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9 Erschließende Perspektiven auf die menschliche Existenz in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 169 - 184

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-169

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
169 9 Erschließende Perspektiven auf die menschliche Existenz Philosophie kann vielleicht als die im höchsten Maße voraussetzungsreflektierte Disziplin gelten, und es ist daher fast überflüssig zu erwähnen, dass der in Kap. 8 durchgeführten Phänomenologie der menschlichen Existenz (bzw. philosophischen Anthropologie) weder finale Endgültigkeit noch neutrale Objektivität zukommen kann. Gleichwohl ein gewisser Anspruch darauf erhoben wird, alle wesentlichen Dimensionen menschlicher Existenz thematisiert und keinen grundlegenden Bereich ausgelassen zu haben, basieren Systematisierungen letztlich nicht nur auf subjektiven Präferenzen, sondern auch auf sozial-kulturellen und philosophiegeschichtlichen Voraussetzungen. Das mag für eine Ethik des guten Lebens aber gar nicht so sehr von Nachteil sein – schließlich intendiert sie ja gerade eine Lehre vom guten Leben in unseren Tagen, d. h. unter den aktuell gegebenen sozial-kulturellen, politisch-ökonomischen und philosophisch-ideellen Bedingungen. Auch auf dieser Grundlage gibt es jedoch einen gewissen Ermessungsspielraum bei der Auslotung der menschlichen Existenz. In diesem Sinne sollen nun der im letzten Kapitel entfalteten Systematik noch einmal ganz andere Perspektiven an die Seite gestellt werden, die das Bisherige unter einem anderen Licht erscheinen lassen, indem sie es unter anderen Gesichtspunkten thematisieren. Dies darf nicht vorschnell als Notbehelf oder eleganzbefreiter Eklektizismus abgetan werden. Vielmehr wurde ja deutlich, dass die menschliche Existenz sich gerade dadurch auszuzeichnen scheint, dass sie sich nicht festlegen lässt, nicht endgültig und von einem neutralen Standpunkt aus fixiert werden kann, weil sie wesenhaft eine andauernde Dynamik und kontingente Bewegung darstellt. Auch das philosophische Denken ist geschichtlichen Veränderungen unterworfen (Dilthey, Gadamer): Was sich uns als Phänomen zeigt, bleibt abhängig von sozial-kulturell geprägten Erschlossenheitsweisen (Böhme); unsere Essenz ist unserer unbestimmten Freiheit gegenüber nachrangig (Sartre); wenn überhaupt, dann kann unser Wesen nur als Verhältnis bestimmt werden, das sich jeder Fixierung entzieht (Kierkegaard, Plessner) – „Das Prinzip menschlicher Subjektivität ist geradezu, seine Prinzipien zu ändern.“738 Es scheint mir also umgekehrt gerade gegenstandsangemessen im phänomenologischen Sinne zu sein, die menschliche Existenz aus ihrer Mitte heraus immer neu zu entfalten und diese Entfaltung als eine Bewegung in die Ferne enden zu lassen – nie um den absoluten Anfang und das absolute Ende dieser Bewegung wissend. Denn das Gespräch, das wir sind (Gadamer), vollzieht sich in der Vorurteilsstruktur des hermeneutischen Zirkels (Heidegger) – und ist daher ein prozessuales Ringen um Verstehen, und damit auch um ein Anders-Verstehen. Unter dieser Leitidee, die im Rahmen dieser Arbeit nicht eigens erkenntnistheoretisch diskutiert werden kann, sollen nun weitere Perspektiven auf die menschliche Exis- 738 Brandt 2010: 36. 170 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ tenz dargestellt und systematisch entfaltet werden. Der Mehrwert wird sich dabei nicht im Inhaltlichen zeigen – also nicht in zusätzlichen phänomenologischen Analysen, die ja in Kap. 8 bereits ausführlich durchgeführt wurden –, sondern in neuen Anordnungen des bisher Erschlossenen. Dies ist als ein Angebot von Perspektiven zu verstehen. Als Systemtheoretiker kann man durchaus von einem Realitätenkellner739 sprechen. Wer es hingegen poetisch mag, wird bei Marcel Proust fündig, für den die einzig wahre Reise nicht in neue Länder führt, sondern darin besteht, das Alte und Gewohnte mit anderen Augen zu sehen.740 9.1 Der Mensch als Spannungsverhältnis Anstatt die menschliche Existenz wie im vorherigen Kapitel in neun Dimensionen zu entfalten, könnte man auch Ausgang nehmen von einem grundsätzlichen Motiv, das immer wieder zutage tritt, sofern wir uns mit uns selbst beschäftigen: Wir erscheinen als Wesen, die als Verhältnis existieren, und die deshalb nicht so einfach in Tatsachenaussagen beschrieben werden können. Menschliche Existenz ist kein (bloßes) positives Faktum, sondern immer auch ein Aktualisieren von Nicht-Realem, eine Bezugnahme auf Ideelles, Zukünftiges, Mögliches; und widersetzt sich damit einer fixierenden Definition, weil Mensch-sein letztlich ein Vollzug und kein Ergebnis ist, weil wir als dynamisches Verhältnis verschiedenster Polaritäten existieren. Wir leben zwar z. B. im Hier und Jetzt, können die Gegenwart aber immer schon auf das Vergangene und Zukünftige hin überschreiten. Damit bleiben wir einerseits immanent immer nur in der Gegenwart, transzendieren diese aber andererseits durch Erinnerung und Antizipation – und aktualisieren damit Nicht-Gegenwärtiges. Wir erleben uns einerseits als Leib, sind aber andererseits auch immer Körper. Wir schaffen Kultur und sind doch durch und durch Natur. Wir schwingen uns auf in die Höhen des Geistes und erliegen doch der Macht der Biologie, wenn unser Gehirn (und sein Stoffwechsel) nicht mitspielt. Wir sind determiniert durch unsere Natur und erleben uns doch als freie, autonome Wesen; wir wissen um die Festlegungen unserer Biologie und fordern vor Gericht dennoch die Verantwortlichkeit des Einzelnen ein. Wir haben uns unsere Freiheit nicht ausgesucht – wir durften nie wählen, ob wir frei sein wollen –, müssen diese Freiheit nun aber auch leben; wir sind unfrei frei; wir haben die Wahl, weil wir nie die Wahl hatten. Wir wissen, dass wir im Schmerz unhintergehbar vereinzelt werden, und doch verstehen wir im Mitleid (im Blick des Anderen; in der Meditation; usf.), dass dieser Ande- 739 Vgl. „Der Realitätenkellner – Hypnosystemische Konzepte in Beratung, Coaching und Supervision“ (Leeb et al. 2011). 740 Proust im (übersetzten) Wortlaut: „Denn wenn wir Mars oder Venus besuchten und doch die gleichen Sinne behielten, so würden diese allem, was wir sehen könnten, den gleichen Aspekt wie den Dingen der Erde verleihen. Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, die Welt mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist; das aber vermögen wir mit einem Elstir, mit einem Vinteuil und ihresgleichen, wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.“ (Proust 2000: 366f.) 171 DER MENSCH ALS SPANNUNGSVERHÄLTNIS re wie wir selbst ist, dass wir zusammen gehören. Wir wissen, dass wir einsame Individuen sind – dass nur ich wirklich ich bin –, und doch entstammt diese Individualität nicht zuletzt einem sozialen Differenzierungsgeschehen. Und deshalb lässt sich die menschliche Existenz also auch als ein Verhältnis-sein, als ein Im-Verhältnis-existieren charakterisieren, wobei dieses Verhältnis immer auch eine Spannung bedeutet und nicht einen bedeutungslosen Quotienten zweier Zahlen. Es ist ein im höchsten Maße existenzielles Spannungsverhältnis, wenn – wie im Schmerz, im Leiden, im Liebeskummer, im Sterben – der Ist- und Soll-Zustand auseinandertreten, wenn wir im Spannungsverhältnis von gewünschter und faktischer Realität leben müssen; wenn wir müssen, was wir gar nicht wollen; wenn wir wollen, was wir gar nicht können. Im Folgenden soll nun die menschliche Existenz in den zentralen Spannungsverhältnissen erscheinen, womit andere Perspektiven ermöglicht und neue Anordnungen der Mannigfaltigkeit menschlichen Lebens sichtbar werden sollen. Dabei wird auf die Ergebnisse der phänomenologischen Untersuchungen des vorherigen Kapitels zurückgegriffen; auf erneute Ausführungen und Quellen zu den damit verbundenen Konzepten – Leib, Individuation, Selbst, Freiheit usf. – wird entsprechend verzichtet. 9.1.1 Zwischen Getrennt-sein und Verbundenheit Kein Mensch konstituiert sich aus sich selbst heraus, losgelöst vom Anderen und der Welt. Gleichzeitig aber scheinen wir nie derart in einer Gemeinschaft aufzugehen, dass wir dabei selbst verschwinden, dass es also ein ‚ich erlebe meinen Schmerz‘ nicht mehr gibt. Paradigmatisch zeigt sich diese Mittelstellung des Menschen zwischen Individualität und Sozialität im Mitleid, welches sich für Schopenhauer als eine Erschlossenheitsweise zum Anderen darstellt, die jeder Vor-stellung – d. h. jeder Erkenntnis als Subjekt-Objekt-Korrelation – vorausliegt. Entsprechend muss die Bezüglichkeit von Ich und Du als ein Spannungsverhältnis von Individualität und Kollektivität gedacht werden, das einer grundlegenderen Quelle entspringt, die nicht selbst einer dieser beiden Pole ist. Daniel Schubbe hat diesbezüglich eine Schopenhauer-Interpretation vorgelegt, die dieses Spannungsverhältnis als zentralen Kern der „Welt als Wille und Vorstellung“ sieht – und sich folgerichtig „Philosophie des Zwischen“741 nennen darf. Im Mitleiden zeigt sich für Schubbe exemplarisch, dass dieses Zwischen eine zentrale Kategorie menschlicher Existenz darstellt, indem sich dabei offenbart, dass das Selbst immer schon offen war für die Welt und den Anderen. In dieser Bezüglichkeit von Welt und Ich, die sich als Mir-Subjektivität abspielt, zeigt sich das Zwischen-sein menschlicher Existenz: „Es geht darum, dieses Zwischen nicht als Brückenschlag zu verstehen; vielmehr ist es das Zwischen, aus dem die Pole erwachsen. Das Zwischen ist nicht ohne die vorgängige Bezogenheit in einer gemeinsamen Welt zu haben.“742 741 Schubbe 2010. 742 Schubbe 2010: 60. 172 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ Das Selbst muss also nicht erst aus seinem abgeschlossenen Raum zum Anderen hinaus kommen (Solipsismus) und auch die Welt nicht erst hereinlassen (Autopoiesis); vielmehr erweist sich das Selbst wesenhaft als Offenheit, aus der heraus – und in die hinein – sich ein Spannungsverhältnis erst entfalten kann: zwischen Individualität und Kollektivität, zwischen Getrennt-sein und Verbunden-sein, zwischen Einsamkeit und Geborgenheit, zwischen Fremdheit und Vertrautheit. 9.1.2 Zwischen Notwendigkeit und Freiheit Dieses Zwischen-sein des Menschen lässt sich in anderen Polaritäten ausbuchstabieren. Besonders präsent dürfte uns, als Teil der westlich-europäischen Kultur, das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Determination sein. Wir sind immer schon einer Situation ausgesetzt, die wir in vielerlei Hinsicht nicht bestimmen konnten – wir sind Bedingungen unterworfen, die uns fremdbestimmen. Physikalisch sind wir – qua Leib, der auch physikalischer Körper ist – den Gesetzen der Physik unterworfen.743 Der subjektiv erlebte Leib kann sich nicht über die (Körper-)Gesetze von Zeit und Raum erheben. Wir verfügen nicht über die Natur. Und wir verfügen nicht über unseren Leib, da er diejenige Natur ist, die wir selbst sind (Böhme). Als Leib wie als Körper sind wir stets individuiert: wir existieren stets zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Sofern man quantenphysikalische und relativitätstheoretische Grenzfälle ignoriert, lässt sich für den Alltag präzisieren: uns gibt es nur zu einer einzigen Zeit an einem einzigen Ort (und nicht an mehreren zugleich). Neben der physikalischen Determination unterliegen wir auch biologischen Gesetzen.744 Welches biologische Geschlecht745 ich habe, welche Gene, welche Risikofaktoren für Krankheiten, welche Dispositionen zu psychischen Störungen, welche Körpergröße, Hautfarbe, Sporttauglichkeit, Behinderung ich habe – all das ist mir gegeben; ich wurde jedenfalls nicht gefragt. Nichtsdestotrotz habe ich diese Objektivität zu leben, ich kann mich ihr nicht entziehen, kann meinen Körper nicht verlassen; kann ihn höchstens von außen zu manipulieren versuchen, mein Geschlecht modifizieren, meine Muskeln zu starkem Wachstum anregen, meine Schönheitsfehler chirurgisch korrigieren lassen, meinen Rückenschmerz betäuben, meine genetischen Vererbungsrisiken ausschalten, mein Altern hinauszögern oder verschleiern, und bei Bedarf ein Avatar-Kind herstellen. 743 Zumindest gilt dies für den Normalzustand, in dem sich Leib und Körper weitgehend entsprechen; im Traumzustand ist der subjektiv erlebte Leib natürlich nicht so sehr an die physikalische Objektivität des Körpers gebunden. Allerdings wird, soweit wir wissen, auch der Traumleib kollabieren, wenn dem schlafenden Körper in der Wachwelt ein tödliches Unglück widerfährt. 744 Über die Frage, ob biologische Gesetze nicht letzten Endes auch physikalische Gesetze sind – ob sich also biologische Vorgänge (trotz aller systemischen oder holistischen Emergenz) auf einfache physikalische Vorgänge reduzieren lassen –, soll damit nichts gesagt sein; die Unterscheidung zwischen physikalischen und biologischen Gesetzen dient der existenziellen Ethik lediglich zur Orientierung und ist rein pragmatischer Natur. 745 Auch hier soll nichts darüber ausgesagt sein, ob es das biologische Geschlecht als natürliche Entität überhaupt „gibt“, wie ja vielfach in den Gender Studies bezweifelt wird. 173 DER MENSCH ALS SPANNUNGSVERHÄLTNIS Eine besondere Form der biologischen Objektivität liegt für uns in der Bedingtheit durch neurologische Prozesse: Wie es uns geht, was wir fühlen, wie wir uns bewegen, wie wir schlafen, wie wir unseren Sport ausführen – all dies wird bedingt durch das, was in unserem Gehirn (bzw. im zentralen Nervensystem) geschieht. Das führt so weit, dass man nicht mehr ernsthaft verneinen kann, dass nicht auch unser Denken, unsere Selbsteinschätzungen, unsere Interpretationen der Welt und unsere Haltungen zu ihr neuronal bedingt sind.746 Durchaus bekannt ist die enge Verbindung von Neurotransmittergleichgewichten und Stimmungslagen. Seit Jahren werden die Ursachen von Depressionen im Bereich dieser Botenstoffe gesucht – meist bezogen auf Serotonin, Noradrenalin und Dopamin –; und auch wenn sich eine monokausale Rückführung der Depression auf einen Mangel dieser Botenstoffe als falsch erwiesen hat, so spricht die vergleichsweise erfolgreiche medikamentöse Therapie durch moderne Antidepressiva – die u. a. für eine höhere Konzentration dieser Botenstoffe im synaptischen Spalt sorgen – dafür, hier eine enge Verbindung zu ziehen.747 Aus unserem Alltag ist uns ebenfalls bekannt, dass bspw. eine Schilddrüsenerkrankung oder der weibliche Menstruationszyklus mitunter stark stimmungsmodulierend wirken können.748 Neben diese Fremdbestimmungen durch die Natur treten die sozialen, kulturellen, geschichtlichen, zeitlichen und sprachlichen Bedingungen, die oben bereits ausführlich dargestellt wurden und die die menschliche Existenz in jeder Situation fremdbestimmen. So viel zu den vielfältigen fremdbestimmten Bedingungen menschlicher Existenz. Denn nichtsdestotrotz erleben wir uns immer auch als so frei, dass wir diese Bedingungen gestalten können. Primär heißt das, dass wir nicht selten in der Lage sind, solche Bedingungen zu verändern. Das mag nicht für die Kultur und Familie gelten, in die wir geboren wurden; aber bereits für unser Geschlecht gibt es Möglichkeiten der Einflussnahme; und auch gegen verschiedenste Risiken – gesundheitliche, finanzielle, usw. – können wir uns durch aktives Eingreifen mehr oder weniger gut absichern. Als Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält (Kierkegaard), kann der Mensch auch immer ins Verhältnis zu Unabänderlichkeiten treten – er kann eine Haltung einnehmen zu seiner Fremdbestimmung, kann sich zu dieser Fremdbestimmung verhalten. Daraus ergibt sich auch ein therapeutischer Ansatzpunkt, mit großem, aus Fremdbestimmung hervorgehendem Leid umzugehen.749 Paul Watzlawick bringt das Spannungsverhältnis des Menschen zwischen Determination und Freiheit, zwischen Ausgeliefert-sein und Gestalten-können, also zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung gut zum Ausdruck, wenn er von einer Patientin berichtet, die am Ende der gemeinsamen Psychotherapie äußert: „So wie ich die Lage sah, war es ein Problem; nun sehe ich sie anders, und 746 Jedenfalls konnte experimentell gezeigt werden, dass eine elektrische Stimulation bestimmter Gehirnareale eine motorische Bewegung auslösen kann. Dabei wurde beobachtet, dass nicht nur die Motorik selbst, sondern in einigen dieser Fälle auch eine Überzeugung über die Urheberschaft dieser Bewegung induziert werden konnte: Die Probanden waren überzeugt, die Hand gehoben zu haben, weil sie sich dazu entschieden hätten, aus freiem Entschluss (vgl. Grawe 2004: 80f.). 747 Vgl. ausführlicher Kap. 21.2. 748 Das bedeutet freilich nicht, einem simplen Fatalismus das Wort zu reden. Neurobiologische Prozesse sind beeinflussbar – medikamentös, aber auch verhaltenstechnisch, kognitiv, durch Ernährung, Schlaf, Liebe. Wenn wir tatsächlich vollständig in einer unabänderlichen neurobiologischen Objektivität aufgingen, dann wäre jedes weitere Wort zu viel. 749 Vgl. z. B. Viktor Frankls Logotherapie in Kap. 22. 174 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ es ist kein Problem mehr.“750 Man darf darin die Freiheit des Selbst sehen, die Freiheit des Sich-verhaltens zur Faktizität (Kierkegaard, Heidegger). Damit aber erscheint der Mensch nicht nur im Spannungsverhältnis; er erscheint gerade als ein Verhältnis zu diesem Spannungsverhältnis, d. h. als ein Selbst, das nicht nur in der Spannung – z. B. zwischen Trennung und Verbundenheit, Leib und Körper – lebt, sondern derart in dieser Spannung lebt, dass er sich zu dieser Spannung nochmals verhalten kann. Das ist das Selbst im Sinne Kierkegaards – im Spannungsverhältnis von Abhängigkeit und Freiheit. 9.1.3 Zwischen Zentrum und Exzentrik Ein spezifisch menschliches Spannungsverhältnis geht gemäß Plessners philosophischer Anthropologie daraus hervor, dass der Mensch im Gegensatz zum Tier nicht vollständig in seinem Hier und Jetzt, in seinem leiblichen Erleben aufgeht, sondern diese seine Seinsweise gleichsam aus der Peripherie betrachten kann, indem er sich exzentrisch zu ihr positioniert. Damit geht ein Spannungsverhältnis zwischen Positivität und Negativität einher: Einerseits geht der Mensch in seiner leiblichen Existenz auf, vergisst sich, vertieft sich in einer Tätigkeit, lebt nur im gegenwärtigen Augenblick; andererseits kann ihm dies aber auch reflexiv thematisch werden. Im ersten Fall geht der Mensch in Positivität auf, im zweiten lebt er in der reflexiven Distanz zu einem Positiven – also gerade im Bezug, in der irrealen Bezugnahme auf Reales durch Sprache –, also letztlich in Negativität, weil diese Bezugnahme eben nicht das Wirkliche selbst ist, sondern dieses vielmehr in irrealen Sinngebilden (Rickert) benennt, beschreibt, vermeint usf. Andererseits gehen Menschen aber auch nicht vollständig in dieser Negativität auf, sondern bleiben als Leib ständig auch an die positive Welt gebunden: Wir können uns – auch in der Reflexion – einfach nicht aus unserer Leiblichkeit befreien. 9.2 Zwei und dreidimensionale Entfaltung Die bisherige Betrachtungsweise des Menschen als Zwischen-sein in einem Spannungsverhältnis legt ein eindimensionales Denken dar – ein Oszillieren zwischen zwei Polen, das nur eine Richtung (und ihre Umkehr) kennt. Selbst wenn diese Metapher pluralisiert wird, indem nicht nur eines, sondern gleich mehrere solcher Spannungsverhältnisse ausformuliert werden, wie dies im letzten Kapitel geschehen ist, ergibt sich noch keine zweite Dimension, die mit einem Spannungsverhältnis der ersten Dimension in Verbindung treten, zu ihr ins Verhältnis treten und damit ein Spannungsfeld ausleuchten kann. Unter einem Feld sei für diese Zwecke ein zwei- oder dreidimensionales Spannungsgebilde zu verstehen, so wie von einem (zweidimensionalen) Fußballfeld oder von einem (dreidimensionalen) Magnetfeld die Rede ist. Analog kann auch ein gewöhnliches Koordinatensystem der Mathematik abhelfen: Im eindimensionalen Spannungsverhältnis geschieht lediglich ein Oszillieren auf der X-Achse – wenn man so will, zwischen negativer und positiver Unendlichkeit –; ein zweidimensionales Spannungsfeld ergibt sich dann durch die Ko-Ordination der X- mit der Y-Achse, durch das 750 Watzlawick 2009: 89. 175 ZWEI UND DREIDIMENSIONALE ENTFALTUNG Zuordnen von Y-Werten zu einzelnen X-Werten; bei einem dreidimensionalen Spannungsfeld kommt auch die Z-Achse hinzu. Im Folgenden sollen die im letzten Kapitel phänomenologisch erschlossenen Charakteristika menschlicher Existenz in drei wesentlichen Polaritäten jeweils zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, was sich entsprechend in insgesamt drei zweidimensionalen Spannungsfeldern niederschlägt. Anschließend werden die Polaritäten nochmals dreidimensional zueinander ins Verhältnis gesetzt. Damit soll das vorliegende Kapitel keine Erweiterung oder Weiterentwicklung der Spannungsfelder in Kap. 9.1 darstellen, sondern eine zusätzliche – von Kap. 9.1 weitgehend unabhängige – Perspektive eröffnen. Dabei sollen drei Spannungsverhältnisse zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, die sich für mich in Kap. 8 als die grundlegendsten Spannungs verhältnisse der menschlichen Existenz herauskristallisiert haben: subjektiv —objektiv | individuell—kollektiv | natürlich—kulturell. Das Ziel dieser dreidimensionalen Anordnung ist es, die Charakteristika menschlicher Existenz in ihrer Bestimmung durch die jeweiligen Polaritäten erscheinen zu lassen, sodass die Charakteristika in ihrer eigentümlichen Position sichtbar werden, die sie im bipolaren Spannungsverhältnis bzw. im tripolaren Spannungsfeld jeweils besetzen. Diesen abstrakten Erklärungen stellt sich die konkrete Anschaulichkeit der Bilder entgegen, sodass sich weitere Erläuterungen erübrigen.751 Zur Terminologie ist zu sagen, dass bezüglich des Begriffspaares natürlich/kulturell wie oben besprochen dasjenige als natürlich gelten soll, was von sich aus einfach da ist, während als kulturell jenes gelten soll, was erst durch das Tun und Lassen von Menschen da ist (Böhme). Nicht immer lässt sich hier eindeutig sagen, inwieweit ein Phänomen natürlich oder kulturell ist; vielmehr hat sich gezeigt, dass eine Gegenüberstellung von Natur als Gegebenem und Kultur als Gemachtem problematisch ist und nicht als strenges Abgrenzungskriterium, sondern höchstens der Übersichtlichkeit dienen kann – und genau darum geht es in den folgenden Schaubildern. Das Begriffspaar subjektiv/objektiv ist noch weitaus komplexer, denn in ihm sollen gleich mehrere Konnotationen vereint werden. Als subjektiv soll im weitesten Sinne das gelten, was uns betrifft (Schmitz); wir erleben solche Phänomene in einem besonderen epistemischen Zugang, gleichsam als ein In-sein, eingebunden, involviert, verstrickt, befangen, eingelassen; wir verstehen solche Phänomene, und zwar aus der Teilnehmerperspektive (Habermas). Als objektiv gilt entsprechend alles, woran wir nicht teilnehmen, was wir vor uns hinstellen, unbefangen untersuchen, vollständig zum Gegenstand neut- 751 Es soll nicht verschwiegen werden, dass ich mich bei den zwei- und dreidimensionalen Systemen (Kap. 9.2) sowie bei den Personalpronomina (Kap. 9.3) von der transpersonalen Psychologie habe inspirieren lassen, auch wenn hier lediglich ein Wissen expliziert wird, das prinzipiell jeder von uns (implizit) hat. Ken Wilber z. B. unterscheidet in vier Quadranten die Dimensionen des Seins: „The quadrants refer to four dimensions of your being-in-the-world: your individual interior (i.e., your thoughts, feelings, intentions and psychology), your collective interior (i.e., your relationships, culture, and shared meaning), your individual exterior (i.e., your physical body and behaviors), and your collective interior (i.e., your environment and social structures and systems).“ (Wilber 2008: 28) Den vier Quadranten können jeweils verschiedene Personalpronomina zugewiesen werden: „I, We, It, and Its.“ (ebd.) [Kursivier. im Orig. stattdessen fett gedruckt; H.W.] Das „Its“ stellt eine unpersönliche (sachbezogene) englische Kunstform für die dritte Person Plural dar. Die zweite Person wird nicht in das System miteinbezogen. 176 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ raler Forschung erheben, über das wir sachlich etwas aussagen können; wir registrieren und erklären solche Phänomene, und zwar aus einer unbeteiligten Beobachtungsperspektive. Subjektiv ist dasjenige, von dem wir wissen, wie es ist, oder aber das, was wir aus einer Teilnehmerperspektive heraus verstehen; objektiv hingegen das, von dem wir nur wissen, dass es ist (und wie es beschaffen ist), oder aber das, was wir lediglich aus einer Beobachterperspektive heraus erkennen können. Selten kann mit objektiv auch die Objektivität im Sinne von Fremdbestimmung und Zwang gemeint sein – in Abgrenzung zur Subjektivität im Sinne von Selbstbestimmung und Machbarkeit. Diese Bedeutungsvielfalt ist mit keinem anderen Begriffspaar derart unter einen Hut zu bringen und zeugt davon, dass es hier nicht um digitale Eigenschaften geht, die entweder vorliegen oder nicht (die entweder so oder nicht-so sind), sondern dass sich hier ein Spannungsfeld menschlicher Existenz auftut, welches in seiner Mannigfaltigkeit nicht auf wenige, abzählbare Zustände reduziert werden kann. Die Spannungsfelder, sowohl die zweidimensionalen als auch das dreidimensionale, sind als echter Entfaltungsraum, als offene Welt zu verstehen. Die Systematisierung intendiert daher in keiner Weise, das menschliche Dasein zu begrenzen oder zu beschränken, sondern es vielmehr in seinen Qualitäten behutsam auszuloten und seine abgründige Tiefe anzudeuten. Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass sich die einzelnen Qualitäten nicht immer exakt zuordnen lassen und man über die Einordnung der einen oder anderen Qualität in einen speziellen Bereich durchaus streiten könnte. 177 ZWEI UND DREIDIMENSIONALE ENTFALTUNG 9.2.1 Subjektiv—objektiv | individuell—kollektiv Schaubild 5: Die menschliche Existenz im Spannungsfeld zwischen Subjektivität—Objektivität und Individualität—Kollektivität 178 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ 9.2.2 Natürlich—kulturell | individuell—kollektiv Schaubild 6: Die menschliche Existenz im Spannungsfeld zwischen Natur—Kultur und Individualität—Kollektivität 179 ZWEI UND DREIDIMENSIONALE ENTFALTUNG 9.2.3 Subjektiv—objektiv | natürlich—kulturell Schaubild 7: Die menschliche Existenz im Spannungsfeld zwischen Subjektivität—Objektivität und Natur—Kultur 180 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ 9.2.4 Tripolares Spannungsfeld Schaubild 8: Die menschliche Existenz im Spannungsfeld zwischen Subjektivität—Objektivität, Natur—Kultur und Individualität—Kollektivität 181 ANTHROPOLOGIE IN PERSONALPRONOMINALER HINSICHT Zum Schaubild 8: 3-Tupel (Tripel) zum dreidimensionalen Koordinatensystem (x|y|z) { } subjektiv natürlich individuell Mein Leben und Tod; Mein Leib, Leiden & Schmerz; Leib, Bewusstsein, Schmerz; Mir & Mich subjektiv natürlich kulturell Meine Familie; Meine Gemeinschaft subjektiv kulturell individuell Sozial-kulturell bedingte Identität & Individualität; individuelles Verstehen und individuelle Geschichten subjektiv kulturell kollektiv Leben der organisierten Gemeinschaft; Identität und Geschichte der Gemeinschaft; Geschichte & Sprache; Wissen & Vernunft; Werte & Moral objektiv natürlich individuell Verhalten & Genetik; Leben, Krankheit & Tod des Körpers objektiv natürlich kollektiv Naturkatastrophen & Epidemien; Naturgesetze & natürliche Lebensbedingungen; Evolution der Spezies objektiv kulturell individuell juristische Verurteilung und Bestrafung; territoriale Ausweisungen; politische Bewegungsfreiheit objektiv kulturell kollektiv Folgen von Zivilisation & Technik; sozial-kulturell & politisch-wirtschaftlich bedingte Lebensverhältnisse 9.3 Anthropologie in personalpronominaler Hinsicht Mit der Dialogischen Philosophie ist bereits deutlich geworden, inwiefern sich Mensch und Welt primär durch Sprache – besonders in der Anrede bzw. Benennung – konstituieren. Insofern liegt es nahe, aus den verschiedenen Personalpronomina der deutschen Sprache jeweils spezifische Mensch-Welt-Verhältnisse zu gewinnen und damit gleichsam verschiedene Erschlossenheitsweisen zu umreißen. Eine rein naturwissenschaftliche Erschließung der menschlichen Existenz bleibt aus dieser Perspektive insofern unvollständig als der Mensch dabei stets nur im neutralen Er-sie-es erforscht und in unpersönlich-neutralen Aussagen zu Papier gebracht wird. Genauer gesagt handelt es sich sogar um die dritte Person im Plural, nicht im Singular. Denn während die Welt und der Mensch der neutral-objektiven Tatsachen in der 3. Person Singular (er-sie-es) ideografisch erforscht wird – das Besondere am Einzelnen aussagend  –, geht es der nomothetischen Wissenschaft um das Allgemeine an einer Ge- 182 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ samtheit.752 Statt einem Menschen als Objekt (als Es) trachtet die nomothetische Forschung entsprechend nach Erkenntnissen über die allgemeine Natur des Menschen, d. h. letztlich: die Natur aller Menschen. Insofern taucht der Mensch nicht – wie etwa in einem Tatsachenbericht über Karl den Großen – im Er (Karl) auf, sondern im Plural der Art: die Menschen werden daraufhin untersucht, was sie ausmacht. Eine solche, in der dritten Person intendierte Objektivität hat ihr Recht; sie ist der Philosophie und den Geisteswissenschaften in den meisten epistemologisch-methodologischen Hinsichten klar überlegen, „weil sie unendlich viel mehr wissen“753 (Heidegger) als die nachdenkenden Disziplinen. Problematisch wird es nur, wenn ihre epistemische Einstellung und damit auch die Voraussetzungen ihrer Forschung sowie die Relativität ihrer (deshalb nicht zwingend auch relativistischen) Forschungsergebnisse verdeckt werden. Die Personalpronomina vermögen es, diese Voraussetzungen sichtbar werden zu lassen; wenn auch mit bloß metaphorisch-analogischer Überzeugungskraft. Deshalb soll die menschliche Existenz im Folgenden nochmals unter dem Aspekt der Personalpronomina beleuchtet werden. Der Titel des vorliegenden Kapitels ist offenkundig eine Anspielung auf Kants „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“, der es ja auch um die Thematisierung des Menschlichen unter einem gewissen Aspekt – was dieser „als frei handelndes Wesen aus sich selber macht, oder machen kann und soll“754 – geht. Eine Anthropologie in personalpronominaler Hinsicht untersucht analog, wie der Mensch erscheint, wenn man seine Mannigfaltigkeit mit dem Ordnungsprinzip der deutschen Personalpronomina strukturiert. Ein erster Zusammenhang von Personalpronomina und epistemischen Zugangsweisen zeigte sich ja bereits in der Ambiguität des Leibes (Waldenfels), und auch in der Unterscheidung von naturalistischer und personalistischer Einstellung (Husserl): Während die naturalistische Einstellung sich in der dritten Person vollzieht, erschließt sich erst in der ersten und zweiten Person das, was die ganze Zeit ‚Person‘ genannt wurde. „Ich“ – Die Welt der ersten Person ist die Welt der Subjektivität. Im Singular umfasst dies mein Selbstwissen; die Selbstaffektion des Lebens, das ich bin (Henry, Kühn); die subjektiven Tatsachen, die mir als Leib gelten (Schmitz); diesen besonderen Körper unter vielen, den ich auch zu sein habe (Schopenhauer, Plessner), das absolute Hier und Jetzt. In der ersten Person Singular spreche ich als Ich, und niemand kann mir diesen Satz nachsprechen, ohne dessen Bedeutung oder Wahrheitswert zu verändern: ‚Ich bin Hendrik Wahler.‘ „Wir“ – Die erste Person Plural umfasst hingegen kollektive Identitäten, also Familien, Gemeinschaften, Völker, Nationen, Gattungen. Konstitutiv ist dabei die Beteiligung bzw. die Innenperspektive (Habermas): die Welt der Steine ist uns keine Wir-Welt, weil wir daran nicht teilhaben, weil es für uns kein Stein-sein geben kann. „Ihr“ – In der zweiten Person Plural gibt es das zwar auch nicht, doch besteht zumindest ein Bewusstsein des Dies-bist-du in kollektiver Form: Ihr seid eben – wie wir – eine Gruppe von Menschen, die an dieser Gruppe beteiligt sind, ihr zugehörig sind und die Gruppe quasi von innen kennen. 752 Vgl. am Beispiel der Psychologie Kap. 5.6. 753 Heidegger 1992: 80. 754 Kant 1983: 29. 183 ANTHROPOLOGIE IN PERSONALPRONOMINALER HINSICHT „Du“ – Über die zweite Person Singular ist bereits viel gesagt worden; ihr scheint – nach einigen Jahrhunderten Ich-Philosophie – in den letzten Jahrzehnten wieder vermehrt Aufmerksamkeit zuzukommen. Im Blick des Anderen wird uns die Ambivalenz unseres Seins bewusst (Sartre), im Du erst entsteht mein Ich (Rosenzweig, Löwith), im Gespräch erst werde ich wahrhaft Mensch (Gadamer). Zwischen Ich und Du, zwischen Wir und Ihr finden denn auch Anerkennungsprozesse und ihre Institutionalisierungen in Politik und Recht statt (Habermas). Im Du kann ich mich zwar immer auch selbst wiederfinden (Schopenhauer, Dilthey), doch – Grenzerfahrungen in der Meditation und Mystik einmal ausgenommen – ist mir dieses Du normalerweise nicht mit derselben Innen- und Teilnehmerperspektive gegeben wie mein eigenes Ich: ich weiß im Alltag sehr wohl zu unterscheiden, wer – ich oder du – gerade auf dem Zahnarztstuhl sitzt. Neben diesen sechs Personalpronomina wären natürlich auch feinere Differenzierungen möglich, die hier nicht bis ins Detail expliziert werden müssen. Neben den Personalpronomen ließen sich z. B. auch Possessivpronomen (mein, dein, sein) ausdeuten. Besonders die Reflexivpronomen (mich, dich, sich) sind philosophisch ergiebig, was oben aber bereits inhaltlich ausgeführt wurde (Kierkegaard, Sartre, Henry). Und schließlich kamen selbst die Indefinitpronomen (jemand/einer/etwas; niemand/keiner/ nichts; jedermann/jeder/alles) bereits zu unverhofftem Ruhm, als Heidegger sich anschickte, dem Man in seinem frühen Hauptwerk Sein und Zeit gleich mehrere Kapitel zu widmen.755 Weiterhin können die Personalpronomina nicht nur im Nominativ, sondern auch in allen anderen Fällen der deutschen Sprache – Genitiv, Dativ, Akkusativ – auftreten. Ob es hier einen Fall mit besonderem Recht gibt, auf dem alle anderen aufbauen, darf als ebenso umstritten gelten wie die Frage, welcher dies denn sein könnte. Wie gesehen, stellt sich für einige Autoren der Dativ als dem Nominativ vorausgehend dar: Das Ich erwächst erst aus einer Mir-Subjektivität (Böhme); aus einem Milieu von Tatsachen, die mir gelten (Schmitz).756 Es scheint sich nichts Grundlegendes zu ändern, wenn man stattdessen das Mich – also den Akkusativ – betont: ich affiziere mich selbst als absolutes, individuiertes Leben (Henry, Kühn). Statt die Frage nach dem wichtigsten Fall zu beantworten, scheint mir eine Pluralität der Fälle ebenso wünschenswert wie die Pluralität der Pronomina. Anzumerken bleibt noch, dass die Personalpronomina und ihre Fälle nicht in allen Sprachen – nicht mal in allen zeitgenössisch-europäischen – in der gleichen Form (und mitunter auch nur lückenhaft) auftreten. Im Deutschen gibt es z. B. eine unpersönliche dritte Person Singular (es), aber keine Entsprechung in der dritten Person Plural. Im Französischen fehlt sogar der unpersönliche Singular (il/elle/-), dafür gibt es den Plural in beiden Geschlechtern (ils, elles), was wiederum dem undifferenzierten Deutschen fehlt (sie) – was bekanntlich mit der Frage nach der ideologischen Herrschaft des Männlichen in der deutschen Sprache verbunden ist (Feminismus, Gender Studies). Im Englischen fällt die zweite Person Singular und Plural (you) zusammen, sodass erst aus dem Kontext ersichtlich wird, wer hier eigentlich genau angesprochen wird. Und wäh- 755 Vgl. Heidegger 2006, bes. §§ 27-29, 35-38. 756 Es sei hier aber nochmals betont, dass Schmitz das Personalpronomen explizit adverbial – so wie das Wort „hier“ – verstanden wissen will. 184 ERSCHLIESSENDE PERSPEKTIVEN AUF DIE MENSCHLICHE EXISTENZ rend die Fälle im Englischen (im Gegensatz zum Deutschen) nicht dekliniert werden; kommt im Lateinischen sogar ein weiterer Fall hinzu (Ablativ). Man ist also gut beraten, die historisch gewachsene deutsche Sprache und ihre Personalpronomina samt Fällen nicht für eine transzendentale Basis zu halten, auf der man die menschliche Existenz erschöpfend und ein für alle Mal ausbuchstabieren kann. Stattdessen sollen dadurch Perspektiven auf die menschliche Existenz eröffnet werden, die ebenso von unserer Sprachstruktur geprägt bleiben wie unser Denken selbst. Schaubild 9: Die menschliche Existenz in personalpronominaler Hinsicht Personalpronomina Nominativ Genitiv, Dativ, Akkusativ Formen menschlicher Existenz ich meiner, mir, mich Leib, Schmerz; mein Leben und mein Tod du deiner, dir, dich Liebe und Hass; Freundschaft und Sexualität; Anerkennung und Vernichtung; Ethik und Mitleiden; Verstehen als Wiederfinden des Ich im Du; Begegnung und Beziehung er / sie / es seiner / ihrer, ihm / ihr, ihn / sie Der/die/das Beobachtete; das Neutrale, das Objektive, die Tatsache; das Unbewusste und Unwillkürliche (Freuds Es); das Gerede (Heideggers Man); Schule, Arbeit, soziale Rolle wir unserer, uns, uns Meine Familie und Gemeinschaft; Geschichte, Geschichten und Sprache; objektiver Geist und Kultur; Moral und Werte; Recht, Politik und Wirtschaft ihr eurer, euch, euch Interkulturalität; Verstehen von Fremdem; Begegnung der Gemeinschaften; Krieg und Frieden; Weltreligionen; Genozid; Handel und Kooperation sie ihrer, ihnen, sie Die Fremden; der Feind; das Andere, die Anderen; die Dinge, Systeme, Allgemeinheiten; die Natur und Naturgesetze

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Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.