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Schlussbetrachtung in:

Carsten F.G. Reinhardt

Das Sterben Senecas, page 477 - 484

277 Todesfälle und die Rolle des Arztes in der frühen römischen Kaiserzeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4013-3, ISBN online: 978-3-8288-6821-2, https://doi.org/10.5771/9783828868212-477

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 35

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Schlussbetrachtung Die vorliegende Untersuchung verdankt wichtige Impulse der aktuellen Debatte über die Zulässigkeit von ärztlicher Tötungsassistenz im Rahmen der sog. Sterbehilfe für an unheilbaren Erkrankungen leidende Patienten, nicht zuletzt für Komapatienten und im Zusammenhang der juristischen und ethischen Probleme der sog. Patienten‐ verfügungen. Von Befürwortern einer Auflockerung der in Deutschland zur Zeit noch bestehenden gesetzliche Regelungen wird nämlich auch „historisch“ argumentiert, und zwar damit, dass die in vielen Ländern – noch – bestehenden Verbote ärztlicher Tötungsassistenz soziokulturell bedingt seien und vor der Einführung des Christen‐ tums in Europa kaum bestanden hätten.2227 Den Ausgangspunkt für die in dieser Arbeit vorgenommenen medizingeschichtli‐ chen Recherchen bildet die vor allem unter Berufung auf die näheren Umstände des Ablebens des römischen Staatsmannes und Philosophen Seneca vertretene Auffas‐ sung2228, dass in der frühen römischen Kaiserzeit von Ärzten assistierte Tötungen und Selbsttötungen von Menschen nichts Ungewöhnliches gewesen seien, jedenfalls in solchen gesellschaftlichen Kreisen, in denen man sich die Inanspruchnahme der Dienste von Ärzten „leisten“ konnte, d. h. vor allem in der unmittelbaren Umgebung der Kaiser oder auch im Kreise begüterter Angehöriger der Nobilität und des Ritter‐ standes, dem ja auch Seneca angehörte.2229 Zur Überprüfung dieser Hypothese wurden im ersten Kapitel dieser Untersu‐ chung die antiken Quellen über das Sterben Senecas daraufhin untersucht, inwieweit die darin bezeugten Fakten geeignet sind, die Auffassung zu stützen, dass darin ein Arzt involviert war.2230 Dabei ließ sich weder im Zusammenhang der Bemühungen Senecas, sich in Selbsttötungsabsicht stark blutende Verletzungen beizubringen, noch im Zusammenhang mit Bemühungen, sich durch ein Schierlingspräparat „Erleichte‐ rungen“ zu verschaffen, von einem Arzt geleistete Tötungsassistenz nachweisen. Nach den in dieser Untersuchung gewonnenen Erkenntnissen hat sich Seneca zu‐ nächst gemeinsam mit seiner Gemahlin mittelst eines Schwertes die Arme aufge‐ schnitten, anschließend sich selbst auch noch die Beine verletzt, um sich zu töten, – aber ohne jede Unterstützung durch Dritte, somit auch ohne Unterstützung durch einen Arzt. Im weiteren Verlauf seines Todeskampfes ließ Seneca sich zwar durch 2227 Vgl. Frewer, A.: Der Tod als Medizin? Euthanasie und Sterbehilfe in der Geschichte. In: Vorgänge, Heft 2 (2006), S. 24–35. Moog, F. P.: Zwischen Medizin und Politik, Ärzte am Hofe des römischen Kaisers Claudius, Kölner Universitätsjournal, Bd. 2/3 (2007), S. 9–28. Siehe auch in dieser Arbeit die Einleitung 2228 Vgl. dazu die Einleitung sowie die Vorbemerkungen zu Kap. 1; 2229 Vgl. Moog, F. P.: Zwischen Medizin und Politik, Ärzte am Hofe des römischen Kaisers Claudius, Kölner Universitätsjournal, Bd. 2/3 (2007), S. 9–28. 2230 S. o. Kap. 1; 477 einen Arzt ein Schierlingspräparat anreichen; dessen Einnahme war aber nach Anga‐ ben des Tacitus,2231 der allein dieses Detail überliefert, nicht todesursächlich. Es ist nach den in dieser Untersuchung angestellten Recherchen vielmehr davon auszuge‐ hen, dass es sich bei jenem Elixier um ein Schmerzmittel handelte, welches zwar unter Verwendung von Schierling hergestellt worden war, aber auf eine Art und Weise und in einer Dosierung, dass eine tödliche Intoxikation Senecas damit nicht zu bewerk‐ stelligen gewesen wäre2232. Im weiteren Verlauf unserer Bemühungen um eine Verifikation bzw. Falsifikation ärztlicher Tötungsassistenz in der frühen römischen Kaiserzeit wurden alle nament‐ lich bekannten Todesfälle der Zeit zwischen dem Tod des Augustus und der Ermor‐ dung Domitians statistisch erfasst, chronologisch und typologisch geordnet und dann daraufhin untersucht, inwieweit in jedem Einzelfall ärztliche Tötungsassistenz nach‐ gewiesen werden kann oder ausgeschlossen werden muss.2233 Dabei zeigte sich, dass in nur 3 – 4 Fällen von insgesamt 277 Fällen, d. h. in 1,08 – 1,44 % aller Fälle, eine Involvierung von Ärzten in den Quellen bezeugt oder angedeutet wird, aber auch in diesen Fällen nicht nachweisbar ist. Auf der Suche nach einer Erklärung für diesen bemerkenswerten Sachverhalt, aber auch um wenigstens annäherungsweise Aufschluss zu erhalten über die Wahr‐ scheinlichkeit von ärztlicher Tötungsassistenz in namentlich in den Quellen nicht er‐ wähnten unnatürlichen Todesfällen des o. g. Untersuchungszeitraums, wurde – unab‐ hängig von konkreten Fällen – versucht, Vorstellungen zu gewinnen, über Risiken, die Ärzte im Untersuchungszeitraum eingegangen wären, wenn sie, dem Druck oder den Verlockungen materieller oder immaterieller Anreize nachgebend, sich tatsächlich an der Tötung oder Selbsttötung von Patienten im Rahmen ihres berufsmäßigen Han‐ delns beteiligt hätten.2234 Zu diesem Zweck wurden die ökonomischen2235, juristischen2236 und ethi‐ schen2237 Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum dar‐ aufhin untersucht, inwieweit diese geeignet waren, die individuellen Entscheidungen von Ärzten für oder gegen Tötungs- oder Selbsttötungsassistenz zu beeinflussen. Da‐ bei wurde festgestellt, dass die besagten Risiken nicht zu unterschätzen sind: Da Ärzte und andere Heiler ihren Beruf in der frühen römischen Kaiserzeit in der Regel als Gewerbe zum Broterwerb ausübten, ausschließlich privatärztlich „liquidierten“, be‐ stand im Falle willentlicher Tötungsassistenz stets die Gefahr des Verlustes zahlungs‐ kräftiger „Kunden“, teils direkt, wenn sie sich aktiv an deren Tötung beteiligten, teils indirekt, weil sie damit rechnen mussten, dass der willkürlich von ihnen herbeige‐ 2231 S. o. Tac. ann. 15, 64, 3; 2232 Vgl. Kap. 1.3.3; 2233 Vgl. Kap. 2; 2234 Vgl. Kap. 3; 2235 Vgl. Kap. 3.1; 2236 Vgl. Kap. 3.2; 2237 Vgl. Kap. 3.3; Schlussbetrachtung 478 führte Tod eines Patienten von anderen Patienten als berufliches Versagen gedeutet wurde und sich dementsprechend für sie „geschäftsschädigend“ auswirkte.2238 Außerdem wurde aufgrund einer Analyse von Zeugnissen zur zeitgenössischen Strafjustiz ermittelt, dass Ärzte unter der Voraussetzung einer Beteiligung an der Tö‐ tung und Selbsttötung von Patienten ein hohes Risiko eingingen, wegen eines Tö‐ tungsdelikts strafrechtlich belangt zu werden, im Falle eines Schuldnachweises zum Tode verurteilt zu werden:2239 Niederrangige Ärzte und Heiler, Sklavenärzte oder Ärzte im Soldatenrang, hätten mit dem sofortigen Vollzug der Todesstrafe rechnen müssen, entweder erdrosselt, gekreuzigt oder Raubtieren zum Fraß vorgeworfen zu werden. Höherrangigen und vermögenderen Ärzten hätte im Falle einer Verurteilung mindestens eine lebenslängliche Verbannung und eine Konfiskation ihres gesamten Vermögens gedroht.2240 Darüber hinaus wurden auch Zeugnisse des zeitgenössischen ethischen Diskurses daraufhin untersucht, inwieweit „Philosophen“ und andere Schriftsteller im Untersu‐ chungszeitraum bereit waren, von Ärzten zu leistende Tötungs- und Selbsttötungsas‐ sistenz – ungeachtet bestehender gesetzlicher Verbote und Strafandrohungen – unter bestimmten Voraussetzungen zu tolerieren oder gar gutzuheißen.2241 Dabei ergab sich, dass weder die Äußerungen und Handlungen von „Philosophen“ des Untersu‐ chungszeitraums noch von zeitgenössischen Ärzten Anhaltspunkte dafür liefern, dass von Ärzten und anderen Heilern erwartet wurde, dass sie die strafrechtlichen Verbote der Tötung von Menschen durch Privatpersonen unterliefen.2242 Im Gegenteil: Gerade Ärzte des Untersuchungszeitraums lassen in ihren Äuße‐ rungen zu ihrem Berufsethos kaum Spielraum für Spekulationen, dass Ärzte u. U. auch bereit gewesen sein könnten, ihr berufliches Wissen und Können statt zur Hei‐ lung von Patienten auch zu deren Tötung einzusetzen. Eine gewisse Sonderrolle scheinen in diesem Kontext Äußerungen des frühchristlichen Arztes Lukas zu spie‐ len2243, – insofern man von einem christlichen Arzt kaum erwarten würde, dass er sich für von Ärzten zu leistende Tötungsassistenz aussprechen würde. Es konnte aber gezeigt werden, dass die heilerethischen Aussagen dieses Arztes ihrem Ursprung nach ebenso im Heilerethos hellenistischer Ärzte verwurzelt waren, wie die Aussagen an‐ derer zeitgenössischer Ärzte und Pharmazeuten, und diese somit bestätigten2244. Es ist also zu konstatieren: Die Hypothese, dass ärztliche Tötungsassistenz in der frühen römischen Kaiserzeit üblich gewesen sei, ist anhand der dazu überlieferten und zur Zeit bekannten historischen Quellen nicht zu begründen – und ist unter Be‐ rücksichtigung der gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung von Ärzten in der frühen römischen Kaiserzeit sowie nach den normengeschichtlichen Rahmenbedin‐ 2238 Vgl. Kap. 3.1; 2239 Vgl. Kap. 3.2; 2240 Vgl. Kap. 3. 2 2241 Vgl. Kap. 3.3.1 und 3.3.2; 2242 Vgl. Kap. 3. 4; 2243 Vgl. Kap. 3.3.3.4 2244 Vgl. Kap. 3.3.3.4.5 und 3.4 Schlussbetrachtung 479 gungen ärztlichen Handelns in der frühen römischen Kaiserzeit2245 auch in Bezug auf die Dunkelziffer in den Quellen nicht erfasster Fälle als unwahrscheinlich einzustu‐ fen, sowohl stochastisch als auch psychologisch2246. Dieser Befund konkurriert allerdings mit anderslautenden Einschätzungen nur in dem Maße, in dem sich diese auch auf den Zeitraum zwischen 14 und 96 n. Chr. und den damaligen Geltungsbereich des römischen Rechts beziehen, oder soweit sich jene Aussagen auf die ganze Antike beziehen, nur in dem Maße, in dem sich jene auf Sachverhalte stützen, die jenem „Untersuchungsraum“ zuzuordnen sind. Das erste gilt vor allem für die Einschätzungen von Autoren wie H. Diller, Th. Potthoff, P. Carrick, F. P. Moog, und A. van Hooff, das zweite für die o. e. Arbeiten von A. Frewer, U. Ben‐ zenhöfer, H. Brandt und Ch. Schubert.2247 All diese Autoren berufen sich bei der Ein‐ schätzung, dass ärztliche Tötungsassistenz in der Antike nicht unüblich gewesen sei, u. a. auf eine - nach dem in dieser Untersuchung ermittelten Befund – unzutreffende Beurteilung der causa Seneca2248. Für den in der vorliegenden Untersuchung erfolgten Ausschluss ärztlicher Tö‐ tungsassistenz wird aber – und das sei hier noch einmal betont – ein Geltungsan‐ spruch, der über den geographischen Raum des imperium Romanum2249 und den Zeitraum von 14 n. Chr. – 96 n. Chr. hinausweist, nicht erhoben. Für den dieser Epo‐ che vorausgehenden Zeitraum verböte sich dies schon allein deswegen, weil Ärzte im „römischen Gesundheitswesen“ in voraugustäischer Zeit noch keine große Rolle spielten und das imperium Romanum hinsichtlich seiner äußeren Grenzen, aber auch hinsichtlich seiner inneren Struktur praktisch noch nicht als ein den ganzen Mittel‐ meerraum umfassender einheitlicher Rechts – und Kulturraum existierte. Vielmehr bestand in diesem Gebiet vorher noch eine Vielzahl von einander unabhängiger Stadt und Stammesstaaten, selbst innerhalb der Grenzen des „römischen Reiches“, mit un‐ terschiedlichen bzw. wenigstens halbautonomen Rechtsordnungen2250 als Rahmenbe‐ dingungen auch für berufsmäßiges ärztliches Handeln. Für den dieser Epoche folgenden Zeitraum entfallen die meisten der o. g. Hinde‐ rungsgründe für eine Übertragung der von uns aufgestellten These über den Ausschluss ärztlicher Tötungsassistenz, – die zunehmende Verfestigung des Imperium Romanum als eines einheitlichen Rechts- und Kulturraums, in Verbindung mit dem wachsenden Einfluss der ethischen Vorstellungen des Christentums auf den normati‐ 2245 S. o. Kap. 3; 2246 S. o, Kap. 3.4; 2247 Vgl. Einleitung; 2248 Vgl. Kap. 1; 2249 Vgl. Bruckmüller, E., Harmann, P. C.: Putzger, s. o., Das römische Weltreich seit Caesar und Au‐ gustus, S. 40 – 41; 2250 Selbst in unserem Untersuchungszeitraum wurden unter römischer Herrschaft noch Gerichtsurtei‐ le von autochthonen Gerichtshöfen gesprochen (Vgl. dazu den Prozess gegen Jesus v. N, Tab I, 52) und vollstreckt (Vgl. die Steinigung des Stephanus, vgl. Tab. I, 53). Schlussbetrachtung 480 ven Diskurs2251 – und auch in Verbindung damit, dass der Stoizismus in der Antoni‐ nenzeit geradezu „hoffähig“ wurde, der den Suizid zwar akzeptierte, nicht jedoch ärztliche Tötungsassistenz2252, – rechtfertigt die Vermutung, dass auch in der Folgezeit ärztliche Tötungsassistenz innerhalb der Grenzen des Römerreiches unüblich war. – Aber dies ist ebenfalls „nur“ eine Hypothese, die ihrerseits beweispflichtig und nur in dem Maße als gültig zu erachten wäre, in dem sich auch für jene Zeit unnatürliche Todesfälle ausfindig machen ließen, bezüglich welcher ärztliche Tötungsassistenz si‐ cher auszuschließen wäre. Im Übrigen ist, ausgehend von den in dieser Arbeit ermittelten Erkenntnissen über das historische Problem ärztlicher Tötungsassistenz in der frühen römischen Kaiserzeit, grundsätzlich Vorsicht geboten gegenüber Versuchen, in der aktuellen De‐ batte über die „Sterbehilfe“ auch historisch zu argumentieren. Selbst wenn man da‐ von ausginge, dass die von einigen römischen Schriftstellern2253 Ärzten unterstellte Verwicklung in unnatürliche Todesfälle in unserem Untersuchungszeitraum in Über‐ einstimmung mit der Auffassung P. F. Moogs2254 der Wahrheit entsprächen, ließen sich einige dieser Beispiele auch nach heutigen Moralvorstellungen allenfalls als „Ver‐ brechen“2255 einstufen und ließen sich daher als Beispiele oder gar als „Vorbilder“ für Sterbehilfe im Bezugsrahmen der Geschichte der „Sterbehilfe“2256 kaum verwerten. Als mögliche Beispiele für „Sterbehilfe“ in der Antike, – im Sinne dessen, was darunter heute verstanden wird, – ließen sich allenfalls der „scheinbare“ Suizid des Calpurnius Piso2257, sowie die Bemühungen des Drusus Libo2258 und des Kaisers Ne‐ ro2259, ihre Dienerschaft dazu zu veranlassen sie zu töten, in den Bezugsrahmen der Geschichte der „Sterbehilfe“ einordnen, – und als ein besonders prominentes Beispiel für einen ärztlich assistierten Suizids auch das Verhalten des Leibarztes Senecas im Zusammenhang mit dessen Ableben2260. 2251 Vgl. dazu die Erkenntnisse über die Geschichte des hippokratischen Eides; s. o. Rütten, Th., Medi‐ zinethische Themen in den deontologischen Schriften des Corpus Hippocraticum, in Médicine et morale dans l´ antiquité, Genf 1997, S. 65–120; Schubert, Ch.: Der hippokratische Eid. Medizin und Ethik von der Antike bis heute. Darmstadt 2005. 2252 Vgl. dazu Kap. 3, 3 sowie den Fall „Hadrian“ (Kap. 3.0.2;); 2253 Vgl. dazu vor allem die von Tacitus behauptete Verwicklung des Arztes Xenophon in die Tötung des Kaisers Claudius (Vgl. Tac. ann. 12, 61. 67;) sowie Anspielungen der zeitgenössischer Dichter Martial (Vgl. dazu die in Kap. 3.1.2; erwähnten Beispiele) und Juvenal (Vgl. dazu Kap. 3.1.3) auf die angebliche Verwicklung von Ärzten in Tötungen. 2254 S. o. Moog, P. F., Zwischen Medizin und Ethik – Ärzte am Hofe des römischen Kaisers Claudius, in: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen, Baden Baden, Bd. 2/3, 2007, S. 9–28; 2255 Vgl. dazu die Fälle des Germanicus, (Tab. I, 5;) des Kaisersohnes Drusus (Tab. I, 9;), auch des Kai‐ sers Claudius (Tab. IV, 3;) sowie des Britannicus (Tab. IV, 5); 2256 Vgl. Benzenhöfer, U.: Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe. Göttingen 2009. Bergdolt, K.: Das Gewissen der Medizin: ärztliche Moral von der Antike bis heute, München 2004. Carrick, P.: Medical Ethics in the Ancient World. Washington, DC 2001. Frewer, A. Der sterbende Patient und die Medizin. Historische und philosphische Aspekte der Euthanasie-Debatte. Hanno‐ ver 2005. Potthoff, Th.: Euthanasie in der Antike. Münster 1982. 2257 S. o. Tab. I, 17; 2258 S. o. Tab. I, 3; 2259 S. o. Tab. V, 2 bzw. IX, 20;) 2260 S. o. Kap. 1 und Tab. IV, 21; Schlussbetrachtung 481 Der Tod der Calpurnius Piso erwies sich in dieser Untersuchung aber als das Er‐ gebnis eines lediglich vorgetäuschten Suizids, d. h. einer Fremdtötung im Auftrag Se‐ jans, also eines „Verbrechens“ und scheidet daher als Beispiel für „Sterbehilfe“ in der Antike ebenfalls aus. Die Bemühungen des Drusus Libo und Neros, ihre Dienerschaft zur Beihilfe zum eigenen Suizid zu bewegen, erwiesen sich nach den in dieser Unter‐ suchung gewonnen Erkenntnissen als erfolglos2261 und belegen daher eher, dass „akti‐ ve Sterbehilfe“, durch Dritte im Untersuchungszeitraum als ein ethisches und rechtli‐ ches „Tabu“ angesehen wurde, so dass ein Hinweis auf deren Verhalten in der aktuel‐ len Debatte argumentativ nur im negativen Sinne in Frage käme. Lediglich das Verhalten des Statius Annaeus, des Leibarztes Senecas, lässt sich im Kontext der Bemühungen des letzteren, sich selbst zu töten2262, - wenn auch unter Vorbehalten, - im Rahmen der aktuellen Debatte über die von Ärzten zu leistende „Sterbehilfe“ als antikes Beispiel diskutieren, - aber dennoch argumentativ keineswegs eindeutig zugunsten einer Erweiterung dieser Möglichkeiten. Denn es zeigte sich in dieser Untersuchung – im Widerspruch zu anderslautenden Einschätzungen2263, – dass sich der Arzt an den suizidalen Bemühungen Senecas nicht beteiligte, sondern erst aktiv wurde, als Seneca ihn ausdrücklich darum bat2264, – und zwar nicht um ihm ein tödlich wirkendes „Medikament“ anzureichen, sondern lediglich, um ihm ent‐ sprechend seiner Bitte ein Mittel zur Linderung der Schmerzen anzureichen, die er infolge der sich selbst an Armen und Beinen zugefügten Verletzungen zu erleiden hatte.2265 Im Hinblick darauf ist aber zu konstatieren, dass auch nach den zur Zeit in Deutschland geltenden Strafrechtsvorschriften über Tötungsdelikte die „Behandlung“ Sterbender mit starken Schmerzmitteln unbedenklich wäre, soweit die Verabreichung solcher Analgetika nicht kalkuliert in einer Dosierung erfolgt, die vorhersehbar und intentional den Prozess des Sterbens eines Patienten wesentlich beschleunigte oder verkürzte, – was aber im Falle Senecas nach den in dieser Untersuchung gewonnenen Erkenntnissen ausgeschlossen werden kann2266. Selbst wenn ein Patient die ihm zur Verfügung gestellten Schmerzmittel im Wi‐ derspruch zu den ihm mitgeteilten Dosierungsvorschriften unter dem Einfluss plötz‐ lich auftretender suizidaler Ambitionen unter den Augen eines Arztes, aber für diesen unvorhersehbar, überdosiert einnehmen würde, – was im Falle Senecas unter Berück‐ sichtigung der besonderen Umstände, unter denen Seneca von seinem Leibarzt das Medikament erbat, weder völlig ausgeschlossen noch als erwiesen angesehen kann – hätte das für den Arzt auch heute in Deutschland kaum strafrechtliche Konsequenzen. 2261 Lediglich einer der vier Begleiter Neros auf dessen Flucht aus Rom, nämlich Epaphroditus (Vgl. da‐ zu: Tab. V, 2 und Tab. IX, 20;), ließ sich nach den hier gewonnen Erkenntnissen dazu bewegen, Neros Wunsch zu erfüllen, ihm dessen Schwert in das Jugulum zu stoßen und aus der Wunde wie‐ der herauszuziehen. 2262 S. o. Kap. 1 und Tab. V, 2 und IX, 20;) 2263 Vgl. dazu Kap. 1.0.2; 2264 S. o. Tac. ann. 54, 3; 2265 S. o. Kap. 1, insbesondere Kap. 1.1.3.4 und 1.3.2 und 1.3.3; 2266 S. o. Kap. 1.3.3; Schlussbetrachtung 482 Man würde in einem solchen Falle allerdings erwarten, dass der Arzt unverzüglich Maßnahmen zur Magenentleerung bei dem Patienten einleitete, um die Wirkung der Toxine abzuschwächen, – worauf Annaeus Statius aber verzichtete. Andererseits erscheint es jedoch als fraglich, ob der bis zum Zeitpunkt der medi‐ kamentösen Behandlung Senecas zu beobachtende Verzicht des Arztes auf eine Inter‐ vention in dessen suizidale Bemühungen, in Deutschland zur Zeit ebenfalls noch als strafrechtlich unbedenklich angesehen würde. Es wäre vielmehr davon auszugehen, dass die dafür zuständigen Strafverfolgungsbehörden heute gegen den Arzt in einem solchen Fall wegen „unterlassener Hilfeleistung“2267 ermittelten. Und der Arzt hätte im Falle des Nachweises, dass ihm eine Vereitelung des vor seinen Augen versuchten Suizids „... den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Ge‐ fahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich … “ gewesen wäre, dass er auch unter Anklage gestellt und zu einer „ … Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr … “ verurteilt würde2268. Denn aus medizinischer Sicht gilt Suizidalität in Deutschland immer noch als Krankheitssymptom2269 und ein konkreter Suizidversuch dementsprechend als medi‐ zinischer „Notfall“, der nach herrschender Auffassung eine unverzügliche Interventi‐ on erfordert, den möglichen Erfolg der suizidalen Bemühungen zu verhindern. Auf der Grundlage dieser medizinischen Einschätzung erfüllte die Missachtung dieser „Verpflichtung“ aus dem Blickwinkel von Juristen den Straftatbestand der „unterlasse‐ nen Hilfeleistung“, bezüglich dessen bei Personen in „Garantenstellung“ gegenüber dem Suizidenten, etwa bei nahen Verwandten, bei Polizisten, aber auch bei Ärzten, damit zu rechnen wäre, dass im Falle einer gerichtlichen Verurteilung das gesetzlich vorgesehene Strafmaß (von bis zu einem Jahr Haft) voll ausgeschöpft würde, soweit ein solches Verhalten nicht wegen einer entsprechenden gültigen „Patientenverfü‐ gung“ als legitimiert einzustufen wäre2270. Daher könnte das Verhalten des Leibarztes Senecas allenfalls als Vorbild für eine stärkere, über das Rechtsinstitut der sog. Patientenverfügung hinausgehende2271 Sanktionierung des Anspruchs von Patienten dienen, lebensverlängernde Maßnah‐ men durch Rettungsmediziner und Ärzte auszuschließen, – also für „passive Sterbe‐ hilfe“, – keinesfalls als Vorbild für eine Erweiterung der Rechte Dritter, auf Wunsch des Patienten den Tod durch aktives Handeln herbeizuführen oder zu beschleunigen, also für „aktive Sterbehilfe“. Berücksichtigt man, dass es sich bei dem Suizid Senecas nach dem übereinstimmenden Urteil der darüber berichtenden Quellen nicht um einen „Freitod“ handelte, sondern um eine von Nero erzwungene Selbsttötung, ent‐ fällt auch diese Möglichkeit. 2267 Vgl. § 323 c StGB: Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Ge‐ fahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. 2268 S. o. § 323 c StGB; 2269 Vgl. Bronisch, Th.: Der Suizid. Ursachen, Warnsignale, Prävention. München 2007. 2270 Vgl. dazu § 1901 a BGB; 2271 Vgl. nach § 1901 a BGB; s. o. Die Einleitung in dieser Untersuchung; Schlussbetrachtung 483 Ähnliches gilt für die hier ermittelten Erkenntnisse über die in unserem „Unter‐ suchungsraum“ für gültig erachteten rechtlichen, ethischen und standesethischen Normen2272. Der Verfasser verbürgt sich für deren Gültigkeit als historisches Faktum nur innerhalb des hier untersuchten chronologisch und geographisch eindeutig um‐ schriebenen Raumes. Die Frage, inwieweit man diesen Normen einen Vorbildcharak‐ ter im Bezugsrahmen der gegenwärtigen Debatte über die Weiterentwicklung der sog. Sterbehilfe einräumen sollte, überlässt er mangels Zuständigkeit für die wissenschaft‐ liche Beurteilung normativer Streitfragen, der Beurteilungskompetenz von Juristen, Ethikern und Politikern bzw. dem deontologischen Gewissens eines jeden verant‐ wortlich handelnden Arztes. 2272 S. o. Schlussbetrachtung 484

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Zusammenfassung

In der Debatte über gesetzliche Neuregelungen der Sterbehilfe, die in bestimmten Fällen mit dem Willen von Patienten Ärzten und Pflegepersonal erlaubt werden soll, vertreten vor allem Altertumswissenschaftler, Medizinethiker und Medizinhistoriker die Auffassung, dass in der Antike, vor allem in der frühen römischen Kaiserzeit, ärztliche (Selbst-)Tötungsassistenz keine Seltenheit war. Ein konkreter Beweis für die Gültigkeit dieser Hypothese steht aber noch aus. Steht zum Beispiel der Tod des Augustus in Zusammenhang mit ärztlicher Tötungsassistenz? Standen den Mördern der Kaisersöhne Germanicus und Drusus ärztliches Wissen und ärztliche Beihilfe zur Verfügung? War an der Ermordung des Kaisers Claudius tatsächlich ein Arzt beteiligt? Hat sich der Philosoph und Staatsmann Seneca von seinem Leibarzt Annaeus Statius die Adern öffnen und zum Zwecke der Selbsttötung den Schierlingsbecher reichen lassen? Holte Nero tatsächlich ärztlichen Rat ein, bevor er seinen Stiefbruder Britannicus kurz vor dessen 14. Geburtstag vergiften ließ?

Carsten F. G. Reinhardt analysiert zur Beantwortung dieser Frage 277 unnatürliche Todesfälle dieser Zeit sowie die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im römischen Kaiserreich. Anhand historischer Quellen und gestützt auf heutiges medizinisches Wissen ergründet der Autor, ob eine ärztliche Tötungsassistenz im Falle Senecas und anderer namentlich bekannter unnatürlicher Todesfälle des Untersuchungszeitraums nachweisbar ist.