als ein Lassen – d. h. als ein eher passives Erleben, als ein Hinnehmen oder Gelten-lassen von Unabänderlichem. Beiden Formen des Könnens lassen sich praktische Fähigkeiten bzw. Kompetenzen zuordnen, die damit auch gleichsam das lebenspraktische Ziel der pragmatischen Ethik definieren. Dem Können als Machen entsprechen dabei die Veränderungskompetenzen, d. h. die Fähigkeiten zur Veränderung von Tatsachen, der Welt und des eigenen (objektiven) Selbst, letztlich also subjektive Fähigkeiten zur Veränderung von Objektivitäten. Probleme der Lebensführung werden in diesem Sinne auf direkte Weise gelöst; daher kann auch von Problemlösungskompetenzen die Rede sein. Dem Können als Lassen entsprechen die Bewältigungskompetenzen. Der Terminus „Bewältigung“ ist hier als Übersetzung des englischen „Coping“ zu verstehen, soll sich dabei aber nicht auf jede mögliche Art des Umgangs mit Problemen beziehen – mitunter wird der Begriff des Copings in dieser weiten Bedeutung verstanden989 –, sondern im Sinne einer Bewältigung unabänderlicher Umstände (z. B. einer unheilbar-chroni- 987 Gadamer 1990: 362f. [Kursivier. H.W.]. Bereits zitiert in Kap. 8.3.2. 988 Vgl. Kap. 8.4. 989 Vgl. Wirtz 2014: 356. 250 DIE GRENZEN DES MACHBAREN schen Krankheit). Ziel des Copings ist nämlich nicht „die Lösung oder Auflösung von Problemen […], sondern ihre Bewältigung.“990 Diese Bewältigung zielt nicht auf die Veränderung eines Problems auf primärer Ebene ab; es geht nicht darum, Tatsachen zu verändern (z. B. indem eine chronische Krankheit medizinisch geheilt wird). Meistens wird Coping gerade dann erforderlich, wenn sich die Tatsächlichkeit des Problems eben nicht mehr verändern lässt – und man also mit dem Unabänderlichen konfrontiert wird. Im Coping geht es dann vielmehr um die Entwicklung der Fähigkeit, mit den eigenen Problemen leben zu können. Insofern kann das Coping nicht als aktives Tun verstanden werden; wohl aber als eine Kompetenz, eine Fähigkeit, ein (eher passivisches) Können: „auch das Erleiden muss man können, oder: man muss sich etwas wi derfahren lassen können.“991 Bewältigungskompetenzen beziehen sich also nicht auf ein direktes Problemlösen, sondern auf die Entwicklung einer Haltung oder Einstellung gegenüber einem Problem – also letztlich auf die Veränderung des subjektiven Umgangs mit unabänderlichen Objektivitäten. Veränderungskompetenzen zielen hingegen auf die direkte Veränderung von Tatsachen ab. Entsprechend geht es hier um die Verwirklichung von Zielen, sofern sich in Zielen gewünschte, noch nicht reale Tatsachen (Emotionen, Empfindungen, Stimmungen) ausdrücken, die realisiert werden sollen. Demgegenüber kommen die Bewältigungskompetenzen meist dort ins Spiel, wo solche Realisierungen fehlschlagen oder prinzipiell unmöglich sind. Dann geht es vielmehr um die Verwirklichung von Werten. Es bleibt z. B. auch einem unheilbar Kranken i.d.R. möglich, aus Solidarität (Gerechtigkeit, Wohlwollen, etc.) ein soziales Projekt zu fördern (in welcher Form auch immer); und selbst wenn seine finanziellen, gesundheitlichen oder motorischen Ressourcen stark begrenzt sind, so kann er zumindest sein Handeln im kleinsten Rahmen – z. B. im Umgang mit dem Klinikpersonal – am Wert der Solidarität (Gerechtigkeit, Wohlwollen, etc.) ausrichten. In diesem Fall handelt er wert-orientiert; das Können als Machen hingegen ist ziel-orientiert. Ziel-orientiertes Handeln ist nicht immer möglich bzw. erfolgreich und zeichnet sich durch hohe Heteronomie (z. B. durch die Gesetze der Physik oder Biologie) aus. Wert-orientiertes Handeln hingegen ist immer dort möglich, wo überhaupt die Fähigkeit und Möglichkeit zu selbstbestimmten Denken und Handeln besteht – also fast immer, mit Ausnahme einiger biopsychologischer Störungen (z. B. Persönlichkeitsstörungen oder neurologisch-degenerative Erkrankungen). Insofern unterliegt wert-orientiertes Handeln der höchstmöglichen Autonomie, die in der empirischen Welt überhaupt zu finden ist. Das praktische Ziel der pragmatischen Ethik liegt in der Beförderung dieser Veränderungs- und Bewältigungskompetenzen, die zusammenfassend auch als „Lebenskompetenzen“ bezeichnet werden können. 990 Böhme 2003: 249, der hier übrigens auf Abraham Maslow aufbaut. 991 Böhme 2003: 245. 251 DIE IDEOLOGIE DER MACHBARKEIT Schaubild 10: Lebenskompetenzen: Veränderung und Bewältigung Veränderungskompetenzen Bewältigungskompetenzen Ziel Tatsachen verändern Haltung einnehmen Modus Machen Lassen & Handeln Handeln ziel-orientiert wert-orientiert Verwirklichungsobjekt Ziele Werte Seinsbereich Realität (empirische Tatsachen) Idealität (Bedeutungen & Werte) Beeinflussbarkeit gering (eher heteronom) hoch (eher autonom) Die Beförderung solcher Lebenskompetenzen scheint aber keineswegs eine exklusive Aufgabe der pragmatischen Ethik zu sein. In Bezug auf das gute Leben ist hier besonders die Ratgeberliteratur zu nennen, die das Können des einzelnen Menschen fördern will. In der Regel ist mit diesem Können aber gerade nur das Machen und nicht das Lassen gemeint, auch wenn man hier fairerweise einige buddhistisch-orientierte Selbsthilfe bücher ausnehmen muss. Die Tendenz, das Machen gegen das Lassen auszuspielen, wird durch Wissenschaft und Technologie nicht selten verstärkt. Lebensverlängerung, Designer-Babys, Zeit-Raum-Verkürzung, sogar das eigene Glück – alles scheint irgendwie machbar. Gegen diesen hypertrophierten Glauben an eine (Psycho-)Technik des guten Lebens muss eingewandt werden, dass das gute Leben grundsätzlich nicht beliebig machbar ist. Einer derart irregeleiteten Ideologie der Machbarkeit sind entsprechend die verschiedenen biologischen, sozialen, kulturellen, geschichtlichen, zeitlichen, psychologischen und sprachlichen Bedingtheiten menschlicher Existenz entgegenzuhalten.992 20.2 Die Ideologie der Machbarkeit Wir sind unseres eigenen Glückes Schmied; wer da noch unglücklich ist, hat selbst Schuld. Nicht nur in der gegenwärtigen Ratgeberliteratur wird eine solche Ideologie der Machbarkeit vermittelt; auch Teile der (populärwissenschaftlichen) Positiven Psychologie scheinen die Möglichkeit einer Glückskontrolle zu suggerieren.993 Der Philosoph Wilhelm Schmid sieht sich vor diesem Hintergrund genötigt, eine „Ermutigung“ zum „Unglücklich sein“ zu schreiben; der Psychotherapeut Arnold Retzer verteidigt das Recht auf „Miese Stimmung“ in seiner „Streitschrift gegen positives Denken.“994 992 Vgl. Kap. 8. 993 Vgl. Kap. 5.6.5. 994 Schmid 2012 (Titel: „Unglücklich sein. Eine Ermutigung“), Retzer 2012 (Titel: „Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen positives Denken“). 252 DIE GRENZEN DES MACHBAREN Der Glaube an eine technologische (medizinische, psychologische, pharmakologische) Kontrolle des Glücks und der miesen Stimmung dürfte nichtsdestotrotz wesentlich besser zum Zeitgeist passen; vielleicht hat eine Ideologie der Machbarkeit – zumindest im Bereich der Psycho-Technologie – auch deswegen zurzeit Hochkonjunktur. Dagmar Fenner sieht eine solche Denkweise vor allem in der Naturbeherrschung der modernen Kultur verankert; konkreter in der „instrumentell-technische[n] Denkweise des »homo faber« oder »homo oeconomicus«“995. Seit der frühen Neuzeit sehe das Glückssubjekt durch den Aufschwung von Naturwissenschaft und Technik den Siegeszug instrumenteller Vernunft und werde „immer stärker von einem euphorischen Machbarkeits- und Fortschrittsoptimismus ergriffen. […] auch das Glück scheint ihm zu Füßen zu liegen.“996 Demgegenüber muss eine EgL die Grenzen des Machbaren herausarbeiten – oder, um einen Filmtitel unserer Tage zu bemühen, „The Limits of Control“997 abstecken. Als erfahrungsoffenes, affizierbares Wesen kann sich der Mensch Schicksalsschlägen nicht entziehen: Naturkatastrophen, Nuklearkrieg, Armut, Krankheit, Tod des Lebenspartners – die Liste ließe sich beliebig erweitern. Der Verweis entsprechender Ratgeber, man könne zwar solche Gegebenheiten nicht ändern, aber sie so bewerten, dass sie einem nicht allzu sehr zusetzen, ist zwar gut gemeint, greift aber zu kurz. Sicherlich kann man eine Krankheit als Chance zur Neuorientierung nutzen – aber da sind eben auch noch sinnlose Krankheiten. Da ist der Lungenkrebs, der den militanten Nichtraucher heimsucht; da ist die Depression des Positiv-Denkenden, die weitgehend aus seiner vererbten genetischen Disposition hervorgeht; und es bleibt die wissenschaftliche Erkenntnis, dass auch Bewertungsprozesse nicht vollständig von Naturgegebenheiten (insbesondere des eigenen Gehirns) abkoppelbar sind. Mögen Buddhisten sich weitgehend gegen diese Schicksalsschläge durch Nicht-Anhaftung isolieren, so erliegen auch sie letztlich Gehirn- und Geisteskrankheiten, die eben genau diese Fähigkeit zunichtemachen, die sie sich über Jahrzehnte in der Meditation angeeignet haben. Das Leben hat, wie Otfried Höffe analysiert, stets einen „Wagnischarakter“998. Sicherlich vermag uns die Entwicklung von Tugenden auf dem Weg zu einem glücklichen Leben zu unterstützen, aber sie kann das Glück nicht erzwingen: „Weder ist die Tugend das Glück, noch bringt die Tugend das Glück hervor.“999 Das liegt nicht nur an der Unverfügbarkeit der Welt, des Selbst und des Anderen – Dinge, die wir zwar beeinflussen, aber nicht kontrollieren können –, sondern auch am eigentümlichen Charakter des Glücks selbst, das kein Ziel unter anderen Zielen, sondern stets eine Nebenfolge bleibt. Als Nebenfolge ist es aber gar nicht auf dieselbe Weise 995 Fenner 2003: 588. 996 Fenner 2003: 588f. 997 Film von Jim Jarmusch (2009). Der Filmtitel geht auf einen gleichnamigen Essay des Schriftstellers William S. Burroughs (1978) zurück. Weder Film noch Essay haben einen inhaltlichen Bezug zum hier verfolgten Gedanken; nichtsdestotrotz scheint mir der Titel – wird er denn bewusst aus dem Zusammenhang gerissen – äußerst prägnant zu beschreiben, worum es der EgL letztlich gehen muss. 998 Höffe 2007: 354. 999 Höffe 2007: 354. 253 DIE OPERATIONALISIERBARKEIT DES GLÜCKS herstellbar wie ein Produkt des Schmieds: „Es gibt […] keine Techniken zur Erzeugung von Glück“1000 – ein Glücksrezept ist eine Illusion.1001 20.3 Die Machbarkeit des Glücks Aus diesen limitierenden Faktoren wiederum darf aber nicht vorschnell geschlossen werden, wir könnten unser Glück überhaupt nicht beeinflussen und müssten uns lediglich passiv verhalten. Zunächst einmal können wir nämlich diese Unverfügbarkeit des Glücks – also sein unkontrollierbares Kommen und Gehen – auch bewusst kultivieren und genießen.1002 Gefallen zu finden an Wirklichkeiten, denen wir uns ohnehin nicht entziehen können, ist eine durchaus probate und interessante Reframing-Strategie (d. h. eine Umdeutung oder Neuinterpretation unabänderlicher Wirklichkeiten; ein Perspektivenwechsel). Weiterhin können wir uns auf die reflexive Ebene zurückziehen und eine gelassene Haltung gegenüber dieser Unverfügbarkeit entwickeln. So liest man bei Epiktet: „Du kannst unüberwindlich sein, wenn du dich auf keinen Kampf einlässt, in dem es nicht in deiner Macht steht, obzusiegen.“1003 Diese Unterscheidung zwischen dem, was wir in der Hand haben und dem, was wir nicht kontrollieren können, durchzieht das ganze Werk des Stoikers und steht paradigmatisch für die stoische Haltung: „Verlange nicht, dass die Dinge gehen, wie du es wünschest, sondern wünsche sie so, wie sie gehen, und dein Leben wird ruhig dahin fließen.“1004 Entsprechend nennt Seneca denjenigen glücklich, der „mit dem Gegenwärtigen, wie es auch immer sei, zufrieden und mit seinen Verhältnissen befreundet ist“1005. Aber ist das Glück auch jenseits dieser reflexiven Ebene beeinflussbar? Wenn die Kontrolle über das Glück illusionär ist, kann man wenigstens etwas Gutes (oder auch etwas Schlechtes) für sein Glück tun? Einen Beitrag leisten, das Glück unterstützen, gute Bedingungen schaffen? Diese Fragen sind Gegenstand der aktuellen Glücksforschung und weitgehend empirisch zu beantworten. Entsprechende Erkenntnisse der empirischen Glücksforschung haben aber problematische wissenschaftstheoretische Voraussetzun gen, die zunächst aufgehellt werden müssen. Das Glück erweist sich nämlich als ein schwieriger Untersuchungsgegenstand für die empirische Forschung. 20.4 Die Operationalisierbarkeit des Glücks Während das Glück über viele Jahrhunderte ein genuin philosophisches (mitunter auch theologisches oder poetisches) Thema war, widmen sich in den letzten Jahrzehnten vermehrt auch empirisch-quantitative und empirisch-qualitative Untersuchungen dem 1000 Bien 2011: 212. 1001 Vgl. Bien 2011: 212. 1002 Vgl. Thomä 2003: 269. 1003 Epiktet 2007: 19. 1004 Epiktet 2007: 15. 1005 Seneca 2007: 50. 254 DIE GRENZEN DES MACHBAREN Glück (insbesondere in Psychologie und Soziologie). Die Entwicklung festigt die Erkenntnis, dass es sich beim Glück grundsätzlich um ein disziplin-übergreifendes, multi-dimensionales Thema handelt, das weder rein empirisch noch rein philosophisch in seiner Gänze zu erfassen ist.1006 Das wiederum entspricht dem integrativ-transdisziplinären Ansatz der EgL.1007 Wie ausführlich erörtert, sieht sich eine Operationalisierung des Glücks aufgrund der Mannigfaltigkeit subjektiver Glücksvorstellungen mit enormen Problemen konfrontiert.1008 Ein operationalisierter Glücksbegriff muss objektiv für alle Befragten, messbar und vergleichbar sein. Damit soll sichergestellt werden, dass alle über dasselbe reden. Das scheint aber unmöglich, ohne den Begriff bereits im Vorhinein der Untersuchung implizit normativ auszulegen – z. B. indem formal präjudiziert wird, das Glück sei zählbar, graduell, ohne weiteres erkennbar, episodisch, kognitiv usf. Breite Anerkennung findet das Vorgehen, Glück in quantitativen Studien durch das Konstrukt des subjektiven Wohlbefindens (SWB) zu operationalisieren.1009 Nichtsdestotrotz werden Nutzen und Aussagekraft quantitativer Glücksstudien weiterhin kontrovers diskutiert. Einzelne Autoren halten das Projekt als Ganzes für sinnfrei; andere hingegen sehen keine grundsätzlichen Einwände und streben stattdessen nach konkreten Lösungen für konkrete Probleme. Wie bereits ausführlicher beschrieben, müssen die Aussagen der empirischen Glücksforschung streng genommen sauber in ihre voraussetzungsreflektierte Form rückübersetzt werden.1010 Ergebnisse wie (1) Einwohner von Land A sind glücklicher als Einwohner von Land B. bedeuten streng genommen eigentlich: (1‘) Die befragten Einwohner von Land A gaben in einem spezifischen Befragungssetting im Durchschnitt (signifikant) höhere Zahlen bei der quantifizierenden Selbsteinschätzung ihres Glücks an als die befragten Einwohner von Land B. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass aus Gründen der Kürze und Textverständlichkeit auf diese ausführliche Form im Folgenden verzichtet wird. Nichtsdestotrotz sind diese immer dort mitzudenken, wo eine Schlussfolgerung aus den Forschungsergebnissen gezogen oder etwas über deren Aussagekraft gesagt werden soll.1011 1006 Vgl. exemplarisch die einschlägige Studie von Dagmar Fenner 2003. 1007 Vgl. Kap. 5.1. 1008 Vgl. Kap. 5.6.5. 1009 Vgl. Kap. 5.6.5. 1010 Vgl. Kap. 5.6.5. 1011 Vgl. Kap. 5.6.5. 255 DIE ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN GLÜCKSFORSCHUNG 20.5 Die Ergebnisse der empirischen Glücksforschung Auf dieser Grundlage lassen sich nun die wichtigsten Ergebnisse der empirischen Glücksforschung darlegen; Anton Bucher hat dazu eine umfassende und einschlägige Monographie vorgelegt.1012 Anschließend können daraus methodologisch reflektierte Konsequenzen für eine EgL gezogen werden. Eine der grundlegendsten Erkenntnisse der empirischen Glücksforschung besteht darin, dass sich trotz rapider Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen das Glücksniveau der Individuen und des Kollektivs nicht wesentlich verändert hat.1013 Eine Steigerung der materiellen Güter geht offenbar nicht unmittelbar mit einer Erhöhung des Glücksniveaus einher. Sobald die biologischen Grundbedürfnisse eines Menschen durch seinen Wohlstand gedeckt sind, führt auch eine Einkommenserhöhung nicht mehr zu einer Erhöhung des Glücksniveaus. Ganz im Gegenteil scheinen heute zehnmal mehr Menschen unter Depressionen zu leiden als noch vor 50 Jahren, wobei solche Ergebnisse natürlich durch verschiedene Bedingungen verzerrt sein könnten (höhere Bereitschaft zur Therapiesuche seitens der Patienten, höhere Diagnoseanreize seitens der Ärzte, erhöhte thematische Sensibilisierung auf beiden Seiten etc.). Der materielle Fortschritt scheint also auch eine Schattenseite zu haben: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Ahmische, ohne Elektrizität, Fernseher und Kreditkarte lebend, depressiv werden, ist fünfmal geringer als in der amerikanischen Durchschnittsbevölkerung“1014. Auch wenn materieller Wohlstand nur eine untergeordnete Rolle spielt, so lassen sich doch auch deutlich glücksfördernde Faktoren identifizieren, die Bucher in vier Kategorien aufteilt:1015 (i) Biologische, genetische und persönlichkeitspsychologische Faktoren (ii) Soziodemografische Faktoren (iii) Soziale Nahbeziehungen und Tätigkeit (iv) Religiosität und Spiritualität Biologisch-genetische und persönlichkeitspsychologische Faktoren Genetische Faktoren legen das Glücksniveau zu etwa 50 % fest – dieser Konsens scheint die Glücksforschung zu einen und geht auf verschiedene Studien mit eineiigen Zwillingen zurück.1016 Es lässt sich entsprechend mit 50 %-iger Genauigkeit auf der Basis des Glücksniveaus einer Person das Glücksniveau seines eineiigen Zwillingsbruders voraussagen, selbst wenn diese vollständig getrennt voneinander aufgewachsen sind, d. h. die Übereinstimmung im Glücksniveau nicht durch Sozialisation, Erziehung oder Milieu erklärt werden kann.1017 1012 Bucher 2011. 1013 Vgl. Bucher 2011: XIV. 1014 Bucher 2011: XIV. 1015 Vgl. Bucher 2011: Kap. 3-6. 1016 Vgl. Bucher 2011: 50. 1017 Vgl. Bucher 2011: 50. 256 DIE GRENZEN DES MACHBAREN Das eigene Glück ist weiterhin von persönlichkeitspsychologischen Faktoren abhängig. Persönlichkeitseigenschaften sind teilweise genetisch festgelegt und über die Lebensentwicklung der Person hinweg vergleichsweise stabil, d. h. sie ändern sich i.d.R. nicht durch den Wechsel von Lebensumständen oder dem Eintritt in neue Lebensphasen. In der Antike wurden Persönlichkeitstypen anhand der Säftelehre unterteilt in Choleriker (schweres Blut), Phlegmatiker (zähflüssiges Blut), Sanguiniker (leichtes Blut) und Melancholiker (schwarze Galle). In der zeitgenössischen Psychologie haben sich die sogenannten „Big Five“ der Persönlichkeitsmerkmale etabliert: Verträglichkeit, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für neue Erfahrungen.1018 Extraversion, d. h. die stabile Persönlichkeitseigenschaft (bzw. Verhaltensdisposition), von sich aus soziale Situationen aufzusuchen, sich zu öffnen und liebenswürdig zu sein, erwies sich in empirischen Studien als glücksförderlich (auch wenn später relativierend eingeräumt werden musste, dass Introversion Glück nicht ausschließt, sondern lediglich weniger stark mit ihm korreliert). Neurotizismus, d. h. der Hang zur Nervosität, Ängstlichkeit, zum Gehemmtsein und Misstrauen, ist dem Glück hingegen abträglich.1019 Einige Studien hingegen legen nahe, dass mit dem Konstrukt der emotionalen Intelligenz – also der Fähigkeit, authentisch und selbstregulierend mit seinen Emotionen umzugehen – noch präzisere Glücksprognosen möglich sind als mit den Big Five.1020 Im Gegensatz zur emotionalen Intelligenz steigt das persönliche Glücksniveau jedoch nicht mit zunehmender kognitiver Intelligenz an.1021 Soziodemografische Faktoren Insgesamt spielen soziodemografische Faktoren eine untergeordnete Rolle für das persönliche Glück. In psychologischen Studien konnten die Variablen Geschlecht, Alter, Wohnumgebung, Nationalität, Bildung und Einkommen lediglich acht Prozent der Varianz erklären.1022 Aus wissenschaftlicher Sicht ist also nicht nur das Vorurteil auszuräumen, im sonnigen Kalifornien lebe man glücklicher als in Ohio, sondern auch die Annahme, auf dem Land lebe es sich glücklicher als in der Stadt.1023 Einzig Lärm und Luftverschmutzung scheinen sich glückshemmend auszuwirken.1024 Das Klima darf nicht vollkommen vernachlässigt werden, denn Menschen sind im Durchschnitt glücklicher, wenn im kältesten Monat die Durchschnittstemperatur noch vergleichsweise hoch ist (Venezuela vs. Russland).1025 Untersuchungen zum Glück in verschiedenen Ländern sind aber mit Vorsicht zu genießen, weil sich die Messinstrumentelle nicht einfach in eine andere Kultur übersetzen lassen und diverse semantische und sozial-normative Faktoren die Ergebnisse verzerren. Solchen Studien zufolge erweisen sich vor allem die Einwohner europäischer Länder als vergleichsweise glücklich; die Einwohner der ärmsten und durch Kriege gebeutelten Länder Afrikas sind hingegen 1018 Vgl. Bucher 2011: 51. 1019 Vgl. Bucher 2011: 52f. 1020 Vgl. Bucher 2011: 54. 1021 Vgl. Bucher 2011: 54. 1022 Vgl. Bucher 2011: XVIII. 1023 Vgl. Bucher 2011: 78. 1024 Vgl. Bucher 2011: 79. 1025 Vgl. Bucher 2011: 80. 257 DIE ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN GLÜCKSFORSCHUNG genauso unglücklich wie die Einwohner einiger ehemaliger UdSSR-Staaten.1026 Obwohl Industrieländer insgesamt glücklichere Einwohner als Schwellen- und Entwicklungsländer haben, lassen sich die statistischen Unterschiede nicht hinreichend durch den Unterschied an materiellem Wohlstand erklären. So sind denn auch Kolumbianer und Mexikaner glücklicher als die wesentlich wohlhabenderen Japaner, Franzosen und Italiener.1027 In einem gewissen Sinn kann der Fokus auf Wohlstand sogar glückshemmend wirken: wer in erster Linie materialistische Lebensziele verfolgt, ist weniger glücklich1028 – oder anders: „Je wichtiger das Geldverdienen, desto geringer die Lebenszufriedenheit.“1029 Auch ein überraschender Lottogewinn macht nicht nachhaltig glücklicher – im Gegenzug wird das Glück aber auch durch einen schweren Unfall und anschließendem Rollstuhlzwang langfristig nicht unterminiert.1030 Menschen scheinen sich ganz allgemein veränderten objektiven Glücksbedingungen schnell anzupassen und kehren nach kurzer Zeit auf ihr ursprüngliches Glücksniveau zurück – das zumindest behauptet die sogenannte Adaptionstheorie des Glücks.1031 Unter den soziodemografischen Faktoren spielt die politische Freiheit für das persönliche Glück eine zentrale Rolle, auch wenn es hier Ausnahmen gibt (Chinesen sind fast doppelt so glücklich wie Russen und stehen in dieser Hinsicht Österreichern oder Deutschen in nichts nach).1032 Der äußere Wert der Attraktivität bzw. Schönheit korreliert indes nicht mit dem persönlichen Glück.1033 Soziale Nahbeziehungen und Tätigkeit Im Gegensatz zu soziodemografischen Faktoren hängt das persönliche Glück in hohem Maß von sozialen Nahbeziehungen und einer erfüllenden Tätigkeit ab.1034 Über alle Studien und Kontinente hinweg sind bspw. Verheiratete und in festen Beziehungen lebende Paare durchschnittlich glücklicher als Singles.1035 Die Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität ist dabei entscheidend für das Eheglück.1036 Eine Trennung bzw. Scheidung reduziert das Lebensglück längerfristig und scheint sogar größeren Stress zu bewirken als eine Inhaftierung.1037 Das gilt insbesondere für den Verlust des Partners durch Tod. Im Durchschnitt bedarf es (je nach Intensität des Verlustes) etwa acht Jahre, bis das ursprüngliche Glücksniveau wieder erreicht wird.1038 Über den Glücksfaktor Kinder liegen widersprüchliche Ergebnisse vor: Viele Studien legen einen 1026 Vgl. Bucher 2011: 82. 1027 Vgl. Bucher 2011: 82. 1028 Vgl. Bucher 2011: 88. 1029 Bucher 2011: 89. 1030 Vgl. Bucher 2011: 85. 1031 Vgl. Bucher 2011: XIX. Vgl. weiterhin Kap. 20.6. 1032 Vgl. Bucher 2011: 83. 1033 Vgl. Bucher 2011: 91. 1034 Vgl. Bucher 2011: XVIII. 1035 Vgl. Bucher 2011: 94, XVI. Dabei ist allerdings unklar, ob in einer Partnerschaft lebende Menschen nicht bereits vorher glücklicher waren und – z. B. durch ihre damit verbundene Kontaktfreudigkeit – besonders aktiv und effektiv nach Partnern gesucht haben. 1036 Vgl. Bucher 2011: 96. 1037 Vgl. Bucher 2011: 98. 1038 Vgl. Bucher 2011: 99. 258 DIE GRENZEN DES MACHBAREN glücksmindernden Effekt eigener Kinder nahe, andere hingegen stellen einen leichten Glücksanstieg der Eltern fest.1039 Eng verbunden mit dem Glück sind jedenfalls die nahen Freundschaften, wobei die Quantität der Freunde weniger Einfluss hat als die Qualität der einzelnen Beziehungen.1040 Insbesondere die mit Freunden gemeinsam verbrachte Zeit sowie die damit verbundenen gemeinsamen Erfahrungen wirken sich glückfördernd aus.1041 Weiterhin spielen die Freizeit- und Arbeitsaktivitäten eine wichtige Rolle für das persönliche Glück.1042 Obwohl das Glücksempfinden bei verschiedenen Freizeitaktivitäten natürlich von individuellen Präferenzen abhängig ist, zeigt sich statistisch, dass sich Menschen durchschnittlich beim Tanzen, ehrenamtlichen Engagement oder Musizieren glücklicher fühlen als beim Politisieren oder exzessiven Fernsehen.1043 Sport als Freizeitaktivität wirkt sich darüber hinaus ganz direkt auf das persönliche Wohlbefinden aus und eignet sich zur Prävention und Linderung depressiver Verstimmungen.1044 Die Arbeitszufriedenheit (als psychologisches Konstrukt) korreliert stark mit dem persönlichen Glück und hängt wiederum vor allem vom Arbeitsklima, weniger aber vom Gehalt ab.1045 Arbeitslosigkeit wirkt sich negativ auf das persönliche Glück aus und belastet ähnlich stark wie eine Scheidung.1046 Religiosität und Spiritualität Der Einfluss von Spiritualität und intrinsischer (nicht-institutionalisierter) Religiosität auf das persönliche Glück darf nicht unterschätzt werden. Studien legen nahe, dass Spiritualität die Lebenserwartung verlängert, das Risiko für Zivilisationskrankheiten und Suizid reduziert, Depressionen und Stress lindert sowie das Wohlbefinden und persönliche Coping fördert.1047 Während sich aus der formalen Religionszugehörigkeit einer Person keine Glücksprognosen ableiten lassen, ist dies bei religiösen und spirituellen Praktiken durchaus möglich:1048 altruistisches und caritatives Handeln beglückt ebenso wie Vergeben, Verzeihen und Dankbarkeit.1049 Die glücksfördernden Effekte der Meditation sind schon lange kein Geheimnis mehr.1050 Mit Spiritualität kann mitunter auch der Sinn gemeint sein, den ein Mensch seinem Leben zuschreibt; und hier zeigt sich: Wer sein Leben als bedeutsam und sinnvoll empfindet, ist glücklicher.1051 Auch in der 1039 Vgl. Bucher 2011: 99f. 1040 Vgl. Bucher 2011: 101. 1041 Bucher 2011: 102. 1042 Vgl. Bucher 2011: 103. 1043 Vgl. Bucher 2011: 103, 105f. 1044 Vgl. Bucher 2011: 104. 1045 Vgl. Bucher 2011: 108f. 1046 Vgl. Bucher 2011: 118. 1047 Vgl. Bucher 2007: 13, 121. 1048 Vgl. Bucher 2011: 127. 1049 Vgl. Bucher 2011: 127-129. 1050 Vgl. etwa Kabat-Zinn 2011. 1051 Vgl. Myers 2000, Tausch 2008: 103. 259 DIE ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN GLÜCKSFORSCHUNG Logotherapie (Frankl) und Salutogenese (Antonovsky) spielt Sinn eine herausragende Rolle für die eigene (psychische) Gesundheit.1052 Effekte des Glücks Dass das Glück – nach langer Vernachlässigung zugunsten des Psychopathologischen – in den letzten Jahren wieder das Interesse der psychologischen Forschung auf sich gezogen hat, liegt nicht zuletzt an den gut belegten, höchst positiven Effekten von Glück. Insofern ist die empirische Glücksforschung nicht nur an den Bedingungen (oder gar Ursachen) von Glück, sondern auch an den damit verbundenen (extrinsischen) Vorteilen interessiert. Zu den Effekten von Glück zählen:1053 • stärkeres Immunsystem • längere Lebensdauer • geringere Verkehrsunfallverursachung • effizienteres Arbeiten und höherer beruflicher Erfolg • aktiveres, hilfsbereiteres, altruistischeres und kooperativeres Verhalten • stabile soziale Beziehungen und häufigere Sozialkontakte • bessere Copingstrategien • höher-frequentiertes Flow-Erleben und mehr Lebensenergie • Senkung des Blutdrucks und Reduktion des Stresshormons Kortisol • Stressprävention • Optimismus und Dankbarkeit Aus einigen Glückseffekten können sich auch positive Rückkopplungsprozesse – sozusagen Engelskreise (im Gegensatz zu Teufelskreisen) – ergeben: Wer durch ein hohes Glücksniveau stabile soziale Beziehungen sucht, häufiger ausgeht und hilfsbereit ist, dessen Glücksniveau wird durch dieses Verhalten nochmals erhöht.1054 Zusammenfassung Abschließend lassen sich mit dem Ziel der besseren Übersichtlichkeit die einzelnen, bisher besprochenen Glücksfaktoren in drei Gruppen gliedern: solche mit keinem (kaum) Einfluss auf das persönliche Glück, solche mit wenig (mäßigem) und solche mit gro- ßem Einfluss. Faktoren mit keinem (kaum) Einfluss auf das Glück: • Geld (Vermögen), sobald die Existenzgrundlage gesichert ist • kognitive Intelligenz • Geschlecht, Alter, Nationalität • Bildung • Wohnort (Stadt vs. Land) 1052 Vgl. Kap. 22 bzw. Kap. 21.4.1. 1053 Vgl. Bucher 2011: XV, XIX. 1054 Vgl. Bucher 2011: XIX. 260 DIE GRENZEN DES MACHBAREN • Wetter (Sonnentage) • Glücks- bzw. Unglücksfälle (z. B. Lottogewinn bzw. Querschnittslähmung) • Attraktivität/Schönheit Faktoren mit wenig (mäßigem) Einfluss auf das Glück: • Klimazone • Freizeitaktivitäten • Spiritualität bzw. Religiosität • Gesundheit Faktoren mit großem Einfluss auf das Glück: • genetische Veranlagungen • stabile Persönlichkeitseigenschaften (Extraversion vs. Neurotizismus) • emotionale Intelligenz • erfüllende Tätigkeit bzw. Arbeit (Flow-Erleben) • Partnerschaft bzw. Ehe • Freundschaft (Qualität statt Quantität) • Sinnhaftigkeit • Verlust (Trennung, Scheidung, Tod, Kündigung) 20.6 Die Veränderbarkeit des Glücksniveaus Auf der Grundlage dieser Ergebnisse lassen sich einfache Glücksstrategien ableiten. Der angewandten Glücksforschung stellt sich dabei aber zunehmend das Problem, dass viele kurzfristige Veränderungen des Glücksniveaus nicht von Dauer sind: Der glücksfördernde bzw. -hemmende Effekt von veränderten Bedingungen nimmt über die Zeit hinweg ab; es erfolgt eine Art Anpassung an die neuen Bedingungen, die mit einer Rückkehr auf das ursprüngliche Glücksniveau einhergeht. In der Forschung ist dieser Verlauf als hedonische Adaption bekannt. Exemplarisch dafür ist der oben genannte Lottogewinner, der etwa vier Wochen nach dem Gewinn wieder auf sein ursprüngliches Glücksniveau zurückkehrt. Die Frage, ob und wie Menschen nachhaltig glücklicher werden können, ist – verglichen mit ihrer Wichtigkeit für das praktische Leben – bisher weitgehend vernachlässigt worden.1055 Natürlich liegen zahlreiche Studien im Rahmen der empirischen Glücksforschung vor; in aller Regel werden dabei aber nur kurz- und mittelfristige Effekte berücksichtigt – und der langfristige Verlauf nicht mitgeprüft. Eine vorübergehende Erhöhung des persönlichen Glücksniveaus ist – wie auch beim Lottogewinn – vielfach dokumentiert. Zur nachhaltigen und dauerhaften Erhöhung des Glücksniveaus liegen so gut wie keine empirischen Befunde vor. Eine der wenigen Ausnahmen stellen die psychologischen Studien von Sonja Lyubomirsky et al. dar, die sich explizit dem Thema nachhaltiger Glücksniveauerhöhung widmen.1056 Ihre Untersuchungen basieren auf einem operationalisierten Glück als „fre- 1055 Vgl. Lyubomirsky et al. 2005: 112. 1056 Lyubomirsky et al. 2005: 112. 261 DIE VERÄNDERBARKEIT DES GLÜCKSNIVEAUS quent positive affect, high life satisfaction, and infrequent negative affect“1057 und entsprechen damit dem in der Psychologie vorherrschenden Konzept des subjective wellbeing (SWB). Die aktuelle Forschungslage auswertend, geben die Autoren den Anteil der genetischen Voraussetzungen am persönlichen Glücksniveau mit 50 % an. 10 % kommen weiterhin den Umständen (Wohlstand, politisches System, Familie, Geschlecht, Nationalität, etc.), 40 % hingegen den intentionalen Aktivitäten eines Menschen zu.1058 Da genetische Voraussetzungen und Umstände teils gar nicht, teils nur mit großem Aufwand zu ändern sind, machen die Autoren die intentionalen Aktivitäten als den einzig beeinflussbaren Faktor für das persönliche Glücksniveau aus. Die Ausgangsfrage ihrer Studien ist folglich, ob Interventionen in diesem Bereich möglich sind, die zu einer dauerhaften (und nicht bloß zeitweisen) Erhöhung des Glücksniveaus führen. Dabei erweist sich die Kategorie der intentionalen Aktivitäten als besonders geeignet, dem Problem der hedonischen Adaption zu begegnen: Solche Aktivitäten können nämlich intentional in Art, Frequenz und Dauer variiert werden. Eine solche Variation kann die hedonische Adaption verhindern.1059 Dies wurde auf verblüffende Art und Weise durch zwei Studien bestätigt. In der ersten Studie wurden Studenten gebeten, pro Woche fünf Wohltaten (acts of kindness) auszuführen, über einen Gesamtzeitraum von sechs Wochen. Dabei konnte nur in derjenigen Gruppe eine nachhaltige Glücksniveauerhöhung festgestellt werden, die alle ihre wöchentlichen Wohltaten an einem einzigen Tag ausführten. Die andere Gruppe, die sich die Wohltaten auf die Tage verteilte, zeigt hingegen keine solche Erhöhung. Vor dem Hintergrund der hedonischen Adaption ist dies einfach zu erklären: Durch die niedrige Frequenz der Wohltaten, die gebündelt alle binnen kurzer Zeit stattfanden, konnte die erste Gruppe der hedonischen Adaption entgegenwirken. Zu demselben Ergebnis kam die zweite Studie, in der Studenten ihre Privilegien zählen sollten (counting their blessings) – d. h. Dinge, die sie eigentlich für selbstverständlich nehmen, deren Bewusstmachung sie aber mit Dankbarkeit erfüllt: politische Freiheit, ein Dach über dem Kopf, treue Freunde, Infrastruktur, etc. Gegenüber der Kontrollgruppe konnte auch hier eine nachhaltige Erhöhung des Glücksniveaus festgestellt werden, aber – wie schon in der ersten Studie – nur in derjenigen Gruppe, die ihre Privilegien an einem einzigen Tag der Woche zählten. Die Autoren vermuten, dass die Gruppe, die dies an mehreren Tagen die Woche tat, der hedonischen Adaption erlag und sich schnell an die ursprünglich schöne Tätigkeit gewöhnte. Aus beiden Studien ziehen die Autoren nur vorsichtige Schlüsse, was primär darin liegt, dass die Studien zwar vermuten lassen, dass die Erhöhung des Glücksniveaus auch über den Studienzeitraum hinaus von Dauer ist, dies aber experimentell aufgrund des Studienrahmens noch nicht zeigen konnten.1060 Trotzdem machen die Studien deutlich, dass die hedonische Adaption ein schwerwiegendes Problem für glücksniveauerhöhen- 1057 Lyubomirsky et al. 2005: 115. 1058 Vgl. Lyubomirsky et al. 2005: 116. 1059 Vgl. Lyubomirsky et al. 2005: 119-121. Dieses Phänomen dürfte aus dem Leistungssport bekannt sein: Variiert ein Sportler seine Trainingsreize nicht ausreichend, so wird sein Leistungsfortschritt irgendwann stagnieren, seine Muskeln werden nicht weiter wachsen usw. Sein Körper hat sich dann nämlich soweit an die vorhersehbaren Belastungen angepasst, dass keine Superkompensation (Wachstum) mehr nötig ist. 1060 Vgl. Lyubomirsky et al. 2005: 125f. 262 DIE GRENZEN DES MACHBAREN de Interventionen darstellt. Dieser Adaption, so lässt sich vermuten, lässt sich durch Variation entgehen. Aus ihrem empirisch fundierten Modell schlussfolgern die Autoren, dass Glückssuchenden wohl am besten anzuraten sei, sich Aktivitäten zu suchen, die ihren Werten und Interessen entsprechen, diese regelmäßig auszuüben, in dieser Aus- übung aber möglichst viel zu variieren. So ist vorstellbar, z. B. das eigene Lauftraining an einem festen Wochentag zu terminieren, die Anfangszeit hingegen je nach eigenem Befinden zu wählen sowie Strecke, Dauer, Tempo, Begleitung, Musik etc. zu variieren. Weiterhin sei Glückssuchenden eher davon abzuraten, ihr Glück im Erwerb von Objekten zu suchen, da sich schnell die hedonische Adaption einstellt: Man gewöhnt sich an nichts so schnell wie an den neuen Lebensstandard – es sei denn, man macht ihn sich immer wieder bewusst und übt sich in Dankbarkeit.1061 Schaubild 11: Die statistischen Determinanten des Glücks 1062 Damit kann abschließend auf die eingangs gestellte Frage, ob eine Erhöhung des Glücksniveaus in Anbetracht der weitgehenden Unverfügbarkeit des Glücks möglich ist, durchaus erwidert werden, dass es einige klare – glückshemmende wie glücksfördernde – Faktoren gibt, die im Einflussrahmen menschlichen Handelns stehen. Dabei lassen sich Faktoren mit starkem, moderatem und geringem Einfluss auf das persönliche Glück feststellen. Die Frage nach der Nachhaltigkeit der damit ggf. verbundenen Erhöhung des Glücksniveaus gestaltete sich aufgrund der hedonischen Adaption als schwierig; neueste Forschungsergebnisse deuten aber darauf hin, dass Menschen sich selbst dauerhaft glücklicher machen können, wenn sie durch Variieren der Adaption ein Schnäppchen schlagen können. Der Forschungsbestand zu den Glücksfaktoren ist immens; hier kann von einer wissenschaftlich vielfach gesicherten Erkenntnis gesprochen werden. In Bezug auf die Nachhaltigkeit solcher Einflussfaktoren bedarf es weite- 1061 Vgl. Lyubomirsky et al. 2005: 126. 1062 Basiert auf der Forschung von Lyubomirsky et al. 2005: 116. 263 DIE VERÄNDERBARKEIT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS rer Forschung (insbesondere langfristigere Studien). Unterm Strich lässt sich damit einerseits festhalten, dass kein Mensch im strengen Sinne der Schmied seines eigenen Glückes sein kann – dass zum Glück also auch immer ein bisschen Glück gehört –, dass aber andererseits das Glück keine reine Lotterie ist, sondern auch teilweise mit entsprechenden Fähigkeiten beeinflusst werden kann, sodass das eigene Glück keineswegs reine Glückssache ist. Für die pragmatische Ethik bietet es sich hier zunächst an, die beeinflussbare Dimension des Glücks auszuloten. Dass die damit verbundene persönliche Veränderung sich keineswegs immer an der Oberfläche bewegt, sondern – etwa im Fall der persönlichkeitspsychologischen Faktoren (big five) – auch eine grundsätzliche Veränderung des eigenen Persönlichkeitskerns bedeuten kann, wirft nun aber die Frage auf, ob solche tiefgreifenden Veränderungen – zumal im „fertig entwickelten“ oder „ausgewachsenen“ Erwachsenenalter – psychologisch bzw. neurophysiologisch überhaupt möglich sind. Kann sich ein erwachsener Mensch solche Kompetenzen überhaupt (noch) aneignen? Ist ein Mensch auch im Rentenalter noch zu Veränderungen seines Persönlichkeitskerns imstande? Oder ist es für eine Veränderung des eigenen Verhaltens, Denkens und Empfindens – wie man als junger Mensch nicht selten belehrt wird – einfach zu spät? Lässt sich – neuropsychologisch gesprochen – ein ausgewachsenes Gehirn mit all seinen über Jahre gefestigten Verbindungen überhaupt noch umstrukturieren? 20.7 Die Veränderbarkeit des menschlichen Gehirns Um die Möglichkeit psychologischer Veränderung beurteilen zu können – und insbesondere, um solche Veränderungen entwerfen, durchführen, steuern und erfolgreich bewältigen zu können –, ist ein neurobiologisches Grundwissen unumgänglich; auch für Psychologen oder Philosophen. Das beginnt mit einer knappen Anatomie des menschlichen Gehirns bzw. Nervensystems: „Das wichtigste materielle (physiologische, biologische) Korrelat [der menschlichen] Psyche ist das Nervensystem. Es ist definiert als die Gesamtheit aller Nervenzellen […] eines Lebewesens im zentralen (Neurone im Gehirn und Rückenmark) und peripheren (Neurone außerhalb von Gehirn und Rückenmark) Nervensystem.“1063 Bei der Beschreibung des neurobiologischen Korrelats von psychischen Veränderungen beschränkt sich die neurowissenschaftliche Forschung also nicht auf das menschliche Gehirn als solches, sondern auf Nervensysteme im Allgemeinen.1064 Nichtsdesto- 1063 Schröger 2010: 18. 1064 Nervensysteme lassen sich auf verschiedenen Ebenen beschreiben und müssen beim Veränderungsprozess tatsächlich auch auf unterschiedlichen Ebenen beschrieben werden, um ein ad- äquates Verständnis zu ermöglichen. Analysierbar sind „die Organebene, die neuronale Systemebene, die neuronale Netzwerkebene, die Ebene lokaler neuronaler Schaltkreise, die neuronale Zellebene und schließlich die synaptische und sogar die molekulare Ebene“ (Schröger 2010: 19). Um die Funktion von Neurotransmittern zu verstehen, muss man sich die synaptische Ebene anschauen; um den Ablauf einer Angstreaktion oder Hemmung derselben zu verstehen (s. Ab- 264 DIE GRENZEN DES MACHBAREN trotz nimmt das menschliche Gehirn – lateinisch: cerebrum; altgriechisch: ἐγκέφαλος [enkephalos] – eine zentrale Stellung in der neurowissenschaftlichen Forschung ein und gilt vielen als Krone der Schöpfung: „Das menschliche Gehirn ist ohne Zweifel das komplexeste Gebilde, das die Natur hervorgebracht hat. In ihm ruht die akkumulierte Weisheit von 500 Millionen Jahren Evolution. Wenn man sich genauer mit dem Gehirn befasst, kann man sich eines ehrfürchtigen Staunens nicht erwehren. Die Komplexität geht weit über alles hinaus, was man sich vorstellen kann.“1065 Auch im Vergleich mit modernen Hochleistungscomputern schneidet das Gehirn gut ab: „Das Gehirn ist zu 1013 bis 1016 analogen Rechenoperationen pro Sekunde bei einem Energieverbrauch von 15-20 Watt in der Lage. Die derzeit leistungsstärksten Computer [Stand 2011; H.W.] mit etwas geringerer Leistung verbrauchen bis zu 5.000-fach mehr Energie. Darüber hinaus besitzt das Gehirn eine äußerst effiziente Arbeitslogik durch hochparalleles Verarbeiten und gleichzeitiges Speichern. Dies wird durch die starke Vernetzung der Neuronen möglich, die zum überwiegenden Teil speicherfähig sind. Dagegen arbeiten Computer seriell bei hoher Geschwindigkeit, sie müssen separat speichern und können nur schrittweise den Inhalt des Speichers aktualisieren.“1066 Das Gehirn besteht aus 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die in ein von ca. 1013 Gliazellen gebildetes Netzwerk eingebettet sind, die u. a. für die Stützung sowie die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der Neuronen zuständig sind. Die Deckung des hohen Energiebedarfs wird über vier Arterien und abzweigende Versorgungswege sichergestellt. Das Gehirn ist das am besten geschützte Organ des menschlichen Körpers – es wird von einer dreischichtigen Hirnhaut umhüllt und befindet in der Schädelhöhle.1067 20.7.1 Funktion des Gehirns Die Funktion des Gehirns ist die Orientierung des Organismus in seiner Umwelt mit dem Ziel des Überlebens und der Fortpflanzung. Dieser evolutionsbiologischen Mission dienen für Neurowissenschaftler auch die kognitiven Leistungen des Gehirns: „Die für die Verhaltenssteuerung notwendigen kognitiven Leistungen beziehen sich daher in erster Linie auf das Erkennen von überlebensrelevanten schnitt unten) bedarf es eines Blicks auf die Schaltkreis- und Netzwerkebene. Die teleologische Dimension jedes Nervensystems (vgl. Kap. 21.3) lässt sich wohl nur auf der Systemebene betrachten, lässt aber bis in die detaillierten Dimensionen verständlich werden, warum Prozesse ablaufen, und vor allem: warum in die entsprechende Richtung. 1065 Grawe 2004: 44f. 1066 Rockstroh 2011: 29. 1067 Vgl. Schröger 2010: 67f., Rockstroh 2011: 32. 265 DIE VERÄNDERBARKEIT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS Umweltereignissen, mögen diese Ereignisse Nahrung/Beute, Hindernisse, Aufenthaltsort/Nistplatz, Feinde, Artgenossen und Sexualpartner sein, und die zeitlich-räumlichen Muster ihres Auftretens. Erkennen bedeutet dabei keineswegs notwendig ein bewußtes Erleben, sondern impliziert, daß neuronale Prozesse in den Sinnesorganen und im Gehirn so ablaufen, daß der Organismus mit einem Verhalten auf sie reagiert, das – neben vielem anderen – zumindest für einige Zeit das Überleben sichert.“1068 Nicht alles, was wir erkennen, nicht jede Anpassung an die Umwelt, geht also mit Bewusstheit einher. Vor allem aber geht eine solche evolutionäre Anpassung an die Umwelt nicht mit einer getreuen Abbildung der Realität einher. Die Informationen aus der physikalischen Umgebung werden selegiert – z. B. unbewusst als wichtig/unwichtig bzgl. eines Ziels beurteilt – und in ihrer Komplexität reduziert zu einem überlebensfunktionellen internen Konstrukt der Welt.1069 Eine einfache Abbildung der Komplexität der Außenwelt würde jedes Nervensystem überfordern und sein Überleben gefährden. Die Konstruktion eines inneren Abbildes der äußeren Welt – diese neurowissenschaftliche Beschreibungslogik geht offensichtlich von einer philosophisch problematischen Trennung von Innen- und Außenwelt aus (was hier nicht weiter thematisiert werden kann) – wird dadurch ermöglicht, dass das Gehirn nicht im unmittelbaren physikalischen Kontakt zur Außenwelt steht: „Damit Umweltereignisse überhaupt auf das Nervensystem einwirken können, müssen diese in Prozesse umgewandelt werden, welche die elektrischen Eigenschaften der Membranen der Nervenzellen, aus denen das Gehirn besteht, ver- ändern können. Dies wird von den Sinnesrezeptoren geleistet.“1070 Die Sinnesorgane stellen damit die Schnittstelle von Gehirn und Außenwelt dar. Sie übersetzen die physikalischen Informationen in die Sprache bzw. den Code des Gehirns, nämlich in elektrische Reize. Durch diese Umwandlung geht aber die Sinnesspezifität verloren, d. h. z. B. der visuelle oder auditive Charakter eines Sinneseindrucks. Die intern repräsentierten Eigenschaften der Umweltereignisse „sind also prinzipiell konstruierte Eigenschaften. Auf der Ebene der Rezeptoren existiert keinerlei Abbildung der Welt, sondern ein Mosaik elementarer Erregungszustände.“1071 Modalitäten der subjektiven Wahrnehmung wie Hören, Sehen, Fühlen etc. sind ebenso wie primäre und sekundäre Sinnesqualitäten nicht direkt auf die Sinnesreize aus der Umwelt zurückzuführen. „Der Übergang von der physikalischen und chemischen Umwelt zu den Wahrnehmungs zuständen des Gehirns stellt einen radikalen Bruch dar.“1072 In die Konstruktion der Welt fließt aber vor allem unsere bisherige Lebenserfahrung in Form unseres Gedächtnisses ein: 1068 Roth 1992: 281f. 1069 Vgl. Roth 1992: 284. 1070 Roth 1992: 285. 1071 Roth 1992: 290. 1072 Roth 1997: 115. 266 DIE GRENZEN DES MACHBAREN „Diese Gedächtnisinhalte ergänzen die sensorischen Fragmente zur kompletten Wahr nehmung nach internen Konsistenz- und Kohärenzprinzipien. Das Gedächtnis ist das wichtigste Sinnesorgan: das meiste, was wir wahrnehmen, stammt aus dem Gedächtnis. Wir nehmen stets durch die »Brille« unseres Gedächtnisses wahr, denn das, was wir wahrnehmen, ist durch frühere Wahrnehmung entscheidend mitbestimmt“1073. Jede subjektive Wahrnehmung wird also entscheidend durch etwas geprägt, was gar nicht Bestandteil der momentanen Sinnesreize aus der Außenwelt ist. 20.7.2 Funktionale Ausdifferenzierung des Gehirns Das Gehirn besteht aus verschiedenen Bereichen, die auf unterschiedliche Aufgaben spezialisiert sind.1074 Auch wenn diese Aufgaben in der Regel nicht ohne Beteiligung anderer Areale bewältigt werden können, spricht bei der aktuellen Forschungslage vieles für eine allgemeine Lokalisationstheorie: das Gehirn ist funktional spezialisiert; für bestimmte Funktionen ist die Funktionsfähigkeit und Aktivierung spezifischer Hirnareale eine notwendige Voraussetzung.1075 Wird z. B. der Hippocampus irreversibel geschädigt, können keine expliziten Gedächtnisinhalte mehr gebildet werden: die Person kann sich später nicht mehr an das erinnern, was sie erlebt hat.1076 In anderen Fällen kann beim Ausfall eines bestimmten Hirnareals (z. B. durch einen Unfall) ein anderes die Funktion sogar (teilweise) kompensierend übernehmen.1077 Aus entwicklungsbiologischer Sicht lässt sich das menschliche Gehirn in drei Teile unterschiedlichen evolutionären Alters einteilen: Stammhirn (Reptilienhirn), limbisches System (Vogel- und Säugetierhirn) und Großhirnrinde (Primatenhirn). Das Stammhirn ist dabei für Reflexe, Instinkte und Regelkreise zur Steuerung körperlicher Prozesse, das limbische System für Emotion, Motivation, Anpassungsreaktionen und Ausdrucksverhalten; und die Großhirnrinde (kurz: Cortex) schließlich für Denken, be- 1073 Roth 1992: 317. 1074 Das Gehirn baut sich vom Zentrum nach außen aus sieben Teilen auf: Rückenmark (medulla spinalis), verlängertes Mark / Nachhirn (medulla oblongata), Brücke (Pons), Kleinhirn (Cerebellum), Mittelhirn (Mesencephalon), Zwischenhirn (Diencephalon) und Großhirnhemisphären, in denen die für psychische Vorgänge wichtigen Bereiche Cortex (z. B. differenzierte Bewertungen, Sprache), Basalganglien, Hippocampus (z. B. Gedächtnis) und Amygdala (z. B. Emotionen) liegen. Auf zusammenfassender Ebene lässt sich das Gehirn in drei Hauptregionen gliedern: Rautenhirn (bzw. Rhombencephalon; umfasst Nachhirn, Brücke und Kleinhirn), Mittelhirn (bzw. Mesencephalon) und Vorderhirn (bzw. Telencephalon; umfasst Zwischenhirn und Großhirnhemisphären). Für einen Überblick zu den Bereichen des Gehirns siehe Kandel et al. 1996: 8-15, Schröger 2010: 72. 1075 Vgl. Schröger 2010: 29, Kandel et al. 1996: 9. Es gibt dabei zwar nicht den „Sitz“ z. B. des Gedächtnisses, aber es gibt spezifische Hirnregionen, die für diese Funktion notwendige Voraussetzung ist (so kann ein Mensch mit beidseitiger Schädigung des Hippocampus keine expliziten Gedächtnisinhalte mehr bilden – er kann sich an nichts ausdrücklich erinnern, was er nach der Schädigung erlebt hat; vgl. Grawe 2004: 70). 1076 Vgl. Grawe 2004: 70. 1077 Vgl. Kandel et al. 1996: 9. 267 DIE VERÄNDERBARKEIT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS wusstes Erleben, Kosten-Nutzen-Analyse, willentlich gesteuerte Bewegungen, Handlungsplanung und Sprache zuständig.1078 Schaubild 12: Evolutionsbiologische Entwicklung des menschlichen Gehirns 1079 Während die Mehrzahl der sensorischen und motorischen Hirnareale sich symmetrisch in beiden Gehirnhälften, den sogenannten Hemisphären, finden lassen – und übrigens der je gegenüberliegenden Körperhälfte zugeordnet sind –, liegen die Sprachzentren bei etwa 98 Prozent aller Menschen asymmetrisch nur in der linken Hemisphäre.1080 Die Funktionen der linken Hemisphäre umfassen die Verbindung zum Be wusstsein sowie sprachliche, begriffliche, arithme tische, analytische und abstrakte Informationsverarbeitungsprozesse. Die rechte Hemisphäre hingegen arbeitet ohne klares Bewusstsein und ist für musikalische, geometrische, räumliche und bildhafte Informationsverarbeitung zuständig.1081 Auch in anderen Hinsichten finden sich Unterschiede zwischen den beiden Hemisphären: Während die linke Gehirnhälfte analytisch, selektiv, abstrakt und logisch Informationen verarbeitet, ermöglich die rechte einen einheitlichen Wahrnehmungseindruck und umfassende Orientierung.1082 1078 Vgl. Hüther 2011: 85, Edelmann/Wittmann 2012: 30. 1079 Von mir [H.W.] geringfügig modifizierte Version von (c) IBSA Institut für Biostruktur-Analysen AG, commons.wikimedia.org, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Das_drei-einige_Gehirn.jpg, Common License: CC-BY-SA-3.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, zuletzt geprüft am 28.9.2013. 1080 Vgl. Edelmann/Wittmann 2012: 21f. 1081 Vgl. Edelmann/Wittmann 2012: 29. 1082 Vgl. Edelmann/Wittmann 2012: 27. 268 DIE GRENZEN DES MACHBAREN Schaubild 13: Linke und rechte Gehirnhälfte 1083 So viel zu den neurologischen Grundlagen. Inwiefern ist diese Ansammlung von Informationen relevant für eine EgL? 20.7.3 Zur Bedeutung neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse für die EgL Während die detaillierte Gehirnanatomie für den Veränderungsprozess nicht vollständig relevant zu sein scheint, ist es unabdingbar, einige Aspekte des neuronalen Geschehens zu durchdringen, um beurteilen zu können, ob eine psychologische oder philosophische Intervention aus neurowissenschaftlicher Perspektive sinnvoll ist oder gar misslingen muss. Die neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse können also vor allem als Korrektur und Ermöglichung praktisch-pragmatischer Lebenskompetenzen verstanden werden. Der Beitrag der Neurowissenschaften zur existenziellen wie auch zur normativen Ethik ist eher begrenzt.1084 In Bezug auf psycho-pragmatische Veränderungskompetenzen hat sich gezeigt, dass die psychologische Perspektive durch die neurowissenschaftliche verfeinert oder korrigiert werden kann. Prinzipiell kann dies natürlich auch in umgekehrter Richtung erfolgen, ist aber wohl durch den historischen Rückstand der Neurowissenschaft gegenüber der Psychologie nicht die Regel. Diese Bereicherung der psychologischen Perspektive durch die neurowissenschaftliche soll exemplarisch bei der Gefühlsbewältigung durch Einstellungsänderung gezeigt werden. Dass sich z. B. die Emotion Angst nicht einfach durch die rationale Versicherung, es gebe ja gar keinen Grund Angst zu haben, auflösen lässt, ist ein lebenspraktisches Wis- 1083 Von mir [H.W.] erweiterte Fassung von http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Human_brain. png?uselang=de, lizenzfrei (US Public Domain, PD-old-70), zuletzt geprüft am 31.10.2013. 1084 Vgl. Kap. 5.5.3. 269 DIE VERÄNDERBARKEIT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS sen. Die neurowissenschaftliche Perspektive kann dieses Phänomen nun nicht nur evolutionär-anatomisch erklären, sondern auch effektivere Wege einer Angstbewältigung entwickeln. Damit wäre beispielhaft die Relevanz neurowissenschaftlichen Grundlagenwissens für psychologische Veränderungsmethoden und damit auch dessen Relevanz für (mindestens) die pragmatische Ethik aufgezeigt. Unwillkürliche Prozesse wie Angstreaktionen meinte man lange Zeit in Therapie und Beratung durch Veränderung der gesprochenen und gedachten Sprache der Klienten modifizieren zu können. Wandelt der Klient seine Sprachmuster – indem er z. B. von „dürfen“ statt „müssen“ spricht oder bisher negativ antizipierte Situationen positiv beschreibt –, so würden sich auch die unwillkürlichen Erlebnisse verändern. Menschliche Realitätskonstruktionen – und damit auch Reiz-Reaktions-Schemata – seien demzufolge durch Sprache hervorgebracht und auch zu beeinflussen. Unwillkürliche Prozesse sind aber mit einer erhöhten Amygdala-Aktivität verbunden, die neuronal über solche sprachlichen Prozesse nicht zu beeinflussen ist. „Deshalb greifen auch Interventionen, die vor allem auf sprachliche Beeinflussung setzen, für viele Themen viel zu kurz und wirken schlicht nicht hilfreich genug.“1085 Solche unwillkürlichen Reaktionen werden vor allem durch Bewertungsprozesse ausgelöst, die im limbischen System stattfinden – einem evolutionär wesentlich älteren Teil des Gehirns als der der Großhirnrinde, in der sprachliche Vorgänge neuronal verarbeitet werden.1086 Das limbische System umfasst z. B. den Hippocampus, die Amygdala und den Hypothalamus.1087 Hier wird also eine evolutionär-anatomische Einsicht unmittelbar in der Entwicklung von Lebenskompetenzen relevant. Das Unverständnis der Interaktion von Kognitionen und gelebten Einstellungen bzw. Überzeugungen (als Ausdruck solcher automatisierten Bewertungsprozesse) hat in der psychotherapeutischen und psychologischen Praxis z. B. zu überwiegend kognitiven Ansätzen in der Veränderung der zugrunde liegenden Einstellungen bzw. Überzeugungen geführt.1088 Doch die entsprechenden Bewertungsprozesse laufen so schnell ab, dass eine bewusste und intellektuelle Bewertung überhaupt nicht möglich ist. Die damit einhergehenden Bedeutungen werden unbewusst konstituiert – „Sie sind unserem Bewusstsein vorgegeben, sie werden nicht von ihm erzeugt.“1089 Wir alle kennen das aus unserem Leben, wenn wir erschrecken, ohne bereits zu wissen, wovor eigentlich und ob überhaupt mit Recht. Bei bewussten oder rationalen Abwägungen wird ein Gefahrensignal nicht direkt vom Thalamus zur Amygdala weitergeleitet, sondern nimmt einen zeitaufwendigen Umweg über den präfrontalen Cortex, der für eine differenzierte Einschätzung zuständig ist.1090 Bei verselbstständigten unwillkürlichen emotionalen Reaktionen wie z. B. bei einer Angststörung ist dieser Weg aber kaum noch von Bedeutung. Stattdessen zeigt 1085 Schmidt 2008: 32. 1086 Vgl. Schmidt 2008: 24. 1087 Vgl. Edelmann/Wittmann 2012: 30. 1088 Vgl. Wahler 2012; siehe exemplarisch Arbeiten zur kognitiven Umstrukturierung wie Wilken 2010. 1089 Vgl. Grawe 2004: 120. Man mag Grawe hier die unbedachte Formulierung „von ihm erzeugt“ verzeihen; Grawe verfolgt kein philosophisches, sondern ein psychotherapeutisch-praktisches Forschungs interesse. 1090 Vgl. Schmidt 2008: 24f. 270 DIE GRENZEN DES MACHBAREN sich eine Überaktivierung der Amygdala.1091 Eine nachträgliche, rationale Beeinflussung einer bereits eingeleiteten Angstreaktion ist aus neurowissenschaftlicher Sicht deshalb so schwer möglich, weil wesentlich mehr Projektionsbahnen von der Amygdala in andere Hirnregionen führen als umgekehrt. Die Amygdala ist durch bewusste und rationale Überlegungen nicht direkt ansteuerbar wie das z. B. bei der Motorik der Fall ist, die wir i.d.R. bewusst recht gut steuern können.1092 Sowohl der für die differenzierte Bewertung zuständige präfrontale Cortex als auch der primärmotorische Cortex sitzen in der Großhirnrinde, d. h. dem evolutionär jüngsten Teil des menschlichen Gehirns, der besonders mit Rationalität, Sprache und willentlichen Entscheidungen zusammenhängt. Schaubild 14: Die vier großen Lappen der Großhirnrinde (Cortex cerebri) 1093 Die für unwillkürliche emotionale Reaktionen zuständige Amygdala hingegen sitzt im evolutionär älteren limbischen System und ist von der Großhirnrinde nicht unmittelbar ansteuerbar. Die Hirnforschung kann also rein kognitiv-sprachlichen Ansätzen gegen- über klar machen, dass Einstellungen primär durch neue Erfahrungen oder aber durch Tranceprozesse beeinflusst werden können, die zu einer neuen Aufmerksamkeitsfokussierung führen – z. B. durch Bilder, Metaphern, Imaginationen, Gesang, Rhythmik, Tanz oder Rituale.1094 1091 Vgl. Schmidt 2008: 25. 1092 Vgl. Grawe 2004: 98f. 1093 Von mir [H.W.] erweiterte Version von http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lobes_of_the_ brain_NL.svg (weltweit lizenzfrei), zuletzt geprüft am 29.9.2013. 1094 Vgl. Schmidt 2008: 31-33, der hier z. B. die Kommunikation durch Bilder, Metaphern, Imaginationen, Gesang, Tanz und Ritualen nennt. Vgl. ebenso Grawe 2004: 106. 271 DIE VERÄNDERBARKEIT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS Schaubild 15: Frontalschnitt des menschlichen Gehirns mit Fokus auf wichtige neuropsychologische Prozesse 1095 Das Beispiel veranschaulicht, dass zeitgemäße Beratung und Therapie ein Interesse an interdisziplinärer Erforschung ihres Arbeitsgebiets haben muss. Insoweit Angst, deren Beeinflussung und deren Bewältigung ein unumgängliches Lebensthema eines jeden (neurophysiologisch gesunden) Menschen darstellt, kommt auch die EgL nicht an solchen grundlegenden Erkenntnissen vorbei. Sie hat die Neurowissenschaft hier zu konsultieren mit dem Ziel, gängige Praktiken als aussichtslos zu entlarven und neue (neurowissen schaftlich) fundierte Wege der Angstbewältigung zu entwickeln. Dies kann jeweils themenspezifisch geschehen – wie oben am Beispiel der Bewältigung von Angst – oder aber die Aneignung von neuronalen Grundprinzipien betreffen, aus denen dann konkrete themenspezifische Lebenskompetenzen abgeleitet werden können. Hinter allen Veränderungsprozessen – sei es das Umlernen einer Angstreaktion, sei es die Änderung eines gesundheitsschädlichen Verhaltens – steckt dasselbe neuronale Verände rungsprinzip. Es bietet sich für die EgL an, nicht nur anwendungsbezogenes, sondern auch grundlagenorientiertes Wissen der Neurowissenschaften in die pragmatische Ethik mitaufzunehmen, um flexibler, unabhängiger und eigenverantwortlicher agieren zu können. 20.7.4 Veränderung als neurobiologischer Prozess Jedem phänomenalen Erleben entspricht ein spezifisches neuronales Aktivitätsmuster, jede Änderung dieses Erlebens geht mit einer Veränderung auf neuronaler Ebene einher.1096 Die Aktivität einzelner Neurone ist dabei zu vernachlässigen und für das Erleben 1095 Von mir [H.W.] erweiterte Fassung von © RobinH, commons.wikimedia.org, http://commons. wikimedia.org/wiki/File:Constudoverbrain.gif, Common License: CC-BY-SA-3.0, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, zuletzt geprüft am 29.9.2013. 1096 Vgl. Grawe 2004: 44, 46. 272 DIE GRENZEN DES MACHBAREN auch nicht ausschlaggebend. Einzelne Neurone können weder komplexe Informationen speichern noch komplexe Erlebenszustände bedingen. Entscheidend ist, welche Neuronen feuern, wie schnell sie feuern, aber vor allem: mit welchen anderen Neuronen sie gleichzeitig feuern, d. h. welche neuronalen Netzwerke aktiv sind. Erst mit dieser gleichzeitigen Aktivität unzähliger Neuronen geht ein spezifisches Erleben einher. Auch die Speicherung von Information oder Lernprozesse allgemein sind erst durch diese neuronalen Netzwerke möglich. Wenn also jede Veränderung im Erleben durch eine Veränderung neuronaler Aktivitätsmuster bedingt ist, drängt sich die Frage auf, ob es denn überhaupt möglich ist, langfristig solche Erlebensmuster zu ändern. Während wir alle kurzfristige Änderungen in unserem subjektiven Erleben – Traurigkeit über ein verlorenes Spiel, Freude über ein Wiedersehen, Angst vor einer Prüfung – sehr gut kennen und auch wissen, dass keiner dieser Zustände dauerhaft ist, stellt sich die Frage, ob ganze Erlebensmuster – z. B. dauerhaft-hintergründige Stimmungen wie in der Depression oder stabile Reiz-Reaktions-Schemata wie in Angststörungen – verändert werden können. Lassen sich einmal verschaltete neuronale Netzwerke wieder auflösen? Lassen sie sich verändern? Wenn Veränderung auch als Gehirnprozess verstanden werden kann, ist der Wunsch nach Veränderung dann nicht wie der Wunsch, größer oder schöner zu sein? Gehört unsere Gehirnarchitektur zu den biologischen Fakten unseres Menschseins, die wir schlichtweg nicht ändern können und deswegen einfach hinnehmen müssen? 20.7.5 Können wir uns verändern? – Neuroplastizität und genetische Dispositionen Lange Zeit ging man in der biologisch orientierten Psychiatrie von der vereinfachenden Annahme aus, psychische Störungen würden vererbt und seien daher lediglich medikamentös zu behandeln.1097 Die Entdeckung der Neuroplastizität sorgte für eine grundsätzliche Infragestellung dieser Position: Nervenzellen können sich zwar nach der Geburt i.d.R. nicht mehr teilen, aber die Verschaltung der einzelnen Nervenzellen miteinander ist veränderbar. Da jeder subjektiver Erlebniszustand auf neurobiologischer Ebene als eine spezielle Verschaltung solcher Neuronen erscheint – ein spezifisches Muster von neuronaler Aktivierung und Hemmung – bleibt Veränderung im obigen Sinne das ganze Leben lang möglich, wenn sich denn die Person für das Lernen noch begeistern kann, was die neuronalen Grundlagen für Langzeitlernen schafft.1098 Aus neurobiologischer Perspektive mag es nicht ganz überraschend sein, dass neue Forschungsergebnisse aus der Persönlichkeitspsychologie dafür sprechen, dass sogar die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen veränderbar ist – und zwar bis ins hohe Er- 1097 Vgl. Grawe 2004: 23. 1098 Vgl. Hüther 2001: 11. Hüther bringt in einem seiner Vorträge das Beispiel eines 85-jährigen Deutschen, der sich in eine 60-jährige Chinesin verliebt, mit ihr nach China zieht und dort in einem halben Jahr Chinesisch lernt. Die Liebe stellt hier die hinreichende Motivation dar, sich noch einmal für das Leben zu begeistern und somit auch für das Lernen der chinesischen Sprache. Unter diesen Bedingungen ist das Hirn auch in diesem Alter noch zu solchen neurobiologischen Lernprozessen in der Lage (vgl. Hüther/Aarts 2011). Zur neurobiologischen Erklärung dieses Phänomens siehe kurz Grawe 2004: 77. 273 DIE VERÄNDERBARKEIT DES MENSCHLICHEN GEHIRNS wachsenenalter.1099 Lange Zeit galt die Persönlichkeitsstruktur eines Menschen als wenig veränderlich; die Big Five1100 schienen über die Zeit hinweg stabil zu sein und einen zwar individuellen, aber jeweils unveränderlichen Charakterzug des Menschen zu erfassen. Da letztlich aber auch habituierte Verhaltensweisen eines Menschen auf gut gebahnten neuronalen Verbindungen beruhen, dürfte eine mögliche Veränderbarkeit der Persönlichkeitsstruktur kein Anlass zur Verwunderung sein – aber durchaus ein Anlass zur Hoffnung. Auch die neuronale Veränderung durch rein psychologische Therapie ist mittlerweile gut gesichert: kommunikative Psychotherapie kann das Gehirn auch ohne Psychopharmaka nachhaltig verändern.1101 Erfolgreiche Psychotherapie geht mit einer Verbesserung der subjektiven und objektiven Krankheitssymptome einher und führt zu nachweisbar veränderter Hirnaktivität mit „Effektstärken von sehr substanzieller Höhe“.1102 Neuronale Veränderungen sind dabei sowohl in pathologische als auch in physiologische Richtung möglich. Psychische Störungen korrelieren mit mittlerweile gut erforschten, spezifischen neuronalen Aktivitätsmustern, die sich von denen gesunder Probanden deutlich unterscheiden.1103 Auch die Entstehung von psychischen Störungen kann also ein Ausdruck der Neuroplastizität des Gehirns sein. Manche Menschen neigen aber viel mehr als andere dazu, bei gewissen Lebenserfahrungen mit psychischen Störungen zu reagieren. Es liegt dann eine genetische Disposition vor, d. h. ein höheres Risiko zur Entwicklung psychischer Störungen gegenüber anderen Menschen bei ähnlichen Erfahrungen. Die genetische Disposition führt aber nicht alleine zur Störung. Stattdessen vollzieht sich eine Genexpression, die maßgeblich von den Erfahrungen bestimmt wird, die ein Mensch in seinem Leben macht; oder allgemeiner von den Umweltbedingungen, unter denen sich sein Gehirn entwickelt.1104 Die aktuelle Forschungslage legt nahe, dass bei entgegenwirkenden Lebenserfahrungen eine genetische Disposition nicht zum Tragen kommt.1105 Das wiederum relativiert die Bedeutung einer rein biologisch verstandenen Genetik. Die Entwicklung und auch die Heilung einer psychischen Störung ist ein Prozess der Genexpression, der sich über lange Zeit erstreckt (einige Wochen, wenige Monate).1106 Nachhaltige Veränderung bedarf vieler Wiederholungen über einen langen Zeitraum –Veränderungsarbeit ist aus psychologischer Perspektive ein Lernprozess und aus neurobiologischer Perspektive ein Prozess der Bahnung neuer, mit verbessertem subjektiven Erleben korrelierter, neuronaler Netzwerke. Ungeachtet der Schwierigkeiten solcher Veränderung kann also festgehalten werden, dass Veränderung aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns in einem gewissen Rahmen möglich ist. Wir sind also nicht allen Faktizitäten gegenüber machtlos, sondern nur einigen. 1099 Vgl. Staudinger 2008. 1100 Vgl. Kap. 20.5. 1101 Vgl. Senf/Broda 2012: 49, Grawe 2004: 135ff. 1102 Vgl. Grawe 2004: 135. 1103 Vgl. Grawe 2004: Kap. 3. 1104 Vgl. Hüther 2001: 9f. 1105 Vgl. Grawe 2004: 201. 1106 Vgl. Grawe 2004: 155f. 274 DIE GRENZEN DES MACHBAREN Eine wesentliche Aufgabe der pragmatischen Ethik besteht ja gerade darin, jene Faktoren zu erkennen, die sich verändern lassen – und dazu eine detaillierte Veränderungstheorie vorzulegen.1107 Ob sich Faktoren aber tatsächlich verändern lassen, kann nicht durch ein einfaches Trial-and-Error festgestellt werden, sondern bedarf – wie sich noch zeigen wird – oft langfristiger Veränderungsstrategien und zahlreicher wiederholter Bemühungen. Es wäre in diesem Falle fatal, nach einigen – noch erfolglosen – Versuchen bereits von einer Unveränderbarkeit solcher Faktoren auszugehen. Man erlernt eben auch das Radfahren nicht beim ersten Versuch. Und es wäre töricht, nach nur 20 Trainingseinheiten auf der Laufbahn das Fazit zu ziehen, dass man die 100m eben einfach nicht in unter 11 Sekunden laufen kann (und niemals können wird). Es bedarf also eines grundlegenden Verständnisses des Veränderungsprozesses, wie – und wie lange – er sich auf neurobiologischer Ebene vollzieht. Erst dann kann sinnvoll beurteilt werden, ob eine spezifische (konkrete, themenbezogene) Veränderung möglich ist – und welcher Aufwand betrieben werden müsste, um letztendlich wirklich auch am Ziel anzukommen. Aus diesem Wissen wiederum können konkrete, neurobiologisch fundierte Veränderungsstrategien abgeleitet werden. Solche Strategien fallen unter die Veränderungskompetenzen; deren neurobiologische Grundlagen und psycho-pragmatische Entwicklung werden im folgenden Kapitel umrissen (Kap. 21). Die Strate gien zum Umgang mit nicht-veränderbaren Umständen bzw. mit nicht-veränderbarem Erleben (Verhalten, Denken) fallen hingegen unter die Bewältigungskompetenzen und sind Gegenstand des übernächsten Kapitels (Kap. 22). Wie gesehen, lassen sich Veränderungskompetenzen und Bewältigungskompetenzen als Lebenskompetenzen zusammenfassen und bilden als solche den Kern der pragmatischen Ethik (Kap. 19). 1107 Vgl. Kap. 20 und 21.

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References

Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.