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VII. Karl Jenkins. The Armed Man: A Mass For Peace in:

Corinna Schreieck

Leere - Fülle, page 227 - 260

Artifizielle Messkompositionen nach 1950 zwischen Tradition und Innovation

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3935-9, ISBN online: 978-3-8288-6826-7, https://doi.org/10.5771/9783828868267-227

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Musikwissenschaft, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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227 VII. Karl Jenkins The Armed Man: A Mass For Peace Oder: Die Instrumentalisierung der Religionen zum Krieg 228 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Karl Jenkins Messkomposition hat Anfang unseres Jahrhunderts Furore gemacht. Die CD-Einspielung stürmte die Klassikcharts. Die Komposition selbst wird von zahlreichen Kan toreien und leistungsfähigen Laienchören gesungen und hat damit schon nach wenigen Jahren Eingang in das Repertoire großer Chöre gefunden. Neben Pärts Berliner Messe ist sie wohl die einzige Messkomposition der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die es zum Status eines Repertoirestückes ähnlich einer Mozart-Messe geschafft hat. Dies gelang Jenkins durch die Verbindung von Traditionellem mit Modernem, Christlichem mit Elementen anderer Religionen, alten Stilen mit neuen, weltlichen Texten mit liturgischen und einer emotional ergreifenden, insgesamt traditionellen Musiksprache. Er schafft dadurch sowohl musikalisch wie auch inhaltlich einen Crossover, den man gleicherma- ßen als genial wie eklektizistisch bezeichnen kann. The Armed Man steht durch Titel und Zitat des altfranzösischen Liedes „L’homme armé“ in der etwa 500-jährigen Tradition der sogenannten „L’homme armé“-Messen, die eine Art „Unterfamilie“ in der Gattung der Messkomposition bilden. Mit dem „L’homme armé“-Zitat gibt Jenkins dem Werk nicht nur einen musikalischen Rahmen, sondern auch einen thematischen Bezugspunkt. Indem er diesem sowie den originalen Ordinariumstexten dich terische Texte mit Kriegsbezug gegenüberstellt, schafft er eine Art Handlungsablauf vom Krieg zum Frieden. Dabei beleuchtet er insbesondere die ambivalente Rolle der Religion in Bezug auf Krieg und Gewalt. Dadurch steht Jenkins Werk zwar in der Tradition von Mes sen mit mehr oder weniger ausgeprägtem „Kriegsbezug“,642 geht aber über diese früheren Werke mit seinem Ansatz weit hinaus und thematisiert mit der Kompilation verschieden ster textlicher und musikalischer Elemente immer wieder aktuelle Phänomene. 1. Biographische Aspekte643 Karl Jenkins wurde am 17. Februar 1944 im walisischen Penclawdd geboren. Er studierte Musik an der University of Wales in Cardiff und an der Royal Academy of Music in London. Jenkins ist ein ausgewiesener Crossover-Musiker: Er begann als aktiver Jazz musiker (Saxophon, Oboe, Keyboard) und spielte beispielsweise im berühmten Londoner Ron nie Scott’s Club. Er war Mitglied der Formation Nucleus und gewann mit der Band 1970 den ersten Preis beim Montreux Jazz Festival. 1972 wechselte er zur Band Soft Machine, 642 Z. B. Joseph Haydns Missa in tempore belli, Ludwig van Beethovens Agnus Dei aus der Missa solemnis, Frank Martins Missa „In terra pax“ oder Benjamin Brittens War Requiem. Eine frühe besondere Messe stellt die Polní Mše von Bohuslav Martinů dar. Sie wurde 1939 in Paris als Hommage an die tschechischen Soldaten in ihrem Kampf gegen das Dritte Reich vertont, aber erst 1946 in Prag uraufgeführt. Interessanterweise geht Martinů darin schon recht weit, da er nur das Kyrie und Teile des Agnus Dei vertont und weitere Texte kom piliert (Vater unser, Psalm, freie Dichtungen mit patriotischem Inhalt). Auch die Besetzung ist ungewöhnlich: Bariton, Männerchor, Bläser, Harmonium, Klavier, Schlagzeug. Das Schlagzeug verwendet er ähnlich wie Jenkins zur Herstellung des „Kriegsbezugs“ und nutzt die „Messe“ für seine Botschaft (ohne Bezug zu anderen Religionen). Vgl. Krieg 2013, S. 321. 643 Die biographischen Angaben zu Jenkins beruhen auf Website Jenkins Biografie, Website Boosey Jenkins Biografie sowie Wikipedia Jenkins. In einschlägigen musikwissenschaftlichen Lexika oder Veröffentlichungen finden sich derzeit keine Angaben zu Karl Jenkins. Lediglich ein Kurzportrait, das einige Werke vorstellt, diese aber eher kritisch eklektizistisch bewertet bietet Krawinkel 2007. 229 entstehung Von the arMed Man: a Mass For peace für die er auch etliche Stücke komponierte. Jenkins ließ sich außerdem von den Minimal-Music-Experimenten der Gruppe zu eigenen Werken inspirieren. In den 1980er- Jahren komponierte er sehr viel Musik für Werbung, beispielsweise Spots für Levi’s, British Airways, Renault, Volvo, Pepsi und Delta Airlines. Er erhielt auch dafür zahlreiche Auszeichnungen wie etwa den Golden Lion beim Lions International Advertising Festival in Cannes oder den Clio Award. Mit Adiemus, einer Kombination klassischer und ethnischer musikalischer Elemente, ethni scher Percussion und einer frei erfundenen Sprache stürmte er sowohl die Klassikwie auch die Pop-Charts. Das Stück wurde in der halben Welt aufgeführt. Daran schloss sich der Erfolg von The Armed Man: A Mass For Peace644 an, dessen CD-Einspielung Goldstatus in Großbritannien erreichte. Mehrere klassische Werke für großes Orchester folgten, ebenso die Vertonung seines Requiems (2004). Karl Jenkins erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise, darunter die Ehrendoktorwürde der University of Wales. Er ist Mitglied der Royal Academy of Music. 2. Entstehung von The Armed Man: A Mass For Peace645 The Armed Man: A Mass For Peace ist eine Auftragskomposition des Museum of Royal Armouries zur Jahrtausendwende. Der damalige Direktor des Museums Guy Wilson, der auch die freien Texte für das Werk auswählte, bemerkte zur Hauptthematik: „The theme that ‚the armed man must be feared‘ which is the message of the song seemed to me painfully relevant to the 20th century and so the idea was born to commission a modern ‚Armed Man Mass‘. What better way both to look back and reflect as we leave behind the most war torn and destructive century in human history, and to look ahead with hope and commit ourselves to a new and more peaceful millennium.“646 In Anlehnung an Benjamin Brittens War Requiem wählte Wilson Texte verschiedener Pro venienzen aus und kombinierte sie mit Teilen des lateinischen Messordinariums. So sollen Texte aus Bibel, Koran und dem hinduistischen Mahàbharàta sowie Gedichte verschiedener Zeiten und Herkunft von Thomas Malory, John Dryden, Alfred Lord Tennyson, Rudyard Kipling, Jonathan Swift, Toge Sankichi und Guy Wilson selbst die Voraussetzungen und schrecklichen Konsequenzen des Krieges aufzeigen. 644 Jenkins Messe Chorpartitur. 645 Die Angaben zu den Entstehungsumständen des Werks basieren auf der Werkbeschreibung unter Website Jenkins Messe. 646 Zit. nach Website Jenkins Messe. Die deutsche Übersetzung der Autorin lautet: „Das Thema – der Mann in Waffen muss gefürchtet werden – worum es ja in diesem alten Lied geht, muss als schmerzvoll aktuell im zwanzigsten Jahrhundert betrachtet werden, und so entstand die Idee, einen Auftrag für eine zeitgemäße ,L’homme-armé‘-Messe zu vergeben. Welchen besseren Weg könnte es geben, als sowohl zurückzuschauen und darüber nachzudenken, was wir eigentlich mit diesem kriegsbeladenen und zerstörerischen Jahrhundert zurücklassen, wie auch nach vorn zu sehen in der Hoffnung und Verpflichtung zu einem neuen, friedvolleren Jahrhundert.“ 230 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Von dieser Auswahl war Jenkins sehr ergriffen und inspiriert und griff in seiner musika lischen Umsetzung auf eine ähnlich breit gefächerte Auswahl musikalischer Stile und Quellen zurück. Hinzu kam noch ein ganz aktueller Bezug: „As I started composing ‚The Armed Man‘ the tragedy of Kosovo unfolded. I was reminded daily of the horror of such conflict and so I dedicate the work to the victims of Kosovo.“647 Er widmete die Komposition damit Menschen, die von einem aus ethnischen, territorialen und religiösen Gründen geführten Krieg betroffen waren. Das Kosovo gehörte bis zum Ersten Weltkrieg zum Osmanischen Reich und erfuhr dadurch zum Teil eine türkisch-muslimische Prägung. Die Uraufführung fand am 25. April 2000 in der Royal Albert Hall in London mit dem National Youth Choir sowie dem National Musicians Symphony Orchestra unter Grant Llewellyn statt und wurde zu einem fulminanten Erfolg. Der Aufführungsort der Premiere sowie die Gesamtgestalt des Werks legen nahe, dass es von vorneherein für eine konzer tante Aufführung gedacht war.648 3. Analyse von The Armed Man: A Mass For Peace Jenkins verwendet in seiner „programmatischen“ Messvertonung lediglich vier Ordinariums teile in der Abfolge Kyrie, Sanctus, Agnus Dei, Benedictus. Damit verzichtet er nicht nur auf die textreichen Teile Gloria und Credo, sondern stellt auch die Reihenfolge um, indem er das Benedictus nach dem Agnus Dei platziert. Er kontrastiert die rituellen Texte mit Gedichten und Texten verschiedener Provenienz und schafft durch diese Kompilation eine Art Handlungsablauf von Kriegsvorbereitungen über Kriegshandlungen bis hin zum Frieden sschluss. Durch die Integration von Texten und Gesängen verschiedener Religionen, Völker und Jahrhunderte entsteht ein Spektrum unterschiedlichster Betrachtungen zum Thema Krieg. Auf der im Jahr 2004 erschienenen DVD649 mit einer Aufführung des Werkes unter Leitung von Jenkins selbst wird auf einer Großleinwand hinter Chor und Orchester ein Video ab gespielt, in dem verschiedene Bilder mit Kriegsbezug zu sehen sind. Die Videoeinspielung unterstreicht und ergänzt dabei die Aussage, die durch Text und Musik getroffen wird. Es werden beispielsweise Darstellungen von Aufrüstung, Militärparaden, Schlachten, Bilder der Zerstörung nach den Kämpfen, von Gräberfeldern und Menschen im Friedenstaumel jeweils aus verschiedenen Zeiten, Kontinenten und Religionen gezeigt. In der Partitur wird jedoch dazu kein Hinweis gegeben. Auch auf der von Jenkins auto- 647 Zit. nach Website Jenkins Messe. Die deutsche Übersetzung der Autorin lautet: „Als ich mit der Komposition von ,The Armed Man‘ begann, trug sich die Tragödie im Kosovo zu. Täglich wurde ich an die Schrecken eines solchen Konflikts erinnert und so widmete ich das Werk den Opfern des Kosovokrieges.“ 648 Weitere Dokumente zur Uraufführung liegen mir nicht vor. 649 Jenkins Messe Aufnahme 2004. Darauf sind allerdings nicht alle Videoeinspielungen zu erkennen, da die Kameraführung auch andere Details wie etwa einzelne Musiker berücksichtigt. 231 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace risierten CD-Einspie lung650 gibt es kleinere hörbare Ergänzungen zur Partitur, beispielsweise den vernehmbaren „Gleichschritt“ einer Gruppe von Menschen zu Beginn des Werks. Beides scheint eine indirekte Aufforderung des Komponisten an die Musiker zu sein, eigene Interpretationen außermusikalischer Art in die Aufführung einzubinden. 2007 erschien der Film The Armed Boy, der speziell als filmisches Kunstwerk zu Aufführungen der Komposition konzipiert wurde.651 Notation und Besetzung der Messe hingegen sind traditionell: Piccoloflöte, zwei Flöten, zwei Oboen, Englisch-Horn, zwei B-Klarinetten sowie eine Bassklarinette, zwei Fagotte und ein Kontra-Fagott bilden die Gruppe der Holzbläser. Dabei wird insbesondere die Piccoloflöte als typisches „Militärinstrument“ eingesetzt. Die Gruppe der Blechbläser ist mit vier Hörnern und je drei Trompeten und Posaunen sowie einer Tuba umfangreich besetzt. Pauken, zwei Snare-Drums, Field-Drum, Bass-Drum, Tenor-Drum, Floor-Drum, Tom-Tom, Congas, Becken, Wind-Chimes, Tambourin, Mark-Tree, Taiko, Surdo, Bell, Chekere, Kit und Tam-Tams müssen zeitweise von drei Percussionisten gespielt werden. Die gegenüber einem „klassischen“ Werk überdurchschnittlich große Besetzung und die häufige Verwendung des Schlagwerks erklärt sich aus der zum Teil ursprünglichen Ver wendung dieser Instrumente bei kriegerischen Einsätzen. Streicher und ein- bis sechs stimmig besetzter gemischter Chor mit kleineren Solopartien vervollständigen die modern oratorische Besetzung des Werks. Alternativ gibt es eine reduzierte Besetzungsvariante, die es kleineren oder weniger finanzkräftigen Kantoreien erlaubt, eine ebenso vom Kom ponisten autorisierte Fassung aufzuführen: „In performance, either the full orchestral version or the reduced version may be used. The reduced version is scored for optional flute (doubling piccolo), 2 or 3 trumpets, 2 or 3 percus sion, organ or synthesizer, and strings; piano and optional solo cello may be used instead of strings.“652 Gerade die reduzierte Besetzung unterstreicht nochmals die Wichtigkeit von Piccoloflöte und Schlagwerk als „kriegstypische“ Instrumente. Über den Formaufbau, die kompositorische Ausgestaltung der jeweiligen Kompositions abschnitte und einige Besonderheiten möge die folgende Analyse in Stichworten Auskunft geben, wobei die Version mit voller Besetzung Grundlage derselben ist. 650 Jenkins Messe Aufnahme 2001. 651 Der Film erhielt im Januar 2008 den Piece Award at the Ninth Annual World Sabbath of Religious Reconciliation. Da der Film als eigenständiges Kunstwerk gelten kann, soll er bei der Analyse der Jenkins-Messe keine Berücksichtigung finden. 652 Jenkins Messe Klavierauszug. 232 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace 3.1. The Armed Man „L’homme armé „Den bewaffneten Mann Doit on douter. Muss man fürchten. On a fait partout crier, Man hat überall ausrufen lassen, que chacun se viegne armer dass ein jeder sich wappnen soll d’un haubregon de fer.“ mit einem Panzerhemd aus Eisen.“ Hauptbezugspunkt und Namensgeber der Komposition sowie Cantus firmus des Eingangsstückes ist eine Melodie, die vermutlich aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und zum Teil mit der Textunterlegung „L’homme armé“ überliefert wurde:653 Melodie L’homme armé Diese Melodie diente im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert als Cantus firmus für zahl reiche Kompositionen, insbesondere für Ordinariumszyklen vieler namhafter Komponisten. Die Herkunft der Melodie ist nicht restlos geklärt. Sicher jedoch ist, dass sie sich für eine kontrapunktische Bearbeitung in besonderer Weise eignet und durch die schlichte Drei teiligkeit sowie die einfache rhythmische Gestalt relativ eingängig ist. Die beiden Quint falleinwürfe im ersten Teil könnten schon spätere Zutat sein und werden von einigen Bearbeitern nicht verwendet – beispielweise von Giovanni Pierluigi da Palestrina (1524–1594). Die meisten sogenannten „L’homme armé“-Messen verarbeiten den Cantus firmus meist nur in Teilen, häufig den Anfang, dies jedoch in jedem Ordinariumsteil von neuem. Hier unterscheidet sich Jenkins von seinen Vorgängern: Er verarbeitet den gesamten Cantus firmus sogar mit dem gesamten originalen Text, jedoch nur im ersten und letzten Kompositionsteil. Im Christe-Teil hingegen zitiert er den entsprechenden Teil aus Palestrinas fünfstimmiger Missa L’homme armé wörtlich.654 653 Zur Herkunft und Überlieferung der Melodie vgl. MGG L’homme armé sowie Haaß 1984, S. 7–27. 654 Vgl. Palestrina Missa Partitur, S. 8–10, Takt 27–54 mit Abschnitt. Weitere mir bekannte neuere Verarbei tungen sind: Peter Maxwell Davies: Missa super l’homme armé für Sprecher, Sänger und Ensemble (1968, revidiert 1971); vgl. Website Boosey Maxwell Davies sowie Jan Malek: Requiem super „L’homme armé“ (1997); vgl. Thissen 2011, S. 98 ff. 233 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Die Interpretation des mittelalterlichen Textes lässt mehrere Möglichkeiten zu: „Eine Deu tung als Antikriegslied ist verschiedentlich versucht worden, doch scheint es plausibler, den kargen Inhalt als […] aufzufassen.“ Der Text wird auch „mit der späten Kreuzzugsbewegung in Verbindung gebracht.“655 In einer Version wird das Lied mit einem synchron gesungenen zweiten Gedicht in Verbindung gebracht, in dem ein „doubté turcq“ genannt wird. In diesem Fall wird das Lied in eine deutliche Beziehung zur „türkischen Gefahr“ gesetzt, die Europa im 15. Jahrhundert bedrohte.656 Gerade in Anbe tracht dessen, dass Jenkins nach dem Einleitungsteil den islamischen Gebetsruf singen lässt, liegt für das zeitgenössische Werk diese Beziehungsvariante besonders nahe, zumal auch die gegenwärtigen gesellschaftlich-interreligiösen Konflikte in diese Richtung deuten. Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte von The Armed Man Dauer des Satzes: 6:25 Minuten657 Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten/ Details 0 1–15 Snare-Drum, Field-Drum, Piccoloflöte, Flöte Snare-Drum und Field-Drum rhythmisches Ostinato durchgängig Flöten Cantus firmus ab Takt 5; pp-p A 16–26 Snare-Drum, Field-Drum, einstimmig Cantus firmus p-mp B 27–32 Snare-Drum, Field- Drum, Trompete Trompetensignal, Beginn aus viertem Cantus-firmus-Motiv abgeleitet C 33–45 Snare-Drum, Field-Drum, Bassklarinette, Fagott, Kontra-Fagott, Violoncello, Double Bass, Pauke, Tom-Tom zweistimmig: Sopran und Tenor sowie Alt und Bass einander zugeordnet ab hier kontinuierliche Verdichtung mit immer mehr „Füll“-Motiven ab Takt 40 Malagena- Bass bzw. punktierte Viertel auf G; ab Takt 42 Pauke, Tom-Tom; mp-mf D 46–54 Bassklarinette, Fagott, Kontra-Fagott, Steigerung von Abschnitt B E 55–63 Bassklarinette, Fagott, Kontra-Fagott, Snare-Drum, Field- Drum, Surdo, Tom- Tom, Violoncello, Db.; ab Takt 58 plus alle Holzbläser vierstimmig mf-f; Verschränkung der Abschnitte E und F 655 MGG L’homme armé, Sp. 1111. 656 Vgl. Haaß 1984, S. 23 sowie weitere Details dazu bei MGG L’homme armé, Sp. 1112–1113. 657 Die Angaben zur Dauer beziehen sich auf Jenkins Messe Aufnahme 2001. 234 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten/ Details F 64–82 tutti bis Takt 73 sowie ab Takt 79 Takt 73–78 Chor A-cappella, polyphon Takt 73–78: Snare- Drum und Field-Drum tacet! Chor: ff, danach wieder tutti G 83–95 tutti vierstimmig musikalische Verdichtung Steigerung durch mehrfache Erweiterung des Schlusses Musikalisch geprägt wird der Einleitungsabschnitt durch verschiedene Motive und Instrumente mit militärisch-kriegerischem Bezug: Snare-Drum und Field-Drum spielen fast durchgängig ein rhythmisches Ostinato. Rhythmisches Ostinato, The armed man, Takt 1 Die „L’homme armé“-Melodie wird zunächst durch die Flöten vorgestellt, wobei der Klang lichkeit der Piccoloflöte eine besondere Bedeutung zukommt, da dieses Instrument seine Ursprünge in der Militärmusik hat. In der Folge wird der Cantus firmus vom Chor übernommen. Dazu kommen zunächst in den chorfreien Abschnitten fanfarenartige Trom petenmotive, die im späteren Verlauf auch in die chorischen Abschnitte integriert werden. Trompetenfanfaren, The armed man, Takt 46–47 The Armed Man ist als großangelegte Steigerung konzipiert. Der Satz beginnt lediglich mit den beiden Trommeln. Nach und nach kommen immer mehr Instrumente hinzu, womit auch eine kontinuierliche Zunahme der Lautstärke vom Pianissimo bis zum dreifachen Forte verbunden ist. Des Weiteren beginnt der Chor einstimmig und wird über die Zwei- bis zur Vierstimmigkeit geführt, wobei lediglich ein kurzes „retardierendes Moment“ (A-cappella, polyphon, Takt 73 bis 78) eingebunden wird, welches traditionell anmutet. Die Steigerung wirkt wie das Herannahen eines Heeres. Bei der CD-Aufnahme kann man vor Einsatz der Trommel Schritte marschierender Menschen hören. Dies passt zu den Filmeinspielungen der DVD: Bewaffnete Männer verschiedener Völker und Zeiten ziehen durch die Länder und verbreiten Furcht: „L’homme armé doit on douter.“ 235 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace 3.2. Call to Prayers (Adhaan) An zweiter Stelle der eigentlich christlichen Messkomposition steht unerwartet der islamische Gebetsruf „Adhaan“,658 was bei einigen Aufführungen, insbesondere in Deutschland, zu Kontroversen geführt hat.659 Dies unterstreicht allerdings die Problematik, auf die die Gesamtkonzeption des Werkes hinzuweisen scheint: Kein Friede zwischen den Nationen ohne Frieden zwischen den Religionen (frei nach Hans Küng).660 Der Islam hat seit Beginn seiner Geschichte ein problematisches Verhältnis zur Musik.661 Da es im Koran als wesentlicher Quelle keine eindeutigen Aussagen zu diesem Themen bereich gibt, nehmen islamische Gelehrte individuelle Auslegungen mit verschiedenen Begründungen und Gewichtungen vor und gelangen so zu völlig unterschiedlichen Bewer tungen der Musik an sich. Diese reichen von völliger Ablehnung (Musik als Sünde) bis zur ausdrücklichen Erlaubnis. Dennoch hat die Musik einen festen Platz in vielen islamischen Ritualen: in den Koranlesungen mit einer Art „Rezitation“, die im weiten Sinne mit dem Singen des Gregorianischen Chorals verwandt ist, bei Gebeten (auch dem „Adhaan“), bei Liedern zu festen religiösen Anlässen wie z. B. zur Pilgerfahrt und zum Geburtstag des Propheten sowie bei Lobgesängen für Allah oder den Propheten. Das Gebet gehört zu den täglichen Pflichten des Muslims und ist eine der fünf Säulen des Islam. Zu den fünf vorgeschriebenen Gebeten ruft der Muezzin auf, früher vom Minarett, heute häufig durch Lautsprecher oder über Funk und Fernsehen. Der Ruf zum Gebet ist vermutlich so alt wie der Islam: Mohammed selbst soll den ersten Muezzin noch mit diesem Amt beauftragt haben. Fest vorgeschrieben ist dabei der Text des Gebetsrufs, die musikalische Ausgestaltung in Art und Qualität hängt allein vom Können des Muezzins ab. Dabei werden jedoch bestimmte Floskeln – ähnlich wie beim Psalmodieren – immer wieder aufgegriffen. Es handelt sich beispielsweise um offene oder geschlossene Formeln, die je nach Textstelle verwendet werden. Besonders wichtige Worte (z. B. „Allah“ oder „Gebet“) werden meist durch melismatische Melodiegestaltung hervorgehoben, was eine gewisse Parallele zum Gregorianischen Choral darstellt. Außerdem verwenden die Muezzine je nach Gegend besondere Modi – wiederum in gewisser Weise vergleichbar mit den Kirchen tonarten. Diese sind nicht in der ganzen Welt gleich, weisen aber häufig eine übermäßige Sekunde auf, die somit auch als typisch „arabisch“ empfunden wird. Die zwölfteilige Textstruktur spiegelt sich in zwölf musikalischen Phrasen.   658 Für den islamischen Gebetsruf sind verschiedene Schreibweisen gebräuchlich, z. B. auch „Adan“. 659 Vgl. den Abschnitt Rezeption. 660 Vgl. Küng 2010. 661 Die Ausführungen zu Musik und Islam sowie zum Aufbau des islamischen Gebetsrufs beruhen auf El-Mallah 2002 sowie MGG Islam. 236 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Allahu Akbar, Allahu Akbar (2x) Allah ist der Größte (2x). Ashadu An La Illa L Lah (2x) Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt. (2x) Ashadu Anna Muhammadan Ich bezeuge, dass Mohammed Rasulu I Iah (2x) der Gesandte Gottes ist. (2x) Hayya Ala s salah (2x) Auf zum Gebet! (2x) Hayya Ala l Falah (2x) Auf zum Heil! (2x) Allahu Akbar (2x) Allah ist der Größte. (2x) La Illaha il la lah Es gibt einzig und allein Gott. In Jenkins Partitur ist lediglich der Text abgedruckt. Das heißt, er überlässt die musikalische Gestaltung dem jeweiligen Muezzin, so wie es auch der Islam selbst vorschreibt. In der Videoeinspielung der Aufführung legt der Muezzin erkennbar die Hände an die Ohren, eine Tradition, die auch schon seit Mohammed überliefert sein soll: Bereits der erste Muezzin soll die Finger in die Ohren gesteckt haben, um seine Stimme damit besser produzieren zu können. Professionelle, musikalisch ausgebildete Muezzine haben bis heute diese Praxis übernommen. Der künstlerisch unveränderte Gesang des islamischen Gebetsrufs wurde bei Aufführungen in deutschen Kirchen (z. B. im Berliner Dom im Jahr 2007) als sehr problematisch emp funden, da der Islam als missionierende Religion mit Absolutheitsanspruch agiert, dem man nur oberflächliche Toleranz nachsagt.662 Zudem stellt der Text im Gegensatz zum nachfolgenden „Kyrie eleison“, das als Bitte um Erbarmen vor den Folgen des Krieges gedeutet werden kann, eine Art islamisches Glaubensbekenntnis dar. Jenkins milderte diese Problematik in seiner Aufführung663 insofern ab, als er während des Gebetsrufs auf der Videowand hinter den ausführenden Musikern Filmmaterial einspielen lässt, das betende Menschen unterschiedlicher Weltreligionen zeigt. Neben Muslimen sieht man Juden an der Klagemauer, Buddhisten sowie einen russisch-orthodoxen Priester. Das Schlussbild für diese Szene ist ein Minarett mit einem Kreuz im Vordergrund. Durch diese Bilderfolge nimmt Jenkins die musikalisch-textliche Dominanz des Islam in diesem Kompositions abschnitt etwas zurück. 3.3. Kyrie Im Kyrie verwendet Jenkins den Ordinariumstext in traditionell dreiteiliger Anlage: Kyrie I und Kyrie II rahmen das stilistisch andersartige „Christe eleison“, das ein Zitat der fünfstimmigen Missa L’homme armé von Palestrina, dem Altmeister der Kirchenmusik, ist. Das Kyrie steht in diesem Zusammenhang als Bitte um Erbarmen vor Krieg und Gewalt. 662 Vgl. dazu den Abschnitt Rezeption. 663 Jenkins Messe Aufnahme 2004. 237 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte des Kyrie Dauer des Satzes: 8:12 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten Vorspiel 1–25 Fagott, Kontra-Fagott, Violon cello, Double Bass, Piccolo flöte, Flöte, Klarinette ruhige Melodie mit vielen Sprüngen beginnt mit tiefen Instrumenten, ab Takt 18 Holzbläser; p Kyrie I A 26–41 Streicher Sopran oder Solo-Sopran 16-taktige Kyrie-Melodie (zweimal acht), beginnend mit aufsteigender Quinte Streicherbegleitung mit musikalischem Material, das später im vierstimmigen Chorsatz verwendet wird; mp B 42–48 Streicher, Fagott Sopran und Alt unisono siebentaktige Kyrie-Melodie Streicherbegleitung mit musikalischem Material, das später im vierstimmigen Chorsatz verwendet wird; mf C 49–56 Streicher Sopran oder Solo-Sopran achttaktige Kyrie-Melodie; Variante von A mp D 57–63 Streicher, Fagott Chor vierstimmig siebentaktige Kyrie- Melodie; vgl. B mf E 64–75 Streicher Chor vierstimmig, polyphon vgl. A mp; am Ende Generalpause Christe F 76–104 Holzbläser, Pauke, Blechbläser und Horn (ab Takt 94) Chor fünfstimmig (geteilter Tenor) Ausschnitt aus Palestrinas fünfstimmiger Missa l’homme-armé Duplizierung der Singstimmen in Instrumenten; Cantus-firmus- Ausschnitt in Tenor II; am Ende Generalpause; mf Kyrie II G 105– 120 Streicher, Surdo, Tom- Tom, Triangel, Chimes, Congas Chor vierstimmig, späterer Basseinsatz (Takt 113) vgl. A (mit mehr Instrumenten) mp H 121– 127 tutti Chor vierstimmig vgl. B (mit mehr Instrumenten) mf I 128– 135 reduziertes tutti Chor vierstimmig vgl. C mp J 136– 142 tutti Chor vierstimmig vgl. D mf K 143– 154 reduziertes tutti Chor vierstimmig vgl. E mp 238 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Die kurze, mit Pietoso (Fromm) überschriebene Instrumentaleinleitung beginnt düster mit tiefen Instrumenten. Daraus erhebt sich zunächst als Bitte eines Einzelnen die periodisch strukturierte und melodiös gestaltete Kyrie-Melodie, die danach von allen Chorsängern aufgegriffen wird. Melodie im Sopran, Kyrie, Takt 26–33 In der Weiterführung spielt Jenkins mit verschiedenen Besetzungen, unterschiedlicher Dynamik und kleineren Variationen des musikalischen Materials. Das Kyrie II entspricht formal und analytisch dem Kyrie I, wird allerdings bezüglich der Instrumentierung deutlich gesteigert. So ergibt sich die formale Anlage A – B – A’. Eine Besonderheit ist das wortgetreue Zitat des Christe-Teils aus Palestrinas fünfstimmiger Missa L’homme armé (gedruckt 1570).664 Jenkins versieht das Original lediglich mit dynamischen Anweisungen, Tempoangabe und einer moderaten Instrumentierung, die die Chorstimmen dupliziert. Der Cantus firmus ist somit sowohl in den Vorimitationen der polyphon einsetzenden kontrapunktischen Stimmen wie auch in langen Noten im Tenor II (Ausschnitt) mit dem parodierten Ordinariumstext präsent. Das „Christe eleison“ ist damit in besonderer Weise durch den Renaissance-Stil herausgehoben, was auch durch die Szenen der Videoeinspielung unterstrichen wird: Nur in diesem Abschnitt werden keine kriegerischen Handlungen gezeigt, sondern ausschließlich Bilder von Kirchen. Während des ersten Kyrie-Teils stehen die Rüstungs- und Stahlproduktion, Kriegsvorbereitungen und Propagandafilme verschiedener Völker im Mittelpunkt der Darstellung. Im abschlie ßenden Kyrie-Teil ziehen Soldaten aller Heerteile in den Krieg und verabschieden sich von ihren Angehörigen. So steht der Christe-Teil als eine Art „Insel“ in musikalischer und thematischer Hinsicht inmitten des Leids. 3.4. Save Me from Bloody Men Nach islamischem Gebetsruf und christlichem Kyrie schließt sich eine Textkompilation mit Teilen aus Psalm 56 (55) und 59 (58)665 an, deren Schluss zum Titel des Kompositionsabschnitts gewählt wurde. Gott wird vom betenden Psalmisten direkt angesprochen. Wüsste man aber nicht, dass der Text der Bibel entnommen ist, könnte es auch ein Gebet eines Kriegers mit einem anderen religiösen Bekenntnis sein. 664 Vgl. Palestrina Missa Partitur, S. 8–10, Takt 27–54 mit Abschnitt F des Kyrie bei Jenkins. Diese Messe Palestrinas ist zu unterscheiden von der vierstimmigen Missa L’homme armé von 1582. 665 Die Zahlen in Klammern geben die Psalmzählung der Vulgata an. 239 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace „Be merciful unto me, O God: „Sei mir gnädig, Gott: For man would swallow me up. Denn Menschen stellen mir nach. He figthing daily oppresseth me. Meine Feinde bedrängen mich Tag für Tag. Mine enemies would daily swallow me up: Täglich stellen meine Gegner mir nach: For they be many that fight Es sind viele, die mich against me. O thou most high. bekämpfen, höchster Gott.666 Defend me from them that Beschütze mich vor denen, rise up against me. die gegen mich aufstehen. Deliver me from the workers of iniquity, Entreiße mich den Ungerechten, And save me from bloody men.“ und rette mich vor den blutgierigen Männern.“ Die kompositorische Gestaltung stellt den Abschnitt667 deutlich in die christliche Tradition des Gregorianischen Gesangs: „A cappella in the style of Gregorian Chant“.668 Zwar notiert Jenkins den einstimmigen Gesang der Männer in konventioneller Schreibweise mit genauen Tonhöhen und wechselnden Taktarten, lehnt sich jedoch an die Gestaltungsweise einer Psalmodie an, indem er im Modus C-Äolisch die Verse immer wieder mit einer auf steigenden Quinte c-g wie eine Art Initium beginnen lässt. Eine Repercussa wird allenfalls mit dem vermehrten Auftreten des Tones G angedeutet. Die Worte „oppres seth“, „daily“ und „rise up“ hebt er durch ein Melisma hervor. Die Anrufung „O thou most high“ wird durch eine nach oben gerichtete Melodieführung unterstrichen. Kurz vor Ende erschüttert ein Fortissimo-Schlag verschiedener Percussionsinstrumente den A-cappella-Vortrag. In der Videoeinspielung werden Zeichen und Mächtige unterschiedlicher Herkunft gezeigt wie etwa die Römer, das Hakenkreuz, Neville Chamberlain und Winston Churchill, Ronald Reagan, Margret Thatcher, Ayatollah Khomeini, Saddam Hussein und George Bush Senior. Implizit wird dadurch die im Kyrie noch neutral formulierte Bitte um Erbarmen in eine Bitte um Schutz vor dem Feind respektive um Schutz vor der Macht der Mächtigen dieser Welt konkretisiert. 3.5. Sanctus Jenkins vertont ein auch im Gottesdienst verwendbares Sanctus mit dem üblichen Ordinariumstext. Allerdings nimmt er einige Wiederholungen vor, die eine Art Rahmenform ergeben: Sanctus – Pleni – Pleni und Gloria – Hosanna – Zwischenspiel – Pleni und Gloria – Hosanna – Sanctus. Der Text an sich bietet keine Anknüpfungspunkte an kriegerische Szenarien und hat den Lobpreis Gottes zum Thema. Musikalisch allerdings ist der Krieg gegenwärtig: Der in d-Moll gehaltene Satz arbeitet mit einem deklamatorisch homophonen Satz, der auf 666 Der erste Abschnitt ist Psalm 56 entnommen, der folgende Teil stammt aus Psalm 59. Beide sind als Gebete Davids um Schutz vor dem Feind einzuordnen. 667 Die Dauer des Abschnitts liegt bei 1’42 Minuten. 668 Vgl. Jenkins Messe Klavierauszug, S. 28. 240 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace dem durchgängig beibehaltenen Rhythmusmodell der Schlaginstrumente aufbaut und eine Art stoisches Voranschreiten eines Heeres impliziert. Unterstrichen wird dies durch einen unterbrochenen Quasi-Orgelpunkt auf d. Trompetensignale und ein dominant punktierter Rhythmus unterstreichen den militärischen Impetus. Der Lobpreis Gottes im Sanctus wird quasi militärisch instrumentalisiert, wie es in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorgekommen ist (beispielsweise bei den Kreuzzügen oder beim Dschihad). Auch das Video unterstreicht diese Deutung nochmals mit Bildern beispielsweise von Adolf Hitler, Bücherverbrennungen, UN-Soldaten in musli mischen Ländern, Jassir Arafat, Wasserwerfern gegen Demonstranten und anderem. Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte des Sanctus Dauer des Satzes: 7:00 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten Vorspiel 1–4 Surdo, Tom-Tom, Chimes, Violoncello, Double Bass ständig durchlaufendes Ryhthmusmodell Rhythmusmodell im gesamten Stück beibehalten A 5–14 Trompete, Surdo, Tom-Tom, Chimes, Violoncello, Double Bass, Horn Sanctus; vierstim mig, homophonakkordisch Trompeten-Fanfaren im Dialog mit Chor jeweils Wiederholungen Takt 5–8 und 9–12, p B 15–25 Surdo, Tom-Tom, Chimes, Streicher Pleni; vierstimmig, homophon, Bass mit Sanctus p C 26–39 vgl. B Pleni; vierstimmig, homophon, erweitertes Gloria mp D 40–49 Holz- und Blechbläser, Pauke, Surdo, Tom-Tom, Becken, Chimes, Streicher Hosanna-Rufe fanfarenartige Bläser motivik; abschlie ßende Fanfare mit allen Instrumenten f-ff E 50–60 Oboe, Englischhorn, Klarinette, Surdo Tom-Tom, Chimes, Streicher Pleni-Motivik aus Chor in Holzbläsern und Streichern rein instrumental; p F 61–74 Surdo, Tom-Tom, Chimes, Streicher, Horn Pleni vgl. C mp G 75–84 Holz- und Blechbläser, Pauke, Surdo, Tom-Tom, Becken, Chimes, Streicher Hosanna vgl. D Wiederholung Takt 75–82, f-ff 241 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten H 85–91 Bassklarinette, Fagott, Kontra- Fagott, Trompete, Surdo, Tom-Tom, Becken, Chimes, Viola, Violoncello, Double Bass Sanctus; Bass antwortet vgl. A modifiziert Wiederholung Takt 85–88, p 3.6. Hymn before Action Die Hymn before action ist ein sechsstrophiges Gedicht des englischen Literaturnobelpreisträgers Rudyard Kipling (1865–1936). Kipling wurde durch sein Jungle Book weltberühmt, hat aber auch viele Werke für Erwachsene geschrieben.669 Jenkins verwendet nur die ersten beiden Strophen des Gedichts. Diese sollen denen, die in die Schlacht ziehen, Mut machen. Gott wird um Beistand angerufen. „The earth is full of Anger, „Die Erde ist voll Wut, The seas are dark with wrath, die Meere sind dunkel voll Zorn, The Nations in their harness die Nationen in ihrem Pferdegeschirr Go up against our path: stellen sich uns in den Weg: Ere yet we loose the legions Noch bevor wir die Legionen loslassen Ere yet we draw the blade, noch bevor wir die Klinge zücken, Jehova of the Thunders, Jehova, Herr der Donner, Lord God of Battles, aid! Herr, Gott der Schlachten, hilf! High lust and froward bearing, Großer Eifer und eigensinniges Verhalten, proud heart rebellious brow, stolzes Herz, rebellische Stirn, Deaf ear and soul uncaring, Taubes Ohr und gefühllose Seele, We seek Thy mercy now! suchen wir Deine Gnade jetzt! The sinner that forswore Thee, Der Sündige, der Dir abgeschworen hat, The fool that passed Thee by, Der Narr, der an Dir vorbeigegangen, Our times are known before Thee, Unsere Zeiten sind Dir bekannt, Lord grant us strength to die!“ Herr, gewähre uns Kraft zu sterben!“ 669 Vgl. Ousby 1988, S. 545–546. 242 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte von Hymn before Action Dauer des Satzes: 2:38 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten Vorspiel 1–4 Holz- und Blechbläser, Pauke, Becken, Streicher zweimalige instrumentale Vorwegnahme von Takt 5–6 A 5–20 s. o. Strophe 1, homophon, vierstimmig melodiös, choralartig, wichtig: punktierter Rhyhtmus zwei achttaktige Perioden B 21–28 s. o. Material verwandt A rein instrumental C 29–44 s. o. Strophe 2, homophon vierstimmig vgl. A D 45–48 s. o. s. o. quasi zweimalige Wiederholung von Takt 43–44 Der hymnisch-homophone Chorsatz in As-Dur im romantischen Kompositionsstil stellt eine emphatische Einschwörung auf den Kampf dar. Choralartig scheinen sich die in den Kampf Ziehenden Mut zu machen, was durch die umfassende Instrumentierung und den immer wieder verwendeten punktierten Rhythmus unterstrichen wird. Im Video werden beispielsweise vor dem Krieg Fliehende und Fallschirmspringer gezeigt. 3.7. Charge! Zur Darstellung der Angriffsszenerie und der dazugehörenden Kriegsgesänge verwendet Jenkins Textvorlagen zweier englischer Barock-Dichter: Ausschnitte aus John Drydens (1631–1700) „A Song for St. Cecilias Day“ aus dem Jahr 1687 (Stanza 3)670 thematisieren den Ruf zu den Waffen, der durch Trompete und Trommel musikalisch unterstützt wird. Der Beginn von Jonathan Swifts (1667–1745) „To the Earl of Oxford“ aus dem Jahr 1716 (aus: Horace, Book III, Ode II)671 hingegen steht als Segensgebet für die Männer, die für ihr Land kämpfen, zwischen den Dryden-Abschnitten. Zielpunkt ist der Ruf zum Angriff – „Charge“. 670 Vgl. Ousby 1988, S. 294–296. 671 Vgl. ebd., S. 962–964. 243 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Dryden: „The trumpets loud Clangor „Der laute Schall der Trompeten Excites us to Arms, bewegt uns zu den Waffen zu greifen, With shrill notes of anger mit schrillen Tönen der Wut and mortal alarms.“ und des tödlichen Alarms.“ Swift: „How blest is he who „Gesegnet ist der, For his country dies.“ Der für sein Land stirbt.“ Dryden: „The double double beat „Der doppelte doppelte Schlag Of the thundering drum der donnernden Trommel Cries Hark! The foes come. Schreit. Hört, die Feinde kommen. Charge, charge, Angriff! Vorwärts! its too late to retreat.“ Zu spät zum Rückzug.“ Swift: „How blest is he who „Gesegnet ist der, For his country dies. Der für sein Land stirbt. Dryden: „Charge, charge.“ „Angriff! Vorwärts!“ Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte von Charge! Dauer des Satzes: 7:26 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten 0 1–18 Trompete, Posaune, Horn, Snare-Drum, Tom-Tom, Bass-Drum, Kit Blechbläser-Fanfaren, Zusammenklang und melodische Führung häufig durch Quarten und Sekun den geprägt; rhythmisch prägnant; dazu Percussion instrumental; als Steigerung angelegt, häufig personante Klänge A 19–33 wie in 0 und Violoncello, Double Bass, Bassklarinette, Fagott, Kontra-Fagott, Pauke Material wie 0, jedoch gesteigert instrumental 244 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten B 34–57 wie A und alle Streicher und Holzbläser vierstimmig personant, Holzbläser und Streicher im Wesentlichen als Chorbegleitung, dazu Trompeten-Fanfaren und Percussion Dryden; zweimal achttaktige Periode als Art Kampflied und achttaktiges instrumentales Zwischenspiel C 58–71 zusätzlich Piccoloflöte dreistimmiger Frauenchor Begleitung vor allem rhythmisch geprägt zu choralartigem Gesang Swift; als Steigerung angelegt D 72–85 Material wie A instrumental E 86–101 Streicher, Blechbläser, Percussion wie bisher; nur tiefe Holzbläser vierstimmig Material wie B, etwas geänderte Rhythmisierung durch anderen Text Dryden F 102– 115 wie C dreistimmiger Frauenchor wie C Swift G 116– 131 wie G vierstimmig wie G Dryden H 132– 146 größte bisherige Besetzung vierstimmig Takte rhythmisch identisch, nur harmonisch geändert; hinzugefügt zwei Takte nur Pauke A „Charge“-Rufe I 147– 157 alle Holz- und Blechbläser, Streicher, Tom- Tom, Taiko, Bass-Drum, Suspended Cymbal vierstimmig Cluster in Haltetönen; geteilte Streicher: chromatische 16tel-Bewegung freie Chorglissandi; „Convey horror!“; Steigerung von p bis fff in J J 158 vierstimmig besetzt Haltetoncluster, Fermate fff K 159 Generalpause; 30’’silence L 160– 192 Trompete: „Either Bugle or off stage Trumpet” nur Trompete: „The last post“: Zapfenstreich M 193– 207 Streicher ohne Viola, Bass klarinette, Fagott, Kontra-Fagott, Trompete Trompeten-Melodie weitergeführt; Haltetonbegleitung mit Harmoniewechseln Mittels schnellen Trompeten- und Posaunenfanfaren, die sowohl im Zusammenklang als auch in der melodischen Führung vor allem durch Quarten und Sekunden geprägt 245 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace sind und durch entsprechende Schlagwerkbegleitung werden die Krieger – durchaus szenenartig ausgestaltet – zu den Waffen und zum Angriff gerufen. Immer mehr Instrumente treten hinzu und bereiten den Choreinsatz vor. In einer Art „Kriegslied“ in eingängiger, acht taktiger Periodik scheinen sich die Soldaten gegenseitig Mut zum Kampf zuzusprechen. In der ersten Strophe mit Textausschnitten Drydens steht der Klang der Trompeten im Vordergrund. In der zweiten Strophe, die auch nochmals wiederholt wird, wird die Trommel Mittelpunkt des Geschehens. Dies greift Jenkins auch musikalisch auf, in dem er den „Double Beat“ der Trommel, der im Text explizit genannt wird, auch musikalisch als „Double Beat“ genau an der entsprechenden Textstelle einsetzt.672 Unterbrochen werden die Dryden-Strophen zweifach durch den sphärisch anmutenden dreistimmigen Frauenchorgesang auf den Text Swifts. „Gesegnet seien die Männer, die für ihr Land sterben“ – damit ist der gedankliche Schritt zum Martyrium, zu den Kreuzzügen oder zum Dschihad nicht mehr weit. Auch wenn der Frauenchorklang choralartig in hoher Lage in einer anderen Sphäre angesiedelt scheint, bleibt die instrumentale Ausgestaltung doch sehr dem Kriegsgeschehen durch Schlagwerk, Trompetensignale und deutliche dynamische Steigerung verhaftet. In Abschnitt H mündet das Geschehen in Angriffsrufe („Charge“), die fast bis zum Unerträglichen gesteigert werden. Nach Generalpause und Paukenüberleitung bricht der Kampf aus, was sich musikalisch in Clustern der Instrumente und freien Glissandi des Chores manifestiert. Neben der reinen singtechnischen Anweis ung für das Chor-Glissando gibt Jenkins dabei noch eine Art Regieanweisung: „Convey horror!“ – „Vermittle Schrecken!“. Nach der Steigerung bis zum dreifachen Forte ist der Kampf vorbei (Generalpause). Mit dem Trompetensignal aus dem Hintergrund werden die noch lebenden Kämpfer wieder zurückgerufen („Last Post“ – „Zapfenstreich“, eventuell mit Feldtrompete zu spielen!). Bezüglich der Videoeinspielungen ist erwähnenswert, dass der Abschnitt mit der Abbildung der Friedenstaube beginnt. Danach werden dem Zuschauer Angriffs- und Verteidigungs szenen verschiedenartiger Kriege und Jahrhunderte in ungeordneter Reihenfolge gezeigt: z. B. Szenen aus Vietnam, Korea, Afghanistan, dem Irak, dem Zweiten Weltkrieg, Flak abwehr, Landser, Ritter, Infanterie, Marine, Flieger, Speere, MGs, Mittelstreckenraketen. Zum Geschrei des Abschnitts I werden die einstürzenden Twin-Tower New Yorks vom 11. September 2001 gezeigt, einem Geschehen, das erst nach der Komposition des Werkes Wirklichkeit wurde und somit die anhaltende Aktualität des Werkes unterstreicht. 3.8. Angry Flames Auf ein Kriegsereignis und vor allem auf dessen Folgen legen Wilson und Jenkins durch die Textauswahl ein besonderes Augenmerk: auf die Geschehnisse beim Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima. Der japanische Dichter Toge Sankichi (1917–1953) schrieb nach dem eigenen Erleben des Atombombenabwurfs das Gedicht „Angry Flames“, welches in der englischen Übersetzung von Richard H. Minnear Eingang in Jenkins Werk fand. 672 Vgl. Takt 87–89, 91–93, 117–119, 121–123. 246 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Das zweistrophige Gedicht beschreibt zunächst das Aussehen des Atompilzes und seine Auswirkungen in einer Sprache, bei der man als Unwissender zunächst an die Beschrei bung eines schönen Naturereignisses denken könnte. Erst in der zweiten Strophe wird die todbringende Wirkung für die dort Lebenden in erschreckender Weise verdeutlicht: „Pushing up through smoke „Nach oben drängend durch Rauch From a world half darkened Aus einer halbverdunkelten Welt By overhanging cloud, Durch eine überhängende Wolke, The shroud that mushroomed out Der Schleier, der sich pilzförmig ausbreitete And struck the dome of the sky, und durch das Himmelsgewölbe schlich, Black, Red, Blue, Schwarz, Rot, Blau, Dance in the air, Tanz in der Luft, Merge, Verschmelze, Scatter glittering sparks Sprühe glitzernde Funken already tower sie überragen schon over the whole city. die ganze Stadt. Quivering like seaweed Zitternd wie Seegras The mass of flames spurts forward. Die Masse der Flammen spritzt hervor. Popping up in the dense smoke, Auftauchend im dichten Rauch, Crawling out krabbeln heraus Wreathed in fire, sich windend im Feuer, Countless human beings on all fours unzählige menschliche Gestalten auf allen Vieren In a heap of embers In einem Haufen von Asche that erupt and subside, die aufflammt und wieder versinkt, Hair rent, mit zerrissenem Haar, rigid in death, todesstarr, There smoulders a curse.“ Dort glimmt ein Fluch.“ Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte von Angry Flames Dauer des Satzes: 4:44 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten Vorspiel 1–10 Violine I und II, Trompete, D-Bell, Mark-Tree, Wind-Chimes D-Liegetöne in allen Instrumenten außer Trompeten, polyphone Melodik in Trompeten, d-Moll-Bezug A 11–22 Streicher, Trompete; Alt- und Sopran-Solo ein Tutti- Akkord Streicher nur D-Liegetöne; Solostimmen rezitativisch; Trompeten auf Solo stimmen „antwortend“ Strophe 1, bis Zeile 8 247 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten B 23–27 Bass-Solo ein Tutti- Einwurf, unisono Material wie A Strophe 1, Zeile 9–11; Strophe 2, Zeile 1–2 C 28–38 Sopran- und Tenor-Solo ein Tutti- Einwurf, unisono Material wie A Strophe 2, Zeile 3–5 D 39–44 Sopran-, Alt-, Tenor- und Bass-Solo ein Tutti- Akkord Material wie A Strophe 2, Zeile 6–10 Die Vertonung des Hiroshima-Gedichts zeichnet sich durch eine besondere Sparsamkeit der Mittel aus: Dominierend ist der Liegeton D in verschiedenen Lagen und Instrumenten, zu dem zunächst die Trompeten mit einer weichen d-Moll-Melodie hinzutreten. Ab Abschnitt A übernehmen Solisten verschiedener Lagen (auch Chorsolisten möglich) rezita tivisch die Ausgestaltung des Textes und treten dabei immer wieder musikalisch in Dialog mit den Trompeten. Mittels weniger Choreinwürfe werden bestimmte Worte besonders hervorgehoben („Merge“, „over the whole city“, „fours“, „death“). Auch in den solis tischen Abschnitten erfahren einzelne Wortbedeutungen eine spezifische musikalische Umsetzung, z. B. der Hochton bei „sky“ (Takt 17), die chromatisch nach unten geführte Melodie bei „Crawling“ (Takt 33) sowie das „Aufflammen der Asche“ – „erupt“ durch ein aufsteigendes Trompetensignal (Takt 40). Nach den Kriegshandlungen im letzten Abschnitt wird der Hörer nun mit den Folgen des Krieges konfrontiert. Die Kriegshandlungen scheinen beendet, was auch durch das Läuten der Glocken auf der CD-Einspielung unterstrichen wird. Dieses volle Glockengeläut findet sich nur sehr verkürzt in der Partitur wieder (als „Bell in D“) und ist demnach eine von Jenkins autorisierte Ergänzung. Das im Lagrimoso fast erstarrte Stück wird ergänzt durch Videoeinspielungen zerbombter Städte, rauchender Ruinen sowie dem Atompilz über Hiroshima und dessen Folgen für die betroffenen Menschen. 3.9. Torches Der mit dem letzten Wort des ausgewählten Gedichts betitelte Abschnitt verwendet einen ins Englische übersetzten Textausschnitt673 des Mahabharata, dem größten indischen Volksepos. Dieses über mehrere Jahrhunderte entstandene Heldenepos gilt zugleich als religiöse wie auch philosophische Schrift hinduistischer Provenienz. Der verwendete Aus schnitt ist dem ersten von 18 Büchern entnommen und entstand etwa im sechsten Jahr hundert vor Christus.674 Der Text thematisiert die Leiden verbrennender Tiere, die in ihrer Reaktionsweise auf das schreckliche Geschehen fast menschlich wirken: 673 Die Übersetzung lautet: Board of Trustees of the Armouries. 674 Vgl. Jenkins Messe Klavierauszug, S. 73. 248 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace „The animals scattered „Die Tiere jagten in alle in all directions, Richtungen auseinander, screaming terrible screams. schreckliche Schreie schreiend. Many were burning Viele brannten, others were burnt. andere wurden verbrannt. All were shattered and Alle wurden zerschlagen und scattered mindlessly, liefen kopflos umher, their eyes bulging. Ihre Augen quollen hervor. Some hugged their sons, Einige umarmten ihre Söhne, Others their fathers and mothers, andere ihre Väter und Mütter, unable to let them go, unfähig sie loszulassen, and so they died. und so starben sie. Others leapt up in their thousands, Andere sprangen zu Tausenden auf, faces disfigured mit entstellten Gesichtern and were consumed by the fire, und wurden vom Feuer verzehrt, Everywhere were bodies überall waren Körper, Squirming on the ground, die sich auf dem Boden wanden, wings, eyes and paws all burning. Flügel, Augen und Pfoten brannten. They breathed their last Sie taten ihren letzten Atemzug as living torches.“ als lebende Fackeln.“ Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte von Torches Dauer des Satzes: 2:58 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten Vorspiel 1–6 tutti mit Bass- Drum, Floor- Toms, Becken, Surdo, Taiko Takt 1–4: Clusterakkorde (Es über e, C über cis), ff ; Takt 5–6: a-Moll, synkopischer Begleitrhythmus, p fff A 7–14 Streicher, Englischhorn vierstimmig, häufig nur eine Stimme rezitativisch auf einen Ton (oft e) Streicher: wie Takt5/6; Englischhorn auf Chor „antwortend“ Zeile 1–8; mp; ostinat synkopischer Begleitrhythmus (bis Ende) B 15–26 wie A wie A, Verdichtung wie A, Verdichtung Zeile 9–20 (ohne „torches“); mp C 27–30 wie Vorspiel unisono h dreimal „Torches“; ff, diminuendo al niente Attacca schließt sich an Angry Flames das vom Affekt her verwandte und mit Angoscioso – beklemmend, angstvoll oder auch quälend – überschriebene Torches an. Vier im dreifachen Forte gespielte Cluster eröffnen ein Schreckensszenario, das durch den ostinatsynkopierten Rhythmus der Streicher ab Takt 5 unausweichlich erscheint und trauermarschartige Züge erhält. Auf einem einzigen Ton (e) rezitieren zunächst Chor-Alt und 249 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Chor-Sopran „eintönig“ wie in einer Art Schockzustand den Text des Epos, immer wieder beantwortet durch andere Stimmen in unisono. Zielpunkt des Abschnitts sind die „leben den Fackeln“ – „Torches“, welche Fortissimo und unisono auf h vom Chor förmlich herausgeschrien werden, bevor das Begleit-Ostinato im Nichts verebbt. Der Zuhörer wird mit Bildern vieler Toter, Leichenverbrennungen, Krematorien und kriegsgeschädigter Kinder konfrontiert. Am Ende verweist das Bild des Sonnenuntergangs auf ein Ende, das vielleicht wieder einen neuen Morgen gebiert. 3.10. Agnus Dei Nach den Schrecknissen von Krieg und Zerstörung schließt sich das Agnus Dei in der traditionellen Fassung als Bitte der Menschen um Erbarmen und Frieden an. Allerdings wird das „miserere nobis“ lediglich einmal gesungen, das „Agnus Dei“ sehr häufig wiederholt und mit dem sogar zweifach vorkommenden „dona nobis pacem“ beendet. So ergibt sich nicht die für das Agnus Dei sonst übliche dreiteilige Anlage. Der Schwerpunkt der Aussage wird dadurch – passend zur Gesamtkonzeption des Werkes – auf die Bitte um Frieden gelegt. Erschien der ostinat durchlaufende Rhythmus in Torches noch als bedrohlich, empfindet man die durchlaufend akkordische Begleitung in Viertelnoten im Agnus Dei eher als ver söhnlich. Versöhnlich ist auch die Grundstimmung des Abschnitts, der durch melodische Schönheit und angenehme Harmoniefolgen besticht. Melodie im Sopran, Agnus Dei, Takt 2–4 Die Weichheit der Streicher con sordino verbindet sich mit melodiös einstimmiger oder polyphoner Führung der Chorstimmen zur formalen Anlage O–A–B–A’ (entspricht der Abschnittszählung O–A–B–C). Lediglich kurze, weiche, fanfarenartige Trompeteneinwürfe erinnern noch von Ferne an das Kriegsgeschehen, das nun wie weggewischt erscheint. Auch die Bilderfolge der Videoeinspielungen zeigen wieder Hoffnungsschimmer nach erlebtem Leid: Blumenwiesen, geordnete Gräberfelder und Mohnblumen führen bei der gesungenen Bitte um Frieden zu einer Darstellung eines Kreuzes mit der Sonne im Hintergrund – Symbol für ein wiedererwachendes Leben. 250 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte des Agnus Dei Dauer des Satzes: 3:39 Minuten 675 Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten 0675 1–18 Horn, Posaune, Tuba, Streicher con sordino Takt 1–8 nur Sopran, danach vierstimmig polyphon Bläser mit in Vierteln durchlaufenden Akkorden, Streicher und Horn duplizieren Chorstimmen Agnus Dei I; pp-p A 19–26 wie 0 ohne Horn Sopran und Tenor teilweise unisono, vierstimmig polyphon Bläser mit in Vierteln durchlaufenden Akkorden, Streicher duplizieren Chorstimmen nur „Agnus Dei“ B 27–44 wie 0 Chor unisono und polyhon wie 0 = 0’ Agnus Dei III (mit Dona); Takt 28 und 32 Trompeten-Fanfare C 45–52 wie A Chor unisono, entspricht Takt 27–34 wie A = A’ Agnus Dei III (mit Dona); Takt 46 und 50 Trompeten-Fanfare 3.11. Now the Guns Have Stopped Das Gedicht Guy Wilsons (*1950) rückt die Sicht der Überlebenden ins Blickfeld des Geschehens. Vorbei der Krieg, verloren der Freund, muss der Zurückgebliebene mit den Wunden des Krieges wieder leben lernen wie zuvor – eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Der Einsamkeit des Überlebenden wird die Einsamkeit des Verstorbenen im Grab gegenübergestellt. „Silent, so silent, now, „Still, so still, jetzt, Now the guns have stopped. Nun haben die Waffen gestoppt. I have survived all, Ich habe alles überlebt, I who knew I would not. Ich, der dachte, ich würde es nicht. But now you are not here. Aber du bist nicht mehr hier. I shall go home, alone; Ich werde nach Hause gehen, alleine; And must try to live life as before Und muss versuchen mein Leben wie zuvor zu leben And hide my grief. und meine Trauer zu verbergen. For you, my dearest friend, Für dich, mein liebster Freund, who should be with me now, der jetzt bei mir sein sollte, Not cold, too soon, nicht kalt, zu früh, And in your grave, Alone.“ und in deinem Grab, alleine.“ 675 Da die Abschnittsbenennung A, B, C von der Partitur übernommen werden konnte, wurde der erste, unbe nannte Abschnitt mit 0 bezeichnet. 251 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte von Now the Guns Have Stopped Dauer des Satzes: 3:25 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Solo Musikalisches Material Besonderheiten Vorspiel 1–10 Streicher ohne Kontrabass, con sordino Quartettsatz; hohe Lage, Violine I und Viola unisono instrumental A 11–28 wie Vorspiel Sopran- oder Alt-Solo; rezitativisch, Zentralton e Haltetöne und motivisches Material aus Vorspiel in Streichern a-Moll Der tödlichen Ruhe nach dem Kampf und sicherlich auch der inneren Leere der Überlebenden entsprechend intonieren ausschließlich die Streicher in hoher Lage und con sordino einen langsamen Quartettsatz. Einsam setzt ein Frauensolo zunächst nur auf dem Ton e rezitierend über Haltetönen der Streicher ein und entwickelt sich in nur 28 Takten im Dialog mit den Instrumenten zu einem ergreifenden Trauergesang für den verstorbenen Freund. Leere Helme, verzweifelte Überlebende, Soldaten, die ihren Kameraden helfen wollen, unterstreichen auch bildlich die Aussage von Text und Musik. 3.12. Benedictus „Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn“ – so wird der Einzug des Friedenskönigs in der Messe besungen – ein deutlicher Kontrast zum „How blest is he who for his country dies“ aus Charge. Dieser Kontrast erklärt vermutlich auch den „falschen Ort“ des vollständigen Benedictus-Textes innerhalb der Komposition, der traditionell nach dem San ctus und vor dem Agnus Dei gesungen werden müsste. Das Benedictus in freundlichem und warmem D-Dur676 beginnt mit einem langen instru mentalen Einleitungsteil, in dem musikalisch Benedictus und Hosanna vorweggenommen werden. Die Rolle der Stimmen antipiziert dabei ein Solo-Violoncello, das über Liege tönen der anderen Streicher eine emotional ergreifende Melodie erstehen lässt. Dabei dominiert zunächst ein Motiv (später mit dem Benedictus-Text versehen), das aus auf- und absteigenden gebrochenen Akkorden besteht. 676 Interessanterweise gilt D-Dur traditionell als Tonart, mit der Könige begrüßt werden, was auch im Falle Jesu und seinem Einzug nach Jerusalem so verstanden werden kann. 252 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte des Benedictus Dauer des Satzes: 7:36 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten 0 1–18 Streicher, Violoncello solo Violoncello solo Vorwegnahme Benedictus-Melodie (zwei gebrochene Akkorde auf- und absteigend als Hauptmotiv); Streicher akkordische Begleitung instrumental A 19–26 wie A plus Flöte, Oboe, Horn Violoncello solo Vorwegnahme Hosanna-Melodie (Pendelmotiv mit offener oder schließender Endung); dazu Benedictus-Motiv in Holzbläsern instrumental B 27–38 wie 0 instrumental C 39–54 wie 0 vierstimmiger Chor Material wie 0 Benedictus; müsste formal eigentlich in Takt 37 beginnen D 55–62 tutti, Schlagwerk: Tenor-Drum, Bass-Drum, Surdo, Tom-Tom, Becken vier vierstimmige „Hosanna“- Rufe Material wie A, akkordische Begleitung; Chorverdopplung in Holzbläsern; Benedictus-Motiv als Fanfare in Trompete und Posaune Hosanna; Trompete und Posaune mit Benedictus-Motiv Takt 56, 58, 60 E 63–75 wie 0 vierstimmig Material wie 0, C’; Chorstimmen im Dialog mit Violoncello solo (Benedictus-Motiv) Benedictus, Stimmen und Violoncello solo im Dialog Melodie, Sopran, Benedictus, Takt 39–40 Im A-Teil wird der Hosanna-Abschnitt musikalisch vorgestellt. Die pendelartig gestaltete Hosanna-Melodik verbleibt im Solo-Violoncello und wird dem Benedictus-Motiv,677 das nun in den Holzbläsern auftritt, gegenübergestellt. Der rein instrumentale Teil endet mit dem Benedictus-Abschnitt, so dass eine Dreiteiligkeit entsteht, die in der Folge nochmals mit Chor quasi wiederholt wird. Die Melodik wird dabei zunächst den Chorstimmen über tragen, gegen Ende des Stücks entsteht jedoch ein reizvoller Dialog zwischen Chor und Solo-Violoncello. 677 Das Benedictus-Motiv und das dazugehörende musikalische Material verwendet Jenkins auch in The Eternal Knot. 253 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Während beim Erklingen der Benedictus-Abschnitte noch viele „Nachwehen“ des Krieges mittels Videoeinspielungen gezeigt werden (z. B. Flüchtlingstrecks, Gefangene und Verletzte in Lagern, Ausgebombte, eine KZ-Befreiung), steht während des Hosannas die Hoffnung und der Wiederaufbau im Vordergrund (Weltraumaufnahme des Erdballs, Wiederaufbau, Trümmerfrauen, Landschaft). So wird das Benedictus auch im Gesamtzusammenhang dieser Komposition zum Ausdruck der Hoffnung auf eine bessere Zeit und ein friedvolles Zusammenleben – wie auch schon der Einzug Jesu nach Jerusalem, der mit dem „Benedictus“-Ruf als neuer Messias gefeiert wurde. 3.13. Better Is Peace Der letzte Abschnitt der Komposition ist textlich und musikalisch Zielpunkt und Zusammenfassung des Werks. Bereits der Titel Better Is Peace unterstreicht nochmals das Motto der gesamten Komposition: A Mass For Peace. Wieder kombiniert Jenkins Texte verschiedenster Provenienz zu einer Einheit. Zu Beginn zitiert er aus Sir Thomas Malorys (um 1405–1471) „Le Morte d’Arthur“ (aus Book of King Arthur), einem der größten mittelalterlichen Prosawerke über den Artus-Stoff.678 Dabei fungieren Lancelot, einer der sagenhaften Ritter der Tafelrunde und Guinevere, die Gattin König Artus, die auch die Geliebte Lancelots gewesen sein soll, als „Sprecher“, wobei dies weiter keine Bedeutung für Jenkins Werk zu haben scheint als die eines Zitats. Kontras tierend dazu erklingt nochmals der „L’homme armé“-Text, der ebenfalls dem Werk bei der Namensgebung Pate stand: The Armed Man. Der Glaube an den Frieden bricht sich Bahn in einer Art Freudengesang mit den Strophen zwei, sieben und acht aus Alfred Lord Tennysons (1809–1892) Gedicht „Ring Out, Wild Bells“, das er nach dem frühen Tod eines Freundes verfasst hat.679 Das Alte, Schreckliche, Krieg, Krankheit und Tod werden dem Vergessen anheim gegeben. Frieden, Freude und der neue Christus werden einge läutet. Mehr tröstlicher als krönender Abschluss bildet Vers vier aus dem vorletzten Kapitel680 der Offenbarung des Johannes, in dem dem Gläubigen das Trocknen aller Tränen, das Ende allen Leids sowie der Sieg über den Tod zugesagt wird. Das „Praise the Lord“ wird ergänzt und erhält durch die achtmalige Wiederholung ein besonderes Gewicht. Malory Lancelot: Lancelot: „Better is peace than always war,“ „Frieden ist besser als ständiger Krieg,“ Guinevere: Guinevere: „And better is peace than „Und Frieden ist besser als evermore war.“ immer wieder Krieg.“ Anonymus „L’homme armé „Den bewaffneten Mann 678 Vgl. Ousby 1988, S. 629. 679 Vgl. ebd., S. 978–980. 680 Vgl. Off 21,4. 254 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Doit on douter. Muss man fürchten. On a fait partout crier, Man hat überall ausrufen lassen, que chacun se viegne armer dass ein jeder sich wappnen soll d’un haubregon de fer.“ mit einem Panzerhemd aus Eisen.“ Tennyson „Ring out the thousand wars of old. „Läutet die tausend alten Kriege aus, Ring in the thousand years of peace. läutet tausend Jahre Frieden ein. Ring out the old, ring in the new, Läutet das Alte aus, läutet das Neue ein, Ring happy bells across the snow. Läutet, fröhliche Glocken über dem Schnee. The year is going, let him go, Das Jahr geht, lasst es gehen. Ring out the false, ring in the true. Läutet das Falsche aus, läutet die Wahrheit ein. Ring out old shapes of foul disease. Läutet die alten Formen übler Krankheiten aus. Ring out the narrowing lust of gold; Läutet die beschränkende Gier nach Gold aus; Ring out the thousand wars of old, läutet die tausend alten Kriege aus, Ring in the thousand years of peace. läutet tausend Jahre Frieden ein. Ring in the valient man and free, Läutet den tapferen, freien Mann ein, The larger heart, the kindlier hand. Das großzügigere Herz, die gütigere Hand. Ring out the darkness of the land, Läutet die Dunkelheit des Landes aus, Ring in the Christ that is to be.“ Läutet den kommenden Christus ein.“ Offenbarung „God shall wipe away all tears „Gott wird alle Tränen wegwischen, And there shall be no more death, der Tod wird nicht mehr sein, Neither sorrow nor crying, weder Schmerz, noch Weinen, Neither shall there be anymore pain. noch irgendein Leiden. Praise the Lord.“ Preist den Herrn.“ Kurzanalyse der einzelnen Formabschnitte von Better Is Peace Dauer des Satzes: 9:33 Minuten Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten Vorspiel 1–15 Holzbläser, Tambourim, Tenor-Drum, Tambourine vier Takt nur Percussion; Rhythmus-Ostinato vgl. Beginn des Werks; danach „L’homme armé“-Melodie in Dur in Holzbläsern instrumental A 16–26 Tom-Tom, Tenor-Drum, Snare-Drum, Tambourin gruppenweise Frauen- und Männerstimmen unisono (Folge: Frauen-Männer- Frauen) SOLO „L’homme armé“-Melodie in Dur mit Better is peace- Kontrafaktur Better is peace; Rollen: Guinevere und Lancelot 255 analyse Von the arMed Man: a Mass For peace Abschnitt Takt Besetzung Chor Musikalisches Material Besonderheiten B 27–41 wie Vorspiel, ab Takt 34 plus Basstuba ab Takt 34 kanonisch „L’homme armé“, Folge Sopran, Alt, Tenor, Bass bis unisono in Takt 40 Takt 27–33: zum Ostinato einstimmige Holzbläser (typische schnelle Spielfiguren); ab Takt 40 ohne Holzbläser instrumental und „L’homme armé“ C 42–52 wie Vorspiel und Violoncello, Double-Bass zweistimmiger Chor; Sopran und Tenor sowie Alt und Bass unisono tiefe Instrumente ergänzen Bassstimme ab Takt 49 (Steigerung) Better is peace D 53–62 Holzbläser, Tom-Tom, Tenor-Drum, Snare-Drum, Tambourin, Viola, Violoncello, Double Bass Material wie Takt 27–33 instrumental E 63–75 Holzbläser, Trompete, Posaune, Tom-Tom, Tenor-Drum, Snare-Drum, Tambourin, Tub.B., Streicher zwei- bzw. vier stimmiger Chor: bis Takt 70 Sopran und Tenor sowie Alt und Bass unisono und alternierend; danach vierstimmige Akkorde Streicher und Blechbläser colla parte; andere Ostinato-Rhythmus auf g; Trompeten-Fanfaren ab Takt 72 „Ring, ring …“ F 76–90 wie E vierstimmig akkordisch-liedartig; einstimmig bei „The year“ 8+5+2 Takte („Ring out“ und „The year …“ und Zwischenspiel (vgl. Takt 27 ff.) „Ring out the thousand wars of old …“; Tonleitereinwürfe der hohen Holzbläser G 91–105 wie E wie F 8+4+3 Takte („Ring out“ und entsprechend „The year“ und „Ring in“) „Ring out old shapes of foul disease…“ H 106– 113 wie D plus Violine vgl. D instrumental I 114– 128 wie E plus Pauke wie F 8+4+3 Takte (G’) „Ring in the valient man and free…“ J 129– 142 wie I wie E E’ mit Schlusserweiterung „Ring, ring …“; letztes „Ring“ kurz, nur Achtel im ff K 143– 161 ohne Instrumente bis zur Sechsstimmigkeit erweitert spätromantische Harmonik „God shall wipe away all tears …“; A-cappella 256 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace Der letzte Kompositionsteil beginnt wie der erste: mit dem militärisch wirkenden ostinaten Rhythmusmodell im Schlagwerk681, das bis zum Schlusschoral fast kontinuierlich durch läuft. Darüber erhebt sich nach nur vier Takten die Melodie des „L’homme armé“, auch dies in gesteigerter Form (kompletter Holzbläsersatz unisono)682 sowie in der Dur-Variante. Spätestens beim Einsatz der Solostimmen im Teil A wird verständlich, warum die Melodie nun in Dur erscheinen muss: Mit dem Text „Better is peace“683 wird deutlich, dass die Kriegshandlungen vorbei sind, dass die Menschen wieder aufatmen und sich auf eine bessere Zukunft freuen können. Diese Freude zeigt sich insbesondere in den instrumentalen Zwischenspielen (Abschnitt B teilweise, D und H) mit ihren überbordenden Holzbläser-Spielfiguren, die an einen Freudentanz erinnern.684 Spielfiguren in den Holzbläsern, Better is peace, Takt 53 So erfährt auch der ostinate Rhythmus eine Umdeutung: Aus dem militärisch-formierenden wird ein tänzerischer Gestus. Noch einmal erinnert der Chor mit seinem original gesungenen „L’homme armé“ (kanonisch, Schluss Abschnitt B) an Vergangenes, um im folgenden Abschnitt C zweistimmig das „Better is peace“ entgegenzusetzen. Wieder erklingt der ins trumentale Freudentanz, bevor der Chor mit dem „Ring“ in diesen einzustimmen scheint. Entsprechend dem Text werden dabei auch motivisch Glockenklänge (häufig Quint motivik) nachgeahmt, die den Frieden einläuten. Das „L’homme armé“ ist vergessen, liedartig besingt der Chor, dass Krankheit, Krieg und Tod ausgeläutet werden und damit Raum für Frieden und Freude ist. Mehrfach wechseln die letztgenannten Abschnitte in einer insgesamt großangelegten Steigerung ab, bevor der Freudengesang im Fortissimo mit einem letzten kurzen „Ring“ in einer Generalpause endet. Das Werk endet mit einem sphärisch anmutenden bis zur Sechsstimmigkeit erweiterten A-cappella-Schlusschoral. Stilistisch ist er durch spätromantisch geprägte Harmonik mit vielen Nebennoten Reger-Chorälen verwandt, lässt aber – nicht verwunderlich durch die Anlehnung an Max Reger – auch an Choralsätze Bachs denken, beispielsweise durch die wortausdeutenden Seufzermelodik im Alt beim Wort „sorrow“ (Schmerz), aber auch als Schlusschoral eines größeren Werkes wie einer Passion oder Kantate. Der Sopran singt eine Art Cantus-firmus-Stimme, die von den anderen Stimmen kunstvoll kontrapunktiert wird. Der erste Teil (Takt 143 bis 150) behandelt dabei die ersten vier Textzeilen. Mehr Gewicht erhält der Lobpreis Gottes – „Praise the Lord“ – am Ende des Werks durch acht malige Wiederholung. Das Werk endet mit einer leeren Quinte, die zugleich Ohnmacht und Hoffnung der Menschen nach Frieden auszudrücken scheint. Auch die Videoeinspielungen unterstreichen die zweiteilige Anlage des Schlussteils. Während des „Freudengesangs“ kann man die Freude der Völker bei der Befreiung, der 681 Besetzung variiert und verstärkt. 682 Die Besetzung erinnert an Harmoniemusiken. 683 Zugleich auch Titel des Schlussteils. 684 Die Fanfaren aus dem ersten Kompositionsteil entfallen konsequenterweise. 257 rezeptIon Von the arMed Man: a Mass For peace Heimkehr von Familienmitgliedern, bei Friedensfeiern und -tänzen sehen. Menschen aller Kontinente werden dabei gezeigt. Während des Schlusschorals sieht man betende Men schen verschiedener Religionen wie z. B. Christen, Muslime, Juden, Orthodoxe, Buddhisten und Hindus. Die Videoeinspielung endet mit Bildern von Himmel, weitem Land, gleißen dem Licht über dem Meer und schließlich der Friedenstaube. 4. Rezeption von The Armed Man: A Mass For Peace Innerhalb nur weniger Jahre wurde The Armed Man zu einer der meistaufgeführten konzer tanten Messkompositionen in zahlreichen Ländern der Welt. Jenkins gilt als der meist aufgeführte lebende Komponist, seine Messe das meistaufgeführte Werk aus seiner Feder.685 Viele verkaufte CDs und DVDs belegen den enormen Erfolg und die Verbreitung des Werks. Interessanterweise gab es aber bei einigen Aufführungen auch Debatten darüber, ob diese Messkomposition in ihrer besonderen Form innerhalb christlicher Kirchen überhaupt auff ührbar ist.686 So führten beispielsweise zwei geplante Konzertveranstaltungen für das Jahr 2007 im Berliner Dom und im niedersächsischen Rotenburg/Wümme – beides evangelische Gotteshäuser687 – zu vielen Diskussionen im Vorfeld und im Nachhinein. Sicherlich gibt es mehrere Gründe, warum es zu diesen Diskussionen kam. Hauptgrund war aber in allen Fällen der an zweiter Stelle der Komposition stehende islamische Gebetsruf. Das Domkirchenkollegium des Berliner Doms formulierte die Ablehnung der Aufführung im Kirchenraum nach seiner Sitzung am 11. Juli 2007 folgendermaßen: „Zu Beginn des Oratoriums wird das Leitmotiv mit einem alten französischen Lied über Menschen, die auf Krieg vorbereitet sind, gesungen. Danach erklingt der Gebetsruf der Muezzine, der gleichzeitig das muslimische Glaubensbekennt nis ist, ohne künstlerische Verfremdung. Dem folgt das vertonte (christliche) Kyrie. Diese Abfolge unterstreicht die theologisch nicht akzeptable Ansprache des ‚einen Gottes‘. Dies widerspricht sowohl unserem christlichen Glauben als auch dem Glauben des jüdischen Volkes und dem Glauben des Islam. […] unser Glau bensbekenntnis wird vom Islam verworfen.“688 „Das Glaubensbekenntnis des Islam, das wir nicht mittragen können, auch einge bettet in ein Kunstwerk in einer christlichen Kirche bekennen lassen, sei es durch 685 Vgl. die Aufführungsdatenbank und die Hinweise zu Jenkins Biographie unter Website Boosey Jenkins Biografie und Website Boosey Jenkins Aufführungen. 686 Ob eine Aufführung innerhalb eines Gottesdienstes möglich wäre, stand nicht zur Debatte, da dies auf grund der Struktur des Werkes erst gar nicht überlegt wurde. 687 Materialien zu den Aufführungen in Berlin und Rotenburg/Wümme wurden mir freundlicherweise von Domkantor Tobias Brommann sowie Superintendent Hans-Peter Daub zur Verfügung gestellt. 688 Dieses Statement des Domkirchenkollegiums des Berliner Doms wurde mir in einer E-Mail vom 25.12.2007 durch Tobias Brommann übermittelt. 258 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace einen Vorbeter oder vom Tonband, erschien der Mehrheit der Domkirchenräte nicht akzeptabel.“689 Der Beschluss führte dazu, dass Jenkins Messe im Konzerthaus aufgeführt wurde, obwohl es auch andere Meinungen gab. In Rotenburg/Wümme führten die Auseinandersetzungen dazu, dass das Werk nicht nur im Kirchenraum, sondern sogar zweimal hintereinander vor vollbesetzter Kirche erklang. Superintendent Hans-Peter Daub hat in einer Art Thesenpapier ausführlicher begründet, warum es möglich sein muss, die Jenkins-Messe in der Kirche aufzuführen. Im Konzert programm hat er seine Gedanken folgendermaßen zusammengefasst: „Passt dazu der Ruf des Muezzins? Ja, unbedingt. Wer immer in dieser vom Hass zerrissenen Welt nach Gott ruft und nach dem fragt und sucht, was Menschen von der Macht des Bösen erlöst […], trägt bei zu dem Frieden, nach dem sich die Welt sehnt. Nichts anderes ist die reli giöse Aufgabe des Muezzins. Ist es aber der Gott der Gnade und des Erbarmens, den unsere und ihre Gebete erreichen, dann wenden sich alle Betenden – darauf vertrauen wir Christen – im Grunde und in Wahrheit an denselben Gott, den dreieinen, der sich der verlorenen Welt zuwen det und das Zertrennte und Zerrissene versöhnen will. (Rat der Ev. Kirche in Deutschland)“690 Der Dialogbeauftragte der Türkisch-Islamischen Union in Köln, Rafet Öztürk, sah die Beteiligung des Muezzins an der Rotenburger Aufführung als Zeichen dafür an, „dass Religionen einen Dienst für den Frieden leisten“. Seiner Meinung nach sei der Gebetsruf mit dem Läuten christlicher Glocken vergleichbar.691 In der wissenschaftlichen Fachliteratur wird Jenkins fast gar nicht behandelt. Lediglich ein kurzes Portrait von zwei Seiten, auf denen einige Werke sehr kurz umrissen werden, schließt der Autor mit folgenden Sätzen: „Seine Musik klingt jedoch mal ein bisschen nach Renaissance oder Barock, nach ungefilterter romantischer Emphase oder schnulziger Filmmusik. Nur wie Jenkins nun eigentlich selbst klingt, das bleibt immer noch die Frage.“692 Man ist versucht zu sagen: Na, eben so. Die besondere Atmosphäre, die eine Aufführung von The Armed Man erzeugen kann, hat die Autorin selbst bei der Aufführung des Werkes mit ihrem MatthäusChor in Mannheim erlebt. Bei einer ersten Aufführung im Jahr 2008 konnten sie den Islamwissenschaftler Talat Kamran gewinnen, den „Adhan“ zu singen. Aus dieser gemeinsamen Erfahrung entstand die Idee, das Werk nochmals in Mannheim aufzuführen, allerdings an einem neutralen Ort, also nicht in einer christlichen Kirche. Es sollte ein Konzert christlich-muslimischer Begegnungen werden. So erklang 2009 im Mannheimer Schloss nach der Messe im zweiten Konzertteil Sufi-Musik mit Derwisch-Tänzern. Durch die Kombination von Musik aus christlicher und muslimischer Sphäre gelang es, ein wirklich „durch mischtes“ Publikum zu erreichen, wie es sonst nie der Fall ist. Christliche und 689 Tobias Brommann in einer E-Mail an die Autorin vom 25.12.2007. 690 Hans-Peter Daub in einer E-Mail an die Autorin vom 4.12.2007. 691 Vgl. Jenkins Messe Aufführung Rotenburg. 692 Vgl. Krawinkel 2007, S. 425. 259 ergeBnIsse muslimische Zuhörer setzen sich der jeweils anderen Musik offen aus. Faszination, Befremden und Staunen ergriff die Zuhörer gleichermaßen. Eine echte Begegnung konnte stattfinden. Ein Aufeinander-Zugehen, welches zumindest keiner der Mitwirkenden je vergessen wird. 5. Ergebnisse Jenkins The Armed Man: A Mass for Peace ist ein ebenso individuelles Werk wie die meisten artifiziellen Messkompositionen nach dem Zweiten Weltkrieg. Jenkins legt den Schwerpunkt der inhaltlichen Aussage der Komposition dabei auf das Thema Krieg und Frieden im Spannungsfeld zur Religion. Inhaltlich wie musikalisch reflektiert er dabei die entsetzlichen Auswirkungen des Krieges auf die Menschen sowie die Instrumentalisierung der Religion durch Kirche und Machthaber für kriegerische Zwecke, aber auch den Aspekt des Trostes durch den Glauben. Neben ausgewählten Ordinariumstexten693 und dem islamischen Gebetsruf – sicher eine der ungewöhnlichsten Neuerungen in seiner Messvertonung – verwendet er Texte unterschied lichster Provenienz aus insgesamt 2.600 Jahren Menschheitsgeschichte und spannt so einen Bogen vom altindischen Epos über barocke und romantische Dichtung bis zu zeitge nössischen Aussagen, von Texten christlicher, jüdischer, islamischer bis zu hinduistischer Herkunft. Spannungsreich werden diese außerliturgischen Texte zu den liturgischen in Beziehung gesetzt, so dass eine Art Handlungsablauf von Kriegsvorbereitungen über Kriegs handlungen bis zum Friedensschluss entsteht. Obwohl die verwendeten Texte aus verschie densten Kulturen, Zeiten und Ländern kommen, ergibt sich eine gewisse Geschlossenheit im dramatischen Verlauf. Dies verdeutlicht, dass sich im Verhältnis Krieg, Religion und Mensch im Lauf mehrerer Jahrtausende Wesentliches leider nicht verändert hat. Im Gegen teil: Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts hat sich der interreligiöse Konflikt – insbesondere zwischen Islam und Christentum – verschärft. Dies hat Jenkins durch die Verwendung des „Call for prayers“ vor dem christlichen Kyrie deutlich gemacht. In ähnlicher Weise, jedoch nicht mit Handlungsablauf und lediglich mit Gedichten eines einzigen Dichters kombiniert, findet sich die Thematik Krieg und Religion auch in Brittens War Requiem, das mit großer Wahrscheinlichkeit als ein Vorbild für das Werk Jenkins gelten darf. Im Vergleich zu Brittens Werk, in dem die inhaltlichen Gegensätze auch musikalisch deutlich kontrastiert werden, versucht Jenkins diese logisch in den Handlungs ablauf zu integrieren und musikalisch zu kommentieren. So bekommt selbst das Sanctus, das man durchaus als reinen Lobgesang zur Ehre Gottes gestalten könnte, durch Rhythmus, Schlag zeugbesetzung und Trompeten einen militärischen Impetus. Dadurch wird deutlich, dass auch die „heiligsten Texte“ für kriegerische Zwecke missbraucht wurden und werden. Musikalisch wird aber auch verständlich gemacht, dass es möglich ist, „Schwerter zu Pflugscharen“ umzufunktionieren, indem beispielsweise der militärisch-ostinate Rhythmus, der sich durch große Teile des Werks zieht, zur rhythmischen Grundlage der 693 Jenkins verwendet genau die Ordinariumsteile, die auch im Requiem Verwendung finden. Auch in diesem Werk ist der Tod zumindest ein wichtiges Thema und eine Verbindung zum Requiem liegt nahe. 260 karl JenkIns the arMed Man: a Mass For peace großen Friedenshymne verwandelt wird. Ebenso verhält es sich mit der „L’homme armé“-Melodie, die – im Schlussteil nach Dur verwandelt – den Text „Better is peace“ und damit die Hauptaussage erhält. Das Werk steht damit nicht einfach nur in der Tradition der „L’homme armé“-Messen des 15. und 16. Jahrhunderts, deren Komponisten besonders ihre kontra punktischen Fähigkeiten daran demonstrieren wollten. Jenkins geht weit darüber hinaus, in dem er den Text der alten Melodie zu Titel und Thema seiner Messkomposition macht. Die Musiksprache ist meist traditionell und reicht vom exakten Palestrina-Zitat über „Gregorianik“ und Militärmusik bis zu spätromantischen und filmmusikalischen Anklängen. Dabei wird das gesamte Spektrum vom A-cappella-Gesang über eine sehr reduzierte Besetzung bis zum vollen Orchester genutzt. Auch durch die musikalische Gestaltung entstehen „geschichtliche Räume“. Die Gregorianik erinnert unwillkürlich an das Mittelalter. Palestrina kann man mit Reformation und Gegenreformation in Verbindung bringen, und das große romantische Orchester gemahnt an die „Kunstreligion“ der Romantik. Auch dem modernen Menschen wird eine musikalische Verortung in film musikalischer Sprache angeboten. Sicherlich kann man Jenkins deswegen Eklektizismus, Populismus oder Effekt hascherei694 vorwerfen. Einerseits steht der Komponist damit aber in guter anglikanischer Kirchenmusiktradition, in dem in zeitgenössischen Werken durchaus der Schönklang dominiert (vgl. John Rutter, Bob Chilcott),695 aber auch im Bezug zu seinen eigenen erfolgreichen Werbemusik-Kompositionen. Andererseits ginge der Vorwurf auch an der Absicht Jenkins vorbei, besonders viele Menschen der multireligiösen und multikulturellen Weltgemeinschaft mit seiner Botschaft „Frieden zwischen den Religionen“ zu erreichen. Sicherlich spielte dabei auch die Aussicht auf pekuniären Erfolg eine gewisse Rolle. Karl Jenkins schuf eine Messkomposition, die durch ihre emphatische Musiksprache und die hochaktuelle Thematik „Krieg und Religion“ sowie „interreligiöse Konflikte“ die Menschen nicht nur emotional anspricht, sondern auch eine Auseinandersetzung mit der Thematik geradezu herausfordert und quasi selbst im interreligiösen Konfliktfeld steht.696 Dabei können unterschiedliche Meinungen durchaus stehen bleiben, sofern sie in gegen seitiger Toleranz geäußert werden und nicht zu Gewalt und Krieg führen. Was Hans Küng in seinem Projekt Weltethos gefordert hat, nämlich Frieden zwischen den Religionen als Voraussetzung für den Frieden auf der Welt, macht Jenkins in seinem Werk vor: Wandel von Krieg und Gewalt zu einem universalen Friedensgebet aller Menschen und Religionen. Hoffnung oder Utopie? 694 Auch Britten musste von der Musikkritik trotz oder gerade wegen des Publikumserfolgs seines Werks diese Kritik einstecken. 695 Passend zur anglikanischen Tradition ist sicher auch, dass dies eine Musik für den großen Raum und zumindest einen semiprofessionellen Chor ist. Indem er unchristliche Texte zu den Messtexten kombiniert, stellt er sich jedoch neben die anglikanische Tradition, die zwar freie Texte zulässt, aber nur solche aus dem Book of Common Prayer oder inhaltlich vergleichbare; vgl. Krieg 2007, S. 13–26. 696 Die bei früheren Kompositionen häufig anzutreffende Diskussion, ob ein Werk noch liturgisch ist und/oder nur für den Konzertsaal geeignet (z. B. aufgrund seiner Größe oder der verwendeten Texte), erweitert sich nun zu einer interreligiösen Angelegenheit.

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References

Zusammenfassung

Mozart- und Haydnmessen gehören zum Standardrepertoire jeder guten Kantorei. Aber Messkompositionen seit 1950? Gibt es die Gattung „Messe“ überhaupt noch? Wie setzen sich Komponisten der letzten Jahrzehnte mit der Gattungstradition auseinander? Was lehnen sie ab, welche neuen Impulse setzen sie, welche Traditionen greifen sie auf?

Mit einer zeitlich und stilistisch repräsentativen Auswahl an artifiziellen Messkompositionen stellt die Autorin singuläre und innovative Beispiele der neueren Messgeschichte vor (Messiaen, Heiß, Bernstein, Salbert, Pärt, Jenkins, Schnebel). Kaleidoskopartig erhält der Leser hierbei einen Überblick über die sehr unterschiedlichen Ausprägungen der Messkomposition. In den auch monografisch lesbaren Kapiteln zu den einzelnen Werken beschreibt und analysiert die Autorin Entstehung, Text, Musik und Rezeption der Werke. Einen besonderen Fokus legt sie dabei auf die Analyse der musikalischen Substanz, die in allen Werken ihre sehr individuelle Gestalt hat und der Schlüssel zum Verständnis des jeweiligen Werks wird.

In Bezug zur Messgeschichte arbeitet die Studie wesentliche Stränge der Gattungsgeschichte heraus, eine Gattung, die nahezu alle ihre spezifischen Charakteristika und Inhalte verlieren kann (Leere), deren verbleibende Schablone jedoch so stark zu sein scheint, dass die Gattung ihre Existenzberechtigung behält und mit neuem Sinn gefüllt wird (Fülle).

Leere und Fülle – zwei Begriffe, die sich diametral und unversöhnlich gegenüberstehen zu scheinen, prägen in besonderer Weise artifizielle Messkompositionen der Neuzeit und laden ein zu einer spannenden musikanalytisch-theologisch-gesellschaftlich-philosophische Zeitreise.