Content

6 Erste Zusammenfassung und weiteres Vorgehen in:

Hendrik Wahler

Das gute Leben, page 109 - 112

Ethik als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-3934-2, ISBN online: 978-3-8288-6829-8, https://doi.org/10.5771/9783828868298-109

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 30

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
109 6 Erste Zusammenfassung und weiteres Vorgehen Am Ende dieses ersten, einleitenden und rahmengebenden Teils der vorliegenden Arbeit (röm. I), kann die konzeptionelle Entwicklung der Ethik des guten Lebens (EgL) nun nochmals rekapituliert werden. Zu diesem Zweck sind die einzelnen Argumentationsschritte in ihrem Zusammenhang noch einmal klar herauszuarbeiten und auf das Wesentliche zu reduzieren. Den Ausgang nahm das Unterfangen mit einer anhaltenden Renaissance des guten Lebens im Angesicht der Dominanz rein normativer Ethikkonzepte (Kap. 1). Keines dieser Konzepte aber ist imstande, den mit der Renaissance-Bewegung verbundenen Ruf nach einer Ethik des guten Lebens gegenstandsangemessen einzulösen; wobei einige Ansätze dies explizit auch gar nicht intendieren (Kap. 2.1). Die Öffnung rein normativer Konzepte und deren Erweiterung um eine pragmatische Dimension – wie sie etwa Dagmar Fenner (Kap. 2.2), Otfried Höffe (Kap. 2.3) oder Hans Krämer (Kap. 2.4) vorlegen –, können dem guten Leben in all seinen Qualitäten und Anforderungen ebenfalls nicht vollends gerecht werden: die existenzielle Dimension wird konzeptionell nicht angemessen widergespiegelt; gegenstandsbildende Unterscheidungen erweisen sich als problematisch (Sozial- und Individualethik); die „Integration“ des Pragmatischen stellt sich als eine einfache Addition heraus und perpetuiert damit die alten, zu eng geführten und immer noch als komplementär gedachten Vorstellungen von normativer und pragmatischer Ethik (Sollens- und Strebensethik). Auf der Suche nach einer nicht-reduktionistischen Ethik-Konzeption, welche alle Seinsmodi und Lebensanforderungen ethikfähiger Subjekte in sich aufzunehmen vermag, konnte mit der Ethik als System von Anforderungen (Kap. 2.5) schließlich der Raum für eine systematische Ethik als Lehre vom guten Leben geöffnet werden. Um dem guten Leben umfassend gerecht zu werden, erfordert diese Ethik eine möglichst vorurteilsfreie, erschöpfende und nicht-reduktionistische Auslotung des guten Lebens in Form einer propädeutischen Phänomenologie der ethischen Situation, d. h. jener Lage (samt all ihren Anforderungen), in welcher sich ein strebender Mensch unfreiwillig immer wiederfindet, solange er überhaupt Bewusstsein hat (Kap. 3). Als Subjekt der ethischen Situation wurde das individuierte, menschliche Leben ausgemacht, das als Seiendes in Anlehnung an Heidegger „Dasein“, als Sein hingegen (verstanden als Art und Weise, wie das Dasein ist) „Existenz“ genannt werden soll (Kap. 3.1). Durch Generalisierung der individuell-subjektiven Ersten-Person-Perspektive zeitigt diese Untersuchung eine trans-individuelle und intersubjektiv gültige Analyse der ethischen Modi, die in den – auf Viktor v. Weizsäckers pathische Kategorien zurückgehenden – Modalverben müssen, sollen, dürfen, können und wollen gefunden werden können (Kap. 3.2). Die ethischen Modi lassen sich wiederum systematisch zu drei ethischen Modalitäten – existenziell, normativ, pragmatisch – zusammenfassen (Kap. 3.3). Als ausgezeichneter ethischer Modus wurde das Wollen ausgewiesen, das nicht nur im Zentrum der ethischen Situation steht 110 ERSTE ZUSAMMENFASSUNG UND WEITERES VORGEHEN (Kap. 3.4), sondern auch im Zentrum der philosophischen Reflexion auf das gute Leben (Kap. 3.5). Auf der Grundlage dieser propädeutischen Phänomenologie konnte eine gegenstandsangemessene Ethik des guten Lebens (EgL) konzipiert werden (Kap. 4). Die EgL kann für sich beanspruchen, die ethische Situation des Menschen in allen Anforderungsdimensionen widerzuspiegeln – freilich durch Abstraktion und Kategorisierung, ohne jedoch der Methode Vorrang vor dem Gegenstand einzuräumen oder gar reduktionistisch zu verfahren (Kap. 4.1; s. dazu auch Kap. 5.6.2). Aus den jeweils zentralen Fragen der drei ethischen Modalitäten ließen sich anschließend drei interdependente Ethiksegmente gewinnen: existenzielle, normative und pragmatische Ethik (Kap. 4.2-4.4). Erst in der irreduziblen Einheit der drei Dimensionen aber konstituiert sich die EgL als systematische Ethik des guten Lebens (Kap. 4.5). Als einheitsstiftendes und integratives Moment fungiert das Wollen (Kap. 4.6); im Zentrum der EgL steht das Streben nach dem guten Leben (Kap. 4.7). Das gegenstandsangemessene und umfassende Vorgehen der EgL erfordert die Einbindung aller für das gute Leben relevanten Wissenschaften. Die Integration der vielfältigen, durch unterschiedliche Methodologien hervorgebrachten Erkenntnisse bedarf einer grundsätzlichen wissenschaftsphilosophischen Untersuchung sowohl der einzelnen Wissenschaften (samt Geltungsrahmen ihrer Forschungsergebnisse) als auch der EgL selbst (Kap. 5). Als methodologische Leitidee ist eine transdisziplinär-integrative Humanwissenschaft skizziert worden, die sich um ein ganzheitliches (nicht-fragmentarisches) Verständnis vom Menschen und vom guten Leben bemüht (Kap. 5.1). Auf der Grundlage aller Anfragen der EgL an die Wissenschaften (Kap. 5.2) wurden schwerpunktmäßig jene Wissenschaften untersucht, die substanzielle Antworten auf diese Anfragen liefern können (Kap. 5.2). Nachdem der Begriff der Wissenschaft erörtert (Kap. 5.3) und die Vielfalt nicht-propositionaler (nicht-wissenschaftlicher) Wissens formen ausgelotet wurde (Kap. 5.4), rückten insbesondere Neurowissenschaft (Kap. 5.5.3) und Psychologie in den Fokus (Kap. 5.6). Mehr noch als die Neurowissenschaften befindet sich die Psychologie – samt Psychotherapie und Neuropsychologie – gegenwär tig in einer prekären Lage (Kap. 5.6.2, 5.6.6). Eine unkritisch voraussetzungsvergessene Übernahme psychologischer Forschungsergebnisse ist für die EgL daher praktisch ausgeschlossen. Das wiederum darf nicht zur Ausrede hochstilisiert werden, auf Psychologie und Neurowissenschaften grundsätzlich verzichten zu können. Vielmehr dürfen beide als die wichtigsten empirischen Wissenschaften des guten Lebens gelten, deren Forschungsergebnisse entsprechend unverzichtbar sind und daher – natürlich kritisch – aufgenommen werden müssen. Nach diesem Rückblick auf die formgebende Konzeption der EgL (Teil I) steht nun noch der entsprechende Ausblick auf die inhaltliche Explikation der EgL (Teile II-IV) aus. Die bisher bloß konzeptionell umrissene Ethik des guten Lebens bleibt nämlich in ihren drei Dimensionen – als existenzielle, normative und pragmatische Ethik – jeweils noch inhaltlich zu füllen. In drei ausführlichen Teilen (II-IV) werden dabei die jeweils zugewiesenen Themenfelder kritisch expliziert, aufgeworfene Fragen vertieft und die damit verbundenen Aufgaben eingelöst. Dabei entspricht die Reihenfolge der Kapitel in einem gewissen Sinn auch einer lebensweltlichen Ordnung: Zunächst findet sich der Mensch ungefragt in einer Welt der 111 DIE PREKÄRE LAGE DER PSYCHOLOGIE Faktizitäten wieder (Teil II: Existenzielle Ethik). Diese Faktizitäten enthalten aber noch keine Hinweise auf ihren Wert, und aus der bloßen Existenz vielfältiger Strebensmöglichkeiten lassen sich auch noch keine erstrebenswerten Ziele selegieren (Teil III: Normative Ethik). Ein derart normiertes Ziel – bzw. das gute Leben als Ganzes – drängt nun aber wesentlich auf Realisierung und soll dabei von einer Pragmatik des guten Lebens angeleitet sowie in ihrer Machbarkeit kritisch ermessen werden (Teil IV: Pragmatische Ethik). Nichtsdestotrotz darf man diese Hilfsvorstellung einer Reihenfolge nicht überstrapazieren im Sinne eines notwendigen Vorausgehens oder eines unverzichtbaren Fundaments.473 Im wahren Leben strukturiert sich das Verhältnis der drei Ethiksegmente nicht durch eine Logik des Aufbaus (aufeinander) oder der Abfolge (nacheinander), sondern wesentlich durch vielfältige Verflechtungen und wechselseitige Abhängigkeiten – also durch Interdependenz. 473 Normative Ethik kann man schließlich auch spekulativ und fernab von der empirischen Wirklichkeit des menschlichen Daseins betreiben (so z. B. Kants reine Moralphilosophie); und in einer gewohnten Lebenspraxis kann man sich immer schon befinden, bevor man überhaupt beginnt, bewusst auf die eigene Existenz oder ethische Maxime zu reflektieren. In diesem Sinne hat die Ethik keinen absoluten Anfang, sondern bietet verschiedene Möglichkeiten des Einstiegs. Ich habe im Rahmen dieser Arbeit eine Reihenfolge der Ethiksegmente gewählt, die auf konstitutionslogischen Überlegungen beruht. Daher scheint mir die metaphorische Beschreibung der drei Dimensionen als nicht-isolierbare Segmente bzw. Komponenten (vgl. Kap. 4) und deren Visualisierung in der Figur eines dreigeteilten Kreises (vgl. Schaubilder in Kap. 3 u. 4) noch am ehesten veranschaulichen zu können, dass das Existenzielle, Normative und Pragmatische im wahren Leben nicht immer so sauber voneinander zu trennen sind wie in der philosophisch-begrifflichen Theorie – in praxi zeigen sich vor allem Überschneidungen, wechselseitige Abhängigkeiten, mehrfache Beteiligung usf. 112 ERSTE ZUSAMMENFASSUNG UND WEITERES VORGEHEN Schaubild 4: Die EgL und ihre drei Komponenten: Anspruch, Ziel, Methode Eg L al s G an ze s Ex is te nz ie lle E th ik N or m at iv e Et hi k Pr ag m at is ch e Et hi k M od us W ol le n M üs se n So lle n / D ür fe n Kö nn en An sp ru ch un te rs tü tz en au fk lä re n ei nf or de rn an ra te n M et ho do lo gi e tr an sd is zi pl in är -in te gr at iv de sk rip tiv no rm at iv in st ru m en ta lis tis ch M et ho de ph ilo so ph is ch hu m an w is se ns ch af tli ch ph än om en ol og is ch an th ro po lo gi sc h di sk ur si vve rn ün ft ig em pi ris ch -p ra gm at is ch Se in sb er ei ch da s gu te L eb en Re al itä t Id ea lit ät Po te nz ia lit ät Er ge bn is O rie nt ie ru ng sf ol ie W is se n um Fa kt iz itä te n W is se n um W er te u nd N or m en W is se n um K om pe te nz en u nd U rs ac he -W irk un gs -Z us am m en hä ng e pr ak tis ch es Z ie l ei n gu te s Le be n Be w us st se in , Se lb st er ke nn tn is et hi sc he s W er tu rt ei ls ve rm ög en Ve rä nd er un gs ko m pe te nz en u nd Be w äl tig un gs ko m pe te nz en

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Während „das gute Leben“ in der antiken Ethik noch im Zentrum des Philosophierens steht, erfolgt mit der Moralphilosophie Kants eine Abkehr der philosophischen Ethik vom Glück des Individuums – zugunsten einer reinen über-individuellen Moralität. Diese Vorherrschaft des Normativen prägt bis heute die deutschsprachige Ethikdiskussion. Im Angesicht der vielfältigen Bedingungen und Anforderungen, denen sich ein ethisches Subjekt ausgesetzt sieht, grenzt eine rein normative Ethik aber wesentliche Dimensionen des ethischen Handelns aus sachfernen Gründen aus und kann in diesem Sinne als reduktionistisch gelten. Hendrik Wahler legt demgegenüber nun eine unverkürzte „Ethik des guten Lebens“ vor – konzipiert als integratives System einer transdisziplinären Humanwissenschaft. Diese Ethik erfasst das gute Leben in allen wesentlichen Dimensionen und behandelt entsprechend die existenziellen, normativen und pragmatischen Grundfragen der individuellen Lebensführung.