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5 Der aktuelle Forschungsstand in:

Yvonne Lüdecke

You never vote alone, page 77 - 128

Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4022-5, ISBN online: 978-3-8288-6816-8, https://doi.org/10.5771/9783828868168-77

Tectum, Baden-Baden
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77 5 Der aktuelle Forschungsstand Die in den folgenden Unterkapiteln aufgeführte Literatur verwendet größtenteils Umfragedaten als Datengrundlage. Besonders die Messung der selbstberichteten Wahlbeteiligung ist jedoch nicht immer unproblematisch, denn die Wahlbeteiligungsrate in Umfragen ist meist höher als die amtliche Wahlbeteiligungsrate.47 Es treten die sogenannte Overrepresentation und das sogenannte Misreporting auf. Im schlimmsten Fall führen sie in der Modellschätzung zu verzerrten Koeffizienten (Cassel 2003, Bernstein et al. 2001), weshalb das Problem nicht unterschätzt werden sollte. Hinzu kommt, dass das Ausmaß der Overrepresentation und des Misreportings größer geworden ist (De Nève 2009, Kleinhenz 1995, Smeets 1995, Burden 2000) und die Probleme mit der Zeit dringender werden. Angesichts dieser Probleme werden zunächst die Overrepresentation und das Misreporting näher betrachtet, bevor der Forschungsstand in Bezug auf die Themen Sozialkapital, Wahlnorm und Wahlbeteiligung dargestellt wird. 5.1 Das Phänomen der Overrepresentation und des Misreporting Die Abweichung der selbstberichteten von der amtlichen Wahlbeteiligung hat im Allgemeinen drei Ursachen. Erstens unterscheidet sich die amtliche Wahlbeteiligungsrate je nach Berechnungsgrundlage von 47 Bspw. zeigen Selb und Munzert (2013: 187), dass bei 130 Nachwahlstudien in 128 Fällen Overreporting auftritt. Zweimal tritt Underreporting auf, von denen nur das Underreporting in Weißrussland erklärt wird. Die Autoren gehen davon aus, dass die offizielle Wahlbeteiligungsrate »geschönt« wurde. 78 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung der aus Umfragedaten berechneten Wahlbeteiligungsrate. Es gibt drei Möglichkeiten die amtliche Wahlbeteiligungsrate zu berechnen. Die Voting Age Public (VAP)-Wahlbeteiligungsrate berechnet sich aus dem prozentualen Anteil der Wähler an der Anzahl aller Personen im wahlfähigen Alter, während es sich bei der Voting Eligible Public (VEP)-Wahlbeteiligungsrate um den Wähleranteil an der Anzahl aller wahlberechtigten Personen handelt.48 Bei der Wahlbeteiligungsrate der registrierten Wähler, wird der prozentuale Anteil der Wähler unter den registrierten Wählern berechnet (Norris 2004: 157). Die Auswirkungen der verschiedenen Berechnungsgrundlagen zeigen sich in Tabelle 6 und werden dort weitergehend erläutert. Zweitens können Unterschiede durch fehlerhafte Wählerverzeichnisse auftreten. Hierdurch kann der Anteil der Nichtwähler künstlich angehoben werden (Kleinhenz 1995: 74). Es handelt sich um die sogenannten statistischen Nichtwähler, deren Wahlberechtigungskarte nicht zugestellt werden konnte, die kurz vor der Wahl verstorben sind, die per Briefwahl gewählt haben, deren Wahlbrief aber nicht angekommen ist oder die einen Doppelwohnsitz angemeldet haben (Lavies 1973: 49). Der Anteil der statistischen Nichtwähler wurde in den 1970er Jahren von Lavies (1973: 50) auf vier Prozent geschätzt. Eilfort (1994: 56) überprüfte diese Schätzung und korrigierte sie auf ein bis zwei Prozent nach unten. Durch die Verbesserung der Einwohnerkarteien und damit auch der Wählerverzeichnisse durch die elektronische Datenverarbeitung und die Möglichkeit ohne die Wahlberechtigungskarte die Stimme abzugeben, dürfte sich die Anzahl der statistischen Nichtwähler zunehmend verkleinern (Caballero 2005: 333, Fn. 7). Aktuellere Zahlen liegen dazu nicht vor. Drittens trägt die Umfrageforschung einen bedeutenden Anteil zu der Abweichung bei und soll daher näher betrachtet werden. Die Abweichungen ergeben sich zum einen durch die nicht immer wahrheitsgemäßen Angaben der Befragten, dem Misreporting und zum anderen durch einen überproportional hohen Wähleranteil in der Stichprobe, der Overrepresentation. 48 http://www.electproject.org/home/voter-turnout/faq/denominator (abgerufen am 26.10.2015) 79 5 Der aktuelle Forschungsstand 5.1.1 Wie entstehen die Overrepresentation und das Misreporting? Wenn eine Disparität zwischen der Anzahl der Wähler in der Stichprobe und der Grundgesamtheit der Wähler auftritt, kann man von einer verzerrten Stichprobe sprechen. Dies kann durch normale Stichprobenfehler oder -ausfälle passieren oder durch die Selbstselektion einiger Befragter. Generell gilt, dass politisch interessierte und gebildete Menschen häufiger an Umfragen teilnehmen als politisch Uninteressierte und Menschen mit einem niedrigen Bildungsabschluss (Smeets 1995: 310 f.). Das bedeutet gleichzeitig, dass sich Personen, die häufiger wählen gehen auch häufiger befragen lassen. Für die Schweiz zeigte Steiner, dass die Wahlbeteiligung bei stimmberechtigten Bürgern, die das Interview verweigerten oder nicht erreichbar waren, 10 Prozentpunkte unterhalb der Wahlbeteiligung derjenigen lag, die sich an der Umfrage beteiligt hatten (Steiner 1965: 236). Es befinden sich somit mehr wahre Wähler in der Stichprobe als in der Grundgesamtheit, sodass die wahren Wähler überrepresentiert sind und von Overrepresentation gesprochen werden kann. Wenn in einer Umfrage die selbstberichtete Wahlbeteiligung erfasst wird, ergeben sich in Kombination mit der tatsächlichen Wahlbeteiligung vier (Nicht-)Wählertypen. Die wahren Wähler haben angegeben gewählt zu haben und haben tatsächlich an der Wahl teilgenommen, während die falschen Wähler ebenfalls angegeben haben gewählt zu haben, obwohl sie ihre Stimme nicht abgegeben haben. Die wahren Nichtwähler sind diejenigen, die angegeben haben nicht gewählt zu haben und tatsächlich nicht an der Wahl teilgenommen Tabelle 5: Vier Typen des (Nicht-)Wählers Tatsächliche Wahlteilnahme Tatsächliche Wahlenthaltung Selbstberichtete Wahlteilnahme Wahre Wähler Falsche Wähler (Overreporter) Selbstberichtete Wahlenthaltung Falsche Nichtwähler (Underreporter) Wahre Nichtwähler Quelle: In Anlehnung an Sigelman (1982: 49). 80 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung haben. Diejenigen, die angegeben haben nicht an der Wahl teilgenommen zu haben, obwohl sie ihre Stimme abgegeben haben, werden als falsche Nichtwähler bezeichnet. Wenn die Befragten, bewusst oder unbewusst, nicht der Wahrheit entsprechend antworten, kommt es zum sogenannten Misreporting. Es gibt zwei Formen des Misreporting: das Overreporting und das Underreporting. Zum Overreporting kommt es, wenn viele Befragte behaupten, sie wären wählen gegangen, obwohl sie es nicht waren. Zusammen mit dem Anteil der wahren Wähler, überschreitet die selbstberichtete Wahlbeteiligung den Wert der amtlichen Wahlbeteiligung. Zum Underreporting kommt es hingegen, wenn viele Befragte angeben nicht gewählt zu haben, obwohl sie tatsächlich an der Wahl teilgenommen haben. Wie es zu diesen falschen Angaben kommt, soll im Fortgang dieses Kapitels thematisiert werden. Es gibt hauptsächlich zwei Ursachen des Misreportings: Erinnerungsprobleme der Befragten im weitesten Sinn und soziale Erwünschtheit. Die Schwierigkeiten sich an die eigene Wahlteilnahme zu erinnern, können durch mehrere Umstände auftreten. Zu allererst können sich Menschen besser erinnern, wenn das jeweilige Ereignis in der näheren Vergangenheit liegt. Die Erinnerungsprobleme verstärken sich dabei v. a. bei politisch uninteressierten Personen und Personen ohne Parteiidentifikation (Granberg / Holmberg 1991: 454), denn »politics forms a very insignificant part of their life, and they simply forget temporarily that they voted« (Granberg / Holmberg 1991: 459). Ein weiteres Hindernis für die Erinnerung an die Wahlteilnahme können die Umstände der Wahl bilden. Besonders unwichtige oder uninteressante Wahlen bleiben möglicherweise weniger leicht im Gedächtnis hängen und Befragte können sich nicht genau an ihre Wahlteilnahme erinnern (Campbell et al. 1960: 96). Belli et al. (2001) fanden zudem heraus, dass wahre Wähler und wahre Nichtwähler gewohnheitsmäßige (Nicht-)Wähler sind und dass falsche Wähler eine »intermittent voting history« (Belli et al. 2001: 495) besitzen. D. h. unregelmäßigen Wählern bzw. unregelmäßigen Nichtwählern fällt es ebenfalls schwerer sich an die letzte Stimmabgabe zu erinnern, während es Personen mit einer konsistenten Wahlvergangenheit aufgrund ihres sich stets wiederholenden Verhaltens leichter fallen sollte sich an ihre Wahlteilnahme zu erinnern. 81 5 Der aktuelle Forschungsstand Der Grund, der am häufigsten mit dem Overreporting in Verbindung gebracht wird, ist die soziale Erwünschtheit und damit einhergehend die Wahlnorm. Es stellt sich die Frage, warum einige Befragte bewusst falsche Angaben über ihre Wahlteilnahme machen. Bei Wahlstudien mit Vor- und Nachwahlbefragungen tritt oftmals der »Hawthorne« / »Stimulus«49-Effekt auf. So wurde bspw. bei der American National Election Study 1964 fast die Hälfte des Overreportings der Nachwahlstudie durch die Frage nach der Wahlbeteiligung in der Vorwahlstudie verursacht (Smeets 1995: 311 f.). Bei solchen Befragungen könnte das Overreporting somit stärker ausfallen, als bei einzelnen Nachwahlbefragungen, denn die Befragten haben einen höheren Anreiz sozial erwünscht und wie in der Vorwahlstudie angekündigt zu antworten. Aber auch die Interviewsituation in einer einmalig stattfindenden Befragung kann zu unaufrichtigen Angaben von Nichtwählern führen. Sie spüren möglicherweise den sozialen Druck dem Interviewer gegenüber anzugeben an der Wahl teilgenommen zu haben, da dies den gesellschaftlichen Erwartungen entspräche. Es gibt jedoch auch Experimente mit unterschiedlichen Befragungstechniken (Befragungen per Telefon, per Post, Face-to-Face oder im Internet), in denen sich das Ausmaß des Overreportings kaum unterscheidet (Vavreck 2007, Voogt / Saris 2003). Der mutmaßlich stärkste Anreiz für Befragte ihre Wahlteilnahme vorzutäuschen dürfte deshalb allgemein auf die soziale Norm, dass die Wahlbeteiligung eine staatsbürgerliche Pflicht sei, zurückzuführen sein, sodass die Befragten unabhängig von der Befragungstechnik zu einer »bewussten Falschaussage tendieren (misreporting)«50 (De Nève 2009: 27). Dass die Misreporter die Wahlnorm sehr wohl wahrnehmen und wissen, dass sie sich normkonform verhalten sollten, ist nicht zwangsläufig ein Widerspruch dazu, dass sie sich letztendlich doch nicht an der Wahl beteiligen. »A norms ›oughtness‹ it is something members of a community feel they ought to do, even if they do not always do it« (Campbell 2006: 25). Die Misreporter haben die Wahlnorm vermutlich nicht internalisiert, sondern spüren lediglich den sozialen Druck der Gesellschaft wählen zu gehen. Hierbei handelt es sich um die wahrgenommene Wahlnorm. 49 Siehe Granberg und Holmberg (1992). 50 Kursivstellung im Original 82 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung 5.1.2 Der Forschungsstand zu dem Misreporting und der Overrepresentation von Wählern in der Stichprobe Für die USA, Schweden und Großbritannien gibt es Analysen des Overreportings bzw. der Overreporter, die sogenannten »vote validation studies«. In diesen drei Ländern ist es möglich, die Wählerverzeichnisse und die Stimmabgabe zu kontrollieren, sodass die wahren Wähler und Nichtwähler, aber auch die falschen Wähler und Nichtwähler, identifiziert werden können. In der Bundesrepublik gibt es keine Möglichkeiten die tatsächliche Anzahl an unaufrichtigen Wählern zu quantifizieren. Einzig Eilfort (1994) konnte dank eines glücklichen Zufalls die Angaben der Stuttgarter Wähler bei der Bundestagswahl 1990 validieren. Um die Auswirkungen auf die Koeffizienten und somit das Gefahrenpotential für die folgenden Modelle abzuschätzen, sollte man sich zunächst einen Überblick über die Häufigkeit der jeweiligen (Nicht-) Wählertypen verschaffen. Als Grundlage dienen die eben genannten »vote validation studies« aus den USA und Schweden, sowie die validierten Daten von Eilfort (1994) für Deutschland und die der British Election Study (BES) für Großbritannien. Tabelle 6 gliedert sich wie folgt auf. Die ersten zwei Spalten beinhalten das jeweilige Jahr der Studie und die Fallzahl. Am aktuellsten sind die Validierungsstudien aus Großbritannien, die den Zeitraum von 1987 bis 2010 umfassen. Die darauffolgenden vier Spalten beinhalten die Wählertypen aus Tabelle 5: Die wahren Nichtwähler, die falschen Nichtwähler, die falschen Wähler und die wahren Wähler. Die falschen Wähler verursachen das Overreporting, das somit in der fünften Spalte berichtet wird. Die Overrepresentation, die von den wahren Wählern ausgelöst wird, wird in den letzten zwei Spalten berichtet. Bei der Befragung zur Bundestagswahl 1990 handelte es sich bei 20,3 Prozent der Befragten um wahre Nichtwähler und bei 71,9 Prozent um wahre Wähler. 7,8 Prozent der Stuttgarter Befragten konnten als falsche Wähler bzw. als Overreporter identifiziert werden. Ungefähr jeder dritte Nichtwähler (28,1 Prozent) gab also fälschlicherweise an, gewählt zu haben. Von den falschen Wählern gaben sogar 17,8 Prozent an, per Briefwahl gewählt zu haben, das heißt sie haben die anspruchsvollere Lüge gewählt. Im Gegensatz zu der Stimmabga- 83 5 Der aktuelle Forschungsstand be im Wahllokal, wo die Lüge durch Beobachtung der Mitmenschen auffallen könnte, ist dies bei der Briefwahl nahezu ausgeschlossen und macht es sehr unwahrscheinlich beim Lügen ertappt zu werden. Die selbstberichtete Wahlbeteiligungsrate, berechnet aus der Summe der wahren und der falschen Wähler, liegt bei 79,7 Prozent, während die amtliche Wahlbeteiligungsrate bei 77,8 Prozent liegt. Somit liegt Overreporting vor. Wird der prozentuale Anteil der wahren Wähler mit der amtlichen Wahlbeteiligungsrate verglichen, so ergibt sich eine Differenz von - 5,9  Prozentpunkten. Wahre Wähler sind in der Stichprobe unterrepräsentiert, d. h. dass es in der Stichprobe weniger Wähler als in der Grundgesamtheit gibt. Somit liegt Underrepresentation vor. Dennoch ist die Differenz zwischen der selbstberichteten und der amtlichen Wahlbeteiligungsrate positiv (1,9 Prozentpunkte). Dies bedeutet, dass das Overreporting so stark ist, dass die Unterrepräsentation der wahren Wähler ausgeglichen und sogar überkompensiert wird. Aus Tabelle 6 wird ersichtlich, dass die Differenzen zwischen der amtlichen und der validierten Wahlbeteiligungsrate deutlich schwanken. In den Stichproben der britischen und der schwedischen Wahlstudien waren überproportional viele wahre Wähler vertreten. Bei den Differenzen der Wahlstudien der Vereinigten Staaten wird deutlich, inwiefern sich die Berechnungsgrundlage der Wahlbeteiligungsraten unterscheidet. Anders als in der Bundesrepublik müssen sich die US-amerikanischen Bürger vor der Wahl registrieren lassen (Oldopp 2013: 161 f.). Dies sind in dem betrachteten Zeitraum durchschnittlich 67 Prozent der Bevölkerung.51 Wird die Wahlbeteiligungsrate der registrierten Wähler betrachtet, so sind die wahren Wähler in den Stichproben der Wahlstudien unterrepräsentiert, während sie bei der Wahlbeteiligungsrate der Personen im wahlberechtigten / -fähigen Alter überrepräsentiert sind. In den USA würde man, im Gegensatz zu den übrigen Ländern, die Differenz der wahren Wähler und der VAP betrachten, da alle nicht registrierten Personen auch als Nichtwähler angesehen werden können. Eilfort untersuchte die Gruppe der falschen und der wahren Wähler, sowie die wahren Nichtwähler in Bezug auf politische Einstellun- 51 Eigene Berechnung, basierend auf den Daten des »United States Elections Project«, http://elections.gmu.edu, abgerufen am 5.11.2015. 84 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Tabelle 6: Misreporting und Overrepresentation in Großbritannien, Deutschland, den USA und Schweden   Jahr N Wahre Nichtwähler Falsche Nichtwähler Falsche Wähler (Overreporter) Großbritannien 1987 3729 12,9% 0,9% 4,3% 1992 3056 11,2% 1,5% 4,4% 1997 2854 15,7% 0,7% 4,3% 2001 2576 23,3% 0,5% 4,5% 2005 3431 18,5% 2,4% 4,5% 2010 1378 11,9% 11,2% 10,0% Deutschland 1990 7393 20,3% 0,0% 7,8% USA 1964 1306 20,4% 0,5% 14,2% 1978 2222 44,0% 1,3% 12,8% 1980 1279 28,1% 0,4% 10,7% 1984 1944 26,9% 0,0% 9,0% 1986 2111 48,7% 0,3% 8,1% 1988 1736 30,4% 0,7% 10,1% 1990 1966 52,3% 1,4% 7,8% 85 5 Der aktuelle Forschungsstand Wahre Wähler Wahlbeteiligunga VAPb Differenz der wahren Wähler und der Wahlbeteiligung Differenz der wahren Wähler und der VAP 82,0% 75,4% 75,2% 6,6 PP 6,8 PP 83,0% 77,8% 75,4% 5,2 PP 7,6 PP 79,2% 71,5% 69,4% 7,7 PP 9,8 PP 71,8% 59,4% 57,6% 12,4PP 14,2PP 74,6% 61,4% 58,3% 13,2 PP 16,3 PP 66,9% 65,8% 61,1% 1,1 PP 5,8 PP 71,9% 77,8% 73,1% -5,9 PP -1,2 PP 64,9% 62,8% 61,9% 2,1 PP 3,0 PP 41,9% 57,0% 37,2% -15,1 PP 4,7 PP 60,8% 76,5% 52,6% -15,7 PP 8,2 PP 64,2% 74,6% 53,1% -10,4 PP 11,1 PP 43,0% 54,9% 36,4% -11,9 PP 6,6 PP 58,8% 72,5% 50,1% -13,7 PP 8,7 PP 38,5% 56,0% 36,5% -17,5 PP 2,0 PP Quellen: Großbritannien (eigene Berechnungen mit der BES), Deutschland (eigene Berechnungen mit den Zahlen von Eilfort 1994), USA (Belli et al. 2001: 483), Schweden (Granberg / Holmberg 1991: 451), International Institute for Democracy and Electoral Assistence (Wahlbeteiligungsrate und VAP, http://www.idea.int/vt/, abgerufen am 5.11.2015), Differenzen: Eigene Berechnung. a Prozentualer Anteil der abgegebenen Stimmen der registrierten Wähler. b Prozentualer Anteil der abgegebenen Stimmen aller im wahlberechtigten / -fähigen Alter (Voting age population). Interessanter als die VAP wäre die VEP, allerdings liegt diese bei der angegebenen Datenquelle nicht vor. 86 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung gen und soziodemographische Merkmale. In seinen Analysen haben falsche Wähler ein stärkeres politisches Interesse, können sich eher mit einer politischen Partei identifizieren und stimmen der Wahlnorm stärker zu. Falsche Wähler sind darüber hinaus älter (Eilfort 1994: 141 ff.). Insgesamt kommt Eilfort zu dem Ergebnis, dass »sich die ›Overreporter‹ in ihren Merkmalen und Einstellungen wesentlich mehr von den ›bekennenden‹ Nichtwählern als von den Wählern« (Eilfort 1994: 143) unterscheiden. Die deutschen falschen Wähler ähneln somit eher den wahren Wählern. Tabelle 6 (Fortsetzung): Misreporting und Overrepresentation in Großbritannien, Deutschland, den USA und Schweden   Jahr N Wahre Nichtwähler Falsche Nichtwähler Falsche Wähler (Overreporter) Schweden 1956 1118 11,0% 0,0% 4,0% 1960 1395 7,0% 1,0% 2,0% 1964 1397 11,0% 0,0% 3,0% 1968 2925 5,0% 0,0% 2,0% 1970 4119 6,0% 1,0% 1,0% 1973 2544 5,0% 0,0% 2,0% 1976 2595 3,0% 0,0% 1,0% 1979 2740 4,0% 1,0% 1,0% 1982 2919 4,0% 0,0% 3,0% 1985 2841 4,0% 1,0% 1,0% 1988 2704 7,0% 1,0% 2,0% 87 5 Der aktuelle Forschungsstand Belli et al. (2001) vergleichen mit Daten der American National Election Study ebenfalls die wahren Wähler mit den Overreportern und den wahren Nichtwählern. Sie kommen auch zu dem Ergebnis, dass »overreporters exhibit mean levels in between those for validated voters and nonvoters for age, education, whether the election was presidential or nonpresidential, and all of the attitudinal measures« (Belli et al. 2001: 487). Die Autoren meinen, es wäre »interesting to speculate whether social desirability or similar processes affect not only the voter turnout question but also questions on political attitudes« (Belli et al. 2001: 497). Sigelmans (1982) Befunde wurden auch Wahre Wähler Wahlbeteiligunga VAPb Differenz der wahren Wähler und der Wahlbeteiligung Differenz der wahren Wähler und der VAP 85,0% 79,8% 77,3% 5,2 PP 7,7 PP 90,0% 85,9% 82,8% 4,1 PP 7,2 PP 86,0% 83,9% 80,9% 2,1 PP 5,2 PP 93,0% 89,3% 86,6% 3,7 PP 6,4 PP 92,0% 88,3% 87,3% 3,7 PP 4,7 PP 93,0% 90,8% 85,8% 2,2 PP 7,2 PP 96,0% 91,8% 88,5% 4,2 PP 7,5 PP 94,0% 90,7% 86,9% 3,3 PP 7,1 PP 93,0% 91,4% 88,6% 1,6 PP 4,4 PP 94,0% 89,9% 86,2% 4,1 PP 7,8 PP 90,0% 86,0% 82,7% 4,0 PP 7,3 PP Quellen: Großbritannien (eigene Berechnungen mit der BES), Deutschland (eigene Berechnungen mit den Zahlen von Eilfort 1994), USA (Belli et al. 2001: 483), Schweden (Granberg / Holmberg 1991: 451), International Institute for Democracy and Electoral Assistence (Wahlbeteiligungsrate und VAP, http://www.idea.int/vt/, abgerufen am 5.11.2015), Differenzen: Eigene Berechnung. a Prozentualer Anteil der abgegebenen Stimmen der registrierten Wähler. b Prozentualer Anteil der abgegebenen Stimmen aller im wahlberechtigten / -fähigen Alter (Voting age population). Interessanter als die VAP wäre die VEP, allerdings liegt diese bei der angegebenen Datenquelle nicht vor. 88 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Jahrzehnte später wiederholt bestätigt. Overreporter »tend to be intermediate but closer to actual voters than to nonvoters in terms of political interest, emotional involvement in politics, and other discriminating variables« (Sigelman 1982: 52). Silver et al. (1986), Anderson und Silver (1986), Bernstein et al. (2001) und Harbaugh (1996) kamen zu ähnlichen Ergebnissen. Granberg und Holmberg (1991) bestätigten die Forschungsergebnisse für Schweden von 1956 bis 1988. Auch sie kommen zu dem Schluß, dass »those with the characteristic that predisposes people to vote (e. g., high interest) are less willing to acknowledge not voting. This can be interpreted to indicate that the norm prescribing that people ought to vote is implanted, in varying degrees of strength, more strongly among people who are more predisposed to vote« (Granberg / Holmberg 1991: 453). Falsche Nichtwähler ähneln eher den wahren Nichtwählern, und die falschen Wähler ähneln den wahren Wählern. Doch auch hier befinden sich die falschen Wähler eindeutig zwischen den Nichtwählern und den wahren Wählern (Granberg / Holmberg 1991: 454). 5.2 Das Sozialkapital Das Sozialkapital wurde bereits sehr häufig untersucht, sodass der Forschungsstand aufgrund des populären Konzepts sehr groß und schier unübersichtlich ist (bspw. Franzen / Freitag 2007: 9). Ein Merkmal des inflationären Gebrauchs des Sozialkapitals ist die oftmals fehlende Klarheit, warum das Sozialkapital etwas zur Erklärung des jeweils untersuchten Sachverhalts beitragen sollte. Da sich Putnam, was den genauen theoretischen Hintergrund und die Herleitung seiner Hypothesen angeht, eher zurückgehalten hat, sind auch die Autoren von Aufsätzen, Sammelbänden und Dissertationen bei der theoretischen Begründung ihrer Forschungsmodelle häufig sehr unkonkret.52 Eine konsistente Herleitung des empirischen Modells nach Putnam (1993a, 2000) erfolgt in den wenigsten Fällen. Lippl (2007: 422) fasst es treffend zusammen: Welche Indikatoren für die drei Komponen- 52 Das sieht auch Heydenreich-Burck (2010: 91) so. 89 5 Der aktuelle Forschungsstand ten des Sozialkapitals herangezogen werden, »ist in der Regel vom konkreten Erkenntnisinteresse, der verfügbaren Datenbasis und zum Teil auch von den ›Vorlieben‹ der Forschenden abhängig«.53 Diesen Eindruck bestätigten Fulkerson und Thompson (2008) in ihrer Meta- Analyse. Die Autoren untersuchten aus dem Zeitraum von 1988 bis 2006 240 Artikel aus soziologischen Fachzeitschriften zum Thema Sozialkapital. Die Fachzeitschriften lassen sich in allgemeine und themenspezifische Zeitschriften unterscheiden. Zu den allgemeinen Zeitschriften zählen solche, die sich mit neuen Entwicklungen der soziologischen Theorien und methodischer Innovation in der Soziologie beschäftigen.54 Bei den themenspezifischen Zeitschriften handelt es sich um Zeitschriften, die nach soziologischen Themen, wie der Politischen Soziologie, Soziale Probleme, Familie und Sozialisation, klassifiziert werden können (Fulkerson / Thompson 2008: 547). Bei 17,5  Prozent der Artikel aus allgemeinen Zeitschriften wurde keine Definition verwendet (Fulkerson / Thompson 2008: 548). Je nach Fachrichtung wurden unterschiedliche Konzepte des Sozialkapitals häufiger verwendet als andere. In der Politischen Soziologie und der Medizin / Gesundheit wird mehrheitlich Putnams Konzept verwendet (Fulkerson / Thompson 2008: 552). Am häufigsten werden die Netzwerke beachtet. 46 Prozent der Artikel in allgemeinen Zeitschriften und 36 Prozent der Artikel in themenspezifischen Zeitschriften beinhalten die Netzwerke (Fulkerson / Thompson 2008: 548). Am seltensten werden die Reziprozität und Normen beachtet. In nur 10 Prozent der Artikel in allgemeinen Zeitschriften werden Normen berücksichtigt, bei themenspezifischen Zeitschriften sind es immerhin 20 Prozent (Fulkerson / Thompson 2008: 548). Bei der Betrachtung des Forschungstands sollte man beachten, dass (wie bereits in Kapitel 2.1 erläutert wurde) den verschiedenen Konzepten des Sozialkapitals unterschiedliche Blickwinkel und Menschenbilder zu Grunde liegen. Je nachdem welcher Ansatz in der jeweiligen Quelle verwendet wird, werden die Ergebnisse dementspre- 53 Für eine beispielhafte Übersicht siehe (Grootaert 2001: 22 / 23). 54 Bei den allgemeinen Zeitschriften handelt es sich bspw. um die American Sociological Review, dem American Journal of Sociology, British Journal of Sociology, Social Forces und Social Problems (Fulkerson / Thompson 2008: 547). 90 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung chend interpretiert.55 In den folgenden Unterkapiteln beschränkt sich die Autorin auf die wichtigsten Studien und unterscheidet der Übersichtlichkeit halber zwischen Studien zu den einzelnen Komponenten des Sozialkapitals und zum Sozialkapital insgesamt. Da sich die Analysen der vorliegenden Arbeit auf die Mikroebene beschränken, handelt es sich bei den hier berichteten Quellen ausschließlich um Analysen der Mikroebene. Des Weiteren sollen drei Punkte angesprochen werden. Zum Ersten wird auf das grundlegendste Problem der Sozialkapitalforschung eingegangen: Die Erhebung der Daten mit ungeeigneten Messinstrumenten (Adam 2008: 176 ff.). Besonders die Reliabilität und die Validität dürften bei der Messung des Sozialkapitals problematisch sein (Halpern 2005: 31 ff.). Es handelt sich hierbei um ein altbekanntes Problem, da Schuller et al. (2000) bereits frühzeitig forderten: »more work needs to be done on the validity of the measures« (Schuller et al. 2000: 27). Zum Zweiten wird auf die besonderen Eigenschaften der Komponenten für die Kooperation eingegangen und zum Dritten werden die verschiedenen Komponenten des Sozialkapitals als abhängige Variable betrachtet. 5.2.1 Netzwerke Aufgrund der Vielfalt der Netzwerke gibt es eine große Anzahl verschiedener Messinstrumente (siehe auch Heydenreich-Burck 2010: 162 f.). Am häufigsten werden die formellen Netzwerke, die für die vorliegende Dissertation relevant sind, als Vereinsmitgliedschaft gemessen. Dabei werden die Vereine nach ihren thematischen Schwerpunkten unterschieden. Meistens handelt es sich dabei um Sportvereine, professionelle Interessengruppen, religiöse Organisationen oder Kulturvereine. Eine weitere Einteilung ist die Art der Vereinsmitgliedschaft. Hierbei wird in aktive und passive Mitgliedschaften unterschieden (Selle / Stoemsnes 2001, Wollebaek / Selle 2004). In einigen Fällen wird auch das Verhältnis zu anderen Mitgliedern, der 55 Es kann daher passieren, dass im Forschungsstand einige Ergebnisse aus einer rationalen Perspektive betrachtet werden und der Terminus »soziales Kapital« verwendet wird. Die Gesamtperspektive der Dissertation wird davon jedoch nicht betroffen sein. 91 5 Der aktuelle Forschungsstand Anteil der Freunde unter den Mitgliedern und der Anteil der Freunde unter den Mitgliedern erhoben (van Deth 2004: 302). Die Typisierung von Vereinen ist jedoch nicht unproblematisch. Je nach Ziel des Vereins sowie der kulturellen und institutionellen Umgebung des Vereins, kann sich eine Mitgliedschaft positiv oder negativ auf die anderen zwei Komponenten des Sozialkapitals auswirken (Rothstein 2005: 102). Auch die scheinbar einfache Messung der Vereinsmitgliedschaften hat somit ihre Vor- und Nachteile. Die Sozialisationsannahme der Vereine als Schulen der Demokratie von de Tocqueville (1840) bzw. der Einfluss der Netzwerke auf den Erwerb von sog. ›civic skills‹ wurde vielfach untersucht. Beispielhaft werden zwei Aufsätze vorgestellt, die die allgemeinen Forschungsergebnisse repräsentieren. Braun (2007) unterschied dabei zwischen binnen- und außenorientierten Vereinigungen, verschiedenen Vereinsmitgliedschaftstypen sowie verschiedenen Vereinigungen (Hobby-, Sport-, politische und karitativ-soziale Vereinigungen), um die Sozialisationsannahme zu überprüfen. Die verschiedenen Vereinsmitglieder wurden einander gegenübergestellt und anhand ihrer Zustimmung zu gesellschaftlichen und politischen Sachverhalten verglichen (Braun 2007: 216 ff.). Die auftretenden Unterschiede können jedoch nicht auf eine Sozialisation der Mitglieder zurückgeführt werden, da es sich um Querschnittsdaten handelt. Hooghe (2003a, b) untersuchte ebenfalls den positiven Einfluss von Netzwerken auf die ›civic attitudes‹. Er geht hingegen davon aus, dass sich die Einstellungsunterschiede zunächst auf Grund der Selbstselektion der Mitglieder ergeben (Hooghe 2003b: 97). Auch hier basieren die Analysen auf Querschnittsdaten, sodass die Frage der Sozialisation durch Vereinsmitgliedschaften vorläufig ungeklärt bleibt. Die Befunde zu den Determinanten der Vereinsmitgliedschaft im Allgemeinen sind sehr einheitlich. Um ein Beispiel zu nennen: »The middle-aged, men, those employed in professional and managerial occupations, the rich, the well-educated« (Pattie et al. 2004: 103) sind häufiger Mitglieder von Organisationen. Diese Befunde konnten auch länderübergreifend bestätigt werden (Hooghe 2001). Die Determinanten der Mitgliedschaften unterschiedlicher Vereinstypen können sich davon graduell unterscheiden. Einige Vereinstypen, wie bspw. soziale, kulturelle und religiöse Vereine werden von 92 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Frauen bevorzugt, während Männer in Sportvereinen und Interessengruppen überrepräsentiert sind. Dies lässt sich für die übrigen Determinanten beliebig fortsetzen (Badescu / Neller 2007: 173 ff.). 5.2.2 Reziprozitätsnorm Im Vergleich zu den Netzwerken und dem Vertrauen wird die Reziprozität bzw. die Reziprozitätsnorm nur sehr selten untersucht. Die Reziprozitätsnorm sowie Werte und Normen im Allgemeinen sind »in den Arbeiten zu Sozialkapital in seltsamer Weise unterbelichtet. Dies gilt sowohl für die theoretische Konzeptualisierung als auch für die empirische Forschung« (Westle / Roßteutscher 2008: 164).56 Dies wird von der Meta-Analyse von Fulkerson und Thompson (2008) bestätigt. Nur jeder fünfte Artikel (18,5 Prozent) ihrer Stichprobe enthielt die Reziprozität (Fulkerson / Thompson 2008: 548). Das Problem der ungeeigneten Messinstrumente tritt bei der Reziprozität besonders häufig auf. Dies liegt vor allem daran, dass es aus der Theorie nur sehr wenige Vorschläge gibt, wie man die Reziprozitätsnorm messen kann. Putnam hat einmalig Beispiele zur Messung des Sozialkapitals genannt, nur für die Reziprozitätsnorm gab er keinen Vorschlag (Helliwell 2002). Aus Mangel an geeigneten Indikatoren wird die Reziprozitätsnorm in den meisten Aufsätzen weggelassen oder es werden unpassende Proxys verwendet. Als Ersatz werden bspw. gesellschaftliche Normen, prosoziales Verhalten oder gesellschaftlich erwartete Einstellungen erhoben. In den späteren Sozialkapitalmodellen werden diese dann allgemein als Normen bezeichnet. Westle und Gabriel (2008) oder Zmerli (2008), stellvertretend für viele Publikationen, die den World Values Survey oder die Daten des Citizen, Involvement, Democray-Netzwerkes verwendet haben, bezeichnen die Bewertungen zu sozialem oder antisozialem Verhalten als Normen. Beispielsweise werden das Ausnutzen von Sozialleistungen, Schwarzfahren, Steuerhinterziehung, Erwerb von Diebesgut, Annahme von Schmiergeld, das Zahlen von Steuern, die Einhaltung der Gesetze, regelmäßige Spendenbereitschaft, usw. von den Befragten bewertet (Pattie et al. 2004: 48). Diese Indikatoren las- 56 Siehe auch Gabriel et al. (2002: 69), Kapitel 5.2.1.1 aus Heydenreich-Burck (2010: 57). 93 5 Der aktuelle Forschungsstand sen sich aber klar von der Reziprozitäts- und der Wohltätigkeitsnorm abgrenzen (siehe Kapitel 2.3) und haben mit der Reziprozitäts- und der Wohltätigkeitsnorm nichts gemeinsam. Neben der Schwierigkeit der Operationalisierung besteht eine weitere Problematik bei der Messung der Reziprozitätsnorm. Wie bei allen Normen, ist es eine Herausforderung mit der sozialen Erwünschtheit und der Validität umzugehen. Häuberer (2011) und Heydenreich-Burck (2010) zählen einige Studien auf, die nach eigenen Angaben die Reziprozitätsnorm enthielten. Betrachtet man die jeweiligen Studien, stellt sich jedoch heraus, dass keine der Genannten die Reziprozität untersucht. Kawachi et al. (1999) verwenden einen der Vertrauensindikatoren »people try to be helpful« als Indikator für Reziprozität (Häuberer 2011: 67), während Narayan und Cassidy (2001) sogar alle drei Vertrauensvariablen als Indikatoren für die Normen verwenden und zeitgleich die Indikatoren des Vertrauens in politische Institutionen als allgemeines Vertrauen bezeichnen. Das Verwischen der Grenzen zwischen der Reziprozitätsnorm und dem sozialen sowie dem politischen Vertrauen sollte zukünftig unterlassen werden. Einige Beispiele von guten Indikatoren der Reziprozitätsnorm finden sich bei Franzen und Pointner (2007), Freitag und Traunmüller (2008) und Perugini et al. (2003). Freitag und Traunmüller (2008) nutzen das Sozio-ökonomische Panel 2005. Sie unterteilten die Bundesrepublik in 97 Raumordnungsregionen57 und dokumentierten die Ausprägung der einzelnen Sozialkapitalkomponenten in den Regionen. Die Reziprozitätsnorm wurde mit Hilfe von drei Indikatoren gemessen. »Wenn mir jemand einen Gefallen tut, bin ich bereit, dies zu erwidern.« Der Zustimmung oder Ablehnung dieser Aussage konnte auf einer Skala von 1 »trifft überhaupt nicht zu« bis 7 »trifft voll zu« Ausdruck verliehen werden. Die übrigen zwei Items waren: »Ich strenge mich besonders an, um jemandem zu helfen, der mir früher schon mal geholfen hat« sowie »Ich bin bereit, Kosten auf mich zu nehmen, um jemandem zu helfen, der mir früher einmal geholfen hat« (Freitag / Traunmüller 2008: 251). Hierbei handelt es sich jedoch streng ge- 57 Die Raumordnungseinheiten sind zwischen Bundesländern und Regierungsbezirken anzusiedeln (Freitag / Traunmüller 2008: 227). 94 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung nommen nicht um die Erfassung der Reziprozitätsnorm, sondern um die Reziprozitätsbereitschaft und die spezifische Reziprozität. Welche Konsequenzen die Vermischung dieser Items hat, zeigt sich bei Franzen und Pointner (2007). Auch in dieser Publikation werden verschiedene Indikatoren zur Reziprozität miteinander kombiniert. Die Prüfgröße für die Reliabilität, Cronbachs Alpha, beträgt lediglich 0,35 (Franzen / Pointner 2007: 80) und liegt damit deutlich unter dem üblichen Grenzwert von 0,7. Dieser geringe Wert hat zwei Ursachen. Zum Ersten wird hier negative Reziprozität gemessen, obwohl Personen, die im positiven Sinne reziprok sind (Gutes für Gutes) wahrscheinlich weniger dazu neigen Schlechtes mit Schlechtem zu vergelten, denn für positive Reziprozität ist Vertrauen in die Menschen vonnöten und ein gewisser Hang zum Altruismus von Vorteil. Bei Perugini et al. ist die positive Reziprozität stark positiv mit dem fairen Verhalten des Gegenspielers korreliert (r=0,25; p<0,01), während die negative Reziprozität positiv mit dem unfairen Verhalten des Gegenspielers korreliert ist (r=0,2; p<0,01) (Perugini et al. 2003: 269). Die positive und die negative Reziprozität sind deshalb gar nicht oder nur schwach miteinander korreliert (r=- 0,02 für das italienische und r=0,16 (p<0,01) für das englische Sample) (Perugini et al. 2003: 263). Zum Zweiten wird die geringe Reliabilität bei Franzen und Pointner durch die Vermischung von drei Indikatoren verursacht, die jeweils sowohl die spezifische negative und die positive Reziprozität als auch die generelle, positive Reziprozität messen. Ähnlich wie bei dem generellen und dem spezifischen Vertrauen ist die Korrelation zwischen diesen verschiedenen Arten nur mäßig (Perugini et al. 2003: 263). Zwei Indikatoren des öffentlichen Engagements messen die Wohltätigkeit (Franzen / Pointner 2007: 80). Diese könnte man, leicht umformuliert, zur besseren Messung der Wohltätigkeitsnorm einsetzen. Aufgrund der unterschiedlichen Dinge, die mit der Reziprozität und dem öffentlichen Engagement gemessen werden, sind beide Konstrukte signifikant negativ miteinander korreliert (r=- 0,15) (Franzen / Pointner 2007: 82). Die übrigen Korrelationen sind jedoch wie erwartet positiv, nur bei dem öffentlichen Engagement scheint es wiederholt zu kontraintuitiven Korrelationen zu kommen. Die Ergebnisse der Faktorenanalyse, die miteinander kovariierende latente Konstrukte enthält, ergibt bei den Normen kein einheitliches Ergeb- 95 5 Der aktuelle Forschungsstand nis. Es werden schlussendlich vier Faktoren extrahiert, die mit 0,18 bis 0,34 miteinander signifikant korrelieren (Franzen / Pointner 2007: 84). Die Determinanten der Reziprozität und der Reziprozitätsnorm zu untersuchen, gestaltet sich aufgrund der problematischen Messung ebenfalls sehr schwierig. Zunächst stellt sich die Frage, ob die altruistische Reziprozität, die von Putnam als generalisierte Reziprozität bezeichnet wird (Kapitel 2.3), tatsächlich existiert. Dazu gibt es einige interessante Experimente aus der Spieltheorie, in denen Beweise für altruistische Reziprozität gefunden werden konnten (Diekmann 2004: 491). »Participants will reciprocate, even if this behavior is not in their short- or long-term material interest« (Diekmann 2004: 500). In anderen Experimenten, teilweise auch in weniger einkommensstarken Ländern, ist der Befund nicht so eindeutig (Diekmann 2004: 502). Aufgrund einiger Ergebnisse der Spieltheorie gibt es Vermutungen, dass sich die Reziprozitätsnorm bei hinreichend vielen Wiederholungen von reziproken Handlungen entwickelt (Diekmann 2004: 490). Belege gibt es dafür noch nicht. 5.2.3 Vertrauen Die Messung des Vertrauens erfolgt in den meisten Fällen mit der Standardfrage nach Rosenberg (1956): »Generally speaking, would you say that most people can be trusted or that you can’t be too careful in dealing with people?«. Die Antwortmöglichkeiten variieren von einer dichotomen bis zur 11-stufigen Skala (siehe Fußnote 83). Rosenberg (1956) erprobte zwei weitere Indikatoren, um das Vertrauen besser erfassen zu können, die auch heute oftmals erhoben werden (siehe Kapitel 7.2). Die meisten Forscher plädieren dafür, alle drei Vertrauensindikatoren zu verwenden (Pattie et al. 2004: 169, Fußnote 14,15), denn der Standardindikator ist nicht unumstritten (Sturgis / Smith 2010). »It is essential to control for cross-cultural equivalence, and in some cases it might be preferred to exclude dubious measurements in countries like Ireland or Portugal« (Reeskens / Hooghe 2008: 530). Auch Gabriel et al. (2002: 61 ff.) zweifeln an der Konsistenz der Vertrauensindikatoren und gehen sogar so weit zu sagen, dass die gegebene Datenlage, in ihrem Fall der World Values Survey, »keine verlässlichen Aussagen über das Ausmaß des sozialen Vertrauens in 96 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung der westlichen Welt« (Gabriel et al. 2002: 64) zulässt. In den übrigen Ländern dieser Welt dürfte die Konsistenz des Vertrauensindikators auf Grund der kulturellen Unterschiede noch schlechter abschneiden, denn »even within a single language community, definitions of trust can vary, as can the overtones that people associate with the word itself« (Field 2003: 125). Das Forschungsfeld des Vertrauens ist unglaublich groß.58 Es gibt ganze Bücher und Sammelbände, die sich ausschließlich mit den verschiedensten Arten des Vertrauens auf der theoretischen Ebene auseinandersetzen (Warren 1999, Cook 2001, Hardin 2002, Frings 2010, Misztal 1996, Rothstein 2005, Uslaner 2002) und obwohl das soziale Vertrauen häufig untersucht wurde, ergaben sich jedoch immer auch widersprüchliche Ergebnisse (Delhey / Newton 2003: 111 f.). Einige Determinanten verhalten sich dennoch konsistent. »We see that it is among the elderly, the religious, the richest households, white people, and the Scots that the most personally trusting people are concentrated. The least personally trusting are found among the very young (24 years old and under) and among black people« (Pattie et al. 2004: 60). Während einige Autoren, bspw. Fukuyama (1995) und Uslaner (1999), das Sozialkapital auf das Vertrauen als Indikator reduzieren, plädiert Field dafür das Vertrauen als »a consequence rather than an integral component of social capital« zu sehen (Field 2003: 65). Des Weiteren ist das Vertrauen ein kompliziertes und variierendes Phänomen, dessen Integration in das Sozialkapital das Gesamtkonzept verkompliziert (Field 2003: 64). 5.2.4 Sozialkapital allgemein Bei dem Forschungsstand zum Sozialkapital im Allgemeinen geht es vor allem um zwei Fragen. Wie verhalten sich die Sozialkapitalkomponenten zueinander? Gibt es einen reziproken Zusammenhang oder einseitige kausale Mechanismen? Bilden die drei Komponenten das Konstrukt ›Sozialkapital‹ ab und wie sieht die Struktur aus? Letzterem 58 Einen kurzen Überblick bieten Heydenreich-Burck (2010: 59, Fn.  27) und (Zmerli 2008: 67 – 71). 97 5 Der aktuelle Forschungsstand kann man mit Hilfe einer konfirmatorischen Faktorenanalyse (CFA) auf die Spur kommen. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten, die in Kapitel 8.3 erörtert werden. Franzen und Pointner (2007: 71) konzeptualisieren das Sozialkapital als latentes Konstrukt, das mit einer Faktorenanalyse, die Faktoren zweiter Ordnung enthält, überprüfbar ist. Sie berufen sich dabei auf van Deth (2003) und Paxton (1999). Eine Begründung, warum diese Form der Konzeptualisierung gewählt wurde und in welcher Beziehung die latenten Dimensionen der drei Komponenten zueinander stehen sollten, fehlt. Aber auch van Deth (2003: 83), der die latente Dimension des Sozialkapitals ebenfalls als Faktor zweiter Ordnung dargestellt hat, bezieht sich lediglich auf Paxton (1999) und zusätzlich auf Narayan und Cassidy (2001). Bei van Deth gibt es ebenfalls keine theoretische Begründung für die Modellierung der latenten Dimensionen und auch bei Paxton (1999) findet sich darauf kein Hinweis. Bei Narayan und Cassidy (2001: 66) wird lediglich vermerkt: »Figure 2 details the relationship among the hypothesized dimensions of social capital«. Auch hier bleibt völlig unklar auf welche theoretische Grundlage sich die Autoren beziehen. Bei Franzen und Pointner (2007) kommt noch erschwerend hinzu, dass sie das dargestellte Modell nicht überprüfen. Statt einer konfirmatorischen Faktorenanalyse, die latente Faktoren zweiter Ordnung enthält, schätzen sie eine explorative Faktorenanalyse und extrahieren vier Faktoren. Die einzelnen Faktoren sind dabei nicht sehr vertrauenswürdig. Ein Faktor enthält beispielsweise zwei Indikatoren zu informellen Netzwerken, einen Indikator zur Reziprozität und einen zur sozialen Partizipation, der eine negative Faktorladung aufweist. Die Korrelationen zwischen den vier Faktoren schwanken zwischen 0,18 und 0,34. Franzen und Pointner (2007: 84) schlussfolgern: »Erstens lassen sich die zehn Items nicht als eindimensionale Items zur Messung von Sozialkapital auffassen, sondern sie setzen sich vielmehr aus mehreren Faktoren zusammen. Zweitens sind diese Faktoren untereinander auch nur schwach korreliert, sodass zwischen diesen Faktoren also auch eine inhaltliche Differenzierung vorgenommen werden kann«. 98 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Dennoch wird keine Faktorenanalyse, die den Faktor »Sozialkapital« zweiter Ordnung enthält, berechnet. Das bedeutet, es wird davon ausgegangen, dass die vier Faktoren unterschiedliche Inhalte abbilden und gemeinsam nicht die latente Dimension zweiter Ordnung des Sozialkapitals abbilden. Stattdessen folgen lineare Regressionen mit den Faktoren als abhängige Variablen und den jeweiligen übrigen Faktoren als unabhängige Variablen. Andere Autoren konzeptualisieren und operationalisieren das Sozialkapital als Faktorenanalyse, die Faktoren der zweiten Ordnung enthält. Radnitz et al. (2009) untersuchten das Sozialkapital in Usbekistan und in der Kirgisischen Republik. Ihr Modell umfasst drei Indikatoren für die Normen, vier für die informellen Netzwerke und sieben Vertrauensindikatoren. Die Pfadkoeffizienten schwanken zwischen 0,32 und 0,82 (Radnitz et al. 2009: 718). Zwischen dem Sozialkapital und den Netzwerken gibt es einen negativen Pfadkoeffizienten von - 0,34; d. h. je häufiger sich die Menschen mit anderen Menschen (an verschiedenen Orten) treffen, desto weniger Sozialkapital haben sie (Radnitz et al. 2009: 718). Die Koeffizienten zwischen dem Sozialkapital und den Normen (0,59) und dem Vertrauen (0,25) sind nicht sehr stark. Die Pfadkoeffizienten und die Korrelationen weisen daraufhin, dass das Modell nicht zu den Daten passt. Der Root Mean Square Error of Approximation (RMSEA)59 bestätigt dies, denn er beträgt 0,064. Ob die Modellanpassung aufgrund der Länderauswahl oder aufgrund der informellen Netzwerkindikatoren suboptimal ist, ist nicht zu sagen. Van Oorschot et al. (2006) verwendeten den European Values Study 1999 / 2000 um das Sozialkapitalmodell, bestehend aus den drei Komponenten (Netzwerken, Vertrauen und Bürgersinn) zu überprüfen. Die Indikatorenauswahl der Autoren ist jedoch fragwürdig. Die Werte der Hälfte der acht Pfadkoeffizienten sind kleiner als 0,5 (van Oorschot et al. 2006: 157). Erstaunlicherweise ist der RM- SEA mit 0,046 tadellos. Jones et al. (2009) nutzen ebenfalls den European Values Study 1999 / 2000 als Grundlage für ihre Faktorenanalyse, die Faktoren zweiter Ordnung enthält. Ihr Sozialkapitalmodell besteht aus vier Komponenten: Sozialen Netzwerken, Vertrauen, sozialen Normen und politischem Interesse. Es gibt einen standardisierten 59 Siehe Kapitel 8.4. 99 5 Der aktuelle Forschungsstand Wert, der größer als Eins ist und das soziale Vertrauen wurde zu dem institutionellen Vertrauen hinzugefügt, wo es weder aus theoretischer noch aus empirischer Sicht hingehört. Narayan und Cassidy (2001) modellieren das Sozialkapitalmodell für Ghana und Uganda mit 27 Indikatoren, aus denen sie sieben Komponenten extrahieren wollen. Die Autoren rechnen zunächst einzelne Faktorenanalysen für die einzelnen Komponenten. So ergeben sich (je nach Land) sogar mehr als sieben Komponenten des Sozialkapitals. Das finale Modell für das jeweilige Land wird jedoch nicht mehr berichtet (Narayan / Cassidy 2001: 80). All diese Aufsätze haben gemein, dass nirgends eine theoretische Herleitung angeboten wird, warum das Sozialkapital als Faktorenanalyse, die Faktoren zweiter Ordnung enthält, spezifiziert wurde. Eine Faktorenanalyse, bei der angenommen wird, dass alle Sozialkapitalindikatoren auf einen Faktor laden, sieht man nur sehr selten. Wie Mateju und Vitaskova (2006) und Dekker (2004) zeigen, haben diese Modelle zumeist keinen guten Modelfit. Die Items sind inhaltlich zu unterschiedlich, sodass die Faktorladungen zwischen 0,18 und 0,57 variieren (Dekker 2004: 97) und damit weit unter dem üblichen Grenzwert von 0,7 liegen. Somit scheinen sich die Autoren zumindest darin einig zu sein, dass das Sozialkapital nicht eindimensional ist. Eine weitere Möglichkeit das Sozialkapital angemessen zu modellieren liegt in der Berechnung einer Faktorenanalyse, die mehrere miteinander korrelierte latente Konstrukte enthält. Mateju und Vitaskova (2006) berechneten ein Modell mit zwei latenten Variablen (bestehend aus je drei Indikatoren): Dem Vertrauen und den Netzwerken sowie einer Kovarianz. Der Modelfit verbesserte sich im Vergleich zu der Faktorenanalyse, bei der alle Indikatoren auf ein latentes Konstrukt gezwungen wurden, deutlich. Der RMSEA sinkt von 0,144 auf 0,064 und erreicht damit fast den Grenzwert von 0,05 (Mateju / Vitaskova 2006: 506). Halman und Luijkx (2006) vertreten ebenfalls die Meinung, dass sich das Sozialkapital aus mehreren Komponenten zusammensetzt, doch sie berechnen keine Faktorenanalyse. Mit dem ESS 2002 als Datengrundlage berechnen sie vier getrennte Mehrebenenanalysen mit dem individuellen Vertrauen, dem Vertrauen in politische Institutionen, der Einschätzung der Wichtigkeit sozial aktiv zu sein und der Einschätzung der Wichtigkeit formal aktiv zu sein als abhängige 100 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Variablen. Mit dieser Vorgehensweise wird die Notwendigkeit einer Mehrebenenfaktorenanalyse umgangen. Neben dem Streitpunkt welche Struktur das Sozialkapital aufweist, gibt es eine weitere strittige Frage in der Sozialkapitalforschung: In welchem Verhältnis stehen die drei Komponenten des Sozialkapitals zueinander? Putnam postuliert zwischen den Netzwerken, der Reziprozität und dem Vertrauen keinen kausalen Zusammenhang. »The causal arrows among civic involvement, reciprocity, honesty, and social trust are as tangled as well-tossed spaghetti« (Putnam 2000: 137).60 Sind sie wie Putnam vermutet reziprok oder gibt es kausale Zusammenhänge? »Die Frage nach der Ursache und der Wirkung zwischen den Komponenten sozialen Kapitals lässt sich somit theoretisch kaum erklären« (Heydenreich-Burck 2010: 63), sodass nur Panel-Daten und geeignete statistische Verfahren der Antwort näher kommen können. Viele Studien versuchten diese Frage zu beantworten, doch »die überwiegende Zahl der Studien konzentriert sich auch hier auf die Beziehungen zwischen sozialem Vertrauen und Netzwerken« (Heydenreich-Burck 2010: 73) und findet zumeist nur schwache Zusammenhänge (bspw. Scheufele / Shah 2000, Stolle 2001a, b). Somit können nur Aussagen über die Beziehung zwischen dem Vertrauen und den Netzwerken gemacht werden. Delhey und Newton (2003) bieten einen Überblick über Studien, die die Beziehung zwischen Vertrauen und Netzwerken testen. Sie nennen es das »Chicken-and-egg problem« (Delhey / Newton 2003: 102). Wissenschaftlich würde man es Endogenitätsproblem bezeichnen (Stolle 2003: 25). Brehm und Rahn (1995) »report evidence that causation flows mainly from joining to trusting« (Putnam 1995b: 666). Andere Studien meinen, der Zusammenhang wäre eine reine Scheinkorrelation aufgrund der soziodemographischen Variablen. Es gibt zwar einige wenige Aufsätze mit Paneldaten, die den Wirkungszusammenhang des Vertrauens und der Netzwerke untersuchen, allerdings wenden die wenigsten angemessene statistische Verfahren an.61 Zwei Studien wenden zwar Panel-Regressionen an, bei Bekkers 60 Diese Aussagen wurden aus früheren empirischen Arbeiten entnommen und basieren nicht auf theoretischen Überlegungen. 61 Es handelt sich um Claibourn und Martin (2000), Jennings und Stoker (2004), Stolle und Hooghe (2004), Li et al. (2005) und Quintelier (2013). 101 5 Der aktuelle Forschungsstand (2012) sind jedoch die Fallzahlen recht klein und der Zeitabstand ist mit vier Jahren relativ kurz und bei Sturgis et al. (2015) ist das Vertrauen dichotom kodiert, d. h. es ist relativ schwierig eine Veränderung festzustellen. Die Reliabilität dürfte nicht gewährleistet sein, da sich das Antwortverhalten möglicherweise stärker an kurzfristigen Ereignissen orientiert, als das beim generalisierten Vertrauen, gemessen mit einer 11-stufigen Skalierung, der Fall wäre. Glanville et al. (2013) untersuchten mit Hilfe der General Social Survey Paneldaten 2006 – 2008 den Effekt der informellen Netzwerke auf das Vertrauen. Es gibt einen positiven Effekt (Glanville et al. 2013: 555) und da kein gegenläufiger signifikanter Effekt auftrat, spricht dies für den kausalen Pfad von den informellen Beziehungen hin zum Vertrauen (Glanville et al. 2013: 556). Für formelle Mitgliedschaften wurde dies leider nicht überprüft. Wenn man sich den Kern des Konzepts anschaut, der laut Freitag et al. »die von de Tocqueville inspirierte These dar[stellt], dass das generalisierte Vertrauen vornehmlich in den vielfältigen Vereins- und Organisationsstrukturen einer vitalen Zivilgesellschaft wurzelt, dort regeneriert und aufrechterhalten wird« (Freitag et al. 2009: 499), und dann die wenigen Panel-Daten-Analysen betrachtet, kommt man zu keinem eindeutigen Ergebnis. Die Korrelation zwischen den Netzwerken und dem Vertrauen könnte tatsächlich alleine durch die Selbstselektion der Mitglieder zustande kommen. Menschen, die ein hohes Vertrauen in andere Menschen haben, werden eher Mitglied in einem Verein (Stolle 2003, 2001). Einige Studien zeigen einen kausalen Effekt des Vertrauens auf die Netzwerke. Es kann auch sein, dass dieser Effekt durch Zufall in den Modellen auftritt und es sich lediglich um eine Scheinkorrelation62 handelt. Menschen, die ein hohes Vertrauen haben, haben einen höheren sozioökonomischen Status und auch Menschen, die Mitglieder in einer Organisation sind, weisen diesen auf. Bis es Panel-Daten mit geeigneten Sozialkapitalindi- 62 Dieser Verdacht wurde auch von Steinbrecher (2009: 71) geäußert. 102 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung katoren gibt und diese mit Hilfe angemessener statistischer Analysen untersucht werden, bleibt der kausale Zusammenhang ungeklärt. Für die Determinanten des Sozialkapitals insgesamt gilt im Grunde das gleiche wie bei den einzelnen Komponenten als abhängige Variable, daher sei an dieser Stelle nur auf die Übersicht bei Heydenreich- Burck (2010: 92 f.) verwiesen. Es gibt dennoch einen wichtigen Punkt, der das Sozialkapital im Ganzen betrifft. Auch wenn das Forschungsfeld des Sozialkapitals unendlich groß erscheint, so gibt es dennoch viele Aspekte, die noch ungeklärt sind.63 Bspw. ist Putnams (2000) These des sinkenden Sozialkapitals bis heute weder bestätigt noch widerlegt. Für die USA gab es zahlreiche Untersuchungen (Paxton 1999, Rahn / Transue 1998, Rothstein / Stolle 2003) und dort scheint das Sozialkapital tatsächlich abzunehmen. Für die europäischen Staaten gibt es zahlreiche unterschiedliche Ergebnisse, die in den meisten Fällen auf Querschnittsdaten basieren und daher die Entdeckung eines einheitlichen Trends unmöglich machen. In einigen Ländern und je nach Operationalisierung scheint das Sozialkapital zu sinken oder sich auf einem Niveau zu halten (Putnam / Goss 200164). Es mangelt vor allem an geeigneten Daten, sodass keine systematischen Übersichten über die Zeit oder länderspezifische Unterschiede in der Verteilung des Sozialkapitals innerhalb der EU oder Europa erstellt werden können (Adam 2008: 160). Hierbei zeigt sich ein sich durch das gesamte Forschungsfeld des Sozialkapitals ziehendes Problem (wie auch schon in Kapitel 2.7 angedeutet wurde): Es gibt keine konsistente Sozialkapital- Forschung. Je nach Konzept sowie der verwendeten Definition und Operationalisierung gibt es unterschiedliche Ergebnisse. Mit den Daten des Eurobarometer (Gesthuizen et al. 2008), des ISSP (Kääriäinen / Lehtonen 2006, Lüdicke / Diewald 2007, Schyns / Koop 2010), des ESS (Jungbauer-Gans / Gross 2007, Meulemann 2008), des European Values Study (Adam 2008) und vor allem dem World Values Survey (Westle / Gabriel 2008, Gabriel et al. 2002) ist es zumindest möglich, die Verteilung des Sozialkapitals für verschiedene Länder zu einem Zeitpunkt darzustellen. Insgesamt lässt sich jedoch zusam- 63 Siehe Westle und Roßteutscher (2008). Es wird im Folgenden jedoch nur auf den für die vorliegende Arbeit wichtigsten Punkt eingegangen. 64 Hall (2001), Worms (2001) und Rothstein (2001), alle aus Putnam und Goss (2001). Eindeutige Trends sind dort aber nicht auszumachen. 103 5 Der aktuelle Forschungsstand menfassen, dass es viele Probleme in der Sozialkapitalforschung gibt. Aufgrund dieser Missstände ist es »difficult to judge the overall impact of social capital because we don’t have a clear-cut idea of what it is« (Uslaner / Dekker 2001: 179). Das liegt nicht zu letzt daran, dass es zwischen dem Konzept des Sozialkapitals und dessen Messung einen großen Unterschied gibt (Paxton 1999: 89 f.). 5.3 Das Sozialkapital und die Wahlbeteiligung Warum das Sozialkapital zur Erklärung der Wahlbeteiligung herangezogen wird, bleibt in den meisten Veröffentlichungen unklar. Viel zu häufig wird es ohne theoretische Verankerung in die empirischen Analysen eingeführt. Es wird weder erläutert, warum das Konzept des Sozialkapitals geeignet sei die Wahlbeteiligung zu erklären, noch wird begründet, wie sich die einzelnen Komponenten auf die Wahlbeteiligung auswirken. Lediglich die positive Wirkung der Netzwerke auf die Wahlbeteiligung wird durchgehend betont. Nie, Powell und Prewitt (1969a,b) bilden oftmals den Ausgangspunkt für die Anwendung des Sozialkapitalkonzepts zur Erklärung der Wahlbeteiligung, denn ihr sozioökonomisches Standardmodell zur Erklärung der politischen Partizipation enthielt unter anderem Netzwerke. In der nachfolgenden Studie betonten Verba und Nie (1972) die Bedeutung von Vereinen für die politische Partizipation. Mitglieder von Vereinen engagieren sich politisch, weil sie von anderen Vereinsmitgliedern ermuntert worden sind oder weil sie die Ressourcen des Vereins für den eigenen Zweck nutzen können (Verba / Nie 1972: 175). Die Vereine gelten in diesem Kontext als »Mobilisierungsagenturen« (Lippl 2007: 427). Verba et al. (1995: 304 ff.) untersuchten die Anwendung von »civic skills« in Vereinen. Sie fragten jedoch nicht nach der Verbesserung oder der Entwicklung der Fähigkeiten durch die Vereine im Sinne der Schulen der Demokratie. Erst Brady et al. (1995: 285) erwähnten die Schulen der Demokratie nach de Tocqueville (1840). Durch diesen Verweis erscheint einigen Forschern, beispielsweise Kunz und Gabriel (2000), das sozioökonomische Standardmodell als Vorgängermodell des Sozialkapital-Ansatzes zur Erklärung politischer Partizipation. 104 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Nakhaie (2006) untersuchte für Kanada den Einfluss des Sozialkapitals auf die Wahlbeteiligung. Demnach steigt die Wahrscheinlichkeit der Wahlbeteiligung, je länger eine Person in einer Gemeinde lebt und wenn sie freiwillige Arbeit leistet oder spendet (Nakhaie 2006: 381). Mit zunehmendem Kontakt zu Menschen nimmt auch die Wahrscheinlichkeit der Wahlteilnahme zu (Nakhaie 2006: 377). In der Schweiz wirkt sich die soziale Integration, gemessen mit Hilfe der Vereinsmitgliedschaft, ebenfalls positiv auf die Wahlbeteiligung aus (Steiner 1969: 132). Bei Zmerli hatten die Vereinsmitgliedschaft, informelle Netzwerke, öffentliche (prosoziale) Normen65, das politische Interesse und das Institutionenvertrauen einen Einfluss auf die Wahlbeteiligung in Westdeutschland (Zmerli 2008: 281). Für Ostdeutschland zeigt sich ein ähnliches Muster, allerdings ist die Erklärungskraft des Modells um 8 Prozentpunkte geringer (Zmerli 2008: 284). Das Sozialkapital von Jugendlichen wirkt sich ebenfalls auf deren Wahlbeteiligung aus (Schäfer 2006). Das Vertrauen war nur in einer der von Schäfer verwendeten Umfragen verfügbar und war nicht signifikant (Schäfer 2006: 212). Einzig die Vereinsmitgliedschaft (als Dummy) in einem beliebigen Verein hatte einen positiven Einfluss auf die Wahlbeteiligung (Schäfer 2006: 212). Für eine Studie, die den Einfluss des Sozialkapitals auf die Wahlbeteiligung untersuchen soll, verwendet die Autorin sehr wenige Sozialkapitalprädiktoren und auch suboptimale Indikatoren. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Nagelkerke’s R² in den 6 Modellen maximal um 4,5 Prozentpunkte erhöht (Schäfer 2006: 213). Die empirischen Befunde der Effekte des Sozialkapitals auf die Wahlbeteiligung sind oftmals uneinheitlich. Dies bestätigt auch die Meta-Analyse von Smets und van Ham (2013). Sie erstellten eine Meta-Analyse von 90 Studien, die die individuellen Determinanten der Wahlbeteiligung untersuchten und im Zeitraum zwischen 2000 und 2010 publiziert wurden. Die Studien wurden hinsichtlich der verschiedenen theoretischen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung kodiert. Es wurde dabei zwischen dem Ressourcen-, dem Mobilisations-, dem Sozialisations- und dem Rational Choice-Modell sowie 65 Die Wahlnorm war zwar Teil der Itembatterie, wurde jedoch nicht in den Indizes berücksichtigt (Zmerli 2008: 323). 105 5 Der aktuelle Forschungsstand dem psychologischen und dem institutionellen Modell unterschieden. Am häufigsten wurden das Ressourcen- und das Mobilisationsmodell in jeweils knapp 30 Prozent der Studien untersucht. Das Sozialkapital wurde dem Mobilisationsmodell zugeordnet. Es wurde in lediglich drei Studien untersucht und wurde in nur einer erfolgreich getestet (Smets / van Ham 2013: 351), das heißt in der Hälfte der Tests (4 von 8) waren die Koeffizienten statistisch signifikant und in der erwarteten Richtung, während sie in der anderen Hälfte nicht signifikant waren. Die Mitgliedschaft in Vereinen wurde vom Sozialkapital getrennt untersucht. In 5 Studien und 8 Tests wurde die Mitgliedschaft untersucht. In 80 Prozent der Studien und 87,5 Prozent der Tests war dies erfolgreich (Smets / van Ham 2013: 351). Es bleibt festzuhalten, dass es vor allem an geeigneten Daten fehlt. Mit spezifischen Sozialkapitalindikatoren oder Panel-Daten wäre es vermutlich deutlich einfacher eindeutigere Forschungsergebnisse zu erhalten. Denn auch wenn es viele Studien gibt, die einen positiven Zusammenhang zwischen dem Sozialkapital und der Wahlbeteiligung gefunden haben, so ist sich die Forschungsgemeinde uneins, ob es sich hierbei tatsächlich um die positive Wirkung des Sozialkapitals auf die »civic skills« und damit auf die Wahlbeteiligung handelt oder ob lediglich eine Scheinkorrelation vorliegt. »Citizens with a propensity to participate politically have a similar propensity to join other formal and informal networks« (Armingeon 2007: 382). Durch die Selbstselektion der Vereinsmitglieder scheint das Sozialkapital einen Einfluss auf die Wahlbeteiligung zu haben. Armingeon vermutet, dass der Zusammenhang verschwinden würde, sobald soziostrukturelle Merkmale als Kontrollvariablen eingefügt würden (Armingeon 2007: 361 f.). Ihm liegen jedoch nur die Citizen-, Involvement- und Democray-Daten vor, mit denen es nicht möglich ist kausale Effekte zu überprüfen. Daher beschränkt sich die Analyse bei Armingeon auf zwei lineare Regressionen für West- und Osteuropa. Die positiven Effekte der verschiedenen Vereinsmitgliedschaften auf die Wahlbeteiligung bleiben, bis auf einen, auch bei Kontrolle der soziodemographischen Merkmale bestehen (Armingeon 2007: 375). McFarland und Thomas (2006) vermuteten hingegen, dass das Sozialkapital sehr wohl einen Einfluss auf die politische Partizipation hat. Sie gehen jedoch davon aus, dass soziodemographische Merkmale und 106 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung das Sozialkapital alleine nicht ausreichen, sondern dass diese Ressourcen aktiviert werden müssen (McFarland / Thomas 2006: 403) und dies vorzugsweise während der Jugend geschieht. In Jugendorganisationen sollen den Mitgliedern politische und zivile Fähigkeiten vermittelt werden, die im Erwachsenenalter zu vermehrter Partizipation führen (McFarland / Thomas 2006: 403). Die Autoren untersuchten diese Vermutung mit Hilfe von zwei Panel-Datensätzen, der National Educational Longitudinal Study (NELS) und der National Longitudinal Study of Adolescent Health. In den verschiedenen Modellen wurden, zusätzlich zu den relevanten Variablen der Organisationsmitgliedschaften, auch Charakteristika der Schulen, der soziale Hintergrund und die Bildungsabschlüsse der Eltern kontrolliert. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass »selective extracurricular involvement in politically salient clubs encourages long-term political involvement seven to twelve years later« (McFarland / Thomas 2006: 420). Die Bildung der Eltern hat ebenfalls einen Einfluss auf die politische Partizipation ihrer Kinder im Erwachsenenalter. Der Effekt des Sozialkapitals scheint somit zum einen durch die Sozialisation generiert zu werden und zum anderen durch die Ressourcenausstattung der Individuen. Smith (1999) nutzte ebenfalls die NELS, modellierte jedoch ein lineares Strukturgleichungsmodell. Mit einem Strukturgleichungsmodell ist es möglich, die Effekte der einzelnen Befragungszeitpunkte auf die Einstellungen und das Verhalten der Befragten nachzuvollziehen. Auch hier scheint die Beteiligung in Jugendorganisationen die Normen, das Verhalten und die Fähigkeiten, die bei der Partizipation im Erwachsenenalter von Bedeutung sind, zu beeinflussen und (weiter-) zu entwickeln (Smith 1999: 572). Settle et al. (2011) verwendeten den Add Health-Datensatz. Sie operationalisierten das Sozialkapital mit der Frage nach der sozialen Integration innerhalb der Schule und der Einschätzung der Freunde wie gut der Befragte innerhalb der Schule integriert ist (Settle et al. 2011: 245). In der Schulzeit gut integrierte Befragte und Befragte mit gut integrierten Freunden gehen sieben Jahre später eher zur Wahl als schlecht integrierte Befragte. Die Bildung, das Einkommen und Mitgliedschaften in sozialen Vereinen der Eltern haben sich ebenfalls positiv auf die Wahlbeteiligung der jungen Erwachsenen ausgewirkt (Settle et al. 2011: 247). 107 5 Der aktuelle Forschungsstand 5.4 Die Wahlnorm Wie bereits in Kapitel 3.2 erwähnt, mangelt es der Forschung zu der Wahlnorm vor allem an einem allgemein akzeptierten Messinstrument. Dies hat sich in Deutschland seit Rattinger (1994) nicht verändert und auch international gibt es kein einheitliches Messinstrument. Zur Veranschaulichung, wie die Wahlnorm gemessen werden kann, wird im Anschluss zum einen die gängigste Variante berichtet und zum anderen mehrere Varianten vorgestellt, wie die Wahlnorm gegebenenfalls besser gemessen werden könnte. Der klassische Indikator besteht aus der Aussage »belief that voting is a civic duty« (deutsche Variante siehe Kapitel 3) und einer mehrstufigen Antwortskala, um der Zustimmung oder der Ablehnung Ausdruck verleihen zu können (Keaney / Rogers 2006: 20). Mit dieser Frage wird, wie bereits in Kapitel 3 erwähnt, die wahrgenommene Wahlnorm abgefragt. Es kann sich auch um eine rein fiktive Norm handeln. Viele Menschen glauben, dass diese Norm existiert, aber sie wurde weder internalisiert, noch wird sie vom persönlichen Umfeld sanktioniert. Bei der Interpretation der Daten wird in Einzelfällen sogar so getan, als hätte man die internalisierte Wahlnorm abgefragt. Bspw. bezeichnet Rattinger (1994: 324) die Wahlnorm aus Falter und Schumann (1993) als internalisierte Wahlnorm. Auch hier handelt es jedoch lediglich um die Zustimmung zur Aussage »Wählen ist eine Pflicht des Bürgers«. Falter und Schumann bezeichnen die Wahlnorm korrekterweise als »empfundene Wahlnorm« (1993: 44). Ein anderer Ansatzpunkt die Wahlnorm zu messen, ist die Frage nach dem sozialen Druck bei der Wahl bzw. der Nichtwahl. »Do you have any friends, neighbours or relatives who’d be disappointed or angry with you if they knew you hadn’t voted in this year’s election?« (Keaney / Rogers 2006: 20). Die internalisierte Wahlnorm wird damit jedoch auch nicht gemessen, weil es sich hier um den sozialen Druck und eine mögliche Sanktionierung von außen handelt. Sollte die Wahlnorm internalisiert worden sein, würde die Sanktionierung jedoch innerlich erfolgen, bspw. durch ein schlechtes Gewissen oder Schamgefühl. In Deutschland stimmten die 18 – 24-Jährigen am ehesten der Aussage zu, »Familienangehörige oder Freunde haben auf mich eingewirkt, meine Stimme abzugeben« (Eilfort 1994: 194). Demnach scheint die soziale Kontrolle bei Erstwählern zumindest 108 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung ansatzweise vorhanden zu sein. Der soziale Druck sich an Wahlen zu beteiligen scheint also primär die Erstwähler zu erreichen bzw. bei ihnen vorhanden zu sein (Eilfort 1994: 194). In der Schweiz zeigen sich nur schwache Zusammenhänge zwischen der Beteiligungshäufigkeit des Befragten und der Wahlbeteiligung des Vaters oder der Wahlbeteiligung von Freuden sowie der Reaktion des Vaters oder der Freunde auf die Nichtwahl (Steiner 1969: 95 f.). Bedauerlicherweise testeten Eilfort und Steiner dies nur bivariat. Blais fügt hingegen seinem Modell, zusätzlich zur Wahlnorm, einen Indikator hinzu (ähnlich dem von Knack 1992), der den sozialen Druck der Freunde und Familie im Falle der Nichtwahl misst. Der Koeffizient des sozialen Drucks ist statistisch nicht signifikant, woraus Blais schlussfolgert, dass »it is a internalized sense of duty and not the presence of social pressures that induces people to vote« (Blais 2000: 104). Das könnte auch den Eindruck verstärken, dass die Antworten auf den klassischen Indikator durch die soziale Erwünschtheit verzerrt sind. Die klassische Frage verleitet eher dazu, sozial erwünscht zu antworten als die Frage nach dem sozialen Druck durch Freunde und Familie, da das sozial erwünschte Verhalten nicht bereits in der Fragestellung enthalten ist. Clarke et al. (2004) verwendeten die BES (2001, 2005, 2009 / 2010). Dort wurde die Wahlnorm mit vielen verschiedenen Indikatoren gemessen. So wurden zum einen die negativen Kosten bei der Nichtwahl und zum anderen die persönliche Befriedigung durch die Wahlteilnahme erhoben. Es folgte die klassische Frage sowie die Aussage, dass die Demokratie nur richtig funktioniert, wenn die meisten Menschen wählen. Zum Schluss gab es zwei Indikatoren zum persönlichen Umfeld des Befragten: Ob Familie und Freunde glauben, dass die Wahlteilnahme Zeitverschwendung ist und ob die Menschen in der Nähe des Befragten zur Wahl gegangen sind (Clarke et al. 2004: 251). Somit wurden der individuelle Nutzen und die individuellen Kosten, der Nutzen für die Demokratie und soziale Normen abgefragt. Bei der Betrachtung des Forschungsstands zur Wahlnorm ist es somit wichtig zu beachten, wie die Wahlnorm operationalisiert worden ist und was sie inhaltlich aussagt. 109 5 Der aktuelle Forschungsstand 5.4.1 Kontextuelle Determinanten der Wahlnorm »The role of interpersonal pressures to vote has received little attention in the theoretical literature on turnout, and virtually none in the empirical literature« (Knack 1992: 137). Es wird nicht diskutiert, ob es eine Wahlnorm gibt und es scheint auch keine theoretische Erklärung der Wahlnorm zu geben (Lomasky / Brennan 2000: 63). Vielmehr scheint die Wahlnorm als eine Art Volksweisheit akzeptiert zu sein, die man nicht weiter hinterfragt (Lomasky / Brennan 2000: 84, Jones 1954: 26), sodass der Forschungsstand zur Wahlnorm sehr übersichtlich ist. Es gibt nur eine Studie zur Wahlnorm bzw. zur Entstehung der Wahlnorm auf die im Folgenden näher eingegangen wird. Campbells Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass »›fulfilling one‘s duty‹ remains at best a tautological explanation for political participation« (Campbell 2006: 3). Anstatt sich, wie sonst üblich in der Forschungsliteratur, damit zu begnügen, dass es so etwas wie die Bürgerpflicht zu wählen gibt, fragt Campbell am Beispiel der jungen US-Amerikanerin Traci warum sie diese Bürgerplicht spürt. »It is far more interesting to ask why Traci felt that voting was her duty« (Campbell 2006: 3). Klassischerweise werden politische Einstellungen und politisches Verhalten auf der Individualebene betrachtet (Campbell 2006: 3). Ein bedeutender Faktor bei der Entwicklung von gesellschaftlichen und politischen Orientierungen, und damit auch bei der Wahlnorm, ist unbestritten die Sozialisation (Campbell 2006: 96 f.). Der Einfluss des sozialen Kontexts auf die Sozialisation fand erst im Zuge der Sozialkapital-Debatte Beachtung (Campbell 2006: 98 f., Verweise auf Coleman 1990 und Putnam 1993a), denn »the burgeoning literature on social capital has redirected political scientists’ attention to important differences among geographic units« (Campbell 2006: 3). Dies ist nach Campbell auch die richtige Perspektive, denn in seinem Beispiel hat Traci gewählt, weil sie in einer Gegend mit hohem Sozialkapital aufgewachsen ist (Campbell 2006: 4). Nun verschiebt sich die Erklärung von der individuellen Perspektive der verinnerlichten Norm, hin zu der Erklärung der kontextuellen Perspektive: Die Wahlnorm ihres Umfeldes veranlasste sie zu wählen. Die eigentliche Frage ist für Campbell somit warum die Wahlnorm mancherorts stärker ist als anderswo. 110 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Nach Campbell (2006: 5) kommt es also erstens darauf an, in welchem Umfeld man sich in der Gegenwart aufhält und welchem sozialen Druck man gegenwärtig ausgesetzt ist. Zweitens in welcher Umgebung man sich in der Vergangenheit aufgehalten hat sowie wo und wie man sozialisiert wurde. Drittens ist es von Bedeutung was man früher getan hat, denn früheres Verhalten und häufig wiederholendes Verhalten beeinflusst bekanntermaßen ebenfalls das heutige Verhalten. Demnach gibt es einen Zusammenhang zwischen der Heterogenität des Umfelds, der Wahlnorm allgemein (sowohl internalisiert als auch wahrgenommen) und der Wahlbeteiligung. Campbell testet die Hypothese »that civic norms are enforced through personal interactions among like-minded people« (Campbell 2006: 76). Dabei unterscheidet er zwischen dem sozialen Kontext und dem sozialen Netzwerk. »Social networks [...] simply refer to the family, friends, and acquaintances with whom each of us has regular interaction« (Campbell 2006: 77). Grundsätzlich sind für Campbell jedoch die Eigenschaften des sozialen Kontexts von Bedeutung (Campbell 2006: 77). »Civic norms are likely to be weaker in heterogeneous social environments« (Campbell 2006: 88, siehe dazu Coleman 1990: 292). Putnams (2000) Beobachtungen werden von Campbells Befunden gestützt: »homogeneous communities facilitate bonding, however, appears to foster a mind-set conducive of bridging, as evidenced by the higher levels of political tolerance found among young people who live in heterogeneous environments« (Campbell 2006: 124). Die interessantere Frage ist dabei, ob politische Homogenität soziale Normen verstärkt. Dies scheint der Fall zu sein, denn »the more politically homogeneous the environment within a high school, the stronger the norm linking voting with being a good citizen« (Campbell 2006: 158). Überprüft wird der vermutete Zusammenhang mit einer linearen Regression mit den prozentualen Anteilen der Wahlnorm in den geographischen Einheiten, im vorliegenden Fall handelt es sich hierbei um Schulen. Von den drei Heterogenitätsvariablen hat nur die politische Heterogenität den erwarteten negativen Effekt auf die Wahlnorm. Die religiöse und die ethnische Heterogenität haben keinen statistisch signifikanten Einfluss. Die Bildung der Eltern hat einen 111 5 Der aktuelle Forschungsstand positiven Einfluss auf die Wahlnorm, während die durchschnittliche Anzahl der Jahre, die man in einem gleichbleibenden Umfeld verbracht hat, einen negativen Einfluss hat (Campbell 2006: 158). Die Befunde werden auch durch eine Mehrebenenanalyse bestätigt. Allerdings tritt bei der Mehrebenenanalyse auf der individuellen Ebene der erwartete positive Effekt der Mobilität auf die Wahlnorm auf, während der Effekt auf der kontextuellen Ebene negativ ist (Campbell 2006: 160). Dies wird vom Autor jedoch nicht weiter kommentiert. »Voting as a component of good citizenship in adolescence translates into a 9 percentage-point gain in the probability of turning out to vote fifteen years later. … By way of comparison, the impact of having adopted voting as a civic obligation in 1965 is smaller than that of parents’ electoral activism, which boosts turnout by about 18 percentage points (Campbell 2006: 165). Wenn das zivile Klima im Umfeld als weitere unabhängige Variable eingefügt wird, ist der Effekt der Wahlnorm jedoch nicht mehr statistisch signifikant. Das gesellschaftliche Klima, also die Stärke der Normen im persönlichen Umfeld, hat einen stärkeren Einfluss auf die Wahlbeteiligung im Erwachsenenalter als die Wahlnorm. In einer binären logistischen Mehrebenenanalyse kommt Campbell ebenfalls zu dem Ergebnis, »that it is the civic climate that boosts turnout, rather than an individual’s own reported sense of civic obligation« (Campbell 2006: 166). Die Studie von Campbell gibt einen Hinweis darauf, welche Determinanten die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung beeinflussen. Mit Hilfe der Youth-Parent-Socialization Study aus den USA wäre es sogar möglich die zeitliche Veränderung von Einstellungen, sowie den Einfluss von Eltern, zu überprüfen. Dies ist jedoch nur ein erster Schritt, denn die Frage woher die Wahlnorm kommt und wie stark sie internalisiert wird oder nur ein Artefakt der Umfrageforschung darstellt, bleibt weiterhin unbeantwortet. Die Forschergruppe um Gerber untersuchte nicht direkt die Wahlnorm, sondern den sozialen Druck. In einem ihrer Experimente verschickten sie Postkarten mit einem patriotischen Motiv, um die Probanten an ihre Bürgerpflicht zu erinnern (Gerber et al. 2000). In einem anderen waren es Briefe, in denen die Beteiligung oder Absti- 112 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung nenz des Empfängers bei der letzten Wahl aufgeführt wurde (Gerber et al. 2010). Sie führten über mehrere Jahre verschiedene Experimente durch. Davenport et al. (2010) fassten die Ergebnisse zusammen und überprüften, ob es einen Langzeiteffekt gibt und ob die Normen internalisiert wurden. »In sum, the six studies demonstrate that social pressure interventions have persistent effects. Just how long these effects last remains an open question, as rates of decay vary markedly from study to study« (Davenport et al. 2010: 429). Der Zusammenhang zwischen der Wahlnorm und Religiosität ist ebenfalls interessant. Der Unterschied zwischen höchster Wahlnorm und stärkster Religiosität (55 Prozent), und zwischen geringster Religiosität (42,6 Prozent) ist mit einem Gamma von 0,15 nicht so stark, wie man gedacht hätte (Macaluso / Wanat 1979: 167). Religiöse Menschen »are likely to place a high value on order, ritual, duty, legitimacy, and respectability« (Macaluso / Wanat 1979: 160). Gleichzeitig sind es auch die Gläubigen, »who attend church frequently are regularly placing themselves in a milieu that should sustain attitudes of duty through direct personal interactions« (Macaluso / Wanat 1979: 161). Das heißt auch hier ist es unklar, ob die Gläubigen sich oftmals in einem der Wahlnorm positiv gesinnten Umfeld bewegen oder ob die Unterstützung der Wahlnorm durch die Kirche und den Glauben gestärkt wird. 5.4.2 Individuelle Determinanten der Wahlnorm Auch wenn die Wahlnorm ansonsten widerspruchsfrei akzeptiert und nicht weiter hinterfragt wird, so gibt es doch zumindest einen strittigen Punkt in der empirischen Forschung: Die Frage nach Alters-, Generations- oder Periodeneffekten auf die Wahlnorm.66 Eilfort (1994: 191) untersucht den Zusammenhang zwischen dem Alter und der Wahlnorm. Er findet es »geradezu verblüffend, wie kontinuierlich das ›staatsbürgerliche Pflichtgefühl‹ mit dem Alter zunimmt« (Eilfort 1994: 191). Es ist dabei jedoch nicht ersichtlich, ob es sich um einen 66 Die Frage bleibt vermutlich ebenfalls unbeantwortet, da es weiterhin an Panel- Daten fehlen wird. 113 5 Der aktuelle Forschungsstand Lebenszyklus- oder einen Generationseffekt handelt. In einer weiteren Tabelle stellt Eilfort wiederum fest, dass die in Stuttgart registrierten Einstellungsunterschiede so groß sind, »dass man sie kaum allein auf Lebenszykluseffekte zurückführen kann« (Eilfort 1994: 323). Auch bei Kleinhenz (1995: 126) ist der Effekt nicht genau erfassbar. Er kommt dennoch zu dem Schluss, dass »Periodeneffekte als Ursache [der] nachlassenden Wahlnorm eine große Rolle spielen« (Kleinhenz 1995: 127). Dies kann aus den Daten und mit Hilfe der präsentierten Alters-Perioden-Kohorten-Tabelle jedoch nicht geschlossen werden, da die Effekte nicht eindeutig auftreten und der Beobachtungszeitraum von sechs Jahren zu kurz ist. Trotzdem wiederholt er seine Aussage (Kleinhenz 1995: 129). Das Problem der Belegbarkeit ist weiterhin vorhanden und wird durch die schlechte Datenlage verstärkt, denn es stehen meistens nur Querschnittsdaten zur Verfügung.67 Lediglich für die GLES 2002 bis 2013 und deren Vorgängerstudien stehen fünf Befragungszeitpunkte zur Verfügung, die jedoch keinen einheitlichen Trend erkennen lassen. So ist es nicht verwunderlich, dass Caballero (2005: 345) für den Zeitraum von 1987 bis 2002 berichtet, dass die Wahlnorm sinken würde, während Steinbrecher et al. (2007: 228 ff.) im gleichen Zeitraum (1994 – 2002) eine steigende Wahlnorm vorfinden. Blais und Labbé St-Vincent fassen die bisherigen Befunde sehr treffend zusammen: »We know less about the development and stability of sense of civic duty« (Blais / Labbé St-Vincent 2011: 400). Das heißt eine eindeutige Identifikation eines Alters-, Generations- oder Periodeneffekts der Wahlnorm ist mit der heutigen Datenlage nicht möglich. In den Vereinigten Staaten verhält es sich ebenso. Eine Umfrage unter 15- bis 25-Jährigen US-Amerikanern ergab, dass nur 9 Prozent der Befragten die Wahl als Pflicht empfinden (Wattenberg 2008: 129). Wattenberg interpretiert dies als Lebenszykluseffekt. Mit Hilfe weiterer Daten versucht Wattenberg diesen Eindruck zu verstärken und berichtet die Ergebnisse mit Hilfe einer Kreuztabelle. Je älter die Befragten, desto eher stimmen sie der Wahlnorm zu (Wattenberg 2008: 131). Paneldaten aus den Jahren zwischen 1965 und 1997 zeigen relativ stabile Einstellungen (Wattenberg 2008: 132). Dies weist 67 Siehe Fußnote 35. 114 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung auf einen Generationeneffekt hin. Bei den Daten aus den National Election Studies von 1952 – 2002 ist aufgrund der Art der Tabellierung kein klarer Effekt sichtbar (Wattenberg 2008: 133). Die Struktur der Zustimmung der Altersklassen verschiebt sich jedoch im Laufe der Jahre, was auf einen generationellen Effekt hinweisen könnte. Die Daten der Civic Culture Studie ermöglichen auch keine eindeutige Interpretation (Wattenberg 2008: 135). Gleiches gilt für den ESS 2002 / 2003 für die einzelnen Länder und für die Daten der Umfrage »Trends in Political Values and Core Attitudes« (siehe Kapitel 3.2.3). Auch in Großbritannien gibt es generell eine »strong norm that people have a duty to vote in elections« (Pattie et al. 2004: 49). Fast 75 Prozent der Befragten stimmen der Aussage, »it is every citizen’s duty to vote in elections« sehr stark oder stark zu. Nur 10 Prozent stimmen der Aussage nicht zu (Pattie et al. 2004: 50). Pattie et al. (2004) beschränken sich auf eine bivariate Kreuztabellenanalyse. Der Grad der Zustimmung unterscheidet sich besonders zwischen jungen und älteren Befragten und zwischen religiösen und nicht religiösen Befragten. Für unterschiedliche Haushaltseinkommen und Berufsklassen ist der Unterschied, mit bis zu 13 Prozentpunkten zwischen der größten und der kleinsten Kategorie, ebenfalls sehr groß (Pattie et al. 2004: 70). Pattie et al. (2004) finden ähnliche Ergebnisse wie Clarke et al. (2004) und meinen es gäbe Beweise einer Abnahme von zivilen Normen unter jungen Menschen (Pattie et al. 2004: 50). Park et al. (2004) unterstreichen diese Befunde, die auf Daten einer Jugendstudie basieren. Unter jungen Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren ist die Wahlnorm deutlich weniger anerkannt. 1998 und 2003 stimmten nur 36 bzw. 31 Prozent der Befragten zu, dass es jedermanns Pflicht ist, zu wählen (Park et al. 2004: 19). Auch bei den jungen Befragten unterscheidet sich die Zustimmungsrate zu Wahlnorm zwischen 21 und 44 Prozent je nach Einkommensklasse (Park et al. 2004: 19). Um die Lebenszyklus- von den Generationseffekten zu trennen, müsste eine Alters-, Perioden-, Kohorten-Analyse vorgenommen werden, die jedoch mit den vorliegenden Daten nicht möglich ist. Als mögliche Gründe für den Rückgang der Wahlnorm nennen Sanders et al. (2005), dass die Idee der Wahlnorm in jüngeren Generationen generell weniger verbreitet ist. Es wurde versäumt ihnen näher zu bringen, wie stark um das allgemeine Wahlrecht gekämpft werden 115 5 Der aktuelle Forschungsstand musste (Sanders et al. 2005: 28). Dies widerspricht jedoch den Ergebnissen aus Kanada von Chareka und Sears (2006), in denen sich die Jugendlichen darüber einig sind, dass das Wahlrecht ein hart erkämpftes Gut ist. Campbell (2006) berechnete drei Regressionen mit der Wahlnorm als abhängige Variable. Zunächst untersuchte er die Determinanten der Wahlnorm auf der Aggregatebene. Merkmalsträger sind die Schulen, sodass die abhängige Variable den prozentualen Anteil der Schüler, die das Wählen als wichtigen Bestandteil einer guten Bürgerschaft betrachtet, widerspiegelt. Campbell untersucht den Einfluss der politischen, religiösen und ethnischen Heterogenität des Umfelds der Schule auf die Wahlnorm. Es zeigt sich jedoch nur ein statistisch signifikanter Effekt: Je stärker die politische Heterogenität, desto niedriger ist die prozentuale Zustimmung zu der Wahlnorm (Campbell 2006: 158). Die zwei Kontrollvariablen, die das zivile Klima in der Schule repräsentieren sollen, sind ebenfalls signifikant. Je höher die durchschnittliche Bildung der Eltern, desto stärker die Zustimmung zur Wahlnorm. Unerwarteter Weise sinkt die Zustimmung zur Wahlnorm, je höher die durchschnittliche Anzahl an Jahren ist, die in der Nachbarschaft gelebt wurde (Campbell 2006: 158). Als nächstes wurde eine Mehrebenenanalyse mit der Wahlnorm als abhängige Variable berechnet. Auch für die individuelle Ebene gilt: Je höher die politische Heterogenität, desto schwächer die Wahlnorm. Desweiteren gibt es positive Effekte des angestrebten Bildungsabschlusses der Schüler und der Bildungsabschlüsse der Eltern. Mädchen stimmen der Wahlnorm eher zu als Jungen. Entgegen der Ergebnisse der Aggregatdatenanalyse, findet sich für die Anzahl der Jahre, die der Schüler in einer Nachbarschaft gelebt hat, ein positiver Effekt auf die Zustimmung zur Wahlnorm. Der negative Effekt auf der Aggregatebene bleibt weiterhin bestehen, während der Effekt der durchschnittlichen Bildung nicht mehr signifikant ist (Campbell 2006: 160). Abschlie- ßend berechnete Campbell eine ordinale logistische Regression (mit robusten Standardfehlern, um die hierarchische Struktur der Daten zu berücksichtigen) mit der Wahlnorm als abhängige Variable. Es gibt einen negativen quadratischen Alterseffekt und einen positiven Effekt des politischen Interesses. Frauen und Verheiratete stimmen 116 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung der Wahlnorm eher zu (Campbell 2006: 209). Von den kontextuellen Variablen ist keine statistisch signifikant. Bowler und Donovan (2013) untersuchen mit Hilfe des »Exeter AV referendum survey« die Determinanten der Wahlnorm für Großbritannien. Als Erste berichten sie die unterschiedliche Ausprägung der Wahlnorm je nach Abstimmungsform. Die stärkste Zustimmung zur Wahlnorm findet sich in Bezug auf die Parlamentswahl mit 44 Prozent. Annähernd 40 Prozent der Befragten stimmen der Wahlnorm in Bezug auf das vorliegende Referendum und lokale Wahlen sehr stark zu. In Bezug auf die Wahl der Regionalparlamente und der Europawahl, stimmen nur 30 Prozent der Befragten der Wahlnorm zu (Bowler / Donovan 2013: 269). Die häufig auftretende niedrigere Wahlbeteiligungsrate bei sogenannten »second-order« Wahlen scheint nicht nur durch deren Hauptmerkmal der geringeren Relevanz im politischen System zustande zukommen, sondern auch durch die Unterschiede der Wahlnorm für verschiedene Wahlen. Theoretisch sollte die Wahrnehmung der Wahlnorm für alle Abstimmungsformen identisch sein. Es sollte immer darum gehen, sich wie ein guter Bürger zu verhalten und einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Bei »second-order« Wahlen mag die soziale Erwünschtheit jedoch kleiner sein, da diese Wahlen in der Wahrnehmung der Bürger eine geringere Relevanz aufweisen und es somit weniger verwerflich wäre, nicht zu wählen. Für die Wahlnorm der verschiedenen Wahlen wurden fünf OLS- Regressionen geschätzt. Für die Parlamentswahl ergibt sich ein positiver Alterseffekt. Frauen haben eine höhere Wahlnorm als Männer. Die Regression zeigt ebenfalls, dass die Wahlnorm umso stärker ist, je größer das Vertrauen in Politiker und je stärker das politische Interesse ausgeprägt ist (Bowler / Donovan 2013: 271). Für die Wahlnorm der anderen Wahlen treten die Effekte ebenfalls auf. Bei ihnen kommt noch ein positiver Effekt der Efficacy auf die Wahlnorm hinzu (Bowler / Donovan 2013: 271). Auch in Kanada ist die Wahlnorm weit verbreitet. Blais (2000) präsentiert vier verschiedene Indikatoren zur Erfassung der Wahlnorm aus drei Umfragen. Die Zustimmungsraten sind, bis auf eine, mit 71 bis zu 99 Prozent sehr hoch (Blais 2000: 95). Mit fast 100 Prozent ist die Zustimmung zu der Aussage »In order to preserve democracy, it is essential that the great majority of citizens vote« am stärksten (Blais 117 5 Der aktuelle Forschungsstand 2000: 95). Anschließend berechnet Blais drei OLS-Regressionen zur Bestimmung der Determinanten der Wahlnorm für die drei Umfragen. In allen drei Regressionen wirken sich das politische Interesse und die Religiosität positiv auf die Wahlnorm aus. In zwei von dreien weisen Frauen eine höhere Wahlnorm auf als Männer und es findet sich ein positiver Alterseffekt (Blais 2000: 97). Blais schlussfolgert aus seinen Daten, dass »for most people, not voting is defined as something that is wrong« (Blais 2000: 97). Dies begründet sich zum einen auf der Feststellung, dass sich die meisten Bürger schuldig fühlen, wenn sie nicht zur Wahl gehen und das Wählen für eine staatsbürgerliche Pflicht halten. Zum anderen wird die Wahlbeteiligung als Schutzmaßnahme zum Erhalt der Demokratie betrachtet. Raney und Berdahl (2009) berechnen ebenfalls eine OLS-Regression mit der Zustimmung zur Wahlnorm als abhängige Variable. Die Regressionskoeffizienten des quadrierten Alters und der territorialen sowie der politischen Identität weisen einen positiven Wert auf (Raney / Berdahl 2009: 198). Unerwarteter Weise haben jüngere und ältere Befragte eine niedrigere Wahlnorm als Befragte mittleren Alters. Je stärker sich die Befragten mit Kanada auf kommunaler, föderaler und nationaler Ebene identifizieren, desto höher ist ihre Wahlnorm. Die Wahlnorm steigt, wenn es im persönlichen Umfeld der Befragten Personen gibt, deren politischen Vorstellungen sie sich nahe fühlen (Raney / Berdahl 2009: 198). Blais und Labbé St-Vincent (2011) untersuchten als Erste den Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Wahlnorm. Altruismus und Selbstwirksamkeit beeinflussen die Wahlnorm positiv, während Schüchternheit und Konfliktvermeidung negativ mit der Wahlnorm zusammenhängen (Blais / Labbé St-Vincent 2011: 403). Besonders der positive Effekt des Altruismus ist für die vorliegende Arbeit von Bedeutung, da die Wohltätigkeitsnorm vermutlich mit dem Altruismus korreliert. Carlsson und Johansson-Stenman (2010) untersuchten die Determinanten der Wahlnorm in Schweden. Generell stuften 60 Prozent der Befragten die Aussage, es sei eine demokratische Verpflichtung zu wählen, als Grund sich an der kommenden Nationalwahl zu beteiligen als sehr wichtig ein (Carlsson / Johansson-Stenman 2010: 502). Frauen und Personen mit einer sozialdemokratischen Parteibindung nehmen die Wahlnorm stärker wahr als Männer und Personen ohne 118 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung eine Parteibindung. Die Bildung und das Einkommen scheinen keinen Einfluss zu haben. Befragte, die in einer Kleinstadt leben, haben im Vergleich zu Befragten, die in einer mittelgroßen Stadt leben, eine niedrigere Wahlnorm. Bei dem Alter zeigt sich kein eindeutiger Zusammenhang (Carlsson / Johansson-Stenman 2010: 503). 5.5 Das Sozialkapital und die Wahlnorm Wenn die Wahlnorm als abhängige Variable betrachtet wird, werden im Rahmen der bisherigen Forschung nur soziodemographische Variablen und politische Einstellungen als unabhängige Variablen berücksichtigt (siehe vorheriges Unterkapitel). Die Wahlnorm und das Sozialkapital werden nur parallel zueinander zur Erklärung der Wahlbeteiligung herangezogen (siehe Kapitel 5.7). Goerres (2010) beschäftigte sich bis jetzt als Einziger mit dem Sozialkapital als unabhängiger und der Wahlnorm als abhängiger Variable. Er untersucht mit dem ESS 2002 / 2003 den Einfluss der Soziodemographie und einzelner Bestandteile des Sozialkapitals auf die Wahlnorm. Bei der Spezifizierung seines Modells orientiert sich Goerres an vier verschiedenen Theorieperspektiven. Erstens die soziale Integration und zweitens das Vertrauen in andere Individuen (Goerres 2010: 278 f.). Beide Perspektiven können mit zwei Komponenten des Sozialkapitals gleichgesetzt werden. Dies sind zum einen soziale Netzwerke und zum anderen das generalisierte Vertrauen. Die dritte Perspektive betrifft die Systemunterstützung, gemessen mit Hilfe des Vertrauens in das politische System (Goerres 2010: 286), während die vierte die Beobachtung der Handlungen anderer umfasst (Goerres 2010: 280 f.). Goerres sieht die vier Perspektiven als komplementär an und berechnet für die verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Perspektiven fünfzehn OLS-Regressionen (Goerres 2010: 287). Anhand der Werte zweier Güteindizes, dem korrigierten R² und dem Akaike Information Criterion (AIC), soll das »relativ beste Modell« (Goerres 2010: 283) ausgewählt und anschließend als Strukturgleichungsmodell geschätzt werden. Dabei würde es sich um das Modell, in dem alle vier Perspektiven enthalten sind, handeln. Da der Regressionskoeffizient für das Vertrauen in andere nicht signifikant ist, entscheidet 119 5 Der aktuelle Forschungsstand sich Goerres jedoch dafür das Vertrauen aus dem endgültigen Modell auszuschließen (Goerres 2010: 287). Von den zwei Sozialkapitalkomponenten verbleiben somit lediglich die informellen Netzwerke im finalen Modell. Diese werden mit zwei Items, der Trefffrequenz68 und der subjektiven Treffhäufigkeit69, gemessen. Es findet sich nur ein positiver statistischer Effekt (0,13) der subjektiven Treffhäufigkeit auf die Wahlnorm. Von den übrigen siebzehn Variablen sind, bis auf den Pfadkoeffizienten des Wohnortes, alle Pfadkoeffizienten statistisch signifikant und, bis auf zwei Kontrollvariablen, in der theoretisch erwarteten Richtung (Goerres 2010: 290). Der Aufsatz von Goerres hat sowohl auf theoretischer als auch auf methodischer Ebene einige Probleme. So gibt es keine systematische, theoretische Herleitung. Vielmehr stellt Goerres eine Vermutung auf, die er dann mit Hilfe von Literatur zu begründen versucht. Besonders kritisch ist dies für das Vertrauen in andere Individuen und bei der Beobachtung der Handlungen anderer. Die Beobachtung wird mit der Beteiligungsrate bei der letzten Nationalwahl und dem Vorhandensein einer gesetzlichen Wahlpflicht operationalisiert (Goerres 2010: 286). Die Verwendung dieser Variablen ist diskutabel, da es sich um die tatsächliche Beobachtung der Ausführung einer bestimmten Handlung, im vorliegenden Fall die Wahlteilnahme, handeln sollte. Die Wahlteilnahme per Briefwahl oder die Wahlteilnahme in Großstädten, erschweren die Beobachtung der individuellen Handlung erheblich, während die Beobachtung der Weigerung der Wahlteilnahme in Ländern mit einer gesetzlichen Wahlpflicht von staatlicher und nicht von individueller Perspektive ausgeht. Die theoretische Herleitung, dass Individuen umso eher kooperieren, »je mehr Kooperation sie in ihrem Kontext und in ihrer Gruppe wahrnehmen« (Goerres 2010: 281) spiegelt sich nicht direkt in der vorliegenden Operationalisierung wider. 68 How often do you meet socially with friends, relatives or work colleagues? Never, less than once a month, once a week, several times a week, every day (Goerres 2010: Anhang, Tabelle 4). 69 Compared to other people of your age, how often would you say you take part in social activities? Much less than most, less than most, about the same, more than most, much more than most (Goerres 2010: Anhang, Tabelle 4). 120 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung In Goerres Modell sind neben individuellen Variablen auch »Variablen, die Ländereigenschaften darstellen« (Goerres 2010: 289) enthalten. Es handelt sich um die Wahlpflicht, die Wahlbeteiligung bei der letzten Nationalwahl, die Länge der demokratischen Epoche, das Grundprinzip des politischen Systems und die Proportionalität des Wahlsystems (Goerres 2010: 284). Die Einflüsse der Makroebene werden jedoch nur auf individueller Ebene überprüft und nicht im Rahmen einer Mehrebenenanalyse. Das Ausmaß der Wahlpflicht besteht bspw. aus zwei dichotomen Variablen, spezifiziert nach einer schwach durchgesetzten und einer stark durchgesetzten Wahlpflicht. Die Variable der starken Wahlpflicht umfasst alle Befragten aus Belgien und Luxemburg, während die schwache Wahlpflicht alle Befragten aus Italien beinhaltet. Goerres interpretiert die Pfadkoeffizienten der Wahlpflicht fälschlicherweise als Makrovariablen: »Länder, in denen die Verletzung der Wahlpflicht stark geahndet wird, zeigen eine individuelle Wahlnorm, die im Schnitt 1,65 Punkte geringer ist als in Ländern ohne Wahlpflicht« (Goerres 2010: 291). Korrekterweise müsste es heißen: Individuen, die in Ländern mit einer starken Wahlpflicht leben, zeigen eine individuelle Wahlnorm, die im Schnitt 1,65 Punkte geringer ist, als von Individuen, die in Ländern ohne eine gesetzliche Wahlpflicht leben. Gleiches gilt auch für den Pfadkoeffizienten der schwachen Wahlpflicht: »In Ländern, in denen die Wahlpflicht häufiger verletzt wird, reduziert sich die Wahlnorm immerhin noch um 0,37 Punkte im Vergleich zu Ländern ohne irgendeine Wahlpflicht« (Goerres 2010: 291). Hierbei handelt es sich nicht um mehrere Länder, sondern nur um Italien bzw. italienische Befragte. Für italienische Befragte reduziert sich die Wahlnorm um 0,37 Punkte im Vergleich zu Befragten, die in Ländern ohne eine gesetzliche Wahlpflicht leben. Diese Vermischung von Mikro- und Makroebene und die damit einhergehenden Probleme (siehe Kapitel 8.5.4) hätten mit einer Mehrebenenanalyse umgangen werden können. 121 5 Der aktuelle Forschungsstand Die Mehrebenenanalyse wäre insgesamt das angemessenere statistische Verfahren gewesen, da Goerres den gesamten ESS als Datengrundlage verwendet hat. Der Datensatz ist hierarchisch strukturiert und wie Tabelle 16 zeigt, ist ein Teil der Varianz der Wahlnorm durch die Länderzugehörigkeit erklärbar. 5.6 Die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Es gibt viele verschiedene Gründe aus denen heraus sich Menschen an politischen Wahlen beteiligen.70 Wenn in Befragungen verschiedene Gründe zur Auswahl gestellt werden, ist der Glaube, dass die Stimmabgabe eine staatsbürgerliche Pflicht sei, einer der meist genannten.71 Häufig geht dieser Glaube mit dem Empfinden einher dem politischen System mit der Wahlenthaltung zu schaden (Jones 1954: 35). »The most serious grounds of a duty to vote are undoubtedly those which arise from a consideration of the needs of the political community as a whole« (Jones 1954: 34). Die Wahlnorm verbindet den Schutz des politischen Systems mit dem Eigeninteresse der Bürger (Blais 2000: 14), sodass ein zusätzlicher Anreiz zur Wahlbeteiligung vorliegt. Die Wahlbeteiligung und die Wahlnorm scheinen dadurch in den Köpfen der Wahlberechtigten miteinander verknüpft zu sein. Die Meta-Analyse von Smets und van Ham (2013) (siehe Kapitel 5.3) enthielt 11 Studien, die dem Rational Choice-Modell zugeordnet wurden. Die Wahlnorm ist in sechs Studien und mit siebzehn Tests untersucht worden (Smets / van Ham 2013: 353). In allen Studien wurde die Wahlnorm erfolgreich getestet. Die Koeffizienten waren statistisch signifikant und wiesen die erwartete Richtung auf. Von 17 Tests waren 16 ebenso erfolgreich. Lediglich in einem Test war der Koeffizient nicht signifikant (Smets / van Ham 2013: 353). Es gab nur wenige Determinanten, die eine höhere Erfolgsrate oder eine höhere durchschnittliche Effektstärke aufwiesen, als die Wahlnorm. 70 Für eine Auflistung siehe bspw. Lomasky und Brennan (2000), Sanders et al. (2005) und Ranney und Epstein (1966) oder Radtke (1972) für Deutschland. 71 Bspw. bei Carlsson und Johansson-Stenman (2010). 122 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Die positiven Beispielindikatoren des BES 2001 aus Kapitel 5.4 sind ebenfalls sehr starke Prädiktoren der Wahlbeteiligung (Clarke et al. 2004: 260). Aufgeteilt in die individuelle Wahlnorm, die wahrgenommene Wahlnorm und die Einstellungen des persönlichen Umfelds gegenüber der Wahlbeteiligung, befinden sie sich unter den fünf stärksten Einflussfaktoren auf die vorhergesagte Wahlwahrscheinlichkeit. Identische Ergebnisse finden sich auch bei Sanders et al. (2005). Bei der Veränderung der vorhergesagten Wahrscheinlichkeit zur Wahl zu gehen, hat die Wahlnorm die stärkste Auswirkung. Eine Person mit einer starken Wahlnorm hat im Vergleich zu einer Person ohne Wahlnorm eine um 72 Prozentpunkte höhere Wahlbeteiligungswahrscheinlichkeit (Sanders et al. 2005: 37). Steinbrecher et al. (2007) berechnen mehrere lineare und logistische Regressionen mit verschiedenen Datensätzen. In den multivariaten Modellen der Vor- und Nachwahlstudie72 zu den Bundestagswahlen von 1994, 1998 und 2002 ist die Wahlnorm, auch nach Kontrolle des politischen Interesses, der Bildung und der Stärke der Parteiidentifikation, jeweils der stärkste Erklärungsfaktor (Steinbrecher et al. 2007: 290 f.). Im Gegensatz zu den Vor- und Nachwahlstudien wurde die Wahlnorm bei der Personality Study 2003 mit drei Indikatoren gemessen. Erstens mit der Zustimmung zu der Aussage, ob ein guter Bürger verpflichtet ist zur Wahl zu gehen. Damit wird die wahrgenommene Wahlnorm erfasst (siehe Kapitel 3). Zweitens die Zustimmung zur Aussage, dass die eigene Stimme keinen Einfluss auf den Ausgang der Wahl hat. Damit wird eher der instrumentelle Charakter des Wählens erfasst. Der dritte Indikator misst die Zustimmung zu der Aussage, wenn man nicht zur Wahl geht, hat man ein schlechtes Gewissen (Steinbrecher et al. 2007: 236). Mit dem dritten Indikator wird der Grad der Internalisierung der Wahlnorm erfasst. Wenn die Wahlnorm internalisiert wurde, wird deren Nichtbefolgung mit einem schlechten Gewissen sanktioniert. Je stärker die Internalisierung der Wahlnorm, desto stärker sollte das schlechte Gewissen sein. Die internalisierte Wahlnorm sollte sich stärker auf die Wahlintention auswirken als die wahrgenommene Wahlnorm. In den Modellen der Wahlintention für die Europa-, Bundestags- und die Landtagswahl 72 Den Vorgängerstudien der GLES (siehe auch Kapitel 3.2.3). 123 5 Der aktuelle Forschungsstand war der klassische Wahlnormindikator dementsprechend nicht die erklärungskräftigste Variable, sondern das schlechte Gewissen bei der Nichtwahl. Bei der Regression mit der Wahlbeteiligung der letzten Bundestagswahl 2002 war wiederum die klassische Frage die erklärungskräftigste (Steinbrecher et al. 2007: 294). Kühnel (2001) untersuchte den Zusammenhang zwischen der Wahlnorm und der Beteiligungsabsicht sowie der Beteiligung bei der letzten Bundestagswahl 1998, der Beteiligung bei der letzten jeweiligen Landtagswahl und der letzten Europawahl 1994. Zunächst präsentiert er eine Kreuztabelle für jede der Wahlen getrennt nach Ost- und Westdeutschland. Cramer’s V beträgt zwischen 0,23 und 0,41 (Kühnel 2001: 33). Der stärkste Zusammenhang findet sich wie erwartet für die Beteiligungsabsicht und die Wahlnorm sowie für die Beteiligung bei der letzten Bundestagswahl und die Wahlnorm, während der Zusammenhang zwischen der Beteiligung bei der Europawahl und der Wahlnorm am schwächsten ist. Anschließend schätzte Kühnel ein Kausalmodell mit der Wahlnorm und der berichteten Wahlbeteiligung. Der Pfadkoeffizient des westdeutschen Modells betrug 0,48, während er im ostdeutschen Modell 0,51 betrug (Kühnel 2001: 37, 39). Er fand für Westdeutschland keinen statistisch signifikanten Effekt der politischen Aktivität von Freunden auf die Wahlnorm. Für Ostdeutschland fand er hingegen einen negativen Effekt (- 0,15) (Kühnel 2001: 39). In den Pfadmodellen wurden die Bildung, das politische Interesse und andere wichtige Einflussfaktoren nicht kontrolliert. Schoen und Falter (2003) untersuchten ebenfalls den Einfluss der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2002. Sie führten drei multiple lineare Regressionen durch: Für alle Befragten, für Befragte mit einer schwachen Wahlnorm und für Befragte mit einer starken Wahlnorm. Bei Befragten mit einer schwachen Wahlnorm waren das politische Interesse, die Stärke der Parteibindung und die Kanzler- sowie die Sachfragenpräferenz einflussreiche Prädiktoren für die Wahlbeteiligung (0,16 – 0,29), während diese Variablen bei den Befragten mit einer starken Wahlnorm einen deutlich geringeren Einfluss haben (0,03 – 0,06) (Schoen / Falter 2003: 37). »Die Wahlnorm wirkt somit als Moderator- oder Filtervariable« (Schoen / Falter 2003: 38). Dieser Befund wird von Steinbrecher et al. (2007) bestätigt und ist bei second- und third-order-elections sogar noch stärker 124 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung (Steinbrecher et al. 2007: 254). Zu einem ähnlichen Befund gelangen auch Blais und Achen (2009). »In the presence of duty, preference matters less« (Blais / Achen 2009: 4). Diesen negativen Interaktionseffekt finden Blais und Achen sowohl für Kanada als auch für die USA (Blais / Achen 2009: 13). Für Föderal-, Provinz- und Gemeindewahlen in Kanada finden Blais und Labbé St-Vincent (2011: 398) den negativen Interaktionsterm ebenfalls. Es zeigt sich auch im Rational Choice Modell, dass die Rational Choice-Variablen bei Befragten mit einer hohen Wahlnorm kaum einen Einfluss auf die Wahlabsicht haben, während sie bei Befragten mit einer geringen Wahlnorm sehr wohl einen Einfluss haben (Blais et al. 2000). Kleinhenz (1995) untersuchte ebenfalls den Zusammenhang zwischen der Wahlnorm, dem politischen Interesse sowie der Wahlbeteiligung. Befragte, die ein geringes politisches Interesse haben und die Wahlnorm wahrnehmen, gingen 1993 mehr als drei Mal so häufig zur Wahl wie Personen mit einem geringen politischen Interesse ohne Wahlnorm (Kleinhenz 1995: 132). Die Wahlnorm scheint demnach eine wichtige Bindungsfunktion zu besitzen, »indem sie politisch wenig Interessierte zur Stimmabgabe bewegt« (Kleinhenz 1995: 132). De Nève (2009) untersuchte den Zusammenhang zwischen der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung für Deutschland, die Niederlande und Großbritannien. Die Wirkung der Wahlnorm scheint sich auch dann noch zu entfalten, selbst wenn das tatsächliche Partizipationsverhalten der Norm nicht mehr entspricht. »Der Anteil der Personen, die an Wahlen zwar nicht teilnehmen, zugleich jedoch das Wählen als staatsbürgerliche Pflicht bezeichnen« (De Nève 2009: 149), sei relativ groß. Ein beträchtlicher Anteil der Nichtwähler verstößt somit gegen die wahrgenommene und gegebenenfalls sogar gegen die internalisierte Norm. Dies steht im Einklang mit der Vermutung, dass lediglich die wahrgenommene (und nicht die internalisierte) Wahlnorm in den Umfragen erfasst wird. Der Verstoß gegen die wahrgenommene Wahlnorm wird daher als nicht allzu widersprüchliche Handlung empfunden. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Kleinhenz (1995: 128). Insgesamt betrachtet, hat der Forschungsstand in Bezug auf die Wahlnorm, das Sozialkapital und die Wahlnorm sowie der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung drei wichtige Punkte dokumentiert: Erstens, 125 5 Der aktuelle Forschungsstand die Wahlnorm ist wichtig zur Erklärung der Wahlbeteiligung. Zweitens stellt sich die Frage, wo die Wahlnorm herkommt und drittens, warum sie sich zwischen den Bürgern unterscheidet. Doch leider sind die letzten zwei Fragen weitestgehend unbeantwortet geblieben, denn »rather than a starting point for further research, however, the early consensus regarding the importance of civic duty seems to have closed it off« (Campbell 2006: 191). 5.7 Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Bisher wurde entweder der Einfluss des Sozialkapitals auf die Wahlbeteiligung oder der Einfluss von soziodemographischen Merkmalen auf die Wahlnorm erforscht. Es gibt bislang keine Studie, die die Komponenten des Sozialkapitals mit der Wahlnorm als vermittelnde Variable und der Wahlbeteiligung als abhängige Variable in einen theoretischen Zusammenhang bringt und diesen empirisch überprüft. Im Folgenden werden Studien, die die Determinanten der Wahlbeteiligung untersuchen und sowohl die Wahlnorm als auch das Sozialkapital als unabhängige Variablen enthalten, vorgestellt. Knack (1992) untersucht den Einfluss sozialer Beziehungen und Normen auf die Wahlbeteiligung. Er berechnet mehrere logistische Regressionen mit unterschiedlichen Datensätzen der National Election Studies und des Social Sanctions Survey. Knack hat dabei insbesondere die Sanktionierungsmöglichkeiten der Beziehungen und die Verbreitung der sozialen Normen durch die Beziehungen im Blick. Besonders verheiratete Personen beteiligen sich in der Regel häufiger als alleinstehende Personen (bspw. Wolfinger / Rosenstone 1980). Dabei ist auch der Bildungsabschluss des Partners relevant. Befragte mit einem Ehepartner mit einem College-Abschluss beteiligen sich eher an der Wahl. Knack vermutet, dass die höher gebildeten Ehepartner die Kosten der Wahlbeteiligung verringern und somit die Wahlbeteiligung erhöhen (Knack 1992: 138). Ein größerer Teil lässt sich jedoch mit dem »high potential among marriage partners for active disapproval of the violation of voting norms« (Knack 1992: 139) erklären. Aber auch die Verbindungen in der Nachbarschaft scheinen sich auf die Wahlbeteiligung auszuwirken. Für Befragte, die wissen, dass ihre Nachbarn planen zur Wahl zu gehen, steigt die Wahrscheinlichkeit 126 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung sich ebenfalls an der Wahl zu beteiligen (Knack 1992: 140). Gleiches gilt für Befragte, die sich allgemein mit mindestens drei oder mehreren Nachbarn unterhalten und auch für Befragte, in deren persönlichem Umfeld jemand enttäuscht wäre, wenn der Befragte nicht zur Wahl ginge (Knack 1992: 141 f.). Personen, die anderen Menschen vertrauen, nehmen im Vergleich zu Personen, die sehr vorsichtig im Umgang mit anderen Menschen sind, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit an der Wahl teil (Knack 1992: 145). Dieser Effekt besteht unter anderem unter Kontrolle der Wahlnorm. Eilfort (1994) untersuchte ebenfalls die Auswirkungen von sozialer Integration auf die Wahlbeteiligung. Er operationalisierte diese mit dem Familienstand und der Haushaltsgröße und schlussfolgert, dass so mancher Wahlberechtigte von seinen Mitmenschen motiviert wird die Stimme abzugeben (Eilfort 1994: 238). Im Anschluss wurde der Zusammenhang zwischen der Integration in formellen Netzwerken, der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung mit Hilfe der Kreuztabellenanalyse untersucht. Es findet sich sowohl ein positiver Zusammenhang zwischen der Vereinsmitgliedschaft und der Wahlnorm (Eilfort 1994: 246), als auch zwischen der Vereinsmitgliedschaft und der Wahlbeteiligung (Eilfort 1994: 244 f.). Demnach führt soziale Isolation zu einer geringeren Wahlbeteiligung (Eilfort 1994: 247 f.) und basierend auf den Ergebnissen der Analysen auch zu einer geringeren Wahrnehmung der Wahlnorm. Lippl (2007) und Roller und Rudi (2008) untersuchten anhand der Daten des European Social Survey von 2002 / 2003 den Zusammenhang zwischen dem Sozialkapital und der Wahlbeteiligung. Die Wahlnorm, im Rahmen der politischen Einstellungen bzw. Normen, war ebenfalls eine erklärende Variable in ihren Modellen. Lippl baute sein Modell schrittweise auf. Zunächst wurden nur sozialstrukturelle Merkmale berücksichtigt. Das zweite Modell wurde um politische Einstellungen inklusive der Wahlnorm erweitert und das letzte Modell enthielt zusätzlich das Sozialkapital (Lippl 2007: 443). Lediglich fünf der vierzehn Sozialkapitalvariablen leisteten einen Beitrag zur Erklärung der Wahlbeteiligung. Das Vertrauen in die Menschen, die Geselligkeit der Befragten im Vergleich zu ihren Mitmenschen, intensives Engagement in Hobby- und Freizeitvereinen sowie in Humanitär- und Umweltvereinen und religiösen Gruppen wirkten sich positiv 127 5 Der aktuelle Forschungsstand auf die Wahlbeteiligung aus. Die Wahlnorm wirkt sich auch unter Kontrolle der übrigen Variablen positiv auf die Wahlbeteiligung aus. In dem Modell von Roller und Rudi wirken sich sowohl das Vertrauen als auch die Anzahl der Vereinsmitgliedschaften positiv auf die Wahlbeteiligung aus (Roller / Rudi 2008: 266). Gleiches gilt für die politischen Normen, die unter anderem die Wahlnorm enthalten. Fieldhouse et al. (2007) schätzten, ebenfalls mit den Daten des ESS 2002 / 2003, mehrere Modelle, welche die Wahlbeteiligung von jungen Menschen erklären sollten. Die Wahlnorm war Bestandteil eines Normindexes im Rational Choice-Modell. Dieser Normindex hatte auch unter Kontrolle der Parteibindung und der politischen Selbstwirksamkeit einen Einfluss auf die Wahlbeteiligung (Fieldhouse et al. 2007: 811). In einem zweiten Modell wurde die Erklärungskraft des Sozialkapitals auf die Wahlbeteiligung untersucht. Lediglich das Vertrauen in die politischen Institutionen, die Anzahl der Vereinsmitgliedschaften und die Konfessionszugehörigkeit hatten einen positiven Effekt auf die Wahlbeteiligung (Fieldhouse et al. 2007: 813). In einem Gesamtmodell der wichtigsten erklärenden Variablen blieb der positive Effekt der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung, unter Kontrolle der übrigen Variablen, bestehen (Fieldhouse et al. 2007: 817). Rattinger und Krämer (1995) untersuchten den kausalen Zusammenhang zwischen der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung in der BRD. Datengrundlage war eine Wiederholungsbefragung mit drei Wellen (Juni / Juli 1992, Februar / März 1993, September bis November 1993). In Westdeutschland hatte unter anderem die Vereinsmitgliedschaft einen Einfluss auf die Wahlnorm, während in Ostdeutschland das Alter und die Bildung die Ausprägung der Wahlnorm beeinflusst haben (Rattinger / Krämer 1995: 279). Im bivariaten Modell zeigten sich bereits starke Zusammenhänge zwischen der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung, die auch im multivariaten Modell bestätigt wurden. Die Wahlnorm war in beiden Landesteilen der stärkste Einflussfaktor, dicht gefolgt von der Stärke der Parteibindung (Rattinger / Krämer 1995: 283). In Westdeutschland hatten unter anderem auch die Vereinsmitgliedschaft und die Kirchenverbundenheit einen Einfluss auf die Wahlbeteiligung (Rattinger / Krämer 1995: 279). Im Längsschnitt verschwindet der Einfluss der Vereinsmitgliedschaft auf die Wahlnorm (Rattinger / Krämer 1995: 281). Die Zusammenhänge zwischen 128 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung der Wahlnorm, der Stärke der Parteibindung sowie der Kirchenverbundenheit und der Wahlbeteiligung bleiben hingegen bestehen (Rattinger / Krämer 1995: 281). So kommen Rattinger und Krämer zu dem Schluss, dass »vor allem auch die Internalisierung einer demokratischen Wahlnorm für die Wahlteilnahme ausschlaggebend ist. […] Ist sie rückläufig, sinkt auch die Wahlbeteiligung« (Rattinger / Krämer 1995: 284). Zusammenfassend betrachtet stellt die Wahlnorm, basierend auf der Zugehörigkeit zu der Gesellschaft im Ganzen, vermittelt über die Integration in informelle und formelle Netzwerke, eine ausschlaggebende Variable zur Erklärung der Wahlbeteiligung dar. Die vorliegende Arbeit geht deshalb davon aus, dass die Wahlnorm von dem Sozialkapital beeinflusst wird. Es wird einen Schritt vor den bisher berichteten Untersuchungen angesetzt, denn es gibt bislang keine Studie, die den Einfluss des Sozialkapitals auf die Wahlnorm sowie den Einfluss der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung systematisch integriert und untersucht hat. Die Wahlnorm müsste dabei als Mediatorvariable in das Modell eingefügt werden. Es würde sich demnach um ein Pfadmodell bzw. ein lineares Strukturgleichungsmodell handeln. Solche Modelle zu schätzen ist anspruchsvoll und in einigen Fällen werden spezielle Programme (bspw. Lisrel oder Mplus) zur Datenanalyse benötigt. Aus diesen Gründen ist es, wie eben berichtet, üblich sowohl das Sozialkapital als auch die Wahlnorm als unabhängige Variablen in ein multivariates Modell einzufügen, sodass zumindest für Drittvariableneffekte kontrolliert wird. Der Effekt des Sozialkapitals auf die Wahlnorm und der Effekt der Wahlnorm auf die Wahlbeteiligung sind dabei jedoch, anders als bei dem Strukturgleichungsmodell, nicht quantifizierbar. Dies soll in den nachfolgenden Kapiteln erfolgen.

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Zusammenfassung

Bei Wahlen seine Stimme abzugeben gilt in Deutschland und vielen anderen Ländern als Pflicht eines jeden Bürgers, als eine ungeschriebene Norm. Der Ursprung dieser sogenannten „Wahlnorm“ und wie sich diese gegebenenfalls noch verstärken ließe, sind jedoch noch weitgehend unerforscht. Yvonne Lüdecke schließt diese Forschungslücke, indem sie das Konzept des Sozialkapitals von Robert D. Putnam auf die Wahlnorm anwendet. Unter dem Begriff des Sozialkapitals werden Mitgliedschaften in Vereinen, das Vertrauen in andere Menschen und die Selbstverpflichtung Hilfe zu leisten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zusammengefasst. Ist das Sozialkapital in der Lage, die Wahlnorm zusätzlich zu verstärken und die Bürger zur Stimmabgabe zu bewegen? Lässt sich die Wahlnorm tatsächlich nur durch zwischenmenschliche Kontakte und gemeinschaftliches Miteinander aufrechterhalten? Die Autorin beleuchtet diese Fragen und nähert sich so auch dem Charakter der Wahlnorm.