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2 Das Sozialkapital in:

Yvonne Lüdecke

You never vote alone, page 15 - 46

Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4022-5, ISBN online: 978-3-8288-6816-8, https://doi.org/10.5771/9783828868168-15

Tectum, Baden-Baden
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15 2 Das Sozialkapital Im Folgenden wird das Konzept des Sozialkapitals nach Putnam vorgestellt. Um sein Verständnis des Sozialkapitals nachvollziehen zu können, ist es jedoch zunächst erforderlich, die Entstehungsgeschichte des Sozialkapitals kurz zu beleuchten. Der Begriff des Sozialkapitals wurde erstmals von L. J. Hanifan (1916) erwähnt. Hanifan beschreibt die positive Wirkung sozialer Beziehungen auf die Kooperation zwischen den Menschen und auf die Gesellschaft im Allgemeinen: »If he may come into contact with his neighbor, and they with other neighbors, there will be an accumulation of social capital, which may immediately satisfy his social needs and which may bear a social potentiality sufficient to the substantial improvement of living conditions in the whole community. The community as a whole will benefit by the coöperation of all its parts, while the individual will find in his associations the advantages of the help, the sympathy, and the fellowship of his neighbors« (Hanifan 1916: 130 ff.). Die Beschreibung von Hanifan erinnert bereits sehr stark an das Sozialkapital wie es Putnam später verwendet hat, denn auch Hanifan hat das Sozialkapital primär auf der Individualebene verortet. Darüber hinaus soll es positive Auswirkungen auf die Gesellschaft, also die Makroebene, haben. Im Gegensatz zu Putnam beschreibt Hanifan diesen Übertragungsmechanismus. »When sufficient social capital has been accumulated, then by skillful leadership this social capital may easily be directed to- 16 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung wards the general improvement of the community well-being« (Hanifan 1916: 131). Zur Veranschaulichung berichtet Hanifan über einen »district supervisor«8 in West Virginia. Mit Hilfe verschiedener Veranstaltungen sowie Unterricht für Kinder und Erwachsene wurde aktiv Sozialkapital kumuliert, woraufhin sich das Klima sowie das Zusammenleben in der Gemeinschaft verbessert haben. Der Begriff des Sozialkapitals wurde nach Erscheinen von Hanifans Werk von mehreren Personen, unabhängig voneinander, verwendet. In den 1950er Jahren arbeitete John Seeley mit ihm (Putnam / Goss 2002: 5), in den 1960er Jahren Jane Jacobs und in den 1970er Jahren benutzte Glenn C. Loury den Begriff (Putnam / Goss 2002: 5, Franzen / Freitag 2007: 10). Die genannten Autoren verwendeten den Begriff jedoch nur kurzweilig und werden deshalb nicht weiter berücksichtigt. Zunächst soll die theoretische Grundlage und die Definition des Sozialkapitals geklärt werden, um anschließend die einzelnen Bestandteile des Konzepts zu erörtern. Danach wird der Zusammenhang zwischen den drei Komponenten beschrieben, sowie die Operationalisierung bei Putnam dokumentiert. Das Sozialkapital wurde oftmals kritisiert. Die Kritik, die für die vorliegende Arbeit von Bedeutung ist, wird im letzten Unterkapitel beschrieben. 2.1 Theoretische Grundlagen und Definitionen von Putnam Wie bereits erwähnt, war Putnam nicht der Erste, der das theoretische Konstrukt Sozialkapital verwendet hat. Aber es ist sein Verdienst, dass das Sozialkapital in der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Politik diskutiert wird und weiterhin große Beachtung findet. Der Begriff wird zuallererst mit seinem Namen in Verbindung gebracht, was nicht zuletzt an seinem essayistischen Schreibstil und dem populärwissenschaftlich gehaltenen Buch »Bowling Alone« (2000) liegt.9 Besonders 8 Die Supervisoren in den USA übernehmen ähnliche Aufgaben wie die Schulämter der Landkreise und Städte in Deutschland. Sie beraten und unterstützen die Schule bei ihrem Lehrauftrag und sichern die Qualität der Lehre. 9 »The desire to reach a broad audience, however, leave the work open to criticism. Rhetoric often overwhelms logic« (Sobel 2002: 140). 17 2 Das Sozialkapital die zahlreichen Abbildungen der umfangreichen Datensammlung machen »Bowling Alone« einem breiten Publikum zugänglich. Das Konzept des Sozialkapitals nach Putnam resultiert aus der Verbindung der Idee der »Schulen der Demokratie« von de Tocqueville (1840), der »Civic Culture« von Almond und Verba (1963) und dem Sozialkapital-Ansatz von Coleman (1988, 1990). Daher werden alle drei Konzepte kurz vorgestellt. De Tocqueville (1840) untersuchte die Verbindung zwischen Vereinen und der Stabilität der US-amerikanischen Demokratie. »Civil associations contribute to the effectiveness and stability of democratic government, it is argued [Anm. YL: bei de Tocqueville (1840)], both because of their ›internal‹ effects on individual members and because of their ›external‹ effects on the wider polity« (Putnam 1993a: 89). De Tocqueville verbindet dabei die soziale Ebene der Vereine mit der politischen Ebene. Er beschrieb als erster die Effekte der sozialen Beziehungen im Allgemeinen, und der Vereinsmitgliedschaft im Besonderen, sowohl auf die Individuen als auch auf die Gesellschaft. »Norms and values of the civic community are embodied in, and reinforced by, distinctive social structures and practices« (Putnam 1993a: 89). De Tocqueville legte damit den Grundstein des Konzepts des Sozialkapitals, denn er verwies auch auf die Verbindung zwischen den Normen und den Netzwerken. Vereinigungen vermitteln ihren Mitgliedern »habits of cooperation, solidarity, and public-spiritedness« (Putnam 1993a: 89 f.). De Tocqueville vertritt somit ein soziales bzw. demokratisches Weltbild. Aufbauend auf de Tocqueville (1840) liefert das Standardwerk von Almond und Verba (1963) »The Civic Culture« einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung des Sozialkapitalkonzepts nach Putnam. Almond und Verba (1963) untersuchten fünf Demokratien und deren politische Kultur. Auch sie untersuchten die Auswirkungen von interpersonalen Beziehungen, sozialen Normen und des Vertrauens in Menschen (Almond / Verba 1963: 284 f.) auf die politische Partizipation und somit der Kooperation der Bürger. Mit Hilfe ihrer Daten konnten Almond und Verba »some explanation for the phenomenon of group formation noticed by Tocqueville and by many others since 18 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung then« (Almond / Verba 1963: 295) finden. Aus der Sicht von Almond und Verba führt soziale Kooperation zu politischer Kooperation und damit zu verschiedenen politischen Kulturen. Daran angelehnt untersucht Putnam (1993a) die »civicness«10 der italienischen Regionen. Damit erfasst Putnam im Grunde die Charakteristika der politischen Kultur der Regionen, denn »civicness« ist bei Putnam als Normen bzw. Werte der Bürger definiert. Dritter Ausgangspunkt für Putnam ist die Arbeit von James Coleman (1988, 1990). Coleman verknüpft mit Hilfe des sozialen Kapitals die soziale Ebene mit der ökonomischen Ebene, sodass ökonomische Kooperation zwischen verschiedenen Akteuren erklärt werden kann.11 Sein Konzept ist eindeutig rationalistisch bzw. ökonomisch geprägt (Lewandowski 2006: 15), denn das soziale Kapital wird, in Anlehnung an physisches Kapital, als individuelle Ressource betrachtet. In der deutschen Sprache ist eine Differenzierung zwischen dem Sozialkapital nach Putnam und dem sozialen Kapital von Coleman möglich. Während das Sozialkapital nach Putnam metaphorisch zu verstehen ist, handelt es sich bei Coleman um eine weitere Kapitalart (neben dem physischen und dem Humankapital). Im Englischen ist diese Unterscheidung nicht möglich, hier heißt es immer »Social Capital«. Wenn im Folgenden von dem Sozialkapital gesprochen wird, bezieht sich dies immer auf das Verständnis nach Putnam, während mit dem Terminus des sozialen Kapitals das Verständnis nach Coleman einhergeht. 1988 beschreibt Coleman erstmals drei Formen von sozialem Kapital: »obligations and expectations, information channels, and social norms« (Coleman 1988: S95). Er erläutert diese mit Hilfe einiger Beispiele, die die Vertrauenswürdigkeit bzw. das Vertrauen, soziale Beziehungen innerhalb verschiedener Netzwerke und Normen beschreiben (Coleman 1988: S98 ff.). Bei den Beispielen sind bereits die späteren Konturen des Sozialkapitals nach Putnam zu erkennen. 1990 besteht das Sozialkapital bei Coleman (1990: 306 ff.) aus Normen und Sank- 10 Gemeinsinn (Kriesi 2007: 27). 11 »The literature on social capital was thus trying to integrate some of these important concepts [like trust, norms of reciprocity, and institutions] from the other social sciences into a fundamentally economic approach to development« (Ostrom / Ahn 2003: xxx). 19 2 Das Sozialkapital tionen, Informationspotenzial, Herrschaftsbeziehungen, Verpflichtungen und Erwartungen sowie aus übereignungsfähigen12 sozialen und zielgerichteten Organisationen. Bei Coleman ist es schwierig die genauen Bestandteile des sozialen Kapitals auszumachen, denn sie scheinen situationsabhängig zu sein. Dies hängt vermutlich mit seiner mehrdeutigen Definition zusammen: »Social capital is defined by its function. It is not a single entity, but a variety of different entities, with two elements in common: they all consist of some aspect of social structures, and they facilitate certain actions of actors […] within the structure« (Coleman 1988: 98). Coleman vergleicht den Begriff des sozialen Kapitals mit dem Begriff »Stuhl«, »der bestimmte physikalische Objekte über ihre Funktion kennzeichnet, wobei Unterschiede in Form, Design und Bauweise au- ßer Acht gelassen werden« (Coleman 1991: 395). Die Bestandteile des sozialen Kapitals spielen bei Coleman somit nur eine untergeordnete Rolle. Mit welchen Mitteln die zwischenmenschliche Kooperation initiiert oder aufrechterhalten wird ist zweitrangig, solange das soziale Kapital zweckgemäß eingesetzt wird. »Die Funktion, die der Begriff ›soziales Kapital‹ identifiziert, ist der Wert, den diese Aspekte der Sozialstruktur für Akteure haben, und zwar in Gestalt von Ressourcen, die von den Akteuren dazu benutzt werden können, ihre Interessen zu realisieren« (Coleman 1991: 395). 12 Zielgerichtete Organisationen werden von Akteuren gegründet, die sich von dem Gründungszweck oder den Investitionen in die Organisation Gewinne erhoffen. Dabei entstehen zwei Nebenprodunkte. Erstens ein öffentliches Gut, bspw. profitieren auch Nichtmitglieder von der Arbeit von Menschenrechtsorganisationen, und zweitens die Übereignungsfähigkeit der Organisation für andere Zwecke (Coleman 1990: 312 f.). Die Übereignungsfähigkeit ist dadurch gekennzeichnet, dass das soziale Kapital für neue oder andere Zwecke zur Verfügung steht. Bspw. wurde der Allgemeine Deutsche Frauenverein, mit dem Ziel Bildung für Frauen zugänglich zu machen und sie am öffentlichen Leben teilhaben zu lassen, gegründet. Heute setzt sich der Verein für die Belange von Migrantinnen und für die gleiche Teilhabe von Frauen und Männern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein (http://www.staatsbuergerinnen.org/philosophie/ziele.html, abgerufen am 4.1.2016). 20 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Coleman (1988: S96) vermutet, dass »person’s actions are shaped, redirected, constrained by the social context; norms, interpersonal trust, social networks, and social organization are important in the functioning not only of the society but also of the economy«. Diese beiläufig geäußerte Vermutung wird von Putnam (1993a) aufgegriffen und für Italien überprüft. »›Social capital‹ refers to features of social organization, such as trust, norms, and networks, that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions« (Putnam 1993a: 167). Putnam hat somit den Begriff, die Komponenten und die Wirkung des sozialen Kapitals von Coleman übernommen, während er den Verweis auf die Wirtschaft weggelassen hat. Damit folgt Putnam dem politischen bzw. demokratischen Ansatz von de Tocqueville. Bei Putnam verschiebt sich der Fokus von der wirtschaftlichen Kooperation wieder auf die gesellschaftliche Kooperation und damit einhergehend den Erhalt der Demokratie bzw. eine demokratische Zusammenarbeit der Bürger. Putnam widerspricht Coleman in dem Punkt der Funktionsweise des Sozialkapitals. »Who benefits from these connections, norms, and trust-the individual, the wider community, or some faction within the community-must be determined empirically, not definitionally« (Putnam 1995b: 665). Während bei Coleman das Individuum direkt vom sozialen Kapital profitiert und die Gesellschaft nur indirekt, vertritt Putnam einen gegenteiligen Standpunkt.13 Putnam betont den positiven »overspill« Effekt des Sozialkapitals der Individuen auf die Gesellschaft. In dieser Betrachtungsweise ähnelt Putnams Konzept des Sozialkapitals dem von Hanifan, der ebenfalls positive Auswirkungen auf die Gesellschaft betont und der das Sozialkapital im metaphorischen Sinne versteht. Um Putnams Verständnis des Sozialkapitals nachzuvollziehen, sollte man sein erstes Hauptwerk »Making Democracy Work« (1993a) betrachten. Putnams zweites Hauptwerk »Bowling Alone« (2000) bietet leider keine zusätzliche theoretische Grundlage oder weiterführen- 13 Daraus resultieren die unterschiedlichen Standpunkte bezüglich der Frage, ob Putnams Sozialkapital auf der Mikro- oder der Makroebene anzusiedeln ist. Das Sozialkapital ist eindeutig auf der Mikroebene zu verorten, während sich die positiven Effekte auch auf die Makroebene auswirken. 21 2 Das Sozialkapital de theoretische Überlegungen, daher findet es an dieser Stelle keine weitere Beachtung. Forschungsgegenstand von »Making Democracy Work« (Putnam 1993a) ist die unterschiedliche Leistungsfähigkeit demokratischer Institutionen in Italien. Dabei soll die Frage beantwortet werden, warum die Institutionen im Norden leistungsfähiger sind als die Institutionen im Süden. In erster Linie liegt dies laut Putnam an den unterschiedlichen Rahmenbedingungen, sowohl sozialer, kultureller wie auch ökonomischer Art (Putnam 1993a: 6). Die zwei Hauptprädiktoren der institutionellen Performanz sind die sozioökonomische Modernität und die sogenannte »civic community« (Putnam 1993a: 83). Die »civic community« umfasst teilweise die gleichen Komponenten wie das Sozialkapital: ziviles Engagement, gleiche politische Rechte, Solidarität, Vertrauen und Toleranz sowie Vereine (Putnam 1993a: 87 f.). Ein Merkmal der »civic community« ist die aktive Partizipation in öffentlichen Angelegenheiten. Die Bürger sind zwar keine Altruisten, aber »public spirited« und betrachten den öffentlichen Raum nicht als öffentliches Schlachtfeld (Putnam 1993a: 87). Auch mit dieser Ansicht stimmte Putnam mit de Tocqueville überein, der die Einstellung der Bürger als »self-interest properly understood« (de Tocqueville 1969 [1840]: 525 – 528) bezeichnete. Die Bürger haben die gleichen Rechte und Pflichten und sind »helpful, respectful, and trustful« (Putnam 1993a: 88), sowie tolerant. Die »civic community« ist dem Sozialkapital thematisch in dem Sinne sehr nahe, dass man die Bestandteile des Sozialkapitals in der Beschreibung der »civic community« finden kann. Die »civic community« besteht aus der »civicness«, die die Normen und die Werte der Bürger (u. a. auch Vertrauenswürdigkeit) beschreibt, dem Vertrauen und den Vereinen (Putnam 1993a: 88). »Norms and values of the civic community are embodied in, and reinforced by, distinctive social structures and practices« (Putnam 1993a: 89). Dennoch bleibt unklar, wieso Putnam vom Terminus der »civic community« plötzlich zum Begriff »Sozialkapital« wechselt. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man die Bedeutung der »civic community« betrachtet. Mit der »civic community« ist das Gefühl bzw. die Atmosphäre der Gesellschaft gemeint. Mit anderen Worten, etwas, was den Zusammenhalt und die Kooperation innerhalb der Gesellschaft oder auch den Charakter der Gesellschaft beschreibt. Die Nutzung des Terminus des Sozialkapitals 22 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung hingegen verändert das Verständnis dahingehend, dass dieses schwer greifbare Konstrukt der Atmosphäre der Gesellschaft verkürzt wird auf die Beschreibung der Netzwerke, des Vertrauens und in seltenen Fällen der Normen der Bürger innerhalb der Gesellschaft. Da das Sozialkapital aufgrund des irreführenden Namens als Kapitalart angesehen wird, kritisieren viele Forscher, dass Putnam den Begriff »social capital as synonym for ›community‹, ›fraternity‹ and many other entities« (Braun 2001: 348) nutzt. Dies verdeutlicht die Unterschiede, zwischen dem Verständnis des Sozialkapitals nach Putnam (im Sinne der »civicness«) und dem Verständnis anderer Wissenschaftler (im Sinne der Kapitalart). In Putnams Denkweise ist es nicht falsch das Sozialkapital bspw. mit der Brüderlichkeit gleichzusetzen, während dies in der Kapital-Denkweise unpassend wäre. Somit kommt der Frage nach der Denkschule des Autors bei der Lektüre von Literatur zum Sozialkapital eine besondere Bedeutung zu. Nach der Herleitung des Sozialkapital-Konzepts von Putnam und seines Begriffsverständnisses, soll nun auf die Definitionen des Sozialkapitals näher eingegangen werden. Im Laufe der Jahre haben sich die Definitionen, manchmal mehr, manchmal weniger, verändert. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Komponenten der Definitionen in den verschiedenen Publikationen Putnams. Da sich die vorliegende Arbeit an Putnam orientiert, wird die unüberschaubare Anzahl der stets variierenden Sozialkapital-Definitionen anderer Autoren nicht weiter beachtet. Für einen Überblick über die übrigen Definitionen sei dennoch auf Haddad / Maluccio (2003) und Freitag (2001) verwiesen. Die erste Definition ist die wohl am häufigsten zitierte. Dies liegt vermutlich daran, dass nicht nur die drei Bestandteile des Sozialkapitals genannt werden, sondern auch auf deren Wirkungszusammenhang Bezug genommen wird. Putnam war sich damals noch nicht sehr sicher, welche Komponenten das Sozialkapital umfassen soll, denn er definiert das Sozialkapital als »such as« (Putnam 1993a: 177), welches die drei genannten Komponenten und / oder weitere, bislang nicht genannte Komponenten umfassen kann. In der zweiten Definition verdeutlicht Putnam das Ziel des Sozialkapitals: Die Kooperation zwischen den Menschen zu fördern. Gleichzeitig erwähnt er, dass das Sozialkapital ein Teil der sozialen Organisationen ist. Bei der Definition von 1995b ersetzt Putnam die sozialen Organisationen durch 23 2 Das Sozialkapital Tabelle 1: Definitionen des Sozialkapitals nach Putnam 1993a »Stocks of social capital, such as trust, norms and networks, tend to be self-reinforcing and cumulative« (Putnam 1993a: 177). 1993b »… – ›social capital‹ refers to features of social organization, such as networks, norms, and trust, that facilitate coordination and cooperation for mutual benefit« (Putnam 1993b: 1 f.). 1995b »By ›social capital‹, I mean features of social life-networks, norms, and trust-that enable participants to act together more effectively to pursue shared objectives« (Putnam 1995b: 664 f.). »Social capital, in short, refers to social connections and the attendant norms and trust« (Putnam 1995b: 665). 2000 »Social capital refers to connections among individuals-social networks and the norms of reciprocity and trustworthiness that arise from them« (Putnam 2000: 19). »Social capital-that is, social networks and the associated norms of reciprocity-comes in many different shapes and sizes with many different uses« (Putnam 2000: 21). 2002 »Social capital-that is, social networks and the norms of reciprocity associated with them« (Putnam / Goss 2002: 3). Helliwell (2002) (OECD- Konferenz) »Putnam set the stage by sketching a nested hierarchy of possible definitions for social capital, with the narrowest being the networks (…) with this narrow (›lean and mean‹ in his terms) definition enclosed within a series of larger definitions, including: • networks + reciprocity, • networks + trust, • networks + trust + norms, • networks + trust + norms + institutions« (Helliwell 2002: 5). 2003 »Social capital refers to social networks, norms of reciprocity, mutual assistance, and trustworthiness« (Putnam et al. 2003: 2). 2004a »A very broad definition always risks intellectual sloppiness, so in recent years many figures in the field have converged toward a ›lean and mean‹ definition of social capital as ›social networks and norms of reciprocity‹ (Putnam 2004: 668). Clarke (2004) »Social capital refers to social networks and the associated norms of reciprocity« (Clarke 2004: 14). 2007 »I prefer a ›lean and mean‹ definition: social networks and the associated norms of reciprocity and trustworthiness« (Putnam 2007: 137). 24 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung »social life.« Auch hier liegt der Fokus auf den drei Komponenten des Sozialkapitals und die dadurch entstehende Kooperation. Den Definitionen der 1990er Jahren sind die drei Komponenten gemein: Netzwerke, Normen und Vertrauen. Im Jahr 2000 ist der Anfang der Definition noch mit den vorherigen Definitionen identisch, dann spezifiziert Putnam jedoch die Normen hin zur Reziprozitätsnorm und das Vertrauen zur Vertrauenswürdigkeit, die beide aus den Netzwerken entstehen. Ab 2002 schwankt Putnam zwischen zwei und drei Komponenten, teilweise mit und teilweise ohne das Vertrauen bzw. die Vertrauenswürdigkeit. Die Auswahl wird nicht weiter von Putnam begründet und so scheint sie relativ willkürlich zu erfolgen. Es ist unklar, warum das Vertrauen bzw. die Vertrauenswürdigkeit Putnam einmal wichtiger und einmal unwichtiger erscheint. Es stellt sich auch die Frage, warum Putnam die Normen auf die Reziprozitätsnorm verkürzt. Im Rahmen der »civicness« bzw. »civic community« waren auch der Respekt und die Toleranz von großer Bedeutung. Die vorliegende Arbeit orientiert sich an der Definition aus »Making Democracy Work«: »Stocks of social capital, such as trust, norms and networks, tend to be self-reinforcing and cumulative« (Putnam 1993a: 177). Die Auflistung der Komponenten erfolgt unspezifisch, sodass zum einen unklar bleibt, ob das Sozialkapital aus weiteren, als den drei genannten, Komponenten besteht und zum anderen bleibt unklar, um welche Art der Netzwerke, des Vertrauens und der Normen14 es sich handelt. Dies ist aber auch erst zu einem späteren Zeitpunkt von Interesse. Wichtiger sind die Gleichwertigkeit der drei aufgelisteten Komponenten und ihre Beziehungen untereinander, die in den empirischen Analysen (siehe Kapitel 8) aufgegriffen werden. Folgt man Putnams Verständnis des Sozialkapitals im demokratischen Sinne der »civicness«, so müsste sich das Sozialkapital aus den Netzwerken des zivilgesellschaftlichen Engagements bzw. den Vereinsmitgliedschaften, dem generalisierten Vertrauen und der Wohltätigkeitsnorm zusammensetzen. Nur diese spezifischen Komponenten des Sozialkapitals vermögen einen Beitrag zur »civicness« und somit zum Klima der Gesellschaft zu leisten und stehen daher im Fokus dieser Dissertation. 14 Siehe Kapitel 2.2 – 2.4. 25 2 Das Sozialkapital 2.2 Die Netzwerke Im vorangegangenen Kapitel wurden die drei Komponenten des Sozialkapitals aufgezählt. Nun sollen die einzelnen Komponenten näher erläutert werden. Für die meisten Autoren sind die Netzwerke der wichtigste Bestandteil des Sozialkapitals. Ohne die Verbindungen zwischen Menschen gäbe es weder Vertrauen noch Normen, denn diese werden erst durch zwischenmenschliche Interaktion geschaffen. Während die Netzwerke von Bourdieu (1983) und Coleman (1988, 1990) weitestgehend vernachlässigt wurden, stellte Putnam diese in den Mittelpunkt (Häuberer 2011: 86, 147). Putnam unterstreicht die herausragende Stellung der Netzwerke: »The idea at the core of the theory of social capital is extremely simple: Social networks matter. Networks have value« (Putnam / Goss 2002: 6). Netzwerke werden je nach theoretischem Standpunkt unterschiedlich definiert. Allgemein formuliert bestehen Netzwerke aus einer Menge sozialer Einheiten, wie bspw. Personen oder Organisationen, die durch Beziehungen aller Art miteinander verbunden sind (Esser 2000: 177). Je nachdem um welche Art sozialer Einheiten und Beziehungen es sich handelt, ergeben sich mehrere Unterarten von Netzwerken, die verschiedene Charakteristika aufweisen. Es gibt innen- und außenorientierte sowie bindende und brückenbildende Netzwerke, Netzwerke mit einer geringen oder einer hohen Dichte sowie informelle und formelle Netzwerke.15 Innenorientierte Netzwerke sind an der Verfolgung der materiellen, sozialen oder politischen Interessen ihrer Mitglieder interessiert, wie bspw. Berufsverbände oder Gewerkschaften, während außenorientierte Netzwerke etwas Gutes für die Gesellschaft bereitstellen möchten (Putnam / Goss 2002: 11). Außenorientierte Netzwerke streben die Erstellung öffentlicher Güter an und weisen altruistische Merkmale auf (Zmerli 2008: 49). Dabei handelt es sich beispielsweise um Umweltschutz- oder Menschenrechtsorganisationen. Bindende, auch »bonding« genannte, Netzwerke zeichnen sich durch homogene Kontakte aus. Es handelt sich zumeist um einen Zusammenschluss von sehr ähnlichen Menschen (Putnam / Goss 2002: 11 f.). Brückenbildende (»bridging«) Netzwerke beinhalten 15 Siehe dazu auch Kriesi (2007: 35 ff.). 26 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung bspw. Kontakte verschiedener Schichten, Herkunftsländer, aber auch Lebensjahre oder sonstiger Unterscheidungsmerkmale von Menschen. Die meisten Kontakte sind jedoch sowohl bindend als auch brückenbildend, denn die Netzwerkmitglieder ähneln sich zumeist nur in Bezug auf einige Charakteristika, während sie sich in Bezug auf andere unterscheiden. Beispiele sind Heimatvereine oder Frauengruppen (Zmerli 2008: 50). Bezogen auf Vereinsmitgliedschaften gilt, dass der »bridging character of relations is not necessarily produced in the association itself but could also be the result of overlapping memberships at the individual level« (Hooghe / Stolle 2003: 10). Das heißt man muss nicht zwangsläufig Mitglied eines brückenbildenden Vereins sein, um mit Menschen unterschiedlicher Charakteristika in Kontakt zu kommen, denn mit der Anzahl der Mitgliedschaften steigt die Wahrscheinlichkeit innerhalb der vielen verschiedenen bindenden Vereine dennoch unterschiedliche Menschen kennenzulernen. Die Unterteilung der Netzwerke, in diejenigen, die eine geringe oder eine hohe Dichte aufweisen, ist an Granovetter (1973, 1974) angelehnt. Granovetter untersuchte den Erfolg der Arbeitssuche mit Hilfe von starken und schwachen Kontakten. Der Grad der Bindung wurde durch die Häufigkeit der Kontakte mit einer Person und die Verbindungen des Kontaktes zu anderen Personen des gleichen Netzwerkes ermittelt (Putnam / Goss 2002: 10 f.). Die schwachen Bekanntschaften, die sogenannten »weak ties«, waren für die Arbeitssuche besonders hilfreich, denn diese weisen häufig auch einen brückenbildenden Charakter auf. Ein Netzwerk mit vielen solcher schwachen Beziehungen ist durch eine geringe Dichte gekennzeichnet, während sich ein Netzwerk mit vielen Freunden und Familienmitgliedern durch eine hohe Dichte und vielen, sogenannten »strong ties«, auszeichnet. Die vierte Unterart ist die Unterscheidung von informellen und formellen Netzwerken. Informelle Netzwerke sind bspw. Freundschafts- und Familiennetzwerke, während Vereine und Organisationen mit Satzungen formelle Gruppen darstellen. Im Kontext des Sozialkapitals sind mit formellen Netzwerken primär die freiwilligen 27 2 Das Sozialkapital Vereinigungen im Sinne von Vereinen16 gemeint. Freiwillige Vereinigungen sind »frei gewählte Zusammenschlüsse von Menschen […], die ihre Ziele gemeinsam im Rahmen einer formalen  – d. h. geplanten, am Ziel der Vereinigung ausgerichteten und von bestimmten Personen unabhängigen  – Organisationsstruktur zu verfolgen versuchen« (Braun 2007: 201). Die vier Unterscheidungen sind jeweils als Kontinuum zu verstehen (siehe Abbildung 4). Familien sind meistens innenorientierte, bindende, informelle Netzwerke mit einer hohen Dichte, während Umweltschutzvereine am jeweils anderen Ende der Kontinua zu finden sind. Es gibt jedoch ebenso formelle, bindende Netzwerke wie bspw. den Lions Club. In den meisten Fällen ist es jedoch nicht möglich die Netzwerke den verschiedenen Kontinua zuzuordnen, denn viele Netzwerke sind sowohl bindend als auch brückenbildend. Bei den anderen Zuordnungen wäre es prinzipiell einfacher, allerdings braucht man dafür Daten, die Informationen über die Dichte, die Ziele und die Beziehungsstruktur der Mitglieder enthalten. Genau genommen müsste man die Zuordnung für jedes Netzwerk, das man untersuchen möchte, einzeln vornehmen. Auf die formellen Netzwerke wird nun näher eingegangen, denn die Differenzierung zwischen formellen und informellen Netzwerken ist in Bezug auf das Sozialkapitalkonzept die wichtigste Unterscheidung der verschiedenen Netzwerke17. Dies liegt vor allem an der Funktion der formellen Organisationen, also der Vereine und Verbände, denn sie sind die »notwendige Verknüpfung zwischen primären Gruppen wie Familien einerseits und staatlichen Institutionen und Behörden andererseits« (van Deth 2004: 295). Die Vereine dienen noch einem weiteren wichtigen Zweck. »The denser such networks in a community, the more likely that its citizens will be able to cooperate for mutual benefit« (Putnam 1993a: 173). Die Kooperation von 16 Diese werden manchmal auch als Netzwerke des zivilgesellschaftlichen Engagements bezeichnet. 17 Putnam konzentriert sich auf eine bestimmte Art der Netzwerke: »networks of civic engagement«, die vor allem aus Vereins-, Verbands- und Parteistrukturen bestehen (Kriesi 2007: 27). 28 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Individuen wird durch die Kenntnis der übrigen Netzwerkmitglieder über die Teilnahme bzw. Nichtteilnahme wahrscheinlicher, denn »networks of civic engagement increase the potential costs to a defector in any individual transaction« (Putnam 1993a: 173). Sobald die Kosten der Nichtteilnahme höher wären, als die der Beteiligung, wäre es rational sich zu beteiligen und die Kosten der Beteiligung auf sich zu nehmen. Die Kosten bestehen in diesem Fall vor allem aus zeitlichen und sozialen Kosten. Der soziale Nutzen ist nicht zu unterschätzen, denn »networks of civic engagement facilitate communication and improve the flow of information about the trustworthiness of individuals« (Putnam 1993a: 174), d. h. die Reputation der Vereinsmitglieder wird weitergetragen und je nach Verhaltensweise verbessert oder verschlechtert sie sich. »The greater the communication (both direct and indirect) among participants, the greater their mutual trust and the easier they will find it to cooperate« (Putnam 1993a: 173). Für die Integration innerhalb des Netzwerkes und den eigenen Ruf ist es somit entscheidend, dass sich die Netzwerkmitglieder aktiv beteiligen. »Networks of civic engagement embody past success at collaboration, which can serve as a culturally-defined template for future collaboration« (Putnam 1993a: 173 f.). Das bedeutet, bereits vorhandene Organisationsstrukturen können die Kooperation zwischen den Menschen erleichtern. »Freiwillige Vereinigungen sind also der Dreh- und Angelpunkt in Putnams Konzept« (Braun 2007: 202) des Sozialkapitals. Die formellen Netzwerke lassen sich in zwei Unterarten unterteilen, denn sie entwickeln sich seit einigen Jahren von konventionellen Vereinen, in deren Rahmen man sich von Zeit zu Zeit getroffen hat und Kontakt zu anderen Vereinsmitgliedern hatte, hin zu sog. »cheque book«-Vereinen (van Deth 2004: 297). Diese Vereine zeichnen sich dadurch aus, dass die Mitglieder ihren Mitgliedsbeitrag bezahlen und sich darüber hinausgehend nicht weiter beteiligen. Zwischen den Vereinsmitgliedern besteht keinerlei Kontakt, wie bspw. beim ADAC oder dem WWF. Für das Sozialkapital auf der gesellschaftlichen Ebene kann dies problematische Auswirkungen haben. Wenn die Vereinsmitglieder keinen persönlichen Kontakt zueinander haben, können sich die positiven Eigenschaften der Vereinsmitgliedschaft nur sehr schwer auf die Mitglieder übertragen. 29 2 Das Sozialkapital 2.3 Die Reziprozitäts- bzw. Wohltätigkeitsnorm Im Gegensatz zu dem Sozialkapital im Allgemeinen gibt es nur sehr wenige Definitionen der Reziprozitätsnorm. Über den reziproken Austausch hinaus gibt es eine »generalized moral norm of reciprocity which defines certain actions and obligations as repayments for benefits received« (Gouldner 1960: 170). Die Frage, welche verschiedenen Unterarten der Reziprozität es gibt, wird von verschiedenen Autoren unterschiedlich beantwortet. Man kann ebenso wie bei den Netzwerken und dem Vertrauen zwei komplementäre Begriffe unterscheiden. Es gibt zum einen die spezifische bzw. komplementäre Reziprozität, die auch als »tit-for-tit« bezeichnet wird. Diese ist gekennzeichnet durch: »Exchanges should be concretely alike, or identical in form, either with respect to the things exchanged or to the circumstances under which they are exchanged« (Gouldner 1960: 172). Bspw. Person A hilft seinem Freund Person B bei seinem Umzug und wenn Person A umzieht, hilft ihm Person B. Zum anderen gibt es die generalisierte Reziprozität, welche auch als »tit-for-tat« bezeichnet wird. Die generalisierte Form der Reziprozität ist gekennzeichnet durch: »The things exchanged may be concretely different but should be equal in value, as defined by the actors in the situation« (Gouldner 1960: 172). Bspw. hilft Person A Person B beim Umzug und Person B hilft Person A die Winterreifen des Autos zu wechseln. Die Personen und auch der Wert der Gegenleistung sind identisch, einzig die Gegenleistung unterscheidet sich in ihrer Art. Bei beiden Formen der Reziprozität findet der Austausch grundsätzlich zwischen den gleichen Personen statt, d. h. bei keiner der genannten Reziprozitätsarten ist ein genereller Austausch mit völlig unbekannten Menschen gemeint. Putnam hingegen definiert die Reziprozität folgendermaßen: »I’ll do this for you now, in the expectation that you (or perhaps someone else) will return the favor« (Putnam 2000: 20). Putnam bezeichnet dies auch als generalisierte Reziprozität (Putnam 2000: 20 f.), denn es findet kein direkter Austausch zwischen zwei Personen statt, sondern die Übergabe irgendeines Gutes und ggf. findet der Rücktausch mit einer völlig anderen Person als der ursprünglich beteiligten Person statt. Bspw. hilft Person A Person B beim Umzug und Person X hilft, der ihm völlig unbekannten Person A, den richtigen Weg zu finden. 30 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Person B leistet dabei im schlimmsten Fall gar keine Rückgabe. Dies hat mit der klassischen generalisierten Reziprozität nur noch wenig gemein, da die Personen völlig andere sein können (sowohl Person A, wie auch Person B) und auch der Wert und die Art des Tauschgegenstands können sehr stark variieren. Die Definition von Putnams generalisierter Reziprozität erinnert somit eher an die Norm der Wohltätigkeit (im Folgenden Wohltätigkeitsnorm genannt) von Gouldner (2005: 110). Die Wohltätigkeitsnorm beinhaltet normative Orientierungen wie Altruismus, Nächstenliebe oder Gastfreundschaft (Gouldner 2005: 110). Auch das, was Putnam als spezifische Reziprozität bezeichnet, wird bei Gouldner als generalisierte (tit-for-tat) Reziprozität bezeichnet. Bei Gouldner beinhaltet die spezifische Reziprozität (tit-for-tit) den Austausch der gleichen Güter. Putnams Verständnis ist somit ein gänzlich anderes als das von Gouldner und da Putnams Reziprozität eher der Wohltätigkeitsnorm ähnelt, lohnt es sich, sich mit der Wohltätigkeitsnorm genauer auseinanderzusetzen. Die Reziprozitätsnorm kann von der Wohltätigkeitsnorm folgendermaßen abgegrenzt werden. »Die Reziprozitätsnorm rechtfertigt eine Verpflichtung, einem anderen deshalb zu helfen, weil er einem selbst geholfen hat oder helfen wird; die Wohltätigkeitsnorm rechtfertigt die Verpflichtung, einem anderen zu helfen, weil der andere dieser Hilfe bedarf« (Gouldner 2005: 115 f.), d. h. es muss vorher nicht zwangsläufig einen Austausch gegeben haben. Es ist gerechtfertigt zu helfen, »entweder weil sie dir geholfen haben oder in Zukunft helfen werden oder weil sie hilfsbedürftig sind« (Gouldner 2005: 116). Dies ist mit der Definition und dem Verständnis von Putnams generalisierter Reziprozität deckungsgleich. Eine wohltätige Handlung kann auch »zu einem späteren Zeitpunkt in Begriffen der Reziprozitätsnorm gesehen und interpretiert« (Gouldner 2005: 113) werden. Während die Reziprozität als rational zu betrachten ist, denn entweder man bekommt exakt den gleichen oder einen gleichwertigen Gegenstand zurück, handelt es sich bei der Wohltätigkeitsnorm um eine »combination of what one might call short-term altruism and 31 2 Das Sozialkapital long-term self-interest« (Putnam 2000: 134). Beispielsweise wenn man einer fremden Person den Weg zeigt und daraufhin hofft, dass einem, wenn man selber eine Wegbeschreibung benötigt, ebenfalls geholfen wird. In einigen Fällen »the return of the favor is immediate and the calculation straightforward, but in some cases the return is long-term conjectural« (Putnam 2000: 135). Putnams generalisierte Reziprozität, also die Wohltätigkeitsnorm, »is fundamental to civilized life« (Putnam 2000: 135), denn nur wenn Personen daran glauben, dass ihre gute Tat oder ihre Hilfe irgendwann von irgendwem erwidert wird und ihre Tat langfristig nicht völlig umsonst war, sind Menschen auch daran interessiert kurzfristig altruistisch zu handeln. Putnams generalisierte Reziprozität, also die Wohltätigkeitsnorm, ist deshalb für die Gesellschaft wichtig, denn »these outstanding obligations, …, contribute substantially to the stability of social systems. … It is morally improper, under the norm of reciprocity, to break off relations or to launch hostilities against those to whom you are still indebted« (Gouldner 1960: 175). Die Normen bzw. die Reziprozitätsnorm sind für das Zustandekommen von Kooperation zwischen den Menschen wichtig. »Norms such as those that undergird social trust evolve because they lower transaction costs and facilitate cooperation. The most important of these norms is reciprocity« (Putnam 1993a: 172), denn Zweifel an der Einhaltung der Norm zur Rückgabe führen sehr schnell zu einer Verweigerung von erneuter Kooperation. Es wird auch ohne die Norm kooperiert, aber die Kooperation wird mit Hilfe der Norm verbessert. »The norm of generalized reciprocity is a highly productive component of social capital. Communities in which this norm is followed can more efficiently restrain opportunism and resolve problems of collective action« (Putnam 1993a: 172), denn durch die Norm können Sanktionen verhängt werden und die Wahrscheinlichkeit der Einhaltung der Norm und somit das Zustandekommen der Kooperation steigt. Die Akzeptanz von Rechten und Gegenrechten fördert das Vertrauen und steigert die Wahrscheinlichkeit von reziprokem Verhalten. »A society that relies on generalized reciprocity is more efficient« (Putnam 2000: 135) als eine Gesellschaft, in der die Wohltätigkeitsnorm nicht akzeptiert wird, denn dort wird Kooperation deutlich 32 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung schwieriger zu initiieren sein. Die Norm dient als Versicherung, dass der vereinbarten Kooperation nachgekommen wird, denn »it provides a further source of motivation and an additional moral sanction for conforming with specific status obligations« (Gouldner 1960: 175 f.). Die Reziprozitätsnorm stabilisiert nicht nur soziale Austauschsysteme, sondern sie kann auch den Ausgangspunkt für einen reziproken Austausch bilden (Gouldner 2005: 114). Die Reziprozitätsnorm übernimmt also für das Zusammenleben in einer Gemeinschaft eine wichtige Rolle. Sie wäre auch besonders wichtig in Gesellschaften mit großer sozialer Ungleichheit, denn »if B is considerably more powerful than A, B may force A to benefit it with little or no reciprocity« (Gouldner 1960: 164). D. h. ohne die Norm würde die machtvollere Person die weniger machtvolle Person ausnutzen. Allerdings dürfte gerade in Gemeinschaften mit großen sozialen Ungleichheiten die Reziprozitätsnorm nicht mehr gelten, weshalb die soziale Ungleichheit auch aufrechterhalten wird. Auch wenn sich die Begrifflichkeiten von Putnam und Gouldner unterscheiden, verstehen beide die Reziprozität als »mutually gratifying pattern of exchanging goods and services […], which in the long run balance, benefiting both sides equally« (Gouldner 1960: 170). Langfristig sollen alle beteiligten Akteure in gleichen Teilen von der Kooperation profitieren, sodass niemand ausgenutzt wird oder jemand mehr profitiert als andere. Diese Sichtweise entspricht ebenfalls dem demokratischen Ansatz Putnams. 2.4 Das Vertrauen Das Vertrauen ist ein großes Forschungsfeld für sich und wie beim Sozialkapital gibt es kein einheitliches Begriffsverständnis (Kunz 2004: 203). Eine von vielen möglichen Definitionen von Vertrauen lautet: »[trust is the] belief that others will not, at worst, knowingly or willingly do you harm, and will, at best, act in your interests« (Delhey / Newton 2003: 105). Dieser Glauben beruht auf der Vertrauenswürdigkeit des Gegenübers. Vertrauen entsteht, wenn eine Person eine andere Person aufgrund von früheren Erfahrungen, der Reputation, Informationen dritter Personen, etc. als vertrauenswürdig einschätzt. Wenn sich 33 2 Das Sozialkapital bspw. Person A vertrauenswürdig verhält und diese Information an andere Personen innerhalb des Netzwerkes weitergegeben wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen Person A vertrauen und mit ihr kooperieren. Ohne Vertrauenswürdigkeit und das daraus resultierende Vertrauen würde es nur wenige Kooperationen zwischen den Menschen geben. Die erfolgreiche Kooperation schafft wiederum zusätzliches Vertrauen zwischen den Menschen (Putnam 1993a: 171). Somit hängen die Vertrauenswürdigkeit und das Vertrauen sehr eng miteinander zusammen, denn »›trustworthiness‹, that is, a readiness to act in accord with the obligations of reciprocity. Trust (that is, the perception by others that one is trustworthy) is typically a correlate of trustworthiness and thus of social capital, but unwarranted trust (that is, trust divorced from trustworthiness) is merely gullibility, which is not part of the conception of social capital« (Putnam 2004: 668, Fußnote**). Desweiteren wird vermutet, dass das Vertrauen aus der Reziprozitätsnorm entsteht (Putnam 1993a: 171). Denn der Ausgangspunkt der Einschätzung, ob Person A mit Person B kooperieren sollte, ist die Bereitschaft des Individuums sich der Reziprozitätsnorm zu beugen (siehe Abbildung 2). Ist diese Bereitschaft vorhanden und wird dies durch die Reputation sowie durch früheres Verhalten bestätigt, so gilt die Person als vertrauenswürdig. Die Vertrauenswürdigkeit bildet wiederum die Grundlage für das Vertrauen. Besteht der Verdacht, dass sich die Person nicht an die Reziprozitätsnorm hält, liegt keine Vertrauenswürdigkeit vor. Vertraut Person A Person B ohne das Person B vertrauenswürdig ist, so handelt Person A leichtgläubig. Auch dann kann zwischen den beiden Personen die Absicht bestehen zu kooperieren, allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Person B nicht regelkonform verhält deutlich größer, als wenn die Kooperation durch gerechtfertigtes Vertrauen gekennzeichnet gewesen wäre. In einem Netzwerk, in dem die Reziprozitätsnorm allgemein akzeptiert wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Mitglieder des Netzwerkes vertrauen. 34 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Abbildung 2: Von der Reziprozität zur Kooperation Bereitschaft der Reziprozitätsnorm zu entsprechen Vertrauenswürdigkeit Keine Vertrauenswürdigkeit Vertrauen Leichtgläubigkeit Kooperation Einschätzung von Person A bzgl. des Verhaltens von Person B Handlung von Person A in Bezug auf Person B Quelle: Eigene Darstellung. Putnam stimmt hierin mit Coleman überein, für den Vertrauen »eine rationale Entscheidung unter subjektiven Risikowahrscheinlichkeiten, die in Begriffen von Gewinn und Verlust durchgeführt wird« (Adloff / Mau 2005: 31) umfasst. Mit dem Vertrauen ist also kein blindes, naives Vertrauen gemeint, sondern wohlüberlegtes und auf die jeweilige Situation abgestimmtes Vertrauen. Die herausragende Stellung des Vertrauens bei der Entscheidung zu kooperieren führt zu der Einschätzung, dass das soziale Vertrauen ein unerlässlicher Teil des Sozialkapitals ist (Putnam 1993a: 170). Gleiches gilt auch für die Vertrauenswürdigkeit, die Reziprozitätsnorm und die Netzwerke (Putnam 1993a: 172 f.). So verwundert es auch nicht, dass Putnam die Bedeutung der Reziprozität für das Sozialkapital hervorhebt. »The touchstone of social capital is the principle of generalized reciprocity« (Putnam 2000: 134), denn die Einhaltung der Reziprozitätsnorm ist sehr stark mit dem Vertrauen verbunden. Zusätzlich geht das Vertrauen mit einer in der Kindheit und Jugend sozial erlernten generalisierten Einstellung einher, »die sich auf die grundsätzliche Vertrauenswürdigkeit der Mitmenschen bezieht« (Kunz 2004: 203). Wer in einem vertrauensvollen Umfeld mit vielen vertrauenswürdigen Personen sozialisiert wurde, hat ein höheres ge- 35 2 Das Sozialkapital nerelles Vertrauen in Menschen als Personen, die in einem weniger vertrauensvollen Umfeld sozialisiert wurden. Das Vertrauen, wie auch die Internalisierung der Reziprozitätsnorm, entsteht zum einen durch persönliche Erfahrungen aus vorherigen Kooperationen und zum anderen aufgrund der sozialen Konventionen in der Sozialisationsphase (Putnam 2000: 139). Ebenso wie bei den Netzwerken gibt es auch bei dem Vertrauen ein Kontinuum (Putnam 2000: 136, Fn. 12). Die Endpunkte sind dünnes (»thin«) oder auch generalisiertes und dichtes (»thick«) oder auch spezifisches Vertrauen (Kunz 2004: 204). »Trust embedded in personal relations that are strong, frequent, and nested in wider networks is sometimes called ›thick trust‹« (Putnam 2000: 136). Dichtes Vertrauen herrscht bspw. vornehmlich zwischen Familienmitgliedern oder Freunden vor, während dünnes Vertrauen zwischen flüchtigen Bekannten, Pendlern oder auch Unbekannten vorherrscht. »Thinner trust in ›the generalized other‹ […] also rests implicitly on some background of shared social networks and expectations of reciprocity« (Putnam 2000: 136). Für das Sozialkapital ist das dünne bzw. generalisierte Vertrauen von Bedeutung, denn das generalisierte Vertrauen steigert die Wahrscheinlichkeit mit unbekannten Personen18 zu kooperieren. Das dünne Vertrauen hängt mit der Befolgung der Wohltätigkeitsnorm zusammen, sodass sich das gesellschaftliche Klima verbessern solle, weil jeder Mensch jedem anderen helfen würde ohne eine direkte Gegenleistung oder vorhergehende Leistung zu erwarten. 2.5 Wirkungszusammenhänge der Komponenten Wie bereits in der Beschreibung der einzelnen Komponenten angedeutet wurde, stehen die drei Komponenten miteinander in Beziehung. Diese Beziehungen werden im Folgenden genauer betrachtet, da sie für die spätere Modellierung der empirischen Analysen von Bedeutung sind. Putnam (1993a) beschreibt den Zusammenhang zwischen den drei Komponenten des Sozialkapitals folgendermaßen: »Stocks of 18 Man kennt die Person nicht persönlich, teilt mit ihr aber vielleicht den gleichen kulturellen Hintergrund, das gleiche Interesse (bspw. an einer Sportart), die gleiche politische Einstellung oder man hat gemeinsame Bekannte. 36 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung social capital, such as trust, norms, and networks, tend to be selfreinforcing and cumulative« (Putnam 1993a: 177). Oder auch: »Social trust, norms of reciprocity, networks of civic engagement, and successful cooperation are mutually reinforcing« (Putnam 1993a: 180). Wie in Abbildung 3 zu sehen ist, verstärken sich die drei Komponenten, die Netzwerke, das Vertrauen und die Normen, gegenseitig und bilden gemeinsam das Sozialkapital. Putnam (1993a: 173 ff.) erklärt allerdings nicht warum die Zusammenhänge so aussehen und nicht anders. Nur indirekt kann man es bei Putnam herauslesen: »Networks of civic engagement foster robust norms of reciprocity […] and encourage the emergence of social trust« (Putnam 1995a: 67), d. h. die soziale Interaktion zwischen Menschen verstärkt das Vertrauen und die Reziprozitätsnorm und bildet den Startpunkt des positiven Kreislaufs (»virtuous circle«) (Putnam 1993a: 170). Abbildung 3: Die Wirkungszusammenhänge der Komponenten Quelle: Eigene Abbildung (angelehnt an Gabriel et al. 2002: 23). Die Wirkungszusammenhänge beschränken sich nicht nur auf die in Abbildung 3 dargestellten Zusammenhänge. Die in den vorangegangenen Kapiteln erläuterten Dimensionen der einzelnen Komponenten lassen sich ebenfalls in die Wirkungszusammenhänge integrieren. »The theory of social capital argues that associational membership should, for example, increase social trust, but this prediction is much less straightforward with regard to membership in tertiary associations. From the point of social connectedness, the Environmental Defense Fund and a bowling league are just not in the same category« (Putnam 1995a: 70). 37 2 Das Sozialkapital Die Dimensionen der einzelnen Komponenten stehen zwar mit den anderen Dimensionen der übrigen Komponenten in Beziehung (Abbildung 4), aber nicht jede Dimension einer jeden Komponente beeinflusst jede andere Dimension einer anderen Komponente. So unterstützen bindende Netzwerke die Entstehung von dichtem Vertrauen. Bei bindenden Netzwerken handelt es sich um Netzwerke zwischen Menschen, die durch eine enge soziale Beziehung miteinander verbunden sind. Das daraus resultierende Vertrauen bezieht sich ausschließlich auf die Mitglieder des bindenden Netzwerkes, sodass sich daraus dichtes Vertrauen entwickeln kann. Bei brückenbildenden Netzwerken handelt es sich um Menschen mit verschiedenen Charakteristika, sodass das generalisierte Vertrauen in die Menschen gestärkt wird. »Dense networks of social interaction appear to foster sturdy norms of generalized reciprocity« (Putnam / Goss 2002: 7), denn in Netzwerken mit engen sozialen Beziehungen ist es einfacher die Reziprozität zu kontrollieren, zu sanktionieren und somit die Reziprozitätsnorm zu stärken. Damit ist allerdings die Reziprozitätsnorm nach Gouldner gemeint, da es sich bei dichten Netzwerken nicht um völlig unbekannte Menschen handelt und die Wohltätigkeitsnorm in den Netzwerken überhaupt nicht zu überwachen ist. Wie in Kapitel 2.1 beschrieben, orientiert sich die vorliegende Dissertation an dem Konzept des Sozialkapitals nach Putnam. Die entscheidenden Komponenten des Sozialkapitals, die die »civicness« bzw. die Integration in die Gesellschaft wiedergeben, sind daher die formalen Netzwerke, das generalisierte Vertrauen und die Wohltätigkeitsnorm. Nur diese Komponenten spiegeln die Bereitschaft einen selbstlosen Beitrag zur Verbesserung des gesellschaftlichen Klimas und damit der »civicness« wider. Das spezifische Vertrauen ist nur den beteiligten Personen von Nutzen, jedoch nicht dem Allgemeinwohl. Gleiches gilt für die Reziprozitätsnorm. Personen, deren Netzwerke primär aus informellen Netzwerken bestehen, sind zwar auch in der Gesellschaft integriert, aber sie würden wahrscheinlich nicht mit fremden Menschen zusammenarbeiten und bei der Bereitstellung eines Kollektivguts helfen. Wird im Folgenden von dem Sozialkapital gesprochen, so ist damit das Sozialkapital im Sinne der »civicness«, 38 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung A bb ild un g 4: D im en si on en d es S oz ia lk ap ita ls W oh ltä tig ke its no rm R ez ip ro zi tä ts no rm D ic ht es V er tr au en D ic ht es V er tr au en G er in ge D ic ht e S oz ia le N et zw er ke In fo rm el le In ne no ri en tie rt A uß en or ie nt ie rt B on di ng / B in de nd e B ri dg in g/ B rü ck en bi ld en de H oh e D ic ht e W oh ltä tig ke its no rm R ez ip ro zi tä ts no rm R ez ip ro zi tä ts no rm W oh ltä tig ke its no rm W oh ltä tig ke its no rm D ün ne s V er tr au en D ün ne s V er tr au en D ic ht es V er tr au en D ün ne s V er tr au en D ün ne s V er tr au en D ic ht es V er tr au en R ez ip ro zi tä ts no rm Fo rm el le Qu ell e: Eig en e D ar ste llu ng . 39 2 Das Sozialkapital bestehend aus den drei Komponenten der formellen Netzwerke, des generalisierten Vertrauens und der Wohltätigkeitsnorm gemeint. Wenn man sich die Definitionen aus Kapitel 2.1 in Erinnerung ruft, so beschreibt Putnam (1995b: 665 und 2000: 19, 21) nicht nur verschiedene Kontinua der einzelnen Komponenten, sondern auch Komponenten, die sich auf zwei verschiedenen Ebenen befinden. Die sozialen Netzwerke und deren vielfältigen Erscheinungsformen werden der strukturellen Ebene zugeordnet. Hierbei handelt es sich um objektive Strukturen (Heydenreich-Burck 2010: 54), wie die Anzahl und Art der Beziehungen, die Charakteristika von Netzwerken oder den Grad des Engagements in Vereinen. Die Reziprozitäts- und die Wohltätigkeitsnorm sowie das Vertrauen werden der kulturellen Ebene zugeordnet. Werden allgemein soziale Werte und Normen betrachtet, zählen Solidarität, Reziprozität, Toleranz und demokratische Einstellungen ebenfalls dazu (Kunz et al. 2008: 43). Das Sozialkapital bzw. dessen Komponenten befinden sich jedoch nicht nur auf der kulturellen und der strukturellen Ebene. Die Komponenten können zusätzlich auf der Mikro- und der Makroebene verortet werden.19 Auch wenn sich Putnams empirische Analysen auf die Aggregatebene beziehen, so spricht doch einiges dafür, dass die »civicness« eher auf der Mikroebene verankert ist. So handelt es sich bei der »civicness« bzw. dem Gemeinsinn um die Einstellung der Bürger gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen, den internalisierten Normen und deren Einbindung in die Gesellschaft über die Vereine. D. h. man befindet sich eindeutig auf der Mikroebene. Es ist jedoch auch möglich das Sozialkapital als öffentliches Gut zu betrachten, denn auch unbeteiligte Dritte können von dem kulturellen Sozialkapital oder von dem Kooperationsergebnis profitieren. Putnam und Goss (2002: 7) nennen hierzu das Beispiel einer Bürgerinitiative zum Bau eines Kinderspielplatzes. Durch die Zusammenarbeit in der Initiative entstehen neue Beziehungen, sodass sich die Netzwerke der Beteiligten erweitern und das Vertrauen in die Menschen gestärkt wird. Im Idealfall ist die Bürgerinitiative erfolgreich und der Spielplatz wird gebaut. Von diesem Kollektivgut bzw. dem Kooperationsergebnis pro- 19 Auf das sog. »linking« Sozialkapital, das mit dem Vertrauen in Institutionen gleichzusetzen ist (Kroll 2008: 86, siehe dazu auch Woolcock 1998, Woolcock / Narayan 2000), wird hier nicht eingegangen. 40 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung fitiert wiederum die gesamte Nachbarschaft. Die Tatsache, dass sich Fremde für die Gemeinschaft einsetzen, könnte sich auf das generelle Vertrauen und die Wohltätigkeitsnorm der Nachbarn auswirken. So entsteht zusätzlich zu dem real existierenden Kollektivgut des Spielplatzes das Kollektivgut des positiven Klimas in der Gemeinschaft. »Social capital can thus be simultaneously a private and a public good« (Putnam / Goss 2002: 7).20 Die Zweiteilung in die strukturelle und die kulturelle Ebene sowie die Zuordnung auf der Mikro- oder der Makroebene werden von Gabriel et al. (2002: 25 f.) unter der Bezeichnung des »doppelten Doppelcharakters« des Sozialkapitals zusammengefasst. Aufgrund dieser komplexen Struktur sollte daher immer beschrieben werden, welche Art des Sozialkapitals auf welcher Ebene betrachtet wird. 2.6 Operationalisierung bei Putnam Nachdem die Definitionen und die Komponenten sowie deren Zusammenspiel erläutert wurden, wird nun die praktische Umsetzung in Putnams Hauptwerken (1993a, 2000) betrachtet. Putnam definierte das Sozialkapital sowohl 1993a wie auch 2000 von den Komponenten aus betrachtet fast identisch und dennoch wird es jeweils unterschiedlich operationalisiert. Wie bereits in Kapitel 2.1 erwähnt wurde, modellierte Putnam in »Making Democracy Work« den sog. »Civic Community Index« für Italien. Es handelt sich dabei um eine Aggregatdatenanalyse der zwanzig Regionen Italiens (Putnam 1993a: 92). Der Civic Community Index besteht aus vier Faktoren und soll die »›civic-ness‹ of regional life« (Putnam 1993a: 91) messen. Die Operationalisierung ist an die von de Tocqueville angelehnt. Der erste Faktor umfasst den prozentualen Anteil der Sport- und Kulturvereine in den einzelnen Regionen. Der zweite Faktor spiegelt den prozentualen Anteil der Zeitungsleser in der jeweiligen Region wider. Der dritte und der vierte Faktor ergeben sich jeweils aus einer Faktorenanalyse. Für den dritten Faktor wurden die Wahlbeteiligungsraten bei verschiedenen Referenden der Jahre von 1974 bis 1987 zu einem Faktor 20 Putnam scheint hier ein wenig vom demokratischen Ansatz zum rationalen Ansatz zu wandern. 41 2 Das Sozialkapital zusammengefasst und für den vierten Faktor wurde der prozentuale Anteil der Präferenzwahl bei nationalen Wahlen der Jahre von 1953 bis 1979 verwendet (Putnam 1993a: 91 ff.). Mit diesen vier Faktoren wurde wiederum eine Faktorenanalyse21 berechnet. Alle Faktoren weisen Faktorladungen größer als 0,89 auf und liegen damit deutlich über dem Grenzwert von 0,7 (Putnam 1993a: 91). Bei dem neuen Faktor, der den Civic Community Index darstellt, handelt es sich indirekt um einen Faktoren zweiter Ordnung. Putnams Operationalisierung erfolgt allerdings nicht stringent, denn bei der theoretischen Herleitung sind das Vertrauen und die Vertrauenswüdigkeit Teil der »civicness« und der »civic community« bzw. bei dem Vertrauen handelt es sich um ein Charakteristikum der Bürger der »civic community«. Bei der Operationalisierung in Putnams Civic Community Index ist das Vertrauen hingegen nicht enthalten. Stattdessen wird der Einfluss des Vertrauens auf den Civic Community Index betrachtet (Putnam 1993a: 111 f.). Wenige Kapitel später wird das Vertrauen wieder als Indikator des Sozialkapitals (und damit indirekt des Civic Community Index) präsentiert. An dieser Stelle wird die Ursache-Wirkungsbeziehung nicht ausreichend auseinandergehalten bzw. ein Phänomen wird mit einem Bestandteil des Phänomes erklärt. Putnam vermischt Ursache und Wirkung des Sozialkapitals miteinander (Häuberer 2011: 60) und das führt dazu, dass erklärende und erklärte Variablen sowie Ursache und Wirkung identisch sein können (Farrell 2007: 37). In »Bowling alone« modellierte Putnam (2000) den »Social Capital Index« (SCI) ebenfalls auf der Aggregatebene für die fünfzig Bundesstaaten der USA und nutzte dafür eine Faktorenanalyse erster Ordnung. Der SCI besteht aus vierzehn Indikatoren, die u. a. die Anzahl der Vereine, die Wahlbeteiligung, gemeinnützige Arbeit, Zeit mit Freunden und Zeit zu Hause, Vertrauen und Ehrlichkeit umfassen (Putnam 2000: 291). Bei den Indikatoren handelt es sich sowohl um Indikatoren der Aggregatebene (bspw. die Wahlbeteiligung, die Anzahl von gemeinnützigen oder von sozialen Vereinen pro 1000 Einwohner) als auch um aggregierte Indikatoren der Individualebene (bspw. die durchschnittliche Anzahl an Vereinsmitgliedschaften, 21 Mit einer Hauptkomponentenanalyse (PCA) (Putnam 1993a: 94 Fn. 42). 42 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung der prozentuale Anteil der Besuche von öffentlichen Versammlungen oder der Anteil der Personen, die den meisten Menschen vertrauen). Von den vierzehn Indikatoren lassen sich zwölf als Indikatoren der formellen und informellen Netzwerke bezeichnen. Das Vertrauen wurde mit den übrigen zwei Indikatoren gemessen, während die Reziprozitätsnorm nicht berücksichtigt wurde. Anschließend wurde der Sozialkapital-Index mit Ausprägungen verschiedener gesellschaftlicher Bereiche wie bspw. Bildung, Nachbarschaft, Demokratie, etc. korreliert. Anhand dieser Korrelationen ist es nicht möglich Aussagen über die kausale Beziehung oder die Abnahme des Sozialkapitals zu treffen. Letzteres versucht Putnam mit Hilfe zahlreicher Daten zu belegen. Es werden Zeitreihen präsentiert, die allesamt einen negativen Trend zeigen. Besonders eindrucksvoll ist dies für die zivilgesellschaftlichen und berufsbezogenen Vereine (Putnam 2000: Appendix III). 2.7 Kritik an dem Konzept nach Putnam Das Konzept des Sozialkapitals kam in den 1990er Jahren in Mode und hat sich in den letzten Jahrzehnten in der Wissenschaft weit verbreitet. Das Sozialkapital wurde auf unzählige verschiedene Bereiche übertragen (Heydenreich-Burck 2010: 68, Halpern 2005: 14), sodass das Sozialkapital mittlerweile als Allheilmittel für alle möglichen gesellschaftlichen Probleme gilt (Uslaner / Dekker 2001: 176). Möglicherweise besser geeignete Theorien und Erklärungsansätze werden von den Anwendern häufig ignoriert. Obwohl es bereits genügend Kritik am Sozialkapital gab22, wird es meistens unkritisch gebraucht. Auf die wichtigsten Kritikpunkte, die für die vorliegende Arbeit relevant sind, soll nun eingegangen werden. Ein Vorwurf an die Forschung ist die Bezeichnung des Konzepts des Sozialkapitals als Theorie. Häuberer (2011) hat sich mit diesem Vorwurf auseinandergesetzt und Putnams Konzept auf mehrere Kennzeichen einer Theorie hin überprüft. Die von ihr festgelegten Kriterien und Voraussetzungen wurden nur teilweise erfüllt (Häuberer 2011: 58 f.). So mögen einige Kennzeichen einer Theorie vorhan- 22 Bspw. Farrell (2007), Durlauf (2002), Helmbrecht (2005), Poder (2011). 43 2 Das Sozialkapital den sein, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Begründungszusammenhänge unzureichend theoretisch fundiert und ausgearbeitet sind. »Ende der 1990er Jahre konstatierten Boix und Posner, dass die Entwicklung einer Sozialkapitaltheorie noch in den Kinderschuhen stecke, eine Einschätzung, die Diekmann erst kürzlich wiederholte (vgl. Boix, Posner 1998: 686; Diekmann 2007: 48)« (Frings 2010: 52) und die auch heute noch gilt. »Social capital theory is not a deductive set of propositions but a heuristic framework of more or less precise hypotheses« (Diekmann 2004: 488). Das liegt nicht zuletzt an Putnam, dessen Definitionen, aufgrund seines Schreibstils und seiner über die Wissenschaft hinaus reichenden Zielgruppe, keine stringente Hypothesenherleitung und -überprüfung erlauben. Auch bei Putnam selbst fehlt die Hypothesenherleitung. Maloney et al. (2000: 214) fassen es treffend zusammen: »social capital is undertheorized and oversimplified«. Häufig wurde die Verwendung der Terminologie des Sozialkapitals, mit Betonung auf »Kapital« kritisiert. Einige Autoren wie bspw. Esser (2000: 235), Bourdieu (1983) und Lin (2001) begreifen das Sozialkapital als Kapitalart im Sinne von Coleman und bezeichnen es daher auch folgerichtig als soziales Kapital. Clarke et al. (2004: 225) sprechen hier von der »rational version of social capital«. Putnam übernimmt zwar den Begriff des Sozialkapitals, allerdings unterliegt ihm ein anderes Verständnis. Bei ihm handelt es sich um eine »socio-cultural version of social capital« (Clarke et al. 2004: 226). Das scheint den meisten Sozialkapitalforschern nicht bewusst zu sein und so verwendet die Mehrheit der Forscher das Konzept nach Putnam, insbesondere seine Definition, mit der rationalen bzw. ökonomischen Sichtweise von Coleman. Verwirrenderweise stimmt Putnam dieser Interpretation zu, obwohl er mit seinem Sozialkapital nur metaphorisches Kapital, wie in Kapitel 2.1 beschrieben, meint. »We describe social networks and the associated norms of reciprocity as social capital, because like physical and human capital (tools and training), social networks create value, both individual and collective, and because we can ›invest‹ in networking« (Putnam / Goss 2002: 8). 44 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung Möglicherweise ist das eine Annäherung an den Mainstream aus Konformitätsdruck oder um die Notwendigkeit einer Erweiterung bzw. Ausarbeitung seines Konzepts zu umgehen. Dennoch ist diese Sichtweise mit Putnams Konzept des Sozialkapitals nicht vereinbar. Und auch Hanifan hat bereits darauf hingewiesen, dass das Sozialkapital allenfalls metaphorisch zu verstehen ist. »In the use of the phrase social capital I make no reference to the usual acceptation of the term capital, except in a figurative sense. I do not refer to real estate, or to personal property or to cold cash« (Hanifan 1916: 130). Diese Abgrenzung unterstützt die Aussagen von Arrow (2000)23, dass das Sozialkapital keine Kapitalform im eigentlichen Sinne ist und daher auch nicht so verwendet werden sollte. Ostrom und Ahn (2003) sprechen sich ebenfalls dafür aus, das Sozialkapital nicht als Kapitalart zu verteidigen. »That battle is certainly not winnable« (Ostrom / Ahn 2003: xxv). Die Frage ist, warum sich Putnam davon abgewendet hat und das Sozialkapital als Kapitalform verteidigt, obwohl es 1993 eindeutig anders zu verstehen ist und von ihm auch nicht in diesem Sinne erhoben worden ist. Prakash und Selle finden den Begriff des »›social capital‹, understood sensu stricto, misleading and capable of generating unproductive confusion. Perhaps less harm is done if it is borne in mind that the term is used metaphorically rather than in any formal, rigorous or technical sense« (Prakash / Selle (2004: 24). Das Sozialkapital von Putnam sollte deshalb eindeutig von den Konzepten von Coleman (1988, 1990) und Lin (2001) abgegrenzt werden. Die Anwendung des Sozialkapitals im rationalen bzw. ökonomischen Sinn und die vielen ähnlichen, aber dennoch immer etwas unterschiedlichen, Definitionen von Putnam führten dazu, dass sich in der Wissenschaft niemand auf eine Definition einigen kann (Bjørnskov 2006: 23). »Social capital is a conglomerate of several components whereby the bundles of components vary from definition to definition of respective authors« (Diekmann 2004: 488 f.). Hooghe und 23 Siehe auch Franzen und Pointner (2007: 69). 45 2 Das Sozialkapital Stolle (2003) gehen sogar soweit, das Sozialkapital in ihrem Sammelband gar nicht mehr zu definieren. Momentan ähnelt das Sozialkapital eher einem Sammelbegriff für unterschiedliche Zusammensetzungen unterschiedlicher Komponenten. Eine ähnliche Kritik lässt sich auch für die einzelnen Komponenten formulieren. »A number of critics24 have argued for a clearer distinction between the subcomponents of social capital« (Halpern 2005: 9 f.), denn wie Kapitel 5.2 zeigt, werden viele verschiedene und unterschiedlich gut geeignete Indikatoren zur Messung des Sozialkapitals verwendet. Manche vergleichen das Konzept sogar mit einem Rorschachtest für Intellektuelle (Halpern 2005: 18). Durch die fehlende Einigkeit bzgl. einer Definition ist die Messung des Sozialkapitals bei Befragungen problematisch. Die Messung des Vertrauens und der Netzwerke ist relativ unumstritten. Die Komponenten können sich jedoch auf unterschiedlichen Ebenen (Individual-, Gemeinde- oder Länderebene) und auf verschiedenen Positionen des Kontinuums befinden, sodass ein vollständiges Modell des Sozialkapitals multidimensional wäre (wie bei Abbildung 4). Die scheinbare Einfachheit der Definition von Putnam entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als komplexes Gebilde, welches nur schwer zu überblicken und zu messen ist. »Social Capital, with only a decade of history of empirical applications and attempts at measurement, does exhibit serious problems of measurement« (Ostrom / Ahn 2003: xxxiv). Mehr als zehn Jahre später hat sich an der Situation nicht viel verändert. Einzig das generalisierte Vertrauen wird seit Jahrzehnten mit Hilfe einer standardisierten Frage erhoben. Die Netzwerke werden häufig als Anzahl von Vereinsmitgliedschaften erhoben, während die Wohltätigkeitsnorm oder die generalisierte Reziprozitätsnorm nur sehr selten erhoben werden. Diese Sozialkapitalindikatoren wurden jedoch nicht für die Messung des Sozialkapitals entwickelt, sodass es hier Probleme mit der Validität und der Reliablitität geben könnte. Dadurch, dass es keine einheitliche Definition des Sozialkapitals gibt und die Messinstrumente der Sozialkapitalkomponenten deshalb ebenfalls uneinheitlich sind, entsteht ein weiteres Problem. »The lack of consensus about the definition of social capital leads to the use of 24 Bspw. Portes (1998), Anheier und Kendall (2002), Nuissl (2002). 46 Yvonne Lüdecke | You never vote alone – Das Sozialkapital, die Wahlnorm und die Wahlbeteiligung questionable indicators for it« (Häuberer 2011: 78). Es werden teilweise Indikatoren verwendet, die nur sehr wenig mit dem Sozialkapital zu tun haben und die Komponenten inhaltlich kaum erfassen. Die Normen bzw. die Reziprozitätsnorm werden sehr häufig durch andere Indikatoren, wie bspw. die Frage nach Gesetzestreue, die Bereitschaft jemanden zu bestechen, etc. ersetzt. Besonders der Gebrauch dieser indirekten Messinstrumente ist kritisch zu betrachten, denn zum einen führt ihre Verwendung zusätzlich zu Verwirrung, was das Sozialkapital ist (Häuberer 2011: 79) und zum anderen ist es in Bezug auf die Ergebnisse der empirischen Analysen problematisch, wenn die Indikatoren nicht konstruktvalide sind. Die Ergebnisse dieser fragwürdig zusammengesetzten Modelle sind selten vergleichbar und es treten teilweise unterschiedliche Effekte auf. So lange das Konzept und die genaue Definition des Sozialkapitals strittig sind, bleibt unklar, was man mit den vermeintlichen Indikatoren in Umfragen misst. Die Validität und Reliabilität der Indikatoren sind vermutlich nicht gewährleistet. Nur die Vertrauensfrage ist mehrheitlich anerkannt. Bei allen anderen Indikatoren gibt es keinen Konsens. Das liegt auch an der »vagueness of the concept and the difficulties in isolating social capital from its causes and consequences« (Dekker 2004: 91). Es muss zunächst festgelegt werden, ob das Sozialkapital im rationalistischen bzw. ökonomischen oder im demokratischen bzw. sozialen Sinne gemessen werden soll. Als nächstes sollte eine genaue Definition formuliert werden bzw. die Forschungsgemeinde sollte sich auf eine Definition einigen. Darauf aufbauend können geeignete Messinstrumente entwickelt werden, sodass die Reliabilität sowie die Validität gesichert werden können.

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Zusammenfassung

Bei Wahlen seine Stimme abzugeben gilt in Deutschland und vielen anderen Ländern als Pflicht eines jeden Bürgers, als eine ungeschriebene Norm. Der Ursprung dieser sogenannten „Wahlnorm“ und wie sich diese gegebenenfalls noch verstärken ließe, sind jedoch noch weitgehend unerforscht. Yvonne Lüdecke schließt diese Forschungslücke, indem sie das Konzept des Sozialkapitals von Robert D. Putnam auf die Wahlnorm anwendet. Unter dem Begriff des Sozialkapitals werden Mitgliedschaften in Vereinen, das Vertrauen in andere Menschen und die Selbstverpflichtung Hilfe zu leisten, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, zusammengefasst. Ist das Sozialkapital in der Lage, die Wahlnorm zusätzlich zu verstärken und die Bürger zur Stimmabgabe zu bewegen? Lässt sich die Wahlnorm tatsächlich nur durch zwischenmenschliche Kontakte und gemeinschaftliches Miteinander aufrechterhalten? Die Autorin beleuchtet diese Fragen und nähert sich so auch dem Charakter der Wahlnorm.