Content

17 Das würdige Glück in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 239 - 240

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-239

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
239 17 Das würdige Glück „Das Leben ist eine Anstrengung, die einer besseren Sache würdig wäre.“970 Karl Kraus Es hat sich gezeigt, dass eine konsequenzialistische Ethik – zumindest in Form des klassischen Lustutilitarismus – keine Vorstellung von der Würdigkeit eines Glücks entwickeln kann. Selbst wenn in Mills Rede vom unzufriedenen Sokrates mitschwingt, dass es offenbar Unglückszustände geben mag, die aufgrund einer besonderen Qualität wertvoller sind als manche Glückszustände – dass also das hedonische Glück letztlich gar nicht als Moralprinzip fungieren kann –, steht kein systematisch-begrifflicher Rahmen zur Verfügung, solche Würdigkeit auch zu begründen. Es kann demgegenüber als die große Stärke der deontologischen Ethik gelten, die Würde des Menschen als moralphilosophisches Korrektiv seines Glücks geltend machen zu können. Damit wird die EgL gleichsam nicht nur als eine pragmatische Glücksethik, sondern zuallererst als eine normative Glückswürdigkeitsethik entfaltet. Die menschliche Existenz geht nicht im pragmatischen Können auf, sondern sieht sich weiterhin einem Sollen ausgesetzt, dass sie insofern nicht zurückweisen kann, als es aus ihrem Innersten herrührt und insofern als ein autonomer (und nicht heteronomer) Anspruch an das eigene Handeln verstanden werden muss. Eine Ethik, die das menschliche Streben nach Glück lediglich unter der Modalität des Könnens thematisiert, verkürzt die menschliche Existenz derart, dass wir „uns darin nicht mehr als freie Wesen wiedererkennen. Das pragmatisch verfolgte Glück ist letztlich wertlos.“971 Wie wertlos sogar ein vermeintlich perfektes Glück sein kann, konnte in Nozicks Traumglück veranschaulicht werden.972 An der Glückswürdigkeit muss insofern nicht nur die normative Ethik, sondern auch der Glücksstrebende selbst Interesse nehmen – zumindest insoweit als er nicht bereit ist, wesentliche Dimensionen seiner Existenz abzublenden. Es sind also nicht nur die anderen Menschen und die Gemeinschaft, die solche Glückswürdigkeit von außen an das Glückssubjekt herantragen; der Ruf nach Würdigkeit des eigenen Glücks kommt vielmehr (auch) aus dem Innersten des Strebenden, sofern er sich als freies, selbstbestimmtes und vernünftiges Wesen verwirklichen will. Der Begriff der Glückswürdigkeit kennzeichnet im genitivus obiectivus – Würdigkeit zum Glück – eine Lebensweise, mit der sich ein Lebenssubjekt seines Glückes verdient gemacht, sich seines Glückes als würdig erwiesen hat. Entsprechend ist die Tatsache, dass ein solches Lebenssubjekt glücklich ist, unter normativ-moralischem Gesichtspunkt als gerechtfertigt zu beurteilen. Als genitivus subiectivus hat sich nicht das Glückssubjekt als würdig zu erweisen, sondern sein Glück selbst: Das empfundene Glück lässt 970 Kraus 1990: 130. 971 Grätzel 2006: 80. 972 Vgl. Kap. 13.1.4. 240 DAS WÜRDIGE GLÜCK sich als echtes, wahres Glück qualifizieren. Das empfundene Glück ist also wahrhaft würdig, auch Glück genannt zu werden – im Gegensatz zum Scheinglück. Der Begriff der Glückswürdigkeit umfasst also nicht nur die Würdigkeit des Glückssubjekts zum Glück (gen. ob.), sondern auch die Würdigkeit des Glücks selbst (gen. sub.). Die Würdigkeit des Glücks ist zwar epistemisch (und nicht moralisch) zu bestimmen, gleichwohl bleibt ein solches Urteil normativ, denn es kennzeichnet einen Wert des Glücks, es qualifiziert ein gewisses Glück als wahr und gut. Auch eine solche Rechtfertigung im Sinne eines Grundes zum Glücklichsein hat normativen Charakter. In diesem Zusammenhang soll die EgL das Individuum unterstützen, „sein Glück kriteriell zu bestimmen und in Bezug auf konventionelle oder innovative, in einer gesellschaftlichen Krisenzeit »umgeschichtete« Wertmuster zu rechtfertigen, damit der im emphatischen Sinne Freie und Würdige auch tatsächlich einen Grund zum Glücklichsein hat.“973 Die Würdigkeit zum Glück hingegen betrifft den Wert einer Lebensweise eines Glückssubjekts. Sofern diese Lebensweise primär als Gesamtheit von Handlungen und Maximen des Lebenssubjekts verstanden wird, stellt die Frage nach der Würdigkeit zum Glück also eine klassisch moralphilosophische Frage dar. Kant bringt dies in seiner Feststellung auf den Punkt, Moral sei „nicht eigentlich die Lehre, wie wir uns glücklich machen, sondern wie wir der Glückseligkeit würdig werden sollen.“974 Damit bleibt Moralität aber motivational wiederum an das Glück gebunden; obschon sich die Philosophie für Kant inhaltlich nur mit ersterem beschäftigen sollte. Der eifrige Kantleser Friedrich Schiller nimmt die Glückseligkeit dann schließlich auch wieder als philosophisches Thema auf und schreibt der Kultur die Aufgabe zu, des Menschen „Würde mit seiner Glückseligkeit in Übereinstimmung“975 zu bringen. Das trifft ein Kernanliegen der EgL auf den Punkt: dass es eine pragmatische oder eine normative Ethik in Reinform jeweils nicht geben kann – vielmehr sind sie interdependent zu konzipieren.976 Weiterhin zählen nicht wenige Glücksphilosophen die Freiheit – mal als äußerliche Handlungsfreiheit, mal als innerliche Willensfreiheit verstanden – zu einer notwendigen Bedingung für das eigene Glück, womit das Glück gleichsam normativ aufgeladen wird.977 In der Freiheit kommt ein Wert zum Tragen, der bereits im Rahmen der deontologischen Ethik erörtert wurde und der nicht zu Gunsten des Glückes kompromittiert werden kann, ohne dass dieses Glück dadurch an Wert und Würde verliert. Unabhängig davon, ob Moralität wesenhaft eigenständig bestimmt wird – etwa als „jene Qualität […], die es erlaubt, eine Handlung als eine moralische, als eine sittlich gute Handlung zu bezeichnen“978 – oder sich stattdessen als normative Qualität des Glückes aus diesem selbst abgeleitet wird (Glückwürdigkeit, Glücksgrund, Glücksrechtfertigung, Glücksbedingung), bleibt festzuhalten: Weder Glück noch Moral können aus einer unverkürzten Ethik ausgegrenzt werden; vielmehr müssen sie in ihrer unauflöslichen Interdependenz, in ihrem unauflöslichen und nicht zu harmonisierenden Spannungsverhältnis zur Sprache kommen – zumindest, wenn eine Ethik das menschliche Leben in all seinen grundlegenden Dimensionen zur Sprache bringen will. 973 Fenner 2003: 39 [Kursivier. H.W.]. 974 Kant 2004a: 261. 975 Schiller 2004: 141. 976 Vgl. Kap. 4.5. 977 Vgl. Schummer 1998: 13, Seel 1995: 85-87. 978 Pieper 2007: 17.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.