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Einleitung: Zur Begründung einer medizingeschichtlichen Untersuchung über von Ärzten geleistete Assistenz bei Tötungen und Selbsttötungen in der frühen römischen Kaiserzeit in:

Carsten F.G. Reinhardt

Das Sterben Senecas, page 1 - 24

277 Todesfälle und die Rolle des Arztes in der frühen römischen Kaiserzeit

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4013-3, ISBN online: 978-3-8288-6821-2, https://doi.org/10.5771/9783828868212-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Geschichtswissenschaft, vol. 35

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung: Zur Begründung einer medizingeschichtlichen Untersuchung über von Ärzten geleistete Assistenz bei Tötungen und Selbsttötungen in der frühen römischen Kaiserzeit Nahezu überall auf der Erde gilt menschliches Leben als besonders schutzbedürftig. In Deutschland findet diese Auffassung u. a. in Strafrechtsbestimmungen einen kon‐ kreten Niederschlag, die jedes Verhalten von Menschen, sowohl Handeln3 als auch ein vermeidbares Unterlassen4, das menschliches Leben5 zerstört, mit Strafen be‐ droht. Selbst als Mittel zur Bestrafung rechtskräftig verurteilter Straftäter ist die Tö‐ tung von Menschen in Deutschland wie in vielen anderen Ländern der Erde zur Zeit unzulässig.6 Lediglich in Notwehrsituationen lässt das deutsche Strafrecht als letztes Mittel zur Verteidigung des eigenen Lebens oder auch des Lebens eines anderen Men‐ schen die Tötung eines Angreifers zu7. In einem gewissen Widerspruch zu dem rigiden Verbot von Fremdtötungen im deutschen Strafrecht steht aber die in vielen Gesellschaften verbreitete Auffassung, dass zu einem selbstbestimmten Leben auch das Recht eines selbstbestimmten Ster‐ bens stehe. Das in Deutschland geltende Recht trägt dieser Auffassung dadurch Rech‐ nung, dass es die Selbsttötung eines Menschen im Einzelfall als konkreten Ausdruck der Entfaltung der Persönlichkeit des Suizidenten bewertet8 und daher auch im Falle des Scheiterns als strafrechtlich irrelevant einstuft. 3 Als Tötungsdelikte gelten in Deutschland: vor allem Mord § 211 StGB, Totschlag § 212 StGB, Tö‐ tung auf Verlangen § 216 StGB, sowie die fahrlässige Tötung § 222 StGB, im weiteren Sinne aber auch andere Straftaten, die mittelbar den Tod eines oder mehrerer Menschen zur Folge haben. 4 Vgl. dazu § 323 StGB: Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, ob‐ wohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. 5 Grundsätzlich gelten die strafrechtlichen Tötungsverbote nicht nur für bereits geborenes menschli‐ ches Leben, sondern auch für noch ungeborenes (Vgl. § 218 StGB;), auch wenn unter bestimmten gesetzlich festgelegten Voraussetzungen (Vgl. § 218 a StGB;) von Strafverfolgungsmaßnahmen ab‐ gesehen wird. 6 Vgl. Art. 102 GG; eine Wiedereinführung der Todesstrafe wäre nach Art. 79 GG theoretisch zwar denkbar, aber nach herrschender Auffassung mit 1 und 2 GG (betreffend die Menschenwürde so‐ wie das Recht auf Entfaltung der eigenen Persönlichkeit eines jeden Menschen) kaum vereinbar. Außerhalb Deutschlands ist die Todesstrafe zur Zeit in 140 Ländern der Erde abgeschafft und wird lediglich noch in 58 Staaten angewandt. Vgl. www.amnesty-todesstrafe.de (2015). 7 Vgl. § 32 StGB: (1) Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig. (2) Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden. 8 Vgl. Art. 2 GG; 1 Wenn aber ein bestimmter Tatbestand, in diesem Falle der Versuch eines Suizids als Ausdruck des persönlichen Selbstbestimmungsrechts als strafrechtlich unerheb‐ lich eingestuft wird, kann im Prinzip auch die Teilnahme daran, d. h. die Anstiftung9 oder die Beihilfe10 dazu, strafrechtlich nicht relevant sein, so lange das Handeln des „Teilnehmers“ den Suizid nur ermöglicht und unterstützt, aber nicht selbst den Tod des Suizidenten unmittelbar herbeiführt11. In der Praxis hat diese Straffreiheit für die Unterstützung von Suiziden aber kaum größere Bedeutung. Denn der Handlungsspielraum vieler potentieller Unterstützer von Suizidenten ist stark eingeschränkt, da diese sich gegenüber potentiellen Suizi‐ denten oft in einer sog. „Garantenstel-lung“ befinden12. Das gilt u. a. für Eltern, Kin‐ der und Ehegatten von Patienten und Suizidenten, vor allem aber auch für Ärztinnen und Ärzte, die aufgrund ihrer Garantenstellung nach geltendem Recht verpflichtet sind, dafür zu sorgen, dass der von dem Suizidenten angestrebte „Erfolg“, sein Tod, verhindert wird. Suizidenten steht zwar wie anderen Patienten, ohne deren Einwilligung jede ärzt‐ liche Therapie den Strafrechtstatbestand einer Körperverletzung erfüllte13, die Mög‐ lichkeit offen, rechtswirksam den Rettungsmaßnahmen von (Not-) Ärzten zu wider‐ sprechen, – aber nur so lange ihr körperlicher und geistiger Zustand entsprechende Willensbekundungen erlaubt. Nachdem jene diese Fähigkeit jedoch verloren haben, verpflichtet die „Garantenpflicht“ u. a. Arzt- und Pflegepersonal jede nur erdenkliche Maßnahme zu ergreifen, die erforderlich ist, um das Leben eines Patienten zu retten, – es sei denn eine sog. Patientenverfügung14 schlösse das aus. Aber auch „Patientenverfügungen“ erweisen sich in der konkreten vorher von Pa‐ tienten festzulegenden Situation, in welcher bestimmte lebensrettende oder lebens‐ verlängernde Maßnahmen von Ärzten ausgeschlossen werden sollen, nur bedingt als geeignet, dem Willen der Patienten Geltung zu verschaffen, und zwar im Wesentli‐ chen aus zwei Gründen: Nur ein „einwilligungsfähiger Volljähriger“ hat das Recht eine Patientenverfü‐ gung zu verfassen, die sich auf eine Situation bezieht, in der er seine Einwilligungsfä‐ higkeit verloren hat. Daher obliegt die Verantwortung für die tatsächliche Durchset‐ zung der in der Patientenverfügung getroffenen Willensbekundung Dritten, sog. „Be‐ treuern“, welchen der Gesetzgeber ein eigenständiges Recht zur Prüfung überträgt, ob die in der Patientenverfügung beschriebenen Bedingungen für den Ausschluss le‐ 9 § 26 StGB; 10 § 27 StGB; 11 In dem zuletzt genannten Falle wäre nach geltendem Recht unstrittig der Tatbestand der Tötung auf Verlangen als erfüllt an zu sehen. Vgl. § 216 Abs. 1 StGB: Ist jemand durch das ausdrückliche und ernstliche Verlangen des Getöteten zur Tötung bestimmt worden, so ist auf Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren zu erkennen. 12 Vgl. § 13 StGB; dazu: U. Schwedhelm: Garantenstellung – allgemein, www.uni-due.de (2015) 13 Vgl. §§ 223, 224 und 226; 14 Vgl. § 1901 a BGB; Einleitung 2 bensrettender Maßnahmen von Ärzten vorliegen oder nicht15. Es ist daher nicht aus‐ zuschließen, dass der Ausschluss lebensrettender Maßnahmen durch Ärzte in der Si‐ tuation, in welcher er durchgesetzt wird, eher dem Willen der Betreuer als demjeni‐ gen der Patienten entspricht. Zum anderen wird dem Patienten, der eine Patientenverfügung verfasst, vom Ge‐ setzgeber ein lebenslängliches Recht zum formlosen Widerruf der Patientenverfü‐ gung zugestanden16. In solchen Fällen oder dann, wenn eine Patientenverfügung zum Zeitpunkt des Notfalls nicht vorliegt oder greifbar ist, wird der Einfluss von Betreuern auf das tatsächliche Prozedere noch verstärkt. Besonders in solchen Fällen besteht die Gefahr, dass nicht der aktuelle Wille des Patienten ausschlaggebend dafür ist, dass sog. „passive Sterbehilfe“ durch Arzt- und Pflegepersonal geleistet wird, sondern der Wille des jeweiligen Betreuers, soweit dieser glaubhaft machen kann, dass der aktuell nicht mehr „einwilligungsfähige“ Patient ihm gegenüber als letztem seinen Willen über den Ausschluss lebensrettender Maßnahmen bekundet habe17. Die sich aus der oben skizzierten Rechtslage ergebenden Schwierigkeiten bezüg‐ lich der Ermittlung des aktuellen Patientenwillens zum Zeitpunkt der in einer Patien‐ tenverfügung definierten Situationen für den Ausschluss lebensverlängernder Maß‐ nahmen sind aus der Sicht der die Patienten behandelnden Ärzte beherrschbar, wenn sich die in einer Patientenverfügung beschriebenen Voraussetzungen für einen Be‐ handlungsabbruch im Verlaufe längerer Erkrankungen allmählich entwickeln, so dass Ärzten dann in der Regel genügend Zeit bleibt, um den tatsächlichen Willen des Pati‐ enten zu erkunden. Es kann allerdings passieren, dass die in einer Patientenverfügung umschriebene Situation, für die eine Einstellung ärztlicher Heilungsbemühungen postuliert wird, überraschend, d. h. als Notfall, eintritt. Dann bleibt dem Arzt nur wenig Zeit, um sich Klarheit über das Vorliegen und den Inhalt einer rechtsverbindlichen Patientenverfü‐ 15 Vgl. § 1901 a BGB(1): Hat ein einwilligungsfähiger Volljähriger für den Fall seiner Einwilligungsunfä‐ higkeit schriftlich festgelegt, ob er in bestimmte, zum Zeitpunkt der Festlegung noch nicht unmittelbar bevorstehende Untersuchungen seines Gesundheitszustands, Heilbehandlungen oder ärztliche Eingrif‐ fe einwilligt oder sie untersagt (Patientenverfügung), prüft der Betreuer, ob diese Festlegungen auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutreffen. Ist dies der Fall, hat der Betreuer dem Willen des Betreuten Ausdruck und Geltung zu verschaffen. Zum Problem der „Einwilligungsfähigkeit“ vgl. Vollmann, J.: Patientenselbstbestimmung und Selbstbestimmungsfähigkeit. Beiträge zur Klini‐ schen Ethik. Stuttgart 2008. Ders., Ethische Probleme in der medizinischen Forschung mit nicht einwilligungsfähigen Patienten, in: Hubig C, Poser, H. (Hrsgg.): Cognitio humana. Dynamik des Wissens und der Werte. Universität Leipzig 1996, S. 1394−1401; ders.: Die Einwilligungsfähigkeit in der klinischen Forschung. Medizinethische und psychiatrische Probleme, in: Gaebel, W., Falkai, P. (Hrsgg.): Zwischen Spezialisierung und Integration − Perspektiven der Psychiatrie und Psycho‐ therapie. Wien 1998, S. 120−125; 16 S. o. § 1901 a BGB(1): Eine Patientenverfügung kann jederzeit formlos widerrufen werden. 17 S. o. § 1901 a BGB(2): Liegt keine Patientenverfügung vor oder treffen die Festlegungen einer Patien‐ tenverfügung nicht auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zu, hat der Betreuer die Be‐ handlungswünsche oder den mutmaßlichen Willen des Betreuten festzustellen und auf dieser Grund‐ lage zu entscheiden, ob er in eine ärztliche Maßnahme nach Absatz 1 einwilligt oder sie untersagt. Der mutmaßliche Wille ist aufgrund konkreter Anhaltspunkte zu ermitteln. Zu berücksichtigen sind insbesondere frühere mündliche oder schriftliche Äußerungen, ethische oder religiöse Überzeugungen und sonstige persönliche Wertvorstellungen des Betreuten. Einleitung 3 gung zu verschaffen. In solchen Zweifelsfällen wiegt aus der Sicht des jeweils behan‐ delnden Arztes das Risiko, sich durch sofort eingeleitete – erfolgreiche – Lebensret‐ tungsmaßnahmen des Delikts einer unautorisierten ärztlichen Behandlung, d. h. einer „einfachen Körperverletzung“18 schuldig zu machen, weniger schwer als das Ri‐ siko, durch verzögert eingeleitete Lebensrettungsmaßnahmen eventuell den Tod eines Patienten verschuldet zu haben19. Nicht zuletzt diese Problematik der sog. „passiven Sterbehilfe“ auf der Grundlage einer sog. Patientenverfügung hat dazu geführt, dass auch in Deutschland seit gerau‐ mer Zeit die weitergehende Forderung erhoben wird, Ärzten zu erlauben, ihren Pati‐ enten unter bestimmten Voraussetzungen auch aktiv beim Sterben behilflich zu sein20. In der Debatte über das Für und Wider der Einführung von neuen gesetzlichen Vor‐ schriften, die einen ärztlich assistierten Suizid in Deutschland ermöglichen könnten, wird vor allem juristisch, politisch und ethisch argumentiert, – aber auch historisch. Einen guten Überblick über die verschiedenen Standpunkte und Probleme dieser Debatte, vor allem über die historischen „Altlasten“, speziell in Deutschland, liefert ein im Jahre 2001 herausgegebener und mit einem Geleitwort der damaligen Bundes‐ ministerin für Gesundheit, A. Fischer eingeleiteter Sammelband mit dem Titel: „'Eu‐ thanasie' und die aktuelle Sterbehilfe-Debatte:21“ Mehrere Beiträge sind darin dem Thema „Die Geschichte der Euthanasie und die Medizin im Nationalsozialismus“ ge‐ widmet22 und belegen, wie sehr die augenblickliche Debatte von den Erfahrungen mit der Geschichte des NS – Staates und dessen Begrifflichkeit geprägt 23 und belastet ist24. Nicht nur Gegner, sondern auch Befürworter einer „liberaleren“ Lösung der sog. 18 Vgl. § 223 StGB; 19 Vgl. § 323 c (unterlassene Hilfeleistung), oder §§ 222 u. 13 (fahrlässige Tötung durch Unterlassen in Garantenstellung), bzw. vorsätzliche Tötung durch Unterlassen (§§ 212 u. 13 StGB;) und Körper‐ verletzung durch Unterlassen mit Todesfolge (§§ 227 u. 13 StGB;). 20 Nach Recherchen der „Ärztezeitung“ sprach sich im Herbst des Jahres 2014 nur noch jeder vierte Arzt für die Beibehaltung eines strikten Verbots „aktiver Sterbehilfe aus. Vgl. http://www.aerztezei‐ tung.de/ poli tik_gesellschaft/sterbehilfe_begleitung/article/874751/assistierter-suizid-nur-jedervierte-arzt-verbot.html (03.12.2014). Die Debatte über das Pro und Contra ärztlich assistierter Selbsttötungen beschäftigt seit dem 13.11.2014 auch den Deutschen Bundestag. vgl. http:// www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/ 2014/kw46_ak_sterbebegleitung/339432; 21 Frewer, A. Eickhoff, Cl. (Hrsg.):'Euthanasie' und die aktuelle Sterbehilfe-Debatte: Die historischen Hintergründe medizinischer Ethik. Ffm. New York 2000. darin: Fischer, A.: Geleitwort der Minis‐ terin für Gesundheit, S. 11–12; 22 S. o. Frewer, A./Eickhoff Cl. „Euthanasie“ …, Abschnitt I, S. 27–236, u. a. mit Beiträgen von Frewer, A., Die Euthanasie-Debatte in der Zeitschrift Ethik 1922-1938: Zur Anatomie des medizinethi‐ schen Diskurses, S. 90 – 119, Roelcke,V., Hohendorf, G., Rotzoll, M., Psychiatrische Forschung, »Euthanasie« und der »Neue Mensch«: Zur Debatte um Menschenbild und Wertsetzungen im Na‐ tionalsozialismus, S. 193– 217; und Faulstich, H., Die Zahl der »Euthanasie«-Opfer, S. 218–237; 23 Vgl. Lunshof, J. E./Simon, A., Die Diskussion um Sterbehilfe und Euthanasie in Deutschland von 1945 bis in die Gegenwart, s. o. Frewer, A./Eickhoff Cl. „Euthanasie“ …, S. 237–249; und Benzen‐ höfer, U., Geschichte im Recht: NS-»Euthanasie« in neueren Gerichtsbeschlüssen zum Thema Be‐ handlungsbegrenzung« (AG Hanau 1995, OLG Frankfurt 1998), s. o. S. 356–369; 24 Vgl.: Schmuhl, H.-W. Nationalsozialismus als Argument im aktuellen Medizinethik-Diskurs. Eine Zwischenbilanz.... s. o. Frewer, A./Eickhoff, Cl. „Euthanasie“ …S. 385–407; Burleigh, M., Die Nazi- Analogie und die Debatten über Euthanasie, s. o. S. 408–423; Einleitung 4 „Sterbehilfe“ zogen daraus die Konsequenz, nicht nur im Ausland nach Vorbildern Ausschau zu halten, sondern auch in der Geschichte. Hierbei kann es niemanden überraschen, dass in Anbetracht der langen Dauer des Einflusses des Christentums sowie des Islams auf die Geschichte Europas und des Mittelmeerraums, die aktiven Einflussnahmen auf das Sterben der Menschen ableh‐ nend gegenüberstehen, die Gegner von Neuregelungen auf entsprechende Traditio‐ nen verweisen. Auch die Befürworter der sog. „aktiven Sterbehilfe“ griffen weit in die Geschichte zurück und suchten in der griechisch – römischen Antike nach Vorbil‐ dern für „fortschrittlichere Lösungsansätze“. Das Interesse, die Erweiterung der Mög‐ lichkeiten der Sterbehilfe historisch zu begründen, fand seinen Ausdruck vor allem in Publikationen zur Geschichte des Suizids, des Begriffes „Euthanasie“ und des sog. hippokratischen Eids. Unter den neueren Publikationen zur Geschichte des Suizids verdienen nicht zu‐ letzt Veröffentlichungen von A. Bähr u. H. Medick25, H. Brandt,26 D. Hofmann27 und A. Van Hooff28 Beachtung, in denen teils unter Berufung auf bereits vorliegende For‐ schungsergebnisse29, teils aber auch auf der Grundlage eigener Erhebungen30, darauf aufmerksam gemacht wird, dass schon in der Antike die Auffassung verbreitet war, dass der Mensch einen Anspruch darauf habe, den eigenen Tod nicht nur zu erleiden, sondern auch aktiv herbeizuführen und nach eigenen Vorstellungen zu gestalten, und dass er nach dieser Maxime auch schon in der Antike gehandelt habe. Bei dem o. g. Titel von A. Bähr u. H. Medick handelt es sich um einen Sammel‐ band mit Beiträgen zu verschiedenen Epochen und Kulturbereichen, von denen le‐ 25 Bähr, A., Medick, H.: Sterben von eigener Hand. Selbsttötung als kulturelle Praxis, Köln 2005. (Ein Sammelband, der verschiedene Beitrage mit unterschiedlichen methodischen Ansätzen und in‐ haltlichen Schwerpunkten enthält, u. a. einen Beitrag des niederländischen Althistorikers A. van Hooff: Vom „willentlichen Tod“ zum „Selbstmord“. Suizid in der Antike, S. 23–42; darin bezieht sich der Autor teils auf Forschungsergebnisse Dritter (Vgl. S. 23, Anm. 2), teils aber auch auf eige‐ ne Forschungsergebnisse (Van Hooff, Zelfdoding in de antieke wereld. Nijmegen 1990; ders.: From Autothanasia to Suicide. London/ New York 1990. Vgl. S. 23, Anm. 1;), die er aber in dem Aufsatz ergänzt und „weiterentwickelt.“ 26 Brandt, H.: Am Ende des Lebens, Alter Tod und Suizid in der Antike, München 2010. (Eine auf eigenen Erhebungen beruhende Monographie, die wesentlich auf eine systematische Erforschung der Motive von Suizidenten in der Antike fokussiert, unter besonderer Berücksichtigung des sog. Alterssuizids, aber auch die benutzten Tötungsmittel;) 27 Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007 (Eine geringfügig überarbeitete Fassung einer Dissertation aus dem Jahre 2007 über die Wahrnehmung von Suiziden in der Spätantike, vor allem unter juristischen und philosophisch-ethischen Aspekten;). 28 Van Hooff, A.: From autothanasia to suicid. Self-killing in Classical-Antiquity, London, New Yorck 1990 (Eine eine im wesentlichen auf eigenen Forschungen beruhende Monographie über Suizide in der Antike, deren Ergebnisse der Autor, wenn auch auf der Beurteilungsgrundlage einer größe‐ ren Anzahl von Fällen unter dem deutschsprachigen Titel: Vom „willentlichen Tod“ zum „Selbst‐ mord“. Suizid in der Antike; in: Bähr, A Medick, H., Köln 2005 s. o. S. 23–43; eine Monographie mit ähnlichem Titel und Inhalt erschien in niederländischer Sprache ebenfalls im Jahre 1990 in Ni‐ jmegen: Zelfdoding in de antieke wereld.); 29 S. o.: Bähr, A., Medick, H.: Sterben von eigener Hand. Selbsttötung als kulturelle Praxis, Köln 2005. Brandt, H.: Am Ende des Lebens, Alter Tod und Suizid in der Antike, München 2010. 30 S. o. Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007. Einleitung 5 diglich einer, ein Aufsatz Van Hooffs, dem Suizid in der Antike gewidmet ist 31, wobei der Autor im Wesentlichen auf in früheren Arbeiten gewonnene Erkenntnisse zu‐ rückgreift, diese aber durch die Ergebnisse neuerer Recherchen ergänzt. H. Brandt beschäftigt sich, wie bereits der Titel seiner o. e. Monographie32 zum Ausdruck bringt, hauptsächlich mit „Alterssuiziden“, verknüpft dieses Thema aber auch mit an‐ deren Themen, wie mit der Geschichte des Hippokratischen Eides33 und mit dem Problemkreis der „Euthanasie“ in der Antike34. Hierbei berücksichtigt der Autor aber nicht nur konkrete Fälle von Suiziden35, sondern auch die Wahrnehmung durch die jene erwähnenden antiken Autoren. Auf den zuletzt genannten Aspekt fokussiert die o. g. Arbeit von D. Hofmann. Anders als der Titel ihrer Monographie, „Suizid in der Spätantike“, suggeriert, unter‐ sucht die Autorin darin weniger den faktengeschichtlichen Aspekt des Suizids in der Spätantike, als vielmehr die Beurteilung des Suizids durch Schriftsteller und Philoso‐ phen in der ausgewählten Epoche, - kommt im Zusammenhang damit aber auch auf bestimmte Einzelfälle zu sprechen, bezüglich der frühen römischen Kaiserzeit auf die Fälle des Philosophen und Staatsmannes L. Annaeus Seneca36, des Gn. Calpurnius Pi‐ so37, des mutmaßlichen Mörders des Germanicus, sowie des mutmaßlichen Suizids Neros38. Weniger ideen- und normengeschichtlich orientiert, als fallbezogen arbeitet A. Van Hooff. Dieser listet in seiner Monographie aus dem Jahre 1990 für die Antike nicht weniger als 960 Einzelfälle auf39, erwähnt in seinem Aufsatz aus dem Jahre 2005 aber bereits eine „Sammlung von jetzt 1220 Fällen“ und „schätzt“ die Gesamtzahl von Suizidenten in der Antike auf ca. 20000 Personen,40 von denen er die ihm bekannten Fälle, auch Fälle aus der frühe römischen Kaiserzeit, unter verschiedenen Aspekten, analysiert und typologisiert u. a. unter dem Aspekt der Motive und der jeweils ver‐ 31 Van Hooff, A.: Vom „willentlichen Tod“ zum „Selbstmord“. Suizid in der Antike, s. o. S. 23–42; 32 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens, Alter Tod und Suizid in der Antike, München 2010. 33 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens,..., München 2010, S. 77–86; H. Brandt beschäftigt sich mit dem hippokratischen Eid aber weniger auf der Grundlage eigener Erhebungen als vielmehr durch eine kritische Reflexion über andere Forschungsergebnisse. 34 In Kap. 8 mit der Überschrift: `Einen guten Tod haben´: Alterssuizid und Euthanasie, s. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens,..., München 2010, S. 127–136; 35 So die Fälle Senecas (Am Ende des Lebens,..., München 2010, S. 93 f.; in dieser Arbeit Kap. 1 und Tab. IV, 21), des C. Caninius Rebilus, (Am Ende des Lebens,..., München 2010, S. 114 f.; s. u. Tab. IV, 6;) des Vaters des Prätoriers P. Licinius Caecina (Am Ende des Lebens,..., München 2010, S. 95; s. u. Tab. VIII, 12;) und des Valerius Festus (Am Ende des Lebens,..., München 2010, S. 116 f.; s. u. Tab. IX, 6;); 36 S. o. Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007, S. 31–34; s. u. Kap. 1 u. Tab. IV, 21; 37 S. o. Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007, S. 65–68; s. u. Kap. 2.1 u. Tab. I, 5 u. 7; 38 S. o. Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007, S. 153–S. 161; s. u. Kap. 2.3.3.1, Tab. V, 2 u. IX, 21; 39 S. o. Van Hooff, A.: From autothanasia to suicid. Self-killing in Classical-Antiquity, London, New- York 1990; 40 S. o. Vom willentlichen Tod zum Selbstmord. Suizid in der Antike, in: Bähr, A./Medick, H., Köln 2005, s. o. S. 23–43; siehe vor allem den Abschnitt: Wie häufig war Selbsttötung? Vgl. S. 24–25;) Einleitung 6 wendeten Tötungsmittel41, den Aspekt der Involvierung Dritter oder gar von Ärzten allerdings nicht expressis verbis thematisiert42. Unklar ist, inwieweit Van Hooff ärztliche Tötungsassistenz stillschweigend vor‐ aussetzt. Jedenfalls äußert er sich zu dieser Frage widersprüchlich. Während er in sei‐ nen Beiträgen zum Suizid in der Antike dieses Problem ausspart, hat er in einem neueren Aufsatz43 die aktive Beteiligung von Ärzten an den suizidalen Anstrengun‐ gen ihrer Patienten bestritten, während er sie in Bezug auf den Fall Seneca jedoch be‐ jahte44: „Seneca d. J. erhielt bei seinem Selbstmord auf Befehl Neros Gift überreicht v. Statius Annaeus...“45 Ähnliches gilt auch für den o. e. Beitrag D. Hofmanns: Während die Autorin in Bezug auf die Fälle Pisos und Neros die Involvierung von Ärzten gar nicht thematisiert, geht sie im Falle Senecas unter Berufung auf die Darstellung des Tacitus und auf die Einschätzung anderer Forscher offensichtlich davon aus, dass der Philosoph von seinem Leibarzt zum Zwecke der Selbsttötung Gift erbat und bekam46. Eindeutiger positioniert sich in dieser Frage H. Brandt, insofern dieser Autor un‐ ter klarer Distanzierung von Autoren, die sich kritisch zu der Annahme ärztlicher Tö‐ tungsassistenz äußerten, vor allem gegenüber der Einschätzung durch D. von Engel‐ hardt, aber auch in dem o. e. neueren Aufsatz A. Van Hooffs entschieden die Meinung vertrat: „... daß man in dieser Zeit (d. h. in der Antike, der Verf.) im Bedarfsfalle mit ärztlicher Hilfe zur Selbsthilfe fest rechnen konnte oder dies in gewisser Berechtigung an‐ nehmen durfte.47“ Widersprüchliches liest man in dieser Hinsicht auch in den meisten neueren Ar‐ beiten zu dem Begriff „Euthanasie“ und zu den damit verknüpften Vorstellungen. Diesbezüglich soll hier vor allem auf Arbeiten von U. Benzenhöfer48, K. Bergdolt,49 P. 41 S. o. Vom willentlichen Tod zum Selbstmord. Suizid in der Antike, in: Bähr, A., Medick, H., s. o. Köln 2005, Abschnitt: Das Bild der antiken Methoden der Selbsttötung (S. 25–26;); 42 S. o. Van Hooff, A.: From autothanasia to suicid. Self-killing in Classical-Antiquity, London, New- York 1990; außerdem in dem Artikel „Eutanasie“ in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 284–285. 43 Thanatos und Asklepios. Wie antike Ärzte zum Tod standen, in Schlich, Th./Wiesemann, (Hrsgg.): Hirntod. Zur Kulurgeschichte der Todesfeststellung, Ffm. 2001, S. 85–101, bes. S. 97; 44 in dem Artikel „Eutanasie“ in: Leven, K.-H. Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 284– 285. 45 Vgl. Van Hooff, A., Euthanasie, in: Leven, K.-H. Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005; Sp. 284 f.; 46 S. o. Hofmann, D.: Suizid in der Spätantike. Stuttgart 2007, S. 31–34; insbes. S. 31 und Anm. 70; 47 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens,..., München 2010, S. 131; 48 Benzenhöfer, U.: Der gute Tod? Geschichte der Euthanasie und Sterbehilfe. Göttingen 2009. Diese Arbeit des bekannten Frankfurter Medizinhistorikers, dessen Forschungs- und Arbeitsschwer‐ punkt eher in der Neuzeit liegt, (Vgl. http://www.geschichte-medizin.uni-frankfurt.de/ 47769188/010_BenzenhoeferU?) enthält im Wesentlichen eine Darstellung der historischen Ent‐ wicklung des Nachdenkens über „den guten Tod“, die aber bezüglich der Antike (S. 13 – 43) und Senecas (S. 34 – 36) nicht auf eigenem Quellenstudium beruht, sondern auf Forschungsergebnisse von Spezialisten zurückgreift und diesbezüglich weniger medizingeschichtlich als ideengeschicht‐ lich ausgerichtet ist. 49 Bergdolt, K.: Das Gewissen der Medizin: ärztliche Moral von der Antike bis heute, München 2004. Diese Publikation des gebürtig aus Stuttgart stammenden Medizinhistorikers, dessen Forschungsund Arbeitsschwerpunkt bei Themen des aus den Epochen des Mittelalters und der frühen Neuzeit Einleitung 7 Carrick,50 A. Frewer51 P. Potthoff52 hingewiesen werden sowie auf die bereits in einem anderen Zusammenhang erwähnte Arbeit von H. Brandt53. Übereinstimmend beto‐ nen diese Autoren, dass die mit dem Begriff „Euthanasia“ verknüpften Vorstellungen seit der Antike54 großen Veränderungen unterworfen waren und dass der vor allem von den Sozialdarwinisten entwickelte und von den Nationalsozialisten praktizierte Gedanke an eine zu „eugenischen“ Zwecken durchgeführte Tötung55 körperlich und seelisch erkrankter Menschen56 unter Beteiligung von Ärzten in der Antike dem Be‐ zu verorten ist, beruht bezüglich der Antike ebenfalls nicht auf eigenem Quellenstudium, sondern auf der Verarbeitung von Forschungsergebnissen Dritter. Außerdem fokussiert Bergdolt weniger auf medizingeschichtliche Fakten, als vielmehr auf die Entwicklung der medizinethischen Vorstell‐ ungen über das berufliche Selbstverständnis von Ärzten. 50 Carrick, P.: Medical Ethics in the Ancient World. Washington, DC 2001. Dieses Werk, dessen Ver‐ fasser am Gettysburg College Philosophie lehrt, enthält einen Überblick zu verschiedenen medi‐ zingeschichtlichen Themen der griechisch-römischen Antike, sowohl technologischen als auch philosophisch-ethischen Inhalts, die mehrheitlich nicht auf der Grundlage eigener Forschungser‐ gebnisse bearbeitet werden. Auch die o. e. Arbeit P. Carricks ist, wie bereits am Titel ablesbar ist, ideengeschichtlich ausgerichtet, nicht zuletzt was die Rolle Senecas anbetrifft. Vgl. dazu S. 133–137 und S. 162–165; der Vorgang von Senecas Ableben sowie die dabei von dessen Leibarzt gespielte Rolle werden nicht thematisiert. 51 Frewer, A. Der sterbende Patient und die Medizin. Historische und philosphische Aspekte der Eu‐ thanasie- Debatte, (Habilitationsschrift, MHH) Hannover 2005. 52 Potthoff, Th.: Euthanasie in der Antike, (Diss. med.) Münster 1982. 53 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter, Tod und Suizid in der Antike. München 2010, insbe‐ sondere das Kapitel „8. `Einen guten Tod haben´: Altersuizid und Euthanasie“ (S. 127–134), wo B. sich aber im Wesentlichen auf „Vorarbeiten“ von Potthoff (S. o.), Vogt (Vogt, J., Euthanasia – antik und modern, Saeculum 35, 1982, S. 68–73), Lebek, (Lebeck, D. H., Wie lange soll man leben? Anti‐ ke Einsichten und Erfahrungen, in: Kahrenberg, H./Leitz, C. (Hrsg.) Heilkunde und Hochkultur II. Münster 2002, S. 257– 276;) Van Hooff (S. o.), Bergdolt (S. o.) und Benzenhöfer (S.o.) stützt. Vgl. Brandt, s. o. S. 127 Anm. 566; 54 Erstmals greifbar bei griechischen Dichtern wie Kratinos, (*um 520 v. Chr.; †423 v. Chr.) der ihn um 500 - 420 v. Chr. zur Bezeichnung eines „guten Todes“ in Abgrenzung zu einem schweren Ster‐ ben gebraucht, und Menander (*342/341 v. Chr. in Kephisia; † 291/290 v. Chr.), dem das geflügelte Wort zugeschrieben wird: „Wen die Götter lieben, der stirbt jung.“ 55 Das Wort „Euthanasie“ wird als Ausdruck zur Bezeichnung von „aktiver Sterbehilfe“ frühestens bei Francis Bacon (*22. 01. 1561 in London; †9. 04. 1626 in Highgate) verwendet, im Kontext der Übertragung der entwicklungstheoretischen Lehren von Charles Robert Darwin (*12. 02. 1809 in Shrewsbury; †19. 04. 1882 in Downe) und Thomas Robert Malthus (*13. 02., oder am 14. bzw. 17. 02. 1766 in Wotton bei Dorking, in der englischen Grafschaft Surrey, †29. 12. 1834 in Bath) auf das Zusammenleben der Menschen durch „sozialdarwinistisch“ geprägte Autoren wie Ernst Haeckel (*16. 02. 1834 in Potsdam; † 9. 08. 1919 in Jena) und Alexander Tille (*30. 03. 1866 in Lauenstein; †16. 12. 1912 in Saarbrücken). 56 Im Zeitalter des Nationalsozialismus diente der Begriff vor allem zur euphemistischen Umschrei‐ bung von Maßnahmen zur systematischen Tötung von Menschen im Rahmen von Aktionen wie der sog. Kinder-„Euthanasie“, (in Krankenhäusern und in sog. in sogenannten „Kinderfachabtei‐ lungen“), im Rahmen der „Aktion T4“, d. h. der sog. Erwachsenen-„Euthanasie“, (der systemati‐ schen Tötung von Psychiatriepatienten und Behinderten 1940/1941), der sog. „Aktion 14f13“, d. h. der Tötung von psychiatrisch erkrankten und behinderten KZ-Häftlingen, sowie der sog. Aktion Brandt, d. h. der Ermordung von Psychiatriepatienten und Behinderten in Krankenhäusern ab 1943. Vgl. Burleigh, M. (Hrsg.): Tod und Erlösung. Euthanasie in Deutschland 1900–1945. Zürich 2002. Friedlander, H.: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 2002. Hagemann, A. (Red.): „Euthanasie“ im NS-Staat: Grafeneck im Jahr 1940. Stuttgart 2000. Klee, E.: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“. Frankfurt 1983, Ffm. 20102. Einleitung 8 griff noch nicht inhärent war57. Andererseits halten einige Autoren es aber für erwie‐ sen, bzw. für wahrscheinlich, dass der Gedanke der „Euthanasia“ bereits in der Antike mit der Erwartung von Hilfe durch Dritte, vielleicht auch durch Ärzte, verknüpft wurde. Diese Auffassung wurde durch Th. Potthoff,58 und A. Frewer59 und H. Brandt60 vertreten, in Bezug auf den Fall Seneca aber auch durch A. Van Hooff 61. Ob in der Antike aber auch entsprechend solchen Erwartungen gehandelt wurde, sei es im Zusammenhang von Selbsttötungen, sei es im Zusammenhang von Kindstö‐ tungen, etwa im Rahmen der sog. patria potestas62, ist in der Literatur allerdings strit‐ tig. Dass solche Tötungen von Frauen, Kindern, Sklaven und Ausländern stattgefun‐ den haben, da diese nicht als Vollbürger angesehen, daher gesundheitlich eher ver‐ nachlässigt worden seien, wird u. a. von A. Bergdolt für möglich, wenn auch nicht für nachweisbar gehalten.63 Im Prinzip aber halten die meisten der o. g. Forscher ärztliche Tötungsassistenz in der Antike grundsätzlich für erwiesen, nicht zuletzt Th. Potthoff,64 A. Van Hooff65 und A. Frewer66. Von denen beruft sich sich der letztere bezogen auf die Antike aber nicht primär auf eigenes Quellenstudium, sondern auf bereits in den frühen dreißiger Jahren veröffentlichte, teilweise in den 90-er Jahren neu publizierte Forschungsergeb‐ 57 Am deutlichsten wurde dieser Gedanke in der o. e. Dissertation von Th. Potthoff: Euthanasie in der Antike, Münster 1982., und zwar auf der Grundlage einer systematischen Auswertung der dazu aus der Antike überlieferten Quellen. Vgl. Van Hooff, A., „Euthanasie“ in: Leven, K.-H., (Hrsg.) Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp. 284–285; 58 S. o. Th. Potthoff vor allem in dem Kapitel „5. Aktive Euthanasie durch unterlassene ärztliche Hil‐ feleistung“ S. 53 – 60, „IV. Kapitel: Die Alltägliche Wirklichkeit des Suizids im Spiegel der antiken Rechtsprechung“, S. 71 – 83, „VII. Kapitel: Aktive Euthanasie als Ärztliche Beihilfe zum Suizid“, S. 108–122, und „VIII. Kapitel: Antike Zeugnisse Ärztlicher Selbstmord-Beihilfe“ S. 123–142; 59 S. o. Frewer, A. Der sterbende Patient und die Medizin. Historische und philosphische Aspekte der Euthanasie- Debatte, (Habilitationsschrift, MHH) Hannover 2005. Ders., Der Tod als Medizin? Eu‐ thanasie und Sterbehilfe in der Geschichte, in: Vorgänge Nr. 175, 2006, S. 24–35; 60 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens, …. München 2010, S. 131; 61 Vgl. dazu Van Hooff: „Euthanasie“ in: Leven, K.-H. (Hrsg.): Antike Medizin: ein Lexikon, Mün‐ chen 2005, Sp. 284–285 unter Berufung auf eigene Forschungsergebnisse; 62 Vgl. Arjava, A.: Paternal Power in Late Antiquity, in: Journal of Roman Studies 88, 1998, S. 147– 165. Bund, E.: Patria Potestas, in: Der kleine Pauly Bd. 4, Stuttgart 1975, Sp. 552 f.; Estbrook, R.: Vitae Necisque Potestas, in: Historia 48, 1999, S. 203–223; Gardner, J. F.: Family and familia in Ro‐ man Law and Life. Oxford 1998. 63 Bergdolt, K.: Das Gewissen der Medizin. Ärztliche Moral von der Antike bis heute. München 2004, S. 41. 64 Potthoff, Th.: S. o. Münster 1982; 65 Vor allem in „Euthanasie“, in: Leven, K.-H.(Hrsg.) Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005, Sp. 284 –285 und in: Ancient Euthanasia. `Good Death“ and the Doctor in the Graeco-Roman World, in: Social Science and Medicine 58 (2004), S. 975–985; 66 Vgl. Frewer, A., Der Tod als Medizin? Euthanasie und Sterbehilfe in der Geschichte. Vorgänge Nr. 175, 2006; bereits in seiner Habilitationsschrift (Der sterbende Patient und die Medizin. Han‐ nover 2005.) stellte A. Frewer unter Berufung auf Tacitus (s. o. S. 25, Anm. 31) fest: „Bei Seneca spielte die Medizin in Person des Freundes und Leibarztes Statius Annaeus eine direkte Rolle: Nach‐ dem der stoische Denker – ebenso wie Sokrates primär aus politischen Gründen in den Tod getrieben – ein Gift genommen hatte, sich das Ende aber noch nicht einstellte, war es der Arzt, der durch ein warmes Bad und die Eröffnung von Blutgefäßen das Sterben beschleunigt haben soll.“ Einleitung 9 nisse des deutschen Altphilologen H. Diller67, der sich für seine diesbezüglichen The‐ se argumentativ – wie auch Th. Potthoff, und A. Van Hooff – vor allem auf die antike Berichterstattung über den Tod des römischen Philosophen und Staatsmannes Seneca stützt, sowie auf Zweifel bezüglich der Entstehungszeit, der Verbreitung und Verbind‐ lichkeit des sog. hippokratischen Eides. In Bezug auf die Geschichte des hippokratischen Eides lassen neuere Arbeiten – diesbezüglich ist noch einmal auf eine Arbeit von P. Carrick68 sowie auf Publikatio‐ nen von Th. Rütten69 und D. Schubert70 zu verweisen – die Forschungsergebnisse H. Dillers zwar in Einzelheiten als überholt erscheinen, haben aber die grundlegenden Zweifel dieses Forschers an der Verbindlichkeit dieses Eides sowie ähnlicher Eides‐ leistungen in der Antike bislang keineswegs widerlegt. Hierbei ist zu beachten, dass sowohl Th. Rütten als auch P. Carrick in Übereinstimmung mit H. Diller keinen Zweifel daran hegen, dass ein Arzt mit dem Namen Hippokrates auf der Ägäisinsel Kos wirklich gelebt hat71 und eine wichtige Rolle bei der Gründung einer noch in der frühen römischen Kaiserzeit berühmten Ärzteschule auf der Insel spielte, dass aber hinsichtlich der Autentizität des diesem zugeschriebenen Schrifttums, des sog. Corpus Hippocraticum, und damit auch hinsichtlich der Geschichte des innerhalb des Corpus Hippocraticums überlieferten und nach jenem Hippokrates bekannten Eides große Zweifel bestehen72. Das Corpus Hippocraticum gilt nach der communis opinio der Forschung als eine Sammlung von mehr als 60 antiken Texten medizinischen bzw. medizinethischen In‐ halts, die zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden und erst später zu einem Gesamtcorpus zusammengestellt wurden73. Schon allein aus dieser chronologischen Zuordnung der Entstehung der Textsammlung ergibt sich, 67 Als grundlegende Werke H. Dillers auf dem Gebiet der Geschichte der Medizinethik gelten immer noch: Die Überlieferung der Hippokratischen Schrift Peri aerōn hydatōn topōn. Leipzig 1932. Wanderarzt und Aitiologe. Studien zur Hippokratischen Schrift Peri aerōn ydatōn topōn. Leipzig 1934. Kleine Schriften zur antiken Medizin. Hrsgg. Baader, G. und Grensemann, H.. Berlin 1973. Hippokrates: Schriften. Die Anfänge der abendländischen Medizin. Reinbek 1962; Neuausgabe unter dem Titel: Ausgewählte Schriften. Mit einem bibliographischen Anhang und einem Kurzle‐ benslauf S. 342 f., hrsg. von Leven, K.-H., Stuttgart, 1994. 68 S. o. Carrick, P.: Medical Ethics in the Ancient World. Washington, DC 2001; vgl. dazu bes.: Part II, The rise of Medical Ethics S. 71–114 mit den Unterkapiteln „4. WHO WAS HIPPOCRATES?“ (S. 71–81) und „5. THE HIPPOCRATIC OATH“ (S. 83–114). 69 Rütten, Th.: Medizinethische Themen in den deontologischen Schriften des Corpus Hippocrati‐ cum. In Médicine et morale dans l´ antiquité, hrsg. v. H. Flashar und J. Jouanna, Vandceuvers-Genf 1997 (=Entretiens sur l´ antiquité classique 43), S. 65–120; 70 Schubert, C.: Der hippokratische Eid. Medizin und Ethik von der Antike bis heute. Darmstadt 2005. 71 C. Schubert spricht zwar von „Hippokrates als antike[r] Fiktion“, meint damit aber nicht die Person, sondern das dieser zugeschriebene Werk. Vgl. dazu die Kapitelüberschrift zu Abschnitt V. (S. o. Der hippokratische Eid. S. 61–67); 72 Diese Zweifel wurden schon von W. Eckart (Geschichte der Medizin. Berlin, Heidelberg etc. 20055, S. 48 – 49;) in das Bewusstsein von Medizinern und Medizinethikern gerufen. 73 Vgl. Hippokrates: Schriften. Die Anfänge der abendländischen Medizin. Übersetzt und herausge‐ geben von Hans Diller. Rowohlt, Reinbek 1962; Neuausgabe: Hippokrates: Ausgewählte Schriften. Mit einem bibliographischen Anhang von Leven, K.-H., Stuttgart 1994, (mit Erläuterungen); Gol‐ der, W.: Hippokrates und das Corpus Hippocraticum. Eine Einführung für Philologen und Medizi‐ Einleitung 10 dass nur wenige von ihnen von Hippokrates selbst verfasst worden sein können, die meisten wurden von Schülern und anderen Hippokratikern erstellt, was aber schon in der Antike bekannt war. Th. Rütten versuchte auf der Grundlage einer genauen philologischen Analyse, vor allem in kritischer Auseinandersetzung mit dessen Deutung durch L. Edelstein74 nachzuweisen, dass eine klare medizingeschichtliche Zuordnung in eine bestimmte Epoche nicht ohne weiteres möglich, eine Zuordnung in die Zeit des Hellenismus aber durchaus nicht abwegig sei75. Th. Rütten stellt fest: „Es bleibt festzuhalten, daß keiner der von Edelstein beigebrachten Belege geeignet ist, die sozialgeschichtlich übliche Praxis einer ärztlichen Beihilfe zum Selbstmord Moribunder in der Antike, schon gar nicht in der Entstehungszeit des Eides, zu belegen. … Die für die Edelsteinsche Eiddeu‐ tung unabdingbare Konstellation eines sterbewilligen Moribunden, der einen Arzt um Beihilfe zum Selbstmord angeht, findet sich bei keinem einzigen Autor, der die Verhält‐ nisse des 5. oder 4. Jahrhunderts vor Augen hat.“76 Vordergründig betrachtet, scheint es Th. Rütten in diesem Zitat vor allem auf den Ausschluss einer bestimmten inhaltlichen Deutung des Eids anzukommen, in Wirk‐ lichkeit gibt der Autor aber klar zu erkennen, dass er eine Datierung in das 5. oder 4. Jahrhundert für möglich hält, allerdings ohne sich auf eine Autorschaft des Hippokra‐ tes selbst festzulegen. Einen wesentlichen Schritt weiter geht in dieser Hinsicht D. Schubert, die in ihrer Monographie zur Geschichte des „hippokratischen Eids“ die Zweifel am „hippokratischen“ Ursprung des Eides betont77. Ch. Schubert spricht in diesem Zusammenhang geradezu von „Hippokrates als antike[r] Fiktion78“ und wirft bereits im Vorwort ihrer Monographie die Frage auf: „Aber geht der Eid wirklich auf Hippokrates zurück? Gehört er in den Kontext der gängigen medizinischen Traditionen der Antike? Oder handelt es sich um einen Text, an dem im Laufe der Jahrhunderte viele Hände gearbeitet haben, um ihn je nach zeitbedingtem Bedürfnis zu verändern und ein‐ zusetzen?“ Und gewissermaßen als Vorwegnahme einer Beantwortung dieser Frage stellt sie ihrer Untersuchung neben dem Originalwortlaut des Eides auch den Eid in christlicher Fassung voran79. Im weiteren Verlauf ihrer Darstellung macht sie den Leser darauf aufmerksam, dass die frühesten Zeugnisse über den Eid in die frühe römische Kaiserzeit zu datie‐ ren sind und in den Handschriften und Papyri neben einer heidnisch – antiken Fas‐ ner. Würzburg 2007. Althoff, J.: Medizinische Literatur. In: Zimmermann, B.(Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit (= Handbuch der Altertumswissenschaft. 7. Abteilung, Band 1). München 2011, S. 295–320. 74 Edelstein, L., The Hippocratic Outh. Text, Translation and Interpretation, in: Bulletin of the Histo‐ ry of Medicine, Nr. 1, Baltimore 1943–1969; dazu zahlreiche Reprints; Vgl. dazu Rütten, Th. Medi‐ zingesch. Themen, s. o. S. 68, Anm. 5; 75 S. o. Rütten, Th. Medizingesch. Themen, s. o. S. 87–88; 76 S. o. Rütten, Th. Medizingesch. Themen, s. o. S. 87–88; 77 Vgl. Schubert, Ch.: Der hippokratische Eid. Medizin und Ethik von der Antike bis heute. Darm‐ stadt 2005, darin vor allem S. 8–72; 78 Vgl. dazu die Kapitelüberschrift zu Abschnitt V. (S. o. Der hippokratische Eid. S. 61–67;); 79 S. o. Der hippokratische Eid. Medizin und Ethik von der Antike bis heute. Darmstadt 2005, S. 10– 13; Einleitung 11 sung auch eine christlich überformte sowie syrische und arabische Fassungen überlie‐ fert sind, die z. Teil erst im Mittelalter entstanden,80 - wobei Beachtung verdient, dass auch Ch. Schubert, im Widerspruch zu L. Edelstein, aber in Übereinstimmung mit Th. Rütten, den Eid nicht primär als Ausdruck der Selbstverpflichtung von Ärzten deutet, ihre Kunst in den Dienst moribunder Suizidenten zu stellen, sondern nicht in den Dienst von Fremdtötungen in mörderischer Absicht. Kritisch anzumerken ist aber gegenüber den sich ausschließlich auf die Erfor‐ schung der Geschichte des hippokratischen Eides konzentrierenden Beiträge, dass selbst im Falle des Nachweises der Verbindlichkeit solcher Eidesleistungen von Ärz‐ ten in der Antike keineswegs davon auszugehen wäre, dass sich auch alle Ärzte konse‐ quent dementsprechend verhielten. Daher verdient besondere Beachtung, dass bereits H. Diller seine These, dass ärztliche Tötungsassistenz in der Antike nicht unüblich gewesen sei, nicht nur aus den Unsicherheiten bezüglich der eidlichen Selbstverpflichtungen von Ärzten in der Anti‐ ke ableitete, sondern auch mit dem Hinweis auf konkrete unnatürliche Todesfälle be‐ gründete, bezüglich welcher er ärztliche Tötungsassistenz für erwiesen hielt, - nicht zuletzt unter Berufung auf die Darstellung des Lebensendes Senecas durch den römi‐ schen Geschichtsschreiber Tacitus81. Und in diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass außer H. Diller auch Th. Potthoff und A. van Hooff sich bei ihrer These, dass ärztliche Selbsttötungssassistenz in der Antike vorgekommen sei, auf das Verhalten des Arztes Annaeus Statius im Kontext des Ablebens Senecas berufen.82 Ungeachtet dessen stellt sich bei einer vorurteilsfreien Prüfung der o. z. Arbeiten ein deutliches Unbehagen ein, vor allem gegenüber den Urteilen solcher Forscher, die sich bezüglich ihrer Einschätzung der Praxis auf dem Gebiet der „Sterbehilfe“ in der Antike nicht primär auf eigene Erhebungen stützen, sondern auf die Forschungser‐ gebnisse von „Fachleuten“, nämlich ob sie sich in ausreichendem Umfang vorher klar gemacht haben, – inwieweit sie bei jenen Forschern, auf deren Ergebnisse sie sich stützen, darauf verlassen können, dass das sog. erkenntnisleitende Interesse, das sie veranlasste sich mit Fragen ärztlich assistierten Suizids in der Antike zu beschäftigen, andere Ergebnisse als die tatsächlich erzielten überhaupt zugelassen hätte, aber auch – inwieweit sie die in Bezug auf bestimmte Einzelfälle erzielten Erkenntnisse – das gilt auch für die Arbeiten von Forschern, die sich bei den von ihnen ermittelten Erkenntnissen auch auf eigene Recherchen stützen - ungeprüft verallgemeinerten und als repräsentativ für das Verhalten von Ärzten in der Antike insgesamt be‐ trachteten. 80 S. o. Der hippokratische Eid.... Darmstadt 2005, Kap. III, S. 15 ff.; 81 Auch Van Hooff (S. o. „Euthanasie“ in: Leven, K.-H.(Hrsg.): Antike Medizin: ein Lexikon, Mün‐ chen 2005.) und Th. Rütten (S. o. Medizinethische Themen in den deontologischen Schriften des Corpus Hippocraticum. S. 65–120;) beziehen sich bei ihren diesbezüglichen Überlegungen auf den Fall Seneca (Näheres dazu s. u. Kap. 1). 82 S. o. Potthoff, Th.: Euthanasie in der Antike. Münster 1982. vor allem S. 129–131; Van Hooff, A.: S. o. „Euthanasie“ in: Leven, K.-H. (Hrsg.) Antike Medizin. Ein Lexikon, München 2005 Sp. 284–285. Einleitung 12 Das zuerst genannte Problem erweist sich als besonders virulent in Bezug auf die An‐ sichten A. Frewers83, soweit letzterer sich bezüglich der Antike hauptsächlich auf For‐ schungsergebnisse H. Dillers84 berief. Es stellt sich im Hinblick darauf nämlich die Frage, ob sich A. Frewer in ausreichendem Maße klar gemacht hat, dass die von ihm benutzten Forschungsergebnisse Dillers bereits kurz vor und kurz nach dem Beginn der NS – Zeit erarbeitet und veröffentlicht wurden, d. h. zu einer Zeit, in welcher der Sozialdarwinismus in Deutschland noch viele Anhänger hatte und auch bei der Reali‐ sierung des sog. Euthanasieprogramms des NS-Staates ideologisch eine wichtige Rolle spielte. In Zusammenhang dieser Überlegung verdient besondere Beachtung, dass H. Diller sich auch persönlich schon früh mit politischen Zielsetzungen des NS-Staates identifiziert zu haben scheint. So unterzeichnete H. Diller bereits 1933 ein Bekenntnis deutscher Professoren zu Adolf Hitler, und stellte im Jahre 1937 einen Parteiaufnah‐ meantrag, dem im Jahre 1940 auch stattgegeben wurde.85 Außerdem hat es den An‐ schein, dass H. Dillers Nähe zum Nationalsozialismus auch einen großen Einfluss auf seine Karriere als Professor hatte. Es dürfte sicherlich nicht einem Zufall zu verdan‐ ken sein, dass H. Diller ausgerechnet im Jahre seines Antrags auf Parteimitgliedschaft den Posten eines außerordentlichen Professors an der Universität Rostock erhielt. In Anbetracht dessen erscheint die Vermutung als zulässig, dass H. Diller in Bezug auf das Problem der Verifikation von ärztlich assistierten Tötungen und Selbsttötungen in der Antike, selbst wenn er das gewollt hätte, kaum andere Forschungsergebnisse hätte veröffentlichen können als er sie veröffentlicht hat, auf jeden Fall zwischen den Jahren 1933 – 1945, in denen die Veröffentlichung der meisten Forschungsergebnisse, auf die sich A. Frewer stützt, erfolgte. Ähnliches gilt es, obgleich in stark veränderter und abgeschwächter Form, in Be‐ zug auf das den Forschungen des niederländischen Althistorikers A. Van Hooff zu‐ grunde liegende Erkenntnis leitende Interesse zu bedenken. Um dessen Forschungs‐ ergebnisse besser verstehen zu können, muss man sich vergegenwärtigen, dass die 83 S. o. Frewer, A., Der Tod als Medizin? Euthanasie und Sterbehilfe in der Geschichte. Vorgänge Nr. 175, 2006, aber auch in seiner Habilitationsschrift: Der sterbende Patient und die Medizin, His‐ torische und philosophisch-ethische Aspekte der Euthanasie-Debatte. Hannover 2005; auf die Ver‐ hältnisse der Antike geht A. Frewer in diesem Werk nur relativ kurz ein, in den Abschnitten 2. 1– 2.3 auf den S. 21–25, und zwar unter Berufung auf Veröffentlichungen von Forschern wie Rütten (S. o.), Lichtenthaeler (S. u. Lit.), Deichgräber (S. u. Lit.-Verz.), Edelstein S. u. Lit.-Verz.;), Carrick (Vgl. dazu S. 23, Anm. 24–Anm. 26) und nicht zuletzt H. Dillers, die Frewer aber irrtümlich in das Jahr 1994 datiert, obwohl diese bereits in den 30-er Jahren entstanden und z. T. nur im Jahre 1994 erneut veröffentlicht wurden. 84 S. o. Diller, H.: Die Überlieferung der Hippokratischen Schrift Peri aerōn hydatōn topōn. Leipzig 1932. Wanderarzt und Aitiologe. Studien zur Hippokratischen Schrift Peri aerōn ydatōn topōn. Leipzig 1934. Kleine Schriften zur antiken Medizin. Hrsg. von G. Baader und H. Grensemann, Berlin 1973. Hippokrates: Schriften. Die Anfänge der abendländischen Medizin. Reinbek 1962; Neuausgabe unter dem Titel Ausgewählte Schriften. Mit einem bibliographischen Anhang und einem Kurzlebenslauf S. 342 f, hrsg. von K.-H. Leven. Stuttgart, 1994. 85 Vgl. In memoriam Hans Diller. In: Christiana Albertina. Neue Folge, Bd. 9, 1977, S. 1–13 (Sonder‐ druck). E. Klee: Das Personenlexikon zum dritten Reich: Wer war was vor und nach 1945? Ffm. 2003, S. 111. Einleitung 13 Debatte über neue Regeln für von Ärzten zu leistende Sterbehilfe in den Niederlan‐ den, in denen Van Hooff hauptsächlich lebt, forscht und lehrt, bislang einen anderen Verlauf genommen hat, als in Deutschland und zu gesetzlichen Neuregelungen ge‐ führt hat, die zur Zeit in Deutschland noch sehr umstritten sind: Bereits seit dem Jah‐ re 2001 gilt in den Niederlanden eine gesetzliche Regelung, die auch „aktive Sterbe‐ hilfe“ grundsätzlich zulässt und dazu geführt hat, dass „lebensbeendende Maßnah‐ men“ unter aktiver Beteiligung von Ärzten für Patienten, die dies wünschen, als legal angesehen werden. Das sog. „lebensbeendende Handeln“ findet in etwa 90 Prozent der Fälle im häuslichen Umfeld daran interessierter Patienten statt und wird in der Regel von Hausärzten durchgeführt86 – und wurde im Jahre 2013 in den Niederlan‐ den auch für todkranke Säuglinge legalisiert87. Beachtung verdient im Hinblick darauf vor allem, dass über eine öffentliche Kri‐ tik A. Van Hooffs an diesen Neuregelungen in den Niederlanden bzw. an den entspre‐ chenden Bestrebungen, diese einzuführen, nichts bekannt ist88. Daher ist kaum davon auszugehen, dass Van Hooff im Rahmen seiner Forschungen über ärztlich assistierte Selbsttötungen in der Antike ein besonderes Interesse daran entwickelt haben könnte, Ergebnisse zu erzielen, die u. U. als Kritik an der in den Niederlanden angestrebten und schließlich auch durchgesetzten „liberalen“ Regelungen hätten gedeutet werden können, ungeachtet der Tatsache, dass er sich, als ein mit den akribischen Methoden der Althistoriker bestens vertrauter Forscher, am Ende nicht der Einsicht zu ver‐ schließen vermochte, „daß es in der Antike am Sterbebett keinen Platz für Ärzte gab.“89 Es ist zu beachten: A. Van Hooff hat seit 2009 den Vorsitz des niederländischen Atheistisch-Humanistischen Verbandes „De Vrije Gedachte (Der freie Gedanke, gegr. 1856).“ inne90, der, wie in Deutschland die „Humanistische Union“, schon seit länge‐ rem „liberalere Regeln“ auf dem Gebiet der Sterbehilfe fordert91. Wie sehr sich Van Hooff nicht nur als Forscher, sondern als Publizist für die Erweiterung der gesetzli‐ chen Möglichkeiten zur Legalisierung der aktiven Involvierung von Ärzten in „le‐ 86 Vgl. dazu: Deutsches Ärzteblatt 24. 02. 2012 (Dtsch. Arztebl. 2012; 109(8): A-341 / B-297 / C-293); 87 Vgl. Deutsches Ärzteblatt (online): Niederlande legalisieren Sterbehilfe bei todkranken Babys (http:// www.aerzteblatt.de/nachrichten/54769/Niederlande-legalisieren-Sterbehilfe-bei-todkran‐ ken-Babys;2016); 88 Eher vom Gegenteil ist auszugehen: „Dr. Anton J. L. van Hooff (*1943) Altphilologe und Althisto‐ riker, ist seit 2009 Vorsitzender des niederländischen Atheistisch-Humanistischen Verbandes De Vrije Gedachte (Der freie Gedanke, gegründet 1856).“ Vgl. http://hpd.de/autor/anton-van-hooff (2016); zur Biografie Van Hooffs vgl. auch: http://www.nederlands.nl/biografie/Anton+van +Hooff(2016); Van Hooff ist u. a. als Schulbuchautor bekannt, der sich auch in der Tagespresse in seinen Forschungsbereich tangierenden Angelegenheiten engagiert: „geeft hij zijn mening over al‐ lerlei actuele kwesties, met name over de wilsdood, de wenselijkheid van de republikeinse staats‐ vorm en oproepen tot hondenhaat (misokynie). 89 S. o. Van Hooff, A. 2001, S. 97; (zitiert nach Brandt, H.: Am Ende des Lebens. … München 2010, S. 131; 90 Vgl. http://hpd.de/autor/anton-van-hooff; 91 Vgl. dazu einen aktuellen Internettauftritt der „Humanistischen Union“, nach dem sich diese Orga‐ nisation betont für die „Freiheitsrechte des Einzelnen“ engagiert und für eine Zurückdrängung des öffentlichen Einflusses der Kirchen und Religionsgemeinschaften fordert, die nicht zuletzt auf dem Gebiet der „Sterbehilfe“ die Beibehaltung restriktiverer Regelungen verlangen. Vgl. http:// www.humanistische-union.de/ wir_ueber_uns/(2016); Einleitung 14 bensbeendende Maßnahmen“ einsetzte, belegt seine Teilnahme an einer entsprechen‐ den Informationsveranstaltung des sog. Freidenker-Verbandes e. V. Köln vom 09.11.201092. Die Tatsache aber, dass nicht nur in den Niederlanden, sondern auch in anderen Ländern Europas und der Welt im Vergleich zu Deutschland schon heute liberalere gesetzliche Regelungen bezüglich ärztlich assistierter Sterbehilfe bestehen93, hat auch in Deutschland die Debatte darüber verschärft und dazu geführt, dass sich dort For‐ scher, die ihre Arbeit vorrangig der Auslotung der historischen Dimension des The‐ mas widmen94, hierbei vielleicht noch nicht völlig frei machen konnten von persönli‐ chen Präferenzen für bestimmter Positionen in der aktuellen Debatte95 und dement‐ sprechend die Quellen vorrangig nach Informationen zu solchen historischen Sach‐ verhalten durchforsteten, welche ihnen genehme Standpunkte in dieser Debatte zu stützen schienen, und andere eher ignorierten. Ein solcher Verdacht erscheint vor dem Hintergrund der Einseitigkeit der Ver‐ wendung von Hinweisen auf entsprechende Denkansätze bereits in der Antike zu‐ mindest nicht als völlig unbegründet, wobei eine nicht zu unterschätzende Rolle die oftmals recht bedenkenlose Verwendung des Begriffs „Euthanasie“ gespielt haben könnte, der nicht zuletzt in englischsprachigen Veröffentlichungen, aber auch bei A. Frewer mit dem Gedanken an einen von Ärzten unterstützten Suizid verknüpft wird. Diese Vermutung erfordert allerdings eine unvoreingenommene Überprüfung. Um den oben skizzierten Verdacht zu verifizieren erscheint die Entwicklung und Er‐ probung eines solchen Forschungsansatzes als nötig, der den gegenwärtigen For‐ schungsstand bezüglich der tatsächlichen Inzidenz ärztlicher Tötungsassistenz in be‐ stimmten historischen Epochen, nicht zuletzt der griechisch – römischen Antike, kri‐ tisch hinterfragt, und zwar dadurch, dass er die für die jeweilige Epoche zur Verfü‐ gung stehenden Quellen gezielt auch nach Informationen zu solchen medizinge‐ schichtlichen und medizinethisch relevanten Sachverhalten befragt, deren Berück‐ sichtigung bestimmte „moderne“ medizinethischen Standpunkte nicht nur unterstüt‐ zen, sondern gegebenenfalls auch in Frage stellen könnten. Besondere Beachtung verdient in diesem Kontext ein Versuch des Arztes und Me‐ dizinhistorikers P. F. Moog, – inhaltlich und in methodologischer Hinsicht – auf der Grundlage einer Analyse von Darstellungen einzelner unnatürlicher Todesfälle zur 92 Vgl. http://www.scharf-links.de/168.0.html (2016); auf dieser Veranstaltung hielt Van Hooff einen Vortrag mit dem Titel: Selbsttötung und freiwillige Euthanasie in Geschichte und Gegenwart, wo‐ bei zu berücksichtigen ist, dass der Begriff „Euthanasie“ in der Terminologie Van Hooffs das aktive Eingreifen von Ärzten in den Prozess des Sterbens ihrer Patienten impliziert. 93 Vgl. dazu die Übersicht in: https://de.wikipedia.org/wiki/Sterbehilfe#Andere_L.C3.A4nder (2016); 94 S. o. Benzenhöfer, U.: Der gute Tod? … Göttingen 2009; Ch. Schubert; Der hippokratische Eid. Medizin und Ethik von der Antike bis heute. Darmstadt 2005; 95 In diesem Kontext verdient Beachtung, dass auch ein neuerer Aufsatz A. Frewers, in welchem die‐ ser, bezogen auf die Antike unter Berufung auf ältere Arbeiten H. Dillers, mit liberaleren Lösungen auf dem Gebiet der Sterbehilfe sympathisiert, auf einer Internetseite der „Humanistischen Union“ abrufbar ist. Vgl. A. Frewer, Der Tod als Medizin? Euthanasie und Sterbehilfe in der Geschichte. Aus Vorgänge Nr. 175, (Heft 2/2006), S. 24–35; vgl. http://www.humanistische-union.de/publika‐ tionen/vorgaenge/online_artikel/autoren/browse/2/(2016); Einleitung 15 Zeit der Herrschaft des römischen Kaisers Claudius l. durch Tacitus nachzuweisen, dass sich in der frühen römischen Kaiserzeit Ärzte wiederholt an der Tötung von Menschen beteiligten, jedenfalls in solchen gesellschaftlichen Kreisen, in denen man über die nötigen Mittel verfügte, sich die Inanspruchnahme der Dienste von Ärzten zu solchen Zwecken auch „leisten“ zu können96. Im Hinblick darauf wird man sicher‐ lich davon ausgehen dürfen, dass P. F. Moog die den besagten Ärzten unterstellte Be‐ teiligung an der Tötung des Kaisers Claudius97 sowie von dessen Sohn Britannicus98, nach heutigem Verständnis als „Morde“ einzustufen wären, persönlich moralisch missbilligte, als er sich mit diesen Fällen beschäftigte. Andererseits lassen sich aber auch aufgrund der Erkenntnisse P. F. Moogs, unge‐ achtet der Frage ihrer Zuverlässigkeit, keinerlei Aussagen darüber machen, inwieweit das in jener Studie Ärzten unterstellte Verhalten für den fraglichen Zeitraum reprä‐ sentativ war und inwieweit es dem Mainstream zeitgenössischer Moralvorstellungen entsprach. Daher erscheinen auch im Hinblick auf die o. g. Forschungsergebnisse P. F. Moogs solche Forschungsvorhaben als vordringlich, welche nicht nur auf den Ge‐ winn von Erkenntnissen darüber abzielen, ob ärztlich assistierte Tötungsassistenz in bestimmten geschichtlichen Epochen überhaupt vorkam, sondern auch über das Aus‐ maß, in welchem sich in der jeweiligen Epoche Ärzte in die Tötung und Selbsttötung von Menschen involvieren ließen und in welchem Umfang jenes Verhalten nach den zeitgenössischen Moralvorstellungen auch allgemein akzeptiert oder eher abgelehnt wurde. Um die hier teilweise zu schließende „Forschungslücke“ genauer kennenzulernen, erscheint es als zweckmäßig, auf eine weitere bemerkenswerte Buchneuerscheinung der letzten Jahre hinzuweisen, auf das unter der Federführung des Freiburger Medi‐ zinhistorikers K.-H. Leven, und unter Mitwirkung von „über achtzig Medizinhistori‐ ker[n], Althistoriker[n]und Philologen aus Europa und den USA“ zusammengestellte „Grundlagenwerk“, „Antike Medizin. Ein Lexikon.“99 Der Herausgeber selbst charak‐ terisiert den Gegenstand des Werkes folgendermaßen: „Im Mittelpunkt des Lexikons steht die griechisch-römische Kultur; der zeitliche Rahmen erstreckt sich von der archai‐ schen Zeit Griechenlands bis in die Spätantike.“100 Schon diese Formulierung lässt er‐ ahnen, dass innerhalb des Werkes eine Schwerpunktsetzung erfolgt, und zwar auf die Leistungen und die Bedeutung „griechischer Ärzte“. Diesen Eindruck verstärkt die sich an den o. z. Satz anschließende Formulierung: „Byzantinische Namen und Sachstichwörter dieser Epoche sind vereinzelt aufgenom‐ men. Ausgeschlossen bleiben hingegen Namen und Begriffe, die eindeutig in andere Epo‐ 96 Vgl. Moog, P. F., Zwischen Medizin und Ethik – Ärzte am Hofe des römischen Kaisers Claudius, in: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen, Baden Baden, Bd. 2/3, 2007, S. 9–28; 97 S. u. Kap. 2.2.3.1; Tab. IV, 3; 98 S. u. Kap. 2.2.3.3; Tab. IV, 5; 99 Vgl. Leven, K.-H. (Hrsg.): Antike Medizin. Ein Lexikon. München 2005, Sp.967. Die gesperrt ge‐ druckten Formulierungen sind dem Klappentext des von den Münchener Verlag C. H. Beck ver‐ legten Werkes entnommen. 100 Vgl. Leven, s. o. Vorwort S. VII; Einleitung 16 chen und Kulturen fallen (lateinisches Mittelalter, Islam)“101. Auch wenn es plausibel erscheint, dass in einem Lexikon zur „Antiken Medizin“ das lateinische Mittelalter so‐ wie der Islam ausgespart bleiben, irritiert doch der Hinweis, dass „Byzantinische Na‐ men und Sachstichwörter dieser Epoche... vereinzelt aufgenommen wurden, - insofern die Geschichte des byzantinischen Reiches und der byzantinischen Kultur noch bis zum Ende des Mittelalters reichte (Eroberung von Byzanz im Jahre 1453 n. Chr.;). Der Hinweis verstärkt so die Vermutung, dass der Schwerpunkt des Werkes auf der anti‐ ken griechischen Medizin beruht. Tatsächlich zeigte sich im Rahmen dieser Untersuchung, dass, soweit in den hier zu besprechenden Quellen Persönlichkeiten und Sachverhalte der antiken griechi‐ schen Medizingeschichte besprochen wurden, die Artikel des Lexikons eine wertvolle Hilfe darstellten102, während dies bezogen auf die römischen Medizingeschichte nur in eingeschränkter Form zutrifft. Das Lexikon enthält zwar gesonderte Einträge zu Namen wie Antonius Musa (Leibarzt des Augustus)103, Eudemos [2], (Methodiker aus der Umgebung der Livilla, einer Schwiegertochter des Tiberius)104, Xenophon v. Kos, (Leibarzt des röm. Kaisers Claudius I.)105 und Galen (ca. 129 – 210 n. Chr. Hofarzt im Umkreis der röm. Kaiser Marc Aurel, Commodus und Septimius Severus)106, - nicht jedoch zu Charikles, Claudius Menekrates, Cassius, Rubrius, Charidimus, Vettius Va‐ lens, Annaeus Statius, Krisias v. Massilia, Charmis v. Massilia, Alcon, Paccius, Lukas, – d. h. zu Ärzten der frühen römischen Kaiserzeit, die Schriftsteller jener Zeit107 wegen angeblich übertriebenen Ehrgeizes, Habsucht und angeblicher Gefühllosigkeit bezüg‐ lich der Belange ihrer Patienten z. T. heftig kritisierten, ja die sie zum Teil sogar be‐ zichtigten, in den Tod von Patienten aktiv involviert zu sein. Ähnliches gilt auch für bestimmte pharmakologische Mittel, die z. T. als Heilmit‐ tel, z. T. aber auch als Tötungsmittel eingesetzt wurden, angeblich sogar von Ärz‐ ten108: Das Lexikon enthält zwar einen Eintrag zu „Schierling“109, – in dem allerdings die angebliche Verwendung dieses Giftes in der Causa Seneca nicht thematisiert wird110. (das geschieht in einem Eintrag zu dem Stichwort „Euthanasie“, in welchem der Autor, A. Van Hooff, auch den Namen des Annaeus Statius erwähnt, der Seneca angeblich zum Zwecke der Selbsttötung Schierling anreichte111.) Außerdem enthält das Lexikon einen Eintrag zu dem Stichwort „Kanthariden112“ - in dem aber die Mög‐ lichkeit des Missbrauchs zu Tötungszwecken ebenfalls nicht thematisiert wird113. 101 Vgl. Leven, Antike Medizin. S. o. S. VII; 102 Vgl. dazu vor allem das Kapitel 3.3 in dieser Untersuchung; 103 Vgl. Leven, s. o. Sp. 62; 104 Vgl. Leven, s. o. Sp. 280; 105 Vgl. Leven, s. o. Sp. 930; 106 Vgl. Leven, s. o. Sp. 315–319; 107 Vgl. dazu Kap. 3.1; 108 Vgl. dazu Kap. 3.1 sowie 3.2; 109 Vgl. Leven, s. o. Sp. 772–774; 110 Vgl. dazu Näheres in Kap. 1; 111 Vgl. Van Hooff, Euthanasie, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 224–225; 112 Vgl. Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 483–484; 113 Vgl. dazu Näheres in Kap. 3.2.2; Einleitung 17 Das Lexikon enthält keine Artikel zu: aconitus, bubrostis, und zum Gift des Pini‐ enprozesspinners, also zu Stoffen, die ausweislich der kaiserzeitlichen Kommentatoren der lex Cornelia de sicariis veneficiisque114 ebenfalls in mörderischer Absicht zur Tö‐ tung von Menschen eingesetzt wurden, - außer in einem Eintrag zum Stichwort „Gift“, in welchem zwar auf die Toxizität der besagten Stoffe hingewiesen wird, aber nicht auf konkrete Fälle ihres Missbrauchs in der frühen römischen Kaiserzeit115. Da‐ rüber hinaus enthält das Lexikon einen Artikel zu dem Thema „Giftmord“, in wel‐ chem die Autorin kurz darauf abhebt, dass der frühkaiserzeitliche Arzt Eudemos an‐ geblich einen Patienten „unter dem Deckmantel einer med. Behandlung“ tötete und dass angeblich auch unter Nero Gift als ein angeblich harmloses Medikament verab‐ reicht wurde116, – aber Näheres über den konkreten Zusammenhang des Missbrauchs von Giften erfährt man in diesem Artikel nicht. Auch über die Machenschaften der berüchtigten Giftmischerin Locusta117 enthält das Lexikon keine Informationen. Dieses „Schweigen“ ist natürlich weder K.-H. Leven, dem Herausgeber des Lexi‐ kons und Verfasser mehrerer Artikel daran, anzulasten, noch den übrigen Verfassern von Artikeln in dem Lexikon, – es spiegelt lediglich den aktuellen Forschungsstand in Bezug auf die Rolle von Ärzten im Zusammenhang von Fremdtötungen und Selbsttö‐ tungen in der Antike, – damit aber auch eine Forschungslücke. In der vorliegenden Untersuchung wird versucht, diese „Forschungslücke“ wenig‐ stens teilweise zu schließen, und zwar indem alle bekannten „unnatürlichen Todesfäl‐ le“ der frühen römischen Kaiserzeit, exakt des Zeitraumes zwischen dem Ableben des Augustus und der „Ermordung“ Domitians daraufhin untersucht werden, ob Ärzte darin involviert waren oder nicht und inwieweit diese Ärzte in Übereinstimmung mit zu jener Zeit für gültig erachteten rechtlichen und ethischen Normen handelten oder nicht. Aufgrund der Quellenlage und der Anzahl und Qualität der bereits vorliegen‐ den Vorarbeiten erscheint eine solche Untersuchung für die Gesamtheit der unnatür‐ lichen Todesfälle in der frühen römischen Kaiserzeit als besonders geeignet, aber auch als vordringlich118. Methodisch orientiert sich die hier vorgelegte Arbeit im Wesentlichen an den Er‐ fordernissen der einzelfallbezogenen Aufarbeitung der Quellen zu unnatürlichen To‐ desfällen einer bestimmten historischen Epoche, wie sie im Prinzip schon von H. Dil‐ ler119, Th. Potthoff120, H. Brandt121 und P. F. Moog122 angewandt, vor allem aber von 114 S. u. Kap. 3.2.2; 115 Vgl. Ihm, S., Gift, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 358–360; 116 Vgl. Stamatu, G., Giftmord, in: Leven, K.-H.: Antike Medizin. S. o. Sp. 360–361; 117 S. u. Kap. 2.2.3; 118 Vgl. dazu die eingangs erwähnten Arbeiten zur Suizidforschung sowie zur Entwicklung der Bedeu‐ tung des Begriffs „Euthanasie“; 119 S. o. Diller, H.: Die Überlieferung der Hippokratischen Schrift Peri aerōn hydatōn topōn. Diete‐ rich, Leipzig 1932. Wanderarzt und Aitiologe. Studien zur Hippokratischen Schrift Peri aerōn ydatōn topōn. Dieterich, Leipzig 1934. 120 S. o. Potthoff, Th.: Euthanasie in der Antike, Münster 1982. 121 S. o. Brandt, H.: Am Ende des Lebens. Alter Tod und Suizid in der Antike. München 2010. 122 S. o. Moog, P. F., Zwischen Medizin und Ethik – Ärzte am Hofe des römischen Kaisers Claudius, in: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen, Baden Baden, Bd. 2/3, 2007, S. 9–28; Einleitung 18 Van Hooff123 systematisiert wurde. Diese methodischen Prinzipien werden aber in wesentlichen Punkten mit Rücksicht auf die spezifischen Zielsetzungen des hier beab‐ sichtigten Forschungsvorhabens modifiziert. Anders als in den o. e. Arbeiten von H. Diller, P. F. Moog und H. Brandt wird in dieser Untersuchung nicht nur auf solche Fälle fokussiert, bezüglich welcher eine In‐ volvierung von Ärzten in den Quellen ausdrücklich bezeugt oder zumindest ange‐ deutet wird und daher als prinzipiell vorstellbar einzustufen ist, sondern auf alle un‐ natürlichen Todesfälle des Untersuchungszeitraums. Denn es soll hier ja nicht nur untersucht werden, ob ärztliche Tötungsassistenz in dem ausgewählten Zeitraum überhaupt nachweisbar ist, sondern auch in welchem Ausmaß und mit welcher ge‐ sellschaftlichen Akzeptanz im Untersuchungszeitraum. Außerdem werden anders als in den o. e. Arbeiten Van Hooffs124 in dieser Studie nicht nur solche Fälle untersucht, bezüglich derer mit einer gewissen Wahrscheinlich‐ keit von Selbsttötungen ausgegangen werden kann, sondern alle unnatürlichen To‐ desfälle des Untersuchungszeitraumes, soweit über diese in den Quellen berichtet wird, – unabhängig davon, ob sie in den Quellen als Fremdtötungen oder Selbsttötun‐ gen charakterisiert werden. Denn es ist davon auszugehen, dass schon in der Antike versucht wurde, Fremdtötungen im Nachhinein als Selbsttötungen erscheinen zu las‐ sen, um den oder die Täter vor gerichtlichen Verfolgungen und Bestrafungen zu schützen oder in den Augen der Nachwelt zu exkulpieren. Daher muss damit gerech‐ net werden, dass sich entsprechende Bemühungen interessierter Kreise auch auf die Darstellung der jeweiligen Fälle in den Quellen ausgewirkt haben. Der methodische Ansatz Van Hooffs, die von ihm zu untersuchenden Fälle nach bestimmten Gesichtspunkten, unter dem Aspekt der Motive und der jeweils einge‐ setzten Tötungsmittel, zu analysieren und zu typologisieren, wird ebenfalls modifi‐ ziert, einerseits ergänzt, – um die Erörterung der Frage, inwieweit in die jeweiligen Fälle auch Ärzte involviert waren, andererseits reduziert, – nämlich auf einen be‐ stimmten Untersuchungszeitraum, insofern eine Fokussierung auf alle namentlich bekannten Todesfälle der Antike den Rahmen einer jeden Untersuchung allein vom Umfang her sprengen dürfte. Außerdem wird auf eine systematische Analyse der Mo‐ tive von Suizidenten und anderen Tätern nach Möglichkeit verzichtet, weil die genaue Kenntnis derselben im jeweiligen Einzelfall kaum aussagefähig sein dürfte bezüglich der Kernfrage dieser Untersuchung, ob jeweils eine Involvierung von Ärzten stattge‐ funden hat oder nicht. Andererseits sollen auch die Erwartungshaltungen bezüglich ärztlichen Handels sowie dessen normative Implikationen, deren Erörterung schon in der o. z. Literatur eine wichtige Rolle spielte, in dieser Untersuchung nicht unberücksichtigt bleiben, aber ausschließlich auf der Grundlage von Quellen aus und über den Untersuchungs‐ zeitraum erörtert werden, und vor allem methodisch abgetrennt von dem zentralen 123 S. o. Van Hooff, A.: From autothanasia to suicid. Self-killing in Classical-Antiquity, London, New- York 1990. 124 S. o. Van Hooff, A.: From autothanasia to suicid. Self-killing in Classical-Antiquity, London, New- York 1990. Einleitung 19 Anliegen dieser Arbeit, nämlich der Ermittlung von Befunden zu der Frage, in wel‐ chem Umfang ärztliche Tötungsassistenz im Untersuchungszeitraum tatsächlich statt‐ gefunden haben, – d. h. mehr zum Zwecke der Interpretation solcher Befunde und zu deren – nachträglicher – Validierung, als zu deren Ermittlung. In die hier vorgenommene Aufarbeitung des normengeschichtlichen Hintergrun‐ des der Arbeit von Ärzten im Untersuchungszeitraum werden verstärkt Rechtsnor‐ men einbezogen, von denen angenommen werden darf, dass sie das Verhalten von Ärzten im Untersuchungszeitraum beeinflusste, – deren Bedeutung in der neueren Literatur zur Geschichte des Problems der „Sterbehilfe“ aber bislang kaum berück‐ sichtigt wurde125, – ohne deren Kenntnis das tatsächliche Verhalten von Ärzten im Beurteilungszeitraum weder verständlich, noch mit der heutigen Situation von Ärz‐ ten, die um Sterbehilfe ersucht werden, sinnvoll zu vergleichen wäre. Es ist zwar zu beobachten, dass in der augenblicklichen Debatte in Deutschland auch die juristischen Implikationen des Problems diskutiert werden, vor allem die strafrechtlichen und verfassungsrechtlichen Aspekte126, aber die in der Antike gelten‐ den Rechtsnormen, die gegebenenfalls auch auf von Ärzten geleistete Tötungs- bzw. Selbsttötungsassistenz anzuwenden gewesen wären, wurden bislang kaum berück‐ sichtigt, auch nicht von solchen Autoren, welche die zur Zeit gültigen Rechtsnormen unter rechtsgeschichtlichen Gesichtspunkten beleuchteten127, obwohl zur rechtlichen 125 abgesehen von einigen z. T. schon älteren Arbeiten aus der Feder von K.- H. Below (Der Arzt im römischen Recht. München 1953.), F. Kudlien (Die Stellung des Arztes in der römischen Gesell‐ schaft. Stuttgart 1986.) und W. Kunkel (gemeinsam mit W. Honsell veröffentlicht: Römisches Recht. Berlin 19874. Römische Rechtsgeschichte. Köln 20012.), auf die sich diese Arbeit vor allem in Kapitel 3 stützt. 126 Duttge, G. Strafrechtlich reguliertes Sterben, NJW 2016, Heft 3, S. 120–125; Flaßpöhler, S.: Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe. Berlin 2007, (Preisgekrönte und viel rezensierte Erörterung zur Sterbehilfe). Hegselmann, R., Merkel, R. (Hrsg.): Zur Debatte über Euthanasie. Bei‐ träge und Stellungnahmen. Ffm. 19922. Hoerster, N.: Sterbehilfe im säkularen Staat. Ffm 1998. Hoffmann, Th., S., Knaup, M. (Hrsg.): Was heißt: In Würde sterben? Wider die Normalisierung des Tötens. Wiesbaden 2015. Antoine, J: Aktive Sterbehilfe in der Grundrechtsordnung, Berlin 2004. Kamann, M.: Todeskämpfe. Die Politik des Jenseits und der Streit um Sterbehilfe. Bielefeld 2009. Klie, Th., Student, J.-Chr.: Sterben in Würde. Auswege aus dem Dilemma der Sterbehilfe. Freiburg i. Br. 2007. (Neuveröffentlichung: Freiburg 2011 (PDF; 1,0 MB), Kubiciel, M.: Gott, Vernunft, Pa‐ ternalismus – Die Grundlagen des Sterbehilfeverbots. Juristische Arbeitsblätter 2011, S. 86–91; Uh‐ lenbruck, H.: Selbstbestimmtes Sterben. Berlin 1997. Schumann, E.: Dignitas – Voluntas – Vita. Überlegungen zur Sterbehilfe aus rechtshistorischer, interdisziplinärer und rechtsvergleichender Sicht. Göttinger Antrittsvorlesung im Januar 2006, Göttingen 2006, (Volltext, PDF). Tolmein, O.: Keiner stirbt für sich allein. Sterbehilfe, Pflegenotstand und das Recht auf Selbstbestimmung. München 2006. Vgl. dazu: Wehrmann, E., in: Die Zeit, Nr. 3, 11. Januar 2007. Gaede, K.: Durch‐ bruch ohne Dammbruch – Rechtssichere Neuvermessung der Grenzen strafloser Sterbehilfe, NJW 40/2010, 2925-2927; Girshovich, J.: Wem gehört der Tod? Vom Recht auf Leben und Sterbehilfe. Kein & Aber, Zürich 2014. 127 S. o. Schumann, E.: Dignitas – Voluntas – Vita. Überlegungen zur Sterbehilfe aus rechtshistorischer, interdisziplinärer und rechtsvergleichender Sicht. Göttinger Antrittsvorlesung im Januar 2006. Die Autorin beginnt ihren rechtsgeschichtlichen Überblick aus unerfindlichen Gründen erst mit dem Mittelalter (S. 9 ff.;), obwohl doch jedem rechtshistorisch einigermaßen gebildeten Laien klar sein dürfte, dass die meisten Rechtsordnungen der Welt, nicht zuletzt in Bezug auf können. Eine Aus‐ nahme unter den eingangs erwähnten Autoren bildet Th. Potthoff, der in seiner Arbeit über „Eu‐ Einleitung 20 Beurteilung von Tötungshandeln in der Antike seit geraumer Zeit fundierte Untersu‐ chungen und Darstellungen vorliegen128. Ähnliches gilt für die gesellschaftliche Situation von Ärzten im Untersuchungs‐ zeitraum129, deren historische Bedeutung in den o. e. neueren Arbeiten zur Geschich‐ te der Sterbehilfe, die - wohl hauptsächlich wegen einer starken Fokussierung des au‐ genblicklichen Forschungsinteresses auf die Interessen von Suizidenten und anderer potentieller Interessenten an von Ärzten zu leistender "Sterbehilfe", – bislang ebenfalls kaum thematisiert wurde130. Informationen darüber könnten aber von Bedeutung sein, um zu verstehen, warum Ärzte im Untersuchungszeitraum gegebenenfalls Tö‐ tungs- oder Selbsttötungsassistenz leisteten oder nicht, und werden daher in der vor‐ liegenden Untersuchung131 zur Erklärung der Befunde über das tatsächliche Ausmaß der Involvierung von Ärzten in unnatürliche Todesfälle des Untersuchungszeitraums verstärkt miteinbezogen. Das Hauptanliegen dieser Arbeit ist aber primär historisch deskriptiver Art. Dass die dabei erzielten Ergebnisse auch Einfluss auf die gegenwärtige Debatte über die Entwicklung neuer Regeln für die sog. Sterbehilfe haben könnte, wird gewissermaßen billigend in Kauf genommen. Für die Art und Weise, in der dies geschehen könnte, übernimmt der Verfasser dieser Arbeit allerdings nur mittelbar eigene Verantwortung und überweist die Möglichkeit einer konkreten Verwendung der hier zu erzielenden Erkenntnisse über die Involvierung von Ärzten in unnatürliche Todesfälle der frühen römischen Kaiserzeit in die fachliche Zuständigkeit von Experten auf dem Gebieten der Medizin – Theorie bzw. der Medizinethik. Als Hauptaufgabe einer Untersuchung, die diesem Mangel abhelfen könnte, er‐ gibt sich daraus, – alle in den Quellen für einen bestimmten Zeitraum bezeugten Todesfälle mög‐ lichst vollständig dokumentarisch zu erfassen, – diese Fälle chronologisch zu ordnen sowie nach der jeweiligen Todesart und nach den jeweils eingesetzten Tötungsmitteln zu typologisieren, sowie – dann daraufhin zu untersuchen, inwieweit die Mitwirkung von Ärzten an den je‐ weiligen Tötungen bzw. Selbsttötungen als glaubwürdig bezeugt, oder zumindest thanasie in der Antike“ (S. o. Diss. med. Münster 1982) auch den rechtshistorischen Aspekt des Problems nicht völlig unberücksichtigt ließ. 128 S. o. Below, K.-H.: Der Arzt im römischen Recht. München 1953 (auf dem Studium antiker Quel‐ len zum römischen Recht beruhende Untersuchung). Kudlien, F. (Die Stellung des Arztes in der römischen Gesellschaft. Stuttgart 1986.) und Kunkel, W. (gemeinsam mit W. Honsell veröffent‐ licht): Römisches Recht. Berlin 19874. Römische Rechtsgeschichte. Köln 20012 (handbuchartige Darstellung). Lediglich Th. Potthoff griff in seiner Arbeit gelegentlich auf Erkenntnisse dieser Au‐ toren zurück. 129 Vgl. dazu vor allem: Kudlien, F.: Die Stellung des Arztes in der römischen Gesellschaft. Stuttgart 1986. 130 Zwar beschäftigen sich auch Ch. Schubert (S. o. S. 45–53;) und P. Carrick (S. o. Part I. 1. THE STA‐ TUS OF THE PHYSICIANS, S. 11–26;) mit der gesellschaftlichen Situation von Ärzten in der An‐ tike, aber vorzugsweise unter ideengeschichtlichen Aspekten, aber unter weitgehender Aussparung der gesellschaftlichen Rolle von Ärzten innerhalb des Imperium Romanum. 131 Vgl. dazu vor allem Kap. 3. 1 in dieser Arbeit; Einleitung 21 als wahrscheinlich eingestuft werden kann oder aber als unwahrscheinlich einge‐ stuft bzw. ausgeschlossen werden muss132. Für eine solche Untersuchung erscheint der Zeitraum zwischen dem Regierungsan‐ tritt des Tiberius und dem Ende Neros als besonders geeignet, mit Einschränkungen aber auch noch das sog. Dreikaiserjahr 69 sowie die sich unmittelbar daran anschlie‐ ßende Epoche der Herrschaft der Flavier, – nicht zuletzt wegen einer vergleichsweise günstigen Quellenlage, wie in den Vorbemerkungen zu Kapitel 2 dieser Arbeit noch näher zu erläutern sein wird. Hierbei soll den näheren Umständen des Ablebens Se‐ necas ein besonderes Kapitel133 gewidmet werden, – teils weil die Quellen über diesen Fall besonders ausführlich berichten, – teils weil zu diesem Fall auch besonders zahlreiche Vorarbeiten vorliegen, deren Ergebnisse jedoch als fragwürdig erscheinen, – zum Teil auch wegen der besonderen Komplexität dieses Falles. Außerdem soll in einem weiteren Untersuchungsschritt – unabhängig von konkreten historischen Todesfällen - die Wahrscheinlichkeit ärztlicher Tötungsassistenz in dem o. g. Untersuchungszeitraum vor dem Hintergrund der Risiken von Ärzten beurteilt werden, wegen der Assistenz bei Tötungen und Selbsttötungen in Strafprozesse verwi‐ ckelt zu werden oder aber in Konflikte mit der im Untersuchungszeitraum herrschen‐ den Moral zu geraten134, – teils um die Ergebnisse der Einzelfalluntersuchungen besser verstehen zu können, – teils aber auch um Aufschluss über die mögliche Dunkelziffer solcher Fälle zu er‐ halten, die in den überlieferten Quellen nicht erwähnt werden. Die Quellenlage sowie die methodische Vorgehensweise wird in den „Vorbemerkun‐ gen“ zu jedem der drei Kapitel dieser Untersuchung gesondert erläutert. Zuvor sind jedoch noch zwei Hinweise auf für alle drei Kapitel erforderliche me‐ thodologische Konsequenzen aus den vorrangig historisch-deskriptiven Zielsetzun‐ gen des hier beabsichtigten Vorhabens nötig. Diese betreffen insbesondere die Be‐ grifflichkeit und die Art und Weise der Quelleninterpretation: 1. Entsprechend der vorrangig auf eine Rekonstruktion historischer Tatsachen ge‐ richteten Zielsetzungen dieser Arbeit werden Begriffe, denen bereits eine moralische Bewertung inhärent ist, nach Möglichkeit durch solche Begriffe ersetzt, die aus‐ schließlich darauf ausgerichtet sind, bestimmte Sachverhalte zu bezeichnen oder zu charakterisieren. Das gilt vor allem für den Begriff „Euthanasie“, der je nach dem er‐ setzt wird durch Begriffe wie „von Ärzten assistierte oder durchgeführte Tötung“ oder „Selbsttötung“, – die Begriffe „Mord“ oder „Selbstmord“, an deren Stelle nach Mög‐ lichkeit Begriffe wie „Selbsttötung“ bzw. „Suizid“ oder „Tötung“ bzw. „Fremdtötung“ verwendet werden135. Das gilt auch für den Begriff „Sterbehilfe“. Denn dieser Begriff 1 3 2 S. u. Kap. 2; 133 S. u. Kap. 1; 134 S. u. Kap. 3; 135 Soweit die Verwendung dieser Begriffe im Interesse der Verständlichkeit unvermeidlich erscheint, werden sie in Anführungsstriche gesetzt. Einleitung 22 verwischt, auch in Verbindung mit Zusätzen wie „aktiv“ und „passiv“, die aus der Per‐ spektive von Juristen bedeutsame Unterscheidung zwischen den Tatbeständen der „Beihilfe“ zur „Tötung“ bzw. zur „Selbsttötung“ und den Tötungstatbeständen selbst, – unabhängig davon, ob dieses Tötungshandeln auf Wunsch oder mit dem Einver‐ ständnis des Betroffenen stattfindet oder nur mit dem Einverständnis Dritter, etwa von Angehörigen und Betreuern des Betroffenen, – auch unabhängig davon ob dieses Eingreifen in das Leben von Menschen Ärzten oder anderen Personen anvertraut wird136. 2. Um die hier vorgenommene spezifische Deutung der Quellen als Informations‐ träger für medizingeschichtlich relevante Tatsachen transparent zu machen, wird auf indirekte Zitate der Quellen weitgehend verzichtet, zugunsten direkter Zitate, obwohl diese den Text der Untersuchung stellenweise nicht unbeträchtlich aufblähen, inso‐ fern sie, – in der Regel Textstellen in lateinischer bzw. altgriechischer Sprache, – ja auch in Übersetzungen137 in den Text der Arbeit zu integrieren sind. Aber dieser Nachteil muss nach Auffassung des Autors in Kauf genommen, damit die spezifischen Deutungen und Schlussfolgerungen, die aus dem Wortlaut der Quellen gezogen wer‐ den, nicht nur insgesamt, sondern auch im Detail nachvollzogen werden können. 136 Zur Problematik dieses Begriffs vgl. Brandt, H.: Am Ende des Lebens... s. o. München 2010, S. 11, Anm. 28; Brandt verteidigt ihn, vor allem aus juristischen Erwägungen, Th. Rütten, s. o. S. 69 Anm. 6 kritisiert ihn, vor allem aus historischen Erwägungen. Wir schließen uns den Argumenten Th. Rüttens an, insofern der Begriff „Sterbehilfe“ nicht einen Sachverhalt an sich beschreibt, son‐ dern dessen juristische Beurteilung, und zwar danach, ob das Eingreifen Dritter in den Sterbepro‐ zess eines Menschen im Einverständnis mit dem Sterbenden erfolgt oder nicht. Hierbei ist zu be‐ achten, dass selbst die nach geltendem Recht straffreie „passive Sterbehilfe“, soweit sie etwa im Rahmen der Beendigung lebensverlängernder Therapien die Beendigung von maschinell durchge‐ führter künstlicher Ernährung, künstlicher Beatmung und künstlicher Durchblutung verbunden sind, gegebenenfalls Interventionen Dritter erfordern, die nach der antiken lex Cornelia de sicariis et veneficiis als direkt und unmittelbar den Tod eines Menschen herbeiführende Maßnahmen zwei‐ fellos strafbar gewesen wären. Vgl. dazu Kap. 3.2, auch 3.3.3.1; 137 Die Untersuchung wendet sich ja nicht nur an ein Lesepublikum, das über ausreichende Kenntnis‐ se in altgriechischer und lateinischer Sprache verfügt, wie man das bei Altphilologen und Althisto‐ rikern ohne weiteres voraussetzen darf, sondern auch an Medizinhistoriker und Medizintheoreti‐ ker, bei denen dieses vielleicht nur in eingeschränkter Form erwartet werden darf. Einleitung 23

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References

Zusammenfassung

In der Debatte über gesetzliche Neuregelungen der Sterbehilfe, die in bestimmten Fällen mit dem Willen von Patienten Ärzten und Pflegepersonal erlaubt werden soll, vertreten vor allem Altertumswissenschaftler, Medizinethiker und Medizinhistoriker die Auffassung, dass in der Antike, vor allem in der frühen römischen Kaiserzeit, ärztliche (Selbst-)Tötungsassistenz keine Seltenheit war. Ein konkreter Beweis für die Gültigkeit dieser Hypothese steht aber noch aus. Steht zum Beispiel der Tod des Augustus in Zusammenhang mit ärztlicher Tötungsassistenz? Standen den Mördern der Kaisersöhne Germanicus und Drusus ärztliches Wissen und ärztliche Beihilfe zur Verfügung? War an der Ermordung des Kaisers Claudius tatsächlich ein Arzt beteiligt? Hat sich der Philosoph und Staatsmann Seneca von seinem Leibarzt Annaeus Statius die Adern öffnen und zum Zwecke der Selbsttötung den Schierlingsbecher reichen lassen? Holte Nero tatsächlich ärztlichen Rat ein, bevor er seinen Stiefbruder Britannicus kurz vor dessen 14. Geburtstag vergiften ließ?

Carsten F. G. Reinhardt analysiert zur Beantwortung dieser Frage 277 unnatürliche Todesfälle dieser Zeit sowie die soziokulturellen Rahmenbedingungen ärztlichen Handelns im römischen Kaiserreich. Anhand historischer Quellen und gestützt auf heutiges medizinisches Wissen ergründet der Autor, ob eine ärztliche Tötungsassistenz im Falle Senecas und anderer namentlich bekannter unnatürlicher Todesfälle des Untersuchungszeitraums nachweisbar ist.