2. Die Simultankirchen in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - ein Haus für zwei Konfessionen, page 9 - 20

Eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3427-9, ISBN online: 978-3-8288-6823-6, https://doi.org/10.5771/9783828868236-9

Tectum, Baden-Baden
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9 2. Die Simultankirchen 2.1 Erscheinungsformen und Entwicklung der Simultankirchen Abhandlungen über Simultankirchen in Deutschland stehen nicht im Mittelpunkt historischer oder theologischer Forschungen. Trotz vielfältiger ökumenischer Bemühungen von einigen, aber immer noch wenigen, evangelischen und katholischen Christen steht die Eigenständigkeit jeder Konfession nach wie vor im Mittelpunkt. Daher fristen die Simultankirchen in der kirchlichen Wahrnehmung eher ein Dasein als Randerscheinung. Insofern kann auch das Erstaunen von Besuchern solcher Simultankirchen verstanden werden, wenn sie zunächst völliges Unverständnis über Gemeinsamkeiten zweier Konfessionen aufbringen. Die gelebte Ökumene scheint in der Erwartung vieler Menschen eher nicht existent zu sein. Die Anzahl von Simultankirchen führt auch nicht zu einer größeren Wahrnehmung. So weist eine aktuelle Abhandlung2 aus dem Jahre 2008 nur noch 65 Simultankirchen in Deutschland auf. Während sich die Zahl an Simultankirchen nach dem 30-jährigen Krieg (1618–1648) noch auf über 1000 belief, verloren diese Kirchen über die Jahrhunderte zunehmend an Bedeutung. Die große Anzahl an Simultankirchen nach dem Dreißigjährigen Krieg war mehr dem Mangel an Gotteshäusern durch die Zerstörung während des Krieges geschuldet, als eine Auswirkung ökumenischer Bemühungen. Verfolgt man die Bestandsaufnahme von Henke3 so wird deutlich, dass jede der aufgeführten Simultankirchen ihre eigene Historie hat und die Gründe für eine gemeinsame Nutzung kein einheitliches Bild 2 Vgl. Henke, H.: Wohngemeinschaften unter deutschen Kirchendächern, Leipzig 2008. 3 Vgl. ebenda, S. 33 ff. zeigen. Auch wenn heute größere Streitigkeiten zwischen den Konfessionen in den Simultankirchen überwunden wurden, so zeigt die Entwicklungsgeschichte seit Beginn der Reformation eine Fülle von unterschiedlichen Auffassungen über bspw. das Eigentum, die Nutzung, die Verteilung der Kosten und über theologische Inhalte. Henke4 weist zu Recht darauf hin, dass Simultankirchen kein rein deutsches Phänomen sind. Allein das reformatorische Alleinstellungsmerkmal eines Martin Luther und seine 95 Thesen aus dem Jahre 1517 rechtfertigen dies nicht. So befinden sich weltbekannte Simultankirchen in Bethlehem und in Jerusalem. Die Geburtskirche in Bethlehem wird seit einer Vereinbarung aus dem Jahre 1757 von griechisch-orthodoxen Christen, Armeniern und römischen Katholiken genutzt. So gehören der Hauptaltar und die rechten Seitenaltäre den Griechen, zwei Seitenaltäre links den Armeniern, der Dreikönigsaltar und der Stern unter dem Geburtsaltar den römischen Katholiken. Aber auch in der Geburtskirche kam es in jüngerer Zeit immer wieder zu „handfesten“ Auseinandersetzungen. So prügelten sich Ende Dezember 2007 und 2011 beim traditionellen Kirchenputz für das orthodoxe Weihnachtsfest armenische- und griechisch-orthodoxe Priester. Die Grabeskirche in Jerusalem befindet sich heute in der Hand von sechs christlichen Konfessionen, der griechisch-orthodoxen Kirche, der römisch-katholischen Kirche, der armenisch apostolischen Kirche, der 4 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 10. Abb. 7: Geburtskirche in Bethlehem 10 syrisch-orthodoxen Kirche von Antiochien, der koptischen und der äthiopisch-orthodoxen Kirche. Auch in der Grabeskirche kommt es in neuerer Zeit immer wieder zu „handfesten“ Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Kirchen über die Nutzung der heiligen Stätten. Von einem harmonischen Miteinander in diesen bedeutenden Simultankirchen der Christenheit kann daher keine Rede sein. Bei einer Interpretation des Begriffs Simultankirche wird man zunächst auf das Wort SIMULTANEUM stoßen. Dies bedeutet im übertragenen Sinne „gleichzeitig, gemeinsam“ bzw. „das Zusammenwirken von Christen in einem Gotteshaus“. Das gemeinsam genutzte Gotteshaus ist die Simultankirche. Umgangssprachlich werden die Be- Abb. 8: Grabeskirche in Jerusalem 11 Erscheinungsformen und Entwicklung der Simultankirchen griffe Simultaneum und Simultankirche heute synonym verwendet. Die Interpretation des Begriffs Simultaneum lässt Raum für jedes Zusammenwirken der Konfessionen. Die weiteren Ausführungen, die als zentralen Gegenstand den Wetzlarer Dom als Simultankirche behandeln, beschränken sich auf das Zusammenwirken von evangelischen und katholischen Christen. Unter Simultaneum ist der gemeinsame Gebrauch eines einzelnen Kultusgegenstandes zu verstehen.5 Hierzu zählen z. B. eine Kirche in ihrer Gesamtheit, ein Kirchhof oder ein Glockengeläut in ihrer gemeinsamen Nutzung durch verschiedene christliche Kirchen. Historisch leitet sich die Interpretation dieses Begriffs aus der Zeit des Westfälischen Friedens im Jahre 1648 ab, der den Dreißigjährigen Krieg beendete. Ein zentraler Grundsatz der Friedensvereinbarungen war das sog. „Normaljahr 1624“. Hierdurch wurden Rechts- und Besitzstände für das Jahr 1624 normiert. Im konkreten Fall wurden in 1648 die Besitzstände von den drei im Reich anerkannten Konfessionen (Katholiken, Lutheraner und Reformierte) auf das Jahr 1624 festgeschrieben. Dies bedeutete für die Konfessionen, dass die vor dem 1. Januar 1624 bestehenden Besitzund Eigentumsverhältnisse rechtsgültig waren. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass die Untertanen nicht mehr die gleiche religiöse Bindung wie der jeweilige Landesherr haben mussten.6 Die gemeinsame Nutzung einer Simultankirche kann unterschiedlichste Ausprägungen annehmen. Je nach rechtlichen Abkommen oder jahrelanger gewohnter Übung kann sich die gemeinsame Nutzung auf die regelmäßigen wöchentlichen Gottesdienste, auf die Mitbenutzung ausgewählter sakraler Räume in der Kirche und auf die Durchführung von Taufen, Hochzeiten und Begräbnissen erstrecken. Die Rechte des jeweiligen Simultanpartners sollen dabei gewahrt, jegliche Störungen vermieden werden. In den letzten Jahrhunderten seit der Reformation haben die von den Landesherren auferlegten Regularien, je nach konfessioneller Ausrichtung, häufig die Grundlage für jahrelange Streitigkeiten gelegt. Dabei haben sich die aus einem Simultaneum Beteiligten aber auch durch einen hohen Einfallsreichtum bei der konkreten Umsetzung ausgezeichnet. 5 Vgl. Goeters, D., a. a. O., S. 4. 6 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 17. 12 Die Simultankirchen 2.2 Kursorischer Aufriss der Simultankirchen Unter den 65 von Henke7 beschriebenen Simultankirchen befinden sich einige Kirchen, die durch simultane Besonderheiten charakterisiert sind. Darüber hinaus gibt es einige Kuriositäten zu berichten, die heute nicht mehr existieren. So ist die älteste und zugleich größte Simultankirche St. Petri in Bautzen. Ihr Simultaneum wird auf das Jahr 1524 zurückgeführt. Das Dom- 7 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 34 ff. Abb. 9: Dom St. Petri in Bautzen 13 Kursorischer Aufriss der Simultankirchen stift stellte im Jahr 1524 und 1525 zwei Vikare zur Betreuung der protestantischen Gläubigen ein. Ein vorhandenes Lettnergitter wurde zur willkommenen Grenze zwischen den evangelischen und katholischen Christen. Im Jahr 1851 wurde an die Stelle des Lettnergitters ein neues 4,5 m hohes Gitter platziert, das 1952 auf die Höhe des heutigen Gitters mit 1,1 Meter Höhe gekürzt wurde. 1970 wurde in das Gitter eine Tür eingefügt, um symbolisch die Öffnung zwischen beiden Konfessionen zu manifestieren. Nach einer im Jahre 1848 und 1875 geschlossenen Vereinbarung über die Eigentumsverhältnisse sind der Turm und rund ⅔ der Gebäudefläche im evangelischen und rund ⅓ im katholischen Eigentum. Die Baulasten werden von jeder Gemeinde nach den Eigentumsquoten getragen.8 Eine Simultankirche, die auf Befehl Friedrich Wilhelm III. von Preu- ßen als Simultaneum zu nutzen sei, steht in Nordrhein-Westfalen in Altenberg. Der sogenannte Altenberger Dom wird seit 1857 als Simultankirche genutzt. Ausgangspunkt des Simultaneums dort war die Bedingung von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, dass der Dom nach Sanierung durch Mittel des Staates simultan genutzt werden musste. Der Altenberger Dom befand sich seit 1834 im Eigentum des Staates, heute Nordrhein-Westfalen. Die Eigentumsverhältnisse waren immer wieder Anlass für Streitigkeiten der Simultanpartner, bis eine Kabinettsorder im Juli 1857 zu den noch heute geltenden Nutzungszeiten der beiden Gemeinden führte. Konfessionsbedingte Ansichten der Katholiken über die sakrale Innenausstattung führten 1869 als Ergebnis eines Rechtsstreites dazu, dass das Eigentum dem Staat zugebilligt wurde und damit ohne Genehmigung des Eigentümers keine dauernden Veränderungen in und an der Kirche vorgenommen werden durften. Die Sim ul tankirche in Dirmstein, Rheinland-Pfalz weist insofern eine Besonderheit auf, dass sich eine exakte räumliche Trennung zwischen den protestantischen und dem katholischen Teil aufzeigen lässt. Die sogenannte Zweikirche ist erst auf den zweiten Blick als solche zu identifizieren. Zwei Drittel des Baukörpers und zwei Glocken gehören zum Eigentum der katholischen Gemeinde und ein Drittel und zwei weitere Glocken zur evangelischen Gemeinde. Eine Glocke gehört beiden Konfessionen gemeinsam und eine Glocke gehört der Zivilgemeinde. Die räumliche Trennung ermöglicht problemlose Gottesdienstzeiten. 8 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 34–37. Eine Simultankirche, in der sich eine lutherische und eine reformierte evangelische Gemeinde die Nutzung teilen, befindet sich in Ring stedt, in der Nähe von Cuxhaven. Von den noch bestehenden Simultankirchen ist diese die Einzige, bei der sich evangelische Christen eine Simultankirche teilen. Die Gottesdienste werden jeweils abwechselnd vierzehntägig abgehalten. Das Eigentum tragen beide Gemeinden jeweils zur Hälfte, die Baulast entfällt jedoch mit 60 % auf die evangelisch-reformierte und mit 40 % auf die evangelisch-lutherische Gemeinde. Neben einem lutherischen und einem reformierten Kirchenvorstand unterhalten beide Gemeinden zusätzlich einen gemeinsamen Kirchen- Abb. 10: Altenberger Dom 14 Die Simultankirchen Eine Simultankirche, in der sich eine lutherische und eine reformierte evangelische Gemeinde die Nutzung teilen, befindet sich in Ring stedt, in der Nähe von Cuxhaven. Von den noch bestehenden Simultankirchen ist diese die Einzige, bei der sich evangelische Christen eine Simultankirche teilen. Die Gottesdienste werden jeweils abwechselnd vierzehntägig abgehalten. Das Eigentum tragen beide Gemeinden jeweils zur Hälfte, die Baulast entfällt jedoch mit 60 % auf die evangelisch-reformierte und mit 40 % auf die evangelisch-lutherische Gemeinde. Neben einem lutherischen und einem reformierten Kirchenvorstand unterhalten beide Gemeinden zusätzlich einen gemeinsamen Kirchen- Abb. 10: Altenberger Dom 15 chenvorstand, der Fragen der Instandhaltung, große Teile der Gemeindearbeit sowie die Arbeit mit Kinder- und Jugendgruppen regelt.9 Die Simultankirche in Hildesheim, St. Michaelis, wurde bereits 1562 gemeinsam von den evangelischen und den katholischen Christen genutzt. Bis zur Säkularisierung im Jahre 1803 war das Gotteshaus eine Simultankirche. Danach wurde die Kirche geschlossen und in den kommenden Jahren als Heu- und Strohlager sowie ab 1827, durch den Einbau einer Kegelbahn, als Vergnügungsstätte genutzt. Von 1855 bis 1857 erfolgte dann eine Renovierung und von da an wieder die Nutzung als Simultankirche. Es gab Zeiten in St. Michaelis, in denen die katholische Krypta durch eine Mauer abgetrennt war und die Katholiken nur durch die Hintertür ihren Gottesraum betreten konnten. Doch mittlerweile hängt in der gemeinsam genutzten Sakristei das farbenfrohe Priestergewand neben dem schwarzen Talar des Pastors und das Weihrauchfass liegt neben der Lutherbibel. Das Einvernehmen zwischen beiden Konfessionen war aber nicht immer nur von Eintracht geprägt. So wur- 9 Vgl. Henke, H., a. a. O., 38 ff. Abb. 11: Grundriss der Simultankirche Dirmstein 16 Die Simultankirchen de aus Anlass eines Besuchs von Kaiser Wilhelm II. am 31. Oktober 1900, ein Durchgang aus der Kirche in die Krypta geschaffen. Nach dem Besuch wurde diese Öffnung zunächst wieder zugemauert. Heute existiert wieder eine dauerhafte Öffnung.10 Der Wetzlarer Dom, mit seiner wechselvollen Geschichte als Simultankirche, zeichnet sich seit 1542 durch ein ständiges Auf und Ab der Eintracht und Zwietracht zwischen den beiden Konfessionen aus. Erst nach dem 2. Weltkrieg führte eine „herbeigebombte Ökumene“ zu einem stabilen Miteinander der evangelischen und katholischen Christen. Die Ökumene veranlassten amerikanische Fliegerbomben. Am 8. März 1945, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, zerbombten Fliegerbomben den Chorbereich sowie große Teile des Kirchenschiffes. Weiterhin wurden sämt liche Kirchenfenster und die evan gelische und katholische Orgel komplett zerstört. Der Lettner, der ursprünglich die katholischen Stiftsherren von der Gemeinde trennte und seit der Nutzung als Simultankirche die evangelischen von den katholischen Chris- 10 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 41 ff. Abb. 12: Der zerbombte Wetzlarer Dom 17 Kursorischer Aufriss der Simultankirchen ten trennte, lag ebenfalls in Trümmern. Die konfessionelle Trennwand wurde nicht wieder aufgebaut. Der Wetzlarer Dom war damit ab 1945 auch optisch als Simultankirche erkennbar. Beide Pfarrer der Gemeinde haben die Situation 201611 in einem gemeinsamen Interview treffend zusammengefasst: Björn Heymer (evangelisch): „Das Hauptschiff wurde fortan von der evangelischen Gemeinde genutzt. So blieb das bis 1945, zwei Gemeinden unter einem Dach. Heute hat sich die Situation grundlegend gewandelt, und daran Schuld ist eine amerikanische Fliegerbombe.“ Peter Kollas (katholisch): „Durch die Bombe, die in den Dom eingeschlagen hatte, ist der Lettner zerstört worden, und viele haben das auch als ein Werk des Heiligen Geistes angesehen. Der Heilige Geist wollte uns eigentlich sagen: ihr seid doch eins und nun zeigt es auch nach außen.“ In der Simultankirche in Biberach, die auf eine lange Tradition als Simultankirche seit 1548 zurückblicken kann, spielt der Strom eine besondere Rolle. Während sich alle anfallenden Betriebskosten jeweils zur Hälfte auf beide Simultaneumpartner verteilen, werden die Stromkosten über drei separate Stromzähler erfasst und auf die jeweiligen Nutzer verteilt. So fließt je nach Nutzung evangelischer oder katholischer Strom. Die Steuerung des Stromflusses erfolgt durch den jeweiligen Küster. Ökumenischer Strom fließt durch den dritten Stromzähler, der über eine elektrische Niedertemperaturheizung das wertvolle Deckenfresko schützt.12 In der Simultankirche in Wachenheim steht das Glockengeläut im Mittelpunkt des Simultaneums. Das Geläut umfasst vier Glocken. Die kleinste Glocke ist im Eigentum der katholischen Gemeinde, die größte Glocke gehört zum Eigentum der evangelischen Gemeinde. Zwei andere Glocken wurden von zwei Familien der evangelischen Gemeinde gestiftet. Die Stiftung erfolgte unter der Auflage, dass die Katholiken diese mitbenutzen dürfen. Jede Gemeinde kann bei Bedarf alle Glocken 11 Deutschlandfunk, 11. Januar 2016. http://www.deutschlandfunk.de/simultan kirchen-eine-kirche-zwei- altaere-drei.886.de.html?dram:article_id=341936 12 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 173. 18 Die Simultankirchen benutzen. Lediglich beim Läuten für ein verstorbenes Gemeindemitglied gibt es eine Sonderregelung. Ist ein evangelisches Gemeindemitglied verstorben, dann läuten die Glocken drei Minuten lang nach 12.00 Uhr, bei einem katholischen Gemeindemitglied ebenfalls drei Minuten, aber dann vor 12.00 Uhr.13 Henke14 berichtet über eine Simultankirche in Tiefenthal, die unter Bezugnahme auf die Eigentumsrechte von den Lutheranern im Jahr 1768 abgerissen wurde, obwohl sie noch vollständig intakt war. Auf diese Weise sollte den Katholiken das seit dem 17. Jahrhundert gehörende Mitbenutzungsrecht entzogen werden. In dem evangelischen Neubau sollten sie dann nicht mehr mit berücksichtigt werden. Die Katholiken klagten darauf hin ihr Nutzungsrecht ein und konnten in einem jahrelang andauernden Rechtsstreit letztlich ihr Benutzungsrecht erhalten. Dieses Simultaneum endete 1932. Ein weiterer Streitpunkt zwischen den Konfessionen waren die Fronleichnamsprozessionen. Diese wurden in früheren Jahrhunderten zum Teil sehr aufwendig gestaltet, was dem evangelischen Simultanpartner nicht immer gefiel. So fuhr im Jahre 1717 in Sulzbach ein Wagen im Fronleichnamszug mit, der den Reformator Martin Luther in einem Kessel darstellte, unter dem der Teufel das Feuer schürte. Es geschah aber auch, dass völlig unerklärlich, ein nichtkatholischer Fuhrmann durch seinen umgekippten Wagen die Strecke des Fronleichnamszuges blockierte. Aber auch das Schweigen der Glocken der Katholiken zwischen Karfreitag und der Osternacht wurde von den evangelischen Simultanpartnern durch besonders ausgiebiges Läuten unterbrochen.15 Bei der Simultankirche in Schernau, die sich zu 100% im Eigentum der evangelischen Kirchengemeinde befindet, wird von einer Besonderheit berichtet, die den katholischen Mitbenutzern zugeschrieben wurde. So soll es bis zum Jahre 1980 üblich gewesen sein, dass der katholische Simultaneumspartner vor den Gottesdiensten die im Seiteneingang hängenden Portraits von Luther und Melanchthon abhängte und mit den Ansichtsflächen auf dem Fußboden zur Wand abstellte. Darüber hinaus wird berichtet, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, noch vor der offiziellen Weihe durch den evangelischen Pfarrer, der katholische 13 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 107 ff. 14 Vgl. ebenda, S. 22. 15 Vgl. ebenda, S. 23. 19 Kursorischer Aufriss der Simultankirchen Priester die Weihe heimlich und in aller Stille bereits vorgenommen hatte.16 Eine besondere Form eines Simultaneums stellt das sogenannte „Simultaneum mixtum“ dar. So war in der Zeit von 1650 bis 1850 in Goldenstedt im Landkreis Vechta eine Kirche in simultaner Nutzung, bei der Katholiken und Protestanten simultan, d. h. gemeinsam, den Gottesdienst feierten. Diese Besonderheit, die gemeinsame Feier des Gottesdienstes mit jeweils eigenen Liturgieanteilen, war einmalig. Erst mit dem Bau einer eigenständigen evangelischen Kirche endete diese historische Einmaligkeit. Die katholische Gemeinde stellte in dem Zeitraum des Simultaneum mixtum den Priester und die evangelische Gemeinde den Küster. In einer Kirchenzeitung aus dem Jahre 1854 wurde der Ablauf des gemeinsamen Gottesdienstes wie folgt beschrieben: „Dem Introitus des katholischen Priesters folgte das Kyrie eleison der evangelischen Gottesdienstbesucher. Hierauf stimmte der Priester das Gloria an, worauf die Protestanten mit dem Lied Allein Gott in der Höh sei Ehr antworteten. Dem vom katholischen Geistlichen gesungenen Evangelium und lateinischen Credo folgte das lutherische Bekenntnislied Wir glauben all an einen Gott. Beim Messopfer blieben die evangelischen Gottesdienstteilnehmer „unthätig“, sangen danach aber einen Choral, der sich auf den Sonntag oder die entsprechende Festzeit bezog. Auch das Lied nach Predigt, die vom katholischen Geistlichen gehalten wurde, sangen die Protestanten.“17 16 Vgl. Henke, H., a. a. O., S. 221 ff. 17 Realencyklopädie für protestantische Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 18, S. 377. 20 Die Simultankirchen

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References

Zusammenfassung

Der Wetzlarer Dom ist eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands. Nicht zuletzt die beiden unterschiedlichen Türme geben Hinweise auf die Vielfalt der Baustile sowie auf eine bewegte Vergangenheit von Kirche und Stadt. Es waren die Reformation und der Status der Stadt Wetzlar als freie Reichsstadt, die zuletzt dazu führten, dass die katholische und die evangelische Gemeinde in Wetzlar sich den Dom noch bis heute teilen.

Jürgen Wegmann zeichnet die Entwicklung des Wetzlarer Doms in seiner Funktion als Simultankirche auf der Grundlage von historischen Quellen eindrucksvoll nach. Geschichten, Anekdoten und Erzählungen zeigen dabei das gegenseitige – und nicht immer einfache – Miteinander der katholischen und evangelischen Gemeinde im Kirchenalltag auf. Ergänzt werden diese im Buch markierten Episoden durch weiteres Bildmaterial, um so dem interessierten Leser einen noch besseren Einblick über die Simultanität des Wetzlarer Doms zu vermitteln.