3. Der Wetzlarer Domals Simultankirche in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - ein Haus für zwei Konfessionen, page 21 - 118

Eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3427-9, ISBN online: 978-3-8288-6823-6, https://doi.org/10.5771/9783828868236-21

Tectum, Baden-Baden
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21 3. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 3.1 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick Der erste Chronist Wetzlars, der Stadtschreiber Johann Philipp Chelius, berichtete 1664, dass am 6. Oktober 897 der heutige Dom zu Wetzlar als Salvatorkirche (Kirche, die dem Heiland gewidmet war) geweiht wurde. Er stützt sich offensichtlich auf eine heute nicht mehr vorhandene Urkunde. Dieses historische Datum der ersten Erwähnung des heutigen Wetzlarer Doms findet sich in allen Veröffentlichungen, die sich mit der Geschichte des Doms befassen. Eine weitere Quelle ist ein Eintrag in ein altes Messbuch von 1396, in dem vermerkt ist: „Im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 897, am 6. Oktober, wurde die Wetzlarer Kirche geweiht zu Ehren des Erlösers (St. Salvatoris) von dem Hochwürdigen Pater Rudolf, Bischof von Würzburg, mit Genehmigung Ratbolds, des Erzbischofs von Trier, auf Bitten des Grafen Gebhard.“18 Unabhängig von dem historischen Beleg, reicht die Historie des Doms bis in die Zeit um 800 zurück. Vor der in 1664 erstmals erwähnten Weihe in 897 existierte bereits ein Vorgängerbau auf dem heutigen Standort. Im Dom nachgewiesene Keramikfunde, die auf die Zeit um 800 datiert wurden, weisen eine Besiedlung des Domberges nach. Ausgangspunkt der Besiedlung des Domberges waren zwei wesentliche Faktoren. Zum einen verlief eine aus dem Rhein-Main-Gebiet kommende und nach Westfalen weiterführende Heerstraße durch eine Furt 18 Vgl. Helmers, M.: Der Dom zu Wetzlar, Wetzlar 1952, S. 6. über die Lahn. Zum anderen wurde diese Straße durch eine fränkische Feste gesichert, die um 800 an der Stelle der in 897 geweihten Kirche stand. Erbaut wurde diese Feste vermutlich durch Mitglieder des rheinfränkischen Grafengeschlechts der Rupertiner oder deren Erben, den Konradinern.19 Im späten 9. Jahrhundert stiegen die Konradiner zu einem mächtigen Adelsgeschlecht auf und stellten mit Konrad I. den deutschen König. Reste dieser ersten Kirche sind unter dem heutigen Chor im Ostteil nachgewiesen worden. Bei umfangreichen Renovierungsarbeiten von 1903 bis 1910 sowie Ausgrabungen im Dom, Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden diese Reste ausgegraben. Die dieser ersten Kirche folgenden Nachbauten übernahmen zum Teil die ursprünglichen Maße und Grundrisse. Den Angaben des Stadtschreibers Chelius zufolge soll ein konradinischer Bischof, Rudolf von Würzburg, auf Veranlassung seines Bruders Gebhard II. die Kirche als Salvatorkirche am 6. Oktober 897 geweiht haben. Dieses 19 Vgl. Sebald, E.: Der Dom zu Wetzlar, Königstein im Taunus 1989, S. 7. Abb. 13: Freigelegte Säulen der ersten Kirche im heutigen Chor 22 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Datum der Weihe ist nicht unumstritten, da es allgemeine Übung im Mittelalter war, auch Teilweihen, so z. B. für den Chor oder die Apsis vorzunehmen. Häufig wurden Kirchen auch erst lange nach der Fertigstellung geweiht. Insofern könnte die Salvatorkirche auch schon vor dem heute akzeptierten Weihedatum fertiggestellt worden sein. Der Salvatorkirche folgte eine spätromanische Stiftskirche. Dem Bau dieser Stiftskirche ging die Gründung eines Marienstifts zu Beginn des 10. Jahrhunderts durch die konradinischen Herzöge Udo und Hermann voraus. Die Identifizierung der beiden Gründer leitet sich aus einem Nekrolog, d. h. einem Nachruf für die beiden Gründer, ab. Das Marienstift nahm im Laufe der folgenden Jahrhunderte eine bedeutende Rolle für den Dom und für die Stadt Wetzlar ein. Neben den monastischen Lebensgemeinschaften in den Klöstern waren die Lebensgemeinschaften in Form eines Stifts eine weitere Form klerikalen Zusammenlebens im Mittelalter. Stifte waren im Mittelalter die Quelle für das eigene Seelenheil der Stifter und deren Angehörigen. Das zu Beginn des 10. Jahrhunderts als Kollegiatstift von den Konradinern gegründete Stift, verfügte von Anbeginn an über umfangreichen Landbesitz und weitere Einnahmequellen, die es ermöglichten, eine größere Anzahl von Stiftsangehörigen zu ernähren. Die Mitglieder des Kollegiatstifts, auch als Stiftskapitel bezeichnet, lebten als klerikale Gemeinschaft, ohne einer Ordensgemeinschaft anzugehören. Insofern un terschieden sie sich deutlich von den Mönchsgemeinschaften. Die von den Stiftsgründern eingebrachten Ländereien bildeten die Lebensgrundlage der Stiftsangehörigen. An der Spitze des Stifts standen die sog. Kanoniker mit einem Propst als Vorsteher. Für das Wetzlarer Marienstift galt, dass sich ab dem 13. Jahrhundert die Pröpste nicht mehr im Stift in Wetzlar aufhielten. Ihre Vertretung übernahm vor Ort jeweils ein Dekan, der aus den Reihen des Stiftskapitels (Kanoniker und Propst) gewählt wur- Abb. 14: Romanische Kirche 23 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick de. Gegenüber den häufig sehr strengen Mönchsregeln war es den Stiftsherren erlaubt, Privatvermögen zu besitzen. Die Regeln über Askese und Klausur wurden weit ausgelegt. Zudem konnten die Stiftsherren innerhalb des Stiftsbezirkes in Einzelhäusern (Kurien) wohnen.20 Einer der wichtigsten Unterschiede gegenüber den Mönchsorden war, dass die Stiftsherren kein Gelübde zur Ehelosigkeit ablegen mussten. Lediglich der Propst, der Dekan, der Kantor, der Scholaster und der Kustos mussten priesterliche Weihen haben.21 Die Arbeit der Kanoniker wurde durch Vikare unterstützt, da viele Kanoniker nur niedere Weihen besaßen und damit nicht selber die Messe lesen und die Sakramenten spenden konnten. Während die Anzahl der Mönche in einem Kloster in der Regel nicht beschränkt war, war die Anzahl der Kanoniker und Vikare eines Stifts abhängig von den Einnahmen des Stifts. So war es seit dem 12. Jahrhundert üblich, den Anteil der Stiftsherren an den Einnahmen des Stifts festzusetzen (sog. Pfründe). Durch die Aufgabe der Kanoniker und Vikare, für das Seelenheil der Stifter und ihrer Angehörigen zu beten, waren Zustiftungen die Regel. Damit konnten Familien, die Gelder stifteten sicherstellen, dass die Kanoniker und Vikare durch ihre ständige Gebetsfürsorge für ein gottesfürchtiges Leben der Betroffenen sorgten. Die Teilnahme an den sieben Stundengebeten (Horen) täglich, der Besuch der Messen in der Stiftskirche und die ständige Pflege der Totengedächtnisse gehörten zu den zentralen Aufgaben der Stiftsmitglieder. Neben den sog. Pfründen für ihre Tätigkeit, gab es als weitere Einnahmequelle noch sog. Präsenzgelder. Diese Einnahmequelle entstand zu Beginn des 13. Jahrhunderts und sollte die Stiftsmitglieder dazu „motivieren“ möglichst zahlreich an den Totenoffizien, einer besonderen Form des Stundengebets, für Verstorbene, persönlich teilzunehmen.22 Die Einnahmen der Vikare resultierten aus der Entlohnung durch die Stiftsherren, die sie vertraten, und später auch aus Präsenzgeldern. Durch die Zunahme von Stiftungen für Nebenaltären in der Stiftskirche, konnten die Vikare ihren Lebensunterhalt bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts gut bestreiten. So waren die Vikare für einzelne Altäre zustän- 20 Vgl. Sebald. E., a. a. O., S. 5. 21 Der Kantor kümmerte sich um die Liturgie, der Scholaster leitete die Schule und dem Kustos war der Kirchenschatz anvertraut. 22 Vgl. Sebald, E., a. a. O., S. 5. 24 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche dig, um dort für die jeweilige Familie und deren Angehörigen, für die Lebenden und die Toten, durch Gebete das ewige Leben abzusichern. In der Blütezeit dieser Anbetung, vom 12. bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts, waren in der Stiftskirche bis zu 29 Altäre vorhanden.23 Die damit verbundenen Einnahmequellen machten eine Mitgliedschaft im Marienstift für Personen aus dem Niederadel aus der näheren Umgebung interessant. Später, ab dem 14. Jahrhundert, wurden vermehrt auch Mitglieder aus den Zünften im Stift aufgenommen. Das Marienstift nahm von der Gründung zu Beginn des 10. Jahrhunderts bis zur Auflösung im Jahre 1803 eine zentrale und bedeutende Rolle in der Stadt Wetzlar ein. Die Stiftsherren haben über die Jahrhunderte hinweg das Auf und Ab der Stadt Wetzlar aktiv mitgestaltet. Durch die dominante Lage des heutigen Doms auf dem Domberg war die Rolle des Stifts auch weithin sichtbar. Wenn auch durch die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Bedeutung der Stiftsherren abnahm, so waren sie auch in Zeiten der protestantischen Dominanz immer noch wahrnehmbar und wirkten oft als „Stachel im Fleisch“ des Rates der Stadt Wetzlar. Die Hinterlassenschaft der Stiftsherren, der Wetzlarer Dom, ist auch heute noch das markanteste Bauwerk in der Stadt. Die Entwicklung des Gebäudes verlief parallel mit der Entwicklung des Marienstifts. Schon bald nach der Weihe der Kirche im Jahre 897 wurde die Stiftskirche erweitert. Sichtbar aus dieser Zeit ist einer der heute noch vorhandene Kirchentürme, der sog. Heidenturm. Der davor liegende Heidenhof entstand im Zuge des späteren gotischen Umbaus. Die bis dahin vorherrschende Kirche wurde im heutigen Chorteil im Osten erweitert und symbolisierte mit zwei markanten Türmen im Westteil ein weithin sichtbares Symbol für die Bedeutung des Marienstifts. Der kleine Marktflecken Wetzlar, der aus einer Ansammlung von Häusern bestand, erlangte die besondere Aufmerksamkeit des Kaisers Friedrich Barbarossa. Durch seine geographisch-strategische Lage der Handelsstraße von Köln nach Frankfurt über Wetzlar, bekam der Marktflecken eine zunehmend größere Bedeutung im 12. Jahrhundert. Kaiser Friedrich Barbarossa zollte diesem Sachverhalt durch den Bau der Burg Kalsmunt als Münzstätte in Sichtweite zum Domberg angemessen Tri- 23 Vgl. Schoenwerk, A.: Geschichte von Stadt und Kreis Wetzlar, 2. Auflage, Wetzlar 1975, S. 204. 25 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick but. Im Jahre 1180 erhielt Wetzlar ebenfalls durch Kaiser Friedrich Barbarossa die Rechte einer freien Reichsstadt.24 Damit war die zunehmende Bedeutung für die Stadt und für das Marienstift für die nächsten Jahrhunderte vorgezeichnet. Dies sollte sich auch in dem erweiterten Kirchenbau ausdrücken. Der Bau der spätromanischen Basilika mit ihrer Doppelturmfassade im 12. Jahrhundert stand unter dem Einfluss der oberrheinischen Architektur. Sebald25 beschreibt hierbei eine direkte Verbindung des Wetzlarer Baus zur staufischen Politik. Zeugnis dafür gibt das heute noch existierende Westportal. Ob es sich bei dem Westportal mit seiner attischen Mittelsäule und einem Adlerkapitell um eine Huldigung an Kaiser Friedrich Barbarossa handelt, ist umstritten. Gloël fasst in seinen Erläuterungen über die romanische Kirche abschließend die Schönheit und Pracht dieses Kirchbaus wie folgt zusammen: Der romanische Kirchenbau „… trägt … den Charakter der Einfachheit, Schlichtheit und strengen Gesetzmäßigkeit und macht mit ihren wenig belebten Flächen den Eindruck des ruhigen Gleichmaßes, der gemessenen Würde und des feierlichen Ernstes.“26 Mit dem Bau des bis in die heutige Zeit erhaltenen Doms wurde um 1230 begonnen.27 Weder das Datum der Grundsteinlegung noch das Da- 24 Vgl. Gloël, H.: Der Dom zu Wetzlar, Wetzlar 1925, S. 3. 25 Vgl. Sebald, E., a. a. O., S. 11–20. 26 Gloël, H., a. a. O., S. 10. 27 Vgl. Sebald, E., a. a. O., S. 22. Abb. 15: Kalsmunt 26 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Abb. 16: Romanisches Heidenportal 27 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick tum der Weihe sind überliefert. Der Beginn des Baus im gotischen Baustil wird in engem Zusammenhang mit der rechtlichen Aufteilung der Kirche in eine Stiftskirche und in eine Pfarrkirche gebracht. Durch den Titel einer freien Reichsstadt sowie das zunehmende Wachstum der Stadt durch die stark frequentierte Handelsstraße, wuchs das Selbstverständnis der Bürgerschaft. Damit verbunden war eine wachsende Distanz von der bis zu dieser Zeit vorherrschenden Vormundschaft durch das Marienstift. Die bis zur Säkularisierung im Jahre 1803 anhaltenden Konflikte zwischen Stadt und Stift fanden in dieser Zeit ihren Anfang. Die Stadt verfügte im 11. und 12. Jahrhundert über keine eigene Stadtkirche. Daher fungierte die Stiftskirche bereits zu dieser Zeit auch als Pfarrkirche. Die Pfarrkirche war aber von Anbeginn dem Stift inkorporiert, d. h., sie befand sich im Besitz des Marienstifts und somit flossen die Einnahmen aus der Pfarrkirche dem Marienstift zu. Als das Stiftskapitel den Neubau der romanischen Stiftskirche planten, holten die Stiftsherren 1221 vom Trierer Erzbischof und 1226 direkt vom Papst Honorius III. die Bestätigung ein, dass die Pfarrei im Besitz des Stifts lag. Hintergrund dieser bestätigten Rechtsposition war der Umstand, dass sich die Pfarrei im Mittelalter grundsätzlich an den Baulasten zu beteiligen hatte. Wenn nun die Stiftskirche zugleich als Pfarrkirche genutzt wurde, dann war die Pfarrei, d. h. die Bürgerschaft, an den Baulasten der neuen Kirche mit zu beteiligen. Ein Umstand, der den Kanonikern des Marienstifts sehr gelegen kam. Diese Rechtsposition war bei der Bürgerschaft umstritten. Dies ist auch durch einen Streit zwischen Stift und Bürgerschaft dokumentiert, der im Jahr 1231 geschlichtet wurde und die Wahl des Pfarrers regelte. Dieser wurde nach der Schlichtung von drei Angehörigen des Stiftskapitels und von drei Vertretern des Rates der Stadt gewählt. Nach der Wahl wurde der Kandidat vom Erzbischof von Trier mit der Leitung der Pfarrei beauftragt. Der Streit fand noch kein Ende. So wurde bis zum Jahre 1292 heftig zwischen Bürgerschaft und Stift gestritten, wer und in welcher Höhe über das Kirchenvermögen der Pfarrei verfügen konnte. In einem Vertrag des Jahres 1292 wurde zwischen Stadt und Stift geregelt, dass zwei Vertreter des Stiftskapitals und zwei Mitglieder des Stadtrates künftig über das Vermögen der Pfarrei wachen sollten. 28 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Der Bau der gotischen Kirche zog sich über Jahrhunderte hin. Erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts konnten mit dem Bau des hölzernen Spitzhelms auf dem Südturm die Bauarbeiten abgeschlossen werden. Es dauerte somit über 260 Jahre bis die Kirche in dem heute noch präsenten gotischen Baustil fertiggestellt wurde. Geprägt war diese lange Zeit der Bauarbeiten auch durch die Frage der Finanzierung dieses für die Stadt Wetzlar äußerst ehrgeizigen Bauwerkes. Wetzlar erlebte bis zum Jahr 1400 einen wirtschaftlichen Aufschwung. So resultierte der Wohlstand aus dem Eisenerzbergbau und der Eisenverarbeitung sowie aus der günstigen Verkehrslage. Die heute noch existierende Brücke, die im 13. Jahrhundert erbaut wurde, ermöglichte zudem einen ungehinderten Übergang über den Fluss. 2. Die Amtseinsetzung des evangelischen Pfarrers durch den katholischen Stiftsherrn Eine Regelung aus dem Jahre 1231 legte die Wahl des Stadtpfarrers verbindlich fest. Da die Kanoniker des Marienstifts in der Regel keine liturgischen Aufgaben erfüllen konnten, entwickelte die bürgerliche Gemeinde eine eigenständige Pfarrgemeinde, in der ein Pfarrer diese Aufgaben für die Bürgerschaft übernehmen konnte. Insofern waren die Betätigungsfelder der Kanoniker und die des Pfarrers unterschiedlich. Durch die Regelung über eine gemeinsame Wahl des Pfarrers paritätisch durch drei Stiftsherren und drei Mitglieder des Rates zu entscheiden, war bis zu den Zeiten der Reformation dieser Konflikt eingedämmt. Mit der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts, wurde diese Regelung zunehmend kritisch betrachtet. Denn im Ergebnis bedeutete dies, dass die in der Minderheit befindlichen katholischen Stiftsherren die Wahl des evangelischen Pfarrers mitbestimmen konnten und zudem noch die in Deutschland einmalige Besonderheit existierte, dass der Propst den evangelischen Pfarrer in der Stifts- und Pfarrkirche einführte. Insofern sehen wir ein Novum in einer Simultankirche, das sich in dieser Handhabung in keiner anderen Kirche Deutschlands so abspielte. G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 29 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick Gloël28 mutmaßt über die Gründe der Kirchenerweiterung, dass sich die Stiftsherren gerne von der Gemeinde absonderten und ihre besonderen Gottesdienste ganz in den Chor verlegen wollten, um somit eine deutliche Trennung von der Gemeinde zu erlangen. Darüber hinaus war die Zahl der Kanoniker bis auf 15 Personen und die der Vikare auf über 50 Personen angewachsen. Eine weitere, zwar nicht charmante, aber mögliche Motivation für einen größeren Kirchenbau war der Blick der Kanoniker in das benachbarte Limburg. Dort entstand etwa zu gleichen Zeit ein prächtiges Gotteshaus. Neidvolle Blicke nach Limburg könnten da eine Rolle gespielt haben. 28 Vgl. Gloël, H., a. a. O., S. 11. Abb. 17: Lahnbrücke aus dem 13. Jahrhundert 30 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Gloël28 mutmaßt über die Gründe der Kirchenerweiterung, dass sich die Stiftsherren gerne von der Gemeinde absonderten und ihre besonderen Gottesdienste ganz in den Chor verlegen wollten, um somit eine deutliche Trennung von der Gemeinde zu erlangen. Darüber hinaus war die Zahl der Kanoniker bis auf 15 Personen und die der Vikare auf über 50 Personen angewachsen. Eine weitere, zwar nicht charmante, aber mögliche Motivation für einen größeren Kirchenbau war der Blick der Kanoniker in das benachbarte Limburg. Dort entstand etwa zu gleichen Zeit ein prächtiges Gotteshaus. Neidvolle Blicke nach Limburg könnten da eine Rolle gespielt haben. 28 Vgl. Gloël, H., a. a. O., S. 11. Abb. 17: Lahnbrücke aus dem 13. Jahrhundert Eine weitere, mehr praktische Rolle spielte der Umstand, dass die Bürgerschaft im 13. Jahrhundert weiter anwuchs und daher auch im Kirchenschiff mehr Platz benötigt wurde. Der erste Bauabschnitt dauerte von 1230 bis 1250 und betraf den Chor.29 Miteinbezogen in diesen Bauabschnitt war auch die heutige Stephanuskapelle, die früher dem Heiligen Petrus geweiht gewesen sein muss und in Quellen aus dieser Zeit als Peterskapelle bezeichnet wird.30 Der Chorbereich war geprägt durch zwei Laufgänge, die heute nur noch als Fragmente erhalten sind. 29 Vgl. Gloël, H., a. a. O., S. 20. 30 Vgl. ebenda, S. 21. 31 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick Um auch während der Bauphase die Kirche für Gottesdienste zu nutzen, baute man die neue Kirche, die gegenüber dem romanischen Vorgängerbau größer ausgelegt war, um diesen Vorgängerbau herum. Nach Fertigstellung der neuen Kirche wurden die Mauern der alten Kirche beseitigt. Vermutlich war bei der Fertigstellung des Chorbereiches bekannt, dass sich einige kleinere Reliquien, in Form von Knochen der Stiftsgründer, im Chorbereich befanden. Um 1230 soll ein frühgotischer Chor geweiht worden sein und sich vor dem Hochaltar ein „Grab der Patrone“ befunden haben. In den folgenden Jahrhunderten finden sich über diese Reliquien keine weiteren Angaben.31 31 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 40. Abb. 18: Die romanische Kirche in der gotischen Kirche 32 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Direkt nach Fertigstellung des Chorbereiches wurde der Beschluss gefasst, die ganze Kirche zu erweitern. So wurde im Jahr 1255 mit dem Bau des südlichen Querhauses und dem Seitenschiff begonnen. Auch die heute noch als Repliken am frühgotischen Südportal aufgestellten Skulpturen wurden in dieser Zeit geschaffen. Durch den Bau des südlichen Querhauses und des Seitenschiffes wurde der Raum für die Gottesdienste der Gemeinde längere Zeit erheblich beeinträchtigt, da nur das Mittel- und das Nordschiff zur Verfügung standen. Diese Beein- Abb. 19: Michaelskapelle 33 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick 3. Die Walpurgiskapelle als Notkirche für die Gemeinde1 Während die Michaelskapelle den Gebeinen der Verstorbenen und den liturgischen Handlungen der Stiftsherren vorbehalten war, erfüllte die Walpurgiskapelle ihre Aufgabe als Notkirche für die Gemeinde während des Dombaus. Es liegt heute keine Gründungsurkunde mehr vor. Ihre Nutzung als Pfarrkirche lässt sich einer Urkunde aus dem Jahr 1252 entnehmen, die die Stiftung und Dotierung eines Altars in dieser Kapelle anführt. Im Laufe der Zeit kamen weitere Stiftungen durch Wetzlarer Bürger für die Walpurgiskapelle hinzu. Während der Dom über rund 260 Jahre Bauzeit immer wieder mit Beeinträchtigungen bei der Ausübung als Stifts- und Pfarrkirche zu kämpfen hatte, etablierte sich die Walpurgiskapelle über ihre ursprüngliche Funktion als Ausweichkirche, als die zentrale Pfarrkirche Wetzlars bis zur Fertigstellung des Doms gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Bedeutung erlangte die Walpurgiskapelle noch zu Beginn der Reformation in Wetzlar. In den Wirren um die Nutzung des Doms durch die evangelischen Christen kam der Walpurgiskapelle für einige Jahre, die Rolle einer Ausweichkirche im Spannungsfeld zwischen den evangelischen und katholischen Wetzlarer Bürgern zu. Ihre Bedeutung verliert sich in den kommenden Jahren. Im Gegensatz zur Michaelskapelle weist heute nichts mehr auf die Existenz dieser Kirche hin. Der ursprüngliche Standort liegt in Sichtweise des Wetzlarer Doms etwa 300 m in südlicher Richtung entfernt auf dem heutigen Standort des katholischen Kindergartens. Die letzte Nachricht ist auf das Jahr 1779 datiert, in der dem Schneidermeister Kling gestattet wurde, die alte Kapelle als Werkstatt zu nutzen. Danach verliert sich die Spur der Walpurgiskapelle. 1 Vgl. Schulten, F.: Die Walpurgiskapelle zu Wetzlar, Wetzlar 1992. G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 34 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche trächtigung wird durch die Tatsache bestätigt, dass im Juni 1252, als zweite Kirche für die Gemeinde, die Walpurgiskapelle gebaut und für die Stadt ein weiterer Pfarrer eingestellt wurde.32 Ebenfalls in diese Zeit fällt der Bau der heute noch bestehenden Michaelskapelle, die sich in direkter südöstlicher Nachbarschaft zum Dom befindet. Die enorme Ausweitung des gotischen Kirchenbaus gegenüber dem bestehenden romanischen Vorgängerbau, schränkte die Kapazität des auf der Nordseite befindliche Stiftsfriedhof und des auf der Südseite liegende Gemeindefriedhofs ein. Eine Aufgabe der Michaelskapelle war es, die Gebeine der Toten von den beiden Friedhöfen aufzunehmen. Dies geschah nach einer gewissen Ruhezeit der Verstorbenen in der geweihten Erde der Friedhöfe, um für neue Bestattungen Platz zu schaffen. Ein über dem Beinhaus liegende Kapitelsaal diente liturgischen Zwecken der Stiftsherren. Die lange Bauphase und die damit verbundenen räumlichen Einschränkungen führten zu einer für die Stiftsherren notwendigen Ersatzlösung. Der Südbau des Doms wurde wohl um das Jahr 1270 vollendet. Die Pläne des Stifts sahen nach seiner Fertigstellung die Neugestaltung der Nordseite vor. Zur Finanzierung dieses weiteren für die Stadt Wetzlar monumentalen Bauwerks wurden auch Gelder aus dem damals üblichen Ablasshandel herangezogen. „Wer als Büßer am Feste der Weihe der Marienkirche oder an anderen Festen nach Wetzlar kommt, und wer zum Bau der Kirche sein Almosen spendet, der soll 40 Tage Ablaß erhalten.“33 Diese Verfügung datiert vom Juni 1274. 1278 wurde die wegen der Erweiterung des Chors abgerissene Nikolauskapelle erneut errichtet. Bevor der Neubau der Nordseite in Angriff genommen wurde, trat eine Pause von rund 22 Jahren ein. Der Grund für die Verzögerung wird in einem Streit zwischen dem Stift und der Stadt Wetzlar über die Wahl der Dombauherren gesehen. Bezieht man die 22 Jahre Baupause mit ein, so wurde ab 1292 mit dem Neubau der Nordseite begonnen. Schon 15 Jahre später, im Jahre 1307, wurden Gottesdiens- 32 Vgl. Gloël, a. a. O., S. 22. 33 Gloël, H., (1925a), a. a. O., S. 31. 35 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick te im nördlichen Querschiff gefeiert. Zudem wurden 1307 und 1308 in der Stiftskirche mehrere Altäre gegründet und dotiert. Da das frühgotische Südschiff mit Altären schon besetzt war, müssen die neuen Altäre ihren Platz im nördlichen Querschiff gefunden haben.34 Gleichwohl war im Jahr 1307 noch nicht der gesamte Nordteil fertiggestellt. Hierfür wurden weitere 25 Jahre benötigt. Damit war um das Jahr 1332 ein weiterer bedeutender Teil der gotischen Kirche fertiggestellt. Ein besonderes Merkmal der Nordseite war der Kreuzgang, der im Laufe der Baugeschichte in drei Baustilen vorhanden war. So wird ein romanischer Kreuzgang im Jahre 1239 erwähnt, dem folgen ein frühgotischer und dann ein hochgotischer Kreuzgang, der 1307 erwähnt wird.35 Von diesen Bauten sind heute nur noch Spuren in der nördlichen Domfassade erkennbar. Kurz nach der Fertigstellung der Nordseite ist der Lettner (lat. lectorium, Lesepult) entstanden. Um 1340 wurde so der Chorbereich, der den Stiftsangehörigen vorbehalten war, vom übrigen Teil der Kirche, die der Gemeinde zur Verfügung stand, durch eine Trennwand separiert. Nachdem man den Bau des Südflügels, des Mittelschiffs und des Nordflügels bis 1332 fertiggestellt hatte, stand der Bau des gotischen Westbaus an. Der Plan ging von zwei imposanten Kirchentürmen und einem besonderen Westportal sowie einem Südportal des Turmes aus. Durch den Abriss der beiden romanischen Türme und den geplanten Bau der beiden gotischen Türme, sollte ein eindrucksvoller Abschluss des Kirchenbaus erreicht werden. Diese gewollte Monumentalität der Kirche sollte die Bedeutung der Stadt Wetzlar weit ins Land sichtbar machen. Der Stadtschreiber Chelius berichtete 1664 davon, dass man im Jahr 1336 mit dem Bau des gotischen Westbaus begonnen habe. Dieses Datum ist umstritten, da diese Zeit recht ungünstig aus der Sicht der Stadt Wetzlar war. Die Stadt hatte 1334 durch eine große Feuerbrunst einen immensen Schaden erlitten. Der Kaiser erließ daraufhin für 10 Jahre die Reichssteuer.36 Andere Quellen berichten, dass man bis zum Jahr 1360 die Fundamente des Süd- und des Nordturms fertiggestellt hatte.37 Man ging zu diesem Zeitpunkt immer noch davon aus, beide Türme zu bauen. 34 Vgl. Gloël, H., a. a. O., S. 38. 35 Vgl. ebenda. 36 Vgl. ebenda, S. 44. 37 Vgl. Sebald, E., a. a. O., S. 57. 36 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 4. Der Lettner als willkommenes Trennungssymbol der Konfessionen Der Lettner in dem Marienstift war eine Schranke, die zwar künstlerisch gestaltet war, aber die in dieser Zeit übliche Trennung der Stiftsherren vom „einfachen“ Volk eindrucksvoll aufzeigen sollte. Später dann, in den Zeiten der Reformation, spielte der Lettner eine weitere zentrale Rolle als Trennungssymbol zwischen der katholischen und der evangelischen Gemeinde. Diese symbolträchtige Trennung hatte bis 1945 Bestand. Erst eine amerikanische Fliegerbombe im März 1945 zerstörte nicht nur den gesamten Chorbereich und einen Teil des Kirchenschiffs, sondern fegte auch das Trennungssymbol der Konfessionen mit lautem Knall davon. Reste des Lettners können heute noch im städtischen Museum der Stadt Wetzlar besichtigt werden. Der den Chorbereich abschließende Lettner zeigte in den Blütezeiten des Marienstifts das im Mittelalter existierende Gedankengut eindrucksvoll auf. Auf der einen Seite standen die privilegierten Stiftsherren, die sich bewusst in dieser Rolle von den übrigen Gläubigen abgrenzen wollten Auf der anderen Seite stand das gläubige Volk, dass seine eigene „Bedeutungslosigkeit“ klaglos hinnahm. Rund 200 Jahre später, etwa in der Mitte des 16. Jahrhunderts bekam der Lettner eine neue Bedeutung. Die Wirren der Reformation, die auch in Wetzlar Einzug hielten, hatten durch den Lettner eine symbolträchtige Schranke, die beiden Glaubensrichtungen auch optisch die unterschiedlichen Vorstellungen über den „wahren“ Glauben vor Augen führte. Die katholische Gemeinde, die auf eine Größe geschrumpft war, deren Anzahl man zeitweise an beiden Händen abzählen konnte und die wenigen Stiftsherren hielten im räumlich abgrenzten Chor ihre Gottesdienste ab. Der evangelischen Gemeinde stand der wesentlich größere Teil der Kirche, das Hauptschiff mit seinen Nebenschiffen zur Verfügung. Die katholischen und die evangelische Gemeinden konnten sich zwar nicht mehr sehen, gleichwohl kam es durch zum Teil parallele Gottesdienste, die jeweils auch durch den Lettner wahrnehmbar waren, zu Streitigkeiten. Durch die Zerstörung des Lettners zum Ende des 2. Weltkrieges war diese konfessionelle Schranke dann endgültig verschwunden. Bei dem Aufbau der Kirche in den 50er Jahren wurde zwischen beiden Kirchengemeinden vereinbart, den Lettner vorerst nicht wieder aufzubauen. Diese Regelung wird 37 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick heute von beiden Kirchengemeinden begrüßt. So ganz schien man aber der eigenen Ökumene immer noch nicht zu trauen. So hat man in einer gemeinsamen Domordnung vom 7. Juli 1957 eine Fülle von Vereinbarungen verabschiedet, die ein konfliktfreies Miteinander regeln sollten, gleichzeitig wurde eine kleine Tür mit § 15 der Vereinbarung offen gehalten. Unter diesem Paragraphen steht: „Das Recht jeder der beiden Gemeinden, die Wiederherstellung des Lettners zu verlangen, bleibt unberührt.“ Abb. 20: Der Lettner vor 1945 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 38 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Dann muss bis Beginn der 80er Jahre des 14. Jahrhunderts eine Baupause gewesen sein. Kurz danach wurde weitergebaut und das Untergeschoß des Westbaus bis zum Jahr 1385 fertiggestellt. Es ist ein Wunder, dass bis zum Jahr 1385 weitergebaut wurde. Denn nach der Blüte Wetzlars im 13. Jahrhundert folgte ab Mitte des 14. Jahrhunderts ein großer Abb. 21: Die gotischen Türme im Plan 39 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick Abb. 22: Westportal 40 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Abb. 23 Südportal 41 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick Niedergang in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Dies ist nur dadurch erklärbar, dass der Großteil der Baulasten nicht unmittelbar von der mittellosen Stadt zu tragen war. Eine besondere Baukasse, die von Vertretern des Stifts und des Rates verwaltet wurde, speiste die Kasse aus den Einkünften des Marienstifts und aus der Hälfte der Einnahmen der Pfarrei.38 Aus dieser Notzeit der Stadt erklärt sich der Umstand, dass in den folgenden Jahren davon Abstand genommen wurde, den geplanten Nordturm zu vollenden. Obwohl die Gelder knapp waren, schufen die Baumeister mit dem Westportal und dem Südportal des vollendeten Turmes besondere Zeugnisse gotischer Baukunst. Die beiden Portale gehören mit zu den eindrucksvollsten Bauleistungen des Wetzlarer Doms. 1399 und 1404 führten zwei Erlasse des Erzbischofs von Trier die besondere Schönheit der Kirche und des Westportals an. Er sprach von einem prächtig errichteten königlichen Bau und nannte die Kirche eine Königstochter.39 Das zweite Geschoss des Südturms wurde erst 100 Jahre später fertiggestellt. An zwei Stellen des Turms ist die Jahreszahl 1486 vermerkt. Anhand der Lokalisierung dieser Jahreszahl des auf der Südmauer des Doms aufsitzenden Treppentürmchens konnte man den Baufortschritt bis in diese Höhe feststellen. Es fehlte somit noch das dritte Geschoss. Dieses wurde Anfang des 16. Jahrhunderts fertiggestellt. Da die Blütezeit Wetzlars Mitte des 14. Jahrhunderts vorbei war. ist es umso beeindruckender, dass es zu dieser Zeit gelungen ist, das dritte Geschoss des Südturms fertigzustellen. Stadt und Stift sahen sich zur Finanzierung der Fertigstellung des dritten Geschosses genötigt, Wetzlarer Bürger durch die Lande zu schicken, um Gelder für den Kirchenbau zu erbitten. Auch der Ablasshandel wurde wieder als Finanzierungsquelle eingesetzt. So konnte man, in Abhängigkeit von der Höhe der Zuwendungen, bis zu 2000 Tage Ablass und eine 26-tägige Befreiung vom Fasten erkaufen. Das Stift veräußerte zudem eine Reihe von Grundstücken, um den Erlös zur Finanzierung des Südturms zu verwenden.40 Die Mittel reichten jedoch nur zur Fertigstellung des Südturms. Während der Nordturm bis heute nur bis zum ersten Geschoss fertig gestellt wurde. Mittlerweile sind über 500 Jahre vergangen, in denen der Wetzlarer 38 Vgl. Gloël, H., (1925a), a. a. O., S. 61. 39 Vgl. ebenda. 40 Vgl. ebenda, S. 64. 42 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Dom über nur einen weit in die Landschaft aufragenden gotischen Kirchturm und einen sich in den Hintergrund duckenden romanischen Nordturm verfügt. Die fehlenden Gelder zur Vollendung haben auch ihre Spuren in der unvollendeten Skulpturenausschmückung der Westfassade und dem Tor zur Südseite hinterlassen. Der unvollendete Dom zu Wetzlar und seine wechselvolle Baugeschichte sind ein eindrucksvoller Beleg für die wechselhafte Geschichte der Stadt Wetzlar bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Zeiten des Wohlstandes wechselten sich mit Zeiten des Niedergangs ab. Dieser Wechsel setzte sich auch in den folgenden 500 Jahren, die mit der Reformation ihren Anfang nahmen, fort. Gloël schreibt am Ende seiner intensiven und äußerst anregenden Beschreibung über den Dom zu Wetzlar: „Welches ist nun die Wirkung des ganzen Westteils? Mit Bedauern stehen wir vor dem Torso des Nordturms, und beklagen müssen wir, daß der geplante reiche Statuenschmuck fehlt. Aber erhebend ist der Anblick des in die Höhe steigenden Südturms mit seinen vier star- Abb. 24: Der Wetzlarer Dom 43 Historie des Wetzlarer Doms bis zur Reformation – ein Überblick ken, fialengekrönten Strebepfeilern und den spargelartig emporschie- ßenden Treppentürmchen. … Der ganze Turm hebt sich mit seinem warmen Braun-Rot zu seinem Vorteil von dem Weiß des Südschiffes ab, und in der Dunkelheit sowie bei mattem Mondschein löst gerade das weiche Zusammenfließen der Farben an dem gigantisch erscheinenden Bauwerk eine romantische Stimmung aus und macht unbeschreiblichen Eindruck.“41 Nach der Einstellung der Baumaßnahmen wurde der Wetzlarer Dom, kurz vor Beginn der Reformation, in seinem damaligen Erscheinungsbild nicht mehr maßgeblich verändert. So wie wir heute auf dieses Bauwerk blicken, konnten die Generationen der letzten 500 Jahre den Dom in Augenschein nehmen. Lediglich ein Blitzeinschlag in die hölzerne gotische Turmspitze des Südturms im Jahre 1561 führte zu einem weiteren markanten Baustilelement. Seit dieser Zeit schmückt eine barocke Turmspitze, in die eine Türmerstube integriert wurde, den Südturm. 3.2 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte 3.2.1 Die 95 Thesen von Martin Luther und seine Bedeutung für das Wetzlarer Marienstift Die Beendigung bzw. Einstellung der Bauarbeiten am Dom zu Wetzlar fallen in die Zeit des Beginns der Reformation in Europa. Ausgehend von der Formulierung der 95 Thesen des Martin Luther aus Wittenberg im Jahr 1517 vollzog sich ein konfessioneller Flächenbrand, der auch die Stadt Wetzlar nachhaltig prägen sollte. Dabei war der Auslöser, die 95 Thesen, letztlich eine Zuspitzung, die ihre Ursache schon weit früher hatte. Während diese Ursachen nur ansatzweise in Wetzlar spürbar waren, waren die Folgen nach 1517 auch in Wetzlar nicht mehr zu übersehen. 41 Gloël, H., (1925a), a. a. O., S. 65. 44 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Die Ursachen der Reformation zeigten sich bereits über 100 Jahre vor Luthers Hammerschlägen an der Schlosskirche zu Wittenberg.42 Der Reformator Jan Hus wurde 1415 auf dem Konstanzer Konzil als Ketzer hingerichtet. Ähnlich wie Luther 100 Jahre später, hatte er den Ablasshandel, die Ämterhäufung und den -kauf sowie die Korruption in der Kirche scharf kritisiert und, die Bibel als die Quelle der Wahrheit propagiert und nicht den Papst. Hundert Jahre vor der Reformation wurde mit Jan Hus der letzte große Häretiker durch die Kirche zum Schweigen gebracht. Seine Anhänger kämpften noch Jahre danach in Böhmen für die Umsetzung seiner Ideen. Ebenso verfolgten die Waldenser in West- und Mitteleuropa und die Lollarden in England ähnliche Ziele. Zur erfolgreichen Umsetzung fehlte es allerdings an einem charismatischen Kopf.43 Dass dieser Kopf Martin Luther werden sollte, war Ende des 15. Jahrhunderts noch nicht absehbar. Martin Luther war zu Beginn auf einen Ausgleich aus. Reformation heißt, wörtlich genommen: „Rückformung bzw. die Wiederherstellung“. Diese Formulierung zeigt, dass es Luther nicht um einen kühnen Blick nach vorne ging, sondern um eine Rückkehr zu einem ursprünglicheren, vermeintlich besseren Zustand. Die Reformation war im Kern der Versuch, Veränderungen rückgängig zu machen und zu einem idealisierten Ursprung zurückzukehren.44 Die Zeitepoche der Renaissance (Wiedergeburt) im 15. und 16. Jahrhundert prägte auch Martin Luther. Das dominierende Motto dieser Zeit „ad fontes“, „zu den Quellen“ fand auch bei der Bibelübersetzung von Martin Luther Beachtung. Diese Haltung veränderte sich mit einer immer grundsätzlicher werdenden Kritik an der Kirche. Gleichwohl ging Luther nie so weit, die Kirche selbst oder das Papsttum in Frage zu stellen. Seine Kritik ent- 42 Die Symbolhaftigkeit der vermeintlichen Hammerschläge des rebellischen Mönchs Martin Luther am 31. Oktober 1517 hat etwas Großartiges. Gleichwohl ist es historisch nicht belegt, dass dies so in dieser Form auch stattgefunden hat. Über die Formulierung und Bekanntmachung der 95 Thesen herrscht Konsens. Lediglich die für jeden einprägsamen und hörbaren Hammerschläge werden von den Historikern in Frage gestellt. Gleichwohl fanden die 95 Thesen, mit oder auch ohne Unterstützung des Anschlags an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, nachhaltig Gehör. 43 Vgl. Doerry, M.: Zurück zum wahren Glauben, in Spiegel-Geschichte 6/2015, S. 30 ff. 44 Vgl. Schnurr, E.-M.: Zurück in die Zukunft, in Spiegel-Geschichte 6/2015, S. 16 f. 45 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte zündete sich an einem Einzelproblem, das allerdings für die Gläubigen von großer praktischer Bedeutung war: dem Ablasshandel. Ablässe für die Gläubigen war eine äußerst populäre Spielart der Frömmigkeit. So konnten sich Gläubige nicht nur durch Wallfahrten und Gebete die Qualen im Fegefeuer verkürzen, sondern durch den Kauf von Ablassbriefen die Qualen ganz ersparen; und dies mit dem ausdrücklichen Segen der Kirche. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Ablassbriefe sicherte den Bischöfen, Erzbischöfen und Päpsten die Mittel, um die Kirchen noch prächtiger entstehen zu lassen. Aus der Sicht der Gläubigen im Mittelalter war das Fegefeuer ein machtvolles Szenario, das Angst und Schrecken verbreitete. Die „Göttliche Komödie“ von Dante und die bildhaften Darstellungen des Hieronymus Bosch vermitteln uns heute noch ein eindrucksvolles Bild über die Vorstellungen der Qualen des Fegefeuers im Jenseits. Zur Legitimation des Geschäfts lieferten die Verkäufer der Ablassbriefe folgende Erklärung: Die guten Werke von Jesus und den Heiligen hätten einen Überschuss an guten Werken in der Kirche entstehen lassen. Aus diesem „Schatz der Gnade“ können die Geistlichen schöpfen, um den Käufern ihr Sündenregister teilweise oder ganz zu erlassen. So konnte ein Bischof 40 Tage Absolution für das Fegefeuer erteilen, ein Kardinal konnte sie noch einmal um 60 Tage verlängern. Auch eine Generalabsolution war möglich. Diese konnte aber nur der Stellvertreter Christi auf Erden, der Papst, erteilen.45 Die Formen der Absolution waren Martin Luther wie ein Stachel im Fleisch. Hinzu kamen aber auch noch weitere Praktiken, die die Käuflichkeit und die damit verbundene Korruption in der Kirche offenlegten. So kaufte sich der damals 23 jährige Albrecht von Brandenburg den Posten des Erzbischofs von Mainz. Da er bereits Erzbischof von Magdeburg und Administrator von Halberstadt war, benötigte er für eine solche Ämterhäufung eine päpstliche Dispens. So musste er gleich zweimal zahlen, einmal für den Titel des Erzbischofs von Mainz 14.000 Gulden und für die Dispens des Papstes weitere 10.000 Gulden – eine für damalige Zeit enorme Summe.46 Das Geld war in Rom höchst willkommen, denn der damalige Papst Julius II., legte im Jahr 1506 den Grund- 45 Vgl. Sontheimer, M.: Sobald der Gülden im Becken klingt, in: Spiegel-Geschichte 6/2015 S. 28 f. 46 Vgl. Schorn-Schütte, L.: Die Reformation, 6. Auflage, München 2016, S. 30 ff. 46 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche stein für den Bau des monumentalen Petersdoms in Rom. Um ausreichend Geld für den Bau zu beschaffen, beschied Papst Leo X., der von 1513 bis 1521 Papst war, einen sog. Plenarablass: Wer der Kirche Geld zahlte, dem wurde die Strafe für seine Sünden erlassen. Der Petersdom und der damit verbundene Ablasshandel zu seiner Finanzierung, wurden zum verhassten Symbol für Martin Luther und seine Anhänger. In These 51 seiner 95 Thesen ging Martin Luther konkret auf diesen Missstand ein: „Der Papst wäre, wie es seine Pflicht ist, bereit – wenn nötig – die Peterskirche zu verkaufen, um von seinem Gelde einem großen Teil jenen zu geben, denen gewisse Ablassprediger das Geld aus der Tasche holen.“ Während die Reformation durch die Person Martin Luthers erstmals ein charismatisches Bild bekam und die Kritik an der bestehenden Kirche sich auch aufgrund des Buchdrucks rasant verbreitete, muss man für die freie Reichsstadt Wetzlar festhalten, dass dieser Sturm der Reformation zunächst nur als ein laues Lüftchen wahrgenommen wurde. Wetzlar, seine Bürger und das Marienstift waren zu sehr mit sich beschäftigt, um bereits 1517 die gewaltige Dominanz der von Martin Luther ausgelösten Reformation überschauen zu können. Im Jahre 1518 beruft sich die Stadt auf den letzten Besuch eines Kaisers in Wetzlar im Jahre 1505, der bei seinem dreitägigen Aufenthalt den erbärmlichen Verfall der Stadt selber in Augenschein nehmen konnte. Aber auch in den kommenden Jahren ging es mit der Stadt Wetzlar bergab.47 Ebenso reduzierten sich die Einnahmen des Marienstifts. Die in guten Zeiten für beide Seiten, Stadt und Stift, gewinnbringende Situation drehte sich in schlechten Zeiten in eine desolate Situation um. Wetzlar war zu dieser Zeit ein verarmtes Städtchen, das auf sich alleine gestellt und nur dem Namen nach noch eine freie Reichsstadt war. Die Einwohnerzahl reduzierte sich erheblich, die Häuser verfielen. Die Auswirkungen des politischen und wirtschaftlichen Niedergangs zum Zeitpunkt der Reformation prägte auch das Verhältnis zu den Angehörigen des Marienstifts. Alle Einnahmen des Stifts hingen zum gro- 47 Vgl. Schoenwerk, A.: Geschichte von Stadt und Kreis Wetzlar, 2. Aufl. Wetzlar 1975, S. 179. 47 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte ßen Teil von der Zahlungsfähigkeit der Bürger ab. Steigende Armut der Bürger und sinkende Einnahmen der Stiftsherren wurden in den kommenden Jahren eine ständige Quelle für Streitigkeiten. Die Stiftsherren waren auf der einen Seite bei der Erfüllung ihrer Pflichten auf die Einnahmen der Wetzlarer Bürger angewiesen, mussten aber auf der anderen Seite ihre Beiträge zur Finanzierung des Doms wegen der sinkenden Einnahmen reduzieren. Treffend dazu vermerkt Schulten: „So wird das Bild des Liebfrauenstifts zu Wetzlar am Vorabend der Reformation weniger vom Kampf um Fragen des Glaubens als durch Auseinandersetzungen um Zinsen, Renten und Privilegien geprägt.“48 Eine weitere Quelle von Streitigkeiten liegt in der Doppelbestimmung der Kirche als Stiftskirche, in der die Kanoniker und Vikare ihre durch die Bürger finanzierten Dienste verrichteten und als Pfarrkirche, in der Gottesdienste und Andachten durch einen Stadtpfarrer für die Bürger abgehalten wurden. Hierdurch wurde eine natürliche Spannung zwischen Bürgerschaft und Stift begründet, die sich in den folgenden Jahren der Reformation in zahlreichen Streitigkeiten niederschlug.49 Aber auch die bis zur Reformation in Wetzlar praktizierte Nutzung sorgte für weitere Streitigkeiten. So wurde das Kirchenschiff nach seiner Fertigstellung gegen Ende des 15. Jahrhunderts von der Bürgerschaft genutzt und der durch einen Lettner abgetrennte Chorbereich ausschließlich von den Stiftsangehörigen. Es ist zu vermuten, dass es bereits zu dieser Zeit Vereinbarungen über die unterschiedlichen Gottesdienstzeiten von Bürgerschaft und Stiftsangehörigen gegeben hat. Allerdings konnten die Stiftsvikare ihre Gebetsdienste an den zahlreichen Altären versehen, die zum großen Teil im südlichen und nördlichen Seitenschiff aufgestellt waren. Darüber hinaus hatten die Schöffen des Rates das Recht, ihre Wappen im Chor anzubringen.50 48 Schulten, F.: Das Wetzlarer Marienstift im 16. Jahrhundert, Wetzlar 1991, S. 12. 49 Vgl. Bock, H.: Die gemeinsame Benutzung des Wetzlarer Doms durch die Konfessionen, in: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes, 13. Jg., 1964, S. 71. 50 Vgl. ebenda, a. a. O., S. 72. 48 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Obwohl sich die Anzahl der Kanoniker und Vikare aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Situation der Stadt bereits ab 1435 erheblich reduzierte und um das Jahr 1500 die Zahl auf 10 Kanoniker und 22 Vikaren gesunken war, schwelte ein permanenter Konflikt zwischen Bürgerschaft und Stiftsangehörigen. Die Stiftsmitglieder hatten einen großen Vermögensvorteil, da sie von allen bürgerlichen Abgaben und Lasten befreit waren. Die öffentliche Meinung über die Tätigkeit und die Einkünfte der Stiftsmitglieder war negativ. So wurde das Lesen der Messe und das Singen des Breviers nicht als adäquate Tätigkeit für die erhaltene Bezahlung gesehen, da ja sonst keine weiteren anspruchsvollen Tätigkeiten gefordert wurden. Darüber hinaus wurde besonders kritisiert, dass Kanoniker eines Stifts nicht einmal über die Priesterweihe verfügen mussten. Das Ansehen der Stiftsherren war bei den Wetzlarer Bürgern nicht besonders hoch. All diese Aspekte gilt es zu berücksichtigen, wenn man sich mit der Situation der Reformation in Wetzlar befasst und das Mit- und Gegeneinander der beiden Konfessionen mit diesem historischen Hintergrund bewertet. Die enge Verbindung der Mitglieder des Marienstifts mit den Familien der Bürgerschaft und die jeweiligen Eigeninteressen sorgten dafür, dass theologische Fragestellungen in Wetzlar eher eine untergeordnete Rolle im Jahrhundert der Reformation spielten. Vordergründig ging es dabei um materielle Fragen und um die Machtansprüche in der Reichsstadt. Dies zeigte sich auch in zahlreichen Streitigkeiten zwischen den Stiftsherren und dem Rat der Reichsstadt in der Zeit von Beginn des 16. Jahrhunderts an bis zum offiziellen Bekenntnis des Rates und seiner Bürger zum evangelischen Glauben im Jahr 1542. Bereits im Jahr 1525 forderten die Zünfte und die Bürgerschaft vom Erzbischof von Trier die Einsetzung eines Pfarrers, der ihnen das Evangelium predige. Den Einzug reformatorischen Gedankenguts in Wetzlar können wir einem Schreiben des Vogts des Grafen Philipp von Nassau-Weilburg, Brun von Cöln, vom 28. April 1525 entnehmen.51 So findet sich in dem Schreiben u. a. folgende Forderung: 51 Vgl. Wagner, P.: Zur Reformationsgeschichte der Reichsstadt Wetzlar, in: Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsverein 1910, S. 86 f. 49 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte „1. Sie wollen einen Pfarrer haben, der ihnen das Evangelium predigt, den soll der Rat anstellen und notfalls absetzen, wenn er sich nicht rechtschaffen hielte, doch soll seine Besoldung aus Stiftsmitteln aufgebessert werden.“52 Weitere Missstände wurden in dem Schreiben angeführt. So unter dem 5. Punkt, das die Mägde, mit denen die Geistlichen zusammenleben, geziemende Kleidung tragen und in der Kirche hinten stehen sollten. Unter dem 6. Punkt heißt es: einige Stiftsherren, die sich ungebührlich gegen die Bürger benommen haben, sollen bestraft werden.53 Wenn auch diese Forderungen vom Erzbischof von Trier in der Summe abgelehnt wurden, so war seit 1525 nicht nur die Saat der Reformation in Wetzlar gelegt worden; die Kritik am Lebensstil der Kanoniker kam in den folgenden Jahren nicht mehr zur Ruhe. Eine Erklärung für die sich hinschleppende Reformation in Wetzlar war auch der Umstand, dass das Stift unter Reichsschutz stand und Kaiser Karl V. noch am 22. Mai 1522 seinen Schutzbrief erneuert hatte. Weiterhin mühte sich der Rat der Stadt aufgrund der schweren wirtschaftlichen Not um eine Senkung der Reichssteuer. Der große Einfluss des Stiftspropstes auf die kaiserliche Kanzlei, die über die Reichssteuer zu entscheiden hatte, war sicher auch ein Grund, es sich mit den Stiftsherren in Wetzlar nicht zu verderben. Die Not der Stadt vergrößerte sich noch durch Seuchen in den Jahren 1529 bis 1531, bei der über 800 Einwohner den Tod fanden. Umstände, die einen reformatorischen Eifer bremsten.54 Gleichwohl war die Reformation auch in Wetzlar nicht mehr aufzuhalten. So war der erste Geistliche, der in der Stifts- und Pfarrkirche im Sinne Martin Luthers predigte, Conrad Diepel, der im Jahr 1535 durch seine Predigten Konflikte in der Stadt auslöste. Noch im gleichen Jahr kam es durch den Erzbischof von Trier zu einer klaren Anweisung an das Stift, dass man den Bestrebungen des Conrad Diepel, in Stifts- und Pfarrkirche im Sinne Martin Luthers zu predigen, entgegentreten sollte. So konnten erste erkennbare Versuche evangelischer Predigten als gescheitert angesehen werden. Conrad Diepel wurde als Pfarrer abge- 52 Schulten, F., (1991), a. a. O., S. 60. 53 Vgl. ebenda. 54 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 222 f. 50 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche löst, „… da dieser seine eigenen Gelübde, Brief und Siegel nicht gehalten habe.“55 Konflikte zwischen Stadt und Stift schwelten auch nach 1535 weiter. Im Juli 1541 beschwerte sich der Rat der Stadt erneut beim Erzbischof von Trier über die Stiftsgeistlichkeit. Bestehende Missstände seien abzustellen und eine sittliche Erneuerung der Stiftsangehörigen sollte endlich umgesetzt werden. In 11 Artikeln wurde zusammengefasst, was die Bürger seit Jahren bewegte und der Erzbischof von Trier abstellen sollte. So wurde wieder einmal die „ungerechte“ Verteilung der Einnahmen angemahnt und auch darauf hingewiesen, dass einige Stiftangehörige zwar die Einkünfte der Altäre in Anspruch nahmen, gleichzeitig aber nicht anwesend seien und ihre Gebete nicht ordnungsgemäß verrichteten. Weiterhin wurde die zu geringe Bezahlung des Stadtpfarrers durch das Stift und die Baufälligkeit des Pfarrhauses angeprangert. Während sich der Großteil der 11 Artikel mit den Einnahmen des Stifts und deren Verwendung befasst, wird zum wiederholten Male die „Sittenlosigkeit“ der Stiftsangehörigen angeprangert. Unter Artikel 10 wird auf die „… unordentliche Beiwohnung der Weiber …“56 durch die Stiftsangehörigen hingewiesen. Auf diese Denkschrift an den Erzbischof von Trier wurde noch im gleichen Jahr eine Antwort verfasst. Diese Antwort dürfte den Rat der Reichsstadt nicht zufriedengestellt haben, da es noch in den Jahren 1541 und 1542 zu einem weiteren Austausch von Briefen über die angeführten Missstände kam. Der Erzbischof von Trier ging sogar so weit, dass er seine eigenen Räte zu einer Visitation nach Wetzlar schickte. Auch dieser Austausch von Briefen zeigte im Jahre 1542, dass es bei der Reformation in Wetzlar vordergründig nicht um theologische Fragestellungen ging. Die 11 Artikel zeigen, dass der Rat der Stadt Wetzlar und die Bürger von sehr menschlichen Streitigkeiten über Geld, Macht und Sittlichkeit bewegt wurden. Eine Reihe von Autoren sind sich einig darüber, dass der offizielle Übertritt von Bürgerschaft und Rat zum evangelischen Glauben auf das Jahr 1542 zu datieren ist: Schulten beschreibt in seinem Werk über das Wetzlarer Marienstift im 16. Jahrhundert57, das auf einer akribischen 55 Schulten, F., a. a. O., S. 78. 56 Ebenda, S. 97 (hier in freier Übersetzung durch den Verfasser). 57 Vgl. Schulten, F., (1991), a. a. O., S. 107 ff. 51 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Auswertung der Urkunden und Akten des Archivs des ehemaligen Marienstifts zu Wetzlar und auf sonstigen Quellen beruht, dass der offizielle Übertritt erst 23 Jahre später im Jahr 1565 erfolgte. Das Jahr 1542 wird erstmals vom Stadtschreiber Chelius im Jahr 1664 angeführt. In diesem Jahr soll der Stadtpfarrer Anton oder Antoni öffentlich in der Stiftskirche das Augsburger Glaubensbekenntnis gepredigt haben. Das Augsburger Bekenntnis wurde von Philipp Melanchthon zusammen mit Martin Luther verfasst und im Jahr 1530 auf dem Augsburger Reichstag Kaiser Karl V. als Glaubensbekenntnis von evangelischen Fürsten und Reichsstädten präsentiert. In diesem evangelischen Bekenntnis wird der Versuch unternommen, eine gemeinsame Glaubensgrundlage der damaligen katholischen Kirche zu beschreiben sowie Missstände beim Namen zu nennen. Während das Bekenntnis von der katholischen Kirche abgelehnt wurde, ist es heute neben anderen Teil der Bekenntnisse der lutherischen Landeskirchen in Deutschland. Dieser Anlass eines expliziten Bezugs auf das Augsburger Bekenntnis im Jahre 1542 wurde in den folgenden Jahrhunderten von allen Autoren, die sich mit der Geschichte des Wetzlarer Doms auseinandersetzen, übernommen. Schulten widerspricht dieser Sichtweise und führt eine Quelle aus dem Jahr 1565 an, in der der Stadtpfarrer Johann Hell in einem Schreiben an den Rat der Stadt Wetzlar folgendes anführt: „Der Rat der Stadt möge sich zu einer der beiden Religionen, der päpstlichen oder der evangelischen öffentlich bekennen. Er solle entweder bei der päpstlichen Religion bleiben oder das Augsburger Bekenntnis einführen.“58 Es bleibt nach wie vor unbestimmt, in welchem Jahr sich der Rat der Stadt und die Bürgerschaft offiziell zum evangelischen Glauben bekannten. Sicher ist allerdings der Zeitraum von 1525 bis 1565, in der sich ein Prozess der Abwendung vom katholischen hin zum evangelischen Glauben vollzog. Wenngleich Schulten59 umfangreich versucht, den Nach- 58 Vgl. Schulten, F., (1991), a. a. O., S. 108 (sinngemäße Übersetzung des Verfassers). 59 Vgl. ebenda, S. 107–126. 52 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 5. Widerstreitende Zeitangaben über die Nutzung als Simultankirche Sicher ist es von großem Interesse, in einem Buch über den Wetzlarer Dom als Simultankirche eine möglichst exakte Zeitangabe darüber zu erhalten, ab wann dieser Dom von beiden Konfessionen genutzt wird. Die Hoffnung, dies anhand von heute noch vorhandenen historischen Dokumenten klären zu können, muss man schnell aufgeben. Es gibt bis heute keinen wissenschaftlichen Nachweis über das genaue Datum. Die Zeiten schwanken in den alten und neueren Veröffentlichungen von 1525 über 1542 bis 1565. So leiten einige Veröffentlichungen einen ersten Bezug zum evangelischen Glauben aus einem Schreiben vom 28. April 1525 des Vogts Brun von Cöln, der an den Grafen Philipp von Nassau-Saarbrücken schreibt und um einen Pfarrer ansucht, der dem reformatorischen Gedankengut aufgeschlossen gegenübertritt. Wenngleich es auch zu dieser Zeit nicht zu einer Besetzung des Pfarramtes durch einen solchen reformatorisch ausgerichteten Pfarrer kam, sehen doch einige Autoren hier ein erstes Signal für eine Übernahme des evangelischen Glaubens. Das zweite Datum bezieht sich auf das Jahr 1542. Hier wird durch den Stadtschreiber Chelius 1664 auf eine Predigt durch einen Pfarrer Antoni hingewiesen, der nach dem Augsburger Glaubensbekenntnis, mithin nach evangelischer Sichtweise, das Wort Gottes im Dom verkündete. Auch hierfür gibt es keine stichhaltigen Nachweise. Gleichzeitig zeigt sich in diesem Datum, das viele, durchaus renommierte Autoren, dieses Datum ungeprüft übernommen haben und sich das Jahr 1542 als ein durchaus realistisches Jahr für die Begründung eines Simultaneum anbot. Das dritte mögliche Jahr, hier 1565, führt Franz Schulten an. Er bezieht sich hierbei auf ein Schreiben des Pfarrers Johann Hell, der den Rat der Stadt aufforderte, Stellung zu beziehen, welche Konfession nun in Wetzlar Gültigkeit haben soll. Um das Datum weiter einzugrenzen, könnte man noch das Auftreten der Reichsstadt Wetzlar auf den Reichstagen von 1544 in Speyer und 1548 in Augsburg anführen, bei denen Wetzlar als protestantische Stadt erwähnt wird. Sicher liegt man nicht falsch, wenn man eine unbestimmte Jahreszahl zwischen 1525 und 1565 annimmt. Ansonsten bleibt es jedem Leser überlassen, in einem Buch über einen Dom – unabhängig von der konfessionellen Ausrichtung – einfach zu glauben. In diesem Buch wird ein Mittelweg gewählt und an das Jahr 1542 geglaubt. 53 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte weis zu führen, dass das Jahr 1542 noch nicht das offizielle Übertrittsjahr zum evangelischen Glauben war und damit das Geburtsjahr der Simultankirche bedeutete, so spricht doch auch einiges für einen Übertritt um diese Zeit. Eine mögliche Begründung dafür könnte der Auftritt der Reichsstadt Wetzlar auf den Reichstagen von 1544 in Speyer und 1548 in Augsburg sein, bei der sich der Rat der Stadt Wetzlar zwar von den Frankfurter Gesandten vertreten ließ, aber ausdrücklich und offiziell als protestantische Stadt auftrat. Letztlich können wir keiner Urkunde aus dieser Zeit entnehmen, welche Jahresangabe richtig ist. Ob man nun bei 500 Jahren Reformation im Jahr 2017 die Simultankirche mit 475 Jahren (seit 1542) oder mit 452 Jahren (seit 1565) Geschichte beschreibt, ist unerheblich. Festzuhalten ist aber, dass es sich bei dem Wetzlarer Dom um eine der ältesten, auch heute noch in Nutzung befindlichen, Simultankirche Deutschlands handelt. Nach dem öffentlichen Bekenntnis der Stadt Wetzlar als protestantische Stadt, blieben nur noch die Stiftsherren und ihr Gesinde katholisch. Eine katholische Gemeinde existierte somit für lange Zeit nicht mehr in Wetzlar. Wie bei anderen Stiften auch, bestand für das Marienstift die Gefahr der Säkularisierung. Von der Möglichkeit, das Stift und sein Vermögen ganz aufzuheben, machte die Stadt Wetzlar jedoch keinen Gebrauch. Vielfach wird dies mit Rücksichtnahme auf den katholischen Kaiser begründet, der als oberster Vogt und Schirmherr des Stifts eine entscheidende Rolle für den Erhalt des Stifts spielte. Gleichwohl ergab sich für die Stadt Wetzlar der ständige Konflikt zwischen dem Glaubensgehorsam und der Treupflicht zu Kaiser und Reich. Hieraus speiste sich eine Nachgiebigkeit der evangelischen Stadt gegenüber der zahlenmäßig verschwindend geringen katholischen Gruppe, die in einer natürlichen Toleranz beim Gebrauch der Kirche durch beide Konfessionen mündete. Diese geübte Toleranz bezog sich aber nur auf die grundsätzliche Existenz des Stifts. Die Nutzung der Stiftskirche wurde für die Stiftsherren umfassend eingeschränkt. Die Stadt verwehrte die Verrichtung aller sakralen Handlungen im Hauptschiff der Kirche. Dessen Nutzung oblag alleine den Evangelischen. Eine der zentralen Aufgaben der Kanoniker und Vikare, die Betreuung der Altäre, konnte nicht mehr wahrgenommen werden; die Altäre verwaisten so in den folgenden Jahren. Ebenso wurden Prozessionen im Schiff nicht mehr geduldet und die 54 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Weihwasserbecken im Schiff durften ebenfalls nicht mehr verwendet werden. Fortan galten die evangelischen Pfarrer als die Nachfolger der mittelalterlichen katholischen Stadtpfarrer und die evangelische Gemeinde als legitime Nachfolgerin der alten katholischen Pfarrgemeinde.60 Dem Stift stand der Chor zur Verfügung. Dieser hatte allerdings keinen unmittelbaren Zugang. Daher blieb nur der Durchgang über die zwei dem Kirchenschiff vorgelagerten nördlichen und südlichen Kapellen, der Stephanuskapelle im Nordteil und der Muttergotteskapelle im Südteil. Diese waren zwar nur nach dem Schiff hin geöffnet, verfügten aber über einen Zugang durch je eine Pforte zum Chorbereich. Den Stiftsherren wurde auch bei Prozessionen dieser Durchgang geöffnet, solange keine sakralen Handlungen mehr im Kirchenschiff selbst stattfanden.61 Obwohl es zu einer konfessionellen Trennung zwischen Stift und Stadt kam, durften die jetzt evangelischen Ratsschöffen ihr Wappen weiterhin im Chorbereich anbringen. Auch in der Unterhaltung des nunmehr evangelischen Stadtpfarrers blieb es bei der alten Regelung. Die ihm aus der Stiftskasse zustehenden Einkünfte flossen weiterhin. Ebenfalls wurde die Sitte, dass der Pfarrer und vornehme Familien einen Anspruch auf ein Begräbnis in der Kirche hatten, beibehalten. Dazu war allerdings die Erlaubnis des Stifts erforderlich, da dieses der Herr über Grund und Boden war. Eine Besitzaufteilung wurde von der Stadt nicht angestrebt. Noch immer verfügte das Stift über umfangreichen Besitz an Güter-, Natural- und Geldeinkünften; viele Familien waren dem Stift nach wie vor wirtschaftlich verpflichtet. Auch gewährte Sonderrechte, wie eine eigene Gerichtsbarkeit und Steuerbefreiung blieben zum gro- ßen Teil in Kraft.62 Der erworbene Besitzstand der evangelisch gewordenen Pfarrgemeinde Wetzlars erhielt rechtlichen Bestand durch den sog. Passauer Vertrag von 1552, der die freie Religionsausübung erlaubte sowie durch 60 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 225. 61 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 74. 62 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 226. 55 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 6. Die katholische und die evangelische Sonnenuhr im Widerstreit unterschiedlicher Zeitangaben Ein zentraler Streitpunkt während der Wirren der Reformation im 16. Jahrhundert waren die Gottesdienstzeiten der beiden Konfessionen. Wenn die Stiftsherren in ihrem Chorbereich ihre geistlichen Lieder zum Lobe Gottes anstimmten und den vielstimmigen Gesang mit lautem Orgelspiel untermalten, konnten die evangelischen Christen keinen eigenen Gottesdienst im Hauptschiff abhalten; umgekehrt galt dies ebenso. Da die Gottesdienstzeiten immer wieder im Mittelpunkt streitiger Auseinandersetzungen standen, war das akribische Einhalten der Got tesdienst zeiten eine Aufgabe der beiden Küster. Die erforderlichen Zeitangaben konnten, zumindest bei Sonnenschein, von der auf der Südseite der Kirche angebrachten Sonnenuhr abgelesen werden. Dass der Dom heute über zwei Sonnenuhren verfügt ist dem Umstand geschuldet, dass sich beide Konfessionen während der Refor ma tionswirren nicht auf eine Zeit angabe verständigen konnten. Die auf der Südseite am Seitenschiff angebrachte kleinere Sonnenuhr stammt aus dem 14. Jahrhundert und bestimmte zunächst die Zeit für die katholischen Gläubigen. Als sich die evangelische Konfession in Wetzlar etablierte, achteten beide Küster auf die exakte Zeitangabe. Heute kann man eine zweite Uhr einige Meter über der katholischen Sonnenuhr bestaunen und sich verge- Abb. 25: Die katholische und die evangelische Sonnenuhr 56 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en den Augsburger Religionsfrieden von 1555, der eine volle Gleichberechtigung der Konfessionen garantierte. In diesem Religionsfrieden wurde – auch den freien Reichsstädten – die Bestimmung über die konfessionelle Zugehörigkeit ihrer Bürger zuerkannt.63 Wenn es in den kommenden Jahren zu Streitigkeiten kam, so bezogen sich diese regelmäßig auf die Gottesdienstzeiten und auf den Bauunterhalt. Darüber hinaus wurden beide Konfessionen nicht müde, sich auch – aus heutiger Sicht – zum Teil über Banalitäten zu streiten. Solche Streitigkeiten wurden vielfach sogar durch den Instanzenweg der zuständigen Gerichte ausgefochten. Eine Streitigkeit, den Bauunterhalt betreffend, resultierte aus dem Jahr 1561. Durch einen Blitzschlag wurde der Turmhelm des gotischen Westturms zerstört. Der Turmhelm brannte vollständig aus und der Stadtrat wollte umgehend eine Instandsetzung durchführen lassen. Das Stift zögerte, sich an den umfangreichen Kosten dieser Instandsetzung zu beteiligen. Der Stadtrat veräußerte daraufhin auf eigene Initiative zwei Grundstücke aus dem Stiftsvermögen und ließ die Turmhaube in der heute noch sichtbaren Form erneuern. 63 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 75. wissern, ob beide Uhren die richtige Zeit anzeigen. Fehlerhafte Zeitangaben der vorhandenen Sonnenuhr aus dem 14. Jahrhundert sorgten für einigen Ärger zur damaligen Zeit. So hat sich die Geschichte erhalten, dass der katholische Küster zum Ärger seines evangelischen Kollegen schon mal an dem Stab, der für den Schatten auf der Uhr und damit für die Zeitangabe sorgte, drehte. Damit konnte er die jeweiligen Gottesdienstzeiten ein wenig zu Gunsten der katholischen Gemeinde verändern. Dem evangelischen Küster kamen diese häufigen Veränderungen merkwürdig vor. So legte er sich vor der Südseite des Doms, der zur damaligen Zeit noch den Friedhof der Gemeinde beherbergte, auf die Lauer und kam so dem katholischen Küster beim Verstellen der Uhr auf die Schliche. Um in Zukunft von solchen zeitlichen Manipulationen geschützt zu sein, investierte die evangelische Gemeinde in eine eigene Sonnenuhr. So konnten beide Konfessionen ihre Zeiten unabhängig voneinander ablesen und wir können uns heute an zwei Sonnenuhren erfreuen. 57 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Zu weiteren Streitigkeiten kam es wegen der Gottesdienstzeiten beider Konfessionen. Es wird über einen Vorfall vom 3. August 1561 berichtet.64 So sangen die Stiftsherren, wie gewohnt zwischen 8.00 und 9.00 Uhr ihre Psalme im Chor. Ein in der gleichen Zeit stattfindender evangelischer Gottesdienst im Kirchenschiff war wegen des Gesangs der Stiftsherren gestört. Mitglieder des Stadtrates hätten die Stiftsmitglieder daraufhin aufgefordert, das Singen zu unterlassen und zu schweigen. Eine andere Darstellung spricht davon, dass man die Stiftsherren lediglich gebeten hätte, bis zur Beendigung des Gottesdienstes mit dem Singen innezuhalten. Die wahre Ausprägung dieser Streitigkeit lässt sich nicht belegen. Gleichwohl führte dieser Vorfall dazu, dass man sich von Seiten des Stifts mit einem Gesuch an den Erzbischof von Trier wandte. Man kam zur Einsicht, dass die Autorität der katholischen Kirche bis dahin schon genügend gelitten und ein Schreiben des Erzbischofs keine klärende Wirkung mehr entfaltet hätte. So schickte der Erzbischof eine Kommission nach Wetzlar, die durch Verhandlungen die Forderungen des Stifts bei dem Stadtrat durchsetzen sollte. In viertägiger Verhandlung kam es dann zum Abschluss eines Vertrages, der zum einen die Gottesdienstzeiten und zum anderen die Verteilung der Baukosten regelte. Man einigte sich darauf, dass der Stadtrat künftig nicht mehr ohne Wissen und Einwilligung des Stifts Bauarbeiten an der gemeinsam genutzten Kirche durchführte. Weiterhin wurden die jeweiligen Gottesdienstzeiten zeitlich festgeschrieben. So konnte der evangelische Gottesdienst täglich in der Zeit zwischen 6.00 und 8.00 Uhr abgehalten werden. Die übrigen Zeiten standen den Stiftsherren für ihre liturgischen und gottesdienstlichen Verrichtungen zur Verfügung.65 Dieser ausgehandelte Frieden war jedoch nicht von langer Dauer. Beide Parteien beschuldigten sich immer wieder der Verletzung der 1561 vertraglich festgelegten Vereinbarungen. In einer ergänzenden Vereinbarung wurden die Gottesdienstzeiten der evangelischen Gemeinde nochmals erweitert. So konnte in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts die evangelische Gemeinde auch die Zeit von 12.00 bis 14.00 Uhr für ihre Gottesdienste nutzen. 64 Vgl. Schulten, F., (1991), a. a. O., S. 149. 65 Vgl. Bock. H., a. a. O., S. 75. 58 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche Die Streitigkeiten zwischen dem Stift und der Stadt fanden in den kommenden Jahren kein Ende. Zahlreiche Belege dafür liefert Schulten in seinen Ausführungen über die Auslegung des Augsburger Religionsfriedens von 1552 und seine Akzeptanz durch die beiden Konfessionen in Wetzlar.66 Letztlich hatte das Stift nicht mehr viel entgegenzusetzen. Neben der Ausübung der weltlichen Gewalt innerhalb der Mauern der Stadt Wetzlar, bestimmte der Rat der Stadt auch die konfessionelle Ausrichtung seiner Bürger. Der Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens „Cuius regio, eius religio“, der besagt, dass der Herrscher eines Landes berechtigt ist, die Religion für dessen Bewohner vorzugeben, galt für die folgenden Jahrhunderte auch für die freie Reichsstadt Wetzlar. Zu einem „spektakulären“ Zwischenfall, der über die Streitigkeiten über Kostenverteilung und Gottesdienstzeiten weit hinaus ragte, kam es in der Kirche im Jahre 1567. Ein Kanoniker wurde in der Kirche von einigen Bürgern angegriffen und – so eine Quelle –67 tödlich verwundet. Die Stiftsherren ließen daraufhin den Zugang für die Evangelischen verschließen. Hintergrund dieses gewaltsamen Zwischenfalls war eine Messe der Stiftsherren im (evangelischen) Kirchenschiff, wobei der Zugang durch die Stiftsherren verschlossen worden war. Die Bürger verschafften sich durch gewaltsame Öffnung der Türen einen Zugang, bei dem es zu dem tödlichen Vorfall kam. Weitere Streitigkeiten im Jahre 1571 speisten sich aus dem Einsetzen eines katholischen Pfarrers durch den Erzbischof, dem die Bürgerschaft das Betreten der Kanzel verbot. Diese Streitigkeiten wurden bis zum Kaiser getragen, der daraufhin eine völlige Überlassung der Kirche an das Stift forderte. Der selbstbewusste Rat der Reichsstadt kam dieser Forderung jedoch nicht nach, sondern antwortete wiederum mit einem Protestschreiben. Weitere Reaktionen auf das Schreiben sind nicht bekannt. Der Vorfall wurde nicht weiter behandelt. Bis zum Jahre 1613 kehrte etwas Ruhe ein. Man hatte sich im täglichen Umgang über einen gemeinsamen Gebrauch der Kirche verständigt und Grundsätze für die konkrete Umsetzung entwickelt. So kam es zu einer Verständigung über die Besitzverteilung der beweglichen Ausstattung, den Gebrauch der Räumlichkeiten, die Nutzungszeiten, 66 Vgl. Schulten, F., (1991), a. a. O., S. 174–191. 67 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 76. 59 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte die Bauunterhaltung und die Anstellung und Bezahlung der beiden evangelischen Stadtpfarrer. Bemerkenswert bleibt, dass die Frage des Eigentums an der Kirche nicht weiter diskutiert wurde. Das Stift blieb bei aller Dominanz der evangelischen Bürgerschaft und der zunehmenden Bedeutungslosigkeit des Stifts der Eigentümer des monumentalen Bauwerkes. Es blieb zwar bei der Einschränkung für die katholischen Christen, keine sakralen Handlungen im Kirchenschiff vornehmen zu dürfen, wobei das Betreten des Kirchenschiffs und der Zugang zum Chorbereich über das Kirchenschiff für katholische Christen nicht eingeschränkt waren. 3.2.2 Die Simultankirche im Dreißigjährigen Krieg Die im 16. Jahrhundert ausgefochtenen Streitigkeiten zwischen der evangelischen Bürgerschaft und den katholischen Stiftsangehörigen wirken in einer Nachschau der Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges eher kleinlich. Der Wetzlarer Stadtschreiber Chelius fasste im Jahre 1637 zusammen: „Was den höchstverderblichen deutschen Krieg und dabey erlittenes Elend und Jammer, Feuer- und Wasser-Noth, Hunger und Kummer, Theurung, Pestilentz, Last und Prast, Angst und Noth … belangt, so ist notorium, Land- und Reichskündig, daß diese Stadt Wetzflar … fast allen Wettern der Trübsal unterworfen gewesen …“68 Der Dreißigjährige Krieg begann im Jahre 1618 und wurde 1648 mit Abschluss des Westfälischen Friedens beendet. Der Weg in diesen Krieg begann aber schon 100 Jahre vorher. Der – historisch nicht belegte – Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 durch Martin Luther brachte eine Umwälzung des Glaubens ins Rollen, der weder von Martin Luther beabsichtigt, noch in seinen für Europa weitreichenden kriegerischen Folgen absehbar war. 1520 veröffentlichte Martin Luther drei Schriften, die die Grundlage für die evangelische Kirche bildeten. 1521 wurde Martin Luther vom Papst exkommuniziert. Sein Exil fand er auf der Wartburg von Mai 1521 bis März 1522, wo er das Neue Testament in eine verständliche deutsche Sprache übersetzte. Die Reformation nahm so langsam 68 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 231. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 60 Fahrt auf. Allerdings gab es zu dieser Zeit bereits radikale Strömungen, denen die „Lutherische Reformation“ nicht weit genug ging. Der bekannteste unter den radikalen Reformern war Thomas Müntzer, der neben einer radikalen Reform der Kirche auch eine radikale Veränderung der politischen und sozialen Verhältnisse forderte. Dieses Gedankengut fand seinen Niederschlag im 1524 begonnenen Bauernkrieg, der mit über 6000 toten Bauern am 15. Mai 1525 in einer Schlacht in Thüringen sein Ende fand. Der Protestantismus war damit aber nicht zu Ende, sondern gewann weiter an Bedeutung. 1526 überließ Kaiser Karl V. die Form der Religionsausübung weitgehend den Fürsten selbst. Bis 1555 hing der Religionsfrieden zwischen Kaiser und Fürsten am seidenen Faden. Durch den sog. Augsburger Reichs- und Religionsfrieden wurde 1555 den Fürsten die freie Religionsausübung zugestanden und, was noch viel wichtiger war, der Besitzstand der Fürsten gesichert. Was nun folgte, war eine Zeit, die von trügerischer Ruhe und vermeintlichem Frieden geprägt war. Beide Glaubensrichtungen konnten sich weiter festigen und gegenseitig immer stärker voneinander abgrenzen. Gleichzeitig lag ein großer Konflikt in der Luft, der Anfang des 17. Jahrhunderts zur Gründung der Protestantischen Union (1608) und der Katholischen Liga (1609) führte. Beide konfessionellen Zusammenschlüsse standen sich unversöhnlich gegenüber. Der rund 50 Jahre zuvor abgeschlossene Augsburger Religionsfrieden konnte die konfessionellen Unterschiede nur mühsam überdecken. Die Gründung der Protestantischen Union war auf das Misstrauen gegenüber dem Kaiser zurückzuführen, der nicht mehr die Interessen des Reiches, sondern die der katholischen Kirche vertrat. Die Gründungsmitglieder sahen nicht nur ihre konfessionelle Freiheit gefährdet, sondern fürchteten auch einen Verlust ihrer Macht und der damit verbundenen Pfründe. Sie verpflichteten sich gegenseitig der Hilfe, wenn eines ihrer Mitglieder angegriffen werden würde. Zu Beginn gehörten der Protestantischen Union die Fürstentümer Pfalz, Württemberg, Ansbach, Kulmbach, Baden-Durlach und Pfalz-Neuburg an. Als Reaktion auf die Gründung der Protestantischen Union gründeten katholische Fürsten und Städte ein Jahr später die Katholische Liga. Dieses Bündnis war auf die Verteidigung des Landfriedens und der katholischen Sache ausgerichtet. Neben Bayern gehörten ihr die Hochstifte Würzburg, Konstanz, Augsburg, Passau und Regensburg sowie die Reichsklöster Kempten und Ellwangen an. In der Folge schlossen sich 61 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte fast alle katholischen Stände des süddeutschen Raums und auch die geistlichen Kurfürstentümer Köln, Trier und Mainz der Katholischen Liga an. Auch dieses Bündnis sah gegenseitige Hilfe bei ungerechtfertigter Aggression gegenüber einem Bündnismitglied vor. Beide, die Protestantische Union und die Katholische Liga, spielten zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges eine aktive Rolle im Streit um die Konfessionen und die Machterhaltung ihrer jeweiligen Bündnispartner. Mit dem „Prager Fenstersturz“ im Mai 1618 begann der Dreißigjährige Krieg. Nach einer Versammlung der Protestanten in Prag, zogen ihre Vertreter zur Prager Burg, in der die Böhmische Hofkanzlei mit ihren königlichen Statthaltern ihren Sitz hatte. Durch die vom böhmischen König Ferdinand II. zu Beginn seiner Amtszeit durchgeführten Rekatholisierungsmaßnahmen wurden die Rechte der Protestanten stark eingeschränkt. Um ein Zeichen zu setzen, verschafften sich die Protestanten Zutritt zur Prager Burg, führten kurzerhand einen Schauprozess durch und warfen drei katholische Statthalter aus dem Fenster. Eine Legende besagt, dass die drei Statthalter auf einem Misthaufen gelandet und daher, trotz 17 Meter Fallhöhe, glimpflich davon gekommen seien. Die nach einer spontanen Tat aussehende Aktion war wohl von langer Hand geplant worden. Den Protestanten war bewusst, dass der Kaiser dies als Herausforderung ansehen und mit harten Strafmaßnahmen beantworten würde. Er sah im Prager Fenstersturz einen Angriff auf sich selbst und wertete ihn entsprechend als Kriegserklärung. Die ersten Kampfhandlungen sollten dann nicht lange auf sich warten lassen; der Dreißigjährige Krieg begann. In Wetzlar dürften die Vorkommnisse 1618 in Prag kaum zur Kenntnis genommen worden sein. Rat und Stiftsherren waren nach wie vor noch mit kleinlichen Streitereien befasst. Lediglich eine Weisung des Erzbischofs und Kurfürsten von Trier im Herbst 1619, für alle Kirchen des Erzstifts in Anbetracht drohender Gefahren für das Reich ein „vierzigstündiges Gebet“ abzuhalten, wies auf den drohenden Krieg hin.69 Noch im Jahre 1620 war das Stift in Wetzlar an der Wahl eines Pfarrers der evangelischen Gemeinde beteiligt. Nach gewohntem Verlauf wurde dem evangelischen Pfarrer vom Dekan des Stifts an den Stufen des Altars ein sechs Punkte umfassendes Versprechen abgenommen. 69 Vgl. Schulten, F., (1993): Das Wetzlarer Marienstift im Dreißigjährigen Krieg, Wetzlar 1993, S. 16 f. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 62 Wie bereits in den Jahren zuvor wurde, kurz nach der Einführung, wieder einmal Klage beim Erzbischof von Trier über das Verhalten des evangelischen Pfarrers geführt. Das Leben unter einem gemeinsamen Kirchendach war nicht immer leicht. Es wurde auch nicht leichter, als 1621 der Krieg Wetzlar erreichte. Zum ersten Mal erlebte Wetzlar militärische Einquartierungen in seinen Mauern. Spanische Soldaten quartierten sich bis 1631 in Wetzlar ein. Während die evangelische Bevölkerung massiv unter der Besatzung zu leiden hatte, keimte bei den Stiftsherren am Anfang Hoffnung auf. Für das Stift waren die spanischen Besatzer „Religionsverwandte“. Wenn auch die direkten Repressionen für die Stiftsherren nicht so spürbar waren, so wirkten sich die umfangreichen Plünderungen und Raubzüge der Spanier in Wetzlar und in unmittelbarer Umgebung doch spürbar auf die Pfründe des Stifts aus. Die Einnahmen aus den verpachteten Gütern und Ländereien gingen infolge der Raubzüge durch die Spanier zurück. Es sind keine Belege dafür vorhanden, dass sich die spanische Besatzung direkt auf die Simultankirche und ihre Nutzung durch zwei Konfessionen auswirkte. Die rund 1800 Einwohner umfassende evangelische Bürgerschaft und die 50–60 katholischen Einwohner hatten mit dem täglichen Überleben zu tun.70 Gleichzeitig kam es aber durch den Kaiser zu einschneidenden Maßnahmen, die auch die Simultankirche in Wetzlar betrafen. Am 6. März 1629 wurde ein sog. Restitutionsedikt erlassen, das alle durch die Protestanten nach dem Passauer Vertrag von 1552 eingezogenen Stifte, Klöster und Kirchengüter an die Katholiken zurückübereignen sollte. Für die Simultankirche in Wetzlar bezog sich dieses Edikt auf den Besitz des Kirchenschiffs, das von den Protestanten seit 1542 genutzt wurde. Der Erzbischof von Trier ließ am 26. Mai 1629 die Kirche wieder in katholischen Alleinbesitz nehmen. Eine solche einschneidende Maßnahme blieb nicht ohne Widerstand der evangelischen Gemeinde. Das Problem der Zuordnung des Eigentums an der Simultankirche war aber nur zweitrangig. Stift und Bürgerschaft litten immer mehr an den Einquartierungen und den damit verbundenen Repressalien durch die spanischen Truppen. Es wurden mehrere Bittschriften an den kommandierenden General verfasst, die das Verhalten der spanischen Trup- 70 Vgl. Trauthig, G.: Die Reichsstadt Wetzlar zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Wetzlar 1928, S. 30 f. 63 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte pen eindrucksvoll schilderten.71 Gleichwohl brachten die Bittschriften keine Besserung der Verhältnisse für die Bevölkerung. Sie hatten allerdings aufgrund der Zustände keine Kraft, sich um konfessionelle Streitigkeiten zu kümmern. Kurzfristig unterbrochen wurde die spanische Besatzung am 31. Juli 1629. Die von Schoenwerk72 als zuchtlose Reiterkompanie bezeichneten spanische Besatzer kamen in den frühen Morgenstunden von einem nächtlichen Raubzug in der Umgebung zurück. Da die Besatzer nicht duldeten, dass die Bürgerschaft den Zugang zur Stadt durch eigene Posten sicherten, gelangten bei dem allzu lässigen Wachdienst fünfzig Mann niederländischer Fußtruppen in die Stadt. Dieser Vorhut folgten 300 weitere Soldaten, die schließlich die spanischen Besatzer überwältigten. Noch am Nachmittag verließen die „Befreier“ die Stadt wieder unter der Androhung an die Bürgerschaft, keine spanischen Soldaten mehr zu dulden. Darüber hinaus erpressten sie vom Stift noch zweihundert Reichstaler. Den Spaniern nahmen sie ihre Habe und die Pferde ab. Nach Abzug der für einen halben Tag als Befreier auftretenden Truppen kehrten die Spanier noch am Nachmittag in die Stadt zurück. Die Wut der Spanier tobte sich dann noch am selben Tag an der Stadt aus.  Im November 1631 näherte sich das Schwedenheer der Stadt Wetzlar. Sie wurde kampflos von den Spaniern geräumt. Mit den Schweden kehrte eine neue Ordnung ein. Die evangelische Bürgerschaft schöpfte neue Hoffnung, der Stiftsdekan kam für einige Zeit nach Friedberg ins Gefängnis. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Schweden für die Region stellte sich der Erzbischof von Trier am 9. April 1632 unter französischen Schutz, mit der Folge, dass mit den Schweden ein Neutralitätsvertrag abgeschlossen wurde, der auch das Marienstift in Wetzlar einbezog. Hierdurch erhofften sich die Stiftsherren eine Verschonung von allen Repressalien durch die schwedischen Besatzer. Gleichzeitig nahm auch das Verhältnis der Bürgerschaft zum Stift eine andere Qualität an.73 Dies speist sich daraus, dass das Stift die letzten Jahre während der spanischen Besatzung weitgehend von Abgaben an die Besatzer verschont geblieben war. Im Jahr 1633 beklagte sich der Stadtrat darüber, dass das Stift bisher unter der schwedischen Besatzung von Abgaben 71 Vgl. Schulten, F., (1993), a. a. O., S. 33 ff. 72 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 234. 73 Vgl. Schulten, F., (1993), a. a. O., S. 40. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 64 befreit war.74 Um sich vom Druck der Bürgerschaft zu befreien, griff das Stift zu recht unkonventionellen Mittel. Sie wählten einen schwedischen Amtmann zum Propst, der keinerlei geistliche Befähigung zur Aus- übung des Amtes hatte. Erklärbar wird dieser Coup dadurch, dass man damit allen weiteren drohenden Forderungen durch die schwedischen Truppen vorbeugen wollte. Denn eine Forderung des Stadtrates auf Mitbeteiligung an den enormen Lasten würde ein schwedischer Propst nicht akzeptieren. Während eine lutherische Religionsausübung in der schwedischen Besatzungszeit durch die Benutzung der Stiftskirche wieder uneingeschränkt möglich war, war die evangelische Bevölkerung enormen Lasten durch die Finanzierung des Schwedenheeres ausgesetzt. Für Stadt und Stift erfolgte mit der Schlacht bei Nördlingen am 5. und 6. September 1634 eine Wendung in der Besatzung durch die Schweden. Die Schlacht bei Nördlingen endete mit einem Sieg der kaiserlich-habsburgischen Truppen über die Schweden und ihre protestantischen deutschen Verbündeten. Im November 1634 zogen wieder kaiserliche Truppen in Wetzlar ein. Verbunden mit dieser Niederlage der Schweden trat auch eine Wendung im Dreißigjährigen Krieg ein. Aus dem Krieg der Konfessionen wurde ein Krieg der Nationen. Diese Veränderung brachte der Stadt Wetzlar für die kommenden Jahre ständig wechselnde Besatzungen. An den Repressalien durch die Besatzungstruppen änderte sich nichts, lediglich die Nationen der Besatzer wechselten. Für das Stift kam es durch eine zehnjährige Gefangenschaft des Erzbischofs und Kurfürst von Trier bis 1645 zu einer führungslosen Zeit über die in den Archiven kaum Belege zu finden sind. Bis zum Westfälischen Frieden 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, hatten beide, Stift und Bürgerschaft, erheblich unter den Folgen des Krieges zu leiden. Die in den Jahren seit Beginn der Reformation mit Akribie betriebenen konfessionellen Streitereien kamen kriegsbedingt allerdings zu einem vorübergehenden Stillstand. 3.2.3 Der Westfälische Frieden und seine Auswirkungen auf die Simultankirche Der Westfälische Frieden brachte endlich etwas Ruhe nach den 30 Jahren andauernden Schrecken des Krieges. Verbunden mit den Friedensvereinbarungen wurde aber für das Verhältnis von Stadt und Stift bzw. 74 Vgl. Trauthig, G., a. a. O., S. 78. 65 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte evangelischer Bürgerschaft und katholischen Stiftsherren neues Konfliktpotential geschaffen. Durch die Einigung auf das sogenannte Normaljahr 1624 waren kommende konfessionelle Konflikte in Wetzlar absehbar. Der Friedensvertrag legte fest, dass für eine künftige rechtliche Zugehörigkeit einzig und allein der am 1.1.1624 faktische Besitz maßgebend sei.75 Im Normaljahr benutzten die Evangelischen das Kirchenschiff für ihre Gottesdienste und die Katholischen ausschließlich den Chorbereich. Nach den Angaben von Bock waren zu dieser Zeit lediglich noch 2 oder 3 Stiftsherren sowie 5 katholische Bürger im Chorbereich aktiv.76 Damit bekam der Gebrauch des Schiffes durch die Evangelischen und des Chores durch die Katholiken erstmals eine rechtliche Grundlage. Der Rat der Stadt legte bei allen kommenden Streitigkeiten diese Zuordnung als Maßstab ihrer Argumentation an. Und sofort nach Abschluss des Friedensvertrags ging es in Wetzlar wieder ums Geld. Bei den an die Schweden zu zahlenden Entschädigungsgeldern wurde auch die Stadt Wetzlar beteiligt. Diese wiederum wandte sich direkt an das Stift. Ein Streit über die Zahlungen war somit vorprogrammiert. Im Ergebnis wurden dem Stift durch Kaiser Ferdinand III. am 8. Juni 1649 die alten Rechte wieder zugebilligt. Damit war das Stift gegen alle Ansprüche des Rates wie in alten Zeiten geschützt.77 Dies hielt den Rat der Stadt aber nicht davon ab, weiterhin auch dem Stift Lasten zuzuschieben. Schulten listet ausführlich den dazu geführten Schriftverkehr gegenseitiger Forderungen und Ablehnungen auf.78 Die andauernden Streitigkeiten führten 1679 zu Verhandlungen, deren Ergebnisse im sogennanten „Ehrenbreitsteiner Vergleich“ festgehalten wurden. Zu einer abschließenden Vereinbarung, die von beiden Parteien, dem Rat der Stadt und den Stiftsherren, ratifiziert wurde, ist es jedoch nicht gekommen. Weil es zu keinem rechtlichen Abschluss kam, diskutierten die Parteien in den kommenden Jahren immer wieder über einzelne Punkte. Besondere Fragen der Kirchennutzung standen dabei im Mittelpunkt. Es ging um die Festlegung der Gottesdienstzeiten, um die Beseitigung eines besonderen Kirchstuhls, der den Zugang für die Katholiken zum Chorbereich erschwerte, um die Verwendung der Begräb- 75 Vgl. dazu auch Bock, H., a. a. O., S. 78 f. 76 Vgl. ebenda, S. 79. 77 Vgl. Schulten, F., (1993), a. a. O., S. 138. 78 Vgl. ebenda S. 124–141. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 66 nisgebühren sowie um die Nutzung der Johanniskapelle. Die Einwände des Rates der Stadt gegen die lediglich formulierten, aber nie in Kraft getretenen Vereinbarungen, schmälerten aber nicht die Besitzstände an der Kirche der beiden Konfessionen. Dies zeigt auch ein Bericht des Stadtschreibers Chelius aus dem Jahre 1664. Hierin beschreibt er die aufgrund des Dreißigjährigen Krieges entstandenen Schäden durch unterlassene Sanierung notwendiger Ausbesserungsarbeiten. So seien die großen Kirchenfenster, die zerstört waren und das weitläufige Dach, das verfault war, mit Mitteln der Stadt wieder instandgesetzt worden. Die Schritte der Vernunft zum Wohle des markanten Kirchenbaus wechselten in den kommenden Jahren noch häufiger zwischen den Konfessionen.79 Was sich nach dem 2. Weltkrieg noch einmal wiederholen sollte, war die besondere Leistung der Stadt, der Bürger und des Stifts und seiner Nachfolger, auch in Zeiten größter Not, den Erhalt des Wetzlarer Doms zu gewährleisten. Die Not zwang immer wieder zu einer Einigung. 3.2.4 Die Bedeutung des Reichskammergerichts in Wetzlar für die Simultankirche Die Bedeutung der freien Reichsstadt Wetzlar nahm in den kommenden Jahren weiter ab. Nicht nur der Dreißigjährige Krieg, auch Naturkatastrophen und Seuchen hatten den Bürgern zugesetzt. So wurde eine Blütezeit wie im 13. Jahrhundert bis dato nicht mehr erreicht. Gegen Ende des so schwierigen 17. Jahrhunderts flackerte ein Hoffnungsschimmer auf. Die freie Reichsstadt Wetzlar wurde von 1689 bis 1806 Sitz des obersten Gerichts für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Ein Umstand, der für 117 Jahre der Stadt wieder Ansehen und Wohlstand verschaffte und gleichzeitig die Bedeutung der Simultankirche wachsen ließ. Gleichwohl waren auch diese Jahre wieder geprägt durch konfessionelle Streitigkeiten, die mehrfach auch die Aktivität des Reichskammergerichts erforderlich machten. Das Reichskammergericht hatte vor der Verlegung nach Wetzlar seinen Sitz in Speyer. Infolge einer massiven Bedrohung Speyers durch die Kriege König Ludwigs XIV. bemühte man sich einen neuen Sitz für das oberste Gericht zu finden. In die engere Wahl fielen Dinkelsbühl, Schweinfurt, Freiberg, Mühlhausen in Thüringen und Wetzlar. In den 79 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 80 f. 67 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Jahren 1683 und 1689 wurde durch Kommissionen jede Stadt auf ihre Eignung hin untersucht. Der Bericht der Kommission aus Wetzlar aus dem Jahre 1683 fiel wenig schmeichelhaft aus: „Es besteht die Gelegenheit zum Gottesdienst für alle Konfessionen; mit den Schulen sei es allerdings bei den bisher nur kleinen katholischen und reformierten Gemeinden schlecht bestellt. Räume für Gericht und Wohnungen für die Angehörigen würden wohl notdürftig zu beschaffen sein. Die Stadt liege bergig, habe ein übles Pflaster und in den Vorstädten und Nebengassen gebe es noch Strohdächer und auf den Gassen Dungstätten. Mauern und Gräben genügten gegen einen Handstreich, aber hier wie in allen Punkten müsse noch viel geschehen, wenn sie einmal ein würdiger Aufenthalt für das hohe Gericht werden sollte. Nur Luft und Wasser seien zu loben, Lebensmittel wohlfeil, Handwerksleute und Tagelöhner gebe es genug.“80 Im Jahr 1689 musste das Reichskammergericht fluchtartig Speyer verlassen. Da auch die als Sitz vorgesehene Stadt Frankfurt sich weigerte, das Gericht aufzunehmen, blieb keine Wahl: Wetzlar wurde Sitz des Gerichts. Ein letzter Versuch, durch einen weiteren äußerst negativen Bericht über die Zustände, den Umzug nach Wetzlar zu verhindern, scheiterte. Alle negativen Verlautbarungen nutzten nichts. Der Reichstag beschloss trotz aller Bedenken am 13. September 1689 die Verlegung von Speyer nach Wetzlar. Bereits Ende des Jahres 1689 trafen die ersten Kammergerichtsfamilien ein. Erst jetzt merkte der Rat der Stadt, welch anspruchsvolle Neubürger nach Wetzlar kamen und in größerem Umfang noch kommen würden. Es würde für den Rat der Stadt nicht leichter werden, die Geschicke der Stadt in alt gewohnter Art und Weise zu lenken. Verbunden mit der Sitznehmung in Wetzlar waren Zugeständnisse durch die Stadt zwingend erforderlich. Die Stadt stellte ihr eigenes Rathaus zur Verfügung, sie versprach allen Konfessionen die ungestörte Ausübung ihrer Gottesdienste und musste für eine allgemeine Verbesserung der Lebensverhältnisse auf allen Gebieten sorgen. Darüber hinaus musste den Angehörigen des Reichskammergerichts, die katholischen Glaubens waren, das Recht eingeräumt werden, neben dem Chorbereich auch Altar und Kanzel des Kirchenschiffs benutzen zu dür- 80 Zitiert nach Schoenwerk, A., a. a. O., S. 261. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 68 fen. Die Anzahl der katholischen Familien betrug vor Einzug der Kammergerichtsfamilien nur zwanzig, danach stieg ihre Zahl kräftig an. Ein besonderes Privileg der Mitglieder des Reichskammergerichts war die Befreiung von allen Personalabgaben und bürgerlichen Lasten sowie die Befreiung von Steuern auf Lebensmittel und Zölle. Schoenwerk spricht in diesem Zusammenhang von der Bildung eines eigenen Juristenstaates auf dem Gebiet der freien Reichsstadt Wetzlars.81 Dieser Umstand war ein ständiger „Stachel im Fleisch“ des Rates der Stadt. So legte der Rat schriftlich fest, dass all diese Zugeständnisse wegfallen würden, wenn der Sitz des Reichskammergerichts verlegt werde. Die Möglichkeit einer Verlegung wurde von einem Teil der Kammergerichtsangehörigen immer wieder diskutiert. Unabhängig von den Querelen mit dem Rat der Stadt führte der Einzug des Reichskammergerichts in Wetzlar für die Bürgerschaft zu einem rapiden Aufschwung. So brachten über 1000 Personen des Gerichts einschließlich ihrer Familien sowie über die Jahre des Sitzes eine grö- ßere Anzahl von Visitationsangehörigen Ansehen und Wohlstand in die Stadt Wetzlar. Sehr bewusst wurde eine Distanz zwischen den Reichskammergerichtsangehörigen und dem Rest der Bevölkerung gepflegt. Die Bürgerschaft nahm nicht teil an der vornehmen Welt der Reichskammergerichtsangehörigen und ihrer Familien. Dennoch zog sie ihren Nutzen daraus. Sie profitierte an einer regen Bautätigkeit, die auch heute noch die Wetzlarer Altstadt prägt. Große Palais und Herrenhäuser erinnern uns an diese besondere Zeit in Wetzlar. Neue Zünfte fanden ihren Absatz, so die Perückenmacher, Knopfmacher, Barbiere und Buchbinder. Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen prägten das bürgerliche Leben der Stadt. Auch gab es große Verbesserungen auf den Gebieten der Hygiene, dem Brandschutz, der Sicherheit und dem Schulwesen. Die Mitbenutzung des Kirchenschiffs durch die katholischen Reichskammergerichtsangehörigen stieß auf wenig Verständnis der evangelischen Bürger. Auch dem vornehmen Auftreten der Kameralen und ihrer Familien wurde wenig Zustimmung entgegengebracht. Die Bildung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, auf der einen Seite die Reichskammergerichtsfamilien, und auf der anderen Seite die land- und handwerklich geprägte Bürgerschaft, führte zwar zu einem materiellen Zweckbündnis; 81 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 263. 69 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 70 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 7. Die Sitzplatzordnung zu Zeiten des Reichkammergerichts In der Blütezeit des Reichskammergerichts in Wetzlar verewigten sich einige Angehörige des höchsten deutschen Gerichts nicht nur durch aufwendig gestaltete Epitaphien im Inneren des Doms, sondern sie beanspruchten aufgrund ihrer Stellung im hierarchischen Gefüge der freien Reichsstadt Wetzlar besondere Sitzplätze im Dom. Damit konnten sie ihre große Bedeutung offen nach außen kundtun und ihre eigene Wichtigkeit besonders hervorheben. Die Bestuhlung des Doms war in der Zeit des Reichskammergerichts durch eine Drei-Klassen-Gesellschaft gekennzeichnet. Das Volk musste mangels Sitzgelegenheiten mit Stehplätzen vorlieb nehmen. Wenn man es sich leisten konnte, Abb. 26: Die Balkone der Reichskammergerichtangehörigen im Dom dann ließ man beim Schreiner einen eigenen Kirchenstuhl anfertigen, stellte diesen Stuhl an exponierter Stelle im Dom auf und hatte so immer einen reservierten Sitzplatz. Die besonders privilegierten Reichskammergerichtsangehörigen verfügten in den Seitenschiffen und im Chorbereich über eigene Balkone, die ihnen und ihren Familien vorbeeine Annäherung brachte es aber nicht. Dies zeigte sich auch in der Nutzung des Wetzlarer Doms. Der Begriff Dom manifestierte sich in dieser Zeit. Hier spielte wohl auch das Ansinnen der Reichskammergerichtsangehörigen eine Rolle, sich in einem Dom angemessener aufgehoben zu fühlen. Der Begriff einer einfachen Kirche genügte den vornehmen Mitgliedern des Reichskammergerichts offensichtlich nicht. Die Klagen der Reichskammergerichtsangehörigen über unhaltbare hygienische Zustände machte auch vor dem Friedhof auf dem Kirchenvorplatz vor der Südseite des Doms nicht halt. Die Behauptung einer Überbelegung und das Aufsteigen übler Gerüche störten das Wohlempfinden der Kameralen und ihrer Familien. So kam es 1757 zu einer Verlegung des Friedhofs; 500 m in östlicher Richtung vom Dom entfernt, vor das Wöllbachertor. Nachdem im Jahre 1689 die ersten Mitglieder des Reichskammergerichts ihren Wohnsitz in Wetzlar genommen und der Rat der Stadt alle Forderungen akzeptiert hatte, wurde auf Anordnung des Kaisers im Mai 1693 die Eröffnung des Reichskammergerichts offiziell vollzogen. Die Zusage, das Kirchenschiff auch den katholischen Gläubigen zur Verfügung zu stellen, wurde in den kommenden Jahren durch den Stadtrat mehrfach unterlaufen. Im Jahre 1695 wollte der Trierer Weihbischof im Kirchenschiff zelebrieren, worauf der Stadtrat diesem die Benutzung von Altar und Kanzel untersagte. Zur Begründung dieser schroffen Verweigerung machte der Stadtrat geltend, dass die bisherigen Zusagen nur als Angebot gedacht waren und der Erzbischof von Trier auf die damit verbundenen Bedingungen bisher nicht reagiert hätte. Weiterhin habe der Erzbischof den neuen Gottesdienstzeiten von bisher 7.00 bis 9.00 halten waren. Im Volksmund wurden diese Balkone auch als „Gänseund Hühnerställe“ bezeichnet, da die evangelischen und katholischen Gottesdienste durch die Reichskammergerichtsangehörigen nicht immer mit der erforderlichen Aufmerksamkeit verfolgt wurden. Die während der Gottesdienste wahr -genommenen Gespräche auf den Balkonen wurden vom Volk despektierlich als „Gänse-oder Hühnergegacker“ bezeichnet. Jahre nach dem Ende des Reichskammergerichts wurden im Jahre 1838 im Rahmen einer großen Renovierung die Balkone abgerissen und ein neues Gestühl in der Form von Kirchenbänken für alle Gemeindemitglieder im Dom platziert. 71 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Uhr auf künftig 6.30 bis 9.00 Uhr sowie nachmittags von bisher 11.00 bis 14.00 Uhr und künftig von 12.00 bis 15.00 Uhr nicht zugestimmt.82 Man sieht an diesem Beispiel, dass sich zum wiederholten Male, nach rund 180 Jahren, beide Seiten in kleinlich zu nennenden Streitigkeiten abarbeiteten. Bei dieser einmaligen Weigerung der Nutzung des Kirchenschiffs durch katholische Gläubige ist es aber geblieben. Man stritt sich auf anderen Gebieten. So wurden Aufrufe und Anschläge des Stifts an der Tür des Kirchenschiffs 1724, 1726, 1741, 1743 und 1759 von der Stadt entfernt.83 Der Wunsch des Stifts, im Jahre 1729 im Schiff einen Nebenaltar zu versetzen, wurde von der Stadt abschlägig entschieden. Auf der anderen Seite wurde, wie oben beschrieben, keine Ausdehnung der Gottesdienstzeiten für die evangelischen Gläubigen erreicht. Spätere Wünsche der katholischen Gläubigen, ihre Gottesdienstzeiten um eine Stunde auszuweiten, wurden ebenfalls abgelehnt. Ein um das Jahr 1760 liegender Streit hatte die Nutzung der Johanniskapelle zum Gegenstand. Die katholische Seite forderte den Schlüssel für den Zugang der Kapelle, da man nach dem Ehrenbreitsteiner Abkommen die Übergabe der Johanniskapelle an das Stift zugesagt hatte. Eidesstattlich erklärten zwei Schöffen, dass die Kapelle nie einem anderen Gebrauch als der Aufbewahrung von Baumaterialien gedient habe und stets auf Kosten der Stadt instand gehalten wurde. Zudem sei die Kapelle im Normaljahr 1624 in Besitz der Stadt gewesen. Wie der Streit ausging, musste offen bleiben, da hierzu keine weiteren Unterlagen vorliegen.84 Ohne abschließende Entscheidung endete auch ein Streit über die Kirchenglocken und über die Herausgabe eines Schlüssels vom Stift, der den Zugang zum Kirchturm ermöglichte.85 Quelle ständigen Streites zwischen Stift und Stadt waren katholische Prozessionen. So kam es insbesondere 1724, 1742, 1752 und 1770 zu heftigen Auseinandersetzungen. Die Stadt wollte ursprünglich Prozessionen nur in unmittelbarer Nähe der Stiftskirche dulden, erlaubte später aber auch eine Ausdehnung auf weitere Straßen. Die katholische Seite nahm für sich das Recht in Anspruch, ihre Prozessionen auch durch das 82 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 82. 83 Vgl. ebenda. 84 Vgl. ebenda. 85 Vgl. ebenda. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 72 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 8 Grabsteine und Epitaphien als Ausdruck der Bedeutung evangelischer und katholischer Reichskammergerichtsangehöriger Die 21 Grabplatten und Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen und ihrer Familien sind besonders prächtig aus Lahnmarmor gefertigt worden und enthalten zum Teil umfangreiche Lobreden auf den oder die Verstorbenen. Gloël bezeichnet die umfangreichen Inschriften als langatmige und zum Teil schwülstige Lobeserhebungen auf die Verstorbenen.1 So lautet der Text des 1691 verstorbenen Erich Mauritius, einem Reichskammergerichtsassessor und Professor zu Tübingen, in deutscher Übersetzung: „Hemme Wanderer, deinen Schritt, denn unter diesem schwarzen Marmor liegt voller Glanz der wohlgeborene und äußerst tüchtige Dr. Erich Mauritius, ein durch hohe Gelehrsamkeit ausgezeichneter Jurist, einst ein allenthalben berühmter Professor der Rechtswissenschaft auf den Hochschulen zu Tübingen und Kiel, Rat seiner kaiserlichen Majestät, Senator und Assessor am höchsten Kammergericht des heiligen Reichs, beständiger Vertreter des schwäbischen Kreises. Aus der edlen Familie Mauritius zu Itzehoe in Holstein am 16. August 1632 zu allem Hohem geboren, bereiste er Österreich, Ungarn, Italien, Frankreich, England, Schottland und Belgien, verwaltete seine hohen Ämter mit größter Lauterbarkeit und Klugheit und starb schließlich fromm und sanft hier zu Wetzlar am 13. September 1691, alt 59 Jahre und 28 Tage. Nachkommen hinterließ er nicht, wohl aber der Nachwelt Schriften, die Unsterblichkeit verdienen und die dem großen Manne nach seinem Tode unvergänglichen Ruhm sichern, nimm dies, der du vorübergehst und lebe wohl.“2 Aber nicht nur die Gerichtsherren setzten sich eigene Denkmäler, auch den Angehörigen wurde nach dem Tode überschwänglich gedacht. Ein Beispiel ist die Ehefrau des Hofrats Anselm Lieb, Frau Anna 1 Vgl. Gloël, H., (1925b):Die alten Wetzlarer Grabsteine und Epitaphien, Heft 9 des Wetzlarer Geschichtsvereins, Wetzlar 1925, S. 3–80, hier: S. 14. 2 Ebenda, S. 13. 73 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Maria Eva Lieb. Die deutsche Übersetzung der lateinischen Inschrift lautet wie folgt: „Unter diesem Hügel wählte sich die ewige Ruhe die all zu früh der Ehe entrissene hochangesehene und edle Frau Anna Maria Eva Lieb, geb. Spalerin, die ihren hochangesehenen und edlen Herrn Gemahl zur Visitation des Reichskammergerichts von Mainz nach Wetzlar folgte, hier ihrerseits vom Herrn einer Visitation unterzogen wurde und seinem Mandat mit Klausel am 6. Februar 1711 gehorchte, erst 32 Jahre alt aber schon reif für den Himmel. Sie lebte inzwischen fort in den vortrefflichen Kindern, die sie als ebensolche Wahrzeichen der ehelichen Liebe den sie heiß liebenden Gatten sterbend ohne Testament hinterließ.“3 In dieser Form findet man noch weitere Grabsteine und Epitaphien von Reichskammergerichtsangehörigen und ihren Familien. An der Nordwand des nördlichen Querschiffs kann man heute noch das letzte Epitaph aus dem Kreis der Reichskammergerichtsangehörigen finden. Den Kindern des Prokurators Johann Georg Vergenius, Dorothee Charlotte (gestorben 1776) und Heinrich Johannes (gestorben 1778), wurde hier ein Gedenkstein gesetzt. Diese Tradition, mit Grabsteinen und Epitaphien einzelnen Verstorbenen im Dom zu gedenken, endete 1802.4 3 Gloël, H., (1925b), a. a. O., S. 17. 4 Vgl. hierzu auch die detaillierte Auflistung und die dazu gehörenden Erläuterungen von Gloël, H., ebenda. Abb. 27: Epitaphie des Reichskammergerichtsangehörigen Hulderich von Eyben Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 74 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en Kirchschiff zu führen. Gegen dieses Ansinnen wehrte sich die Stadt mit großer Entschiedenheit. Durch gelebten Pragmatismus der katholischen Seite kam es häufig erst nach den Prozessionen zur Kenntnisnahme bei der Stadt. Die evangelische Seite hielt bei vorheriger Bekanntgabe einer Prozession das Hauptportal zum Kirchenschiff fest verschlossen.86 Die Blütezeit des Reichskammergerichts kann man heute nicht nur alleine an den zum Teil prachtvollen Altstadtpalais ablesen. Auch im Dom haben die Reichskammergerichtsangehörigen ihre Spuren hinterlassen. 52 Grabsteine und Epitaphien sind an den Wänden im Chor, im Hauptschiff und in den Nebenschiffen aufgestellt. Die Grabsteine befinden sich größtenteils heute nicht mehr an den jeweiligen Begräbnisplätzen. Die Epitaphien sind Gedenksteine, die kein Grab bedeckten. Die Grabsteine und Epitaphien halten die Erinnerung an Ritter, Stiftsherren sowie an katholische und evangelische Pfarrer wach. Zum Teil lassen sich noch die Namen und die Inschriften, die zum überwiegenden Teil in lateinischer Schrift verfasst worden sind, lesen. Ein Teil der Motive, insbesondere bei den Gedenktafeln aus dem 14. und 15. Jahrhundert, liegen nur noch als Fragmente vor. Gerade die Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen, die aus Lahnmarmor gefertigt wurden, zeigen zum Teil Inschriften, die man den Verstorbenen zuordnen kann, aber auch biblische Motive. In Größe, Verarbeitung und in den Inschriften der 21 Epitaphien der Reichskammergerichtsangehörigen und ihrer Familien zeigt sich die Bedeutung, die sich die auf den Gedenksteinen gehuldigten Personen selbst geben wollten. Persönliche Eitelkeiten finden so über den Tod hinaus ihre Öffentlichkeit. Das älteste Epitaph eines Reichskammergerichtsangehörigen reicht in das Jahr 1691 zurück und betrifft den Reichskammergerichtsassessor Erich Mauritius. Der Gedenkstein ist heute an der Nordwand des Doms zu finden. 86 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 84 f. 75 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte 3.2.5 Das Ende der freien Reichsstadt und seine Folgen für die Simultankirche im 19. Jahrhundert Die Auswirkungen der französischen Revolution, die 1789 in Paris begann, waren auch im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation spürbar. Nach der Ermordung des französischen Königs Ludwigs XVI. und seiner Frau Marie Antoinette, einer Schwester Kaiser Leopolds II., bildete sich eine europaweite Koalition gegen Frankreich. Österreich und Preußen gingen einen militärischen Konflikt mit Frankreich ein. Nach Niederlagen musste das Deutsche Reich im sogenannten „Frieden von Lunéville“ auf sämtliche linksrheinische Gebiete verzichten. Im Gegenzug sollten die geschädigten Fürsten dafür einen Ausgleich bekommen. Im Reichsdeputationshauptschluss87, einem Abschlussbericht als letztes bedeutendes Gesetz des Heiligen Römischen Reiches, wurden die freien Reichsstädte am 27. April 1803 ihrer Reichsunmittelbarkeit beraubt. Diese sogenannte Mediatisierung88 hatte den Verlust des rechtlichen Status einer freien Reichsstadt auch für Wetzlar zur Folge. So endete die Reichsfreiheit, die im Jahr 1180 begonnen hatte. Verbunden mit der Entschädigung für den Verlust der linksrheinischen Gebiete war auch eine Säkularisierung, d. h. die Einziehung kirchlicher Besitztümer. Darunter fiel auch das geistliche Kurfürstentum Trier. Somit fand das Marienstift in Wetzlar nach über 800 Jahren im Jahr 1803 ein Ende. Sein gesamtes Vermögen fiel an das Kurfürstentum Mainz, das unter der Obhut des Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg stand. Dalberg war Mitbegründer und später Vorsitzender des Rheinbundes.89 Unmittelbar nach der Gründung des Rheinbundes legte Kaiser Franz II., der letzte Herrscher des Deutschen Reiches, am 6. August 1806 sein kaiserliches Amt nieder. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte aufgehört, zu existieren. Verbunden mit dieser Abdankung war eine 87 Reichsdeputation war im Heiligen Römischen Reich jeder von Kaiser und Reich für die Erledigung von Geschäften erwählte reichsständische Ausschuss. 88 Mediatisierung (Mittelbarmachung) bedeutet den Verlust der Reichsunmittelbarkeit, also das damit verbundene Vorrecht, erstinstanzlich bei Reichsgerichten klagen zu dürfen. 89 Der Rheinbund war eine auf Initiative von Napoleon gegründete Konföderation deutscher Staaten, die mit der Gründung dieses Staatenbundes aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation austraten. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 76 Entbindung der Mitglieder des Reichskammergerichts von ihren Pflichten. Somit endete im August 1806 für Wetzlar ein bedeutender Zeitabschnitt; in dem Ansehen und Wohlstand 117 Jahre die Stadt prägten. Der die kommenden Jahre prägende wirtschaftliche Niedergang der Stadt Wetzlar hatte auch Auswirkung auf den Wetzlarer Dom als Simultankirche. Der Verlust des Reichskammergerichts und der damit verbundene Wegfall des Wohlstandes durch die Reichskammergerichtsangehörigen veranlassten den Stadtrat und die Bürgerschaft, eine Bittschrift an ihren neuen Landesherren Carl Theodor von Dalberg zu verfassen.90 Während Kaiser Franz II. lediglich freundliche Gruß botschaften an die entlassenden Mitglieder des Reichskammergerichtes verfasste, sorgte der neue Landesherr materiell für die ehemaligen Reichskammergerichtsangehörigen und die übrigen Bürger der Stadt Wetzlar. Gleichzeitig nahm er auch seine Verantwortung gegenüber dem ehemaligen Marienstift wahr. Durch die Zugehörigkeit Wetzlars zum kurfürstlichen Reich des Herrn von Dalberg war zwar die 623 Jahre währende reichsstädtische Selbstverwaltung verloren, gleichzeitig arbeitete in Wetzlar eine äußerst effektive kurfürstliche Beamtenregierung. Durch den vorübergehenden Wegfall der ständigen Reibereien zwischen dem Rat der Stadt, den Bürgern und den Vertretern beider Konfessionen, wurden keine Unsummen mehr für Prozesse verschwendet, die Vetternwirtschaft mit bevorzugten Familien sowie die scheinbare Macht und die damit verbundene Selbstherrlichkeit beendet. Der Umstand der Aufhebung des Reichskammergerichts brachte gleichzeitig ab 1806 einen Verlust von rund 1000 Einwohnern mit sich.91 Um diesen daraus entstehenden Missständen etwas Abhilfe zu verschaffen, gründete der neue Landesherr im Jahr 1808 in Wetzlar eine Rechtsschule. Weiterhin profitierte die Bevölkerung von der Gründung eines Armenkollegiums im Jahr 1804. Der Hauptzweck dieses Armeninstituts bestand darin, Bedürftige zu unterstützen. Der neue Landesherr ließ die Ausfallstraßen verbessern, organisierte das zuletzt ziemlich verrottete Polizeiwesen und brachte der 90 Vgl. Flender, H., (1985c): Die Auflösung des Reichskammergerichts in Wetzlar, in: Flender, Vom historischen Erbe der Stadt Wetzlar, 2. Aufl., Wetzlar 1985, S. 279–287, hier S. 281 f. 91 Vgl. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 280 f. 77 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Stadt umfangreiche Neuerungen für den Feuerschutz und die allgemeine Hygiene.92 Neben den vollzogenen Maßnahmen durch die Beamten des neuen Landesherren wurde auch das eingezogene Vermögen des ehemaligen Marienstift s neu geordnet. So ließ Carl Th eodor von Dalberg einen gro- ßen Teil des Vermögens nicht im Staatsvermögen aufgehen, sondern brachte es in einen Dalberg’schen Kirchen- und Schulfonds ein.93 Von Dalberg regelte auch die zukünft igen Baukosten an dem Dom zu Wetzlar. So hatten die evangelische und die katholische Pfarrgemein- 92 Vgl. Flender, H., (1985c), a. a. O., S. 287. 93 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 84. Abb. 28: Carl Theodor von Dalberg Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 78 de je 9/24, der Dalberg’sche Kirchen- und Schulfonds 2/24 und die öffentliche Hand 4/24 der anfallenden Baukosten zu tragen.94 Im Hinblick auf die katholische Pfarrgemeinde war die Zuordnung allerdings nur nachrichtlicher Natur, da von 1803 bis 1812 in Wetzlar keine katholische Gemeinde existierte.95 Das Jahr 1815 brachte für die Stadt und den Dom noch einmal eine neue Epoche, die bis 1945 Bestand haben sollte. Wetzlar wurde am 9. Juni 1815 auf dem Wiener Kongress Preußen zugesprochen. Die Wetzlarer Bürger befürworteten diese Übernahme. So festigte sich die Zugehörigkeit zu Preußen rasch.96 Am 15. Juli 1815 wurden die Beamten und die Kirchenvorsteher auf Friedrich Wilhelm III., dem König Preu- ßens, vereidigt. Die zahlreichen politischen Veränderungen Anfang des 19. Jahrhunderts führten zu einem Stillstand bei der Instandhaltung des Wetzlarer Doms. So befand sich die Kirche baulich in einem miserablen Zustand. Eine besondere katholische Ausrichtung konnte während der Regierungszeit des Carl Theodor von Dalberg nicht festgestellt werden. Dies änderte sich aber durch das evangelische Preußen. Es kam zu einer klaren evangelischen Ausrichtung der Kirchenpolitik in Wetzlar. Dies sollte sich in den kommenden Jahren massiv auf das Verhältnis beider Konfessionen auswirken. So wurden verschiedene Prozesse durch alle Instanzen geführt, um streitige Besitz- und Nutzungsrechte gerichtlich durchzusetzen. Auch hier ging es wohl weniger um christliche Brüderlichkeit. Vielmehr waren die Konflikte mehr den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen geschuldet. Der Wegfall der „Reichsstadtherrlichkeit“ und die Auflösung des Reichskammergerichts führten zu einer Verarmung der Stadt Wetzlar. Aber auch die Säkularisierung des Stifts brachte für die Katholiken nach über 1000 Jahren der Eigenständigkeit eine völlig neue Situation. Ohne die gewohnte materielle Absicherung stand man nun auf eigenen Fü- ßen. Verbunden damit war auch der Wegfall der Befreiung von bürgerlichen Lasten und Diensten für die Angehörigen des Stifts.97 94 Vgl. Schmidt, H.: Der Wetzlarer Dombau-Verein, Wetzlar 2016, S. 7. 95 Vgl. Rudolph,F., a. a. O., S. 537. 96 Vgl. Flender, H.; a. a. O., S. 291. 97 Vgl. A. Schoenwerk, A., a. a. O., S. 281. 79 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Aber auch für die evangelische Gemeinde, wenn auch Jahre später, trat eine Rechtsänderung ein. Durch einen Zusammenschluss der Lutheraner und der Reformierten zu einer Gemeinde, entstand 1835 mit der Kirchenordnung für die evangelischen Gemeinden der Provinzen Westfalen und Rheinland, die selbständige Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar. Diese trat als Rechtsnachfolgerin der Stadt in die Rechte und Pflichten des von der Stadt Wetzlar verwalteten Kirchenvermögens ein. Bald nach der Neuordnung beider Gemeinden begannen erneut die Streitigkeiten über Besitz- und Nutzungsrechte des Gotteshauses. Zunächst bemühte man sich 1835 um eine gemeinsame Nutzung des Doms. Hiervon berichtet ein Schreiben des katholischen Pfarrers Wolf an den Bischof von Trier.98 Hierin wird ausführlich von dem Vorschlag der evangelischen Gemeinde berichtet, umfangreiche Renovierungsarbeiten im Inneren des Doms und am Dach durchzuführen. So plante man z. B. die Versetzung der katholischen Orgel, eine Reparatur der Fenster, die Beseitigung der Kirchenstühle und damit verbunden neue Kirchenbänke, eine Erhöhung des Bodens und die Beseitigung der aus der Reichskammerzeit noch vorhandenen Balkone. Dazu wurde ein Vorschlag über die Beteiligung an den Kosten durch die katholische Gemeinde gemacht. Der Bischof von Trier war von diesen Vorschlägen der evangelischen Gemeinde nicht begeistert, er sah wohl durch die Kostenbeteiligung ein Ungleichgewicht für die katholische Gemeinde. Gleichwohl befand sich der Dom im Inneren in einem desolaten baulichen Zustand, der dringend Abhilfe bedurfte. Insbesondere die Neugestaltung des Gestühls stieß auf Widerstand der katholischen Gemeinde. Seit mehreren Jahren hatte sich die Tradition herausgebildet, das die katholischen Gläubigen im Mittelschiff auf ihren gewohnten Stühlen dem Gottesdienst im Chor am Hauptaltar durch zwei Fenster im Lettner verfolgen konnten. Dies würde sich durch die neue Bestuhlung so nicht mehr gewährleisten lassen. Weiterhin waren noch 22 Altäre im Kirchenschiff vorhanden, die bei einer Renovierung des Kirchschiffs verschwinden sollten. Ebenso wurde der Wunsch einer Versetzung des romanischen Taufsteins widersprochen. Nach An- 98 Vgl. F. Schulten: „… zwo religionen beyeinander unter eynem dach …“, in: Mitteilungen des Wetzlarers Geschichtsvereins, Bd. 42, Wetzlar 2004, S. 85–142, hier: S. 124. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 80 sicht der evangelischen Gemeinde standen viele von den katholischen Gemeindemitgliedern geschätzte Übungen und sakrale Gegenstände einer Generalrenovierung im Wege. Einem Wunsch der evangelischen Gemeinde wurde allerdings stattgegeben. So wurde dem Antrag an die katholische Gemeinde, die Johanniskapelle als Sakristei zu nutzen, entsprochen. Der Wunsch, die 22 Altäre abzubauen, wurde in dieser Form abgelehnt. Nur die an den Pfeilern stehenden Altäre sollten abgebrochen werden. Die Frage der Finanzierung aller vorgesehenen Maßnahmen war noch nicht geklärt. Die katholische Gemeinde wollte sich an keinen Maßnahmen, die die Neugestaltung des Kirchenschiffs betrafen, beteiligen. Verstimmungen gab es auch über die Verwendung einer Spende des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. Die eigentlich zur Dachreparatur vorgesehene Spende wurde von den evangelischen Renovierern ausschließlich für die Innenrenovierung verwendet. Die dringend erforderliche Dachreparatur wurde dem Bauhof übertragen, bei dem die Katholiken zur Kostenbeteiligung verpflichtet waren. Im Innenbereich wurde dann umfassend mit der Renovierung begonnen. Das Gestühl wurde vollständig entfernt und die heute noch im Dom befindlichen Kirchenbänke im Hauptschiff und den Nebenschiffen wurden in Auftrag gegeben. Auch bei der Beseitigung der Altäre wurde keine Rücksicht auf die Interessen der Katholiken genommen. Alle 22 noch vorhandenen Altäre wurden vollständig beseitigt. Ebenso wurde ein 1507 gestiftetes spätgotisches Sank tuarium völlig zerstört. Dieses aus Marmor gearbeitete und rund 7 Meter hohe Sakramentshaus muss eine besonders prachtvolle Steinmetzarbeit gewesen sein. Detaillierte Angaben über sein Aussehen fehlen allerdings.99 Die von der evangelischen Gemeinde vorgenommene „brachiale Beseitigung“ katholischer Insignien zur Durchsetzung einer reformatorisch nüchternen Kircheninnenraumgestaltung stieß auf katholischen Widerstand. Die Höherlegung des Bodens des Schiffs von bis zu 2 Fuß (bis ca. 63 cm) brachte erhebliche Einschränkungen für die Katholiken mit sich. So war der gewohnte Durchgang zum Chor gesperrt sowie durch die Höherlegung und der geplanten Anbringung eines Altarbildes auf dem Altar, der Blick zum Chor durch die Fenster des Lettners nicht mehr möglich. Gegen diese geplanten Maßnahmen klagte die katholische Gemeinde. Der Streit konnte im Jahr 1839 beigelegt werden. 99 Vgl. Schmidt, H., a. a. O., S. 10. 81 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 82 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 9. Der Zunftleuchter und Marias Blick zum Prediger auf der barocken Kanzel Im Mittelschiff hängt seit 1500 ein Leuchter, der Maria mit sieben Engeln zeigt. Dieser Leuchter wurde von den Wetzlarer Zünften, den Wollwebern, den Bäckern, den Metzgern, den Schmieden, den Schneidern, den Leinwebern und den Schuhmachern gestiftet. Im Rahmen einer Renovierung von 1837 bis 1839 wurde der Leuchter abgehängt. 1844 wurde der Leuchter dann ohne Zustimmung der evangelischen Gemeinde und auf Veranlassung des katholischen Kirchenvorstands wieder auf seinen alten Platz im Mittelschiff aufgehängt. Das Presbyterium sah diesen Akt als einen unzulässigen Eingriff in ihre Rechte und klagte auf Wiederherstellung des alten Zustands durch Abnahme des Leuchters. Die Klage wurde bis 1849 geführt und in dritter Instanz abgewiesen. Begründet wurde dieses vom Gericht damit, dass der Leuchter früher in der Kirche hing und der katholische Kirchenvorstand nur den alten Zustand wieder hergestellt habe. Wenn man heute einen Blick auf solche Streitigkeiten wirft, dann schüttelt man den Kopf oder kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Weniger dramatisch stellt sich eine andere Geschichte, die sich um den Marienleuchter rankt, dar. So hält sich hartnäckig das Gerücht, dass immer wenn der evangelische Pfarrer seine Predigt von der imposanten Barockkanzel hielt, sich Maria, die in direkter Sichtweite zur Kanzel Blickrichtung auf den Pfarrer hat, langsam abwandte und dem Pfarrer ihren Rücken zuwandte. Das Drehen des Marienleuchters, der jahrhundertelang an einem Hanfseil befestigt war, habe seinen Ur- Abb. 29a: Marienleuchter und Kanzel G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en So fand man einen Kompromiss in der Platzierung der Kirchenbänke, der wieder einen Zugang zum Chorbereich ermöglichte. Gleichzeitig wurde das Altarbild auf der Kanzel so angebracht, dass es während des katholischen Gottesdienstes weggenommen werden konnte. Um den seit 1500 im Hauptschiff hängenden Marienleuchter zu schützen, hängte der katholische Dompfarrer den Leuchter ab. Die Wiederaufhängung nach den umfangreichen und zum Teil brachialen Renovierungsarbeiten in den Jahren 1837 bis 1839 führte zu einem Possenspiel zwischen den Konfessionen. Dem Prozess um den Marienleuchter folgte ein weiterer Prozess. So wurde seit Anbeginn an der südlichen Seite neben dem Chor eine offene Vorhalle von den Katholiken als Alleineigentum genutzt. Durch die im Schiff vorgenommen Erhöhung des Fußbodens lag diese Vorhalle Abb. 29b: Marienleuchter und Kanzel 83 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte sprung durch die Wärme der Gottesdienstbesucher, die nach oben steige. Heute hat man diesen „Frevel“ durch eine wärmeunempfindliche Nylonschnur unterbunden. So können sich aus dem Marienleuchter keine konfessionellen Streitigkeiten mehr ergeben. rund 2 Fuß niedriger. 1842 ließ der katholische Kirchenvorstand die Halle ebenfalls auf das Höhenniveau des Schiffs anpassen, ein weiteres Epitaph hineinstellen und die Eingangstreppe verändern. Der evangelische Kirchenvorstand sah hierin eine weitere Besitzstörung und erhob Klage. Auch diese Klage wurde in dritter und letzter Instanz abgewiesen.100 Den Akten beider Prozesse ist zu entnehmen, dass es dem evangelischen Kirchvorstand darum ging, das Kirchenschiff als rein evangelisches Eigentum zu klassifizieren. In den Akten ist bereits vom Kläger vermerkt, dass es sich bei dem Kirchenschiff um eine rein evangelische Kirche handele. Dies sollte sich aus weiteren Umständen ableiten lassen:101 • Die südliche Haupteingangstür verfügte über ein Schlüsselloch in der Symbolik eines „E“, für evangelisch. • Eine Tür auf der Südseite, zu der der katholische Küster den Schlüssel verloren habe, sei die eigentliche Haupttür, da sie direkt gegen- über dem Altar im Hauptschiff liege. Zudem verfüge die evangelische Gemeinde über den alleinigen Schlüssel. • Ein Opferteller der evangelischen Gemeinde, der während der Renovierung in der südlichen Vorhalle untergebracht wurde, sei als Zeichen des Miteigentums an der Halle zu werten. • In den Prozessakten wird der Dom von dem evangelischen Kläger als obere evangelische Stadtkirche bezeichnet. Dieser Umstand rechtfertige das evangelische Eigentum. • Im Schiff der Kirche sei kein Weihwasserbecken; dieser Umstand wurde als unumstößlicher Beweis für das evangelische Alleineigentum gewertet. Weitere, aus heutiger Sicht kleinliche Streitigkeiten, prägten die kommenden Jahre. So ließ der Wetzlarer Veteranenverein 1855 einen Glaskasten mit Denkmünzen Verstorbener aus den Freiheitskriegen im Schiff des Doms aufhängen. Dem Veteranenverein war dies mündlich von dem evangelischen Pfarrer gestattet worden. Der katholische Kirchenvorstand sah seine Rechte verletzt und hängte den Kasten wieder ab. Daraufhin beschwerte sich der evangelische Kirchenvorstand bei der zu- 100 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 85. 101 Vgl. Schulten, F., (2004), a. a. O., S. 132 f. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 84 ständigen Regierungsbehörde. Diese sprach der katholischen Kir chengemeinde das Recht zu, bei der Gestaltung des Kirchenschiffs mit zu entscheiden. Der Schaukasten mit den militärischen Dienstauszeichnungen wurde nicht wieder aufgehängt. Diese vielfältigen Streitereien scheinen sich immer weiter hochgeschaukelt zu haben. Man gewinnt den Eindruck, dass es nicht mehr um die eigentliche Sache ging, sondern grundsätzlich die Position der jeweils anderen Konfession zu schädigen. Vor diesem Hintergrund ist auch der in 1861 aufgeflammte Streit über die Nutzung der Johanniskapelle einzuordnen. 1837 bekam die evangelische Gemeinde die Erlaubnis, diese Kapelle als Sakristei zu nutzen. Nach gründlicher Instandsetzung nahm die evangelische Gemeinde die Kapelle als Sakristei in Benutzung. 1861 verlangte die katholische Kirchengemeinde vom Presbyterium, dass ihr der Raum alleine gehöre. Dies wur- Abb. 30: Vorhalle zur Nikolauskapelle, vormals Muttergotteskapelle 85 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte de von der evangelischen Gemeinde strikt abgelehnt. Der katholische Kirchenvorstand reichte daraufhin Klage ein. Die evangelische Seite wies auf den Besitzstand im Normaljahr 1624 hin, wo das gesamte Kirchenschiff in Nutzung der evangelischen Gemeinde stand. Als weiteres Argument wurde angeführt, dass die Kammer bis 1837 den Katholiken nur als Aufbewahrungsort von Gerümpel diente. Dies wurde vehement von der katholischen Seite bestritten. Der Prozess ging wieder über drei Instanzen und endete mit einem klaren Urteil für die katholische Seite.102 In die gleiche Kategorie fallen die ständigen Streitigkeiten über die Gottesdienstzeiten. So wurde von der katholischen Gemeinde 1856 Klage gegen die evangelische Kirchengemeinde geführt. Der evangelischen Kirchengemeinde sollte richterlich untersagt werden, während der Gottesdienstzeiten der Katholiken täglich von 7 bis 9 Uhr keine Gottesdienste zu halten. Die Begründung dazu lautete, dass die evangelische Gemeinde schon seit Jahrzehnten zu dieser Zeit keine Gottesdienste mehr abhielt und sie daher das in dem Vertrag von 1561 zugebilligte Recht dazu verwirkt hätte. Es wurde von evangelischer Seite zwar zugegeben, dass man in der letzten Zeit nicht mehr regelmäßig Gottesdienste zu der angesprochenen Zeit abgehalten habe, sich aber gleichwohl das vertraglich verbriefte Recht daran nicht nehmen lassen wollte. In diesem Falle wurde den Argumenten der evangelischen Seite gefolgt die damit zum ersten Mal in den vielen Klagefällen obsiegt.103 Offen geblieben dabei ist allerdings die praktische Umsetzung, inwiefern zwei parallel laufende Gottesdienste mit zwei Orgeln und zweifachen Choralgesang durchzuführen seien. Gleichzeitig bot dieses Urteil aber auch eine Chance, die Gottesdienstzeiten gütlich unter den beiden Konfessionen abzustimmen. Die Streitigkeiten nahmen mit dem Urteil über die Gottesdienstzeiten 1865 vorerst ein Ende. So herrschte bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts offensichtlich ein weitgehend einvernehmliches Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen. Probleme, die beide Gemeinden gleichermaßen betrafen, gab es Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Bausubstanz des Wetzlarer Doms war in großem Maße gefährdet und erforderte umfassende Maßnahmen. Zur Umsetzung dieser Maßnahmen waren beide Konfessionen gleichermaßen gefragt. 102 Vgl. Schulten, F., (2004), a. a. O., S. 136. 103 Vgl. Bock, H., a. a. O., S. 85. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 86 87 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Abb. 31: Johanniskapelle Bei einer heutigen Bewertung dieser aufgeführten Streitereien darf angenommen werden, dass die Auseinandersetzungen mehr auf persönliche Animositäten einzelner Mitglieder der beiden Kirchenvorstände zurückzuführen waren; Sachfragen spielten offensichtlich weniger eine Rolle. Ein großer historischer Verlust war die Beseitigung der noch 22 verbliebenen Altäre. Durch den nicht genehmigten Abriss aller Altäre endete eine über 800 Jahre alte Tradition des Marienstifts. Wenn auch durch die Säkularisierung im Jahr 1803 den Altären keine direkten Einkünfte mehr zugerechnet werden konnten, verlor die Kirche durch die endgültige Beseitigung der Altäre bedeutende sakrale Monumente tiefer Gläubigkeit der vergangenen Jahrhunderte. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 88 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 10 Die Bedeutung der verschwundenen Altäre Seit dem Mittelalter hatten die Altäre im Wetzlarer Dom bei den Geistlichen und bei den Bürgern eine große Bedeutung. So herrschte ein reger Wettbewerb um die Heiligen, denen die Altäre ihren Namen gaben und um das Seelenheil der Stifter im irdischen und besonders im ewigen Leben. Dem Marienstift floss ein großes Vermögen zu, das den Wohlstand der Stiftsherren und ihrer Angehörigen über Jahrhunderte absicherte. Die Stifter und ihre Familien hatten die Gewissheit, dass sie im ewigen Leben das Paradies finden werden. Dafür sorgten die Stiftsherren durch ihre täglichen Gebete. Fasst man die Altäre im Dom, in der Michaelskapelle und in der Walpurgiskapelle zusammen, so zählte man insgesamt 35 Altäre, die täglich betreut werden mussten.1 Im Dom wurden davon 29 Altäre gestiftet. Der älteste Altar reicht in das Jahr 1277 zurück. Er war dem Heiligen Aegidius geweiht und wurde von Eifelbert von Göns gestiftet. Dieser Altar stand im südlichen Querschiff. Weitere Altäre, die in diese Zeit fallen, waren dem heiligen Nikolaus geweiht und wurden von Siegfried von Dalheim gestiftet. An den Heiligen erinnert heute noch die an den Chorbereich in südlicher Richtung angrenzende Nikolauskapelle. Ein weiterer Altar, 1 Vgl. die ausführliche Darstellung über die Altäre Gloël, H., (1937): Die Wetzlarer Altäre im Mittelalter, Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsvereins, Heft 14, Wetzlar 1937, S. 38–68. G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 89 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte war dem Heiligen Petrus geweiht und wurde von Kunigunde von Driedorf 1286 begründet. Der Altar der Heiligen Drei Könige wurde 1338 vom Vikar Hartmann Meche gestiftet und von dem Kanoniker Petrus von Dutenhofen mit einer jährlichen Rente von 18 Schillingen dotiert, damit zu seinem Seelenheil eine Lampe auf diesem Altar immerwährend brennen sollte. Der Altar Johannes des Täufers, der im Südschiff der Kirche lag, wurde 1302 von dem Wetzlarer Bürger Werner und seiner Frau Sanne gestiftet. Sie dotierten den Altar mit erheblichen Mitteln zu Lebzeiten und verfügten für ihren Tod, dass ihre Begräbnisstätte vor dem Altar liegen sollte. Der Altar des Simon und Judas wurde 1338 von Hildegund Madersele gestiftet, die wiederum ihren Bruder als Vikar einsetzte. In der Stiftungsurkunde erklärte sie, dass sie eigentlich schon 26 Jahre vorher diesen Altar stiften wollte, aufgrund einer Feuerbrunst ihr Vermögen erheblich geschmälter wurde und sie daher erst jetzt gegen Ende ihres Lebens die endgültige Stiftung vornehme. Neben Hildegund bestätigte sich die gesamte Familie Madersele als fromme Stifter. Mit Beginn der Reformation verloren die Altäre nach und nach an Bedeutung. Die Nutzung des Kirchenschiffs mit ihren seitlichen Querschiffen durch die evangelische Gemeinde, wo die Altäre standen, erschwerte das ständige Beten um das ewige Seelenheil der Stifter und ihrer Nachkommen. So verwundert es auch nicht, dass nach einer Phase des Stillstandes im 17. und 18. Jahrhundert bei der umfangreichen Renovierung in den Jahren 1837 bis 1839 alle Spuren der Altäre getilgt worden sind. Heute erinnern lediglich noch kleine Nischen in dem nördlichen und südlichen Seitenschiff an diese besondere Zeit des Marienstifts. 3.2.6 Die Simultankirche im Vor- und Blickfeld zweier Weltkriege Im Vorfeld des 1. Weltkrieges wurden am Dom noch umfassende Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt. Die festgestellten Verfallserscheinungen am Mauerwerk erforderten eine akribische Bestandsaufnahme der Schäden und in der Folge eine große Renovierung des gesamten Doms. Diese Renovierungsarbeiten umfasste die Zeitspanne von 1903 bis 1910. Über den Zustand des Doms und die durchgeführten Erhaltungsmaßnahmen berichtete der damals zuständige Baurat Ernst Stiehl: „Im Inneren des Doms überstieg das Maß der erforderlichen Eingriffe erheblich die ursprünglichen Voraussetzungen. Die Gewölbe stellten sich als sehr schadhaft heraus, so daß viele von ihnen erneuert werden mußten. So ergab sich u. a. beim Mittelschiffgewölbe, daß eine Kreuzrippe vollständig fehlte und durch eine Holz- und Gipsausführung vorgetäuscht war, so daß sich die Gewölbekappen in gefahrdrohnender Weise nur gegeneinander abstützten. Der Lettner befand sich in einem sehr beschädigten Zustand, sämtliche Gliederungen seiner Nordseite waren beim Anbringen der dem Jahre 1832 entstammenden hölzernen Verlängerung abgeschlagen, von den Brüstungen der beiden Wendeltreppen waren nur noch Reste vorhanden.“104 Einen Hinweis auf die Besonderheit der Renovierung im Inneren aufgrund der simultanen Nutzung gibt ebenfalls Ernst Stiehl: „Besondere Schwierigkeiten für die weitere künstlerische Behandlung des Inneren lagen in der Benutzungsart der Kirche. Der Chor nebst Anbauten ist ausschließlich dem Dienste der katholischen Kirche geweiht, das Langhaus dient der evangelischen Gemeinde, wobei jedoch auch den Katholiken gewisse Rechte verblieben sind. Auch gehört den Katholiken das Gebrauchsrecht der Johanneskapelle an der Südseite des Schiffes. Auf dem Lettner, der durch beiderseitige hölzerne Anbauten entstellt war, stand die Orgel der Katholischen Gemeinde, unge- 104 Schulten, F., (1995), a. a. O., S. 36 Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 90 schlacht, mit häßlicher Westfront, die den Durchblick nach dem Chor fast völlig benahm. Der Chor selbst war durch Emporen in Höhe des inneren Umgangs verunstaltet. Lautgewordenen Wünschen, den Blick vom Schiff nach dem Chor durch Beseitigung der Lettnerorgel frei zu machen, konnte nicht entsprochen werden. Dafür ist es gelungen, Orgel und Empore durch neue Stücke zu ersetzen, die sich dem Schiffe wie dem Chore zweckmäßiger und schöner einfügen und auch dem wiederhergestellten Lettner gut anpassen. Im Langhaus entbehrte die evangelische Gemeinde der Sakristei und hatte sich die Zeit mit einem schalterraumartigen Einbau behelfen müssen, ein unwürdiger Zustand, der nicht belassen werden konnte.“105 Diese Schilderungen zeigen die Notwendigkeit einer umfassenden Renovierung plastisch auf. Schon 1880 wurde auf Verfügung des Regierungspräsidenten das Querschiff abgesperrt. 12 Jahre später folgte die Sperrung des Durchgangs neben dem Heidenturm und 1903 musste die gesamte Westfront gesperrt werden. Die Gefahr, durch herabfallende Steine verletzt zu werden, war zu groß geworden. Nach einer umfassenden Besichtigung durch die Baubehörde im Jahr 1900 und durch eine Ministerialkommission aus Berlin 1901 war eine Generalsanierung des gesamten Gebäudes unumgänglich. Eine Kostenschätzung ging von rund 1 Millionen Mark aus. Eine solch enorme Summe überstieg bei Weitem die Möglichkeiten der beiden Gemeinden. Heute kann man von Glück sprechen, dass der Dom gerade in Zeiten der Not stärker in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit, auch über die Grenzen Wetzlars hinaus, rückte. Seine Bedeutung als Kulturdenkmal wurde auch von Kaiser Wilhelm II. erkannt. Einen nennenswerten Beitrag dazu lieferte auch der im Oktober 1901 neu gegründete Dombau-Verein. Eine seiner wesentlichen Aufgaben bestand darin die Bürgerbeteiligung zu vertreten, als zentraler Kommunikationspartner gegenüber den Behörden aufzutreten und die finanzielle Abwicklung der Wiederherstellung zu übernehmen.106 Der Dombau-Verein steuerte 20.000 Mark zur Wiederherstellung des Heidenturms bei. Diese Mittel speisten sich aus den Mitgliedsbeiträgen, deren Zahl sich innerhalb kürzester Zeit auf rund 1000 Mitglie- 105 Schulten, F., (1995), a. a. O., S. 36. 106 Vgl. Schmidt, H., a. a. O., S. 19. 91 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte der steigerte. Eine Lotterie, die deutschlandweit zu Gunsten der Domrenovierung durchgeführt wurde, erbrachte 650.000 Mark, die Ei gen leistungen des Dombau-Vereins beliefen sich insgesamt auf 94.700 Mark, Kaiser Wilhelm II. spendete einen nennenswerten Betrag. Die Restkosten mussten von den beiden Gemeinden, dem Landkreis und der Rheinprovinz getragen werden. Kein Beitrag an der Renovierung entfiel auf den Dalberg’schen Fonds.107 Der zuständige Baurat Ernst Stiehl hat neben einer detaillierten Auflistung über die umfangreichen Schäden am und im Dom eine Reihe von bemerkenswerten Bleistiftskizzen über einen Dom im renovierten Zustand angefertigt. Beispielhaft sind die folgenden vier Skizzen, die den Dom jeweils aus der Sicht der vier Himmelsrichtungen zeigen: 107 Vgl. ebenda, S. 20. Abb: 32: Der Dom von der Ostseite Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 92 Abb: 33: Der Dom von der Südseite Abb: 34: Der Dom von der Westseite 93 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Die Beendigung der umfassenden Renovierungsarbeiten wurde am 10. und 11. Dezember 1910 mit einem evangelischen und einem katholischen Festgottesdienst gefeiert. Ganz konnte sich die Gemeinsamkeit beider Konfessionen immer noch nicht durchsetzen. So feierte die evangelische Gemeinde am Samstag, den 10. Dezember 1910, mit einem Festzug, einer Schlüsselübergabe und einem Festgottesdienst den renovierten evangelischen Teil. Anschließend fand noch ein festliches Orgelkonzert statt. Eingeladen zu dieser evangelischen Feier war auch der katholische Kirchenvorstand. Einen Tag später, am 11. Dezember 1901, fand die katholische Einweihungsfeier statt. Der Chor, als rein katholischer Bauteil, wurde vom Bischof von Trier geweiht. Zu dieser Feier war auch das Presbyterium eingeladen. Die beiden getrennten Einweihungsfeiern in einer simultan genutzten Kirche zu dieser Zeit symbolisierten immer noch das Trennende. Es wurde zwar nicht mehr gerichtlich gestritten, wie Jahrhunderte zuvor, ein Miteinander war aber immer noch nicht durchgehend erkennbar. Das ist auch belegt durch ein Schreiben der katholischen an die evangelische Gemeinde im Dezember 1901. Hier stand die Klärung der Frage im Mittelpunkt, ob und unter welchen Bedingungen die katholische Gemeinde den evangelischen Teil erhalten könne. Die juristische Eigentumsfrage war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geklärt. Die evan- Abb: 35: Der Dom von der Nordseite Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 94 gelische Gemeinde lehnte jegliche Verhandlungen über diese Frage kategorisch ab. Äußerungen des katholischen Küsters, der Dom sei eine katholische Kirche, führten zu einem regen Briefverkehr zwischen den Gemeinden. Gestritten wurde hier wieder um Belanglosigkeiten. Der Küster war zwar nicht das offizielle Sprechorgan der katholischen Gemeinde; gleichwohl wurden seine, möglicherweise unbedachten, Äußerungen sehr ernst genommen. Es wurde auch wieder auf die Trennung zwischen Schiff für die evangelische Gemeinde und den Chorbereich für die katholische Gemeinde hingewiesen. Fragen über die Kosten der Heizung wurden problematisiert, da der Chorbereich wesentlich kleiner war als der Bereich des Hauptschiffs und der Nebenschiffe. Der Bereich vor dem Lettner zum Schiff hin und die Frage, wer diesen Bereich sauber hält, war ein weiteres Thema. Eine starke Belastungsprobe stellte die Forderung der katholischen Gemeinde dar, nach dem evangelischen Gottesdienst den Altar vor dem Lettner im Hauptschiff abzudecken. Das führte dazu, dass der abgedeckte Altar von den Katholiken gelegentlich als Ablage für Hüte, Schirme und sogar für Zigarrenstumpen benutzt worden sei. Ein solches frevelhafte Verhalten sei nicht hinnehmbar. Ein weiterer Streitpunkt war das Üben auf der evangelischen Orgel. Während der Beichte sei es unangemessen, dass die evangelischen Organisten ihre Übungsstunden abhalten würden.108 Aber offensichtlich hatte man aus den Streitigkeiten der vergangenen Jahrhunderte gelernt. Nach dem Austausch mehrerer Schreiben hatte man für alle Uneinigkeiten eine Lösung gefunden. Aus dem Gegeneinander war nun ein weitgehend streitfreies Nebeneinander geworden. Bemerkenswert ist, dass für den Dom bis zu diesem Zeitpunkt immer noch kein Grundbuchblatt für beide Gemeinden angelegt war. Im Grundbuch von 1875 war die Parzelle auf den Dalberg’schen Kirchenund Schulfonds eingetragen. Nachdem diese Tatsache 1932 bekannt wurde, ließ die evangelische Kirchengemeinde einen Widerspruchsvermerk eingetragen. Es sollte noch bis 1978 dauern, bis die Eigentumsverhältnisse grundbuchrechtlich geklärt wurden. Weitere Vorkommnisse während der Zeit des 1. Weltkrieges, die das Verhältnis der beiden Konfessionen belasteten, sind nicht aktenkundig. Lediglich zwei Ereignisse, die beide Konfessionen betrafen, sind erwäh- 108 Vgl. zu den Streitigkeiten auch den Schriftverkehr in: Rudolph, F., a. a. O., S. 193– 199. 95 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte nenswert. So wurde 1917 die größte Domglocke mit dem Namen „Dammrich“ konfisziert und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Jahrhundertelang hatte diese Glocke beide Gemeinden mit ihrem Klang begleitet. Und 1924 enthüllte man ein Ehrenmal für die gefallenen evangelischen Gemeindemitglieder des 1. Weltkrieges. Dieses Ehrenmal ist bis heute im Dom auf einer Säule hin zum Nordschiff zu sehen. Auf Gussplatten sind 277 gefallene Gemeindemitglieder aufgelistet. Im Jahre 1933 wurde die katholische Gemeinde dem Bistum Limburg zugeordnet. So endete die über 1000 Jahre währende Verbundenheit mit dem Bistum Trier. Das Bistum Limburg ist gemessen an der Geschichte des Bistums Trier ein sehr junges Bistum. Die Geschichte des Bistums Limburg hängt eng mit dem Zusammenbruch der weltlichen und kirchlichen Machtverhältnisse nach der Französischen Revolution zusammen. 1806 wurde die katholische Kirche unter Aufsicht der evangelischen Landesherren gestellt. Das Herzogtum Nassau betrieb zusammen mit der Stadt Frankfurt den Plan zur Errichtung eines eigenen Bistums. Am 23. November 1827 wurde das Bistum Limburg gegründet. Die katholische Gemeinde in Wetzlar verblieb noch beim Bistum Trier, weil Wetzlar zum preußischen Rheinbund gehörte. Räumlich war Wetzlar als Enklave der fernen Rheinprovinz isoliert. Ein geographisch gebotener Anschluss des Landkreises Wetzlar an die Provinz Hessen-Nassau wurde erst 1932 vollzogen. Die Konsequenz für die katholische Gemeinde war die ein Jahr später vollzogene Zuordnung zum Bistum Limburg. Die evangelische Gemeinde gehört bis heute als geographisch wahrnehmbare Enklave zur Evangelischen Kirche im Rheinland. In einem Schreiben vom 28. September 1933 des Bischofs von Limburg, Antonius Hilfrich, an seine Gemeinde wird die Zuordnung an das Bistum Limburg wie folgt begründet: „… Nachdem der Kreis Wetzlar vor einem Jahr aus dem Verband der Rheinprovinz gelöst und dem Regierungsbezirk Wiesbaden angegliedert worden ist, hat der Hl. Vater wegen der weiten Entfernung von Trier und der Nähe der Bischofsstadt Limburg diese Anordnung getroffen. …“109 109 Brief des Limburger Bischofs Antonius Hilfrich an die neuen Diözesanen in Wetzlar vom 28. September 1933. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 96 Aus der Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 sind nur bruchstückhaft Unterlagen vorhanden. Die Machthaber im Dritten Reich haben kurz vor Ende des 2. Weltkrieges im Mai 1945 auch in Wetzlar umfangreich Akten vernichtet. Recherchiert man in den örtlichen Presseorganen dieser Zeit, so zeigt sich eine eindeutige Tendenz der Gleichschaltung zugunsten der nationalsozialistischen Machthaber. Insofern war die Lage in Wetzlar vergleichbar mit der in vielen Städten unter der Herrschaft der Nationalsozialisten. Unterlagen, die etwas über das Verhältnis der beiden Konfessionen unter einem Kirchendach aussagen, sind nicht zu finden. Das bedeutet aber nicht, dass sich nicht auch in Wetzlar Widerstand Abb. 36: Platten mit den Gefallenen des 1. Weltkrieges 97 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte regte. So wird von Verhaftungen und auch von Todesurteilen berichtet, die Kirchenvertreter und auch Privatpersonen betrafen.110 Aktivitäten, die den Wetzlarer Dom während des 2. Weltkriegs betrafen, waren die Entfernung von Kunstgegenständen aus dem Dom, der Bau von Stollen unter dem Dom und die Anordnung, das Gestühl aus dem Dom zu entfernen. Der Bezirkskonservator in Wiesbaden ordnete 1940 an, Kunstgegenstände aus dem Dom zu entfernen, die Plastiken zu sichern und den Domschatz in einem Schrank aufzubewahren. Die evangelische Gemeinde lehnte eine Kostenbeteiligung ab. Sie begründete die Ablehnung damit, dass es sich bei der Sicherung um ein öffentliches Interesse handele und kirchliche Belange davon nicht betroffen seien. Außerdem gehörten alle gesicherten Gegenstände der katholischen Gemeinde. Am 2. Juli 1942 wurden die Kunstschätze aus dem Dom in das Schloss Hohensolms gebracht.111 Eine weitere Maßnahme war der Bau von Stollen unter dem Dom im Jahre 1943. Stollen sollten aus nördlicher Richtung von der Hausergasse unter der Domtreppe bis zur Mitte des Hauptschiffs vorangetrieben werden. Das Preußische Staatshochbauamt erhob gegen diese Maßnahme im Oktober 1944 Einspruch beim Landrat des Kreises Wetzlars, da man um die gesamte Sicherheit des Dombauwerkes fürchtete. Der Landrat ließ sich von den Argumenten überzeugen und ordnete die Einstellung des Weiterbaus an. Im Dezember 1944 wurde vom Bezirkskonservator aufgrund der zunehmenden Luftangriffe die Anweisung erteilt, das Gestühl wegen Brandgefahr auszulagern. Diese Aufgabe sollten die Gemeindemitglieder übernehmen, da es an Handwerkern mangelte. Der Bombentreffer drei Monate später zeigte, dass diese Maßnahme nicht durchgeführt wurde und das Gestühl erheblichen Schaden nahm. Das Ende des 2. Weltkrieges und die Zerstörung des Wetzlarer Doms durch amerikanische Fliegerbomben am 8. und 9. März 1945 war Anlass für die beiden Domgemeinden, sich wieder mit gemeinsamen Themen der beiden Gemeinden im Dom auseinanderzusetzen. 110 Einen kurzen Überblick gibt B. Lindenthal: „Volksschädlinge“, „Staatsfeinde“ und „Rosinen-Nazis“, in Mitteilungen des Wetzlarer Geschichtsvereins, Heft 37, Wetzlar 1994, S. 125–189. 111 Vgl. Rudolph, F., a. a. O., S. 317. Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 98 3.2.7 Eine amerikanische Fliegerbombe als Wegbereiter für ein tolerantes Miteinander zweier Konfessionen Wetzlar und die benachbarte Stadt Gießen waren gegen Ende des 2. Weltkrieges umfangreichen Luftangriffen ausgesetzt. Fliegerangriffe der amerikanischen Luftwaffe am 8. und 9. März 1945, führten zu einem radikalen Eingriff in das Leben der evangelischen und katholischen Gemeinde. Aus einem Protokoll des katholischen Kirchenvorstands geht hervor: „Durch Fliegerangriff am 8. und 9. März 1945 wurde der Chor des Doms zerstört und das Dach und die Fenster der Michaelskapelle beschädigt. Ferner wurde das Küsterhaus völlig zerstört, das Pfarrhaus und das Gebäude Goethestraße 13 stark beschädigt. Sämtliche Fenster des Doms wurden völlig zerstört, Stephanuskapelle, Sakristei und Marienkapelle sind nicht benutzbar, Lettner und Hochaltar wurden durch den Luftdruck der Bombe hinweggefegt.“112 Neben diesen aufgeführten Zerstörungen kamen noch die beiden Orgeln, die im Südwesten angehängte Holzkanzel und eine größere Anzahl der Kirchenbänke hinzu. Die große Pieta, die Madonna auf der Mondsichel, die Monstranz und wertvoller Kirchenornat waren vorher ausgelagert worden und sind so der massiven Zerstörung nicht zum Opfer gefallen.113 Der Einsatzbefehl vom 8. März 1945 für die angreifenden Bomber beinhaltete die Städte Dortmund, Essen, Frankfurt, Betzdorf, Siegen und Dillenburg und „plötzlich auftauchende Ziele“. Zu diesen „plötzlich auftauchenden Zielen“ gehörte Wetzlar. Im Verlauf der Luftangriffe entdeckten die Piloten ein „plötzlich auftauchendes Ziel“, den Eisenbahnknotenpunkt Wetzlar und warfen insgesamt 836 Bomben über Wetzlar ab. Nach Beobachtungen und Aufzeichnungen erfolgten zwischen 14.20 und 14.35 Uhr drei Teppichabwürfe durch 40 Bomber auf Wohnviertel in der Oberstadt und dem Stadtteil Niedergirmes. Bei diesem Angriff 112 Schulten, F., (2004), a. a. O., S. 140 f. 113 Vgl. Rudolph, F., a. a. O., S. 319. 99 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 100 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 11. Die Aufräumarbeiten der Katholiken – ein Anstoß für ein neues Verhältnis der Konfessionen Durch die immensen Schäden waren für beide Konfessionen im Dom keine Gottesdienste mehr möglich. Der Chor, das Haupt- und die Nebenschiffe waren nach den Bombentreffern nicht mehr nutzbar. Die Katholiken feierten daraufhin ihre Ostergottesdienste Anfang April 1945 in der Michaelskapelle. Die räumliche Enge in der Kapelle, aber auch der Wunsch den Dom wieder als Gotteshaus nutzen zu können, führte zu der Aktivität der katholischen Gemeinde, das Schiff des Doms aufzuräumen. In der Woche nach Ostern wurde damit begonnen. Die katholischen Gemeindemitglieder schafften es innerhalb von 14 Tagen das Schiff von dem größten Schutt zu befreien. Wo jahrhundertelang der Lettner stand, wurde eine provisorische Bretterwand aufgestellt. Die noch vor dem Bombenwurf existierende Aufteilung der Gottesdienste der evangelischen Gemeinde im Schiff und der katholischen Gemeinde im Chor, erfuhr durch die Aufräumaktion eine Änderung. Beide Gemeinden gingen nun aufeinander zu und begruben ihre Streitereien. Insofern bekommt das geflügelte Wort über die „herbeigebombte Ökumene“ eine Wahrhaftigkeit, die sich im neuen Miteinander beider Konfessionen widerspiegelt. Abb. 37: Bombenschäden im Dom wurden auch der Dom und seine unmittelbare Umgebung schwer beschädigt.114 Die Sorge um den Erhalt und den Fortbestand des Wetzlarer Doms angesichts der schlimmsten Verwüstungen in der bisher über 1000-jährigen Geschichte, sorgten für eine neue Form der Beziehungen zwischen der evangelischen und der katholischen Gemeinde. Der damalige Landrat, dem dienstlich die Dombauverwaltung unterstand, gab den Anstoß für die Gründung des nunmehr dritten Dombau-Vereins. Dieser konstituierte sich bereits am 31. Januar 1946, um private Spendenmittel für den Wiederaufbau zu sammeln.115 Vor Instandsetzung der immensen Schäden trat die Frage in den Vordergrund, ob das Bauwerk möglichst originalgetreu restauriert werden sollte oder ob die beschädigten Teile in einer zeitgemäßen Fassung ausgebessert werden sollten. Die Entscheidung, den Wetzlarer Dom möglichst originalgetreu wieder aufzubauen ist unter den damaligen Umständen als eine äußerst mutige Entscheidung zu bezeichnen. Wenn man sich die Zeitumstände vor Augen führt, war der Aufbau des Doms aufgrund des steigenden Bedarfs an Wohnraum und Arbeit für die zahlreichen Flüchtlinge zweitrangig. Nach einer ersten Kostenschätzung wurden rund 125.000 Mark für eine einfache Wiederherstellung benötigt. Freiwillige Helfer waren mit den Aufräumarbeiten überfordert. Die mit Bleiklammern zusammengehaltenen Trümmer konnten nur mit schwerem Gerät durch Fachleute geräumt werden. Es fehlten Handwerker, die sich in Kriegsgefangenschaft befanden oder für den Aufbau neuer Wohnhäuser benötigt wurden. Baumaterialien wurden durch die Militärverwaltung bewirtschaftet und waren knapp. Die Reichsmark hatte faktisch keinen Wert mehr. Zudem wuchs die katholische Gemeinde stark und kam in Zukunft nicht mehr alleine mit dem Chorbereich für ihre Gottesdienste aus. So stellte sich die über 500 Jahre manifestierte Aufteilung zwischen den beiden Gemeinden in Chor und Hauptschiff für die katholische Seite als nicht mehr zukunftsträchtig dar.116 Angesichts der äußeren Umstände war es wie ein Wunder, dass der Dombau-Verein sozusagen aus dem Stand heraus 85.963 Reichsmark an 114 Vgl. Flender, H., (1985d): Die letzten Bombenangriffe auf Wetzlar im März 1945, in: Vom historischen Erbe der Stadt Wetzlar, 2. Aufl. Wetzlar 1985, S. 409–411. 115 Vgl. Schmidt, H., a. a. O., S. 24 f. 116 Vgl. Schmidt,H., a. a. O., S. 26. 101 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 102 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 12. Der Narr im Fenster – ein symbolhaftes Überbleibsel Etwas versteckt und nur bei genauerem Hinschauen kann man in einem Fenster auf der Nordseite in etwa 20 m Höhe eine kleine rote Figur erkennen. Diese Figur wirkt auf den ersten Blick etwas verloren, da dieser vermeintliche Farbklecks von unbemaltem Glas umrahmt ist. Bei dieser Figur handelt es sich um die Abbildung eines Narren, der die Zerstörung aller Kirchenfenster am 8. März 1945 als einziges Überbleibsel unbeschadet überstanden hat. Warum gerade der Narr übrig geblieben ist, kann nach Phantasie eines jeden Betrachters unterschiedlich interpretiert werden. Betrachtet man die zahlreichen Streitigkeiten der letzten Jahrhunderte zwischen beiden Konfessionen, so kann der Narr vielleicht als Mahner gesehen werden, die Diskussion über konfessionelle Unterschiedlichkeiten mit ein wenig Verständnis für den jeweils anderen zu führen. Die über Jahrhunderte geführten, zum Teil kleinlichen Streitigkeiten, hatten letztlich keinen Gewinner. Das zukünftige Zusammenleben unter den Augen des Narren soll uns vielleicht daran erinnern. Abb. 38: Der Narr im Kirchenfenster Spenden einsammelte. Damit konnte mit den ersten Baumaßnahmen begonnen werden. Aufgrund der Währungsreform 1948 reduzierte sich zwar das bis dahin nicht verausgabte Vermögen, das Interesse der Wetzlarer Bevölkerung an einer Erhaltung der Simultankirche nahm jedoch nicht ab, sondern führte zu weiteren Spenden in Höhe von 86.513 DM bis 1951. Das angestrebte Ziel, den Dom möglichst originalgetreu als das symbolträchtigste Wetzlarer Wahrzeichen zu erhalten, gab der Spendenbereitschaft weitere Schubkraft. So engagierten sich Wetzlarer Unternehmen in großem Maße. Zuschüsse aus Stiftungen, staatliche Zuschüsse und Beiträge der beiden Domgemeinden sicherten letztlich die Finanzierung des Wiederaufbaus. So konnte der Dom in seiner ursprünglichen Pracht wiederhergestellt werden. Die Domfenster, die alle durch den Bombenabwurf zerstört waren, wurden bis 1958 im Chorbereich erneuert. Während diese Chorfenster farbig ausgestaltet wurden, sind die Fenster im Haupt- und in den Nebenschiffen unbemalt eingesetzt worden. Lediglich ein kleines Bild auf einem Fenster der Nordseite wurde mit einem farbig gestalteten Narr im oberen Bereich ausgekleidet. Dieser Narr ist das einzige Überbleibsel der zerstörten Kirchenfenster. Einen symbolhaften Charakter hatte die Entscheidung der beiden Gemeinden, den zerstörten Lettner, der rund 500 Jahre beide Konfes- Abb. 39: Der Lettner als Trennungssymbol der Konfessionen 103 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 104 Abb. 40: Die Offenheit von Schiff und Chor als Symbol der Verbundenheit sionen auch optisch voneinander trennte, nicht mehr aufzubauen. So bekam der Dom als Simultankirche erstmals eine räumliche Offenheit, die auch in den kommenden Jahren das Miteinander charakterisierte. Beide Konfessionen hatten eine Form gefunden, die in dieser Art erstmals den simultanen Charakter wahrhaftig symbolisierte. Das Miteinander wurde durch weitere gemeinsame Absprachen gefördert. Aber auch Impulse von Außen förderten das Miteinander. So erhielt der romanische Taufstein einen neuen Standort in der ehemaligen Muttergotteskapelle vor der Nikolauskapelle. Abb.: 41: Romanischer Taufstein 105 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Die Pieta aus dem 14. Jahrhundert wurde würdig in der Johanniskapelle platziert. Die Nikolauskapelle kann wieder von beiden Konfessionen genutzt werden, die Eigentumsrechte wurden 1978 erstmal einvernehmlich geregelt. Ein großer ökumenischer Impuls kam durch Dr. Ernst Leitz II, der die großartige Orgel im Jahr 1955 beiden Gemeinden stifteten wollte. Aufgrund von noch zu klärenden Eigentumsrechte und der damit verbundenen Verpflichtung die Orgel instand zu halten, was wiederum mit Kosten verbunden war, kam es erst zwei Jahre später zum Vollzug der Stiftung an beide Gemeinden. Abb. 42: Pieta Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 106 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 13. Die „ökumenische“ Orgel – ein weitsichtiges Geschenk für ein Miteinander der Konfessionen Die heute im Dom von beiden Konfessionen für Gottesdienste und Konzerte verwendete Orgel, ist ein klangvolles und wahrlich großes Symbol für ein Miteinander. Der Weitsichtigkeit von Dr. Ernst Leitz II., einem bekannten Industriellen Wetzlars, ist es zu verdanken, dass der Wetzlarer Dom über eine ökumenische Orgel verfügt. Anlässlich seines 80. Geburtstages am 1. März 1951 stiftete Dr. Ernst Leitz II. die Orgel für beide Gemeinden. Im Juni 1951 ging der Auftrag an einen der führenden Orgelbauer Deutschlands, dem Hamburger Rudolf von Beckerath. Dem Stifter war es ein besonderes Anliegen, für die Ausführung der Orgel nur Material von bester Qualität zu verwenden. Das 1951 das Schicksal der seit Ende des 13. Jahrhunderts nachgewiesenen Geschichte der Orgeln im Wetzlarer Dom einen solchen Verlauf nahm, war auch dem Umstand geschuldet, das am 8. März 1945 die beiden Orgeln der katholischen und der evangelischen Gemeinde durch eine amerikanische Fliegerbombe zerstört wurden. Die Gemeinden waren so, nach rund 650 Jahren, erstmals ohne Orgelbegleitung bei ihren Gottesdiensten. Der erste Nachweis über eine Orgel geht bis in das 13. Jahrhundert zurück. Damit ist der Dom zu Wetzlar eine der ältesten Kirchen, bei der der Gottesdienst durch Orgelmusik begleitet wurde. Einer Urkunde aus dem Jahr 1297 ist zu entnehmen, dass einer der Stiftsherren in seinem Testament anordnete, sein Todesgedenken mit festlichem Orgelspiel zu begehen. 1510 stiftete die Familie von Bicken eine kleine Orgel. Damit verfügte der Wetzlarer Dom erstmals über zwei Orgeln. In den Wirren der Reformation einigten sich beide Gemeinden darauf, dass die große Orgel aus dem 13. Jahrhundert von der evangelischen und die kleinere Orgel aus dem Jahr 1510 von der katholischen Gemeinde genutzt werden sollten. 1664 berichtete der Wetzlarer Geschichtsschreiber Chelius darüber, dass die große Orgel nicht mehr gangbar gewesen sei und der Stadtrat eine neue Orgel angeschafft habe. Diese Orgel hielt nur 120 Jahre und wurde durch eine neue Orgel ersetzt. Auch die kleinere „katholische“ Orgel aus dem Jahr 1510 musste nach 150 Jahren ebenfalls ersetzt werden. Diese neue Orgel war äußerst re- 107 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 108 paraturanfällig und wurde 1893 durch eine neue Orgel von der „Orgelbau-Anstalt Klais zu Bonn am Rhein“ ersetzt. Diese Orgel und die Orgel der evangelischen Gemeinde taten, unterbrochen durch mehrere Reparaturen, bis zum Jahr 1945 ihren Dienst.1 Abb. 43: Die ökumenische Domorgel Nach der Zerstörung beider Orgeln war es ein persönliches Anliegen von Dr. Ernst Leitz II. beide Konfessionen zu einem friedvollen Miteinander zu bewegen. Hierbei sollte die gemeinsam zu nutzende Domorgel ein wegweisendes Symbol sein. Die Orgel wurde im Juni 1 Vgl. Schulten, F.: Von Glocken und Orgeln im Wetzlarer Dom, ohne Jahresangabe. G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 1953 geliefert. An einen Einbau war zunächst nicht zu denken, da die Bauarbeiten am zerstörten Teil des Doms noch nicht vollendet waren. Die Orgelteile wurden bis zum Beginn des Einbaus im August 1954 in Kisten verpackt bei der Firma Leitz gelagert. Am 14. Mai 1955 konnte die Orgel mit einem großem Bachkonzert durch den bekanntesten Orgelkünstler der Gegenwart, Professor Helmut Walcha, eingeweiht werden. Professor Walcha und von Beckerath hatten sich zuvor mehrfach im Dom getroffen, um die Intonation vorzunehmen, d. h. der Orgel die „Seele“ einzuhauchen und ihr Stimme und Leben zu geben.2 Einen Tag vor dem denkwürdigen Konzert wurde in einer Feierstunde die Unterschrift unter die Stiftungsurkunde gesetzt und zunächst die Orgel der Wetzlarer Stadtgemeinde übereignet. In dieser Urkunde wurde die Stadt Wetzlar verpflichtet, die Orgel zu pflegen, spielfähig zu halten und die dafür erforderlichen Gelder zu Verfügung zu stellen. Neben der Begleitung der katholischen und evangelischen Gottesdienste, sollte die Orgel auch für kulturelle Veranstaltungen zur Verfügung stehen. Über das Verhalten des Wetzlarer Stadtrates über die Verwendung dieses großzügigen Geschenkes gibt es zwei Sichtweisen. Die für die Stadt freundlichere Sichtweise verweist auf einen kleinen Umweg hin, bei dem es nötig war, juristisch zu klären, wie die Übertragung des Geschenks und die damit verbundene ideelle und monetäre Verantwortung auf beide Gemeinden erfolgen sollte. Die weniger freundliche Sichtweise geht davon aus, dass das Geschenk den politisch Verantwortlichen mit der monetären Verpflichtung einer ständigen Spielbereitschaft schlichtweg zu teuer war. Unabhängig von den beiden Sichtweisen wurde die Domorgel 1957 endgültig den beiden Gemeinden durch die Tochter von Dr. Ernst Leitz II., Dr. Elsie Kühn-Leitz, übergeben. Der „ökumenische“ Stiftungsgedanke von Dr. Ernst Leitz II., der ein Jahr zuvor verstorben war, wurde von seiner Tochter noch einmal in ihrer Rede an beide Gemeinden eindrucksvoll dargestellt: „Ich schätze mich glücklich, im Namen meines verewigten Vaters, Dr. Ernst Leitz sen., und als Bevollmächtigte der Firma Ernst Leitz, 2 Vgl. Eichhorn, J.: Der Mäzen – Eine neue Orgel für den Wetzlarer Dom, in K. Kühn-Leitz (Hrsg.), Ernst Leitz Wegbereiter der Leica, Königswinter 2006, S. 162–165, hier: S. 164. 109 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der von breiten Kreisen der Wetzlarer Bevölkerung getragene Wunsch, den Dom von beiden Konfessionen gleichberechtigt zu nutzen, hatte zur Folge, dass jede der Gemeinden ab 1954 endlich eigene und würdige Sakristeien beziehen konnten. Optische Werke, … das Schenkungsangebot über die Domorgel der Evangelischen Kirchengemeinde Wetzlar und der Katholischen Kirchengemeinde Dom „Unserer lieben Frau“ übermitteln zu dürfen. Es war ein Wunsch meines verstorbenen Vaters, dass diese herrliche Orgel, die Professor Rudolph von Beckerath in Hamburg gebaut hat, … im Dom zu Wetzlar zur Ehre und zum Lobe Gottes bei den Gottesdiensten beider Gemeinden erklingen soll, im Sinne der Kirche eines Herren, der alle wahren Christen dienen sollten.“3 Dieser Wunsch der Stifterfamilie findet bis heute durch die kirchlichen Feiern beider Gemeinden und den Konzerten angemessen Berücksichtigung. 3 Vgl. Eichhorn, J., a. a. O., S. 165. 14. Die getrennten Sakristeien Von Beginn der Reformationszeit in Wetzlar bis Anfang des 20. Jahrhunderts kam es immer wieder zu Konflikten bei der Nutzung der Sakristei beider Gemeinden. Ursprünglich nutzte die katholische Gemeinde die heutige Nikolauskapelle als Sakristei. Dies war dem Umstand geschuldet, dass der Zugang zu dieser Sakristei direkt durch den Chorbereich möglich war und so die evangelische Gemeinde im Schiff der Kirche nicht tangiert war. Während sich die evangelische Gemeinde bis 1837 mit Behelfslösungen eines abgetrennten Bereichs im Hauptschiff auf der Westseite zufrieden geben musste, konnte dann in diesem Jahr eine Einigung mit der katholischen Seite erzielt werden. Die evangelische Gemeinde bekam die Erlaubnis, die Johanniskapelle als Sakristei zu nutzen. Doch Streitigkeiten führten schon 1861 dazu, dass die katholische Seite auf Herausgabe der Johanniskapelle klagte. In ei- Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 110 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en nem Gerichtsverfahren wurde dem katholischen Kläger in der dritten Instanz die Nutzung der Kapelle zugesprochen. Die evangelische Seite musste sich fortan wieder mit Behelfslösungen zufrieden geben, bis man im Jahr 1954 auf der Nordseite der Kirche eine angemessene und würdige Sakristei für die evangelische Gemeinde baute. Durch die Vereinbarung, die Nikolauskapelle gemeinsam durch beide Konfessionen zu nutzen, zogen die Katholiken mit ihrer Sakristei in einen Raum, der an die Stephanus-Kapelle im Nordteil des Chorbereichs angrenzt und über einen Ausgang direkt zum Altarbereich des Chors verfügt. So können die Priester bei den katholischen Gottesdiensten über den Chorbereich in das Hauptschiff einziehen. Abb. 44: Eingang evangelische und katholische Sakristei G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 111 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Nie zuvor konnten so viele Punkte zwischen den beiden Konfessionen geklärt werden, wie in der Zeitspanne von rund 15 Jahren seit dem Bombenwurf 1945. Die neue Domorgel spielt zum Wohle beider Konfessionen und die beiden Sakristeien boten erstmals für die evangelische und die katholische Gemeinde einen würdigen Rahmen. Der verschwundene Lettner hatte auch optisch dazu beigetragen, dass keine klerikale Trennwand beide Konfessionen trennte. Die Kirchenbänke im Haupt-, den Nebenschiffen und im Chor konnten von Gottesdienstbesuchern beider Konfessionen benutzt werden. Über die Nutzung der Kirche als ein sakraler Raum für beide Konfessionen bestand Einigkeit. Abb. 45: Evangelische Sakristei von der Nordseite 15. Die evangelischen und die katholischen Kirchenbänke Im Rahmen der Generalrenovierung in der Zeit von 1837 bis 1839 bekam der Wetzlarer Dom neue Kirchenbänke. Damit wurde die gewohnte Sitzordnung durch Stehplätze und reservierte Stühle, die von Besuchern in der Kirche platziert wurden, aufgehoben. Die evangelischen Kirchenbänke sind nach einer Generalrenovierung, die der Bombenwurf in 1945 erforderlich machte, heute noch in ihrer historischen Form im Haupt- und in den Nebenschiffen zu finden. Zu Recht spricht 112 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en man hier von evangelischen Kirchenbänken, da sie für das in den katholischen Gottesdiensten übliche Hinknien keinen Raum bieten. Im Chorbereich stehen seit den 50er Jahren die katholischen Kirchenbänke, die zum Hinknien vorgesehen sind. Eine Besonderheit weisen diese katholischen Kirchenbänke auf. Zum einen können die Gottesdienstbesucher die Kirchenbänke durch eine Vorrichtung mit Blick gen Westen zum Hauptschiff besetzen und zum andern besteht die Möglichkeit, die Kirchenbänke in Ostrichtung mit Blick zum Altar im Chorbereich umzuklappen und die Gottesdienstbesucher in die andere Richtung zu platzieren. Diese Umklappvorrichtung wurde von einem Wetzlarer Schreiner entwickelt und auf Wunsch der katholischen Kirchengemeinde so angefertigt. Innerhalb von wenigen Minuten lässt sich so die Richtung sämtliche katholischer Kirchenbänke verändern. Abb. 46: Katholische und evangelische Kirchenbänke 113 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Der Abschluss einer gemeinsamen Domordnung 1957 klärte erstmals das Miteinander beider Konfessionen im Dom. Die in den vergangenen Jahrhunderten über die Gottesdienstzeiten geführten Streitigkeiten konnten durch die Domnutzungsordnung beseitigt werden. Am 9. Juli 1957 tauschten evangelische und katholische Vertreter ihrer Gemeinden die vom katholischen Kirchenvorstand und vom evangelischen Presbyterium unterzeichnete Vereinbarung im Rahmen einer Feierstunde aus. In der Präambel wird explizit auf den Wunsch und die Hoffnung beider Gemeinden hingewiesen, zukünftig ein harmonisches Miteinander zu pflegen: „Die Vertragschließenden wollen .. für die Dauer der Gültigkeit dieses Vertrages gelegentlich aufgetretene Ungewißheiten über die Abgrenzung der beiderseitigen Benutzungsrechte beseitigen. Sie wünschen und hoffen, daß die Anwendung des Vertrages die Erfüllung der geistlichen Aufgaben beider Gemeinden erleichtern und daß man bei der Vertragsauslegung immer diesem Ziel gerecht werden möge.“117 117 Vgl. Domordnung vom 7. Juli 1957. 16. Die Domnutzungsordnung von 1957 als Quelle bürokratischen Miteinanders Während der Zeit von Beginn der Reformation in Wetzlar bis zu den letzten Bombenangriffen des 2. Weltkrieges auf Wetzlar im März 1945, war das Miteinander beider Konfessionen durch zahlreiche Vereinbarungen geprägt, die mehr oder weniger beachtet wurden. Der Neuanfang, dokumentiert durch die gemeinsame Instandsetzung des Doms zu Beginn der 1950er Jahre, sollte durch eine von beiden Konfessionen getragenen Vereinbarung, das Miteinander stärken. Am 7. Juli 1957 wurde von den 13 Mitgliedern des Kirchenvorstandes der Katholischen Kirchengemeinde und von den 19 Mitgliedern des Presbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde eine 30 Paragraphen umfassende “Domordnung für den Dom zu Wetzlar“ verabschiedet. In der Präambel der Domordnung wurde auf die Vorgeschichte hingewiesen: Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 114 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en Im Jahre 1945 wurden im Dom der Lettner und die Orgeln beider Gemeinden durch Kriegseinwirkung zerstört. Dieser Umstand sowie Stiftung einer neuen Domorgel zugunsten beider Gemeinden, das Anwachsen der Katholischen Kirchengemeinde durch den Zustrom zahlreicher Heimatvertriebener nach Wetzlar und der Wunsch der Evangelischen Kirchengemeinde nach Verschiebung ihrer Gottesdienstzeit auf eine spätere Vormittagsstunde veranlassen die beiden unterzeichneten Kirchengemeinden diese neue Domordnung zu vereinbaren.“ Die Regelungen beziehen sich detailliert auf die Nutzung der Rechte im Kirchenraum sowie auf die Ausstattung des Kirchenraums. So sind das Eigentum der evangelischen Kirchengemeinde u. a. an dem Vierungsaltar, der Kanzel, dem Gestühl im Kirchenschiff, den Liedankündigungstafeln, den Gedenktafeln und das Eigentum der katholischen Kirchengemeinde u. a. an dem romanischen Taufstein, der Pieta, dem kreuztragenden Christus mit der Figur des Simon von Kyrene und dem Marienleuchter geregelt. Weiterhin wird die gemeinsame Nutzung des Vierungsaltars geregelt. Darüber hinaus wird der gemeinsame Unterhalt einer Orgel geregelt. Ebenso wird die Gestaltung von Bekanntmachungstafeln und Informationsregalen vereinbart. Die Pflege und die Erhaltung der Einrichtung sowie die Verantwortung bei Besichtigungen und die Kosten für die Heizung des Doms sind ebenfalls geregelt. Einen größeren Raum nehmen die Vereinbarungen über die Benutzungszeiten ein. Unter den §§ 23, 24, 25, 26 werden nach Monaten, Tageszeiten und besonderen kirchlichen Feiertagen die Nutzungszeiten vereinbart. Diese Nutzungszeiten sind seit dem Abschluss der Domordnung im Jahr 1957 bis heute mehrfach angepasst worden. Die schriftliche Vereinbarung von 1957 gibt somit beiden Konfessionen einen Orientierungsrahmen für die gemeinsame Nutzung des Doms. Davon unberührt bleiben mündliche Absprachen beider Gemeinden, die das bürokratische Miteinander erst umsetzbar gestalten. 115 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte Von den einen als formaler Akt, von den anderen als endgültige Beseitigung seit Anbeginn der Reformation schwelenden Streits über die Eigentumsverhältnisse, wurde die grundbuchrechtliche Eintragung des Eigentums an dem Wetzlarer Dom im Jahre 1979 gesehen. Abb. 47: Die Domnutzungsordnung von 1957 17. Die quotale Kostenverteilung und Grundbuch eintragung des Domeigentums Ein Verdienst des Carl Theodor von Dalberg als Rechtsnachfolger des säkularisierten Marienstifts war die Klärung der Frage des Dom erhalts und -unterhalts. Die von ihm 1808 eingeführte Regelung für die Aufteilung der anfallenden Kosten mit je 9/24 für die evangelische und katholische Gemeinde sowie 2/24 für den Dalberg’schen Kirchen- und Schulfonds und 4/24 für die öffentliche Hand war ein großer Verdienst. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kam es dann zu einer Neuregelung. Die Stadt Wetzlar hatte ab diesem Zeitpunkt 2/24 als Anteil der öffentlichen Hand zu tragen. Die verbleibenden 2/24 der öffentlichen Der Wetzlarer Dom als Simultankirche 116 G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en Hand entfielen auf den Landkreis. Dieser Anteil wurde später auf die beiden Kirchengemeinden übertragen. Ab 1982 wurde die Kostenaufteilung dann wie folgt geregelt: je 5/12 tragen die beiden Gemeinden, je 1/12 werden vom Dalberg’schen Kirchenfonds und von der Stadt Wetzlar getragen. Der Umfang der Baukosten übersteigt seit Jahren die finanziellen Möglichkeiten der seit 1982 festgelegten Kostenträger. Daher bezieht sich die Kostenaufteilung nunmehr primär auf die laufenden Kosten. Die Übernahme der immer wieder anfallenden Baukosten wird von Fall zu Fall geregelt. Zuständig für die Durchführung und die Überwachung der erhaltenden Maßnahmen ist seit 1982 die Dombauverwaltung. Unabhängig von der quotalen Aufteilung ist das grundbuchrechtliche Eigentum am Dom. Erst im Jahr 1978 wurde das Eigentum an dem rund 1100 Jahre alten Wetzlarer Dom erstmals offiziell geregelt. Dieser Einigung gingen lang andauernde Verhandlungen zwischen beiden Gemeinden voraus. In einem notariell beurkundeten Vertrag vom 21. Dezember 1978 wurden die Eigentumsverhältnisse zwischen den beiden Gemeinden geregelt und am 19. September 1979 ins Grundbuch des Amtsgerichtes Wetzlars eingetragen. Diese späte Grundbucheintragung mag zum einen darauf zurückzuführen sein, das in Deutschland nach der gesetzlichen Grundlage, der Grundbuchordnung, Kirchen nur auf Antrag einen Eintrag erhalten und man zum anderen bis zu diesem Zeitpunkt keine grundsätzliche Übereinkunft über das Eigentum erreichen konnte. Beide Gemeinden, die katholische und die evangelische Gemeinde stehen je zu 1/2 als Eigentümer des Wetzlarer Doms im Grundbuch. Die direkt an den Dom angrenzende Michaelskapelle wurde mit gleicher Urkunde zu 100 % der katholischen Domgemeinde als Eigentümerin zugeordnet. Zeitzeugen berichteten darüber, dass man der Öffentlichkeit dieser Grundbucheintragung eher skeptisch gegenüberstand und eine gewisse Zurückhaltung bei der Information dieses Sachverhaltes gegenüber den evangelischen und katholischen Gemeindemitgliedern übte. Einwendungen gegen die Eintragung konnten binnen eines Monats nach Bekanntmachung geltend gemacht werden. Um dies zu verhindern, soll der offizielle Aushang an wenig exponierter Stelle im Amtsgericht ausgehängt worden sein. So hält sich hartnäckig das Gerücht, dass man direkt vor dem Aushang das Plakat der Wetzlarer Festspiele für die laufende Saison platziert habe. 117 Die Simultankirche im Blickfeld der Jahrhunderte

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Zusammenfassung

Der Wetzlarer Dom ist eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands. Nicht zuletzt die beiden unterschiedlichen Türme geben Hinweise auf die Vielfalt der Baustile sowie auf eine bewegte Vergangenheit von Kirche und Stadt. Es waren die Reformation und der Status der Stadt Wetzlar als freie Reichsstadt, die zuletzt dazu führten, dass die katholische und die evangelische Gemeinde in Wetzlar sich den Dom noch bis heute teilen.

Jürgen Wegmann zeichnet die Entwicklung des Wetzlarer Doms in seiner Funktion als Simultankirche auf der Grundlage von historischen Quellen eindrucksvoll nach. Geschichten, Anekdoten und Erzählungen zeigen dabei das gegenseitige – und nicht immer einfache – Miteinander der katholischen und evangelischen Gemeinde im Kirchenalltag auf. Ergänzt werden diese im Buch markierten Episoden durch weiteres Bildmaterial, um so dem interessierten Leser einen noch besseren Einblick über die Simultanität des Wetzlarer Doms zu vermitteln.