4. Zukunftsperspektiven des Wetzlarer Doms als Simultankirche in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - ein Haus für zwei Konfessionen, page 119 - 124

Eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3427-9, ISBN online: 978-3-8288-6823-6, https://doi.org/10.5771/9783828868236-119

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
119 4. Zukunftsperspektiven des Wetzlarer Doms als Simultankirche Fünfhundert Jahre Reformation zeigen auch die wechselvolle Geschichte des Wetzlarer Doms. Während die ersten 500 Jahre durch die Bauten der romanischen und der dann folgenden gotischen Kirche dominiert wurden und sich in dieser Zeitspanne das Marienstift zu einer bedeutenden Institution neben dem Stadtrat, der Bürgerschaft und den Zünften entwickeln konnte, waren die weiteren 500 Jahre durch zum Teil heftige Auseinandersetzungen geprägt. Hierbei war kein Streit zwischen Bürgerschaft, Zünften und Stadtrat, so heftig wie der mit anhaltender Verbitterung und Ausdauer geführte Zwist um das Gotteshaus. Beide Konfessionen führten bis 1945 immer wieder Streitigkeiten um den Besitz und die Nutzung des alten und ehrwürdigen Doms. Durch die Wirren der Nachkriegszeit, dem Zuzug tausender Vertriebener katholischen Glaubens und einem in dieser Not gewachsenen Verständnis, begann in den 50er Jahren für beide Konfessionen in Wetzlar eine neue Zeit. Nicht alle Unterschiede verschwanden, gleichwohl war eine große Bereitschaft für ein Miteinander vorhanden. Ein solches Miteinander wurde und wird von den verantwortlichen Personen beider Gemeinden maßgeblich geprägt. Neben den Formalien, die im Jahr 1957 in einer gemeinsamen Domnutzungsordnung schriftlich fixiert und dann im Jahr 1979 in einer grundbuchrechtlichen Einigung noch einmal eindrucksvoll bestätigt wurden, sind es heute praktischen Handlungen, die die Ökumene in der Simultankirche erlebbar machen. Traditionell feiern beide Gemeinden am Pfingstmontag und an Silvester einen ökumenischen Gottesdienst. Ein weiterer ökumenischer Gottesdienst, der aus Anlass des 70-jährigen Gedenkens der Bombardierung und Zerstörung des Doms am dritten Fastensonntag begangen wurde, könnte sich als weiterer fester Termin für einen ökumenischen Gottesdienst anbieten. Tradition ist auch die Faschingsmatinee am Faschingssamstag, bei der der evangelische und der katholische Domkantor seit Jahren aktiv sind. Gut besucht sind ebenso die Konzerte der beiden Chöre, die sich seit Jahren zu einer festen Größe der Ökumene entwickelt haben. Die ökumenische Jugendarbeit profitiert auch schon lange von einem gemeinsamen Jugendchor. Die katholische Domgemeinde feierte 2017 zum 33. Mal ihren Domfasching. Ein Höhepunkt ist seit Jahren der gemeinsame Auftritt des evangelischen und katholischen Pfarrers als Wasserspeier Lubentius und Malachias. Die beiden Wasserspeier lassen das vergangene Jahr am Dom Revue passieren. Gemeinsame Spitzen für die Kirchenoberen in Düsseldorf und Limburg werden dabei nicht ausgespart. Ein weiterer Ausdruck ökumenischer Verbundenheit ist seit 2016 die Stele im Südschiff, die mit kleinen Namenstafeln an die Verstorbenen der evangelischen und katholischen Gemeinde des laufenden Jahres erinnert. Der jährliche Neujahrsempfang beider Konfessionen zeigt ebenfalls die Verbundenheit der Gemeinden. Um die Gemeinsamkeiten, aber auch die vorhandenen Verschiedenheiten im Wetzlarer Kirchenalltag zu integrieren, wurde ein Koordinierungsausschuss gegründet, der über die simultane Nutzung diskutiert und entscheidet. Dieser Ausschuss besteht aus 8 Mitgliedern, den Dompfarrern, den Kantoren und jeweils zwei Mitgliedern aus dem Presbyterium und dem Pfarrgemeinderat. Ein weiterer Ausdruck von Miteinander ist die Tatsache, dass beide Dompfarrer über den Schlüssel der Sakristei der anderen Konfession verfügen. Ruft man sich die jahrhundertelangen Streitigkeiten über die Nutzung der Sakristeien ins Gedächtnis, bekommt dieser mehr symbolische Akt eines Miteinanders eine besondere Bedeutung. Symbolhafte Bedeutung für Ökumene hat auch die handschriftliche Erstellung eines gemeinsamen Evangeliars, das 2012 angefertigt wurde und heute in den Gottesdiensten beider Gemeinden Verwendung findet. Betrachtet man die gemeinsamen Aktivitäten, so wird dadurch noch kein Zusammenschluss der seit 1517 getrennten Kirchen erfolgen. Gleichwohl zeigen diese kleinen praktischen Gemeinsamkeiten einen Weg auf, Ökumene erlebbar zu machen. 120 Zukunftsperspektiven des Wetzlarer Doms als Simultankirche Die Zukunft wird zeigen, wie der Weg des heute gelebten Miteinanders sein wird. Die Vergangenheit der 475 Jahre Simultankirche in Wetzlar zeigt, wie schwierig es von 1542 bis 1865 für beide Gemeinden am Dom war. Umfangreicher Schriftverkehr und Gerichtsakten sind dafür ein Beispiel. Aber auch die Jahre nach 1865 stellten mehr ein Leben nebeneinander als miteinander dar und sind kein Maßstab für das Umgehen beider Konfessionen in einer Simultankirche. Erst die Wucht einer Fliegerbombe und die mit dem Ende des 2. Weltkrieges erfahrene Not, führten beide Konfessionen näher zusammen. Wenn auch in den 1950er Jahren noch einige konfessionelle und persönliche Hindernisse der Verantwortlichen am Dom zu Wetzlar zu überwinden waren, ist heute eine Situation erreicht worden, die durch ein großes Maß an Miteinander geprägt ist. Diese Position kann man täglich an der Wetzlarer Kirchenbasis erfahren. Die Beantwortung der Frage, inwieweit sich dieses Verhalten auch in den Landeskirchen und den Bistümern durchsetzen wird, bleibt der Zukunft vorbehalten. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Erfahrungen mit 475 Jahren Simultankirche in Wetzlar genügend Raum bieten, die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal zu machen, dann können beide Gemeinden mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Die heute verstandene Einheit in der Verschiedenheit zeigt Wege der Versöhnung auf, die Ökumene ermöglicht. Zum Schluss noch eine Geschichte, die sich so tatsächlich abgespielt hat und zeigt, wie die ökumenische Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen auch in einem Kriminalfall, der die Simultankirche betraf, in der heutigen Zeit funktioniert: 18. Der Raub des Simon von Kyrene – eine wahre Kriminalgeschichte Im nördlichen Seitenschiff steht eine eindrucksvolle Figurengruppe, die den kreuztragenden Christus zeigt, der von Simon von Kyrene beim Tragen des Kreuzes unterstützt wird. Die Figurengruppe stammt aus dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts und wird zu den sog. Andachtsbildern gezählt. Bei dem kreuztragenden Christus handelt es sich um das Original, der Helfer ist eine Replik. Die Darstellung zeigt beide Personen in unterschiedlichen Größenverhältnissen. Dieser Grö- 121 Zukunftsperspektiven des Wetzlarer Doms als Simultankirche ßenunterschied lässt sich aus der mittelalterlichen Deutung ableiten, dass Christus aufgrund seiner zentralen Bedeutung größer dargestellt wurde. Dass beide Figuren heute wieder gemeinsam gezeigt werden können, ist nicht selbstverständlich. Die Figur des Simon von Kyrene wurde im Zusammenhang mit Renovierungsarbeiten im Dom im Jahre 1983 gestohlen. Damit wäre dann die Geschichte der beiden Figuren nach rund 500 Jahren beendet, wenn sich die Figur des Simon von Kyrene nicht 1997 wiedergefunden hätte. 14 Jahre lang gab es keine Spur über den Verbleib. Daher beschloss der Wetzlarer Dombau-Verein eine Nachschnitzung. Ein Jahr später gab es dann wieder 2 Exemplare des Simon von Kyrene, die Replik und das im Jahr 1997 wiederaufgetauchte Original, das sich heute in den Städtischen Sammlungen Wetzlar befindet. Am 2. Oktober 1997 wurde der evangelische Pfarrer durch einen Anruf eines kundigen Wetzlarer Bürgers informiert, der glaubte, in einem Antiquariat in Gießen eine Holzfigur gesehen zu haben, die dem gestohlenen Simon von Kyrene ähnelte. Nach Rücksprache mit dem katholischen Pfarrer und Erhalt eines Fotos der Figur, die sich seit Jahrhunderten schon im Eigentum der katholischen Gemeinde befunden hatte, machte sich der evangelische Pfarrer zwei Tage spä- Abb. 48: Simon von Kyrene G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en 122 Zukunftsperspektiven des Wetzlarer Doms als Simultankirche ter auf den Weg, um als Kunstliebhaber getarnt die Figur in Augenschein zu nehmen. Dies gestaltete sich zunächst etwas schwierig, da die Figur bereits zum Verkauf nach Wiesbaden in einem LKW verladen war. Nun drängte die Zeit. Der evangelische Pfarrer informierte die Polizei, die sofort tätig wurde und den abfahrbereiten LKW samt Ladung beschlagnahmte. Die beschlagnahmte Figur konnte tatsächlich als der vor 14 Jahren verschwundene Simon von Kyrene identifiziert werden. Am 6. Oktober 1997 kam die Figur wieder nach Wetzlar.1 1 Die Geschichte des Raubs des Simon von Kyrene basiert auf einem Text des evangelischen Dompfarrers Michael Stollwerk. 123 Zukunftsperspektiven des Wetzlarer Doms als Simultankirche

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Wetzlarer Dom ist eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands. Nicht zuletzt die beiden unterschiedlichen Türme geben Hinweise auf die Vielfalt der Baustile sowie auf eine bewegte Vergangenheit von Kirche und Stadt. Es waren die Reformation und der Status der Stadt Wetzlar als freie Reichsstadt, die zuletzt dazu führten, dass die katholische und die evangelische Gemeinde in Wetzlar sich den Dom noch bis heute teilen.

Jürgen Wegmann zeichnet die Entwicklung des Wetzlarer Doms in seiner Funktion als Simultankirche auf der Grundlage von historischen Quellen eindrucksvoll nach. Geschichten, Anekdoten und Erzählungen zeigen dabei das gegenseitige – und nicht immer einfache – Miteinander der katholischen und evangelischen Gemeinde im Kirchenalltag auf. Ergänzt werden diese im Buch markierten Episoden durch weiteres Bildmaterial, um so dem interessierten Leser einen noch besseren Einblick über die Simultanität des Wetzlarer Doms zu vermitteln.