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Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum in:

Carsten F.G. Reinhardt

Das Sterben Senecas, page 337 - 476

277 Todesfälle und die Rolle des Arztes in der frühen römischen Kaiserzeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4013-3, ISBN online: 978-3-8288-6821-2, https://doi.org/10.5771/9783828868212-337

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 35

Tectum, Baden-Baden
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Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum Vorbemerkungen Das wesentliche Ziel dieses letzten Abschnittes unserer Untersuchung besteht darin, Aufschluss über die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns in der frühen römischen Kaiserzeit zu gewinnen, – wissenschaftlich-heilkundlicher, poli‐ tisch-rechtlicher und ethisch-moralischer Natur. Das geschieht zum Teil zu dem Zweck, die bislang in Kapitel 1 und 2 ermittelten Befunde über die Inzidenz von ärzt‐ licher Tötungs- und Selbsttötungsassistenz besser zu verstehen, zum Teil in der Er‐ wartung, dass sich von den Ergebnissen der Erforschung der berufsspezifischen Handlungsspielräume von Ärzten der frühen römischen Kaiserzeit auch Rückschlüs‐ se auf die Wahrscheinlichkeit ärztlicher Tötungsassistenz ziehen lassen. In den ersten beiden Kapiteln dieser Studie wurde versucht, diese Frage auf der Grundlage der Untersuchung tatsächlich nachweisbarer konkreter unnatürlicher To‐ desfälle im Untersuchungszeitraum zu beantworten. Das Ergebnis dieser Untersu‐ chungen lieferte einen klaren Befund: Konkrete Todesfälle, an deren Herbeiführung Ärzte oder andere Heiler willentlich und wissentlich beteiligt waren, sei es durch akti‐ ves Handeln, sei es durch zielbewusstes Unterlassen von medizinisch erfolgverspre‐ chenden Maßnahmen, konnten hier nicht nachgewiesen werden. Dennoch ist die Ge‐ samtzahl der hier untersuchten Fälle, 277 in einem Zeitraum von ca. 82 Jahren (zwi‐ schen 14 n. Chr. und 96 n. Chr.), nicht so groß, dass mit letzter Gewissheit auszu‐ schließen wäre, dass in dem einen oder anderen Fall der sicherlich größeren Gesamt‐ zahl von unnatürlichen Todesfällen, welche die Autoren der hier untersuchten Quel‐ len aber nicht für erwähnenswert hielten, eine ärztlich Tötungsassistenz eine Rolle ge‐ spielt hat. Teils um Rückschlüsse eben auf diese Dunkelziffer, lediglich aus überlieferungs‐ geschichtlichen Gründen unbekannter Fälle ziehen zu können, teils um den Befund der in den Kapiteln 1 und 2 durchgeführten Einzelfallprüfungen besser zu verstehen, soll im Folgenden untersucht werden, welche Risiken ein Arzt eingegangen wäre, wenn er im Untersuchungszeitraum, statt Kranke zu therapieren, gelegentlich auch Beihilfe zur Tötung oder Selbsttötung geleistet hätte. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen, wird an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich betont: Trotz der Verlagerung des Erkenntnisinteresses von dem kon‐ kreten Verhalten von Ärzten im Bezugsrahmen einzelner Tötungs- und Selbsttö‐ tungsfälle des Untersuchungszeitraum auf die sozial- und normengeschichtlichen Rahmenbedingungen dieses Verhaltens wird auch in dieser Phase unserer Untersu‐ chung primär nicht eine inhaltliche Auseinandersetzung mit bestimmten Einzelnor‐ Kapitel 3: 3.0 337 men angestrebt, etwa unter dem Aspekt einer möglichen Relevanz im Kontext der ak‐ tuellen Debatte bezüglich der in Deutschland geltenden Rechtsnormen für berufs‐ mäßiges Handeln von Ärzten, – sondern eine Analyse von zeitgeschichtlichen Quel‐ len zu dem tatsächlichen Verlauf der Diskussion darüber im Untersuchungszeitraum. Auch in diesem 3. Abschnitt unserer Untersuchung ist das Hauptanliegen nicht nor‐ mativer Natur, sondern historisch deskriptiver Art: Es besteht in einem Erkenntnis‐ gewinn über historische Sachverhalte, auch wenn als Hauptgegenstände der Untersu‐ chung in diesem Kapitel nicht bestimmte historische Ereignisse und Vorgänge, son‐ dern bestimmte Ergebnisse historischer normativer Diskurse fungieren. Zur Quellengrundlage Bei den dazu erforderlichen Recherchen ist auf sehr heterogenes Quellenmaterial zu‐ rückzugreifen. Die oben durchgeführten Einzelfalluntersuchungen haben gezeigt, dass in den erhaltenen historiographischen Quellen zur Geschichte der frühen römi‐ schen Kaiserzeit dem berufsmäßigen Handeln von Ärzten nur in Ausnahmefällen Be‐ achtung geschenkt wird, im Zusammenhang des Ablebens bestimmter Persönlichkei‐ ten nur bei Tacitus, und zwar im Zusammenhang der Berichterstattung über das En‐ de des Kaisersohnes Drusus1513, des Kaisers Tiberius selbst1514, des Claudius1515 und Senecas1516, – außerdem erwähnt Tacitus die Hinrichtung des Arztes Vettius Va‐ lens1517, aber ohne jeden Hinweis auf einen Zusammenhang mit der Ausübung seines Berufs. Ansonsten erwähnt lediglich Sueton einen Arzt in unserem Untersuchungs‐ zeitraum, Antonius Musa, den Leibarzt des Augustus1518, aber auch ohne Hinweise auf die Möglichkeit der Involvierung dieses Arztes in den Tod des Augustus. Bei Cas‐ sius Dio werden Ärzte in dem Untersuchungszeitraum überhaupt nicht erwähnt, we‐ der als Täter noch als Opfer im Zusammenhang von Todesfällen mit unnatürlichen Todesursachen. Es ist möglich, dass in einigen verlorengegangenen zeitgenössischen Geschichts‐ werken, in Schriften des Aufidius Bassus, des Cluvius Rufus, Fabius Rusticus, Servilius Nonianus sowie Senecas und Plinius d. Älteren1519, auch die gesellschaftspolitische Rolle von Ärzten ausführlicher behandelt wurde, in Bezug auf ein Geschichtswerk des älteren Plinius, den Tacitus auch als Historiker geschätzt zu haben scheint1520, ist das sogar wahrscheinlich, insofern sich Plinius in der allein überlieferten historia naturalis 3.0.1 1513 Vgl. Tab. I, 9; 1514 Vgl. Tab. II, 1; 1515 Vgl. Tab. IV, 3; 1516 Vgl. Tab. IV, 21; 1517 Vgl. Tab. III, 35; 1518 Vgl. Tab. I, 1; vgl. Suet. Aug. 59. 81, 1; Vgl. Hahn, J., Antonius Musa, in: Leven, K.-H.: Antike Me‐ dizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 62. 1519 Vgl. dazu bes. Bengtson, H.: Römische Geschichte, München 1976, Bd. I, S. 276. 1520 Vgl. Tac. ann. 1, 69; 13, 20; 15, 53; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 338 auch zur gesellschaftspolitischen Rolle von Ärzten äußert1521; da die o. e. Geschichts‐ werke verloren gegangen sind, lässt sich darüber aber allenfalls spekulieren. Um so bedeutsamer sind als Quelle zur Ermittlung der gesellschaftlichen Rolle von Ärzten in der frühen römischen Kaiserzeit Ausführungen des älteren Plinius in seiner erhaltenen „Naturgeschichte“. Plinius stellt seinen Ausführungen über Heil‐ pflanzen eine kurze Darstellung über die Entstehung und die Geschichte verschiede‐ ner Ärzteschulen voran, in der er auch die therapeutische „Innovationsfreudigkeit“ und „Geschäftstüchtigkeit“ vieler Ärzte, nicht zuletzt namhafter zeitgenössischer rö‐ mischer Ärzte charakterisiert und damit indirekt auch deren Ethik kritisiert. Eine ähnliche Tendenz ist in der zeitgenössischen Belletristik zu beobachten, ins‐ besondere in einigen Epigrammen Martials und in den Satiren Juvenals. Auch einzel‐ ne Werke dieser Poeten sind zum Zwecke der Analyse des Berufsethos von Ärzten der frühen römischen Kaiserzeit als Quellen heranzuziehen. Als Grundlage zur Beurtei‐ lung der Ethik frühkaiserzeitlicher Ärzte, sowohl in normativer wie auch in empirischpragmatischer Hinsicht, kommen auch die philosophischen Schriften Senecas sowie dessen Satire über die Vergöttlichung des Claudius1522 in Betracht; hierbei ist aber zu berücksichtigen, dass Seneca die ethischen Aspekte von Tötung und Selbsttötung nicht bezogen auf das Handeln der Angehörigen bestimmter Berufe oder Stände re‐ flektiert, sondern universell als humanistisches Problem. Als weitere zeitgenössische Quellen zur Erforschung der soziokulturellen Rah‐ menbedingungen für ärztliches Handeln kommen auch Werke in griechischer Spra‐ che schreibender Autoren in Betracht, wie Texte Philons von Alexandrien1523, des Fla‐ vius Josephus1524 und der Verfasser des NT. Dabei ist zu berücksichtigen, dass weder Philon von Alexandrien, noch Flavius Josephus in ihren Werken expressis verbis die gesellschaftliche Rolle von Ärzten behandeln, sondern lediglich die Aktivitäten von Mitgliedern einer Gruppierung innerhalb des zeitgenössischen Judentums beschrie‐ ben, die aber angeblich durch ihr besonderes Interesse für Fragen der Heilkunde in Erscheinung traten. Ähnliches gilt auch für das NT. Nach der Darstellung der Evangelisten, insbeson‐ dere des Verfassers des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte, der wahrschein‐ lich selbst den Beruf eines Arztes ausübte1525, verdankten der Religionsstifter Jesus von Nazareth1526 und dessen „Schüler“, die Apostel, insbesondere ein gewisser Saul 1521 Vgl. Plin. nat. 29, 1–8; 1522 Als wichtige Quellen zu den ethischen Implikationen des Tötungshandelns von Ärzten sind die Apokolokyntosis und die epistulae morales heranzuziehen. 1523 ca. 20 v. Chr.–42 n. Chr., vgl. Grote, A., Philon v. Alexandria, in: Leven, K.-H., Hrsg.: Antike Medi‐ zin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 695–696; 1524 Kottek, S., Josephus Flavius, in: Leven, K.-H., Hrsg.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 471–472; 1525 Vgl. Schulze, Chr.: Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittelalter, Tübingen 2005, Nr. 161, S. 126. Stamatu, M., Nächstenliebe, in: Leven, K.-H., Hrsg.: Antike Medizin. Ein Le‐ xikon. München 2005, Sp. 638–640, insbes. Sp. 639; anders. Kollmann B. (Vgl. Lit.-Verz.); dazu Näheres s. u. Kap. 3.3.3.4; 1526 Vgl. Amundsen, B./Ferngren, G. B., Jesus, in: Leven, K.-H., Hrsg.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 467–468; 3.0 Vorbemerkungen 339 aus Tarsos (genannt Paulus), ihre „Missionserfolge“ u. a. ihrem Auftreten als „Wun‐ derheiler“. Paulus übte nach frühchristlicher Überlieferung zwar den Beruf eines Zelt‐ machers1527 aus, ließ sich auf seinen großen Missionsreisen aber eigenen Angaben zur Folge oft von einem Arzt begleiten1528. Somit stellt sich das Christentum aus dem Blickwinkel des Historikers, nicht zuletzt des Medizinhistorikers, in der Phase seiner Entstehung, also innerhalb unseres Untersuchungszeitraums, nicht nur als „Heilsleh‐ re, sondern auch als „Heilerreligion“1529 dar, das auch nach außerchristlicher Überlie‐ ferung spätestens zur Zeit Neros auch schon in Italien und Rom selbst Fuß fasste1530. Daher wird man im Interesse der Erforschung der Erwartungen, die vor allem in einfacheren Bevölkerungskreisen an das berufsmäßige Handeln von Ärzten geknüpft wurden, auch die Schriften des frühen Christentums nicht ignorieren dürfen, insbe‐ sondere das dritte Evangelium und die Apostelgeschichte. Aber auch von Ärzten au‐ ßerhalb des Christentums, von zeitgenössischen „Schulmedizinern“ wie A. Celsus1531 und Scribonius Largus1532 sind Reflexionen über den Sinn der von ihnen bevorzugten Therapien und Heilmittel überliefert, aus denen sich Rückschlüsse auf das berufliche Selbstverständnis von Ärzten im Untersuchungszeitraum ziehen lassen, auf deren standes- und berufsethische Vorstellungen. Zur Frage der strafrechtlichen Implikationen der Involvierung von Ärzten in un‐ natürliche Todesfälle wäre es im Prinzip nötig, auf den Wortlaut der betreffenden Ge‐ setze zurückzugreifen, insbesondere auf das Zwölftafelgesetz und auf die lex Cornelia de sicariis et veneficiis. Aber da davon nur Fragmente und testimonia überliefert sind, hauptsächlich in Gerichtsreden Ciceros, aber auch in den Digesten des Gaius und an‐ derer Rechtsgelehrter der römischen Kaiserzeit, ist das natürlich nicht möglich, - aber zu verkraften, da die übrigen o. g. Quellen auch Rückschlüsse auf die Praxis der Deu‐ tung jener gesetzlichen Vorschriften erlauben. Vereinzelt sind auch den Darstellungen des Tacitus, Suetons und Cassius Dios aufschlussreiche Information über die Straf‐ rechtspraxis im Untersuchungsraum zu entnehmen1533. 1527 Vgl. Apg 18, 3; 1528 Vgl. Kol 4, 14; 1529 Vgl. dazu vor allem zahlreichen Berichte über Krankenheilungen und Totenerweckungen, sowohl in den Evangelien als auch in der „Apostelgeschichte“; Näheres s. u. Kap. 3.3.3.4; 1530 Vgl. Tac. ann. 15, 44; zum Verhältnis des Christentums zur Medizin vgl. Ferngren, G. B./Amund‐ sen, B., Christentum, in Leven, K.-H., Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005, Sp. 199–202; über das Heilerethos des frühkaiserzeitlichen Christentums erfährt man in dem Artikel nur wenig, außer einigen kurzen Hinweisen auf die angebliche Konkurrenz der Wunderheiler des sog. Askle‐ pioskultes. Dabei scheint aber bislang nur wenig erforscht zu sein, inwieweit die letzteren nicht nur mit christlichen Heilern konkurrierten, sondern diesen auch die Bahn ebneten, ja gelegentlich so‐ gar – wie vermutlich der frühchristliche Arzt Lukas – „überliefen.“ Vgl. dazu Kap. 3.3.3.4.4; 1531 Vgl. Celsus de medicina; vgl. Schulze, Chr. Aulus Cornelius Celsus – Arzt oder Laie? Autor, Kon‐ zept und Adressaten der De medicina libri octo. Trier 1999. Ders.: Celsus. Hildesheim 2001. Oser- Grote, C., Celsus, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005, Sp. 189–191; O.- G. charakterisiert Celsus trotz anderslautender Erkenntnisse Chr. Schulzes als „Enzyklopädisten“. 1532 Vgl. Scrib. Larg. Compositiones; vgl. Hahn, J., Scribonius Largus, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005, Sp. 786; 1533 Vgl. dazu den Prozess gegen Piso, den mutmaßlichen „Mörder“ des Germanicus (Vgl. Tab. I, 7); Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 340 Zum Forschungsstand Vor allem bezüglich der strafrechtlichen Implikationen ärztlichen Handelns in der rö‐ mischen Kaiserzeit liegen wichtige Vorarbeiten vor, die aber bislang bei Historikern und Medizinhistorikern wenig Beachtung gefunden haben1534. Namentlich sei an die‐ ser Stelle auf Arbeiten W. Kunkels1535 und K.-H. Belows1536 hingewiesen. Einen be‐ merkenswerten Teilaspekt der juristischen Implikationen ärztlichen Handelns in der Antike beleuchtete auch Chr. Schulze mit einer im Jahre 2014 veröffentlichten Arbeit unter dem Titel „`Unterlassene Hilfeleistung´ in der Antike.“1537 Ansonsten konnte für die Beurteilung der strafrechtlichen Risiken von Ärzten, die ihr medizinisches Wissen für die Tötung von Menschen benutzten, sowie zur Einordnung von Ärzten in die römische Gesellschaft auf Vorarbeiten von H. Gummerus und F. Kudlien zurück‐ gegriffen werden.1538 Charakteristisch für die Arbeiten W. Kunkels ist, dass darin allein die Geschichte des römischen Strafprozesses untersucht wird, ohne Berücksichtigung bestimmter Gruppen von Betroffenen, während sich Karl-Heinz Below zwar expressis verbis auch mit den rechtlichen und strafrechtlichen Implikationen ärztlichen Handelns ausein‐ andersetzt, aber ohne daraus Konsequenzen zu ziehen, für die Beurteilung der tat‐ sächlichen Involvierung von Ärzten in konkrete Fälle von Tötungen und Selbsttötun‐ gen in unserem Beurteilungszeitraum. Auch die Bemühungen mancher Forscher um eine Bestimmung des sozialgeschichtlichen Standortes „römischer“ Ärzte1539 tangier‐ ten die hier im Vordergrund stehende Frage möglicher Konsequenzen bei der Ver‐ wicklung von Ärzten in Strafprozesse kaum. Für die Untersuchung der ethischen Implikationen ärztlicher Tötungsassistenz in der Antike steht ebenfalls umfangreiches Schrifttum zur Verfügung. Dieses betrifft vor allem die causa Seneca, die hier aber bereits besprochen wurde1540, und die grundsätzliche Einstellung antiker Ärzte zur Frage der Suizidassistenz. In diesem Zu‐ sammenhang ist kurz auf die von Forschern wie Th. Potthoff1541, A van Hooff1542, Th. 3.0.2 1534 K.-H. Levens Lexikon, Antike Medizin, enthält zwar auch einen kurzen Artikel zum römische Recht (Vgl. Grote, A., Corpus Juris Civilis, in: Leven, K.-H., Antike Medizin. Ein Lexikon, Mün‐ chen 2005, Sp. 205–206;), darin wird aber nur der rechtliche Aspekt der Medizin in der Spätantike beleuchtet, nicht jedoch in der frühen römischen Kaiserzeit. 1535 Kunkel, W.: Die römischen Juristen. Herkunft und soziale Stellung. Unveränderter Nachdruck von 19672. Köln u. a. 2001, gem. mit Wittmann, R.: Staatsordnung und Staatspraxis der römischen Re‐ publik. Zweiter Abschnitt. Die Magistratur. München 1995. (handbuchartige Darstellung) 1536 Vgl. Below, K.-H.: Der Arzt im römischen Recht, München 1953. (quellengestützte Untersuchung) 1537 Schulze, Chr., `Unterlassene Hilfeleistung´ in der Antike, in: Gadebusch, M.(ed.): Medical Ethics, Stuttgart 2014, S. 14–27; 1538 Vgl. Gummerus, H.: Der Ärztestand im römischen Reiche nach den Inschriften, Helsinki 1932. Kudlien, F.: Die Stellung des Arztes in der römischen Gesellschaft, Stuttgart 1986. (quellengestützte Unters.) 1539 Der Begriff „römischer Arzt“ wird unabhängig davon benutzt, ob sie über das röm. Bürgerrecht verfügten oder nicht. Zum Begriff Arzt in der Antike vgl. Stamatu, M., Arzt, in: Leven, K.-H.: Anti‐ ke Medizin. Ein Lexikon, München 2005, Sp. 99–102; 1540 S. o. Kap. 1; 1541 Potthoff, Th.: Euthanasie in der Antike. München 1982. 1542 Van Hooff, A.: s. Einleitung; Veröffentlichungen aus den Jahren 1990, 2001, 2004, 2005 und 2007; 3.0 Vorbemerkungen 341 Rütten1543, D. v. Engelhardt1544, D. Hofmann,1545 U. Benzenhöfer1546, und H. Brandt1547 dazu vertretenen Auffassungen einzugehen. Von den o. g. Autoren hat sich allein D. v. Engelhardt explizit kritisch zur Frage der Tatsächlichkeit ärztlicher Tö‐ tungsassistenz in der Antike geäußert: „Eine Beihilfe des Arztes beim Selbstmord (`phy‐ sician assisted suicide´) bei infauster Prognose oder tödlicher Erkrankung ist aus der Antike nicht überliefert.“1548 Allerdings äußert sich v. Engelhardt so in einem histori‐ schen Überblick, der die Verhältnisse in der Antike lediglich streift und in Bezug da‐ rauf auch nicht auf eigenes Quellenstudium zurückgreift. Eher indifferent äußern sich Th. Rütten, U. Benzenhöfer und A. van Hooff.1549 Als charakteristisch für dieses „Schwanken“ erscheinen einige Äußerungen U. Benzenhöfers. Einerseits stellt er unter Berufung auf eine Arbeit von D. Goure‐ vitsch1550 fest: „Es gab in der Antike sicherlich auch Fälle, in denen Ärzte Kranke auf Verlangen töteten bzw. Beihilfe zum Suizid leisteten. Allein die Tatsache, daß sich der Schwörende im sog. „hippokratischen Eid“ … verpflichtete, keine Tötung auf Verlangen bzw. keine Beihilfe zur Selbsttötung durchzuführen, ist ein hinreichender Beweis dafür, daß es entsprechende Anfragen an Ärzte tatsächlich gab und daß manche Ärzte solche Behandlungen auch durchführten1551“ Andererseits stellt er aber, wiederum unter Be‐ rufung auf die Ergebnisse anderer Forscher1552 fest: „Allerdings sind verläßliche Be‐ richte, die eine solche Praxis genau beschreiben, nicht überliefert. Lediglich einige „belle‐ tristische“ oder quasi – fiktive Quellen lassen sich mit aller Vorsicht als weitere Belege für die Auffassung anführen, daß es in der Antike durchaus möglich war, von einem Arzt ein Mittel für die Selbsttötung zu bekommen.1553“ Nun muss man U. Benzenhöfer zugute halten, dass er sich bezüglich der Antike nicht auf eigenes Quellenstudium beruft, sondern auf die Ergebnisse von Spezialisten. Aber verschiedene Äußerungen A. Van Hooffs, eines ausgewiesenen Althistorikers, zeigen, dass auch Spezialisten diesbezüglich zu zwiespältigen Einschätzungen gelang‐ 1543 Rütten, Th., Medizinethische Themen in den deontologischen Schriften des Corpus Hippocrati‐ cum, in Flashar, H./Jouanna, J., Medecine et morale dans l `antiquite, Genf 1997, S. 65–111; (phil. Unters.) 1544 Von Engelhardt, D., Die Beurteilung des Suizids im Wandel der Geschichte, in: Wolfslast, G./ Schmidt, K. W. (Hrsgg.): Suizid und Suizidversuch. Ethische und rechtliche Herausforderung im klinischen Alltag, München 2005. S. 1–90. (hist. Überblick) 1545 Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Seine Bewertung in der lateinischen Literatur. Stuttgart 2007. 1546 Benzenhöfer, U.: Der gute Tod? Geschichte der Sterbehilfe. Göttingen 2009. 1547 Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike. München 2010, insbes. Ka‐ pitel: 8. `Einen guten Tod haben´: Alterssuizid und Euthanasie. S. 127–136. (phil. Unters.). 1548 S. o. S. 16; zitiert nach: Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter,... München 2010, S. 131; 1549 S. o. Einleitung; 1550 Vgl. Gourevitsch, D. Suicide among the sick in classical antiquity, in: Classical Bulletin of the History of Medicine 43, 1969, S. 501–518, insbes. S. 505–509 (altphil. bzw. althist. Studie); 1551 S. o. Der gute Tod?, S. 13 f; die Behauptung, dass allein schon die Leistung des Eides „beweise“, dass es „in der Antike“ durchaus vorgekommen sei, dass Ärzte sich völlig anders verhalten hätten, er‐ scheint im Hinblick auf Weiträumigkeit der mit dem Begriff Antike zu verknüpfenden chronologi‐ schen und geographischen Vorstellungen, als problematisch, auf jeden Falle als beweispflichtig. 1552 S. o. Der gute Tod?, S. 14, Anm. 7; 1553 S. o. Der gute Tod?, S. 14; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 342 ten. Während dieser Autor in einer Studie aus dem Jahre 2001 ohne Umschweife fest‐ stellte, „daß es in der Antike am Sterbebett keinen Platz für Ärzte gab. … Sie vermieden Situationen, die sie mit ihrem Versagen konfrontierten,...“1554, zeigte er sich in einem neueren Lexikonartikel unter dem Stichwort „Euthanasie“, unter Berufung auf den Fall Seneca davon überzeugt, dass es in der Antike ärztlich assistierten Suizid gegeben habe, bzw. dass dieser gutgeheißen wurde1555. Eindeutig für die These, dass in der Antike ärztliche Tötungsassistenz geleistet und anerkannt gewesen sei, sprachen von den o. g. Autoren Th. Potthoff.1556, D. Hofmann,1557 und H. Brandt1558 aus. Für alle drei Autoren gilt aber, dass sie sich vor allem auf den Fall Seneca berufen, so wie er sich ihnen nach der communis opinio der bisherigen Forschung darstellte, und, was ja auch bereits U. Benzenhöfer vorsichtig kritisierte: auf „einige „belletristische“ oder quasi – fiktive Quellen“1559 H. Brandt führt als Kronzeugen dafür, dass in der Antike ärztlich assistierter Sui‐ zid akzeptiert gewesen sei, einen Bericht des Cassius Dio1560 über das Ende des römi‐ schen Kaisers Hadrian an: „So geht schon allein aus der Darstellung Cassius Dios vom Ende Kaiser Hadrians hervor, dass dessen Leibarzt Hermogenes dem offenbar todkran‐ ken und leidenden Herrscher diejenige Stelle im Brustbereich gezeigt hatte, wo ihn „der tödliche Stoß treffen und ihm ein schmerzloses Ende bereiten sollte.“Streng genommen, liegt hier bereits ein Fall aktiver ärztlicher Sterbehilfe zum (angestrebten) alters- und krankheitsinduzierten Suizid vor, denn es bedarf des ärztlichen Sachverstandes, um einen möglichst qualfreien Tod `punktgenau´ selbst herbeiführen können.“1561 Ungeachtet der Frage, ob H. Brandt die von ihm zitierte Dio-Stelle überinterpre‐ tiert, gilt diese nach dem gegenwärtigen Stand der althistorischen Forschung, die sich diesbezüglich mehr auf die entsprechende Darstellung in der sog. Historia Augus‐ ta1562 stützt1563, kaum als ein zuverlässiger Bericht, zumal dieser ja nicht im Original überliefert ist, sondern, wie H. Brandt konzediert, nur in einem Exzerpt aus byzanti‐ 1554 Van Hooff, A., Thanatos und Asklepios. Wie antike Ärzte zum Tod standen, in Schlich, Th./Wiese‐ mann, G.(Hrsgg.): Hirntod. Zur Kulturgeschichte der Hirntodfeststellung, Ffm. 2001, S. 85–101, hier S. 97; zitiert nach Brand, H. s. o. 2010; S. 131; 1555 Vgl. Van Hooff, A., Euthanasie, in: Leven, K.-H. (Hrsg.): Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 284–285, insbes. Sp. 285: „Seneca d. J. Erhielt bei seinem Selbstmord auf Befehl Neros Gift überreicht v. Annaeus Statius, «der sich seit langem durch treue Freundschaft u. med. Können (lat. Arte medicinae) bewährt hatte» (Tac. Ann. 15, 64, 3).“ 1556 Potthoff, Th.: Euthanasie in der Antike. München 1982. 1557 Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Seine Bewertung in der lateinischen Literatur. Stuttgart 2007. 1558 Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike. München 2010, insbes. Ka‐ pitel: 8. `Einen guten Tod haben´: Alterssuizid und Euthanasie. S. 127–136. 1559 S. o. Der gute Tod?, S. 14; vgl. dazu: Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Seine Bewertung in der lateinischen Literatur. Stuttgart 2007, S. 31–34; Brandt, H.: Am Ende des Lebens. s. o. Alter, Tod und Suizid in der Antike. S. 127–136. 1560 Vgl. Cass. Dio 69, 22, 3; 1561 Brandt, H.: Am Ende des Lebens. S. o. Alter, Tod und Suizid in der Antike. S. 131, dazu auch S. 121; 1562 Vgl. Aeli Spartani, De vita Hadriani (HA) 24, 8–25, 6; 1563 Vgl. Fündling, J.: Kommentar zur Vita Hadriani, 2 Bde., Bonn 2006; S. 1094; 3.0 Vorbemerkungen 343 nischer Zeit1564. Nach der Darstellung der Historia Augusta starb Hadrian aber eines natürlichen Todes,1565 zwar trug er sich nach der HA zeitweilig mit Suizidgedanken, erteilte einem Sklaven, – nicht etwa einem Arzt, – den Befehl, ihn zu gegebener Zeit zu töten1566, erbat schließlich sogar von einem Arzt ein Gift, – der aber weigerte sich und tötete sich selbst, um dem Kaiser dieses nicht geben zu müssen1567. H. Brandt zitiert diese Stelle der Historia Augusta1568 und glaubt daraus eine Be‐ stätigung für seine Deutung der o. e. Dio-stelle ableiten zu können: „Bei allen berech‐ tigten Vorbehalten gegenüber der Historia Augusta kann daher in diesem Fall … der Be‐ richt in der HA als ein weiterer Beleg dafür gelten, daß der alters- und krankheitsbeding‐ te Suizid eine etablierte Handlungsoption in der kaiserzeitlichen römischen Gesellschaft darstellte...“1569 Eben diese Schlussfolgerung ist methodologisch fragwürdig, – weil sie von einem Einzelfall, nämlich den gescheiterten suizidalen Anstrengungen eines einzelnen Kai‐ sers des 2. Jahrhunderts Rückschlüsse auf die Gepflogenheiten der kaiserzeitlichen rö‐ mische Gesellschaft als ganzer zieht – und auch deswegen, weil der Bericht der Histo‐ ria Augusta über das Ableben Hadrians auch nicht als Beispiel für einen ärztlich assis‐ tierten Suizid infrage kommt. Das Einzige, worin die Aussagen der o. z. Stellen aus der HA und bei Cassius Dios über den Tod Hadrians übereinstimmen, und was daher als sicher gelten kann, ist die Annahme, dass Hadrian eines natürlichen Todes starb. Bezogen auf die standesethischen Implikationen einer möglichen Beteiligung von Ärzten an Tötungen und Selbsttötungen in der frühen römischen Kaiserzeit konnte – abgesehen von dem umfangreichen Schrifttum zur causa Seneca1570 und einem hier bereits kritisch besprochenen Aufsatz F. P. Moogs zur Rolle von einigen Ärzten der Regierungszeit des Claudius1571 – kaum auf Vorarbeiten zurückgegriffen werden. Zwar liegen einige bemerkenswerte Arbeiten von Renate Wittern – Sterzl zur antiken Medizinethik vor, die Teilaspekte des hier zu untersuchenden Themas kritisch be‐ leuchten, aber vorzugsweise für in Griechenland praktizierende Ärzte1572. Daher konnten die hier dazu vorgetragenen Thesen im Wesentlichen nur in kritischer Aus‐ einandersetzung mit dem dazu überlieferten Quellenmaterial entwickelt werden. Bezogen auf die frühkaiserzeitlichen Ärzte, Aulus Cornelius Celsus und Scribonius Largus, kann auf Vorarbeiten aus der Feder von Medizinhistorikern zurückgegriffen 1564 Brandt, H., s. o. S. 121; 1565 Vgl. HA 25, 5: Post haec Hadrianus Baias petit … apud Baias perit die VI iduum Iuliarum. 1566 Vgl. HA 24, 8: … ultimo vitae taedio iam adfectus gladio se transfigi a servo iussit... 1567 Vgl. HA 24, 12: petit et venenum a medico, qui se ipse, ne daret, occidit. 1568 S. o. Brandt, H., s. o. S. 122, Anm. 548; 1569 S. o. Brandt, H., s. o. S. 122 f.. 1570 S. o. Kap. 1; 1571 Vgl. dazu Tab. III, 35 und Tab. IV, 3; 1572 Wittern-Sterzl, R.: Hippokratische Medizin und antike Philosophie. Hildesheim: 1996 (gem. m. P. Pellegrin). Dies.: Die Anfänge der abendländischen Medizin. In: Panta rhei. Beiträge zum Begriff und zur Theorie der Geschichte, hrsg. v. Colla, H.und Faulstich, W.: Paderborn 2008, S. 93–107. Dies.: Medizin in Griechenland und Rom am Beispiel von Hippokrates von Kos und Aulus Corne‐ lius Celsus. In: Antike Welt und Literatur. Einblicke, Analysen und Vermittlung im Unterricht 2007, hrsg. v. Kussl, R., Brodersen, K., Speyer 2007, S. 45–70. Dies.: Die Anfänge der griechischen Medizin. In: Philosophen der Antike I. Hrsg. Ricken, Fr.. Stuttgart, Berlin, Köln 1996, S. 145–159. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 344 werden1573, bezogen auf die Werke des frühchristlichen Arztes Lukas ist die überwie‐ gend theologisch ausgerichtete Literatur selbst für Spezialisten kaum noch überschau‐ bar1574 – auch die Frage nach der Einstellung dieser „Ärzte“1575 zur Frage ärztlich as‐ sistierter Tötungen und Selbsttötungen wird in den besagten Arbeiten nicht ge‐ stellt1576; ihre Beantwortung darf somit trotz der großen Zahl von Vorarbeiten als ein Desiderat angesehen werden. Das gilt nicht zuletzt für den Evangelisten Lukas. Eine Interpretation von Heilungsgeschichten aus den dem Evangelisten Lukas zu‐ geschriebenen Schriften des NT als Ausdruck des Selbstverständnisses eines früh‐ christlichen Arztes als Heiler, d. h. unter medizinethischen Gesichtspunkten, ist bis‐ lang noch nicht versucht worden1577, obwohl dessen Identität als hellenistisch vorge‐ bildeter Arzt noch bis vor kurzem außer Frage stand.1578 Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts wird diese Identität aber von Kennern des NT angezweifelt.1579 In dieser Studie wird aber gezeigt, dass jene Zweifel an der Identität des Evangelisten unberech‐ tigt sind und dass daher eine Interpretation des sog. Lukanischen Doppelwerks als Ausdruck des Heilerethos eines hellenistischen zum Christentum konvertierten Arz‐ tes des Untersuchungszeitraums nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll ist, und zwar im Interesse des Erkenntnisgewinns über das Heilerethos von Ärzten, die ihre Dienste auch solchen Patienten anboten, welche sich ansonsten die Inanspruchnahme der Dienste von Ärzten aus Kostengründen nicht leisten konnten. Denn es besteht die Hoffnung, dass über die Rekonstruktion des Heilerethos eines sog. Armenarztes auch Rückschlüsse auf die Erwartungshaltung weniger begüterter Bevölkerungskreise be‐ 1573 Vgl. vor allem neuere Arbeiten von Chr. Schulze, u. a.: Aulus Cornelius Celsus, Arzt oder Laie, Trier 1999; Celsus, Hildesheim 2001; Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittel‐ alter, Tübingen 2005. `Unterlassene Hilfeleistung´ in der Antike, in: Gadebusch, M. (ed.): Medical Ethics, Stuttgart 2014, S. 14–27; zu Celsus auch: Oser-Grote, C., Celsus, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 189–191 (die Charakterisierung des Celsus als „römischer Enzyklo‐ pädist“ ist nach dem Vorliegen der Forschungsergebnisse Chr. Schulzes kaum noch aufrecht zu er‐ halten.); zu Scribonius Largus: Hahn, J., Scribonius Largus, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 786; 1574 Vgl. Westermann, Cl.: Abriß der Bibelkunde. Berlin + Altenburg 1981. Schnelle, U.: Einleitung in das Neue Testament. Göttingen 1996, S. 281 f.. Hengel, M.: Die vier Evangelien und das eine Evan‐ gelium von Jesus Christus: Studien zu ihrer Sammlung und Entstehung. Tübingen 2008, S. 62, 172– 179. 1575 Bezüglich des „Evangelisten“ Lukas wird neuerdings in Frage gestellt, ob dieser überhaupt als Arzt angesehen werden dürfe. Vgl. Kollmann, B., Neues Testament kompakt. Stuttgart 2014: Neutesta‐ mentliche Wundergeschichten. Stuttgart: 20113. s. u. Kap. 3.3.3.4; 1576 außer bei Chr. Schulze, `Unterlassene Hilfeleistung´ in der Antike, in M. Gadebusch (ed.): Medical Ethics, Stuttgart 2014, S. 14–27; 1577 Auch der katholische Theologe M. Dörnemann, der sich intensiv mit der Rezeption des lukani‐ schen Doppelwerkes bei den sog. Kirchenvätern beschäftigte, deutete, in Anlehnung an entspre‐ chende Deutungen durch die Kirchenväter, die darin überlieferten Heilungsgeschichten Jesu sowie der Apostel „symbolisch“, d. h. als Ausdruck der gleichnishaften Darstellung theologischer Heils‐ botschaften. Vgl. dazu Dörnemann, M.: Krankheit und Heilung in der Theologie der frühen Kir‐ chenväter. Diss. Theol. Tübingen 2003. Ders., Einer ist Arzt, Christus. ZAC, 2013, Nr. 17(1) S. 102– 124; 1578 Vgl. dazu Kap. 3.3.3.4.1; 1579 Vgl. Broer, I. (in Verb. mit H.-U. Weidemann): Einleitung in das NT., Würzburg 2010, S. 138–142; Ebner, M./Schreiber, St.(Hrsg.), Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart, 2008, S. 192–195 u. 235– 239; B. Kollmann, Neues Testament kompakt, Stuttgart 2014. 3.0 Vorbemerkungen 345 züglich des Berufsethos von Ärzten möglich sind und dadurch mittelbar auch auf das Verhalten von Ärzten in solchen unnatürlichen Todesfällen ein Schlaglicht geworfen wird, die wegen des gesellschaftlich niedrigen Ranges der „Opfer“ in den überlieferten Quellen keine Erwähnung gefunden haben. Hierbei soll nicht verkannt werden, dass in einigen der in der Einleitung erwähn‐ ten neueren Publikationen zu medizingeschichtlichen und medizinethischen Themen die Frage nach dem Rollenverständnis von Ärzten in der Antike eine wichtige Rolle spielt, nicht zuletzt im Hinblick auf die ethische und standesethische Orientierung von Ärzten unseres Untersuchungszeitraums. Es ist auch in diesem Zusammenhang noch einmal auf die o. e. Arbeiten zur Geschichte der sog. „Euthanasie“ in der Anti‐ ke1580 sowie auf die Geschichte des hippokratischen Eides hinzuweisen1581. Als prob‐ lematisch erweist sich in den genannten Arbeiten aber, sowohl hinsichtlich der darin vorgenommenen Einschätzungen als auch in methodischer Hinsicht, dreierlei: 1. Auch bezogen auf die Analyse und Beschreibung des Rollenverständnisses von Ärzten in Bezug auf den Tod von Patienten erscheint der Begriff „Antike“ als Be‐ zugsrahmen chronologisch und geographisch als zu weiträumig. Der Begriff „An‐ tike“ umspannt allein bezogen auf die „Griechische Geschichte“1582 einen Zeit‐ raum von fast 3000 Jahren1583 und räumlich ein Gebiet vom Indusdelta bis Süd‐ spanien bzw. von den Wüstengebieten Nordafrikas bis zu den Nordküsten des Schwarzen Meeres und des Mittelmeeres1584. Er trägt in Anbetracht dessen zu we‐ nig dem Umstand Rechnung, dass die Rollenzuschreibungen und das berufliche Selbstverständnis von Ärzten in dem „Raum“ aufgrund einer starken Aufgliede‐ rung in sehr heterogene kulturelle und politische Einheiten, die sowohl in ihrer räumlichen Ausdehnung als auch hinsichtlich ihrer inneren Struktur dem Gesetz des historischen Wandels unterlagen, sich grundsätzlich kaum auf eine einheitli‐ 1580 Benzenhöfer, U: Der gute Tod? … München 2009, insbesondere S. 13–S. 60. Brandt, H.: Am Ende des Lebens … München 2010. Carrick, P. Medical Ethics in the Ancient World. Washington, DC 2001. Frewer, A.: Der sterbende Patient und die Medizin … Hannover 2005, insbes. S. 19–26. Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike … Stuttgart 2007. Potthoff, Th.: Euthanasie in der Antike. Münster 1982. Van Hooff, Euthanasie, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 284–285; 1581 Neben den o. g. Arbeiten von Benzenhöfer, Brandt, Carrick, Frewer, Hofmann und Potthoff ist hier noch hinzuweisen auf: Rütten, Th. Medizinethische Themen in den deontologischen Schriften des Corpus Hippocraticum, … Genf. 1997, S. 65–120; Schubert, C.: Der hippokratische Eid … Darm‐ stadt 2005. Leven, K.-H., Hippokratischer Eid, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 284–285; 1 5 8 2 Vgl. Bengtson, H.: Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit. Hand‐ buch der Atertumswissenschaft. Dritte Abteilung. Vierter Teil. München 19603 ff.. 1 5 8 3 Von der sog. „Frühhelladischen Kultur“, ab. ca. 2300 v. Chr. bis 639 n. Chr. zum „Beginn der arabi‐ schen Eroberung Ägyptens“; vgl. die Zeittafel in Bengtson, H.: Griech. Geschichte... s. o. S. 559–577. 1 5 8 4 Vgl. dazu die Karten „Griechische und phönikisch-punische Kolonisation bis zu den Perserkriegen“ (in: Bruckmöller, E./Hartmann, P. C. Hrsgg.: Putzger. Historischer Atlas. Berlin 2004103 ff., S. 29) und „Das Weltreich Alexanders des Großen bis 323 v. Chr.“ vgl. Putzger, S. 34 und 35; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 346 che Formel bringen lassen, so dass alle entsprechenden Versuche von vornherein zum Scheitern verurteilt sein dürften. 2. In dem verständlichen Bestreben nach „Beispielen“ für bestimmte Positionen in der aktuellen Debatte über die Rolle des Arztes im Rahmen der sog. „Sterbehilfe“ zu suchen, wird zu wenig unterschieden zwischen historischen Fakten, d. h. den Ergebnissen der Analyse von Quellen zu konkreten historischen Todesfällen, und den zeitgenössischen Reflexionen darüber, im Rahmen literarischer, philosophi‐ scher und standesethischer Erörterungen, – mit der Folge recht unterschiedlich be‐ gründeter und daher im Einzelnen oft kaum sinnvoll miteinander zu vergleichen‐ den Einschätzungen der „antiken Positionen“ dazu. 3. In den o. g. Veröffentlichungen zur antiken Medizinethik ist eine auffällige Scheu zu beobachten, auch die rechtsnormativen Rahmenbedingungen ärztlichen Han‐ delns in der Bezugsepoche in die eigenen Betrachtungen einzubeziehen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Debatte über neue Regeln für den Umgang mit den Wünschen und Interessen von Suizidenten und moribunden Patienten gezeigt hat, dass die darauf anzuwendenden gesetzlichen Regelungen einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie Ärzte über derartige Wünsche denken und damit um‐ gehen. Diesen Problemen könnte dadurch Rechnung getragen werden, 1. dass man sich auch bei der Aufarbeitung des normengeschichtlichen Hintergrun‐ des des berufsmäßigen Handelns von Ärzten zeitlich und räumlich auf die Analy‐ se von Quellen aus und über einen bestimmten Untersuchungszeitraum konzen‐ trierte. 2. dass man möglichst streng unterschiede zwischen medizingeschichtlichen Fakten und den zeitgenössischen Reflexionen darüber, wobei besonders Wert darauf zu legen wäre, zu differenzieren zwischen literarischen, philosophischen und stan‐ desethischen Reflexionen, insofern zwischen diesen zwar Wechselwirkungen ver‐ mutet werden dürfen, – welche sich aber nur dann beurteilen lassen, wenn man zuvor die Unterschiede klar herausgearbeitet hat. 3. dass man in die Betrachtungen verstärkt auch die rechtsnormativen Rahmenbe‐ dingungen für die Ausübung von Heilberufen einbezöge, was aus den o. g. Grün‐ den nicht nur als vordringlich erscheint, sondern auch als sinnvoll, insofern die Grenzen des „Römischen Reiches“ in der frühen römischen Kaiserzeit1585 auch schon weitgehend die Grenzen des Geltungsbereichs des römischen Rechts mar‐ kierten1586. 1 5 8 5 Vgl. die Karte: „Das römische Weltreich seit Caesar und Augustus“, in: Putzger, s. o. S. 40–41. 1 5 8 6 In gewissem Umfang galt innerhalb der Grenzen des Römerreiches bis zum Erlass der sog. constitutio Antoniniana auch noch autochthones Recht, aber nur in dem Umfang, in dem dieses durch die römi‐ schen Statthalter toleriert wurde. Vgl. die Fälle des Jesus v. Nazareth (Tab. I, 52) und des Stephanus (Tab. I, 53). 3.0 Vorbemerkungen 347 Zur Methodik Aus den oben skizzierten Eigentümlichkeiten des Forschungsstandes zu den normen‐ geschichtlichen Hintergründen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum so‐ wie aus den im Anschluss daran aufgezeigten Möglickeiten zur Überwindung dersel‐ ben ergibt sich wegen der vielfachen Verschränkung von ideengeschichtlichen und faktenbezogenen Überlegungen in der Literatur auch für dieses Kapitel dieser Arbeit in methodologischer Hinsicht die Notwendigkeit der Einhaltung folgender Prinzipi‐ en: 1. eine möglichst strenge Abtrennung der hier beabsichtigten normengeschichtli‐ chen Überlegungen von faktengeschichtlichen Erwägungen, 2. eine möglichst strenge Beachtung des chronologischen Bezugs der zu besprechen‐ den Quellen auf normengeschichtliche Sachverhalte innerhalb des Untersu‐ chungszeitraums. Das bedeutet, dass Sachverhalte aus der Zeit vor dem dem Able‐ ben des Augustus und aus der Zeit nach dem erfolgreichen Attentat auf Domitian unberücksichtigt bleiben sollen. Nach diesen Prinzipien wollen wir uns nacheinander mit Äußerungen zeitgenössi‐ scher Literaten über Ärzte auseinandersetzen, danach mit Zeugnissen über die juristi‐ schen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns und schließlich auch mit Zeugnis‐ sen über den zeitgenössischen ethischen und standesethischen Diskurs über die Rolle von Ärzten im Kontext des Sterbens von Menschen. Bevor wir uns jedoch im weites‐ ten Sinne des Wortes mit der Ethik von Ärzten in der frühen römischen Kaiserzeit auseinandersetzen, erscheint es als angebracht, dass wir uns in der gebotenen Kürze einer Selbstverständlichkeit widmen, nämlich der Frage, was man sich in der fragli‐ chen Zeit überhaupt unter einem „Arzt“ vorzustellen hat.1587 Zwar wird in gängigen lateinisch-deutschen Wörterbüchern für das lateinische Substantiv „medicus“ als deutsches Äquivalent „Arzt“ vorgeschlagen1588, trotzdem kann kein Zweifel daran be‐ stehen, dass sich das Wortfeld des deutschen Wortes „Arzt1589“ nur zum Teil mit demjenigen des lateinischen Wortes überschneidet. 3.0.3 1587 Vgl. dazu: Stamatu, M., Arzt, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 99–102; Le‐ ven, K.-H., Römische Medizin, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 757–759, insbes. Sp. 759; die Behauptung Levens, „Die Medizin in Rom blieb bis in die Spätantike eine Domä‐ ne gr. Ärzte.“ ist m. E. in dieser allgemeinen Form nicht aufrecht zu erhalten. (dagegen spricht, dass Plinius d. Ä. auch mehrere Ärzte mit eindeutig lat. Namen erwähnt. S. u. Kap. 3.1.1; auch Celsus und Scribonius Largus und Cassius lassen sich als Gegenbeispiele nennen; zu Cassius vgl. Marasco, G., Cassius, in: Leven, K.-H., s. o. Sp. 187;) Die Behauptung Ls. mag vielleicht zutreffen für die ver‐ hältnismäßig kleine Zahl sog. „Schulmediziner“, deren Dienste sich aber nur Angehörige der ge‐ sellschaftlichen Oberschicht „leisten“ konnte, nicht jedoch für die vermutlich große Zahl – auch christlicher – „Armenärzte“ bzw. „Heiler“, deren Honorare auch „einfache Leute“ bezahlen konn‐ ten. Zu Arzthonoraren in der Antike vgl. Marasco, G., Arzthonorar, in: Leven, K.-H., s. o. Sp. 104– 105; 1588 Vgl. z. B. Langenscheidt und Stowasser; 1589 Es verdient Beachtung, dass die deutsche Berufsbezeichnung Arzt (mittelhochdeutsch arzât, neu‐ niederländisch arts), anders als dessen Entsprechungen in mehreren anderen europäischen Spra‐ chen (italienisch medico, spanisch/portugiesisch médico, rumänisch medic, französisch médecin, baskisch mediku, englisch medic.) nicht aus dem Lateinischen ins Deutsche eindrang, sondern aus Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 348 Während das deutsche Wort „Arzt“ fest mit der Vorstellung von akademisch vor‐ gebildeten „Schulmedizinern“ verknüpft zu sein scheint, hebt das lateinische Wort „medicus“ mehr auf die Tätigkeit des „Heilens“, bzw. die Funktion des „Heilers“1590 ab. Hierbei ist zu beachten, dass die lateinischen Vokabeln für „heilen“, nämlich „mederi“ und „medicare“ eine enge etymologische Verwandtschaft zu Substantiven wie „medi‐ camen“, „medicamentum“, medicatus“ und „medicina“ aufweisen (für „Heilmittel“, aber auch für „Zaubermittel“, „Gift“ und „Schminke“), welche wiederum von dem Be‐ griffspaar „herba medica“ (= „medisches“ bzw. aus „Medien importiertes Heilkraut“) herzuleiten sind1591. Es hat somit den Anschein, dass in der frühen römischen Kaiserzeit, die Bezeich‐ nung „medicus“ für jeden Menschen gebräuchlich war, der sich darauf verstand, Krankheiten zu heilen oder zumindest ihre Folgen zu lindern1592, während im deut‐ schen Sprachraum das Wort „Arzt“ erst zu einem Zeitpunkt gebräuchlich wurde, als man zwischen an Universitäten1593 ausgebildeten „Ärzten“ einerseits und anderen „Heilern“, wie „Badern“ oder „Stübnern“ und „Feldscheren“ (nicht akademisch gebil‐ deten Militärärzten)1594 sprachlich bereits deutlich zu unterscheiden wusste. Zum Zwecke der kritischen Überprüfung dieser Hypothese wollen wir uns im Folgenden zunächst mit zeitgenössischen Zeugnissen zum Begriff „medicus“ beschäftigen. dem Griechischen, nämlich über die latinisierte Variante „archiater“ des griechischen Wortes ἀρχίατρος (für „Oberarzt“ bzw. Leibarzt‘). Auch in vielen fachsprachlichen Komposita tritt das ur‐ sprüngliche griechische Wort ἰατρός bzw. die latinisierte Form -iater als Wortbestandteil auf: iatro‐ gen (durch ärztliches Handeln verursacht)‚ Psychiater (Seelenarzt) usw. Über die Vermittlung der deutschen Sprache gelangte das Wort auch in das Vokabular baltischer Sprachen wie „ārsts“ (let‐ tisch), arst (estnisch). Vgl. Stamatu, M., Arzt, in: K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 99–102; 1590 Vgl. dazu die lateinischen Verben „mederi“ bzw. „medicare“. 1591 Vgl. dazu die entsprechenden Stichworte in handelsüblichen lateinisch-deutschen Wörterbüchern von „Langenscheidt“, dem „Stowasser“ etc.. 1592 F. Kudlien (Die Stellung des Arztes in der römischen Gesellschaft, Stuttgart, 1986, S. 186) weist m. E. zu Recht daraufhin, dass es in Rom – anders als etwa heute in Deutschland – keine staatliche Kontrolle über die Ausbildung von Ärzten gab, so dass sich für unseren Untersuchungszeitraum eine Unterscheidung zwischen Ärzten und nichtärztlichen Heilern als schwierig erweist. Vgl.: Schulze, Chr.: Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittelalter, Tübingen 2005, Kap. 3.1.2.3 „Mediziner oder Nichtmediziner?“, S. 42–45. 1593 Die Entstehung der ältesten europäischen Universitäten (zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert, zunächst in Italien, Frankreich, Spanien und Portugal, ab der Mitte des 14. Jahrh. auch in Mitteleu‐ ropa, Prag, Wien, Erfurt, Heidelberg, Köln,) fällt in eine Epoche, die in Deutschland sprachge‐ schichtlich der „Mittelhochdeutschen Zeit“ zugerechnet wird, in der sich u. a.das Wort „arzât“ (Arzt) einbürgerte. 1594 Vgl. Hahn, E.: Medizinalgesetzgebung in Kursachsen. Ärzteblatt Sachsen 2007, S. 525–527, 569– 572. Vgl. die hist. Übersichten: Tuchen, B.T: Öffentliche Badhäuser in Deutschland und der Schweiz im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Petersberg 2003. Widmann, M., Mörgeli, Chr.: Ba‐ der und Wundarzt, Medizinisches Handwerk in vergangenen Tagen. Zürich 1998. Vgl. Wilmans, J., Militärarzt, in: Leven, K. - H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 617 – 618; dies. Der Sanitätsdienst im Römischen Reich. Hildesheim 1995. 3.0 Vorbemerkungen 349 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit Nach hier bereits besprochenen Zeugnissen des Historikers Tacitus und des Biogra‐ phen Sueton drangen medici im Untersuchungszeitraum in die höchsten gesellschaft‐ lichen Kreise Roms ein. Nach Angaben Suetons beschäftigte schon Augustus einen „Leibarzt“1595. Dasselbe bezeugt Tacitus auch für Tiberius1596, für dessen Schwieger‐ tochter Livia Drusilla1597, Claudius1598 und dessen Gemahlin Messalina1599 sowie für Seneca1600. Ob auch Galba, Otho und Vitellius sowie die Flavier Vespasian, Titus und Domitian „Leibärzte“ beschäftigten, ist allerdings nicht überliefert, kann aber auch nicht ausgeschlossen werden1601. Abgesehen von den o. g. Präzedenzfällen wird die gesellschaftspolitische Rolle von „Ärzten“ in der frühen römischen Kaiserzeit von Historikern und Biographen, so weit deren Werke überliefert sind, nicht weiter thematisiert. Um so eifriger und auch kritischer äußern sich dazu aber andere Autoren, wie der Polyhistor Plinius d. Ä. und die Verfasser „belletristischer“ Werke wie der Epigrammatiker Martial und der Satiri‐ ker Juvenal. Der Blickwinkel Plinius` d. Ä. In der naturalis historia stellt Plinius d. Ä. seinen Ausführungen über Arzneimittel und Heilmethoden einen kurzen Abriss der Geschichte der Medizin voran, von ihren 3.1 3.1.1 1595 S. o. Suet. Aug. 59 und 81: Antonius Musa, der auch als Verfasser pharmakologischer Schriften her‐ vorgetreten zu sein scheint. Vgl. Caldani, F. (Hrsg.): Antonii Musae, qui Augusti Caesaris Medicus fuit, Fragmenta, quae extant. Remondini, Bassani 1800. Howald, E., Sigerist, H. E.(Hrsg.): Antonii Musae De herba vettonica liber. Pseudoapulei herbarius. Anonymi de taxone liber. Sexti Placiti li‐ ber medicinae ex animalibus etc. Teubner, Leipzig 1927. Die Autorschaft A. Musas ist aber nicht gesichert. 1596 S. o. Tac. ann. 6, 50, 1 - 5; Tacitus erwähnt an dieser Stelle den Besuch eines Arztes mit Namen Charicles am Sterbebett des Tiberius und betont, dass dieser nicht der Arzt gewesen sei, der Tiberi‐ us üblicher Weise behandelt habe (zu Charicles: Kudlien, F., s. o. S. 60 u. 80;). Indirekt lässt sich aus dieser Angabe jedoch erschließen, dass auch Tiberius einen „Leibarzt“ beschäftigte. Es wird ver‐ mutet, dass Claudius Menekrates Leibarzt des Tiberius gewesen sei. Vgl. Sprengel, K.: Versuch einer pragmatischen Geschichte der Heilkunde, 2. Teil, Halle 18002, S. 68. Vgl. Kudlien, F., s. o. S. 57; auch ein gewisser Zopyros (Kudlien, F., s. o., S. 89; nicht zu verwechseln mit Zopyros v. Alexandria; dazu Marasco, G., in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 928–939;) käme als behandelnder Arzt des Tiberius in Frage. 1597 Eudemus, s. o. Tac. ann. 4,3.5; vgl. Kudlien, F., s. o. S. 117. vgl. Marasco, G., Eudemos [2] in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 280; M. erwähnt, dass E. gestanden habe, bei der Ermordung des Drusus mitgewirkt zu haben, – was in dieser Form aber auf einer Fehlinter‐ pretation der diesbezüglichen Angaben des Tacitus beruht. S. o. Kap. 2.1.3.3.3; 1598 Stertinius Xenophon; vgl. Tac. ann. 12, 67; vgl. dazu Kudlien, F., s. o. S. 57 u. 59. 1599 Vettius Valens; s. o. Tac. ann. 11, 35, 2; vgl. F. Kudlin, s. o., S. 22. 23. 24. 1600 Annaeus Statius; s. o. Tac. ann. 15, 64, 3; vgl. Kudlien, F., s. o., S. 135; auch Cleonicus (Vgl. Tac. ann. 45;) könnte ein „freigelassener“ Arzt im Dienste Senecas gewesen sein. s. o. Kap. 1. 1601 Als Leibarzt Domitians gilt L. Arruntius Sempronianus Asclepiades. vgl. Plin. nat. 1, 7. 29, 8; vgl. PIR2 A 1123. Kudlien, F.: Die Stellung des Arztes in der römischen Gesellschaft, Stuttgart, 1986, S. 22; Mratschek-Halfmann, S.: Divites et Praepotentes, Stuttgart 1983, Nr. 102, S. 298. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 350 sagenhaften Anfängen in der Zeit des trojanischen Krieges bis in die eigene Lebenszeit bzw. die Abfassungszeit der „historia naturalis“, d. h. bis in die siebziger Jahre des 1. Jahrhunderts n. Chr1602. Bereits die Einleitung zu diesem historischen Überblick ent‐ hält Formulierungen, die keinen Zweifel daran zulassen, dass Plinius das Handeln von Ärzten kritisch beurteilte: … mirumque et indignum protinus subit, nullam artium in‐ constantiorem fuisse aut etiamnunc saepius mutari...1603 (… etwas Wundersames und Unwürdiges fällt sogleich auf, dass keine der Künste unbeständiger sei und auch jetzt noch zu oft dem Wandel unterliegt.) Der Hinweis auf die Veränderlichkeit einer Entwicklung aus der Feder römischer Schriftsteller ist nur selten als Ausdruck einer positiven Einstellung gegenüber dem jeweiligen Gegenstand der Darstellung zu deuten. Dabei attestiert Plinius der Medizin sogar einen göttlichen Ursprung: … dis primum inventores suos adsignavit et caelo di‐ cavit, nec non et hodie multifariam ab oraculis medicina petitur.1604 (… den Göttern rechnete sie ihre Erfinder zu und weihte sie dem Himmel, und sogar heute noch er‐ strebt man auf vielfältige Weise von Orakeln Heilkunde.) Zumindest der letzte Satz lässt sich als Beleg dafür ansehen, dass Plinius auch noch zu seinen Lebzeiten Medizin als Form religiöser Scharlatanerie erlebt hat. Be‐ achtung verdient, dass bereits in der mythologischen Frühzeit der Medizin das Heil‐ handeln „göttlicher“ Ärzte in der Darstellung des Plinius von dem Odium des Verbre‐ chens umhüllt wird: auxit deinde famam etiam crimine, ictum fulmine Aesculapium fabulata, quoniam Tyndareum revocavisset ad vitam — nec tamen cessavit narrare alios revixisse opera sua —, clara Troianis temporibus, a quibus fama certior, vulnerum ta‐ men dumtaxat remediis1605. (den Ruhm vergrößerte sie auch wegen eines Verbre‐ chens, es wurde erzählt, dass Aesculapius1606 von einem Blitz erschlagen worden sei, da er den Tyndareus zum Leben zurückgerufen habe; – und der zögerte nicht zu er‐ zählen, dass er durch eigenes Bemühen auch andere wiederbelebt habe –; sie war also berühmt in den Zeiten Trojas, aus denen es schon zuverlässigere Kunde gibt, war aber dennoch nur auf die Heilung von Wunden beschränkt.) Selbst das Heilerhandeln des Hippokrates1607, der in der gesamten Antike gewis‐ sermaßen als der Begründer der Heilkunde angesehen wurde, rückte Plinius in ein recht zweifelhaftes Licht: Sequentia eius, mirum dictu, in nocte densissima latuere us‐ que ad Peloponnesiacum bellum. tunc eam revocavit in lucem Hippocrates, genitus in insula Coo in primis clara ac valida et Aesculapio dicata. is, cum fuisset mos, liberatos morbis scribere in templo eius dei quid auxiliaturum esset, ut postea similitudo profice‐ ret, exscripsisse ea traditur atque, ut Varro apud nos credit, templo cremato iis instituis‐ se medicinam hanc, quae clinice vocatur.1608 (Das darauf Folgende, es ist merkwürdig, 1602 Vgl. Plin. nat. 29, 1–8; 1603 Plin. nat. 29, 1, 2; 1604 Plin. nat. 29, 1, 3; 1605 Plin. nat. 29, 1, 3; 1606 Vgl. Schnalke: Th.: Asklepios – Heilgott und Heilkult. Erlangen 1990. Ders., Asklepios, in Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 110–112; 1607 Vgl. Wittern-Sterzel, R., Hippokrates, in: Leven K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 414–416; 1608 Plin. nat. 29, 2, 4; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 351 das zu sagen, lag in dichtester Nacht verborgen, bis zum peloponnesischen Krieg. Da‐ mals rief sie wieder ans Licht Hippokrates, der auf der Insel Kos geboren worden war, auf einer besonders berühmten und mächtigen und dem Aesculapius geweihten. Da es die Sitte gab, dass die von Krankheiten befreiten [Menschen] in dem Tempel dieses Gottes niederschrieben, was helfen werde, damit später die Ähnlichkeit helfe, soll die‐ ser nach der Überlieferung das abgeschrieben haben und, wie bei uns Varro glaubt, nachdem er den Tempel in Brand gesteckt hatte, aus diesen [Abschriften] dasjenige Heilverfahren begründet haben, welches als Klinik bezeichnet wird.) Betrug und Gewinnsucht charakterisiert Plinius auf diese Weise als wichtige Handlungsmotive des Hippokrates1609. Vor allem inbezug auf seine „Geschäftstüchtig‐ keit“ konnte auch Prodicus, ein Schüler des Hippokrates1610, nach Plinius seinem Meis‐ ter durchaus das Wasser reichen: nec fuit postea quaestus modus, quoniam Prodicus, Selymbriae natus, e discipulis eius instituit quam vocant iatralipticen et unctoribus quo‐ que medicorum ac mediastinis vectigal invenit1611. (auch später gab es kein Maß beim Gewinnstreben, da ja Prodicus der in Selymbrien1612 geboren war, einer von dessen Schülern die sog. „Salbenheilkunst“ begründete und auch für „Salbenheiler“ und für die Gehilfen von Ärzten eine Abgabe einführte.) Anderen griechischen Ärzten, wie zum Beispiel einem gewissen Chrysippus und Erasistratos, einem Schwager des Aristoteles, warf derselbe Autor eine geradezu marktschreierische Geschwätzigkeit (ingenti garrulitate) oder Neuerungssüchtigkeit (Horum placita Chrysippus ingenti garrulitate mutavit, plurimumque...) vor1613, lässt in Bezug auf den letzteren auch die Höhe eines Honorars1614, das jenem gezahlt wurde, nicht unerwähnt: hic Antiocho rege sanato centum talentis donatus est a rege Ptolemaeo filio eius, ut incipiamus et praemia artis ostendere.1615 (… dieser wurde, nachdem Kö‐ nig Antiochos geheilt worden war, mit 100 Talenten1616 belohnt, von König Ptolemai‐ os, dessen Sohn, damit wir damit beginnen auch auf die Honorare für die Kunst hin‐ zuweisen.) 1609 Vgl. Wittern- Sterzel, R., Hippokrates, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 414–416; 1610 Prodikos von Keos, *zwischen 470 und 460 v. Chr. in Iulis auf Kea; †nach 399 v. Chr.; vgl. Oser- Grote, C. M. Prodikos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 727; Kerferd, G. B., Flashar, H.: Prodikos aus Keos. In: Flashar, H. (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philoso‐ phie der Antike, Band 2/1, Basel 1998, S. 58-63. Narcy, M.: Prodicus de Céos. In: Goulet, R. (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 5, Teil 2 Paris 2012, S. 1691–1695; Oser-Grote, C., Prodikos, in Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 727–728; 1611 Plin.nat. 29, 2, 4; 1612 Heute Silivri (westlich des Bosporus am Marmarameer gelegen, Bezirkshauptstadt in der Provinz Istanbul); 1613 Plin. nat. 29, 3, 5; 1614 Vgl. Marasco, G., Arzthonorar, in: Leven, K.-H., s. o. Sp. 104–105; 1615 Plin. nat. 29, 3, 5; 1616 Ausgehend von der Relation: 1 Talent = 60 Minen zu jeweils 100 Drachmen, betrug das Honorar in griechischer Währung 600000 Drachmen, übersetzt in römische Währung (orientiert an der Gleichsetzung von neronischem Denar und griechischer Drachme, zu jeweils vier Sesterzen) 1,8 Mio. Sesterzen; gemessen an dem Tagelohn eines zeitgen. Arbeiters von ca. 4 Sesterzen im Un‐ tersuchungszeitraum und dem heute in Deutschland gezahlten Mindestlohn von (8*8,50 Euro) 68 Euro/Tag, entspräche jene Summe 30,6 Mio. Euro. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 352 Auch namhafte römische Ärzte kritisierte Plinius. Im Falle des Antonius Musa1617, des Leibarztes des Augustus und gleichzeitig des ersten römischen Arztes, den Plinius der Erwähnung für würdig erachtet, beanstandet er eine übertriebene Neigung zur Kritik an Kollegen. Im Anschluss an eine kurze Charakterisierung der Heilmethoden von griechischen Ärzten wie Herophilus von Alexandrien, und Asclepiades betont Pli‐ nius: auditor eius Themison fuit seque inter initia adscripsit illi, mox procedente vita sua et placita mutavit, sed et illa Antonius Musa eiusdem auctoritate divi Augusti, quem contraria medicina gravi periculo exemerat1618. (Dessen Zuhörer Themison1619 schloss sich anfangs jenem an, bald aber mit fortschreitendem Alter änderte er auch das, was ihm vorher gefallen hatte, aber auch jenes [veränderte] Antonius Musa wegen des Ansehens des vergöttlichten Augustus, den er mit einer entgegengesetzten Behand‐ lung aus großer Gefahr errettet hatte1620.) Bezüglich einer Reihe von namentlich genannten Ärzten aus der Zeit der Kaiser Tiberius, Caligula und Claudius, reduziert Plinius seine Auskünfte nahezu vollständig auf Angaben über die jenen gezahlten Honorare: multos praetereo medicos celeberri‐ mosque ex iis Cassios, Carpetanos, Arruntios, Rubrios. CCL HS annuae iis mercedes fuere apud principes. Q. Stertinius inputavit principibus, quod sestertiis quingenis an‐ nuis contentus esset, sescena enim sibi quaestu urbis fuisse enumeratis domibus ostende‐ bat. par et fratri eius merces a Claudio Caesare infusa est, censusque, quamquam ex‐ hausti operibus Neapoli exornata, heredi HS CCC reliquere, quantum aetate eadem Arruntius solus. exortus deinde est Vettius Valens, adulterio Messalinae Claudii Caesa‐ ris nobilitatus, pariterque eloquentiae adsectatores et potentiae nanctus novam instituit sectam.1621 (… viele Ärzte übergehe ich, und zwar sehr gefeierte, von diesen die Cas‐ sii1622, Capetani, Arruntii1623, Rubrii1624. Auf 250 000 Sesterzen jährlich beliefen sich die Einkünfte bei den Kaisern. Q. Stertinius1625 prahlte gegenüber den Kaisern, weil er mit 500000 Sesterzen jährlich zufrieden sei, er wies nämlich darauf hin dass er 1617 Vgl. Kudlien, F., s. o. S. 42. 135. 136. 187; Hahn. J., Antonius Musa, in: Leven, K.-H.: Antike Medi‐ zin. S. o. Sp. 62; 1618 Plin. nat. 29, 5, 6; 1619 Themison von Laodiceia (Kleinasien, 1. Jahrh. v. Chr.), ehedem Asklepiadeer, Begründer der Schule der Methodiker; vgl. Schnalke: Th.: Asklepios – Heilgott und Heilkult. Erlangen 1990, Ders. Askle‐ pios, in Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 110–112; Lessing, M. B.: Handbuch der Medizin, Berlin 2011, S. 80–81. 1620 Vgl. Suet. Aug. 59 u. 81,1:... praecipue Cantabria domita … cum etiam destillationibus iocinere vitia‐ to ad desperationem redactus ancipitem rationem medendi necessario subiit: quia calida fomenta non proderant, frigidis curari coactus auctore Antonio Musa. 1621 Plin. nat. 29, 5, 7 – 8; 1622 Zu einem Cassius vgl. Kudlien, F., s. o. S. 22, vielleicht ein Zeitgenosse des Celsus (S. u.); vgl. Maras‐ co, G., Cassius, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 187; 1623 Vielleicht ist einer der Vater des o. e. Leibarztes Domitians. Vgl, Kudlien, F., s. o. S. 22; 1624 Ein Rubrius ist vielleicht identisch mit dem bei Tacitus (Tac. ann. 1, 23) erwähnten. Vgl. Kudlien, F., s. o. S. 22; ein anderer könnte der von Kudlien (S.o. S. 42;) als medicus miles der legio XIII. Gemi‐ na bezeichnete gewesen sein. 1625 Stertinius Xenophon, s. o. Tac. ann. 12, 67; vgl. auch Tab. IV, 3; vgl. Marasco, G., Xenophon v. Kos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 930; M. verweist auf die Verdächtigung des X., an der Beseitigung des Claudius beteiligt gewesen zu sein, hinterfragt diesen Verdacht aber nicht. Vgl. da‐ zu Kap. 2.2.3.1; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 353 600000 Sesterzen Gewinn aus der Stadt erziele, wobei er auch die Häuser aufzählte. Ein gleich großer Gewinn floss auch dessen Bruder von Kaiser Claudius zu; und ob‐ wohl große Summen von ihm für die Ausschmückung von Neapel mit Bauwerken ausgegeben wurden, blieben dem Erben 30 Mio. Sesterzen, soviel wie bis zu derselben Zeit nur Arruntius [hinterlassen hatte]. Darauf tauchte Vettius Valens1626 auf, der „ge‐ adelt“ wurde durch Ehebruch mit Messalina, der Gemahlin des Kaisers Claudius, An‐ hänger seiner Beredsamkeit und Machtstellung gewann und eine neue „Schule“ be‐ gründete.) Die in dem obigen Textauszug erwähnten Namen von Ärzten, die von Plinius le‐ diglich im Plural als Cassii1627, Capetani, Arruntii, und Rubrii1628 bezeichnet werden, lassen sich nicht mit letzter Gewissheit genauer identifizieren, dennoch brauchen wir an der Höhe der diesen von verschiedenen Kaisern gezahlten Honorare nicht zu zwei‐ feln, da derartige Zahlen, soweit die Beträge ja aus „öffentlichen Kassen“ gezahlt wur‐ den, überprüfbar waren. Dies gilt in weit höherem Maße für die Gebrüder Stertinius und Vettius Valens. Einer der beiden Stertinii dürfte mit jenem Stertinius Xenophon1629 identisch sein, der nach Tacitus angeblich in die Tötung des Claudius involviert war, Vettius Valens dürfte mit dem ebenfalls von Tacitus erwähnten römischen Ritter gleichen Namens1630 iden‐ tisch sein. Vor allem durch die Erwähnung des Vettius Valens und dessen Beziehun‐ gen zu Messalina wird für den Betrachter auch ein persönliches Motiv für das negati‐ ve Urteil des Plinius über Ärzte greifbar, nämlich ein offensichtlich auch moralisch er‐ klärbares Unverständnis eines Ritters dafür, dass es Ärzte, die nach ihrem gesell‐ schaftlichen Status in Rom ursprünglich wohl nur Sklaven, allenfalls Freigelassene ge‐ wesen waren, durch bestimmte „Beziehungen“ nicht nur nach Einkünften und Ver‐ mögen, sondern auch nach ihrem gesellschaftlichen Rang bereits unter Claudius bis zum Ritterstand schaffen konnten. Noch deutlicher greifbar wird das Gefühl persönlicher Zurücksetzung als ein mögliches Motiv für das negative Bild, das Plinius von den Ärzten seiner Zeit ent‐ wickelt, im Zusammenhang der Erwähnung von Ärzten aus der Zeit der Regentschaft Neros: eadem aetas Neronis principatu ad Thessalum transilivit, delentem cuncta placita et rabie quadam in omnis aevi medicos perorantem, quali prudentia ingenioque, aesti‐ mari vel uno argumento abunde potest, cum monumento suo, quod est Appia via, iatro‐ nicen se inscripserit. nullius histrionum equorumque trigarii comitatior egressus in pu‐ blico erat, cum Crinas Massiliensis arte geminata, ut cautior religiosiorque, ad siderum motus ex ephemeride mathematica cibos dando horasque observando auctoritate eum 1626 Vettius Valens, s. o. Tac. ann. 11, 35, 2; 1627 Zu einem Cassius vgl. Kudlin, F., s. o. S. 22: ein Zeitgenosse des Celsus (S. u.)? Marasco, G., Cassius, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 187; 1628 Der Plural darf nicht dazu verleiten, zu glauben, dass damit mehrere Träger desselben Namens ge‐ meint waren. So nennt Tacitus (Tac. ann. 11, 30, 2;) u. a. „Vettii“, obwohl er anschließend nur eine einzige Person mit dem Namen Vettius Valens erwähnt, einen Ritter, der wegen seiner Teilnahme an der „Hochzeit Messalinas mit G. Silius“ angeblich auf Befehl des Narcissus getötet wurde. (Vgl. Tac. ann. 11, 35;) 1629 Vgl. Tac. ann. 12, 61. 67; siehe auch Tab. IV, Nr. 1; 1630 S. o. Tac. ann. 11, 35; vgl. Tab. III, Nr. 35; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 354 praecessit, nuperque HS C reliquit, muris patriae moenibusque aliis paene non minore summa extructis.1631 (Dasselbe Zeitalter lief unter der Herrschaft Neros über zu Thes‐ salus1632, der alle bisherigen Erkenntnisse verwarf und mit einer gewissen Tollheit ge‐ gen die Ärzte jeden Zeitalters anredete, mit welcher Klugheit und mit welcher Erfin‐ dergabe, kann man, wenn man so will, anhand eines einzigen Beweismittels zur Ge‐ nüge abschätzen, insofern er auf seinem Grabmal, welches an der appischen Straße steht, sich als „Arztbesieger1633“ einmeißeln ließ. Er zeigte sich in der Öffentlichkeit in größerer Begleitung als irgendein Schauspieler und Lenker eines Dreigespanns von Pferden, als Crinas aus Massilia1634, mit verdoppelter Kunstfertigkeit, da er vorsichti‐ ger und gottesfürchtiger war, indem er nach den Bahnen der Sterne aufgrund eines astrologischen Tagebuchs Speisen verordnete und die Stunden beobachtete, jenen [Thessalus] übertraf. Erst kürzlich hinterließ er ein Vermögen von 10 Mio Sesterzen, obwohl er [zuvor] eine kaum geringere Summe auf die Errichtung von Mauern seiner Vaterstadt und anderer Bauten aufgewendet hatte.) Den beißenden Spott, auch die Empörung, mit der Plinius gegen die vermeintli‐ che Scharlatanerie und die Prunksucht von Ärzten wie Thessalos, vor allem gegen Kri‐ nas von Marsilia zu Felde zieht, wird man erst dann richtig verstehen können, wenn man bedenkt, dass Plinius wie Krinas zwar aus Gallien stammte, aber anders als der Arzt nicht aus dem mondänen Massilia, sondern aus dem idyllischen Como1635. Was zum Verständnis des Urteils des Schriftstellers vielleicht noch wichtiger ist: Es drängt sich die Vermutung auf, dass Plinius von Neidgefühlen beeinflusst war. Während der „griechische Arzt“ Krinas unter der Herrschaft Neros nicht nur berühmt, sondern auch „steinreich“ wurde, wartete Plinius d. Ä., als eques Romanus während der gesam‐ ten Regierungszeit Neros auf ein seinem Rang entsprechendes gut besoldetes öffentli‐ ches Amt vergeblich. Und nicht zuletzt aus dem Gefühl dieser persönlichen Betroffenheit des Plinius ist zu erklären, dass dieser noch einen weiteren aus Massilia stammenden Arzt erwähnt und entsprechend kritisiert: hi regebant fata, cum repente civitatem Charmis ex eadem Massilia invasit damnatis non solum prioribus medicis, verum et balineis, frigidaque etiam hibernis algoribus lavari persuasit. mersit aegros in lacus. videbamus sense consu‐ lares usque in ostentationem rigentes, qua de re exstat etiam Annaei Senecae adstipula‐ tio.1636 (… diese beherrschten das Schicksal, als plötzlich in die Bürgerschaft Char‐ mis1637 eindrang, aus demselben Massilia, und nachdem er nicht nur frühere Ärzte verdammt hatte, sondern auch frühere Badekuren, dazu riet, kalt zu baden auch bei 1631 Vgl. Plin. nat. 29, 5, 9; 1632 Wahrsch. Thessalos v. Kos, vgl. Kudlien, F., s. o. S. 81–82; Leven, K.-H., Thessalos v. Kos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 861; 1633 Das urspr. griechische Wort „„atron…khj“ ist ein dem Wort „Olympionike“ angelehnter Neologis‐ mus. 1634 Vgl. Kudlien, F., s. o. S. 81; Krinas praktizierte vielleicht schon unter Claudius. 1635 Vgl. Plin. epist. III, 5, 7; Vgl. Sallmann, K., Plinius 1, in KIP, Bd. 4, Sp. 929. 1636 Plin. nat. 29, 5, 10; 1637 Soll ca. 55 n. Chr. nach Rom gekommen sein. Vgl. Nutton, V. Charmis. In: DNP, Online, 2014. Reference. 11 December 2014 First appeared online: 2006. 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 355 winterlichen Frösten. Er tauchte Kranke in Teichen unter. Wir sahen selbst [Männer] konsularischen Ranges die bis zur Prahlerei erstarrten, worüber sogar eine Bestäti‐ gung des Annaeus Seneca existiert.) Die an dieser Stelle dem Charmis von Massilia unterstellte „Therapie“ der Unter‐ tauchens in Teiche erinnert mehr an religiöse Initiationsriten – wie sie zum Beispiel im frühen Christentum üblich waren – als an ernsthaftes ärztliches oder ärztlich ver‐ ordnetes Heilen1638, so dass man sich kaum noch darüber wundert, wenn Plinius in einer Art Zusammenfassung seiner Beobachtungen bezüglich Ärzten der frühen rö‐ mischen Kaiserzeit angewandten Heilmethoden diesen geradezu „alles Mögliche“ zu‐ zutrauen scheint: nec dubium est omnes istos famam novitate aliqua aucupantes anima statim nostra negotiari. hinc illae circa aegros miserae sententiarum concertationes, nul‐ lo idem censente, ne videatur accessio alterius. hinc illa infelicis monumenti inscriptio: turba se medicorum perisse. mutatur ars cottidie totiens interpolis, et ingeniorum Gra‐ eciae flatu inpellimur, palamque est, ut quisque inter istos loquendo polleat, imperato‐ rem ilico vitae nostrae necisque fieri, ceu vero non milia gentium sine medicis degant nec tamen sine medicina, sicuti populus Romanus ultra sexcentesimum annum, neque ipse in accipiendis artibus lentus, medicinae vero etiam avidus, donec expertam damna‐ vit1639. (Es ist unstrittig, dass alle diese Menschen, die mit irgendeiner Neuheit Jagd auf Ruhm machen, sogleich mit unserem Leben Geschäfte machen. Daraus entstehen jene elenden Streitigkeiten über die Kranken, wobei niemand in Bezug auf dasselbe [mit einem anderen] übereinstimmt, damit das nicht als Zustimmung zu dem Ande‐ ren angesehen werde. Daher rührt auch die Inschrift auf dem Grabmahl eines Un‐ glücklichen: er sei an dem Gedränge von Ärzten zu Grunde gegangen. Geändert wird die Kunst täglich und ebenso oft verfälscht man sie, und von dem „Wind“ der Geister Griechenlands werden wir angetrieben, und offenkundig ist, dass gerade der, der bei diesen da durch Reden stark ist, sofort Herrscher über unser Leben und den Tod wird; dass ebenso Tausende von Völkern ohne Ärzte leben, dennoch nicht ohne Heil‐ mittel, so wie das römische Volk vor dem 600. Jahr [153 v. Chr.], das selbst bei der Übernahme [fremder] Wissenschaften nicht zögerlich war, sogar begierig nach [frem‐ der] Heilkunst war, bis sie diese, nachdem sie Erfahrung damit gemacht hatte, ver‐ dammte1640.) 1638 Da Charmis von Massilia in anderen Quellen nicht als Arzt erwähnt wird, ist denkbar, dass er gar kein Arzt war, sondern ein Angehöriger einer religiösen Sekte, der gleichwohl von vielen seiner Anhänger als „Heiler“ verehrt wurde. In der medizingeschichtlichen Literatur wird Charmis zwar seit den Tagen E. J. Gurlts (Geschichte der Chirurgie und ihrer Ausübung, Bd 3, Berlin 1898, S. 322;) als Arzt angesehen (Vgl. Kudlien, F., s. o. S. 81;), aber neuere Autoren wie Heinze W., (Me‐ dizin und Religion in der Spätantike, in: Dinzelbacher, P., (Hrsg.): Mystik und Natur: Zur Ge‐ schichte ihres Verhältnisses vom Altertum bis zur Gegenwart, Berlin 2009, S. 23) drücken sich in dieser Hinsicht vorsichtig aus. Es ist davon auszugehen, dass es auch in gräzisierten Städten wie Massilia im Berichtszeitraum kaum staatliche Vorgaben für die Führung der Berufsbezeichnung medicus gegeben hat. Zu sog. „Kaltwasserkuren“ vgl. Hor. Ep. 1, 15, 3; dazu: Stamatu, M., Kur, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 547–548; 1639 Plin. nat. 29, 5, 11; 1640 Es scheint, dass bereits die römische Republik mit den „griechischen“ Philosophen auch griechi‐ sche Ärzte des Landes verwies. Vgl. Bengtson, H. Römische Geschichte..., s. o. S. 144–147. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 356 Im Zusammenhang mit der Erwähnung einer allgemeinen Vertreibung griechi‐ scher Ärzte aus Italien erinnert Plinius an einen Arzt mit Namen Archagathos1641, der angeblich im Jahre 153 v. Chr. von der Peloponnes nach Rom gekommen sei, zu‐ nächst einen gewissen Zulauf gehabt habe, dann aber wegen seiner Heilmethoden zu‐ nehmend in die Kritik geraten und aufgrund einer Verfügung des damaligen Censors vertrieben worden sei: vulnerarium eum fuisse egregium, mireque gratum adventum ei‐ us initio, mox a saevitia secandi urendique transisse nomen in carnificem et in taedium artem omnesque medicos, quod clarissime intellegi potest ex M. Catone, cuius auctorita‐ ti triumphus atque censura minimum conferunt1642; (dieser sei ein hervorragender Wundarzt gewesen, auf wunderbare Weise willkommen sei dessen Ankunft zunächst gewesen, bald aber sei wegen seines Ungestühms beim Schneiden und Brennen sein Name in „Henker“ übergegangen und Überdruss gegen die Kunst und alle Ärzte, was am deutlichsten an Cato zu ersehen ist, zu dessen Ansehen ein Triumph und das Amt des Zensors noch am wenigsten beitrugen.) Nach dieser Äußerung scheint nicht nur persönliche Betroffenheit, sondern auch die Autorität des älteren Cato einen Beitrag zu dem von Plinius entworfenen Zerrbild des Arztes beigetragen zu haben. Plinius zitiert u. a. einen Brief Catos an seinen Sohn: quandoque ista gens suas litteras dabit, omnia conrumpet, tum etiam magis, si medicos suos hoc mittet. iurarunt inter se barbaros necare omnes medicina, sed hoc ipsum mer‐ cede faciunt, ut fides iis sit et facile disperdant. nos quoque dictitant barbaros et spurcius nos quam alios Ὂπικων appellatione foedant. interdixi tibi de medicis.1643 (Wenn dieses Volk seine eigene Wissenschaft geben wird, wird es alles verderben, dann um so mehr, wenn es seine Ärzte dorthin schickt. Sie haben sich untereinander verschworen, dass sie die Barbaren töten, und zwar alle mittelst der Heilkunde, aber das selbst tun sie auch noch gegen Entlohnung, damit man ihnen Vertrauen schenkt und sie leicht Verderben bringen können. Auch uns bezeichnen sie als Barbaren und lästern uns noch unflätiger als andere durch die Bezeichnung „Dummkopf “. [Daher] erteilte ich Dir ein strenges Verbot wegen der Ärzte.) Unter Berufung auf diese Warnungen Catos beschreibt Plinius sein eigenes schriftstellerisches Anliegen folgendermaßen: … non deseram Catonem tam ambitio‐ sae artis invidiae a me obiectum aut senatum illum, qui ita censebat, idque non crimini‐ bus artis arreptis, ut aliquis exspectaverit. quid enim venenorum fertilius aut unde plu‐ res testamentorum insidiae? iam vero et adulteria etiam in principum domibus, ut Eu‐ demi in Livia Drusi Caesaris, item Valentis in qua dictum est regina1644. (... ich werde nicht den Cato im Stich lassen, der von mir einer so ehrsüchtigen Kunst entgegen ge‐ 1641 Archagathos, Sohn eines Lysanias, von der Peloponnes, der um 219 v. Chr. das römische Bürger‐ recht erhielt und u. a. durch ein bestimmtes Pflaster (Celsus, de medicina V, 19, 27) Berühmtheit erlangte. Vgl. dazu Wellmann, M., Archagathos Nr. 7, in RE, Band II, 1 (1895), Sp. 432–433 (bio‐ graphischer Überblick). Hahn, J., Archagathos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 79; 1642 Plin. nat. 29, 6, 13; 1643 Plin. nat. 29, 7, 14; Vgl. dazu Schulze, Chr.: Aulus Cornelius Celsus – Arzt oder Laie: Autor, Kon‐ zept und Adressaten der De medicina libri octo, Trier 1999, mit weiteren Literaturhinweisen. 1644 Plin. nat. 29, 8, 20; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 357 stellt wurde, oder jenen Senat, der so entschied, und dies [geschieht auch nicht] auf‐ grund von an den Haaren herangezogenen Vorwürfen gegen die Kunst, wie jemand erwarten könnte. Welche [Kunst] wäre fruchtbarer für [die Verabreichung von] Gifte [n] und woher kämen mehr Fälschungen von Testamenten? Ja sogar Ehebrüche in den Häusern der Kaiser, wie des Eudemus an Livia, der Gemahlin des Drusus Cae‐ sar1645, ebenso des Vettius [Valens]1646 – wie bereits erwähnt – an der Kaiserin [Mes‐ salina].) Schließlich räumt Plinius aber ein: non sint artis ista, sed hominum.1647 (allerdings liegt das nicht an der Kunst, sondern an den Menschen.) und kommt dann noch ein‐ mal auf von ihm anscheinend als besonders abschreckend empfundene Beispiele zu sprechen: notum est ab eodem Charmide unum aegrum e provincialibus HS CC recon‐ ductum, Alconti vulnerum medico HS | C| damnato ademisse Claudium principem, ei‐ demque in Gallia exulanti et deinde restituto adquisitum non minus intra paucos an‐ nos.1648 (… bekannt ist, dass von demselben Charmis1649 ein einziger Kranker aus der Provinz für 200000 Sesterzen behandelt wurde, und dass der Kaiser Claudius dem Al‐ kon1650, einem Wundarzt, nach seiner Verurteilung 10 Mio. Sesterzen genommen hat, der in Gallien in der Verbannung lebte und darauf, nachdem ihm die Rückkehr er‐ laubt worden war, innerhalb weniger Jahre nicht weniger [wieder] verdiente.) Plinius erklärt an dieser Stelle die „Gewinnsucht“ und den „übertriebenen Ehr‐ geiz“ bei Ärzten „medici“ als allgemeine menschliche Schwäche. Im Kontext dieser Untersuchung interessiert aber vor allem die Verwendung des Wortes „medicus“. – Soweit von griechischen Ärzten die Rede ist, sollte möglichst nicht daran gezweifelt werden, dass er mit dem Wort die Vorstellung von einem an griechischen Medizin‐ schulen „akademisch“ ausgebildeten Mediziner verknüpft, dem sog. Schulmediziner. Dasselbe gilt auch für andere bei Plinius erwähnte namentlich genannte Ärzte, bei de‐ nen bereits die Namen auf eine Herkunft aus Griechenland oder der „magna Graecia“ schließen lassen. Auch bei Charmis von Massilia ist wegen dessen Herkunft aus der in der Antike mehrheitlich von Griechen bewohnten Stadt Massilia (Marseille) davon auszugehen, dass der Autor auch in diesem Falle einen akademisch ausgebildeten „Schulmediziner“ kritisieren möchte. Weniger klar scheint dies bei dem „Wundarzt“ Alkon zu sein, dessen Name zwar auf eine griechische Herkunft schließen lässt, dessen Berufsbezeichnung als vulnerum 1645 S. o. Tab. Tab. I, 9; 1646 S. o. Tab. III, 35; 1647 Plin. nat. 29, 8, 21; 1648 Plin. nat. 29, 8, 22; 1649 Charmis von Massilia, s. o. Plin. nat. 29, 5, 10; Charmis v. M. gelangte ca. 55 n. Chr. nach Rom und gewann zahlreiche wohlhabende Patienten (Plin. nat. 29,10). Angeblich stellte er einem Patienten für eine Heilbehandlung HS 200000 in Rechnung (Plin. nat. 29, 22;) und verlangte einen vergleich‐ bar exorbitanten Preis von 1000 att. Drachmen für eine einzige Dosis eines Gegengiftes (Gal. 14, 114, 127;). Vgl. Nutton, V., Charmis. In: DNP, Brill Online, 2014. Reference. 22 July 2014 First appeared online: 2006 1650 Der hier genannte Alkon wird außer bei Plinius auch noch von Martial erwähnt (Vergl. Mart. epigr. XI 84, 5. VI, 70, 6.). Vgl. dazu Wellmann, R., Alkon 14, in RE, I, 2 (1894), Sp. 1579. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 358 medico aber auch eine andere Deutung zulässt. Der Begriff „Wundarzt“ als deutsches Äquivalent zu dem lateinischen vulnerum medicus ist seit dem europäischen Mittelal‐ ter nicht zur Bezeichnung von akademisch gebildeten Ärzten, sondern eher zur Be‐ zeichnung von mit handwerklichen Fähigkeiten ausgestatteten „Chirurgen“ gebräuch‐ lich, wie man sie zur Wundversorgung im Militärwesen benötigte1651. Dass bereits Plinius den Begriff medicus vulneratorum in dieser Weise benutzte, ist nicht sicher – aber vorstellbar, und lässt daher die Vermutung zu, dass im Untersu‐ chungszeitraum auch – nicht akademisch gebildete – „Heiler“, sofern sie auf entspre‐ chende Heilerfolge verweisen konnten, zu Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen in der römischen Gesellschaft kommen konnten. Und besondere Beachtung verdient im Kontext unserer Untersuchung auch, dass Plinius „Ärzte“ – unabhängig von ihrem Bildungs- und Ausbildungsstand – nicht zuletzt wegen ihrer Gewinnsucht und ihres Ehrgeizes für zu Allem fähig hielt, – auch zu dem Verbrechen, ihr Wissen und ihre Kenntnisse in den Dienst der Tötung von Patienten zu stellen? Der Blickwinkel Martials1652 Für unseren Untersuchungszeitraum ist der Verdacht, dass Ärzte der frühen römi‐ schen Kaiserzeit auch zur Tötung ihrer Patienten bereit gewesen sein könnten, vor al‐ lem für Martial mehrfach bezeugt. Noch eher verhalten spricht Martial diesen Ver‐ dacht in einem Epigramm mit folgendem Wortlaut an: Uxorem, Charideme, tuam scis ipse sinisque a medico futui: vis sine febre mori.1653 (Die Gattin, Charidimus1654, die Deinige, du weißt es selbst und lässt es zu, 3.1.2 1651 Vgl. Ehrlich, A.: Ärzte, Bader, Scharlatane, Die Geschichte der österreichischen Medizin, Wien 2007, S. 192 ff.. Guttkuhn, P.: Dr. med. Wilhelm Levens (1803–1859). Ein Arzt zwischen Gesund‐ heits-Handwerk und wissenschaftlicher Medizin. In: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt. 48 (1995), Heft 4, 7–11. Groß, D.: Die Aufhebung des Wundarztberufs im Spiegel zeitgenössischer wundärztlicher Quellen, Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 14 (1996), S. 459-47. Groß, D.: Die Aufhebung des Wundarztberufs - Ursachen, Begleitumstände und Auswirkungen am Bei‐ spiel des Königreichs Württemberg (1806-1918) Stuttgart 1999. 1652 Marcus Valerius Martialis, kurz: Martial, *1. 03. 40 n. Chr. in Bilbilis; vgl. Barié, P.: Martial. Gespie‐ gelte Wirklichkeit im römischen Epigramm, Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie. Ann‐ weiler 2004. Burnikel, W.: Quintilian und Martial, in Quintilian. Pädagogische Texte aus der Anti‐ ke. Annweiler 2013, S. 88 – 95; Gnilka, Chr.: Martial über seine Kunst. In: Rheinisches Museum für Philologie 2005, S. 293-304; Graßhoff, F.: Martial für Zeitgenossen. Epigramme von Marcus Valeri‐ us Martialis. Düsseldorf 1998. Holzberg, N.: Martial und das antike Epigramm. Darmstadt 2002. Schmieder, C.: Zur Konstanz erotischer Erfahrung. Martial, Juvenal, Berlin 2006. Seel, O.: Ansatz zu einer Martial-Interpretation, in: Antike und Abendland 10, 1961, S. 53–76; 1653 Vgl. Mart. epigr. 6, 31; 1654 Charidimus wird in anderen Quellen nicht als Name eines Arztes oder Heilers erwähnt. 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 359 wird von einem Arzt eingeschläfert1655: du willst, dass sie ohne Fieber sterbe.) Vor allem im zweiten Vers des Epigramms wird unterstellt (… vis sine febre mori ….), dass der angesprochene Charidimus einem anonymen Arzt erlaubt, nicht nur mit seiner Frau zu schlafen, sondern im Gegenzug dazu von dem Arzt auch erwartet, dass dieser jene töte. Auch das Motiv der angeblichen Gewinnsucht von Ärzten spricht Martial an, in‐ direkt, versteht sich, insofern er demselben Charidimus noch ein zweites Epigramm „widmete“: Dives eras quondam: sed nunc pedico fuisti et tibi nulla diu femina nota fuit. Nunc sectaris anus1656. Oh quantum cogit egestas! Illa fututorem te, Charidime, facit.1657 (Reich warst du einst: doch jetzt hast du dem „Knabenliebhaber“ gehört und dir ist keine Frau schon seit langem nicht mehr bekannt. Jetzt folgst Du als After. Oh wie viel erzwingt der Mangel? Jener [Mangel?] macht dich, Charidimus, zum [gewerbsmäßigen] Bei‐ schläfer.) Anders als im vorigen Beispiel wird in diesem Epigramm die Inanspruchnahme der Dienste eines Arztes zu Tötungszwecken nicht expressis verbis erwähnt, aber in Fortspinnung der Gedanken des vorher zitierten Epigramms – um die Sexualpartner zu beerben (?) – nicht ausgeschlossen. Deutlicher unterstellt Martial in dem nachfolgenden Epigramm einem Arzt die Bereitschaft, einen Patienten auch zu töten: Einen gewissen „Parthenopaeus“, also einen Mann aus Neapel1658, warnt Martial davor, dass es in dem Fall um weit mehr 1655 Das Wort „futui“ (Inf.: futuere) ist als ein vulgärsprachlicher Ausdruck für „mit jemandem schla‐ fen“ gebräuchlich. Der Stamm „fut-“ taucht aber auch in Verben wie confutare bzw. refutare (zu‐ rückstoßen = widerlegen) auf. Daher ist davon auszugehen, dass beim Gebrauch von Ausdrücken wie futuere oder confutator (Beischläfer) bewusst Vorstellungen des „Stoßens“ assoziiert wurden, die hauptsächlich sexuell interpretiert wurden, aber indirekt auch auf die „Dolchstöße“ eines Mör‐ ders anspielten. 1656 Der Ausdruck sectaris anus ist vieldeutig, insbesondere das Wort anus: Es lässt sich sowohl als Nom. Sing. zu anus, ani m. (After) deuten und wäre dementsprechend – wie in der obigen Über‐ setzung – prädikativ zu deuten und inhaltlich auf Charidimus zu beziehen, was unter Berücksichti‐ gung der Angabe von Vers 2, dass jener sich bereits einem Knabenliebhaber hingegeben habe, als naheliegend erscheint. Grundsätzlich lässt sich anus auch als Akk. Pl. zu anus -us (= alte Frau) deuten, womit dann alludiert würde, dass sich Charidimus gegen entsprechende Entlohnung auch älteren Damen verdingte. 1657 Vgl. Mart. epigr. 11, 72; 1658 Der Name Παρθενόπη kommt bereits in Homers Odyssee vor, und zwar als Name einer Sirene, die durch ihren Gesang den Griechen den „Kopf verdrehte“. Nach dieser Sirene wurde eine auf dem Territorium der späteren Stadt Neapel gelegene griechische Kolonie benannt. Der heutige Name (Neapolis) Neapel ist erst ab dem 5. Jahrh. v. Chr. belegt, als von Parthenope aus eine „Neustadt“ gegründet wurde. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 360 gehe, als bloß um einen Husten, wenn er sich zu dessen Linderung der Kunst von Ärzten anvertraue: Leniat ut fauces medicus, quas aspera vexat adsidue tussis, Parthenopaee, tibi, mella dari nucleosque iubet dulces placentas et quidquid pueros non sinit truces. Non est haec tussis, Parthenopaee, gula est.1659 (Damit er den Rachen lindere, der Arzt, welchen hart quält beständig Husten, Mann aus Neapel, dir, heißt Honigsüßes er zu geben, Nüsse und süße Kekse und was immer Knaben nicht trotzig werden lässt. Nicht ist dies der Husten, Mann aus Neapel, es ist der Hals.) Der Hinweis darauf, dass es hier nicht um die Behandlung von Husten gehe, son‐ dern um den Hals ist doppeldeutig, insofern das hier von Martial verwendete Wort gula nicht nur als Metapher für „übermäßige Appetit“ gebräuchlich ist, sondern auch für eine Bedrohung des Lebens des guten „Essers“, wenn man etwa an die Umstände des Ablebens des Kaisers Claudius1660 denkt. Eine versteckte Warnung vor den therapeutischen Empfehlungen von Ärzten ent‐ hält das folgende Epigramm: Profecit poto Mithridates saepe veneno toxica ne possent saeva nocere sibi. Tu quoque cavisti cenando tam male semper ne posses umquam, Cinna, perire fame.1661 (Voran kam durch Trinken Mithridates1662, oft durch Gift, dass Gifte, auch schreckliche nicht schaden konnten, jedenfalls ihm. Du hast dich ebenfalls gehütet beim Essen so schlimm immer, dass du niemals, Cinna1663, könntest durch Hunger zugrunde gehen.) Dass in diesen Versen auch vor Ärzten gewarnt wird, erschließt sich dem Be‐ trachter erst, wenn er sich vor Augen führt, dass auch Ärzte der frühen römischen 1659 Vgl. Mart. epigr. 14, 78; 1660 S. o. Kap. 2. 2 1661 Vgl. Mart. epigr. 5, 76; 1662 Mithradates VI. (*ca. 134 v. Chr. in Sinope; †63 v. Chr), Kg. von Pontos (Kleinasien); Volkmann, H. Mithradates 5, in KlP, Bd. 3, Sp. 1355–1358; vgl. Marasco, G., Mithridates, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 621–622; 1663 Lucius Cornelius Cinna (*um 130 v. Chr.; †84 v. Chr. in Ancona), Politiker, der als als Gegner Sullas und als Anhänger des Marius 87 v. Chr. zum Konsul gewählt wurde und in diesem Amt – nach Sullas Abreise – Krieg gegen Mithridates VI. von Pontos führte. Bulst, C. M.: Cinnanum tempus. A reassessment of the Dominatio Cinnae, in: Historia. 13, 1964, S. 307–337. Lovano, M.: The age of Cinna. Crucible of late republican Rome. Stuttgart 2002. 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 361 Kaiserzeit den Genuss von Wein als Gegenmittel gegen Vergiftungen empfahlen1664. Auch Kaiser Claudius scheint nicht nur aus Trunksucht, sondern auch aus Furcht vor Giftanschlägen getrunken zu haben. Eine deutlichere Warnung vor den therapeuti‐ schen Ansätzen bestimmter Ärzte enthält der folgende Zweizeiler Martials: „Artis ebur medicae narthecia cernis: habebis munera quae cuperet Paccius esse sua.1665 (Für die Heilkunst das Elfenbein, Salbendosen, siehst du: Besitzen wirst Du sie als Geschenke, welche Paccius als eigen sich wünschte.) Schon allein der Hinweis auf „Salbendosen aus Elfenbein“ ist als ein Sprachsym‐ bol für den Reichtum seines Besitzers zu interpretieren. Wer aber ist gemeint? Ein Arzt? Der an dieser Stelle von Martial erwähnte Paccius, der angeblich nur zu gern solche Salbengefäße sein eigen genannt hätte, hieß mit vollem Namen wahrscheinlich Paccius Antiochus.1666 Scribonius Largus jedenfalls benennt einen Arzt dieses Namens als Gewährsmann für ein Heilmittel, das vor allem gegen podagra (Gicht) und dolor lateris (Seitenstechen oder Brustschmerz) wirksam gewesen sein soll1667. Für das Verständnis der Pointe von Martials Epigramm ist vor allem folgender Hinweis von Bedeutung: fecit enim magnos quaestus ex ea propter crebros successus in vitiis difficillimis. Sed ne hic quidem ulli, se vivo, compositionem dedit. Post mortem au‐ tem eius, Tiberio Caesari per libellum scriptum ad eum, et bibliothecis publicis posita, venit in manus nostras, quam nullo modo extrahere potuimus: quamvis omnia feceri‐ mus, ut sciremus, quae esset. Ipse enim clusus componebat, nec ulli suorum committe‐ bat: plura enim, quam recipit, ipsemet contundi iubebat pigmenta, fallendi suos cau‐ sa.1668 (Er zog nämlich große Gewinne aus diesem [Mittel] wegen zahlreicher [Hei‐ lungs-] Erfolge bei sehr schwierigen Erkrankungen. Aber dieser gab niemandem, je‐ denfalls so lange er lebte, das Rezept. Nach dessen Tod aber, gelangte es zu Kaiser Ti‐ berius über einen an diesen gerichteten Brief, und wurde in öffentliche Bibliotheken eingestellt, so kam es in unsere Hände, dieses konnten wir auf keine Weise „analysie‐ ren“, obwohl wir alles taten, um zu erfahren, was es sei. Denn er selbst stellte es zu‐ sammen, nachdem er sich hatte einschließen lassen, er vertraute es niemanden der Seinen an: denn mehr als er benötigte, ließ er selbst an „Inhaltsstoffen“ zerstoßen, [nur] um die seinen zu täuschen.) Paccius Antiochus1669 scheint – nach dem Vorurteil, welches Martial in diesem Epigramm bedient, – als ein Arzt bekannt gewesen zu sein, der sich eher wie ein heu‐ tiger Pharmaunternehmer verhielt, der um des geschäftlichen Erfolges willen, seine 1664 Vgl. Scrib. Larg. compositiones 169–176; 1665 Vgl. Mart. epigr. 14, 78; 1666 Vgl. Eck, W.: Paccius, in: DNP, hrsg. Cancik, H. u. a. Brill Online, 2014. Reference. 24 February 2014; Wellmann, M.: Antiochos 66. RE Bd. I, 2, Sp.2494. 1667 Vgl. Scrib. Larg. compositiones 97; 1668 S. o. Scrib. Larg, compositiones 97; 1669 Verm. Flottenarzt unter Tiberius; vgl. Diller, H., Paccius 4, RE, XVIII 2, 1942, Sp. 2063. Kudlien, F., s. o., S. 64; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 362 Rezepturen bewusst geheim hält, wie ein Arzt, der seine Therapieansätze im Interesse der Patienten auch an Schüler weiterreicht, - scheint durch diese menschenfeindliche „Geschäftsidee“ reich geworden zu sein: Der Vergleich mit jenem Paccius dürfte für den Adressaten von Martials Epigramm somit wenig schmeichelhaft gewesen sein: Martial charakterisierte den Adressaten des Epigramms – wie Paccius – als einen an dem Wohl seiner Patienten weitgehend desinteressierten Arzt. Völlig ungeschminkt bezichtigt Martial in zwei weiteren Zweizeilern Ärz‐ te der „Mordlust“: Nuper erat medicus, nunc est vispillo Diaulus: Quod vispillo facit, fecerat medicus1670 (Neulich war er [noch] Arzt, jetzt ist er Totengräber, Diaulus: Was der Totengräber tut, hatte schon der Arzt getan.) In einem anderen Epigramm bezeichnet Martial jenen Diaulus1671 zwar nicht als „medicus“, sondern als Chirurgen, aber der Autor verfolgt in diesem Epigramm eine vergleichbare Tendenz: Chirurgus fuerat, nunc est vispillo Diaulus coepit quo poterat clinicus esse modo.1672 (Chirurg war er gewesen, jetzt ist Totengräber Diaulus, er begann, seit er es konnte, „Kliniker“1673 zu sein, auf seine Weise.) Ärzte sind nach den Aussagen dieser beiden Epigramme Martials nichts weiter als gewinnsüchtige „Leichenträger“ und „Totengräber“, d. h. Menschen, die Menschen töten, sei es absichtlich, aus Gewinnsucht, sei es unabsichtlich, wegen mangelnder be‐ ruflicher Kompetenz. 1670 Vgl. Mart. epigr. I, 47; 1671 Ob es einen Chirurgen oder Arzt mit dem Namen Diaulus gegeben hat, ist unklar, da ein solcher in anderen Quellen nicht erwähnt wird. Der Name (gr.: D…auloj“ = dtsch. „Doppelflöte) könnte von Martial erfunden worden sein, um bereits durch diesen Namen („Flöte“ oder „Pfeife“), als Aus‐ druck für einen völlig unfähigen Mann, einen ganzen Berufsstand der Lächerlichkeit preiszugeben. 1672 Vgl. Mart. epigr. I, 30; 1673 Das Wort „clinicus“ wird hier im Deutschen mit dem Fremdwort „Kliniker“ wiedergegeben. Die Pointe dieses Zweizeilers erschließt sich erst dann, wenn man berücksichtigt, dass die Vokabel cli‐ nicus aus dem Griechischen, wo es mit dem Wort kl…nh (Bahre) zusammenhängt und ursprüng‐ lich einen „Feldbetträger“ bezeichnete, in den lateinischen Wortschatz eindrang, wo es dann so‐ wohl zur Bezeichnung eines Arztes verwendet wird als auch zur Bezeichnung eines „Leichenträ‐ gers“. 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 363 Der Blickwinkel Juvenals1674 Kaum weniger unfreundlich als Martial äußerte sich auch der ein wenig jüngere Sati‐ riker Juvenal über Ärzte. Gleich in seiner ersten Satire erinnert er an den Tod des Claudius1675: occurrit matrona potens, quae molle Calenum porrectura viro miscet sitiente rubetam instituitque rudes melior Lucusta propinquas per famam et populum nigros efferre maritos.1676 (Da kommt machtvoll die Dame1677, die zärtlich milden Calener1678 darreicht, als der Mann aber dürstet, einmischt die Kröte1679, ungebildete lehrte zu gut Lucusta1680, ihre Verwandten, nach Gered` auch das Volk1681, schwarz1682 wegzuschaffen die Gatten.) Ein Arzt als Gehilfe für einen Gattenmord sowie der Name des Kaisers Claudius als Opfer der Mordlust eines Arztes wird von Juvenal an dieser Stelle zwar nicht ex‐ pressis verbis erwähnt, aber die Erwähnung der Giftmischerin Locusta als Beschafferin des Giftes für einen Gattenmord wird man sicherlich als Hinweis auf den rätselhaften Tod des Kaisers Claudius deuten dürfen, an dem nach dem Zeugnis des Tacitus an‐ geblich auch der Arzt Stertinius Xenophon1683 beteiligt gewesen war. Deutlicher spielt Juvenal an anderer Stelle auf die angebliche Vergiftung des Clau‐ dius an: Vilibus ancipites fungi ponentur amicis, boletus domino, sed quales Claudius edit ante illum uxoris, post quem nihil amplius edit.1684 (Niederen missliche Schwämme setzt vor man, halt Freunden, 3.1.3 1674 Decimus Iunius Iuvenalis, kurz Juvenal, Satiriker des 1. und 2. Jahrhunderts.*um 60 (58?) und gest. nach 127 n. Chr.); Vgl. Adamietz, J.,: Juvenal. In: J. Adamietz (Hrsg.): Die römische Satire. Darm‐ stadt 1986, S. 231−307. Schmieder, C.: Zur Konstanz erotischer Erfahrung: Martial, Juvenal, Berlin 2007. Schmitz, Chr.: Das Satirische in Juvenals Satiren, Berlin/New-York 2000. 1675 S. o. Tab. IV, Nr. 3; 1676 Iuv. saturae 1, 69–72; 1677 Anspielung auf Agrippina d. J., die letzte Gemahlin des Claudius und Mutter Neros; Vgl. Tab. IV, 9; 1678 Wein aus Cales in Kampanien, auch von Claudius als Antidot gegen Vergiftungen genommen; 1679 „Krötengift“, eine Anspielung auf die vergifteten Pilze; 1680 S. o. Tab. V, Nr. 17; 1681 Anspielung auf das Gerücht, dass Locusta „Schülerinnen“ ausbildete. s. o. Kap. 2 und 3; 1682 Anspielung auf schwarzen Hautflecken nach Vergiftungen; vgl. den Fall Germanicus (s. o. Kap. 2,1;); 1683 Vgl. Tac. ann. 12, 61. 67; s. o. Kap. 2.2; vgl. Kudlien, F., s. o. S. 57–59. vgl. Marasco, G., Xenophon v. Kos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 930; 1684 Iuv. saturae V, 146 – 148; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 364 Herrenpilze1685 dem Herrn, doch wie Claudius sie verzehrte, vor jenem der Gattin, nach dem nichts mehr verzehrt´ er.) Juvenal greift in diesen Versen das Gerücht auf, dass zur Tötung des Claudius an‐ geblich ein vergiftetes Pilzgericht verwendet wurde. Nach der Darstellung des Tacitus zeitigte der Pilz zwar nicht die erhoffte Wirkung, so dass erst anschließend, auf Bitten Messalinas, auch noch Stertinius Xenophon eingeschaltet wurde, um Claudius zu tö‐ ten.1686 Mittelbar kann man aber auch diese Verse als Anspielung Juvenals auf in Tö‐ tungsabsicht vorgenommene verbrecherische Manipulationen eines Arztes, nämlich des Stertinius Xenophon, interpretieren, obwohl er diesen weder namentlich noch in‐ direkt erwähnt. Auch in der sechsten Satire spielt Juvenal auf diesen Fall an: ardebant cuncta et fracta conpage ruebant non aliter quam si fecisset Iuno maritum insanum. Minus ergo nocens erit Agrippinae boletus, siquidem unius praecordia pressit. Ille senis tremulumque caput descendere iussit in caelum et longa manantia labra saliva:1687 (Brennen wollt´ Alles, und heraus aus den Fugen es stürzte, Anders nicht, als hätte Juno gemacht ihren Gatten wahnsinnig. Weniger somit wird schädlich sein Agrippinas Herrenpilz, wenn auch nur eines Eingeweide er drückte. Jener des Greises zitterndes Haupt hieß hinab da steigen himmelwärts, und lange Schleim auch noch triefend die Lippen) Die Anspielungen gerade dieser Verse auf die Vergiftung des Claudius und Sene‐ cas Satire auf dessen Vergöttlichung können kaum übersehen werden, obwohl über‐ rascht, dass Juvenal die von Tacitus dem Arzt Stertinius Xenophon unterstellte Beihilfe zur Beseitigung des Claudius auch in diesen Versen unerwähnt lässt. Dafür sind ver‐ schiedene Erklärungen möglich: Entweder kam es dem Dichter in diesen Versen vor allem darauf an, stärker Vorurteile gegenüber untreuen Ehefrauen zu bedienen, viel‐ leicht war der Dichter anders als Tacitus, ähnlich wie Sueton und später auch Cassius Dio einfach nicht davon überzeugt, dass neben Agrippina und Locusta auch Stertinius Xenophon an der Tötung des Claudius beteiligt war. Für den zweiten Erklärungsansatz spricht, dass Juvenal in anderen Zusammenhängen angebliches Fehlverhalten von Ärzten ebenfalls geißelte, vor allem in sexueller Hinsicht: … castigas turpia, cum sis 1685 Wenn von boletus die Rede ist, ist meistens der „Steinpilz“ gemeint, der auch „Herrenpilz“ genannt wird. 1686 S. o. Tac. ann. 12, 67, 2: igitur exterrita Agrippina …. iam sibi Xeneophontis medici conscientiam adhibet. Ille … pinnam rapido veneno inlitam faucibus eius dimisisse creditur,... 1687 Vgl. Iuv. saturae VI, 618–623; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 365 inter Socraticos notissima fossa cinaedos? Hispida membra quidem et durae per brachia saetae promittunt atrocem animum, sed podice levi caeduntur tumidae medico ridente mariscae.1688 (… du tadelst das Schändliche, obwohl du bist Sokratikern bestens bekannt als im Arsch von Schwulen? Struppige Glieder freilich und hart an den Armen die Borsten künden an furchtbaren Mut, doch von einem weichen Gesäße werden geschnitten vom lächelnden Arzt die Hämorrhoiden.) Gleichsam als ein Schimpfwort verwendet Juvenal an dieser Stelle das Wort „So‐ kratiker“, als Ausdruck zur Bezeichnung von Philosophen, zu denen nach römischer Auffassung zu jener Zeit auch noch Ärzte gerechnet wurden. Der Topos, dass griechi‐ sche Philosophen homosexuell seien, wird hier auch auf einen namentlich nicht ge‐ nannten Arzt angewandt, um ihn als möglichst verächtlich erscheinen zu lassen. Ho‐ mosexualität galt in Rom spätestens seit dem Jahre 149 v. Chr. auf der Grundlage der Lex Scantinia als Straftatbestand1689. Diese „Unmoral“ von Ärzten, vor allem auch den angeblichen Makel der griechi‐ schen Herkunft vieler Ärzte, prangert Juvenal auch in der dritten Satire an: hic alta Sicyone, ast hic Amydone relicta, hic Andro, ille Samo, hic Trallibus aut Alabandis, Esquilias dictumque petunt a vimine collem, viscera magnarum domuum dominique futuri. Ingenium velox, audacia perdita, sermo promptus et Isaeo torrentior. Ede quid illum esse putes. Quemvis hominem secum attulit ad nos: grammaticus, rhetor, geometres, pictor, aliptes, augur, schoeneobates, medicus, magus, omnia novit Graeculus esuriens: in caelum iusseris ibit1690. (Dieser das hohe Sicyon, der Amydon auch zurückließ Dieser Andros, jener Samos, der Tralles1691, Alabanda1692 1688 Vgl. Iuv. saturae II, 9–13; 1689 Vgl. Hartmann, E.: Homosexualität, in: DNP, Bd. 5, 1998, Sp. 703–707; siehe auch: Mommsen, Th.: Römisches Strafrecht. (Systematisches Handbuch der deutschen Rechtswissenschaft, Abt. 1, Teil 4), 2. Ndr. der Ausgabe Leipzig 1899, Aalen 1990. Obermayer, H. P.: Martial und der Diskurs über männliche “Homosexualität” in der Literatur der frühen Kaiserzeit (= Classica Monacensia Bd. 18), Tübingen 1998. 1690 Vgl. Iuv. saturae III, 69–78; 1691 Tralles gilt als Heimatstadt eines bekannten „Methodikers“ der Zeit Neros, des Thessalos v. Tralles; vgl. Oser - Grote, C., Thessalos v. Tralles, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 861 f.; 1692 Die in diesen Versen genannten Ortsnamen verweisen auf Städte in allen Teilen der Graecia magna. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 366 Esquilinisches1693 woll´n sie, von der Weid` aus den Gipfel, Eingeweid`1694 großer Häuser und eines künftigen Herren. Schnell der Verstand ist, verdorben der Wagemut und ihre Rede flink und reißender als der Isaeus1695. Sage, was jener sei, wie du glaubst. Welchen Mann mit sich er hergebracht` uns: Schulmeister, Redner, Feldmesser, Maler, Quacksalber, Seher und Seiltänzer, Heiler und Zauberer, Alles das kennt er, Griechlein, das hungert: den Himmel, befiehlst du ´s, er wird ihn bestei‐ gen.) Nach den Unterstellungen Juvenals war es nicht ein spezifisches Fachwissen, wel‐ ches Ärzte griechischer Herkunft charakterisierte, sondern vor allem geistige Wendig‐ keit, „zungenflinker“ Wagemut und Ehrgeiz, sich durch beliebige Tätigkeiten Zutritt zu den führenden Familien Roms zu verschaffen, um zu Geld, Ansehen und Einfluss zu gelangen. Das Versprechen griechischer Ärzte zu heilen, entbehrte nach Juvenal jeden fundierten Wissens und erlernten Könnens, sondern bediente lediglich die Wünsche zahlungskräftiger und um ihre Gesundheit besorgter Patienten. Der Skrupellosigkeit griechischer Ärzte entspricht nach Juvenal eine entsprechen‐ de Vertrauensseligkeit ihrer römischen Patienten: Hierbei waren es nach den satiri‐ schen Unterstellungen vor allem betrügerische Ehefrauen, die den Ärzten Zutritt zu den Häusern der Reichen verschafften: quid quod et antiquis uxor de moribus illi quaeritur? O medici, nimiam pertundite venam. Delicias hominis! Tarpeium limen adora pronus et auratam Iunoni caede iuvencam, si tibi contigerit capitis matrona pudici.1696 (Was wenn sogar von altem Schlag ein Eheweib jener sucht? Oh ihr Ärzte, da öffnet die allzu blutreiche Ader. Freuden des Mannes! Der Tarpeia1697 Schwelle sollst du anbeten willig der Juno auch schlachte die Gold behangene Jungkuh, wenn dir zuteil eine Ehefrau würde von züchtigem Haupte.) Der Arzt wird hier als Helfer eines untreuen Eheweibes charakterisiert, der jenem dabei behilflich ist, den gehörnten Ehemann beiseite zu schaffen. An anderer Stelle 1693 Hinweis auf den Esqulin, auf das vornehmste Wohnviertel im kaiserzeitlichen Rom; 1694 viscera wird hier absichtlich wörtlich übersetzt, weil es Ärzten nach Juvenal nicht nur auf den Zu‐ tritt zu großen Häusern Roms ankam, sondern auch auf die „Eingeweide“ ihrer Bewohner. 1695 Name eines bekannten Sophisten und Stegreifredners aus der Zeit Trajans; 1696 Iuv. saturae VI, 5–50; 1697 Tarpeia, mythologische Heldin, entweder Römerin oder Sabinerin, welche den Sabinern ein Tor öffnete, unter der Bedingung, zu bekommen, was sie am linken Arm trügen. Statt, wie erwartet, goldener Reifen, welche sie am Arm trugen, warfen jene ihr Schilde über und töteten sie. Vgl. Meyer, E., Tarpeia in KIP, Bd. V, Sp. 522; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 367 schreckt Juvenal nicht davor zurück, das Klischee der „bösen Schwiegermutter“ zu bemühen, um auf die angebliche Skrupellosigkeit griechischer Ärzte aufmerksam zu machen: desperanda tibi salva concordia socru. Illa docet missis a corruptore tabellis nil rude nec simplex rescribere, decipit illa custodes aut aere domat. Tum corpore sano advocat Archigen onerosa pallia iactat.1698 (Hoffe auf Hausfrieden nicht zeit Lebens der Schwiegermutter Jene schon lehrt auf die Briefe, die der Verführer schon schickte, Nichts, was ist roh oder einfach, zu antworten, jene betrügt die Wächter oder besticht sie sie mit Geld. Dann gesunden Körpers ruft sie den Archigenes1699 und zu schwere Decken beklagt sie.) Was man aber von Archigenes zu halten habe, erläutert Juvenal in einer anderen Satire noch ein wenig genauer: ocius Archigen quaere atque eme quod Mithridates composuit: si vis aliam decerpere ficum atque alias tractare rosas, medicamen habendum est, sorbere ante cibum quod debeat et pater et rex.1700 (Schneller den Archigen frage und kaufe, was einst Mithridates1701 angerührt: wenn eine andere Feige dann du willst dir pflücken und dazu andere Rosen begehrst, muss man Heilmittel haben, die vor dem Essen muss schlürfen der Vater so wie auch der König.) Wie Martial1702 bringt auch Juvenal den rätselhaften Tod des Mithradates bzw. von dessen Vater ins Spiel, um glaubhaft zu machen, dass „Modeärzten“, wie dem Ar‐ chigenes, d. h. Ärzten griechischer Herkunft, bei der Ausübung ihres Berufs „mörderi‐ sches Absichten“ zuzutrauen seien1703. 1698 Iuv. saturae VI, 231–236; 1699 Archigenēs, is, m. (Ἀρχιγένης), ein vielleicht schon unter Domitian, wahrscheinlich aber erst unter Nerva u. Trajan in Rom praktizierender Arzt, der gebürtig aus Apamēa in Syrien stammte. Vgl. Oser-Grote, C. M., Archigenes v. Apameia, in Leven, K.-H.: Antike Medizin. München 2005, Sp. 80; Aufmerksamkeit widmete Archigenes der Pulslehre, gegen die Galen aber polemisiert. Medizin‐ geschichtlich wird er den sog. Pneumatikern zugerechnet. Siehe auch Kudlien, F., s. o. S. 87. 1700 Iuv. saturae XIV, 252–255; 1701 S. o. Mithridates VI. v. Pontos; 1702 S. o. Mart. epigr. V, 76; siehe hier Kap. 3.1.2; 1703 Es ist im Hinblick auf diese Schlussfolgerung zu beachten, dass Juvenal als Satiriker mit Klischees „spielt“, welche nur unter Vorbehalten als Ausdruck von „Überzeugungen“ gedeutet werden kön‐ nen. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 368 Der Blickwinkel hellenistischer Autoren Auch von den in griechischer Sprache schreibenden Autoren unseres Untersuchungs‐ zeitraums, Philo von Alexandrien und Flavius Josephus, sind bemerkenswerte Äuße‐ rungen zur Ausbildung und zum Ethos von Heilern überliefert. Philo von Alexandrien Philo von Alexandrien (* zwischen 10 und 20 n. Chr., gest. zwischen 40 und 50 n. Chr.)1704 berichtet in seiner Schrift Quod omnis probus liber sit über die Sitten und Gebräuche einer ca. 4000 Mitglieder umfassenden und sowohl in Palästina als auch in der Provinz Syrien verbreiteten Gruppe streng gläubiger Juden1705, welche er als 'Essa‹oi (Essäer) bzw. 'Esshno… (Essener) bezeichnet1706. Nach den Angaben Philons lebten die Essäer bzw. Essener kaum in Städten, sondern hauptsächlich in Dörfern, entweder als Ackerbauern oder als Handwerker1707, aber ausschließlich als freie Män‐ ner ohne Sklaven1708, welche, soweit sie als Handwerker tätig waren, aber die Herstel‐ lung von Waffen und Kriegsgerät strikt vermieden1709. Ansonsten pflegten die Essäer nach Philo einen streng an den Regeln der Thora ausgerichteten frommen und asketi‐ schen Lebensstil1710. Als einen besonderen Vorzug dieser Gruppe charakterisiert Philo, dass sie sich mit besonderer Sorgfalt um alte und kranke Menschen kümmern1711. In der Schrift De vita contemplativa erwähnt Philo eine andere Gruppe1712 ebenfalls in strenger As‐ kese lebender Juden, bei denen bereits der Name ein besonderes Interesse an der Heilkunde zum Ausdruck zu bringen scheint. Er bezeichnet die Angehörigen dieser Gruppe als Qerapeuta… (Therapeuten). Nach den Angaben Philos lebten die sog. „Therapeuten“ in Ägypten, unweit der damaligen „Landeshauptstadt“ Alexandrien, und zwar in der Nähe des sog. Mareotischen Sees, der vor allem wegen eines an des‐ 3.1.4 3.1.4.1 1704 S. o. und Miletto, G.: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/30916/ (erstellt: Sept. 2009); vgl. Grote, A., Philon v. Alexandrien, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 695–696; 1705 Vgl. Phil. Spud. 75; zur Medizin der antiken Juden vgl. Kottek, S., Jüdische Medizin, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 473–475; K. Geht auf die Heilertätigkeit der Essener jedoch nicht ein. 1706 Die griechischen Bezeichnungen für diese Gruppe werden mit dem aramäischen Wort hasja (rein) in Verbindung gebracht. Vgl. Burchard, Chr., Essener, in KIP, Bd. 2, Sp. 375–378; 1707 Vgl. Phil. spud. 76: Oátoi tÕ mὲn prîton komhdÕn o„koàsin t¦j pÒleij ™ktrepÒmenoi di¦ t¦j tîn po‐ liteumšnwn ceiro»qeij ¢nom…aj,... 1708 Vgl. Phil. spud. 79; 1709 Vgl. Phil. spud. 77–78; 1710 Vgl. Phil. spud. 80–81; 1711 Vgl. Phil. spud. 87: O† te nosoàntej oÙc Óti por…zein ¢dunatoàsin ¢meloàntai, t¦ prÕj t¦j noshle… aj ™k tîn koinîn œcontej ™n ™to…mῳ, æj met¦ p£shj ¢de…aj ™x ¢fqonwtšrwn ¢nal…skein. 1712 Die Art und Weise, in welcher Philo von dieser Gruppe spricht, lässt Zweifel daran zu, dass es sich dabei um eine gesonderte Gruppe von jüdischen Asketen handelte. Vielleicht gehörten auch die Therapeuten zu den Essenern, und unterschieden sich von den übrigen Essenern nur durch eine räumliche Trennung: Die Therapeuten lebten in Unterägypten, die übrigen Essener in Palästina und Syrien. 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 369 sen Ufern angebauten Weines1713 auch überregional bekannt war. Sie zeichneten sich nach Philo aber u. a. dadurch aus, dass sie den Genuss von Wein strikt ablehnten1714, statt dessen Quellwasser als alltägliches Getränk bevorzugten1715 und auch sonst in Bezug auf ihre Nahrung und Kleidung1716 sowie auf ihre Behausungen eine einfache und anspruchslose Lebensweise pflegten. Auf dem Gebiet der Heilkunst legten die Therapeuten nach Philo in gleicher Weise Wert auf körperliche und geistige Gesund‐ heit1717. Zu der uns hier vor allem interessierenden Frage, ob den „Essenern“ bzw. den „Therapeuten“ eine willentliche und wissentliche Assistenz beim Töten von Menschen zuzutrauen sei, äußert sich Philo von Alexandrien expressis verbis allerdings nicht. Aber der Ausdruck größter Hochachtung, die aus seiner Darstellung von deren Fröm‐ migkeit und Moral spricht, lässt eine positive Beantwortung dieser Frage kaum zu. Gleichwohl stellt sich dem heutigen Betrachter natürlich die Frage: Was hat man sich unter einem Essener oder Therapeuten gesellschaftlich vorzustellen? Nach den oben zitierten Äußerungen Philos von Alexandrien gelten einige Be‐ merkungen aus der gegen Ende der 70-er Jahre des ersten Jahrhunderts entstandenen historia naturalis des älteren Plinius zu den frühesten Zeugnissen über die „Essener“. Plinius bedient sich zur Charakterisierung der Esseni des Begriffs gens1718, der in der Regel zur Bezeichnung von gentilizischen Strukturen wie Verwandtschaften und Sip‐ pen verwendet wird oder auch von Volksstämmen und Völkerschaften. In einem ge‐ wissen Widerspruch zu dieser Charakterisierung steht aber die Angabe, dass die An‐ gehörigen dieser Gruppierung ohne Beziehungen zu Frauen lebten, als reine Männer‐ gesellschaft, in einer Art Gütergemeinschaft ohne den Gebrauch des Geldes als Mittel für den Tausch dringend benötigter Güter des Alltags – und paradoxerweise – ohne dass ihre Zahl dadurch im Laufe der Zeit geschrumpft sei. Im Gegenteil: Durch die Zuwanderung von „gesellschaftlichen Aussteigern“ sei die Größe jener gens sogar ge‐ wachsen1719. Anders als Philo charakterisiert Plinius die Essener aber nicht als eine in ganz Pa‐ lästina und Syrien verstreut lebende Gruppierung, sondern eher so, wie Philo die The‐ rapeuten beschreibt, nämlich als eine Lebensgemeinschaft von Menschen in einem räumlich eingeschränkten Gebiet: Plinius lokalisiert das Siedlungsgebiet der Essener hauptsächlich am Westufer des sog. Asphaltsees, d. h. des Toten Meers, in der Umge‐ 1713 Vgl. Hor. carm. 1, 37, 14: Mareōticum, ī, n., mareotischer Wein; zu Wein als Heilmittel in der Anti‐ ke vgl. Stamatu, M., Wein, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 921–923; 1714 Vgl. Phil. bios theor. 44 und 46; 1715 Vgl. Phil. bios theor. 37: Sitoàntai dὲ polutelὲj oÙdšn, ¢ll¦ ¥rton eÙtelÁ, kaˆ Ôyon ¤lej, oÛj oƒ ¢brod…atoi paratÚousin Øssèpῳ, potÕn dὲ Ûdwr namatia‹on aÙto‹j ™stin. 1716 Vgl. Phil. bios theor. 39; 1717 Vgl. Phil. bios theor. 2: qerapeutaˆ g¦r qerapeutr…dej ™tÚmwj kaloàntai, ½toi parÒson „atrik¾n ™paggšllontai kre…ssona tÁj kat¦ pÒleij - ¹ mὲn g¦r sèmata qerapeÚei mÒnon, ™ke…nh dὲ kaˆ yuc¦j nÒsoij kekrathmšnaj calepa‹j te kaˆ dusi£toij, ¤j ™gkatšskhyan ¹donaˆ kaˆ ™pitum…ai kaˆ làpai kaˆ fÒboi pleonix…ai te kaˆ ¢frosÚnai kaˆ ¢dik…ai kaˆ tÕ tîn ¥llwn paqîn kaˆ kakiîn ¢n»nu‐ ton plÁqoj. 1718 Vgl. Plin. nat. 5, 73; 1719 S. o. Plin. nat. 5, 73; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 370 bung der Städte Engadda1720 (heute „En Gedi“1721) und Massada1722. Das schließt aber nicht aus, dass es sich bei den von Plinius erwähnten Essenern um Angehörige der auch von Philo erwähnten Gruppierung handelte, die sich ja von den übrigen Esse‐ nern lediglich durch besondere Siedlungsplätze unterschieden. Ein besonderes Interesse der am Toten Meer lebenden Essener an der Heilkunde lässt Plinius zwar unerwähnt, darf aber wegen der wahrscheinlichen Zugehörigkeit zu der bereits von Philo erwähnten Gruppierung gleichwohl unterstellt werden, nicht zu‐ letzt weil eine gewisse Art der internen Gesundheitsversorgung für jene am Rande der Wüste gelegenen Kolonie von „Essenern“ geradezu überlebensnotwendig gewesen sein dürfte. Bestätigt wird diese Annahme durch Äußerungen des Flavius Josephus, vor allem in der in den Jahren 75–79 entstandenen Ἱστορία Ἰουδαϊκοῦ πολέμου πρὸς Ῥωμαίους, (Geschichte des jüdischen Krieges). Flavius Josephus Im Kontext der Berichterstattung über eine in die Amtszeit des Cauponius1723, des ersten römischen praefectus Iudaeae (d. h. 6 – 8 n. Chr.) datierte Rebellion von Zeloten unter der Führung des Judas von Galiläa1724 berichtet Flavius Josephus über die Hal‐ tung verschiedener „Philosophenschulen“, zu denen er neben den Pharisäern und den Sadduzäern auch die Essener rechnet1725. In weitgehender Übereinstimmung mit den o. z. Angaben Philos v. Alexandrien und Plinius d. Ä. betont Flavius Josephus das Ein‐ 3.1.4.2 1720 In griechischen Quellen '/Eggadai (Vgl. Jos. bell. III, 4; AJ 9,1;) oder 'Egg£da (Ptol. V, 16;) ge‐ nannt. 1721 Hebr.: ידג ןיע „Quelle des Zickleins“ oder „Böckleinquelle“, eine Oase im nördlichen Negev. Vgl. Dan Barag: Ein-Gedi. In: Lawrence, Schiffman, H., Vanderkam, J. C. (Hrsg.): Encyclopedia of the Dead Sea Scrolls. New York 2000, S 238-240. Benzinger, I.: Engadi. In: RE, Bd. V, 2, Stuttgart 1905, Sp. 2562. Mazar, u..a.: En-Gedi: The First and Second Seasons of Excavations 1961–1962. Jerusa‐ lem 1966. Lewis, N.: The Documents from the Bar Kokhba Period in the Cave of Letters: Greek Papyri, Aramaic and Nabatean Signatures and Subscriptions. Jerusalem1989. 1722 S. o. Plin. nat. 5, 73; vor allem aus dem Jüdischen Krieg bekannte Festung (hebr.: „Mezadá“ הדצמ , „Festung“), am Südwestende des Toten Meeres; Vgl. Avi-Yonah, M. et al.: Israel Exploration Jour‐ nal. 7, 1957, 1–160. Yadin,Y., Israel Exploration Journal. 15, 1965. Ders: Masada. London 1966 (deutsch: Hamburg 1967). Masada: the Yigael Yadin excavations 1963–1965, Jerusalem 1989 ff.. Ben Haim, Esti: Masada, Israel. In: Teutonico, J. Marie/G. Palumbo (Hrsg.): Management planning for archaeological sites. An International workshop organized by the Getty conservation Institute and Loyola Marymount University 19–22 May 2000, Corinth, Greece. (Los Angeles 2000), S. 83– 97; 1723 Vgl. zu Cauponius: Ben-Sasson, Haim Hillel (Hrsg.): A History of the Jewish People. Harvard, 1976, S. 246. (Deutsche Übersetzung: Geschichte des jüdischen Volkes. Bd. 1. München 1978). Smallwood, E. M.: The Jews under Roman rule. From Pompey to Diocletian. Nachdruck. Leiden 1981. 1724 Vgl. Ios. bell. Iud. II 8,1. 6; ant. Iud.. XVIII 1, 1; als Anlass für jene Rebellion gilt ein angeblich von dem damaligen leg. Aug. pr. pr. der römischen Provinz Syrien, Publius Sulpicius Quirinius (*ca. 45 v. Chr.; † 21 n. Chr.) mit Waffengewalt durchgesetzter Zensus. Vgl.: Hirschmüller, M.: Der Zensus des Quirinius nach der Darstellung des Josephus. In: Jahrbuch für Evangelikale Theologie 8, 1994, S. 33–68. Kuhoff, W.: Quirinius, P. Sulpicius. In: BBKL. Bd. 7, Herzberg 1994, Sp. 1128–1130. Labbé, G.: De Varus à Quirinius... la Judée sous administration romaine directe dès la mort d ´Hérode: une hypothèse exclue. In: Syria. Archéologie, Art et Histoire, Jg. 85, 2008, S. 229–247. 1725 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 2; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 371 treten der Essener für einen asketischen Lebensstil1726, für die Ehelosigkeit1727 – das Eintreten für eine zölibatäre Lebensweise hindert die Essener auch nach der Darstel‐ lung des Flavius Josephus nicht daran, Kinder anderer in ihre Obhut zu übernehmen und nach ihren eigenen Idealen zu erziehen1728 – ihre Verachtung von Reichtum jeg‐ licher Art sowie die Ablehnung von jeglichem persönlichem Eigentum1729. In Übereinstimmung mit den entsprechenden Angaben Philos von Alexandrien, aber im Widerspruch zu dem o. z. Zeugnis Plinius d. Ä.1730 lebten die Essener nach Flavius Josephus aber keineswegs nur in einer einzigen Stadt, sondern auf mehrere Ortschaften verteilt, auch wenn sie an den Orten, in denen sie lebten, enge Lebensge‐ meinschaft mit ihres Gleichen pflegten. Das aber bedeutet im Prinzip, dass überall, wo zu Lebzeiten des Flavius Josephus in größerer Anzahl Juden lebten, d. h. nicht nur in Palästina, sondern auch in größeren Städten benachbarter Provinzen wie Syrien und Ägypten1731 mit der Existenz von Essener-Gemeinden zu rechnen war. Vor dem Hintergrund der Aussagen des Flavius Josephus über das „Siedlungsge‐ biet“ der Essener verdienen natürlich auch dessen Angaben über deren Interesse an der Heilkunde besondere Aufmerksamkeit. Zu den Gepflogenheiten der Essener ge‐ hörte nach Flavius Josephus nicht zuletzt der Gehorsam gegenüber den jeweiligen Ge‐ meindevorstehern, die ihrerseits aber verpflichtet gewesen zu sein scheinen, die Ge‐ meindemitglieder nur mit solchen Aufgaben zu betrauen, auf die jene sich verstan‐ den1732. Eben in diesem Kontext verdient Beachtung, dass Essener nach Flavius Josephus im Allgemeinen nichts zu unternehmen gewohnt waren, was ihnen nicht ausdrück‐ lich von ihren Vorstehern aufgetragen worden war, – allerdings mit einer bemerkens‐ werten Ausnahme:“Hilfe zu leisten oder Barmherzigkeit zu leisten“1733, war angeblich dem eigenen Ermessen eines jeden Gemeindemitglieds überlassen, – soweit diese Hil‐ feleistung nicht eigene Familienangehörige betraf. In Verbindung mit dieser allgemeinen Verpflichtung der Essener zu unbedingtem Gehorsam gegenüber ihren Gemeindevorstehern, aber auch zu Hilfe und Barmherzig‐ keit gegenüber jedermann, verdienen noch andere Gepflogenheiten Beachtung, zu welchen Flavius Josephus Folgendes anmerkt: spoud£zousi d` ™ktÒpwj perˆ t¦ tîn pa‐ laiîn sunt£gmata m£lista t¦ prÕj çfšleian yucÁj kaˆ sîmatoj ™klšgontej. œnqen aÙto‹j prÕj qerape…an paqîn `r…zai te ¢lexht»rioi kaˆ l…qwn „diÒthtej ¢nereunîntai.1734 1726 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 2; 1727 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 2; 1728 S. o. bell. Iud. II, 8, 2; 1729 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 3; wegen der Ablehnung von jedem persönlichen Luxus lehnten die Essener nach der Darstellung des Flavius Josephus selbst die Verwendung von Salböl als „unrein“ ab. 1730 S. o. Plin. nat. V, 73; Plinius erwähnt als einzigen Siedlungsraum der Essener die Umgebung von Engadda (heute wohl „En Gedi“) und Massada. 1731 Philon erwähnt vor allem Ortschaften in Palästina und Syrien als Siedlungen mit Essener-Gemein‐ den (S. o. Phil. spud. XII, 75). Soweit auch die sog. Therapeuten zu den Essenern gerechnet werden sollten, ließe sich auch die Umgebung von Alexandrien als Gebiet mit Essener-Gemeinden einstu‐ fen. 1732 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 5; 1733 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 6; 1734 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 6, 136 Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 372 (In besonderem Maße jedoch widmeten sie sich dem Studium dessen, was die Altvor‐ deren aufgezeichnet haben, und dabei achteten sie vor allem auf das, was förderlich ist für Leib und Seele. In diesen Aufzeichnungen forschen sie zu medizinischen Zwe‐ cken nach Kräutern, die vor Krankheiten schützen, und nach besonderen Eigenschaf‐ ten von Mineralien.)1735 Außerdem waren nach Flavius Josephus alle Gemeindemitglieder zu einem „hoch‐ heiligen Eid“ verpflichtet: prˆn dὲ tÁj koinÁj ¥yasqai trofÁj Ôrkouj aÙto‹j Ômnusi frikèdeij, prîton mὲn eÙseb»sein tÕ qe‹on, œpeita t¦ prÕj ¢nqrèpouj d…kaia ful£zein kaˆ m»te kat¦ gnèmhn bl£yein tin¦ m»te ™x ™pit£gmatoj, mis»sein d' ¢eˆ toÝj ¢d… kouj kaˆ sunagwnie‹sqai to‹j dika…oij. tÕ pistÕn ¢eˆ p©sin paršxein, m£lista dὲ to‹j kratoàsin. oÙ g¦r d…ca qeoà perigšnsqai tinˆ tÕ ¥rcein1736. (Ehe er jedoch Hand an das gemeinsame Mal anlegt, schwört er ihnen hochheilige Eide, vor allem die Gott‐ heit zu ehren, sodann Gerechtigkeit zu üben gegen die Menschen und weder aus frei‐ em Antrieb noch auf Befehl jemanden zu schädigen, stets jedoch die Ungerechten zu hassen und die Gerechten zu unterstützen, immer die Treue zu bewahren gegenüber jedermann, vor allem gegenüber der Obrigkeit, da niemand die Macht habe, sie sei denn von Gott.)1737 Dieser Eid erinnert im Kontext mit den angeblichen Forschungen der Essener zu dem „... was förderlich ist für Leib und Seele, … zu medizinischen Zwecken nach Kräu‐ tern, die vor Krankheiten schützen, und nach den besonderen Eigenschaften von Mine‐ ralien1738 sowie in Verbindung mit der angeblichen Lizenz aller Essener, auch ohne ausdrückliche Erlaubnis ihrer Gemeindevorsteher, Hilfe und Barmherzigkeit zu üben1739, an den nach Scribonius Largus1740 von Absolventen der berühmten Ärzte‐ schule von Kos1741 zu leistenden Hippokratischen Eid1742 und rückt sie so hinsichtlich ihrer Berufstätigkeit in die Nähe von an hellenistischen Ärzteschulen ausgebildeten berufsmäßigen Heilern. Und nicht zuletzt wegen der Ähnlichkeit des Schwurs der Es‐ sener mit dem hippokratischen Eid wird man davon ausgehen dürfen, dass das Heile‐ rethos der Essener eine Assistenz bei der Tötung eines Menschen nicht erlaubte. 1735 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 5; Übers. nach: Endres, H. M.: Flavius Josephus, Der Jüdische Krieg, Mün‐ chen 1999, S. 171; 1736 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 7, 139 -140; 1737 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 5; Übersetzung nach H. M. Endres, s. o. S. 171; 1738 S. o. Ios. bell. Iud. II, 8, 7, 139–140; zu Mineralien als Giften vgl. Ihm, S., Gift, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 358–360; 1739 Vgl. Ios. bell. Iud. II, 8, 6, 134: dÚo dὲ par' aÙto‹j aÙtexoÚsia, ™pikour…a kaˆ œleoj. bohqe‹n te g¦r to‹j ¢x…oij, ÐpÒtan dšwntai, kaˆ kaq' ˜autoÝj ™f…etai kaˆ trof¦j ¢poroumšnoij Ñršgein. (in zwei Fällen dürfen sie nach eigenem Ermessen entscheiden, nämlich wenn es gilt, Hilfe zu leisten oder Barmherzigkeit zu üben. Es bleibt ihnen selbst anheim gestellt, dort zu helfen, wo Hilfe nötig ist, und Nahrung zu verabreichen, wo ein Bedürfnis vorliegt.); Übersetzung nach H. M. Endres, s. o. S. 170; 1740 S. u. Kap. 3.3.2 1741 Vgl. dazu: Mehl, E., Kos, in: KIP, Bd. 3, Sp. 312–315. vgl. Steinhart, M., Kos, in: Leven, K.-H.: Anti‐ ke Medizin. S. o. Sp. 521–522; 1742 Vgl.: Oser-Grote, C. M., Hippokratischer Eid, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 420–423; Lichtenthaeler, C.: Der Eid des Hippokrates, Köln 1984. Bauer, A. W.: Der Hippokratische Eid. In Zeitschrift für medizinische Ethik 41 (1995), S. 141–148; Seidler, E./Leven, K.-H.: Geschichte der Medizin und Krankenpflege. Stuttgart 20037. Eckart, W. U.: Geschichte der Medizin, Berlin 20055. 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 373 Die Verfasser des NT Ähnlich wie bei den hellenistischen Autoren Philo von Alexandrien und Flavius Jose‐ phus ist auch in den ebenfalls innerhalb unseres Untersuchungszeitraums entstande‐ nen Schriften1743des NT ein von den Schreckens- und Zerrbildern über Ärzte von Autoren wie Plinius d. Ä., Martial und Juvenal stark abweichendes Bild von „Heilern“ greifbar. Der auch nach dem Zeugnis außerchristlicher Quellen1744 schon im Unter‐ suchungszeitraum als Gottheit verehrte Stifter1745 der neuen Glaubenslehre, Jesus von Nazareth, erregte nach den Angaben der Autoren des NT nicht nur als Rabbi, d. h. als Interpret der Thora, Aufsehen, sondern auch als Heiler. Konkret erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Geschichten von der Hei‐ lung der Schwiegermutter des Petrus1746, der Heilung eines Besessenen1747, der Hei‐ lung eines Aussätzigen1748, der Heilung eines Gelähmten1749, der Heilung des Besesse‐ nen von Gerasa1750, der Heilung eines besessenen Knaben1751. Selbst die Auferwe‐ ckung von Toten wird Jesus in den Evangelien nachgesagt, wie zum Beispiel die Aufer‐ weckung der Tochter des Jaïrus1752 und des jungen Mannes von Naïn1753. Beachtung verdient in diesem Zusammenhang auch, dass Jesus nach den Anga‐ ben des NT die Fähigkeit zu heilen weitergab und dass seine „Heilungserfolge“ nicht unwesentlich zur Verbreitung des Christentums beitrugen. Im Anschluss an die Er‐ zählung über die Erweckung der Tochter des Jaïrus heißt es im Lukasevangelium: Sugkales£menoj d™ toÝj dèdeka œdwken aÙto‹j dÚnamin kaˆ ™xous…an ™pˆ p £nta t¦ daimÒnia kaˆ nÒsouj qerapeÚein. kaˆ ¢pšsteilen aÙtoÝj khrÚssein t¾n basi‐ le…an toà qeoà kaˆ „©sqai. - Convocatis autem Duodecim, dedit illis virtutem et pote‐ statem super omnia daemonia et ut languores curarent. Et misit illos praedicare regnum 3.1.4.3 1743 Als die frühesten Schriften des NT gelten die Briefe des „Apostels“ Paulus, von denen die ältesten bereits unter der Herrschaft Neros abgefasst wurden (Vgl. 1. Thess: 50 n. Chr., 1. Kor u. Gal: 53– 55 n. Chr., s. Einheitsübersetzung S. 230, 164, 209;); von den vier kanonischen Evangelien entstan‐ den die drei synoptischen wahrscheinlich unter der Herrschaft der Flavier (Mt: ca. 80 n. Chr., Mk: 70 n. Chr., Lk: ca. 80 – 90 n. Chr., vgl. Einheitsübersetzung S. 2. 41. 65;), das Evangelium nach Jo‐ hannes wurde spätestens in den Anfangsjahren der Herrschaft Trajans schriftlich fixiert, vielleicht ebenfalls noch unter Domitian (Vgl. Einheitsübersetzung, S. 104;). 1744 Als das früheste außerchristliche Zeugnis für die göttliche Verehrung des Jesus von N. gilt das in seiner Echtheit aber umstrittene sog. Testimonium Flavianum, in den noch unter Domitian verfass‐ ten Abschnitten (der Ἰουδαική ἀρχαιολογία (ant. Iud. 18, 63–64) des Flavius Josephus. (Vgl. Rei‐ prich, T. und andere: Josephus und das Neue Testament, Tübingen 2007. Victor, U.: Das Testimoni‐ um Flavianum – Ein authentischer Text des Josephus, in: Novum Testamentum, Vol. 52 (2010, S. 72–82;); als weitere außerchristliche Zeugnisse sind bekannt: ein im Jahre 111 n. Chr. entstande‐ ner Brief Plinius d. J. (Vgl. Plin. ep. 10, 96;), nach welchem spätestens zu jener Zeit in Kleinasien die Anbetung Jesu als Gottheit bereits ein Bestandteil christlicher Gottesdienste war. 1745 S. o. Tab. I, 52; 1746 Vgl. Lk 4, 38–39; Mt. 8, 14 F; Mk. 1, 29–31, 1747 Vgl. Lk 4, 40–41; Mt. 8, 16; Mk. 1, 32–34; 1748 Vgl. Lk 5, 12–16; Mt. 8, 2–4; Mk. 1, 40–45; 1749 Vgl. Lk 5, 17–26; Mt. 9, 1–8; Mk. 2, 1–12; 1750 Vgl. Lk 8, 26–29; 1751 Vgl. Lk 9, 37–43 a; 1752 Vgl. Lk 8, 40–56; Mt. 9, 18–26; Mk. 5, 21–43; 1753 Vgl. Lk 7, 11–17; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 374 dei et sanare infirmos.1754 (Nachdem die Zwölf versammelt worden waren, gab er je‐ nen die Fähigkeit und die Vollmacht über alle Dämonen und dass sie die Kranken heilten. Und er schickte jenen zu predigen die Herrschaft Gottes und zu heilen die Kranken.) Im Zusammenhang des Berichts über die Erweckung des jungen Mannes von Naïn1755 hebt der Verfasser des Lukasevangeliums hervor: kaˆ ™xÁlqen Ð lÒgoj oÛtoj ™n ÓlÆ tÍ 'Iouda…ᾳ perˆ aÙtoà kaˆ p£sῃ tÍ pericèrῳ. - Et exiit hic sermo in universam Iudaeam de eo et omnem circa regionem.1756 (Und es verbreitete sich die Rede darüber in ganz Judäa und der ganzen Umgebung [d. h. in den umliegenden Provinzen].) Beachtung verdient auch die Art und Weise, wie die „Apostel“ nach Angaben des‐ selben Evangelisten sich dieses Auftrages entledigten: „™xercÒmenoi d™ di»rxonto kat¦ t¦j kèmaj eÙaggelizÒmenoi kaˆ qerapeÚontej pantacoà. - Egressi autem circumi‐ bant per castella evangelizantes et curantes ubique.1757 (Sie gingen weg und zogen über die Dörfer, indem sie die frohe Botschaft verkündeten und heilten.) Diesem Zeugnis ist zu entnehmen, dass auch die sog. Apostel dem Beispiel und der Weisung ihres Meisters folgten, indem sie nicht nur predigten, sondern ebenfalls als „Heiler“ in Erscheinung traten. Im Hinblick auf die o. e. Möglichkeit einer Beein‐ flussung des Christentums durch die Essener verdient Beachtung, dass zur Bezeich‐ nung des „Heilens“ im Griechischen Text der o. z. Angaben des NT mit dem Wort qerapeÚontej eine Formulierung benutzt wird, die deutlich an den von Philo von Alexandrien benutzten Begriff zur Bezeichnung der am mareotischen See lebenden Es‐ sener erinnert, welche jener ja als Therapeuten1758 bezeichnete. Denn die altgriechi‐ sche Sprache kennt zur Bezeichnung der Tätigkeiten des Heilens neben qerapeÚein noch zwei weitere Verben, nämlich ¢ke‹sqai und „©sqai, von denen das letztere die sprachliche Wurzel für Ð „atrÕj (Arzt) enthält. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass die Verwendung des Wortes qera‐ peÚein zur Bezeichnung der Heilertätigkeit der Apostel im Lukasevangelium nur aus stilistischen Gründen erfolgte, um eine doppelte Verwendung ein und desselben Wor‐ tes in rascher Folge zu vermeiden, - immerhin benutzt derselbe Evangelist im Zusam‐ menhang der Charakterisierung des von Jesus den Aposteln erteilen Heilerauftrages auch das Wort „©sqai. Vor dem Hintergrund der Möglichkeit, dass der Verfasser des Lukasevangeliums wahrscheinlich selbst über die Ausbildung eines Arztes verfügte1759, ist es aber nahe‐ liegend, dass zumindest dieser zur Bezeichnung des von Jesus erteilten Heilerauftra‐ ges und zur Charakterisierung der Befolgung desselben durch die Apostel bewusst un‐ terschiedliche Ausdrücke benutzte, um zu verdeutlichen, dass er allein Jesus selbst für einen „Arzt“ hielt, die durch jenen aber u. a. in der Heilkunde unterwiesenen Apostel 1754 Vgl. Lk 9, 1–2; 1755 Vgl. Lk 7, 11–17; 1756 Vgl. Lk 7, 17; 1757 Vgl. Lk 9, 6; ähnlich: Mk 6, 12–13; 1758 S. o. Kap. 3.1.4.1; 1759 Näheres dazu s. u. Kap. 3.3.3.4; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 375 allenfalls für „Heiler“ und dass er dabei bewusst zur Bezeichnung der Heilertätigkeit der Apostel ein Wort benutzte, dass bereits Philo von Alexandrien zur Bezeichnung der Heilertätigkeit in Ägypten lebender Essener benutzt hatte, die man ja ebenfalls kaum als Ärzte, sondern allenfalls als „Heiler“ bezeichnen kann. Eine gewisse Bestätigung für diese Auffassung liefert ein Statement des Ignatius von Antiochien, der in einem Brief an die Gemeinde von Ephesus hervorhebt: Eἷj „atrÒj ™stin, sarkikÒj te kaˆ pneumatikÒj, gennhtÕj kaˆ ¢gšnnhtoj, ™n sarkˆ genÒmenoj qeÕj, ™n qan£tῳ zw¾ ¢lhqin», kaˆ ™k Mar…aj kaˆ ™k qeoà, prîton paqhtÕj, kaˆ tÒte ¢paq»j, 'Ihsoàj CristÕj Ð kÚrioj ¹mîn1760. (Einer ist Arzt, aus Fleisch und aus dem Geist, gezeugt und ungezeugt, im Fleisch gewordener Gott, im Tod wahres Leben, und aus Maria sowohl als auch aus Gott, zuerst leidensfähig, dann nicht mehr leidensfähig, Jesus Christus, unser Herr.1761) Im Zusammenhang der hier zur Debatte stehenden medizingeschichtlichen Deu‐ tung der o. z. Stelle aus dem Lukasevangelium verdient vor allem nur der Anfang die‐ ses Zitats Beachtung: Eἷj „atrÒj ™stin, in der Hauptsache sogar nur das erste Wort. Wie das lateinische Zahlwort unus und anders als das deutsche Wort „ein“, welches ohne Zusätze meistens als unbestimmter Artikel fungiert, bringt auch das griechische Wort eἷj eine Hervorhebung bzw. Aussonderung zum Ausdruck, welche man im Deutschen am besten mit dem Zusatz „nur“ ausdrücken sollte. Dementsprechend wä‐ re der Anfang des Ignatius-Zitats korrekter mit „Nur einer ist Arzt“ wiederzugeben, um auszudrücken, dass nach Einschätzung des Ignatius ausschließlich Jesus selbst, aber nicht die in dessen Auftrag als „Heiler“ in Erscheinung tretenden Apostel die Be‐ zeichnung „atrÒj verdienten. Insofern zu unterstellen ist, dass der „Kirchenlehrer“ Ignatius diese „These“ nicht zuletzt auf der Basis einer umfassenden Kenntnis der Aussagen des NT zu den von Jesus und den von den Aposteln vorgenommenen Heilungen formulierte, lässt sich da‐ raus auch eine Bestätigung für unsere Vermutung ableiten, dass zumindest der Ver‐ fasser des Lukasevangeliums eine begriffliche Unterscheidung vornahm zwischen den Heilungen Jesu und denen der Apostel, und zwar indem er ausschließlich den zuerst genannten den Rang „ärztlicher“ Heilungen zusprach. Gegen diesen Deutungsansatz spricht allerdings, dass Jesus, wahrscheinlich nicht anders als die Apostel, hinsichtlich seines Berufs nach heutigen Vorstellungen, aber auch nach zeitgenössischen hellenistischen Vorstellungen, kaum über eine an einer „Ärzteschule“ zu absolvierende Ausbildung eines Arztes verfügte. – Jesus dürfte nach dem Vorbild seines Pflegevaters Josef den Beruf eines Zimmermanns erlernt und vor dem Beginn seines öffentlichen Wirkens als „Wanderprediger“ und „Wunderheiler“ auch ausgeübt haben1762, während für Petrus im NT der Beruf des Fischers1763 und 1760 Vgl. Ignatius, Epistula ad Ephesos 7, 2; 1761 Zur Übersetzung und Deutung dieses Zitats vgl. Dörnemann, M., Einer ist Arzt, Christus, in: ZAC 2013, 17,(1), S. 102–124; 1762 S. o. Kap. 3.1.4; 1763 Nach Angaben des Lukasevangeliums übte Petrus zum Zeitpunkt seiner Berufung als Apostel den Beruf des Fischers aus. Vgl. Lk 5,1–11; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 376 für Paulus derjenige eines Zeltmachers1764 bzw. der des „Sattlers“ bezeugt wird. Auf der anderen Seite darf aber nicht übersehen werden, dass Jesus – anders als die Apos‐ tel – auch schon von den ersten Christen als „Gottheit“ verehrt wurde und der „Heil‐ kunde“ sowohl im Judentum als auch im Hellenismus ein „göttlicher Ursprung“ zuge‐ sprochen wurde. Im Zusammenhang damit dürfte es ausreichen, darauf hinzuweisen, – dass nach den Angaben der Thora die auch medizinisch relevanten Reinheitsvor‐ schriften des Judentums dem Moses auf dem Sinai von Gott selbst offenbart wor‐ den waren, – und auch im Hellenismus die Heilkunde in einen engen Zusammenhang mit reli‐ giösen Riten gepflegt und gelehrt wurde: Als Begründer der Heilkunde galt im Hellenismus Asclepios eine Gottheit, die auch als Gründer der berühmten Ärzte‐ schule von Kos angesehen wurde, deren „Lehrer“ aber wiederum gleichzeitig die Funktion von Priestern eben dieses Heiligtums ausübten. Vor dem Hintergrund dieser zeitgenössischen Deutungen der Herkunft der Heilkun‐ de ist erklärlich, dass im NT auch Jesus als „heilkundige Gottheit“ angesehen und ver‐ ehrt wurde, d. h. als „Arzt“, während den Aposteln, wie das auch im zeitgenössischen Judentum bezüglich der heilkundigen Essener geschah, lediglich der Rang von Thera‐ peuten zugebilligt wurde. An das Vorbild der Essener für die Christen erinnert auch eine Darstellung der Aussendung der Apostel im Markusevangelium, welches allgemein als das früheste ka‐ nonische Evangelium gilt: Den Aposteln wird bei ihrer „Aussendung“ ein Auftreten nahegelegt, das stark an den anspruchslosen Lebensstil der Essener erinnert: Kaˆ pro‐ skale‹tai toÝj dèdeka kaˆ ½rxato aÙtoÝj ¢postšllein dÚo dÚo kaˆ ™d…dou aÙto‹j ™xous…an tîn pneum£tikwn tîn ¢kaq£rtwn. kaˆ par»ggelein aÙto‹j, †na mhdὲn a†rwsin e„j ÐdÕn e„ m¾ ῤ£bdon mÒnon, m¾ ¥rton, m¾ p»ran, m¾ e„j t¾n zènhn calkÒn, ¢ll¦ Øpodedemšnouj sand£lia, kaˆ m¾ ™ndÚshsqe dÚo citînaj. - Et convocat Duodecim et coepit eos mittere binos et dabat illis potestatem in spiritus immundos; et praecepit eis, ne quid tollerent in via nisi virgam tantum: non panem, non peram neque in zona aes, sed ut calcearentur sandaliis et ne induerentur duabus tunicis.1765 (Und er rief die Zwölf zusammen und begann diese jeweils zu zweit auszusenden und gab je‐ nen die Macht über unreine Geister; und er schrieb diesen vor, dass sie nichts mit‐ nähmen außer einem Stab: kein Brot, keinen Ranzen und im Gürtel kein Geld, son‐ dern dass sie sich nur mit Sandalen beschuhten und nicht mit zwei Gewändern be‐ kleideten.) 1764 Paulus wird in der Apostelgeschichte (Apg 18, 3) in beruflicher Hinsicht als „Zeltmacher“ charak‐ terisiert. Er übte somit einen Beruf aus, dessen Tätigkeitsmerkmale eventuell denen eines Sattlers entsprachen. Vgl.: Riesner, R.: Die Frühzeit des Apostels Paulus. Tübingen 1994. Imhof, P., Bertel, M.: Paulus auf Reisen. Abenteuerliche Entdeckungen auf den Spuren des Apostels. Augsburg 1995. Horn, F. W.: Das Ende des Paulus. Berlin 2000. Suhl, A.: Paulus und seine Briefe Beiträge zur pauli‐ nischen Theologie. Stuttgart 2005. Prinz, A.: Der erste Christ. Die Lebensgeschichte des Apostels Paulus. Weinheim 2007. Weiß, W.: Paulus. In: BBKL. Bd. 7, Herzberg 1994, Sp. 45–57. 1765 Vgl. Mk 6, 7–9; 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 377 Es mag auf den ersten Blick vielleicht irritieren, dass nach der hier zitierten Stelle des Markusevangeliums Jesus den Aposteln lediglich eine Vollmacht über „unreine Geister“ erteilte. Das darf man aber keineswegs dahin gehend deuten, dass er die Apostel damit lediglich den „Exorzismus“ habe lehren wollen. Die Angaben auch die‐ ses Evangelisten über die Art und Weise, in der die Apostel den ihnen erteilten Auf‐ trag verwirklichten, lässt keinen Zweifel daran, dass diese sich hierbei auch in Bezug auf andere Leiden der Menschen als „Heiler“ betätigten: Kaˆ ™xelqÒntej ™k»ruxan †na metanoîsin, kaˆ daimÒnia pÒlla ™xšballon, kaˆ ½leifon ™la…w pÒllouj ¢rrèstouj kaˆ ™qer£peuon, - Et exeuntes praedicaverunt, ut paenitentiam agerent; et daemonia multa eiciebant et ungebant oleo multos aegrotos et sanabant1766. (Und in‐ dem sie hinauszogen, verkündigten sie, dass sie Reue zeigen sollten; und sie trieben viele Dämonen aus und heilten mit Öl viele Kranke und heilten sie so.) Vor allem der Hinweis auf die Verwendung von Öl als Heilmittel1767 darf als Beleg dafür angesehen werden, dass auch nach dem Zeugnis des Markusevangeliums nicht allein Dämonenaustreibungen1768 zu den von den Aposteln vorgenommenen Heilun‐ gen gehörten, sondern auch Krankenheilungen im medizinischen Sinne. Öl galt so‐ wohl im Judentum als auch bei hellenistischen Ärzten als probates Heilmittel, obwohl speziell bei den Essenern die Verwendung von Salböl verpönt gewesen zu sein scheint1769. Beachtung verdient im Kontext dieser Untersuchung jedoch vor allem, dass nach Angaben des Markusevangeliums die Weisungen Jesu über das Gebot von Krankenheilungen weit hinausgingen: ¢sqenoàntaj qerapšuete, nekroÝj ™ge…rete, - Infirmos curate, mortuos suscitate, 1770. (Heilt Kranke, weckt Tote auf1771,) Auch der Apostelgeschichte sind zahlreiche Beispiele dafür zu entnehmen, dass die Apostel und Jünger Jesu dieser Weisung auch folgten, und zwar indem sie nach dem Vorbild ihres „Meisters“ nicht nur „heilten“1772, sondern sogar Tote „wieder auf‐ erweckten“1773. Welche Rückschlüsse lassen sich den oben besprochenen Zitaten des NT aber be‐ züglich des Heilerethos der Christen während unseres Untersuchungszeitraums ent‐ nehmen und hinsichtlich der im Kontext dieser Untersuchung besonders interessie‐ renden Frage, ob die Christen unseres Untersuchungszeitraums unter Umständen 1766 Vgl. Mk 6, 12–13; 1767 Zu Öl als Heilmittel in der Antike: Stamatu, M., Öl, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 657 f.; 1768 Zum Begr. „Dämonen“ in der Antike: Leven, K.-H., Dämonen, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 206 f.; 1769 S. o. Ios. bell. Iud. II, 3, 123; 1770 Vgl. Mt 10, 8–10; 1771 Mit dem Auftrag, Tote zu erwecken, dürften natürlich keine wirklichen Auferweckungen von von den Toten gemeint sein, allenfalls die Heilungen bereits für tot gehaltener Menschen. Vgl. dazu die bereits erwähnten Erzählungen über die Tochter des Jaïrus (Lk 8, 40–56; Mt. 9, 18–26; Mk. 5, 21– 43;) und des jungen Mannes von Naïn (Lk 7, 11–17;); vgl. dazu vor allem Kollmann, B.: Neutesta‐ mentliche Wundergeschichten, Stuttgart 2007. 1772 Vgl. dazu Apg 3, 3–8 und die u. in Kap. 3.3.3.4.3 aufgelisteten Beispiele; 1773 Vgl. dazu Kap. 3.3.3.4.4; zur Bestimmung des Todes eines Menschen in der Antike vgl. Van Hooff, A., Tod, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 868–870; auf das Problem von Totenauferwe‐ ckungen geht Van Hooff allerdings nicht ein. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 378 auch bereit gewesen sein könnten, unheilbaren Kranken auch beim „Sterben“ behilf‐ lich zu sein? - Zumindest die im NT Jesus selbst zugeschriebenen Krankenheilun‐ gen1774, liefern für eine positive Beantwortung dieser Frage keine Anhaltspunkte. Summarische Hinweise auf solche Heilungsgeschichten dürften für Zwecke der Über‐ prüfung dieser These ausreichen, u. a. auf die Heilung eines Aussätzigen1775, die Hei‐ lung der Schwiegermutter des Petrus1776, die Heilung eines Besessenen und Kran‐ ken1777, die Heilung des Besessenen von Gadara1778, die Heilung eines Gelähmten1779, die Auferweckung der Tochter eines Synagogenvorstehers und die Heilung von des‐ sen kranker Ehefrau1780, die Heilung von zwei Blinden1781, die Heilung eines Stum‐ men1782, die Heilung eines Mannes am Sabbat1783, Heilungen Jesu als Knecht Got‐ tes1784, Krankenheilungen am See Genezareth1785, die Heilung vieler Kranker1786, die Heilung eines mondsüchtigen Jungen1787, und die Heilung des Blinden von Jericho1788. Berichte über Begegnungen Jesu mit Kranken, bei denen jener auf eine Heilung verzichtete oder gar das Sterben des Kranken gleichgültig hinnahm, werden im NT nicht überliefert; aber auch bezüglich des Verhaltens der Apostel findet man im NT keinerlei Hinweise auf Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden und Sterben Kranker. Es ist vielmehr festzustellen, dass im NT kein einziges Beispiel dafür überliefert ist, dass Jesus oder die Apostel, wenn sie mit Kranken konfrontiert wurden, Sterbende lie‐ ber sterben ließen, statt sie zu heilen, oder dass sie einen entsprechender Rat erteilt hätten. Die zahlreichen Erzählungen über Krankenheilungen1789, selbst am Sab‐ bat1790, vor allem auch über die Auferweckungen bereits Verstorbener von den To‐ ten1791, ebenfalls aus Gründen der Barmherzigkeit gegenüber den Angehörigen, las‐ sen den Schluss zu, dass weder religiöse Vorschriften, wie das alttestamentarische Ge‐ 1774 Zum Begriff Wunderheilungen vgl. Grote, A., Wunderheiler, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 925 f. und Schnalke, Th. Wunderheilung, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 926–928; 1775 Vgl. Mt 8, 1–14; Mk 1, 40–45, Lk 5,12–14; bei der Auswahl der Fälle wurden vorwiegend die von den Synoptikern übereinstimmend überlieferten Fälle berücksichtigt, auf die lediglich im Lukase‐ vamgelium erwähnten Fälle wird in Kap. 3.3.4 noch gesondert eingegangen. 1776 Vgl. Mt 8, 14–15; Mk 1, 29–31, Lk 4, 38 f; 1777 Vgl. Mt 8, 16–17; Mk 1, 32–34, Lk 4, 40 f; 1778 Vgl. Mt 8, 28–34; Mk 5, 1–17, Lk 8, 26–37 f; 1779 Vgl. Mt 9, 1–8; Mk 2, 1–12, Lk 5, 17–26; 1780 Vgl. Mt 9, 18–26; Mk 5, 21–43, Lk 8, 40–54; 1781 Vgl. Mt 9, 27–31; 1782 Vgl. Mt 9, 32, Lk 11, 4; 1783 Vgl. Mt 12, 9–14; Mk 3, 1–6, Lk 6, 6–11; 1784 Vgl. Mt 12, 15–21; Mk 3, 7–12, Lk 6, 17–19; 1785 Vgl. Mt 14, 34–36; Mk 6, 3–56; 1786 Vgl. Mt 15, 29–30; 1787 Vgl. Mt 17, 14–21; Mk 9, 14–29, Lk 9, 37–42; 1788 Vgl. Mt 20, 29–34; Mk 10, 46–52, Lk 18, 35–36; 1789 Vgl. dazu eine Zusammenstellung aller Heilungs- und Wundergeschichten im NT in: Formen der Wundererzählungen im Neuen Testament - Heilungen, Wiederbelebungen, Dämonenaustreibun‐ gen, vorgelegt von Deuß, S. u. a. in: (https://www.uni-due.de/~gev 020/studweb/ schet terer-hei‐ lungen3.htm (2006). 1790 Vgl. dazu vor allem: Mt 12, 9–14, Mk 3, 1–6, Lk 6, 6–11, Lk 13, 10–17; 1791 Vgl. die Erzählungen über die Erweckung des Jünglings von Naïn (Mt 9, 18–26; Mk 5, 41–43; Lk 7, 11 –17), der Tochter des „Synagogenvorstehers“ Jaïrus (Lk 24, 1–13), des Lazarus (Joh 11, 1–45;) 3.1 „Ärzte“ im Focus von Schriftstellern der frühen römischen Kaiserzeit 379 bot der Sabbatheiligung,1792 noch der Eintritt und scheinbare Abschluss von Sterbe‐ prozessen, noch die scheinbare Aussichtslosigkeit weiterer therapeutischer Bemü‐ hungen wie im Falle des Lazarus1793, aus der Sicht Jesu und der Apostel den Verzicht auf die Fortsetzung der Bemühungen um die Rettung des Lebens von Menschen ethisch rechtfertigten. Viele der o. g. „Wunderheilungen“, lassen sich mit heutigem medizinischem Wis‐ sen natürlich kaum in Einklang bringen1794. Dieser Aspekt der o. e. Heilungs-, Wie‐ derbelebungs- bzw. Auferstehungsgeschichten des NT sollte uns aber nicht allzu sehr kümmern. Denn die Beschäftigung damit erfolgte hier ausschließlich in der Absicht, aus der Darstellung derselben durch die Autoren des NT Rückschlüsse auf deren Bild von einem idealen Heiler zu zielen und um davon ausgehend, beurteilen zu können, ob diese Autoren unter bestimmten Voraussetzungen, von einem solchen Heiler auch erwarteten, dass er sein Wissen einsetzte, um durch die Tötung eines Menschen „Ster‐ behilfe“ zu leisten. Um das einschätzen zu können, reicht es aber aus, zu ermitteln, was die Verfasser des NT von den „Wunderheilungen“ Jesu und der Apostel in Anbetracht des Glaubens an die Göttlichkeit Jesu für wahr hielten und dementsprechend als „Tatsachen“ über‐ lieferten, wobei davon auszugehen ist, dass diese „Tatsachen“ nach dem Willen der Verfasser des NT als „Vorbilder“ weitergegeben wurden, gewissermaßen als Verhal‐ tensnormen. Und nicht zuletzt deswegen erscheint es als gerechtfertigt, diese Darstel‐ lungen als Ausdruck für die Einschätzung der Autoren zu deuten, dass sie ein von je‐ nen Vorbildern abweichendes Verhalten, wie etwa die Tötung von Kranken durch einen Heiler für unzulässig hielten. In diesem Zusammenhang wird daran erinnert, dass wir auch die oben zitierten Äußerungen von zeitgenössischen Schriftstellern, Plinius d. Ä., Martial und Juvenal, über Ärzte keiner besonderen Glaubwürdigkeitsüberprüfung unterzogen, sondern als Ausdruck im Untersuchungszeitraum verbreiteter „Vorurteile“ über Ärzte einfach „stehen gelassen“ haben. Dementsprechend ist auch der „Glaube“ der Verfasser des NT an die Fähigkeiten frühchristlicher Heiler und an die Lauterkeit von deren Ethos 1792 Vgl. Gen 1, 5; Ex 20, 8; Dtn 5, 12; vgl. dazu: Robinson, G.: Origins and Development of the Old Testament Sabbath. Indian Society for Promoting Chr. Knowledge (19981), unveränderter Nach‐ druck 2008. H.-J. Kraus: Gottesdienst in Israel. Grundriß einer Geschichte des alttestamentlichen Gottesdienstes. München 19622 (S. 88 ff.). D. C. Timmer: Creation, Tabernacle, and Sabbath. The Sabbath Frame of Exodus 31, 12–17; 35, 1–3 in Exegetical and Theological Perspective. Göttingen 2009. 1793 S. o. Joh 11, 1–45; vgl.: Kremer, J.: Lazarus. Die Geschichte einer Auferstehung. Text, Wirkungsge‐ schichte und Botschaft von Joh 11,1–46. Stuttgart 1985. Tomberg, V.: Lazarus komm heraus. Vier Schriften. Hrsg. von M. Kriele. Vorwort von R. Spaemann. Basel 1985. H. Rocke: Der reiche Mann und Lazarus. Pforzheim 1988. M. Schumacher: Ärzte mit der Zunge. Leckende Hunde in der europäischen Literatur. Von der patristischen Exegese des Lazarus-Gleichnisses (Lk 16) bis zum 'Romanzero' Heinrich Heines. Bielefeld 2003. 1794 Zur medizingeschichtlichen „Substanz“ der Berichte über Wunderheilungen im NT vgl. Kollmann, B.: Jesus und die Christen als Wundertäter. Göttingen 1996. Neutestamentliche Wundergeschich‐ ten. Biblisch-Theologische Zugänge und Impulse für die Praxis, Stuttgart 20113, Totenerweckungen in der Bibel – Ausdruck von Protest und Zeichen der Hoffnung, in: M. Ebner/E. Zenger (Hg.), Le‐ ben trotz Tod Neukirchen-Vluyn 2005, 121–141; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 380 als eine historische Tatsache zu bewerten, welche ein Historiker nicht weniger ernst nehmen sollte, als den Befund, dass zeitgenössische römische Literaten wie Plinius d. Ä., Martial und Juvenal Ärzten eine Beteiligung an der Tötung von Menschen zutrau‐ ten. Und damit scheint auch bezogen auf die Beurteilung des berufsmäßigen Han‐ delns von Ärzten der frühen römischen Kaiserzeit durch zeitgenössische Schriftsteller die Zeit für ein Fazit gekommen zu sein. Fazit Prima vista ergibt sich dazu ein recht uneinheitliches Bild. Bei genauerem Hinschau‐ en erweisen sich diese Unterschiede aber als weniger gravierend, - nämlich wenn man auch die Herkunft der Autoren berücksichtigt sowie die soziale Stellung von Ärzten und Heilern, deren Verhalten sie jeweils beschrieben bzw. charakterisierten. Plinius d. Ä., Martial und Juvenal wuchsen in Italien und in den westlichen Pro‐ vinzen des Reiches auf, wo man Griechen, auch griechische Ärzte, als Fremde be‐ trachtete und anfeindete und beneidete, vor allem dann, wenn sie in Rom materiell und gesellschaftlich erfolgreich waren, - während Philo v. Alexandrien, Flavius Jose‐ phus und die Verfasser des NT im hellenistischen Osten des Reiches lebten, wo Vor‐ urteile und Neid gegenüber „Griechen“ natürlich unbekannt waren, zumal diese Au‐ toren in ihren Werken nicht das Handeln von hochbezahlten „Modeärzten“ beschrei‐ ben, sondern von „Heilern“, die für ihre Leistungen auf Honorare weitgehend verzich‐ teten. Anders ausgedrückt: Plinius d. Ä., Martial und Juvenal entwerfen satirisch über‐ zeichnete Zerrbilder, Philo v. Alexandrien, Flavius Josephus und die Verfasser des NT hingegen gestalten z. T. hagiographisch überhöhte Idealbilder von Ärzten ihrer Zeit. Weder die einen noch die anderen beschreiben die Wirklichkeit. Bei dem Versuch, der Wirklichkeit näher zu kommen, erscheint es aber als legitim, aus dem Zerrbild der römischen Schriftsteller abzuleiten, dass griechische Ärzte in Rom die ihnen gel‐ tenden Vorurteile kannten und schon allein deswegen ein lebhaftes, auch ökonomisch zu erklärendes Interesse daran hatten, diese nicht durch ihr eigenes Verhalten auch noch zu bestätigen. Um die historische Wirklichkeit selbst genauer kennen zu lernen, wollen wir uns im Folgenden zunächst mit den rechtlichen Rahmenbedingungen von Ärzten und anderen Heilern im Untersuchungszeitraum beschäftigen. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse Jeder Arzt, der heute innerhalb der territorialen und rechtlichen Zuständigkeit deut‐ scher Strafverfolgungsbehörden und Gerichte durch sein berufsmäßiges Handeln zur Tötung eines Menschen beiträgt oder durch die bewusste bzw. fahrlässige Unterlas‐ sung von Maßnahmen, die nach dem gegenwärtigen Stand medizinischen Wissens im Interesse der Erhaltung des Lebens eines Patienten erforderlich wären, dessen Tod 3.1.5 3.2. 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 381 verursacht, muss damit rechnen, dass er deswegen strafrechtlich belangt wird. Die wichtigste Rechtsgrundlage für die Strafverfolgung von Tötungsdelikten im Zustän‐ digkeitsbereich deutscher Strafverfolgungsbehörden und Gerichte bildet das am 1. 01. 1872 in Kraft getretene, im Laufe der Zeit öfter novellierte „Strafgesetzbuch“1795. Als „Tötungsdelikte im engeren Sinne“ gelten nach den Straftatbestandsbeschrei‐ bungen des Strafgesetzbuchs in seiner augenblicklich in Deutschland geltenden Form vor allem gegen bereits geborenes menschliches Leben gerichtete Handlungen, im Einzelnen Mord § 211 StGB, Totschlag § 212 StGB, Tötung auf Verlangen § 216 StGB, sowie die fahrlässige Tötung § 222 StGB. Die in diesen Paragraphen des Strafgesetz‐ buchs enthaltenen Strafandrohungen richten sich nach dem u. a. in Art. 3 des Grund‐ gesetzes verankerten Gleichheitsgrundsatz gegebenenfalls selbstverständlich auch ge‐ gen Ärzte. Da die meisten Tötungsdelikte im deutschen Strafrecht als „Verbrechen“ einge‐ stuft werden, ist auch das Risiko von Ärzten im Falle von Verstößen in Strafverfahren verwickelt zu werden, als sehr hoch zu veranschlagen, da „Verbrechen“ als sog. Offizi‐ aldelikte eingestuft werden, d. h. als Straftaten, bei denen die zuständigen Strafverfol‐ gungsbehörden gesetzlich verpflichtet sind, zu ermitteln, sobald sie Kenntnis von dem Verdacht einer solchen Straftat erhalten haben, und im Falle eines hinreichenden Tat‐ verdachtes auch vor den zuständigen Gerichten Anklage zu erheben, unabhängig da‐ von, dass eine entsprechende Anzeige gegen den mutmaßlichen Delinquenten erstat‐ tet worden ist oder nicht1796. Von den o. e. Tötungsdelikten im engeren Sinne werden Tötungsdelikte im weite‐ ren Sinne unterschieden. Dazu gehören u. a. strafbare Schwangerschaftsabbrüche § 218 StGB, Körperverletzung mit Todesfolge, § 227 StGB, Gemeingefährliche Vergiftung mit Todesfolge, § 314 Abs. 2, § 308 Abs. 3 StGB und Schwere Gefährdung durch Giftfrei‐ setzung mit Todesfolge, § 330 a Abs. 2 StGB. Auch von den Strafandrohungen wegen solcher Delikte sind Ärzte ggf. aufgrund des o. g. Gleichheitsgrundsatzes heute nicht ausgenommen. Als strafrechtlich besonders heikel gilt heute die Rolle von Ärzten als mögliche Helfer im Zusammenhang von Selbsttötungen: Einerseits gilt, dass wegen der Straf‐ freiheit von Selbsttötungen, auch von gescheiterten Selbsttötungsversuchen, logi‐ scherweise auch die Teilnahme Dritter daran, d. h. die Beihilfe oder sogar die Anstif‐ tung dazu grundsätzlich straffrei sind. Andererseits ist aber zu berücksichtigen, dass die Anstiftung eines Schuldunfähigen oder die Anstiftung mittels Betruges oder Täu‐ schung zur Tötung – d. h. die Anstiftung von Kindern oder von dementiellen Patien‐ ten – mittelbare Täterschaft (§ 25 Abs. 1, 2. Alt. StGB) als eigenständiges Tötungsde‐ likt strafrechtlich geahndet werden kann und dass sowohl Ärzte als auch Angehörige Suizidaler wegen ihrer sog. Garantenstellung nach geltendem Recht verpflichtet sind, eine Selbsttötung zu verhindern, und im Falle der Ignorierung dieser Verpflichtung wegen Unterlassung eines solchen Eingreifens gerichtlich bestraft werden können. Der Helfer eines Suizidalen kann außerdem auch wegen unterlassener Hilfeleistung 1795 Vgl. dazu: Fischer, Th.: Strafgesetzbuch und Nebengesetze, München 200855; 1796 Vgl. dazu: Fischer, Th.: Strafgesetzbuch und Nebengesetze, München 200855, vor § 77 Rn. 2. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 382 nach § 323 c StGB bestraft werden, da ein Suizidversuch nach § 323 c StGB einen „Un‐ glücksfall“ darstellt. Weil die o. g. Strafrechtsbestimmungen über das „preußische Strafgesetzbuch“ von 1851, teils über den „code penal“ (1810) Napoleons, teils über die Reichshalsgerichts‐ ordnung Karls d. V. und verschiedene spätmittelalterlichen Rechtsbücher an das letzt‐ malig im corpus iuris Justinians zusammengefasste Strafrecht des antiken Rom an‐ knüpfen1797, ist davon auszugehen, dass es auch in der frühen römischen Kaiserzeit Strafrechtsbestimmungen gab, die ähnlich wie das o. z. deutsche Strafgesetzbuch von 1872, die Beihilfe von Ärzten zu Tötungen und Selbsttötungen von Menschen unter Strafe stellte und zur Folge hatten, dass entsprechende Verstöße gegebenenfalls auch gerichtlich geahndet wurden. Die lex Cornelia de sicariis et veneficiis Wie in allen staatlich geordneten Gesellschaften galt auch in der antiken römischen Gesellschaft die Tötung eines Menschen grundsätzlich als ein Kapitalverbrechen, des‐ sen Ahndung der Zuständigkeit der privaten Rache von Angehörigen der Opfer ent‐ zogen und öffentlichen Gerichten überantwortet wurde. Unklar ist jedoch, von wel‐ chem Zeitpunkt an sich in Rom staatliche Gerichte um die juristische Aufarbeitung von Tötungsdelikten kümmerten, und – vor allem in der Anfangsphase der staatlich organisierten Rechtspflege – nach welchen Regeln sie dabei vorgingen. Es muss damit gerechnet werden, dass der Prozess der Herausbildung einer staatlich organisierten Justiz bereits in der Königszeit begann, da ein gemeinsames Handeln des „populus Romanus“ gegenüber auswärtigen Gegnern nur dann möglich war, wenn innere Kon‐ flikte friedlich geregelt wurden, und zwar auf der Grundlage allgemein anerkannter gesetzlicher Regeln und unter dem Vorsitz anerkannter Sachwalter des staatlichen Gewaltmonopols, zunächst der Könige, später der republikanischen Magistrate. Als die früheste namentlich bekannte gesetzliche Grundlage für die Durchfüh‐ rung von Strafprozessen im antiken Rom gilt das sog. Zwölftafelgesetz, das die für die Justiz zuständigen Amtsträger zur strikten Einhaltung des Prinzips „nulla poena sine lege“ verpflichtete und für die Ahndung verschiedenster Straftaten die Organisation von Gerichtshöfen vorsah, deren Zuständigkeit sich Beschuldigte kaum noch ohne schwerwiegende persönliche Nachteile entziehen konnten1798. Die Lex duodecim ta‐ bularum, vor allem die Tafeln IX und XII, enthielten auch strafrechtliche Bestim‐ mungen, die Tötungsdelikte unter Strafe stellten. Gerade über den Inhalt der letzteren 3.2.1 1797 Zur Geschichte des modernen Strafrechts liefert einen kurzen, aber für unsere Zwecke ausreichen‐ den Überblick: Model/Creifels Lichtenberger: Staatsbürger-Taschen-Buch, München 199626 S. 607. 1798 Tab. I, 1.: – SI IN IUS VOCAT, ITO. NI IT, ANTESTAMINO: IGITUR EM CAPITO (Porph., ad Hor. Sat., 1, 9, 76; Cic., de leg. 2, 4, 9; Gell. 20, 1, 25; Auct. Her. 2, 13, 19; Fest. P. 76, 105; Vgl. Bruns, C. G.: Fontes iuris Romani antiqui, I, Tübingen, 1909, pp. 15-40; auch Riccobono, S.: Fontes iuris Romani antejustiniani, I, Firenze, 1941, pp. 21–75; Girard, P. F. & Senn, F.: Les lois des Ro‐ mains, Napoli, 1977, pp. 22–73; Crawford, M. H.: Roman Statutes, II, London, 1996, pp. 555–721, n. 4. 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 383 ist aber nur wenig bekannt, da diese infolge von Neuregelungen in späterer Zeit obso‐ let wurden und in der juristischen Literatur nicht mehr zitiert wurden. Die administrative Zuständigkeit für die Organisation und Durchführung von Strafprozessen scheint zunächst in der Zuständigkeit der Könige, nach deren Vertrei‐ bung aber in den Händen von zwei Oberbeamten gelegen zu haben, die zunächst die Amtsbezeichnung „praetores“ trugen, aber später „consules“ genannt wurden1799. Im Gefolge der Leges Liciniae Sextiae des Jahres 3671800 wurde die Zuständigkeit für die Rechtsprechung aber dem „praetor urbanus“ zugewiesen1801. Über den weiteren Verlauf der Entwicklung der römischen Justiz und ihrer ge‐ setzlichen Grundlagen, bis in die Zeit Sullas, liegen nur wenig genaue Erkenntnisse vor. Aber dennoch wird man davon ausgehen dürfen, dass die Zunahme von Gewalt im Rahmen der Auseinandersetzungen über die Reformen der Gracchen sowie der Bürgerkriege zwischen den „Optimaten“ und „Popularen“, vor allem unter der Füh‐ rung Sullas und des Marius auch das Funktionieren der ordentlichen Strafgerichts‐ barkeit stark beeinträchtigte, der Bürgerkriegssieg Sullas führte zu sog. Proskriptio‐ nen, aufgrund deren rund 40 Senatoren, 1600 Angehörige des Ritterstandes und zahl‐ reiche andere Bürger ohne ordentliche Gerichtsverfahren ihr Leben verloren haben sollen1802. Allerdings ist mit dem Namen Sullas auch eine umfassenden Neuordnung der rö‐ mischen Rechtsprechung verknüpft. Die Volksversammlung übertrug Sulla gegen En‐ de de Jahres 82 v. Chr. den Titel und die Funktionen eines dictator legibus scribundis et rei publicae constituendae.1803 Zu den maßgeblich von Sulla initiierten Gesetzen zur Neuregelung der Justiz gehörte auch ein Gesetz über die Strafverfolgung von Tö‐ tungsdelikten, die Lex Cornelia de sicariis et veneficis (81)1804 Diese Gesetze enthielten nicht nur Definitionen der jeweils zu bestrafenden „Tat‐ bestände“, sondern auch Vorschriften über die Organisation der für deren Ahndung zuständigen Gerichtshöfe. An die Stelle der vorher in der Regel von Fall zu Fall zu konstituierenden Gerichtshöfe, schrieb die von Sulla initiierte Reform der Justiz die Schaffung sog. quaestiones perpetuae vor, nach dem Vorbild der bereits seit 149 v. Chr. bestehenden quaestio repetundarum, der quaestiones ambitus, peculatus, maiestatis, de falsis, iniuriarum und inter sicarios et veneficii1805. Anders als die strafrechtlichen Bestimmungen des Zwölftafelgesetzes sollten sich die strafrechtlichen Gesetze der Zeit Sullas, wie die zahlreichen überlieferten Zitate und Kommentare aus späterer Zeit belegen, als langlebig erweisen und dienten selbst noch in der Zeit Justinians als wichtige gesetzliche Grundlagen der römischen Krimi‐ 1799 Vgl. Bengtson, H.: Römische Geschichte … s. o. S. 54 f.. 1800 Vgl. Liv. VI, 34–35; dazu v. Fritz, K., in Historia 1 (1950) S. 3 ff; Meyer, E.: Römischer Staat und Staatsgedanke (1961) S. 73 ff.. 1801 Vgl. Bengtson, H.: Römische Geschichte. S. o. S. 59. 1802 Vgl. Vell. II, 28; Oros. V, 21; App. b. c. I,440 ff.; Plut. Sull. 31; 1803 Vgl. Bengtson, H., Römische Geschichte. S. o. S. 188–189; 1804 Vgl. Digesta, XLVIII, 8, Bruns, C. G., Fontes iuris Romani antiqui, I, Tübingen, 1909, p. 92, n. 13. Crawford, M. H., et al., Roman Statutes, II, London, 1996, pp. 749–753, n. 50; 1805 Vgl. Vgl. Bengtson, H.: Römische Geschichte. S. o. S. 190; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 384 naljustiz. Das gilt nicht zuletzt für die Lex Cornelia de sicariis et veneficis, deren Inhalt im Wesentlichen aber nur aus späteren Zitaten und Kommentaren bekannt ist. Die Straftatbestandsdefinition der lex Cornelia de sicariis et veneficiis Die umfassendste Beschreibung der in dem Gesetz erwähnten Tötungsmittel und Tat‐ bestände verdanken wir den Institutiones Justinians:...lex Cornelia de sicariis, quae ho‐ micidas ultore ferro persequitur vel eos, qui hominis occidendi causa cum telo ambulant. telum autem, ut Gaius noster in interpretatione legis duodecim tabularum scriptum reli‐ quit, vulgo quidem id appellatur quod ab arcu mittitur, sed et omne significatur quod manu cuiusdam mittitur: sequitur ergo ut et lapis et lig-num et ferrum hoc nomine con‐ tineatur. dictumque ab eo quod in longinquum mittitur, a Graeca voce figuratum, ἀπὸ τοῦ τηλοὕ: et hanc significationem invenire possumus et in Graeco nomine: nam quod nos telum appellamus,illi βέλος appellant ἀπὸ τοῦ βἀλλεsθαι. admonet nos Xenophon; nam ita scripsit: καὶ τὰ βέλη ὁμοῦ ἐφέρετο, λόγχαι, τοξεύματα, σφενδόναι, πλεῖστοι δἑ χαὶ λίθοι [id est: et tela simul mittebantur, hastae, sagittae, fundae, permulti et lapides.] sicarii autem appellantur a sica, quod significat ferreum cultrum. eadem lege et venefici capite damnantur, qui artibus odiosis, tam venenis quam susurris magicis homines occi‐ derunt vel mala medicamenta publice vendiderunt.1806(Das cornelische Gesetz über die Mörder ist eines, welches Menschenmörder mit dem Richtschwert rächt oder diejeni‐ gen, die um einen Menschen töten, mit einer Waffe einhergehen. Als Waffe aber wird, wie unser Gaius1807 in einer Deutung des Zwölftafelgesetzes geschrieben hinterlassen hat, im Allgemeinen das bezeichnet, was von einem Bogen abgeschickt wird, aber auch alles gekennzeichnet, was von der Hand eines gewissen [Menschen] geschleu‐ dert wird: daraus folgt also, dass auch ein Stein und ein Stück Holz und Eisen von diesem Begriff erfasst wird, und von dem bezeichnet wird, dass es in die Weite ge‐ schleudert wird, nach dem griechischen Begriff „von weitem“ gestaltet: und diese Be‐ zeichnung können wir auch in der griechischen Bezeichnung finden und in dem grie‐ chischen Begriff für das, was wir als „Waffe“ bezeichnen, jene nennen es βέλος (Wurf‐ geschoss) ἀπὸ τοῦ β£ λλεs θαι (von Werfen). Daran erinnert uns Xenophon1808; denn er schreibt Folgendes: καὶ τὰ βέλη ὁμοῦ ἐφέρετο, λόγχαι, τοξεύματα, σφενδόναι, πλεῖστοι δἑ χαὶ λίθοι (d. h.: auch Geschosse wurden zugleich geschleudert, Lanzen, 3.2.2. 1806 Vgl. Iustiniani Institutiones, IV, 18 (Krueger, Berlin, 1954); 1807 Gaius, ein häufig zitierter Jurist, der zwischen 130 und 180 n. Chr. u. a. das Zwölftafelgesetz kom‐ mentierte. Vgl. Mayer-Maly, T.: Gaius, in: KIP, Bd. 2. S. 660–662; Giaro, T.: Gaius. In: DNP, Bd. 4, Stuttgart 1998, Sp. 737 f.; Die o. z. Textstelle ist ein wichtiger Beleg dafür, dass die Bestimmungen der lex Cornelia de sicariis et veneficiis in ähnlicher Form bereits im Zwölftafelgesetz vorgebildet wa‐ ren, aber zur Zeit Sullas umfassend novelliert wurden, so dass sich z. B. Cicero in seinen Gerichts‐ reden in der Regel nicht mehr auf das Zwölftafelrecht, sondern auf das Gesetz Sullas bezieht. 1808 Vermutlich der Schriftsteller Xenophon, Ξενοφῶν; *zwischen 430 und 425 v. Chr. in Athen; †nach 355 v. Chr. in Korinth; vgl. Döring, K.: Xenophon. In: Flashar, H.: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 2/1, Basel 1998, S. 182-200, hier: S. 183 u. 185. Vgl. Grote, A., Xenophon v. Athen, in: K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 926–928; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 385 Pfeile, Schleuderkugeln und in großer Zahl auch Steine.) Als sicarii1809 werden die Tä‐ ter aber bezeichnet nach der sica (Sichel), einem Wort, das ein eisernes Messer be‐ zeichnet. Nach demselben Gesetz werden auch Giftmischer zum Tode verurteilt, die mit gehässigen Künsten, so mit Giften wie mit Zaubergemurmel, Menschen getötet haben oder bösartige Heilmittel öffentlich verkauft haben.) Nach den im corpus iuris Justinians zitierten Angaben umschrieben das Zwölfta‐ felgesetz und die lex Cornelia de sicariis et veneficiis Straftatbestände von zwei Täter‐ gruppen, nämlich die der bereits im Titel des Sullanischen Gesetzes benannten sicarii, die ihre Opfer mittelst eines Dolches oder anderer „Waffen“ töteten, und der veneficii, die zur Tötung ihrer Opfer mala medicamenta einsetzten, d. h. Substanzen, die – in einer bestimmten Dosierung – toxisch wirkten bzw. wirken sollten, wobei nach dem Dafürhalten der Gesetzgeber auch susurris magicis1810, d. h. dem Gebrauch von Zau‐ berformeln, tödliche Wirkungen unterstellt wurden, die es gegebenenfalls auch straf‐ rechtlich zu ahnden galt. Zu beachten ist, dass sich das in dem cornelischen Gesetz ausgesprochene Verdikt über die Tötung von Menschen nicht nur auf die Tötung mittelst Waffen bezog, son‐ dern auch auf toxische Substanzen. Denn es liegt auf der Hand, dass sich der straf‐ rechtlich relevante Vorwurf der „Giftmischerei“ im Prinzip auch gegen Ärzte richten konnte, soweit sich die letzteren zur „Behandlung“ ihrer Patienten auch pharmakolo‐ gischer Mittel bedienten und deren Einsatz dann den Tod eines „Patienten“ auslöste. Ein gewisser Schutz erwuchs Ärzten – wie auch allen anderen Beschuldigten - hierbei allerdings daraus, dass auch bei Tötungsdelikten nach antikem römischen Recht – an‐ ders als im modernen Strafprozessrecht – Strafprozesse nicht „automatisch“ zustande kamen1811, sondern nur dann, wenn sich auch jemand bereitfand, der eine entspre‐ chende Anklage begründete, den zuständigen Gerichtsmagistraten, in der Regel einen Prätor, von der Schuld eines mutmaßlichen Delinquenten überzeugte und dazu ver‐ anlasste, ein entsprechendes Verfahren vor dem dafür zuständigen Gerichtshof auch einzuleiten1812. Nicht unwesentlich vergrößert wurde das dadurch bedingte Risiko – auch von Ärzten – wegen Tötungsdelikten in Strafprozesse verwickelt zu werden aber durch die von der altrömischen „Strafprozessordnung“ den Gerichtsmagistraten eingeräumten Entscheidungsspielräume sowohl hinsichtlich der Eröffnung von Strafprozessen als 1809 Der Begriff sicarius ist vor allem als Bezeichnung einer mit gewalttätigen Mitteln gegen die Römer‐ herrschaft in Palästina operierenden Widerstandsgruppe bekannt. Vgl. dazu: Hengel, M.: Die Ze‐ loten. Untersuchungen zur jüdischen Freiheitsbewegung in der Zeit von Herodes I. bis 70 n. Chr., Leiden/Köln 19762, S. 47–54. Chr. 1810 Vgl. dazu die unter Tiberius im Zusammenhang des Todes des Germanicus gegenüber der „Giftmi‐ scherin“ Martina erhobenen Vorwürfe; (Vgl. Tab. Tab. I, 5–7;) 1811 S. o. die Ausführungen zu der Vorgehensweise von Strafverfolgungsbehörden bei sog. Offizialdelik‐ ten; 1812 Vgl. Liebs, D.: Römisches Recht. Ein Studienbuch. Göttingen 20046. Kunkel, W./Schermaier, M.: Römische Rechtsgeschichte. Köln u. a. 200113. Grundsätzlich besaß ein römischer Strafprozess Ähnlichkeiten mit einem modernen Zivilprozess, der als sog. „Parteienprozess“ geführt wird, in welchem es allein den streitenden Parteien obliegt, das „neutrale“ staatliche Gericht von der Rechtsgültigkeit der jeweils verfochtenen Ziele zu überzeugen. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 386 auch hinsichtlich der Verhandlungsführung sowie durch das Prinzip des Parteienpro‐ zesses, das den „privaten“ Anklägern vielfältige Möglichkeiten bot, durch Korruption, durch falsche Zeugen und gefälschte Indizien bei den durch geschworene Laien be‐ setzten Gerichtshöfen Verurteilungen auch zu Unrecht beschuldigter Angeklagter zu erwirken. Eingeschränkt wurde das Risiko von nach der lex Cornelia de sicariis et veneficiis Angeklagten, zu Unrecht verurteilt zu werden, allerdings dadurch, dass nach den Di‐ gesten die Beschreibung der Straftatbestandsmerkmale für Tötungsdelikte nicht allein auf den Kreis solcher Personen anzuwenden war, welche die Tötung eines Menschen persönlich bewerkstelligt oder durch Dritte hatten ausführen lassen, sondern auch auf Personen, die als Beteiligte eines solchen Prozesses willkürlich die Verurteilung „unschuldiger“ Angeklagter herbeigeführt hatten: Lege Cornelia de sicariis et veneficiis tenetur, qui hominem occiderit: cuiusve dolo malo incendium factum erit: quive hominis occidendi furtive faciendi causa cum telo ambulaverit: quive, cum magistratus esset pu‐ blicove iudicio praeesset, operam dedisset, quo quisfalsum iudicium profiteretur, ut quis innocens conveniretur condemnaretur.1813(Durch das cornelischen Gesetz über Mörder und Giftmischer wird erfasst, der einen Menschen getötet hat: oder durch dessen böse List ein Verderben entstanden ist: oder der um einen Menschen zu töten oder um einen Diebstahl zu begehen, mit einer Waffe einhergegangen ist: oder der, wenn er ein Amtsträger war oder einem öffentlichen Gerichtsverfahren vorsaß, sich Mühe gege‐ ben hat, damit jemand ein falsches Zeugnis abgab, damit ein Unschuldiger bedrängt und verurteilt wird.) Selbst der „Vorsitzende“ eines Gerichtshofs, der durch seine Art der Prozessfüh‐ rung schuldhaft die Verurteilung Unschuldiger herbeiführte, machte sich nach Auf‐ fassung römischer Juristen eines Tötungsdelikts im Sinne des Cornelischen Gesetzes schuldig. Die nach der lex Cornelia de sicariis et veneficiis zu richtenden Täterkreise werden in den Digesten an anderer Stelle auch folgendermaßen beschrieben: Praete‐ rea tenetur, qui hominis necandi causa venenum confecerit dederit: quive falsum testi‐ monium dolo malo dixerit, quo quis publico iudicio rei capitalis damnaretur: quive ma‐ gistratus iudexve quaestionis ob capitalem causam pecuniam acceperit ut publica lege reus fieret.1814 (Außerdem wird [von dem Gesetz] erfasst, der um einen Menschen zu töten Gift hergestellt und gegeben hat: und der ein falsches Zeugnis in böser Absicht abgegeben hat, damit jemand in einem öffentlichen Gerichtsverfahren wegen eines todeswürdigen Verbrechens verurteilt werde: und wer als Amtsträger oder Richter einer Untersuchung Geld genommen hat, damit jemand nach dem öffentlichen Ge‐ setz Angeklagter werde.) Besondere Aufmerksamkeit verdient, dass nach der hier zitierten Einschätzung kaiserzeitlicher Juristen auch Beteiligte an Strafprozessen gemäß den Vorschriften der lex Cornelia de sicariis et veneficiis unter Anklage gestellt und verurteilt werden konn‐ ten, sowohl Zeugen, die durch böswillige Falschaussagen die Verurteilung im straf‐ rechtlichen Sinne Unschuldiger herbeigeführt hatten, als auch Richter, d. h. der Vor‐ 1813 Vgl. Digesta, XLVIII, 8; 1814 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 387 sitzende sowie die Geschworenen, falls sie sich aufgrund von Bestechlichkeit dazu verleiten ließen, einen Angeklagten zu verurteilen, damit er getötet werde. Selbst bei den mutmaßlichen Tätern in einem Prozess wegen eines Tötungsdelikts – in dem obigen Zitat wird als Täter jemand charakterisiert, der Gift hergestellt oder weitergegeben hat – war nach Auffassung römischer Juristen nur dann eine Verurtei‐ lung zu rechtfertigen, wenn diesen eine Tötungsabsicht (qui hominis necandi causa ve‐ nenum confecerit dederit) nachgewiesen werden konnte. Diese Vorschrift schränkte die Möglichkeit einer Verurteilung – auch von Ärzten – auf den Fall ein, dass ihnen eine Tötungsabsicht nachgewiesen werden konnte. Übersetzt in die Sprache des heute in Deutschland gültigen Strafgesetzbuches bedeutet das, dass Angeklagte nur dann verurteilt werden konnten, wenn ihnen eine „absichtliche Tötung“ nachgewiesen wer‐ den konnte, wie sie in den Straftatbestandsbeschreibungen für Totschlag, Mord und Tötung auf Verlangen1815 postuliert wird. Speziell auf den im modernen Strafrecht als Tötung auf Verlangen definierten Straftatbestand spielt auch noch eine andere Formulierung der Digesten an: Et qui ho‐ minem occiderit, punitur non habita differentia, cuius condicionis hominem intere‐ mit.1816“(Und der einen Menschen getötet hat, wird bestraft, ohne dass ein Unter‐ schied gemacht wird, wegen welcher Übereinkunft er getötet hat.) Nach dieser Deutung der lex Cornelia de sicariis et veneficiis hätte sich also auch schon in der römischen Antike jemand strafbar gemacht, der aufgrund bestimmter Vereinbarungen, unabhängig davon, mit wem, d. h. also auch mit dem Tötungsopfer, dessen Tod absichtlich herbeiführte. Es ist offenkundig, dass nach dieser Deutung des Gesetzes dessen Strafrechtsbestimmungen gegebenenfalls auch auf Ärzte hätten ange‐ wendet werden können, die sich bereit erklärten zu Fremd- und Selbsttötung von Menschen Beihilfe zu leisten, wobei nach Auffassung der römischen Rechtskommen‐ tatoren aber auch in solchen Fällen für eine Verurteilung des Täters dem Nachweis der Tötungsabsicht eine größere Bedeutung beizumessen war als dem „Erfolg“ seiner Bemühungen. Zur Verdeutlichung dieses Standpunktes wird in den Digesten ein Reskript Kaiser Hadrians1817 zitiert, in welchem letzterer dekretierte: Divus Hadrianus rescripsit eum, qui hominem occidit, si non occidendi animo hoc admisit, absolvi posse, et qui hominem non occidit, sed vulneravit, ut occidat, pro homicida damnandum.1818 (Der vergöttlich‐ te Hadrianus gab den Bescheid, dass der, der einen Menschen getötet hat, wenn er sich dies nicht in der Absicht zu töten zuschuldekommen ließ [fahrlässige Tötung ?], frei gesprochen werden könne, und der einen Menschen nicht getötet, aber verwun‐ det hat, damit er ihn töte, [versuchte Tötung] als Mörder zu verurteilen sei:) Nach dieser Deutung entschied somit nicht so sehr das – gegebenenfalls tödliche – Ergebnis bestimmter Handlungen darüber, ob der „Täter“ nach dem Gesetz zu be‐ 1815 S. o. Totschlag § 212 StGB, Mord § 211 StGB, Tötung auf Verlangen § 216 StGB; 1816 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 1817 Imperator Caesar Traianus Hadrianus Augustus; *24. 01. 76 in Italica (heute: Sevilla) oder in Rom; † 10. 07. 138 in Baiae, Kaiser von 117 n. Chr. bis zu seinem Tod. Vgl. Hanslik, R., Hadrianus 1, in KIP, Bd. 2, Sp. 907 – Sp. 911. 1818 S. o. Digesta, XLVIII, 8; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 388 strafen sei, sondern in erster Linie die Absicht, in welcher das Opfer verletzt wurde. Auch diese Deutung des Gesetzes hätte sich auf Ärzte anwenden lassen und vor einem antiken römischen Gericht zu einem Freispruch hätte führen müssen, soweit diese bei der Behandlung ihrer Patienten Methoden anwandten, die tatsächlich deren Tod zur Folge hatten, aber den Ärzten nach heutiger Terminologie allenfalls „Fahrläs‐ sigkeit“1819, also keine Tötungsabsicht vorzuwerfen bzw. nachzuweisen gewesen wäre. Kaum eine Chance auf einen Freispruch hätten jedoch solche Ärzte gehabt, ge‐ genüber denen der Vorwurf erhoben wurde, Menschen durch Gift getötet zu haben, obwohl von namhaften Juristen auch die Strafbarkeit der tatsächlichen Vergiftung ei‐ nes Menschen prinzipiell an den Nachweis der Tötungsabsicht beim Täter gebunden wurde. Auch Ulpian1820, ein Kommentator der lex Cornelia de sicariis et veneficiis aus der Severerzeit, stellte in Übereinstimmung mit dem o. z. Wortlaut des corpus iuris fest: Eiusdem legis corneliae de sicariis et veneficiis capite quinto, qui venenum necandi hominis causa fecerit vel vendiderit vel habuerit, plectitur.1821 (Nach dem fünften Kapi‐ tel desselben Cornelischen Gesetzes über Mörder und Giftmischer wird bestraft, wer um einen Menschen zu töten Gift hergestellt oder verkauft oder besessen hat.) Auch nach der Auffassung Ulpians ist die Herstellung, der Verkauf und der Besitz von „Gift“ nur dann strafbar, wenn dem Hersteller, Verkäufer, oder Besitzer des To‐ xins, – das aber heißt u. U. auch einem Arzt – eine Tötungsabsicht nachgewiesen wer‐ den kann. Im Anschluss an diese allgemeine Tatbestandsumschreibung eines „Gift‐ mordes“ erläutert Ulpian den Begriff „Gift“ aber so, dass ein Arzt, der bestimmte pharmakologische Mittel einsetzte, um Patienten zu behandeln und dadurch deren Tod herbeiführte, gegebenenfalls kaum noch eine Chance gehabt hätte, einer Verur‐ teilung nach der lex Cornelia de sicariis et veneficiis zu entgehen. Zunächst liefert Ulpian für den Begriff venenum noch eine vergleichsweise harm‐ lose Definition: 1. Eiusdem legis poena adficitur, qui in publicum mala medicamenta vendiderit vel hominis necandi causa habuerit.1822 (Gemäß desselben Gesetzes wird bestraft, wer öffentlich schlechte Heilmittel verkauft hat oder um einen Menschen zu töten besessen hat.) Auch in diesem Zitat wird die Strafbarkeit des „öffentlichen“ Verkaufs oder Besit‐ zes von toxischen Substanzen an die Bedingung einer im Falle eines Strafprozesses nachzuweisenden Tötungsabsicht des Verkäufers oder Besitzers des Toxins geknüpft. Aus der Sicht von Ärzten war aber bedenklich, dass der Kommentator des Gesetzes zur Erläuterung des Begriffs venenum den Begriff malum medicamentum verwendet, einen Begriff, welcher auf eine ganz bestimmte Tätergruppe hinweist, nämlich auf 1819 Vgl. dazu den Strafrechtstatbestand der „fahrlässigen Tötung“ (§ 222 StGB); 1820 Ulpian (†223 oder 228 in Rom), mit vollem Namen Domitius Ulpianus, römischer Jurist und Präto‐ rianerpräfekt unter den Severern; vgl.: Cleve, R. L.: Severus Alexander and the Severan Women. Los Angeles 1982, S. 211–236; Honoré, T.: Ulpian. Pioneer of Human Rights. Oxford 20022. Wie‐ acker, F.: Römische Rechtsgeschichte, Abschnitt 2. München 2006, S. 130–138, Liebs, D.: Jurispru‐ denz. In: Sallmann, K.: Handbuch der lateinischen Literatur der Antike, Bd. 4, München 1997, S. 176ff.. 1821 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 1822 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 389 „Apotheker“ und Ärzte, die sich zu Heilungszwecken berufsmäßig sog. medicamenta bedienten. Auf diese mögliche Tätergruppe fokussiert Ulpian noch deutlicher in einem Text‐ abschnitt, in welchem er mala medicamenta von anderen abgrenzt: Adiectio autem is‐ ta ‘ veneni mali ’ ostendit esse quaedam et non mala venena. ergo nomen medium est et tam id, quod ad sanandum, quam id, quod ad occidendum paratum est, continet, sed et id quod amatorium appellatur: sed hoc solum notatur in ea lege, quod hominis necandi causa habet. sed ex senatus consulto relegari iussa est ea, quae non quidem malo animo, sed malo exemplo medicamentum ad conceptionem dedit, ex quo ea quae acceperat de‐ cesserit.1823 (Dieser Zusatz eines “schlechten Giftes“[toxischen Stoffes] zeigt, dass es auch nicht schlechte Gifte gibt. Also gibt es einen mittleren [neutralen] Begriff und der umfasst so das [Gift], das zum „Heilen“ [bereitet ist] wie das, was zum „Töten“ bereitet ist, aber auch das, was als Liebe erweckendes Mittel bezeichnet wird: aber deswegen wird in diesem Gesetz nur jemand gerügt, der es besitzt, um einen Menschen zu töten. Aber aufgrund eines Senatsbeschlusses wurde befohlen, dass diese zu verbannen sei, die nicht einmal in schlechter Absicht, sondern zu einem schlechten Beispiel ein Heil‐ mittel zur Empfängnis gegeben hat, an dem diejenige, die es eingenommen hat, ge‐ storben ist.) Die in diesem Zitat vorgenommene Unterscheidung von Giften,1824 welche zu Heilzwecken (ad sanandum) bereitet wurden, und von solchen, die zu Tötungszwe‐ cken (ad occidendum) zubereitet wurden, erscheint prima vista als eine selbstver‐ ständliche Anwendung des seinem geistesgeschichtlichen Ursprung nach aristoteli‐ schen Definitionsverfahrens (definitio fi(a)t per genus proximum et differentiam speci‐ ficam)1825mittelst der Zuordnung bestimmter Unterbegriffe, hier [venenum] ad san‐ andum und [venenum ad occidendum] (differentia specifica) zu einem gemeinsamen Ober- bzw. Gattungsbegriff (genus proximum). In Wirklichkeit erfolgt durch diese Definition des Begriffes malum medicamentum aber implizit die Unterstellung, dass die Benutzung von mala medicamenta a priori zu Tötungszwecken geschehe. Zwar versichert der Kommentator auch in diesem Zitat ausdrücklich, dass von dem Gesetz nur jemand gerügt [werde], der es [besitze], um einen Menschen zu töten, relativiert diese Einschätzung aber sogleich wieder durch den Hinweis, dass aufgrund eines Senatsbeschlusses eine Frau, die ein Mittel zur Erleichterung einer Empfängnis gegeben habe, also durchaus in guter Absicht, - nur - verbannt wurde, weil es zu einem schlechten Beispiel verabreicht worden sei und diejenige die es eingenommen habe, gestorben sei. Offensichtlich wurde die tödliche Wirkung, welche im vorliegen‐ den Fall die Einnahme eines bestimmten Medikaments zeitigte, von dem als Gerichts‐ hof urteilendem Senat als Beweis dafür angesehen, dass es sich bei dem Mittel um ein medicamentum malum handelte, dessen Verabreichung – nach Auffassung Ulpians – 1823 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 1824 Zu Giften in der Antike vgl. Ihm, S., Gift, in: Leven, K.-H., Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 889; 1825 Vgl. Westermann, H.: Unterschied, spezifischer. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. XI, Basel 2001, Sp. 313–325. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 390 automatisch den Tatbestand eines Tötungsdelikts nach der lex Cornelia de sicariis et veneficiis erfüllte. Noch deutlicher wird diese Einschätzung Ulpians an einer anderen Stelle, an wel‐ cher ein anderer Senatsbeschluss zitiert wird, nach welchem bereits der bedenkenlose Verkauf bestimmter Substanzen strafrechtlich indiziert war: Alio senatus consulto ef‐ fectum est, ut pigmentarii, si cui temere cicutam salamandram aconitum pituocampas aut bubrostim mandragoram et id, quod lustramenti causa dederit cantharidas, poena teneantur huius legis.1826 (Aufgrund eines anderen Senatsbeschlusses, wurde festge‐ legt, dass Salbenhersteller [Quacksalber?], wenn sie jemandem unüberlegt Schierling [cicuta] (1)1827, Salamander [Salamandra], (2) Eisenhut [aconitus] (3), Pinienprozessi‐ onsspinner [Thaumetopoea pityocampa] (4) oder Bubrostis (5), Alraune [Mandrago‐ ra]1828 (6) und das, was wegen eines Sühneopfers gegeben wurde, spanische Fliege [Cantharis]1829, (7) geben, an die Strafe dieses Gesetzes gebunden sind.) Als mögliche Täter werden in diesem Zitat zwar keine medici genannt, sondern lediglich pigmentarii, aber dennoch erscheint es naheliegend zu vermuten, dass dann, wenn Ärzte die nach dem o. z. Senatsbeschluss strafrechtlich indizierte Substanzen an Patienten weitergaben, auch deren Verhalten, nach der o. z. Rechtsauffassung den Straftatbestand eines Tötungsdelikts gemäß der lex Cornelia de sicariis et veneficiis er‐ füllt hätte. Mit dieser Möglichkeit ist unbedingt zu rechnen, nicht zuletzt in dem von uns ausgewählten Untersuchungszeitraum, insofern namentlich bekannte Pharma‐ zeuten und Ärzte den therapeutischen Einsatz der o. g. Substanzen ausdrücklich empfahlen. Schierling (1)1830 wird sowohl von Pedanios Dioskurides1831, als auch von Scribonius Largus1832 und Plinius d. Älteren1833 erwähnt, und zwar nicht nur als „Gift‐ pflanze“, sondern auch als Ausgangsstoff für die Herstellung von Heilmitteln. Ähnli‐ 1826 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 1827 Die in Klammern gesetzten Ziffern sind vom Verf. hinzugefügt worden, um Verweise verständli‐ cher zu machen. Zu Schierling vgl. Leven, K.-H., Schierling, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 926– 928; 1828 Vgl. Fausti, D., Mandragora, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 586 f.; 1829 Vgl. Leven, K.-H., Kanthariden, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 483–484; 1830 Vgl. Diosk. mat. med. IV, 79; Cels. de med. V, 4.6.27.13.; Scrib. Larg. compositiones 179; Plin. nat. 25, 95, 151–154; in lat. Quellen ist – irrtümlich – von cicuta die Rede, auch wenn konion gemeint ist. 1831 Pedanios Dioskurides (Πεδάνιος Διοσκουρίδης, Pedánios Dioskurídēs) aus Anazarbos in Kilikien, bekannt als Militärarzt unter den Kaisern Claudius und Nero, Vgl. Touwaide, A.: Pedanios Diosku‐ rides. In: DNP. Bd. 9, Stuttgart 2000, Sp. 462–465. Wellmann, M.: Die Pflanzennamen des Diosku‐ rides, in: Hermes. Band 33, Nummer 3, 1898, S. 360–422. Vgl. Stamatu, M., Dioskurides, in: K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 227–229 f.; 1832 Scribonius Largus, ein römischer Arzt der empirisch-skeptischen Schule im 1. Jahrh. n. Chr. zur Zeit des Claudius. Vgl. Mazzini, I.: Due testimoniane altomedievali inedite di Scribonio Largo, in: Rivista di filologia e di istruzione classica 111 (1983), S. 158–170; Önnerfors, A.: Das medizinische Latein von Celsus bis Cassius Felix. In: W. Haase /Temporini, H. (Hrsg.), Aufstieg und Niedergang der römischen Welt: Bd. II. 34. 1, Berlin / New-York 1993, S. 227–392, 250ff.Sconocchia, S.: Le fon‐ ti e la fortuna di Scribonio Largo. In: Mazzini I./ Fusco, F. (Hrsgg.), I testi di medicina latini anti‐ chi: problemi filologici e storici, Rom 1985. Seidler, E./Leven, K.-H.: Geschichte der Medizin und Krankenpflege Stuttgart, 20037. Hahn, J., Scribonius Largus, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 786; 1833 S. o. Kap 3.0.1; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 391 ches gilt auch für salamandra (2), den „Feuersalamander“, der zwar in der pharmako‐ logisch – medizinischen Fachliteratur der frühen römischen Kaiserzeit für hochgiftig gehalten wurde, aber dennoch auch gelegentlich als Gegenmittel für andere toxischen Stoffe empfohlen wurde1834. Auch aconitum (3) „blauer Eisenhut“ wird von Dioskuri‐ des, von Scribonius Largus und Plinius nicht nur als sehr toxisch eingestuft, sondern in entsprechender Dosierung auch als Heilmittel empfohlen1835. Ähnliches lässt sich auch bezüglich Pinienprozessionsspinner [Thaumetopoea pityocampa] (4)1836 Bubros‐ tis (5)1837, Alraune [Mandragora] (6)1838 spanische Fliege [Cantharis] (7)1839 beobach‐ ten. Und es verdient Beachtung, dass auch Ärzten bei Verstößen gegen die Straftatbe‐ standsumschreibungen gemäß der lex Cornelia de sicariis et veneficiis im Vergleich zu den im heutigen deutschen Strafgesetzbuch bei Tötungsdelikten vorgesehenen Strafen (ausschließlich Haftstrafen) nach den Angaben Ulpians geradezu drakonische Strafen drohten: 5. Legis corneliae de sicariis et veneficis poena insulae deportatio est et omni‐ um bonorum ademptio. sed solent hodie capite puniri, nisi honestiore loco positi fuerint, ut poenam legis sustineant: humiliores enim solent vel bestiis subici, altiores vero deport‐ antur in insulam.1840 (Nach dem cornelischen Gesetz über Mörder und Giftmischer besteht die Bestrafung in der Verbannung auf eine Insel und einer Beschlagnahmung allen Hab und Gutes. Aber man pflegt [die Verurteilten] heute auch mit dem Tode zu bestrafen, wenn sie nicht in höheren gesellschaftlichen Stellungen sich befanden: [Tä‐ ter] in niedrigerer Stellung wirft man nämlich gewöhnlich den wilden Tieren vor [im Rahmen einer Tierhatz in der Arena], höherrangige [Verurteilte] aber werden auf eine Insel deportiert.) Für den Fall aber, dass solche Verurteilten sich durch Flucht ihrer Strafe zu ent‐ ziehen versuchten, bestimmte das Gesetz nach Auffassung Ulpians Folgendes: Trans‐ fugas licet, ubicumque inventi fuerint, quasi hostes interficere.1841 (Wenn sie von dort flüchten, darf man sie jedoch, wo immer man sie findet, gleichsam als Feinde [des Staates] töten.) Das aber bedeutete, dass nach der lex Cornelia de sicariis et veneficiis Verurteilte, die sich durch Flucht ihrer Strafe zu entziehen versuchten, auf jeden Fall getötet wur‐ den, entweder indem man sie nach archaischem Vorbild vom tarpeischen Felsen1842 1834 Vgl. Diosk. mat. med. II, 67; Scrib. Larg. compositiones 187; Plin. nat. 29, 74, 106; bei Celsus aber unerwähnt; 1835 Vgl. Diosk. Mat. med. IV, 77; Scrib. Larg. compositiones 188; Plin. nat. 27, 2; bei Celsus unerwähnt. 1836 Vgl. Diosk. mat. med. II, 64 (Dioskurides spricht hier zwar lediglich allgemein von k£mpwn d. h. von Raupen, aber es erscheint als zulässig auch die Art Thaumetopea pithyocampa darunter zu sub‐ sumieren.); Plin. nat.. 29, 30, 95; 1837 Vgl. Diosk. mat. med. 2, 66; Scrib. Larg. Compositiones. 190; 1838 Vgl. Diosk. mat. med. 5, 83; Plin. nat. 25, 94, 147; bei Celsus u. Scrib. Larg. unerwähnt. 1839 Vgl. Diosk. mat. med. 2, 65; Scrib. Larg. compositiones 189; (aber nur als Gift erwähnt); Plin. nat. 11, 40, 116 u. 29, (111) 30, 93; (sowohl als Gift wie auch als Heilmittel erwähnt), bei Celsus uner‐ wähnt; 1840 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 1841 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 1842 Vgl. Radtke, G.: Tarpeium saxum. In: KIP, Bd 5., 1979, S. 522–523; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 392 herabstürzte, oder sie wie Sklaven kreuzigte, enthauptete oder im römischen Staatsge‐ fängnis, dem Mamertinum, erdrosselte1843. Allerdings wird man nicht ohne weiteres davon ausgehen dürfen, dass die in den Digesten, also erst ab dem 2. und 3. Jahrhundert, greifbaren Tatbestandsumschreibun‐ gen und Strafandrohungen der lex Cornelia de sicariis et veneficiis in der oben skiz‐ zierten Form auch schon im ersten Jahrhundert galten. Die Hinweise auf verschiede‐ ne Senatsbeschlüsse als Grundlage für die o. z. Deutungen der Bestimmungen des Gesetzes legen den Schluss nahe, dass dieses im Laufe der Zeit häufiger novelliert wurde. Vor allem die strafrechtliche Indizierung bestimmter Toxine, welche von Ärz‐ ten und Pharmakologen des Untersuchungszeitraums ausdrücklich als „Heilmittel“ empfohlen wurden, begründet Zweifel daran, dass die entsprechenden Vorschriften bereits in der frühen römischen Kaiserzeit in der oben beschriebenen Form galten, insofern einige der o. g. „Toxine“ erst im Gefolge der Entwicklung des Fernhandels nach Rom kamen und der jeweilige Zeitpunkt dafür im Augenblick nur schwer genau zu bestimmen ist. Daher erscheint es als notwendig, die hier angestellten Überlegungen zur gesetzli‐ chen Grundlage der strafrechtlichen Aufarbeitung von Tötungsdelikten in der römi‐ schen Antike zu ergänzen durch Überlegungen zur Entwicklung der Strafrechtspraxis bis zu und innerhalb des hier definierten Untersuchungszeitraums. Die Praxis der römischen Strafjustiz Während der spätrepublikanischen Zeit kam ein Strafprozess anscheinend dadurch zu Stande, dass ein römischer Bürger, der von einer Straftat Kenntnis erhalten hatte, als Kläger (actor) den Gegenstand der Klage dem zuständigen Gerichtsmagistrat, in der Regel einem Prätor darlegte und begründete.1844 Dieser entschied aufgrund einer Überprüfung der Klage und der Klagegründe darüber, dass Kläger im Beisein des Be‐ klagten die Klage wiederholten. Falls dieses Verhör aus der Sicht des Gerichtsmagis‐ trats keinen Unschuldsbeweis für den Beklagten erbrachte, entschied der Magistrat über die Zulassung eines ordentlichen Verfahrens vor dem zuständigen Gerichtshof, der aus Geschworenen bestand und unter dem Vorsitz des Gerichtsmagistrats ver‐ handelte1845. Falls der Angeklagte dem Prozess unentschuldigt fernblieb, wurde er in Abwesen‐ heit verurteilt. Falls beide Parteien erschienen, wurde das Verfahren durch eine Rede des Klägers oder seines Anwalts eröffnet, auf die der Angeklagte bzw. sein Anwalt un‐ mittelbar darauf antworten durften. Nach einer sog. altercatio, während derer sich die Prozessgegner auch wechselweise befragen konnten, kam es zur sog. probatio, die 3.2.3 1843 Vgl. Rüping, H.: Grundriss der Strafrechtsgeschichte. München 20116. 1844 Über den römischen Strafprozess liegen zahllose Darstellungen und Untersuchungen vor, auf die hier aber nicht näher eingegangen zu werden braucht. Die hier vorgetragenen Informationen über den Ablauf von Strafprozessen beruhen im Wesentlichen auf Angaben bei: Liebs, D.: Römisches Recht. Göttingen 20046. 1845 Vgl. Medicus, D., Quaestio, in: KIP, Bd. 4, Sp. 1287–1289; Kunkel, W., Quaestio, RE, XXIV 755 ff.; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 393 nach Art der Durchführung und der dabei vorzulegenden Beweismittel einer heuti‐ gen Beweisaufnahme nicht unähnlich gewesen zu sein scheint. Als Beweismittel dien‐ ten vor allem eidliche Zeugenaussagen und Geständnisse, aber auch Sachbeweise in der Form von Urkunden und Gegenständen. Zeugen konnten wie im modernen Strafprozess zur Aussage gezwungen werden. Hierbei galt aber – abweichend von den Gepflogenheiten in modernen Rechtsstaaten auch – die Anwendung körperlicher Ge‐ walt, zumindest gegenüber Sklaven und Freigelassenen prinzipiell als zulässig.1846 Nach Abschluss des Beweisverfahrens rief der Magistrat die Geschworenen zur Abstimmung über Schuld oder Unschuld des Angeklagten auf, die in der Regel ohne Aussprache und mit einfacher Mehrheit erfolgte. Dem Magistrat blieb nach der Aus‐ zählung der Stimmen nur noch die Aufgabe, den Urteilsspruch zu verkünden (pron‐ untiare) und für dessen Vollstreckung zu sorgen. Über Strafen wurde allerdings nicht verhandelt, sondern diese ergaben sich aus den entsprechenden Vorschriften des Ge‐ setzes, auf deren rechtlicher Grundlage der Prozess geführt worden war. Das aber bedeutete bei Tötungsdelikten, wegen derer seit der Zeit Sullas auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis zu urteilen war, dass grundsätzlich die Todesstrafe verhängt und unter der Aufsicht des jeweiligen Gerichtsmagistrats auch zeitnah vollstreckt wurde. Doch wurden anscheinend bereits in spätrepublikani‐ scher Zeit gerichtlich verhängte Todesstrafen, soweit sie angesehene und begüterte Delinquenten betrafen, von den Gerichtsmagistraten gelegentlich nicht vollstreckt, sondern durch eine Verbannung abgemildert.1847 Dass auch Prozesse wegen Tötungsdelikten nach dem oben skizzierten Verfahren durchgeführt wurden, darf ausweislich der Gerichtsreden Ciceros für die spätrepubli‐ kanischer Zeit als gesichert gelten. Sowohl die im Jahre 66 vor Chr. gehaltenen Rede „pro A. Cluentio “1848 als auch die Reden pro M. Caelio1849 (56 v. Chr.), pro Rabirio perduelliones reo1850 (63 v. Chr.), pro Milone“ (52 v. Chr.) und 2. der 14 philippischen Reden gegen M. Anton vom 19.09.44 v. Chr.1851 enthalten Hinweise auf die lex Corne‐ lia de sicariis et veneficis als Rechtsgrundlage für die Prozesse. Nach dem Zeugnis der Rede pro A. Cluentio war Gift als Tötungsmittel sogar Gegenstand des Prozesses1852. Aus der Zeit der Alleinherrschaft des Augustus sind Berichte über Kriminalpro‐ zesse auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis nicht überliefert. Den‐ noch ist davon auszugehen, dass die Anwendung dieses Gesetzes im Falle der gericht‐ 1846 Vgl. Rilinger, R.: Leben im Alten Rom. Folterung von Sklaven, S. 215; Digesten, Edikt des Kaiser Augustus, 48, 18, 8; vgl. L. P. Wilkinson: Rom und die Römer. Bergisch Gladbach 1979, S. 210, 217. 1847 S. o. Medicus, D., quaestio, in: KIP, Bd. 4, Sp. 1288. 1848 Vgl. Cic. Cluent. 144, 148, 157; 1849 Vgl. Cic. Cael. 51; 1850 Vgl. Cic. Cicero, Rab. perd., 19; 1851 Vgl. Cicero, Phil. 2, 22; 1852 Vgl. Cic. Cluent. 1,1: … attingere rationem venefici criminum, qua de lege est haec quaestio constitu‐ ta …; vgl. auch: Cic. Cluent. 158, 54: lubet lex ea, qua lege haec quaestio constituta est, iudicem qua‐ estionis, hoc est Q. Voconium, cum eis iudicibus qui ei obvenerint — vos appellat, iudices — quaerere de veneno. In quem quaerere? Infinitum est: QUI- CUMQUE FECERIT, VENDIDERIT, EMERIT, HABUERIT, DEDERIT. Die Formulierungen des mutmaßlichen Gesetzestextes sind durch Fett‐ druck bzw. Kapitälchen kenntlich gemacht (der Verf.). Zum „Giftmord“ in der Antike vgl. Stamatu, M., in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp.360 f.; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 394 lichen Aufarbeitung von Tötungsdelikten auch unter Augustus üblich blieb oder er‐ neuert wurde. Augustus verfügte als curator legum et morum über weitreichende Voll‐ machten, den vorhandenen Bestand von Gesetzen1853, d. h. aber auch den von straf‐ rechtlich relevanten Gesetzen, zu überarbeiten, - aber die vorhandenen Quellen lie‐ fern keinerlei Anhaltspunkte für die Annahme, dass die Eingriffe des Augustus in den überlieferten Bestand an Gesetzen auch die gesetzlichen Grundlagen für die juristi‐ sche Aufarbeitung von Tötungsdelikten gegenüber der Zeit der Republik nennenswert verändert haben könnten1854. Im Gegenteil: Die Berichte der Quellen über den Verlauf der Bemühungen der Angehörigen und Anhänger des angeblich infolge eines Giftanschlages ums Leben ge‐ kommenen Germanicus1855 (im Jahre 19 n. Chr.) enthalten deutliche Hinweise darauf, dass der der Tat bezichtigte Gn. Calpurnius Piso1856, also bereits zu Anfang der Regie‐ rungszeit des Tiberius, zeitweilig davon ausging, dass er sich in Rom für die ihm zur Last gelegte Vergiftung des Germanicus würde verantworten müssen, und zwar vor einer traditionellen quaestio. Nach den Angaben des Tacitus soll Piso gegenüber An‐ hängern, die ihn aufforderten nach Rom zu kommen, um sich dort einem Strafpro‐ zess zu stellen, eine Antwort gegeben haben, die eine solche Vermutung nahe legt: ille eludens respondit adfuturum, ubi praetor, qui de veneno quaereret, reo atque accusato‐ ribus diem praedixisset.1857 (jener (Piso] antwortete spottend, dass er zur Stelle sei, so‐ bald der Prätor, der über Gift die Untersuchung führe, dem Angeklagten und den An‐ klägern einen Termin genannt habe.) Vordergründig betrachtet, bezog sich diese Äußerung darauf, dass auf die Nach‐ richt vom Tod des Germanicus ein von diesem Datum, ab dem 10. 10. 19 n. Chr. an gerechnet, mehrmonatiges iustitium verfügt wurde1858, während dessen jede Tätigkeit von Gerichten ruhte, so dass der Angeklagte viel Zeit hatte, sich auf den ihm ange‐ drohten Strafprozess in Rom vorzubereiten. In Wirklichkeit aber dürfte die zeitweilige Zuversicht Pisos, den zu erwartenden Strafprozess gegen ihn unbeschadet überstehen zu können, aber auch darauf beruht haben, dass jener durch enge Beziehungen seiner Gemahlin Plancina zu Livia Augusta1859 über gute Kontakte zum Palast verfügte. Des‐ sen Einfluss auf die Strafjustiz der frühen Kaiserzeit ist aber kaum zu überschätzen, da nicht zuletzt Livia in der Anfangsphase der Regentschaft des Tiberius auf dessen politische Entscheidungen großen Einfluss besaß. Dieser Einfluss betraf aber auch die Strafjustiz: Der Kaiser besaß einen bestim‐ menden Einfluss auf die Besetzung aller politischen Ämter, nicht zuletzt auf die Be‐ setzung der Magistraturen, d. h. auch auf die Berufung von Prätoren, der regulären Vorsitzenden der verschiedenen Gerichtshöfe. Allerdings besaß der Kaiser, wie der 1853 Vgl. res gest. div. Aug. 6.; 1854 Vgl. Kunkel, W. Quaestio in: RE, XXIV, 720 ff.; 1855 Vgl. Tab. I. 5 – 7; 1856 Vgl. Tab. I, 7; 1857 Vgl. Tac. ann. 2, 79, 1; 1858 Vgl. Tac. ann. 12, 82, 3: sumpto iustitio... über das Ende des iustitiums zu Beginn des Jahres 20 n. Chr. vgl. Tac. ann. 13, 7,1: tum exuto iustitio reditum ad munia... 1859 Vgl. Tac. ann. 2, 82, 1:...hoc egisse secretos Augustae cum Plancina sermones... 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 395 Fall des Drusus Libo (16 n. Chr.)1860 gezeigt hatte, im Prinzip auch die Möglichkeit, bestimmte Fälle der ordentlichen Gerichtsbarkeit der quaestiones zu entziehen und dem Senat zu überantworten. Die Tagesordnung des Senats, welche die „Befragung“ eines jeden einzelnen Senators durch den vorsitzenden Magistrat vorsah, während die Tagesordnung der Quaestionen den Geschworenen lediglich das Recht eines Votums zugestand, erlaubte eine viel flexiblere und der Wahrheitsfindung dienlichere Ver‐ handlungsführung und Urteilsfindung. Darüber hinaus war in Bezug auf Senatsbe‐ schlüsse die Einflussnahme des „Vorsitzenden“, d. h. des Kaisers gesetzlich sanktio‐ niert1861, während die Geschworenen der alten Geschworenengerichte „autonom“ ihre Urteile sprachen. Auch das Strafverfahren gegen Piso und Plancina wegen eines angeblichen Gift‐ anschlages auf Germanicus1862 wurde, wie nicht nur Tacitus bezeugt, sondern mittler‐ weile auch als inschriftlich gesichert angesehen werden kann1863, vor dem Senat ver‐ handelt. Selbst gegen Freigelassene wurde bei Tötungsdelikten, wie der Fall des Epa‐ phroditus, des angeblichen Helfers bei dem Suizid Neros1864 zu belegen scheint, in der frühen römischen Kaiserzeit gelegentlich vor dem Senat verhandelt1865. Diese „Sonderfälle“ dürfen aber nicht zu der Einschätzung verleiten, dass in der Folgezeit die sog. extraordinaria cognitio senatus die traditionelle quaestio auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis als einen für Tötungsfälle zuständi‐ gen Gerichtshof schlagartig verdrängte. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass – wie andere Gerichtshöfe, vor denen z. B. wegen ambitus, repetundae oder bei Erbschafts‐ auseinandersetzungen verhandelt wurde, – auch die quaestio de sicariis et veneficiis noch in der frühen römischen Kaiserzeit Recht sprach1866, – soweit die Delinquenten keine hochrangigen Politiker waren oder wegen ihrer großen Vermögen als den Poli‐ tikern gesellschaftlich gleichrangig angesehen wurden bzw. soweit sie zu hochrangi‐ gen Politikern nicht in engen Beziehungen standen. Ansonsten muss damit gerechnet werden, dass für bestimmte Personenkreise, auch für Ärzte, vor allem dann, wenn sie als Militärärzte der Armee angehörten, die Strafgerichtsbarkeit vom Kaiser persönlich oder in dessen Auftrag von dem jeweiligen praef. praetorio ausgeübt wurde, wie das vor allem für die Regierungszeit des Claudius bezeugt ist1867. Für außerhalb Roms und Italiens praktizierende Delinquenten, vor al‐ 1860 S. o. Tab. I, Nr. 2; 1861 Vgl. dazu die „lex de imperio Vespasiani“ (PIR, 1,15; ILS, 244;) Z. 4–7: utique ei senatum relationem facere remittere senatus consulta per relationem discessionemque facere liceat, ita uti licuit divo Aug. Ti. Iulio Caesari Aug. Ti Claudio Caesari Augusto Germanico - utique, cum ex voluntate auctoritate‐ ve iussu mandatuve eius presenteve eo senatus habebitur, omnium rerum ius perinde habeatur ser‐ vetur, ac si e lege senatus edictus esset habereturque... 1862 S. o. Tab. I, 5–7; 1863 Vgl. Tac. ann. 3, 7–18; Vgl. dazu den Wortlaut einer in Spanien gefundenen und auf den 12. 12. 20 n. Chr. datierten Inschrift: CIL 02-05, 00900, AE 1996, 885. 1864 S. o. Tab. V, Nr. 2; 1865 Vgl. Tab. IX, Nr. 21; 1866 Die Briefe des jüngeren Plinius können passim als Beleg dafür herangezogen werden, dass noch zur Zeit Domitians und Trajans Gerichtshöfe angerufen wurden, deren Tradition bis in die Zeit der Re‐ publik zurückzuverfolgen ist. 1867 Vgl. Kap. 2.2 und Tab. III; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 396 lem dann, wenn sie nicht über das römische Bürgerrecht verfügten, oblag Strafge‐ richtsbarkeit den Provinzstatthaltern, in sog. senatorischen Provinzen den Prokonsuln und Proprätoren, in kaiserlichen Provinzen den jeweiligen legg. Aug. pr. pr., in von „Rittern“ verwalteten Sprengeln auch den jeweiligen praefecti bzw. procuratores1868, manchmal auch mit dem Einverständnis der römischen Statthalter autochthonen Ge‐ richtshöfen und Richtern1869. Dieser Aspekt der römischen Strafgerichtspraxis verdient besondere Beachtung im Hinblick auf die Tatsache, dass man sich unter einem römischen Arzt, nicht nur einen „Schulmediziner“ vorzustellen hat, wie man sie vor allem in Rom selbst antraf, in der Umgebung der kaiserlichen Familie oder als „Leibärzte“ der Angehörigen an‐ derer hochrangiger und begüterter Familien, sondern auch „Heiler“ ohne akademi‐ schen Bildungshintergrund, wie man sie in den Armenvierteln Roms, in den valetudi‐ neria (Lazaretten) von Kasernen (castra und castella) der römischen Armee1870 sowie in den villae römischer Großgrundbesitzer antreffen konnte, d. h. auch in den Provin‐ zen. Und im Zusammenhang mit den verschiedenen Einsatzorten der zum Teil recht unterschiedlich ausgebildeten römischen Ärzteschaft im Untersuchungszeitraum war es natürlich, dass die Leibärzte der gesellschaftlichen Oberschicht in Rom auch in völ‐ lig anderen Einkommens- und Vermögensverhältnissen standen, als die sog. Militär-, Sklaven- und Armenärzte andererseits: Während „Leibärzte“, wie das von Plinius d. Ä. berichtet wird1871, ein Jahreseinkommen von bis zu 500 000 Sesterzen erzielten, was dem Einkommen der bestbezahlten Spitzenbeamten des Reiches entsprach, wa‐ ren die in den Lazaretten der römischen Armee beschäftigten Ärzte nach ihrem mili‐ tärischen Rang und wohl auch nach der Bezahlung dem miles gregarius gleichge‐ stellt1872: Ein „einfacher“ Legionssoldat bezog in unserem Untersuchungszeitraum monatlich einen Sold von ca. 100 Denaren1873, von denen er allenfalls ein Drittel oder ein Viertel, also maximal einen Denar pro Tag ausgezahlt bekam. Dieser „Nettolohn“ eines Militärarztes wiederum entsprach zu derselben Zeit, umgerechnet auf den ein‐ zelnen Tag, nicht mehr als dem Tageslohn eines Erntehelfers in Palästina1874. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus aber für die Beurteilung der tatsächli‐ chen Risiken von Ärzten in der frühen römischen Kaiserzeit, wegen Tötungsdelikten auch wirklich gerichtlich belangt zu werden, wenn sie sich, aus welchen Gründen 1868 Vgl. Tab. I, 52; 1869 Vgl. den Fall des Stephanus, Tab. I, 53; die Entscheidung über die „Steinigung des Stephanus“ wur‐ de wahrscheinlich vom Hohen Rat in Jerusalem getroffen. Vgl. Apg 6–7; das dort beschriebene Verfahren belegt, dass anders als im Prozess Jesus der Sanhedrin auch die Blutgerichtsbarkeit be‐ saß, soweit der für Judaea zuständige römische Stadthalter nicht dagegen intervenierte. 1870 Vgl. Gross, W. H., Valetudinarium, in: KIP, Bd. 5, Sp. 1119. Vgl. Wilmanns, J., Valetudinarium, in: Leven, K.-H., Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 889; 1871 S. o. Kap. 3.0; 1872 Vgl. Hanslik, R., medicus, in KIP, Bd. 3, Sp. 1128. 1873 http://www.legioxi.ch/_subnavigation/geschichte/militaerwesen.html#dienstzeitundentlassung (2014); 1874 Vgl. Mt. 20, 2; das biblische Gleichnis über die „Arbeiter in einem Weinberg“. 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 397 auch immer, bereit gefunden haben sollten, bei Tötungen und Selbsttötungen von Menschen zu assistieren? Gesamtbeurteilung des Risikos der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse Allein unter dem juristischem Aspekt der universellen Geltung der lex Cornelia de si‐ cariis et veneficiis und der darin umschriebenen Straftatbestandsdefinitionen für Tö‐ tungsdelikte, spielten die soziale Stellung und der Ausbildungsstand von medici, de‐ nen „vor Gericht“ ein solches Delikt vorgeworfen und nachgewiesen wurde, keine Rolle. Das Gesetz lässt hinsichtlich der Anwendbarkeit auf den Kreis möglicher Täter keinen Zweifel zu:...lex Cornelia de sicariis, quae homicidas ultore ferro persequitur vel eos, qui hominis occidendi causa cum telo ambulant...eadem lege et venefici capite dam‐ nantur, qui artibus odiosis, tam venenis quam susurris magicis homines occiderunt vel mala medicamenta publice vendiderunt.1875 (Das cornelische Gesetz über die Mörder ist eines, welches Menschenmörder mit dem Richtschwert rächt oder diejenigen, die um einen Menschen zu töten, mit einer Waffe einhergehen.... Nach demselben Gesetz werden auch Giftmischer zum Tode verurteilt, die mit gehässigen Künsten, so mit Giften wie mit Zaubergemurmel Menschen getötet haben oder bösartige Heilmittel öffentlich verkauft haben.) Das Gesetz betraf nach den o. z. Formulierungen buchstäblich jeden Menschen, der verdächtig war, einen anderen Menschen getötet zu haben, sei es mittelst einer „Waffe“, sei es mittelst „Gift“, und augenscheinlich auch unabhängig sowohl von dem Geschlecht, dem gesellschaftlichen Rang, den Vermögens- und Einkommensverhält‐ nissen der Verdächtigen, als auch von dem Beruf, den diese ausübten. Es genügte nach dem ursprünglichen Wortlaut des Gesetzes nicht, den Verdächtigen nachzuwei‐ sen, dass sie den Tod ihrer Opfers tatsächlich herbeigeführt hatten, sondern dass sie die Tötung ihres Opfers auch beabsichtigt hatten. An der Argumentationsweise Ciceros in seinen Gerichtsreden lässt sich ablesen, dass bereits in den Strafprozessen der späten römischen Republik auf der Rechts‐ grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis die Klärung der Motive der mut‐ maßlichen Täter, d. h. der Nachweis oder die Wiederlegung einer Tötungsabsicht, eine wichtige Rolle bei der Urteilsfindung der Geschworenen gespielt hatte. Daran än‐ derte sich, soweit das aus den Quellen ersichtlich ist1876, auch in der frühen römi‐ schen Kaiserzeit nichts, außer dass die Urteilsfindung in Strafverfahren auf der Grundlage des cornelischen Gesetzes immer öfter dem Senat übertragen wurde. Als bedeutsam für die Beurteilung des Risikos von Ärzten, wegen Tötungsdelik‐ ten in Strafprozesse verwickelt zu werden, erscheint daher vor allem, dass nicht nur die traditionellen Strafprozesse vor den Geschworenengerichten unter dem Vorsitz ei‐ 3.2.4 1875 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 1876 Vgl. dazu die Prozesse gegen Drusus Libo (Tab. I, 3;) und Gn. Calpurnius Piso (Tab. I, 7); auch ge‐ gen Epaphroditus (Vgl. Tabb. V, 2 und IX, 21), dürfte aufgrund der lex Cornelia de sicariis et venefi‐ ciis im Senat verhandelt worden sei, wobei sich aber quellenbedingt über den konkreten Verlauf jener Prozesse keine genaueren Angaben machen lassen. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 398 nes Prätors, sondern auch die ab der Regierungszeit des Tiberius immer häufiger vor‐ kommenden Strafprozesse im Senat als „Parteienprozesse“ verhandelt wurden, deren Ingangsetzung, wie die o. e. Beispiele zeigen, wesentlich von der Bereitschaft, d. h. von der persönlichen Entscheidung von „Privatpersonen“ abhängig war, in solchen Fällen auch als „Ankläger“ in Erscheinung zu treten. Dieses Risiko aber war für eine eines Kapitalverbrechens1877 verdächtigte Person um so größer, je vermögender sie war, insofern im Falle der Verurteilung des Verdächtigten dem Ankläger Belohnun‐ gen winkten, die von der Höhe des im Falle einer Verurteilung zu konfiszierenden Vermögens des Delinquenten abhängig war. Es liegt auf der Hand, dass sich daraus nicht zuletzt für vermögendere Schulmedi‐ ziner1878, die schon wegen ihres Vermögens in der Gesellschaft beneidet und daher auch angefeindet wurden, große Risiken hätten sich entwickeln können, wenn sie sich – von wem auch immer – im Untersuchungszeitraum zur Beihilfe bei Tötungen und Selbsttötungen hätten verleiten lassen, – es sei denn der Kaiser selbst oder der jeweili‐ ge Prätorianerpräfekt hätte entschieden, einen Arzt in das Vorhaben der Liquidation bestimmter Personen zu involvieren. Denn es ist zu konzedieren, dass die Kaiser und in deren „Auftrag“ auch die jeweiligen Prätorianerpräfekten – ungeachtet des Prin‐ zips der Privatklage auch im Strafprozess – gegebenenfalls Einfluss darauf hätten neh‐ men können, ob Strafprozesse gegen einen „Auftragsmörder“, tatsächlich eröffnet oder vor der offiziellen Eröffnung „niedergeschlagen“ wurden. Auf der anderen Seite lehrt uns aber das Beispiel des Epaphroditus, der angeblich von Nero sogar ausdrück‐ lich aufgefordert worden war, ihm bei dem Vorhaben der Selbsttötung behilflich zu sein, dass die schützende Hand des Kaisers einen solchen Delinquenten nur so lange vor dem Arm der römischen Justiz schützen konnte, so lange dieser Kaiser lebte. Vergrößert wurde dieses Risiko durch die strafrechtliche Indizierung bestimmter Toxine, die von Ärzten auch als Heilmittel empfohlen wurden. Sicherlich wird man die o. z. Angaben Ulpians dazu nicht dahin gehend auslegen dürfen, dass sich ein Arzt schon allein dadurch, dass er die strafrechtlich indizierten Toxine verabreichte, dem Risiko einer strafrechtlichen Verfolgung aussetzte, sehr wohl aber dann, wenn deren Einsatz eine schwerwiegende Erkrankung oder sogar den Tod der damit behandelten Person zur Folge hatte. Denn nicht derjenige, der die strafrechtlich indizierten Toxine „verkauft“, verfällt nach dem Urteil des Juristen einer Bestrafung nach der lex Corne‐ lia de sicaiis et veneficiis, sondern, der die angegebenen Gifte temere (= „unvorsichtig“) verabreicht hat: Alio senatus consulto effectum est, ut pigmentarii, si cui temere cicut‐ am salamandram aconitum pituocampas aut bubrostim mandragoram et id, quod lus‐ tramenti causa dederit cantharidas, poena teneantur huius legis.1879 (Aufgrund eines anderen Senatsbeschlusses, wurde festgelegt, dass Salbenhersteller [Quacksalber?], wenn sie jemandem unüberlegt Schierling [cicuta], Salamander [Salamandra], Eisen‐ hut [aconitus], Pinienprozessionsspinner [Thaumetopoea pityocampa] oder Bubros‐ 1877 als welches auch ein Tötungsdelikt durch die lex Cornelia de siccariis et veneficiis eingestuft wurde; 1878 Vgl. dazu vor allem die in literarischen Erzeugnissen von Plinius d. Ä., Martial und Juvenal ver‐ breiteten Vorurteile gegen Ärzte (S. o. Kap. 3.1); 1879 S. o. Digesta, XLVIII, 8; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 399 tis, Alraune [mandragora] und das, was wegen eines Sühneopfers gegeben wurde, spanische Fliege [cantharis], geben, an die Strafe dieses Gesetzes gebunden sind.) Die Formulierung si cui temere cicutam... dederit... in dem obigen Zitat ist so zu deuten, dass die Verabreichung der in dem Zitat genannten mala medicamenta das Risiko einer strafrechtlichen Verfolgung nur unter der Voraussetzung auslösten, dass ihre Verabreichung mit sog. „Komplikationen“ verbunden war, d. h. eine schwere Er‐ krankung oder den Tod der damit behandelten Person auslösten, aber mit der Konse‐ quenz, dass nach Auffassung des Kommentators eine Verifizierung der Tötungsab‐ sicht sich erübrigte, sondern dass diese allein schon wegen der Verabreichung der strafrechtlich indizierten Substanzen als erwiesen anzusehen war. Das Risiko, auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis vor einem Geschworenengericht oder vor dem Senatsgericht angeklagt und verurteilt zu werden, war somit zumindest für vermögendere Ärzte und Heiler der frühen römischen Kai‐ serzeit, welche zur „Behandlung“ ihrer Patienten in tödlich wirkender Dosis Toxine, insbesondere nach herrschender Juristenmeinung strafrechtlich indizierte Giftstoffe, eingesetzt hatten, sehr groß und auch dann, wenn sie dabei im Auftrage oder auf Bit‐ ten des Kaisers bzw. des Prätorianerpräfekten gehandelt hatten, nahezu unkalkulier‐ bar. Wie das Beispiel des Epaphroditus lehrt, musste auch noch Jahrzehnte nach der Tat damit gerechnet werden, dass gegen Helfer von Suizidenten, Anklage erhoben wurde. Mit einem vergleichbaren Risiko wäre auch zu rechnen gewesen, wenn vor dem sog. „Kaisergericht“ gegen Ärzte verhandelt worden wäre1880. Auch vor dem Kaiserge‐ richt wurde nach dem Prinzip des Parteienprozesses verhandelt, d. h. auf der Grund‐ lage des Plädoyers eines „privaten“ Anklägers, der im Falle einer Verurteilung des An‐ geklagten mit einer sich an der Höhe des Vermögens des Verurteilten orientierenden „Belohnung“ rechnen durfte. Gegen diese Schlussfolgerung ließe sich geltend ma‐ chen, dass römische Ärzte, wie bereits in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts von K. H. Below1881 herausgearbeitet wurde, abhängig von ihrer jeweiligen sozialen Stellung als servi, liberti, ingenui oder peregrini1882, unterschiedliche Privilegien ge‐ nossen1883. In Übereinstimmung mit den Thesen K.-H. Belows ist zu konzedieren, dass be‐ reits der Arzt Antonius Musa, der Augustus medizinisch betreute und dafür mit dem anulus aureus beschenkt wurde1884, der als Symbol nicht nur für die Verleihung der Ingenuität, sondern auch für die Übertragung der Standesrechte eines römischen Rit‐ ters gedeutet wird1885 Sonderrechte besaßen. Es scheint ein Konsens unter den For‐ schern zu bestehen, dass Augustus nicht nur dem Antonius Musa, sondern allen Ärz‐ 1880 Vor allem Claudius entfaltete eine intensive Richtertätigkeit (s. o. Tab. III;), aber auch Domitian (vgl. Tab. IX;) wird eine intensive richterliche Tätigkeit nachgesagt, wobei den Senatsprozessen der Regierungszeit Domitians in der Regel Prozesse vor dem Kaisergericht vorgeschaltet waren; 1881 Vgl. Below, K.-H.: Der Arzt im römischen Recht, München 1953. 1882 Vgl. Below, K.-H.: S. o. S. 7–21; 1883 Vgl. Below, K.-H.: S. o. S. 22–51; 1884 Vgl. Cass. Dio 53, 30,3; 1885 Vgl. Below, K.-H.: S. o. S. 22; siehe dazu auch: Kudlien, F., s. o. S. 43–44; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 400 ten die sog. Immunität gewährt habe1886. Inschriftlich belegt ist eine solche Privilegie‐ rungen von Ärzten spätestens durch ein entsprechendes Edikt Vespasians1887. Der Be‐ griff „Immunität“ umschreibt nach K.-H. Below bereits für die Zeit vor der Regent‐ schaft des Kaisers Antoninus Pius (*19. 09. 86; †7. 03. 161; Kaiser vom 10. 07. 138 n. Chr. bis zu seinem Tod) eine rechtliche Freistellung von Ärzten von zahlreichen mate‐ riellen Lasten, die üblicher Weise mit der Übernahme öffentlicher Ämter verbunden waren, u. a. mit der Übernahme bestimmter Priestertümer.1888 In Anbetracht dessen könnte sich die Vermutung aufdrängen, dass Ärzte auch für den Fall einer Verwicklung in Strafprozesse unter dem Schutz bestimmter Privilegien standen. Plinius d. Ä. bedauerte ausdrücklich dass die Gesetze angeblich keinerlei Handhabe lieferten, Ärzte für „Kunstfehler“ zur Rechenschaft zu ziehen: nulla praete‐ rea lex, quae puniat inscitiam capitalem, nullum exemplum vindictae. discunt periculis nostris et experimenta per mortes agunt, medicoque tantum hominem occidisse inpuni‐ tas summa est.1889 (außerdem gibt es kein Gesetz, welches Unwissenheit [von Ärzten] als todeswürdiges Verbrechen bestraft, es gibt kein Beispiel für eine Bestrafung. Sie [die Ärzte] lernen aus Gefahren zu unseren Lasten und betreiben Experimente unter Inkaufnahme von Todesfällen, und für den Arzt ist dafür, einen Menschen getötet zu haben, Straflosigkeit das Wichtigste) Plinius bekundet in diesem Zitat, dass ihm bis zum Zeitpunkt der Niederschrift, d. h. bis zum Jahre 70 n. Chr., kein Gesetz bekannt war, nach welchem, was Plinius augenscheinlich als ein Mangel erschien, auch die unabsichtliche Tötung eines Men‐ schen durch einen Arzt strafrechtlich zu ahnden war.1890 Und es ist zu konzedieren, dass zumindest der Wortlaut der lex Cornelia de sicariis et veneficiis ausschließlich die absichtliche Tötung von Menschen unter Strafe stellte. Diese Übereinstimmung zwi‐ schen dem Wortlaut der auch in der frühen römischen Kaiserzeit wichtigsten gesetzli‐ chen Grundlage für die strafrechtliche Verfolgung von Tötungsdelikten mit der von Plinius behaupteten faktischen Straflosigkeit „ärztlicher Kunstfehler“, darf uns jedoch nicht zu der Auffassung verleiten, dass im konkreten Falle des Prozesses gegen einen Arzt auch die – scheinbar fahrlässige – Tötung eines Patienten durch seinen Arzt nach der herrschenden Auffassung römischer Juristen kaum hätte straffrei bleiben dürfen. Im Gegenteil: Denn berücksichtigt man die o. z. Auffassung Ulpians, dass selbst ein Mittel zur Förderung der Empfänglichkeit, falls es – unbeabsichtigt, aber dennoch „temere“ (d. h. unvorsichtiger Weise) - den Tod der Behandelten auslöste, eine Bestra‐ 1886 Vgl. Below, K.-H.: S. o. S. 22–23, mit Literaturverweisen; 1887 Abgedruckt bei: Below, K.-H.: S. o. S. 23–24; 1888 Vgl. Below, K.-H.: S. o. S. 23; 1889 Vgl. Plin. nat. 29, 8, 18; 1890 Zur Bedeutung sog. Ärztlicher „Kunstfehler“ in der Antike vgl. Leven, K.-H., Kunstfehler, in: Le‐ ven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 545 – 547, insbes. Sp. 546; auch L. macht darauf aufmerksam, dass es allgemein verbindliche Regeln zur Bestrafung von ärztlichen Kunstfehlern in der Antike nicht gab; auf die Verhältnisse in der frühen röm. Kaiserzeit geht L. aber nicht näher ein, – abgesehen von einer Kritik an Plinius d. Ä., die er m. E. zu Recht als tendenziös zurückweist. Zu Verschwörungstheorien bezüglich Ärzten in der Antike, speziell in der frühen röm. Kaiserzeit vgl. Marasco, G., Verschwörung, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 900–902; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 401 fung der Heilerin, nämlich deren Verbannung gerechtfertigt hätte, so wird man da‐ raus folgern dürfen, dass auch in anderen Fällen, in denen eine bestimmte ärztliche Therapie, die – selbst wenn vor Gericht das Fehlen einer Tötungsabsicht glaubhaft hätte gemacht werden können – den Tod des Patienten zur Folge hatte, vor allem dann, wenn die o. g. strafrechtlich indizierten Toxine zum Einsatz gelangt sein sollten, eine Verurteilung des Arztes und eine entsprechende Bestrafung unvermeidlich gewe‐ sen wären. Daher wird man das o. z. Zeugnis des Plinius mittelbar auch als Indiz dafür anse‐ hen dürfen, dass es Prozesse gegen Ärzte wegen angeblicher Tötungsdelikte nach der lex Cornelia de sicariis et veneficiis bis zum Jahre 70 n. Chr., sei es vor einem römi‐ schen Geschworenengericht, dem Senatsgericht oder auch dem Kaisergericht, noch nicht gegeben hatte, – und zwar nicht etwa deswegen, weil nach damals herrschender Juristenmeinung die „fahrlässige Tötung“ eines Patienten noch nicht als ein Straftat‐ bestand galt, sondern wahrscheinlich deswegen, weil bis zu jenem Zeitpunkt noch in keinem solchen Falle Anklage erhoben worden war. Auf der anderen Seite drohten selbst im Falle unbeabsichtigt herbeigeführter Schädigungen von Patienten nach herrschender Forschermeinung Ärzten, bzw. den Eigentümern sog. Sklavenärzte, unter bestimmten Voraussetzungen juristische Kon‐ sequenzen1891, – vielleicht weniger strafrechtlicher als zivilrechtlicher Art, welche in ihren Rechtsfolgen, nämlich durch eine Konfiskation des Vermögens der jeweils be‐ klagten Ärzte den Rechtsfolgen einer strafrechtlichen Verurteilung nicht unähnlich gewesen wären, insofern gerade bei vermögenden Ärzten neben der Verbannung als Strafe auch eine Konfiskation zu erwarten gewesen wäre.1892 In diesem Zusammenhang ist außerdem zu berücksichtigen, dass selbst solche ärztliche Behandlungen, die nach heutigem Recht strafrechtlich allenfalls als Körper‐ verletzung geahndet würden, seit der Regentschaft Domitians strafrechtlich wie Tö‐ tungsdelikte auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis behandelt wur‐ den. Denn nach Sueton erließ Domitian ein sog. Kastrationsverbot. castrari mares vetuit; spadonum, qui residui apud mangones erant, pretia moderatus est.1893 (Die Kas‐ trierung1894 von Männern verbot er [Domitian]; für Eunuchen, die übrig blieben bei den Sklavenhändlern, senkte er die Preise.) Anders als von Sueton überliefert ist, scheinen Verstöße gegen dieses Verbot nach dem Willen Domitians nicht nur vermögensrechtlich zu ahnden gewesen zu sein, sondern wie indirekt aus einem in den Digesten erwähnten Erlass Kaiser Hadrians hervorgeht, auch strafrechtlich: Constitutum quidem est, ne spadones fierent, eos au‐ tem, qui hoc crimine arguerentur, Corneliae legis poena teneri eorumque bona merito fisco meo vindicari deberi, sed et in servos, qui spadones fecerint, ultimo supplicio ani‐ madvertendum esse: … nemo enim liberum servumve invitum sinenentemve castrare 1891 aufgrund der sog. lex Aquilia aus von 286 v. Chr.; vgl. dazu: Apathy, P. G. u. a.: Einführung in das Römische Recht. Wien 19752. Benke, N. F./Meissel, St.: Übungsbuch Römisches Schuldrecht. Wien 2009. 1892 Vgl. Below, K.-H.: S. o. S. 119; 1893 Vgl. Suet. Dom. 7,1; 1894 Vgl. König, J., Kastration, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp.360 f.; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 402 debet, neve quis sponte castrandum praebaere debet. at si quis adversus edictum meum fecerit, medico quidem, qui exciderit, capitale erit, item ipsi qui se sponte excidendum praebuit.1895 (Es ist festgesetzt, dass niemand mehr zum Eunuchen gemacht wird, dass diejenigen aber, die solch eines Vergehens beschuldigt werden, nach dem corneli‐ schen Gesetz bestraft werden und deren Güter zu Recht zu Gunsten meiner Kasse be‐ schlagnahmt werden, dass aber auch gegen Sklaven, die [jemanden] zum Eunuchen gemacht haben, die Todesstrafe angewendet wird: … denn niemand darf jemanden entmannen, weder einen freien, noch einen Sklaven, egal ob gegen seinen Willen oder mit seiner Zustimmung, noch nicht einmal von sich aus darf jemand sich zur Entmannung erbötig zeigen. Wenn jemand im Widerspruch zu meinem Edikt gehan‐ delt haben sollte, soll es ihm, sogar dem Arzt, der herausgeschnitten hat, als todes‐ würdiges Verbrechen angerechnet werden. Ebenso wie dem selbst, der sich zum Her‐ ausschneiden angeboten hat.) Selbst rituelle Beschneidungen, wie sie auch heute noch im Judentum üblich wa‐ ren und sind, unterlagen nach nach Auskunft der Digesten ähnlichen Strafandrohun‐ gen wie Tötungsdelikte: Cives Romani, qui se Iudaico ritu vel servos suos circumcidi pa‐ tiuntur, bonis ademptis in insulam perpetuo relegantur, medici capite puniuntur1896. (Römische Bürger, die sich nach jüdischer Vorschrift oder auch ihre Sklaven be‐ schneiden1897 lassen, werden nach der Wegnahme ihres Hab und Guts auf eine Insel verbannt, und zwar dauerhaft, die Ärzte werden mit dem Tode bestraft.) Dem zitierten Text ist also zu entnehmen, dass sogar die rituelle Beschneidung eines römischen Bürgers, selbst im Falle seines Einverständnisses, wie ein Tötungsde‐ likt zu bestrafen war, also auch im Falle dass ein medicus die Beschneidung ausge‐ führt hatte, mit dem Tod. Im Falle des nach Auskunft der Digesten in einem Reskript Hadrians enthaltenen Beschneidungsverbots besteht eine gewisse Veranlassung, da‐ ran zu zweifeln, dass danach auch schon vorher gehandelt wurde, insofern nicht aus‐ zuschließen ist, dass dieses erst im Gefolge der Niederschlagung des jüdischen Auf‐ standes unter Simon bar Kochba erlassen wurde, also in den Jahren 132 – 135 n. Chr1898. Es ist andererseits aber aufgrund des o. z. Zeugnisses Suetons nicht unwahr‐ scheinlich, dass jenes Beschneidungsverbot nicht anders als das o. e. Kastrationsver‐ bot Domitians bereits unter der Herrschaft der Flavier1899 bestand und Verstöße auch entsprechend geahndet wurden. Es ist somit davon auszugehen, das auch in unserem Untersuchungszeitraum der Tatbestand der „fahrlässigen Tötung“ nach Einschätzung der römischen Juristen, zu‐ mindest soweit er Ärzten anzulasten war, strafrechtlich nicht anders eingestuft als derjenige der vorsätzliche Tötung. Einen interessanten Beleg für diese Auffassung lie‐ 1895 Vgl. Dig. 48, 8, 4, 2; 1896 Vgl. Dig. 48, 8, 5; vgl. dazu: Below, K.- H.: S. o. S. 132; 1897 Zu Beschneidung in der Antike vgl. Leven, K.-H., Beschneidung, in: Leven, K.-H., Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp.145; 1898 Vgl. dazu: Cass. Dio: 69,12 – 14, 3. Just.: Ap. 1. 31. Hieron.: comm. in Zach. 11, 5 u. comm. in Jer. 31, 15.; chron. zur 224. Olymp.; 1899 vielleicht erlassen im Zusammenhang des ersten jüdischen Aufstandes zwischen 66 und 73 n. Chr.; 3.2. Das Risiko der Verwicklung von Ärzten in Strafprozesse 403 fert eine Äußerung des römischen Juristen Iulius Paulus1900: si ex eo medicamine, quod ad salutem hominis vel ad remedium datum erat, is qui dederit, si honestior sit, in insul‐ am relegatur, humilior autem capite punitur1901. (Wenn von dem Heilmittel [jemand stirbt], welches zum Wohl eines Menschen gegeben worden ist oder zu seiner Heilung, dann wird, der es gegeben hat, wenn er höherrangig ist, auf eine Insel verbannt, ein niederrangiger aber mit dem Tode bestraft.) Diesen Formulierungen ist zu entnehmen, dass ein Arzt, der einem Patienten ein Medikament verabreichte, das dessen Tod bewirkte, auch wenn dies in wohlmeinen‐ der Absicht geschehen war, damit rechnen musste, im Falle einer Anklage nach den Bestimmungen der lex Cornelia de sicariis et veneficiis verurteilt und bestraft zu wer‐ den, d. h. in Abhängigkeit von seinen Einkommens- und Vermögensverhältnissen entweder lebenslänglich verbannt oder hingerichtet zu werden. Folglich wird man das Risiko begüterter Ärzte, wie sie uns aus den überlieferten Quellen zu dem Untersu‐ chungszeitraum auch namentlich genannt werden, gegebenenfalls wegen angeblicher Tötung oder Beihilfe zur Selbsttötung von Patienten, – selbst dann, wenn sie deren Tod nicht beabsichtigt, sondern nur „fahrlässig“ herbeigeführt hatten, – kaum über‐ schätzen können und dementsprechend auch die Dunkelziffer möglicher Fälle, in de‐ nen dies geschehen sein könnte, als niedrig einzustufen haben. Das Risiko weniger vermögenderer medici, welche im Untersuchungszeitraum als Militärärzte, Sklavenärzte oder auch als Wunderheiler ihr Brot verdienten, sei es in den Armenvierteln Roms oder auch in den Provinzen, angeklagt zu werden, mag viel‐ leicht geringer gewesen sein, da von deren bescheideneren Vermögens- und Einkom‐ mensverhältnissen für berufsmäßige Delatoren kaum wirtschaftliche Anreize ausgin‐ gen, diese anzuklagen. Dennoch gingen auch solche Ärzte ein hohes Risiko ein, wenn sie Tötungs- oder Selbsttötungassistenz leisteten, insofern diesen im Falle einer An‐ klage und einer Verurteilung auf jeden Fall auch der Vollzug der Todesstrafe drohte, während begütertere Ärzte in diesem Fall zwar mit dem Ruin ihrer bürgerlichen Exis‐ tenz rechnen mussten, sich aber dennoch Hoffnungen darauf machen konnten, ver‐ bannt zu werden und wenigstens ihr Leben behalten zu dürfen. Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung Indessen gehört zu einem verbreiteten Erfahrungswissen, dass Menschen, die sich vor die Entscheidung gestellt sehen, zur Erreichung bestimmter Ziele, materieller oder auch ideeller, die Tötung von Menschen in Kauf zu nehmen, sich hierbei nicht allein von abschreckenden Strafen davon abhalten lassen, sondern auch von ethischen und moralischen Vorstellungen, denen sie sich verpflichtet fühlen. Sollte man in Anbe‐ tracht dessen nicht davon ausgehen dürfen, dass auch Ärzte der frühen römischen 3.3 1900 Prätorianerpräfekt unter Severus Alexander, *01. 10. 208 in Arca Caesarea, heute Arqa im Libanon; † 03. 235, Kaiser seit 13. 03. 222; vgl. Long, G.: Paulus, Julius, Roman jurist 2. In: Smith W. (Hrsg.): Dictionary of Greek and Roman Biography and Mythology. Boston 1870, Bd. 3, S. 155–157. 1901 Vgl. Paul. sent. 5, 23, 19; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 404 Kaiserzeit, die man um Beihilfe in bestimmten Tötungs- und Selbsttötungsfällen er‐ suchte, sich bei ihren Entscheidungen auch von moralischen Bedenken gegen solche Taten beeinflussen ließen? Dass auch die philosophische Ethik der frühen römischen Kaiserzeit die willkür‐ liche Tötung eines Menschen als moralisch verwerflich einstufte, wäre kaum einer Er‐ örterung bedürftig, wenn nicht der bedeutendste Vertreter des frühkaiserzeitlichen Philosophierens selbst zu den Opfern der hier zu untersuchenden Tötungs- und Selbsttötungsfälle gehörte und nach Tacitus mit einem Arzt befreundet gewesen wäre, der persönlich anwesend war und miterlebte, wie er starb: Seneca. Der Blickwinkel Senecas Nach Tacitus richtete Seneca, wie bereits ausführlich erörtert wurde1902, bevor das Ehepaar damit begann, sich in Selbsttötungsabsicht die Arme zu verletzen, an die an‐ wesenden Freunde, d. h. u. a. an den Arzt Statius Annaeus sowie an Paulina, seine Ge‐ mahlin, eine kleine Ansprache, in welcher er jene zu trösten versuchte und dabei nicht zuletzt daran erinnerte, was er sie gelehrt habe1903. Er bat jene angeblich darum, sich das Bild seines Lebens vor Augen zu halten, und sich dabei an die Bedeutung einer guten Unterweisung und beständiger Freundschaft zu erinnern1904. Ja Seneca tadelte nach Tacitus seine Tischgenossen sogar, in dem er fragte:...ubi praecepta sapi‐ entiae, ubi tot per annos meditata ratio adversus imminentia?1905 (… wo seien die Un‐ terweisungen der Weisheit [geblieben], wo die über so viele Jahre bedachte Überle‐ gung gegen das, was drohe.) Mit diesen Formulierungen spielte der Historiker offensichtlich darauf an, dass in den Lehren Senecas nicht zuletzt auch der Umgang mit der eigenen Sterblichkeit eine große Rolle gespielt habe. Noch deutlich bringt Tacitus diesen Gedanken in der Wie‐ dergabe des Trostes zum Ausdruck, den Seneca angeblich seiner Gemahlin zu‐ sprach:... oratque temperaret dolori ne aeternum1906 susciperet, sed in contemplatione 3.3.1 1902 S. o. Kap. 1; 1903 Vgl. Tac. ann. 15, 62, 1; 63, 1; 1904 Vgl. Tac. ann. 15, 62, 1–2: … conversus ad amicos … imaginem vitae suae relinquere testatur, cuius si memores essent, bonarum artium famam tam constantis amicitiae laturos. Simul … ad firmitatem revocat, rogitans ubi praecepta sapientiae, ubi tot per annos meditata ratio adversus imminentia? 1905 S. o. Tac. ann. 15, 62, 2; 1906 Der Hinweis auf die Gefahr des Erleidens eines ewigen Schmerzes darf nicht dahingehend gedeutet werden, dass Seneca an ein Fortleben nach dem Tode geglaubt habe. Ein angeblicher Briefwechsel mit dem Apostel Paulus gilt als Fälschung. Vgl. Kraus, F. X.: Der Briefwechsel Pauli mit Seneca. Ein Beitrag zur Apokryphen-Litteratur. In: Theologische Quartalschrift. Nr. 49, 1867, S. 603–624. Feld‐ meier, R./ Hirsch-Luipold, R./Nesselrath, H.-G.(Hrsgg.): Der apokryphe Briefwechsel zwischen Se‐ neca und Paulus: zusammen mit dem Brief des Mordechai an Alexander und dem Brief des Anna‐ eus Seneca über Hochmut und Götterbilder. Tübingen 2006. Dass Seneca an ein Weiterleben des Menschen nach dem Tode glaubte, ist zweifelhaft. Formulierungen aus dem 106. Brief lassen sich als Indiz dafür deuten, dass Seneca auch in den letzten beiden Jahren vor seinem Tod in Anleh‐ nung an entsprechende Traditionen der Stoa „materialistisch“ dachte. Vgl. Sen. epist. 106, 4–5: Bo‐ num agitat animum et quodam modo format et continet, quae [ergo] propria sunt corporis. Quae cor‐ 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 405 vitae per virtutem actae desiderium mariti solaciis honestis toleraret.1907 (… er bat darum, dass sie ihren Schmerz mäßige, damit sie nicht ewigen erleide, sondern in der Betrachtung eines tugendhaft verbrachten Lebens den Verlust des Gatten mit ehren‐ haften Tröstungen ertrage.) Vor allem der Hinweis auf die Bedeutung eines tugendhaft verbrachten Lebens (vitae per virtutem actae) ist im Zusammenhang mit einem von Seneca selbst bereits im ersten seiner epistulae morales geäußerten Gedanken zu sehen, dass das Leben der Menschen von Anfang an nichts anderes als Sterben bedeute: Quem mihi dabis … qui intellegat se cotidie mori. In hoc enim fallimur, quod mortem prospicimus: magna eius iam praeterit. quidquid aetatis retro est, mors tenet.1908 (Wen wirst Du mir nennen können, … der einsieht, dass er täglich stirbt. In dem nämlich täuschen wir uns, dass wir den Tod vor uns sehen: Ein großer Teil ist schon vorübergegangen. Was immer an Lebenszeit hinter uns liegt, hält der Tod fest.) Dieser Satz scheint zu belegen, dass der Tod bzw. das Sterben in der Philosophie Senecas eine zentrale Bedeutung besaß und auch seine Vorstellungen über die ethi‐ schen Implikationen der Tötung und Selbsttötung von Menschen beeinflusste. Beson‐ ders ausführlich äußerte Seneca sich zum Problem der Tötung und Selbsttötung von Menschen, – in der sog. Apokolokyntosis Divi Claudii, und zwar dort mehr in der Form einer satirischen Abrechnung mit moralisch ausschließlich dem Kaiser Claudi‐ us angelasteten Tötungen prominenter Römer und Römerinnen, und – in den epistu‐ lae morales, dort mehr in der Form einer philosophischen Unterweisung über die ethische Beurteilung von Selbsttötungen. Fremdtötungen Über das Urteil Senecas zu den ethischen Implikationen von Fremdtötungen sind vor allem der Apokolokytosis aufschlussreiche Äußerungen zu entnehmen. Während der fiktiven Beratung der olympischen Götter über die Divinisierung des Claudius stellt „der göttliche Augustus“ fest: Iste quem videtis, per tot annos sub meo nomine latens, hanc mihi gratiam rettulit, ut duas Iulias proneptes meas occideret, alteram ferro, alter‐ am fame, unum abneptem L. Silanum.1909 (Dieser da, den ihr seht, verkroch sich so viele Jahre hinter meinem Namen und erstattete mir das zum Dank, dass er zwei Trä‐ gerinnen des Namens Iulia, meine Urenkelinnen1910, tötete, die eine mit Eisen, die an‐ dere durch Verhungernlassen, einen Ururenkel, den L. Silanus1911.) 3.3.1.1 poris bona sunt, corpora sunt; ergo et quae animi sunt; nam et hoc corpus est. Bonum hominis necesse est corpus sit, cum ipse sit corporalis. Mentior, nisi et, quae alunt illum et quae valetudinem eius vel custodiunt vel restituunt, corpora sunt; ergo et bonum eius corpus est. Selbst den Emotionen des Menschen ordnet Seneca – in Übereinstimmung mit dem Stoizismus überhaupt – eine materielle Basis zu. 1907 Vgl. Tac. ann. 15, 63, 1; 1908 Vgl. Sen. epist. 1, 2; 1909 Vgl. Sen. apocol. 10,4; 1910 Vgl. Tab. III, Nr. 3.11. 1911 Vgl. Tab. III, Nr. 6; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 406 Dann richtet er an seinen Nachfahren die Frage: Dic mihi, dive Claudi, quare quemquam ex his, quos quasque occidisti, antequam de causa cognosceres, antequam audires, damnasti? Hoc ubi fieri solet? In caelo non fit. Ecce Iuppiter, qui tot annos re‐ gnat, uni Volcano crus fregit … numquid occidit? tu Messalinam, cuius aeque avunculus maior eram quam tuus, occidisti. ´nescio` inquis? Di tibi male faciant: adeo istuc turpi‐ us est, quod nescisti, quam quod occidisti.1912 (Sag mir, göttlicher Claudius, warum hast du jemanden von denen, welche du als Männer und als Frauen getötet hast, be‐ vor du über den Fall eine Untersuchung führtest, bevor du verhörtest, schon verur‐ teilt? Wo pflegt das zu geschehen? Im Himmel geschieht das nicht. Sieh da, Juppiter, der schon so viele Jahre herrscht, hat als einzigem dem Vulcanus ein Bein gebrochen … Hat er etwa getötet? Du hast Messalina1913, deren Großonkel ich bin ebenso wie deiner, getötet. `ich weiß nicht´ sagst du? Die Götter könnten dir Schlechtes antun. Eben so sehr ist es schändlicher, dass Du nichts weißt, als dass du getötet hast.) Diese in satirischer Form gegenüber Claudius erhobenen Vorwürfe belegen, dass selbst Tötungen von Menschen auf der Grundlage der judikativen Kompetenzen des Kaisers aus der Sicht Senecas als moralisch verwerflich galten, besonders dann, wenn davon Angehörige der eigenen Familie betroffen waren, und wenn den Opfern dieser Tötungsaktionen nicht die Möglichkeit zu einer Rechtfertigung gegeben wurde, so wie es auch nach den Gepflogenheiten der römischen Strafgerichtsbarkeit, nicht zu‐ letzt bei Tötungsdelikten, allenthalben üblich gewesen zu sein scheint. Besonders deutlich wird dieses moralische Verdikt Senecas über die Blutrünstig‐ keit des Claudius gegen Ende der fiktiven Beratungen der Götter, als die letzteren be‐ schließen, Claudius nicht in den Kreis der Götter aufzunehmen, sondern ihn statt dessen – auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis - vor Gericht zu stellen: ducit illum ad tribunal Aeaci: is lege Cornelia, quae de sicariis lata est, quae‐ rebat. Postulat, nomen eius recipiat; edit subscriptionem: occisos senatores XXXV, equi‐ tes R. CCXXI, ceteros.1914 (Er [der Ankläger] führte jenen [Claudius] zum Richter‐ stuhl des Aeacus: dieser führte nach dem cornelischen Gesetz, welches über Mörder eingebracht wurde, eine Untersuchung. Er fordert, dass er [der Richter] dessen Na‐ men aufnehme; er unterschreibt die Klageschrift: getötet worden seien 35 Senatoren, 121 römische Ritter, und andere) Die Erwähnung der lex Cornelia de sicariis et veneficiis belegt, dass auch ein Kai‐ ser, der die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit ignoriert, - wie angeblich Claudius, – nach Auffassung Senecas keine andere „Behandlung“ verdient hat, als ein sicarius, ein Mörder, – der aus der Sicht Senecas nicht nur in juristischer Beziehung, sondern auch in moralischer Hinsicht als ein „Verbrecher“ einzustufen ist. Dementsprechend stili‐ siert Seneca auch die Freigelassenen des Claudius, namentlich Narcissus1915 in der Apokolokyntosis als Helfershelfer eines „Verbrechers“. Würde man dieses moralische Verdikt Senecas auf einen Arzt anwenden, der einem „Verbrecher“ bei der Ausfüh‐ 1912 Vgl. Sen. apocol. 10, 4–11, 1; 1913 Vgl. Tab. III, Nr. 28; 1914 Vgl. Sen. apocol. 14,1; 1915 Vgl. Sen. apocol. 13, 2–3: Dicto citius Narcissus evolat. Omnia proclivia sunt,... 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 407 rung seiner Mordtaten behilflich ist, müsste man, ausgehend von den ethischen Nor‐ men, denen sich Seneca verpflichtet fühlte, zumindest ärztliche Assistenz bei Fremd‐ tötungen ebenfalls als moralisch verwerflich einstufen. Selbsttötungen1916 Zu den ethischen Aspekten des Suizids äußert sich Seneca vor allem in dem wahr‐ scheinlich im Frühsommer des Jahres 64 n. Chr. abgefassten 70. Brief1917. Darin kommt Seneca u. a. auf den konkreten Fall der Selbsttötung eines Gladiators zu spre‐ chen: secundo naumachiae spectaculo unus ex barbaris lanceam, quam in adversarios acceperat, totam iugulo suo mersit.1918 (Während des zweiten Schauspiels einer See‐ schlacht, hat einer von den Barbaren eine Lanze, die er für [die Tötung seiner] Gegner in Empfang genommen hatte, vollständig in seiner eigenen Kehle versenkt.) Seneca kommentiert diesen Fall aber kritisch: aliquando tamen, etiam si certa mors instabit et destinatum sibi supplicium sciet, non commodabit poenae suae manum: sibi commodaret. Stultitia est timore mortis mori. Venitqui occidat. Expecta. Quid oc‐ cupas? Quare suscipis aliaenae crudelitatis procurationem? Utrum invides carnifici tuo an parcis?1919 (Irgendwann aber, wenn unabänderlich der Tod bevorsteht und jemand weiß, dass ihm die Hinrichtung bestimmt wurde, wird er der eigenen Bestrafung nicht die Hand reichen: er wird sich um sich selbst kümmern. Es ist Torheit aus Furcht vor dem Tod zu sterben. Es kommt jemand, der [Dich] tötet. Warte nur auf ihn! Warum willst Du ihm zuvorkommen? Warum willst Du die Ausführung der Grausamkeit eines Fremden übernehmen? Bist Du neidisch auf den Henkersknecht oder willst Du ihn etwa schonen?) Die in diesem Zitat aufgeworfene Frage nach möglichen Rechtfertigungsgründen für einen Suizid beantwortet der Autor dann folgendermaßen:... sapiens vivet, quan‐ tum debet, non quantum potest. Videbit, ubi victurus sit, cum quibus, quomodo, quid acturus. Cogitat semper, qualis vita, non quanta sit.1920 (Der Weise wird leben, so viel er muss, nicht wie viel er kann. Er wird darauf sehen, wo er leben wird, mit wem, auf welche Weise, wie er handeln wird.) Nicht die Dauer des Lebens spielt somit nach Seneca eine Rolle, sondern die Qua‐ lität, – was aber die Sinnhaftigkeit, dass er unter Umständen selbst über den Zeit‐ punkt seines Todes entscheidet, nicht grundsätzlich auszuschließen scheint. Citius mori aut tardius ad rem non pertinet, bene mori aut male ad rem pertinet; bene mori est effugere male vivendi periculum. Itaque effeminatissimum vocem illius Rhodii existi‐ mo, qui cum in caveam coniectus esset a tyranno et tamquam ferum aliquod animal ale‐ retur, suadenti cuidam, ut abstineret cibo, `omnia´ inquit `homini, dum vivit, speranda 3.3.2.2 1916 Zum Begriff der Selbsttötung in der Antike vgl. Van Hooff, A./Wenskus, O., Selbstmord, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp.794–795; 1917 Wegen der Erwähnung der 2. Naumachie, welche in dieses Jahr datiert wird. Vgl. Rose, K. F. C.: The Date and Author of the Satyricon. Leiden (1971) S. 70–72; 1918 Vgl. Sen. epist. 70, 26; 1919 Vgl. Sen. epist. 70, 8; 1920 Vgl. Sen. epist. 70, 5; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 408 sunt.1921 (Schneller zu sterben oder langsamer, spielt keine Rolle, gut zu sterben oder schlecht, spielt eine Rolle, gut zu sterben, bedeutet aber der Gefahr schlecht zu leben, zu entkommen. Daher halte ich das Wort jenes Mannes aus Rhodos für sehr ver‐ weichlicht, der, als er von einem Tyrannen in einen Käfig gesperrt worden war und wie ein wildes Tier gehalten werden sollte, als ihm jemand dazu riet, dass er sich der Nahrungsaufnahme enthalte, sagte, `Alles ist für einen Menschen, solange er lebt, noch zu erhoffen.) Man könnte aufgrund dieser Formulierungen fast auf den Gedanken kommen, dass Seneca bereits etliche Monate vor seinem Tode sich mit dem Gedanken beschäf‐ tigte, sein Leben selbst zu beenden, wenn ihm die Entwicklung der politischen Ver‐ hältnisse ein Leben in Würde nicht mehr gestatten sollte. Diese Auffassung erscheint aber als fragwürdig, wenn man berücksichtigt, dass Seneca für die Erläuterung seiner Auffassung über die Bedeutung von Leben und Tod das Beispiel des griechischen Phi‐ losophen Sokrates beschwört: „Socrates potuit abstinentia finire vitam et inedia potius quam veneno mori. Triginta tamen dies in carcere et in expectatione mortis exegit, non hoc animo, tamquam omnia fieri possent, tamquam multas spes tam longum tempus re‐ ciperet, sed ut praeberet se legibus, ut fruendum amicis extremum Socraten daret. Quid erat stultius quam mortem contemnere, venenum timere?1922 (Sokrates hätte besser durch Enthaltsamkeit sein Leben beenden können, und zwar durch die Verweigerung der Nahrungsaufnahme, als durch [die Einnahme von] Gift. Dreißig Tage verbrachte er dennoch in Haft und in Erwartung des Todes, nicht in dem Bewusstsein, als könne alles[Mögliche] noch geschehen, als habe er noch die Hoffnung auf eine allzu lange [Lebens-] Zeit, sondern damit er sich den Gesetzen unterwerfe, um den Freunden die Gelegenheit zu geben, den Sokrates auch noch in der letzten Phase seines Lebens mit‐ zuerleben. Was wäre törichter [gewesen] als den Tod zu verachten und das Gift zu fürchten.) Diese Formulierungen suggerieren dem Betrachter, dass vor allem der Gehorsam gegenüber dem Gesetz, selbst wenn es fehlerhaft angewandt wird und die Rücksicht‐ nahme auf Freunde für den Weisen vernünftige Motive sein können, sich der Voll‐ streckung eines bereits gefällten rechtskräftigen Urteils durch eine vorzeitige Selbsttö‐ tung zu entziehen. Doch Seneca erinnert im unmittelbaren Anschluss an die Erwäh‐ nung des Präzedenzfalls Sokrates ein anderes Beispiel, das aus Senecas Sicht eine Selbsttötung ethisch rechtfertigte: Scribonia, gravis femina, amita Drusi Libonis fuit, adulescentis tam stolidi quam nobilis, maiora sperantis, quam illo saeculo quisquam sperare poterat aut ipse ullo. cum aeger a senatu in lectica relatus esset non sane fre‐ quentibus exequiis, - omnes enim necessarii deseruerant impie iam non reum sed funus – habere coepit consilium, utrum conscisceret mortem an expectaret. cui Scribonia: `quid te´ inquit `delectat alienum negotium aegre?´non persuasit illi: nam manus sibi attulit, nec sine causa. nam post diem tertium aut quartum inimicio moriturus arbitrio si vivit, alienum negotium agit. non possis itaque de re in universum pronuntiare, cum mortem vis externa denuntiat, occupanda sit an expectanda. multa enim sunt, quae in 1921 Vgl. Sen. epist. 70, 6; 1922 Vgl. Sen. epist. 70, 9; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 409 utramque partem trahere possint. si altera mors cum tormento, altera simplex et facilis est, quidni huic inicienda sit manus?1923 (Scribonia war eine bedeutende Frau, eine Tante des Drusus Libo1924, eines ebenso albernen wie adligen Jünglings, der nach Hö‐ herem strebte, als zu jener Zeit noch irgendwer hätte erhoffen dürfen und er selbst erst recht nicht. Als der am Boden zerstört in einer Sänfte aus dem Senat getragen worden war, begann er wegen eines nicht sonderlich besuchten Auszuges – denn alle ihm ehedem nahestehenden Menschen hatten ihn bereits im Stich gelassen, unver‐ schämter Weise nicht wie einen Angeklagten, sondern als einen bereits Verurteilten – eine Beratung abzuhalten, ob er eher den Tod suchen oder ihn erwarten solle. Dem sagte Scribonia: `Was sollte es Dir nutzen, das Geschäft der anderen zu betreiben?´ Sie konnte ihn aber nicht überzeugen: Er legte an sich selbst Hand an aber nicht ohne Grund. Denn wenn ein zum Sterben Verurteilter am dritten oder vierten Tag nach dem Willen seines Feindes noch lebt, betreibt er [ebenfalls] das Geschäft eines Frem‐ den. Man kann daher in einer solchen Angelegenheit ein allgemeingültiges Urteil nicht abgeben, wenn fremde Gewalt den Tod bestimmt. Vieles gibt es, was in ver‐ schiedene Richtungen erörtert werden kann. Wenn eine Todesart mit Qualen verbun‐ den ist, eine andere einfach und leicht vonstatten geht, – warum sollte man in diesem Falle nicht selbst Hand anlegen?) Nach der Auffassung Senecas gab es also durchaus Situationen, in denen ein Sui‐ zid ethisch vertretbar war, obwohl es vielleicht irritieren könnte, dass der Philosoph eine solche Berechtigung ausgerechnet dem Drusus Libo zugestand, den er ja selbst für einen Aufrührer hielt, während er Sokrates, für den Fall, dass dieser sich der Tö‐ tung durch den Schierlingsbecher entzogen hätte, etwa durch einen Hungerstreik, der Torheit bezichtigte. Dennoch ist der Einschätzung Senecas eine gewisse Logik nicht abzusprechen: „Man kann daher in einer solchen Angelegenheit ein allgemeingültiges Urteil nicht abgegeben, wenn fremde Gewalt den Tod bestimmt. Vieles gibt es, was in verschiedene Richtungen erörtert werden kann. Wenn eine Todesart mit Qualen verbun‐ den ist, eine andere einfach und leicht vonstatten geht, - warum sollte man in diesem Falle nicht selbst Hand anlegen?“ Denn bezogen auf den Fall des Drusus Libo müsste man sich fragen, was jener denn überhaupt noch zu erwarten gehabt hätte, wenn er seine Verurteilung und mögliche Hinrichtung nicht durch Selbsttötung vereitelt hät‐ te? Tacitus überliefert, dass Drusus Libo sich selbst tötete, nachdem im Senat ent‐ schieden worden war, dass aufgrund einer neuartigen Rechtskonstruktion zum Nach‐ weis seiner Schuld auch eigene Sklaven unter der Folter sollten gegen ihn aussagen dürfen1925. Im Übrigen bleibt aufgrund der Darstellung des Tacitus unklar, ob Drusus mehr wegen des Gefühls der Schande, auf der Grundlage von Aussagen seiner eige‐ nen Sklaven für schuldig gesprochen zu werden, oder mehr aus Verzweiflung da‐ rüber, dass er einen Schuldspruch des Senats von jenem Zeitpunkt an für unaus‐ weichlich hielt. Im Falle eines Schuldspruchs hätte er u. U. nicht nur einen sehr 1923 Vgl. Sen. epist. 70, 10; 1924 S. o. Tab. I, 3; 1925 S. o. Tac. ann. 2, 30–31; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 410 schmerzhaften Tod zu erwarten gehabt, sondern auch einen ihn entehrenden, entwe‐ der einen Sturz vom Tarpeischen Felsen, eine Erdrosselung im Mamertinum, die Kreu‐ zigung und / oder eine Ausstellung seines Leichnams oder abgeschlagenen Hauptes auf den Stufen der Geronischen Treppe. Angeblich erklärte Tiberius nach dem Tod des Drusus Libo im Senat zwar, dass Libo im Falle eines Schuldspruchs eine Begnadigung von ihm zu erwarten gehabt hätte1926, aber die Schande durch Aussagen der eigenen Sklaven als Hochverräter entlarvt worden zu sein, wäre ihm auch unter dieser Vor‐ aussetzung nicht erspart geblieben. Auch unabhängig von diesem konkreten Fall scheint Seneca allein schon die Aus‐ sicht auf einen „qualvollen Tod“ (mors cum tormento) als einen ausreichenden Grund für eine Selbsttötung gehalten zu haben, wobei die seelische Qualen infolge eines schändlichen Todes den „Tatbestand“ eines mors cum tormento nicht weniger erfüll‐ ten als körperliche Qualen. Als Beispiele für legitime Selbsttötungen erwähnt Seneca die Fälle des Cato1927 und eines Scipio1928, welche er als duces belli civilis1929 charakte‐ risiert. Allen Heerführern von Bürgerkriegsarmeen aber drohte im Falle einer Nieder‐ lage, falls sie nicht mehr dazu kamen, sich selbst zu töten, die schändliche Behand‐ lung von „Staatsfeinden“, d. h. das traurige Los, im Triumphzug des Siegers dem Mob als Gefangene präsentiert und anschließend auf quälende und entehrende Art und Weise getötet zu werden. Ärztliche Tötungsassistenz Damit stellt sich im Zusammenhang unserer Untersuchung die Frage: Welche Rolle hätte im Kontext dieser Vorstellungen Senecas im Ernstfall ein Arzt als ein möglicher Gehilfe bei den von Fall zu Fall als legitim eingeschätzten Selbsttötungsbemühungen eines Patienten spielen können, dürfen oder gar müssen? Diese Frage stellt sich nicht zuletzt im Hinblick darauf, dass Tacitus den während des Todeskampfes Senecas an‐ wesenden Arzt Statius Annaeus als „...seit langem durch die Treue der Freundschaft und durch die Kunst der Heilkunde erprobt“1930 charakterisiert. Nach direkten Reflexionen über die beruflichen Pflichten von Ärzten sucht man in den überlieferten Schriften Senecas vergeblich1931, – abgesehen von anerkennenden Bemerkungen zu Hippokrates von Kos1932 und von einem Lobpreis auf philosophisch gebildete Ärzte, denen der Nutzen ihres Handelns für Patienten wichtiger ist, als der 3.3.1.3 1926 S. o. Tac. ann. 2, 31, 3:... iuravitque Tiberius petiturum se vitam quamvis nocenti, nisi voluntariam mortem properavisset. 1927 Vgl. Sen. epist. 70, 19; Zum Suizid des Cato min. vgl. auch: Cic. Catil. 73; Sen. epist. 67, 7; epist. 71, 17, de tranqu. an. 16, 4; de prov. 2, 11; Plut. Cato min. 66; 1928 Vgl. Sen. epist. 70, 22; 1929 Vgl. Sen. epist. 70, 22; 1930 Vgl. Tac. ann. 15, 64, 3: … diu sibi amicitiae fide et et arte medicinae probatum... 1931 Oser-Grote, C., verweist zwar darauf, dass Seneca gewisse Idealvorstellungen über den guten Arzt gehabt habe (z. B., dass er gelegentlich auch auf sein Honorar zu verzichten habe;), geht aber an‐ sonsten davon aus, dass er einen von Nero erzwungenen „Selbstmord“ begangen habe. S. o. in: Le‐ ven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 797–798; 1932 Vgl. Sen. epist. 95, 20; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 411 eigene materielle Vorteil1933. Vor allem Senecas Lob auf Hippokrates lässt sich als Hin‐ weis darauf deuten, dass Seneca den Hippokrates zugeschriebenen Eid sowie die darin enthaltene Selbstverpflichtung von Ärzten, sich jeder für Patienten nachteiligen Ein‐ flussnahme auf deren Gesundheitszustand zu enthalten, nicht nur kannte1934, son‐ dern auch bejahte und damit implizite auch von Ärzten zu leistende Tötungsassistenz grundsätzlich ablehnte, obwohl Seneca speziell auf den Eid nicht eingeht. Bestätigt wird diese Folgerung gleichwohl durch Senecas Überlegungen zur Bedeutung persön‐ licher Freundschaften und über den Umgang mit Sklaven. Im Zusammenhang damit ist besonders zu beachten, dass Seneca den Begriff Freundschaft so definierte, dass kaum ein Zweifel daran bestehen kann, dass Seneca schon lange vor dem Eintreten des Ernstfalles seines eigenen Todes die besonderen Umstände, unter denen ein Suizid ethisch gerechtfertigt sein könnte, auch mit dem Arzt Annaeus Statius vorher besprochen hatte: Diu cogita, an tibi in amicitiam aliquis recipiendus sit. Cum placuerit fieri, toto illum pectore admitte; tam audacter cum illo loquere quam tecum.1935 (Lange denk nach, ob du in den Freundeskreis jemanden aufnehmen solltest. Wenn aber beschlossen sein sollte, dass dies geschehe, dann lasse jenen vor zu deinem ganzen Herzen; so wagemutig sprich mit jenem wie mit Dir selbst.) Immerhin wird Annaeus Statius von Tacitus nicht nur als Arzt, sondern auch als Freund Senecas charakterisiert. Daher könnte sich dem Betrachter die Vermutung aufdrängen, dass Seneca darauf spekulierte, dass Annaeus Statius aus Gründen der Freundschaft ihm auch beim Sterben behilflich sein würde, wenn sich das einmal not‐ wendig erweisen sollte. Dennoch: Gerade unter der Prämisse einer persönlichen Freundschaft zwischen Seneca und seinem Arzt erscheint es – auch unter ethischen Gesichtspunkten betrachtet, – als unwahrscheinlich, dass Seneca, dem zu unterstellen ist, dass er in seiner Eigenschaft als erfahrener Gerichtsredner mit den Strafandro‐ hungen der lex Cornelia de sicariis et veneficiis bestens vertraut war1936, auch nur billi‐ gend in Kauf genommen haben könnte, dass der ihm befreundete Arzt Annaeus Stati‐ us sich durch einen Freundschaftsdienst in Bezug auf sein eigenes Sterben strafrecht‐ lich angreifbar gemacht hätte. Einen ähnlichen Befund liefern Senecas berühmte Äußerungen über die Bezie‐ hungen zwischen römischen Herren und ihren Sklaven: Libenter ex iis, qui a te veni‐ unt, cognovi familiariter te cum servis tuis vivere. Hoc prudentiam tuam, hoc eruditio‐ nem decet. `servi sunt.´ immo homines. `servi sunt.´ immo contubernales. `servi sunt.´ immo humiles amici. `servi sunt.´ immo conservi, si cogitaveris tantundem in utrosque 1933 Vgl. Sen. Ben. 6, 15 f.; 1934 Dass man sich zu Lebzeiten Senecas in Rom auch mit Hippokrates von Kos stärker zu beschäftigen begann, dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass Kaiser Claudius persönlich im Jahre 53 n. Chr. im Senat für die Bewohner der Insel Kos die Immunität beantragte und zur Begründung dieses Antrags auf die Bedeutung der Geschichte der dortigen Ärzteschule einging, als deren Be‐ gründer Hippokrates galt. Vgl. Tac. ann. 12, 61, 1: mox adventu Aesculapii artem medendi inlatam maximeque inter posteros eius celebrem fuisse, nomina singulorum referens... 1935 Vgl. Sen. epist. 3, 2; 1936 S. o. Senecas Wortwahl in der Apokolokyntosis: S. o. Kap. 3.2.1.1; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 412 fortunae licere.1937 (Gern höre ich von denen, die von dir kommen, dass du wie mit Familienmitgliedern mit deinen Sklaven [zusammen-] lebst. Das ziert deine Klugheit, das Deine Bildung. `Es sind Sklaven.´ Im Gegenteil Menschen. `Es sind Menschen.´ Im Gegenteil: Kameraden. `Es sind Sklaven.´ Im Gegenteil: niederrangige Freunde. `Es sind Sklaven.´ Im Gegenteil: Mitsklaven, wenn du bedenkst, dass eben soviel ge‐ genüber beiden [Herren und Sklaven] dem Schicksal frei steht.) Diese Äußerungen sind im Zusammenhang damit zu betrachten, dass auch An‐ naeus Statius ursprünglich wohl dem Sklavenstand angehört hatte und erst von Sene‐ ca „freigelassen“ wurde1938. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung ist vor allem der letzte Satz des obigen Zitats (… immo conservi, si cogitaveris tantundem in utrosque fortunae licere...) auch dahingehend zu deuten, dass Herren und Sklaven im Hinblick auf die ihnen drohenden Todesgefahren, auch im Hinblick auf die Gefahren eines un‐ natürlichen Todes unter annähernd gleichen Bedingungen lebten. Unter dem Aspekt der strafrechtlichen Implikationen einer aktiven Involvierung in die Selbsttötung sei‐ nes Herrn hätte ein Sklave oder Freigelassener sogar mit einer besonders schweren Strafe rechnen müssen, entweder mit der Kreuzigung oder mit einer Verurteilung ad bestias1939. Annaeus Statius hätte augenblicklich zwar eine solche Gefahr nicht bedroht, da der regierende Kaiser Nero den Tod Senecas ja ausdrücklich angeordnet hatte, - aber für einen späteren Zeitpunkt, für die Zeit nach dem Tode Neros, wäre die Gefahr ei‐ nes Strafprozesses auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis, wie das Beispiel des Epaphroditus1940 lehrt, auch für Annaeus Statius keineswegs ausgeschlos‐ sen gewesen. Es ist daher nicht nur aus medizingeschichtlichen Gründen, wie bereits in Kapitel 1 dieser Untersuchung ausgeführt wurde, unwahrscheinlich, dass Seneca von Annaeus Statius ein tödlich wirkendes Gift erwartete, als er ihn um jenes Gift bat, mit welchem in Athen zum Tode verurteilte Straftäter hingerichtet wurden, - sondern auch aus ethischen. Bei derartigen Spekulationen ist außerdem zu berücksichtigen, dass Seneca den Anspruch des Menschen, auch über das eigene Ende selbst zu bestimmen, keineswegs ohne jeden Vorbehalt unterstützte, sondern an Bedingungen knüpfte und auch zum Tode Verurteilte meinte, wenn er feststellte: Stultitia est timore mortis mori. Venit qui occidat. Expecta. Quid occupas? Quare suscipis aliaenae crudelitatis procurationem? Ut‐ rum invides carnifici tuo an parcis?1941 (Es ist Torheit aus Furcht vor dem Tod zu ster‐ ben. Es kommt jemand, der [Dich] tötet. Warte nur auf ihn! Warum willst Du ihm zuvorkommen? Warum willst Du die Ausführung der Grausamkeit eines Fremden übernehmen? Bist Du neidisch auf den Henkersknecht oder willst Du ihn etwa scho‐ nen?) 1937 Vgl. Sen. epist. 47, 1; 1938 Der Arzt trug Senecas Gentilnamen Annaeus. Die Übername des Gentilnamens ihrer früheren Herren durch Freigelassene scheint in der frühen Kaiserzeit üblich gewesen sein. 1939 S. o. Kap. 2.3.2; 1940 Vgl. Tab. IX, 21; 1941 Vgl. Sen. epist. 70, 8; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 413 Vor dem Hintergrund dieser Formulierungen erscheint es nahezu ausgeschlossen, dass Seneca daran gedacht haben könnte, die Aufgabe des „Henkersknechts“ im Inter‐ esse der Verwirklichung eigener Selbsttötungsabsichten ausgerechnet einem Freund zuzumuten. Aus alledem ergibt sich als Schlussfolgerung: Auch theoretisch akzeptier‐ te Seneca einen ärztlich assistierten Suizid nicht, ebenso wenig wie er eine – ärztlich assistierte – Fremdtötung eines Menschen moralisch billigte. Man könnte gegen diesen Deutungsansatz einwenden, dass gerade bei Intellektu‐ ellen, als welchen wir zweifellos auch Seneca anzusehen haben, mit einer gewissen Diskrepanz zwischen Theorie und Lebenspraxis gerechnet werden muss. Gegen sol‐ che Überlegungen spricht in seinem Falle aber, dass Seneca nicht zuletzt in seinen letzten Lebensjahren in seinem philosophischen Denken eine unbedingte Ausrich‐ tung der eigenen Lebenspraxis an der Philosophie forderte: In seinem 116. Brief (wahrscheinlich abgefasst im Herbst des Jahres 641942) beklagte sich Seneca: Quemad‐ modum omnium rerum, sic litterarum quoque intemperantia laboramus: non vitae sed scholae discimus.1943 (Wie in Allem, so leiden wir auch in der Wissenschaft unter Maßlosigkeit: nicht für das Leben, sondern für die Lehre lernen wir.) Diese Klage lässt sich als Postulat umkehren und aus dieser Umkehrung wiede‐ rum ergab sich dann das – mittelbar auf Seneca zurückgehende – geflügelte Wort: non scholae, sed vitae discimus. (Nicht für die Schule [d. h. für die reine Lehre], sondern für das Leben [d. h. für die praktische Gestaltung des eigenen Lebens und Sterbens] lernen wir.) Der Blickwinkel anderer „Philosophen“ Im vorigen Abschnitt dieser Untersuchung wurde gezeigt, dass Seneca, der bekanntes‐ te und berühmteste „Philosoph“ der frühen römischen Kaiserzeit, – die Tötung von Menschen, damit implizite natürlich auch durch einen Arzt, grundsätzlich als moralisch verwerflich missbilligte, – die Selbsttötung von Menschen unter gewissen Umständen allerdings für vertret‐ bar hielt, – gleichwohl nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch die aktive Beihilfe eines Arztes zur Selbsttötung, als eine Sonderform der Fremdtötung wahrscheinlich ab‐ lehnte. Obwohl Seneca repräsentativer Vertreter der frühkaiserzeitlichen Stoa war, entbindet der oben skizzierte Befund den Medizinhistoriker nicht von der Pflicht zu überprü‐ fen, inwieweit die oben skizzierte Auffassung Senecas über ärztliche Tötungsassistenz als repräsentativ für die frühkaiserzeitliche Stoa an sich angesehen werden darf. Als „Stoiker“1944 innerhalb des von uns ausgewählten Untersuchungszeitraums gelten der 3.3.2 1942 Vgl. Hamacher, U. G.: Senecas 82. Brief an Lucilius, Leipz. (2006), S. 47; 1943 Vgl. Sen. epist. 116, 12; 1944 Zu Äußerungen von antiker Philosophen über die Bedeutung der Medizin vgl. Stamatu, M. Philo‐ sophie, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 686–698; Tieleman, T., Stoa, in: Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 414 Epiker Lucan1945, Annaeus Mela1946, Thrasea Paetus1947, Barea Soranus1948, Servilia1949, die Tochter des letzteren, Helvidius Priscus d. Ältere1950, ein Schwiegersohn des Thra‐ sea Paetus, und Helvidius Priscus d. Jüngeren1951. Anders als von Seneca sind von den übrigen „Stoikern“ der frühen römischen Kaiserzeit – abgesehen von Lucan – persön‐ liche Äußerungen, aus denen sich Rückschlüsse auf deren Standpunkt zur Frage der Zulässigkeit ärztlicher Tötungsassistenz ziehen ließen, nicht überliefert, dennoch sind wir aus anderen Quellen relativ gut unterrichtet über das tatsächliche Lebensende der besagten Persönlichkeiten, dessen Betrachtung vielleicht ebenso gut Auskunft geben kann über deren Standpunkt zu der hier interessierenden Frage, als theoretische Re‐ flexionen das gegebenenfalls vermöchten. Das gilt nicht zuletzt für das Lebensende Lucans. Lucan Marcus Annaeus Lucanus, ein Neffe des Philosophen Seneca, ist vor allem als Verfas‐ ser eines – allerdings unvollständig – überlieferten Epos über den Bürgerkrieg zwi‐ schen Cäsar und Pompeius mit dem Titel bellum civile bekannt geworden. Lucan wur‐ de am 3. 11. 39 n. Chr. in Córdoba geboren und am 30. 04. 65 n. Chr. wohl unter dem Vorwand einer Beteiligung an einer Verschwörung gegen Nero auf dessen Befehl in Rom getötet1952. Über Lucans Lebensende berichtet Tacitus Folgendes: Exim Annaei Lucani caedem imperat. Is profluente sanguine ubi frigescere pedes manusque et paula‐ tim ab extremis cedere spiritum fervido adhuc et compote mentis pectore intellegit, re‐ cordatus carmen a se compositum, quo volneratum militem per eius modi mortis imagi‐ nem obisse tradiderat, versus ipsos rettulit, eaque illi supprema vox fuit.1953 (Darauf be‐ fiehlt er [Nero] die Tötung des Annaeus Lucanus. Dieser hat, während das Blut schon strömte, als er [Lucanus] schon einsah, dass die Füße und Hände erkalteten und all‐ mählich von den äußersten [Teilen des Körpers] die Lebenskraft wich, während die Brust noch warm blieb und des Verstandes mächtig, sich erinnert an einen Gesang, der von ihm selbst verfasst worden war, in welchem ein verwundeter Soldat, wie er überliefert hatte, mit dem Bild eines solchen Todes vor Augen gestorben war, und hat dann die Verse selbst zitiert; und diese waren dann seine letzten Worte.) 3.3.2.1 Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 832–833; zur Haltung von frühkaiserzeitlichen Philosophen zu ärztlicher Tötungsassistenz äußern sich Stamatu und Tieleman aber nicht. 1945 Vgl. Tab. IV, 26; 1946 Vgl. Tab. IV, 42; 1947 Vgl. Tab. IV, 44; 1948 Vgl. Tab. IV, 45; 1949 Vgl. Tab. IV, 46; 1950 Vgl. Tab. VIII, 6; 1951 Vgl. Tab. IX, 17; 1952 *3. 11. 39 n. Chr. in Córdoba; †30. 04. 65 in Rom; vgl. dazu: Rutz, W. (Hrsg.): Lucan. Darmstadt 1970 (Wege der Forschung 235): Lucans 'Pharsalia' im Lichte der neuesten Forschung. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. (ANRW), Reihe 2, Bd. 32, Teilbd. 3, 1985. S. 1457–1537. See‐ wald, M.: Lucan. 9, 1–604: ein Kommentar. Göttingen 2002. Walde, Chr. (Hrsg.): Lucan im 21. Jahrhundert. München/Leipzig 2005. 1953 Vgl. Tac. ann. 15,71; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 415 Nach diesem Zeugnis erlitt Lucan einen Tod, der mit einem relativ langsamen Verbluten einherging. Daher wird man davon ausgehen dürfen, dass der mit seiner Tötung beauftragte Soldat, diesen gefesselt und dann stark blutende Adern geöffnet hatte, sei es an den Armen, sei es an den Beinen oder auch an allen Gliedern. Beach‐ tung verdient dabei, dass Lucan sich nach diesem – vielleicht auch fiktiven – Zeugnis des Tacitus noch als Sterbender an ein von ihm selbst verfasstes Gedicht erinnerte, in welchem ein tödlich verwundeter Soldat den Tod in etwa so beschrieb, wie er ihn selbst zu erleiden glaubte. Im Kontext der Suche nach einer möglichen Antwort auf die Frage nach Lucans Auffassung über die ethische Zulässigkeit fremder Tötungsassistenz wäre es interes‐ sant zu wissen, wie Lucan in jenem Gedicht den Tod beschrieben hatte und in wel‐ chem Gedicht. Leider macht Tacitus keine nähere Angaben darüber, aber dieser Man‐ gel sollte uns nicht allzu sehr beunruhigen, obwohl Lucan trotz des Alters von nur we‐ nig mehr als 26 Jahren zum Zeitpunkt seines Todes, damals schon ein recht umfang‐ reiches „Gesamtwerk“ vorweisen konnte1954. Der Verzicht des Tacitus auf konkrete Hinweise auf das angeblich von Lucan zi‐ tierte eigene Gedicht rechtfertigt die Vermutung, dass es sich hierbei um ein beson‐ ders bekanntes Werk des Dichters gehandelt haben muss, nämlich um das „bellum ci‐ vile“, ein Epos, in dem in der Tat auch „sehr viel gestorben wird“. Da dieses Werk in der überlieferten Form bereits 10 Bücher umfasste, ursprünglich wahrscheinlich so‐ gar zwölf Bücher umfassen sollte, von denen die letzten jedoch nicht vollendet wur‐ den, weil der Tod den Dichter an der Vollendung des Werkes hinderte 1955, sieht sich der heutige Betrachter aber trotz dieser naheliegenden Vermutung mit einer fast un‐ lösbaren Aufgabe konfrontiert. Liest man aber die Hinweise des Tacitus genauer, kann über die von Lucan angeb‐ lich im Angesicht des eigenen Todes zitierten Verse kaum ein Zweifel bestehen. Denn nach Tacitus besang Lucan in jenen Versen nicht etwa den Heldenmut eines Feld‐ herrn, wie des Pompeius oder Catos, sondern denjenigen eines einfachen Soldaten, den er als volneratum militem charakterisiert. Ausgehend von dieser Überlegung kommen dafür aber nur folgende Verse in Frage: di tibi non mortem, quae cunctis poena paratur, sed sensum post fata tuae dent, Crastine, morti, cuius torta manu commisit lancea bellum primaque Thessaliam Romano sanguine tinxit.1956 (Die Götter geben dir nicht den Tod, der allen als Strafe bereitet wird, sondern nach dem Schicksal das Gespür, Crastinus, für deinen Tod, 1954 Außer dem bellum civile sind 14 weitere Werke namentlich bekannt, allerdings nur fragmentarisch überliefert. Vgl. Fragmente bei: M. Annaeus Lucanus: Belli civilis libri decem. Tertium edidit Caro‐ lus Hosius (Bibliotheca Teubneriana). Leipzig: 1913, S. 330 f.; 1955 Vgl. dazu: Mellein, R., Pharsalia in: Kindlers Literaturlexikon Bd. 17, München 1986 ff., S. 7444; Vgl. Schanz-Hosius: Geschichte der römischen Literatur, Bd. 2, München 1967, S. 496–500. 1956 Vgl. Lucan, bellum civile VII, 470–473; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 416 dessen von einer Hand geschleuderte Lanze den Krieg zustande brachte, und als erste Thessalien mit römischem Blut tränkte.) Der Dichter erinnert in diesen Versen an den Tod eines Kriegers – und indem er diese Verse im Angesicht des eigenen Todes zitiert, identifiziert er in gewisser Weise den eigenen Tod mit dem Tod jenes Kriegers, – dessen schicksalhafter Tod zwar nicht kriegsentscheidend war, aber die entscheidende Schlacht überhaupt erst möglich machte, diese gewissermaßen „eröffnete“. Diese Aussage der Verse Lucans erscheint im Hinblick auf die hier zu beantwortende Frage prima vista als kryptisch, erschließt sich dem Betrachter aber vielleicht, wenn er den Inhalt jener Verse mit demjenigen ihres mutmaßlichen literarischen Vorbildes vergleicht. Bereits Caesar schildert in der Prosaschrift bellum civile eine Episode während der Schlacht bei Pharsalos1957, in welcher ein gewisser Crastinus eine wichtige Rolle spielte: Erat Crastinus evocatus in exercitu Caesaris, qui superiore anno apud eum pri‐ mum pilum in legione X duxerat, vir singulari virtute. Hic signo dato `sequimini me´ inquit`manipulares mei qui fuistis, et vestro imperatori, quam constituistis, operam date. Unum hoc proelium superest; quo confecto et ille suam dignitatem et nos nostram libertatem recuperabimus.`haec cum dixisset, primus ex dextro cornu procucurrit atque electi milites circiter CXX voluntarii [eiusdem centuriae] sunt prosecuti1958 (Es gab den Crastinus, einen Veteranen im Heer Caesars, der im Jahre zuvor bei ihm den ersten Manipel in der 10. Legion angeführt hatte, einen Mann von einzigartiger Tapferkeit. Dieser sagte, nachdem das Zeichen zum Kampf gegeben worden war, `Folgt mir, die ihr Kameraden meines Manipels gewesen seid, und leistet eurem Oberbefehlshaber den Dienst, den ihr ihm verabredet habt! Ein Gefecht ist noch übrig. Wenn dieses ge‐ schlagen ist, wird jener seine Würde und wir werden unsere Freiheit zurückerlangen.´ Als er dies gesagt hatte, stürmte er als erster vom rechten Flügel voran und ungefähr 120 Freiwillige aus derselben Zenturie folgten ihm.) Caesar maß dieser Episode im Rahmen des gesamten Bürgerkrieges, nicht zuletzt im Rahmen der Entscheidungsschlacht bei Pharsalos eine entscheidende Bedeutung bei, weil die „Tapferkeit“ des Crastinus die Voraussetzung dafür war, dass auch dessen Kameraden ihre Todesfurcht überwanden, dem Beispiel ihres Anführers folgend, sich dem Feind entgegenstellten, ohne Rücksicht auf den Tod, der sie erwartete. Auch den ließ Cäsar nicht unerwähnt. Über den Ausgang des „Himmelfahrtskommandos“ des Crastinus liest man bei Caesar im Kontext der Berichterstattung über das Ende der Schlacht bei Pharsalos schließlich Folgendes: In eo proelio non amplius ducentos milites desideravit, sed centu‐ riones fortes viros circiter XXX amisit. Interfectus est etiam fortissime pugnans Crasti‐ nus, cuius mentionem supra fecimus, gladio in os adversum coniecto.1959 (In dieser Schlacht vermisste er [Caesar] nicht mehr als zweihundert Soldaten, allerdings an Zenturionen, an tapferen Männern, verlor er ungefähr 30. Getötet wurde auch, sehr 1957 am 9. 08. 48 v. Chr. in Thessalien/Griechenland; vgl. Caes. civ. 3, 82–99. App. civ. 2, 66–82; Cass. Dio 41, 52–63. 1958 Vgl. Caes. civ. 3, 91; 1959 Vgl. Caes. civ. 3, 99; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 417 tapfer kämpfend, Crastinus, dessen wir oben Erwähnung taten, wobei ein Schwert in dessen dem Feind zugewandten Rachen hineingestoßen worden war.) Crastinus verlor sein Leben – nach Einschätzung Cäsars - also in „treuer Pflichter‐ füllung“ gegenüber seinem Generalissimus, im Dienst von dessen Sieg im Bürgerkrieg gegen Pompeius, bis zum letzten Augenblick kämpfend. Sein Tod war somit gewisser‐ maßen der Preis für Cäsars Sieg, ihm vom Schicksal unausweichlich vorherbestimmt! – Was aber faszinierte Lucan an dieser Geschichte, – so sehr, dass er sie nicht nur in seiner eigenen Darstellung des „Bürgerkrieges“ berücksichtigte, sondern ihrer auch noch unmittelbar vor seinem eigenen Ableben, als Opfer von Neros „Terrorjustiz“, zi‐ tierte? Sollte Lucan wirklich, wie von Tacitus überliefert, mit jenem Vers auf den Lippen verstorben sein, dann ließe dieser Sachverhalt kaum eine andere Deutung zu als, dass auch Lucan seinen eigenen Tod als schicksalhaft empfand, gegen den Widerstand zu leisten, ihm gleichsam als Widerstand gegen das Schicksal selbst erschien und damit sinnlos. Nach Lucan hatte der Mensch offensichtlich nicht das Recht gegen das Schicksal aufzubegehren, sondern lediglich die Freiheit, sich mit der ihm vom Schick‐ sal vorgegebenen Art des Sterbens zu „arrangieren“, indem er versuchte, seinem Ster‐ ben einen Sinn zu geben, der in seinem konkreten Sterbefall im Widerstand gegen Nero bestand. Dieses Arrangement schloss aber, unter Berücksichtigung der Information, dass Lucan die von Nero angeordnete Tötung seiner selbst klaglos akzeptierte, d. h. dass er der ihm vorherbestimmten Art zu sterben nicht auswich, sondern lediglich versuchte, seinem Tod einen Sinn zuzuordnen, der die Inanspruchnahme fremder Hilfe aber nicht ausschloss. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen, lässt sich die von Taci‐ tus bezeugte Art des Sterbens Lucans als praktischer Vollzug einer Selbstverpflichtung des Dichters interpretieren, den Tod so zu erleiden, wie er ihm durch den Todesbefehl Neros auferlegt war. Weder die o. z. Notiz des Tacitus, noch das Vorbild des Crastinus, dem sich Lucan angeblich verpflichtet fühlte, liefert Anhaltspunkte für die Vermu‐ tung, dass sich Lucan für befugt gehalten haben könnte, der ihm vom Schicksal aufer‐ legten Art zu sterben auszuweichen, etwa indem er Dritte, gar einen Arzt, darum bat, ihm das Sterben zu erleichtern. Annaeus Mela1960 L[ucius] oder M[arcus] Annaeus Mela, der Vater des o. g. Dichters Lucan sowie ein Bruder des Philosophen Seneca, der wie sein Sohn und sein Bruder philosophisch dem Stoizismus zugerechnet wird, starb nach einer Notiz des Tacitus zum Jahre 66 n. Chr. folgendermaßen: Paucos... intra dies eodem agmine Annaeus Mela, Cerealis Anici‐ us, Rufrius Crispinus ac Petronius cecidere, Mela et Crispinus equites Romani dignitate senatoria … Mela, quibus Gallio et Seneca parentibus natus, petitione honorum absti‐ nuerat … idem Annaeum Lucanum genuerat, … quo interfecto … accusatorem concivit Fabium Romanum, ex intimis Lucani amicis. mixta inter patrem filiumque coniuratio‐ 3.3.2.2 1960 Vgl. Tab. IV, 42; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 418 nis scienta fingitur, adsimilatis Lucani litteris: quas inspectas Nero ferri ad eum iussit, opibus eius hians. at Mela, quae tum promptissima mortis via, exsolvit venas,...1961 (In‐ nerhalb weniger Tage innerhalb ein und desselben „Zuges“ fielen Annaeus Mela, Ce‐ realis Anicius, Rufrius Crispinus und Petronius, Mela und Crispinus1962 als römische Ritter, aber von senatorischem Rang. Mela, welcher derselben Familie entstammte wie Gallio und Seneca, hatte sich der Bewerbung um Ehrenämter enthalten …. Der‐ selbe hatte Annaeus Lucanus als Sohn … nachdem dieser getötet worden war, zog er sich eine Anklage des Fabius Romanus zu, eines der vertrautesten Freunde des Luca‐ nus. Es wurde ein zwischen Vater und Sohn bestehendes wechselseitiges Wissen um eine Verschwörung erdichtet, wobei ein Brief Lucans nachgebildet wurde. Nachdem Nero diesen eingesehen hatte, erteilte er den Befehl, dass er zu ihm zu bringen sei, weil er an dessen Vermögen interessiert war. Aber Mela öffnete sich, was damals als der bequemste Weg zum Tode galt, die Adern.) Rein äußerlich betrachtet erinnert der Tod Melas eher an den seines Bruders als an den seines Sohnes, insofern Tacitus den Eindruck vermittelt, dass jener sich, wie das auch über Seneca überliefert worden ist, die Adern selbst verletzt habe, wobei Ta‐ citus dies ausdrücklich als die „bequemste“ Art des „Suizids“ charakterisiert. Den‐ noch erscheint die Anwendung von Begriffen wie „Suizid“ oder „Freitod“ auf Mela aus medizingeschichtlicher Sicht als irreführend. Denn da auch der Tod Melas nach Tacitus auf Befehl Neros herbeigeführt wurde, wegen einer angeblichen Verwicklung in eine Verschwörung, ist damit zu rechnen, dass Mela ebenfalls nicht wirklich „frei‐ willig“ starb, sondern lediglich das Recht zugestanden bekam, die Art, wie er zu ster‐ ben wünsche, selbst zu bestimmen, und dementsprechend sich dafür entschied, sich von dem Soldaten binden und die Adern öffnen zu lassen. Die von Tacitus benutzte Formulierung „Aber Mela öffnete sich, was damals als der bequemste Weg zum Tode galt, die Adern.“ ist somit nicht zwingend als Beleg dafür anzusehen, dass sich Mela selbst die tödliche Verletzungen an Armen und Beinen bei‐ brachte, vielmehr deutet Tacitus durch die Charakterisierung der in dem obigen Zitat erwähnten Todesfälle, damit auch denjenigen Melas, mittelst des Verbums cecidere auch für diesen einen Soldatentod an, den man sich am besten so vorstellt, dass der mit der Überbringung des Tötungsbefehls beauftragte Abgesandte Neros, dem Delin‐ quenten zwar die Wahl der Todesart überließ, aber kaum die Ausführung derselben. Vor dem Hintergrund der Beobachtung der Probleme, die Seneca dabei hatte, sich die für eine Selbsttötung erforderlichen Verletzungen selbst beizubringen, ist am ehesten davon auszugehen, dass Mela seine Entscheidung über die von ihm bevorzugte Tö‐ tungsart dadurch zum Ausdruck brachte, dass er dem Todesboten seine Arme entge‐ genstreckte, damit dieser sie binde und ihm auch die entsprechenden Verletzungen beibrachte, wahrscheinlich mittelst eines gladius, insofern davon auszugehen ist, dass die Aufgabe von Todesboten durch Nero Prätorianern übertragen wurde. Aber selbst wenn man die Angabe des Tacitus, dass Mela sich die Adern öffnete1963, wörtlich neh‐ 1961 Vgl. Tac. ann. 16, 17, 1–5; 1962 Zu den außer Mela genannten Personen vgl. Tab. IV, Nr. 40, 41, u. 43; 1963 S. o. Tac. ann. 16, 17, 5: At Mela, quae tum promptissima mortis via, exsolvit venas 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 419 men müsste, ließe sich daraus auf keinen Fall beweiskräftig ableiten, dass jener sich dazu der Hilfe eines „Arztes“ bediente. Thrasea Paetus1964 Deutlicher tritt die persönliche Einschätzung der ethischen Belange des eigenen Ster‐ bens durch einen frühkaiserzeitlichen „Stoiker“ im Falle des Publius Clodius Thrasea Paetus (*in Patavium; † 66 n. Chr. in Rom1965) zutage. Über dessen Tod berichtet Taci‐ tus1966 Folgendes: Tum ad Thraseam in hortis agentem quaestor consulis missus vespe‐ rascente iam die. Inlustrium virorum et feminarum coetus frequentes egerat, maxime in‐ tentus Demetrio Cynicae institutionis doctori, cum quo, ut coniectare erat intentione vultus et auditis, si qua clarius proloquebatur, de naturae animae et dissociatione spiri‐ tus corporisque inquirebat, donec advenit Domitius Caecilius Caecilianus ex intimis amicis et ei quid senatus censuisset exposuit. … Tum progressus in porticum illic a qua‐ estore reperitur … accepto dehinc senatus consulto Helvidium et Demetrium in cubicu‐ lum inducit: porrectis utriusque brachii venis, postquam cruorem effudit, humum super spargens, proprius vocato quaestorius `libamus` inquit `Iovi liberatori. Specta iuvenis; et omen quidem dii prohibeant, ceterum in ea tempora natus es, quibus firmare animum expediat constantibus exemplis.`1967 (Dann wurde zu Thrasea, der sich in den Gärten aufhielt, ein Quaestor des Konsuls entsandt, als schon der Abend dämmerte. Er hatte eine Versammlung von zahlreichen Männern und Frauen abgehalten, am meisten dem Demetrius, dem Lehrer der kynischen Schule zugewandt, mit dem er, wie aus dem Mienenspiel und dem Gehörten zu erschließen war, wenn sie etwas Wichtigeres sagten, über das Wesen der Seele und die Trennung von Geist und Körper Untersu‐ chungen anstellte, bis Domitius Caecilianus ankam, einer von den vertrautesten Freunden und ihm, was der Senat beschlossen hatte, darlegte. … Dann trat er in die Vorhalle und wurde dort von dem Quaestor angetroffen … nachdem er den Senats‐ beschluss zur Kenntnis genommen hatte, führte er den Helvidius Priscus und den Demetrius in sein Schlafgemach: Indem er [diesen] die Adern beider Arme ausge‐ streckt hatte, und nachdem er das Blut vergoss, rief er, indem er es über dem Boden verspritzte, den Quaestor näher heran und sagte: `Lasst uns opfern, Jupiter dem Be‐ freier. Sieh zu, junger Mann. Und mögen freilich ein Vorzeichen die Götter verhin‐ dern, im Übrigen bist du in solche Zeiten hineingeboren, in welchen es hilfreich sein könnte die Seele mit standhaften Beispielen zu stärken.´) Thrasea Paetus sah nach den ihm von Tacitus in den Mund gelegten Worten den eigenen Tod, obwohl dieser durch einen entsprechenden Beschluss des Senats er‐ zwungen worden war, als einen Akt der Befreiung an, augenscheinlich als einen Akt 3.3.2.3 1964 Vgl. Tab. IV, 44; 1965 Vgl. Goulet, R.: Thrasea Paetus (P. Clodius). In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philoso‐ phes antiques. Band 6, CNRS Éditions, Paris 2016, S. 1142–1146. Eck, W.: P. Clodius Thrasea Pae‐ tus. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 3, Stuttgart 1997, Sp. 41 f. 1966 Sueton (Nero 37) suggeriert im Falle des Thrasea Paetus einen erzwungenen Suizid und Cassius Dio (62, 26, 1) erwähnt lediglich den Tod des Thrasea Paetus als solchen. 1967 Vgl. Tac. ann. 16, 34–35; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 420 der Befreiung seiner Seele aus dem „Gefängnis“ ihres Körpers. Aus diesem Grunde zögerte er nach Tacitus nicht, sich die Blutgefäße beider Arme öffnen zu lassen, – aber durch wen, etwa durch einen Sklaven oder gar durch einen Arzt, wie gelegentlich ver‐ mutet wurde1968? Für die Anwesenheit eines Arztes, der dem Thrasea Paetus die Adern geöffnet haben könnte, liefert die von Tacitus beschriebene Szenerie nicht die geringsten Anhaltspunkte. Nach Tacitus ist vielmehr auch in diesem Falle davon auszugehen, dass die Si‐ cherstellung der Befolgung des Todesbefehls im Wesentlichen dem Todesboten über‐ tragen worden war, d. h. dem zur Überbringung des Todesurteils des Senats entsand‐ ten Quaestor oder dessen Amtsdiener. Jedenfalls wird die Anwesenheit eines Sklaven oder eines Arztes, der diese Aufgabe übernommen haben könnte, von Tacitus nicht erwähnt, weder in dem Park, wo sich Thrasea Paetus vor der Ankunft des Quaestors aufgehalten haben soll, noch in der Säulenvorhalle, wo der Quaestor selbst ihn ange‐ troffen haben soll, noch in seinem Schlafgemach, wohin er sich anschließend zurück‐ gezogen haben soll. Auch die Darstellung derselben Szenerie durch Cassius Dio lässt kaum Spekula‐ tionen darüber zu, dass sich Thrasea Paetus bei der Öffnung der Adern der Hilfe eines Arztes bedient haben könnte: ™ntemën oân t¾n flšba ¢nšteine t¾n ce‹ra, kaˆ œfh. „soˆ toàto tÕ aŒma, ð Zeà 'Eleuqšrie, spšndw“1969. (Als er [Thrasea Paetus] den Ein‐ schnitt in die Ader vollzog, erhob er die Hand, und er sagte: Dir, oh Zeus Liberator, opfere ich dieses Blut.) Die von Cassius Dio gebrauchten Formulierungen lassen zwar die Möglichkeit zu, dass Thrasea Paetus sich selbst eine Ader öffnete. Vor allem die Verwendung der grie‐ chischen Vokabeln für Ader und Hand im Singular lassen eine solche Deutung zu. Andererseits erscheint es aber aus medizinischen Gründen als undenkbar, dass sich Thrasea Paetus allein tödliche Verletzungen an beiden Armen beibrachte; denn wenn er sich wirklich einen Arm selbst verletzt hätte, wäre er wegen der dabei unvermeidli‐ chen Durchtrennung von Sehnen und der dadurch verursachten erheblichen Schmer‐ zen kaum noch in der Lage gewesen, sich eigenhändig auch noch den zweiten Arm zu verletzen, was gewiss notwendig gewesen wäre, um wirklich tödlich wirkende Blut‐ verluste sicherzustellen.1970 Einen anderen Eindruck vermittelt freilich eine Suetonnotiz zu dem Fall:... Paeto Thraseae tristior et paedagogi vultus. Mori iussis non amplius quam horarum spatium dabat; ac ne quid morae interveniret, medicos admonebat qui cunctantes continuo cur‐ arent; ita enim vocabatur venas mortis gratia incidere.1971 (… Dem Paetus Thrasea 1968 Vgl. dazu: Dorminger, G. in einer Übersetzung: „Tacitus Germania; Die Annalen, Goldmann Klas‐ siker Bd. 7518, München 1957. S. 319, Anm. 699: „Man darf wohl annehmen, dass ein Arzt zum Öffnen der Pulsadern zur Stelle war.“ (ohne jede Begründung) 1969 Vgl. Cass. Dio 62, 26, 4; 1970 Es ist in diesem Zusammenhang noch einmal daran zu erinnern, dass es für einen medizinischen Laien sehr schwer ist, sich mittelst Verletzungen an den Unterarmen, etwa mit Hilfe eines Dolches, tödliche Verletzungen beizubringen, weil man so zunächst stark innervierte Sehnen und Venen verletzen würde, bei deren Verletzung der Blutverlust erst nach sehr langer Zeit zu einem tödlichen Kreislaufkollaps führen würde. 1971 Vgl. Suet. N. 37, 1–2; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 421 wurde das allzu düstere Antlitz eines „Schulmeisters“ [zum Verhängnis]. Denen be‐ fohlen worden war zu sterben, gab er [Nero] dazu nicht mehr als jeweils eine Stunde Zeit; und damit keine Verzögerung eintrete, ermahnte er die „Heiler“, dass sie die Zö‐ gernden sofort „behandelten“. So nämlich bezeichnete man das Öffnen der Adern um des Todes Willen.) Man könnte aufgrund dieser Angaben Suetons fast zu der Annahme gelangen, dass Nero u. a. im Falle des Thrasea Paetus mit der Überbringung des Befehls zu ster‐ ben „Ärzte“ beauftragt habe, denen die dringende Ermahnung erteilt worden sei, dass sie die jeweiligen Delinquenten, soweit sich jene bei der Wahl der Todesart zu viel Zeit ließen, unverzüglich „behandelten“, d. h. ihnen augenblicklich große Blutgefäße öffneten, damit sie an den zu erwartenden Blutverlusten stürben. Da jedoch in kei‐ nem einzigen der von uns untersuchten Einzelfälle von Tötungen und Fremdtötungen innerhalb des von uns ausgewählten Untersuchungszeitraums ein Skalpell als Tö‐ tungsmittel nachgewiesen werden konnte und auch in der Darstellung des Endes des Thrasea Paetus weder durch Tacitus noch durch Cassius Dio die Anwesenheit eines Arztes während dessen Ablebens erwähnt wird, erscheint es als zwingend, den Begriff „medicus“ in dem obigen Zitat anders zu deuten. Es ist auch bezogen auf diesen Fall zu berücksichtigen, dass der Tod in einem un‐ mittelbaren Zusammenhang mit der Verurteilung in einem vor dem Senatsgericht ge‐ führten Strafprozess erfolgte, nämlich im Rahmen des Vollzuges eines vom Senat ver‐ hängten Todesurteils. Die o. z. Darstellungen des Falles Thrasea Paetus durch Tacitus, Cassius Dio und Sueton sind dabei dahingehend zu deuten, dass auch schon unter Nero bestimmten Delinquenten im Zusammenhang mit der Bekanntgabe des über sie verhängten Todesurteils ein „librum arbitrium mortis“1972 eingeräumt wurde, d. h. das Recht, unter Beachtung einer bestimmten Frist, vielleicht in einer Stunde, die Art, in der sie starben, selbst zu bestimmen1973. Dass der praktische Vollzug der Tötung von den Delinquenten dabei Dritten, von diesen selbst zu bestimmenden Personen, d. h. Privatpersonen wie z. B. Ärzten, hätte übertragen worden sein können, ist aber in Anbetracht des auch im Römerreich be‐ stehenden staatlichen Gewaltmonopols unwahrscheinlich. Die Tötung eines Men‐ schen durch eine Privatperson unterlag grundsätzlich, wie bereits dargelegt wurde1974, den Straftatbestandsdefinitionen der lex Cornelia de sicariis et veneficiis, konnte also nur im Rahmen von Militäraktionen, auf der Grundlage eines Gesetzes oder eines Gerichtsurteils von dazu berechtigten Personen erfolgen, d. h. durch Soldaten, oder Träger öffentlicher Ämter und deren Amtsgehilfen. Dass von diesem Prinzip im Falle des Thrasea Paetus abgewichen worden sein könnte, kann aber in jedem Falle nicht durch die zur Zeit bekannten Quellen als belegbar angesehen werden. Im Prinzip wäre denkbar, dass der Kaiser auch in seinem Dienst und unter sei‐ nem persönlichen Befehl stehende „Ärzte“ mit der Vollstreckung von Todesurteilen 1972 Vgl. dazu die entsprechende Praxis unter Domitian: S. o. Kap. 2.3; vgl. dazu Tab. IX; 1973 Auch Cassius Dio (62, 26;) erwähnt einen Strafprozess als Grund für die Selbsttötung, was die Ge‐ währung eines librum arbitrium mortis durchaus zulässt. 1974 S. o. Kap. 3,2; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 422 beauftragte. Dieser Gedanke erscheint aber als wenig plausibel, insofern die Vollstre‐ ckung von Todesurteilen, unabhängig davon, von welchem Gericht diese verhängt worden waren, in der Regel Offizieren der Prätorianergarden übertragen wurde. Da‐ her wird man auch im vorliegenden Fall davon auszugehen haben, dass die Vollstre‐ ckung des Todesurteils, unbeschadet des dem Delinquenten eingeräumten Rechts, über die Todesart selbst zu bestimmen, entweder dem Quästor oder einem von des‐ sen Amtsgehilfen (einem Prätorianer?) anvertraut wurde, der dann dem Thrasea Pae‐ tus „wunschgemäß“ die Armadern öffnete, selbstverständlich nicht mit einem Skalpell, sondern mit dem zu seiner regulären Waffenausstattung gehörenden „gladius“. Die nach Sueton von Nero angeblich an „medici“ gerichtete Mahnung, zögernde „Patienten“ sofort zu „behandeln,, – u. a. im Zusammenhang des Todes des Thrasea Paetus, ist daher als zynische Umschreibung der gelegentlich schon unter Nero geüb‐ ten Praxis zu deuten, dass die zur Tötung der jeweiligen Delinquenten entsandten Soldaten zwar angehalten wurden, jenen das liberum arbitrium mortis zu gewähren, aber gleichzeitig streng darauf zu achten hatten, dass jene sich für die Wahl einer be‐ stimmten Tötungsart nicht zu viel Zeit nahmen. Der Realitätsbezug der von Sueton Nero unterstellten Metapher dürfte sich dabei im Wesentlichen auf zweierlei be‐ schränkt haben: – einmal dass es unter den Prätorianern wie in anderen Teilen der römischen Ar‐ mee auch medici gab, die erkrankte oder verwundete Kameraden therapeutisch zu „behandeln“ hatten, – zum anderen auch, dass die Öffnung von Adern zu therapeutischen Zwecken, der sog. Aderlass (gr. Phlebotomie bzw. lat. missio sanguinis)1975 bereits in der Antike (u. a. von Hippokrates) als Heilverfahren bei verschiedenen Erkrankungen praktiziert wurde. Arria und das liberum arbitrium mortis Nicht nur für das Verständnis der Auffassung des Thrasea Paetus, sondern auch dasje‐ nige von dessen Schwiegersohn Helvidius Priscus sowie aller übrigen Stoiker1976 scheint von Bedeutung gewesen zu sein, wie man sich noch zwei Generationen später an den Tod Arrias d. Ä.1977, der Schwiegermutter des Thrasea Paetus erinnerte. Der jüngere Plinius nimmt in einem Brief an Maecilius Nepos1978 ein Gespräch1979 mit 3.3.2.4 1975 Vgl. Lenhardt, F.: Blutschau. Untersuchungen zur Entwicklung der Hämatoskopie, Würzburg 1986 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen, 22. Mayer, J. G.: Die Blutschau in der spätmittel‐ alterlichen deutschen Diagnostik, Sudhoffs Archiv 72 (1988), S. 225–233; Giess, S.: Merckwürdige Begebenheiten in: Traverse. Zeitschrift für Geschichte – Revue d´ histoire, 1993/3; Januar: Bauernund Wetterregeln Webseite des Verlags Eugen Ulmer, aufgerufen am 14. Januar 2013; Naturheil‐ verfahren: Richtig glücklich und entspannt nach dem Aderlass in: Die Welt, 14. Juli 2012; http:// www.praxisvantreek.de/behandlung en/Aderlass/.pdf (2014) Vgl. Leven, K.-H., Aderlaß, in: Leven, K.-H., Antike Medizin. …, s. o. München 2005, Sp.794–795; 1976 Vgl. Tieleman, T., Stoa, in: Leven, K.-H., Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 832 f.; für die frühe römische Kaiserzei, aber wenig ergiebig; 1977 Vgl. Tab. III, 10; 1978 Vgl. Plin epist. III,16; 1979 Plin epist. III, 16, 2; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 423 Fannia, der zweiten Gemahlin von Thrasea Paetus´ Schwiegersohn Helvidius Priscus d. Ä.1980 zum Anlass, an das Leben und Sterben jener Arria zu erinnern. Arria war mit Aulus Caecina Paetus1981 verheiratet gewesen, der wegen der Teilnahme an einer Verschwörung des Scribonianus1982 gegen Claudius im Jahre 42 n. Chr. angeklagt und zum Tode verurteilt worden war. Nach den Angaben Plinius´d. J. hatte Arria, als ihr Gemahl verhaftet worden war und mit einem Schiff von Illyren nach Rom überführt werden sollte, vergeblich versucht, die Soldaten, die ihren Gemahl festgenommen hatten, dazu zu überreden, ihr zu erlauben auf demselben Schiff zu fahren, hatte dann aber ein Fischerboot gemietet, um an dem Prozess gegen ihren Gemahl teilzuneh‐ men1983 und auch schon im Zusammenhang damit einen Suizid erwogen1984. Als auch Thrasea Paetus, ihr Gemahl, zum Tode verurteilt wurde, soll sie, um ihm ein Beispiel zu geben, zum Schwert gegriffen, sich selbst damit verwundet1985 und dann zu ihm gesagt haben: Paete, non dolet.1986 (Paetus, es schmerzt nicht.)1987 Es ist in diesem Kontext nicht wichtig, Gewissheit darüber zu erhalten, ob Arria die ihr von Fannia bzw. von Plinius und Cassius Dio unterstellten Worte tatsächlich gesagt hat. Bemerkenswert für das Verständnis der Einschätzung des Suizids durch die frühkaiserzeitlichen Stoiker ist lediglich, dass diese Geschichte verbreitet und of‐ fensichtlich auch geglaubt wurde1988, – vor allem aber auch, dass das der Arria unter‐ stellte Verhalten keinerlei Spielraum lässt für die Vermutung, dass die grundsätzliche Bejahung des Suizids durch die Stoiker auch die Bejahung der Inanspruchnahme der Hilfe eines Arztes zum Zwecke der Selbsttötung einschloss. Inwieweit auch noch von anderen Stoikern unseres Untersuchungszeitraums das liberum arbitrium mortis postuliert und „praktiziert“ wurde, ist nicht ganz klar. Über das Ende des ebenfalls zum Stoizismus neigenden Barea Soranus1989 und dessen Tochter Servilia1990 wird lediglich mitgeteilt, dass ihnen im Zusammenhang ihrer 1980 S. o. Vgl. Tab. VIII, 6; 1981 cos. 37 (CIL 14, 00245); zu Aulus Caecina Paetus vgl. auch Groag, E.: Caecina 22. In: RE, III, 1, Stuttgart 1897, Sp. 1241; s. o. Tab. III, 9; 1982 Lucius Arruntius Camillus Scribonianus (†wohl 42 n. Chr. in Issa); vgl. Gundel, H. G.: Arruntius II. 7. In: KIP, Bd. 1, Sp. 608. DNP, Bd. 2, Sp. 33. S. o. Tab. III, 7; 1983 Vgl. Plin. epist. 3, 16, 7 - 9; 1984 Vgl. Plin. Epist. 3, 16, 9; 1985 Vgl. Cass. Dio 60, 16, 6; 1986 Plin. epist. 3, 16, 13; 1987 Tacitus erwähnt im Zusammenhang seiner Darstellung des Endes des Thrasea Paetus diese Episode nicht (vgl. Tac. ann. 16, 33, 35;), das könnte aber daran liegen, dass dessen Darstellung unvollstän‐ dig überliefert ist. Cassius Dio berichtet darüber jedoch folgendermaßen: tÕ g¦r x…foj laboàsa ˜aut¾n œtrwse, kaˆ ™ke…nw êrexen e„poàsa `„doÚ, Pa‹te, oÙk ¢lgî.´ (vgl. Cass Dio 60, 16, 6;) (Sie griff nämlich nach dem Schwert und brachte sich eine Wunde bei, dann reichte sie es jenem, indem sie sagte: `Sieh Paetus, ich habe keine Schmerzen.´) 1988 Fannia soll gemeinsam mit Arria, ihrer Mutter auch dem Herennius Senecio Material für die von ihm verfasste Biografie zur Verfügung gestellt haben. Vgl. Tac. Agr. 2; Plin. epist. 7, 19, 5; Cass. Dio 67, 13. S. o. Tab. IX, 18; 1989 Zum Tode des Quintus Marcius Barea Soranus (*vor 52; †65 oder 66) vgl. Tac. ann. 16. 30, 32; Jus‐ tin IV. In: Juv. Saturae 3, 116; Cass. Dio 62, 26; s. o. Tab. IV, Nr. 44; 1990 S. o. Tab. IV, Nr. 45; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 424 Verurteilung durch den Senat das liberum arbitrium mortis1991 gewährt worden sei, – woraus man allerdings wird schließen dürfen, dass auch jene sich – nach dem Beispiel des Thrasea Paetus - zum Zwecke des Vollzugs des Todesurteils die Adern öffnen lie‐ ßen. In den Fällen von Helvidius Priscus d. Ä. und dem J. lässt sich den Quellen zwar entnehmen, dass sie aufgrund entsprechender Urteile des Senatsgerichts getötet wur‐ den, der Vater noch während der Regentschaft Vespasians1992, der Sohn unter Domiti‐ an1993. Ob jene der Vollstreckung der Todesurteile jedoch durch Selbsttötungen zu‐ vorkamen, ist aufgrund der dazu in den Quellen gebrauchten Formulierungen nicht mit letzter Sicherheit zu entscheiden1994. Da unter Domitian aber die Gewährung des sog. liberum arbitrium mortis für durch das Senatsgericht Verurteilte allgemein üblich geworden zu sein scheint1995, kann zumindest für Helvidius Priscus d. J. die tatsächli‐ che Inanspruchnahme dieses Rechts und damit auch – in Anlehnung an die Vorbilder unter Nero verurteilter Philosophen - eine Verletzung stark blutender Gefäße als To‐ desart als wahrscheinlich angenommen werden. Im Falle des nach vorheriger Verban‐ nung getöteten Helvidius Priscus d. Ä. wird man aber zumindest die Möglichkeit, dass der mit der Tötung beauftragte Soldat dem Delinquenten die Wahl der Todesart zuge‐ stand, nicht ausschließen dürfen. Eine Beteiligung von Ärzten an der Tötung dieser „Stoiker“ ist aber ebenfalls nicht nachweisbar1996, und unter Berücksichtigung des sich in der lex Cornelia de si‐ cariis et veneficiis konkretisierenden staatlichen Gewaltmonopols gegenüber „Straftä‐ tern“ auch unwahrscheinlich.1997 Fazit: Der „Freitod“ als Idealvorstellung eines selbstbestimmten Lebens? Ungeachtet des Ausschlusses ärztlicher Tötungsassistenz im Falle Senecas und auch der übrigen sog. Stoiker ist indessen nicht zu leugnen, dass die Art und Weise, in der jene in den Tod gingen, den Eindruck entstehen lassen kann, dass der Suizid bei die‐ sen in gewisser Weise einer Idealvorstellung von dem Ende eines selbstbestimmten Lebens entsprach. Es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass sowohl Seneca als auch Thrasea Paetus im Angesicht des eigenen Todes nach Tacitus dem Iup‐ piter liberator „opferten“.1998 Man muss natürlich bei diesen Fällen auch mit Stilisie‐ rungen durch die darüber berichtenden Historiker rechnen. 3.3.2.5 1991 Vgl. Tac. ann. 16, 33, 2: Thraseae Soranoque et Serviliae datur mortis arbitrium. (Dem Thrasea und dem Soranus und der Serviliae wurde die Wahl der Todesart zugestanden.) 1992 S. o. Tab. VIII, Nr. 6; 1993 S. o. Tab. IX, 17; 1994 Es sind dazu nur sehr knappe Notizen Suetons und Dios überliefert, in welchen den jeweiligen Kai‐ sern eine Tötung der jeweiligen Personen angelastet wird. Zumindest für die „Opfer“ der angebli‐ chen „Terrorjustiz“ Domitians ist aber davon auszugehen, dass den „Tötungen“ entsprechende ge‐ richtliche Verurteilungen durch das Senatsgericht vorausgingen. S. o. Kap. 2.3; 1995 Vgl. dazu. Suet. Dom. 11, 3; 1996 S. o. Kap. 3.3.2.2; 1997 Vgl. Tac. ann. 15, 15. 2; 1998 S. o. Tac. ann. 15, 64, 4: postremo … [Seneca] respergens proximos servorum addita voce libare se li‐ quorem illum Iovem liberatori …; ähnlich Tac. ann. 16, 35, 1: … postquam cruorem effudit, humum 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 425 Auf der anderen Seite wird von Sueton jedoch glaubwürdig bezeugt, dass zumin‐ dest Domitian öffentlichem Druck nachgab, als er entschied, dass Verurteilten die Wahl der Todesart überlassen sein sollte: deinde atrocitate poenae puniendi, ad lenien‐ dam invidiam intercessit his verbis – permittite, patres conscripti, a pietate vestra impe‐ trari, quod scio me difficulter impetraturum, ut damnatis liberum mortis arbitrium in‐ dulgeatis; nam et parceatis occulis vestris et intellegant me omnes senatui interfuisse.1999 (darauf schritt er, erschrocken über die Grausamkeit der Bestrafungen, um die Erbit‐ terung zu mildern, mit diesen Worten ein – erlaubt, Väter und Dazugeschriebene, dass von Eurem Pflichtgefühl gegenüber Göttern und Menschen erwirkt werde, wo‐ von ich weiß, dass selbst ich es nur schwer werde erwirken können, dass ihr Verurteil‐ ten die freie Entscheidung über die Todesart bewilligt; denn so würdet ihr nicht nur eure Augen schonen, sondern alle würden erkennen, dass ich an der Senatssitzung teilgenommen habe.) Auch wenn zu bezweifeln ist, dass Domitian auf diese Weise Verurteilten, unter denen sich nicht wenige „Stoiker“ befanden, die völlig freie Wahl der Todesart über‐ lassen wissen wollte, so lässt sich dieser Antrag gleichwohl mittelbar als Ausdruck einer zumindest in gebildeten Kreisen weitverbreiteten Auffassung deuten, nach wel‐ cher die freie Entscheidung über den eigenen Tod als ein wesentlicher Teil der per‐ sönlichen Freiheit angesehen wurde. Und daher könnte sich dem Betrachter die Frage aufdrängen: Wenn diese Auffas‐ sung von den „Stoikern“ so vehement vertreten wurde, dass selbst der Kaiser sie be‐ rücksichtigen zu sollen glaubte, sollten da nicht auch Ärzte hier und da geneigt gewe‐ sen sein, entsprechenden Wünschen sie gut honorierender Patienten nachzugeben, eventuell im Rahmen von Fällen, über die in den Quellen nichts berichtet wird, weil diese nicht als politisch relevant angesehen wurden, oder im Falle des Caninius Rebi‐ lus, der sich lediglich deswegen selbst töteten, weil er sich durch einen selbst gewähl‐ ten Tod besser den Unbilden von Alter und Krankheit entziehen zu können glaub‐ te2000? U. a. um darüber Aufschluss zu erhalten, sollen im Folgenden Zeugnisse bespro‐ chen werden, in denen Ärzte selbst sich zu der Frage des Ethos ihres Berufes äußern. super spargens, … ´libamus` inquit [Thrasea Paetus] ´Iovi liberatori`...Vgl. Cass. Dio 62, 26, 4: ™ntemën oân t¾n flšba ¢nšteine t¾n ce‹ra, kaˆ œfh `soˆ toàto tÕ aŒma, ð Zeà 'Eleutšrie, spšndw.. 1999 Suet. Dom. 11, 3; 2000 Vgl. Tac. ann. Tac. 13, 30, 2: Caninius Rebius, ex primoribus peritia legum et pecuniae magnitu‐ dine, cruciatus aegrae senectae misso per venas sanguine effugit (Caninius Rebilus, einer von den führenden Leuten aufgrund seiner Gesetzeskenntnis und der Größe seines Vermögens, der von einem schweren Alter gebeugt war, machte sich, indem er das Blut aus den Adern vergoss, davon.) Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 426 Das Heilerethos von Ärzten in der frühen römischen Kaiserzeit Aus dem Untersuchungszeitraum sind drei Ärzte bekannt, die auch als Schriftsteller in Erscheinung getreten sind: – Cornelius Aulus Celsus und – Scribonius Largus – Pedanios Dioskurides Zu diesen wäre u. U. auch noch der „Evangelist“ Lukas zu rechnen, sofern es sich er‐ weisen sollte, dass dieser tatsächlich ein „Arzt“ gewesen sein sollte2001. Von den o. g. Autoren erfreute sich der o. g. Pedanios Diskurides bereits in der Antike einer besonderen Wertschätzung. Man geht heute allgemein davon aus, dass Pedanius Dioskurides2002 um die Zeitenwende in Anazarbos in Kilikien geboren wur‐ de, in Tarsos, einem wichtigen Zentrum der Fertigung und des Handels mit pharma‐ kologischen Substanzen, (in dem Heimatort des Apostels Paulus) pharmakologisch ausgebildet wurde, im Dienste der römischen Kaiser Claudius und Nero als Militär‐ arzt diente und zwischen 50 – 70 n. Chr. in griechischer Sprache sein pharmakologi‐ sches Hauptwerk „Περὶ ὕλης ἰατρικῆς,“ (lat.: De materia medica) verfasste2003. Als sinnfälliger Ausdruck der großen Wertschätzung dieses Werkes bereits in der Antike gilt u. a. die prachtvolle Gestaltung der zu Beginn des 6. Jahrhunderts entstan‐ denen ältesten bekannten Handschrift dieses Werks, des sog. Wiener Dioskurides2004, der nicht zuletzt wegen zahlreicher Abbildungen von Arzneipflanzen einen großen kulturgeschichtlichen Wert besitzt. Die Bedeutung dieses Werkes spiegelt sich auch darin, dass es u. a. von Galenos (*129 oder 1312005 in Pergamon2006; † um 199, 201 oder 215 – 217 n. Chr. in Rom2007) sehr geschätzt wurde2008. Im Laufe der Zeit wurden unter dem Namen des Pedanius Dioskurides noch wei‐ tere Werke pharmakologischen und medizinischen Inhalts veröffentlicht, die hier aber unberücksichtigt bleiben müssen, da deren Zuordnung zu einem bestimmten 3.3.3 2001 Vgl. Schulze, Chr.: Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittelalter, Tübingen 2005, S. 126, Nr. 161; Diese Auffassung ist in jüngster Zeit in Frage gestellt worden; s. u.: Kap. 3.3.3.4; 2002 Vgl. Stamatu, M., Dioskurides, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 832–833; 2003 Vgl. Kudlien, F. in: Dioskurides 5, KlP Bd. 2, Sp. 91; s. o. Stamatu, M., Dioskurides, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 227–229; 2004 Cod. med. gr. 1, ÖNB von 512/3 n. Chr: Vgl. Dioscurides: Codex Vindobonensis med. Gr. 1 der Österreichischen Nationalbibliothek (= Codices selecti. Bd. 12). Kommentiert von H. Gerstinger. 2 Bände. Graz 1970. Mazal, O.: Pflanzen – Wurzeln – Säfte – Samen. Antike Heilkunst in Miniaturen des Wiener Dioskurides. Graz 1981. De materia medica. Codex Neapolitanus, Napoli, Biblioteca nazionale, Ms. Ex. Vindob. Gr. 1, kommentiert von C. Bertelli, u. a., 2 Bände. Salerno Editrice, Rom, Graz 1988/1992; 2005 Vgl. M. Bariéty, Coury CH? – Histoire de la Médecine. Librairie Arthème Fayard, 1963, S. 195– 215. 2006 Vgl. Ilberg, J.: Wann ist Galenos geboren? Sudhoffs Archiv 23 (1930), S. 289–292; zu Galen vgl. Tieleman, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 315–319; 2007 Vgl. Nutton V.: Ancient Medicine. London – New York 2004, S. 226–227; 2008 Vgl. Touwaide, A.: Pedanios Dioskurides. In: DNP, Bd. 9, Stuttgart 2000, Sp. 462–465. Wellmann, M.: Die Pflanzennamen des Dioskurides. In: Hermes. Band 33, Nummer 3, 1898, S. 360–422. 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 427 Autor, somit auch deren chronologische Zuordnung zum Untersuchungszeitraum zweifelhaft ist. Lediglich ein weiteres unter dem Namen Dioskurides überliefertes Werk, Περὶ ἁπλῶν φαρμάκων“, („Über die einfachen Heilmittel“) wird zunehmend als ein Original angesehen2009. Aber auch in Bezug darauf sind letzte Zweifel nicht ausgeschlossen, so dass dieses Werk als Grundlage für die Beurteilung des beruflichen Selbstverständnisses dieses Autors als Arzt sich nicht eignet. Der oben als erster erwähnte Aulus Cornelius Celsus2010 soll in den Jahren zwi‐ schen 25 vor und 50 n. Chr. gelebt haben und ist als Verfasser eines in lateinischer Sprache abgefassten heilkundlichen Werkes mit dem Titel „De medicina“ in Erschei‐ nung getreten.2011 Zeitweilig galt es zwar als zweifelhaft, dass Celsus überhaupt den Beruf eines Arztes ausgeübt habe, aber diese Zweifel dürfen dank einer neueren Un‐ tersuchung aus der Feder Christian Schulzes weitgehend als ausgeräumt angesehen werden2012. Daher darf auch dieses Werk nicht nur als ein wichtiges Denkmal früh‐ kaiserzeitlichen ärztlichen Wissens angesehen werden, sondern auch als Quelle für das berufliche Selbstverständnis von frühkaiserzeitlichen Ärzten2013. Scribonius Largus2014, der 2. der o. g. Autoren, ist als Verfasser einer heilkundli‐ chen Schrift mit dem Titel „compositiones“ bekannt, welche jener einem gewissen Gaius Iulius Callistus widmete. Eine Persönlichkeit mit diesem Namen gilt als Sklave und Vater einer Geliebten des Kaisers Caligula. Der Vater wurde von eben demselben Kaiser auch frei gelassen, beteiligte sich 41 n. Chr. aber an einer Verschwörung gegen Caligula2015, infolge deren dessen Onkel Claudius anschließend den Thron bestieg2016. Während der Herrschaft des Claudius (*1. 08. 10 v. Chr. in Ludgudunum, heute Lyon; †13. 10. 54 n. Chr.) bekleidete Callistus, der Widmungsadressat der „compositiones“ das Amt eines Prokurators a libellis (für Petitionen) und galt daher als einer der ein‐ flussreichsten Freigelassenen dieses Kaisers2017. Da Scribonius Largus Claudius in den compositiones als „deus noster Caesar“ be‐ zeichnet und den Kaiser auch auf einem Feldzug nach Britannien begleitete2018, nimmt man an, dass er – jedenfalls bis zum Tode der Valeria Messalina2019 – Leibarzt 2009 Vgl. Touwaide, A.: Pedanios Dioskurides. In: DNP, Bd. 9, Stuttgart 2000, Sp. 462–465; zu neuerer Literatur über Diosk. vgl. Daxecker, F.: Heilpflanzen bei Augenerkrankungen im Wiener Dioskuri‐ des, in: Mitteilungen der Julius-Hirschberg-Gesellschaft zur Geschichte der Augenheilkunde, Bd. 5, 2003, S. 9–17 (2006). Ders: Medicinal Herbs in the Viennese Dioscurides. In: Klin Mbl Augenheil‐ kunde 224, 2007, S. 611 f. Ders.: Heilpflanzen der Augenheilkunde in der Handschrift Macer flori‐ dus und ein Vergleich mit De Materia medica des Dioskurides, Codex medicina antiqua und Wie‐ ner Dioskurides. In: Klin Mbl Augenheilkunde 225, 2008, S. 308–311. 2010 Vgl. Oser-Grote, C., Celsus, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 832–833; 2011 Vgl. Kollesch, J., Nickel, D.: Antike Heilkunst - Ausgewählte Texte. Stuttgart 1994. Spencer, W.: Celsus. De Medicina. Cambridge 1935-1938 (Lat.– engl.). 2012 Vgl. Schulze, Chr., s. o. 2013 Vgl. zu allen Fragen, die A. Celsus betreffen, Schulze, Chr. Celsus: Hildesheim 2001; 2014 Vgl. Hahn, J., Scribonius Largus, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 786; 2015 S. o. Tab. III, 1; 2016 Vgl. Ios. ant. Iud. XIX.1.10ff 2017 Vgl. dazu: Tac. ann. 11, 29. 38. 12, 1; 2018 Vgl. Scrib. Larg. compositiones 163; 2019 S. o. Tab. III, 28; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 428 des Claudius gewesen sei, vielleicht auch Leibarzt Messalinas. Da Messalina in den compositiones noch als lebend erwähnt wird2020, ist davon auszugehen, dass das Werk während der Ehe zwischen Claudius und Messalina entstand, d. h. in den Jahren 44 – 48 n. Chr.. Aulus Cornelius Celsus2021 Um auch möglichen zeittypischen Veränderungen des beruflichen Selbstverständnis‐ ses auf die Spur zu kommen, sollen geeignete Zeugnisse aus der o. g. „Fachliteratur“ hier möglichst in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Entstehung besprochen werden. Obwohl speziell über die Biographie des Aulus Celsus so gut wie nichts bekannt ist, scheint dessen Hauptwerk „De medicina“, neben den compositiones des Scribonius Largus, vielleicht aber auch noch vor dem letzteren, das älteste der o. e. Werke zu sein. Als Grundlage für die Beurteilung der Zielsetzungen zahlreicher literarischer Werke der griechischen und römischen Antike nehmen die Proömien derselben eine Schlüs‐ selstellung ein. Ausgehend von dieser Überlegung soll hier jetzt der Versuch unternommen wer‐ den, das Rollenverständnisses des Celsus als Arzt zunächst2022 auf der Grundlage von Formulierungen im Prooemium des 1. Buches von de medicina zu untersuchen. Be‐ reits der Einleitungssatz dieses Proömiums enthält aufschlussreiche Formulierungen: Ut alimenta sanis corporibus agricultura, sic sanitatem aegris medicina promittit. haec nusquam quidem non est siquidem etiam inperitissimae gentes herbas aliaque promta in auxilium vulnerum morborumque noverunt.2023 (Wie Nahrungsmittel den gesun‐ den Körpern der Ackerbau [verspricht], so verspricht Gesundheit den kranken [Kör‐ pern] die Heilkunde. Diese [Wissenschaft] gibt es überall, insofern sogar die unerfah‐ rensten Völker Kräuter und und andere [Mittel], die geeignet sind zur Abhilfe gegen Verwundungen und Krankheiten, kennen) Der Heilkunde ordnet der Autor eine ähnlich elementare Rolle für das Leben der Menschen zu wie dem Ackerbau. Schon dieser Satz lässt keinen Zweifel daran zu, dass Celsus die wesentliche Aufgabe von Ärzten darin sieht, zu heilen. Für die Überlegung, dass Ärzte von Fall zu Fall bestimmten Patienten auch „Sterbehilfe“ leisten sollten, lassen diese Formulierungen keinen Raum. Die o. z. Kernthese von der Medizin als einer Kunst des Heilens veranschaulicht Celsus anschließend durch einen kurzen Streifzug durch die Geschichte des Faches. 3.3.3.1 2020 Vgl. Scrib. Larg. compositiones. 60; 2021 Vgl. Oser-Grote, C., Celsus, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 189– 191; 2022 Später soll auch noch auf Formulierungen aus dem Text von Buch V. eingegangen werden. 2023 Vgl. Cels. de medina pr. 1; zum Inhalt und zur Gliederung von de medicina ist vor allem hinzuwei‐ sen auf: Schulze, Chr.: Celsus, Hildesheim 2001; (mit Hinweisen auf weitere Literatur;) 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 429 Diesen beginnt er in den Zeiten Homers, mit Bemerkungen zu Aeskulap2024 und zu dessen Söhnen Podalirius2025 und Machaon2026, setzt ihn fort mit Hinweisen auf die angeblich auch in der Heilkunde erfahrenen Philosophen Pythagoras2027, Empedo‐ kles2028 und Demokrit2029 bis zu Hippokrates von Kos2030. Im Anschluss daran lenkt er die Aufmerksamkeit des Lesers auf das Wirken von Diokles2031, Karistios2032, Herophi‐ lus2033 und Erasistratus2034, auf die angeblichen Begründer der medizinischen Teildis‐ ziplinen Diätetik, Pharmazie und Chirurgie,2035 dann auch auf Ärzte wie Serapion, Apollonius, Glaukias, Heraklides v. Tarent, Asklepiades und Themison,2036 die er als Be‐ gründer der Methodikerschule charakterisiert, - im Unterschied zu mit diesen rivali‐ 2024 Vgl. Cels. S. o. pr. 2: Ut pote cum vetustissimus auctor Aesculapius celebretur, qui quoniam adhuc ru‐ dem et vulgarem hanc scientiam paulo subtilius excoluit, in deorum numerum receptus est. Ä. wurde im gesamten Mittelmeerraum als Heilgott verehrt; „geboren“ wurde er in Thessalien oder in Epidauros; vgl. Schnalke, Th., Asklepios, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 110–112; 2025 Ihm werden Fähigkeiten als Diagnostiker innerer Erkrankungen nachgesagt; Vgl. Lange, K., Po‐ daleirios, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 720 - 721; 2026 Vgl. Cels. s. o. pr. 4: Huius deinde duo filii Podalirius et Machaon bello Troiano ducem Agamemno‐ nem secuti non mediocrem opem commilitonibus suis attulerunt; ihm werden Fähigkeiten in der Chirurgie nachgesagt; vgl. Lange, K., Machaon, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 579–580; 2027 (ca. 570 – 490 v. Chr.) *auf Samos, gründete in Kroton (Süditalien) eine Philosophenschule, propa‐ gierte die Seelenwanderung und damit ein Fleischverzehrverbot, gilt daher als Begründer der Diä‐ tetik; vgl. Oser-Grote, C., Pythagoras, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 742; 2028 (ca. 490 – 430 v. Chr.) Naturphilosoph und „Wanderarzt, vgl. Oser-Grote, C., Empedokles, in: Le‐ ven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 251 - 252; 2029 Vgl. Cels. s. o. pr. 7: Ideoque multos ex sapientiae professoribus peritos eius fuisse accipimus, clarissi‐ mos vero ex iis Pythagoran et Enpedoclen et Democritum. Aus Abdera (ca. 460–370 v. Chr.), Ato‐ mist, der Sinneswahrnehmungen aus dem Eindringen von Atomen erklärte; vgl. Oser-Grote, C., Demokrit, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 213–214; 2030 Vgl. Cels. s. o. pr. 8: Huius autem, ut quidam crediderunt, discipulus Hippocrates Cous, primus ex omnibus memoria dignus, a studio sapientiae disciplinam hanc separavit, vir et arte et facundia insig‐ nis. 2031 Diokles v. Karystos auf Euboia (ca. 1. Hälfte des 4. Jahrh.) gilt als Anatom und Arzt; vgl. Leven, K.- H., Diokles v. Karystos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 225– 227; 2032 In anderen Quellen nicht genannt; 2033 Herophilos, (ca. 330–250), aus Chalkedon (Bithynien), wirkte als Mediziner vor allem in Alexandri‐ en; vgl. Leven, K.-H., Herophilos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 407– 409; 2034 Vgl. Cels. s. o. pr. 8: Post quem Diocles Carystius, deinde Praxagoras et Chrysippus, tum Herophilus et Erasistratus sic artem hanc exercuerunt, ut etiam in diversas curandi vias processerint. Erasistratos v. Keos (ca. 320–245 v. Chr.) aus Iulis auf der Kykladeninsel Keos, Arzt in Alexandrien, vielleicht auch „Hofarzt“ am Hofe der Seleukiden in Antiochien am Orontes (h. Antakia, Türkei); vgl. Leven, K.-H.: Erasistratos v. Keos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 265–267; 2035 Vgl. Cels. s. o. pr. 9: Primam Διαιτητικήν secundam Φαρμακευτικήν tertiam Χειρουργίαν Graeci nominarunt. 2036 Vgl. Cels. s. o. pr. 10: Post quos Serapion, primus omnium nihil hanc rationalem disciplinam pertine‐ re ad medicinam professus, in usu tantum et experimentis eam posuit. Quem Apollonius et Glaucias et aliquanto post Heraclides Tarentinus et aliqui non mediocres viri secuti ex ipsa professione se empi‐ ricos appellaverunt. Die o. g. sog. Empiriker entwickelten den sog. Empirischen Dreifuß: 1. Sammeln Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 430 sierenden anderen Schulen, die unter den Bezeichnungen Dogmatiker2037, Herophi‐ leer2038, Empiriker und Pneumatiker2039 bekannt geworden sind2040. Hierbei benennt Celsus die o. e. Ärzte nicht nur, sondern er charakterisiert auch die von jenen vertretenen therapeutischen Ansätze, er kritisiert sie deswegen gele‐ gentlich auch, aber anders als Plinius nicht persönlich durch die Unterstellung, dass ihnen die Absicht zu heilen fehle – er bezichtigt sie auch nicht persönlichen Gewinn‐ strebens, übertriebenen Ehrgeizes und uneinsichtiger Rechthaberei2041 – sondern Cel‐ sus kritisiert vorrangig sachlich, d. h. unter dem Gesichtspunkt der heilenden Wir‐ kung der von ihnen bevorzugten therapeutischen Ansätze, im Interesse der sich ih‐ nen anvertrauenden Patienten. Besonders deutlich wird diese Präferenz des Celsus für Sachargumente im Zusammenhang seiner Kritik an der Doktrin der sog. Empiriker. Für Celsus stellt sich in diesem Kontext im Wesentlichen die Frage: Cur enim poti‐ us aliquis Hippocrati credat quam Herophilo? cur huic potius quam Asclepiadi? – Si ra‐ tiones sequi velit, omnium posse videri non inprobabiles; si curationes, ab omnibus his aegros perductos esse ad sanitatem. Ita neque disputationi neque auctoritati cuiusquam fidem derogari oportuisse. Etiam sapientiae studiosos maximos medicos esse, si ratioci‐ natio hoc faceret: nunc illis verba superesse, deesse medendi scientiam.2042 (Warum nämlich soll jemand mehr dem Hippokrates glauben als dem Herophilus? Warum diesem mehr als dem Asklepiades? – Wenn er den Vernunftgründen folgen wollte, [würde er erkennen] dass die [Argumente] von allen nicht tadelnswert erscheinen; wenn er aber auf die Heilverfahren achtete, [würde er erkennen] dass von all diesen Kranke überführt worden sind zur Gesundheit. Daher dürfe weder der Argumentati‐ on noch der Autorität jemandes Vertrauenswürdigkeit abgesprochen werden. [Man könnte zur Überzeugung gelangen] dass auch Philosophen sehr große Ärzte sein könnten, wenn die Theorie das bewirkte. Jetzt aber [scheint es so zu sein] dass jenen Worte reichlich vorhanden sind, dass ihnen aber, um zu heilen, das Wissen fehle.) Celsus fordert, dass Ärzte nicht allein in der Lage sein sollten, ihre Patienten „gut“ zu behandeln, sondern nach dem Vorbild von Ärzten wie Hippokrates und Erasistra‐ tos auch über eine gute (natur-) „philosophische“, d. h. naturwissenschaftliche Vorbil‐ dung verfügen sollten. Dennoch liegt gerade in diesem Lob für das Vorbild des „gebil‐ deten“ Arztes auch eine Kritik: Allein das naturwissenschaftliche Interesse an dem Körper zeichnet nach Celsus noch keineswegs den guten Arzt aus: ideoque, cum par path. Daten, 2. kritische Betrachtung, 3. Therapie; vgl. Guardasole, A., Empiriker, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 254–255; 2037 Ärzteschule, die sich durch eine theoretisch ausgerichtete verbindliche Lehre definierte; vgl. La‐ bisch, A., Dogmatiker, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 233– 234; 2038 Ärzteschule, die sich nach Herophilos v. Chalcedon (s. o.) benannte und sich durch eine Verknüp‐ fung von theoretischen und kinischen Ansätzen auszeichnete; vgl. Stamatu, M., Herophileer, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 406; 2039 Ärzteschule, die seit dem 1. Jhrh. v. Chr. greifbar ist; deren Angehörige betrachteten das Pneuma, d. h. den Atem „als Täger der wichtigsten vitalen und psychischen Funktionen“; vgl. Tieleman, T., Pneumatiker, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 718–719; 2040 Vgl. Kollesch, J., Medizin, in: KIP, Bd. 5, Nachträge, Sp.1624–1628. 2041 S. o. Kap. 3.1. 2042 Cels. de medicina pr. 28 – 29; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 431 scientia sit, utiliorem tamen medicum esse amicum quam extraneum.2043 (Und daher, auch wenn das Wissen gleich ist, [glaube ich] dass dennoch der nützlichere Arzt ein Freund sei, als ein fremder.) Ein guter Arzt ist nach Celsus nur derjenige, der sein Wissen und Können in den Dienst der Heilung der Patienten stellt, den er wie einen Freund behandelt wissen möchte. Man könnte an dieser Stelle fast den Eindruck gewinnen, als habe Celsus, in‐ dem er solche Anforderungen an das Arz-Patientenverhältnis stellt, einen ganz be‐ stimmten Arzt vor Augen gehabt, vielleicht sogar Annaeus Statius und dessen Bezie‐ hung zu Seneca2044, - obwohl es keinerlei Hinweise darauf gibt, dass Celsus den Leib‐ arzt Senecas persönlich gekannt hat. Chronologisch und in Anbetracht der Berühmt‐ heit Senecas denkbar wäre dies aber. Bedeutsamer erscheint aber im Kontext dieser Untersuchung die Konsequenz, die Celsus aus der o. z. Bestimmung der Rolle des Arztes als Freund des Patienten zieht: Igitur, ut ad propositum meum redeam, rationalem quidem puto medicinam esse debere, instrui vero ab evidentibus causis, obscuris omnibus non ab cogitatione artificis sed ab ipsa arte reiectis. Incidere autem vivorum corpora et crudele et supervacuum est, mor‐ tuorum discentibus necessarium: nam positum et ordinem nosse debent, quae cadaver melius quam vivus et vulneratus homo repraesentat. Sed et cetera, quae modo in vivis cognosci possunt, in ipsis curationibus vulneratorum paulo tardius sed aliquanto mitius usus ipse monstrabit.2045 (Also, damit ich zu meinem Vorhaben zurückkehre, bere‐ chenbar, glaube ich jedenfalls, müsse die Heilkunst sein; dass sie aus der Beobachtung der offenkundigen Ursachen entstehe, wobei man verborgene [Ursachen] zwar nicht von der Überlegung des kunstfertigen [Arztes], aber von der [angewandten] Heil‐ kunst ausgeschlossen hat. Das Einschneiden in die Körper von Lebenden ist grausam und überflüssig, in den von Verstorbenen für Lernende notwendig: denn die Lage und Anordnung [der Organe] muss man kennen, welche der Leichnam besser als ein lebender und verwundeter Mensch vor Augen stellt. Aber auch das Andere, was nur an Lebenden beobachtet werden kann, wird bei den Behandlungen der Verwundeten zwar ein wenig langsamer, aber erheblich schonender die Erfahrung selbst zeigen.) Nach den oben besprochenen Formulierungen aus dem Proömium zu Celsus de medicina rechtfertigt auch der naturwissenschaftliche Forscherdrang des gebildeten Arztes keine Behandlung, die Patienten vermeidbare Schmerzen bereitet, womöglich auch nur in der guten Absicht, aus den Schmerzen, die er einem Patienten bereitet, Nutzen für eine bessere Behandlung anderer ziehen zu können. Um so weniger – so wird man folgern dürfen – gibt es aus der Sicht des Celsus einen Rechtfertigungs‐ grund für die Beteiligung eines Arztes an der absichtlichen Tötung eines Menschen. In einem gewissen Widerspruch zu der oben entwickelten Einschätzung steht ein im 5. Buch von de medicina unterbreiteter Ratschlag des Celsus, in welchem Ärzte aufgefordert werden, unter bestimmten Voraussetzungen auf eine Behandlung von Patienten zu verzichten: Incipiam de vulneribus. In his autem ante omnia scire medicus 2043 Vgl. Cels. de medicina pr. 73; 2044 Vgl. dazu Kap. 1; 2045 Vgl. Cels. de medicina pr. 74 – 75; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 432 debet, quae insanabilia sint, quae difficiliam curationem habeant, quae promptiorem. Est enim prudentis hominis primum eum, qui servari non potest, non attingere nec subi‐ re speciem eius, ut occisi, quem sors ipsius interemit.2046 (Ich möchte mit den Verwun‐ dungen beginnen. Hierbei muss der Arzt vor allem wissen, welche unheilbar sind, welche eine schwierige Behandlung erfordern, welche eine leichtere. Denn es zeichnet einen klugen Mann aus, dass er denjenigen, der nicht [mehr] gerettet werden kann, nicht anrührt2047 und auch nicht den Anschein erweckt, dass er für dessen Tötung verantwortlich sei, den doch das eigene Schicksal dahingerafft hat.) Celsus scheint hier dem „klugen“ Arzt gegenüber „unheilbar Kranken“ eine Vor‐ gehensweise vorzuschlagen, die nach heute in Deutschland auch für Ärzte geltendem Recht die Strafrechtsnorm der „unterlassenen Hilfeleistung“ erfüllte2048 oder sogar den Tatbestand einer fahrlässigen Tötung2049. Unlängst warf Christian Schulze in einem Aufsatz mit dem Titel `Unterlassene Hilfeleistung´in der Antike unter Berufung auf die o. z. Textstelle die Frage auf, inwieweit sich Celsus durch den oben erwähnten Vorschlag in Gegensatz gebracht haben könnte zu entsprechenden ethischen Vorstell‐ ungen in der Antike; allerdings relativiert Schulze diesen Vorwurf überzeugend, u. a. indem er den Kontext des obigen Zitats näher erläutert und in Beziehung setzt zu entsprechenden Vorstellungen im sog. corpus Hippocraticum und bei antiken Philoso‐ phen wie Seneca und Aristoteles.2050 Dennoch sollte hier nicht ausgeblendet werden, dass der Begriff der „unterlasse‐ nen Hilfeleistung“ auch im antiken römischen Recht eine bestimmte Rolle spielte, zwar nicht in den Beziehungen zwischen Arzt und Patient, aber sehr wohl in den Be‐ ziehungen zwischen Herren und deren Sklaven bzw. zwischen einem Patron und sei‐ nen Freigelassenen, und zwar insofern die letzteren – auch nach ihrer Freilassung – unter Strafandrohung rechtlich verpflichtet gewesen zu sein scheinen, - in Notfällen - 2046 Vgl. Celsus. de medicina 5,26,1B – C. 2047 attingere wird hier anders als bei Schulze (`Unterlassene Hilfeleistung´ in der Antike, in: Gade‐ busch, M. (ed.): Medical Ethics, Stuttgart 1914 S. 17) mit „anrühren“ statt mit „behandeln“ wieder‐ gegeben, obwohl sinngemäß nichts anderes als „behandeln“ gemeint sein kann. Denn es ist nicht auszuschließen, dass Celsus an dieser Stelle bewusst das Wort attingere verwendete, um auszudrü‐ cken, dass er in den besagten Fällen lediglich von solchen Behandlungen abriet, die mit einer „Be‐ rührung“ des Körpers der zu behandelnden verbunden waren, d. h. mit sog. invasiven Behand‐ lungsmethoden, - vielleicht auch um an das im orthodoxen Judentum gebräuchliche Verbot der „Berührung“ von „Leichen“ bzw. „Sterbenden“ anzuspielen (Vgl. dazu: http://www.hagalil.com/ judentum/gemeinde/beerdigung.htm. S. auch: De Vries, S. Ph.: Jüdische Riten und Symbole, Neu‐ auflage 2005, neu übers, und bearb. von M. Magall. Es darf nicht übersehen werden, dass dieses Zitat einem Buch (Buch V) entnommen ist, in welchem ansonsten ausschließlich von chirurgi‐ schen Behandlungsmethoden die Rede ist. Der Beginn des Zitats (… Incipiam de vulneribus. In his …) lässt im Übrigen keinen Zweifel daran zu, dass sich Celsus mit diesem Ratschlag speziell an „Wundärzte“ wendet. 2048 Vgl. StGB § 323 c: Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Ge‐ fahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. 2049 Vgl. StGB § 222: Wer durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen verursacht, wird mit Freiheits‐ strafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. 2050 Vgl. Schulze, Chr., `Unterlassene Hilfeleistung´ in der Antike, in: Gadebusch M., (ed.): Medical Ethics, Stuttgart 2014 S. 17–27; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 433 den ersteren auf jede erdenkliche Weise Hilfe zu leisten2051. Da aber Leibärzte hoch gestellter Persönlichkeiten oft den Status von Freigelassenen innehatten, wären die Verpflichtungen zur Nothilfe zumindest in solchen Fällen auch auf das Arzt-Patien‐ ten-Verhältnis anzuwenden. Daher erscheint es als zulässig, die oben zitierte Empfehlung des Celsus auch im Zusammenhang damit zu sehen, dass in der Antike Suizide gelegentlich mit dem Hinweis auf altersbedingte Erkrankungen und Gebrechen erklärt werden2052. Deswe‐ gen könnte sich die Frage aufdrängen, ob Celsus mit der oben zitierten Äußerung Ärzten nicht einen Rat erteilen wollte, wie sie das Tötungsverbot der lex Cornelia de siccariis et veneficiis im Bedarfsfall unterlaufen könnten. Gegen derartige Spekulationen ist vor allem einzuwenden, dass nach der oben durchgeführten Analyse der Strafrechtsnormen der lex Cornelia de sicariis et venefi‐ ciis2053 im Falle eines Strafprozesses entscheidend war, dass dem Angeklagten eine Tö‐ tungsabsicht nachgewiesen werden konnte, wobei die Verwendung eines bestimmten Tötungsmittels, d. h. die Benutzung einer bestimmten Waffe oder eines bestimmten Toxins eher nachrangig war. Daraus erklärt sich ja auch, dass nach Auffassung antiker Kommentatoren der lex Cornelia de sicariis et veneficiis2054 sogar Gerichtsmagistrate und Geschworene wegen eines Tötungsdelikts unter Anklage gestellt und verurteilt werden konnten, wenn ihnen nachgewiesen werden konnte, dass sie ihren Einfluss auf den Ausgang des Verfahrens gezielt dazu nutzten, dass ein zu Unrecht angeklagter unbescholtener Bürger aufgrund eines manipulierten Gerichtsurteils zu Tode kam. Hierbei ist zu konzedieren, dass der gerichtliche Nachweis einer Tötungsabsicht durch die absichtliche Unterlassung einer eventuell lebensrettenden Behandlung eines Patienten im konkreten Fall nur schwer zu erbringen gewesen wäre, zumal rein juris‐ tisch betrachtet, die Beziehungen zwischen Ärzten und ihren Patienten nach den Grundsätzen der Vertragsrechts geregelt war, d. h. dass die Behandlung eines Patien‐ ten durch einen bestimmten Arzt erst dann erfolgen konnte, wenn beide Parteien sich vorher auf die Bedingungen dieser Behandlung (u. a. auf das dafür zu entrichtende Honorar) und auch über die Art der Behandlung verständigt hatten. Daraus aber folgt, dass in Fällen, in denen es über eine ärztliche Behandlung nicht zu einer vertraglich bindenden Einigung gekommen war, im Prinzip auch im Falle einer Behandlungsverweigerung keine Anklage gegen einen bestimmten Arzt möglich gewesen wäre. Theoretisch hätte ein Arzt erst dann wegen eines Tötungsde‐ likts angeklagt werden können, wenn er einem bestimmten Patienten eine bestimmte Behandlung verbindlich zugesagt, diese Zusage aber nachweislich in Tötungsabsicht nicht eingehalten hätte. 2051 Vgl. dazu: Kaser, M.: Das römische Privatrecht, München 1971, S. 297–299 (mit Literaturverwei‐ sen); 2052 Vgl. Lehmann, E., Suizid aufgrund von Alter und Krankheit, Norderstedt 2011, S. 14 ff.; die Thesen Lehmanns sind zum Teil nicht überzeugend begründet, da sie die Quellen oft nicht im Original, sondern nur in Übersetzungen zitiert, dafür aber liefert ihr Beitrag Hinweise auf neuere Literatur zu dem Thema. 2053 S. o. Kap. 3.2; 2054 S. o. Kap. 3.2; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 434 Bedeutsamer ist aber, dass sich im Rahmen der in dieser Untersuchung durchge‐ führten Einzelfallprüfungen auch für die Annahme, dass sich Ärzte durch die be‐ wusste Verweigerung einer Behandlung an der Tötung bzw. Selbsttötung von Men‐ schen beteiligten, keinerlei Indizien ausfindig machen ließen2055. Im Gegenteil: In Be‐ zug auf bestimmte Einzelfälle zeigte sich, dass Freigelassene und Sklaven ihre Nothil‐ feverpflichtung gegenüber ihren jeweiligen Herren keineswegs so deuteten, dass sie deren Bitten folgten, ihnen bei der Selbsttötung behilflich zu sein.2056 Außerdem konnte gezeigt werden, dass in dem Fall, dass einem Freigelassenen gerichtlich nachgewiesen werden konnte, dass er sich den Bitten seines Herrn, ihm bei der Selbsttötung behilflich zu sein, nicht mehr zu entziehen vermochte, eine der‐ artige „Willfährigkeit“ noch nach Jahrzehnten eine gerichtliche Verurteilung und Hinrichtung auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis nach sich zie‐ hen konnte2057. Auch bezüglich der in der Literatur erwähnten Beispiele für Selbsttö‐ tungen wegen Überdrusses an altersbedingten Krankheiten und Gebrechen ist eine Beteiligung von Ärzten nicht nachweisbar2058. Allerdings schließt allein der Mangel an Beweisen für tatsächliche Tötungen von Menschen durch willkürliche Vernachlässigung durch Ärzte in Tötungsabsicht nicht die Möglichkeit aus, dass Celsus ein solches Verfahren in bestimmten Fällen für ver‐ tretbar hielt. Beweisen oder Widerlegen ließe sich eine derartige Hypothese aber aus‐ schließlich anhand von entsprechenden Präzedenzfällen, die aber im Augenblick für unserem Untersuchungszeitraum nicht nachweisbar sind, – oder anhand von Äuße‐ rungen des Celsus selbst. Zu diesem Zweck wollen wir uns im Folgenden mit dem obigen Zitat noch genauer beschäftigen und dabei auch dessen Kontext in die Be‐ trachtung mit einbeziehen. Bereits die einleitende Bemerkung incipiam de vulneribus2059 lässt keinen Zweifel daran, dass Celsus nicht bestimmte Patienten von der Behandlung ausgeschlossen se‐ hen möchte, sondern nur bestimmte Krankheitsbilder, nämlich „vulnera“, d. h. als „unheilbar“ eingestufte „Verwundungen“, – wobei der von Celsus in dem Zitat zur Be‐ zeichnung von ärztlichen „Behandlungen“ benutzte Begriff attingere dahin gehend auszulegen ist, dass damit nicht Behandlungen jeder Art gemeint sind, sondern nur bestimmte Behandlungen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die oben zitierten For‐ mulierungen dem 5. Buch von Celsus´ De re medicina entnommen sind, in welchem der Autor sich im Wesentlichen mit der medizinischen Teildisziplin der Chirurgie be‐ schäftigt2060. Daraus aber folgt, dass Celsus dem Arzt bei bestimmten Krankheitsbildern wohl nur von entsprechenden chirurgischen Eingriffen abrät. Eine Bestätigung für diese Einschätzung liefert Celsus an einer anderen Stelle von de medicina, an der er erläu‐ tert, welche Krankheitsbilder er für unheilbar hält: Servari non potest, cui basis cerebri, 2055 S. o. Kapp. 1 und 2; 2056 Vgl. dazu die Fälle des Drusus Libo, Senecas, aber auch Neros (S. o. Kapp. 1 und 2). 2057 wie in dem Fall des Epaphroditus, eines Freigelassenen Neros und Domitians, s. o. Kap. 2.3; 2058 S. o. Lehmann, E., Suizid aufgrund von Alter und Krankheit, Norderstedt 2011; 2059 S. o. Cels. 5, 26, 1B. 2060 Vgl. Schulze, Chr., Celsus, s. o. S. 60–73; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 435 cui cor, cui stomachus, cui iocinoris portae, cui in spina medulla percussa est; cuique aut pulmo medius aut ieiunum aut tenuis intestinum aut ventriculus aut renes vulnerati sunt; cuique circa fauces grandes venae vel arteriae percussae sunt2061. (Nicht gerettet werden kann, dem die Basis des Gehirns, dem das Herz, die Speiseröhre, die Leber‐ pforte, dem am Rückgrat das Mark durchbohrt wurde, dem entweder der mittlere Lungenflügel, der Mastdarm, der Dünndarm oder der Magen und die Nieren verletzt wurden; oder denen am Hals große Venen oder Arterien durchtrennt wurden). Demnach hielt Celsus Verletzungen bzw. Erkrankungen in den Bereichen des Hirns, des Herzens, der Speiseröhre, der Lungen, der Leber, des Magens sowie des Darms und der Nieren, auch der großen Blutgefäße im Halsbereich für „inoperabel“, von denen etliche seit geraumer Zeit sogar erfolgreich mit chirurgischen Mitteln be‐ handelt werden. Dennoch sollte man daraus keineswegs ableiten, dass Celsus mit dem Vorschlag eines Behandlungsverzichts in den genannten Fällen eine verklausulierte Aufforderung zur „Unterlassenen Hilfeleistung“ intendierte, insofern er von den be‐ sagten Fällen deutlich solche Krankheitsbilder unterschied, bei denen auch er chirur‐ gische Eingriffe als „Behandlungsmethode“ zwar für schwierig, aber dennoch für er‐ folgversprechend hielt2062. Dass sich in der Chirurgie die Grenzlinien zwischen operablen und inoperablen gesundheitlichen Problemen seit der Antike verschoben haben, darf in Anbetracht der erheblichen Fortschritte der Medizin, insbesondere in den letzten zweihundert Jahren und auf den Gebieten der Anästhesie2063, der Hygiene2064, und damit natürlich auch in der Chirurgie, hierbei niemanden verwundern. In diesem Zusammenhang verdient besondere Beachtung, dass die sog. „Vollnarkose“, dank derer ein Patient heute während einer OP von den Manipulationen der Ärzte an seinem Körper nichts spürt, sich erst im 19. Jahrhundert etablierte2065. In der Zeit davor waren viele chirurgische Eingriffe, die heute als etabliert und weitgehend risikolos gelten, für die Patienten nicht nur mit dem Erleiden großer Schmerzen verbunden, sondern auch mit unkalkulierbaren Überlebensrisiken2066. Denn vor der Entdeckung von Bakterien als Ursache für im Gefolge operativer Ein‐ griffe häufig auftretende, meistens tödlich verlaufender Wundinfektionen – ebenfalls erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – stellte deren Auftreten mit meistens tödlichen Folgen im Falle chirurgischer Eingriffe eher die Regel als die Ausnahme dar2067. 2061 Vgl. Cels. s. o. 5, 26, 2F; 2062 Vgl. Cels. s. o. 5, 26, 3 AB; Vgl. dazu auch Schulze, Chr., Unterlassene Hilfeleistung … S. 21; 2063 Vgl. Leven, K.-H., Anästhesie, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 39–40; 2064 Vgl. Labisch, A./Koppitz, U., Hygiene, in: K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. Sp. 444– 447; 2065 Vgl. http://www.klinikumdo.de/it/medizin/kliniken-undabteilungen/anaesthesie/patienteninfor‐ mationen/ geschichte-der-anaesthesie.html (2014) 2066 Vgl. www.uk-essen.de/krankenhaushygiene/.../geschichte_der_krankenhaush. (2014): Die Hygie‐ ne, als eigenständige Disziplin der Medizin, hat sich ebenfalls erst in den letzten 100-150. Jahren entwickelt. 2067 Vgl. http://www.medizin.uni-greifswald.de/hygiene/geschichte.html (2014) Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 436 Daher ist davon auszugehen, dass auch in unserem Untersuchungszeitraum, nicht zuletzt zu Lebzeiten des Aulus Celsus, die Gefahr für einen Arzt, verdächtigt zu wer‐ den, dass er den Tod eines Patienten verschuldet habe, im Falle des Einsatzes chirur‐ gischer Mittel, vor allem auf Gebieten, die man heute als „Herz-Thoraxchirurgie“ und „Viszeralchirurgie“ bezeichnet, erheblich größer war, als im Falle eines Verzichts da‐ rauf. Und eben deswegen erscheint es als anachronistisch und methodisch unzulässig, die Empfehlung des Celsus in bestimmten – eindeutig umschriebenen Fällen – auf den Einsatz chirurgischer Mittel zu verzichten, als einen verklausulierten Aufruf zu einem Therapieverzicht in Tötungsabsicht zu interpretieren. Dass Celsus hierbei eben‐ so sehr an den Ruf der Ärzte dachte, – vielleicht sogar noch mehr als an das Wohl der seiner Obhut anvertrauten Patienten – erscheint in Anbetracht der Risiken, denen er sich im Falle des Verdachtes, den Tod eines Patienten verschuldet zu haben, ausge‐ setzt hätte, als verständlich, – in wirtschaftlicher Hinsicht, vor allem aber auch wegen möglicher strafrechtlicher Konsequenzen2068. Chr. Schulze erklärt jene Besorgnisse des Celsus vor allem daraus, dass sich der Autor mit seinem Werk weniger an Laien, d. h. an Patienten wandte, sondern eher an Fachleute2069, d. h. an Ärzte oder an „Medizinstudenten“, m. E. nicht zu Unrecht. Die Bekundung derartiger Befürchtungen kann aber keinesfalls als Ausdruck der Bereit‐ schaft, den Tod schwer zu therapierender Patienten leichtfertig oder gar billigend in Kauf zu nehmen, gedeutet werden, – zumal Celsus gegen den Einsatz anderer Mittel bis unmittelbar vor dem Exitus des Patienten, ja selbst gegen Versuche, diesen wieder‐ zubeleben offensichtlich nichts einzuwenden hatte. Celsus erwähnt im Prooemium von De medicina ein Gerücht, dass zumindest Le‐ sern des NT nicht unbekannt sein dürfte, mit folgenden Worten: illud interrogari me posse ab aliquo me scio: Si certa futuri mortis indicia sunt, quomodo interdum deserti a medicis convalescunt? Quosdam fama proderit in ipsis funeribus revixisse2070. […] subi‐ ciam, coniecturalem artem esse medicinam, rationemque coniecturae talem esse, ut, cum saepius aliquando responderit, interdum tamen fallat2071. (Folgendes könnte man mich fragen, wie ich weiß: Wenn es zuverlässige Anzeichen für das [unmittelbare] Be‐ vorstehen des Ablebens gibt, wie können dann manchmal [Patienten] die von Ärzten bereits aufgegeben wurden, wieder genesen? Ja ein Gerücht soll besagen, dass einige sogar während ihrer Begräbnisfeierlichkeiten wieder erwachten. […] ich möchte dazu 2068 S. o. Kap. 3.2; 2069 S. o. Schulze, Chr. Unterlassene Hilfeleistung … S. 21 ff.; vgl. dazu auch: C. Aulus Cornelius Celsus – Autor, Konzept und Adessaten der `De medicina libri octo´Bochum 1999, passim. Die zuletzt genannte Untersuchung Chr. Schulzes dient dem Nachweis der These, dass Celsus über eine medi‐ zinische Vorbildung verfügte und sich mit seinem Werk in erster Linie an „Mediziner“ wandte. 2070 Vgl. dazu vor allem die Totenerweckungsgeschichten des eÝaggšlion KATA LOUKAN, insbeson‐ dere den Bericht über „die Erweckung des Jünglings von Naïn“ (Vgl. Lk 7, 11–17, s. dazu in dieser Untersuchung auch das Kap. 3.3.3.4;); ob Celsus bei der Erwähnung des o. g. Gerüchts tatsächlich die „Wunderheilungen“ des Jesus v. N. sowie einiger seiner Jünger vor Augen hatte, lässt sich kaum sicher beurteilen. Dass er davon gewusst haben könnte, ist aber – aus chronologischen Erwägun‐ gen heraus – nicht auszuschließen (zur chron. Einordnung der vita des Celsus vgl. Schulze, Chr.: Celsus, s. o. S. 8–12;). 2071 Vgl. I, proem. 48 (hier zitiert nach Schulze, Chr.: Celsus, s. o. S. 41; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 437 bemerken, dass die Heilkunde eine auf Vermutungen beruhende Wissenschaft ist und das Wesen einer Vermutung darin besteht, dass sie, auch wenn sie allzu oft [den Tat‐ sachen] entspricht, ab und zu dennoch trügt.) Celsus bekundet an dieser Stelle also die Kenntnis eines „Gerüchts“, nach denen Menschen noch am Tage ihres Begräbnisses wieder ins Leben zurückkehrten und räumt ein, dass dieses Gerücht sogar den Tatsachen entsprochen haben könne, inso‐ fern die Heilkunde seiner Auffassung nach „nur“ auf – erfahrungsgestützten – „Ver‐ mutungen“ beruht und sich daher hinsichtlich der Heilbarkeit eines Menschen auch irren kann. Implizit scheint Celsus hierbei anzudeuten, dass es nicht illegitim sei, mit anderen als etablierten medizinischen Mitteln den Versuch zu unternehmen, auch für verstorben gehaltene Menschen wieder zu beleben. Es gibt somit keinen Grund daran zu zweifeln, dass nach dem beruflichen Selbstverständnis des Arztes „Aulus Cornelius Celsus“ die aktive oder auch nur passive Involvierung eines Arztes in die Tötung oder Selbsttötung eines Menschen als unerlaubt einzustufen war. Scribonius Largus2072 Den compositiones des Scribonius Largus ist zwar keine Einleitung vorangestellt, aus denen sich Schlüsse ziehen lassen könnten über dessen Auffassung über ärztliche Standesethik. Dafür ist aber zusammen mit dem Werk ein Widmungsschreiben über‐ liefert, welches für ähnliche Zwecke heranzuziehen ist. Unter Berufung auf Herophi‐ los2073 stellt Scribonius Largus zu Beginn seines Widmungsschreibens an Callistius fest: medicamenta divinum munus esse.2074 (Heilmittel sind ein Geschenk der Götter.) Ohne Umschweife bezeichnete Scribonius Largus in diesem Zitat Heilmittel, mit‐ telbar gewiss auch die Heilkunde als solche, als ein Geschenk der Götter. Demnach spielt nach dem Verständnis dieses Autors zumindest der Einsatz geeigneter Medika‐ mente, d. h. die Pharmazie, eine zentrale Rolle in der Heilkunde. Scribonius Largus begründet diese Auffassung u. a. historisch: Est enim haec pars medicinae ut maxime necessaria, ita certe antiquissima, et ob hoc primum celebrata atque illustrata. Siquidem verum est, antiquos herbis ac radicibus earum, vitia corporis curasse: quia etiam nunc genus mortalium inter initia non facile se ferro committebat. Quod etiam nunc plerique faciunt, ne dicam omnes: et, nisi magna compulsi necessitate speque ipsius salutis, non patiuntur sibi fieri, quae sane vix sunt toleranda.2075 (Es ist nämlich dieser Teil der Heilkunde wie besonders wichtig, so sicher auch sehr alt, und deswegen als erster ver‐ breitet und erläutert worden. Denn es ist freilich wahr, dass die Alten mit Kräutern 3.3.3.2 2072 S. o. Hahn, J. Scribonius Largus, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S.o, Sp. 786; 2073 Herophilos v. Chalkedon (Nordwestkleinasien), Arzt, Anatom und Pharmakologe, „Empiriker“, *in Ch. ca. 330–320 v. Chr., wirkte ca. 260–250 v. Chr. in Alexandrien, ca. ab. 300 v. Chr. als Leibarzt Ptolemaios´I., vgl. Althoff, J.: Herophilos aus Alexandrien. In: Bernhard Zimmermann, Antonios Rengakos (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 2: Die Literatur der klas‐ sischen und hellenistischen Zeit. München 2014, S. 578–580. Moog, P. F.: Herophilos von Kalche‐ don. In: Gerabek, W. E. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin 2004, S. 575–579. Leven, K.-H., Herophilos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 407–409; 2074 Scrib. Larg. ep. 1; 2075 Scrib. Larg. ep. 6–7; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 438 und deren Wurzeln die Krankheiten des Körpers behandelt haben, weil wie auch noch heute das Geschlecht der Sterblichen sich anfangs nicht leicht dem Schneiden und Brennen anvertrauen wollte. Dies tun auch heute noch die meisten, um nicht zu sagen alle: und wenn sie nicht durch dringende Notwendigkeit und durch die Hoff‐ nung auf die Rettung selbst dazu getrieben werden, so lassen sie nicht zu, dass an ih‐ nen vollzogen werde, was allerdings kaum zu ertragen ist.) Wie Celsus betrachtet also auch Scribonius Largus den therapeutischen Einsatz chirurgischer Mittel als ultima ratio und bevorzugt deswegen eine pharmakologisch ausgerichtete Therapie, und zwar aus ähnlichen Gründen wie Aulus Celsus: Er wirft den Verächtern der pharmakologischen Therapie geradezu Menschenhass vor, bezüg‐ lich dessen er konstatiert: Quod malum cum omnibus animantibus invisum esse debet, tum praecipue medicis, in quibus nisi plenus misericordiae et humanitatis animus est, secundum ipsius professionis voluntatem, omnibus diis et hominibus invisi esse debent.2076. (Dieses Übel muss allen Lebewesen verhasst sein, besonders aber den Ärzten, die, wenn in ihnen nicht eine Gesinnung voller Mitleid und Menschenliebe anzutreffen ist, entsprechend des Vorhabens gerade ihres Berufes, allen Göttern und Menschen verhasst sein müssen.) Nach den Vorstellungen des Scribonius Largus gehört es somit zum Handwerk des Arztes, seine Patienten nach den Grundsätzen der Verpflichtung aller Menschen zu Mitleid und Menschenfreundlichkeit möglichst schonend zu behandeln. Und in diesem Zusammenhang beruft sich Scribonius Largus ausdrücklich auf das Vorbild des Hippokrates: Idcirco ne hostibus quidem malum medicamentum dabit, qui sacra‐ mento medicinae legitime est obligatus: sed persequitur eos, quam res postulaverit, ut miles et civis bonus omni modo. Quia medicina non fortuna neque personis homines ae‐ stimat, verum aequaliter omnibus implorantibus auxilia sua, succursuram se pollicetur, nullique umquam nocituram profitetur. Hippokrates, conditor nostrae professionis, initia disciplinae ab iureiurando tradidit: in quo sanctum est, ne praegnati quidem medica‐ mentum, quo conceptum excutitur, aut detur, aut demonstretur a quoquam medico; lon‐ ge praeformans animos discentium ad humanitatem: Qui enim nefas existimaverit spem dubiam hominis laedere, quanto scelestius perfacile iam nato nocere iudicabit.2077 (Des‐ wegen wird nicht einmal Feinden ein schlechtes Heilmittel gegeben, wer sich recht‐ mäßig auf den Eid der Heilkunde verpflichtet hat: sondern er wird diese behandeln, wie die Umstände es erfordern, wie ein Soldat und ein in jeder Hinsicht guter Staats‐ bürger. Da die Heilkunde nicht nach dem Vermögen und auch nicht nach dem Perso‐ nenstand Menschen einschätzt, wird sie in gleicher Weise allen, die ihre Hilfe erfle‐ hen, dass sie helfen werde, versprechen, und dass sie niemandem jemals schaden wer‐ de, öffentlich bekennen. Hippokrates, der Begründer unserer Berufsstandes, hat die Grundlagen der Methode von einem Eid abgeleitet: danach ist feierlich festgelegt, dass nicht einmal einer Schwangeren ein Mittel, durch welches die Leibesfrucht aus‐ getrieben wird, gegeben oder gezeigt werden darf von einem Arzt, - wodurch er schon vor langer Zeit die Herzen der Lernenden zur Mitmenschlichkeit erzog. Denn 2076 Scrib. Larg. ep. 9; 2077 Scrib. Larg. ep. 10 – 12; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 439 wer es für einen Frevel hält, die noch ungewisse Hoffnung auf die Geburt eines Men‐ schen zu verletzen, für wie viel verbrecherischer wird der es leicht einschätzen, einem bereits geborenen [Menschen] zu schaden.) Wie Aulus Celsus bekennt sich auch Scribonius Largus in diesem Zitat somit un‐ eingeschränkt zu dem Prinzip, dass der Arzt sein Wissen und seine Fähigkeiten zu keinem anderen Zweck einsetzen dürfe als zur Heilung eines Patienten, nie zu seinem Schaden, – ungeachtet des Standes des Patienten, selbst unabhängig davon, ober er Bürger oder Staatsfeind sei. Probleme für das Verständnis dieser Textstelle bereitet die Erwähnung des sog. hippokratischen Eides als ethische Grundlage ärztlichen Handelns. Die Verbindlich‐ keit der Eidesleistung von Ärzten nach dem Vorbild gilt in der Forschung als umstrit‐ ten2078. Dennoch darf das o. z. Zeugnis des Scribonius Largus als Beleg dafür angese‐ hen werden, dass der besagte Eid zumindest von Lernenden der von Hippokrates be‐ gründeten Ärzteschule von Kos mit großer Wahrscheinlichkeit zu Lebzeiten des Scri‐ bonius Largus noch oder wieder geleistet wurde und dass sich zumindest Absolventen der Ärzteschule von Kos, wozu man auch Stertinius Xenophon, den Leibarzt des Kai‐ sers Claudius wird rechnen dürfen2079, sich inhaltlich auch diesem Eid verpflichtet fühlten2080. Dass sich Scribonius Largus bei seinen medizinethischen Bekenntnissen selbst auf den sog. Hippokratischen Eid beruft, lässt den Schluss zu, dass auch Scribo‐ nius Largus seine eigene medizinische Ausbildung entweder Absolventen dieser be‐ rühmten Ärzteschule verdankte oder vielleicht sogar selbst zeitweilig in die Schule der Priester des Asklepiostempels von Kos ging. Denn auf der Grundlage des sog. hip‐ pokratischen Eides, aber dennoch auch in eigenem Namen, stellt Scribonius Largus fest: scientia enim sanandi non nocendi, est medicina.2081 (Die Wissenschaft zu heilen, nicht zu schaden, das ist die Medizin.) Nicht zuletzt dieses Bekenntnis des Scribonius Largus zur Medizin als „Heilkunst“ lässt für Spekulationen, dass er unter gewissen Umstanden damit einverstanden ge‐ wesen sein könnte, zu akzeptieren, dass ein Arzt – selbst in gutwilliger Absicht - Tö‐ tungsassistenz leistete, wenig Raum. 2078 Vgl. Lichtenthaeler, Ch.: Der Eid des Hippokrates. Deutscher Ärzte-Verlag GmbH, Köln 1984. Rüt‐ ten Th., Medizinethische Themen in den deontologischen Schriften des Corpus Hippocraticum, in: Entretiens sur L´Antiquite Classique, Bd. 43, 1997, S. 65–120; Seidler, E./Leven, K.-H.: Geschichte der Medizin und Krankenpflege. Stuttgart 20037. Schubert, C.: Der hippokratische Eid. Darmstadt 2005. Eckart, W. U.: Geschichte der Medizin. Berlin 20055 (jew. mit Verweisen auf ältere Literatur). 2079 Vgl. dazu Tab. IV, 3 sowie die Ausführungen zum Tod des Kaisers Claudius in Kap. 2.2.3.1; 2080 Warum ausgerechnet Scribonius Largus in dem Widmungsschreiben zu seinen „compositiones“ ex‐ pressis verbis an den hippokratischen Eid erinnerte, kann man zur Zeit nur spekulieren: Vielleicht wurde er selbst in Kos ausgebildet, vielleicht aber wurden bereits zu Lebzeiten des Scribonius Lar‐ gus die für die Nachwelt erst bei Plinius d. Ä. greifbaren Vorurteile gegen Absolventen der Ärzte‐ schule von Kos lanciert, auf welche der mutmaßliche Leibarzt Messalinas glaubte so reagieren zu müssen. Es ist zu vermuten, dass in jenen Kreisen, die Claudius drängten, anstelle Messalinas Agrippina zur Gemahlin zu nehmen, auch gegen Scribonius Largus gehetzt wurde. S. o. Moog, P. F.: Zwischen Medizin und Ethik, … 2006/2007; 2081 Scrib. Larg. ep. 13; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 440 Pedanius Dioskurides2082 Anders als im Falle der o. g. Schriften des Aulus Celsus und Scribonius Largus sucht man in der „Vorrede“ zum Hauptwerk des Pedanius Dioskurides vergeblich nach ein‐ deutigen Aussagen zur ethischen Grundlage des Heilens bzw. der Heilkunst. Sie ent‐ hält im Wesentlichen eine sachliche Auseinandersetzung mit den Forschungsmetho‐ den und Ergebnissen früherer Ärzte und Pharmazeuten, und zwar nahezu ausschließ‐ lich unter rein fachlichen Gesichtspunkten, so dass sich daraus über die ethische bzw. standesethische Vorstellungswelt des Autors kaum Rückschlüsse ziehen lassen. Sein Ethos scheint demnach eher ein rein wissenschaftliches zu sein: Parakaloàmen dὲ se kaˆ toÝj ™nteuxomšnouj to‹j Øpomn»masi, m¾ t¾n ™n lÒgoij dÚnamin ¹mîn sko‐ pe‹n, ¢ll£ tºn ™n to‹j pr£gmasi met' ™mpeir…aj ™pimšleian. Met¦ g¦r ple…sthj ¢kribe…aj t¦ mὲn loip¦ di' aÙtoy…an gnÒntej, t¦ dὲ ™x ƒstor…aj sumfènou to‹j p©si kaˆ ¢nakr…sewj tîn par' ˜k£stoij ™picwr…wn ¢kribèsantej, peirasÒmeqa kaˆ tÍ t£xei diafÒrῳ cr»sasqai, kaˆ t¦ gšnh kaˆ t¦j dun£meij ˜k£stou aÙtîn ¢nagr£yasqai. Óti ge m¾n ¢nagka‹oj Øp£rcei Ð perˆ farm£kwn lÒgoj, pant… pou dÁlon, sunezeugmšnoj Ölῃ tÍ tšcnῃ kaˆ t¾n ¢p' aÙtoà summac…an ¢»tthton pant… mšrei parecÒmenoj. kaˆ diÒti dÚnatai aÜxasqai kat£ te t¦j skeuas…aj kaˆ t¦j m…xeij kaˆ toÝj ™p… tîn paqîn peirasmoÝj, ple‹sta sumballomšnhj t¾j per… ›kaston tîn farm£kwn gnësewj.2083 ( Wir bitten aber dich und die Leser dieser Schrift, nicht auf die Geschicklichkeit in der Darstellung zu sehen, sondern auf die der Sache selbst, zugleich auf die mit Erfahrung gewidmete Sorgfalt. Denn wir haben mit äußerster Genauigkeit den größten Teil aus ei‐ gener Anschauung gelernt, Einiges laut der bei Allen übereinstimmenden Erzählung und Forschung nach dem, was bei den Einzelnen einheimisch ist, zuverlässig erfahren und werden nun versuchen, sowohl eine abweichende Anordnung anzuwenden, als auch die Arten und Kräfte eines jeden Mittels zu beschreiben. Es leuchtet wohl jedem ein, dass eine Belehrung über die Arzneimittel notwendig ist, welche sich über die ganze Kunst verbreitet, und jedem Teil derselben eine unschätzbare Hilfe gewährt. Sie kann deshalb auch nach den Zubereitungen, den Mischungen und den bei den Krankheiten angestell‐ ten Versuchen gefördert werden, weil die Kenntnis eines jeden Arzneimittels sehr viel dazu beiträgt.)2084 Die Rechtfertigung für das Vorhaben einer Gesamtdarstellung aller zu seiner Zeit bekannten Stoffe, die sich zur Herstellung von Heilmitteln eigneten, beruhte nach die‐ sem Zitat im Wesentlichen auf der Erkenntnis von sachlichen Mängeln in den Dar‐ stellungen früherer Autoren, während eine darüberhinausgehende Begründung der Ziele des Vorhabens, d. h. eine ethische Rechtfertigung der Pharmakologie im Rah‐ men der Heilkunde als solche unterbleibt. Dennoch bietet sich eine Möglichkeit, auch 3.3.3.3 2082 *Mitte des 1. Jahrh. in Anazerbos (Kilikien); vgl. Stamatu, M. Dioskurides, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 227–229; 2083 Vgl. Diosk. De materia medicina, (ed. Curtius Sprengel, Lipsiae 1829) proem. p. 4–5; 2084 Vgl. Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos Arzneimittellehre in fünf Büchern. Übersetzt und mit Erklärungen versehen von J[ulius] Berendes. Ferdinand Enke, Stuttgart 1902 (Volltext; Digita‐ lisat); Nachdrucke: Wiesbaden 1970; Schaan 1983; Vaduz 1987; Vaduz 2005. Vorrede S. 20; Vgl. praef. 5–6; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 441 darüber Aufschluss zu erhalten, und zwar indem man darauf abhebt, wie Dioskurides die Wirkungen von spezifischen – auch strafrechtlich indizierten – Arzneipflanzen wie z. B. „Eisenhut“ (aconiton bzw. aconiton napalles) oder „Schierling“ (conium ma‐ culatum) beschreibt2085. Der Autor verweist nicht nur auf die therapeutischen An‐ wendungsmöglichkeiten der Toxine solcher Pflanzen, sondern auch auf die von einer unsachgemäßen Anwendung ausgehenden Vergiftungsgefahren und benennt gegen derartige Vergiftungen wirkende Gegenmittel. Moderne Betrachter könnten sich freilich fragen, warum Dioskurides anders als Aulus Celsus und Scribonius Largus in seiner Schrift darauf verzichtet, den Leser ge‐ nauer über die ethischen Zielsetzungen zu informieren, in deren Dienst er die thera‐ peutischen Ratschläge seiner pharmakologischen Rezepturen gestellt sehen möchte. Berücksichtigt man aber die Sprache, in der uns sein Werk überliefert ist, nämlich die griechische, so liegt die Antwort auf diese Frage gewissermaßen auf der Hand: Als mögliche Adressaten dieses Werkes kommen anders als im Falle der compositiones des Scribonius Largus2086 nicht lateinisch sprechende und schreibende „Praktiker“ in den „valetudinaria“ (Lazaretten) der römischen Armee infrage oder in den westlichen Provinzen, in Norditalien und Rom selbst, – wo die Vorurteile gegen griechische Ärz‐ te seit den Tagen Catos d. Älteren auch in der frühen römischen Kaiserzeit noch kei‐ neswegs überwunden waren2087 und daher verbalisierte ethische Rechtfertigungen des therapeutischen Anliegens griechischer Ärzte als dringlich erscheinen ließen, sondern an des Griechischen mächtige „Fachkollegen“, bei denen Vorurteile gegen griechische Ärzte sicherlich eher unbekannt waren. Man könnte sich auch fragen, warum sich Dioskurides, den manche Forscher auch als einen römischen Militärarzt ansehen, sich in seinem Werk nicht der lateini‐ schen, sondern der griechischen Sprache bedient. Aber auch dafür gibt es einfache Erklärungen: Entweder es war in der uns überlieferten Form von vornherein nicht an praktische Ärzte adressiert, sondern ausschließlich an gelehrte Fachkollegen, (Grie‐ chisch als Fachsprache von Medizinern) oder aber – was m. E. ebenso wahrscheinlich ist – das Werk entstand erst zu einem Zeitpunkt, als Dioskurides Rom bereits wieder verlassen hatte. Denn man muss sich in diesem Zusammenhang vergegenwärtigen, dass grie‐ chischsprachige „Ausländer“ in Rom und Italien bis zur Ausdehnung des römischen Bürgerrechts auf alle frei geborenen Bewohner des Reichsgebiets durch die constitutio Antoniana (212 n. Chr.) unter Caracalla (* 188, Kaiser seit 211, †8. 04. 217 n. Chr.) nur den Status geduldeter Gäste besaßen und durch den Zensor bzw. den Kaiser als Inhaber der censoria potestas, auch ohne Begründung jeder Zeit des Landes verwiesen werden konnten. Sowohl für die Regierungszeiten des Claudius, als auch Neros, Ves‐ pasians und Domitians sind Philosophen-, Juden- und Christenvertreibungen be‐ zeugt, infolge deren eine Rückkehr von ausländischen Ärzten in ihre Heimat als vor‐ 2085 Vgl. Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos Arzneimittellehre in fünf Büchern. Übersetzt und mit Erklärungen versehen von J[ulius] Berendes. Ferdinand Enke, Stuttgart 1902, S. 233; 2086 S. o. Kap. 3.3.3.2; 2087 Vgl. das Bild von Schulmedizinern bei Plinius d. Ä. Martial und Juvenal (s. o. Kap. 3.1;); Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 442 stellbar erscheint. So wie der frühere Leibarzt des Claudius, Stertinius Xenophon viel‐ leicht im Rahmen einer solchen „Philosophenvertreibung“ in der Regierungszeit Neros auf die Ägäisinsel Kos zurückkehrte, könnte auch Dioskurides von Anazerbos unter vergleichbaren Umständen in seine kilikische Heimat zurückgekehrt sein. Sicher ist das freilich nicht. Denn die Bevölkerung der Stadt Rom war bereits ge‐ gen Ende der republikanischen Zeit zweisprachig, wobei Griechisch nicht nur in „phi‐ losophisch“ gebildeten Kreisen, sondern wegen zahlreicher „Arbeitsmigranten“ aus den gräkophonen Ostprovinzen des Reiches auch in Teilen der Unterschicht verstan‐ den und gesprochen wurde. Als ein wichtiger Beleg dafür hat zu gelten, dass der sog. Römerbrief des christlichen Missionars Paulus in griechischer Sprache abgefasst wur‐ de und nach herrschender Auffassung unmittelbar vor Antritt einer Reise nach Jeru‐ salem in den Jahren 56 – 58 n. Chr.2088 abgefasst wurde, – insofern das Christentum in der Frühphase seiner Geschichte sich vor allem bei Soldaten und in einfacheren Be‐ völkerungskreisen ausbreitete. Daher kann es keineswegs als sicher gelten, dass Dioskurides sich zu dem Zeit‐ punkt, als er die in griechischer Sprache abgefasste Fassung seiner o. z. pharmakologi‐ schen Schrift verfasste, außerhalb Roms aufhielt. Ungeachtet dessen kann aus dem bloßen Verzicht des Dioskurides auf Reflexionen über die ethischen und standesethi‐ schen Implikationen des Heilens sicherlich nicht geschlossen werden, dass er – anders als Celsus und Scribonius Largus - die Mitwirkung von Ärzten an der Tötung bzw. Selbsttötung billigte, zumal zumindest ein weiterer zeitgenössischer in griechischer Sprache schreibender Arzt bekannt ist, bei dem dies mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann, der „Evangelist“ Lukas. (S. u.) Der „Evangelist“ Lukas2089 Neben den o. z. Äußerungen von Ärzten bzw. Pharmazeuten wie Aulus Celsus, Scribo‐ nius Largus und Pedanios Dioskurides2090 verdienen auch verschiedene Zitate aus Werken des „Evangelisten“ Lukas im Kontext unserer Nachforschungen zum berufli‐ chen Selbstverständnis von Ärzten und Heilern unseres Untersuchungszeitraums Be‐ achtung. Nach einer noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts als unbestritten gelten‐ den Auffassung gilt als Verfasser zweier Schriften des NT, des „Lukasevangeliums“2091 sowie der „Apostelgeschichte“2092, ein gewisser „Lukas“, der wiederholt in den Briefen 3.3.3.4 2088 Vgl. Einheitsübersetzung S. 169; 2089 Vgl. Schulze, Chr., Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittelalter, Tübingen 2005, Nr. 161, S. 126; 2090 S. o. Kap. 3.3.3.3; 2091 Vgl. Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Altes und Neues Testament, Augsburg 1988 ff. S. 65: Das Evangelium nach Lukas; 2092 Vgl. dazu: Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Altes und Neues Testament, Augs‐ burg 1988 ff. S. 135. Die Apostelgeschichte; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 443 des „Apostels“ Paulus als dessen Begleiter gekennzeichnet wird2093 und den der Apo‐ stel in dem Brief an die Kolosser als „Lukas, den geliebten Arzt“ bezeichnet2094. Zur Frage der Identität Als die frühesten Belege für diese Auffassung gelten Zeugnisse der sog. Kirchenväter, Iraenäus v. Lyon (*um 135 in Smyrna; †202 in Ludgudunum)2095 und Eusebius v. Cae‐ sarea (*260/64 in Palaestina; †339 oder 340 in Caesarea maritima)2096 sowie der Ka‐ non Muratori, ein Verzeichnis kanonischer Bibeltexte der christlichen Gemeinde von Rom (aus der Zeit zwischen 170 und 200 n. Chr.)2097. Für die Gültigkeit dieser Auffas‐ sung lässt sich geltend machen, dass der Name Lukas2098 in der Zeit vor und während der Entstehung der Schriften des NT in anderen Quellen nicht bezeugt ist und es des‐ wegen als naheliegend erscheint, den Namen, wann immer er im NT erwähnt wird, auf den im Titel des 3. Evangeliums als „Verfasser“ desselben charakterisierten „Lu‐ kas“ zu beziehen. Da der Verfasser der Apostelgeschichte sich bereits in der Widmung des Werkes an einen gewissen Theophilus auch als Verfasser eines Berichtes über „Taten“ Jesu zu er‐ kennen gibt2099 und dem Evangelium nach Lukas ebenfalls eine Widmung an die Adresse eines gewissen Theophilus vorangestellt ist2100, erscheint es als zwingend, den 3.3.3.4.1 2093 Vgl. Kol 4, 14: ¢sp£zetai Øm©j Louk©j Ð „atrÕj Ð ¢gaphtpÕj - Salutat vos Lucas, medicus carissi‐ mus …; Phlm 24: 'Asp£zetai se...Louk©j... Salutat te … Lukas …; 2. Tim 4,11: Louk©j ™stin mÒnoj met' ™moà.. Lucas est mecum solus …; 2094 Vgl. Kol 4, 14: ¢sp£zetai Øm©j Louk©j Ð „atrÕj Ð ¢gaphtpÕj - Salutat vos Lucas, medicus carissi‐ mus... 2095 Vgl. haer. III, 1, 1; zu Irenäus vgl. Minns, D.: Irenaeus. An introduction. London u.a. 20102; Mutschler, B.: Das Corpus Johanneum bei Irenäus von Lyon. Studien und Kommentar zum dritten Buch von Adversus Haereses, Tübingen 2006. B. Mutschler: Irenäus als johanneischer Theologe. Tübingen 2004. Osborn, E. F.: Irenaeus of Lyons, Cambridge u.a. 2001. Collmar, N.: Irenäus von Lyon. In: BBKL. Bd. 2, Hamm 1990, Sp. 1315–1326. mit Literaturhinw.; 2096 hist. eccl. 8, 3; zu Eus.; vgl. Mosshammer, A.: The Chronicle of Eusebius and the Greek Chronogra‐ phic Tradition. Lewisburg PA 1979. Scholten, Cl.: Eusebius von Caesarea. In: Bauks u. a. (Hrsgg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet Stuttgart 2006 ff.. Wallace-Hadrill, D. S.: Eusebius von Caesarea. In: TRE. Bd. 10, Berlin/New York 1982, S. 537 ff.; 2097 Entdeckt in einem Codex des 8. Jahrh., benannt nach Ludovico Antonio Muratori, der diese Hand‐ schrift in der Abtei Bobbio entdeckte. Vgl. Hahneman, G. M.: The Muratorian Fragment and the Development of the Canon. Oxford 1992; Hill, C. E.: The Debate Over the Muratorian Fragment and the Development of the Canon. In: Westminster Theological Journal 57 (1995), S. 437–452. Kümmel, W. G.: Einleitung in das Neue Testament. Heidelberg 1983. Tregelles, S. P.: Canon Mura‐ torianus. The earliest catalogue of the books of the New Testament. Oxford 1867. Verheyden, J.: The Canon Muratori; A Matter of dispute. In: Biblitheca Ephemeridum Theologicarum Lovanien‐ sium (BEThL). Leuven 2003, S. 487–556. 2098 Namenkundlich ist die Deutung als Kurzform zu LoÚkioj am plausibelsten; Vgl. Wegenast, Kl., Lukas, in KIP, Bd. 3, Sp. 771; zu Trägern des Namens LoÚkioj vgl. den Artikel Lukios, KIP, Bd. 3, Sp. 778– 779). Ansonsten sind auch Herleitungen von LoukianÒj (Vgl. Wegenast, Lukianos, in KIP, Bd. 3, Sp. 772 –777) und Lucanus (Vgl. H. G. Gundel, Lucanus, in KIP, Bd 3, Sp. 745) nicht auszuschließen. 2099 Vgl. Apg 1, 1–3; 2100 Vgl. Lk 1, 1–4; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 444 Verfasser des Evangeliums auch als den Verfasser der Apostelgeschichte zu identifizie‐ ren. Beachtung verdient bezüglich der Frage nach der Identität des Verfassers der Apostelgeschichte auch eine sprachlich – stilistische Eigentümlichkeit: Im Zusam‐ menhang der Berichterstattung über „Missionsreisen“ des Apostels Paulus bedient er sich zur Schilderung der Erlebnisse des Apostels,2101 der ersten Person Plural und ver‐ mittelt dem Leser dadurch den Eindruck, dass er diese Begebenheiten persönlich mit‐ erlebt habe. Daher erscheint plausibel, dass Hinweise in den paulinischen Briefen, dass den Apostel ein Arzt mit Namen Lukas2102 begleitet habe, oder auch eine Person mit dem Namen Lukas2103 oder überhaupt ein Arzt2104, in Beziehung gesetzt werden zu dem Verfasser der sog. Lukanischen Schriften des NT. Clemens von Alexandrien bzw. Eusebius betrachtete diesen Lukas als Übersetzer des sog. Hebräerbriefes2105, der aber bereits sein langem nicht mehr dem Apostel selbst zugeschrieben wird, sondern einem Schüler desselben und auch in die Zeit nach dem Tode des Apostels datiert wird2106. Andererseits führen nicht zuletzt die o. e. Zweifel an der Echtheit des Paulus zu‐ geschriebenen Hebräerbriefes vor Augen, dass man sich bezüglich der Identifizierung des Verfassers der lukanischen Werke auf schwankendem Boden bewegt. Auch die Echtheit des Kolosserbriefes, der einzigen Quelle, in welcher der Autor ausdrücklich einen Arzt mit dem Namen Lukas als einen mit ihm befreundeten Arzt und Begleiter bezeichnet, gilt schon seit längerem als umstritten2107. Ähnliches gilt auch für den 2. Brief an Timotheus, der aus thematischen Gründen, chronologisch in etwa der Zeit der Entstehung des Galaterbriefes zuzuordnen wäre, d. h. zwischen 53 und 55 n. Chr..2108 Dieser Brief wird zu den sog. Pastoralbriefen gerechnet und wurde nach herrschender Auffassung nicht von Paulus selbst, sondern allenfalls in dessen Auftrag verfasst2109. Als einzige zuverlässige Quelle für die These, dass der Apostel Paulus auf seinen Missionsreisen (gelegentlich?) auch von einer Person mit dem Namen Lukas begleitet wurde, kommt demnach der in etwa im Jahre 55 n. Chr. abgefasste Brief an Phile‐ mon2110 in Betracht, in welchem ein Lukas als Begleiter des Paulus zwar als solcher namentlich genannt, aber eben nicht als „Arzt“ bezeichnet wird2111. Außerdem darf 2101 ab Apg 20, 7, wo über eine in das Jahr 58 n. Chr. zu datierende Abreise des Paulus aus Kleinasien nach Caesarea Maritima und Jerusalem berichtet wird. 2102 S. o. Kol 4, 14; 2103 S. o. Phlm 24; 2104 S. o. 2. Tim 4, 11; 2105 Vgl. Eus. chron. 6, 14, 2; 2106 in die Zeit zwischen 85–95 n. Chr.; vgl. dazu: Die Bibel s. o. S. 250; 2107 Bereits in der deutschen Einheitsübersetzung wird darauf hingewiesen, dass der entweder zwi‐ schen 57 und 59 n. Chr. in Rom oder oder zwischen 59 und 60 n. Chr. in Caesarea maritima ent‐ standene Kolosserbrief (Vgl. Apg 23, 33–26, 37. 57–89;) auch von einem „Schüler“ des Apostels abgefasst worden sein könnte. Vgl. Die Bibel, s. o. S. 226; 2108 Vgl. dazu die Bibel, s. o., S. 234. 237. 216; 2109 Vgl. Die Bibel, s. o. S. 237; 2110 Vgl. Die Bibel, s. o. S. 249; 2111 S. o. Phlm 24; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 445 nicht unbeachtet bleiben, dass in den lukanischen Schriften nirgendwo der Name ei‐ nes Arztes mit dem Namen Lukas expressis verbis als Verfasser genannt wird. Auch die für das 3. Evangelium überlieferte Bezeichnung „Evangelium nach Lukas“ lässt die Möglichkeit offen, dass dessen Verfassers selbst gar nicht Lukas hieß, sondern sich le‐ diglich auf Informationen einer Persönlichkeit dieses Namens als Gewährsmann be‐ rief. Daher darf es niemanden verwundern, dass die oben skizzierte „altkirchliche“ Auffassung über die Identität des Verfassers2112 des Lukasevangeliums und der Apos‐ telgeschichte in der bibelwissenschaftlichen Literatur auch kritisiert wurde. Das ge‐ schah in jüngster Zeit vor allem durch I. Broer2113, M. Ebner und St. Schreiber2114, und z. T. unter Berufung auf die vorgenannten Autoren durch den Siegener Theolo‐ gen B. Kollmann2115, der nicht zuletzt auf dem Gebiete der Forschung über Jesus und die Apostel im NT als anerkannter Spezialist gilt2116. Aufgrund der hier bereits kurz skizzierten Problematik der Quellenlage, auf der die „altkirchliche“ Identifizierung des ärztlichen Begleiters des Apostels Paulus als Verfasser der lukanischen Schriften basiert, wäre es ein Versäumnis, an dieser Stelle nicht auch die Kritiker zu Wort kom‐ men zu lassen, bevor wir den Versuch unternehmen, Äußerungen des Evangelisten Lukas als Quellengrundlage für die Analyse von standesethischen Überlegungen von Ärzten unseres Untersuchungszeitraums zu benutzen. Um die Argumente der Kritiker der Identifizierung des Evangelisten Lukas als Arzt besser kennenzulernen, bietet sich ein erst unlängst veröffentlichter Internetarti‐ kel B. Kollmanns an: Der Verfasser der Apostelgeschichte ist zwar deutlich in der Tradi‐ tion des Paulus verwurzelt, zeigt sich aber in entscheidenden Punkten der Paulusbiogra‐ phie schlecht oder falsch informiert. Zudem lässt er keine tiefere Kenntnis paulinischer Theologie erkennen, wie man sie von einem Begleiter des Apostels auf dessen Missions‐ reisen erwarten würde. Auch der gelegentlich unternommene Versuch, den Autor des lu‐ kanischen Doppelwerks anhand seines Sprachschatzes als Arzt zu identifizieren, führte zu keinem überzeugenden Ergebnis. Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte stammen von einem hellenistisch gebildeten und mit jüdischen Traditionen vertrauten Autor, der uns nicht näher bekannt ist. Die Apostelgeschichte wurde von ihm wahr‐ 2112 Vgl. dazu: Vgl. Dörnemann, M., Einer ist Arzt, Christus, in ZAK 2013; 17, (1) S. 102–124; 2113 Vgl. I. Broer (in Verb. mit H. - U. Weidemann), Einl. in das NT, Würzburg 2010, S. 138–142; 2114 Vgl. Ebner, M./Schreiber, St. (Hg.), Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart 2008, S. 192–195, u. 235–239; 2115 Vgl. Kollmann, B., Neues Testament kompakt, Stuttgart 2014; Neutestamentliche Wundergeschich‐ ten. Biblisch-Theologische Zugänge und Impulse für die Praxis, Stuttgart: 20113. Ders., Paulus als Wundertäter, in: Schnelle, U./Söding, Th.(Hg.): Paulinische Christologie, Göttingen 2000, S. 76–96; Jesus und die Christen als Wundertäter, Göttingen, 1995; s. auch: http://www.ev.theologie.unimainz.de/zimmermann/ wunderkompendium/downloads/texte_band_2_wunder_apostel/ 100_einleitung_apg_kollmann_07-02-11. pdf (2014). 2116 B. Kollmann habilitierte sich sich im Jahre 1995 in Göttingen mit einer Arbeit über „Jesus und die frühen Christen als Wundertäter“, in: Studien zu Magie, Medizin und Schamanismus in Antike und Christentum, Göttingen 1996. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 446 scheinlich in der Zeit zwischen 90 und 100 als Fortsetzung des um 80 entstandenen Lu‐ kasevangeliums geschrieben.2117 Diesem Statement ist zu entnehmen, dass sich die Zweifel der modernen Kritiker an der Identität des Evangelisten Lukas vor allem auf Zweifel daran beruhen, dass je‐ ner in engeren persönlichen Beziehungen zu dem Apostel Paulus stand, d. h. auf Zweifeln, welche ihrerseits wieder mit angeblichen Informationslücken des Verfassers der Apostelgeschichte begründet werden, - sowohl hinsichtlich der Biographie als auch hinsichtlich der Theologie des Apostels. Zum Teil beruht die moderne Kritik an der Identifizierung des in den paulinischen Briefen erwähnten Arztes Lukas als Ver‐ fasser der Apostelgeschichte aber auch auf der methodologischen Problematik, sprachlich – stilistische Eigentümlichkeiten dieser Schrift, argumentativ zu Unguns‐ ten der These, dass jener ein Begleiter des Paulus gewesen sei, zu verwenden. Im Hinblick auf die von B. Kollmann ausgesprochene Warnung, bezüglich sprachlich-stilistischer Eigentümlichkeiten der Apostelgeschichte bei der Identifizie‐ rung ihres Verfassers eine allzu große Bedeutung beizumessen, ist, ohne auf die kon‐ kreten Bezüge dieses Einwandes einzugehen, zu konzedieren, dass der o. e. gelegentli‐ che Wechsel der Erzählperspektive vom scheinbar objektiven auktorialen Erzählstil zum scheinbar auch persönlich betroffenen „Wir-Erzähler“ zwar die Vermutung rechtfertigt, dass der Erzähler die in dieser Form berichteten Begebenheiten als „Au‐ genzeuge“ persönlich miterlebt hat, aber eine solche Augenzeugenschaft keineswegs beweist, insofern jener Wechsel der Erzählperspektive sich auch aus einer lediglich innerlichen Parteinahme im Rahmen des jeweiligen Erzählgegenstandes erklären lässt. Aus dem zuletzt genannten Grunde aber ist der von B. Kollmann erwähnte Hauptgrund für die Kritik an der Identifizierung des Evangelisten Lukas als Begleiter des Apostels Paulus a priori als problematisch einzustufen, angeblich erstaunliche Wissensmängel sowohl bezüglich der Biographie als auch der Theologie des Apostels. Denn es ist nicht auszuschließen, dass sich die angeblichen Informationsmängel des Evangelisten auf Ereignisse einer Zeit bezogen, in welcher der Evangelist noch gar nicht zu den Begleitern des Apostels gehörte. Außerdem ist zu beachten, dass die meisten in der Apostelgeschichte erwähnten Ereignisse, nicht zuletzt die Missionsreisen des Apostels Paulus, zum Zeitpunkt von deren Niederschrift, nämlich in den neunziger Jahren, bereits 30 und mehr Jahre zu‐ rücklagen, so dass man als mögliche Ursache für Informationsdefizite auch mit alters‐ bedingten Gedächtnislücken rechnen sollte, vielleicht sogar mit „absichtlichen Wis‐ senslücken“. Denn es darf nicht unterschlagen werden, dass schon dem griechischen Titel der Apostelgeschichte, PRAXEIS APOSTOLWN, zu entnehmen ist, dass es erklärterma‐ ßen nicht die Absicht des Verfassers der Apostelgeschichte war, den Lesern lediglich eine möglichst vollständige Darstellung der Biographie und Theologie eines einzigen Apostels, nämlich derjenigen des Paulus, zu liefern, sondern einen Bericht über we‐ sentliche Taten der Apostel insgesamt, – sowie der Evangelist ja auch bezüglich des 2117 S. o. http://www.ev.theologie.uni-mainz.de/zimmermann/wunderkompendium/downloads/ texte_band_2 _ wunder_apostel/100_einleitung_apg_kollmann_07-02-11.pdf (2014), S. 1; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 447 ihm zugeschriebenen Evangeliums keine Erläuterung der Theologie Jesu ankündigte, sondern gewissermaßen eine „historische“ Darstellung der Taten Jesu. Das Evangeli‐ um charakterisierte dessen Verfasser im Vorwort dazu unmissverständlich als „einen Bericht über all das … was sich unter uns ereignet und erfüllt hat2118“ und im Vorwort der Apostelgeschichte bezeichnete jener dasselbe Werk rückblickend ebenfalls als einen „Bericht“ über „Alles was Jesus getan und gelehrt hat.2119“ Damit umschrieb er indirekt aber auch das Vorhaben der Apostelgeschichte als einen „Tatenbericht“. Im Zusammenhang damit ist zu beachten, dass auch der einzige bedeutendere Konflikt unter den Aposteln, namentlich zwischen den Aposteln Petrus und Paulus, über den sich der Verfasser der Apostelgeschichte weitgehend ausschweigt und be‐ züglich dessen man dem Evangelisten eventuell auch eine mangelnde Vertrautheit mit spezifischen Elementen der paulinischen Theologie zum Vorwurf machen könn‐ te, nämlich der sog. Antiochener Zwischenfall, in das Jahr 48 n. Chr. datiert wird2120, d. h. auf einen Zeitpunkt, der zur Zeit der erstmaligen Erwähnung eines Arztes mit dem Namen Lukas in der Begleitung des Apostels Paulus2121, aber bereits acht Jahre zu‐ rücklag. Um zu verstehen, warum der Verfasser der Apostelgeschichte aber tatsächlich „vergaß“, auf dieses Ereignis einzugehen, genügt es allerdings nicht, auf die Möglich‐ keit altersbedingter Gedächtnislücken zu verweisen oder darauf, dass der Arzt Lukas, – wenn überhaupt, – damals noch nicht zum Gefolge des Apostels Paulus gehörte. Zu diesem Zweck erscheint es vielmehr als notwendig, dass wir bestimmte Einzelheiten jenes Ereignisses, über welches im Wesentlichen nur Paulus selbst berichtet, ein wenig genauer betrachten, und zwar in seinem Brief an die Galater2122. Aus Anlass einer in den Gemeinden der sog. Galater2123 (wieder?) aufgeflammten Diskussion, ob sich Christen auch nach mosaischem Brauch hätten beschneiden zu lassen, verweist der Verfasser des Briefes zunächst auf die auch in der Apostelgeschich‐ 2118 Vgl. Lk 1, 1 - 4: ʼEpeid»per polloˆ ™pece…rhsan ¢nat£xasqai di»ghsin perˆ tîn peplhroforomšnwn ™n ¹m‹n pragm£twn, kaqëj paršdosan ¹m‹n oƒ ¢p' ¢rcÁj aÙtÒptai kaˆ Øphrštai genÒmenoi toà lÒgou, œdoxe k¢moˆ perhkolouqhkÒti ¥nwqen p©sin ¢kribîj kaqexÁj soi gr£yai, kr£tiste QeÒfile, †na ™pignùj perˆ ìn kathc»qhj lÒgwn t¾n ¢sf£leian - Quoniam quidem multi conati sunt ordinare narrationem, quae in nobis completae sunt, rerum, sicut tradiderunt nobis, qui ab initio ipsi viderunt et ministri fuerunt verbi, visum est mihi, adsecutio a principio omnia, diligenter ex ordine tibi scribere, optime Theophile, ut cognoscas eorum verborum, de quibus eruditus es, firmitatem. 2119 S. o. Apg 1, 1: TÕn m™n prîton lÒgon ™poihs£mhn perˆ p£ntwn, ð qeÒfile, ïn ½rxato Ð 'Ihsoàj poie‹n te kaˆ did£skein.. Primum quidem sermonem feci de omnibus o Theophile, quae coepit Jesus facere et docere … (Im ersten Buch, o Theophilus habe ich über alles berichtet, was Jesus getan und gelehrt hat.) 2120 Vgl. Gal 2, 11–14 dazu: Heil, Chr.: Die Ablehnung der Speisegebote durch Paulus. Zur Frage nach der Stellung des Apostels zum Gesetz. Weinheim 1994. Schnelle, U.: Einleitung in das Neue Testa‐ ment. Göttingen 2005 5. Wechsler, A.: Geschichtsbild und Apostelzeit. Eine forschungsgeschichtli‐ che und exegetische Studie über den antiochenischen Zwischenfall (Gal 2, 11–14). BZNW 62, Ber‐ lin 1991. 2121 im Jahre 55 n. Chr.; vgl. dazu Phlm 24; 2122 Vgl. Gal 2,-2, 21; 2123 Bewohner einer hist. Landschaft in Zentralanatolien; Galat…a ( Galatien), der griechische Name der Landschaft, geht auf den keltischen Stamm der Galater zurück, die 278/77 v. Chr. dorthin ein‐ drangen und seit dem dort siedelten. Vgl. Volkmann, H., Galatia, in: KlP, Bd. 2, Sp. 666–670; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 448 te erwähnte bereits auf dem sog, Apostelkonzil in Jerusalem getroffene Entscheidung, dass dieses nicht erforderlich sei und dass er selbst, bevor er gemäß dieser Regeln zu missionieren begonnen habe, in Jerusalem die Zustimmung des Petrus und der übri‐ gen Apostel dazu erbeten und erhalten habe.2124 Eben in diesem Zusammenhang räumt Paulus einen angeblich in Antiochien aus‐ getragenen Konflikt mit Petrus und anderen sog. Judenchristen ein. Über jenen Kon‐ flikt ist dem Galaterbrief2125 Folgendes zu entnehmen: Ὅte dὲ Ãlqen Kef©j e„j 'An‐ tiÒceian, kat¦ prÒswpon ¢utù ¢nšsthn, Óti kathgnwsmšnoj Ãn. prÕ toà g¦r ™lqe‹n tinaj ¢pÕ 'Iakèbou met¦ tîn ™qnîn su»sqien. Óte dὲ Ãlqon, Øpšstellen kaˆ ¢fèrizen ˜autÕn foboÚmenoj toÝj ™k peritomÁj. kaˆ sunupekr…qhsan [kaˆ] oƒ loipoˆ 'Iou‐ da‹oi, éste kaˆ Barnab©j sunap»cqh aÙtîn tÍ Øpokr…sei. ¢ll' Óte eἶdon Óti oÙk Ñrqopodoàsin prÕj t¾n ¢l»qeian toà eÙangel…ou, eἶpon tù Khf´ œmprosqe p£ntwn. e„ sÝ 'Iuda‹oj Øp£rcwn ™qnikîj kaˆ oÙcˆ 'Ioudaikîj zÍj, pîj t¦ œqnh ¢nagk£zeij „oudaΐzein. - Cum autem venisset Cephas Antiochiam, in faciem ei restiti, quia repre‐ hensibilis erat. Prius enim venirent quidam ab Iacobo, cum gentibus comedebat; cum autem venissent, subtrahebat et segregabat se, timens eos, qui ex circumcisione erant. Et simulationi eius consenserunt ceteri Iudaei, ita ut et Barnbas simul abduceretur illorum simulatione. Sed cum vidissem quod non recte ambularent ad veritatem evangelii, dixi Cephae eorum omnibus: Si tu, cum Iudaeus sis, gentiliter et non Iudaice vivis, quo modo gentes cogis iudaizare?2126 (Als Kephas nach Antiochien kam, widerstand ich ihm ins Gesicht, da er sich tadelnswert verhielt. Bevor nämlich gewisse Leute von Jakobus ka‐ men, speiste er gemeinsam mit Heiden [-christen]; als sie aber angekommen waren, zog er sich zurück und sonderte sich von ihnen ab, weil der diejenigen fürchtete, die zu den Beschnittenen gehörten. Und mit dessen Heuchelei stimmten auch die übri‐ gen Juden [-christen] überein, so wie auch Barnabas durch deren Heuchelei verführt wurde. Als ich aber sah, dass sie sich nicht richtig verhielten, nach der Wahrheit der frohen Botschaft, sagte ich zu Kephas vor allen: Wenn Du, obwohl Du Jude bist, nach Art der Heiden [-christen] lebst, wieso zwingst du dann die Heiden [-christen] nach jüdischer Art zu leben?) Nach Auskunft der o. z. Stelle des Galaterbriefs lag der Auseinandersetzung zwi‐ schen Paulus und Petrus kein grundsätzlicher (theologischer) Dissens bezüglich der Notwendigkeit einer Beschneidung von „Heiden“ vor ihrer Taufe, sondern lediglich ein gewisses Unverständnis des Paulus über die „Distanz“ des Petrus und anderer Ju‐ denchristen im persönlichen Umgang mit den Heidenchristen in Antiochien zugrunde. Dafür dass jener nachrangige Konflikt zwischen Judenchristen und Heidenchristen über ihr Zusammenleben auch noch zur Zeit der Abfassung des Galaterbriefs in den über das Kernproblem der Forderung nach einer Beschneidung auch von Heiden‐ 2124 Vgl Gal 2, 1–10; vgl. Apg 15, 1–29; 2125 Den Galaterbrief verfasste der Apostel entweder zwischen 54 und 55 n. Chr. in Ephesus (bis in die achtziger Jahre vorherrschende Theorie) oder im Herbst des Jahres 55 n. Chr. in Makedonien auf dem Weg nach Korinth (zur Zeit vorherrschende Theorie). Vgl. Schnelle, U.: Einleitung in das Neue Testament. Göttingen 20138. Hübner, H.: Galaterbrief. In: Theologische Realenzyklopädie. Nr. 12, 1984, S. 5–14. (einführender Überblick); Watson E. Mills: Galatians. Lewiston u. a. 1999. 2126 Vgl. Gal 2, 11–14; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 449 christen weiter zerstrittenen Gemeinden der Galater eine Rolle gespielt haben könnte, liefert aber weder der Galaterbrief noch der Römerbrief Anhaltspunkte. Im Gegenteil: Wie ein roter Faden durchziehen den Galaterbrief Beschwörungen der Einheit der Gemeinden im Glauben. Zwar bringt Paulus zu Beginn des Briefes seine Verwunderung über Bestrebungen der Galater zum Ausdruck „ein anderes Evangelium einzuführen“2127 und verurteilt diese Bestrebungen2128, aber gleichzeitig zeigt er sich gerade in diesem Brief darum bemüht, ein vielleicht gefährliches Argu‐ ment der Befürworter der kritisierten Lehre zu entkräften, nämlich die Behauptung eines angeblich fundamentalen Widerspruchs seiner eigenen Auffassung zu derjeni‐ gen des Petrus und der übrigen Apostel. Zu diesem Zweck hebt Paulus hervor, dass er Jahre lang enge Kontakte zu Petrus gepflegt habe2129, allerdings nicht wegen „theolo‐ gischer“ Streitereien, sondern im Interesse einer möglichst effizienten Aufgabentei‐ lung.2130: Ð g¦r ™nerg»saj Pštrw e„j tÕ ¢postol¾n tÁj peritomÁj ™n»rghsen kaˆ ™moˆ e„j t¦ œqnh - qui enim operatus est Petro in apostolatum circumcisionis operatus est et mihi inter gentes. (Diese Vereinbarung wies dem Petrus das Apostolat über die Beschnittenen zu und mir über die Heiden.) Das Prinzip, nach welchem Paulus sich die Missionsarbeit mit Petrus aufgeteilt habe, bringt er dabei auf folgende Formel: e„dÒtej dὲ Óti oÙ dikaiàutai ¥nqrwpoj ™x œrgwn nÒmou ™¦n m¾ di¦ p…stewj 'Ihsoà Cristoà, kaˆ ¹me‹j e„j CristÕn 'Ihsoàn ™pisteÚsamen, †na dikaiwqîmen ™k p…stewj Cristoà kaˆ oÙk ™x œrgwn nÒmou, Óti ™x œrgwn nÒmou oÙ dikaiwq»setai p©sa s£rx. - scientes autem quod non iusti‐ ficatur homo ex operibus legis nisi per fidem Iesu Christi, et nos in Christum Iesum cre‐ didimus, ut iustificemur ex fide Christi et non ex operibus legis, quoniam ex operibus legis non iustificabitur omnis caro2131. (Weil wir aber erkannt haben, dass der Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes gerecht wird, sondern durch den Glauben an Christus, sind auch wir dazu gekommen, an Jesus Christus zu glauben, damit wir ge‐ recht werden durch den Glauben an Christus, denn durch Werke des Gesetzes [allein] wird niemand [besser m. E.: nicht jeder] gerecht.2132) Bei dem Versuch die Aussagen dieser Textstelle aus dem historischen Kontext he‐ raus zu deuten, wird man kaum umhinkommen, die in dem Zitat ausgesprochene Kritik an „Werken des Gesetzes“ (œrgwn nÒmou) auf ein Handeln zu beziehen, wel‐ ches sich ausschließlich an den Bestimmungen der Thora, d. h. des mosaischen Geset‐ zes, orientiert. Allerdings wäre es unzulässig, aus dieser Kritik eine völlige Ablehnung 2127 Vgl. Gal 1, 6; 2128 Vgl. Gal 1, 8; 2129 Vgl. Gal 1, 18–2, 7; 2130 Vgl. Gal 2, 8; 2131 Vgl. Gal 2, 16; 2132 Vgl. Die Bibel, Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, S. 211; für die Übersetzung dieser Text‐ stelle wurde bewusst auf die interkonfessionell beglaubigte „Einheitsübersetzung“ zurückgegriffen, weil die Auslegung des darin erläuterten Begriffs der „Rechtfertigung“ vor allem zwischen katholi‐ schen und evangelischen Theologen jahrhundertelang heftig umstritten war. (vgl. http:// www.ekd.de/presse/pm145_2008 _ velkd_rechtfertigung.html) und der Eindruck vermieden wer‐ den soll, dass hier eine eigenständige theologische Deutung der Stelle beabsichtigt sei, womit ein Historiker zwangsläufig seine Kompetenzen überschritte. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 450 des mosaischen Gesetzes abzuleiten. Den letzten Satz des Zitats (Óti ™x œrgwn nÒmou oÙ dikaiwq»setai p©sa s£rx.) wird man historisch2133 wohl am besten dahin‐ gehend auslegen, dass es nach Auffassung des Paulus nicht ausreichte, sich an den gültigen Gesetzen, auch nicht allein an denen der Thora, zu orientieren, um ein vor Gott „gerechtfertigter“ Mensch zu werden, sondern dass es dazu auch der Einhaltung bestimmter ethischer Prinzipien bedürfe, die sich vor allem aus dem Glauben an Christus (†na dikaiwqîmen ™k p…stewj Cristoà) ergäben, – wobei nach dem hier favorisierten Textverständnis die Ausrichtung des eigenen Lebens am mosaischen Ge‐ setz kein unüberwindliches Hindernis auf dem Wege zur „Gerechtigkeit“ darstellte2134, insofern sich das Leben von Judenchristen ebenfalls an dem „Glauben an Jesus Chris‐ tus“ orientierte. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus aber hinsichtlich der Frage nach den Gründen dafür, warum der Verfasser der Apostelgeschichte weder auf den Antiochener Zwischenfall noch auf die Streitigkeiten bei den Galatern näher eingeht. – Zumindest Eines wird man vor dem Hintergrund der ausführlichen Darstellung der Vorge‐ schichte und der Entscheidungsfindung des sog. Jerusalemer Apostelkonzils, im Hin‐ blick auf die Befreiung von Heidenchristen von der Verpflichtung, sich auch nach jü‐ dischem Ritus beschneiden zu lassen, ausschließen dürfen, – nämlich dass Lukas die‐ se Entscheidung missbilligt hätte, zumal dessen hellenistische Herkunft auch von den Kritikern der Auffassung, dass er ein Arzt gewesen sei, nicht in Frage gestellt wird. Außerdem gibt es in der Apostelgeschichte zahlreiche Belege dafür, dass der Apostel Paulus, wie auch von diesem selbst im Galaterbrief bezeugt wird, obwohl er sich vor allem für die „Heidenmission“ zuständig hielt, die Kontakte zu den jüdischen Ge‐ meinden der von ihm bereisten hellenistischen Gebiete keineswegs vermied. Im Gegenteil: Es wird in der Apostelgeschichte klar bezeugt, dass er die jüdischen Synagogen in den von ihm bereisten hellenistischen Städten in der Regel sogar als die ersten Anlaufstellen zu seiner Missionstätigkeit nutzte2135. Davon dass Paulus zu ir‐ gendeinem Zeitpunkt dem jüdischen Glauben seiner Väter in aller Form abgeschwo‐ ren hätte, ist in der Apostelgeschichte nirgends die Rede. In einem Fall wird sogar da‐ rüber berichtet, dass Paulus, um einen Konflikt mit seinen jüdischen Glaubensbrü‐ dern zu vermeiden, angeblich zuließ, dass ein Grieche, bevor er Christ wurde, be‐ 2133 Dem Verfasser ist bewusst, dass nicht zuletzt diese Stelle des Galaterbriefs auch unterschiedliche theologische Deutungen zulässt, die vor allem seit der Reformation bis ins 21. Jahrhundert zu erheb‐ lichen Entfremdungen zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen geführt haben. Vgl. dazu u. a. Pöhlmann, H. G.: Abriß der Dogmatik. Ein Kompendium. Gütersloh 20026. Barth, H.-M.: Dogmatik. Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen. Ein Lehrbuch. Gütersloh 20022, S. 528–550; 562–577. Hauschildt, F./ Hahn, U. (Hrsg.): Rechtfertigung heute. Warum die zentrale Einsicht Martin Luthers zeitlos aktuell ist. Lutherisches Kirchenamt (VELKD), Hannover 2008. Witte, M. (Hrsg.): „Gerech-tigkeit“, Themen der Theologie 6, Tübingen 2012. Aber eine Auseinan‐ dersetzung mit diesen theolo-gischen Deutungsansätzen sprengt die Zuständigkeit des Historikers und dürfte für die Analyse der histo-rischen Bedeutung kaum hilfreich sein. Hier geht es allein um die Klärung eines „historischen Sachverhalts“. 2134 Dass Paulus das jüdische Gesetz keineswegs ablehnte, belegen auch Formulierungen aus dem Römerbrief, in denen er das Gesetz sogar für „heilig“ erklärt. Vgl. Röm 7, 12–24; 2135 so in Kleinasien insgesamt (Apg 13, 4–5;), in Pisidien (13, 14–40), in Ikonium (14, 1–11), in Athen (17, 17), Thessalonich (17, 1–2), Korinth (18, 4. 7–14) und in Ephesos (19, 8–10); 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 451 schnitten wurde2136. Das aber hinderte ihn nicht daran, bei Griechen in der Regel als Voraussetzung für ihre Taufe auf die Bedingung auf eine vorherigen Beschneidung zu verzichten, auch nicht um den Preis der Vermeidung von Konflikten mit seinen jüdi‐ schen Glaubensbrüdern. Dass der sog. Antiochener Zwischenfall und auch die Konflikte in den christlichen Gemeinden der Galater in der Apostelgeschichte unerwähnt bleiben, wird man daher keinesfalls auf theologische bzw. historische Wissenslücken oder gar als Indiz für Vor‐ behalte gegen das missionarische Vorgehen des Apostels Paulus deuten, wie das zum Beispiel bei B. Kollmann geschieht, sondern als Ausdruck einer Tendenz, die darauf abzielte, Konflikte zwischen den Aposteln herunterzuspielen und deren Mission als Vorbild für Einmütigkeit erscheinen zu lassen. Hierbei ist sogar zu unterstellen, dass der Verfasser den historischen Konflikt nicht nur einfach „vergaß“, sondern absicht‐ lich unerwähnt ließ, um möglichst keinen Zweifel an der Einmütigkeit der Apostel in wesentlichen Fragen der Mission aufkommen zu lassen. Auch Zweifel daran, dass der Verfasser des lukanischen Doppelwerks mit dem in den paulinischen Briefen erwähn‐ ten Arzt namens Lukas identisch war, lassen sich mit dem Hinweis auf das weitgehen‐ de Schweigen der Apostelgeschichte über interne Konflikte der Apostel somit nicht überzeugend begründen. Allein der Nachweis der Fragwürdigkeit wichtiger Argumente gegen die Identifi‐ zierung des Verfassers der lukanischen Werke als Arzt ersetzt nicht einen überzeugen‐ den Beweis für die Gültigkeit der bislang erörterten Belege zugunsten dieser Hypo‐ these. Als erwiesen könnte man die Identität des Verfassers der lukanischen Schriften als Arzt erst unter der Voraussetzung ansehen, wenn sich auch verschiedene inhaltli‐ che Aussagen dieser Werke eher mit einer solchen Einschätzung vereinbaren ließen als mit jeder anderen Identität. Aus diesem Grunde sollen im Folgenden nicht zuletzt die Darstellungen über sog. Wunderheilungen2137 im Lukanischen Doppelwerk dar‐ aufhin untersucht werden, ob sie eher für eine solche Identität des Verfassers spre‐ chen oder nicht. Das Bild der Aposteln als (Wunder-) Heiler Tatsächlich enthalten die beiden Lukanischen Schriften zahlreiche Berichte über Hei‐ lungen, nicht zuletzt über „Wunderheilungen“. Das erste in der Apostelgeschichte er‐ wähnte „Heilungswunder“ ereignete sich nach der relativen Chronologie der Schrift bereits wenige Wochen nach der Kreuzigung Jesu und wird dem Apostel Petrus zuge‐ schrieben. Auf dem Weg in den Tempel begegnet der Apostel einem gelähmten Bett‐ 3.3.3.4.2 2136 Vgl. Apg 16, 1–5; 2137 Wunderheilungen und Wunderheiler nicht nur im frühen Christentum, sondern in der Antike überhaupt stoßen seit geraumer Zeit nicht nur bei Theologen sondern auch bei Medizinhistorikern seit auf wachsende Aufmerksamkeit. Vgl. dazu Grote, A., Wunderheiler, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 925–926; Schnalke, Th., Wunderheilung, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. … S. o. Sp. 926–928; allerdings fand in den o. g. Artikeln und in der darin zitierten Literatur die Frage nach der Identität des „Evangelisten“ Lukas als „Arzt“ bis‐ lang noch kaum Beachtung. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 452 ler, der von ihm ein Almosen erwartet 2138. Statt dieser Erwartung zu entsprechen, macht der Apostel den Bettler auf seine eigene Mittellosigkeit aufmerksam und bittet diesen sich mit dem zufrieden zu geben, was er besitzt, nämlich die Fähigkeit zu hei‐ len. Und dann richtet der Apostel an den Gelähmten angeblich folgende Worte: ™n tù ÑnÒmati 'Ihsoà Cristoà toà Nazwra…ou œgeire kaˆ perip¡tei. - in nomine Jesu Christi Nazareni surge et ambula!´ Dann ergriff der Apostel die Hand des Gelähmten und hob ihn hoch (kaˆ pi£saj aÙtÕn tÁj dexi©j ceirÕj ½geiren aÙtÕn. - Et appre‐ hensa ei manu dextera allevavit eum;) und zur Überraschung der Umstehenden stellte sich der Gelähmte auf die eigenen Füße, ging umher (paracrÁma d™ ™stereèqhsan aƒ b£seij aÙtoà kaˆ t¦ syudr£,- et exiliens stetit et ambulabat),2139 begleitete den Apos‐ tel in den Tempel und lobte Gott. Eine weitere wundersame Krankenheilung bewirkte Petrus nach den Angaben der Apostelgeschichte in Lydda, dem heutigen Lod, an der Straße von Jaffa (Tel Aviv) nach Jerusalem; dort soll der Apostel einen gewissen Aeneas, der ebenfalls seit Jahren gelähmt war, mit den einfachen Worten „Steh auf!“ geheilt haben2140. Nicht viel spä‐ ter und nicht weit entfernt von Lod, nämlich in Jaffa, erweckte Petrus nach den Anga‐ ben der Apostelgeschichte sogar eine bereits verstorbene Frau, die als Wohltäterin an‐ geblich bekannte Tabea, ebenfalls durch eine einfache Aufforderung (Tabea, steh auf!) von den Toten2141. Auch den übrigen Aposteln werden von dem Verfasser der Apostelgeschichte Wun‐ derheilungen zugeschrieben, die dazu führten, dass wo immer jene predigten, Kranke auf Heilung durch sie warteten: [...] íste kaˆ e„j t¦j plate…aj ™kfšrein toÝj ¢sqene‹j kaˆ tiqšnai ™pˆ klinar…wn kaˆ krab£ttwn, †na ™rcomšnou Pštrou k¨n ¹ ski£ ™piski £sῃ tinˆ aÙtîn. sun»rceto dὲ kaˆ tÕ plÁtoj tîn pšrix pÒlewn 'Ierousal¾m fšrontej ¢sqene‹j kaˆ Ñcloumšnouj ØpÕ pneum£twn ¢kaq£rtwn o†tinej ™qerapeÚonto ¤pan‐ tej. - … ita ut et in plateas efferrent infirmos et ponerent in lectulis et grabatis, ut, ve‐ niente Petro, saltem umbra illius obumbrarent quemquam eorum. Concurrebat autem et multitudo vicinarum civitatum Ierusalem, afferentes aegros et vexatos ab spiritibus immunndis, qui curabantur omnes.2142 (… so dass sie auf die Straßen sogar Kranke hinaustrugen und auf Liegen und Bahren betteten, damit sie, wenn Petrus komme, wenigstens mit dessen Schatten jeden umhüllten. Es kam aber auch eine Menge aus den benachbarten Städten nach Jerusalem, sie brachten Kranke und solche, die von unreinen Geistern gequält worden waren, die alle geheilt wurden.) Namentlich erwähnt als Wunderheiler wird in der Apostelgeschichte außer Petrus noch ein gewisser Philippus, der allerdings nicht im eigentlichen Sinne zu den Apos‐ teln gerechnet wird, sondern zu einer Gruppe von sieben Hellenisten, welche die 2138 S. o. Kap. 3.1.4; 2139 S. o. Apg 3, 3–8; 2140 Vgl. Apg 9, 32; 2141 Vgl. Apg 9, 36–40; 2142 Apg 5, 12; 15, 5–16; Zu weiteren Heilungen durch Petrus kam es in Lydda und Joppe, wobei in Lydda im Falle der „Jüngerin Tabita“ sogar eine Totenerweckung bezeugt wird. Vgl. Apg 32–43. 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 453 Apostel bei ihrer Missionsarbeit unterstützen sollten,2143 - und nicht zuletzt Paulus2144. Wie Petrus heilte nach den Angaben der Apostelgeschichte auch Philippus außer „Be‐ sessenen“ Kranke mit körperlichen Gebrechen und Gelähmte: pÒlloi g¦r tîn ™cÒnt‐ wn pneÚmata ¢k£rqarta boînta fonÍ meg£lῃ »xhrconto, polloˆ dὲ paralelumšnoi kaˆ cwloˆ ™qerapeÚqhsan. - ex multis enim eorum, qui habebant spiritus immundos, cla‐ mantes voce magna exibant; multi autem paralytici et claudi curati sunt2145. (Aus vie‐ len, die unreine Geister hatten, fuhren diese mit lautem Geschrei aus; aber auch viele Krüppel und Gelähmte wurden geheilt.) Auch Paulus selbst bewirkte nach der Apostelgeschichte die Heilung eines Ge‐ lähmten: „Kaˆ tij ¢n»r ¢dÚnatoj ™n LÚstroij to‹j posˆn ™k£qhto, cwlÕj ™k koil… aj mhtrÕj aÙtoà Öj oÙdšpote periep£thsen. oátoj ½kousen toà PaÚlou laloàntoj. Ój ¢ten…saj aÙtù kaˆ „dèn Óti œcei p…stin toà swqÁnai, eἶpen meg£lh fwnÍ. ¢n£sqhqi ™pˆ toÝj pÒdaj sou ÑrqÒj. kaˆ ½lato kaˆ periep£tei. - Et quidam vir in Lystris infir‐ mus pedibus sedebat, claudus ex utero matris suae, qui numquam ambulaverat. Hic au‐ divit Paulum loquentem; qui intuitus eum et videns quia haberet fidem, ut salvus fieret, dixit magna voce: `Surge super pedes tuos rectus!´ Et exsilivit et ambulabat.2146 (Und ein gewisser Mann in Lystra saß unsicher an den Füßen, gelähmt vom Mutterleibe an, der niemals umher gegangen war. Dieser hörte Paulus reden; Der betrachtete ihn und weil er sah, dass er Vertrauen hatte, dass er gesund werden könne, rief er mit lauter Stimme: Erhebe dich über deinen Füßen aufrecht! Und er sprang auf und ging umher.) Über weitere angeblich von Paulus bewirkte Krankenheilungen wird im Zusam‐ menhang der Darstellung seiner Fahrt nach Rom berichtet. Während eines längeren Zwangsaufenthalts auf der Insel Malta „behandelte“ Paulus nach der Darstellung der Apostelgeschichte die Fiebererkrankung eines Großgrundbesitzers sowie die Krank‐ heiten zahlreicher durch jenen Erfolg angelockter anderer Insulaner2147. Selbst die Erweckung eines Toten wird in der Apostelgeschichte Paulus zugeschrie‐ ben: katezÒmenoj dὲ tij nean…aj ÑnÒmati 'Eàtucoj ™pˆ tÁj qur…doj, kataferÒme‐ noj Ûpnw baqe‹ dialogoumšnou toà PaÚlou ™pˆ ple‹on, katenecqeˆj ¢pÕ toà Üpnou œpesen ¢pÕ toà tristšgou k£tw kaˆ ½rqh nekrÕj. katab©j dὲ Ð Paàloj ™pšpesen aÙtù kaˆ sumperilabën eἶpe. m¾ qorube‹sqe, ¹ g¦r yuc¾ aÙtoà ™n aÙtù ™stin. ¢nab¦j dὲ kaˆ kl£saj tÕn ¥rton kaˆ geus£menoj ™f` ƒkanÒn te Ðmil»saj ¥rci aÙgÁj, oÓtwj ™xÁlqen. ½gagon dὲ tÕn pa‹da zînta kaˆ parekl»qhsan oÙ metr…wj. - sedens autem quidam adulescens nomine Eutychus nomine super fenestram, cum mergeretur somno gravi disputante diutius Paulo, eductus somno cecidit de tertio cenaculo deorsum et sublatus est mortuus. cum descendisset autem Paulus incubuit super eum et comple‐ xus dixit: Nolite turbari, anima enim ipsius in eo est. Ascendens autem frangens panem et gustans satisque allocutusque usque in lucem, sic profectus est. Adduxerunt autem 2143 mit Namen Stephanus, Philippus, Pachoros Nikanor, Timon, Parmenas und Nicolaus, vgl. Apg 6, 1– 7; 2144 In Kapp. 13–28 wird in der Apg nahezu ausschließlich über die Missionsreisen des Paulus berich‐ tet. 2145 Vgl. Apg 8, 7; 2146 Vgl. Apg 14, 8–11; 2147 Vgl. Apg 28, 7–9; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 454 puerum viventem et consolati sunt non minime.2148 (Es saß ein junger Mann mit Na‐ men Eutychos am Fenster, als er von einem tiefen Schlaf erfasst wurde, während Pau‐ lus ein wenig zu lang diskutierte, durch den Schlaf betäubt, stürzte er aus dem drittem Geschoss rückwärts herab und wurde tot aufgehoben. Als aber Paulus hinabgestiegen war, sich über ihn beugte und ihn umfasst hatte, sagte er: Seid nicht beunruhigt, denn seine Seele ist noch in ihm. Er stieg dann wieder hinauf, brach das Brot, aß genug und redete bis zum Morgen, so brach er auf. Den Knaben aber führten sie lebend heran und wurden so sehr getröstet.) Insgesamt wird das frühe Christentum in der Apostelgeschichte, so wie in den üb‐ rigen Schriften des NT, nicht nur als „Heilsreligion“ dargestellt, sondern auch als eine „Heilerreligion“. - Welche Auskünfte lassen sich diesen Berichten jedoch bezüglich der Identität ihres Verfassers entnehmen? – Vor allem in der zuletzt erwähnten Ge‐ schichte über die wundersame Heilung des Eutychos unterstellt der Verfasser der Apostelgeschichte ein Verhalten, das aus dem Blickwinkel eines modernen Betrachters fast befremdlich erscheint: Er steigt zu dem Verunglückten hinab, beugt sich über ihn, umfasst ihn, „untersucht“ ihn gewissermaßen, behauptet daraufhin, dass er noch lebe und keine Veranlassung zur Beunruhigung bestehe und entfernt sich dann wieder: Er stieg dann wieder hinauf, brach das Brot, aß genug und redete bis zum Morgen. Nach heutigem medizinischen Wissensstand, vielleicht aber auch nach damali‐ gem, wäre es denkbar, dass ein vergleichsweise junger Mensch den Sturz aus dem dritten Stockwerk eines Hauses nicht nur lebend, sondern auch ohne schwerwiegende Verletzungen überstehen könnte, falls er dabei nicht auf einen allzu harten Unter‐ grund aufgeprallt wäre. Dennoch würde sich ein heutiger Arzt gewiss anders verhal‐ ten als Paulus, insofern dieser ihn gewiss nicht an Ort und Stelle liegen ließe, sondern dafür sorgte, dass der Verunglückten so gebettet würde, damit er nicht infolge eines unvorhersehbaren Erbrechens beim Wiedererwachen aus seiner Ohnmacht erstickte. Als noch befremdlicher erscheint in Anbetracht dessen, dass der Verfasser der Apostelgeschichte über das Verhalten des Apostels lediglich berichtet, sogar mit einem Unterton der Bewunderung, und zwar indem er den Trost hervorhob, welchen die Angehörigen des Knaben durch dessen Heilung erfuhren, ohne die scheinbare Gleichgültigkeit des Paulus zu missbilligen, – was man von einem Arzt, falls der Be‐ richterstatter wirklich ein solcher gewesen wäre, ansonsten erwarten würde. Allerdings stellt sich die Frage, ob es überhaupt gerechtfertigt ist, dass in dem oben zitierten Textabschnitt geschilderte Verhalten des Paulus als Ausdruck von Gleichgültigkeit zu interpretieren. Denn der Hinweis, dass der Apostel sich nach der Untersuchung des verunglückten Eutychos wieder in das Speisezimmer des Hauses „zum Brotbrechen“ zurückgezogen habe, darf angesichts dessen, dass das „Brotbre‐ chen“ seit dem sog. letzten Abendmahl2149 aus der Sicht der Jünger und Apostel Je‐ su2150 auch eine religiöse Bedeutung besaß, kaum als Ausdruck der Gleichgültig ge‐ 2148 Vgl. Apg 20, 9–12; 2149 Vgl. dazu: Mt 26, 20 – 29; Mk 14, 17–25; Lk 22, 14–23 und 20–25; Joh 13, 2. 21–30 u. 26–28; dazu auch 1. Kor 11, 23–25; 2150 Vgl. dazu das Erlebnis der sog. Emmausjünger (Lk 24, 13–35;) und die eigenen Reflexionen des Paulus (1. Kor 11, 23–25;); 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 455 genüber dem Schicksal des Verunglückten und dem Leid seiner Angehörigen gedeu‐ tet werden. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass man das Mahl im Hause des Eutychos nicht als gewöhnliche Mahlzeit, sondern eher als „Gottesdienst“ zu interpretieren hat, weist das Verhalten des Paulus im Falle der Heilung des Eutychos keine wesentlichen Unterschiede zu dem des Apostels Petrus im Falle der Heilung des gelähmten Bettlers auf, der sich hierbei ja, – wenn man sich im Zusammenhang damit noch einmal des‐ sen an den Gelähmten gerichteten Worte vergegenwärtigt (™n tù ÑnÒmati 'Ihsoà Cristoà toà Nazwra…ou œgeire kaˆ perip¡tei. – in nomine Jesu Christi Nazareni surge et ambula!´)2151, – weniger auf seine eigene Kunst verließ als auf die Gnade Gottes. Gleichwohl stellt sich in Anbetracht dessen auch die Frage, ob nicht die kritiklose Berichterstattung über Heilungen, in denen die Berufung des jeweiligen Heilers auf die „Gnade“ einer Gottheit eine große Rolle spielte, den Verfasser der Apostelgeschich‐ te aus dem Blickwinkel heutiger Betrachter in ein seltsames Licht rückt, als einen Arzt geradezu zu disqualifizieren scheint. Auch im Hinblick darauf kann nur davor ge‐ warnt werden, die gegenwärtigen Vorstellungen von einem vor allem naturwissen‐ schaftlich gebildeten Arzt ohne weiteres auch auf die Antike zu übertragen. Schon ein kurzer Blick auf die durch die o. e. Wunderheilungen ausgelösten Re‐ aktionen genügt um zu erkennen, dass die Belange des Seelenheils und der rein kör‐ perlichen Gesundheit im Bewusstsein vieler Zeitgenossen der Apostel kaum vonein‐ ander zu trennen waren. So wird in der Apostelgeschichte ausführlich darüber berich‐ tet, dass sich die Apostel Petrus und Johannes wegen der o. e. Heilung eines gelähmten Bettlers einer Befragung durch Vertreter des Hohen Rates zu stellen hatten2152. In eben diesem Verhör spielte aber kaum eine Rolle, dass sich Petrus hierbei auf eine Gottheit berufen hatte, sondern allein, dass er sich auf Jesus von Nazareth berufen hatte, was man dort verständlicher Weise als skandalös empfand. Ebenfalls im Kontext der mittelbar durch die Heilung des Gelähmten ausgelösten Reaktionen verdient Beachtung, dass sich unter den Personen, die sich angeblich be‐ reits an demselben Tag taufen ließen, neben Juden auch zahlreiche Angehörige helle‐ nisierter Bevölkerungskreise befanden, so dass die Apostel schon zu einem sehr frü‐ hen Zeitpunkt auch aus diesen sog. „Heidenchristen“ sieben Vertreter zur Unterstüt‐ zung bei der Betreuung der Gemeinde auswählten2153, u. a. einen gewissen Stephanus, der nach altkirchlicher Auffassung als erster Märtyrer des Christentums gilt, als auch der hier bereits erwähnte Philippus, der seinerseits ebenfalls als Heiler von sich reden machte. Eine wichtige Erklärung dafür ergibt sich daraus, dass zumindest im zeitgenössi‐ schen Volksglauben hellenisierter Bevölkerungskreise die Vorstellung eine große Rol‐ le spielte, dass bei der Erhaltung der Gesundheit der Menschen die Götter eine wich‐ tige Rolle spielten. Auch für diesen Volksglauben liefert die Apostelgeschichte auf‐ schlussreiche Belege. In ihr wird u. a. darüber berichtet, dass Paulus und Barnabas 2151 S. o. Apg 3, 3–8; 2152 Vgl. Apg 4, 1–22; 2153 Vgl. Apg 6, 1–7; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 456 wegen von ihnen vorgenommener Wunderheilungen in Kleinasien für vom Himmel herabgestiegene Götter gehalten wurden, Barnabas für „Zeus“, Paulus selbst für „Her‐ mes“2154, – was die letzteren zwar entrüstet zurückwiesen, indem sie betonten, dass sie nur sterbliche Menschen seien, aber gleichzeitig als willkommene Gelegenheit nutzten, den sie vergötternden Hellenisten über den „wahren Gott“ zu berichten, „der den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen“ habe „und Alles, was dazugehöre“2155. Daraus folgt aber, dass Barnabas und Paulus nach Auffassung des Verfassers der Apostelgeschichte in dem Bewusstsein lebten und „heilten“, dass Gott ihnen die Voll‐ macht zu heilen, womöglich sogar Tote aufzuerwecken, erteilt habe. Diese Einschät‐ zung lässt sich besonders gut an der Darstellung der Heilung der Tabea durch den Apostel Petrus ablesen: ™kballën dὲ œxw p£ntaj Ñ Pštroj kaˆ qeˆj t¦ gÒnata pro‐ shÚxato kaˆ ™pistršyaj prÕj tÕ sîma eἶpen. Tabiq£ ¢n£sthqi. ¹ dὲ ½noixen toÝj ÑfqalmoÝj aÙtÁj, kaˆ „doàsa tÕn Pštron ¢nek£qisen. Doàj dὲ aÙtÍ ce‹ra ¢nšsthsen aÙt»n. fwn»saj dὲ toÝj ¡g…ouj kaˆ t£j c»raj paršsthsen aÙt»n zîsan - Eiectis autem omnibus foras Petrus, et ponens genua oravit et conversus ad corpus dixit. Tabitha sur‐ ge! At illa aperuit occulos suos et, viso Petro, resedit. Dans autem illi manum erexit eam et, cum vocasset sanctos et viduas, exhibuit eam vivam2156. (Petrus aber schickte alle vor die Tür, und dann fiel er auf die Knie, betete, wandte sich dem Leichnam zu und sagte: „Tabitha, steh auf!“ Und jene öffnete ihre Augen, und nachdem sie Petrus er‐ blickt hatte, schloss sie sie wieder. Er aber gab jener die Hand, und, nachdem er die Heiligen gerufen hatte und die Witwen, stellte er sie als Lebende vor.) Nach diesem Zeugnis „heilte“ Petrus die Verstorbene also allein durch ein Gebet und durch die Aufforderung, sich zu erheben und der Verfasser der Apostelgeschichte stellt diesen Vorgang als ein Faktum dar, ohne jeden Kommentar, welchen man u. U. als Ausdruck eines Vorbehalts gegenüber der von Petrus angewandten Methode der Heilung mittels „Gesundbetens“. Auch im Hinblick darauf stellt sich die Frage, ob man von dem Berichterstatter, falls er wirklich ein „Arzt“ gewesen sein sollte, im Zu‐ sammenhang damit nicht eine Kritik an der von Petrus angewandten „Methode der Auferweckung einer Toten durch ein Gebet“ erwarten dürfte. Es ist in diesem Zusammenhang aber zu beachten, dass auch aus dem Blickwin‐ kel von an hellenistischen Ärzteschulen ausgebildeten Heilern zwischen dem Einfluss der Götter auf das Leben der Menschen und der Therapie von Ärzten kein prinzipiel‐ ler Widerspruch bestand. Zumindest von den bekannteren Ärzteschulen „Griechen‐ lands“ wie etwa derjenigen von „Kos2157“ und „Epidauros2158“ ist bekannt, dass sie dem Asklepios geweihten Heiligtümern angegliedert waren, woraus sich ergibt, dass die Priester dieser Heiligtümer wohl eine doppelte Aufgabe hatten, 2154 Vgl. Apg 14, 12: ™k£loun te tÕn Barnab©n D…a, tÕn dὲ Paàlon `ErmÁn, ™peid¾ aÙtoj Ãn Ð ¹goÚrmenoj lÒgou. - et vocanat Barnabam Iovem, Paulum vero Mercurium, quoniam ipse erat dux verbi. 2155 Vgl. Apg 14, 12–18; 2156 Vgl. Apg 9, 40–41; 2157 Vgl. dazu: Meyer, E., Kos, in KIP, Bd, 3, Sp. 312–314; 2158 Vgl. dazu: Meyer, E., Epidauros, in KIP, Bd. 2, Sp. 303–305; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 457 – nicht nur die Organisation von „Gottesdiensten“ in den Heiligtümern, sondern auch die gesundheitliche Betreuung von Kranken, und – im Hinblick auf die Ausbildung von Priesternachwuchs – die Aufgabe der Vorbe‐ reitung desselben auf die Aufgaben von Priestern, ebenso wie auf die von Ärzten. Betrachtet man aber vor diesem Hintergrund das nach Auskunft der Apostelgeschichte von Petrus im Zusammenhang der Auferweckung Tabeas verrichtete Gebetsritual2159, sowie das dem Paulus im Zusammenhang der Auferweckung des Eutychos unterstell‐ te „Brotbrechen“2160 und auch alle anderen Heilungen, in deren Rahmen Gebete eine Rolle spielten, so erscheint es als naheliegend zu vermuten, dass derartigen „Heilun‐ gen“ aus der Sicht eines „Asklepiospriesters“ kaum etwas Anstößiges anhaftete. Das In‐ teresse des Verfasser der Apostelgeschichte an Heilungen durch Gebete und Gottes‐ dienste und die kritiklose Berichterstattung darüber spricht somit keinesfalls gegen die Hypothese, dass auch dieser, bevor er sich taufen ließ, eine Ausbildung zum „As‐ klepiospriester“ erhalten hatte, also eine Ausbildung als Arzt2161. Im Zusammenhang damit erscheint es als sinnvoll darauf hinzuweisen, dass selbst ein Arzt wie Aulus Celsus, den heute fast niemand mehr als einen medizini‐ schen Laien ansieht, die Möglichkeit der Erweckung bereits Verstorbener keineswegs grundsätzlich ausschloss: Quosdam fama proderit in ipsis funeribus revixisse2162. […] subiciam, coniecturalem artem esse medicinam, rationemque coniecturae talem esse, ut, cum saepius aliquando responderit, interdum tamen fallat2163. (Ja ein Gerücht soll be‐ sagen, dass einige sogar während ihrer Begräbnisfeierlichkeiten wieder erwachten. […] ich möchte dazu bemerken, dass die Heilkunde eine auf Vermutungen beruhen‐ de Wissenschaft ist und das Wesen einer Vermutung darin besteht, dass sie, auch wenn sie allzu oft [den Tatsachen] entspricht, ab und zu dennoch trügt.) Dieses Zitat belegt, dass sich selbst aus der Anerkennung von Auferweckungen von den Toten durch die Apostel kein grundsätzlicher Einwand gegen die Annahme der Möglichkeit ergibt, dass der Evangelist Lukas über eine Vorbildung als Arzt ver‐ fügte. Andererseits kann auch der Hinweis darauf, dass es nach dem Verständnis zeit‐ genössischer Ärzte möglich war, bereits Verstorbene von den Toten wieder aufzuer‐ wecken, bezogen auf den Verfasser der Apostelgeschichte keinen Beweis dafür erset‐ zen, dass dieser tatsächlich über eine ärztliche Vorbildung verfügte. 2159 S. o. Apg 9, 40; 2160 S. o. Apg 29, 12: ¢nab¦j dὲ kaˆ kl£saj tÕn ¥rton kaˆ geus£menoj ™f` ƒkanÒn...- Ascendens autem frangens panem et gustans satisque ... 2161 Zum Asklepiuskult und dessen Konkurrenz bzw. Verbindungen zum Christentum vgl. Schnalke, Th., Asklepios, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 110–112; ders., Asklepieion, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp 112–113; 2162 Vgl. dazu die Totenerweckungsgeschichten des eÝaggšlion KATA LOUKAN, insbesondere den Bericht über „die Erweckung des Jünglings von Naïn“ (Vgl. Lk. 7, 11–17, s. dazu in dieser Untersu‐ chung auch das Kap. 3.3.3.4); ob Celsus bei der Erwähnung des o. g. Gerüchts tatsächlich die „Wunderheilungen“ des Jesus von Nazareth sowie einiger seiner Jünger vor Augen hatte, lässt sich kaum sicher beurteilen. Dass er davon gewusst haben könnte, ist aber – aus chronologischen Er‐ wägungen heraus – nicht auszuschließen (zur chronologische Einordnung der vita des Celsus vgl. Schulze, Chr.: Celsus, s. o. S. 8–12;). 2163 Vgl. Cels. I, proem. 48, hier zitiert nach Schulze, Chr.: Celsus s. o. S. 41; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 458 Im Interesse der Überprüfung unserer diesbezüglichen Vermutungen, wollen wir uns daher im Folgenden der Besprechung einiger Stellen des dem Verfasser der Apos‐ telgeschichte zugeschriebenen Evangeliums zuwenden, – u. a. aus der Überlegung he‐ raus, dass das in den Evangelien Jesus selbst unterstelltes Verhalten dadurch als beson‐ ders vorbildlich dargestellt wird, auch in besonderen Maße für Deutungen als Aus‐ druck von heilerethischen Normen geeignet zu sein scheint. Das Bild von Jesus von Nazareth als Heiler Die oben umschriebene Aufgabe scheint auf den ersten Blick sehr aufwendig zu sein, insofern in den kanonischen Evangelien Jesus nicht weniger als 26 Heilungswunder, einschließlich 3 sog. Totenerweckungen, zugeschrieben werden, von denen die meis‐ ten, nämlich 17, auch im Lukasevangelium, erwähnt werden2164, z. T. in Formulierun‐ gen, die sich von denen der Parallelüberlieferung kaum unterscheiden. Beschränkt man sich aber zunächst einmal auf eine bestimmte Kategorie von Heilungswundern, die speziell aus dem Blickwinkel von Medizinern, vielleicht schon in der Antike, als besonders heikel gelten bzw. galten, nämlich auf Berichte über To‐ tenerweckungen, dann wird die Auswahl miteinander zu vergleichender Erzählungen erheblich eingeschränkt, nämlich auf lediglich 3, von denen lediglich eine von den drei sog. Synoptikern für überlieferungswürdig erachtet wurde2165, während über eine weitere nur im Lukasevangelium berichtet wird2166 und eine dritte, die Geschichte von der Erweckung des Lazarus, lediglich im Johannesevangelium Erwähnung findet2167. Hierbei verdient besondere Aufmerksamkeit, dass auch im Lukasevangelium von einem Fall Lazarus berichtet wird2168, – aber doch so, dass man den Einruck gewin‐ nen könnte, dass in den beiden zuletzt genannten Evangelien von völlig verschiedenen Personen die Rede ist: Denn während der im Johannesevangelium erwähnte Lazarus angeblich von Jesus von den Toten auferweckt wurde2169, starb der im Lukasevangeli‐ um erwähnte2170. Wegen eben dieser Unterschiede2171, sollte auf eine Besprechung dieser Unter‐ schiede hier nicht verzichtet werden, nicht zuletzt deswegen weil im Falle des Verfas‐ 3.3.3.4.3 2164 Vgl. dazu die sehr übersichtlichen Zusammenstellungen im Internet: www.koinae.de/jesuwun‐ der.htm und www.luellemann.de/wunder.htm (2015); 2165 Über die Erweckung der Tochter des Jaïrus (Vgl. Mt 9,18–19, 23–25; Mk 5, 22–24. 38–42; Lk 8, 41–42. 49–56;); 2166 Die Erweckung des Jünglings von Naïn, vgl. Lk 7, 11–15; 2167 Vgl. Joh 11, 1–44; 2168 Vgl. Lk 16, 19–31; 2169 S. o. Joh 11, 44; 2170 S. o. Lk 16, 31; 2171 Wegen der großen Unterschiede beider Darstellungen geht man in theologisch ausgerichteten In‐ terpretationen der beiden „Lazarusgeschichten“ allgemein davon aus, dass es sich dabei um völlig unterschiedliche Figuren gehalten habe. Vgl. dazu: Kremer, J.: Lazarus. Die Geschichte einer Auf‐ erstehung. Text, Wirkungsgeschichte und Botschaft von Joh 11, 1–46. Stuttgart 1985. Tomberg, V.: Lazarus komm heraus. Vier Schriften. Hrsg. von Kriele, M.. Basel 1985. Rocke, H.: Der reiche Mann und Lazarus. Pforzheim 1988. Schumacher, M.: Ärzte mit der Zunge. Leckende Hunde in der europäischen Literatur. Von der patristischen Exegese des Lazarus-Gleichnisses (Lk 16) bis 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 459 sers des Johannesevangeliums die Vermutung einer medizinischen Vorbildung niemals zur Diskussion stand, im Falle des Verfassers des Lukasevangeliums aber sehr wohl. Daher könnte es im Interesse einer Verifikation der Lukas betreffenden Vermutungen aufschlussreich sein, die Feststellung der besagten Unterschiede, bzw. den Verzicht des Verfassers des Lukasevangeliums auf die Wiedergabe dieser Lazarusgeschichte mit der Frage zu verknüpfen, ob die im Johannesevangelium überlieferte Erzählung Ele‐ mente enthält, die aus dem Blickwinkel eines Mediziners, vielleicht auch eines anti‐ ken Arztes, als besonders unglaubwürdig erschienen. Hierbei ist zu konzedieren dass die Darstellung des Johannesevangeliums auch auf moderne Betrachter ebenso anrührend wie wunderbar erscheint, bis zu einem be‐ stimmten Punkt sogar realistisch2172: Nach der Darstellung des Johannesevangeliums ist Jesus über den Tod des Lazarus „innerlich erregt“, geht daher mit den Angehörigen des Verstorbenen zum Grab, zu einer mit einem Felsen verschlossenen Höhle, – der‐ artige Felsgräber findet man noch heute in der Umgebung von Jerusalem in großer Zahl – und bittet dann, eine Schwester des Verstorbenen darum, den Stein zu entfer‐ nen, worauf die letztere zunächst zu bedenken gibt, dass der Verstorbene seit vier Ta‐ gen im Grabe liege, ja bereits „rieche“2173. Davon angeblich völlig unbeeindruckt, tritt Jesus dann aber an das Grab heran und fordert den verstorbenen Lazarus auf, dieses zu verlassen. Und dann geschieht aus dem Blickwinkel heutiger Betrachter etwas völlig Uner‐ wartetes: ™xÁlqen Ð teqnhkèj dedemšnoj toÝj pÒdaj kaˆ t¦j ce‹raj keir…aij kaˆ ¹ Ôyij aÙtoà soudar…ῳ periedšdeto. lšgei aÙto‹j Ð 'Ihsoàj. lÚsate aÙtÕn kaˆ ¥fete ¢utÕn Øp¥gein. - Prodiit, qui fuerat mortuus, ligatus pedes et manus institis; et facies illius sudario ligata. Dicit Iesus eis: Solvite eum et sinite eum abire2174. (Es trat hervor, der verstorben gewesen war, an den Füßen und Händen mit Binden umwickelt. Jesus sagte da zu ihnen, befreit ihn und lässt ihn weggehen.) Dass Lazarus angeblich das Grab auf eigenen Füßen verließ, wird sehr anschau‐ lich geschildert, man möchte zu gern daran glauben, dass der Vorfall sich so ereignet habe, – gleichwohl widerspricht es jeder menschlichen Erfahrung, – nicht zuletzt der zum 'Romanzero' Heinrich Heines. Bielefeld 2003. Diese Auffassung schließt aber nicht aus, dass die beiden „Evangelisten“ zumindest mittelbar auf dieselbe Quelle zurückgriffen, diese aber ent‐ sprechend ihrem eigenen Verständnis von der Geschichte und orientiert an von einander abwei‐ chenden didaktischen Zielsetzungen bei der Aufbereitung der überlieferten „Geschichte“ unter‐ schiedlich gestalteten. Es ist in diesem Kontext zu berücksichtigen, dass theologisch interessierten Interpreten des NT aus dogmatischen Gründen nur begrenzte Spielräume zur Verfügung stehen, (Das NT gilt aus der Sicht christlicher Theologen als Ausdruck „göttlicher Offenbarung) vor allem dann, wenn „Widersprüche“ die Vorstellung einer mehr oder weniger „widerspruchsfreien“ Offen‐ barung in Frage zu stellen scheinen.- Auch die gegenteilig Annahme lässt sich nicht völlig aus‐ schließen. Aber das liefe im Hinblick auf die Identität des Verfassers der lukanischen Werke, auf dasselbe hinaus: Es bliebe in dem Falle von Interesse, dass dieser bereits die Auswahl zwischen zwei Lazarus-Legenden hatte, sich ausgerechnet für die medizinisch weniger spektakuläre Variante entschied. 2172 Vgl. Joh 11, 1–44; 2173 Vgl. Joh. 11, 39: lšgei aÙtù ¹ ¢delf¾ toÝ teteleuthkÒtoj M£rqa. KÚrie, ½dh Ôzei, tetrata‹oj g¦r ™stin. - Dicit ei Martha, soror eius, qui mortuus fuerat: Domine, iam foetet; quatriduatus enim est. 2174 Vgl. Joh. 11, 44; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 460 Erfahrung von Ärzten, – dass menschliche Körper, die bereits vier Tage in einem Gra‐ be gelegen haben und in Verwesung übergegangen sind, - was unter den Bedingun‐ gen des Klimas in Palästina durchaus als glaubhaft erscheint – auf Anruf ein Grab verlassen haben sollten. Es drängt sich daher der Verdacht auf, dass Lukas diese Ge‐ schichte in seinem Evangelium unberücksichtigt ließ oder aber in völlig veränderter Form überlieferte, weil es auch nach seiner – medizinischen Erfahrung? – undenkbar erschien, dass ein Mensch, dessen Leichnam bereits vier Tage lang in einem Grab ge‐ legen hatte und auch bereits in Verwesung überging, ins Leben zurückzurufen sei. Was aber unterscheidet diese Auferweckung eines bereits Verstorbenen von den beiden anderen, über die auch der Verfasser des Lukasevangeliums berichtet? Zumin‐ dest im Falle der Erweckung der Tochter des Jaïrus scheinen sich, äußerlich betrachtet, weder die Voraussetzungen noch der äußere Ablauf des Erweckungsvorgangs von demjenigen des Lazarus zu unterscheiden. Ausgehend von der sehr ausführlichen Darstellung dieses Vorgangs im Markusevangelium2175, der wohl frühesten Darstel‐ lung dieser Geschichte, die wahrscheinlich auch der Verfasser des Lukasevangeliums schon als Quelle benutzt hat, ergibt sich dazu in etwa folgendes Bild: Noch während Jesus predigt, hört er, wie einem seiner Zuhörer dem Synagogen‐ vorsteher Jaïrus gemeldet wird, dass dessen Tochter verstorben sei. Daraufhin ver‐ sucht Jesus den Synagogenvorsteher zu beruhigen und begibt sich gemeinsam mit die‐ sem zu dessen Haus, wo bereits die Totenklagen angestimmt worden sind. Jesus äu‐ ßert zunächst – unter dem ungläubigen Gelächter der Anwesenden – sein Unver‐ ständnis darüber und die Auffassung, dass die junge Frau lediglich schlafe, betritt dann das Zimmer der Verstorbenen und weckt sie auf. Über den Erweckungsvorgang selbst ist dem Markusevangelium Folgendes zu ent‐ nehmen: kaˆ krat»saj tÁj ceirÕj toà paid…ou lšgei aÙtÍ. taliqa koum, Ó ™stin me‐ qermhneuÒmenon. tÕ kor£sion, soˆ lšgw, œgeire. kaˆ eÙqÝj ¢nšsth tÕ kor£sion kaˆ periep£tai. - et tenens manum puellae ait illi: Talitha qum! – quod est interpretatum: Puella, tibi dico: surge! Et confestim surrexit puella et ambulabat2176; (Er ergriff die Hand des Mädchens und sagte zu jenem: „Thalita qum!“ Das heißt übersetzt: Mäd‐ chen, ich sage Dir steh auf! Und sofort erhob sich das Mädchen und ging umher.) Wesentliches an dem hier geschilderten Vorgang stimmt mit dem im Johannes‐ evangelium geschilderten Ablauf der Erweckung des Lazarus überein: Auch die Toch‐ ter des Jaïrus gilt bereits als verstorben, als Jesus sie auferweckt. Jesus tritt, aus Mitge‐ fühl mit der Trauer der Eltern an den Leichnam heran, fordert die Verstorbene auf sich zu erheben und diese folgt der Aufforderung auch. - Dennoch sind auch Unter‐ schiede beider Geschichten unverkennbar: Die Tochter des Jaïrus liegt im Unterschied zu Lazarus zum Zeitpunkt ihrer Erweckung noch in ihrem Sterbezimmer, sie ist auch noch nicht bestattet, allem Anschein nach noch nicht einmal für ihre Bestattung vor‐ 2175 Vgl. Mk 5, 35–43; 2176 Vgl. Mk 5, 41–42; Die Darstellung des Lukasevangeliums (S. o. Lk 8, 49–56) stimmt damit nahezu wörtlich überein, abgesehen davon dass das im Markusevangelium Jesus in den Mund gelegte ara‐ mäische Originalzitat unerwähnt bleibt. 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 461 bereitet, d. h. noch nicht gewaschen, gesalbt und in die bei Bestattungen nach jüdi‐ schem Brauch üblichen Leinentücher gehüllt. Daraus aber folgt, – auch unter Berücksichtigung der von allen drei Synoptikern überlieferten „Information“, dass die Nachricht über den Tod des Mädchens Jesus während einer öffentlichen Predigt erreichte und diesen veranlasste, sich unverzüg‐ lich auf den Weg zum Sterbeort zu machen2177, – dass der Eintritt des Todes zum Zeitpunkt der Wiedererweckung nur kurze Zeit zurücklag, vielleicht nur wenige Mi‐ nuten. Es drängt sich daher die Vermutung auf, dass es sich bei dieser Erweckung im medizinischen Sinne nicht um eine Wiederbelebung einer bereits Verstorbenen han‐ delte, sondern allenfalls um eine Erweckung aus einer Bewusstlosigkeit oder einem Koma, auch wenn die Geschichte nicht nur von den Augenzeugen, sondern auch von den darüber berichtenden Evangelisten als „Wunder“ wahrgenommen und dargestellt wurde. Jedenfalls wird man die Tatsache, dass auch der Verfasser des Lukasevangeli‐ ums die Geschichte für wert hielt überliefert zu werden, als Indiz dafür gelten lassen müssen, dass diese Erweckung nach der Einschätzung des Evangelisten Lukas keines‐ wegs jeglicher Erfahrung widersprach. Dennoch besitzt auch diese Beobachtung kaum eine belastbare Beweiskraft für die Annahme, dass der Verfasser des Lukasevangeliums über eine ärztliche Vorbil‐ dung besaß. Denn eine solche Einschätzung erforderte, dass man auch den beiden anderen Synoptikern eine ärztliche Vorbildung voraussetzen dürfte. Das aber wäre eine Unterstellung, für die es weder in der Überlieferung Indizien gibt noch in der Literatur entsprechende Hypothesen. Daher bleibt uns nichts Anderes übrig, als zu überprüfen, inwieweit sich in dem sog. Lukanischen Sondergut selbst Formulierungen finden lassen, durch welche sich der Verfasser dennoch mit einer gewissen Wahr‐ scheinlichkeit als hellenistisch gebildeter Arzt ausweist. Tatsächlich wird im Lukasevangelium über nicht weniger als fünf Wunderheilun‐ gen berichtet, die in den übrigen kanonischen Evangelien unerwähnt bleiben. Dazu gehören neben der Erzählung über die Erweckung des Jünglings von Naïn noch vier weitere sehr unterschiedliche Heilungsgeschichten, bezüglich derer nicht zuletzt die Unterschiedlichkeit der dort beschriebenen Krankheitsbilder auch auf ein beruflich bedingtes Interesse des Verfassers hindeuten könnte: die Heilung einer Frau mit einer Rückenverkrümmung (an einem Sabbat)2178, die Heilung eines wassersüchtigen Man‐ nes (ebenfalls an einem Sabbat)2179, die Heilung von zehn Aussätzigen (in Samari‐ en)2180, die Wiederansetzung eines durch einen Schwerthieb entfernten Außen‐ ohrs2181. Da es sich bei vier von diesen fünf Heilungsgeschichten im medizinischen Sinne kaum um Wunderheilungen gehandelt zu haben scheint, dürfte es sich an dieser Stelle erübrigen darauf näher einzugehen. Das ist aber im Falle der fünften, der Erweckung des Jünglings von Naïn, nicht so ohne weiteres anzunehmen, insofern jener auch nach 2177 Vgl. Mt 9,18–19, 23–25; Mk 5, 22–24. 38–42; Lk 8, 41–42. 49–56; 2178 Vgl. Lk 13, 11–13; 2179 Vgl. Lk 14, 1–4; 2180 Vgl. Lk 17, 11–19; 2181 Vgl. Lk 22, 50–51; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 462 der Darstellung des Verfassers des Lukasevangeliums bereits verstorben war, bevor ihn Jesus angeblich von den Toten wieder auferweckte. Nicht zuletzt dieser Aspekt recht‐ fertigt ein Eingehen auf Einzelheiten dieser Geschichte. „Naïn“, der Ort des ausschließlich im Lukasevangelium überlieferten Geschehens, heute ein Dorf, in der Antike eine Kleinstadt, liegt bzw. lag im Grenzgebiet von Gali‐ läa und Samaria, 20 km südwestlich des Sees Genezareth, aber wohl noch in Judäa2182. Der Vorfall selbst ereignete sich nach den Angaben des Evangelisten an einem Stadt‐ tor, wo Jesus bei dem Betreten der Stadt zufällig einem Trauerzug begegnete. Über das konkrete Verhalten Jesu und deren Auswirkungen ist dem Evangelium Folgendes zu entnehmen: kaˆ proselqën ¼yato tÁj soroà, oƒ dὲ bast£zontej œsthsan, kaˆ eἶpen. ne‐ an…ske, soi lšgw, ™gὲrqhti. kaˆ ¢nek£qisen Ð nekrÕj kaˆ ½raxato lale‹n, kaˆ œdwken aÙtÕn tÍ mhtrˆ aÙtoà. - et acessit et tetigit loculum, hi autem, qui portabant steterunt. Et ait: Adulescens, tibi dico; „Surge!“ Et resedit, qui erat mortuus, et coepit lo‐ qui; et dedit illum matri suae. 2183 (und er trat heran und berührte die Bahre, diese aber, die ihn trugen, blieben stehen. Und er sagte: Junger Mann, ich sage dir; „Steh auf!“ Und er setzte sich aufrecht, der schon gestorben war, und begann zu sprechen; und er [Jesus] übergab jenen [den Jüngling] seiner Mutter …) Auch in dieser Auferweckungsgeschichte spielten die an den Verstorbenen ge‐ richteten Worte „Steh auf!“ eine entscheidende Rolle. Aber die Unterschiede sowohl zum Ablauf der Erweckung des Lazarus als auch zu derjenigen der Tochter des Jaïrus sind unverkennbar: Lazarus war bereits seit vier Tagen bestattet, als er nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums wiederbelebt wurde, die Tochter des Jaïrus galt zwar als bereits verstorben, war aber noch nicht bestattet, der Leichnam des Jünglings von Naïn war indessen zwar noch nicht bestattet, aber er befand sich immerhin bereits auf dem Wege zu seinem Grab. Was aber bedeutet das aus dem Blickwinkel eines Me‐ diziners? Insofern die Erweckung des Jünglings von Naïn sich in einem in der Antike aus‐ schließlich von Juden bewohnten Gebiet ereignete, ergibt sich daraus, dass der auf dem Weg zu seiner Grablegung angetroffene junge Mann zu jenem Zeitpunkt nicht nur von einzelnen Angehörigen, sondern von allen bereits für tot erklärt worden war, dass am Sterbebett bereits das Kaddisch2184, das jüdische Totengebet, gesprochen wor‐ den sein muss, als sichtbares Zeichen für die feste Überzeugung, dass sich die Seele 2182 Naïn, an Grenze Galiläas zu Samarien, aber noch auf dem Gebiet Galiläas gelegen; vgl. Barron, J. B., ed. (1923). Palestine: Report and General Abstracts of the Census of 1922. Government of Pa‐ lestine. Carta (1999). The River Jordan: An Illustrated Guide from Bible Days to the Present (Illus‐ trated ed.). Kregel Publications. Conder, Claude Reignier; Kitchener, H. H. (1882): The Survey of Western Palestine: Memoirs of the Topography, Orography, Hydrography, and Archaeology 2. London: Committee of the Palestine Exploration Fund. 2183 Vgl. Lk 7, 14–15; 2184 In der heute bekannten Form ist das Kaddisch zwar erst im 9. Jahrhundert n. Chr. belegt, in ähnli‐ cher Form scheint es aber auch bereits in der Antike gebetet worden zu sein. Vgl. Lehnardt, A.: Qaddish. Untersuchungen zur Entstehung und Rezeption eines rabbinischen Gebetes. Tübingen 2002. Ders., Die Geschichte des Kaddisch-Gebets. In: Homolka, W. (Hrsg.): Liturgie als Theologie. Berlin 2005, S. 30–46, auch: Die Qaddish yitkele harba-Versionen und ihr Verhältnis zum bibli‐ schen Text. In: Kuyt, A./ Necker, G. (Hrsgg.): Orient als Grenzbereich? Wiesbaden 2007, S. 51–65. 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 463 des Verstorbenen nicht mehr in seinem Körper befand, sondern „bereits bei Gott.“. Das aber setzt voraus, dass der mutmaßliche Eintritt des Todes des jungen Mannes, als Jesus dessen Bare berührte und ihn angeblich auferweckte – im Unterschied zu dem Fall der Tochter des Jaïrus – bereits geraume Zeit zurücklag, wobei dieser Zeit‐ raum eher in Stunden zu bemessen wäre als in Minuten. Auf der anderen Seite sollte man sich von der Länge auch dieses Zeitraums aber keine übertriebene Vorstellungen machen. Denn nach jüdischer Sitte muss ein Ver‐ storbener sobald als möglich bestattet werden, möglichst noch am Tage seines Able‐ bens, nur am Sabbat ist dies nicht erlaubt2185. Da aber im Kontext der Geschichte von der Erweckung des Jünglings von Naïn ein Sabbat nicht erwähnt wird, ist davon aus‐ zugehen, dass der von Jesus auferweckte Jüngling ebenfalls noch an demselben Tag „verstorben“ sein muss, also nur wenige Stunden, bevor ihn Jesus wiedererweckte. So drängt sich ein Vergleich mit den in der Apostelgeschichte bezeugten Auferweckungen von bereits verstorbenen Menschen durch die Aposteln Petrus und Paulus auf2186, bei denen unter rein medizingeschichtlichem Aspekt betrachtet, die Vorstellung einer Wiederbelebung oder eines Wiedererwachens aus einer tiefen Ohnmacht noch nach einigen Stunden nicht auszuschließen ist. Dieser Vergleich scheint zu belegen, dass aus dem Blickwinkel des Verfassers des lukanischen Doppelwerks, der vermeintliche Eintritt des Todes im Falle des Jünglings von Naïn noch nicht so lange zurücklag, dass die Hoffnung eines Wiederaufwachens unrealistisch war und dessen Wiederauferweckung daher keinesfalls den Tatbestand eines allein übernatürlichen Heilungserfolgs erfüllte. Diese Einschätzung ist aber zweifellos eher mit dem Wissen und den Erfahrungen eines Arztes zu vereinbaren als mit denen eines nur nebenberuflichen Heilers, deren Zahl unter den frühen Christen wahrscheinlich erheblich größer war als diejenige ausgebildeter Ärzte2187. So stünde an dieser Stelle lediglich noch die Frage im Raum, warum über den Fall des Jünglings von Naïn ausschließlich im Lukasevangelium berichtet wird, nicht je‐ doch bei den beiden anderen Synoptikern. Aber auch dafür gibt es eine einfache Er‐ klärung: Die Verfasser des Matthäusevangeliums und des Markusevangeliums gelten nach herrschender Auffassung als „Judenchristen“2188, aus deren Blickwinkel die Ge‐ schichte von der Erweckung Jünglings von Naïn wegen des im Zusammenhang damit von Jesus verübten Verstoßes gegen die jüdischen Reinheitsgesetze wahrscheinlich als 2185 Vgl. http://www.tod-und-glaube.de/judentum.php (2014); http://www.religion-online.info/juden‐ tum/the men/bestattung-info.html (2014) 2186 Zur Auferweckung Tabeas s. o. Apg 9, 36–42; zur Auferweckung des Eutychos durch Paulus: S. o. Apg 20, 9 12; 2187 Nach der von Chr. Schulze vorgenommenen Auflistung eindeutig als christlich einzustufender an‐ tiker und mittelalterlicher Ärzte, ist der Evangelist Lukas der einzige, der eine solche Qualifizierung verdient. S. o. Schulze, Chr., Medizin und Christentum in Spätantike und frühem Mittelalter, Nr. 161, S. 126; 2188 Vgl. dazu: Die Bibel, s. o. S. 1 bzw. S. 41; In dem Verfasser des Markusevangeliums sah die altkirch‐ liche Tradition sogar einen Schwager des Barnabas, eines Begleiters des Apostels Paulus, von dem sich letzterer aber trennte, vielleicht schon wegen des sog. Antiochener Zwischenfalls (S. o.) oder auch wegen interner Zwistigkeiten bei den Galatern (s. o.). Vgl. Apg 15, 36–41 und Gal 2, 11–13. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 464 sehr problematisch erschien und sich daher seine Weitergabe im Zusammenhang der Missionsarbeit innerhalb jüdischer Gemeinden wenig eignete. Der „Evangelist“ Lukas als hellenistischer Arzt Trotz vieler Indizien, kann aber auch die Tatsache, dass der Verfasser des lukanischen Doppelwerks unter zeitlich klar eingrenzbaren Voraussetzungen die Auferweckung von den Toten für denkbar und daher auch als Wunderheilungen für überlieferungs‐ würdig ansieht, nach unseren bisherigen Recherchen nicht mit letzter Sicherheit aus‐ geschlossen werden, dass der Evangelist Lukas vielleicht kein Arzt, sondern ebenfalls nur ein „nebenberuflicher“ christlicher Heiler war. Die o. g. Lücke zwischen der begründeten Vermutung, dass der Evangelist Lukas ein „hellenistischer“ Arzt gewesen sei, und der Feststellung des Mangels an unan‐ fechtbaren Beweisen eben für diese Vermutung lässt sich aber mit Hilfe einer anderen Information aus dem sog. Sondergut des Lukasevangeliums schließen, und zwar mit Hilfe des Gleichnisses vom „barmherzigen Samariter“2189. Die in der Literatur disku‐ tierte Frage nach der Authentizität dieses Jesus selbst zugeschriebenen Gleichnisses braucht uns hier nicht zu interessieren, da Klarheit in dieser Frage wenig aufschluss‐ reich für die „Tendenz“, welche der Evangelist mit der Wiedergabe verfolgte, sein dürfte, zumal die „Quelle“, aus der jener dabei schöpfte, nicht überliefert ist. Aufschlussreicher für die Identifizierung des Autors der sog. Lukanischen Schrif‐ ten als Arzt könnte jedoch eine genauere Kenntnis der Gründe dafür sein, warum nur dieser darüber berichtet, nicht jedoch auch die beiden anderen Synoptiker, die sich damit zufrieden geben, ihren Lesern nur die ethische Quintessenz des Gleichnisses mitzuteilen, das „Gebot“ der „Nächstenliebe“2190. Aber dafür bietet sich als Erklärung derselbe Sachverhalt an, auf den wir bereits im Zusammenhang des Schweigens der beiden anderen Synoptiker über die Erwe‐ ckung des hingewiesen haben, nämlich dass die Verfasser des Matthäusevangeliums und des Markusevangeliums wahrscheinlich Judenchristen waren, die sich aus ver‐ ständlichen Gründen gegen eine Erwähnung eines Samaritaners in einem positiven Kontext sperrten. Kurz vor der Erwähnung des Gleichnisses ereignete sich nach den Angaben des Lukasevangeliums auf dem Wege Jesu und der Apostel von Galiläa nach Jerusalem folgender Zwischenfall: kaˆ poroiqšntej e„sÁlqon e„j kèmhn Samaritîn æj ™toim£sai aÙtù. kaˆ oÙk ™dšxanto aÙtÕn, Óti tÕ prÒswpon aÙtoà Ãn poreuÒme‐ non e„j 'Ierousal»m. „dÒntej dὲ oƒ maqhta… 'I£kwboj kaˆ 'Iw£nnhj eἶpan. kÚrie, qšleij e‡pwmen pàr katabÁnai ¢pÕ toà oÙranoà kaˆ ¢nalîsai aÙtoÚj. strayeˆj dὲ 3.3.3.4.4 2189 Vgl. Lk 10, 25–37; Vgl. Klein, H.: Barmherzigkeit gegenüber den Elenden und Geächteten. Neukir‐ chen-Vluyn 1987. Ragaz, L.: Die Gleichnisse Jesu. Seine soziale Botschaft. Gütersloh 19853. Schmithals, W.: Das Evangelium nach Lukas. Zürcher Bibelkommentare. Neues Testament 3.1, Zü‐ rich 1980. Schneider, G.: Das Evangelium nach Lukas. Kapitel 1–10. Gütersloh 19842. Schottrof, L.: Die Gleichnisse Jesu. Gütersloh 2005. Strack, H. L./Billerbeck, P.: Kommentar zum Neuen Testa‐ ment aus Talmud und Midrasch. Bd. 2: Das Evangelium nach Markus, Lukas und Johannes und die Apostelgeschichte, erläutert aus Talmud und Midrasch. München 19899. 2190 Vgl. Mt 22, 35–40; Mk 12, 28–31; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 465 ™pet…mhsen aÙto‹j. kaˆ ™poreÚqhsen e„j ˜tšran kèmhn. - Et euntes intraverunt in castellum Samaritanorum, ut pararent illi. Et non receperunt eum, quia facies eius erat euntis Ierusalem. Cum vidissent autem Iacobus et Ioannes dixerunt: Domine, vis dica‐ mus, ut ignis descendat de caelo et consumat illos? Et conversus increpavit illos. Et ier‐ unt in alterum castellum.2191 (Und sie gingen in ein Dorf der Samaritaner, um für je‐ nen [eine Unterkunft] zu besorgen. Aber sie nahmen ihn nicht auf, da es offensicht‐ lich war, dass er sich auf dem Weg nach Jerusalem befand. Als dies aber die Apostel sahen, Jakobus und Johannes, sagten sie: Herr willst du, dass wir sagen, dass Feuer vom Himmel herabsteige und jene verzehre. Und er [Jesus] wandte sich ihnen zu und schalt sie. Und sie zogen in ein anderes Dorf.) Der in diesem Zitat geschilderten Ungastlichkeit von Samaritanern gegenüber nach Jerusalem reisenden Juden sowie der sehr emotionalen Reaktion der („juden‐ christlichen“) Apostel Jakobus und Johannes darauf lag ein uralter Gegensatz zwischen Juden und Samaritanern zu Grunde2192, der auch als Erklärung dafür in Betracht kommt, dass aus dem Blickwinkel „judenchristlicher“ Evangelisten die Erwähnung ei‐ nes Gleichnisses, in welchem ein Samaritaner als Vorbild für eine „christliche Tu‐ gend“ dargestellt wurde, kaum infrage kam, während bei dem Evangelisten Lukas, dessen hellenistische Herkunft auch von den Kritikern der Hypothese2193, dass er ein Arzt gewesen sei, nicht infrage gestellt wird, solche Vorbehalte kaum eine Rolle ge‐ spielt haben dürften. Wenden wir uns damit dem Gleichnis selbst zu, in der Hoffnung, dass dessen In‐ halt uns nähere Auskünfte über die Identität des Verfassers des Evangeliums liefert. Da dieses Gleichnis ohne Zweifel zu den bekanntesten des ganzen NT gehört, können wir uns hier darauf beschränken, das Augenmerk auf medizingeschichtlich besonders relevante Aspekte des Handelns des „Samariters“ zu lenken: „Samar…thj dὲ tij ÐdeÚwn Ãlqen kat' aÙtÕn kaˆ „dèn ™splagcn…sqh, kaˆ proselqën katšdhsen t¦ traÚmata aÙtoà ™picšwn œlaion kaˆ o‡non, ™pibib£saj dὲ aÙtÕn ™pˆ tÕ ‡dion ktÁnoj ἤgagen aÙtÕn e„j pandoce‹on kaˆ ™pemel»qh aÙtoà. kaˆ ™pˆ t¾n aÜrion ™kbalën œdwken dÚo dhn£ria tù pandoce‹ kaˆ eἶpen. ™pimel»qhti aÙtoà, kaˆ Ð ti ¥n prosdapan»sῃj ™gë ™n tù ™panšrcesqa… me ¢podèsw soi - Samaritanus autem quidam iter faciens, venit secus eum et videns eum misericordia motus est. Et appropi‐ ans alligavit vulnera eius infundens oleum et vinum; imponens illum in iumentum su‐ um duxit in stabulum et curam eius egit. Et altera die protulit duos denarios et dedit sta‐ bulario et ait: Curam illius habe, et, quodcumque superogaveris, ego cum rediero, red‐ dam tibi. 2194 (Auch ein Samaritaner2195 kam auf seiner Reise in seine Nähe. Als er ihn sah, war er von Mitleid gerührt. Er trat zu ihm hin, goss Öl und Wein in seine Wun‐ den und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Lasttier, brachte ihn in eine Herberge 2191 Vgl. Lk 9, 52–56; 2192 Vgl. dazu: Kippenberg, H. G., Samaria – Samarites, in KIP, 4, Sp. 1529–1530. 2193 Vgl. dazu vor allem B. Kollmann, s. o.; 2194 Vgl. Lk 10, 33–35; 2195 Der Begriff Samar…thj wird hier bewusst mit Samaritaner übersetzt, um zu veranschaulichen, dass der Begriff im Text als Bezeichnung für die regionale oder lokale Herkunft der Personen ver‐ wendet wird. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 466 und sorgte für ihn. Und am anderen Tag zog er zwei Denare2196 hervor und über‐ reichte sie dem „Handschi“ und sagte: Sorge für jenen, und, was immer du darüber hinaus forderst, werde ich, wenn ich zurückkehre, dir erstatten.) Im Vergleich zu dem Priester und dem Leviten, die an dem unter die Räuber ge‐ fallenen Mann, angeblich achtlos vorübergehen, kennzeichnet das in dem obigen Zi‐ tat dem Samariter zugeschriebene Verhalten eine Tugend, die am treffendsten der Be‐ griff „Barmherzigkeit“ charakterisiert. Wegen eben dieser „Barmherzigkeit“ gegen‐ über dem „unter die Räuber gefallenen Mann“ drängen sich in Bezug auf das Ethos des „barmherzigen Samariters“ Vergleiche auf, von denen unter dem Aspekt nach der Suche möglicher Vorbilder vor allem zwei Beachtung verdienen: einerseits eine ent‐ sprechende Selbstverpflichtung der Essener, andererseits das Heilerethos von Ärzten wie Aulus Celsus und Scribonius Largus, die, wie hier bereits gezeigt wurde2197, dafür eintraten, dass ein Arzt seine Patienten möglichst wie ihm nahestehende Freunde be‐ handle, denen er allenfalls nützen, aber keinesfalls schaden dürfe. Fokussiert man aber darauf, mit welchen Mitteln der Samariter dem unter die Räuber gefallenen Mann wieder auf die Beine zu helfen versucht, wird man einen Vorbildcharakter der Heilerpraxis der Essener aber eher ausschließen müssen. Denn es wurde bereits gezeigt, dass die dem barmherzigen Samariter zugeschriebene Wundbehandlung mittelst Öl und Wein gerade mit der spezifischen Interpretation der Reinheitsvorschriften der Thora durch die Essener nicht vereinbar war2198. Die in dem obigen Zitat beschriebene Wundbehandlung mittelst Verbandsmittel, Öl und Wein hätte ein Verletzter in der Realität aber ohne weiteres von einem durch Priester hellenistischer Asklepiostempel ausgebildeten Arzt erhalten, sofern dieser rechtzeitig zur Stelle gewesen wäre. Denn die Behandlung von Wunden unter Verwendung von Öl und Wein wird sowohl von Aulus Celsus als auch Scribonius Largus empfohlen2199, von denen zumindest der zuletzt genannte wahrscheinlich durch Asklepiospriester zum Arzt ausgebildet worden war. Als reales Vorbild für den barmherzigen Samariter wird somit im Lukasevangeli‐ um ein hellenistischer Arzt greifbar und nicht zuletzt durch die Erwähnung dieses Gleichnisses outet sich der Verfasser des Lukasevangeliums selbst als Arzt, insofern er sich durch die korrekte Beschreibung dieser „hellenistischen“ Heilungsmethode sich auch als damit bestens vertraut zu erkennen gibt. In Anbetracht der Evidenz dieses Zusammenhangs könnte man sich geradezu wundern, dass dieser in der Literatur bis‐ lang kaum Beachtung gefunden hat. Aber dafür gibt es eine einfache Erklärung: Der ethisch – didaktische Sinn des Gleichnisses, ein Lobpreis auf das Ideal der christli‐ chen Barmherzigkeit und Nächstenliebe, erscheint auch ohne eine genauere Analyse scheinbar nebensächlicher Einzelheiten des Gleichnisses verständlich. Aber auch wer sich dafür interessiert, warum in dem Gleichnis ausgerechnet ein „Samariter“ oder „Samaritaner“ als Symbolfigur für den Prototypen des christlichen 2196 Ein Denar entspricht dem damaligen Tagelohn eines Weinbergarbeiters (Vgl. Mt 18, 28;). 2197 S. o. Kapp. 3.3.3.2 und 3.3.3.3; 2198 S. o. Kap. 3.1.4 2199 S. o. Kap. 3.3.3.1 und 3.3.3.2; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 467 Wohltäters stilisiert wurde, läuft Gefahr sich bei seinen Recherchen in die Fallstricke anachronistischer Vorurteile zu verfangen. In verschiedenen Quellen wird erwähnt, dass sich Samariter bei rechtgläubigen Juden keines guten Rufes erfreuten2200. Auch bei der römischen Besatzungsmacht waren sie nicht beliebt: Pontius Pilatus, der als praefectus Iudaea auch für Samaria zuständig war und sich nach übereinstimmender Darstellung in allen vier kanonischen Evangelien im Falle des Juden Jesus von Naza‐ reth den vom Hohen Rat und vom Mob Jerusalems verlangten Kreuzigungsbefehl2201 erst nach langem Zögern erteilte, vermutlich im Jahre 332202, – kannte im Falle der sich kurze Zeit später, im Jahre 36 n. Chr., traditionsgemäß am Berge Garizim2203 ver‐ sammelnden Samaritanischen Pilger keine Skrupel, diese überfallen, gefangen neh‐ men und hinrichten zu lassen2204. Auch die Gründe für die Missachtung der Bewohner Samarias durch orthodoxe Juden sind bekannt. Nach der Teilung des davidischen Reiches gehörte Samaria zum Nordreich, wo dessen König Omri (ca. 878/77 – 870/71 v. Chr.)2205 die gleichnamige Stadt als Hauptstadt gegründet haben soll2206. Im Gefolge der Abspaltung verloren die Samaritaner auch die Bindung an den Jerusalemer Tempel und bildeten eine eigene religiöse Kultusgemeinde. Begünstigt wurde diese religiöse Sonderentwicklung da‐ durch, dass bereits während der Fremdherrschaft der Assyrer die politische und reli‐ giöse Oberschicht des Landes verschleppt wurde und die in der Folgezeit verödete Hauptstadt des Landes in hellenistischer Zeit mit Fremden, vor allem Makedonen, be‐ siedelt und als Polis neu organisiert wurde2207. Im Gefolge der Hellenisierung der Hauptstadt entwickelte sich bei den Samaritanern der Gorazim immer mehr zum Zentrum ihrer Gottesverehrung, der sie natürlich nicht nur politisch, sondern auch religiös vom traditionellen Judentum absonderte, dessen kultischer Mittelpunkt bis zu seiner Zerstörung durch Titus der Tempel in Jerusalem bildete. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung Samarias erscheint es als verständlich, dass Jesus (in der Darstellung des Lukas) in einem Gleichnis zum Begriff der Nächs‐ tenliebe und Barmherzigkeit einen Samaritaner als idealtypische Verkörperung dieser Tugenden stilisierte, nämlich als Vertreter einer von orthodoxen Juden verketzerten 2200 Vgl. Kippenberg, H. G., Samaria – Samarites, in KIP, Bd. 4, Sp. 1529–1530. 2201 Zum Begriff der Kreuzigung in der Antike vgl. Van Hooff, A./Leven K.-H., Kreuzigung, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. …, s. o. Sp. 539–540; 2202 Vgl. Blinzler: Der Prozess Jesu, J., 1960; Winter, P.: On the trial of Jesus, 1961; 2203 Der Garizim, (hebr. םיזירג , gr. Γαριζ(ε)ιν, arabisch ميزرج لبج Dschabal Dscharizīm) ca. 881 m NN in Palästina, nahe bei dem heutigen Nablus (dem biblische Sichem); vgl. Benzinger, I.: Garizin. In: RE VII, 1, Stuttgart 1910, Sp. 766 f. Crown, A. D.(Hrsg.): The Samaritans; Tübingen 1989. Hahn, J.: Garizim und Ebal. In: TRE 12, Berlin 1984, S. 28–29. (mit weiterführenden Literaturangaben) Yis‐ haq Magen, Haggai Misgav, Levana Tsfania: Mount Gerizim Excavations. Jerusalem 2004 ff. Bd. 1: The Aramaic, Hebrew and Samaritan Inscriptions. Jerusalem 2004; Bd. 2: A temple city. Jerusalem 2008. Schwank, B.: Garizim. In: LThK3 4, Freiburg 1995, Sp. 294. 2204 Vgl. Ios. ant. Iud. 18, 4, 1; 2205 Omri, hebr. ירמע , (†869 oder 874 oder 871 v. Chr.) König Israels; s. Jericke, D., Omri in: Das Bibel‐ lexikon 2011 http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzei‐ gen/details/ omri (mit entsprechen Quellenangaben); 2206 Vgl. Kippenberg, H.G., Samaria – Samarites, in KIP, Bd. 4, Sp. 1529. 2207 Vgl. Eus. chron. GSC 20, 197.199; vgl. Kippenberg, H. G., Samaria – Samarites, in KIP, 4, Sp. 1529. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 468 religiös ethnischen Gruppierung, die aber dennoch denselben monotheistischen Gott verehrte, – eben nur nicht im Tempel in Jerusalem, sondern auf dem Berg Gorazim. Als ebenso verständlich erscheint es aber auch, dass einen mutmaßlichen „Heiden‐ christen“, wie den Evangelisten Lukas, ein solches Gleichnis berührte, mehr als die üb‐ rigen Evangelisten, die ihrer ethnisch-religiösen Herkunft nach als „judenchristlich“ eingestuft werden und wahrscheinlich deswegen das Gleichnis vom barmherzigen Sa‐ mariter in ihren Evangelien auch unerwähnt ließen. Dennoch scheint die historische Realität des „Samaritaners“, den man sich am besten als einen Kleinbauern oder Hirten vorstellt, der sich von den Erträgen der sehr steinigen Böden des Berglandes „Ephraim“ eher schlecht als recht ernährt und die Zahlung sog. Tempelsteuer2208 für den Jerusalemer Tempel nicht nur aus traditionel‐ len Gründen, sondern wahrscheinlich auch aus materiellen Gründen verweigerte, zu dem in dem Gleichnis entworfenen Bild, zumindest in materieller Hinsicht, kaum zu passen: Wie sollte ein samaritanischer Kleinbauer oder ein Hirte in der Lage gewesen sein, Reisen zu unternehmen, auf denen er Öl und Wein mit sich führte und darüber hinaus auch noch genügend Geld, von dem er ohne weiteres zwei Denare abzweigen konnte, immerhin zwei Tageslöhne für einen Landarbeiter, um damit Kost und Logis für den „unter die Räuber gefallenen Mann“ zu bezahlen, – ja mehr noch, der dem Wirt sogar einen „Blankoscheck“ ausstellen konnte, für eventuell zusätzlich anfallen‐ de „Beherbergungskosten“ in unbekannter Höhe?2209 Auf diese Frage scheint nur eine einzige Antwort möglich zu sein: Der Evangelist Lukas charakterisierte den „Samariter“ des Gleichnisses so, wie er sich diesen persön‐ lich am ehesten vorstellen konnte, nicht als Angehörigen der Landbevölkerung Sama‐ riens, sondern als einen wohlhabenden Städter, der auch die Tempelsteuer hätte durchaus zahlen können, wenn er gewollt hätte, – der aber in Wirklichkeit keine Ver‐ anlassung hatte, diese zu bezahlen, und zwar deswegen, weil er in religiöser Hinsicht weder „Jude“ noch „Samariter“ war, sondern Samaritaner im Sinne eines Bürgers der „Stadt“ Samaria, die mehrheitlich von „Griechen“ bewohnt wurde und seit der Zeit des Königtums der Hasmonäer auch einen griechischen Namen hatte, SEBASTH hieß2210. Der Samariter des Lukasevangeliums erweist sich somit als „Grieche“, als ein hellenistisch vorgebildeter Arzt, der Öl und Wein zu therapeutischen Zwecken bei sich führte und der die zwei Denare und vielleicht noch mehr Geld für die Versor‐ gung des Raubopfers entbehren konnte. Aus alledem lässt sich folgern: Durch sein besonderes Interesse an dem „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ und durch die spezifische Gestaltung desselben im „Lukasevangelium“ gibt sich der Verfasser des lukanischen Doppelwerks zweifelsfrei nicht nur als „Grieche“, sondern eindeutig auch als „griechischer Arzt“ zu erkennen, – ungeachtet der Fragen, ob er tatsächlich Lukas hieß oder als identisch angesehen wer‐ 2208 Vgl. Ex 38, 26; Neh 10, 33; Mt 17, 24–27; Smallwood, E. M.: The Jews Under Roman Rule: From Pompey to Diocletian: A Study in Political Relations, London 2001, S. 125. Breytenbach, Cil‐ liers(Hrsg.): Paulus, Die Evangelien und Das Urchristentum: Beiträge von und zu Walter Schmit‐ hals. Zu Seinem 80. Geburtstag, London, 2004, S. 29. 2209 S. o. Lk 10, 33–35; 2210 S. o. Kippenberg, H.G., Samaria – Samarites, in KIP, Bd. 4, Sp. 1529; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 469 den darf mit dem gleichnamigen ärztlichen Begleiter des Apostels Paulus, was zwar mit einem gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit zu vermuten ist, aber auf der Grundlage bislang bekannter Informationen nicht als erwiesen angesehen werden kann. Und daher ist es legitim, auch die lukanischen Schriften als Quelle zur Rekon‐ struktion des beruflichen Selbstverständnisses von Ärzten unseres Untersuchungs‐ zeitraums zu benutzen, obwohl deren Verfasser darauf verzichtet hat, sich zu dieser Frage expressis verbis zu äußern. Aber in den Heilungsgeschichten des lukanischen Doppelwerks, nicht zuletzt in denen, über die ausschließlich dort berichtet wird, lässt deren Verfasser durch seine Art der Darstellung kaum einen Zweifel daran zu, wel‐ chem „Heilerethos“ er sich verpflichtet fühlt, nämlich dem der barmherzigen Zuwen‐ dung zu jedem Kranken, ungeachtet seiner sozialen Herkunft oder seiner religiösen Orientierung. Als besonders deutlicher Ausdruck einer medizinethischen Norm lässt sich in diesem Zusammenhang das Verhalten des „barmherzigen Samariters“ deuten. Es ver‐ pflichtet nach dem Willen Jesu, d. h. aber auch nach den Vorstellungen des hellenisti‐ schen Arztes Lukas, der als einziger Evangelist dieses Gleichnis für erwähnenswert hielt, jeden Arzt und Heiler, zumindest im Notfall jeden Patienten mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln medizinisch zu betreuen, – unabhängig von dessen Volks- oder Religionszugehörigkeit, – unabhängig von dessen Fähigkeit, die Leistungen des Arztes auch zu vergüten, – abhängig allein von der Heilungsbedürftigkeit des jeweiligen „Patienten“. Das Ideal des barmherzigen Samariters Vor dem Hintergrund des vor allem im letzten Abschnitt dieser Untersuchung ge‐ führten Nachweises der These, dass der Evangelist Lukas über eine Ausbildung als Arzt verfügte, und auch in Anbetracht der Tatsache, dass im gesamten NT das Han‐ deln Jesu als Vorbild für das Handeln seiner Jünger dargestellt wird, lassen sich auch die meisten anderen Zeugnisse des Lukasevangeliums über Jesus zugeschriebene Wunderheilungen als narrativer Ausdruck entsprechender medizinethischer Normen interpretieren. Dabei wird man die Vielfalt der Krankheiten, die Jesus nach den Anga‐ ben des Lukasevangeliums heilte, als Ausdruck der Verpflichtung deuten dürfen, dass sich ein Arzt keineswegs auf die Behandlung bestimmter Krankheitsbilder beschrän‐ ken dürfe, wobei die Geschichten über die Auferweckung von Toten normativ dahin‐ gehend zu interpretieren sind, dass sich der Arzt selbst durch den Anschein, dass der Patient bereits verstorben sei, nicht davon abhalten lassen dürfe, solange als möglich um dessen Leben zu kämpfen, notfalls durch Wiederbelebungsversuche. Besondere Beachtung verdient in diesem Zusammenhang, dass Jesus im Falle der Wiedererweckung des Jünglings von Naïn nicht davor zurückschreckte, unter dem Entsetzen der Teilnehmer des Leichenzuges, die Bahre zu berühren, auf welcher der Verstorbene zu Grabe getragen wurde. Die Berührung der Körper Verstorbener durch Nichtangehörige eines Verstorbenen stand aber in strengem Widerspruch zu den 3.3.3.4.5 Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 470 Reinheitsgesetzen der Thora2211. Auch dieser „Verstoß“ Jesu lässt sich medizinethisch normativ deuten, und zwar als narrativer Ausdruck der Vorschrift, dass der Arzt sich auch durch formale religiöse Vorschriften, wie die jüdischen Reinheitsgesetze, nicht in seinem Heilerverhalten beeinflussen lassen dürfe. In dieselbe Richtung verweisen auch die o. e. Heilungen von Aussätzigen sowie die Verstöße Jesu gegen das Gebot der Sabbatheiligung. In diesem Kontext verdient besondere Beachtung, wie Jesus nach den Angaben des Lukasevangeliums auf Kritik an diesen Verstößen reagierte: Øpokrita…, ›katoj Ømîn tù sabb£tῳ oÝ l…ei tÕn boàn aÙtoà ½ tÕn Ônon ¢pÕ tÁj f£thj kaˆ ¢pagagën pot…zei; taÚthn dὲ qugatšra 'Abra¦m oâsan, ¼n œdhsen Ð satan©j „doÝ dška kaˆ Ñktë œth, oÙk œdei luqÁnai ¢pÕ toà desmoà toÚtou tÍ ¹mšrv toà sabb£tou; kaˆ taàta lšgontoj aÙtoà katῃscÚnonto p£ntej oƒ ¢ntike…menoi aÙtù, kaˆ p©j Ð Ôcloj œceiren ™pˆ p©sin to‹j ™ndÒxoij to‹j ginomšnoij Øp' aÙtoà - Hypokritae, unusquisque vestrum sabbato non solvit bo‐ vem suum aut asinum a praesepio et ducit adaquare? Hanc filiam Abrahae, quam alli‐ gavit Satanas ecce decem et octo annis, non opportuit solvi a vinculo isto die sabbati? Et cum haec dixisset, erubescebant omnes adversarii eius, et omnis populus gaudebat in universis, quae gloriose fiebant ab eo.2212 (Ihr Natterngezücht, löst nicht ein jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder den Esel von der Krippe und führt ihn zur Trän‐ ke? Gehört es sich daher nicht auch, dass diese Tochter Abrahams, welche der Satan 18 Jahre lang gefesselt hat, von dieser Fessel gelöst wird, selbst an diesem Sabbat? Und als er dies gesagt hatte, erröteten alle seine Gegner, und das ganze Volk freute sich über Alles, was an Ruhmreichem von ihm bewirkt wurde.) In diesem Zitat räumt Jesus dem Anspruch der Frau auf Heilung einen eindeuti‐ gen Vorrang gegenüber einer formalistischen Auslegung des alttestamentarischen Ge‐ bots der Sabbatheiligung durch das zeitgenössische (pharisäische) Judentum ein. Ähnlich lässt der Verfasser des Lukasevangeliums Jesus auch mögliche Kritik an der Heilung eines Wassersüchtigen an einem Sabbat widerlegen2213. Daraus lässt sich als medizinethisches Prinzip ableiten, dass für den Zeitpunkt des Einsatzes des Wissens und der Fertigkeiten eines Arztes nach dem Verständnis des Evangelisten Lukas auch kalendarische Rücksichtnahmen nicht maßgeblich sind, sondern ausschließlich die gesundheitlichen Belange der zu behandelnden Patienten. Auf diese Weise wird als Vorbild eines jeden Arztes und Heilers aus dem Blick‐ winkel des nach den hier ermittelten Erkenntnissen medizinisch vorgebildeten Ver‐ fassers der lukanischen Schriften nicht nur für den Helfer in einer akuten Notsituati‐ on, sondern immer und überall das Paradigma des „barmherzige Samarita‐ ners“2214greifbar, eines Heilers, der sich auch durch gesellschaftliche Konventionen, selbst wenn sie religiös begründet werden, nicht davon abhalten lässt, Patienten und deren Angehörigen durch „Heilen“ zu helfen, wobei durch die Art und Weise, in wel‐ cher Jesus nach der Darstellung des Evangelisten Lukas die Apostel aussendete2215 und 2211 Vgl. dazu vor allem: Lev 11, 24 – 28, 29–40; Num 4, 11–17; 2212 Vgl. Lk 13, 15–17; 2213 Vgl. Lk 14,1–6; 2214 S. o. Lk 10, 33–35; 2215 S. o. Lk 9, 1–6, insbesondere 9, 3; vgl. dazu Mt 10, 1, 5–14; Mk 6, 7–13; 3.3 Der ethisch - moralische Aspekt von Tötung und Selbsttötung 471 wie vor allem Petrus und Paulus diesen Auftrag befolgten2216, auch materielle Motive für die Leistung oder Verweigerung von Heilungsleistungen durch Ärzte und andere Heiler ausdrücklich ausgeschlossen werden. Trotz des hier versuchten Nachweises dafür, dass der Evangelist Lukas über die Ausbildung eines Arztes verfügte, ist natürlich nicht auszuschließen, dass dessen vor allem in dem Paradigma des barmherzigen Samariters greifbares Heilerethos über das Vorbild des Jesus von Nazareth auch in ethischen Vorstellungen des zeitgenössischen Judentums wurzelte, etwa im Heilerethos der Essener, welches für den heutigen Be‐ trachter vor allem in den hier besprochenen Zeugnissen Philons von Alexandrien und Flavius Josephus greifbar ist. Andererseits ist aber auch im Falle des Heilerethos der Essener, insofern sich deren religiöse und ethische Vorstellungen von denen anderer „jüdischer Philosophenschulen“, insbesondere von denen der Sadduzäer und der Pha‐ risäer unterschieden2217, eine Beeinflussung durch den Hellenismus wahrscheinlich, zumal von Philo und Flavius Josephus ausdrücklich bezeugt wird, dass im Untersu‐ chungszeitraum auch in Antiochien und Alexandrien Essenergemeinden existierten, d. h. in Städten, die als Zentren des Hellenismus bekannt sind und auch bedeutende Ärzteschulen in ihren Mauern beherbergten. Daraus aber ergibt sich, dass das dem äußeren Anschein nach „christliche“ Heile‐ rethos des „barmherzigen Samariters“, in Wirklichkeit ebenfalls in entsprechenden hellenistischen Vorstellungen wurzelte, die im Untersuchungszeitraum für den heuti‐ gen Betrachter vor allem in Schriften des Aulus Celsus und Scribonius Largus greifbar sind, aber auf dem Wege der Ausbreitung des Christentums in vielen Provinzen und in Italien und in Rom auch solchen Bevölkerungskreisen zur Kenntnis gelangte, deren finanzielle Ressourcen die Inanspruchnahme der Dienste von an regelrechten Ärzte‐ schulen ausgebildeten Medizinern nicht erlaubte, allenfalls die Dienste christlicher Heiler, soweit diese die Weisungen Jesu und das Beispiel der Aposteln befolgten, keine Honorare zu verlangen, außer Unterstützungen für den eigenen Lebensunterhalt. Das aber bedeutet, dass im Gegensatz zu den hier besprochenen Unterstellungen von Autoren wie Plinius d. Älteren, Martial und Juvenal nicht nur Ärzte, sondern auch die vergleichsweise große Zahl von nichtärztlichen Heilern unter dem Einfluss von ethischen und standesethischen Vorstellungen standen, die sie zum Heilen verpflich‐ tete, die ihnen ausbildungsbedingt mögliche Beihilfe zur Tötung von Menschen je‐ doch nicht erlaubte. Damit stellt sich gegen Ende dieser Untersuchung natürlich er‐ neut die in der aktuellen Diskussion über von Ärzten zu leistende „Sterbehilfe“ häufig gestellte „Gretchenfrage“, nämlich ob sich aus der unbedingten Verpflichtung christli‐ cher Ärzte und Heiler zur Barmherzigkeit gegenüber besonders stark leidenden Pati‐ enten und deren Angehörigen in bestimmten Situationen und unter bestimmten Vor‐ aussetzungen sogar eine ethische Verpflichtung zur „aktiven Sterbehilfe“ mit medizi‐ nischen Mitteln ableiten ließe. Ungeachtet dessen, dass mit einer Beantwortung dieser wichtigen medizinethi‐ schen Frage ein Historiker seine berufliche Kompetenz überschritte, ist auf den hi‐ 2216 Petrus erstmalig im Kontext der Heilung eines Gelähmten; s. o. Apg 3, 1– 10; 2217 Vgl. dazu vor allem Flavius Josephus s. o. Kap. 3.1.4.2; Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 472 storischen Befund zu verweisen, dass auch in den lukanischen Schriften des NT kein Beispiel dafür überliefert ist, dass Jesus oder die Apostel einen kranken Menschen aus Mitleid mit diesem bzw. mit dessen Angehörigen getötet hätten oder ohne einen Hei‐ lungsversuch hätten einfach sterben lassen. Vielmehr werden vor allem in den lukani‐ schen Schriften mehrere Präzedenzfälle dafür beschrieben, dass Jesus und – nach des‐ sen Vorbild und Weisung – auch die Apostel Petrus und Paulus selbst bereits als ver‐ storben aufgegebene Patienten wieder ins Leben zurückriefen. Fazit Insgesamt lässt sich aus dem Versuch, die in der Literatur gelegentlich behauptete ge‐ sellschaftliche Akzeptanz ärztlicher Beihilfe zu Tötungen und Selbsttötungen im Un‐ tersuchungszeitraum2218 auch im Bezugsrahmen des zeitgenössischen ethischen und standesethischen Diskurses historisch zu verorten, folgendes Fazit ziehen: Zwar trau‐ ten zeitgenössische Literaten Ärzten des Untersuchungszeitraums Tötungsassistenz zu, auf der anderen Seite zeigte sich aber, dass die rechtlichen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns in der frühen römischen Kaiserzeit Ärzte, die absichtlich oder auch nur fahrlässig den Tod von Patienten herbeiführten, großen Existenzrisiken aussetzten, wirtschaftlicher und strafrechtlicher Art, vor allem auch einer großen Dysbalance bezüglich ihres beruflichen Selbstverständnisses als Ärzte oder Heiler. Speziell die Analyse von Selbstzeugnissen von Ärzten über ihr berufli‐ ches Selbstverständnis ergab als klaren Befund, dass die aktive Beteiligung an Tötun‐ gen und Selbsttötungen von Menschen außerhalb jeder Denk- und Handlungsoption von Ärzten der frühen römischen Kaiserzeit lag. Wirtschaftliche Risiken ergaben sich daraus, dass das Heilen von Ärzten im Un‐ tersuchungszeitraum als ein Gewerbe wie jedes andere angesehen wurde und das Ab‐ leben eines Patienten, ob willkürlich oder fahrlässig herbeigeführt, gemessen an den Erwartungen bezüglich des Heilens eines „guten Arztes“ als ein Versagen bewertet worden wäre, daher auch das Ansehen des Arztes und seinen Zulauf von Patienten gemindert hätte. Strafrechtliche Risiken ergaben sich daraus, dass nach damals geltendem Recht, die absichtliche Tötung von Menschen als Kapitalverbrechen angesehen wurde, wel‐ ches auch, wenn es von einem Arzt begangen wurde, durch die zuständigen Gerichte entsprechend geahndet und bestraft wurde, bei vermögenderen Ärzten mit lebens‐ länglicher Verbannung und Konfiskation, bei weniger vermögenden Ärzten mit der Hinrichtung des Delinquenten2219. Da aber auch harte Strafen erfahrungsgemäß gelegentlich Täter von bestimmten Verbrechen nicht abhalten, wurde in weiteren Untersuchungsschritten geprüft, inwie‐ weit die im Untersuchungszeitraum herrschende Moral Anhaltspunkte dafür lieferte, dass sich Ärzte über die wirtschaftlichen und strafrechtlichen Risiken von ihnen zu 3.4 2218 S. o. Einleitung 2219 S. o. Kap. 3.2.4; 3.4 Fazit 473 leistender Tötungsassistenz hinweggesetzt haben könnten. Im Rahmen der Analyse zeitgenössischer Quellen dazu zeigte sich aber: Weder Äußerungen und Handlungen von Philosophen noch von Ärzten im Un‐ tersuchungszeitraum liefern Anhaltspunkte dafür, dass die klaren strafrechtlichen Kautelen des römischen Rechts gegen die willentliche und wissentliche Beteiligung von Privatleuten an der Tötung und Selbsttötung von Menschen, also auch von Ärz‐ ten und nichtärztlichen „Heilern“, in nennenswertem Umfang unterlaufen worden sein könnten. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass die meisten in weitgehender Überein‐ stimmung mit den zeitgenössichen normativen Diskursen, insbesondere in weitge‐ hendem Gehorsam gegenüber der lex Cornelia de sicariis veneficiisque2220, orientiert an den sozialethischen Vorstellungen des frühkaiserzeitlichen Stoizismus sowie an standesethischen Vorstellungen, wie sie aus dem hippokratischen Eid und dem Gleich‐ nis vom barmherzigen Samariter bekannt sind, eine aktive Beteiligung an Tötungen und Selbsttötungen im Untersuchungszeitraum verweigerten. Ob sie sich hierbei mehr von der Sorge leiten ließen, andernfalls strafrechtlich belangt zu werden oder wirtschaftliche Verluste zu erleiden, oder eher von ethischen oder standesethischen Motiven, mehr religiös oder mehr humanistisch – philosophisch begründeten, lässt sich auf der Grundlage der hier ermittelten Befunde allerdings nicht so leicht ein‐ schätzen, obwohl sowohl die von Scribonius Largus genannten Gründe als auch die bei dem frühchristlichen Arzt Lukas greifbaren Motive die Vermutung zu rechtferti‐ gen scheinen, dass religiöse Bedenken hierbei eine wichtige Rolle spielten. Auf jeden Fall lässt sich aus den hier zu Tage geförderten Erkenntnissen kaum eine klare Beurteilung der in der Literatur heftig umstrittenen Streitfrage nach der Chronologie und Geographie der Verbreitung des sog. Hippokratischen Eides ablei‐ ten2221. Auch wenn aufgrund der hier besprochenen Äußerungen des Aulus Celsus, vor allem aber des Scribonius Largus und des frühchristlichen Arztes Lukas2222 abzu‐ leiten ist, dass er diesen auch dem Inhalte nach bekannt war und dass er in der von Scribonius Largus umschriebenen Form in unserem Untersuchungszeitraum auch von Absolventen der Ärzteschule von Kos geleistet wurde, so lässt sich allein daraus nicht folgern, dass er in dieser oder einer ähnlichen Form von den genannten Ärzten auch selbst geleistet worden war, obwohl es nicht abwegig ist, das zu vermuten. Denn dass ausgerechnet dieser Eid in Rom und Italien spätestens seit der Regie‐ rungszeit des Kaisers Claudius I. bestens bekannt war, dürfte sich auch daraus erklä‐ ren, dass es in der Person des Stertinius Xenophon einem Absolventen der Ärzteschule von Kos gelungen war, bis zum Leibarzt des Kaisers aufzusteigen2223 und dass dieser Kaiser persönlich für alle Angehörigen dieser Ärzteschule im Senat die Steuerbefrei‐ 2220 S. o. Kap.3.2; 2221 S. o. Schubert, C.: Der hippokratische Eid … Darmstadt 2005. 2222 S. o. Kap. 3.3.3; 2223 Vgl. Tac. ann. 12, 61, 2: … Xenophontem, cuius scientia ipse [scil. Claudius] uteretur … Tac. ann. 12, 67, 2: Agrippina …. Xenophontis medici conscientiam adhibet. Kapitel 3: Die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im Untersuchungszeitraum 474 ung beantragt2224 und durchgesetzt hatte. Und daraus wiederum darf sicherlich auch abgeleitet werden, dass dieser Eid, der seinem Ursprung nach nicht so sehr als ein von Ärzten zu leistender „Berufs“- Eid anzusehen ist, sondern als Eid der Angehörigen einer bestimmten Priesterschaft, also als ein Priestereid, nicht erst seit der frühen rö‐ mischen Kaiserzeit dort geleistet wurde, sondern, wie das vor allem Th. Rütten glaub‐ haft zu machen versuchte2225, auch schon früher, vielleicht schon zu Lebzeiten des Hippokrates, nach dem er ja auch benannt wurde. Als gesichert gelten kann aufgrund der von uns erzielten Erkenntnisse über den normengeschichtlichen Hintergrund des berufsmäßigen Handelns von Ärzten in der frühen römischen Kaiserzeit, dass sie die in den ersten beiden Kapitel dieser Arbeit ermittelten Erkenntnisse über die Inzidenz ärztlicher Tötungsassistenz im Untersu‐ chungszeitraum nicht nur erklären, sondern auch bestätigen und dahingehend ergän‐ zen, dass ärztliche Tötungsassistenz in jener Zeit nicht nur nicht nachweisbar ist, son‐ dern, bezogen auf die Dunkelziffer unklarer oder in den Quellen nicht erwähnter Fäl‐ le – im Widerspruch zu anderslautenden Einschätzungen in der Literatur2226 – psy‐ chologisch – hochgradig unwahrscheinlich ist. Um die Bedeutung der Ergebnisse dieser Arbeit in ihrem Forschungskontext zu erläutern, soll im Folgenden der Gang der Untersuchung noch einmal kurz nachge‐ zeichnet werden, bevor wir sie auch in diesem Rahmen abschließend reflektieren, in inhaltlicher und methodologischer Hinsicht. 2224 Vgl. Tac. ann. 12, 61, 1: Rettulit [scil. Claudius] dein de immunitate Cois tribuenda … Tac. ann. 12, 63, 3: … adnitente principe … tributa in quinquennium remissa … 2225 S. o. Rütten, Th.: Medizinethische Themen in den deontologischen Schriften des Corpus Hippocra‐ ticum, … Genf 1997, S. 65–120; 2226 Vgl. dazu die Einleitung dieser Arbeit; 3.4 Fazit 475

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In der Debatte über gesetzliche Neuregelungen der Sterbehilfe, die in bestimmten Fällen mit dem Willen von Patienten Ärzten und Pflegepersonal erlaubt werden soll, vertreten vor allem Altertumswissenschaftler, Medizinethiker und Medizinhistoriker die Auffassung, dass in der Antike, vor allem in der frühen römischen Kaiserzeit, ärztliche (Selbst-)Tötungsassistenz keine Seltenheit war. Ein konkreter Beweis für die Gültigkeit dieser Hypothese steht aber noch aus. Steht zum Beispiel der Tod des Augustus in Zusammenhang mit ärztlicher Tötungsassistenz? Standen den Mördern der Kaisersöhne Germanicus und Drusus ärztliches Wissen und ärztliche Beihilfe zur Verfügung? War an der Ermordung des Kaisers Claudius tatsächlich ein Arzt beteiligt? Hat sich der Philosoph und Staatsmann Seneca von seinem Leibarzt Annaeus Statius die Adern öffnen und zum Zwecke der Selbsttötung den Schierlingsbecher reichen lassen? Holte Nero tatsächlich ärztlichen Rat ein, bevor er seinen Stiefbruder Britannicus kurz vor dessen 14. Geburtstag vergiften ließ?

Carsten F. G. Reinhardt analysiert zur Beantwortung dieser Frage 277 unnatürliche Todesfälle dieser Zeit sowie die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im römischen Kaiserreich. Anhand historischer Quellen und gestützt auf heutiges medizinisches Wissen ergründet der Autor, ob eine ärztliche Tötungsassistenz im Falle Senecas und anderer namentlich bekannter unnatürlicher Todesfälle des Untersuchungszeitraums nachweisbar ist.