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12 Zum Glück – oder: Vom letzten Ziel menschlichen Strebens in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 191 - 200

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-191

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
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191 12 Zum Glück – oder: Vom letzten Ziel menschlichen Strebens In der existenziellen Ethik ist das menschliche Streben in all seinen Facetten ausgedeutet und expliziert worden, wobei die Frage nach Ziel oder Objekt dieses Strebens noch offen geblieben ist.761 Bekanntlich findet Aristoteles dieses höchste Handlungsziel im Glück (εὐδαιμονία [eudaimonia]).762 Dieses Glück wird formal bestimmt als das, was „stets rein für sich selbst gewählt wird und niemals zu einem anderen Zweck“763: Glück ist das letzte Handlungsziel des Menschen, es ist ein „finis quo maius nihil cogitari potest: […] ein Ziel, über das hinaus kein Ziel gedacht werden kann.“764 Alle anderen Handlungsziele sind nur Zwischenziele und Mittel zur Erreichung dieses höheren Ziels. So mögen Reichtum oder Freundschaft erstrebenswerte Handlungsziele sein – ihre Werfthaftigkeit erhalten sie aber vor allem dadurch, dass sie als Mittel zum Endzweck des Glücks fungieren. Glück ist ein Zweck an sich selbst – der einzige Zweck, der nicht selbst wiederum Mittel für einen anderen, höheren Zweck ist. Dabei mögen die Mittel, die Menschen zur Verfolgung dieses letzten Handlungszwecks einsetzen, so verschieden sein wie ihre Lebensweisen und Geschichten. Außergewöhnliche Einigkeit herrscht unter Philosophen darüber, dass der Mensch von Natur aus nach Glück strebt.765 Das allgemeine Glücksstreben des Menschen stellt „die wohl fundamentalste anthropologische Aussage jeder Glücksphilosophie“766 dar und kann als „der größte gemeinsame Nenner der Menschheit“767 gelten. Insofern lässt sich eine inhaltliche Gemeinsamkeit moderner Glückstheorien in der (mal mehr, mal 761 Vgl. Kap. 8 bzw. Kap. 10. 762 Vgl. Kap. 2.2. 763 Jeweils Aristoteles 1969: 15 [1079a 34]. 764 Höffe 1992: 396. Bereits zitiert in Kap. 1. 765 Günther Bien nennt hier Platon, Aristoteles, Epikur, Cicero, Seneca, Augustinus, Boethius, Thomas v. Aquin, Leibniz, Pascal, Montaigne, Kant, Bentham, Mill, William James, ebenso Schriftsteller wie Dostojewski und Hesse sowie Sigmund Freud (vgl. Bien 2000: 23). Ob Nietzsche hier eine echte Ausnahme darstellt oder ob seine Glücksskepsis nicht bloß einem sehr eigenen Glücksbegriff entspringt, scheint mir zumindest fragwürdig (vgl. dazu Kap. 22). Jedenfalls positioniert sich Nietzsche mit vielen bekannten Textstellen und Aphorismen gegen eine Vorherrschaft des Glücks in der Philosophie und auch im konkreten Leben: „Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? – Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer thut das.“ (Nietzsche 1988a: 60f.) „Nach Glück suchen? Das kann ich nicht. Glücklich machen? Aber es giebt für mich so viel Wichtigeres.“ (Nietzsche 1988f: 280) „Der letzte Mensch – er hüstelt und genießt sein Glück.“ (Nietzsche 1988e: 160) „Was ist das Grösste, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der grossen Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glück zum Ekel wird und ebenso eure Vernunft und eure Tugend. Die Stunde, wo ihr sagt: »Was liegt an meinem Glücke! Es ist Armuth und Schmutz, und ein erbärmliches Behagen. Aber mein Gück sollte das Dasein selber rechtfertigen!«“ (Nietzsche 1968: 9) „Mein Leid und mein Mitleiden – was liegt daran! Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke!“ (Nietzsche 1968: 404) 766 Bien 2000: 23. 767 Pieper 2003: 17. Bereits zitiert in Kap. 1. 192 ZUM GLÜCK – ODER: VOM LETZTEN ZIEL MENSCHLICHEN STREBENS weniger begründeten) These finden, dass alle Menschen ausnahmslos und unaufhebbar nach Glück streben.768 Alfred Bellebaum fragt gar, ob man nicht vor diesem Hintergrund vom Menschen als dem „glücksuchenden Tier“769 und von dessen Glücksstreben als „zeitlose[m] menschliche[n] Bedürfnis“770 sprechen sollte. Nun ist aber durch diese Gemeinsamkeiten verschiedenster Glückstheorien noch nichts über das Wesen des Glücks selbst ausgesagt. Soweit es bei der bloß formalen Bestimmung des Glücks als letztem Handlungszweck bleibt, die dann mit den subjektiven Vorstellungen verschiedener Individuen inhaltlich gefüllt werden kann, stellen die Thesen vom Glück als letztem Handlungszweck und als Ziel jedes menschlichen Strebens bloß analytische Wahrheiten ohne tiefergehenden Aussagegehalt dar: Was soll es hei- ßen, dass alle Menschen nach Glück streben, wenn Glück für jeden Menschen inhaltlich etwas anderes bedeuten kann? Wie ist dies unterscheidbar von der Behauptung, jeder Mensch strebe nach seinem ganz eigenen letzten Zweck (womit es kein allgemeiner Zweck mehr wäre)? Wenn sich, wie in der gegenwärtigen Glücksforschung durchaus nicht unüblich, Autoren sowohl für einen formal allgemeinen als auch für einen inhaltlich nicht allgemein bestimmbaren Glücksbegriff aussprechen, so ist das nicht gerade inhaltsschwanger. Die entscheidende Frage ist also: Kann die Philosophie das Glück inhaltlich so bestimmen, dass es nicht bloß subjektiven Charakter hat? Kann es ein nicht nur formal, sondern auch inhaltlich allgemeines Glück geben? 12.1 Glück als Thema der Ethik: Universalität und Paternalismus Die Überschrift „Glück als Thema der Ethik“ stellt für sich selbst bereits ein Wagnis dar – in Anbetracht der zahlreichen und teils hochrangigen Philosophen, die im Glück keinen sinnvollen philosophischen Gegenstand sehen. Otfried Höffe analysiert drei philosophiegeschichtliche Gründe für die Ausgrenzung des Glücks aus der philosophischen Diskussion: (i) der europäische Nihilismus (diagnostiziert von Schopenhauer, Nietzsche, Dostojevski, Musil), (ii) den Übergang von der eigenverantwortlich-individuellen Glücksverfolgung hin zum Glücksauftrag des modernen Sozialstaats, (iii) Kants Feststellung, Glück sei objektiv nicht zu bestimmen.771 Zu (iii) liest man bei Kant: „Allein es ist ein Unglück, daß der Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist, daß, obgleich jeder Mensch zu dieser zu gelangen wünscht, er doch niemals bestimmt und mit sich selbst einstimmig sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle. Die Ursache davon ist: daß alle Elemente, die zum Begriff der Glückseligkeit gehören, insgesamt empirisch sind, d.i. aus der Erfahrung müssen entlehnt werden“772. 768 Vgl. Kolmer/Wildfeuer 2011: 1074. 769 Bellebaum 2002a: 16. 770 Bellebaum 2002a: 16. 771 Vgl. Höffe 1992: 396-398. 772 Kant 2004a: 47. Thomä et al. werfen Kant sogar vor, das Glück nicht nur zur „Nebensache der Philosophie zu erklären“, sondern auch „zu einer Nebensache des Lebens“ (Thomä et al. 2011: 6). 193 GLÜCK ALS THEMA DER ETHIK: UNIVERSALITÄT UND PATERNALISMUS Persönliche Glücksvorstellungen, so individuell sie auch sein mögen, entstehen aber nicht aus einer unberechenbaren individuellen Spontaneität urteilender Subjekte, sondern aus historischen und sozialen Bedeutungskontexten, in die Individuen eingelassen sind und über die sie nicht verfügen können.773 Auch wer (wie Kant) die Universalität des Glücksbegriffs verneint, kann nicht ohne weiteres einer radikalen Individualität des Glücks das Wort reden. Dass sich die Philosophie mit dem Glück schwertut, spricht jedenfalls „nicht gegen das Glück und auch nicht gegen das Nachdenken darüber.“774 Nichtsdestotrotz droht jedem Philosophen, der sich auch inhaltlich mit dem glücklichen Leben auseinandersetzen will, der Paternalismus-Vorwurf: „Denn es sind häufig die sich selber als besonders aufgeklärt verstehenden Philosophen, denen das Thema als anrüchig, theologie-verdächtig erscheint und die – mit einer bemerkenswerten Überschätzung philosophischer Autorität – hinter jeder philosophischen Ausformulierung des Glücksbegriffs eine paternalistische Bevormundung mündiger Bürger in einer pluralistischen Gesellschaft wittern.“775 Der Paternalismus-Vorwurf trifft damit aber ironischerweise nicht nur eine ganz eigene substanzielle Aussage über das Glück – und betreibt damit bereits eine Philosophie des Glücks776 –, sondern unterstellt auch, dass das Wesen der Philosophie offenbar darin zu sehen ist, dem Menschen präskriptive (normative, moralische) Vorschriften in Form von allgemeingültigen Geboten zu machen. Philosophie kann aber auch eine Quelle von Lebensorientierung sein, die nicht mit dem unerbittlichen Anspruch auf universale Geltung auftreten muss, sondern auch als eine Einladung zum fundierten Perspektivenwechsel verstanden werden kann. Bemerkenswerterweise ist es Kant, der auf diesen Umstand hinweist: „Die Maxime der Selbstliebe (Klugheit) rät bloß an; das Gesetz der Sittlichkeit gebietet. Es ist aber doch ein großer Unterschied zwischen dem, wozu man uns anrätig ist, und dem, wozu wir verbindlich sind.“777 Der Paternalismus-Vorwurf beruht insofern auf einer zweifelhaften objektivistischen Konzeption der Philosophie bzw. der Ethik. Geht man jedoch, wie in der vorliegenden Arbeit, den Weg „vom Subjektiven zum Transsubjektiven durch schrittweises Abstrahieren der spezifischen Subjektrelativitäten […], dann erscheint das Philosophieren sogar als Methode der Wahl, um über Bedingungen und Formen eines guten, gelingenden, zufriedenen oder glücklichen Lebens Aufschluß zu gewinnen.“778 Zum Glück lässt sich in der Philosophie auch eine gegenläufige Tendenz festmachen; Dagmar Fenner sprach wie gesehen von einer Renaissance des guten Lebens (und damit auch des Glücks) in der philosophischen Ethik.779 Glücksforscher Alfred Bellebaum spricht gar von „Aktualitätswellen [des Glücks; H.W.], deren letzte bei uns Ende 773 Vgl. Thomä et al. 2011: 6. 774 Thomä 2003: 13. 775 Schummer 1998: 8. 776 Vgl. Seel 1995: 50. 777 Kant 2004a: 148. 778 Schummer 1998: 14. 779 Vgl. Fenner 2007: 7. 194 ZUM GLÜCK – ODER: VOM LETZTEN ZIEL MENSCHLICHEN STREBENS der 80er/ Anfang der 90er Jahre begann.“780 Wilhelm Schmid sieht die Gründe für solche Wellen vor allem im Verlust an Orientierung und Sinn: „Nach Lebenskunst fragen diejenigen, für die sich das Leben nicht mehr von selbst versteht, in welcher Kultur und welcher Zeit auch immer. Die Frage bricht vorzugsweise dort auf, wo Traditionen, Konventionen und Normen, und seien es die der Moderne, nicht mehr überzeugend sind und die Individuen sich um sich selbst zu sorgen beginnen. Beziehungen zerbrechen, Zusammenhänge lösen sich auf, und der Einzelne ist mit Situationen konfrontiert, die ihm von Grund auf fremd sind. Die Geschichte bietet immer wieder Beispiele für einen solchen Orientierungsverlust und die dann einsetzende Sinnsuche.“781 Mitten in der gegenwärtigen Aktualitätswelle des Glücks werden aber auch kritische Stimmen laut. Psychotherapeut Arnold Retzer publiziert mit „Miese Stimmung“ eine „Streitschrift gegen positives Denken“ und kritisiert den um sich greifenden Selbstoptimierungswahn.782 Wilhelm Schmid attestiert der Gegenwart eine „Glückshysterie, die um sich greift. Viele Menschen sind plötzlich so verrückt nach Glück, dass zu befürchten ist, sie könnten sich unglücklich machen, nur weil sie glauben, ohne Glück nicht mehr leben zu können.“783 Die Ursachen dieser Glückshysterie führt Schmid zum Teil auf den Zusammenbruch der großen Sozialsysteme Kommunismus und Kapitalismus zurück: Wurde das Glück hier noch als sozial-politisches Anliegen betrachtet, das systemisch zu lösen sei, bleibt das moderne Individuum (entgegen Höffes Einschätzung oben) ganz auf sich allein gestellt.784 Als reine Privatsache aber scheint der heutige Mensch sein Glück nicht besser verwirklichen zu können als seine Vorfahren. Auch der Fortschritt kann offenbar keine Abhilfe schaffen: Während wissenschaftliches Wissen, Gesellschaft, Technologie und finanzieller Wohlstand über die Jahrzehnte stetig gewachsen sind, „scheinen die Menschen im Laufe der Geschichte insgesamt nicht glücklicher geworden zu sein.“785 Angesichts der Errungenschaften unserer hochentwickelten Gesellschaft mutet dies geradezu paradox an: „Wir leben in einer Überflussgesellschaft und haben nichts davon.“786 Es lässt sich insofern eine klaffende Lücke zwischen den theoretischen Erkenntnissen über das Glück und der Realisierung des Glücks im individuellen Leben ausmachen. Das Glück scheint nicht (wie z. B. eine Ware) produzierbar zu sein. Unserer Gesellschaft mangelt es keineswegs an Glücksgütern, sondern an Glücksfähigkeiten.787 Das in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festgehaltene und unveräußerliche Recht, nach Glück zu streben (pursuit of happiness) bleibt insofern lediglich eine 780 Bellebaum 2002b: 9. 781 Schmid 1998: 9. 782 Vgl. Retzer 2012. 783 Schmid 2007a: 7. 784 Vgl. Schmid 2007a: 78. 785 Fenner 2003: 587. 786 Böhme 2003: 369. 787 Vgl. Fenner 2003: 587f. 195 GLÜCK ALS THEMA DER ETHIK: UNIVERSALITÄT UND PATERNALISMUS Möglichkeit, keine Wirklichkeit.788 Auf diesem Boden floriert derzeit eine ganze Glücksindustrie, unter die letztlich auch eine Ethik des guten Lebens fällt, wie sie in dieser Arbeit entworfen wird – auch wenn der damit verbundene Anspruch ein kritisch-gemeinnütziger und kein populär-kommerzieller ist. Die Glücksindustrie jedenfalls scheitert am Glück selbst, welches sich durch die Aneignung von Glücksgütern oder Glückstechniken nicht erzwingen lässt. Am Glück zeigt sich exemplarisch das Scheitern des Homo Faber und des Homo Oeconomicus.789 Während manche Philosophen in diesen Problemen die Rechtfertigung der Nicht-Thematisierung des Glücks im philosophischen Diskurs sehen, fühlen sich andere dadurch in ihrer philosophischen Bemühung um das Glück bestärkt. Die gegenwärtige Wiederbelebung der Glücksphilosophie geht aber auch auf philosophie-interne Gründe zurück: z. B. auf die moralphilosophischen Probleme bei der Erarbeitung der Werthaftigkeit moralischer Zwecke ohne Bezug auf strebensethische Güter, auf das Problem der ethischen Motivation, oder auf die aktuelle Debatte über den Vorrang des Guten vor dem Richtigen. Da sich am Glück nicht nur die sozial-kulturelle Individualisierung und der Abbau des fürsorgenden Staates, sondern auch die innerphilosophische Loslösung der Ethik von empirischen Glücksfragen offenbart, kann Dieter Thomä – zugegeben etwas überspitzt – konstatieren: „Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man meint, daß das Glück ein ausgezeichneter Anhaltspunkt ist, um mit der Frage, wie es um die Moderne steht, zu Rande zu kommen.“790 In der gegenwärtigen Glücksphilosophie lassen sich zwei philosophische Zugänge zum Glück unterscheiden: Während deskriptive Glückstheorien untersuchen, inwieweit Glück das letzte angestrebte Ziel jedes Menschen ist, bekunden normative Glücksphilosophien, das Glück sei obendrein auch das erstrebenswerteste Gut (unabhängig von diesem natürlichen Glücksstreben), woraus dann ein (vorschreibender oder anratender) Imperativ zur Glücksverfolgung abgeleitet werden kann. Kant wendet zwar mit Recht ein, dass sich ein solcher Imperativ erübrige, wenn das Glücksstreben bereits als ein allgemeines anthropologisches Faktum ausgewiesen wurde: „Ein Gebot, dass jedermann sich glücklich zu machen suchen sollte, wäre töricht, denn man gebietet niemals jemandem das, was er schon unausbleiblich von selbst will. Man müsste ihm bloß die Maßregeln gebieten oder vielmehr darreichen, weil er nicht alles das kann, was er will.“791 788 „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.--That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, --That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness.“ (Declaration of Independence 1776) 789 Siehe dazu Kap. 20.2. 790 Thomä 2003: 15. 791 Kant 2004a: 149. 196 ZUM GLÜCK – ODER: VOM LETZTEN ZIEL MENSCHLICHEN STREBENS Die normative Glücksphilosophie bezieht sich aber auf ein philosophisch qualifiziertes Glück (wie es in Teil III entfaltet wird) – und nur dieses soll(te) demzufolge angestrebt werden. Obgleich das (Glücks-)Streben als anthropologisches Faktum unter die existenzielle Ethik fällt, bildet es einen Gegenstand der normativen Ethik insofern als diese das Glück normiert. Da dem existenziellen Glücksstreben aber auch ein wesenhafter Drang auf Realisierung innewohnt, kann das Glück nur in der Einheit von existenzieller, normativer und pragmatischer Ethik eingefangen werden. Es ist also die Aufgabe der EgL als Ganzer, das gute Leben dahingehend näher zu bestimmen, als dass es in seinem existenziellen Glücksstreben nach einem normativen Glück im Rahmen moralischer und rechtlicher Anforderungen erscheint; und sich seine Güte nicht zuletzt auf die pragmatische Realisierung dieses wertvollen Glücks bezieht. Unter dem Paradigma einer disziplin-übergreifenden Glücksforschung kommt der Philosophie die Rolle als Orientierungswissenschaft zu, während die empirische Sozialwissenschaft, Psychologie und Hirnforschung als Verfügungswissenschaften fungieren (Mittelstraß).792 Versäumt es die Philosophie, im Sinne einer Orientierungs wissenschaft z. B., multiperspektivisch die Verflechtungen des Glücks in sozial-kulturelle Normativitäten herauszustellen, dann begünstigt es methodologische Irrwege anderer Disziplinen – etwa wenn in der psychiatrischen Forschung die These vertreten wird, Glück sei eine psychiatrische Störung mit Krankheitswert: „major affective disorder, pleasant type“.793 Als Orientierungswissenschaft kommt der Philosophie primär die Aufgabe zu, einen qualifizierten Glücksbegriff zu erarbeiten. So liest man bei Robert Spaemann: „Die Philosophie umkreist das Thema Glück, ohne eine Wissenschaft vom Glück sein zu wollen. Sie ist eine Bemühung um Glück. Sie hat nicht seinen Begriff, sondern versucht, einen bestimmten Begriff von Glück zu bilden. Philosophie will ja Realdefinitionen und nicht Nominaldefinitionen geben, weil sie zur Sprache bringen will, was ist.“794 Doch die obige Skepsis Kants gegenüber einem eindeutig bestimmbaren Glücksbegriff in Form einer Realdefinition ist durchaus berechtigt: So zählte bereits der römische Universalgelehrte Marcus Terentius Varro im ersten vorchristlichen Jahrhundert 288 Ansichten über das, was Glück denn eigentlich sei.795 Diese Mannigfaltigkeit an Glücksvorstellungen hat sich durch die moderne Individualisierung und fortschreitende Loslösung der Glückssubjekte von allgemeinen gesellschaftlichen, religiösen und sozialpolitischen Normen nochmals potenziert. Eine Philosophie des Glücks scheint in Anbetracht dieser Vielfalt aussichtslos. Kann es eine unparteiische Glücksphilosophie überhaupt geben, wo doch jeder inhaltlichen Bestimmung des Glücks ein normatives Moment anzuhaften scheint? 792 Vgl. Mittelstraß 1982: 16-20. 793 Bentall 1992: 94. 794 Spaemann 1978: 18. 795 Vgl. Spaemann 1978: 1. 197 DIE SPRACHE DES GLÜCKS 12.2 Allgemeines über die Mannigfaltigkeit des Glücks Nun, zunächst lassen sich einige vage, allgemein und formal gehaltene Charakteristika der verschiedenen Glücksvorstellungen ausmachen. So betont Pieper in Bezug auf die verschiedenen Glücksvorstellungen: „immer geht es um das Begehren von etwas, dessen Besitz vollständige Erfüllung verspricht: […] Der Verzicht auf bestimmte Arten des Glücks erfolgt also stets um eines anderen, bevorzugten Glücks willen, nicht jedoch deshalb, weil das Streben nach Glück als solches in Frage gestellt würde.“796 Glück scheint also zunächst in allen Glücksentwürfen etwas Gutes und Wünschenswertes zu sein. 12.3 Die Sprache des Glücks Weiterführend kann eine sprachgeschichtliche Analyse des Glücks einige allgemeine Einsichten und Abgrenzungen zu liefern. Im Griechischen stößt man in allen sprachlichen Glückskonzepten auf die Silbe „εὐ“ [eu; dt.: „gut“] – so auch in „εὐδαιμονία“ (eudaimonia). Zentral für die altgriechische Sprache des Glücks ist also das Gute. In der Eudaimonia hat der Glückssuchende einen guten Dämon zum Führer, womit inhaltlich eine Verinnerlichung des Glücks einhergeht, das vor allem in der Seele und nicht in äu- ßeren Gütern seinen Ursprung hat.797 Das Lateinische entwickelt daraus drei zentrale Glückskonzepte: „beatitudo“ bezeichnet dabei ursprünglich die Segnung mit Glücksgütern, „felicatas“ verweist ursprünglich auf die mit dem Glück assoziierte Fruchtbarkeit (vermutlich verwandt mit „fetus“), und „fortuna“ stellt schließlich die göttliche Verkörperung des Glücks und das lateinische Pendant zur griechischen Göttin Tyche dar.798 Im Lateinischen wird durch die Fortuna also auch sprachlich dem Zufallsglück ein eigener Charakter gegeben, welches einem vom Schicksal ohne eigenes Zutun in die Hände gespielt (oder eben auch vorenthalten bzw. entzogen) wird. Im Deutschen fallen diese Bedeutungen wieder zusammen: „glücklich“ kann sowohl „Glück haben“ (im Sinne von „Glück gehabt!“) als auch „glücklich sein“ (im Sinne eines inneren Gemütszustands) bedeuten. Andere zeitgenössische Sprachen vermögen diesen Unterschied noch in sich aufzunehmen: So unterscheidet das Französische „chance“, „bonheur“, „félicité“ und „fortune“, das Englische entsprechend „luck“, „happiness“, „felicity“ und „chance“.799 Das deutsche Wort „Glück“ ist sprachgeschichtlich mit „Lücke“ verwandt (das Englische „luck“ entsprechend mit „lag“): „Das Verb »glücken« verweist wie das verwandte »gelingen« (und wie das engl. Verb »to lock« bzw. das Substantiv »locker«) auf ein Verschließen, Ausfüllen und Erfüllen von »Lücken«.“800 Das mag nicht nur auf das Glück des Sexualaktes als „Lückenfüllen“ hinweisen – Sartre spricht hier tatsächlich von einer allgemeinen menschlichen Tendenz, Löcher zu füllen801 –, sondern auch auf den kom- 796 Pieper 2003: 9. 797 Vgl. Lauster 2011a. 798 Vgl. Lauster 2011b: 12. 799 Vgl. Hörisch 2011: 13. Im französischen „bonheur“ klingt das „gute Vorzeichen“ des Zufallsglücks ebenso noch nach wie im englischen „happiness“, das einem zufällig geschieht („to happen“). 800 Hörisch 2011: 13. 801 Vgl. Sartre 2010a: 1048f., der hier natürlich differenzierter interpretiert werden muss. 198 ZUM GLÜCK – ODER: VOM LETZTEN ZIEL MENSCHLICHEN STREBENS parativen Grundcharakter des Glücks, das ohne Lücken- bzw. Deprivationserfahrungen gar nicht wirklich (ein-)geschätzt werden kann.802 So hören wir Goethe sagen: „Alles in der Welt läßt sich ertragen, / Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen“803 – was aber, wie Freud bemerkt, „immerhin eine Übertreibung sein“804 mag. Ebenso wie im Englischen gibt es das deutsche Wort „Glück“ nur im Singular – im Plural muss man sich mit Konstrukten wie „Glücksmomenten“ oder „Glücksepisoden“ behelfen. Weiterhin bereitet die Frage nach dem Gegenteil von Glück Kopfzerbrechen: Glück kann sowohl mit körperlichen Leiden als auch mit einer melancholischen Stimmung vereinbar sein.805 Aber nicht nur das Gegenteil, sondern auch die Abgrenzung zu ähnlichen positiven Konzepten bereitet der Forschung Mühe. So definiert etwa die WHO: „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity.“806 Ein solcher Gesundheitsbegriff scheint zwar lobenswert, aber eben auch hypertroph,807 denn was hier eigentlich beschrieben wird, ähnelt vielmehr dem – ebenfalls hypertrophen – Glückseligkeitsbegriff Kants als „Befriedigung aller unserer Neigungen (so wohl extensive, der Mannigfaltigkeit derselben, als intensive, dem Grade, und auch protensive, der Dauer nach).“808 12.4 Das universale Glücksstreben als Faktum menschlicher Existenz Alles, was über diese formalen Bestimmungen des Glücks hinausgeht, legt das Glück bereits ganz explizit als etwas Bestimmtes aus und disqualifiziert damit gegenläufige Ansichten. Insbesondere die kriteriale Bestimmung des echten Glücks und seiner Abgrenzung zum Scheinglück erweist sich als hochgradig normatives Unterfangen. Für die existenzielle Ethik lässt sich zunächst festhalten, dass das Glücksstreben als universale Bedingung menschlicher Existenz eine conditio humana bildet, die mit einer Seinsweise zusammenhängt, die sich als typisch für Lebendiges erweist: ein sich in die Welt entfaltendes Streben gegen weltliche Widrigkeiten. Menschliches Leben gibt es nur in Form einer Bewegung, eines zielgerichteten Verhaltens und Handelns, das Ziele zu realisieren intendiert, die – sofern sie Mittel zum Zweck sind – auf das Glück als letztes Handlungsziel ausgerichtet sind. Neben diesem Finalisierungszwang drückt sich im Glück ein weiteres Motiv menschlichen Lebens aus: Menschliches Leben bewegt sich im Zwischenraum dieser beiden Extreme, es ist ein Leben, dem die Welt einerseits oft unkontrollierbar widerfährt, das aber andererseits die Welt auch manchmal kontrollieren, beeinflussen, gestalten oder deuten kann. Menschliches Leben bewegt sich zwischen Machbarkeit und Fatalismus, zwischen Beherrschung und Ausgeliefert-sein, zwischen 802 Hörisch 2011: 13f. 803 Ausspruch Goethes, zitiert nach Hörisch 2011: 14. 804 Freud 2008: 246. 805 Vgl. Seel 1995: 66f. sowie den Buchtitel „Melancholie, oder: vom Glück, unglücklich zu sein“ (Sillem 1997). 806 World Health Organization 2015: 1. 807 Vgl. Brandt 2010: 65. 808 Kant 2004b: 677. 199 DAS UNIVERSALE GLÜCKSSTREBEN ALS FAKTUM MENSCHLICHER EXISTENZ Selbst- und Fremdbestimmung, zwischen Autonomie und Determinismus809 – menschliches Leben als Pendeln, das sich mal dem einen, mal dem anderen Pol nähert. All dies war Thema der existenziellen Ethik. Und auch wenn es zunächst so aussah, als sei die Frage nach dem Wesen des Glücks ebenfalls in der existenziellen Ethik zu behandeln, weil die Frage nach dem Glück eine deskriptive und wertfreie Antwort nach sich ziehen würde, stellt sich die Entfaltung eines philosophisch-kritischen, inhaltlichen-präzisierten Glücksbegriffs als eine Aufgabe dar, welche die Zuständigkeiten der existenziellen Ethik grundsätzlich überschreitet und der normativen Ethik überlassen bleiben muss. Denn bereits die Frage nach dem Wesen des Glücks – nach dem echten, wahren Glück – bedarf einer philosophischen Normierung gängiger Glücksvorstellungen. 809 Vgl. Kap. 8, 9, 20.

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Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.