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9 Schlussfolgerungen in:

Yvonne Lüdecke

You never vote alone, page 203 - 222

Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4022-5, ISBN online: 978-3-8288-6816-8, https://doi.org/10.5771/9783828868168-203

Tectum, Baden-Baden
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203 9 Schlussfolgerungen Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Dissertation war es, die Rolle der Wahlnorm zwischen dem Sozialkapital und der Wahlbeteiligung zu untersuchen. Die Berührungspunkte dieser drei Variablen wurden schrittweise betrachtet. Die Wahlnorm wird im wissenschaftlichen Diskurs oftmals als Erklärungsfaktor der Wahlbeteiligung herangezogen. Ihre Wirkung ist dabei unumstritten. Eine zufriedenstellende theoretische Einbindung der Wahlnorm als erklärender Faktor für die Wahlbeteiligung wurde jedoch bislang nicht ausgearbeitet, da sie mit den gängigen Ansätzen zur Erklärung der Wahlbeteiligung nicht konsistent ist. Die vorliegende Arbeit schließt diese Lücke, indem sie die theoretische Verknüpfung des Sozialkapitals mit der Wahlnorm herleitet. Das Sozialkapital hilft dabei die Wahlnorm durchzusetzen und zu sanktionieren, was zu einer erhöhten Wahrnehmung und Internalisierung derselben führt. Die Stärke des Sozialkapitals liegt für dieses Dissertationsvorhaben somit darin, die Wahlnorm zur Erklärung der Wahlbeteiligung einbinden zu können. So ergibt sich eine schlüssige Argumentationslinie, die sich in ein statistisches Modell überführen lässt. Dieses Modell wurde, basierend auf dem ESS 2002 / 2003, mit den angemessenen statistischen Verfahren untersucht. Die Ergebnisse des linearen Strukturgleichungsmodells weisen darauf hin, dass das Sozialkapital einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung der Wahlnorm hat. Die Wahlnorm wirkt sich wiederum positiv auf die Wahlbeteiligung aus. Somit nimmt die Wahlnorm eine vermittelnde Rolle zwischen dem Sozialkapital und der Wahlbeteiligung ein. 204 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Bevor detailliert auf die Ergebnisse der empirischen Analysen eingegangen wird, sollen zunächst die wichtigsten Erkenntnisse aus dem theoretischen Teil der Arbeit skizziert werden. Abschließend folgt eine Betrachtung der Lehren und der Chancen für die Wahl- und Sozialkapitalforschung. 9.1 Erkenntnisse auf der theoretischen Ebene Während die theoretischen Schwächen des Sozialkapitals eher als unproblematisch eingeschätzt werden, sieht die Autorin die größte Schwäche darin, wie mit dem Konzept umgegangen und für welche Zwecke es verwendet wird. Wie in Kapitel 2.1 erläutert wurde, gibt es zwei Sichtweisen auf das Sozialkapital: Das ökonomische bzw. rationalistische und das soziale bzw. demokratische Weltbild. Beide Sichtweisen sind durchaus gerechtfertigt, allerdings sollten sie voneinander getrennt werden. Im rationalistischen Sinne, nach Coleman (1988, 1990), Lin (2001) und Bourdieu (1983), besteht die Möglichkeit das soziale Kapital zum persönlichen Vorteil einzusetzen. Dieser Sichtweise folgend, würden primär informelle Kontakte und das spezifische Vertrauen sowie die spezifische Reziprozität betrachtet werden. Nur diese lassen sich für rationale Zielsetzungen instrumentalisieren. Ein klassisches Beispiel hierfür ist ein Umzug. Bei einem Umzug werden in der Regel unentgeltliche Helfer benötigt. Dabei ist es von Vorteil, wenn man seinen Helfern bereits bei einer früheren Gelegenheit behilflich war. Das generalisierte Vertrauen oder die Wohltätigkeitsnorm wären hingegen für den rationalen Menschen unbrauchbar. Für ihn wäre es lediglich von Vorteil, dass andere Menschen diese Art des Vertrauens haben und ihm helfen ohne eine direkte Gegenleistung zu fordern. Bei einer Handlung, die auf der Wohltätigkeitsnorm basiert, entstehen in der Regel nur Kosten und kein direkter Nutzen. Deshalb würde ein rationaler Mensch Handlungen solcher Art nicht ausführen. Nimmt man Coleman oder Lin als theoretische Grundlage einer Untersuchung, wäre es somit hinfällig die Reziprozitäts- und die Wohltätigkeitsnorm sowie das generalisierte Vertrauen als Bestandteile des sozialen Kapitals zu betrachten. 205 9 Schlussfolgerungen Die Diskussion, ob es sich beim Sozialkapital, analog zum physischen Kapital, um eine Kapitalart handelt (Franzen / Pointner 2007: 69 ff.), ist aus der sozialen Perspektive zwecklos, da das Sozialkapital nach Putnam mit dieser Interpretationsart nicht vereinbar ist. Denn Putnams Sozialkapital betrachtet gemeinwohlorientiertes Sozialkapital, das die Kooperation auf gesellschaftlicher Ebene fördert. Dieses ist vom sozialen Kapital nach Coleman, Lin und Bourdieu abzugrenzen, welches ausschließlich für die individuelle Kooperation nutzbar ist. In Untersuchungen ist es daher wichtig zu verdeutlichen, ob die rationalistische oder die soziale Sichtweise vertreten wird. Nur so wird es verständlich, welche Komponenten des Sozialkapitals verwendet werden. Diese Notwendigkeit verstärkt sich dadurch, dass die verschiedenen Komponenten jeweils entlang eines Kontinuums verlaufen (aus Kapitel 2.5). So wird aus der zunächst einfach anmutenden Definition des Sozialkapitals, bestehend aus drei Komponenten, ein komplexes Gebilde (Abbildung 4). Wird zusätzlich die Mikro- und die Makroebene betrachtet, erhöht sich die Komplexität abermals. Daher sollte sowohl beim sozialen bzw. demokratischen Sozialkapital als auch beim rationalistischen bzw. ökonomischen sozialen Kapital grundsätzlich dokumentiert werden, welches Kontinuum auf welcher Ebene betrachtet wird. Eine Stärke des Konzepts nach Putnam ist die Verwendung des Sozialkapitals sowohl auf der Individual- als auch auf der Makroebene. Das Sozialkapital der Mikroebene beschreibt die Integration des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft, während das Sozialkapital der Makroebene das Klima der Gesellschaft und die Verflechtung ihrer Mitglieder misst. Aufgrund dieser Vielfalt sollte daher immer spezifiziert und begründet werden, auf welchem theoretischen Konzept die Analyse basiert, sodass deutlich wird welchen Zweck das Sozialkapital oder das soziale Kapital erfüllen soll. Nachdem herausgestellt wurde, weshalb das Konzept des Sozialkapitals nach Putnam als theoretische Grundlage zur Beantwortung der Forschungsfrage geeignet ist, wurden die einzelnen Komponenten genauer betrachtet. Die Sozialkapitalforschung konzentriert sich in der Regel auf das Vertrauen und die Netzwerke. Die Reziprozitätsnorm erscheint hingegen als große Unbekannte. In Kapitel 2.3 zeigt 206 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung sich, dass die Reziprozität einen wichtigen Beitrag für das Zustandekommen von Kooperation leistet. Ohne die Reziprozitätsnorm hätte niemand etwas davon zu kooperieren, weil jeder der Gefahr ausgesetzt wäre, dass der Kooperationspartner das Vertrauen ausnutzt und keine Gegenleistung erbringt. Es wurde in dieser Arbeit gezeigt, dass das Vertrauen und die Reziprozitätsnorm eng miteinander verbunden sind (Abbildung 2). Deshalb sollten die Reziprozitäts- und die Wohltätigkeitsnorm im Rahmen des Sozialkapitals nach Putnam unbedingt erhoben werden. In einem nächsten Schritt wurden das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung auf der theoretischen Ebene zusammengeführt. Die Herleitung des theoretischen Zusammenhangs zwischen dem Sozialkapital und der Wahlnorm stellt ein Alleinstellungsmerkmal der vorliegenden Dissertation dar. Bislang wurde die Wahlnorm ohne theoretische Herleitung zur Erklärung der Wahlbeteiligung eingesetzt. Doch niemand untersuchte die Frage nach der Wirkungsweise der Wahlnorm. Eine Ausnahme stellt Campbell (2006) dar, der diese Frage in Ansätzen betrachtet. Welche Voraussetzungen werden benötigt, damit die Wahlnorm wirken kann? Um diese Frage zu beantworten, wird der Blick zunächst auf die Wahrnehmung und die Internalisierung der Wahlnorm gerichtet. Wird die Wahlnorm nur als etwas, was ein guter Bürger tun sollte, wahrgenommen? Oder als etwas, von dem man lediglich glaubt, dass andere Leute glauben, wie sich ein guter Bürger verhalten sollte? Wurde die Wahlnorm auch internalisiert? Für die Internalisierung müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens muss die Norm vom Individuum und der Gruppe als legitim anerkannt werden und Teilkontrollrechte übertragen werden, d. h. man darf bei Nichtbefolgung bestraft werden oder auch andere bestrafen. Zweitens wird ein inneres Sanktionssystem entwickelt, sodass die Nichtbefolgung intern bestraft werden kann, bspw. durch ein schlechtes Gewissen. Das Sozialkapital ist somit sowohl für die erste als auch für die zweite Bedingung von Bedeutung. Ob die Wahlnorm als legitim anerkannt wird, wird man nur herausfinden, wenn man soziale Kontakte hat. Die persönlichen Kontakte dienen als Rückversicherung für die Existenz der Wahlnorm. Sie sind zusätzlich für die Sanktionierung der Nichtbefolgung der Norm wichtig. Die Berichterstattung der Medien 207 9 Schlussfolgerungen spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Sie verbreiten die Wahlnorm und sanktionieren die Nichtbefolgung, wenn beispielsweise Nichtwähler mit negativen Worten betitelt werden. Die Bestrafung durch einen Bekannten, Freund oder Verwandten wiegt dabei ungleich schwerer als die Bestrafung über die Medien. Für die Entwicklung des inneren Sanktionssystems ist es wichtig sich mit dem Staat und der Gesellschaft zu identifizieren. Das Sozialkapital als Maß der Integration in die Gesellschaft fördert die Identifikation mit dem Sozialisationsagenten Staat bzw. Demokratie und steigert somit die Wahrscheinlichkeit, dass die Wahlnorm internalisiert wird. Hier zeigt sich zum einen die Wirkung von Putnams Sozialkapital auf die Wahlnorm und zum anderen die Unvereinbarkeit der Internalisierung der Wahlnorm mit der rationalen Sichtweise des sozialen Kapitals. Bezieht man nur die Wahlnorm und die Übertragung der Teilkontrollrechte in die Analyse ein, wäre die Verwendung des Sozialkapitalkonzeptes von Coleman oder Lin ausreichend. Interessiert man sich jedoch zusätzlich für den Aspekt der Internalisierung der Wahlnorm, wird die Konzeptualisierung des Sozialkapitals nach Putnam benötigt. 9.2 Ergebnisse der empirischen Analysen In der Wahlforschung, die zumeist auf Umfragedaten basiert, stellen die Problematiken des Overreportings und der Overrepresentation wenig beachtete Hindernisse dar. Besonders bei Befragungen mit hohen Overrepresentation- und / oder hohen Overreportingwerten stellt sich die Frage: Wie gut sind die Modelle der Wahlforschung? Da sich beide Werte in den verschiedenen Umfragen stark unterscheiden und schwanken können, wird die Vergleichbarkeit der Ergebnisse der Wahlforschung in Frage gestellt. Besonders die Overrepresentation bleibt meistens unerwähnt und wird selten untersucht. Bezüglich des Overreportings gibt es hingegen ein Forschungsfeld, das sich mit diesem beschäftigt. Nachdem die Wählervalidierung in den USA im Zusammenhang mit der National Election Studies eingestellt wurde, verlor dieses Forschungsfeld jedoch an Dynamik. Die British Election Studies validieren als letzte verbliebene nationale Wahlstudie die Stimmabgabe der Befragten, al- 208 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung lerdings gibt es dazu keine Auswertungen oder Veröffentlichungen. Auf Grund der zahlreichen Replikationen der Analysen ist bekannt, welche Personengruppen die Overreporter darstellen. Es hat aber bisher niemand die Auswirkungen des Overreportings auf die Effekte der linearen Regression überprüft. Was passiert mit den Effekten, wenn man statt selbstberichteter Wahlbeteiligung die validierte Wahlbeteiligung verwendet? Erklären die theoretischen Ansätze die Wahlbeteiligung besser, wenn sie auf validierten oder auf selbstberichteten Angaben zur Wahlteilnahme basieren? In der vorliegenden Dissertation ist es mit den Daten des ESS lediglich möglich das Misreporting und die Overrepresentation gemeinsam zu untersuchen, da die Wahlteilnahme der Befragten nicht validiert wurde. In einigen hier untersuchten Ländern tritt das Overreporting massiv auf. Es wird daher im Rahmen des Möglichen versucht, den Gründen für diese Beobachtung nachzugehen. In Publikationen, die sich mit diesen Gründen beschäftigen, werden die Overreportingwerte vorwiegend als abhängige Variable betrachtet. Es zeigte sich jedoch im Verlauf der Analysen, dass die Verwendung der Overreportingwerte nicht hinreichend ist (Tabelle 17). Die Regressionskoeffizienten widersprechen teilweise den aus der Theorie abgeleiteten Erwartungen und deuten auf einen Drittvariableneffekt hin. Ursache ist die starke Korrelation zwischen der Wahlbeteiligungsrate und dem Misreporting (H.1.1), die bislang nicht berücksichtigt wurde. Durch die starke Korrelation werden einige Effekte unterdrückt. Daher wird in der vorliegenden Dissertation erstmals das Overreportingpotential verwendet, denn die entscheidende Frage ist: Warum haben einige Länder mit der gleichen Wahlbeteiligungsrate ein unterschiedliches relatives Overreporting? Die Hypothesen werden auf das relative Overreporting als abhängige Variable übertragen. Der zeitliche Abstand und die aggregierte Wahlnorm haben einen Einfluss auf das relative Overreporting (H1.3 und H1.4). Die Hypothesen H.1.5 und H1.6 konnten mit den vorliegenden Daten jedoch nicht abschließend verworfen oder bestätigt werden, d. h. die Einflüsse der Responserates und des prozentualen Anteils an Befragten mit einem tertiärem Bildungsabschluss sollten mit validierten und Daten überprüft werden. Die Hypothesen bezüglich des Overreportings lassen sich auch aus einem zweiten Grund mit den vorliegenden Daten nur unzurei- 209 9 Schlussfolgerungen chend testen. Die 17 bzw. 19 Länder, die im ESS enthalten sind, sind nicht ausreichend, um verlässliche Aussagen über die Zusammenhänge zu machen. Die Fallzahlen sind zu klein und sie basieren nicht auf einer Zufallsauswahl. Da es auch nur zwei Länder mit einer gesetzlichen Wahlpflicht gab, konnte zwar bestätigt werden, dass das Overreporting in Ländern mit einer gesetzlichen Wahlpflicht geringer ist, als in Ländern ohne eine Wahlpflicht (H1.2). Allerdings mussten beide Fälle wegen des Underreporting aus der Analyse des Overreportingpotentials ausgeschlossen werden, sodass über die weiteren Gründe keinerlei Aussagen getroffen werden können. Die Verwendung der selbstberichteten Wahlbeteiligung ist nicht optimal, sodass die Koeffizienten im späteren Strukturgleichungsmodell mit Vorsicht interpretiert werden sollten. Nachdem die Probleme der abhängigen Variablen erläutert wurden, erfolgten detaillierte Betrachtungen des Sozialkapitals und dessen Indikatoren. Es ist zwar langwierig die Annahmen für ein lineares Strukturgleichungsmodell zu überprüfen und deshalb findet man diese vermutlich auch nur selten. Aufgrund der umfangreichen Optionen der Programme zur Strukturgleichungsmodellierung für die Problemlösung bzw. dem Umgang mit den Verstößen gegen die Annahmen ist es unerlässlich die Annahmen zu überprüfen. Nur wenn die Schwächen der Indikatoren bekannt sind, ist es möglich aus der Vielzahl der Schätzer, Gütemaße und Standardisierungen die optimale Lösung auszuwählen. Die Abbildungen zu den univariaten Verteilungen der Sozialkapitalindikatoren (Abbildung 9 bis Abbildung 15) unterstreichen nochmals deren problematische Messung. Am deutlichsten zeigt es sich bei den Netzwerken des zivilgesellschaftlichen Engagements. Im ESS wurden diese auf unkonventionellem Wege erhoben. Die meisten Umfragen bieten keine optimale Erfassung. Bei dem ESS ist es vor allem die fehlende Unterscheidung zwischen der Beteiligung und der freiwilligen Mitarbeit. Dies erschwert die Erfassung der Netzwerke und den Umgang mit den Netzwerken in den statistischen Modellen. Die Messung der Wohltätigkeitsnorm mit einem Item ist ebenfalls nicht ideal. Zum einen ist die Verwendung von nur einem Indikator für ein latentes Konstrukt immer problematisch, da die Messung mit mehreren Indikatoren reliabler wäre. Zum anderen gestaltet sich die 210 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Ta be lle 1 7: Z us am m en fa ss un g de r H yp ot he se n un d de r E rg eb ni ss e Th em en ge bi et H yp oth es e Er w ar te te W ir ku ng / Zu sa m m en ha ng Er ge bn is O ve rre po rt in g H 1. 1 Je h öh er d ie a m tli ch e W ah lb et ei lig un g au sf äl lt, d es to g er in ge r d as O ve rr ep or tin g. N eg at iv er Zu sa m m en ha ng r = - 0 ,8 5 H 1. 2 D as O ve rr ep or tin g so llt e in L än de rn m it ei ne r g es et zl ic he n W ah lp fli ch t ge rin ge r a us fa lle n, a ls d as O ve rr ep or tin g in L än de rn o hn e W ah lp fli ch t. Ja , i nd ire kt H 1. 3 Je h öh er d ie a gg re gi er te W ah ln or m , d es to h öh er is t d as O ve rr ep or tin g. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng Po si tiv er ni ch t s ig ni fik an te r Zu sa m m en ha ng (1 ,4 ) H 1. 4 Je g rö ße r d er z ei tli ch e A bs ta nd z w is ch en d er B ef ra gu ng u nd d er le tz te n na tio na le n W ah l, de st o hö he r i st d as O ve rr ep or tin g. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng Ke in Z us am m en ha ng H 1. 5 Je n ie dr ig er d ie R es po ns er at e de r B ef ra gu ng is t, de st o hö he r f äl lt da s O ve rr ep or tin g in kl us iv e de r re pr es en ta tio n au s. N eg at iv er Zu sa m m en ha ng Po si tiv er ni ch t s ig ni fik an te r Zu sa m m en ha ng (0 ,2 ) H 1. 6 Je h öh er d er p ro ze nt ua le A nt ei l d er B ef ra gt en m it te rt iä re m B ild un gs ab sc hl us s, d es to h öh er fä llt d as O ve rr ep or tin g in kl us iv e de r re pr es en ta tion a us . Po si tiv er Zu sa m m en ha ng Ke in Z us am m en ha ng Ka us al m od el l f ür D eu ts ch la nd H 2. 1 D as S oz ia lk ap ita l b es te ht a us d re i K om po ne nt en : D en N et zw er ke n de s zi vi lg es el ls ch af tli ch en E ng ag em en ts , d em V er tr au en u nd d er W oh ltä tig ke its no rm . Ja , es g ib t 3 Ko m po ne nt en H 2. 2 D as Z us am m en sp ie l d ie se r d re i K om po ne nt en b ild et e in la te nt es K on st ru kt : D as S oz ia lk ap ita l. Po si tiv er , re zi pr ok er Zu sa m m en ha ng 0, 12 0, 12 0, 1 H 2. 3. 1 Je s tä rk er d ie B ef ra gt en in V er ei ne in te gr ie rt s in d, d es to s tä rk er n eh m en si e ei ne m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah r. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng 0, 13 H 2. 3. 2 Je s tä rk er d ie B ef ra gt en ih re n M itm en sc he n ve rt ra ue n, d es to s tä rk er ne hm en s ie e in e m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah r. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng 0, 17 211 9 Schlussfolgerungen H 2. 3. 3 Je s tä rk er d ie m or al is ch e Ve rp fli ch tu ng , M en sc he n zu h el fe n, d en en e s sc hl ec ht g eh t, w ah rg en om m en w ird , d es to s tä rk er n eh m en s ie e in e m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah r. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng 0, 2 H 2. 4 Je s tä rk er d ie m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah rg en om m en w ird , d es to eh er b et ei lig en s ic h di e Be fr ag te n an d er W ah l. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng 0, 61 Ka us al m od el l fü r E ur op a H 3. 1 D ie d re i K om po ne nt en d es S oz ia lk ap ita ls fi nd en s ic h au ch in E ur op a w ie de r. Ja , es g ib t 3 Ko m po ne nt en H 3. 2 D ie K om po ne nt en s te he n eu ro pa w ei t i n ei ne m p os iti ve n, re zi pr ok en Ve rh äl tn is z ue in an de r. Po si tiv er , re zi pr ok er Zu sa m m en ha ng 0, 24 0, 06 0, 09 H 3. 3. 1 Je s tä rk er d ie E ur op äe r i n Ve re in e in te gr ie rt s in d, d es to s tä rk er n eh m en si e di e m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah r. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng 0, 08 H 3. 3. 2 Je s tä rk er d ie E ur op äe r i hr en M itm en sc he n ve rt ra ue n, d es to s tä rk er ne hm en s ie d ie m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah r. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng 0, 23 H 3. 3. 3 Je s tä rk er d ie E ur op äe r d ie m or al is ch e Ve rp fli ch tu ng w ah rn eh m en , M en sc he n zu h el fe n, d en en e s sc hl ec ht g eh t, de st o st är ke r n eh m en s ie di e m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah r. Po si tiv er Z us am m en ha ng 0, 16 H 3. 4 Je s tä rk er d ie m or al is ch e Pfl ic ht z u w äh le n w ah rg en om m en w ird , d es to eh er b et ei lig en s ic h di e eu ro pä is ch en B ef ra gt en a n de r W ah l. Po si tiv er Zu sa m m en ha ng 0, 49 H 3. 5 D ie S tä rk e de s So zi al ka pi ta ls u nt er sc he id et s ic h zw is ch en d en e ur op äi sc he n Lä nd er n. IC C≠ 0 0, 04 4 (W oh ltä tig ke its no rm ) b is 0 ,1 34 (V er ei ns ty pe n, in d en en m an M itg lie d is t) H 3. 6 D ie W ah ln or m w ird e ur op aw ei t u nt er sc hi ed lic h st ar k w ah rg en om m en . IC C≠ 0 IC C = 0 ,0 49 212 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Erfassung einer jedweden Norm, aufgrund der sozialen Erwünschtheit, als schwierig. Lediglich die Messung des Vertrauens mit den drei Items scheint gelungen zu sein. Die Reliabilität der Vertrauens- und der Netzwerkitems liegt für Deutschland fast im akzeptablen Bereich von 0,7. Zumindest aus statistischer Perspektive handelt es sich somit um eine unproblematische Zusammenfassung der Komponenten zu einem latenten Konstrukt. Die inhaltliche Qualität, d. h. die Validität der Indikatoren zur Messung der einzelnen Komponenten und damit des Sozialkapitals insgesamt ist weiterhin fraglich. Die Überprüfung der Annahmen ergab, dass nicht alle Voraussetzungen erfüllt wurden. Somit dürfen nicht alle Gütemaße und Schätzer bei der Modellierung und der Überprüfung des Modells verwendet werden. Dieser Befund verdeutlicht dessen Notwendigkeit und unterstreicht die Empfehlung die Modellannahmen grundsätzlich in Publikationen zu überprüfen. Des Weiteren wurden die vorher vermuteten Probleme der Sozialkapitalindikatoren bestätigt. Die Spezifizierung des Strukturmodells des Sozialkapitals wurde bislang in der Forschung nicht hinreichend diskutiert. Die Frage, ob das Sozialkapital als latentes Konstrukt zweiter Ordnung, als formatives oder als reflektives Strukturmodell konzeptualisiert werden soll, bleibt in den meisten Analysen unbeantwortet. Man beruft sich im Allgemeinen auf Putnam (2000: 137), der starke positive Korrelationen zwischen den drei Komponenten postuliert. Allerdings wird es versäumt genauer zu begründen wie diese Korrelationen in das Strukturmodell übertragen werden und die Sinnhaftigkeit dieses Vorgehens wird ebenfalls selten hinterfragt. Auch bezüglich dieser Versäumnisse versucht die vorliegende Dissertation erstmals Klarheit zu schaffen. Werden die Entscheidungsregeln von Jarvis et al. (2003) auf das Sozialkapital angewendet, wird deutlich, dass das Sozialkapital Charakteristika beider Modellvarianten aufweist. Das liegt größtenteils an der dünnen theoretischen Konzeptualisierung des Sozialkapitals. Im vorliegenden Fall bleibt die Frage deshalb, sowohl theoretisch als auch aus empirischer Sicht, ebenfalls ungeklärt. Die Autorin entschied sich daher für einen Mittelweg. Das Strukturmodell wurde somit als Modell mit drei Komponenten und Kovarianzen sowie einzelnen Effekten auf die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung konzeptualisiert. Diese Entscheidung trägt dem Umstand Rechnung, dass die drei Kompo- 213 9 Schlussfolgerungen nenten, d. h. die latenten Konstrukte des Sozialkapitals verschiedene Ebenen ansprechen und somit nicht zusammengefasst werden sollten. Die Ausgangslage mit der problematischen Messung, der Reliabilität und der Validität der Netzwerkitems und der Operationalisierung der Wohltätigkeitsnorm mit lediglich einem Indikator war nicht optimal. Dennoch war es möglich, die drei Komponenten des Sozialkapitals mit den Daten des ESS zu konzeptualisieren. Die Faktorenanalyse für die deutschen Befragten zeigt die drei latenten Sozialkapitalkomponenten: Das Vertrauen, die Netzwerke und die Wohltätigkeitsnorm (Hypothese 2.1). Der Modelfit ist gut, d. h. das Sozialkapital besteht aus drei latenten, miteinander kovariierenden Konstrukten. Dies legt nahe, dass mit Hilfe der erhobenen Daten die Modellierung des Sozialkapitals möglich ist. Es bleibt allerdings weiterhin fraglich, ob mit den Items tatsächlich das Sozialkapital gemessen wird und die geschätzten Zusammenhänge denen in der Grundgesamtheit entsprechen. Im vorliegenden Datensatz wurden die vermuteten positiven Zusammenhänge zwischen den drei Komponenten aufgedeckt (H2.2). Auch bei dem SEM treten die erwarteten Effekte auf. Der Modelfit liegt für alle Gütemaße knapp außerhalb des akzeptablen Bereichs. Die Zusammenhänge zwischen den Komponenten und der Wahlnorm sind wie erwartet positiv (H2.3.1 bis H.2.3.3). Auch diese Koeffizienten sind nicht so stark, wie theoretisch vermutet wurde, was ein weiteres Indiz für die problematische Indikatorenmessung darstellt. Hypothese 2.4 kann ebenfalls vorläufig bestätigt werden. Je stärker die Wahlnorm wahrgenommen wird, desto eher nehmen die Befragten an der Wahl teil. Wie in den Modellen der Wahlforschung üblich, ist auch in diesem Modell der Koeffizient der Wahlnorm am stärksten. Bei den Kontrollvariablen der Wahlnorm zeigten sich fast alle erwarteten Effekte. Frauen nehmen die Wahlnorm stärker wahr als Männer. Das Alter wirkt sich positiv auf die Wahrnehmung der Wahlnorm aus. Befragte mit einer Religionszugehörigkeit nehmen die Wahlnorm ebenfalls stärker wahr als Personen ohne Religionszugehörigkeit. Während Campbell (2006: 160) einen positiven Effekt der Mobilität auf die Wahlnorm und Nakhaie (2006: 381) einen positiven Effekt der Mobilität auf die Wahlbeteiligung finden, scheint die Mobilität in den Strukturgleichungsmodellen weder einen Einfluss auf die Wahlnorm noch auf die Wahlbeteiligung zu haben. Für den Effekt 214 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung der Mobilität auf die Wahlbeteiligung war dies erwartet worden und bestätigt die Ergebnisse der der Meta-Analyse von Smets und van Ham (2013: 349). Dort war der Koeffizient für die Mobilität nur in 10 von 18 Studien und lediglich in 28 von 54 Tests signifikant und in der erwarteten Richtung aufgetreten. Die Bildungsjahre und das Einkommen haben, wie erwartet, sowohl einen positiven Einfluss auf die Wahlnorm als auch auf die Wahlbeteiligung. Für Gesamteuropa finden sich die gleichen positiven Zusammenhänge wie in Deutschland (H3.1 – 3.4). Hier stechen allerdings die relativ starken positiven Zusammenhänge zwischen dem Vertrauen und den Netzwerken (0,24) und der Effekt der Wohltätigkeitsnorm auf die Wahlnorm (0,23) heraus. Der Effekt der Netzwerke auf die Wahlnorm ist mit 0,16 auch noch relativ stark. Je stärker die Befragten die Wahlnorm wahrnehmen, desto eher nehmen sie an der Wahl teil. Im Vergleich dazu sind die Korrelationen zwischen dem Vertrauen und der Wohltätigkeitsnorm sowie der Netzwerke und der Wohltätigkeitsnorm eher schwach. Dies betrifft auch den Effekt des Vertrauens auf die Wahlnorm. Hier zeigen sich die Probleme der länderübergreifenden Analysen des Sozialkapitals. Rossteutscher (2008: 223) untersuchte bivariate Korrelationen auf der Mikro- und Makroebene. Die Korrelationen waren für Westeuropa, den Westen (inkl. Westeuropa, USA, Kanada, Israel) und in Demokratien am stärksten. Das Konzept des Sozialkapitals scheint somit nicht universell zu gelten. Dies erklärt die unterschiedlichen Korrelationen innerhalb Europas (Tabelle A15 bis Tabelle A32). Die ökonomischen, kulturellen und soziale Unterschiede der einzelnen Länder scheinen eine gute vergleichbare Forschung des Sozialkapitals zu erschweren. Edwards und Foley (1998) argumentierten bereits, dass das Sozialkapital so komplex ist, dass es am besten im jeweiligen lokalen Kontext zu verstehen ist. Demnach wäre eine quantitative länderübergreifende Forschung ausgeschlossen. Das Europamodell in der Dissertation weist auf diese Problematik hin. Die Vereinsstrukturen und das Engagement in den Vereinen scheinen sich europaweit stark voneinander zu unterscheiden. Besonders bei der Wohltätigkeitsnorm zeigen sich starke Unterschiede, sodass die Korrelationen zwischen der Wohltätigkeitsnorm und dem Vertrauen 215 9 Schlussfolgerungen sowie der Netzwerke in einigen Ländern sehr klein sind bzw. teilweise keinerlei Korrelationen vorliegen. Auch auf europäischer Ebene treten die erwarteten Effekte des Geschlechts und der Konfessionszugehörigkeit auf die Wahlnorm auf. Die Mobilität hat, wie im deutschen Modell, keinen Einfluss auf die Wahrnehmung der Wahlnorm. In Bezug auf die Wahlbeteiligung zeigen sich die positiven Effekte der Bildungsjahre und des Einkommens, während die Regressionskoeffizienten des Einkommens auf die Wahlnorm negative Werte aufweisen. Dies weist ebenfalls auf die Problematik der länderübergreifenden Messung hin. Im Rahmen des Möglichen ist es mit den Daten und der bisherigen theoretischen Herleitung gelungen, die Struktur des Sozialkapitals darzustellen und die Rolle der Wahlnorm als vermittelnde Variable zu untersuchen. Trotz der vielen Probleme sind die Ergebnisse insgesamt zufriedenstellend. Dies belegt auch die Konstruktvalidität, die durchweg akzeptabel ist, d. h. aus statistischer Perspektive handelt es sich bei diesen Modellen um gute Modelle. Die Ergebnisse dieser Arbeit lassen vermuten, dass sich mit einer neuen und besseren Messung der Indikatoren auch ein deutlicheres Ergebnis abzeichnen könnte. 9.3 Lehren für die Wahl- und die Sozialkapitalforschung Besonders wenn man sich den Stellenwert der Wahlnorm für die Wahlforschung ins Gedächtnis ruft, sollten der Wahlnorm und deren Entstehung, Internalisierung sowie Erfassung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Denn bislang wurde die Wahlnorm, weder theoretisch noch empirisch, ausführlich genug untersucht. Um die Wahlforschung weiterzubringen, bedarf es einiger Veränderungen. Die Wahlnorm wird auf unterschiedliche Weise mit verschiedenen Items gemessen. In der Forschung ist bisher nicht absehbar, dass sich in naher Zukunft ein Konsens bezüglich der Frage bilden wird, wie die Wahlnorm am besten gemessen wird und welche Arten der Wahlnorm, die wahrgenommene oder die internalisierte, erfasst werden sollten. Die Angaben, die bislang zur Wahlnorm vorliegen, sind mit Sicherheit durch die soziale Erwünschtheit verzerrt. Ein Beispiel zeigt sich bei den British Social Attitudes surveys in Abbildung 7, in der die Ausprägung der Wahlnorm jeweils in den Wahljahren angestiegen ist. 216 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Durch die derzeitige Art der Messung bleibt der Erkenntniswert eingeschränkt. Um dies zu verdeutlichen kann man als Beispiel das Argument heranziehen, dass die Wahlnorm gesunken ist. Oftmals wird es angeführt, wenn die Wahlbeteiligungsrate gesunken ist und keine andere Erklärung auszumachen ist. Da jedoch Panel- und Zeitreihendaten fehlen, ist kein eindeutiger abnehmender Trend der Wahlnorm festzustellen. Die vorliegenden Panel-Daten, wurden bislang nicht analysiert (BES) und wenn sie untersucht wurden, erfolgte die Analyse selten mit den angemessenen statistischen Verfahren (GLES). Bei den wenigen Zeitreihen, die es gibt, verhält es sich ähnlich. De facto ist das Argument weder zu bestätigen noch zu widerlegen. Daher sollte entweder die Messung der Wahlnorm verbessert werden und die Zeitreihen ausgeweitet werden oder die Wahlforschung sollte nach anderen Argumenten für das Sinken der Wahlbeteiligungsraten suchen. Eine genauere Auseinandersetzung mit der Wahlnorm in der Forschung auf theoretischer und empirischer Ebene wäre wünschenswert. So könnte geklärt werden, ob die Wahlnorm eine Bedeutung zur Erklärung der Wahlbeteiligung besitzt oder nur ein tautologisches Konstrukt ist. So lange die Validität sowie die Reliabilität der Indikatoren und der Umgang mit der sozialen Erwünschtheit ungeklärt sind, ist der Beitrag der Wahlnorm, wie auch der des Sozialkapitals, zur Erklärung der Wahlbeteiligung eingeschränkt. Die Sozialkapitalforschung weist theoretisch noch einige Lücken auf, die in dieser Dissertation und auch in der übrigen Literatur hinreichend thematisiert wurden. Es mangelte daher nicht an Lösungsvorschlägen. Diese wurden jedoch nicht umgesetzt, sodass die Probleme weiterhin bestehen. Auf empirischer Ebene sieht es etwas anders aus. Auch hier gibt es Kritik, allerdings in geringerem Umfang, weil die Mehrheit der Forscher mit Sekundärdaten arbeitet und die meisten Analysen somit vor den gleichen Problemen stehen. Nach knapp 25 Jahren der Sozialkapitalforschung liegt nur eine Meta-Analyse vor (Smets / van Ham 2013). Es ist daher relativ wenig darüber bekannt, ob der Effekt einer unabhängigen Variablen auf das Sozialkapital in der Grundgesamtheit vorliegt oder zufällig im Rahmen der Analysen entstanden ist, ist somit relativ wenig bekannt. Die Auswahl ungeeigneter Indikatoren zur Messung und deren Verwendung in statistischen 217 9 Schlussfolgerungen Modellen sorgen dafür, dass es insgesamt zu keinem nennenswerten Erkenntnisfortschritt in den letzten Jahren gekommen ist. An der Erfassung und der Kategorisierung der Vereine bzw. der Netzwerke wird die Problematik deutlich. Gerade die Vereinfachung der Messung der Netzwerke des zivilgesellschaftlichen Engagements und die fehlende Zuordnung in bindende und brückenbildende sowie innen- und außenorientierte Netzwerke und Netzwerke mit einer hohen oder einer geringen Dichte, führen dazu, dass inhaltlich unterschiedliche Dinge gemessen werden. Aus diesem Grund können keine eindeutigeren Effekte in den statistischen Modellen auftreten. Es ist anzunehmen, dass bspw. die geringe Effektstärke der Vereinsmitgliedschaften unter anderem auf das Missachten dieser Trennung zurückzuführen ist. Die Erhebung von Vereinsmitgliedschaften müsste daher ver- ändert werden. Es ist nicht ausreichend zu fragen: In welchen der folgenden Vereine sind Sie Mitglied? Und als Antwortkategorien verschiedene Vereinstypen, wie bspw. Sport-, Umwelt-, Menschenrechtsoder Kulturvereine anzubieten. Damit erfährt man zwar, in welchem dieser Vereinstypen die Befragten Mitglied sind, allerdings bedarf es für die Zuordnung der Vereine auf den Kontinuen zusätzlicher Informationen. Im Rahmen einer Umfrage können die nötigen Informationen zu den Vereinen nur indirekt, d. h. über die Befragten, erhoben werden. Nach der Frage zu den Vereinsmitgliedschaften müsste eine Frage folgen, die den Grad der Innen- oder Außenorientierung des Vereins misst. Ist der betreffende Verein primär an dem eigenen Vereinsleben orientiert oder dient er einem höheren Zweck? Daraufhin könnte man noch die Dichte abfragen: »Treffen sich die Vereinsmitglieder regelmäßig?« »Kennen sich die Mitglieder untereinander oder sind Ihnen die anderen Mitglieder eher fremd?« Durch die Erweiterung des Fragenkatalogs würde man mehr Informationen über die Vereinsmitgliedschaften gewinnen und könnte diese innerhalb der Kontinuen verorten. Eine weitere Möglichkeit bestünde darin, direkt zu erheben, in welchen Vereinen der Befragte Mitglied ist. Diese Herangehensweise wäre für den Forschenden mit einem Mehraufwand verbunden, da die Charakteristika des jeweiligen Vereines untersucht werden müssten. 218 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Während die Determinanten der Vereinsmitgliedschaften sowie des Vertrauens hinreichend untersucht wurden, ist die Reziprozitätsnorm die große Unbekannte des Sozialkapitals. Obwohl die Reziprozitätsnorm für eine erfolgreiche Kooperation unerlässlich ist, wurde ihr bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Bei der Reziprozitätsnorm muss man zunächst entscheiden, welcher Aspekt gemessen werden soll. Die Unterscheidung zwischen positiver und negativer sowie spezifischer und generalisierter Reziprozität sollte beachtet werden. Zudem sollten mehrere Items zur Messung verwendet werden, um die Reliabilität und die Validität zu erhöhen. Gleiches gilt für die Wohltätigkeitsnorm. Die Reziprozitätsbereitschaft des Befragten oder dessen Erfahrungen mit früheren Kooperationspartnern, bspw. erlittene Enttäuschungen sowie deren Verursacher, stellen einen weiteren interessanten Forschungsgegenstand dar. Die Unterscheidung zwischen der Messung der Reziprozität und der Reziprozitätsnorm sollte ebenfalls beachtet werden. Normen sind generell schwer zu messen, daher bedarf es bei der Reziprozitäts- und der Wohltätigkeitsnorm weiterer theoretischer Überlegungen um eine bessere Operationalisierung, die auch den Aspekt der sozialen Erwünschtheit berücksichtigt, zu ermöglichen. Die Verwendung von anderen gesellschaftlichen Normen, prosozialem Verhalten oder gesellschaftlich erwarteten Einstellungen ist jedoch kein geeigneter Ersatz für die Reziprozitätsnorm. Zumal für die verschiedenen Reziprozitätsformen und die Wohltätigkeitsnorm bereits einige gute Beispiele für geeignete Indikatoren vorliegen (bspw. Freitag und Traunmüller 2008, Franzen und Pointner 2007). Diese müssten nur noch in die Umfragen integriert werden und somit in der Forschung Anwendung finden. Da die Messung nicht ideal ist und damit der Umgang mit den einzelnen Komponenten des Sozialkapitals schwierig ist, gestaltet sich auch die Betrachtung des Gesamtkonzeptes als problematisch. Hier stellt sich die Frage: Wie wird der Wirkungszusammenhang zwischen den Komponenten konzeptualisiert? Mit welchen multivariaten Analysen wird dieser überprüft? Aufgrund der vermuteten Wirkungsbeziehungen nach Putnam wäre eine nicht-orthogonale Faktorenanalyse das angemessene Verfahren. Hierbei würden mehrere Indikatoren einen Faktor, im kon- 219 9 Schlussfolgerungen kreten Fall eine Komponente, bilden und die drei Faktoren dürfen miteinander korrelieren (im Gegensatz zu einer orthogonalen Faktorenanalyse, bei der die Faktoren nicht miteinander korrelieren dürfen). Fraglich bleibt dann, ob die drei Komponenten zusätzlich als Sozialkapital und damit als latentes Konstrukt zweiter Ordnung konzeptualisiert werden sollten. In der Regel liefern die Faktorenanalysen keine allzu überraschenden und überdurchschnittlich guten Ergebnisse. Das liegt vermutlich weniger an dem Sozialkapital an sich, sondern vielmehr an den problematischen Indikatoren. Zumal die Reziprozitätsnorm nur sehr selten gemessen wird, sodass eine gesamtheitliche Betrachtung des Sozialkapitals oftmals nicht möglich ist. All diese Probleme erschweren es in außerordentlichem Maße, ein gutes Ergebnis bei einer Faktorenanalyse zu erhalten. Neben der Frage der korrekten Konzeptualisierung stellt sich auch die Frage nach der Beziehung zwischen den drei Komponenten. In welchem Verhältnis stehen die Reziprozitätsnorm, das Vertrauen und die Netzwerke zueinander? Besteht zwischen den Komponenten ein gerichteter oder ein ungerichteter Zusammenhang? Wenn es sich um einen gerichteten Zusammenhang handelt, wird das Vertrauen von den Netzwerken beeinflusst oder die Netzwerke durch das Vertrauen? Im Falle eines ungerichteten Zusammenhangs ist die Korrelation möglicherweise, wie von Armingeon (2007) vermutet, lediglich ein Ausdruck einer Scheinkorrelation, die von der Soziodemographie der Befragten ausgelöst wird. An diesem Punkt treten die aufsummierten Probleme der Sozialkapitalforschung besonders deutlich zutage. Neben dem Fehlen geeigneter Indikatoren ist besonders das Fehlen geeigneter Panel-Daten schwerwiegend. Die wenigen vorhandenen Panel-Daten erstrecken sich über zu kurze Zeiträume und wurden bislang selten mit Hilfe von geeigneten statistischen Methoden untersucht. Zwei zentrale Thesen der Sozialkapitalforschung konnten deshalb bislang nicht überprüft werden. Bezüglich der Sozialisationsannahme von de Tocqueville (1840) gibt es Hinweise darauf, dass die Unterschiede in Bezug auf die Einstellung gegenüber der Demokratie und die Entwicklung von »civic skills« auf die Selbstselektion der Vereinsmitglieder zurückzuführen sind. Zufriedenstellende Ergebnisse lie- 220 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung gen dazu jedoch nicht vor. Auch die viel zitierte These des sinkenden Sozialkapitals, welches zugleich der Aufhänger von Putnams zweitem Hauptwerk »Bowling Alone« (2000) war, ist nicht beantwortet worden. Auch hier fehlt es an Panel-Daten. Mit Aggregatdaten, wie bei Putnam (2000), ist es zwar möglich, die sinkenden Mitgliederzahlen von Vereinen zu betrachten, allerdings besteht weiterhin die Möglichkeit, dass sich die Mitglieder lediglich anderen Vereinstypen zuwenden und das Sozialkapital somit unverändert bleibt. 9.4 Chancen der Sozialkapitalforschung Sollten die eben beschriebenen Maßnahmen zur Verbesserung der Forschungsmethoden tatsächlich beachtet werden, so ergeben sich für das Forschungsfeld neue Chancen. Mit einer optimierten Messung des Sozialkapitals ist es möglich die bisherigen Ergebnisse und Erkenntnisse des Forschungsfeldes zu überprüfen und gegebenenfalls zu revidieren. Denn vieles, was man jetzt über das Sozialkapital zu wissen glaubt, basiert auf schlechten Indikatoren und einem vage formulierten Konzept. Die konsequente Verbesserung würde jedoch viele Ressourcen in Anspruch nehmen. Umsetzen ließe sich dies beispielsweise mittels eines groß angelegten Forschungsprojekts, bei dem sich mehrere Forscher zusammenschließen. Außerdem bedarf es einer höheren Vernetztheit in diesem Bereich, die beispielsweise durch mehrere Konferenzen zu diesem Thema gefördert werden kann. Die OECD-Konferenz »Social Capital, The challenge of international measurement« vom 25. bis zum 27. September 2002 in London gab zwar einen Impuls zur Verbesserung der Messung, allerdings wurde dieser von der Forschungsgemeinschaft nicht genutzt. Auch die dort von Putnam geäußerten Vorschläge wurden nicht aufgegriffen. So wird das Sozialkapital weiterhin als »Allheilmittel gegen eine Vielzahl von Problemen« (Steinbrecher 2009: 68) betrachtet und dementsprechend zur Erklärung aller möglichen Phänomene herangezogen (Heydenreich-Burck 2010: 68, Halpern 2005: 14). Daher gilt auch heute noch: »Social capital makes us smarter, healthier, safer, richer and better able to govern a just and stable democracy« (Putnam 2000: 290). Ob diese Aussage gerechtfertigt ist oder ungerechtfertigterweise Bestand hat, lässt sich aufgrund der zahlreichen Probleme 221 9 Schlussfolgerungen der Sozialkapitalforschung nicht abschließend klären und bleibt somit abzuwarten.

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Zusammenfassung

Bei Wahlen seine Stimme abzugeben gilt in Deutschland und vielen anderen Ländern als Pflicht eines jeden Bürgers, als eine ungeschriebene Norm. Der Ursprung dieser sogenannten „Wahlnorm“ und wie sich diese gegebenenfalls noch verstärken ließe, sind jedoch noch weitgehend unerforscht. Yvonne Lüdecke schließt diese Forschungslücke, indem sie das Konzept des Sozialkapitals von Robert D. Putnam auf die Wahlnorm anwendet. Unter dem Begriff des Sozialkapitals werden Mitgliedschaften in Vereinen, das Vertrauen in andere Menschen und die Selbstverpflichtung Hilfe zu leisten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zusammengefasst. Ist das Sozialkapital in der Lage, die Wahlnorm zusätzlich zu verstärken und die Bürger zur Stimmabgabe zu bewegen? Lässt sich die Wahlnorm tatsächlich nur durch zwischenmenschliche Kontakte und gemeinschaftliches Miteinander aufrechterhalten? Die Autorin beleuchtet diese Fragen und nähert sich so auch dem Charakter der Wahlnorm.