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4 Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung in:

Yvonne Lüdecke

You never vote alone, page 67 - 76

Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4022-5, ISBN online: 978-3-8288-6816-8, https://doi.org/10.5771/9783828868168-67

Tectum, Baden-Baden
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67 4 Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung Die verschiedenen Erklärungsansätze des Wahlverhaltens befassen sich mit zwei Aspekten. Zum einen wird versucht die Entscheidung zur Wahl zu gehen oder nicht, also die Wahlbeteiligung, zu erklären. Zum anderen soll die Auswahl einer Partei oder eines Kandidaten, sprich die Wahlentscheidung, erklärt werden. Die folgenden Ansätze wurden primär zur Erklärung der Wahlentscheidung entwickelt. In der Wahlforschung »wird die Wahlbeteiligung als Teil der Wahlentscheidung zugunsten einer Partei oder eines Kandidaten betrachtet, so daß deren Bestimmungsgrößen auch für die Erklärung der Wahlbeteiligung herangezogen werden können« (Caballero 2005: 330). Die Verwendung der Wahlentscheidungsansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung ist jedoch, wie in den folgenden Kapiteln dargestellt wird, nicht immer widerspruchsfrei. In diesem Kapitel sollen die wichtigsten Ansätze und Modelle aus der Wahl- und der Partizipationsforschung erörtert werden, die entweder die Wahlnorm oder formelle43 Netzwerke beinhalten. In den frühesten Untersuchungen der Wahlbeteiligung wurde schwerpunktmäßig der Einfluss von informellen Netzwerken berücksichtigt (Lazarsfeld et al. 1944, Berelson et al. 1954 und Maccoby 1958). Im Rahmen des Sozialkapitals sind jedoch besonders die formellen Netz- 43 Wie in Kapitel 2.2 dargestellt wurde, ist es möglich die Netzwerke in formelle und informelle Netzwerke zu unterteilen. 68 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung werke von Bedeutung44, daher wird der soziologische Ansatz nicht weiter betrachtet. Die Wahlnorm wurde in den folgenden Ansätzen unterschiedlich stark eingebunden. Es soll geklärt werden, in welchem Ansatz zur Erklärung der Wahlbeteiligung die Wahlnorm integriert wurde oder sie am besten zu integrieren wäre. Die Berücksichtigung von formellen Netzwerken im sozioökonomischen Standardmodell (Verba / Nie 1972) und dem »civic voluntarism«-Modell (Verba et al. 1995) bildet die Basis für die Verwendung des Konzepts des Sozialkapitals zur Erklärung der Wahlbeteiligung. Daher werden die zwei Modelle aus der Partizipationsforschung ebenfalls betrachtet. 4.1 Der sozialpsychologische Ansatz Campbell et al. (1954) entwickelten den sozialpsychologischen Ansatz zur Erklärung des Wahlverhaltens. Hauptuntersuchungsgegenstand ist die Wirkung von psychologischen Merkmalen, wie Einstellungen, Erwartungen und Loyalität gegenüber Gruppen auf das Wahlverhalten insgesamt (Campbell et al. 1954: 85 f.). Es handelt sich hierbei um sechs Faktoren: Die Parteiidentifikation, Themen- und Kandidatenorientierungen, Konformität, Selbstwirksamkeit und die Wahlnorm (Campbell et al. 1954: 86). Die Wahlnorm und die Selbstwirksamkeit wirken sich primär auf die Entscheidung, sich an der Wahl zu beteiligen, aus. Deshalb wurden sie theoretisch nicht weiter beachtet und lediglich im Anhang berichtet (Campbell et al. 1954: 187 ff.). Die ersten vier Einstellungen wirken sich hingegen zusätzlich auf die Entscheidung aus, welche Partei oder welcher Kandidat gewählt wird. In der Studie wurden jedoch nur die Parteiidentifikation und die Themen- und Kandidatenorientierungen genauer betrachtet, da sie den größten Beitrag zur Erklärung der Wahlentscheidung leisten (Campbell et al. 1954: 86). Die Wahlnorm (»sense of civic duty«) wurde mit Hilfe von vier Items gemessen. Die Mehrheit der Befragten weist eine sehr starke Wahlnorm auf, denn ca. 87,5 Prozent der Befragten lehnen die Aussagen »It isn’t so important to vote when you know your party doesn’t 44 Siehe Fußnote 17. 69 4 Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung have a chance to win« und »So many other people vote in the elections that it doesn’t matter much to me whether I vote or not« ab (Campbell et al. 1954: 195). Die Aussage »A good many local elections aren’t important enough to bother with« wird von ca. 80 Prozent der Befragten abgelehnt, während die Aussage »If a person doesn’t care how an election comes out he shouldn’t vote in it« lediglich von 50 Prozent der Befragten abgelehnt wird (Campbell et al. 1954: 195). Positiv ist zum einen die Messung mit mehreren Items, denn diese ist in der Regel reliabler als eine Messung mit nur einem Indikator (Reeskens / Hooghe 2008: 530) und zum anderen wird die Wahlnorm indirekt erfasst, sodass der Grad der sozialen Erwünschtheit kleiner sein sollte. Auf der anderen Seite ist nicht unbedingt gewährleistet, dass die Messung valide ist und damit tatsächlich die Wahlnorm gemessen wird. Es wird auch der bivariate Zusammenhang zwischen der Wahlnorm und verschiedenen soziodemographischen Variablen überprüft. Höher gebildete, Weiße und Befragte mit hohem Einkommen sowie Personen, die in großen Metropolen wohnhaft sind, weisen eine starke Wahlnorm auf (Campbell et al. 1954: 197). Mit einer weiteren Kreuztabelle wird die Beziehung zwischen der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung unter Kontrolle verschiedenster soziodemographischer Faktoren untersucht. »The relationship between citizen duty and political participation holds up very well, even when each of these eight demographic factors is held constant« (Campbell et al. 1954: 199). 1960 erweiterten Campbell et al. ihren Ansatz um den sogenannten Kausalitätstrichter. Das Kernmodell umfasst weiterhin die Wirkung der Parteiidentifikation, der Themen- und der Kandidatenorientierungen auf die Wahlentscheidung. Neu hinzugekommen sind von außen kommende Einflüsse und die Berücksichtigung des sozialstrukturellen Hintergrunds der Wähler (Pappi / Shikano 2007: 23). Es wird davon ausgegangen, dass die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen die Einstellungen der Individuen beeinflusst. Dies kann über Primärgruppen, wie die Familie, Freunde und Bekannte, oder durch Sekundärgruppen, wie die Religionszugehörigkeit oder die Gewerkschaftsmitgliedschaft, erfolgen (Campbell et al. 1960: 297, 302). Im Gegensatz zu der vorangegangenen Studie untersuchen Campbell et al. (1960) zusätzlich den Einfluss von psychologischen Faktoren auf die Wahlbeteiligung. Die Entscheidung sich an der Wahl zu 70 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung beteiligen wird von der psychologischen Involvierung der Wähler in die Politik beeinflusst. Es handelt sich dabei um vier Faktoren: Das Interesse am Wahlkampf, das Interesse am Wahlergebnis, die Selbstwirksamkeit und die Wahlnorm (Campbell et al. 1960: 101 f.). Auch hier wurde die Wahlnorm, wie bereits in Campbell et al. (1954), mit vier Indikatoren gemessen und ein kumulativer Index gebildet. Der Fokus des sozialpsychologischen Ansatzes liegt in erster Linie auf der Erklärung der Wahlentscheidung, sodass die Wahlnorm keinen Bestandteil des Kernmodells darstellt. Daher findet die Wahlnorm wenig Beachtung und keinerlei weitere theoretische Fundierung. Stattdessen ist sie dem erweiterten sozialpsychologischen Ansatz zuzuordnen, wenn es darum geht die Wahlteilnahme zu erklären. Doch auch in den dazugehörigen statistischen Modellen, wird die Wahlnorm zumeist ohne weitere Begründungen eingefügt. 4.2 Der Rational-Choice-Ansatz Der Rational-Choice-Ansatz (RC-Ansatz) wurde von Anthony Downs (1957) entwickelt. Die Methodik und die zentralen Annahmen stammen aus der Ökonomie und wurden auf die Politik übertragen (Arzheimer / Schmitt 2014: 339). Primär wurde damit das Verhalten der Wähler analysiert. Das Kernmodell von Downs zur Erklärung des Wählerverhaltens umfasst drei Komponenten: Die Wahrscheinlichkeit p, den Nutzen U und die Kosten C. Die Wahrscheinlichkeit p gibt an, wie wahrscheinlich es ist die wahlentscheidende Stimme abzugeben. Der Nutzen U setzt sich aus der Differenz des Nutzens, der sich aus der Regierungstätigkeit von Partei A ergibt, und des Nutzens, der sich aus der Regierungstätigkeit von Partei B ergibt45, zusammen (Pappi / Shikano 2007: 34). Bei den Kosten handelt es sich um Informations-, Entscheidungs- und Opportunitätskosten (Arzheimer / Schmitt 2014: 377). In einigen Ländern können zusätzlich materielle wie immaterielle Kosten auftreten (Arzheimer / Schmitt 2014: 377). »Voting depends on a calculation of the personal costs and benefits of voting« (Clarke et al. 45 Dies gilt für Zwei-Parteiensysteme. 71 4 Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung 2004: 7). Wenn der Nutzen die Kosten übersteigt (p x U > C), sollte ein rational handelndes Individuum wählen gehen. Da jedoch der Nutzen mit der Wahrscheinlichkeit diskontiert wird, um den erwarteten Nutzen der Stimmabgabe zu ermitteln (Arzheimer / Schmitt 2014: 377), wird der erwartete Nutzen infinitisemal werden (Green / Shapiro 1994: 49, Fn. 2) und damit übersteigen die Kosten jedes Mal den Nutzen, sodass jegliche Stimmabgabe irrational wird. Daraus ergibt sich das sogenannte Wahlparadox, denn obwohl die Wahlenthaltung einer rationalen Verhaltensweise entsprechen würde, ist bei jeder Wahl zu beobachten, dass die Mehrheit dennoch wählen geht. Das würde auch bedeuten, dass der RC-Ansatz nichts zur Erklärung der Wahlentscheidung beitragen kann, weil der rationale Mensch gar nicht erst zur Wahl gehen sollte. Es gibt viele verschiedene Versuche das Wahlparadox aufzulösen.46 Ein Versuch ist die Hinzunahme der Pflicht (duty). Dazu gehört auch die Wahlnorm. Schon Downs meinte »it is sometimes rational for a citizen to vote even when his short-run costs exceed his short-run returns, because social responsibility produces a long-run return« (Downs 1957: 261). Das Wählen aus einer sozialen Verantwortung heraus legt die Grundlage zu Überlegungen zur Wahlnorm. Begründet wird die Verantwortung mit dem Wert des Wahlakts an sich, denn wenn niemand wählen gehen würde, würde das System kollabieren (Downs 1957: 261). Um das Scheitern der Demokratie zu verhindern würde der rational handelnde Mensch der Versuchung widerstehen »to let short-run individual rationality triumph over long-run individual rationality« (Downs 1957: 268). Da die absoluten Kosten des Wählens sehr gering sind, können einige Menschen damit leben, dass ihre persönlichen Kosten die persönlichen Gewinne übersteigen. Doch die Wahlteilnahme mit dem Ansinnen die Demokratie schützen zu wollen ist aus zwei Gründen nicht plausibel. Zum einen stellt die Wahlbeteiligung zum Erhalt der Demokratie ein weiteres Kollektivgutproblem dar, sodass rationale Personen ihre Stimme dennoch nicht abgeben würden. Zum anderen ist es mehr als unwahrscheinlich, dass niemand zur Wahl geht. Sollte es dennoch dazu kommen, dass die Teilnahmebereitschaft der anderen Wähler massiv sinkt, so würde 46 Für eine ausführlichere Betrachtung sei auf Arzheimer und Schmitt (2014) sowie Green und Shapiro (1994) verwiesen. 72 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung sich die Wahrscheinlichkeit, die entscheidende Stimme abzugeben, vergrößern und damit wäre es für einige Menschen wieder rational zu wählen (Lomasky / Brennan 2000: 78). »But this is not how moral people reason. Since the cost of voting is small, the good citizen will conclude that voting is the right thing to do and not voting is wrong« (Blais 2000: 93). Problematisch an dieser Sichtweise ist jedoch die Tatsache, dass der RC-Ansatz von rationalen Menschen ausgeht und nicht von moralischen. Auf Basis von Downs Vorüberlegungen zur Wahlnorm implementierten Riker und Ordeshook (1968) die »duty«, auch d-Term genannt, innerhalb des erweiterten RC-Ansatzes. Die »duty« entspricht bei Riker und Ordeshook (1968) »psychic goods as helping save democracy, fulfilling a sense of civic duty, expressing one’s efficacy, and so on« (Blais et al. 1995: 827). Die Hinzunahme des d-Terms führte zu einer kontroversen Diskussion. Die Gegner des d-Terms argumentieren, dass seine Einführung tautologisch sei. »It borders on tautology, by leaving us with the prediction that the people who will vote are those who feel they should vote« (Campbell 2006: 15). Die Hinzunahme der Wahlnorm wird von einigen Autoren sogar als analytischer Fehlschlag bezeichnet (Campbell 2006: 15). Besonders kritisch ist die Hinzunahme der Wahlnorm innerhalb des RC-Ansatzes zu sehen, weil dadurch »willkürliche Vermutungen über das Zustandekommen von Präferenzen« (Arzheimer / Schmitt 2014: 393) angestellt werden und der Kern des Ansatzes verändert wird (Arzheimer / Schmitt 2014: 394). Eine weitere Möglichkeit das Paradox aufzulösen ist die Klassifizierung verschiedener Anreize zur Wahlbeteiligung. So gibt es unter anderem »solidary incentives«, also Anreize, die durch soziale Netzwerke gesetzt werden (Knack 1992: 135). »External sanctions from friends, relatives, and other associates appear to play a major role in overcoming collective action problems in other settings« (Knack 1992: 137). Soziale Sanktionen, wie bspw. Scham, Konformitätsdruck, Ächtung und Missbilligung sollten ausreichend Druck auf die Menschen ausüben und sie motivieren an der Wahl teilzunehmen. Des Weiteren sollten sie, wie in Kapitel 3.3 beschrieben, die Internalisierung der Wahlnorm verstärken. Die Wähler umgehen durch ihre Wahlbeteiligung die sozialen Kosten bzw. sozialen Sanktionen, die möglicherweise entstanden wären, wenn sie sich nicht an der Wahl 73 4 Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung beteiligt hätten. Mit solchen Annahmen rückt der RC-Ansatz sehr stark in die Nähe des soziologischen und des sozialpsychologischen Ansatzes (Caballero 2005: 338). Dennoch stimmt die Wahlnorm mit der Begründung die Demokratie zu schützen oder die Wahlnorm als Ausdrucksweise des Gefühls, dass es das richtige wäre zu wählen, nicht mit den Grundannahmen des RC-Ansatzes überein und sollte daher nicht weiter im Kontext des Ansatzes verwendet werden. Die Wahlnorm sollte entweder abgelehnt werden, weil sie den Prämissen des RC-Ansatzes widerspricht oder wenn sie als Teil des Ansatzes betrachtet wird, sollte sie unbedingt näher untersucht werden. Momentan wird die Wahlnorm in der RC-Forschung hingegen geduldet, aber sie wird nicht weiter beachtet und erforscht. »Civic duty has received too little theoretical attention in the empirical and rational choice literatures on turnout« (Blais / Achen 2009: 5). 4.3 Das Konzept des Sozialkapitals Mit Hilfe des Konzepts des Sozialkapitals wird ebenfalls versucht die Wahlbeteiligung zu erklären. Ausgangspunkt ist die positive Wirkung der Netzwerke auf die Wahlbeteiligung. So ist es nicht verwunderlich, dass in allen Ansätzen zur Erklärung des Wahlverhaltens, außer dem RC-Ansatz, der Einfluss von informellen Netzwerken angesprochen wurde. Ihnen ist auch gemein, dass die formellen Netzwerke nicht systematisch integriert wurden, sondern einmalig als Kontrollvariable oder als möglicher zusätzlicher Einflussfaktor erwähnt wurden. Im sozioökonomischen Standardmodell (SES-Modell) von Verba und Nie (1972) zur Erklärung politischer Partizipation, inklusive der Wahlbeteiligung, wurden formelle Netzwerke berücksichtigt. Neben den Ressourcen wurde die Mitgliedschaft in unpolitischen Vereinen als zusätzliche Drittvariable zur Kontrolle des Modells eingefügt und somit am Rande berücksichtigt (Verba / Nie 1972: 174 ff.). Dahinter steckt die Frage, ob die Vereinsmitgliedschaft die Verzerrung der Partizipation durch den sozialen Status verringern kann und Personen mit geringerem sozialen Status, die sich aufgrund ihrer Ressourcen und Einstellungen eher nicht beteiligen würden, mobilisieren kann (Verba / Nie 1972: 20). Nach der Berücksichtigung des sozialen Status 74 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung beteiligen sich aktive Vereinsmitglieder sehr viel häufiger als inaktive oder Nichtmitglieder (Verba / Nie 1972: 185). Politische Diskussionen und die Arbeit für das Gemeinwohl erhöhen die Partizipation zusätzlich (Verba / Nie 1972: 188 f.). Die Mitgliedschaft und Aktivität in unpolitischen Vereinen erhöhen ebenfalls die Partizipation, aber nur, wenn die Mitglieder dort ebenfalls politischen Themen ausgesetzt sind (Verba / Nie 1972: 194). Zwei Annahmen des »civic voluntarism«-Modells, dem Nachfolger des SES-Modells, stimmen mit dem Sozialkapital-Ansatz überein. Zum einen wird davon ausgegangen, dass die Mitgliedschaft oder der Kontakt zu bspw. Kirchen oder unpolitischen Gruppen »as training grounds for civic skills« (Brady et al. 1995: 271) dienen. Diesen Zusammenhang fasste bereits de Tocqueville unter dem Begriff »Schulen der Demokratie« zusammen. »The civic skills that facilitate participation are not only acquired in childhood but cultivated throughout the life cycle in the major secondary institutions of adult life. In this way, the institutions of civil society operate, as Tocqueville noted, as the school of democracy« (Brady et al. 1995: 285). Zum anderen wird unterstellt, dass Netzwerke die Mobilisierung der Personen unterstützen. Die Netzwerke vereinfachen die Kooperation, sodass kollektive Handlungen schneller umgesetzt werden können. Somit scheint das Konzept des Sozialkapitals zur Erklärung politischer Partizipation und damit auch der Wahlbeteiligung geeignet zu sein. Putnam hat auf die Bedeutung der formellen Netzwerke für die politische Partizipation aufmerksam gemacht (Gabriel 2004: 326). Dies liegt auch an der Betonung der positiven Eigenschaften der Netzwerke und deren Einfluss sowohl auf das Individuum als auch auf dessen Umfeld. Weitere Anknüpfungspunkte von Putnam an de Tocqueville betreffen die »Annahmen über den Erwerb politischer Kompetenz im Rahmen der familiären und schulischen Sozialisation« (Gabriel 2004: 326) und deren partizipationsfördernde Effekte. Wichtiger als die »civic skills« sind Putnam jedoch das Vertrauen und die Normen. Die Fähigkeiten ermöglichen bspw. die Kooperation in einer Bürgerinitiative, aber erst das Vertrauen und die Normen lassen das Individuum nicht nur ein Teil der Gruppe, sondern auch ein Teil 75 4 Die theoretischen Ansätze zur Erklärung der Wahlbeteiligung der Gesellschaft, werden. Deutlich wird diese Sichtweise Putnams in Bezug auf die Wahlbeteiligung. »Declining electoral participation is merely the most visible symptom of a broader disengagement from community life« (Putnam 2000: 35, Fn. 11). Die Wahlbeteiligung ist die einfachste Form der politischen Partizipation und die meisten Menschen besitzen die Fähigkeiten eine Stimme abzugeben. Auf die Stimmabgabe zu verzichten ist für Putnam gleichbedeutend mit dem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben. Das Sozialkapital-Konzept beschreibt somit die Involvierung der Individuen innerhalb der Gesellschaft und schafft die Verknüpfung von der sozialen zu der politischen Partizipation. »Das Zusammenwirken sozialer Aktivität (in Netzwerken), von zwischenmenschlichem Vertrauen und der Befürwortung auf die Gemeinschaft bezogener Werte und Normen führt (…) zu einer höheren politischen Beteiligung der Bürger« (Steinbrecher 2009: 68). Daher ist das Konzept des Sozialkapitals für die Erklärung von politischer Involvierung im Allgemeinen, und der Wahlbeteiligung im Besonderen, geeignet. In Verbindung mit den Überlegungen aus Kapitel 3.3, wonach die Wahlnorm mit dem Konzept des Sozialkapitals in Verbindung steht, ergibt sich somit die Verknüpfung zwischen dem Sozialkapital, der Wahlnorm und der Wahlbeteiligung. »Social capital is important because trusting people focus their attention less on themselves and close groups and more on society at large. Moreover, trusting people are willing to risk cooperation with others who are not well known to them, and to participate with them in community activities (Granovetter 1973; Uslaner 1999)« (Clarke et al. 2004: 226). Entscheidend ist die Wirkung des Sozialkapitals auf die Bürger, deren Verhalten weniger eigennützig und stattdessen stärker am Wohlergehen der Gesellschaft orientiert sein sollte. Das Sozialkapital sollte daher auch das Gefühl, dass die Wahlbeteiligung eine Bürgerpflicht darstellt, verstärken. Das Sozialkapital wirkt sich somit mittels der 76 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Wahlnorm positiv auf die Wahlbeteiligung aus, da es sich bei Wahlen um einen gesamtgesellschaftlichen Vorgang handelt.

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Zusammenfassung

Bei Wahlen seine Stimme abzugeben gilt in Deutschland und vielen anderen Ländern als Pflicht eines jeden Bürgers, als eine ungeschriebene Norm. Der Ursprung dieser sogenannten „Wahlnorm“ und wie sich diese gegebenenfalls noch verstärken ließe, sind jedoch noch weitgehend unerforscht. Yvonne Lüdecke schließt diese Forschungslücke, indem sie das Konzept des Sozialkapitals von Robert D. Putnam auf die Wahlnorm anwendet. Unter dem Begriff des Sozialkapitals werden Mitgliedschaften in Vereinen, das Vertrauen in andere Menschen und die Selbstverpflichtung Hilfe zu leisten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zusammengefasst. Ist das Sozialkapital in der Lage, die Wahlnorm zusätzlich zu verstärken und die Bürger zur Stimmabgabe zu bewegen? Lässt sich die Wahlnorm tatsächlich nur durch zwischenmenschliche Kontakte und gemeinschaftliches Miteinander aufrechterhalten? Die Autorin beleuchtet diese Fragen und nähert sich so auch dem Charakter der Wahlnorm.