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7 Einleitung: Das menschliche Streben zwischen Allmacht und Ohnmacht in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 113 - 116

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-113

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
II. EXISTENZIELLE ETHIK 115 7 Einleitung: Das menschliche Streben zwischen Allmacht und Ohnmacht Die existenzielle Ethik expliziert im Rahmen einer übergreifenden EgL das Müssen als existenziellen Modus der ethischen Situation.474 Diese Explikation versteht sich als eine Aufklärung über die existenziellen Bedingungen der menschlichen Existenz. Diese Aufklärung resultiert in deskriptiven Aussagen über die Realität der menschlichen Existenz bzw. über existenzielle Faktizitäten; die existenzielle Ethik darf daher als Erfahrungswissenschaft gelten. Diese Wissenschaft ist empirisch nicht im Sinne einer empiristischen, positivistischen oder szientistischen Einzelwissenschaft, sondern in Gestalt einer phänomenologisch-anthropologischen Methodologie, welche sich an der (näherungsweisen und korrigierbaren) Erfahrung der Sache selbst orientiert.475 Eine derartige Erfahrungswissenschaft verbindet die Erste-Person-Perspektive mit der Dritten-Person-Perspektive im Sinne einer „kritische[n] Explikation der subjektiven Perspektive beliebiger Personen“476 in Gestalt einer „generalisierten ersten Person“477. Daher ist es aus sachlichen Gründen angemessen, die neutrale, akademisch-wissenschaftliche Es-Form an den geeigneten Stellen um eine Ich- und Wir-Form zu ergänzen, denn ich schreibe letztlich aus meiner Perspektive, behaupte diese Perspektive aber als eine gemeinsame, kollektive – aber nichtsdestotrotz kollektiv-subjektive – Wir-Perspektive. (Das gilt übrigens nicht nur für die existenzielle Ethik, sondern für das gesamte Projekt der EgL.) Den Anfang nimmt die existenzielle Ethik beim menschlichen Streben, das insofern ein Müssen darstellt, als es in seinem Strebenscharakter in aller Regel nicht suspendiert, sondern lediglich auf andere Objekte oder Ziele umgelenkt werden kann.478 Diesem grundsätzlichen Streben – als persistierender Bewegungsdrang, dessen vollzogene Dynamik die menschliche Existenz selbst zu sein scheint – kann das Wollen als zentraler ethischer Modus zugeordnet werden. In diesem Sinne müssen wir wollen. Das Wollen kann in manchen Fällen realisiert werden, indem das Objekt seiner Begierde erreicht (angeeignet, erlebt) wird. Ungleich öfter klafft in der Unerreichbarkeit des Gewollten aber die Lücke zwischen Sein und Sollen auf, zwischen dem faktischen Ist- und dem gewünschten Soll-Zustand. Darin zeigt sich das grundsätzliche Spannungsverhältnis der menschlichen Existenz zwischen Allmacht und Ohnmacht, 474 Vgl. Kap. 3.2-3.3. 475 Vgl. Kap. 3, 4.1, 5.5.1, 5.5.2. 476 Seel 1995: 61. 477 Pollmann 1998: 152. 478 Worauf das Wollen im Einzelnen gerichtet ist, mag von Individuum zu Individuum und auch von Situation zu Situation verschieden sein. Aus der Perspektive der generalisierten ersten Person interessiert hier vor allem, ob sich ein letztes gemeinsames Ziel aller individuell-kontingenten menschlichen Bestrebungen ausmachen lässt. Diese Frage zieht letztlich eine zutiefst normative Antwort nach sich – und ist dementsprechend in der normativen Ethik zu klären (vgl. Kap. 10 sowie 12, bes. 12.1). 116 EINLEITUNG: DAS MENSCHLICHE STREBEN ZWISCHEN ALLMACHT UND OHNMACHT zwischen Befriedigung und Sehnsucht, zwischen Selbstbestimmung und Fremdbestimmung. Dieses Spannungsverhältnis soll die existenzielle Ethik im Rahmen einer phänomenologisch-anthropologischen Untersuchung nun ausloten, in allen wesentlichen Dimensionen explizieren (Kap. 8) und multi-perspektivisch systematisieren (Kap. 9).

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Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.