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Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) in:

Carsten F.G. Reinhardt

Das Sterben Senecas, page 115 - 336

277 Todesfälle und die Rolle des Arztes in der frühen römischen Kaiserzeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4013-3, ISBN online: 978-3-8288-6821-2, https://doi.org/10.5771/9783828868212-115

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 35

Tectum, Baden-Baden
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Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) Vorbemerkungen Im ersten Kapitel dieser Untersuchung wurde versucht nachzuweisen, dass im Falle des Ablebens Senecas eine ärztliche Tötungsassistenz auszuschließen ist, allerdings auf der Grundlage ausschließlich diesen Fall betreffender Quellenaussagen. Unberück‐ sichtigt blieb bislang die Möglichkeit, dass Seneca und Paulina, als sie bei dem Auftritt des Zenturios der Prätorianer im Speisezimmer ihres Landhauses und nach der Be‐ kanntgabe der Entscheidung Neros, dass Senecas Leben verwirkt sei, entschieden, sich der Gefahr einer Fremdtötung durch gemeinsame Selbsttötungsbemühungen zu ent‐ ziehen, an bestimmten Vorbildern orientierten und dass ihr Verhalten eventuell Nach‐ ahmer gefunden haben könnte. Zur Evaluation der o. g. Erkenntnisse über die causa Seneca wäre es daher im Prinzip notwendig, Aufschluss darüber zu erhalten, an welchen Vorbildern sich das Ehepaar Seneca bei seinen gemeinsamen suizidalen Bemühungen orientierte, ob de‐ ren Verhalten auch Nachahmer fand und vor allem, ob man auch in Bezug auf diese Vergleichsfälle eine ärztliche Tötungsassistenz ausschließen kann. Tatsächlich sind aus der Zeit zwischen 14 n. Chr. und 96 n. Chr. 277 unnatürliche Todesfälle nament‐ lich bekannt552, von denen sich 164 in die Zeit vor Senecas Tod datieren lassen553. Selbst wenn man die Auswahl auf Selbsttötungsfälle in diesem Zeitraum beschränkte, käme man immerhin noch auf 54 bzw. 55 Fälle554 von insgesamt 72 Selbsttötungen555. Es ist daher offenkundig, dass der Aufwand nachzuweisen, dass bestimmte Einzelfälle als mögliche Vorbilder in Frage kämen, andere aber nicht, unverhältnismäßig groß wäre. Ebenso problematisch wäre der Versuch, aus der restlichen Zahl von Fällen, näm‐ lich von insgesamt 111, solche zu isolieren, bezüglich welcher eine Nachahmung des Verhaltens Senecas als wahrscheinlich einzustufen wäre, im Unterschied zu solchen Fällen, bezüglich welcher eine Nachahmung der causa Seneca sicher auszuschließen wäre. Daher soll im zweiten Kapitel dieser Untersuchung die Überprüfung der Mög‐ Kapitel 2: 2.0 552 Vgl. dazu: Tab. X; 553 Aus den Regierungszeiten des Tiberius 76 Fälle (vgl. Tab. I), Caligulas 19 Fälle (vgl. Tab. II), des Claudius 49 Fälle (Vgl. Tab. III) und Neros 20 Fälle (Vgl. Tab. IV, Nr. 1–20); 554 Aus den Regierungszeiten des Tiberius 34 Fälle (Vgl. Tab. I), Caligulas 6 (Tab. II), des Claudius 10 (Tab. III) und Neros 4, vielleicht auch 5 (Vgl. Tab. IV); 555 Vgl. dazu: Tab. IX; 115 lichkeit ärztlicher Assistenz bei der Tötung und Selbsttötung von Menschen auf die Gesamtheit namentlich bekannter „unnatürlicher Todesfälle“ innerhalb des Römer‐ reichs und des Zeitraums zwischen dem Ableben des Augustus und der Ermordung Domitians ausgeweitet werden, auf den Zeitraum zwischen den Jahren 14 n. bis 96 n. Chr.. Zur Eingrenzung des Untersuchungszeitraums Eine Fokussierung der Untersuchung auf Fälle dieses Zeitraums erscheint vor allem mit Rücksicht auf die Quellenlage empfehlenswert. Wie bezüglich der causa Seneca liegen auch bezüglich der meisten anderen Fälle dieses Zeitraums „Darstellungen“ des Tacitus, Suetons und Cassius´ Dios vor. Bei deren Interpretation kann man hinsicht‐ lich des Umfangs der Darstellungen, hinsichtlich der Quellen, aus denen die Autoren schöpften, als auch hinsichtlich der Tendenz, mit der jene über die hier interessieren‐ den Todesfälle berichteten, mit ähnlichen Bedingungen rechnen, wie wir sie schon im Zusammenhang der Untersuchung der causa Seneca kennengelernt haben556. Wie für die Causa Seneca bieten auch für die Untersuchung zahlreicher anderer unnatürlicher Todesfälle des o. g. Zeitraums Werke des Tacitus wegen der Ausführ‐ lichkeit der Berichterstattung und der zeitlichen Nähe ihrer Entstehungszeit zu den Ereignissen eine geeignete Quellengrundlage. Außer den Annalen557, die ursprüng‐ lich eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung des Römerreiches vom Tode des Augustus bis zur Ermordung Neros enthielten, stehen für eine Untersuchung der Fälle des sog. Dreikaiserjahres 69 n. Chr. die Historien558 zur Verfügung, die ur‐ sprünglich eine Darstellung der Reichsgeschichte vom Dreikaiserjahr bis zum Ende der Herrschaft der Flavier enthielten, sowie zwei kleinere Schriften559, in denen wich‐ tige Informationen über unnatürliche Todesfälle der Regierungszeiten Vespasians und vor allem Domitians überliefert sind. Auch von Sueton und Cassius Dio ist für zahlreiche Fremd- und Selbsttötungsfälle des Zeitraums vom Tode des Augustus bis zur Ermordung Domitians wichtiges Mate‐ rial überliefert, von Sueton in den Biografien der Kaiser Tiberius bis Domitian560, von Cassius Dio in den Büchern 57 – 67 seiner Ῥωμαϊκὴ ἱστορία. 2.0.1 556 S. o. Kap. 1; 557 Das Werk ist unter dem Titel: Cornelii Taciti libri qui supersunt ab excessu divi Augusti überliefert. Dass es ursprünglich bis zum Ende der Regentschaft Neros reichte, ergibt sich indirekt daraus, dass die Historien mit dem sog. Dreikaiserjahr 69 n. Chr. beginnen. 558 Der ursprüngliche Darstellungszeitraum der Historien ergibt sich klar aus dem Hinweis: quatuor principes ferro interempti (Vier Kaiser sind durch das Schwert getötet worden.). Vgl. Tac. hist. 2, 1; es ist aber bekannt, dass in der fraglichen Epoche außer Galba, Otho und Vitellius nur Domitian mittelst Eisen ums Leben gekommen ist. Vgl. dazu: Tab. V, Nr. 1 u. 3–11, Tab. VI, Nr. 1–14, Tab. VII, Nr. 1–14, Tab. VIII, Nr. 1–5; 559 Informationen über einzelne Fälle der Regierungszeit der Flavier sind zu entnehmen dem: „dialo‐ gus de oratoribus“ (Vgl. Tab. IX, Nr. 18;) und dem Werk „De vita Iulii Agricolae“ (Vgl. dazu Tab. IX, Nr. 15– 18;). 560 Vgl. G. Suetonius Tranquillus, De vita Caesarum libri, III–VIII; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 116 Zur Charakterisierung der Quellenlage Allerdings sind von den o. g. Werken diejenigen des Tacitus und des Cassius Dio z. T. nur fragmentarisch überliefert. Von den ursprünglich 16 Büchern der Annalen des Tacitus, der für die Fälle der Zeit zwischen den Jahren 14 – 68 n. Chr. ausführlichsten und zeitnächsten Quelle,und sind insgesamt nur 11 mehr oder weniger vollständig erhalten: – die Bücher 1 – 4, – der Anfang von Buch 5 und Buch 6, – die Bücher 11 – 16, allerdings jeweils mit Lücken, am Anfang von Buch 11 und am Ende von Buch 16. Von den Historien sind lediglich die Bücher 1 – 5 vollständig überliefert, während die Darstellungen von Buch V in der überlieferten Fassung im Rahmen der Berichterstat‐ tung über Vorgänge vom Beginn des Jahres 70 n. Chr. bei Kapitel 26, 3 abbrechen. Das bedeutet, dass vor allem für Tötungs- und Selbsttötungsfälle aus den Zeiträumen 29 – 31 n. Chr., d. h. der Regentschaften des Gaius Caligula561 und des Claudius562 bis zum Jahre 47 n. Chr., der Regierungszeit Neros563 vom Ende des Jahres 66 n. bis zum Jahre 68 n. Chr.564 sowie unter der Herrschaft der Flavier vom Jahre 70 n. an565 auf andere Quellen zurückgegriffen werden muss, insbesondere auf Darstellungen Sue‐ tons566 und Cassius Dios567. Die Notwendigkeit des Rückgriffs auf nur noch bei Sueton und Cassius Dio greif‐ bares Material ist bedauerlich, aber zu verschmerzen, da wir gestützt auf bereits im vorigen Kapitel gewonnene Erkenntnisse davon ausgehen dürfen, dass die zuletzt ge‐ nannten später schreibenden Autoren zumindest mittelbar – nämlich über die verlo‐ rengegangenen Teile der Werke des Tacitus – auf dieselben Quellen zurückgreifen konnten, die auch Tacitus vorlagen. Außer den bereits besprochenen Quellen wird man bei Tacitus für die vornero‐ nianische Zeit auch mit der Benutzung von Geschichtswerken folgender Autoren 2.0.2 561 Über die unnatürlichen Todesfälle der Regierungszeit Caligulas liegen von Tacitus lediglich zu 3 von insgesamt 19 Informationen vor. Vgl. Tab. II, Nr. 1.12 u. 13. 562 Bezüglich der der 49 Fällen der Regierungszeit des Claudius sind in den erhaltenen Teilen der Wer‐ ke des Tacitus nur zu 18 Fällen Informationen überliefert. Vgl. Tab. III, Nr. 1.7. 10–12, 14. 19. 21– 23, 28. 29. 33 –41, 47–49. 563 Bezüglich der 51 Fälle der Regierungszeit Neros fehlen von Tacitus allerdings nur zu 6 Fällen Infor‐ mationen (Vgl. Tab. IV, Nr. 15–17, 46–47. 50;). 564 S. o. Bengtson, H.: Grundriss der römischen Geschichte mit Quellenkunde, München (1967), S. 277. 565 S. o. Bengtson, H.: s. o. S. 313; bezüglich der Fälle nach dem Tode Neros liegen nur zu den Fällen des Dreikaiserjahres Informationen aus der Feder des Tacitus vor (Vgl. Tabb. V. VI. VII. VIII), – abgesehen von Notizen zu den einigen Fällen aus der Regierungszeit Domitians (Vgl. Tab. IX, Nr. 15–18;). 566 G. Suetonius Tranquillus, De vita Caesarum libri VIII, mit Viten Vespasians, Titus´ und Domitians; 567 Cassius Dio hist. Rom. Buch 58 und 59 (betr. die Regentschaft des Tiberius zwischen 29–31 n. Chr. sowie das Ende des Tiberius und die Herrschaft des Gaius Caligula), Buch 60 (betr. die Herrschaft des Claudius bis zum Jahr 46 n. Chr.;) und Buch 62 (betr. die Zeit von Ende 66–68 n. Chr., also das Ende der Herrschaft Neros;) und die Bücher 65–67 (betreffend die Zeit von 70–96 n. Chr.). 2.0 Vorbemerkungen 117 rechnen müssen: Velleius Paterculus568, Cremutius Cordus569, Aufidius Bassus570, und Servilius Nonianus571. Von den Autoren, deren Werke Tacitus – vor allem in den Historien – für die Dar‐ stellung der nachneronianischen Reichsgeschichte, vom Dreikaiserjahr 69 – zum Jahr 96 benutzte, benennt der Autor selbst neben Plinius d. Älteren, den er in den Historien aber längstens bis zum Jahre 79 n. Chr.572 benutzt haben kann, nur Vipsanius Messa‐ la573. Diesen erwähnt Tacitus in den Historien u. a. als tribunus militum der legio VII Claudia pia fidelis in der Schlacht bei Cremona574, aber auch als auctor575 und als „Verteidiger“ seines Bruders M. Aquilius Regulus576, der im Jahre 70 n. Chr. im Senat angegriffen wurde, weil er sich in der Zeit Neros als Ankläger577 einen schlechten Ruf erworben hatte. Ansonsten lässt Tacitus diesen Autor in der Rahmenhandlung seines dialogus de oratoribus als Fürsprecher traditioneller Beredsamkeit auftreten578 und zollt ihm nicht nur wegen seines rhetorischen Stils, sondern auch wegen seines Ein‐ tretens für seinen „berüchtigten“ Bruder Lob579. 568 Velleius Paterculus (*um 20/19 v. Chr.; †nach 30); vgl. Schmitzer, Velleius Paterculus und das Inter‐ esse an der Geschichte im Zeitalter des Tiberius, Heidelberg 2000, S. 293; sein Werk, „Historia Ro‐ mana“ behandelt in zwei Büchern die Geschichte Roms vom Ende des Trojanischen Kriegs bis zum Tod der Livia Augusta im Jahr 29 n. Chr.. Das Werk ist im Original überliefert, aber pathografisch unergiebig. 569 Aulus Cremutius Cordus (†25 n. Chr.) wird im Kontext eines von ihm selbst verübten Suizids von Tacitus in den Annalen als Historiker erwähnt (Tac. ann. 4, 34 f.;), und zwar weil er in von ihm verfassten „annales“ die Cäsarmörder Cassius und Brutus gelobt hatte, deswegen in einen sog. Ma‐ jestätsprozess verwickelt und einer ihm deswegen drohenden Hinrichtung durch Selbsttötung zu‐ vorgekommen war. 570 Von Aufidius Bassus ist nur soviel bekannt, dass er zum Zeitpunkt der Abfassung des 30. Briefes Senecas, d. h. zu Beginn der 60-er Jahre noch gelebt haben muss. Nach Angaben Senecas in epist. 30 war Bassus damals aber schon dem Tod nahe. Er verfasste libri belli Germanici bzw. ein bellum Germanicum über die Germanenkriege des Augustus (vgl. Quint. Inst. or. 10, 1, 103;) und ein allge‐ meines Geschichtswerk (historiae), an welches Plinius, der Ältere mit a fine Aufidii Bassi anknüpf‐ te. Man schwankt, ob das zuletzt genannte Geschichtswerk des Aufidius Bassus nur bis zum Jahre 31 n. Chr., d. h. bis zum Sturz Sejans reichte, bis 41 n. Chr. oder sogar bis 54 n. Chr., d. h. bis zum Ende der Regentschaft des Claudius. Vgl. Syme, R: Tacitus. 2 Bde., Oxford 1958 2, S. 697–699. 571 Marcus Servilius Nonianus, nach Tacitus (ann. 14, 19.) 59 n. Chr. gest.; weder über den Titel noch über die Grenzen des Zeitraums, über den Servilius Nonianus berichtete, herrscht Klarheit, doch geht man davon aus (vgl. Sage, M.: Tacitus’ Historical Works: A Survey and Appraisal, in: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Bd. II. 33.2. Berlin-New York 1990, S. 851–1030.), dass Taci‐ tus zumindest für die Gestaltung seiner Darstellung der Regentschaft des Tiberius (Buch 1– Buch 6) die Darstellung des Servilius Nonianus benutzte. Vgl. Devillers, O.: Tacite et les sources des Annales. Leuven 2003. M. Sage: Tacitus’ Historical Works: A Survey and Appraisal. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt. Bd. II. Berlin-New York 1990, S. 851–1030. Syme, R.: Tacitus. 2 Bde. Oxford 1958. Ders: The Historian Servilius Nonianus, in: Hermes 92 (1964), S. 408ff. Wil‐ kes, J.: Julio-Claudian Historians, in: Classical World 65 (1972), S. 177ff.. 572 †25. 08. 79 in Stabiae am Golf von Neapel, vgl. Plin. epist. VI, 16. dazu: Wolters, R.: Plinius. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd. 23. Berlin 20032, hier S. 211. 573 Vgl. Tac. hist. 3, 28; 574 Vgl. Tac. hist. 3, 9. 18; 575 Vgl. Tac. hist. 3, 25, 2; 576 Vgl. Tac. hist. 4, 42; 577 Vgl. Plin. epist. 1, 5 – 15; vgl. dazu auch Mart. epigr. 1, 12, 82; 578 Vgl. Tac. dial. de or. 14, 1; 15, 1, 16, 2; 23, 6; 24, 2; 25, 1; 28, 1; 33, 4; 42, 1.2; 579 S. o. Tac. hist. 4, 22; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 118 Weitere „Historiker“ benennt Tacitus als mögliche Gewährsleute für die Historien jedoch nicht. Nur in allgemeiner Form setzt er sich am Ende des 2. Buchs der Histori‐ en kritisch mit dem Urteil von Schriftstellern auseinander, die ein seiner Meinung nach allzu freundliches Urteil über die Partei der Flavier fällten: Scriptores temporum, qui potiente rerum Flavia domo monimenta belli huiusce composuerunt, curam pacis et amorem rei publicae, corruptas in adulationem causas, tradidere.580 (Schriftsteller der Zeit, die während der Herrschaft des Hauses der Flavier Aufzeichnungen über diesen Krieg zusammengestellt haben, überlieferten [auf der einen Seite] Sorge um den Frie‐ den und Eintreten für die Belange des Gemeinwohls, [auf der anderen Seite] bestech‐ liche Schmeichelei als Beweggründe.) Bezüglich all dieser Autoren, die Tacitus als Gewährsleute dienten, ist, wie gesagt, davon auszugehen, dass deren Werke auch Sueton und Cassius Dio im Bedarfsfalle als Quellen hätten benutzen können, – soweit die letzteren nicht mittelbar über Werke des Tacitus darauf zugreifen konnten. Problematisch ist in Bezug auf die ausschließ‐ lich durch die Überlieferung Suetons und Cassius´ Dios dokumentierten Fälle aller‐ dings, dass Sueton darüber in der Regel nur sehr kurz und ohne Rücksicht auf den jeweiligen historischen Zusammenhang berichtet und dass auch die Darstellungen des Cassius Dio, bereits für längere Abschnitte der Regierungszeiten des Tiberius und Caligulas, vor allem aber ab Buch 61, d. h. für die Zeit ab 54 n. Chr., nicht im Original überliefert worden sind, sondern nur in der Form erst im Mittelalter angefertigter Ex‐ zerpte; deren Verfasser schenkten – anders als Cassius Dio selbst, der wie Tacitus das annalistische Schema berücksichtigte – bezüglich der hier zu untersuchenden Fälle der chronologischen Zuordnung kaum Beachtung. Auf die medizingeschichtliche Beurteilung der Fälle der Epoche vom Jahre 14 bis zum Jahre 70 n. Chr. wirkt sich dieser Mangel jedoch nicht besonders störend aus, da er durch die Möglichkeit des Rückgriffs auf andere Quellen581 weitgehend aufgewo‐ gen wird. Bereits bezüglich der Fälle der Regierungszeit Vespasians, vor allem aber hinsichtlich der Chronologie der dem Prinzipat Domitians zuzuordnenden Fälle hat dieser Mangel zu großen Unsicherheiten geführt, die aber, wie noch zu zeigen sein wird, eher die Beurteilung der politischen Bedeutung dieser Fälle behindern als die ihrer medizingeschichtlichen Implikationen. Zum Forschungsstand Die in den o. g. Quellen abgebildete Epoche der römischen Geschichte erfreut sich in der althistorischen Forschung seit langem eines lebhaften Interesses. Namentlich an 2.0.3 580 Vgl. Tac. hist. 2, 101, 1; 581 Als Quelle für die Analyse unnatürlicher Todesfälle gegen Ende der Regierungszeit des Tiberius, während der Regierungszeiten Caligulas und des Claudius stehen u. a. Aufzeichnungen der jüdisch - hellenistischen Autoren Philo v. Alexandrien (Vgl. Tab. III, Nr. 3, 6–8;) und Flavius Josephus zur Verfügung (Vgl. Tab. III, Nr. 1 u. 2;), für die Regierungszeit des Claudius auch zahlreiche Hinweise in Senecas Apolokyntosis divi Claudii (Vgl. dazu: Tab. III, Nr, 3. 6. 11.12. 14–18, 26–33, 35. 37. 40– 47;). 2.0 Vorbemerkungen 119 größeren Arbeiten zur politischen Geschichte, zur Rechts- und Kulturgeschichte der Epoche, aber auch zu den literatur- und kulturgeschichtlichen Aspekten der o. g. Quellen besteht kein Mangel. Es reicht in diesem Zusammenhang, auf Standardlitera‐ tur582 zu verweisen, auf die einschlägigen Handbücher und Darstellungen, wie auf Arbeiten von A. Garzetti583, M. A. Levi584, H. Dessau585, E. Kornemann586, H. Bengts‐ on587, J. Bleicken588, M. Rostoffzew589 und R. Syme590. Insbesondere zur Herrschaft der einzelnen Kaiser dieser Epoche liegen zahlreiche Untersuchungen und Darstellungen vor. Im Rahmen der Untersuchungen und Dar‐ stellungen der Geschichte des Römerreiches unter der Herrschaft der Kaiser Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellius, Vespasian, Titus und Domitian haben auch die jenen Kaisern in den Quellen politisch und moralisch angelasteten Tötungen mutmaßlicher oder vermeintlicher Gegner stets eine große Beachtung gefunden, aber ausschließlich unter dem Aspekt ihrer politischen, verfassungsrechtlichen und straf‐ prozessrechtlichen Implikationen, manchmal auch in der Absicht, von diesen Tötun‐ gen ausgehend Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand der jeweiligen Kaiser zu ziehen, nicht zuletzt auf ihren psychischen Gesundheitszustand591. Auch die in dieser Untersuchung kritisch zu hinterfragende Hypothese, dass die Mitwirkung von Ärzten bei der Tötung von Menschen im Untersuchungszeitraum nichts Unübliches gewesen sei, stieß in verschiedenen Einzeluntersuchungen auf Auf‐ merksamkeit. Mit einer größeren Anzahl von einzelnen Tötungsfällen beschäftigte man sich ansonsten allenfalls im Rahmen der Auseinandersetzung mit der politi‐ 582 Auf Spezialuntersuchungen zu Problemen der Regierungszeiten der einzelnen Kaiser, denen die hier zu untersuchenden „unnatürlichen Todesfälle“ zu zu ordnen sind, wird noch in den jeweiligen Unterkapiteln dieser Untersuchung hinzuweisen sein. 583 Garzetti, A.: L´impero da Tiberio agli Antonini (Storia di Roma 6) Bologna 1960. 584 Levi, M. A.: L´impero Romano (dalla bataglia di Azio alla morte di Theodosio I) in: Enciclopedia classica Sezione I: Storia e antichita, Vol. II: Storia di Roma, Torino 1963. 585 Dessau, H.: Geschichte der römischen Kaiserzeit II, 1 von Tiberius bis Vitellius, 1926. 586 Kornemann, E.: Römische Geschichte Bd. II (1963). 587 Bengtson, H.: Grundriss der römischen Geschichte mit Quellenkunde, München 1967. 588 Bleicken, J.: Senatsgericht und Kaisergericht: eine Studie zur Entwicklung des Prozeßrechtes im frühen Prinzipat, Göttingen 1962. Verfassungs- und Sozialgeschichte der römischen Kaiserzeit. Pa‐ derborn, 1978. Prinzipat und Dominat, Gedanken zur Periodisierung der römischen Kaiserzeit. Wiesbaden 1978. 589 Rostoffzew, M.: The Social & Economic History of the Roman Empire "Special edition for Sandpi‐ per Books, Ltd., 1998. Repr. 1963, 1966, 1971, 1979, 1998. URL: http://hdl.handle.net/2027/ heb.01464. 590 R. Syme Tacitus Vols I u. II. Oxford 1958. 591 Vgl. Quidde L.: Caligula. Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn. Berlin 1894. Holl, K., Kloft, H., Fesser, G.: Caligula - Wilhelm II. und der Caesarenwahnsinn: Antikenrezeption und wil‐ helminische Politik am Beispiel des "Caligula" von L. Quidde. Bremen 2001. Kloft, H.: Caligula. L. Quidde und der Cäsarenwahnsinn. In: Effe, B., Glei, R. F.(Hrsgg.): Genie und Wahnsinn. Konzepte psychischer ‘Normalität’ und ‘Abnormität’ im Altertum. Trier 2000, S. 179–204. Röhl, J.: Kaiser Wilhelm II. Eine Studie über Cäsarenwahnsinn. München 1989. Winterling, A.: Caligula, eine Bio‐ graphie. München 2003. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 120 schen Bedeutung von Senecas Satire auf die Vergöttlichung des Kaisers Claudius592 oder im Kontext von insgesamt eher literaturgeschichtlich593 bzw. ethisch594 ausge‐ richteten Untersuchungen zur Frage des Suizids in der Antike595. In den USA erschie‐ nen erst vor wenigen Jahren speziell zur Morphologie des Todes im „alten Rom“ zwei Arbeiten596, deren Autoren sich dieses Themas aber mehr unter kulturgeschichtlichen Aspekten annahmen und weder eine vollständige Erfassung, noch eine systematische Typologisierung aller namentlich bekannten Fälle in einem bestimmten Zeitraum an‐ strebten. Ähnliches gilt auch für die bereits in der Einleitung erwähnten Arbeiten zur Ge‐ schichte des Suizids, nicht zuletzt von Bähr, A., Benzenhöfer, U., Brandt, H. und Van Hooff.597 Darin werden ebenfalls einzelne unnatürliche Todesfälle der Antike bespro‐ chen. Aber da in diesen Arbeiten ausschließlich auf Suizide abgehoben wird, andere unnatürliche Todesfälle bei der Analyse von Motiven und Tötungsmitteln der „Opfer“ unberücksichtigt bleiben und auch in chronologischer Hinsicht bei der Auswahl der Fälle andere Prioritäten gesetzt werden, kommen sie allenfalls als Vorarbeiten für die Ausfüllung der oben skizzierten Forschungslücke in Betracht. Ein zentrales Anliegen dieser Untersuchung, nämlich eine umfassende statisti‐ sche Erfassung, typologische Zuordnung und Beurteilung aller namentlich bekannten „unnatürlichen Todesfälle“, der gesamten frühen römischen Kaiserzeit – unter vor‐ rangig forensisch – pathologischen Aspekten – ist bislang noch nicht versucht wor‐ den, abgesehen von Arbeiten zum Suizid in der Antike598 und Einzeluntersuchungen zu scheinbar besonders spektakulären Einzelfällen aus der Regierungszeit des Claudi‐ us599, und ist somit immer noch als ein Desiderat anzusehen. 592 Vgl. Horstkotte, H., Die `Mordopfer´in Senecas Apocolocyntosis, in Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 77 (1989) S. 113–143; mit Hinweisen auf weiterführende Literatur seit dem Er‐ scheinen von K. Krafts grundlegendem Aufsatz: Kraft, K., Der politische Hintergrund von Senecas Apokolokyntosis, Historia 15, 1966, S. 96–122; 593 Müller, A. M.: Die Selbsttötung in der Lateinischen Literatur der Kaiserzeit bis zum Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. Dissertation, Universität Zürich 2003. 594 Vgl. Bergdolt, K.: Das Gewissen der Medizin: ärztliche Moral von der Antike bis heute, München 2004. 595 Eine recht umfangreiche Liste auch neuerer Literatur zum Suizid in der Antike enthält: http:// de.wiki pedia.org/wiki/ Suizid#Literatur (2014). 596 Vgl. Plass, P., The Game of Death in Ancient Rome: Arena Sport and Political Suicide, Madison (Wi), 1995; Edwards, C., Death in Ancient Rome, New Haven (Ct) 2007; 597 S. o. Einleitung; 598 Vgl. dazu vor allem die in der Einleitung erwähnten Arbeiten A. v. Hoofs und H. Brandts, die sich aber ausschließlich mit Suiziden beschäftigen. 599 Vgl. dazu Moog, F. P., Ärzte am Hofe des römischen Kaisers Claudius, in Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen, Heft 2/3 (2006/2007) S. 9 ff.; 2.0 Vorbemerkungen 121 Zur Methodik Um den Gegenstand und die Zielsetzungen der hier vorzulegenden Untersuchung ge‐ nauer zu beschreiben, kann jedoch ein kurzer Blick auf bestimmte Trends in der alt‐ historischen Forschung, speziell in Deutschland, nicht ganz vermieden werden: Schon im Jahre 1964 wurde von der philosophischen Fakultät der Universität Münster eine Dissertation angenommen, deren Untersuchungsgegenstand dem der vorliegenden nicht unähnlich war: „Grenzheuser, B: Kaiser und Senat von Nero bis Nerva, Diss. Münster i. W. 1964“600. Wie bereits der Titel jener Studie verrät, galt auch darin das Interesse des Verfassers der Erforschung der zahlreichen Tötungs- und Selbsttötungsfälle jener Epoche: Grenzheuser deutete sie als Ergebnisse eines antago‐ nistischen Konflikts zwischen dem Senat und dem Kaisertum, in dessen Rahmen er die jeweiligen Tötungen und erzwungenen Selbsttötungen einzelner Senatoren auf tatsächliche oppositionelle Aktivitäten der „Opfer“ zurückführte. Dieser Deutungsansatz fand auch Eingang in ein verbreitetes „Handbuch zur rö‐ mischen Geschichte“: So findet man in Hermann Bengtsons Handbuch zur römi‐ schen Geschichte u. a. folgende Erklärungen für die auch in dieser Untersuchung in‐ teressierenden Tötungs- und Selbsttötungsfälle: Für die Regierungen der Julier und Claudier ist der Widerstand konservativer Kreise gegen das Prinzipat bezeichnend, auch unter den Philosophen hat es so manche Gegner des Prinzipats gegeben. Insbesondere Anhänger der Stoa haben dem Kaisertum kritisch gegenüber gestanden. Unter Nero ist es zu Verbannungen und Hinrichtungen gekommen. Auch die Regierung der Flavier hat den geistigen Widerstand der Philosophen nicht aus der Welt schaffen können, unter Domitian hat sich die Opposition sogar noch einmal verstärkt.601 Auch wenn der hier zitierte Deutungsansatz von vielen Forschern nicht geteilt wird, sondern Kritik evozierte und den seit langem anhaltenden wissenschaftlichen Streit über die Hauptursachen der politischen Instabilität der Herrschaft mancher Kaiser keineswegs beendete602, liefert er eine Erklärung für das weitgehende Desinter‐ esse vieler Altertumswissenschaftler an den pathologischen Einzelheiten des Ablebens ihrer Todesopfer. Aufgrund ihrer vorrangig historischen und philologischen Vorbil‐ dung wird man unterstellen dürfen, dass sich Althistoriker vor allem für den unna‐ türlichen Tod solcher Persönlichkeiten interessieren, bei denen für den in den Quel‐ len behaupteten „unnatürlichen Tod“ bestimmte politische Interessen oder auch welt‐ anschauliche Festlegungen bestimmter gesellschaftlichen Gruppen, denen sie ange‐ hörten603, als plausibel erscheinen, – während sie dazu neigen, solche Fälle, bei denen politische Motive als „Todesursache“ nicht zu erkennen sind, entweder zu ignorieren 2.0.4 600 H. Bengtson: Grundriss der römischen Geschichte mit Quellenkunde, München 1967, S. 313, Anm. 1; 601 S. o. Bengtson: S. o., S. 304; 602 Einen guten Überblick über die Entwicklung der Forschung über den Prinzipat Domitians im letz‐ ten Drittel des 20. Jahrhunderts liefert eine entsprechende Untersuchung von Urner, Chr.: Kaiser Domitian im Urteil antiker literarischer Quellen und moderner Forschung. Dissertation, Augsburg 1994. 603 Vgl. Strobel, K.: Kaiser Trajan. Eine Epoche der Weltgeschichte. Regensburg 2010, S. 72–101. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 122 oder unter Hinweis auf die Möglichkeit von Verzerrungen zu kritisieren, – sei es un‐ ter Hinweis auf bestimmte tendenziöse Absichten der darüber berichtenden antiken Schriftsteller oder auch auf die Möglichkeit der Befangenheit infolge des Einflusses li‐ terarischer Topoi auf die Darstellung solcher Fälle. Die in dieser Studie gewonnenen Erkenntnisse über den Fall Seneca604 sprechen jedoch dagegen, der oben skizzierten Annahme enger Zusammenhänge zwischen der weltanschaulichen und politischen Orientierung von Opfern „unnatürlicher Todesfäl‐ le“ und deren Tod universelle Bedeutung beizumessen. Speziell im Falle Senecas sind nach den im vorangegangenen Kapitel gewonnenen Erkenntnissen – wegen unter‐ schiedlicher Einschätzungen des Tacitus und Cassius Dios – klare Aussagen über des‐ sen politische Orientierung nicht möglich. Auf der anderen Seite zeigte es sich aber, dass trotz dieser Unklarheit eindeutige Erkenntnisse über die im Zusammenhang des Ablebens Senecas zum Einsatz gelangten Tötungsmittel sowie über die Rolle des Arz‐ tes zu erzielen waren605. In methodologischer Hinsicht ergibt sich daraus die Konsequenz, die Möglichkeit politischer Hintergründe unnatürlicher Todesfälle zwar zu berücksichtigen, dabei aber der Versuchung zu widerstehen, aus den darüber bekannten Tatsachen allzu weitreichende Rückschlüsse auf die Pathologie dieser Fälle zu ziehen, sondern sich zu bemühen, den medizinisch-pathologischen Aspekt der Fälle möglichst isoliert von dem Aspekt einer möglichen Verwicklung des „Todesopfers“ in politische Händel zu betrachten. Natürlich lässt sich dieses Ziel leichter formulieren als verwirklichen, – vor allem deswegen, weil die Quellen bezogen auf die Mehrzahl der hier zu untersu‐ chenden Einzelfälle nur den Namen des Opfers und die für den jeweiligen Todesfall angeblich verantwortliche Persönlichkeit erwähnen, in der Regel des Kaisers, und an‐ sonsten allenfalls noch einen Grund oder Vorwand für die jeweilige Tötung angeben. Medizingeschichtlich relevante Informationen sind solchen Zeugnissen, vor al‐ lem bei Sueton und in den lediglich in exzerpierter Form überlieferten Abschnitten der römischen Geschichte des Cassius Dio, nur unter der Voraussetzung zu entneh‐ men, dass man die Hinweise auf die Verantwortlichkeit der Kaiser für den Tod der jeweiligen „Opfer“ ernst nimmt, indem man die jeweils bezeugten Tötungen als vom Kaiser selbst oder in dessen Namen angeordnete „Hinrichtungen“ interpretiert und dann, von dem Begriff der „Hinrichtung“ ausgehend, Rückschlüsse auf die Todesart und die zur Herbeiführung des Exitus der Delinquenten eingesetzten Tötungsmittel ziehend, auf der Grundlage solcher Erkenntnisse auch die Möglichkeit ärztlicher Tö‐ tungsassistenz erörtert, – die aber im Falle von „Hinrichtungen“ aufgrund des Ge‐ waltmonopols – auch – des römischen Staates eher auszuschließen ist606. 604 S. o. Kap. 1 u. Tab. IV, Nr. 20; 605 S. o. Kap. 1.3; 606 Einen aufschlussreichen Überblick über die Praxis der Vollstreckung der Todesstrafe auch in der Antike bietet http://www.amnesty.ch/de/themen/todesstrafe/info/geschichte-der-todesstra‐ fe-6(2015); siehe auch: http:// de.wikipedia.org/wiki/Hinrichtung#Abendl.C3.A4ndische_Entwick‐ lung (2014): „Das Römische Reich löste kollektives Sippenrecht durch ein Staatsrecht ab. Hier war die Kreuzigung für entlaufene Sklaven, Verbrecher ohne römisches Bürgerrecht und Aufständische die üb‐ liche Hinrichtungsart. Staatsfeinde oder Hochverräter wurden im Carcer Tullianus der Stadt Rom 2.0 Vorbemerkungen 123 Aber auch im Falle von „Hinrichtungen“ ist es im Interesse der Beurteilung der Möglichkeit ärztlicher Tötungsassistenz nicht in jedem Falle erforderlich, umfassend zu untersuchen, ob das konkrete politische Verhalten des „Delinquenten“ dessen Tö‐ tung politisch oder juristisch rechtfertigte, sondern es genügt hierbei in der Regel festzustellen, dass die Kaiser bzw. dessen Berater subjektiv von der Notwendigkeit einer Beseitigung des „Delinquenten“ überzeugt waren und zu diesem Zweck entwe‐ der die Eröffnung eines förmlichen Strafverfahrens für zweckmäßig hielten, um die jeweilige Tötung auch rechtlich zu legitimieren, oder ob sie die Tötungen, wie etwa im Falle Senecas nach „Standrecht“ d. h. wegen des bloßen Verdachts einer Verwicklung in eine Verschwörung anordneten. Eine solche Vorgehensweise darf in der Regel als gegeben angesehen werden, auch wenn in den Quellen die Tendenz zu beobachten ist, diese Tötungen als kaltblütige „Morde“ erscheinen zu lassen, sei es durch den aus‐ drücklichen Hinweis, dass sie „levissima causa“607 d. h. unter nichtigsten Vorwänden, angeordnet worden seien, oder durch den völligen Verzicht auf die Erwähnung kon‐ kreter „Vorwände“ für die jeweiligen Tötungen. Auch in den Fällen, in denen in den Quellen ein schwerwiegender Grund als Rechtfertigung für eine vom Kaiser angeordnete „Hinrichtung“ geleugnet wird oder ungenannt bleibt, sollte man den Tatbestand einer Hinrichtung im Gefolge eines Strafprozesses oder auch im Gefolge eines standrechtlichen Todesurteils nicht infrage stellen; denn die in den Quellen spürbare „antikaiserliche Tendenz“ kann zwar zur Erklärung der Leugnung hinreichender Gründe für die jeweiligen Tötungen herange‐ zogen werden, rechtfertigt in der Regel aber kaum eine Leugnung der Tatsache, dass eine Fremdtötung aufgrund einer entsprechenden kaiserlichen Verfügung stattgefun‐ den hat. Dennoch bereitet die in dieser Studie beabsichtigte typologische Zuordnung in den Quellen nur ungenau beschriebener Fälle Schwierigkeiten, – und zwar deswegen, weil sich auch im Falle von Hinrichtungen, – unabhängig da‐ von ob der Delinquent in einem öffentlichen Gerichtsverfahren zumindest formell auch die Chance bekam, seine strafrechtliche „Unschuld“ zu beweisen, oder aber ohne die Gelegenheit dazu getötet wurde608 – über allgemeine Erkenntnisse be‐ züglich der bei Hinrichtungen eingesetzten Tötungsmittel hinausgehend, dazu kaum nähere Angaben machen lassen, – aber auch deswegen, weil gerade in diesen Fällen grundsätzlich nicht ausgeschlos‐ sen werden kann, dass der mit der Tötung des jeweiligen Delinquenten beauftrag‐ te Prätorianer – wie im Falle Senecas durch Tacitus ausdrücklich bezeugt, – diesem im letzten Augenblick zumindest de facto noch die Möglichkeit einräumte, sich der ihm drohenden Fremdtötung durch eine Selbsttötung zu entziehen, oder aber häufig auch erdrosselt oder (seltener) enthauptet, danach, wie bei der Kreuzigung, auf der Gemoni‐ schen Treppe öffentlich zur Schau gestellt, durch die Stadt geschleift und in den Tiber geworfen.“ 607 Vgl. dazu: Suet. Dom 10, 2: Complures senatores … interemit; … ceteros levissima quemque de cau‐ sa; 6 0 8 Das behauptet Seneca in Bezug auf eine größere Anzahl von Hinrichtungen auf Befehl oder im Auf‐ trage des Claudius. Vgl. dazu Sen. apocol. 8–13; Tab. III, Nr. 6. 11. 12. 14–18. 23–33. 35. 37. 40–47; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 124 – wie es für die Zeit Domitians von Sueton bezeugt ist609 – aufgrund eines ent‐ sprechenden Senatsbeschlusses zum Tode verurteilten Delinquenten ein Recht auf die Wahl der Todesart zugestanden wurde. Aber auch in diesen Fällen wird man – anders als im Falle Senecas, der ja in seinem eigenen Haus von der Notwendigkeit zu sterben überrascht wurde – im Regelfalle ausschließen dürfen, dass das den Hinzurichtenden entweder de facto oder aufgrund einer entsprechenden Rechtsvorschrift eingeräumte Recht auf eine Wahl der Todesart das Recht einschloss, dazu die Hilfe von Privatleuten oder gar eines Arztes in An‐ spruch zu nehmen. Besondere Schwierigkeiten bei der hier beabsichtigten typologischen Zuordnung aller namentlich bekannten „unnatürlichen“ Todesfälle der frühen römischen Kaiser‐ zeit bestehen aber bezüglich einiger genauer beschriebenen Fälle, die in den Quellen zwar eindeutig als Fremdtötungsfälle charakterisiert werden, bei denen die Kaiser bzw. deren Berater aber mit Rücksicht auf mögliche negative Reaktionen der Öffent‐ lichkeit davor zurückschreckten, durch eine regelrechte Hinrichtung die Verantwor‐ tung zu übernehmen, sondern statt dessen – nach den Angaben der darüber berich‐ tenden antiken Schriftsteller - „Mordanschläge“ organisierten, um ihre Verantwor‐ tung für den Tod dieser Personen zu verschleiern610. Eine konkrete typologische Zuordnung wird in diesen Fällen weniger durch einen Mangel an einschlägigen Informationen in den Quellen erschwert, als durch im Prin‐ zip nicht unberechtigte Zweifel daran, dass es sich dabei überhaupt um „unnatürliche Todesfälle“ handelte. Das gilt vor allem für solche Fälle, bei denen „Gift“ als Tötungs‐ mittel bezeugt ist611. Denn es liegt in der Natur von Giftanschlägen, dass sie u. a. dazu verübt werden, einen natürlichen Tod vorzutäuschen, um so die Suche nach den mut‐ maßlichen Tätern zu verhindern oder wenigstens hinauszuzögern, – in der Hoffnung, so möglichst viele Spuren, die zu den „Tätern“ führen könnten, zu verwischen. Dieser „künstlich“ erzeugte Mangel an verlässlichen Informationen über bestimmte politisch brisante Todesfälle bietet natürlich einen idealen Nährboden für Spekulationen, der wahrscheinlich schon in der Antike eifrig genutzt wurde, um eine informationshung‐ rige Öffentlichkeit, motiviert durch bestimmte schriftstellerische, mittelbar auch öko‐ nomische Interessen, mit „Gerüchten“ über die Hintergründe besonders spektakulä‐ rer Fälle zu versorgen. Selbst in solchen Fällen, in denen derartige Verdächtigungen mit den Mitteln der Strafjustiz aufgearbeitet und so aktenkundig wurden, bewegt man sich – wie man an dem Verlauf des Strafprozesses gegen das Ehepaar Piso wegen des Vorwurfs, den Tod des Germanicus verschuldet zu haben, gut ablesen kann612 – auf unsicherem Boden. Dass ein „schlechter Kaiser“ seinen „guten“ Amtsvorgänger gewaltsam aus dem Wege 6 0 9 Nähers siehe dazu in Kap. 2. 3; 610 Vgl. Tab. I, 9 (Drusus Tib. f.), Tab. II, 1 (Kaiser Tiberius), IV, 3 (Kaiser Claudius I.), IV, 21 (Seneca); 611 Das gilt für die Anfänge des Tiberius (Vgl. Tab. I, 4 u. 7;) und Neros (s. Tab. IV, 2.3.5.7.8.9.11.12.13.15); 612 Vgl. Tab. I, Nr. 5–7; 2.0 Vorbemerkungen 125 räumt, wie die antiken Quellen den Betrachter glauben machen wollen, erscheint vor dem Hintergrund solcher Unsicherheiten in dem hier zu untersuchenden Zeitraum geradezu als ein literarischer Topos613. Daher erscheint die Skepsis, die Althistoriker und Altphilologen gegenüber derar‐ tigen Berichten in den Quellen hegen, vor allem dann, wenn darin die Kaiser selbst der Anstiftung zu Mordanschlägen bezichtigt werden, - unter Berücksichtigung der gegenüber einigen Kaisern geradezu feindseligen Tendenz bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio – grundsätzlich als begründet. Auch für den Medizinhistoriker erscheint es in Anbetracht dieser – begründeten – Skepsis als naheliegend, von der Analyse derartiger Fälle abzusehen. Auf der anderen Seite besteht jedoch die Gefahr, dass er sich so seine Arbeit allzu leicht macht, zumal in etlichen Fällen in den Quellen der Vorwurf erhoben wird, dass der Kaiser bzw. dessen Ratgeber seinen Vorgänger durch Gift beseitigt habe614. Denn immer dann, wenn in den Quellen Gift als Tötungsmittel genannt wird, muss grundsätzlich mit der Möglichkeit der Involvierung von Ärzten in den mut‐ maßlichen Tötungsakt gerechnet werden, insofern nicht a priori ausgeschlossen wer‐ den kann, dass Ärzte ihre pharmakologischen Kenntnisse statt zu Heilungszwecken auch zur Tötung ihrer Patienten einsetzten, wenn ihnen dafür entsprechende Beloh‐ nungen winkten. Ein Verzicht auf eine medizingeschichtliche Analyse auch solcher zweifelhafter Fälle könnte daher – in Anbetracht der ohnehin geringen Zahl von Fäl‐ len, in denen die Mitwirkung eines Arztes an Tötungen oder Selbsttötungen bestimm‐ ter Persönlichkeiten bezeugt oder angedeutet wird, – die möglichen Ergebnisse dieser Untersuchung leicht verfälschen. Daher ist es erforderlich auch solche hinsichtlich ihres Charakters als unnatürli‐ che Todesfälle zweifelhafte Fälle zu berücksichtigen, auch auf die Gefahr hin, dass sich am Ende die Zweifel an dem unnatürlichen Charakter der besagten Fälle nicht ausräumen lassen sollten. Denn auch im Falle der Verifikation solcher Zweifel wäre ein solches Ergebnis im Hinblick auf das Hauptziel dieser Untersuchung keineswegs ohne Bedeutung: Denn die Erhärtung solcher Zweifel verstärkte auch die Zweifel an der Möglichkeit einer schuldhaften, d. h. willentlichen Involvierung von Ärzten in die jeweiligen Todesfälle. Aber nicht nur bezogen auf solche Zweifelsfälle, sondern auch auf alle übrigen Fälle wird, soweit die Quellenlage das zulässt, im Interesse einer „induktiven“ Vorge‐ hensweise eine „Einzelfallprüfung“ angestrebt. Die Festlegung auf ein solches Vorge‐ hen ermöglicht auch in Bezug auf die in den Quellen eindeutig als „unnatürlich“ be‐ schriebenen Todesfälle eine nachrangige Beachtung ihrer politischen Aspekte. Eine zu starke Berücksichtigung ihrer politischen Aspekte könnte die Gefahr deduktiver Zir‐ kelschlüsse heraufbeschwören. Denn die Beachtung der politischen Implikationen be‐ stimmter Einzelfälle darf nur in dem Maße erfolgen, in dem sich daraus mittelbar 613 Vgl. dazu: Tab. I, 1; Tab. II, 1; Tab. III. 1; Tab. IV, Nr. 3; Tab. V, 3; Tab. VI, 1; Tab. VII, 1; Tab VIII, 1; Tab. IX, 1; unter den Flaviern ist Titus der einzige, gegenüber dem der Vorwurf, durch die Beseiti‐ gung seines Vorgängers an die Macht gelangt zu sein, nicht erhoben wird. 614 Vgl. Tiberius (Tab. I, 1;), Caligula (Tab. II, 1;) und Nero (Vgl. Tab. IV, 3;); Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 126 auch Erkenntnisse über ihre medizingeschichtlichen Implikationen dieser Todesfälle ableiten lassen könnten, - konkret nur dann wenn sich solche Todesfälle aus Strafpro‐ zessen entwickelten und sich so als Hinrichtungsaktionen deuten lassen. Die hier vorgenommene methodologische Festlegung auf das Prinzip der Einzel‐ fallprüfung sollte aber keinesfalls dahingehend verstanden werden, dass im Text der Untersuchung jedem der 277 Fälle615 eine eigene fallspezifische Erörterung seiner medizingeschichtlichen Eigentümlichkeiten gewidmet werden soll. Eine solche Vor‐ gehensweise wäre schon allein wegen der Quellengrundlage dazu nicht möglich: Die antiken Schriftsteller berichten über die hier zu untersuchenden Fälle mit unter‐ schiedlicher Ausführlichkeit, über die meisten nur in sehr knapper Form: Vor allem Sueton und die Verfasser der Exzerpte aus dem Werk des Cassius Dio erwähnen oft‐ mals nur die Namen der Getöteten und der angeblichen Verursachers ihres Ablebens, – in der Regel wird der Kaiser selbst dafür verantwortlich gemacht – nur sporadisch werden diese „Informationen“ mit Hinweise auf die jeweilige Todesart und die Tö‐ tungsmittel verknüpft; in vielen Fällen sucht man selbst bezüglich der Tötungsart und der Tötungsmittel vergeblich nach Hinweisen. Soweit die Kaiser für die Tötungen verantwortlich gemacht werden, ergeben sich aus dem historischen Kontext der diesbezüglichen Notizen, etwa durch Hinweise auf angebliche Verschwörungen und Revolten, wie im Zusammenhang der Entlarvung Sejans616, der Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung gegen Nero617, der Bürger‐ kriegsereignisse des sog. Dreikaiserjahres618 oder der Verstoßung Domitia Longinas durch Domitian bzw. der Niederschlagung des Aufstandes des L. Antonius Saturninus gegen Domitian619, auch Anhaltspunkte für eine medizingeschichtliche Zuordnung: In solchen Fällen wird man unterstellen dürfen, dass die jeweiligen Tötungen entwe‐ der nach „Standrecht“ durch den Kaiser oder in dessen Namen angeordnet wurden oder aufgrund einer Verurteilung in einem „Gerichtsverfahren“ erfolgten, d. h. als Hinrichtungen, auch wenn damit gerechnet werden muss, dass sich die in den Quel‐ len als Tötungsopfer der Kaiser charakterisierten Personen durch eine Selbsttötung der Fremdtötung entzogen. Aus diesen Gründen werden die hier angestrebte „Einzelfallprüfungen“ aller na‐ mentlich bekannten unnatürlichen Todesfälle des Untersuchungszeitraums – auch mit Rücksicht auf den Umfang des Textes – hauptsächlich im Rahmen der Erstellung von tabellarischen Übersichten erfolgen. Darin werden alle namentlich bekannten Fälle zunächst – möglichst in chronologischer Reihenfolge und der Herrschaft be‐ stimmter Kaiser zugeordnet, – aufgelistet und anschließend unter entsprechenden Spaltenköpfen medizingeschichtlich typologisch gekennzeichnet, – nach der Todesart, (ob eine Fremd- oder Selbsttötung anzunehmen ist;) nach den jeweils eingesetzten Tötungsmitteln, soweit bekannt, sowie nach der Möglichkeit ärztlicher Tötungsassis‐ tenz. 615 Vgl. Tab. XI; 616 Vgl. Tab. I, in etwa ab Nr. 24; 617 Vgl. Tab. IV, in etwa ab Nr. 18; 618 Vgl. Tabb. V, VI, VII; 619 Vgl. Tab. IX, in etwa ab Nr. 6; 2.0 Vorbemerkungen 127 In die Spalten zur Tötungsart, zu den Tötungsmitteln und auch zur Frage der Möglichkeit ärztlicher Tötungsassistenz werden aber nur in dem Umfang Eintragun‐ gen vorgenommen, in welchem darüber in den angegebenen Quellen auch eindeutige Angaben gemacht werden. Soweit das nicht der Fall ist, wurde der Eintrag „unklar“ bevorzugt, auch wenn aus den bereits dargelegten Gründen in zahlreichen Fällen von der Tötungsart „Hinrichtung“ ausgegangen werden darf. Nur dann, wenn die Annah‐ me, dass eine Hinrichtung in den jeweiligen Fällen unter Beachtung des jeweiligen historischen Kontextes als die wahrscheinlichste Tötungsart einzustufen ist, erscheint auch in den tabellarischen Übersichten ein entsprechender Eintrag. Ähnliches gilt auch für die Eintragungen in die Spalte zur ärztlichen Tötungsas‐ sistenz, wo je nach den Angaben der Quellen unterschieden wird zwischen den Ein‐ tragungen „unklar“, „unwahrscheinlich“ und „ausgeschlossen“; nur in den Fällen, in denen eine ärztliche Tötungsassistenz in den Quellen bezeugt oder wenigstens ange‐ deutet wird, erfolgt auch ein entsprechender Eintrag in die jeweilige Tabelle, wobei in solchen Fällen auch eine Erörterung solcher Hinweise im Text der Untersuchung stattfindet. Auch in Fällen, in denen bezüglich der chronologischen und typologi‐ schen Zuordnung Zweifel bestehen, die Quellen aber dennoch Informationen liefern, die ansatzweise eine Typologisierung der jeweiligen Fälle zulassen, ist auch im Text der Untersuchung eine Erörterung vorgesehen. Eine Berücksichtigung der Chronologie sowohl bei der Auflistung der Fälle als auch bei der Besprechung einzelner Fälle mag bei einem Vorhaben, das in erster Linie auf die Erstellung einer medizingeschichtlichen Typologie abzielt, entbehrlich er‐ scheinen, bietet jedoch in Bezug auf in den Quellen weniger ausführlich beschriebene Fälle Vorteile: Diese ergeben sich daraus, dass insbesondere spektakuläre Suizide er‐ fahrungsgemäß Nachahmungstaten auslösen, so dass – eben unter Berücksichtigung der chronologischen Reihenfolge – ausführlicher beschriebene frühere Fälle in der Regel auch Rückschlüsse auf die medizingeschichtlichen Eigentümlichkeiten späterer – in den Quellen weniger ausführlich beschriebener – Fälle rechtfertigen. Auch bezogen auf in den Quellen weniger ausführlich beschriebene Fälle von Fremdtötungen eröffnet die Berücksichtigung der chronologischen Reihenfolge die Möglichkeit von Eigentümlichkeiten früherer Fälle Rückschlüsse auf spätere zu zie‐ hen, auch wenn in diesen Fällen, vor allem bei den von den jeweiligen Kaisern veran‐ lassten Tötungen, nicht nur mit Nachahmungen der Vorgehensweise ihrer jeweiligen Vorgänger zu rechnen ist, sondern auch mit der Möglichkeit einer bewussten Abkehr davon. So erscheint es als hinreichend bezeugt, dass Caligula mit Rücksicht auf die „öffentliche Meinung“ in der Anfangsphase seiner Herrschaft im Kampf gegen mögli‐ che Widersacher auf den Einsatz strafrechtlicher Mittel bewusst verzichtete und miss‐ liebige Persönlichkeiten statt dessen lieber durch heimtückische Morde beseitigen ließ620, – während dessen unmittelbarer Nachfolger Claudius wieder stärker das Mit‐ tel der Strafjustiz für derartige Zwecke einsetzte, es dabei allerdings vorzog, seine per‐ 620 Vgl. Tab. II; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 128 sönlichen richterlichen Zuständigkeiten einzusetzen als die Aburteilung von mut‐ maßlich oppositionellen Kreisen dem Senat zu überlassen621. Vor allem um die besonderen „politischen Handschriften“ der einzelnen Kaiser im Umgang mit tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern im Interesse der medi‐ zingeschichtlichen Typologisierung besser nutzen nutzen zu können, wurden die Fäl‐ le nicht nur generell der chronologischen Reihenfolge nach in die Tabellen eingeord‐ net, sondern auch den Regierungszeiten der einzelnen Kaiser zugeordnet. Konkret wurden entsprechend der Anzahl der Kaiser des Untersuchungszeitraums insgesamt 9 Tabellen erstellt, in denen sie der zeitlichen Reihenfolge nach nummeriert den „Re‐ gierungszeiten“ der 9 Kaiser von Tiberius bis Domitian622 zugeordnet wurden, wobei allerdings der gewaltsame Tod von einzelnen Kaisern mit Rücksicht auf die – jeweils im Einzelnen zu erörternde – Vermutung, dass der Nutznießer des gewaltsamen En‐ des seines Vorgängers auch als Hauptverdächtiger für die Tötung seines Vorgängers in Frage kommt, der „Regierungszeit“ seines unmittelbaren Nachfolgers zugerechnet wurde623. Im Text der Arbeit werden – auch mit Rücksicht auf den äußeren Umfang dieser Studie – nur solche Fälle näher besprochen, die aufgrund der dazu in den Quellen überlieferten Informationen – hinsichtlich ihrer typologischen Zuordnung besonders problematisch erscheinen, – für das Verständnis anderer Fälle als besonders bedeutsam erscheinen, und vor al‐ lem – bezüglich derer eine ärztliche Tötungsassistenz als denkbar eingestuft werden muss oder nicht mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Bezüglich aller übrigen Fälle wird auf die tabellarischen Übersichten verwiesen, die wegen ihrer methodologischen Bedeutung für die Erzielung wichtiger Einsichten einen integralen Teil der Arbeit bilden. Im Übrigen wurde, um die Ausführungen auch für solche Leser, die sich nur für bestimmte Einzelfälle oder Gruppen von Fällen interessieren, übersichtlicher zu gestalten, dieses Kapitel so untergliedert, dass die Fäl‐ le entsprechend der Dauer der Regierungszeiten der verschiedenen Kaiser jeweils ei‐ genen Abschnitten zugeordnet wurden, – jeweils ein Abschnitt – den 23 Jahren der Regierungszeit des Tiberius (14–37 n. Chr.), – der insgesamt 31-jährigen Dauer der Kaiserherrschaft der übrigen Kaiser des ju‐ lisch-claudischen Herrscherhauses (37–68 n. Chr.) und – der Ära vom Ablebens Neros bis zur Ermordung Domitians (68–96 n. Chr.;). Die in den Abschnitten 2 und 3 vorgenommene Zusammenfassung der Fälle der Herrschaft mehrerer Kaiser erfolgte teils in Anlehnung an in der historischen Litera‐ 621 Vgl. Tab. III; soweit in der Tabelle als Tötungsmittel „Hinrichtung“ oder „Schwert“ eingetragen ist, ist ausweislich der dazu angeführten Quellen davon auszugehen, dass die entsprechenden Tötun‐ gen aufgrund von persönlichen „Richtersprüchen“ des Kaisers oder von Urteilen in dessen Namen erfolgten. 622 Lediglich für die Regierungszeit des 2. Flaviers wurde in Ermangelung der Möglichkeit einer klaren Zuordnung von zwei Fällen (Tab VIII, 6–7;) in die Zeit der Alleinherrschaft des Titus verzichtet. 623 mit Ausnahme der Ermordung des letzten Flaviers, Domitian (s. Tab. IX, 23), dessen gewaltsamer Tod noch der eigenen Regierungszeit zugeordnet wurde; 2.0 Vorbemerkungen 129 tur übliche Periodisierungen, zum Teil aber auch um den einzelnen Unterabschnitten in etwa gleichlange Zeitabschnitte zuzuordnen. Eine kritische Auseinandersetzung mit abweichenden Forschermeinungen zu den Fällen muss wegen der großen Zahl von Veröffentlichungen und der Vielfalt von Aspekten, unter denen diese Fälle bereits früher analysiert wurden, auf solche Aspekte eingeschränkt werden, welchen unter medizingeschichtlichen Erwägungen eine besondere Bedeutung beizumessen ist, – bezüglich der Tötungsart sowie bezüglich der jeweils eingesetzten Tötungsmittel und vor allem im Hinblick auf die Möglichkeit einer ärztlichen Tötungsassistenz. Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) Für den in der Überschrift dieses Abschnitts der vorliegenden Studie benannten Zeit‐ raum sind 76 Todesfälle bezeugt624, bei denen „natürliche Todesursachen“ wie Krank‐ heiten, Altersschwäche oder Unfälle, auch ein Zusammenhang mit kriegs- und bür‐ gerkriegsähnlichen Ereignissen sowie mit Naturkatastrophen ausweislich der Aus‐ künfte der Quellen auszuschließen sind. Von solchen unnatürlichen Todesfällen waren unter Tiberius insgesamt 59 Män‐ ner und 17 Frauen625 betroffen. Von der Gesamtzahl dieser Todesfälle lassen sich überdies 35 als Fremdtötungen und 33 eindeutig als Selbsttötungen einstufen626. In 8 Fällen lassen die darüber bekannten Informationen eine klare Bestimmung der To‐ desart allerdings nicht zu. Aus diesem Zahlenmaterial wird ersichtlich, dass trotz der vergleichsweise ausführlichen Berichterstattung des Tacitus gerade über die Anfänge des Tiberius Unsicherheiten bezüglich der Todesart einiger unter der Herrschaft die‐ ses Kaisers auf unnatürliche Art und Weise zu Tode gekommener Personen bestehen. Vor allem diese Unsicherheiten sollen im Folgenden genauer untersucht werden. Unsicherheiten bezüglich der Todesart Das Problem der Unsicherheit bezüglich der Todesart lässt sich besonders gut an einer Notiz des Tacitus über eine Giftmischerin mit dem Namen „Martina“627 studie‐ ren. Im Zusammenhang der Berichterstattung über Reaktionen von Kommandeuren der in der Provinz Syrien stationierten Truppen auf die Nachricht von dem plötzli‐ chen Tod des Germanicus bezeugt Tacitus dazu in einer dem Jahre 19 n. Chr. zuzu‐ ordnenden Notiz Folgendes: Consultatum inde inter legatos quique alii senatorum ade‐ rant, quisnam Suriae praeficeretur, et ceteris modice n686 quae multifariam inscriptum et per noctes cele‐ berrime adclamatum est: redde Germanicum! Quam suspicionem confirmavit ipse pos‐ tea coniuge etiam ac liberis Germanici crudelem in modum afflictis. (Sogar die Todes‐ ursache für diesen [Germanicus] war Gn. Piso, der Statthalter von Syrien, wie man glaubt; dass dieser, bald wegen eines solchen Verbrechens unter Anklage gestellt, ent‐ sprechende Befehle offen vorgewiesen hätte, wenn [deren Beseitigung], als er diese im vertrauten Kreise zeigte, nicht daran gehindert hätte; wegen] dieser wurde vielfach angeschlagen und in der Nacht gerufen: `Gib den Germanicus zurück.´ Diesen Ver‐ 684 Vgl. Tac. ann. 3, 13, 2; 685 Vgl. Suet. Tib. 52, 3; Cal. 2. 3, 3; und Vit. 2, 3; 686 Die Textlücke ist nach Roth (vgl. Suetonius vol I, ed. Ihm S. 139 zu 52, 3;) wie folgt zu ergänzen … ostentant quae... 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 147 dacht bestätigte er selbst [unklar, wer]687 später dadurch dass auch die Gemahlin688 und die Kinder des Germanicus689 auf grausame Weise zu Grunde gerichtet wurden.) Dem ersten Teil des Zitats ist zu entnehmen, dass nach den Sueton vorliegenden Informationen Piso der Mörder des Germanicus gewesen und deswegen unter Ankla‐ ge gestellt worden sei sowie im Besitz eines Dokuments gewesen sei, nach welchem er von höherer Stelle aus beauftragt worden sei, Germanicus zu beseitigen. Es ist offen‐ kundig, dass zumindest die Angaben dieses ersten Teils des Zitats kaum über jene In‐ formationen hinausweisen, die auch den Annalen des Tacitus zu entnehmen sind690. Rätsel gibt dem Betrachter jedoch der zweite Teil des Zitats auf. Weder die Anschläge noch die Rufe redde Germanicum! lassen sich in Verbindung bringen mit den bei Ta‐ citus überlieferten Informationen zu dem Prozess gegen Piso. Nur soviel scheint in Bezug darauf außer Zweifel zu stehen: Die von Sueton mit ipse bezeichnete Persönlichkeit, die einen Verdacht durch den jammervollen Tod Agrippinas und ihrer Kinder bestätigt haben soll, kann weder mit Piso noch mit Ger‐ manicus identifiziert werden, da der eine wie der andere zum Zeitpunkt des Ablebens Agrippinas, nämlich im Jahre 33 n. Chr.691, sowie zweier ihrer Kinder aus ihrer Ehe mit Germanicus, des Nero Caesar (im Jahre 30/31 n. Chr.692) und des Drusus Caesar (im Jahre 33 n. Chr.693) schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr lebten. Es kann sich bei jener Persönlichkeit nur um eine Person gehandelt haben, die zum Zeitpunkt des Ablebens von Nero Caesar, d. h. gegen Ende 30 oder zu Anfang 31 noch gelebt hat und einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Strafjustiz zu jener Zeit besessen haben muss, also entweder um den Kaiser „selbst“ oder um dessen „Si‐ cherheitschef “, den Prätorianerpräfekten. Diese Funktion hatte aber bis zum 31. 10. 31 n. Chr., d. h. zum Zeitpunkt des Ablebens von Nero Caesar, Aelius Seianus694 inne, danach Sutorius Macro695, der mit mutmaßlichen Verschwörern ebenso rücksichtslos umging wie Sejan. Sowohl über Tiberius als auch über die beiden Prätorianerpräfek‐ ten wird auch von Tacitus bezeugt, dass sie zu Agrippina und deren zwei o. g. Söhnen denkbar schlechte Beziehungen unterhielten. Daraus folgt, dass es sich bei dem Gerücht, welches sich durch den Tod Agrippi‐ nas und deren Nachkommen nach Sueton zu bestätigen schien, nur um ein solches gehandelt haben kann, welches entweder Tiberius selbst oder sogar Sejan nicht nur für den Tod des Germanicus sondern auch für denjenigen Pisos verantwortlich mach‐ te, also um ein Gerücht, das auch bei Tacitus greifbar ist. 687 Wegen der Textlücke ist unklar, wer den „Verdacht“ bestätigt haben könnte. Dennoch kann ausge‐ schlossen werden, dass mit ipse Piso gemeint gewesen sein könnte, insofern dieser ja den Prozess gegen ihn nicht überlebte. Vgl. Tab. I, Nr. 7; 688 Agrippina, gest. im Jahre 33, vgl. Tab. I, Nr. 56; 689 Nero Caesar, gest. 30/31 n. Chr. (vgl. Tab. I, 31;) und Drusus Caesar, gest. im Jahre 33 n. Chr. (Vgl. Tab. I, 33;); 690 S. o. Kap. 2. 1. 1; 691 Vgl. Tab. I, Nr. 56; 692 Vgl. Tab. I, Nr. 31; 693 Vgl. Tab. I, Nr. 33; 694 Vgl. Tab. I, Nr. 25; 695 Sutorius Macro kam ums Leben im Jahre 38 n. Chr.. Vgl. Tab. II, Nr. 7; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 148 Das zweite Mal beschäftigt sich Sueton mit den Beziehungen zwischen Germani‐ cus und Piso in seiner Caligulavita. Im Kontext eines kurzen Überblicks über die so‐ ziale Herkunft Caligulas bietet Sueton auch einen kurzen Überblick über die Karriere des Germanicus. Über dessen Ende berichtet Sueton in diesem Zusammenhang Fol‐ gendes: … annum agens aetatis quartum et tricesimum diuturno morbo Antiochiae obiit, non sine veneni suspicione. nam praeter livores, qui toto corpore erant, et spumas, quae per os fluebant, cremati quoque cor inter ossa incorruptum repertum est, cuius ea natura existimatur, ut tinctum veneno igni confici nequeat. obiit autem, ut opinio fert, fraude Tiberio, ministerio et opera Gn. Pisonis, qui sub idem tempus Syriae praepositus, nec dissimulans offendendum sibi aut patrem aut filium, quasi plane ita necesse esset, etiam aegrum Germanicum gravissimis verborum ac rerum acerbitatibus nullo adhibito modo adfecit; propter quae, ut Romam rediit, paene discerptus a populo, a senatu dam‐ natus est.696 (im vierunddreißigsten Lebensjahr starb er an einer längeren Erkrankung in Antiochien, nicht ohne den Verdacht einer Vergiftung. Denn außer blauen Fle‐ cken, die den ganzen Körper bedeckten, und Schaum, der über sein Gesicht floss, wurde auch das Herz des Eingeäscherten unter den Gebeinen unverletzt aufgefunden, dessen Zustand so erklärt wird, dass es von Gift durchtränkt, vom Feuer nicht habe vernichtet werden können. Er starb also, wie man glaubt, durch einen Betrug des Ti‐ berius, mit Unterstützung und auf Betreiben Pisos, der zum damaligen Zeitpunkt Statthalter von Syrien war, und keinen Hehl daraus machte, dass er sich entweder den Vater697 oder den Sohn zum Feind machen müsse, gleichsam als ob dies unausweich‐ lich sei, und selbst den bereits erkrankten Germanicus mit sehr heftigen Worten und bitteren Taten ohne jedes Maß verletzte. Deswegen wurde er, sobald er nach Rom zu‐ rückgekehrt war, von der Bevölkerung beinahe zerrissen, vom Senat aber verurteilt.) Die Parallelen zu der Darstellung des Tacitus, sowohl hinsichtlich der Entwick‐ lung der Feindseligkeiten zwischen Piso und Germanicus, aber auch hinsichtlich des Verlaufs der Erkrankung des letzteren bis zur Entstehung des Verdachts, dass Piso Ti‐ berius „Handlangerdienste“ bei der Beseitigung seines Neffen geleistet habe, und der Verwicklung des letzteren in einen Mordprozess aus Gründen eben dieses Verdachts sind unübersehbar und bedürfen daher kaum einer Besprechung. Lediglich der Be‐ richt Suetons über die Ergebnisse der bei Germanicus angeblich durchgeführten Lei‐ chenschau ist genauer als bei Tacitus698 und enthält ein Detail, das Tacitus unerwähnt lässt, die Auffindung des angeblich unversehrt gebliebenen Herzens des Verstorbenen in seiner Asche. Ungeachtet der Frage nach der Bedeutung dieses Details für die Beurteilung des im Falle des Germanicus verwendeten Tötungsmittel, belegt dieser Unterschied, dass Sueton zumindest in Bezug auf das Ableben des Germanicus eigenständige Recher‐ 696 Vgl. Suet. Cal. 1, 2–2, 1; 697 Germanicus war zwar ein Neffe des Tiberius, aber seit 4 v. Chr. aufgrund einer Adoption (am 27. 06. 4 n. Chr.; vgl. Vell. 2, 103, 2;), rechtlich auch dessen Sohn. Vgl. Kehne, P., Germanicus, in Re‐ allexikon der germanischen Altertumskunde, Berlin/New York 19982, S. 438–448; Hanslik, R., Ger‐ manicus 2, in KIP Bd. 2, Sp. 767–770; 698 S. o. Tac. ann. 2,73, 4: corpus, antequam cremaretur nudatum in foro Antiochensium, qui locus se‐ pulturae destinabatur, praetuleritne veneficii signa, parum constitit; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 149 chen durchgeführt haben muss und vielleicht deswegen auch zu einer abweichenden Beurteilung des Prozessendes gekommen ist: Nach Sueton erfolgte in dem Prozess ge‐ gen Piso nicht nur eine Anklageerhebung wegen Mordes, sondern auch eine Verurtei‐ lung: a senatu damnatus est.699 Diese Auffassung bekräftigt Sueton in seiner Vitelliusvita. Darin erwähnt Sueton Folgendes: P. (ublius) Germanici comes, Gn Pisonem inimicum et interfectorem eius ac‐ cusavit condemnavitque, ac post praeturae honorem inter Seiani conscios arreptus est et in custodiam fratri datus scalpro librario venas sibi incidit700, nec tam mortis paeniten‐ tia quam suorum obtestatione obligari curarique se passus in eadem custodia morbo pe‐ riit.701 (P[ublius Vitellius]702, ein Begleiter des Germanicus, klagte Piso als dessen Feind und dessen Mörder an und verurteilte ihn, und nach der Bekleidung der Prätur wurde er als ein Mitwisser des Seianus ergriffen und der Obhut seines Bruders über‐ antwortet; dort schnitt er sich mit einem Federmesser Adern auf, dann aber weniger aus Reue über den Suizidversuch als wegen der Bitten der Seinen ließ er zu, dass er verbunden und gepflegt wurde, verstarb aber dennoch in demselben Gewahrsam an einer Krankheit.) Nicht zuletzt dadurch, dass Sueton Piso an dieser Stelle als Feind des Germanicus und als dessen Mörder bezeichnet, gibt er zu erkennen, dass er aufgrund einer eigen‐ ständigen Bewertung der über den Tod des Germanicus greifbaren Quellen davon überzeugt war, dass Germanicus durch Piso oder zumindest in dessen Auftrag ermor‐ det worden war, – berücksichtigt man auch die Ergebnisse der in Antiochien an dem Leichnam vorgenommenen Leichenschau, – vergiftet worden war. Auch Cassius Dio scheint dieser Auffassung gewesen zu sein, soweit die von des‐ sen Geschichtswerk überlieferten Exzerpte darüber Auskunft geben: ¢pšqane dὲ ™n 'Antioce…ᾳ, ÝpÒ de toà P…swnoj kaˆ ÝpÒ tÁj Plagk…nhj ™pibouleuqe…j. Ñst© dὲ g¦r ¢nqrèpwn ™n tÍ o„k…ᾳ ™n à °kei katorwrugmšna kaˆ ™lasmoˆ mol…bdinoi ¢r£j tinaj met¦ toà ÑnÒmatoj aÙtoà œcontej zîntoj œq' eÙršqh. Óti dὲ kaˆ farm£kῳ ™fq£rh, tÕ sîma aÙtoà ™xšfhnen ™j t¾n ¢gor¦n komisqὲn kaˆ to‹j paroàsi deicqšn. Ð dὲ P…swn crÒnῳ Ûsteron ™j t¾n `Rèmhn ¢nakomisqeˆj kaˆ ™j tÕ bouleut»rion ™pˆ tù fÒnῳ Øp' aÙtoà toà Tiber…ou ™sacqe…j, diakruomšnou t¾n Øpoy…an t¾n ™pˆ tÍ fqor´ toà Germanikoà...703 (Er starb in Antiochien als Opfer eines An‐ schlags Pisos und Plancinas; denn menschliche Gebeine, die in seinem Hause vergra‐ ben waren, sowie Bleiplättchen mit Fluchformeln, denen sein Name beigefügt war, 699 Vgl. Suet. Cal. 1, 2 – 2, 1; 700 Über den Tod des Vitellius berichtet auch Tacitus. Vgl. Tac. ann. 5, 8, 3: Vitellius per speciem studio‐ rum scalpro levem ictum venis intulit vitamque aegritudine animi finivit. – (Vitellius fügte sich mit einem zu Studienzwecken erbetenem Federmesser leichte Stiche in die Adern und beendet sein Le‐ ben in einer Krankeit des Gemüts.) Vgl. dazu Tab. I, Nr. 32; 701 Vgl. Suet. Vit. 2, 3; 702 Ein Onkel des Kaisers, Unterfeldherr des Germanicus in Germanien (Vgl. Tac. ann. 1, 70 f.;) und Zeuge des Ablebens des Germanicus in Antiochien (Vgl. Tac. ann. 2,74;) und später einer der An‐ kläger in dem Prozess gegen Piso, wo er ein vielbeachtetes Plädoyer hielt (Vgl. Tac. ann. 3, 13, 2; Plin nat. 11, 187;). Vgl. dazu: Winkler, G., Vitellius 6, in KIP Bd. 5, Sp. 1307; 703 Vgl. Cass. Dio 57, 18, 9–10; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 150 konnten noch zu Lebzeiten des Caesars704 aufgefunden werden; und dass er an Gift starb, war deutlich an seinem Leichnam zu erkennen, der auf den Markt gebracht und dort den Anwesenden gezeigt wurde. Piso kehrte später nach Rom zurück und wurde dort im Senat von Tiberius selbst wegen Mordes angeklagt; so wollte der Kaiser sich von dem Verdacht, den Tod des Germanicus verursacht zu haben, reinwaschen.) Dem Zitat ist zu entnehmen, dass auch nach der Auffassung Cassius´ Dios Ger‐ manicus nicht eines natürlichen Todes gestorben war, sondern als Opfer eines von Piso und Plancina organisierten Mordanschlags. Und wie Tacitus und Sueton führt auch Cassius Dio als Belege dafür den Schadenszauber an, für den im Hause des Ger‐ manicus Spuren entdeckt worden sein sollen, sowie die Ergebnisse einer auf dem Marktplatz von Antiochien durchgeführten Leichenschau. Und nicht anders als dies von Tacitus und von Sueton angedeutet wird, wurde der später durchgeführte Straf‐ prozess zur juristischen Aufarbeitung des mutmaßlichen Verbrechens unter dem Vor‐ sitz des Kaisers so geführt, dass der letztere von dem Verdacht, selber den Tod herbei‐ geführt zu haben, reingewaschen wurde. Man könnte so fast zu der Auffassung gelangen, dass die Unklarheiten über die im Falle des Germanicus zum Einsatz gelangten Tötungsmittel nicht zuletzt der Art der Prozessführung zu verdanken sind, wobei besondere Beachtung verdient, dass Pi‐ so selbst sich nicht nur nach den Angaben des Tacitus, sondern auch nach der Über‐ zeugung Suetons durch einen Unbekannten getäuscht fühlte. Zum besseren Verständ‐ nis dieser Auffassung sollten wir sie uns noch einmal in der stark verkürzten Formu‐ lierung Suetons vor Augen führen: obiit autem, ut opinio fert, fraude Tiberio, ministe‐ rio et opera Gn. Pisonis, qui... nec dissimulans offendendum sibi aut patrem aut filium, quasi plane ita necesse esset, etiam aegrum Germanicum gravissimis verborum ac rer‐ um acerbitatibus nullo adhibito modo adfecit; propter quae, ut Romam rediit, paene dis‐ cerptus a populo, a senatu damnatus est705. Nach dieser Formulierung Suetons müsste Piso sich bereits, als Germanicus erst‐ mals in Antiochien auftauchte, vor die Alternative gestellt gesehen haben, sich entwe‐ der den Anordnungen des Germanicus zu fügen und sich dadurch den Interessen des Kaisers zu widersetzen oder sich den Anordnungen des Germanicus zu widersetzen und dadurch sich dem Kaiser als besonders loyal darzustellen. Das Denken und Han‐ deln in derartigen Alternativen setzt aber voraus, dass dem Piso irgendjemand signa‐ lisiert haben musste, dass Germanicus hinsichtlich der von ihm in Syrien getroffenen Anordnungen keineswegs im Auftrage des Kaisers handele, sondern auf eigene Faust, so dass er wenig zu befürchten habe, wenn er sich diesen Anordnungen widersetze. Nach den in diesem Punkte übereinstimmenden Aussagen aller überlieferten Quellen entschied Piso sich dann für die zweite Alternative und fühlte sich dabei nach Tacitus so sicher, dass er selbst, als ihn auf der Insel Kos die Nachricht vom Tode des Germanicus erreichte706 und sich die Gefahr abzeichnete, er könne wegen eines Gift‐ 704 Gemeint ist hier: Germanicus; 705 S. o. Suet. Cal. 1, 2–2, 1; 706 S. o. Tac. ann. 2, 75, 2; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 151 anschlages auf Germanicus in einen Strafprozess verwickelt werden707, nicht aufhörte Germanicus in Wort und Tat, d. h. u. a. durch die dem Asklepios von Kos dargebrachte Opfer, zu verlästern. Und in demselben Zusammenhang verdient Beachtung, dass Pi‐ so noch am 1. Tag des Prozesses gegen ihn nach Tacitus relativ zuversichtlich war, ob‐ wohl der Mob auf den Straßen vor dem Gebäude, in welchem gegen ihn und Plancina verhandelt wurde, seinen Kopf forderte708, den Prozess überstehen zu können, und zwar weil er sich im Besitz eines Dokumentes wähnte, mit dessen Hilfe er meinte, notfalls auch im Senat glaubhaft machen zu können, dass er bei allem, was ihm be‐ züglich des Germanicus vorgeworfen wurde, in vollem Einvernehmen mit dem Kaiser selbst gehandelt habe.709 Damit aber stellt sich die im Kontext unserer Untersuchung entscheidende Frage nach den Tötungsmitteln, die im Falle des Germanicus zum Einsatz gelangten. Oder sollte Germanicus in Wirklichkeit gar nicht ermordet worden, sondern eines natürli‐ chen Todes gestorben sein?710 Die Beantwortung dieser Frage lässt sich kaum trennen von einer anderen: Wer könnte Piso den Rücken gestärkt haben, dass er sich hinsicht‐ lich möglicher strafrechtlicher Konsequenzen seines Verhaltens keine großen Sorgen zu machen solle. Denn wenn ihm wirklich Tiberius selbst Maßregeln erteilt haben sollte, wie er sich Germanicus gegenüber zu verhalten habe, wäre auch nicht auszu‐ schließen, dass die Piso erteilten Aufträge die Weisung enthielten, diesen umzubrin‐ gen, - wovon nicht nur Tacitus, sondern auch Sueton und Cassius Dio überzeugt ge‐ wesen zu sein scheinen. Auch die – in dieser Form allerdings nur von Tacitus überlieferte – „Information“, dass sich mehr noch als Piso selbst auch Tiberius der Forderung der Senatsmehrheit nach einer Veröffentlichung des Germanicus betreffenden Schriftverkehrs verweiger‐ te, lässt sich dahingehend interpretieren, dass Tiberius über die Brisanz bestimmter im Besitze Pisos befindlichen Dokumente genau im Bilde war. Daher drängt sich der Eindruck auf, dass einflussreiche politische Kreise, ja vielleicht sogar der Kaiser selbst, den Prozess gegen Piso als eine gute Gelegenheit angesehen hätten, den Tod des Ger‐ 707 Man beachte dazu das merkwürdige „Wortgefecht“ wischen Piso und dem Kommandanten de Flot‐ tille, die Agrippina mit der Asche des Germanicus nach Rom begleitete. S. o. Tac. ann. 2, 79, 1; 708 Vgl. Tac. ann. 3, 14, 4: simul populi ante curiam voces audiebantur: non temperaturos manibus, si patrum sententias evasisset: effigies Pisonis traxerant in Gemonias ac divellebant, ni iussu principis protectae repositae forent. Vgl. dazu Suet. Cal. 2, 1: … ut Romam rediit, paene discerpus est a populo …. Vielleicht sind auch die Schlachtrufe Redde Germanicum! (Vgl. Suet. Tib. 52, 3;) im Kontext dieser Demonstrationen zu sehen. 709 Tac. ann. 3, 16, 1: audire me memini ex senioribus visum saepius inter manus Pisonis libellum, quem ipse non vulgaverit; sed amicos eius dictitasse litteras Tiberii et mandata in Germanicum contineri, ac destinatum promere apud patres principemque arguere, ni elusus a Seiano per vanas promissas foret. 710 In der althistorischen Forschung wird dem Gedanken, dass Germanicus auf Betreiben des Tiberius in Antiochien vergiftet worden sei, keine Bedeutung beigemessen. Vgl. Christ, K.: Drusus u. Ger‐ manicus. Der Eintritt der Römer in Germanien. Paderborn 1956. Kehne, P.: Germanicus. In: Re‐ allexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). B. 11, Berlin/New York 19982. Timpe, D.: Der Triumph des Germanicus. Untersuchungen zu den Feldzügen der Jahre 14–16 n. Chr. in Ger‐ manien (Antiquitas 1, 16). Bonn 1968. Bonamente, G. (Hrsg.): Germanico. La persona, la persona‐ lità, il personaggio; nel bimillenario dalla nascita. Rom 1987. Jahn, R. G.: Der Römisch-Germani‐ sche Krieg(9–16 n. Chr.). Diss. Bonn 2001. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 152 manicus nicht aufzuklären, sondern dessen Hintergründe eher zu verschleiern, wobei ihnen eine gerichtliche Verurteilung und Hinrichtung Pisos als eine gutes Mittel er‐ schien, gegen sie selbst gerichtete Verdächtigungen einem „Sündenbock“ anzulasten. Im Widerspruch zu diesem Deutungsansatz steht, dass ausgerechnet Tiberius selbst das nach heutigen Vorstellungen wichtigste Beweismittel, um einen wegen Mordes angeklagten Straftäter auch verurteilen zu können, nämlich den pathologi‐ schen Nachweis711, dass das mutmaßliche Opfer getötet wurde, im Falle Pisos juris‐ tisch entwertete, indem er die in Antiochien durchgeführte Leichenschau ungewöhn‐ lich heftig tadelte. Was aber waren die wesentlichen Ergebnisse der im Falle des Germanicus durch‐ geführten Leichenschau und welche Aussagekraft ist ihnen nach heutigem medizini‐ schen Wissen bezüglich der in diesem Falle verwendeten Tötungsmittel zuzuordnen? Um diese Frage beurteilen zu können, ist es notwendig sich wenigstens kurz zu verge‐ genwärtigen, was man sich nach heutigen Vorstellungen unter einer Leichenschau überhaupt vorzustellen hat712. Nach den zur Zeit in Deutschland geltenden Regeln ist landesrechtlich verankert, dass ein approbierter Arzt in jedem Todesfall in einer öffentlich rechtlichen Urkunde die Identität des Verstorbenen dokumentiert, den Tod an sich, den Todeszeitpunkt, die Todesart und die Todesursache713. Zu diesem Zweck führt der jeweils mit dieser Aufgabe befasste Arzt/Ärztin eine Leichenschau durch, bei der der entkleidete Leich‐ nam vor allem auf folgende Todeszeichen hin untersucht wird: – Totenflecke (die im Fachjargon als „livores“ bezeichnet werden), Totenstarre – Fäulnis714 – Verletzungen, (bzw. Zerstörungen) die mit dem Leben unvereinbar sind.715 Von diesen Todeszeichen versucht er dann Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt716 und auf die Todesart717 zu ziehen, wobei in Bezug auf die Todesart vor allem folgende Unterscheidungen zu treffen sind: 711 S. o. Tac. ann. 3, 12, 4; 712 Vgl. dazu: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin: Regeln zur Durchführung der ärztlichen Leichenschau, AWMF – Leitlinien-Register Nr. 054/002, Stand 12/2012; nächste Über‐ prüfung geplant für 12/2017; siehe AMFW online; 713 S. o. AMFW S. 1 u. 2; 7 1 4 Zum Kenntnisstand der Antike dazu vgl. Leven, K.-H., Fäulnis, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 294 – 295; 7 1 5 S. o. AMFW 4. 1 Feststellung des Todes, S. 2; 716 S. o. AMFW 4. 2 Feststellung der Todeszeit, S. 3–8; 717 S. o. AMFW 5. Feststellung der Todesart, S. 8–10; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 153 – natürlicher Tod – unklar, ob natürlicher Tod oder nichtnatürlicher Tod – nichtnatürlicher Tod718. Hierbei bestehen klare Vorschriften über Kriterien der Zuordnung zu den o. g. Kate‐ gorien und über sog. Meldeverpflichtungen gegenüber den Strafverfolgungsbehörden. Eine Meldepflicht besteht nach heute in Deutschland geltendem Recht in drei Fällen, bei: – nichtnatürlichem Tod – Todesart ungeklärt – unbekannten Toten.719 In all diesen Fällen besteht nämlich für die zuständigen Strafverfolgungsbehörden die Verpflichtung wegen Tötungsdelikten720 zu ermitteln und im Falle eines hinreichen‐ den Tatverdachts auch gegen Verdächtige Anklage zu erheben721. Derartige Regeln sind für den Untersuchungszeitraum aber nicht bezeugt und nach den oben besprochenen Zeugnissen in Bezug auf den Fall des Germanicus auch nicht angewendet worden. Die nach Tacitus von Tiberius gerügte Leichenschau wurde nicht von einem fach- und sachkundigem Arzt vorgenommen, sondern öffentlich, d. h. von Jedermann, der sich dafür interessierte, wie Germanicus zu Tode gekommen war. Dennoch wäre es methodisch unstatthaft, die Ergebnisse jener öffentlichen Lei‐ chenschau a priori als unsachgerecht einzustufen, auch wenn das – allerdings nur von Sueton - überlieferte Detail, dass das Herz des Verstorbenen die Einäscherung unbe‐ schadet überstanden habe, und zwar infolge der angeblichen Vergiftung des Verstor‐ benen722, mit heutigem medizinischem Wissen kaum zu vereinbaren ist. Andere im Falle des Germanicus beobachteten Todeszeichen: livores, qui toto corpore erant, et spumas, quae per os fluebant,723 würden auch heute bei Ärzten, welche die Aufgabe hätten, für einen bestimmten Verstorbenen einen Totenschein auszustellen besondere Beachtung finden. Bei den livores, welche an dem entblößten Leichnam beobachtet wurden, könnte es sich natürlich um „normale“ Totenflecken gehandelt haben, die in der Regel 15 – 30 Minuten nach dem Eintritt des Todes an Leichnamen zu beobachten, aber spätes‐ tens nach 6 – 8 Stunden voll ausgebildet sind und auch in der Folgezeit nicht mehr 7 1 8 S. o. AMFW S. 8 9; 7 1 9 S. o. AMFW 6. Welche Meldepflichten ergeben sich für den Leichenschauarzt? S. 10–11; 720 Mord § 211 StGB, Totschlag § 212 StGB, Tötung auf Verlangen § 216 StGB, sowie die fahrlässige Tötung § 222 StGB; 721 Als „Offizialdelikt“ gilt in Deutschland eine Straftat, die die Staatsanwaltschaft von Amts wegen verfolgen muss. Vgl. Fischer, Th.: Strafgesetzbuch und Nebengesetze, München 200855, vor § 77 Rn. 2. 722 S. o. Suet. Cal. 1, 2: cremati quoque cor inter ossa incorruptum repertum est, cuius ea natura existi‐ matur, ut tinctum veneno igni confici nequeat. 723 S. o. Suet. Cal. 1, 1; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 154 verschwinden, sondern sich allenfalls noch in der Konsistenz verändern und daher in der Gerichtsmedizin eine wichtige Rolle bei der Bestimmung des Sterbetermins spie‐ len724. Sie verdanken ihre Entstehung im Wesentlichen dem schwerkraftbedingten Absinken des Blutes innerhalb des Körpers eines Verstorbenen und sind daher bei in‐ nerhalb ihres Bettes verstorbenen Menschen, wie das nach längeren Erkrankungen zu erwarten wäre, vor allem am Rücken und an der Unterseite der Gliedmaßen zu beob‐ achten725. Sollten aber über den ganzen Körper verteilte bläuliche Flecken zu beobachten sein, wie das von Sueton im Falle des Germanicus bezeugt wird, würde auch ein heuti‐ ger Pathologe zumindest in Erwägung ziehen, dass blaue Flecken außerhalb der für Totenflecken typischen Stellen nicht erst infolge des Ablebens des Menschen entstan‐ den sind, sondern auf pathogene Prozesse hinweisen, die schon vor dem Eintritt des Todes stattgefunden, vielleicht sogar den Tod des Patienten verursacht haben. Bei le‐ benden Menschen sind blaue Flecken stets als Hinweise auf subkutane Blutungen zu interpretieren, die entweder mechanische Ursachen haben, d. h. auf äußere Gewalt‐ einwirkungen zurückzuführen sind, oder durch im Inneren noch lebender Organis‐ men ablaufende pathologische Prozesse verursacht sind, entweder durch Gefäßer‐ krankungen oder aber durch Störungen im Bereich der Blutgerinnung726. Die letzteren können durch Krankheiten erzeugt werden, werden heute am häu‐ figsten aber zu therapeutischen Zwecken bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch sog. Antikoagulanzien willkür-lich herbeigeführt, wie z. B. durch Cumarine, Heparine, durch sog. Faktor Xa-Hemmer wie Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban, durch Throm‐ binhemmer wie Dabigatran und Ximelagatran (seit 2006 vom Markt genommen), aber auch durch „natürliche Wirkstoffe“ wie Hirudin (wird von Blutegeln genutzt;) Lepirudin, Bivalirudin, Calzium- Komplexbildner und ähnliche Stoffe. Dabei liegt es auf der Hand, dass derartige Medikamente in Überdosierung auch lebensgefährliche spontane innere Blutungen auslösen könne, die u. U. zum Tod des Patienten führen könnten, d. h. auch in Tötungsabsicht zu dessen Vergiftung eingesetzt werden könn‐ ten.727 Auch wenn es zur Zeit keinerlei Anhaltspunkte dafür gibt, dass in der Antike der Wirkungsmechanismus antikoagulierender Substanzen bekannt war, ist davon auszugehen, dass die toxische Wirkung bestimmter Stoffe, welche auf der antikoagu‐ 724 S. o. AMFW S. 4; 725 Vgl. Bohnert M, Weinmann W, Pollak S (1999) Spectrophotometric evaluation of postmortem livi‐ dity. Forensic Sci Int 99: 149–158. Bohnert M, Schulz K, Belenkaia L, Liehr AW (2008): Reoxyge‐ nation of hemoglobin in livores after postmortem exposure to a cold enviroment, in: Jornal of legal Medicine. Belenki, L., Sterzik, V., Schulz, K., Bohnert M. (2013) Analysing reflectance spectra of human skin in legal medicine. Journal Biomedical Optics, 01/2013,18(1),17004. Belenki, L., Ster‐ zik, V., Bohnert, M.(2013) Similarity Analysis of Spectra Obtained via Reflectance Spectrometry in Legal Medicine, in: Journal of Laboratory Automation (JALA), online first 29 July 2013. Brink‐ mann, B., Madea B. (ed) (2004) Handbuch Gerichtliche Medizin. Berlin, Heidelberg 2004. 726 Vgl. Hirner, A. u. a.: Chirurgie, Stuttgart 2004, S. 388; Horn, F.: Biochemie des Menschen, Lehr‐ buch für Medizinstudenten. Stuttgart 20053. 727 Vgl. Pötzsch, B.: Antikoagulation, in: Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin, Stuttgart 2013, S. 325–336; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 155 lierenden Wirkung bestimmter Inhaltsstoffe beruhte, bekannt war728 und bewusst in Tötungsabsicht von gewerbsmäßigen Giftmischerinnen an interessierte Kreise weiter‐ gegeben wurde729. Auch den von Sueton bezeugten Schaum, der im Gesicht des verstorbenen Ger‐ manicus beobachtet wurde, würde ein heutiger Pathologe als Hinweis auf eine mögli‐ cher Weise sehr spezifische Todesursache deuten: et spumas, quae per os fluebant730. In den o. z. „Regeln zur Durchführung der ärztlichen Leichenschau“ wird im Kontext der Vorschriften zur „Untersuchung der Körperteile“ ausdrücklich auf ein solches Szenario hingewiesen und zwar mit den Worten: „Schaumpilz vor Mund/Nase z. B. Lungenödem; Ertrinken, Intoxikation, Ersticken“731 Zum besseren Verständnis dieser Formulierungen ist darauf hinzuweisen, dass der Begriff „Lungenödem“ grundsätzlich ein pathologisches Austreten von Blutflüs‐ sigkeit aus den Kapillargefäßen in das „Interstitium“ und die „Alveolen“ der Lunge be‐ zeichnet. Hierbei werden im Wesentlichen drei Formen unterschieden: – die „Lungenstauung“, die aus Veränderungen des Lungengewebes selbst resultiert, – das „Kardiale Lungenödem“, das aus einer chronischen oder akuten Insuffizienz re‐ sultiert, insbesondere der linken Herzkammer und dazu führt, dass der Blutrück‐ fluss aus der Lunge nicht mehr bewältigt werden kann, und häufig verbunden ist mit Asthmaanfällen (Asthma cardiale), – das „Nichtkardiale Lungenödem“, das entweder durch Entzündungsprozesse ausge‐ löst wird oder durch die Aufnahme von Toxinen, die Lungenerkrankungen, Herz‐ erkrankungen oder (wie etwa Coniin) neurophysiologisch ein Ersticken bewirken. Auch die Beobachtung eines Schaumpilzes im Gesicht des Leichnams wäre somit aus medizinischer Sicht als ein relativ sicheres Zeichen darauf zu deuten, dass Germani‐ cus durch eine Intoxikation getötet wurde. Im Hinblick auf die von Sueton bei dem Leichnam des Germanicus bezeugten „livores“ darf hier natürlich nicht ausgeblendet werden, dass Tacitus darüber viel zurückhaltender urteilt: praetuleritne veneficii signa, parum constitit; nam ut quis misericordia in Germanicum et praesumpta suspicione, aut favore in Pisonem pronior, diversi interpraetabantur.732 (Ob er [der Leichnam des Germanicus] Zeichen für eine Vergiftung aufwies, steht nicht fest; denn wie ein jeder von Mitleid für Germanicus ergriffen war oder durch Verdachtsmomente beeinflusst oder durch Gunsterweise dem Piso geneigter war, deutete man die Zeichen unter‐ schiedlich.) Andererseits ist aber zu beachten, dass Sueton die im Falle der Leichenschau des Germanicus beobachteten Todeszeichen nicht deutet, sondern nur beschreibt, daher bestehen gute Gründe, die Angaben Suetons ernst zu nehmen, zumal jene Zeichen ja 728 Unter Laborbedingungen wurde getestet, dass auch Ammonium-Lithium-Citrate, d. h. natürliche Säuren die Blutgerinnung beeinflussen können. Vgl. Pötzsch, B.: Antikoagulation, s. o. S. 325–336. 729 In dem Zusammenhang ist zu beachten, dass auch Mittel zur Schädlingsbekämpfung auf der toxi‐ schen Wirkung von Alkylverbindungen beruhen. Vgl. Kurow, T./Lang, R.: Allgemeine und speziel‐ le Pharmakologie und Toxikologie. Bergisch Gladbach 2000, S. 667 f.. 730 S. o. Suet. Cal. 1, 1; 731 S. o. AMFW S. 7; 732 S. o. Tac. ann. 2, 73, 4; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 156 nicht durch einen einzelnen Leichenbeschauer registriert wurden, sondern durch Hunderte von Neugierigen. Daher erscheinen Zweifel an den von Sueton erwähnten Beobachtungen als unangebracht. Um so verwunderlicher ist es, dass dieser Befund in dem historischen Strafprozess gegen Piso nach Tacitus keine Rolle spielte. Es entsteht so der Eindruck, als sei der Prozess bewusst so geführt worden, dass eine Verurteilung Pisos juristisch zwar weitgehend sichergestellt war, und zwar durch die Fokussierung der Verhandlungen auf den Piso und Plancina zur Last gelegten „Schadenszauber“, der für sich genommen ausgereicht hätte, um eine Verurteilung auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis zu rechtfertigen, und auch den leicht zu führenden Nachweis, dass Piso Germanicus zutiefst hasste und somit ein plausibles Motiv hatte, Germanicus tödlich zu schaden, – ohne dass die wirkliche To‐ desursachen bzw. Tötungsmittel aufgeklärt werden mussten. Damit aber stellt sich die Frage des cui bono, von deren Beantwortung sich wiede‐ rum entscheidende Rückschlüsse darauf ziehen lassen dürften, wer es denn nun wirk‐ lich war, der dafür sorgte, dass Germanicus sterben musste und eines unnatürlichen Todes starb. Zur Beantwortung dieser Frage könnte es zweckmäßig sein, den Blick darauf zu richten, dass in dem Prozess gegen Piso zwei weitere für dessen möglichen Ausgang vielleicht nicht unbedeutende Sachverhalte aus den Verhandlungen ausge‐ blendet wurden, auf deren Erörterung in einem vergleichbaren Mordprozess heute zumindest die Verteidigung kaum verzichten würde. Sie würde nach Gründen dafür forschen, dass der Anklage bereits vor der Eröffnung des Prozesses eine wichtige Zeu‐ gin abhanden kam, nämlich die angebliche Giftmischerin Martina733, und sie würde auch kaum zögern in der Verhandlung zur Sprache zu bringen, warum die angeblich auf die Verabreichung eines langsam wirkenden Gifts zurückzuführende Erkrankung des Germanicus erst nach dessen Rückkehr von einer Reise nach Ägypten zum Aus‐ bruch kam734. Zumindest über den zuletzt angesprochenen Sachverhalt enthält der Bericht des Tacitus über jene Reise einige Informationen, die für die Beantwortung dieser Frage aufschlussreich sind, ohne dass sich Tacitus selbst dessen bewusst gewesen zu sein scheint. Seine Darstellung über die Reise des Germanicus beginnt mit folgenden Wor‐ ten: M. Silano L. Norbano consulibus Germanicus Aegyptum proficiscitur cognoscendae antiquitatis. sed cura provinciae praetenditur, levavitque apertis horreis pretia frugum multaque in vulgus grata usurpavit: sine milite incedere, pedibus intectis et pari cum Graecis amictu, P. Scipionis aemulatione, quem eadem factivisse apud Siciliam quamvis flagrante adhuc Poenorum bello accepimus.735 (Unter dem Konsulat des M. Silanus und des L. Norbanus [d. h. im Jahre 19 n. Chr.]736machte sich Germanicus auf den Weg nach Ägypten, um die dortigen Altertümer kennenzulernen. Aber die Sorge um 733 S. o. Tac. ann. 2, 74; 3, 7; 734 S. o. Tac. ann. 2, 69, 1: At Germanicus Aegypto remeans cuncta, quae apud legiones aut urbes iusse‐ rat, abolita … Piso abire Suria statuit. Mox adversa Germanici valetudine detentus... 735 Vgl. Tac. ann. 2, 59, 1; 736 Vgl. dazu die Konsularfasten zum Jahre 19 n. Chr.: (Tib XXI) M. Iunius (M. f.) Silanus (Torquatus): L. Norbanus (C. f.) Balbus. Vgl. V. Ehrenberg a. A.H. M. Jones, Documents illustrating the Reigns of Augustus and Tiberius, Oxford 19752, S. 41. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 157 die Provinz wurde vorgeschoben. Durch die Öffnung der Speicher senkte er die Ge‐ treidepreise und erlaubte sich auch sonst Vieles, was der Bevölkerung gefiel: er zeigte sich ohne militärische Bedeckung, barfuß und in der gleichen Tracht wie die Grie‐ chen, in Nachahmung des P. Scipio, der, wie überliefert ist, dasselbe in Sizilien getan haben soll737, noch während der Krieg mit den Karthagern anhielt [d. h. während des 2. Punischen Krieges].) Dem Zitat ist zu entnehmen, dass Germanicus zu Beginn des Jahres 19 n. Chr. eine Reise nach Ägypten antrat, angeblich aus touristischen Gründen, allerdings unter dem Vorwand einer „Dienstreise“. Nach Tacitus738 führte ihn diese Reise, von Cano‐ pus739 aus, d. h. von der Mündung des westlichsten Nilarms aus, – die Stadt war von Alexandrien etwa 25 km entfernt und von dort aus über einen Kanal erreichbar – bis nach Oberägypten, u. a. zu der Nilinsel Elephantine, in der Nähe der heutigen Stadt Assuan740 und zurück. Allerdings handelte sich Germanicus wegen dieser Reise nach Tacitus heftige Kri‐ tik ein: Tiberius cultu habituque eius lenibus verbis perstrictu acerrime increpuit, quod contra instituta Augusti non sponte principis Alexandriam introisset. nam Augustus in‐ ter alia dominationis arcana, vetitis nisi permissu ingredi senatoribus aut equitibus Ro‐ manis inlustribus, seposuit Aegyptum, ne fame urgeret Italiam, quisquis eam provin‐ ciam claustraque terrae ac maris quamvis levi praesidio adversum ingentes exercitus se‐ disset.741 (Während Tiberius seine Kleidung und sein Auftreten milde kritisierte, fuhr er ihn jedoch sehr heftig an, weil er im Widerspruch zu Bestimmungen des Augustus nicht ohne ausdrückliche Zustimmung des Kaisers Alexandrien hätte betreten dürfen. Denn Augustus hatte unter anderen Geheimnissen seiner Herrschaft Senatoren und bedeutenderen Rittern verboten, die [Provinz] ohne Genehmigung zu betreten, er hatte für Ägypten diese Sonderregelung geschaffen um zu verhindern, damit niemand Italien aushungern könne, wer auch immer diese Provinz und die Engstellen zwi‐ schen Land und Meer mit einer noch so unbedeutenden Streitmacht gegen gewaltige Heere unter Kontrolle gebracht habe.) Folgt man der in diesem Zitat erwähnten Kritik des Tiberius an der „Nilkreuz‐ fahrt“ des Germanicus, hätte dieser vor Beginn dieser Reise auch der Stadt Alexan‐ dria742 einen Besuch abgestattet haben müssen, was durchaus als plausibel erscheint, 737 Scipio Africanus maior im Jahre 205 v. Chr. Vgl. Liv. 29, 19, 1; vgl. Deißmann-Merten, M., Scipio 10, KIP, Bd. 5, Sp. 48F; 738 Zur Reiseroute des Germanicus vgl. Tac. ann. 2, 60 – 61; 739 Canopus galt in der frühen römischen Kaiserzeit als besonders luxuriös und dekadent. Vgl. dazu Iuv. Sat. 6 und 15; Verg. Georgica I, 285; ein dortiger Tempel diente später als Vorbild für die Villa Hadriani in Tibur: Vgl. Löwe, G./ Stoll, H. A.: Die Antike in Stichworten. Leipzig 1966, 1976, Wiesbaden 1979. 740 Vgl. Tac. ann. 2, 61, 2: exin ventum Elephantinen ac Syenen, claustra olim Romani imperii, quod nunc rubum ad mare patescit. Vgl. Bruckmöller, E. … Altägypten von etwa 2850 bis 332 v. Chr. in: Putzger, s. o. S. 25; 741 Vgl. Tac. ann. 2, 59, 2–3; 742 Zur Bedeutung Alexandrias als Verwaltungs- und Wirtschaftszentrum, nicht zuletzt für Gold- und Silberwaren, aber auch als Zentrum der Wissenschaften, u. a. Der Medizin, vgl. Helck, H., Alex‐ andreia 1, in: KlP, Bd. 1, Sp. 244–245; Meyer, D., Alexandria, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 29–30; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 158 insofern es ja schon allein den Regeln der Höflichkeit entsprochen hätte, dass er als einer der höchsten Repräsentanten der römischen Staatsmacht aus Anlass einer sol‐ chen Reise auch dem amtierenden praefectus Aegypti, dem örtlichen Statthalter und Domänenverwalter des Kaisers, seine Aufwartung machte. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen muss man sich im Hinblick auf die Kritik des Tiberius aber fragen: Sollte der Kaiser tatsächlich Germanicus im Verdacht gehabt haben, immerhin seinen eigenen Neffen und Adoptivsohn, dass dieser die nach Tacitus nahezu ohne jede mili‐ tärische Begleitung durchgeführte Reise deswegen durchgeführt habe, um Italien mit der Unterbrechung der Zufuhr von ägyptischem Getreide zu bedrohen, vielleicht so‐ gar die Herrschaft des Tiberius zu bedrohen?743 Die Tatsache, dass Germanicus, wie von Tacitus bezeugt wird, auch Einfluss auf das Getreideangebot und die Getreidepreise in Ägypten zu nehmen versuchte744, hätte Feinden des Germanicus geradezu als Steilvorlage dienen können, ihm derartige Ab‐ sichten zu unterstellen. Darüber hinaus stellt sich dem Betrachter auch die Frage, wer Tiberius überhaupt über das Unternehmen des Germanicus „informiert“ hatte. Da der Kritisierte selbst als „Informant“ ausscheidet, kommen als solche nur Dritte in Frage, entweder Piso, dem natürlich zu unterstellen ist, dass er spätestens seit Germanicus Antiochien verlassen hatte, über dessen Reiseziel Bescheid wusste oder jemand aus der Umgebung des damaligen praefectus Aegypti, vielleicht sogar der Inhaber dieses Amtes selbst. Berücksichtigt man ferner, dass Germanicus seinen Ausflug nach Ägypten nach Tacitus nicht nur zu touristischen Zwecken nutzte745, sondern auch dienstlich, ist es am wahrscheinlichsten, dass der Statthalter von Ägypten selbst es war, der darüber in Rom Beschwerde führte. Daraus ergibt sich, dass Tiberius wahrscheinlich gar nicht so sehr von sich aus über die Reise seine Neffen verärgert war, sondern weil jemand sich darüber bei ihm beschwert hatte. Aus dieser Schlussfolgerung ergeben sich aber gleich zwei neue Fragen: Wer war der damalige Inhaber des Amtes des praefecus Aegypti? Und wandte sich dieser mit seiner Beschwerde an den Kaiser selbst oder eher über einen Mittelsmann? Immerhin ging es im Falle des Germanicus darum, sich über ein Mitglied des Kaiserhauses zu beschweren. Darum aber ist es unwahrscheinlich, dass sich ein praefectus Aegypti, der ja „nur“ ein „Ritter“ war, ohne einen Vermittler, der möglichst in besonderem Maße das Vertrauen des Kaisers genoss, in dieser Angelegenheit an Tiberius gewandt haben könnte. 743 E. Koestermann (S. o. Bd. 1, S. 366 f.) betont die Sorgen des Tiberius wegen der Reise des Germani‐ cus nach Ägypten, übersieht aber, dass sich daran aber wohl weniger Tiberius selbst störte, als der amtierende praef. Aegypti und Sejan. 744 S. o. Tac. ann. 2, 59, 1: levavitque apertis horreis pretia frugum; dass Germanicus sich auch dienst‐ lich in Ägypten engagierte, wird auch zwei Edikte aus jener Zeit bezeugt. Vgl. dazu den Papyrus, Hunt and Edgar, select Papyri, ii, no 211. Cf. Post, AJP. IXV (1944), 80. Zitiert nach V. Ehrenberg a. A. H. M. Jones: Documents illustrating the Reigns of Augustus and Tiberius, Oxford 19752, Nr. 320, p. 147 f.. 745 S. o. Tac. ann. 2, 59, 1: sed cura provinciae praetendebatur... 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 159 Die erste dieser beiden Fragen lässt sich auf der Grundlage der über die praefecti Aegypti der Regierungszeit des Tiberius bekannten Informationen eindeutig beant‐ worten746. Insgesamt sind aus dieser Zeit, d. h. zwischen dem 19. 08. 14 n. Chr. und dem 16. 03. 37 n. Chr., die Namen folgender Persönlichkeiten als Inhaber dieses Am‐ tes bekannt: Aemilius Rectus (14 n. Chr.) Lucius Seius Strabo (15 n. Chr.) Gaius Galerius (16 – 31 n. Chr.) Gaius Vitrasius Pollio (31 – 32 n. Chr.) Hiberus (32 n. Chr.) Aulus Avillius Flaccus (32 – 38 n. Chr.). Zur Zeit der Ägyptenreise des Germanicus befand sich das Amt des praefectus Aegypti also in den Händen des Gaius Galerius747. Von diesem aber ist bekannt, dass er, wie alle praefecti Aegypti ebenfalls dem Ritterstand angehörte, mit Helvia, einer Schwester der gleichnamigen Mutter Senecas verheiratet war und als unmittelbarer Amtsnach‐ folger des Lucius Seius Strabo ins Amt gekommen war, des Vaters Sejans748, der zu derselben Zeit das Amt des praefectus praetorio in Rom innehatte. Unter Berücksichti‐ gung dieses prosopographischen Hintergrundes wäre es somit nicht unwahrschein‐ lich, dass sich Galerius der Kontakte zu Standesgenossen bediente, um sich bei Tiberi‐ us über dessen Neffen zu beschweren. Und es bedarf keines besonderen Einfühlungsvermögens in die Interessenlage des Gaius Galerius, um zu erkennen, dass aus dessen Sicht als ein möglicher Vermittler von unmittelbaren Kontakten zu Tiberius, der Sohn seines Amtsvorgängers, nämlich der Prätorianerpräfekt Sejan, der schon damals zu den einflussreichsten Beratern des Tiberius gehörte749, nützlichere Dienste hätte leisten können als der Vater Senecas, in‐ sofern das Ansehen des letzteren gewiss mehr auf dessen Fähigkeiten als Rhetor be‐ ruhte, als auf besonders guten Kontakten zum Kaiserhaus. Bei der Entscheidung des Galerius sich über Sejan an Tiberius zu wenden, könnte eine Rolle gespielt haben, dass bereits im Jahre 15 n. Chr. die Macht Sejans soweit gefestigt war, dass er es sich leisten konnte, Tiberius gegen ein anderes Mitglied des Kaiserhauses, nämlich gegen Agrippi‐ na, die Gemahlin des Germanicus offen aufzuhetzen750. 746 Über die namentlich bekannten Prätorianerpräfekten insgesamt vgl. Reinmuth, O. W.: The Prefect of Egypt from Augustus to Diocletian. Leipzig 1935 (= Klio. Beiheft 34). Ergänzter Nachdruck, Aa‐ len 1963, 1979. Stein: Die Präfekten von Ägypten in der römischen Kaiserzeit. Bern 1950. Hübner, H.: Der Praefectus Aegypti von Diokletian bis zum Ende der römischen Herrschaft. München-Pa‐ sing 1952. 747 Zu dessen Person vgl. SEG VIII 654; IGR I 1150; Sen. De Consolatione ad Helviam matrem 19, 4 und 19, 6; Plinius, nat. 19, 3; vgl. Hanslik, R.: Galerius C.G. 1. KIP Bd. 2, Stuttgart 1967, Sp. 676; Stein, A.: Galerius 1. In: RE. Bd. VII,1, Stuttgart 1910, Sp. 598; 748 Vgl. Tab. I, Nr. 25; 749 Als Präfekt der in besonderem Maße für die Sicherheit des Kaisers verantwortlichen Prätorianer; 750 Agrippina wurde nach Tac. ann. 1, 69, 1–4 nachgesagt, dass sie durch ihren persönlichen Mut ihren Gemahl und deren Truppen vor einem Hinterhalt der Germanen gerettet hatte. Angeblich hatte sie die auf der gallischen Rheinseite stationierten Truppen daran gehindert, eine Brücke abzureißen, und zwar indem sie mit dem nachmaligen Kaiser Caligula auf dem Arm sich auf die Brücke stellte, so dass man sie hätte praktisch töten müssen. Über den Ärger des Tiberius darüber liest man bei Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 160 Die vergleichsweise lange Dauer der Amtszeit des Galerius lässt es naheliegend erscheinen zu vermuten, dass dieser sogar als Günstling Sejans in sein Amt gelangte oder dieses nicht zuletzt wegen der Gunst Sejans so lange behauptete. Bereits im Jahre 22 n. Chr., nur 3 Jahre nach dem Tode des Germanicus und ein Jahr nach dem Tod Pisos, reichte die Macht Sejans aus, um zahlreiche mutmaßliche Parteigänger beider trotz ihres senatorischen Ranges unter verschiedenen Vorwänden in Strafprozesse zu verwickeln751. Die Tatsache, dass Galerius diese politische „Säuberungswelle“ unbe‐ schadet überstand, belegt auf jeden Fall, dass Galerius weder zur Anhängerschaft des einen noch des anderen gehörte, mehr noch dass beide für beide Seiten profitable Ge‐ schäfte betrieben, nicht nur politischer Art, sondern vor dem Hintergrund der Tatsa‐ che, dass beide als „Ritter“ der sog, Finanzaristokratie angehörten, wahrscheinlich auch finanzieller Art. Zum besseren Verständnis des Charakters dieser „Geschäfte“ ist es notwendig sich zu vergegenwärtigen, dass es zu den Hauptaufgaben des praefectus Aegypti ge‐ hörte, die Getreidespeicher des Landes zu überwachen sowie den Verkauf dieses Ge‐ treides, einerseits an die Bewohner der Provinz, zum anderen aber auch dessen Ex‐ port nach Italien, vor allem nach Rom. Und aufgrund der diesbezüglichen Zuständig‐ keiten besaß der praefectus Aegypti, wie auch die o. e. Eingriffe des Germanicus in dessen Zuständigkeiten belegen, als Inhaber eines staatlichen Monopols weitreichen‐ de Möglichkeiten, durch die Schließung oder Öffnung der Speicher das Angebot, da‐ durch aber auch die Preise zu steuern752. Aus diesen „Preisgestaltungsmöglichkeiten“ ergaben sich auch vielfältige Mög‐ lichkeiten einen Teil der Erlöse aus der Abgabe dieses Getreides, soweit es nicht nach Rom exportiert wurde, in die eigenen Taschen fließen zu lassen. Dass derartige Mani‐ pulationen, wenn sie ruchbar wurden, strafbar waren, liegt auf der Hand. Solchen Ge‐ fahren konnte man aber entgehen, wenn man die Gewinne aus solchen Usancen teilte, am besten mit den Inhabern von Ämtern, die einen entscheidenden Einfluss darauf hatten, ob entsprechende Strafprozesse – in diesem Falle repetundarum causa – ge‐ führt oder niedergeschlagen wurden. Dazu wäre aber niemand eher in der Lage gewesen als der Kaiser oder dessen „Si‐ cherheitschef “, d. h. der praefectus praetorio, in unserem Fall Sejan. Und eben aus die‐ sem Grunde wird man wohl davon ausgehen dürfen, dass Galerius und Sejan in Be‐ zug auf die o. g. „Geschäfte“ mit ägyptischem Weizen „eng zusammenarbeiteten.“ Und daraus wird erklärlich, dass die „Nilkreuzfahrt“ des Germanicus für die Fortset‐ zung dieser Geschäftsbeziehungen zwischen Galerius und Sejan schwer kalkulierbare Risiken heraufbeschwor. Diese Risiken betrafen aber nicht nur den Getreidehandel, sondern auch ein im Zusammenhang mit dem Getreidehandel profitables Nebengeschäft, das zum Zeit‐ punkt des Besuchs des Germanicus kurz vor dem Beginn seiner Erprobungsphase Tacitus: accendebat haec onerabatque Seianus, peritia morum Tiberii in longum iaciens, quae recon‐ deret auctaque promeret. Vgl. Tac. ann. I, 69, 5; 751 Vgl. Tac. ann. 3, 66, 1–3; 752 S. o. Tac. ann 2, 59, 1: levavitque apertis horreis pretia frugum multaque in vulgus grata usurpavit... 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 161 stand. Im Jahre 20 n. Chr. wurden in Alexandrien, d. h. unter der Aufsicht des praefec‐ tus Aegypti, die nach dem Ende der Ptolemäer beendete Prägung großer Silbermün‐ zen wieder aufgenommen. Es sind in vergleichsweise großer Stückzahl753 sog. Tetrad‐ rachmen (Vierfachstücke der Drachme) bekannt, auf deren Vorderseite ein belorbeer‐ ter und nach rechts blickender Kopf des Tiberius abgebildet ist, mit der Umschrift TIBERIOS KAISAR SEBASTOS (Tiberius Kaiser Augustus) und auf der Rückseite, auf der in der griechisch – römischen Antike in der Regel Götterbilder dargestellt werden, ein nach links blickendes Portrait des Augustus mit einer sog. Strahlenkrone, wie sie auch als Verkörperungen des Sonnengotts Rha von den Ptolemäern auf Mün‐ zen getragen wurden, sowie mit der Umschrift QEOS SEBASTOS(Gott Augustus).754 Auf der Vorderseite der frühesten Stücke dieses Typs sind unterhalb von Tiberius´ Kinn ein scheinbares L sowie der griechischen Buchstabe Z zu erkennen, wobei man das L als eine stilisierte Hieroglyphe für Helios bzw. die altägyptische Gottheit Rha zu interpretieren hat, das Z (Zeta) aber als Zahlzeichen „7“ und zwar als Hinweis auf das Regierungsjahr des Kaisers, bei Tiberius auf das siebente, somit auf das Jahr 20/21 n. Chr. Die Besonderheit dieser Münzen besteht aber darin, dass sie nur maximal die Hälfte des Silbergehaltes „normaler“ Tetradrachmen aufweisen, wie sie zum Beispiel in Antiochien und Seleukia geprägt wurden. Es ist offenkundig, dass aus diesen Prä‐ gungen ein erheblicher Gewinn gezogen werden konnte, der offiziell dem Inhabers des Münzregals zustand, also dem Kaiser, de facto aber zunächst in die Hände von dessen obersten Beamten in Ägypten floss, die ihrerseits davon nahezu unkontrolliert so viel abschöpfen konnten, wie ihnen gefiel, solange man ihnen nicht „auf die Schli‐ che kam“. Dabei konnte die Minderwertigkeit Alexandrinischer Tetradrachmen „Spe‐ zialisten“, d. h. den Geldwechslern nicht verborgen bleiben, obwohl sich deren Her‐ steller alle nur erdenkliche Mühe gaben, durch die Beimischung von Blei und Queck‐ silber diese Münzen nach Gewicht und Silberglanz von vollwertigen Tetradrachmen anderer Provenienz kaum unterscheidbar zu machen, so dass sich die ägyptische Währung zwangsläufig zu einer reinen Binnenwährung entwickelte. Das aber minderte vor allem in Verbindung mit dem Getreidehandel den Nutzen nicht, da aus diesem nur bei einem Verkauf an einheimische Aufkäufer unkontrollier‐ bare Gewinne zu erzielen waren, während eine zu starke Verteuerung von für den Ex‐ port bestimmten Getreides leicht hätte auffallen und entsprechend unliebsame Kon‐ trollen veranlassen können, wie sie im Zusammenhang der „Nilkreuzfahrt“ des Ger‐ manicus nicht nur in Alexandrien befürchtet wurden, d. h. von Galerius und seinen Helfern, sondern auch von dessen „Geschäftspartnern“ in Rom, nicht zuletzt von Se‐ jan. Daher ist davon auszugehen, dass die Kritik, die Germanicus für seinen angeblich regelwidrigen Ausflug nach Ägypten von Tiberius einstecken musste755, im Wesentli‐ chen auf Initiativen des Galerius und Sejans zurückging, die verständlicher Weise gro‐ 753 Ablesbar an vergleichsweise moderaten Preisen im Münzhandel, vor allem aber an der oftmals sehr nachlässigen Prägung; viele Stücke sind dezentriert oder weisen Prägeschwächen auf. 754 Vgl. SNG Cop 47, BMC 36; 755 s. o. Tac. ann. 2, 59, 2–3; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 162 ße Sorgen hatten, dass Germanicus, wenn man nicht dafür sorgte, dass er sobald als möglich aus Ägypten wieder verschwand, ihr gemeinsames „Geschäftsmodell“ durch‐ schaute und zunichte machte. Unter kriminologischem Aspekt ließe sich aus derartigen Befürchtungen des Ga‐ lerius und Sejans sogar ein Mordmotiv ableiten, welches erklären könnte, dass die am Ende zum Tode führende Erkrankung des Germanicus erst nach seiner Rückkehr aus Ägypten beobachtet wurde756. Aus dieser Überlegung ergäbe sich auch eine Erklärung dafür, dass die Initiative zu der Intoxikation des Germanicus, welche jene Erkrankung nach unseren bisherigen Erkenntnissen ausgelöst haben muss, nicht von Piso und Plancina, sondern von Galerius und Sejan organisiert wurde. Damit aber stellt sich die unter dem Aspekt der kriminologischen Beurteilung des Falles entscheidende Frage, ob Galerius und Sejan auch die Mittel besaßen, eine solche Intoxikation zu or‐ ganisieren. Bezogen auf Sejan lässt sich diese Frage, unabhängig davon, ob er im Auftrag des Kaisers oder wenigstens mit dessen Wissen und stillschweigender Billigung Men‐ schen liquidieren ließ oder auf eigene Faust tätig wurde757, auf der Grundlage der hier durchgeführten statistischen Erfassung aller namentlich bekannten unnatürlichen To‐ desfalle, mit „ja“ beantworten. Denn die mit Abstand größte Zahl solcher Todesfälle stand während der Regierungszeit des Tiberius im Zusammenhang mit Strafprozes‐ sen, nahezu ausschließlich vor dem sog. Senatsgericht758, und zwar unabhängig da‐ von, ob die Delinquenten tatsächlich verurteilt und hingerichtet wurde oder ob sie sich der Gefahr einer Verurteilung und Hinrichtung durch eine Selbsttötung entzo‐ gen. Dasselbe gilt auch für fast alle hinsichtlich der Todesart759 und der Tötungsmit‐ tel760 unklaren Fälle. Daraus erklärt sich der im Zusammenhang mit dem Strafprozess gegen Piso unternommene Versuch der Ankläger, diesem den gewaltsamen Tod des Germanicus anzulasten761. Lediglich in solchen Fällen, in denen der gesellschaftliche Rang der zu liquidie‐ renden Person oder auch deren Popularität und kaum zu leugnende Loyalität gegen‐ über dem Kaiser, die Erfolgsaussichten eines Strafprozesses als fragwürdig erscheinen ließ, kam es zu Gewalttaten. Daraus erklären sich vor allem die Fälle des Agrippa Pos‐ tumus762, des Sklaven Clemens763, der die Identität des Agrippa Postumus vortäuschte, des Kaisersohnes Drusus764 und wohl auch des Germanicus765. Einen Gegenbeweis zu 756 s. o. Tac. ann. 2, 69, 1–2; 757 Das ist vielleicht der entscheidende Vorteil des Medizinhistorikers, dass er sich keine Gedanken über die politischen Hintergründe der jeweiligen Fälle machen muss, damit aber auch die Frage, ob der jeweilige Kaiser ein besonderes Interesse an der Tötung eines bestimmten Delinquenten hatte, bei der Ermittlung der mutmaßlichen Todesursachen weitgehend unberücksichtigt lassen kann. 758 Das gilt nahezu ausnahmslos für die Fälle ab Tab. I, Nr. 9; 759 8 Fälle; vgl. Tab. I a; 760 21 Fälle; vgl. Tab. I a; 761 S. o. Tab. I, Nr. 7; 762 Vgl. Tab. I, Nr. 2; 763 Vgl. Tab. I, Nr. 4; 764 Vgl. Tab. I, Nr. 9; 765 S. o. und Tab. I, Nr. 5; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 163 der Annahme, dass „Prominenz“ bestimmte Personen vor der Schande eines Straf‐ prozesses schützen konnte, scheinen die Fälle Agrippinas766 sowie die der aus der Ehe Agrippinas mit Germanicus hervorgegangen „Prinzen“ Nero Caesar767 und Drusus Caesar768 zu liefern. Berücksichtigt man aber, dass gegen die zuletzt genannten Persönlichkeiten ge‐ richteten Strafverfolgungsmaßnahmen erst zehn Jahre später in Gang gesetzt wurden, als die Erinnerung an das Ansehen des Germanicus längst verblasst und auch das Mitleid für dessen Witwe Agrippina sowie deren beiden Söhne psychologisch und po‐ litisch längst entwertet war, u. a. dadurch, dass Tiberius im Jahre 23 n. Chr. jene bei‐ den Söhne des Germanicus und Agrippinas – anstelle seines kurz zuvor verstorbenen leiblichen Sohnes Drusus – im Senat ausdrücklich als mögliche zukünftigen Nachfol‐ ger präsentiert hatte769, – so darf unterstellt werden, dass Agrippina und ihre Söhne seit jener Zeit kaum noch als bedauernswert angesehen, sondern eher beneidet wur‐ den, so dass in dem Falle, dass es gelang, ihnen verschwörerische Ambitionen glaub‐ haft zu unterstellen, es als aussichtsreich angesehen werden konnte, sie durch Straf‐ prozesse beseitigen zu lassen. Soweit Tacitus die Worte der Ansprache des Tiberius bei der öffentlichen Desi‐ gnation der beiden Söhne des Germanicus im Senat sinngemäß richtig wiedergegeben haben sollte, wäre ein Strafprozess sogar die logische Konsequenz dieser Designation gewesen: erepto Druso preces ad vos converto disque et patria coram obtestor: Augusti pronepotes, clarissimis maioribus genitos, suscipite et regite, vestram meamque vicem explete. hi vobis, Nero et Druse, parentum loco. Ita nati estis, ut bona malaque vestra ad rem publicam pertineant.770 (Nachdem mir Drusus genommen worden ist, wende ich mich an euch und beschwöre euch im Angesicht der Götter und des Vaterlandes: der Urenkel des Augustus, der Sprösslinge hochberühmter Vorfahren nehmt euch an und lenkt sie, erfüllt eure und meine Pflicht an ihnen. Diese setze ich bei euch, Nero und Drusus, an die Stelle von Eltern. Von solcher Abkunft seit ihr, dass Euer Wohl und Wehe auch das Gemeinwohl betrifft.) Vor allem in der Konsequenz des letzten Satzes dieser Äußerungen, insbesondere des Hinweises auf bona malaque vestra lag indirekt auch eine an die Adresse der Se‐ natoren gerichtete Ermahnung, im Falle nachteiliger Informationen über die so ge‐ ehrten Caesares nicht zu zögern, solchen Informationen auf den Grund zu gehen, d. h. über diese und ihre jeweiligen Helfershelfer auch Gericht zu halten. Aus diesen Beobachtungen ergibt sich, dass nicht zuletzt dem Prätorianerpräfek‐ ten sehr unterschiedliche Mittel zu Gebote standen, um ihm missliebige Persönlich‐ keiten zu liquidieren, von denen aber im Bedarfsfall deren Verwicklung in einen Strafprozess zweifellos die eleganteste und effektivste Methode gewesen wäre. Denn in diesem Falle hätte er in den Augen der Öffentlichkeit kaum persönlich für die Li‐ quidierung solcher Personen Verantwortung zu übernehmen brauchen, sondern zu 766 Vgl. Tab. I, Nr. 56; 767 Vgl. Tab. I, Nr. 31; 768 Vgl. Tab. I, Nr. 33; 769 Vgl. Tac. ann. 4, 8, 1; 770 Vgl. Tac. ann. 4, 8, 5; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 164 verhängende und zu vollstreckenden Todesurteile zumindest offiziell der Zuständig‐ keit scheinbar unabhängiger Richter überlassen können, d. h. unter Tiberius in der Regel der Mehrheit des Senats. Berücksichtigt man aber, dass in dem Prozess Piso als Mörder des Germanicus keineswegs eindeutig überführt werden konnte, teils weil be‐ reits vor Prozessbeginn eine vielleicht wichtige Zeugin der Anklage „aus dem Ver‐ kehr“ gezogen wurde771, teils aber auch weil der Angeklagte selbst, bevor er verurteilt wurde, aber auch bevor er seine Unschuld beweisen konnte, tot aufgefunden wurde772, - dann erscheint es als denkbar, dass der Mordprozess gegen Piso deswegen inszeniert wurde, um die Spur zu den wirklichen Tätern und deren Hintermännern zu verwi‐ schen. Die Mittel dazu hätte Sejan gehabt. Sie ergaben sich einerseits aus seiner Kom‐ mandogewalt über die Prätorianer, deren Inhaber von Amts wegen nicht nur militä‐ risch, sondern auch polizeilich für die Sicherheit des Kaisers verantwortlich waren, andererseits auch auf dem persönlichen Vertrauen, das Tiberius ihm entgegen brach‐ te. Charakteristisch für diese Vertrauensstellung Sejans war, dass er Tiberius bereits in der Mitte der 20-er Jahre auch auf privaten Ausflügen begleiten durfte, wo Tiberius einmal nur knapp der Verschüttung durch den Einsturz einer Felshöhle entging, wenn ihm nicht Sejan, wie er glaubte, durch seinen persönlichen Einsatz das Leben gerettet hätte773. Gestützt auf seine Kommandogewalt über die Prätorianer wäre es Sejan möglich gewesen, einen Prätorianer auf das Schiff einzuschleusen, das im Auftrage der Anklä‐ ger Pisos, die sich nicht zuletzt der Unterstützung Sejans sicher glaubten774, Martina nach Rom bringen sollte, um die Giftmischerin in einem unbewachten Augenblick zu töten. Und Tiberius selbst besaß als Vorsitzender der Gerichtsverhandlung alle Mög‐ lichkeiten, die Verhandlungen so zu führen, dass, wie das aus dem Bericht des Tacitus hervorgeht, jede Nachfrage nach dem Verbleib Martinas unterblieb. Ähnliches gilt auch für den Tod Pisos. Sejan kommandierte genügend Bewaffnete, von denen einer sich unbemerkt oder auch durch Bestechung von Sklaven Zutritt zum Hause Pisos hätte verschaffen können, um dessen Zimmer, nachdem Piso dieses in der Nacht vor dem zweiten Prozesstag hatte verriegeln lassen, um sich schlafen zu legen775, erneut zu öffnen und den Schlafenden mittelst eines einzigen Schwertstichs durch das iugu‐ lum776 lautlos und – daher von den übrigen Hausbewohnern unbemerkt – zu töten, während es für ihn aufgrund seiner Vertrauensstellung bei Tiberius auch nicht schwer 771 Vgl. dazu die Angaben des Tacitus zum Tode der Giftmischerin Martina; s. o. Tac. ann. 2, 74 und 3, 7; 772 S. o. Tac. ann. 3, 15, 3; 773 Vgl. Tac. ann. 4, 58–59; 774 Zu diesen gehörten u. a. Fulcinus Trio (Vg. Tab. I, 63;) und P. Vitellius (Vgl. Tab. I, 32;), von denen der erste nach dem Sturz Sejans als einer von dessen Gefolgsleuten hingerichtet wurde und der an‐ dere sich einer solchen Hinrichtung dadurch entzog, dass er sich selbst tötete. 775 S. o. Tac. ann. 3, 15, 3: … dein multam post noctem, egressa uxore, operiri fores iussit... 776 Nach Tacitus (S. o. Tac. ann. 3,15, 3;) wurde er perfosso iugulo aufgefunden, was darauf schließen lässt, dass er „fachgerecht“ durch einen Stich in das sog. Iugulum getötet wurde, der augenblicklich die Durchblutung des Gehirns unterbrochen hätte, so dass er völlig lautlos hätten gestorben sein müssen. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 165 gewesen wäre, den Kaiser dazu zu bringen, am nächsten Tag im Senat ein Dokument vorlesen zu lassen bzw. so vorlesen zu lassen, dass den Tod Pisos als Ergebnis eines Suizids erscheinen ließ777. Daher wird man davon ausgehen dürfen, dass in dem Prozess gegen Piso so ver‐ fahren wurde, wie das von Tacitus überliefert ist, zumal das in den Quellen geschil‐ derte Verhalten Pisos und Plancinas nach dem Tode des Germanicus und vor dem Be‐ ginn des Prozesses778, zumindest bei heutigen Ermittlern Zweifel aufkommen lassen würde, dass Piso, wie von den Anklägern behauptet, wirklich mit der Planung und Durchführung des Giftanschlages auf Germanicus etwas zu tun gehabt haben könnte. Insofern es jeder menschlichen Erfahrung widerspricht, dass Mordverdächtige, statt sich möglichst unauffällig zu verhalten und Konflikte mit ihren mutmaßlichen Op‐ fern zu verschweigen oder herunter zu spielen, das Elend ihrer Opfer lauthals beju‐ beln, wie das im Falle des Ehepaares Piso bezeugt ist779, erscheint es als zwingend an‐ zunehmen, dass Sejan seine Möglichkeiten, den Prozess gegen Piso zu „beeinflussen“ dahin gehend nutzte, dass Piso als Täter erschien und dass Sejan zu demselben Zweck auch Piso beseitigen ließ, in der Erwartung, dass der Anschein, dass jener sich selbst getötet habe, diesen Verdacht bestätige, um die Spur zu dem wirklichen Täter, näm‐ lich zu ihm selbst, dadurch zu verwischen. Ungeachtet der Annahme, dass nicht Piso die Vergiftung des Germanicus organi‐ siert hatte, sondern Sejan und dass letzterer auch über die Mittel verfügte, den Ver‐ dacht der Täterschaft in den Augen der Öffentlichkeit von sich selbst auf Piso zu len‐ ken, stellt sich natürlich die Frage, wie Sejan vom fernen Rom aus die mutmaßliche Vergiftung des Germanicus hätte organisieren sollen. Diese Frage mag auf den ersten Blick als müßig erscheinen, insofern als nicht nachvollziehbar erscheint, warum je‐ mand, der in der Lage war, unter seinem Kommando stehenden Soldaten zu befehlen, einen Menschen mittelst eines Schwertes zu töten, diesen nicht den Auftrag hätte ge‐ geben haben können, einen bestimmten Tötungsbefehl auch mittelst Gift auszufüh‐ ren. Es darf hierbei aber nicht übersehen werden, dass die meisten aus Pflanzen und Tieren gewonnenen Gifte, die nach den Erkenntnissen römischer Juristen auch als Mordwaffen benutzt wurden, rasch und dosisabhängig zum Tode führen, d. h. entwe‐ der gar nicht oder in nur wenigen Stunden, allenfalls in wenigen Tagen den Tod eines Menschen herbeiführen. Ulpian erwähnt als zu Tötungszwecken verwendete Gifte das der Arten cicuta, (eigentlich conium maculatum, d. h. Fleckenschierling780) aconitum 777 S. o. Tac. ann. 3, 16, 2: Caesar flexo in maestitiam apud senatum < conquestus M. Pisonem vocari iubet> crebrisque interrogationibus exquirit, qualem Piso diem ultimum noctemque exegisset. Atque illo pleraque sapienter, quaedam inconsultius respondente recitat codicillos a Pisone … compositos... 778 S. o. vor allem Tac. ann. 2, 75, 2; 779 S. o. Tac. ann. 2, 75, 2; 780 Zu den Auswirkungen einer Intoxikation durch Schierlingsgifte s. o. Kap. 1; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 166 (Eisenhut)781, und mandragora (Alraune, ein Nachtschattengewächs)782, aber auch von Tieren gewonnene Gifte, als welche salamandra (Feuersalamander)783sowie die Raupen verschiedener Schmetterlingsarten784 wie pityocampa, bubrostis und canthari‐ das benannt werden.785 Außerdem war die toxische Wirkung verschiedener Pilzar‐ ten786, verschiedener Mineralien wie von Arsen und Kupfer- und Bleisalzen787, von Bleiweis788, Amalgamen, den Salzen des Quecksilbers bereits in der Antike bekannt. Auch andere Schwermetalle, wie Zinn und Zink, wurden in der Antike genutzt, legiert mit Silber, Kupfer, Blei, manchmal auch mit Quecksilber, und unbeabsichtigt auch mit Cadmium789, zur Herstellung von Ess- und Trinkgeschirr, aber auch von Münzen, und bilden zum Teil hochtoxische Salze, die zur Tötung von Menschen hätten einge‐ setzt worden sein können790. Die meisten der o. e. aus Pflanzen und von Tieren zu gewinnenden Gifte wirken in der entsprechenden Dosierung ziemlich schnell tödlich und hätten daher, um den in den Quellen beschriebenen längeren, durch zwischenzeitige Genesungsphasen un‐ terbrochenen Krankheitsverlauf zu bewirken, nicht durch eine einmalige Intoxikation bewirkt werden können, wie die Ankläger Pisos in dem Prozess gegen ihn vergeblich 781 Das Aconitin, ein Alcaloid, der Hauptwirkstoff des Eisenhuts, wirkt schon in geringen Dosen inner‐ halb weniger Stunden durch Atemlämung und Herzversagen tödlich. Vgl. Ihm, S., Gift, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 358–360, zu Eisenhut, Sp. 359; http// www.gifte.de /Giftpflanzen/aconitum_napellus.htm (2015); vgl. Diosk. mat. med. 4; 782 Die Alraune (Mandragora officinarum L.) kommt vor allem im östlichen Mittelmeerraum vor, ent‐ hält ebenfalls verschiedene Alkaloide, die, soweit in tödlicher Dosis verabreicht, innerhalb weniger Stunden zu einem Koma und schließlich zu einer Atemlähmung führen. Vgl. www.gifte.de /Gift‐ pflanzen/mandragora_officinarum.htm; Ihm, S., Gift, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexi‐ kon. München 2005, Sp. 358 – 360, zu Mandragora, Sp. 359; Fausti, D., Mandragora, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 386–387; 783 Der Feuersalamander besitzt an Kopf und Rücken Ausgänge von Drüsen, aus denen er im Falle der Bedrohung einen milchig – weißen Schleim absondert, dessen Toxine in entsprechender Dosie‐ rung ebenfalls recht kurzfristig zu tödlichen Lähmungen der Atmung und der Herztätigkeit führen können. 784 Die Raupen verschiedener Schmetterlingsarten, wie zum Beispiel des Kiefernspinners und des Ei‐ chenprozessionsspinners besitzen Härchen, deren Toxine neben einer sog. Raupendermatitis auch Bronchitis, Asthmaanfälle, in Einzelfällen sogar anaphylaktische Reaktionen bis zum anaphylakti‐ schen Schock auslösen können. Vgl.: Maier, H., Giftpfeilhagel und Raupendermatitis, Ärztewoche, 16, (28) 2002. Utikal, J., Caterpillar dermatitis. An increasing dermatologic problem in warmer re‐ gions of Gemany, in: Hautarzt 60: 48–50 (2009); siehe auch:www.welt-der-schmetterlinge.de/ schmetterlinge-schaedliche_schmetter linge.html (2015); vgl. Diosk. mat. med. 4; 785 Vgl. Digesta 48, 3, 3, 3: Alio senatus consulto effectum est, ut pigmentarii, si cui cicutam, salaman‐ dram aconitum pituocampas eut bubrostim mandragoram et id, quod lusi causa dederit cantharidas, poena teneantur huius legis. 786 Vgl. dazu die Berichte über die Tötung des Kaisers Claudius durch ein Pilzgericht; Vgl. Tab. IV, Nr. 3; siehe auch Celsus, de medicina 5, 27, 17 (Gegenmittel für Vergiftungen durch Pilze); vgl. auch Scrib. Larg. compositiones 198; 787 Vgl. Celsus, de medicina 5, 6; 788 Vgl. Celsus, de medicina 5, 27, 15 789 Wegen der Vergesellschaftung von Cadmiumverbindungen sowohl mit Kupfererzen, als auch mit zinn- und zinkhaltigen Mineralien. 790 Zu in der Antike bekannten Giften vgl. Ihm, S., Gift, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexi‐ kon. München 2005, Sp. 358– 60; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 167 nachzuweisen versuchten791, sondern nur durch mehrere verschieden dosierte Appli‐ kationen erreicht werden können. Eine wiederholte Intoxikation des Germanicus wä‐ re aber kaum ohne die Mitwirkung von bestochenen Dienern bzw. Haussklaven des Germanicus möglich gewesen wäre, - wie das nach Tacitus ja auch Nero im Falle Sene‐ cas versucht hatte792, – möglichst durch einen pharmakologisch geschulten Sklaven oder durch einen Arzt, der die Wirkung der zum Zwecke der Tötung des Germanicus eingesetzten Toxine, aber auch der durch sie vorzutäuschenden Krankheitsbilder ge‐ nau kannte. Dass Sejan bzw. Galerius auch gegen Germanicus so vorgingen, wird in den Quellen zwar nicht bezeugt, kann nicht ausgeschlossen werden. Im Unterschied zu den meisten Vergiftungen durch Pflanzengifte verlaufen Pilz‐ vergiftungen viel heimtückischer. Meistens ist für Pilzvergiftungen der Verzehr von grünen Knollenblätterpilzen (Amanita phalloides) verantwortlich. Dessen gefährlichs‐ ter Wirkstoff, das a -Amantin, welches aber auch in verschiedenen anderen Arten vorkommt793, löst erst nach 6 – 8 Stunden Vergiftungssymptome aus, d. h. zu einem Zeitpunkt, zu welchem die Pilzmahlzeit den Verdauungstrakt des Vergiftungsopfers bereits wieder verlassen hat, so dass gegebenenfalls künstlich herbeigeführte Entlee‐ rungen des Verdauungstraktes durch Magen- und Darmspülungen den weiteren töd‐ lichen Verlauf der Intoxikation kaum stoppen können794. Eine derartige Intoxikation wird als „Phalloides- Syndrom“ oder auch „Amatoxin-Syndrom“ bezeichnet und führt in der Regel nach vier bis zehn Tagen zum Tode. Andere Pilzarten wie Tricholoma equestre (Grünling) können Erkrankungen von bis zu vierwöchiger Dauer erzeugen, wieder andere Clytocybe amoenolens (Parfü‐ mierter Trichterling) und Clitocybe acromelalga (Bambustrichterling) können sogar mehrere Monate andauernde Erkrankungen auslösen795. Daher erscheint es nicht als abwegig, die Erkrankung des Germanicus als das Ergebnis eines zu Ehren von dessen Verabschiedung aus Alexandrien veranstalteten Diners zu deuten, bei welchem Gale‐ rius dafür sorgte, dass sich unter den dem Gast aus Rom angereichten Pilzen auch ei‐ nige giftige Exemplare befanden. In Wirklichkeit ist aber bei Germanicus mit einem solchen Szenario kaum zu rechnen, nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Jahreszeit seines Aufenthalts in Ägypten. 791 S. o. Tac. ann. 3, 14, 1: solum veneni crimen visus est diluisse, quod ne accusatores quidem satis fir‐ mabant, in convivio Germanici … infectos manibus eius cibos arguentes; quippe absurdum videbatur, inter aliena servitia et tot astantium visu, ipso Germanico coram, id ausum; 792 S. o. Tac. ann. 15, 45, 3: tradidere quidam venenum ei per libertum ipsius, cui nomen Cleonicus, pa‐ ratum iussu Neronis vitatumque... 793 u. a. in den Arten Amanita verna (Frühlingsknollenblätterpilz), Amanita virosa (Kegelhütiger Knollenblätterpilz), Galerina marginata (Gifthäubling), Lepiota brunneoincarnata (Fleischroter Giftschirmling), Lepiota helveola (Fleischrosa Giftschirmling) und zahlreiche andere Amanita - Ar‐ ten; vgl. http//de. Wikipedia.org/wiki/Pilzvergiftung (2015)mit ausführlichen Literaturverweisen; 794 Vgl. Knollenblätterpilzvergiftung – Fachwissen@MedicoConsult, © 2006–2015 MedicoConsult, GmbH www.medioconsult.de/wiki/Knollenblätterpilzvergiftung (2015); Karow, Th./Lang, R.: All‐ gemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie. Bergisch Gladbach 2000, S. 694 f.. 795 Vgl. Roth, L., H. Frank, Hoffmann, K.: Giftpilze, Pilzgifte, Schimmelpilze – Mykotoxine – Vorkom‐ men – Inhaltsstoffe – Pilzallergien – Nahrungsmittelvergiftungen, Hamburg 2001; Flammer, R., Horak, E.: Pilzgifte. Pilzvergiftungen. Ein Nachschlagewerk für Ärzte, Apotheker, Biologen, Myko‐ logen, Pilzexperten und Pilzsammler, Basel 2003. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 168 Nach der relativen Chronologie des Tacitus fand diese Reise zu Anfang des Jahres statt796, also zu einer Jahreszeit, in welcher frische Pilze auch in Ägypten selten auf den Tisch gekommen sein dürften, wobei gerade bezüglich der zuletzt genannten Ar‐ ten, nach deren Verzehr über den Zeitraum von zehn Tagen hinausgehende, mögli‐ cher Weise wochen- und monatelange Krankeitsphasen beobachtet wurden797, eine Verbreitung in Ägypten nicht nachweisbar ist. Zwar hätte man einige sich für eine willkürliche Intoxikation eines Menschen eig‐ nende Giftpilze auch schon im Frühjahr ernten können, wie zum Beispiel die Gyromi‐ tra (Frühjahrs-Giftlorchel), oder Amanita verna (weißer Knollenblätterpilz), Amanita virosa und Amanita citrina, aber gerade diese Arten verfügen über eine weit geringere Toxizität als die übrigen, hätten andererseits bei entsprechender Dosierung aber frü‐ her zum Tode des Vergifteten geführt, schon drei bis vier Tage nach der Intoxikation, im Falle des des Germanicus vielleicht noch vor seiner Abreise aus Alexandrien. Eine solche Intoxikation des Germanicus wäre mit einem sehr hohen Risiko verbunden ge‐ wesen, dass Germanicus dann Galerius und nicht Piso als seinen Mörder hätte identi‐ fizieren können. Eine von dem jahreszeitlich bedingten Angebot an Giftpflanzen und Giftpilzen unabhängige Möglichkeit, von Ägypten aus eine Intoxikation des Germanicus zum Zwecke der Vortäuschung einer Atemwegs oder Herzerkrankung zu organisieren, hätte sich aber durch die Benutzung von mineralischen Toxinen ergeben, wobei man unter rein medizinischem Aspekt betrachtet, zwei unterschiedliche Wege hätte be‐ schreiten können, einen direkten und einen indirekten: Entweder man hätte versucht, Germanicus wiederholt unterschiedliche Dosen zu applizieren, um durch die Erzeu‐ gung verschiedener akuter Schwermetallvergiftungen einen Krankheitsverlauf mit Remissionen vorzutäuschen, – was prinzipiell möglich gewesen wäre, – aber nicht oh‐ ne die Einschaltung einer pharmazeutisch oder ärztlich vorgebildeten Person aus dem unmittelbaren persönlichen Umfeld des Opfers, - oder indirekt, indem man dafür ge‐ sorgt hätte, dass Germanicus nach seiner Rückkehr zum persönlichen Gebrauch re‐ gelmäßig schwermetallhaltiges Geschirr benutzte, um so eine chronische Schwerme‐ tallvergiftung herbeizuführen, die ebenfalls voraussichtlich tödlich verlief, aber erst nach einer etwas längeren Zeit. Um Aufschluss darüber zu erhalten, welchen der oben beschriebenen Wege der oder die Mörder des Germanicus beschritten haben, bietet sich in Ermangelung ent‐ sprechender Zeugnisse nur eine realistische Möglichkeit an, nämlich die eines Ver‐ gleichs dieses Einzelfalles mit anderen aus der Zeit kurz vor oder nicht allzu lange nach dem Tode des Germanicus, bei welchem nach den diesbezüglichen Aussagen der 796 Die Reise des Germanicus nach Ägypten ist das erste Ereignis, das Tacitus dem Jahre 19 n. Chr. zu ordnet. Vgl. dazu Tac. ann. 2, 59, 1: M. Silano L. Norbano consulibus Germanicus Aegyptum profi‐ ciscitur. 797 Für die Art Clytocybe amoenolens ist innerhalb Afrikas nur Marokko als Verbreitungsgebiet nach‐ weisbar (Schweizerische Zeitschrift für Pilzkunde 3/2014 S. 30; Clitocybe amoenolens und Clitocybe acromelalga (Rebmann, R.: Neue Pilzvergiftungen. 29. Oktober 2007, abgerufen am 12. August 2012. Clémençon, H.: Rund um Clitocybe acromelalga. In: Schweizer Zeitschrift für Pilzkunde. 3, 2002 (online verfügbar), kommen nur in Japan und Korea vor; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 169 Quellen ebenfalls Toxine als Tötungsmittel verwendet wurden, wobei besonders da‐ rauf zu achten wäre, ob von einer Tötungsassisstenz durch Dritte oder gar eines Arz‐ tes ausgegangen werden kann oder nicht. Unsicherheiten bezüglich ärztlicher Tötungsassistenz Aufgrund der hier vorgenommenen Überprüfung der dazu überlieferten Zeugnisse ließ sich bei insgesamt 44 von 76 unnatürlichen Todesfällen der Regierungszeit des Tiberius, das entspricht einem Prozentsatz von 57, 9 %, eine ärztliche Tötungsassis‐ tenz sicher ausschließen, bei weiteren 15 Fällen, d. h. 19,7 % als unwahrscheinlich ein‐ stufen. 17 von insgesamt 76 Fällen, also 22, 3 %, waren nach den hier angewandten Beurteilungsmaßstäben als „unklar“ einzustufen798. Hierbei sollte diese Einstufung aber keineswegs als Ausdruck für eine entspre‐ chende Wahrscheinlichkeit gedeutet werden. Sie ergab sich meistens daraus, dass den Quellen dazu keine Angaben zu den jeweils benutzten Tötungsmitteln zu entnehmen ist. Da aber für die begründete Vermutung ärztlicher Tötungsassistenz zumindest die Bezeugung der Benutzung bestimmter Tötungsmittel, wie man sie auch von Ärzten oder Chirurgen erwarten dürfte, wie etwa von Gift oder von einem Skalpell, eine we‐ sentliche Voraussetzung wäre, besteht in den hier als „unklar“ eingestuften Fällen für eine derartige Vermutung nicht der geringste Anhaltspunkt, auch nicht nach den Ge‐ setzen der Wahrscheinlichkeit, insofern in keinem der aus der Regierungszeit be‐ kannten Fälle eine ärztliche Tötungsassistenz als gesichert angesehen werden kann799. Und selbst in Bezug auf die Fälle, in denen Gift als Tötungsmittel bezeugt ist, kann grundsätzlich nicht von der Wahrscheinlichkeit einer ärztlichen Tötungsassis‐ tenz ausgegangen werden, sondern allenfalls von der Möglichkeit, dass dem so war. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass ein Skalpell als Tötungsmittel in keinem Fall bezeugt ist, die Verwendung von Gift einschließlich des Falles des Germanicus in insgesamt 4 von 76 Fällen800, das entspricht 5, 26 %. Bei diesen Fällen wiederum wird die Möglichkeit ärztlicher Tötungsassistenz lediglich in einem Fall angedeutet, in dem Fall des Kaisersohnes Drusus801, der aber als historischer Präzedenzfall für den Fall des Germanicus nicht in Frage kommt, da er sich erst im 4. Jahr nach dessen Vergif‐ tung ereignete, also nur als einer von insgesamt vier Vergleichsfällen. Als Präzedenz‐ fall für den Fall des Germanicus käme aus chronologischen Gründen allenfalls der Fall des Augustus in Frage, sollte sich in Bezug darauf eine ärztliche Tötungsassistenz wirklich nachweisen lassen. 2.1.3 798 Vgl. Tab. I und Ia; 799 Vgl. Tab. I a; 800 Vgl. Tab. I, Nr. 1. 5. 9 und 68; 801 Vgl. Tab. I, Nr. 9; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 170 Das Ableben des Augustus Zur Überprüfung der Möglichkeit einer ärztlichen Tötungsassistenz im Zusammen‐ hang des Ablebens des Augustus wollen wir uns zunächst der Besprechung der dazu überlieferten Zeugnisse zuwenden, wiederum unter Beachtung der chronologischen Reihenfolge ihrer Entstehung, d. h. zunächst mit den Angaben des Tacitus dazu: Nach einer kurzen Darstellung der Überlegungen des Augustus über die von ihm ins Auge gefassten Nachfolgeregelung im Prinzipat sowie über die Reaktionen darauf802, er‐ wähnt Tacitus zum Ableben des Augustus Folgendes: Haec ac talia agitantibus grave‐ scere valetudo Augusti, et quidam scelus uxoris suspectabant. quippe rumor incesserat paucos ante mensis Augustum electis consciis et comite uno Fabio Maximo Planasiam vectum ad visendum Agrippam; multas illic utrimque lacrimas et signa caritatis, spem‐ que ex eo fore ut iuvenis penatibus avi redderetur. quod Maximum uxori Marciae ape‐ ruisse, illam Liviae. gnarum id Caesari; neque multo post extincto Maximo, dubium an quaesita morte, auditos in funere eius Marciae gemitus semet incusantis, quod causa ex‐ itii marito fuisset. … vixdum ingressus Illyricum Tiberius properis matris accitur; neque satis compertum est, spirantem adhuc Augustum apud Nolam an exanimem reppererit. acribus namque custodiis domum et vias saepserat Livia, laetique interdum nuntii vul‐ gabantur, donec provisis quae tempus monebat simul excessisse Augustum et rerum po‐ tiri Neronem eadem fama tulit.803 (Während dieser und ähnlicher Betrachtungen ver‐ schlimmerte sich der Gesundheitszustand des Augustus. Und manche hegten den Verdacht, dass dahinter ein Verbrechen der Gemahlin804 stecke. Denn es war das Ge‐ rücht aufgekommen, dass einige Monate zuvor Augustus gemeinsam mit ausgewähl‐ 2.1.3.1 802 Vgl. Tac. ann. 1, 4; 803 Vgl. Tac. ann. 1, 5; 804 Livia Drusilla, *30. 01. 58 v. Chr.; †29 n. Chr., eine Tochter des Marcus Livius Drusus, *um 124 v. Chr.; †91 v. Chr.; vgl. Burckhardt, L.: Politische Strategien der Optimaten in der späten römischen Republik. Stuttgart 1988. J. Martin: Die Popularen in der Geschichte der späten Republik. Freiburg i. Br. 1965; sie heiratete im Jahre 43 v. Chr. den Patrizier Tiberius Claudius Nero, *um 85 v. Chr.; †um 33 v. Chr.; vgl. Bleicken, J.: Augustus. Berlin 1998, S. 195; 207ff.. Elvers, K.-L.: Claudius [I 19], in: DNP. Bd. 3, Stuttgart 1997, Sp. 10; Yavetz, Z.: Tiberius. Der traurige Kaiser. München 2002, S. 24. Aus dieser Ehe ging am 16. 11. 42 v. Chr. Tiberius Claudius Nero hervor, der nachmalige „Kaiser“ Tiberius (Suet. Tib. 5, 1.). Am 17. 01. 38 v. Chr. heiratete Livia in zweiter Ehe Gaius Octa‐ vius (Vgl. Kunst, Chr., Livia, Stuttgart 2008, S. 336–338.), den nachmaligen „Kaiser“ Augustus; die‐ se Ehe aber blieb kinderlos. Vgl. Kunst, Chr.: Livia: Macht und Intrigen am Hof des Augustus. Stuttgart 2008. Ritter, H.-W.: Livias Erhebung zur Augusta, in: Chiron 2 (1972), S. 313–338; Schlange-Schöningen, H.: Augustus. Darmstadt 2005. Späth, Th.: „Frauenmacht“ in der frühen rö‐ mischen Kaiserzeit? In: Dettenhofer, M. H.(Hrsg.): Reine Männersache? Frauen in Männerdomä‐ nen der antiken Welt. Köln/Weimar/Wien 1994. Temporini-Gräfin Vitzthum, H. (Hrsg.): Die Kai‐ serinnen Roms. München 2003, S. 21–102. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 171 ten Leuten und als einzigem Begleiter Fabius Maximus805 nach Planasia806 gefahren sei, um Agrippa807 zu besuchen. Dort habe es auf beiden Seiten Tränen und Bekun‐ dungen der Zuneigung gegeben. Und es habe seitdem die Hoffnung bestanden, dass der junge Mann dem Hause seines Großvaters zurückgegeben werden würde. Das ha‐ be Maximus seiner Gemahlin Marcia808 offenbart, jene der Livia. Dies sei auch dem Caesar zu Ohren gekommen. Als dann aber nicht viel später Maximus verstorben war, – ob aufgrund eines Suizids, weiß man nicht genau - sollen bei dessen Begräbnis Seufzer Marcias mitgehört worden sein, in denen sie sich selbst angeklagt habe, dass sie schuld an dem Tode ihres Mannes sei. … kaum hatte unterdessen Tiberius Illyri‐ en809 erreicht, wurde er durch ein eiliges Schreiben zurückbeordert. Es ist nicht ein‐ wandfrei geklärt, ob er Augustus bei Nola810 noch atmend antraf oder bereits leblos. Denn mit aufmerksamen Wachen hatte Livia Haus und Zugangswege abgesperrt; un‐ 805 Paullus Fabius Maximus (*um 46 v. Chr., †14 n. Chr.;) entstammt der Patrizierfamilie der Fabier, Sohn des Quintus Fabius Maximus, cos suff. 45 v. Chr., verh. mit Marcia, der Tochter des Lucius Marcius Philippus, einer Cousine des Augustus, als Mäzen der römischen Dichter Horaz und Ovid bekannt, zwischen 22 und 19 v. Chr als quaestor Augusti Begleiter des Augustus auf dessen Reise in den Osten. 11 v. Chr. cos. ord., 10/9 v. Chr. Prokonsul von Asia, 3/2 v. Chr. leg. Aug. pr. pr. in Hispa‐ nia Tarraconensis, auch Pontifex und Arvalbruder, Vater von Paullus Fabius Persicus, cos. 34; vgl. Hanslik, R., Fabius II, 10, in KIP Bd. 2, Sp. 497; vgl. PIR ² F 47; Eck, W.: Fabius [II 14]. In: DNP. Bd. 4, Stuttgart 1998, Sp. 377; 806 Heute Pianosa, eine kleine Insel, ca. 14 km südlich von Elba und 26 km vom Festland entfernt; 807 Vgl. Tab. I, 1 (14 n. Chr.); Marcus Vipsanius Agrippa Postumus, *12 v. Chr.; †14 n. Chr., jüngster und erst nach dem Tod des Vaters geborener Sohn des Marcus Vipsanius Agrippa und der Augus‐ tustochter Iulia, damit Bruder der beiden Augustusenkel Gaius und Lucius Caesar, im Jahre 4 n. Chr. gemeinsam mit Tiberius von Augustus an Sohnes statt angenommen, zwei Jahre später jedoch enterbt, dann zunächst nach Sorrent, im Jahre 7 n. Chr. auf die Insel Planasia verbannt, wo er un‐ mittelbar nach dem Tod des Augustus getötet worden sein soll. Vgl. Bellemore, J.: The Death of Agrippa Postumus and the Escape of Clemens, in: Eranos 98, 2000, S. 93–114. 808 Marcia, †nach 14 n. Chr., eine Cousine (mütterlicherseits) des Augustus und seit etwa 15 v. Chr. Gattin des Paullus Fabius Maximus (s. o.). gehörte dem Geschlecht der Marcier an. Sie war die Tochter des Lucius Marcius Philippus, cos. suff. von 38 v. Chr. und dessen Gattin Atia, der jüngeren Schwester der gleichnamigen Mutter von Augustus. Marcia gebar ihrem Gemahl um 1 n. Chr. einen Sohn, Paullus Fabius Persicus, cos. 34 n. Chr. sowie möglicherweise eine Tochter, Fabia Nu‐ mantina. Sie war mit der dritten Gattin des Dichters Ovid befreundet. Vgl. Fluß: Marcius 120, in: RE, Bd. XIV, 2, Stuttgart 1930, Sp. 1605 f.; Kytzler, B.: Frauen der Antike. Frankfurt 1997, S. 113. 809 Illyricum, lat. Bezeichnung für die Adriaküste der Balkanhalbinsel und deren Hinterland zwischen Triest und der Mündung der Morawa, seit dem 2. Jahrh. v. Chr. römisch, entweder mit Gallien oder mit Makedonien verbunden, seit der Zeit Cäsars selbstständige Provinz, aber öfter Schauplatz von Aufständen gegen die Römerherrschaft, insbesondere ab dem Jahre 6 nach Chr., als Tiberius im Auftrage des Augustus vier Jahre benötigte, um den Frieden im Land wieder her zu stellen (Vgl. Szyilagi, J., Illyricum, in KIP Bd. 2, Sp. 1367 – 1369;). Dass Tiberius 14 n. Chr. erneut nach Illyrien entsandt wurde, wie von Tacitus unterstellt wird, könnte im Zusammenhang damit stehen, dass im Gefolge der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. auch in Illyrien neue Unruhen ausbrachen oder zu‐ mindest befürchtet wurden. 810 Nola, heute eine Kleinstadt mit 34336 Einwohnern (Stand: 31. 12. 2013), ca. 35 km nordöstlich von Neapel am Fuße des Vesuvs, mit Anschluss an die Bahnlinie Salerno–Caserta, nahe des Autobahn‐ kreuzes von A16 und A 30; bekannt wurde die Stadt u. a. während des zweiten Punischen Krieges in den Jahren 216 bis 214 v. Chr., als Marcus Claudius Marcellus dort drei Angriffe Hannibals ab‐ wehrte, – und als Geburtsort der Octavia Minor (*um 69–11 v. Chr.), einer Tochter des Gaius Octa‐ vius (*ca. 101 v. Chr.; †59/ 58 v. Chr., vgl. Malitz, J.: „O puer qui omnia nomini debes“. Zur Biogra‐ phie Octavians bis zum Antritt seines Erbes. In: Gymnasium. Band 111, 2004, S. 381–409, zu Gai‐ Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 172 terdessen wurden günstige Nachrichten verbreitet, bis geregelt war, wozu die Zeit riet und bis gleichzeitig ein und dasselbe „Gerücht“, dass Augustus verstorben sei und Ne‐ ro die Macht ergreife, sich verbreitete.) Nach Tacitus gab es also Gerüchte, nach denen auch Augustus keines natürlichen Todes gestorben sei, sondern aufgrund eines „Verbrechens“ Livias, seiner letzten Ge‐ mahlin. Diese Gerüchte erscheinen auf den ersten Blick als klischeehaft, ja geradezu als hanebüchen. Denn soweit man Tacitus folgen darf, beruhten diese Verdächtigun‐ gen im Wesentlichen darauf, dass Fabius Maximus, angeblich ein Begleiter und Mit‐ wisser einer Aussprache zwischen Augustus und Agrippa Postumus, sich kurze Zeit später – vielleicht – das Leben nahm und Marcia, dessen Witwe, die angeblich Livia über jenes Treffen informiert hatte, sich während der Begräbnisfeier für schuldig an dem Tod ihres Gatten erklärt hatte. Es erscheint daher als plausibel, dass diesem Ge‐ rücht in der wissenschaftlichen Literatur keinerlei Bedeutung beigemessen wird, ja dass es bislang geradezu ignoriert wurde811 Es herrscht vielmehr Einvernehmen, dass Augustus an einer Diarrhoe812 erkrankte und an deren Folgen, – das könnte bedeuten – an Dehydratation813, – auch starb. Auch für Mediziner ist nicht ohne weiteres ein‐ zusehen, warum ein Mann in dem Alter, in dem Augustus starb, und zu einem Zeit‐ punkt, zu dem seine Herrschaft unumstritten war, nicht eines natürlichen Todes ge‐ storben sein sollte. Als offizielles Datum seines Ablebens gilt der 19. 08.14 n. Chr., er starb also in einer Jahreszeit, in welcher auch heute noch in Nola mit einer gerade die Gesundheit älterer Menschen stark belastenden Witterung zu rechnen ist814. Im August ist dort mit Temperaturen von durchschnittlich knapp 30 Grad Celsius am Tage und knapp 20 Grad in der Nacht zu rechnen, bei einer täglichen Sonnenscheindauer von 10 Stunden und höchstens 3 Regentagen/pro Monat. Dass bei einem Mann wie Augustus, den nur noch zwei Jahre von der Vollendung seines 80. Lebensjahres trennten, der Ausbruch einer mit Diarrhoe verbundenen Krankheit rasch zu einer lebensgefährli‐ us Octavius: S. 384–386;), des Vaters des Augustus und Atias, der Ehefrau des Marcus Antonius; vgl. Richardson, L.: Nola. In: R. Stillwell u. a. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Classical Sites. Princeton, N.J. 1976. 811 Vgl. Hanslik, R., Augustus, in KIP Bd. 1, Sp. 744–754; Bringmann, K., Schäfer,Th.: Augustus und die Begründung des römischen Kaisertums. Berlin 2002. Christ, K.: Geschichte der römischen Kai‐ serzeit. Von Augustus bis zu Konstantin. München 20024, S. 47ff.. Schlange-Schöningen, H.: Au‐ gustus. Darmstadt 2005. K. Bringmann: Augustus. Darmstadt 2007. Kienast, D.: Augustus. Prin‐ zeps und Monarch. Darmstadt 2009. Eck, W.: Augustus und seine Zeit. München 20095. Dahlheim, W.: Augustus. Aufrührer – Herrscher – Heiland. München 2010. Fündling, J.: Das Goldene Zeital‐ ter. Wie Augustus Rom neu erfand. Darmstadt 2013. Galinsky, K.: Augustus. Sein Leben als Kaiser. Mainz 2013. 812 Zum Krankheitsbild der Diarrhoe in der Antike vgl. Stamatu, M., Diarrhoe, in: Lewen, K. H., Anti‐ ke Medizin. … s. o. Sp. 221–222; – wo diese Erkrankung allerdings nicht mit dem Ende des Augus‐ tus in Verbindung gebracht wird. Im Zusammenhang mit dem Ableben des Augustus wird in einem anderen Artikel des Lexikons (Marasco, G., Augustus, in: Antike Medizin, Sp. 128;) lediglich für erwähnenswert gehalten, dass sich A. von den Göttern „Euthanasie“ erbat. 813 Vgl. Herold, G.: Innere Medizin. Köln 2014; 814 Vgl. http://www.urlaubplanen.org/europa/italien/klima/klima-Nola/(2015) 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 173 chen ja sogar tödlichen Dehydration hätte führen können815, liegt auf der Hand. An‐ dererseits weiß man aber, dass Diarrhoe keine eigenständige Erkrankung darstellt, sondern lediglich ein Symptom, dem sehr unterschiedliche Krankheiten als Ursachen zu Grunde liegen können, wobei man auch eine in Tötungsabsicht herbeigeführte In‐ toxikation als Ursache grundsätzlich nicht ausschließen kann. Allerdings stellt sich im Hinblick darauf auch die Frage, woher man überhaupt hätte wissen können, woran Augustus starb. Tacitus selbst spricht in dem oben zitier‐ ten Text lediglich von dem Verdacht eines „Verbrechens“816 und erwähnt, dass Livia eine Nachrichtensperre über das Haus, in dem Augustus verstarb, sowie über die We‐ ge dort hin verhängt habe817. Nun wird man sich im Hinblick auf ein „Verbrechen“, das den Tod des Augustus herbeiführte, kaum etwas anderes als eine durch Intoxikation herbeigeführte Krank‐ heit vorstellen können. Dennoch dürfen wir nicht übersehen, dass bei Tacitus von einem Verbrechen als Tatsache zum ersten Mal nach dem Ableben des Augustus die Rede ist: primum facinus novi principatus fuit Postumi Agrippae caedes, quem ignarum inermumque quamvis firmatus animo centurio aegre confecit.818 (Das erste Verbrechen der Herrschaft des neuen Kaisers war die Ermordung des Agrippa Postumus, den, ob‐ wohl er ahnungslos und unbewaffnet war, selbst ein Zenturio trotz aller Beherztheit nur mit Mühe erledigte.) Bezüglich des Ablebens des Agrippa Postumus819 stieß Tacitus somit auf Informa‐ tionen, die ihn davon überzeugten, dass jener ermordet worden sei, auch wenn Taci‐ tus sich nicht eindeutig darauf festlegt, in wessen Auftrag diese Tat ausgeführt wurde. Allerdings beruft sich Tacitus für diese subjektive Überzeugung auf Tatsachen, die im Prinzip kaum Zweifel daran zulassen, dass Agrippa Postumus auf eine Weisung von „ganz oben“ getötet wurde: nihil de ea re Tiberius apud senatum disseruit: patris iussa simulabat, quibus praescripsisset tribuno custodiae adposito, ne cunctaretur Agrippam morte afficere, quandoque ipse supremum diem explevisset. multa sine dubio saevaque Augustus de moribus adulescentis questus, ut exilium eius senatus consulto sanciretur, perfecerat.820 (Nichts über diese Angelegenheit erörterte Tiberius im Senat: Befehle des Vaters schob er vor, nach denen jener dem zur Bewachung abgestellten Tribunen die Weisung erteilt habe, dass er nicht zögern dürfe, Agrippa zu töten, sobald er selbst verstorben sei. Viele und ohne Zweifel bittere Klagen hatte gegenüber dem jungen Mann Augustus erhoben, als er durchsetzen wollte, dass dessen Verbannung durch einen Senatsbeschluss festgelegt werde.) 815 Vgl. Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2014. Online-Informationen des Pschyrembel: http://www.degruyter.com/view/db/pschykw 816 S. o. Tac. 1, 5, 1: quidam scelus uxoris suspectabant. 817 S. o. Tac. 1, 5, 4: acribus namque custodiis domum et vias saepserat Livia, laetique interdum nuntii vulgabantur, donec provisis quae tempus monebat simul excessisse Augustum et rerum potiri Nero‐ nem eadem fama tulit. 818 Vgl. Tac. ann. 1, 6, 1; 819 Vgl. Tab. I, Nr. 2; 820 Vgl. Tac. ann. 1, 6, 1–2; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 174 Dem Zitat ist zu entnehmen, dass Tiberius nach Tacitus im Senat, d. h. in der Öf‐ fentlichkeit eine persönliche Verantwortung für die Tötung des Agrippa zwar leugne‐ te, den Sachverhalt als solchen aber öffentlich bestätigte, und zwar indem er die Ver‐ antwortung dafür dem – damals bereits verstorbenen – Augustus anlastete. Da dies aber öffentlich geschah, besteht aus heutiger Sicht kaum ein Anlass zu vermuten, dass Tacitus die von ihm erwähnte Erklärung des Tiberius vor dem Senat erfunden oder verfälscht wiedergegeben haben könnte. Ähnliches gilt auch für die von Tacitus be‐ zeugten öffentlichen Erklärungen des Tiberius im Kontext zu dessen Verbannung nach Planasia. Auch diese Erklärungen gab Tiberius nach Tacitus im Senat, also öf‐ fentlich ab, so dass auch diese Behauptungen des Tacitus unbedingt ernst zu nehmen sind. Schwerer zu beurteilen ist aus heutiger Sicht, ob Augustus tatsächlich einen Be‐ fehl zur Tötung des Agrippa Postumus hinterließ. Tacitus jedenfalls stellte die Existenz eines solchen Befehls infrage, sondern macht dafür Livia und Tiberius verantwortlich, wobei er es aber in letzter Konsequenz dem Leser überlässt darüber zu entscheiden, wer von beiden eher als tatverdächtig einzustufen sei. Charakteristisch für diese Un‐ entschiedenheit des Tacitus ist, wie er über die Reaktion des Tiberius auf die Vollzugs‐ meldung des für die Tötung des Agrippa Postumus verantwortlichen Soldaten berich‐ tet: nuntianti centurioni, ut mos militiae, factum esse quod imperasset, neque imperasse sese et rationem facti reddendam apud senatum respondit821. (Als der Zenturio melde‐ te, wie es militärischer Brauch ist, dass ausgeführt sei, was er befohlen habe, antwor‐ tete er, dass er nichts befohlen habe und er sich [für die Tötung Agrippas] vor dem Senat zu rechtfertigen habe.) Nach Tacitus reagierte Tiberius auf den Rapport des Zenturios mit einem Dementi und einer Drohung, wobei das Dementi im Kern wahrscheinlich sogar zutraf. Be‐ rücksichtigt man nämlich, dass die Tötung des Agrippa Postumus unmittelbar nach der Übermittlung der Todesnachricht erfolgt sein muss, so folgt daraus zwingend, dass sie auch vor der offiziellen Anerkennung des Tiberius durch den Senat erfolgt sein muss, die nach Tacitus erst nach dem Beschluss über die Modalitäten der Bestat‐ tung des Augustus, erfolgt sein kann822, – dann hätte Tiberius zu jenem Zeitpunkt schon allein mangels Zuständigkeit im Rahmen der militärischen Befehlsstränge einen solchen Befehl rechtskräftig nicht erteilen können823. 821 Vgl. Tac. ann. 1, 6, 3; 822 Vgl. Tac. ann. 1, 8, 1: Nihil primo senatus die agi passus nisi de suppremis Augusti, cuius testamen‐ tum inlatum per virgines Vestae Tiberium et Liviam heredes habuit. 823 Zwar verfügte Tiberius bereits vor dem Tod des Augustus über das imperium maius, also ein weit‐ reichendes militärisches Kommando, und auch über die tribunicia potestas, (Vgl. Tac. ann. 1, 10, 7;), kraft derer er über das Recht verfügte, Senatssitzungen einzuberufen und zu leiten, aber Bewa‐ chern des Agrippa hätte er wahrscheinlich keine Befehle erteilen dürfen, bevor er nicht durch den Senat offiziell als Nachfolger des Augustus anerkannt war. Und Tacitus beschreibt in diesem Punkt durchaus glaubwürdig, dass Tiberius sich zunächst keineswegs darüber im Klaren war, in welche staatsrechtliche Form er die Nachfolge des Augustus bringen sollte. Vgl. Tac. ann.1, 11, 1: et ille varie disserebat de magnitudine imperii, sua modestia. solam divi Augusti mentem tantae molis capa‐ cem. …. plures facilius munia rei publicae sociatis laboribus exsecutures. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 175 Darüber hinaus lässt sich nur schwer beurteilen, ob Tiberius damals überhaupt schon in der Lage gewesen wäre, indirekt den Befehl zur Tötung des Agrippa zu ertei‐ len, d. h. durch die Bekanntgabe der Nachricht vom Ableben des Augustus. Im Zu‐ sammenhang der Schilderung der Aktivitäten Livias unmittelbar nach bzw. vor dem Ableben des Augustus erwähnt Tacitus, dass sich Tiberius in Illyrien aufhielt oder zu‐ mindest auf dem Wege dorthin war und von dort aus zurückbeordert wurde, um Au‐ gustus noch lebend anzutreffen824. Vergegenwärtigt man sich die Entfernung von Nola nach Illyrien und die mögli‐ chen Wege dorthin, die natürlich zweimal zu bewältigen waren, – einmal von dem Boten, der Tiberius nach Nola rufen sollte, das andere Mal von Tiberius selbst, um von Nola nach Illyrien zu gelangen, entweder auf dem Landwege über Triest (ca. 1390 km bis Split), oder teils auf dem Landwege zu einem an der Adria gelegenen Hafen wie Bari (ca. 240 km) und von dort aus mit dem Schiff über die Adria, – dann wird deut‐ lich, dass Tiberius nicht einmal mittelbar als Initiator der Tötung des Agrippa infrage kommt, nämlich als Vermittler der den Tötungsbefehl für Agrippa aktivierenden Nachricht über das Ableben des Augustus von Nola zur Insel Planasia (ca. 400 km). Wegen der von Tiberius zwischen Nola und Illyrien zu bewältigenden Entfernun‐ gen, stellt sich die Frage, ob es im Falle einer natürlich verursachten lebensgefährli‐ chen Diarrhoe des Augustus aus dem Blickwinkel Livias überhaupt realistisch gewe‐ sen wäre, zu erwarten, dass Tiberius in der Lage sei, von Illyrien aus noch vor dem Ableben des Augustus Nola zu erreichen. Eine solche Erwartungshaltung wäre zwei‐ fellos eher denkbar, wenn Livia überhaupt nicht die Absicht gehabt hätte, abzuwarten bis ihr Gemahl einer natürlichen Erkrankung zu erliegen drohte, bevor sie ihren Sohn nach Nola zurückbeorderte, sondern von vornherein die Absicht hatte, den Zeitpunkt des Ablebens ihres Gemahls im Bedarfsfalle aktiv zu beeinflussen. Oder anders ausge‐ drückt: Wenn entweder Livia oder Tiberius oder sogar beide gemeinsam bereit waren, im Interesse einer möglichst reibungslosen Regelung der Nachfolge des Augustus vor der Ermordung eines Verwandten nicht zurückschreckten, wäre ihnen dann nicht zu‐ zutrauen, dass sie aus der gleichen Motivation heraus auch vor einer aktiven Beein‐ flussung des Ablebens des Augustus nicht zurückschreckten? Zur Beantwortung dieser Frage erscheint es als erforderlich, dass wir uns mit der Art und Dauer der angeblich tödlich verlaufenen Erkrankung des Augustus noch ein wenig genauer beschäftigen. Und da den Angaben des Tacitus dazu lediglich das Zeugnis über die nicht genauer erläuterte Verdächtigungen Livias zu entnehmen sind, scheint es nötig zu sein, daraufhin auch Darstellungen Suetons und Cassius´ Dios zu untersuchen, von denen ebenfalls Notizen über die letzte Lebensphase des Augustus überliefert sind. Vor allem Sueton berichtet über den letzten Lebensabschnitt des Augustus im Vergleich zu Tacitus bemerkenswert ausführlich. Die Darstellung Suetons beginnt mit dem Bericht über ein Vorzeichen, das nach seiner Auffassung auf das Lebensende des Augustus hinwies und angeblich während der Feierlichkeiten des Lustrums des Jahres 824 S. o. Tac. ann. 1, 5, 3: vixdum ingressus Illyricum Tiberus properis matris litteris accitur; neque satis compertum est, spirantem adhuc Augustum apud Nolam an exanimem repperit. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 176 14 n. Chr. zu beobachten waren825. Obwohl man grundsätzlich gut beraten ist, Sue‐ tons Geschichten über Vorzeichen für Kommendes keine allzu große Bedeutung bei‐ zumessen, insofern die nach Suetons Darstellungen ihnen unterstellte Bedeutung sich in der Regel als plumpe vatecinatio ex eventu deuten lässt, lassen sich im vorliegenden Fall gerade deswegen daraus wichtige Informationen über die letzten Monate im Le‐ ben des Augustus entnehmen und auch zu der Frage, warum ihn nicht in Rom, son‐ dern in Kampanien der Tod ereilte. Aber lassen wir zunächst Sueton selbst zu zwei Vorzeichen über den Tod des Au‐ gustus zu Wort kommen: cum lustrum in campo Martio magna populi frequentia con‐ deret, aquila saepius circumvolavit transgressaque in vicinam aedem super nomen Agrippae ad primam aedem sedit; quo animadverso vota, quae in proximum lustrum suscipi mos est, collegam suum Tiberium nuncupavit: nam se, quamquam conscriptis paratisque iam tabulis, negavit suscepturum, quae non esset soluturus. sub idem tempus icto fulminis ex inscriptione statuae eius prima nominis littera effluxit; responsum est, centum post solos dies posthac victurum, quem numerum C littera notaret, futurumque inter deos referretur, quod aesar, id est reliqua pars a Caesaris nomine, Etrusca lingua deus vocaretur. Tiberium igitur in Illyricum dimissurus et Beneventum usque prossecu‐ turus, cum interpellatores aliis atque aliis causis in iure dicendo detinerent, exclamavit, quod et ipsum mox inter omina relatum est: non, si omina morarentur, amplius se post‐ hac Romae futurum; atque itinere incohato Asturam perrexit...826 (Als er das alle fünf Jahre zu feiernde Reinigungsopfer827 auf dem Marsfeld828 unter lebhafter Teilnahme der Bevölkerung zelebrierte, umkreiste ihn öfter ein Adler, flog dann zu einem be‐ nachbarten Heiligtum und ließ sich dort oberhalb der Namensüberschrift Agrippas829 nieder; nachdem er dieses bemerkt hatte, beauftragte er mit den Weihegebeten, wel‐ che wie üblich für den nächsten Fünfjahreszeitraum gesprochen werden, seinen Amtskollegen Tiberius; denn dass er selbst die Aufgabe wahrnehme, obwohl die dafür vorgesehenen Gebetstafeln schon beschrieben und vorbereitet waren, lehnte er ab, weil er sie nicht mehr einlösen werden könne. Zu eben diesem Zeitpunkt floss wegen eines Blitzschlages aus der Inschrift seines Standbildes der erste Buchstabe des Na‐ mens [geschmolzen] heraus; [von den dazu befragten Deutern] wurde geantwortet, 825 Vgl. Suet. Aug. 97; 826 Vgl. Suet. Aug. 97, 1–3; 827 Diese Reinigungsopfer werden aus dem Zusammenhang des von den Zensoren in einem fünfjähri‐ gen Jahresintervall durchgeführten Schätzungen des Vermögens und der Wehrkraft des populus Romanus erklärt. Die Terminierung unterlag dem Sakralrecht, dessen Kalendarium mit dem regu‐ lären nicht in Übereinstimmung zu bringen ist und wechselte. Vgl. Eisenhut, W., Lustrum, in KIP, Bd. 3, Sp. 790 – 791. 828 Der Campus Martius lag in einer in der Antike außerhalb des Stadtgebiets liegenden Niederung westlich des Kapitolshügels. Es wurde u.a. durch Marcus Vipsanius Agrippa (*64 v. Chr. oder 63 v. Chr.; †12 v. Chr. in Kampanien), durch Teiche und Bäder in einer Umgebung aus Parks und Tem‐ peln umgestaltet. Vgl. Coarelli, F.: Rom. Mainz 2000, S. 258–301. Albers, J.: Campus Martius. Wiesbaden 2013. 829 Dieses Heiligtum lässt sich heute nicht mehr genau identifizieren, weil es wohl mehrere Bauwerke auf dem Marsfeld gab, deren tituli auf Marcus Vipsanius Agrippa als Bauherrn hinwiesen. S. o. Al‐ bers, J.: Campus Martius. Die urbane Entwicklung des Marsfeldes von der Republik bis zur mittle‐ ren Kaiserzeit. Reichert, Wiesbaden 2013. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 177 dass er danach nur noch einhundert Tage leben werde, diese Zahl bezeichne der Buchstabe C, und dass er zu den Göttern aufgenommen werde, werde geschehen, weil `aesar´, das heißt der restliche Teil von dem Namen Caesar, in etruskischer Sprache eine Gottheit bezeichne. Den Tiberius wollte er also nach Illyrien entsenden und ihn bis Benevent830 begleiten; weil ihn aber Störer mit immer neuen Rechtsstreitigkeiten, die zu entscheiden waren, daran hinderten, rief er aus, was auch selbst später zu den Vorzeichen gerechnet wurde, keineswegs werde er, auch wenn alles ihn aufhalte, noch weiter in Rom sein; so reiste er ab und kam bis Astura831.) Ob die hier von Sueton beschriebenen Vorkommnisse anlässlich der Lustralopfer des Jahres 14 n. Chr., insbesondere der Adlerflug und der Blitzeinschlag, sich wirklich so ereigneten, wie beschrieben, braucht uns nicht zu kümmern, obwohl das durchaus wahrscheinlich ist, da es dafür gegebenenfalls zahllose Zuschauer, d. h. Zeugen, gege‐ ben haben dürfte. Anders verhält es sich aber mit den angeblich von Priestern vorge‐ nommen Deutungen, da kaum davon ausgegangen werden kann, dass diese auch „veröffentlicht“ wurden, sondern höchstens dem Betroffenem selbst mitgeteilt wur‐ den, für den es aber Gründe gab, derartige Prognosen über sein baldiges Lebensende nicht an die „große Glocke“ zu hängen. Ungeachtet dessen liefern jene Deutungen aufschlussreiche Hinweise zur Datie‐ rung jener Opferhandlungen und damit indirekt auch für den Aufbruch des Augustus in Richtung Kampanien, wie vielleicht auch für den Aufbruch des Tiberius nach Illyri‐ en, wo jenen nach den Angaben des Tacitus die Nachricht vom Ableben oder von dem unmittelbar bevorstehenden Ableben des Augustus erreichte. Denn ausgehend von der Deutung der anlässlich der Lustralopfer beobachteten Vorzeichen, d. h. von der Annahme dass von jenem Zeitpunkt an Augustus exakt nur noch einhundert Tage zu leben habe, lässt sich auf der Grundlage des Todesdatums auch das Datum jener Lustralopfer ziemlich genau festlegen, zurückgerechnet vom 19. 08. 14, in etwa832 auf den 20. 05.14 n. Chr.. Davon ausgehend, ist damit zu rechnen, dass Augustus ursprünglich auch die Ab‐ sicht gehabt hat, Tiberius noch gegen Ende Mai oder spätestens Anfang Juni auf dem Weg nach Illyrien bis Benevent zu begleiten, woraus wiederum zu schließen ist, dass 830 Heute: Benevento, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in der Region Kampanien mit 60770 Ein‐ wohnern (Stand 31. Dezember 2013), ca. 239 km südöstlich von Rom, 66 km nordöstlich von Nea‐ pel und 94 km südwestlich von Foggia (Apulien), der nächstgelegenen Hafenstadt an der italieni‐ schen Adria; vgl, http://www.comuni-italiani.it/062/008/(2015) 831 Heute: Torre Astura, eine mittelalterliche Burg am Tyrrhenischen Meer im Gemeindegebiet von Nettuno, Region Latium. Nahe de Burg lag die antike Siedlung Astura. In der röm. Kaiserzeit ent‐ stand am Festland vor der heutigen Burg eine Villa; die Molen des dazu gehörenden Hafens sind noch gut im Meer zu sehen. Die Gemeinde Nettuno zählt 48389 (Stand 31. 12. 2013) Einwohner. Vgl. http://de.wikipedia.org/ wiki/ Nettuno (2015). Die Entfernung beträgt von Rom aus ca. 60 km, wozu man heute mit der Bahn oder mit einem PKW ca. eine Stunde benötigt, zu Fuß aber 12 Std., was unter den Bedingungen der in der Antike zur Verfügung stehenden Verkehrsmittel in et‐ wa einer Tagesreise entspricht. 832 Unsicherheiten ergeben sich daraus, dass wegen der von Livia kontrollierten Informationen damit gerechnet werden muss, dass der Tod des Augustus willkürlich einige Tage später datiert wurde, als er wirklich eintrat. Vgl. dazu Tac. ann. 1, 5, 4: acribus custodiis domum et vias saepserat Livia, … donec provisis, quae tempus monebat. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 178 Tiberius zumindest auf dem Hinweg nach Illyrien den bequemeren Weg über Be‐ nevent zu einer Hafenstadt an der italienischen Adriaküste sowie dann zu Schiff nach Dalmatien plante. Da Augustus aber nach den o. z. Angaben Suetons durch unauf‐ schiebbare Dienstgeschäfte an der Realisierung seiner ursprünglichen Reisepläne im‐ mer wieder gehindert wurde833, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit beurteilen, ob er sich zum Zeitpunkt seines Aufbruchs in Richtung Astura Tiberius schon von ihm ge‐ trennt hatte, um nach Illyrien zu gelangen, zumal sich auch über die zeitliche Dauer jener Verzögerungen aufgrund der Angaben Suetons schwerlich genauere Angaben machen lassen. Die Spanne der Möglichkeiten reicht von etlichen Tagen bis zu mehreren Wochen, so dass nicht auszuschließen ist, dass Augustus erst Ende Juli oder Anfang August in Richtung Astura weiterreiste. Je länger aber Augustus selbst seine Abreise verzögerte, desto mehr hat man natürlich damit zu rechnen, dass Tiberius sich schon vorher auf den Weg nach Illyrien gemacht haben könnte, um seinen dortigen Amtspflichten zu genügen. Jedenfalls ergeben sich aus dem Bericht Suetons über die Fortsetzung der Reise des Augustus von Astura aus zunächst keine Anhaltspunkte dafür, dass sich Ti‐ berius damals noch in seiner Begleitung befand: … et inde praeter consuetudinem de nocte ad occasionem aurae evectus causam valetudinis contraxit et ex profluvio alvi. tunc Campaniae ora proximisque insulis circuitis Caprearum quoque secessui quadridu‐ um impendit remississimo ad otium et ad omnem comitatem animo834. (Von dort aus brach er entgegen seiner Gewohnheit schon in der Nacht auf, wegen günstiger Wind‐ verhältnisse, und zog sich da auch die Ursache für seine Erkrankung zu, aufgrund ei‐ nes „Hervorfließens“ seines Leibes835. Dann kreuzte er an den Küsten Kampaniens entlang und verbrachte, nachdem er die nächsten Inseln836 umrundet hatte, auch vier Tage an einem abgeschiedenen Ort Capris in äußerst entspannter Gemütslage bei Freizeitbeschäftigungen und jeder Art von erheiternden Beschäftigungen.) Nach dieser Darstellung setzte Augustus seine Reise von Astura aus mit einer Art Jacht in Richtung Kampanien fort, wobei er angeblich bereits vom ersten Tag an unter Verdauungsstörungen litt, die man durchaus als Diarrhoe bezeichnen könnte. Dass diese Erkrankung durch die ungewohnte Abfahrtszeit, d. h. durch eine nächtliche Un‐ terkühlung, hervorgerufen wurde, sollte man aber als eine laienhafte Erklärung nicht ernst nehmen, um so mehr als die Bedeutung von bakteriologischen und viralen Kei‐ men als eine Ursache vieler Erkrankungen des Verdauungstrakts erst auf Entdeckun‐ 833 S. o. Suet. Aug. 98, 1: … cum interpellatores aliis atque aliis causis in iure dicendo detinerent …. 834 Vgl. Suet. Aug. 97, 3–98, 1; 835 Das lateinische Wort alvus bezeichnet sowohl den Unterleib eines Menschen als auch den Magen. Heute würde man hier wahrscheinlich von „Brechdurchfall“ sprechen. Zum Krankheitsbild der Diarrhoe in der Antike vgl. Stamatu, G. Diarrhoe, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 221–222; 836 Zum kampanischen Inselarchipel gehören Procida, Ischia und Capri, von denen in der Antike Capri die bekannteste war, nicht zuletzt, weil Tiberius ab dem Jahre 26 n. Chr. dort eine Villa bewohnte, die sog Villa Iovis. Vgl. http://www.zaw.uni-heidelberg.de/hps/klarch/institut/villa_jovis.htm (2015); 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 179 gen der Neuzeit beruht837. Beachtung verdient aber, dass diese Beschwerden bei Au‐ gustus nach Sueton über einen Zeitraum von mindestens vier Tagen kaum einen allzu großen Leidensdruck erzeugten. Sueton berichtet ausführlich über die Vergnügungen, denen sich Augustus während seines Aufenthalts auf dem kampanischen Inselarchipel widmete, und dass sein Verhalten auch von anderen Menschen, die ihm dort begeg‐ neten, als entspannt und heiter empfunden wurde838. Diese Wahrnehmungen entsprechen auch heutigen medizinischen Erkenntnissen über die Symptome und die Dauer infektiöser Magen- und Darmerkrankungen.839 Die Krankheitssymptome treten nach einer Inkubationszeit von nur wenigen Stunden auf, woraus sich auch erklärt, dass man den Ausbruch bei Augustus irrtümlich in Zu‐ sammenhang brachte mit einer nächtlichen Unterkühlung im Gefolge eines Anker‐ lichtens bereits in der Nacht840. Diese Symptome klingen aber in der Regel nach weni‐ gen Tagen wieder ab, das Erbrechen bereits nach ein bis zwei Tagen, so dass sich Au‐ gustus wahrscheinlich schon zu Beginn seines viertägigen Aufenthalts auf Capri wie‐ der wohler fühlte und den Kontakt mit Menschen nicht mehr scheute841. Die Durch‐ fälle halten länger an, außer bei Entamoeba histolytica, bis zu zehn Tagen, enden aber meistens ebenfalls früher und beeinträchtigen auch bei längerer Dauer bald den All‐ gemeinzustand des Patienten kaum noch. Das scheint nach der Darstellung Suetons auch bei Augustus der Fall gewesen zu sein. Schon bald fühlte er sich trotz anhaltender Erkrankung nach Sueton gesund ge‐ nug, um sich nach Neapel übersetzen zu lassen: mox Neapolim traiecit quamquam tum infirmis intestinis morbo variante; tamen et quinquennale certamen gymnicum honori suo institutum842 perspectavit et cum Tiberio ad destinatum locum contendit843. (Bald darauf setzte er nach Neapel über, obwohl er damals noch immer wegen „unsicherer“ Eingeweide an einer sich verändernden Erkrankung litt; dennoch schaute er auch dem alle fünf Jahre stattfindenden und zu seiner Ehre begründeten gymnastischen Wettkampf zu und erst dann reiste er gemeinsam mit Tiberius zu dem vorher be‐ stimmten Ziel.) Nach diesem Zeugnis scheint Tiberius sich aber sogar noch in Neapel in der Be‐ gleitung des Augustus befunden zu haben, ja selbst über diesen Zeitpunkt hinaus, in‐ sofern ja behauptet wird, dass der nach wie vor an seiner Gastroenteritis leidende Au‐ 837 Zur Geschichte der Entdeckung von Keimen als Krankheitsursache vgl. http://www.onmeda.de/ krank heitserreger/entdeckung_krankheitserreger.html (2015); Eckard, W. u. a.: Medizingeschich‐ te. Eine Einführung. Köln, Weimar, Wien 2005. 838 Vgl. dazu: Suet. Aug. 98; 839 Als verursachende Mikroben gelten: Salmonellen, EHEC, Campylobacter, Shigellen, Entamoeba his‐ tolytica (Amöbenruhr), Staphylococcus aureus und Clostridium perfringens. Vgl. Herold, G. Innere Medizin. Köln 2015, S. 437–460, 857– 870; 840 S. o. Suet. Tib. 98, 3: et inde praeter consuetudinem de nocte ad occasionem aurae evectus causam valetudinis contraxit et ex profluvio alvi. 841 S. o. Suet. Tib. 98; 842 Vgl. Fortuin, R. W.: Sport im augusteischen Rom: philologische und sporthistorische Untersuchun‐ gen, Stuttgart 1996; S. 58–59: die Spiele dauerten mehrere Tage. 843 Vgl. Suet. Tib. 98, 5; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 180 gustus Tiberius bis zu dem ursprünglich vereinbarten Reiseziel begleitete; – damit kann nur das von Neapel ca. 80 km entfernte Beneventum gemeint gewesen sein.. Spätestens im Zusammenhang mit diesen Angaben stellen sich bezüglich der Verlässlichkeit dieser Angaben Suetons gewisse Zweifel ein. Wenn sich Tiberius selbst noch in Neapel in der Begleitung des Augustus befunden haben sollte, wäre das ge‐ messen an den Erfordernissen des eigentlichen Auftrages des Tiberius nicht nur mit einem unerheblichem Umweg, sondern auch mit großen Zeitverlusten verbunden ge‐ wesen. Denn wenn das erste Reiseziel des Tiberius auf dem Weg nach Illyrien wirklich eine via Benevent zu erreichende Hafenstadt an der Adriaküste gewesen sein sollte, dann wäre bereits eine Begleitung des Augustus bis Astura mit der Inkaufnahme eines überflüssigen Umwegs und Zeitverlusts verbunden gewesen, welcher dann durch die mehrtägige Kreuzfahrt durch den Golf von Neapel an der Seite des Augustus sowie die Teilnahme an den mehrtägigen Sportwettkämpfen in Neapel nicht unerheblich vergrößert worden wäre. Aus heutiger Sicht stellt sich daher die Frage nach dem Zweck der ganzen Reise: Ging es überhaupt darum, dass Augustus Tiberius für seine Reise nach Illyrien ein Ge‐ leit gab oder eher darum, dass Tiberius Augustus begleitete, um diesen zu beobachten, wobei sich der Gedanke einstellt, dass Tacitus vielleicht doch nicht so ganz falsch in‐ formiert war, dass darüber gemunkelt worden sei, Augustus habe einige Monate vor seinem Ableben einen Besuch nach Planasia unternommen, um sich mit seinem En‐ kel Agrippa Postumus auszusöhnen844. Auch wenn diese Geschichte nur auf Gerüchten beruhen sollte, hätte Tiberius, falls sie auch ihm zu Ohren gekommen sein sollte, wie Tacitus behauptete845, gute Gründe gehabt, misstrauisch zu werden. Dass Augustus in Astura – angeblich – ent‐ gegen seinen sonstigen Gewohnheiten mitten in der Nacht die Segel setzen ließ, um nach Kampanien weiter zu reisen846, hätte jemandem wie Tiberius, falls dieser sich noch in Astura in seiner Begleitung befand, wie der Versuch, unliebsame Bewacher abzuschütteln, erscheinen müssen; nicht zuletzt der Hinweis auf einen günstigen Wind (ad occasionem aeris) als Erklärung für diesen frühen Aufbruch hätte einen ein‐ mal misstrauisch gewordenen Mann kaum beruhigen können, zumal Augustus da‐ mals nicht zu einer Seeschlacht aufzubrechen gedachte, zu Repräsentationszwecken, wenn man an das Vorhaben denkt, Tiberius auf dem Weg nach Syrien bis Benevent ein Ehrengeleit zu geben. Berücksichtigt man ferner, dass Tiberius die Verzögerungen der Reisepläne des Augustus durch vordringliche richterliche Tätigkeiten vielleicht nicht davon abgehal‐ ten hatten, sich ohne dessen Begleitung auf den Weg nach Illyrien zu machen, dann gibt es dafür nur eine Erklärung, nämlich die, dass Tiberius den Auftrag in Illyrien nach dem Rechten zu sehen, für weniger vordringlich erachtete, als das Anliegen, Au‐ gustus selbst im Auge zu behalten, – sei es aus Fürsorglichkeit, in der Absicht, sich 844 S. o. Tac. ann. 1, 5, 1: quippe rumor incesserat paucos ante mensis Augustum electis consciis et comite uno …. vectum ad visendum Agrippam... 845 S. o. Tac. ann. 1, 5, 2: gnarum id Caesari; 846 S. o. Suet. Aug. 97, 3: … inde praeter consuetudinem de nocte ad occasionem aurae evectus... 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 181 von seinem Onkel erst zu trennen, wenn die Gefahr, dass er ernstlich erkrankt sei, ge‐ bannt sei, oder aus Misstrauen, weil er befürchtete, dass sein Oheim während der Kreuzfahrt durch den Golf von Neapel auf eine Gelegenheit zu einem weiteren Abste‐ cher nach Planasia wartete. Aber wir sollten hier den Ereignissen nicht zu weit vorauseilen und den „Reisebe‐ richt“ Suetons noch eine Weile weiter verfolgen. Erst nach der Rückkehr aus Benevent, d. h. zu einem Zeitpunkt, zu welchem nach heutigem medizinischen Wissen die Symptome der mutmaßlichen Gastroenteritis hätten längst abgeklungen sein müssen, verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Augustus nach Sueton so sehr, dass er seine Weiterreise bzw. Rückreise unfreiwillig unterbrechen musste: sed in redeundo adgravata valetudine tandem Nolae succubuit revocatumque ex itinere Tiberium diu se‐ creto sermone detinuit neque multo post ulli maiori negotio animum accomodavit847. (aber nachdem sich sein Zustand auf der Rückfahrt sehr stark verschlechtert hatte, legte er sich in Nola nieder und hielt den von der Reise zurückgerufenen Tiberius mit einem langen geheimem Gespräch auf und beschäftigte sich nicht viel später mit kei‐ nem bedeutenderen Amtsgeschäft mehr.) Erst nach der Rückkehr aus Benevent verschlechterte sich der Gesundheitszu‐ stand des Augustus angeblich so dramatisch, dass er plötzlich das Krankenbett aufsu‐ chen musste, aber Glück im Unglück hatte, insofern Eilboten Tiberius noch erreich‐ ten, bevor jener in Bari oder Brindisi ein Schiff in Richtung Dalmatien bestiegen hat‐ te, und ihn an das Krankenbett des Augustus holen konnten, wo der letztere seinem Nachfolger auf dem Kaiserthron in einem langen Geheimgespräch noch wichtige Tips geben konnte, bevor er dann endlich beruhigt aufhören konnte zu regieren. Als fast unglaublich erscheint jene Geschichte, die Sueton seinen Lesern über den letzten Tag des Augustus zumutet: Supremo die identidem exquirens, an iam de se tu‐ multus foris esset, petito speculo capillum sibi comi ac malas labentes corrigi praecepit et admissos amicos percontatus, equid iis videretur mi[ni]mum vitae commode transigisse, adiecit et clausulam: ™peˆ dὲ p£nu kaîj pšpaistai, dÒte krÒton kaˆ p£ntej ¹m©j met¦ car©j propšmyate. omnibus deinde demissis, dum advenientes ab urbe de Drusi filia aegra interrogat,repente in osculis Liviae et in hac voce defecit: Livia, nostri coniugii memor vive, ac vale!848 (An dem letzten Tag erkundigte er sich wiederholt, ob schon seinetwegen ein Aufruhr vor den Türen stattfinde, und nachdem er um einen Spiegel gebeten hatte, erteilt er den Befehl, dass das Haar, das ihm munter und an den Wan‐ gen herabhing, geordnet werde, und befragte die hereingelassenen Freunde, ob es ih‐ nen scheine, dass er das Schauspiel des Lebens ordentlich gespielt habe, er fügte auch die Schlussformel an: Wenn das Ganze gut gefallen hat, spendet Beifall und beginnt mit Freuden den Beifallsruf! Nachdem alle darauf entlassen worden waren und wäh‐ rend er aus der Stadt ankommende über eine erkrankte Tochter des Drusus849 befrag‐ 847 Vgl. Suet. Tib. 98, 5; 848 Vgl. Suet. Tib. 99, 1; 849 Es ist nicht zweifelsfrei zu klären, um welchen Drusus es sich hier gehalten haben könnte. Aber da wir ernst nehmen müssen, dass Livia eine strenge Auswahl traf, wem sie Zutritt zu ihrem „ster‐ benskranken“ Gemahl gewährte, erscheint es als naheliegend, dass es sich um einen sehr engen Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 182 te, endete er plötzlich in den Armen Livias und mit diesen Worten: Livia, unserer Ehe eingedenk lebe, und lebe wohl!) Trotz seiner schweren Erkrankung, die ihn ans Bett fesselte, besaß Augustus an‐ geblich noch genügend Humor, sich im Spiegel zu betrachten, sich frisieren zu lassen, Freunde zu fragen, ob er die Rolle seines Lebens gut gespielt habe, Neuankömmlinge nach der Krankheit einer Fremden zu fragen und in den Armen seiner Frau mit gut überlegten Abschiedsworten zu sterben. Selbst wenn man beiseite lässt, dass Livia nach der Darstellung des Tacitus Fremden den Zutritt zum Hause, in dem Augustus starb, strikt verwehrte, erscheint es als schwer vorstellbar, dass Augustus, insofern er sich nach der Darstellung Suetons Nola als den Ort seines Ablebens ja nicht ausge‐ sucht hatte, in der von Sueton geschilderten Form von Freunden und Ehefrau Ab‐ schied nahm, – es sei denn er fühlte sich gar nicht so krank, wie er war, sondern wirk‐ lich wie ein Schauspieler, aber nicht in einem opernhaften Rührstück, als welches Sue‐ ton die Geschichte darstellt, sondern in einer Komödie850, auch wenn diese – jeden‐ falls für Augustus selbst – unerwartet tödlich endete. Im Zusammenhang mit dem Gedanken, dass beim Tode des Augustus nicht Alles „mit rechten Dingen“ zugegangen sein könnte, erscheint es in Bezug auf die Freunde, denen Livia trotz der von Tacitus bezeugten strengen Abschirmung851 des Sterbenden den Zugang nach Sueton nicht verweigerte852, ja im Bedarfsfalle hätte gar nicht ver‐ weigern können, ohne sich vor aller Welt verdächtig zu machen, als naheliegend zu vermuten, dass sich darunter auch ein Arzt befand, insofern Sueton in einem anderen Zusammenhang ausdrücklich bezeugt, dass Augustus bereits seit langem mit einem Arzt befreundet war. Sueton gibt an: Medico Antonio Musa, cuius opera ex ancipiti morbo convaluerat, statuam aere conlato iuxta signum Aesculapi statuerunt853. (Dem Arzt Antonius Musa854, durch dessen Hilfe er von einer gefährlichen Krankheit gene‐ Freund gehandelt haben müsste, wahrscheinlich sogar um die Tochter einer Verwandten. Daher kommt am ehesten Nero Claudius Drusus (*14. 01. 38 v. Chr.; †14. 09. 9 v. Chr.), in Frage, der „älte‐ re Drusus“ (Drusus maior) ein Heerführer sowie Stiefsohn des Augustus. Er war ein Sohn der Livi‐ as aus ihrer ersten Ehe mit Tiberius Claudius Nero und somit ein Bruder des Tiberius. Seine Ge‐ mahlin war Antonia Minor, eine Tochter des Triumvirn Marcus Antonius und Augustus’ Schwester Octavia. Seine Kinder waren Germanicus, Livilla und der künftige Kaiser Claudius. Bei der an die‐ ser Stelle erwähnten kranken Tochter des Drusus dürfte es sich demnach um Livilla (*um 13 v. Chr.; †31 n. Chr.), gehandelt haben, die einzige Tochter des älteren Drusus und der jüngeren Anto‐ nia. Vgl. Hanslik, R.: Livia 3, in: KIP Bd. 3, Stuttgart 1979, Sp. 688 f; 850 Es ist zu beachten, dass Autokraten ihre Zeitgenossen über gesundheitliche Probleme gerne im Unklaren lassen, weil sie andernfalls gefährliche „Diadochenkämpfe“ befürchten. 851 S. o. Tac. ann. 1, 5, 4: …. acribus namque custodiis domum et vias saepserat.... 852 S. o. Suet. Aug. 99, 1: … et amicos admissos percontatus, equid iis videretur mi[ni]mum vitae com‐ mode transigisse... 853 Vgl. Suet. Aug. 59, 1; 854 Antonius Musa wird auf der Grundlage von Plin. nat. 29, 6, 1 (S. u.) zur Schule des Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. in Rom wirkenden Arztes Asklepiades von Bithynien zugerechnet. Ein Bruder Musas, mit Namen Euphorbus, gilt als Leibarzt des Königs Juba II. (*ca. 50 v. Chr; †23 n. Chr.) von Mauretanien (Vgl. Plin. nat. 25, 77;); zu Antonius Musa vgl. Nutton, V.: Antonius [II 19]. In: DNP. Bd. 1, Stuttgart 1996, Sp. 816; Hahn, J., Antonius Musa, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin … Sp. 62; auch Horaz bezeichnet Antonius Musa als „seinen“ Arzt. Vgl. Hor. epist. 1, 15, 23: … nam mihi Baias Musa supervacuas Antonius …. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 183 sen war, errichtete man ein Standbild, aus gespendetem Geld, neben einem Bild des Asklepios.) Dass dem Antonius Musa eine so große Ehrung zuteil wurde, kann nicht ohne ausdrückliche Billigung des Augustus geschehen sein und lässt auf eine recht enge persönliche Beziehung schließen, welche die Annahme rechtfertigt, dass Antonius Musa zeitweilig der Leibarzt des Augustus war. An einer anderen Stelle erläutert Sue‐ ton auch die Gründe für diese hohe Ehre, die Antonius Musa zuteil geworden war: Graves et periculosas valetudines per omnem vitam aliquot expertus est; praecipue Can‐ tabrica domita, cum etiam destillationibus iocinere vitiato ad desperationem redactus contrariam et ancipitem rationem medendi necessario subiit: quia calida fomenta non proderant, frigidis curari coactus auctore Antonio Musa.855 (Schwere und gefährliche Krankheiten hat er sein ganzes Leben hindurch in großer Zahl durchlitten, vor allem nach der Beendigung des kantabrischen Feldzuges856, als er sich, durch eine Leberer‐ krankung im Zusammenhang der Gallenabsonderung857 zur Verzweiflung gebracht, notgedrungen einer den gewohnten entgegengesetzten und gefährlichen Heilmethode unterwarf. Da nämlich warme Umschläge keinen Erfolg brachten, wurde er gezwun‐ gen sich mit kalten behandeln zu lassen, auf Veranlassung des Antonius Musa.858) Nach den diesem Zitat zu entnehmenden Informationen verfügte Antonius Musa bereits seit dem sog. kantabrischen Krieg, d. h. seit dem Jahre 26 v. Chr., über den Ruf, dank seiner unkonventionellen Methoden Augustus das Leben gerettet zu haben. Da‐ raus lässt sich ableiten, dass Musa, falls er im Todesjahr des Augustus nicht bereits verstorben war und falls ihn Livia an das Sterbebett des Augustus gerufen hätte, sich diesem Ruf kaum hätte verweigern können. Berücksichtigt man ferner, dass Antonius Musa nach Galen859 vor allem als Pharmakologe bekannt860, geradezu berüchtigt war861, erscheint es erlaubt die Frage aufzuwerfen, ob Antonius Musa nicht auch den finalen Krankheitsprozess mit eigenen pharmakologischen Ratschlägen „begleitet“ haben könnte. 855 Vgl. Suet. Aug. 81, 1; 856 Im Jahre 26 v. Chr. Vgl. dazu; Hanslik, R., Augustus, in KIP, Bd. 1, Sp. 744–754, bes, Sp. 749; 857 Nach den Angaben Suetons handelte es sich hierbei entweder um einen entzündlichen Prozess oder um eine mechanisch verursachte Verstopfung des Gallenkanals (Cholelithiasis, vgl. Herold, G.: Innere Medizin. Köln 2005, S. 563–565;) Da warme Umschläge angeblich keine Linderung brachten, ist davon auszugehen, dass es sich bei dem bei Augustus beobachteten Leiden um Chole‐ lithiasis gehandelt hat. Zu Gallenerkrankungen in der Antike vgl. Leven, K.-H., Galle, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 322–323; 858 Diesen Fall erwähnt auch Plinius d. Ä. (Plin. Nat. 29, 6, 1: sed et illa Antonius Musa eiusdem aucto‐ ritate divi Augusti, quem contraria medicina gravi periculo exemerat. Zu Antonius Musa vgl. Hahn, J., Antonius Musa, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 62; 859 Gal. 13, 463; 860 Vgl. Florianus Caldani (Hrsg.): Antonii Musae, qui Augusti Caesaris Medicus fuit, Fragmenta, quae extant. Remondini, Bassani 1800 (Digitalisat). Howald, E./ Sigerist, H. E.(Hrsg.): Antonii Musae De herba vettonica liber. Pseudoapulei herbarius. Anonymi de taxone liber. Sexti Placiti li‐ ber medicinae ex animalibus etc. Teubner, Leipzig 1927 (Corpus medicorum latinorum, 4). 861 S. o. Plin. nat. 29, 6. 25, 77. Siehe dazu auch u. Kap. 3, 1; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 184 Eine solche Vermutung scheint auch die Darstellung des Lebensendes des Augus‐ tus durch Cassius Dio862 zu bestätigen. In einer dem Jahre 14 n. Chr. zuzuordnenden Notiz863 beschreibt Cassius Dio die Informationspolitik Livias im Zusammenhang des Ablebens ihres Gatten ähnlich wie Tacitus864: oÙ mšntoi kaˆ ™kfan¾j eÙqÝj Ð q £natoj aÙtoà ™gšneto. ¹ g¦r Liou…a, fobhqe…sa m¾ toà Tiber…ou ™n tÍ Delmat… ᾳ œt' Ôntoj newterisqÍ ti, sunškruyen aÙtÕn mšcrij oâ ™ke‹noj ¢f…keto. taàta g¦r oátw to‹j te ple…osi kaˆ to‹j ¢xiopistotšroij gšgraptai. e„sˆ g¦r tinej o‰ kaˆ para‐ genšsqai tÕn Tibšrion tÍ nÒsῳ aÙtoà kaˆ ™pisk»yeij tin¦j par' aÙtoà labe‹n œfasan. 865 (Freilich wurde nicht sofort sein Tod bekannt gegeben. Livia nämlich fürchtete, da sich Tiberius noch in Dalmatien aufhielt, einen Umsturz und verheimlichte diesen bis jener eingetroffen war. Dieses nämlich wird von den meisten und vertrauenswürdigs‐ ten [Autoren] geschrieben. Es gibt nämlich einige, die behaupten, dass Tiberius noch an dessen Krankenlager gewesen sei und von diesem noch Weisungen erhalten habe.) Cassius Dio äußert in diesem Zitat die Überzeugung, dass Livia den Tod des Au‐ gustus nicht sogleich bekannt gegeben sondern aus Furcht vor Unruhen erst später, bis Tiberius aus Illyrien zurückgekehrt sei, und beruft sich hierbei auf das Zeugnis der Mehrheit und der seiner Auffassung nach zuverlässigsten darüber berichtenden Auto‐ ren, wobei er allerdings einräumt, dass es auch Autoren gegeben habe, die – in Über‐ einstimmung mit der o. z. Darstellung Suetons866, – behaupteten, dass Tiberius Augus‐ tus noch lebend angetroffen und mit ihm habe sprechen können. Cassius Dio lässt in‐ dessen keinen Zweifel daran, dass er diese Version der Geschichte für unseriös hält, erwähnt im Anschluss daran aber ein Gerücht, das nicht nur das Verhalten Livias, sondern auch dasjenige des Arztes, der Augustus auf seinem Sterbebett betreute867, in ein merkwürdiges Zwielicht rückte. Das auch von Tacitus überlieferte Gerücht, dass Augustus nicht eines natürlichen Todes gestorben sei, sondern einem „Verbrechen“ Livias868, bestätigt und konkreti‐ siert Cassius Dio mit folgenden Worten: `O d' oân AÜgoustoj nos»saj met»laxe. ka… 862 Vgl. Cass. Dio 56, 30, 1–31, 3; 863 Vgl. Cass. Dio 56, 30, 1: tù g¦r ™comšnῳ œtei, ™n ú Sšxtoj te 'Apoulšioj kaˆ Sšxtoj Pomp»ioj Øp £teusan, ™xwrm»qh te ™j t¾n Kampan…an Ð AÜgoustoj, kaˆ tÕn ¢gîna tÕn ™n tÍ Nšᾳ pÒlei diaqeˆj œpeita ™n Nèlῃ met»llaxe. - In dem betreffenden Jahr, in dem Sextus Apuleius und Sextus Pompeius Konsuln waren, begab er sich nach Kampanien, Augustus, und richtete einen Wettkampf in Neapel aus, und danach starb er in Nola. Vgl. V. Ehrenberg and A. H. M. Jones, s. o. p. 40: A. D, 14. (Aug. XXXVII, Tib. XVI) Sex. Pompeius (Sex. f.): Sex. Appuleius (Sex. f.) 864 S. o. Tac. ann. 1, 5, 3: neque satis compertum est, [Tiberius] spirantem adhuc Augustum apud urbem Nolam an exanimem repperit. acribusque nam custodiis domum et vias saepserat Livia... 865 Vgl. Cass. Dio 56, 31, 1; 866 Wir sahen, dass nach Sueton Augustus selbst Tiberius noch zu sich zurückbeorderte, um mit ihm zu sprechen.s. o. Suet. Tib. 98, 5: sed in redeundo adgravata valetudine tandem Nolae succubuit re‐ vocatumque ex itinere Tiberium diu secreto sermone detinuit... 867 Cassius Dio erwähnt im Zusammenhang des Ablebens des Augustus weder die Anwesenheit des Antonius Musa, noch eines anderen Arztes. Da Cassius Dio auch im Zusammenhang des Ablebens Senecas die Anwesenheit von dessen Leibarzt Annaeus Statius unerwähnt ließ (S. o. Kap. 1: vgl. Tab. IV, 21;), darf man daraus aber nicht schließen, dass Augustus ohne die Betreuung eines Arztes starb. 868 S. o. Tac. ann. 1, 5, 1: haec ac talia agitantibus gravescere valetudo Augusti, et quidam scelus uxoris suspectabant. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 185 tina Øpoy…an toà qan£tou aÙtoà ¹ Liou…a œlaben, ™peidº prÕj tÕn 'Agr…ppan krÚfa ™s t¾n nÁson dišpleuse kaˆ ™dÒkei oƒ kaˆ pant£pasi katallag»sestai. de… sasa g¦r, éj fasi, m¾ kaˆ ™pˆ tÍ monarc…ᾳ aÙtÕn katag£gῃ, sÚk£ tina ™pˆ dšndroij œt' ™pÒnta, ¢f' ïn Ð AÜgoustoj aÙtoceir…ᾳ suk£zein e„èqei, farm£kῳ œcrise, kaˆ aÙt» te ¤ma t¦ ¢n»lifa ½sqie k¢ke…nῳ t¦ pefarmagmšna prosšballen.869 (Augustus erkrankte nun und starb. Und Livia geriet wegen seines Todes in den Verdacht; er war nämlich heimlich zu Agrippa auf die Insel hinüber gefahren und schien sich auch ausgesöhnt zu haben. Weil sie aber fürchtete, wie sie sagen, dass er ihn für die Allein‐ herrschaft vorsehen könne, bestrich sie an den Bäumen einige Feigen mit Gift, von denen Augustus gewöhnlich eigenhändig Früchte pflückte; und sie selbst verzehrte die unvergifteten, und warf jenem die vergifteten zu.) In diesem Zitat charakterisiert auch Cassius Dio den Livia zur Last gelegten Gat‐ tenmord „nur“ als Gegenstand fremder Aussagen (éj fasi), aber eine mögliche Alter‐ native dazu, etwa eine genauer beschriebene Erkrankung, z. B. ein Magen- und Darmleiden, welches Sueton ja als Todesursache andeutete870, zieht Cassius Dio nicht in Erwägung, wodurch er klar zu erkennen gibt, dass er dieser Möglichkeit keine Be‐ deutung beimaß, die Möglichkeit einer natürlichen Erkrankung des Augustus als To‐ desursache somit ignorierte. Die Darstellung des Cassius Dio könnte man daher mit dem Plädoyer eines An‐ klägers in einem Indizienprozess vergleichen, der dem Gericht, d. h. seinen Lesern, zwar kein Geständnis der Tatverdächtigen liefern kann, aber ihnen glaubhaft zu ma‐ chen versucht, dass die Angeklagte, also Livia, nicht nur über ein Motiv, nämlich die Sorge, dass Augustus zu Ungunsten ihres leiblichen Sohnes Tiberius eine politische Rehabilitierung des Agrippa Postumus plane, sondern auch über die Mittel zu einem Gattenmord verfügte, nämlich das Vertrauen ihres Mannes sowie über die Skrupello‐ sigkeit, das Vertrauen ihres Gemahls zu missbrauchen, und auch über Gift bzw. Hel‐ fer, die ihr dieses beschafften, um die Tat auszuführen, bzw. um das Verbrechen auch zu vertuschen. Ein Verteidiger würde demgegenüber allerdings ins Spiel bringen, ob Livia bzw. Tiberius ein plausibles Motiv hatten, Augustus zu beseitigen bzw. auch die Mittel da‐ zu, also Gift oder wenigstens einen Helfer, ihr solches zu beschaffen. Fragen wir uns also zunächst, ob Livia Gründe hatte zu befürchten, dass Augustus nach Mitteln und Wegen suchte, Tiberius die Anwartschaft auf seine Nachfolge wieder zu entziehen und zu diesem Zweck Agrippa Postumus zu rehabilitieren. Unstrittig ist, dass Agrippa Pos‐ 869 Vgl. Cass. Dio 56, 31, 1; 870 S. o. Suet. Tib, 98, 3: atque itinere incohat Asturam perrexit … inde … de nocte … evectus causam valetudinis ex profluvio alvi... Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 186 tumus871 zum Zeitpunkt des Ablebens des Augustus neben Germanicus872 als dessen einziger noch lebender männlicher Blutsverwandte galt873, so dass schon allein dessen Überleben den Anspruch des Tiberius auf die Nachfolge des Augustus im Prinzipat hätte politisch gefährden können. Dass derartige Befürchtungen keineswegs virtueller Natur waren, lässt sich daran ablesen, dass schon unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Nachricht874 vom Ab‐ leben des Augustus in Germanien875, Pannonien876 und Illyrien877 Aufstände ausbra‐ chen, in denen expressis verbis Forderungen eine Rolle spielte, dass ein anderer Ange‐ höriger des Kaiserhauses an die Stelle des Tiberius trete. Nach der Darstellung des Tacitus, aber auch nach derjenigen Suetons galt vor allem Germanicus als Günstling der Aufständischen in den genannten Truppenteilen und Provinzen878, der sich aber gegenüber Tiberius als loyal erwies. 871 Marcus Vipsanius Agrippa Postumus (*12 v. Chr.; †14 n. Chr.) war der jüngste (nachgeborene)Sohn des Marcus Vipsanius Agrippa (*64 v. Chr. oder 63 v. Chr. in Arpinum oder in Dalmatien; †12 v. Chr. in Kampanien) und der Iulia, (*39 v. Chr.; †14 n. Chr.) einer Tochter des Augustus aus der Ehe mit dessen zweiter Gemahlin Scribonia (*spätestens um 65 v. Chr.; †nach 16 n. Chr., verheiratet mit Aug. zwischen 40 und 38 v. Chr.), der unmittelbaren Vorgängerin Livias als Gemahlin des Augus‐ tus. Vgl. Bellemore, J.: The Death of Agrippa Postumus and the Escape of Clemens, in: Eranos 98, 2000, S. 93–114. Detweiler, R.: Historical Perspectives on the Death of Agrippa Postumus, in: The Classic Journal 65, 1970, S. 289–295; Jameson, S.: Augustus and Agrippa Postumus, in: Historia 24, 1975, S. 287–314; 872 Germanicus war ein Sohn des älteren Drusus und der älteren Antonia. Die letztere (*36 v. Chr.; †37 n. Chr.) entstammte einer ehelichen Verbindung zwischen dem Triumvirn Marcus Antonius (*14. 01. 82 v. Chr., 83 v. Chr. oder 86 v. Chr.; †1. 08. 30 v. Chr.) und Octavia Minor (*um 69 v. Chr. in Nola; †11 v. Chr.), einer älteren Schwester des Augustus. Vgl. Christ, K.: Drusus und Germani‐ cus. Paderborn 1956. Kehne, P.: Germanicus. in: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde Bd. 11, Berlin/New-York 19982. Jahn, R. G.: Der Römisch-Germanische Krieg (9–16 n. Chr.). Dis‐ sertation, Bonn 2001. 873 Aus der Ehe zwischen Marcus Vipsanius Agrippa und Iulia Augusti gingen noch weitere Kinder hervor: 1. Gaius (Iulius) Caesar (*20 v. Chr.; †21. 02. 4 n. Chr. in Limyra, Lykien), 2. Lucius (Iulius) Caesar (* 17 v. Chr.; †20. 08. 2 n. Chr. in Massilia), 3. Vipsania Julia Agrippina, gen. Iulia minor, (*19/18 v. Chr.; † 28 n. Chr.) und 4. Vipsania Agrippina (*14 v. Chr.; †18. 10. 33 n. Chr.), die Ge‐ mahlin des Germanicus und Mutter des nachmaligen Kaisers Caligula. Da Nr. 1 und 2. aber in den Jahren 2. und 4 n. Chr. bereits verstorben waren, war Agrippa Postumus 14 n. Chr. neben Germani‐ cus der einzige direkte männliche Nachfahre des Augustus, der aus dynastischen Gründen die Nachfolge des Tiberius hätte gefährden können. Vgl. dazu: Bellemore, J.: The Death of Agrippa Postumus and the Escape of Clemens, in: Eranos 98, 2000, S. 93–114; Detweiler, R.: Historical Per‐ spectives on the Death of Agrippa Postumus, in: The Classic Journal 65, 1970, CAMWS, S. 289– 295; Jameson, S.: Augustus and Agrippa Postumus, in: Historia 24, 1975, S. 287–314; 874 Cassius Dio berichtet darüber, dass Tiberius noch von Nola aus, sämtliche Legionen und Provinzen über den Tod des Augustus benachrichtigte, aber einstweilen offen gelassen habe, ob er auch offizi‐ ell die Nachfolge des Augustus als Kaiser anzutreten beabsichtige. Vgl. dazu Cass. Dio 57, 2, 1; 875 Vgl. Tac. ann. 1, 31, 1: Isdem ferme diebus isdem causis Germanicae legiones turbatae; vgl. dazu: 1, 31 – 51; vgl. dazu Cass. Dio 57, 3, 1–2; 876 Vgl. Tac. ann. 1, 16, 1: hic rerum urbanarum status erat, cum Pannonicas legiones seditio incessit, …; vgl. dazu 1, 16–30; vgl. Cass. Dio 57, 4, 2–3; 877 Vgl. Tac. ann. 1, 46, 1: At Romae, nondum cognito qui fuisse exitus in Illyrico et legionum germani‐ carum motu aditu, trepida civitas accusare Tiberium, quod … dissideat interim miles neque duorum adulescentium nondum adulta auctoritate comprimi poteat. 878 Vgl. Tac. ann. 1, 3, 33. 35. 39; Cass. Dio 57, 3, 1–5, 1; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 187 Dass auch der Name des Agrippa Postumus bei den Aufständischen als Alternati‐ ve zu Tiberius eine Rolle gespielt haben könnte, ergibt sich aus Berichten über Ma‐ chenschaften eines ehemaligen Sklaven des Agrippa Postumus879. Tacitus berichtet da‐ rüber u. a. Folgendes: Postumi Agrippae servus, nomine Clemens, comperto Augusti fine pergere in insulam Planasiam et fraude ac vi Agrippam ferre ad exercitus Germani‐ cos non servili animo concepit. ausa eius impedivit tarditas onerariae navis; atque inte‐ rim parta caede ad maiora et magis praecipitia conversus furatur cineres vectusque Cosam, Etruriae promunturium, ignotis locis sese abdidit, donec crinem barbamque promitteret; … tum per idoneos et secreto eius socios crebrescit vivere Agrippam … Vul‐ gabatur interim per Italiam servatum munere deum Agrippam, credebatur Romae...880 (Ein Sklave des Agrippa Postumus, mit Namen Clemens machte sich, nach dem er vom Ende des Augustus gehört hatte, auf den Weg zur Insel Planasia und beschloss mit gar nicht sklavischem Mut, mit List und Gewalt Agrippa zu den germanischen Heeren zu entführen. Sein Vorhaben behinderte jedoch die Langsamkeit des [von ihm benutzten] Lastschiffs; und nachdem unterdessen der Mord verübt war, wandte er sich Größerem und Waghalsigerem zu, stahl die Asche, fuhr nach Cosa881, einem Vorgebirge Etruriens, versteckte sich dort an unbekannten Orten, bis ihm Haar und Bart lang genug gewachsen waren; … dann verbreitete er über geeignete und in sein Geheimnis eingeweihte Spießgesellen, dass Agrippa noch lebe … Auch in Italien ver‐ breitete sich das Gerücht, durch ein Geschenk der Götter sei Agrippa gerettet worden, man glaubte das auch in Rom.) Diese Notiz scheint zu belegen, dass Agrippa Postumus in einfacheren Bevölke‐ rungskreisen, d. h. auch in Soldatenkreisen, als denkbare Alternative zu Tiberius als Nachfolger des Augustus angesehen wurde, und zwar nicht erst im Jahre 16 n. Chr., als es endlich gelang, seines Doppelgängers Herr zu werden und diesen unschädlich zu machen, sondern noch mehr in der Anfangsphase der Regentschaft des Tiberius, als dieser anscheinend noch nicht genau wusste, in welchen verfassungsrechtlichen Formen er die Nachfolge seines Stiefvaters antreten sollte882. Dieses Problems dürfte sich auch Augustus selbst bewusst gewesen sein, als er sich nach dem Tod der beiden älteren Brüder des Agrippa Postumus dazu durchrang, nicht diesen, sondern seinen Stiefsohn Tiberius als seinen Nachfolger aufzubauen883. Denn zu demselben Zeitpunkt, zu welchem Augustus Tiberius an Sohnes statt an‐ nahm, adoptierte er auch Agrippa Postumus, – den er zwei Jahre später aber enterbte 879 Vgl. Tab. I, Nr. 4; 880 Vgl. Tac. ann. 2, 39–41, 1; 881 Cosa war eine römische Kolonie in der heutigen südlichen Toskana, im heutigen Stadtteil Ansedo‐ nia von Orbetello gelegen. Orbetello ist eine Stadt mit 14917 Einwohnern (Stand 31. 12. 2013) und einer Fläche von 226,98 km² in der Provinz Grosseto in Italien. Vgl. http://www.comune.orbetel‐ lo.gr.it/(2015); 882 Vgl. Huttner, U.: Recusatio Imperii. Ein politisches Ritual zwischen Ethik und Taktik. Hildesheim. 2004. 883 Dies geschah dadurch, dass er Tiberius am 26. 06. 4 n. Chr. adoptierte und dafür sorgte, dass ihm das imperium proconsulare maius und die tribunicia potestas übertragen wurden, wobei Augustus gleichzeitig Tiberius zwang, Germanicus zu adoptieren. Vgl. Hanslik, R., Tiberius 1, in KIP Bd. 5, Sp. 814–818. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 188 und genau wie seine Mutter (Iulia Augusti) vor ihm und seine Schwester Iulia (Agrip‐ pae) verbannte, zunächst nach Sorrent und 7 n. Chr. schließlich auf die Insel Plana‐ sia884. Deswegen wird man im Prinzip Alles für möglich halten dürfen, sowohl dass Li‐ via die Anordnung erteilte, Agrippa zu töten, um den unter dynastischen Gesichts‐ punkten gefährlichsten Konkurrenten ihres leiblichen Sohnes Tiberius als Nachfolger des Augustus zu beseitigen, aber auch dass Tiberius es war, der unter dem Vorwand einer entsprechende Weisung des Augustus die Tötung Agrippas veranlasst hatte, im Prinzip aber auch, dass Augustus tatsächlich eine solche Weisung für den Fall seines Ablebens selbst gegeben hatte. Auf der anderen Seite sind keinerlei Indizien dafür bekannt, dass Augustus in den Jahren zwischen dem Beginn des Exils des Agrippa Postumus im Jahre 7 n. Chr. und dessen Tod im August des Jahres 14 n. Chr. daran gedacht haben könnte, dessen Ver‐ bannung wieder aufzuheben oder ihn gar zu rehabilitieren. Im Gegenteil: Zu den ers‐ ten Maßnahmen, die nach der offiziellen Bekanntgabe des Ablebens des Augustus von Livia bzw. von Tiberius ergriffen wurden, um den politischen Wechsel zu organisie‐ ren, gehörte neben der feierliche Überführung des Leichnams von Nola nach Rom sowie der Herbeiführung von Beschlüssen, über die Durchführung der Begräbnisfei‐ erlichkeiten,885 die Eröffnung des Testaments des Augustus. Darüber überliefert Tacitus Folgendes: cuius testamentum inlatum per virgines Vestae Tiberium et Liviam heredes habuit. Livia in familiam Iuliam nomenque Augus‐ tum adsumitur; in spem secundam nepotes pronepotesque, tertio gradu primores civita‐ tis scripserat, plerosque invisos sibi...886 (sein Testament wurde durch Jungfrauen der Vesta herbeigetragen, welches Tiberius und Livia zu [Haupterben] einsetzte, in zwei‐ ter Linie auch die Enkel und Urenkel, in dritter auch die Ältesten des Staates, von de‐ nen die meisten sogar verhasst gewesen waren.) Es ist zu beobachten, dass dieses Testament als Haupterben nur Tiberius und Li‐ via eingesetzt hatte, während Agrippa Postumus und auch Germanicus testamenta‐ risch keine besondere Rolle spielten, nach Tacitus allenfalls in zweiter Linie unter den Enkeln und Urenkeln mit Legaten bedacht hätten sein können. Berücksichtigt man die Bedeutung, die für die Karriere des Augustus das Testament Caesars887 gespielt hatte, wird ersichtlich, dass zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Testamentes Agrippa Postumus unter den Erben des Augustus keine Sonderrolle spielte, damit auch nicht im Kreise möglicher Nachfolger im Prinzipat. 884 S. o. Bellemore, J.: The Death of Agrippa Postumus and the Escape of Clemens, in: Eranos 98, 2000, S. 93–114; Detweiler, R.: Historical Perspectives on the Death of Agrippa Postumus, in: The Classic Journal 65, 1970, S. 289–295; Jameson, S.: Augustus and Agrippa Postumus, in: Historia 24, 1975, S. 287–314; 885 Vgl. Tac. ann. 1, 8, 1–6; Suet. Aug. 100, 2–4; Cass. Dio 56, 32–47; 886 Vgl. Tac. ann. 1, 8, 1; 887 Vgl. Hanslik, R. Augustus, s. o. Sp. 745; immer noch grundlegend dazu: Schmitthenner, W.: Okta‐ vian und das Testament Cäsars. Eine Untersuchung zu den politischen Anfängen des Augustus, München 1952. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 189 Ein auch in chronologischer Hinsicht klareres Bild über die Pläne des Augustus bezüglich seiner eigenen Nachfolge liefert Sueton: Testamentum L. Planco C. Silio conss III. Non. Apriles, ante annum et quattuor menses quam decederat, factum ab eo ac duobus codicibus partim ipsius partem libertorum Polybi Hilarionis manu scriptum depositumque apud se Virgines Vestales cum tribus signatis aeque voluminibus protuler‐ unt. quae omnia in senatu aperta et recitata sunt. heredes instituit primos Tiberium ex parte dimidia et sextante, Liviam ex parte tertia, quos et ferre nomen suum iussit; se‐ cundos: Drusum Tiberi filium ex triente, ex partibus reliquis Germanicum liberosque ei‐ us tres sexus virilis; tertio gradu propinquos amicosque complures.888 (Das Testament, welches unter dem Konsulat des L. Plancus und des G. Silius [im Jahre 13 n. Chr.889] am 04. 04., ein Jahr und vier Monate, bevor er verstarb, errichtet worden war, und in zwei Bänden, teils von eigener Hand, teils von den Freigelassenen Polypios und Hil‐ arion niedergeschrieben worden war, und bei ihnen [den Vestalinnen] hinterlegt wor‐ den war, trugen die Vestalinnen zusammen mit noch drei weiteren gleich gesiegelten Schriftrollen herein. Diese wurden geöffnet und vorgelesen. Zu Erben setzte es an ers‐ ter Stelle Tiberius zur Hälfte und einem Sechstel, Livia zu einem Drittel ein, welche alle seinen Namen tragen sollten; an zweiter Stelle: Drusus den Sohn des Tiberius mit einem Drittel, mit den übrigen Teilen bedachte er Germanicus und dessen drei Kin‐ der männlichen Geschlechts; an dritter Stelle die [übrigen] Verwandten und Freunde.) Auch den Angaben Suetons ist zu entnehmen, dass Agrippa Postumus von Augus‐ tus erst nach Tiberius und Livia sowie nach Drusus890 und Germanicus nebst dessen damals lebenden drei Söhnen allenfalls an dritter Stelle testamentarisch bedachte, und zwar nach dem Stand einer letztwilligen Verfügung vom 04. 04. 13 n. Chr. Wenn Augustus eine Rehabilitierung des Agrippa Postumus erwogen haben sollte, dann hät‐ te dies in der kurzen Zeit zwischen dem 04. 04. 13 n. Chr. und der zwischen Anfang Juni und Anfang August 14. n. Chr. zu datierenden Abreise des Augustus nach Kam‐ panien891 geschehen sein müssen. Speziell aus diesem Zeitraum sind aber Ereignisse, die Rückschlüsse auf eine Ent‐ fremdung zwischen Augustus und Tiberius bzw. Livia schließen lassen könnten, nicht bekannt. Im Gegenteil: Im Jahre 13 n. Chr. erhielt Tiberius erneut die tribunicia pos‐ testas892 sowie das imperium maius893 übertragen, wodurch er bereits von dieser Zeit an die Stellung eines Mitregenten des Augustus innehatte. Eine weitere Machterweite‐ 888 Suet. Aug. 101, 1–2; 889 Vgl. dazu V. Ehrenberg and A. H. M. Jones, s. o. p. 40: AD 13. 890 Tiberius Drusus Iulius Caesar, Drusus d. J. (* um 15 v. Chr.; † 1. Juli 23), einziger Sohn des Tiberius und seiner ersten Frau, Vipsania Agrippina (*33 v. Chr.; †um 20 n. Chr.), einer Tochter von Augus‐ tus' Vertrautem M. Vipsanius Agrippa und Pomponia Caecilia Atticas, Enkelin des T. Pomp. Atticus. Vgl. Hanslik, R.: Drusus. II.1 Drusus Iulius Caesar. In: KIP Bd. 2, Sp. 171; 2. Sohn des Germanicus und Agrippina Maiors. Vgl. Hanslik, Drusus II.2 (DIII), in KlP Bd. 2, Sp. 171; Winterling, A.: Cali‐ gula, Eine Biographie, Drusus (III), Bruder des Caligula, München, 2007, S. 21, 35, 37-41, 45 f.. Grant, M.: The Roman Emperors. Bergisch Gladbach 1989, Tiberius S. 36-38; 891 S. o. Suet. Aug. 97, 3; 892 Vgl. Tac. ann. 1, 10, 7: etenim Augustus paucis ante annis, cum Tiberio tribuniciam potestatem rur‐ sum postularet … Vgl. Hanslik, R.,Tiberius, in KIP, Bd. 5, Sp. 816; 893 Vgl. Vell. 2, 121, 1: … et senatus populusque Romanus postulante patre eius, ut aeque ei ius in omni‐ bus provinciis exercitibusque esset quam ipsi … Vgl. Hanslik, R., Tiberius, in KIP, Bd. 5, Sp. 816; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 190 rung des Tiberius im Laufe des Jahres 13 n. Chr. umschreibt Cassius Dio mit folgen‐ den Worten: kaˆ proseyhf…sqh, p£nq' Ósa ¨n aÙtù met£ toà Tiber…ou kaˆ met' ™ke…-nwn tîn te ¢ieˆ ØpateuÒntwn kaˆ tîn ™j toàto ¢podedeigmšnwn, tîn te ™ggÒnwn aÙtoà tîn poihtîn dÁlon Óti, tîn te ¥llwn, Ósouj ¨n ˜k£stote prosparal£bῃ, bouleuomšnῳ dÒxῃ, kÚria æj kaˆ p£sῃ ¹ gerous…ᾳ ¢ršsanta eἶnai.894 (Ein weiterer Beschluss ging dahin, dass Alles, was er [Augustus] entscheide, im Einvernehmen mit Tiberius und den Beratern, mit den jeweils amtierenden und designierten Konsuln sowie seinen Enkeln895, den adoptierten natürlich, ferner mit den anderen, die er hin‐ zuziehe, gelte, wie im ganzen Senat entschieden.) Man könnte im Hinblick auf diese Machterweiterung geradezu von einem „Er‐ mächtigungsgesetz“ sprechen896, aufgrund dessen von Augustus mit seinem engsten Beraterstab, nicht zuletzt gemeinsam mit Tiberius getroffene Entscheidungen das Ge‐ wicht von Senatsbeschlüssen erhielten. Gestützt auf diese Vollmachten führte Augus‐ tus gemeinsam mit Tiberius am 11. 05. 14 n. Chr. also nur wenige Wochen vor seiner Abreise nach Kampanien einen Census durch897, wobei diese Informationen auch im Kontext damit zu sehen sind, dass sich Augustus nach Cassius Dio898 schon seit An‐ fang des Jahres 13 n. Chr. aus der aktiven Regierungstätigkeit zurückzog, indem er sich vor allem im Senat von einer wachsenden Zahl von „Beratern“ begleiten bzw. vertreten ließ und seine eigenen täglichen Amtsgeschäfte immer öfter im Liegen erle‐ digte899. Das aber bedeutet, dass jener Census in Wirklichkeit zwar im Auftrag des Augustus, aber im Wesentlichen doch von Tiberius durchgeführt worden sein dürfte. Von Entfremdungen oder gar Misstrauen zwischen Augustus und Tiberius kann somit gerade während der letzten Monate der Regierungszeit des Augustus kaum die Rede sein. Eine kritischere Haltung scheint Augustus in den letzten Monaten seiner Regie‐ rungszeit allenfalls gegenüber Eigenmächtigkeiten seiner Enkel eingenommen zu ha‐ ben: kaˆ Ópwj ge m¾ toà Germanikoà toà te DroÚsou gnèmon tina e„pÒntwn 894 Vgl. Cass. Dio, 56, 28, 2–3; 895 Gemeint sind Drusus und Gemanicus. 896 Diese Angaben des Cassius Dio stehen in einem gewissen Widerspruch zu der von Augustus in den res gestae aufgestellten Behauptung, dass er nach Ende der Bürgerkriege an Autorität alle anderen Amtsträger überragt habe, nicht jedoch an Amtsgewalt. Vgl. res gestae c. 34, 2: post id tempus auc‐ toritate omnibus praestiti potestatis autem nihil amplius habui quam ceteri, qui mihi in magistratu conlegae fuerunt. Aber im Hinblick darauf ist zu berücksichtigen, dass die von Dio beschriebenen Sonderrechte erst nach der Veröffentlichung der res gestae erfolgten. 897 Vgl. Suet. Tib. 21, 1: ac non multo post lege per consules lata, ut provincias cum Augusto communiter administraret simulque censum ageret, condito lustro in Illyricum profectus est. S. auch: V. Ehrenberg and A.H.M. Jones s. o. p. 40: [August I] III T. Caesar cens.[egerun]t c.s.c.R.k. …. Vgl. Hanslik, R., Tiberius, s. o. Sp. 816; 898 Vgl. Cass. Dio 56, 28, 1–4; 899 Vgl. Cass. Dio 56, 28, 3: toàt' oân ™k toà dÒgmatoj, Óper pou kaˆ ¥llwj tù œrgw eἶce, prosqšme‐ noj, oÛtw t¦ ple…w kaˆ katake…menoj œstin Óte ™crhm£tizein - Nachdem der Kaiser nach die‐ sem Beschluss das Sonderrecht, das er sonst schon besaß, hinzubekommen hatte, erledigte er wei‐ terhin, obschon im liegenden Zustand, die meisten öffentlichen Angelegenheiten. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 191 Øpot»sws… te ™k tÁj aÙtoà ™ntolÁj toàto genonšnai kaˆ ¢nexštaston aÙthn œlwn‐ tai, prosštaxe mhdšteron aÙtîn mhdὲn e„pe‹n.900 (Germanicus und Drusus aber verbot er, irgendwelche Erklärungen abzugeben, aus Sorge, es könne sonst der Verdacht aufkommen, das Ganze sei in seinem Auftrag ge‐ schehen und der Senat werde daraufhin seinen Antrag ohne weitere Nachprüfung an‐ nehmen.) Aber auch diese nach Cassius Dio im Jahre 13 n. Chr. gegen Germanicus und Dru‐ sus verhängten Redeverbote entsprachen weniger grundsätzlichen Vorbehalten des Augustus diesen beiden Enkeln gegenüber, als taktischen Zielen, und zwar im Interes‐ se der im Zusammenhang des Census verfolgten steuerpolitische Ziele901. Jedenfalls richteten sich diese Maßnahme nicht gegen Tiberius und dürften dessen Position ins‐ gesamt sogar noch gestärkt haben. Daher erscheinen die frühestens bei Tacitus greif‐ baren Gerüchte, nach denen Livia oder Tiberius aus der Sorge heraus, dass sich Au‐ gustus in seinen letzten Lebensmonaten mit dem Gedanken getragen haben könnte902, die Optionen des Tiberius auf seine Nachfolge zu Gunsten des Agrippa Postumus ein‐ zuschränken, Augustus mittelst eines Verbrechens aus dem Wege geräumt haben könnten, – sowohl aus überlieferungsgeschichtlichen Erwägungen903 als auch unter dem Aspekt des cui bono als nicht plausibel. Insofern weder Livia noch Tiberius plausible Motive besaßen, Augustus beseitigen zu lassen, wird man für das scheinbar so verdächtige Verhalten Livias unmittelbar vor und nach dem Ableben des Augustus auch in andere Richtungen ermitteln müssen, – vor allem in Richtung solcher Personen, bei denen aufgrund enger verwandtschaftli‐ cher Beziehungen eine testamentarische Berücksichtigung unbedingt zu erwarten ge‐ wesen wäre, die aber gleichwohl von Augustus enterbt wurden. Dazu gehören seine ersten beiden Gemahlinnen, Clodia904 und deren Umfeld sowie Scribonia905, die Mut‐ ter Julias, der einzigen Tochter des Augustus, die den Tod des Augustus noch erleb‐ 900 Vgl. Cass. Dio 56, 28, 5; 901 Nach Cassius Dio diente der Zensus u. a. als Voraussetzung für die Erhebung einer neuartigen Steuer, die nicht nur im Senat heftig kritisiert wurde, sondern auch in großen Teilen der Bevölke‐ rung, so dass angeblich sogar ein Aufruhr befürchtet wurde. Vgl. Cass. Dio 56, 28, 4: epe… te ™pˆ tÍ e„kostÍ p£ntej æj e„pe‹n, ™barÚnonto, kaˆ ™dÒkei ti neèteron œsesqai, œpemye bibl…on ™j t¾n boul»n, keleÚwn ¥llouj tin£j aÙtºn pÒrouj ™pizhtÁsai. – Da nun fühlten sich aber fast alle durch die fünfprozentige Abgabe belastet und es schien, dass ein Aufruhr entstehen könne, da schickte er [Augustus] einen Brief an den Senat und ersuchte darum, andere Einnahmequellen ausfindig zu machen. 902 S. o. Tac. ann. 1, 5, 1: ….et quidam scelus uxoris suspectabant... 903 S. o. Tac. ann. 1, 5, 2: neque multo post extincto Maximo, dubium an quaesita morte, auditos in fune‐ re eius Marciae gemitus semet incusantis, quod causa exitii marito fuisset. Man muss sich in Bezug darauf fragen, ob es nicht einer häufigen Erfahrung entspricht, dass die Frau eines Mannes, bei dem Zweifel bestehen, ob er sich selbst getötet hat, sich fragt, ob sie an dem Suizid ihres Mannes Schuld trage, ohne dass sich daraus ein „gerichtsfester“ Beleg für den Wahrheitsgehalt bestimmter Gerüchte ableiten ließe. 904 (*um 54 v. Chr., Todesdatum?) Mit Augustus verheiratet zwischen 42 u. 40 v. Chr.; vgl. Bleicken, J.: Augustus. Berlin 1998, S. 141 u. 706–707. Stein: Claudius 390. In: RE. Bd. III 2, Stuttgart 1898, Sp. 2886 f.; 905 Mit Augustus verh. zw. 40 u. 38 v. Chr. (*spätestens um 65 v. Chr.; †nach 16 n. Chr.); vgl. Leon, E. F.: Scribonia and her daughters. In: Transactions and Proceedings of the American Philological As‐ Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 192 te906, – sie starb zwar ebenfalls im Jahre 14 n. Chr., nach der relativen Chronologie des Tacitus aber erst nach ihrem Vater907 – und deren zahlreiche, z. T. auch „angeheirate‐ te“ Verwandte908. Eine systematische Recherche in diesen Richtungen verbietet sich, insofern, aus‐ gehend von den zahlreichen und hochrangigen verwandtschaftlichen Beziehungen der o. g. Frauen gewissermaßen der gesamte römische Hochadel jener Zeit unter Ge‐ neralverdacht gestellt werden müsste. Dennoch darf nicht außer Betracht bleiben, dass gerade von den „ersten Opfern“ der politischen Justiz des Tiberius direkte Spuren in die verwandtschaftliche Nähe der ersten beiden Gemahlinnen des Augustus füh‐ ren. Das gilt für Agrippa Postumus909, bzw. dessen Doppelgänger, den Sklaven Cle‐ mens910, genauso wie für Drusus Libo911, Germanicus912 und Gn. Calpurnius Piso913. Und im Zusammenhang damit verdient besondere Beachtung, dass Tiberius auch in militärischer Hinsicht während der Anfangsphase seiner Regierungszeit vor allem dort eine besondere Gefahr witterte, wo der Einfluss von Persönlichkeiten aus dem Umfeld Scribonias, der zweiten Gemahlin des Augustus stark zu sein schien. sociation. Bd. 82, 1951, S. 168–175; Scheid, J.: Scribonia Caesaris et les Julio-Claudiens: Problèmes de vocabulaire de parenté. In: Mélanges de l’École Française de Rome. Antiquité 87, 1975, S. 349 ff.; ders.: Scribonia Caesaris et les Cornelii Lentuli. In: Bulletin de Correspondence Hellénique 100, 1976, S. 485–491; Strothmann, M.: Scribonia [1]. In: DNP. Bd. 11, Stuttgart 2001, Sp. 301; Syme, R.: The Augustan aristocracy. Oxford 1986, S. 57, 247–257. Winkler, G.: Scribonius II. 7. In: KIP Bd. 5, Stuttgart 1979, Sp. 55; 906 Vgl. Fantham, E.: Julia Augusti. The emperor’s daughter. London 2006. Schmitzer, U.: Julia – die Ohnmacht der Erotik. In: Feichtinger, B. (Hrsg.): Gender Studies in den Altertumswissenschaften: Aspekte von Macht und Erotik in der Antike. Trier 2010 S. 151–176; 907 Vgl. Tac. ann, 1, 53, 1: Eodem anno suppremum diem obiit, ob impudiciam olim a patre Augusto Pandateria insula, mox oppido Reginorum, qui Siculum fretum accolunt clausa.... 908 37 n. Chr. wurde Julia erstmalig verlobt, mit Marcus Antonius Antyllus, dem ältesten Sohn Marc Antons. Nach der Schlacht bei Aktium 31 v. Chr. wurde dieses Verlöbnis aber wieder gelöst (Vgl. Cass. Dio 48, 34, 3;). Ihre erste Ehe ging sie mit im Jahre 25 v. Chr. mit M. Claudius Marcellus ein (* 42 v. Chr.; † September 23 v. Chr. in Baiae), einem Neffen des Augustus, der aber im Jahre 23 v. Chr. verstarb. In dritter Ehe war sie verheiratet mit Marcus Vipsanius Agrippa (*64 v. Chr. oder 63 v. Chr. in Arpinum oder in Dalmatien; †12 v. Chr. in Kampanien;). Aus dieser Ehe gingen als Kin‐ der hervor: Gaius (Caesar), Vipsania Julia, Lucius (Caesar), Agrippina und Agrippa Postumus. Au‐ ßerdem sind vier Liebhaber bekannt: Iullus Antonius (Vgl. Velleius 2. 100), Ti. Sempronius Grac‐ chus, T. Quinctius Crispinus, Appius Claudius Pulcher, Cornelius Scipio. Vgl. Fantham, E., Julia Au‐ gusti: The Emperor's Daughter, New York, 2006. Barrett, A. R., Livia: First Lady of Imperial Rome, New Haven: 2002. 909 Vgl. Tab. I, 2, †14 n. Chr., ein Sohn der Iulia Augusti aus ihrer Ehe mit Marcus Vipsanius Agrippa; 910 Vgl. Tab. I, 4, gest. 17 n. Chr., ein ehemaliger Sklave des o. g. (Tab. I, Nr. 2;). 911 Vgl. Tab. I, Nr. 3, gest. 16. n. Chr., Marcus Scribonius Libo Drusus, ein Großneffe Scribonias; vgl. Eck, W.: Scribonius [II 6]. In: DNP. Bd. 11, Stuttgart 2001, Sp. 305; Gärtner, Th.: Drusus Libo als Exempel für einen wohlüberlegten Selbstmord (Sen. epist. 70, 10). In: Klio. Bd. 92, 2010, Heft 2, S. 411–422; Pettinger, A.: The Republic in Danger: Drusus Libo and the Succession of Tiberius. Ox‐ ford und New York 2012. Prosopographia Imperii Romani, Pars VII, Fasciculus II, Berlin 2006, S. 104–105 (PIR² S 268.). 912 Vgl. Tab. I, 5, †19 n. Chr., Nero Claudius Germanicus (*24. 05. 15 v. Chr.; †10. 10. 19 n. Chr. in Antiochia am Orontes), als ein Sohn Drusus´d. Ä. und Antonias d. J., versippt mit Augustus´erster Gemahlin Clodia, durch seine Ehe mit Agrippina d. Ä. versippt mit deren Mutter, Iulia Augusti. 913 Vgl. Tab. I, Nr. 7, †20 n. Chr., als Angehöriger der Familie der Calpurnii Pisones praktisch mit allen hochadeligen Familien Roms versippt. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 193 Tacitus berichtet über die erste von Tiberius selbst organisierte Militäraktion zur Eindämmung gegen seine Herrschaft gerichteter Bestrebungen Folgendes: Haec audi‐ ta … Tiberium pepulere, ut Drusum filium cum primoribus civitatis duabusque praeto‐ riisque cohortibus mitteret, nullis satis certis mandatis, ex re consulturum. et cohortes delecto militum supra solitum firmatae. additur magna pars praetoriani equitis et Ger‐ manorum, qui tum custodes imperatori aderant. simul praetorii praefectus Aelius Seia‐ nus, collega Straboni patri suo datus, magna apud Tiberium auctoritate, rector iuveni et ceteris periculorum praemiorumque ostentator.914 (Dieses trieb Tiberius dazu, Dru‐ sus915, seinen Sohn mit führenden Persönlichkeiten des Staates und zwei Prätorianer‐ kohorten [nach Illyrien (aus dem Kontext ergänzt)] zu entsenden, ohne bestimmte Aufträge, außer dem Befehl, nach der Lage Dinge zu entscheiden. Auch wurden die Kohorten durch eine ungewöhnliche Auswahl von Soldaten verstärkt. Es wurde ein Großteil der Reiterei der Prätorianer hinzugegeben sowie von Germanen [Hilfstrup‐ pen). Zugleich wurde der Prätorianerpräfekt Aelius Sejanus, als Amtskollege seines Vaters Strabo beigeordnet, der bei Tiberius in hohem Ansehen stand, den jungen Drusus anleiten sollte und den übrigen zeigen sollte, die Gefahren zu überstehen und Belohnungen zu erringen.) Dem Text ist zu entnehmen, dass Tiberius nach Illyrien „Elitetruppen“ entsandte, unter Führung seines Sohnes Drusus, den aber nach Tacitus bereits Sejan begleiten und anleiten sollte, was darauf schließen lässt, dass Sejan bereits vor dem Regierungs‐ antritt des Tiberius, somit auch bereits vor dem Ableben des Augustus, das Vertrauen des Tiberius genoss. Diese Überlegung bekommt ein zusätzliches Gewicht, wenn man berücksichtigt, dass der von Drusus und Sejan angeführten Militäraktion in Illyrien mehr politische als militärische Aufgaben zugedacht waren. Diesen Eindruck bestä‐ tigt auch eine Notiz Suetons über den historischen Kontext jener Expedition. Den Reflexionen Suetons über das angebliche Zögern des Tiberius beim Antritt der Nachfolge des Augustus sind folgende Formulierungen zu entnehmen: Cunctandi causa erat metus undique imminentium discriminum, ut saepe lupum se auribus tenere diceret. nam et servus Agrippae Clementis nomine non contemnendum manum in ultio‐ nem domini compararat et Scribonius Libo vir nobilis res novas clam moliebatur et dupplex seditio militum in Illyrico et in Germania exorta est. …. compositis seditioni‐ bus… Libonem, ne quid in novitate acerbius fieret, secundo demum anno in senatu coarguit, medio temporis spatio tantum cavere contentus;916 (Grund für das Zögern war Furcht vor von allen Seiten drohenden Gefahren, so dass er oft sagte, ein Wolf halte ihn an den Ohren. Denn sogar ein Sklave des Agrippa mit Namen Clemens hat‐ te eine nicht zu verachtende Schar zur Rächung seines Herrn zusammengebracht und Scribonius Libo917, ein Mann von Adel, arbeitete heimlich an einem Umsturz und ein zweifacher Aufstand entstand in Illyrien und in Germanien. Als die Aufstände nie‐ 914 Vgl. Tac. ann I, 24, 1–2; 915 Vgl. dazu Tab. I, 9; Tiberius Drusus Iulius Caesar, d. J., (*um 15 v. Chr., †1. 07. 23), 14 n. Chr. ca. 28 Jahre alt. 916 Vgl. Suet. Tib. 25, 1 u. 3; 917 Gemeint ist: M. Scribonius Drusus Libo; vgl. Winkler, G.; Scribonius II, 2, in: KlP, Bd. 5, Sp. 55; s. o. Tab. I, Nr. 3; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 194 dergeworfen waren, klagte er den Libo, damit nicht gleich zu Beginn seiner Herr‐ schaft allzu Bitteres geschehe, erst im zweiten Jahr darauf im Senat an, und gab sich in der Zwischenzeit damit zufrieden, auf der Hut zu sein.) Nach Auffassung Suetons oder der Verfasser der von diesem benutzten Quellen, hatte Drusus Libo, d. h. ein Neffe der Scribonia, Augustus´zweiter Gemahlin, obwohl er erst im Jahre 16 n. Chr. als mutmaßlicher Verschwörer unter Anklage gestellt wur‐ de, bereits 14 n. Chr. seine Hände mit im Spiel gehabt, als u. a. in Illyrien „gezündelt“ wurde. Und vor dem Hintergrund dieser Entwicklung stellt sich dem Betrachter na‐ türlich die Frage, ob nicht bereits Augustus ein derartiges Szenario vorausgesehen, oder zumindest befürchtet hatte, als er im Frühsommer des Jahres 14 n. Chr., seine ei‐ gene gesundheitliche Hinfälligkeit in Rechnung stellend und sein baldiges Ende vor‐ aussehend, den seiner Meinung nach tüchtigsten General, seinen Stiefsohn Tiberius nach Illyrien beorderte918, um einer solchen Gefahr entgegen zu wirken und dass Ti‐ berius selbst sich für diese Expedition, die er wegen des Ablebens des Augustus aber nicht mehr hatte antreten bzw. nicht hatte zu Ende führen können, bereits Sejan als persönlichen Adjutanten auserkoren hatte. Dass Tiberius den Beginn seiner eigene Expedition nach Illyrien immer wieder herausgezögert hatte bzw. unverzüglich abbrach, als er die Nachricht bekam, dass Au‐ gustus im Sterben liege, erklärt sich daraus, dass er seinen eigenen Anspruch auf die Nachfolge des Augustus weniger durch einen Aufstand in Illyrien gefährdet sah als durch die Gefahr einer seinen Interessen zuwiderlaufende Entscheidung im Senat, so lange nicht das Testament des Augustus dessen klare Willensbekundung zum Aus‐ druck brachte, dass Tiberius auch in Bezug auf die von ihm inne gehabte Stellung im Staat seine Nachfolge antreten sollte. Die größte Gefahr für eine Vereitelung der Nachfolge des Tiberius hätte dann be‐ standen, wenn es der Umgebung im Testament des Augustus übergangener Verwand‐ ter gelungen wäre, noch vor seiner Veröffentlichung im Senat Entscheidungen durch‐ zusetzen, welche den testamentarischen Willen des Augustus durchkreuzten. Und da‐ raus wiederum erklärt es sich, dass Livia dafür sorgte, dass die Nachricht vom Able‐ ben des Augustus nicht eher öffentlich bekannt gegeben wurde, als sicher gestellt war, dass vor allen anderen denkbaren Entscheidungen des Senats über die politische Zu‐ kunft Roms nur solche über die postmortalen Ehrungen des Augustus getroffen wur‐ den, in deren Rahmen eine Veröffentlichung des Testaments geplant war, nach der eine politische Entscheidungen, die im Widerspruch zu dem Willen des Verstorbenen bezüglich seines Erbes standen, praktisch nicht mehr möglich waren. Auch Augustus selbst scheint alles in seiner Macht stehende getan zu haben, um so lange als möglich politische Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Nach in diesem Punkte übereinstimmenden Zeugnissen des Tacitus, Suetons und Cassius Dios wurde Augustus erst in Nola bettlägerig und regierungsunfähig. Berücksichtigt man ferner die in Bezug auf angebliche Vorzeichen während der Abschlussfeierlichkeiten aus An‐ lass des Zensus des Jahres 14 n. Chr. und deren Deutung übereinstimmenden Zeug‐ 918 Die Entsendung des Tiberius durch Augustus nach Illyrien wird sowohl von Tacitus (Vgl. Tac. ann. 1, 5, 3;) als auch von Sueton (Suet. Aug. 97, 3;) und Cassius Dio (Vgl. Cass. Dio 56, 31, 1;) bezeugt. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 195 nisse Suetons und Cassius´ Dios, dann hätte Augustus von jenem Zeitpunkt an, der sich in etwa auf den 20. Mai datieren ließe, noch einhundert Tage die ihm obliegen‐ den Amtspflichten als Kaiser dem äußeren Anscheine nach ausgeübt. Dass Augustus sich vorher angeblich noch mit zahlreichen Rechtsstreitigkeiten919 beschäftigte, dann auch noch eine Reise nach Kampanien unternahm, danach an den zu seinen Ehren veranstalteten gymnastischen Spielen in Neapel teilnahm920, ja sogar auch noch nach Benevent reiste, wird man daher nicht ausschließen dürfen, obwohl darüber außer von Sueton von niemandem berichtet wird921. Denn all jene Aktivitä‐ ten fanden ja unter den Augen der Öffentlichkeit statt, so dass eine literarische Fikti‐ on bezüglich dieser Aktivitäten, auch in den Quellen, aus denen Sueton hierbei schöpfte, ausgeschlossen werden kann. Das gilt auch für verschiedene Aktivitäten während der Schiffsreise des Augustus durch den Inselarchipel Kampaniens. Denn abgesehen von jenen vier Tagen, die Augustus angeblich in einer abgeschie‐ denen Villa auf Capri verbrachte, scheute er nach Sueton auch in Kampanien die Öf‐ fentlichkeit keineswegs. Er soll in jener Zeit u. a. Passagiere und Seeleute eines Schif‐ fes aus Alexandrien mit großzügigen Geldgeschenken bedacht haben.922 Auch für die‐ se Aktivitäten muss es zahlreichen Zeugen gegeben haben, die sich nach de Tode des Augustus an derartige Begebenheiten gern erinnerten, so dass Sueton auch diese In‐ formationen nicht „fingiert“ haben dürfte. Selbst dass Augustus die im Mai geplante Reise nach Benevent auch noch wirklich angetreten hat, wird man aufgrund ihres öf‐ fentlichen Charakters kaum bezweifeln dürfen, auch wenn darüber nur Sueton be‐ richtet. Unklarheit besteht allerdings hinsichtlich des genauen Zeitpunkts seines Abste‐ chers nach Benevent, insofern die „Krankheit“, welcher er erlag, nach Sueton erst nach der Rückkehr von dort zum Ausbruch kam923. Im Zusammenhang damit stellt sich auch die Frage nach Begleitern, die ein Interesse daran gehabt haben könnten, das Ableben des Augustus zu beschleunigen. Insofern die Reise vor den Augen der Öf‐ fentlichkeit stattfand und dazu diente, dem Tiberius auf der Reise nach Illyrien ein Ehrengeleit zu geben, wird man nicht ausschließen dürfen, dass sich auf dieser Reise in der Begleitung des Augustus neben Tiberius, als dessen Adjutant vielleicht auch Se‐ jan befand sowie natürlich Livia, die Gemahlin des Augustus und ein Arzt, als ge‐ sundheitlicher Betreuer. Denn einerseits hatte Augustus bereits zum Zeitpunkt seiner Abreise aus Rom die Absicht, Tiberius auf seinem Weg nach Illyrien bis Benevent ein Ehrengeleit zu ge‐ ben924, was rituell dem Brauch entsprach, dass dem Abmarsch römischer Feldherrn 919 Der kurz zuvor durchgeführte Zensus könnte dafür Stoff geboten haben. S. o. Suet. Aug. 97, 3; 920 S. o. Aug. 97, 5: mox Neapolim traiecit, quamquam etiam tum infirmis intestinis morbo variante,,, 921 Vgl. Suet. Aug. 97, 3: Tiberium igitur in Illyricum missurus et Beneventum usque prosecuturus... und Suet. Aug. 98, 5: … et cum Tiberio ad destinatum locum contendit... 922 Vgl. Suet. Aug. 98, 2: Forte Puteolanum sinum praetervehenti vectores nautaeque de navi Alexandri‐ na,,, candidati coronatique et tura libantes fausta omina et eximias laudes congesserant...qua re ad‐ modum exhileratus quadrenos aureos comitibus divisit... 923 S. o. Suet. Aug. 98, 5: sed in redeundo adgravata valetudine tandem Nolae succubuit... 924 S. o. Suet. 97, 3; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 196 traditioneller Weise eine Musterung der Truppen auf dem Marsfeld vorausging. Au‐ ßerdem soll Augustus nach Sueton diese Absicht erst geraume Zeit später realisiert haben, – erst nach Erledigung etlicher Amtsgeschäfte in Rom925, nach einem viertägi‐ gen – durch seine in Astura ausgebrochenen Gastroenteritis – verursachten Aufenthalt auf Capri926, nach einer Art Kreuzfahrt durch den Archipel des Golfes von Neapel927, nach einem wahrscheinlich ebenfalls viertägigen Besuch Neapels928, – also erst unmit‐ telbar vor dem Beginn seiner Bettlägerigkeit in Nola929, d. h. erst im August. Vor dem Hintergrund dieser Informationslage ist es verständlich, dass schon in den Tacitus vorliegenden Quellen Gerüchte überliefert waren, nach denen Augustus nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern einem von seiner langjährigen drit‐ ten Ehefrau Livia ausgeübten oder veranlassten Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte. Diese Gerüchte hielt Tacitus immerhin für erwähnenswert930, Sueton igno‐ rierte sie zwar931, Cassius Dio jedoch konkretisierte sie sogar, durch die Erzählung, dass Livia ihren Gemahl durch frisch von einem Baum gepflückte, aber zuvor noch am Baum vergiftete Feigen vergiftet habe932. Und obwohl weder Livia noch Tiberius, objektiv betrachtet, ein Motiv hatten, Augustus zu töten oder töten zu lassen, wird man nicht völlig ausschließen können, dass sich aus den oben skizzierten politischen Problemen im Zusammenhang der Bekanntgabe des Ablebens des Augustus ein Mo‐ tiv dafür ergeben haben könnte, das Ableben des Augustus zu beschleunigen, - sofern es in der Begleitung des Tiberius oder Livias Personen gegeben haben sollten, die be‐ reit waren, „ihre Hilfe“ dabei anzubieten, wie vielleicht Sejan oder gar ein Arzt. Ein moderner „Verteidiger“ würde allerdings bezüglich Livias fragen, ob diese da‐ mals auch ein plausibles Motiv hatte, einen Gattenmord zu begehen. Selbst wenn man unterstellt, dass ihr das Schicksal ihres einzigen Kindes, des am 16. 11. 37 v. Chr. ge‐ borenen933, also im Todesjahr des Augustus bereits über 50-jährigen Tiberius stärker am Herzen lag, als dasjenige des Augustus. Mit ihm war sie zwar seit über einem hal‐ ben Jahrhundert verheiratet, hatte aber keine Kinder von ihm; daher ist nicht erkenn‐ bar, dass sie einen Vorteil für sich selbst oder Tiberius darin gesehen haben könnte, Augustus mittelst eines Verbrechens aus dem Wege zu räumen, – es sei denn sie hätte durch ein „Verbrechen“ lediglich einem entsprechenden Wunsch ihres Gatten stattge‐ ben wollen. 925 S. o. Suet. Aug. 97, 3:...cum interpellatores aliis atque aliis causis in iure dicendo detinerent... 926 S. o. Suet. Aug. 98, 1: … Caprearum quoque secessu quadriduum impendit... 927 S. o. Suet. Aug. 98, 1: tunc Campaniae ora proximisque insulis circuitis... 98, 4: …. vicinam Capreis insulam Apragopolin appellabat a secedentium illuc e comitatu suo... 928 S. o. Suet. Aug. 98, 5: mox Neapolim traiecit...et quinquenale certamen … perspectavit …et cum Tibe‐ rio ad destinatum locum contendit. 929 S. o. Suet. Aug. 98, 5: sed in redeundo adgravata valetudine tandem Nolae succubuit... 930 S. o. Tac. an. 1, 5, 1: … gravescere valetudo Augusti, et quidam scelus uxoris suspectabant. 931 S. o. Suet. Aug. 99, 1–2; 932 S. o. Cass. Dio 56, 30, 2; 933 Zum Geburtstag des Tiberius vgl. Seager, R.: Tiberius. Malden/Massachusetts 20052. Shotter, D. C. A.: Tiberius Caesar. London 20042. Syme, R.: History or Biography. The Case of Tiberius Caesar. In: Historia 23, 1974, S. 481–496; Zvi Yavetz: Tiberius. Der traurige Kaiser. München 2002. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 197 Sueton kommentierte den angeblich „leichten“ Tod des Augustus in den Armen seiner Gemahlin mit folgenden Worten: nam fere quotiens audisset cito ac nullo cru‐ ciatu defunctum quempiam, sibi et suis eÙqanas…an similem– hoc enim verbo uti sole‐ bat – praecabatur.934 (denn so oft er [Augustus] davon gehört hatte, dass jemand schnell und ohne Qual verstorben sei, erbat er für sich und die seinen einen ähnli‐ chen – dieses Wort pflegte der nämlich zu benutzen – „schönen Tod“.) Da Augustus sich nach Sueton zur Bezeichnung eines „schönen Todes“ des grie‐ chischen Wortes eÙqanas…an bediente, könnte man u. U. auf den Gedanken kom‐ men, dass Livia den Wunsch ihres Gemahls dahingehend deutete, dass sie jenem zu gegebener Zeit „Gift“ zu applizieren habe, welches ihr als geeignet erschien, ihm die‐ sen Wunsch, im Sinne von „Sterbehilfe“ zu erfüllen. Im Widerspruch dazu steht aber die Angabe Suetons, nach welcher Augustus diesen Ausdruck immer dann gebrauch‐ te, wenn er davon gehört hatte, dass „ … jemand schnell und ohne Qual verstorben sei....“ Dies Formulierung lässt keinen Spielraum für die Annahme, dass Augustus, wenn er diesen Ausdruck benutzte, an eine durch eine Intoxikation herbeigeführte Tötung gedacht haben könnte935. Berücksichtigt man ferner die konkreten Maßnahmen Livias bzw. des Tiberius im unmittelbaren Anschluss an die öffentliche Bekanntgabe von Augustus´ Ableben, ins‐ besondere die feierliche Überführung des Leichnams nach Rom936, die Testamentser‐ öffnung im Senat937 sowie die Herbeiführung eines Beschlusses über die Divinisie‐ rung des Verstorbenen938, so wird erkennbar, dass Livia die Nachfolge des Tiberius in dem Falle für am meisten gefährdet ansah, dass die Nachricht vom Ableben des Au‐ gustus wesentlich früher bekannt geworden wäre, als der Inhalt seiner letztwilligen Verfügungen: – der aber ließ keinen Zweifel daran zu, dass der zwischenzeitig zum deus erhobene Augustus sich niemand anderen als Nachfolger auserkoren hatte, als seinen Stiefsohn Tiberius, der von jenem Zeitpunkt an auch den Titel divi filius führen durfte. Dieser Titel aber hatte zur Folge, dass jede Form von politischem Widerstand gegen die Ansprüche des Tiberius auf die Nachfolge des Augustus gegebenenfalls strafrechtlich als Gotteslästerung zu ahnden und mit dem Tode zu bestrafen gewesen wäre939. 934 Vgl. Suet. 99, 2; 935 Diese Feststellung steht im Gegensatz zu alternativen Deutungen in der medizingeschichtlichen Li‐ teratur, nicht zuletzt zu denen Th. Potthoffs und U. Benzendorfers; siehe dazu die Einleitung sowie das Literaturverzeichnis in dieser Arbeit; eher kryptisch äußerte sich dazu G. Marasco (Augustus, in Leven, K.-H.: Antike Medizin. … s. o. Sp. 128;). 936 Vgl. Tib. Aug. 100, 2–4; Cass. Dio 56, 31, 2; 937 Vgl. Tac. ann. 1, 8, 1–2; Suet. Aug. 101, 1–4; Cass. Dio 56, 32, 1–34; 938 Vgl. Tac ann. 1, 8, 1: Nihil primo senatus die agi passus nisi supremis Augusti, cuius testametum inla‐ tum … Tiberium et Liviam heredes habuit. und Tac. ann. 1, 10, 8: ceterum sepultura more perfecto templum et caelestes religiones decernentur. Vgl. Suet. Tib. 100, 3–4: … ac a senatorum umeris dela‐ tus in Campum [Martium] crematusque … nec defuit vir praetorius, qui se effigiem cremati euntem in caelum vidisse iuravit. reliquias legerunt primores … ac Mausoleo condiderunt. Vgl. auch Cass. Dio 56, 46, 1–47; 939 Vgl. Dreßler, J.: Philosophie vs. Religion? Die Asebie-Verfahren gegen Anaxagoras, Protagoras und Sokrates im Athen des fünften Jahrhunderts v. Chr. Books on Demand, Norderstedt 2010. Thal‐ heim, Th.: Ἀσεβείας γραφή. In: RE, Bd. II 2, Stuttgart 1896, Sp. 1529–1531; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 198 So gerät unversehens auch Tiberius in den Kreis der des angeblichen Mordes an Augustus verdächtigen Personen, obwohl gerade in dessen Fall höchst widersprüchli‐ che Informationen überliefert sind, ob er nach seiner Rückkehr aus Dalmatien oder wenigstens von der Reise dorthin in Nola Augustus überhaupt noch lebend angetrof‐ fen hat940 und obwohl, objektiv betrachtet, auch für ihn kein Grund bestand, zu be‐ fürchten, dass Augustus die Absicht gehabt haben könnte, ihn in den letzten Monaten seines Lebens vom ersten Platz seiner Erben und möglichen Nachfolger auf dem „Kaiserthron“ wieder zu verdrängen. Andererseits kann aber wegen der widersprüchlichen Überlieferungslage in Be‐ zug auf die Möglichkeit der Anwesenheit des Tiberius941 beim Tode des Augustus nicht ausgeschlossen werden, dass Tiberius subjektiv, vielleicht beraten durch Sejan, mit der Möglichkeit einer Veränderung der Nachfolgeregelung zu seinen Ungunsten rechnete und eben dagegen Vorkehrungen glaubte treffen zu müssen. Um diesen Ge‐ dankengang besser verstehen zu können, ist es nötig sich zu vergegenwärtigen, dass die persönlichen Beziehungen zwischen Tiberius und Augustus nicht sehr persönlich gewesen sein dürften und Tiberius am eigenen Leibe hatte erfahren müssen, dass we‐ der eine Blutsverwandtschaft mit Augustus noch eine Adoption durch diesen die Be‐ troffenen vor politische Verfolgungen schützten. In erster Ehe war er zwischen 16 und 12 v. Chr. mit Vipsania Agrippina verheira‐ tet gewesen, der Tochter von Octavians engem Vertrauten Marcus Vipsanius Agrippa, die ihm im Jahre 15 v. Chr. seinen einzigen leiblichen Sohn gebar, Tiberius Drusus Iulius Caesar. (hier Drusus d. J. genannt)942. Bereits drei Jahre nach dessen Geburt trennte sich Tiberius aber auf Drängen des Augustus von dessen Mutter, um Julia, die Tochter des Augustus zu heiraten, und wurde dafür im Jahre 6 v. Chr. auch politisch belohnt, und zwar durch die Verleihung der tribunicia potestas auf 5 Jahre, wodurch Tiberius bereits damals schon einmal als Schwiegersohn des Kaisers und Mitregent auch als einer der aussichtsreichsten Kandidaten auf dessen Nachfolge als Kaiser ge‐ golten hatte943. 940 Tacitus äußert in dieser Beziehung Zweifel. Vgl. Tac. ann. 11, 5, 3; … vixdum ingressus Illyricum Tiberius properis matris litteris accitur; neque satis compertum est, spirantem adhuc Augustum apud urbem Nolam an exanimuem repperit ….Sueton behauptet sogar, dass Augustus selbst Tiberius von Nola aus zurückbeordert habe, und letzterer sogar noch mit seinem Stiefvater habe reden können. Vgl. Suet. Aug. Aug. 98, 5: … revocatumque ex itinere Tiberium diu secreto sermone detinuit …, während Cassius Dio betont, dass Livia den Tod des Augustus im Wesentlichen nur bis zur Rück‐ kehr des Tiberius geheimgehalten habe, um der Gefahr eines Umsturzes zu dessen Lasten vorzu‐ beugen. s. o. Cass. Dio 56, 31, 1; andererseits erwähnt aber auch Cassius Dio Gerüchte, nach denen Tiberius eventuell doch noch mit Augustus gesprochen haben könnte. Vgl. Cass. Dio 1, 31, 1: e„sˆ g¦r tinej, o† kaˆ paragenšsqai tÕn Tibšrion tÍ nÒsῳ aÙtoà kaˆ ™pisk»yeij tinaj par' aÙtoà labe‹n œfasan. 941 Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Nachricht, Tiberius sei erst nach dem Tode des Au‐ gustus an dessen Sterbelager eingetroffen, von Tiberius nahestehenden Kreisen bewusst lanciert wurde, um Gerüchte wegen eines Verbrechens im Zusammenhang mit dem Ableben politisch zu entschärfen, indem dieser gefährliche Verdacht gegen Livia gelenkt wurde. 942 Vgl. Tab. I, 9; 943 S. o. Shotter, D. C. A.: Tiberius Caesar. London 20042. R. Syme: History or Biography. The Case of Tiberius Caesar. In: Historia 23, 1974, S. 481–496; Yavetz, Zvi: Tiberius. Der traurige Kaiser. Mün‐ chen 2002. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 199 Diese Position konnte Tiberius aber nicht lange halten, da Augustus schon bald damit begann, Gaius und Lucius Caesar, zwei Söhne aus Julias Ehe mit dem o. g. Mar‐ cus Vipsanius Agrippa als erste Anwärter auf seine Nachfolge aufzubauen, u. a. durch deren Adoption. Tiberius sah sich daraufhin praktisch genötigt, in ein selbst gewähltes Exil nach Rhodos zurückzuziehen944, aus dem er erst, nachdem die beiden jungen Caesares gestorben waren, wieder nach Rom zurückkehrte. Dort war er am 26. Juni 4 n. Chr. auch zu der Ehre einer Adoption durch Augustus gelangt, aber keineswegs allein, sondern gleichzeitig mit Agrippa Postumus, dem dritten Sohn seiner zweiten Gemahlin Iulia Augusti und unter der Bedingung, dass er seinerseits den Germanicus adoptierte, der über dessen Mutter Antonia minor als Enkel von Augustus´Schwester Octavia angesehen werden konnte. Aber auch dafür wurde er politisch belohnt, und zwar durch Verleihung des im‐ perium proconsulare maius und eine erneute Ausstattung mit der tribunicia potestas. Aber wie viel waren solche Ehrungen wert, wenn er berücksichtigte, dass Agrippa Postumus, nicht nur ein leiblicher Enkel des Augustus, sondern auch dessen Adoptiv‐ sohn sowie dessen Mutter Julia, Augustus´ einziges leibliches Kind und zeitweilig sei‐ ne eigene Ehefrau, und eine Schwester des Agrippa Postumus, trotz ihrer Verwandt‐ schaft mit Augustus in die Verbannung gehen mussten und enterbt wurden? Und was Tiberius sicherlich besonders zu denken gegeben haben dürfte, war eine Vorschrift im Testament des Augustus, nach welcher sogar die Asche Iulias, also seiner eigenen ehe‐ maligen Gemahlin, sowie auch die Asche von deren gleichnamigen Tochter nach de‐ ren Ableben nicht in dem für ihn, Augustus, errichteten Mausoleum bestattet werden durfte945. Im Zusammenhang damit darf man nicht außer Acht lassen, dass bereits vor dem offiziellen Regierungsantritt des Tiberius als Kaiser zu dessen Beraterstab ein Mann gehörte, – was aber erst viel später offenkundig wurde, – der zur Förderung ei‐ gener Interessen im Wortsinn „über Leichen ging“, nämlich Sejan. Über dessen Vergangenheit berichtet im Zusammenhang der Berichterstattung über die rätselhaften Umstände des Ablebens des jüngeren Drusus946, im Jahre 23 n. Chr., Tacitus Folgendes: genitus Vulsiniis patre Seio Strabone equite Romano, et pri‐ ma iuventa Gaium Caesarem, divi Augusti nepotem, sectatus, non sine rumore Apicio diviti et prodigo stuprum veno dedisse, mox Tiberium variis artibus devinxit adeo, ut obscurum adversum alios sibi uni incautum intectumque efficeret, non tam sollertia (quippe isdem artibus victus est) quam deum ira in rem Romanam, cuius pari exitio viguit ceciditque. corpus illi laborum tolerans, animus audax, sui obtegens, in alios cri‐ minator.947 (Geboren wurde er in Vulsinii948 als Sohn des römischen Ritters Seius 944 Vgl. Kienast, D.: Augustus. Prinzeps und Monarch. Darmstadt 1999, S. 130. 945 Vgl. Suet. 101, 3: Iulias filiam neptemque, si quid iis acidisset, vetuit sepulcro suo inferri. Vgl. Cass. Dio 56, 42, 4: toioàtoj mšntoi perˆ toÝj ¢llotr…ouj pa‹daj ín t¾n qugatšra oÜte kat»gage, ka…per kaˆ dwreîn ¢xièsaj, kaˆ taf»nai ™n tù aÙtoà mnhme…ῳ ¢phgÒreuse. 946 Vgl. Tab. 1, 9; 947 Vgl. Tac. ann. 4, 1, 2; 948 Heute Bolsena, in der Provinz Viterbo, im Norden des Lago di Bolsena, an der heutige Autobahn SR143 gelegen, deren Trasse in etwa der antike Via Cassia entspricht, welche ehedem von Rom aus, Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 200 Strabo949, schloss sich in frühester Jugend Gaius Caesar950 an, dem Enkel des Augus‐ tus, wobei das Gerücht umging, dass er sich dem Apicius951, einem reichen Ver‐ schwender gegen Bezahlung zur Unzucht hingegeben habe; bald aber machte er sich den Tiberius durch verschiedene Machenschaften so sehr verpflichtet, dass er diesen gegenüber anderen verschlossenen Mann ihm selbst gegenüber unvorsichtig und wehrlos machte, nicht so sehr durch seine raffinierte Vorgehensweise – denn er wurde durch dieselben Tricks ja schließlich besiegt – als vielmehr wegen des Zorns der Göt‐ ter gegen den römischen Staat, zu dessen Verderben er gleichermaßen aufstieg und fiel. Sein Körper ertrug Strapazen, sein Herz war wagemutig, wobei er sich im Hinter‐ grund hielt, sich gegenüber anderen jedoch als Ankläger betätigte.) Nach diesen Angaben des Tacitus verdankte Sejan seinen Aufstieg zum vertrau‐ testen und einflussreichsten Ratgeber des Tiberius seiner Wendigkeit und Skrupello‐ sigkeit bei der Auswahl der Mittel zur Knüpfung von Kontakten zu Persönlichkeiten, die seiner Karriere nutzen konnten, und seiner Fähigkeit diese Kontakte wieder abzu‐ brechen, bevor sie ihm hätten schaden können, um sich mit derselben Hartnäckigkeit und Skrupellosigkeit neuen „Sternen“ zuzuwenden. Tacitus scheint hier anzudeuten, dass ihm diese Fähigkeiten auch dabei behilflich gewesen sein könnten, sich in das Vertrauen des Tiberius einzuschleichen, obwohl er zuvor zu den Gefolgsleuten des Gaius Caesar gehört hatte, dessen Rolle als erster Anwärter auf die Nachfolge des Au‐ gustus ihn, Tiberius, zeitweilig zu einem „freiwilligen“ Exil auf Rhodos genötigt hatte. Hierbei dürfte Tacitus sicherlich nicht das Ende der Beziehungen zu Gaius Caesar selbst als Ausdruck dieser besonderen Fähigkeiten gemeint haben, insofern das infol‐ ge des plötzlichen Ablebens desselben unvermeidlich geworden war, als vielmehr den Abbruch der Kontakte zu Julia der Mutter des Gaius Caesar, ohne deren Gunst seine Aufnahme in die Reihen der Anhänger des Gaius Caesar sicherlich nicht möglich ge‐ wesen wäre. Und in diesem Zusammenhang wiederum verdient Beachtung, dass der Bruch zwischen Augustus und seiner Tochter Julia sowie mit dessen damals allein noch lebendem dritten Sohn952 Agrippa Postumus, nicht unmittelbar nach dem Tod dem Westabhang des Apennin folgend, nach Genua führte. Vgl. Mosello, R. u. a. (2004). Lago di Bolsena (Mittelitalien): in Journal für Limnologie 63 (1), S. 1–12. Washington, H. St.: Der römische Comagmatic Region. Washington DC, 1906. 949 Lucius Seius Strabo (*1. Jh. v. Chr., †1. Jh. n. Chr.) verh. mit Cosconia Gallitta, hatte mindestens zwei Söhne, Lucius Seius Tubero, cos. Suff. 18 n. Chr,, und Lucius Aelius Seianus, der von Sextus Aelius Catus adoptiert wurde. Er war praefectus praetorio (Prätorianerpräfekt), zunächst allein, seit dem Regierungs-antritt des Tiberius gemeinsam mit Sejan (14–15), anschließend praefectus Aegyp‐ ti. Vgl. Corbier, M.: La famille de Séjan à Volsinii. La dédicace des Seii, curatores aquae. In: Mélan‐ ges de l’Ecole française de Rome. Antiquité. Bd. 95, Nr. 2, 1983, S. 719–756; 950 Gaius (Iulius) Caesar (*20 v. Chr.; †21. 02. 4 n. Chr. in Limyra, Lykien); 951 Marcus Gavius Apicius (*um 25 v. Chr.; †vor 42), verfasste De re coquinaria, ein antikes „Koch‐ buch“; vgl. Bode, M.: Zur Rolle spätantiker Oberschichten bei der Tradierung des Apicius-Kochbu‐ ches. In: Laverna. Nr. 12, 2001, S. 139–154; Fiehn, K.: Gavius. In: RE. Suppl. VII, Stuttgart 1940, Sp. 204; 952 Lucius (Iulius) Caesar (*17 v. Chr.; †20. 08. 2 n. Chr. in Massilia), war ja bereits vorher verstorben. Vgl. R. Wolters: Gaius und Lucius Caesar als designierte Konsuln und principes iuventutis. Die lex Valeria Cornelia und RIC I2 205 ff., in: Chrion. 32, 2002, S. 297–323. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 201 des Gaius Caesar erfolgte, sondern erst im Jahre 7 n. Chr953. Gleichzeitig mit Tiberius hatte Augustus im Jahre 6 n. Chr. auch Agrippa Postumus an Sohnes statt angenom‐ men, so dass zu jenem Zeitpunkt Tiberius noch keineswegs als einziger Kandidat für die Nachfolge des Augustus feststand. Nur wenige Monate später änderte sich das zwar, aus Gründen, die hier nicht zu erörtern sind954, aber trotzdem zeugt es für eine bemerkenswerte Begabung Sejans, nützliche Kontakte zu knüpfen, insofern es diesem trotz zeitweilig enger Beziehungen zu Gegnern starken Konkurrenten des Tiberius bei dem Kampf um die Nachfolge des Augustus noch vor dessen endgültigen Ableben gelang, auch das Vertrauen des Tibe‐ rius zu erringen. Denn ohne dieses Vertrauen wäre es kaum vorstellbar, dass zu den ersten Amtshandlungen des Tiberius als Kaiser die Berufung Sejans zu einem von zwei neu zu berufenden Prätorianerpräfekten gehörte sowie die Bestellung desselben zum Begleiter seines eigenen Sohnes Drusus bei einer Expedition nach Illyrien955, mit der Augustus zu Lebzeiten noch Tiberius selbst beauftragt hatte, welche der letztere aber nicht mehr hatte übernehmen können, weil der Tod des Augustus ihn an der Ausführung dieses Auftrages gehindert hatte956. Daher stellt sich hier die Frage, ob dabei nicht auch die Bereitschaft des Sejans, im Interesse der Sicherung der Nachfolge des Tiberius sogar ein Verbrehen zu begehen, eine Rolle gespielt haben könnte, – in Verbindung mit der Sejan von Tacitus attestier‐ ten Fähigkeit, sich selbst im Hintergrund zu halten und Verdachtsmomente auf ande‐ re zu lenken (sui obtegens, in alios criminator.957). Im Zusammenhang damit ist daran zu erinnern, dass Sejan nach den bislang in dieser Untersuchung ermittelten Erkennt‐ nissen jene Fähigkeit im Hinblick auf die Verschleierung der Hintergründe und Be‐ gleitumstände des Ablebens des Germanicus958 und Pisos959, dessen angeblichen Mör‐ ders, unter Beweis gestellt hatte. Hierbei mussten wir bislang lediglich offen lassen, ob sich Sejan zur Tötung des Germanicus der Mitwirkung eines pharmazeutisch geschul‐ ten „Adjutanten“ des Germanicus bediente, oder andere Wege fand, um zu ihm füh‐ rende Spuren zu verwischen. Sollte sich im Falle des Augustus ein Verbrechen, d. h. ein ärztlich assistierter Giftmord als Todesursache nachweisen lassen, wäre eine solche Vorgehensweise zwei‐ fellos auch im Falle des Germanicus wahrscheinlich, auch wenn diese weder in dem einen noch in dem anderen Fall in den Quellen bezeugt wird, – vielleicht nur deswe‐ gen, weil Sejan es verstand, den Verdacht eines Giftmordes von sich ab und gegen an‐ dere zu lenken. Bevor wir dazu ein voreiliges Urteil fällen, sollten wir noch ein weite‐ res Mal innehalten und unseren Blick auf einen anderen unnatürlichen Todesfall der 953 S. o. Schmitzer, U.: Julia – die Ohnmacht der Erotik. In: Feichtinger, B. (Hrsg.): Gender Studies in den Altertumswissenschaften: Aspekte von Macht und Erotik in der Antike. Trier 2010, S. 151– 176; 954 S. o. zur Verbannung Julias, ihrer gleichnamigen Tochter und des Agrippa Postumus; 955 S. o. Tac. ann. 1, 24; 956 S. o. Tac. ann. 1, 5, 3; Suet. Aug. 97, 3; Cass. Dio 56, 31, 1; 957 Vgl. Tac. ann. 4, 1, 2; 958 S. o. Tab. I, 5; 959 S. o. Tab. I, 7; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 202 Regierungszeit des Tiberius richten, bezüglich dessen in den Quellen ausdrücklich ein durch Sejan veranlasster Giftanschlag als Todesursache bezeugt wird und die Beteili‐ gung eines Arztes an diesem angeblichen Verbrechen angedeutet wird, auf den Fall des Kaisersohnes Drusus960. Das Ableben des Drusus Über diesen Fall berichten sowohl Tacitus als auch Sueton und Cassius Dio. Nach der Darstellung des Tacitus kam es im Laufe des Jahres 23 n. Chr. zwischen Drusus und Sejan zu einer durchaus als Faktum dargestellten tätlichen Auseinandersetzung961. In Anschluss daran berichtet Tacitus über eine außereheliche Beziehung zwischen Sejan und Livia Drusilla, der Gemahlin des Drusus: igitur cuncta temptanti promptissimum visum ad uxorem eius Liviam convertere, quae soror Germanici, formae initio aetatis indecorae, mox pulchritudine praecellebat. hanc ut amore incensus adulterio pellexit et, postquam primi flagitii potitus est (neque femina amissa pudicitia alia abnuerit) ad con‐ iugii spem, consortium regni et necem mariti impulit. atque illa, cui avunculus Augustus, socer Tiberius, ex Druso liberi, seque ac maiores et posteros municipali adultero foeda‐ bat, ut pro honestis et praesentibus flagitiosa et incerta spectaret. sumitur in conscienti‐ am Eudemus, amicus et medicus Liviae. specie artis frequens secretis. pellit ex domo Seianus uxorem Apicatam, ex qua tres liberos genuerat, ne paelici suspectaretur962. (Während er [Sejan] Alles versuchte, erschien es ihm als das Bequemste, sich an des‐ sen Gemahlin zu wenden, welche, eine Schwester des Germanicus, in frühester Ju‐ gend von wenig vorteilhaftem Aussehen gewesen war, bald aber durch ihre Schönheit auffiel963. Diese verführte er wie ein von Liebe entflammter Mann zum Ehebruch; und nachdem er sich das erste Mal ihrer bemächtigt hatte (keine Frau hat, nachdem sie ihre Scham erst einmal verloren hat, Weiteres verweigert.) verleitete er sie zur Hoffnung auf eine Ehe, auf eine gemeinsame Herrschaft, auf eine Beseitigung ihres Gatten. Aber jene, die Augustus zum [Groß-]Onkel964, Tiberius als Schwiegervater, und von Drusus Kinder hatte, beschmutzte ihre Vorfahren und ihre Nachfahren durch eine Beziehung mit jemandem aus einer Landstadt, so dass sie statt auf Ehr‐ bares und Gegenwärtiges zu schauen auf Schändliches und Unsicheres schielte. Mit ins Vertrauen gezogen wurde Eudemus, ein Freund und Arzt Livias, unter dem Vor‐ wand der Ausübung seiner Kunst oft Zeuge von geheimen Besprechungen. Sejan ver‐ trieb seine Gattin Apicata, von der er drei Kinder hatte, aus dem Haus, damit die Ge‐ liebte keinen Verdacht errege.) 2.1.3.2 960 Vgl. Tab. I, Nr. 9; 961 Vgl. Tac. ann. 4, 3, 2; 962 Vgl. Tac. ann. 4, 3, 3–4; 963 Livilla, *um 13 v. Chr.; †31 n. Chr., auch Julia Livilla d. Ä. genannt, die einzige Tochter Drusus´d. Ä. und Antonias d. J.. Sie war so Schwester des Germanicus (Vgl. Tab. I, Nr. 5:) und des Claudius (Vgl. Tab. IV, Nr. 3;), Schwiegertochter des Agrippa und des Tiberius (Tab. II, 1;), Schwiegermutter und Tante des Nero Caesar, Tante Caligulas (Vgl. Tab. III, 1:) und Drusus Caesars (Vgl. Tab. I, 9;), Agrippinas d. J. und des Britannicus (Vgl. Tab. IV, 5). Vgl. Hanslik, R.: Livia 3). In: KIP Bd. 3, Sp. 688 f.; 964 Über Antonia minor, Enkelin der Octavia, einer Schwester des Augustus; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 203 Nach diesem Zeugnis des Tacitus stiftete Sejan die Gemahlin des Drusus zum Gattenmord an, die sich dabei angeblich der Hilfe ihres Leibarztes Eudemus965 versi‐ cherte. In einer knappen Notiz über die praktische Durchführung dieses Mordplans wiederholt Tacitus seine Auffassung von einem gemeinsam von Sejan und Livilla ver‐ übten Giftmord an Drusus und konkretisiert auch die Wirkung des dabei angeblich benutzten Giftes: Igitur Seianus maturandum ratus deligit venenum, quo paulatim in‐ repente fortuitus morbus adsimularetur. id Druso datum per Lygdum spadonem, ut octo post annos cognitum est.966 (Also glaubte Sejan das Vorhaben beschleunigen zu sollen, suchte ein Gift aus, durch dessen allmähliche Wirkung eine zufällige Erkrankung vor‐ getäuscht wurde. Dieses wurde dem Drusus durch Lydgus gegeben, einen Eunuchen, wie 8 Jahre später bekannt wurde.967) An dieser Stelle lässt Tacitus keinen Zweifel, dass Drusus Opfer eines von Sejan organisierten Giftanschlages wurde, wobei sich Sejan nach Tacitus allerdings nur an der Auswahl des Gifts beteiligte, die Ausführung der Tat aber einem Eunuchen Livil‐ las überließ, d. h. einem „Hausangestellten“ des Drusus. Eine unmittelbare Beteili‐ gung des Arztes an der Durchführung des Anschlages bezeugt Tacitus an dieser Stelle zwar nicht mehr. Aber in einem anderen Zusammenhang deutet er jedoch an, dass der Arzt bei der Beschaffung des Giftes eine Rolle gespielt haben könnte. Im Anschluss an die Wiedergabe eines Gerüchts, nach welchem Sejan Tiberius sogar eingeredet haben soll, dass er selbst nicht ganz unschuldig an dem Tod seines Sohnes sei, insofern der Zufall es so gefügt habe, dass er als erster den Giftbecher in die Hand bekommen habe, aber dann, natürlich ohne dessen tödliche Wirkung zu kennen, den Becher an Drusus weiter gereicht habe968, geht Tacitus auf die Quelle ein, aus der er – zumindest mittelbar – sein Wissen schöpfte, auf Verhörprotokolle, die bei der juristischen Aufarbeitung des Falles später angefertigt wurden. Dazu notiert Taci‐ tus, als auktorialer Erzähler, Folgendes: ordo alioqui sceleris per Apicatam Seiani pro‐ ditus est, tormentis Eudemi et Lydgi patefactus est;969 (ansonsten wurde die Durchfüh‐ rung des Verbrechens durch Apicata, die Gemahlin Sejans verraten und durch Folte‐ rungen des Eudemus und des Lydgus offenbart.) Dieser Notiz ist zu entnehmen, dass Apicata, die Ehefrau Sejans, die nach Tacitus zum Zeitpunkt des angeblichen Verbrechens aber schon von Sejan getrennt lebte, den Arzt und den Eunuchen als Zeugen, vielleicht sogar als Täter oder Mittäter benannte und dadurch bewirkte, dass die genannten unter der Folter Angaben machten, die aus der Sicht des Tacitus das oben beschriebene Szenario als glaubhaft erscheinen ließen. Eine ähnliche Sicht der Dinge ist auch in einer allerdings sehr kurzen Notiz Suetons 965 Vgl. Marasco, G., Eudemos [2], in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005. Sp. 280; unter Berufung auf Plin. nat. 29, 20 und Tac. ann. 4, 3–11 unterstellt M Eudemos, an der Ver‐ giftung des Kaisersohnes Drusus beteiligt gewesen zu sein, in Wirklichkeit belegen diese beiden Textstellen aber allenfalls eine „Mitwisserschaft“ des Arztes, welche sich nach Plin. nat. 29. 20 auch nicht auf die Tötung des Drusus, sondern lediglich auf das Verhältnis zwischen Livilla und Sejan bezog. 966 Vgl. Tac. ann. 4, 8, 1; 967 Vgl. Koestermann, s. o. Bd. 2, S. 59; 968 Vgl. Tac. ann. 4, 10, 1–3; 969 Vgl. Tac. ann. 4, 10, 2; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 204 greifbar: Auxit intenditque saevitiam exacerbatus indicio de morte filii sui Drusi. quem cum morbo et intemperantia perisse existimaret, ut tandem veneno interemptum fraude Livillae uxoris atque Seiani cognovit, neque tormentis neque supplicio cuiusquam peper‐ cit.970 (Er vergrößerte und verschärfte seine Grausamkeit, weil er erbittert war wegen der Anzeige über den Tod seines einzigen Sohnes Drusus. Dass dieser an einer Er‐ krankung und infolge seiner Unbeherrschtheit zu Grunde gegangen sei, glaubte er; als er aber endlich erfuhr, dass er durch Gift und wegen eines Betrugs seiner Gemahlin Livilla und Sejans getötet worden war, da ersparte er niemandem mehr Folter oder Hinrichtung.) Die Angaben des Tacitus finden in der o. z. Suetonnotiz eine weitgehende inhaltli‐ che Bestätigung, auch wenn in ihr die Helfershelferrollen des Arztes und des Eunu‐ chen unerwähnt bleiben. Mit welchen Augen aber betrachtete Cassius Dio den Fall? In einer Notiz zum Jahre 23 n. Chr. berichtet Cassius Dio Folgendes: Droàsoj dὲ Ð pa‹j aÙtoà farm£kῳ dièleto. Ð gar SeἴanÕj ™pˆ tÍ „scÚi kaˆ ™pˆ tù ¢xièmati Øperm £xhsaj t£ te ¥lla Øpšrogkoj Ãn, kaˆ tšloj kaˆ ™pˆ tÕn Droàson ™tr£peto kaˆ pote pÝx aÙtù ™nšteine. fobhqe…j te ™k toÚtou kaˆ ™ke‹non kaˆ tÕn Tibšrion, kaˆ ¤ma kaˆ prosdok»saj, ¨n tÕn nean…skon ™kpodën poi»setai, kaˆ tÕn gšronta ῥ´sta metaceirie‹sqai, farmakÒn ti aÙtù di£ te tîn ™n tÍ qerape…ᾳ aÙtoà Ôntwn kaˆ di¦ tÁj gunaikÕj aÙtoà, ¼n tinej Liou…llam Ñnom£zousin, œdwke. kaˆ g¦r kaˆ ™mo… ceuen aÙt»n. a„t…an mὲn g¦r Ð Tibšrioj œlaben,...971 (Drusus, der Sohn des Tiberius, starb an Gift. Denn aufgeblasen durch die Macht und Stellung und übermütig in seinem sonstigen Gebaren, wandte sich Seianos auch gegen Drusus und versetzte ihm einmal sogar einen Faustschlag. Das erfüllte den Tä‐ ter mit Angst vor jenem und Tiberius, und da er zugleich damit rechnete, nach der Beseitigung des jungen Mannes den greisen Vater mühelos lenken zu können, ließ er dem Sohn durch die Dienerschaft und die Gattin, die einige als Livilla benennen, Gift reichen, war er doch ihr Liebhaber. Die Schuld aber erhielt Tiberius...) In seltener Einigkeit charakterisieren also Tacitus, Sueton und Cassius Dio, das Ableben des Drusus als Folge eines von Sejan angestifteten und unter Mitwirkung Li‐ villas, der Gemahlin des Drusus sowie deren Hauspersonals verübten Giftanschlags, wobei Sejan, wie wir das auch schon im Falle des Germanicus beobachten konnten, seine eigene Rolle nach den Darstellungen des Tacitus und Cassius Dios so zu ver‐ schleiern verstand, dass die Öffentlichkeit, soweit dort ein natürlicher Tod bezweifelt wurde, weder ihn selbst noch Livilla, sondern ausschließlich Tiberius für den Tod sei‐ nes einzigen Sohnes verantwortlich machte. Daher drängt sich der Verdacht auf, dass Sejan als Ratgeber des ihm geradezu blind vertrauenden Tiberius, auch schon beim Tode des Augustus seine „Hand mit im Spiel“ gehabt haben könnte und andere Perso‐ nen so manipulierte, dass sich etwaige Verdächtigungen automatisch nicht gegen ihn richteten, sondern gegen jene, im konkreten Fall gegen Livia Augusti. 970 Vgl. Suet. Tib. 62, 1; 971 Vgl. Cass. Dio 67, 22, 1–2; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 205 Allerdings ist im Hinblick auf einen solchen Vergleich Vorsicht geboten, und zwar aus zwei Gründen, – aus der methodologischen Erwägung, dass es leicht in die Irre führen kann, wenn man von einem späteren Fall, hier demjenigen des Drusus, Rückschlüsse auf frü‐ here Fälle, hier diejenigen des Germanicus und des Augustus zu ziehen versucht, – aber auch aus der Überlegung heraus, dass man auch im Falle weitgehender Über‐ einstimmungen der über einen bestimmten Fall überlieferten Darstellungen mit der Möglichkeit von Verzerrungen rechnen muss, vor allem dann, wenn die eine wichtige Quelle dieser Darstellungen bekannt ist und ihr Aussagewert keineswegs unverdächtig ist, wie das im Falle des Drusus nicht auszuschließen ist. Die Darstellungen aller drei von uns zitierten Autoren gehen zumindest mittelbar auf Protokolle über Verhöre mutmaßlicher Täter und Mittäter zurück972, die erst etliche Jahre später stattfanden und primär nicht dazu dienten, dem Arzt einen Giftmord nachzuweisen, sondern dem scheinbar allmächtig gewordenen Prätorianerpräfekten eine Verschwörung, wobei die Ermittler wahrscheinlich darauf spekulierten, dass die tatsächlich schon vor der Tat verstoßene Ehefrau973 nicht zögern würde, ihren un‐ treuen Gatten durch ihre Aussagen zu belasten und der Arzt wie auch der Eunuch unter der Folter Alles gestanden, was man ihnen zu gestehen nahelegte. Der zuletzt genannte Einwand bekommt zusätzliches Gewicht dadurch, dass die objektive Be‐ rechtigung des erst im Jahre 31 n. Chr. gegen Sejan erhobenen Vorwurfs der Anzette‐ lung einer Verschwörung gegen Tiberius in der althistorischen Forschung seit den 90er Jahren zunehmend kritisch beurteilt wird974. Vor allem gegenüber Tacitus wird seit geraumer Zeit der Vorwurf einer verzerrten Darstellung der Rolle Sejans erhoben975, insofern dieser Historiker Sejan geradezu als Prototypen des verräterischen Schurken dargestellt habe976. Gestützt auf derartige Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Tacitus wurde im Jahre 2002 eine mit „sehr gut“ bewertete „Seminararbeit“977 veröffentlicht, in welcher der Verfasser, augenscheinlich mit Einverständnis seiner Dozenten, eine solche Verschwörung leugnete. Ein plausi‐ bles Motiv, Tiberius zu stürzen, hätten weder Sejan noch Livilla gehabt, weder im Jah‐ re 23 n. Chr., als Drusus starb, noch im Jahre 31, als Sejan stürzte. Auch dass Sejan um Livillas Hand angehalten habe, beweise kein Mordkomplott gegen Drusus978. Nie‐ mand habe das Ableben des Drusus zunächst zum Anlass zu Spekulationen darüber 972 S. o. Tac. ann. 4, 10, 2: ordo alioqui sceleris per Apicatam Seiani proditus est, tormentis Eudemi et Lydgi patefactus est; 973 S. o. Tac. ann. 4, 3, 4; Seianus uxorem Apicatam, ex qua tres liberos genuerat, ne paelici suspectaretur. 974 Vgl. Schotter, D., Tiberius Caesar, London 1992, S. 41–50; Eck, W., Aelius Seianus, in DNP, Bd. I, Sp. 173–174; 975 Vgl. Marsch, F. B., The Reign of Tiberius, Oxford, 1931. Kornemann, E.: Tiberius, Ffm 1960. Hen‐ ning, D.: L. Aelius Seianus. Untersuchungen zur Regierung des Tiberius, München 1975, S. 30–31. 976 Vgl. Baar, M.: Das Bild des Kaisers Tiberius bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, Stuttgart 1990. Yavez Z.: Tiberius, der traurige Kaiser München 1999, S. 124. 977 Vgl. Keisinger, Fl.: Die angebliche Verschwörung des L. Aelius Seianus und sein Sturz im Jahre 31. München 2002. 978 Unter Berufung auf: Maranon, G.: Tiberius, München 1952, S. 155. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 206 genommen, dass Drusus eventuell auch hätte ermordet worden sein können979. Im Übrigen seien die Beziehungen sowohl zwischen Sejan und Drusus bis zu dessen Tod, als auch zwischen Sejan und Tiberius bis unmittelbar vor dem Sturz Sejans unbelastet und vertrauensvoll gewesen. Es gebe sogar Anhaltspunkte dafür, dass Drusus eines natürlichen Todes gestorben sei, womöglich wegen Alkoholproblemen980. Sollten die in der neueren Forschung vorgetragenen Argumente gegen die Glaub‐ würdigkeit des Tacitus die oben skizzierten Schlussfolgerungen rechtfertigen, könnte ein Medizinhistoriker, der es sich zur Aufgabe gemacht hat nachzuweisen, dass es un‐ ter Tiberius keinen Arzt gegeben habe, der tatsächlich Tötungsassistenz leistete, mit einem erleichterten „quod erat demonstrandum“ zurücklehnen, insofern Tacitus der einzige antike Autor ist, der eine ärztliche Tötungsbeihilfe in Bezug auf den Tod des Drusus behauptet. Indessen erweisen sich bei näherem Hinsehen die oben erwähnten Tatsachenbe‐ hauptungen zur Infragestellung der Glaubwürdigkeit des Tacitus als ebenso fragwür‐ dig wie die mit deren Hilfe inkriminierte Darstellung des Tacitus selbst. Denn zur Be‐ gründung dieser Tatsachenbehauptungen wurde auf nur durch Tacitus überliefertes Material zurückgegriffen, aber auch die Darstellung des Cassius Dio lässt andere Deu‐ tungen zu. Das gilt vor allem für die angeblich guten Beziehungen Sejans zu Drusus wie auch zu Tiberius. Für ein gutes Verhältnis zwischen Sejan und Drusus wird gel‐ tend gemacht, dass ersterer ja bereits im Jahre 14 n. Chr. letzteren auf einer Exkursion nach Illyrien begleitet habe981 und dass Sejan anlässlich der Trauerfeier während der Leichenrede des Tiberius an dessen Seite gestanden habe982. Hierbei wird aber ausgeblendet, dass sich Drusus im Jahre 14 n. Chr. nach Tacitus Sejan als Begleiter keinesfalls selbst ausgesucht hatte, sondern dass dieser ihm von Augustus beigeordnet worden war983 und dass dessen Anwesenheit während der Trauerfeier für den Sohn des Kaisers an dessen Seite, als dessen „Sicherheitschef “, eine Selbstverständlichkeit war, so dass sich diese zur Beurteilung der Qualität der Beziehungen beider kaum eignet. Lässt man das Sejanbild des Tacitus als „verdächtig“ außer Acht, so lassen sich auch den diesbezüglichen Angaben Suetons und Dios An‐ haltspunkte dafür entnehmen, dass sich jene Beziehungen nicht spannungsfrei ent‐ wickelten. Der Faustschlag, welcher dem Ausbruch der finalen Erkrankung des Drusus, vor‐ ausging, wird auch von Cassius Dio für erwähnenswert gehalten984 und ist, unabhän‐ gig davon, woran sich der Streit entzündete, in dessen Rahmen es zu dieser Tätlich‐ keit kam, keineswegs als Indiz für freundschaftliche Beziehungen zwischen beiden Männern zu interpretieren. Selbst Hinweise auf einen gelegentlich übertriebenen Al‐ 979 Unter Berufung auf: Bellemore, J., The wife of Seianus, ZPE 109, 1995, S. 261; Yavetz, Z. S. o.: S. 127. 980 Der Autor beruft sich auf R. Syme, Tacitus, I, 402, der diese These als erster ins Spiel gebracht habe. 981 S. o. Tac. ann. 1, 24; 982 Vgl. Tac. ann. 4, 12; 983 Tacitus charakterisiert Sejan im Zusammenhang damit ausdrücklich als „Aufpasser“, indem er ihn als rector iuveni bezeichnet. Vgl. Tac 1, 24, 2; 984 S. o. Cass. Dio 57, 22, 1: kaˆ pote pÝx aÙtù ™nšteine. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 207 koholkonsum bei Drusus können diese Entgleisung nicht erklären, insofern in dem besagten Fall ja nicht nur Drusus, sondern auch Sejan „die Faust ausgerutscht“ war und dieser Vorfall ja auch nicht zu vertuschen war, da einer von beiden, nach Cassius Dio Drusus, nach Tacitus Sejan, mitten im Gesicht, getroffen worden war985 und da‐ her noch eine geraume Zeit danach die Spuren der „Schlägerei“ hätte vor der Öffent‐ lichkeit kaum verbergen können. Bezüglich der Beziehungen zwischen Sejan und Tiberius zeichnet auch Cassius Dio vor allem im Zusammenhang der Darstellung von Ereignissen unmittelbar vor und im Zusammenhang der Inhaftierung Sejans ein Bild, welches die Auffassung von vertrauensvollen Beziehungen zwischen Tiberius und Sejan jedenfalls seit dem Zeit‐ punkt des Ablebens und der Beisetzung Livias d. Ä., d. h. der Witwe des Augustus986, kaum noch stützt. Denn obwohl Tiberius bis zu diesem Zeitpunkt das Ersuchen Se‐ jans um die Hand der Witwe des Drusus mit Rücksicht auf den Widerstand der Au‐ gusta gegen eine nicht standesgemäße Verehelichung Livillas, zwar wohlwollend, aber dilatorisch behandelt hatte, ging er auch danach von dieser Taktik nicht ab, beantrag‐ te im Senat zwar immer neue Ehrungen für Sejan und machte diesen so glauben, dass die von ihm erhoffte Eheschließung und auch die Verleihung der tribunicia potestas an ihn nur noch eine Frage der Zeit seien987, bis jener, in dem festen Glauben, dass die feierliche Verkündigung der Erfüllung dieser Wünsche unmittelbar bevorstehe, entgegen seinen üblichen Gepflogenheiten, ohne jeden militärischen Schutz im Ta‐ gungsgebäude des Senats erschien988, dann aber zu seiner Enttäuschung erleben musste, dass er nicht geehrt, sondern durch den unmittelbar zuvor zu seinem Nach‐ folger ernannten bisherigen praefectus vigilum, Sutorius Macro989, verhaftet wurde990. Auch wenn sich der Vorwurf der Unaufrichtigkeit auf der Grundlage dieser Dar‐ stellung vor allem gegen Tiberius richten müsste, wäre das kein Grund, zu unterstel‐ len, dass Sejan zu einem solchen Vorgehen nicht dazu auch Veranlassung gegeben hatte bzw. aufgrund seiner langjährigen berufsbedingten Kontakte zu Tiberius oft ge‐ nug die Gelegenheit gehabt und genutzt hätte, seinem obersten Dienstherrn bezüglich der Vorteile einer verdeckten Vorgehensweise „über die Schulter“ zu schauen. Anders ausgedrückt: Sollte man nicht davon ausgehen dürfen, dass auch Sejan, als der „Si‐ cherheitschef “ des Tiberius, von Berufs wegen die Methoden der verdeckten Ermitt‐ lung kannte, beherrschte und nicht nur zur Durchsetzung von Interessen seines 985 S. o. Tac. ann. 4, 3, 2: nam Drusus … intenderat Seiano manus et contra tendentis os verberat. 986 Vgl. dazu: Cass. Dio 58, 2, 3. 987 Vgl. Cass. Dio 58, 3,–8; 988 Vgl. Cass. Dio, 58, 9; 989 Vgl. Quintus Naevius Cordus Sutorius Macro (*21 v. Chr.; †38) PIR ² N 12; vgl. auch Tab. II, 7; 990 Vgl. Cass. Dio 58, 10, 1 ff.; Die Darstellung dieser Vorgänge durch Tacitus ist nicht überliefert, weil die fortlaufende Darstellung in Kapitel 75 von Buch IV der Annalen mit Ereignissen des Jahres 28 endet, von Buch V nur nur die ersten 5 Kapitel überliefert sind, betreffend Ereignisse des Jahres 29, sowie weitere Fragmente, als Kapitel 6–11 bezeichnet, welche Ereignisse des Jahres 31 n. Chr. be‐ handeln, und die fortlaufende Erzählung erst mit Buch VI weitergeführt wird, welches mit Ereig‐ nissen des Jahres 32 beginnt. Sueton behauptet zwar eine Verschwörung Sejans (Vgl. Suet. Tib. 65;), aber überliefert keine Einzelheiten über dessen Entlarvung und Festnahme. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 208 Dienstherrn, nämlich gegenüber tatsächlichen oder vermeintlichen Verschwörern, einsetzte, sondern notfalls auch im Interesse persönlicher Ziele? Macht man sich zusätzlich die allgemeine Erfahrung bewusst, dass Unaufrichtig‐ keit ein verbreitetes Laster darstellt und die Verschleierung eines Verbrechens als ein plausibles Motiv dafür in Frage käme, dann wird man dieses auch im Falle des Drusus, im Kontext der diesem vorausgegangenen und glaubwürdig bezeugten tätlichen Aus‐ einandersetzungen mit Sejan, nicht ausschließen können. Denn für jene Tätlichkei‐ ten, zwischen dem Sohn des Kaisers und seinem obersten Leibwächter, kommen grundsätzlich nur zwei verschiedene Gründe als Erklärungen in Frage, entweder Dif‐ ferenzen in politischen Fragen oder persönliche Zwistigkeiten, wobei man bezüglich letzterer in Anbetracht der auch von den Gegnern der Mordtheorie nicht angezwei‐ felten Tatsache eines Heiratsbegehrens Sejans bezüglich der Witwe des Drusus, nicht „herumrätseln“ sollte. Hierbei darf man ebenfalls nicht außer Acht lassen, dass ein sog. „Seitensprung“ zu jener Zeit keineswegs als ein „Kavaliersdelikt“ eingestuft wurde, sondern als ein „Verbrechen“991, das, wie u. a. das Schicksal der Tochter Iulia Augusti lehrt, die Ver‐ dächtigten mit schweren Strafen bedrohte992. Vor dem Hintergrund dieser Brisanz „außerehelicher Beziehungen“ wird man auch die Interessenlagen sowohl Sejans, als auch Livillas, nicht zuletzt des Tiberius nach dem Ableben des Drusus und damit auch deren Beziehungen untereinander in einem anderen Licht sehen. Aus dem Blickwin‐ kel Sejans wäre eine Eheschließung mit Livilla nach dem Tode des Drusus zweifellos die bestmögliche Partie gewesen, wäre er doch dadurch als deren Ehegatte praktisch der direkte Nachfolger des einzigen Sohnes des Kaisers geworden, mit entsprechen‐ den Aussichten, auch politisch in dessen Fußstapfen zu treten. Daraus erklärt es sich, dass schon bald nach dem Tode des Drusus wilde Gerüchte kursierten, nach denen Sejan das Wagnis eines solchen Verbrechens aufgenommen haben könnte.993 Vor allem die von Kritikern der Auffassung, dass Livilla sich an einem Mordkom‐ plott beteiligt haben könnte, vorgetragenen Behauptung, dass jene dafür kein über‐ zeugendes Motiv gehabt habe994, galt für die Zeit nach dem Tode ihres Gatten nicht mehr. Denn die auch in politischer Hinsicht starke Stellung einer Gemahlin des zu‐ künftigen Nachfolgers des Tiberius als Kaiser hätte sie nur unter der Voraussetzung zurückgewinnen können, dass Tiberius ihr erlaubte, eine neue Ehe einzugehen, wobei auch ihr bewusst gewesen sein dürfte, dass Sejan in standesrechtlicher Hinsicht995 als Angehöriger des Ritterstandes über keine ausreichende Legitimation verfügte, aber diesen Nachteil durch eine Ehe mit ihr hätte leicht ausgleichen können und außer‐ dem als Prätorianerpräfekt über die nötigen Mittel verfügte, Gerüchten über eine vor‐ 991 Nach der Lex Iulia de adulteriis coercendis, erlassen zwischen 18–16 v. Chr. Vgl. Hor. carm. 4, 5, 21 ff.; carm. 4, 5, 9 ff.; Ovid, fasti 2, 139; Ovid, ars amatoria 3, 613 ff.; 992 Zu den Opfern des Gesetzes gehörte auch der Dichter Ovid. Vgl. Albrecht, M. v.: Ovid. Eine Ein‐ führung. Stuttgart 2003, S. 277. u. S. 9 f.. 993 Vgl. Tac. ann. 4, 10; nach dem Gegenstand der Gerüchte erscheint es als zwingend anzunehmen, dass diese bereits lange vor dem tatsächlichen Sturz Sejans kursierten. 994 Vgl. dazu Meissner, E.: Sejan, Tiberius und die Nachfolge im Prinzipat, Erlangen 1968, S. 6. 995 Als Angehöriger des Ritterstandes; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 209 eheliche Liaison mit ihr wirkungsvoll entgegenzutreten, nicht zuletzt wegen seiner Zuständigkeiten auf dem Gebiet der Strafjustiz. Lediglich die Perspektive des Tiberius lässt sich nicht ganz so einfach erklären. Eine nicht standesgemäße Neuvermählung Livillas hätte ihn zwangsläufig in einen ge‐ fährlichen Gegensatz zu allen übrigen Aspiranten für die nach dem Tode des Drusus unausweichlich gewordene Neuregelung für seiner Nachfolge als Princeps gebracht. Denn der Tod des Drusus stellte für Tiberius nicht nur einen schweren menschlichen Verlust dar, sondern in politischer Hinsicht geradezu eine Katastrophe. Die Situation des Tiberius 23 n. Chr. ähnelte derjenigen des Augustus 4 n. Chr., also nach dem Tod dessen beider Enkel und Adoptivsöhne Lucius und Gaius Caesar: Deren Tod hatte Augustus damals gezwungen, sich nach neuen Adoptivsöhnen als Kandidaten für sei‐ ne Nachfolge umzuschauen, wovon zunächst Agrippa Postumus, der jüngste Bruder der Caesares und auch Tiberius profitiert hatten. Tiberius hatte bis zum Jahre 23 n. Chr. ebenfalls in rascher Folge zwei „Söhne“ verloren, nämlich im Jahre 19 seinen Neffen und Adoptivsohn Germanicus und im Jahre 23 schließlich seinen eigenen Sohn Drusus. Und Tiberius hatte auf diese Situati‐ on ziemlich besonnen, d. h. nach dem Vorbild des Augustus reagiert, indem er sich nach entfernteren Verwandten umgeschaut und unverzüglich der Öffentlichkeit zwei mögliche Nachfolgekandidaten präsentierte, nämlich die beiden ältesten Söhne des Germanicus, den damals ca. 17-jährigen Nero Caesar und den 15-jährigen jüngeren Bruder Drusus Caesar996, wobei es müßig zu sein scheint, ob als ernsthafte Kandida‐ ten für seine Nachfolge oder lediglich als Platzhalter für seinen Enkel Tiberius Gemel‐ lus, den damals erst vierjährigen Sohn Livillas. Prinzipiell wäre es möglich gewesen, Livilla entweder mit Nero Caesar oder Dru‐ sus Caesar zu vermählen, aber zu einer dieser beiden Varianten konnte Tiberius sich dann doch nicht so schnell durchringen, vielleicht aus Altersgründen: Livilla war da‐ mals mit 36 Jahren997 zwar im Interesse der Fortsetzung der Dynastie eine geeignete Heiratskandidatin, aber für die beiden Söhne des Germanicus vielleicht schon zu alt. Es ist somit möglich, dass Tiberius die gemeinsamen Ehewünsche Livillas und Sejans zunächst nur deswegen dilatorisch behandelte, weil er in dieser Angelegenheit un‐ schlüssig war und, solange Livia Augusta noch lebte, wegen einer solchen Mesalliance mit anderen Angehörigen der Familie auch keine offene Auseinandersetzung wagte. Um so dringlicher stellt sich in Anbetracht dessen die Frage, warum Tiberius nach dem Tode der Livia Augusta seine zögerliche Haltung gegenüber einer solchen Verbindung nicht aufgab, zumal er innerfamiliäre Streitigkeiten deswegen gar nicht mehr zu fürchten brauchte, da sich diese schon sehr bald ergaben, ohne dass die be‐ sagten Ehepläne zwischen Livilla und Sejan konkretere Gestalt hatten annehmen kön‐ nen: Sowohl Nero Caesar998 als auch dessen Mutter Agrippina999 wurden unmittelbar nach dem Tode der Witwe des Augustus, d. h. noch im Jahre 29 wegen einer angeb‐ 996 Vgl. Tac. ann. 4, 8, 4; 997 *um 13 v. Chr.; Hanslik, R: Livia 3. In: KIP, Bd. 3, Stuttgart 1979, Sp. 688–699;  998 Vgl. Tab. I, 31; 999 Vgl. Tab. I, 56; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 210 lichen Verschwörung im Senat unter Anklage gestellt1000, Nero zusätzlich auch wegen angeblicher sexueller Perversionen1001, verurteilt und zu Staatsfeinden erklärt und ein Jahr später, 30 n. Chr., in dem Nero Caesar starb, noch vor dem Sturz Sejans, wurde auch der zweite Sohn Agrippinas, Drusus Caesar1002 angeklagt und eingekerkert. Aber warum änderte Tiberius schon kurze Zeit später seine Heiratspolitik dahin‐ gehend, dass er Sejan Livilla nicht heiraten, sondern – wegen einer Verschwörung – verhaften, verurteilen und hinrichten ließ, – obwohl eine Verstrickung Sejans in eine Verschwörung gegen Tiberius, objektiv betrachtet, nicht nur nicht nachweisbar, son‐ dern wohl auch unwahrscheinlich ist? Die Antwort ist naheliegend, obwohl auch für einen kritischen Historiker leicht zu übersehen, es sei denn er machte sich bewusst, dass unter den Bedingungen autoritärer Herrschaftssysteme die juristischen Kon‐ strukte, mit deren Hilfe die gerichtliche Verurteilung missliebiger Persönlichkeiten, u. U. sogar deren Beseitigung legitimiert wird, oftmals nur wenig mit den Gründen zu tun haben, welche die herrschenden Kreise dazu veranlasst, gegen bestimmte Perso‐ nen juristisch vorzugehen. Eine solche Vorgehensweise der römischen Strafjustiz haben wir bereits im Kon‐ text des Verfahrens gegen Piso1003, den angeblichen Mörder des Germanicus1004 ken‐ nengelernt, in welchem Tiberius in der Rolle des Verhandlungsvorsitzenden bereits in seiner Eröffnungsansprache dafür sorgte, dass die wichtigsten Indizien für den Nach‐ weis eines unnatürlichen Todes des Germanicus, die Ergebnisse der in Antiochien durchgeführten Leichenschau juristisch entwertet wurden1005, aber nicht um den An‐ geklagten zu entlasten, sondern lediglich um die Spuren, die zu dem wirklichen Täter hätten führen können, zu verwischen, nämlich zu Sejan, und zwar indem ein indirek‐ ter Schuldbeweis erbracht wurde, - dadurch, dass ein Suizid des Angeklagten vorge‐ täuscht wurde1006. Eine ähnliche Vorgehensweise der römischen Strafjustiz ist auch in den kurz nach dem Tode der Livia Augusta, aber noch vor dem Sturz Sejans eröffneten Strafverfah‐ ren gegen Agrippina, die Witwe des Germanicus, sowie gegen deren Söhne Nero Cae‐ sar und Drusus Caesar zu beobachten: Allen dreien wurden u. a. Verschwörungen vorgeworfen, aber offensichtlich nicht nachgewiesen, sie wurden zwar eingekerkert, aber nicht verurteilt und hingerichtet, man ließ sie verhungern oder brachte sie dazu, sich durch die Verweigerung von Nahrungsaufnahme selbst zu töten1007. Aber warum musste plötzlich auch Sejan sterben? Wie gesagt, die Antwort ist na‐ heliegend, aber leicht zu übersehen, wenn man sich zu sehr auf die Zweifel daran ver‐ steift, dass Drusus, immerhin bereits acht Jahre zuvor durch einen von Livilla und 1000 Vgl. Tac. ann. 5, 3, 1 ff.; 1001 Vgl. Suet. Cal. 7, Tib. 54, 2; 1002 Vgl. Tab. I, Nr. 33; vgl. R. Hanslik: D. (III) Drusus Iulius Caesar. 2. In: KIP Bd. 2, Sp. 171. A. Winterling: Caligula, Eine Biographie, Drusus (III), Bruder des Caligula, München, 2007, S. 21, 35, 37–41, 45 f.. 1003 S. o. Tab. I, 7; 1004 S. o. Tab. I, 5; 1005 S. o. Tac. ann. 3, 12; 1006 S. o Tac. ann. 3, 15, 3; 1007 S. o. Tab. I, Nr. 31. 33. 56; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 211 Sejan organisierten Giftmord ums Leben kam, und zwar in Anbetracht der Tatsache, dass diese These ja im Wesentlichen lediglich auf nach der Verhaftung Sejans gemach‐ ten Angaben Apicatas, dessen verstoßener Ehefrau zu beruhen scheinen1008. Unter der Prämisse, dass der nach der Verhaftung Sejans gegen diesen erhobene Vorwurf der Verschwörung nicht eine historische Wirklichkeit umschrieb, sondern auf einem Konstrukt beruhte1009, das lediglich dazu diente, die Hinrichtung Sejans zu rechtferti‐ gen1010, gibt es dafür nur eine vernünftige Erklärung: Tiberius muss in der kurzen Zeit zwischen den Anklageerhebungen gegen Agrippina und deren Söhne Nero und Dru‐ sus Caesar, an denen auch Sejan beteiligt war, bis zu dessen Verhaftung, also bereits vor dessen Verhaftung, in den Besitz von Informationen gekommen sein, die ihn zu der Überzeugung gelangen ließen, dass Sejan seinen leiblichen Sohn Drusus, viel‐ leicht sogar auch seinen Neffen und Adoptivsohn Germanicus beseitigt haben könnte. Berücksichtigt man ferner, dass gute Argumente dafür sprechen, dass ihm diese Informationen durch Antonia minor, die Mutter Livillas1011, d. h. der seit längerem von Sejan umworbenen Witwe des Drusus zugespielt wurden, kann über den Inhalt derselben, obwohl den Quellen über eine Involvierung Livillas in die angeblichen konspirativen Machenschaften Sejans nichts Konkretes zu entnehmen ist1012, kaum Zweifel bestehen, - wenn man sich vergegenwärtigt, um welche Informationen es sich gehandelt haben muss, so dass auch Tiberius annehmen durfte, dass darüber niemand zuverlässigere Auskünfte geben könne als die Mutter der selbst „auch nicht abgeneig‐ ten Braut“. Zieht man außerdem in Betracht, dass nicht davon auszugehen ist, dass Antonia ihrer eigenen Tochter schaden wollte, sowohl aus menschlichen als auch aus dynasti‐ schen Erwägungen heraus1013, sondern allenfalls Sejan, - dann ist anzunehmen, dass sie durch Andeutungen Tiberius dazu brachte, darüber ins Grübeln zu verfallen, ob Tiberius Gemellus, sein mutmaßlicher Enkel aus der Ehe seines schon vor Jahren ver‐ storbenen Sohnes mit Livilla, in Wirklichkeit gar nicht sein leiblicher Enkel, sondern ein Sohn Sejans sein könne. 1008 S. o. Tab. I, Nr. 26; 1009 Ios. ant. Iud. 18, 181 ff. berichtet dazu wenig Überzeugendes. 1010 Diese von mehreren Althistorikern (S. o) vertretene Auffassung wird auch hier nicht angezweifelt. 1011 Cassius Dio erwähnt im Zusammenhang eines Lobpreises auf das gute Gedächtnis der Antonia Caenis, einer Konkubine Vespasians, (Cass. Dio 65, 14;) einer früheren „Sekretärin“ der Antonia minor (Vgl. Suet. Vesp. 3. 21; Dom. 12, 3; CIL 6, 12037.), dass Antonia jene mit der Übermittlung einer für Tiberius bestimmten, Sejan betreffenden Geheimbotschaft betraut habe. Zur Rolle Anto‐ nias bei der Aufdeckung der politischen Machenschaften Sejans vgl.: Castritius, H.: Die flavische Familie. Frauen neben Vespasian, Titus und Domitian, in: Temporini-Gräfin Vitzthum, H.(Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. Von Livia bis Theodora. München 2002, S. 165–166. Levick, B.: Vespasian. London 1999, S. 11, 102, 182, 196. 1012 Über eine gegen Sejan gerichtete Intervention Antonias berichtet auch Flavius Josephus (Ios. ant. Iud. 18, 181 ff.). 1013 Als Tochter des Triumvirn Marcus Antonius und der Octavia, der Schwester des Kaisers Augustus galt sie als Repräsentantin der Interessen sehr einflussreicher Adelsgeschlechter, nicht zuletzt im Hinblick auf die Nachfolge des Tiberius. Vgl. dazu: Kokkinos, N.: Antonia Augusta. Portrait of a Great Roman Lady. Routledge, London u. a. 1992. Trillmich, W.: Familienpropaganda der Kaiser Caligula und Claudius. Agrippina Maior und Antonia Augusta auf Münzen. Berlin 1978. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 212 Wenn aber der bereits 19 n. Chr.1014, d. h. im Jahre der mutmaßlichen Vergiftung des Germanicus, geborene Tiberius Gemellus nicht ein Sohn Sejans gewesen sein soll‐ te, dann erschienen der Schlagabtausch zwischen Drusus und Sejan1015, nicht zuletzt die Gerüchte über eine außereheliche Liaison Sejans mit Livilla, natürlich in einem anderen Licht; dann hätte es – aus dem Blickwinkel des Tiberius – sein können, dass Sejan vielleicht schon an der Ermordung des Germanicus1016, wahrscheinlich aber auch an der seines Sohnes Drusus beteiligt gewesen war. Daraus erklärt es sich, dass Tiberius – aber erst nach1017 der Verhaftung Sejans – als erste dessen verstoßene Ehefrau darüber verhörte bzw. verhören ließ1018, von der er am ehesten vermuten durfte, dass sie schon frühzeitig Kenntnisse von ehebrecheri‐ schen Kontakten ihres früheren Gemahls zu Livilla gehabt habe und als verstoßene Ehefrau auch wenig Hemmungen haben würde, ihr Wissen darüber bereitwillig preiszugeben, und auch dass die letztere auf Eudemus und Lydgus verwies, den Leib‐ arzt und einen Eunuchen Livillas, und zwar als Zeugen von außerehelichen Kontak‐ ten zwischen Sejan und Livilla1019, vielleicht sogar als Zeugen eines Verbrechens im Zusammenhang mit dem Ableben des Drusus. Welche Konsequenzen sollten sich aus diesen Überlegungen zur Vorgeschichte der Verhöre von Apicata, Eudemus und Lydgus bezogen auf die Glaubwürdigkeit der darin gemachten Aussagen ergeben? – Zumindest die Deutung als Ausdruck und Er‐ gebnis der Rachsucht einer betrogenen und verstoßenen Ehefrau erscheint in Anbe‐ tracht der oben angestellten Überlegungen als unzulässig. Selbst dann, wenn Apicata die Absicht gehabt hätte, ihren früheren Gatten zu belasten, hätte sie kaum die Mög‐ lichkeit dazu gehabt. Denn den von Tacitus im Hinblick auf ihre Aussage benutzten Ausdruck sceleris ordo per Apicatam Seiani proditus wird man keineswegs dahinge‐ hend auslegen dürfen, dass sie durch eine spontane Anzeige das Verbrechen ihres Gatten öffentlich gemacht habe, sondern allenfalls im Rahmen eines „unfreiwilligen“ Verhörs, in welchem sie speziell zu dem ihrem Gatten zur Last gelegten Giftmord an Drusus gar keine Aussage hätte machen können. Denn, wie aus den Aussagen von 1014 Vgl.: Gardthausen, V. Iulius (No. 156). RE 10. 536–537 (1919); Herz, P., Die Arvalakten des Jahres 38 n. Chr. Eine Quelle zur Geschichte Kaiser Caligulas. Bonner Jahrbücher 181 (1981): 89–110; siehe auch: Fagan, G.: Kurzbiografie (englisch) bei De Imperatoribus Romanis (mit Literaturanga‐ ben). http://www. luc.edu/roman-emperors/gemell.htm (1997). 1015 S. o. Tac. ann. 4, 3, 2; Cass. Dio 57, 22, 1; 1016 S. o. Tab. I, 5; 1017 Dass Tiberius bereits vor der Verhaftung Sejans Apicata über dessen Beziehungen zu Livilla hätte verhört, wird man ausschließen dürfen, da derartige Verhöre in den Zuständigkeitsbereich Sejans gefallen wären, der in diesem Falle gewarnt hätte werden können, dass etwas „gegen ihn lief “, was Tiberius nicht zuletzt im Interesse der eigenen Sicherheit vermeiden wollte. Man beachte dazu sei‐ ne Vorgehensweise bei der Verhaftung Sejans durch Sutorius Macro, der vorher kein Prätorianer, also kein Untergebener Sejans gewesen war, sondern der Chef einer anderen mit den Prätorianern konkurrierenden Polizeitruppe gewesen war. Vgl. Cass. Dio 58, 7–10; 1018 S. o. Tac. ann. 4, 11, 2: ordo alioqui sceleris per Apicatam Seiani proditus, tormentis Eudemi ac Lydgi patefactus est. 1019 Dieses Wissen bezeugt auch Plinius d. Ä. (nat. 29, 20): iam vero adulteria etiam in principum domi‐ bus, ut Eudemi in Livia Drusi Caesaris... – hierbei lassen die Formulierungen des Plinius im Unkla‐ ren, ob Eudemus selbst der Kontakte zu Livilla bezichtigt werden soll, oder nur der Mitwisserschaft von Kontakten Livillas zu Dritten, wie etwa zu Sejan. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 213 Eudemus und Lydgus hervorgegangen sein dürfte1020, wurde jenes angebliche Verbre‐ chen ja nicht im Hause Sejans verübt, aus welchem Apicata nach Tacitus zum Zeit‐ punkt des in Rede stehenden Verbrechens ja schon längst vertrieben worden war1021, sondern in demjenigen des Drusus selbst, insofern Eudemus und Lydgus ja als „Haus‐ angestellte“ Livillas charakterisiert werden und deswegen im Prinzip ja nur als Zeugen für Vorgänge in Betracht kamen, die im Hause des Drusus zu beobachten waren. Aber selbst wenn das mutmaßliche Verbrechen im Hause Sejans stattgefunden haben sollte und Eudemus und Lydgus ihre Herrin dorthin begleitet haben sollten, hätte Apicata davon kaum etwas mitbekommen haben können, weil sie ja zur fragli‐ chen Zeit mit Sejan schon längst nicht mehr in Hausgemeinschaft lebte. Der einzige Beitrag, den Apicata zur Aufdeckung des mutmaßlichen Verbrechens ihres Gatten hätte leisten können, bestand in Angaben darüber, ab wann sie von Sejan als Gemah‐ lin verstoßen worden war und zu Gunsten welcher Nebenbuhlerin. Dass sie in dieser Beziehung Livilla schwer belastete, darf man, wegen der anschließenden Verhöre von Hausangestellten Livillas unterstellen. Auch dass dadurch der sich gegen ihren Gatten richtende Verdacht an Gewicht gewann, darf konzediert werden, aber dass Apicatas Aussagen Sejan auch als Verbrecher überführt hätten, ist zu bezweifeln. Insoweit darf man deren Bedeutung als Beweis für die Täterschaft Sejans nicht überschätzen. Damit aber stellt sich die aus dem Blickwinkel des Medizinhistorikers entschei‐ dende Frage, welchen Beitrag die Aussagen von Eudemus und Lydgus bei der gericht‐ lichen Überführung Sejans als Mörder des Drusus gespielt haben könnten, und vor allem, inwieweit aufgrund dieser Aussagen davon ausgegangen werden darf, dass auch der Arzt Eudemus an dem mutmaßlichen Verbrechen beteiligt gewesen sein könnte. Und damit wir uns bei der Beurteilung dieser Frage nicht von theoretischen Deduktionen auf eine falsche Fährte führen lassen, ist es an dieser Stelle nötig, dass wir uns noch einmal genau vor Augen führen, wie in den darüber überlieferten Zeug‐ nissen, bei Tacitus1022 und Cassius Dio1023, der Tathergang beschrieben wird. Tacitus merkt dazu an: sumitur in conscientiam Eudemus, amicus et medicus Liviae, specie ar‐ tis frequens secretis1024. Der kurze Satz ist in drei Kola untergliedert, denen sich drei unterschiedliche Aussagen zur Rolle des Arztes im Kontext des Tathergangs entneh‐ men lassen. Dem ersten dieser drei Kola ist zu entnehmen, dass Eudemus nach Auf‐ fassung des Gerichts eindeutig als „Mitwisser“ einzustufen war, d. h. dem im Falle, dass im Hause des Drusus oder gar unter Beteiligung Livillas ein Verbrechen gesche‐ hen sein sollte, zu unterstellen war, dass er davon Kenntnis erhalten haben müsste. Auch die Dekodierung des zweiten Kolons amicus et medicus Liviae dürfte kaum große Schwierigkeiten bereiten: Eudemus galt in den Augen des Tacitus, somit auch des Gerichts, als ein Freund Livillas und als ihr Arzt, wobei die freundschaftlichen Be‐ ziehungen zu Livilla nach Auffassung des Tacitus bzw. des Gerichts aber nur seine 1020 S. o. Tac. ann. 4, 11, 2: … tormentis Eudemi ac Lydgi patefactus est. 1021 S. o. Tac. ann. 4, 3, 5: pellit domo Seianus uxorem Apicatam …, ne paelici suspectaretur. 1022 Vgl. Tac. ann. 4, 3, 4; 1023 Vgl. Cass. Dio 57, 22, 2; 1024 Vgl. Tac. ann. 4, 3, 4; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 214 Funktion als Arzt betrafen1025. In Bezug darauf begründete diese „Freundschaft“, so‐ weit davon ausgegangen werden kann, dass Eudemus ein Sklave oder Freigelassener Livillas war, u. a. sogar ein Zeugnisverweigerungsrecht. Aber dieses wurde, wie Taci‐ tus im Kontext des Falles Drusus Libo1026 näher erläuterte, unter Tiberius durch neu‐ artige Rechtsvorschriften ausgehebelt, so dass damit zu rechnen ist, dass Eudemus auch bezüglich seiner Herrin sowie bezüglich des Schicksals des Drusus in vollem Umfang auskunftspflichtig war. Als kryptisch erweist sich auf den ersten Blick jedoch das dritte Kolon: specie artis frequens secretis1027. Es lässt sich als Ausdruck dafür deuten, dass Eudemus sich unter dem Vorwand der Ausübung seines Berufs häufig mit ihr zu geheimen Besprechun‐ gen getroffen habe, wodurch dem Betrachter suggeriert wird, dass er nicht nur Kennt‐ nisse von Geheimnissen seiner Herrin gehabt habe, sondern auch aktiv an den Vorbe‐ reitungen zu ihren kriminellen Machenschaften beteiligt war. Einen vergleichbaren Eindruck vermittelt auch eine Äußerung Cassius´Dios, wenn auch ohne Nennung des Namens des Eudemus. Den mutmaßlichen Sachverhalt der Tötung des Drusus durch Sejan beschreibt Cassius Dio mit folgenden Worten: [Ð SeἴanÕj...] farmakÒn ti aÙtù di£ te tîn ™n qe‐ rape…ᾳ aÙtoà Ôntwn kaˆ di¦ tÁj gunaikÕj aÙtoà, ¼n tinej Lou…llan Ñnom£zousin, œdwke.1028 Hierbei ist der Ausdruck [Ð SeἴanÕj...] farmakÒn ti aÙtù … œdwke ein‐ deutig als Umschreibung des Faktums, dass Sejan Drusus ein Gift applizierte, zu deu‐ ten, während durch die Formulierung di£ te tîn ™n qerape…ᾳ aÙtoà Ôntwn kaˆ di¦ tÁj gunaikÕj aÙtoà, ¼n tinej Lou…llan Ñnom£zousin ausgedrückt wird, dass sich Sejan hierbei nicht selbst die Hände „schmutzig gemacht“ habe, sondern sich Helfers‐ helfer bediente, nämlich di£ te tîn ™n qerape…ᾳ aÙtoà Ôntwn, d. h. einiger Angehö‐ riger der Dienerschaft des Opfers und schließlich auch di¦ tÁj gunaikÕj aÙtoà, ¼n tinej Lou…-llan Ñnom£zousin, der Beihilfe seiner Gemahlin, „die einige als Livilla“ bezeichnen. Sollte Eudemus bereits zur Dienerschaft des Drusus gehört haben, was aufgrund seiner Charakterisierung durch Tacitus als amicus et medicus Liviae1029 nicht sicher ist, aber aufgrund der Formulierung te tîn ™n qerape…ᾳ aÙtoà Ôntwn zur Bezeichnung der Dienerschaft des Drusus auch nicht ausgeschlossen werden kann1030, ließe sich das Zeugnis Dios auch als Hinweis darauf interpretieren, dass Eu‐ demus an der Auswahl und Beschaffung des Gifts beteiligt war. 1025 Der von Plinius suggerierte Verdacht auch einer erotischen Intimität zwischen Eudemus und Livilla (S. o. Plin. nat. 29, 20;) wird sicherlich als Niederschlag eines völlig haltlosen Gerüchts einzustufen sein. 1026 Vgl. Tab. I, 3; 1027 Vgl. Tac. ann. 4, 3, 4; 1028 S. o. Cass. Dio 57, 22, 2; 1029 Vgl. Tac. ann. 4, 3, 4; 1030 Der Ausdruck ™n qerape…ᾳ ist sowohl als unspezifischer Hinweis darauf interpretierbar, dass die Helfer bei der Tötung des Drusus zu dessen Dienerschaft gehörten, aber auch als spezifischer Aus‐ druck dafür, dass sich unter dessen Dienerschaft auch jemand befunden haben könnte, dem die medizinische Betreuung des Opfers oblag, sofern das Wort qerape…a auch so viel wie „Heilung“ bedeuten kann. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 215 Aber ungeachtet der Frage, ob Eudemus an der angeblichen Vergiftung des Dru‐ sus aktiv beteiligt war, ist die von Tacitus benutzte Formulierung specie artis frequens secretis1031 so zu deuten, dass Eudemus auch über „Geheimnisse“ Livillas im Bilde war, sowohl hinsichtlich ihres Umgangs mit Sejan, gegebenenfalls auch hinsichtlich einer schuldhaften Verstrickung Livias in die Ursachen des Ablebens ihres Gatten. Daraus aber wiederum lässt sich ableiten, dass die in allen Quellen überlieferte Information, dass Sejan Drusus durch Livia und dessen Hauspersonal habe vergiften lassen, im Wesentlichen auf Aussagen des Eudemus und des Lydgus zurückging, vor allem aber wohl des Eudemus, insofern Eudemus als Arzt gerade in pharmakologischen Fragen als „Sachverständiger“ angesehen werden konnte und auch als solcher befragt worden sein könnte. Denn ein heutiger Ermittler oder Richter würde einen Arzt als Sachverständigen in einem Mordprozess immer auch daraufhin befragen, ob er auf der Grundlage sei‐ nes ärztlichen Wissen ausschließen könne, dass ein Verstorbener, bei dem der Ver‐ dacht erhoben wurde, dass er einen unnatürlichen Tod erlitten habe oder eine will‐ kürliche Intoxikation durch Dritte als Todesursache nicht zumindest wahrscheinlich sei. Und eben diese Frage dürfte auch dem Eudemus gestellt und von diesem vermut‐ lich bejaht worden sein. Aus eben diesem Grunde, weil ein Arzt im Falle des Drusus in dem Verhör, dem er unterzogen wurde, eine Intoxikation als Todesursache wahr‐ scheinlich bejahte, bestehen wegen der in diesem Punkte übereinstimmenden Zeug‐ nisse des Tacitus, Suetons und Cassius´Dios gute Gründe zu der Annahme, dass Dru‐ sus tatsächlich auf Veranlassung Sejans vergiftet wurde. Man könnte gegen diese Schlussfolgerung einwenden, dass Eudemus und auch Lydgus ihre Aussagen unter der Folter1032, d. h. womöglich nicht freiwillig, machten. Jedoch lässt sich dieser Einwand leicht entkräften. Denn auch der Einsatz der Folter als Verhörmethode, der ohnehin nur bei Sklaven zulässig war, da solche als nicht selbstbestimmte Personen vor Gericht ohne Zustimmung ihrer Herren keine gültigen Aussagen machen konnten, – das gilt auch für Aussagen gegen ihre Herren, – ent‐ band die Verhörten nicht von der Pflicht zu wahrheitsgemäßen Aussagen, diente praktisch nur zur Überwindung ihres Aussageverweigerungsrechts, keineswegs zur Erzwingung von Aussagen bestimmten Inhaltes1033. Eine solche Vorgehensweise darf auch in den vorliegenden Verhören unterstellt werden, in denen Eudemus und Lydgus anstandslos sagten, was sie wussten, d. h. ohne dass sie gefoltert werden mussten, zumal man von ihnen ja wohl keine Aussagen er‐ wartete, die sich primär an ihre Herrin richteten, sondern gegen Sejan, auch wenn 1031 Vgl. Tac. ann. 4, 3, 4; 1032 S. o. Tac. ann. 4, 11, 2: ordo alioqui … tormentis Eudemi ac Lydgi patefactus est; 1033 Ein gutes Beispiel dafür liefert der Prozess gegen Drusus Libo (Vgl. Tab. I, 3), in dem zu dessen Überführung als Verschwörer das Verhör von Sklaven desselben für erforderlich angesehen wurde, aber in Anbetracht dem entgegenstehender Rechtsvorschriften nicht ohne weiteres möglich war. Den juristischen Trick, um dieses Recht zu unterlaufen beschreibt Tacitus folgendermaßen: et quia vetere senatus consulto quaestio in caput domini prohibebatur, callidus et novi iuris repertor Tibeius mancipari singulos actori publico iubet, scilicet ut in Libonem ex servis salvo senatus consulto quaere‐ retur. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 216 diese zwangsläufig auch Livilla belasteten, wenn dadurch über den Tathergang ein Bild entstand, welches Tacitus wie folgt beschrieb: Igitur Seianus … deligit venenum, quo … fortuitus morbus adsimularetur. id Druso datum per Lydgum spadonem, ut octo post annos cognitum est.1034 Danach wählte Sejan ein Toxin aus, dessen Wirkung eine natürliche Erkrankung vortäuschte, und sorgte dann dafür, dass dieses Gift durch den Eunuchen Lydgus dem Drusus verabreicht wurde. Es verdient Beachtung, dass in den o. z. Formulierungen des Tacitus, bezüglich welcher zu unterstellen ist, dass sie in etwa das wiedergeben, was in dem Prozess gegen Sejan zur Begründung von dessen Verurteilung angegeben wurde: als Mittäter werden weder Eudemus noch Livilla expressis verbis genannt, auch wenn im Falle Livillas eine Mittäterschaft implizite nach den o. z. Formulierungen des Tacitus als erwiesen angesehen werden müsste. War doch Lydgus ohne Zweifel ein Sklave Livillas. Daher darf unterstellt werden, dass dieser auch in Bezug auf die Wei‐ tergabe des von Sejan ausgesuchten Gifts kaum ohne einen entsprechenden Auftrag seiner Herrin handelte. Damit aber stellt sich die wichtige Frage, ob durch die o. z. Äußerungen des Taci‐ tus in dem Prozess gegen Sejan mittelbar nicht auch der Arzt Eudemus als Mittäter entlarvt wurde. Eine positive Beantwortung drängt sich auf, wenn man berücksichtigt, dass er aufgrund seines medizinisch – pharmakologischen Wissens dazu in der Lage gewesen wäre, und dass in Bezug auf das Ableben des Drusus natürliche Todesursa‐ chen auszuschließen sind, und dass er auch fähig gewesen sein müsste, Sejan und Drusilla dabei zu beraten, welches Gift geeignet sei, eine zum Tode führende Erkran‐ kung vorzutäuschen, zumal auch Cassius Dio eine aktive Beteiligung der Haussklaven Livillas an der Tötung des Drusus bezeugt1035. Die Möglichkeit, dass sich Eudemus, auf Weisung oder Bitten seiner Herrin und gestützt auf sein ärztliches Wissen, beratend an der Suche nach einem solchen Gift beteiligte, kann grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden. Dass er aber sich tatsäch‐ lich so verhielt, dafür liefern zumindest die Angaben des Tacitus über den Fall keiner‐ lei Anhaltspunkte. Tacitus charakterisiert Eudemus an keiner Stelle als Täter, sondern an den Stellen, an denen er seinen Namen überhaupt erwähnt, einmal als Mitwis‐ ser1036, das andere Mal als Informanten1037. Beachtung verdient im Hinblick darauf, dass auch Tiberius und Sutorius Macro, der Nachfolger Sejans im Amte des Prätorianerpräfekten, aufgrund der Verhöre von Eudemus und Lydgus keineswegs davon überzeugt gewesen zu sein scheinen, dass die Verhörten als Mittäter infrage kämen. Denn andernfalls wäre zu erwarten, dass die im Anschluss an die Hinrichtung Sejans stattfindende Verfolgung mutmaßlicher Un‐ 1034 S. o. Tac. ann. 4, 8, 1; 1035 S. o. Cass. Dio 57, 22, 2: [Ð SeἴanÕj...] farmakÒn ti aÙtù di£ te tîn ™n qerape…ᾳ aÙtoà Ôntwn kaˆ di¦ tÁj gunaikÕj aÙtoà, ¼n tinej Lou…llan Ñnom£zousin, œdwke. 1036 S. o. Tac. ann. 4, 3, sumitur in conscientiam Eudemus, amicus et medicus Liviae, specie artis frequens secretis 1037 S. o. Tac. ann. 4, 11, 2; ordo alioqui … tormentis Eudemi ac Lydgi patefactus est; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 217 terstützer, Gefolgsleute und Günstlinge Sejans1038, die zum Teil mit einer erschrecken‐ den Brutalität durchgeführt wurde1039, auch Eudemus und Lydgus zum Opfer gefallen wären, da jene im Falle einer Überführung wegen Beihilfe zur Tötung des Drusus nach der lex Cornelia de sicariis veneficiisque zu verurteilen und hinzurichten gewesen wären. Von einer solchen Bestrafung ist aber weder im Falle des Eunuchen Lydgus noch des Arztes Eudemus etwas bekannt. Daraus wäre abzuleiten, dass im Falle des Arztes Eudemus eine aktive Beteiligung an der Tötung des Drusus als theoretisch denkbar, aber ansonsten nicht nur als nicht bezeugt1040, sondern auch als nicht nach‐ weisbar eingestuft wurde und werden muss. Oder sollte Drusus trotz des anderslautenden Zeugnis des Eudemus nicht vergiftet worden, sondern, wie von einigen Althistorikern vermutet wird1041, eines natürlichen Todes gestorben sein? Diese Möglichkeit kann ebenfalls nicht ausgeschlossen werden, zumal unterstellt werden darf, dass Eudemus zumindest ahnte, was man von ihm hö‐ ren wollte, als man ihn zum Verhör „bat“; es ist davon auszugehen, dass auch Eude‐ mus und Lydgus zum Zeitpunkt ihrer Verhöre von der spektakulären Verhaftung Se‐ jans „Wind bekommen“ hatten. Allein die Argumente, die zur Stützung dieser These vorgetragen wurden, können aus der Sicht eines Mediziners kaum überzeugen. Kriti‐ ker der „Giftmordtheorie“ verweisen auf die Möglichkeit, dass Drusus sich durch einen disziplinlosen Lebensstil, eventuell durch fortgesetzten Alkoholmissbrauch, eine tödliche Erkrankung zugezogen haben könnte und benennen als Belege dafür vor allem Suet. Tib. 62 und Tac. ann. 3, 49. Eventuell könnte man auch noch ein in Tac. 4, 10, 2 – 31042 überliefertes Gerücht als Hinweis auf eine Neigung zu übermäßi‐ gem Alkoholkonsum interpretieren. Hierbei ist zu beachten, dass die zuerst erwähnte Suetonstelle nichts anderes be‐ legt, als dass Tiberius über einen längeren Zeitraum subjektiv davon überzeugt war, dass sein Sohn einer natürlichen Erkrankung erlegen sei: quem cum morbo et intem‐ perantia perisse existimaret, ut tandem veneno interemptum fraude Livillae uxore atque Seiani cognovit, neque tormentis neque supplicio cuiusquam pepercit, soli huic cognitio‐ 1038 Die Mehrzahl der nach dem Sturz Sejans zu beobachtenden unnatürlichen Todesfälle der Regie‐ rungszeit des Tiberius erklärt sich aus dem Zusammenhang einer beispiellosen Verfolgungsjagd auf Personen aus dem persönlichen und politischen Umfeld Sejans. Vgl. Tab. I, 25 ff; 1039 Im diesem Zusammenhang ist auf die Tötung der 3 Kinder Sejans hinzuweisen, denen schon allein wegen ihrer Jugend kaum eine Beteiligung an den Machenschaften ihres Vaters vorzuwerfen war. Vgl. Tab. I, Nr. 26–28; ein abstoßendes Beispiel für diese Brutalität erwähnt Cassius Dio (58, 11, 5;) in Bezug auf eine Tochter: tÁj kÒrhj, ¿n tù toà Klaud…ou uƒe‹ ºggu»kei, prodiafqare…shj ØpÕ toà dhm…ou, æs oÙc Ósion Ön parqeneuomšnhn tin£ ™n tù desmwthr…ῳ diolšsqai. - nachdem das Mädchen, das er [Sejan] einem Sohn des [nachmaligen Kaisers] Claudius verlobt hatte, nach dem Grundsatz, dass es ein Rechtsverstoß sei, eine Jungfrau im Gefängnis sterben zu lassen, ließ er [Tiberius] es zuvor vom Henker vergewaltigen. 1040 Nicht bei Tacitus, sondern nur bei Sueton und Cassius Dio also, in späteren und schon allein des‐ wegen weniger glaubwürdigen Quellen, und auch nur indirekt bezeugt, d. h. ohne Namensnen‐ nung. 1041 Insbesondere Syme, R.: Tacitus Bd. 1, S. 402; und Henning, D.: L. Aelius Seianus, Untersuchungen zur Regierung des Tiberius, München 1975, S. 35. 1042 S. o.; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 218 ni adeo per totos dies deditus et intentus...1043. Hierbei ist erkennbar, dass sich nur im ersten Kolon quem cum morbo et imperantia perisse existimaret des Ausdrucks Hin‐ weise auf eine natürliche Erkrankung als Todesursache ausfindig machen lassen, und zwar in Gestalt der Worte morbo und intemperantia und als Gegenstand einer zeit‐ weiligen subjektiven Einschätzung des Kaisers existimaret. Dabei wird man den Ausdruck intemperantia kaum als Ausdruck für den Lebens‐ wandel des Drusus an sich wird deuten können, sondern eher als einen verallgemei‐ nernden Hinweis auf jenes Ereignis, welches nach Tacitus den letzten Anstoß dazu gab, das länger geplante Verbrechen auszuführen, nämlich die sowohl von Tacitus als auch von Cassius Dio genauer beschriebenen Tätlichkeiten zwischen Sejan und Dru‐ sus kurz vor dem Ausbruch der „Krankheit“ des letzteren. Hierbei ist damit zu rechnen, dass die Zurückführung des Gefühlsüberschwangs des Drusus im Zusammenhang seiner „Schlägerei“ mit Sejan auf angebliche charak‐ terliche Defizite, vielleicht auch im Zusammenhang mit der Neigung zu Alkoholmiss‐ brauch nicht erst von Sueton vorgenommen wurde, sondern bereits in den Quellen vorgebildet worden war, die jener benutzte. Tacitus erwähnt im Anschluss an seine Darstellung vom Ende des Drusus und der Versicherung, hierbei den meisten und seiner Meinung zuverlässigsten Autoren gefolgt zu sein1044, ähnliche Gerüchte 1045: deinde inter conscios ubi locus veneficii tempusque composita sint, eo audaciae provec‐ tum, ut verteret et occulto indicio Drusum veneni in patrem arguens moneret Tiberium vitandam potionem, quae prima ei apud filium epulanti offeretur. ea fraude cptum senem, postquam convivium inierat, exceptum poculum Druso tradidisse, atque illo ignaro et iuveniliter hauriente auctam suspicionem, tamquam metu et pudore sibimet inrogaret mortem, quam patri struxerat.1046 (als darauf unter den Mitwissern Zeit‐ punkt und Ort des Giftanschlags festgelegt worden seien, habe er seinen Wagemut so weit getrieben, dass er die Geschichte verdrehte und in einer geheimen Anzeige Dru‐ sus der Planung eines Giftanschlags auf den Vater bezichtigte und Tiberius ermahnte, den Trank, der ihm bei einem Gastmahl bei seinem Sohn zuerst gereicht werde, zu vermeiden. Durch diesen Betrug umgarnt, habe der Alte, nachdem er den Ort des Gastmahls betreten hatte, einen Pokal in Empfang genommen und an Drusus weiter gereicht, und dadurch dass jener ihn ahnungslos und in jugendlichem Überschwang leerte, sei der Verdacht entstanden, dass er gleichsam aus Furcht und Schamgefühl sich selbst den Tod zugezogen habe, den er dem Vater zugedacht hatte.) Im Anschluss an diese Darstellung setzt sich Tacitus kritisch mit der Theorie aus‐ einander, dass Tiberius selbst Drusus den tödlichen Trank angereicht haben könne, aber Tacitus charakterisiert die Geschichte als Gegenstand von anonym verbreiteten Gerüchten1047. Gleichwohl wird die Darstellung eben als Gegenstand von Gerüchten 1043 Vgl. Suet. Tib. 62, 2; 1044 Vgl. Tac. ann. 4, 10, 1: In tradenda morte Drusi quae plurimis maximaeque fidei auctoribus memo‐ rata sunt rettuli. 1045 Vgl. Tac. ann. 4, 10, 1. set non omiserim eorundem temporem rumorem... 1046 Vgl. Tac. ann. 4, 10, 2–3; 1047 Vgl. Tac. ann. 4, 11, 1: Haec vulgo iactata super id, quod nullo auctore certo firmantur, prompte refu‐ taveris; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 219 nicht ganz von der Hand weisen sein, die auch Tiberius zeitnah zu Ohren gekommen sein dürften, womöglich ihm bewusst zugespielt wurden, um bei ihm Angst und Vor‐ behalte gegen Drusus zu erzeugen, damit er Gerüchte, nach denen jener durch einen Giftanschlag ums Leben gekommen sein könne, nicht allzu ernst nehme, ihnen auch nicht auf den Grund gehe, aber gleichwohl vor möglichen Anschlägen auf der Hut sei. Dabei sollten derartige Besorgnisse bei Tiberius als historisch eingestuft werden, inso‐ fern dieser sich in der Folgezeit immer mehr aus Rom und aus der Erledigung der alltäglichen Regierungsgeschäfte, die er Sejan überließ, zurückzog und ab 27 n. Chr. dauerhaft in der Villa Iovis auf Capri lebte1048. Dass Tiberius vor einem Anschlag auf sich selbst oder auch auf Drusus vorher ge‐ warnt worden sein könnte, erscheint vor dem Hintergrund der o. e. Gerüchte als denkbar. Dennoch braucht ihnen im Kontext der Frage nach den medizinischen Ur‐ sachen für das Ableben des Drusus hier nicht weiter nachgegangen zu werden, – ab‐ gesehen von dem Hinweis: … poculum Druso tradidisse, atque illo ignaro et iuveniliter hauriente … Sollte diese Neigung, Pokale mit alkoholischen Getränken in jugendli‐ chem Überschwang in einem Zuge zu leeren, jenseits der „Gerüchte“ über eine in Tö‐ tungsabsicht herbeigeführten Intoxikation durch Dritte, sogar seinen Tod herbeige‐ führt haben? Als Beleg für die Haltlosigkeit der Giftmordthese wird von deren Kritikern1049 auf die Möglichkeit einer selbst verschuldeten chronischen Alkoholvergiftung verwiesen, die beinahe bereits im Jahre 21 n. Chr. seinen Tod herbeigeführt habe. Tacitus notierte zu diesem Jahr u. a.: fine anni Clutorium Priscum equitem Romanum, post celebre car‐ men, quo Germanci suprema defleverat, pecunia donatum a Caesare, corripuit delator, obiectans aegro Druso composuisse quod, si extinctus foret, maiore praemio vulgare‐ tur,1050 (Gegen Ende des Jahres wurde Clutorius Priscus1051, ein römischer Ritter nach dem [gefeierten Vortrag eines] Gedichts, in welchem er das Ende des Germanicus be‐ weint hatte, mit Geld beschenkt vom Kaiser, diesen griff ein Ankläger an, in dem er ihm vorwarf, dieses während einer Krankheit des Drusus verfasst zu haben, damit es wenn dieser verstorben sei, zu einem höheren Preis veröffentlicht werden könne.) Der Zusammenhang, in welchem an dieser Stelle von einer Erkrankung des Dru‐ sus die Rede ist, suggeriert dem Betrachter, dass diese sogar mit der Erwartung eines baldigen Ablebens verbunden gewesen sein könnte. Aber welcher Art diese Erkran‐ kung war, lässt sich den Angaben des Tacitus und auch Cassius´ Dios dazu nicht ent‐ nehmen. Daher sind aber auch alle Vermutungen über die Möglichkeiten eines medi‐ zinischen Zusammenhangs dieser in das Jahr 21 n. Chr. zu datierenden Erkrankung mit der zum Tode führenden Erkrankung des Jahres 23 n. Chr. nicht zu beweisen. 1048 Vgl. Tac. ann. 4, 67; 1049 S. o.; 1050 Vgl. Tac. ann. 3, 49, 1; 1051 G. Lutorius Priscus wurde im Senat angeklagt, verurteilt und hingerichtet; vgl. Tab. I, 8; siehe dazu auch: Cass. Dio 57, 20, 3; vgl. Bardon, H. La littérature latine inconnue, 2, 1956, 74 f. Kienast, D., (Neu-Esting). Clutorius Priscus. Brill’s New Pauly. Antiquity volumes edited by: Hubert Cancik and Helmuth Schneider. Brill Online, 2015. Reference. 14 February 2015: Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 220 Gleichwohl wird man eine durch Alkoholmissbrauch verursachte Erkrankung bereits im Jahre 21 n. Chr. nicht ausschließen können. Dennoch ist es nach dem heutigen Stand medizinischen Wissens kaum vorstell‐ bar, dass ein chronifizierter Alkoholismus bei einem Mann im Alter von 38 Jahren be‐ reits zum Tode hätte geführt haben können. Eine akute Alkoholvergiftung1052 kann relativ schnell zum Tode führen, d. h. innerhalb weniger Stunden, eine chronische Alkoholvergiftung1053 aber erst nach langer Zeit, nach mehreren Jahren, meistens so‐ gar erst nach Jahrzehnten, und zwar nicht direkt, sondern durch Folgeerkrankun‐ gen1054, vor allem im Bereiche der Leber (wo es zunächst zu Verfettungen kommt, aus denen sich bei anhaltender Belastung eine Alkohol-Hepatitis und eine Leberzirrhose entwickeln kann.), aber auch im Bereich der Bauchspeicheldrüse (wo sich akut oder chronisch eine Pankreatitis entwickeln kann, wobei eine akute Pankreatitis rasch zum Tode führen kann, die entschieden häufigere chronischen Pankreatitis aber auf dem Wege einer exkretorischen Insuffizienz, und/oder über Diabetes mellitus eher ein sehr langsam zum Tode führendes Siechtum auslöst.). Auch zum Tode führende Erkran‐ kungen in den Bereichen des Stoffwechselsystems, im Herz-Kreislaufsystem, im Ver‐ dauungstrakt und im Nervensystem, als Folge von chronischem Alkoholismus, sind in der Regel erst jenseits des 50. Lebensjahres zu erwarten. Der im Falle des Drusus zum Tode führende Krankheitslauf entwickelte sich nach Tacitus aber nicht über we‐ nige Stunden, auch nicht über Monate und Jahre, sondern nur über mehrere Tage1055, so dass er weder auf eine akute noch auf eine chronische Alkoholvergiftung zurückge‐ führt werden kann. Nun wäre es nicht überzeugend, wenn man allein aufgrund des Ausschlusses einer akuten oder chronischen Alkoholvergiftung unter Hinweis auf die zeitliche Dauer der Erkrankung des Drusus eine „natürliche“ Ursache seines Ablebens aus‐ schließen wollte. Aber vielleicht haben wir bislang in unseren Überlegungen noch ein kleines Detail bezüglich des Krankheitsverlaufes übersehen, welches uns gerade in dieser Hinsicht zu größerer Klarheit verhelfen könnte, obwohl dieses weniger den Krankheitsverlauf selbst betrifft als die Art und Weise, wie Tiberius darauf reagierte. Tacitus berichtet darüber Folgendes: Ceterum Tiberius per omnes valetudinis eius dies, nullo metu … curiam ingressus est1056. (Im Übrigen betrat Tiberius während aller Tage seiner Erkrankung …. ohne Furcht das Tagungsgebäude des Senats.) An der hier ausgesparten Stelle des Zitats erwägt Tacitus zwar die Möglichkeit, dass Tiberius sich nur nach außen furchtlos gezeigt haben könnte, aber diese Spekula‐ tion sollte man nicht allzu ernst nehmen, da sie sich wohl nur auf jene Zeit bezog, in 1052 Vgl. ICD-10 online (WHO-Version 2013); Kraut, Jeffrey A., Kurtz, Ira: Toxic Alcohol Ingestions: Clinical Features, Diagnosis, and Management, in: Clin J Am Soc Nephrol. Nr. 3, 2008, S. 208-225. 1053 Zur Unterscheidung der unterschiedlichen Formen von Alkoholismus: ICD-10 und DSM-IV; 1054 Vgl. Singer, M. V./Teyssen, St.: Alkohol und Alkoholfolgekrankheiten: Grundlagen – Diagnostik – Therapie, Heidelberg 2005. 1055 Vgl. dazu Tac. ann. 4, 8, 2: Ceterum Tiberius per omnes valetudinis eius dies, nullo metu … curiam ingressus est. 1056 S. o. Tac. ann. 4, 8, 1; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 221 welcher Drusus zwar bereits verstorben, aber noch nicht bestattet war1057. Abstrahiert man also von der Verdächtigung des Tiberius durch Tacitus, so lässt sich eben aus je‐ ner Furchtlosigkeit erschließen, dass die Krankheitssymptome, die bei Drusus zu be‐ obachten waren, nach der Einschätzung des Tiberius nicht unbedingt einen tödlichen Verlauf erwarten ließen, sondern häufig, in bestimmten Jahreszeiten vielleicht sogar regelmäßig zu beobachten waren, aber nur selten zum Tode führten. Diese wären nach heutigem medizinischen Wissen entweder im Bereich von Ra‐ chen und Thorax oder im gastrointestinalen Bereich zu verorten, also mit Krankhei‐ ten in Verbindung zu bringen, die zwar mit erheblichen Einschränkungen des Allge‐ meinbefindens des Patienten verbunden waren, insbesondere mit Schmerzen und ho‐ hem Fieber, vielleicht auch mit Atembeschwerden1058, mit heftigem Erbrechen und schwerer Diarrhoe1059, ansonsten aber nach wenigen Tagen wieder abklingen und ver‐ schwinden, d. h. trotz zum Teil heftiger Symptome als „harmlos“ einzustufen wären. Da im Falle des Drusus die oben skizzierten Symptome nach wenigen Tagen nicht verschwanden, sondern der Patient verstarb, ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass jener Erkrankung eine willkürlich herbei geführte Intoxikation zu Grunde lag. Am ehesten kommen dafür Pflanzengifte in Frage, allerdings nicht aus Schierling (conium maculatum bzw. cicuta) oder Eisenhut (aconitum) gewonnene, die in der entsprechenden Dosis bereits in wenigen Stunden tödlich wirken, sondern eher Pilzgifte1060, deren Symptome denen einer schweren Gastroenteritis ähneln1061, die unter den im Vergleich zur Gegenwart eingeschränkten hygienischen Verhältnissen der frühen römischen Kaiserzeit recht häufig vorgekommen sein dürfte. Gerade im Falle einer durch Pilzgifte herbeigeführten Intoxikation des Drusus wäre aber eine In‐ anspruchnahme der Dienste eines Arztes durch die Mörder des Drusus weder nötig noch wahrscheinlich gewesen. Wir können hier den Fall des Drusus somit abschlie‐ ßen mit dem sicheren Urteil, dass Drusus zwar vergiftet wurde, aber ohne jede Betei‐ ligung eines Arztes. Welche Rückschlüsse lassen sich aus dieser Erkenntnis jedoch auf die übrigen hier zu beurteilenden unnatürlichen Todesfälle der Regierungszeit des Tiberius zie‐ hen, vor allem hinsichtlich der Möglichkeit der Beteiligung eines Arztes daran, kon‐ kret bezogen auf die Fälle des Germanicus und auch des Augustus? – Ausgehend von den im Zusammenhang der Analyse des Falles Drusus Tiberii gewonnenen Erkennt‐ 1057 Das innerhalb unseres Textes gekürzte Zitat lautet vollständig (die heraus gekürzten Teile sind durch Fettdruck und Unterstreichung kenntlich gemacht;): Ceterum Tiberius per omnes valetudins eius dies, nullo metu an ut firmitudinem animi ostenaret, etiam defuncto necdum sepulto, curiam ingressus est. 1058 wie sie für Grippen und grippale Infekte charakteristisch sind; 1059 Typisch für eine Gastroenteritis; 1060 Bresinsky, Besl: Giftpilze – Ein Handbuch für Ärzte, Apotheker …., Stuttgart 1985; Flammer, Ho‐ rak: Pilzgifte – Giftpilze. Stuttgart 1983; Benjamin: Mushrooms – Poisons and Panaceas. New-York 1995. Moeschlin: Klinik und Therapie der Vergiftungen. Stuttgart 1985. Stamets: Psilocybin Mushrooms of the World. Berkeley 1996; Roth, L., Frank, H., Kormann, K.: Giftpilze – Pilzgifte. Schimmelpilze – Mykotoxine. Vorkommen – Inhaltsstoffe – Pilzallergien – Nahrungsmittelvergif‐ tungen. Landsberg/Lech 1990. Über bereits in der Antike bekannte Gifte vgl. Ihm, S., Gift, in: Le‐ ven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon., s. o. Sp. 358–60. 1061 Vgl. Herold, T.: Innere Medizin. Köln 2015. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 222 nissen, erscheint es auch im Hinblick auf den medizingeschichtlichen Aspekt von Be‐ deutung zu sein, zu klären, inwieweit ein natürlicher Tod ausgeschlossen werden kann, bevor wir uns Gedanken darüber zu machen, ob die Involvierung eines Arztes denkbar ist oder nicht, und zwar unabhängig davon ob, eine solche in den Quellen bezeugt ist oder nicht. Hierbei ist, wie am Beispiel des Drusus gezeigt werden konnte, die Frage des Aus‐ schlusses natürlicher Todesursachen nicht ohne Berücksichtigung des Lebensalters der Verstorbenen zuverlässig zu beurteilen, und auch nicht ohne Berücksichtigung der Dauer der jeweils zum Tode führenden Erkrankung, auch nicht unabhängig von den politischen und kriminologischen Aspekten des jeweiligen Falles, d. h. von den politischen und persönlichen Motiven der mutmaßlichen Täter. Die Fälle des Drusus, Augustus und Germanicus im Vergleich Bevor wir zu einem abschließenden Urteil über alle drei Fälle gelangen, sollten wir vielleicht ein wenig in die Rolle eines modernen Staatsanwalts schlüpfen, der sich, be‐ vor er die Anklageschrift fertigstellt und noch einmal das Gutachten des Forensikers in die Hand nimmt, fragt: Was haben wir bislang gegenüber dem Haupttatverdächti‐ gen, gegenüber Sejan, überhaupt in der Hand? Bislang ist nur im Falle des Drusus eine Täterschaft Sejans nachgewiesen worden, wobei allerdings eine Mittäterschaft eines Arztes ausgeschlossen werden musste. Auch im Falle des Germanicus, besteht nach wie vor ein dringender Tatverdacht ge‐ genüber Sejan, vor allem weil auch bei Germanicus, einem Manne im Alter von nur 34 Jahren, nach der Art der Umstände, unter denen er zu Tode kam, ein unnatürli‐ cher Tod durch eine willkürlich herbei geführte Intoxikation nicht nur wahrschein‐ lich, sondern nahezu sicher zu sein scheint und Sejan in Bezug auf Germanicus nicht nur über Motive verfügte, diesen beseitigen zu lassen, sondern auch über die nötigen Helfershelfer und Mittel. Aber nach wie vor steht dieser dringende Tatverdacht unter dem Vorbehalt, dass Unklarheiten über die tatsächliche Dauer der Erkrankung des Germanicus bestehen und die Möglichkeit der Einschaltung eines Arztes als Helfers‐ helfer bislang nicht völlig ausgeräumt werden konnten. Das Ende des Augustus Die größten Schwierigkeiten, Sejan als Täter zu überführen, bestehen allerdings im Falle des Augustus. Einerseits ist Sejan auch in diesem Falle ein plausibles Motiv zu unterstellen, nämlich brennender Ehrgeiz und eine völlige Skrupellosigkeit in der Auswahl der Mittel, um seine eigene Karriere voranzutreiben, wobei zu vermuten ist, dass er auch schon im Jahre 14 n. Chr. über das Talent verfügte, ein Verbrechen zu organisieren, aber die Spuren, die zu ihm führen könnten, zu verwischen und gegen andere zu lenken, – vielleicht gegen Livia Augusti, die ihn wohl Zeit Lebens nie „aus‐ stehen“ konnte. Andererseits ist aber unklar, ob Sejan zur Tatzeit nicht über ein „was‐ serdichtes Alibi“ verfügte und ob im Falle des damals immerhin bereits kurz vor der 2.1.3.3 2.1.3.3.1 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 223 Vollendung seines 77. Lebensjahres stehenden Augustus natürliche Todesursachen überhaupt mit letzter Sicherheit ausgeschlossen werden können. Da sich in dem zuletzt genannten Fall die Suche nach einem Alibi für Sejan weit‐ gehend erübrigte, sollten wir uns zunächst erneut dem Fall des Augustus zuwenden und uns dabei vor allem um ein abschließendes Urteil zur Frage der Todesursachen kümmern. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen bestünde für den Nachweis einer willkürlichen Intoxikation des Augustus, ein Zeitfenster von ca. 100 Tagen, zwischen dem Ende der Lustralfeiern des Jahres 14 n. Chr., d. h. zwischen dem 20. 05. 14 n. Chr. und dem Zeitpunkt des Ablebens des Augustus, offiziell am 19. 08. 14 n. Chr., u. U. aber auch schon einige Tage früher. Bezeugt ist eine willkürliche Intoxikation des Augustus erst für die Zeit unmittelbar vor seinem Ableben, nämlich durch Cassius Dio, der eine Vergiftung durch von Livia vergiftete Feigen unterstellt1062. Theoretisch vorstellbar wäre aber auch eine Intoxikation als Ursache für die unmittelbar vor der Abreise des Augustus von Astura nach Capri bei diesem beobachtete Gastroenteri‐ tis1063. Dem Sejan wäre eine Schuld im Zusammenhang dieser Ereignisse aber nur dann anzulasten, wenn man davon ausgehen könnte, dass sich Sejan zum Zeitpunkt des Ausbruchs der o. g. mutmaßlichen Intoxikationen auch in der Nähe des Augustus auf‐ hielt, d. h. dass er diesen auf seiner letzten Reise nach Kampanien auch begleitete. Das aber ist nur in Abhängigkeit davon anzunehmen, dass sich auch Tiberius zu den fraglichen Zeiten in der Nähe des Augustus aufhielt, insofern Sejan damals ja noch nicht als eigenständiger Inhaber eines öffentlichen Amtes Zugang zu Augustus gehabt haben kann, sondern nur als Adjutant des Tiberius. Dass dies der Fall war, erscheint für die Zeit zwischen der Abreise des Augustus aus Rom bis zur Verabschiedung des Tiberius in Benevent durch ihn als möglich, für die Zeit des finalen Krankenlagers des Augustus in Nola aber als ungewiss, insofern unklar ist, ob Tiberius nach seinem Rückruf aus Illyrien oder von dem Weg dorthin überhaupt noch vor dem Ableben des Augustus Nola hätte erreicht haben können. Wegen dieser Unsicherheiten bezüglich eines Alibis Sejans wollen wir uns jetzt vor al‐ lem der Frage zuwenden, ob Augustus nicht auch eines natürlichen Todes gestorben sein könnte, insofern es ja nur im Falle des sicheren Ausschlusses dieser Möglichkeit sinnvoll wäre, weiter nach unnatürlichen Todesursachen Ausschau zu halten. Allein schon wegen des hohen Alters des Augustus zum Zeitpunkt seines Able‐ bens, von fast 77 Jahren, wird man eine große Zahl von altersspezifischen Erkrankun‐ gen, die wir bei der Erörterung der möglichen Todesursachen des Drusus als todesur‐ sächlich ausgeschlossen haben, im Falle des Augustus weiter im Auge behalten müs‐ sen. Es wurde im Zusammenhang damit bereits erwähnt, dass bei Augustus schon während des sog. kantabrischen Krieges (29 v. Chr. bis 19 v.) nach Sueton eine Gallen‐ flussstörung diagnostiziert wurde1064, welche entweder auf Versteinerungen (Choleli‐ thiasis) oder einen entzündlichen Prozess (Virushepatitis) zurückzuführen sein dürfte. 1062 S. o. Cass. Dio 56, 30,1–1,3; 1063 S. o. Suet. Aug. 97, 3; 1064 S. o. Suet. Aug. 81, 1; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 224 Für beide Erkrankungen sind Chronifizierungen wahrscheinlich, die im fortgeschrit‐ tenen Alter des Menschen zu einem pathologischen Umbau des Lebergewebes (Leber‐ zirrhose) und nach einem längeren Siechtum über eine Sepsis1065 zum Tode führen können. Die Vermutung, dass auch Augustus unter einer derartigen chronischen Leberer‐ krankung gelitten haben könnte, ergibt sich u. a. aus einem Zeugnis des Cassius Dio über eine im Jahr 13 n. Chr. beobachtete längere Phase der Bettlägerigkeit des Augus‐ tus1066. Schon aus methodologischen Gründen erscheint es aber als unzweckmäßig, sich bei der Frage nach der Möglichkeit einer chronischen Erkrankung des Augustus als Todesursache, von vornherein auf eine einzige festzulegen, nur deswegen weil bei Augustus bereits 3 Jahrzehnte vor seinem Tode eine Krankheit diagnostiziert wurde, die chronifizieren kann, aber nicht muss, – zumal Sueton auch noch andere Erkran‐ kungen des Augustus erwähnt, die längerfristig auch hätten zum Tode des Augustus geführt haben könnten, unter anderem ein Blasenleiden1067 (Stakkatomiktion), wel‐ ches wohl ebenfalls auf Steinbildungen (Uretersteine aus Harnsäure) zurückging1068, im Prinzip allerdings auch auf ein im fortgeschrittenen Lebensalter häufiger zu beob‐ achtendes Prostataleiden zurückgeführt werden kann1069. Besondere Aufmerksamkeit über weitere Erkrankungen des Augustus verdienen folgende Angaben Suetons: Quasdam et anniversariae ac tempore certo recurrentes ex‐ periebatur; nam sub natalem suum plerumque languebat; et initio veris praecordiam inflatione temptabatur, austrinis autem tempestatibus gravedine. Quare quassato corpo‐ re neque frigora neque aestus facile tolerabat. … itinera lectica et noctibus fere eaque lenta ac minuta faciebat, ut Praeneste vel Tibur biduo procederet; ac si quo pervenire mari posset, potius navigabat.1070 (Er litt auch unter gewissen jährlich und zu einer be‐ stimmten Zeit wiederkehrenden Krankheiten. Denn um die Zeit seines Geburtstages [am 23. 09.] herum erschlaffte er [regelmäßig]; und zum Beginn des Frühjahrs wurde er von Anschwellungen im Bereich von Brust, Zwerchfell und Magen [praecordia] heimgesucht, bei Südwinden (Schirocco) auch von Schüttelfrost. Wegen seines davon durchgeschüttelten Körpers ertrug er weder Hitze noch Kälte leicht. … Reisen legte er in einer Sänfte zurück, und zwar meistens nachts, langsam und in kurzen Etappen, so dass er nach Praeneste [heute: Palestrina: ca. 35 km entfernt] oder Tibur [heute: Tivo‐ 1065 Zum ant. Wissen über Sepsis vgl. Leven, K.-H., Fäulnis, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexi‐ kon. S. o. Sp. 294 f.; 1066 S. o. Cass. Dio 56, 28, 3; 1067 Vgl. dazu: Stamatu, G. Blasenleiden, in: Leven, K.-H., in: Antike Medizin. Ein Lexikon. S.o. Sp. 161; 1068 Vgl. Suet. Aug. 80, 2: questus est et de vesica, cuius dolore calculis demum per urinam deiectis lenabatur. Vgl. Stamatu, M., Blasenstein, in: Leven, K.-H.: Ein Lexikon, München 2005, Sp. 161– 162; 1069 Auf eine Prostatavergrößerung, der meistens eine benigne Prostatahyperplasie, gelegentlich auch eine Prostatolithiasis oder entzündlichen Prozesse, eine akute oder chronische Prostatitis zu Grun‐ de liegen, manchmal auch bösartige Zellneubildungen, ein Prostatakarzinom; vgl. Haag, Manhart, Müller: Gynäkologie und Urologie für Studium und Praxis, Breisach 2008; 1070 Suet. Aug. 81, 2–82, 1; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 225 li: ca. 28 km entfernt] jeweils zwei Tage benötigte. Und wenn er irgendwohin zur See gelangen konnte, benutzte er ein Schiff.) Die in diesem Zitat erwähnten angeblich jährlich wiederkehrenden Schwellungen im Brustkorb und Oberbauch, einerseits im Frühling, vor allem aber im Spätsommer und Frühherbst, lassen sich medizinisch als Folgen von Wasseransammlungen deuten, teils in der Lunge, zum Teil aber auch im Bauchraum, die ihrerseits auf eine sich wit‐ terungsbedingt verschärfende chronische Herzinsuffizienz1071 hinzuweisen scheinen. Auch die in dem Zitat beschriebene Angewohnheit des Augustus, aus Gründen der Temperaturempfindlichkeit Reisen im Sommer vorzugsweise nachts zu unternehmen, entweder in einer Sänfte und in sehr kurzen Tagesetappen oder auf Schiffen, spricht ebenfalls für eine fortgeschrittene Herzinsuffizienz bei Augustus zum Zeitpunkt seines Ablebens. Neben einem chronischen Leberleiden und einer chronischen Blasen- und Nierenerkrankung, mit den Gefahren einer Sepsis, hätte somit auch eine chronische Herzerkrankung, mit der Gefahr eines plötzlich entartenden Lungenemphysems und eines Herzstillstandes, den Tod des Augustus herbeigeführt haben können. Jede dieser Erkrankungen hätte schon für sich alleine den Tod des Augustus herbeigeführt haben können, in Kombination mit den übrigen o. e. chronischen Erkrankungen, verstärkt und beschleunigt durch eine in der Sommerzeit in Italien nicht unübliche Gastroente‐ ritis, – wobei es vor dem Hintergrund von mehreren tendenziell tödlichen chroni‐ schen Erkrankungen als nahezu ausgeschlossen erscheint, dass die ansonsten nur von Sueton bezeugte Gastroenteritis1072, – unabhängig davon, ob sie natürlich entstand oder willkürlich durch eine Intoxikation verursacht wurde, bei Augustus zum Tode geführt haben könnte. Denn unter Berücksichtigung der auch im Zusammenhang der letzten Reise des Augustus über Kampanien nach Neapel, Benevent und zurück bis No‐ la eingehaltenen Gewohnheit von Tagesetappen mit maximal 35 km1073, ist davon auszugehen, dass die in Astura beobachtete Gastroenteritis bei seiner Ankunft in Nola wieder abgeklungen war, wahrscheinlich schon zum Zeitpunkt seiner Abreise von Neapel nach Benevent. Denn ohne eine weitgehende Remission der Gastroenteritis, die üblicher Weise innerhalb einer Woche nach ihrem Auftreten stattfindet, wäre es kaum vorstellbar, dass Augustus die Reise von dort überhaupt noch angetreten wäre. Berücksichtigt man ferner, dass sich Augustus nach dem Aufbruch von Astura mindestens vier Tage 1071 Vgl.: D. P. Zipes u. a. (Hrsg.): Braunwald’s Heart Disease: A Textbook of Cardiovascular Medicine. Philadelphia 20047. U. C. Hoppe u. a.: Leitlinien zur Therapie der chronischen Herzinsuffizienz. In: Z Kardiol. 94, (2005), S. 488–509. S3-Leitlinie: Herzinsuffizienz der DEGAM, AWMF-Register‐ nummer 053/014 (online: Langfassung, Kurzfassung, Patientenversion, Leitlinienreport), Stand 11/2006. S2-Leitlinie: Akute Herzinsuffizienz im Kindesalter. AWMF-Registernummer 023/032 (online: Volltext), Stand 03/2006. NVL Herzinsuffizienz – Nationale Versorgungsleitlinie der AWMF, BÄK und KBV (Stand 03/2010). Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz und Kreis‐ laufforschung e.V. (2012): Herzinsuffizienz Leitlinien für die Diagnose und Behandlung der akuten und chronischen Herzinsuffizienz. Leitlinie (PDF; 532 kB); Zu Herzerkrankungen in der Antike vgl. Stamatu, M., Herz, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 161– 162; 1072 S. o. Suet. Aug. 97, 3; 1073 Vgl. die als Beispiel genannten Entfernungen von Rom bis Palestrina oder Tivoli für eine Tagesrei‐ se; s. o. Suet. Aug. 82, 2; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 226 in Kampanien (auf Capri)1074 und vier weitere in Neapel (wegen der zu seinen Ehren veranstalteten Spiele)1075 aufgehalten hat, erscheint es als sicher, dass er zum Zeit‐ punkt seiner Abreise nach Benevent von der Gastroenteritis weitgehend wieder gene‐ sen war. Berücksichtigt man ferner, dass Augustus für die Reise von Neapel nach Be‐ nevent (ca. 80 km) und von dort aus zurück bis Nola (ebenfalls 80 km), d. h. für ins‐ gesamt 160 km bei einer Reisegeschwindigkeit von maximal 35 km/Tag allein für die Fahrt mindestens 4, 57 Tage benötigt hätte1076, - rechnet man dazu noch einmal einen Aufenthalt von mindestens 1 – 2 Tagen in Benevent hinzu – dann lag der Ausbruch der Gastroenteritis damals bereits mindestens 15 Tage zurück und kann daher kaum noch verantwortlich gemacht werden für die plötzlich erneut auftretende Bettlägerig‐ keit des Augustus in Nola. Berücksichtigt man außerdem, dass diese Gastroenteritis, falls sie durch eine willkürliche Intoxikation herbeigeführt worden sein sollte, wo‐ möglich auf Initiative Sejans und unter Mitwirkung eines Arztes, nicht erst in Nola, sondern schon in Neapel, d. h. vor der Reise nach Benevent, seinen Tod herbeigeführt hätte, dann wird man auch diese Möglichkeit weitgehend ausschließen dürfen. Mit welcher Wahrscheinlichkeit haben wir in Anbetracht dessen dann überhaupt noch damit zu rechnen, dass Sejan in Nola, eine Intoxikation des Augustus organisiert haben und gleichzeitig den Verdacht, dafür verantwortlich zu sein, auf Livia abge‐ wälzt haben könnte? Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Sejan damals allen‐ falls als Begleiter des Tiberius die Möglichkeit dazu gehabt hätte, vor allem aber auch unter Berücksichtigung der niedrigen Reisegeschwindigkeit des Augustus in jenem Sommer, muss man hierbei dreierlei in Rechnung stellen, – 1. wie weit Tiberius, nachdem er sich von Augustus in Benevent verabschiedet hat‐ te, bereits auf dem Weg nach Illyrien vorangekommen war, als ihn ein von Nola aus entsandter Bote wieder zurückbeorderte, – 2. wie viel Zeit vergangen war, bevor ein von Nola aus entsandter Bote hätte Tibe‐ rius frühestens hätte erreichen können. – 3. wie viel Zeit Tiberius und Sejan von dem zuletzt genannten Zeitpunkt noch be‐ nötigt hätten, um von dort aus nach Nola zu gelangen. Die dritte dieser Fragen lässt sich am leichtesten beantworten, aber auch nur unter der günstigen Annahme, dass Tiberius und Sejan sich noch auf italienischem Boden befanden und noch kein Schiff gefunden hatten, welches zwischenzeitig in Richtung Dalmatien abgelegt hatte: Geht man einmal davon aus, dass Tiberius doppelt so schnell reiste wie sein Vater, also nicht 35 km/Tag, sondern 70 km/Tag, und dass von Benevent aus am schnellsten in Bari ein Schiff zu erreichen gewesen wäre, um nach Dalmatien zu gelangen, also in einer Stadt, die von Benevent ca. 210 km entfernt ist, dann wären ca. 3 Tage für Tiberius nötig gewesen um von Benevent nach Bari zu ge‐ langen. Unterdessen hätte Augustus aber bei einer Reisegeschwindigkeit von maximal 35 km/Tag etwas mehr als zwei Tagesreisen benötigt, um von Benevent aus zurück nach 1074 S. o. Suet. Aug. 98, 1; 1075 S. o. Suet. Aug. 98, 4; 1076 S. o. als Maßstab die Entfernungen nach Palästrina und Tivoli (Vgl. Suet. Aug. 82, 2;); 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 227 Nola zu gelangen, während ein von dort aus in Richtung Bari entsandter Eilbote für die Strecke von Nola nach Bari (Entfernung: ca. 236 km) auch bei einer doppelt so großen Reisegeschwindigkeit mehr als drei Tagesreisen benötigt hätte. Zu diesem Zeitpunkt hätte Augustus bereits seit 5, 5 Tagen im Sterben gelegen. Sollte zu diesem Zeitpunkt der von Nola entsandte Bote Tiberius und Sejan in Bari wirklich noch an Land angetroffen haben, was zwar nicht wahrscheinlich, aber immerhin möglich ist, hätte der Bote für die Rückführung des Tiberius – und damit auch Sejans – nach Nola auch bei einer Reisegeschwindigkeit von ca.70 km/Tag noch weitere drei Tage benö‐ tigt, so dass Augustus bei deren Eintreffen in Nola bereits seit 8 Tagen im Sterben ge‐ legen hätte. Diese Berechnung gilt aber nur für die optimistische Annahme, dass der Bote, der Tiberius zum Sterbebett des Augustus bringen sollte, jenen noch auf italienischen Bo‐ den, spätestens in Bari, antraf, bevor er in See stach. Falls Tiberius in Bari nicht noch zwei Tage gewartet haben sollte, bevor er ein Schiff fand, das ihn nach Dalmatien brachte, hätte er sich zum Zeitpunkt des Eintreffens des Boten in Bari wahrscheinlich schon auf hoher See oder in einem dalmatinischen Hafen befunden haben müssen, wahrscheinlich in Dyrachium (heute: Durazzo bzw Durrës)1077, der von Bari aus be‐ trachtet, am nächsten gelegenen Hafenstadt an der Westküste Dalmatiens. Daraus folgt aber, dass sich die Zeitspanne zwischen dem Beginn der Agonie des Augustus und dem Eintreffen des Tiberius bzw. Sejans am Sterbebett noch einmal hät‐ te verlängert haben können, und zwar um den Betrag der Differenz zwischen dem Doppelten der Reisezeit von Bari nach Durrës (zwischen 3 Tagen und 2 Stunden und 5 Tagen und 4, 8 Stunden) und den o. e. zwei Tagen, die sich Tiberius in Bari noch Zeit genommen haben müsste, bevor er von dort aus weiter reiste, falls ihn der Bote noch in Bari erreicht haben sollte. Daraus errechnet sich eine wahrscheinliche Verlängerung der oben ermittelten Dauer zwischen dem Beginn der finalen Bettlägerigkeit des Augustus und dem Ein‐ treffen des Tiberius bzw. Sejans am Sterbelager des Augustus in Nola um einen Tag und 2 Stunden bis zu 2 Tagen und 8 Stunden auf insgesamt 9 Tage und 2 Stunden oder sogar auf 10 Tage und 8 Stunden. Berücksichtigt man aber, dass Augustus schon seit längerem unter wenigstens drei verschiedenen chronischen Erkrankungen litt, an einem alten Leberleiden, an einer chronischen Blasen- und Nierenerkrankung sowie an einer mit periodisch auftretenden Ödembildungen einhergehenden Herzinsuffi‐ zienz, von denen jede einzelne binnen weniger Tage zum Tode durch ein Versagen des jeweiligen Organs hätte führen können, in komorbidem Zusammenwirken aber im Rahmen eines Multiorganversagens in höchstens vier Tagen, - dann erscheint es als nahezu ausgeschlossen, dass Tiberius und Sejan bei ihrer Ankunft in Nola dort Augustus noch lebend angetroffen haben könnten, insofern ein älterer Patient, ohne intensivmedizinische Betreuung, wie sie heute allgemein üblich ist, ein akutes Multi‐ 1077 Diese Annahme ergibt sich daraus, dass Bari und Durrës ca. 250 km von einander entfernt sind. Für diese Strecke benötigt ein modernes Fährschiff ca. 8–9 St.. Ein antikes Segelschiff hätte für die‐ selbe Strecke bei einer Geschwindigkeit von 4–6 km/St. (Vgl. Wachsmut, D., Seewesen, in KIP, Bd. 5, Sp. 67– 70;) zwischen 62, 5 Std.(2 Tage und 14, 4 Std.) und 41, 7 Std. (1 Tag und 18 Std.) benö‐ tigt. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 228 organversagen, wie das dem Ableben des Augustus wahrscheinlich vorausging, kaum mehr als 4 – 5 Tage überleben kann. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erscheint ein natürliches Ableben des Augustus nicht nur als denkbar, sondern als wahrscheinlich, insofern eine entschei‐ dende Voraussetzung für die gegenteilige Annahme, nämlich das Eintreffen einer Per‐ son, der auch eine Intoxikation des Augustus im Prinzip zuzutrauen wäre, in Nola noch vor dessen Exitus als nicht vorstellbar erscheint, auch unter Zugrundelegung der dafür günstigsten Voraussetzungen, nämlich eines Eintreffens Sejans am Sterbebett des Augustus vor dem 6. Tag des Beginns seiner finalen Bettlägerigkeit in Nola. Da somit ein natürliches Ableben des Augustus wahrscheinlich ist, wird man auch die Angabe des Cassius Dio1078, dass Augustus von Livia mittelst vergifteter Fei‐ gen getötet worden sei, a priori mit einem hohen Grad von Wahrscheinlichkeit als Le‐ gende oder als Niederschlag eines böswillig lancierten Gerüchts einstufen dürfen, welches später von Kreisen, welchen der politische Einfluss Livias ein „Dorn im Au‐ ge“ war, erfunden wurde, – vielleicht aber auch auf einem Missverständnis bestimm‐ ter Fakten und Zusammenhänge beruhte, die von Römern damals kaum richtig zu deuten waren, – wie noch zu zeigen sein wird. Damit aber erweist sich auch die Annahme, dass ein Arzt aktiv in die Tötung des Augustus involviert gewesen sein könnte, als problematisch, es sei denn Livia hätte primär gar nicht die Absicht gehabt, ihren Gatten zu töten, sondern in guter Absicht diesem das Sterben zu „erleichtern“1079, – vielleicht auch aus dem Kalkül, auf diese Art und Weise mehr Zeit gewinnen zu können, um die notwendigen Vorbereitungen für die Sicherung der Nachfolge des Augustus durch ihren leiblichen Sohn Tiberius zu einzuleiten. Aber auch solchen Überlegungen sollte man keine zu große Bedeutung beimessen. Denn einmal konnten weder Livia noch der sie beratende Arzt nicht so‐ fort wissen, dass die Erkrankung des Augustus in Nola – anders als vergleichbare frü‐ here hochsommerliche Krankheitsschübe – wirklich zum Tode führen würde. Zum anderen konnte Livia auch nicht abschätzen, wie viel Zeit der dem Tiberius nachge‐ schickte Bote benötigen würde, um ihren Sohn aus Illyrien oder von der Reise dort‐ hin wieder zurückzuholen. Daraus aber hätten sich auch für Livia schwer zu kalkulierende Unsicherheiten bezüglich der Bestimmung des bestmöglichen Zeitpunkts für eine beschleunigende Sterbebegleitung des Augustus ergeben können. Denn ein zu langer Zeitraum zwi‐ schen dem von ihr eventuell zu beeinflussenden Zeitpunkt des Exitus des Augustus und dem von ihr allerdings nicht zu beeinflussenden Zeitpunkt der Rückkehr des Ti‐ berius von seiner Reise nach Illyrien, den Livia ja aus politischen Gründen verschlei‐ ern wollte, hätte das Risiko einer vorzeitigen Verbreitung der Nachricht vom Tode des Augustus im Falle eines von ihr angestifteten oder begangenen Verbrechens auch das Risiko der Aufdeckung desselben in unkalkulierbarem Umfang erhöhen können, so dass mit dieser Möglichkeit kaum ernsthaft zu rechnen ist. 1078 S. o. Cass. Dio 56, 30, 1–31, 3; 1079 S. o. S. 198; vgl. dazu: Suet. Aug. 99, 2: nam fere quotiens audisset cito ac nullo cruciatu defunctum quempiam, sibi et suis eÙqanas…an similem – hoc enim verbo uti solebat – praecabatur. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 229 Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen erscheint auch die bei Cassius Dio1080 überlieferte Nachricht über eine Vergiftung des Augustus mittelst „vergifteter“ Feigen in einem ganz anderen Licht: Hierbei sollte man nicht unbedingt anzweifeln, dass Au‐ gustus gerne frisch vom Baum gepflückte Feigen aß und Livia auch in dem Sommer des Jahres 14 n. Chr. entsprechenden Wünschen ihres Gatten folgte, indem sie ihn trotz seiner schweren Erkrankung in einen Feigenhain tragen ließ, in seiner Gegen‐ wart Früchte pflückte und ihm auch davon einige zu essen gab, wie in früheren Som‐ mern auch, - allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit nicht vergiftete Feigen um ihren Gatten zu töten, sondern aus einem Grund, den viele Zeitgenossen nicht kann‐ ten und den auch Cassius Dio wahrscheinlich missverstand: In einigen altägyptischen Papyri, vor allem im Papyrus Ebers und Papyrus Hearst, werden Rezepte gegen eine als aaa-Krankheit (Giftsamenkrankheit) bezeichnete Er‐ krankung beschrieben. Dazu gehörten neben dem Hersagen von Zaubersprüchen Arzneien, zu deren Herstellung Honig, Milch, süßer Brei, und süße Früchte wie Weintrauben und Feigen verwandt wurden1081. Als aaa-Krankheit wurde aber bereits im 19. Jahrhundert v. Chr. die noch heute u. a. in Ägypten verbreitete Bilharziose1082 (Schistosomiasis) identifiziert. Als Erreger wurde der sog. Pärchenegel (Schistosoma) nachgewiesen, eine 1–2 cm lange Spezies der Gattung Trematoda. Deren Larven drin‐ gen bei Kontakt mit kontaminiertem Wasser, wie z. B. mit demjenigen des Nils, durch die Haut des Menschen über dessen Lymph- und Blutgefäße in die Leber ein1083, wo sie sich weiterentwickeln und dann über die Venen in die Harnblase, in den Darm, in Leber, Lunge und Gehirn gelangen und sich dort einnisten1084. Im Gefolge einer Chronifizierung können im urologischen System u. a. die auch bei Augustus beschriebenen Miktionsbeschwerden auslösen sowie auch wiederkehren‐ de Schüttelfröste1085. Daher ist nicht auszuschließen, dass sich auch Augustus während eines Ägyptenaufenthalts, wahrscheinlich in den Jahren 32 – 33 v. Chr., während des 1080 S. o. Cass. Dio 56, 31, 3; 1081 Vgl. Westendorf, W.: Handbuch der altägyptischen Medizin. Bd. 36. Teil 1. Leiden u. a. 1999, S. 361–366, 469–471; 1082 Vgl. Brugsch, H.: Mémoire sur la médicine de l'Ancienne Égypte. In: Allgemeine Monatsschrift für Wissenschaft und Literatur. 1853, S. 44–56; 1083 Zum Wissensstand der griechisch-römischen Antike über die Leber und ihre Erkrankungen vgl. Leven, K.-H., Leber, in: Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005, Sp. 559–562; nach Leven scheinen der griechisch-römischen Medizin – außerhalb Ägyptens – die Bilharziose und deren Be‐ handlungsmöglichkeiten nicht bekannt gewesen zu sein. Das schließt aber nicht aus, dass sich Au‐ gustus während seines Ägyptenaufenthalts damit infiziert haben könnte und durch ägyptische Ärz‐ te und Heiler auch auf Mittel gegen diese Erkrankung aufmerksam gemacht worden sein könnte, dabei dieses Wissen aber aus nachvollziehbaren Gründen – außer vor seiner Gemahlin Livia – le‐ benslänglich verheimlichte. 1084 Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG)/ AWMF online: 005 – S1-Leitlinie: Diagnostik und Therapie der Schistosomiasis (Bilharziose) Stand: 07/2013. Auf: awmf.org; zuletzt abgerufen am 18. Juli 2014 (Volltext als PDF-Datei). Bichler, K. H. et al.: EAU guidelines for the management of urogenital schistosomiasis, in: European Urology. Bd. 49, Nr. 1, 2006, S. 998–1003. 1085 S. o. Suet. 81, 2; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 230 sog. Ptolemäischen Krieges1086, eine im Laufe der Zeit chronifizierte Bilharziose zuzog, aber ebenfalls schon in Ägypten frisch vom Baum gepflückte Feigen als schmackhaf‐ tes Heilmittel1087 dagegen kennengelernt hatte, - wovon aber in Rom, außer Livia, wahrscheinlich niemand etwas wusste1088. Das Ende des Germanicus Damit aber stellt sich dem Betrachter an dieser Stelle die Frage, ob man nicht auch im Falle des Germanicus im Prinzip mit der Möglichkeit eines natürlichen Todes rechnen sollte, zumal wichtige Informationen, die aus der Sicht des Arztes eher für einen na‐ türlichen Tod sprechen könnten, auch im Falle des Germanicus als gegeben anzuse‐ hen sind, nämlich ein längerer Aufenthalt in Ägypten und eine verhältnismäßig lange Dauer der Krankheit, die dessen exitus vorausging. Sowohl das exakte Geburtsdatum, der 24. 05. 15 v. Chr, als auch das Sterbedatum und der Sterbeort des Germanicus, am 10. 10. 19 n. Chr. in Antiochien1089, somit das Lebensalter, in welchem er starb, sind bekannt, im Prinzip auch das Datum des Be‐ ginns seiner zum Tode führenden Erkrankung: nämlich das Datum seiner Rückkehr aus Ägypten1090. Insofern nach Tacitus und auch aus klimatologischen Erwägungen davon auszugehen ist, dass Germanicus seine Reise zu Anfang des Jahres 19 n. Chr. begann und spätestens zu Beginn der sog. Nilschwelle seine „Nilkreuzfahrt“ beendet hatte, – die Nilschwelle setzte in der Nähe der Insel Elephantine noch Mitte Juni1091 ein und hätte eine Reise dorthin ab Juni zu einem Wagnis gemacht – muss davon aus‐ 2.1.3.3.2 1086 Vgl. Hölbl, G.: Geschichte des Ptolemäerreiches. Darmstadt 1994, S. 220–227; Huß, W.: Ägypten in hellenistischer Zeit 332–30 v. Chr.. München 2001, S. 741–750; 1087 Dass Zucker einen therapeutischen Einfluss auf Bilharziose haben könnte, ist nicht erwiesen, aber auch irrelevant für den Glauben des Augustus und Livias, dass dies der Fall sei. 1088 S. o. zum Wissensstand der griechisch-römischen Antike über die Leber und ihre Erkrankungen vgl. Leven, K.-H., Leber, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 559– 562; 1089 Vgl. Christ, K.: Drusus und Germanicus. Der Eintritt der Römer in Germanien. Paderborn 1956. Kehne, P.: Germanicus. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 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Ein solcher Kontakt löst schon nach wenigen Stunden eine sogenannte Zerkariendermatitis mit Juckreiz an der Ein‐ trittsstelle und mit einem oft den ganzen Körper bedeckenden fleckenartigen Haut‐ ausschlag aus, manchmal in Verbindung mit hohem Fieber1092. Man könnte sich in Anbetracht dessen fragen: Hat man nicht auch am Leichnam des Germanicus über den ganzen Körper verstreute Flecken beobachten können? – Allerdings dürften jene Flecken, die am Leichnam des Germanicus beobachtet wurden, kaum von einer Zer‐ kariendermatitis herrühren, da solche Symptome bereits nach wenigen Tagen wieder verschwinden. Dazu kommt dass eine Zerkariendermatitis schon vor der Rückkehr des Germanicus nach Syrien von diesem hätte beobachtet werden müssen und in die‐ sem Falle kaum mit einem Giftanschlag Pisos hätte in Verbindung gebracht werden können. Die von Germanicus auf einen Giftanschlag zurückgeführten Krankheitssympto‐ me könnte man allerdings mit dem oft erst nach einigen Wochen zu beobachtenden ebenfalls durch Schistosoma ausgelösten Katayama-Fieber1093 in Verbindung bringen. Aber auch diese mit einer Latenz von zwei Wochen bis zu zwei Monaten nach der Primärinfektion zu beobachtende Symptomatik, verbunden mit Fieber, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, sowie Kopf- und Gliederschmerzen, Urtikaria, unprodukti‐ vem Husten, Dyspnoe und Giemen, verschwindet nach 12 bis 48 Stunden wieder1094. Speziell diese Phase der Schistosomiasis ist gelegentlich mit Symptomen wie Schüttel‐ frost, Fieber, Husten, Kopfschmerzen sowie einer Vergrößerung der Lymphknoten sowie von Leber und Milz verbunden und kann in besonders schweren Fällen auch tödlich verlaufen1095. Aber auch diese Symptomatik, die Folge einer erregerunspezifi‐ schen allergischen Reaktion auf das Eindringen der Larven in die Lunge, Leber, Bla‐ sen und Nieren bildet sich im Überlebensfall innerhalb einiger Wochen zurück, hätte in Anbetracht der vier- bis fünfmonatigen Dauer1096 der Nilkreuzfahrt des Germani‐ cus ebenfalls noch in Ägypten entweder zum Tode geführt haben oder abgeklungen sein müssen. 1092 http://www.onmeda.de/krankheiten/schistosomiasis.html (2015); http://www.netdoktor.de/krank‐ heiten/ bilhar ziose/#TOC2 (2015); Mahmoud, A. A. F., Schistosomiasis und andere Trematoden‐ infektionen, in: Longo, Fauci, Kasper, Hauser, Jamesen, Loscalzo: Harrisons Innere Medizin. Berlin 2012, Bd. 2. 1093 http://flexikon.doccheck.com/de/Katayama-Syndrom (2015); Mahmoud, A., Schistosomiasis … s. o. 1094 http://flexikon.doccheck.com/de/Katayama-Syndrom (2015); Mahmoud, A., Schistosomiasis … s. o. 1095 http://www.onmeda.de/krankheiten/schistosomiasis.html (2015); 1096 Während des Niedrigwassers vor der Nilschwemme benötigte man für die 885 km lange Strecke zwischen Memphis und Theben zwei Monate an Fahrtzeit, rechnet man dazu noch die ca. 220 km für die Strecke Memphis – Alexandrien hinzu, kommt man auf 2, 5 Monate, hin und zurück also auf fünf Monate; http://www.selket.de/kemet/nil/ (2015); Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 232 Im Anschluss daran kommt es in der Regel zu einer Chronifizierung der Erkran‐ kung, die, wie das Beispiel des Augustus zeigt, erst nach Jahren und bei Patienten im vorgerückten Alter durch Krebserkrankungen in den befallenen Organen oder durch eine Leberzirrhose zum Tode führt. Daher kann man die bei Germanicus nach Taci‐ tus1097 erst nach dem Abschluss der Reise nach Ägypten beobachtete letale Erkran‐ kung weder einer akuten noch einer chronischen Bilharziose zuordnen. Natürlich kann man auch eine andere sich über mehrere Monate hinziehende Er‐ krankung des Germanicus als Ursache für dessen Tod nicht ganz ausschließen, aber in demselben Maße, in welchem die bei älteren Patienten durchaus üblichen Erkrankun‐ gen im Herz-Kreislauf-System, im Herz-Thorax-Bereich, im endokrinologischen Sys‐ tem, im gastrointestinalen Bereich oder auch im zentralen Nervensystem, bei einem erst vierunddreißigjährigen Patienten, als welcher Germanicus starb, nur sehr selten vorkommen, ist in Anbetracht der eindeutigen Ergebnisse der Leichenschau von An‐ tiochien und der merkwürdigen Begleitumstände des Strafprozesses gegen seinen an‐ geblichen Mörder Piso eine natürliche Todesursache sehr unwahrscheinlich. Damit bliebe am Ende nur noch endgültig zu klären, auf welche Weise Sejan es bewerkstelligt haben könnte, Germanicus zu vergiften, wobei Sejan unter Berücksich‐ tigung der vergleichsweise langen Dauer der Erkrankung im Falle der Involvierung eines Arztes ein sehr hohes Entdeckungsrisiko eingegangen wäre. Denn um eine in‐ termittierend verlaufenden Krankheit vorzutäuschen, hätten dem Germanicus wie‐ derholt unterschiedliche Dosen von einem oder mehreren Toxinen appliziert werden müssen, was jenes Entdeckungsrisiko noch vergrößert hätte, da Germanicus selbst von Anfang an davon überzeugt war, dass Piso ihn intoxiniert habe, und daher seine persönliche Umgebung mit äußerstem Misstrauen daraufhin überwachte, ob sich da‐ rin jemand befand, dem gegebenenfalls eine Beteiligung an einem gegen ihn gerichte‐ ten Giftanschlag zuzutrauen war. Das Ende des Drusus Auf der anderen Seite ist aber, ausgehend von unseren Erkenntnissen über die Tötung des Drusus durch Sejan, zu berücksichtigen, dass dieser, sollte der ausgerechnet im Jahre der Ermordung des Germanicus geborene Tiberius Gemellus tatsächlich kein leiblicher Sohn des Drusus gewesen sein, nicht nur materielle Motive gehabt hätte, Germanicus zu beseitigen, sondern auch hochpolitische, – zu berücksichtigen, dass der Lohn, der ihm im Erfolgsfall winkte, nämlich die Einheirat in die kaiserliche Fa‐ milie, aus seiner Sicht nahezu jedes Risiko gerechtfertigt hätte, – solange nur die Möglichkeit bestand, den zwangsläufig entstehenden Verdacht eines Verbrechens ge‐ gen andere zu lenken. Wichtige Mittel dazu gab ihm nicht nur das Vertrauen des Tiberius, sondern vor allem das Amt des Prätorianerpräfekten, das dessen Inhabern durch die dienstliche Zuständigkeit für die Vorbereitung und Durchführung von Strafprozessen nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bot, – auch das zeigten der Fall des Drusus, vor allem aber 2.1.3.3.3 1097 S. o. Tac. ann. 2, 69, 1–2; 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 233 die späteren Strafprozesse gegen Agrippina1098, die Gemahlin des Germanicus, sowie deren Söhne Nero Caesar1099 und Drusus Caesar,1100 – gegen jede Person zu lenken, deren Beseitigung ihm Vorteile zu versprechen schien. Berücksichtigt man aber, dass Sejan nach unseren bisherigen Erkenntnissen im Falle des Drusus das Risiko der Einschaltung eines Arztes in das in diesem Falle zwei‐ felsfrei nachgewiesene Verbrechen zu eben demselben Zweck scheute, so kann auch im Falle des Germanicus nicht ohne weiteres davon ausgegangen werden, dass er die‐ ses Risiko eingegangen sein könnte, zumal das in diesem Fall in Kauf zu nehmende Risiko – wegen der viel kürzeren Dauer der durch eine Intoxikation vorzutäuschen‐ den Krankheit – erheblich geringer war: Obwohl für die Vortäuschung einer lediglich wenige Tage andauernde Erkrankung, die im Falle des Drusus bezeugt wird, langsam wirkende Gifte zur Verfügung standen, bei denen bereits durch eine einmalige Appli‐ kation das erstrebte Ziel erreicht wurde, schreckte Sejan vor einer direkten Involvie‐ rung des Arztes Eudemus zurück, sondern verabredete mit dessen Gemahlin Livilla eine Vorgehensweise, nach welcher deren Eunuch Lydgus, wahrscheinlich selbst ah‐ nungslos, dem Opfer das tödlich wirkende Gift beibrachte. Im Falle des Germanicus galt es aber eine mindestens vier Monate dauernde Er‐ krankung vorzutäuschen. Ein Toxin, bei dem eine einmalige Applikation, wie im Pro‐ zess gegen Piso nachzuweisen versucht wurde, ausgereicht hätte, war aber in der Anti‐ ke unbekannt, so dass unter der Voraussetzung der Involvierung eines Arztes – wer hätte ansonsten die verschiedenen Intoxikationen so dosieren können, dass sie über‐ haupt einen längeren intermittierenden Krankheitsverlaufs hätten vortäuschen kön‐ nen - mehrere Intoxikationen notwendig gewesen wären, um den von Tacitus be‐ zeugten, d. h. durch verschiedene Remissionen unterbrochenen, Krankheitsablauf zu ämulieren. Eine solche Vorgehensweise, egal ob durch einen einzigen Arzt mittelst wiederholter Intoxikationen bewerkstelligt oder durch mehrere ärztliche „Todesengel“ durch mehrere Interventionen bewirkt, hätte das Risiko einer Aufdeckung verviel‐ facht, im Vergleich zu dem Fall des Drusus, in dem sich Sejan offensichtlich darauf beschränkte, sich dessen Gemahlin Livilla als Gehilfin bei der Durchführung der Tat gefügig zu machen und selbst lediglich das dafür einzusetzende Gift zu beschaffen. Und eben daher erweist sich der oben beschriebene Weg1101, auf indirekte Art und Weise, durch ahnungslose Gehilfen, Germanicus eine chronische Schwermetall‐ vergiftung zu induzieren, für Sejan als einzig denkbare Möglichkeit, Germanicus zu beseitigen und alle erdenkliche Spuren, die zu ihm selbst als möglichem Täter hätten führen können, zu verwischen. Gerade die von Tacitus bezeugten gelegentlichen Re‐ missionen der Erkrankung des Germanicus lassen sich durch den Gebrauch schwer‐ metallbelasteten Ess- und Trinkgeschirrs gut erklären, wenn man bedenkt, dass im Falle von Erkrankungen namhafte antike Ärzte Diäten empfahlen1102, in deren Rah‐ 1098 S. o. Tab. I, 56; 1099 S. o. Tab. I, 31; 1100 S. o. Tab. I, 33; 1101 S. o. Kap. 2.1.2, bes. S. 164/48; 1102 S. o. die Diät Senecas, der sich durch eine derartige Diät angeblich auch gegen eine von Nero in Auftrag gegebene Intoxikation schützte. Vgl. Tac. ann. 15, 45, 3; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 234 men vor allem der Genuss von Essig und Wein als Getränk durch Quellwasser ersetzt wurde, bei dem die Schwermetallintoxikation zwangsläufig unterbrochen und Remis‐ sionen ermöglicht worden wären1103. Ausschluss ärztlicher Tötungsassistenz unter Tiberius Eine ärztlich assistierte Tötung erweist sich somit auch im dritten der insgesamt vier dafür wegen der Verwendung des Tötungsmittels Gift in Erwägung zu ziehenden Fäl‐ le als nicht nachweisbar. Damit verbliebe als letzte Möglichkeit für den Nachweis ärzt‐ licher Tötungsassistenz während der Regierungszeit des Tiberius lediglich noch ein einziger Fall übrig, der Fall der angeblich mittelst Gift bewerkstelligten Selbsttötung des Vibullius Agrippa1104. Hierüber berichten Tacitus und Cassius Dio im Rahmen von Ereignissen des Jah‐ res 36 n. Chr.. Außer dass Vibullius Agrippa dem Ritterstand angehörte und im Jahre 36 durch Suizid zu Tode kam, ist über diesen Mann nichts bekannt1105. Insofern Vi‐ bullius Agrippa aber die einzige Persönlichkeit ist, die sich während der Regierungs‐ zeit des Tiberius mittelst Gift selbst tötete, darf auch dieser Fall in einer Untersuchung über ärztliche Tötungsassistenz in der frühen römischen Kaiserzeit nicht unberück‐ sichtigt bleiben. Über diesen Fall erfährt man bei Tacitus Folgendes:... sed exterruit quod Vibullius Agrippa eques Romanus, cum perorassent accusatores, in ipsa curia depromptum sinu venenum hausit, prolapsusque ac festinatis lictorum manibus in carcerem raptus est fau‐ cesque iam exanimis laqueo vexatae. (… aber es erschreckte, dass Vibullius Agrippa, ein römischer Ritter, nachdem dessen Ankläger plädiert hatten, in der Kurie [in der curia Hostilia, dem üblichen Tagungsgebäude des Senats]selbst Gift, das er aus dem Bausch seines Gewandes hervorgeholt hatte, vollständig zu sich nahm, und dann, nachdem er vornüber gestürzt war, von den hastigen Händen von Liktoren in das Staatsgefängnis gezerrt wurde, wo die Kehle des schon entseelten [noch] mit einem Strick gequält wurde.) Dem Text ist zu entnehmen, dass sich Vibullius Agrippa innerhalb des Sitzungsge‐ bäudes des Senats tötete und zwar mittelst Gift, welches er für diesen Zweck bereitge‐ halten hatte, und unmittelbar nach der Einnahme des Gifts wohl ebenfalls noch im Sitzungssaal des Senats zusammenbrach. Dass er anschließend auch noch stranguliert wurde, ist wohl dahingehend zu interpretieren, dass er im Senat unter einem von Ta‐ citus nicht für überlieferungswürdig gehaltenen Vorwand unter Anklage gestellt ge‐ 2.1.4 1103 S. o. Celsus; zu mineralogischen Vergiftungen in der Antike vgl. Ihm, S., Gift, in: Leven; K.-H.: An‐ tike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 358–360, insbes. Sp. 359; Guardasole, A., Quecksil‐ ber, in: Leven; K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 745; 1104 Vgl. Tab. I, 68; 1105 Vgl. Lynam, R., White, J. T.: The History of the Roman Emperors: From Augustus to the Death of Marcus Antoninus. London: 1850, pp. 204–205. Edwards, C.: Death in Ancient Rome. New Haven: 2007. p. 246. Plass, P.: The Game of Death in Ancient Rome: Arena Sport and Political Suicide. Madison: 1995, p. 95. Levick, B.: Tiberius the Politician. London (Routledge). 19992, pp. 188–189. 2.1 Unnatürliche Todesfälle aus der Regierungszeit des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) 235 stellt worden war, entweder bereits verurteilt worden war und sich durch den Versuch eines Suizids nur der Hinrichtung zu entziehen versuchte, oder aber sich der Schande einer Verurteilung zu entziehen versuchte, wobei die Information, dass er, obgleich er bereits leblos war, noch stranguliert wurde, eher dafür spricht, dass er zum Zeitpunkt des Suizids bereits verurteilt war. Aber welche Anhaltspunkte ergeben sich aus diesen Informationen zu der Frage nach der möglichen Involvierung eines Arztes, wenig‐ stens als Beschaffer des Gifts, das Vibullius benutzte? Bevor wir eine Antwort auf diese Frage versuchen, sollten wir auch noch einen kurzen Blick auf die entsprechende Notiz des Cassius Dio werfen: ™peˆ mšntoi OÙiboÚliÒj te 'Agr…ppaj ƒppeÝj f£rmakon ™n aÙtù bouleuthr…ῳ ™k daktul…ou ῤof»saj ¢pšqane. 1106 (Als freilich Vibullius Agrippa, ein Ritter, Gift im Ratsgebäude selbst aus seinem Fingerring gesogen hatte, starb er.) Auch nach den Angaben des Cassius Dio starb Vibullius mitten im Senatsgebäude durch Gift. Dass er dieses nicht aus seinem Gewand hervorholte, sondern aus seinem Fingerring sog, braucht uns als Widerspruch nicht zu beunruhigen, da das Eine das Andere nicht ausschließt. Fest steht aber Folgendes: Sowohl nach Tacitus als auch nach Cassius Dio hatte Vibullius Rufus sich auf die Situation, in der er sich tötete, gut vorbereitet, indem er sich vorher mit einem recht schnell wirkendem Gift versorgt hatte. Was besagen die in diesem Punkte übereinstimmenden Zeugnisse jedoch über die Möglichkeit einer Assistenz durch einen Arzt? – In der Situation, in welcher Vi‐ bullius das Gift benutzte, kann man eine ärztliche Assistenz ausschließen, im Zuge der Beschaffung dieses Giftes natürlich nicht. Aber wahrscheinlich ist eine Unterstüt‐ zung auch in diesem Zusammenhang nicht, insofern es ja offensichtlich unter dem Aspekt, dass es möglichst schnell tödlich wirkte und wirken sollte, keinesfalls eine Krankheit vortäuschen sollte. Insofern muss auch im Falle des Vibullius Agrippa eine ärztliche Tötungsassistenz als nicht nachweisbar eingestuft werden. Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) Nach dem Tod des Tiberius, am 16. 03. 37 n. Chr. wurde am 18. 03. 37 Gaius Caesar Augustus Germanicus (*31. 08. 12 in Antium (Anzio) als Gaius Iulius Caesar; †24. 01. 41 in Rom)1107, der dritte Sohn des Germanicus1108 und dessen Gemahlin Agrippi‐ na1109, vor allem unter dem Namen Caligula bekannt geworden, durch die Prätoria‐ ner zum neuen Imperator ausgerufen und am 28. 03. 37 n. Chr. durch den Senat auch als solcher anerkannt1110. Diesem folgte am 24. 01. 41 n. Chr. Tiberius Claudius1111 Caesar Augustus Germanicus (vor seinem Herrschaftsantritt, Tiberius Claudius Nero 2.2 1106 Vgl. Dio 58, 21, 4; 1107 Vgl. Hanslik, R., Caligula, in KIP Bd. 1, Sp. 1015–1016; 1108 S. o. und Tab. I, Nr. 5; 1109 S. o. und Tab. I. Nr. 56; 1110 Vgl. dazu vor allem:Winterling, A.: Caligula. Eine Biographie. München 2012. 1111 Vgl. Hanslik, R., Claudius 39, in KIP, Bd. 1, Sp. 1215–1218; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 236 Germanicus, *1.08.10 v. Chr.; †13. 10. 54 n. Chr.), ein Sohn des Nero Claudius Drusus, somit ein Neffe des Kaisers Tiberius und ein Sohn der Antonia Minor, auch ein Bru‐ der des Germanicus und der Agrippina minor, der Mutter des späteren Kaisers Nero. Der letztere wiederum folgte dem Claudius am 13.10.54 n. Chr. und herrschte über das Reich bis zu seinem Tod im Juni 68.1112 Während der Herrschaft dieser drei Kaiser kam es zu insgesamt 1191113 nament‐ lich bekannten unnatürlichen Todesfällen. In die nur vom 16. 03. 37 n. Chr. bis zum 24. 01.41, also nur 34 Monate und 8 Tage, andauernde Regierungszeit Caligulas ent‐ fielen davon 19 Fälle1114, in die vom 24. 01. 41 - 13.10.54 n. Chr., also 13 Jahre, 8 Mo‐ nate und 19 Tage andauernde Regierungszeit des Claudius 49 Fälle1115 und in die Zeit vom 13.10.54 - 9.1116 bzw.11.111710.68. n. Chr., also fast 13 Jahre und 81118 Monate an‐ dauernde Regierungszeit Neros weitere 51 Fälle1119. Daraus folgt, dass rein statistisch gesehen, sich in den 271 Monaten der Regierungszeit des Tiberius (gerundet) mit 76 unnatürlichen Todesfällen einer in 108, 41Tagen ereignete, – in den rund 34 Monaten der Regierungszeit Caligulas: einer in 85, 13 Tagen, – in den rund 165 Monaten der Regentschaft des Claudius: einer in 97, 74 Tagen und – während der 164 Monate andauernden Regentschaft Neros: einer in 98, 51 Ta‐ gen1120. Es ist also zu beobachten, dass sich unter den Kaisern aus der sog. julisch-claudischen Dynastie die Frequenz unnatürlicher Todesfälle kontinuierlich erhöhte. Die Gründe dafür dürften allerdings den Althistoriker stärker interessieren als den Medizinhisto‐ riker. Für den letzteren ist vor allem von Interesse, dass sich die der Epoche Kaiser Caligula, Claudius und Nero zuzuordnenden 119 Fälle erheblich leichter typologisie‐ ren lassen als die Fälle der Regierungszeit des Tiberius. 1112 L. Domitius Ahenobarbus Nero Claudius Augustus Germanicus; vgl. Hanslik, R., Nero Nr. 2, KIP, Bd. 4, Sp.71–73; 1113 Vgl. Tab. II (19), Tab. III (49), Tab. IV (51) 1114 Vgl. Tab. II; 1115 Vgl. Tab. III; 1116 Nach Hieronymus (chron. eccl.) dauerte das Regime Neros 13 Jahre, 7 Monate und 28 Tage, woraus sich unter Zugrundelegung eines Herrschaftsantritts am 13. 10. 54 n. Chr. als Sterbedatum der 9. 06. 68 n. Chr. errechnen ließ. 1117 Cassius Dio (63, 29, 3) und Flavius Josephus (B.J. 4, 9, 491) nennen 13 Jahre und acht Monate als Dauer der Herrschaft Neros. 1118 Man ist gut beraten, den bei Cassius Dio und Flavius Josephus erwähnten Daten zu folgen (S. o.), weil zu vermuten ist, dass Hieronymus bei seinen Berechnungen die um einen Tag verkürzte Dauer des Monats Februar bzw. die Schalttage des Februar nicht berücksichtigt hat. 1119 Vgl. Tab. IV; 1 1 2 0 Vgl. Tab. X; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 237 Ärztliche Tötungsassistenz in der Zeit Caligulas? (37 – 41 n. Chr.) Ca lig ul a (3 7- 41 ) N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm itt el är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 1 Ks . T ib er iu s 37 n. Fr em dt öt un g Er sti ck en un w ah rs ch . an n. 6, 50 ,1 –5 Ti b. 72 ,1 –7 3, 1; C al .1 2, 2 58 ,2 8, 1– 5 2 an .li be rt us Ti b. (1 ) 37 n. Fr em dt öt un g Kr eu zi gu ng au sg es ch l. Ca l.1 2, 2 3 Ti be riu s G em . 37 /3 8 Fr em dt öt un g ve rm . S ch w er t un w ah rs ch . - Ca l.2 3. 3 59 ,8 ,1 Ph ilo le g. 2 6– 28 4 A fr an iu s P . 38 n. Fe m dt öt un g ve rm . S ch w er t un w ah rs ch . 59 ,8 ,3 5 A fr an iu s S . 38 n. Fe m dt öt un g ve rm . S ch w er t un w ah rs ch . 59 ,8 ,3 6 M .Iu n. Si la nu s 38 n. Se lb stt öt un g Ra sie rm es se r au sg es ch l. - Ca l.2 3, 3 59 ,8 ,4 Ph ilo le g. 3 0– 31 7 Su t. M ac ro 38 n. Se lb stt öt un g ve rm . S ch w er t un kl ar - Ca l.2 6, 1 59 ,1 0, 6– 7 Ph ilo , i n Fl ac c.4 ,1 6; le g. 7– 9, 41 –6 2 8 En ni a Th ra sy lla 38 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar Ca l.2 6, 1 59 ,1 0, 6– 7 Ph ilo , i n Fl ac c.4 ,1 6; le g. 7– 9, 41 –6 2 9 an on ym us I 38 n. Se lb stt öt un g ve rm . S ch w er t un w ah rs ch . 59 ,1 8, 3 10 an on ym us II 38 n. Fr em dt öt un g St ur z au sg es ch l. 59 ,1 8, 3 11 Pt ol em ai os 40 n. Fr em dt öt un g un kl ar un kl ar Ca l.2 6, 1 59 ,2 5, 1 Pl in .n at .5 ,1 1 12 Ca lv isi us S ab . 41 n. Se lb stt öt un g un kl ar un be ka nn t hi st. 1, 58 59 ,1 8, 4 13 C or ne lia u x. C .(1 2) 41 n. Se lb stt öt un g un kl ar un be ka nn t hi st. 1, 58 59 ,1 8, 4 14 Ti tiu s R uf us 41 n. Fr em dt öt un g un kl ar un be ka nn t 59 ,1 8, 5 15 Iu ni us P ris cu s 41 n. Fr em dt öt un g un kl ar un be ka nn t 59 ,1 8, 5 16 Iu liu s S ac er do s 41 n. Fr em dt öt un g un kl ar un be ka nn t 59 ,2 2, 4 17 an on ym us II I 41 n. Fr em dt öt un g ve rm . S ch w er t un w ah rs ch . 59 ,2 2, 3 18 Le nt ul us G ae tu li‐ cu s 41 n. Fr em dt öt un g ve rm . S ch w er t un w ah rs ch . Cl . 9 ,1 59 ,2 2, 5 19 Ae m ili us L ep id us 41 n. Fr em dt öt un g un kl ar un be ka nn t Ca l.2 4, 3; C l.9 ,1 59 ,2 2, 6, 8 Ta be lle II : 2.2.1 Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 238 Bezüglich der 191121 Fälle der Regierungszeit des Caligula erweist sich eine Unter‐ scheidung nach der jeweiligen Todesart als recht einfach, nämlich in 13 Fremdtötun‐ gen1122 und 6 Selbsttötungen1123. Als schwieriger erweist sich die Identifizierung der im einzelnen Falle benutzten Tötungsmittel; bezogen auf die Mehrzahl der Fälle ent‐ halten die Quellen darüber keine direkten Auskünfte. Dennoch besteht unter Berück‐ sichtigung des historischen Kontextes dieser Fälle bei der Mehrzahl, d. h. 11 von 19 Fällen1124, Klarheit. Aber auch bei den nach den Angaben der Quellen auf Veranlas‐ sung des Kaisers durchgeführten „unklaren“ Fremdtötungen1125 kann kaum ein Zwei‐ fel bestehen, handelte es sich hierbei doch um „Hinrichtungen“, in der Regel aufgrund von Verurteilungen durch das Senatsgericht, so dass in diesen Fällen von Erdrosse‐ lungen im Mamertinum ausgegangen werden muss. Lediglich in den Fällen des Ptole‐ maios1126 sowie des Lentulus Gaetulicus1127 kann auch die Möglichkeit einer Tötung mittelst Richtschwert nicht ausgeschlossen werden. Sueton merkt u. a. mit Bezug auf diese Fälle an: quibus omnibus pro necessitudinis iure proque meritorum gratia cruenta mors persoluta est1128. (Von diesen allen wurde mit Rücksicht auf das Recht der Ver‐ wandtschaft und mit Rücksicht auf ihre Verdienste ein „blutiger Tod“ verbüßt.) Allerdings beziehen sich diese Angaben nicht nur auf die besagten Fremdtötungs‐ fälle, sondern auch auf den Tod des noch von Tiberius zum Prätorianerpräfekten er‐ nannten Sutorius Macro1129 und von dessen Gemahlin, Ennia Thrasylla1130, einer Tochter des ansonsten als Philosoph und Astrologen bekannten Tiberius Claudius Thrasyllus (†36)1131. Beide töteten sich nach Cassius Dio selbst.1132 Hieraus ist zu er‐ schließen, dass auch Macro in einen Strafprozess verwickelt wurde, dessen Konse‐ quenzen jener sich gemeinsam mit seiner Gemahlin durch Selbsttötung entzog, wobei freilich offen gelassen wird, welcher Tötungsmittel sich beide zu diesem Zweck be‐ dienten. Da Macro als ehemaliger Prätorianerpräfekt den Beruf eines Soldaten ausüb‐ te, wird man zwar am ehesten davon auszugehen haben, dass er Ennea und sich selbst mittelst eines Schwertes tötete oder das Ehepaar sich, wie das Ehepaar Seneca „ge‐ meinsam“ mit einem Schwert tötete. Aber auch andere „blutige“ Tötungsmittel kön‐ 1121 Vgl. Tab. II; 1122 Vgl. Tab. II, Nr. 1–5; 10 u. 11 und 14–16; 1123 Vgl. Tab. II, Nr. 6–9; 12–13; 1124 Vgl. Tab. II, Nr. 1–7. 9. 10. 17. 18. 1125 Vgl. Tab. II, Nr. 6, 9–13; 1126 Vgl. Tab. II, Nr. 11; 1127 Vgl. Tab. II, Nr. 18; 1128 Vgl. Suet. Cal. 26,1; 1129 Vgl. Tab. II, 7; 1130 Vgl. Tab. II, 8; 1131 Vgl. Gundel, W., Gundel, H. G.: Die astrologische Literatur in der Antike und ihre Geschichte. Wiesbaden 1966, S. 43–62. Tarrant, H.: Thrasyllan Platonism. Ithaca (NY) 1993 (mit Quellen S. 215–249); 1132 Vgl. Cass. Dio, 59, 10, 7: kaˆ Óti tÕn M£krona met¦ tÁj 'Enn…aj, m»te toà taÚthj œrwtoj m»te tîn ™ke…nou eÙergethm£twn, di' ïn t£ te ¥lla kaˆ t¾n ¢rc¾n aÙtù mÒnῳ sunkatšpraxe, mnhsqe…j, ™j te ™kous…ou d¾ qan£tou ¢n£gkhn – weil er Makro zusammen mit Ennia, ohne an deren Lie‐ be und dessen Wohltaten zu denken, zum Selbstmord zwang, Vgl. Philo, in Flacc. 4, 16; leg. ad Gai., 7–9, 41–62; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 239 nen in diesem Fall nicht ausgeschlossen werden, wobei man allerdings – mangels klar bezeugter Präzedenzfälle, – ein Skalpell, als Werkzeug eines Arztes, als die am wenigs‐ ten wahrscheinliche Variante einzustufen hätte. Gewisse Aufmerksamkeit verdient im Hinblick die Bevorzugung bestimmter Tö‐ tungsmittel ein anderer Präzedenzfall: Wie die Selbsttötung des Ehepaares Macro und Ennea, ereignete sich ebenfalls im Jahre 38 n. Chr., vielleicht aber auch erst im Jahre 39, der Fall des M. Iunius Silanus1133, über den Sueton Folgendes ausführt:... Silanum item socerum ad necem secandasque novacula fauces compulit,...1134 (den Silanus,1135 seinen Schwiegervater, trieb er ebenfalls in den Tod und brachte ihn dazu sich mit‐ telst eines Rasiermessers die Kehle durchzuschneiden.) Daraus darf geschlossen werden, dass sowohl im Falle des Ehepaares Macro und Ennea, aber auch in weiteren „unklaren“ Selbsttötungsfällen der Regierungszeit Cali‐ gulas eventuell auch ein Rasiermesser als Tötungsmittel zum Einsatz gelangt sein könnte. Jedenfalls kommt dieser Möglichkeit, insofern ein solcher Präzedenzfall unter Caligula ausdrücklich bezeugt ist, auch bezogen auf die „unklaren“ Fälle eine größere Wahrscheinlichkeit zu als dem ansonsten weder unter Caligula noch unter Tiberius in den Quellen beglaubigten Einsatz eines Skalpells. Damit könnten wir auch den Abschnitt über Tötungs- und Selbsttötungsfälle während der Regentschaft Caligulas mit der Feststellung schließen, dass sich auch darunter nicht ein einziger befand, bezüglich dessen die aktive Mitwirkung eines Arz‐ tes mit dem Anspruch auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit zu vermuten wäre. Ledig‐ lich bezüglich eines sehr frühen Falles, frühesten der Regierungszeit Caligulas über‐ haupt, ist zumindest die Anwesenheit eines Arztes kurz vor dem Ableben der Person nach Tacitus nicht zu leugnen: Iam Tiberium corpus, iam vires, nondum dissimulatio deserebat: idem animi rigor; sermone ac vultu intentus quaesita interdum comitate quamvis manifestam defectionem tegebat. mutatisque saepius locis tandem apud prom‐ unturium Miseni consedit in villa cui L. Lucullus quondam dominus. illic eum adpro‐ pinquare supremis tali modo compertum. erat medicus arte insignis, nomine Charicles, non quidem regere valetudines principis solitus, consilii tamen copiam praebere. is velut propria ad negotia digrediens et per speciem officii manum complexus pulsum venarum attigit. neque fefellit: nam Tiberius, incertum an offensus tantoque magis iram premens, instaurari epulas iubet discumbitque ultra solitum, quasi honori abeuntis amici tribue‐ ret. Charicles tamen labi spiritum nec ultra biduum duraturum Macroni firmavit. inde cuncta conloquiis inter praesentis, nuntiis apud legatos et exercitus festinabantur. septi‐ mum decimum kal. Aprilis interclusa anima creditus est mortalitatem explevisse; et multo gratantum concursu ad capienda imperii primordia G. Caesar egrediebatur, cum repente adfertur redire Tiberio vocem ac visus vocarique qui recreandae defectioni ci‐ 1133 Vgl. Tab. II, 6; 1134 Vgl. Suet. Cal. 26,3 u. Cass. Dio 59, 8, 4, wo die Selbsttötung des Silanus zwar als solche erwähnt wird, aber kein konkretes Tötungsmittel genannt wird. 1135 Marcus Iunius Silanus Torquatus (*um 24 v. Chr.; †38 oder 39 n. Chr.) war durch seine Ehe mit Aemilia Lepida, einer Tochter der Augustusenkelin Iulia minor, mit Caligula verwandt. (PIR²) (1966) I 839; vgl. Hanslik, R.: Iunius 17. In: KIP, Bd. 2, Sp. 1560;). Caligula war über seine Mutter Agrippina maior ebenfalls ein Urenkel des Augustus. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 240 bum adferrent. pavor hinc in omnis, et ceteri passim dispergi, se quisque maestum aut nescium fingere; Caesar in silentium fixus a summa spe novissima expectabat. Macro intrepidus opprimi senem iniectu multae vestis iubet discedique ab limine. sic Tiberius finivit octavo et septuagesimo aetatis anno1136. (schon ließ den Tiberius der Körper im Stich, schon die Kräfte, aber noch nicht die Verstellung: die selbe war die Starre des Geistes, im Gespräch und im Mienenspiel wirkte er aufmerksam, mit gesuchter Hei‐ terkeit versuchte er den Verfall, mochte er auch noch so offenkundig sein, zu über‐ spielen. Nach häufigeren Wechseln seines Aufenthaltsortes ließ er sich endlich am Vorgebirge von Misenum nieder, in einem Landhaus, das dem L. Lucullus einst als Residenz gedient hatte. Dass er sich dort seinem Ende näherte erfuhr man folgender‐ maßen: Es gab einen Arzt von besonderer Kunstfertigkeit, mit Namen Charikles, der es zwar nicht gewohnt war, die gesundheitlichen Belange des Kaisers zu regeln, den‐ noch die Gelegenheit einer Beratung zu gewähren. Indem dieser sich gleichsam zur Erledigung seiner eigenen Angelegenheiten zurückziehen zu wollen vorgab und unter dem Vorwand der Ehrenbezeugung eine Hand [des Kaisers] ergriff, ertastete er den Schlag der Adern1137. Aber er überlistete ihn nicht: denn Tiberius – es ist unklar ob er sich beleidigt fühlte und nichts desto weniger den Zorn unterdrückte – gab den Be‐ fehl, Speisen aufzutragen und lag über die gewohnte [Zeit] hinaus bei Tisch, gleich‐ sam um der Ehre eines sich verabschiedenden Freundes Genüge zu tun. Dennoch versicherte Charikles dem Macro, dass der Atem [des Tiberius] schwächer werde und nicht mehr über zwei Tage hinaus anhalten werde. Daher wurde alles [Nötige] durch Besprechungen unter den Anwesenden, durch Botschaften zu den Statthaltern und Generälen und Heeren beschleunigt geregelt. Am 16. 03. glaubte man schließlich we‐ gen eines Atemstillstands, dass er [Tiberius] das Zeitliche gesegnet habe; und schon wollte G. Caesar wegen eines großen Auflaufs von Menschen, die ihm zum Anfang der Herrschaft beglückwünschten, hervortreten, als plötzlich gemeldet wurde, dem Tiberius kehrten Stimme und Gesicht wieder zurück und gerufen werde [nach Die‐ nern], die zur Überwindung seines Schwächeanfalls Speisen herbeibringen sollten. Daher ergriff alle panische Angst, und die übrigen stoben in alle Richtungen davon, ein jeder stellte sich traurig oder unwissend. Der Caesar [Caligula] verharrte in Schweigen und erwartete nach der höchsten Hoffnung [jetzt] das äußerste. Macro aber gab unerschrocken den Befehl, dass der greise [Tiberius] durch das Überwerfen von vielen Decken erstickt werde und man sich dann von seiner Schwelle entferne. So beendete Tiberius [sein Leben] im 78. Jahr seines Lebens.) Nach dieser Darstellung des Tacitus scheint ein Arzt mit dem Namen Charikles an dem Tod des Tiberius einen kaum zu überschätzenden Anteil gehabt zu haben, aller‐ dings weniger durch konkretes ärztliches Handeln, als vielmehr durch seine Prognose über den weiteren Verlauf der Erkrankung des Tiberius, die er gegenüber Macro an‐ geblich abgab. Denn dieser Prognose war es nach Tacitus geschuldet, dass Informatio‐ 1136 Vgl. Tac. ann. 6, 50; 1137 Zur Bedeutung der Pulsertastung als diagnostisches Hilfsmittel in der Antike vgl. Garofalo, I, Puls, in: Leven; K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 740–741; auf die Pulsertastung im Falle des Tiberius geht G. Jedoch nicht ein. 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 241 nen über ein angeblich unmittelbar bevorstehendes Ableben an alle maßgeblichen Amtsinhaber und Verantwortungsträger des Reiches weitergegeben und konkrete Vorbereitungen für den Wechsel an der Spitze des Reiches getroffen wurden, wobei lediglich noch auf die Nachricht von dem endgültigen Ableben des Tiberius gewartet wurde, um Caligula offiziell – vor allem gegenüber den Prätorianergarden und im Se‐ nat – als dessen Nachfolger zu präsentieren. Mittelbar trug Charikles nach Tacitus dazu bei, dass sich Caligula und Macro am Todestag des Tiberius durch die Nachricht von dessen unerwarteter Rückkehr ins Be‐ wusstsein, zu einem Zeitpunkt, zu welchem man Tiberius bereits für verstorben hielt, so sehr kompromittiert sahen, dass ihnen lediglich noch die Wahl blieb, entweder da‐ rauf zu warten, dass der wieder erwachende Tiberius sie für ihre „Abtrünnigkeit“ be‐ strafe, wie das Caligula selbst erwog, oder die „Flucht nach vorn anzutreten“ und Ti‐ berius töten zu lassen, wofür sich Macro dann angeblich entschied. Vor allem das von Tacitus dem Arzt Charikles unterstellte Verhalten gibt Rätsel auf. In wessen Auftrag handelte Charikles, als er den Puls des Tiberius zu ertasten ver‐ suchte, als er angeblich aufgrund dieser Pulsertastung gegenüber Macro prognosti‐ zierte, dass Tiberius allenfalls noch zwei Tage zu leben habe, obwohl dieser soeben erst noch den Arzt wie einen Freund hatte bewirten lassen und sich in der Lage gese‐ hen hatte, gemeinsam mit diesem zu Tische zu liegen. Um so dringlicher stellt sich in Anbetracht dessen die Frage, wer in der von Taci‐ tus berichteten Episode wen über den Gesundheitszustand des Tiberius zu täuschen versuchte, und in welcher Absicht? – vielleicht Tiberius selbst alle anderen, um diese dazu zu bringen, dass sie sich in irgendeiner Form outeten, – oder aber der Arzt, sei es in stillschweigendem Einverständnis mit Tiberius, sei es im Auftrage Dritter, nämlich um Macro oder Caligula dazu zu bringen, dass sie sich in der einen oder anderen Art und Weise unvorsichtig verhielten. Nur soviel scheint festzustehen, dass Charikles nach heutigem Erkenntnisstand, weil Tiberius ja nicht sein Patient war, sondern er angeblich nur gelegentlich als Konsiliar‐ arzt um seinen Rat gebeten wurde, kaum in der Lage gewesen sein kann, im Falle des Tiberius allein auf der Grundlage eines bloßen Pulsfühlens einen bestimmten Todes‐ zeitpunkt vorauszusagen. Ja es erscheint als unglaubwürdig, dass ein erfahrener Arzt, als welcher Charikles von Tacitus charakterisiert wird, in Anbetracht der Tatsache, dass Tiberius noch in der Lage war, gemeinsam mit ihm zu speisen, gestützt auf ärztli‐ ches Erfahrungswissen, in der Lage gewesen sein sollte, jenem einen baldigen Tod, in‐ nerhalb von nur zwei Tagen, vorauszusagen. Nicht zuletzt daraus erklärt es sich, dass heutige Betrachter dazu neigen, die An‐ gaben des Tacitus über eine [Fremd-] Tötung des Tiberius dem Bereich nicht ernst zu nehmender Gerüchte zuzuordnen1138. In einem verbreiteten Handbuch zur römi‐ 1138 In einem neueren Internetbeitrag zum Tode des Tiberius liest man unter Bezugnahme auf die oben zitierten Angaben des Tacitus und dem vergleichbare Angaben Suetons (Vgl. Suet. Cal. 12, 2;) die Formulierung: „Es wurde auch spekuliert, dass der Prätorianerpräfekt Macro den Tod des Tiberius herbeigeführt habe.“ Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Tiberius#cite_note-55 (2014) Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 242 schen Geschichte werden die in den Quellen gegebenen Hinweise auf einen „unna‐ türlichen“ Tod des Tiberius geradezu ignoriert. Bei H. Bengtson liest man dazu ledig‐ lich: Beim Tode des Prinzeps Tiberius (er starb am 16. März 37 in der ehemaligen Villa des Lucullus in Misenum) machte sich in Rom das Gefühl der Befreiung von einem wah‐ ren Alpdruck in spontaner Weise Luft, ähnlich wie in Preußen beim Tode Friedrichs d. Gr. im Jahre 1786.1139 Und auch R. Hanslik erwähnt in seinem Artikel „Tiberius“ im „Kleinen Pauly“ lediglich die Fakten seines Ablebens und seiner Bestattung, ohne je‐ den Hinweis auf die Angaben der Quellen über einen gewaltsamen herbeigeführten Tod1140. Dennoch darf man nicht außer Betracht lassen, dass eine Fremdtötung des Tiberi‐ us nicht nur von Tacitus, sondern auch von Sueton1141 und Cassius Dio bezeugt1142 wird, wobei der zuerst genannte ebenfalls das Pulsfühlen des Charikles erwähnt, wäh‐ rend Cassius Dio lediglich die Fremdtötung im Auftrage Macros bezeugt, ohne Bezug‐ nahme auf die Rolle des Charikles. Daher besteht kaum Veranlassung, die von allen drei maßgeblichen frühkaiserzeitlichen Historikern bezeugte Fremdtötung des Tiberi‐ us anzuzweifeln. Im Gegenteil: Einen entscheidenden Schlüssel für das Verständnis des in den Quellen bezeugten Verhaltens des Charikles, aber auch des Macro sowie Caligulas beim Ablebens des Tiberius liefert bereits der erste Satz der o. z. Tacitusstel‐ le: Schon ließ den Tiberius der Körper im Stich, schon die Kräfte, aber noch nicht die Verstellung: dieselbe war die Starre des Geistes, im Gespräch und im Mienenspiel wirkte er aufmerksam, mit gesuchter Heiterkeit versuchte er den Verfall, mochte er auch noch so offenkundig sein, zu überspielen.1143 Das in diesen Formulierungen charakterisierte Misstrauen des Tiberius gegenüber Freund und Feind, das sich u. a. darin ausdrückte, dass er in den letzten Monaten sei‐ nes Lebens das von ihm selbst gewählte Exil auf Capri nach übereinstimmenden An‐ gaben der Quellen wieder verließ und sich durch einen häufigeren Wechsel seines Aufenthaltsortes gegenüber möglichen Anschlägen schützen zu können glaubte1144. Man ist aber schlecht beraten, wenn man dieses Verhalten des Tiberius allein psycho‐ logisch zu erklären versucht, als Ausdruck einer tief in seinem Charakter verwurzel‐ ten Paranoia. Vielmehr ist zu berücksichtigen, dass die Problematik einer ungeklärten Nachfolgeregelung des Tiberius, die Sejan bis zu seinem Sturz durch eine gnadenlose Verfolgung aller möglicher durch ihre Verwandtschaft zu Augustus und zu Tiberius 1139 Vgl. Bengtson, H.: Grundriss der Römischen Geschichte, Bd. I, München 1967, S. 282; 1140 Vgl. Hanslik, R., Tiberius 1, KlP, Bd. 5, Sp. 817; 1141 Vgl. Suet. Tib. 72,1–73,1; Cal. 12,2; 1142 Vgl. Cass. Dio 58, 28, 1–5; 1143 S. o. Tac. ann. 6, 50, 1: Iam Tiberium corpus, iam vires, nondum dissimulatio deserebat: idem animi rigor; sermone ac vultu intentus quaesita interdum comitate quamvis manifestam defectionem tegebat. 1144 S. o. Tac. Ann. 6, 50, 1: „Nach häufigeren Wechseln seines Aufenthaltsortes ließ er sich endlich am Vorgebirge von Misenum nieder, in einem Landhaus, das dem L. Lucullus einst als Residenz ge‐ dient hatte.“ Nach Angaben Suetons erwog Tiberius sogar eine Rückkehr nach Rom. Vgl. Suet. Tib. 72, 1: Bis omnino toto secessus tempore Romam redire conatus, semel triremi usque ad proximos nau‐ machiae hortos subvectus est disposita statione per ripas Tiberis, iterum Appia usque ad septimum lapidem. 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 243 geeigneter Kandidaten für eigene Ziele auszunutzen versuchte, sich im Gefolge des Sturzes Sejans keineswegs aufgelöst hatte. Nach dem Tode der beiden Germanicus - Söhne Nero Caesar und Drusus Caesar spielte in Ermangelung weiterer dynastisch so eng mit Augustus verbundener Kandi‐ daten deren jüngerer Bruder Gaius Caesar, genannt Caligula, eine wichtige Rolle, – Caligula war unter den engeren Verwandten des Tiberius im Jahre 31 n. Chr. mit sei‐ nen damals 19 Lebensjahren1145 der einzige, der zu diesem Zeitpunkt altersbedingt als potentieller Nachfolger infrage gekommen wäre, insofern Tiberius Gemellus1146, – zu‐ mindest familienrechtlich ein Enkel des Tiberius aus der Ehe des Kaisersohnes Drusus mit der Augustus-Enkelin Livilla, leiblich eventuell aber auch aus einer Beziehung der letzteren mit Sejan hervorgegangen, – damals erst 12 Jahre alt, kaum als regierungsfä‐ hig einzustufen war und Tiberius Claudius Nero Germanicus, der nachmalige Kaiser Claudius I., trotz seines fortgeschrittenen Lebensalters als dafür ungeeignet angesehen wurde. Spätestens seit dem Jahre 37 n. Chr., in welchem Tiberius Gemellus das 18. Le‐ bensjahr vollendete und gleichzeitig damit, wenn auch etwas verspätet, ebenfalls die sog. toga virilis hatte anlegen dürfen1147, wurde dieser als ernsthafter Rivale des Cali‐ gula um die Nachfolge des mittlerweile 77 Jahre alt gewordenen Tiberius gehandelt, zumal es Gerüchte gab, nach denen Tiberius sich seit jener Zeit zunehmend mit dem Gedanken getragen habe, Tiberius Gemellus gegenüber Caligula als Anwärter auf die eigene Nachfolge an die erste Stelle zu setzen1148. Nach Tacitus soll Tiberius ab 37 n. Chr. über eine Neuregelung seiner Nachfolge zugunsten des Claudius nachgedacht haben1149. Hat man sich die vor allem seit der Volljährigkeit des Tiberius Gemellus bestehen‐ de Virulenz des Problems der Nachfolge des Tiberius klar gemacht, versteht man auch, warum sich dieser von demselben Zeitpunkt an selbst auf Capri vor Anschlägen auf sein Leben nicht mehr sicher fühlte. Denn in Anbetracht der Tatsache, dass sich Tiberius seit dem Jahre 31 n. Chr., als er Caligula eingeladen hatte, mit ihm gemein‐ sam die villa Iovis auf der Insel zu bewohnen, über dessen sprunghaften Charakter aus nächster Nähe ein Bild hatte machen können, dürfte nicht nur diesem selbst klar gewesen sein, dass jeder Tag, den Tiberius nach der Volljährigkeit des Tiberius Gemel‐ lus, noch lebte, Tiberius eine weitere Gelegenheit gab, Caligula politisch zu enterben. Vielleicht waren es wirklich nur Gerüchte, nach denen Tiberius in den letzten Monaten über eine Neuregelung seiner Nachfolge zu Lasten des Caligula nachdachte, aber gerade aus derartigen Gerüchten könnte sich nicht nur für das zunehmende Misstrauen des Tiberius, sondern auch für das Verhalten des Charikles, Caligulas und Macros im Zusammenhang des Ablebens des Tiberius eine sinnvolle Erklärung erge‐ ben. Denn Maßnahmen, die das Leben des Tiberius verkürzten, lagen zweifellos im 1145 Gaius Caesar Augustus Germanicus, *31. 08. 12 in Antium als Gaius Iulius Caesar; 1146 Tiberius Iulius Caesar Nero, *19 n. Chr.; 1147 Vgl. Suet. Cal. 15, 2; dazu auch Cass. Dio 59, 8, 1; 1148 Vgl. Tac. ann. 6, 46; 1149 Vgl. Tac. ann. 6, 46, 1: etiam de Claudio agitanti, quod is composita aetate, bonarum artium cupiens erat,... Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 244 Interesse Caligulas und von dessen Anhängern und Günstlingen, - Maßnahmen die das Leben des Tiberius verlängerten, aber im Interesse aller übrigen möglichen Kan‐ didaten für die Nachfolge des Tiberius. Daher verdient es besondere Aufmerksamkeit, dass Tiberius ausgerechnet die Gegenwart des Charikles zum Anlass zu einem ausge‐ dehnteren Festschmaus nahm1150. Man gewinnt so fast den Eindruck, dass zu der ihm auf Veranlassung Macros und Caligulas aufgezwungenen Therapie neben der Verabreichung von langsam wirken‐ dem Gift auch Nahrungsentzug gehörte: Sunt qui putent venenum ei a Gaio datum, lentum atque tabificum; alii, in remissione fortuiti febris cibum desideranti negatum.1151 (Es gibt Leute, die glauben dass ihm [Tiberius] von Gaius Gift gegeben wurde, ein langsam wirkendes aber verzehrendes; andere [behaupten], dass ihm, als er während des Nachlassens eines zufälligen Fiebers nach Speise verlangte, diese ihm verweigert worden sei.) Nicht zuletzt die Verweigerung von Nahrungsmittel trägt zu deutlich die im Falle auch anderer Tötungen erkennbare „Handschrift“ des Prätorianerpräfekten Macro1152, als dass man die diesbezüglichen Angaben Suetons ignorieren dürfte. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wird man auch das Auftauchen des Charikles in der Umgebung des sterbenden Tiberius, da dieser nach dem Zeugnis des Tacitus für den Kaiser nicht als Leibarzt, sondern als Konsiliararzt fungierte, am ehes‐ ten auf Machenschaften von Gegnern des Caligula und Macros und auf das Betreiben von Befürwortern anderer Nachfolgekandidaten zurückführen dürfen, die darauf spekulierten, dass Caligula bzw. Macro bei der Durchsetzung ihrer eigenen Ziele – aus Übereifer – eventuell ein gravierender Fehler unterlief. Daher wird man dem Arzt Charikles - unabhängig davon, dass ihm auf der Grundlage der Überlieferung des Tacitus und Suetons allenfalls eine fehlerhafte Pro‐ gnose anzulasten wäre, – kaum Manipulationen unterstellen dürfen, die bewusst da‐ rauf abzielten, Tiberius zu töten. Somit kann als gesichert gelten, dass sich unter den unnatürlichen Todesfällen der Regierungszeit Caligulas nicht ein einziger befand, be‐ züglich welcher die Assistenz eines Arztes als erwiesen oder wenigstens begründet vermutet an zu sehen wäre. 1150 S. o. Tac. ann. 6, 50, 3: nam Tiberius, … instaurari epulas iubet discubuitque ultra solitum, quasi honori ebeuntis amici tribueret. 1151 Vgl. Suet. Tib. 73, 2; 1152 Vgl. dazu die Fälle I, 31. 34. 45. 54. 55. 57; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 245 Caligula Gesamtzahl 19 Fremdtötungen 13 Selbsttötungen 6 Gesamtzahl Fremd/Selbst (Selbsttötung.) 6 Tötungsmittel Tötungsmittel a) Gift 0 a) Gift 0 b) Hunger 0 b) Hunger 0 c) Adern 0 c) Adern 0 d) Schwert 7 d) Schwert 2 e) Ersticken 1 e) Ersticken 0 f) Rasiermess. 1 f) Rasierm. 1 g) andere 1 g) andere 0 h) Hinrichtung 0 h) Hinrichtung 0 h) unklar 9 i) unklar 3 Arztassistenz Arztassistenz a) ausgeschl. 3 a) ausgeschl. 1 b) unwahrsch. 7 b) unwahrsch. 1 c) unklar 9 c) unklar 4 angedeutet 1 Insgesamt sind für die Regierungszeit Caligulas mangels ausreichender Auskünfte in den Quellen 4 unnatürliche Todesfälle hinsichtlich ärztlicher Tötungsassistenz als „unklar“ einzustufen1153. Aber auch diese „Unklarheit“ darf aus in den Vorbemerkun‐ gen zu Kapitel 2 dargelegten Gründen nicht als Ausdruck für irgendeine Form von Wahrscheinlichkeit gedeutet werden, insofern mangels solcher Fälle, in denen ärztli‐ che Tötungsassistenz als „erwiesen“ oder als „wahrscheinlich“ angesehen werden könnte, für die Bestimmung der Wahrscheinlichkeit im Sinne der „Stochastik“ keine Grundlage besteht. Ärztliche Tötungsassistenz unter Claudius? (41 – 54 n. Chr.) Unter der Herrschaft des Claudius kam es zu 49 namentlich unnatürlichen Todesfäl‐ len, von denen 29 1154 als Fremdtötungen einzustufen sind, 10 als Selbsttötungen1155 Tabelle II a: 2.2.2 1153 Vgl. Tab. II a; 1154 Vgl. Tab. III, Nr. 1–4. 6. 7. 8. 11. 13. 16. 20. 21. 27. 29. 33. 34–46. 48; 1155 Vgl. Tab. III, Nr. 5. 8. 10. 12. 17 – 19. 28. 47. 49; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 246 und ebenfalls 10 als unklar1156. Insofern aber, wie wir bereits gesehen haben, die Wahrscheinlichkeit ärztlicher Tötungsassistenz im Kontext von Selbsttötungen kei‐ neswegs erkennbar größer war als im Kontext von Fremdtötungen, brauchen uns die‐ se Unsicherheiten nicht sonderlich zu kümmern. Beachtung verdienen sie allenfalls unter der Voraussetzung, dass in denselben Fällen Tötungsmittel nachweisbar sind, bei deren Verwendung die Vermutung der Hilfestellung eines Arztes wenigstens denkbar erscheint, wie zum Beispiel im Falle der Verwendung von Giften oder der Benutzung eines Skalpells, oder aber im Falle der Koinzidenz mit Unsicherheiten auch bezüglich des Tötungsmittels. Die Involvie‐ rung eines Arztes kann in diesen Fällen prinzipiell nicht ausgeschlossen werden, aber nur dann, wenn sich im Untersuchungszeitraum auch ein Präzedenzfall ausfindig ma‐ chen lassen sollte, bei dem ärztliche Tötungsassistenz als erwiesen oder wenigstens als wahrscheinlich einzustufen wäre. Aber bezüglich der Möglichkeit solcher Nachweise bestehen für die Regierungs‐ zeit des Claudius ungünstige Voraussetzungen. Als das mit Abstand am häufigsten benutzte Tötungsmittel ist unter Claudius das Schwert nachweisbar, mit einer Häufig‐ keit von insgesamt 17 Fällen1157. Hierbei verdient Beachtung, dass auch in der Son‐ dergruppe der Selbsttötungsfälle die Benutzung eines Schwerts mit 4 von 10 Fällen re‐ lativ häufig vorkam. Mit 14 Fällen1158 ergab sich eine recht große Zahl von unnatürli‐ chen Todesfällen unter Claudius auch im Zusammenhang von Hinrichtungen, bei de‐ nen eine Hilfestellung von Ärzten kaum vorstellbar erscheint, jedenfalls weder unter Claudius noch in der griechisch-römischen Antike überhaupt. 1156 Vgl. Tab. III, Nr. 14. 15. 22 – 26. 31. 32; 1157 Vgl. Tab. III, Nr. 1–11. 14–16. 28–29. 33; siehe auch Tab. III a; 1158 Vgl. Tab. III, Nr. 13 (44 n. Chr.). 34–46 (ab 48 n. Chr.); siehe auch Tab. III a; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 247 Cl au di us (4 1- 54 ) N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re ex tr a 1 Ks . C al ig ul a 41 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. an n. 1, 32 ,2 Ca l.5 8, 1– 3 59 ,2 8, 6 Jo s. AJ 1 9, 16 2 2 M ilo ni a C ae so ni a 41 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. Ca l.5 9 Jo s. AJ 1 9, 2, 4 3 Iu lia D ru sil la f. G . (I ,5 ) 41 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. Ca l. 59 ; 60 ,8 ,5 Se n. ap . 1 0, 4; S en . O ct . 9 44 ; Jo s. AJ 1 9, 16 2 H or st 5 (1 0) * 4 Ca ss iu s C ha er a 41 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. 60 ,3 ,4 5 C or ne liu s S ab in us 41 n. Se lb stt öt un g v. Sc hw er t un w ah rs ch . Ca l.5 8, 1– 3 60 ,3 ,5 Jo s. AJ 1 9, 1, 4 H or st 1* 6 Ap pi us Iu n. S ila nu s 42 n. Fr em dt öt un g v. Sc hw er t au sg es ch l. Cl .7 2, 2 60 ,1 4, 3– 4 Se n. ap . 1 1, 5 (1 3, 5) H or st 3 (1 0) * 7 L. A .C .S cr ib on ia nu s 42 n. Fr em dt öt un g v. Sc hw er t au sg es ch l. hi st. 2, 75 ,2 60 ,1 5, 3 ep it. d. C ae s. 4, 4 8 A nn iu s V in ic ia nu s 42 n. Se lb stt öt un g v. Sc hw er t au sg es ch l. 60 ,1 4, 3 – 4 9 Ca ec in a P ae tu s 42 n. Fr em dt öt un g v. Sc hw er t au sg es ch l. 60 .1 6, 6 Pl in .ep .3 ,1 6, 6– 9 10 A rr ia d . Ä . 42 n. Se lb stt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. an n. 16 ,3 4, 2 60 ,1 6, 6 Pl in .ep .3 ,1 6, 6. 13 11 Iu lia L iv ill af . G . ( I,5 ) 42 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. an n. 14 ,6 3, 2 Cl .2 9, 1 60 , 8 , 5 ; Se n. ap .1 0, 4; O ct . 9 46 F 12 Iu lia D ru si C. f.( I,3 3) 43 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar an n. 13 ,4 3, 2 Cl .2 9, 2 Se n. ap . 1 1, 5; (1 3, 5) H or st 6 (1 0) * 13 Ja c. d. Ä lte re 44 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. M k 10 ,3 9; M t 2 0, 23 14 Ca to ni us Iu stu s p r.p r. 46 /7 Fr em d/ Se lb st v. Sc hw er t un w ah rs ch . an n. 1, 29 ,2 60 ,1 8, 3 Se n. ap .1 3, 5; P IR C 5 76 ; H or st 9* 15 Ru fr iu s P ol lio p r.p r. 46 /7 Fr em d/ Se lb st v. Sc hw er t un w ah rs ch . 60 ,2 3, 2 Se n. ap .1 3, 5 H or st 9* 16 G n. P om pe iu s M ag n. 46 /7 Fr em dt öt un g v. Sc hw er t un w ah rs ch . Cl .2 7, 2; 29 ,2 61 ,2 9, 6a Se n. ap .1 1, 5 H or st 2 (1 0) * 17 M . L .C ra ss us F ru gi 46 /7 Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar Se n. ap . 1 1, 5; (1 3, 5) H or st 2 (1 0) * 18 Sc rib on ia u x. Cr .(1 7) 46 /7 Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar Se n. ap . 1 1, 5 H or st 2* 19 D . V al er iu s A sia tic us 47 n. Se lb stt öt un g Ad er n. au sg es ch l. an n. 11 ,2 –3 60 ,2 7, 2 20 G . I ul iu s P ol yb iu s 47 n. Fr em dt öt un g un kl ar un w ah rs ch . 61 ,6 a 21 Po pp .S ab . d . Ä . 47 n. Fr em dt öt un g un kl ar un w ah rs ch . an n. 13 ,4 3, 2 22 C or ne liu s L up us 47 n. un kl ar un kl ar un w ah rs ch . an n. 13 ,4 3, 2 23 Lu siu s S at ur ni nu s 47 ? un kl ar un kl ar un kl ar an n. 13 ,4 3, 2 Se n. ap .1 3, 6 H or st 10 * 24 Po m pe iu s P ed o (1 9) 47 n. Fr em d/ Se lb st un kl ar un w ah rs ch . Se n. ap .1 3, 6 H or st 10 * Ta be lle II I: Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 248 N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re ex tr a 25 Lu pu s ( 19 ) 47 n. Fr em d/ Se lb st un kl ar un w ah rs ch . Se n. ap .1 3, 6 H or st 10 * 26 A sin iu s C ele r ( 19 ) 47 n. Fr em d/ Se lb st un kl ar un w ah rs ch . Se n. ap .1 3, 6; P IR 2 A 1 22 5; H or st 10 * 27 Pa ss ie nu s C ris pu s 47 ? Fr em dt öt un g un kl ar un kl ar Su t.v it. pa ss .9 el kt r. 28 Va le ria M es sa lin a 48 n. Se lb stt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. A nn .1 1, 37 -3 8, 1 Cl .3 9, 1 61 ,8 ,6 a,2 – 5 Se n. ap .1 0, 4; 1 1, 5; 1 3, 5; H or st 4* 29 G ai us S ili us (s .M es s.) 48 n. Fr em dt öt un g v. Sc hw er t au sg es ch l. an n. 11 ,3 2- 35 61 ,3 1, 3- 4 Se n. ap .1 3, 4 H or st 7* 30 M . H elv iu s 48 n. Fr em d/ Se lb st un kl ar un kl ar Se n. ap .1 3, 4; P IR H 6 3 H or st 7* 31 C ot ta 48 n. Fr em d/ Se lb st un kl ar un kl ar Se n. ap .1 3, 4; P IR C 1 54 5 H or st 7* 32 Fa bi us 48 n. Fr em d/ Se lb st un kl ar un kl ar Se n. ap .1 3, 4; P IR F 1 3 H or st 7* 33 M ne ste r ( s. M es s.) 48 n. Fr em dt öt un g v. Sc hw er t au sg es ch l. an n. 11 ,3 6 61 ,8 ,6 a,5 Se n. ap .1 3, 4 H or st 7* 34 Ti liu s P ro cu lu s 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 5, 2 H or st 7* 35 Ve tti us V al en s 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 5, 2 Se n. ap .1 3, 4 H or st 7* 36 Po m pe iu s U rb ic us 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 5, 2 H or st 7* 37 Sa uf ei us T ro gu s 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 5, 2 Se n. ap .1 3, 4 H or st 7* 38 D ec riu s C al pu rn ia nu s 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 5, 2 H or st 7* 39 Su lp ic iu s R uf us 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 5, 2 40 Iu nc us V er gi lia nu s 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 5, 2 Se n. ap .1 3, 4 H or st 7* 41 Tr au lu s M on ta nu s 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. an n. 11 ,3 6, 3 Se n. ap .1 3, 4 H or st 7* 42 Po ly bi us li b (2 0) 47 /4 8 Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. Cl .2 8 61 ,3 1, 2 Se n. ap .1 3, 5 H or st 8* 43 M yr on li b (2 0) 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. Se n. ap .1 3, 5 H or st 8* 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 249 N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re ex tr a 44 H ap oc ra s l ib (2 0) 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. Cl .2 8 Se n. ap .1 3, 5 H or st 8* 45 A m ph ae us li b (2 0) 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. Se n. ap .1 3, 5 H or st 8* 46 Ph er on ac tu s l (2 0) 48 n. Fr em dt öt un g H in ric h‐ tu ng au sg es ch l. Se n. ap .1 3, 5 H or st 8* 47 L. Iu ni us S ila nu s 49 n. Se lb stt öt un g? un kl ar un w ah rs ch . an n. 12 ,2 –8 Cl .2 7, 2; 29 ,2 Se n. ap . 8 ,2 ; 1 0, 4; 1 1, 5; 1 3, 5 H or st 3 (1 0) * 48 So sib iu s ( Er z. d. B rit .) 51 n. Fr em dt öt un g un kl ar un w ah rs ch . an n. 12 ,4 1, 2 61 ,3 2, 5– 6 49 D om iti a L ep id a 54 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar an n. 12 ,6 4, 2- 65 H or st 11 * * H or stk ot te , U . s . L it. - Ve rz . Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 250 Die Verwendung von Gift als Tötungsmittel, in deren Zusammenhang man sich am ehesten die Involvierung eines Arztes vorstellen könnte, ist für die Zeit der Re‐ gentschaft des Claudius nicht bezeugt. Das Mittel der Öffnung von Adern, wobei man sich allerdings nur im Falle der Verwendung eines Skalpells die Mithilfe eines Arztes vorstellen könnte, ist lediglich ein einziges Mal unter Claudius nachweisbar1159, aber in einem Kontext, der die Tötungsassistenz eines Arztes nicht unbedingt wahrschein‐ lich macht. Im Zusammenhang der Berichterstattung über einen Strafprozess gegen Valerius Asiaticus1160 (in das Jahr 47 n. Chr. datiert;) erwähnt Tacitus, dass jenem als Straferleichterung ein liberum mortis arbitrium1161 gewährt wurde. Claudius Gesamtzahl 49 Fremdtötungen 29 Selbsttötungen 10 Gesamtzahl Fremd/Selbst 10 (Selbsttötung.) 10 Tötungsmittel Tötungsmittel a) Gift 0 a) Gift 0 b) Hunger 0 b) Hunger 0 c) Adern 1 c) Adern 1 d) Schwert 17 d) Schwert 4 e) Ersticken 0 e) Ersticken 0 f) Rasiermess. 0 f) Rasiermess. 0 g) andere 1 g) andere 0 h) Hinrichtung 14 h) Hinrichtung 0 i) unklar 17 i) unklar 5 Arztassistenz Arztassistenz a) ausgeschl. 28 a) ausgeschl. 4 b) unwahrsch. 12 b) unwahrsch. 2 c) unklar 9 c) unklar 4 Tabelle III a: 1159 Vgl. Tab. III, Nr. 19; 1160 Decimus Valerius Asiaticus (*um 5 v. Chr.; †47 n. Chr.), stammte aus Vienna in der Provinz Gallia Narbonensis, bekleidete 35 n. Chr., also noch unter Tiberius ein (Suffekt-)Konsulat, erwarb später die Freundschaft Caligulas, beteiligte sich aber auch an dessen Sturz, begleitete im Jahre 43 n. Chr. Claudius auf dessen Britannienfeldzug, geriet aber zunehmend in Gegensatz zu Messalina, die ihn u. a. einer außerehelichen Liaison zu Poppaea Sabina d. Ä., der Gemahlin des T. Ollius, eines frühe‐ ren Freundes und Schicksalsgenossen Sejans, bezichtigte und so seinen Sturz herbeiführte. Vgl. PIR2 V, 25; 1161 Vgl. Tac. ann. 11, 3, 1; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 251 Über die Art und Weise, in welcher Valerius Asiaticus von diesem „Gunsterweis“ Ge‐ brauch machte, überliefert Tacitus Folgendes: hortantibus dehinc quibusdam inediam et lenem exitum, remittere beneficium Asiaticus ait; et usurpatis quibus insueverat, ex‐ ercitationibus, lauto corpore, hilare epulatus … venas exsolvit, viso tamen ante rogo ius‐ soque transferri partem in aliam, ne opacitas arborum vapore ignis minueretur1162; (Als gewisse Leute zu Nahrungsverweigerung und einem sanften Tod rieten, sagte er, dass er auf den Gnadenerweis verzichte. Und nachdem er die gewohnten Übungen durch‐ gesetzt, den Körper gewaschen und heiter gespeist hatte, … öffnete er sich Adern, wo‐ bei er aber trotzdem sich vorher noch den Scheiterhaufen betrachtet und angeordnet hatte, dass er zu versetzen sei, damit der Schatten der Bäume durch den Rauch des Feuers nicht verringert werde.) Die hier von Tacitus geschilderte Szene lässt keinen Raum für Spekulationen, dass ihm ein Arzt das Sterben hätte erleichtert haben können, zumal aus dem Kontext zu erschließen ist, dass der Tod, den Valerius Asiaticus sich aussuchte, nicht unbedingt als ein sanfter Tod angesehen wurde, - was aber sicherlich eher der Fall gewesen wäre, wenn er sich mit einem Skalpell die Adern geöffnet hätte oder sich diese sogar von der fachkundigen Hand eines Chirurgen hätte öffnen lassen. So lässt sich der o. z. Text des Tacitus kaum anders interpretieren, als dass eben dies auch nicht geschah. Sicherheitshalber sollten wir auch noch einen kurzen Blick auf die Darstellung des Falles durch Cassius Dio werfen: Ð d' 'AsiatikÕj Øp' aÙtoà tou ploÚtou, Øf' oáper kaˆ ¢pšqanen1163. (Asiaticus aber legte wegen dieses Reichtums [sein Amt nieder], weswegen er auch starb.) Dieser Notiz ist nur soviel zu entnehmen, dass Asiaticus seinen Tod seinem Reichtum bzw. dem durch seinen Reichtum evozierten Neid seiner Gegner verdankte, sie vermittelt aber keinesfalls neue Einsichten über die Art und Weise des Ablebens des Asiaticus; vor allem aber liefert sie keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Asiaticus sich bei der Realisierung der von ihm ausgewählten Art zu sterben der Unterstützung eines Arztes bedient haben könnte. Aus diesem Grunde und aus dem Mangel an wei‐ teren Fällen, bezüglich welcher positive Anhaltspunkte für ärztliche Tötungsassistenz unter Claudius abzuleiten wären, lässt sich auch im Hinblick auf solche Fälle, in de‐ nen Unsicherheiten über die Todesart mit Unsicherheiten über die jeweils eingesetz‐ ten Tötungsmittel koinzidierten, keine Argumentationsgrundlage für einen solchen Nachweis herauspräparieren. Insgesamt lassen sich 9 Fälle1164 benennen, bei welchen der Kontext, in dem sie erwähnt werden, eine ärztliche Tötungsassistenz nicht mit letzter Sicherheit auszu‐ schließen ist. Aber nur in vier dieser Fälle besteht auch eine Koinzidenz von Unsi‐ cherheiten sowohl in Bezug auf die jeweilige Todesart als auch in Bezug auf das Tö‐ tungsmittel. Wollte man aber auf der Grundlage dieses Mangels an Informationen eine Argumentationskette aufbauen, wäre das nur mit stochastischen Mitteln mög‐ lich. Um aber die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Falles berechnen zu können, 1162 Vgl. Tac. ann. 11, 3, 3; 1163 Vgl. Cass. Dio 60, 27, 2; 1164 Vgl. Tab. III, Nr. 12. 17. 18. 23. 27. 30. 31. 32. 49; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 252 müsste man mindestens einen Fall benennen können, um diesen mathematisch in eine Relation zur Gesamtzahl der unklaren Fälle bringen zu können, was sich aber bislang weder bezogen auf die Fälle der Regierungszeit des Claudius noch auf die hier besprochenen Fälle der Regierungszeiten des Tiberius und Caligulas als möglich er‐ wies. Um mit Hilfe der Stochastik zu einem Ergebnis bezüglich des Nachweises ärztli‐ cher Tötungsassistenz zu kommen, wäre es somit auf jeden Fall nötig auch die Fälle der Regierungszeiten der übrigen Kaiser des Untersuchungszeitraums daraufhin zu analysieren. Ärztliche Tötungsassistenz unter Nero? (54 – 68 n. Chr.) Für diese Epoche sind insgesamt 511165 unnatürliche Todesfälle bezeugt, von denen 33 auf Fremdtötungen1166 zurückzuführen sind, 14 auf Selbsttötungen1167, während 31168 Fälle in dieser Hinsicht nicht eindeutig zuzuordnen sind. Insofern sich bislang bereits gezeigt hat, dass in der Antike anders als heute, Unklarheiten bezüglich der Todesart hinsichtlich der Beurteilung ärztlicher Tötungsassistenz als Indizien nur we‐ nig Aussagekraft besitzen, brauchen wir diesen Befund hier nicht weiter zu erörtern. Größere Bedeutung haben in dieser Hinsicht nach unseren bisherigen Erkenntnissen Angaben über die jeweils eingesetzten Tötungsmittel. Bezogen auf die 51 unnatürlichen Todesfälle der Regierungszeit Neros hätten wir uns dabei rein statistisch mit folgendem Befund auseinander zu setzen: Relativ häufig scheint die Öffnung von Adern unter Nero todesursächlich gewesen zu sein. Insge‐ samt 12 Fälle sind bekannt1169, bei denen dieses Tötungsmittel bezeugt ist, darunter bei 6 Selbsttötungen1170. Mit jeweils 9 Fällen sind auch Tötungen mittelst eines Schwertes1171, mittelst Gifts1172 oder als Hinrichtungen1173 unter Nero bezeugt. Hier‐ bei könnten unter Berücksichtigung unserer bisherigen Erkenntnisse vor allem die Verwendung von Gift, in gewissem Umfang aber auch die Eröffnung von Adern, so‐ weit dazu ein Skalpell benutzt wurde, als Indizien für ärztliche Tötungsassistenz ge‐ wertet werden, – allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der jeweilige Kontext derartige Vermutungen stützt und auch nur nach den Gesetzen der Wahrscheinlich‐ keit, d. h. unter der Prämisse, dass wenigstens in bestimmten Fällen eine ärztliche Tö‐ tungsassistenz in den Quellen bezeugt oder zumindest angedeutet wird. 2.2.3 1165 Vgl. Tab. IV; 1166 Vgl. Tab. IV, Nr. 2–3. 5–8. 10–17. 19. 21–28. 31–36. 38. 39. 49. 50: 1167 Vgl. Tab. IV, Nr. 1. 4. 9. 18. 20. 29. 30. 37. 40. 41. 42. 46–48; 1168 Vgl. Tab. IV, Nr. 43–45; 1169 Vgl. Tab. IV, Nr. 14. 19. 34–36. 38. 39. 42. 43, 47. 48; siehe auch Tab. IV a, c (s. u.); 1170 Vgl. Tab. IV, Nr. 19. 38. 42 – 44; siehe auch Tab. IV a, c (s. u.); 1171 Vgl. Tab. IV, Nr. 7–10. 20. 24. 26 - 28. 49.; Tab. IV a, d; 1172 Vgl. Tab. IV, Nr. 2. 3. 5. 11–13. 15. 21. 38; Tab. IV a, a (bezüglich Nr. 38 spielte ebenfalls die die Öff‐ nung von Adern eine Rolle;); 1173 Vgl. Tab. IV, Nr. 16–18. 22. 23. 29. 33. 51; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 253 Ne ro (5 4 – 68 ) N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 1 St at ili us T au ru s 53 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar an n. 12 ,5 9 2 M . I un iu s S ila nu s 54 n. Fr em dt öt un g G ift un kl ar an n. 13 ,1 ,1 61 ,6 ,4 –5 Ex c.V al .2 35 -2 36 3 Ks . C la ud iu s 54 n. Fr em dt öt un g G ift be z./ un w ah r. an n. 12 ,6 6– 67 Cl .4 4 61 ,3 4, 2– 3 Se n. ap .1 -3 4 N ar ci ss us 54 n. Se lb stt öt un g? un kl ar un kl ar an n. 13 ,1 –3 61 ,3 4, 4 – 6 Se n. ap .1 3 5 Br ita nn ic us 55 n. Fr em dt öt un g G ift un w ah rs ch . an n. 13 ,1 5– 16 N .3 3 61 ,6 ,4 (e pi t) Ju v.s at .1 ,7 1 6 C. C an in iu s R eb ilu s 56 n. Se lb stt öt un g Ad er ne rö ffn . un w ah rs ch . an n. 13 ,3 0, 2 Br an dt * 7 Cr ep er ei us G al lu s 59 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t un w ah rs ch . an n. 14 ,5 ,1 ; 8 Ac er ro ni a 59 n. Fr em dt öt un g W aff en au sg es ch l. an n. 14 ,5 ,3 9 A gr ip pi na d . J ün g. 59 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. an n. 14 ,2 – 8 N .3 9, 2 62 ,1 3, 4– 14 ,1 10 an on ym us 59 n. Se lb stt öt un g fe rr o au sg es ch l. an n. 14 ,9 ,1 –2 ; 11 Pa lla s F re ig . 62 n. Fr em dt öt un g G ift un w ah rs ch l. an n. 14 ,6 5, 1 - 62 ,1 4, 3 12 D or yp ho ru s F r. 62 n. Fr em dt öt un g G ift un w ah rs ch l. an n. 13 ,6 5, 1 N .2 9 er w. 61 ,5 ,4 er w. 13 A fr an iu s B ur ru s 62 n. Fr em dt öt un g? G ift ? un w ah rs ch l. an n. 14 ,5 1, 1 N .3 5. 5 62 ,1 3, 3 Ex z. 14 O ct av ia 62 n. Fr em dt öt un g Ad er ne rö ffn . au sg es ch l. an n. 14 ,6 3- 64 N .3 5, 2; 57 ,1 62 ,1 3, 1 Jo h. A nt F r.9 0 15 L. A nn ae us S er en us 62 /6 3n . Fr em dt öt un g G ift (P ilz ) un kl ar an n. 13 ,1 3, 1 Pl in .n .h .2 2, 96 16 Ja co b. d . J . s . I , 5 1 62 -6 4n . Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. N T 17 Pa ul us s. I, 5 1 62 -6 7n . Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. N T 18 Pe tr us s. I, 5 1 62 -6 7n . Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. N T 19 G . P iso 65 n. Se lb stt öt un g Ad er ne rö ffn . un w ah rs ch l. an n. 15 ,5 9, 4- 5 N .3 6, 1– 2 20 Au lu s P la ut iu s L at . 65 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. an n. 15 .6 0, 1 N .3 5, 4 21 Se ne ca 65 n. Se lb stt öt un g G ift ? un w ah rs ch l. an n. 15 ,6 0- 65 N .3 5, 5 62 ,2 5, 1 22 Fa en iu s R uf us p r.p r. 65 n. Fr em dt öt un g ge f.u .g et öt . au sg es ch l. an n. 15 ,6 6 - 62 ,2 4, 2 23 Fl av iu s S ca ev in us 65 n. Fr em dt öt un g ge f.u .g et öt . au sg es ch l. an n. 15 ,6 6 62 ,2 4, 2 24 Su br iu s F la vu s t rib . 65 n. Fr em dt öt un g En th . au sg es ch l. an n. 15 ,6 7 62 ,2 4, 2 25 Su lp ic iu s A sp er ce nt . 65 n. Fr em dt öt un g un kl ar au sg es ch l. an n, 15 ,6 8 62 ,2 4, 2 Ta be lle IV : Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 254 N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 26 Lu ca nu s A nn . M el af . 65 n. Fr em dt öt un g v.S ch w er t au sg es ch l. an n. 15 ,7 0 27 A fr an iu s Q ui nt ia nu s 65 n. Fr em dt öt un g v.S ch w er t au sg es ch l. an n. 15 ,7 0 28 Cl au di us S en ec io eq u. 65 n. Fr em dt öt un g v.S ch w er t un w ah rs ch l. an n. 15 ,7 0 29 Fl av iu s S ca ev in us 65 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch l. an n. 15 ,6 6 30 G av iu s S ilv an us tr . 65 n. Se lb stt öt un g un kl ar un w ah rs ch l. an n. 15 ,7 1 31 St at iu s P ro xi m us tr 65 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar an n. 15 ,7 1 32 Po pp ae a S ab in a 65 n. Fr em dt öt un g Fu ßt rit t N s. au sg es ch l. an n. 16 ,6 N .3 5, 3 62 ,2 8, 1 33 L. Iu n. S ila nu s 65 n. Fr em dt öt un g ce nt ur io au sg es ch l. an n. 16 ,9 ,2 .1 2 34 L. A nt ist iu s V et us 65 n. Fr em dt öt un g Ve ne ne rö ffn un w ah rs ch l. an n. 16 ,1 0– 11 35 Se xt ia S ch w ie ge rm . v .3 1 65 n. Fr em dt öt un g Ve ne ne rö ffn un w ah rs ch l. an n. 16 ,1 0- 11 36 Po lli ta T oc ht er v. 31 65 n. Fr em dt öt un g Ve ne ne rö ffn un w ah rs ch l. an n. 16 ,1 0- 11 37 Pu bl iu s G al lu s e qu . 65 n. Fr em dt öt un g Ve rh un ge rn au sg es ch l. an n. 16 ,1 2 38 P. A nt ei us 66 n. Se lb stt öt un g G ift /A de rn un kl ar an n. 16 ,1 4 39 M . O sto riu s S c. 66 n. Fr em dt öt un g Ad er ne rö ffn . un w ah rs ch l. an n. 16 ,1 5 40 Ru fr iu s C ris pi nu s 66 n. Fr em dt öt un g Er tr än ke n au sg es ch l. an n. 16 ,1 7 N .3 5, 5 41 A nn ic iu s C er ia lis 66 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar an n. 16 ,1 7 42 A nn ae us M el a p . 66 n. Se lb stt öt un g Ad er ne rö ffn . un kl ar an n. 16 ,1 7 43 G . P et ro ni us 66 n. Se lb stt öt un g Ad er ne rö ffn . un kl ar an n. 16 ,1 8– 19 44 Th ra se a P ae tu s 66 n. ar bi tr. m or t Ad er ne rö ffn . au sg es ch l. an n. 16 ,3 3. 35 N .3 7 62 ,2 6, 1 45 Ba re a S or an us 66 n. ar bi tr. m or t un kl ar un kl ar an n. 16 ,3 3 62 ,2 6, 1 46 Se rv ili a ( T. d . B .S or .) 66 n. ar bi tr. m or t un kl ar un kl ar an n. 16 ,3 3. 35 47 Su lp ic iu s S cr . R uf . 67 /6 8n . Se lb stt öt un g Ad er ne rö ffn . un kl ar 63 ,1 7, 4 48 Su lp ic iu s S cr . P ro c. 67 /6 8n . Se lb stt öt un g Ad er ne rö ffn . un kl ar 63 ,1 7, 4 49 G n. D om iti us C or bu l 67 n. Se lb stt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. hi st, 2, 76 ,3 63 ,1 7, 6 Xi ph .1 79 ,5 50 Pa ris h ist rio 67 /6 8 Fr em dt öt un g? un kl ar un kl ar A nn .1 3, 20 N .5 4 63 ,1 8, 1 51 Su lp ic iu s C am er in us 67 /6 8 Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. 63 ,1 8, 2 * B ra nd t, H . s . L it. -V er z. 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 255 Nero Gesamtzahl 51 Tötungsart insg. Fremdtg. 33 Selbsttg. 15 Gesamtzahl Fremd/Selbst 3 (Selbsttötung.) 15 Tötungsmittel insg. Tötungsmittel a) Gift 9 a) Gift 2 b) Hunger 1 b) Hunger 0 c) Aderneröffnung 12 c) Adern 6 d) Schwert (Enth. / Cent.) 9 d) Schwert 2 e) Ersticken 0 e) Ersticken 0 f) Rasierm. 0 f) Rasierm. 0 g) andere 2 g) andere 0 h) Hinrichtung 9 h) Hinrichtung 0 i) unklar 9 i) unklar 5 Arztassistenz Arztassistenz ausgeschl. 21 a) ausgeschl. 2 unwahrsch. 16 b) unwahrsch. 4 unklar 14 c) unklar 9 Unter Berücksichtigung dieser Prämissen ergab sich aber bei unseren Recherchen be‐ züglich der o. g. 51 Fälle Folgendes: Bei insgesamt 21 Fällen1174, darunter 2 Selbsttö‐ tungsfällen1175 ist ärztliche Selbsttötungsassistenz unter Berücksichtigung der einge‐ setzten Tötungsmittel sowie der historischen Begleitumstände „auszuschließen“, bei 16 weiteren Fällen1176, einschließlich 4 Selbsttötungsfällen1177 als „unwahrscheinlich“ einzustufen. Nur in 2 Fällen wird eine ärztliche Tötungsassistenz unter Nero be‐ zeugt1178 und in einem weiteren Fall1179 wird sie angedeutet. Da in einem der beiden Fälle, bei denen in den Quellen die aktive Involvierung eines namentlich benannten Arztes bereits ausgeschlossen wurde, nämlich im Falle Senecas1180, wollen wir uns im Folgenden mit den verbleibenden Fällen genauer beschäftigen, mit dem Ableben des Tabelle IV a: 1174 Vgl. Tab. IV a; 1175 Tab. IV, Nr. 10 und 44; Tab. IV a; 1176 Vgl. Tab. IV a; 1177 Vgl. Tab. IV, Nr. 6. 19. 21. 30; Tab. IV a; im Falle Tab. IV, 19 ist sogar eine Fremdtötung nicht ausge‐ schlossen. 1178 Vgl. Tab. IV, Nr. 1 und 20; 1179 Vgl. Tab. IV, Nr. 5; 1180 Vgl. Tab. IV, 20; s. o. Kap. 1; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 256 Kaisers Claudius1181 sowie des Britannicus1182, – um nicht bezüglich der sog. „unkla‐ ren Fälle“1183 ins Spekulieren zu geraten. Der Fall des Kaisers Claudius Nach einer ausführlichen Darstellung der durch die Trennung des Claudius von Mes‐ salina1184 und seiner Wiederverheiratung mit Agrippina,1185 der Mutter des nachmali‐ gen Kaisers Nero heraufbeschworenen Problematik der Nachfolgeregelung des Clau‐ dius berichtet Tacitus über dessen Ende Folgendes: In tanta mole curarum valetudine adversa corripitur, refovendis viribus mollitia caeli et salubritate aquarum Sinuessam pergit. tum Agrippina, sceleris olim certa et oblatae occasionis properae nec ministrorum egens, de genere veneni consultavit: ne repentino et praecipiti facinus proderetur; si len‐ tum et tabidum delegisset, ne admotus supremis Claudius et dolo intellecto ad amorem filii rediret. exquisitum aliquid placebat, quod turbaret mentem et mortem differret. de‐ ligitur artifefex talium vocabulo Locusta, nuper veneficii damnata et diu inter instru‐ menta regni habita. eius mulieris ingenio paratum virus, cuius minister e spadonibus fuit Halotus, inferre epulas et explorare gustu solitus. Adeoque cuncta mox pernotuere, ut temporum illorum scriptores prodiderint infusum delectabili boleto venenum, nec vim medicaminis statim intellectam, socordia an Claudii vinolentia; simul soluta alvus subvenisse videbatur. Igitur exterrita Agrippina, et, quando ultima timebantur, spreta praesentium invidia provisam iam sibi Xenophontis medici conscientiam adhibet. ille tamquam nisus evomentis adiuvaret, pinnam rapido veneno inlitam faucibus eius demi‐ sisse creditur, haud ignarus summa scelera incipi cum periculo, peragi cum praemio.1186 (Unter einer so großen Last von Sorgen wurde er [Claudius] von einer Krankheit er‐ fasst; um die Kräfte wieder herzustellen brach er wegen der Milde des Klimas und der Heilsamkeit der Quellen nach Sinuessa1187 auf. Da begann Agrippina, die sich längst 2.2.3.1 1181 Vgl. Tab. IV, Nr. 3; 1182 Vgl. Tab. IV, Nr. 5; 1183 Insgesamt 16; vgl. Tab. IV a; 1184 Valeria Messalina, *vor 20 n. Chr.; †Herbst 48 n. Chr., dritte Ehefrau des Claudius; vgl. Tac. ann. 12, 66–67; Demandt, A.: Das Privatleben der römischen Kaiser. München 19972. Eck, W.: Die iulischclaudische Familie. In: Temporini-Gräfin Vitzthum, H. (Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. München 2002, (V. Messalina: S. 116-133). Herzog-Hauser, G., Wotke, F.: Valerius 403, in: RE. Band VIII A, 1, Stuttgart 1955, Sp. 246–258; 1185 Iulia Agrippina, *6. 11. 15 n. Chr. oder 16 n. Chr. in Oppidum Ubiorum, heute Köln; †59 n. Chr., gen. Agrippina minor, Tochter des Germanicus und Agrippinas d. Ä., seit 28 n. Chr. mit Gnaeus Do‐ mitius Ahenobarbus verheiratet (bis ca. 47 n. Chr.), dem Vater ihres im Jahre 37 n. Chr. geborenen einzigen Sohnes Nero, des nachmaligen Kaisers. Vgl. Eck, W.: Agrippina, die Stadtgründerin Kölns: Köln 1993. Barrett, A.: Agrippina: mother of Nero. London 1996. Vogt-Lüerssen, M.: Neros Mutter. Mainz 2002. Moltesen, M., Nielsen, A. M.: Agrippina Minor. Life and Afterlife – Liv og eftermaele. Copenhagen 2007. Kaiser, P. u. a. Das Gift der Agrippina, Berlin 1984. 1186 Tac. ann. 12, 66–67; 1187 Sinuessa (griechisch Σινούεσσα; auch Σινόεσσα) an der Via Appia im Süden Latiums, an der Gren‐ ze zu Kampanien;(von einigen antiken Autoren bereits zu Kampanien gerechnet: Pol. 3, 91; Ptol. 3, 1, 6, von anderen zu Latium: Strabon 5, 219; 5, 231; 5, 234; Pomp. Mela 2, 70; Plin. Nat. 3, 59); Sinuessa lag im Gebiet der heutigen Gemeinden Cellole, Sessa Aurunca und Mondragone, ca. 120 km südöstlich Roms. 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 257 für ein Verbrechen entschieden hatte und bei der sich so gebotenen rasch zu ergrei‐ fenden Gelegenheit auch nicht der Helfer ermangelte, über eine Art von Gift zu berat‐ schlagen: damit nicht durch ein plötzlich und unmittelbar [wirkendes Gift] die Tat verraten werde; und - wenn sie ein langsam und zehrend wirkendes ausgewählt hätte, - dass Claudius, dem Tode nahe und nachdem er Heimtücke durchschaut habe, nicht zu der Liebe zu seinem Sohn [Britannicus]1188 zurückkehre. Irgend etwas sehr ausge‐ suchtes gefiel [ihr], etwas, das den Verstand verwirrte und den Tod [gleichzeitig] hin‐ auszögerte. Auserwählt wurde eine „Künstlerin“ in solcherlei Angelegenheiten, mit Namen Locusta1189, die erst unlängst wegen Giftmischerei verurteilt worden war und über eine lange Zeit zu den Werkzeugen der „Herrschaft“ gerechnet wurde. Unter Ausnutzung des Erfindungsreichtums dieser Frau wurde ein [Gift-] Schleim zuberei‐ tet, als dessen „Mundschenk“ aus dem Kreis der Eunuchen Halotus1190 gewonnen wurde, der gewöhnlich [für Claudius] bestimmte Speisen auftrug und auch durch Verkostung1191 überprüfte. Und so sehr wurde bald alles bekannt, dass die Schriftstel‐ ler jener Zeit überlieferten, einem schmackhaften Pilz sei das Gift aufgeträufelt wor‐ den, aber die Wirkung des „Heilmittels“ sei nicht sofort durchschaut worden, aus Un‐ achtsamkeit oder wegen einer Trunkenheit des Claudius; zugleich schien ihm auch noch ein Fließen des Unterleibs geholfen zu haben. Also erschrak Agrippina und, weil schon das Äußerste befürchtet wurde, machte sie sich unter Missachtung von [mögli‐ chen] Verdächtigungen seitens Anwesender die schon zuvor hergestellte Mitwisser‐ schaft Xenophons1192, eines Arztes, zu Nutze. Jener – so wird geglaubt – habe, als wol‐ le er [dem Claudius] die Anstrengungen zum Erbrechen erleichtern, eine [Spei-] Fe‐ der, die mit einem rasch wirkenden Gift bestrichen gewesen sei, in dessen Rachen eingeführt, nicht in Unkenntnis darüber, dass die größten Verbrechen unter Gefahr begonnen, aber mit einer Belohnung beendet würden.) Tacitus schildert das Ende des Claudius bemerkenswert ausführlich und unter dem Aspekt der Kohärenz des Dargestellten auch bemerkenswert plausibel. Danach scheint Folgendes festzustehen: 1188 Tiberius Claudius Caesar Germanicus oder Britannicus, *12. 02. 41 n. Chr.; †02. 55 n. Chr., leibli‐ cher Sohn des Claudius und seiner dritten Frau Valeria Messalina. Vgl. Hanslik, R., Britannicus, in: KIP, Bd. 1, Sp. 948–949; 1189 Auch nach Cassius Dio (Cass. Dio 60, 34, 2.) bereits 54 n. Chr. wegen Giftmischerei verurteilt, 55 n. Chr. an der Tötung des Britannicus (Vgl. Tab. I, 5;) beteiligt, unter Galba 68 n. Chr. hingerichtet (Cass. Dio 64, 3, 4. Vgl. Tab. V, 17;). 1190 Vorkoster und Eunuch des Claudius, außer bei Tacitus auch bei Suet. Claud. 44, 2 und Suet. Galba 15, 2 erwähnt; soll unter Galba eine einträgliche Prokuratur bekleidet haben; vgl. Hanslik, R., Ha‐ lotus in KIP, Bd. 2, Sp. 927; 1191 Zur Gewohnheit antiker Herrscher, sich gegen Giftanschläge durch Vorkoster zu schützen vgl. Breitwieser, R., Vorkoster, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 909; B. erwähnt auch den Fall des Claudius. 1192 Gaius Stertinius Xenophon, *etwa 10 v. Chr. auf Kos; †nach 54 n. Chr., Leibarzt des Claudius, vgl. Buraselis, K.: Notes on C. Stertinius Xenophon's Roman career, family, titulature and official inte‐ gration into Koan civil life and society. In: Ders.: Kos between Hellenism and Rome. Studies on the political, institutional and social history of Kos from ca. the middle second century B.C. until late antiquity. Philadelphia 2000, S. 66-110. Wolters, R.: C. Stertinius Xenophon von Kos und die Grab‐ inschrift des Trimalchio, in: Hermes. Band 127, 1, 1999, S. 47–60; Marasco, G., Xenophon v. Kos, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 930; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 258 – Claudius wurde durch eine vergiftete Pilzmahlzeit getötet. – Den Anschlag organisierte Agrippina, die vierte Gemahlin des Claudius. – Bei der Vorbereitung des Attentats, vor allem bei der Auswahl des Gifts, fand sie die Unterstützung der Giftmischerin Locusta. – Bei der Durchführung unterstützten sie der Vorkoster und Eunuch Halotus sowie der Leibarzt des Claudius, Stertinius Xenophon, der, als die Wirkung der vergifte‐ ten Pilzmahlzeit nicht die erhoffte Wirkung zu zeitigen schien, durch die „Be‐ handlung“ mit einer vergifteten Speifeder das Ableben des Claudius beschleunigte. Und wie aus der Darstellung der politischen Konsequenzen durch Tacitus hervorgeht, scheint Agrippina für dieses Verbrechen ein klares Motiv gehabt zu haben. Darüber erfährt man drei Kapitel weiter Folgendes: Tunc medio diei tertium ante Idus Octobris, foribus Palatii repente diductis, comitante Burro Nero egreditur ad cohortem, quae more militiae excubiae adest. Ibi monente praefecto festis vocibus exceptus indicitur lecticae. Dubitavisse quosdam ferunt, respectantes rogitantesque ubi Britannicum esset: mox, nullo in diversum auctore, quae offerebantur secuti sunt. Illatusque castris Nero et con‐ gruentia tempori praefatus, promisso donativo ad exemplum paternae largitionis, impe‐ rator consalutatur.1193 (Dann am Mittag des 13. Oktober1194, nachdem die Tore des Palatiums plötzlich geöffnet worden waren, trat begleitet von Burrus Nero zu der Ko‐ horte, die nach militärischen Brauch dort Wache hielt. Dort wurde er auf Ermahnung des Präfekten mit festlichen Rufen empfangen und in eine Sänfte gesetzt. Einige sol‐ len – so sagt man – gezögert haben, indem sie sich umschauten und fragten, wo Bri‐ tannicus sei: bald aber, da niemand etwas anderes veranlasste, befolgten sie das Bei‐ spiel (der anderen]. Und Nero wurde in das [Praetorianer-] Lager getragen und nach‐ dem er eine dem Zeitpunkt angepasste Ansprache gehalten hatte, und nach der Zu‐ sage eines Geldgeschenks nach dem Vorbild der Freigebigkeit des Vaters als Kaiser begrüßt.) Das Motiv Agrippinas den Gattenmord auszuführen liegt nach dieser Darstellung auf der Hand, nämlich möglichst rasch den Prätorianern als Nachfolger des damals 64-jährigen Claudius1195 ihren damals 17-jährigen Sohn aus erster Ehe, Nero1196 zu präsentieren, obwohl Claudius aus der Ehe mit Messalina über einen eigenen Sohn verfügte, den damals 13- jährigen Britannicus1197. Da der letzte aber noch nicht die sog. toga virilis angelegt hatte, was in der Regel erst im Alter von 15 – 17 Jahren ge‐ schah1198, war aus der Sicht Agrippinas bei dem Vorhaben, Britannicus von der Nach‐ folge des Claudius zugunsten ihres eigenen bereits volljährigen Sohnes Nero auszu‐ schließen, Eile geboten, weil in dem Falle, dass Claudius die Volljährigkeit des Britan‐ 1193 Vgl. Tac. Ann. 12, 69,1 – 2; 1194 Anscheinend noch am Tage des endgültigen Ablebens des Claudius; 1195 Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, *01. 08. 10 v. Chr. †13. 10. 54 n. Chr.. Vgl. Osgood, J.: Claudius Caesar: Image and power in the early Roman Empire. Cambridge u. a. 2011. 1196 Nero Claudius Caesar Augustus Germanicus (* 15. 12. 37;); vgl. Krüger, J.: Nero. Der römische Kai‐ ser und seine Zeit. Köln 2012. 1197 S. o. Tiberius Claudius Caesar Germanicus oder Britannicus, *12. 02. 41 n. Chr.; †02. 55 n. Chr.; 1198 Vgl. Gross, W. H., Toga, in KIP, Bd. 5, Sp. 879–880; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 259 nicus noch erlebt hätte, die Ansprüche des letzteren auf den Prinzipat nur noch schwer zu übergehen gewesen wären. Aus der Sicht des juristisch vorgebildeten Historikers Tacitus hatte Agrippina also ein überzeugendes Motiv für ein Verbrechen, und verfügte auch über die nötigen Mittel und Helfer, dieses durchzuführen, neben der Giftmischerin Locusta, den Eunu‐ chen Halotus und den Arzt Stertinius Xenophon. Jedenfalls hegte Tacitus kaum Zwei‐ fel, dass sich das Verbrechen so abgespielt hatte, wie er es darstellte; er berichtet da‐ rüber als auktorialer Erzähler, der sich an keiner Stelle der Darstellung auf Quellen beruft oder auf abweichende Darstellungen verweist und zu rechtfertigen versucht, warum er sich eine bestimmte Lesart der Geschichte zu eigen machte und andere ver‐ warf. Das gilt auch für die Involvierung des Arztes. Da gerade das Verhalten von Ärzten im Rahmen dieser Untersuchung eine be‐ sondere Rolle spielt, sollten wir uns die darauf Bezug nehmenden Formulierungen der Darstellung des Tacitus noch einmal genauer vor Augen führen: Igitur exterrita Agrippina, et, quando ultima timebantur, spreta praesentium invidia provisam iam sibi Xenophontis medici conscientiam adhibet. Ille tamquam nisus evomentis adiuvaret, pin‐ nam rapido veneno inlitam faucibus eius demisisse creditur, haud ignarus summa scele‐ ra incipi cum periculo, peragi cum praemio.1199 Um den Leser auf die Rolle des Arztes vorzubereiten, benutzt Tacitus fast die gleiche Wendung, welcher er sich bediente, um im Falle der Ermordung des Drusus auf die Rolle des Arztes Eudemus hinzuweisen: sumitur in conscientiam Eudemus, amicus et medicus Liviae.1200 Zunächst erweckt Ta‐ citus auf diese Weise den Endruck, dass dem Arzt „nur“ die Rolle eines Mitwissers zugedacht worden sei. Aber bereits im nächsten Satz scheint Tacitus den Leser nicht mehr im geringsten Zweifel darüber belassen zu wollen, dass die Rolle des Xenophon Stertinius über die Rolle eines Mitwissers hinausgegangen sei: ille tamquam nisus evomentis adiuvaret, pinnam rapido veneno inlitam faucibus eius demisisse creditur,...Lediglich das Prädikat creditur relativiert diesen Eindruck, indem es das, was dem Arzt an konkretem Han‐ deln unterstellt wird, nämlich die Applizierung eines rasch wirkenden Gifts mittelst einer Speifeder, eben doch nicht als Faktum kennzeichnet, sondern als Gegenstand einer allgemeinen Überzeugung, welche Tacitus selbst aber zu teilen scheint, insofern er dem Arzt ein Motiv unterstellt, das prima vista als überzeugend erscheint:...haud ignarus summa scelera incipi cum periculo, peragi cum praemio. Tacitus unterstellt dem Arzt, dass er sich des Risikos, das er einging, als er sich angeblich an der Beseitigung des Claudius beteiligte, bewusst gewesen sei, aber den Gedanken daran beiseiteschob zugunsten der Erwartung einer entsprechenden Belohnung für seine Dienste: summa scelera... peragi cum praemio. Tacitus unterstellt dem Leibarzt des Claudius also „Habsucht“ als Tatmotiv, ein nicht gerade seltenes Motiv für Kapitalverbrechen, als Mordmotiv fast schon ein Kli‐ schee. Es findet eine wichtige Stütze darin, dass Stertinius Xenophon ein vermögender Mann war. Nach dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis wurde er etwa 10 v. Chr. 1199 Tac. ann. 12, 66–67; 1200 S. o. Tac. ann. 4, 3, 4; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 260 auf der Ägäisinsel Kos geboren, wo er auch in einer berühmten dem dortigen Askle‐ piosheiligtum zugeordneten Ärzteschule medizinisch ausgebildet wurde, bevor er nach Rom ging und aufgrund seiner ärztlichen Tätigkeit dort ein Vermögen von 30 Mio. Sesterzen anhäufte, allein als Leibarzt des Kaisers Claudius1201 ein Jahresein‐ kommen von 500 000 Sesterzen erzielte1202. In diesem Zusammenhang darf nicht unerwähnt bleiben, dass Stertinius Xeno‐ phon sein Vermögen nach Tacitus nicht allein den Honoraren aus seiner ärztlichen Tätigkeit verdankte. Im Zusammenhang mit Ereignissen des Jahres 53 n. Chr. kommt Tacitus auch auf folgenden Vorgang zu sprechen: Rettulit dein de immunitate Cois tri‐ buenda, multaque super antiquitate eorum memoravit: Argivos vel Cum Latonae parentem, vetustissimos insulae cultores; mox adventu Aesculapii artem medendi inla‐ tam maximeque inter posteros eius celebrem fuisse, nomina singulorum referens et qui‐ bus aetatibus viguissent. quin etiam dixit Xenophontem, cuius scientia ipse uteretur, ea‐ dem familia ortum, precibusque eius dandum, ut omni tributo vacui in posterum Coi sacram et tantum deo ministram insulam colerent.1203 (Er [Claudius] erstattete darauf‐ hin Bericht über eine den Bewohnern von Kos zu gewährende Abgabenbefreiung1204. Und er erwähnte dabei vieles über deren Geschichte: Argiver und Coeus, der Vater Latonas1205, seien die ältesten Bewohner der Insel; bald sei durch die Ankunft des Äs‐ kulap die Kunst des Heilens eingeführt worden und sei vor allem unter dessen Nach‐ fahren berühmt gewesen, wobei er [Claudius] auch die Namen einzelner erwähnte und zu welchen Zeiten sie gewirkt hatten. Ja er behauptete sogar, dass Xenophon, des‐ sen Wissen er selbst nutzte, aus derselben Familie stamme, und dass dessen Bitten stattzugeben sei, dass von jeder Abgabe befreit in Zukunft die Koer die nur noch der Gottheit geweihte und dienstpflichtige Insel bewohnten.) Dem Text ist zu entnehmen, dass Claudius im Jahre vor seiner Ermordung, ob aus eigenem Antrieb oder bereits auch in solchen Fragen unter dem Einfluss Agrippinas stehend, für die Bewohner der Insel Kos eine vollständige Abgabenbefreiung bean‐ tragte, und zwar unter Berufung auf angebliche Bitten seines Leibarztes Xenophon. Gewissermaßen zwischen den Zeilen lesend, könnte man diese Angaben des Tacitus dahin gehend interpretieren, dass Claudius sich durch die Gewährung der Steuerfrei‐ heit für die Insel Kos „das eigene Grab geschaufelt“ habe, indem er nämlich so die Voraussetzungen dafür schuf, dass sein Leibarzt die ihm für „eine kleine Gefälligkeit“ 1201 Vgl. Dittenberger, W., Sylloge³, Nr. 804; Segre, M., Iscrizioni di Cos, EV 143.: Θεοῖς Πατρῴοις/ ὑπὲρ ὑγιείας Γαΐ-/ ου Στερτινίου Ἡρα-/ κλείτου υἱοῦ Ξενο-/φῶντος, φιλοκαίσαρος, /φιλοκλαυδίου, φιλοσεβά-/ στου, δάμου υἱοῦ, φιλο- /πάτριδος, εὐσεβοῦς, / εὐεργέτα τᾶς πατρί- / δος. 1202 Vgl.: Buraselis, K.: Notes on C. Stertinius Xenophon's Roman career, family, titulature and official integration into Koan civil life and society. In: Kos between Hellenism and Rome. Studies on the political, institutional and social history of Kos from ca. the middle second century B.C. until late antiquity. Philadelphia 2000, S. 66-110. Wolters, R.: C. Stertinius Xenophon von Kos und die Grab‐ inschrift des Trimalchio, in: Hermes. Bd. 127, 1, 1999, S. 47–60; 1203 Tac. ann. 12, 61; 1204 Darüber befand für außerhalb Italiens liegende Gemeinden der Senat. Vgl. Volkmann, H., Immu‐ nitas, KIP, Bd. 2, Sp. 1376–1377; 1205 Latona gilt als Mutter Apolls und Dianas, ihr wurde in Rom bereits 433 v. Chr. im Tempel des Apol‐ lo Medicus verehrt. Vgl. Eisenhut, W., Latona, in KIP Bd. 3, Sp. 515; zur Bedeutung Apollons als Heilgott vgl. Leven, K.-H., Apollon, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 67–68; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 261 von Agrippina in Aussicht gestellte „große Belohnung“ auf die Insel nehmen und oh‐ ne irgendwelche Besteuerungen genießen konnte. So bestechend dieser Gedanke auf den Blick auch erscheinen mag, so sehr stellt sich auf der anderen Seite jedoch die Frage nach der Höhe der Belohnung, die Agrip‐ pina dem berühmten und vermögenden Arzt hätte in Aussicht stellen müssen, damit er den Verlust eines so zahlungskräftigen und zu Gunsterweisen fähigen und bereiten Patienten wie Claudius hätte verschmerzen können. Und nicht zuletzt deswegen drängt sich auch die Frage auf, ob die Überzeugung, dass Stertinius Xenophon ein handfestes Tatmotiv gehabt habe, den ansonsten so sorgfältig recherchierenden und und abwägend urteilenden Historiker Tacitus für bestimmte Details des Tathergangs, die auch andere Deutungen zuließen, blind gemacht haben könnte. Denn einen anderen Eindruck in Bezug auf die Möglichkeit einer Mittäterschaft des Arztes vermittelt die Darstellung des Ablebens des Claudius durch Sueton: et vene‐ no quidem occisum convenit; ubi autem et per quem dato, discrepat. quidam tradunt epulanti in arce cum sacerdotibus per Halotum spadonem praegustatorem; alii domesti‐ co convivio per ipsam Agrippinam, quae boletum medicatum avidissimo ciborum tali‐ um optulerat. etiam de subsequentibus diversa fama est. multi autem hausto veneno ob‐ mutuisse aiunt excruciatumque doloribus nocte tota defecisse prope lucem. Nonulli inter initia consopitum, deinde cibo affluente evomisse omnia, repetitumque toxico, incertum pultine addito, cum velut exhaustum refici cibo oporteret, an immisso per clystera[m], ut quasi abundantia laboranti etiam hoc genere egestionis subveniretur. mors eius celata est, donec circa successorem omnia ordinarentur. itaque et quasi pro aegro adhuc nota suscepta sunt et inducti per simulationem comoedi, qui velut desiderantem oblecta‐ rent.1206 (Dass er durch Gift getötet worden sei, darüber besteht Einvernehmen; wo aber und durch wen es verabreicht wurde, ist man sich uneins; gewisse [Schriftsteller] überliefern, dass dies, als er auf der Burg1207 gemeinsam mit den Priestern speiste, durch Halotus, einen Eunuchen und den Vorkoster [des Kaisers] bewerkstelligt wor‐ den sei, andere [überliefern] dass dies an der heimischen Tafel1208 durch Agrippina selbst besorgt worden sei, die einen „heilsam behandelten“ Pilz ihrem nach derartigen 1206 Vgl. Suet. Claud. 44, 2–3; 1207 Die sog. „Arx“ beherbergte in der Frühzeit die nördlichere der beiden Kuppen des Kapitolshügels, die heute vom Palazzo Senatorio überbaut ist, bzw. vom Monumento a Vittorio Emanuele II. Noch in der Kaiserzeit stand dort der im Jahre 344 v. Chr. errichtete Tempel der Iuno Moneta, in dessen Nachbarschaft sich auch die nach dem Tempel als „moneta“ bezeichnete Münzstätte befand. Neben dem Junotempel befanden sich dort zeitweilig noch andere Heiligtümer, ein Isistempel, der aber bereits im Jahre 58 v. Chr. zerstört worden war, sowie ein Mithrasheiligtum, welches aber erst im 2. Jahrh. n. Chr. errichtet wurde. Daher ist davon auszugehen, dass sich bei den auf der „Arx“ spei‐ senden Priestern um Priester der sog. Capitolinischen Trias handelte, d. h. um pontifices, als deren Oberhaupt, als pontifex maximus ja der Kaiser selbst fungierte. Vgl. http://www.roma-antiqua.de/ antikes_rom/kapitol/iuno_moneta_tempel (2014); 1208 Wenn Sueton in Bezug auf das letzte Mahl des Claudius von einer heimischen Tafel (domestico con‐ vivio) spricht, so wird man diese am ehesten in der sog. domus Tiberiana zu lokalisieren haben, welche nach Sueton (vgl. Suet. Cal. 22;) auch noch von Caligula als Palast benutzt wurde, erst nach dem Brand Roms unter Nero zerstört und durch neue Palastbauten überbaut wurde. Demgemäß grenzte der von Claudius als Palast genutzte Gebäudekomplex zwischen dem Tempel der Magna Mater im Süden und dem Forum Romanum im Norden an den Tempel von Castor und Pollux an. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 262 Speisen überaus begierigen [Gatten angeblich] dargereicht hatte. Auch über das da‐ rauf Folgende wies die Nachrede in unterschiedliche Richtungen. Viele aber geben an, dass er nach der Einnahme des Giftes verstummt sei und nachdem er von Schmerzen heftig gequält worden sei, die ganze Nacht über, gegen Tagesanbruch verstorben sei. Nicht wenige geben aber an, dass er am Anfang eingeschlummert sei, darauf habe er von der reichlichen Speise alles ausgespien, und [dann] sei er erneut mit Gift aufge‐ sucht worden; unsicher ist, ob dieses einem Brei zugesetzt worden sei, gleichsam als ob jemand, der völlig entleert sei, wieder mit Speise „geheilt“ werden müsse, – oder ob es [das Gift] ihm durch eine Einlaufspritze eingeflößt worden sei, damit dem ge‐ wissermaßen an Überfluss leidenden [Kaiser] auch durch diese Art der Entleerung geholfen werde. Sein Tod wurde geheim gehalten, bis alles bezüglich seines Nachfol‐ gers geordnet werden konnte. Und so wurde gleichsam wie für einen Kranken Ge‐ betsformeln gesprochen und zum Schein wurden zu ihm Possenreißer hineingeführt, gleichsam als ob sie ihn auf Verlangen unterhalten sollten.) Davon, dass Claudius einem Giftanschlag zum Opfer gefallen sei, zeigt sich auch Sueton überzeugt, auch davon, dass Agrippina und eine von letzterer vergiftete Pilz‐ mahlzeit hierbei eine wichtige Rolle gespielt habe, selbst den Namen des Vorkosters Halotus als den eines möglichen Mittäters erwähnt Sueton, - jedoch nicht den Namen des Arztes oder überhaupt einen Arzt als Mittäter. Im Gegenteil: Sowohl über den Ort des Verbrechens als auch über die konkrete Ausführung, d. h. über die Täter im ei‐ gentlichen Sinne, lagen Sueton nach eigenem Bekunden unterschiedliche Informa‐ tionen vor, bezüglich welcher er keine Präferenz vornimmt. Anders als Tacitus1209 lässt Sueton den 120 km südöstlich Roms gelegenen Kurort Sinuessa als einen möglichen Tatort außer Betracht und bringt statt dessen zwei ande‐ re ins Spiel, die „Burg“ oder den von Claudius mit seiner Familie bewohnten inner‐ städtischen Palast1210. In Abhängigkeit davon, ob Claudius im Bereich des Tempels der Iuno Moneta oder in der domus Tiberiana vergiftet wurde, - Sueton legt sich auf einen bestimmten Tatort nicht fest - spricht er sich dafür aus, dass in dem ersten Fall der Eunuch Halotus, im zweiten Fall Agrippina selbst dem Claudius die vergifteten Pilze angereicht habe1211. Dass Sueton Sinuessa als möglichen Tatort ignoriert, mag in Bezug auf die Frage nach der Involvierung eines Arztes zwar unerheblich sein, wirft aber im Hinblick da‐ rauf, dass Tacitus seinerseits die Möglichkeit der von Sueton genannten Tatorte igno‐ riert, Fragen bezüglich der Glaubwürdigkeit der Darstellung des Tacitus auf, also auch hinsichtlich der von ihm aufgestellten Behauptung über die Involvierung eines Arztes, für die es in der Darstellung Suetons keine Parallele gibt: Nach einem Überlieferungs‐ Vgl. dazu: Krause, Cl.: Die Domus Tiberiana. In: Hoffmann, A., Wulf U., (Hrsg.): Die Kaiserpaläste auf dem Palatin in Rom. Mainz 2004. S. 34-61. Krause, M.-F. M.: Domus Tiberiana. Analyses stra‐ tigraphiques et céramologiques. Oxford 2002. 1209 S. o. Tac. ann. 12, 66, 1; 1210 S. o. Suet. Claud. 44, 2: quidam tradunt epulanti in arce cum sacerdotibus per Halotum spadonem praegustatorem; alii domestico convivio per ipsam Agrippinam, quae boletum medicatum avidissimo ciborum talium optulerat. 1211 S. o. Suet. Claud. 44, 2; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 263 strang soll nach Sueton die Intoxikation des Claudius zur Folge gehabt haben, dass dieser, wie ursprünglich geplant, bald verstummte und bis zum nächsten Morgen oh‐ ne jede zusätzliche Intoxikation auch starb1212, nach einer anderen für Sueton greifba‐ ren Überlieferung schlief Claudius zwar zunächst ein, wachte aber irgendwann wieder auf und erbrach das vorher Gegessene, so dass von den Beteiligten des Verbrechens eine zusätzliche Intoxikation für erforderlich angesehen worden sei.1213 Aber auch bezüglich dieser neuerlichen Intoxikation bietet Sueton dem Leser zwei unterschiedliche Versionen an: repetitumque toxico, incertum pultine addito, cum velut exhaustum refici cibo oporteret, an immisso per clystera[m], ut quasi abundantia laboranti etiam hoc genere egestionis subveniretur1214. (unsicher ist, ob dieses einem Brei zugesetzt worden sei, gleichsam als ob jemand, der völlig entleert sei, wieder mit Speise „geheilt“ werden müsse, – oder ob es [das Gift] ihm durch eine Einlaufsprit‐ ze1215 eingeflößt worden sei, damit dem gewissermaßen an Überfluss leidenden [Kai‐ ser] auch durch diese Art der Entleerung geholfen werde.) Beachtung verdient, dass auch im Kontext der nach Sueton von einigen Autoren berichteten zweiten Intoxikation des Claudius, entweder durch einen vergifteten Brei oder durch eine vergiftete Darmspülung mittelst eines Klistiers, die Mitwirkung eines Arztes, anders als von Tacitus im Zusammenhang des Einsatzes einer vergifteten Speifeder behauptet1216, nicht bezeugt wird. Dieses wäre im Hinblick auf die Verab‐ reichung des Breis ja auch abwegig gewesen, im Hinblick auf die vergiftete „Darm‐ spülung“ zwar theoretisch nicht auszuschließen, aber praktisch kaum vorstellbar, in‐ sofern eine derartige Maßnahme zwar hätte von einem Arzt angeordnet worden sein können, aber gegebenenfalls kaum von diesem auch selbst ausgeführt worden wäre, sondern von Sklaven. Bereits vor dem Hintergrund dieser Angaben Suetons stellt sich dem Betrachter die Frage, warum Tacitus in Bezug auf den von ihm behaupteten Einsatz einer Speife‐ der zum Zwecke der Tötung des Claudius nicht auch mit einkalkulierte, dass Speife‐ dern in der Regel ja nicht von Ärzten eingesetzt wurden, sondern von Sklaven, - und natürlich nicht um ihre Herrschaften zu vergiften, sondern um diesen die beschwer‐ defreie Fortsetzung ihrer Ess- und Trinkgelage zu ermöglichen. Aber bevor wir uns in dieser Hinsicht in Spekulationen verlieren, sollten wir uns auch vor Augen führen, was Cassius Dio an den ihm vorliegenden Informationen für überlieferungswert er‐ achtete. Im Anschluss an die Berichterstattung über angebliche Befürchtungen Agrippinas, dass Claudius ernsthafte Schritte vorbereite, um nicht Nero, sondern seinem leibli‐ 1212 S. o. Suet. Claud. 44, 3: Multi autem hausto veneno obmutuisse aiunt excruciatumque doloribus noc‐ te tota defecisse prope lucem. 1213 S. o. Suet. Claud. 44, 3: Nonulli inter initia consopitum, deinde cibo affluente evomisse omnia, repeti‐ tumque toxico, incertum pultine addito, cum velut exhaustum refici cibo oporteret. 1214 S. o. Suet. Claud. 44, 3; 1215 Über die Verwendung von Klistieren in der Antike, bereits im alten Ägypten bekannt, vgl. Stamatu, M., Klistier, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 503–504; über die Verwendung von Klistieren als Tötungsmittel in der Antike ist aber ansonsten nichts bekannt. 1216 S. o. Tac. ann. 12, 67, 2: ille tamquam nisus evomentis adiuvaret, pinnam rapido veneno illitam fau‐ cibus eius demisisse creditur. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 264 chen Sohn Britannicus als Thronfolger aufzubauen, u. a. durch die Verleihung der to‐ ga virilis1217, berichtete Cassius Dio über die Reaktionen Agrippinas darauf Folgendes: 'Agripp‹na ™fob»qh, kaˆ aÙtÕn prokatalabe‹n farm£kJ pr…n ti toioàton pracqÁnai ™spoÚdasen. æj dὲ ™ke‹noj oÙdὲn ØpÒ dὲ toà o‡nou, ×n polÝn ¢e… pote œpine, kaˆ ØpÕ tÁj ¥llhj dia…thj, ¼ p£ntej œpipan prÕj fulak»n sfwn oƒ aÙtokr£torej crîntai, kakoàsqai ºdÚnato, Loukoàst£n tina farmak…da perbÒhton ™p' aÙtù toÚtJ nšon ™alwku‹an metepšmyato, kaˆ f£rmakÒn ti ¥fukton prokatakeu£sasa di' aÙtÁj œj tina tîn kaloumšnwn muk»twn ™nšbale, kaˆ aÙt¾ mὲn ™k twn ¥llwn ½sqien, ™ke‹non dὲ ™k toà tÕ f£rmakon œcontoj (kaˆ g¦r mšgistoj kaˆ k£llistoj Ãn) fage‹n ™po…hse. kaˆ Ð mὲn oÓtwj ™pibouleuqeˆj ™k mὲn toà sumpos…ou æj kaˆ Øper‐ kor¾j mšqhj sfÒdra ìn ™xekom…sqh, Óper pou kaˆ ¥llote poll£kij ™gegÒnei, ka‐ tergaqeˆj dὲ tù farm£kJ di¦ te tÁj nÚktoj oÙdὲn oÛt' e„pe‹n oÛt' ¢koàsai dunaqeˆj met»laxe, tÍ tr…tῃ kaˆ dek£tῃ toà 'Oktobr…ou...1218 ( Sobald Agrippina das merkte, geriet sie in Angst und beeilte sich, derlei Unternehmen zuvorzukommen, indem sie Claudius vergiftete. Da ihm aber wegen des vielen Weins, den er jeweils trank, und sei‐ ner sonstigen Lebensweise, wie sie alle Herrscher gewöhnlich zu ihrer persönlichen Si‐ cherheit führen, nicht beizukommen war, ließ Agrippina eine berüchtigte Giftmischerin namens Locusta, die eben erst gerade deshalb verurteilt worden war, zu sich kommen und bereitete mit ihrer Hilfe ein sicher wirkendes Gift vor, das sie in ein sogenanntes Pilzgericht mischte. Sie selbst aß dann von den anderen Pilzen, während sie ihren Ge‐ mahl von dem vergifteten Pilz – dem größten und feinsten – kosten ließ. Und so ein Op‐ fer des Anschlags geworden, wurde Claudius offensichtlich volltrunken, wie es schon oft zuvor der Fall gewesen, vom Mahl weggetragen. In der Nacht tat dann das Gift seine Wirkung: Ohne etwas sagen oder hören zu können, schied der Kaiser aus dem Leben. Es war der 13. Oktober.)1219 Wie Tacitus und Sueton ging anscheinend auch Cassius Dio davon aus, dass im Zusammenhang des Ablebens des Claudius ein auf Veranlassung Agrippinas vergifte‐ tes Pilzgericht eine wichtige Rolle spielte, wobei die letztere sich hierbei wie nach der Darstellung der beiden anderen Autoren bei der Beschaffung des Giftes der Dienste einer Giftmischerin mit dem Namen „Lucusta“ bediente, aber anders als von Tacitus geschildert und auch anders als in den Quellen Suetons unterstellt, für den Fall, dass der Giftanschlag während eines offiziellen Mahles der pontifices auf der „Burg“ verübt worden sein sollte, nicht die Dienste des Vorkosters Halotus in Anspruch nahm, son‐ dern dem Kaiser den vergifteten Pilz persönlich anreichte. Angaben zu dem Ort des mutmaßlichen Verbrechens sind der Darstellung Dios in der uns überlieferten Form byzantinischer Exzerpte nicht zu entnehmen. Dennoch spricht die Unterstellung, dass Agrippina persönlich dem Claudius den vergifteten Pilz angereicht habe, eher für eine Vergiftung im häuslichen Umfeld und die Angabe Dios, dass Claudius „ offensichtlich volltrunken, wie es schon oft zuvor der Fall gewesen, vom Mahl weggetragen“ worden sei, – d. h. ohne jeden Hinweis auf eine längere 1217 Vgl. Cass. Dio 61, 34, 1–2 (Epit.); 1218 Vgl. Cass. Dio 61, 34, 2–3; (Epit.) 1219 Vgl. O. Veh, s. o. Bd. 5; S. 21 f.. 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 265 „Rückfahrt“, etwa von einem außerhalb gelegenen Ort nach Rom – rechtfertigt au‐ ßerdem die Annahme, dass nach der von Cassius Dio favorisierten Version der Ge‐ schichte der Anschlag nicht, wie von Tacitus behauptet, in dem ca. 120 km von Rom entfernten Badeort Sinuessa, sondern in Rom selbst verübt wurde, und zwar innerhalb des Kaiserpalasts. Eine Bestätigung für diese Annahme findet man an einer anderen Stelle bei Cassi‐ us Dio, in welcher dieser den Vorgang der Tötung des Claudius kommentiert: Taàta dὲ d¾ ¹ 'Agripp‹na poiÁsai ºdun»qh, Óti tÕn N£rkisson ™j Kampan…an, prof£sei æj kaˆ to‹j Ûdasi to‹j ™ke‹ prÕj t¾n pod£gran crhsÒmenon, prosapšpemyen, ™peˆ parÒntoj ge aÙtoà oÙk ¥ pote aÙtÕ ™dedr£kei. toioàtÒj tij fÚlax toà depÒtou Ãn.1220 (Agrippina konnte diese Tat nur deshalb ausführen, weil sie zuvor den Narcis‐ sus1221 nach Kampanien geschickt hatte, unter dem Vorwand, er solle die dortigen Wasser gegen seine Podagra1222 benutzen, insofern ihr in dessen Anwesenheit ein derartiger Anschlag nie möglich gewesen wäre, so ein Wächter seines Herrn war der.) Folgte man dieser Darstellung, wäre, anders als Tacitus behauptete, nicht Claudius selbst nach Kampanien gereist – der Hinweis, dass Narcissus seine Gicht mit dortigen „Heilwassern“ behandeln lassen könne, lässt sich als Indiz dafür deuten, dass Agrippi‐ na Narcissus nach Sinuessa „schickte“ – sondern Narcissus und dass dieser, indem er den „Urlaub“, den ihm Agrippina gewährte, annahm, die bestmöglichen Vorausset‐ zungen dafür schuf, dass Agrippina den Gattenmord so organisieren konnte, dass sie dazu die Dienste möglichst weniger Helfer benötigte. Das wäre am leichtesten mög‐ lich gewesen, wenn sie die Tat bei einer Mahlzeit im engsten Kreis, d. h. innerhalb der domus Tiberiana, verübt hätte. – Daher stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob Tacitus, indem er den Tatort nach Sinuessa verlegte, vielleicht Angaben in den ihm vorliegen‐ den Quellen missverstand oder zumindest missverständlich wiedergab1223. 1220 Vgl. Cass. Dio 61, 34, 4; (Epit.) 1221 Narcissus († 10. 54 n. Chr.) ein Freigelassener am Hof des Claudius. Als ab epistulis besaß er großen politischen Einfluss. Er genoss auch das Vertrauen Messalinas, im Jahr 48 sorgte Narcissus unter‐ stützte Claudius gegen Messalina und schuf so indirekt die Voraussetzung für die Ehe des Claudius mit Agrippina, der er sich aber widersetzte, was so kurz nach dem Regierungsantritt Neros auch zu seinem Sturz führte. Vgl. Eck, W.: Narcissus [1]. In: DNP Bd. 8, Stuttgart 2000, Sp. 710 f.; siehe auch Tab. IV, 4; 1222 Podagra, (= Arthritis urica, bzw. Hyperurikämie), im Volksmund „Zipperlein“; „infolge der Hyper‐ urikämie lagern sich in verschiedenen Körpergeweben, besonders aber in den Gelenken, Harnsäu‐ rekristalle ab, die zu sehr schmerzhaften Entzündungen in Form von Gichtanfällen führen kön‐ nen.“ Vgl. http://www. onmeda.de/Anwendungsgebiet/Gicht.html (2015); zu Podagra in der Anti‐ ke vgl. Stamatu, M., Gicht, in Leven, K.-H., Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 356–358; 1223 Um sich wenigstens eine vage Vorstellung davon zu machen, was Tacitus veranlasst haben könnte zu glauben, dass der Mord in Sinuessa geschehen sei, empfiehlt sich ein kurzer Blick auf den An‐ fang von Senecas „Apokolokyntosis“. Der satyrische Berichterstatter über die Vergöttlichung des Claudius beantwortet die Frage nach den Quellen seines Wissens folgendermaßen: tamen si necesse fuerit auctorem producere, quaerito ab eo, qui Drusillam euntem in caelum vidit: idem Claudium vi‐ disse se dicet iter facientem `non passibus aequis´. Velit nolit, necesse est illi omnia videre, quae in caelo aguntur: Appiae viae curator est, qua scis et divum Augustum et Tiberium Carsarem ad deos isse. Es liegt auf der Hand, dass jemand, der aufgefordert wird, den Appiae viae curator als Zeugen für den Sterbeort des Claudius zu befragen, zu der Auffassung gelangen könnte, dass auch dieser in Kampanien starb. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 266 Hierbei muss man berücksichtigen, dass der Tod des Claudius niemals juristisch „aufgearbeitet“ wurde, so dass „Historiker“, die sich dafür interessierten, vergebens nach Protokollen und Akten ausschauten, um zu rekonstruieren, was wirklich in der Nacht nach der letzten Pilzmahlzeit des Claudius geschah. Als einzige „Mittäterin“, die darüber hätte Aussagen machen können und vermutlich auch gemacht hat, kommt die Giftmischerin Locusta in Betracht, insofern diese ja bereits vor dem Tod des Claudius wegen Giftmischerei verurteilt und inhaftiert war, aber trotzdem nicht hingerichtet wurde, weil ihre Dienste weiterhin benötigt wurden1224. – Aber Locusta besorgte lediglich das Gift, das Agrippina für den von ihr geplanten Gattenmord be‐ nötigte, sie war nicht anwesend1225, als jene ihn verübte. Ähnliches gilt aber auch für Halotus, der vorausgesetzt, dass der Mord so verübt wurde, wie Cassius Dio das beschreibt, wahrscheinlich ebenfalls nicht anwesend war, als er geschah. Aber selbst, wenn Halotus stärker in den Tathergang verwickelt gewe‐ sen sein sollte, vielleicht als „Vorkoster“, der seine Aufgabe bewusst „nachlässig“ wahrnahm1226, so dass die für Claudius bestimmten vergifteten Speisen, sei es das Pilzgericht, sei es im Zuge der mutmaßlichen zweiten Intoxikation ein vergifteter Brei1227 auch ihr Opfer fanden, hätte dieser im Falle einer Befragung nie zugegeben, dass er in den Tatvorgang verwickelt gewesen sei, – weil das unweigerlich zu seiner Verurteilung bzw. Hinrichtung geführt hätte, – sondern er hätte im Falle einer späte‐ ren Befragung wahrscheinlich auf Agrippina oder auf den Arzt als mögliche Haupttä‐ ter verwiesen. Auch von Agrippina und Stertinius Xenophon ist nicht überliefert, dass sie je zu den Vorgängen vernommen wurden oder sich dazu öffentlich geäußert hätten. Und dass sie dies getan haben sollten, wäre unwahrscheinlich, da sie sich in diesem Falle als Mörder geoutet hätten, was vor allem in strafrechtlicher Hinsicht schwerwiegende Folgen hätte haben können, nämlich eine Anklage auf der Grundlage der lex Cornelia de sicariis et veneficiis1228. Ein solcher Prozess gegen Halotus wird in den Quellen aber nicht erwähnt, aber auch bezogen auf Agrippina ist ein Strafprozess auszuschließen: Agrippina wurde im Auftrage Neros ohne einen Prozess im Jahre 59 n. Chr. kaltblütig ermordet1229. Aber auch über die Verwicklung des Stertinius Xenophon in einen Strafprozess wegen seiner Rolle im Rahmen der Ermordung des Claudius ist nichts überliefert. Am Wahrscheinlichsten ist, dass der Arzt sich nach dem Tode seines berühmtesten Patienten nach Kos zurückzog, um seine Tage dort als Asklepiospriester zu beenden. Jedenfalls wird von einer Fortsetzung seiner ärztlichen Tätigkeit in Rom oder anders‐ 1224 Vgl. dazu: Tab. V, Nr. 17; 1225 Jedenfalls wird die Anwesenheit Locustas in den Quellen nicht erwähnt und ist auch nicht wahr‐ scheinlich, wenn man bedenkt, dass sie damals ja eine „Gefangene“ war. 1226 Vgl. dazu die Charakterisierung durch Tacitus (ann. 12, 66, 3): … cuius minister e spadonibus fuit Halotus, inferre epulas et explorare gustu solitus. Siehe auch Suet. Claud. 44, 2: quidam tradunt epu‐ lanti in arce cum sacerdotibus per Halotum spadonem praegustatorem; 1227 S. o. Suet. Claud. 44, 3: repetitumque toxico, incertum pultine addito, cum velut exhaustum refici cibo opporteret.... 1228 Näheres dazu u. in Kap. 3.2; 1229 Vgl. Tab. IV, Nr. 9; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 267 wo in keiner Quelle berichtet. Abgesehen davon ist auch bei ihm davon auszugehen, dass er, falls ihn jemand später auf den Fall angesprochen hätte, – um sich nicht selbst zu belasten, - betont hätte, dass seine Aufgabe sich darin erschöpft habe, – nach dem Ableben des Claudius in den frühen Morgenstunden des 13. 10. 54 n. Chr. bis zur offiziellen Vorstellung Neros als dessen Nachfolger am Mittag desselben Tages1230, – öffentlich zu behaupten, der Kaiser lebe noch und brauche nur ein wenig Unterhal‐ tung um wieder zu genesen1231. Das heißt, die widersprüchlichen Angaben der Quellen über den wirklichen Tat‐ hergang erklären sich daraus, dass es für den Vorgang kaum aussagebereite bzw. aus‐ sagefähige Zeugen gab, so dass den Spekulationen darüber Tür und Tor geöffnet war1232. Was bedeutet das aber für die „Überführung“ des Arztes Xenophon als mut‐ maßlichen Täter? Müsste man in Anbetracht der Tatsache, dass Cassius Dio im Hin‐ blick auf die vielleicht tödlich wirkende Darmspülung eine aktive Beteiligung eines Arztes unerwähnt lässt, in Bezug auf den von Tacitus dem Arzt angelasteten Einsatz einer vergifteten Speifeder nicht wenigstens damit rechnen, dass der Arzt sich hierbei im Hintergrund hielt und die Ausführung der Tat ahnungslosen Sklaven überließ? In Bezug auf diese Überlegung verdient Beachtung, dass in der Forschung tat‐ sächlich erwogen wurde, dass ein Arzt vielleicht nur „beratend“ in derartige Fälle in‐ volviert wurde, wie das P. F. Moog in Bezug auf den Tod des Britannicus zur Diskussi‐ on stellt. Moog führt dazu u. a. aus: „Wahrscheinlich wird man auch die alsbald fällige Ermordung des Britannicus dem Xenophon anlasten müssen. Denn auch hier wurde of‐ fenbar mit ärztlichem Sachverstand und exakt nach demselben Schema wie bei Claudi‐ us verfahren: Akute Vergiftung unter dem Bild einer alters- und personenentsprechen‐ den Erkrankung. Den unglücklichen Sohn des Claudius riß nämlich ein Giftcocktail just bei einem Mahl mit Nero zum allgemeinen Entsetzen geradezu von den Beinen. Nur Ne‐ ro blieb völlig ruhig und begründete sein Verhalten mit ungewohnten klinischem Sach‐ verstand. Das sei ja offensichtlich ein epileptischer Anfall, bei dem man nichts machen könne, aber auch keine Hilfe von Nöten sei.“1233 1230 Vgl. dazu Tac. ann. 12, 69, 1: Tunc medio diei … comitante Burro Nero egreditur ad cohortem, quae more militiae excubiis adest. Suet. 45, 1: mors eius celata est, donec circa successorem omnia ordina‐ retur. Vgl. Sen apoc. 2, 2: mensis erat October, dies III. Idus Octobis horam non possum certam tibi dicere … tamen inter sextam et septimam erat. Nach Seneca müsste Claudius erst zwischen der 6. und 7. Stunde, d. h. zwischen zwischen 11 und 12 Uhr verstorben sein, was aber in Wirklichkeit nicht der Zeitpunkt des exitus als vielmehr der Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe desselben so‐ wie der Präsentierung Neros als Nachfolger des Claudius gewesen sein dürfte. 1231 S. o. Tac. ann. 12, 68, 3: crebroque vulgabat ire in melius valetudinem principis …. Vgl. Suet. Claud. 45, 1: itaque et quasi pro aegro adhuc vota suscepta sunt et inducti per simulationem comoedi, qui velut desiderantem oblectarent. 1232 In diesem Kontext verdient Beachtung, dass auch Tacitus die These von der Involvierung des Stati‐ nius Xenophon unter den Vorbehalt stellt, dass dies allgemein geglaubt werde: … ille … pinnam ra‐ pido venenam inlitam faucibus eius dimisisse creditur …, s. o. Tac. ann. 12, 67, 2; 1233 Vgl. F. P. Moog, Zwischen Medizin und Ehik – Ärzte am Hofe des des römischen Kaisers Claudius, in Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen, Baden Baden 2/3 (2006/2007), S. 9–28, insbes. S. 14; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 268 Um diese Hypothese zu überprüfen, ist es nötig, noch zwei weitere unnatürliche Todesfälle in einem engen zeitlichen Kontext mit der Tötung des Claudius näher zu betrachten, die Fälle des Iunius Silanus und des Britannicus1234. Der Fall des Iunius Silanus Zu den frühesten unnatürlichen Todesfällen der Regierungszeit Neros, bei denen als Tötungsmittel Gift bezeugt ist, gehören neben dem oben bereits quellenkritisch erör‐ terten Fall des Claudius, die Fälle des Iunius Silanus und des Britannicus. Über den ersten dieser beiden Fälle berichtet Tacitus beinahe in derselben sprachlichen Form, in welcher er auch die Tötung des Agrippa Postumus1235 zur Sprache brachte: Prima novo principatu mors Iunii Silani proconsulis Asiae ignaro Nerone per dolum Agrip‐ pinae paratur.1236 (Der erste Mord unter der neuen Herrschaft an Iunius Silanus1237, dem Prokonsul von Asien wurde, allerdings ohne Wissen Neros, durch eine List Agrippinas verübt.) Eine Parallele der Fälle bestand aber nur, wie Tacitus selbst bald aufklärt, in politi‐ scher Hinsicht: quippe et Silanus divi Augustus abnepos erat. haec causa necis. ministri fuere P. Celer eques Romanus et Helius libertus, rei familiari principis in Asia praepositi. Ab his proconsuli venenum inter epulas datum est1238. (Denn auch Silanus war Urenkel des Augustus. Dies war der Grund für den Mord. Handlanger waren P. Celer, ein rö‐ mischer Ritter, und Helius, ein Freigelassener, beide mit der Verwaltung des kaiserli‐ chen Privatvermögens in [Klein-] Asien betraut. Von diesen wurde dem Prokonsul Gift unter die Speisen gegeben.) Wie der ältere Verwandte des Iunius Silanus, Agrippa Postumus, nach Tacitus be‐ seitigt wurde, weil jener wegen seiner Verwandtschaft zu Augustus die dynastische Legitimation des Tiberius hätte infrage stellen können, wurde nach Tacitus auch Iuni‐ us Silanus wegen seiner Verwandtschaft zu Augustus hingerichtet, – weil er als solcher die dynastische Legitimation Neros hätte infrage stellen können. Und so wie nach Ta‐ citus wahrscheinlich Livia, die Mutter des Tiberius, Agrippa Postumus beseitigen ließ, so ließ nach Tacitus im vorliegenden Fall Agrippina, die Mutter Neros Silanus beseiti‐ gen. Aber darin erschöpfte sich nach Tacitus die Parallelität der Fälle bereits: Livia ließ Agrippa Postumus mit einem Schwert töten, Agrippina aber ließ Silanus angeblich vergiften. Damit, d. h. pathographisch, weist dieser Fall eher eine Parallele zu dem Fall des Claudius auf, zur mörderischen Handschrift Agrippinas, insofern diese sich auch im Falle des Silanus, wie das ihr in den Quellen unterstellt wird, der Unterstützung willi‐ 2.2.3.2 1234 Vgl. Tab. IV, Nr. 2 u. 5; 1235 S. o. Tac. ann. 1, 6, 1: Primum facinus novi principatus fuit Postumi Agrippae caedes... 1236 Vgl. Tac. ann. 13, 1; 1237 Marcus Iunius Silanus (*14 n. Chr.; †54 n. Chr.), Sohn des Marcus Iunius Silanus Torquatus (cos. 19 n. Chr.), und der Aemilia Lepida, die über ihre Mutter Iulia minor, eine Schwester des Agrippa Postumus, und deren Mutter Iulia maior als Urenkelin des Augustus galt. Vgl. PIR²(1966)I 833. Hanslik, R.: (M.) Iunius II. (Silanus) in: KIP, Bd. 2 (1979) Sp. 1560; 1238 Vgl. Tac. ann. 13, 2; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 269 ger Helfer bediente. Namentlich benannt werden P. Celer und Helius als vergleichs‐ weise hochrangige Helfer, aber man wird sich nicht allzu sehr des Spekulierens ver‐ dächtig machen, wenn man unterstellt, dass Celer und Helius das Gift nur beschaffen mussten und dieses dem Silanus nicht persönlich unter die Speisen schmuggelten, sondern damit Hausangestellten beauftragte, – aber beraten durch einen Arzt? Zumindest über die Herkunft des Giftes, mittelst dessen Silanus getötet wurde, sind wir durch ein Zeugnis Cassius Dios gut unterrichtet: Óti ¹ 'Agripp‹na oÛtw kaˆ t¦ mšgista pr£ttein ™pece…rei éste M©rkon 'IoÚnion SilanÕn ¢pškteine, pšmyasa aÙtù toà farm£kou ô tÕn ¥ndra ™dedolofon»kei.1239 (Agrippina war so zu jeder Zeit bereit die verwegensten Taten zu begehen, so dass sie den Markus Junius Silanus töte‐ te, indem sie jenem von dem Gift schickte, mit dem sie ihren Gatten getötet hatte.) Nach Cassius Dio ließ Agrippina Silanus mittelst des gleichen Giftes töten, welches sie auch schon zur Tötung ihres Gatten benutzt hatte. Wenn dies aber der Fall gewe‐ sen sein sollte, kommt auch im Falle des Silanus niemand als Herstellerin des Giftes in Frage außer Locusta und dann wird man sich die Weiterleitung des Giftes am ehesten so vorzustellen habe, dass entweder der Ritter P. Celer oder der Freigelassene Helius die Aufgabe eines Kouriers von Rom zum Tatort übernahm und der andere dafür sorgte, dass Silanus bei einem Gastmahl oder auch durch seine eigenen Leute dass Gift auch appliziert wurde. Dass an diesem Giftmord ein Arzt beteiligt war, wird aber selbst von Tacitus nicht behauptet oder auch nur angedeutet, - wäre aber denkbar, wenn auch in den Fall des Gemahls Agrippinas, eben des Kaisers Claudius ein Arzt verstrickt gewesen sein sollte, was hier aber bereits ausgeschlossen werden konnte1240. Der Fall des Britannicus Über das Ende des Britannicus sind sowohl von Tacitus als auch von Sueton und Cas‐ sius Dio1241 Darstellungen überliefert, so dass wir im Falle widersprüchlicher Anga‐ ben die Möglichkeit haben, diese gegebenenfalls durch einen Vergleich zu erklären oder zu entkräften. Lassen wir also auch bezüglich dieses Falles zunächst wieder Taci‐ tus zu Wort kommen. Tacitus schildert im Rahmen der Berichterstattung über Ereig‐ nisse des Jahres 55 n. Chr., wahrscheinlich über einen Vorgang vom 12. 02. 551242, zu‐ nächst ausführlich den Verlauf einer Feier aus Anlass des 14. Geburtstages des Britan‐ nicus, während derer Nero den damals vermutlich altersbedingt stimmbrüchigen Bri‐ tannicus auffordert ein Lied anzustimmen. Dieser entzog sich dieser Aufgabe nicht, sondern trug nach Tacitus einen Gesang vor, in welchem er sich darüber beklagte, wie ihm der Anspruch auf die Nachfolge des Claudius entzogen worden sei.1243 2.2.3.3 1239 Cass. Dio 61, 6, 4; 1240 S. o. Kap. 2.2.3.1; 1241 Vgl. dazu Tab. IV, Nr. 5; 1242 Berechnet danach, dass als Geburtstag des Britannicus der 12. 02. 41 n. Chr. gilt. Belege dazu s. o.; 1243 Vgl. Tac. ann. 13, 15, 1 – 2: Nero … die, quo quartum decimum aetatis annum Britannicus explebat, volutare secum modo matris violentiam, modo ipsius indolem, … festis Saturno diebus inter alia ae‐ qualium ludicra regnum lusu sortientium evenerat ea sors Neroni. … ubi Britannico iussit exsurgeret progressusque in medium cantum aliquem inciperet, inrisum ex eo sperans pueri … ille constanter Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 270 Über die Reaktion Neros auf diese juvenile Provokation erfährt man im unmittel‐ baren Anschluss daran Folgendes: Nero intellecta invidia odium intendit;..., quia nul‐ lum crimen neque iubere caedem fratris palam audebat, occulta molitur pararique ve‐ nenum iubet, ministro Pollione Iulio praetoriae cohortis tribuno, cuius cura attinebatur damnata veneficii nomine Locusta, multa scelerum fama. … primum venenum ab ipsis educatoribus accepit, tramaisitque exsoluta alvo parum validum, sive temperamentum inerat, ne statim saeviret. sed Nero lenti sceleris impatiens minitari tribuno, iubere supp‐ licium veneficae. … promittentibus dein tam praecipitem necem, quam si ferro urgere‐ tur, cubiculum Caesaris iuxta decoquitur virus cognitis antea venenis rapidum.1244 (Ne‐ ro erkannte die Erbitterung und steigerte seinen Hass; … da er aber keinen Grund für eine Anklage hatte und es auch nicht wagte, vor aller Augen die Tötung des [Stief-] Bruders zu befehlen, ging er konspirativ vor und ließ einen Gift [-anschlag] vorberei‐ ten, mit Unterstützung des Iulius Pollio eines Tribunen einer Prätorianerkohorte, un‐ ter dessen Bewachung die bereits wegen Giftmordes verurteilte Locusta festgehalten wurde, die wegen ihrer Verbrechen sehr berüchtigt war. … Das erste Gift erhielt er [Britannicus] von seinen eigenen Erziehern, gab es aber infolge eines Erbrechens wie‐ der von sich, vielleicht weil es nicht stark genug war, vielleicht weil es in einer Mi‐ schung war, dass es nicht sofort wirkte. Aber Nero duldete den langsamen Fortschritt des Verbrechens nicht, drohte dem Tribunen, ordnete für die Giftmischerin bereits die Hinrichtung an, … als jene ihm einen Tod in Aussicht stellten, der so rasch wirke, wie ein Schwert, und direkt neben dem Schlafgemach ein Sirup aus vorher bekannten Giften gekocht wurde, welches rasch wirkte.) Diesem Zitat ist zu entnehmen, dass auch in den Giftanschlag auf Britannicus nach den Erkenntnissen des Tacitus die Giftmischerin Locusta involviert war und dass diese nach ersten erfolglosen Bemühungen dem Befehl des Kaisers zu folgen, durch Drohungen gegen den für die Bewachung Locustas zuständigen Tribunen als auch durch die Androhung des Vollzugs der Hinrichtung1245 Locustas bewirkt wurde, dass diese angeblich ein sofort wirksames toxisches Gebräu herstellte. Die Involvierung ei‐ nes Arztes in den Fall deutet Tacitus aber bis zu diesem Punkte der Erzählung auch im Falle des Britannicus nicht an. Gewisse Anhaltspunkte dafür, ergeben sich erst im weiteren Verlauf der Darstellung des Tacitus. Über die Intoxikation selbst berichtet Tacitus Folgendes: Mos habebatur princi‐ pum liberos cum ceteris idem aetatis nobilibus sedentes vesci in aspectu propinquorum propria et parciore mensa. Illic epulante Britannico, quia cibos potusque eius delectus ex ministris gustu explorabat, ne omitteretur institutum aut utriusque morte proderetur scelus, talis dolus repertus est. innoxia adhuc ac praecalida et libata gustu potio traditur Britannico; dein, postquam fervore aspernabatur, frigida in aqua affunditur venenum, exorsus est carmen, quo evolutum eum sede patria rebusque summis significabatur. unde orta misera‐ tio manifestior … 1244 Vgl. Tac. ann. 13, 15, 3–5; 1245 Die von Tacitus benutzte Formulierung iubere veneficae supplicium lässt auch eine Deutung als „Anordnung des unverzüglichen Vollzugs der Todesurteils“ zu, die Formulierung spricht aber da‐ für, dass Locusta lediglich im Falle eines weiteren Versagens die sofortige Hinrichtung angedroht wurde. 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 271 quod cunctos eius artus pervasit, ut vox pariter et spiritus eius raperentur. trepidatur a circumsedentibus, diffugiunt imprudentes; atque quibus altior intellectus, resistunt defixi et Neronem intuentes. ille ut erat reclinis et nescio similis, solitum ita ait per comitialem morbum, quo prima ab infantia adflictaretur Britannicus, et redituros paulatim visus sensusqe.1246 (Es herrschte die Sitte, dass die Kinder der Kaiser gemeinsam mit adli‐ gen Altersgenossen speisten, vor den Augen ihrer Verwandten, aber an einem eigenen und sparsamer gedeckten Tisch. Insofern dort auch Britannicus speiste, und weil des‐ sen Speisen und Getränke ein dazu auserwählter Diener vorkostete, wurde, damit nicht der Brauch geändert werden musste und durch den Tod beider das Verbrechen verraten werde folgende List ersonnen: Noch unvergiftet, aber bereits vorgekostet, aber sehr heiß, wurde Britannicus ein Getränk angereicht; dann aber, nachdem [Bri‐ tannicus] dieses wegen der Überhitzung abgelehnt hatte, wurde ihm mit kaltem Was‐ ser Gift beigegeben, welches in alle seine Glieder eindrang, so dass ihm gleichzeitig Atem und Stimme geraubt wurden. Panik brach bei den um ihn herum sitzenden [Ju‐ gendlichen] aus, ratlos stoben sie auseinander. Aber diejenigen, die eine tiefere Ein‐ sicht besaßen, blieben wie gebannt auf ihren Sitzen und blickten auf Nero. Jener aber blieb, wie er war, zurückgelehnt und, wer weiß, wem ähnlich, und sagte, dass sei bei Epilepsie1247, an der Britannicus seit frühester Jugend leide, so üblich, und Blick und Gefühl würden bald zurückkehren.) Nach Tacitus blieb Nero, als Britannicus vor eine größeren Tischgesellschaft plötz‐ lich zusammenbrach, völlig entspannt und erklärte diesen Zusammenbruch mit epi‐ leptischen Anfällen, unter denen Britannicus seit frühester Jugend leide. Und nach Moog demonstrierte Nero dabei ungewohnten klinischem Sachverstand 1248, jedenfalls für einen achtzehnjährigen jungen Mann, der Nero damals ja erst war, und für jeman‐ den, der über keine ärztliche Vorbildung verfügte, – und soweit Britannicus nicht wirklich unter dem sog. morbus comitialis1249 litt, – was in den vorhandenen Quellen zwar nicht überliefert ist, aber auch nicht ausgeschlossen werden kann. Jedenfalls ist auch in der Parallelüberlieferung zu dem Fall außerhalb des Zusammenhangs der Er‐ mordung des Britannicus von einem derartigen Leiden nirgends die Rede. Ähnlich wie Tacitus äußerte sich auch Sueton über die Reaktion Neros auf den Zusammenbruch des Britannicus: et cum ille ad primum gustum concidisset, comitiali morbo ex consuetudine correptum apud convivas ementitus.1250 (Und als jener [Britan‐ nicus] schon beim ersten Schluck zu Boden gestürzt war, log er vor den Gästen, dass er wegen einer Epilepsie aus Gewohnheit zusammengebrochen sei.) 1246 Vgl. Tac. ann. 13, 16, 1–3; 1247 Zum antiken Wissen über das Krankheitsbild der Epilepsie vgl. Leven, K.-H., Epilepsie, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2006, Sp. 260–262; Präzedenzfälle für Tötungen mittelst Gift, bei denen eine Epilepsie vorgetäuscht wurde, sind ansonsten nicht quellenkundig. 1248 S. o. Moog, P. F., s. o. S. 15; 1249 Diese Erkrankung war in der frühen römischen Kaiserzeit nicht unbekannt, insofern u. a. Caesar, wahrscheinlich aber auch Caligula darunter gelitten hatte (Vgl. Berger, A., in: Enzyklopädisches Wörterbuch für Römisches Recht, von [Transaktionen der American Philosophical Society, New Ser., Vol. 43, Nr. 2, 1953, S. 333–809;); über das Krankheitsbild in der Antike vgl. Leven, K.-H., Epilepsie, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2006, Sp. 260–262; 1250 Vgl. Suet. Nero 33, 3; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 272 Sueton bestätigt also die Angabe des Tacitus, nach der Nero den durch eine will‐ kürliche Intoxikation herbei geführten Zusammenbruch des Britannicus mit dem – angeblich erlogenen – Hinweis auf einen epileptischen Anfall desselben. Bei Cassius Dio1251 und Flavius Josephus1252 sucht man zwar vergeblich nach einer Bestätigung für diese Angabe; aber im Hinblick darauf ist zu beachten, dass die diesbezüglichen An‐ gaben des Cassius Dio nur in der Gestalt eines sehr knappen Exzerpts überliefert sind und Flavius Josephus dem Ereignis ohnehin nur einen einzigen Satz widmet. Daher wird man die von Tacitus und Sueton übereinstimmend überlieferte Nach‐ richt in der Sache kaum infrage stellen dürfen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob man die Äußerung Neros, wie von P. F. Moog behauptet, wirklich als Ausdruck von Fachwissen deuten darf, welches womöglich den Rückschluss zuließe, dass sich Nero vor dem Anschlag mit einem Arzt darüber beraten haben könnte. Zur Beantwortung dieser Frage wollen wir im Folgenden die medizingeschichtlichen Aspekte der „Gift‐ morde“ Agrippinas und Neros noch genauer untersuchen. Die „Giftmorde“ Agrippinas und Neros unter medizinischem Aspekt Bereits ein kurzer Blick auf die näheren Umstände, unter denen das Gift beschafft und hergestellt wurde, dem Britannicus seinen plötzlichen Tod verdankte, spricht ge‐ gen die Annahme, dass bei dessen Beschaffung der Rat eines Arztes eine Rolle ge‐ spielt haben könnte. Tacitus hebt hervor, dass Locusta wegen vorher gescheiterter Ver‐ suche Britannicus zu vergiften, bei der Herstellung des zum Schluss „erfolgreichen“ Mittels einem erheblichem Druck unterworfen waren, um ihr eigenes Leben fürchtete und ein Versprechen abgab. Über dieses Versprechen und dessen Umsetzung lasen wir bei Tacitus: promittentibus dein tam praecipitem necem, quam si ferro urgeretur, cubiculum Caesaris iuxta decoquitur virus cognitis antea venenis rapidum..1253 (… als jene ihm einen Tod in Aussicht stellten, der so rasch wirke, wie ein Schwert, und di‐ rekt neben dem Schlafgemach wurde ein Sirup aus vorher bekannten Giften gekocht, welches rasch wirkte.) Schon diese knappen Bemerkungen lassen nur wenig Raum für die Vermutung, dass sich Nero oder auch die Giftmischer über die Suche nach einem Gift, welches eben so schnell wie ein geübter Schwertstich zum Tode führte, mit einem Arzt ins Be‐ nehmen gesetzt haben könnte. In weitgehender Übereinstimmung mit Tacitus, aber erheblich ausführlicher berichtete Sueton dazu Folgendes: Britannicum … veneno ag‐ gressus est. quod acceptum a quadam Lucusta venerariorum indice, cum opinione tardi‐ us cederet ventre modo Britannici moto, accersitam mulierem sua manu verberavit ar‐ guens pro veneno remedium dedisse; excusantique minus datum ad occultandum facin‐ oris invidiam: sane, inquit, legem Iuliam timeo, coegit se coram in cubiculo quam posset velocissimum ac praesentaneum coquere. deinde in haedo expertus, postquam is quin‐ 2.2.4 1251 Vgl. Cass. Dio 61, 6, 4 (Epit); 1252 Vgl. Ios. ant. Iud. 20, 8, 2; 1253 S. o. Tac. ann. 13, 15, 5; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 273 que horas protraxit, iterum ac saepius recoctum porcello obicit; quo statim exanimato inferri in triclinium darique cenanti secum Britannico imperavit.1254 (Den Britannicus …. griff er mit Gift an. Als dieses Gift welches er von einer gewissen Lucusta einer überführten Giftmischerin empfangen hatte, langsamer wirkte, als geglaubt, außer dass es Durchfall bewirkte, ließ er die Frau herbeiholen und verprügelte sie mit eige‐ ner Hand, indem er sie beschuldigte, statt eines Gifts ein Gegengift gegeben zu haben; als sie sich entschuldigte, dass sie weniger Gift gegeben habe, um das abscheuliche Verbrechen zu verheimlichen, sagte er: Ach freilich, ich fürchte das Julische Gesetz1255, und zwang sie unter seiner Beobachtung in einem kleinen Raum ein möglichst schnell und augenblicklich wirkendes Gift zu kochen. Als sie dies dann an einem Zie‐ genbock erprobt hatte, und nachdem dieser noch fünf Stunden lang gelebt hatte, ließ sie es immer wieder durch Einkochen verstärken und warf es dann einem Ferkel vor. Als dieses sogleich verendet war, befahl er es in das Speisezimmer zu bringen und dem dort gemeinsam mit ihm speisenden Britannicus zu geben.) Folgt man dieser Darstellung, dienten die darin geschilderten, von Nero persön‐ lich beaufsichtigten Bemühungen Locustas und die im Zusammenhang damit durch‐ geführten „Tierversuche“ nicht dem Ziel, eine bestimmte Erkrankung vorzutäuschen, eventuell einen epileptischen Anfall, sondern ein möglichst schnell wirkendes Gift zur Verfügung zu haben, das die von ihm erhoffte Wirkung möglichst nicht noch ein weiteres Mal verfehlte. Oder allgemeiner ausgedrückt: Das entscheidende Problem bei den Bemühungen, Britannicus mittelst Gift zu beseitigen, ergab sich zu jenem Zeit‐ punkt nicht mehr daraus, dass es einen Vorkoster zu täuschen oder zu bestechen galt, wie Tacitus seine Leser zunächst glauben machen wollte1256, sondern eine Giftmi‐ schung zu finden, deren Wirkung, wie der Tribun Iulius Pollio dem Kaiser verspro‐ chen hatte, mit derjenigen eines ins iugulum des Opfers eingeführten gladius an Schnelligkeit vergleichbar war. Es ist in diesem Kontext daran zu erinnern, dass die üblichen auch strafrechtlich indizierten Pflanzen wie Schierling, Eisenhut, Alraune, auch Pilze wie Knollenblätter‐ pilze und giftige Röhrlinge1257, auch Tiere1258 wie Salamander und verschiedene Rau‐ pen, deren Gifte zur Tötung von Menschen benutzt wurden, in der Jahreszeit, in wel‐ cher Britannicus starb, nicht allzu lange nach seinem 14. Geburtstag, also in der zwei‐ ten Februarhälfte, spätestens zu Anfang März, frisch geerntet bzw. lebend kaum zu bekommen waren, sondern nur getrocknet und daher in ihrer Toxizität eingeschränkt. Die Annahme, dass Locusta zur Herstellung des für Britannicus bestimmten Eli‐ xiers vorwiegend derartiges in seiner Wirkung eingeschränktes Material benutzte, fin‐ det in den Quellen eine doppelte Bestätigung, und zwar einmal darin, dass Tacitus das 1254 Vgl. Suet. Nero 33, 2–3; 1255 Gemeint ist die aus Sullanischer Zeit stammende lex Cornelia de sicariis et veneficiis, die aber unter Augustus novelliert worden war. Vgl. dazu Kap. 3.2; 1256 S. o. Tac. ann. 13, 16, 1–3; 1257 Zu Kenntnissen über Pilze in der Antike vgl. Wenskus, O., Pilz, in Leven, K.-Leven: Antike Medi‐ zin. S. o. Sp. 707–708; 1258 Vgl. Ihm, S., Gift, in Leven, K.-Leven: Antike Medizin. S. o. Sp. 358–360, insbes. Sp. 359; Leven, K.- H., Kanthariden, in Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 483–484; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 274 Gift, wie übrigens auch im Falle Senecas1259, als venenum … olim provisum1260 charak‐ terisiert, zum anderen auch dadurch, dass sie glaubte seine Wirkung verstärken zu können, indem sie den daraus gewonnen Sud durch wiederholtes Aufkochen eindick‐ te1261. In Anbetracht der Tatsache, dass wiederholtes Aufkochen zumindest im Falle des Schierlings zu einer Reduzierung der darin enthaltenen Toxine geführt hätte1262, fragt man sich, wie das Elixier eine sofortige tödliche Wirkung entfaltet haben sollte, – wenn es, wie von Tacitus behauptet wird, durch kaltes Wasser dem für Britannicus bestimmten Getränk zugesetzt worden sein sollte1263, dann wieder verdünnt worden wäre, bevor es Britannicus zu sich nahm. Daher drängt sich vielleicht der Verdacht auf, dass Britannicus nicht durch eine willkürliche Intoxikation ums Leben kam, sondern aus bislang ungeklärten anderen Gründen. Zumindest diese Möglichkeit wird man aber mit einem hohen Grad an Wahrscheinlichkeit ausschließen dürfen, insofern bei der angeblich unmittelbar nach dem Tode des Britannicus stattfindenden Begräbnisfeier1264 von einigen Zeugen Be‐ obachtungen gemacht wurden, die eine Intoxikation doch als die wahrscheinlichste Todesart erscheinen lassen. Bei Xiphilinos ist dazu folgende Information greifbar: TÕn BretannikÕn farm£kJ dolofon»saj Ð Nšrwn, ™peid¾ pelidnÕj ØpÕ toà farm £kou ™gen»qh, gÚyJ œcrisen. ØetÕj dὲ di¦ tÁj ¢gor©j aÙtoà diagomšnou polÚj, Øgr©j œti oÜshj tÁj gÚyou, ™pipesën p©san aÙt¾n ¢pšklusen, éste tÕ deinÕn m¾ mÒnon ¢koÚesqai ¢ll¦ kaˆ Ðr©sqai.1265 (Nachdem Nero den Britannicus mit Gift umgebracht hatte, ließ er, da die Haut von dem Gift blau anlief, ihn [den Leichnam] mit Gips bestreichen. Doch während man den Toten über den Marktplatz trug, ging ein Regenguss herunter und wusch, weil der Gips noch feucht war, diesen ganz ab, so dass von dem Verbrechen nicht nur zu hören, sondern auch etwas zu sehen war.) Aus dieser Darstellung geht hervor, dass während der Leichnam des Britannicus zum Ort seiner Einäscherung getragen wurde, an der Haut eine deutliche Blauverfär‐ bung zu beobachten war, die von den Zeugen als Zeichen dafür gedeutet wurde, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen war, und auch aus dem Blickwinkel eines heutigen Arztes kaum eine andere Deutung zuließe, als dass der Verstorbene einen Erstickungstod erlitten habe. Da aber in den Quellen eine natürliche Erkrankung, die bei Britannicus einen Erstickungstod hätte verursacht haben könnte, eine Herz- oder Lungenerkrankung, weder bezeugt noch für Menschen seines Alters wahrscheinlich 1259 S. o. Tac. ann. 15, 64, 3; 1260 Vgl. Tac. ann. 15, 3–4; 1261 S. o. Tac. ann. 13, 15, 5: cubiculum Caedaris iuxta decoquitur virus cognitis antea venenis rapidum. Siehe auch Suet. Nero 33, 2: [Nero]coegitque [Locustam]se coram in cubiculo quam posset velocissi‐ mum ac praesentaneum coquere. 1262 Vgl. dazu Kap. 1; 1263 S. o. Tac. ann. 13, 16, 3:...frigida in aqua affunditur venenum... 1264 Vgl. Tac. ann. 13, 17, 1: Nox eadem necem Britannici et rogum coniunxit, proviso ante funebri para‐ tu, qui modicus fuit. In campo Martis sepultus est, adeo turbibus imbribus... Suet. Nero 33, 3: postero die raptim inter maximos imbres tralaticio extulit funus. Cass. Dio 61, 7, 4; 1265 Vgl. Cass. Dio 61, 7, 4: (Xiph. 150, 22 – 26 R. St.) Vgl. Zon. 11, 12, p. 38, 23–32 D: ™n dὲ ge tÍ ™kfor´ ™peˆ pelidnÕj ØpÕ toà farm£kou gšgone gÚyJ crisqeˆj di¦ tÁj ¢gor©j ½geto. Vgl. Joann. Antioch. fr. 40 M. v. 87–93: pelidnÕj g¦r Óloj ™gšneto kaˆ oƒ Ñfqalmoˆ aÙtoà ¢neJgmšnoˆ kaˆ toÝj ™fÒrouj prÕj timwr…an kaloàntej. 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 275 ist, wird man die Hautverfärbung auf eine willkürliche Intoxikation zurückführen müssen, wie man sie etwa im Gefolge einer Vergiftung mit Aconitin1266 oder mit Zya‐ nid1267 bzw. mit Zyanid enthaltenden oder im Körper bildenden Pflanzensubstan‐ zen1268 würde beobachten können. In Anbetracht dessen stellt sich die Frage, in welcher Konzentration und in wel‐ cher Darreichungsform die in der Antike bekannten Giftstoffe, Schierling, Eisenhut, und auch Bittermandeln die von Tacitus behauptete Wirkung, nämlich einen epilep‐ sieanfallähnlichen Zusammenbruch unmittelbar nach der Aufnahme, hätte entfalten haben sollen, zumal der wichtigste toxische Wirkstoff des Schierlings Coniin, oder auch Amygdalin, das Haupttoxin der Bittermandel durch die Zubereitungsart des bei Britannicus angeblich zum Einsatz gelangte Elixiers, nämlich ein langes und wieder‐ holtes Aufkochen, kaum überstanden hätten. Selbst eine akute Arsenvergiftung1269, falls Locusta ihrem Elixier auch eine hohe Dosis dieses bereits in der Antike bekann‐ ten mineralische Giftstoffes beigemengt haben sollte, hätte frühestens zwei Stunden nach der Aufnahme zum Tode geführt1270. Lediglich Aconitin1271 hätte die von Locusta angewandte Prozedur vielleicht über‐ stehen, angereichert auch relativ rasch tödlich wirken können, aber ebenfalls nicht ohne eine Zeitspanne von 5 bis zehn Minuten nach dem „Genuss“ des mit angeblich vergiftetem kalten Wasser vermischten Getränks, das Britannicus plötzlich zusam‐ menbrechen ließ. Insofern aber auch Pilzgifte, egal ob aus frischer Ware gewonnen, die damals ja ohnehin nicht zur Verfügung stand, oder aus konservierter, die ihre tödliche Wirkung erst nach einigen Tagen entfalten, erscheint es als ausgeschlossen, dass die Tötung des Britannicus tatsächlich so vonstatten ging, wie sie von Tacitus ge‐ 1266 Aconitin, das vor allem im blauen Eisenhut vorkommt, wirkt bereits in sehr geringen Dosen töd‐ lich und auch recht schnell tödlich, innerhalb von 5–10 Minuten nach der Intoxikation. Vgl. http:// www.chemie. de/lexikon/Aconitin.html (2015); 1267 Zyanide führen durch innere Erstickung den Tod des damit vergifteten Menschen aus, und zwar recht schnell, innerhalb von 10 – 20 Minuten. Vgl. http://flexikon.doccheck.com/de/Zyanid (2015); 1268 Als derartige Pflanzen kommen in den Kernen von Kirschen, Pflaumen und Pfirsichen, in erster Linie in Prunus dulcis var. Amara, (Bittermandeln) vor. Der giftigste Inhaltsstoff, Amygdalin, ein cyanogenes Glykosid, spaltet in Gegenwart von Wasser Blausäure (HCN) ab. Man geht davon aus, dass bereits eine einzige Bittermandel/kg Körpergewicht ausreicht um einen Menschen zu töten. http://flexikon. doccheck.com/de/Zyanid (2015). Zu den antiken Kenntnissen über die Bitterman‐ del vgl. Stamatu, G., Blausäure, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 162–163; inwieweit auch die toxische Wirkung von Bilsenkraut auch schon in der Antike zur Tötung von Menschen benutzt wurde, ist unklar; über seine Nutzung als Heilpflanze vgl. Stamatu, G., Bilsenkraut, in: Leven, K.- H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 157– 158; Über die Wirkung weiß man, dass die toxischen Inhaltsstof‐ fe u. a. Hautrötungen auslösen und über verschiedene Stadien der Verwirrtheit durch Atemläh‐ mungen Tod herbeiführen, allerdings erst nach geraumer Zeit. Vgl. Düll, R./Kutzelnig, H.: Ta‐ schenlexikon der Pflanzen Deutschlands und angrenzender Länder. Wiebelsheim 20117. 1269 Vgl. http://www.onmeda.de/naehrstoffe/arsen-arsenvergiftung-3435-4.html (2015); 1270 Ähnliches gilt auch für akute Vergiftungen durch andere mineralische Toxine wie durch Bleiver‐ bindungen sowie andere Schwermetallverbindungen. Zur toxischen Wirkung von Blei in der Anti‐ ke vgl. Riha, O., Blei, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 163; Stamatu, G., Bleivergiftung, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 163 – 164; seine toxische Wirkung tritt ebenfalls nicht so‐ fort ein. 1271 Aconitin ist der Hauptwirkstoff des blauen Eisenhuts (Aconitum napellus). Über seine toxische Wirkung vgl. http://www.pharmazea.de/gesundheit/blauer-eisenhut-aconitum-napellus/ (2015). Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 276 schildert wurde. Hierbei ist zu unterstellen, dass sich eine erfahrene Giftmischerin, als welche Locusta in den Quellen dargestellt wird, darüber im Klaren war, dass eine Re‐ duzierung (Eindickung) des zur Tötung des Britannicus von ihr bereiteten Giftsirups nur unter der Voraussetzung die Wirkung erhöhte, dass sie eine Erhöhung der Dosis ermöglichte, was allein durch eine Beimischung zu den für Britannicus bestimmten Getränken kaum möglich gewesen wäre. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist die von Sueton in Bezug auf die Intoxikation des Britannicus gebrauchten Formulierung inferri in triclinium dari cen‐ anti secum Britannico imperavit1272 allgemeiner zu deuten, als dies die Darstellung des Tacitus suggeriert, als Ausdruck dafür, dass das von Locusta „gekochte“ Gift nicht nur den für Britannicus bestimmten Getränken, wo es ja wieder „verwässert“ wurde, son‐ dern auch seinen Speisen untergemischt wurde. Das von Tacitus behauptete Zusam‐ menbrechen des Britannicus unmittelbar nach der Aufnahme eines angeblich vergif‐ teten Getränks ließ sich aus medizinisch – pharmakologischer Sicht am ehesten als das zufällige zeitliche Zusammentreffen ursächlich nicht verknüpfter Ereignisse erklä‐ ren, der chronologischen Koinzidenz der Wirkung einer bereits vorher stattgefunde‐ nen Intoxikation durch die Aufnahme vergifteter Speisen mit der Aufnahme des viel‐ leicht ebenfalls vergifteten, aber kaum tödlichen Getränks. Damit aber stellt sich die entscheidende Frage nach der Möglichkeit der Verwick‐ lung eines Arztes in den Vorgang der Vergiftung des Britannicus. – Zumindest in Be‐ zug auf den Vorgang jener finalen Intoxikation, welche den plötzlichen Zusammen‐ bruch des Britannicus verursachte und welche Nero mit dem Hinweis auf Epilepsie zu verschleiern suchte, wird man eine direkte Involvierung eines Arztes ausschließen dürfen. Denn Neros Hinweis und seine – gespielte – Gelassenheit dienten dazu, die Einschaltung eines Arztes zu verhindern. Grundsätzlich ist nicht auszuschließen, dass sich Nero vorher mit einem Arzt da‐ rüber beraten haben könnte, mit welcher „natürlichen“ Erkrankung die Wirkung des Giftes zu vergleichen sei, um sie zu verschleiern. In diesem Kontext verdient aber Be‐ achtung, dass Nero nach Sueton die ersten gescheiterten Bemühungen Locustas aus‐ drücklich mit dem Hinweis kommentierte, dass sie Britannicus statt mit einem Gift mit einem Heilmittel versorgt habe1273. Auf der anderen Seite lässt gerade diese An‐ schuldigung Neros kaum Zweifel daran zu, dass dieser ausschließlich Locusta als Be‐ schafferin des für Britannicus bestimmten Gifts ansah. Und dass sich Locusta bei der Herstellung des Gifts den Rat eines Arztes eingeholt haben könnte, lässt sich dem Zi‐ tat nicht entnehmen. Aber auch aus den Kenntnissen Neros über Antidote1274 gegen eine Intoxikation wird man keineswegs schlussfolgern dürfen, dass sich Nero vorher gezielt mit einem Arzt darüber beraten habe, wie er die Intoxikation des Britannicus so durchführen lassen könne, damit er sie durch den Hinweis auf eine natürliche Erkrankung wie Epilepsie verschleiern könne. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Nero dieses Wis‐ 1272 S. o. Suet. Nero 33, 3; 1273 S. o. Suet. Nero 33, 2: arguens pro veneno remedium dedisse... 1274 Über Antidote in der Antike vgl. Dilg, P., Antidot, in: Leven, K.-H.:Antike Medizin. S. o. Sp. 61–62; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 277 sen auch den wohlmeinenden Ratschlägen seines eigenen Leibarztes hätte entnehmen können, zu dessen pflichtgemäßen Aufgaben es auch gehörte, den Kaiser darin zu be‐ raten, an welchen Symptomen eine Intoxikation zu erkennen sei und wie er sich selbst dagegen schützen könne. Mittelbar kann man eine Beraterfunktion des Arztes Xenophon in Bezug auf die vorher gescheiterten Bemühungen, dem Britannicus ein von Locusta zusammenge‐ stelltes Giftelixier diesem durch seine Erzieher applizieren zu lassen, natürlich nicht leugnen, insofern Tacitus andeutet, dass jenes Gift dasselbe gewesen sei, welches schon früher1275, d. h. im Zusammenhang der Tötung des Claudius zum Einsatz ge‐ langt war. Einen ähnlichen Eindruck vermittelt auch der nach Sueton vorgenommene Rechtfertigungsversuch Locustas für diese gescheiterten Bemühungen bzw. die Ant‐ wort Neros darauf: … excusantique minus datum ad occultandum facinoris invidiam: sane, inquit, legem Iuliam timeo...1276 (… als sie sich damit entschuldigte, dass sie zu wenig [eine zu geringe Dosis] gegeben habe, um den Hass wegen eines Verbrechens zu verheimlichen, sagte er [Nero], tatsächlich fürchte ich das julische Gesetz [d. h. die lex Cornelia de sicariis et de veneficiis]...) Das Zitat suggeriert dem Leser, dass Locusta ihren Auftrag so verstanden haben könnte, das Verbrechen so zu organisieren, dass gegen niemanden deswegen ein Ge‐ richtsverfahren wegen eines Tötungsdelikts hätte angestrengt werden können. Dass sich Nero aber Sorgen gemacht haben könnte, dass man ihn selbst nach der lex Corne‐ lia de sicariis et de veneficiis würde belangen können, ist wegen seiner politischen Stel‐ lung als Kaiser unwahrscheinlich. Die Nero von Sueton unterstellte Äußerung ist da‐ her eher als ironische Anspielung darauf zu deuten, dass Locusta zu jenem Zeitpunkt aufgrund jenes Gesetzes längst verurteilt war und ihr Leben lediglich dem Umstand verdankte, dass Nero den Hinrichtungsbefehl noch nicht erteilt hatte, eben weil er sich ihrer Dienste versichern zu können glaubte. Daher wird man die Äußerung Neros auch als Anspielung darauf interpretieren müssen, dass Agrippina, seine Mutter, welche vorher bereits die Dienste Locustas zur Tötung des Claudius in Anspruch genommen und vielleicht dieselbe Giftmischung erhalten hatte, die auch im Falle des Britannicus zum Einsatz gelangte, zu jenem Zeit‐ punkt Gründe hatte, dass man sie im Falle des Scheiterns dieses Anschlages gericht‐ lich deswegen hätte belangen können. Man muss sich hierbei vor Augen führen, dass den Tod des Claudius nach dem übereinstimmenden Zeugnis aller Quellen nicht „Giftpilze“ herbeigeführt hatten, die zu der Zeit, als Claudius starb, nämlich im Okto‐ ber des Vorjahres, auch in frisch geernteter Form in ausreichender Menge zur Verfü‐ gung gestanden hätten, sondern durch eine „vergiftete Pilzmahlzeit“. Und man fragt sich in Anbetracht dessen natürlich auch, warum Agrippina im Falle der Ermordung ihres Gatten nicht den einfacheren Weg gegangen war, ihn mit einem Knollenblätter‐ pilz oder oder ähnlichen Giftpilzen töten zu lassen1277. 1275 S. o. Tac. ann. 13, 15, 3: nam ut proximus quisque Britannico neque fas neque pensi habebat, olim provisum erat. Primum venenum ab ipsis educatoribus accepit. 1276 S. o. Suet. Nero 33, 2; 1277 In Bezug auf das in grünen Knollenblätterpilzen enthaltene extrem toxische Amanitin verdient Be‐ achtung, dass es durch Kochen nicht unschädlich gemacht werden kann und seine toxische Wir‐ Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 278 Zumindest dafür, dass nach der Auffassung Agrippinas eine Tötung des Claudius mittelst wirklicher Giftpilze nicht in Frage kam, gibt es eine einfache Erklärung: Da Agrippina damit rechnen musste, dass Claudius eine Intoxikation mittelst Pilzgift zwar nicht überlebt hätte, aber nach dem Auftreten der ersten Vergiftungssymptome noch mindestens zehn Tage Zeit gehabt hätte, nach den Schuldigen suchen und dafür bestrafen zu lassen, hätte ein großes Risiko bestanden, dass er ihr auf die Schliche ge‐ kommen wäre und sie den Tod ihres Gatten kaum überlebt hätte1278. Daraus erklärt sich, dass sie nach Tacitus im Hinblick auf das für Claudius be‐ stimmte Gift sehr spezielle Anforderungen gestellt hatte: tum Agrippina, sceleris olim certa et... nec ministrorum egens de genere veneni consultavit: ne repentino et praecipiti facinus proderetur; si lentum ac tabidum delegisset, ne admotus supremis Claudius et dolo intellecto ad amorem fili rediret. Exquisitum placebat, quod turbaret mentem et mortem differet. Deligitur artifex talium vocabulo Locusta...1279 (Da beratschlagte Agrippina, zu einem Verbrechen längst entschieden und … auch nicht an Helfern er‐ mangelnd, über die Art des Gifts: es solle nicht durch eine plötzliche und überstürzt eintretende Wirkung das Verbrechen verraten werden; wenn sie aber ein langsam und schleichend wirkendes Gift ausgewählt hätte, dann stehe zu befürchten, dass Claudius, dem Tode nahe, nachdem er das Komplott durchschaut habe, zur Zuneigung gegen‐ über seinem Sohne zurückkehre. Also wählte sie eine „Künstlerin“ für solche Vorha‐ ben aus, mit dem Namen Locusta …) Dieses Zitat scheint die Vermutung zu bestätigen, dass Agrippina sich des Risikos einer Entdeckung des Gattenmordes im Falle des Claudius, damit auch der Gefahr der Verwicklung in einen Strafprozess nach der lex Cornelia de sicariis et veneficiis bewusst war und deswegen nach Rücksprache mit ihren eigenen engsten Ratgebern die Giftmischerin Locusta beauftragte, ein Toxin zu beschaffen, welches diesem Risiko kung vollständig erhält, Vergiftungssymptome aber erst nach 8 bis 12 Stunden auslöst, wenn die üblichen Behandlungsmethoden bei Vergiftungen durch den Gastrointestinaltrakt, nämlich künst‐ lich herbeigeführte Entleerungen, diese nicht mehr aufhalten können. Die tödliche Dosis von Amanitin liegt beim Menschen etwa bei 0,1 Milligramm/Kilogramm Körpergewicht, d. h. für eine ca. 70 Kilogramm schwere Person also bei etwa 7 Milligramm. Diese Substanzmenge ist bereits in weniger als 35 Gramm Frischpilz enthalten, d. h. dass ein einzelner verspeister Pilz bereits tödlich wirken kann, wobei der Tod aber – mehr oder weniger dosisunabhängig – erst etwa zehn Tage nach dem Verzehr eintritt. (Vgl. Wasson, R. G.: The death of Claudius, or mushrooms for murde‐ rers. In: Botanical Museum Leaflets, Harvard University. 23, Nr. 3, 1972, S. 101–128;) Dieses sog. Amatoxin-Syndrom kann auch durch zahlreiche andere Pilzarten ausgelöst werden. Vgl. Roth, L., u. a.: Giftpilze, Pilzgifte. Schimmelpilze – Mykotoxine – Vorkommen – Inhaltsstoffe – Pilzallergien – Nahrungsmittelvergiftungen. Sonderdruck der Ausgabe von 1989. Hamburg 2001. Flammer, R. u. a.: Giftpilze – Pilzgifte. Pilzvergiftungen. Ein Nachschlagewerk für Ärzte, Apotheker, Biologen, Mykologen, Pilzexperten und Pilzsammler. Basel 2003. In der Literatur wird nicht zuletzt in Bezug auf Claudius eine willkürliche Intoxikation mittelst vergifteter Pilze bezweifelt, allenfalls eine „ver‐ sehentliche“ Pilzvergiftung „nicht ausgeschlossen.“ Vgl. Wenskus, O., Claudius, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2006, Sp. 260–262; 1278 Es ist in zu beachten, dass 20 von insgesamt 49 unnatürlichen Todesfällen der Regierungszeit des Claudius (Vgl. Tab. III, Nr. 29 – 40.) erst nach dem Tode Messalinas (Vgl. Tab. III, Nr. 28;) eintra‐ ten, d. h. augenscheinlich mit deren Entlarvung als Haupt einer Verschwörung im Zusammenhang standen. 1279 Vgl. Tac. ann. 12, 66, 1,–2; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 279 einer vorzeitigen Aufdeckung des Komplotts vorbeugte. Vor dem Hintergrund dieses Problems erscheint es als nicht abwegig zu vermuten, dass Agrippina bei der Planung des Mordes an Claudius auch einen Arzt in ihr Vertrauen gezogen haben könnte, viel‐ leicht sogar Stertinius Xenophon, weil der ihr eventuell wegen der Steuer- und Abga‐ benbefreiung für die Bewohner der Insel Kos1280 noch einen „Gefallen“ schuldete. Daraus ist aber nicht zwingend abzuleiten, dass Xenophon Agrippina bewusst und in der Absicht, sie in dem Plan ihren Gatten umzubringen, beriet, es ist sogar denkbar, dass der Arzt das Anerbieten Agrippinas, wahrscheinlich unter Hinweis auf den von allen „Schülern“ der Ärzteschule von Kos zu leistenden Hippokratischen Eid1281 ent‐ rüstet zurückwies und ihr lediglich die darin enthaltene Verpflichtung zur Verschwie‐ genheit zusicherte1282, sie dann – wenn überhaupt, dann mehr im Zorn, als im Ernst – an Locusta „weiter verwies“. Aber völlig ausschließen kann man eine solche „Bera‐ tung“ Agrippinas durch Xenophon, zumindest im Falle des Mordes an Claudius, viel‐ leicht auch an Iunius Silanus, nicht. Im Zusammenhang damit ist darauf hinzuweisen, dass P. F. Moog einen Arzt nicht nur für in die Planung1283 sondern auch in die Ausführung desselben für invol‐ viert hält. Moog vermutet, dass Aconitin ein Hauptbestandteil des im Falle der Intoxi‐ kation des Claudius eingesetzten Gifts gewesen sei1284, schildert dann den Verlauf der Intoxikation, in enger Anlehnung an Tacitus, bis zu jenem Punkt, von dem an die an‐ tiken Quellen unterschiedlichen Überlieferungssträngen folgen, d. h. von dem an nach Aussage einiger Quellen Claudius aus dem Schlummer, in den er nach dem Ver‐ zehr des Pilzes verfiel, angeblich wieder aufwachte und mittelst einer neuerlichen In‐ toxikation endgültig getötet wurde. 1280 S. o. Tac. ann. 12, 61; Diese Steuerbefreiung wurde zwar von Claudius persönlich beantragt, da dies aber erst nach der Verstoßung Messalinas geschah und Claudius auch in Allem stark dem Einfluss seiner Ehefrauen unterlag, ist nicht auszuschließen, dass die Steuerbefreiung von Kos auf eine Ini‐ tiative Agrippinas zurückging. 1281 Vgl. Bauer, A. W.: Der Hippokratische Eid. Medizinhistorische Neuinterpretation eines (un) be‐ kannten Textes im Kontext der Professionalisierung des griechischen Arztes. Zeitschrift für medi‐ zinische Ethik 41 (1995), S. 141-148. Eckart,W. U.: Geschichte der Medizin. Berlin 20055. Lichtent‐ haeler, C.: Der Eid des Hippokrates. Köln 1984. Seidler, E./ Leven, K.-H.: Geschichte der Medizin und Krankenpflege. Stuttgart 20037. siehe auch in dieser Arbeit Kap. 3. 3; vgl. dazu auch Deutsches Ärzteblatt vom 19. 06. 2010; vgl. http://www.aerzteblatt.de/blog/42037(2015); 1282 Siehe im hippokratischen Eid die Formulierung: Ἃ δ' ἂν ἐν θεραπείῃ ἢ ἴδω, ἢ ἀκούσω, ἢ καὶ ἄνευ θεραπηίης κατὰ βίον ἀνθρώπων, ἃ μὴ χρή ποτε ἐκλαλέεσθαι ἔξω, σιγήσομαι, ἄῤῥητα ἡγεύμενος εἶναι τὰ τοιαῦτα. (Was ich bei der Behandlung oder auch außerhalb meiner Praxis im Umgange mit Menschen sehe und höre, das man nicht weiterreden darf, werde ich verschweigen und als Ge‐ heimnis bewahren.) Vgl. Bauer, A. W., Der Hippokratische Eid, (1993), Deutsche Übersetzung und medizinhistorischer Kommentar, in: bauer_hippokratischer_eid.pdf von: umm.uni-heidelberg,de (2015) 1283 Vgl. Moog, P. F., s. o. S. 14: „Agrippina beriet mit Eingeweihten, unter denen Tacitus Xenophon aus‐ drücklich erwähnt, geradezu zeitlose Strategien des Giftmords. Ein sofort tödliches Gift mußte den Verdacht einer kriminellen Machenschaft erwecken. Ein schleichendes Gift, unter dem Bilde einer Krankheit sein zerstörerisches Werk vollziehend, konnte unerwünschte letzte Verfügungen des Opfers - hier des Claudius – sogar noch provozieren. So wählte man eine Kombination, die Claudius zwar nicht sofort tötete, aber ihm jede Handlungsfähigkeit nahm.“ Vgl. Tac. ann. 12, 66, 1–2; 1284 Vgl. Moog, P. F., s. o. S. 14: Vermutlich war der Hauptbestandteil Aconitin, das Gift des Blauen Eisen‐ hutes und verwandter Gewächse, das das Bild eines schweren Schlaganfalls imitiert. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 280 Diese Bemühungen stellt Moog wieder in Anlehnung an Tacitus1285 folgenderma‐ ßen dar: Hier schlug die Stunde des Gaius Stertinius Xenophon. Es fällt schwer die Nie‐ dertracht seines Verhaltens zu glauben, doch Tacitus ist ein zuverlässiger Gewährsmann. Demnach hatte Agrippina Xenophon gleichsam als `ultima ratio´ eingeplant und dies auch mit ihm abgesprochen. Der natürlich eilends hinzustürzende Leibarzt gab vor, durch Auslösen von Erbrechen den sich in den Krämpfen windenden Kaiser entlasten zu wollen. Dazu führte er eine Feder in seinen Rachen – eine typische Provokation von Würgereiz. Diese hatte Xenophon aber zuvor mit einer sofort tödlichen Tinktur bestri‐ chen. Augenblicklich hauchte Claudius seinen Geist aus.1286 In weitgehender Übereinstimmung mit dem von Tacitus überlieferten Material, führt Moog das Ableben des Claudius darauf zurück, dass Stertinius Xenophon dem Kaiser, unter dem Vorwand, auf diese Weise ein Erbrechen desselben herbeiführen zu wollen, mittelst einer Speifeder ihm im Rachen einen stark aconitinangereicherten Giftsirup appliziert habe. Bei dem Bemühen, die dramatisierende Erzählweise des Ta‐ citus nicht nur nachzuahmen, sondern auch noch zu übertreffen, - indem Xenophon als eilends hinzustürzender Leibarzt charakterisiert wurde, unterliefen dem Medizin‐ historiker jedoch drei vermeidbare Fehler, ein quellenkritischer, ein semantischer und ein medizinisch-toxokologischer: In quellenkritischer Hinsicht erscheint es als problematisch, Tacitus eine besonde‐ re Zuverlässigkeit zu attestieren, ohne die divergierenden Darstellungen der Parallel‐ überlieferung Suetons und des Cassius Dio überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und in Rechnung zu stellen, dass Tacitus, als Laie in medizinisch – pharmakologischen Fra‐ gen kaum besondere Glaubwürdigkeit beanspruchen1287 kann. Hinsichtlich des Text‐ verständnisses ist zu beachten, dass Tacitus speziell den angeblichen Einsatz einer ver‐ gifteten Speifeder durch den Arzt nicht als auktorialer Erzähler berichtet, sondern un‐ ter dem Vorbehalt, dass dies geglaubt wurde1288, und dabei durchaus offen ließ von wem. Bezüglich der medizinisch – pharmakologischen Aspekte des Falles ist aber, wie bereits im Zusammenhang mit dem Fall des Britannicus erörtert wurde, darauf hin‐ zuweisen, dass ein derartig schnell und blitzartig wirkender Giftstoff, wie das im Falle des dem Claudius angeblich mit einer Speifeder applizierten Aconitins unterstellt wird, kaum vorstellbar wäre. Selbst im Falle des Einsatzes von hochkonzentriertem Cyanid1289 – Cyanid gilt zur Zeit als das am schnellsten wirkende Toxin überhaupt – wäre ein sofortiger Exitus nicht zu erwarten. 1285 S. o. Tac. ann. 12, 67, 2: ille tamquam nisus evomentis adiuvaret, pinnam rapido veneno inlitam fau‐ cibus eus demisisse creditur. 1286 Moog P. F., s. o. S. 15; 1287 Als Beispiele für die Unzuverlässigkeit des Tacitus sei hier u. a. auf seine Darstellungen der Tötun‐ gen des Piso (Vgl. Tab. I, 7) sowie vor allem des Britannicus (s. o. und Tab. IV, 5) hingewiesen. 1288 S. o. Tac. ann. 12, 67, 2: ille … pinnam rapido veneno inlitam faucibus eius demisisse creditur. Die Einkleidung der Information in einen NCI mit creditur als Prädikat ist auf jeden Falls als Aus‐ druck einer gewissen Distanz des Tacitus gegenüber der Information zu deuten. 1289 Selbst bei einer hyperakuten Cyanidvergiftung würden immerhin noch drei Minuten vergehen, be‐ vor mit dem Eintritt einer Atemlähmung der exitus unausweichlich würde. Vgl. http:// www.cyanidvergiftung. de/zeitfaktor.htm (2015) 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 281 Im Falle der Applikation von hochkonzentrierten Aconitin mittelst einer Speife‐ der1290, hätte Claudius, falls er zu dem Zeitpunkt nicht bereits verstorben oder sich in einem komatösen Tiefschlaf befunden haben sollte, sondern wie in jenen Quellen, in der eine zweite Intoxikation des Claudius behauptet wird, im Wachzustand, – noch 5 Minuten Zeit gehabt, – ausgehend von der Überlegung, dass im Falle einer hyperaku‐ ten Cyanidvergiftung die Zeitspanne zwischen Intoxikation und Exitus mindestens 5 Minuten betragen hätte1291, – um im Zuge des auch von Moog beachteten Würgere‐ flexes - mit dem erbrochenen Mageninhalt einen großen Teil des mengenmäßig oh‐ nehin als nicht zu umfangreich zu veranschlagenden Toxins wieder von sich zu geben. Daraus aber folgt, dass selbst in dem unwahrscheinlichen, aber immerhin mögli‐ chen Falle, dass Stertinius Xenophon alle Bedenken gegen eine aktive Beteiligung an der Tötung des Claudius hintan gestellt haben sollte1292, es als ausgeschlossen angese‐ hen werden muss, dass es dem Arzt so schnell, wie Moog das unterstellt, gelungen sein könnte, Claudius zu töten. Aus diesem Grunde kann im Falle des Claudius allenfalls von einer Mitwisser‐ schaft des Arztes ausgegangen werden, und zwar in dem Sinne, dass er wusste, dass Claudius vergiftet werden sollte und auch den Zeitpunkt von dessen Exitus, wahr‐ scheinlich erst in den frühen Morgenstunden des 13. 10. 54, ziemlich genau kannte, sich aber an den Bemühungen Agrippinas bzw. Neros aktiv beteiligte, diesen zu ver‐ schleiern, u. a. durch selbstverständlich vergebliche Versuche, die scheinbare Pilzver‐ giftung durch willkürliche Magenentleerungen und Darmspülungen, auch durch die Veröffentlichung von Fehlinformationen über den Zustand des bereits verstorbenen Kaisers, – bis in Verhandlungen mit den Prätorianern, vor allem mit deren Präfekten Afranius Burrus erreicht war, dass diese Nero als Nachfolger des Claudius akzeptier‐ ten 1293. Hierbei dürfte auch das Versprechen eines sog. Donativs1294 an die Adresse der Prätorianer einen erheblichen Beitrag dazu geleistet haben, dass sich deren Mur‐ ren in Grenzen hielt und auch der Senat sich dem „Votum“ der Prätorianer nicht wi‐ dersetzte1295. Somit ist in den Fällen des Claudius1296 und des Britannicus eine durch einen Arzt geleistete Tötungsassistenz als unwahrscheinlich einzustufen, damit mittelbar aber 1290 Zu Erbrechen in der Antike, auch zu künstlich herbeigeführtem Erbrechen vgl. Stamatu, M., Er‐ brechen, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 267; S. weist daraufhin, dass es in der frühen römischen Kaiserzeit in der Oberschicht „als Mittel angewandt wurde, um den überfüll‐ ten Magen für weitere Völlerei zu entlehren.“ nennt in dem Kontext sogar Claudius, geht aber auf die näheren Umstände von dessen Ableben nicht ein. 1291 Vgl. http://www.cyanidvergiftung.de/zeitfaktor.htm (2015) 1292 Mit diesen Möglichkeiten wollen wir uns noch in den Kap. 3. 2 und 3. 3 dieser Untersuchung noch intensiver auseinandersetzen. 1293 Vgl. dazu Tac. ann. 12, 69; vgl. Suet. Claud. 44, 3; 1294 Vgl. Tac. ann. 12, 2: promisso donativo … imperator consalutatur, scientiam militum secuta patrum consulta. 1295 S. o. Tac. ann. 12, 2; 1296 Die von O. Wenskus in Bezug auf den Fall des Claudius angemahnte Vorsicht gegenüber einer „re‐ trospektiven Diagnose“ (S. o. In Leven, K.-H. Antike Medizin … Sp. 203 f.) wird hinsichtlich der These P. F. Moogs, dass er von seinem Leibarzt mittelst einer vergifteten Speifeder getötet worden sei, hier geteilt, - obwohl es in Anbetracht der bezüglich einer Vergiftung mittelst eines vergifteten Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 282 auch in allen übrigen Fällen, jedenfalls soweit in ihnen durch entsprechende Zeugnis‐ se der Quellen Agrippina oder Nero als Initiator der jeweiligen Intoxikationen charak‐ terisiert werden1297. Diese Schlussfolgerung ergibt sich nicht allein daraus, dass eine ärztliche Tötungsassistenz bezüglich dieser Fallgruppe in den Quellen nicht nur nicht erwähnt wird, sondern unabhängig von diesen Unsicherheiten, auch aus der von Sue‐ ton bezeugten Information, dass Nero aus der Erleichterung darüber, dass es Locusta am Ende doch gelang, Britannicus zu vergiften, diese nicht nur beschenkte, sondern ihr auch Straflosigkeit zusicherte1298, - sicherlich nicht ohne den Nebengedanken, wann immer ihm das als sinnvoll erschien, sich erneut ihrer Hilfe zu bedienen. Daher ist nicht erkennbar, warum Nero im Bedarfsfalle, statt auf den Rat eines Arztes, nicht erneut hätte auf die Dienste Locustas oder deren Schülerinnen und Schüler zurück‐ greifen sollen. Lediglich in den beiden Selbsttötungsfällen der Regierungszeit Neros1299, kom‐ men die o. g. Gründe für einen Ausschluss ärztlicher Tötungsassistenz nicht infrage, dafür aber andere: Im Falle Senecas wurde bereits in Kapitel 1 dieser Untersuchung die Möglichkeit einer willentlichen und wissentlichen Tötungsassistenz ausgeschlos‐ sen, in dem Fall des P. Anteius1300 lassen die dazu überlieferten Informationen eben‐ falls die Vermutung eines aktiven Eingreifens eines Arztes in die Selbsttötungsbemü‐ hungen dieser Person nicht zu. Tacitus berichtet dazu in einer Notiz zu Ereignissen des Jahres 66 n. Chr. Folgendes: atque ille, hausto veneno, tarditatem eius perosus inter‐ cisis venis mortem adproperavit.1301 (aber nachdem jener einen Giftbecher ausgetrun‐ ken hatte, ärgerte er sich über dessen langsame Wirkung und beschleunigte sie durch das Öffnen von Adern.) Nach dieser Notiz versuchte sich P. Anteius zuerst zu vergiften, nachdem ihm dies aber zu lange dauerte, öffnete er sich angeblich auch noch größere Blutadern. Über die Herkunft des Gifts, mit dessen Hilfe sich P. Anteius zunächst zu töten versuchte, bevor er sich auch noch in Selbsttötungsabsicht Adern öffnete, erfährt man aber we‐ der bei Tacitus noch in anderen Quellen Näheres. Man könnte Mutmaßungen da‐ rüber anstellen, ob nicht Ofonius Tigellinus ihm das Gift zur Verfügung stellte, damit er sich damit selbst töte, insofern er sich augenscheinlich nicht aus Verzweiflung selbst tötete, sondern weil er durch den Prätorianerpräfekten dazu ausdrücklich ge‐ drängt wurde; somit könnte auch dieses Gift aus der Giftküche Locustas stammen oder einer ihrer Schülerinnen; allerdings bieten die Quellen keine Grundlage, dies Pilzgerichts übereinstimmenden Quellenzeugnisse durch Agrippina und Locusta für ihre Zweifel an einer tödlichen Intoxikation kaum „belastbare“ Indizien gibt. 1297 Vgl. dazu Tab. IV, Nr. 2. 11. 12. 13. 15; 1298 Vgl. Suet. Nero 33, 3: Lucusta pro navata opera impunitatem praediaque ampla, sed et discipulos de‐ dit. 1299 Vgl. Tab. I, 21 (Seneca) und I, 38 (P. Anteius); 1300 P. Anteius, ein legatus Aug. pr. pr. von Dalmatien im J. 51/52 n. Chr. (CIL III 1977), im J. 55 vorge‐ sehen als leg. Aug. pr. pr. Syriae, wurde aber unter verschiedenen Vorwänden in Rom zurückgehal‐ ten (Vgl. Tac. Ann. 13, 22.), bis er im Jahre J. 66 n. Chr. durch Ofonius Tigellinus zur Selbsttötung gedrängt wurde (Vgl. Tac. ann. 16, 14.). Vgl. Rohden, P. v., Anteius 4, in RE, Band I,2 (1894), Sp. 2349; 1301 Vgl. Tac. ann. 16, 14, 3; 2.2 Unnatürliche Todesfälle der Zeit Caligulas, Claudius´ und Neros (37 – 68 n. Chr.) 283 auch zu beweisen. Auf der anderen Seite ließe sich aber auch für den Fall, dass jenes Gift von Locusta beschafft worden sein sollte, daraus keine Anhaltspunkte für die In‐ volvierung eines Arztes ableiten; auch andere zur Zeit bekannten Quellen zu der Per‐ son des Anteius liefern keinerlei Anhaltspunkte für die Annahme, dass an der Beschaf‐ fung jenes Toxins ein Arzt hätte involviert sein können. Damit lässt sich auch bezüglich der unnatürlichen Todesfälle der Regierungszeit Neros ein einfaches und klares Fazit ziehen: Eine durch Ärzte geleistete Tötungsassis‐ tenz gab es unter Nero nicht, weder im Zusammenhang mit Fremdtötungen, noch mit Selbsttötungen. Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) Das Regime Neros endete in einer Orgie der Gewalt, wie sie Rom, ja mehr noch der Mittelmeerraum insgesamt, seit dem 02. 09. 31 v. Chr., d. h. seit der Schlacht bei Akti‐ um1302, welche die Auseinandersetzungen zwischen Octavianus auf der einen Seite und Marcus Antonius sowie Kleopatra auf der anderen wegen der Vorherrschaft über den Mittelmeerraum beendete, nicht mehr erlebt hatte. Der sog Pisonischen Ver‐ schwörung des Jahres 65 n. Chr., deren Aufdeckung u. a. Seneca seinen Tod verdank‐ te1303, folgte in den Jahren 66 oder 67 n. Chr. eine Verschwörung, welche nach ihrem mutmaßlichen Oberhaupt, Annius Vinicianus1304, als Vinicianische Verschwörung be‐ zeichnet wird. Im Frühjahr 68 n. Chr. erhob sich Gaius Iulius Vindex1305, Statthalter der Provinz Gallia Lugudunensis gegen Nero und wurde hierbei unterstützt durch Ser‐ vius Sulpicius Galba1306, den Statthalter der Provinz Hispania Terraconensis, der sich 2.3 1302 Vgl.: Brambach, J.: Kleopatra. München 1996, S. 299–311; Clauss, M.: Kleopatra. München 2000, S. 90-98. Laspe, D.: Actium. Die Anatomie einer Schlacht. In: Gymnasium. Band 114, 2007, S. 509– 522; Schäfer, Chr.: Kleopatra. Darmstadt 2006, S. 222–230; 1303 s. o. Kap. 1 und Tab. IV, 21; 1304 Sohn des M. oder L. Annius Vinicianus, der nach dem Tode Caligulas 41 n. Chr. angeblich selbst Thronprätendent war (Cass. Dio 60.15.1), zusammen mit Lucius Arruntius Camillus Scribonianus (Vgl. Tab. III, 7;) einen Aufstand in Dalmatien organisierte und sich nach dessen Scheitern 42 n. Chr. selbst tötete (Vgl. Tab. III, 8;). Außerdem war er ein Schwiegersohn des Gnaeus Domitius Cor‐ bulo (Vgl. Tab. IV, 49;), der ihn 63 n. Chr. zum leg. Aug. der legio V Macedonica ernannt hatte. Un‐ ter Nero wurde Vinicianus im Jahre 66 cos. suff., ohne vorher Prätor gewesen zu sein (Tac. ann.15.28; Cass. Dio 62, 28, 6;). Warum er gegen Nero putschte, ist nicht bekannt, vermutet wird, dass die Situation seiner Familie ihn zum Handeln zwang. Vgl. Krüger, J.: Nero. Ein Kaiser und seine Zeit. Köln, Weimar, Wien 2012, S. 386 f.. 1305 Gaius Iulius Vindex (*um 25; †68 bei Vesontio, heute Besançon), stammte aus Aquitanien, seit 67 n. Chr. Statthalter der Provinz Gallia Lugdunensis (Vgl. Tab. V, 1); vgl. Callies, H.: Rom von der klas‐ sischen Republik bis zum Beginn der Völkerwanderung. Stuttgart 1981. Christ, K.: Die Römer. München 19943. Hanslik, R., Iulius Nr 92, in KIP, Bd. 5, Sp. 1537–1538; 1306 Lucius Livius Ocella Servius Sulpicius Galba,*24. 12. 3 v. Chr. bei Tarracina; †15. 01. 69 n. Chr. in Rom, Sohn des Gaius Sulpicius Galba, cos. suff. 5 v. Chr., 33 n. Chr. selbst cos ord., während der Herrschaft Caligulas ab 39 n. Chr. leg. Aug. pr. pr. Germaniae superioris, unter Claudius in dessen Begleitung bei der Eroberung Britanniens, 45–47 n. Chr. Prokonsul von Africa, unter Nero ab 60 n. Chr. Statthalter der Provinz Hispania Tarraconensis. Vgl. Tab. VI, 1; Hanslik, R., Galba 2, in KIP, Bd, 2, Sp. 670–672; Flaig, E.: Den Kaiser herausfordern. Ffm. 1992. Fluß, M.: Sulpicius 63. In: RE. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 284 am 2. 04. 68 zum legatus senatus populique Romani erklärte und damit von Nero los‐ sagte, durch Marcus Salvius Otho1307, den Statthalter von Lusitania, und durch Lucius Verginius Rufus1308, den leg. Aug. pr. pr. Germaniae superior. Von den o. g. Unterstützern des Iulius Vindex konnten sich in der Folgezeit Servi‐ us Sulpicius Galba und Marcus Salvius Otho zeitweilig als Kaiser durchsetzen. Galba wurde am 3. 04. 68 n.Chr. in Carthago Nova1309 zum Kaiser ausgerufen, am 8. Juni auch durch den Senat als Kaiser anerkannt, bis zum 15. 01. 69 n. Chr. und Otho vom 15. 01. 69 bis zu seinem Tod am 16. 04. 69 in Brixellum. Bereits am 02. 01. 69 n. Chr. hatten sich in Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln), aber auch Aulus Vitelli‐ us1310 zum Kaiser ausrufen lassen. Den nach der Ermordung Galbas (am 15. 01. 69 n. Chr.) noch amtierenden zwei Kaisern Otho und Vitellius gesellte sich im Sommer des Jahres noch ein weiterer Be‐ werber um die Alleinherrschaft hinzu: Am 1. 07. 69 n. Chr. riefen die in Ägypten sta‐ tionierten Legionen Titus Flavius Vespasianus1311 zum Kaiser aus, denen sich am 07.07.69 n. Chr. auch die syrischen Legionen anschlossen sowie die römischen Klien‐ telkönige des Orients. Aber erst am 20. 12. 69 n. Chr. gelang es im Dienste Vespasians stehenden Truppen, mit der Besetzung der Stadt Rom das monatelange Ringen um die Nachfolge Neros militärisch für sich zu entscheiden. Aber noch einmal ein halbes Jahr sollte es dauern, bis Vespasian persönlich nach Rom kommen konnte, um sich dort als neuen Herrscher Roms zu präsentieren1312. Unumstritten war die Alleinherr‐ schaft Vespasians aber bereits seit dem 22. 12. 69 n. Chr, als diese auch durch den Se‐ Bd. IV A, 1, Stuttgart 1931, Sp. 772–801; Wellesley, K.: The year of the four emperors. London 20003. 1307 Marcus Salvius Otho, *28. 04. 32 in Ferentium; †16.04. 69 in Brixellum, seit 59 n. Chr. leg. Aug pr. pr. Lusitaniae. Vgl. Tab.VII, 1; Winkler, G., Otho, in KIP Bd. 4, Sp. 380 – 381; Flaig, E.: Den Kaiser herausfordern. Ffm.1992. Nagl, A.: Salvius 21. RE, Bd. I A,2, Stuttgart 1920, Sp. 2035–2055. Welles‐ ley, K.: The year of the four emperors. London 20003. 1308 *um 14 n. Chr. bei Comum (h. Como); †97; Vgl. R. Engel: Verginius II. 1. In KIP, Bd. 5, Sp. 1205 f.; 1309 Heute Cartagena in Südostspanien; 1310 *7. bzw. 24. 09. 12 oder 15 n. Chr. in Luceria; † 20. oder 21. 12. 69 in Rom, Sohn des Lucius Vitellius (cos. 34, 43 und 47, der an den Höfen der Kaiser Tiberius, Caligula und Claudius einflussreiche Po‐ sitionen bekleidete,) 48 n. Chr. selbst erstmalig Konsul; Unter Nero 60/61 n. Chr. Prokonsul der Provinz Africa, anschließend dort Legionslegat unter seinem Bruder Lucius, der ihm als Statthalter nachgefolgt war, Ende 68 n. Chr. durch Galba zum leg. Aug. pr. pr. Germaniae inferioris ernannt, als der er im Januar 69 n. Chr. gegen Galba putschte. Vgl. Winkler, G., Vitellius, 2, in KIP, Bd. 5, Sp. 1303–1306; Tab. VIII, 1; 1311 *17. 11. 9 in Falacrinae; †23. 06. 79 in Aquae Cutiliae, Vespasian bekleidete unter Caligula Quästur, Ädilität und Prätur. Unter Claudius hatte er verschiedene militärische Kommandos inne, 42 n. Chr. in Germanien über die legio II Augusta, 43/44 n. Chr. gehörte er während der Eroberung Britanni‐ ens durch Claudius dessen Stab an, 47 n. Chr. kehrte er Rom zurück und bekleidete dort 51 n. Chr. erstmals ein Konsulat. Unter Nero bekleidete er 62 n. Chr. das Amt eines Prokonsuls von Africa und übernahm 67 n. Chr. das Oberkommando der römischen Truppen in Syrien im Zusammenhang der Niederschlagung des sog. Jüdischen Aufstandes. Vgl. Hanslik, R., Vespasianus, in KIP, Bd. 5, Sp. 1224–1226; 1312 Vgl. Flaig, E.: Den Kaiser herausfordern. Ffm. 1992, S. 356–416, Jones, Ch. P.: Egypt and Judaea under Vespasian. In: Historia. Bd. 46, 1997, S. 249–253, Levick, B.: Vespasian, London und New York 1999. 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 285 nat1313 offiziell anerkannt wurde. Von Vespasian aus ging diese nach dessen Tod (†am 23. 06. 791314 in Aquae Cutiliae) auf dessen Söhne über, am 24. 06. 79 auf den älteren, Titus1315, nach dem Ableben des letzteren, am 13. 09. 81 in Aquae Cutiliae, am 14. 09. 81 n. Chr., auf dessen jüngeren Bruder Domitian1316, bis zu dessen Ermordung am 18. 09. 96 n. Chr.. Obwohl auch bezüglich der unnatürlichen Todesfälle dieser Epoche die Frage nach der Inzidenz ärztlicher Tötungsassistenz im Focus steht, erzwingt die Quellenla‐ ge, die in vielen Fällen eine klare Typologisierung nicht zulässt, zumindest nicht hin‐ sichtlich der Tötungsmittel, sowie die Identifizierung einer großen Zahl von betroffe‐ nen Opfern als „Philosophen“, bei denen man nach unseren bisherigen Erkenntnissen als Tötungsart am ehesten Selbsttötungen erwarten würde, die aber nach den Aussa‐ gen der Quellen dennoch mehrheitlich „Fremdtötungen“ zum Opfer fielen, eine vor‐ herige sorgfältige Analyse des politischen Hintergrunds. Der politische Hintergrund Der ganzen Epoche der Herrschaft der Kaiser von Galba bis Domitian, die einem Zeitraum von ca. 28 Jahren umspannt, d. h. der Dauer der Regentschaften des Tiberi‐ us und des Gaius zusammen, entspricht, lassen sich 82 unnatürliche Todesfälle zuord‐ nen, die sich auf die einzelnen Kaiser wie folgt verteilen: Galba 18, Otho 14, Vitellius 15, Vespasian 12 und Domitian 23.1317Die Verteilung der Fälle auf die Regentschaften der einzelnen Kaiser erscheint auf den ersten Blick als unspektakulär, muss aber in 2.3.1 1313 Durch die die Lex de imperio Vespasiani, deren Verabschiedung im Senat Tacitus auf den 22. 12. 69 n. Chr. datiert. Vgl. Tac. hist. 4, 3, 3. Zum Wortlaut: CIL 6, 930 = 31207 = Dessau, H., Inscrip‐ tiones Latinae selectae (ILS) 244. Vgl. Brunt, P.: Lex de imperio Vespasiani. In: JRS. 67, 1977, S. 95– 116. Pabst, A.: „... ageret faceret quaecumque e re publica censeret esse“. Annäherungen an die lex de imperio Vespasiani. In: Dahlheim, W. (Hrsg.): Festschrift Robert Werner zu seinem 65. Ge‐ burtstag. Konstanz 1989, S. 125–148. Thompson, J. S.: Demonstrative Legitimation der Kaiserherr‐ schaft im Epochenvergleich. Zur politischen Macht des stadtrömischen Volkes. Stuttgart 1993, S. 63 f., Anm. 172. 1314 Gelegentlich wird auch 24. 06. 79 n. Chr. als Todestag Vespasians genannt, u. a. von Bengtson, H.: Die Flavier. Vespasian, Titus, Domitian. München 1979, S. 289; Vgl. Eck, W.: Rezension von Her‐ mann Bengtson. Die Flavier. Vespasian, Titus und Domitian. In: Gnomon. Bd. 53, 1981, S. 343– 347. Ansonsten vgl. Christ, K.: Geschichte der Römischen Kaiserzeit. München 20024, S. 243–264. Griffin, M.: The Flavians. In: Bowman, A. K., Garnsey, P. und Rathbone, D. (Hrsg.): The Cam‐ bridge Ancient History 11. The High Empire, A. D. 70–192. Cambridge 2000, S. 1–83. Pfeiffer, St.: Die Zeit der Flavier. Vespasian, Titus, Domitian. Darmstadt 2009. 1315 Imperator Titus Caesar divi Vespasiani filius Vespasianus Augustus, *30. 12. 39; †13. 09. 81, herrsch‐ te als Kaiser vom 24. 06. 79 bis zu seinem Tod. Vgl. Hanslik, R., Titus, Nr. 2, in: KIP Bd. 5; Sp. 874– 876; 1316 Titus Flavius Domitianus, *24. 10. 51, †18. 09. 96, trat die Nachfolge seines Bruders als „Kaiser“ am Tage nach dessen Ableben an, am 14. 09. 81 n. Chr. auch als Inhaber der tribunicia potestas. Vgl. Hanslik, R., Domitianus 1, in KIP, Bd. 2; Sp. 122–125; Jones, B. W.: The Emperor Domitian. Lon‐ don 19932, S. 20 f.; 1317 Vgl. Tab. X; Der Regentschaft des Titus lässt sich unter chronologischen Gesichtspunkten kein Fall zuordnen, unter politischem Aspekt betrachtet, müsste man zwei Fälle der Regierungszeit Vespasi‐ ans (Vgl. Tab. VIII, Nr. 10 und 11) eher Titus zuordnen, weil Tab. VIII, Nr. 10 nach den Angaben Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 286 Relation zur Dauer derselben gesehen werden, wobei dann doch Unterschiede der Fallfrequenzen ins Auge fallen: Galba 12,08, Otho 6,61, Vitellius 16,53, Vespasian 289,17 und Domitian 238,26 Tage/Fall.1318 G al ba (6 8/ 69 ) N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . Ä rz tl. A ss . Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 1 Iu liu s V in de x 68 n. Se lb stt öt un g w. S ch w er t au sg es ch l. hi st, 1, 51 ,1 G al b. 11 ,2 63 ,2 4, 4 Jo h. A nt . fr. 91 2 Ks .N er o 68 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. N . 5 7 63 , 2 7 – 29 ,2 3 Ci ng on iu s V ar ro 68 n. Fr em dt öt un g un kl ar un w ah rs ch . hi st. 1 ,5 . 3 7 - - 4 N ym ph id iu s S ab in us 68 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . hi st. 1, 5. 37 ,3 G .1 1 63 ,2 ,1 Pl ut .G .1 4 Xi ph . 18 6 5 L. C lo di us M ac er 68 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . hi st. 1, 7. 11 .3 7, 3 G .1 1 6 Fo nt ei us C ap ito 68 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . hi st. 1, 7. 11 .3 7, 3 G .1 1 63 ,2 ,1 Xi ph . 1 86 7 Pe tro ni us T ur pi lia nu s 68 n. Fr em dt öt un g un kl ar un w ah rs ch . hi st. 1, 6. 37 8 O bu ltr on iu s S ab in us 68 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . hi st. 1, 37 - - 9 C or ne liu s M ar ce llu s 68 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . hi st. 1, 37 - - 10 Be tu us C ilo 68 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . hi st. 1, 37 - - 11 Ti tu s V in iu s 69 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. hi st. 1, 42 Pl ut .G .1 6, 4; 12 H eli us 68 /6 9 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. 63 ,3 ,4 Pl ut .G .1 7, 2 13 Po ly cle ito s 68 /6 9 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. Pl ut .G .1 7, 2 14 Pe tin os 68 /6 9 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. Pl ut .G .1 7, 2 15 Pa tro bi us 68 /6 9 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. 63 ,3 ,4 Pl ut .G .1 7, 2 16 N ar ci ss us 68 /6 9 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. 63 ,3 ,4 17 Lo cu sta 68 /6 9 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. 63 ,3 ,4 18 Sc ip ul us p ra ef . p ra et . 68 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. 63 ,2 7, 2 Jo h. A nt .fr .9 1 Ta be lle V : der Quellen auf Befehl des Titus getötet wurde und auch Tab. VIII, Nr. 11 in eine Verschwörung verwickelt war, die sich vor allem gegen Titus richtete. 1318 Vgl. Tab. X a; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 287 O th o (6 9) N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 1 S. S ul p. G al ba 69 n. Fr em dt öt un g iu gu la tu s au sg es ch l. hi st. 1, 41 ,2 -3 G al .2 0, 2 63 ,5 ,1 -6 ,4 Pl ut .G al b. 24 2 L. P iso 69 n. Fr em dt öt un g tr uc id at us au sg es ch l. hi st. 1, 43 ,2 O th .5 ,3 63 ,6 ,5 3 C or n. La co p r.p r. 69 n. Fr em dt öt un g du rc hb oh rt au sg es ch l. hi st. 1, 46 ,5 G .1 4, 2 4 M ar ci an . I ce lu s 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 46 ,5 G .1 4, 2 5 Po m p. Pr op in qu . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 58 ,1 6 Cr isp in us ce nt . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 58 ,2 7 N on iu s c en t. 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 59 ,1 8 D on at iu s c en t. 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 59 ,1 9 Ro m ili us ce nt . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 59 ,1 10 Ca lp ur ni us ce nt . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 59 ,1 11 Iu liu s A lp in us 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 1, 68 ,2 12 O f. Ti ge ll. pr .p r. 69 n. Se lb stt öt un g Ra sie rm es s. au sg es ch l. hi st. 1, 72 ,3 Pl ut .O th o 2 13 Va riu s C ris p. tr . 69 n. Fr em dt öt un g M eu te re i au sg es ch l. hi st. 1, 80 ,2 14 N er o fa lsu s 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 9, 2 Ta be lle V I: Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 288 Vergleicht man diese Fallfrequenzen mit denen der früheren Kaiser, Tiberius – Nero, bei denen Frequenzen von maximal 85,13 (bei Caligula) und 108,41 (bei Tiberi‐ us)1319 zu errechnen sind, kann man die Unterschiede als dramatisch bezeichnen, wo‐ für es aber, zumindest für die hohe Fallfrequenz während der kurzen „Regierungszei‐ ten“ Galbas, Othos und Vitellius eine einfache Erklärung gibt: Es herrschte zwischen dem Tod Neros und der allgemeinen Anerkennung Vespasians als dessen Nachfolger eine Art Bürgerkrieg, auch wenn sich hierbei weniger „Bürger“ bekriegten, sondern „Warlords“. Andererseits stellt sich die Zeit der Kaiser, Vespasian und Domitian mit Fallfre‐ quenzen von 289, 17 bzw. 238,26 Tagen/Fall1320 als innenpolitisch außerordentlich stabil dar. Das gilt nicht zuletzt für die Regierungszeit Domitians, - der in den Quellen in besonderem Maß als Tyrann verunglimpft wird, – welche sich nicht nur im Ver‐ gleich mit Regierungszeiten Galbas, Othos und des Vitellus, sondern auch mit denen der Kaiser Tiberius – Nero innenpolitisch aber als eine friedliche Zeit darstellt. 1319 Vgl. Tab. X; 1320 Vgl. Tab. X a; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 289 Vi tel liu s ( 69 ) N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 1 O th o Ks . 69 n. Se lb stt öt un g D ol ch au sg es ch l. hi st. 2 ,4 9, 2 O .1 1, 2 63 ,1 5, 1 Xi ph . Z on . 2 C oe nu s l ib . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 54 3 Lu cc . A lb in us 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 58 ,1 –5 9, 1 4 ux or A lb . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 59 ,1 5 Fe stu s p r.c oh . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 59 ,1 6 Sc ip io p r.c oh . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 59 ,1 7 A sin iu s P ol l. pr . a . 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 59 ,1 8 M ar ic cu s 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 61 9 C or n. D ol ab el la 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 63 -6 4 10 G et a S kl av e 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 2, 72 11 Iu ni us B la es us 69 n. Fr em dt öt un g G ift un kl ar hi st. 3, 38 -3 9 12 Iu liu s A gr es tis c. 69 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar hi st. 3, 54 13 Fa bi us V al en s 69 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 3, 62 14 Fl av iu s S ab in us 69 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. hi st. 3, 74 –7 5 Vi t.1 5, 3 15 Sp or us 69 n. Se lb stt öt un g un kl ar un kl ar 64 ,1 0, 1 Ta be lle V II: Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 290 Ve sp as ia n (6 9 – 79 ) N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . är zt l. As s. Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 1 K s. Vi te lli us 69 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. hi st. 3, 84 –8 5 Vi t.1 7– 18 65 ,2 1, 2 2 L. V ite lli us fr . 69 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. hi st. 4, 2, 3 Vi t.1 8 65 ,2 2, 1 3 Vi te lli us fi l. 69 n. Fr em dt öt un g Er m or du ng au sg es ch l. hi st. 2, 61 ;4 ,8 0; Vi t.1 8 65 ,2 2, 2 4 L. C al p. P iso 70 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 4, 48 –5 0 5 Pa pi riu s c en tu rio 70 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. hi st. 4, 48 6 H elv id iu s P ris cu s 75 -7 9 Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. ve rlo re n V. 15 65 ,1 2, 1. 3 Pl in .ep .7 ,1 9, 4 7 H er as (P hi lo so ph 75 -7 9 Fr em dt öt un g un kl ar un w ah rs ch . 65 ,1 5, 5 8 Sa bi nu s G al lu s 76 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. 65 ,1 6, 1 – 2 9 Pe po ni lla u x. G al li 76 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. 65 ,1 6, 1 – 2 10 A . C ae ci na A lie nu s 79 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g au sg es ch l. ve rlo re n Ti t.6 ,2 66 ,1 6, 3 11 T. E pr . C . M ar ce llu s 79 n. Se lb stt öt un g Ra sie rm es se r au sg es ch l. ve rlo re n 66 ,1 6. 4 12 P. Li ci ni us C ae ci na 69 -7 9n . Se lb stt öt un g G ift un w ah rs ch . * Pl in .n .h .2 0, 19 9; PI R 5, 1, L1 78 * B ra nd t, U. s. L it. - Ve rz . Ta be lle V III : 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 291 Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn man berücksichtigt, dass die Mehrzahl der Fälle der Regierungszeit Domitians, nämlich 15 von 23, in die 90-er Jahre zu da‐ tieren ist, d. h. in die Zeit nach der Niederwerfung des Aufstandes L. Antonius Sa‐ turninus1321 im Jahr 89 n. Chr. und nach der zeitweiligen Verstoßung seiner Ehefrau Domitia Longina1322, die erst im Jahre 90 n. Chr. wieder aufgehoben wurde1323. Klam‐ merte man diese 9 Fälle aus, dann ließe sich für die ersten zehn Jahre der Regierungs‐ zeit Domitians eine Frequenz von 260, 07 Tage/Fall errechnen, nach dem Wert für die Regierungszeit Vespasians der günstigste Wert für die gesamte frühe römische Kaiser‐ zeit, – wenn man von der Regierungszeit des Titus absieht, der sich kein unnatürli‐ cher Todesfall zuordnen lässt. 1321 Lucius Antonius Saturninus (†89), in Mogontiacum (Mainz) der legio XIIII Gemina und der legio XXI Rapax, im Januar 89 zum Imperator ausgerufen; der Aufstand wurde nach 42 Tagen von Trup‐ pen des Statthalters der Provinz Germania inferior, Aulus Bucius Lappius Maximus, niedergeschla‐ gen. Vgl. Strobel, K.: Der Aufstand des L. Antonius Saturninus und der sogenannte zweite Chat‐ tenkrieg Domitians. In: Tyche 1, 1986, S. 203–220, Walser, G.: Der Putsch des Saturninus gegen Domitian. In: Schmid, E., Berger, L., Bürgin, P. (Hrsg.): Provincialia. Festschrift für Rudolf Laur- Belart. Basel 1968, S. 497–507; 1322 Domitia Longina (*vor 55; †zwischen 126 und 140 n. Chr.), Tochter des Gnaeus Domitius Corbulo (Vgl. Tab IV, Nr. 48,), seit 70 n. Chr. mit Domitian verheiratet, gebar entweder 71 oder 73 einen Sohn und ca. 76 eine Tochter, die aber beide jung starben. Vgl. Demandt, A.: Das Privatleben der römischen Kaiser. 2007, S. 93–95, Eck, W.: Domitia [6]. In: DNP. Bd. 3, Stuttgart 1997, Hemelrijk, E. A.: Matrona Docta: Educated Women in the Roman Élite from Cornelia to Julia Domna. Lon‐ don 2004, S. 108–111. 1323 Aufgrund des zeitweiligen Verschwindens ihres Namens in den Opferprotokollen der Arvalakten, erscheint es als naheliegend ihre Verstoßung in die Zeit zwischen Januar 87 und Januar 90 n. Chr. zu datieren. Vgl. acta fratr. Arv, 14–16; vgl. M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, Select Docu‐ ments of the principates of the Flavian emperors, Cambrigde 1966, p. 23–29; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 292 D om iti an (8 1 – 96 ) F ür d ie Re gi er un gs ze it de s T itu s s in d ke in e F äl le üb er lie fer t. N r. N am e Ze itp . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm . Ä rz tl. A ss . Be le ge : Ta ci tu s Su et on D io an de re 1 Ks . T itu s 81 n. Fr em dt öt un g Ve rn ac hl . an g. /u nw ah rs ch . D om .2 ,3 66 ,2 6, 1 – 4 Pl ut . D e S an . T ue nd a 3 2 Ae liu s L am ia co s.8 0 Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 2 K l. P. Sp 8 9 N o 12 3 Fl av iu s S ab in us 82 – 8 9 Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 4 Ph il. A po ll. 7 ,7 ;K l. P. Sp . 5 73 N o 15 4 H elv iu s A gr ip pa 83 n. Ch r. Se lb stt öt un g un kl ar un w ah rs ch . 67 ,3 ,2 (X ip h. 2 18 ,1 7– 22 ,R .S t.) 5 A rr ec in us C le m en s 83 – 9 6 Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 1, 1 PI R A 10 72 6 Va le riu s F es tu s 84 -8 5 Se lb stt öt un g G ift /in ed ia un w ah rs ch . M ar t.1 ,7 8* 7 L. A nt on iu s S at ur n. 89 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om . 6 ,3 67 ,1 1, 1 Ep it. de C ae s.1 1, 9 8 Sa llu sti us L uc ul lu s 89 /9 0? Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 3 9 M et tiu s P om pu sia nu s 90 /9 1 Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 3 67 ,1 2, 2 – 5 K l.P .1 04 2 10 di sc . P ar id is un kl ar Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 1 11 H er m .T ar se ns is un kl ar Fr em dt öt un g Kr eu zi gu ng au sg es ch l. D om .1 0, 1 12 an .p at er fa m ili as un kl ar Fr em dt öt un g v. H un de n au sg es ch l. D om .1 0, 1 13 Ci vi ca C er ea lis un kl ar Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 2 vi el l. K l. Pa ul i 1 23 9 14 Sa lv iu s C oc ce ia nu s( N .O th os ) un kl ar Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 2 15 C. S al vi di en us O rp h. 93 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 0, 2 Ph il. Vi t.A p. 7, 8, 33 (K l.P . 13 19 /4 7 16 Iu ni us R us tic us 93 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . A gr .2 ,1 ; 4 5, 1 D om .1 0, 3 67 ,1 3, 2 Xi ph 17 H elv . P ris c. f. 93 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . A gr .4 5, 1 D om .1 0, 4 67 ,1 3, 2 Xi ph 18 H er en ni us S en ec io 93 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . A gr .2 ,1 ; 67 ,1 3, 2 Xi ph 19 Cu ria tiu s M at er nu s s op h 93 n. ? Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . di al .d e o r. 67 ,1 2, 5 20 Ac ili us G la br io 95 n. Fr em dt öt un g ad b es tia s au sg es ch l. D om .1 0, 2 67 ,1 4, 3 Xi ph 21 Ep ap hr od itu s 95 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 4, 3, 67 ,1 4, 4 22 Fl av iu s C le m en s 95 n. Fr em dt öt un g H in ric ht un g un w ah rs ch . D om .1 5, 1 67 ,1 4, 1 Xi ph 23 Ks . D om iti an 96 n. Fr em dt öt un g Sc hw er t au sg es ch l. D om .1 7 * B ra nd t, H . S . L it. -V er z. Ta be lle IX : 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 293 Auf der anderen Seite verdient Beachtung, dass sich speziell für das letzte Quin‐ quennium der Regierungszeit Domitians mit 9 Fällen eine Frequenz von 202,77 Ta‐ gen/Fall errechnet, ein auch im Vergleich zu den Werten der Kaiser des julisch-clau‐ dischen Kaiserhauses hoher Wert. Aber auch dafür gibt es eine einfache Erklärung: Domitian1324selbst wurde nach den Angaben einiger über den Fall berichtender Auto‐ ren1325 nicht ohne Wissen seiner Gemahlin ermordet. Ob die antiken Autoren, die das behaupteten, zuverlässig informiert waren, braucht in diesem Kontext nicht ge‐ nauer geklärt zu werden. Allein die Gründe, aus denen jene Autoren zu einer solchen Einschätzung gelangten, liegen auf der Hand: Unter den Opfern der angeblichen „Terrorjustiz“ Domitians befinden sich hochrangige Personen, sogar mehrere Ange‐ hörigen des Kaiserhauses1326. Außerdem wird Stephanus, der Hauptattentäter und Mörder Domitians, von Sue‐ ton als Kämmerer einer Flavia Domitilla bezeichnet1327. Auch wenn über die Identität dieser Flavia Domitilla keine vollständige Klarheit herrscht – wahrscheinlich handelte es sich um eine Tochter Domitillas der Jüngeren1328, d. h. um die Gattin des im Jahre 95 n. Chr. hingerichteten Flavius Clemens1329, des Vaters zweier von Domitian im In‐ teresse der Sicherstellung einer dynastisch legitimierten Nachfolge adoptierten Söh‐ ne1330, – vielleicht war sie eine Christin, nach der die südlich Roms gelegenen Domit‐ illa-Katakomben benannt sind1331, – unabhängig davon ist offenkundig, dass der 1324 Vgl. Tab. IX, Nr. 23; 1325 Vgl. Cass. Dio 67, 15–18; insbes. 67, 15, 4: ¹ Domit…a ¹ gun¾ aÙtoà oÔte dὲ Ð NwrbanÕj Õ œparcoj oÙd' Ð sun£rcwn Petrènioj Sekoàndoj ºgnÒhsan, éj ge kaˆ lšgontai. ¹ te g¦r Domit…a ¢e… pote Øp' aÙtoà ™mise‹to kaˆ di¦ toàt' ™fobe‹to mº kaˆ ¢poq£nῃ,... (Domitia, die Gemahlin von ihm [Domitian] und auch Norbanus, der Präfekt [praef. pr.] und auch dessen Amtsgenosse Petronius Secundus wussten Bescheid, wie jedenfalls gesagt wird. Domitia wurde ja stets von ihm gehasst und musste daher um ihr Leben bangen, …) Vgl. Aur. Vict. lib. de Caes. 11, 7: is ergo … uxore non ignara … poenas luit. inc. auct. epit. de Caes.11,11: igitur coniuravere plerique...ascita eti‐ am in consilium tyranni uxore Domitia... 1326 Vgl. dazu Tab. IX, 3; Flavius Sabinus, ein Nachfahre von Vespasians gleichnamigen älteren Bruder (Tab. IX, 5), Arrecinus Clemens, der Vater von Arrecina Tertulla, der ersten Gemahlin des Kaisers Titus, (Tab. IX, 21), Flavius Clemens, ein Bruder des o. g. Flavius Sabinus, dessen zwei Söhne Domi‐ tian in Ermangelung eigener Nachkommen, adoptiert hatte; 1327 Vgl. Suet. Dom. 17, 1: … Stephanus, Domitillae procurator et tunc interceptarum pecuniarum reus, consilium operamque optulit. 1328 Vgl. Bautz, F. W.: Domitilla, Flavia. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Hamm 19902, Sp. 1359–1360. Kirsch, J. P.: Nereus and Achilleus, Domitilla and Pancratius. In: Catholic Encyclopedia, Bd. 10, New York 1911; Healy, P.: Flavia Domitilla. In: Catholic Encyclopedia, Bd. 6, New-York 1909, S. (4). Stadler, J. E. u. a. (Hrsg.): Flavia Domitilla, In: Vollständiges Heiligen-Lexi‐ kon..., Bd. 2, Augsburg 1861, S. 218–219. Singer, I.(Hrsg.): Flavia Domitilla. In: Jewish Encyclope‐ dia, New-York 1901–1906. 1329 S. o. Tab. IX, Nr. 21; 1330 Vgl. Suet. Dom. 15, 1: denique Flavium Clementem patruelem suum …, cuius filios etiam tum par‐ vulos successores palam destinaverat abolitoque priore nomine alterum Vespaianum appellari, alter‐ um Domitianum, repente … interemit. Vgl. dazu: Cass. Dio 67, 14, 1; 1331 Unter dem Namen Flavia Domitilla sind drei Personen bekannt: 1. Flavia Domitilla die Ältere (†vor 69), Ehefrau von Kaiser Vespasian, 2. Flavia Domitilla die Jüngere (*~45, †vor 69), Tochter von Vespasian und Domitilla d. Ä., 3. Flavia Domitilla (Heilige) († ~100), christliche Märtyrerin und Heilige. Insofern 1 und 2 aber schon vor 69 verstorben waren, kann es sich bei der o. g. nur um Nr. 3 gehandelt haben. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 294 Haupttäter Stephanus in engen Beziehungen zu einer engen Verwandten Domitians stand. Daher wird man die meisten unnatürlichen Todesfälle der Regierungszeit Domiti‐ ans kaum ohne den Zusammenhang der sich bereits seit dem Tod der beiden Kinder Domitians aus der Ehe mit Domitia Longina abzeichnenden Probleme der dynasti‐ schen Legitimation verstehen können, d. h. spätestens seit dem Jahre 73 n. Chr.. Das gilt aber nicht nur für die unnatürlichen Todesfälle von Verwandten des Domitians, sondern auch für andere, jedenfalls aus der Zeit nach der Rückführung Domitia Lon‐ ginas, soweit wir davon ausgehen dürfen, dass jene zur Klientel derselben gehörten, wie zum Beispiel für Aelius Lamia1332, einen früheren Ehemann der Domitia Longina und den Philosophen, Helvidius Priscus1333, d. J.. Über die Tötung des Aelius Lamia erfahren wir bei Sueton: Aelium Lamiam [scil: occidit] ob suspiciones quidem, verum et veteres et innoxios iocos, quod post abductam uxorem... Tito hortanti se ad alteram matrimonium responderat: m¾ kaˆ sÝ gamÁsai qšleij1334; (Den Aelius Lamia [tötete] er [Domitian]wegen zwar zweideutiger, aber tat‐ sächlich lange zurückliegender und unschuldiger scherzhafter Äußerungen, weil er nämlich, nachdem ihm seine Frau entführt worden war, … zu Titus, als der ihn zu einer neuen Eheschließung aufforderte, entgegnete: „Heirate ja nicht auch noch Du!“) Obwohl diese Äußerungen zum Zeitpunkt der Hinrichtung des Aelius Lamia, wie aus der von Sueton gebrauchten Formulierung ob suspiciones quidem, verum et veteres et innoxios iocos zu entnehmen ist, bereits längere Zeit zurücklagen – die Entführung Domitia Longinas durch Domitian ist aufgrund entsprechender Angaben des Tacitus in das Jahr 70 zu datieren1335, die Tötung des Aelius Lamia sicher erst nach dessen Konsulatsjahr 80 n. Chr., wahrscheinlich sogar erst nach der zeitweiligen Verbannung Domitias oder nach der Niederschlagung der Erhebung des L. Antonius Saturninus, – erscheint es als nachvollziehbar, dass von diesem Mann dem Kaiser nach Auffassung des letzteren Gefahren drohten, nämlich wegen Kinderlosigkeit des Kaisers und der daher ungeklärten Frage seiner Nachfolge. Ähnliches gilt auch für Äußerungen einiger Literaten und Philosophen, denen offiziell nichts anderes vorzuwerfen war, als deren literarische Produktion1336, vor al‐ lem Helvidius Priscus d. J..1337 Über dessen Ende berichtet Sueton Folgendes: occidit et Helvidium Priscum filium, quasi scenico exodio sub persona Paridis et Oenones divorti‐ um suum cum uxore taxasset1338. (Er tötete auch den Helvidius Priscus, den Sohn [H. Ps. d. Ä.], weil er gleichsam in einem szenischen „Nachspiel“ mit den Bühnenfiguren 1332 L. Aelius Plautius Lamia Aelianus, cos. 80 n. Chr., bez. für Mitte Januar bis Februar (Mc. Crumm and Woodhead, s. o. p. 7;); Vgl. Hanslik, R., Aelius II, 12, in KIP, Bd. 1, Sp. 89; Vgl. Tab. IX, Nr. 2; 1333 Helvidius Priscus, d. J., * vor 56, cos. suff., vor 86 ca. 93 getötet. Vgl. Hanslik, R., H. P. Nr. 3, in KIP, Bd. 2, Sp. 1018; vgl. Brodersen K./Zimmermann, B. (Hrsg.): Personen der Antike. Stuttgart und Weimar, S 93. Vgl. Tab. IX, 16; 1334 Suet. Dom. 10, 2; 1335 Vgl. Tac. hist. 4, 2: Nomen desemque Caesaris Domitianus acceperat, nondum ad curas intentus, sed stupris et adulteriis filium principis agebat. 1336 Vgl. dazu Tab. IX, Nr. 15–18; 1337 Vgl. Tab. IX, Nr. 16; 1338 Suet. Dom. 10, 4; vgl.: Tab. IX, Nr. 15; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 295 Paris und Oenone seine eigene [Domitians]Trennung von seiner Gemahlin [Domitia Longina] verulkt habe.) Um zu begreifen, dass es sich bei diesem „Bühnenstück“ aus der Sicht Domitians keineswegs nur um einen harmlosen Scherz handelte, muss man sich vor Augen füh‐ ren, dass die mythologischen Vorlagen jener Bühnenfiguren jedem gebildeten Römer bekannt gewesen sein dürften: Paris ist als trojanischer Königssohn bekannt, der He‐ lena entführte und dadurch den trojanischen Krieg auslöste. Aber auch Oenone ist aus dem Mythos über den trojanischen Krieg bekannt, und zwar als Name einer Ber‐ gnymphe, die Paris Hellenas wegen verließ1339. Allein schon die Vorstellung, dass Do‐ mitian, in der Rolle des Königssohnes Paris, Domitia in der Rolle der schönen Hellena wegen einer Bergnympfe verstoßen habe, dürfte pikante Spekulationen ausgelöst ha‐ ben, nicht nur über die Identität der Nymphe, sondern auch über den Krieg, wobei sich die Zeitgenossen bezüglich der Nymphe wahrscheinlich einig waren, obwohl sich auch diesbezüglich zeitabhängig unterschiedliche Deutungsansätze anboten: Zum Zeitpunkt der Hinrichtung des Helvidius Priscus1340 standen wahrscheinlich Gerüchte über die Rolle der Iulia Titi1341 im Vordergrund der pikanten Deutungsan‐ sätze. Sueton beschreibt die Rolle Julias folgendermaßen: fratris filiam adhuc virginem oblatam in matrimonium sibi cum devinctus Domitiae nuptiis pertinacissime recusavis‐ set, non multo post alii conlocatam corrupit ultro et quidem vivo etiam tum Tito; mox patre ac viro orbatam ardentissime palamque dilexit, ut etiam causa mortis extiterit coactae conceptum a se abigere.1342 (Die Tochter seines Bruders sei ihm als Braut zur Ehe angetragen worden; weil er diese aber, gebunden durch die Hochzeit mit Domi‐ tia, hartnäckig zurückgewiesen hatte, sei sie viel später mit jemand anderem verheira‐ tet worden1343; als solche habe er sie aber noch zu Lebzeiten des Titus missbraucht1344; bald aber, nachdem sie ihren Vater und ihren Gatten verloren habe, zeigte er öffent‐ 1339 Vgl. Roscher, W. H..: Oinone 2; in: Roscher, W. H. (Hrsg.): Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Band 3, 1, Leipzig 1902, Sp. 784–791. 1340 Die Hinrichtung des Helvidius Priscus sowie auch anderer „Philosophen“ wird man sich wohl nicht als Liquidierungen, sondern als Konsequenz von Verurteilungen in Strafprozessen vorzustellen ha‐ ben: Vgl. dazu Tac. Agr. 45: Non vidit Agricola obsessam curiam et clausum armis senatum et eadem strage tot consularium caedes, tot nobilissimarum feminarum exilia et fugas. Una adhuc victoria Ca‐ rus Mettius censebatur, intra Albanum arcem sententia Messalini strepebat, et Massa Baebius etiam tum reus erat: mox nostrae duxere Helvidium in carcerem manus; nos Maurici Rusticique visus, nos innocenti sanguine Senecio perfudit: Nero tamen subtraxit oculos suos iussit scelera, non spectavit: 1341 Iulia Flavia, *zwischen 64 und 66, †um 88, als einziges Kind des Titus. Deren Mutter Marcia Fur‐ nilla, 2. Ehefrau des Titus, war nach kurz nach Iulias Geburt verstoßen worden (Vgl. Suet.Tit. 4, 2;). Vielleicht war auch Arrecina Tertulla, die 64/65 n. Chr. verst. 1. Frau des Titus, Julias Mutter. Seit 81 war sie Ehefrau des Titus Flavius Sabinus, der 82 gemeinsam mit dem seit 81 n. Chr. als Kaiser am‐ tierenden Domitian Konsul wurde, aber später hingerichtet wurde, wahrscheinlich im Zuge der Niederwerfung des Aufstandes des L. Antonius Saturninus oder nach der Rückberufung Domitias. 1342 Vgl. Suet. 22, 2; 1343 Vgl. Barrett, A.(Hrsg.): Lives of the Caesars. Malden, MA/Oxford 2008, S. 151. 1344 Vgl. Cass. Dio 67, 3, 2: k¢k toÚto tÍ ¢delfidÍ tÍ „d…ᾳ, ½goun tÍ 'Ioul…ᾳ, ¢parakaluptÒteron æj gametÍ sunókei eἶta dehqšntoj toà d»mou kathll£gh mὲn tÍ Domit…ᾳ ™crÁto d' oÙdὲn Âtton tÍ 'Ioul…ᾳ. (Seit dem lebte er mit seiner eigenen Nichte, der Julia nämlich, unverhüllt als Gattin zu‐ sammen. Später versöhnte er sich auf Bitten des Volkes mit Domitia, setzte aber gleichermaßen sei‐ ne Beziehungen zu Julia fort.) Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 296 lich seine Leidenschaft, so dass er sogar der Grund dafür war, dass sie gezwungen wurde, die empfangene Leibesfrucht abzutreiben.) Der in diesem Zitat überlieferten „Information“ zur Folge spielte Julia bereits zu Lebzeiten des Titus die Rolle einer Mätresse Domitians. Wegen der Domitian gegen‐ über feindseligen Tendenz der Überlieferung gibt es aber Gründe anzunehmen, dass an diesen Gerüchten „nichts dran war“, außer dass sich Domitian demonstrativ um gute Beziehungen zu der einzigen Tochter seines Bruders bemühte, inschriftlich und auf Münzen ihr die Rolle einer Augusta zubilligte1345, – um ihre Klientel, d. h. auch die Klientel seines verstorbenen Bruders Titus möglichst eng an die eigene Person zu binden. Dabei übte Domitian, in Anbetracht der großen Bedeutung Julias im Rahmen der Dynastie, bezüglich einer Neuvermählung große Zurückhaltung, was mögliche „Freier“ wahrscheinlich bewusst mit der Lancierung von Gerüchten über angebliche Amouren zwischen dem Kaiser und seiner Nichte quittierten. Nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich wurden diese Gerüchte für Domiti‐ an aber erst im Gefolge der zeitweiligen Verstoßung Domitia Longinas, insofern diese wiederum Raum schuf für Gerüchte über Amouren Domitias. Diesen „Zusammen‐ hang“ stellt Sueton folgendermaßen dar:...uxorem Domitiam, ex qua in secundo suo consulatu filium tulerat alteroque anno <...>, consalutavit Augustam; eandem Paridis histrionis amore deperditam repudiavitque breve tempus inpatiens discidii quasi efflagi‐ tante populo reduxit.1346 (Seine Gemahlin Domitia, von der er während seines zweiten Konsulats1347 einen Sohn erhalten hatte und im nächsten Jahr …, begrüßte er als Au‐ gusta; dieselbe, weil sie durch die Liebe zu Paris, einem Schauspieler verdorben wor‐ den sei, verstieß er, führte sie aber nach kurzer Zeit, da er die Trennung nicht ertrug, als verlange das Volk das, wieder zurück.) Dass Domitian, wie von Sueton behauptet, ausgerechnet in dem Jahr, in welchem Domitia Longina ihm einen Sohn gebar und im Folgejahr erneut schwanger wurde, um auch noch eine Tochter zur Welt zur bringen, diese verstoßen habe, erscheint als geradezu grotesk und ist daher als böswilliges Gerücht zu deuten, das darauf abzielte, den Eindruck von Widersprüchen innerhalb der Dynastie zu lancieren. Das aber ge‐ schieht, wenn man auch das Gerücht über eine Liaison zwischen Domitia Longina und den Schauspieler Paris berücksichtigt, auf perfide Art und Weise, nämlich indem in der Titelfigur der Bühnenfarce des Helvidius Priscus, der Kaiser selbst, nicht nur mit dem mythologischen Königssohn Paris verglichen wird, der durch die Entführung Helenas den trojanischen Krieg auslöste, sondern gleichzeitig auch mit seinem eige‐ nen Nebenbuhler, dem Schauspieler Paris, um dessentwillen Domitian seine Gemah‐ lin Domitia Longina angeblich zeitweilig verstieß. Hierbei fragt man sich natürlich: cui bono? – Aber auch diese Frage lässt sich rela‐ tiv einfach beantworten, wenn man berücksichtigt, dass die in dem Bühnenstück als Nymphe Oenone personifizierte Nichte Domitians, Julia Titi, in Wirklichkeit auch 1345 Vgl. M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, Documents of the Flavian emperors, Nr. 110–112; 1346 Vgl. Suet. Dom 3,1; vgl.: Cassius Dio (Xiphilinos) 67, 15, 2–5; 1347 73 n. Chr., vgl. M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, s. o., Fasti consulares, p. 5; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 297 eine Nichte des Quintus Marcius Barea Soranus war1348, der seinerseits als Schwieger‐ vater Helvidius´ Priscus´, d. Ä., damit aber auch als ein Großvater Helvidius´ Priscus´ des Jüngeren bekannt ist, d. h. des Verfassers des o. e. „Bühnenstücks“ über die Bezie‐ hung zwischen Paris und Oenone. Hat man sich diesen Hintergrund erst einmal klar gemacht, kann es kaum noch einen Zweifel daran geben, dass jenes Stück keineswegs zufällig das schwierige Problem der Nachfolge Domitians streifte, sondern es satirisch ansprach und mythologisch verkleidete, um Domitian moralisch zu diffamieren, ja wenn möglich sogar politischen Widerstand gegen dessen Herrschaft zu schüren. Ähnliches gilt für andere literarische Produktionen, wie Lobschriften des Aru‐ lenus Rusticus bzw. des Herennius Senecio auf Thrasea Paetus und Helvidius Priscus d. Ä..1349 Darin wurde u. a. daran erinnert, dass der letztere in einen Konflikt mit Vespa‐ sian geraten sei, weil er den eben aus Syrien heimkehrenden neuen Kaiser in Rom als Privatmann begrüßte und auch in seinen Edikten als amtierender Prätor diesem jede ehrende Erwähnung verweigerte1350. Die Gründe für diesen Konflikt lagen einerseits darin, dass Vespasian keine Neigung zeigte, über eine bloße Rehabilitierung des Thra‐ sea Paetus und von dessen Freunden hinausgehend, auch deren Ankläger zur Re‐ chenschaft ziehen zu lassen1351, andererseits aber auch darin, dass die demonstrative Weigerung, den neuen Kaiser als solchen zu bezeichnen, nicht nur einer harmlosen Marotte entsprach, sondern grundsätzlichen Bedenken gegenüber der Stellung Vespa‐ sians im Rahmen der römischen Verfassung: Übereinstimmend berichten Sueton und Cassius Dio darüber, dass es im Senat immer wieder zu verbalen Auseinandersetzun‐ gen zwischen Helvidius Priscus gekommen sei,1352 bis Vespasian eines Tages eine Sit‐ zung zornentbrannt verlassen habe, mit den Worten: „... aut filios sibi successorem aut neminem...“1353(… entweder seine Söhne würden seine Nachfolge antreten, oder nie‐ mand...) Daher hatte Domitian, als ein Sohn Vespasians, sicherlich gute Gründe, Ver‐ öffentlichungen, welche das Verhalten des Helvidius zu rechtfertigen suchten, auch als Angriffe auf die eigen Stellung als Kaiser zu bewerten und zu verfolgen. Daher wird man die Verfolgungen von Philosophen, sei es durch Strafprozesse, sei es durch Vertreibungen aufgrund entsprechender „zensorischer“ Edikte, – unab‐ hängig von deren tatsächlichen politischen oder „philosphischen“ Zielen, – als Indi‐ katoren für die aktuelle Bedrohungsgefahr der jeweiligen Kaiser interpretieren kön‐ nen, vor allem im Kontext dynastischer Probleme der jeweiligen Kaiser. Im Falle der Verfolgung von Philosophen durch Domitian kann dieses nach den obigen Überle‐ gungen als erwiesen angesehen werden. Dasselbe gilt im Zusammenhang des Vorgehens Vespasians gegen Helvidius Pris‐ cus d. Ä., auch für die Vertreibung von Philosophen durch Vespasian1354. Denn so‐ wohl durch Sueton als auch durch Cassius Dio ist klar bezeugt, dass Vespasian Helvidi‐ 1348 *vor 52; †65 oder 66 n. Chr.; 1349 Vgl. Tac. Agr. 2, 1–2; 1350 Vgl. Suet. Vesp. 15; Cass. Dio 65, 12. 1 u. 3; Plin epist. 7, 19, 4; 1351 Vgl. dazu Tac. hist. 4, 4–11; 1352 Vgl. Suet. Vesp. 25; Cass. Dio 65, 12, 1; 1353 Vgl. Suet Vesp. 15; ähnlich Cass. Dio 65, 12, 1: ™mὲ mὲn uƒÕj diadšxetai, À oÙdeˆj £lloj. 1354 Vgl. Tab. VIII, Nr. 6; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 298 us Priscus u. a. wegen Widerstandes gegen eine Nachfolgeregelung zugunsten des Ti‐ tus bzw. Domitians töten ließ, wobei es aus der Sicht des Medizinhistorikers letztend‐ lich unerheblich ist, ob Helvidius Priscus mehr aus „philosophischen“ Erwägungen opponierte oder aus anderen. Hierbei ist aus dem Blickwinkel des Medizinhistorikers nicht von Belang, ob das oben skizzierte Bedrohungsszenario wirklich bestand, son‐ dern nur, dass es von den Kaisern so gesehen wurde, insofern ja vor allem vor dem Hintergrund jenes subjektiven Gefühls der Bedrohung die hier zu analysierenden un‐ natürlichen Todesfälle, mehrheitlich Fremdtötungen im Auftrage der Kaiser, zustande kamen. Und das wiederum gilt nicht nur für die drei Kaiser der sog. Domus Flavia, son‐ dern auch schon für Galba, Otho und Vitellius, insofern ja auch diese jeweils neue Dy‐ nastien zu begründen suchten und sich nicht zuletzt deswegen gegenseitig so erbittert, nämlich in blutigen „Bürgerkriegen“, bekämpften1355. Ja man kann sogar noch einen Schritt weitergehen: Es herrscht nicht nur in der antiken Überlieferung1356, sondern auch in der althistorischen Forschung ein Konsens1357 darüber, dass die Bürgerkriege des sog. Dreikaiserjahres 69 n. Chr. durch dem Versuch Galbas ausgelöst wurden, in Ermangelung eigener Nachkommen, für seine eigene Nachfolge den Angehörigen einer anderen berühmten Adelsfamilie zu „adoptieren“. Welche Rückschlüsse lassen sich aus den oben gewonnen Erkenntnissen über die politische Bedeutung vieler unnatürlicher Todesfälle des Zeitraums zwischen dem Tod Neros und dem Domitians bezüglich der medizingeschichtlichen Implikationen derselben ziehen? Die medizingeschichtlichen Implikationen Vor allem hinsichtlich der Todesart vermitteln die Quellen bezüglich der unnatürli‐ chen Todesfälle der Epoche zwischen dem Tod Neros und demjenigen Domitians ein bemerkenswert klares Bild. Von den insgesamt 82 Fällen der Epoche lassen sich nur wenige als Selbsttötungen identifizieren, unter Galba und Otho je ein Fall, und aus der Zeit des Vitellius, Vespasians und Domitians jeweils zwei 1358. Gerade bei diesen Selbsttötungsfällen, bei denen man im Prinzip noch am ehesten erwarten würde, dass die davon betroffenen Personen, sei es aus Verzweiflung, sei es um einen ihnen an‐ dernfalls drohenden qualvolleren oder schändlichen Tod zu vermeiden, versucht ha‐ ben könnten, sich der Hilfe eines Arztes zu versichern, bestehen aufgrund der in die‐ 2.3.2 1355 Vgl. dazu vor allem Tac. hist. 1–3; Suet. Caes. lib. 8; Cass. Dio 63, 1–65, 1; zu weiteren Quellen vgl. Bengtson, H.: Römische Geschichte... s. o., S. 308; 1356 Vgl. Tac. hist. 1, 14–52, Suet. 18–20; Cass. Dio 63, 4–7; zu weiteren Quellen vgl. Bengtson, H.: Rö‐ mische Geschichte... s. o., S. 308; 1357 Vgl.: Bengtson, H.: Römische Geschichte... s. o., S. 308–313. Eck, W.: Galba. In: DNP, Bd 4, Stutt‐ gart u. a., 1998, Sp. 746–747; Fluß, M.: Sulpicius 63. In: RE, Bd. IV A,1, Stuttgart 1931, Sp. 772– 801; Morgan, G.: 69 AD. The Year of Four Emperors. Oxford 2006. L. Murison, C. L.: Galba, Otho and Vitellius: Careers and Controversies. Hildesheim u. a. 1993. Wellesley, K.: The year of the four emperors. London 20003. 1358 Vgl. Tab. X; V, Nr. 1, VI, Nr. 12; VII, Nr. 1 u. 12; VIII, Nr. 11; IX, Nr, 4; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 299 sen Fällen überlieferten Angaben zu den Tötungsmitteln kaum Chancen eines kon‐ kreten Nachweises ärztlicher Tötungsassistenz. In dem frühesten dieser Fälle, im Falle der Selbsttötung des Iulius Vindex1359, je‐ nes Statthalters der Provinz Gallia Lugdunensis, mit dessen Erhebung zu Beginn des Jahres 68 n. Chr. der Sturz Neros eingeleitet wurde, ist der Gebrauch eines Schwertes als Tötungsmittel klar bezeugt1360. Der zweite Selbsttötungsfall dieses Zeitraums be‐ trifft den ehemaligen Prätorianerpräfekten Neros Ofonius Tigellinus1361, der nach Taci‐ tus inmitten zahlreicher lasziver Gespielinnen in den Thermen der Kurstadt Sinuessa sich selbst tötete, und zwar mittelst eines Rasiermessers.1362 Auch Rasiermesser ge‐ hörten bereits in der Antike nicht in die Arzttasche eines Mediziners. Den 8 Monaten und 4 Tagen der Regierungszeit des Vitellius lassen sich 2 Selbst‐ tötungsfälle zuordnen, derjenige seines unmittelbaren Amtsvorgängers Otho1363 so‐ wie eines Zenturios aus dem Stab des letzteren, des Iulius Agrestis1364. Von Otho erfah‐ ren wir, dass er sich nach der Schlacht bei Cremona in sein eigenes Schwert gestürzt habe1365. Insofern Otho nach Sueton die Nacht vor seinem Tod die Türen zu seinem Schlafzimmer nicht verschlossen hatte, so dass seine Wachen alles beobachten konn‐ ten, was darin geschah, besteht kein Grund an der Glaubwürdigkeit der Berichte über eine Selbsttötung mittelst gladius zu zweifeln. Diese in den Quellen überlieferten In‐ formationen über die Begleitumstände der Selbsttötung Othos sowie über die von ihm benutzten Waffe schließen ebenfalls die Möglichkeit einer ärztlichen Tötungsassistenz aus. Lediglich im Hinblick auf die Selbsttötung des Iulius Agrestis, über die ausschließ‐ lich Tacitus berichtet, herrscht, vordergründig betrachtet, eine gewisse Unsicherheit, weil Tacitus seine Leser zwar recht ausführlich über die Vorgeschichte dieses Suizids informiert, aber den Tathergang in einem einzigen kurzen Satz darstellt. Tacitus be‐ richtet zunächst darüber, dass Otho um die Nachrichten über die Niederlage seines Heeres auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, verschiedene Kundschafter ent‐ 1359 Vgl. Tab. V, Nr. 1; 1360 Ein Schwert wird als Tötungsmittel zwar nicht ausdrücklich erwähnt, aber der Zusammenhang der Selbsttötung des Vindex mit einer verlorenen Schlacht lässt keine andere Deutung zu, als dass er sich dazu eines Schwertes bediente. Vgl. Tac. hist. 1, 51, 1: … caeso cum omnibus copiis Iulio Vindi‐ ce ferox praeda gloriaque exercitus … siehe dazu auch Cass, Dio 63, 24, 4 (Xiph. 183, 25 R. St.): „dën dὲ toàto kaˆ perialg»saj Ð OÙ…ndix aÙtÕj ˜autÕn œsfaxe. (Als er dies sah [den Tod seiner Soldaten], war er so sehr von Schmerz erfüllt, dass er sich selbst tötete.), Vgl. Zon. 11, 13. p. 41, 19–24; Joann. Antioch. fr. 91; 1361 Vgl. Tab. VI, 12; 1362 Vgl. Tac. hist. 1, 72, 3: … in circum ac theatra effusi seditiosis vocibus strepere, donec Tigellinus ac‐ cepto apud Sinuessanas aquas suppremae necessitatis nuntio inter stupra concubinarum et oscula et deformes moras sectis novacula faucibus infamem vitam foedavit etiam exitu sero et inhonesto. 1363 Vgl. Tab. VII, 1; 1364 Vgl. Tab. VII, 12; 1365 Vgl. Tac. hist. 2, 49, 2: prima luce in ferrum pectore incubuit. Vgl. Suet. Otho 11, 2: … arripuit duos pugiones et explorate utriusque aciei, cum alterum pulvino subdidisset, foribusque adopertis artissimo somno quievit. Et circa lucem demum expergefactus uno se traiecit. … Auch nach Cass. Dio 63, 11, 1–2 tötete sich Otho nach dem Sieg der Vitellianer selbst. Cassius Dio nennt zwar keine bestimmte Waffe, aber die Situation erlaubt keinen Zweifel, dass er sich mittelst eines Dolches oder eines Schwertes tötete. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 300 sandte, u. a. auch den Zenturio Iulius Agrestis1366, aber schließlich aus der Sorge he‐ raus, dass dieser ihn, vom Gegner bestochen, bewusst falsch informiert habe, Zweifel an dem Wahrheitsgehalt des Rapports des Zenturios äußerte, worauf der letztere dann angeblich wie folgt reagierte: `quando quidem´ inquit `magno documento opus est, nec alius iam tibi aut vitae aut mortis meae usus est, dabo cui mihi credas.´ atque ita digressus voluntaria morte dicta firmavit1367. (Da jedenfalls, sagte er [Iulius Agres‐ tis] ein großer Beweis nötig ist und du keinen anderen Nutzen weder von meinem Leben noch von meinem Tode mehr hast, werde ich Dir [einen solchen] liefern, da‐ mit du mir glaubst. Und so ging er fort und bekräftigte mit einem freiwilligen Tod das Gesagte.) Agrestis tötete sich nach Tacitus also, um seinem Kaiser die Glaubwürdigkeit sei‐ nes Berichts zu beweisen. Berücksichtigt man, dass der Zenturio nach Tacitus bei sei‐ nem Suizid in erster Linie dem Kaiser seine Soldatenehre beweisen wollte, ist auch in diesem Falle kaum etwas anderes vorstellbar, als dass sich Agrestis seiner wichtigsten Hieb- und Stichwaffe als Soldat bediente, nämlich seines gladius. Auch in diesem Falle erscheint somit die Inanspruchnahme der Hilfe eines Arztes als unvorstellbar.1368 Von den übrigen unnatürlichen Todesfällen aus der Zeit nach Neros Tod bis zum Tode Domitians, die nach den Aussagen der Quellen auf Selbsttötungen zurückzufüh‐ ren sind, sind 2 in die Regierungszeit Vespasians einzuordnen, der Fall des T. Eprius Marcellus1369 und der Fall des Licinius Caecina1370, und 2 in die Regierungszeit Domi‐ tians, der des Helvius Agrippa1371 und der des Valerius Festus1372. Bezüglich des Eprius Marcellus, der sich angeblich gemeinsam mit Caecina Alie‐ nus an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligte1373. berichtet Cassius Dio Fol‐ gendes: M£rkelloj dὲ kriqeˆj ™n tù sunedr…J kaˆ katadikasqeˆj ¢pšteme tÕn laimÕn 1366 Vgl. Tac. hist. 3, 54, 1–2; 1367 Vgl. Tac. hist. 3, 54, 43; 1368 Tacitus deutet in Bezug auf Agrestis an, dass Agrestis sich nicht selbst getötet habe, sondern auf Befehl Othos getötet worden sei. Vgl. Tac. hist. 3, 54, 3:... quidam iussu Vitelli interfectum, de fide constantia eadem tradidere., – aber auch diese Formulierungen rechtfertigen kaum die Vermutung, dass Otho ihm einen Arzt vorbei geschickt haben könnte, um ihm das Sterben zu erleichtern. 1369 Titus Clodius Eprius Marcellus (*? in Capua; †79); dank seines rhetorischen Talents hatte er eine er‐ staunliche Karriere hinter sich: Unter Claudius bekleidete er 48 n. Chr. eine Prätur, danach ein Le‐ gionskommando und von 53 bis 56 n. Chr. das Amt eines Statthalters der Provinz Lykien (im äu‐ ßersten Südwesten Kleinasiens gelegen). Nach seiner Amtszeit dort wurde er von der Provinz zwar wegen Bestechlichkeit angeklagt, aber freigesprochen. Im Jahre 56 n. Chr. wird er als Augur be‐ zeugt, im Jahre 62 n. Chr. als cos, suff. und ebenfalls noch unter Nero als Prokonsul von Zypern. In der Folgezeit trat er häufiger als Ankläger in Erscheinung, u. a. der „Stoiker“ Thrasea Paetus, Barea Soranus und Sentius (Vgl. Tac. hist. 4, 7, 2;); Vgl. PIR² E 84; Steven, H.: Imperial inquisitions. Pro‐ secutors and informants from Tiberius to Domitian. London 2001 S. 225–228; vgl. Tab. VIII 11; 1370 P. Licinius Caecina, der sich nach Plinius d. Ä. (n. h. 20, 199) mittelst eines „Safts“ aus Opium das Leben nahm. Vgl. Tab. VIII, 12; vgl. PIR V1 L 178; Brandt, H., Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike, München 2010, S. 95, Anm. 433, und S. 114; 1371 Helvius Agrippa scheint identisch zu sein mit einer in CIL X 7852 erwähnten Person, einem aus der spanischen Provinz Baetica stammenden procos. Sardiniae, vgl. Tab. II, 1; Vgl. Tab. IX, 4; 1372 C. Calpetanus Rantius Quirinalis Valerius Festus; vgl. Mart. epigr. I, 178; Vgl. Tab. IX, 6;) dazu Brandt, H., Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike, München 2010, S. 116 (mit Lit.); 1373 Vgl. Cass. Dio 65/66, 1–3; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 301 aÙtÕj ˜autù xurù. oÛtw pou toÝj fÚsei kakoÝj oÙd' aƒ eÙerges…ai nikèsin, ÐpÒte k¢ke‹noi tù tosaàta eÙhrgethkÒti sf©j ™peboÚleusan.1374 (Marcellus aber wurde vor das Senatsgericht gestellt und verurteilt und und durchschnitt sich selbst den Hals mit seinem Rasiermesser. So können von Natur aus schlechte [Menschen] nicht einmal Wohltaten besiegen, so dass jene selbst ihrem Wohltäter1375 nach dem Leben trach‐ ten.) Eprius Marcellus tötete sich nach dieser Angabe des Cassius Dio, um der Qual und Schande einer Hinrichtung aufgrund einer bereits erfolgten Verurteilung durch das Senatsgericht zu entgehen, wie vor ihm Ofonius Tigellinus1376, der ehedem mächtige Prätorianerpräfekt Neros, mit dem jener als Ankläger u. a. gegen die „Stoiker“ so oft gut zusammengearbeitet hatte, mittelst eines Rasiermessers. Auch im Falle des Eprius Marcellus wird man aufgrund des Gebrauchs eines solchen Tötungsmittels eine ärztlliche Tötungsassistenz ausschließen dürfen. Über den Fall des Licinius Caecina berichtet nur Plinius d. Ä.1377, und zwar im Kontext der Beschreibung der Wirkung von Schlafmitteln: non vi soporifera modo, verum si copiosior hauritur, sed etiam mortifera per somnos. opium vocant. sic scimus interemptum P. Licinii praetorii viri patrem in Hispania Bavili, cum valetudo impetibilis odium vitae fecisset; item plerosque alios.1378 (Der Saft wirkt nicht nur einschläfernd, sondern wenn er in größerer Menge getrun‐ ken wird, auch tödlich im Schlaf. Opium nennt man es. Wir wissen, dass so auch der Vater des Prätoriers P. Licinius in Bavilis in Spanien getötet wurde, weil sein Gesund‐ heitszustand [bei ihm] Lebenshass erzeugt hatte, ebenso [tötete er] auch die meisten anderen.) Welche Rückschlüsse ergeben sich aus dieser Notiz jedoch bezüglich der Involvie‐ rung eines Arztes? Sicherlich ist nicht völlig auszuschließen, dass der Betroffene sich das Mittel durch einen Arzt beschaffte, obwohl die Notiz dafür keine Beweise liefert. Aber dass es ihm der Arzt gab, damit er sich mit diesem „Schlafmittel“ töte, ist selbst für den Fall nicht wahrscheinlich, dass es ihm ein Arzt gegeben haben sollte. Auch in diesem Fall kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Arzt ihm das Mittel als „Schlafmittel“ verordnete1379. 1374 Vgl. Cass. 65/66, 16, 4; 1375 Dieser Hinweis ist wohl im Zusammenhang damit zusehen, dass Vespasian im Jahre 70 n. Chr, Be‐ mühungen des „Stoikers“ Helvidius Priscus d. Ä., Eprius Marcellus für seinen Anklagen gegen ih‐ resgleichen zur Zeit Neros zur Rechenschaft zu ziehen, vereitelt hatte. Vgl. dazu Tac. hist. 4, 6. 10.; 1376 S. o. Tab. VI, 2; 1377 Obwohl nur Plinius über den Fall berichtet und auch der Ort des Geschehens in anderen Quellen nicht genannt wird, besteht kaum eine Veranlassung an dem Wahrheitsgehalt zu zweifeln, insofern es in dem Kontext ja nicht um eine bestimmte Person geht, sondern lediglich um die Wirkung und Zubereitung verschiedener Mohnarten. Vgl. dazu auch Plin. n. h. 20, 198–209; auch über die Iden‐ tität des Person ist wenig bekannt. Dazu wird hier verwiesen auf: Brandt, H., Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike, München 2010, S. 95, Anm. 433, und S. 114; 1378 Vgl. Plin. n. h. 20, 199; 1379 Die Frage der Involvierung eines Arztes wird von H. Brandt nicht erörtert. s. o. Am Ende des Le‐ bens. Alter, Tod und Suizid in der Antike, München 2010, S. 95, und S. 114; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 302 Über den Fall des Valerius Festus, den ersten Selbsttötungsfall der Regierungszeit Domitians, berichtet Martial: Indigenas premeret pestis cum tabida fauces inque ipsos vultus serperet altera lues siccis ipse genis flentes hortatus amicos decrevit Stygios Festus adire lacus. Nec tamen obscuro pia polluit ora veneno aut torsit lenta tristia fata fame sanctam Romana vitam sed morte peregit dimisitque animam nobiliore rogo. hanc mortem fatis magni praeferre Catonis Fama potest: huius Caesar amicus erat.1380 (Als zehrendes Geschwür den schuldlosen Hals von Festus befiel, und die schwarze Seuche sogar auf sein Gesicht kroch, tröstete er selber trockenen Auges die weinenden Freunde und beschloss zu den stygischen Wassern zu gehen, Doch er entstellte sein edles Gesicht nicht durch verborgen wirkendes Gift, machte auch sein trauriges Ende nicht durch einen langsamen Hungertod qualvoll, sondern beschloss sein untadeliges Leben mit einem römischen Tod und entließ seine Seele auf eine edlere Art des Sterbens: Diesen Tod kann der Ruhm noch über das Schicksal des großen Cato stel‐ len: Caesar war sein Freund.)1381 Prima vista erscheint die von Valerius Festus gewählte Todesart wie ein Rätsel. Man erfährt nur, dass er Gift als Tötungsmittel ebenso sehr ablehnt wie auch die Ver‐ weigerung der Aufnahme von Nahrungsmitteln, sondern sich statt dessen für einen „römischen Tod“ entschied. Die Beschwörung des Beispiels des „großen Cato“ lässt aber am Ende keinen Zweifel an der Todesart, bzw. an dem von Valerius Festus ge‐ wählten Tötungsmittel zu: Nach Ovid1382 tötete sich Cato (Uticensis) mit einem Schwert, mittelst dessen er sich eine große Wunde im intestinalen Bereich zufügte. Diese wurde zwar zunächst von einem Arzt chirurgisch versorgt, aber anschließend von dem Suizidenten wieder geöffnet, der sich dann eigenhändig die Gedärme zer‐ fetzt haben soll1383. 1380 Vgl. Mart. epigr. I, 78; 1381 Übers. n. Brandt, H.: Am Ende des Lebens. S. o. München 2010, S. 116 f.. 1382 Vgl. Ov. met. IV, 119–123; 1383 Vgl. Moog, P. F., Eine Lanze für Ovid – Anmerkungen zu `Metamorphosen´IV, 119–123, in: Würz‐ burger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 7–18, bes. S. 12; auch bezogen auf den Fall des 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 303 Unklarheit, selbst in Hinsicht auf die Frage, ob man überhaupt von einem unna‐ türlichen Todesfall sprechen kann, besteht allerdings in Bezug auf den Fall des Helvi‐ us Agrippa, über den auch nur ein Autor, in diesem Falle Cassius Dio berichtete. Kurz nach der Schilderung der Pläne Domitians, sich von seiner Gemahlin Domitia Longi‐ na zu trennen1384 sowie der „Beziehungen“ Domitians zu Iulia Titi, aber noch vor der Erwähnung des Aufstandes des L. Antonius Saturninus1385 erwähnt Cassius Dio, im Zusammenhang der Bestrafung einiger Vestalinnen, wegen angeblich unerlaubter Be‐ ziehungen zu Männern, den Fall des Helvius Agrippa mit folgenden Worten: eŒj tîn pontif…kwn “Elouioj 'Agr…ppaj ¢ll' ™kplageˆj aÙtoà ™n tù sunedr…J, ésper eἶcen, ¢poyÚxai1386 (… einer der pontifices, Helvius Agrippa, erschrak selbst im Se‐ nat, wie er sich verhalten sollte, und hörte auf zu atmen.) Der in dem Zitat in Bezug auf das Ableben des Helvius Agrippa benutzte Aus‐ druck ¢poyÚxai lässt im Prinzip auch den Schluss zu, dass er in Anbetracht des schrecklichen Todes, den Vestalinnen wegen sexueller Verfehlungen zu erleiden hat‐ ten1387, infolge einer traumatischen Überlastungsreaktion spontan einen Gehirn‐ schlag oder Herzkreislaufkollaps erlitt und daran starb. Auf der anderen Seite fragt man sich aber, warum Helvius Agrippa in seiner Eigenschaft als Pontifex an jener Se‐ natssitzung teilnahm, in welcher über die Vestalinnen verhandelt wurde, – vielleicht als Angeklagter? Es ist in diesem Zusammenhang zu beachten, dass den Vestalinnen u. a. die Auf‐ bewahrung von Testamenten oblag, so dass man mit der Möglichkeit rechnen muss, dass in Verbindung mit dem Vorwurf der Unkeuschheit gegen die Vestalinnen auch der Verdacht der Testamentsfälschung im Raum stand, in den u. U. auch Helvius Agrippa hätte involviert sein können. Im letzteren Fall wäre natürlich nicht auszu‐ schließen, dass sich Helvius Agrippa selbst tötete, um einer Verurteilung seiner selbst zuvorzukommen, – berücksichtigt man aber den Ort, an dem er „zu atmen aufhörte“ – sicherlich ebenfalls ohne Hilfe eines Arztes. Bei den wenigen Selbsttötungen des Zeitraumes zwischen dem Tod Neros und demjenigen Domitians ist also eine ärztliche Tötungsassistenz mit an Sicherheit gren‐ zender Wahrscheinlichkeit auszuschließen. Inwieweit gilt das aber auch für die im‐ merhin noch 73 Fremdtötungen desselben Zeitraums1388? Valerius Festus wird das Problem der Involvierung eines Arztes von H. Brandt nicht expressis verbis thematisiert. S. o. Am Ende des Lebens. … S. 116 ff; 1384 Vgl. Cass. Dio 67, 3, 1–2; 1385 Vgl. Tab. IX, Nr. 7; 1386 Vgl. Cass. Dio 67, 3, 32; (Xiph. 218, 17–22 R. St.) 1387 Der Unkeuschheit überführte Vestalinnen wurden gefesselt und geknebelt in einer verschlossenen Sänfte zu einem unterirdischen Verlies nahe der Porta Collina getragen, wo sie eingemauert, ver‐ hungerten. Vgl.: Cancik-Lindemaier, H.: Vestalin. In: DNP, Band 12/2, Sp. 132 f.; Gardner, J. F.: Frauen im antiken Rom. Familie, Alltag, Recht. München 1995. Korten, Chr.: Ovid, Augustus und der Kult der Vestalinnen. Ffm.1992. Mekacher, N.: Die vestalischen Jungfrauen in der römischen Kaiserzeit. Wiesbaden 2006. Schalles, Chr.: Die Vestalin als ideale Frauengestalt. 2 Bände. Göttin‐ gen 2002, 2003, (Diss. Marburg). 1388 Galba, 17, Otho, 13, Vitellius, 12, Vespasian 10, Domitian 21 Fälle; vgl. Tab. X; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 304 Zumindest für die 17 der Regierungszeit Galbas zuzuordnenden Fremdtötungen, – es handelt sich hierbei entweder um nach Standrecht ausgeführte Tötungen1389 oder um Hinrichtungen1390 aufgrund eines Urteils - kann man eine ärztliche Tötungsassis‐ tenz ebenfalls weitgehend ausschließen. Lediglich im Fall des Lebensendes Neros1391 fällt eine klare Zuordnung schwer, so dass wir darauf in einem anderen Zusammen‐ hang noch näher eingehen sollten.1392 Auch im Falle der dem Prinzipat Othos zuzu‐ ordnenden 13 Fremdtötungen kann man eine ärztliche Tötungsassistenz mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließen, insofern es sich hierbei ausnahmslos um Hinrich‐ tungen1393 gehandelt hat. Ähnliches gilt für die 12 Fremdtötungen der Regierungszeit des Vitellius1394, die ebenfalls ausnahmslos als Folge von Strafprozessen oder von Tötungsbefehlen nach Standrecht zu erklären sind, mit einer einzigen Ausnahme, nämlich des Falles des Iunius Blaesus1395, der nach Tacitus zwar unter Anklage gestellt worden war, aber we‐ der verurteilt, noch hingerichtet wurde, sondern vorher, angeblich im Auftrage des Vitellius vergiftet wurde: Trepidanti inter scelus et metum, ne dilata Blaesi mors matur‐ am perniciem, palam iussa atrocem invidiam ferret, placuit veneno grassari1396. (Weil er schwankte zwischen [der Bereitschaft zu] einem Verbrechen und der Furcht, dass ein Aufschub der Tötung des Blaesus baldiges Verderben, eine offen befohlene Tötung wilden Hass heraufbeschwören könne, beschloss er, dass mit Gift vorzugehen sei.) Statt dafür zu sorgen, dass Junius Blaesus in dem gegen ihn eröffneten Strafpro‐ zesse auch verurteilt und hingerichtet wurde, entschied sich Vitellius nach der o. z. Darstellung des Tacitus dafür, jenen mittelst eines Giftanschlags aus dem Wege räu‐ men zu lassen, wobei über Einzelheiten der konkreten Durchführung dieses Vorha‐ bens keine Informationen greifbar sind. Da im Falle der Verwendung von Gift als Tö‐ tungsmittel auch mit der Möglichkeit der Involvierung eines Arztes zu rechnen ist, kann dies auch im vorliegenden Fall nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Da aber von einer Erkrankung des Iunius Bleasus im Vorfeld seines Ablebens nichts be‐ kannt ist, ist die Involvierung eines Arztes in die Tötung des Blaesus nicht wahr‐ scheinlicher als in die jeder nur erdenklichen anderen Person, zumal über die Identi‐ tät dieses Mannes außer dem, was darüber im Zusammenhang seiner Tötung von Ta‐ citus berichtet wird1397, nichts überliefert ist, so dass auch in diesem Falle kein kon‐ kreter Anlass für die Vermutung der Involvierung eines Arztes erkennbar ist. 1389 Vgl. Tab. V, Nr. 2. 3. 7. 11–18; 1390 Vgl. Tab. V, Nr, 4–6. 8 – 10; 1391 Vgl. Tab. V, Nr. 2; 1392 S. u. Kap. 2.3.3; 1393 Vgl. Tab. VI, Nr. 1–11. 13–14; 1394 Tab. VII, Nr. 2–10. 13; 1395 Tab. VII, Nr. 11; 1396 Vgl. Tac. hist. 3, 39, 1; 1397 Von Tacitus erfahren wir nur so viel, dass jener Iunius Blaesus sich als amtierender Statthalter der Provinz Gallia Ludgudunensis im Jahre 69 n. Chr. dem Vitellius angeschlossen habe (Tac. hist. 2, 59, 2;), dann aber vom Bruder des Kaisers, L. Vitellius, in einen Prozess verwickelt und dann vergiftet worden sei (Vgl. Hanslik, R., Iunius II, 2, in KIP, Bd. 2, Sp. 1557;). Ansonsten sind noch zwei weite‐ re Träger dieses Namens bekannt, die eventuell mit dem o. g. vielleicht verwandt, aber keineswegs identisch waren. Vgl. Hanslik, R., Iunius II, 3 und 4, in KIP, Bd. 2, Sp. 1557 ff.; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 305 Auch bezüglich der Fremdtötungsfälle der Regierungszeit der Kaiser Vespasian und Domitian bestehen ungünstige Voraussetzungen für den Nachweis ärztlicher Tö‐ tungsassistenz. Der Regierungszeit Vespasians lassen sich insgesamt 10 Fremdtö‐ tungsfälle zuordnen, von denen sich 9 eindeutig als „Hinrichtungen“ klassifizieren lassen, so dass auch bezogen auf diese Fälle ärztliche Tötungsassistenz auszuschließen ist. Lediglich bezogen auf einen einzigen – nur von Cassius Dio bezeugten – Fall1398 herrscht hinsichtlich der Tötungsmittel eine gewisse Unklarheit. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die öffentliche Empörung über eine Liaison zwischen Titus und Berenice1399 und über Hetzreden sog. Sophisten und Kyniker dagegen, unter Führung des Kynikers Demetrios1400, merkte Cassius Dio zu dem von ihm ebenfalls zu den Kynikern gerechneten „Philosophen“ Heras1401 an: Diogšnhj mὲn prÒteroj ™j t¾n qšatron plÁrej ¢ndrîn ™sÁlqe kaˆ poll¦ aÙtoÝj lo‐ idor»saj ™mastugèqh, `Hr©j dὲ met' aÙtÕn, æj oÙdὲn ple‹on peisÒmenoj, poll¦ kaˆ ¥topa kunhdÕn ˜xškrage, kaˆ di¦ toàto kaˆ t¾n kefal¾n ¢petm»qh.1402 (Zuerst ging Diogenes ins Theater voller Menschen und griff das Paar in einer langen Schmährede an; dafür wurde er ausgepeitscht. In der Annahme, dass er nicht mehr erleiden würde, schrie nach ihm Heras auf Kynikerart viel Sinnloses und büßte das mit seinem Kopf.) Die als Ausdruck für die Art und Weise, in der Heras sein Leben verlor, gebrauch‐ te Formulierung t¾n kefal¾n ¢petm»qh (wörtlich: „er wurde in Bezug auf den Kopf abgeschnitten.“) lässt im Prinzip zwei Deutungen zu, eine eher abstrakte oder meta‐ phorische – im Sinne von „er verlor sein Leben“ – aber auch eine konkrete, im Sinne von „er bekam den Kopf abgeschlagen“. Hierbei ist offenkundig, dass die erste dieser beiden Deutungen auch die Möglichkeit einschließt, das Heras sich selbst tötete und sich dabei der Assistenz eines Arztes bedient haben könnte, während der zweite Deu‐ tungsansatz, d. h. die Deutung als Ausdruck für eine Enthauptung diese Möglichkeit ausschließt. Bei der Entscheidung für eine dieser beiden Deutungsmöglichkeiten ist 1398 Vgl. Tab. VIII, Nr. 7; vgl. dazu Cass. Dio 66, 15, 5; 1399 Julia Berenike *28 n. Chr.; (Nach Jos. ant. Iud. 19, 354 im J. 44 n. Chr., 16 Jahre alt.) †nach 79 n. Chr., Mitglied der Dynastie der Herodianer, lebte meistens am Hof ihres Bruders, Herodes Agrip‐ pas II., galt als Mätresse des Titus, bevor letzterer sie im Zusammenhang seines Regierungsantritts verließ (Vgl. Suet. Tit. 7, 2;). Vgl. Castritius, H.: Die flavische Familie. Frauen neben Vespasian, Titus und Domitian. In: Temporini-Gräfin Vitzthum H.(Hrsg.): Die Kaiserinnen Roms. München 2002, S. 166–169. Wesch-Klein, G.: Titus und Berenike: Lächerliche Leidenschaft oder weltge‐ schichtliches Liebesverhältnis? In: Spickermann, W. u. a. (Hrsg.), Rom, Germanien und das Reich, Festschrift zu Ehren von Wiegels, R. anlässlich seines 65. Geburtstages, St. Katharinen 2005, S. 163–173; Wilcken, U.: Berenike 15. In: RE, Bd. III, 1, Stuttgart 1897, Sp. 287–289; 1400 Demetrios (gr.: Δημήτριος, lat.: Demetrius), kynischer Philosoph aus Korinth, der unter Caligula, Nero und Vespasian in Rom lebte, u. a. mit Seneca sowie mit Thrasea Paetus und anderen „Stoikern“ befreundet war und zeitweilig mit letzteren exiliert wurde. Vgl.: Billerbeck, M.: Der Kyniker Deme‐ trius. Leiden 1979. Kindstrand, J. F.: Demetrius the Cynic, in: Philologus 124, 1980, S. 93–98; Mo‐ les, J.: Honestius Quam Ambitiosius? An Exploration of the Cynic's Attitude to Moral Corruption in His Fellow Men, in: The Journal of Hellenic Studies 103, 1983, S. 103–123; 1401 Nicht zu verwechseln mit einem Arzt dieses Namens, mit dem Empiriker Heras aus Kappadokien (*ca. 30 v. Chr., Vgl. Gal. XIII 812); vgl. Kudlien, F., Heras in KIP, Bd. 2, Sp. 1053. Zur „Schule“ der Empiriker vgl. Guardasole, A., Empiriker, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 254–255; G. erwähnt Heras als Angehörigen dieser Schule jedoch nicht. 1402 Vgl. Cass. Dio 66, 15, 5; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 306 aber zu berücksichtigen, dass der konkrete historische Zusammenhang, in welchem Heras sein Leben einbüßte, die Annahme nahelegt, dass dieser Lebensverlust das Er‐ gebnis einer Bestrafung war, – so wie ja auch Diogenes mit der Verbannung „bestraft“ wurde; – daher wird man davon ausgehen müssen, dass Heras wirklich enthauptet wurde, womit dann natürlich auch in diesem Falle, d. h. aber auch für die Regie‐ rungszeit Vespasians insgesamt, die Möglichkeit einer ärztlichen Tötungsassistenz auszuschließen wäre. Ausschluss ärztlicher Tötungsassistenz unter Domitian (81 – 96 n. Chr.) Als komplizierter erweist sich die Beantwortung der Frage nach der Möglichkeit ärzt‐ licher Tötungsassistenz für die Regierungszeit Domitians. Einerseits lassen sich auch die insgesamt 21 namentlich bekannten Fremdtötungsfälle der Regierungszeit Domi‐ tians, mit Ausnahme der angeblichen Fremdtötung des Titus1403 eindeutig als „Hin‐ richtungen“ klassifizieren oder auf andere Weise mit Tötungsmitteln verknüpfen, wel‐ che die Tötungsassistenz eines Arztes geradezu als absurd erscheinen lassen1404, ande‐ rerseits ist in der Regierungszeit Domitians im Strafvollzug eine Neuerung zu beob‐ achten, nach der auch im Falle von Hinrichtungen die Inanspruchnahme der Hilfe ei‐ nes Arztes nicht grundsätzlich auszuschließen ist. Nach Sueton beantragte Domitian für alle Personen, die unter seiner Herrschaft zum Tode verurteilt wurden, ein sog. liberum mortis arbitrium,1405d. h. ein Recht, nach dem es den zum Tode verurteilten Delinquenten in einem gewissen Rahmen freigestellt wurde, zu wählen, auf welche Weise sie getötet zu werden wünschten. Würde man dieses Recht wörtlich nehmen dürfen, könnte man zu der Auffassung gelangen, dass die „freie Wahl des Todes“ auch das Recht eingeschlossen habe, sich zur eigenen Tötung der Hilfe eines Arztes zu be‐ dienen. Die Gewährung eines liberum mortis arbitrium durch Domitian wird zwar nur durch Sueton ausdrücklich bezeugt, indirekt aber auch durch Tacitus angedeutet, wenn er im Zusammenhang der Erwähnung der Tötung des Aulus Plautius Latera‐ 2.3.3 1403 Vgl. Tab. IX, Nr. 1; nach Cass. Dio 66,26,1–4; kam Titus dadurch zu Tode, dass Domitian seinen unter heftigem Fieber leidenden Bruder – mitten im im Hochsommer! – in eine Kiste voller Schnee setzen ließ und sich unmittelbar darauf, auf den Weg nach Rom machte, um sich dort von den Prätorianern als Nachfolger seines Bruders zum neuen imperator ausrufen zu lassen. 1404 Eine nur als pater familias bezeichnete männliche Person wurde von Hunden zerrissen (Vgl. Tab. IX, Nr. 12), M. Acilius Glabrio (Vgl. IX, 20;) wurde im Kollosseum wilden Tieren vorgeworfen. (†95). Er ist vermutlich identisch mit Acilius Glabrio cos. 91 und soll nach Sueton (Dom. 10, 2;) auf Befehl Domitians als Gladiator in der Arena von Albano gekämpft haben. Juvenal (Sat. IV, 99–101;) spricht von einem unbewaffneten Kampf gegen einen Bären, Cassius Dio (66, 3;) von einem Kampf mit einem Löwen. In der Literatur wurde auch darüber spekuliert, dass er erst 95 n. Chr. hingerich‐ tet wurde, weil er Beziehungen zu Christen aus der Familie der Flavier unterhalten habe. Vgl. Roh‐ den, P. v.: Acilius (40). In: RE, Bd. I, 1, Stuttgart 1893, Sp. 257; PIR ² A 67. 1405 Vgl. Suet. 11, 3: permittite, patres conscripti, a pietate vestra impetrari, quod scio me difficulter impe‐ traturum, ut damnatis liberum mortis arbitrium indulgeatis; nam et parcetis oculis vestris et intelle‐ gant me omnes senatui interfuisse. 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 307 nus1406 hervorhebt: necem Plautii Laterani … Nero adiungit, adeo propere, ut … non illud breve mortis arbitrium tempus permitteret....1407 (Die Tötung des Plautius Latera‐ nus … fügte Nero an, so eilig, dass … er nicht jenen kurzen Zeitraum für die Wahl der Todesart gewährte.) Der Ausdruck lässt die Deutung zu, dass vielleicht schon unter Nero die Gewäh‐ rung einer kurzen Frist zur Wahl der Todesart nicht unüblich war. Tatsächlich ist be‐ reits unter Nero in drei Fällen die Gewährung eines mortis arbitrium bezeugt1408, nämlich für die „Stoiker“ Thrasea Paetus1409, Barea Soranus1410 und dessen Tochter Servilia1411. Im Zusammenhang damit ist hier auch daran zu erinnern, dass auch Se‐ neca1412 de facto ein sog. liberum arbitrium mortis eingeräumt wurde. Die von Tacitus in Bezug auf die Bekanntgabe des Tötungsbefehls Neros gebrauchte Formulierung, Silvanus … intromisitque ad Senecam unum ex centurionibus, qui necessitatem ulti‐ mam denuntiaret1413 lässt sogar die Möglichkeit zu, dass die Gewährung eines liber‐ um arbitrium mortis zum Inhalt des zu überbringenden Befehls gehörte. Und der Fall Seneca scheint zu beweisen, dass bereits unter Nero die Gewährung eines liberum ar‐ bitrium mortis die Möglichkeit einschloss, dass der Delinquent einen Arzt, soweit an‐ wesend, bat, ihm beim Sterben „behilflich“ zu sein. Die Tatsache, dass weder Seneca noch die übrigen drei „Stoiker/innen“, bezüglich welcher unter Nero ein liberum arbitrium mortis bezeugt ist1414, ärztliche Hilfe in An‐ spruch nahmen, schließt eine solche Möglichkeit auch unter Domitian nicht aus, – vorausgesetzt dass ein Arzt zugegen gewesen wäre und dieser auch dazu bereit gewe‐ sen wäre, Tötungsbeihilfe zu leisten. Vor dem Hintergrund dieser Überlegung ver‐ dient auch noch ein anderes Zeugnis Suetons über die Grausamkeit Neros Beachtung: 1406 Vgl. Tab. IV, Nr. 20; 1407 Vgl. Tac. ann. 15, 60, 1; 1408 Vgl. Tab. IV, Nr. 43–45; 1409 Publius Clodius Thrasea Paetus (*in Patavium; †66 in Rom); 56 n. Chr. cos. suff., und mit der Be‐ treuung der Sibyllinischen Bücher beauftragt, 57 n. Chr. Unterstützer kilikischen Gesandten in einem Repetundenprozess gegen Cossutianus Capito, geht seit 59 n. Chr. zunehmend auf Distanz zu Nero, verhindert 62 n Chr. die Hinrichtung des Prätors Antistius Sosianus, der wegen eine Schmähschrift über Nero angeklagt worden war, wird schließlich selbst unter Anklage gestellt und verurteilt. Vgl. Hanslik, R., Clodius II, Nr. 10, in KIP, Bd. 1, Sp.1230–1231; 1410 Quintus Marcius Barea Soranus (* vor 52; † 65 oder 66); im Jahr 52 cos. suff., vielleicht 61 n. Chr. Prokonsul von Asia, war mit Servilia Considia verheiratet, einer Tochter des Historikers Servilius Nonianus, dessen Werk u. a. von Tacitus als Quelle benutzt wurde (Devillers, O.: Tacite et les sour‐ ces des Annales. Leuven 2003, S. 15ff.; Syme, Oxford 1958, Bd. 1, S. 274ff.), nach Cassius Dio 62, 26, 3; „hingerichtet“: SwranÕj mὲn oân æj kaˆ mageÚmat… tini di¦ tÍj qugatrÕj kecrhmšnoj, ™peid¾ nos»santoj aÙtoà qus…an tin£ ™qÚsanto, ™sf£gh...(Soranus nun wurde unter dem Vorwand eines Zaubers durch seine Tochter, weil jene gelegentlich einer Erkrankung ein Opfer dargebracht hätten, abgeschlachtet.) 1411 Marcia Servilia Sorana, Tochter d. Barea Soranus und der Considia Servilia, als Nichte des Quintus Marcius Barea Sura, eines Freundes Vespasians, auch eine Cousine von Marcia, der Großmutter der Mutter Trajans, und von Marcia Furnilla, der 2. Frau des Titus (Vgl. Smith, W. G.: Wörterbuch der griechischen und römischen Biografie und Mythologie, 1858); zum librerum arbitrium mortis aller drei vgl. Tac. ann. 16, 33, 4: Thraseae Soranoque et Serviliae datur mortis arbitrium. 1412 S. o. Kap. 1 und Tab. IV, Nr. 21; 1413 S. o. Tac. ann. 15, 61, 4; 1414 S. o. Kap. 2.3.2; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 308 mori iussis non amplius quam horarum spatium dabatur; ac ne quid morae interveni‐ ret, medicos admonebat, qui cunctantes continuo curarent; ita enim vocabatur venas mortis gratia incidere.1415 (Denen zu sterben befohlen worden war, wurde nicht mehr als eine Stunde Zeit [dazu] gewährt; und damit keine Verzögerung eintrete, ermahnte er die „Ärzte“, Zögernde unverzüglich zu „behandeln“; so wurde nämlich das Ein‐ schneiden in Adern zum Zwecke der Tötung bezeichnet.) Dieser Notiz ist die Information zu entnehmen, dass Delinquenten, welchen un‐ ter Nero das liberum mortis arbitrium zugestanden wurde, eine einstündige Frist zur Auswahl der von ihnen bevorzugten Todesart eingeräumt wurde und dass die zur Übermittlung bzw. Überwachung der Ausführung der jeweiligen Todesbefehle ent‐ sandten „Ärzte“ – den Ausdruck medicus wird man in diesem Kontext nicht wörtlich als Berufsbezeichnung deuten dürfen, wie man das heute gewohnt ist, sondern eher als zynische Bezeichnung für einen Soldaten, der zwar dazu ausgebildet worden war, mit Schild und Schwert in einer Schlacht zu kämpfen, aber auch andere Methoden zur Tötung eines Menschen beherrschte – und angewiesen war, nach dem Verstrei‐ chen dieser Frist unverzüglich selbst zur Tat zu schreiten. Wenn Sueton also behauptet, dass Domitian gesetzlich habe verankern lassen, dass unter seiner Herrschaft zum Tode verurteilten „Straftätern“ ein liberum mortis arbitrium eingeräumt wurde, so ist bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit dieser Information zu berücksichtigen, dass es für diese Form einer „humanisierten“ Voll‐ streckung von Todesstrafen Vorbilder gab, die Domitian lediglich gesetzlich zu sank‐ tionieren brauchte, zumal zu unterstellen ist, dass es für den angeblichen Antrag Do‐ mitians schriftliche Unterlagen gab, in den sog. acta senatus, auf welche zuzugreifen Sueton in seiner Funktion als ab epistulis des Kaisers Hadrian1416 (ab 121 n. Chr.) kaum größere Probleme gehabt haben dürfte. Im Zusammenhang mit der Praxis des liberum mortis arbitrium unter Domitian verdient u. a. auch Beachtung, was Cassius Dio im Zusammenhang der Verfolgung mutmaßlicher Hintermänner des Aufstandes des L. Antonius Saturninus1417 zu be‐ richten weiß: 'En dὲ tù crÒnJ toÚtJ ™pet»deus£n tinej farm£kJ belÒnaj1418 cr…on‐ tej, kente‹n aÙta‹j oÞj ™boÚlonto. kaˆ polloˆ mὲn ™ke…nwn mhdὲ a„sqÒmenoi œqnhskon, polloˆ dὲ kaˆ mhnuqšntej ™timwr»qhsan. kaˆ toàto oÙk ™n tÍ `Rèmῃ mÒnon ¢ll¦ kaˆ ™n p£sῃ æj e„pe‹n tÍ o„koumšnῃ ™g˜neto. 1419 (In jener Zeit be‐ schäftigten sich welche damit, Nadeln mit Gift zu bestreichen und mit denen zu ste‐ chen, die sie wollten. Und viele von jenen merkten davon nichts und starben, viele aber wurden auch angezeigt und bestraft. Und dieses geschah nicht nur in Rom, son‐ dern, wie man sagt, auf der ganzen Welt.) 1415 Vgl. Suet. Nero 37, 3; 1416 Vgl. Baldwin, B.: Suetonius. The biographer of Caesars. Amsterdam 1983. Grant, M.: Klassiker der antiken Geschichtsschreibung. München 1973. Gugel, H.: Studien zur biographischen Technik Suetons. Wien 1977. Power, T. /Gibson, R. K.(Hrsg.): Suetonius the Biographer. Oxford 2014. 1417 Vgl. Tab. IX, 7; 1418 Das Wort ¹ belÒnh bezeichnet sowohl eine „Pfeilspitze“ als auch eine „Nadel“, im Kontext, insofern die Stiche oftmals gar nicht bemerkt wurden, erscheint „Nadel“ aber als angemessener. 1419 Vgl. Cass. Dio 67, 11, 6; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 309 Nach Cassius Dio schwärmten nach der Niederschlagung der Erhebung des L. Antonius Saturninus und im Zusammenhang der Bestrafung möglicher Hintermän‐ ner in Rom, aber auch außerhalb Roms Personen aus, die mittelst vergifteter Nadeln oder Speerspitzen Menschen töteten, deswegen teils vor Gericht gestellt wurden, teils aber auch unbestraft davon kamen. Unwillkürlich drängt sich die Vermutung auf, dass entweder der Kaiser oder aber dessen Widersacher, um die Hintermänner des Militärputsches möglichst unauffällig zu beseitigen, vielleicht aber auch um Spuren, die zu ihnen hätten führen können, zu verwischen. Und wer würde im Falle der Be‐ nutzung von „Nadeln“ zur Tötung nicht unwillkürlich auch an Injektionsnadeln den‐ ken, wie sie heute von Ärzten benutzt werden, allerdings weniger um Menschen zu töten, als um sie zu heilen? Um diesem Verdacht auf den Grund zu gehen, bleibt uns auch in dieser Phase unserer Untersuchung nichts anderes übrig, als namentlich bekannte unnatürliche Tötungsfälle des Untersuchungszeitraums, hier der Epoche zwischen dem Tod Neros und demjenigen Domitians noch einmal gezielt daraufhin zu überprüfen, inwieweit – entgegen unserer bisherigen Annahmen – entweder die Applikation von Giften to‐ desursächlich gewesen sein könnte oder auch auf eine andere Art und Weise das Wir‐ ken eines Arztes. Als für eine solche Überprüfung geeignete Fälle kommen nur solche in Betracht, über welche die Quellen ausführlicher berichten, und bezüglich welcher Gift als Tö‐ tungsmittel bzw. eine ärztliche Tötungsassistenz aus anderen Gründen nicht ohnehin schon sicher ausgeschlossen werden konnte. Solche Bedingungen erfüllen aber nur die Berichte über das Ablebens Neros, des Titus und Domitians, wobei ein besonderes Augenmerk darauf gerichtet werden sollte, welches Tötungsmittel tatsächlich den Ex‐ itus der jeweiligen Person herbeiführte, vielleicht auch, ob verschiedene Tötungsmit‐ tel eingesetzt wurden, wie wir das ja bereits im Falle Senecas beobachten konnten1420, und deren Einsatz schließlich doch erfolglos blieb. Der Fall Neros Über das Ende Neros sind nur kurze Notizen des Flavius Josephus1421, Suetons1422, aber auch vergleichsweise ausführliche Exzerpte aus dem Werk des Cassius Dio1423 überliefert, abgesehen von kurzen Anmerkungen in der spätantiken Breviarienlitera‐ tur1424. Der frühesten erhaltenen Quelle dazu, der in den Jahren 75–79 n. Chr. ent‐ standenen Ἱστορία Ἰουδαϊκοῦ πολέμου πρὸς Ῥωμαίους, des Flavius Josephus ist dazu Folgendes zu entnehmen: OÙespasianù d' e„j Kais£reian ™pistršyanti kaˆ paraskeua‐ zomšnJ met¦ p£shj tÁj dunamšwj ™p' aÙtîn tîn `IerosolÚmwn ™xelaÚnein ¢ggšletai 2.3.3.1 1420 S. o. Kap. 1; 1421 Vgl. Ios. bell. Iud. 4, 491; 1422 Vgl. Suet. Nero 57; 1423 Vgl. Cass. Dio 63, 27–29; 1424 Vgl. Aur. Vict. lib. de Caes. 5, 16: verum eius adventu desertus undique nisi ab spadone, quem quon‐ dam exsectum formare in mulierem tentaverat, semet ictu transegit, cum implorans percussorem diu ad mortem meruisset cuiusquam officium. Inc. Auct. epit. de Caes. 5, 17; Eutr. brev. 15, 1; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 310 Nšrwn ¢nῃrhmšnoj, tr…a kaˆ dška basileÚsaj œth kaˆ ¹mšraj Ôktw. perˆ oὗ lšgein Ön trÒpon e„j t¾n ¢rc¾n ™xÚbrisen pisteÚsaj t¦ pr£gmata to‹j ponhrot£toij Numfid…J kaˆ Tigell…nJ, to‹j ge ¢nax…oij tîn ™xeleuqšrwn, kaˆ æj ØpÕ toÚtwn ™piboule‐ qeˆj katele…fqh mὲn ØpÕ tîn ful£kwn ¡p£ntwn, diadr¦j dὲ sÝn tštrasin tîn pistîn ¢pe‐ leuqšrwn ™n to‹j proaste…oij ˜autÕn ¢ne‹len,...1425 (Als Vespasian nach Cae‐ sarea1426 zurückgekehrt war und sich anschickte mit seiner ganzen Streitmacht gegen Jerusalem zu ziehen, wurde gemeldet, dass Nero gewaltsam geendet habe, nachdem er 13 Jahre und acht Tage geherrscht hatte. Über diesen sagt man, dass er seine Herr‐ schaft missbraucht habe, indem er die Staatsgeschäfte, dem Nymphidius1427 und dem Tigellinus1428 überließ, den unwürdigsten der Freigelassenen, und dass er von all sei‐ nen Leibwachen im Stich gelassen worden sei, mit vier seiner treuen Freigelassenen flüchtete und sich in der Vorstadt selbst tötete.) Nach den Angaben des Flavius Josephus verließ Nero, nachdem er einsah, dass Galba auch in Rom als Herrscher allgemein anerkannt wurde, begleitet von vier sei‐ ner treuesten Freigelassenen seinen Palast und die Stadt und tötete sich in der Vor‐ stadt selbst. Über die Tötungsmittel, die er dazu benutzte und ob er von einem seiner vier Freigelassenen hierbei unterstützt wurde, weiß Flavius Josephus nichts zu berich‐ ten. Auch über die Identität der vier Begleiter Neros auf dessen Flucht in die Vorstädte Roms erfährt man von Flavius Josephus nichts und fragt sich dabei unwillkürlich, ob diese in aller Seelenruhe und unbeteiligt zuschauten, wie sich ihr Herr selbst tötete. Wäre es nicht denkbar, dass jene letzten Getreuen den Kaiser nicht an dem Suizid gehindert, andernfalls ihn dabei unterstützt hätten? Vielleicht lagen derartige Einzel‐ heiten aber auch außerhalb des Interesses des Flavius Josephus, denn den Hauptge‐ genstand seiner Darstellung bildete die Geschichte des sog. Jüdischen Krieges, in des‐ sen Rahmen derartige Einzelheiten von nachrangigem Interesse waren.Vielleicht aber interessierte man sich zu der Zeit, als Flavius Josephus an jenem Werk arbeitete1429, auch in Rom noch kaum für Einzelheiten des Endes Neros. Suetons Nerovita, der frühesten erhaltenen Quelle in lateinischer Sprache, sind über das Ende Neros folgende Angaben zu entnehmen: perlatos a cursore Phaonti co‐ dicillos praeripuit legitque se hostem a senatu iudicatum et quaeri, ut puniatur more maiorum, interrogavit quale id genus esset poenae; et cum comperisset nudi hominis cervicem inseri furcae, corpus virgis ad necem caedi, conterritus duos pugiones, quos se‐ cum tulerat, arripuit temptataque utriusque acie rursus condidit, causatus nondum 1425 Vgl. Ios. bell. Iud. 4, 9, 2, 491–493; 1426 Caesarea maritima, die Hauptstadt Judäas und der Sitz des praefectus Iudeae; 1427 Gaius Nymphidius Sabinus († 68); seit 65 n. Chr. Prätorianerpräfekt, nach der Aufdeckung der Pi‐ sonischen Verschwörung erhielt er die konsularischen Insignien. Während Neros Aufenthalt in Griechenland (67/68) leitete er mit Tigellinus, (praef. praet. seit 62 n. Chr.) die Regierung. Vgl. PIR ² N 250. 1428 Gaius Ofonius Tigellinus (*in Agrigent; †69) seit 62 n. Chr. Prätorianerpräfekt. Vgl. Hanslik, R.: Ti‐ gellinus, Ofonius. In: KIP, Bd. 5, Stuttgart 1975, Sp. 824 f.. 1429 Als terminus post quam gilt die Einweihung des Friedenstempels in Rom (Ios. bell. Jud. 7, 158 ff.;), d. h. das Jahr 75 n. Chr., als terminus ante quam der Tod Vespasians, dem der Autor diese Schrift gewidmet hat, das Jahr 79 n. Chr.. Vgl. Michel, O. und Bauernfreund, O.: De bello Judaico – Der jüdische Krieg, Darmstadt 1959, Bd. I, Vorwort, S. XX. 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 311 adesse fatalem horam. ac modo Sporum hortabatur ut lamentari ac plangere inciperet, modo orabat ut se aliquis ad mortem capessendam exemplo iuvaret. … iamque equites approquinquabant, quibus praeceptum erat, ut vivum eum adtraherent. … quod ut sen‐ sit … ferrum iugulo adegit iuvante Epaphrodito a libellis. semianimisque adhuc irrum‐ penti centurioni et paenula ad vulnus adposita in auxilium venisse simulanti non aliud respondit quam: sero et haec est fides. atque in ea voce defecit, extantibus rigentibusque oculis usque ad horrorem formidiniemque visentium.1430 (einen durch einen Kurier dem Phaon1431 überbrachten Brief riss er an sich und las, dass er vom Senat zum Staatsfeind erklärt worden sei und nach ihm gesucht werde, damit er nach Sitte der Vorfahren bestraft werde, und fragte, was für eine Art Strafe dies sei; und als er erfah‐ ren hatte, dass der Hals eines entblößten Mannes in eine Holzgabel gelegt werde, und der Körper mit Ruten zu Tode geprügelt, griff er erschrocken nach zwei Dolchen, die er bei sich hatte, und nachdem er die Schärfe beider Klingen überprüft hatte, legte er sie wieder zurück, mit der Begründung, dass die vom Schicksal vorgegebene Stunde noch nicht da sei. Dann forderte er Sporus1432 auf, die Totenklage und ein Wehge‐ schrei anzustimmen; bald bat er, dass ihn jemand bei der Selbsttötung durch sein Bei‐ spiel behilflich sei. … und schon näherten sich Reiter, die den Auftrag hatten, ihn le‐ bend herbeizuschaffen. … als er dieses bemerkte … führte er das Eisen an die Kehle, mit Unterstützung des Sekretärs Epaphroditus1433. Schon halb entseelt, antwortete er dem herbeieilenden Zenturio, der seinen Mantel auf die Wunde drückte und heuchel‐ te zur Hilfe gekommen zu sein, nicht mehr als: „Zu spät und das ist Treue!“ Und bei diesen Worten starb er, während die Augen hervorquollen und erstarrten zum schau‐ dernden Entsetzen der Umstehenden.) Auch nach dieser Darstellung Suetons starb Nero durch Selbsttötung mittelst eines Dolch- oder Schwertstiches durch das sog. Iugulum, allerdings nicht ohne die Unter‐ stützung seines Sekretärs Epaphroditus. Dass letzterer Nero bei seinem Suizid unter‐ stützt habe, behauptet Sueton auch in der Vita Domitians. Im Zusammenhang einer Charakterisierung der Verhörmethoden Domitians führt Sueton aus: nec nisi secreto atque solus plerasque custodias, receptis quidem in manum catenis, audiebat. utque do‐ mesticis persuaderet, ne bono quidem exemplo aud[i]endam esse patroni necem, Epa‐ phroditem a libellis capitali poena condemnavit, quod post destitutionem Nero in adipis‐ cenda morte manu eius adiutus existimabatur.1434(Auch verhörte er [Domitian] die 1430 Vgl. Suet. Nero 49, 2–4; 1431 dieser Phaon wird als Freigelassener Neros auch von Cassius Dio (63, 27, 3;) und in der epit. Caes. 5, 7; erwähnt. Vgl. Hanslik, R., Phaon, Nr. 2, in KIP Bd. 2, Sp. 710; 1432 „Lustknabe“ Neros, der außer von Sueton (Nero 28. 29;) von Sextus Aurelius Victor (Aur. Vict. Caes. 5, 16;) und Orosius (7, 2, 2) erwähnt wird und, weil er von Vitellius gezwungen werden sollte, als Kore aufzutreten, sich selbst tötete (Cass. Dio. 64, 10, 1;). Vgl. Winkler, G., Sporus, in KIP, Bd. 5, Sp. 232. 1433 Tiberios Klaudios Epaphroditos oder Tiberius Claudius Epaphroditus oder Epaphroditus; Ἐπαφρόδιτος; *ca. 20-25, †ca 95 n. Chr., wurde wahrscheinlich bereits durch Claudius (41–54) frei‐ gelassen, 65 n. Chr. spielte er eine bedeutsame Rolle im Zusammenhang der Aufdeckung der Piso‐ nischen Verschwörung, wofür er reich belohnt wurde, u. a, mit einem Palast und Park auf dem Esquilin, östlich der Domus Aurea, dem Palast Neros, vermutlich Widmungsadressat der antiquita‐ tes Iudaeorum des Flavius Josephus, vgl. Hanslik, R., Epaphroditus Nr. 2, in KIP, Bd. 2, Sp. 283; 1434 Vgl. Suet. Dom. 14, 4; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 312 meisten Gefangenen allein, wobei er allerdings die Ketten in die Hände nahm. Und um den Hausangestellten zu raten, dass man sich auch durch ein gutes Beispiel nicht dazu verleiten lassen dürfe, den eigenen Herrn zu töten, verurteilte er den Epaphro‐ ditus, seinen Sekretär, weil Nero nach seiner Absetzung bei dem Versuch sich selbst zu töten, durch dessen Hand unterstützt worden sei, wie man glaubte.) Diese Notiz verdient vor allem im Hinblick auf die Herkunft der Informationen, so wie sie bei Sueton und auch in späteren Quellen greifbar sind, Beachtung: Jener Epaphroditus stand in den 90 -er Jahren eben wegen der angeblich Nero geleisteten Suizidassistenz unter Anklage und wurde deswegen zunächst verbannt, schließlich auch hingerichtet1435. Daraus ist zu erschließen, dass Sueton für diese Angaben - we‐ nigstens mittelbar - Protokolle über den Prozess gegen Epaphroditus benutzte, auf die Flavius Josephus aber aus zeitlichen Gründen bei der Abfassung seines Geschichts‐ werks über den jüdischen Krieg noch nicht zurückgreifen konnte. Um so bemerkens‐ werter ist es, dass wenigstens drei von vier Fluchtbegleitern Neros, welche Flavius Jo‐ sephus nur anonym erwähnte, von Sueton auch namentlich erwähnt werden. Allerdings beginnen an dieser Stelle auch schon die ersten Schwierigkeiten be‐ züglich der Glaubwürdigkeit der Berichte. Von einer Flucht Neros aus dem Palast, die Flavius Josephus behauptet, ist bei Sueton keine Rede mehr. Man könnte aufgrund der o. z. Darstellung Suetons zu der Auffassung gelangen, dass Phaon, den Sueton als Ver‐ fasser einer für Nero bestimmten Nachricht erwähnt, den Vorgang der angeblich von Epaphroditus unterstützten Selbsttötung Neros nicht persönlich miterlebte und Nero seinen Palastes auch gar nicht verlassen hatte, als er starb. In diesem Zusammenhang muss auch berücksichtigt werden, dass die Verneh‐ mungsprotokolle, die wir soeben als mutmaßliche Quelle für die Darstellung Suetons glaubten identifizieren zu können, ihre Entstehung einem Strafverfahren verdanken, das explizit dazu diente, dem Epaphroditus ein Verbrechen nachzuweisen, so dass man im Zusammenhang damit mit unterschiedlichen Aussagen der Verhörten rech‐ nen muss, die auch in unterschiedlichen Darstellungen der zu dem Fall überlieferten Quellen ihren Niederschlag fanden. Eine hinsichtlich des Sterbeortes Neros von der Darstellung Suetons stark abwei‐ chende Darstellung enthält das Geschichtswerk des Cassius Dio1436. Danach soll Nero, nachdem er davon erfahren hatte, dass der Senat Galba als neuen Kaiser anerkannt hatte, zunächst in ohnmächtiger Wut den Plan gefasst haben, sämtliche Senatoren tö‐ ten und die Stadt Rom niederbrennen zu lassen, um sich dann nach Alexandrien in Ägypten abzusetzen1437. Nachdem sich diese Pläne aber als unausführbar erwiesen hätten, soll er zunächst daran gedacht haben sich selbst zu töten, dann aber nach einer Übernachtung im Freien ein Pferd bestiegen und aus der Stadt geflohen sein, und zwar zu einem Gut Phaons1438. Auf dieser Flucht soll nach den Angaben Dios Nero außer von Epaphroditus noch von zwei weiteren Freigelassenen begleitet worden 1435 Vgl. Tab. IX, Nr. 20; 1436 Vgl. Cass. Dio 63, 27–29; 1437 Vgl. Cass. Dio 63, 27, 2; 1438 Vgl. Cass. Dio 63, 27, 3; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 313 sein:...met¦ te aàtou ™ke…nou kaˆ met¦ 'Epafrod…tou toà te SpÒrou, nuktÕj œti oÜshj ½lase1439. (Gemeinsam mit eben diesem selbst [Phaon] und mit Epaphroditus und Sporus1440 machte er sich noch während der Nacht auf die Flucht.) Nach der Darstellung Dios verließ Nero, nachdem er von seiner Absetzung erfah‐ ren hatte, seinen Palast. Und auf dieser Flucht begleiteten ihn angeblich nicht nur Epaphroditus und Sporus, sondern auch Phaon, der Besitzer des Landgutes, wohin die Gruppe zu fliehen beabsichtigte, aber nach Cassius Dio anscheinend nie ankam. Denn auf dem Weg zu dem Gut sollen Nero und seine Begleiter dann durch ein Unwetter vom Weg abgekommen und Zuflucht in einer Höhle in der Nähe des Gutes gefunden haben1441. Über das Ende Neros selbst berichtet Cassius Dio Ähnliches wie Sueton, nur dass Cassius Dio die Geschichte in jene Höhle verlegt: kaˆ oÛtwj ™ke‹noj prosiÒntaj aÙtoÝj a„sqÒmenoj prosštaxe to‹j paroàsin ˜autÕn ¢pokte‹nai. ™peˆ dὲ oÙc Øp»kousan, ¢nestšnaxe te kaˆ œfh. „™gë mÒnoj oÜte f…lon oÜte œcqron œcw.“ kaˆ toÚtJ pelas£ntwn aÙtù tîn ƒppšwn aÙtÕj ˜autÕn ¢pškteine, tÕ qruloÚmenon ™ke‹no e„pèn, „ὦ Zeà, oἷoj tecn…thj parapÒllumai. kaˆ aÙtÕn dusqanatoànta Ð 'EpafrÒditoj proskateirg£sato.1442 (Als jener nun merkte, dass die Verfolger sich nä‐ herten, befahl er seinen Begleitern ihn zu töten. Als diese sich aber weigerten, sagte er aufstöhnend: „Ich allein habe weder einen Freund noch einen Feind.“ Und in dem Augenblick, als sich schon Reiter näherten, tötete er sich selbst, indem er wie schon so oft sagte: „Oh Zeus, was für ein Künstler stirbt hier doch!“ Da er nicht sogleich starb, machte ihm Epaphroditus den Garaus.) Damit wird nun deutlich: Als Nero berittene Häscher sich ihm nähern sieht, for‐ dert er seine Begleiter auf, ihn zu töten. Als diese sich weigern, versucht er es selbst und, als ihm das nicht so schnell wie erhofft gelingt, hilft ihm Epaphroditus, wie das ja auch Sueton angibt. Bei genauerem Hinschauen bemerkt man aber, dass außer hin‐ sichtlich des Tatorts auch noch ein anderer Unterschied zur Darstellung Suetons be‐ steht. Cassius Dio liefert keine klaren Informationen über das Tötungsmittel, das Nero einsetzte, um sich, vom Epaphroditus unterstützt, selbst zu richten. Mit keinem Wort wird ein Dolch oder ein Schwert von Cassius Dio als Tötungsmittel genannt. Außer‐ dem erwähnt auch Cassius Dio einen vierten Fluchtbegleiter Neros, der später in dem Prozess gegen Epaphroditus als Zeuge hätte aufgetreten sein können. Aber wer war dieser Unbekannte? Einen vierten Zeugen und ein Tötungsmittel erwähnt auch ein Anonymus der Spätantike: ubi adventare Nero Galbam didicit senatusque sententia constitutum, ut more maiorum collo in furcam coniecto virgis ad necem caederetur, desertus undique noctis medio egressus urbe sequentibus Phaone Epaphrodito Neophytoque et spadone 1439 Vgl. Cass. Dio 63, 27, 3; 1440 Angeblich ein „Lustknabe“ Neros, der außer von Cassius Dio auch von Sueton (Nero 28. 29;), Sex‐ tus Aurelius Victor (Aur. Vict. Caes. 5, 16;) und Orosius (7, 2, 2;) erwähnt wird und, weil er von Vitellius gezwungen werden sollte, als Kore aufzutreten, sich selbst tötete (Cass. Dio. 64, 10, 1;). Vgl. Winkler, G., Sporus, in KIP, Bd. 5, Sp. 232; 1441 Vgl. Cass. Dio 63, 28, 3–5; 1442 Vgl. Cass. Dio 63, 29, 3 (epit.); Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 314 Sporo, quem quondam exsectum formare in mulerem temptavit, semet ictu gladii tran‐ segit adiuvante trepidantem manum impuro, de quo diximus, eunucho, cum sane prius nullo reperto, a quo feriretur, exclamavit: ´Itane nec amicum habeo nec inimicum? De‐ decorose vixi, turpius peram.1443 (Sobald Nero erfahren hatte, dass Galba ankomme und durch einen Senatsbeschluss bestimmt worden war, dass er nach altem Brauch mit dem Hals in einem Holzblock mit Ruten zu Tode geprügelt werden sollte, verließ er von allen verlassen die Stadt, begleitet von Phaon, Epaphroditus, Neophytus1444 und Sporus, den er einst zu einer Frau zu verschneiden zu lassen versucht hatte, und durchbohrte sich selbst mit einem Schwertstich, wobei die zitternde Hand der unsau‐ bere Eunuch, über den ich bereits sprach, hielt, nachdem vorher überhaupt niemand gefunden worden war, der ihn hätte töten mögen, und er ausgerufen hatte: „So habe ich weder einen Freund noch einen Feind? Schändlich habe ich gelebt noch schändli‐ cher gehe ich zugrunde.) Nach den Angaben dieses Anonymus diente also ein gladius als Tötungsmittel im Falle Neros und außerdem nennt dieser auch den Namen eines vierten Fluchtgefähr‐ ten Neros, sodass man geneigt sein könnte, auch diesen Fall im Hinblick auf die medi‐ zingeschichtlich relevante Frage des Tötungsmittels als abgeschlossen anzusehen. Denn im Falle des Gebrauchs eines Schwertes als Tötungsmittel wäre die Tötungsas‐ sistenz eines Arztes auszuschließen, – ungeachtet der gerade durch die zuletzt zitierte Quelle neu aufgeworfene Frage, ob wirklich Epaphroditus oder doch eher Sporus die zitternde Hand Neros führte, zumal es sowohl für die Benennung unterschiedlicher Täter und Tatorte, vor allem aber auch für die Bezichtigung des Sporus eine simple Erklärung gibt: Sporus lebte zum Zeitpunkt des Strafprozesses gegen Epaphroditus schon seit Jahren nicht mehr. Was aber lag aus der Sicht des Epaphroditus näher als die Mitschuld am Tode Neros jemandem anzulasten, der wegen zwischenzeitigen Ab‐ lebens als Tatzeuge nicht mehr in Frage kam? Auch in dem Prozess gegen Epaphroditus ist nicht zu leugnen, dass von den Sol‐ daten, die Nero hatten festnehmen sollen, dessen Körper mit einer Wunde am iugu‐ lum aufgefunden wurde und dass sich das Schwert, mit dem er getötet worden war, offensichtlich nicht mehr in dieser Wunde befand, da ja der Zenturio, der seinen Mantel nach Sueton eben auf diese Wunde presste1445, angeblich um die Blutungen zu stillen, es zuvor daraus hätte entfernen müssen, was aber in der Quelle nicht bezeugt wird. Deswegen stand aus der Sicht dieses Zenturos wie auch aus der Sicht des Ge‐ richts, welches diesen Fall fast 30 Jahre später wieder aufrollte, fest, dass Nero nicht ohne die Unterstützung Dritter ums Leben gekommen sein konnte und der Helfer nirgendwo anders zu suchen war als im Kreise der Fluchtbegleiter Neros1446. 1443 Vgl. Auct inc. epit. de Caes. 5, 7; 1444 Außer in der hier zitierten Quelle wird ein Freigelassener dieses Namens nirgendwo erwähnt. 1445 S. o. Suet. 49, 4: Semianimisque adhuc irrumpenti centurioni et paenula ad vulnus adposita in auxili‐ um venisse simulanti non aliud respondit quam: sero et haec est fides. atque in ea voce defecit,... 1446 Nero fand auch bei Medizinhistorikern Aufmerksamkeit (Vgl. Grote, A., Nero, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 245–246;), – aber die rätselhaften Umstände seines Ablebens nicht! 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 315 Damit aber scheint außer Frage zu stehen, dass im Falle Neros auch die Beihilfe eines Arztes zu dessen Tötung ausgeschlossen werden kann. Und dennoch will es einem nicht ganz einleuchten, dass ausgerechnet Nero, der im Kampf gegen mutmaß‐ liche politische Gegner oder überhaupt missliebige Personen wiederholt auf Gift als Tötungsmittel zurückgriff, sich für den Fall des eigenen Ablebens im Bedarfsfalle we‐ der eine Ampulle noch eine vergiftete Nadel zurückgelegt hatte, zumal Locusta, deren Hilfe sich Nero zu solch einem Zweck hätte bedienen können, ihn ja überlebte1447. Tatsächlich scheint Nero, soweit man in dieser Hinsicht Sueton glauben kann, zeitweilig daran gedacht zu haben, auch seinem eigenen Leben mittelst Gift ein Ende zu setzen. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Neros Reaktionen auf die Nachricht, dass sich die Armee von ihm abzuwenden begann, berichtet Sueton: Nuntiata interim etiam ceterorum exercituum defectione litteras prandenti sibi redditas concerpsit, mensam subvortit, duos scyphos gratissimi usus, quos Homerios a caelatura carminum Homeri vocabat, solo inlisit ac sumpto a Locusta veneno et in auream pyxid‐ em condito transiit in hortos Servilianos …1448 (Nachdem unterdessen der Abfall auch der übrigen Heere gemeldet worden war, zerriss er das ihm beim Mahle überreichte Schreiben, stürzte den Tisch um, warf zwei Pokale, die er gerne benutzte und die er wegen Ziselierungen nach Gesängen Homers als Homerische bezeichnete, zu Boden und begab sich, nachdem er von Locusta erhaltenes Gift in einer goldene Dose ver‐ borgen hatte, in die Servilianischen Gärten1449...) Nachdem Nero aus den Gärten, in denen er sich in etwa bis Mitternacht aufgehal‐ ten haben soll, in den zwischenzeitig von der Dienerschaft weitgehend verlassenen Palast wieder zurückkehrte, war das Behältnis mit dem Gift dort nach Sueton nicht mehr aufzufinden: … in cubiculum rediit, unde iam custodes diffugerant, direptis etiam stragulis, amota et pyxide veneni;1450 (… er kehrte in sein Schlafzimmer zurück, aus dem die Wächter schon geflohen waren, nachdem sie auch die Teppiche entwendet hatten, – und wobei auch das Gefäß mit Gift verschwunden war.) Der Notiz ist zu entnehmen, dass die Wächter des kaiserlichen Schlafgemachs, als sie sich aus dem Staube machten, wahrscheinlich auch das goldene Gefäß mit dem Gift, von dem Nero hoffte im äußersten Notfall zum Zwecke der Selbsttötung Ge‐ brauch machen zu können, hatten „mitgehen lassen.“ Sollten diese Angaben Suetons zutreffen, wären auch sie als ein Beleg dafür anzusehen, dass Nero keinesfalls mit Un‐ terstützung eines Arztes ums Leben gekommen sein kann. Der Fall des Titus Als besonders rätselhaft erscheint in medizingeschichtlicher Hinsicht der Fall des Kaisers Titus. Dieser war am 30. 12. 39 n. Chr. als ältester Sohn des damaligen Prätors 2.3.3.2 1447 Vgl. Tab. V, 17; 1448 Vgl. Suet. Nero 47, 1; 1449 Wahrscheinlich im Süden des 12. Stadtbezirks; identisch mit den Horti Maecenatii bzw. Neronis, von denen aus Nero auch den Brand Roms betrachtet und besungen haben soll; vgl. Groß, R., Hor‐ ti, in KIP, Bd. 2, Sp. 1231; 1450 Vgl. Suet. 47, 3; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 316 Titus Flavius Vespasianus1451 und dessen Gemahlin Flavia Domitilla1452 geboren wor‐ den. Dank der Stellung seines Vaters als Günstling der Antonia, deren Sekretärin Cae‐ nis, die Geliebte seines Vaters war, geriet er schon früh zu Hofkreisen in Kontakte, insbesondere zu Britannicus, dem Sohn des Claudius, mit dem er gemeinsam erzogen wurde1453. Nach Sueton war er im Februar des Jahres 51 n. Chr. sogar Augenzeuge der Vergiftung des Britannicus1454. Er diente nach dem Eintritt ins Erwachsenenalter zu‐ nächst als Militärtribun in Germanien und Britannien, bekleidete ca. im Jahre 65 n. Chr. das Amt eines Prätors und setzte ab dem Jahre 66 n. Chr. seine militärische Lauf‐ bahn als Kommandeur der leg. XV Apollinaris unter dem Oberkommando seines Va‐ ters im sog. Jüdischen Krieg fort. Nach dem Tod Neros war er von seinem Vater zur Huldigung Galbas entsandt worden, änderte auf dem Weg dorthin aber seine Absicht und unterstützte seinen Va‐ ter dann dabei, dass der letztere sich selbst um den Thron bemühe. Nach dessen Sieg im Bürgerkrieg erhielt er den Rang eines Caesars sowie den Titel princeps iuventutis, blieb aber noch einige Monate bis zur vollständigen Niederwerfung des jüdischen Aufstandes in Palästina, bevor er im Juni des Jahres 71 nach Rom zurückkehrte, einen Triumpf feierte und mit dem Titel imperator und der der tribunicia potestas die Funk‐ tionen eines Mitregenten übertragen bekam. Außerdem übertrug ihm sein Vater die für die innenpolitische Absicherung seines Kaisertums wichtige Funktion eines Prä‐ torianerpräfekten. Seit dem Tod seines Vaters, am 24. 06. 79 n. Chr. in Aquae Cuti‐ lae1455, hatte er die Alleinherrschaft inne, bis zu seinem Tode am 13. 09. 81 n. Chr., ebenfalls in Aquae Cutiliae. 1456 Über das Ableben des Titus berichten verschiedene antike Quellen, außer Sue‐ ton1457 und Cassius Dio1458 auch noch Aurelius Victor1459 und Eutropius1460, recht spä‐ te Quellen, die aber speziell bezogen auf den Fall des Titus interessante Zusatzinfor‐ mationen liefern. Die entsprechende Darstellung des Tacitus ist nicht überliefert. Aber befragen wir die Quellen wiederum in der Reihenfolge ihrer Entstehungszeit, d. h. zunächst Sueton! Im Anschluss an die Erwähnung angeblich unablässiger Streitig‐ keiten des Titus mit Domitian führt Sueton dazu aus: inter haec morte praeventus est maiore hominum damno quam suo. Spectaculis absolutis, in quorum fine populo coram ubertim fleverat, Sabinos petit aliquantio tristior, quod sacrificanti hostia aufugerat quodque tempestate serena tonuerat. deinde ad primam statim mansionem febrim 1451 Vgl. Hanslik, R.,Vespasianus, in KIP Bd. 5, Sp. 1224. 1452 Flavia Domitilla d. Ä., eine Tochter des Flavius Liberalis aus Ferentum, Mutter dreier Kinder, des Titus, Domitians und einer gleichnamigen Tochter; vgl. Hanslik, R., Flavius II, Nr. 21, in: KIP, Bd. 5, Sp. 574; 1453 Vgl. Tac. ann. 11, 1. 4; 1454 Vgl. Suet. Tit. 2, 3: erant autem adeo familiares, ut de potione, qua Britannicus hausta periit, Titus quoque iuxta cubans credatur gravique morbo afflicatus diu; 1455 Heute: Terme di Cotilia, zwischen Reate (Rieti) und Interocrea, nahe Castel Sant’Angelo im Tal des Velino; Vgl. Hülsen, Ch.: Aqua, Aquae 38. In: RE. Bd. II, 1, Stuttgart 1895, Sp. 299 f.; 1456 Vgl. Hanslik, R., Titus 2, in KIP Bd. 5, Sp. 874–876. 1457 Suet. Tit. 10; 1458 Cass. Dio 66, 26, 1–4; 1459 Sext. Aur. Vict. lib. de Caes. 10, 5; inc. auct. epit. de Caes. 10, 15–16; 1460 Eutr. brev. 7, 22; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 317 nanctus, cum inde lectica transferretur, suspexisse dicitur dimotis pallulis caelum, mult‐ umque conquestus eripi sibi vitam immerenti; neque enim extare ullum suum factum paenitendum excepto dumtaxat uno. id quale fuerit, neque ipse tunc prodidit neque cui‐ quam facile succurrat. quidam opinantur consuetudinem recordatum, quam cum fratre uxore habuerit; sed nullum habuisse persancte Domitia iurabat, haud negatura, si qua omnino fuisset, immo etiam gloriatura, quod illi promptissimum erat in omnibus pro‐ bris. Excessit …1461 (Unterdessen wurde er vom Tode eingeholt, mehr zum Schaden der Menschen als zu seinem eigenen. Nach dem Ende der Spiele1462, bei dessen Ab‐ schluss er öffentlich reichlich geweint hatte, begab er sich zu den Sabinern1463, noch trauriger, weil ihm bei einem Opfer ein Opfertier entsprungen war und weil es bei heiterem Himmel gedonnert hatte. Gleich beim ersten Zwischenaufenthalt1464 erlitt er einen Fieberanfall; insofern er von dort mit einer Sänfte weitergetragen wurde, soll er bei zurückgezogenen Vorhängen zum Himmel aufgeblickt und sich sehr darüber be‐ klagt haben, dass ihm unverdient das Leben geraubt werde; denn es gebe keine Tat, die er zu bereuen habe, mit Ausnahme einer einzigen. Welche diese gewesen sei, ver‐ riet er selbst damals nicht und niemand dürfte leicht darauf kommen. Gewisse Leute glauben, dass er sich eines Umgangs erinnert habe, den er mit der Gemahlin seines Bruders gepflegt habe; aber dass sie einen solchen gehabt habe, bestritt Domitia unter heiligsten Schwüren, gleichwohl bereit dies gegebenenfalls nicht zu bestreiten, falls es da etwas gegeben haben sollte, ja sogar bereit sich dessen zu rühmen, was ihr bei allen Vorwürfen leicht fiel. Er starb...) Nach dieser Darstellung befiel Titus auf einer Reise von Rom nach Aquae Cutiliae eine fiebrige Erkrankung, bezüglich welcher Titus selbst angeblich sogleich davon ausging, dass er daran sterben werde und dass es bei dieser Erkrankung vielleicht nicht so ganz mit rechten Dingen zugehe: multumque conquestus eripi sibi vitam im‐ merenti. Außerdem ist dem Text zu entnehmen, dass die wahrscheinlich von den Trä‐ gern der Sänfte des Titus auf jener Reise „aufgeschnappten“ angeblichen Stoßseufzer des Kaisers von einigen Autoren, deren Werke von Sueton als Quellen benutzt wurden (Quidam opinantur consuetudinem recordatum, quam cum fratre uxore habuerit;), da‐ hingehend gedeutet wurden, dass bei dem Ausbruch jener Erkrankung des Titus, der Gemahl jener Domitia, zu welcher ihm ein Verhältnis nachgesagt wurde, also Domiti‐ an, seine Hand mit im Spiel gehabt haben könnte.1465 1461 Vgl. Suet. Tit. 10; 1462 aus Anlass der feierlichen Eröffnung des sog. Kolosseums; Vgl. Suet. Tit. 7, 3; Vgl. Cass. Dio 66, 25; 1463 Heute: das Gebiet der Monti Sabini, das westliche Randgebirge der Abbruzzen, zwischen Tiber und Turano gelegen, im Südwesten der Provinz Rieti. 1464 mansio bezeichnet einen Ort, an welchem ein Pferdewechsel vorgenommen wurde und sich Rei‐ sende eine kurze Erholung gönnten. Vgl. Radke, G. Mansio, in KIP, Bd. 3, Sp. 967; der Ort, an wel‐ chem bei Titus das Fieber ausbrach, müsste eine Tagesreise von Rom entfernt gewesen sein, d. h. ca. 40 km. von Rom entfernt, an der Via Salaria in der Gegend des heutigen Ortes Passo Correse; Trapp, W., Wallerus, H.: Handbuch der Maße, Zahlen, Gewichte und der Zeitrechnung: mit 100 Tabellen, Stuttgart 20126. 1465 Sueton führt diesen Gedanken nicht weiter aus, stellte dem Bericht über den Tod des Titus aber eine Notiz voraus, aus der hervorgeht, dass er Domitian einen Mordanschlag auf Titus durchaus zutraute. Vgl. Suet. Tit. 9, 3: fratrem insidiari sibi non desinentem, sed paene ex professo sollicitantem exercitus, meditantem fugam, neque occidere neque seponere ac ne in minore quidem honore habere Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 318 Deutlicher äußert sich in dieser Hinsicht Cassius Dio: æj mὲn ¹ f»mh lšgei, prÕj toà ¢delfoà ¢nalwqeˆj, Óti kaˆ prÒteron ™pebeboÚleuto Øp' aÙtoà, æj dὲ tinej gr £fousi, nos»saj. œmpnoun g¦r toi aÙtÕn Ônta kaˆ t£ca perigenšsqai dun£menon ™j l £rnaka ciÒnoj pollÁj gšmousan Ð DomitianÕj ™nšbalen, æj demšnhj tÁj nÒsou t £ca tinÕj periyÚxewj, †na q©sson ¢poq£nῃ. œti goàn zîntoj aÙtoà ™j te t¾n `Rèmhn ¢f†ppeuse kaˆ ™j tÕ stratÒpedon ™sÁlqe, t¾n te ™p…klhsin kaˆ t¾n ™xous…an toà aÙtokr£toroj œlabe, doàj aÙto‹j Ósouper kaˆ Ð ¢delfÕj aÙtoà ™dedèkei.1466 (Wie das Gerücht sagt, wurde er von seinem Bruder beseitigt, weil der zuvor einen Anschlag auf ihn verübt hatte, wie einige schreiben, erkrankte er aber auch. Während er noch atmete und hätte noch genesen können, soll ihn Domitian in eine Kiste mit viel Schnee geworfen haben, unter dem Vorwand, dass die Krankheit derartiges erfordere, [in Wirklichkeit aber] damit er schneller sterbe. Obwohl er [Ti‐ tus] noch lebte, ritt er [Domitian] weg nach Rom und zwar ins Prätorianerlager, nahm dort die Ausrufung zum Alleinherrscher und dessen Machtbefugnisse entgegen, nachdem er denen [den Soldaten] das gewährt hatte, was auch sein Bruder [Titus] ih‐ nen gegeben hatte.) Nach dieser Darstellung lässt Cassius Dio dem Leser die Auswahl zwischen zwei verschiedenen Geschichten, die aber im Endeffekt auf dasselbe hinauslaufen, nämlich dass Titus keines natürlichen Todes gestorben sei: Nach der ersten Version wurde Ti‐ tus von Domitian schlicht durch einen Anschlag beseitigt, wobei keine konkreten An‐ gaben zu den dabei eingesetzten Tötungsmitteln gemacht werden, indirekt aber ein Giftanschlag angedeutet wird, insofern eine „Erkrankung“ nicht zu leugnen war, aber stillschweigend als Ergebnis eines Anschlags umgedeutet wurde. Nach der zweiten Version der Geschichte, hatte die Erkrankung, der Titus erlag, zwar eine natürliche Ursache, aber der tödliche Verlauf wurde durch Domitian angeb‐ lich beschleunigt, in dem dieser seinem Bruder eine „Therapie“ verordnete, die vor‐ aussehbar zum Tode führen musste, so dass sich Domitian, noch bevor endgültig der Tod seines Bruders eingetreten war, unverzüglich zu Pferde auf den Weg nach Rom machte, um sich im Prätorianerlager zum neuen Imperator ausrufen zu lassen und so die eigene Machtergreifung unumkehrbar zu machen. In dem einen wie auch in dem anderen Fall müsste man grundsätzlich mit der Möglichkeit einer ärztlichen Tötungsassistenz rechnen, sei es dass ein Arzt den mut‐ maßlichen Mörder bei der Auswahl von Giften so beriet, damit durch die Intoxikati‐ on eine mit heftigen Fieberanfällen einhergehende Erkrankung ausgelöst wurde1467, sei es, dass er nach Ausbruch des Fiebers zu einer Therapie riet, die scheinbar dazu sustinuit, sed ut a primo imperii die, consortem successoremque testari perseveravit, nonumquam se‐ creto precibusque ac lacrimis orans, ut tandem mutuo erga se animo vellet esse. 1466 Vgl. Cass. Dio 66, 26, 3; 1467 Heftige Fieberschübe treten bei allen sog. Lebensmittelvergiftungen auf, die dann durch verschie‐ dene Keime in verdorbenen Lebensmitteln hervorgerufen werden und lebensbedrohlich sein kön‐ nen: Salmonellen (Bakteriengattung Salmonella verursacht Salmonellose. Zur Gattung gehören über 2.000 Arten. Diese gelten als Erreger für: Typhus, Paratyphus und des Salmonellen-Magen- Darm-Katarrhs. Die Übertragung der Bakterien erfolgt über rohe oder nicht genügend erhitzte tie‐ rische Lebensmittel, die unter Verwendung roher Geflügeleier hergestellt werden.), Campylobacter (aufgenommen durch: Geflügelfleisch, Eier und Produkte aus rohen Eiern), Shigellen (Erreger der 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 319 beitrug, die Körpertemperatur des Erkrankten zu senken1468, in Wirklichkeit aber da‐ rauf abzielte, das Siechtum des Kranken zu beschleunigen. Vor allem die nach Cassius Dio von Domitian Titus verordnete „Kältetherapie“ wirft aus der Sicht des Medizinhistorikers Fragen auf: Sie dürfte manchem heutigen Betrachter prima vista als reichlich unglaubwürdig erscheinen – mitten im September und mitten in Italien! Trotz seiner Lage in ca. 580 m. NN misst man in Castel Sant'Angelo, Rieti, dem Standort des antiken Aquae Cutiliae, Mitte September nur sel‐ ten Tagestemperaturen von weniger als 25 Grad Celsius, so dass man sich fragen könnte, woher der Schnee zur fraglichen Zeit denn hätte kommen sollen, der benötigt wurde, um Titus zu töten. Auf der anderen Seite ist aber zu berücksichtigen, dass der Sterbeort des Titus inmitten der Abbruzzen lag, die in nicht allzu großer Entfernung von Aquae Cutiliae (ca. 50 km entfernt) auf Höhen von über 2500 m, am sog. Gran Sasso d`Italia sogar bis auf 2914 m, ansteigen, sodass es auch an heißen Sommertagen möglich gewesen wäre, von dort für Kühlungszwecke Schnee zu beschaffen. Denn an der Nordseite des Gran Sasso d`Italia schiebt sich der Ghiacciaio del Calderone zu Tal, ein Gletscher, der heute eine Fläche von 35545 m2 bedeckt, aber noch um 1800 n. Chr. noch 104,257 m2,1469 so dass es auch in der Antike möglich gewesen wäre, binnen eines Ta‐ ges von dort Schnee zu beschaffen. Außerdem sind in den Abbruzzen zahlreiche na‐ türliche Höhlen bekannt1470, in welche wahrscheinlich im Winter Schnee für Küh‐ lungszwecke eingelagert wurde, so dass man den Gedanken an eine Schneekiste als mögliches Tötungsmittel nicht a priori ausschließen sollte. sog. Bakteriellen Ruhr), Yersinien (werden durch Kontakte mit befallenen Tieren übertragent;), Escherichia coli (kann durch Verzehr von kontaminiertem rohem Fleisch ausgelöst werden), Sta‐ phylokokken(lösen allerdings eher Untertemperaturen aus;), Listerien (kommen in allen tierischen wie Pflanzlichen Lebensmitteln vor, vor allem in Milchprodukten), Clostridium botulinum (in Fleischprodukten, aber selbst in Gemüse anzutreffen); vgl. http://www.net doktor.at/krankheit/ lebensmittelvergiftung-7541; die hier erwähnten „Keime“ waren in der Antike zwar unbekannt, aber die „Lebensmittel“, durch welche die Erkrankungen ausgelöst wurden keineswegs. In diesem Kontext ist vor allem auf die Beliebtheit von garum bzw. liquamen hinzuweisen, deren Herstellung unter hygienischen Bedingungen erfolgte, die in der warmen Jahreszeit geradezu zwingend Le‐ bensmittelvergiftungen auslöste. Vgl. Maier, R. (Hrsg.): Das römische Kochbuch des Apicius. Stutt‐ gart 1991 Curtis, R. I.: The Production and Commerce of Fish-Sauce in the Western Roman Empi‐ re. A social and economic study. University Microfilms Int., Ann Arbor MI 1982. Ders.: Garum and salsamenta - production and commerce in materia medica. Leiden 1991. 1468 Im Prinzip hätte eine „Kältekur“, wie sie Cassius Dio bezogen auf Titus als todesursächlich unter‐ stellt wird, durch Unterkühlung den Tod eines Patienten beschleunigen können. 1469 World Glacier Monitoring Service (WGMS): Fluctuations of Glaciers 2005–2010 (Vol. X). Zürich 2012 (online; PDF; 5,0 MB). Fiucci, A. et al.: The Calderone Glacier (Gran Sasso d’Italia). Determi‐ nation of Ice Thickness and bedrock Morphology by means of radio-echo sounding. In: Geografia Fisica Dinamica del Quaternario. Bd. 20, 1997, S. 305–308 (online; PDF; 518 kB); Pecci, M. et al.: Ghiacciaio del Calderone (Apennines, Italy): the mass balance of a shrinking mediterranean glacier. In: Geografia Fisica Dinamica del Quaternario. Bd. 31, 2008, Seiten 55–62 (online; PDF; 850 kB); 1470 http://www.lochstein.de/hoehlen/I/Abruzzen/_vti_cnf/ (2015) Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 320 Dennoch darf aus dem Blickwinkel des Medizinhistorikers nicht außer Betracht bleiben, dass in der zeitgenössischen medizinischen Fachliteratur Kältekuren1471 zur Behandlung fiebriger Erkrankungen nicht empfohlen werden. Celsus empfiehlt für die Behandlung mancher Fieber warme Bäder1472, vor Kältebehandlungen jeglicher Art warnt er jedoch ausdrücklich1473, Daher erscheint es als nachvollziehbar, wenn Cassi‐ us Dio oder die Verfasser der Quellen, die Cassius Dio bei der Abfassung seiner Dar‐ stellung über das Ende des Titus zitierte, die Kältekur, welche Domitian seinem Bru‐ der verordnete, als Tötungsmittel deuteten und dementsprechend der angeblich von Domitian angeordneten Behandlung Tötungsabsichten unterstellten. Auf der anderen Seite sollte uns aber gerade in dieser Hinsicht das Beispiel des Antonius Musa vor allzu voreiligen Schlussfolgerungen warnen, der nicht zuletzt da‐ durch Ruhm und Anerkennung erlangte, weil er im Falle des Augustus durch eine un‐ konventionelle, als gefährlich eingestufte Behandlungsmethode, d. h. durch kalte statt warmer Umschläge Augustus1474 angeblich von einem lebensgefährlichen Fieber be‐ freit hatte. Es ist daher denkbar, dass die negativen Urteile über die angeblich mörde‐ rischen Machenschaften Domitians gewissermaßen ex eventu entstanden, bzw. im Ge‐ folge bewusst lancierter Verzerrungen durch politische Gegner Domitians „quellen‐ kundig“ wurden und daher mit Vorsicht zu behandeln sind. Und aus denselben Erwägungen heraus ist es auch grundsätzlich in Frage zu stel‐ len, dass Titus durch einen Anschlag ums Leben gekommen sein könnte, womöglich durch einen Giftanschlag, wie nicht nur von Sueton, sondern auch in der spätantiken Breviarienliteratur mit Nachdruck behauptet wird. Sextus Aurelius Victor überlässt den Leser keinem Zweifel daran, dass Titus einer willkürlichen Intoxikation erlag: Ita biennio post ac menses fere novem amphiatro perfecto opere lautusque veneno inte‐ riit,...1475 (So ging er nach zwei Jahren und ungefähr neun Monaten [gerechnet von seinem Regierungsantritt als Alleinherrscher], nach der Fertigstellung des Amphi‐ theaters, und als ein anständiger, an Gift zugrunde....) Dass Titus vergiftet wurde, wird von Aurelius Victor als Faktum dargestellt. Weni‐ ger eindeutig äußert sich der bereits in Bezug auf den Tod Neros zitierte Anonymus: vixit annos quadraginta unum, et in eodem, quo pater, apud Sabinos agro febri interiit. Huius mors credi vix potest, quantum luctus urbi provinciisque intulerit, adeo ut eum delicias publicas, … appellantes quasi perpetuo custode orbatum terrarum orbem defle‐ rent.1476 (Er lebte 41 Jahre, und auf demselben Landgut,auf dem bereits sein Vater ge‐ storben war, starb er an Fieber. An einen [natürlichen] Tod kann man bei diesem aber kaum glauben, [wenn man bedenkt] wieviel Trauer er in der Hauptstadt und in den 1471 Abgesehen von gelegentlichen allgemeinen Hinweisen (in der Belletristik) auf Kaltwasserkuren. Vgl. Hor. ep. 1, 15, 3; vgl. Stamatu, M., Kur, in: Leven, K.-H.: Antike Medizingeschichte. Ein Lexi‐ kon. München 2005, Sp. 547; 1472 Vgl. A. Celsus, de medicina, 3, 7 und 3, 12; 1473 Vgl. A. Celsus, de medicina, 3, 17; 1474 s. o. Suet. Aug. 59; und vor allem 81: et ancipitem rationem medendi necessario subiit; quia calida fo‐ menta non poterant, frigidis curari coacto auctore Antonio Musa. 1475 Aur. Vict. lib. de Caes. 10, 5; 1476 auct inc. epit. de Caes. 10, 15; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 321 Provinzen auslöste, so dass sie ihn als öffentliche Zierde bezeichneten und den Erd‐ kreis bejammerten, als sei er eines ewigen Wächters beraubt.) Zunächst stellt dieser Autor fest, dass Titus an einer fiebrigen Erkrankung ver‐ starb, verknüpft diese Feststellung aber mit Zweifeln an natürlichen Ursachen für die‐ se Erkrankung, allerdings indirekt durch den demonstrativen Hinweis auf die öffent‐ liche Trauer, die der Tod des Titus angeblich auslöste. Eine ähnliche Tendenz ist auch bei Eutrop zu beobachten:... inusitato favore dilectus morbo periit in ea, qua pater villa, post biennium et menses octo, dies viginti, quam imperator factus, aetatis anno altero et quadragesimo. tantus luctus eo motuo publicus fuit, ut omnes tamquam in propria dolu‐ erunt orbitate. Senatus obitu ipsius circa vesperam nuntiato nocte inrupit in curiam et tantas ei mortuo laudes gratiasque congessit, quantas nec vivo numquam egerat nec pra‐ esenti. Inter divos relatus est.1477 (…mit ungewöhnlicher Begeisterung verehrt, starb er an einer Krankheit in demselben Landhaus, wie sein Vater, zwei Jahre, acht Monate und zwanzig Tage, nachdem er Kaiser geworden war, im einundvierzigsten Lebens‐ jahr. So groß war die öffentliche Trauer, dass alle wie über einen persönlichen Verlust trauerten. Der Senat drang, nachdem gegen Abend die Botschaft von seinem Tod ein‐ getroffen war, noch in der Nacht in das Tagungsgebäude des Senats ein und überhäuf‐ te den Verstorbenen mit Dank und Ehre, wie er [scil.: der Senat] sie ihm [scil.: Titus] im Leben und in seiner Gegenwart niemals gezollt hatte: Er wurde vergöttlicht.) Eutrop verschwendet expressis verbis zwar keinen Gedanken darauf, dass Titus ei‐ nes unnatürlichen Todes gestorben sein könnte, schildert im Anschluss an die Erwäh‐ nung seines Ablebens jedoch die Reaktionen darauf so, dass ein unbefangener Beob‐ achter hinsichtlich der Todesart misstrauisch werden müsste, das gilt vor allem für die Reaktionen der Senatoren: Sie überhäuften den Verstorbenen angeblich spontan so sehr mit Dank und Ehre, wie das zu seinen Lebzeiten nie geschehen war. Hierbei wird man gut verstehen können, warum der Verstorbene sich zu Lebzei‐ ten kaum besonderer Sympathien erfreute. Es wurde hier bereits an die massive Miss‐ billigung seiner Beziehungen zu Berenice1478 erinnert. Von dieser hatte er sich zwar zu Beginn seiner Alleinherrschaft getrennt, aber es wäre töricht anzunehmen, dass sich der öffentliche Ärger über jene Liaison in den zwei Jahren seiner Alleinherrschaft ein‐ fach „in Luft aufgelöst“ hatte, zumal sie durch andere Gerüchte überlagert worden waren, die Titus kaum weniger kompromittierten, nämlich Gerüchte über eine angeb‐ liche Beziehung zu Domitia Longina1479, d. h. zur Gemahlin seines Bruders Domitian. Außerdem gilt es zu berücksichtigen, dass, wie in den Quellen übereinstimmend ge‐ rühmt wird, während der kurzen Regierungszeit des Titus nicht ein einziger politisch motivierter Strafprozess stattfand, durch den Menschen zu Tode kamen; im Gegenteil Sueton schildert ausführlich, wie Titus zwei namentlich nicht genannten Priestern, die angeblich kurz vor seinem Tod der Verwicklung in eine Verschwörung überführt wurden, ausdrücklich verzieh und ihnen noch nicht einmal ihre Ämter nahm1480. 1477 Vgl. Eutr. brev. 7, 22; 1478 S. o. Julia Berenike *28 n. Chr.; †nach 79 n. Chr., Schwester Herodes Agrippa. II); vgl. Kap. 2.3.1; 1479 S. o. Kap. 2.3.1; 1480 Vgl. Suet. Tit. 9, 1 – 2; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 322 Andererseits erscheint es kaum vorstellbar, dass die früher zahlreichen Kritiker des Titus schon nach zwei Jahren völlig vergessen haben sollten, dass Titus unter der Herrschaft seines Vaters fast zehn Jahre lang das Amt des praef. praet. ausgeübt hatte, und schon allein von Amts wegen für etliche unnatürlichen Todesfälle der Regie‐ rungszeit Vespasians sehr wohl verantwortlich gewesen war1481. Daher erscheint vor allem die in dem o. z. Zeugnis Eutrops geschilderte Reaktion der Senatoren auf die Nachricht vom Tode des Titus eher als unverständlich, nämlich, dass diese sich über jede Regel und Konvention hinweggesetzt haben sollten und ohne eine reguläre Ein‐ berufung durch einen Magistrat oder durch den Nachfolger des Verstorbenen, nicht etwa wie üblich am Morgen, sondern bereits in der Nacht zum Sitzungsgebäude eilten, um den Verstorbenen zu ehren. Und dass dies auch so der Fall war, wird man ohne weiteres glauben dürfen, da Ähnliches auch von Sueton berichtet wird: quod ut palam factum est … senatus prius quam edicto convocaretur ad curiam concurrit, obseratisque adhuc foribus, deinde aper‐ tis, tantas mortuo gratias egit laudesque congessit, quantas ne vivo quidem umquam at‐ que praesenti.1482 Da dieser Text nahezu wortwörtlich mit dem oben zitierten Eutrops überein‐ stimmt, kann hier auf eine Übersetzung verzichtet werde, aber eine Abweichung soll‐ te dennoch nicht unerwähnt bleiben. Der Text Eutrops enthält auch noch Angaben über den Zeitpunkt des Bekanntwerdens der Nachricht vom Tode des Titus und über den Beginn der tumultuarischen Senatssitzung über die postmortalen Ehrungen des Titus: Senatus obitu ipsius circa vesperam nuntiato nocte inrupit in curiam1483. Danach verbreitete sich die Nachricht vom Tode des Titus am Abend seines Todestages und der Senat versammelte sich in der – darauf folgenden? - Nacht! Daher fragt man sich unwillkürlich, von welchem Abend in der Quelle überhaupt die Rede ist. Halten wir uns bei dem Versuch einer Antwort möglichst an verbürgte Fakten: Titus starb am 13. 09. 81 n. Chr.;1484 die genaue Urzeit wird zwar nicht ge‐ nannt, insofern aber bei mit hohen Fiebern verbundenen Erkrankungen eine lebens‐ gefährliche Überhitzung, kaum am Morgen, sondern frühesten am Nachmittag oder am frühen Abend zu erwarten ist, sollte man davon ausgehen dürfen, dass dieses Er‐ eignis auch bei Titus frühestens am Nachmittag des 13. 09. 81 n. Chr. eintrat. Sollte der Bote, der die Nachricht vom Ableben erst nach dem Exitus des Kaisers nach Rom gebracht haben, hätte diese Nachricht aber auf keinen Fall noch am selben Tag in Rom angekommen sein können. Denn die Entfernung von Castel Sant'Angelo, von dem Standort des antiken Aquae Cutiliae bis zur Porta Salaria in Rom, in deren Nähe sich das u. a. Prätorianerlager befand, beträgt 95, 7 km.; ein Fußgänger würde dafür bei einer Geschwindigkeit von 6 km/h ca. 16 Stunden benötigen. Ein Pferd, ob‐ wohl im Galopp bis zu 72 km/h schnell, hätte aber ebenfalls nicht viel früher in Rom angekommen sein können, da Pferde über eine längere Distanz allenfalls eine Ge‐ 1481 Vgl. dazu Tab. VIII. 1482 Suet. Tit. 11; 1483 S. o. Eutr. brev. 7, 22; 1484 S. o. Hanslik, R., Titus Nr. 2, in KIP, Bd. 5, Sp. 875; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 323 schwindigkeit von 12 – 20 km erreichen.1485 Daraus folgt aber, dass ein berittener Bo‐ te für die Strecke von Aquae Cutiliae bis Rom, ohne Pausen, zwischen 5 – 8 Stunden benötigt hätte, – rechnet man die für Reiter und Pferd gleichermaßen unerlässlichen Ruhepausen hinzu, würde man diesen Zeitrahmen noch um mindestens 2 Stunden verlängern müssen und käme dann auf ca. 7 bis 10 Stunden. Ein anderes Faktum, das wir ebenfalls in unserer Kalkulation berücksichtigen müssen, besteht darin, dass in den sog. Arvalakten1486 für den 14. 09. 81 Opfer ob imperium divi f. Domitiani bezeugt sind1487. Daraus ist zu erschließen, dass Domitian bereits an eben diesem Tage, frühestens in den frühen Morgenstunden des 14. 09., al‐ so bereits am Tag unmittelbar nach dem Ableben seines Bruders im Prätorianerlager als Nachfolger des Titus zum neuen Imperator ausgerufen worden sein müsste. Das erscheint unter Berücksichtigung, dass Domitian ein geübter Reiter war und die ganze Nacht vom 13. zum 14. 09. 81 n. Chr. mit den notwendigen Pausen durchgeritten war, ebenfalls als denkbar. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen gibt es aber für die Verbreitung der Nachricht vom Ableben des Titus im Kreise der Senatoren, dies sich in etwa zur glei‐ chen Zeit in der curia hostilia versammelten, um Titus zu ehren, nur zwei Möglichkei‐ ten: Entweder wurde ein Bote mit dieser – dann natürlich unzutreffenden Nachricht in Marsch gesetzt, bevor sich Domitian auf den Weg nach Rom machte, also bereits etliche Stunden vor dem Ableben des Titus, – dann hätte die – falsche! – Nachricht darüber tatsächlich noch am Tage des Ablebens des Titus auch in Rom eintreffen kön‐ nen, mit der Folge, dass deren Verbreitung dort noch in der Nacht vom 13. zum 14. 09. zu einer irregulären Senatssitzung über postmortale Ehrungen für Titus hätte füh‐ ren können, – wobei man sich in diesem Falle zu fragen hätte, von welchen Zielen sich die Verbreiter dieser Informationen hierbei leiten ließen. Oder jener Bote mit der – in diesem Falle zutreffenden – Nachricht über den Tod des Titus wurde erst nach dem Aufbruch Domitians nach Rom entsandt – und dann hätte jene Senatssitzung 1485 Vgl. http://equivetinfo.de/html/eckdaten_pferd.html (2015); 1486 Die fratres arvales bildeten ein Zwölferkolleg von Priestern, deren ursprüngliche Aufgabe, wie be‐ reits der Name besagt (arvales leitet sich von arvum = Feld, Acker her;), darin bestand, von der ansonsten unbekannten Fruchtbarkeitsgöttin „Dia“ einen Ackersegen zu erbitten. Die Mitglied‐ schaft, Patriziern vorbehalten, war lebenslänglich, die Wiederbesetzung durch den Tod eines Mit‐ glieds frei gewordener Stellen erfolgte durch Kooptation. Herausgehobene Positionen innerhalb des Kollegiums hatten ein magister inne sowie ein flamen. Durch Augustus hatten die Arvalbrüder im Jahre 27 v. Chr. eine zusätzliche Aufgabe übertragen bekommen, im Rahmen des sog. Kaiserkults, insofern sie auch an Gedenktagen der Kaiser zu deren Wohl bestimmte Opfer darbrachten. Nicht zuletzt daraus resultiert die große Bedeutung der über die Opfer der Bruderschaft abgefassten Pro‐ tokolle als Quelle für bestimmte die jeweiligen Herrscher betreffenden besonderen Ereignisse. Vgl. Edelmann, B.: Arvalbrüder und Kaiserkult. In: Cancik, H. (Hrsg.): Die Praxis der Herrschervereh‐ rung in Rom und seinen Provinzen. Tübingen 2003, S. 189–205; siehe auch: Rüpke, J.: Fasti sacer‐ dotum: die Mitglieder der Priesterschaften und das sakrale Funktionspersonal römischer, griechi‐ scher, orientalischer und jüdisch-christlicher Kulte in der Stadt Rom von 300 v. Chr. bis 499 n. Chr; 3 Bände, 2005. 1487 Vgl. M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, s. o. p.21: M. Petronio Umbrino, L. Carminio Lusitaco cos. XV[III K. Octobr.] collegiu fratrum Arvalium immolavit in Capitolio ob imperium Caes[aris] divi f. Domitiani Aug. … Iovi o[vem]. m [arem]. b[ovem]. m [marem]. Iunoni reginae vaccam, Minervae vaccam, Salut[i] vaccam, Felicitati vaccam, Marti taurum. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 324 frühestens in der Nacht vom 14. 09. zum 15. 09. stattgefunden haben können, wobei man sich dann aber erst recht Gedanken zu machen hätte bezüglich der Ziele der Verbreitung jener Botschaft. Aus dieser Überlegung folgt, dass es in der unmittelbaren Umgebung des sterben‐ den Titus Personen gegeben haben muss, die alles daran setzten, die Nachricht von dessen Ableben schneller nach Rom zu bringen, als Domitian dorthin gelangen konn‐ te, um sich dort als dessen Nachfolger bestätigen zu lassen, und dass diese Kreise, da dort ja bekannt war oder damit gerechnet wurde, dass sich Domitian nach dem Tode seines Bruders zunächst an die Prätorianer wenden würde1488, um sich zum neuen Kaiser ausrufen zu lassen, sich ihrerseits an einflussreiche Senatoren wandten, um eben gegen dieses Vorgehen Domitians Stimmung zu machen, indem sie durch eben jene Bereitschaft maßlos überschwänglichen Trauerbekundungen über den Titus ent‐ fachten, die in allen Zeugnissen überliefert sind und nur einem Zweck zu dienen schienen, nämlich zu verhindern, dass nach den Prätorianern auch der Senat die Nachfolge Domitians sogleich bestätige. Und dieses Ziel scheinen die Gegner Domitians auch erreicht zu haben: Obwohl Domitian nach Cassius Dio noch vor dem endgültigen Ableben des Titus von Aquae Cutiliae nach Rom aufbrach, um sich von den Prätorianern so schnell wie möglich als Nachfolger seines Bruders ausrufen zu lassen und er dieses Ziel auch am Tage unmit‐ telbar nach dem Tod seines Bruders, d. h. am 14. 09. 81 n. Chr. ausweislich des Proto‐ kolls der Arvalbrüder über Opfer ob imperium1489 auch erreichte, erfolgte die Über‐ tragung der tribunicia potestas ausweislich der entsprechenden Opferprotokolle der Arvalbrüder1490 erst etliche Tage später:[I] s[dem] cos. pr. K. Oct. in Capitoli[o ob co]mitia tribunicia Caesaris divi f. Dom [itia] ni Aug. collegium fratrum Arvalium … (Während der Amtszeit derselben Konsuln am Vortag der Kalenden des Oktober [op‐ ferte] auf dem Kapitolshügel wegen der „Volksabstimmung“ über die tribunizische Gewalt des Caesars des Sohnes des Vergöttlichten, des Domitianus Augustus, das Kol‐ legium der Arvalbrüder …) Dieser Inschrift ist zu entnehmen, dass die dem Senat obliegende Übertragung der tribunicia potestas auf Domitian erst am 30. 09. 81 stattfand, d. h. gegenüber der Anerkennung durch die Prätorianer mit einer Verzögerung von 14 Tagen. Diese Ver‐ zögerung erscheint als ungewöhnlich, - vor allem im Vergleich zu den entsprechen‐ 1488 Domitian hatte zu jener Zeit kein Amt inne, welches ihm das ius agendi cum senatu gewährte: Er war zu jenem Zeitpunkt weder Konsul (zu den Konsuln des Jahres 81 vgl. M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, p. 7;) noch Inhaber der tribunicia potestas; die letztere bekam er erst am 30. 09. 81 n. Chr. (M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, p. 21;) Nicht auszuschließen ist aber, dass Domitian während der Regentschaft des Titus die Prätorianerpräfektur bekleidete, so wie Titus dieses Amt während der Regentschaft Vespasians innegehabt hatte. Bezeugt ist dies nicht, aber durchaus denk‐ bar, wenn man beachtet, dass Titus der einzige Kaiser ist, für dessen Regierungszeit kein Prätoria‐ nerpräfekt quellenkundig ist. 1489 S. o. M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, s. o. p.21; insofern diese Opfer auf dem Kapitolshügel stattfanden und der gesamten capitolinischen Trias galten, geht aus dem Opferprotokoll hervor, dass eine Abteilung von Prätorianern Domitian am 14. 09. 81 auch noch zur Burg geleitet haben muss, damit er sich dort als pontifex maximus investieren lassen konnte. 1490 M. Mc. Crumm and A. G. Woodhead, s. o. p.21 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 325 den Prozeduren im Falle Neros, bei dem beide Vorgänge an ein und demselben Tage stattgefunden zu haben scheinen1491 – und lässt die Vermutung zu, dass es im Senat Kreise gab, die ein Interesse an einer solchen Verzögerung hatten, vielleicht in der Er‐ wartung, dass sich jemand anders diese Frist zu Nutze machen würde, um seinerseits Ansprüche auf die Nachfolge des Titus geltend zu machen oder um das Verfassungs‐ prinzip der Erbmonarchie überhaupt auszuhebeln. Für die offenkundige Eile Domitians bei den Bemühungen, sich noch in der Nacht nach dem Ableben seines Bruders sich auf den Weg nach Rom zu machen, um sich den Prätorianern als dessen Nachfolger zu präsentieren, scheint es aber sehr handfeste Gründe gegeben zu haben. Denn vielleicht nur wenige Tage, nachdem ihn auch der Senat als neuen Kaiser anerkannt hatte, kam es aus Anlass der durch den Tod des Titus erforderlich gewordenen Vervollständigung der Konsulatsliste für das Jahr 82 n. Chr. zu einem bemerkenswerten Zwischenfall, über den Sueton Folgendes überliefert hat: Flavium Sabinum alterum e patruelibus [scil.: interemit], quod eum co‐ mitiorum consularium die destinatum perperam praeco non consulem ad populum, sed imperatorem pronuntiasset.1492 (Flavius Sabinus1493 einen von den Söhnen seines On‐ kels [tötete] er [Domitian], weil diesen ein Herold, als er am Tage der „Volksver‐ sammlung“ über die neuen Konsuln vorherbestimmt worden war, vor dem Volk nicht als Konsuln ausgerufen hatte, sondern als „imperator“ [d. h. als Kaiser. der Verf.]) Nach dieser Notiz hatte also ein Herold, nur kurze Zeit nach der offiziellen Aner‐ kennung Domitians als Kaiser durch den Senat, seinen Großcousin und gleichzeitig auch seinen Schwager nicht als Konsuln, sondern „irrtümlich“ vor dem Volk als Kai‐ ser proklamiert. Da derartige Irrtümer äußerst selten vorkamen – jedenfalls ist kein anderer Fall dieser Art bekannt, – und Flavius Sabinus nicht irgendein Senator war, sondern ein Angehöriger der kaiserlichen Familie, als Gemahl von Titus´ einziger Tochter Julia, Domitian hinsichtlich der Nachfolge des Titus als Kaiser somit fast gleichrangig, gute Gründe den Versprecher des Herolds nicht „auf die leichte Schulter zu nehmen“, auch wenn er den Flavius Sabinus sein Konsulat durchaus antreten und wahrscheinlich erst viel später deswegen hinrichten ließ1494. Eine so frühe Datierung des Vorfalls wird in der Literatur zwar bestritten, weil man der Auffassung ist, dass Domitian Flavius Sabinus, falls er sich bereits im Jahre 81 ereignet haben sollte, das Konsulat des Jahres 82 hätte gar nicht mehr antreten lassen, sondern dass es dazu erst anlässlich der Designation zu einem 2. Konsulat gekommen sei. Andererseits sind den Quellen keinerlei Hinweise auf ein zweites Konsulat des T. 1491 Zu den Belegen für diese Annahme: Vgl. Tab. IV, Nr. 3; siehe hier auch Kap. 2.3.3.1; 1492 Vgl. Suet. Dom. 10, 4; 1493 Titus Flavius Sabinus, wahrsch. ein Sohn des gleichnamigen cos. suff. d. J. 72 n. Chr. und Enkel des gleichnamigen cos. suff. d. J. 47 n. Chr., Stadtpräf. im Jahre 69 n. Chr. und älteren Bruders d. Kai‐ sers Vespasian; im Jahre 81 n. Chr., wahrscheinlich noch vor dem Ableben des Kaisers Titus, hatte dieser T. Flavius Sabinus, Iulia Titi, die einzige [Erb-] Tochter des Titus, geheiratet und amtierte seit Januar 82 n. Chr., gemeinsam mit Domitian als einer der beiden eponymen Konsuln desselben Jah‐ res. Vgl. Hanslik, R., Flavius (Sabinus) II 15, in KlP, Bd. 2, Sp. 573; Eck, W., Senatoren von Vespasi‐ an bis Hadrian. Prosopographische Untersuchungen mit Einschluss der Jahres- und Provinzialfas‐ ten der Statthalter. München 1970, S. 51 f.. Ders. Flavius II 42 in DNP, Bd. 4, Sp. 550 f.; 1494 Vgl. Tab. IX, 3; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 326 Flavius Sabinus zu entnehmen, so dass es sich bei den diesbzüglichen Überlegungen um reine Spekulationen handeln dürfte, bei denen man sich zu sehr von dem längst von der Forschung überholten Bild Domitians als dasjenige eines völlig irrational agierenden Tyrannen leiten ließ, der selbst im Falle vager Verdächtigungen (levissima ex causa) vermeintliche Widersacher töten ließ. Selbst die Domitian gegenüber nicht gerade „wohlgesonnene“ antike Überliefe‐ rung unterstellt ihm zumindest für die Anfangsphase seiner Herrschaft eine gewisse Zurückhaltung gegenüber tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern. So ist ein Aus‐ spruch von ihm überliefert, der zu belegen scheint, dass er sich in den ersten Jahren seiner Herrschaft keineswegs leichtfertig durch bestimmte Bedrohungsszenarien dazu verleiten ließ, gegen vermeintlich oppositionelle Kreise sogleich gewalttätig vorzuge‐ hen: princeps, qui delatores non castigat, irritat.1495 (Ein politischer Anführer, der An‐ kläger nicht zurechtweist, begeht Fehler.) Man kann diesen Ausspruch sogar dahingehend auslegen, dass es von Anfang an oppositionelle Kreise gab, die Domitian bekämpften, ja die schon seine Anerkennung als Nachfolger des Titus durch den Senat bewusst hinauszuzögern versuchten, um hochrangigen Verwandten wie Flavius Sabinus die Möglichkeit zu verschaffen, sich im Senat als Alternative zu Domitian zu präsentieren, - während es gleichzeitig aber auch in der Umgebung des neuen Kaisers Kräfte gab, die diesen dazu bringen ver‐ suchten, gegenüber der Opposition von Anfang an „hart durchzugreifen“, wobei der Kaiser sich diesen Bemühungen aber widersetzte, - wahrscheinlich weil er genau wusste, dass es der Opposition kaum gelingen würde, sich auf einen einzigen Präten‐ denten zu einigen, solange dafür mehrere geeignete Kandidaten in Frage kamen und solange das Heer, die eigentliche Machtbasis der Kaiser, d. h. die Prätorianer, die er ja durch ein doppeltes Donativ für sich eingenommen hatte1496, und das Heer der Pro‐ vinzen, ihm treu ergeben blieben und von denen er nichts zu befürchten hatte, - so‐ lange seine Ehe mit Domitia Longina, die als Tochter des Domitius Corbulo gerade in Militärkreisen über einen großen Anhang verfügte, intakt blieb. Diesbezüglich bestand für ihn aber zur Zeit des Ablebens seines Bruders kaum Veranlassung zu Sorgen, obwohl nach einem von Sueton überlieferten Gerücht auch außereheliche Beziehungen zwischen Domitia Longina und Titus bestanden haben sollen1497. Aber dieses Gerücht scheint die Beziehungen zwischen Domitia und Domi‐ tian bis gegen Ende der 70-er Jahre kaum belastet zu haben und hatte mit der zeitwei‐ ligen Verstoßung auch nichts zu tun. Diese Verstoßung wird man wohl hauptsächlich daraus zu erklären haben, dass Domitia nach einem 73 n. Chr. geborenen Sohn, der aber früh gestorben zu sein scheint1498, keine weiteren Kinder mehr zur Welt brachte, und Domitian daher in Ermangelung eines Erben zeitweilig nach einer neuen Verbin‐ 1495 Vgl. Suet. Dom. 9, 3; 1496 Vgl. Suet. Dom. 2, 3: Patre defuncto dius cunctatus an dupplum donativum militi offererret... 1497 Vgl. Suet. Tit. 10, 2: quidam opinantur consuetudinem recordatum, quam cum fratris uxore habue‐ rit; sed nullum habuisse persancte Domitia iurabat, haud negatura, si qua omnino fuisset, immo eti‐ am gloriatura quod illi promptissimum erat in omnibus. 1498 Vgl. Suet. Dom. 3, 1: deinde uxorem Domitiam, ex qua in secundo suo consulatu filium tulerat … consalutavit Augustam. Vgl. dazu: Hanslik, R., Domitius II 22, KlP, Bd. 2, Sp. 134; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 327 dung Ausschau hielt, wobei er sich aber dadurch des Rückhaltes innerhalb des Heeres beraubte und den Aufstand des L. Antonius Saturninus1499 auslöste, den Beginn der finalen Krise seiner Herrschaft. Außerdem fehlten Domitian zum Zeitpunkt des Ablebens seines Bruders wichtige staatsrechtliche Befugnisse, die zum Beispiel dem Tiberius und auch seinem eigenen Bruder Titus zur Verfügung standen, um sich jeweils die Nachfolge ihrer Vorgänger zu sichern, nämlich die tribunicia potestas und in Verbindung damit das ius agendi cum senatu. Titus hatte ihn zwar von Anfang seiner Herrschaft an angeblich als Mitre‐ genten und Nachfolger bezeichnet1500, aber diesen Erklärungen bis zum Zeitpunkt seines Ablebens keine Taten folgen lassen, wie etwa durch die Beantragung der tri‐ bunicia potestas für ihn. Diese übertrug ihm der Senat erst nach dem Tode des Titus und nachdem er dadurch, dass er sich von den Prätorianern unverzüglich hatte zum „Imperator“ ausrufen lassen, Fakten geschaffen hatte, denen sich der Senat kaum noch hätte entziehen können, etwa indem er die tribunicia potestas dem Flavius Sabi‐ nus übertrug. Aber welche Erkenntnisse könnten sich aus diesen Überlegungen für die Beurtei‐ lung der näheren Umstände des Ablebens des Titus ergeben? Ziemlich widersprüchli‐ che: Denn einerseits ist unverkennbar, dass sich Domitian zum Zeitpunkt des Able‐ bens seines Bruders zumindest hinsichtlich seiner Ausstattung mit staatsrechtlich re‐ levanten Befugnissen in einer recht schwachen Position befand, so dass für ihn Eile geboten war, um einer seinen eigenen Ansprüchen auf die Nachfolge seines Bruders entgegenwirkenden Entscheidung des Senats zuvorzukommen, was aber am ehesten zu erreichen war, wenn er sich so zeitig auf den Weg ins Prätorianerlager machte, dass ihm möglichst niemand dort bei der Überbringung der Nachricht vom Tode des Titus hätte zuvorkommen können. Daher erscheint es als plausibel, dass Domitian das endgültige Ableben seines Bruders in Aquae Cutiliae, wie das auch bei Cassius Dio überliefert ist, tatsächlich nicht mehr abwartete, sondern schon vorher von dort aus nach Rom losritt. Selbst die Vermutung im Auftrage Domitians durchgeführte Maßnahmen, um den Prozess des Ablebens des Titus zu beschleunigen erscheinen vor dem Hintergrund der oben be‐ schriebenen Situation als nicht völlig abwegig. Aber die ohnehin nur bei S. Aurelius Victor greifbare, ansonsten weder bei Cassius Dio noch von Sueton bezeugte Theorie, dass die finale Erkrankung des Titus selbst durch eine willkürliche Intoxikation herbeigeführt worden sein könnte, erscheint schon allein vor dem Hintergrund der kaum zu übersehenden domitianfeindlichen Tendenz der überlieferten Quellen als problematisch, zumal, wie bereits gezeigt wur‐ de, sich unter den der Regierungszeit Domitians zuzuordnenden unnatürlichen To‐ desfälle mit einer einzigen Ausnahme kein Fall befindet, bezüglich dessen Gift als Tö‐ tungsmittel in keinem einzigen Fall zweifelsfrei nachweisbar ist1501. Selbst im Falle des 1499 Vgl. dazu Tab. IX, 7; 1500 Vgl. Suet. Dom 9, 3:... a primo imperii die, consortem successoremque testari perseveravit... 1501 Vgl. dazu Tabb. IX und IX a; Der einzige Fall, bezüglich dessen Gift als Tötungsmittel angedeutet wird, ist derjenige des Valerius Festus (Tab. IX, 6); Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 328 Valerius Festus wird Gift als Tötungsmittel allenfalls angedeutet. Es ist aber auch in diesem Falle auf der Grundlage der von Martial benutzten Formulierungen zweifel‐ haft, ob Valerius Festus wirklich Gift benutzte, um sich zu töten, – abgesehen davon, dass es sich nach den Erkenntnissen H. Brandts1502 bei diesem Fall um einen sog. Al‐ terssuizid handelte, der zur Ermittlung der „Handschrift“ Domitians bei den diesem angelasteten Tötungen ohnehin nicht herangezogen werden kann. Um die Frage der Inzidenz von ärztlicher Tötungsassistenz abschließend beurteilen zu können, wollen wir uns im Folgenden auch noch mit den näheren Umständen des Ablebens Domiti‐ ans selbst beschäftigen. Der Fall des Domitianus In mehr oder weniger gleichlautenden Darstellungen1503 wird darüber berichtet, dass schon etliche Tage vor dem Attentat auf Domitian einer der Attentäter mit Verbänden am Arm eine Verletzung vortäuschte und am Tage des Attentats selbst dem Kaiser in‐ nerhalb des Palasts eine Liste mit dem Namen angeblicher Verschwörer vorlegte und, während dieser sich der Lektüre des Dossiers widmete, aus dem Verband einen Dolch oder ein Schwert hervorzog und ihm in den Leib stieß. Unterdessen eilten auch die übrigen Attentäter herbei, um ebenfalls auf den bereits verwundeten Kaiser einzuste‐ chen. Aus der Sicht des Medizinhistorikers verdient vor allem die Aussage eines unbe‐ teiligten Zeugen Beachtung, der darüber berichtete, wie Domitian sich auf ein mögli‐ ches Attentat vorbereitet hatte und sich gegen die Attentäter zu wehren versuchte: pu‐ er, qui curae larum cubiculi ex consuetudine assistenens interfuit caedi, hoc amplius narrabat, iussum se a Domitiano ad primum statim vulnus pugionem pulvino subditum porrigere ac ministros vocare, neque ad caput quidquam excepto capulo et praetera clausa omnia repperisse; atque illum interim arrepto deductoque ad terram Stephano conluctatum diu, dum modo ferrum extorquere, modo quamquam laniatis digitis oculos effodere conatur.1504 (Ein Knabe, der gewohnheitsmäßig bei den Hausgöttern des Schlafzimmers die Aufsicht führte, erzählte darüber hinaus: ihm sei bereits nach der ersten Verwundung von Domitian der Befehl erteilt worden, ihm einen unter dem Kissen verborgenen Dolch anzureichen und die Diener zu rufen, aber er habe unter dem Kopf [-kissen] nichts außer einem Griff gefunden und ansonsten alle Türen ver‐ schlossen; Unterdessen habe jener [Domitian] Stephanus angefasst, zu Boden geris‐ sen und lange gerungen, während er bald ihm das Schwert zu entwinden, bald ihm trotz zerfleischter Finger die Augen auszubohren versuchte.) Es fällt auf, dass sich Domitian sorgfältig auf die Möglichkeit eines Attentats vor‐ bereitet hatte, und zwar, indem er unter dem Kissen seines Ruhebetts eine Stichwaffe verborgen hielt, um sich notfalls damit gegen gewaltbereite Attentäter zur Wehr zu setzen, dass er sich aber nicht im geringsten mit Gift – wie vor ihm Nero – eingedeckt 2.3.3.3 1502 S. o. Am Ende des Lebens..., s.o. München 2010, S. 116 f.. 1503 Zu den Belegen vgl. Tab. IX, 23; 1504 Vgl. Suet. Dom. 17, 2; 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 329 hatte, um sich damit erforderlichenfalls der Notwendigkeit einer allzu schmerzhafte Gegenwehr oder Gefangennahme zu entziehen. Nicht zuletzt das erfolgreiche Attentat auf Domitian, das nach übereinstimmen‐ den Berichten der Quellen mittelst Schwertern verübt wurde und gegen das sich Do‐ mitian auch mittelst eines Schwertes oder Dolches zur Wehr setzen zu können glaub‐ te, sich dann aber solange als möglich mit seinen bloßen Händen zur Wehr setzte, be‐ weist, dass nicht nur bei der Planung und Durchführung des Attentats, sondern auch bei der Vorbereitung einer möglichen Gegenwehr durch Domitian die Bereitstellung von Gift, damit aber auch der Gedanke an die Inanspruchnahme der Hilfe eines Arz‐ tes, keine Rolle gespielt haben können. Welche Erkenntnisse ergeben sich aus diesen Beobachtungen aber für die Beur‐ teilung der Möglichkeit der Involvierung eines Arztes in die Vorgänge um den Tod des Titus? – Soweit Domitian sich tatsächlich aktiv darum bemüht haben sollte, den Tod des Titus willkürlich herbei zu führen, ist aufgrund der dazu überlieferten anti‐ ken Zeugnisse die Einschaltung eines Arztes durch Domitian nicht nur nicht nach‐ weisbar, sondern auch nicht wahrscheinlich, und zwar nicht zuletzt deswegen, da die Inanspruchnahme der Hilfe eines Arztes seinem eigenen Denken bezüglich der Si‐ cherheit der eigenen Person offensichtlich fremd war. Bezüglich der dem Titus durch Domitian verordneten Kältekur erweist sich der Nachweis einer Tötungsabsicht Domitians, ungeachtet der Frage ob es bezüglich die‐ ser zuvor eine Beratung durch einen Arzt gegeben hatte oder nicht, ebenfalls aus den oben dargelegten Gründen als unmöglich. Lediglich hinsichtlich der Frage, ob das Fieber, an dem Titus erkrankte, eine natürliche Ursache hatte oder durch eine willkür‐ liche Intoxikation herbeigeführt wurde, wird man die Möglichkeit der Involvierung eines Arztes nicht mit letzter Sicherheit ausschließen können, obwohl aus der Antike kaum Beispiele dafür bekannt sind, dass fiebrige Erkrankungen durch willkürliche In‐ toxikationen herbeigeführt wurden1505. – Daher ist auch in Anbetracht der Vieldeu‐ tigkeit der im Falle des Titus beschriebenen Symptomatik und der Jahreszeit, in wel‐ cher die Erkrankung ausbrach, eine natürliche Ursache, etwa eine Lebensmittelvergif‐ tung als Ursache der finalen Erkrankung des Titus mindestens ebenso wahrscheinlich wie eine willkürlich herbeigeführte Intoxikation. Berücksichtigt man ferner, dass es eine starke Opposition gegen das Herrscher‐ haus der Flavier, vor allem gegen Domitian, nicht nur tatsächlich gegeben hat, son‐ dern dass diese sich aufgrund des erfolgreichen Attentats auf Domitian auch als sieg‐ reich fühlen konnte, und dass mit zeitgenössischen Autoren wie dem Historiker Taci‐ tus und dem Epistolographen Plinius d. J. und mit dem Biographen Sueton – nach dem Tode Domitians – in erster Linie solche Schriftsteller Einfluss auf die antike Überlieferung nahmen1506, die sich eher mit den politischen Zielen und Ideen der Opposition identifizierten, als mit denen Domitians, ist man gut beraten, wenn man 1505 Vgl. Gundert, B., Fieber, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. S. o. Sp. 300–301; 1506 Wir gehen hierbei von der Annahme aus, dass auch die Darstellungen des Cassius Dio sowie der spätantiken Breviarien von den Darstellungen des Tacitus, Plinius und Suetons beeinflusst waren. Vgl. dazu Kap. 2.0.2; Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 330 den Berichten der antiken Überlieferung über den Zwist zwischen Domitian und Ti‐ tus, – und damit auch der „These“, dass Domitian seinem Bruder nach dem Leben ge‐ trachtet habe, – keine allzu große Bedeutung beimisst. Indem die domitianfeindliche antike Überlieferung für den Vorwurf, dass Domi‐ tian seinen Bruder getötet habe, klare Beweise schuldig bleibt, entfällt natürlich auch jede Grundlage für die Vermutung, dass er daran auch einen Arzt beteiligt haben könnte. Insofern aber der Tod des Titus als der einzige „unnatürliche Todesfall“ der Regierungszeit Domitians anzusehen ist, bei dem die Involvierung eines Arztes auf‐ grund entsprechender Darstellungen in den Quellen als diskussionswürdig anzuer‐ kennen ist, entfällt damit aber auch für die Regierungszeit Domitians insgesamt, die Möglichkeit des Nachweises einer ärztlichen Tötungsassistenz. 2.3 Todesfälle aus der Zeit zwischen dem Tod Neros und Domitians (68 – 96 n. Chr.) 331 Fazit Zu sa m m en fa ssu ng G es -Z . Tö tu ng sa rt Tö tu ng sm itt el A rz ta ss ist en z Fr em dt . Se lb stt a) F r./ S. G ift b) H un g. c) Ad er n d) S ch w. e) E rs tic k. f) R as ie rm .g ) a nd e‐ re h) H in r. i) un ‐ kl ar au sg . un w. un kl . Ta b. /K ai se r A nz . in P r. T/ F an ge d. I. Ti be riu s 76 27 ,4 4 10 8, 41 35 33 8 4 9 4 7 0 0 13 18 21 44 15 17 1 II . C al ig ul a 19 6, 86 85 ,1 3 13 6 0 0 0 7 1 1 1 0 9 3 7 9 1 II I. Cl au di us 49 17 ,6 9 97 ,7 4 29 10 10 0 0 1 17 0 0 1 14 17 28 12 9 IV . N er o 51 18 ,4 1 96 ,5 8 33 15 3 9 1 12 9 0 0 2 9 9 21 16 14 2 V. G al ba 18 6, 50 12 ,0 8 17 1 0 0 0 2 0 0 8 6 2 10 8 0 V I. O th o 14 5, 05 6, 61 13 1 0 0 0 3 0 1 1 9 0 14 0 0 V II . V ite lli us 15 5, 42 16 ,5 3 12 3 1 0 0 0 0 0 2 10 2 12 0 3 V II I. Ve sp . 12 5, 42 28 9, 17 10 2 1 0 0 0 0 1 0 9 1 10 2 0 IX . D om it. 23 8, 30 23 8, 26 21 2 0 0 0 1 0 0 4 16 2 4 19 0 1 G es am t: 27 7 10 0 10 7, 3 18 3 73 21 15 10 17 46 1 3 32 91 63 14 6 79 52 5 in P ro ze nt 10 0 66 ,0 6 39 ,8 9 7, 58 5, 42 5, 46 6, 14 16 ,6 1 0, 55 1, 08 11 ,5 5 32 ,8 5 22 ,7 4 52 ,7 1 28 ,5 2 18 ,7 7 1, 81 Ta be lle X : 2.4 Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 332 Nach den im Rahmen dieser Untersuchung vorgenommenen Einzelfallprüfungen von insgesamt 277 unnatürlichen Todesfällen aus der Zeit zwischen dem 19. 08. 14 n. Chr. und dem 18. 09. 96 n. Chr. ergibt sich als eindeutiger Befund, dass sich in kei‐ nem dieser Fälle ärztliche Tötungsassistenz konkret nachweisen lässt. Todesfälle/Regierungszeit Tab./Kais, Jahre Monate Tage TT(insges.) TT/F I. Tiberius 22 6 26 8239 108,41 II. Caligula 4 5 5 1617,5 85,132 III. Claudius 13 1 14 4789,5 97,745 IV. Nero 13 5 28 4925,5 96,578 V. Galba 7 4 217,5 12,083 VI. Otho 3 1 92,5 6,6071 VII. Vitellius 8 4 248 16,533 VIII. Vesp. 9 6 2 3470 289,17 IX. Domit. 15 0 5 5480 238,26 zus: 76 41 89 29080 104,98 Titus 2 2 20 811 In 146 von den hier untersuchten 277 Fällen (52,71 %) kann man eine von Ärzten ge‐ leistete Tötungsassistenz sogar sicher ausschließen und in weiteren 79 Fällen (28,52 %) ist aufgrund der in den Quellen überlieferten Angaben zur Todesart und zu den Tötungsmitteln eine ärztliche Tötungsassistenz als „unwahrscheinlich“ einzustu‐ fen. Lediglich 52 aller Fälle (18,77%) sind als „unklar“ zu klassifizieren, wobei auch bezüglich dieser Fälle die Wahrscheinlichkeit ärztlicher Tötungsassistenz als gering zu veranschlagen ist. Denn in nur 5 Fällen, (1,82%) wird in den Quellen eine ärztliche Tötungsassistenz behauptet oder angedeutet, aber auch in diesen Fällen lässt sich ärztliche Tötungsassistenz nicht nachweisen. Mit anderen Zahlenverhältnissen konfrontieren uns die Quellen allerdings bezüg‐ lich jener 73 Fälle (26,35% bezogen auf die Gesamtzahl), die sich eindeutig als Selbst‐ tötungen identifizieren lassen. Von diesen sind mangels Informationen über die je‐ weils eingesetzten Tötungsmittel immerhin 35 (47,95% bezogen auf die Gesamtzahl der Selbsttötungen, 12,63 % bezogen auf die Gesamtzahl aller Fälle) als „unklar“ ein‐ zustufen. Außerdem konnten im Bezugsrahmen der Gesamtzahl von 72 Suiziden1507 im Untersuchungszeitraum 11 Fälle (= 15,28%) ausfindig gemacht werden, bezüglich welcher die Öffnung von Adern als Tötungsmittel nachgewiesen werden konnte, Tabelle X a: 1507 Vgl. Tab. XI; A. Van Hooff (S. o. 1990) kommt bezogen auf die frühe römische Kaiserzeit bereits in seiner Monographie aus dem Jahre 1990 auf eine erheblich höhere Anzahl, nämlich auf weit über 2.4 Fazit 333 und 4 Fälle (5,56%), bei denen Gift zu demselben Zweck verwendet wurde1508, d. h. bezüglich welcher Mittel angewendet wurden, bei denen eine aktive Beteiligung von Ärzten prinzipiell nicht ausgeschlossen werden kann. Speziell in Bezug auf diese Fälle erscheint ein Vergleich mit den Zahlen sinnvoll, auf die sich A. Van Hooff bezieht: Bezogen auf insgesamt 120 Selbsttötungsfälle, bei denen nach Auffassung Van Hooffs eine Unterscheidung nach Tötungsmitteln möglich war, benutzten 31 mutmaßliche „jüngere“ Suizidenten (26 %) „Waffen“ und 5 (=4%) „Gift“ als Tötungsmittel1509 und 13 ältere Suizidenten „Waffen“ (=21%) und 11 (= 18 %) „Gift“1510, - wobei der all‐ gemeine Hinweis auf „Waffen“ bei Van Hooff, unter dem Aspekt der Vermutung einer Involvierung von Ärzten problematisch ist, da unter „Waffen“ auch Schwerter und Ra‐ siermesser zu subsumieren wären, die aber in der Antike nicht als berufsspezifische Geräte von Ärzten einzustufen wären und dementsprechend auch nicht die Vermu‐ tung einer Involvierung von Ärzten in die jeweiligen Fälle stützen können. Als bemerkenswert erscheint jedoch, dass Van Hooff bezüglich Gifts als Tötungs‐ mittel zumindest bei jüngeren Suizidenten1511, – bei dessen Benutzung durch Suizi‐ denten auch eine Hilfestellung durch Ärzte prinzipiell nicht völlig ausgeschlossen werden kann, – von ähnlichen Zahlenwerten ausgeht, wie das in dieser Untersuchung geschieht1512. Gleichwohl ist zu konstatieren, dass auch bezogen auf die Verwendung von Gift als Tötungsmittel in dieser Untersuchung Präzedenzfälle, bei denen Ärzte den Suizidenten das Gift beschafften oder sogar applizierten, für die frühe römische Kaiserzeit nicht nachgewiesen werden konnten. Andererseits ist aber auch in dieser Fallgruppe ärztliche Tötungsassistenz positiv nicht nachweisbar, so dass zumindest die stochastische Wahrscheinlichkeit, dass sich unter den „unklaren Fällen“ einer mit ärztlicher Tötungsassistenz befunden haben könnte, sich dem Wert 0 nähert. Trotz dieses klaren Befundes kann nicht ausgeschlossen werden, dass es in einer unbestimmten Anzahl von Fällen, bei Fremdtötungen und Selbsttötungen, vor allem in solchen Fällen, die in den überlieferten Quellen keine sichtbaren Spuren hinterlas‐ sen haben (Dunkelziffer), ärztliche Tötungsassistenz gegeben haben könnte. – Die Frage, ob dieses der Fall war oder wenigstens als denkbar bzw. als wahrscheinlich ein‐ gestuft werden kann, wird im nächsten und letzten Abschnitt dieser Untersuchung zu erörtern sein, allerdings mit anderen methodischen Mitteln, als denen der konkreten Einzelfallprüfung. 200 Fälle (Vgl. dazu die Graphik auf S. 12), aber es ist nicht ganz klar, ob das Zahlenmaterial Van Hooffs hier auf Schätzungen beruht. 1508 S. o. Tab. XI (Zeilen, „Gesamt“ und „in%) 1509 Vgl. A. Van Hooff, s. o. S. 29, Figure 2.1 (Methods...) 1510 Vgl. A. Van Hooff, s. o. S. 35; 1511 Vgl. A. Van Hooff, s. o. S. 29; 1512 A. Van Hooff geht in seinen jüngsten Schätzungen (Vom „willentlichen Tod“ zum „Selbstmord“. Suizid in der Antike; in: Bähr, A Medick, H., Köln 2005. S. o., S. 23–43;) davon aus, dass 36,08 % der Suizidenten durch „Waffen“ zu Tode kam und 8,67 % durch „Gift“ (Vgl. „Abb. I: Methoden der antiken Selbsttötung“ S. 25;). Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 334 Zu sa m m en fa ssu ng : S elb stt öt un ge n G es -Z . Tö tu ng sm itt el A rz ta ss ist en z Se lb stt . G ift b) H un ge r c) A de rn . d) S ch w er t e) E rs tic k. f) R as ie rm . g) an d. h) H in r. i) un kl ar au sg es ch l. un w ar sc h. un kl ar Ta b. /K ai se r I. Ti be riu s 33 1 3 4 1 7 17 9 8 16 II . C al ig ul a 6 2 1 3 1 1 4 II I. Cl au di us 10 1 4 0 5 4 2 4 IV . N er o 15 2 6 2 0 5 2 4 9 V. G al ba 1 1 1 0 V I. O th o 1 1 1 0 V II . V ite lli us 2 1 1 1 1 V II I. Ve sp . 2 1 1 1 1 IX . D om it. 2 2 1 1 G es am t: 72 4 3 11 11 0 3 7 0 33 21 17 34 In % 10 0 5, 56 4, 17 15 ,2 8 15 ,2 8 4, 17 9, 72 0, 00 45 ,8 3 29 ,1 7 23 ,6 1 47 ,2 2 Ta be lle X I: 2.4 Fazit 335 Zuvor soll aber auch am Ende dieses Kapitels nicht versäumt werden, die Bedeu‐ tung der konkreten Ergebnisse unserer Untersuchung im Rahmen ihres Forschungs‐ kontextes zu reflektieren: Da wir uns hinsichtlich der Frage der Inzidenz von ärztli‐ cher Tötungs- und Selbsttötungsassistenz in der frühen römischen Kaiserzeit in die‐ sem 2. Kapitel der Untersuchung sowohl inhaltlich als auch methodisch auf medizin‐ geschichtlichem Neuland bewegten, lässt sich die Bedeutung der hier erzielten Er‐ kenntnis, dass ärztliche Tötungsassistenz zwischen 14 n. Chr. und 96 n. Chr. innerhalb der Grenzen des römischen „Weltreiches“ nicht positiv nachweisbar zu sein scheint, in den verschiedenen in der Einleitung beschriebenen Forschungskontexte nur schwer einschätzen. Schon allein im Bezugsrahmen der Befunderhebung auf dem Feld der Deskripti‐ on eines historischen Sachverhalts ist zu beachten, dass hier bislang allenfalls der po‐ sitive Nachweis ärztlicher Tötungsassistenz im Untersuchungszeitraum ausgeschlos‐ sen werden konnte, nicht jedoch die Möglichkeit, dass es in Bezug auf die sog. „un‐ klaren Fälle“ und auf solche Fälle, die in den zur Zeit bekannten Quellen nicht er‐ wähnt werden, auch in unserem Untersuchungszeitraum gelegentlich dennoch zu ärztlicher Tötungsassistenz gekommen sein könnte. Besonders schwer lassen sich die hier ermittelten Befunde aber im Kontext der aktuellen Debatte über „Sterbehilfe“ beurteilen. Denn allein aufgrund der Tatsache, dass in einem überschaubaren Zeitabschnitt der griechisch – römischen Antike sich ärztlich assistierte Tötung und Selbsttötung nicht nachweisen ließen, sind natürlich keinerlei zuverlässige Aussagen darüber möglich, ob von Ärzten geleistete bzw. zu leistende Tötungs- und Selbsttötungsasssistenz im Untersuchungszeitraum in be‐ stimmten Kreisen der Gesellschaft der frühen römischen Kaiserzeit nicht trotzdem akzeptiert oder sogar gefordert wurde, - wobei im Falle des Nachweises einer derarti‐ gen Akzeptanz nicht auszuschließen wäre, dass entweder der Nachweis oder aber der Ausschluss dieser Möglichkeit auch im Bezugsrahmen der aktuellen Debatte über „Sterbehilfe“ argumentativ eine gewisse Bedeutung erhalten könnte. Daher sollten wir die Beurteilung dieser Fragen noch auf sich beruhen lassen, bis wir uns auch in Bezug auf den normengeschichtlichen Bezugsrahmen der in den bei‐ den ersten Kapitel dieser Untersuchung erforschten medizingeschichtlichen Sachver‐ halte auf gesicherterem Boden bewegen. Kapitel 2: Ausweitung der Untersuchung: „Unnatürliche Todesfälle“ in der frühen römischen Kaiserzeit (14 – 96 n. Chr.) 336

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Zusammenfassung

In der Debatte über gesetzliche Neuregelungen der Sterbehilfe, die in bestimmten Fällen mit dem Willen von Patienten Ärzten und Pflegepersonal erlaubt werden soll, vertreten vor allem Altertumswissenschaftler, Medizinethiker und Medizinhistoriker die Auffassung, dass in der Antike, vor allem in der frühen römischen Kaiserzeit, ärztliche (Selbst-)Tötungsassistenz keine Seltenheit war. Ein konkreter Beweis für die Gültigkeit dieser Hypothese steht aber noch aus. Steht zum Beispiel der Tod des Augustus in Zusammenhang mit ärztlicher Tötungsassistenz? Standen den Mördern der Kaisersöhne Germanicus und Drusus ärztliches Wissen und ärztliche Beihilfe zur Verfügung? War an der Ermordung des Kaisers Claudius tatsächlich ein Arzt beteiligt? Hat sich der Philosoph und Staatsmann Seneca von seinem Leibarzt Annaeus Statius die Adern öffnen und zum Zwecke der Selbsttötung den Schierlingsbecher reichen lassen? Holte Nero tatsächlich ärztlichen Rat ein, bevor er seinen Stiefbruder Britannicus kurz vor dessen 14. Geburtstag vergiften ließ?

Carsten F. G. Reinhardt analysiert zur Beantwortung dieser Frage 277 unnatürliche Todesfälle dieser Zeit sowie die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im römischen Kaiserreich. Anhand historischer Quellen und gestützt auf heutiges medizinisches Wissen ergründet der Autor, ob eine ärztliche Tötungsassistenz im Falle Senecas und anderer namentlich bekannter unnatürlicher Todesfälle des Untersuchungszeitraums nachweisbar ist.