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Kapitel 1: Der Tod Senecas in:

Carsten F.G. Reinhardt

Das Sterben Senecas, page 25 - 114

277 Todesfälle und die Rolle des Arztes in der frühen römischen Kaiserzeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4013-3, ISBN online: 978-3-8288-6821-2, https://doi.org/10.5771/9783828868212-25

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 35

Tectum, Baden-Baden
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Der Tod Senecas Vorbemerkungen In diesem Abschnitt unserer Untersuchung über ärztlich assistierte Fremd- und Selbsttötungen in der frühen römischen Kaiserzeit gilt die Aufmerksamkeit dem Ab‐ leben des Philosophen und Staatsmannes L. Annaeus Seneca. Das Ziel der Untersu‐ chung besteht darin, auf der Grundlage des überlieferten Quellenmaterials möglichst genaue Erkenntnisse über die Einzelheiten des zu untersuchenden Sterbevorgangs zu ermitteln, um gestützt auf dieses Wissen, Aufschluss darüber zu gewinnen, inwieweit ein Arzt den Sterbeprozess Senecas begleitete oder beeinflusste. Zur Quellengrundlage Die Quellen bieten bezüglich des Falles Seneca für ein solches Vorhaben günstige Voraussetzungen. Sowohl Tacitus138 als auch Sueton139 und Cassius Dio140 berichteten über den Tod Senecas. Die Darstellungen des Tacitus und Suetons141 sind im Original überliefert, die Darstellung Dios liegt heute allerdings nur noch in der Form von Ex‐ zerpten des Johannes Xiphilinos vor142. Dafür ist die Textmenge der Darstellung des Tacitus sehr umfangreich, sie umfasst fast vier Teubnerseiten.143 Übereinstimmend charakterisieren alle drei Autoren das Ableben Senecas als die Folge einer von Nero erzwungenen Selbsttötung und geben als Grund dafür den Ver‐ dacht einer Verwicklung in eine gegen den Kaiser gerichteten Verschwörung an. Die‐ sen Verdacht stellt allerdings nur Cassius Dio (Xiphilinos) als begründet dar144. Aus dem Blickwinkel des Medizinhistorikers verdient besondere Aufmerksamkeit, dass die Darstellungen der beiden Historiker auch Angaben über die im Falle Senecas zum Einsatz gelangten Tötungsmittel enthalten. Sowohl Tacitus als auch Cassius Dio erwähnen eine von Seneca gemeinsam mit seiner Gemahlin vorgenommene Öffnung Kapitel 1: 1.0 1.0.1. 138 Vgl. Tac. ann. 15, 60–65; zit. nach: Cornelius Tacitus I Annales, Ed. Erich Koestermann, Leipz. 1965; 139 Vgl. Suet. Nero 35, 5; zit. nach: Suetonius Vol. I. De vita Caesarum libri, rec. M. Ihm, ed. min. Stuttgart 1958; 140 Vgl. Cass. Dio 62, 24, 1–25, 3; zit. nach: Foster, H. B.: Dio´s Roman History, in nine volumes, Lon‐ don MCMLXVIII; 141 Vgl. Suet. Nero 35, 5; 142 Vgl. Cass. Dio 62, 24, 1–25, 3; vgl. Xiph. 170, 4–172, 2; 143 Vgl. Tac. ann. 15, 60–65: in: Cornelius Tacitus I Annales, ed. Erich Koestermann, Leipz. 1965, S. 366– 370; 144 Vgl. Cass. Dio 62, 24, 1; 25 größerer Blutgefäße als Tötungsmittel. Tacitus erwähnt zusätzlich noch weitere Bemü‐ hungen Senecas, die angeblich darauf abzielten, sein Sterben zu beschleunigen bzw. zum Abschluss zu bringen, – u. a., dass er sich zu diesem Zweck von einem Arzt Gift habe anreichen lassen und eingenommen. Auf die Angaben des Tacitus, dass ein Arzt zugegen war, als Seneca starb, stützt sich die seit langem verbreitete Auffassung, dass zumindest im Falle Senecas von einer ärztlich assistierten Selbsttötung auszugehen sei. Dieser Arzt, mit dem Namen Anna‐ eus Statius, sei angeblich auch mit Seneca persönlich befreundet gewesen und habe ihm ein Gift gegeben, welches im attischen Strafvollzug bei der Vollstreckung von To‐ desurteilen benutzt wurde, wie sich Tacitus ausdrückt145. Nicht nur wegen ihrer Ausführlichkeit, sondern auch wegen der Zeitnähe ihrer Entstehung sowie der Auskünfte über die Quellen, die dieser Autor benutzt haben will, besitzt die Darstellung des Tacitus als Grundlage für eine Untersuchung von ärzt‐ licher Beihilfe im Zusammenhang eines konkreten Falles der Tötung bzw. Selbsttö‐ tung eines Menschen in der frühen römischen Kaiserzeit besondere Beachtung. Als Informanten bezüglich des Wirkens Senecas benennt Tacitus Cluvius [Rufus]146, [Gai‐ us] Plinius [Secundus Maior]147 und Fabius Rusticus148. Die Namensform Cluvius Rufus wird außerhalb der Annalen von Tacitus selbst149, aber auch von anderen antiken Schriftstellern150 mit einem Politiker in Verbindung gebracht, der unter Nero151 bis zur Würde des Konsulats aufstieg. Cluvius Rufus be‐ gleitete Nero auf seiner Reise durch Griechenland, schlug sich nach dem Sturz Neros aber auf die Seite von dessen Nachfolger Galba152, unter dessen Herrschaft er den Posten eines leg. Aug. pr. pr. der Provinz Hispania citerior erlangte. Nach der Ermor‐ dung Galbas wechselte er erneut die Seiten, schloss sich kurzfristig Otho153 an, dann Vitellius154 und war gegen Ende 69 n. Chr. persönlich zugegen, als der ältere Bruder 145 Vgl. Tac. ann. 15, 64, 3: Seneca interim, durante tractu et lentitudine mortis, Statium Annaeum, diu sibi amicitiae et arte medicinae probatum, orat provisum pridem venenum, quo dnati publico Atheniensium iudicio extinguerentur, promeret; adlatumque hausit... 146 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; 4, 2, 1; das Cognomen Rufus nennt Tacitus nur an verschiedenen Stellen der Historien (Vgl. Tac. hist. 1, 8. 76; 2, 58. 65; 3, 65, 2; 4, 39, 4. 43), aber nicht als Namen eines Schriftstellers, sondern eines Politikers; 147 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; 15, 53, 3; ansonsten erwähnt Tacitus den Namen des Plinius in den Anna‐ len als Verfasser eines Geschichtswerkes über frühkaiserzeitliche Germanenkriege (Vgl. Tac. ann. 1, 69;) und in den Historien (Vgl. Tac. hist. 3, 28;) als Offizier in der Schlacht bei Cremona. 148 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; Tac. ann. 14, 2, 2; Tac. ann. 15, 61; ansonsten erwähnt Tacitus den Namen des Fabius Rusticus in der Beschreibung des Lebens seines Schwiegervaters Gn. Iulius Agricola (Vgl. Tac. Agr. 10, 3;). 149 Vgl. Tac. hist. 1, 8. 76; 2, 58. 65, 3. 65, 2. 4, 39. 4. 43; 150 Vgl. Ios. ant. Iud. 19, 1, 13; Suet. Nero 21, 2; Cass. Dio 63, 14, 3; Plut. Otho 3; Plin. epist. 9, 19, 5; 151 L. Domitius Ahenobarbus Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus, Kaiser vom 13. 10. 54 n. Chr. – 15. 06. 68 n. Chr., *15. 12. 37 n. Chr. in Antium (heute: Anzio), †09. oder 11.06. 68 n. Chr.; Vgl. Hanslik, R., Nero 2, in: Der Kleine Pauly (KIP), Bd. 4, Sp. 71 – 73; 152 Servius Sulpicius Galba, Kaiser vom 08. 06. 68 n. Chr. – 15. 01. 69 n. Chr., *24. 12. 3 v. Chr., †15. 01. 69 n. Chr., vgl. Hanslik, R., Galba 2, in KIP, Bd. 2, Sp. 670 – 672; 153 M. Salvius Otho, Kaiser vom 15. 01. 69 n. Chr. – 16. 04. 69 n. Chr., *28. 04. 32 n. Chr., †16. 04. 69 n. Chr.; vgl. Winkler, G., Otho, in KIP, Bd. 4, Sp. 380 – 381; 154 Aulus Vitellius, *07.09. 12 n. Chr., †19. oder 20. 12. 69 n. Chr., Kaiser (Gegenkaiser) 01.01.69 n. Chr.– 19. bzw. 20. 12. 69 n. Chr., vgl. Winkler, G., Vitellius II, 2, in KIP, Bd. 5, Sp. 1303 – 1306; Kapitel 1: Der Tod Senecas 26 Vespasians und der damalige Stadtpräfekt Titus Flavius Sabinus155 ein Abkommen über die Abdankung des Vitellius zugunsten Vespasians156 aushandelte157. Danach verlieren sich die Spuren des Politikers Cluvius Rufus, der nach herrschender Auffas‐ sung um 2 v. Chr. geboren wurde und zu einem nicht mehr genau rekonstruierbaren Zeitpunkt nach dem Ende des Jahres 69 n. Chr.158 starb. Er erlebte noch den Regie‐ rungsantritt Vespasians, unter dessen Herrschaft er allerdings als Politiker nicht mehr in Erscheinung trat, sondern allenfalls als Schriftsteller. Cluvius Rufus gilt nach herrschender Meinung auch als Verfasser einer in den Anfangsjahren der Regierungszeit Vespasians entstandenen Darstellung der vorange‐ gangenen Epoche. Dieses Geschichtswerk des Cluvius Rufus umfasste, wie aus ent‐ sprechenden Hinweisen in den Annalen des Tacitus zu ersehen ist, auch noch die Re‐ gierungszeit Neros. Tacitus erwähnt Cluvius Rufus als Verfasser einer über Ereignisse der Regierungszeit Neros berichtenden Darstellung letztmalig im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Ereignisse des Jahres 59 n. Chr159. Dennoch geht man da‐ von aus, dass die von Tacitus erwähnte Schrift des Cluvius Rufus auch noch Ereignisse aus der Zeit zwischen den Jahren 59 und 68, d. h. bis zum Ende der Regierungszeit Neros behandelte. Deshalb ist damit zu rechnen, dass die von Tacitus benutzte Schrift des Cluvius Rufus auch eine Darstellung des Ablebens Senecas enthielt. Der Name des zweiten von Tacitus erwähnten Informanten, Plinius, ist als Beina‐ me für zwei Angehörige einer ursprünglich ritterlichen gens Caecilia bezeugt, – für den als Offizier, hochrangigen Träger öffentlicher Ämter und Schriftsteller be‐ kannten Gaius Plinius Secundus (*23 oder 24 n. Chr. in Novum Comum, heute Como; †25. 08. 79 in Stabiae), der zur Unterscheidung von seinem gleichnamigen Neffen als „der Ältere“ bezeichnet wird160, und – für den Neffen des vorgenannten, Gaius Plinius Caecilius Secundus, auch Plinius der Jüngere genannt; (*zwischen 25. 08. 61 und 24. 08. 62 in Novum Comum, heute Como, Oberitalien; †um 113 oder 115, wahrscheinlich in der Provinz Bithynia et Pontus)161. 155 T. Flavius Sabinus, Bruder Vespasians, *ca. 8 n. Chr., 62 – 68 n. Chr. Stadtpräfekt, am 19./20. 12. 69 n. Chr. ermordet, vgl. Hanslik, R., Flavius II, 13., in KIP, Bd. 2, Sp. 572 – 573; 156 T. Flavius Vespasianus, *17. 11. 09 n. Chr., †24. 06. 79 n. Chr., Kaiser ab 22. 12. 69 n. Chr.; vgl. Hanslik, R., Vespasianus, in KIP, Bd. 5, Sp. 1224–1226; 157 Vgl. Tac. hist. 3, 65, 2; 158 Vgl. Feldman, L. H.: The sources of Josephus’ Antiquities 19. In: Latomus 21 (1962), S. 320 ff.. Hanslik, R., Cluvius II. 2, in: KIP Bd. 1, Sp. 1234–1235.. Th. Mommsen: Cornelius Tacitus und Clu‐ vius Rufus. in: Hermes 4 (1870), S. 295–325. Ritter, H. W.: Cluvius Rufus bei Josephus? In: Rheini‐ sches Museum 115 (1972), S. 86ff.. R. Syme: Tacitus. Bd. 1, Oxford 1958, S. 287ff.. Timpe, D.: Rö‐ mische Geschichte bei Flavius Josephus, in: Historia 9 (1960), S. S. 474-502. Townend, G. B.: Cluvi‐ us Rufus in the Histories of Tacitus, in: American Journal of Philology 85 (1964), S. 337–377. Wardle, D.: Cluvius Rufus and Suetonius, in: Hermes 120 (1992), S. 466–482; 159 Vgl. Tac. ann. 14, 2, 2: … sed quae Cluvius, eadem ceteri auctores prodidere... 1 6 0 Vgl. Sallmann, K., Plinius 1, in: KIP, Bd. 4, Sp. 928–936; 1 6 1 Vgl. Hanslik, R., Plinius 2, in: KIP Bd. 4, Sp. 937–983; 1.0 Vorbemerkungen 27 Da von dem Letzteren eigene Bemühungen auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung nicht überliefert sind, ist davon auszugehen, dass sich die Hinweise des Tacitus auf eine geschichtliche Darstellung aus der Feder Plinius´ des Älteren bezogen haben. Durch einen Brief Plinius´ des Jüngeren ist ein Verzeichnis von Schriften dieses Autors überliefert, in dem neben der im Original überlieferten historia naturalis sechs weite‐ re Schriften erwähnt werden, darunter auch zwei Werke mit geschichtlichem Inhalt, eine Schrift mit dem Titel „Bellorum Germaniae [libri] viginti“ sowie ein anderes Ge‐ schichtswerk mit dem Titel „A fine Aufidi Bassi triginta unus“162. Dass Tacitus von diesen beiden Werken das erste gekannt und in den Annalen auch als Quelle benutzt hat, darf aufgrund einer entsprechenden Angabe im ersten Buch der Annalen163 als erwiesen angesehen werden. Allein die Existenz dieser Schrift ist auch durch einen Brief des Quintus Aurelius Symmachus aus dem Jahr 396 bezeugt164. Nur ist es schon allein wegen des Titels dieser Schrift unwahrscheinlich, dass Tacitus ihr auch Informationen über das Ableben Senecas hätte entnehmen kön‐ nen. Derartige Bedenken bestehen bezüglich der Benutzung des zweiten o. e. Ge‐ schichtswerkes des Plinius durch Tacitus aber kaum. Aufidius Bassus, über dessen Le‐ ben, - außer dass Seneca ihm 60 n. Chr.165 als einem schon recht alten Mann noch persönlich begegnet sein will166, – nur wenig überliefert ist. Er verfasste nach Quintili‐ an167 abgesehen von einem Bellum Germanicum auch Historiae, als deren Fortsetzung das hier in Rede stehende Geschichtswerk des älteren Plinius gilt168. Das Werk über die Germanenkriege war vermutlich den Germanenkriegen des Augustus gewid‐ met169 und reichte nach herrschender Auffassung vielleicht bis 16 n. Chr.; die allge‐ mein die Geschichte Roms behandelnden Historien des Plinius berichteten, anknüp‐ fend an das Geschichtswerk des Livius, über Ereignisse bis zum Jahre 31 n. Chr., viel‐ leicht auch bis zu den Jahren 41 oder 54170. Daraus folgt, dass das entsprechend dem überliefertem Titel an ein Geschichts‐ werk des Aufidius Bassus anknüpfende Werk des Plinius zumindest die Epoche vom Beginn der Regierungszeit Neros bis zu dessen Ende erfasst haben dürfte; berücksich‐ tigt man ferner, dass der Tod diesen Plinius, wie dessen Neffe, Plinius d. J., dem Taci‐ tus auf eine entsprechende Bitte hin mitteilte171, bei dem Vesuvausbruch des Jahres 79 n. Chr. ereilte und dass er sich damals noch so rüstig fühlte, dass er sich mit einem 162 Vgl. Plin. Epist. 3, 5, 3–6; 163 Vgl. Tac. ann. 1, 69, 2: … tradit C. Plinius, Germanicorum bellorum scriptor,... 164 Vgl. Symmachus, epist. IV 18. 165 Dieser Datierungsansatz ergibt sich aus der Datierung für Senecas Epistel Nr. 30; 166 Vgl. Sen. epist. 30,1; 167 Vgl. Quint. inst. 10, 1, 103; vgl. dazu: Syme R.: Tac. Bd. 1, 274 ff.. 168 Vgl. Schanz-Hosius 2, 337; u. Bardon, H., Litter. Lat. Inconnue 2, 164 ff.. 169 Vgl. Sage, M.: Tacitus’ Historical Works: A Survey and Appraisal, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Bd. II. 33. 2. S. 1004. R. Syme (Tacitus, Bd. 2, S. 697;) hält für das Anfangsdatum das Jahr 12 v. Chr.; 170 Diskussion bei Syme, Tacitus, Bd. 2, S. 697–699. Siehe auch Sage, Historical Works, S. 1005. 171 Vgl. Plin. epist. 6, 16, 1: C. Plinius Tacito suo S: Petis, ut tibi avunculi mei exitum scribam, quo verius tradere posteris possis. … Kapitel 1: Der Tod Senecas 28 Schnellsegler in das Katastrophengebiet bringen ließ, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen und, falls nötig, auch persönlich Hilfe zu leisten172, ist nicht aus‐ zuschließen, dass Plinius bis zu jenem Zeitpunkt das Manuskript für A fine Aufidi Bassi noch nicht abgeschlossen hatte. In der damals bereits vorliegenden Form be‐ handelte es außer der Zeit bis zu Neros Ende wahrscheinlich auch schon Ereignisse der Zeit danach, des sog. Dreikaiserjahres und der Regierungszeit Vespasians. Als bedeutsam für die Beurteilung des Quellenwerts von A fine Aufidii Bassi für die Darstellung des Ablebens Senecas durch Tacitus ist die durch Tacitus selbst be‐ glaubigte Tatsache, dass Plinius in dem Werk nicht nur über die Beziehungen Roms zu fremden Staaten und Völkern berichtete, sondern auch über innenpolitische Ent‐ wicklungen. Tacitus bezieht sich im Kontext der von Nero bereits im Jahre 55 n. Chr. erwogener Pläne, sich sowohl seiner Mutter als auch des Prätorianerpräfekten Bur‐ rus173 gewaltsam zu entledigen, u. a. auf Angaben des Plinius, und zwar im Zusam‐ menhang der Rolle, die Seneca dabei spielte, dass Burrus die ihm damals zugedachte Entfernung aus dem Amt vorläufig erspart blieb174. Daher ist davon auszugehen, dass Tacitus auch bei der Darstellung des Ablebens Senecas, obwohl er innerhalb dieses Berichts Plinius als Gewährsmann unerwähnt lässt, auch Angaben des Plinius als Quelle benutzte. Denn es wäre nicht nachvollzieh‐ bar, wenn Tacitus bezüglich eines nachrangigen Details aus dem Leben Senecas, wie bezüglich dessen Rolle bei der o. e. vorläufigen Rettung des Burrus, die Darstellung des Plinius berücksichtigt haben sollte, im Falle des Ablebens Senecas aber nicht. Hatte Plinius doch gute Gründe, sich in gewisser Weise sogar als einen Schicksals‐ genossen Senecas anzusehen. Auch Plinius verdankte dem Regime Neros einen unver‐ kennbaren Karriereknick. Während Plinius im Rahmen der sog. militia equestris bis zum Ende der Regierungszeit des Claudius in verschiedenen Provinzen als Offizier Dienst tat, u. a. unter dem Oberkommando des Gn. Domitius Corbulo im Gebiet der Chauken175, sowie unter Gn. Pomponius Secundus im Gebiet der Chatten176, scheint er spätestens im Jahre 59 n. Chr. nach Italien zurückgekehrt zu sein177 und dann bis zum Ende der 60-er Jahre, d. h. bis zum Ende der Regentschaft Neros, weder als Offizier noch in anderen öffentlichen Ämtern eingesetzt worden zu sein, sondern sich nur schriftstellerisch betätigt178 zu haben. Plinius wurde erst nach dem Ende Neros in 172 Vgl. Plin. epist. 6, 16, 7 ff.; 173 Sex. Afranius Sex. f. Burrus, stammt wahrscheinlich aus Vasio Vocontiorum, (heute: Vaison la R, Vaucluse.) ab 51 n. Chr. auf Betreiben Agrippinas alleiniger praef. praet., †62 n. Chr.; vgl. Mariotti, Sc., Afranius 3., in KIP, Bd. 1, Sp. 108; PIR I2, 74. 174 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2: Plinius et Cluvius nihil dubitatum de fide praefecti referrunt. 175 Vgl. Tac. ann. 11, 18 ff.; 176 Vgl. Tac. ann. 12, 28 ff.; 177 Dieser Termin für die Rückkehr des Plinius nach Italien ergibt sich aus einem Selbstzeugnis (nat. 2, 180;), nach welchem Plinius am 30. 04. 59 n. Chr. in Kampanien eine Sonnenfinsternis beobachtet haben will. 178 Vgl. Sallmann, K.: Plinius 1, in: KIP, Bd. 4, Sp. 929; Kroll, W., Plinius d. Ä., in: RE 21 (1951), Sp. 276. Ob Plinius sich unter Nero freiwillig aus allen öffentlichen Ämtern zurückzog oder von Nero, sei es auf Betreiben Agrippinas, Burrus´ oder sogar Senecas, bei der Besetzung von Offiziers- bzw. Verwaltungsstellen nicht mehr berücksichtigt wurde, ist schwer zu sagen, sicher ist lediglich, dass 1.0 Vorbemerkungen 29 mehreren römischen Provinzen als procurator179 eingesetzt, unter anderem in Hispa‐ nia Tarraconensis180 und zuletzt, d. h. bis zu seinem Tode 79 n. Chr.181, als Präfekt einer in Misenum182 stationierten römischen Flotte. Die Benutzung von Informationen aus einem Werk des Fabius Rusticus bezeugte Tacitus bei der Darstellung des Ablebens Senecas selbst183. Tacitus beruft sich aus‐ drücklich auf ein Zeugnis des Fabius Rusticus im Bezug darauf, dass ein von Nero mit der Überbringung bzw. Durchführung des Tötungsbefehls für Seneca beauftragter Tribun184 auf dem Weg zu dem damaligen Aufenthaltsort Senecas einen Umweg in Kauf nahm, um sich bei dem an der sog. Pisonischen Verschwörung angeblich beteilig‐ ten Präfekten Faenius zu erkundigen, ob er den Befehl ausführen solle oder nicht185. Im Zusammenhang damit verdient Beachtung, dass Tacitus den Schreibstil des Fabius Rusticus bewunderte186, obgleich er den Autor selbst wegen angeblicher politischer Einseitigkeit und persönlicher Voreingenommenheit tadelte187. Abgesehen davon verdient Beachtung, dass die Existenz einer Persönlichkeit mit dem Namen Fabius Rusticus auch unabhängig von der Erwähnung durch Tacitus be‐ glaubigt ist, und zwar durch das Zeugnis einer in das Jahr 108 n. Chr. datierten In‐ schrift188, nach deren Wortlaut ein gewisser Dasumius damals als Erblasser fungierte, diesem zeitweiligen Ausscheiden aus dem Staatsdienst ein schwerwiegender Dissens mit Nero zu‐ grunde lag, den Plinius selbst als hostem generis humani bezeichnete. Vgl. Plin. nat. 7, 46; 179 Bezeichnung für „Sachwalter“ aus dem Stand der Freigelassenen, in der frühen römischen Kaiser‐ zeit vor allem für Inhaber von „Ämtern“ aus dem Ritterstand, unterschieden nach Einkommens‐ klassen als sexagenarii (60000 Sesterzien./Jahr), centenarii (100000Sest./Jahr), ducenarii (200000 Sest./Jahr) und tricenarii (300000 Sest./Jahr). Vgl. Volkmann, H., Procurator, in KIP, Bd. 4, Sp. 1151; 180 W. Kroll, Plinius d. Ä., in: RE Bd. 21 (1951), Sp. 277. 181 S. o. Plin epist. 6, 16; 182 Flottenstützpunkt im Norden des heutigen Golfs von Neapel; vgl. Radke, G., Misenum, in KIP, Bd. 3, Sp. 1347–1348; 183 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 3; 184 Die Bezeichnung tribunus militum ist bereits in der Frühzeit des römischen Milizheeres als Rang von höheren Offizieren greifbar, demjenigen heutiger „Stabsoffiziere“ vergleichbar, seit der Zeit Caesars begegnen uns tribuni militum als Kommandanten einer Kohorte, einer seit Augustus aus 1000 Mann bestehenden militärischen Einheit, aus 900 Fußsoldaten und 100 berittenen bestehend (Vgl. Neumann, A., Cohors, in KIP Bd. 1, Sp. 1242–1243;). Derartige Funktionen übten sie auch in den urbanae cohortes (zunächst 3, ab 68 n. Chr. 9, zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit in Rom) aus, in den vigilum cohortes (in der frühen röm. Kaiserzeit: 7 Kohorten zu je 7 Zenturien als Nachtwachen und zum Brandschutz, jeweils für zwei Stadtbezirke zuständig;) und – wie im vorliegenden Fall – auch in den praetoriae cohortes. Vgl. Neumann, A., Tribunus, 3 u. 4., in KIP Bd. 5, Sp. 947–948; 185 Vgl. Tac. ann.15, 61,3; 186 Vgl. Tac. Agr. 10, 3: Formam totius Britanniae Livius veterum, Fabius Rusticus recentium eloquentis‐ simi auctores oblongae scutulae vel bipenni assimulavere… (Die Gestalt Britanniens haben von den älteren Schriftstellern Livius und von den neueren Fabius Rusticus als die beredtesten mit einem länglichen Schild oder einem Beil verglichen.) 187 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2: … sane Fabius inclinat ad laudes Senecae, cuius amicitia floruit... (Tatsäch‐ lich neigte Fabius Rusticus zu Lobreden auf Seneca, durch dessen Freundschaft er auch zu Ruhm und Ansehen gekommen war.) Vgl. Syme, R.: Tacitus. 2 Bde., Oxford 1958, Bd. 1, S. 179 f.; S. 289 ff.. 188 Vgl. CIL VI 10229; vgl. Syme, R.: Tacitus. Bd. 1, S. 289–204; Becher, I., F. Rusticus, in: KIP Bd. 2, Sp. 498; Sontheimer, W., Fabius Rusticus, in: Der Neue Pauly. Bd. 4, Stuttgart 1998, Sp. 378; Kapitel 1: Der Tod Senecas 30 u. a. zugunsten des Tacitus, des mit diesem eng befreundeten Plinius d. Jüngeren, und des besagten Fabius Rusticus. Demnach müsste Fabius Rusticus noch im Jahre 108 n. Chr. gelebt haben und könnte wegen der Begünstigung in ein und demselben Testa‐ ment mit Plinius d. J. und mit Tacitus sogar persönlich bekannt gewesen sein. Abgesehen von den o. g. literarischen Zeugnissen des Cluvius Rufus, Plinius d. Äl‐ teren sowie des Fabius Rusticus könnte Tacitus bei der Abfassung seiner Darstellung des Ablebens Senecas auch auf zeitgenössisches Akten- und Archivmaterial zugegrif‐ fen haben. Bezüglich der politischen Verwicklung Senecas in die Pisonische Verschwö‐ rung erwähnt Tacitus eine Seneca belastende Aussage des Antonius Natalis189. Da je‐ ner Natalis sich durch seine „bereitwillige Mitwirkung“ bei der Aufdeckung der Ver‐ schwörung trotz eigener Verwicklung190 Straflosigkeit von Nero erkaufte191, erscheint es als denkbar, dass Tacitus aufgrund eigenen Aktenstudiums von den Aussagen des Natalis gegenüber den Ermittlern Kenntnis erhalten hatte. Andererseits kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Tacitus nur mittelbar Kenntnis von den Angaben des Natalis erhalten hatte, entweder von ihm selbst, da Natalis Nero ja überlebte, oder durch Informationen, die Tacitus den o. e. literarischen Quellen, – aus der Feder des Cluvius Rufus, Plinius d. Älteren und des Fabius Rusticus – hätte entnommen haben können. Ähnliches gilt für die von Tacitus berichteten Vorgänge innerhalb des Palatiums, insbesondere bezüglich der von Nero vorgenommenen Beauftragung des Tribunen Gavius Silvanus, Seneca zu den Angaben des Natalis zu vernehmen192. Gavius Silva‐ nus wurde nach Tacitus in Anwesenheit Poppaea Sabinas193 und des Prätorianerprä‐ fekten Ofonius Tigellinus194 von Nero über die Ergebnisse seines Verhörs Senecas be‐ fragt195 und danach auch mit der Überbringung des Tötungsbefehls für Seneca beauf‐ tragt. Die entsprechenden Informationen könnte Tacitus entweder Protokollen über die Verhöre entnommen haben oder späteren Angaben überlebender Teilnehmer die‐ ser Besprechungen, d. h. des Gavius Silvanus, Poppaea Sabinas sowie des Tigellinus, 189 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 2: solus quippe Natalis et hactenus prompsit... 190 Vgl. Tac. ann. 15, 50. 56.; 191 Vgl. Tac. ann. 15, 71; 192 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 4: haec ferre Gavius Silvanus tribunus praetoriae cohortis, et an dicta Natalis suaque responsa nosceret percunctari Senecam iubetur. 193 *zwischen 30 und 32 n. Chr., ursprünglich mit dem Ritter Rufrius Crispinus vermählt, dann Gelieb‐ te des nachmaligen Kaisers Otho und von diesem geehelicht, aber gleichzeitig Mätresse Neros; 65 n. Chr. von Nero schwanger, aber angeblich infolge eines Fußtritts (Vgl. Tac. ann.16, 6;) plötzlich ver‐ storben. Vgl. Winkler, G., Poppaeus 4, in KIP Bd. 4, Sp. 1055; 194 Ofonius Tigellinus, wegen verbotener Beziehungen zu weiblichen Angehörigen des Kaiserhauses 39 n. Chr. verbannt, infolge einer Erbschaft konnte er sich die Rückkehr nach Italien erkaufen, er‐ rang die Gunst Neros und wurde als Nachfolger des Afranius Burrus 62 n. Chr. einer von zwei prae‐ fecti praetorii. Vgl. Tac. ann. 14, 51, 2; und hist. 1, 72; vgl. Hanslik, R., Tigellinus, in KIP Bd. 5, Sp. 824–825; 195 Vgl. Tac. ann, 15, 61, 2: haec ubi relata sunt Popaea at Tigellino coram … interrogat an Senecam voluntariam mortem praepararet … ergo [Gavius Silvanus] regredi et indicere mortem iubetur... 1.0 Vorbemerkungen 31 insofern der letztere ebenfalls den Tod Neros überlebte und daher bis zu seinem eige‐ nen Suizid196 dazu noch Zeit gehabt hätte. Anders als hinsichtlich der von Tacitus bei der Abfassung seiner Darstellung von Senecas Ende überlieferten Angaben, lassen sich über die von Sueton bzw. Cassius Dio benutzten Quellen kaum verlässliche Aussagen machen. Wegen der von Sueton be‐ kleideten öffentlichen Ämter eines a studiis und a bibliothecis unter Trajan bzw. eines ab epistulis unter Hadrian197 drängt sich die Vermutung auf, dass Sueton bei der Ab‐ fassung seiner Kaiserbiografien außer auf damals bereits vorliegende literarische Quellen auch auf Archivmaterial hätte zugreifen können bzw. zugriff. Allerdings kann dies nicht als sicher angesehen werden198. Vielmehr wird heute für möglich gehalten, dass sich Sueton wie andere antike Schriftsteller überwiegend auf ältere literarische Arbeiten stützte und selbst kaum „Quellenarbeit“ betrieb, wie sie moderne Historiker pflegen.199 Als müßig erscheint es in Anbetracht dessen, auch nach den Quellen für die Dar‐ stellung von Senecas Ende durch Cassius Dio Ausschau zu halten. Grundsätzlich wird der Quellenwert der Darstellungen Dios, gerade bezüglich der römischen Kaiser‐ zeit,200 als hoch veranschlagt. Man geht davon aus, dass Cassius Dio seine Darstellung der frühen römischen Kaiserzeit, zumindest sein Tiberiusbild201, nicht an Tacitus an‐ gelehnt, entwarf, sondern unabhängig davon unter Orientierung an frühere Darstel‐ lungen. Allerdings nutzen diese Erkenntnisse bezüglich der Darstellung von Senecas Ableben kaum etwas, insofern die diesbezügliche Darstellung Dios nicht im Original überliefert ist, sondern nur in Auszügen aus byzantinischer Zeit. In diesen „Exzerp‐ ten“ muss mit „Vereinfachungen“ der von Cassius Dio selbst dargebotenen Informatio‐ nen gerechnet werden. Daher ist von den überlieferten Darstellungen des Ablebens Senecas diejenige des Tacitus nicht nur als die ausführlichste, sondern, unter Einbeziehung heutiger Kennt‐ nisse über die Quellen, die Tacitus benutzte, und über die Art und Weise, wie Tacitus damit umging, immer noch als die zuverlässigste einzustufen. Dies sollte den heuti‐ gen Betrachter, nicht zuletzt den Medizinhistoriker, aber nicht von einer kritischen Interpretation abhalten. Denn es ist zu beachten, dass Tacitus, wie die meisten Schrift‐ steller jener Zeit, aufgrund einer vorrangig juristischen und rhetorischen Ausbildung über medizinisches Fachwissen nicht verfügte. Deswegen dürfen die von ihm überlie‐ 196 Nachdem sich das Ende Neros abzeichnete, verließ ihn Tigellinus und brachte auch die Prätorianer‐ garde dazu, sich von Nero loszusagen; allerdings scheint Galba ihn dann gezwungen zu haben, sein Kommando abzugeben, obwohl es ihm unter Galba noch gelang, wenigstens sein Leben zu retten (Vgl. Plut. Otho 17; Suet. Galba 15, 2;); erst Otho entschied, dass er zu liquidieren sei, so dass er sich im Laufe des Jahres 69 selbst tötete (Vgl. Plut. Otho 2.). 197 Vgl.: Fuhrmann, M., Suetonius 2. in KIP Bd. 5, Sp. 411. 198 Vgl. De Coninck, L.: Suetonius, en de Archivalia, Brüssel 1983, besonders S. 74–85. 199 Vgl. De Coninck, L.: Suetonius, en de Archivalia, Brüssel 1983. Gascou, J.: Suètone historien. Ro‐ me, 1984. Weitere Literatur siehe auch bei: Baldwin, B.: Suetonius. The biographer of Caesars. Am‐ sterdam 1983. Grant, M.: Sueton. in: ders., Klassiker der antiken Geschichtsschreibung. München 1973, S. 276–287. Gugel, H.: Studien zur biographischen Technik Suetons. Wien 1977. Wallace-Ha‐ drill, A.: Suetonius. London 19952. 200 Vgl. dazu insbesondere: Syme, R.:Tacitus, Oxf. 1958, S. 271 ff. 688 ff.. 201 Vgl. Stiewe, K.., C. Dio Cocceianus 4, in KIP Bd. 1, Sp. 1076 f.; Kapitel 1: Der Tod Senecas 32 ferten Tatsachen im Ganzen zwar als gut recherchiert eingestuft werden, aber die die‐ sen zugeordneten Erläuterungen, insbesondere solche medizinisch – pharmakologi‐ schen Charakters, erfordern eine kritische Herangehensweise. Zum Forschungsstand bezüglich des Sterbens Senecas Bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein stand die Senecaforschung, zu‐ mindest in Deutschland, unter dem Einfluss einer kurz nach Beginn des 20. Jahrhun‐ derts aufgestellten These von Rudolf Hirzel202, der, unter Bezugnahme auf die Darstel‐ lung des Tacitus das Ableben Senecas wie folgt beurteilte: „Eine gelindere Form der To‐ desstrafe, wie das Trinken des Schierlingsbechers, das auch in Athen erst spät aufkam, gab es als offiziell verordnete in Rom nicht; wenn Seneca sich auf diese Weise zu töten suchte, so war dies Schauspielerei und sollte Nachahmung des Sokrates sein.“203 Ein Vierteljahrhundert später wies der klassische Philologe Ulrich Knoche204 diese These jedoch zurück mit der Bemerkung: „Und darum [sc.weil Seneca exemplarisch leben wollte], ist es keine theatralische Pathetik, wenn er starb, wie Sokrates starb, son‐ dern Verwandtschaft in der Überzeugung – wenn auch der Spätere das Beispiel des Grö‐ ßeren bewusst vor Augen hatte: aber beide bewiesen, dass ein bis ans Ende vorgelebtes Leben überzeugender ist als jeder Beweis.“205 Im Jahre 1937, nur 4 Jahre nach U. Knoche, trat dessen Fachkollege Ernst Johann Friedrich Bickel206 mit folgenden Äußerungen zu derselben Frage an die Öffentlich‐ keit: „Den Tod fand Seneca im Alter von ungefähr 70 Jahren von eigener Hand auf Ge‐ heiß Neros im Jahre 65. Die stoische Ruhe bei seinem Ende berichtet Tacitus …Aber nicht unmittelbar um seiner sittlichen Überzeugung willen, wie etwa Sokrates, hat Sene‐ ca den Tod gefunden, sondern im Verlauf eines politischen Prozesses … Ungeachtet aber dieser politischen Veranlassung des Todes Senecas gründet sich sein moralisches Beken‐ 1.0.2. 202 (*20. 03. 1846 in Leipzig; †30. 12. 1917 in Jena) klassischer Philologe, Professor in Leipzig (1877– 1886) und Jena (1886–1917); Vgl. Christian Tornau: Rudolf Hirzel (1846–1917), o. Professor für Klassische Philologie in Jena 1888–1914. In: Vielberg, M. (Hrsg.): Die klassische Altertumswissen‐ schaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Stuttgart 2011, S. 189–224. 203 Vgl. Hirzel, R.: Der Selbstmord, Archiv für Religionswissenschaft Bd. XI, 1908, S. 182, Anm. 5 (zit. nach: Rohrmann, s. u.). 204 *5. September 1902 in Berlin; †24. Juli 1968 in Hamburg, Professor für „Klassische Philologie“ in Göttingen (1936–1939), Hamburg (1939–1941, 1950–1968) und Köln (1947–1950), u. a. mit dem Forschungsschwerpunkt “Senecas Philosophie“. 205 Vgl. Knoche, U.: Der Philosoph Seneca, Frankfurt a. Main, 1933, S. 25 (zit. nach: Rohrmann, s. u.). 206 *26. 09. 1876 in Wiesbaden; †10. 04. 1961 in Bonn, Habilitation in Bonn (1906), danach in Greifs‐ wald außerordentlichen Professor, 1909 in derselben Stellung an die Universität Kiel. Ab 1921 or‐ dentlicher Professor an die Universität Königsberg, 1928 ordentlicher Prof. in Bonn, vom SS 1943 bis zum WS 1943/1944 auch Dekan der Philosophischen Fakultät in Bonn, 1948 emeritiert, aber anschließend Inhaber eines neugegründeten Lehrstuhls für Eloquenz, bis 1960; vgl. Beumann, H.: In memoriam Ernst Bickel: Reden, am 15. Juni 1961 bei der Gedächtnisfeier der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn. Bonn 1961. Franke, P. R.: Ernst Bi‐ ckel (1876–1961). Ein Besuch in Rom 1953. In: Eikasmós 4, 1993, S. 127–128. Höpfner, H.-P.: Die Universität Bonn im Dritten Reich: Akademische Biographien unter nationalsozialistischer Herr‐ schaft. Bonn 1999. 1.0 Vorbemerkungen 33 nertum darauf, dass er die Todesfurcht in seinen Schriften am eindringlichsten bekämpft hat, frei von jeder Todesfurcht starb.“207 Und zwei weitere Jahre später, im Jahre 1939, d. h. im Jahre des Ausbruchs des 2. Weltkriegs, trat Hans Drexler208, ein bekannter Kollege Bickels dessen positiver Beur‐ teilung von Senecas Suizid mit folgender Kritik entgegen: „Beide, also Seneca wie … benützen ihren Tod, um die Todesszene des Sokrates aufzuführen, kosten lüstern den Ruhm, den sie zu ernten meinen, und die Effekte ihres eigenen Spiels aus – und haben ihren Lohn darin. Kann es etwas Abstoßenderes geben als dieses Verlassensein von je‐ dem echten Gefühl, als ein solches Gladiatorenende?“209 Milder urteilte man nach dem Ende des 2. Weltkriegs über Senecas Selbsttötung. W. Schumacher stellte in einem sog. „Seneca-Brevier“ im Jahre 1949, d. h. im Jahre der Gründung der beiden Nachfolgestaaten des vier Jahre zuvor untergegangenen Deutschen Reiches, fest: „Selten hat wohl das Schicksal einen Menschen so durch alle Höhen und Tiefen des Lebens geführt wie Seneca. Selten hat auch ein Mensch so viel Ruhm genossen und so viel Neid und gehässige Nachrede erfahren wie er. Selten hat ein Philosoph so viel Macht in einem Staat besessen oder ein Staatsmann so starke philoso‐ phische Interessen gehabt. Dem Tod hat er oft ins Auge gesehen. So sagte er sein Ja auch zu der letzten Notwendigkeit, zum Tode. Hier vor allem offenbart sich jene ergreifende Todesbereitschaft der römischen Aristokratie, die Todvertrautheit einer ganzen sozialen Schicht, die zu sterben verstand wie wenige vorher und nachher in der Welt. So glänzt als letztes Ziel über allem irdischen Wirrsal die Idee der absoluten Freiheit im Leben wie im Sterben.“210 In einem ähnlichen Überschwang der Gefühle der Erleichterung über die nach dem Ende der NS-Zeit zurückgewonnen politischen und persönlichen Freiheiten in Deutschland stellte im Jahre 1951 E. Schwarz fest: „Dieser republikanische Stoizismus hat die Reste der Aristokratie, die sich den Kaiserlaunen nicht fügen wollten, befähigt, mit einer imposanten Geste glorreich zu sterben. Es war Theater, aber doch Theater ganz großen Formats.“211 Noch 1967, fast sechs Jahrzehnte, nachdem R. Hirzel Seneca im Hinblick auf seine Selbsttötung der Theatralik bezichtigt hatte, griff Hildegard Cancik-Lindemaier212 die‐ ses Motiv auf, indem sie feststellte: „Es ist gewiss etwas Richtiges gesehen, wenn man die sorgfältige und bewusste Gestaltung der Sterbestunde durch Seneca …als eine Insze‐ nierung, die Vorführung einer einstudierten Rolle bezeichnet hat. … in diesem Gebrauch zeigt die Metapher keinerlei negative Züge. Nicht nur Zuschauer aber ist der Mensch, 207 Vgl. Bickel, E.: Lehrbuch der Geschichte der römischen Literatur, Heidelberg 1937, S. 413 (Zit. nach Rohrmann, s. u.). 208 H. Drexler genoss nicht nur während der NS-Zeit, sondern auch noch danach als Gelehrter mit den Arbeitsschwerpunkten antiker lateinischen Dichtung und der griechisch-römischen Ge‐ schichtsschreibung hohes Ansehen. Vgl. dazu: Berner, H.-U.: Hans Drexler, in: Gnomon. 60, 1988, S. 188–191; 209 Vgl. Drexler, H., Tacitus, in: Auf dem Wege zum nationalpolitischen Gymnasium 8, 1939, S. 154 ff; 210 Vgl. Schumacher, W.: Seneca-Brevier, Wiesbaden 1949, S. XX f. (zit. nach Rohrmann, s. u.). 211 Vgl. Ed. Schwarz, Ethik der Griechen. Stuttgart 1951, S. 218 (Zit. nach Rohrmann, s. u.). 212 Cancik-Lindemaier, H., *1938 in Oppenheim, Studium der klassische Philologie in Tübingen, pro‐ movierte 1955 mit dem Thema: Untersuchungen zu Senecas Epistulae morales. Kapitel 1: Der Tod Senecas 34 sondern auch Schauspieler, der seine Rollen zu spielen hat … Seine Rolle zu spielen und sie gut zu spielen, ist … nicht Zeichen eines zumindest zweifelhaften Charakters, son‐ dern – als Verwirklichung eines politischen oder philosophischen Ideals – selbstver‐ ständliche Pflicht des Menschen; das gilt zumal für den in der Öffentlichkeit stehenden, und zwar im Leben wie im Sterben … In diesem Sinne ist Senecas Sterben – … theatra‐ lisch.“213 Die oben wiedergegebenen Zitaten aus der deutschsprachigen Senecaliteratur214 veranschaulichen, dass in Deutschland fast 60 Jahre lang die Debatte über Leben und Werk Senecas von dem Vorwurf der Theatralik beherrscht wurde, und zwar offen‐ sichtlich wegen der von dem römischen Historiker Tacitus bezeugten Einnahme eines Giftes durch Seneca215, das im antiken Athen zur Tötung zum Tode verurteilter Straf‐ täter verwandt wurde und durch das nach den Zeugnissen Platons und Xenophons u. a. der griechische Philosoph Sokrates getötet worden war216. Diese Debatte dokumentiert und erklärt gleichzeitig, warum die Bedeutung der Einnahme von Gift für den gesamten Prozess des Sterbens Senecas lange Zeit nicht hinterfragt wurde, obwohl die Einnahme dieses Giftes durch Seneca nur von Tacitus bezeugt wird, nicht jedoch von Sueton und Cassius Dio217, und auch nach der Darstel‐ lung des Tacitus nur eine von mehreren Maßnahmen darstellte, die ergriffen wurden, um Senecas Ableben herbeizuführen, bzw. zu Ende zu führen218. Vergleiche zwischen dem Tod des Sokrates und dem Ableben Senecas werden da‐ durch, wie Tacitus das von Seneca eingenommene Gift charakterisierte219, geradezu herausfordert: Die von Tacitus gewählte Umschreibung des Giftes als eines solchen, welches man sich auch im attischen Strafvollzug bediente, ruft bei jedem mit der grie‐ chischen Geistesgeschichte auch nur oberflächlich vertrauten Menschen zwangsläufig Vergleiche mit dem Tod des Sokrates ins Bewusstsein, insofern dieser griechische Phi‐ losoph die am meisten bekannte Persönlichkeit ist, die aufgrund eines Todesurteils des Areopags in Athen gezwungen wurde, dieses Gift einzunehmen, d. h. den sog. Schierlingsbecher zu leeren. Dennoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass der bei deutschen Altphilologen zeitweilig so beliebte Vergleich des Ablebens Senecas mit dem Tod des Sokrates in mehrfacher Hinsicht „hinkt“: Denn anders als Sokrates wurde Seneca – nach der Dar‐ stellung des Tacitus – durch den ihm den Todesbefehl Neros überbringenden Zenturio 213 Vgl. Cancik-Lindemaier, H.: Untersuchungen zu Senecas Epistulae Morales, Hildesheim 1967, S. 112, Anm. 222. (zitiert nach Rohrmann, L.: Annaeus Seneca, Epistulae morales ad Lucilium, Stuttgart 1972 ff., dort aber fälschlich ihrem Gatten Hubert Cancik zugeschrieben.) 214 Eine vollständige Wiedergabe und Besprechung der gesamten Geschichte der Forschung über den Tod Senecas würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen. 215 Vgl. Tac. ann. 15, 64, 3; 216 Im März 399 v. Chr.; vgl. dazu Plat. Phaid. 114D–118 und Gärtner, H., Sokrates 2, in: KIP Bd. 5, Sp. 248–255; 217 Vgl. Suet. Nero 35, 5; Cass. Dio 62, 25, 1; 218 Vgl. Tac. ann. 15, 60 – 65; 219 Ob Tacitus diese Formulierung bewusst und kalkuliert wählte oder weil er sie bereits in den von ihm benutzten Quellen vorfand, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. 1.0 Vorbemerkungen 35 der Prätorianergarde keineswegs gezwungen, eine bestimmte Todesart zu wählen220 und Seneca wurde jenes Gift auch nicht durch einen „Gerichtsdiener“ angereicht, sondern auf eigene Bitten hin von einem ihm vertrauten Arzt221, – und Seneca nahm das Gift ja auch nicht sofort, sondern erst, nachdem andere Bemühungen, sich selbst zu töten, insbesondere die Eröffnung verschiedener Blutgefäße, nicht den erhofften Erfolg gezeitigt hatten. Trotzdem fehlt auch heute noch in Standardwerken über Leben und Werk Sene‐ cas222 jeder Hinweis auf Zweifel an der traditionellen Auffassung, dass der Arzt, der Seneca nach Tacitus das verlangte Gift zur Verfügung stellte, maßgeblich für Senecas Tod verantwortlich sei. Im Gegenteil: Erst vor wenigen Jahren veröffentlichte der bekannte Medizinethi‐ ker Andreas Frewer einen Aufsatz zur Geschichte der Sterbehilfe, in welchem der Au‐ tor die Überzeugung vertrat, dass Seneca bei seinen Selbsttötungsbemühungen eine aktive Unterstützung seines Leibarztes Statius Annaeus erfuhr223. Allerdings stützte sich Frewer hierbei nicht auf eigenständiges Quellenstudium, sondern auf schon in den 30-er Jahren veröffentlichte Arbeiten Hans Dillers224. 220 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 4; 221 Vgl. Tac. ann. 15, 64, 3: „Seneca interim, durante tractu et lentitudine mortis, Statium Annaeum, sibi amicitiae fide et arte medicinae probatum, orat provisum pridem venenum, … promeret.“ A. Van Hooff stellt diesen Sachverhalt missverständlich dar, wenn er konstatiert: „Seneca d. J. Erhielt bei seinem Selbstmord auf Befehl Neros Gift überreicht v. Annaeus Statius...“. Vgl. Van Hooff, A., Eutha‐ nasie, in: Leven, K.-H.. Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 284–285; 222 Fuhrmann, M.: Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie. Berlin 1997. Giebel, M.: Seneca. Reinbek 1997. Lefèvre, E.: Senecas Tragödien. Darmstadt 1972. Maurach, G.: Seneca. Leben und Werk. Darmstadt 2005 4. Maurach, G. (Hrsg.): Seneca als Philosoph. Darmstadt 19872 (Sammlung von Aufsätzen). Rossbach, O.: Annaeus (17). In: RE. Bd. I, 2, Stuttgart 1894, Sp. 2240–2248; Maurach, G.: Lucius Annaeus Seneca, in: Ders., Geschichte der römischen Philosophie, Darmstadt 20063, S. 105-129. Rozelaar, M.: Seneca. Amsterdam 1976. Sørensen, V.: Seneca. Ein Humanist an Neros Hof. München 1984 (dän. Originalausgabe: Kopenhagen 1977). Veyne, P.: Weisheit und Altruis‐ mus. Eine Einführung in die Philosophie Senecas. Ffm. 1993. 223 Vgl. Frewer, A.: Der Tod als Medizin? Euthanasie und Sterbehilfe in der Geschichte, aus Vorgänge Nr. 175, (Heft 2/2006) S. 24–35; vgl. http://www.humanistische-union.de/nc/publikationen/vorga‐ enge/ online _artikel/online_artikel_detail/browse/1/back/nach-autoren/article/der-tod-als-medi‐ zin/Andreas Frewer (*1966); Frewer lehrte am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Als dessen Arbeitsschwerpunkte werden ge‐ nannt: Klinische Ethik und Ethikberatung, Geschichte der Medizin, Medizin und Menschenrechte, Historische Probleme der Medizinethik; http://www.igem.med.uni-erlangen.de/mitarbeiterinnen/ andreas-frewer.shtml (2015); 224 Vgl. Diller, H.: Die Überlieferung der Hippokratischen Schrift Peri aeron hydaton topon, Leipz. 1932; Wanderarzt und Aitiologe, Studien zur Hippokratischen Schrift Peri aeron ydaton topon, Leipz 1934; s. Auch: Kleine Schriften zur antiken Medizin, Hrsg.: Baader G. /. Gensemann, H., Berlin 1973. Hans Diller (*08.09. 1905 in Worms, gest. 15.12.1977 in Kiel) wurde im Jahre 1930 mit der ersten der o. g. Veröffentlichungen promoviert und zwei Jahre später mit der 2. habilitiert, wechselte im Jahre 1933 aber als Privatdozent nach Hamburg, im Jahre 1937 stellte er den Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP und erhielt in demselben Jahr auch einen Ruf als Ordinarius nach Rostock. Im Jahre 1940 wurde seinem Antrag auf Parteimitgliedschaft in der NSDAP stattge‐ geben. Zwei Jahre später erhielt er einen Ruf an die Universität Kiel als Ordinarius für klassische Philologie, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1970 behauptete, da er seine Parteimitglied‐ schaft gegenüber der zuständigen Entnazifizierungskommission erfolgreich verschwieg. Zur Vita H. Dillers vgl.: Christian-Albrechts-Universität: In memoriam Hans Diller. In: Christiana Alberti‐ Kapitel 1: Der Tod Senecas 36 Aber auch bei „Spezialisten“, d. h. bei Altertumswissenschaftlern, die in neuerer Zeit den Quellen zum Lebensende Senecas ihre Aufmerksamkeit schenkten, ist kaum die Bereitschaft zu erkennen, das traditionelle Bild von einer Persönlichkeit, die un‐ terstützt von einem Arzt, seinem Leben ein Ende zu setzen versucht, zu revidieren225. In diesem Zusammenhang ist hier auf verschiedene neuere Monographien hinzuwei‐ sen, einmal auf eine neuere Veröffentlichung A. Van Hooffs, die speziell die Bezie‐ hungen zwischen Nero und Seneca thematisiert226 und darin die von zahlreichen an‐ deren Autoren227 vertretene Auffassung wiederholt, dass Seneca sich bei seinem Sui‐ zid der Unterstützung seines Leibarztes bediente228, zum anderen auf neuere Mono‐ grafien aus der Feder von Altphilologen aus dem deutschen Sprachraum, – auf eine Dissertation von Michael Brinkmann229 über das Seneca-Bild in den An‐ nalen des Tacitus, in der auch die Darstellung des Ablebens Senecas durch Tacitus einer eingehenden Analyse unterzogen wird, – auf eine kurz vorher entstandene Dissertation des schweizerischen Altphilologen Beat Schönegg230 über Senecas literarisches Spätwerk, konkret über die Epistulae morales, in der, ausgehend von Reflexionen des Philosophen auch Rückschlüsse auf den konkreten Ablauf von dessen eigenem Sterbevorgang versucht werden. – auf eine in den Jahren 2004 – 2007 entstandene und 2007 von der Philosophi‐ schen Fakultät der Universität Jena angenommene und in leicht veränderter Form veröffentlichte Untersuchung D. Hofmanns mit dem Titel „Suizid in der Spätanti‐ ke“231 na. Neue Folge, Bd. 9, 1977, S. 1–13. Klee, E.: Das Personenlexikon zum dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945? Ffm. 2003, S. 111. 225 Vgl. dazu vor allem: Brandt, H. (Am Ende des Lebens, Alter Tod und Suizid in der Antike, Mün‐ chen 2010.), der sich an verschiedenen Stellen (S. 22–24, S. 92–94; S. 129–130) ausdrücklich auf Äußerungen Senecas bezieht, aber auf Tac. ann. 15, 60–64, und die Rolle von dessen Leibarzt bei Senecas Ableben nicht näher eingeht, und Hofmann, D. (Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007.), die sich an verschiedenen Stellen ebenfalls mit Seneca auseinandersetzt, aber meistens nur mit Se‐ necas Überlegungen zur „Theorie“ des Suizids (s. o. S. 13. 14. 24. 27 f.. 44. 87, Anm. 277. S. 99, Anm. 314), und nur ausnahmsweise auch mit den „Tatsachen“ bezüglich Senecas eigenen Ablebens (S. 31–33;). 226 Van Hooff, A.: Ancient Euthanasia. `Good Death“ and the Doctor in the Graeco-Roman World, in: Social Science and Medicine 58, (2004), S. 975–985, und „Euthanasie“ in Leven, K.-H.: Antike Me‐ dizin. Ein Lexikon. München 2005, s. o.. 227 u. a. Potthoff, Th.: S. o. Euthanasie in der Antike. Münster 1982; mit der causa Seneca beschäftigt sich Potthoff in Kapitel VIII., in dem Abschnitt „2 Antike Geschichtsschreibung“ S. 129 ff, im Ver‐ gleich zu dem bei Suet. Caes. 2, 3 erwähnten Widersachers Caesars, L. Domitius Ahenobarbus; Vgl. Potthoff, s. o. Anm. 27; 228 Van Hooff, A.: Nero & Seneca. De despoot en de denker. Amsterdam, 2010. 2 2 9 Brinkmann, M.: Seneca in den Annalen des Tacitus. (Phil. Diss.) Bonn 2002. 2 3 0 Schönegg, B.: Senecas epistulae morales als philosophisches Kunstwerk. Bern 1999. 2 3 1 Vgl. Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007; 1.0 Vorbemerkungen 37 – auf die 2010 von H. Brandt veröffentlichte Studie „Am Ende des Lebens. Alter Tod und Suizid in der Antike.“232 Die beiden zuletzt erwähnten Arbeiten berühren den Fall Seneca allerdings nur indi‐ rekt oder am Rande. H. Brandt beschäftigt sich nur mit Senecas theoretischen Überle‐ gungen zum Suizid und spart im Rahmen der von ihm vorgestellten Beispiele für Al‐ terssuizide Senecas eigenes Ende aus233, wohl weil der Autor ausschließlich auf das Thema Alterssuizid fokussierte und der Tod Senecas als ein erzwungener Suizid des‐ wegen nicht in dieses Raster zu passen schien. Aber dass H. Brandt auch im Falle Senecas unausgesprochen von einer ärztlich assistierten Selbsttötung ausgeht, darf in Anbetracht einer entsprechenden Deutung des Endes Hadrians unterstellt werden.234 Eine entsprechende Notiz der sog. Historia Augusta235 zitiert H. Brandt mit fol‐ genden Worten: „Übrigens machte Hadrian nach Abfassung eines Testamentes einen weiteren Selbstmordversuch; als man ihm den Dolch wegnahm steigerte sich sein Erre‐ gungszustand. Er verlangte auch Gift von seinem Arzt, der sich diesem Ansinnen durch Selbstmord entzog.“236 Es ist daher offenkundig, dass H. Brandt zumindest dem „als Philosoph geltenden und entsprechend stilisierten Kaiser“237 zutraute, dass er die Er‐ wartung hegte, dass ihm ein Arzt bei der Verwirklichung seiner suizidalen Pläne be‐ hilflich sein würde. Ähnlichen Überlegungen begegnet man auch bei D. Hofmann. Diese Autorin be‐ schäftigt sich, anders als H. Brandt, zwar nicht nur mit den theoretischen Überlegun‐ gen Senecas zum Suizid, sondern auch mit dessen eigenem Ableben238, aber ebenfalls nur sehr knapp und unter Berufung auf die Darstellung desselben durch Tacitus so‐ wie auf Einschätzungen früherer Autoren:239 „Als Inbegriff der Stoa in der römischen Kaiserzeit gilt der Philosoph L. Annaeus Se‐ neca, und zugleich ist sein Suizid einer der bekanntesten aus der römischen Kaiserzeit. Die Einzelheiten darüber … kennen wir vor allem durch die detailreiche Schilderung in Tacitus` Annalen. Einige Details in der Beschreibung des Tacitus, besonders das Ge‐ spräch mit den Freunden, Senecas lange und ruhige Vorbereitung auf sein Ende und schließlich auch die Forderung, ihm das Gift zu reichen, das die zum Tode Verurteilten in Athen trinken mussten, lassen vermuten, dass Seneca offenbar das Modell des Sokra‐ tes imitiert. Trotz dieser offenbar bewussten Stilisierung nach dem platonischen Vorbild ist der Tod Senecas eher eine Widerspiegelung seiner stoischen Haltung zum Suizid.“ 2 3 2 Vgl. Brandt, H.:Am Ende des Lebens. Alter Tod und Suizid in der Antike. München 2010. 233 Nach der Erwähnung des Falles C. Caninius Rebilus (56 n. Chr.) kommt er sogleich auf einen Fall des Jahres 106 n. Chr. zu sprechen. Vgl. Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter Tod und Suizid in der Antike. München 2010, S. 114–115. 234 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter Tod und Suizid in der Antike. München 2010, S. 120– 123; 235 Vgl. HA, H 24, 11 - 12: et post testamentum quidem iterum se est conatus occidere, subtracto pugione saevior factus est. petit et venenum a medico, qui se ipse, ne daret, occidit. 236 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter Tod und Suizid in der Antike. München 2010, S 112. 237 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter Tod und Suizid in der Antike. München 2010, S 123. 238 Hofmann, D.: S. o. Suizid in der Spätantike … Stuttgart 2007, S. 23 u. S. 31–33; 239 S. o. Suizid in der Spätantike … Stuttgart 2007, S. 31. Anm. 69–72; Kapitel 1: Der Tod Senecas 38 Dieses Zitat veranschaulicht, wie sehr sich die Autorin bei der Deutung von Tac. ann. 15, 60 – 65 von dem Vorverständnis leiten lässt, dass Seneca ein „stoischer Philo‐ soph“ gewesen sei, und daraus ableitet, dass er sich dem entsprechend lange und ruhig auf seinen eigenen Tod vorbereitet und diesen auch nach dem platonischen Vorbild gestaltet habe. Hätte sie sich nur ein wenig von jenem Vorverständnis gelöst und in ihre Überlegung miteinbezogen, dass Seneca nach den in diesem Punkt übereinstim‐ menden Urteil der Quellen240 nicht in erster Linie als Philosoph in die Situation ge‐ riet, sich selbst zu töten, sondern als ehemaliger Erzieher Neros und als Politiker, dann hätte ihr auffallen müssen, dass sich Seneca gerade nach der Darstellung des Tacitus keineswegs ruhig und lange auf seinen eigenen Tod vorbereitete, sondern nicht ohne eine gewisse Hektik, wie hier noch zu zeigen sein wird. So lässt sich nicht zuletzt an der Deutung der causa Seneca durch H. Brandt und D. Hofmann gut beobachten, wie die Vermischung von Theorie und Praxis in Bezug auf die Frage ärztlich assistierter Tötungen und Selbsttötungen ein wichtiger Grund dafür sein könnte, dass vor allem solche Autoren, die sich nur am Rande mit der cau‐ sa Seneca beschäftigten und sich dabei durch die Berufung auf Einschätzung anderer Autoren einer eigenständigen Analyse der Quellen über das Sterben Senecas entzie‐ hen zu dürfen glaubten241, immer wieder derselbe „Fehler“ unterlief, nämlich das Sterben Senecas nicht auf der Grundlage der Aussagen der über den Vorgang selbst überlieferten Quellen zu beurteilen, sondern stets durch die „Brille“ des Vorverständ‐ nisses, dass jener ein „stoischer Philosoph“ gewesen sei und sich deswegen auch be‐ züglich seines Ablebens wie ein „Stoiker“ verhalten haben müsse. Diesen Suggestionen konnten sich auch M. Brinkmann und B. Schönegg nicht entziehen, obwohl die Quellen zu Senecas Theorie und Praxis des Suizids in deren o. e. Arbeiten eben nicht nur „gestreift“ wurden, sondern im Zentrum der wissenschaft‐ lichen Bemühungen standen. Wie bereits an den Titeln der zuletzt erwähnten beiden Monographien abzulesen ist, liegt der Schwerpunkt des Erkenntnisinteresses und dementsprechend auch die Auswahl der zu diesem Zweck eingesetzten Methoden auf dem Gebiet des inhaltlichen Verständnisses der jeweils besprochenen Texte. In der Dissertation M. Brinkmanns242 tritt an die Seite dieses Forschungsinteres‐ ses noch eine andere Frage, nämlich die nach der subjektiven Bewertung des Lebens und Sterbens Senecas durch Tacitus. Nach einer eingehenden Beschäftigung mit der Rezeptionsgeschichte von Tacitus´ Darstellung von Senecas Lebensende in spätanti‐ ken und mittelalterlichen Quellen, auch in der Geschichte der bildenden Kunst, cha‐ rakterisiert M. Brinkmann dieses Interesse folgendermaßen: „Die Frage, ob und in welchem Maße Tacitus Seneca gewogen oder abgeneigt sei, nimmt für die Passage 15,60,2 ff. eine besondere Gestalt an: Läßt Tacitus Seneca poin‐ tiert theatralisch sterben … ? Oder darf der Leser in der Sterbeszene der Annalen ein Denkmal des Historikers erblicken, welches dem heroischen Sterben des egregius vir (Tac. 240 Vgl. dazu Tab. IV, 21; 241 Vgl. dazu u. a. Potthoff, Th., s. o. Münster 1984, S. 129–132, Frewer, A., s. o. Hannover 2006, S. 5; Benzenhöfer, U.: Der gute Tod? … Göttingen 2009, S. 34 f.; 242 Brinkmann, M.: Seneca in den Annalen des Tacitus. Diss. phil., Düsseldorf 2002. 1.0 Vorbemerkungen 39 ann. 15,23,4) gewidmet und Ausdruck der Bewunderung des Tacitus für das Ende Sene‐ cas ist.“243 Grundsätzlich hätte es sich angeboten, diese Frage auch unter Berücksichtigung der zu dem von Tacitus beschriebenen Vorgang bekannten Fakten zu beantworten, aber aus unerfindlichen Gründen wird dieser Weg von M. Brinkmann nicht beschrit‐ ten. M. Brinkmann interessiert sich ausschließlich für die stilistischen und komposi‐ torischen Eigentümlichkeiten der Darstellung des Tacitus. Diese Tendenz wird vor allem im Zusammenhang der Zusammenfassung der Er‐ gebnisse der Untersuchung deutlich: „Welche Konsequenzen besitzen diese Ergebnisse für das Textverständnisse der Passage 15,60,2ff.? Zunächst ist die bis in sprachliche De‐ tails nachweisbare senecanische Kolorierung des Textes auffällig. Das Bemühen des Au‐ tors um eine authentische Präsentation des prominenten Seneca – natürlich im Rahmen des eigenen Gestaltungswillens, weswegen der Stil der Passage ann. 15,60,2ff. taziteisch bleibt – wird greifbar. Mag dies noch mit historiographischen Konventionen plausibler Personendarstellung erklärt werden und noch Möglichkeiten für das Aufspüren ver‐ meintlich ironischer Tendenzen im Text eröffnen, so dürfte der Raum für eine solche In‐ terpretation enger werden, faßt man die literarischen Gestaltungsmittel der Sterbeszene ins Auge. … Der sterbende Seneca soll als vir sapiens in der Tradition eines Sokrates und Cato, als weiteres Exemplar jener seltenen Inkarnation des stoischen Ideal – Weisen ver‐ herrlicht werden. Wie diese darf sich auch Seneca der Unbill des Schicksals stellen und in einem spektakulären Todeskampf, der Aderöffnung, Gifteinnahme und Ersticken um‐ faßt, den Göttern ein ansehnliches Schauspiel liefern. Senecas Spektakel soll … plausibel inszeniert werden: Der langsame Blutfluss244 eines alten Mannes, führt zur Sokrates – Nachfolge, die matte physische Konstitution zur unerträglich anmutenden Verlängerung des Sterbeprozesses.“245 Die Art der Darstellung des Sterbeprozesses Senecas durch Tacitus wird von M. Brinkmann so im Wesentlichen als Ergebnis des „eigenen Gestaltungswillens“ des an‐ tiken Historikers gedeutet. Die in der älteren Literatur246 oft aufgeworfene Frage der Bewertung von Senecas tatsächlichem Verhalten im Zusammenhang seines Sterbens greift M. Brinkmann in veränderter Form erneut auf, aber nicht als eine Frage, die sich aus dem tatsächlichen Verhalten Senecas ergab, sondern vor allem aus der Art und Weise, in der Tacitus diesen Vorgang darstellte und angeblich gedeutet gedeutet sehen wollte: „Senecas Spektakel soll … plausibel inszeniert werden: Der langsame Blut‐ fluss eines alten Mannes, führt zur Sokrates – Nachfolge, die matte physische Konstituti‐ on zur unerträglich anmutenden Verlängerung des Sterbeprozesses.247“ 243 Vgl. M. Brinkmann, s. o. S. 100; 244 Dass der angeblich „langsame Blutfluß des alten Mannes“(Senecas) zu „Sokrates“ führe, ist nicht nachvollziehbar, insofern Sokrates ja eben nicht aufgrund an Armen und Beinen erlittenen Verlet‐ zungen verblutete, sondern ausschließlich an der gerichtlich verfügten Einnahme des „Schierlings‐ bechers“. Auch die Behauptung einer „plausiblen Inszenierung“ des Ablebens Senecas durch Taci‐ tus wird nach den in dieser Untersuchung erzielten Erkenntnissen der inhaltlichen Aussage des Textes in ihrem Kontext nicht gerecht, wie noch zu zeigen sein wird. 245 Vgl. Brinkmann, M., s. o. S. 152–153; 246 S. o. u. a. Diller, H. und Van Hooff, A. 247 S. o. Brinkmann, M., s. o. S. 153; Kapitel 1: Der Tod Senecas 40 Die aus der Sicht eines Historikers hauptsächlich interessierende Frage, ob das Sterben Senecas nicht auch so abgelaufen sein könnte, wie Tacitus es dargestellt, wird anders als von den früher von uns zitierten Forschern248 nicht gestellt und dement‐ sprechend auch nicht beantwortet. Im Gegensatz zu M. Brinkmann zeigte sich B. Schönegg davon überzeugt, dass Seneca sich auch in Wirklichkeit mit aktiver Unterstützung seines Leibarztes Annaeus Statius selbst das Leben genommen habe, und zwar nicht nur im Hinblick auf die auch von Tacitus bezeugte Einnahme eines Giftelixiers, sondern auch in Bezug auf die nach Tacitus zunächst gemeinsam mit seiner Gemahlin Paulina begonnenen, dann al‐ lein fortgesetzten und in Selbsttötungsabsicht durchgeführten Verletzungen an Ar‐ men und Beinen249. Nach eigenem Bekunden stieß B. Schönegg im Rahmen seiner sich angeblich über 10 Jahre hinziehenden Vorarbeiten zu seinem Dissertationsvorha‐ ben auf zahlreiche Indizien für diese Hypothese, aber nicht auf eindeutige Belege da‐ für, so dass er sich schließlich dafür entschied, auf eine explizite Erörterung dieser Hypothese in seiner Dissertationsschrift zu verzichten, sondern sie in einem histori‐ schen Roman250 zu verarbeiten. Hinsichtlich dieser Hypothese befindet sich B. Schönegg in „bester Gesellschaft“, insofern ja auch A. Frewer bereits in seiner Habilitationsschrift (Der sterbende Pati‐ ent und die Medizin. Hannover 2005.) unter Berufung auf Tacitus (S. o. S. 25 Anm. 31) feststellte: „Bei Seneca spielte die Medizin in Person des Freundes und Leib‐ arztes Statius Annaeus eine direkte Rolle: Nachdem der stoische Denker – ebenso wie Sokrates primär aus politischen Gründen in den Tod getrieben251 – ein Gift genommen hatte, sich das Ende aber noch nicht einstellte, war es der Arzt, der durch ein warmes Bad und die Eröffnung von Blutgefäßen das Sterben beschleunigt haben soll.“252 Welche Anhaltspunkte B. Schönegg konkret für die von ihm vertretene Auffas‐ sung, dass Annaeus Statius Seneca bei seinen suizidalen Bemühungen behilflich war, vorgefunden zu haben glaubte, ist jedoch unklar. In Anbetracht der Tatsache, dass B. Schönegg die Darstellung der Sterbeszene Senecas in seinem Roman in enger Anleh‐ nung an die Darstellung derselben bei Tacitus entwickelte, ist aber davon auszugehen, dass auch seinen Hypothesen vor allem eine spezifische Deutung der Darstellung des 248 S. o. Einleitung; 249 Vgl. Putz, T. K.: Der Tod des Seneca von Beat Schönegg, München 2009, in einem „Fachdidakti‐ schen Seminar“ der Universität München unter der Leitung von M. Janka, S. 4–5; vgl. dazu auch Anm. 7 und „Anhang 4“ mit einem Brief von B. Schönegg an T. K. Putz; vgl. http://www. fachdi‐ daktik. klassphil.uni-muenchen.de/forschung/seminarertraege/roemerroman/putz_2.pdf; 250 Vgl. Schönegg, B.: Der Tod des Seneca. Stuttgart 2001. 251 A. Frewer blendet hier völlig aus, dass Sokrates im Gegensatz zu Seneca nicht „in den Tod getrieben wurde“, sondern zum Tode verurteilt worden war. 252 Es verdient Beachtung, dass A. Frewer hier Tacitus offensichtlich nicht im Original zitierte, son‐ dern in einer Übersetzung (Vgl. Frewer, A.: Der sterbende Patient … S. 25, Anm. 31 sowie auf S. 180 (Literaturverz.), wo er seine Quelle folgendermaßen charakterisiert: „Tacitus, C. P. (1982) Annalen, München Zürich.“ – sic! – und, wie hier noch zu zeigen sein wird, - missverstand. Außer‐ dem lehnte sich A. Frewer an Forscher an wie: Amery, J.: Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod. Stuttgart 1983 und van Hooff, Selfkilling …, s. o. 1990 und: Thanatos und Asklepios. Wie Ärzte zum Tod standen. In: Schlich, Th./Wiesemann, C. (Hrsg.): Hirntod. Zur Kulturgeschichte der Todesfeststellung. Ffm 2001, S. 85–101. 1.0 Vorbemerkungen 41 Tacitus zugrunde lag, wobei zu unterstellen ist, dass er zum besseren Verständnis der inhaltlichen Aussagen von Tac. ann. 15,60, 2 ff. auch den Tacitus-Kommentar E. Koe‐ stermanns herangezogen hat.253 Im Hinblick darauf ist zu beachten, dass auch E. Koestermann in seinem Kom‐ mentar zu der Sterbeszene in Tac. ann. 15,60,2 ff. sich dahingehend äußerte, dass es sich bei dem von Seneca erbetenen und ihm von dem Arzt angereichten Medikament um ein für Tötungszwecke geeignetes Gift gehandelt habe254, – aber bezüglich der Angaben des Tacitus zur zunächst gemeinschaftlichen Adernöffnung durch Seneca und Paulina im Gegensatz zu B. Schönegg keinerlei Anhaltspunkte dafür zu erkennen scheint, dass bereits in dieser Phase der suizidalen Bemühungen Senecas bzw. des Ehepaares Seneca ein Dritter in jene Bemühungen aktiv eingegriffen haben könnte255. Daher ist anzunehmen, dass sich B. Schönegg bei seiner Interpretation von Tac. ann. 15,60,2 ff. auch auf bestimmten Äußerungen Senecas selbst, vor allem in den epistulae morales stützte, deren Neuinterpretation ja den Hauptgegenstand seiner Dis‐ sertation darstellte. Um sich wenigstens eine annäherungsweise Vorstellung davon machen zu können, wie die intensive Beschäftigung mit den epistulae morales auch B. Schöneggs Verständnis von dem konkreten Ablauf der finalen suizidalen Bemühun‐ gen Senecas beeinflusst haben könnte, dürfte der Blick auf eine Stelle aus Senecas 70. Brief hilfreich sein. Um dem Leser den schmalen Grat zwischen Leben und Tod zu veranschaulichen, bedient sich Seneca einer bemerkenswerten Metapher: „non opus est vasto vulnere dividerere praecordia, scalpello aperitur ad illam magnam libertatem via et puncto securitas constat. Quid ergo est, quod nos facit pigros inertesque.256“ (Es bedarf keiner großen Wunde, um das Körperinnere zu zerteilen, – mit einem Skalpell öffnet man zu jener großen Freiheit den Weg und auf einem einzigen Stich257 beruht die Gewissheit [diesen Weg auch zu öffnen.] Was also ist es, was uns faul und träge macht?) Aus dem Zusammenhang herausgelöst, in dem Seneca sich dieser Formulierun‐ gen bedient, erschiene es jedenfalls als nachvollziehbar, den letzten Satz (Was also ist es, was uns faul und träge macht?) auch als Aufforderung, oder als Selbstermutigung 253 Vgl. Koestermann, E.: Cornelius Tacitus Annalen Bd. IV, Buch 14–16, Heidelberg 1968; 254 Vgl. Koestermann, E.: Cornelius Tacitus Annalen Bd. IV, Buch 14–16, Heidelberg 1968, S. 307 f. zu Tac. ann. 15, 64, 3; 255 Vgl. Koestermann, E., s. o. S. 304, zu Tac. ann. 15, 63, 2; 256 Vgl. Sen. epist. 70, 16; ausgerechnet mit dem 70. Brief, der wohl wichtigsten Quelle für Senecas Einstellung zur Frage der ethischen Rechtfertigung der Selbsttötung, beschäftigt sich B. Schönegg in seiner Dissertation jedoch nicht. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass er diese Stelle nicht kannte. Vielmehr ist davon auszugehen, dass er den 70. Brief als Textgrundlage seiner Neuin‐ terpretation der ep. mor. bewusst ignorierte, vielleicht sogar erst aus der Endfassung seiner Disser‐ tation wieder entfernte, weil er sich der Notwendigkeit einer konkreter Stellungnahme zu der In‐ terpretation von Senecas persönlichen Vorstellungen so am besten entziehen zu können glaubte. 257 Das lateinische Wort „punctum“ weist eine enge ethymologische Verwandtschaft zu dem Verbum „pungere“ (= stechen bzw. durchbohren) auf und lässt sich demnach im vorliegenden am tref‐ fendstem mit „Stich“ oder „Schnitt“ wieder geben. Kapitel 1: Der Tod Senecas 42 Senecas zum Suizid zu interpretieren258, und als Aufforderung, sich dabei eines „Skal‐ pells“ zu bedienen, das ja auch schon in der Antike als Werkzeug von Chirurgen be‐ kannt war. Und würde man diesen Gedanken noch ein wenig fortspinnen, eben unter Berücksichtigung der Überlegung, dass bereits in der Antike Ärzten, bzw. Chirurgen, ein besonderes Geschick zugetraut wurde, sich eines Skalpells zu bedienen, und dass Seneca nach Tacitus mit einem Arzt sogar persönlich befreundet war259, – wäre es auch nicht abwegig daraus abzuleiten, dass Seneca den Gedanken an den eigenen Tod insgeheim mit der Erwartung verknüpfte, dass der mit ihm befreundete Arzt zu gege‐ bener Zeit ihm auch Hilfestellung bei der Benutzung eines Skalpells zum Zwecke der Selbsttötung leisten würde. Andererseits erscheint es aber methodologisch als unzulässig, allein aus der Tat‐ sache, dass sich Seneca im Kontext von theoretischen Überlegungen zur Frage des Suizids auch auf die Verwendung eines „Skalpells“ zu sprechen kommt, zu schließen, dass er sich bei den eigenen suizidalen Bemühungen eines solchen Werkzeuges be‐ diente oder einen Arzt bzw. einen Chirurgen in diese Tat aktiv involvierte, – solang die über den Tathergang berichtenden Quellen dies nicht belegen oder Anhaltspunkte dafür liefern, dass sich Seneca bei den Verletzungen an Armen und Beinen wirklich der Hilfe eines Arztes erfreute. Daraus ergibt sich als ein wesentlicher Grundsatz bei der hier beabsichtigten Neuinterpretation der Quellen über Fall Seneca, dass wir uns ausschließlich darauf konzentrieren zu ermitteln, was die Darstellungen der Quellen über den Vorgang selbst berichten und uns bei der Analyse derselben nicht davon beeinflussen lassen, was Seneca selbst über den Sinn von Suiziden und die Methoden, diesen durchzuführen „dachte“260. Auch wenn man konzediert, dass Seneca die von anderen antiken Schriftstellern mit dem Begriff „Euthanasia“ verknüpften Vorstellungen von einem „leichten Tod“ bekannt waren und dass sich Seneca – wie vermutlich die meisten Menschen – für sich selbst eher einen „leichten Tod“ wünschte als einen schmerzhaften und schwe‐ ren, lässt sich daraus nicht ableiten, dass ihm die konkrete Situation, in welcher er sterben musste, in ausreichendem Maße die Gelegenheit gab, den Lauf der Dinge so zu beeinflussen, dass ihm die Erfüllung dieses Wunsches gegebenenfalls auch ver‐ gönnt war. Daher erscheint es auch in Bezug auf die Rekonstruktion der tatsächlichen historischen Vorgänge im Kontext mit dem Ableben Senecas erforderlich, den Begriff „Euthanasie“ als Begriff zur Bezeichnung von konkreten Tatsachen dieses Vorgangs zu vermeiden, damit wir dabei nicht ungewollt den Suggestionen eben dieser Begriff‐ 258 Die Erwähnung der sog. 2. Naumachie in der Regierungszeit Neros im 70. Brief (Vgl. Sen. epist. 70, 26) rechtfertigt eine Datierung des Briefes in die Zeit zwischen dem Frühsommer des Jahres 64 n. Chr. und dem Brand Roms im Juli des Jahres 64 n. Chr. (Vgl. Sen. epist. 91), d. h. in eine Zeit, in welcher die persönlichen Beziehungen zwischen Seneca und dessen früheren Mündel Nero zuneh‐ mend belastet waren, so dass nicht ausgeschlossen werden kann, dass sich Seneca schon damals Gedanken darüber machte, dass er irgendwann gezwungen sein könnte, auch für sich selbst die Möglichkeiten eines Freitodes in Erwägung zu ziehen, um der Gefahr einer Fremdtötung im Gefol‐ ge einer Anklageerhebung und Verurteilung zuvor zu kommen. 259 S. o. Tac. ann. 15, 64, 3; 260 In diesem Kontext ist noch einmal kritisch auf die Arbeiten Th. Potthoffs, M. Brinkmanns, D. Hof‐ manns und A. van Hooffs hinzuweisen. Siehe dazu das Literaturverzeichnis; 1.0 Vorbemerkungen 43 lichkeit erliegen und uns von der – erst noch zu verifizierenden – Vorstellung leiten lassen, dass Seneca bezogen auf das eigene Sterben die Absicht oder auch nur die Möglichkeit gehabt habe, einen „leichten“, vielleicht sogar durch einen Arzt unter‐ stützten, Tod zu finden. Zur Methodik Aber welche methodologischen Konsequenzen wären aus den oben skizzierten Eigen‐ tümlichkeiten des aktuellen Forschungsstandes zum tatsächlichen Ablauf von Senecas Suizid sowie zu der Art und dem Umfang der Involvierung von dessen Leibarzt An‐ naeus Statius konkret zu ziehen? - Zur Beantwortung dieser Frage könnte es hilfreich sein, sich vor Augen zu führen, wie sich ein moderner Ermittler oder Staatsanwalt verhalten würde, dem im Falle der Aufklärung von Vorwürfen gegen einen Arzt we‐ gen angeblich aktiver Einflussnahme auf den Ablauf des Sterbeprozesses eines Patien‐ ten Dokumente zugespielt würden, die anzudeuten scheinen, dass der Patient sich nicht allzu lange vor seinem Tod darüber Gedanken machte, welche Tötungsmittel besonders geeignet seien, einen möglichst schmerzfreien und schnellen Suizid zu ge‐ währleisten, und inwieweit es möglich sei, sich dabei auch der aktiven Mitwirkung ei‐ nes Arztes zu vergewissern: Sicherlich würde ein Staatsanwalt sich heute in Deutschland dazu verpflichtet fühlen, zu überprüfen, ob in einem solchen Falle gemäß § 152 StPO und in Verbin‐ dung mit § 160 StPO ein sog. „Anfangsverdacht“261 gegen den Verdächtigen vorliege, etwa wegen eines möglichen Verstoßes gegen geltende Strafrechtsbestimmungen (z. B. wegen Tötungsdelikten, u. U. auch wegen eines möglichen Verstoßes gegen den am 06.11.2015 vom Deutschen Bundestag verabschiedeten § 217 StGB262); und gegebe‐ nenfalls würde er nicht zögern, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten und im Falle ei‐ nes „hinreichenden Tatverdachts“263 auch vor dem dafür zuständigen Gericht Ankla‐ ge erheben. Dennoch erscheint es als undenkbar, dass heute ein Staatsanwalt gegen einen Arzt Anklage wegen Tötung auf Verlangen264 erheben würde, wenn er gegen den Arzt keine weiteren Beweise in den Händen hätte als schriftliche Äußerungen seines mut‐ maßlichen Opfers, nach denen sich dieser vorher Gedanken über die Eignung eines Skalpells als Tötungsmittel gemacht hatte, also eines „Chirurgenmessers“, welches in der Regel zwar von Ärzten verwendet wird, aber im Falle einer tatsächlichen Selbsttö‐ tung keinesfalls die Annahme der aktiven Beihilfe eines Arztes erzwingt. Vielmehr 1.0.3. 261 Vgl. § 152 in Verbindung mit § 160 StPO; 262 (1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und ent‐ weder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht. (BT-Drucksache 18/5373, S. 5). 263 Vgl. § 170 StPO; 264 § 216 StGB; Kapitel 1: Der Tod Senecas 44 würde er nur dann entsprechende Ermittlungen einleiten und Anklage erheben, wenn zuverlässige Zeugenaussagen über den Tathergang oder aussagekräftige Indizien da‐ rüber bei dem Arzt einen hinreichenden Tatverdacht265 rechtfertigten. Übertrüge man das Kriterium des „hinreichenden Tatverdachts“ als hinreichende Begründung für die Erhebung einer Anklage vor Gericht in unserem Fall auf die Ar‐ beitsweise des Historikers, ergäbe sich als entscheidende Voraussetzung dafür, dem Arzt Annaeus Statius im Falle des Ablebens Senecas eine aktive Rolle zu unterstellen, dass sich auch aus den überlieferten Zeugnissen über das tatsächliche Ablebens Sene‐ cas Tatsachen „herauspräparieren“ ließen, die eine Beteiligung des Arztes an der Tö‐ tung bzw. Selbsttötung Senecas als unter Ausschluss jeden Zweifels beweisen könnten. Eine derartigen Ansprüchen genügende Fokussierung der Untersuchungsrich‐ tung auf die Rolle des Arztes im Zusammenhang des Ablebens Senecas ist jedoch trotz der großen Zahl wissenschaftlicher Äußerungen zu diesem Thema nach wie vor ein Desiderat. Es scheint ein großes Problem der Senecaforschung zu sein, dass viele Forscher unter stillschweigender Berufung auf die Darstellung des Tacitus davon überzeugt waren und sind, dass sich Seneca selbst tötete, und zwar unter der Assistenz seines „Leibarztes“ Annaeus Statius, aber es gleichwohl bislang für überflüssig hielten, diese Annahme zu hinterfragen. Um diesem Mangel abzuhelfen, soll hier versucht werden, zunächst ausschließ‐ lich auf der Grundlage der in den Quellen überlieferten Einzelheiten des Ablebens Senecas Aufschluss darüber zu erhalten, inwieweit dem Arzt Annaeus Statius nach den heute auch in der Justiz üblichen Maßstäben eine „schuldhafte“, d. h. wissentliche und willentliche Mitwirkung an der Tötung Senecas nachzuweisen wäre, d. h. in An‐ lehnung an das in der modernen Strafjustiz übliche Kriterium eines zweifelsfreien Nachweises der Schuld des Angeklagten. Anders als in der o. g. Dissertation von M. Brinkmann266 werden hier ausschließ‐ lich Zeugnisse des Tacitus, Suetons und Cassius Dios´ als Quellengrundlage zur Re‐ konstruktion der tatsächlichen Vorgänge im Kontext des Sterbens Senecas berück‐ sichtigt, insofern in späteren Quellen kaum noch die Verarbeitung zusätzlicher Infor‐ mationen greifbar zu sein scheint, aufgrund einer zu großen zeitlichen und räumli‐ chen Distanz späterer Autoren zu den tatsächlichen Vorgängen auch nicht mehr wahrscheinlich sind267. Unsere Selbstverpflichtung auf den auch in modernen Strafprozessen noch übli‐ che altrömischen Rechtsgrundsatz in dubio pro reo268 als maßgebliches Entscheidungs‐ kriterium für die Beurteilung der Aussagen der Quellen über die Rolle des Statius An‐ 265 Im heutigen Strafprozessrecht (StPO) wird unterschieden zwischen einem sog. „Anfangsverdacht“ (§§ 152, 160 StPO), - wenn das Vorliegen einer Straftat denkbar ist, - und einem hinreichende Tat‐ verdacht (§ 170 I StPO), der nur dann als gegeben gilt und eine Anklageerhebung rechtfertigt, wenn mit einem Wahrscheinlichkeitsgrad von mehr als 50% die Verurteilung des Beschuldigten in einer Hauptverhandlung nach Aktenlage zu erwarten ist. 266 S. o. Brinkmann, M.: Seneca in den Annalen des Tacitus. Diss. phil. Düsseldorf 2002. 267 Vgl. zu diesen Zeugnissen M. Brinkmann, s. o. S. 95–98; 268 Dieser Grundsatz wird auf Aristoteles zurückgeführt, ist in der hier zitierten Form aber frühestens bei dem Mailänder Rechtsgelehrten Egidio Bossi (1487–1546) greifbar. Vgl. F. Spee von Langen‐ feld, Cautio criminalis seu de processibus contra Sagas Liber, Rinteln 1631. Er ist auch im deut‐ 1.0 Vorbemerkungen 45 naeus im Falle des Sterbens Senecas mag auf den ersten Blick als überzogen erschei‐ nen, da dessen Anwendung auf alle möglichen Gegenstände der historischen For‐ schung, zumindest bezüglich früherer Epochen der Weltgeschichte, wegen einer oft sehr ungünstigen Quellenlage die Möglichkeiten des historischen Erkenntnisgewinns unzumutbar stark einzuschränken scheint. Im Hinblick auf das Thema dieser Unter‐ suchung erscheint die Einhaltung möglichst strenger Prüfkriterien bei der Analyse der einschlägigen Quellen aber als unverzichtbar, da dem Arzt ja immerhin eine akti‐ ve Beihilfe zum Suizid unterstellt wird. Dazu kommt, dass vor allem Tacitus über das Ende Senecas in einem Umfang Einzelheiten mitteilt, welche eine begründete Infrage‐ stellung dieses Vorwurfs durchaus zulassen. Es muss hierbei berücksichtigt werden, dass die nach herrschender Meinung in der frühen Kaiserzeit angeblich allgemein übliche Assistenz von Ärzten bei Fremdund Selbsttötungen, – wie später noch in einem anderen Abschnitt dieser Arbeit ge‐ nauer dargelegt werden wird269, – auch nach antiker Rechtsauffassung den gesetzlich umschriebenen Tatbestand eines Tötungsdelikts erfüllt hätte, welcher im Falle einer Anklageerhebung und eines zweifelsfreien Nachweises der Schuld des Angeklagten als Kapitalverbrechen zu ahnden gewesen wäre. Das Wissen um diese strafrechtlichen Implikationen ärztlicher Tötungs- und Selbsttötungsassistenz darf aber ohne konkrete Einzelnachweise auch antiken Schriftstellern unterstellt werden, nicht zuletzt solchen, die vor oder neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit als „Historiker“ auch als „Politi‐ ker“ engagiert gewesen waren, wie u. a. die Historiker wie Tacitus270 und Cassius Dio271, die vor ihrem Einstieg in den sog. cursus honorum272 bereits als Gerichtsred‐ ner einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatten. schen Recht gesetzlich nicht ausdrücklich normiert, wird aber abgeleitet aus Art. 103 Absatz 2 GG, Art. 6 Absatz 2 EMRK sowie aus § 261 StPO. Vgl. Engelhardt, H.: § 261 Rz. 56–63. In: Pfeiffer, G. (Hrsg.): Karlsruher Kommentar zur Strafprozessordnung und zum Gerichtsverfassungsgesetz mit Einführungsgesetz. München 19994. 269 S. Kap. 3, 2; 270 Zu Leben und Werk des Tacitus vgl. Syme, R.: Tacitus. 2 Bde. Oxford 1958. Sage, M.: Tacitus’ His‐ torical Works: A Survey and Appraisal. Bd. II.33.2. Berlin/New York 1990, S. 851–1030. Benario, H. W.: An introduction to Tacitus. Athens 1975. Fuchs, H.: Tacitus über die Christen. In: Vigiliae Christianae 4, 1950, S. 65–93. Heldmann, K.: Sine ira et studio. Das Subjektivitätsprinzip der römi‐ schen Geschichtsschreibung und das Selbstverständnis antiker Historiker. München 2011 (Zete‐ mata. 139). Mellor, R.: Tacitus. London/New-York 1993. Pagán, V. E.(Hrsg.): A Companion to Ta‐ citus. Wiley-Blackwell, Malden (MA) u. a. 2012. Sailor, D.: Writing and Empire in Tacitus. Cam‐ bridge 2008. Schmal, St.: Tacitus. Hildesheim 2005. Woodman, A. J. (Hrsg.): The Cambridge Com‐ panion to Tacitus. Cambridge 2009. 271 Zu Cassius Dio vgl.: Schwartz, E.: Cassius Dio. In: RE. 3, 2 (1899), Sp. 1684–1722; Millar, F.: A Stu‐ dy of Cassius Dio. Oxford 1964 (Standardwerk). Manuwald, B.: Cassius Dio und Augustus. Philo‐ logische Untersuchungen zu den Büchern 45–56 des dionischen Geschichtswerkes. Wiesbaden 1979. de Blois, L.: Emperor and Empire in The Works of Greek-speaking Authors of the Third Cen‐ tury AD. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW) II. 34. 4 (1998), S. 3391–3443; de Blois, L.: Volk und Soldaten bei Cassius Dio, in: ANRW II.34.3 (1997), S. 2650–2676; Hose, M.: Cassius Dio: A senator and historian in the Age of Anxiety. In: Marincola, J. (Hrsg.): A companion to Greek and Roman Historiography. Oxford 2007, S. 461–467 (mit Lit.); 272 Ausdruck zur Bezeichnung der Reihenfolge bei der Bekleidung von Ämtern im antiken Rom; vgl. Bleicken, J.: Die Verfassung der Römischen Republik. Grundlagen und Entwicklung. Paderborn u. a. 19854, S. 77. Bellen, H.: Grundzüge der römischen Geschichte. Teil 1: Von der Königszeit bis Kapitel 1: Der Tod Senecas 46 Es ist davon auszugehen, dass solche Erfahrungen als Gerichtsredner auch die Darstellung historischer Fakten durch die genannten Schriftsteller beeinflussten, inso‐ fern sich gerade ehemalige Gerichtsredner darüber im Klaren gewesen sein dürften, dass die Behauptung eines „Verbrechens“ grundsätzlich als beweispflichtig galt und widrigenfalls strafrechtlich als „Verleumdung“ geahndet werden konnte273. Jedenfalls ist zu beobachten, dass sich Tacitus – auch in Bezug auf das Ableben Senecas – der „indirekten Rede“ bedient: Er beruft sich bei der Wiedergabe bestimmter Informatio‐ nen expressis verbis meistens auf die Angaben Dritter, entweder auf die Überlieferung anderer Schriftsteller, – die er gelegentlich auch namhaft macht, oft aber auch an‐ onym, manchmal auch auf Zeitzeugen, bei denen er aber im Unklaren lässt, ob jene ihr Wissen schriftlich oder nur mündlich weitergegeben haben, – nicht selten mit Formeln wie ferunt oder fama est. Tacitus charakterisiert derartige Nachrichten da‐ durch klar als Gegenstände von „Gerüchten“, wobei er dem Leser gelegentlich auch verschiedene Varianten eines bestimmten Sachverhaltes anbietet, ohne sich für eine bestimmte Variante zu verbürgen. Zwar erscheint es als gerechtfertigt, diese vor allem bei Tacitus zu beobachtende Verklausulierung von heiklen Tatsachenbehauptungen auch auf bestimmte „künstleri‐ sche“ Ambitionen zurückzuführen274, dennoch ist es vor dem Hintergrund der straf‐ rechtlichen Brisanz solcher Behauptungen problematisch, diese allein ästhetisch zu deuten, gegebenenfalls als spezifische Eigentümlichkeiten bestimmter Geschichtswer‐ ke als „Kunstwerke“. Denn es liegt auf der Hand, dass in strafrechtlicher Hinsicht bri‐ sante Tatsachenbehauptungen deren Autoren auch dann belasten konnten, wenn sie sich auf das Zeugnis Dritter oder gar auf „Gerüchte“ beriefen, vor allem wenn die Zeugen noch lebten und sich gegen die ihnen unterstellten Behauptungen wehrten, was in Anbetracht des Interesses antiker Historiker an Vorgängen, die man heute der „Zeitgeschichte“ zurechnen würde, eher die Regel als die Ausnahme war. Daher wird man bei dem Vorhaben, im Wesentlichen gestützt auf Informationen in den Darstellungen des Tacitus, Suetons und Dios, Tatsachen zu ermitteln, die eine zuverlässige Beurteilung der Rolle des Arztes Statius Annaeus im Zusammenhang des Ablebens Senecas ermöglichen, auch die spezifische sprachliche Form berücksichtigen müssen, in der jene Autoren das ihnen zugängliche Material überliefert haben, inso‐ fern solche Informationen, die in der Form von Tatsachenbehauptungen wiedergege‐ ben wurden oder unter Berufung auf namentlich benannte Quellen, a priori eine stär‐ kere Berücksichtigung verdienen als die Wiedergabe von bloßen „Gerüchten“, auch wenn es nicht zulässig wäre, bestimmte Informationen nur deswegen nicht ernst zu zum Übergang der Republik in den Prinzipat. Darmstadt 19952, S. 15, 22, 27. Bleicken, J.: Ge‐ schichte der Römischen Republik. München 19924, S. 27. Gehrke, H.-J./Schneider, H.: Geschichte der Antike. Stuttgart 20062, S. 506. 273 Nach der sog. Lex Cornelia de sicariis et veneficiis konnten auch Richter und andere Prozessbetei‐ ligte, die durch Falschaussagen oder durch die Manipulation von Beweismitteln Todesurteile er‐ wirkt hatten wegen eines Tötungsdelikts strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. S. u. Kap. 3.2; 274 In der Literatur ist im Hinblick darauf von einer Vorliebe für „versteckte Anspielungen“ die Rede. Vgl. dazu: Stegner, K.: Die Verwendung der Sentenz in den Historien des Tacitus, Wiesbaden 2004. Kirchner, R.: Sentenzen im Werk des Tacitus, Stuttgart 2001. 1.0 Vorbemerkungen 47 nehmen, weil sie in den Quellen als Gegenstände von „Gerüchten“ gekennzeichnet werden. Auch Gerüchte können bei der Ermittlung der ihnen zuzuordnenden Tatsa‐ chen eine gewisse Bedeutung haben, aber nur wenn man nach dem Prinzip des cui bono den mutmaßlichen Erfindern bestimmter Gerüchte auf die Spur kommt. Darüber hinaus ist methodologisch zu berücksichtigen, dass die o. g. antiken Au‐ toren, vor allem Tacitus, in ihren Darstellungen Tatsachen nicht nur beschreiben, son‐ dern diese durch die Einordnung in bestimmte Begründungszusammenhänge gele‐ gentlich auch zu deuten versuchen. Gerade solchen Deutungsversuchen gegenüber ist kritische Distanz geboten, jedenfalls dann, wenn sie sich auf medizinische Sachver‐ halte beziehen, – insofern aus den o. g. Gründen antike Historiker, in unserem Falle sowohl Tacitus als auch Sueton und Cassius Dio in Fragen naturwissenschaftlicher und medizinischer Begründungszusammenhänge kaum als Sachverständige angese‐ hen werden dürfen. Ausgehend von diesen Überlegungen, soll im Folgenden zunächst die Darstellung des Ablebens Senecas durch Tacitus275, der seiner Entstehungszeit nach dem Ereignis nicht nur zeitlich am nächsten stehende, sondern auch ausführlichste antike Bericht, daraufhin untersucht werden, inwieweit ihm zuverlässige Informationen über eine Involvierung des Arztes Annaeus Statius in den Prozess des Sterbens Senecas zu ent‐ nehmen sind. Im Anschluss daran sollen aber auch die weniger ausführlichen und zum Teil viel später entstandenen Darstellungen Suetons276 und Dios277, jeweils für sich genom‐ men, mit einer ähnlichen Zielsetzung analysiert werden und dann daraufhin über‐ prüft werden, inwieweit deren Aussagen die Aussagen des Tacitus bestätigen, ergän‐ zen oder korrigieren. Die „Causa Seneca“ bei Tacitus Der Politiker, Philosoph und Schriftsteller L. Annaeus Seneca starb im April des Jah‐ res 65 n. Chr. in einem Landhaus unweit Roms, im Alter von knapp 70 Jahren278. Al‐ 1.1 275 Den hier angestellten Untersuchungen zur Darstellung des Ablebens Senecas durch Tacitus liegt der Text der von E. Koestermann erstellten textkritischen Ausgabe in der Bibliotheka Teubneriana zugrunde: „CORNELII TACITI LIBRI QVI SVPERSVNT; ITERVM EDIDIT ERICH KOESTER‐ MANN; TOM: I; AB EXCESSV DIVI AVGUSTI, LIPSIAE IN AEDIBVS B.G. TEVBNERIANI MCMLXV“. 276 Soweit im Text dieser Arbeit nichts Anderes vermerkt wird, wird bezogen auf die Darstellung Sue‐ tons die Ausgabe der Bibliotheca Teubneriana zugrunde gelegt: „C. SVETONI TRANQVILLI O DE VITA CAESARVM LIBTI VIII, RECENSUIT MAXIMILIANVS IHM, EDITIO MINOR, EDI‐ TIO STEREOTYPA EDITIONIS PRIORIS (MCMVIII), SRVTGARDIAE IN AEDIBVS B:G: TEVBNERI MCMLXVII“. 277 Bezüglich Dios wird in dieser Untersuchung der Text der „THE LOEB CLASSICAL LIBRARY“ zu‐ grunde gelegt: „DIOS ROMAN HISTORY; WITH AN ENGLISH TRANSLATION BY EARNEST CARY; PH.D.; ON THE BASIS OF THE VERSION OF HERBERT BALDWIN FOSTER, PH. D., IN NINE VOLUMES, VIII, LONDON, WILLIAM HEINEMANNN LTD, CAMBRIGDE, MASSA‐ CHUSETTS, HARVARD UNIVERSITY PRESS, MCMLXVIII“. 278 Vgl. dazu vor allem Tac. ann. 15, 60; Kapitel 1: Der Tod Senecas 48 lerdings weichen die Einschätzungen des Lebensalters um fast vier Jahre von einander ab. Nach neueren Schätzungen wurde er nicht im Jahre 4 v. Chr.279, sondern erst im Jahre 1 geboren280. Einmütigkeit herrscht in der Forschung lediglich darüber, dass Se‐ neca als einer von insgesamt drei Söhnen des Rhetors L. Annaeus Seneca281 im spani‐ schen Corduba geboren wurde, aber noch als Kleinkind nach Rom kam, dort auf‐ wuchs und auch erzogen wurde282. Im Rahmen dieser Erziehung und Ausbildung dürfte sein eigener Vater einen entscheidenden Einfluss auf seine Ausbildung gehabt haben283. Entscheidende philosophische Anregungen284 erhielt er nach eigenen An‐ gaben ebenfalls in Rom, insbesondere durch den Stoiker Attalos285, den Stoiker Papi‐ rius Fabianus286 und den Pythagoräer Sotion287. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Seneca auch einen in die Jahre 31 und 32 n. Chr. datierten Aufenthalt in Ägypten zur Vertiefung seiner philosophischen Studien nutzte. Atemwegserkrankungen, die Seneca bereits seit frühester Jugend zu schaffen machten, erzwangen damals angeblich eine Unterbrechung seiner Ausbildung und der Anfänge seiner Tätigkeit als Anwalt, die er zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in Ägypten, vor allem in Alexandrien nutzte288. Diese Stadt zeichnete sich wegen ihrer Lage auf einer schmalen Landzunge zwischen dem Mittelmeer und dem Mareotis la‐ cus durch ein besonders mildes und wegen seiner Trockenheit und der salzhaltigen Luft durch ein nicht zuletzt für unter Atemwegserkrankungen leidende Patienten heilsames Klima aus. Außerdem siedelten an den Ufern des Mareotissees Angehörige einer für ihre heilkundlichen Fähigkeiten besonders gerühmten „Heilersekte“, die Phi‐ 279 Vgl. Schmidt, G., Seneca 2, in: KIP Bd. 5, Sp. 110–115; 280 Vgl. Maurach, G.: Seneca. Leben und Werk. Darmstadt 20054, S. 16; vgl. M. Fuhrmann: Seneca und Kaiser Nero. Eine Biographie. Berlin 1997, S. 10. Giebel, M.: Seneca. Reinbek 1997, S. 7. 281 Dieser stammte aus Corduba und lebte in etwa von 55 v. Chr. bis 40 n. Chr. und hatte aus seiner Ehe mit Helvia drei Söhne, Novatus, den ältesten, Seneca, den Philosophen, und Annaeus Mela, den Vater des Epikers Annaeus Lucanus. Vgl. Schmidt, G., Seneca 1, in KIP, Bd. 5, Sp. 109–110; 282 Vgl. dazu Maurach, G., s. o. Darmstadt 20054, S. 15–18. 283 Vgl. Maurach, G., s. o. Darmstadt 20054, S. 19 ff.: Neben der Rhetorik gehörte zum Kern der Aus‐ bildung zum Gerichtsredner auch das Fach ius. 284 Vgl. dazu Maurach, s. o. Darmstadt 20054, S. 20–26 (mit Quellen- und Literaturhinweisen); 285 Vgl. Sen. epist.. 9, 63, 67, 72. 81, 108. 109. nat. II, 48. 50. Vgl. Sen. rhet. suas. 2. Attalos lebte und lehrte während der Regierungszeit des Tiberius in Rom. Vgl. Smith, W. (Hrsg.): Wörterbuch der griechischen und römischen Biografie und Mythologie(1870), Art. Attalos, literarische. 286 Vgl. Sen. epist. 11, 4; 40, 12; 100, 2; P. lebte und wirkte als Rhetor und Philosoph zwischen 35 v. Chr. und 35 n. Chr.. Vgl. Fuhrmann, M., Papirius 39, in KIP, Bd. 5, Sp. 493; 287 Vgl. Sen. epist. 49, 2; 108, 17; S. ging aus der „Schule“ des Sextius (lehrte unter Augustus, sprach sich u. a. gegen den cursus honorum aus; vgl. Sen. nat. 7, 32, 2;) hervor. Vgl. Dörrie, H., Sotion 3 a, in KIP, Bd. 5, Sp. 156; 288 Vgl. Maurach, G., Darmstadt 20054, s. o. S. 26–29; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 49 lon von Alexandrien289 als Therapeuten bezeichnete290. Zu deren Therapie gehörte u. a. eine Diät, die auf den Genuss von frischem Obst, Gemüse und Quellwasser hinaus‐ lief, welche Seneca noch bis kurz vor seinem Tod beachtete291. Andererseits könnte auf den philosophischen Werdegang Senecas während des‐ sen Aufenthalts in Ägypten einen gewissen Einfluss genommen haben, dass Alexan‐ drien über eine bedeutende Bibliothek verfügte und es gewisse Anzeichen dafür gibt, dass die Stadt zu jener Zeit auch eine Hochburg des Stoizismus bildete. So ist zum Beispiel von dem jüdisch – hellenistischen Schriftsteller Philo von Alexandrien u. a. eine Schrift mit dem Titel Περὶ προνοίας (de providentia) überliefert, die sowohl dem Titel nach, als auch inhaltlich und formal (durch das Gestaltungsprinzip des inneren Monologs) an eine entsprechende Schrift Senecas292 erinnert. G. Maurach verweist kritisch auf Bestrebungen, von einzelnen Zitaten aus Schrif‐ ten Senecas abzuleiten, dass es während des Aufenthalts Senecas in Alexandrien sogar zu persönlichen Kontakten zu Philon gekommen sein könnte293. Solche Vermutungen lassen sich allerdings nicht beweisen, aber auch nicht ausschließen, insofern sich der zu jener Zeit allmählich aufbauende Gegensatz zwischen den Bewohnern des sog. Iu‐ daeorum vicus im Osten der Stadt Alexandrien und anderen Stadtvierteln, der im Jah‐ re 40 n. Chr. Philon veranlasste, eine Gesandtschaft nach Rom anzuführen, diesen durchaus auch schon früher dazu bewogen haben konnte, zu den in der Stadt sich aufhaltende Römern bewusst Kontakte zu knüpfen, um für den eigenen politischen Standpunkt zu werben. Auch die Tatsache, dass Seneca, als er kurz nach dem Regierungsantritt des Clau‐ dius aus Rom verbannt wurde, gezwungen wurde, die Zeit seines Exils, die Jahre 41 – 48 n. Chr. auf der Insel Korsika zu verbringen294, könnte darauf zurückzuführen sein, dass er daran gehindert werden sollte, erneut nach Ägypten zu gehen, um nicht erneut den dort schwelenden Konflikt zwischen Juden und Hellenisten zu verschärfen. Un‐ geachtet dessen endeten die Jahre der Unsicherheiten im Leben und in der Karriere Senecas als Politiker erst im Jahre 48 n. Chr., als Agrippina, die letzte Gemahlin des Claudius, ihn nach Rom zurückrufen ließ, um ihn als Erzieher ihres Sohnes aus einer 289 Philon entstammte einer einflussreichen und begüterten jüdischen Familie Alexandriens, *wahrsch. zwischen 15 und 10 v. Chr. ebenda, fungierte 40 n. Chr. als Leiter einer Gesandtschaft alexandrinischer Juden in Rom, die sich bei Kaiser Caligula über angeblich vom damaligen praef. Aegypti Flaccus geduldeten antijüdischen Übergriffe beschwerte (Vgl. dazu de Schriften Πρεσβεία πρὸς Γαῖον - legatio ad Gaium und Εἰς Φλάκκον - in Flaccum), und ist ansonsten als Verfasser phi‐ losophischer und religionstheoretischer Schriften bekannt. Vgl. Schaller, B., Philon 9, in KIP, Bd. 4, Sp. 771–775; Grote, A., Philon v. Alexandria, in Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 695 – 696; 290 Vgl. Phil. bios. theor. passim und spud. passim; vgl. Burchard, Chr., Therapeuten, in KIP Bd. 5, Sp. 736 –737; 291 Diese Diät bewahrte ihn noch im Jahre 64 n. Chr. vor einem Giftanschlag. Vgl. Tac. ann. 15, 45, 3: tradidere quidam venenum ei per libertum ipsius, cui nomen Cleonicus, paratum iussu Neronis vitat‐ umque a Seneca proditione liberti seu propria formidine, dum persimplici victu et agrestibus pomis, ac si sitis amoneret, profluente aqua vitam tolerat. 292 Vgl. dazu: L. Annaei Senecae DIALOGORVM LIBRI AD LVCILIVM QVARE ALIQVA INCOM‐ MODA BONIS VIRIS ACCIDANT CVM PROVIDENTIA SIT DE PROVIDENTIA. 293 Vgl. Maurach, G., s. o. S. 27, Anm. 41; 294 Vgl. Maurach, G., s. o. S. 29 ff.. Kapitel 1: Der Tod Senecas 50 früheren Ehe, des damals elfjährigen nachmaligen Kaisers Nero, einzusetzen. Seit die‐ ser Zeit aber schritt seine Karriere scheinbar unaufhaltsam voran: Im Jahre 50 n. Chr., also noch unter Claudius bekleidete er eine Prätur, im Jahre 55 n. Chr., bereits unter der Regentschaft seines ehemaligen Mündels, Nero, stieg er zum Konsulat auf und ge‐ hörte bis zum Beginn der 60-er Jahre gemeinsam mit dem Prätorianerpräfekten Afra‐ nius Burrus zu den mächtigsten Beratern des neuen Kaisers295. In dieser Zeit gelang es ihm auch ein gewaltiges Vermögen aufzuhäufen, nach Angaben Dios 75 Mio. Sesterzen296, nach Tacitus sogar 300 Mio.297. Nicht zuletzt die‐ ses Vermögen rief Neider auf den Plan, deren Einfluss dazu führte, dass sein Einfluss bereits nach dem Tod Agrippinas298, vor allem aber nach dem Tod des Afranius Bur‐ rus299, d. h. seit dem Jahre 59 bzw. 62 n. Chr. allmählich zu sinken begann. Die Aufde‐ ckung der sog. Pisonischen Verschwörung nutzten die Widersacher Senecas dazu, um die Rachsucht Neros auch gegen dessen früheren Erzieher Seneca zu lenken. Was aber ist darüber konkret überliefert? Wenden wir uns dazu zunächst der Darstellung des Tacitus zu. Kontext der Darstellung Die hier zunächst zu analysierende Darstellung der näheren Umstände des Sterbens Senecas durch Tacitus300 ist dem 15. Buch der unter dem Namen des Tacitus überlie‐ ferten Annalen enthalten, das im Wesentlichen über Ereignisse der Jahre 62 – 65 n. Chr. berichtet301. Dieser Darstellung geht eine Schilderung des Ereigniszusammen‐ hangs der sog. Pisonischen Verschwörung sowie deren Aufdeckung unmittelbar vor‐ aus. Ihr folgt eine Darstellung der von Nero – wohl in Absprache mit Ofonius Tigelli‐ nus und Poppaea Sabina ergriffenen Maßnahmen zur Bestrafung bzw. Unschädlich‐ machung der mutmaßlichen Beteiligten der o. g. Verschwörung. Auch die Darstellung des Ablebens Senecas steht in den Annalen des Tacitus im Bezugsrahmen der Berichterstattung über die politische und strafrechtliche „Aufar‐ beitung“ der sog. „Pisonischen Verschwörung“, als deren erstes Opfer Tacitus einen damals designierten Konsuln mit Namen Plautius Lateranus charakterisiert302. Im unmittelbaren Anschluss an eine kurze Notiz über die Liquidierung des Plautius La‐ teranus303, dessen Verstrickung in die Verschwörung nach dem Dafürhalten des Taci‐ 1.1.1 295 Vgl. dazu vor allem Schmidt, G., Seneca 2, in KIP, Bd. 5, Sp. 110–116; 296 Vgl. Cass. Dio 61, 10; 297 Vgl. Tac. ann. 13, 46; 298 Vgl. Tac. ann. 14, 8; 299 Vgl. Tac. ann. 14, 51; 300 Vgl. Tac. ann. 15, 60–65; 301 Vgl. Tac. ann. 15, 1–74; 302 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 1: Proximam necem Plautii Laterani consulis designati Nero adiungit... 303 Zur Identität des Plautius Lateranus Vgl. Hanslik, R., Plautius II, 3 in KIP Bd. 4, Sp. 910; siehe auch unten Kap. 3. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 51 tus außer Zweifel stand304, wendet sich der Autor den Vorgängen um das Ableben Senecas zu, bei dem nach den Tacitus vorliegenden Erkenntnissen selbst Nero sich einer Involvierung angeblich nicht sicher war, sondern lediglich einen entsprechen‐ den Verdacht hegte305. Inhalt und Gliederung der Darstellung des Tacitus Ausgehend von den angeblichen Zweifeln Neros bezüglich einer möglichen Beteili‐ gung Senecas an der Verschwörung306, schildert Tacitus Bemühungen Neros, nähere Erkenntnisse über die sachliche Berechtigung der sich gegen Seneca richtenden Ver‐ dachtsmomente zu gewinnen307, danach das Zustandekommen der Entscheidung Ne‐ ros, auch Seneca zu beseitigen308, Senecas Reaktionen darauf, einschließlich der Be‐ mühungen Senecas, einer möglichen Fremdtötung durch einen gemeinsam mit seiner Gemahlin zu begehenden Suizid zu entgehen309. Den Abschluss der Darstellung des Tacitus bildet die Wiedergabe eines „Gerüchts“310, nach dem auch Seneca – zumindest passiv – in die Pläne der Verschwörer involviert war. Unter rein erzähltechnischen Gesichtspunkten betrachtet, weist der Text des Tacitus hierbei eine klare Gliederung in insgesamt vier Abschnitte auf. Deren ersten könnte man als eine Einleitung bezeichnen. Er umfasst lediglich einen einzigen Abschnitt von Kapitel 15, 60, nämlich den Abschnitt 15, 60, 2 – 3, und dient im Wesentlichen zu einer allgemeinen Charakterisierung des Vorgangs, nämlich als eine allein durch die Nero vorliegenden Erkenntnisse über das Verhalten Senecas im Kontext der Pisonischen Verschwörung nicht zu rechtfertigende Liquidierung des Philosophen. Der zweite Abschnitt des Textes umfasst den Abschnitt 15, 60, 4 – 15, 61, 4: er dient der Untermauerung dieser Einschätzung, und zwar durch eine Schilderung der näheren Umstände der Entscheidung Neros, sich auch seines ehemaligen Erziehers und Lehrers gewaltsam zu entledigen, sowie der Umsetzung des Vorhabens, der Be‐ seitigung Senecas durch die Entsendung eines Tribunen einer Prätorianerkohorte. Der dritte Abschnitt umfasst Tac. ann. 15,62 – 15, 64, 4 und enthält eine Schilde‐ rung von Vorgängen innerhalb von Senecas Landhaus, insbesondere der Reaktionen Senecas und seiner Gemahlin Paulina auf die Eröffnung der Befehle Neros sowie der Bemühungen des Ehepaares Seneca, sich selbst zu töten. 1.1.2 304 Tacitus stellt die Beteiligung an der Pisonischen Verschwörung als ein Faktum dar. Vgl. Tac. ann. 15, 49, 53. 305 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 2: Sequitur caedes Annaei Senecae, laetissima principi, non quia coniurationis manifestum compererat,... 306 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 2; 307 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 4–61, 1; 308 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 2–4; 309 Vgl. Tac. ann. 15, 62–64; 310 Vgl. Tac. ann. 15, 65; Kapitel 1: Der Tod Senecas 52 Der vierte Abschnitt der Darstellung des Tacitus umfasst Tac. ann. 15, 65; er ent‐ hält ergänzende Informationen über das tatsächliche Ausmaß der Involvierung Sene‐ cas in die Pisonische Verschwörung, mit dem offensichtlichen Ziel einer Aufhellung der politischen Hintergründe für das Vorgehen Neros und einer Bekräftigung der These von einem mit schuldhaftem Verhalten Senecas im Rahmen der Verschwörung nicht zu rechtfertigenden Gewaltakt. Analyse der Darstellung des Tacitus Im Hinblick auf die Rolle des Arztes im Zusammenhang der Selbsttötungsbemühun‐ gen verdient von diesen vier Abschnitten der Darstellung des Tacitus vor allem der dritte die Aufmerksamkeit des Betrachters. Denn in diesem Textabschnitt schildert Tacitus sowohl die Bemühungen des Ehepaares Seneca, sich in offenkundiger Selbst‐ tötungsabsicht größere Blutgefäße zu öffnen als auch die Einnahme eines von dem Arzt Statius Annaeus angereichten Giftes sowie die Auswirkungen dieser Selbsttö‐ tungsanstrengungen. Im Falle der Aderneröffnung gilt eine Unterstützung durch den Arzt nach herrschender Auffassung als wahrscheinlich, im Falle des Giftes wird eine Anreichung seitens des Arztes durch Tacitus selbst sogar angedeutet. Da aber die Frage der Involvierung des Arztes in die Selbsttötungsbemühungen Senecas ohne eine genaue Kenntnis der Situation, in der sich jener dazu durchrang, sich selbst zu töten, kaum situationsgerecht zu beantworten ist, soll hier zunächst die in den Abschnitten 1 und 2 geschilderte Vorgeschichte von Senecas Suizid genauer betrachtet werden. Die „Einleitung“: Tac. ann. 15, 60, 2 Eingeleitet wird die Darstellung des Ablebens Senecas mit folgender Bemerkung: Sequitur caedes Annaei Senecae, laetissima principi, non quia coniurationis manifestum compererat, sed ut ferro grassaretur, quando venenum non processerat. (Es folgte das „Blutbad“311 des Annaeus Seneca; es war dem Kaiser sehr willkommen, nicht weil er in Erfahrung gebracht hätte, dass dieser der Verwicklung in die Verschwörung über‐ führt sei, sondern um mit „Eisen312“ weiter voranzuschreiten, nachdem Gift nicht den erhofften Erfolg gebracht hatte.) Dieser Text enthält im Wesentlichen die in die sprachliche Form einer lapidaren Tatsachenbehauptung gekleidete Einschätzung, dass Senecas Ableben sich als ein Nero höchst willkommener und diesem sowohl politisch wie moralisch anzulastender un‐ natürlicher Sterbefall vollzog. Diese Einschätzung wird von Tacitus in einen spezifi‐ schen Begründungszusammenhang gestellt, und zwar mit der ebenfalls als Tatsachen‐ 1.1.3 1.1.3.1 311 Hier wird zur Übersetzung des Wortes „caedes“ das in den meisten Zusammenhängen ein wenig stereotype deutsche Wort „Blutbad“ verwendet, das aber im vorliegenden Fall im Hinblick auf die von Tacitus im weiteren Verlauf seiner Darstellung des Sterbevorgangs als treffend erscheint. 312 Die Grundbedeutung „Eisen“ für das lateinische Wort „ferrum“ wird hier verwendet, weil die kon‐ krete Bedeutung an dieser Stelle noch im Einzelnen zu erörtern sein wird. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 53 behauptung vorgetragenen Einschätzung, dass Nero Seneca keineswegs der Verstri‐ ckung in eine Verschwörung für überführt hielt, sondern diesen Verdacht lediglich dazu genutzt habe, um endlich mit „Eisen“ gegen ihn vorzugehen, nachdem „Gift“ zu‐ vor versagt habe. Hierbei vermittelt der zur Charakterisierung des „unnatürlichen Todes“ Senecas benutzte Begriff „caedes“ in Verbindung mit dem Ausdruck „ut ferro grassaretur“ dem Leser zunächst den Eindruck, dass Senecas Sterben auf eine Fremdtötung zurückzu‐ führen sei; – immerhin ist eine etymologische Verwandtschaft des Substantivs „cae‐ des“ mit dem Verbum caedere (das im Deutschen mit „töten“ bzw. „niederhauen“ wie‐ derzugeben wäre;) kaum zu übersehen. Durch die sich an den oben zitierten Textab‐ schnitt anschließenden Schilderungen von Einzelheiten des Sterbeprozesses Senecas, auf die hier aber erst später näher eingegangen werden soll, wird dieser scheinbar ir‐ reführende, zunächst in Spannung steigernder Absicht vermittelte Eindruck dahin ge‐ hend korrigiert, dass der Tod Senecas am Ende durch suizidale Bemühungen verur‐ sacht wurde, die ihrerseits durch das plötzliche Auftauchen der mit einem Liquidie‐ rungsauftrag313 von Nero entsandten Soldaten an Senecas Aufenthaltsort veranlasst wurden. Dass diese Art des Sterbens Senecas Nero hochwillkommen gewesen sei, (iucun‐ dissima principi), wie Tacitus in dem vorliegenden Textabschnitt mit einem gewissen understatement urteilt, dürfte auch den meisten Lesern der Ausführungen des Tacitus am Schluss unmittelbar einleuchten. Der so vermittelte Eindruck, dass Seneca durch eine von Nero erzwungene Selbst‐ tötung ums Leben kam, wird im Übrigen durch die Parallelüberlieferungen Suetons und Dios bestätigt, so dass im Prinzip keine Veranlassung besteht, an der These von einem durch Nero veranlassten Suizid Senecas Kritik zu üben. Sueton spricht in Bezug auf das Ableben Senecas expressis verbis von einer durch Nero erzwungenen Selbsttö‐ tung: Senecam praeceptorem ad necem [sc. Nero] compulit...314 (Seneca den Erzieher trieb er in die Selbsttötung, …). Auch die Darstellung der näheren Umstände des Ab‐ lebens Senecas durch Cassius Dio (Xiphilinos)315 lässt keinen Zweifel daran zu, dass der Philosoph durch eine von Nero erzwungene Selbsttötung ums Leben kam. Die Besprechung eines vor allem aus dem Blickwinkel des Medizinhistorikers be‐ merkenswerten Details der o. z. Tacitusstelle erträgt aber keinen Aufschub, weil Taci‐ tus darin auf ein Vorkommnis anspielt, das sich angeblich schon vor dem finalen Sui‐ zid Senecas ereignete. Die Notwendigkeit einer sofortigen Erörterung dieses Vor‐ kommnisses ergibt sich aus der in dem obigen Zitat gebrauchten Formulierung sed ut ferro grassaretur, quando venenum non processerat, d. h. aus der von Tacitus Nero un‐ 313 Der etwas unscharfe Begriff „Liquidierungsauftrag“ zur Bezeichnung des von Nero dem Tribunen Gavius Silvanus erteilten Befehls bezüglich Senecas wird hier benutzt, weil auch der konkrete Inhalt des von Nero erteilten Befehls noch gewisser Klarstellungen bedarf, die aber erst später erfolgen sollen. 314 Vgl. Suet. Nero 35, 5; der von Sueton zur Bezeichnung der Todesart Senecas benutzte Ausdruck „necem“ kann hier im Deutschen nur mit dem Begriff „Selbsttötung“ wiedergegeben werden. 315 Vgl. Cassius Dio 62 (epit.) 25, 1–2; Kapitel 1: Der Tod Senecas 54 terstellten Absicht, gegen Seneca mit „Eisen“ (ferro) vorzugehen, nachdem „Gift“ (ve‐ nenum) angeblich vorher schon einmal versagt habe. Tatsächlich bezeugt Tacitus bereits für 64 n. Chr., d. h. für einen Zeitraum vor der von ihm in das Jahr 65 n. Chr. datierten sog. Pisonischen Verschwörung316, die Nach‐ richt von einem angeblich gescheiterten Giftanschlag auf Seneca: ferebatur 317Seneca, quo invidiam sacrilegii a semet averteret, longinqui ruris secessum oravisse, et postquam non concedebatur, ficta valetudine, quasi aeger nervis, cubiculum non egressus. tradide‐ re quidam venenum ei per libertum ipsius, cui nomen Cleonicus, paratum iussu Neronis vitatumque a Seneca proditione liberti seu propria formidine, dum persimplici victu et agrestibus pomis, ac si sitis admoneret, profluente aqua vitam tolerat.318 (Es wurde vor‐ getragen319, dass Seneca, um so die Erbitterung wegen eines [angeblichen] Götter- Frevels von sich abzulenken, [Nero] um [die Erlaubnis] zu einem Aufenthalt auf einem entlegenen Landgut gebeten habe, und nachdem ihm das nicht zugestanden wurde, als ob er an einer Nervenerkrankung leide, seinen Schlafraum nicht mehr ver‐ lassen habe. Es haben gewisse320 [Schriftsteller] überliefert, dass für diesen Gift be‐ schafft worden sei, durch einen eigenen Freigelassenen, der den Namen Cleonicus trug, auf Befehl Neros, und dass Seneca [diesem Giftanschlag] entronnen sei, und zwar aufgrund eines Verrates dieses [bzw. womöglich auch eines anderen] Freigelas‐ 316 Vgl. Tac. ann. 15, 48 – 59; 317 Dieses Wort erklärt E. Koestermann als das Ergebnis einer Einfügung in den Text von späterer Hand (Vgl. Koestermann, E.: Tacitus Annalen, Bd. 4, S. 261;), aber ein Wegfall diese Ausdrucks würde den Sinn der Textaussage kaum verändern, allenfalls gewisse Probleme bezüglich der Syntax aufwerfen. 318 Vgl. Tac. ann. 15, 45, 3; 319 Zur Übersetzung des Verbums „ferre“ wird hier in Anlehnung an die konkrete Bedeutung des Wortes im Sinne von „tragen“, das Wort auch von Anklägern und Verteidigern und Richtern be‐ nutzte Wort „vortragen“ verwendet, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass auch bei einem Schriftsteller wie Tacitus - wegen seiner persönlichen Erfahrungen als Gerichtsredner, - in Bezug auf das Wort ferre ein solcher weder Zustimmung noch Kritik inkludierender Gebrauch dieses Wortes anzunehmen ist. Auch in vielen „Gerichtsreden“ Ciceros ist ein Gebrauch des Wortes ferre in dieser Bedeutung zu beobachten. 320 Zur Übersetzung von quidam wird hier der Ausdruck ein gewisser verwendet, obwohl dieser an‐ ders als das lateinische quidam die Vorstellung einer gewissen Beliebigkeit impliziert. Daher wird hier betont, dass sich Tacitus an dieser Stelle wahrscheinlich einig mit seinen Lesern glaubte bezüg‐ lich der Frage, welche Autoren er mit quidam bezeichnete. Man wird daher damit rechnen dürfen, dass die diesbezüglichen Angaben auch schon den von Tacitus als Quelle genutzten Werken des Cluvius Rufus, Plinius´d. Ä. sowie des Fabius Rusticus zu entnehmen waren. Zur Diskussion über die an dieser Stelle benutzten Quellen des Tacitus wird im auf E. Koestermann verwiesen, der sich diesbezüglich seinerseits auf R. Syme beruft (Vgl. R. Syme, Tac. II, 745,1;), und eine entsprechende Angabe bei Fabius Rusticus für möglich hält (Vgl. Koestermann, E.: Tacitus Annalen, Bd. 4, S. 261;). Berücksichtigt man aber, dass Tacitus quidam im Plural benutzt, ist kaum noch einzuse‐ hen, warum Tacitus hier „nur“ Fabius Rusticus als Quelle benutzt haben sollte. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 55 senen321 oder auch wegen seiner eigenen Furchtsamkeit322, insofern er mit sehr einfa‐ cher Kost, und zwar mit ländlichem [naturbelassenem?] Obst und Gemüse, und falls ihm Durst dazu riet, mit Quellwasser seinen Lebensbedarf bestritt.) Der in dem von uns hier zitierten Textabschnitt gegebene Hinweis auf die angeb‐ liche Furcht Senecas vor Hass wegen angeblichen Götterfrevels ist im Zusammenhang mit den kurz zuvor berichteten Bemühungen Neros zu sehen, im Interesse eines ge‐ steigerten staatlichen Finanzierungsbedarfs sowohl in Italien als auch in den Provin‐ zen neue Geldquellen zu erschließen und im Zusammenhang damit, dass er dabei auch vor der Konfiskation von Tempelschätzen nicht zurückschreckte323. Diese vor allem Nero selbst anzulastenden „Tempelschändungen“, in gewisser Weise aber auch Seneca als dem verantwortlichen „Minister“ Neros, könnten die von Nero zurückge‐ wiesene Bitte Senecas, sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen zu dürfen, als auch die Entscheidung des Letzteren, Seneca stattdessen mittelst eines Giftanschlags aus dem Weg zu räumen, plausibel erklären, wenn der von Tacitus Nero unterstellte Anschlag als erwiesen angesehen werden könnte324. Allerdings bestehen im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung des Tacitus bezüglich dieses Details einige Bedenken. Diese ergeben sich vor allem daraus, dass ein dem Suizid Senecas vorausgegangener Giftanschlag weder von Sueton noch bei Xiphelinos (Cassius Dio)325 erwähnt wird und Tacitus selbst durch den Ge‐ brauch von Formulierungen wie „ferebatur“ und „quidam tradunt“ für die mit diesen Ausdrücken verknüpften inhaltlichen Aussagen unter einen Glaubwürdigkeitsvorbe‐ halt stellt. Außerdem wurden wegen der von Tacitus vorgenommenen chronologischen Zu‐ ordnung in der Forschung Bedenken geltend gemacht.326 E. Koestermann führte un‐ ter Berufung auf andere Forscher dazu aus: „Wenn Seneca sich jeder Mitverantwor‐ tung für den Tempelraub entziehen wollte, muss er zu diesem Zeitpunkt noch eine Rolle 321 Aufgrund der von Tacitus benutzten Formulierungen lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, ob nach den Tacitus vorliegenden Informationen der angeblich von Nero mit der Vergiftung beauf‐ tragte Cleonicus sich gegenüber Seneca irgendwann selbst bezichtigte, oder ob ein anderer Freige‐ lassener Senecas diesem diese Information irgendwann „steckte“. 322 Das offensichtliche Schwanken des Tacitus hinsichtlich der Frage, ob und wie Seneca dem angeb‐ lich von Nero befohlenen Giftanschlag entrann, könnte ebenfalls bereits in den von Tacitus benut‐ zen Quellen zu beobachten gewesen sein. Fest zu stehen scheint aufgrund der von uns zitierten Äußerung des Tacitus, dass sich der Historiker in dieser Frage seiner Sache nicht ganz gewiss war, aber nur im Hinblick auf die Gründe für das Scheitern des Giftanschlages, nicht im Hinblick da‐ rauf, dass Nero einen solchen Anschlag auch in Auftrag gegeben hatte. 323 Vgl. Tac. ann. 15, 45, 1: Interea conferendis pecuniis pervastata Italia, provinciae eversae sociique po‐ puli et quae civitatium liberae vocantur. inque eam praedam etiam dii cessere, spoliatis in urbe tem‐ plis egestoque auro, quod triumphis, quod votis omnis populi Romani aetas prospere aut in metu sa‐ craverat. enimvero per Asiam atque Achaiam non dona tantum, sed simulacra numinum abripieban‐ tur... 324 In anderen Quellen wird dieser Giftanschlag nicht erwähnt. 325 Dio erwähnt zwar einen Rückzug Senecas aus dem politischen Leben, bevor er sich selbst tötete, aber in chronologischer Hinsicht recht ungenau und ohne die Erwähnung des von Tacitus indirekt behaupteten Giftanschlags gegen ihn. Vgl. Cass. Dio 62, 25, 3; 326 Vgl. Koestermann, E., s. o. S. 261. Kapitel 1: Der Tod Senecas 56 im öffentlichen Leben gespielt haben. Das stände kaum im Einklang mit der Behauptung des Tacitus, dass er sich schon im J. 62 endgültig aus der Politik zurückgezogen habe.327“ Allerdings lassen sich solche Einwände gegen die Faktizität des von Tacitus be‐ richteten Giftanschlags relativ leicht entkräften. Allein der zuletzt genannte Einwand wäre geradezu absurd, vor allem deswegen, weil Tacitus hierüber ja nicht als auktoria‐ ler Erzähler berichtet, sondern unter Hinweis auf entsprechende Angaben Dritter. Da aber die „gewissen Autoren“, auf deren Zeugnis sich Tacitus beruft328, zu dem Zeit‐ punkt, zu dem er die Annalen verfasste bzw. veröffentlichte, im Prinzip auch noch von seinen Lesern hätten eingesehen werden können, ist davon auszugehen, dass sich Tacitus der Risiken, seinen Ruf als den eines seriösen Historikers leicht hätte ruinie‐ ren können, bewusst war, wenn er solche – von zeitgenössischen Lesern leicht über‐ prüfbaren – Angaben „frei erfunden“ hätte. Berücksichtigt man ferner, dass kritische Leser die Angaben des Tacitus vor allem anhand der von ihm – wenn auch an anderer Stelle – namentlich bezeichneten Quel‐ len überprüft hätten, ist davon auszugehen, dass bereits die von Tacitus als Verfasser von ihm benutzter Geschichtswerke benannten Schriftsteller Cluvius Rufus, Plinius d. Ältere und Fabius Rusticus über den fraglichen Giftanschlag auf Seneca berichtet hat‐ ten. Aus dieser Überlegung ergibt sich die Folgerung, dass man auch aus dem Fehlen von Informationen zu demselben Vorgang bei den späteren und über das Ableben Senecas nur sehr knapp berichtenden Autoren Sueton und Xiphilinos keine ernsthaf‐ ten Zweifel an der Faktizität desselben Vorgangs ableiten darf. Das „Schweigen“ dieser Autoren lässt sich daraus erklären, dass der von Tacitus bezeugte Giftanschlag auf Se‐ neca scheiterte und daher von Sueton und Cassius Dio für nicht erwähnenswert ange‐ sehen wurde. Auch die chronologische Nähe dieses ersten Giftanschlags zu dem Tod des Burrus lässt es als plausibel erscheinen, dass Nero und dessen neue Berater sich schon seit längerem mit der Absicht trugen, sich sobald als möglich auch Senecas zu entledigen. Tacitus äußert bereits im Zusammenhang der Berichterstattung über Vorgänge des Jahres 62 die Überzeugung, dass durch den Tod des Burrus damals auch die Macht‐ stellung Senecas erschüttert worden sei329, und lässt im Übrigen auch keinen Zweifel daran, dass der Philosoph – nach einer entsprechenden Aussprache mit Nero über die Möglichkeiten eines Rückzuges330, – es vorgezogen habe, sich zunehmend aus dem 327 Koestermann verweist an dieser Stelle auf Tac.ann. 14, 56, 3; bzw. auf Dio 62, 25, 3 (S. o. S. 261). 328 Vgl. Tac ann. 15, 45, 3; tradidere quidam …; auch wenn man die zu Beginn dieses Textabschnittes von Tacitus benutzte Formulierung ferebatur ... prinzipiell unter den Vorbehalt überlieferungsge‐ schichtlicher Unsicherheiten stellen muss (Vgl. dazu Koestermann, E., s. o. S. 261;), gilt dieser Vor‐ behalt für die speziell bezüglich des Giftanschlags benutzte Formulierung tradidere quidam … we‐ gen des Gebrauchs des Indikativs jedoch nicht! 329 Vgl. Tac ann, 14, 52, 1: Mors Burri infregit Senecae potentiam, quia nec bonis artibus idem virium erat altero velut duce amoto, et Nero ad deteriores inclinabat. hi variis criminationibus Senecam ado‐ riuntur... 330 Vgl. Tac. ann. 14, 53–56, 2; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 57 öffentlichen Leben zurückzuziehen, wohl um seinen politischen und persönlichen Widersachern möglichst wenig Angriffsflächen zu bieten331. Daraus wird man freilich kaum den Schluss ziehen dürfen, dass Seneca nach dem Tod des Burrus plötzlich, gewissermaßen von einem Augenblick zum anderen, auf‐ hörte als ein einflussreicher Berater Neros zu gelten, zumindest in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Dagegen spricht nicht zuletzt, dass Nero die ihm von Seneca – in einer von Tacitus bemerkenswert ausführlich dargestellten Aussprache – unterbreitete Bitte, alle von ihm erhaltenen Geschenke und Vermögenswerte zurückgeben zu dür‐ fen, freundlich, aber bestimmt zurückgewiesen haben soll, verknüpft mit Äußerungen großer Dankbarkeit und der in geradezu überschwängliche Höflichkeitsfloskeln ver‐ klausulierten Erwartung, dass er – Nero – hoffe, dass er zeit Lebens von Senecas Zu‐ neigung und Ergebenheit Gebrauch machen könne332. Auf der Grundlage dieser Angaben des Tacitus erscheint es als plausibel anzuneh‐ men, dass Nero selbst, ungeachtet seiner von Tacitus bezeugten Entschlossenheit, sich nach dem Tod des Burrus auch von Seneca nicht mehr „bevormunden“ zu lassen, den Eindruck vermeiden wollte, dass zwischen ihm und Seneca ein Dissens bestehe, – auch wenn sich Nero dabei auch von dem Hintergedanken leiten ließ, die öffentliche Kritik an von ihm selbst getroffenen unpopulären Entscheidungen der letzten Zeit, u. a. auf finanziellem Gebiet, so besser von sich selbst ablenken und dem wegen seines großen Reichtums angefeindeten ehemaligen Erzieher Seneca anlasten zu können. Andererseits wird man damit rechnen müssen, dass Seneca als ehemaliger Erzie‐ her Neros zur Genüge mit dessen Denk- und Handlungsgepflogenheiten vertraut war, um sich über derartige Hintergedanken Neros nicht irgendwelchen Illusionen hinzu‐ geben. Solche Befürchtungen Senecas dürften vor allem nach dem großen Stadtbrand des Jahres 64 n. Chr. neue Nahrung bekommen haben, als der finanzielle Aufwand, um die Schäden zu beheben, – in Verbindung mit einer in allen Quellen bezeugten „Bauwut“ Neros, – den Kaiser bzw. dessen Berater zwangsläufig zu unpopulären Geldbeschaffungsmaßnahmen trieb, so dass Seneca im Jahre 65 wahrscheinlich nicht zu Unrecht befürchtete, wie von Tacitus angedeutet wird333, dass man ihn wegen von ihm persönlich nicht zu verantwortender „Tempelschändungen“ – womöglich mit stillschweigender Billigung Neros – in einen Strafprozess verwickelte und dass er des‐ wegen Nero um die Erlaubnis bat, sich auf ein entlegenes Landgut zurückziehen zu dürfen. Dass sich Nero dem Versuch Senecas, sich durch den Rückzug auf ein entlegenes Landgut aus der Schusslinie seiner Neider und Gegner zu bringen, widersetzte334, er‐ 331 Vgl. Tac.ann. 14, 56,3: Seneca … sed instituta prioris potentiae commutat, perhibet coetus salutanti‐ um, vitat comitantis, rarus per urbem, quasi valetudine infensa aut sapientiae studiis domi attinere‐ tur. 332 Vgl. Tac. ann. 14, 55, 4: sed tua quidem erga me munera, dum vita suppetet, aeterna erunt: quae a me habes, horti et faenus et villae, casibus obnoxae sunt. … pudet referre libertinos, qui ditiores spec‐ tantus: unde etiam rubori mihi est, quod praecipuus caritate nondum omnes fortuna antecellis. 333 Vgl. Tac. ann. 15, 45, 3; 334 Vgl. Tac. ann. 15, 45, 2:... Seneca … longinqui ruris secessum oravisse, et postquam non concedeba‐ tur... Kapitel 1: Der Tod Senecas 58 scheint aus den oben dargelegten Gründen als ebenso plausibel wie der „Hausar‐ rest“335 dem sich nach Tacitus Seneca daraufhin selbst auferlegte sowie auch der von Tacitus bezeugte Versuch Neros, seinen Lehrer hinterrücks mittelst eines Giftan‐ schlags aus dem Weg zu räumen336. Bot ein Giftanschlag Nero im Erfolgsfalle doch die Gelegenheit, Seneca zu beseitigen, ohne die Gefahr, dafür in der Öffentlichkeit selbst verantwortlich gemacht zu werden, da die Anstiftung zu einem solchen Verbre‐ chen leicht Dritten hätte angelastet werden können, einem der zahlreichen anonymen Neider Senecas. Dass der mit der Ausführung dieses Giftanschlags von Nero angestiftete Cleoni‐ cus sich nach Tacitus gegenüber Seneca später selbst als Täter offenbarte und Nero vielleicht sogar als Auftraggeber bezeichnete, war von Nero natürlich nicht ohne wei‐ teres vorauszusehen, sollte aber wegen des in dieser Hinsicht klaren Zeugnisses des Tacitus nicht bezweifelt werden. Aber selbst die Möglichkeit, dass sich Cleonicus ge‐ genüber Seneca offenbarte, brauchte Nero nicht zu fürchten, da er zu genau wusste, dass Seneca kaum Chancen hatte, von diesem Wissen zu Neros Nachteil Gebrauch zu machen. Auf der anderen Seite aber hätte Cleonicus im Falle eines mit seiner Hilfe er‐ folgreich ausgeführten Giftanschlags auf Seneca aufgrund der Skrupellosigkeit Neros damit rechnen müssen, dass man ihm selbst dafür den Prozess gemacht oder noch bevor er vor Gericht Nero als Auftraggeber hätte belasten können, stillschweigend ebenfalls liquidiert hätte. Im Kontext dieser Untersuchung wäre es natürlich von Interesse größere Klarheit über die Identität jenes Cleonicus zu erhalten, ob Cleonicus möglicher Weise ebenfalls den Beruf eines Arztes ausübte. Dies scheint in Anbetracht der Tatsache, dass der Na‐ me „Cleonicus“ griechischer Herkunft zu sein scheint337, als vorstellbar. Denn wenn Cleonicus seiner Herkunft nach wirklich ein Grieche gewesen sein sollte, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass dieser nicht anders als Annaeus Statius Seneca ebenfalls als Arzt diente. Vor allem wäre unter dieser Prämisse auch verständlich, warum Nero ausgerechnet diesen für den von ihm geplanten Giftanschlag auf Seneca zu gewinnen versucht hatte. Sollte man nicht erwarten dürfen, dass Nero für die Planung und Durchführung dieses Anschlags eine Person zu rekrutieren versuchte, von der er an‐ nehmen durfte, dass sie mit der Wirkung und den Möglichkeiten der Beschaffung von Giften einigermaßen vertraut war? Auf der anderen Seite sind aber weder bei Tacitus noch in anderen Quellen weite‐ re Informationen über Cleonicus überliefert, mittelst derer sich eine solche Vermu‐ tung belegen ließe. Außerdem liefert uns Tacitus selbst auch keinerlei Informationen über die Beschaffenheit und Wirkungsweise des angeblich von Cleonicus beschafften Giftes, so dass wir diese Spekulationen lieber auf sich beruhen lassen sollten. Aber selbst unter der Prämisse, dass Cleonicus ein Arzt gewesen sein sollte, ließe sich des‐ 335 Vgl. Tac. ann. 15, 45, 3:... cubiculum non egressus... 336 Vgl. Tac. ann. 15, 45, 3: tradidere quidam venenum ei … paratum iussu Neronis... 337 Außer als Name für den hier genannten Freigelassenen Senecas ist er in der Antike ansonsten nur noch als Name eines christlichen Martyrers aus der Diokletianischen Zeit bezeugt, als dessen Hei‐ matstadt die im kleinasiatischen Pontus gelegene „griechische“ Stadt „Amasea“ genannt wird. Vgl. http://oca.org/ saints/lives/2013/03/03/100643-martyr-cleonicus-of-amasea (2013); 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 59 sen Verhalten im Falle Senecas, insofern jener seinen Herrn nach Tacitus ja vielleicht sogar auf die jenem drohende Gefahr hinwies, nicht als Beleg für die Bereitschaft ei‐ nes Arztes verwenden, sich an der Tötung eines Menschen zu beteiligen. Unabhängig davon erscheint es aus den oben dargelegten Gründen als nicht un‐ wahrscheinlich, dass Nero, wie von Tacitus bezeugt wird, bereits im Jahre 64 n. Chr. einen Versuch unternahm, Seneca beseitigen zu lassen, und zwar nicht öffentlich, et‐ wa im Rahmen eines Hochverratsprozesses, da dann die Gefahr bestanden hätte, dass er dann gegebenenfalls persönlich dafür angefeindet worden wäre, nicht verhindert zu haben, dass man seinem ehemaligen Lehrer gerichtlich etwas anhänge, sondern hinterrücks und mittelst eines Giftanschlages, bei dem der Kaiser die Möglichkeit be‐ hielt, zu bestreiten, an dem Tod Senecas schuld zu sein. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erklärt sich auch die oben zitierte Formulierung des Tacitus, dass Nero nach dem Scheitern von Gift als gegen Seneca einzusetzendes Tötungsmittel auf „Eisen“ zurückgegriffen habe. Auch hinsichtlich der Erwartungshaltung, die Tacitus mit diesem Hinweis beim Leser zu wecken beabsich‐ tigte, kann im Prinzip kein Zweifel bestehen. Den o. z. Hinweisen unmittelbar voraus geht eine knappe Notiz, in welcher Tacitus das Ende des Plautius Lateranus be‐ schreibt: Proximam necem Plautii Laterani consulis designati Nero adiungit, adeo pro‐ pere, ut non complecti liberos, non illud breve mortis arbitrium permitteret. Raptus in locum servilibus poenis sepositum manu Statii tribuni trucidatur, plenus constantis si‐ lentii nec tribuno obiciens eandem conscientiam.338 (Als nächste Tötung fügte Nero diejenige des designierten Konsuls Plautius Lateranus339 hinzu, und zwar so eilig, dass er ihm nicht die Umarmung seiner Kinder, nicht jenen kurzen Aufschub zur Wahl der Tötungsart gewährte. Er [Plautius Lateranus] wurde an einen für die Bestra‐ fung von Sklaven vorgesehenen abgelegenen Platz gezerrt und von der Hand des Tri‐ bunen Statius hingerichtet, unter beharrlichem Schweigen, insofern er [Plautius La‐ teranus] auch nicht dem Tribunen dieselbe Mitwisserschaft340 zum Vorwurf machte.) Diesem Zitat ist zu entnehmen, dass die angeblich von Nero angeordnete Tötung des Plautius Lateranus von einem Tribunen mit Namen Statius vollstreckt wurde. In‐ dem Tacitus jenen als Tribunen bezeichnet, charakterisiert er ihn als einen Soldaten. Da aber zur üblichen Bewaffnung eines jeden römischen Soldaten, auch im Rang ei‐ nes Offiziers, nicht zuletzt des Kommandeurs einer Kohorte von Prätorianern, der sog. gladius gehörte, ein sowohl zum Stechen wie zum Schneiden geeignetes Schwert mit einer ca. 30 cm langen Klinge, ist anzunehmen, dass der Tribun Statius Plautius Lateranus mittelst eines solchen Schwertes tötete. Daher ist davon auszugehen, dass Tacitus die Erwartungshaltung des Lesers im Falle der Tötung Senecas durch den Hinweis auf „Eisen“ als ein von Nero nach dem Scheitern von „Gift“ favorisiertes Tötungsmittel dahingehend zu konditionieren beab‐ 338 Vgl. Tac. ann, 60, 1; 339 Bezüglich weiterer Einzelheiten zu diesem Fall wird hier auf Kapitel 2 dieser Untersuchung verwie‐ sen. 340 In Tac. ann. 15, 50, 3 wird der „Tribun Statius“ unter dem Namen Gavius Silvanus als Tribun einer Prätorianerkohorte charakterisiert, welcher an derselben Stelle gewissermaßen dem „militärischen Arm“ der Verschwörung zugerechnet wird. Kapitel 1: Der Tod Senecas 60 sichtigte, dass er sich darauf einstellte, dass auch im Falle Senecas als Tötungsmittel der Einsatz eines römischen Kurzschwertes als Tötungsmittel zum Einsatz gelangen würde. Dennoch darf sich der Historiker durch Darstellungsgepflogenheiten von stilis‐ tisch geschulten Schriftstellern, wie sie heute auch von den Autoren moderner Krimi‐ nalromane eingesetzt werden, um die Aufmerksamkeit ihrer Leser zunächst auf „fal‐ sche Fährten“ zu locken, nicht in die Irre führen lassen. Er sollte, wie das auch hier beabsichtigt ist, die Frage der tatsächlich eingesetzten Tötungsmittel allein aufgrund der dargestellten Fakten zu beurteilen versuchen. Jedoch wollen wir an dieser Stelle, vor allem im Interesse der Vermeidung von Zirkelschlüssen, dem Lauf der Ereignisse nicht allzu weit vorauseilen und, bevor wir uns den im Zusammenhang der Tötung bzw. Selbsttötung Senecas selbst eingesetzten Tötungsmittel zuwenden, zunächst noch die unmittelbare Vorgeschichte dieser Vorgänge, so wie Tacitus darüber berichtet, ge‐ nauer untersuchen. Die unmittelbare Vorgeschichte von Senecas Suizid Im Rahmen der Vorgeschichte von Senecas Selbsttötung berichtet Tacitus zunächst darüber, – wie Nero überhaupt dazu kam, Seneca einer Verstrickung in die Pisonische Ver‐ schwörung zu verdächtigen341 und was Nero dann konkret unternahm, diesen Ver‐ dacht auf seine Stichhaltigkeit hin zu überprüfen, – und wie Nero im Anschluss daran trotz Ermangelung eines klaren Schuldbeweises den bereits erwähnten Tribunen Gavius Silvanus mit der Liquidierung Senecas be‐ auftragte342, bzw. wie sich der Tribun dieses Auftrages entledigte. Auf den ersten Blick mag eine genauere Kenntnis der von Tacitus berichteten Vorgän‐ ge für die Beurteilung der Frage einer ärztlichen Assistenz im Kontext des Ablebens Senecas nur bedingt von Nutzen sein, – dennoch darf im Hinblick auf die vor allem in der älteren Literatur verbreitete Auffassung, dass Seneca seinen finalen Suizid gerade‐ zu „inszeniert“ habe, nicht übersehen werden, dass eine möglichst genaue Rekon‐ struktion der „Vorgeschichte“ gute Voraussetzungen schaffen könnte für eine Über‐ prüfung der implizit in der o. e. Forschermeinung enthaltene Vorstellung, dass Seneca seinen Suizid sorgfältig geplant und vorbereitet habe und zu diesem Zweck von vorn‐ herein auch eine Involvierung des mit ihm befreundeten Arztes mit eingeplant habe. Tacitus erläutert seine These, dass Nero Seneca allenfalls der Verstrickung in die Pisonische Verschwörung verdächtigt habe, folgendermaßen: solus quippe Natalis et hactenus prompsit, missum se ad aegrotum Senecam, uti viseret conquerereturque, cur Pisonem aditu arceret: melius fore, si amicitiam familiari congressu exercuissent. et re‐ 1.1.3.2 3 4 1 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 3–61, 1; 3 4 2 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 2–4; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 61 spondisse Senecam sermones mutuos et crebra colloquia neutri conducere; ceterum salu‐ tem suam incolumitate Pisonis inniti.343 (Denn allein Natalis sagte aus, und auch nur soviel, dass er zu dem erkrankten Seneca geschickt worden sei, damit er ihn besuche und herauszubekommen versuche, warum er [Seneca] Piso den [unmittelbaren] Zu‐ gang verwehre: es würde sich als besser erweisen, wenn sie [Piso und Seneca] Freund‐ schaft gepflegt hätten, und zwar durch vertraute Zusammenkünfte, und Seneca habe darauf geantwortet, dass wechselseitige Unterredungen und häufige Besprechungen niemandem nützten; im übrigen beruhe sein [Senecas] eigenes Wohlergehen auf der Unversehrtheit Pisos.) Diese Aussage ist dahingehend zu verstehen, dass nach den Tacitus vorliegenden Informationen nur eine einzige Person Seneca belastet habe und das auch nur indi‐ rekt, durch die Erwähnung angeblich freundschaftlicher Kontakte zwischen Seneca und Piso und einer Beschwerde des letzteren darüber, dass Seneca diese Kontakte ir‐ gendwann abgebrochen habe. Zum besseren Verständnis dieser Aussage des Nata‐ lis344 ist darauf hinzuweisen, dass Natalis nach Tacitus als ein besonderer Vertrauens‐ mann Pisos, des angeblichen Kopfes der nach dem letzteren benannten Verschwörung galt345 und, wie sich E. Koestermann ausdrückt, wohl von Piso zu Seneca geschickt worden war, „um wegen einer Beteiligung an der Verschwörung vorzufühlen346.“ Natalis hatte sich nach Tacitus durch Geständnisse, bei denen er auch angebliche Mitver‐ schwörer belastete, die Aussicht erkauft, trotz eigener Belastung, im Zuge der Bestra‐ fung der Verschwörer selbst vielleicht mit dem Leben davon zu kommen347. Aber auch ungeachtet der besonderen Umstände, unter denen Natalis nach Taci‐ tus Seneca belastete, hätte jeder Ermittler, der allein auf der Grundlage beweisbarer Fakten zu beurteilen versuchte, ob Seneca in eine Verschwörung verwickelt war, Schwierigkeiten gehabt, auf der Grundlage der Angaben des Natalis darüber Klarheit zu gewinnen. Einerseits liegt auf der Hand, dass die „Information“, dass Piso sich über einen Mittelsmann bei dem angeblich erkrankten Seneca wegen der einseitigen Un‐ terbrechung ihrer früheren Kontakte beschwerte, Seneca dem Verdacht aussetzte, in die Verschwörung verstrickt zu sein. Auch die Seneca von Natalis in den Mund geleg‐ te Antwort, dass wechselseitige Unterredungen und häufige Besprechungen weder Pi‐ so noch ihm selbst nützten, - verbunden mit der scheinbar auf eine Beruhigung Pisos abzielenden Versicherung, dass er sein eigenes Wohlergehen als eng mit der Unver‐ sehrtheit Pisos verbunden erachte, hätte Seneca auch in den Augen eines unvoreinge‐ nommenen Ermittlers belastet. Andererseits hätte aber jeder verantwortungsbewusste Ermittler mit Rücksicht auf das offenkundige Interesse des Natalis, durch die Belastung anderer seine eigenen Aussichten auf Straffreiheit oder Strafmilderung zu verbessern, gezögert, dessen An‐ gaben besondere Beweiskraft zu zu ordnen, - bevor er nicht von dem Belasteten 343 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 3; vgl. dazu auch Koestermann, E., s. o. S. 297 f.. 344 Aus den o. g. Gründen gehen wir davon aus, dass Tacitus diese Angaben keineswegs frei „erfand“, sondern auf der Grundlage der ihm dazu vorliegenden Quellen „nachgestaltete“. 345 Vgl. Tac. ann. 15, 50, 3: Natalis particeps ad omne secretum Pisonis erat. 346 Vgl. Koestermann, E., s. o. S. 297. 347 Vgl. Tac. ann 15, 71, 1:... atque ille [Nero] … Natalis …festinata indicia impunitate remuneratur. Kapitel 1: Der Tod Senecas 62 selbst, in irgend einer Form eine Bestätigung dafür erhalten hätte, dass sich der Dia‐ log zwischen ihm und Natalis in der von dem Letzteren geschilderten Art und Weise abgespielt habe. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung verdient aber Beachtung, dass sich Nero nach Tacitus im Falle der Überprüfung der Seneca belastenden Aussagen des Natalis, exakt so verhielt wie ein solcher Ermittler: Er entsandte den Tribunen einer Prätoria‐ nerkohorte zu Seneca, mit dem Auftrag, von diesem eine Stellungnahme zu den An‐ gaben des Natalis zu verlangen: haec ferre Gavius Silvanus tribunus praetoriae cohortis, et an dicta Natalis suaque responsa nosceret percunctari Senecam iubetur. is forte an prudens ad eum diem ex Campania remeaverat quartumque apud lapidem suburbano rure substiterat. illo propinqua vespera tribunus venit et villam globis militum saepsit; tum ipsi com Pompeia Paulina uxore et amicis duobus epulanti mandata imperatoris edidit.348 (Diese [Informationen über die Aussage des Natalis] sollte Gavius Silvanus, der Tribun einer Prätorianerkohorte, [Seneca] überbringen, und Seneca vernehmen, ob er das von Natalis Gesagte und auch seine eigenen Entgegnungen bestätigen kön‐ ne. Dieser [Seneca] war zufällig oder klug berechnend an diesem Tag aus Kampanien zurückgekehrt und hatte beim vierten Meilenstein auf einem Landgut unmittelbar vor der Stadt einen Halt eingelegt. Dorthin kam am nächsten Abend der Tribun und schloss das Landhaus mit Haufen von Bewaffneten ein. Dann überreichte er ihm [Se‐ neca] persönlich, während er mit seiner Gemahlin und zwei Freunden dinierte, den Befehl des Kaisers, [ihn zu verhören]). Dass sich Nero in der besagten Angelegenheit tatsächlich so verhielt, wie von Ta‐ citus an dieser Stelle dargestellt, sollte nicht in Frage gestellt werden, weil die Art des auktorialen Erzählens, in der Tacitus darüber berichtet, die Annahme rechtfertigt, dass der Historiker entsprechende Informationen in allen von ihm benutzten Quellen vorfand. Andererseits weist der Fall Seneca im Vergleich mit „normalen“ Ermittlun‐ gen auf dem Gebiet politisch motivierter Delikte Eigentümlichkeiten auf, die im Kon‐ text der Überprüfung der Glaubwürdigkeit der diesbezüglichen Angaben des Tacitus nicht übersehen werden dürfen. Der gescheiterte Giftanschlag des Jahres 64 n. Chr. lässt darauf schließen, dass Ne‐ ro schon seit jener Zeit davon ausging, dass ihm von seinem ehemaligen Erzieher Ge‐ fahren drohten, unabhängig davon, wie jener sich in einer Krisensituation ihm gegen‐ über verhalten würde. Denn auch in dem Falle, dass sich Seneca selbst ihm gegenüber loyal verhielt, war nicht auszuschließen, dass die Angehörigen einer gegen ihn gerich‐ teten Verschwörung versuchen würden, Seneca auf ihre Seite zu ziehen oder sogar als Aushängeschild ihrer gegen Nero gerichteten Bestrebungen zu missbrauchen. Daher ist davon auszugehen, dass Nero dafür sorgte, dass seine Spione ihn über alles, was Seneca tat und unterließ, nicht zuletzt über dessen jeweiligen Aufenthaltsort, stets auf dem Laufenden hielten. Und daraus wiederum erklärt es sich, dass es dem mit der Befragung Senecas be‐ auftragten Tribunen Gavius Silvanus offensichtlich keine besondere Anstrengungen abverlangte, diesen aufzuspüren, und zwar in einem Landhaus, nur wenige km vom 348 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 4; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 63 Zentrum der Stadt entfernt, obwohl Seneca, wie Tacitus hervorhebt, erst an demsel‐ ben Tag von Kampanien aus, wo er sich kurz zuvor noch aufgehalten hatte, dorthin zurückgekehrt war349. Auch dass sich Seneca vorher in Kampanien aufgehalten hatte, machte ihn aus der Sicht Neros verdächtig, da auch Piso im kampanischen Baiae ein Landhaus besaß, in welchem entscheidende Verabredungen über die konkrete Vorge‐ hensweise bei dem von den Verschwörern geplanten Sturz Neros verabredet worden waren350, – was Nero zum Zeitpunkt des Verhörs Senecas wahrscheinlich schon längst wusste. Weitere Eigentümlichkeiten des von Nero im Falle Senecas dem Gavius Silvanus erteilten „Ermittlungsauftrages“ bestanden darin, dass auch dieser Tribun nach den Angaben des Tacitus zum „militärischen Arm“ der Pisonischen Verschwörung gehör‐ te351, und – was vielleicht noch wichtiger ist, – dass Nero zu dem Zeitpunkt, als er Gavius Silvanus mit dem Verhör Senecas beauftragte, schon darüber im Bilde war, dass auch „sein Ermittler“ zum Kreis der Verschwörer gehörte352. Dass Nero ausgerechnet einen selbst der Verstrickung in die Verschwörung über‐ führten hohen Gardeoffizier mit der Durchführung einer gegen einen anderen Ver‐ dächtigen gerichteten Ermittlungen beauftragte, eröffnete dem Kaiser natürlich die Möglichkeit, versteckt auch gegen den Ermittler selbst zu ermitteln, ohne dass dieser davon Kenntnis erhielt, dass auch gegen ihn ermittelt wurde. Dass es dem Gavius Silvanus angeblich trotz der o. g Schwierigkeiten verhältnis‐ mäßig schnell gelang, Seneca „aufzustöbern“, scheint sogar Tacitus ein wenig irritiert zu haben353 – aber gerade diese Irritationen des Tacitus scheinen zu belegen, dass der Historiker entsprechende Informationen in den von ihm benutzten Quellen vorfand und dass er deren Wahrheitswert nicht bezweifelte, obwohl sie ihn nachdenklich wer‐ den ließen, wie Seneca am Tage seines Verhörs durch Gavius Silvanus in der unmittel‐ baren Nachbarschaft Roms von einem Mitverschwörer aufgespürt werden konn‐ te, 354ohne selbst ebenfalls ein Verschwörer zu sein, – oder ob ihn irgendein ausgeklü‐ gelter Vorsatz dazu gebracht hatte, sich dort einzufinden, wo Gavius Silvanus ihn schließlich antraf. 349 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 4–5; 350 Vgl. Tac. ann. 15, 52, 1: Coniuratis …. placitum maturare caedem apud Baias in villa Pisonis... 351 Vgl. Tac. ann. 15, 50, 3: adscitae sunt … militares manus Gavius Silvanus et Statius Proxumus tribu‐ ni cohortium praetoriarum... 352 Über die Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung und über die Enttarnung der Verschwörer berichtete Tacitus bereits in ann. 15, 55–58; 353 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 4: is [Seneca] forte an prudens ad eum diem ex Campania remeaverat.... 354 In der Literatur wird darüber spekuliert, ob es sich bei dem Landgut, auf dem Silvanus Seneca an‐ geblich antraf, um das auch bei Sen. epist. 104, bzw. Plin. nat 14, 51 erwähnte Nomentanum gehan‐ delt haben könnte. E. Koestermann (S. o. Bd. 4, S. 298;) hält das wegen der größeren Entfernung von Nomentum – m. E. zu Recht – für zweifelhaft. Die auf das antike Nomentum zurückgehende heute ca. 20 Ts. Einwohner zählende und an der via Nomentana zu findende Stadt Mentana liegt 29 km nordöstlich der heutigen Stadtgrenze von Rom, während Seneca von Kampanien aus, also aus südlicher Richtung kommend, die via Appia benutzt haben müsste, und, falls er, wie von Tacitus bezeugt, am vierten Meilenstein haltgemacht haben sollte, nur ca. 6 km goldenen Meilenstein ent‐ fernt, auf jeden Fall südlich bzw. südöstlich des antiken Stadtmittelpunktes von Silvanus angetrof‐ fen worden sein müsste. Kapitel 1: Der Tod Senecas 64 Um diese Irritationen besser verstehen zu können, muss man sich genauer in die Rolle eines Historikers versetzen, der zwar fest davon überzeugt ist, dass Seneca an der Verschwörung nicht beteiligt war, aber dennoch in den von ihm benutzten Quel‐ len die Information vorfindet, dass Seneca ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, zu wel‐ chem der Anschlag auf Nero stattfinden sollte, sich selbst in die Nähe des Ortes begab, wo er hätte stattfinden sollen, – wobei die Verschwörung aber zu jenem Zeitpunkt be‐ reits gescheitert war. Natürlich könnte ein Zufall zu einem derartigen Zusammen‐ treffen von Ereignissen geführt haben. Auf der anderen Seite scheint es selbst unter der Prämisse, dass Seneca sich aktiv an der Verschwörung nicht beteiligte, kaum vorstellbar, dass er als ein „mit allen Was‐ sern gewaschener Politiker“, der über einen längeren Zeitraum hinweg im Zentrum der Macht gestanden hatte und in jener Zeit zahlreiche persönliche Kontakte zu hochrangigen und gut informierten Persönlichkeiten geknüpft hatte, von den Vorbe‐ reitungen der Pisonischen Verschwörung überhaupt nichts mitbekommen haben soll‐ te. Indizien dafür, dass Seneca vielleicht doch nicht ganz so ahnungslos war, wie er sich später stellte, liefert Tacitus selbst, aber erst im Anschluss an die Darstellung von Senecas Ableben. Tacitus erwähnt ein Gerücht, dessen Inhalt er aber trotz der in die‐ ser Charakterisierung der Nachricht liegenden Vorbehalte gegen deren Glaubwürdig‐ keit 355 seinen Lesern nicht verschweigen zu dürfen glaubt: Fama fuit Subrium Flavum cum centurionibus occulto consilio, neque tamen ignorante Seneca, destinavisse, ut post occisum opera Pisonis Neronem Piso quoque interficeretur tradereturque imperium Se‐ necae, quasi insonti et claritudine virtutum ad summum fastigium delecto356. (Es ging das Gerücht, dass Subrius Flavus357 gemeinsam mit den Zenturionen in einem gehei‐ men Plan bestimmt habe, trotzdem nicht ohne Wissen Senecas358, dass nach der un‐ ter Mitwirkung Pisos erfolgten Tötung Neros Piso ebenfalls getötet werde und die Kaiserherrschaft dann Seneca übergeben werde, als einem gleichsam unschuldigen [d. h. an dem Attentat unbeteiligten] und wegen der Berühmtheit seiner Tugenden für die Staatsspitze ausgewählten359 Mann.) 355 Vgl. Tac.ann.15, 65: „Fama fuit ….“ Durch diese Formel charakterisiert Tacitus das Folgende zwar als ein Gerücht, aber durch die Verwendung des Perfekts „fuit“ als ein historisch relevantes Ge‐ rücht, von dem Tacitus – ungeachtet seiner inhaltlichen Substanz – anzunehmen scheint, dass es das Verhalten der damals handelnden historischen Persönlichkeiten nicht unbeeinflusst ließ. 356 Vgl. Tac. Ann. 15, 65, Z. 26–31; zur inhaltlichen Relevanz dieses Gerüchts, vgl. Koestermann, E., s. o. Bd. 4, S. 309 (mit weiterführender Literatur). 357 Zur Rolle des Subrius Flavus im Rahmen des Pisonischen Verschwörung vgl. auch: Tac.ann. 15, 49. 50. 67. Nach Tac. ann. 15, 67 wurde der Tribun Flavus wegen seiner Beteiligung an der Verschwö‐ rung von dem ihm gleichrangigen Veianius Niger enthauptet:... cum vix duobus ictibus caput ampu‐ tavisset. 358 Die Frage, ob im Widerspruch zu der von Tacitus gewahrten Distanz zu dem Gerücht, nicht viel‐ leicht doch aktiv in die Verschwörung verstrickt gewesen sein könnte, ist umstritten, soll aber hier nicht abschließend beurteilt werden, da sie aus dem Blickwinkel des Medizinhistorikers als nach‐ rangig zu beurteilen ist. Vgl. zu dieser Kontroverse: Koestermann, E., s. o. Bd. 4, S. 309 f.. 359 Anstelle der von E. Koestermann bevorzugten Lesart „delecto“ erscheint in der Handschrift „L“ das Wort „electo“, was aber für die Ermittlung der Semantik der ganzen Textstelle ohne Belang sein dürfte. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 65 Nach der in diesem Zitat überlieferten Nachricht scheint aus dem Kreise der Zen‐ turionen der von dem Tribunen Gavius Silvanus geführten Kohorte das Gerücht ver‐ breitet worden zu sein, dass die Hauptabsicht einiger Verschwörer gar nicht darin be‐ standen habe, Piso auf den Thron der Caesaren zu setzen, sondern in der Erwartung, dass Piso sich dort würde kaum lange behaupten können, in Wirklichkeit Seneca, wo‐ bei Tacitus allerdings hervorhebt, dass Seneca von diesem Plan nichts gewusst habe. Gerade im Hinblick auf die Versicherung des Tacitus stellt sich die Frage, wieso sich Tacitus so sicher war, dass ausgerechnet Seneca von jenen Gerüchten nichts gewusst hatte, obwohl jener sich während der gesamten Vorbereitungen der Verschwörung immer nicht allzu weit von den Orten des jeweiligen Geschehens entfernt aufhielt: Während der zahlreichen Planungsrunden zu dem Putsch, die oft in Kampanien statt‐ fanden, hielt sich auch Seneca in Kampanien auf und ausgerechnet, als das im Zusam‐ menhang der Verschwörung geplante Attentat auf Nero stattfinden sollte, aber unmit‐ telbar vorher aufgedeckt wurde, begab sich auch Seneca zu einem Landgut vor den Toren Roms, von dem aus der Ort des Attentats nur wenige Meilen entfernt, im Be‐ darfsfall in nur wenigen Minuten zu erreichen gewesen wäre. Daher sollte man sich zum besseren Verständnis der Versicherung des Tacitus, dass Seneca von den ihn betreffenden Überlegungen einiger Verschwörer nichts ge‐ wusst habe360, vor Augen führen, dass Tacitus das Gerücht selbst durch die Formulie‐ rung Fama fuit361 als eine historische Tatsache charakterisierte und es zu den charak‐ teristischen Merkmalen von Gerüchten gehört, dass sie sich schneller verbreiten als jede andere Nachricht, und zwar ohne dass man die Urheber für die gerüchteweise Weitergabe von bestimmten Nachrichten dafür zur Rede stellen und zur Verantwor‐ tung ziehen könnte, und auch ohne jede Chance für die von den jeweiligen Gerüch‐ ten betroffenen Kreise, deren Inhalt durch Dementis aus dem kommunikativen Ver‐ kehr zu ziehen. Mit anderen Worten: Man wird die o. z. Angaben des Tacitus sicher‐ lich so verstehen dürfen, dass die Planspiele einiger Verschwörer bezüglich der Rolle Senecas als eines möglichen Kandidaten für die Nachfolge Neros bzw. Pisos als Kaiser ohne dessen Wissen und Mitwirkungen stattfanden, aber andererseits keinesfalls so, dass Seneca bezüglich solcher Planspiele völlig ahnungslos gewesen wäre. Berücksichtigt man ferner, dass das hier in Rede stehende Gerücht in einem Per‐ sonenkreis aufkam, der so groß war362, dass die unautorisierte Weiterverbreitung dort umlaufender „Informationen“ vor allem innerhalb der Prätorianergarden kaum noch zu kontrollieren war, darf man voraussetzen, dass sie schon sehr bald auch in den dem Ofonius Tigellinus ergebenen Abteilungen der Prätorianergarden zirkulierten 360 S. o. Tac. ann. 15, 65: … neque tamen ignorante Seneca... 361 S. o. Tac. ann. 15, 65; 362 Geht man einmal davon aus, dass es zur Zeit Neros 12 Prätorianerkohorten gab, von denen jede in drei Manipel zu je zwei von einem Zenturio angeführten Zenturien untergliedert war, dann ergibt sich daraus, dass an der Besprechung von Zenturionen einer einzigen Prätorianerkohorte schon mindestens 6 Personen teilnahmen (Neumann, A. R.: Cohors. In: KIP Bd. 1, Sp. 1242–1243;), so dass in einem solchen Kreis aufgebrachte Gerüchte auf dem Wege vertraulicher Gespräche unter gleichrangigen Kameraden in kürzester Frist von nicht weniger als 72 die Verschwörung teils un‐ terstützender, teils aber auch bekämpfender Zenturionen weiter verbreitet werden konnten. Kapitel 1: Der Tod Senecas 66 und auf diese Weise auch Nero selbst zur Kenntnis gelangten, spätestens bis zu jenem Zeitpunkt, zu welchem Nero Gavius Silvanus damit beauftragte Seneca über dessen Kontakte zu Piso zu befragen. Erst vor dem Hintergrund der Kenntnis derartiger Gerüchte wird aus heutiger Sicht verständlich, dass das schon seit längerem bestehende Misstrauen Neros gegen‐ über der Loyalität Senecas sich nach der Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung, vor allem unter dem Eindruck des Eingeständnisses des Natalis, zwischen Piso und Seneca eine Art Vermittlerrolle wahrgenommen zu haben363, zu einem „dringenden Tatverdacht“ verdichtete, der einer umgehenden Überprüfung bedürftig zu sein schien, obwohl aufgrund der von Tacitus überlieferten Reaktionen Neros auf den Be‐ richt des Gavius Silvanus über seine Befragung Senecas kaum ein Zweifel daran beste‐ hen kann, dass Nero damals längst entschlossen war, Seneca beseitigen zu lassen, be‐ vor er ihn durch Gavius Silvanus wegen möglicher Kontakte zur Rede stellen ließ: Denn Tacitus berichtet, dass Nero dem Gavius Silvanus kaum noch Fragen zu dem Bericht gestellt habe, außer dass er sich bei dem Tribunen noch erkundigt habe, ob seiner Meinung nach Seneca einen Suizid vorbereite, und nachdem der Tribun diese Frage verneint hatte, er diesen erneut zu Seneca geschickt habe, um ihm die Notwen‐ digkeit zu sterben zu „verkünden“364. Auch die Entsendung eines bereits enttarnten Mitverschwörers als Ermittler lässt eigentlich nur einen Schluss zu, dass sich Nero für die Antwort Senecas auf die Vor‐ haltungen wegen möglicher Kontakte zu Piso gar nicht mehr interessierte, sondern le‐ diglich für die Reaktionen, die er damit auslöste, sowohl bei Gavius Silvanus als auch bei Seneca. Denn die Befragung Senecas über seine Kontakte zu Piso hätte sowohl dem Tribunen als auch Seneca selbst signalisieren müssen, dass die Verschwörung aufgedeckt sei und ihnen früher oder später eine Festnahme und eine entsprechende Bestrafung drohte, sofern sie sich einer solchen nicht vorher durch einen Suizid ent‐ zogen. Zumindest im Falle Senecas scheint Nero nach Tacitus eine solche Reaktion auch erwartet zu haben, da er ansonsten den Tribunen kaum eigens danach gefragt hätte Denn wenn Nero der Frage, ob Seneca das Kontaktwerben Pisos in irgendeiner Form positiv beantwortet habe, wirkliche Bedeutung beigemessen hätte, hätten ihn zumindest die darüber von Gavius Silvanus erteilten Auskünfte von der unbedingten Loyalität Senecas überzeugt haben müssen. Nach Tacitus antwortete Seneca auf die Vorhaltungen des Gavius Silvanus zunächst Folgendes: Seneca missum ad se Natalem conquestumque nomine Pisonis, quod a visendo eo prohiberetur, seque rationem valetu‐ dinis et amorem quietis excusavisse respondit.365 (Seneca antwortete, Natalis sei zu ihm geschickt worden und habe sich im Namen Pisos beklagt, dass er [Piso] an einem Be‐ such bei ihm gehindert, und dass er dies mit der Rücksicht auf seine Gesundheit und auf sein Ruhebedürfnis entschuldigt habe.) 363 Vgl. dazu auch: Tac. ann. 15, 56, 2:...Natalis … sive internuntius inter eum [scil. Senecam] Pisonem‐ que fuit. 364 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 2; 365 Vgl. Tac ann. 15, 61, 1; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 67 Seneca bestätigte demnach, dass Natalis bei ihm im Auftrage Pisos vorgesprochen habe, betonte gleichzeitig aber auch, dass er sich unter Hinweis auf gesundheitliche Rücksichten und eigenes Ruhebedürfnis geweigert habe, Piso persönlich zu empfan‐ gen. Vergleicht man jedoch die Seneca an dieser Stelle in den Mund gelegten Formu‐ lierungen mit den Angaben des Natalis dazu genauer, so sind Unterschiede zwischen den Angaben des Natalis und den Selbstauskünften Senecas unübersehbar: Seneca war nach Tacitus nicht bereit, gegenüber Gavius Silvanus zu bestätigen, dass Natalis im Auftrag Pisos auch auf die angeblich zwischen ihm und Piso bestehende Freund‐ schaft zu sprechen gekommen war366. Auch bezüglich anderer Einzelheiten des Gesprächs zwischen Natalis und Seneca sind nach Tacitus zwischen den Angaben des Natalis und Senecas bemerkenswerte Abweichungen zu beobachten. Während Natalis nach Tacitus gegenüber Nero be‐ hauptete, Seneca habe den Nutzen von persönlichen Treffen für beider Freundschaft, nicht aber die Freundschaft bestritten, indem er zu erkennen gegeben habe, dass sein eigenes Wohl auf dem Wohl und Wehe Pisos beruhe367, stellte Seneca gegenüber Ga‐ vius Silvanus angeblich unmissverständlich klar, dass er sich von dem Freundschafts‐ werben Pisos deutlich distanziert habe, wobei besondere Beachtung verdient, dass Se‐ neca gegenüber Natalis Piso auch nicht ansatzweise als einen „Freund“ bezeichnet ha‐ ben will, sondern allenfalls als „Privatmann“: Cur salutem privati hominis incolumitati suae anteferret, causam non habuisse; nec sibi promptum in adulationes ingenium368. (Warum er das Wohlergehen eines Privatmannes seinem eigenen hätte voranstellen sollen, dafür habe er keinen Grund gehabt; und zu Schmeicheleien fehle ihm der dazu neigende Charakter;) Durch die Bezeichnung Pisos als „Privatmann“ in Verbindung mit der Verweige‐ rung der unter Politikern damals üblichen Bezeichnung „Freund“ distanzierte sich Seneca nach Tacitus von Piso gegenüber Gavius Silvanus in diesen geradezu verletzen‐ der Form und verschärfte den Eindruck dieser Distanzierung noch durch einen be‐ merkenswerten Hinweis auf seine Freimütigkeit, selbst dem Kaiser gegenüber: idque nulli magis gnarum quam Neroni, qui saepius libertatem Senecae quam servitium ex‐ pertus esset. (dies sei niemandem besser bekannt als Nero, der öfter die Bekanntschaft mit der [inneren] Freiheit Senecas gemacht habe, als mit dessen Bereitschaft zu blin‐ dem Gehorsam.) Nach Tacitus beantwortete Seneca die Frage nach dem Charakter seiner Bezie‐ hungen zu Piso also so, dass daraus für eine verschwörerische Verstrickung Senecas ein wirklich unvoreingenommener Ermittler hätte nicht die geringsten Anhaltspunk‐ te ableiten können. Doch dafür interessierte sich Nero nach Tacitus anscheinend schon gar nicht mehr: ubi haec a tribuno relata sunt Poppaea et Tigellino coram, quod erat saevienti principi intimum consiliorum, interrogat an Seneca voluntariam mortem pararet369. (Sobald dies von dem Tribunen vorgetragen worden war, in Gegenwart 366 Vgl. Tac. ann.15, 60, 3: melius fore, si amicitiam familiari congressu exercuissent 367 S. o. Tac. ann. 15, 60, 1: ceterum salutem suam incolumitate Pisonis inniti. 368 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 1; 369 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 2; Kapitel 1: Der Tod Senecas 68 Poppaeas und Tigellinus´, welche für den wütenden Kaiser den innersten Kreis der Ratgeber bildeten, stellte dieser die Frage, ob Seneca einen Freitod vorbereite.) Nero interessierte sich nach Tacitus in Wirklichkeit damals nur noch dafür, ob Seneca, nachdem ihm durch die Befragung über seine Beziehungen zu Piso signali‐ siert worden war, dass dessen Verschwörung aufgedeckt worden war, schon Anstalten machte, sich selbst zu töten oder ob es eventuell nötig sei, die Notwendigkeit einer solchen Entscheidung von außen an ihn heranzutragen. Um so enttäuschender fiel nach Tacitus für Nero die Antwort aus, die ihm Gavius Silvanus auf seine entspre‐ chende Nachfrage erteilte: Tum tribunus nulla pavoris signa, nihil triste in verbis eius aut vultu deprensum confirmavit370. (Daraufhin versicherte der Tribun, dass keinerlei Zeichen von Verängstigung von ihm beobachtet worden seien, nichts Trauriges weder in seinen Worten noch in seiner Miene.) - woraufhin Nero dann ebenso prompt wie für den Tribunen wahrscheinlich überraschend entschied, dass Seneca unverzüglich zu liquidieren sei: ergo regredi et indicere mortem iubetur.371 (also erteilte man ihm den Befehl zurückzukehren und [Seneca] den Tod anzusagen372.) Dass diese Entscheidung zumindest den Tribunen völlig überrascht haben muss, lässt sich nicht zuletzt daran ablesen, dass dieser sich nach den Angaben des Tacitus zunächst unschlüssig war, ob er dieser Anordnung Neros überhaupt Folge leisten sol‐ le: tradit Fabius Rusticus373 non eo quo venerat itinere reditum a tribuno, sed flexisse ad Faenium praefectum374 et expositis Caesaris iussis an obtemperaret interrogavisse, mo‐ nitumque ab eo ut exsequeretur, fatali omnium ignavia. nam et Silvanus inter coniura‐ tos erat augebatque scelera, in quorum ultionem consenserat. voci tamen et aspectui pe‐ percit intromisitque ad Senecam unum ex centurionibus, qui necessitatem ultimam den‐ untiaret.375 (Fabius Rusticus überliefert, dass der Tribun nicht auf dem Weg, auf dem er gekommen war, [zu Seneca] zurückgekehrt sei, sondern zu dem Präfekten Faenius abgebogen sei376 und diesen, nachdem ihm die Befehle Neros dargelegt worden seien, 370 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 2 371 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 2; 372 Die an dieser Stelle zur Bezeichnung des dem Tribunen erteilten Tötungsauftrags benutzte Formu‐ lierung „indicere mortem“ gibt keinen genaueren Aufschluss darüber, ob der Tribun Seneca selbst töten sollte oder ob dieser Befehl ihm auch die Möglichkeit einschloss, dem Philosophen die To‐ desart selbst wählen zu lassen, auf Wunsch auch einen Suizid zu verüben. E. Koestermann (S. o. Bd. 4, S. 300;) spricht sich dafür aus, diese Formel als bedeutungsgleich mit der Formulierung qui ne‐ cessitatem ultimam nuntiaret (Tac. ann. 15, 61, 4;) aufzufassen, welche aber ebenso wenig Klarheit darüber verschafft, ob der von Nero dem Gavius Silvanus erteilte Befehl die Gewährung des Rech‐ tes zur Selbsttötung inkludierte. 373 Zu Fabius Rusticus vgl. die obigen Ausführungen zu den Quellen des Tacitus; vgl. Kap. 1.0; 374 Nach dem Tode des Burrus hatte Nero das Amt des Prätorianerpräfekten doppelt besetzt, von de‐ nen einer Ofonius Tigellinus (Vgl. Tac. ann. 14, 51;) war, der andere Faenius Rufus (S. ebda.), wel‐ cher auch unter den Teilnehmern der Pisonischen Verschwörung genannt wird (Tac. ann. 15, 15, 50;). 375 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 3–4; 376 Zum Zwecke der Besprechung mit Faenius Rufus hätte Gavius Silvanus eigentlich mehr als nur einen Umweg in Kauf nehmen müssen, insofern er von der sog. domus aurea, dem Palast Neros, wo er die Befehle zur Tötung Senecas entgegennahm, sich sogar in die entgegengesetzte Richtung hätte begeben müssen, da Senecas Landhaus von dort aus in südlicher Richtung zu erreichen war, das Prätorianerlager jedoch in nordöstlicher, also in nahezu entgegengesetzter Richtung; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 69 gefragt habe, ob er gehorchen solle, und er sei von diesem ermahnt worden, dass er sie ausführe, aus einer für alle schicksalhaften Feigheit. Denn auch Silvanus gehörte zu den Verschworenen und vermehrte so die Verbrechen, in deren Rache er eingewil‐ ligt hatte. Dennoch entzog er sich der Möglichkeit einer Ansprache und des Anblicks [des Opfers] und schickte zu Seneca einen von den Zenturionen, damit er [diesem] die letzte Notwendigkeit melde.) Nach diesen Angaben des Tacitus, für die sich der antike Historiker allerdings ausschließlich auf ein Zeugnis des Fabius Rusticus beruft, überraschte die Erteilung dieses Befehls den Tribunen so sehr, dass er es für notwendig erachtete, sich zu dessen Ausführung vorher erst noch der Zustimmung seines unmittelbaren Dienstvorgesetz‐ ten zu versichern, des zweiten Prätorianerpräfekten Faenius Rufus, der wie er selbst, ebenfalls zu den Verschwörern377 gehörte. Sowohl das in diesem Zitat beschriebene Verhalten des Gavius Silvanus als auch die Reaktion des Faenius Rufus scheinen zu belegen, dass zumindest diese beiden Offiziere Seneca als einen der Ihren ansahen, aber dennoch die Ausführung von Neros Befehl für unausweichlich hielten, wenn sie sich durch eine Befehlsverweigerung nicht selbst als Mitglieder der Verschwörung ou‐ ten wollten. Tacitus tadelt dieses Verhalten der beiden Offiziere freilich als eine „für alle schicksalhafte Feigheit (fatali omnium ignavia). Er scheint wohl der Ansicht gewesen zu sein, dass zumindest Gavius Silvanus durch ein beherzteres Verhalten im Falle Se‐ necas die Sache der Verschwörer zu jenem Zeitpunkt noch hätte zu einem guten Ende hätte führen können. Denn er charakterisiert dessen Verhalten geradezu als ein Ver‐ brechen: nam et Silvanus inter coniuratos erat augebatque scelera, in quorum ultionem consenserat.378 (Denn auch Silvanus gehörte zu den Verschworenen und vermehrte so die Verbrechen, in deren Rache er eingewilligt hatte.) Aus heutiger Sicht müsste man im Hinblick auf das Verdikt des Tacitus natürlich die Frage nach möglichen Alternativen für das tatsächliche Verhalten des Gavius Sil‐ vanus stellen. Berücksichtigt man die von Tacitus selbst als Gerücht charakterisierte Nachricht, nach welcher einer der Verschwörer, ein Tribun mit Namen Subrius Flavi‐ us379 bei seinen Zenturionen die Parole ausgegeben hatte, dass nach dem gegebenen‐ falls erfolgreichen Putsch gegen Nero auch Piso zu beseitigen sei, um Seneca den Prin‐ zipat zu überlassen380, drängt sich die Vermutung auf, ob Tacitus die Chance dafür auch nach der Enttarnung Pisos noch für realistisch hielt. Auch die von Tacitus dem Gavius Silvanus auf die Frage Neros nach etwaigen Selbsttötungsabsichten Senecas in den Mund gelegte Antwort spricht nicht unbedingt dafür, dass Seneca seine eigene Situation nach dem ersten Verhör durch den Tribunen für besonders bedrohlich hielt: tum tribunus nulla pavoris signa, nihil triste in verbis eius aut vultu deprensum confirmavit381. 377 Vgl. Tac. ann. 15, 50, 3: sed summum robur in Faenio Rufo praefecto videbatur,... 378 S. o. Tac. ann. 15, 61,3–4; 379 Vgl. Tac. ann. 15, 49; 380 Vgl. Tac. ann. 15, 65: Fama fuit Subrium Flavium … destinavisse, ut post occisum opera Pisonis Ne‐ ronem Piso quoque interficeretur tradereturque imperium Senecae... 381 Vgl. Tac. ann. 15, 61, 2; Kapitel 1: Der Tod Senecas 70 (Daraufhin versicherte der Tribun, dass keinerlei Zeichen von Verängstigung von ihm beobachtet worden seien, nichts Trauriges weder in seinen Worten noch in seiner Miene.) Dass der Tribun am Ende seines ersten Besuchs in Senecas Landhaus bei diesem „keinerlei Zeichen von Verängstigung“ beobachten konnte, lässt im Wesentlichen nur zwei Deutungen zu: Entweder Seneca war sich im Hinblick auf den Vorwurf von Kon‐ takten zu Piso und anderen Verschwörern wirklich keinerlei Schuld bewusst oder aber er hatte das Gefühl, durch die Antwort, die er diesbezüglich dem Tribunen gege‐ ben hatte, jeden Anhaltspunkt für eine entsprechenden Verdacht erfolgreich aus dem Wege geräumt zu haben und die Chance, Nero zu stürzen, bestehe trotz der Enttar‐ nung Pisos nach wie vor. Jedenfalls legt die von Gavius Silvanus nach Tacitus bei Sene‐ ca beobachtete entspannte Stimmung den Schluss nahe, dass der Philosoph, nachdem der Tribun unverrichteter Dinge sein Landhaus wieder verlassen hatte, mit weiteren gegen ihn persönlich gerichteten Maßnahmen Neros nicht mehr rechnete, ungeachtet der hochspekulativen Frage, wie er reagiert hätte, wenn ihm der Tribun bei seinem 2. Besuch, statt Seneca den Tötungsbefehl Neros zu überbringen, den Vorschlag unter‐ breitet hätte, sich nach der Inhaftierung Pisos selbst an die Spitze der gegen das Kai‐ sertum Neros gerichteten Verschwörung zu stellen. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Vorgeschichte des Ablebens Sene‐ cas jedoch für die Beurteilung der Frage nach den Möglichkeiten der Involvierung ei‐ nes Arztes in die Tötung Senecas? Senecas Selbsttötungsbemühungen Über die Reaktion Senecas auf die Übergabe des Todesbefehls382 Neros an ihn berich‐ tet Tacitus zunächst Folgendes: Ille interritus poscit testamenti tabulas; ac denegante centurione conversus ad amicos, quando meritis eorum referre gratiam prohiberetur, quod unum iam et tamen pulcherrimum habeat, imaginem vitae suae relinquere testa‐ tur, cuius si memores essent, bonarum artium famam tam constantis amicitiae laturos. simul lacrimas eorum modo sermone, modo intentior in modum coercentis ad firmitu‐ dinem revocat, rogitans ubi praecepta sapientiae, ubi tot per annos meditata ratio ad‐ 1.1.3.3 382 Der unscharfe Ausdruck „Todesbefehl“ zur Bezeichnung des nach Tacitus von Nero dem Gavius Silvanus erteilten Auftrags, für die Liquidierung Senecas zu sorgen, erfolgt absichtlich, da die von Tacitus dazu verwendeten Ausdrücke indicere mortem (Tac. ann. 15, 61, 2;) und qui necessitatem ultimam denuntiaret (Tac. ann. 15, 61,4) wenig Aufschluss über den tatsächlichen Inhalt der tat‐ sächlich von Nero erteilten Befehle geben, vor allem nicht hinsichtlich der medizingeschichtlich bedeutsamen Frage, ob Gavius Silvanus den Auftrag hatte, Seneca selbst zu töten oder töten zu las‐ sen, oder ob er Seneca vorher noch Gelegenheit geben sollte, über die Art seiner Tötung selbst zu entscheiden oder sich sogar selbst zu töten. Der im Zusammenhang der Darstellung der Tötung des Plautius Lateranus von Tacitus gegebene Hinweis, dass diesem noch nicht einmal illud breve mortis arbitrium (Tac. ann.15, 60, 1;) eingeräumt worden sei, ließe sich als Vorwegnahme dessen deuten, dass Seneca selbst eine solche Möglichkeit gegeben wurde, aber ob dies auch den von Nero erteilten Befehl entsprach oder nur dadurch ermöglicht wurde, dass der von Gavius Silvanus mit der Ausführung des Befehls beauftragte Zenturio durch die Situation, in welcher er Seneca antraf, überfordert und nicht in der Lage war, zu verhindern, dass Seneca sich selbst zu töten begann, lässt sich heute nicht mehr mit letzter Sicherheit entscheiden. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 71 versum imminentia? cui enim ignaram fuisse saevitiam Neronis? neque aliud superesse post matrem fratremque interfectos, quam ut educatoris praeceptoris necem adiceret.383 (Jener verlangte unerschrocken nach den Tafeln eines Testaments384; als der Zenturio dagegen aber Einspruch erhob385, wandte er sich an die Freunde; da er daran, deren Verdienste zu entgelten, gehindert werde, rief er sie als Zeugen dafür an, dass er das, was er als Einziges noch, aber dennoch als Schönstes besitze, nämlich das Bild des ei‐ genen Lebens, ihnen hinterlasse; wenn sie sich dessen [später] erinnerten, trügen sie Überlieferung386 guter Wissenschaften und einer beständigen Freundschaft [stets in sich]. Zugleich rief er deren [Unfähigkeit, den eigenen] Tränenfluss [zu kontrollie‐ ren], teils durch eine [einfach belehrende] Ansprache387, teils auch eindringlicher in der Art jemandes, der sie zurechtwies388, zu Gefasstheit zurück. Er fragte, wo die Leh‐ ren der [philosophischen] Weisheit, wo das, was die Vernunft über so viele Jahre ge‐ gen von außen Drohendes ersonnen habe [,geblieben sei]. Wem sei nämlich die [un‐ berechenbare] Grausamkeit Neros unbekannt gewesen? Und nichts anderes sei [noch] übrig, nach der Tötung von Mutter und Bruder389, als dass er [diesen] auch noch die Ermordung seines Erziehers und Lehrers390 hinzufüge.) Nach dieser Darstellung des Tacitus reagierte Seneca auf die Eröffnung des Todes‐ befehls Neros zwar gefasst, – eben so wie man es von einem Philosophen, der sich in seinen Werken zu der Frage nach dem Sinn des Lebens und des Sterbens auch litera‐ risch oft genug geäußert hatte, erwarten würde, – aber andererseits auch überrascht. Die in diesem Zitat geschilderten Reaktionen Senecas auf die Eröffnungen des Zentu‐ rios erscheinen als geeignet, den bereits im Rahmen der Vorgeschichte vermittelten Eindruck, dass Seneca durch die Aussicht, in allernächster Zeit sterben zu müssen, überrascht wurde, klar zu bestätigen. Denn hätte er schon vorher entsprechende Be‐ fürchtungen gehegt, jedenfalls nach dem Verhör durch Gavius Silvanus, wäre es kaum nachvollziehbar, dass er sich erst zum Zeitpunkt des Erscheinens des Zenturios mit der Erstellung oder Veränderung seines Testaments zu beschäftigen versucht haben sollte. 383 Vgl. Tac. ann. 15, 62, 1–2; 384 Ob Seneca hier nach Tafeln für ein neues Testament verlangte oder lediglich nach neuen Tafeln für ein bereits vorhandenes Testament, wie in der Literatur kontrovers diskutiert wurde (Vgl. Koester‐ mann, E., s. o. Bd. 4, S, 301;), braucht hier nicht erörtert zu werden. 385 Zu den philologischen Implikationen der Formulierung denegante centurione vgl. Koestermann, E., s. o. Bd. 4, S. 301; 386 Zur Semantik des Begriffes fama in Verbindung mit ferre an dieser Stelle vgl. Kösterman, E., s. o. Bd. 4, S. 301; 387 Zur Bedeutung von sermo an dieser Stelle vgl. E. Koestermann, s. o. Bd. 4, S. 302. 388 Zu coercentis vgl. ebenfalls E. Koestermann, s. o. Bd. 4, S. 301. 389 Damit dürften hier wohl Agrippina und Britannicus gemeint sein. Dass Seneca hier statt auf die mutmaßliche Vergiftung des Britannicus, des (Halb-) Bruders Neros, eigentlich habe auf die Besei‐ tigung der (Halb-) Schwester und ersten Gemahlin Neros, Octavia, hinweisen wollen, wie in der Literatur gelegentlich erörtert wurde (Vgl. Koestermann, E., s. o. Bd. 4, S. 302;), lässt sich mit dem Wortlaut des Textes kaum vereinbaren. 390 Dass die Begriffe educatoris und praeceptoris hier als Synonyme verwendet wurden, wie E. Koester‐ mann (Vgl. Bd. 4, S. 302;) annimmt, ist nicht ganz nachvollziehbar, insofern sich die Aufgaben des „Erziehers“ Neros sich durch und nach dessen Thronbesteigung eindeutig erledigt hatten, diejeni‐ gen eines „beratenden Lehrers“ aber keineswegs. Kapitel 1: Der Tod Senecas 72 Auch der nach Tacitus im Rahmen der an die Freunde gerichteten Ansprache Se‐ necas gegebene Hinweis, dass von Nero auch nichts Anderes zu erwarten gewesen sei, als dass er nach seinem Adoptivvater und seiner Mutter nicht davor zurückschrecken werde, auch seinen Erzieher beseitigen zu lassen, steht nicht im Widerspruch dazu, dass ihn der Zeitpunkt und die näheren Umstände, unter denen er zu sterben ge‐ zwungen wurde, nicht trotzdem überraschten. Einen ähnlichen Eindruck vermitteln die nach der Überlieferung des Tacitus im Anschluss an die „Abschiedsworte“ an die Freunde die an die Adresse seiner Gemahlin gerichtete Worte und deren Reaktion da‐ rauf: Ubi haec atque talia velut in commune disseruit, complectitur uxorem, et paulu‐ lum adversus praesentem fortitudinem mollitus rogat oratque temperaret dolori ne ae‐ ternum susciperet, sed in contemplatione vitae per virtutem actae desiderium mariti so‐ laciis honestis toleraret. illa contra sibi quoque destinatam mortem adseverat manum‐ que percussoris exposcit.391 (Nachdem er [Seneca] dieses und solches gleichsam an die Allgemeinheit gerichtet, dargelegt hatte, umarmte er seine Gemahlin, und nur ein klein wenig im Verhältnis zu der augenblicklichen Unerschütterlichkeit [gegenüber der Aussicht bald sterben zu müssen] milder gestimmt, bittet und bettelt er darum, dass sie ihren Schmerz zügele, damit sie keinen dauerhaften [Schmerz] erleide, son‐ dern dass sie in der Betrachtung [seines] an sittlichen Grundsätzen orientiert geführ‐ ten Lebens den Verlust mit ehrenhaften Tröstungen zu ertragen versuche. Jene dage‐ gen versicherte, dass auch ihr der Tod bestimmt sei, und „verlangte mit Nach‐ druck“392 nach „der Hand jemandes, der [auch]sie durchbohre“393.) Während Seneca seine Gemahlin über den unmittelbar bevorstehenden Verlust des Gatten hinweg zu trösten versucht, reagiert Paulina geradezu panisch auf die Aus‐ sicht der ihr bevorstehenden Witwenschaft. Sie befürchtet, dass längst auch über ihren eigenen Tod eine Entscheidung gefallen sei, und äußert dementsprechend den Wunsch, gemeinsam mit ihrem Gemahl sterben zu dürfen, mehr noch: sie verlangt geradezu nach der Hand jemandes, der auch sie töte. Unter dem Aspekt der textimmanenten Plausibilität ist das Verlangen Paulinas, dass man augenblicklich auch sie töte394, als Beleg dafür zu deuten, dass auch die Gemahlin Senecas von dem 391 Vgl. Tac. ann. 15, 63, 1-2; 392 Zu diesem Übersetzungsvorschlag vgl. E. Koestermann, s. o. Bd. 4, S. 304; 393 Diese umständliche Übersetzung des Begriffs percussoris wird hier in Anlehnung an das Verbum percutere in der Bedeutung von „durchbohren“ bzw. „durchstoßen“gewählt. Dies geschieht in be‐ wusstem Gegensatz zu der bereits von E. Koestermann vertretenen Auffassung, dass Paulina nicht allgemein nach einem „Mörder“ verlangt habe, sondern nach einem Arzt, damit dieser ihre Adern öffne (Vgl. Koestermann, E., s. o. Bd. 4, S. 304;). Dieser Übersetzungsvorschlag berücksichtigt, dass Tacitus an dieser Stelle nicht im Geringsten andeutet, dass Paulina in ihrer Äußerung die Erwar‐ tung zum Ausdruck brachte, dass ein Arzt ihr die Adern öffnen würde, - auch wenn das als Inhalt ihrer Erwartungen nicht ausgeschlossen werden kann. Als situationsgerechter erscheint es jedoch allemal, dass Paulina auch bei ihrer eigenen Wortwahl die Gegenwart des Zenturio vor Augen hat‐ te, von dem sie allen Grund hatte anzunehmen, dass er ihren Gemahl mittelst der von römischen Soldaten üblicher Weise stets am Gürtel getragenen „Hieb- und Stichwaffe“ töten werde, nämlich mittelst eines gladius. 394 Pompeia Paulina, die Tochter des aus Arelate (heute: Arles) stammenden römischen Ritters Pom‐ peius Paulinus und Schwester des Aulus Pompeius Paulinus, der kurz vor 54 n. Chr. das Suffektkon‐ 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 73 plötzlichen Erscheinen des Zenturios mit einem Todesbefehl für ihren Gatten völlig überrascht war. Aber auch auf den Todeswunsch seiner Gemahlin reagiert Seneca nach Tacitus überrascht und überraschend zugleich: tum Seneca gloriae eius non adversus, simul amore, ne sibi unice dilectam ad iniurias relinqueret, `vitae´ inquit `delenimenta mons‐ traveram tibi, tu mortis decus mavis: non invidebo exemplo. Sit huius tam fortis exitus constantia penes utrosque par, claritudinis plus in tuo fine.´ post quae eodem ictu bra‐ chia ferro exsolvunt.395 (Da widersetzte Seneca sich ihrem Ruhm [-streben] nicht [mehr], gleichzeitig aus Liebe, damit er die von ihm außerordentlich geliebte [Gattin] nicht Übergriffen [preisgegeben] zurücklasse, sagte er: `Mittel zur Erleichterung des Lebens hatte ich Dir aufgezeigt, du aber willst lieber die Zierde des Todes: ich werde [deinem] Beispiel nicht neidisch zusehen. Bei diesem so tapferen Sterben sei die Standhaftigkeit bei beiden gleich, an Ruhm jedoch mehr in deinem Ende.` Nach die‐ sen Worten öffneten sie [beide] mit demselben Schnitt396 ihre Arme mit Eisen397.) Nach dieser Darstellung kann kein Zweifel daran bestehen, dass Seneca und seine Gemahlin sich völlig unvorbereitet auf Wunsch und nach dem Willen der letzteren gemeinsam und gleichzeitig in Selbsttötungsabsicht Armverletzungen beibrachten. Vor allem der letzte Satz dieses Zitats post quae eodem ictu brachia ferro exsolvunt. lässt kaum eine andere Deutung zu. Obwohl zu dem Prädikat exsolvunt ein passendes Subjekt in dem Satz nicht greifbar ist, kommen aufgrund des Kontextes dafür nur Seneca und Paulina in Frage. Dadurch, dass das Verbum exsolvunt hier von Tacitus im Aktiv gebraucht wird, werden beide Personen außerdem eindeutig als alleinige Träger der Handlung charakterisiert. Als Akkusativobjekt zu exsolvunt fungiert das Substan‐ tiv brachia, - allerdings ohne jeden Zusatz. Dennoch kann aufgrund des Kontextes kein Zweifel daran bestehen, dass Tacitus mit diesen Formulierungen zum Ausdruck bringen wollte, dass die Eheleute ihre „eigenen“ Arme und ohne jede fremde Hilfe verletzten. Lediglich die Ausdrücke eodem ictu und ferro als Ausdrücke zur Bezeichnung der Art und Weise, in der dies geschah, eröffnen gewisse Interpretationsspielräume, und sulat bekleidete, (Vgl. Eck, W.: Pompeia 6, in: DNP. Bd. 10, 2001, Sp. 89;) war vermutlich die er‐ heblich jüngere 2. Ehefrau Senecas (Vgl. Sen. epist. 104, 2; De vita beata 17, 2; vgl. Cass. Dio 61, 10, 3.). 395 Vgl. Tac. ann. 63, 2; 396 Die Formulierung eodem ictu deutet E. Koestermann (S. o. Bd. 4, S. 304;) als Ausdruck der Gleich‐ zeitigkeit, dennoch gibt „gleichzeitig“ als Übersetzung nicht genau genug wieder, was Tacitus aus‐ drücken wollte. Das Substantiv ictus in der Bedeutung „Hieb“ bzw. „Stich“ leitet sich sprachge‐ schichtlich von einem in dieser Form allerdings nicht belegten Verbum ico bzw. icio mit der Bedeu‐ tung „treffen“, „schlagen“ „stoßen“ her. eodem ictu wäre an dieser Stelle somit als Ausdruck dafür zu übersetzen, dass die Armverletzung des Ehepaares Seneca gewissermaßen mittelst eines einzigen Schnittes erfolgte. 397 E. Koestermann (S. o. Bd. 4, S. 304;) hält den Ausdruck brachia (ferro exsolvunt) für eine verkürzte Ausdrucksweise für die an anderer Stelle und in anderen Zusammenhängen verwandte Formulie‐ rung venas brachiorum (Vgl. Tac. ann. 4, 22; 11, 3, 2; 14, 64, 2), dennoch wird sie an dieser Stelle im Original verwendet, um nicht von vornherein eine spezifische Interpretation vorweg zu neh‐ men, sondern den Vorgang so darzustellen, wie er auch von jedem medizinischen Laien hätte be‐ obachtet werden können. Kapitel 1: Der Tod Senecas 74 auch die vor allem den Mediziner interessierende Frage, wo genau sich das Ehepaar Seneca die o. g. Armverletzungen beibrachte, lassen die o. z. von Tacitus benutzten Formulierungen offen. Der Ausdruck eodem ictu lässt sich auf jeden Fall als Ausdruck dafür deuten, dass sich Seneca und Paulina gleichzeitig die Arme verletzten, darüber hinaus aber auch als Hinweis darauf, dass dies mit ein und demselben Hieb, Stich oder Schnitt geschah, insofern das Wort ictus auch zur Bezeichnung eines Hiebes oder Stichs oder Schnitts gebräuchlich ist, – je nach dem, welches Werkzeug man benutzt, um jemandem Verletzungen beizubringen. Das Wort ferrum lässt ebenfalls verschiedene Deutungen zu. Es diente im Prinzip zur Bezeichnung jedes nur erdenklichen Hieb- Stich- oder Schnittwerkzeugs, so lange dies nur aus „Eisen“ gefertigt war, wobei es vor allem bei Historikern, auch bei Tacitus meistens als metonyme Bezeichnung für die bei den Römern am meisten verbreitete Kriegswaffe belegt ist, für den gladius, ein vor allem als Hieb- und Stichwaffe benutz‐ tes Kurzschwert mit einer Schneide von 30 – 40 cm Länge. Grundsätzlich könnte im vorliegenden Fall aber auch ein größeres Messer oder ein Dolch gemeint sein oder so‐ gar ein Skalpell, insofern auch die Schneiden des „Chirurgenmessers“ in der Antike gelegentlich zwar aus Bronze, in einfacheren Ausführungen aber ebenfalls aus Eisen bzw. Stahl gefertigt wurden. Sollte im vorliegenden Fall ein Skalpell als Werkzeug zur Verletzung der Arme be‐ nutzt worden sein, wäre sogar die Inanspruchnahme der Dienste Dritter durch das Ehepaar Seneca nicht auszuschließen, insofern der Offizier der Prätorianergarde, der Seneca bei seinem „ersten Besuch“ beim „Essen“ angetroffen hatte, welches jener an‐ geblich ja nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Gemahlin und zwei Freunden einnahm398, unter denen sich auch ein Arzt399 befand. Da sich das Abendessen, als Hauptmahlzeit, auch in Senecas Landhaus über einen längeren Zeitraum hinzog, auch wenn der Hausherr aus gesundheitlichen Erwägungen wenig aß und einfache und frische Speisen und Getränke bevorzugte400, ist anzunehmen, dass der konkret mit der Aushändigung des Todesbefehls beauftragte Zenturio Seneca ebenfalls auch noch im sog. Triclinium seines Landhauses antraf, d. h. in derselben Gesellschaft, in der ihn vorher der Tribun Gavius Silvanus über seine Kontakte zu Piso befragt hatte. Da zu dieser Gesellschaft aber außer Paulina, der Gemahlin Senecas, auch noch zwei Freunde gehörten, u. a. der bereits erwähnte Arzt Statius Annaeus, wäre nicht auszu‐ schließen, dass dieser Arzt, wie in der Literatur angenommen wird, das Ehepaar Sene‐ ca bei den Bemühungen sich die Arme zu verletzen, unterstützte und dazu ein Skal‐ pell benutzte401. 398 S. o. Tac. ann. 15, 60, 4: tum ipsi cum Pompeia Paulina uxore et amicis duobus epulanti mandata imperatoris edidit. 399 wie allerdings erst im weiteren Verlauf der Darstellung deutlich wird, der angeblich mit Seneca befreundete Arzt Statius Annaeus. Vgl. Tac. ann. 15, 64, 3: Seneca … Statium Annaeum, diu sibi amicitiae fide et arte medicinae sibi probatum, orat... 400 S. o. Tac. 15, 45, 3: … [Seneca] persimpli victu et agrestibus pomis, ac si sitis admoneret, profluente aqua vitam tolerat. 401 S. o. Schönegg, B. Der Tod Senecas; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 75 Indessen liefert die Darstellung des Tacitus keine konkreten Anhaltspunkte für eine solche Deutung. Tacitus charakterisiert in der Formulierung post quae eodem ictu brachia ferro exsolvunt402 als sinngemäße Subjekte zu exsolvunt unmissverständlich Seneca und Paulina als Träger der Handlung, d. h. des Adernöffnens mittelst eines „Eisens“. Es ist zwar zu konzedieren, dass die durch Tacitus suggerierte Vorstellung, dass sich die Eheleute eodem ictu, also gewissermaßen mit einem einzigen Streich die Arme verletzten, unter forensisch – pathologischem Aspekt auch Fragen auf: Wie hät‐ ten jene dieses bewerkstelligen sollen? – insofern es unter ergonomischen Erwägun‐ gen unmöglich ist, denselben Arm, mit dem man ein Schneidewerkzeug bewegt, gleichzeitig auch zu verletzen, – selbst unter der Prämisse, dass die beiden Ehegatten, wie von Tacitus behauptet, das Schwert gemeinsam bewegt haben sollten, etwa auf einem Speisesofa unmittelbar nebeneinandersitzend und die jeweils freien Arme pa‐ rallel nebeneinander legend. Seneca und Paulina hätten auch in diesem Falle mindes‐ tens zwei Schnitte benötigt, um sich beide Arme zu verletzen, - soweit sie nach der Verletzung eines Armes überhaupt noch im Stande gewesen wären, mittelst des zwei‐ ten bereits verletzten und daher stark schmerzenden Armes sich auch noch den ande‐ ren Arm aufzuschneiden. Aber auch diese Aporie erzwingt keineswegs die Annahme, dass eine dritte Per‐ son dem Ehepaar, bei dem Versuch einer gemeinsamen Adernöffnung behilflich ge‐ wesen sein muss. Denn grundsätzlich erscheinen unter der Prämisse, dass sich das Ehepaar Seneca die von Tacitus erwähnten Armverletzungen ohne fremde Hilfe bei‐ brachte, zwei Szenarien als vorstellbar: – Entweder verletzten sich die beiden Ehegatten gegenseitig – das wäre sowohl mit Schwertern, als auch mit Dolchen oder selbst Skalpellen in der Hand beider Ehe‐ gatten möglich gewesen, würde aber bedeuten, dass man den Ausdruck eodem ic‐ tu lediglich als einen recht allgemeinen Ausdruck zur Bezeichnung der Gleichzei‐ tigkeit interpretierte, – oder man deutet die Formulierung eodem ictu medizinisch – pathologisch korrekt als Ausdruck dafür, dass sich die Ehegatten die ihre Arme gleichzeitig verletzen‐ den Schnitte mit einer einzigen Waffe und mit ein und dem selben Stich oder Schnitt beibrachten, was eigentlich nur mit einem gladius möglich gewesen wäre, da allein dieser über eine Schneide verfügte, deren Länge ausgereicht hätte, drei oder vier Arme, parallel nebeneinander gehalten, gleichzeitig aufzuschneiden. Das zuletzt genannte Szenario erscheint hierbei aber durchaus vorstellbar, insofern davon auszugehen ist, dass die beiden Ehegatten sich tatsächlich in dem Triclinium auf ein und demselben Speisesofa niedergelassen hatten und daher gewissermaßen nebeneinander sitzend bzw. liegend aßen und tranken, so dass es ohne weiteres mög‐ lich gewesen wäre, dass sie ihre Arme parallel aneinander hielten, um sich, wie von Tacitus unterstellt, mit einem einzigen quer zu den Innenseiten der Arme geführten Schnitt entweder an den Handgelenken oder in den Armbeugen die erwünschten Verletzungen zuzufügen. 402 Vgl. Tac. ann. 15, 63, 3; Kapitel 1: Der Tod Senecas 76 Auch in diesem Falle hätte das Ehepaar – aus ergonomischen Gründen – mindes‐ tens zweimal schneiden müssen, – es sei denn, in Wirklichkeit hätten nicht beide ge‐ meinsam den Streich ausgeführt, sondern nur eine oder einer von beiden, allerdings mit der ausdrücklicher Zustimmung des jeweils anderen Partners, wobei man, inso‐ fern es nach Tacitus ja Paulina gewesen zu sein scheint, die durch ihr Verlangen nach der Hand eines „Percussors“ die suizidalen Anstrengungen Senecas erst veranlasste403, davon ausgehen können sollte, dass auch Seneca es war, der diesen einen Streich führ‐ te. Aber welche – weiteren – Anhaltspunkte liefert der Text des Tacitus, um eine aus‐ schließlich eigenhändige Benutzung eines Schwertes durch das Ehepaar Seneca bzw. durch Seneca selbst zu beweisen und die Unterstützung der entsprechenden Bemü‐ hungen durch Dritte, entweder durch anwesende Sklaven oder die anwesenden Freunde, nicht zuletzt durch den Arzt Statius Annaeus, dem dabei dann die Benut‐ zung eines Skalpells zu unterstellen wäre, sicher auszuschließen? - Beachtung verdient im Hinblick darauf vor allem die Nachricht, dass Seneca im unmittelbaren Anschluss an den angeblich gemeinsam mit Paulina unternommenen Versuch, möglichst stark blutende Adern der Arme zu verletzen, sich selbst auch noch entsprechende Verletzungen an den Beinen beibrachte: Seneca, quoniam senile corpus et parco victo tenuatum lenta effugia sanguini praebebat, crurum quoque et pop‐ litum venas abrumpit; saevisque quoque cruciatibus defessus, ne dolore suo animum uxoris infringeret atque ipse visuendo eius tormenta ad impatientiam delaberetur, sua‐ det in aliud cubiculum abscedere:404 (Seneca aber, da ja sein Körper alt und durch eine spärliche Ernährung geschwächt405, dem Blut nur einen langsamen Austritt gestattete, verletzte [bei sich] auch noch die Blutgefäße [Venen?]406 der Unterschenkel und der 403 Vgl. Tac. ann. 15, 63, 1–2: illa contra … manumque percussoris exposcit. tum Seneca … amore, ne sibi unice dilectam ad iniurias relinqueret, … inquit … non invidebo exemplo... 404 Vgl. Tac. ann. 15, 63, 3; 405 E. Koestermann (S. o. Bd. 4, S. 304) verweist zur Erläuterung des hier von Tacitus behaupteten Sachverhalts auf Senecas Alter und dessen Ernährungsgewohnheiten (unter gleichzeitigem Hin‐ weis auf Parallelstellen zu alters- und ernährungsbedingter Körperschwäche, u. a. bei Hor. sat. 2, 2; und speziell in Bezug auf Seneca auch auf Plin. epist. 78, 1;) und scheint sich über den Wider‐ spruch dieser Charakterisierung des körperlichen Zustandes Senecas und der Darstellung des Phi‐ losophen als eines auch noch in vorgerückten Jahren rüstigen Mannes auf einer Doppelherme im Berliner Antikenmuseum zu wundern, ja Koestermann scheint durch den Hinweis auf entspre‐ chende Parallelstellen (Tac. ann. 2, 17, 12; 6, 49, 1;) zum Ausdruck bringen zu wollen, dass er die von Tacitus behauptete Beeinträchtigung der Ausflussgeschwindigkeit des Blutes durch eine angeb‐ liche alters- und ernährungsbedingte Gebrechlichkeit Senecas akzeptiert, obwohl die rein äußerlich zu beobachtende Blutaustrittsgeschwindigkeit bei Verwundungen von Menschen aus ärztlicher Sicht in erster Linie nicht von deren Alter, sondern ausschließlich von der Größe und Beschaffen‐ heit der verletzten Blutgefäße abhängig ist. 406 In der zeitgenössischen Fachliteratur wurde zwischen Venen und Arterien unterschieden, – wahr‐ scheinlich schon seit Herophilos (330–250 v. Chr., vgl. Leven, K.-H., in: Antike Medizin., S. 407– 409;). Vgl. dazu A. C. Celsus, der in de medicina. 2, 10, 15 Ärzte beim sog. Aderlass zu Vorsicht mahnt, und zwar mit dem Hinweis: At arteria incisa neque coiit, neque sanescit; interdum etiam, ut sanguis vehementer erumpit, efficit. – Aber eine angeschnittene Arterie schließt sich nicht und heilt auch nicht; manchmal bewirkt [der Schnitt] sogar, dass Blut heftig spritzt. (Vgl. dazu Chr. Schulze, Celsus, Hildesheim, Zürich, New-York 2001, S. 43;), – ob aber auch dem „Nichtmediziner“ Tacitus dieser Unterschied bewusst war, ist unklar. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 77 Kniekehlen; durch die [so bewirkten] heftigen Qualen erschöpft, auch damit er durch seinen Schmerz den Mut seiner Gattin nicht schwäche und selbst durch den Anblick ihrer Folterqualen nicht dem Unvermögen [dies noch weiter zu ertragen] verfalle, riet er [ihr], sich in ein anderes Gemach zurückzuziehen.) Auffällig ist, dass auch die von Tacitus benutzten Formulierungen bei der Darstel‐ lung der Bemühungen Senecas, sich Blutgefäße an den Unterschenkeln und Kniekeh‐ len aufzuschneiden, keinerlei Anhaltspunkte dafür bieten, dass Seneca sich hierbei der Hilfe Dritter bedient haben könnte. Anders als im Falle der gemeinschaftlichen Verletzung der Arme steht in Bezug auf die Aussage crurum quoque et poplitum venas abrumpit der Eigenname Seneca als Subjekt und damit als alleiniger Träger der Hand‐ lung außer Frage. Es kann nach den hier zitierten Formulierungen des Tacitus somit nur Seneca selbst gewesen sein, der sich „auch noch die Blutgefäße [Venen?] der Un‐ terschenkel und der Kniekehlen“ verletzte. Aber welche Rückschlüsse sollten die zitierten Formulierungen des Tacitus auf das von Seneca benutzte Tatwerkzeug zulassen, zumal der Historiker dazu gerade in Bezug auf die Beinverletzungen, die sich Seneca beibrachte, anders als im Falle der Armverletzungen, keinerlei Angaben macht? Aufgrund des Kontextes erscheint es als naheliegend zu vermuten, dass die von Tacitus in Bezug auf die Armverletzungen als ferrum bezeichnete Waffe von Seneca auch für die Öffnung der Beinadern benutzt wurde, zumal sich ein Hieb- und Stichwerkzeug mit einer längeren Schneide gerade von einem bereits älteren und daher auch schon behäbigen Mann zum Zwecke der Erzeugung stark blutender Wunden an den Unterschenkeln und Kniekehlen sicher‐ lich einfacher handhaben ließ als Werkzeuge mit einer kürzeren Schneide wie ein Dolch oder gar ein Skalpell. Aber diese Vermutung hilft uns wenig weiter, da der Begriff ferrum sich ja bereits in Bezug auf die Armverletzungen als mehrdeutig erwies. Einen Ausweg aus diesem Dilemma weist jedoch die von Tacitus für die Öffnung der Beinadern angegebene Be‐ gründung: quoniam senile corpus et parco victo tenuatum lenta effugia sanguini prae‐ bebat407 (da sein Körper ja alt und durch eine spärliche Ernährung geschwächt408, dem Blut nur einen langsamen Austritt gestattete.) Mögliche Rückschlüsse auf die Art der Verletzungen und damit auch auf das zu diesem Zweck benutzte Werkzeug erlaubt der Hinweis auf einen unerwartet langsa‐ 407 S. o. Tac. ann. 15, 53, 3; 408 E. Koestermann (S. o. Bd. 4, S. 304;) verweist zur Erläuterung des hier von Tacitus behaupteten Sachverhalts auf Senecas Alter und dessen Ernährungsgewohnheiten (unter gleichzeitigem Hin‐ weis auf Parallelstellen zu alters- und ernährungsbedingter Körperschwäche, u. a. bei Hor. sat. 2, 2 und speziell in Bezug auf Seneca auch auf Plin. epist. 78, 1;) und scheint sich über den Wider‐ spruch dieser Charakterisierung des körperlichen Zustandes Senecas und der Darstellung des Phi‐ losophen als eines auch noch in vorgerückten Jahren rüstigen Mannes auf einer Doppelherme im Berliner Antikenmuseum zu wundern, ja Koestermann scheint, wie er durch den Hinweis auf ent‐ sprechende Parallelstellen (Tac. ann. 2, 17, 12; 6, 49, 1;) zum Ausdruck bringt, zu akzeptieren, dass Tacitus die Beeinträchtigung der Ausflussgeschwindigkeit des Blutes bei Seneca auf eine alters- und ernährungsbedingte Gebrechlichkeit Senecas zurückführt, obwohl zumindest die äußerlich zu be‐ obachtende Blutaustrittsgeschwindigkeit bei Verwundungen von Menschen aus ärztlicher Sicht in erster Linie nicht von dessen Alter, sondern ausschließlich von der Größe und Beschaffenheit der verletzten Blutgefäße abhängig ist. Kapitel 1: Der Tod Senecas 78 men Blutaustritt aus den Wunden an den Armen. Der an dieser Stelle bezeugte uner‐ wartet langsame Blutfluss wird von Tacitus selbst mit dem Hinweis auf das Greisenal‐ ter Senecas und eine eher dürftige Ernährung erklärt. Diese Erklärung ist aber laien‐ haft und sehr unbefriedigend. Denn die Blutaustrittsgeschwindigkeit bei der Verlet‐ zung bestimmter Blutgefäße hängt – unter rein physiologischen Gesichtspunkten be‐ trachtet – natürlich kaum von dem Alter eines Körpers und seinem Ernährungszu‐ stand ab, – bei einem älteren Mann wie Seneca müsste man wegen der altersbedingt zunehmenden Verhärtung der Blutgefäßwände sogar mit einem erhöhten Blutdruck rechnen – sondern in erster Linie von der Art und der Größe der verletzten Gefäße und dem Ausmaß der Verletzungen. Die von Tacitus bezeugte langsame Blutaustrittsgeschwindigkeit an den Armen Senecas dürfte daher am ehesten damit zu erklären sein, dass durch die gemeinsamen Suizidanstrengungen des Ehepaares Seneca zumindest bei dem letzteren nur relativ kleine Blutgefäße verletzt worden waren, und von den größeren Gefäßen allenfalls die weniger starken Blutverluste verursachenden Venen, statt der an den Handgelenken und an den Armbeugen erst darunter liegenden Arterien. Daher spricht der Hinweis des Tacitus auf die langsame Blutaustrittsgeschwindigkeit mittelbar auch mehr für transversal zu der Richtung der Arme und ihrer Hauptblutgefäße ausgeführte Schnit‐ te als Ursache, wie sie im Falle einer gemeinschaftlichen Verwendung eines Schwertes als Schnittwerkzeug zu erwarten gewesen wären, als für von fachkundiger Hand lon‐ gitudinal geführte Schnitte oder Stiche mittelst eines Skalpells. Eine deutliche Bestätigung für diese Annahme ergibt sich auch aus der in dem obigen Zitat von Tacitus gelieferten Begründung Senecas für die an Paulina gerichtete Bitte, sich möglichst in ein anderes Zimmer zu begeben: saevisque quoque cruciatibus defessus, ne dolore suo animum uxoris infringeret atque ipse visuendo eius tormenta ad impatientiam delaberetur, suadet in aliud cubiculum abscedere:409(durch die [so be‐ wirkten] heftigen Qualen erschöpft, auch damit er durch seinen Schmerz den Mut seiner Gattin nicht schwäche und selbst durch den Anblick ihrer Folterqualen nicht dem Unvermögen [dies noch weiter zu ertragen] verfalle, riet er [ihr] sich in ein an‐ deres Gemach zurückzuziehen.) Auch die in diesem Zitat erwähnten heftigen Schmerzen, welche bereits die Arm‐ verletzungen nicht nur bei Seneca selbst sondern auch bei seiner Gemahlin Paulina verursachten, verweisen auf transversale Schnittverletzungen als Ursachen, wie man sie sich am ehesten im Falle mittelst eines Schwertes herbeigeführter Verletzungen vorstellen kann, da in einem solchen Falle mit Einschnitten in stark von Nerven durchzogenes Gewebe zu rechnen wäre, bevor größere Blutgefäße, oder gar die noch unterhalb der Venen liegenden Arterien verletzt würden. Als Ursache für die bei dem Ehepaar Seneca beschriebenen Schmerzen kommen somit ausschließlich Gewebever‐ letzungen infrage, insofern auch größere Blutgefäße von schmerzempfindlichen Ner‐ ven nicht durchzogen sind. Nur von einem anatomisch ausgebildeten Fachmann lon‐ gitudinal geführte Schnitte, möglichst mittelst eines Skalpells, hätten geringere 409 Vgl. Tac. ann. 15, 63, 3; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 79 Schmerzen verursacht und sind daher in unserem Falle als Ursache für die moderaten Blutungen bei gleichzeitig sehr starken Schmerzen auszuschließen. Der Mangel an fachkundiger Unterstützung der Bemühungen des Ehepaares Se‐ neca, durch die Öffnung stark blutender Gefäße den eigenen Tod herbeizuführen, lässt sich auch daran ablesen, dass nach der Darstellung des Tacitus auch die zusätzli‐ che Öffnung von Blutgefäßen an den Beinen das Ableben Senecas kaum beschleunig‐ ten. Nach einem kurzen Bericht über die Rettung Paulinas410 setzt Tacitus den Bericht über das Ende Senecas mit folgenden Worten fort: Seneca interim, durante tractu et lenitudine mortis, Statium Annaeum, diu sibi amicitiae fide et arte medicinae proba‐ tum, orat provisum pridem venenum, quo dnati411 publico Atheniensium iudicio extinguerentur, promeret; adlatumque hausit, frustra, frigidus iam artus412 et cluso cor‐ pore adversus vim veneni. postremo stagnum calidae aquae introiit, respergens proximos servorum addita libare se liquorem illum Iovi liberatori. exim balneo inlatus et vapore eius exanimatus...413 (Seneca indessen, – weil sich das Sterben [zu lange] und [zu] langsam hinzog – bat Statius Annaeus414, der ihm wegen der Zuverlässigkeit seiner Freundschaft und wegen seines Wissens und seiner Erfahrung in der Heilkunst als bewährt erschien, darum, dass er ein vorher415 beschafftes [bzw. vorbereitetes] Gift holen lasse, eben dasjenige, mittelst dessen in einem öffentlichen Gerichtsverfahren 410 Vgl. Tac. ann. 15, 54, 1: At Nero nullo in Paulinam proprio odio, ac ne glisceret invidia crudelitatis, inhiberi mortem. hortantibus militibus servi libertique obligant brachia, premunt sanguinem, incertum an ignarae … Vgl. Dio 62, 25, 2: Ð dὲ d¾ Senškaj ºqšlhse mὲn kaˆ t¾n guna‹ka Paul‹nan ¢pokte‹nai, lšgwn pepeikšnai aÙt¾n toà te qan£tou katafronÁsai kaˆ tÁj sÝn aÙtö metallagÁj ™pitumÁsai kaˆ œscase kaˆ t¦j ™ke…nhj flšbaj, dusqanat»saj dὲ d¾ kaˆ prÕj tÕn Ôleqron ØpÕ tîn stratiwtîn ™peicqeˆj proaphll£gh aÙtÁj, kaˆ oÛtwj ¹ Paul‹na periegšneto. (Seneca wollte das Leben seiner Frau Paulina gleichzeitig mit dem seinem beenden; denn er habe, wie er erklärte, sie gelehrt, sowohl den Tod zu verachten als auch gemeinsam mit ihm aus dem Leben zu gehen. So öffnete er sich selbst und ihr die Adern. Doch da er einen schweren Tod hatte, beschleunigten die Soldaten sein Ende, und so war Paulina, während er verschied, noch am Leben und wurde gerettet.) s. Veh, O.: (Übers.) Cassius Dio, Römische Geschichte Bd. V, Düsseldorf 2007, Epitome des Buches 62, cap. 25, 1–2; S. 72; 411 damnati entspricht im Wesentlichen einer kaum zu beanstandenden Konjektur E. Koestermanns, der recht unterschiedliche Texte in den Handschriften zugrunde lagen. (Vgl. Tacitus I., S. 369;) 412 Auch bezüglich frigidus artus verweist E. Koestermann auf verschiedene Textvarianten in den Handschriften, die aber sinngemäß kaum Abweichungen implizierten. (S. o.) 413 Vgl. Tac. ann. 15, 64, 3 – 4; 414 Dieser Name von Senecas „Leibarzt“ und dessen Person überhaupt wird in keiner anderen Quelle erwähnt, seine Existenz dürfte aber, wie auch E. Koestermann anzunehmen scheint (Vgl. Koester‐ mann, E., s. o. Bd. 4, S. 307;) nicht zu bezweifeln sein. Man nimmt an, dass er ein Klient, vielleicht aber auch ein früherer Sklave Senecas war, der sich mit dessen Zustimmung den Gentilnamen An‐ naeus zulegte. 415 pridem wird in handelsüblichen Wörterbüchern meistens mit den Übersetzungsvorschlag längst oder vor langer Zeit bedacht (Vgl. Stowasser, 1994, S. 402;). Die Unterstellung einer solchen Bedeu‐ tung erscheint im vorliegenden Kontext jedoch als problematisch, insofern diese unterstellte, dass sich Seneca schon längere Zeit vorher darauf vorbereitet habe, einer Fremdtötung durch die Ein‐ nahme von Gift zuvorzukommen, da nach Tacitus die Bekanntgabe von Neros Befehl vor allem Paulina, aber auch Seneca selbst überraschte. Daher wird hier eine neutralere Bedeutung für pri‐ dem gewählt, die eine vorherige Beschaffung und Vorbereitung des von Seneca angeforderten Gif‐ tes nicht in Frage stellt, aber bezüglich des zeitlichen Abstandes alle Möglichkeiten zulässt. Kapitel 1: Der Tod Senecas 80 der Athener verurteilte [Straftäter] getötet wurden416; nachdem dies herbeigeschafft worden war, trank er [das Gefäß mit dem Gift] aus, allerdings vergeblich, er war in Bezug auf seine Glieder schon erkaltet und wegen seines [dadurch] verschlossenen Körpers [unempfindlich geworden] gegenüber der Wirkung des Giftes. Zuletzt betrat er ein Becken mit heißem Wasser, wobei er die ihm am nächsten stehenden Sklaven mit bespritzte, was er kommentierte mit den Worten, dass er jene Flüssigkeit opfere, und zwar „Juppiter dem Befreier417“; darauf wurde er in ein Bad getragen und von dessen Dämpfen erstickt.) Nach dieser Darstellung resultierte auch die an den Arzt Annaeus Statius gerich‐ tete Bitte Senecas, ihm ein angeblich schon seit langem vorbereitetes Gift anzureichen, um ihn von seinen Schmerzen zu befreien, aus der subjektiven Einschätzung, dass die Öffnung von Blutgefäßen an den Armen und Beinen ihn dem davon erhofften Tod keineswegs näher gebracht hatte. Dennoch scheint diese Textstelle prima vista eine ärztliche Tötungsassistenz im Falle Senecas zu belegen. Bat Seneca ausweislich dieses Zitats doch den Arzt Annaeus Statius darum, „dass er ein vorher beschafftes [bzw. vor‐ bereitetes] Gift holen lasse, eben dasjenige, mittelst dessen in einem öffentlichen Ge‐ richtsverfahren der Athener verurteilte [Straftäter] getötet wurden“. Und nach demsel‐ ben Zeugnis des Tacitus erhielt Seneca einen Becher mit diesem Gift wohl auch und „nachdem dies herbeigeschafft worden war, trank er [das Gefäß mit dem Gift]“ angeb‐ lich auch aus. Sollte Seneca wirklich von Annaeus Statius ein solches Gift, d. h. einen „Schier‐ lingsbecher“ erbeten und erhalten haben, wie er im attischen Strafvollzug zum Zwe‐ cke der Vollstreckung von Todesurteilen verwendet wurde, müsste damit zumindest 416 Es ist aufgrund des von Tacitus gegebenen Hinweises, dass Seneca seinen Arzt um das Gift bat, mit dem in Athen zum Tode verurteilte Angeklagte hingerichtet wurden, davon auszugehen, dass dieses Präparat auch unter Verwendung von Teilen des im Mittelmeerraum weitverbreiteten „gefleckten Schierlings“ (conium maculatum) zubereitet worden war; dass es sich hierbei aber exakt um den im attischen Strafvollzug verwendeten „Schierlingsbecher“ gehandelt habe, darf nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden, zumal heute durchaus unterschiedliche Pflanzenarten bekannt sind, die als Schierling bezeichnet werden, – nämlich außer dem sog. gefleckten Schierling (conium macula‐ tum) der auch in gemäßigten Breiten vorkommende „Wasserschierling“ (cicuta virosa). Die in den beiden Pflanzenarten enthaltenen Toxine entfalten in entsprechender Dosierung zwar eine gleich‐ artige tödliche Wirkung, sind aber in chemischer Hinsicht einander unähnlich. Deswegen ist auch der von Koestermann (S. o. Bd. 4, S. 307;) gegebene Hinweis auf die Erwähnung von cicuta bei Plinius (nat. 25, 151) als Beleg dafür, dass Seneca wirklich nach einem bzw. „dem“ Schierlingsbe‐ cher verlangt und diesen auch bekommen habe, problematisch, nicht zuletzt deswegen weil nicht als gesichert vorausgesetzt werden darf, dass immer dann, wenn in lateinischen Zeugnissen cicuta erwähnt wird, ciconium, also das Gift gemeint ist, mit dem Sokrates zu Tode kam. Vgl. Plat. Phaid. 118 und Demandt, A.: Sokrates vor dem Volksgericht in Athen 399 v. Chr.. In: Demandt, A., (Hrsg.): Macht und Recht. Große Prozesse in der Geschichte, München 1990, S. 19. 417 Der Begriff liberator taucht als Ehrentitel Jupiters bereits bei Cicero auf (Cic. Att. 14, 12, 2; Phil. 1, 6.), lehnt sich an entsprechende Fügungen in griechischer Sprache in Verbindung mit „Zeus“ an. Zur Zeit Senecas kommt Iupiter liberator oft auch auf im Auftrage Neros geprägten Münzen vor (Vgl. Koestermann, E., s. o. Bd. 4, S. 308;). Den konkreten sakralrechtlichen Hintergrund dafür bil‐ det, dass sich auf dem Aventin ein dieser Gottheit geweihtes Heiligtum befand, wo zweimal im Jahr Opferfeste gefeiert wurden, einmal am 13. 04., das andere Mal zwischen dem 13. und 18. 10., und zwar in Verbindung mit sog. „ludi Iovi liberatori“ (CIL, I2 p. 474). Vgl. dazu: Eisenhut, W., Iuppiter in: KIP, Bd. 3, Sp. 3. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 81 der Versuch einer ärztlichen Tötungsassistenz im Falle Senecas als erwiesen angese‐ hen werden. Denn das von Tacitus als venenum, quo dnati418 publico Athenien‐ sium iudicio extinguerentur charakterisierte Elixier ist vor allem aus dem Zusammen‐ hang der Hinrichtung des griechischen Philosophen Sokrates als „Schierlingsbe‐ cher“419 bekannt geworden, bei dem dieses Gift seine tödliche Wirkung auch nicht verfehlte. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Denn jener Schierlingsbecher wurde u. a. aus Teilen einer Pflanze mit dem botanischen Namen conium maculatum zubereitet. Hierbei handelte es sich um eine vor allem in Griechenland, aber auch in anderen Ländern des Mittelmeerraums wildwüchsig vorkommende bis zu 2 m. hohe Staude, deren Kraut bis zu einem Massenanteil von ca. 2 % ein Alkaloid mit dem Namen „Coniin“ enthält, in den kurz vor der Reife stehenden Samen sogar einen Massenan‐ teil von 3 % Coniin, von dem bereits eine Dosis von 0, 5 – 1 g. einen erwachsenen Menschen töten könnte420. Außer Coniin wurden in der Pflanze noch weitere, schon in geringen Dosen toxisch wirkende Alkaloide nachgewiesen, wie Conhydrin, Pseudo‐ conhydrin, Conicein und Methylconiin421, von denen aber die beiden zuerst genannten Menschen weniger schaden als Coniin. Sollte Seneca also, wie von Tacitus scheinbar klar bezeugt wird, von seinem Leib‐ arzt einen solchen Schierlingsbecher erbeten und erhalten haben, müsste man zumin‐ dest im Hinblick darauf eine von einem Arzt geleistete Tötungsassistenz als erwiesen ansehen, – jedenfalls soweit sich erweisen sollte, dass im Falle Senecas die Einnahme eines solchen Gifts den Tod herbeigeführt hat. Ein solcher Nachweis wäre zumindest heute eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass gegen einen Arzt überhaupt wegen eines Tötungsdelikts strafrechtlich vorgegangen werden könnte. Indessen liefert gera‐ de die Darstellung des Ablebens Senecas durch Tacitus keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass diese Voraussetzungen in der causa Seneca erfüllt waren. Im Gegenteil: Tacitus bezeugt ausdrücklich, dass die Einnahme des Seneca angeb‐ lich von dem Arzt beschafften Elixiers die erhoffte tödliche Wirkung verfehlte: adla‐ tumque hausit, frustra, frigidus iam artus422 et cluso corpore adversus vim veneni. (nachdem dieses [Gift] herbeigeschafft worden war, trank er [Seneca das Gefäß mit dem Gift] aus, allerdings vergeblich, er war in Bezug auf seine Glieder schon erkaltet 418 „damnati“ entspricht im Wesentlichen einer – kaum zu beanstandenden Konjektur E. Koester‐ manns, der recht unterschiedliche Texte in den Handschriften zugrunde lagen (Vgl. Tacitus I., S. 369;). 419 Zu Schierling in der Antike vgl. Leven, K.-H., Schierling, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin..., s. o., Sp. 772–773; 420 Vgl. Rothmaler, W. (Begr.), Jäger, E. J., Werner, K. (Hrsg.): Exkursionsflora von Deutschland. Bd. 4. Gefäßpflanzen: München/Heidelberg 200510. Thellung, A.: Conium. In: Hegi, G.: Illustrierte Flora von Mitteleuropa. Pteridophyta, Spermatophyta. Bd. V. Angiospermae: Dicotyledones 3 (2). Teil 2 (Cactaceae – Cornaceae). München bzw. Berlin/Hamburg 19662 (unveränderter Nachdruck von 1926 mit Nachtrag), S. 1081–1087. Düll, R., Kutzelnigg, H.: Taschenlexikon der Pflanzen Deutsch‐ lands. Wiebelsheim 20168. 421 Vgl. Karrer, P.: Lehrbuch der organischen Chemie. Stuttgart 195913, S. 890; Römpp CD 2006. 422 Auch bezüglich frigidus artus verweist E. Koestermann auf verschiedene Textvarianten in den Handschriften, die aber sinngemäß kaum Abweichungen implizierten. (S. o.) Kapitel 1: Der Tod Senecas 82 und wegen seines [dadurch] verschlossenen Körpers [unempfindlich geworden] ge‐ genüber der Wirkung des Giftes.) Die von dem medizinischen Laien Tacitus gelieferte Erklärung für die Wirkungs‐ losigkeit des Giftes steht natürlich in einem krassen Widerspruch zu jeglichem medi‐ zinischen Erfahrungswissen, nach dem oral applizierte Gifte jeder Art hauptsächlich durch die Schleimhäute des Verdauungstrakts resorbiert werden, unabhängig von der Körpertemperatur des Probanden. Vor allem für neurotoxisch wirkende Gifte wie Co‐ niin gilt, was auch im Falle des Sokrates so beschrieben wird423, dass im Falle von aku‐ ten Vergiftungen zunächst an den Extremitäten Lähmungserscheinungen zu beob‐ achten sind, die durch Defekte im zentralen Nervensystem ausgelöst werden. Dieser Wirkungsmechanismus kann aber auch durch Blutverluste, wie sie Seneca infolge der von Tacitus erwähnten Verletzungen an einem Arm und an beiden Beinen erlitten hatte, nicht beeinträchtigt werden, jedenfalls solange durch die Blutverluste nicht auch die Blutversorgung des Gehirns in Frage gestellt wird, was dann aber zu einem vollständigen Kollaps geführt hätte. Der Zusammenbruch der Blutversorgung des Gehirns erfolgt beim Menschen in der Regel aber erst im Zusammenhang des völligen Zusammenbruchs des gesamten Blutkreislaufs. Ein solcher Zusammenbruch im direkten Anschluss an die Einnahme des von dem Arzt angereichten Schierlingspräparats wird im Falle Senecas von Tacitus aber gerade nicht bezeugt. Vielmehr verfügte Seneca nach den Angaben des Tacitus auch nach der Einnahme des Giftes noch über genügend Kraft in seinem Bewegungs‐ apparat, um auf eigenen Füßen in das Warmwasserbecken seines Landhauses zu stei‐ gen, wohl in der Absicht, dadurch eine gewisse Schmerzlinderung zu erfahren oder den zuvor ins Stocken geratenen Blutaustritt aus den Wunden am Arm und an den Beinen wieder zu beschleunigen424, – und anscheinend verfügte Seneca danach auch über genügend Humor, um sich für Spritzer von mit Wasser vermischtem Blut, von denen dabei in der Nähe stehende Sklaven getroffen wurden, mit einem scherzhaften Hinweis auf ein Opfer für „Jupiter, den Befreier“, zu entschuldigen.425 Der Tod trat bei Seneca nach den Angaben des Tacitus, – wie das auch im Falle einer Vergiftung mit Coniin zu erwarten gewesen wäre426, – zwar durch Ersticken ein, aber erst, nach‐ dem man ihn zuvor auch noch in ein überhitztes Dampfbad gebracht hatte, und, wie Tacitus ausdrücklich hervorhebt: Seneca erstickte angeblich an dem heißen Dampf427. Natürlich muss man auch in Bezug auf diese Kausalverknüpfung durch Tacitus mit der Möglichkeit einer Fehleinschätzung rechnen. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass, wie nicht zuletzt der Bericht Platos über den Tod des Sokrates lehrt, zwischen der Einnahme des im attischen Strafvollzugs üblichen Schierlingsbechers und dem Eintritt des Todes bei dem jeweiligen Delinquenten ein längerer Zeitraum verstrich, der nach Platon von Sokrates noch zu ausführlichen Tröstungen und Belehrungen sei‐ 423 Vgl. Plat. Phaid. 114D–118; 424 Vgl. Tac. ann. 15, 64, 4: postremo stagnum calidae aquae introiit... 425 S. o. Tac. ann. 15, 64, 4: postremo stagnum calidae aquae introiit, respergens proximos servorum ad‐ dita libare se liquorem illum Iovi liberatori. 426 Vgl. Vgl. http://www.dr-bernhard-peter.de/Apotheke/Gifte/ Coniin.htm (2015); 427 Vgl. Tac. ann. 15, 64, 4: exim balneo inlatus et vapore eius exanimatus … 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 83 ner Schüler genutzt wurde428, so dass, obwohl Seneca nach Tacitus erst nach der Ver‐ bringung in das Dampfbad verstarb, nicht auszuschließen ist, dass für dessen Tod au‐ ßer den Blutverlusten infolge der Verletzungen an verschiedenen Gliedmaßen und den Belastungen von Kreislauf und Atmung durch das Dampfbad auch die Einnahme des Schierlingsbechers verantwortlich gewesen sein könnte. Auch die Kälte der Glieder429, die nach Tacitus Senecas Körper angeblich unemp‐ findlich machten gegenüber der toxischen Wirkung des ihm verabreichten Schier‐ lingspräparats ließen sich auch auf die Wirkung des Gifts zurückführen, insofern das Absterben von Nerven in bestimmten Gliedern auch als ein Erkalten wahrgenommen werden kann. Es wäre nicht ganz auszuschließen, dass dem Tacitus oder den Autoren der von ihm benutzten Quellen in Bezug auf die Wirkungen des Schierlingspräparats lediglich eine Verwechslung von Ursache und Wirkung unterlief. Dennoch enthält die Darstellung des Tacitus einen anderen leicht misszuverste‐ henden Hinweis darauf, dass das von Statius Annaeus dem Seneca verabreichte Präpa‐ rat wahrscheinlich ungeeignet war, dieselbe tödliche Wirkung zu entfalten, die das im attischen Strafvollzug verwendete Präparat entfaltete. Denn Tacitus bezeichnet das dem Seneca verabreichte Präparat als ein provisum pridem venenum430, d. h. als ein schon „längst bereit stehendes Gift“. Und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich Seneca schon geraume Zeit vor seinem Tod theoretisch mit dem Problem der ethischen Rechtfertigung des Suizids beschäftigt hatte431, erscheint es auf den ersten Blick auch als naheliegend zu vermuten, dass Seneca sich schon früher durch seinen Arzt ein „Schierlingspräparat“ besorgt hatte, um davon im Notfall zur Selbsttötung Gebrauch zu machen. Dabei übersieht man leicht, dass der im attischen Strafvollzug zur Vollstreckung von Todesurteilen benutzte Schierlingsbecher, wie ebenfalls aus der Darstellung Pla‐ tons über den Tod des Sokrates ersichtlich ist, erst unmittelbar vor der Hinrichtung des Delinquenten zubereitet wurde432. Nachdem der Gerichtsdiener Sokrates die Wir‐ kung des von ihm zu trinkenden Gifts erklärt hat, stellt letzterer nach Platon noch eine Frage: t… lšgeij, ›fh, perˆ toàde toà pèmatoj proj tÕ ¢pospe‹sa… tini, ›xestin À oß. Tosoàton, œfh, ð Sèkratej, tr…bomen Óson ÑiÒmeqa mštrion eἶnai pie‹n433. (Was sagst Du, sagte er, darf man von diesem Trank auch jemandem eine Spende ge‐ ben? Darf man oder nicht? Davon, sagte er, zerreiben wir soviel, wie wir glauben, dass es gerade genug sei zu trinken.) Der Antwort des Gerichtsdieners auf die Frage des Sokrates enthält, streng ge‐ nommen, zwar keine Information über den genauen Zeitpunkt der Herstellung des Gifts für die Exekution, dennoch lässt die Versicherung des Gerichtsdieners: „Da‐ von... zerreiben wir soviel, wie wir glauben, dass es gerade genug sei zu trinken.“ sich einmal als Ausdruck der Besorgnis deuten, dass das Gift selbst im Falle einer nur ge‐ 428 S. o. Plat. Phaid. 114D–118; 429 S. o. Tac. ann. 15, 64, 3: frigidus iam artus … adversum vim veneni... 430 S. o. Tac. ann. 15, 64, 3; 431 Vor allem im 70. Brief; Vgl. Sen. epist. 70; 432 S. o. Plat. Phaid. 114D – 118; 433 Vgl. Plat. Phaid. 117, b 5; Kapitel 1: Der Tod Senecas 84 ringfügigen Reduzierung der Dosis seine tödliche Wirkung verlieren könnte, und wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen speziell für den jeweiligen Delinquenten herge‐ stellt worden war, was mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Vorstellung impli‐ ziert, dass der Trank kaum allzu lange vorher zusammengebraut wurde. Um die Sorgen des Gerichtsdieners besser zu verstehen, muss man sich vor Au‐ gen führen, dass Coniin, der nach dem heutigen Stand des pharmakologischen Wis‐ sens gefährlichste Inhaltsstoff der Pflanzenart „conium maculatum“, chemisch relativ instabil ist, nachdem es erst einmal aus der Pflanze extrahiert worden ist. Das sog. Pseudoalkaolid Coniin, – in reiner Form handelt es sich dabei um „eine klare, ölige Flüssigkeit mit brennend scharfem Geschmack und Geruch nach Mäuseharn434,“ die sich an der Luft schnell braun verfärbt, – verliert unter Luft- und Wärmeeinwirkung rasch viel von ihrer Toxizität, unabhängig davon, aus welchen Pflanzenteilen und auf welche Art und Weise das Toxin aus dem Pflanzenmaterial gewonnen wurde435. Aus den raschen chemischen Veränderungen, die Coniin bei Berührung mit Luftsauerstoff unterworfen ist, erklärt sich auch, dass conium maculatum in getrockneter Form we‐ niger Toxine enthält, als frisches436. Vor dem Hintergrund dieses chemischen Wissens ist zu beachten, dass zumindest das für die Tötung des Sokrates hergestellte Elixier nicht aus frisch geerntetem Schier‐ ling hergestellt worden sein kann, sondern aus getrocknetem. Denn der Prozess gegen Sokrates437 fand zu Beginn des Monats ¢nqest»rion statt, des sog. „Blütenmonats“, der in etwa dem Zeitraum von Mitte Februar bis Mitte März entspricht438. Rechnet man dazu die einen Monat andauernde Wartezeit, bis das Urteil gegen Sokrates vollstreckt werden konnte, – aus sakralrechtlichen Gründen war das nicht möglich, bevor eine zu einem Fest zu Ehren Apolls entsandte Delegation aus Delos zurückgekehrt war – dann ergibt sich daraus, dass Sokrates etwa Mitte März den Schierlingsbecher trank. Berücksichtigt man außerdem, dass die Blütezeit des Schierlings und damit auch die Zeit seiner „Ernte“ in die Sommermonate Juni bis September fällt439, so erweist es sich als zwingend anzunehmen, dass der für Sokrates bestimmte Trank aus Material der Vorjahresernte hergestellt worden sein muss, das heißt aus getrocknetem Material, welches eine weitaus geringere toxische Wirkung entfaltet als frisch geerntetes, so dass die Sorgen des Gerichtsdieners wegen der Wirksamkeit der für Sokrates bereitge‐ stellten Dosis, – im Falle einer weiteren Reduzierung für ein Opfer – als verständlich erscheinen. 434 Vgl. http://www.dr-bernhard-peter.de/Apotheke/Gifte/ Coniin.htm (2015); 435 Heute würde man zu diesem Zweck vermutlich einen Destillationsapparat benutzen. Wie man in der Antike hierbei vorging, ist nicht ganz klar. Fest zu stehen scheint nur soviel: „Coniin löst sich wenig in Wasser (1 ml in 100 ml Wasser), aber sehr gut in Ethanol und Ether.“ (Vgl. http://de.wiki‐ pedia.org/wiki/ Coniin (2013).) Daraus aber folgt, dass man auch Wein benutzt haben könnte, um das Gift aus dem Pflanzenmaterial herauszulösen. 436 S. o. Rothmaler, W. (Begr.), Jäger, E. J., Werner K. (Hrsgg.): Exkursionsflora von Deutschland. Bd. 4. Gefäßpflanzen: Kritischer Band. München/Heidelberg 200510. 437 Vgl. dazu: Gärtner, H., Sokrates 2, in KIP Bd. 5, Sp. 248–255; 438 Vgl. Sontheimer, W., Anthesterion, in KIP Bd. 1, Sp. 374. 439 Vgl. http//www.gifte,de/Giftpflanzen/Laien/Schierling.htm (2015); 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 85 Insofern aber auch der Tod Senecas in eine Jahreszeit fiel, in welcher frisch geern‐ teter und daher toxisch ungleich wirksamerer Schierling ebenfalls noch nicht zur Ver‐ fügung stand, hätten sich in dem Falle, dass auch für Seneca ein für Tötungszwecke geeignetes Elixier herzustellen gewesen wäre, ähnliche Dosierungsprobleme ergeben, wie im Falle des Sokrates. Ja diese Schwierigkeiten hätten sich noch vergrößert, wenn wie Tacitus durch die Formulierung provisum pridie venenum440 bezeugt, es zu dem Zeitpunkt, als Seneca es von seinem Leibarzt erbat, schon „längst“ bereitstand. Denn der Kontext, in welchem Tacitus die Bitte Senecas und ihre Entsprechung durch An‐ naeus Statius erwähnt, lässt keinerlei Raum für die Annahme, dass der Arzt in dem Zeitraum zwischen der Bitte Senecas und ihrer Erfüllung das Elixier erst zubereitet haben könnte. Der Text des Tacitus ist vielmehr so zu interpretieren, dass nicht etwa der Rohstoff für das Gift längst beschafft war, sondern das daraus bereitete Elixier be‐ reitstand und lediglich noch herbeigeholt zu werden brauchte, damit Seneca es ein‐ nehmen konnte und es infolge dessen natürlich noch weniger Coniin enthielt als der Schierlingsbecher des Sokrates. Aus diesem Grunde erscheint es als naheliegend, zu vermuten, dass das von An‐ naeus Statius für Seneca hergestellte Elixier in Wirklichkeit gar nicht dafür vorgesehen war, dass Seneca es im Bedarfsfall zur Herbeiführung oder Beschleunigung seines ei‐ genen Ablebens benutzte, sondern zu ganz anderen Zwecken. Im Zusammenhang da‐ mit ist zu berücksichtigen, dass in der zeitgenössischen medizinischen und pharma‐ kologischen Fachliteratur die Verwendung von Bestandteilen des sog. Fleckenschier‐ lings auch zur Herstellung von Heilmitteln empfohlen wurde. Die römischen Ärzte Aulus Celsus441 und Scribonius Largus442, Zeitgenossen Senecas, empfehlen in ihren medizinischen bzw. pharmakologischen Werken conium maculatum, welches sie al‐ lerdings als cicuta bezeichnen, für therapeutische Zwecke, sowohl zu äußerlichen als auch zu oralen Anwendungen. Besondere Beachtung verdienen in diesem Zusammenhang Äußerungen eines anderen Zeitgenossen Senecas und seines Leibarztes Statius Annaeus, des Pedanios Discurides, eines Arztes und Pharmakologen aus dem kilikischen Anazerbos, der in der Schrift mit dem Titel Περὶ ὕλης ἰατρικῆς, (lat. „De materia medica“ „Über Heil‐ mittel“) kèneion (= conium maculatum) nicht nur, wie Aulus Celsus und Scribonius Largus als Heilmittel empfielt, sondern auch beschreibt, wie Heilmittel aus Schierling zubereitet wurden: cul…zetai dὲ ¥kra ¹ kÒmh prÕ toà xhranqÁnai tÕ spšrma kaˆ ™kql…betai koptomšnh sustršfetai te ™n ¹l…ῳ. œsti dὲ polÚcrhston e„j t¾n Øgias‐ tik¾n crÁsin xhranqšn, kaˆ o‡nῳ meignÚmenon ™pithdeƒwj ta‹j ¢nwdÚnoij kaˆ kollur…oij. 443 (Die Dolde an der Spitze wird, bevor der Same trocken wird, zur Saft‐ 440 S. o. Tac. ann. 15, 64, 1; 441 Aulus Cornelius Celsus (De medicina, V, 4, und V, 6) empfiehlt cicuta (als Synonym für conium ma‐ culatum gebraucht) als Mittel zur Gefäßöffnung (innere Anwendung) und als Beizmittel (äußere Anwendung). 442 Scribonius Largus schreibt in den compositionnes medicamentorum, cicuta eine schmerzlindernde bzw. betäubende Wirkung zu (cap. 47, 179;), bzw. äußerlich angewendet, eine heilende Wirkung bei (zona) Gürtelrose (cap. 98, 247;). 443 Vgl. Dioscurides, De materia medica IV, cap. 79; Kapitel 1: Der Tod Senecas 86 bereitung benutzt, sie wird gestoßen und ausgepresst, der Saft an der Sonne einge‐ engt. Getrocknet findet er vielfache Verwendung zum Gebrauch in der Heilkunst, und mit Wein gemischt, vorteilhaft Schmerzmitteln und Augensalben zugesetzt;) Das o. z. Rezept des Dioskurides belegt, dass Extrakte des Schierlings zu Lebzeiten Senecas von Ärzten nicht zuletzt als wichtiger Bestandteil von Schmerzmitteln thera‐ peutisch benutzt wurden. Schon allein deswegen ist damit zu rechnen, dass der Leib‐ arzt Senecas dieses nicht dazu bereitgestellt hatte, damit sich Seneca seiner im Be‐ darfsfall dazu bediene, um seinen eigenen Tod herbeizuführen oder zu beschleunigen, sondern damit er es als Schmerzmittel benutze. Auch in der Situation, in der Seneca es von seinem Leibarzt erbat und auch bekam, besteht die Möglichkeit zu der Annah‐ me, dass er es in erster Linie nicht zur Beschleunigung seines eigenen Sterbeprozesses einnahm, sondern zur Linderung der Schmerzen, welche nach Tacitus die Verletzun‐ gen verursachten, die er sich kurz zuvor in suizidaler Absicht selbst beigebracht hatte. Beachtung verdient im Zusammenhang damit auch die von Dioskurides beschrie‐ bene Methode der Zubereitung derartiger Heilmittel, insbesondere der Hinweis auf die Eindickung des Safts durch die Wärme und das Licht der Sonne. Berücksichtigt man in diesem Kontext die o. e. Erkenntnisse über die chemische Instabilität von Co‐ niinmolekülen, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Sonnenlicht, wird man sich kaum noch der Erkenntnis verschließen können, dass ein Elixier, das ausgerechnet aus an der Sonne eingedicktem „Schierlingssaft“ hergestellt wurde, sich kaum noch eignete, einen Menschen zu töten, vor allem dann, wenn das Elixier, wie im vorliegenden Fall, nicht erst in dem Augenblick hergestellt wurde, in dem nach ihm verlangt wurde, sondern zu dem Zeitpunkt längst zur Benutzung bereitstand. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass zu medizinischen Zwecken empfohlenes Material in Rom ohnehin nur in getrocknetem Zustand zu bekommen war. Zum bes‐ seren Verständnis dieses Sachverhalts sei an dieser Stelle noch einmal Dioskurides von Anazerbos zitiert, der ausdrücklich feststellte: ™nergšstaton [scil: kèneion] d` ™st… tÕ KrhtikÕn kaˆ MegarikÕn kaˆ 'AttikÕn kaˆ tÕ ™n tÍ C…w kaˆ Kilik…ᾳ gennème‐ non. (der kräftigste [Schierling] aber ist der kretische und der megarische444 und der attische445 und der auf Chios und der in Kilikien446 gewachsene.) Wenn Annaeus Statius nur die bestmöglichen Grundstoffe für die Zubereitung von Medikamenten für Seneca verwendet haben sollte, – was zu vermuten ist, da Se‐ neca sich wegen seines Reichtums von allem das Beste leisten konnte – dann hätte Schierling selbst im Sommer, d. h. zur Zeit seiner Ernte, bei seiner Ankunft in Rom schon eine mehrwöchige Seereise hinter sich gehabt, die zwangsläufig auch zu einer 444 Hinweis auf die Stadt Mšgara [Megara], ca. 30 km westlich des heutigen Stadtzentrums von Athen; 445 Vielleicht hat es nicht nur medizinisch – pharmakologische Gründe, dass Dioskurides ausgerechnet die Qualität des attischen Schierlings lobt: Immerhin wurde Sokrates, das berühmteste Opfer eines Schierlingsbechers, in Athen hingerichtet und stammte gebürtig aus der Umgebung des heutigen Klosters Daphni, welches an der Straße nach Megara liegt und wo auch heute noch Conium macu‐ latum wild wächst. 446 Der Hinweis auf die besondere Qualität des in Kilikien geernteten Schierlings ist in Zusammen‐ hang damit zu sehen, dass Dioskurides sich dort gut auskannte. Sowohl Anazerbos, seine Geburts‐ stadt, als auch Tarsos, eine in der Antike als ein Zentrum für Drogen- und Gewürzhandel bekannte Stadt lagen dort. 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 87 erheblichen Minderung seines Gehalts an Coniin geführt hätte. Anders ausgedrückt: Auch als hochwertig empfohlener Schierling aus Griechenland und Kleinasien kam somit selbst während seiner „Haupterntezeit“ in Rom nur in getrocknetem Zustand auf den Markt, so dass er sich bereits bei der Ankunft dort kaum noch zur Herstel‐ lung von noch einzudickendem „Saft“ eignete, sondern allenfalls zur Herstellung „teeartiger“ Aufgüsse, natürlich mit entsprechend weiter reduziertem Coniingehalt. Und diese Aufgüsse mit relativ niedrigem Toxingehalt dürften sich zweifellos besser für die Herstellung von Heilmittel als von Tötungsmitteln geeignet haben. Aber – so könnte man sich vielleicht fragen – inwieweit dürfen wir davon ausge‐ hen, dass dieses medizinisch – pharmakologische Spezialwissen Seneca und seinem Leibarzt Statius überhaupt bekannt war oder im Interesse der Beschaffung eines mög‐ licher Weise auch für Selbsttötungszwecke geeigneten Toxins einfach ignoriert wur‐ de? Zumindest Unwissenheit als ein mögliches Motiv für den Versuch, Schierling trotz der o. e. Problematik als Selbsttötungsmittel zu missbrauchen, kann man sicher‐ lich weitgehend ausschließen. Als Beleg dafür, dass zu Lebzeiten Senecas auch interes‐ sierte Laien über die medizinischen Verwendungsmöglichkeiten von Extrakten aus conium maculatum ziemlich gut informiert waren, kommt ein Zitat aus der historia naturalis Plinius` des Älteren in Frage. Über Schierling sind diesem Werk folgende Information zu entnehmen: sucus ex‐ primitur foliis floribusque, tum enim maxime tempestivus est; melior semine trito ex‐ pressus et sole densatus in pastillos. … ad dissolvenda medicamenta utuntur illo pro aqua. fit ex eo et ad refrigerandum stomachum malagma. praecipuus tamen est ad cohi‐ bendas epiphoras aestias oculorumque dolores sedandos circumlitus; miscetur collyriis. et alias omnes rheumatismos cohibet. folia quoque tumorem omnem doloremque et epi‐ phoras sedant.447 (Ein Saft wird gewonnen aus Blättern und Blüten – dann ist er am wirksamsten – ein besserer wird aus zerriebenem Samen gewonnen, an der Sonne eingedickt zu Kügelchen … zur Auflösung von Arzneien verwendet man jenen [Saft] anstelle von Wasser. Man verwendet ihn zur Abkühlung des Magens in Umschlägen. Vor allem verwendet man ihn gegen sommerliche Augengeschwüre und Augen‐ schmerzen. Man setzt ihn Salben zu, ansonsten wirkt er auch gegen alle Muskel- und Gelenkschmerzen. Die Blätter lindern auch jede Schwellung und jeden Schmerz und Schlagflüsse.) Auch nach dem Kenntnisstand des medizinischen Laien Plinius wurde aus coni‐ um maculatum eine Art Saft gewonnen, – man sollte im Hinblick auf die Zuberei‐ tungsart eher von einem „Tee“ sprechen, – der geradezu wie Wasser als Lösungsmittel für alle möglichen Heilmittel benutzt werden konnte, nicht zuletzt zur Gewinnung von Schmerzmitteln. Andererseits wäre es natürlich unzulässig, Plinius ausschließlich als Kronzeugen für die Ungefährlichkeit von Schierling zu vereinnahmen. Auch Plini‐ us charakterisiert den Schierling, den er aber als cicuta bezeichnet ohne Umschweife als Gift: Cicuta quoque venenum est, publica Atheniensium poena invisa, ad multa ta‐ 447 Vgl. Plin. nat. 25, 95, 152–153; Kapitel 1: Der Tod Senecas 88 men usus non omittendi448 (Auch der Schierling ist ein Gift, zwar als Strafmittel der Athener verhasst, aber auch mit vielen nützlichen Eigenschaften, die nicht unerwähnt bleiben sollten.) Aus diesem Zitat geht hervor, dass sich Plinius darüber im Klaren war, dass sich Schierling auch zur Herstellung von Gift eignete, das einen Menschen töten konnte. Und aus demselben Grund kann nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden, dass auch Seneca, trotz des auch ihm zu unterstellenden Wissens um die zahlreichen heilkundlichen Anwendungsmöglichkeit von Schierlingspräparaten, sich einen gewis‐ sen Vorrat davon durch seinen Leibarzt beschaffen ließ, um davon notfalls auch als Tötungsmittel Gebrauch zu machen, etwa in dem Falle, dass er durch die Ungunst der Verhältnisse gezwungen sei einen Suizid zu begehen. Berücksichtigt man aber, dass man aufgrund der Gestaltung der Vorgeschichte der suizidalen Bemühungen Senecas durch Tacitus keinesfalls davon ausgehen kann, dass Seneca den Suizid, den er zu begehen versuchte, auch so geplant hatte, wie er ihn beging, wird man auch die Möglichkeit einer vorsorglichen Bevorratung mit Schier‐ lingspräparen für Zwecke eines Suizids ausschließen dürfen. Folgt man der Darstel‐ lung des Tacitus, entschied sich Seneca erst auf Bitten Paulinas449 dazu, seinem Leben selbst ein Ende zu bereiten, zunächst mit Paulina gemeinsam450, aber nicht mittelst Gifts, was ja nahegelegen hätte, wenn er sich dieses wirklich für die Zwecke eines ir‐ gendwann erforderlich werdenden Suizids beschaffen lassen hätte, sondern mit einem Schwert451. Und selbst, als er sah, welch große Schmerzen die Verletzungen an den Armen nicht nur ihm selbst, sondern auch seiner Frau bereiteten, kam er keineswegs sogleich auf den Gedanken, zur Beschleunigung des gemeinsamen Ablebens das angeblich für solchen Zweck beschaffte Gift zu erbitten, sondern sorgte angeblich zunächst nur da‐ für, dass seine Gemahlin in ein anderes Zimmer gebracht wurde452. Erst nachdem auf seine Bitten hin Paulina in ein Nebenzimmer geschafft worden worden ist, und dann noch eine weitere Zeitspanne später (durante tractu et lentitudine mortis), fällt ihm nach Tacitus ein, von Annaeus Statius jenes angeblich längst beschaffte Gift (provisum pridie venenum) zu erbitten, „ … mittelst dessen in einem öffentlichen Gerichtsverfah‐ ren der Athener verurteilte [Straftäter] getötet wurden...“453. All dies ist kaum vereinbar mit der Vorstellung, dass der Becher mit Gift, den sich Seneca von seinem Leibarzt anreichen ließ, wirklich für den Zweck eines Suizids be‐ schafft worden war, denn in einem solchen Falle hätte er doch auch an Paulina den‐ ken müssen, da ja nach Tacitus von dieser sogar die Initiative zu den suizidalen Be‐ 448 Vgl. Plin. nat. 25, 95, 151; 449 S. o. Tac. ann. 15, 63, 1: illa contra sibi quoque destinatam mortem adseverat manumque percussoris exposcit. 450 Anschließend brachte sich Seneca selbst auch Verletzungen an den Beinen bei. Vgl. Tac. ann. 15, 63, 3: Seneca … crurum quoque et poplitum venas abrumpit; 451 S. o. Tac. ann. 15, 63, 3: post quae eodem ictu brachia exsolvunt. 452 Vgl. Tac. ann. 15, 63, 3: ne dolere suo animum uxoris infringeret atque ipse visendo eius tormenta ad impatientiam delaberetur, suadet in aliud cubiculum abscedere …. 453 S. o. Tac. ann. 15, 63, 3; 1.1 Die „Causa Seneca“ bei Tacitus 89 mühungen beider ausgegangen war. Vor dem Hintergrund dieser Vorgänge – so wie Tacitus sie darstellt, – erscheint es als abwegig sich vorzustellen, dass Seneca wirklich von dem Arzt tödliches Gift erbeten haben könnte oder dass der Arzt ihm wirklich einen tödlich wirkenden Schierlingsbecher brachte, wie er auch im attischen Straf‐ vollzug benutzt wurde. Es erscheint vor dem Hintergrund der hier noch einmal kurz skizzierten Vorgeschichte der Bitte Senecas kaum etwas Anderes vorstellbar, als dass Seneca von seinem Arzt ein Schmerzmittel erbat und erhielt, keinesfalls ein Tötungs‐ mittel. Dass Seneca sich hierbei einer Wortwahl bediente, die mit der Erinnerung an den Tod des Sokrates „spielte“, sollte man sachlich nicht allzu ernst nehmen, sondern eher mit der ansonsten gut dokumentierten Neigung Senecas zu ironischen Formulierun‐ gen erklären. Zum besseren Verständnis von Senecas Sprach- und Sprechstil ist darauf hinzuweisen, dass sowohl Seneca als auch der ihn im vorliegenden Fall wahrschein‐ lich wörtlich zitierende Tacitus sprachgeschichtlich und stilistisch der sog. silbernen Latinität zugerechnet werden, als deren wesentliche Merkmale neben dem Streben nach lapidarer Kürze und pointiertem Ausdruck auch eine gewisse Neigung zu „An‐ spielungen“ angesehen wird, oft in Verbindung mit ironischer Distanz zu den jeweils dargestellten Sachverhalten, insbesondere zu Vorgängen und Sachverhalten tragi‐ schen oder traurigen Inhalts. Charakteristisch für diesen Schreib- und Sprachstil ist ein dem Kaiser Vespasi‐ an454 zugeschriebener Ausspruch, der im Angesicht des eigenen Sterbens ausgerufen haben soll: Vae, …. puto deus fio455. Wahrscheinlich würde niemand aufgrund dieses Ausspruchs auf den Einfall kommen, dass der für seinen nüchternen Realitätssinn be‐ kannte Vespasian wirklich daran geglaubt habe, dass er der Asche seines rogus als Gottheit entsteigen werde.456 Im Gegenteil, es ist offenkundig, dass sich der sterbende Vespasian bei diesem Ausspruch auf eine Formulierung Senecas bezog, in der sog. „Apokolokyntosis“457, in einer Satire auf den Tod des Kaisers Claudius, in welchem der Philosoph jenem Kai‐ ser unterstellt, nach seiner Ankunft in der Welt der Götter gesagt zu haben: vae me, puto, concacavi me.458 Diesen Ausspruch kommentierte Seneca, als fiktiver Berichter‐ statter über den Vorgang, mit der ihm eigentümlichen ironischen Distanz mit den Worten: quod an fecerit, nescio; omnia certe concacavit459. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erscheint es als sinnvoll, auch die An‐ spielungen Senecas auf den Schierlingsbecher des Sokrates als Ausdruck eben jener ironischen Distanz Senecas gegenüber dem eigenen Ableben zu deuten. Jedenfalls 454 *17. 11. 9 n. Chr.; † 23. 06. 79, vom 1. 07. 69 bis 23. 06. 79 n. Chr. römischer Kaiser. Als Kaiser führte er den Namen „Imperator Caesar Vespasianus Augustus“. Vgl. u. a. Pfeiffer, St.: Die Zeit der Flavier. Vespasian, Titus, Domitian. Darmstadt 2009. 455 Vgl. Suet. Vesp. 23, 4: „Wehe, … ich glaube, ich werde ein Gott.“ 456 Möglicher Weise wird man in diesem Satz auch eine ironische Anspielung darauf sehen dürfen, dass der Volksglaube Vespasian selbst eine Wunderheilung zuschrieb. Vgl. dazu Leven, K.-H., Ves‐ pasian, in: Antike Medizin. Ein Lexikon., s. o. Sp. 903; 457 Vgl. Seneca: DIVI ClAUDII APOKOLWKUNTWSIS 458 Vgl. Sen. apocol. 4, 3: „Weh mir, ich glaube ich habe mich besch....“ 459 Vgl. Sen. apocol. 4, 3: ob er das gemacht hat, weiß ich nicht, aber gewiss hat er alles besch... Kapitel 1: Der Tod Senecas 90 wird man die von Tacitus bezeugte Anreichung eines Schierlingspräparats durch den Arzt Annaeus Statius keineswegs als Beleg dafür ansehen dürfen, dass dieser Arzt wil‐ lentlich und wissentlich Beihilfe zur Selbsttötung leisten wollte und leistete. Die von Tacitus geschilderten Umstände des Ablebens Senecas liefern somit kei‐ nen Beweis dafür, dass der Arzt Annaeus Statius einen aktiven Beitrag zum Tode Se‐ necas leisten wollte und leistete, weder im Zusammenhang der Erzeugung von Wun‐ den an Armen und Beinen, noch im Zusammenhang der Beschaffung und Anrei‐ chung des o. e. Schierlingspräparats, geschweige denn im Zusammenhang der Ver‐ bringung Senecas in das Bad, an dessen Dämpfen er nach Tacitus erstickte. In Anbe‐ tracht dessen lässt sich auf der Grundlage der Überlieferung des Tacitus dem Arzt Statius Annaeus bezüglich Senecas weder eine Tötungsabsicht noch eine Fahrlässig‐ keit nachweisen. Zusammenfassende Beurteilung Als Fazit unserer Analyse der Darstellung des Ablebens Senecas durch Tacitus ergibt sich im Wesentlichen Folgendes: 1. Die Verletzungen an einem Arm und an den Beinen brachte Seneca sich selbst bei, und zwar mittelst eines gladius. 2. Die Einname des von dem Arzt Annaeus Statius erbetenen und erhaltenen Schier‐ lingspräparats hatte weder intentional noch tatsächlich einen nachweisbaren Ein‐ fluss auf das Ableben Senecas. 3. Auf den Erstickungstod in dem Dampfbad hatte weder Seneca selbst einen Ein‐ fluss, insofern er dorthin nicht mehr auf eigenen Füßen ging, sondern getragen wurde, noch der Arzt, insofern dieser im Zusammenhang der Verbringung Sene‐ cas dorthin selbst von Tacitus weder als Initiator noch als Täter charakterisiert wird. Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus Der oben versuchte Ausschluss der Möglichkeit, dass an der Tötung Senecas auch des‐ sen Leibarzt Annaeus Statius beteiligt gewesen sein könnte, wie von der communis opinio Forschung zur Zeit für wahrscheinlich gehalten wird, beruht bislang nur auf der Darstellung des Endes Senecas durch den Historiker Tacitus. Diese Darstellung ist von den insgesamt drei aus der Antike überlieferten Darstellungen des Vorgangs die ausführlichste und früheste und hinsichtlich ihrer Quellengrundlage auch als die zu‐ verlässigste einzustufen. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass in der Par‐ allelüberlieferung zu demselben Fall auch solche Quellen berücksichtigt wurden, auf die Tacitus entweder keinen Zugriff hatte oder deren Informationsgehalt er nicht für wert erachtete, in seiner eigenen Darstellung des Ablebens Senecas mit zu berücksich‐ tigen. Daher soll im Folgenden untersucht werden, ob sich aus den Darstellungen des‐ selben Ereigniszusammenhangs durch Sueton und Cassius Dio Anhaltspunkte für die 1.1.3.4 1.2 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 91 Notwendigkeit einer Korrektur der auf der Grundlage einer vor allem medizinge‐ schichtlichen Analyse der Darstellung des Tacitus gewonnenen Erkenntnisse ergeben oder eher Indizien für eine Bestätigung derselben. Ausgehend von der Überlegung, dass man bei später entstandenen Quellen stets mit der Möglichkeit einer Beeinflus‐ sung durch frühere, ja mit der Möglichkeit der Abhängigkeit von früheren Darstel‐ lungen rechnen muss, wollen wir uns bei der Besprechung der Zeugnisse Suetons und Cassius Dios strikt an die chronologische Reihenfolge halten und zunächst Äußerun‐ gen Suetons über Seneca untersuchen. Die Causa Seneca bei Sueton Sueton erwähnt den Namen Seneca nur in den sog. Kaiserbiografien460, insgesamt fünfmal, das erste Mal in der Tiberiusvita und zwar, als Gewährsmann für eine Anek‐ dote aus der Zeit kurz vor dem Tode des Tiberius461, das zweite Mal in der Caligulavi‐ ta, und und zwar im Kontext der Charakterisierung von Caligulas Verhältnis zur Rhe‐ torik462, und insgesamt dreimal in der Nerovita463. Im Hinblick darauf dürfte sich eine nähere Beschäftigung mit den beiden zuerst genannten Äußerungen erübrigen, insofern bezüglich des in der Tiberiusvita erwähn‐ ten Seneca nicht feststeht, ob es sich bei diesem um den hier interessierenden Philoso‐ phen handelt oder doch eher um dessen Vater, den bereits erwähnten Rhetor gleichen Namens. Die o. g. Stelle aus der Caligulavita verdient allenfalls unter dem Aspekt des Interesses an Senecas Redestil Aufmerksamkeit, kaum jedoch unter dem Aspekt des Interesses an der von Seneca unter Nero gespielten Rolle und den möglichen Ursachen und Begleitumständen seines Todes. Abgesehen davon belegt sie, dass Seneca, obwohl er kein gebürtiger Römer war, sondern aus der Provinz als Prozessredner schon unter der Regentschaft Calgulas soviel Aufsehen erregt, dass sich selbst ein Kaiser bemüßigt fühlte, sich mit seinem Redestil kritisch auseinanderzusetzen. Von den drei Erwähnungen in der Nerovita sind zwei in Bezug auf das Ende Se‐ necas allenfalls mittelbar von Interesse, insofern darin die Rolle Senecas als Erzieher des Kaisers kurz charakterisiert wird. Das erste Mal wird Seneca darin im Kontext der Adoption Neros durch Claudius genannt: undecimo anno a Claudio adoptatus est et Annaeoque Senecae iam tunc senatori in disciplinam datus464.(im 11. Lebensjahr wur‐ de er von Claudius adoptiert und dem Annaeus Seneca, der damals bereits Senator war, zur Erziehung anvertraut.) 1.2.1 460 Vgl. Suetonii Tranquilli opera Vol I, De vita Caesarum libri VIII, rec. Maximilianus Ihm, editio minor, Stuttgardiae in aedibus B. G. Teubneri MCMLXVII; unerwähnt bleibt der Name Seneca in der kleinen Schrift de grammaticis et rhetoribus; 461 Vgl. Suet, Tib. 73, 2; 462 Vgl. Suet. Tib. 53, 2; 463 Vgl. Suet. Nero 7, 1; 35, 5; 52; 464 Vgl. Suet. Nero 7, 1; Kapitel 1: Der Tod Senecas 92 Da die in dieser Notiz erwähnten historischen Fakten, der Eintritt Senecas in den Senat465 und seine Bestallung als Erzieher des nachmaligen Kaisers Nero auch aus an‐ deren Quellen bekannt sind, braucht darauf hier nicht näher eingegangen zu werden. Ähnliches gilt auch für den Hinweis, dass Seneca am Tage nach seiner Berufung zum Erzieher Neros davon geträumt habe, nicht zum Erzieher Neros berufen worden zu sein, sondern zu dem des damals längst verstorbenen G. Caligula.466 Gleichzeitig er‐ klärt Sueton diesen Traum auch, und zwar als Ausdruck von Befürchtungen und Vor‐ ahnungen, dass sich sein neues Mündel ähnlich negativ entwickeln werde, wie Caligu‐ la.467 Auch diese Notiz bedarf als sog. vatecinatio ex eventu im Kontext der Bespre‐ chung der Frage nach den Hintergründen und Begleitumständen von Senecas Ende keiner Erörterung. Größere Beachtung verdient allerdings eine zweite Notiz Suetons, in welcher die Rolle Senecas als Erzieher Neros thematisiert wird, und zwar insofern Sueton an dieser Stelle gegenüber dem Philosophen wegen der Art und Weise, in der er sich dieser Aufgabe entledigte, auch Vorwürfe erhebt: Liberalis disciplinas omnis fere attigit. sed a philosophia eum mater avertit monens imperaturo contrariam esse; a cognitione veter‐ um oratorum Seneca praeceptor, quo diutius in admiratione sui detineret468. (Mit fast allen Wissenschaften war er [Nero] in Berührung gekommen. Nur von der Philoso‐ phie hielt ihn die Mutter ab, indem sie ihn ermahnte, dass diese zu einem zukünftigen Kaiser nicht passe; von der Beschäftigung mit alten Rednern hielt ihn sein Erzieher Seneca ab, um ihn möglichst lange durch die Bewunderung seiner selbst an sich zu binden.) Sueton betrachtete es offensichtlich als ein Ergebnis einer falschen Erziehung, dass Nero in ethischer Hinsicht verwahrloste. Trotz einer guten Ausbildung auf dem Gebiet der sog. schönen Künste, entwickelt Nero nach Sueton keinerlei Beziehung zur Philosophie und zum mos maiorum, den nach Ciceros wichtigsten Grundlagen ethi‐ schen Handelns469. Neros Mangel an Interesse für Philosophie lastet Sueton allerdings mehr dem erzieherischen Einfluss Agrippinas an, mittelbar allerdings auch Seneca, und zwar durch den nicht explizit, aber inhärent vorgetragenen Vorwurf, dass der „Philosoph“ Seneca sich auch erzieherisch als solcher hätte stärker durchsetzen müs‐ sen. Sueton macht Seneca selbst dafür verantwortlich, dass sich Nero ausschließlich für zeitgenössische Rhetorik, nicht jedoch für ältere Vorbilder interessierte – hierbei wird man sicherlich vor allem an Cicero, vielleicht aber auch an Demosthenes zu denken haben – wobei Sueton für dieses „Versagen“ Senecas gegen Ende des Zitats auch ein bemerkenswertes, aber pychologisch durchaus plausibles Motiv benennt: „um ihn möglichst lange durch die Bewunderung seiner selbst an sich zu binden.470“ 465 Vgl. dazu Tac. ann. 13, 2–21; und Tac. ann. 14, 2–14; 466 Vgl. Suet. Nero 7, 1: ferunt proxima nocte Senecam visum sibi per quietem C. Caesari percipere. 467 Vgl. Suet. Nero 7, 1: et fidem somnio Nero brevi fecit prodita immanitate naturae …. 468 Vgl. Suet. Nero 52, 1; 469 Vgl. dazu vor allem Ciceros Schriften de re publica und de officiis. 470 S. o. Suet. Nero 52, 1:...quo diutius in admiratione sui detineret... 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 93 Sueton scheint an dieser Stelle zum Ausdruck bringen zu wollen, dass persönliche Eitelkeit bei jenem Versagen Senecas eine wichtige Rolle gespielt haben könnte, wobei dieser Eindruck aber auch täuschen könnte. Denn dass Seneca, unterstützt durch Bur‐ rus bestrebt war, Nero persönlich an sich zu binden, wird auch von Tacitus bezeugt, aber von diesem auch sachlich und politisch erklärt, nämlich durch das Ziel, den noch jungen Nero möglichst dem als gefährlich eingestuften Einfluss seiner Mutter zu entziehen471. Die Abweichung des von Sueton gegenüber Seneca erhobenen Vorwurfs persönlicher Eitelkeit als scheinbares Hauptmotiv Senecas für eine wenig an der Tra‐ dition orientierten rhetorischen Ausbildung Neros ist unübersehbar, aber trotzdem nur scheinbarer Natur und lässt sich durch die Wahl unterschiedlicher literarischer Gattungen erklären. Tacitus beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen Nero und Seneca als His‐ toriker, der sich vor allem für Fragen der historischen und politischen Kausalität in‐ teressiert, die solchen persönlichen Beziehungen zugrunde liegen. Sueton äußerte sich dazu in einer Biographie, zu deren gattungsspezifischen Eigentümlichkeiten es ge‐ hört, dass die Darstellung der Komplexität historischer Kausalitäten gegenüber der Darstellung der persönlichen Entwicklung der Hauptpersonen zurücktritt. Anders ausgedrückt: der Eindruck des Vorwurfs persönlicher Eitelkeit als Hauptmotiv Sene‐ cas für seine Schwerpunktsetzungen auf dem Gebiet der Erziehung Neros erklärt sich wahrscheinlich am ehesten daraus, dass Sueton die politischen Motive, die Tacitus be‐ nannte, keineswegs infrage stellen wollte, sondern aus seiner Darstellung lediglich ausblendete, weil er sich als Verfasser einer Biographie über Nero nicht auch noch für das erzieherische Handeln Senecas interessieren konnte und wollte. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass eine solche Ausblendung der persönli‐ chen Motive Senecas als Erklärung für bestimmte Eigentümlichkeiten in dessen Be‐ ziehungen zu Nero, jedenfalls im Bewusstsein Neros, auch eine ursächliche Bedeutung für den späteren Bruch zwischen diesem und Seneca gehabt haben könnte und mittel‐ bar auch auf die Art und Weise, wie Seneca zu Tode kam. Wenden wir uns, in dem Bewusstsein der Möglichkeit eines solchen Erklärungsansatzes jetzt auch der Darstel‐ lung der Auswirkungen eben dieses Bruchs zwischen Nero und Seneca durch Sueton zu. Bemerkenswert knapp notiert der Biograph dazu im Wesentlichen nur Folgendes: Senecam praeceptorem ad necem compulit, quamvis saepe commeatum petenti bonisque cedenti persancte iurasset suspectum se frustra periturumque potius quam nociturum ei.472 (Den Seneca, seinen Erzieher, trieb er [Nero] zur [Selbst-] Tötung473, obwohl er diesem, als jener wiederholt um den Abschied bat und auf sein Vermögen verzichten 471 Vgl. Tac. ann. 13, 2, 1: Ibaturque in caedes, nisi Afranius Burrus et Annaeus Seneca obviam essent. hi rectores imperatoriae iuventae et … concordes, diversa arte ex aequo pollebant, Burrus militaribus cu‐ ris et severitate morum, Seneca praeceptis eloquentiae et comitate honesta …. certamen utrique unum erat contra ferociam Agrippinae... 472 Vgl. Suet. Nero 35, 5; 473 Das Wort necem wird hier mit Selbsttötung wieder gegeben, obwohl als Grundbedeutung des Wor‐ tes nex, entsprechend seiner etymologischen Verwandtschaft zu den griechischen Wörtern nškuj (= Leichnam) und nekrÕj (= tot) im Deutschen eher Begriffe wie Tod, Tötung oder Ermordung in Kapitel 1: Der Tod Senecas 94 wollte474, hoch und heilig geschworen hatte, dass er [Seneca] zu Unrecht verdächtigt werde und er lieber zugrunde gehen, als ihm [Seneca] schaden werde.) Dem hier vorrangig interessierenden Vorgang des Ablebens Senecas widmet Sue‐ ton in dem ohnehin schon recht knappen Zitat gerade einmal fünf Wörter: … Sene‐ cam praeceptorem ad necem compulit..., denen in sachlicher Hinsicht im Wesentlichen nur Folgendes zu entnehmen ist: 1. Nero trieb Seneca in den Tod. 2. Dabei tötete sich Seneca aber wahrscheinlich selbst. Alle anderen Informationen, die in dem Zitat mit dem Vorgang des Ablebens Senecas sprachlich verknüpft werden, die Hinweise darauf, dass Seneca Nero zuvor um eine Art Abschied gebeten und seine Bereitschaft zum Verzicht auf sein ganzes Vermögen zugunsten Neros bekundet habe sowie dass Nero seinerseits gegenüber Seneca erklärt habe, dass er ihn für unbedingt loyal halte und lieber sterben werde als ihm zu scha‐ den, haben mit jenem Vorgang sachlich wenig zu tun. Die Erwähnung dieser Infor‐ mationen im Zusammenhang mit dem Ableben Senecas dient augenscheinlich nur dem Zweck, das Vorgehen Neros gegen Seneca in den Augen des Lesers als unver‐ ständlich, ja mehr noch als moralisch verwerflich erscheinen zu lassen. Lediglich der Hinweis darauf, dass Seneca der Erzieher Neros gewesen sei, könnte vor dem Hinter‐ grund der durchaus kritischen Bewertung der Rolle Senecas als Erzieher Neros durch Sueton, eventuell auch als Hinweis auf ein mögliches Motiv Neros für dessen Vorge‐ hen gegen Seneca interpretiert werden. Aber welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Überlegungen für die Beant‐ wortung der Frage, ob sich aus der Darstellung des Ablebens Senecas durch Sueton eher die Notwendigkeit einer Korrektur der oben aus einer Analyse der Darstellung des Tacitus gewonnenen Erkenntnisse über die Möglichkeit einer Tötungsassistenz durch einen Arzt ergibt oder nicht? In methodischer Hinsicht erweist sich diese Frage als bedeutungsähnlich mit der hier bereits in einem anderen Zusammenhang aufgeworfenen Frage, ob Sueton bei seiner Darstellung des Ablebens Senecas auch bei Tacitus überlieferte Informationen nur verkürzt wieder gegeben hat, oder aber das Ende Senecas aufgrund ihm zur Ver‐ fügung stehender anderer Informationen bewusst anders als Tacitus dargestellt hat. Bei dem Versuch einer Beantwortung dieser Frage verdient besondere Beachtung, dass sich Sueton in Bezug auf die oben kurz skizzierten Informationen über bestimm‐ te Einzelheiten eines früheren Zerwürfnisses zwischen Nero und Seneca unverkenn‐ bar an entsprechende Darstellungen bei Tacitus anlehnt und die dort überlieferten In‐ formationen allenfalls verkürzt wiedergibt und keinesfalls inhaltlich verändert. Über die von Sueton in dem obigen Zitat erwähnte Bitte Senecas, sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen zu dürfen und die Bereitschaft Senecas zum Verzicht auf sein ganzes Vermögen berichtet auch Tacitus, und zwar im Kontext der Berichterstattung Frage kommen. Insofern Seneca im Kontext des Zitats nicht als Täter, sondern eindeutig als Opfer einer Gewalttat charakterisiert wird, kommt hier als Übersetzung wohl in erster Linie das Wort „Selbsttötung“ in Betracht. 474 Vgl. dazu: Tac. ann 14, 53; 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 95 über Ereignisse des Jahres 62 n. Chr. und im Anschluss an eine Erörterung der Konse‐ quenzen des Todes des Burrus475 für die Machtstellung Senecas476. Die Darstellung des Tacitus darüber beginnt folgendermaßen: At Seneca crimi‐ nantium non ignarus, ... et familiaritatem eius magis aspernante Caesare, tempus ser‐ moni orat et accepto ita incipit477: (Aber Seneca wusste über die gegen ihn gerichteten Anschuldigungen genau Bescheid, … und als den vertrauten Umgang mit ihm der Kaiser mehr und mehr vermied, bat er um einen Gesprächstermin und als der ihm gewährt worden war, begann er so: … [es folgt eine Art Ansprache Senecas, die sich über 1 ¼ Teubnerseiten erstreckt.]) Die Darstellung des Tacitus vermittelt den Eindruck, dass durch den Tod des mit Seneca eng befreundeten Burrus die Gegner Senecas allmählich Oberwasser bekamen und Seneca bei Nero zu verleumden begannen, was diesen veranlasste, Nero seine „Demission“ als zuvor wichtigster Berater des Kaisers und ihm auch die Rückgabe al‐ ler von ihm erhaltenen Geldgeschenke anzubieten478. Nach Tacitus antwortete Nero auf dieses Anerbieten Senecas mit einer nahezu gleich langen Rede, in der Nero an‐ geblich u. a. versicherte: nec mihi tela et manus tuae defuissent in armis agenti … et tua quidem erga me munera, dum vita suppetat, aeterna sunt479. (auch deine Waffen und deine Hände hätten mir zur Verfügung gestanden, wenn ich im Felde stand … und deine Verdienste um mich werden, so lange das Leben dauert, ewig wären.) Zumindest in Bezug auf die sowohl von Sueton als auch von Tacitus berichtete Bereitschaft Senecas zum politischen Rückzug sowie zum Vermögensverzicht zuguns‐ ten Neros als auch bezüglich der von beiden Autoren erwähnten Zurückweisung jenes Angebots Senecas durch Nero sowie bezüglich der angeblichen Vertrauensbekundun‐ gen Neros gegenüber Seneca lassen sich kaum inhaltliche Abweichungen zwischen beiden Darstellungen feststellen, abgesehen davon, dass Sueton darüber im Vergleich zu Tacitus in erheblich verkürzter Form berichtet. Daher erscheint es als zulässig zu vermuten, dass die entsprechenden Darstellungen des Tacitus von Sueton sogar als Quelle für die oben zitierte Notiz dienten. Man könnte im Hinblick darauf von einer Abhängigkeit der Darstellung Suetons von derjenigen des Tacitus sprechen. Daher dürfte es schwierig sein, auch die o. z. Aussage Suetons über das Ende Sene‐ cas (Senecam praeceptorem ad necem compulit.... 480) anders zu deuten als das Ergeb‐ nis einer starken Verkürzung der Darstellung des Tacitus. Jedenfalls ergeben sich aus dem oben vorgenommenen Vergleich beider Darstellungen bestimmter Vorgänge kei‐ nerlei Anhaltspunkte dafür, dass Sueton für seine sehr knappe Darstellung des Able‐ bens Senecas auf eine Quelle zurückgegriffen haben könnte, in welcher die bei Tacitus zusätzlich erwähnten Einzelheiten, wie zum Beispiel über die Rolle Paulinas und die Rolle des Arztes Annaeus Statius, anders dargestellt wurden als bei Tacitus, so dass 475 Vgl. Tac. ann. 14, 51–52; 476 Vgl. Tac. ann. 14, 53–54; 477 Vgl. Tac. ann. 14, 53, 1; 478 Vgl. Tac. ann. 14, 54, 2: … cum opes meas ultra sustinere non possim, praesidium peto. iube rem per procuratores tuos administrari... 479 Vgl. Tac. ann. 14, 55, 3; 480 Vgl. Suet. Nero 35, 5; Kapitel 1: Der Tod Senecas 96 man deren Nichterwähnung durch Sueton keinesfalls als Ausdruck einer Kritik an der Darstellung des Tacitus deuten darf, sondern nur als das Ergebnis einer inhaltlichen Kürzung dieser Darstellung. Im Gegenteil: Selbst für ein anderes Detail der o. z. Sue‐ tonnotiz, der in Bezug auf das Faktum des erzwungenen Suizids Senecas an sich über‐ flüssige Hinweis darauf, dass Seneca der Erzieher Neros gewesen war, lässt sich ein Vorbild in der Berichterstattung des Tacitus nachweisen. Im Zusammenhang der Berichterstattung des Tacitus über die Reaktion Senecas auf das Wehklagen seiner Tischgenossen über das unerwartete Eintreffen der Todes‐ botschaft für ihn, legt der Historiker dem Philosophen unter anderem folgende Worte in den Mund: cui ignaram fuisse saevitiam Neronis? neque aliud superesse post matrem fratremque interfectos, quam ut educatoris praeceptoris necem adiceret481. (wem sei die die Grausamkeit Neros unbekannt gewesen. Nichts Anderes sei noch übrig nach der Tötung von Mutter und Bruder, als dass er dem auch noch den Tod des Erzieher und Ausbilders hinzufügte.) Bereits bei Tacitus begegnet uns der demonstrative Hinweis, dass selbst die Tatsa‐ che, dass Seneca der Erzieher Neros gewesen sei, diesen nicht davon abgehalten habe, jenen zu liquidieren. Besondere Aufmerksamkeit im Hinblick darauf, dass Tacitus Se‐ neca in diesem Zusammenhang eine Formulierung in den Mund legt, die in fast eben derselben sprachlichen Form Sueton auch zur Charakterisierung des Ablebens Sene‐ cas benutzte: praeceptoris necem. Es lässt sich somit aus unserer Analyse der Darstellung des Ablebens Senecas durch Sueton ein klares Fazit ziehen: Begründete Einwände gegen den hier auf der Grundlage der Darstellung des Tacitus vorgenommenen Ausschluss einer ärztlichen Tötungsassistenz im Falle Senecas sind nicht möglich. Die Causa Seneca bei Cassius Dio Gewisse Abweichungen von der Darstellung des Tacitus über das Ende Senecas sind aber in der Darstellung des Xiphilinos bzw. Cassius Dios zu beobachten, der dazu fol‐ gende Informationen zu entnehmen sind: Ð dὲ d¾ Senškaj ºqšlhse mὲn kaˆ t¾n gu‐ na‹ka Paul‹nan ¢pokte‹nai, lšgwn pepeikšnai aÙt¾n toà te qan£tou katafronÁsai kaˆ tÁj sÝn aÙtù metallagÁj ™pitumÁsai kaˆ œscase kaˆ t¦j ™ke…nhj flšbaj, dusqa‐ nat»saj d™ d¾ kaˆ prÕj tÕn Ôleqron ØpÕ tîn stratiwtîn ™peicqeˆj proaphll£gh aÙtÁj, kaˆ oÛtwj ¹ Paul‹na periegšneto482. (Seneca wollte das Leben seiner Frau Pau‐ lina gleichzeitig mit dem seinem beenden; denn er habe, wie er erklärte, sie gelehrt, sowohl den Tod zu verachten als auch gemeinsam mit ihm aus dem Leben zu gehen. So öffnete er sich selbst und ihr die Adern. Doch da er einen schweren Tod hatte, be‐ 1.2.2 481 Vgl. Tac. ann. 15, 62, 2; 482 Vgl. Xiph. 170, 4 172, 1 R. St. zu: Dio 62, 25, 2; 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 97 schleunigten die Soldaten sein Ende, und so war Paulina, während er verschied, noch am Leben und wurde gerettet.)483 Bereits ein oberflächlicher Blick auf dieses Zitat genügt um zu erkennen, dass die Darstellung Dios zu derjenigen des Tacitus drei bemerkenswerte Unterschiede auf‐ weist: 1. Anders als von Tacitus behauptet, ging die Initiative zu einer gemeinschaftlichen Selbsttötung des Ehepaares Seneca nach Cassius Dio nicht von dessen Gemahlin Paulina aus, sondern von Seneca selbst und wurde auch nicht durch eine gemein‐ schaftliche Öffnung großer Blutgefäße in die Wege geleitet, sondern allein durch Seneca, und zwar dadurch, dass der Philosoph zunächst seiner Gemahlin und dann sich selbst entsprechende Verletzungen zufügte. 2. Anders als Tacitus erwähnt Cassius Dio die Einnahme von angeblich tödlich wir‐ kenden Medikamenten durch Seneca nicht. 3. Anders als Tacitus scheint Cassius Dio davon überzeugt gewesen zu sein, dass der Tod Senecas nicht durch dessen eigene suizidalen Bemühungen herbeigeführt wurde, sondern durch die Prätorianer, die auf nicht näher erläuterte Art und Wei‐ se den Tod Senecas durch eine Fremdtötung herbeiführten. Diese Abweichungen von der Darstellung des Tacitus verlangen nach einer Erklärung. Auf den ersten Blick erscheint es naheliegend, sie wie im Falle der Darstellung in der bereits besprochenen Suetonnotiz als Ergebnis einer Verkürzung zu deuten, zumal die das Ende Senecas betreffenden Ausführungen des Cassius Dio nicht im Original über‐ liefert sind, sondern in der Form von Exzerpten des Johannes Xiphilinos, eines in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Konstantinopel lebenden christlichen Mönchs484. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die Darstellung Dios im Zuge ihrer Exzerpierung inhaltlich verändert wurde. Um diese Möglichkeit zu verifizieren oder auszuschließen ist es unumgänglich, dass wir uns mit dem zeitgeschichtlichen Hinter‐ grund der Entstehung dieser Exzerpte noch ein wenig genauer beschäftigen Von dem Verfasser der Exzerpte ist bekannt, dass er als ein Neffe eines gleichna‐ migen Patriarchen von Konstantinopel über gute Beziehungen zum Hof des byzanti‐ nischen Kaisers Michael VII. Parapinakes485 verfügte, der ihm wahrscheinlich auch den Auftrag erteilte, die hier zitierten Auszüge aus dem Geschichtswerk des Cassius Dio anzufertigen. Die Gründe für die Erteilung dieses Auftrags sind nicht überliefert. Es spricht aber Einiges dafür, dass die Entstehung der Exzerpte damit zusammen‐ hängt, dass Michael VII. als sehr gebildet galt, aber über das byzantinische Reich in einer ausgesprochenen Schwächeperiode herrschte. 483 Vgl. Veh, O.: (Übers.) Cassius Dio, Römische Geschichte Bd. V, Düsseldorf 2007, Epitome des Bu‐ ches 62, cap. 25, 1–2; S. 72; 484 Vgl.Trapp, E.: Johannes Xiphilinos der Jüngere. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Bd. 3, Herzberg 1992, Sp. 618–619; 485 Μιχαὴλ Ζ’ Δούκας Παραπινάκης, *1059, †ca. 1090, n. Chr., nominell von 1067–1078 byzantini‐ scher Kaiser, faktisch aber erst ab 1071, verheiratet mit Maria von Alanien, einer Schwester des Kö‐ nigs Giorgi II. von Georgien; vgl. Michael VII. Dukas, in Encyclopaedia Britannica, elektr.: http:// www.britannica. com/EB checked/topic/379854/Michael-VII-Ducas (2014); Kapitel 1: Der Tod Senecas 98 In das Jahr der Geburt Michaels VII. fällt das sog. Papstwahldekret des deutschen Kaisers Heinrichs III, infolgedessen sich der Kirchenstaat nicht nur vom Kaisertum des Westens emanzipierte, sondern auch von demjenigen des Ostens: Im Jahre 1071 beseitigten die von dem Reformpapsttum gegen das Kaisertum der Salier zur Hilfe ge‐ rufenen Normannen die letzten Reste der byzantinischen Herrschaft über Süditalien. In demselben Jahr hatte Byzanz infolge der verlustreichen Schlacht von Manzikert486 auch an der Ostgrenze des Reiches große territoriale Verluste zugunsten der Seldschu‐ ken hinnehmen müssen. Die Beauftragung des Xiphilinos mit der Anfertigung von Exzerpten aus dem Geschichtswerk des Cassius Dio erklärt sich somit grundsätzlich nicht nur aus dem Bildungseifer des Kaisers, sondern auch aus dem Interesse an einer Rückbesinnung auf die frühere Größe der römischen Kaiserherrschaft in einer Zeit eines katastrophalen Niedergangs. Daraus könnte sich aber auch erklären, dass – wie aus einem Vergleich der Exzer‐ pte des Xiphilinos mit dem im Original überlieferten Teilen des Werkes des Cassius Dio auf Anhieb ersichtlich ist – der byzantinische Epitomator die Ausführungen Dios nicht nur zusammenfasste, sondern auch veränderte, vor allem durch den Verzicht auf die an den Konsulatslisten orientierte Chronologie. Dieses Interesse an dem frü‐ heren Glanz der Herrschaft der römischen Kaiser könnte auch dazu geführt haben, dass die kritische Haltung gegenüber einzelnen Kaisern, die vor allem bei Tacitus spürbar ist, aber auch noch in den im Original überlieferten Teilen von Dios Ge‐ schichtswerk zu beobachten ist, in Bezug auf manche Einzelheiten der Darstellung abgemildert wurde. Dieses Bestreben des Xiphilinos könnte auch dazu geführt haben, dass die Rolle Senecas im Kontext der sog. Pisonischen Verschwörung in den Dioexzerpten erheblich kritischer beurteilt wird als von Tacitus, vielleicht auch kritischer als in dem verschol‐ lenen Original Dios. Jedenfalls wird eine Involvierung Senecas in die Verschwörung dort anders als von Tacitus nicht als Gegenstand von Gerüchten, sondern als Tatsache dargestellt: `O dὲ d¾ Senškaj kaˆ Ñ `Roàfoj Ð œparcoj ¥lloi tš tinej tîn ™pifanîn ™peboÚleusan tù Nšrwni. oÜte g¦r t¾n ¢schmosÚnhn oÜte t¾n ¢sšlgeian oÜte t¾n çmÒthta aÙtoà œti fšrein ™dÚnanto. aÙto…te oân ¤ma tîn kakîn toÚtwn ¢pal‐ lagÁnai k¢ke‹non ™leuqerîsai ºqšlhsan, ésper ¥ntikruj Soulp…kiÒj te ”Asproj ˜katÒntarcoj kaˆ SoÚbrioj Fl£ouioj cil…arcoj, ™k tîn swmatoful£kwn Ôntej, kaˆ prÕj aÙtÕn Nšrwna æmolÒghsan. ™ke‹nÒj te g¦r ™rwthqeˆj Øp' aÙtoà t¾n a„t…an tÁj ™piqšsewj eἶpen Óti „¥llwj soi bohqÁsai oÙk ™dun£mhn, kaˆ Ð Fl£ouioj „kaˆ ™f…lhs£ se“ eἶpe „pantÕj m©llon kaˆ ™m…shsa. ™f…lhsa mὲn ™lp…saj ¢gaqÕn aÙtokr£tora œsesqai, ™m…shsa dὲ Óti t¦ kaˆ t¦ poie‹j. oÜte g¦r ¡rmathl£tÆ oÜte kitarῳdù douleÚein dÚnamai.“ mhnÚsewj oân genomšnhj oáto… te ™kol£sqhsan kaˆ ¥lloi di' aÙtoÝj 486 Am 26. 08. 1071; vgl. dazu: Hillenbrand, C.: Turkish Myth and Muslim Symbol: The Battle of Man‐ zikert. Edinburgh 2008. (neues Überblickswerk, vor allem zur Tradierung der Schlacht in der isla‐ mischen Historiographie bis in die Gegenwart) Strässle, P. M.: Mantzikert. In: Lexikon des Mittel‐ alters. Bd. 6, Sp. 208–209; 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 99 pollo…. 487: (Seneca aber, der Praefekt488 Rufus489 und einige andere angesehene Männer zettelten eine Verschwörung gegen Nero an; sie konnten nämlich sein un‐ würdiges Verhalten, seine Zuchtlosigkeit und Grausamkeit nicht länger ertragen und wollten daher selbst von diesen Übeln loskommen und gleichzeitig auch den Kaiser davon befreien, wie denn der Zenturio Sulpicius Asper und der Militärtribun Subrius Flavius, beide Angehörige der Leibgarde, Nero ins Gesicht bekannten. Als nämlich Asper vom Kaiser gefragt wurde, weshalb er denn den Anschlag geplant habe, erklärte er: `Ich konnte Dir nicht anders helfen!´, und Flavius Rufus mein‐ te:`Ich habe dich mehr als jeden anderen geliebt und gehasst, geliebt, weil ich hoffte, dass du ein guter Kaiser sein würdest, gehasst weil du dies und das treibst; ich vermag nämlich weder einem Wagenlenker noch einem Leierspieler zu dienen.´ Darauf wur‐ den diese Männer angezeigt und bestraft und ebenso ihretwegen viele andere.490) Anders als Tacitus bestreitet Cassius Dio (Xiphilinos) eine Involvierung Senecas in die Pisonische Verschwörung keineswegs, sondern charakterisiert Seneca sogar als den führenden Kopf dieses Unternehmens, während er Pisos Namen völlig unerwähnt lässt. Es fällt schwer, das Verschweigen der führenden Rolle Pisos innerhalb der Ver‐ schwörung lediglich als das Ergebnis von Bemühungen des Epitomators zu deuten, die Darstellung Dios zu verknappen. Es drängt sich eher der Verdacht auf, dass Xiphi‐ lin bewusst eine Führungsrolle Senecas im Rahmen der Verschwörung behauptet, um vor dem Hintergrund der persönlichen Erfahrung von Palastintrigen gegen die Herr‐ schaft des byzantinischen Kaisers Michaels VII. auch die Pisonische Verschwörung als eine „Palastrevolution“ erscheinen zu lassen, d. h. ein Bild zu entwerfen, in welches die Führungsrolle Pisos, d. h. des Abkömmlings einer altrömischen Aristokratenfami‐ lie nicht zu passen schien. Andererseits kann mangels Quellen auch nicht ausge‐ schlossen werden, dass schon von Cassius Dio selbst die Rolle Senecas erheblich kriti‐ scher gesehen wurde als von Tacitus. Um so dringlicher stellt sich angesichts dieser Abweichungen der Darstellungen des Tacitus und des Cassius Dio die Frage nach der Glaubwürdigkeit, zumal davon auszugehen wäre, dass Cassius Dio, als der später schreibende Autor das Werk des früher schreibenden Tacitus gekannt haben müsste. Da Cassius Dio Tacitus aber nie‐ mals zitiert und auch nicht expressis verbis kritisiert, ist auch nicht auszuschließen, dass die Darstellung des Tacitus über die Pisonische Verschwörung verschollen oder nicht greifbar war, als Dio an seiner eigenen arbeitete. Übereinstimmungen in den Werken könnten somit durch die Benutzung derselben Quellen bedingt sein und Ab‐ weichungen könnten aus unterschiedlichen Bewertungen der Glaubwürdigkeit dieser Quellen resultieren. Weil somit nicht klar ist, ob Cassius Dio nicht auch Quellen benutzt hat, die Taci‐ tus ignorierte, anders deutete oder nicht kannte, dürfen wir bei einem Vergleich nicht ungeprüft davon ausgehen, dass die ältere Darstellung, die des Tacitus gegenüber der‐ 487 Vgl. Cass. Dio (Xiphilinos) 62, 24, 1–2; 488 praefecus praetorio 489 Faenius Rufus, zur Rolle des Faenius Rufus im Rahmen der Pisonischen Verschwörung vgl.: Tac. ann. 15, 50. 53. 58. 61. 66. 68. 16, 12; 490 Vgl.Veh. O., s. o., Bd. 5, S. 71–72; Kapitel 1: Der Tod Senecas 100 jenigen der späteren, nämlich des Cassius Dio oder gar des Xiphilinos, überlegen sei, – abgesehen von den unterschiedlichen Darstellungen bestimmter Details, bei denen man sich die Unterschiede ohne größere Mühe auch als das Ergebnis von Vereinfa‐ chungen ohne Verfälschungsabsicht erklären kann. So kann man zumindest die oben unter Ziffer 1 genannten Abweichungen in der Darstellung Dios sicherlich als das Ergebnis einer „unabsichtlichen Verfälschung“ in‐ terpretieren: Dass bei Cassius Dio anders als bei Tacitus lediglich von Bemühungen Senecas die Rede ist, seiner Gemahlin und auch sich selbst Blutgefäße aufzuschnei‐ den, ohne genaue Angaben über die Körperstellen, an denen er dies versuchte, lässt sich kaum auf die Absicht zurückführen, dem Leser wichtige Informationen vorzu‐ enthalten, und spricht daher aber auch keinesfalls gegen die Glaubwürdigkeit der diesbezüglichen Angaben des Tacitus491. Selbst dass Cassius Dio im Hinblick auf die Paulina beigebrachten Verletzungen ausschließlich Seneca selbst als „Täter“ charakterisiert, steht zu den Angaben des Taci‐ tus, der den Vorgang zu Beginn als einen gemeinschaftlich begangenen Selbsttötungs‐ versuch beider Ehegatten darstellt492, nicht in einem unüberbrückbaren Gegensatz. Denn gerade unter der sich nach unseren bisherigen Untersuchungen als wahrschein‐ lich angenommenen Prämisse, dass sich das Ehepaar Seneca eodem ictu und mittelst eines einzigen gladius und gleichzeitig die Armschlagadern zu öffnen versuchte, wäre ergonomisch am ehesten nachvollziehbar, wenn bei dem Schnitt zunächst nur einer von beiden Ehegatten mit einer Hand den Griff des Schwertes gehalten hätte und so zunächst nur drei Arme verletzte, nämlich die beiden Arme des Partners, aber nur einen eigenen. Dass aber Seneca derjenige war, der den ersten Schnitt geführt haben müsste und deswegen zunächst einen Arm unverletzt behielt, ergibt sich daraus, dass aus den oben dargelegten Gründen wohl damit zu rechnen ist, dass Seneca zu diesem Zweck sein eigenes Schwert benutzte, während bei Paulina davon auszugehen ist, dass sie gar keines besaß. Außerdem könnte man sich die Angaben des Tacitus, dass Seneca später nur sich selbst auch Verletzungen an den Beinen beibrachte, besser vorstellen, wenn Seneca nach dem vorangegangenen mit Paulina gemeinschaftlich begangenen Suizid‐ versuch noch einen Arm unverletzt und damit auch schmerzfrei behalten hätte. Auch die oben unter Ziffer 3 benannte Abweichung der Darstellung Dios (Xiphili‐ nos), nach der Seneca anders als von Tacitus behauptet, nicht durch die Dämpfe eines heißen Bades erstickt wurde493, sondern von Soldaten getötet wurde494, ist nicht un‐ bedingt als ein Widerspruch zu interpretieren. Dass Seneca kurz vor seinem Ableben in ein Dampfbad getragen wurde, wie Tacitus unterstellt, spricht keinesfalls dagegen, dass dies, wie von Cassius Dio behauptet – in der Absicht, Senecas Tod zu beschleuni‐ gen – von den Prätorianern vorgenommen oder angeordnet wurde. 491 Tacitus benennt als Körperteile bei Paulina und Seneca selbst die Arme, bei dem letzteren zusätz‐ lich auch Kniekehlen und Unterschenkel (Vgl. Tac. ann. 15, 63, 3;). 492 S. o. Tac. ann. 15, 63, 4: post quae eodem ictu brachia ferro [scil. Seneca et Paulina]exsolvunt. 493 S. o. Tac. ann. 63, 4: exim balneo inlatus et vapore eius exanimatus... 494 S. o. Xiph. 170, 4–172, 1 R. St. zu: Dio 62, 25, 2:... dusqanatÉ»saj dὲ d¾ kaˆ prÕj tÕn Ôleqron ØpÕ tÉîn stratiwtîn ™peicqeˆj... 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 101 Aber in Bezug auf zwei weitere Unterschiede der Darstellungen der causa Seneca durch Tacitus bzw. Cassius Dio scheint als Erklärung das Ringen des letzteren um eine vereinfachte und verkürzte Darstellung kaum in Frage zu kommen: Das gilt vor allem für die von Cassius Dio behauptete495, aber von Tacitus bestrittene Involvierung Sene‐ cas in die Pisonische Verschwörung496, in abgeschwächter Form, wahrscheinlich aber auch für die medizingeschichtlich bedeutsame, von Tacitus behauptete, von Xiphilinos jedoch nicht erwähnte Involvierung des Arztes Statius Annaeus in das Sterben Sene‐ cas497. In der Art und Weise, in der Tacitus die Möglichkeit einer Verwicklung Senecas in die Pisonische Verschwörung in Abrede stellt, ist ein polemischer Unterton unüberhör‐ bar, der die Vermutung rechtfertigt, dass wenigstens einer der von Tacitus genannten Autoren von Geschichtswerken, deren Benutzung der Historiker andeutet, die aber auch Cassius Dio als Quelle benutzte, eine verschwörerische Verstrickung Senecas be‐ hauptet haben könnte: solus quippe Natalis et hactenus prompsit, missum se ad aegro‐ tum Senecam, uti viseret conquerereturque, cur Pisonem aditu arceret:498(Denn allein Natalis sagte aus, und auch nur soviel, dass er zu dem erkrankten Seneca geschickt worden sei, damit er ihn besuche und herauszubekommen versuche, warum er [Sene‐ ca] Piso den [unmittelbaren] Zugang verwehre:) Die Betonung, dass allein Natalis durch eine Aussage bezüglich angeblicher per‐ sönlicher Kontakte zwischen Piso und Seneca den Argwohn Neros gegenüber dem letzteren wegen einer möglichen Involvierung in eine gegen ihn gerichtete Verschwö‐ rung geweckt habe, begründet den Verdacht, dass bereits Tacitus Darstellungen be‐ kannt waren, nach denen auch andere Beteiligte der Verschwörung durch ihre Aussa‐ gen Seneca belasteten, und nicht nur im Hinblick auf Seneca lediglich kompromittie‐ rende Kontakte zu Piso. Im Anschluss an seine Berichterstattung über das Ende Sene‐ cas zitiert Tacitus selbst ein „Gerücht“, welches angeblich besagte, dass Piso nach dem Willen einiger Verschwörer nur vorübergehend Neros Stelle habe einnehmen sollen499. Berücksichtigt man aber, dass die Klassifizierung dieser Information als „Ge‐ rücht“ vielleicht „nur“ eine subjektive Einschätzung des Tacitus widerspiegelt, aber nicht eine von allen antiken Historikern für verbindlich erachtete Auffassung dar‐ stellt, dann wird man davon ausgehen dürfen, dass Tacitus die Einschätzung, dass nicht Piso, sondern Seneca der führende Kopf der Verschwörung gewesen sei, bereits 495 S. o. Xiph. 170, 4–172, 1 R. St. zu: Cass. Dio 62, 25, 2; 496 S. o. Tac. ann. 15, 60, 2: sequitur caedes Senecae laetissima principi, non quia coniurationis mani‐ festum compererat... 497 S. o. Tac. ann. 15, 63, 3; Xiph. 170, 4–172, 1 R. St. zu: Cass. Dio 62, 25, 2; 498 S. o. Tac. ann. 15, 60, 3; 499 S. o. Tac. ann. 15, 60, 3: Fama fuit Subrium Flavum cum centurionibus occulto consilio, neque tamen ignorante Seneca, destinavisse, ut post occisum opera Pisonis Neronem Piso quoque interficeretur tra‐ dereturque imperium Senecae, quasi insonti et claritudine virtututum ad summum fastigium delecto. (Es ging das Gerücht, dass Subrius Flavus gemeinsam mit den Zenturionen in einem geheimen Plan bestimmt habe, trotzdem nicht ohne Wissen Senecas, dass nach der unter Mitwirkung Pisos erfolgten Tötung Neros Piso ebenfalls getötet werde und die Kaiserherrschaft dann Seneca überge‐ ben werde, als einem gleichsam unschuldigen [d. h. an dem Attentat unbeteiligten] und wegen der Berühmtheit seiner Tugenden für die Staatsspitze ausgewählten Mann.) Kapitel 1: Der Tod Senecas 102 in den von ihm benutzten Quellen vorfand, diese allerdings – anders als Cassius Dio – nicht teilte. Dass Seneca von den „Gerüchten“ über derartige Pläne selbst Kenntnis ge‐ habt haben könnte500, wird auch von Tacitus eingeräumt. Außerdem schließt Tacitus – im Zusammenhang der Erwähnung der Rückkehr Senecas aus Kampanien in ein Landhaus vor den Toren Roms kurz vor seinem Tod – nicht aus, dass diese Rückkehr aus kluger Berechnung erfolgt sei501. Worin das Kalkül Senecas bei seiner Rückkehr aus Kampanien bestanden haben könnte, erläutert Tacitus nicht weiter, aber vor dem Hintergrund des konkreten In‐ halts der „Gerüchte“ über angebliche verschwörerische Verstrickungen Senecas kann darüber im Prinzip kein Zweifel bestehen: 1. Entweder hatte Seneca bereits vor seiner Rückkehr vor die Tore Roms Kenntnis davon erhalten, dass die Verschwörer enttarnt worden waren, und glaubte durch eine rechtzeitige Abreise aus Kampanien, d. h. durch eine Art Alibi, seine tatsächlichen Kontakte zu den Verschwörern besser ver‐ schleiern zu können. 2. Oder Seneca hatte noch keine Kenntnisse von dem Scheitern der Verschwö‐ rung und war hauptsächlich deswegen in die nähere Umgebung Roms gekommen, um von dort aus den weiteren Verlauf der Entwicklung beobachten zu können und je nach dem weiteren Verlauf der Entwicklung den Verschwörern entweder seine Dien‐ ste anzubieten oder sich sogar an deren Spitze zu stellen. Über die Entstehung der Gerüchte, nach denen auch Seneca in die Verschwörung verwickelt gewesen sein könnte, sind vor allem der Berichterstattung des Tacitus über die Aufdeckung der Verschwörung interessante Informationen zu entnehmen. Dies war nach den bei Tacitus überlieferten Informationen auf die Unvorsichtigkeit eines Senators mit dem Namen Flavius Scaevinus502 zurückzuführen. Dieser hatte sich an‐ geblich ausbedungen, bei einem auf Nero geplanten Mordanschlag während eines öf‐ fentlichen Auftritts Neros anlässlich sog. ludi Ceriales, welche in der Zeit vom 12. – 19. 04. stattfanden503, den ersten Streich führen zu dürfen504, und zwar mittelst eines Dolches, den er eigens zu diesem Zweck entweder aus einem Heiligtum der Salus oder einem der Fortuna entwendet hatte505. Über die angebliche Unachtsamkeit des Scaevinius berichtet Tacitus Folgendes:... proditio coepit e domo Scaevini, qui pridie insidiarum multo cum sermone cum Antonio Natale, dein regressus domum testamentum obsignavit, promptum vagina pugionem, de quo supra rettuli, vetustate obtusum increpans, asperari saxu et in mucronem ardescere 500 S. o. Tac. ann. 15, 64:... neque tamen ignorante Seneca,... 501 S. o. Tac. ann. 15, 60, 4: is [scil. Seneca] forte an prudens … remeaverat. 502 Vgl. Tac. ann. 15, 49. 53; 503 Vgl. Tac. ann. 15, 53, 1: tandem statuere circensium ludorum die, qui Cereri celebratur, exsequi desti‐ nata, quia Caesar rarus egressu domoque aut hortis clausus ad ludrica circi ventitabat promptiores‐ que aditus erant laetitia spectaculis. Zum Datum der Zirkusspiele vgl. E. Koestermann, s. o. Bd. 4, S. 278. 504 Vgl. Tac. ann. 15, 53, 2: primas sibi partes expostulante Scaevino, qui pugionem templo Salutis [in Etruria] sive, ut alii tradidere, Fortunae Ferentino in opido detraxerat gestabatque velut magno operi sacrum. 505 Zur Herkunft der Waffe vgl. E. Koestermann (mit weiteren Literaturverweisen), s. o. Bd. 4, S. 279. 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 103 iussit eamque curam liberto Milicho mandavit506. (Der Verrat begann im Hause des Scaevinus, der am Vortag des [geplanten] Anschlags nach einem langen Gespräch mit Antonius Natalis nach seiner Heimkehr sein Testament versiegelte; dann aber zeterte er, dass der in der Scheide bereits bereit gehaltene Dolch, über den ich bereits berich‐ tet habe, wegen des Alters stumpf geworden sei, befahl, dass er [der Dolch] mittelst eines Steines zu schärfen sei, bis die Klinge glänze, und übertrug diese Aufgabe sei‐ nem Freigelassenen Milichus.) Milichus soll noch am frühen Morgen des folgenden Tages, d. h. am Tage des ge‐ planten Anschlages, unter Vorweisung des frisch geschliffenen Dolches Nero persön‐ lich von den Vorbereitungen zu dem Anschlag, die er im Hause des Scaevinus beob‐ achtet hatte, Mitteilung gemacht und den Kaiser so dazu veranlasst haben, unverzüg‐ lich Scaevinus und Natalis zu verhören, welche dann die Namen zahlreicher anderer Mitglieder der Verschwörung verraten hätten507. Durch deren Verhöre wurden nach der Darstellung des Tacitus immer neue Kreise von Verdächtigen enttarnt508, u. a. der 2. Prätorianerpräfekt Faenius Rufus und der Tribun Subrius Flavus, die auch nach den Angaben Xiphilins509 zu den führenden Köpfen der Verschwörung gehörten, sich nach Tacitus aber bei den Verhören der übrigen Verschwörer durch besondere Grau‐ samkeit auszeichneten510, – wohl um die sich gegen sie selbst richtenden Verdächti‐ gungen zu zerstreuen. Vor dem Hintergrund der von Tacitus überlieferten Informationen über die Auf‐ deckung der Verschwörung verdient zweierlei Beachtung: 1. Nach der Darstellung des Tacitus erteilte ausgerechnet Faenius Rufus dem mit der Ausführung des Seneca betreffenden „Todesbefehls“ beauftragten Gavius Silvanus den Rat, diesen Befehl auch auszuführen, wobei der letztere aus nachvollziehbaren Gründen aber davor zurückschreckte, Seneca persönlich unter die Augen zu treten und die Ausführung des Befehls an einen subalternen Offizier delegierte. 2. Nach einer von Tacitus als Gerücht bezeichneten Information soll ausgerechnet Subrius Flavus vor den Zenturionen seiner Kohorte die Losung ausgegeben haben, dass Piso, dem angeblichen Haupt der Verschwörung, lediglich die Funktion eines Platzhalters für Seneca zugedacht sei. Berücksichtigt man dazu aber, dass es als nahezu undenkbar erscheint, dass ein ein‐ zelner Tribun wie Subrius Flavius eine solche Parole ohne vorherige Absprache mit seinem Vorgesetzten ausgegeben haben könnte, d. h. mit dem sowohl von Cassius Dio und von Tacitus zu den Verschwörern gerechneten 2. Prätorianerpräfekten Faenius Rufus, – wird man sich nicht des Eindrucks erwehren können, dass die von Tacitus dazu überlieferten Fakten eher das Urteil des Cassius Dio zu bestätigen scheinen, der eine Verstrickung Senecas eindeutig bejaht, als das Urteil des Tacitus, der sich weigert, die Möglichkeit einer aktiven Verstrickung Senecas anzuerkennen. 506 Vgl. Tac. ann. 15, 54, 1; 507 Vgl. Tac. ann. 15, 55–56; 508 Vgl. Tac. ann. 15, 57–58; 509 S. o. Xiph. 170, 4–172, 1 R. St. zu: Dio 62, 25, 2; 510 Vgl. Tac. ann. 15, 58, 3–4; Kapitel 1: Der Tod Senecas 104 Daher fragt man sich unwillkürlich nach den möglichen Gründen für die Weige‐ rung des Tacitus, aus den von ihm zwar lediglich als Gegenstand von „Gerüchten“ charakterisierten, aber dennoch für überlieferungswürdig angesehenen Informatio‐ nen darüber auch ähnliche Schlussfolgerungen zu ziehen wie Cassius Dio. Im Prinzip liegt die Antwort auf diese Frage auf der Hand: Sie dürfte mit der unterschiedlichen Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Quellen zusammenhängen, bzw. einer ganz bestimmten Quelle, aus der sowohl Tacitus als auch Cassius Dio das oben skizzierte Wissen über die mutmaßlichen politischen Verstrickungen Senecas schöpften. Da Cassius Dio aber – zumindest mittelbar – die von ihm weiter gegebenen Infor‐ mationen aus denselben Quellen schöpfte, die auch Tacitus benutzte, diese dann aber anders als Cassius Dio bzw. Xiphilinos auch benannte, ist davon auszugehen, dass man die Gewährsleute für diese Informationen vor allem unter den von Tacitus auch na‐ mentlich als Quellen für seine Darstellung der causa Seneca bezeichneten Autoren zu suchen hat. Daraus ergibt sich im die Qual der Wahl zwischen: Cluvius [Rufus]511, [Gaius] Plinius [Secundus Maior]512 und Fabius Rusticus513. Da von dem letzteren, als einem engen Freund Senecas aber kaum zu erwarten ist, dass er Senecas Rolle als Politiker durch einen Hinweis auf mögliche Verstrickungen in die Verschwörung in einem moralisch zweifelhaftem Licht erscheinen ließ und Ta‐ citus selbst Fabius Rusticus wegen seiner angeblich positiven Voreingenommenheit gegenüber Seneca kritisiert514, scheint es als zweckmäßig, die Suche nach Gewährs‐ leuten für eine Seneca politisch belastende Berichterstattung auf Cluvius Rufus und Plinius d. Älteren einzuschränken. Im Zusammenhang damit ist aber zu beachten, dass Tacitus sich ausgerechnet in Bezug auf den die Verschwörer moralisch diskredi‐ tierenden Hinweis, dass Faenius Rufus Gavius Silvanus ermahnte, den Befehl Neros zur Tötung Senecas zu befolgen, sich auf Angaben des Fabius Rusticus berief515. Aber dass Tacitus bezüglich seines Urteils über die Involvierung Senecas Cluvius Rufus gefolgt sein könnte, erscheint in Anbetracht der über dessen Beziehungen zu Nero überlieferten Informationen als unwahrscheinlich. Sowohl Sueton516 als auch Plutarch517 und nicht zuletzt Cassius Dio518 zeichneten von dem Politiker Cluvius Ru‐ fus gerade wegen seiner Unterwürfigkeit gegenüber Nero ein ungünstiges Bild, so dass 511 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; 14, 2,1; Das Cognomen „Rufus“ nennt Tacitus nur an verschiedenen Stellen der Historien, (Vgl. Tac. hist. 1,8.76; 2,58.65, 3,65,2; 4,39,4.43) aber nicht als Namen eines Schrift‐ stellers, sondern als denjenigen eines Politikers. 512 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; 15, 53, 3; ansonsten erwähnt Tacitus den Namen des Plinius in den Anna‐ len auch noch als Verfasser eines Geschichtswerkes über frühkaiserzeitliche Germanenkriege (Vgl. Tac. ann. 1, 69) und in den Historien (Vgl. Tac. hist. 3, 28;) als Offizier in der Schlacht bei Cremona. 513 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; Tac. ann. 14, 2, 2; Tac. ann. 15, 61; Ansonsten erwähnt Tacitus den Namen des Fabius Rusticus in der Beschreibung des Lebens seines Schwiegervaters Gn. Iulius Agricola (Vgl. Tac. Agr. 10, 3;). 514 Vgl. Tac. ann. 13, 10, 2:... sane Fabius inclinat ad laudes Senecae. 515 S. o. Tac. ann. 15, 61, 3; 516 Sueton bezeugt, dass Cluvius Rufus anlässlich von „Nerofestspielen“ als Herold des Kaisers fungier‐ te. Vgl. Suet. Nero 21, 2; 517 Plutarch bezeichnet Cluvius Rufus aus ähnlichen Gründen als „Schauspieler“. Vgl. dazu Wardle, D.: Cluvius Rufus and Suetonius, in: Hermes 120 (1992), S. 466–482, insbes. S. 478, Anm. 67. 518 Vgl. Cass. Dio 63, 14, 3; 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 105 es als kaum denkbar erscheint, dass sich Tacitus gerade in Bezug auf die Beziehungen Senecas zur Opposition gegen Nero an dem Urteil des Cluvius Rufus orientierte. Trotzdem mag es aus methodologischen Überlegungen als problematisch erschei‐ nen, allein aufgrund des oben durchgeführten Ausschlussverfahrens eine Abhängig‐ keit des Tacitus von dem Urteil des Plinius herleiten zu wollen, zumal auch das die Zeit Neros und damit auch die Zeit Senecas behandelnde Geschichtswerk des Plinius verschollen ist und nicht einmal Fragmente davon überliefert sind. Dennoch er‐ scheint es als nicht illegitim, einen bestimmenden Einfluss des Plinius auf das Urteil des Tacitus zu vermuten, insofern als Erklärung für einen anderen oben konstatierten Meinungsunterschied zwischen Tacitus und Cassius Dio eine Beeinflussung des Taci‐ tus durch das Urteil des Plinius nachweisbar ist, – gerade in Bezug auf das Urteil des Tacitus, mittelbar auch Cassius Dios, über die Rolle des Arztes Statius Annaeus im Zu‐ sammenhang des Endes Senecas. In diesem Zusammenhang ist noch einmal an die oben unter Ziffer 2 festgestell‐ ten Unterschiede der Darstellungen des Tacitus und des Cassius Dio bezüglich der von Seneca an den Arzt gerichteten und angeblich auch erfüllten Bitte, ihm ein viel‐ leicht hochtoxisch wirkendes Medikament anzureichen, - die von Xiphilinus zwar nicht bestritten, aber auch nicht erwähnt wird, was in dem Falle, dass die Einnahme dieses Medikaments tatsächlich einen bestimmenden Einfluss auf das Ableben Sene‐ cas gehabt haben sollte, aber einer Leugnung zumindest gleichkäme. Falls der zum Zeitpunkt des Ablebens Senecas in dessen Landhaus anwesende Arzt auf den tatsäch‐ lichen Verlauf seines Sterbeprozesses aber keinen Einfluss genommen haben sollte, was hier aufgrund der vorhin vorgenommenen Darstellung des Tacitus als gesichert angenommen wird, – wäre das Schweigen des Cassius Dio über dessen Anwesenheit daraus zu erklären, dass diese nach Dios Auffassung für die Kenntnis über den Ablauf des Vorgangs irrelevant gewesen wäre. Weil aber Tacitus der Intervention des Arztes in Bezug auf das Ableben Senecas eine gewisse Bedeutung beimaß, obwohl ihm dabei wahrscheinlich kaum andere In‐ formationsquellen zur Verfügung standen als Cassius Dio, stellt sich die Frage nach den Gründen dafür, warum sich Tacitus zu der von Cassius Dio anscheinend vorge‐ nommenen Einschätzung nicht durchringen konnte – und vor allem, warum das Ur‐ teil des Tacitus in dieser Angelegenheit ausgerechnet von demjenigen des Plinius ab‐ hängig gewesen sein sollte. Obwohl auch die Darstellung der Causa Seneca durch Plinius nicht überliefert ist und davon auch keine „testimonia“ bekannt sind, lassen sich aber aus anderen Äuße‐ rungen des Plinius über einen bedeutsamen Teilaspekt dieser Darstellung relativ zu‐ verlässige Aussagen ableiten, die auch zur Erklärung einer wichtigen Eigentümlich‐ keit der Darstellung des Tacitus herangezogen werden können, nämlich das auch in der historia naturalis greifbare Urteil, bzw. Vorurteil des Plinius über das berufsmäßi‐ ge Handeln von Ärzten: Das 29. Buch der naturkundlichen Enzyklopädie des Plinius enthält auch einen geschichtlichen Überblick über das antike Gesundheitswesen, in welchem der Autor über die Fachkenntnisse von Ärzten, vor allem aber über das Hei‐ lerethos namentlich benannter griechischer und römischer Ärzte ein sehr kritisches Urteil fällt und seine Leser vor der Inanspruchnahme der Dienste von Ärzten warnt, Kapitel 1: Der Tod Senecas 106 ihnen empfiehlt sich statt dessen anhand einschlägiger Literatur lieber selbst eine Vorstellung über die für die jeweilige Erkrankung infrage kommenden Heilmittel und Heilmethoden zu machen519. Nicht zuletzt zeitgenössischen Ärzten, d. h. Ärzten der frühen römischen Kaiser‐ zeit, unterstellt Plinius eine maßlose Profitgier, unbezähmbaren Ehrgeiz und Experi‐ mentierfreude ohne Rücksicht auf das Wohl ihrer zumeist zahlungskräftigen Patien‐ ten. Plinius unterstellt römischen Ärzten Scharlatanerie, Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden und Schmerzen ihrer Patienten und sogar die billigende Inkaufnahme von deren Ableben, solange man ihnen für ihre Dienste nur entsprechend hohe Ho‐ norare zahlt520. Hierbei deutet Plinius an, dass Ärzten, solange jemand sie dafür nur entsprechend entlohne und sicher gestellt sei, dass man ihnen das nicht konkret nach‐ weisen könne, sogar zuzutrauen sei, an der Tötung von Menschen mitzuwirken. Vor dem Hintergrund der Nachweisbarkeit derartiger Vorurteile gegen Ärzte in einem Werk des Plinius, ist davon auszugehen, dass auch die verschollene Darstellung der Causa Seneca durch Plinius von solchen Vorurteilen beeinflusst war. Insofern aber als gesichert angesehen werden darf, dass Tacitus diese Darstellung des Plinius für sei‐ ne eigene Darstellung der Causa Seneca benutzt hat, - im Übrigen mit dem Neffen des älteren Plinius persönlich befreundet war und diesem große Verehrung entgegen‐ brachte, – erscheint es als angemessen zu unterstellen, dass Tacitus auch die negativen Vorurteile des älteren Plinius teilte und diese Vorurteile auch die Darstellung der Rol‐ le des Arztes Statius Annaeus durch Tacitus beeinflusste. Und daraus wiederum er‐ klärt es sich, dass Tacitus zumindest subjektiv davon überzeugt gewesen zu sein scheint, dass Seneca kurz vor seinem Tod von seinem Leibarzt ein tödlich wirkendes Gift erbat und bekam, auch wenn er ausdrücklich verneinte, dass dieses Gift die er‐ wartete tödliche Wirkung entfaltete521. Ausgehend von dieser Schlussfolgerung und in Verbindung mit der Beobachtung, dass Tacitus und Cassius Dio trotz in etwa gleichartiger Informationsstände bezüglich der einschlägigen Quellen und Fakten über die Involvierung Senecas in die Pisonische Verschwörung in beiden Angelegenheiten zu unterschiedlichen Beurteilungen kamen, erscheint es als verständlich, dass Tacitus eine aktive Beteiligung Senecas an der Piso‐ nischen Verschwörung bestritt, wahrscheinlich ebenfalls in Anlehnung an ein entspre‐ chendes Urteil des Plinius, obwohl – wie das anderslautende Urteil Dios belegt – die Quellenlage und die danach als gesichert anzusehende Einzelfakten auch eine andere Einschätzung dieser Zusammenhänge ermöglichten. Anders ausgedrückt: Während Cassius Dio die auch bei Tacitus greifbaren Ge‐ rüchte, dass Seneca nicht nur in die Verschwörung verstrickt war, sondern sogar ihr Oberhaupt, anders als Tacitus ernst nahm und als historisch bedeutsamen Sachverhalt für überlieferungswürdig hielt, sah derselbe Autor die tatsächliche Bedeutung der Einflussnahme des Arztes Annaeus Statius auf das Ableben Senecas, die ja auch von 519 Vgl. Plin. nat. 29, 1–30; 520 Für Belege zu diesen Feststellungen wird auf das Kap. 3. dieser Untersuchung verwiesen, wo auf Urteile und Vorurteile über das berufliche Handeln frühkaiserzeitlicher Ärzte noch im Einzelnen eingegangen werden soll. 521 S. o. Tac. ann. 15, 64, 3: adlatumque hausit frustra... 1.2 Glaubwürdigkeitsprüfung der Darstellung des Tacitus 107 Tacitus bestritten wird, aus verständlichen Gründen als historisch bedeutungslos und dementsprechend auch nicht für überlieferungswürdig an. Welche Bedeutung ist dieser Erkenntnis aber beizumessen in Bezug auf die hier vorrangig zu beantwortende Frage, ob eine aktive Beteiligung des Arztes Statius An‐ naeus an den Selbsttötungsbemühungen Senecas bzw. an der Herbeiführung seines exitus wirklich sicher ausgeschlossen werden kann oder nicht? Abschließende Beurteilung der Rolle des Arztes Statius Annaeus im Kontext des Ablebens Senecas Unter Bezugnahme auf die in der Literatur verbreitete Auffassung, dass Seneca seinen Tod im Wesentlichen selbst herbeigeführt habe, und zwar unter der Inanspruchnah‐ me von Hilfen des mit ihm befreundeten Arztes Statius Annaeus, wurde das zu diesen Vorgängen überlieferte antike Quellenmaterial, Darstellungen in Werken des Histori‐ kers Tacitus, des Biographen Sueton und des Dioepitomators Johannes Xiphilinos, dar‐ aufhin untersucht, inwieweit die darin überlieferten Informationen über die Vorge‐ schichte und den Verlauf des Sterbeprozesses die Annahme der in der Literatur be‐ haupteten aktiven Unterstützung des Sterbens Senecas rechtfertigen. Dabei konzentrierten wir uns zunächst auf eine entsprechende Analyse der ver‐ gleichsweise ausführlichen Darstellung der hier interessierenden Vorgänge durch Ta‐ citus522. Die Ergebnisse dieser Analyse wurde im Anschluss daran anhand eines Ver‐ gleichs mit den Darstellungen derselben Vorgänge durch Sueton523 und Johannes Xi‐ philinos (Cassius Dio)524 auf ihre Zuverlässigkeit hin übeprüft525. Im Zusammenhang dieses Vergleichs zeigten sich jedoch Abweichungen sowohl bezüglich der Vorge‐ schichte des Lebensendes Senecas, der Möglichkeit einer Involvierung Senecas in die sog. Pisonische Verschwörung, als auch bezüglich des konkreten Ablaufs der Ereignis‐ se. Die Übereinstimmung der drei Darstellungen erschöpft sich darin, dass sowohl Tacitus, als auch Sueton und Xiphilinos das Ableben Senecas ursächlich auf einen von Nero erzwungenen Suizid zurückführen. Darüber hinaus mussten wir feststellen: Während sich Sueton zu den Gründen für das Vorgehen Neros gegen Seneca und auch zu den näheren Umständen von dessen Ableben nicht äußert, weichen die diesbezüg‐ lichen Darstellungen des Tacitus und Xiphilins z. T. erheblich von einander ab. Wäh‐ rend Tacitus zumindest eine aktive Beteiligung Senecas an der sog. Pisonischen Ver‐ schwörung bestreitet, hält Xiphilinos den Philosophen sogar für den Kopf jener Ver‐ schwörung. Auch bezüglich der Ereignisse in Senecas Landhaus unterscheiden sich die Anga‐ ben Xiphilins von denen des Tacitus erheblich: Beide Autoren stimmen zwar darin 1.3 522 S. o. Kap. 1.1; 523 Vgl. Suet. Nero 35, 5; 524 Vgl. Cass. Dio 62, 25,1 u. 62, 24, 2; 525 S. o. Kap. 1.2; Kapitel 1: Der Tod Senecas 108 überein, dass im Zusammenhang der suizidalen Bemühungen Senecas auch dessen Gemahlin Paulina lebensgefährliche Verletzungen erlitt. Aber während nach der Dar‐ stellung des Tacitus die Verletzungen Paulinas darauf zurückzuführen waren, dass Se‐ neca und Paulina auf Bitten der letzteren sich gemeinsam stark blutende Gefäße zu verletzen suchten, trat nach der Darstellung des Cassius Dio in Bezug darauf allein Seneca als Handelnder in Erscheinung, und zwar indem er zunächst seiner Gemahlin und dann sich selbst die besagten Verletzungen beibrachte. Die Anwesenheit eines Arztes oder gar dessen Mitwirkung bei den suizidalen Bemühungen Senecas, wie von Tacitus in Bezug auf die angebliche Anreichung eines „Schierlingsbechers“ unterstellt wird, lässt auch Xiphilinos unerwähnt. Indessen konnte hier gezeigt werden, dass sich aus diesen Abweichungen keine entscheidenden Einwände gegen die von uns aus der Darstellung des Tacitus gezoge‐ nen Schlussfolgerungen ergeben. Das gilt nicht nur für die Vorgeschichte, sondern auch den Verlauf der letzten Stunde(n?) im Leben Senecas. Zur Vorgeschichte Tacitus bestreitet im Gegensatz zu Xiphilinos jede aktive Beteiligung Senecas an einer gegen Nero gerichteten Verschwörung526, hält Gerüchte über eine passive Involvie‐ rung des Philosophen aber immerhin für bedeutsam genug527, dass er sie seinen Le‐ sern nicht vorenthalten zu dürfen glaubt. Daraus folgt aber, dass es bereits zur der Zeit, in welcher Tacitus an den sog. Nerobüchern der Annalen arbeitete, eine „Überlie‐ ferung“ gegeben haben muss, in welcher Seneca exakt dessen beschuldigt wurde, was Tacitus, indem er diesbezüglich lediglich von einer fama, d. h. von einem Gerücht spricht, als Tatsache in Abrede stellt, – eine Überlieferung, die aber vielleicht nicht erst Xiphilinos, sondern vielleicht bereits Cassius Dio anders bewertete, und zwar in‐ dem der letztere den Vorbehalt (des Tacitus?), dass Seneca von den Plänen des „mili‐ tärischen Arms“ der Pisonischen Verschwörung nichts gewusst habe528, ignorierte. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Tacitus als von ihm benutzte Quellen für sei‐ ne Darstellung der Neronianischen Zeit Geschichtswerke des Cluvius [Rufus]529, des [Gaius] Plinius [Secundus Maior]530 und Fabius Rusticus531 benennt, wobei damit zu rechnen ist, dass schon von diesen Autoren die Frage nach einer möglichen Involvie‐ 1.3.1 526 S. o. Tac. ann. 15, 60, 2; 527 S. o. Tac. ann. 15, 65; 528 S. o. Tac. ann. 65: … ignorante Seneca...“ 529 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; 14, 2, 1; Das Cognomen „Rufus“ nennt Tacitus nur an verschiedenen Stel‐ len der Historien (Vgl. Tac. hist. 1, 8. 76; 2, 58. 65, 3, 65, 2; 4, 39, 4. 43), aber nicht als Namen eines Schriftstellers, sondern als denjenigen eines Politikers; 530 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; 15, 53, 3; ansonsten erwähnt Tacitus den Namen des Plinius in den Anna‐ len als Verfasser eines Geschichtswerkes über frühkaiserzeitliche Germanenkriege (Vgl. Tac. ann. 1,69) und in den Historien (Vgl. Tac. hist. 3, 28;) als Offizier in der Schlacht bei Cremona. 531 Vgl. Tac. ann. 13, 20, 2; Tac. ann. 14, 2, 2; Tac. ann. 15,61; ansonsten erwähnt Tacitus den Namen des Fabius Rusticus in der Beschreibung des Lebens seines Schwiegervaters Gn. Iulius Agricola (Vgl. Tac. Agr. 10, 3;). 1.3 Abschließende Beurteilung der Rolle des Arztes Statius Annaeus im Kontext des Ablebens Senecas 109 rung Senecas in die Pisonische Verschwörung unterschiedlich beurteilt wurde. Immer‐ hin ist belegt, dass Tacitus Fabius Rusticus Seneca gegenüber für voreingenommen hielt532. Daraus wird man ableiten dürfen, dass wahrscheinlich bereits Fabius Rusticus „Nachrichten“ über eine mögliche Involvierung Senecas allenfalls den Rang von Ge‐ rüchten zubilligte, – insofern für Freunde Senecas, solange Nero noch an der Macht war, Zweifel an verschwörerischen Verstrickungen des Philosophen „überlebenswich‐ tig“ sein konnten, – während es zumindest dem älteren Plinius, dessen Karriere als hochrangiger kaiserlicher Beamter bereits zu Lebzeiten Senecas ins Stocken geriet533, zuzutrauen wäre, dass er Seneca nach dessen „Kaltstellung“ auch eine aktive Rolle in‐ nerhalb der Opposition gegen Nero zutraute. Die widersprüchliche Nachrichtenlage über die politischen Verstrickungen Sene‐ cas lässt zumindest den Beginn der suizidalen Anstrengungen, so wie sie von Tacitus geschildert werden, in einem gewissen Zwielicht erscheinen. Denn falls Seneca wirk‐ lich der Kopf der Verschwörung gewesen wäre, wie Xiphilinos behauptet, dann wäre der von Tacitus behauptete Überraschungseffekt, den der zweite Besuch des Gavius Silvanus in Senecas Landhaus auslöste534, zweifelhaft; dann hätte Seneca bereits der erste Besuch und die Befragung über seine Beziehungen zu Piso darüber belehren müssen, dass die Verschwörung aufgedeckt worden war und es deswegen für ihn an der Zeit gewesen wäre, entweder zu fliehen oder Vorbereitungen für einen Suizid zu treffen. Andererseits hätte er aber dann, wenn er, wie das von Tacitus überlieferte Ge‐ rücht unterstellt, ohne sein Wissen oder ohne konkrete Absprache mit ihm als mögli‐ cher Nachfolger Pisos als Kaiser in Aussicht genommen worden wäre, auch in dem Falle, dass Piso nach seiner Kenntnis zum Zeitpunkt seines Verhörs durch Gavius Sil‐ vanus535 bereits als Verschwörer enttarnt war, kaum Veranlassung gehabt sich selbst als bedroht zu fühlen. Unabhängig davon scheint die zweite wichtige Abweichung der Darstellung des Xiphilinos von derjenigen des Tacitus, nämlich dass sich Ehepaar Seneca angeblich nicht, wie von Tacitus behauptet, gemeinsam die Arme aufschnitt536, sondern dass al‐ lein Seneca handelte, indem er zunächst seiner Gemahlin und erst dann sich selbst die Adern aufschnitt537, dafür zu sprechen, dass die Nachricht, Nero wünsche Senecas Tod, in Übereinstimmung mit den entsprechenden Angaben des Tacitus in Senecas Landhaus Überraschung auslöste und die Initiative zu dem gemeinschaftlichen Selbst‐ mord, wie von Tacitus dargestellt, nicht von Seneca selbst, sondern von Paulina aus‐ ging. Denn es scheint nach allem, was wir über Senecas Beziehungen zu seiner Ge‐ mahlin wissen, als schwer vorstellbar, dass Seneca jener potenziell tödliche Wunden beigebracht haben sollte, ohne dass diese ihn zuvor ausdrücklich darum gebeten hätte. 532 S. o. Tac. ann. 13, 20, 2: Fabius inclinat ad laudes Senecae, cuius amicitia floruit. 533 S. o. Kap. 1.0.1; 534 S. o. Tac. ann. 15, 62–63; 535 S. o. Tac. ann. 15, 61, 1; 536 S. o. Tac. ann. 15, 63, 3: post quae eodem ictu brachia ferro exsolvunt. 537 S. o. Cass. Dio 62, 25, 1: Ð dὲ d¾ Senškaj ºqšlhse mὲn kaˆ t¾n guna‹ka Paul‹nan ¢pokte‹nai, lšgwn pepeikšnai aÙt¾n toà te qan£tou katafronÁsai kaˆ tÁj sÝn aÙtù metallagÁj ™pitumÁsai kaˆ œscase kaˆ t¦j ™ke…nhj flšbaj. Kapitel 1: Der Tod Senecas 110 Diese Bitte könnte man sich aber kaum im Zusammenhang des ersten Besuchs der Prätorianer in Senecas Landhaus vorstellen, da sich Seneca, – ungeachtet der Fra‐ ge, ob er tatsächlich in die Pisonische Verschwörung verwickelt war oder nicht, – auf‐ grund des Verlaufs des Verhörs durch Gavius Silvanus noch berechtigte Hoffnungen darauf machen konnte, dass er das Schlimmste überstanden habe: Denn Gavius Silva‐ nus zog sich nach dem Verhör Senecas nach Tacitus – scheinbar unverrichteter Dinge - aus Senecas Landhaus wieder zurück538. Gegen diese Schlussfolgerungen wäre einzuwenden, dass wir auch über einen zweimaligen Besuch der Prätorianer nur durch Tacitus, nicht jedoch durch Xiphilinos (Cassius Dio), geschweige denn durch Sueton, unterrichtet werden, – aber diesem Einwand braucht man keine große Bedeutung beimessen, da es für den Vorgang eine große Zahl von Zeugen gab, so dass eine Erfindung dieser Szenerie durch Tacitus oder durch dessen Gewährsleute ausgeschlossen werden kann. Ähnliches gilt aber auch für den weiteren Verlauf der Vorgänge um Senecas Tod innerhalb von Senecas Landsitz, wobei besondere Beachtung verdient, dass auch Xi‐ philinos (Cassius Dio) – nicht anders als Tacitus, aber im Gegensatz zu der o. e. Auf‐ fassung B. Schöneggs539 – eine Mitwirkung des Arztes Annaeus Statius bei den Bemü‐ hungen Senecas, sich selbst und seiner Gemahlin tödliche Verletzungen beizubringen, unerwähnt lässt. Zu den Bemühungen Senecas, sich selbst zu töten Ausschließlich Tacitus erwähnt folgende Vorgänge im Landhaus Senecas: 1. Senecas Versuch sich stark blutende Verletzungen an den Kniekehlen und Unter‐ schenkeln beizubringen 2. die Einnahme eines von dem Arzt Annaeus Statius angereichten Schierlingspräpa‐ rats durch Seneca, 3. Senecas Betreten eines mit heißem Wasser gefüllten Beckens 4. Senecas Verbringung in ein heißes Dampfbad, 5. Senecas Erstickungstod in dem Dampfbad540. Dennoch rechtfertigt auch bezüglich dieser Einzelheiten das Fehlen jeglicher Parallel‐ überlieferung grundsätzlich keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Darstellung des Tacitus, insofern es – nach Tacitus – zu jedem der o. g. Vorgänge mehrere Zeugen gab, die den Tod Senecas überlebten und daher in der Lage gewesen wären, falschen oder verfälschenden Darstellungen zu widersprechen. Dass die oben erwähnten Vor‐ gänge bei Sueton und Xiphilinos nicht erwähnt werden, lässt sich somit nicht als Wi‐ derspruch zu den entsprechenden Angaben des Tacitus deuten, sondern erklärt sich daraus, dass die zuletzt genannten Autoren jenen Details im Hinblick auf den Kontext 1.3.2 538 S. o. Tac. ann. 15, 61, 2; 539 S. o. Kap. 1.0.2; 5 4 0 S. o. Tac. ann. 15, 63, 3–64, 4; 1.3 Abschließende Beurteilung der Rolle des Arztes Statius Annaeus im Kontext des Ablebens Senecas 111 ihrer Darstellung oder auf die politische Bedeutung des Ereigniszusammenhangs des Ablebens Senecas keine besondere Bedeutung beimaßen. Diese Überlegung ist aber auch dahingehend zu interpretieren, dass sich aus der Nichterwähnung des einzigen Vorgangs durch Sueton und Xiphilinos, bezüglich des‐ sen Tacitus expressis verbis die Involvierung eines Arztes bezeugt, – nämlich bezüglich der oben unter Ziffer 2 erwähnten Einnahme eines von dem Arzt Annaeus Statius angereichten Schierlingspräparats durch Seneca, kein Einwand ergibt gegenüber der in dieser Untersuchung vorgenommenen Deutung der entsprechenden Angaben des Tacitus541: Aus der hier vorgenommenen Überprüfung der entsprechenden Angaben des Tacitus ergab sich aber, dass es sich bei dem Präparat keineswegs um ein in Tö‐ tungsabsicht angereichtes und in Selbsttötungsabsicht eingenommenes Gift handelte, sondern um ein Schmerzmittel.542 Für die von A. Van Hooff aufgestellte These, dass sich Ärzte von moribunden Patienten gerne ferngehalten hätten und auch auf Schmerztherapie verzichtet hätten, liefert zumindest der Fall Seneca und das Verhal‐ ten von dessen Leibarzt Statius Annaeus keinen Anhaltspunkt.543 Fazit Aus den oben vorgetragenen Überlegungen lässt sich folgendes Fazit ziehen: Dem Arzt Statius Annaeus ist weder im Kontext der Bemühungen Senecas, seiner Gemah‐ lin Paulina und sich selbst an den Armen und Beinen stark blutende, tendenziell töd‐ liche Verletzungen beizubringen, noch im Zusammenhang mit der Anreichung eines Schierlingspräparats eine aktive Beteiligung an der Tötung bzw. Selbsttötung Senecas nachzuweisen, weder eine Tötungsabsicht544 noch ein unabsichtliches Verschulden, im Sinne des heutigen Straftatbestandes der fahrlässigen Tötung545, noch ein Ver‐ schulden im Sinne des am 06. 11. 2015 vom Deutschen Bundestag erlassene Gesetzes zur Unterbindung kommerzieller Sterbehilfe546. Bei dem Versuch einer vorläufigen Einschätzung der Bedeutung dieses Befundes vor dem Hintergrund des bisherigen Forschungsstandes, ist unverkennbar, dass er zu‐ mindest in Bezug auf den hier untersuchten Einzelfall und auch in Bezug auf die in der Literatur einhellig bejahte These von einer aktiven Beteiligung des Arztes an den 1.3.3 541 S. o. Tac. ann. 15, 64, 3: Seneca interim … Statium Annaeum, diu sibi amicitiae fide et arte medici‐ nae probatum, orat provisum pridem venenum, quo dnati publico Atheniensium iudicio ex‐ tinguerentur, promeret; adlatumque hausit frustra... 542 S. o. Kap. 1.1.3.4; 543 Vgl. Van Hooff, A., Ancient Euthanasia. `Good Death´and the Doctor in Graeco-Roman World, Social Sience and Medicine, 58, (2004), S. 975–985; vgl. Euthanasie, in Leven, K.-H., Antike Medi‐ zin. Ein Lexikon., s. o., Sp. 284–285; 544 Vgl. Tötungsdelikte: § 211 StGB (Mord), § 212 StGB (Totschlag), § 216 StGB (Tötung auf Verlan‐ gen); 545 Vgl. § 222 StGB; 546 Vgl. § 217 StGB: Nach herrschender Juristenmeinung ist der Geltungsbereich dieses Gesetzes im Hinblick auf den Kreis möglicher Beschuldigter, ziemlich weit gefasst, gegebenenfalls auch auf Ärzte anwendbar. Vgl. http://www.lto.de/recht/hintergruende/h/gesetzgebung-sterbehilfe-tatbe‐ standsmerkmale-ana lyse/(2016); Kapitel 1: Der Tod Senecas 112 suizidalen Bemühungen Senecas, jedenfalls soweit in den hier erwähnten Studien auf dieses historische Faktum direkt abgehoben wird, in einem deutlichen Widerspruch zur communis opinio der bisherigen Forschung steht547. Das gilt vor allem für die alt‐ historische Forschung, soweit darin Erkenntnisse über die Causa Seneca ein Rolle spielen, aber auch für die altphilologische Forschung, soweit diese ihre Aufmerksam‐ keit dem Werk von Autoren wie Tacitus, Sueton und Cassius Dio widmete und das Verständnis von Inhalt und Form der von jenen Autoren verfassten Werke bislang ohne Rücksicht auf den Realitätsbezug derselben oder einer falschen Einschätzung zu ermitteln und zu erklären suchten548. Darüber hinaus dürfte sich aus dem hier ermittelten Befund für Forscher, die da‐ zu neigen, Erkenntnisse über Einzelfälle in Ermangelung von belastbaren Erkenntnis‐ sen zu Vergleichsfällen zu verallgemeinern, ein Anlass ergeben, ihre bisherigen For‐ schungsergebnisse daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie sich dabei unmittelbar oder mittelbar von fragwürdigen Vorstellungen über die causa Seneca beeinflussen ließen549. Im Zusammenhang damit darf nicht unerwähnt bleiben, dass namhafte Vertreter der Suizid-Forschung sowie der sog. „Euthanasie“-Forschung, auf deren Er‐ gebnisse in der Einleitung zu dieser Untersuchung hingewiesen wurde550, sich für die Antike auf den Fall Seneca berufen, bezüglich dessen die hier ermittelten Erkenntnis‐ se frühere Forschungsergebnisse allerdings in Frage stellen. Dieses Problem stellt sich vorläufig vor allem bezüglich entsprechender Ergebnis‐ se vorrangig medizingeschichtlich ausgerichteter Forschungsprojekte, – weniger für Resultate medizin-theoretisch oder -ethisch ausgerichteter Arbeiten, insofern das Eingehen auf sog. historische Beispiele in solchen Arbeiten – im Vergleich zu normenund ideengeschichtlichen Erwägungen – argumentativ a priori eine nachrangige Rolle spielt551. Außerdem steht der hier vorgenommene Versuch einer vorläufigen Einschätzung der Relevanz der hier über die causa Seneca ermittelten Befunde innerhalb ihres For‐ schungskontextes unter dem Vorbehalt, dass sich in den folgenden Kapiteln dieser Untersuchung nicht Anhaltspunkte dafür ergeben, dass das im Falle Senecas zu beob‐ achtende Verhalten des Arztes Annaeus Statius repräsentativ war für das Verhalten von Ärzten in der frühen römischen Kaiserzeit und dass es beeinflusst wurde durch normative Überlegungen, die in ähnlicher Form auch noch in der aktuellen Debatte über die ethische und rechtsnormative Zulässigkeit von ärztlicher Tötungsassistenz virulent sind, allerdings im bisherigen wissenschaftlichen Diskurs darüber nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurden. 547 S. o. Kap. 1.0.2; 548 Vgl. dazu vor allem die o. e. Dissertationen von M. Brinkmann und B. Schönegg. 549 Vgl. dazu die in der Einleitung erwähnten Arbeiten A. Frewers, und A. Van Hooffs; 550 S. o. Einleitung; 551 Es wäre abwegig, den anerkannten Rang der Forschungsergebnisse A. Frewers (z. B. in: Der ster‐ bende Patient und die Medizin … S. o., Hannover 2005) in Frage zu stellen, nur weil darin in Be‐ zug auf die historische Dimension des Themas hinsichtlich eines historisches Details auf einen überholten Forschungsstand abgehoben wird. 1.3 Abschließende Beurteilung der Rolle des Arztes Statius Annaeus im Kontext des Ablebens Senecas 113

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References

Zusammenfassung

In der Debatte über gesetzliche Neuregelungen der Sterbehilfe, die in bestimmten Fällen mit dem Willen von Patienten Ärzten und Pflegepersonal erlaubt werden soll, vertreten vor allem Altertumswissenschaftler, Medizinethiker und Medizinhistoriker die Auffassung, dass in der Antike, vor allem in der frühen römischen Kaiserzeit, ärztliche (Selbst-)Tötungsassistenz keine Seltenheit war. Ein konkreter Beweis für die Gültigkeit dieser Hypothese steht aber noch aus. Steht zum Beispiel der Tod des Augustus in Zusammenhang mit ärztlicher Tötungsassistenz? Standen den Mördern der Kaisersöhne Germanicus und Drusus ärztliches Wissen und ärztliche Beihilfe zur Verfügung? War an der Ermordung des Kaisers Claudius tatsächlich ein Arzt beteiligt? Hat sich der Philosoph und Staatsmann Seneca von seinem Leibarzt Annaeus Statius die Adern öffnen und zum Zwecke der Selbsttötung den Schierlingsbecher reichen lassen? Holte Nero tatsächlich ärztlichen Rat ein, bevor er seinen Stiefbruder Britannicus kurz vor dessen 14. Geburtstag vergiften ließ?

Carsten F. G. Reinhardt analysiert zur Beantwortung dieser Frage 277 unnatürliche Todesfälle dieser Zeit sowie die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im römischen Kaiserreich. Anhand historischer Quellen und gestützt auf heutiges medizinisches Wissen ergründet der Autor, ob eine ärztliche Tötungsassistenz im Falle Senecas und anderer namentlich bekannter unnatürlicher Todesfälle des Untersuchungszeitraums nachweisbar ist.