1. Der Wetzlarer Dom – eineökumenische Besonderheit in:

Jürgen Wegmann

Der Wetzlarer Dom - ein Haus für zwei Konfessionen, page 1 - 8

Eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-3427-9, ISBN online: 978-3-8288-6823-6, https://doi.org/10.5771/9783828868236-1

Tectum, Baden-Baden
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1 1. Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit Wer den Wetzlarer Dom durch den heute offiziellen Eingang im Südteil betritt, stößt im Eingangsbereich auf zwei An schlagstafeln und zwei Regale mit Informationsmaterial. Abb. 1: Das Hauptportal auf der Südseite des Doms Dies ist für sich noch keine Besonderheit. Wenn man sich allerdings etwas näher damit beschäftigt, fällt auf, dass es sich zwar um optisch identische Tafeln und Regale handelt, die sich aber durch die in weiß gehaltene Aufschrift auf der oberen Seite konfessionell unterscheiden. Dem noch nicht kundigen Besucher drängt sich die Frage auf: „Wie ist das zu verstehen, dass im Wetzlarer Dom beide Konfessionen, die evangelischen und die katholischen Christen, gemeinsam in einem Gotteshaus vertreten sein können?“ Spätestens beim Versuch, eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu finden, steckt man mitten in der Diskussion über die Ökumene. Viele Besucher, unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder mit Kirche nicht viel anzufangen wissen, können sich nicht vorstellen, dass eine solche Gemeinsamkeit funktioniert. Zu groß sind die Abstände zur Kirche und die Vorstellungen über kirchliche Angelegenheiten. Spätestens, wenn man bei den Erklärungsversuchen darauf hinweisen kann, dass sich eine solche Gemeinsamkeit bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, ist die Neugierde geweckt. Um die Geschichte des Wetzlarer Doms reiht sich eine Reihe von Besonderheiten. Eine sprachliche Besonderheit ist die Bezeichnung „Dom“, Abb. 2: Informationsregale der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde 2 Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit 1. Kein Bischofsitz, aber Dom zu Wetzlar Folgt man den Wegweisern in Wetzlar zu seiner markanten Kirche im Zentrum auf den Berg in die Altstadt, führen einen die Hinweisschilder zum „Wetzlarer Dom“. Der Begriff des Doms hat in allen Verlautbarungen seit Ende des 17. Jahrhunderts Einzug gehalten. Bis zu dieser Zeit war der Begriff „Kirche“ die gängige Bezeichnung für das Gotteshaus. Verwendet man den Begriff „Dom“ so wird damit immer der Sitz eines Bischofs in Verbindung gebracht. Die Bezeichnung Dom hat ihren Ursprung im Begriff der „Kathedrale“. Dieser wird aus dem grie chischen Wort für Stuhl „kathedra“ abgeleitet. Gemeint ist damit der Sitz (Stuhl) eines Bischofs. Als zentrales Gotteshaus mit Sitz eines Bischofs bürgerte sich der Begriff „Domus Dei“ ein, woraus sich der deutsche Name „Dom“, lat. domus, „das Haus“ ableitet. Das Wort Dom ist somit die gängige Bezeichnung für die Hauptkirche am Sitz eines Bischofs. Folgt man dieser Interpretation, so ist der Wetzlarer Dom nie ein Dom gewesen, da sich in der über 1000-jährigen Geschichte nie ein Bischofssitz in Wetzlar befunden hat. Nahezu 1000 Jahre war der Bischof von Trier die oberste katholische Kircheninstanz in Wetzlar. Ab 1933 war der Bischof von Limburg für die katholische Gemeinde in Wetzlar zuständig. Die evangelische Gemeinde gehört seit der Ordnung der evangelischen Kirche in Deutschland zur evangelischen Kirche im Rheinland. Möglicherweise haben die Angehörigen des Reichskammergerichts, das von 1698 bis 1806 in Wetzlar seinen Sitz hatte, dazu beigetragen, dass man sich durch einen Dom ein wenig bedeutender vorkam. Diese Eitelkeit hat heute noch ihre Bedeutung und es schadet auch nicht, wenn man in Wetzlar von einem Dom spricht. Seit der Säkularisierung im Jahre 1803 wären intellek tuelle Streitigkeiten über die richtige Verwendung des Begriffs Doms nur schwer vermittelbar. G es ch ic ht en , A ne kd o te n un d E rz äh lu ng en Abb. 3: Hinweisschild zum Dom Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit 3 Wenn man sich den Wetzlarer Dom als Simultankirche in der heutigen Zeit näher anschaut, wird man zwangsläufig auf den häufig in aller Munde genommenen Begriff der Ökumene stoßen. Gerade im Zeitalter der sich ständig aktualisierenden Schlagwörter in allen Lebensbereichen macht es Sinn, sich auf die Historie der vermeintlich neuen Schlagwörter zurückzubesinnen. Das Wort Ökumene stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „die bewohnte Erde“. Die kirchliche Bedeutung beschreibt seit Kaiser Konstantin (272–337 n. Chr.) mit diesem Begriff die Gesamtheit der Christen. Heute steht der Begriff der ökumenischen Bewegung für das Streben der Christen nach einer weltweiten Einigung und Zusammenarbeit der verschiedenen christlichen Kirchen. Der Duden fasst unter dem Begriff Ökumene die Gesamtheit der Christen und der christdie die Wetzlarer Kirche auf dem Domberg ab Ende des 17. Jahrhunderts führt. Während der Zeitraum von 897 (der erstmaligen urkundlichen Erwähnung) bis 1517 (dem historischen Datum des Beginns der Reformation), im Einklang mit der Historie anderer bedeutender Sakralbauten steht, ist die Zeit vom 16. Jahrhundert bis heute maßgeblich durch die Bedeutung des Wetzlarer Doms als Simultankirche geprägt. Abb. 4: Präses Schneider und Papst Benedikt XVI 4 Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit lichen Kirchen zusammen und gibt als weitere Erklärung eine praktische Handlungsempfehlung: Ökumene: „(Theologische) Bewegung der christlichen Kirchen und Konfessionen zur Einigung in Fragen des Glaubens und zum gemeinsamen Handeln.“ Gerade in der heutigen Zeit bekommt die Ökumene, medial überhöht, eine Bedeutung, die mit dem täglichen Miteinander der evangelischen und katholischen Kirche nur wenig gemeinsam hat. So überschlugen sich die Ereignisse, als im Jahr 2011 der deutsche Papst Benedikt XVI. Deutschland besuchte und von unterschiedlichster Seite eine überhöhte Erwartung in die Gemeinsamkeiten beider Konfessionen gelegt wurde. Kurz nach der Abreise des Papstes ging man im ökumenischen Alltag wieder zur Tagesordnung über. Ebenso werden die 500 Jahre Reformation, die im Jahr 2017 begangen werden, den ökumenischen Gedanken wieder an die Oberfläche der Wahrnehmung einer interessierten und weniger interessierten Öffentlichkeit bringen. Nach Beendigung der reformatorischen Jubelfeiern wird man vermutlich schnell wieder zum ökumenischen Alltag übergehen. Was bleibt und sich seit knapp 5 Jahrhunderten mit seinem romanischen und gotischen Turm in den Wetzlarer Himmel reckt, ist die Sym- Abb. 5: 500 Jahre Reformation Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit 5 Abb. 6: Der romanische und gotische Turm des Wetzlarer Doms 6 Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit bolik des Wetzlarer Doms als steingewordenes Miteinander der evangelischen und katholischen Christen in Wetzlar. Die wechselvolle Geschichte des Wetzlarer Doms als Simultankirche war in den letzten fünf Jahrhunderten durch ein Auf und Ab des Miteinanders beider Konfessionen geprägt. Mal dominierten die Interessen der evangelischen Seite, dann wiederum traten die Interessen der katholischen Seite in den Vordergrund. Wenn auch der Beginn der Gemeinsamkeiten nach dem Erstarken der Reformation in Deutschland zu Beginn des 16. Jahrhunderts zunächst durch eine Dominanz der evangelischen Kirche in Wetzlar geprägt war, änderte sich die jeweilige Bedeutung beider Konfessionen im Laufe der Zeit. Neben Zeiten des Dominanzstrebens der Konfessionen gab es auch Zeiten eines harmonischen Miteinanders. Dieses Miteinander war nicht in jeder Simultankirche gegeben. So können wir einer theologischen Arbeit über Simultankirchen aus dem Jahr 1934 entnehmen1, dass die Simultankirchen in Deutschland eine nie versiegende Quelle konfessionellen Haders bildeten. Hader zwischen den Konfessionen gab es auch im Wetzlarer Dom, gleichzeitig waren die fünf Jahrhunderte Simultankirche zeitweise durch ein stabiles Maß an gegenseitiger Achtung und Toleranz geprägt. Dies führte im Jahre 1689 zu einem spektakulären Coup. In diesem Jahr siedelte sich das Reichskammergericht, das oberste Gericht des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, in Wetzlar an. Der ursächliche Grund war die Verwüstung der Stadt Speyer, des vormaligen Sitzes des Gerichtes durch französische Truppen. Die Wahl für die Ansiedlung des obersten Gerichts, die für die Stadt Wetzlar für 117 Jahre Ansehen und Wohlstand bedeutete, war auch dem Umstand geschuldet, dass in Wetzlar beide Konfessionen ihre Gottesdienste im Dom feiern konnten. Dies war nicht in jeder Stadt, die zur Auswahl stand, eine Selbstverständlichkeit. Insofern schien eine Voraussetzung für die evangelischen und katholischen Angehörigen des Reichskammergerichts gegeben zu sein, so dass sie ihre juristischen Arbeiten für das Heilige Römische Reich Deutscher Nation weitgehend frei von konfessionellen Streitigkeiten ausüben konnten. Doch dieser fromme Wunsch hatte während der 117 Jahre des Reichskammergerichts in Wetzlar nicht immer Bestand. Nach einer fünf Jahrhunderte andauernden wechselvollen Geschichte als Simultankirche hat man heute einen Punkt erreicht, der sich in 1 Vgl. Goeters, D.: Simultankirchen in der Rheinprovinz, Weimar 1934, S. 118. Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit 7 Zeiten schwindender Besucher der Gottesdienste und hoher Kirchenaustritte als stabiles und gutes Miteinander der beiden Konfessionen charakterisieren lässt. In einer Zeit, in der auch die Kirchen an ökonomischen Zwängen nicht mehr vorbei kommen, wären kleinliche konfessionelle Streitigkeiten eine unnötige Belastung. So hat man im Jahre 1978 erstmals juristische Regelungen geschaffen, die die Eigentumsverhältnisse, nach rund fünf Jahrhunderten, festzurrten. Dadurch sind eine Reihe von Streitpunkten über den finanziellen Erhalt und Unterhalt geklärt und damit einem Streit weitgehend entzogen. Hierdurch schufen ökonomische Zwänge ökumenische Notwendigkeiten. Streitpotentiale lagen über die fünf Jahrhunderte immer wieder in der gottesdienstlichen Nutzung des Wetzlarer Domes. In Abhängigkeit von der jeweiligen Dominanz der evangelischen oder der katholischen Kirche konnte man trefflich über Kleinigkeiten streiten; wie z. B. über die Zeitdauer der Gottesdienste. Wenn man auch bereits 1561 eine erste verbindliche schriftliche Vereinbarung über die Nutzung der evangelischen und katholischen Christen getroffen hatte, so wurde erst rund 400 Jahre später, im Jahre 1957 eine gemeinsame Domnutzungsordnung geschlossen. Nun war klar geregelt, wann der Gottesdienst und in welcher Länge für jede Konfession stattfand. 8 Der Wetzlarer Dom – eine ökumenische Besonderheit

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Zusammenfassung

Der Wetzlarer Dom ist eine der ältesten Simultankirchen Deutschlands. Nicht zuletzt die beiden unterschiedlichen Türme geben Hinweise auf die Vielfalt der Baustile sowie auf eine bewegte Vergangenheit von Kirche und Stadt. Es waren die Reformation und der Status der Stadt Wetzlar als freie Reichsstadt, die zuletzt dazu führten, dass die katholische und die evangelische Gemeinde in Wetzlar sich den Dom noch bis heute teilen.

Jürgen Wegmann zeichnet die Entwicklung des Wetzlarer Doms in seiner Funktion als Simultankirche auf der Grundlage von historischen Quellen eindrucksvoll nach. Geschichten, Anekdoten und Erzählungen zeigen dabei das gegenseitige – und nicht immer einfache – Miteinander der katholischen und evangelischen Gemeinde im Kirchenalltag auf. Ergänzt werden diese im Buch markierten Episoden durch weiteres Bildmaterial, um so dem interessierten Leser einen noch besseren Einblick über die Simultanität des Wetzlarer Doms zu vermitteln.